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+<title>Kasperle auf Reisen</title>
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+The Project Gutenberg EBook of Kasperle auf Reisen, by Josephine Siebe
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Kasperle auf Reisen
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+Author: Josephine Siebe
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+Illustrator: Karl Purrmann
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+Release Date: July 23, 2011 [EBook #36813]
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+Language: German
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KASPERLE AUF REISEN ***
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+Produced by Jens Sadowski
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+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
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+Kasperle auf Reisen
+</h1>
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+<p style="text-align:center;text-indent:0%;font-weight:bold">
+<span style="font-size:large">Eine lustige Geschichte<br /></span>
+<span style="font-size:small">von<br /></span>
+<span style="font-size:xx-large">Josephine Siebe</span>
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+
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p style="text-align:center;text-indent:0%;">
+Mit vier farbigen Vollbildern von Karl Purrmann
+</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p style="text-align:center;text-indent:0%;font-size:small">
+Vierte Auflage
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
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+<p>&nbsp;</p>
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+<p style="text-align:center;text-indent:0%;font-size:large;">
+<span class="overline">
+Verlag von Levy &amp; Müller in Stuttgart
+</span>
+</p>
+
+
+<p style="page-break-before:always">&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p style="text-align:center;text-indent:0%;font-size:small;">
+Nachdruck verboten<br />
+Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten<br />
+Druck: Chr. Verlagshaus, G. m. b. H., Stuttgart
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h2 class="chapter">Inhalt</h2>
+
+<p class="contents"><a href="#chapter-1">Erstes Kapitel. In Meister Friedolins Haus</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-2">Zweites Kapitel. Der alte Schrank</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-3">Drittes Kapitel. Was am Waldsee geschah</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-4">Viertes Kapitel. In Protzendorf beim Bauer Strohkopf</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-5">Fünftes Kapitel. Gänse hüten</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-6">Sechstes Kapitel. Kasperle im Schloß</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-7">Siebentes Kapitel. Rosemarie</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-8">Achtes Kapitel. Ein neues Heimathaus</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-9">Neuntes Kapitel. Kasperle in der Schule</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-10">Zehntes Kapitel. Eine neue Gefahr</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-11">Elftes Kapitel. Abenteuer über Abenteuer</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-12">Zwölftes Kapitel. Kasperle wird ein Gespenst</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-13">Dreizehntes Kapitel. Der bunte Garten</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-14">Vierzehntes Kapitel. Die Reise mit Herrn Severin</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-15">Fünfzehntes Kapitel. Wieder daheim im Waldhaus</a></p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p>
+<!-- page 001 -->
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-1">
+<span class="centerpic" id="img-img003"><img src="images/img003.jpg" alt="Illustration img003" /></span>
+<span style="font-size:small">Erstes Kapitel</span> <br /><br />In Meister Friedolins Haus
+</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">M</span>itten im Walde stand irgendwo vor etwa hundert
+Jahren ein altes Haus. Wie alt es war, wußte
+niemand ganz genau; die Leute in der Umgegend sagten,
+ein paar hundert Jahre könne es schon stehen. Früher
+war der Wald drum herum groß und weit gewesen, man
+hatte sich recht darin verlaufen können. Dann waren die
+Dörfer näher gerückt, am Rande war viel abgeholzt
+worden, und vom uralten Häuschen führten schließlich
+drei Straßen ins Land.
+
+</p><p>Überall da, wo die Straßen endeten, lag ein Dorf,
+im Osten Schönau, im Süden Lindendorf und im Westen
+war eins, das die Leute Protzendorf nannten. Dort
+wohnten lauter sehr reiche Bauern, die arg hochmütig
+waren. Mit den Bewohnern der andern Dörfer verkehrten
+sie gar nicht, und die Kinder aus Protzendorf
+kamen auch nie zum Waldhäuschen gelaufen. Das taten
+die Kinder aus den andern Dörfern nämlich sehr gern,
+denn im Waldhäuschen lebte ein Holzschnitzer, der gar
+<!-- page 002 -->
+wunderliche, schnurrige Dinge schnitzte. &bdquo;Kasperleschnitzer&ldquo;
+hieß er in der Umgegend; er schnitzte emsig den ganzen
+lieben Tag lauter Kasperlepuppen, und seine kleine Frau
+Annettchen zog die Puppen an. Da saß manchmal eine
+bunte Gesellschaft auf der Holzbank im Waldhäuschen,
+und die Kinder aus Schönau und Lindendorf kamen oft
+gelaufen, sich die Kasperlepuppen anzusehen. Sie erfuhren
+es immer, wenn wieder eine Anzahl Puppen zum Verschicken
+in die weite Welt fertig waren. Liebetraut,
+des Kasperleschnitzers Pflegetochter, kam dann geschwind
+in eins der Dörfer gelaufen und sagte es den Kindern,
+denn das Mädchen war mit allen Kindern gut Freund.
+Ja, manchmal hängte Liebetraut vor eins der kleinen
+Fenster im Waldhäuschen einen roten Vorhang; dann
+spielte sie mit den Puppen den Kindern etwas vor, und
+das ganze kleine Waldhaus war umjauchzt von Lachen.
+Den Kindern wurde das Abschiednehmen von den
+Kasperlepuppen immer sehr schwer, doch die wurden
+in eine große Kiste gepackt, reisten in die weite Welt
+hinaus, und keine kehrte mehr ins Waldhaus zurück.
+
+</p><p>In Lindendorf und Schönau wußten die Leute nicht
+viel davon, daß der Kasperleschnitzer eigentlich ein berühmter
+Mann war. Aber auf den Jahrmärkten und
+Messen im weiten deutschen Land und darüber hinaus,
+da war sein Name bekannt, und jeder, der ein Kasperletheater
+besaß, schätzte sich glücklich, wenn er Puppen
+hatte, die von dem Meister Friedolin geschnitzt waren.
+Alle sagten es, weit und breit seien keine lustigeren und
+<!-- page 003 -->
+vergnüglicheren Puppen zu finden. Und angezogen waren
+sie &mdash; ei Potzwetter! Frau Annettchen und Liebetraut
+wußten für die Kittelchen und Mützchen immer wieder
+etwas Neues zu ersinnen, ganz wundernett putzten sie
+die Puppen heraus.
+
+</p><p>Es ging friedlich und fröhlich zu im kleinen Waldhaus.
+Reichtümer gab&rsquo;s nicht darin, aber Hunger brauchten
+die Bewohner auch nie zu leiden. Meister Friedolin
+selbst war ein stiller Mann; er saß von früh bis spät
+bei seiner Schnitzarbeit, aber er hörte es gern, wenn
+seine Frau Annettchen lachte und Liebetraut sang. Von
+draußen rauschten die Bäume herein, der Vögel Stimmen
+erschallten, und Frau Annettchen sagte manchmal: &bdquo;So
+schön wie bei uns ist es nirgends.&ldquo;
+
+</p><p>Die blonde Liebetraut war auch ein rechtes Sonnenkind.
+Woher sie gekommen, wußte niemand; ein Wanderbursch
+hatte eines Tages im Herbst ein kleines Bündel
+ins Waldhaus gebracht und gesagt: &bdquo;Hier, Frau, das
+habe ich draußen auf der Straße gefunden.&ldquo; Aus dem
+Bündelchen hatten Frau Annette zwei große, blaue
+Augen angestrahlt, und da hatte die gleich gerufen: &bdquo;O
+so ein liebes, trautes Kindle! Das möchte ich gleich
+behalten!&ldquo; Und beim Behalten war es geblieben. Niemand
+wußte, wem das Kind gehörte, niemand kannte
+seine Eltern. Da taufte der Pfarrer in Schönau die
+Kleine auf den Namen Liebetraut, und Meister Friedolin
+und Frau Annette wurden ihre Eltern. Das war
+aber schon lange her, inzwischen war Liebetraut ein
+<!-- page 004 -->
+hübsches, großes Mädchen geworden, an dem seine
+Pflegeeltern eine rechte Herzensfreude hatten.
+
+<span class="centerpic" id="img-color003"><img src="images/color003.jpg" alt="Illustration color003" /></span>
+</p>
+<p class="caption">Meister Friedolin bei der Arbeit
+
+</p><p>Auch Liebetraut fand, im Waldhäuschen sei es am
+allerschönsten in der Welt. Mit den Kasperlepuppen
+hatte sie immer ihren besonderen Spaß. Sie sagte oft:
+&bdquo;Schade, daß sie nicht lebendig sind!&ldquo; Und wie sie das
+einmal wieder sagte, an einem rechten Wintertag war
+es, &mdash; draußen schneite es in großen Flocken, alle Wege
+waren schon verschneit, und um das Waldhäuschen
+brauste der Sturm &mdash; da sagte plötzlich der sonst so
+stille Friedolin: &bdquo;Einen lebendigen Kasper hat mein
+Ur-Ur-Urgroßvater besessen.&ldquo;
+
+</p><p>Darob mußte Liebetraut herzhaft lachen. Aber der
+Meister belehrte sie ganz ernsthaft: &bdquo;Nein, nein, Kind,
+darüber ist nicht zu lachen, das ist wahr. Du weißt es
+doch, daß mein Ur-Ur-Urgroßvater schon ein Holzschnitzer
+war und hier im Waldhause gewohnt hat. Der hat
+nun freilich keine Kasperlefiguren geschnitzt, sondern
+Heiligenbilder und feine, schöne Dinge für den Hausrat.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Wie die Uhr,&ldquo; rief Liebetraut dazwischen. Sie
+schaute auf die alte Kastenuhr, die ein zierliches Schnitzwerk
+umrankte. Da gab&rsquo;s Bäume und Blumen und
+allerlei Getier des Waldes.
+
+</p><p>Der Meister Friedolin nickte. &bdquo;Ja freilich,&ldquo; sagte
+er, &bdquo;die Uhr hat mein Ahn geschnitzt und sonst noch
+allerlei für Kirchen und Schlösser. Er war ein angesehener
+Mann, und sein Schnitzwerk hatte großen Ruf. Da ist
+er denn auch manchmal über Land gegangen und hat
+<!-- page 005 -->
+da und dort wochenlang gearbeitet; auf manchem großen
+Schloß ist er gewesen. Er hat alleweil gesagt, schön
+sei das schon, auf einem Schloß wohnen, aber er bleibe
+doch lieber in seinem Waldhaus.
+
+</p><p>Und einmal, da ist er wiederum auf der Heimreise
+gewesen, und weil er solche Sehnsucht nach zu Hause
+gehabt, hat er sich recht gesputet. Der Wald, der damals
+unser kleines Haus umgab, war viel größer als jetzt. Bei
+Nachtzeit ist es nicht recht geheuer darin gewesen, und
+es hat sich selten jemand getraut, in der Dunkelheit
+durch den Wald zu gehen. Mein Ahn aber hat gedacht:
+Ach was, mitten im Wald liegt ja mein Haus,
+bis dahin werde ich schon kommen! Es ist ganz heller
+Mondschein gewesen, wie Silber ist es an den hohen
+Bäumen heruntergeflossen, und die Waldwiesen haben
+ordentlich geglänzt. Da, in dieser stillen Helle, hat mein
+Ahn auf einmal ein sonderbares Geräusch gehört; als ob
+jemand lachte, so hat es geklungen. Er ist stillgestanden
+und hat sich umgeschaut, und auf einmal sieht er einen
+ganz wunderfitzigen kleinen Kerl auf einer Lichtung immer
+Purzelbäume schlagen. Flink ist er hingegangen, und
+schwipp &mdash; schwapp hat er das Kerlchen am Hosenboden
+gepackt. Das war nun allerdings ein närrischer Kumpan,
+den er da erwischt hatte. So groß wie ein Büble von
+sieben bis acht Jahren ist er gewesen. Das Bürschchen
+hat eine große Hakennase gehabt und einen riesengroßen
+Mund. Auf dem Kopf hat es eine feuerrote Zipfelmütze
+getragen mit lauter goldenen Glöckchen dran; dazu
+<!-- page 006 -->
+hat der kleine Kerl ein ganz buntes Kleid angehabt,
+das aber so zerrissen gewesen ist, als hätte er&rsquo;s schon
+fünfzig Jahre auf dem Leibe.
+
+</p><p>&sbquo;Wer bist denn du?&lsquo; hat mein Ahn gefragt.
+
+</p><p>Der kleine Kerl hat erst sein Gesicht ganz wunderlich
+verzogen und zum Antworten so recht keine Lust
+gezeigt. Doch weil mein Ahn ihn mit einem gar festen
+Griff hielt, hat er ihm endlich doch Auskunft gegeben.
+Er sei ein echtes, rechtes, lebendiges Kasperle, hat er
+gesagt. Hoch im Norden habe er bei einem berühmten
+Magier gelebt, der dort in einer alten Stadt ein uraltes
+Haus besessen habe. Der Magier habe ihn immer
+fest verschlossen gehalten und oft seinen rechten Spaß
+an ihm gehabt. Aber das einsame Leben in dem uralten
+Hause sei ihm, dem Kasperle, langweilig geworden, und
+eines schönen Tages, als der Magier nicht alles fest
+verschlossen gehabt habe, sei er ausgerissen. Seit vielen
+Jahren treibe er sich nun in der Welt herum; jahrelang
+sei er Hofnarr bei einem Fürsten gewesen, dann
+habe er auf Messen und Märkten sein Wesen getrieben.
+
+</p><p>Mein Ahn dachte bei sich: Ein richtiges Kasperle
+zu finden ist ein schönes Ding, den nimmst du mit heim.
+Und er nahm den Kleinen, der auch ganz gutwillig
+folgte, mit sich in das Waldhaus. Dort hat das Kasperle
+nun viele Jahre gelebt. Mein Ahn hat angefangen
+nach seinem Gesicht Puppen zu schnitzen, und weil das
+Kasperle die sonderbarsten und merkwürdigsten Gesichter
+ziehen konnte, sind die Puppen ganz besonders gut
+<!-- page 007 -->
+geraten. Bald wollten viele Leute solche Kasperlepuppen
+haben, und als schließlich mein Ahn starb und
+sein Sohn an seine Stelle trat, gab der es auf, anderes
+Schnitzwerk zu machen, sondern schnitzte nur noch Kasperlepuppen.
+So ist es dann auch geblieben. Der Sohn
+lernte immer vom Vater die Kunst, und wenn ich selbst
+einen Sohn hätte, sollte mir der auch Kasperleschnitzer
+werden.&ldquo;
+
+</p><p>Meister Friedolin schwieg, und Liebetraut fragte
+ganz aufgeregt: &bdquo;Aber das Kasperle, Vater, wo ist
+denn das Kasperle geblieben?&ldquo;
+
+</p><p>Der Meister schnippelte nachdenklich an einer Puppe
+herum. &bdquo;Ja, wenn ich das wüßte!&ldquo; brummelte er.
+&bdquo;Mein Großvater selig hat&rsquo;s noch gewußt; aber der
+ist eines Tages so schnell verstorben, und mein Vater
+ist damals noch ein ganz kleiner Junge gewesen, da hat
+er das Geheimnis nicht erfahren. Mein Großvater
+soll&rsquo;s einem Freund gesagt haben, aber wer der gewesen
+ist und wohin der gekommen ist, das weiß kein Mensch.
+Jedenfalls, ich hab&rsquo; das Kasperle mein Lebtag nicht
+gesehen und mein Vater selig auch nicht.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;O wie schade!&ldquo; rief Liebetraut. &bdquo;Wie wäre das
+lustig und vergnüglich, hätten wir ein richtiges Kasperle
+hier!&ldquo;
+
+</p><p>Der Meister schmunzelte. &bdquo;Das glaube ich wohl,
+du Tollkopf,&ldquo; sagte er, &bdquo;das könnte dir gefallen, ihr
+kaspertet den ganzen lieben langen Tag hier im Häuschen
+herum!&ldquo;
+<!-- page 008 -->
+
+</p><p>&bdquo;Jetzt kommt er schon wieder!&ldquo; unterbrach auf
+einmal Frau Annettchen das Gespräch. Sie schaute
+ordentlich etwas ärgerlich zum Fenster hinaus; der Gast,
+der draußen ankam, schien ihr gar nicht zu gefallen.
+Aus einem Schlitten, der vor der Haustür hielt, stieg
+ein dicker Mann in einem Pelzrock; der schüttelte sich
+erst draußen etwas den Schnee ab, dann kam er in das
+Häuschen. Er öffnete die Tür zur Wohnstube und schrie
+laut und sehr freundlich &bdquo;guten Tag&ldquo; hinein.
+
+</p><p>Sein Gruß wurde sehr kühl erwidert; Liebetraut
+lief gleich davon, und die sonst so freundliche Frau Annettchen
+sagte gar nichts. Das schien indes Herrn Pumpel,
+der ein Händler und Hausierer war, gar nicht anzufechten.
+Er setzte sich auf einen Stuhl und fing an, mit seiner
+lauten, lärmenden Stimme allerlei zu erzählen, dies und
+das von seinen Fahrten, von seinen Geschäften, was er
+alles kaufte und verkaufte, und da sagte auf einmal
+Frau Annettchen ganz laut und streng: &bdquo;Unsere alten
+Schränke kriegen Sie aber doch nicht, Herr Pumpel.
+In unserem Häuschen wird nichts gerührt und gerückt,
+solange mein Mann und ich leben.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Na, na, na!&ldquo; brummte Herr Pumpel, er zwinkerte
+mit den Augen und sah aus wie jemand, der sich eben
+sehr geärgert hat.
+
+</p><p>&bdquo;Gelt, Friedolin,&ldquo; rief Frau Annettchen, &bdquo;unsere
+Schränke kriegt Herr Pumpel nicht?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;I wo!&ldquo; Der Meister schüttelte bedächtig den Kopf.
+&bdquo;Ich hab&rsquo; einmal nein gesagt, und dabei bleibt&rsquo;s.&ldquo;
+<!-- page 009 -->
+
+</p><p>Da wußte Herr Pumpel, er war wieder einmal
+vergeblich gekommen, und nach ein paar Augenblicken
+nahm er Abschied und fuhr brummend und verstimmt
+wieder davon.
+
+</p><p>Kaum war er zum Zimmer hinaus, da steckte Liebetraut
+den Kopf zur Türe herein und fragte froh: &bdquo;Ist
+er wieder weg? Hat er wieder die alten Schränke
+gewollt?&ldquo;
+
+</p><p>Frau Annette bejahte, und dann redeten die drei
+Bewohner des Waldhäuschens von Herrn Pumpel und
+warum der in aller Welt nur ihre alten, wurmstichigen
+Schränke kaufen wollte. Schon sein Vater hatte das
+gewollt, aber da hatte Meister Friedolins Vater nein
+gesagt, und jetzt sagte Meister Friedolin auch nein.
+
+</p><p>Die Schränke, um die es ging, standen im Obergeschoß
+des Häuschens. Sie waren uralt, zeigten ein
+wenig Schnitzwerk, waren aber von keiner besonderen
+Schönheit. Sie hatten wohl immer schon an ihrem Platz
+gestanden und sollten weiter dort stehen, mochte Herr
+Pumpel so viel darum gefahren kommen, wie er wollte.
+
+</p><p>&bdquo;Gut, daß er wieder weg ist,&ldquo; rief Liebetraut. Sie
+rückte ihr Stühlchen dicht neben Meister Friedolins
+Platz, nahm ein schwefelgelbes Puppenröckchen in die
+Hand, um daran zu nähen, und bat: &bdquo;Vater Friedolin,
+erzähl&rsquo; noch was von deinem Ahnen, der das Kasperle
+fand.&ldquo;
+
+</p><p>Und Meister Friedolin schnitzte und erzählte dazu,
+Frau Annettchen und Liebetraut nähten, und alle drei
+<!-- page 010 -->
+fanden wieder einmal, nirgends auf der ganzen Welt
+könnte es schöner sein als in ihrem uralten Waldhäuschen.
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-2"><span style="font-size:small">Zweites Kapitel</span> <br /><br />Der alte Schrank
+</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">H</span>err Pumpel fuhr ganz bitterböse davon. Er ärgerte
+sich gewaltig, daß er die alten Schränke nicht hatte
+haben können. Er brummte und schalt darob so viel,
+daß sein Kutscher dachte: Was er nur an den alten
+Schränken hat? Immer wieder fährt er danach; ich
+denke beinahe, es wird etwas Besonderes damit sein.
+Vielleicht steckt ein verborgener Schatz drin, denn sonst
+fährt doch wirklich kein vernünftiger Mensch bei einer
+solchen Kälte in den Wald.
+
+</p><p>Es war wirklich sehr, sehr kalt, und es blieb noch
+viele Tage so. Auf einmal aber kam der Tauwind;
+der fing ein gewaltiges Blasen an, und da schmolz der
+Schnee und lief davon &mdash; heidi, weg war er! Um das
+Waldhäuschen sauste und brauste es mächtig in diesen
+Tagen, aber Liebetraut lief trotz dem Sturm immer
+wieder vor die Türe, steckte ihre kleine Nase hinaus und
+rief jubelnd: &bdquo;Es riecht nach Frühling; ganz gewiß, er
+kommt bald.&ldquo; Und dann patschte sie einmal draußen
+im feuchten Walde herum, und als sie wiederkam, brachte
+sie für Mutter Annettchen die ersten Schneeglöckchen mit.
+<!-- page 011 -->
+
+</p><p>Das gab eine Freude im Waldhäuschen! Ein richtiges
+kleines Fest wurde es, denn auf den Frühling freuten
+sich die Waldhausleute immer. Und diesmal ließ sich
+der Frühling gar nicht wie sonst manchmal sehr lange
+bitten. Er kam ganz geschwinde angezogen, und bald
+konnte Frau Annettchen sagen: &bdquo;Nun heizen wir nicht
+mehr, jetzt wärmt schon die Frühlingsluft.&ldquo; Da wurden
+alle Fenster weit aufgemacht, und durch einen Schlitz
+zwischen zwei großen Tannen guckte die liebe Sonne
+gerade in das Häuschen hinein. Wunderherrlich war
+es! Liebetraut lief alle Tage und pflückte Frühlingsblumen.
+Damit füllte sie lauter bunte Töpfchen, und
+wenn die Kinder aus Schönau und Lindendorf gelaufen
+kamen, dann gefiel es ihnen noch besser als sonst im
+Waldhäuschen. Putzniedlich fanden sie es und wären
+am liebsten gleich drin geblieben.
+
+</p><p>An einem dieser schönen Frühlingstage war es,
+da saß der Meister Friedolin noch fleißiger als sonst
+an seinem Arbeitstisch. Es sollte in den nächsten Tagen
+eine Kiste Kasperlepuppen in die weite Welt gehen,
+und einige Figuren mußte er vorher noch fertig schnitzen.
+Wie er so recht mitten in der Arbeit war, brach ihm
+an seinem Schnitzmesser die Spitze ab. Das war nun
+wirklich ärgerlich. Obgleich gerade Frau Annettchen
+vom Frühling redete, brummelte er doch eine ganze
+Weile, bis er sich endlich erhob, um aus dem Vorratsschrank
+ein neues Schnitzmesser zu holen. Er stieg die
+alte Treppe hinauf, die unter jedem Schritt ächzte und
+<!-- page 012 -->
+krachte, just als wollte sie etwas aus vergangenen Zeiten
+erzählen. Oben auf dem halbdunklen Flur des oberen
+Stockwerkes standen ein paar alte große Schränke. Das
+waren die, welche Herr Pumpel so gerne hatte haben
+wollen. In diesen Schränken wurde seit langen, langen
+Zeiten alles verwahrt, was Meister Friedolin zu seiner
+Kasperleschnitzerei brauchte.
+
+</p><p>An diesem hellen Frühlingstag flitzte die Sonne
+auch durch das kleine Flurfenster; die beiden Schränke
+bekamen einen Schein von ihrem Lichte ab. Das kam
+dem Meister Friedolin sehr zu passen. Er öffnete erst
+den einen Schrank, und als er das Gesuchte darin nicht
+fand, tat er den andern auf. Weil es gerade so hell
+war, kramte er ein bißchen in den Schränken herum.
+Er sah nach, ob dies und das noch da war, und dabei
+fiel ihm auf einmal in dem einen Schrank auf, daß auf
+der einen Seite ein Spältchen offen war. Na nu,
+dachte er, der Schrank wird wohl altersschwach und
+platzt noch gar! Er schob, zog ein bißchen an dem
+Spalt, und da ging auf einmal ein Türlein auf, und
+der Meister Friedolin sah zu seinem Erstaunen in einem
+schmalen Fach eine Figur stehen, die war etwa so groß
+wie ein sieben- bis achtjähriger Bub. Die hatte er doch
+noch nie gesehen! Der Meister schüttelte erstaunt den
+Kopf. Wo kam das Ding nur auf einmal her? Endlich
+aber faßte er danach und zog die Puppe aus dem
+Fach heraus. Und wie er sie so anfaßte, war es ihm,
+als rühre sich die Gestalt. Er stellte sie flink auf die
+<!-- page 013 -->
+Erde und sah sich das Ding an. &bdquo;Nein, so etwas!&ldquo;
+rief er. &bdquo;Das ist ja wirklich ein Kasperle!&ldquo;
+
+<span class="centerpic" id="img-color012"><img src="images/color012.jpg" alt="Illustration color012" /></span>
+</p>
+<p class="caption">Der Meister macht einen Fund
+
+</p><p>Kaum hatte er das gesagt, da fing der kleine Kerl
+an sich zu schütteln und zu bewegen, er nickte mit dem
+Kopf, hob die Arme, und eine dicke, dicke Staubwolke
+ging von ihm aus.
+
+</p><p>&bdquo;Hatzi &mdash; hatzi &mdash; hatzi!&ldquo; Der Meister nieste, der
+sonderbare kleine Kerl nieste, und Frau Annettchen,
+die das unten hörte, rief: &bdquo;Friedolin, du kriegst wohl
+einen Schnupfen?&ldquo;
+
+</p><p>Die Stimme von unten schien das Männlein aus
+dem Schranke ganz munter zu machen. Er fing auf
+einmal an zu lachen, und hops &mdash; hallo! lief es die
+Treppe hinab. Der Meister Friedolin starrte dem Dinge
+höchlichst verwundert nach. Er konnte sich die Sache
+gar nicht erklären. Und niesen mußte er immer wieder,
+er nieste und nieste, und inzwischen polterte unten das
+kleine seltsame Ding in die Wohnstube hinein.
+
+</p><p>Frau Annettchen schrie laut auf vor Entsetzen,
+und Liebetraut, die gerade mit Blumen in der Hand
+in das Zimmer trat, ließ die erschrocken fallen. &bdquo;O du
+meine Güte,&ldquo; rief Frau Annettchen, &bdquo;was ist denn das
+für ein Popanz!&ldquo;
+
+</p><p>Der kleine Kerl blieb mitten in der Stube stehen,
+er sah sich rund um, schüttelte den Kopf, und wieder
+flog eine dichte Staubwolke auf. &bdquo;Hatzi, hatzi!&ldquo; nieste
+er, Frau Annettchen nieste, Liebetraut nieste, und Meister
+Friedolin kam niesend in die Stube. &bdquo;Hallo, da ist
+<!-- page 014 -->
+das Ding!&ldquo; rief er und packte den wunderlichen Gesellen.
+&bdquo;Jemine, das sieht ja beinahe wie ein Kasperle aus!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ich bin doch Kasperle!&ldquo; sagte der Kleine kläglich.
+&bdquo;Wo ist denn die Madame Erdmute und der Meister
+Ephraim?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Was schwätzt du da?&ldquo; Meister Friedolin schlug
+sich plötzlich mit der Hand vor die Stirn. &bdquo;Das waren
+ja meine Urgroßeltern. Heiliger Bimbam, ich glaube
+gar, das ist das verschwundene Kasperle! Du,&ldquo; &mdash; er
+schüttelte den Kleinen, daß der Staub nur so herumflog,
+&mdash; &bdquo;besinne dich mal: wie bist du denn in den
+Schrank gekommen, und was hast du drin gemacht?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ich hab&rsquo; doch geschlafen!&ldquo; Der Kleine gähnte
+laut. Und auf einmal fing es in ihm an ganz erschrecklich
+zu knurren; das rumpelte und pumpelte wie die
+Wackersteine im Magen des schlimmen Wolfes. &bdquo;Oh,
+oh, oh,&ldquo; jammerte er, &bdquo;ich hab&rsquo; solchen Hunger, ach,
+so schrecklichen Hunger.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Um Himmels willen,&ldquo; schrie Frau Annettchen,
+&bdquo;der stirbt ja noch vor Hunger! Wer weiß, wie lange
+der nichts gegessen hat!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Kann sein bald hundert Jahre,&ldquo; murmelte Meister
+Friedolin. &bdquo;Nu, nu, das ist doch nicht möglich, daß
+der so lange im Schranke gesteckt hat!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Hunger, au, au, ich hab&rsquo; so schrecklichen Hunger!&ldquo;
+schrie der kleine Gast, und da rannten Mutter Annettchen
+und Liebetraut erschrocken in die Küche und brachten
+herbei, was nur da war. Brot, Wurst, Butter, Milch,
+<!-- page 015 -->
+und alles stopfte der wunderliche Geselle in seinen großen
+Mund. Er schluckte und schluckte, wurde zusehends
+dicker, bis er endlich beide Backen aufblies und sehr
+vergnügt rief: &bdquo;Ich kann nicht mehr!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Na, das ist ein Glück!&ldquo; sagte Meister Friedolin.
+&bdquo;So eine Esserei hab&rsquo; ich mein Lebtag nicht gesehen.
+Aber nun sag mir mal, du &mdash;&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Kasperle heiß ich,&ldquo; rief der Kleine.
+
+</p><p>&bdquo;Also gut, du Kasperle, wie bist du in den Schrank
+gekommen?&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle riß seine Augen weit auf, den Mund
+dazu, dann seufzte er, schüttelte sich wieder und murmelte:
+&bdquo;Ich weiß nicht.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Aber besinn dich doch,&ldquo; mahnte der Meister, &bdquo;du
+mußt es doch wissen!&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle sah sich in der Stube um, fremd und
+erstaunt, doch plötzlich erblickte er die große alte Kastenuhr
+und schrie: &bdquo;Die hat der Meister gemacht.&ldquo;
+
+</p><p>Den Waldhausleuten wurde es ganz unheimlich.
+War der schnurrige Kauz nun wirklich das Kasperle,
+das einst mit den Urahnen zusammengelebt hatte? Wie
+war es in den Schrank gekommen? Hatte es wirklich
+so viele, viele Jahre geschlafen?
+
+</p><p>&bdquo;Besinn dich doch!&ldquo; sagte Meister Friedolin.
+
+</p><p>&bdquo;Ich weiß nicht.&ldquo; Kasperle suchte wieder, das
+Nachdenken schien ihm arge Mühe zu machen. Ganz
+traurig wurde darüber sein Schelmengesicht. &bdquo;Ich weiß
+nicht,&ldquo; sagte er nur immerzu kläglich. Und wieder
+<!-- page 016 -->
+schüttelte er sich heftig, und dabei fiel ein großer vergilbter
+Zettel von seinem Kittel ab.
+
+</p><p>Liebetraut hob den geschwinde auf. Sie blickte
+drauf und rief: &bdquo;Da steht etwas über Kasperle, hier,
+Vater, sieh!&ldquo;
+
+</p><p>Meister Friedolin nahm den Zettel, setzte bedächtig
+seine Brille auf und las: &bdquo;Wer dies Kasperle findet,
+der soll es fein sorgsam hüten, bis es aufwacht, sintemalen
+es ein echtes Kasperle ist. Mein Lehrjunge
+Johann Heinrich Pumpel hat böswilligerweise dem
+Kasperle einen Schlaftrunk gegeben, ein Wunderelixier,
+das einstens mein Großvater aus dem Lande Italien
+mitgebracht hat. Davon kann einer viele, viele Jahre
+in Schlaf sinken. Nach Ablauf der Zeit wacht er dann
+lebendig wieder auf. Doch ist es ein Teufelszeug, und
+es weiß jetzt kein Mensch mehr, wie es gemacht wird.
+Das Kasperle schläft nun schon die vierte Woche, und
+weil ein Gerede in der Gegend ist, ich hätte einen
+Zauber im Haus, schließe ich es lieber in den Schrank
+ein. Dieses schreibe ich auf, weil niemalen ein Mensch
+weiß, wie seines Lebens Gang ist, und es könnte sein,
+das Kasperle geriete einst in fremde Hände. Der Pumpel
+hat seinen Teil gekriegt, mehr Haue, als ihm lieb war;
+er wird wohl zeitlebens daran denken. Mein Sohn soll
+das Geheimnis wissen, der soll es wieder seinem Sohne
+sagen und so fort, bis einmal das Kasperle wach wird.
+Es soll auch jeder gut und freundlich zu dem Kasperle
+sein, ihm kein Leid tun. Nur muß man es sorgsam
+<!-- page 017 -->
+hüten, denn das Kasperle bekommt manchmal, sonderlich
+im Frühling, eine törichte Lust auszureißen, und es
+könnte ihm schlimm ergehen in der weiten Welt, doch bekommt
+es immer wieder Sehnsucht nach dem Waldhaus.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Das hat der Meister Ephraim, der Urgroßvater,
+geschrieben,&ldquo; sagte Meister Friedolin, als er fertig gelesen
+hatte. &bdquo;Und nun weiß ich auch, warum der Händler
+Pumpel so gern den Schrank wollte; der wußte, wer
+drin steckte. Das echte Kasperle, nein so etwas! Und
+geschlafen hat es fast neunzig Jahre.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ein Wunder, wirklich ein Wunder!&ldquo; Frau Annettchen
+war die Geschichte ordentlich unheimlich, und sie
+sah das Kasperle mißtrauisch von der Seite an.
+
+</p><p>Dieses nickte immer vor sich hin, ein bißchen nachdenklich
+und ein bißchen betrübt, und Liebetraut fühlte
+plötzlich tiefes Mitleid mit dem kleinen Kerl. Sie trat
+zu ihm, streichelte ihn sanft und sagte freundlich: &bdquo;Ein
+neues Kittelchen muß er aber haben; da seht nur, seins
+ist ja ganz morsch.&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle blickte zu dem schönen Mädchen auf, und
+er sah die Güte in ihren Augen strahlen; da gewann
+er sie lieb. Er lehnte sich an sie an und bettelte: &bdquo;Näh&rsquo;
+mir gleich &rsquo;nen Kittel! Ich will dir auch immer folgen.&ldquo;
+
+</p><p>Liebetraut fielen die Worte des Meisters Ephraim
+ein, und sie fragte schnell: &bdquo;Immer folgen und auch
+nicht ausreißen?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Nein, nicht ausreißen,&ldquo; versprach Kasperle treuherzig.
+<!-- page 018 -->
+
+</p><p>&bdquo;Gibst du dein Wort, kleines Kasperle?&ldquo; Liebetraut
+hielt des Kleinen Hand fest, und der nickte wieder
+und beteuerte: &bdquo;Ich reiße nicht aus, aber &mdash; ich will
+auch nicht mehr in den Schrank.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;I bewahre, da kommst du nicht mehr hinein!&ldquo;
+sagte Meister Friedolin. Der hatte nämlich sein Schnitzmesser
+genommen und begann der Puppe, die er schnitzte,
+Kasperles Gesicht zu geben, wie der flehend zu Liebetraut
+emporsah. Hei, wie das ging! So flink war das
+Schnitzen noch nie gegangen. Der Meister dachte bei
+sich: Ei, nun sollen Meister Friedolins Kasperlepuppen
+erst recht auf Messen und Märkten gefallen!
+
+</p><p>Das Kasperle aber rieb sich jetzt den letzten Schlaf
+aus den Augen, und je mehr es sich umsah, desto besser
+gefiel es ihm wieder im Waldhaus. Da schoß es plötzlich
+vor Freude einen Purzelbaum, hopp! hoch über
+Mutter Annettchen hinweg. Und ehe die kleine Frau
+noch wußte, wie ihr geschah, saß das Kasperle schon
+auf ihrem Wandbrett und begann mit den schönen
+blanken Zinntellern Fangeball zu spielen.
+
+</p><p>&bdquo;Warte, du Irrwisch!&ldquo; schalt Mutter Annettchen,
+und dann tat sie einen Seufzer. &bdquo;I, da haben wir ja
+einen rechten Kobold im Haus!&ldquo;
+
+</p><p>Ein Kobold war nun Kasperle gerade nicht, aber
+ein unnützer Schelm war er. Das merkten die Waldhausleute
+gleich am ersten Tag. Das polterte, klirrte
+und krachte nur so im kleinen Haus, mal saß Kasperle
+oben, mal unten. Er kroch in alle Ecken, und fand er
+<!-- page 019 -->
+ein Stück vom uralten Hausrat, erhob er ein großes
+Geschrei. Viel zu erzählen, wie es damals gewesen
+war, wußte er freilich nicht, das hatte er alles verschlafen.
+Nur die Sachen erkannte er wieder und die Namen
+wußte er noch. Frau Annettchen nannte er immer
+Madame Erdmute. Der gefiel das gar nicht. Ihr war
+das Kasperle überhaupt etwas gar zu wild, und sie war
+froh, als es Zeit war, schlafen zu gehen. Sie mahnte:
+&bdquo;Ins Bett, ins Bett! Abends Licht verbrennen und
+morgens die Sonne unnütz scheinen lassen, ist Verschwendung.
+Flink, ins Bett!&ldquo;
+
+</p><p>Da erhob Kasperle ein großes Geschrei. &bdquo;Ich will
+nicht schlafen gehen, ich will nicht schlafen gehen! Ich
+habe doch fast neunzig Jahre geschlafen und bin nicht
+mehr müde.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Potzwetter, das muß ich sagen, neunzig Jahre,
+da sollte einer wirklich ausgeschlafen haben!&ldquo; sagte der
+Meister. &bdquo;Kasperle mag aufbleiben.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Allein aufbleiben? I du meine Güte, der möchte
+eine nette Wirtschaft anrichten! Das geht nicht,&ldquo; meinte
+Mutter Annettchen.
+
+</p><p>&bdquo;Ich will mit aufbleiben, ich nähe gleich seinen Kittel
+fertig.&ldquo; Liebetraut war schon dabei, für Kasperle ein
+neues Röcklein zu nähen.
+
+</p><p>Erst sah Mutter Annettchen etwas bedenklich drein,
+das Aufbleiben mochte ihr nicht recht gefallen. Aber
+Meister Friedolin meinte, so schlimm wäre das nicht,
+und ein ordentlicher Kittel täte Kasperle wirklich not.
+<!-- page 020 -->
+
+</p><p>So durfte denn Liebetraut aufbleiben. Die Pflegeeltern
+gingen zu Bett, und das zappelige Kasperle versprach,
+es würde stille sein und nicht Tische, Stühle
+und Schränke und sonst allerlei umwerfen. Es setzte
+sich in eine Sofaecke und schaute ganz brav zu, wie
+Liebetraut nähte. &bdquo;Mach&rsquo; einen Kittel, wie ihn kleine
+Menschenjungen tragen,&ldquo; bettelte er.
+
+</p><p>&bdquo;Warum denn?&ldquo; Liebetraut sah den Kleinen erstaunt
+an. Da schlitzte der ein wenig die Augen zu und brummelte:
+&bdquo;Es brauchen doch nicht alle zu sehen, daß ich
+ein Kasperle bin!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;O Kasperle,&ldquo; rief Liebetraut, &bdquo;ich merke es schon,
+du denkst ans Ausreißen! Das wird also nichts. Du
+bekommst einen richtigen bunten Kasperlekittel. Da, die
+grasgrünen, feuerroten und himmelblauen Flecke kommen
+alle darauf.&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle brummte und schmollte ein bißchen, als
+aber Liebetraut mahnte: &bdquo;Denk&rsquo; an dein Versprechen!&ldquo;
+da hing er die Nase und wurde still. Er sah gleich
+ganz tiefbetrübt aus, und Liebetraut sagte mitleidig:
+&bdquo;Erzähle mir was, Kasperle!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Erzähle du mir was, Liebetraut!&ldquo; rief Kasperle.
+&bdquo;Ach bitte, bitte, bitte, Kasperle hört schrecklich gern
+Geschichten!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Na, dann paß&rsquo; auf!&ldquo; sagte Liebetraut, und sie begann
+feine, liebe Geschichten zu erzählen, vom Wald,
+von Blumen, Bäumen, von schelmischen Waldgeistlein
+und lieben, lustigen Menschenkindern. Sie erzählte und
+<!-- page 021 -->
+erzählte, und wenn sie einmal etwas innehielt, gleich
+schrie Kasperle: &bdquo;Mehr, mehr!&ldquo;
+
+</p><p>Aber dann merkte Liebetraut auf einmal, daß Kasperle
+ganz still war. Da ließ sie ihre Arbeit sinken, blickte
+auf und sah &mdash; Kasperle war eingeschlafen. Sie lachte
+leise vor sich hin. Na, dachte sie, wenn einer neunzig
+Jahre geschlafen hat und kann dann noch nicht eine
+Nacht wachen, das ist schon ein kleiner Faulpelz! Sie
+selbst nähte emsig weiter, merkte es gar nicht, daß draußen
+der helle Tag heraufzog, und gerade als sie den letzten
+Stich tat, öffnete sich die Türe und Mutter Annettchen
+trat ein. &bdquo;Aber Mädchen,&ldquo; rief diese, &bdquo;die Lampe ist
+ja ganz niedergebrannt und &mdash;&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Kasperle ist eingeschlafen,&ldquo; sagte Liebetraut, sie hob
+das fertige Kittelchen hoch, &bdquo;und ich bin fertig.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Gott sei Dank, daß der kleine Irrwisch doch noch
+schlafen kann!&ldquo; Mutter Annettchen lachte. &bdquo;Ich hatte
+schon Angst,&ldquo; redete sie weiter, &bdquo;er würde nun neunzig
+Jahre keine Nacht mehr schlafen mögen. Wir hätten
+ihn dann wirklich in den Schrank sperren müssen.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ich will nicht in den Schrank gesperrt werden,&ldquo;
+schrie Kasperle erschrocken. Der war bei den letzten
+Worten aufgewacht. Und vor Schrecken schoß er gleich
+einen Purzelbaum über den Tisch hinweg. Hops, bums!
+Da purzelte er dem Meister Friedolin, der eben aus
+der Schlafkammer kam, an den Magen, und der gute
+Meister rief erschrocken: &bdquo;Uff! Na, man merkt, daß
+ein Kasperle im Hause ist!&ldquo;
+<!-- page 022 -->
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-3"><span style="font-size:small">Drittes Kapitel</span> <br /><br />Was am Waldsee geschah
+</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">E</span>ine ganze Woche war das Kasperle schon im
+Waldhaus, und es hatte schon mehr dumme Streiche
+gemacht als zehn Buben in einem Jahr.
+
+</p><p>Lieber Himmel, was richtete der kleine Kerl alles
+an! Immer saß er irgendwo, wo er nicht sitzen sollte.
+Einmal kletterte er in den Geschirrschrank, einmal fiel
+er in der Vorratskammer in die Milch, dann wieder
+zog er das Ofenloch auf, und eine Rußwolke flog durch
+die Stube, oder er brachte Frau Annettchens Näharbeit
+auseinander, daß die Flicken überallhin verstreut wurden.
+Manchmal drohte Meister Friedolin: &bdquo;Warte, ich stecke
+dich in den Schrank!&ldquo; Aber wenn Kasperle dann so
+jämmerlich weinte und greinte, tat es dem Meister immer
+wieder leid.
+
+</p><p>Am wenigsten schalt Liebetraut auf Kasperle; dabei
+hatte ihr der unnütze kleine Strick schon manchen
+Schabernack gespielt. Freilich war er danach immer
+wieder zutraulich und umschmeichelte Liebetraut, da
+konnte ihm die nicht böse sein. Sie redete auch immer
+wieder den Pflegeeltern zu, und Meister Friedolin und
+Mutter Annettchen hatten doch wieder ihren Spaß an
+dem unnützen Schelm.
+
+</p><p>Das Waldhäuschen war klein, und Kasperle ging
+<!-- page 023 -->
+es wie einst vor bald hundert Jahren: es wurde ihm
+langweilig darin. Und weil er allein nicht in den Wald
+gehen durfte, bekam er erst recht Sehnsucht danach. Er
+dachte mehr und mehr, wie schön es doch wäre, wenn
+er einmal wieder die weite Welt durchstreifen könnte.
+
+</p><p>Liebetraut merkte wohl Kasperles Sehnsucht, und
+sie mahnte an jedem Tag: &bdquo;Denk&rsquo; an dein Versprechen!&ldquo;
+Da nickte Kasperle und seufzte dazu und dachte bei sich:
+Es wäre ganz gut, wenn man ein Versprechen ins Wasser
+werfen oder es im Ofen verbrennen könnte, damit es
+weg wäre.
+
+</p><p>Einmal, an einem besonders schönen Frühlingstag,
+ging Liebetraut nach Schönau. Sie hatte allerlei einzuholen,
+denn das Pfingstfest stand dicht vor der Tür.
+Frau Annettchen kramte und wirtschaftete im Häuschen
+herum, alles sollte zu dem Feste blitzsauber sein; dabei
+war ihr das Kasperle recht im Wege, denn das wuselte
+wie ein Irrwisch durch die Stuben. Mal war es da,
+mal war es dort, einmal warf es den Scheuereimer
+um, dann fuhr es mit dem Besenstiel durch eine Fensterscheibe,
+und Frau Annettchen wurde recht böse auf den
+Unnützling. Schließlich rief sie ärgerlich: &bdquo;Geh zum
+Meister!&ldquo;
+
+</p><p>Das ließ sich Kasperle nicht zweimal sagen. Er
+lief flugs hinaus und suchte hinter dem Hause Meister
+Friedolin auf. Der stand dort und strich seine neuen
+Kasperlepuppen an. In Reih&rsquo; und Glied waren die
+auf Holzpfählen aufgestellt, eine sah drolliger aus als
+<!-- page 024 -->
+die andere, denn Meister Friedolin hatte sie alle nach
+dem kleinen lebendigen Kasperle geschnitzt.
+
+</p><p>&bdquo;Heio,&ldquo; schrie Kasperle, &bdquo;das bin ich!&ldquo; Und flink
+tippte er die erste Puppe an die Nase, da blieb sein
+Fingerlein kleben, weil die Farbe noch naß war.
+
+</p><p>&bdquo;Ungeschick, du!&ldquo; schalt Meister Friedolin ungeduldiger
+als sonst. &bdquo;Marsch, geh, du hast hier nichts
+zu suchen!&ldquo;
+
+</p><p>Da lief Kasperle tiefbetrübt davon. Er lief
+wieder in das Haus hinein, er lief wieder hinaus
+und dachte bei sich: Wenn sie mich wegschicken, dann
+gehe ich; dann gilt auch mein Versprechen Liebetraut
+gegenüber nicht. Und ganz eilfertig rannte er ein
+Stück in den Wald hinein. Das gefiel ihm gar gut.
+Die Vögel sangen und zwitscherten in den Bäumen;
+die rauschten leise, und unten am Boden blühten feine,
+zarte Waldblumen. Kasperle stapfte lustig davon. Ein
+Weg war da, über den glitzerte die Sonne, ein anderer
+verlor sich im tiefen Schatten. Einen Augenblick überlegte
+Kasperle, welchen Weg er gehen sollte. Er schlug
+schließlich den Schattenweg ein und kam dabei bald an
+einen kleinen Waldsee. Der war von Wasserlilien umstanden,
+und in ihm badeten zu Kasperles größtem Erstaunen
+ein paar Buben. Die platschten höchst vergnügt
+im kühlen Wasser herum, und Kasperle wäre am liebsten
+mit hineingestiegen, doch fürchtete er sich etwas vor dem
+Wasser und vor den Buben. Darum schlich er nur
+vorsichtig an dem Rande entlang, und dabei entdeckte
+<!-- page 025 -->
+er die Sachen, die die Buben ausgezogen hatten. Heio,
+dachte er, das ist fein! Jetzt werf&rsquo; ich meinen Kasperlekittel
+fort und zieh&rsquo; Jacke und Hose von den Buben
+an, dann laufe ich in die weite Welt. In seiner Freude
+vergaß er ganz und gar sein Liebetraut gegebenes Versprechen.
+Er kroch hinter einen Busch, zog sich ein
+Paar Höslein und eine blaue Jacke heran und schlüpfte
+hinein. Die Büblein, denen die Sachen gehörten, mußten
+ebenso groß wie Kasperle sein, denn dem paßte beides
+wie angegossen. Er hatte einen ungeheuren Spaß an
+der Geschichte, und als er fertig war, warf er sich in
+das Gras und quiekte vor Vergnügen.
+
+</p><p>Wenn die Buben im Weiher nicht selbst so gelärmt
+hätten, dann hätten sie Kasperles Lachen hören müssen.
+Aber die spritzten sich, tauchten auf und tauchten unter
+und merkten nichts von allem, was am Ufer geschah.
+Sie sahen nicht, wie auf einmal ein Bube durch den
+Wald lief; erst eine Weile später, als sie aus dem
+Wasser stiegen, merkten sie, was geschehen war. Da
+suchte der Fritz seine Hosen und fand sie nicht, und als
+Peterle in sein Jäcklein schlüpfen wollte, ja, da konnte
+er viel danach ausblicken, nirgends war es zu finden.
+Nur der Christophel hatte seine Sachen beisammen, und
+da blähte der sich auf wie ein Fröschlein und schalt die
+beiden liederlich. &bdquo;Sucht nur!&ldquo; schrie er. &bdquo;Wer weiß,
+wo ihr alles hingeworfen habt! Ich hab&rsquo; mein Zeug
+ordentlich beisammen.&ldquo;
+
+</p><p>Das ging nun Fritz und Peterle doch über den
+<!-- page 026 -->
+Spaß. Sie meinten nun nicht anders, als der Christophel
+habe ihnen die Sachen versteckt, und für einen solchen
+Schabernack, dachten sie, muß einer Prügel haben. Und
+eins, zwei, drei fielen sie über den Christophel her. Doch
+der war nicht faul und wehrte sich tapfer. Plumps,
+pardauz! lagen sie auf einmal alle drei im Grase und
+rauften sich. Sie schrien dabei, daß die Vögel beinahe
+vor Schreck von den Bäumen fielen und eine besonders
+dicke Froschmadame im Weiher ohnmächtig wurde. Da
+erhoben die Frösche zornig ihre Stimmen, und wer weiß,
+was nicht noch alles geschehen wäre, wenn nicht der
+Herr Förster, der durch den Wald ging, den Lärm
+gehört hätte. Der war flink zur Stelle; er sah die
+raufenden Buben und besann sich nicht lange, wie da
+Frieden zu stiften sei. Hopp! stand der Fritz auf den
+Beinen, und klatsch! hatte er einen Katzenkopf, und ehe
+Peterle und Christophel sich noch recht besonnen hatten,
+war es ihnen genau so gegangen. Erschrocken blieben
+alle drei steif und kerzengerade vor dem Förster stehen
+und vergaßen das Ausreißen.
+
+</p><p>&bdquo;Na, warum habt ihr euch denn gehauen?&ldquo; fragte
+der Förster schmunzelnd. &bdquo;Es ist euch wohl nicht warm
+genug?&ldquo;
+
+</p><p>Ei potztausend, warm war es den dreien schon, trotz
+dem langen Bade vorher! und jedem brannte ein Bäcklein
+hochrot, denn der Förster hatte eine feste Hand.
+Dessen rascher Ärger aber war schnell verraucht, er sah
+die drei Schelme lachend an, und die fanden den Mut,
+<!-- page 027 -->
+ihm ihr Mißgeschick zu erzählen. Fritz und Peterle
+verklagten Christophel, der verteidigte sich heftig, und
+beinahe wären die drei Freunde sich wieder in die Haare
+gefahren. Aber der Förster runzelte bedenklich die Stirn,
+er packte Christophel fest an den Schultern und fragte:
+&bdquo;Hast du Jacke und Hosen versteckt?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Nein!&ldquo; Christophel sah mit seinen himmelblauen
+Augen den Förster treuherzig an, und der wußte da
+gleich, der Bube hatte die Wahrheit gesagt. Aber wo
+waren die Sachen? Etwa gestohlen, hier in seinem
+Walde, den er zu behüten hatte? Dem Förster schien
+das ganz unmöglich zu sein, er brummelte: &bdquo;Vielleicht
+habt ihr die Sachen gar nicht angehabt?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Aber meins waren doch Hosen!&ldquo; rief Fritz entrüstet.
+
+</p><p>Na freilich, ohne Hosen konnte jemand nicht gut
+von Schönau bis in den Wald laufen, der Förster sah
+das ein. Doch unnütze Buben konnten wohl ihren Kameraden
+den Streich gespielt haben, darum sagte er:
+&bdquo;Lauft nur flink heim; es wird euch irgend so ein unnützer
+Bengel aus Spaß die Sachen genommen haben.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Aber ohne Hosen kann ich nicht heim!&ldquo; schrie das
+Fritzle, diesmal sehr kläglich.
+
+</p><p>War das eine verzwickte Geschichte! Der Förster
+sann nach. In seinem Hause waren drei Buben groß
+geworden, sie waren jetzt schon in die Welt hinausgezogen,
+aber seine Frau bewahrte wohl etliche Bubensachen
+auf. An seinem Haus nach Schönau vorbei war
+es zwar ein Umweg, aber bis zu ihm ging es durch
+<!-- page 028 -->
+den Wald; da konnte einer schon mal ohne Höslein
+laufen. Höchstens lachten die Vögel und die Bäume
+über das sonderbare Menschenkind. Der Förster hieß
+also die Buben ihm folgen, Fritzle ohne Hosen, Peterle
+ohne Jacke, und Christophel ging zum Trost mit.
+
+</p><p>Die Frau Försterin sah zwar recht erstaunt drein
+über die Gäste, die da ihr Mann anbrachte. Sie hatte
+aber ein gutes, mitleidiges Herz und hatte auch wirklich
+von ihren nun schon groß gewordenen Buben allerlei
+Sachen da. Die holte sie vor, und es fanden sich richtig
+Höslein für das Fritzle und für Peterle eine Jacke.
+Weil die Jacke blanke Knöpfe hatte und an den Hosen
+ein Paar grün und rot gestickte Träger hingen, waren
+beide mit dem Tausch wohl zufrieden, und Christophel
+bedauerte es beinahe, daß er alle seine eigenen Sachen
+noch hatte. Die gute Försterin sagte nämlich: &bdquo;Wenn
+sich Hosen und Jacke nicht finden, dann mögt ihr in
+Gottes Namen diese behalten!&ldquo;
+
+</p><p>Die Buben schieden vergnügt vom Försterhaus,
+sie kamen sich mit ihrem Abenteuer höchst wichtig vor,
+und als sie in der Nähe von Schönau Liebetraut trafen,
+erzählten sie der, was ihnen begegnet sei. Und Liebetraut
+sagte wie der Förster: &bdquo;Da haben euch ein paar
+einen Schabernack gespielt; ein paar rechte Taugenichtse
+müssen es gewesen sein.&ldquo;
+
+</p><p>Nun gab es in Schönau schon etliche Buben, denen
+so ein Streich zuzutrauen war, und Fritz, Peterle und
+Christophel setzten auch gleich beim ersten Dorfhaus
+<!-- page 029 -->
+sehr vorwurfsvolle Mienen auf, und sie erzählten jedem,
+der es nur hören wollte, was ihnen geschehen war.
+Da sagte wohl einer, der Jaköble vom Müller könnte
+es gewesen sein, ein anderer riet auf den tollen Hans,
+und die drei Buben waren noch nicht lange daheim,
+da ging schon ein Geklatsch und Getratsch durch das
+Dorf, das arg war. Zuletzt freilich konnten alle Buben
+beweisen, wo sie gewesen waren, und Fritz, Peterle
+und Christophel hätten beinahe von ihren entrüsteten
+Kameraden Haue gekriegt. Doch söhnten sie sich wieder
+miteinander aus, weil sie lieber alle zusammen über die
+sonderbare Geschichte schwätzten. Ganz Schönau regte
+sich darüber auf, wer es gewesen sein könnte.
+
+</p><p>Auch Liebetraut dachte auf ihrem Heimweg an die
+seltsame Begebenheit, und wie sie so durch den stillen
+Wald schritt, schaute sie sich unwillkürlich um, als könnte
+sie die verlorenen Sachen der beiden Buben erspähen.
+Dabei sah sie auf einmal im Gebüsch etwas hängen,
+wie ein großer, bunter Lappen sah es aus. Und da
+Liebetraut nicht furchtsam war, ging sie beherzt näher,
+und wie sie so dicht an den Büschen stand, rief sie laut:
+&bdquo;Kasperle, aber Kasperle, was machst du hier?&ldquo;
+
+</p><p>Doch es kam keine Antwort, und nun erst sah Liebetraut:
+es war nur Kasperles Kittel, der da zwischen
+den Büschen hing. Der Wind blähte ihn ein wenig
+auf, darum schien es, als stecke noch das Kasperle drin.
+Doch von dem war weit und breit keine Spur zu erblicken.
+Liebetraut fielen die Buben ein, die um Hose
+<!-- page 030 -->
+und Jacke geklagt hatten, und ein ganz schlimmer Verdacht
+stieg in ihr auf. Wenn Kasperle ausgerissen war?
+Sie nahm hastig den Kittel vom Strauche und rannte,
+so schnell sie nur konnte, dem Waldhäuschen zu. Sie
+riß dort die Tür auf, stürmte in die Stube und rief
+ihrer Mutter zu: &bdquo;Wo ist Kasperle?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Draußen beim Vater,&ldquo; antwortete Frau Annettchen,
+die eben das Abendessen richtete.
+
+</p><p>Da rannte Liebetraut zu Meister Friedolin. Der
+strich just seine letzte Kasperlepuppe an und sah ganz
+erstaunt drein, als Liebetraut nach Kasperle fragte.
+&bdquo;Der ist doch drin, ist doch wieder ins Haus gelaufen!&ldquo;
+
+</p><p>Doch Kasperle war nicht drin, er war auch nicht
+draußen. Liebetraut suchte das ganze Haus ab, sie guckte
+in alle Winkel und Ecken, öffnete alle Kästen und Schränke
+und rief zärtlich den Namen des kleinen Schelms. Doch
+der gab keine Antwort, er war und blieb verschwunden.
+Liebetraut rannte in den Wald hinaus, Meister Friedolin
+folgte ihr, sie suchten und riefen, doch kein Kasperle
+war zu finden. Die Sonne war schon längst untergegangen,
+die Vögel schliefen bereits in ihren Nestern,
+da tönten immer noch die rufenden Stimmen durch den
+Wald: &bdquo;Kasperle, Kasperle, komm doch wieder!&ldquo;
+
+</p><p>Der Mond kam herauf, er warf silbernen Schein
+auf das Waldhäuschen, und als er so hineinblickte, sah
+er drinnen drei Menschen traurig am Tisch sitzen, und
+alle drei klagten betrübt: &bdquo;Unser Kasperle ist ausgerissen!&ldquo;
+Sie dachten nicht mehr an die vielen Dummheiten,
+<!-- page 031 -->
+die der unnütze kleine Schelm gemacht hatte, sie
+dachten nur daran, daß sie ihn liebgehabt hatten. Liebetraut
+hielt die Hände vor das Gesicht, sie weinte bitterlich
+um ihren schlimmen kleinen Kameraden. &bdquo;Ach
+Kasperle, Kasperle,&ldquo; klagte sie, &bdquo;warum hast du uns nur
+verlassen! Und wie wird es dir in der Welt ergehen!&ldquo;
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-4"><span style="font-size:small">Viertes Kapitel</span> <br /><br />In Protzendorf beim Bauer Strohkopf
+</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">W</span>o aber war das Kasperle hingelaufen?
+
+</p><p>Das war in Fritzles Hosen und Peterles Jacke
+vergnügt in den Wald gerannt, froh über seine neue
+Freiheit. In seiner Freude vergaß der Strick alles
+Gute, was er im Waldhäuschen gehabt hatte, und er
+beschloß, in die weite Welt zu wandern. Und weil er
+wußte, daß auf den Straßen, die nach Schönau und
+Lindendorf führen, manchmal Menschen daherkamen, die
+im Waldhaus einsprachen, rannte er den Weg nach
+Protzendorf entlang. Der wurde von den Bewohnern
+der anderen Dörfer gern vermieden, und Kasperle traf
+auch wirklich an diesem schönen, sonnigen Tag keinen
+Menschen darauf. Vor Freude über das Gelingen seiner
+Flucht begann er auf dem Wege Purzelbäume zu
+schlagen. Wie eine Kugel fast rollte er die Straße
+entlang, und beinahe wäre er so nach Protzendorf hineingepurzelt.
+<!-- page 032 -->
+Doch da lag ein großer Stein auf dem
+Wege; an dem stieß sich Kasperle, es krachte ordentlich,
+und ein Weilchen blieb der kleine Kerl erschrocken liegen.
+Doch der Stein sagte nichts, es kam auch niemand,
+da rappelte sich Kasperle auf und sah sich um. Vor
+ihm, ein wenig tiefer im Tale, lag Protzendorf. Stattlich
+und wohlhäbig sah es aus, aus den Essen stieg
+Rauch empor, denn die Protzendorfer Bäuerinnen buken
+alle miteinander Pfingstkuchen.
+
+</p><p>Kasperle reckte seine große Nase in die Luft und
+schnupperte. Hm, das roch fein! Und gleich fühlte er
+auch ein gewaltiges Rumpeln in seinem Mäglein, und
+er sperrte seinen übergroßen Mund auf wie ein junger
+Rabe seinen Schnabel. Doch es fiel keiner Protzendorfer
+Bäuerin ein, etwa zu kommen und dem Kasperle
+frischen Kuchen zu bringen. Das gab es nicht. Kasperle
+seufzte zwar sehr, schließlich aber stand er doch auf, reckte
+und streckte sich und trabte dann ins Dorf hinein.
+
+</p><p>Der dicke Bauer Matthias Strohkopf, der reichste
+Mann von Protzendorf, hatte an diesem Tage früh
+Feierabend gemacht. Er tat das oft, denn er war so
+faul, daß selbst die Protzendorfer, die alle ein bißchen
+träge waren, ihn den &bdquo;faulen Matthias&ldquo; nannten. Der
+Bauer saß vor seiner Haustüre, neben sich auf einem
+Tisch hatte er sein Vesperbrot stehen. Er stopfte
+gerade ein Butterbrot in den Mund, und dazu blickte
+er auf einen Teller mit frischen Kuchen, den seine Frau
+ihm just gebracht hatte.
+<!-- page 033 -->
+
+</p><p>Da kam Kasperle anspaziert. Der sah den dicken
+Bauer und den frischen Kuchen, und da der Kuchen
+ihm wohlgefiel, besann er sich nicht lange, lief herzu
+und steckte eins, zwei, drei! ein Stück in den Mund
+und noch eins, und ehe der Bauer Strohkopf sich von
+seinem Erstaunen erholt hatte, war der halbe Teller
+leergegessen.
+
+</p><p>Potztausend noch mal! So etwas war dem Bauer
+sein Leben lang noch nicht widerfahren. &bdquo;Du Frechdachs!&ldquo;
+schrie er, hob seine dicke Hand und wollte
+Kasperle schlagen. Doch der nicht faul, tat einen
+Sprung über Tisch und Bauer hinweg und blieb ein
+paar Schritte entfernt auf der Erde sitzen. &bdquo;Ich hatt&rsquo;
+so argen Hunger!&ldquo; klagte er, und dabei schnitt er ein
+so jämmerliches verschmitztes Gesicht, daß &bdquo;der faule
+Matthias&ldquo; trotz seinem Ärger lachen mußte. So einen
+wunderfitzigen, schnurrigen kleinen Kerl hatte er noch
+nie gesehen. &bdquo;Woher kommst du denn?&ldquo; schrie er
+ihn an.
+
+</p><p>Da rutschte Kasperle auf Fritzles Hosenboden ein
+Stückchen näher und klagte: &bdquo;Von weit, weit, weit her!
+Bin ein armes, verlassenes Büble, hab&rsquo; niemand mehr
+auf der weiten Welt.&ldquo;
+
+</p><p>Und so kläglich sah dabei das schlimme Kasperle
+drein, daß der dicke Bauer ganz gerührt wurde. Er
+brummte zwar: &bdquo;Das ist noch kein Grund, um andern
+den Kuchen wegzufressen,&ldquo; aber er winkte doch mit der
+Hand, Kasperle solle näherkommen.
+<!-- page 034 -->
+
+</p><p>Der kleine Strick kam auch heran. Er ließ die Nase
+hängen, als könnte er nie ein Wässerlein trüben. Doch
+wie seine kleinen schwarzen Spatzenaugen glitzerten und
+funkelten, das sah der Bauer Strohkopf nicht. Der
+sagte gnädig: &bdquo;Du bist zwar sehr frech vornhin gewesen,
+doch will ich&rsquo;s dir nicht nachtragen. Ich brauche gerade
+einen Gänsejungen, dazu will ich dich meinetwegen
+nehmen. Gelt, das hättest du dir nicht träumen lassen,
+daß der reiche Strohkopf dich aufnimmt?&ldquo;
+
+</p><p>Da sperrte Kasperle nun wirklich seinen Mund
+wie ein Scheunentor auf, denn was ein Gänsejunge
+war, das wußte er nicht. Er sagte nicht ja und nicht
+nein, und der dicke Bauer fragte auch nicht weiter.
+Der dachte, wenn einer als Gänsejunge zum Strohkopf
+kommt, der kann froh sein. Potzhundert noch mal, das
+ist eine Ehre! &mdash; Und weil gerade sein Großknecht
+Florian aus dem Hause kam, rief er dem zu: &bdquo;Florian,
+wir haben einen neuen Gänsejungen. Da, nimm
+ihn mit!&ldquo;
+
+</p><p>Der gute Florian nun tat seinen Mund eigentlich
+nur zum Essen auf. Er dachte auch: Mit einem Gänsejungen
+macht man nicht viel Umstände. Und schwipp,
+schwapp! packte er Kasperle beim Genick und zog ihn
+mit sich. Er zerrte ihn zum Gänsestall, tat den auf,
+brummte: &bdquo;Da!&ldquo; schob Kasperle hinein und schloß die
+Türe hinter ihm zu. Die müssen sich erst befreunden,
+dachte Florian; bis zum Nachtessen ist dazu Zeit.
+
+</p><p>Da saß nun Kasperle im Gänsestall, und seine
+<!-- page 035 -->
+weißen und grauen Schützlinge umringten ihn schnatternd.
+Das gefiel dem kleinen Kerl ganz und gar nicht.
+In einem Gänsestall war er noch niemals gewesen, und
+als die Gänse ihre Schnäbel so weit auftaten und gar
+so arg schnatterten, begann er sich zu fürchten. Er
+schnitt fürchterliche Gesichter, und weil die Gänse auch
+noch nie ein lebendiges Kasperle gesehen hatten, kam
+ihnen der Gast in ihrem Stall höchst sonderbar vor.
+Sie schnatterten immer lauter, dem Kasperle wurde es
+himmelangst, und er sah sich nach Rettung um. In
+einer Ecke des Stalles stand ein hohes Gestell, wie ein
+Schrank sah es fast aus, und Kasperle, nicht faul,
+schwang sich hinauf. In den einzelnen Fächern des
+Gestelles aber saßen dicke, brave Gänse auf ihren Nestern
+und brüteten. Die erschraken nun gewaltig, als Kasperle
+ihren Nesterschrank erkletterte. Zischend fuhren sie von
+ihren Nestern auf, Kasperle erschrak und hielt sich an
+dem leichten Gestell fest. Das wankte, und pardauz!
+fiel es um. Da lag Kasperle, da lagen Nester und
+Eier, und zischend und schnatternd fuhren die Gänse
+wütend auf Kasperle los. So etwas! Sie im Brüten
+zu stören, das war doch unerhört! Zwack, biß eine
+Kasperle ins Bein, zwick, die andere ins Ohr, zisch, hieb
+eine ihm mit dem Schnabel über die Nase. Kasperle
+brüllte, die Gänse schnatterten lauter und lauter, &mdash; es
+war ein Höllenlärm.
+
+</p><p>&bdquo;Jemine, was ist im Gänsestall los?&ldquo; rief draußen
+auf dem Hof die Magd Karline. Sie dachte: Es ist
+<!-- page 036 -->
+vielleicht gar ein Marder eingebrochen, und rasch rannte
+sie herbei, riß die Türe auf und sah in allem Wirrwarr
+das schreiende Kasperle am Boden sitzen. Seinen
+Mund hatte er ungeheuerlich weit aufgerissen, und
+Karline klappte erschrocken die Türe zu. &bdquo;Ein Kobold,
+ein Kobold ist im Gänsestall!&ldquo; schrie sie draußen.
+
+</p><p>Der Lärm hatte die Bäuerin herbeigelockt, Berta,
+die Jungmagd, kam an, Florian lief herzu, und der
+stürzte in den Gänsestall hinein und zerrte das schreiende
+Kasperle heraus.
+
+</p><p>&bdquo;Herrje, was ist das?&ldquo; rief die Bäuerin. Sie
+schlug die Hände über dem Kopf zusammen, und Berta
+kicherte in ihre Schürze hinein. &bdquo;Wie der aussieht!&ldquo;
+sagte sie.
+
+</p><p>&bdquo;Ein Kobold ist&rsquo;s, ein Popanz!&ldquo; kreischte Karline.
+
+</p><p>&bdquo;Nä, unser neuer Gänsejunge ist&rsquo;s, und jetzt kriegt
+er Haue,&ldquo; brummte Florian, Und klitsch, klatsch, schlug
+er auf Kasperle ein. Ein Spaß war es nicht, wenn
+Florian zuschlug. Kasperle verging Hören und Sehen,
+er brüllte ganz mörderlich, und endlich kam auch der
+dicke Bauer selbst herbei und wollte wissen, was geschehen
+war. Da redeten seine Frau und die drei
+Mägde durcheinander, Kasperle kreischte, im Stall
+schnatterten die Gänse, Florian aber zeigte nur auf
+den Stall. &bdquo;Nachsehen!&ldquo; brummte er. Und klitsch klatsch,
+klitsch klatsch, prügelte er weiter auf Kasperle los, bis
+die Bäuerin ihm endlich den Kleinen entriß. &bdquo;Du
+zerschlägst ihn ja ganz!&ldquo; schalt sie.
+<!-- page 037 -->
+
+</p><p>&bdquo;Der hat&rsquo;s verdient!&ldquo; knurrte Florian.
+
+</p><p>&bdquo;Ja zum Kuckuck, der hat&rsquo;s verdient!&ldquo; schrie der
+Bauer Strohkopf. Er hatte inzwischen im Gänsestall
+gesehen, was Kasperle angerichtet hatte, und er wollte
+schon mithauen. Doch die Bäuerin hielt mitleidig seine
+Hand fest, ihr tat das arme Kasperle leid. Und dem
+dicken Bauer erging es wieder sonderbar. Als der dem
+Kasperle so recht in sein klägliches Gesicht sah, legte sich
+sein Ärger, ja er mußte lachen; das Kasperle sah zu
+drollig aus. Und auf einmal erging es den andern auch
+so, sie mußten lachen; selbst Florian grinste.
+
+</p><p>Das arme Kasperle mochte seinen Rücken noch so
+viel reiben und noch so betrübt seufzen, es wurde doch
+nur ausgelacht. Da dachte es an Liebetraut; die hätte
+nicht gelacht, nur freilich jetzt würde sie traurig sein,
+weil es sein Versprechen nicht gehalten hatte und fortgelaufen
+war. Kasperle ließ die Nase hängen; ach
+nein, zurücklaufen konnte er nun nicht mehr ins Waldhaus!
+Und vor der dunklen Nacht, allein im Walde,
+fürchtete er sich auch, und so folgte er still der Bäuerin
+ins Haus, und als ihm drinnen ein so gutes Düftlein
+nach frischem Kuchen entgegenzog, da wurde er gleich
+wieder vergnügt. Heisa, es war doch ganz fein beim
+reichen Bauer Strohkopf, und das Gänsehüten war
+gewiß nicht so schwer!
+
+</p><p>Beim Abendessen in der großen Wohnstube saß
+der neue Gänsejunge ganz unten am langen Tisch.
+Oben saßen der Bauer und die Bäuerin, neben ihnen
+<!-- page 038 -->
+Florian, dann kamen Karline und die andern Knechte
+und Mägde. Sie waren alle fleißig gewesen, und sie
+dachten eigentlich alle nur an das Essen. Erst sah keines
+recht den neuen Gänsejungen an, bis Berta plötzlich
+leise lachte. Da blickte der Paul neben ihr auf, und
+er sah unwillkürlich auch den neuen Gänsejungen an.
+Nein, so ein spaßiger kleiner Kerl, wie das war! Paul
+lachte ganz laut, und da blickten auch Karline und
+Mine auf, und alle sahen Kasperle an, wie der seinen
+Mund auf- und zuklappte, und mit einem Male lachten
+alle am Tisch, am lautesten aber lachte der dicke Bauer
+selbst. Und kaum merkte Kasperle, daß alle über ihn
+lachten, flink fing er an, Gesichter zu schneiden. Er
+zappelte auf seinem Stuhl hin und her und kasperte,
+bis sogar der schweigsame Florian mitlachte. Die
+Bäuerin bekam Angst, dem Bauer könnte der Bauch
+platzen, so sehr lachte der. Sie mahnte ein paarmal:
+&bdquo;Hör&rsquo; auf, lach&rsquo; dich nicht krank!&ldquo; Aber dann lachte
+sie selbst wieder laut und lauter. Zuletzt fiel Karline
+unter den Tisch, und Paul purzelte mit seinem Stuhl
+um. Da nahm Florian Kasperle am Jackenzipfel und
+rief: &bdquo;Jetzt ist&rsquo;s genug für heute, sonst platzt wirklich
+noch wer!&ldquo; Und Florian zog Kasperle aus der Stube,
+brachte ihn in eine kleine, kleine Kammer, die ein vergittertes
+Fensterlein hatte und in der gerade Platz für
+ein Bett war. Kasperle durfte hineinkriechen; das tat er
+gern, und er kümmerte sich gar nicht mehr darum, daß
+Florian brummte: &bdquo;Morgen mußt du Gänse hüten.&ldquo;
+<!-- page 039 -->
+
+</p><p>&bdquo;Rrrrrrrrr!&ldquo; Florian drehte sich erschrocken um.
+Was war denn das auf einmal? &bdquo;Rrrrr!&ldquo; klang es
+wieder, und nun merkte Florian: der neue Gänsejunge
+war es, der so ganz erschrecklich schnarchte. &bdquo;Dummheit
+ist&rsquo;s,&ldquo; brummelte Florian und schüttelte den Kleinen.
+Er konnte aber viel rütteln und schütteln, Kasperle
+schnarchte nach Kasperleart wie eine große Säge:
+&bdquo;Rrrrr! Rrrrr!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Hol&rsquo; ihn der Fuchs! Mit dem ist&rsquo;s nicht richtig,&ldquo;
+knurrte Florian. Und er verriegelte sorgfältig die
+Kammer; er traute dem Kasperlein nicht recht und
+dachte bei sich, der Bauer hätte gut einen andern
+Gänsejungen annehmen können.
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-5"><span style="font-size:small">Fünftes Kapitel</span> <br /><br />Gänse hüten
+</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">A</span>m nächsten Morgen weckte Florian Kasperle in
+aller Herrgottsfrühe, und als Kasperle nur knurrte und
+murrte und nicht gleich zum Aufstehen bereit war, goß
+ihm Florian schwapps einen Krug Wasser über den
+Kopf. Da sprang nun freilich Kasperle flink heraus,
+und als er den langen Florian mit seinem bärbeißigen
+Gesicht vor sich stehen sah, begann er sich schrecklich zu
+fürchten. Ganz brav und still tat er alles, was der
+ihm sagte; er folgte ihm zum Gänsestall und stand
+dort wie ein armes Sünderlein, als seine schnatternden
+<!-- page 040 -->
+Feindinnen alle nacheinander aus dem Stalle spazierten.
+Florian gab ihm einen langen Stab in die Hand und
+sagte: &bdquo;Geh, hüt&rsquo;! Kannst mit dem Schäfer gehen!&ldquo;
+
+</p><p>Der Schäfer nun war ein Bruder des Florian,
+noch viel stiller und brummiger als dieser. Er hieß
+Damian, und im Dorf nannten sie ihn nur &bdquo;Damian
+ohne Maul&ldquo;. Und Damian tat auch an diesem Morgen
+seinen Mund nicht auf, er winkte nur, und das Kasperle
+folgte ihm mit seinen Gänsen. Es ging zum Dorf
+hinaus über Wiesen, da kam ein lustiges Bächlein gerannt,
+und hier stieß Damian seinen Stock auf den
+Boden. Flugs machte Kasperle, der dachte, das gehöre
+dazu, es ihm nach. Aber als Damian mit seinen
+Schafen weiterzog, da folgte er ihm wieder. Erst merkte
+es Damian gar nicht, bis die Gänse gar zu laut
+schnatterten. Unwirsch drehte er sich um und zeigte
+stumm mit seinem Stock nach dem Bächlein. Kasperle
+erhob ebenso geschwind seinen Stab und zeigte auch
+hin. Da wurde &bdquo;Damian ohne Maul&ldquo; fuchswild. Nun
+mußte er am frühen Morgen reden. Das war doch
+wirklich zu anstrengend! &bdquo;Dort bleiben!&ldquo; brüllte er
+Kasperle an. Der Kleine erschrak, er taumelte nach
+rückwärts, und die Gänse, denen er beinahe auf ihre
+Füße trat, nahmen dies gewaltig übel. Sie schnatterten
+zornig los und wollten ihrem Hirten erst gar nicht
+folgen. Doch Kasperle hatte jetzt mit seinem langen
+Stock mehr Mut, er fuchtelte damit grimmig in der
+Luft herum und schnitt dazu ein bitterböses Gesicht.
+<!-- page 041 -->
+Da bekamen die Gänse Angst, und sie spazierten ganz
+brav, eine hinter der andern, dem Bächlein zu. Dort
+schnatterten sie vergnügt, sie meinten, nun könnten sie
+schmausen und sich gütlich tun. Doch Kasperle meinte
+das gar nicht. Dem hatte es gefallen, wie die Gänse
+so brav vor ihm hergelaufen waren, und er gedachte
+sich ein Späßlein zu machen. Er begann die Gänse
+zu jagen. Kaum stand eine, schwipp! traf sie der lange
+Stab. Die guten Tiere mochten schnattern, soviel sie
+wollten, rundum und wieder rundum jagte sie ihr Hirte.
+
+</p><p>Er selbst hopste und sprang dabei, als sollte er
+seinen Gänsen etwas vorkaspern. Die armen Gänse
+konnten kaum noch laufen, ihr Schnattern wurde immer
+kläglicher, aber schwipp, schwipp! traf Kasperles langer
+Stab sie, und weiter ging es, immer rundum, rundum.
+
+</p><p>&bdquo;Damian ohne Maul&ldquo; pflegte sonst sich um weiter
+nichts als seine Schafe zu kümmern. Heute aber dachte
+er doch an den neuen Gänsejungen, weil sein Bruder
+ihm gesagt hatte: &bdquo;Paß auf!&ldquo; Und da er nicht allzuweit
+seine Schafe weidete, ging er einmal nachsehen.
+
+</p><p>Ei potzwetter! Das war ein Spiel, das er da sah!
+Kasperle hopste rundherum, die Gänse rannten rundherum,
+Damian aber sah wohl, daß denen das Rennen
+wenig gefiel. Dabei sollten die armen Watschelchen nun
+fett werden!
+
+</p><p>Schwipp, schwipp! Kasperle schlug die dickste Gans
+gerade auf den Kopf. Da packte ihn jemand am
+Hosenboden. Und &bdquo;Damian ohne Maul&ldquo; hielt sich
+<!-- page 042 -->
+nicht mit Reden auf. Nun machte sein Stock schwipp,
+schwipp, und Kasperle spürte das sehr genau, er schrie
+mörderlich, und die Gänse schauten mit weit offenen
+Schnäbeln zu. Eia, es ging ihrem kleinen Hirten gar
+übel! Wenn die älteste Gans hätte reden können, sie
+hätte jetzt gewiß das Sprüchlein gesagt:
+
+</p><p class="lyrics">
+&bdquo;Was du nicht willst, daß man dir tu&rsquo;,<br />
+Das füg&rsquo; auch keinem andern zu!&ldquo;
+
+
+</p><p class="noindent">Endlich meinte Damian, sein Stock wäre nun lange
+genug auf Kasperle herumgewippt. Kasperle fand, viel
+viel zu lange, und er heulte jämmerlich, als &bdquo;Damian
+ohne Maul&ldquo; ihn ins Gras setzte. Der sagte wieder
+nichts, aber so klug war das Kasperle schon, um zu
+wissen, was die Prügel bedeutet hatten. Ganz verdattert
+blieb er still im Grase sitzen, und weil die Gänse
+alle müde und hungrig waren, dachten sie nicht ans
+Fortlaufen. Es ging darum ganz friedlich am Bächlein
+zu. Kasperle streckte sich lang aus, er hielt seinen
+Stock kerzengerade in die Luft und nahm sich vor, er
+würde bald weiter in die Welt hineinlaufen.
+
+</p><p>In Protzendorf hatten sich die Leute von dem
+putzigen Gänsejungen des Bauern Strohkopf erzählt,
+und zwei Buben waren blitzneugierig, den zu sehen.
+Die beiden hießen August, und weil des einen Vater
+der Windmüller und der des andern der Wassermüller
+war, wurden beide im Dorf nur Windgustel und Wassergustel
+genannt. Unnütz waren alle beide, und gute
+<!-- page 043 -->
+Freunde waren sie auch. Ihre Väter zankten sich
+manchmal, der eine schalt auf den Wind, der andere
+auf das Wasser, aber Windgustel und Wassergustel
+machten alle ihre Dummheiten zusammen. An diesem
+Pfingstsonnabend nun gingen sie Kasperle suchen. Vielleicht
+wußte der Späße und Dummheiten, die sie noch
+nicht kannten.
+
+</p><p>Sie fanden Strohkopfs neuen Gänsejungen im
+Grase liegen, und als sie ihn anriefen, tat er erst, als
+höre er sie nicht, aber Windgustel und Wassergustel
+wußten schon, wie man einen Buben zum Reden bringt.
+Sie zogen ihn an seinen Beinen auf dem Rasen entlang;
+da sprang Kasperle auf mitten in seine Gänse
+hinein.
+
+</p><p>Himmel, erschraken die! Sie dachten: Nun geht
+das Rundumgelaufe wieder los. Doch statt dessen gab
+es ein lautes Gelächter. Windgustel und Wassergustel
+fanden nämlich das herumspringende Kasperle höchst
+komisch, und Windgustel dachte gleich: Uje, könnte ich
+doch so feine Gesichter schneiden!
+
+</p><p>Am Lachen merkte Kasperle, daß die beiden nicht
+als Feinde gekommen waren, und blitzschnell verwandelte
+sich sein böses Gesicht in ein sehr vergnügtes. Nach
+zwei Minuten waren die drei die allerbesten Kameraden,
+obgleich die beiden Dorfbuben dachten, einen so sonderbaren
+Jungen hätten sie noch nie gesehen. Was konnte
+der für Grimassen machen, wie Arme und Beine
+verrenken! Da mußte einer schon wirklich ein solcher
+<!-- page 044 -->
+Sauertopf sein wie &bdquo;Damian ohne Maul&ldquo;, um nicht
+zu lachen, doch Windgustel und Wassergustel waren
+keine Sauertöpfe, die lachten, beinahe barsten sie auseinander.
+Und nachher schimpften sie. Kasperle erzählte
+ihnen nämlich von dem Schäfer, und da sagten die
+beiden Unnützlinge, das sei von dem grob gewesen,
+und das mit den Gänsen sei fein. &bdquo;Mach&rsquo;s noch mal!&ldquo;
+bat Windgustel.
+
+</p><p>&bdquo;Erst nachsehen, wo der Damian ist,&ldquo; rief Wassergustel.
+Er sprang auf, sah nach und kam nach einem
+Weilchen grinsend zurück und verkündete den Kameraden:
+&bdquo;Er schläft.&ldquo;
+
+</p><p>Das war schon ein rechtes Glück für die Gänse.
+Kasperle wollte nämlich gern dem schlafenden Damian
+einen Streich spielen, und alle drei ließen die Gänse,
+wo sie bleiben wollten, und schlichen sich zum Schäfer.
+Der lag nun wirklich unter einem großen Feldbirnbaum
+und schlief, und ein Stückchen weiter weideten die Schafe,
+von Flick, dem treuen Hund, bewacht.
+
+</p><p>Die drei Freunde standen vor Damian, schauten
+ihn an und überlegten, was sie ihm wohl antun könnten.
+
+</p><p>&bdquo;Einen Frosch aufs Gesicht setzen,&ldquo; schlug Windgustel
+vor.
+
+</p><p>&bdquo;Ihm die Knöpfe abschneiden,&ldquo; sagte Wassergustel.
+
+</p><p>Kasperle aber sah den kleinen Abhang hinter dem
+Birnbaum; da konnte sich einer verstecken, und er dachte:
+Ich schlage Purzelbaum über ihn weg, gerade über
+seinen Bauch. Kasperles Äuglein glitzerten vor lauter
+<!-- page 045 -->
+Schelmerei, er wollte gerade den Kameraden sagen,
+was er, vorhatte, als plötzlich Flick laut bellte. Der sah
+es wohl: die drei, die da neben seinem Herrn standen,
+hatten nichts Gutes im Sinn.
+
+</p><p>Hui, da bekamen die drei Schelme aber Beine!
+Rutsch, sausten sie den Abhang hinab, weg waren sie!
+und als &bdquo;Damian ohne Maul&ldquo; erwachte, sah er sich
+erstaunt um. Warum hatte denn sein treuer Flick so
+laut und warnend gebellt? Umsonst tat Flick doch so
+etwas nicht! Vielleicht galt es gar dem Gänsejungen,
+dem schlimmen Strick. Der Schäfer stand auf und ging
+nachschauen, und da fand er alle drei Buben ganz still
+und einmütig am Bachrand sitzen. Kasperle hatte seine
+Rute in der Hand wie ein richtiger Gänsejunge. Die
+Gänse selbst aber weideten still auf dem Rasen. Es sah
+alles sehr friedlich aus, und Damian kehrte wieder um.
+
+</p><p>An diesem Abend trieb Kasperle seine Gänse heim,
+als hätte er schon immer Gänse gehütet, und der Großknecht
+Florian, der ihn kommen sah, dachte: Na, vielleicht
+wird&rsquo;s mit ihm! Nur &mdash; sein Gesicht ist gar zu
+unnütz. Und dann sah er, wie sein Bruder Damian
+den Kopf schüttelte, und das war immer ein schlimmes
+Zeichen.
+
+</p><p>Windgustel und Wassergustel hatten Kasperle versprochen,
+sie wollten ihm morgen am Feiertag das ganze
+Dorf zeigen, jeden Winkel darin, denn sie dachten: Bauer
+Strohkopf läßt doch sicher am Feiertag seine Gänse im
+Stall. Aber Florian trieb Kasperle wieder in aller
+<!-- page 046 -->
+Herrgottsfrühe aus dem Bett. Er dachte: Ein Gänsejunge,
+der einen Tag im Dienst ist, der braucht keinen
+Feiertag; Feiertagskuchen ist genug.
+
+</p><p>Als Kasperle noch halb verschlafen auf den Hof
+stolperte, hielt dort schon Damian mit der Herde. Dem
+taten die Schafe leid; warum sollten die um den schönen
+Frühlingstag kommen? Also zogen beide wieder einträchtig
+hinaus, und am Bächlein hob Damian drohend
+den Stock; da hob auch Kasperle flugs den seinen
+empor und machte genau so ein drohendes Gesicht wie
+der Schäfer. Das war dem doch zu toll. So ein
+Frechling, der ihn noch verhöhnen wollte! Er sprang
+auf Kasperle zu, der nicht faul, wutschte ihm zwischen
+den langen Beinen durch, und plumps! lag &bdquo;Damian
+ohne Maul&ldquo;, so lang er war, im Bächlein. Das spritzte
+hoch auf, die Gänse flohen vor Schreck, und Flick kam
+eiligst herbei, um zu sehen, was eigentlich seinem Herrn
+geschehen war. Kasperle aber trieb seine Gänse, so
+schnell er konnte, ein Stücklein abwärts. Er rannte,
+die armen Watschelchens mußten auch rennen, bis er
+an einen leeren Schuppen kam. Dahinein trieb er die
+Gänse, pflockte die Türe von außen fest zu, und dann
+lief er selbst einmal wieder in die weite Welt hinein.
+Gänsejunge sein hatte er satt.
+
+</p><p>Doch &bdquo;Damian ohne Maul&ldquo; war rasch hinter dem
+Ausreißer her. Er sah von weitem, wie Kasperle die
+Gänse versteckte. Da machte er noch längere Schritte,
+und Kasperle hörte ihn kommen und merkte wohl, er
+<!-- page 047 -->
+mochte flink Purzelbaum schlagen, mochte sich rollen
+und kugeln, Damian erwischte ihn doch. Er sprang eine
+Böschung hinauf, oben ging die Landstraße entlang.
+Vielleicht gelang ihm da die Flucht. Aber Damian
+kam näher und näher, doch da zur rechten Zeit rollte
+ein schöner Wagen heran. Vier Pferde waren davor
+gespannt, neben dem Kutscher saß ein stattlicher Diener,
+und Kasperle besann sich nicht lange, er sprang, so rasch
+er konnte, hinten auf dem Wagen auf. Da gab es
+freilich nur einen schmalen Sitz, aber besser war es
+schon so, als dem Damian in die Hände zu fallen.
+
+</p><p>Der Schäfer schrie laut dem Wagen nach, er rannte
+auch noch ein Stück hinterdrein, aber niemand hörte
+auf ihn. Eine Biegung kam, &mdash; weg waren Wagen
+und Kasperle, und Damian kehrte zornig zu seinen
+Schafen zurück. Die mußten nun mit den Gänsen
+zusammen weiden. Mittags ging&rsquo;s heim, und auf
+dem Hofe rief &bdquo;Damian ohne Maul&ldquo; zornig: &bdquo;Ausgerissen!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Wer? Ein Schaf?&ldquo; fragte der Bauer, der das
+gerade hörte.
+
+</p><p>&bdquo;Nein!&ldquo; Damian schüttelte den Kopf. &bdquo;Kasper!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ausgerissen? Mein neuer Gänsejunge?&ldquo; Der
+Bauer riß die Augen weit auf. Wie war denn so
+etwas möglich? Bei ihm riß doch sonst niemand aus!
+&bdquo;Warum denn?&ldquo; fragte er. &bdquo;Erzähl&rsquo; doch!&ldquo;
+
+</p><p>Zum Feiertag auch noch eine Geschichte erzählen
+müssen, das war zuviel für Damian. Er schüttelte den
+<!-- page 048 -->
+Kopf und tippte an seine Stirne; das sollte heißen,
+bei Kasperle sei es nicht richtig. Dann ging er und
+legte sich in sein Bett und verschlief den schönen Pfingstnachmittag.
+
+</p><p>Windgustel und Wassergustel aber erhoben ein
+großes Geschrei, als sie von dem Verschwinden ihres
+neuen Freundes hörten. Sie redeten laut, nur Damian
+sei daran schuld, und klagten, wie der den armen Kasper
+gehauen habe; das Rundumjagen der Gänse verschwiegen
+sie. Der Bauer Strohkopf wurde bitterböse auf den
+Schäfer, und bis zum dritten Feiertag sagten alle im
+Dorf, &bdquo;Damian ohne Maul&ldquo; habe den armen kleinen
+Waisenjungen gar so schlecht behandelt. Nur Florian
+sagte es nicht.
+
+</p><p>Doch am dritten Feiertag, den man in Protzendorf
+noch recht behaglich feierte, geschah etwas Seltsames.
+Es kam ein Mann mit einem grünen Wäglein
+angefahren, der stellte geschäftig mitten auf dem Dorfplatz
+ein Kasperletheater auf, aber eins, das sich sehen
+lassen konnte. Auf dem größten Jahrmarkt hätte es
+sein Besitzer zeigen können, so schön war es. Die
+Puppen waren ziemlich groß und sehr prächtig angezogen;
+am allerbesten gefiel aber allen das Kasperle.
+Wie der anfing, seine Späße zu machen, staunten alle;
+auch die Erwachsenen kamen hinzu, und auf einmal rief
+da der Bauer Strohkopf: &bdquo;Das ist ja mein Gänsejunge!&ldquo;
+
+<span class="centerpic" id="img-color048"><img src="images/color048.jpg" alt="Illustration color048" /></span>
+</p>
+<p class="caption">Vorstellung in Protzendorf
+
+</p><p>Potzwetter ja! Jetzt sahen es die andern alle:
+<!-- page 049 -->
+das war Kasper, der Gänsejunge; genau so hatte er
+ausgesehen, wenn er abends am Tisch seine Gesichter
+schnitt.
+
+</p><p>Da kletterte der Räuberhauptmann im Kasperletheater
+empor, und nun schrien Windgustel und Wassergustel:
+&bdquo;Das ist er auch!&ldquo; Genau so bitterböse hatte
+Kasperle dreingesehen, als er am Wasser gelegen hatte.
+Es war zu sonderbar, alle Puppen glichen etwas dem
+Gänsejungen. Die Zuschauer umdrängten immer aufgeregter
+die kleine Bude, und der Kasperlemann hörte
+hinten den Lärm. Er kam heraus und fragte, was geschehen
+sei, und da erfuhr er die Geschichte von der
+wunderlichen Ähnlichkeit. Der dicke Bauer Strohkopf
+erzählte von dem ausgerissenen Gänsejungen.
+
+</p><p>Hei, da spitzte der Kasperlemann seine Ohren!
+&bdquo;Er ist&rsquo;s, er ist&rsquo;s!&ldquo; schrie er laut. &bdquo;Den muß ich fangen!
+Wohin ist er gelaufen? Schnell, schnell, sagt&rsquo;s!&ldquo; Der
+Kasperlemann packte &bdquo;Damian ohne Maul&ldquo; beim Jackenknopf.
+Da erhob der die Hand, zeigte nach Westen,
+brummelte &bdquo;Hm!&ldquo; und mehr war nicht aus ihm herauszubekommen.
+
+</p><p>Der dicke Bauer Strohkopf aber schrie: &bdquo;Ha, nun
+merk&rsquo; ich: Ausgerissen war der Strick! Wo stammt er
+denn her? Was hatte er denn ausgefressen?&ldquo;
+
+</p><p>Da erzählte der Kasperlemann den staunenden
+Protzendorfern die Geschichte von Kasperle, der so viele,
+viele Jahre im Schrank geschlafen habe, und wie ihn
+Meister Friedolin wiedergefunden. Er selbst, sagte er,
+<!-- page 050 -->
+kenne den Namen des Meisters Friedolin schon lange;
+der sei unter den Puppenspielern im Lande weit und
+breit berühmt. Vor einiger Zeit nun habe er neue
+Puppen gebraucht, und als er die gekauft, sei ihm aufgefallen,
+daß diese noch viel, viel besser gewesen seien
+als früher. Da habe er gedacht, er sollte doch einmal
+diesen geschickten Meister Friedolin aufsuchen. Und
+weil er jetzt gerade in der Nähe gewesen sei, habe er
+gestern im Waldhäuschen vorgesprochen. Alle darin
+seien sehr traurig gewesen, und auf sein Befragen habe
+ihm Meister Friedolin von dem wiedergefundenen und
+verlorenen Kasperle erzählt. Der liefe nun in fremden
+Hosen und fremder Jacke in der weiten Welt herum,
+und er selbst habe sich vorgenommen, den Ausreißer zu
+suchen und dem Meister zurückzubringen, denn dahin
+gehöre er.
+
+</p><p>&bdquo;Ist recht,&ldquo; schrie der Bauer Strohkopf. &bdquo;Sucht
+ihn nur, und nachher muß ihn mir der Meister Friedolin
+manchmal borgen. Hähä, hähä! So hab&rsquo; ich in
+meinem Leben nicht gelacht wie über den schnurrigen
+Kauz!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Na ja, er ist doch auch ein richtiges Kasperle!&ldquo; sagte
+der Puppenspieler. &bdquo;Der versteht das Kaspern schon!&ldquo;
+
+</p><p>Und der war ihr Freund gewesen! Windgustel
+und Wassergustel sahen sich an. Ein bißchen gruselig
+war ihnen eigentlich die Geschichte, aber dann erklärten
+sie doch beide: &bdquo;Wir helfen suchen, wir ziehen mit dem
+Kasperlemann.&ldquo;
+<!-- page 051 -->
+
+</p><p>Schwapp! bekam Windgustel von seinem Vater
+einen Katzenkopf, und Wassergustels Mutter stieß ihren
+Buben an: &bdquo;Biste närrisch? Du bleibst zu Hause und
+gehst in die Schule.&ldquo;
+
+</p><p>Der Windmüller sagte das gar nicht, aber sein
+Bube merkte schon, was er dachte. Also blieben die
+beiden daheim, der Kasperlemann aber packte sein Krämchen
+zusammen und zog davon, um Kasperle zu suchen.
+Der Bauer Strohkopf rief ihm noch nach: &bdquo;Ich geb&rsquo;
+&rsquo;n Taler fürs Finden.&ldquo; Dem tat es doch bitter leid,
+daß Kasperle nicht mehr am Tisch seine Späße machte.
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-6"><span style="font-size:small">Sechstes Kapitel</span> <br /><br />Kasperle im Schloß
+</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">K</span>asperle fuhr inzwischen sehr vergnügt durch das
+Land. Der lustige Sitz gefiel ihm gut, und je schneller
+es ging, desto froher wurde er. Da konnte ihn Meister
+Friedolin nicht so leicht finden und vor allem nicht
+Damian. Vor dem schweigsamen Schäfer hatte er
+nämlich arg viel Angst. Wenn Leute dem Wagen begegneten,
+dann nickte und winkte Kasperle, und die
+Leute nickten und winkten wieder, und der Herr Graf,
+der im Wagen saß, nickte auch freundlich, und er wunderte
+sich, daß die Leute immer so lachten. Kinder
+liefen wohl immer noch ein Stückchen hinterdrein, weil
+<!-- page 052 -->
+der lustige kleine Kerl, der da hinten aufsaß, ihnen gar
+so gut gefiel.
+
+</p><p>Dorf reihte sich an Dorf, immer weiter ging die
+Fahrt. Einmal fuhr der Wagen auch durch den Wald.
+Da rauschten die Bäume und die Vögel sangen. Kasperle
+sah in der Ferne ein kleines Haus liegen, und er dachte
+an das Waldhäuschen und an Liebetraut. Aber so
+schnell ihm der Gedanke kam, so schnell lief er ihm
+auch wieder davon. Es kam nämlich jemand angegangen,
+mit seinen kleinen Mauseohren hörte Kasperle die
+Schritte. Der da kam, war ein sehr würdiger gelehrter
+Herr, der an diesem Pfingstsonntag in den einsamen
+Wald gegangen war, um über ein sehr gelehrtes Buch
+nachzudenken. Als er den Wagen kommen sah, blieb
+er stehen, und weil er ein höflicher Herr war, grüßte
+er höflich, und der Herr Graf dankte ebenso höflich
+und beugte sich dabei auch noch aus dem Wagen
+heraus. Und da sah er, wie der gelehrte Herr zurückwich
+und entsetzt die Hände hob, als erblicke er ein
+Gespenst.
+
+</p><p>Na, was war denn das? Der Graf wunderte sich
+ungemein, Kasperle aber zappelte vor Vergnügen auf
+seinem Sitz hin und her. Er hatte nämlich dem würdigen
+Herrn soeben eine lange Nase gezogen und dazu
+sein Räubergesicht gemacht. Da konnte einer schon erschrecken.
+
+</p><p>Der gelehrte Herr starrte auch noch eine Weile
+ganz verdattert dem Wagen nach. Er dachte: Dies
+<!-- page 053 -->
+war doch der Graf von Singerlingen! Was fällt denn
+dem ein, sich so einen Kobold auf seinen Wagen zu
+setzen! Unerhört so etwas!
+
+</p><p>Da war der Wald zu Ende, ein Dorf kam, und
+über dem stieg auf mäßiger Anhöhe ein helles Schloß
+empor. Von seinen Türmen flatterten Fahnen lustig
+im Winde, und die Fenster glitzerten und blinkten im
+Sonnenschein. Im Schloß war morgen Hochzeit; zu der
+fuhr der Graf. Es war schon mancher schöne Wagen
+an diesem Tage zum Schloß hinaufgerollt, und die Dorfkinder
+harrten darum alle an der Straße; sie waren
+neugierig, wer noch angefahren käme. Als der Wagen
+des Grafen von Singerlingen vorbeirollte, gab es plötzlich
+ein lautes Lachen auf der Dorfstraße, und schreiend
+und jauchzend stürmten alle Kinder hinterdrein. Die
+Pferde wurden fast scheu bei dem Gebrüll, und der
+Graf schüttelte in seinem Wagen immer mehr den Kopf.
+Das war doch sonderbar heute! Der Kutscher und der
+Diener ärgerten sich, aber alle drei merkten doch nichts
+von Kasperle, der hinten aufsaß.
+
+</p><p>Der Kutscher des Grafen dachte, als sie dem
+Schlosse immer näher und näher kamen: Vor einem
+Schloß muß man gut vorfahren. Er ließ darum erst
+die Pferde etwas langsam gehen, damit sie sich ausruhen
+konnten, dann zuletzt trieb er sie an. Sie fuhren
+im Trab vor dem Schlosse vor, ruck, da hielten sie.
+
+</p><p>An so etwas hatte Kasperle freilich nicht gedacht.
+Der hatte gemeint, das Gefahre ginge so weiter, und
+<!-- page 054 -->
+bei dem jähen Ruck verlor er darum das Gleichgewicht
+und sauste in weitem Bogen von seinem Sitz herab.
+
+</p><p>Vor dem Schloß stand Rosemarie, die Tochter des
+Schloßherrn, in einem rosenfarbenen Kleid. Die hatte
+dem Grafen von Singerlingen einen schönen Willkomm
+sagen sollen; sie schrie statt dessen aber laut: &bdquo;Da fällt
+ein Junge vom Wagen!&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle war mitten in ein schönes Blumenbeet
+hineingefallen. Da blieb er drin liegen, steif und starr,
+und rührte sich nicht. Der Graf von Singerlingen aber
+rief erstaunt: &bdquo;Wo ist denn der hergekommen?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Vom Wagen ist er gefallen,&ldquo; sagte das kleine
+Rosenmädchen. &bdquo;Ach, und nun ist er tot!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Der hat hinten aufgesessen; so was machen Jungens
+schon,&ldquo; brummelte der alte Diener des Grafen. &bdquo;Darum
+haben die Leute auch so über uns gelacht. Und tot ist
+er sicher nicht.&ldquo;
+
+</p><p>Nein, tot war Kasperle nicht, aber etwas verdöst,
+und als ihn zwei Diener aufhoben, machte er ein so
+schrecklich dummes Gesicht, daß alle um ihn herum
+lachten.
+
+</p><p>Der Graf, dem das Schloß gehörte, seine Frau,
+die Gäste, alle kamen und staunten das dumme, dumme
+Kasperle an. Der Graf von Singerlingen aber betrachtete
+ihn durch sein Augenglas und sagte immerzu:
+&bdquo;Komisch, sehr komisch!&ldquo;
+
+</p><p>Wo er herkäme, wollte der Schloßherr wissen.
+Kasperle kniff die Augen zusammen, machte ein sehr
+<!-- page 055 -->
+betrübtes Gesicht und erzählte genau wie dem dicken
+Bauer, daß er ein armes verlassenes Waisenbüble sei
+und in die weite Welt hinaus wolle.
+
+</p><p>O du Schelm! dachte der alte Diener, dem das
+Kasperle nicht geheuer vorkam. Er hätte auch gern
+seinen Herrn vor dem Kleinen gewarnt, aber dem Grafen
+ging es wie dem dicken Bauer Strohkopf, ihm gefiel
+das Kasperle ungemein. Er bat darum die Schloßfrau,
+sie möchte den Kleinen aufnehmen bis zu seiner Heimfahrt.
+Das sagte ihm die Gräfin zu, bei sich dachte
+sie freilich: Wo er schlafen soll, weiß ich nicht. Es
+waren so viele Gäste im Schloß, um die Hochzeit der
+ältesten Grafentochter mitzufeiern, und in einer Stunde
+sollte auch noch ein richtiger Herzog kommen. Da war
+jeder Winkel besetzt, und in der ganzen Nachbarschaft
+hatte die Gräfin Betten borgen müssen. Sie sagte
+aber zu einem Diener, er solle den Kleinen zur Hausverwalterin
+führen, die würde schon für ihn sorgen.
+
+</p><p>Die wird sich über den Knirps freuen! dachte der
+Diener. Er nahm Kasperle am Arm und führte ihn
+etwas unwirsch in die große Vorküche, in der gerade
+Frau Emma, die Hausverwalterin, die Kuchen ansah,
+die aus der Backstube gekommen waren.
+
+</p><p>Fein, hier gefällt&rsquo;s mir! dachte Kasperle und
+schnupperte vergnügt herum. Wie die Kuchen gut
+rochen! Ja, so ein Schloß war noch besser als ein
+Bauernhaus. Doch Frau Emma sagte nicht: &bdquo;Fein!&ldquo;
+und nicht: &bdquo;Der gefällt mir,&ldquo; als sie Kasperle sah,
+<!-- page 056 -->
+sondern sie rief sehr geärgert: &bdquo;Was soll ich mit dem
+Popanz? So einen Jungen habe ich überhaupt noch
+nicht gesehen. Weg mit ihm, den kann ich hier nicht
+gebrauchen! Er mag meinetwegen helfen Kartoffeln
+schälen.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Mag ich nicht,&ldquo; rief Kasperle, aber da wurde
+Frau Emma gleich sehr böse, und sie befahl zornig:
+&bdquo;Er soll Kartoffeln schälen!&ldquo;
+
+</p><p>Und schwups! nahm eine Magd Kasperle und
+zerrte ihn in einen Nebenraum hinein. Dort saßen drei
+junge Dirnen, zu denen sagte sie: &bdquo;Da ist einer, der
+soll euch helfen.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Der uns helfen?&ldquo; Die drei kicherten laut, und
+dann nahm eine eine riesenweite Küchenschürze, band
+die Kasperle um, die zweite reichte ihm eine Schüssel,
+die dritte gab ihm ein Messer in die Hand, und alle
+drei riefen: &bdquo;Nun hilf uns!&ldquo;
+
+</p><p>Ei, da waren sie aber an einen flotten Helfer geraten!
+Potztausend, das ging! Schnippel schnappel,
+schnippel schnappel! Hierhin flog ein Stück Kartoffel,
+dahin eins; Kasperle hatte gleich die ganze Kartoffel
+zerschnitten. Und dann wickelte er sich die Küchenschürze
+um die Beine, warf Schüssel und Messer auf die Erde
+und schrie: &bdquo;Ich hab&rsquo; Hunger!&ldquo;
+
+</p><p>Die Mägde lachten. Aber dann liefen gleich zwei,
+um etwas für das Kasperle zu holen, die dritte aber
+streichelte ihn und fragte, woher er käme. Und dann
+schmauste Kasperle und erzählte, und zuletzt schnitt er
+<!-- page 057 -->
+Gesichter. So etwas hatten die drei Mägde noch nie
+gesehen.
+
+</p><p>Als Frau Emma nach einem Weilchen in die Nähe
+der Türe kam, lauschte sie ärgerlich. So ein Gelächter!
+Zornig tat sie die Türe auf. Da saßen die drei Mägde,
+lachten und lachten, und Kasperle kasperte auf dem
+Küchentisch herum. Die Kartoffeln aber waren alle
+ungeschält. Frau Emma verstand keinen Spaß. Sie
+fuhr drein wie ein Hagelwetter, und die Mägde duckten
+erschrocken die Köpfe. Das Kasperle aber trieb die
+Frau aus dem Raum. &bdquo;Geh, hilf Geschirr waschen!&ldquo;
+herrschte sie ihn an. &bdquo;Da hinein!&ldquo; Sie schob den
+Kleinen in einen großen Raum, in dem gewaschen und
+geputzt wurde.
+
+</p><p>Hier führte die Herrschaft die alte Liesetrine, und
+die machte gleich ein schiefes Gesicht, als sie den kleinen
+Helfer sah. &bdquo;So einen Dreikäsehoch kann ich nicht
+brauchen,&ldquo; schrie sie. &bdquo;Raus mit ihm, raus! Der schlägt
+mir nur alles kaputt.&ldquo;
+
+</p><p>Na, dachte Kasperle gekränkt, versuchen kann sie
+es doch erst mit mir! Und er wollte zeigen, wie geschickt
+er sei. Er nahm also flink ein reines Tuch,
+von denen ein großer Stoß auf einem Tisch lag, dann
+wollte er von einem Gestell einen Teller nehmen, um
+ihn säuberlich zu putzen. Er hatte oft gesehen, wie
+Liebetraut das machte. Da schrie die alte Liesetrine:
+&bdquo;Halt, halt, vergreif&rsquo; dich nicht dadran! Die Teller &mdash;&ldquo;
+Klirr, da sausten sämtliche Teller von oben herab, noch
+<!-- page 058 -->
+ehe Liesetrine mit ihrer Warnung fertig war. Heisa,
+gab das eine Aufregung! Liesetrine klagte: &bdquo;Die allerbesten
+Teller sind es, die allerbesten!&ldquo; Ein paar Mägde
+schnatterten durcheinander, und da tat sich auch noch
+die Türe auf, und ein Diener streckte den Kopf herein
+und fing an über den Lärm zu schelten. Von der andern
+Seite guckte Frau Emma durch ein Schiebefensterchen
+und schalt auch.
+
+</p><p>In all dem Lärm entwischte Kasperle ganz heimlich.
+Husch, war er draußen! Er drückte sich an der
+Wand entlang und geriet in einen halbhellen, kühlen
+Gang. Hier verhallte der Lärm etwas, und Kasperle
+sah, daß vier Türen auf den Gang mündeten. Jede
+hatte ein kleines Fensterchen, und Kasperle konnte gerade,
+auf den Zehen stehend, hindurchsehen. Ei potztausend,
+war das fein, was er da erblickte! Er sah in
+die Speisekammern des Schlosses hinein, in denen die
+leckersten Dinge standen. Dem kleinen Schelm lief das
+Wasser im Munde zusammen; er merkte jetzt erst, wie
+hungrig er war. Er klinkte an einer Türe, an der
+andern, an der dritten, &mdash; sie waren alle verschlossen;
+die vierte aber ging auf, die hatte Frau Emma in der
+Eile dieses Tages nicht zugeschlossen. Und gerade in
+dieser Kammer standen die süßen Speisen: Fruchtschalen,
+Kuchen und Torten.
+
+</p><p>Kasperle besann sich nicht lange. Er fing an zu
+schlecken und zu lecken. Wie das schmeckte! Viel, viel
+besser, dachte er, als das Käsebrot beim Bauer Strohkopf.
+<!-- page 059 -->
+In einer Ecke stand ein ganzer Kübel Schlagsahne.
+Kasperle wußte erst nicht, was dieser weiße
+Schaum war, und weil er im Waldhäuschen einmal
+neugierig an Seifenschaum geleckt hatte, dachte er, es
+könnte wohl etwas Ähnliches sein. Aber naschhaft, wie
+er war, steckte er doch sein Fingerlein hinein und versuchte.
+Das war fein. Er schleckte den Finger ab,
+tauchte wieder ein, steckte die ganze Hand hinein, und
+weil der Kübel etwas hoch stand, kletterte er schließlich
+auf den Rand, um besser lecken zu können.
+
+</p><p>Da sagte auf einmal draußen jemand: &bdquo;Was ist
+denn das? Hier steht ja eine Türe auf!&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle erschrak mächtig. Er wollte sich flink in
+eine Ecke flüchten, doch dabei verlor er das Gleichgewicht,
+und gerade als Frau Emma in die Speisekammer
+trat, plumpste Kasperle in die Schlagsahne
+hinein. Die spritzte hoch auf, und Frau Emma, die
+nur etwas zappeln und krabbeln sah, hielt Kasperle
+für eine Katze, sie stürzte schreiend aus der Speisekammer
+und rief um Hilfe.
+
+</p><p>Da war Kasperle geschwinder wieder aus dem
+Kübel heraus, als er hineingekommen war, und er
+wutschte flink aus der Kammer. Doch Frau Emma
+sah ihn, und merkte auch, daß das zweibeinige Ding
+keine Katze sein konnte; sie wollte ihn greifen, aber
+Kasperle, der von oben bis unten voll Schlagsahne war,
+entglitschte ihren Händen. Türen gingen auf, Menschen
+kamen, und Kasperle sah einen großen steinernen Pfeiler;
+<!-- page 060 -->
+hinter den rutschte er. Von da aus hörte er Frau
+Emma klagen, Mägde und Diener schelten, und plötzlich
+riefen alle: &bdquo;Es fahren wieder Gäste vor.&ldquo;
+
+</p><p>Da rannten alle weg, und Kasperle kroch aus
+seinem Versteck heraus. Satt war er, nun hätte er
+gern geschlafen, aber er wagte nicht, jemand zu fragen,
+wo denn das Kämmerlein sei, das er bekommen sollte.
+Beim Umschauen entdeckte er eine schmale Treppe, die
+nach oben führte. Ei, vielleicht war es dort stiller, und
+er fand wohl ein Plätzchen zum Ausruhen. Oben geriet
+er in einen kleinen Flur, auf dem mündeten viele Türen.
+Der kleine Schelm schlich etwas an der Wand entlang,
+so recht gemütlich war es ihm nicht. Der schmale Flur
+lief in einen breiten hinein, da war wieder Tür an
+Tür; alle waren sie weiß und hatten goldene Verzierungen,
+ganz prächtig sah es aus. Eine dieser Türen
+stand ein Ritzchen auf, und das neugierige Kasperle
+konnte nicht widerstehen, es steckte seine Nase hindurch.
+Das war aber ein feines Zimmer, in das er blickte!
+Selbst die Wände waren mit Seide bekleidet, und
+an der einen Wand stand ein breites goldenes Bett.
+Kein Mensch war im Zimmer, und das Bett lockte
+Kasperle arg. In dem mußte es sich doch sicherlich
+gut schlafen.
+
+</p><p>Sachte schlüpfte er ins Zimmer, und eins, zwei,
+drei war er in dem schönen Bett. Das war ganz von
+Seide, und Kasperle rollte sich wie ein Igel drin herum.
+Ei, da lag sich&rsquo;s besser als in Bauer Strohkopfs
+<!-- page 061 -->
+Kammer! Doch freilich, in Protzendorf hatte ihn bis
+zum Morgen niemand gestört, aber hier! &mdash; Kasperle
+richtete sich erschrocken auf, viele Stimmen erklangen
+draußen, und er bekam Angst. Mit einem Satz war
+er aus dem Bette heraus, strich es schnell ein wenig
+glatt und kroch dann flink darunter.
+
+</p><p>Es war aber auch die höchste Zeit, denn gleich
+darauf tat sich die Türe auf, und ein älterer Herr,
+gefolgt von einigen Dienern, trat ein. Die redeten
+miteinander allerlei, was Kasperle nicht recht verstand,
+und dann trat der Herr an das Bett heran und sagte
+seufzend: &bdquo;Ich bin heute sehr müde; ich wollte, der
+Tag wäre erst zu Ende!&ldquo; Bei diesen Worten strich er
+etwas über die seidenen Kissen, weil er sich wunderte,
+daß diese nicht so ganz gerade lagen. &bdquo;Was ist denn
+das?&ldquo; rief er auf einmal erstaunt. Der Herzog, denn
+das war der ältere Herr, zog verdutzt seine Hand zurück.
+Er betrachtete sie, schüttelte den Kopf, strich wieder über
+das Bett und rief dann entrüstet: &bdquo;Friedrich, in &mdash;
+meinem Bett ist &mdash; Schlagsahne!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Schlaaagsahne!&ldquo; Friedrich riß den Mund vor
+Erstaunen weit auf und kam eilfertig herbei. Er strich
+auch über das Bett, leckte ein bißchen am Finger und
+rief verdutzt: &bdquo;Schlagsahne!&ldquo; Und dann lief er zur
+Klingel, läutete heftig, und es dauerte nur ein paar
+Augenblicke, da kam ein Kammerdiener daher. Der
+verbeugte sich dreimal und fragte dreimal, was der
+Herzog wünsche.
+<!-- page 062 -->
+
+</p><p>Da deutete dieser auf das Bett und sagte: &bdquo;Was
+ist das? Drüberstreichen!&ldquo;
+
+</p><p>Der Kammerdiener strich erstaunt über das Bett,
+wich dann erschrocken zurück und strich noch einmal darüber,
+leckte auch ein wenig am Finger und rief ebenfalls:
+&bdquo;Schlaaagsahne!&ldquo; Und dann rannte er, holte den Haushofmeister
+herbei, der Graf kam selbst, und alle standen
+sie um das Bett herum und riefen: &bdquo;Schlagsahne!&ldquo;
+
+</p><p>Der Herzog schüttelte immerzu den Kopf, so erstaunt
+war er über die seltsame Geschichte. Und bei
+diesem Kopfgeschüttele sah er auch einmal in den großen
+Spiegel, der dem Bett gerade gegenüberhing. Darin
+sah er das ganze Bett und &mdash; der Herzog schrie plötzlich
+laut auf und sank in einen Stuhl. &bdquo;Da, da, da!&ldquo;
+rief er zitternd und deutete unter das Bett und auf
+den Spiegel, denn in dem hatte er Kasperle erblickt,
+der neugierig seine große Nase etwas weit vorgestreckt
+hatte.
+
+</p><p>&bdquo;Es steckt jemand unter dem Bett,&ldquo; rief der Haushofmeister
+zuerst. Da krochen auch schon zwei Diener
+hinunter, und das Kasperle konnte sich noch so klein
+machen, es wurde doch erwischt; an den Beinen zogen
+es beide hervor, und beide riefen entrüstet: &bdquo;Er klebt
+ganz und gar, er ist auch voller Schlagsahne.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ah!&ldquo; sagte der Herzog verwundert, als das Kasperle
+vor ihm stand. Nach der Nase hatte er nämlich gedacht,
+ein großer, ausgewachsener Räuber stecke unter
+dem Bett.
+<!-- page 063 -->
+
+</p><p>&bdquo;Ah!&ldquo; rief auch der Graf zornig. &bdquo;Das ist der,
+den mein Herr Vetter von Singerlingen mitgebracht
+hat, und der bis jetzt nichts wie Dummheiten gemacht
+hat. Haue muß er kriegen!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Jawohl und eingesperrt werden!&ldquo; sagte der Haushofmeister,
+und der Herzog nickte dazu. Nur weil er
+gerade sehr müde war, flüsterte er: &bdquo;Aber erst morgen
+hauen.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ja, morgen soll er Haue bekommen, jetzt wird er
+in den Keller gesperrt,&ldquo; rief der Graf streng.
+
+</p><p>Die Sache stand schlimm für das Kasperle, arg
+schlimm. Es war wohl am besten, er bettelte gleich
+recht eindringlich um Gnade, vielleicht verzieh ihm der
+Herzog doch. Und es war gut, daß er glitschig war,
+da gelang es ihm, einen Augenblick den Händen der
+Diener zu entwischen. Er tat einen Riesensprung auf
+den Herzog zu und kreischte mit weinerlicher Stimme:
+&bdquo;Bitte, bitte, bitte!&ldquo;
+
+</p><p>Doch der Herzog war ein etwas schreckhafter Herr.
+Er lehnte sich ängstlich weit, weit in seinen Stuhl zurück,
+und auf einmal purzelten Stuhl und Herzog
+hintenüber.
+
+</p><p>&bdquo;Um Himmels willen!&ldquo; Der Graf, der Haushofmeister,
+die Diener, alle griffen erschrocken zu, und da
+schoß das Kasperle plötzlich einen riesigen Purzelbaum
+über alle hinweg, und draußen war er. Die Türe flog
+dem einen Diener, der nacheilen wollte, so unsanft an
+den Kopf, daß er zurückwich. Aber dann lief er doch
+<!-- page 064 -->
+auf den Flur, der Kammerdiener folgte und schrie laut:
+&bdquo;Hilfe, Hilfe! Haltet ihn, haltet ihn!&ldquo;
+
+</p><p>Ja, wen sollten alle Diener halten, die angelaufen
+kamen? Von dem Kasperle war keine Spur zu sehen.
+Hatte denn den der Erdboden verschluckt? Er war
+spurlos verschwunden. Auf dem langen, langen Flur
+rannte kein Kasperle dahin, die Türen waren alle verschlossen,
+er hatte also auch in kein Zimmer schlüpfen
+können. Weg war der Schelm, ganz weg. Die Diener
+rannten die Flure entlang, die Treppen auf und ab,
+das ganze Schloß geriet in Aufregung, alle fingen an
+zu suchen, und die Gäste wußten gar nicht, was sie
+suchten. Und dann rief der Graf nach dem herzoglichen
+Leibarzt, weil er dachte, der Herr Herzog hätte sich
+vielerlei gebrochen, aber der hatte sich glücklicherweise
+gar nichts gebrochen, nur der Stuhl hatte seine Beine
+gebrochen. Doch seufzte und stöhnte der Herzog wirklich,
+als wäre er selbst entzweigegangen. Es war eine
+schreckliche Aufregung im ganzen Schloß. Schließlich
+aber sagte der Herzog, nun möchte er zu Mittag essen,
+er habe Hunger. Und da dachten alle: Gott sei Dank!
+Sie hatten nämlich alle Hunger, denn es war schon
+spät; um diese Zeit tranken andere Leute, die nicht
+gerade auf einem Schlosse wohnten, ihren Nachmittagskaffee.
+
+</p><p>Der Graf befahl noch, alle drei Nachtwächter, die
+er hatte, sollten überall suchen und sollten Kasperle
+gefangennehmen, wenn sie ihn kriegten. Und dann
+<!-- page 065 -->
+wurde zu Mittag gegessen. Das schmeckte allen sehr gut,
+und alle wurden wieder ganz vergnügt. Sie sagten
+aber doch alle, mit dem fremden Jungen, das sei sicher
+nicht mit rechten Dingen zugegangen.
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-7"><span style="font-size:small">Siebentes Kapitel</span> <br /><br />Rosemarie
+</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">R</span>ings um das Schloß wachten die Wächter, die
+großen Hunde umliefen es, Kasperle fanden sie aber
+doch nicht. Wo war der nur? Wie weggeblasen war
+er. Die Diener und Mägde durchsuchten wirklich das
+ganze Schloß, sie schauten sogar in verschlossene Kisten
+und Schränke hinein, &mdash; der unnütze Schelm war nicht
+zu finden.
+
+</p><p>Nur eine im ganzen Schloß wußte, wo das Kasperle
+steckte, Rosemarie. Die hatte am Fenster gestanden,
+als von unten herauf ein lautes Lärmen erklungen war.
+Da hatte sie erstaunt hinausgesehen und Kasperle erblickt,
+der wie eine reife Pflaume am Baum in dem
+Geäst des uralten Efeus hing, der die Schloßmauer
+bedeckte. &bdquo;Der fremde Junge!&ldquo; Rosemarie hatte es
+verwundert gerufen, und da purzelte Kasperle auch
+schon in ihr Zimmer, denn weiter konnte der nicht
+klettern. Er war ohnehin vor Angst und Eile schon
+ganz außer Atem.
+<!-- page 066 -->
+
+</p><p>Unten war das Rufen lauter und lauter geworden,
+und Kasperle war auf einmal zu Rosemaries größter
+Verwunderung unter das Sofa gekrochen. Von dort
+her jammerte er kläglich: &bdquo;Sie hängen mich auf!&ldquo;
+
+</p><p>Rosemarie hatte sehr viel Mitleid mit dem kleinen
+Schelm gehabt, sie hatte ihn vorgelockt und ihn in ihrer
+großen Puppenstube versteckt. Das war ein kleines
+Zimmer, in dem alles für Rosemaries Puppen eingerichtet
+war. In das Bett der größten Puppe ging
+Kasperle gerade noch hinein. Ein bißchen zusammenkrümmen
+mußte er sich freilich, wie ein Igel, aber Rosemarie
+sagte: &bdquo;Das schadet nichts, hier findet dich niemand.&ldquo;
+
+</p><p>Es war auch niemand im ganzen Schloß auf den
+Gedanken gekommen, in Rosemaries Puppenstube nachzusehen.
+Ihre Lehrerin dachte, sie hätte die ganze Zeit
+mit ihren Puppen gespielt, weil sie so still in der
+Stube gesessen hatte. Als Rosemarie hinausging, schloß
+sie sorgsam die Vorhänge am Puppenbett, und das
+Kasperle lag in dem weißen Mullbettchen, von himmelblauen
+Seidenvorhängen umgeben. Das Bettchen war
+fein und weich, nur für so einen kleinen strampeligen,
+unnützen Kasper zu zart und fein.
+
+</p><p>Der seufzte denn auch arg, als Rosemarie gegangen
+war. Am liebsten wäre er aufgestanden und hätte in
+der Puppenstube alles umgekramt; er hatte aber doch
+große Angst, man könnte ihn finden, darum blieb er
+still liegen.
+<!-- page 067 -->
+
+</p><p>Endlich kam Rosemarie wieder. Die hatte den
+Gästen gute Nacht sagen müssen und sollte nun selbst
+bald zu Bett gehen. Sie sollte sich ausschlafen, denn
+morgen war die Hochzeit; die wollte sie ganz und gar
+mitfeiern. Leise zog sie den Vorhang auseinander, begierig,
+ob der fremde Kasper wohl schlief.
+
+</p><p>Kasperle sah sie betrübt an, er seufzte kläglich und
+murmelte: &bdquo;Ich kann in dem Bett nicht liegen!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Du mußt aber drin bleiben,&ldquo; flüsterte Rosemarie
+ängstlich. &bdquo;Ach, Kasper,&ldquo; klagte sie, &bdquo;was hast du angerichtet!
+Der Herzog ist bitterböse, und es sind schon
+dreißig Landjäger gekommen, die sollen das Schloß
+bewachen, damit niemand hinaus kann. Und morgen
+früh soll noch einmal alles, alles abgesucht werden.
+Dann kommen sie gewiß auch hier herein, und wenn
+sie dich finden, wirst du ins Gefängnis gesteckt.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Brrrr!&ldquo; Kasperle schüttelte sich, dazu war er doch
+nicht in die weite Welt gelaufen, um eingesteckt zu
+werden. &bdquo;Ich fliehe,&ldquo; brummte er.
+
+</p><p>&bdquo;Dann fassen dich die Hunde oder fangen dich die
+Landjäger.&ldquo; Rosemarie seufzte bekümmert. Auf einmal
+aber hellte sich ihr Gesichtchen auf. &bdquo;Ich weiß was,&ldquo;
+sagte sie. &bdquo;Ich gebe dir den Turmschlüssel. Gleich
+neben dem Turm geht es hinaus, und vielleicht ist
+gerade da kein Landjäger. Komm, jetzt sitzen alle beim
+Essen, da zeige ich dir flink den Weg.&ldquo; Sie packte
+fürsorglich noch ein Stück Torte ein, das sie selbst hätte
+essen sollen, und steckte es Kasperle zu, und dann lief
+<!-- page 068 -->
+sie ganz, ganz leise voran. Kasperle folgte ihr, die
+Schuhe in der Hand. Rosemarie stieg eine schmale,
+schmale Treppe hinab, dann ging sie einen Gang entlang
+und öffnete am Ende eine Türe, und beide betraten
+ein rundes Gemach. Ein Tisch stand in der Mitte,
+Stühle darum, es war noch so hell, daß Kasperle alles
+sehen konnte. Aus dem runden Zimmer führte ein
+schmales Treppchen abwärts, und Rosemarie belehrte
+Kasperle, dort müsse er hinabsteigen, die Tür unten
+aufriegeln, dann sei er am Parkende und komme vielleicht
+hinaus. Wie sie das sagte, erfaßte sie ein tiefes
+Mitleid mit dem armen fremden Jungen. Sie fand,
+er hätte doch gar nichts Schlimmes getan. &bdquo;Du armer
+Kasper!&ldquo; flüsterte sie, und über ihr liebliches Gesicht
+liefen helle Tränen.
+
+</p><p>In diesem Augenblick kam sich das Kasperle selbst
+sehr, sehr arm und verlassen vor, und er fing an ganz
+erschrecklich zu heulen. Rosemarie hielt ihm rasch mit
+beiden Händchen den Mund zu, denn Kasperle hatte
+eine Stimme, die selbst durch eine dicke Turmmauer hindurchschallte.
+Er schwieg dann aber auch gleich und sah
+Rosemarie erschrocken an; doch als die sagte: &bdquo;Nun
+muß ich gehen,&ldquo; da purzelten dem Kasperle wieder die
+Tränen wie ein Bächlein aus den Augen. Er war
+jedoch still, versprach auch, er wolle fein brav alles
+befolgen, was Rosemarie ihm geraten hatte, und dann
+hielt er ein Weilchen die feine, kleine Hand des Grafenkindes
+fest.
+<!-- page 069 -->
+
+</p><p>Ach, wie himmelgern wäre er jetzt hiergeblieben in
+dem schönen Schloß und wäre Rosemaries Spielkamerad
+geworden! Er legte den Kopf auf die Seite und schielte
+Rosemarie traurig an. Da sagte die plötzlich: &bdquo;Weißt
+du, wie du aussiehst? Wie &mdash; wie meine Kasperlepuppe.&ldquo;
+Und ganz jäh begann sie sich ein wenig vor dem fremden
+häßlichen Jungen zu fürchten, und sie sagte rasch: &bdquo;Ich
+muß gehen.&ldquo; Sie nickte Kasperle noch einmal zu und
+glitt dann leise aus dem Zimmer. Kasperle hörte sie
+zuschließen, dann war er allein.
+
+</p><p>Er blieb noch ein paar Minuten still sitzen, weinte
+bitterlich und vergaß darüber Rosemaries gute Lehren.
+Statt sachte das Trepplein hinabzusteigen und unten die
+Turmtüre aufzuschließen, wollte er erst einmal durch das
+Fenster hinausschauen. Er öffnete das kleine Fensterchen,
+das klirrte und knarrte arg, und dann streckte Kasperle
+den Kopf hinaus und sah sich um. Ach, war das eine
+schöne frische Luft draußen! Kasperle schaute in die
+Höhe und schaute nach rechts und nach links, und dann
+schaute er auch hinab.
+
+</p><p>&bdquo;Wauwau, wuwuwu!&ldquo; ging es plötzlich unten los;
+ein großer Hund stand da und bellte zu Kasperle hinauf.
+&bdquo;Wauwau, wuwuwu!&ldquo; Ganz drohend klang seine
+Stimme.
+
+</p><p>Kasperle wollte schnell den Kopf zurückziehen. Doch
+so schnell ging das nicht, das Fensterchen war eng und
+Kasperles Kopf dick, und ehe der wieder drin war,
+tauchte draußen ein Landjäger im Gebüsch auf.
+<!-- page 070 -->
+
+</p><p>Gab das ein Hallo! &bdquo;Er steckt im Turm!&ldquo; schrie
+der Mann. Und dann drohte er hinauf: &bdquo;Nu, warte
+du, dich fange ich!&ldquo; Er maß schnell das kleine Fenster
+mit seinem Blick, nein, da konnte selbst ein kleiner Junge
+nicht hindurchkriechen. Und weil er zu dem Pförtlein
+unten keinen Schlüssel hatte und auch wußte, daß dies
+immer verschlossen war, lief er eilig in das Schloß hinein,
+seinem Hund aber rief er zu: &bdquo;Sultan, paß auf!&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle hörte ihn davonlaufen, und er besann sich
+einen Augenblick, was zu tun sei. Dann nahm er flink
+Rosemaries Kuchen vom Tisch, rannte blitzschnell das
+Treppchen hinab und schloß unten auf. &bdquo;Wauwauwau!&ldquo;
+bellte ihn Sultan zornig an. Das Kasperle aber nicht
+faul, warf dem Hund geschwinde den Kuchen in den
+Rachen. Rrrabsch! Sultan vergaß das Bellen. So
+ein feiner Kuchen flog ihm nicht oft ins Maul. Er
+schleckte und schluckte, und da hatte Kasperle auch schon
+die kleine Türe erreicht. Sie knarrte und quietschte,
+da war sie schon auf, aber inzwischen hatte auch Sultan
+seinen Kuchen verschluckt, und er besann sich auf seine
+Wächterpflicht. Doch Kasperle war flinker draußen als
+er am Türchen. Das schlug ihm vor der Nase zu, und
+draußen kollerte Kasperle vor lauter Eile den Schloßberg
+hinab in einen kleinen Bach hinein. Das Wasser
+spritzte hoch auf, dem Bächlein gefiel dies Hineingeplumse
+gar nicht.
+
+</p><p>Oben auf dem Schloß wurde der Lärm lauter und
+lauter. Jetzt bellte nicht Sultan allein, auch die andern
+<!-- page 071 -->
+Hunde fingen an zu bellen, Stimmen wurden laut, Rufe
+ertönten, und Kasperle begann vor Angst zu zittern.
+Er rannte in seiner Furcht eine Weile in dem Bach
+weiter, bis er an ein Gebüsch kam; da schlüpfte er hinein.
+Er kroch hindurch und sah vor sich eine weite Wiese
+liegen, dahinter stand dunkel der Bergwald. Dort konnte
+er sich vielleicht verstecken. Aber statt über die Wiese
+zu laufen, fing Kasperle an Purzelbaum zu schlagen.
+Das ging so geschwinde, wie Tauwasser einen Berg
+hinabrennt. Da war der Wald, und Kasperle tauchte
+in seinen dunklen Schatten unter.
+
+</p><p>Es war aber auch die höchste Zeit. Auf dem
+Schloß hatten sie den Turm leer gefunden, und die
+Landjäger schlugen einen gewaltigen Lärm. Den hörten
+der Graf und seine Gäste, und als der Herzog vernahm,
+daß Kasperle gesehen worden war, verlangte er,
+man solle ihn eilig verfolgen. Er war noch immer bitterböse
+auf den kleinen Kerl. Dem, der ihn finden würde,
+versprach er eine hohe Belohnung.
+
+</p><p>Da rannte alles, was Beine hatte, um Kasperle
+zu suchen. Man fand auch bald, wo er ausgerissen war,
+denn Sultan stand und bellte die kleine Mauerpforte
+immerzu wütend an. &bdquo;Den haben wir bald,&ldquo; sagte der
+Landjäger, &bdquo;Sultan findet ihn schon.&ldquo;
+
+</p><p>Doch Sultan fand ihn nicht. Der stand plötzlich
+am Bach still, schnupperte und schnupperte, aber das
+Wasser hatte Kasperles Fährte hinweggespült. Wo war
+das Kasperle?
+<!-- page 072 -->
+
+</p><p>Landjäger, Hunde, Mägde, Diener, alles rannte
+im Schloß umher, um das Schloß herum, Kasperle
+fanden sie nicht. &bdquo;Er ist noch im Schloß,&ldquo; sagten die
+einen, &bdquo;nein, er ist entwischt,&ldquo; behaupteten die Landjäger;
+&bdquo;man muß im Walde suchen.&ldquo; Die Mägde
+meinten, Kasperle sei ein Gespenst, ein Kobold; aber
+die Hausverwalterin sagte, ein Gespenst schlecke nicht
+so viel Schlagsahne. Und sie sah zehnmal in den Speisekammern
+nach, sie dachte, Kasperle hätte sich gewiß
+darin versteckt.
+
+</p><p>Kasperle kletterte unterdessen den hohen Waldberg
+empor, der steil in die Höhe stieg. Der Wald war
+hier so dicht, daß sich ein kleiner Schelm schon darin
+verstecken konnte. Aber vor den Landjägern und den
+Hunden hatte Kasperle doch eine jämmerliche Angst.
+Darum rannte er, so schnell er konnte. Und das war
+nicht immer leicht. Dürre Äste, knorrige Wurzeln, auch
+einmal ein umgestürzter Stamm erschwerten das Fortkommen
+sehr. Kasperles Nase war zuletzt ganz zerschunden,
+so oft hatte er sich daran gestoßen. Und je
+höher es hinaufging, desto schlechter wurde der Weg.
+Steingeröll bedeckte den Boden, und ein Menschenbube
+wäre wohl nicht so schnell in die Höhe gelangt. Aber
+Kasperle stieg und stieg immer höher, bis auf einmal
+vor ihm eine grüne Bergwiese lag.
+
+</p><p>Es war Abend geworden, und am dunkelblauen
+Himmel stand schon ganz blaß und fein der Mond.
+Auch ein Sternlein glitzerte, aber Kasperle sah es gar
+<!-- page 073 -->
+nicht. Der sank müde am Waldrand nieder. Er kniff
+die Augen zu, und da schlief er auch schon. Und die
+großen Waldbäume hatten Mitleid mit dem armen, verirrten
+kleinen Kerl. Sie, die immer nach oben schauen,
+zum Himmel empor, haben gütige, fromme Gedanken,
+sie haben Mitleid mit den Kleinen, die sich quälen
+müssen auf der Erde. Und der kleine Kerl, der da so
+müde und abgehetzt unter ihnen schlief, tat ihnen leid.
+Sie rauschten ihm ein schönes, feierliches Schlummerlied,
+erzählten ihm Geschichten, und Kasperle schlief auf
+dem weichen Waldboden besser als der Herzog im seidenen
+Bett. Er hörte nicht, wie weiter unten im Wald
+die Hunde bellten und die Landjäger mit Hussageschrei
+den Flüchtling suchten. Bis zur Bergwiese stieg keiner
+hinauf, denn der Weg war so steil und beschwerlich,
+daß niemand dachte, Kasperle könnte denselben gegangen
+sein.
+
+</p><p>Kasperle schlief noch süß und fest, da kehrten die
+Landjäger schon in das Schloß zurück, und sie sagten
+nun auch: &bdquo;Der hat sich im Schloß versteckt.&ldquo; Und sie
+bewachten das Schloß weiter, und die Hausverwalterin
+hütete ihre Speisekammer. Und doch fehlte darin am
+nächsten Tag ein großes Stück Torte. Sie sagte: &bdquo;Das
+war der Junge,&ldquo; und die Mägde sagten es auch. Berta
+und Dörte aber, die beiden jüngsten, die leckten sich
+heimlich den Mund ab, sie hatten nämlich die Torte
+gegessen. Sie schrien aber am lautesten, der fremde
+Junge sei es gewesen.
+<!-- page 074 -->
+
+</p><p>Der Herzog wurde vor Ärger, und weil er so furchtbar
+erschrocken war, am Tag nach der Hochzeit krank.
+Vielleicht hatte er auch zu viel Kuchen gegessen, wer
+kann das wissen! Und der Graf rief immerzu: &bdquo;Schafft
+mir nur den Jungen her, damit ihn der Herzog bestrafen
+kann! Der Herzog soll sich doch in meinem Schlosse
+nicht krank ärgern.&ldquo;
+
+</p><p>Der kleinen Rosemarie war das Herzchen bitter
+schwer. Die hätte gern ihren Eltern alles gestanden,
+aber sie wagte es nicht. Sie fürchtete, der Herzog
+könnte dann auch so bitterböse auf sie werden, und sie
+wußte doch, sie konnte nicht einmal sagen: &bdquo;Es tut mir
+leid.&ldquo; Dazu freute sie sich viel zu sehr über Kasperles
+Rettung. Aber sie ließ tief betrübt ihr Näslein hängen
+und ging still und blaß einher, und ihre Mutter begann
+sich recht um sie zu sorgen. Der Herzog krank, Rosemarie
+krank, es war gar nicht gemütlich im Schloß in
+diesen Tagen. Der gute Graf von Singerlingen dachte:
+Das muß ein bißchen lustiger werden, ich muß mir
+etwas Vergnügliches ausdenken. Und als er hörte, unten
+in dem winzigen Städtchen, das am Fuße des Schloßberges
+lag, sei ein Puppenspieler angekommen, schickte
+er hinab, der Puppenmann möchte heraufkommen.
+
+</p><p>&bdquo;Ich habe eine Überraschung,&ldquo; sagte der Graf von
+Singerlingen bei Tisch. Und dann erzählte er von dem
+Puppenspieler.
+
+</p><p>Der Herzog, der etwas verdrießlich am Tisch saß,
+mußte lachen. &bdquo;Das ist freilich eine schnurrige Überraschung
+<!-- page 075 -->
+für große Leute,&ldquo; sagte er. &bdquo;Doch der Mann
+mag kommen, auch ein Puppenspiel kann lustig sein.&ldquo;
+
+</p><p>So gab es am Nachmittag eine Vorstellung im
+Schloß. Der Kasperlemann aus dem Städtchen kam
+herauf, er stellte seine kleine Bühne auf, und dann
+streckte Kasperle seine große Nase heraus und &mdash; ja,
+was er sagen wollte, das hörten die Zuschauer gar
+nicht, alle riefen: &bdquo;Der fremde Junge! Genau so sah
+er aus.&ldquo;
+
+</p><p>Kasper ist&rsquo;s! dachte auch Rosemarie erschrocken, und
+ganz jäh begann sie bitterlich zu weinen. Sie schluchzte
+so herzbrechend, daß der Kasperlemann seine Reden
+und der Herzog seinen Ärger vergaß. Der fragte milde
+nach Rosemaries Kummer, und da bekannte die Kleine
+alles, und sie war froh, es sagen zu können, zu sehr
+hatte das Geheimnis ihr Herz bedrückt.
+
+</p><p>&bdquo;O Rosemarie,&ldquo; rief die Gräfin ganz erschrocken,
+&bdquo;warum hast du geholfen und den schlimmen Jungen
+ausreißen lassen!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Mit Verlaub,&ldquo; redete da der Kasperlemann hinter
+seiner Bühne hervor, &bdquo;das ist gar kein Junge, das ist
+ein Kasperle, ein lebendiges Kasperle.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Potzwetter noch einmal!&ldquo; Der Herzog sah den
+Kasperlemann ganz grimmig an und rief: &bdquo;Was redet
+Er da für Unsinn? Ein lebendiges Kasperle, so etwas
+habe ich in meinem Leben noch nicht gehört!&ldquo;
+
+</p><p>Der Kasperlemann aber kam geschwind näher und
+verbeugte sich immerzu ganz tief. Er stippte mit der
+<!-- page 076 -->
+Nase beinahe auf dem Boden auf, bis der Herzog endlich
+rief: &bdquo;Genug, genug, jetzt will ich wissen, was das mit
+dem Kasperle für eine Geschichte ist.&ldquo;
+
+</p><p>Da erzählte der Puppenspieler vom Waldhaus und
+von Protzendorf und daß er Kasperle fangen wolle,
+und wenn er, wer weiß wie weit ziehen müßte.
+
+</p><p>War das eine sonderbare Geschichte! Der Herzog
+ließ sie sich dreimal erzählen, und dann mußte der
+Puppenspieler auch noch heilig versichern, alles sei bestimmt
+wahr. Ein Kasper also war der fremde Junge
+gewesen.
+
+</p><p>Die kleine Rosemarie dachte daran, wie sie im Turm
+sich vor ihm gefürchtet hatte, und daß sie sich jetzt nicht
+mehr fürchten würde; er war ja nur ein Kasperle. Und
+ihr kleines Herz brach fast vor Mitleid, als sie jetzt
+den Herzog sagen hörte: &bdquo;Der muß gefangen werden!
+So einen seltsamen Kauz will ich besitzen. Wer ihn
+fängt, der soll eine hohe Belohnung haben. Mit dem
+Puppenschnitzer im Waldhaus werde ich schon einig
+werden; der muß mir das Kasperle überlassen. Schnell,
+schnell, es sollen zehn Landjäger mit Hunden ausreiten,
+und es soll überall nachgeforscht werden! Das Kasperle
+will ich haben.&ldquo;
+
+</p><p>Und der Puppenspieler vergaß, daß er dem Meister
+Friedolin versprochen hatte, er, nur er allein solle
+Kasperle bekommen. Die hohe Belohnung verlockte
+ihn, und er gelobte dem Herzog, ihm das Kasperle zu
+bringen, wenn &mdash; er es erst hätte.
+<!-- page 077 -->
+
+</p><p>Der Herzog aber sagte, er würde Kasperle in einen
+goldenen Käfig stecken, er dürfe ihm nicht mehr ausreißen,
+&mdash; wenn er ihn erst hätte. Und die Landjäger
+sprengten davon. Unten im Städtchen erzählte es einer
+dem andern: &bdquo;Wer das richtige Kasperle findet, der
+bekommt viel, viel Geld.&ldquo; Manche Leute rannten da
+gleich flink in die weite Welt hinein, um Kasperle zu
+suchen; die dachten gar, der sitze nun wohl mitten
+auf der Landstraße und lasse sich fangen wie ein
+Schmetterling.
+
+</p><p>Die kleine Rosemarie aber lag in ihrem Bett und
+weinte bitterlich. Als ihre Mutter noch einmal zu ihr
+kam, da war das Kopfkissen der Kleinen naß von den
+vielen Tränen. Und Rosemarie klagte der Mutter, wie
+leid ihr das arme verfolgte Kasperle tue, das in einen
+Käfig gesetzt werden solle. Die Mutter tröstete linde,
+noch sei Kasperle ja nicht gefangen. &bdquo;Vielleicht findet
+er noch heim in das Waldhaus; mir scheint, das ist
+seine beste Heimat,&ldquo; sagte sie.
+
+</p><p>&bdquo;Ich will beten, daß Kasperle heimfindet,&ldquo; flüsterte
+Rosemarie und faltete fromm ihre Hände. Und dann
+schlief sie ein und träumte: Kasperle saß in einem
+goldenen Käfig, und da kam ein Vogel, sang und sang,
+und plötzlich war um den Käfig herum der grüne Wald,
+und Kasperle spazierte vergnügt hinein. Er nickte ihr
+noch fröhlich zu, und dann war er verschwunden. Auf
+einmal aber kam der Herzog gelaufen und die Landjäger
+und viele, viele Leute, und alle riefen: &bdquo;Wo ist Kasperle?&ldquo;
+<!-- page 078 -->
+Da fing die kleine Rosemarie an zu lachen, sie lachte
+und lachte und wachte schließlich von ihrem eigenen
+Lachen fröhlich auf. Vielleicht wird Kasperle wirklich
+nicht gefangen, dachte sie getröstet.
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-8"><span style="font-size:small">Achtes Kapitel</span> <br /><br />Ein neues Heimathaus
+</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">A</span>uf der Bergwiese lag das Kasperle und schlief.
+Der kleine Schelm hörte kein Hundegebell, kein Hussageschrei,
+nichts; in die einsame Höhe drang kein Laut
+von unten herauf. Und als Kasperle endlich erwachte,
+da lag die ganze Wiese im Sonnenglanz, und viele feine,
+zarte, bunte Blüten waren aufgeblüht. Wie ein grünseidenes
+Festgewand, mit Edelsteinen bestickt, breitete sich
+die Wiese vor dem Kasperle aus. Das rieb sich staunend
+die Augen. Wie wunderschön war es hier! Im Halbkreis
+umschloß der hohe Tannenwald die Wiese, und
+über ihr stiegen steile Bergspitzen himmelan. Darüber
+glänzte der Himmel tiefblau, und ein feines Summen
+und Schwirren erfüllte die Luft. Bienen, Käfer, Fliegen
+und bunte Falter flogen von Blüte zu Blüte, und hoch
+in der Luft kreiste ein Vogel. Ein Adler war es, doch
+das wußte Kasperle nicht, sonst hätte er sich wohl vor
+dem König der Vögel gefürchtet. Kasperle schaute und
+schaute, er vergaß darüber seine Not, bis auf einmal
+<!-- page 079 -->
+sein Mäglein mit einem lauten Gerumpel mahnte: &bdquo;Frühstückszeit
+ist lang vorbei!&ldquo;
+
+</p><p>Ja, Frühstück, woher das nehmen? Kasperle fuhr
+in seine Taschen, die waren leer, und es half ihm nichts,
+daß er an die gefüllten Speisekammern im Schloß dachte,
+und an den Kuchen, den Sultan gefressen hatte. Und
+Beeren, mit denen er wenigstens ein kleines Loch im
+Magen hätte ausfüllen können, gab es auch nicht. Vom
+Blumenduft aber kann kein Kasperle satt werden.
+
+</p><p>Er erhob sich also und beschloß weiterzuwandern.
+Über die Berge hinüber, dachte er; bis dahin würden
+sie ihm doch vom Schloß aus nicht nachkommen. Wie
+hoch die Berge waren, ahnte er gar nicht. Er begann
+tapfer zu laufen, überquerte die schöne Blumenwiese,
+und dann ging das Klettern los. Wohl eine Stunde
+mochte er gestiegen sein, als er einen schmalen Pfad
+sah, der am Berge dahinlief. Dem Weg war freilich
+anzusehen, daß er nicht oft begangen wurde; ein Weg
+führt aber meist zu einem Ziel, und Kasperle rannte,
+so schnell er konnte, den Pfad entlang. Sein Hunger
+war inzwischen riesengroß geworden, und auf einmal
+meinte er, er könne nicht weiter; er setzte sich auf einen
+Stein und begann bitterlich vor Herzeleid und Hunger
+zu weinen.
+
+</p><p>Da ertönte plötzlich ein feines Klingen, es schwoll
+an, wurde stärker und stärker, und das Kasperle dachte:
+So klang es doch immer Sonntags im Waldhaus,
+wenn sie in Schönau zur Kirche läuteten! Heisa, da
+<!-- page 080 -->
+mußte eine Kirche in der Nähe sein! Und wo eine
+Kirche war, wohnten Menschen. Da rannte Kasperle
+auch den Glockentönen nach. Er brauchte nicht weit
+zu gehen, nur um einen Felsen herum, da sah er schon
+tiefer unten ein Dorf liegen. Um ein große, weiße
+Kirche scharten sich die Häuser; friedsam und behaglich
+sah das aus. Aus jedem Schornstein aber stieg lustig
+ein feines Rauchwölkchen zum Himmel empor. Da
+merkte Kasperle, es war Mittagszeit, und die Glocke
+läutete diese ein. Sie rief und lockte, und Kasperle
+wäre am liebsten kopfüber den Berg hinabgekugelt, um
+da unten mitzuschmausen. Er blieb aber doch still auf
+dem Berge sitzen, weil er sich fürchtete, unter die
+Menschen zu gehen. Wenn nur nicht der schreckliche
+Hunger gewesen wäre! Kasperle bog sich ganz zusammen,
+so hungrig war er, und weinend sah er auf
+das Dorf hinab. Ach, die hatten es unten alle gut!
+Die waren nicht so mutterseelenallein und verlassen wie
+das arme Kasperle!
+
+</p><p>Von dem Dorf stieg just um diese Zeit ein Mann
+zu den hohen Bergen empor. Es war dies Herr Habermus,
+der Schullehrer. Der wollte auf der schönen
+Bergwiese, über die Kasperle vorher gelaufen war,
+Blumen suchen. Dort wuchsen seltene Heilkräuter, und
+Herr Habermus war ein kräuterkundiger Mann. In
+das einsame Dorf, das den Namen Waldrast führte,
+kamen wenig Menschen, und wenn Krankheit herrschte,
+war es mühsam und beschwerlich, einen Arzt herbeizuholen.
+<!-- page 081 -->
+Da gingen dann die Dörfler lieber zu ihrem
+Schullehrer; der half ihnen mit seinen Kräutertränklein,
+so gut es ging. An diesem schönen, hellen Tag
+nun gedachte Herr Habermus seine grüne Botanisierbüchse
+voll Kräuter zu füllen und fand dafür das
+weinende Kasperle. &bdquo;Jemine,&ldquo; schrie er, als er den
+Kleinen erblickte, &bdquo;was ist denn das?&ldquo; Er dachte wirklich,
+es sei ein Berggeistlein oder so etwas, obgleich
+er eigentlich nicht an solche Dinge glaubte. Aber das
+Kasperle kam ihm doch zu sonderbar vor, auch war
+dieser Bergpfad gar kein Weg, auf dem sonst Fremde
+daherkamen. &bdquo;Heda!&ldquo; rief er und packte das weinende
+Kasperle. &bdquo;Wo kommst du denn her? Wo willst du
+hin? Warum weinst du denn?&ldquo;
+
+</p><p>Drei Fragen auf einmal, das war ein bißchen viel.
+Kasperle sagte schluchzend wieder sein Sprüchlein her,
+er sei ein armes verlassenes Waisenbüble und wolle
+in die weite Welt gehen.
+
+</p><p>Herr Habermus hatte ein gutes, mitleidiges Herz,
+dem tat Kasperle gleich ungemein leid. &bdquo;Nun, nun,&ldquo;
+sagte er, &bdquo;da mußt du nicht so schrecklich weinen; in
+der weiten Welt wird schon noch Platz für so ein
+Büble sein!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ich hab&rsquo; doch Hunger!&ldquo; schrie Kasperle so laut
+und kläglich, daß Herr Habermus gleich ganz erschrocken
+seine grüne Büchse um und umdrehte. Die hatte ihm
+seine liebe Frau mit Butterbroten und Pfingstkuchen
+wohl gefüllt, und der Schullehrer drückte Kasperle
+<!-- page 082 -->
+Brot und Kuchen in die Hände und wollte gerade ermahnen:
+&bdquo;Iß!&ldquo; da &mdash; schrippschrapp! hatte Kasperle
+schon beides in seinen großen Mund gesteckt. Schluck,
+schluck, hinunter war es!
+
+</p><p>&bdquo;Potzwetter,&ldquo; schrie Herr Habermus, &bdquo;du kannst
+das Essen gut!&ldquo; Er füllte wieder Kasperles Hände,
+und wieder schluckte der eins, zwei, drei! alles hinab.
+Es wird nicht reichen, dachte Herr Habermus bekümmert.
+Aber es reichte. Kasperle wurde plumpsatt, und der
+Schullehrer sagte: &bdquo;Nun erzähl&rsquo; mir mal, wo du eigentlich
+herkommst.&ldquo;
+
+</p><p>Das war eine schwere Sache. Kasperle erzählte
+verlegen von Protzendorf, er klagte Damian und Florian
+bitter an, und der gute Herr Habermus dachte, der
+kleine Schelm sei wer weiß wie lange dort Gänsehirt
+gewesen. &bdquo;Bist du denn auch ordentlich dabei in die
+Schule gegangen?&ldquo; fragte er mitleidig.
+
+</p><p>&bdquo;In die Schule?&ldquo; Kasperle riß seinen Mund vor
+Erstaunen noch weiter auf als zuvor aus Hunger.
+Denn daß er, ein Kasperle, jemals in eine Schule gehen
+sollte, daran hatte er nie gedacht. &bdquo;Nä!&ldquo; rief er und
+schüttelte immerzu den Kopf. &bdquo;In die Schule, &mdash; nä!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Nanu, bist du überhaupt noch nicht in eine Schule
+gegangen?&ldquo; fragte Herr Habermus ordentlich entsetzt.
+
+</p><p>&bdquo;Nä, nie!&ldquo; Das ganze Kasperle wackelte nun hin
+und her, und Herr Habermus schüttelte auch den Kopf;
+das war doch wirklich eine schlimme Geschichte! Hier
+mußte geholfen werden, der Bube mußte in die Schule
+<!-- page 083 -->
+gehen. Ei, das wäre noch etwas, ein Büble in der
+weiten Welt herumlaufen zu lassen, immer an der
+Schule vorbei! &bdquo;Das geht nicht,&ldquo; rief er; &bdquo;mein Sohn,
+du mußt in die Schule gehen!&ldquo;
+
+</p><p>Hätte der gute Herr Habermus gerufen: &bdquo;Kasperle,
+ich muß dir die Ohren abschneiden,&ldquo; dann hätte es den
+nicht mehr erschrecken können. Im Waldhaus hatte
+Meister Friedolin manchmal gedroht: &bdquo;Na warte, ich
+schicke dich noch in die Schule!&ldquo; Und Windgustel und
+Wassergustel, seine Freunde in Protzendorf, hatten
+ihm gesagt, an der Schule seien nur die Ferien gut.
+Und Kasperle glaubte dies den beiden Faulpelzen mehr
+als Herrn Habermus, der jetzt sagte: &bdquo;Ei, ein rechter
+Junge muß in die Schule gehen und muß sich darauf
+freuen, denn in einer Schule ist es wunderschön!&ldquo; Und
+dann legte Herr Habermus den Finger an die Nase;
+er dachte nach, wie dem Kasperle zu helfen sei. Und
+als er eine Weile nachgedacht hatte, sagte er: &bdquo;Mein
+Sohn, ich nehme dich mit nach Waldrast. Wir haben
+nur zwei Kinder, also ist Platz im Schulhause. Du
+kannst der Frau in der Küche helfen und mir beim
+Kräutersuchen; doch wenn ich Schule halte, spazierst
+du hinein. Du sollst etwas Ordentliches lernen. So,
+nun marsch, jetzt gehen wir nach Hause! Das Kräutersuchen
+lasse ich heute sein. Na, meine Frau wird Augen
+machen, wenn sie den Gast sieht, den ich mitbringe!&ldquo;
+
+</p><p>Dem Kasperle war es zumute, als hätte ihn ein
+Wirbelsturm rundum gedreht. Auf einmal sollte er,
+<!-- page 084 -->
+das richtige, echte Kasperle, in eine Schule gehen! Wie
+würde denn das sein? Ganz verwirrt ging er hinter
+dem Schullehrer her, der auf einem schmalen Zickzackweg
+ins Tal hinabstieg. So kamen sie beide am Dorf
+an, und gleich am ersten Haus unter einer großen
+Tanne saßen etliche Buben und Mädel. Die staunten
+über den seltsamen Buben, der da mit hängendem Kopf
+hinter ihrem Schullehrer hertrabte. Flink liefen sie
+nach, um sich das Kasperle genauer anzusehen. Dies
+Angeschaue verdroß Kasperle, er drehte sich auf einmal
+blitzschnell um und machte sein Räuberhauptmanngesicht.
+
+</p><p>&bdquo;Huhuhu!&ldquo; Die Mädel kreischten laut, die Buben
+lachten, Herr Habermus aber drehte sich ärgerlich um.
+&bdquo;Was soll denn der Lärm?&ldquo; fragte er.
+
+</p><p>&bdquo;Der da macht so &rsquo;n komisches Gesicht!&ldquo; Lauter
+kleine Zeigefinger streckten sich aus und deuteten auf
+Kasperle.
+
+</p><p>Doch da wurde Herr Habermus ernstlich böse.
+&bdquo;Schämt euch!&ldquo; rief er. &bdquo;Was kann der arme Junge
+für seine große Nase! Ein armes Waisenkind ist&rsquo;s,
+dem es arg schlecht gegangen ist in der Welt. Komm
+nur, Kasper, morgen in der Schule werden sie sich schon
+mit dir vertragen!&ldquo; Und Herr Habermus stapfte wieder
+voran und das Kasperle hinterher.
+
+</p><p>Nach drei Schritten drehte der sich um und schnitt
+sein allerdümmstes Kasperlegesicht. Die Kinder kreischten
+laut vor Vergnügen, und der Schullehrer drehte sich
+<!-- page 085 -->
+wieder um. &bdquo;Aber Kinder,&ldquo; mahnte er strenge, &bdquo;was soll
+der Lärm!&ldquo;
+
+</p><p>Und wieder streckten sich lauter kleine Zeigefinger
+aus, und wieder ertönte es im Chor: &bdquo;Der da macht
+so &rsquo;n komisches Gesicht!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Kasper!&ldquo; Herr Habermus sah seinen kleinen Schützling
+fragend an, doch der sah so unschuldig drein, als
+könne er kein Wässerlein trüben. &bdquo;Dumm, dumm!&ldquo;
+brummte der Schullehrer und ging weiter, denn das
+Schulhaus lag ganz am andern Ende des Dorfes. Trapp,
+trapp folgte Kasperle ihm. Da kam eine Schar Gänse
+angewatschelt, und flugs schnitt Kasperle auch denen
+sein Räubergesicht. Gab das ein Geschnatter und Geschrei!
+Die Gänse wuselten erschrocken durcheinander,
+die Kinder lachten, und Herr Habermus drehte sich
+wieder ärgerlich um. Da sah er wieder das Kasperle
+mit gesenktem Kopf ganz bescheiden hinter sich gehen,
+und er schalt auf Kinder und Gänse. &bdquo;Geht heim,&ldquo;
+gebot er den Kindern, &bdquo;laßt mir den Kasper in Frieden!&ldquo;
+Dann nahm er selbst Kasperle an der Hand und führte
+ihn seinem Hause zu, denn so ganz traute er dem
+Schelm doch nicht.
+
+</p><p>Die Frau Schullehrer sah arg erstaunt drein, als
+ihr Mann so bald schon und mit einem so sonderbaren
+Kerl zurückkehrte. &bdquo;Jemine,&ldquo; rief sie, &bdquo;was bringst du
+da für einen Popanz mit? Der sieht ja aus wie &rsquo;n
+Kasperle aus &rsquo;ner Jahrmarktsbude!&ldquo;
+
+</p><p>Herr Habermus war sehr gekränkt. Er erklärte
+<!-- page 086 -->
+seiner lieben Frau, wie er Kasperle gefunden habe,
+und der Schlingel stand trübselig dabei und machte ein
+so unschuldiges Gesicht, daß er der Frau, die von
+heiterer Güte war, bitter leid tat. Sie nahm den
+Kleinen freundlich an der Hand und führte ihn in das
+Haus hinein.
+
+</p><p>Drinnen gab es freilich Geschrei und arg böse
+Blicke bei Kasperles Anblick. Für das Geschrei sorgten
+Lenchen und Lorchen Habermus, die drei- und vierjährig
+und noch ein bißchen dumm waren. Sie hörten
+freilich bald wieder auf zu schreien, als Kasperle ein
+lustiges Gesicht aufsetzte, ja sie jauchzten ihm vergnügt
+zu. In das laute Gelächter stimmte nur die Base
+Mummeline nicht ein; sie war es, die das arg böse
+Gesicht machte. Wie eine Gewitterwolke sah sie drein.
+Ihr paßte nicht der Gast im Hause, der unnütze Esser,
+und ihr gefiel das ganze Kasperle nicht. &bdquo;Wie ein
+Spatzenschreck sieht er aus,&ldquo; behauptete sie und sah
+den Kleinen scheel an.
+
+</p><p>Dem Kasperle gefiel die Base Mummeline auch
+recht wenig. Er merkte gleich, an der hatte er keine
+gute Freundin. Drum machte er blitzschnell, als ihn
+die Base beim Abendessen so unwirsch ansah, sein
+Räubergesicht. &bdquo;Hach,&ldquo; kreischte die Base, &bdquo;wie sieht
+der Bengel aus! Man muß sich fürchten.&ldquo;
+
+</p><p>Weil aber Kasperle, der Schelm, wohl aufgepaßt
+hatte, daß just niemand anders sein Räubergesicht sah,
+und er dann flink wieder ganz unschuldsvoll dreinblickte,
+<!-- page 087 -->
+schalt die Lehrerin: &bdquo;Aber Base, das Büble tat doch
+nichts! Sei nicht so ungut!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Hach!&ldquo; Die Base fiel fast vom Stuhl vor Schreck.
+&bdquo;Jetzt, jetzt hat er wieder so ausgeschaut,&ldquo; jammerte sie.
+&bdquo;O du meine Güte, mit dem gibt&rsquo;s noch ein Unglück!&ldquo;
+
+</p><p>Der gute Herr Habermus sah etwas bedenklich
+drein. Es fiel ihm ein, wie die Kinder gekreischt und
+gelacht hatten, als er mit Kasperle durch das Dorf gegangen
+war, er sah auch in Kasperles Augen den
+Schalk glitzern und funkeln, da dachte er: Ich muß
+wohl aufpassen. Und als die Base Mummeline mal
+wieder &bdquo;hach!&ldquo; und &bdquo;ach!&ldquo; schrie, sagte er streng: &bdquo;Nun
+ist&rsquo;s genug; Kasper geht ins Bett. Er soll sich heute
+ausschlafen; morgen fängt die Schule wieder an, da
+muß er tüchtig lernen. Und Dummheiten werden nicht
+gemacht,&ldquo; fügte er drohend hinzu.
+
+</p><p>Na, ich mache doch nie Dummheiten! dachte
+Kasperle betrübt, als er sich im Bette ausstreckte. Ich
+doch nicht! Und dann lauschte er und hörte, wie nach
+einem Weilchen die Base Mummeline in ihre Kammer
+ging. Die lag neben der seinen. Da stieg das Kasperle
+flink auf das Fensterbrett, nahm einen langen Stock,
+der in einer Ecke lehnte, und bums, bums schlug er an
+der Base Fenster. Die hatte gerade ihre Haube abtun
+wollen und fiel vor Schreck mitsamt ihrer Haube kopfüber
+in die Waschschüssel. Sie pustete und ächzte und
+meinte nicht anders, als ein Gespenst sei draußen vor
+ihrem Fenster. Doch plötzlich besann sie sich, nahm ihr
+<!-- page 088 -->
+Licht und rannte in Kasperles Kammer hinüber. Doch
+da lag das Kasperle im Federbett ganz still und friedlich
+und war anzuschauen, als schliefe es. Die Base
+Mummeline schüttelte den Kopf. Das war doch wohl
+ein Gespenst gewesen und nicht der fremde Bube. &bdquo;Hm,
+hm!&ldquo; brummelte sie und ging zur Türe hinaus, da aber
+drehte sie sich noch einmal um und &mdash; &bdquo;hach!&ldquo; kreischte
+die Base wieder und stolperte vor Eile über ihre Pantoffeln.
+Das Licht fiel ihr aus der Hand, sie rannte
+an ihre Türe an und fand nicht in die Kammer. Der
+Schullehrer und seine Frau kamen angerannt und fragten
+erschrocken, was der Lärm bedeuten solle. &bdquo;Da &mdash; da
+drin liegt ein Gespenst!&ldquo; jammerte die Base und zeigte
+nach Kasperles Kammer. &bdquo;Es ist ein Gespenst!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Unsinn!&ldquo; Herr Habermus tat die Türe auf und
+sah hinein. Da lag Kasperle fromm und friedlich im
+Bett und schlief, er schnarchte sogar ein wenig. &bdquo;Was
+die Base nur hat!&ldquo; brummte Herr Habermus ärgerlich
+und schloß sachte Kasperles Kammertüre. Ach, dessen
+bitterböses Räubergesicht hatte eben nur die Base
+Mummeline zu sehen bekommen, und die schlief die
+halbe Nacht nicht vor Grausen über den unheimlichen
+kleinen Gast.
+<!-- page 089 -->
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-9"><span style="font-size:small">Neuntes Kapitel</span> <br /><br />Kasperle in der Schule
+</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">A</span>m nächsten Tag ging Kasperle zum ersten Male
+in die Schule. Er war sehr brav aufgestanden, hatte
+still am Frühstückstisch gesessen, und selbst die Base
+Mummeline hatte gedacht: Er ist doch gar nicht so
+schlimm. Dann wanderte Kasperle an Herrn Habermus&rsquo;
+Hand hinüber in die Schulstube, und der Schullehrer
+sagte: &bdquo;Hier bringe ich euch einen neuen Mitschüler.&ldquo;
+
+</p><p>Ein wildes Geschrei erhob sich. Herr Habermus
+sah ganz verdutzt drein; so waren doch sonst seine Schulkinder
+nicht. Er sah die an, er sah Kasperle an; der
+stand ganz still mit einem sehr dummen Gesicht neben
+ihm. &bdquo;Aber stille doch!&ldquo; rief Herr Habermus. &bdquo;Kasper,
+sage nun einmal allen guten Tag.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Guten Tag!&ldquo; brüllte Kasperle sehr vernehmlich,
+und sofort erhob sich ein allgemeines jauchzendes Gelächter.
+Buben, Mädel, Kleine, Große, alle lachten
+sie, manche quiekten hoch wie kleine Schweinchen, manche
+brummten wie Bären dazwischen. Gar nicht aufhören
+konnten sie. Und Kasperle lachte mit. Der riß seinen
+Mund auf, als sollte eine Kutsche mit vier Pferden
+bespannt hineinfahren.
+<!-- page 090 -->
+
+</p><p>Herr Habermus stand ganz verdutzt da. Er wußte
+nicht recht, lachte Kasperle, weil die Kinder lachten,
+oder lachten die über Kasperle. &bdquo;Aber Kinder, Kinder!&ldquo;
+rief der Lehrer mahnend, der nicht ahnte, daß eben
+Kinder immer über ein echtes Kasperle lachen müssen,
+sie mögen wollen oder nicht. Und Herrn Habermus
+erging es sonderbar. Er wollte heftig schelten und konnte
+nicht. Das Lachen steckte an. Wenn er das lachende
+Kasperle ansah, dann zuckte es ihm um die Mundwinkel,
+er mußte immer fortsehen. &bdquo;Jetzt setze dich einmal,
+da gleich vornhin,&ldquo; sagte er endlich, und Kasperle ging
+gehorsam an den Platz und setzte sich. Da ebbte das
+Lachen ab, denn nun konnten die Kinder alle Kasperle
+nicht von vorn sehen.
+
+</p><p>Herr Habermus atmete auf. Endlich trat Stille
+ein, und die Schule konnte beginnen. Erst sangen die
+Kinder ein Lied, und Kasperle hörte fein andächtig zu;
+das gefiel ihm gut. Danach sollten die Kleinen schreiben
+und die Großen biblische Geschichten erzählen. Herr
+Habermus trat zu Kasperle und zeigte dem, wie er
+schreiben müßte: auf, ab, und Kasperle fuhr flink auf
+und ab über die ganze Tafel, dazu nahm er noch die
+linke Hand.
+
+</p><p>&bdquo;Linkshänder!&ldquo; schalt Herr Habermus, &bdquo;nimm die
+rechte!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Er nimmt wieder die linke!&ldquo; rief plötzlich jemand
+von hinten vor. Das dicke Jaköble hatte es gerufen, und
+gleich schrieen ein paar nach: &bdquo;Er nimmt immer die linke!&ldquo;
+<!-- page 091 -->
+
+</p><p>&bdquo;Die rechte Hand sollst du nehmen, Kasper!&ldquo; mahnte
+Herr Habermus.
+
+</p><p>Kasperle grinste und drehte sich um, und gleich fing
+die ganze Klasse zu lachen an. Da wurde der Lehrer
+ärgerlich. &bdquo;Kasper,&ldquo; rief er, &bdquo;weißt du nicht, was links
+und rechts ist?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Nä,&ldquo; sagte Kasperle. Er wußte das wirklich nicht.
+In seinem Schlaf hatte er vielerlei vergessen, darunter
+auch dies, und die Waldhausleute hatten es ihm noch
+nicht wieder beigebracht.
+
+</p><p>Ei du lieber Himmel! Herr Habermus seufzte, die
+Kinder lachten, und Kasperle lachte mit. Da war es
+wieder so laut wie nie zuvor im Schulzimmer, und der
+Lehrer wollte böse werden und konnte nicht. &bdquo;Bleib
+ganz still sitzen, Kasper,&ldquo; gebot er, &bdquo;und höre zu!&ldquo; Da
+blieb Kasperle steif sitzen und sperrte wieder den Mund
+himmelweit auf. Herr Habermus erzählte und fragte,
+die Kinder hoben die Hände und antworteten. Das
+gefiel Kasperle ganz ungemein, und auf einmal hob er
+auch seine Hände empor, beide zugleich. &bdquo;Na, was
+weißt du denn?&ldquo; fragte der Lehrer. Er wollte gerade
+die Namen der zwölf Jünger wissen und nickte Kasperle
+zu, da schrie der laut: &bdquo;Windgustel!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Waaas?&ldquo; Herr Habermus meinte nicht recht gehört
+zu haben, die Kinder jauchzten wieder, und Kasperle
+sah sich strahlend rundum und brüllte vernehmlich: &bdquo;So,
+ja, er ist jünger als Wassergustel.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;So ein Schafskopf!&ldquo; Herr Habermus dachte es
+<!-- page 092 -->
+nur, er hätte es aber beinahe gerufen. Er sagte jedoch
+streng: &bdquo;Still jetzt, und du, Kasper, hebe die Hände
+nicht mehr, hör&rsquo; zu!&ldquo;
+
+</p><p>Da wurde es wieder stiller, das Fragen ging weiter,
+die Kinder wußten gut Bescheid, die Hände flogen nur
+so hoch. Kasperle fand das wieder sehr spaßhaft, er
+hätte gerne mitgetan, aber die Hände sollte er ja nicht
+hochheben. Doch warum nicht die Beine? Das ging
+doch auch! Und hops! pendelten plötzlich Kasperles
+Beine in der Luft herum.
+
+</p><p>So etwas war noch nie vorgekommen. Die ganze
+Klasse schrie, lärmte und lachte, und der sonst so geduldige
+Lehrer wurde schlimm böse. Rausche, bausche,
+packte er Kasperle und setzte den recht unsanft auf die
+Bank nieder. Es krachte ordentlich, und Kasperle sah
+tief erschrocken drein. Er hatte doch nichts Arges tun
+wollen, und für ein Kasperle ist das Beine-in-die-Luft-Strecken
+kein schlimmes Ding. Er blieb ganz steif und
+starr sitzen, es wurde wieder Ruhe im Zimmer, und
+der Unterricht ging weiter.
+
+</p><p>Nach ein paar Minuten schon aber ertönte ein ganz
+helles Stimmlein, das rief: &bdquo;Er weint!&ldquo; Die kleine
+Bärbe hatte es gerufen, und flugs schauten alle Waldraster
+Mädel und Buben zu Kasperle hin, denn nur
+der konnte gemeint sein. Und Kasperle weinte wirklich,
+aber wie! Die Tränen rannen stromweise über sein
+Gesicht, und auf einmal fing Kasperle ein Gebrüll an,
+als heulten mindestens sechs Buben zusammen. So
+<!-- page 093 -->
+jämmerlich klang es, daß gleich ein paar Mädel auch
+zu weinen begannen. Da mußte der gute Herr Habermus
+trösten, er sagte zu Kasperle: &bdquo;Sei nur still, ich
+bin nicht mehr böse! Wenn du so heulst, kommt ja noch
+die ganze Stube unter Wasser.&ldquo;
+
+</p><p>Weg waren da Kasperles Tränen, gleich war er
+wieder putzvergnügt, er grinste, schaute nach rechts,
+schaute nach links, schaute hinter sich, und wieder brach
+die ganze Klasse in ein jubelhelles Lachen aus.
+
+</p><p>Es war zum Verzweifeln an diesem Tag! Zum
+erstenmal wurde Herr Habermus mit seiner Klasse nicht
+fertig. Ja, und dabei merkte er es doch, niemand war
+eigentlich ungezogen, niemand wollte ihn ärgern. Es
+war wie verhext.
+
+</p><p>&bdquo;Wir wollen singen,&ldquo; sagte er endlich. Er dachte:
+Darüber vergessen sie am besten das Lachen, und die
+Kinder klappten auch alle vergnügt ihre Bücher zu;
+singen taten sie alle gern. &bdquo;Also zuerst: Der Mai ist
+gekommen,&ldquo; sagte Herr Habermus. &bdquo;Kasper, kennst du
+das Lied?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Nä!&ldquo; schrie Kasperle vergnügt.
+
+</p><p>&bdquo;Wir sagen&rsquo;s ihm vor,&ldquo; riefen ein paar Stimmen.
+
+</p><p>&bdquo;Sagt mal zuerst das Lied her!&ldquo; gebot Herr
+Habermus.
+
+</p><p>Das taten die Kinder, und nun geschah etwas
+Wunderbares. Kasperle stand auf und sagte ihnen
+gleich das ganze Lied nach. Da staunten alle, und der
+Lehrer, der dachte: Halt, der Schelm hat es gekonnt!
+<!-- page 094 -->
+sagte ihm schnell ein paar andere Verse vor, und
+Kasperle wiederholte die gleich. Herr Habermus sah
+auf das schreckliche Gekracksel, das der Bube auf seiner
+Tafel angestellt hatte, und er wunderte sich sehr. Erst
+hatte er gedacht: Der Kasper ist ja fürchterlich dumm!
+jetzt fand er ihn doch nicht so beschränkt. Wer so fix
+auswendig lernen konnte, der würde schon vorwärtskommen,
+meinte er. Er nickte Kasperle ganz freundlich
+zu, dann nahm er seine Geige, und die Singerei
+sollte beginnen.
+
+</p><p>Singen kann aber kein Kasperle, nur brüllen. Und
+Kasperle brüllte mit der allerschrillsten Stimme in den
+Gesang hinein, und jäh wurde aus der Singerei ein
+lautes Gelächter.
+
+</p><p>&bdquo;Kasper, schweig!&ldquo; rief Herr Habermus. &bdquo;Du lernst
+in deinem Leben nicht singen.&ldquo;
+
+</p><p>Ach du lieber Himmel, das hatte schon Liebetraut
+immer gesagt! Kasperle schwieg traurig, er hätte doch
+so gern mitgesungen, aber dann saß er ganz andächtig
+da, hörte zu und sah wieder so unschuldig drein, als
+könnte er keine kleinen Dummheitle machen.
+
+</p><p>Herr Habermus dachte wieder: Er ist nicht schlimm,
+ja eigentlich ist&rsquo;s ein lieber, lustiger Kerl, ich will schon
+Geduld mit ihm haben. Er war an diesem Tage aber
+froh, als die Schule zu Ende war, während die Kinder
+alle gerade heute noch himmelgern geblieben wären.
+Sie drückten sich sehr langsam aus den Bänken heraus,
+und da der Lehrer nicht wie sonst wartete, bis alle
+<!-- page 095 -->
+hinaus waren, sondern zuerst hinausging, vergaßen die
+Kinder alle miteinander das Heimgehen.
+
+</p><p>Herr Habermus saß schon ein ganzes Weilchen in
+seiner Stube und ordnete Pflanzen ein, als seine Frau
+kam und sagte: &bdquo;Drüben im Schulzimmer ist ja so arger
+Lärm! Sind denn die Kinder nicht heimgegangen?&ldquo;
+
+</p><p>Der Schullehrer lief eiligst hinüber. Schon draußen
+hörte er die Kinder lachen, und als er mit einem Ruck
+die Türe aufriß, sah er das Kasperle auf dem Katheder
+sitzen. Der hatte ein Bein drüber hängen, ein Bein
+untergeschlagen, und so erzählte er die Geschichte, wie
+Damian ins Wasser gefallen war.
+
+</p><p>Die Kinder umstanden alle das Katheder wie eine
+Jahrmarktsbude, und das Kasperle schwätzte auch wie
+auf einem Jahrmarkt. Und niemand sah und hörte den
+Lehrer kommen. Nur das Kasperle sahen die Kinder,
+und immer von neuem gellte ihr Lachen auf. Aber wie
+spaßig das Kasperle auch war, was es für Gesichter
+schneiden konnte!
+
+</p><p>Potzwetter, so ein Bube! Herr Habermus mußte
+an sich halten, um nicht mitzulachen, und ein paar
+Minuten schaute er stille zu, dann rief er in den Lärm
+hinein: &bdquo;Wollt ihr wohl heimgehen!&ldquo;
+
+</p><p>Der Schreck! Kasperle rutschte blitzschnell vom
+Katheder herunter, und die Buben und Mädel standen
+verwirrt und betroffen. Sie wußten gar nicht recht,
+wo sie eigentlich waren, sie hatten nur das Kasperle
+gesehen, nur an ihn gedacht. Doch Herr Habermus
+<!-- page 096 -->
+sah eigentlich nicht böse drein, nur ein bißchen betrübt.
+Er dachte nämlich: Ja, was habe ich da für einen
+kleinen Narren ins Haus gebracht! Wie soll das mit
+ihm werden? Er nickte den Kindern zu und sagte nur
+noch einmal: &bdquo;Geht nun aber heim!&ldquo; Und da leerte
+sich das Schulzimmer im Umsehen. Auf einmal hatten
+es alle sehr eilig heimzukommen, sie purzelten beinahe
+über ihre eigenen Beine. Draußen schauten ein paar
+Bauern verwundert zu, die sagten zueinander: &bdquo;Da
+hat&rsquo;s doch was gegeben, und wie spät die Schule aus
+ist! Gar haben sie alle nachsitzen müssen.&ldquo;
+
+</p><p>Die Kinder liefen alle eiligst ihren Heimstätten zu,
+und die meisten fingen schon draußen vor der Türe an,
+von dem wunderlichen neuen Schulgefährten zu erzählen.
+Den holte Herr Habermus inzwischen unter dem Katheder
+hervor, stellte ihn vor sich hin und sagte streng, doch
+nicht böse: &bdquo;Kasper, was bist du für ein unnützer Strick!&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle schaute betrübt zu dem Lehrer auf. &bdquo;Ich
+hab&rsquo; doch nur gekaspert!&ldquo; antwortete er kläglich.
+
+</p><p>&bdquo;Ja, du bist doch &mdash;&ldquo; Herr Habermus stockte, er
+wollte sagen: &bdquo;kein Kasper&ldquo;, da sah er seinen Schützling
+an und dachte erschrocken: Er sieht doch wirklich
+wie Kasperle aus! Jemine, wen habe ich mir da ins
+Haus gebracht! Aber da steckte Kasperle zutraulich
+seine Hand in die seine und sah ihn so traurig bittend
+an, daß all sein Ärger verging. &bdquo;Nun komm nur mit,
+du Schelm!&ldquo; sagte er. &bdquo;Auf dem Katheder darfst du
+mir aber nicht mehr kaspern.&ldquo;
+<!-- page 097 -->
+
+</p><p>&bdquo;Nä,&ldquo; versprach Kasperle treuherzig, und dann
+nahm er seine neue Schiefertafel, die der Lehrer ihm
+geschenkt hatte, unter den Arm und schlitterte vergnügt
+hinter Herrn Habermus drein. Er schlitterte in die
+Wohnstube hinein und prallte unversehens mit der Base
+Mummeline zusammen. Die hatte gerade eine Schüssel
+Milch in den Händen, und da lagen dann plötzlich
+Base, Milch, Kasperle und Schiefertafel auf der Erde,
+und es gab ein allgemeines Zetergeschrei. &bdquo;Er hat&rsquo;s
+mit Absicht getan!&ldquo; kreischte die Base, die sich aus dem
+Milchsee aufrichtete. &bdquo;Hach, jetzt sieht er mich wieder
+so an!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Er konnte nichts dafür,&ldquo; sagte die Frau Lehrerin.
+&bdquo;Ich hab&rsquo;s gesehen, nur ein bißchen geschwinde ist er
+zur Türe hereingekommen.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Er hat&rsquo;s mit Absicht getan. Hach, das schreckliche
+Gesicht!&ldquo; Die Base Mummeline stand wütend und
+scheltend auf, und bitterböse saß sie dann am Tisch.
+Da wagte Kasperle gar nicht aufzusehen, sein Räubergesicht
+machte er auch nicht, denn er hatte Angst vor
+der Base Mummeline.
+
+</p><p>Nach Tisch gab es ein Ruhestündchen für den
+Lehrer, auch Lenchen und Lorchen sollten schlafen, obgleich
+sie heftig verlangten, sie wollten mit Kasperle
+spielen. Zu dem sagte die Frau Lehrerin: &bdquo;Geh du
+und tummle dich draußen herum, macht aber keinen
+Lärm um das Schulhaus herum!&ldquo; Bei sich dachte die
+gütige Frau: Es ist ihm schon zu gönnen, daß er etwas
+<!-- page 098 -->
+spielt, und hier im Hause möchte die Base Mummeline
+doch immerzu schelten.
+
+</p><p>Kasperle sprang vergnügt hinaus, und kaum war
+er draußen, da packten ihn ein paar Buben. &bdquo;Komm
+mit, du mußt uns noch was vorkaspern,&ldquo; baten sie.
+
+</p><p>&bdquo;Nicht hier,&ldquo; sagte Kasperle ängstlich, &bdquo;ich soll
+keinen Lärm machen.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Komm, wir gehen in Lappenmeyers alten Schuppen,
+da sieht uns niemand,&ldquo; schlug der lange Blasi vor.
+Das fanden die andern gut, und so zogen sie dem alten
+Schuppen zu, und das Trüpplein war wie eine Lawine.
+Es wuchs und wuchs unterwegs, Buben und Mädel
+fanden sich dazu, und dann verschwanden sie alle in
+Lappenmeyers altem Schuppen. Der lag abseits vom
+Dorf, mitten auf einer Wiese.
+
+</p><p>An diesem Nachmittag wunderten sich allerlei Leute
+in Waldrast. Ein paar Frauen sagten zueinander:
+&bdquo;Warum die Kinder heute nur nicht in die Schule
+gehen? Wo stecken sie denn?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ja, wo sind sie denn?&ldquo; fragte die Krämerfrau, die
+das hörte.
+
+</p><p>Da trat Herr Habermus aus dem Schulhaus heraus
+und fragte: &bdquo;Wo sind denn die Kinder?&ldquo; Und seine
+liebe Frau trat neben ihn und schwang und schwang
+immerzu die Schulglocke. Die bimmelte zuletzt ganz
+zornig ins Weite: Die Schule fängt an, die Schule
+fängt an! Doch niemand hörte darauf: keine Bubenbeine,
+keine Mädelbeine kamen angetrabt, es blieb alles
+<!-- page 099 -->
+still. Nur von den Erwachsenen kamen mehr und mehr,
+ein paar erzählten, sie hätten die Kinder alle miteinander
+laufen sehen, aber wohin, das wußte niemand.
+
+</p><p>&bdquo;Sie sind vielleicht in den Wald gegangen,&ldquo; sagte
+Frau Veronika Lappenmeyer.
+
+</p><p>&bdquo;Aber es ist doch Schule!&ldquo; rief Herr Habermus
+entrüstet. In den Wald konnte man schon gehen in
+Waldrast, denn der dehnte sich vom Dorf entlang bis tief,
+tief ins Tal hinein, viele Stunden weit.
+
+</p><p>Indem kam ein Bursche mit einem Heuwagen angefahren.
+Der rief: &bdquo;Frau Lappenmeyer, was ist
+denn in Ihrem Schuppen auf der Wiese los? Da drin
+brüllt es ja fürchterlich!&ldquo;
+
+</p><p>Die Kinder sind&rsquo;s mit Kasper. Herr Habermus
+dachte das nur, er rannte aber gleich los, die Dörfler
+folgten ihm, und alle miteinander drängten sie ihm
+nach, als er die Scheunentüre aufriß. Da waren sie
+wirklich. Kasperle saß hoch oben unter dem Gebälk,
+und unten standen Mädel und Buben und starrten
+lachend hinauf zu dem neuen Gefährten, der sich drehte
+und verrenkte und den allergrößten Unsinn schwätzte.
+
+</p><p>&bdquo;Bimmelim, bimmelim, bimmelim!&ldquo; Die Frau
+Lehrerin war ihrem Mann mit der Schulglocke nachgelaufen,
+und in das Lachen und Jauchzen der Kinder
+hinein ertönte der wohlbekannte Klang. Alle erschraken,
+alle schauten sich verwirrt um. War es wirklich schon
+Schulzeit?
+
+</p><p>&bdquo;Bimmelim, bimmelim, bimmelim!&ldquo; Die Glocke
+<!-- page 100 -->
+gellte ihnen in den Ohren, und ein paar schrien: &bdquo;Wir
+müssen in die Schule!&ldquo; Und dann rannten sie an den
+Erwachsenen vorbei, rannten ihren Lehrer beinahe um
+und sahen vor lauter Eile und Eifer niemand und nichts.
+Und Kasperle sprang plötzlich von oben herab in einem
+weiten Bogen, auch er sah und hörte nichts, auch er
+raste den andern nach, und im Umsehen war der
+Schuppen leer.
+
+</p><p>Die Erwachsenen sahen sich ganz verdutzt an. &bdquo;Die
+Kinder sind ja wie besessen!&ldquo; rief die Krämerin, die
+andern stimmten ihr zu, Herr Habermus aber kehrte
+bedrückt nach dem Schulhaus zurück. Kasper war daran
+schuld, nur er allein. Was war das für ein schlimmer
+Junge! Er darf nicht mehr in die Schule, dachte er
+und betrat das Schulzimmer. Da saßen alle brav auf
+ihren Bänken, rechts die Großen, links die Kleinen,
+und Kasperle saß wieder auf der vorderen Bank. Sein
+Gesicht strahlte, er sah so unschuldig drein, als könnte
+er nicht das kleinste Dummheitle machen.
+
+</p><p>Doch Herr Habermus ging mit gefurchter Stirn
+zum Katheder, dort sagte er streng: &bdquo;Ihr seid alle zu
+spät gekommen, darum müßt ihr alle nachsitzen.&ldquo; Da
+senkten sich erschrocken und schuldbewußt alle blonden
+und braunen Buben- und Mädelköpfe, nur das Kasperle
+sah höchst verwundert drein, es krähte mit seiner lauten
+Stimme: &bdquo;Es hat ja eben erst geklingelt!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Sei du still, du verläßt sofort die Schule!&ldquo; rief
+Herr Habermus streng. &bdquo;Du bist an allem schuld.
+<!-- page 101 -->
+Marsch hinaus! Du darfst nicht mehr in die Schule
+kommen. Ich schicke dich überhaupt wieder fort.&ldquo;
+
+</p><p>Einen Augenblick herrschte tiefes, erschrockenes
+Schweigen im Schulzimmer. Kasperle selbst saß ganz
+verdattert da, er war sich keiner Schuld bewußt. Dann
+erhob sich aber jäh ein lautes Geheule, so ein tiefbetrübtes,
+jämmerliches Geheule, wie es Herr Habermus
+noch nie vernommen hatte. Und nicht nur die
+Mädel weinten, die Buben schluchzten auch alle, und
+alle miteinander riefen flehend: &bdquo;Kasper hat keine Schuld,
+Kasper soll dableiben; bitte, bitte, bitte, ach bitte, Kasper
+soll nicht wieder fort!&ldquo;
+
+</p><p>Der Lehrer sah seine Schulkinder ganz verdutzt an,
+und deren Gebitte wurde immer lauter und dringlicher,
+und je mehr sie flehten, je lauter heulte das Kasperle.
+&bdquo;Es ist rein, als hätte der die Kinder verhext!&ldquo; brummte
+Herr Habermus vor sich hin. Und mich dazu, dachte
+er, als er das Kasperle ansah und der kleine Kerl ihm
+einmal wieder herzlich leid tat. Böse, nein, böse war
+er gar nicht mehr auf ihn.
+
+</p><p>&bdquo;Also mag er bleiben, weil ihr alle so bittet,&ldquo;
+sagte er schließlich. &bdquo;Das Nachsitzen sei euch auch geschenkt,
+aber eine Strafarbeit gibt es, ein Stück zu
+schreiben, und wehe, wer sie nicht gut macht! Und
+nun stille &mdash; jemine, Kasper, was ist denn nun wieder
+los?&ldquo;
+
+</p><p>Das Kasperle war unter die Bank gerutscht, und
+von dorther ertönte wieder sein furchtbares Jammergebrüll.
+<!-- page 102 -->
+&bdquo;Ich kann doch nicht schreiiiben,&ldquo; klagte er,
+&bdquo;ich kann nicht schreiiiben!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Dummer Bube,&ldquo; brummte Herr Habermus, &bdquo;du
+brauchst natürlich nicht die Strafarbeit zu schreiben, du
+brauchst bloß Striche zu machen, und nun, potzwetter,
+sei still, sonst &mdash;&ldquo;
+
+</p><p>Da kam Kasperle auf die Bank, ehe der Lehrer
+noch ausreden konnte, und dann saß er da mit dem
+allervergnügtesten Gesicht. Daß ihm die Schule Spaß
+machte, war ihm an der Nasenspitze anzusehen. Er
+gab kreuzdumme Antworten, und immer wieder durchbrauste
+ein lautes Lachen die Schulstube. Herr Habermus
+wollte schelten und konnte es nicht, denn eigentlich
+tat Kasperle gar nichts Böses. Da klingelte es, die
+Schule war aus. Sonst atmeten die Kinder meist alle
+auf, waren froh, hinauszukommen, heute bettelten selbst
+die allergrößten Faulpelze: &bdquo;Ach, bitte, bitte, wir wollen
+noch bleiben, es ist so wunderschön in der Schule!&ldquo;
+
+</p><p>Und der gute Lehrer tat ihnen wirklich den Willen.
+Er erzählte ihnen von den Blumen und Bäumen, von
+Felsen und Bergen, von den feinen Schmetterlingen
+und den dicken Brummkäfern, und alle lauschten still,
+am aufmerksamsten aber das Kasperle, und der schrie
+dann auch am lautesten: &bdquo;Schon?&ldquo; als Herr Habermus
+sagte: &bdquo;Nun ist&rsquo;s aber wirklich genug, nun geht
+heim, nicht zu laut, und vergeßt eure Arbeiten nicht!&ldquo;
+
+</p><p>Und dann verließen die Waldraster Kinder das
+Schulhaus, und sie kamen so vergnügt heim wie noch
+<!-- page 103 -->
+nie, trotz der Strafarbeit, und an diesem Abend brummten
+allen Vätern und Müttern in Waldrast die Köpfe, so
+viel schwätzten die Kinder von ihrem neuen Schulgefährten.
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-10"><span style="font-size:small">Zehntes Kapitel</span> <br /><br />Eine neue Gefahr
+</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">K</span>asperle schlief an diesem Abend putzvergnügt ein;
+pardauz! fiel er ins Bett, und bums! da schlief er auch
+schon. Der gute Schullehrer von Waldrast aber, Herr
+Habermus, sagte noch sorgenvoll zu seiner lieben Frau:
+&bdquo;Mit dem fremden Buben werden wir viel Sorge und
+Verdruß haben. Hätte ich ihn doch lieber nicht mit
+heimgebracht!&ldquo;
+
+</p><p>Doch die Frau Schullehrerin antwortete heiter:
+&bdquo;Mach&rsquo; dir keine Sorge, Mann! Ein lieber kleiner Kerl
+ist der Kasper doch, und mit der Zeit wird er schon ein
+rechter braver Schulbube werden.&ldquo;
+
+</p><p>Danach sah es freilich am andern Morgen nicht
+aus. Kaum betrat das Kasperle die Schulklasse, gleich
+ging der Lärm los. Alle schrieen: &bdquo;Du mußt uns was
+vorkaspern, bitte, bitte, bitte!&ldquo;
+
+</p><p>Doch Kasperle dachte an das Verbot des Lehrers,
+auf dem Katheder dürfe er nicht kaspern, und darum
+kletterte er eins, zwei, drei auf den großen braunen
+Schulschrank hinauf. Die Buben schrien laut: &bdquo;Hallo!&ldquo;
+<!-- page 104 -->
+und die Mädel rissen vor Erstaunen den Mund weit
+auf. Jemine, so flink war noch nie jemand auf den
+Schulschrank gekommen! Das war ein Spaß! Herr
+Habermus hörte das Geschrei drüben in seiner Wohnung,
+und noch ehe die Base Mummeline die Klingel geschwungen
+hatte, lief er schon hinüber. Er riß die
+Türe auf und schrie: &bdquo;Potzwetter, was ist das für
+ein Lärm!&ldquo;
+
+</p><p>Platsch! fiel Kasperle vor Schreck vom Schulschrank
+herab. Er fiel auf einen Tisch gerade auf Heine Fistelmeyers
+neue Schiefertafel; die nahm das übel und ging
+mit einem lauten Krach kaputt. Kasperles Beine zappelten
+in der Luft herum, sie trafen Fritze Schrumps&rsquo;
+Nase, trafen ein Tintenfaß; das sauste in einem weiten
+Bogen herab, und auf der Mädelbank gab es ein lautes
+Gekreisch. Fünf gute Schulschürzen bekamen dicke
+schwarze Tintenkleckse. Ihre Besitzerinnen heulten, ihre
+Freundinnen heulten zur Gesellschaft mit, Heine Fistelmeyer
+heulte, Fritze Schrumps heulte, Kasperle heulte,
+etliche lachten und jauchzten, &mdash; es war wieder einmal
+ein Lärm wie bei Teufels Großmutter.
+
+</p><p>Da verlor der sonst so nachsichtige Lehrer die Geduld.
+Klatsch, klatsch, klatsch, ging es, Kasperle bekam
+seinen Teil, die ärgsten Schreier bekamen etwas ab, und
+schnell merkten es alle, mit ihrem Schullehrer war heute
+nicht gut Spaß zu machen. Nach und nach trat Ruhe
+ein, nur die fünf Mädel, die bekleckste Schürzen hatten,
+weinten ganz leise, und Kasperle heulte laut. Himmel,
+<!-- page 105 -->
+konnte der brüllen! Selbst die fünf Mädel verstummten
+schließlich, alle staunten sie das heulende Kasperle an,
+und allmählich erfaßte sie alle ein tiefes, tiefes Mitleiden
+mit dem kleinen Irrwisch. Herr Habermus faßte
+den am Kragen, zog ihn vor und stellte ihn in eine
+Ecke. &bdquo;So,&ldquo; sagte er streng, &bdquo;da bleibst du stehen, bis
+du vernünftig geworden bist.&ldquo;
+
+</p><p>Ach du lieber Himmel, heulte das Kasperle! Auf
+der Mädelbank hob ein leises Weinen an, eine nach
+der andern weinte, dann schluchzte einer auf der Bubenbank,
+erst heulten alle Kleinen, dann fielen die Großen
+ein, und nach ein paar Minuten weinte und schluchzte
+die ganze Schule mit Kasperle. Herr Habermus schüttelte
+erstaunt den Kopf. So etwas war ihm doch noch
+nie vorgekommen, daß alle heulten, weil einer gestraft
+wurde. Er wollte streng sein und nicht darauf achten,
+aber merkwürdig, Kasperles Weinen und das klägliche
+Echo rührten ihn sehr, er sagte endlich ganz freundlich:
+&bdquo;Nun hört aber auf, Kinder, und du, Kasper, komm
+wieder an deinen Platz. Seid jetzt endlich stille!&ldquo;
+
+</p><p>Flink trocknete Kasperle seine Tränen, er flitzte aus
+der Ecke heraus, und auf einmal begannen alle Kinder
+zu lachen, selbst Herr Habermus lächelte ein wenig. Er
+seufzte aber auch und dachte: Ach je, was wird es
+heute noch geben!
+
+</p><p>Kasperle wollte nun sehr artig sein, und er war es
+auch. Aber er gab wieder blitzdumme Antworten, und
+wenn er nur seinen Mund auftat, lachten wieder die
+<!-- page 106 -->
+andern Kinder, und in der Schulstube gab es wieder
+Lärm und Unruhe. Und nachher hallte die Dorfstraße
+wider vom jauchzenden Lachen der Kinder, und von
+den Müttern sagten etliche: &bdquo;Den Buben hätte der
+Schullehrer nicht aufnehmen sollen. Ein Schlimmer ist&rsquo;s,
+ein arger Unnützling!&ldquo;
+
+</p><p>Die Base Mummeline hatte nämlich im Dorf allerlei
+herumgeredet, wie schlimm der kleine Gast im Lehrerhause
+sei. Kein gutes Härchen hatte sie an dem armen
+Kasperle gelassen, und manche glaubten ihr alles, manche
+die Hälfte. Ein wenig scheel sahen ihn die Erwachsenen
+alle an.
+
+</p><p>Und dann fingen auf einmal alle Kinder an zu
+kaspern. Dummheiten hatten auch sonst die Waldraster
+Kinder genug gemacht, aber solche Hanswurstsprünge,
+ein solches Gesichterschneiden war sonst nicht Mode
+gewesen. Da fing zum Beispiel Fritze Schrumps bei
+Tisch an zu zappeln, hielt die Beine in die Luft und
+überschlug sich samt seinem Stuhl. Seine Mutter dachte,
+er hätte Bauchschmerzen, aber sein Vater gab ihm eins
+auf den Hosenboden, darüber vergaß er das Kaspern.
+Am Abend aber kam Frau Bimmelmann, die nächste
+Nachbarin, gelaufen und flehte, Frau Schrumps möchte
+mitkommen, ihr Peter habe die Krämpfe, er schneide
+fürchterliche Gesichter. Und auf der Gasse trafen sie
+Fistelmeyers alte Muhme Trine, die jammerte, bei ihnen
+sei der Heine übergeschnappt, sie wolle vom Schullehrer
+einen Tee holen.
+<!-- page 107 -->
+
+</p><p>&bdquo;Was auf den Hosenboden,&ldquo; schrie Vater Schrumps,
+&bdquo;das wird schon helfen!&ldquo;
+
+</p><p>Das Mittel von Vater Schrumps erwies sich in
+diesen Tagen als äußerst heilsam; und bald bekamen
+es die Waldraster Väter und Mütter heraus: ihre
+Buben und Mädel, aber besonders die unnützen Buben,
+wollten alle kaspern, wie des Schullehrers kleiner Schützling
+tat.
+
+</p><p>Das gab viel Ärger und Geschelte im Dorf, und
+der arme Herr Habermus bekam manches ungute Wort
+zu hören. Die Base Mummeline schürte noch das
+Feuer. Im Lehrerhaus selbst gab es alle Tage Lärm,
+immer hatte Kasper dies und das getan, so sagte
+wenigstens die Muhme. Und dabei wollte Kasperle
+wirklich brav sein, weil es ihm nämlich in Waldrast
+sehr gut gefiel. Er ging furchtbar gern in die Schule,
+und das Spielen mit seinen Kameraden machte ihm
+besonders Vergnügen, über das Geschrei der Base
+Mummeline wunderte er sich sehr; er fand es nur
+spaßig, wenn sie über den Scheuereimer purzelte, oder
+wenn alle Hühner in ihrer Stube herumgackerten, weil
+Kasperle sie hineingetrieben hatte. Auch brauchte die
+Base nicht so mörderlich zu schreien, weil sechs dicke
+Kröten in ihrem Bette saßen und allerlei Getier, Käfer
+und Tausendfüßler in ihrem Strickkorb herumkrabbelten
+oder gar ein Regenwurm sich in ihrer Kaffeetasse wand.
+Das war doch alles nur Spaß! Und über das Räubergesicht
+brauchte die Base auch nicht so zu erschrecken.
+<!-- page 108 -->
+So meinte wenigstens Kasperle, und seine Kameraden
+stimmten ihm zu.
+
+</p><p>Doch die Base zeterte und schrie. Herr Habermus
+schalt, Frau Habermus schalt, aber beide hatten dabei
+den unnützen kleinen Schelm von Herzen lieb. Der Schullehrer
+bekam es auch nicht fertig zu sagen: &bdquo;Kasper,
+geh&rsquo; wieder in die weite Welt.&ldquo; Dazu tat ihm der in
+seiner Verlassenheit zu leid.
+
+</p><p>So ging ein Tag nach dem andern hin, und Kasperle
+blieb in Waldrast. Die Dorfbuben lernten das Kaspern
+immer besser, und der gute Herr Habermus plagte sich
+weidlich mit den Kindern ab, und daheim hörte er auch
+noch die Base Mummeline den ganzen Tag schelten.
+Er war daher sehr froh, als die eines Tages sagte:
+&bdquo;Ich geh&rsquo; morgen in die Stadt.&ldquo;
+
+</p><p>Es war eine große Sache, wenn in Waldrast jemand
+in die Stadt ging. Der mußte dann viele Stunden
+abwärts steigen und zurück wieder lange, lange den
+Berg hinaufsteigen. Wenn darum jemand sagte: &bdquo;Ich
+geh&rsquo; in die Stadt,&ldquo; dann kamen gleich die Nachbarn
+und hatten diesen und jenen Wunsch, wollten allerlei
+gekauft haben und sagten auch: &bdquo;Paß gut auf, was
+es Neues in der Welt gibt!&ldquo; In jenen Tagen stiegen
+die Briefboten noch nicht täglich in das entfernteste
+Dorf, und in Waldrast empfing höchstens einmal im
+Jahr irgend jemand einen Brief. In das Schulhaus
+kamen darum auch noch am gleichen Mittag etliche
+Nachbarinnen, eine wollte Gewürz, die andere Nähnadeln,
+<!-- page 109 -->
+die dritte einen Kupfertopf besorgt haben; so
+ging es weiter, und zuletzt hatte die Base Mummeline
+einen langen Zettel, auf dem alle Wünsche verzeichnet
+standen.
+
+</p><p>&bdquo;Das wird zuviel zu tragen,&ldquo; sagte die Lehrersfrau;
+&bdquo;Base, da tust du dir Schaden. Nimm den Kasper mit,
+der kann dir helfen.&ldquo;
+
+</p><p>Ei du lieber Himmel, zeterte da die Base los! Mit
+dem schlimmen Buben sollte sie gehen! Na, da würde
+sie sicher vor Ärger unterwegs sterben, behauptete sie;
+der Kasper sollte ihr nur fern bleiben. Und die Base
+Mummeline rüstete ihren Korb, und Kasper blieb daheim.
+Der war arg froh darüber. Ja, schlimm genug,
+als er die Base in aller Morgenfrühe aufstehen hörte,
+schaute er ihr vom Fenster aus vergnügt nach, zog ihr
+eine lange Nase und schnitt, als sie sich noch einmal
+umdrehte, sein allerbösestes Räubergesicht.
+
+</p><p>Meine Güte, erschrak die Base! Sie kollerte fast
+mit ihrem Korb den Berg hinab, so rannte sie davon,
+und erst als Waldrast schon ein Stück hinter ihr lag,
+wagte sie es, aufzuatmen. &bdquo;Na, warte du!&ldquo; Sie drohte
+mit der Faust dorthin, wo das Schulhaus lag, und
+dann wanderte sie bergab und dachte dabei: Könnte ich
+nur den Kasper aus Waldrast vertreiben! Die Base
+Mummeline ging auf einsamen Wegen durch tiefen
+Wald, über grüne Wiesen, an Felsen entlang bergab
+nach der fernen Stadt. In Waldrast aber kasperten
+die Buben an diesem Tage schlimmer als je, und das
+<!-- page 110 -->
+Kasperle war purzelvergnügt. Beim Mittagessen schalt
+keine Base, er hörte kein böses Wort, ja die Frau
+Schullehrerin lachte ein paarmal herzhaft über seine
+drolligen Gesichter. Der Schullehrer sah auch freundlich
+drein und Kasperle dachte: Wenn die Base doch nie
+wiederkäme!
+
+</p><p>Aber die Base Mummeline dachte gar nicht ans
+Fortbleiben. Die erlebte in der Stadt eine höchst seltsame
+Geschichte, und sie stieg am nächsten Tag, als sie
+alles eingekauft hatte, so schnell es nur ging, wieder
+nach Waldrast hinauf. Zu später Nachmittagsstunde
+kam sie im Dorfe an. Die Lehrersfrau war mit Lenchen
+und Lorchen bei der Pate Schönlein, der Lehrer
+saß in seiner Stube und arbeitete, und Kasperle wollte
+gerade aus dem Hause gehen zu seinen Kameraden,
+als er die Base daherkommen sah. Die sah ihn nicht,
+sie schritt aus, als hätte sie eine Schlacht gewonnen,
+und Kasperle schlüpfte ein wenig erschrocken in die
+Wohnstube. Als er draußen den Schritt der Base vernahm,
+da kroch er flink in einen dunklen Winkel am
+Ofen, die Hölle genannt. Warum er das tat, wußte
+der kleine Schelm selbst nicht genau. Der Gedanke an
+die lange Nase und das Räubergesicht bedrückte ihn
+etwas, und dann war die Base dahergekommen, als
+trüge sie den schönsten Rohrstock im Korb. Ein paar
+Minuten später tönte auch ihre Stimme durch das Haus,
+und der Lehrer kam eiligst aus seinem Zimmer heraus.
+Der Base erste Frage war: &bdquo;Wo ist Kasper?&ldquo;
+<!-- page 111 -->
+
+</p><p>Kasperle in der Hölle erschrak, und ganz leise schob
+er ein paar Holzscheite vor, damit ihn die Base nicht
+sehen sollte. Indem kam die Lehrerin zurück, sie begrüßte
+die Base, als wäre die von einer langen, langen
+Reise heimgekehrt. Aber die Base fragte auch sie flink:
+&bdquo;Wo ist Kasper?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ach, die Buben spielen alle am Bach, da wird er
+wohl dabei sein,&ldquo; meinte die Frau. Sie hatte Kasperle
+erlaubt, zu seinen Gefährten zu gehen.
+
+</p><p>Doch die Base begann erst sich im Zimmer umzusehen;
+sie guckte unter das Sofa, schloß den großen
+Schrank auf und sah auch in die Hölle hinein. Da
+lagen die Holzscheite vorne dran, und die Base sah
+Kasperle nicht. &bdquo;Er ist nicht da,&ldquo; rief sie; &bdquo;nun will ich
+euch erzählen, wer eigentlich der Kasper ist, na, ihr werdet
+staunen!&ldquo;
+
+</p><p>Alle guten Geister, ja, da staunten Schullehrers
+wirklich, als die Base zu erzählen anfing! Und dem
+Kasperle im Ofenwinkel wurde es wind und weh, denn
+was hörte er? Seine ganze Geschichte erzählte die
+Base! Da war unten in der Stadt ein Kasperlemann
+gewesen, der hatte ein geschnitztes hölzernes Kasperle
+gezeigt und laut verkündet: &bdquo;Wenn ihr einen findet, der
+so aussieht, dann fangt ihn; der Herzog von S. gibt
+dafür eine hohe Belohnung.&ldquo; Und dann hatte er erzählt,
+daß Kasperle ein urechtes lebendiges Kasperle sei, und
+was der alles auf dem Schlosse angerichtet habe. &bdquo;Seht
+ihr,&ldquo; schrie die Base Mummeline, &bdquo;ich hab&rsquo; es immer
+<!-- page 112 -->
+gesagt: mit dem Buben ist&rsquo;s nicht richtig. Es ist gut,
+wenn er gefangen und fest eingesperrt wird. So will
+es der Herzog.&ldquo;
+
+</p><p>Da seufzte der Schullehrer, und seine liebe Frau
+sagte mitleidig: &bdquo;Armer kleiner Kerl!&ldquo;
+
+</p><p>Dem Kasperle im Ofenwinkel liefen die Tränen
+über die Backen. Am liebsten wäre er vorgelaufen und
+hätte sich an die gute Frau angeschmiegt. Ach gewiß,
+die Schullehrersleute gaben ihn nicht her! Aber da
+sagte die Base Mummeline wieder laut und hart: &bdquo;Der
+Kasperlemann kommt mir gleich nach; er bringt noch
+einige Landjäger mit, sie wollen das Kasperle gleich
+mitnehmen. Ich hab&rsquo; es nämlich gesagt, wo der Popanz
+steckt, und da, den schönen Goldgulden hab&rsquo; ich gleich
+bekommen. Ei, nun freue ich mich, daß der heillose
+Schelm aus dem Hause kommt und eingesperrt wird!
+Wir müssen nur sorgen, daß er nicht gar noch vorher
+ausreißt. Na, die Landjäger werden schon aufpassen!&ldquo;
+
+</p><p>Und wieder sagte die gute Lehrersfrau: &bdquo;Armes,
+armes Kasperle!&ldquo; und ihr Mann seufzte mitleidig. Die
+Base aber stand auf, sagte, nun wolle sie flink ihren
+Korb auspacken und dann aufpassen, wann Kasperle
+heimkomme. Der Schullehrer möge aber zum Schulzen
+gehen, damit der wisse, warum die Landjäger kämen.
+Das tat der Schullehrer auch. Er und die Base verließen
+die Stube, nur die Lehrerin blieb darin zurück.
+
+</p><p>Kasperle in seinem Ofenwinkel zitterte vor Angst.
+<!-- page 113 -->
+Ach, wenn er nur fliehen könnte, dachte er, irgendwo
+sich verstecken, bis der Kasperlemann und die Landjäger
+wieder fort waren! Aber dazu mußte er zuerst aus
+der Stube heraus, denn in die Hölle würden die Verfolger
+sicher schauen. Die Lehrersfrau saß still am
+Tisch, so mild, so gütig sah sie drein, daß Kasperle
+dachte: Sie verrät mich nicht. Und plötzlich kam er
+schnell aus seinem Loch hervor, und die Frau am Tisch
+schrak zusammen. &bdquo;Kasper,&ldquo; rief sie, &bdquo;da bist du ja!
+Hast du alles gehört?&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle nickte traurig. Er kam leise näher, umschlang
+die gute Frau und sah sie flehend an. &bdquo;Ausreißen!&ldquo;
+bettelte er. &bdquo;Ausreißen!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ja, ja.&ldquo; Die Frau Lehrerin nickte. &bdquo;Ich kann
+mir&rsquo;s schon denken, daß du gern ausreißen möchtest, du
+armer kleiner Schelm, du!&ldquo; Und sacht streichelte sie
+das Kasperle. Sie sann ein paar Minuten nach, dann
+nahm sie vom Tisch ein großes Stück Brot, steckte dem
+Kleinen die Taschen voll, gab ihm noch ein paar Batzen
+und sagte schnell: &bdquo;Versuche dein Heil! Geh hinten zur
+Küchentüre hinaus! Mein guter Mann wird mir&rsquo;s schon
+verzeihen, daß ich dir geholfen habe.&ldquo;
+
+</p><p>Sie gab dem Kasperle noch einen Kuß und ließ
+ihn in die Küche witschen. Von dort aus führte eine
+Türe in den Garten; neben dem lag der Kirchhof, und
+wie Kasperle so hastig davonrannte, sah er, daß die
+Kirchtüre aufstand. Ich verstecke mich auf dem Turm,
+dachte er, und husch, war er schon drinnen. Es war
+<!-- page 114 -->
+aber auch die höchste Zeit, denn vom Schulhause her
+erklang Base Mummelines Stimme: &bdquo;Sie kommen!&ldquo;
+
+</p><p>Sie kamen wirklich. Der Kasperlemann voran, drei
+Landjäger hintendrein, und die Dorfleute, die sie kommen
+sahen, rannten eilig herbei. Was war geschehen?
+Warum kamen die Landjäger in ihr friedliches Dorf?
+Sie fragten es alle ganz erschrocken, und es gab ein
+lautes Hinundhergerede, bis die Base etlichen sagte,
+Kasper werde geholt, ob sie den nicht gesehen hätten.
+
+</p><p>&bdquo;Die Buben spielen am Bach,&ldquo; rief jemand, und
+gleich liefen ein paar hin, um dort das Kasperle zu
+fangen, denn die Base tat, als wäre der kleine Schelm
+ein schlimmer, schlimmer Bösewicht.
+
+</p><p>Aber wo war denn Kasperle?
+
+</p><p>Die Buben hatten ihn nicht gesehen, der Schulze
+hatte ihn nicht gesehen, der Schullehrer wußte nichts
+von ihm; niemand hatte das Kasperle gesehen. &bdquo;Er ist
+ausgerissen!&ldquo; riefen die Base und der Kasperlemann.
+&bdquo;Wir suchen,&ldquo; sagten die Landjäger. &bdquo;Platz da, erst
+suchen wir das Haus ab.&ldquo; &bdquo;Alle müssen suchen helfen,&ldquo;
+schrie der Schulze. &bdquo;Na, das wäre doch eine Schande,
+wenn einer aus Waldrast ausreißen könnte, den unser
+Herzog fangen will! Vorwärts, alle müssen suchen!&ldquo;
+
+</p><p>Und alle suchten. Kasperles Schulgefährten suchten
+am eifrigsten, und jeder dachte bei sich: Wenn ich ihn
+finde, lasse ich ihn ausreißen. Nur die Frau Schullehrerin
+suchte nicht, und niemand fragte sie. Still
+brachte sie Lenchen und Lorchen ins Bett, und als die
+<!-- page 115 -->
+bitterlich um ihren lieben Kasper weinten, tröstete sie die
+Kleinen und sagte linde: &bdquo;Es wird ihm schon nichts
+geschehen!&ldquo;
+
+</p><p>Die Bauern und Landjäger suchten in allen Häusern,
+Scheunen und Ställen, aber vergeblich, Kasperle war
+nicht zu finden. Endlich sagte einer: &bdquo;Nun müssen wir
+noch in der Kirche nachsehen.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Sie ist ja verschlossen,&ldquo; sagte ein anderer, &bdquo;und
+die Fenster sind auch alle zu.&ldquo;
+
+</p><p>Der alte Küster hatte nämlich inzwischen die Kirche
+verschlossen, und weil er alt und müde war, kümmerte
+er sich nicht um den Lärm im Dorf. Er saß in seinem
+Lehnstuhl und schlief, und die Landjäger gingen alle
+um die Kirche herum und sagten: &bdquo;Darin kann er nicht
+sein, er ist sicher ausgerissen.&ldquo; Aber wohin? War er
+in den Wald geflohen, saß er oben in den Bergeinöden?
+Auf dem Weg zur Stadt hätten sie ihn doch alle sehen
+müssen!
+
+</p><p>&bdquo;Morgen früh wird die ganze Gegend abgesucht.
+Alles, was Beine hat, muß mitlaufen,&ldquo; sagte der Schulze.
+&bdquo;Na, die Schande, wenn der Kasper entwischt wäre!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ja, gleich bei Tagesanbruch wird gesucht,&ldquo; riefen
+alle, &bdquo;und heute muß das Dorf bewacht werden; keine
+Katze darf hinaus und das Kasperle erst recht nicht.&ldquo;
+
+</p><p>Und im Schulhaus sagte die Base Mummeline:
+&bdquo;Ich bin zwar rechtschaffen müde, aber ins Bett gehe
+ich nicht. Ich wette, der Kasper geistert im Hause
+herum, und ich erwische ihn doch!&ldquo;
+<!-- page 116 -->
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-11"><span style="font-size:small">Elftes Kapitel</span> <br /><br />Abenteuer über Abenteuer
+</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">A</span>llmählich wurde es stiller und stiller im Dorf.
+Kasperle hörte drinnen im Kirchturmwinkel den Lärm
+verklingen, und nun wagte er sich erst einmal recht
+umzuschauen, wo er eigentlich war. Er saß in einer
+dunklen Vorkammer, eine Treppe neben ihm führte zum
+Turmaufgang, und von oben strömte noch ein matter
+Lichtschimmer herab.
+
+</p><p>Gerade dachte Kasperle, es wäre gut, bis hinauf
+zu steigen, als jemand draußen sagte: &bdquo;Aber morgen
+müssen wir doch einmal in der Kirche nachsehen.&ldquo; Es
+waren die zwei Landjäger. Sie gingen vorbei, um
+mitten auf der Dorfstraße Wache zu halten. Da
+kletterte innen Kasperle angsterfüllt die ganz schmale,
+steile Treppe zum Turm hinauf. Er dachte: Dort oben
+suchen sie vielleicht nicht.
+
+</p><p>Im Turm der Waldraster Kirche wohnten seit
+vielen, vielen Jahren Eulen. Eine alte Eulenurgroßmutter,
+die gerade zur Zeit lebte, erzählte, schon ihre
+Urgroßmutter habe erzählt, daß ihrer Urgroßmutter Urgroßmutter
+im Turm gewohnt habe. Niemand störte
+je die Eulen. Wenn unten die Waldraster Buben den
+Strick zogen, um die Glocke zu läuten, immer die brävsten
+durften das tun, dann huschelten sich die Eulen nur tiefer
+<!-- page 117 -->
+in ihre Nester hinein. Die Glockenklänge waren ihnen
+vertraut, und wenn die Glocke auf- und abschwang,
+dann freuten sie sich nur. Nie stieg jemand in den
+Turm hinauf, denn die Treppe war morsch und das
+Hinaufklettern gefährlich.
+
+</p><p>Davon wußte Kasperle nichts. Er stieg immer
+höher, und die Eulen, die sich gerade ihren Tagesschlaf
+aus den Augen rieben, sahen erstaunt auf den kleinen,
+sonderbaren Kerl, der da die Treppe heraufkam. Sie
+erschraken sehr. Die alte Urgroßmutter schrie heiser:
+&bdquo;Nehmt euch in acht, der hat es auf die Kleinen, die
+Nestlinge abgesehen!&ldquo; Da schrien alle Eulen; unheimlich
+klang es, und alle schwirrten empor. Und auf
+einmal flatterte und rauschte es Kasperle um den Kopf,
+und er sah in viele funkelnde, böse Eulenaugen. Er
+erschrak ganz fürchterlich. Eine ganz unbeschreibliche
+Angst vor diesen fremden, unheimlichen Vögeln ergriff
+ihn, und er wollte die Treppe eiligst wieder hinabsteigen.
+Doch er trat fehl und fiel, die Eulen kreischten
+laut, und das purzelnde Kasperle erfaßte in seiner Angst
+den Glockenstrick, der ihm vor der Nase herumbaumelte.
+
+</p><p>&bdquo;Bum, bum, bum!&ldquo; tönte es dumpf.
+
+</p><p>Nun erschraken auch die Eulen, denn Glockenklänge
+um diese Zeit waren ihnen ganz ungewohnt. Sie
+flatterten immer aufgeregter hin und her, Kasperle
+klammerte sich fester an den Strick, und die Glocke
+geriet ins Schwingen. &bdquo;Bum, bum, bum, bimbam,
+bimbam!&ldquo; Die Glocke begann lauter und lauter zu
+<!-- page 118 -->
+rufen. Kasperle wollte den Strick loslassen, aber die
+Glocke schwang heftiger hin und her, die Eulen flatterten
+wild und Kasperle hing am Strick und flog hin und
+her, flog zum Turmfenster hinaus, er konnte seine Füße
+nicht mehr auf den Boden setzen.
+
+</p><p>&bdquo;Bum, bum, bum! Bimbam, bimbam!&ldquo; Über
+das schlafende Dorf rauschten die Glockenklänge. Die
+Hunde begannen zu bellen, die Menschen fuhren erschrocken
+in ihren Betten empor. Die Glocke läutete,
+was war das? Der Schneidermeister Pimperling sprang
+zuerst auf die Dorfstraße hinaus. &bdquo;Feuer!&ldquo; schrie er,
+&bdquo;Feuer! Feuer!&ldquo;
+
+</p><p>Der Ruf fand Widerhall. Aus den Häusern
+stürzten die Leute, und alle schrien sie: &bdquo;Feuer! Feuer!&ldquo;
+Und alle sahen sie sich um, wo es denn eigentlich
+brennen könnte. &bdquo;Die Wassereimer her, die Wassereimer
+her!&ldquo; schrie der Schulze, denn eine Feuerspritze
+gab es damals noch nicht in Waldrast. Und alles lief
+und rannte, um Wassereimer zu holen, und einer fragte
+den andern, wo denn das Feuer sei, bis einer auf den
+Gedanken kam, das müßte doch der wissen, der die
+Glocke läutet. Ja, wer läutet sie denn?
+
+</p><p>Dem Kasperle aber im Glockenstuhl war es himmelangst
+geworden. Er hielt sich schließlich verzweifelt am
+Gebälk fest, ließ den Strick fahren und sauste nun etwas
+unsanft die Treppe hinab. Auf halber Höhe blieb der
+zuletzt liegen. Ganz verdattert von dem Geschehenen
+war er, und als er von draußen, von der Dorfstraße
+<!-- page 119 -->
+her, Lärm hereindringen hörte, wußte er erst gar nicht,
+was der bedeuten sollte, bis es dem dummen Kasperle
+endlich einfiel: die Glockentöne hatten alle aus dem
+Schlafe geweckt. Er hörte &bdquo;Feuer! Feuer!&ldquo; schreien,
+er hörte lautes Rufen und Fragen vor der Kirchentüre,
+und da &mdash; Kasperle kugelte gleich die ganze Treppe
+hinab, jemand hatte draußen laut gerufen: &bdquo;Ich wette,
+das ist der Kasper gewesen, der hat sich in der Kirche
+versteckt.&ldquo; Es war die Base Mummeline, die das rief.
+
+</p><p>&bdquo;Die Türe ist aber verschlossen!&ldquo; rief jemand anders.
+
+</p><p>&bdquo;Man muß den Küster holen, er muß aufschließen,&ldquo;
+verlangten ein paar Stimmen. &bdquo;Flink, holt ihn!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Bim &mdash; bam, bim &mdash; bam!&ldquo; Das Läuten oben
+wurde schwächer, aber Kasperle hörte noch immer die
+Eulen oben kreischen und flattern. Wohin sollte er
+fliehen? Auf dem Turm waren die Eulen, die hackten
+ihm wohl gar die Augen aus; unten standen die Dorfleute,
+wehe wenn die ihn erwischten! Er hörte jemand
+rufen: &bdquo;Da kommt der Küster, nun aufgepaßt, jetzt
+müssen wir den Kasper fangen!&ldquo;
+
+</p><p>Es war wieder die Base Mummeline, die so rief,
+und das Kasperle sah sich ganz verzagt um. Wohin
+sollte er denn nur fliehen? Da sah er plötzlich neben
+sich eine lange Stange stehen, und &mdash; ein ganz unnützer
+Gedanke kam dem Kasperle.
+
+</p><p>Der Schlüssel knirschte im Schloß, die Türe ging
+auf. &bdquo;Uje, ist&rsquo;s hier aber dunkel! Holt flink ein paar
+Laternen!&ldquo; rief jemand. Und dann gab es einen Plumps,
+<!-- page 120 -->
+ein lauter Schrei erklang, die Base Mummeline war
+über die Stange gefallen, die Kasperle quer vor die
+Türe hielt.
+
+</p><p>&bdquo;Au, Donnerwetter!&ldquo; Da lag der dicke Schulze.
+
+</p><p>&bdquo;Himmel, Hagel, was ist das!&ldquo; Der eine Landjäger
+fiel dem Schulzen nach, und der Schneidermeister
+Pimperling quiekte: &bdquo;Potz Hosenknopf und Ellenmaß,
+hier spukt&rsquo;s!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ich werde totgedrückt!&ldquo; kreischte die Base Mummeline.
+
+</p><p>&bdquo;Laternen her, Laternen her!&ldquo; Einer nach dem
+andern fiel in den Vorraum hinein, und in diesem allgemeinen
+Gepurzele, in dem lauten Lärm gelang es
+Kasperle, sich sacht an der Wand hin ins Freie hinauszuschleichen.
+Er drückte sich ganz eng an die Mauer
+an und wutschte um den Turm herum, und er war
+gerade auf der andern Seite angelangt, als etliche Leute
+mit Laternen daherkamen. Das ganze Dorf versammelte
+sich am Turm, mit den Laternen wurden die hingepurzelten
+Leute beleuchtet, und alle riefen: &bdquo;Das ist
+ein Streich von Kasper.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Man muß den ganzen Turm absuchen,&ldquo; sagte der
+Schulze, der sich stöhnend aufgerichtet hatte, und die
+Base kreischte: &bdquo;Der darf uns nicht entwischen, dieser
+heillose Bösewicht!&ldquo;
+
+</p><p>Der Schneidermeister Pimperling, der sehr klein,
+dünn und mutig war, erbot sich, auf den Turm zu
+steigen. Er nahm einen alten Nachtwächterspieß und
+<!-- page 121 -->
+eine Laterne und kletterte vorsichtig die Treppe hinauf.
+Er schaute dabei in jede Mauerritze, unter jede Treppenstufe,
+ob sich das Kasperle da nicht versteckt hätte, und
+unterdessen suchten unten etliche den Vorraum, die Kirche,
+alles ab, &mdash; kein Kasperle war zu finden.
+
+</p><p>Die Eulen erschraken, als das Licht in ihre Wohnstuben
+drang. Das blendete sie, und sie versteckten sich
+scheu. Die Glocke zitterte noch hin und her, aber soviel
+der Meister Pimperling auch herumleuchtete, Kasperle
+fand er nicht.
+
+</p><p>Unten sagte der Kasperlemann: &bdquo;Wir müssen ihn
+finden, er muß doch da sein!&ldquo; Und er erzählte von der
+hohen Belohnung, die der Herzog geben wollte, und
+alle suchten noch eifriger, alle sagten: &bdquo;Er muß doch
+da sein! Wer soll sonst die Glocke geläutet haben?&ldquo;
+
+</p><p>Inzwischen rannte Kasperle sehr eilfertig dem Walde
+zu. Weil alle nach der Kirche liefen, bewachte keiner
+die Wege, die nach auswärts führten, und Kasperle
+gelangte ungesehen in den Wald. Er schlug nicht den
+Weg ein, der zur Stadt hinabführte, sondern lief seitwärts;
+dort wußte er, dehnte sich der Wald viele, viele
+Stunden weit aus. Durch diesen Wald hindurch führte
+der Weg in ein anderes, fremdes Tal, in das die Leute
+aus Waldrast nie gingen. In der tiefen Dunkelheit
+verlor Kasperle nun bald den Weg; er mußte wieder
+mühsam über Steine klettern und fiel über Wurzeln
+und umgestürzte Bäume, und als er so ein paar Stunden
+dahingelaufen war, sank er todmüde zu Boden. Er
+<!-- page 122 -->
+schlief auch gleich ein, und als er erwachte, sah er die
+Sonne durch das Gezweig uralter, hoher Tannen glitzern.
+Soweit er blicken konnte, war dichter Wald um ihn her,
+und ganz still war es.
+
+</p><p>Kasperle setzte sich auf einen moosbewachsenen Stein
+und sah sich traurig um. Nun war er wieder mutterseelenallein
+in der weiten, weiten Welt, nun hatte er
+keine freundlichen Pflegeeltern mehr und keine lustigen
+Kameraden. Er dachte an das Waldhaus; ach, wäre
+er doch dort geblieben und nicht fortgelaufen! Dort
+war doch seine Heimat. Er wäre gern zurückgekehrt,
+aber wie sollte er den Weg finden? Er mußte dann
+doch an dem Schloß vorbei, in dem die liebliche Rosemarie
+wohnte! Aber dort kannten ihn alle, man würde
+ihn fangen und ins Gefängnis setzen. Kasperle hatte
+davor eine ganz schreckliche Angst. Der Herzog und
+die Base Mummeline, das waren seine Feinde, und
+als er nur an sie dachte, sprang er gleich auf und lief
+weiter durch den Wald. Er wanderte und wanderte,
+viele Stunden lang, der Wald nahm kein Ende; ganz
+undurchdringlich schien er zu sein.
+
+</p><p>Endlich setzte sich Kasperle wieder müde auf den
+Boden nieder. Er zog das Brot heraus, das ihm die
+gute Lehrersfrau noch gegeben hatte, und begann traurig
+zu essen. Und wie er so saß, vernahm er ein Plätschern
+und Rauschen; ein Bächlein mochte nicht allzu ferne
+fließen. Weil Kasperle durstig war, stand er auf und
+ging dem Rauschen nach. Nach einem Weilchen sah
+<!-- page 123 -->
+er den Wald sich lichten, und er kam an einen Bergbach,
+der kam mit viel Gebrause aus einer hohen, hohen
+Felsspalte herabgestürzt. Am Bach war der Wald
+etwas zurückgetreten, nur Himbeerbüsche wuchsen dicht
+an seinem Rand. Von ihnen waren viele reife Früchte
+in das Wasser gefallen, sie schimmerten rot aus den
+weißen Kieselsteinen heraus. Und hohe Stauden blauen
+Eisenhutes standen am Bachrand, mitten im Wasser
+aber lag eine winzige Insel. Da wuchsen große, weiße
+Blütendolden, auf denen lauter schimmernde, goldbraune
+Schmetterlinge saßen. Und im schäumenden Wasser,
+das aus der Felsspalte stürzte, glitzerte die Sonne. Das
+leuchtete, funkelte und glänzte in allen Farben, und
+Kasperle staunte verwundert; wie ein Märchenwinkel
+kam es ihm vor. Auch schien alles zu rufen und zu
+locken: &bdquo;Komm, Kasperle, komm!&ldquo; Das Wasser spritzte
+ihm an die Nase, die Himbeerbüsche bogen sich unter
+der Last ihrer reifen Früchte, und da war Kasperle
+denn auch nicht faul. Er setzte sich hin und schmauste,
+trank erst vom klaren Wasser, aß dann zum Brot die
+Himbeeren und wurde plumpsatt. Da legte er sich an
+das Ufer des Baches, lauschte dem Tosen, mit dem der
+aus der Felsspalte hervorstürzte, und ließ sich die Sonne
+auf das Bäuchlein scheinen.
+
+</p><p>Sehr lange dauerte es nicht, bis Kasperle schlief.
+Er schlief und schlief in die warme, Sommernacht hinein.
+Einmal wachte er auf, da stand eine ganz schmale
+Mondsichel gerade über dem Waldwinkel, und das
+<!-- page 124 -->
+Bächlein rann wie ein Silberstrom aus seiner Felsspalte
+hervor. Ein Weilchen sah Kasperle zu, er sah die silbernen
+Lichter auf dem Wasser glitzern und sah über sich
+am dunklen Nachthimmel die feine Sichel und viele,
+viele Sterne. Das war schön und friedsam. Kasperle
+reckte und streckte sich und schlief weiter.
+
+</p><p>Auf einmal tönte laut eine Stimme in seinen Schlaf
+hinein: &bdquo;Hallo, he, aufgewacht du!&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle richtete sich erschrocken auf und sah sich
+verwirrt um. Da stand neben ihm ein Bub, nicht viel
+größer als er, der trug ein Hemd und ein Höslein,
+geflickt wie eine Musterkarte, auf seinem Kopf saß ein
+verbeultes, verblichenes Hütlein mit einem mächtigen
+Busch Hahnenfedern daran. Es sah beinahe aus wie
+der Kopfschmuck, den der Räuberhauptmann im Kasperletheater
+zu tragen pflegte. Des Buben Augen blitzten
+lustig; der ganze kleine Kerl sah überhaupt so vergnügt
+in die Welt, daß Kasperle auch gleich lachen mußte.
+
+</p><p>Und wenn Kasperle lachte, das steckte an. Erst
+machte der fremde Bube Kulleraugen vor Erstaunen,
+als Kasperle seinen Mund von einem Ohr zum andern
+zog, aber dann lachte er laut heraus. Sein Lachen
+steckte wieder das Kasperle an, und so lachten sie eine
+gute Zeit um die Wette, und die Felswand gab vergnügt
+das Echo zurück. Sonst hörten es nur noch eine
+Anzahl Geißen, die kamen zierlich über die Steine geklettert
+und umringten die beiden Buben. Aber plötzlich
+sprang der fremde Bube auf und schrie: &bdquo;Rosemarie
+<!-- page 125 -->
+fehlt!&ldquo; Und dann rannte er mit schnellen Sprüngen
+davon.
+
+</p><p>Rosemarie! Kasperle vergaß das Lachen vor Staunen.
+War das liebliche Grafenkind hier im Walde,
+und war er gar wieder dem Schlosse näher gekommen?
+Die Geißen umschnupperten ihn ganz zutraulich, er aber
+saß da, als wäre er aus allen Wolken gefallen. Doch
+da kam der fremde Bub schon wieder zurück, er trieb
+ein schneeweißes Zicklein vor sich her und rief schon
+von weitem: &bdquo;Das ist Rosemarie; beinahe hätte sie sich
+verlaufen.&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle schüttelte den Kopf. &bdquo;Nä,&ldquo; brummelte er
+entrüstet, &bdquo;Rosemarie ist eine Grafentochter, keine Geiß!&ldquo;
+
+</p><p>Der fremde Bube lachte hell auf. &bdquo;Freilich, ein
+Geißenname ist&rsquo;s nicht,&ldquo; rief er. &bdquo;Rosemarie stammt
+aber auch von einem Schlosse; die alte Einöderin Bärbe
+hat sie dort geholt.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ist das weit?&ldquo; fragte Kasperle scheu. Er dachte
+gar, das Schloß müßte ihm vor der Nase liegen.
+
+</p><p>&bdquo;Weit &mdash; das Schloß?&ldquo; Der fremde Bube sah ihn
+erstaunt an, die Frage kam ihm sehr schnurrig vor.
+Was ging den andern das Schloß an? &bdquo;Weit ist&rsquo;s
+schon,&ldquo; sagte er; &bdquo;die Einöderin braucht immer ein paar
+Tage dazu, sie stammt von dort.&ldquo;
+
+</p><p>Da war Kasperle wieder zufrieden. Nun fiel ihm
+auch ein, es war eigentlich längst Frühstückzeit vorbei,
+und er kramte sein letztes Stück Brot aus der Tasche.
+&bdquo;Ich hab&rsquo; Hunger,&ldquo; sagte er seufzend.
+<!-- page 126 -->
+
+</p><p>&bdquo;Ich auch.&ldquo; Der fremde Bube zog auch ein Stück
+Brot aus der Tasche und sagte: &bdquo;Ich komm&rsquo; hierher
+wegen der Himbeeren. So schön sind sie nirgends, und
+niemand weiß den Ort, selbst der brummige Matthias
+nicht.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Wer ist denn das?&ldquo; Kasperle setzte sich auch an
+einen Himbeerbusch, wie es der andere tat. Beide
+schmausten los, und dabei erzählte der fremde Bube,
+der brummige Matthias sei ein Förster; er wohne
+neben des Herzogs Jagdschloß Hirschsprung, das ganz
+nahe sei.
+
+</p><p>&bdquo;Wohnt der Herzog hier?&ldquo; Kasperle ließ vor Schreck
+eine dicke Himbeere und sein Brot dazu ins Wasser
+fallen, und er fischte erst beides wieder heraus, als der
+fremde Junge sagte: &bdquo;Bist du aber dumm! Der Herzog
+wohnt doch in seiner Residenzstadt, weit, weit von
+hier! Er kommt nur alle Jahre zweimal hierher, sonst
+steht das Schloß immer leer. Du weißt aber auch gar
+nichts! Woher kommst du eigentlich? Wie heißt du?
+Wer bist du?&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle seufzte tief. Er wollte schon wieder sein
+Sprüchlein sagen, aber des fremden Buben helle, klare
+Augen schauten ihn so ernsthaft an, da senkte er verwirrt
+seine Nase.
+
+</p><p>&bdquo;Hast du was Schlimmes getan?&ldquo; fragte plötzlich
+der andere fast streng.
+
+</p><p>Kasperle schüttelte den Kopf, und dann erzählte
+er dem Buben, wer er sei. Alles erzählte er, und der
+<!-- page 127 -->
+andere lachte mit und sah mit traurig drein, und als
+Kasperle zu Ende war, streckte er ihm seine kleine, braune
+Hand hin und rief: &bdquo;Armes Kasperle! Aber weißt du,
+ich will dein Freund sein. Ich bin das Geißenmichele
+und wohne in Hochdorf. Da, willste mein Brot?&ldquo;
+Michele wußte in aller Geschwindigkeit nämlich nicht,
+was er aus Mitleid dem Kasperle Gutes antun sollte,
+darum gab er ihm sein Brot. Dabei war des Michels
+Brotvorrat für seinen rechtschaffenen Bubenhunger
+gerade nicht sehr groß. Michele meinte aber, für einen
+Freund, den man so unversehens im Walde finde,
+müßte man auch einmal hungern können. Kasperle
+aber sah, mehr Brot war nicht im Säcklein, und schlug
+vor, sie wollten teilen. Also teilten sie, schmausten
+viele, viele Himbeeren dazu und berieten dabei, was aus
+Kasperle werden sollte.
+
+</p><p>Michele hätte das Kasperle am liebsten mit heimgenommen,
+doch das ging nicht; er hatte nämlich selbst
+kein rechtes Zuhause. Er war einer armen Witwe
+Sohn, die wohnte stundenweit ab in einem kleinen
+Dorf, und er hatte sich als Geißenbub verdingt, um
+der Mutter zu helfen, die noch für drei kleinere Kinder
+sorgen mußte. Bei einem Bauern schlief er auf dem
+Heuboden, dahin durfte er keinen fremden Buben mitbringen.
+Und Kasperle tat einen tiefen Seufzer und
+sagte traurig: &bdquo;Ich muß weiterziehen.&ldquo;
+
+</p><p>Doch da kam wie ein Blitz dem Michele ein guter
+Gedanke, und er überkugelte sich gleich einmal vor
+<!-- page 128 -->
+Freude und schrie dabei: &bdquo;Hurra, das wird fein, fein,
+fein!&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle wollte natürlich gleich wissen, was fein
+würde, und da vertraute ihm Michele an, das Schloß
+sollte seine Wohnung sein. Und als Kasperle darob
+vor Erstaunen so steif und stumm wie ein Bäumlein
+wurde, erzählte Michele, im Schlosse wohne niemand,
+und der böse Matthias und seine Frau gingen selten
+hinein, auch sei das dann ja zu hören. Er aber wußte,
+daß eine ganz kleine Seitenpforte seit langer Zeit
+unverschlossen sei, wohl weil der brummige Matthias
+den Schlüssel verloren habe. &bdquo;Ich bin schon manchmal
+drin gewesen; fein ist&rsquo;s drin!&ldquo; tuschelte Michele seinem
+neuen Freunde geheimnisvoll zu. &bdquo;Du kannst drin
+wohnen, und dann treffen wir uns alle Tage und hüten
+die Geißen zusammen. Wenn ich sage, ich hab&rsquo; arg
+großen Hunger, dann gibt mir die Bäuerin schon mehr
+Brot, dann langt es für uns beide.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Aber der Herzog!&ldquo; Kasperle sah so ängstlich drein,
+als spaziere der Herzog schon um die Ecke herum.
+
+</p><p>Michele lachte ihn aus. &bdquo;Bist ein Hasenfuß; der
+Herzog, kommt höchstens zweimal im Jahr nach Hirschsprung,
+na, und das merkst du ja vorher. Komm jetzt
+rasch, ich zeige dir die Türe!&ldquo; Er sprang auf und sah
+nach den Geißen. Die zeigten keine Lust zu großen
+Klettereien; satt und faul lagerten sie auf einem Wiesenfleck,
+und die beiden Freunde konnten beruhigt zum
+Schlosse wandern. Weit war das nun wirklich nicht.
+<!-- page 129 -->
+Kasperle staunte. Ein paar Schritte ging es durch den
+Wald, da waren sie da. Auf einer Wiese, rings von
+Wald umschlossen, lag ein graues Schloß, es hatte einen
+dicken Turm und sah etwas düster aus. Unweit davon,
+am Wiesenrand, lag ein kleines Haus, die Försterei.
+Alles war wie ausgestorben, nicht einmal ein Hund bellte,
+als sich die Buben dem Schlosse näherten. Michele
+führte seinen Freund nun um die grauen Mauern herum
+und zeigte ihm neben dem Turm ein Pförtlein, das fast
+ganz hinter Gebüsch verborgen war. &bdquo;Da hinein geht&rsquo;s,&ldquo;
+sagte er, &bdquo;und hier kannst du gleich in den Wald schlüpfen,
+und niemand sieht dich.&ldquo;
+
+</p><p>Sie krochen beide durch das Gebüsch, und Michele
+drückte auf die rostige Klinke; sie gab nach, und da
+standen die beiden wirklich im Schloß. Ein schmaler,
+weißgetünchter Gang nahm sie auf, und Michele schritt
+ihn ganz keck entlang. Kasperle folgte etwas zaghaft,
+weil sich aber wirklich niemand und nichts im Schlosse
+regte, wurde er auch mutiger. Die beiden Freunde schlossen
+Tür um Türe auf, sie gingen durch alle Gänge, stiegen
+alle Treppen empor, und Michele war ganz empört, als
+Kasperle auf einmal sagte: &bdquo;Im Grafenschloß war&rsquo;s
+noch feiner.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Was Feineres gibt&rsquo;s nicht,&ldquo; rief Michele und riß
+eine Türe auf. Die führte in einen Saal hinein, der
+nicht, wie die andern Zimmer, etwas düster eingerichtet
+war, sondern hellen, heiteren Hausrat zeigte. Die Sofas
+und Stühle waren alle mit rosafarbener Seide überzogen,
+<!-- page 130 -->
+an den Wänden gab es in breiten goldenen Rahmen
+heitere Bilder, und Engel, die Rosenkränze trugen, schwebten
+oben an der Decke.
+
+</p><p>Da sagte auch Kasperle, dies sei feiner als im
+Grafenschloß, und Michele, der schon ganz wütend
+gewesen war, gab sich zufrieden. Kasperle war nun
+auch sehr vergnügt, daß er im Schlosse bleiben sollte,
+und als sie beide beim Herumwandern in ein sehr
+schönes Zimmer kamen, in dem ein breites goldenes
+Bett stand, sagte er, hier möchte er schlafen. &bdquo;Ich
+glaube, das ist dem Herrn Herzog sein Zimmer,&ldquo; flüsterte
+Michele etwas scheu. &bdquo;Darin kannst du doch nicht
+schlafen!&ldquo;
+
+</p><p>Aber plumps, da lag Kasperle schon in dem mit
+Seide überzogenen Bett und rief: &bdquo;Hurra, hier schlafe
+ich: Das ist fein, fein, fein!&ldquo;
+
+</p><p>Michele hätte sich am liebsten auch in das goldene
+Bett gelegt, aber er dachte an die armen Geißen, die
+er verlassen hatte. &bdquo;Ich muß gehen,&ldquo; sagte er betrübt,
+und flugs sprang Kasperle wieder aus dem Bette heraus
+und erklärte: &bdquo;Ich geh&rsquo; mit.&ldquo; Einträchtig verließen
+sie beide wieder das Schloß, kehrten zu den Geißen zurück,
+fanden die noch ruhig am alten Platz weiden, und
+sie setzten sich zu ihnen und berieten, wie sie es ferner
+zu halten gedächten. Michele wollte immer am Schloß
+vorbeiziehen und pfeifen, und sobald Kasperle dies hörte,
+sollte er ihm nachkommen; dann wollten sie zusammen
+spielen, Geißen hüten und ihr Brot verzehren. Beide
+<!-- page 131 -->
+freuten sich schon auf die Tage, die kommen würden,
+und einmal sagte Kasperle ängstlich: &bdquo;Aber der Herzog,
+wenn der in sein Schloß kommt!&ldquo;
+
+<span class="centerpic" id="img-color130"><img src="images/color130.jpg" alt="Illustration color130" /></span>
+</p>
+<p class="caption">Kasperle schläft auf seidenen Kissen
+
+</p><p>&bdquo;Ach, der kommt ja erst im Herbst!&ldquo; Michele schnippte
+mit der Hand, als könnte er damit den Herzog davonweisen,
+und Kasperle war beruhigt. Mit seinem neuen
+Freund zusammen trieb er dann die Geißen an zum
+Heimgehen, und als das Schloß sichtbar wurde, trennten
+sich beide. Kasperle schlüpfte wieder durch das Gebüsch,
+öffnete die kleine Türe und stand dann allein in dem
+Schloß. Sein Schritt hallte laut auf dem Flur wider,
+und da begann sich der kleine Hasenfuß zu fürchten. Am
+liebsten wäre er wieder umgekehrt und dem Michele
+nachgelaufen, aber dann dachte er doch an das schöne
+seidene Bett, in dem er schlafen wollte, und er lief geschwind
+die Treppe hinauf und durch die Gänge, bis er
+das Zimmer erreichte. Dort schlüpfte er sehr eilig in
+das goldene Bett, zog sich die Decke über die Ohren
+und schlief wirklich nach fünf Minuten ein. Nichts störte
+ihn in dem einsamen Schlaf. Nur einmal hörte er ein
+fernes Blasen, aber so recht wachte er darüber nicht
+auf. Draußen auf der Waldwiese stand der Förster,
+den Michele den brummigen Matthias nannte, und blies
+auf seinem Hifthorn ein Abendlied. Feierlich tönte das
+durch den stillen Wald, und danach schwieg alles, nur
+die Bäume rauschten; sie erzählten sich, im einsamen
+Schloß sei ein wunderlicher kleiner Gast eingekehrt, von
+dem selbst der Förster nichts wisse.
+<!-- page 132 -->
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-12"><span style="font-size:small">Zwölftes Kapitel</span> <br /><br />Kasperle wird ein Gespenst
+</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">A</span>ls Kasperle im seidenen Bett wieder erwachte,
+schimmerte es ganz golden durch die herabgelassenen
+Vorhänge. Er sprang aus dem Bett heraus und lugte
+durch ein Ritzlein hinaus, obgleich Michele ihn sehr
+gewarnt hatte, dies zu tun. Draußen lag die Waldwiese
+im ersten Frühsonnenschein, und selbst in das
+verschlossene Zimmer hinein drang das Singen und
+Jubilieren der Vögel, die den neuen Tag grüßten.
+Wie lustig es klang! Kasperle erhob purzelvergnügt
+sein Stimmlein und sang mit. Es war schon gut, daß
+in dem einsamen Schloß ihn niemand singen hörte,
+denn vor dem Gesang konnte schon einer davonlaufen.
+Es klang, als quietschten zehn schlecht geölte Türen und
+drei verrostete Wetterfahnen dazu, doch Kasperle fand
+seinen Singsang schön, und singend lief er in dem
+Schlosse treppauf, treppab, und dabei kam er auch in
+die Küche. Und da merkte er, daß er schrecklich hungrig
+war, und das Singen verging ihm. Er begann neugierig
+in alle Töpfe und Schränke zu schauen, doch
+nirgends fand er etwas Eßbares. Er dachte seufzend
+an die gefüllten Speisekammern im Grafenschloß, und
+gerade wollte er die Küche wieder verlassen, als er in
+<!-- page 133 -->
+einer Ecke eine Türe entdeckte. Rasch schloß er sie auf,
+ein halbdunkler Raum gähnte ihm entgegen, in dem es
+merkwürdig gut roch. Kasperle schnupperte und schnupperte,
+sah sich um und sah auf einmal von der Decke
+herab lange Würste hängen; auch ein paar Schinken
+und Speckseiten waren dabei. Kasperle war in die
+Räucherkammer geraten, in der es noch Vorräte vom
+letzten Besuch des Herzogs her gab.
+
+</p><p>Potzwetter staunte da Kasperle! Und lange besann
+er sich nicht, ob er zugreifen dürfe oder nicht. Er
+sprang hoch, sprang, bis er eine Wurst erwischte; an
+der zerrte er, bis er sie in seinen Händen hielt. Dann
+verschloß er die Kammer wieder und lief vergnügt mit
+seiner Wurst bis zur kleinen Pforte, an der Michele
+pfeifen sollte. Das dauerte noch ein Weilchen, und
+Kasperle biß inzwischen herzhaft in die Wurst hinein,
+und als Michele kam, hatte er schon ein gutes Stück
+verschmaust.
+
+</p><p>Der Kamerad machte große Augen, als Kasperle
+ihm von der Wurstkammer erzählte. &bdquo;Das darfst du
+nicht, die Würste aufessen,&ldquo; sagte er bedrückt; &bdquo;sie
+gehören doch dem Herzog!&ldquo;
+
+</p><p>Doch Kasperle war ein leichtsinniger Strick. Der
+fand nichts Unrechtes am Wurstraub, sagte, die hätte
+der Herzog gewiß längst vergessen, und Michele glaubte
+ihm dies nur zu gern. So schmausten sie Wurst zu
+ihrem Brot, aßen tüchtig Himbeeren und verlebten mitsammen
+einen sehr vergnügten Tag. Die Geißen waren
+<!-- page 134 -->
+brav, die machten ihnen weiter keine Mühe, ja, als
+Kasperle dem Michele seine Gesichter vorschnitt, da
+stellten sie sich alle dazu und meckerten erstaunt; so
+etwas hatten sie doch noch nicht gesehen. Sie meckerten,
+und Michele lachte. Der streckte Arme und Beine von
+sich, so arg mußte er lachen. Zuletzt kriegte er Bauchweh
+vor Lachen, und er legte sich flink in die Sonne.
+Kasperle tat es ihm nach, und beide ließen sich von der
+Sonne halb braten, bis Kasperle wieder kaspern und
+Michele wieder lachen konnte.
+
+</p><p>So verging der Tag. Am Abend trieb Michele
+die Geißen heim, und Kasperle kehrte in das stille
+Schloß zurück. Er sah sich nicht mehr viel um, sondern
+kroch gleich in sein seidenes Bett. Darin schlief er,
+bis ihn wieder das goldene Scheinen hinter den Vorhängen
+weckte; da war wieder ein neuer heiterer Tag
+für ihn aufgegangen. Er lief wieder durch das Schloß,
+holte wieder ein Würstlein aus der Räucherkammer
+und stand schon an der kleinen Pforte, als Michele
+daherkam. Der sputete sich arg und rief schon von weitem
+dem Kasperle halblaut zu: &bdquo;Verstecken, verstecken!&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle witschte flink in das Gebüsch, und als
+Michele herankam, tuschelte der ihm zu: &bdquo;Der brummige
+Matthias steht vor seinem Hause, laß dich nicht
+sehen!&ldquo;
+
+</p><p>Der Förster wunderte sich ein wenig darüber, daß
+der Geißenbub seine Herde so dicht am Schloß vorbeitrieb,
+aber Kasperle sah er nicht. Der flitzte unter die
+<!-- page 135 -->
+Geißen, lief auf allen vieren und war geschwinde im
+Walde verschwunden.
+
+</p><p>Und wieder verging den beiden Kameraden der Tag
+wie ein schöner Traum. Es wurde Abend, es wurde
+wieder Morgen, und so folgte ein Tag dem andern,
+alle waren sie sonnenreich und voll heiterer Lust.
+
+</p><p>Über eine Woche war so vergangen, da wachte
+Kasperle eines Morgens auf, und er wunderte sich,
+wie dunkel es war. Vielleicht ist&rsquo;s noch Nacht, dachte
+er, aber dann vernahm er ein unablässiges Plätschern
+und Rauschen, und als er durch das Ritzchen im Vorhang
+hinausspähte, merkte er, es regnete. In wahren
+Bächen rann es vom Himmel herab, plitsch, platsch,
+immerzu. Düster, grau hingen die Wolken tief herab,
+der Wald sah aus, als schliefe er noch, nichts rührte und
+regte sich ringsum. Es kam auch kein Michele mit
+seinen Geißen. Der saß bei der Bäuerin und half
+Gemüse putzen, und er dachte dabei sehnsüchtig an seinen
+Freund Kasperle. Dessen Sehnsucht nach Michele war
+nicht minder groß. Er langweilte sich arg in dem einsamen
+Schloß, und weil er nicht wußte, was er anfangen
+sollte, begann er das Schloß von oben bis unten
+zu durchwandern. Er setzte sich auf alle Polsterstühle,
+räkelte sich auf allen Sofas herum, und zuletzt kam er
+wieder in des Herzogs Schlafzimmer. In dem hingen
+allerlei Bilder, darunter das einer Schäferin, die ein
+Lämmchen an einem himmelblauen Bande führte. Dies
+Bild gefiel Kasperle besonders gut. Um es besser zu
+<!-- page 136 -->
+sehen, rieb er ordentlich seine große Nase daran, ja
+er fing an, das Lämmchen zu streicheln. Dabei fühlte er
+an dessen Halsband eine kleine Erhöhung, und weil er
+wissen wollte, was dies bedeute, drückte er ordentlich fest
+darauf. Da rauschte es plötzlich sacht, das Bild wich
+von der Wand, und Kasperle sah erstaunt in einen
+kleinen Raum hinein; kühl und dumpf wehte es ihm
+daraus entgegen.
+
+</p><p>Erschrocken sprang Kasperle gleich in das goldene
+Bett hinein, er kroch unter die Decke, und da lag er
+eine Weile zitternd vor Angst. Aber alles blieb still.
+Nur draußen rauschte und rauschte unablässig der Regen.
+Kasperle steckte scheu den Kopf unter der Decke wieder
+hervor. Die geheimnisvolle Türe, die das Bild verdeckte,
+stand noch halb offen, und in dem Raum dahinter
+war es auch ganz still.
+
+</p><p>Kasperle seufzte schwer. Er hatte Angst, aber
+neugierig war er auch. Endlich siegte doch die Neugier,
+und er kletterte wieder aus dem Bett heraus und
+schaute hinter das Bild. Eine ganz enge, schmale
+Kammer war es, die sich vor ihm auftat; aus der führte
+ein Trepplein in die Tiefe. Die Kammer selbst war
+in ein grünliches Licht getaucht, und Kasperle sah, daß
+sie ein rundes Fensterloch hatte, vor dem der Efeu ganz
+dicht gewachsen war; man mochte wohl von draußen
+das runde Fenster gar nicht sehen hinter der dichten Efeuwand.
+In der kleinen Kammer selbst stand nur eine altmodische
+Kiste, in die Kasperle eiligst seine Nase steckte.
+<!-- page 137 -->
+
+</p><p>Potztausend, sah es darin aus! Ein paar silberne
+und goldene Becher und eine goldene Kette lagen drin
+und ein dicker Beutel voll Gold. Darüber war ein
+roter Samtvorhang gebreitet, der schon recht verblichen
+war. Kasperle nahm ihn sich um, hängte sich die goldene
+Kette an den Hals und spazierte so ein Weilchen hin
+und her. Doch dann erwachte wieder die Neugierde.
+Er warf alles in die Kiste zurück und begann das
+Trepplein hinabzusteigen, Stufe um Stufe. Etwas bänglich
+war ihm doch zumute, und als ihm von unten herauf
+eine feuchte Dunkelheit entgegengähnte, da kehrte er rasch
+um und schlüpfte wieder in das Schlafzimmer. Er zog
+das Bild wieder zurück, ganz leicht ging es nicht, aber
+plötzlich schnappte es ein, und von der geheimnisvollen
+Kammer war nichts mehr zu sehen.
+
+</p><p>Kasperle suchte nun wieder den Knopf am Halsband
+des Lammes, er fand ihn, drückte darauf, und
+wieder rauschte die Türe auf. Das muß Michele sehen,
+dachte Kasperle, als er die Türe wieder schloß. Er
+ging nun überall im Schloß herum und untersuchte alle
+Bilder, weil er dachte, hinter jedem Bild müßte eine
+geheime Türe sein. Doch soviel er den steifen Herren
+und Damen, deren Bilder die Wände schmückten, auch
+auf die Nasen, Münder, Augen und Bäuche drückte,
+keine Tür tat sich mehr auf. Darüber wurde es Abend,
+und Kasperle kroch wieder ins Bett. Er freute sich
+dabei auf den kommenden Tag, da würde doch sicher
+schönes Wetter sein.
+<!-- page 138 -->
+
+</p><p>Doch der Regen rann und rann. Am nächsten
+Morgen war es noch grauer; noch düsterer sah der
+Wald aus, und wieder blieb Michele mit seinen Geißen
+daheim. Kasperle langweilte sich und rumorte wieder
+im Schlosse herum. Das geheime Kämmerchen untersuchte
+er ganz genau, er ging auch ein paar Schritte
+die Treppe hinab, weit wagte er sich aber nicht. Er
+holte sich wieder eine Wurst aus der Räucherkammer;
+doch die wollte ihm gar nicht mehr so recht schmecken.
+Micheles Brot und die Himbeeren im Walde waren
+besser gewesen. Und draußen regnete es weiter. Immerzu,
+ohne Unterlaß rann es vom Himmel herab, und am
+nächsten Morgen war es wieder so. Da blieb Kasperle
+vor lauter Kummer im Bette liegen, bis auf einmal
+ein helles Licht das Zimmer erfüllte. Kasperle sprang
+auf und sah hinaus. Draußen war soeben die Sonne
+hervorgekommen, sie hatte endlich die Regenwolken
+besiegt. Hier und da schimmerte der Himmel tiefblau,
+und die grauen Wolken jagten davon, als hätten sie
+die allergrößte Angst, von Frau Sonne noch beim
+Schwänzlein genommen zu werden. Heisa, nun wurde
+morgen gewiß schönes Wetter!
+
+</p><p>Kasperle tanzte vergnügt im Zimmer herum. Dann
+rannte er wieder im Schloß treppauf, treppab, holte
+sich eine riesengroße Wurst, die er morgen mitzunehmen
+gedachte, und kroch dann vergnügt in sein seidenes Bett.
+Morgen, morgen würde er seinen Freund Michele
+wiedersehen.
+<!-- page 139 -->
+
+</p><p>In dieser Nacht kam auch der Mond zum Vorschein.
+Er war zwar noch blaß, und es fehlte ihm ein
+ganzes Stück am Rundsein, doch ging schon ein feiner,
+wunderbarer Glanz von ihm aus. Er stand gerade über
+der Waldwiese vor dem Schloß, als Kasperle einmal
+aufwachte und verschlafen dachte: Nun regnet es schon
+wieder. Er sah durch das Vorhangritzchen, da sah er
+den Mond glänzen, und das Rauschen, das er hörte,
+kam vom Wald herüber. Aber noch etwas anderes
+hörte er: Getrappel und dann Stimmen; vom Försterhaus
+herüber tönte es, und im klaren Licht des Mondes
+sah Kasperle einen Reiter vor dem Hause drüben halten.
+Es wurde ihm ganz unheimlich, und rasch kroch er wieder
+in sein Bett, tief unter die seidene Decke. Da schlief
+er denn auch bald ein.
+
+</p><p>Als Kasperle am Morgen aufwachte, dachte er
+erstaunt: Was ist denn das? Es rummelte, knarrte,
+klappte und klirrte laut im Schloß, es war gar nicht
+so still wie sonst. Ja, und auf einmal ertönte ein lautes
+Rufen: &bdquo;Matthias, Matthias, jetzt wollen wir erst in
+dem Herzogszimmer scheuern!&ldquo;
+
+</p><p>Mit einem Satz war Kasperle aus dem Bett
+heraus. Eine furchtbare Angst ergriff ihn. Menschen
+waren im Schloß! Wenn ihn die nun erwischten! Ein
+paar Augenblicke wußte er vor Entsetzen gar nicht, was
+er tun sollte; doch da fiel ihm die Kammer hinter dem
+Bilde ein. Flugs schlug er auf den Knopf, die Türe
+rauschte leise auf, Kasperle nahm seine Sachen und
+<!-- page 140 -->
+die Wurst und witschte in die Kammer. Es war die
+höchste Zeit, denn draußen dröhnten schon schwere
+Schritte über den Flur, und kaum hatte sich die Bildtüre
+geschlossen, als der Förster und seine Frau das
+Zimmer betraten. Kasperle vernahm einen lauten Schrei,
+die Försterin hatte das zerwühlte Bett erblickt. &bdquo;Matthias,
+Matthias,&ldquo; rief sie, &bdquo;es ist wahrhaftig jemand im Schloß
+gewesen! O du meine Güte, und in des Herrn Herzogs
+Bett hat er gelegen! Wenn das unser gnädiger Herr
+wüßte!&ldquo;
+
+</p><p>Der Förster brummte und knurrte, Kasperle hörte
+ihn sagen, es müßte gerade ein Gespenst gewesen sein,
+von einem lebendigen Menschen hätte er doch etwas
+merken müssen, auch seien ja alle Türen verschlossen
+gewesen. &bdquo;Matthias, die kleine Pforte war ja auf!&ldquo;
+schrie die Försterin. &bdquo;Weißt du, von der der Schlüssel
+verloren gegangen ist. Jemine, jemine, wenn etwas gestohlen
+worden ist!&ldquo;
+
+</p><p>Die Försterin weinte und klagte, der Förster knurrte
+und brummte, und Kasperle hörte ihn sagen, daß er
+die kleine Pforte verriegeln wolle.
+
+</p><p>&bdquo;Nein, nein,&ldquo; rief seine Frau, &bdquo;unser großes Vorlegeschloß
+tu dran, das hält besser!&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle erschrak. Wenn der Förster die Türe mit
+einem Schloß verschloß, dann konnte er nicht hinaus
+und &mdash;. Da sagte die Försterin: &bdquo;Und morgen kommt
+der Herr Herzog schon. Spute dich, Matthias, damit
+wir fertig werden!&ldquo;
+<!-- page 141 -->
+
+</p><p>Alle guten Geister! Morgen wollte der Herzog
+kommen, und geschlossen sollte werden. Wie sollte er
+denn da zum Michele kommen? Kasperle dachte: Ich
+klettere in der Nacht unten zu einem Fenster hinaus
+und schlafe im Walde. Damit tröstete er sich über
+diesen Tag hinweg. Den mußte er freilich in dem
+Kämmerlein verbringen, denn der Förster und seine
+Frau wirtschafteten immerzu im Schloß herum, und er
+wagte es nicht, sein Versteck zu verlassen. Doch als es
+dunkelte, wurde es still im Schloß, er hörte noch Türen
+klappen, dann schwieg alles, und endlich wagte er es,
+die Bildtüre zu öffnen. Er nahm seine Wurst unter
+den Arm, die er schon halb aufgegessen hatte, und
+schlich sich leise durch des Herzogs Schlafzimmer, drückte
+an der Tür die Klinke nieder und &mdash; merkte, er war
+eingeschlossen.
+
+</p><p>Von außen war das Zimmer verschlossen, und als
+Kasperle versuchte, das Fenster zu öffnen, sah er erst,
+daß dies vergittert war. Er konnte nicht hinaus, er
+war gefangen. Kasperle stöhnte, seufzte und weinte
+und rannte verzweifelt im Zimmer hin und her; es half
+ihm alles nichts, er konnte nicht hinaus. Zuletzt kroch
+er wütend in des Herzogs Bett, das mit feinem schneeweißem
+Linnen überzogen war. Und heulend wühlte
+sich Kasperle in die Kissen, und er schlief in dieser Nacht
+nicht wie ein Säcklein, sondern wachte immer und immer
+wieder auf. Am Morgen vernahm er lauten Lärm:
+Hörnerblasen, Wagenrollen, Hufschlag und Stimmengewirr.
+<!-- page 142 -->
+Und als er erschrocken aufsprang und hinausspähte,
+sah er draußen einen ganzen Zug Reiter ankommen,
+ein paar Wagen dabei; der Herzog hatte die
+Fahrt zu seinem Jagdschloß in den frühesten Morgenstunden
+gemacht, weil es ein heißer Tag zu werden
+drohte.
+
+</p><p>Das war der Herzog, sein Feind. O jemine!
+Kasperle sah ihn aus dem Wagen steigen, und da entwischte
+er flink in sein Versteck. Er zitterte vor Angst,
+und ganz verdattert und bedrückt hockte er auf der
+Geldkiste nieder. Wie sollte er nun entfliehen?
+
+</p><p>Im Schloß wurde es laut. Kasperle vernahm
+Schritte, und dann hörte er auch, wie in des Herzogs
+Schlafzimmer die Türe aufgeschlossen wurde und ein
+lautes, erschrockenes Rufen ertönte. Himmel, das Bett!
+Daran hatte das dumme Kasperle gar nicht gedacht.
+
+</p><p>In seinem Versteck konnte er genau alle Stimmen
+unterscheiden. Jemand schalt heftig, das war der Herzog,
+und dann weinte jemand, das war die Försterin. Sie
+schwor, das Zimmer sei ganz in Ordnung und verschlossen
+gewesen; es müsse gerade ein Gespenst im
+Schlosse sein. Und sie beschrieb, wie gestern so viele
+Türen offen gestanden haben und auch das Bett zerwühlt
+gewesen sei. Nur ein Gespenst habe das anrichten
+können. Von den verschwundenen Würsten sagte
+sie nichts, das hatte noch niemand gemerkt, auch von
+dem offenen Pförtlein schwieg sie, weil sie ein schlechtes
+Gewissen hatte.
+<!-- page 143 -->
+
+</p><p>Als die Försterin immerzu rief: &bdquo;Ein Gespenst, ein
+Gespenst muß im Schlosse sein!&ldquo; bekam es Kasperle mit
+dem Lachen. Er hielt sich selbst die Hand vor den Mund,
+um nicht laut hinauszuplatzen. Weil er aber irgend
+etwas tun mußte, um seiner Lustigkeit Luft zu machen,
+schlenkerte er das linke Bein hin und her; er traf dabei
+einen der silbernen Becher, und der rasselte mit großem
+Getöse zu Boden.
+
+</p><p>Nebenan erhob sich ein lautes Geschrei. Der Herzog
+rief: &bdquo;Was war das, was war das?&ldquo; und die
+Försterin antwortete schluchzend: &bdquo;Das Gespenst, das
+Gespenst!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Es muß alles genau untersucht werden,&ldquo; befahl der
+Herzog. &bdquo;Auch soll das Schloß ringsum bewacht werden.
+Schnell, schnell, sucht alle Räume ab!&ldquo;
+
+</p><p>Dem Kasperle schlug das Herz. Er hörte, wie sich
+das laute Rufen weiter im Schlosse fortsetzte, und er
+hörte auch, wie nebenan jemand sagte, der Leibarzt müsse
+kommen, der Herzog sei vor Schreck krank geworden.
+O heiliger Bimbam! Wenn der Herzog krank war, legte
+er sich vielleicht ins Bett, und das Kasperle war noch
+mehr gefangen.
+
+</p><p>Und wirklich, der Herzog legte sich auch ins Bett.
+Er war nämlich an diesem Tag zu früh aufgestanden,
+das war seine schlimmste Krankheit. Während der
+Leibarzt kam und der Kammerdiener allerlei gute Dinge
+herbeibrachte für den Herzog, saß nebenan Kasperle
+trübselig auf der Geldkiste. Er kaute an der Wurst
+<!-- page 144 -->
+herum, die schmeckte ihm gar nicht mehr, denn er war
+durstig geworden und sehnte sich nach dem schönen
+Quellwasser, das er mit Michele zusammen getrunken
+hatte. Dazu wurde es allmählich dunkel in dem Kämmerchen,
+das winzige runde Fenster mit dem dichten
+Grün davor ließ wenig Licht ein. Auch ging draußen
+der Tag zu Ende, und zuletzt umgab Kasperle nachtschwarze
+Dunkelheit. Doch auf einmal kam ein feiner,
+schmaler Lichtstreif in die Kammer, und Kasperle sah
+zu seinem Erstaunen an der Wand ein rundes, helles
+Loch. Er rutschte vorsichtig von seiner Kiste herunter,
+tappte sich zu dem Loch hin und sah nun zu seinem
+großen Erstaunen durch die kleine Öffnung gerade in
+des Herzogs Schlafzimmer hinein. An der Stelle hing
+innen in des Herzogs Zimmer das Bild eines Urahnen.
+In seinem Schwertknauf war das kleine Guckloch, und
+es sah niemand im Zimmer Kasperles glitzernde Äuglein
+neugierig hereinspähen. Der Herzog lag im Bett, der
+Leibarzt saß daneben, dabei noch zwei Herren. In dem
+einen erkannte Kasperle gleich den Grafen, Rosemaries
+Vater. Sie sprachen von der seltsamen Unordnung, die
+in dem Schlosse geherrscht hatte; der Herzog erzählte
+davon dem Grafen, der erst später gekommen war. Kasperle
+spitzte arg seine Ohren, und dabei drückte er sich fester
+an die Wand. Da rief drinnen der Herzog: &bdquo;Was
+raschelt da so?&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle fuhr erschrocken zurück, verlor dabei das
+Gleichgewicht und purzelte mit ungeheurem Getöse von
+<!-- page 145 -->
+der Kiste herab. O jemine, gab das wieder einen Aufstand!
+&bdquo;Es ist nebenan,&ldquo; rief der Herzog, &bdquo;in dem Saal,
+schnell, schnell, man muß nachsehen!&ldquo;
+
+</p><p>Da rannte und lief alles, was Beine hatte, in
+den großen Speisesaal, der an des Herzogs Zimmer
+grenzte. Die Wände des Schlosses waren ungeheuer
+dick, und es kam niemand auf den Gedanken, hinter den
+riesigen Schränken, die im Speisesaal standen, könnte
+die Mauer ganz dünn sein. Die Schränke wurden abgesucht,
+Geschirr stand darin, Wäsche lag in den Fächern,
+von einem raschelnden, purzelnden Gespenst war aber
+nichts zu sehen. Von der schmalen Kammer zwischen
+den Wänden ahnte niemand etwas.
+
+</p><p>Dem armen Herzog war es vor Schreck ganz übel
+geworden. Als Kasperle endlich wagte, wieder durch
+das Löchlein zu schauen, sah er den Herzog Kamillentee
+trinken. Und gerade hörte er den Kammerdiener sagen:
+&bdquo;Wenn das Gespenst nur nicht das Kasperle ist!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Wer, was, das Kasperle? Wie kommst du darauf?&ldquo;
+Der Herzog richtete sich erschrocken auf und machte solche
+böse Kulleraugen, daß Kasperle sich flink zusammenduckte.
+
+</p><p>&bdquo;Ja,&ldquo; sagte drüben der Diener, &bdquo;ein Landjäger
+hat erzählt, sie hätten vor einiger Zeit das Kasperle
+beinahe in Waldrast gefangen, doch sei es da wieder
+auf unglaubliche Weise entwischt. Und nirgends ist das
+Kasperle seitdem gesehen worden. Waldrast ist nahe,
+da ist es doch möglich, daß sich der kleine Kobold hier
+versteckt hat.&ldquo;
+<!-- page 146 -->
+
+</p><p>&bdquo;Ja, ja,&ldquo; rief der Graf aufgeregt, &bdquo;so wird es sein!
+Sicher steckt dieser Unhold hier irgendwo im Schloß.&ldquo;
+
+</p><p>Aber der Herzog meinte doch, dies sei nicht gut
+möglich, beinahe möchte er an ein Gespenst glauben.
+
+</p><p>&bdquo;Mit Verlaub,&ldquo; sagte da der Haushofmeister, der
+eben eingetreten war, &bdquo;ein Gespenst frißt doch nicht die
+Räucherkammer beinahe leer! So etwas habe ich noch
+nie von einem Gespenst gehört.&ldquo;
+
+</p><p>Da riefen alle, nein, das hätten sie auch noch nicht
+gehört, und so etwas wäre dem Kasperle schon eher
+zuzutrauen. Und als der Haushofmeister nun erzählte,
+wie viele Würste in der Räucherkammer fehlten, da
+befahl der Herzog streng: &bdquo;Man muß suchen, auf dem
+Boden, in den Kellern, überall, auch in den Schornsteinen,
+und wer das Kasperle findet, dem gebe ich einen
+hohen Orden. Er wird auch Graf, wenn er das nämlich
+nicht schon ist. Das Kasperle, den Unhold, will ich
+aber streng bestrafen, wehe ihm!&ldquo;
+
+</p><p>Sie redeten alle so viel durcheinander, wo wohl
+der kleine Unhold stecken könnte, daß niemand den
+tiefen Seufzer vernahm, den Kasperle ausstieß. Ach,
+es war schon schlimm! Er war gefangen, wurde verfolgt,
+und wer weiß, wie übel es ihm erging, wenn er
+entdeckt wurde! Als alle drinnen in des Herzogs
+Zimmer laut redeten, legte sich Kasperle müde auf den
+Fußboden nieder, vielleicht konnte er seine Angst verschlafen.
+Und Kasperle schlief wirklich ein, und im
+Schloß schliefen nach und nach auch alle ein. Sie
+<!-- page 147 -->
+hatten sich müde gesucht, und schließlich sagten sie: &bdquo;Es
+ist sicher ein Gespenst, ja, und Gespenster findet man
+nicht.&ldquo;
+
+</p><p>Selbst der Herzog war eingeschlafen in seinem schönen
+Bett, um das Kasperle ihn sehr beneidete. Der Kleine
+wachte aber mitten in der Nacht auf, der Mond schien
+ihm gerade auf das Gesicht. Ganz wunderlich war es.
+Hinter dem runden Fensterloch stand noch schief, aber
+glänzend der Mond und erleuchtete die winzige Kammer.
+Ach, dachte Kasperle, wäre ich doch jetzt auf der Waldwiese!
+Und weil er sich sehr arm und verlassen vorkam,
+seufzte er recht tief und vernehmlich.
+
+</p><p>&bdquo;Johann,&ldquo; schrie nebenan der Herzog, &bdquo;hörst du, es
+hat geseufzt!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Jawohl, es hat geseufzt,&ldquo; antwortete der Diener
+verschlafen. &bdquo;Es ist doch ein Gespenst!&ldquo;
+
+</p><p>Das kam Kasperle spaßig vor, daß er nun wieder
+ein Gespenst sein sollte. Er seufzte noch einmal und
+noch einmal, und da schrie drinnen der Herzog, man
+solle flink alles ableuchten, um zu sehen, was da seufze.
+Flugs schwieg Kasperle wieder, weil aufs neue das
+halbe Schloß lebendig wurde. Diener kamen, der Haushofmeister
+kam, Kammerherren rannten herbei, und alle
+lauschten auf das Seufzen. Aber Kasperle war muckstill,
+da wurde es auch drüben still, alle gingen wieder
+zu Bett.
+
+</p><p>Der Herzog war gerade wieder eingeschlafen, als
+das Geseufze wieder anfing. &bdquo;Das Gespenst seufzt wieder!&ldquo;
+<!-- page 148 -->
+Der Herzog schrie, der Diener schrie, und wieder rannten
+alle herbei, horchten und hörten doch nichts. Kasperle
+zappelte vor Vergnügen, und bums! klirrte und dröhnte
+die alte Kiste, an die er gestoßen war.
+
+</p><p>&bdquo;Das Gespenst, das Gespenst!&ldquo; Nebenan redeten
+viele Stimmen durcheinander, und Kasperle verhielt
+sich nun ganz still, denn auf einmal sagte jemand, man
+müsse die Wände morgen abklopfen; vielleicht sei einmal
+jemand eingemauert worden, und der geistere nun
+herum.
+
+</p><p>&bdquo;Das ist recht,&ldquo; antwortete der Herzog, &bdquo;man soll
+morgen gleich den Hofbaumeister holen.&ldquo;
+
+</p><p>O weh! Da verging dem Kasperle wieder der
+Übermut. Wenn der Hofbaumeister die Wände abklopfte,
+fand er sicher die geheime Türe, und man entdeckte
+ihn, das Kasperle. Er wurde muckstill, und nichts
+störte fortan den Herzog mehr. Dabei schlief Kasperle
+nicht einmal. Der dachte an die Flucht, und er beschloß,
+morgen doch die Treppe hinabzusteigen, vielleicht fand
+er da einen Ausgang.
+
+</p><p>Als die Sonne aufging und Licht durch das grüne
+Fensterloch in das Kämmerchen floß, rüstete sich Kasperle
+zur Flucht. Seinen letzten Wurstzipfel nahm er mit
+und den Geldsack aus der Truhe. Das raschelte und
+klirrte wieder, und der arme Herzog nebenan erwachte
+von dem Geräusch. Weil dann aber alles still blieb,
+dachte er, er habe geträumt. Er klingelte nach seiner
+Morgenschokolade. Das hörte Kasperle noch, als er
+<!-- page 149 -->
+das schmale Trepplein in die Tiefe hinabstieg. Ach
+lieber Himmel, er hätte auch lieber Schokolade getrunken,
+als in die Finsternis zu steigen! Er tastete sich den
+schmalen Gang entlang, in den die Treppe mündete;
+feucht und kühl war es, und ein paarmal huschte etwas
+vor dem erschrockenen Kasperle vorbei, es mochten
+Ratten sein. Kasperle ächzte vor Angst, dumpf dröhnte
+das Echo wieder, und in der Küche ließ just in dem
+Augenblick die Köchin des Herzogs die Morgenschokolade
+fallen. &bdquo;O du meine Güte,&ldquo; schrie sie, &bdquo;nun
+geistert es hier auch, hört nur!&ldquo;
+
+</p><p>Alle Küchenjungen und Küchenmägde hatten das
+Geächze vernommen, denn Kasperle war gerade unter
+der Küche hinweg gewandert. Endlos schien der Gang
+zu sein, er ging weiter und weiter, aber auf einmal
+sah Kasperle es in der Ferne hell werden. Nun rannte
+er, so schnell er mit dem Geldsäcklein vorwärts kam,
+plötzlich sah er dicht vor sich dichtes, dichtes Gebüsch.
+Er kroch hindurch, da stand er im Wald, und nicht
+weit davon lag das Schloß. Kasperle wollte weiterrennen,
+denn er dachte an die Wächter, die das Schloß
+bewachten, doch da hüpfte und sprang es um ihn herum,
+und neben ihm schrie Michele: &bdquo;Endlich kommst du,
+endlich!&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle hielt nicht an. Er packte Micheles Hand
+und zog ihn mit fort, die Geißen folgten, und erst als
+alle weit drinnen im Walde waren, begann Kasperle
+seine Abenteuer zu erzählen. &bdquo;Da,&ldquo; sagte er stolz und
+<!-- page 150 -->
+hielt Michele den Geldbeutel hin, &bdquo;den habe ich dir
+mitgebracht.&ldquo;
+
+</p><p>Aber Michele griff nicht nach dem Beutel. Der
+sah den Freund tief erschrocken an. &bdquo;Kasperle,&ldquo; sagte
+er leise, &bdquo;das Geld gehört dem Herzog; das &mdash; das &mdash;
+ist &mdash; gestohlen!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Nä!&ldquo; Kasperle riß seine Augen weit auf. &bdquo;Ich
+hab&rsquo;s doch gefunden!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Aber das Schloß gehört dem Herzog, und alles,
+was drin ist, gehört dem Herzog!&ldquo; Michele war blutarm,
+und er wäre himmelgern lieber ein Geigenspieler
+statt ein Knechtlein geworden, und doch rührte er den
+Beutel nicht an. &bdquo;Du mußt das Geld zurücktragen,&ldquo;
+sagte er, &bdquo;es gehört dir nicht. Weißt du, schon die
+Würste zu nehmen war arg böse.&ldquo; Und Kasperle
+mochte sagen, was er wollte, Michele blieb dabei.
+
+</p><p>Da schaute das Kasperle seinen Freund nachdenklich
+an und flüsterte leise: &bdquo;Du bist gut.&ldquo; Er ließ den Kopf
+hängen, denn er schämte sich, daß er nur ein unnützes
+Kasperle war; er wäre auch gern so ein braver kleiner
+Menschenjunge wie das Michele gewesen. Und so schrecklich
+es ihm war, noch einmal durch den langen, langen,
+finstern Gang zu gehen, er sagte doch, er wolle es tun.
+
+</p><p>&bdquo;Gleich,&ldquo; riet Michele, &bdquo;ehe der Hofbaumeister die
+Türe findet.&ldquo; Er kramte aus seiner Tasche ein Stückchen
+Licht und eine Schachtel Streichhölzer heraus; auf den
+Besitz war er sehr stolz, aber für den Freund gab er
+die Herrlichkeiten hin.
+<!-- page 151 -->
+
+</p><p>Und Kasperle kroch wirklich durch das Gebüsch in
+den unterirdischen Gang hinein. Innen zündete er das
+Lichtlein an, da war es gar nicht so schlimm, er kam
+bis zur Treppe, und da &mdash; wurde das Kasperle wieder
+unnütz. Er schleuderte nämlich den Geldsack heftig
+gegen die Türe, der Herzog sollte noch einmal tüchtig
+erschrecken. Doch was war das, &mdash; die Türe ging auf!
+Das schwere Säcklein hatte die geheime Feder getroffen.
+
+</p><p>Ein lautes Schreien erscholl, und Kasperle rannte
+Hals über Kopf die Treppe hinab, in den Gang hinein.
+Das Licht ging ihm aus, er wagte gar nicht, es wieder
+anzuzünden. Er rannte und rannte, endlich wurde es
+hell, er kroch durch das Gebüsch. Unweit davon weidete
+Michele seine Geißen. &bdquo;Ausreißen!&ldquo; rief Kasperle,
+&bdquo;ausreißen!&ldquo;
+
+</p><p>Michele ahnte, es war etwas Schlimmes geschehen.
+Er trieb seine Herde an, und die armen Geißen mußten
+wieder laufen, daß ihnen Hören und Sehen verging.
+Erst als sie an dem Ort angelangt waren, an dem die
+Freunde sich zuerst getroffen hatten, hielt Michele an.
+Kasperle sank ganz atemlos zu Boden, Michele brachte
+ihm Wasser, gab ihm Brot, und erst dann konnte der
+kleine Schelm erzählen, was geschehen war. Er blickte
+dabei Michele verlegen an. Was würde der sagen?
+
+</p><p>Doch Michele war eben auch ein Bube mit Freude
+an unnützen Streichen. Er lachte und meinte, der
+Herzog habe sich gewiß über das Geldsäcklein gefreut,
+und nun wüßten sie auf dem Schloß doch, wo die
+<!-- page 152 -->
+geheime Schatzkammer sei. &bdquo;Aber nun hast du keinen
+Unterschlupf,&ldquo; fügte er traurig hinzu. &bdquo;Hier zwischen
+den Felsen ist zwar eine kleine Höhle, aber lange drin
+hausen kannst du nicht. Und &mdash; und&ldquo; &mdash; Michele tat
+einen ganz tiefen Seufzer &mdash; &bdquo;was machst du, wenn ich
+nicht mehr komme?&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle riß erschrocken seine Augen und seinen
+Mund weit auf. Michele wollte nicht mehr kommen!
+Ja warum denn nicht? Da erzählte ihm der Kamerad,
+in den nächsten Tagen zögen sie mit allen Rindern und
+Geißen aus dem Dorf für ein paar Wochen auf eine
+hochgelegene Bergwiese; da müsse er mit, um alle Tage
+die Milch hinabzufahren.
+
+</p><p>&bdquo;Ich geh&rsquo; mit,&ldquo; schrie Kasperle, denn das Hausen
+auf der Bergwiese schien ihm lustig zu sein.
+
+</p><p>Doch Michele schüttelte betrübt den Kopf. &bdquo;Es geht
+nicht,&ldquo; sagte er ernsthaft, &bdquo;du mußt weiterwandern; hier
+finden sie dich. Bei uns ist auch schon ein Landjäger
+gewesen, um nach dir zu suchen.&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle ließ bedrückt den Kopf hängen. Ach, das
+Weiterwandern machte ihm keinen Spaß mehr, und am
+liebsten wäre er in das Waldhaus zurückgekehrt! Doch
+wo war das? Er wußte den Weg zurück nicht mehr,
+zuviel war er kreuz und quer gelaufen, und Michele
+wußte es auch nicht. Der gab aber verständigen Rat.
+Am letzten Tag wollte er Kasperle ein großes Brot
+herauftragen, der dafür seine Batzen gab, die die Schulmeisterin
+ihm geschenkt hatte. Dann sollte der Kleine
+<!-- page 153 -->
+immer oben auf dem Bergrücken weiterwandern und
+ein paar Tage alle Dörfer meiden, bis er in das Fürstentum
+S. gelangt sei. Dort, meinte Michele, könnte ihn
+der Herzog wohl nicht fangen lassen. &bdquo;Wenn du an
+einen blaugelben Grenzpfahl kommst,&ldquo; sagte Michele,
+&bdquo;dann bist du an der Grenze.&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle versprach, sich alles zu merken, auch fortan
+sehr vernünftig zu sein. Er tat auch, wie Michele ihm
+geraten, kroch in die Felsenspalte, als der Freund mit
+seinen Geißen heimwärtszog, und drin schlief er die
+Nacht besser als im Gespensterkämmerlein.
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-13"><span style="font-size:small">Dreizehntes Kapitel</span> <br /><br />Der bunte Garten
+</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">D</span>as Geldsäcklein, das Kasperle so heftig an die
+Türe geschleudert hatte, war dem Herzog gerade auf
+den Magen gefallen. Platsch, da lag es, platsch, da
+lag auch die Schokolade, und der Herzog schrie, als
+hätte er das vom Kasperle gelernt. &bdquo;Das Gespenst,
+das Gespenst!&ldquo; brüllte er, und wieder rannte, wer das
+Schreien hörte, herbei, und alle starrten in die schmale
+Kammer hinein, und keiner traute sich recht hineinzugehen.
+Vielleicht saß das boshafte Gespenst noch irgendwo
+in der Ecke. Endlich kamen etliche Kammerherren,
+auch Rosemaries Vater; die untersuchten das Kämmerlein,
+<!-- page 154 -->
+sahen die Schatzkiste, sahen auch die Treppe und
+stiegen in den dunklen Gang hinab. Auf dem Flur
+drängten sich die Küchenmägde zusammen und jammerten:
+&bdquo;Das Gespenst wird uns alle totmachen!&ldquo;
+
+</p><p>Der arme Herzog lag ganz käseweiß in seinem Bette,
+und der Leibarzt gab ihm Magentropfen und sagte,
+Kamillentee würde wieder helfen. Ehe der Herzog aber
+noch Kamillentee getrunken hatte, kamen die Kammerherren
+zurück; einer hielt einen Wurstzipfel in der Hand
+und sagte: &bdquo;Den muß das Gespenst verloren haben.
+Und da Gespenster doch keine Würste essen, muß es
+schon jemand Lebendiges gewesen sein.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Das Kasperle war&rsquo;s,&ldquo; rief der Herzog. &bdquo;Ich glaube
+auch, ich habe es gesehen, als die Türe aufging.&ldquo;
+
+</p><p>Der Graf meinte auch, es könnte wohl Kasperle
+gewesen sein, denn ein Einbrecher hätte nicht mit dem
+Geldsack Fangeball gespielt, sondern den lieber mitgenommen.
+
+</p><p>&bdquo;Die ganze Gegend muß abgesucht werden,&ldquo; befahl
+der Herzog, &bdquo;irgendwo muß doch der kleine Kobold zu
+finden sein!&ldquo;
+
+</p><p>Als Michele an diesem Abend seine Herde heimtrieb,
+ging er dicht am Schloß vorbei. Er traf auch
+eine Küchenmagd, und als er die ein bißchen dies und
+das fragte, da erzählte ihm die flugs alles, was geschehen
+war. Dem Michele wurde das Herz schwer, und er
+konnte in der Nacht gar nicht ordentlich schlafen vor
+lauter Angst um Kasperle. Er trieb am andern Morgen
+<!-- page 155 -->
+seine Herde so früh aus, daß die Bauersfrauen schalten,
+es sei noch bald nachtschlafene Zeit. Als Michele am
+Schloß vorbeikam, sah das auch noch ganz verschlafen
+aus; an der Stelle aber, wo der geheime Gang in den
+Wald lief, stand ein Wächter. Der blickte grimmig
+drein und schrie Michele zu: &bdquo;Nimm heute deine Geißen
+in acht, Bub, nachher wird der Wald von Jägern und
+Hunden abgesucht.&ldquo;
+
+</p><p>Ei, da rannte das Michele, und die armen Geißen
+konnten nicht genug hopsen und springen. Michele trieb
+sie zu immer größerer Eile an, und der Wächter lachte
+hinter ihm her. Hätte der nur geahnt, zu wem das
+Michele eilte! Der fand Kasperle noch in seiner Felsspalte
+sitzen, und aufgeregt erzählte er ihm die neue
+Gefahr. &bdquo;Bleib da drinnen,&ldquo; sagte er, &bdquo;ich pflanze
+flink einen Busch davor, da sieht dich niemand.&ldquo;
+
+</p><p>Und Michele tat, wie er gesagt hatte. Er grub
+einen Busch aus, pflanzte den vor die kleine Höhle und
+machte das so geschickt, daß wirklich der Eingang verdeckt
+wurde. Kasperle saß innen, Michele außen. So
+schwätzten sie zusammen.
+
+</p><p>Die Mittagsstunde kam, es blieb ganz still im
+Walde, und gerade sagte Kasperle, nun wolle er ein
+bißchen herauskommen, als aus der Ferne her lautes
+Rufen und Hundegebell erklang. Da schlugen den
+beiden Kameraden die Herzen arg, denn näher und
+näher kam der Lärm. Und auf einmal trat der brummige
+Matthias mit zwei andern Jägern aus dem Walde
+<!-- page 156 -->
+heraus. Als der Förster Michele so ruhig seine Geißen
+weiden sah, rief er nur hinauf: &bdquo;Ist hier jemand vorbeigekommen?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Nä, niemand!&ldquo; schrie Michele, und er dachte mit
+heimlichem Lachen vergnügt bei sich: Nun sage ich es
+doch richtig; wer innen sitzt, ist doch nicht vorbeigegangen!
+
+</p><p>Die Jäger zogen weiter. Einer der Hunde freilich
+kam angesprungen, der roch am Boden des Kasperles
+Spur. Doch Michele fing jämmerlich an zu schreien:
+&bdquo;Meine Geißen, meine Geißen!&ldquo; Da lockte Matthias
+den Hund zu sich, und Kasperle blieb unangefochten in
+seiner Felsspalte sitzen.
+
+</p><p>Danach wurde die Ruhe nicht mehr gestört, und
+wieder zog Michele mit seinen Geißen heim, und Kasperle
+blieb einsam zurück. Er dachte voll Sehnsucht an des
+Herzogs seidenes Bett; da hatte er schon weicher drin
+gelegen!
+
+</p><p>Und wieder brach ein heller, schöner Tag an. Das
+war aber ein Abschiedstag. Michele kam mit dem
+Brot, zum letztenmal trieb er heute die Geißen aus.
+Ganz trübselig hockten die beiden Freunde zusammen,
+und als das Michele scheiden mußte, da fing Kasperle
+bitterlich zu weinen an.
+
+</p><p>Der Freund versuchte ihn zu trösten, aber Kasperle
+heulte wie ein kleiner Gießbach, und zuletzt heulte
+Michele mit. Das einsame, verlassene Kasperle tat
+ihm bitter leid, und am liebsten wäre er mit ihm in
+die weite Welt gelaufen. Zuletzt aber mußten sie doch
+<!-- page 157 -->
+scheiden. Kasperle blieb allein in seinem Felsenloch
+sitzen, und Michele trieb trübselig seine Geißen heim.
+Er ließ den Kopf hängen, rannte unterwegs beinahe
+etliche Bäume um und ebenso das Schloß, wenigstens
+stieß er fest mit der Nase daran, und ein Wächter
+rüffelte ihn grob darum. Der schrie auch: &bdquo;He, hier
+treibt sich ja ein fremder Bube herum!&ldquo; und es war
+gut, daß der brummige Matthias den kleinen Geißenhirten
+kannte. So entkam der und wurde nicht weiter
+nach dem Kasperle gefragt.
+
+</p><p>Kasperle hockte traurig in seiner Höhle. Schlafen
+mochte er gar nicht, und als der Mond aufging, der
+nun schon ziemlich voll und rund war, da rüstete sich
+Kasperle, weiter in die Welt hinein zu wandern. Er
+buckelte das Rucksäcklein auf, das Michele ihm noch
+von sich gegeben hatte, und in dem das Brot steckte,
+nahm einen Stock, den ihm der Freund geschnitten,
+und wanderte in die stille Nacht hinaus.
+
+</p><p>Der Mond goß helle silberne Lichtströme auf Kasperles
+Weg. Ganz einsam war der, nur einmal sah der kleine
+Schelm ein Dorf in der Ferne liegen. Da dachte er
+an Micheles gute Lehren und machte einen weiten
+Bogen darum herum. Als es Tag wurde, suchte er
+sich tief im Wald einen verborgenen Platz, da lag er
+und schlief, bis der Abend dämmerte, dann stand er
+auf und wanderte weiter.
+
+</p><p>Fünf Nächte lang wanderte das Kasperle so einsam
+dahin, und sein Brot hatte er bis auf ein Schnitzchen
+<!-- page 158 -->
+aufgegessen. Endlich erblickte er in der Morgenfrühe
+einen Grenzpfahl, und in der Ebene, unten im Tal,
+sah er eine größere Stadt liegen. Er schlief nur ein
+paar Stunden an diesem Tage, zur Mittagszeit aß er
+seinen letzten Brotschnitz, und dann stieg er ins Tal
+hinab. Doch die Stadt war ferner, als er gedacht
+hatte, und die Sonne hatte sich schon ihr schönes rotes
+Abendkleid angezogen, als Kasperle endlich an einem
+der Stadttore anlangte. Um die Stadt herum lief
+nämlich noch eine uralte Mauer. Die hatte Tore und
+Türme, und von den kleinen Turmfenstern herab hingen
+rote Hängenelken, und Geranium blühte daran.
+
+</p><p>Kasperle sah aber gar nicht, wie hübsch das war,
+der erblickte etwas viel viel Schöneres. An der Stadtmauer
+außen lag ein großer Garten, in dem tausendfältig
+bunte Sommerblumen blühten. Da säumten die
+schönen Malven die Wege, golden leuchteten Beete
+voll gelber Ringelblumen; Rittersporn und Eisenhut,
+Braut im Haar und Hiobstränen, alles blühte dicht
+nebeneinander. Gelbe Rosen, rote Nelken hingen von
+der alten Stadtmauer herab, und Kasperle staunte die
+bunte Pracht an und dachte, der Festsaal im Herzogsschloß
+sei nicht halb so schön als dieser Garten. Zwischen
+den Beeten ging ein alter, weißbärtiger Mann herum,
+der begoß sorgsam Pflanze um Pflanze. Er bückte
+sich, hob die Gießkanne auf, goß sie leer und füllte sie
+wieder an einem Brünnlein. Es sah aber so aus, als
+würde ihm dies alles recht schwer. Und wie er gerade
+<!-- page 159 -->
+wieder eine Gießkanne füllen wollte, stand auf einmal
+Kasperle neben ihm. Der nahm die Kanne, &mdash; schwipp,
+schwapp, begann er mit einem großen Geplantsche zu
+gießen. Dazu lachte er über das ganze Gesicht, und
+der alte Gärtner lachte mit. Dem gefiel der kleine
+Helfer, der einfach über den Zaun gestiegen war, ganz
+gut. Er setzte sich auf eine Bank, und Kasperle goß
+den Garten; er meinte, eine vergnüglichere Arbeit habe
+er noch nie getan. Es gefiel ihm sehr gut in dem
+bunten Garten, in dem ein kleines, ganz grün überwachsenes
+Haus stand. Und als Kasperle fertig war,
+setzte er sich auf die Bank neben den alten Gärtner,
+blinkerte den zutraulich an und fragte: &bdquo;Darf ich bei
+dir bleiben?&ldquo;
+
+</p><p>Der Alte lachte. &bdquo;Du bist ja ein schnurriger Bube!&ldquo;
+sagte er. &bdquo;Wer bist du denn? Woher kommst du?
+Wie heißt du?&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle seufzte tief. Bei dem alten Mann ging es
+ihm wie beim Michele, er konnte seine Lügengeschichten
+nicht erzählen, er schämte sich. Betrübt ließ er den Kopf
+hängen, und der alte Gärtner fragte ernst, doch voll
+Güte: &bdquo;Du bist wohl ausgerissen, Kleiner?&ldquo;
+
+</p><p>Wieder seufzte Kasperle, aber sagen konnte er nicht,
+wer er war; er hatte zu große Angst vor den Menschen
+bekommen. Da nahm der Alte ihn sacht an der
+Hand, führte ihn in das kleine Haus und sagte freundlich:
+&bdquo;Bleibe nur bei mir in meinem Garten! Morgen
+sagst du mir wohl, wer du bist.&ldquo;
+<!-- page 160 -->
+
+</p><p>Und Kasperle blieb. Sie aßen zusammen Abendbrot,
+und der alte Gärtner erzählte von seinen Blumen, wie
+die wuchsen und blühten, und Kasperle wurde nicht müde
+zuzuhören. Inzwischen war die Sonne ganz untergegangen,
+und der Alte sagte zu Kasperle, er solle schlafen
+gehen; er zeigte ihm auch eine kleine Kammer, darin
+stand ein Bett. Das dünkte dem Kasperle herrlich weich
+nach den vielen Nächten, die er im Walde auf dem
+Boden geschlafen hatte. Durch das offene Fenster strömte
+der Duft der vielen, vielen Blumen in die Kammer,
+und wie Kasperle so lag, hub es auf einmal an zu
+klingen und zu tönen, eine wundersame Musik war es,
+und Kasperle wurde darüber hellwach. Er hatte noch nie
+etwas Schöneres gehört als diese feine, sanfte Musik.
+Ganz seltsam ergriff die ihn, und er mußte weinen.
+Dicke, dicke Tränen liefen dem Kasperle über das Gesicht,
+er dachte an seine Verlassenheit, und eine große
+Sehnsucht nach dem Waldhaus erfaßte ihn wieder.
+Immer lieblicher, zarter wurde das Klingen, und zuletzt
+schlief Kasperle darüber ein.
+
+</p><p>Er schlief sanft bis zum hellen Morgen, bis ihn der
+alte Gärtner weckte. &bdquo;Komm,&ldquo; sagte der, &bdquo;jetzt wollen
+wir wieder in den Garten gehen und gießen, damit die
+Blumen am Tage nicht durstig werden; es wird ein
+heißer Tag heute werden.&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle sprang vergnügt auf, und vergnügt goß er
+die Blumen. Manche brauchten viel Wasser, manche
+hatten nur wenig Durst. Der alte Gärtner sagte ihm
+<!-- page 161 -->
+das alles, er nannte ihm auch die Blumen. Und dann
+mußte Kasperle Beeren pflücken, die reif an den
+Büschen hingen. Er durfte auch davon essen, die
+andern mußte er aber in kleine Körbe tun, die gar
+zierlich mit Blättern ausgelegt waren. Der Alte selbst
+pflückte Frühbirnen von einem Baum.
+
+</p><p>Beide waren sie noch eifrig bei der Arbeit, als
+etliche Frauen und Kinder kamen. Die kauften das
+Obst und wollten auch Blumen, sie verlangten Salat
+und allerlei Gemüse für die Küche. &bdquo;Ei, Ihr habt
+Euch ja einen Lehrburschen zugelegt!&ldquo; sagte die eine
+der Frauen, die Kasperle erblickte. Die Kinder aber
+starrten den kleinen Gärtnerburschen erstaunt an, und
+der, dem dies Angestaune gar nicht recht war, schnitt
+ihnen blitzschnell sein Räubergesicht.
+
+</p><p>Kreischend liefen die Kinder erst ein Stück weg,
+doch sie kamen gleich wieder und bettelten: &bdquo;Mach&rsquo;s
+noch mal!&ldquo;
+
+</p><p>Da mußte Kasperle lachen und schnitt die lustigsten
+Gesichter. Die Kinder jauchzten laut, und der alte
+Gärtner und die Frauen sahen erstaunt hin. &bdquo;Ihr
+habt aber einen putzigen Lehrburschen, Meister Helmer!&ldquo;
+sagten die Frauen. &bdquo;Wo habt Ihr denn den her?&ldquo;
+
+</p><p>Der alte Gärtner schwieg. Kasperle kam ihm gar
+sonderbar vor, und als die Frauen und die Kinder
+endlich wieder gegangen waren, fragte er seinen kleinen
+Gast: &bdquo;Ei du, was bist du denn für ein Schelm? Sage
+doch, wo hast du deine Grimassen gelernt?&ldquo;
+<!-- page 162 -->
+
+</p><p>Da sah ihn Kasperle treuherzig an und erzählte
+ihm nun, wer er sei. Aber darüber wurde der Alte
+bitterböse: &bdquo;Schäme dich,&ldquo; rief er, &bdquo;einem alten Mann
+solche Lügengeschichten zu erzählen! Ein Kasperle willst
+du sein? Ei, mein Lebtag habe ich noch nicht gehört,
+daß ein Kasperle etwas anderes als eine Holzpuppe
+ist! Pfui, ist das häßlich, so zu lügen!&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle stand ganz verdattert da, er wußte gar
+nicht, wie er es dem erzürnten Gärtner erklären sollte,
+daß er wirklich ein Kasperle sei.
+
+</p><p>Indem tat sich die Gartentüre auf, und ein feiner
+junger Mann trat herein. Der schaute verwundert den
+Alten an und sagte: &bdquo;Was habt ihr denn, Meister
+Helmer? Ich habe Euch doch noch nie so schelten
+hören.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ach, Sie sind&rsquo;s, Herr Severin!&ldquo; rief der Gärtner.
+&bdquo;Nun hört einmal, was mir dieser Schelm, den ich
+gestern aus lauter Mitleid aufgenommen habe, für
+Lügengeschichten aufbindet!&ldquo; Er erzählte ärgerlich, was
+Kasperle ihm eben gesagt hatte, und Herr Severin
+blickte dabei das Kasperle ernsthaft mit seinen schönen,
+dunklen Augen an. Dann schüttelte er sacht ein wenig
+den Kopf. &bdquo;Er hat nicht gelogen, Meister Helmer,&ldquo;
+sagte er, &bdquo;es ist wirklich ein echtes, lebendiges Kasperle.
+Es gibt nur ganz wenige Kasperles in der Welt, und
+mein Lehrer, der ein hochweiser Herr war, hat mir
+einmal erzählt, irgendwo im Atlantischen Ozean
+liege eine winzige Insel, auf der die wunderschönsten
+<!-- page 163 -->
+Blumen blühen; dies sei die Heimat der Kasperles.
+Blieben sie dort, dann würden sie freilich sehr alt, aber
+sonst würden sie leben und sterben wie wir Menschen.
+Verließ aber ein Kasperle die Insel, dann könne er
+wohl Jahre schlafen, aber nicht sterben, er müsse
+immer ein kleines, törichtes Kasperle bleiben und jedes
+Kind müsse über ihn lachen.&ldquo;
+
+</p><p>Als Kasperle diese Geschichte hörte, wurde es ihm
+plötzlich ganz wind und weh zumute. Er fing bitterlich
+an zu weinen. Wo seine Heimat lag, hatte er vergessen,
+er wußte gar nichts mehr; alles hatte er verschlafen,
+aber wie ein Traum war ihm der Gedanke
+an den blühenden Garten. Da sagte der fremde schöne
+Mann mitleidig: &bdquo;Du armes verlaufenes kleines Kasperle,
+du!&ldquo; Das klang beinahe wie gestern die Musik und
+tröstete Kasperle wundersam. Ganz leicht und froh
+wurde er wieder, als ihn der Fremde linde streichelte.
+
+</p><p>Meister Helmer schüttelte zwar noch immer den
+Kopf, die Kasperlegeschichte kam ihm zu sonderbar
+vor, aber sein kleiner Gast mußte noch einmal erzählen,
+was er alles erlebt hatte. Und Kasperle erzählte, und
+seine Zuhörer lachten und sahen mitleidig drein, und
+dann sagte Herr Severin: &bdquo;In einiger Zeit reise ich
+fort, dann will ich suchen, das Waldhaus zu finden,
+denn das ist nun doch deine Heimat, kleines Kasperle.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Und bis dahin bleibst du bei mir,&ldquo; sagte Meister
+Helmer. &bdquo;Ich will wohl achtgeben, daß dir nichts
+geschieht.&ldquo;
+<!-- page 164 -->
+
+</p><p>Da war Kasperle vergnügt wie zuvor, und als
+Meister Helmer sagte: &bdquo;Geh, pflücke für Herrn Severin
+einen Strauß,&ldquo; da lief er eilig im Garten hin und her
+und pflückte einen ganz kunterbunten lustigen Strauß.
+Der Gärtner und Herr Severin lachten, als sie ihn
+sahen, und Herr Severin sagte, dies sei ein so fröhlicher
+Strauß, wie er noch nie einen gehabt habe.
+Dann ging er. Er wohnte dicht an dem schönen
+Garten in einem der alten Stadtmauertürme, und
+Meister Helmer sagte zu Kasperle, Herr Severin sei
+ein gar großer Künstler. Wenn er ein Instrument
+spiele, bekomme es eine Seele. Und von weit her, aus
+fernen Landen, werde oft nach ihm geschickt, er solle
+kommen, damit etwa eine Orgel auch eine Seele bekäme.
+
+</p><p>Das verstand Kasperle nicht recht, aber er wußte
+nun, daß es Herr Severin gewesen war, der gestern
+Abend so schön gespielt hatte. Er freute sich schon
+darauf, die liebliche Musik wieder zu hören. Und wirklich
+schwebten am Abend die sanften Töne wieder über
+den blühenden Garten. Die Blumen dufteten, und
+Kasperle saß lange neben dem alten Gärtner vor dem
+Hause und hatte alle Angst verloren, es könne ihm
+jemand etwas Böses antun.
+
+</p><p>Am nächsten Morgen sagte Meister Helmer:
+&bdquo;Kasperle, heute ist Sonnabend, da kommen viele Leute
+und kaufen Sonntagssträuße. Geh, binde welche, binde
+sie so bunt und lustig wie gestern den für Herrn
+Severin.&ldquo;
+<!-- page 165 -->
+
+</p><p>Das war eine Lust! Kasperle fing eilends an
+Blumen zu schneiden, und er band sie so bunt überecks
+zusammen, daß Meister Helmer lachen mußte, als so
+Strauß neben Strauß im Brunnenbecken lag. Und
+wie der Gärtner lachten auch die Leute, die kamen, um
+Sonntagssträuße zu kaufen. Selbst eine ganz griesgrämige
+alte Muhme lachte über das ganze Gesicht,
+als ihr Meister Helmer einen Strauß gab. &bdquo;So einen
+Strauß hab&rsquo; ich noch nie gesehen,&ldquo; rief sie; &bdquo;ei, da muß
+man ja lachen, ob man will oder nicht!&ldquo;
+
+</p><p>Immer mehr Menschen kamen, alle wollten sie bunte
+Kasperlesträuße haben, und alle lachten sie über den
+drolligen Gärtnerburschen, der wie ein Hase im Garten
+herumhüpfte. Er band Sträuße um Sträuße, endlich
+sagte der Gärtner, nun sei es genug, sonst blieben keine
+Blumen mehr übrig. Aber staunend sah er, wie geschickt
+Kasperle die Blumen gepflückt hatte; es schien,
+als fehlten gar keine. Da lobte er seinen kleinen Helfer,
+und als am Abend Herr Severin kam, erzählte er ihm,
+wie brav Kasperle sei.
+
+</p><p>Ja, brav war das Kasperle schon, daneben aber
+doch ein unnützer Schelm! Ein Kasperle muß eben
+kaspern, und Kinder müssen lachen, wenn sie ein Kasperle
+sehen. Das ist einmal so! Die Kinder der Nachbarschaft
+hatten es bald heraus, was Kasperle für ein
+Schelm war. Die sagten es andern Kindern, und schon
+nach etlichen Tagen gab es ein großes Gelaufe zu
+Meister Helmers Garten. Die Kinder standen am
+<!-- page 166 -->
+Zaun und warteten, und wenn Kasperle in den Garten
+kam, ertönte gleich ein großes Jubelgeschrei. Dann
+schnitt Kasperle sein Räubergesicht, schaute wie ein
+dummer August drein oder machte gar eine Teufelsgrimasse.
+Meister Helmer mußte dann wohl auch lachen,
+aber als Herr Severin das einmal sah, warnte er:
+&bdquo;Kasperle, Kasperle, du verrätst dich noch!&ldquo;
+
+</p><p>Und schon am nächsten Tage wurde es dem Kasperle
+himmelangst. Ein paar Buben riefen, ihm nämlich zu:
+&bdquo;Kasper, kommst du übermorgen mit auf den Jahrmarkt?
+Da ist ein Kasperlemann, der kann es sicher nicht so
+fein wie du!&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle vergaß vor Schreck alles Gesichterschneiden.
+Wenn das der Kasperlemann war, der ihn überall suchte!
+Ganz kläglich erzählte er Meister Helmer vom Jahrmarkt;
+da versprach der ihm, er wolle nachschauen gehen.
+
+</p><p>Am nächsten Tage gab es viel zu tun, und merkwürdigerweise
+kamen gar keine Kinder. Kasperle half
+fleißig, er hopste und sprang vom Garten ins Haus,
+war mal da, mal dort, und gerade war er wieder drin,
+als Herr Severin in den Garten kam. Der trug einen
+großen, schwarzen Kasten auf dem Rücken, ging rasch
+in das Haus hinein und rief Meister Helmer zu, er
+möchte ihm flink nachkommen. Innen im Hausflur erwischte
+er Kasperle, hielt den fest und zog ihn mit in
+die Stube. Dort setzte Herr Severin seinen Kasten
+hin, öffnete ihn und sagte: &bdquo;Flink, flink, Kasperle, geh
+dahinein!&ldquo;
+<!-- page 167 -->
+
+</p><p>Kasperle gehorchte, und klapp! schlug der Deckel
+hinter ihm zu, und Herr Severin setzte sich auf den
+Kasten und begann fein und lieblich auf seiner Geige
+zu spielen. Doch er kam nicht weit. Mit ungeheurem
+Geschrei rannten viele Kinder in das Haus hinein,
+ihnen folgte der Kasperlemann und ein paar Wächter,
+und alle brüllten sie: &bdquo;Wo ist das Kasperle, wo ist das
+Kasperle. Wir wollen Kasperle fangen, der Herzog
+verlangt Kasperle. Wo ist es, wo ist es?&ldquo;
+
+</p><p>Ein paar Buben aber tuschelten leise Meister
+Helmer zu: &bdquo;Wir helfen ihm, daß er ausreißen kann.&ldquo;
+
+</p><p>Meister Helmer schaute sich verdutzt um. &bdquo;Kasperle
+war eben hier,&ldquo; murmelte er, und Herr Severin nickte
+und sagte auch: &bdquo;Er war eben hier.&ldquo; Dabei spielte er
+aber ruhig weiter und erzählte: &bdquo;Meister Helmer, ich
+verreise; da, ich habe schon meinen Koffer gepackt.
+Morgen ganz früh reise ich mit der ersten Post.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Das ist ja ganz gleichgültig, ob Sie reisen oder
+nicht,&ldquo; schrie der Kasperlemann grob; &bdquo;das Kasperle
+müssen wir finden, es muß hier sein!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Wir suchen das Haus ab,&ldquo; riefen die Wächter
+streng und sahen Herrn Severin drohend an. Der nickte
+freundlich: &bdquo;Ja, das tun Sie nur! Vergessen Sie aber
+den Garten nicht!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Zuletzt war er ja im Garten,&ldquo; sagte Meister
+Helmer, der das wirklich glaubte. Bei sich dachte er:
+Hoffentlich hat er schon ausreißen können! Da rasten
+Kasperlemann, Wächter, Kinder, alle in den Garten.
+<!-- page 168 -->
+Herr Severin nahm seinen Kasten auf den Rücken,
+seine Geige unter den Arm und sagte, Meister Helmer
+solle ihn heute abend doch noch einmal besuchen; dann
+ging er leise singend aus dem Haus, durchschritt den
+Garten, und niemand hielt ihn auf.
+
+</p><p>Alle suchten und suchten, der Kasperlemann kletterte
+selbst auf die Stadtmauer und überzeugte sich, ob
+Kasperle wohl da hätte ausreißen können. Und dann
+liefen Kasperlemann, Wächter und Kinder in das Haus
+hinein, kein Winkel blieb undurchsucht. Sie schauten
+sogar ins Salzfaß, in Meister Helmers Kaffeetopf,
+Kasperle war nirgends zu sehen. Der Kasperlemann
+schrie und klagte: &bdquo;Er ist uns entwischt, weil wir alle
+ins Haus gerannt sind. O wie dumm, dumm, dumm!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Wir werden ihn schon fangen!&ldquo; trösteten die
+Wächter. &bdquo;Ah bah, papperlapapp, ein Kasperle kriegen
+wir schon!&ldquo;
+
+</p><p>Und dann fragten sie den guten Meister Helmer.
+Der mußte erzählen, wie Kasperle zu ihm gekommen
+war, und was er getan und gesagt hatte. Dazwischen
+schrie der Kasperlemann: &bdquo;Entwischt, entwischt, dumm,
+dumm, dumm!&ldquo; und die Wächter riefen: &bdquo;Ah bah, papperlapapp,
+den fangen wir schon!&ldquo; Ein paar Buben aber
+brüllten plötzlich laut: &bdquo;Ausgerissen, hurra, ausgerissen,
+hurra!&ldquo; Und dann rannten sie auf die Straße und
+erfüllten die mit ihrem Gelärme. Sie erzählten es
+jedem, der es hören wollte, der Kasperlemann habe
+seine Bude aufgestellt für den Jahrmarkt morgen, und
+<!-- page 169 -->
+dabei habe er ein Kasperle gezeigt, das ganz genau so
+ausgesehen habe wie der kleine Gärtnerjunge, und er
+habe dabei gefragt: &bdquo;Habt ihr schon so einen flinken
+Kasper gesehen?&ldquo; Da hätten sie gerufen: &bdquo;Meister
+Helmers Lehrbursche sieht gerade so aus!&ldquo; Ja, und
+so sei es gekommen. Und dann brüllten sie wieder die
+Straße entlang: &bdquo;Ausgerissen, hurra! Fein, fein, fein,
+ausgerissen!&ldquo;
+
+</p><p>Der Kasperlemann aber ärgerte sich schwefelgelb.
+Je mehr die Buben brüllten, desto zorniger wurde er.
+&bdquo;Morgen hätte ich Graf sein können,&ldquo; schrie er, &bdquo;wenn
+dies blitzdumme, vermaledeite Kasperle nicht wieder ausgerissen
+wäre. Dumm, dumm, dumm!&ldquo;
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-14"><span style="font-size:small">Vierzehntes Kapitel</span> <br /><br />Die Reise mit Herrn Severin
+</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">H</span>err Severin hatte inzwischen still den schwarzen
+Kasten in sein Turmzimmer hinaufgetragen, und oben
+hatte er Kasperle herausgelassen. Ganz verstriezelt sah
+der sich um, und Herr Severin hatte ein wenig gelacht
+und gesagt: &bdquo;Kasperle, du kleiner dummer Schelm, diesmal
+wärst du beinahe erwischt worden!&ldquo;
+
+</p><p>Ach ja, wirklich beinahe! Kasperle schlug das Herz
+laut, wenn er an das Gelärme dachte, das sich um ihn
+herum erhoben hatte.
+<!-- page 170 -->
+
+</p><p>Nach einer Stunde kam Meister Helmer. Der freute
+sich herzhaft, als er Kasperle unversehrt wiedersah, und
+er hätte ihn gern wieder zu sich genommen, aber er
+stimmte doch Herrn Severin zu, als der sagte: &bdquo;Kasperle
+muß fort. Morgen reise ich und nehme ihn mit im
+schwarzen Kasten. Und nun, Kasperle, spitze deine
+Ohren: es geht zurück ins Waldhaus. Ich weiß nun,
+wo es liegt, aber &mdash;&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle hatte gerade vor Freude einen Purzelbaum
+schlagen wollen, als dies &bdquo;Aber&ldquo; ihn zurückhielt.
+Ein wenig ängstlich sah er Herrn Severin an, und der
+sagte ernsthaft: &bdquo;Ja aber, Kasperle, du mußt arg vernünftig
+sein, denn wir kommen an allerlei Orte, wo
+man dich kennt. In Waldrast soll ich nach der Orgel
+schauen, und &mdash; auf Schloß Hirschsprung erwartet mich
+der Herzog. Da mußt du dann immer im Kasten
+bleiben und darfst keine dummen Streiche machen. Wirst
+du das können?&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle seufzte schwer, doch dann versicherte er
+treuherzig, er wolle ganz ungeheuer folgsam sein. Ja,
+und dabei glitzerten seine Äuglein schon wieder sehr
+lustig, denn der Gedanke, so ungesehen ins Herzogsschloß
+und nach Waldrast zu kommen, machte ihm
+großen Spaß. Viel lieber hätte er freilich Rosemarie
+und das Michele wiedergesehen, und als er an diesem
+Abend noch mit Herrn Severin zusammensaß, erzählte
+er dem viel von den beiden, und der sagte: &bdquo;Nun, wer
+weiß, vielleicht sehen wir sie noch. Auf einer Reise
+<!-- page 171 -->
+trifft man oft wunderlich mit den Menschen zusammen!&ldquo;
+
+</p><p>Am nächsten Morgen, noch war die Sonne nicht
+recht aufgegangen, mußte Kasperle in den schwarzen
+Kasten steigen. Ein wenig eng ging es drin zu, denn
+Herrn Severins Werkzeug und allerlei mußten auch
+noch hinein, und Herr Severin meinte, schwer sei das
+Kasperle schon, als er den Kasten aufhob. Dann ging
+es hinaus. Im bunten Garten stand Meister Helmer,
+und da ringsum kein Mensch zu sehen war, durfte
+Kasperle noch einmal aussteigen und noch einmal flink
+durch die Gänge laufen. Wie schön war doch der
+Garten! Kasperle wurde das Herz schwer, als es an
+das Scheiden von Meister Helmer und seinen vielen
+Blumen ging. Doch Herr Severin trieb zum Aufbruch,
+gleich würde die Post vorbeikommen. Und Kasperle
+kroch wieder in seinen Kasten, und da kam schon mit
+Traratrara die gelbe Postkutsche angefahren. Der
+schwarze Kasten wurde oben aufgestellt. Herr Severin
+stieg in den Wagen, und heidi! fort ging die Reise.
+
+</p><p>&bdquo;Lieb Städtchen, ade! Scheiden tut weh,&ldquo; blies
+der Postillion, und rissel, rassel fuhr der Wagen ins
+Land hinein.
+
+</p><p>Mittags kamen sie an ein Gasthaus, da hielt der
+Wagen. Die Gäste stiegen aus, und Herr Severin
+sagte, er müßte ein Zimmer haben und allein essen,
+dies halte er immer so. Potzhundert, dachte der Wirt,
+das ist aber ein Vornehmer! Und er ließ Herrn Severin
+<!-- page 172 -->
+das Essen in einem besonderen Zimmer auftragen. Da
+spazierte dann Kasperle aus seinem Kasten heraus,
+schmauste mit, und nachher wunderte sich der Wirt über
+den gewaltigen Appetit, den der vornehme Herr gehabt
+hatte.
+
+</p><p>Und weiter ging die Fahrt, immer weiter. Endlich
+kam ein Wirtshaus mit einem feuerroten Ochsen im
+Wirtshausschild. Da stieg Herr Severin aus und sagte
+dem Postillion Lebewohl. Der meinte, nun müsse der
+Herr sich aber gewaltig schleppen, denn Waldrast liege
+hoch in den Bergen, und der schwarze Kasten sei
+arg schwer.
+
+</p><p>&bdquo;Wird nicht so schlimm sein,&ldquo; meinte Herr Severin
+und schritt am roten Ochsen vorbei auf schmalem Wiesenweg
+in den Wald hinein. Innen öffnete er den Kasten,
+und Kasperle durfte nun neben ihm herspazieren. Sie
+paßten beide freilich sehr auf, ob jemand käme, aber
+niemand begegnete ihnen auf dem Weg. Herr Severin
+spielte auf seiner Geige, Kasperle hielt tapfer Schritt,
+und nach etlichen Stunden kroch er wieder in den
+schwarzen Kasten, denn die Turmspitze von Waldrast
+wurde sichtbar.
+
+</p><p>Kasperle zog in Waldrast ein. Niemand sah ihn,
+er aber sah durch sein Guckloch allerlei, zuerst die Base
+Mummeline, die auf der Straße stand und auf ein
+paar Buben schalt. Und dann sah Kasperle das liebe
+Schulhaus, er sah Herrn Habermus, der kam, den fremden
+Künstler zu begrüßen. Kasperle hörte die gute, freundliche
+<!-- page 173 -->
+Stimme reden, und der Kasten wurde ihm drückend
+eng. Ganz bitter schwer war es ihm, daß er niemand
+guten Tag sagen durfte, und als Herr Severin etwas
+später im Wirtshaus den Kasten öffnete, fand er Kasperle
+klitschnaß von Tränen.
+
+</p><p>Herr Severin tröstete gut und linde; er zeigte
+Kasperle, daß sie dicht neben dem Schulhaus wohnten.
+Von seinem Fenster aus konnte Kasperle denen drüben
+in die Stuben sehen, und gerade wollte er das tun,
+als die Base Mummeline ans Fenster trat. Hei, fuhr
+da Kasperle zurück! Ganz böse sah er gleich aus, und
+Herr Severin hob warnend den Finger: &bdquo;Kasperle,
+Kasperle, mache keinen dummen Streich!&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle wollte das bestimmt nicht. Wenn nur
+die Base Mummeline nicht gewesen wäre! Aber allemal,
+wenn er ans Fenster trat, immer erschien sie drüben.
+Kasperle kam gar nicht dazu, die Schullehrerin und
+ihre Kinder zu sehen, und er hatte doch so große Sehnsucht
+nach ihnen.
+
+</p><p>Ja, als er einmal gerade wieder um die Ecke schauen
+wollte, öffnete drüben die Base die Türe, und sie kam
+tripp trapp ins Wirtshaus herüber. Die Wirtin war
+ihre gute Freundin, und Kasperle wußte auch, die war
+genau so neugierig wie die Base selbst. Er rutschte flink
+in den Kasten, und nach einem Weilchen kamen auch
+richtig die beiden Frauen in das Zimmer. Die Base
+Mummeline sah sich neugierig darin um, und Kasperle
+hörte sie sagen: &bdquo;Er hat alles in dem schwarzen Kasten.&ldquo;
+<!-- page 174 -->
+
+</p><p>&bdquo;Den machen wir auf,&ldquo; tuschelte die Wirtin, und
+schon fingerten die beiden Frauen an dem Kasten
+herum. Nun wußte Kasperle wohl, so leicht bekam
+den niemand auf, aber ungemütlich war es ihm doch;
+er dachte: Ich verjage sie. Er steckte den Kopf in sein
+Rucksäcklein und blies und brummte plötzlich hinein,
+ganz schauerlich klang es, und die beiden Frauen fielen
+beinahe um vor Schreck. &bdquo;Uhuhuuuh!&ldquo; tönte es, und die
+Base Mummeline jammerte: &bdquo;Er hat den Teufel drin!&ldquo;
+
+</p><p>Aber die Wirtin war beherzter. &bdquo;Das muß ich
+sehen,&ldquo; sagte sie und ging wieder auf den Kasten zu,
+aber noch war sie nicht dran, als die Türe aufgerissen
+wurde und Herr Severin ins Zimmer kam. Der hatte
+schon unten das Uhuhuuuh vernommen. Die beiden
+Neugierigen erschraken arg, doch die Base Mummeline
+faßte sich schnell und rief ganz streng: &bdquo;Ihr habt einen
+Teufel im Kasten.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ei, nur einen, der es auf Neugierige abgesehen
+hat!&ldquo; sagte Herr Severin lachend. &bdquo;Nehmt euch in
+acht, manchmal fährt er auch mit einem lauten Knall
+heraus.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Huch!&ldquo; kreischten die Frauen, und rumpel pumpel
+rasten sie hinaus, die Treppe hinab, und Kasperle platzte
+bald vor Lachen in seinem Kasten. Herr Severin lachte
+mit, er sagte aber doch, es sei gut, daß sie morgen
+schon weiterzögen, Kasperle dürfe die Leute nicht mehr
+schrecken, es könne ihm doch schlecht bekommen. Und
+am Abend schloß Herr Severin vorsichtig das Zimmer.
+<!-- page 175 -->
+Er ging noch in das Lehrerhaus hinüber, und er dachte,
+das Kasperle einschließen ist schon am sichersten. Aber
+auch am langweiligsten, dachte Kasperle. Der sah
+immer wieder geschwinde einmal zum Fenster hinaus,
+und als draußen alles still geworden war, hockte er sich
+auf das Fensterbrett und blickte sehnsüchtig nach dem
+Schulhaus hinüber. Ach, nur einmal hineinsehen hätte
+er mögen! Gerade vor seinem Fenster stand ein dicker
+Holzapfelbaum. Wenn er an dem Baum hinabkletterte,
+dann &mdash;. Aber da dachte er an Herrn Severins Verbot,
+auch lag unten ein Hund, und die Geschichte kam ihm
+etwas bänglich vor. Aber ein paar unreife Holzäpfel
+der Base Mummeline ins Zimmer werfen, das ging
+vielleicht doch; so platsch ins offene Fenster hinein,
+das wäre doch ganz spaßig!
+
+</p><p>Die Base wurde immer fuchswild über so etwas.
+Kasperle kicherte leise vor sich hin, griff in die Äste
+und pflückte etliche Äpfel. Das Werfen konnte er gut,
+und so ging es, eins, zwei, drei! wirklich glatt in der
+Base Stube hinein. Wohin die Äpfel trafen, das sah
+Kasperle nicht, aber ein arges Zetergeschrei hörte er;
+es klirrte etwas, und er rutschte erschrocken vom Fensterbrett
+herab. Drüben hatte er wohl ein Unheil angerichtet.
+
+</p><p>Der Lärm dauerte eine Weile an, dann wurde es
+still. Im Schulhaus saß die Base Mummeline im
+Ofenwinkel und heulte, und alle standen um sie herum
+und trösteten sie. Auch Herr Severin stand dabei, und
+<!-- page 176 -->
+der dachte immerzu: Kasperle, du bist ein arger Schelm!
+Da war die Base in ihr Zimmer gekommen und hatte
+einen Wasserkrug getragen, und just als sie eben an der
+Türe stand, kam es, eins, zwei drei! Klirr! ging der
+Krug in Scherben, bums! flog ein großer Apfel an
+der Base recht große Nase, klirr! einer in den Spiegel,
+und da soll man nicht schreien und zetern! Die Base
+sah Herrn Severin schief an und sagte, der Herr werde
+schon wissen, woher die Äpfel kämen; mit seinem
+schwarzen Kasten sei das nicht richtig.
+
+</p><p>Da tat Herr Severin ganz böse, und er sagte,
+die Base Mummeline möchte nur kommen, er wolle ihr
+schon den Inhalt des Kastens weisen. Doch davon
+wollte die Base nichts wissen, ja, sie lief eiligst in ihr
+Zimmer und ging sehr geschwinde in ihr Bett. Sie
+kroch tief unter ihre Decke, aber es flog nun kein Holzapfel
+mehr in ihre Stube.
+
+</p><p>Herr Severin aber nahm seine Geige und spielte
+darauf. Das klang fein und lieblich, und in Waldrast
+vergaßen sie darüber das Zubettgehen. Sie lauschten
+dem schönen Spiel und wünschten, der Geiger möchte
+noch lang im Dorfe bleiben. Doch kaum glitzerten am
+Morgen die ersten Sonnenstrahlen auf den Spitzen der
+Berge, da zog Herr Severin mit seinem schwarzen
+Kasten von dannen.
+
+</p><p>&bdquo;Das war ein Schlimmer,&ldquo; sagte die Base Mummeline
+hinter ihm her, &bdquo;man müßte seinen Kasten untersuchen.&ldquo;
+Aber das glaubte ihr niemand, am wenigsten
+<!-- page 177 -->
+der Schullehrer und seine Frau. Ja, der gute Herr
+Habermus fand die Geschichte mit den Holzäpfeln gar
+nicht wunderbar und gruselich, er sagte: &bdquo;So etwas
+und noch mehr bringen auch die Waldraster Buben
+fertig. Wer weiß, wer es gewesen ist!&ldquo;
+
+</p><p>An Kasperle dachte niemand. Der zog inzwischen
+vergnügt mit Herrn Severin den Weg entlang, den er
+vor etlichen Wochen in Angst gelaufen war. Im Walde
+war es still, und niemand begegnete den Wanderern.
+Sie schliefen auch im Walde und gelangten endlich an
+des Micheles Hüteplatz. &bdquo;Michele ist nicht mehr da,&ldquo;
+sagte Kasperle traurig. Aber der Michele war doch
+da. Der saß vor der Felsspalte und pfiff auf einer
+Flöte, die er sich selbst gemacht hatte. Seine Geißen
+weideten vergnügt um ihn herum. Da erhob Kasperle
+laut seine Stimme, und Michele sah sich um, als erwache
+er aus einem Traum. Und dann sprang er über
+Steingeröll und Wurzeln, toller als seine Geißen, er
+packte Kasperles Hände und drehte den Freund rundum.
+Er war ganz atemlos vor Freude und konnte erst
+gar nichts sagen. Kasperle mußte erzählen, und Herr
+Severin sprach auch ein Wörtlein dazu. So erfuhr
+Michele alles. Er selbst war geschwinde mit seiner Erzählung
+fertig, er sagte nur: &bdquo;Den Geißen schmeckt&rsquo;s
+hier besser, darum bin ich heute mal hergezogen.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Das hat sich freilich gut getroffen.&ldquo; Herr Severin
+sagte es, während er sacht an seiner Geige herumstimmte;
+er sah wohl des Micheles sehnsüchtigen Blick.
+<!-- page 178 -->
+
+</p><p>&bdquo;Da, nimm und spiel&rsquo; mir etwas vor!&ldquo; sagte er plötzlich
+und reichte dem Buben die Geige hin.
+
+</p><p>Der erschrak ordentlich. Daheim der Schneider-Jakob,
+der im Dorf zum Tanz aufspielte, der hatte
+ihn freilich schon manchmal auf seiner Geige spielen
+lassen. Die sah aber anders aus als die des schönen
+fremden Herrn. Der Bub wagte kaum, sie recht anzufassen,
+doch als er sie hielt, kam die Lust zu spielen über
+ihn, und er strich zart mit dem Bogen darüber hin.
+
+</p><p>Kasperle machte so große Augen, als er nur konnte,
+wie Michele spielte. Herr Severin hörte aber still zu,
+und als Michele verlegen innehielt, sagte er: &bdquo;Im
+Herbst, wenn ich heimreise, dann will ich kommen und
+dich mit mir nehmen. Deiner Mutter will ich für etliche
+Jahre so viel geben, wie du als Geißenhirt verdienst,
+du aber sollst bei mir lernen, was ein rechter Geiger
+braucht. Willst du?&ldquo;
+
+</p><p>Hei, ob das Michele wollte! Er und Kasperle
+machten solche Freudensprünge, daß beinahe die Geißen
+neidisch wurden, weil sie nicht so hoch hüpfen konnten.
+Und als Herr Severin und Kasperle weiterzogen, blieb
+das Michele so glückselig zurück, als säße es mitten auf
+der schönen Himmelswiese. Geiger sollte er werden,
+spielen dürfen, was ihm die Bäume vorrauschten und
+das Bächlein flüsterte! Er dachte: Das verdanke ich
+Kasperle, allein dem Kasperle! und er ahnte nicht, daß
+Herr Severin bei Kasperles Erzählung gedacht hatte:
+Der Bube, der so arm ist und doch ein volles Geldsäcklein
+<!-- page 179 -->
+zurückweist, von dem niemand etwas ahnt, der
+gefällt mir. Kann er geigen, dann will ich ihm helfen,
+ein rechter Künstler zu werden.
+
+</p><p>Kasperle war purzelvergnügt über des Kameraden
+Glück. Er wollte vor lauter Freude singen, aber da
+sagte Herr Severin geschwinde: &bdquo;Sei still, sei still, sonst
+fangen die Bäume an zu schelten über dies Geschrei.
+Flink, krieche lieber in den Kasten, sonst treffen wir
+gar noch einen Jäger, der dich erkennt!&ldquo;
+
+</p><p>Da flitzte Kasperle sehr eilig in seinen Kasten,
+Herr Severin nahm ihn auf den Rücken, und er war
+heilfroh, als das Schloß vor ihm auftauchte. So ein
+richtiges lebendiges Kasperle zu schleppen, war wirklich
+nicht leicht!
+
+</p><p>Im Schloß wurde der fremde Künstler wohl empfangen.
+Nur wunderten sich alle über den großen
+schwarzen Kasten, den er bei sich hatte. &bdquo;Darin ist ein
+seltenes Spielwerk,&ldquo; sagte Herr Severin, &bdquo;das muß ich
+immer bei mir führen.&ldquo; Und er verschloß sorgsam das
+Zimmer, auch mußte Kasperle noch tief ins Bett
+schlüpfen, damit ihn ja niemand zu sehen bekam. Das
+war langweilig; viel lieber hätte er im Schloß etwas
+herumgegeistert oder zugesehen, wie Herr Severin des
+Herzogs Spinett eine Seele gab.
+
+</p><p>Herr Severin saß in dem Saal, ganz allein, das
+hatte er so gewollt, als sich sacht eine Türe auftat und
+ein kleines Mädchen hereinkam. Die ging ganz, ganz
+leise auf den Fußspitzen und lauschte andächtig, als der
+<!-- page 180 -->
+Künstler spielte. Herr Severin sah sie an und dachte:
+Sie sieht doch aus wie Rosemarie, von der das Kasperle
+erzählt hatte! Da ließ er das Spinett singen, und er
+selbst sang halblaut dazu:
+
+</p><p class="lyrics">
+&bdquo;Rosemarie, du kleine,<br />
+Rosemarie, du feine,<br />
+Einer hat mir aufgetragen,<br />
+Schönes Grüßlein dir zu sagen.<br />
+Trallallala, trallallala!<br />
+Rosemarie, du kleine,<br />
+Rosemarie, du feine,<br />
+Sage mir, ob du wohl weißt,<br />
+Wie der kleine Schelm doch heißt?&ldquo;
+
+
+</p><p class="noindent">&bdquo;Kasperle heißt er!&ldquo; klang es lieblich neben ihm.
+Rosemarie stand am Spinett und sah Herrn Severin
+mit ihren großen Augen fragend an: &bdquo;Wo ist Kasperle?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Du bist also wirklich Rosemarie,&ldquo; sagte Herr
+Severin. &bdquo;Kasperle kommt ins Waldhaus zurück, er
+geht wieder heim.&ldquo;
+
+</p><p>Rosemarie lächelte holdselig, und sie tippte mit
+feinem Fingerlein auf das Spinett, da klang es wie:
+&bdquo;Grüße, Grüße, viele Grüße!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ich werd&rsquo; es bestellen, und wenn du schweigen
+kannst, kleine Rosemarie, dann wirst du auch noch einmal
+das Kasperle sehen.&ldquo;
+
+</p><p>Rosemarie sah Herrn Severin ernsthaft an, sie
+legte ihr Fingerlein fest auf den roten Mund, und dann
+huschte sie geschwinde aus dem Saal, denn jemand kam,
+im Nebenzimmer tönten Schritte.
+<!-- page 181 -->
+
+</p><p>Der Herzog war es. Der wollte hören, ob das
+Spinett nun schon eine Seele habe, und dann wollte
+er wissen, was für ein seltenes Spielwerk der Künstler
+im schwarzen Kasten habe. Der Herr Herzog war
+nämlich etwas neugierig, und er war ganz verdrießlich,
+als Herr Severin sagte, dies dürfe er nicht zeigen, dies
+Spielwerk gehöre nicht ihm, und er habe versprochen,
+es niemand zu zeigen.
+
+</p><p>Ich werde es schon sehen! dachte der Herzog und
+ging brummelnd davon. Herr Severin bekam Angst.
+Wenn ein Herzog etwas gern will, dann ist das so
+eine Sache. Wer konnte wissen, ob der nicht seinen
+Landjägern befahl: &bdquo;Macht mir den Kasten einmal auf!&ldquo;
+Sorgenvoll ging er durch die vielen Gänge, an vielen
+geschlossenen Türen vorbei nach seiner Stube, und dabei
+lief ihm eine schwarze kleine Katze über den Weg.
+Halt, dachte er, die kommt mir zurecht, und er fing
+schnell das Kätzchen und nahm es mit.
+
+</p><p>In seinem Zimmer saß Kasperle verdrießlich wie
+einer, dem die Pfingstfreude verregnet ist. Sein Gesicht
+wurde aber gleich hell, als Herr Severin ihm von
+Rosemarie erzählte. &bdquo;Gewiß hat der Herzog sie mit
+ihren Eltern eingeladen,&ldquo; sagte Kasperle.
+
+</p><p>&bdquo;Ja, mein Kasperle, jetzt könnte dir das auch geschehen
+sein, wenn du nicht gar so unnütz und neugierig
+gewesen wärst. Aber nun mußt du in den Kamin
+kriechen, weit hinauf wie ein Schornsteinfeger.&ldquo; Und Herr
+Severin erzählte Kasperle von des Herzogs Verlangen.
+<!-- page 182 -->
+
+</p><p>Da bekam aber Kasperle einen Schreck, denn vor
+dem Herzog hatte er die allergrößte Angst. Er kroch
+flink in den Kamin, das ging ganz gut, und Herr
+Severin steckte das schwarze Kätzlein in den Kasten.
+Kaum waren sie beide fertig, da kam ein Kammerherr,
+der sagte, er wolle dem fremden Geiger das Schloß
+zeigen, der Herzog habe es befohlen. Und inzwischen
+will er in den schwarzen Kasten sehen, dachte Herr
+Severin und lachte heimlich.
+
+</p><p>Er hatte recht gehabt. Kaum waren die beiden aus
+dem Zimmer gegangen, als Kasperle Schritte hörte,
+Stimmen wurden laut, und er vernahm des Herzogs
+Befehl: &bdquo;Öffnet den Kasten!&ldquo;
+
+</p><p>Jemine, dachte Kasperle, wie schade, daß ein Kamin
+kein Guckloch hat! Er wollte versuchen, etwas zu sehen,
+und gerade war er bis ans Ofenloch gerutscht, als der
+Kasten aufging und die schwarze Katze fauchend heraussprang.
+Ritsch, saß sie dem Herzog auf der Schulter,
+und ehe sie noch jemand fassen konnte, sprang sie zum
+offenen Fenster hinaus.
+
+</p><p>&bdquo;Prschiii!&ldquo; Kasperle war Ruß in die Nase gekommen,
+er mußte laut niesen. &bdquo;Hazzi, prschiii!&ldquo; Und
+puh! quoll eine dicke, dicke Rußwolke aus dem Kamin,
+und der Herzog prustete, spuckte, nieste, und dann rannte
+er aus dem Zimmer, und seine Diener rannten ihm
+nach. Sie dachten alle, die schwarze Wolke sei aus dem
+Kasten gekommen, und der Herzog schalt arg, der Künstler
+sei ein Hexenmeister. Und schämen tat er sich auch.
+<!-- page 183 -->
+
+</p><p>Herr Severin lachte sehr, als er in seine Stube
+zurückkehrte und die Bescherung sah. Das Kasperle
+sah aus wie ein kleiner Schornsteinfeger, er gefiel sich
+selbst gar nicht. Aber Herr Severin half ihm sich
+waschen, da wurde er wieder blank und kroch vergnügt
+in seinen Kasten zurück. Danach ging Herr Severin
+zum Herzog und sagte, er wolle fort, denn das wunderbare
+Spielzeug sei nun beinahe kaputt, und der Herzog
+seufzte sehr und bat Herrn Severin inständig, ihm
+abends noch etwas vorzuspielen.
+
+</p><p>Der Geiger versprach das auch, doch bat er, es
+dürften keine Kinder dabei sein. &bdquo;Ach,&ldquo; rief der Herzog,
+&bdquo;die gibt es ja gar nicht im Schloß! Nur die kleine
+Gräfin Rosemarie ist da, die stört doch nicht.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Doch, sie stört, sie muß ins Bett,&ldquo; erklärte Herr
+Severin und tat ganz streng.
+
+</p><p>Da durfte Rosemarie abends nicht in den Saal
+kommen, um dem Spiel des fremden Künstlers zu lauschen.
+Aber alle Dienstboten standen hinter den Türen,
+und Herr Severin spielte so wundersam, daß der
+Herzog zu weinen anfing.
+
+</p><p>Inzwischen aber saß Kasperle selig und vergnügt
+mit Rosemarie zusammen in einer winzigen Stube neben
+Herrn Severins Zimmer. Die wurde nie benutzt und
+war mehr eine Rumpelkammer, aber den beiden gefiel
+es ausgezeichnet darin. Der gute Herr Severin hatte
+Rosemarie gesagt, wo sie Kasperle finden würde.
+Kasperle erzählte Rosemarie alles, was er erlebt hatte,
+<!-- page 184 -->
+und dazwischen schmauste er Kuchen und Schokolade;
+dies hatte Rosemarie ihm mitgebracht. Rosemarie
+graute sich nun nicht mehr vor Kasperle, und als der
+erzählte, wie er immer wieder hatte fliehen müssen, da
+weinte sie bittere Tränen. &bdquo;Du armes, armes Kasperle!&ldquo;
+sagte sie sanft; &bdquo;wie gut, daß du ins Waldhaus zurückkommst!&ldquo;
+Dann drohte sie aber auch einmal ein wenig
+und schalt: &bdquo;Ei, du Unnütz du!&ldquo; Und alle, die Kasperle
+geholfen hatten, die Schullehrersleute, Meister Helmer
+und vor allem das Michele gewann Rosemarie gleich
+lieb. Das Michele aber wollte sie sehen. &bdquo;Der muß
+auch mein Freund werden,&ldquo; sagte sie. &bdquo;Und wenn er
+groß ist und so schön spielen kann wie Herr Severin,
+dann &mdash;&ldquo; &bdquo;heiratest du ihn,&ldquo; rief Kasperle. Und plötzlich
+rollten ihm die dicken, dicken Tränen über das Gesicht.
+&bdquo;Und ich bin dann immer noch ein Kasperle!&ldquo; klagte er.
+
+</p><p>Doch Rosemarie tröstete ihn. Vielleicht hätte er
+bis dahin seine Heimatinsel gefunden. &bdquo;Ich will auch
+suchen, wenn ich groß bin,&ldquo; versprach sie, &bdquo;und Michele
+soll suchen, und Herr Severin tut es sicher auch.&ldquo;
+
+</p><p>Da war Kasperle schon wieder getröstet. Er stopfte
+noch den letzten Rest Kuchen in seinen großen Mund,
+und dann erzählte er noch flink die Geschichte mit den
+Holzäpfeln. Darüber lachte und lachte Rosemarie, bis
+Herr Severin kam und sagte: &bdquo;Ei, flink ins Bett, Rosemarie
+du feine, es ist schon arg spät!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Auf Wiedersehen morgen!&ldquo; flüsterte Rosemarie
+noch, dann huschte sie zum Zimmer hinaus. Es merkte
+<!-- page 185 -->
+niemand, daß sie noch nicht ins Bett gegangen war.
+Und nachher träumte sie immerzu von Kasperle, von
+Michele und von dem schönen, bunten Garten. Doch
+als sie aufwachte, da war Herr Severin mit seinem
+schwarzen Kasten weggezogen; Kasperle war fort, Rosemarie
+konnte ihn nicht mehr sehen.
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-15"><span style="font-size:small">Fünfzehntes Kapitel</span> <br /><br />Wieder daheim im Waldhaus
+</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">H</span>err Severin zog mit Kasperle wieder durch den
+Wald. Abwärts ging&rsquo;s, immer tiefer ins Tal hinein,
+bis sie in einem kleinen Nestlein die gelbe Postkutsche
+wieder erreichten. &bdquo;Trara, Trara!&ldquo; blies der Postillion,
+Herr Severin stieg ein, der schwarze Kasten wurde aufgeladen,
+und fort ging es in die Weite. Kasper schaute
+aus seinen Gucklöchern sich die Welt an. Da sah er
+das Schloß, in dem Rosemarie gewohnt hatte, nun kam
+der Weg, den er mit dem Grafen von Singerlingen
+gefahren war. Und weiter ging es, immer weiter.
+Die Postkutsche rollte an einer Schafherde vorbei, ein
+langer Schäfer bewachte sie; Himmel, das war Damian!
+Ein Dorf tauchte auf, es war Protzendorf.
+
+</p><p>&bdquo;Bis hierher geht es und nicht weiter,&ldquo; sagte der
+Postillion. &bdquo;Ja, die Protzendorfer sind fein geworden,
+zu denen fährt jetzt die Post.&ldquo; Da wurde der schwarze
+<!-- page 186 -->
+Kasten wieder abgeladen, und Kasperle sah durch sein
+Guckloch die Protzendorfer Kinder den Postwagen umstehen.
+Seine einstigen Freunde Windgustel und Wassergustel
+stießen sich bald die Nasen daran. Und die
+Protzendorfer waren alle miteinander, der Gastwirt
+voran, arg enttäuscht, daß der fremde Herr nicht bleiben
+wollte. Sie meinten nämlich, in ihrem Dorf, in dem
+die Säulein alle auf der Straße herumliefen, müßte es
+jedem gefallen. Herr Severin aber dachte bei sich:
+Lieber nicht, dem Kasperle ist halt nicht zu trauen, und
+das wäre doch übel, wenn man ihn so kurz vor dem
+Ziel erwischen würde. Also nahm er seinen schwarzen
+Kasten und wanderte weiter, und Kasperle konnte weder
+Florian einen Schabernack spielen, noch seine einstigen
+Freunde begrüßen.
+
+</p><p>Es gab von Protzendorf nach dem Waldhaus
+einen Fußweg, der führte durch den dichtesten Wald
+und war wenig begangen. Ihn schlug Herr Severin
+ein. Kasperle durfte den Kasten verlassen, und beide
+wanderten fröhlich dem Waldhaus zu. Kasperle sprang
+wie ein Eichkätzchen, und Herr Severin strich die Fiedel
+dazu; wie Vogelzwitschern klang es, wie der Gesang
+der Nachtigall.
+
+</p><p>Und wie sie beide so dahingingen, sagte auf einmal
+eine liebe, warme Stimme: &bdquo;Ach lieber Gott, das ist
+ja Kasperle!&ldquo; Ganz tief im Grünen, unter einer uralten
+Tanne, saß Liebetraut, und neben ihr weidete ein
+Reh. Herr Severin blieb stehen, Kasperle aber stürzte
+<!-- page 187 -->
+mit einem so lauten Jubellaut Liebetraut zu, daß das
+Reh eilends entfloh. &bdquo;O Kasperle, du liebes, schlimmes
+Kasperle!&ldquo; sagte Liebetraut, &bdquo;wo kommst du her?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Nicht böse sein!&ldquo; bettelte Kasperle und huschelte
+sich an Liebetraut an. Das schöne Mädchen lächelte,
+sie streichelte des Kasperles Strubelkopf und sagte froh:
+&bdquo;Nur gut, daß du wieder da bist, du Schelm, du Ausreißer,
+du mein kleiner Liebling du!&ldquo;
+
+</p><p>Und nun erzählte Kasperle, wie es ihm ergangen
+war, und Liebetraut lachte und weinte; dann sagte sie,
+der Kasperlemann sei schon zweimal dagewesen und
+habe gefragt, ob das Kasperle noch nicht zurück sei.
+Doch könne er hier nichts machen, gerade das Waldhaus
+liege an der Grenze, und der Fürst dieses Landes
+und der Herzog, die seien nicht gut Freund mitsammen.
+Hier dürfe ihn drum der Herzog nicht mehr fangen, aber
+in Protzendorf wohne jetzt ein Landjäger, um aufzupassen,
+und Florian und Damian hätten gesagt, wenn
+sie Kasperle fingen, würde es ihm übel ergehen.
+
+</p><p>&bdquo;Komm,&ldquo; bettelte Kasperle ängstlich, &bdquo;wir wollen
+ins Waldhaus!&ldquo;
+
+</p><p>Liebetraut stand auf, und alle drei schritten sie
+dem Waldhaus zu. &bdquo;Jetzt kommt gleich die Grenze,&ldquo;
+sagte Liebetraut; &bdquo;Kasperle, schlupf&rsquo; flink in den Kasten,
+mir wird so bange! Manchmal steht ein Landjäger an
+der Grenze.&ldquo;
+
+</p><p>Da kroch Kasperle in den Kasten, und kaum hatte
+den Herr Severin wieder zugeklappt, da trat wirklich
+<!-- page 188 -->
+ein Landjäger aus dem Gebüsch. &bdquo;Halt!&ldquo; schrie der,
+&bdquo;ich muß alles untersuchen, ob hier nicht jemand ein
+Kasperle über die Grenze trägt.&ldquo;
+
+</p><p>Herr Severin begann auf seiner Geige zu spielen,
+wundersam klang es, dazu sagte er: &bdquo;Ich komme von
+des Herzogs Jagdschloß, aber der Herzog hat mir kein
+Kasperle geschenkt.&ldquo; Darüber mußte der Landjäger
+lachen, und weil er auch dachte: So ein feiner Mann,
+der so schön spielen kann, was hat der mit einem Kasperle
+zu schaffen! ließ er Herrn Severin und Liebetraut ziehen.
+&bdquo;Dies vermaledeite Kasperle!&ldquo; schalt er; &bdquo;seit Wochen
+suchen wir danach, mal ist es da, mal ist es dort, und
+nie fängt man es.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ja, ja, es ist wohl ein schlimmer Schelm, paßt
+nur gut auf, daß es Euch nicht an der Nase vorbeiläuft!&ldquo;
+sagte Herr Severin lustig.
+
+</p><p>&bdquo;Mir nicht!&ldquo; schrie der Landjäger; &bdquo;ha, ich bin ein
+ganz Schlauer, mir entwischt das Kasperle nicht!&ldquo;
+
+</p><p>Herr Severin fing rasch wieder an auf seiner Geige
+zu spielen. Diesmal war es ein heiteres Stücklein, das
+sollte das Lachen übertönen, das aus dem schwarzen
+Kasten klang. Kasperle wollte nicht lachen, er konnte
+aber nicht an sich halten. Er kicherte immerzu, und
+der Landjäger rief Herrn Severin noch nach: &bdquo;Ei, Herr,
+Ihr könnt aber fein spielen, es ist ja beinahe, als lache
+Eure Geige!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Paßt auf, daß Kasperle Euch nicht entwischt!&ldquo;
+rief Herr Severin noch, und da lachte auch Liebetraut.
+<!-- page 189 -->
+Lachend schritten sie weiter, und auf einmal tauchte das
+Waldhaus vor ihnen auf. Nun ließ Herr Severin das
+Kasperle wieder aus dem schwarzen Kasten heraus. Da
+tat der einen lauten Freudenruf. Vor ihm lag das
+Waldhaus, ganz umblüht von einem sommerbunten
+Garten. Seine Fenster standen offen, und an einem
+der offenen Fenster saß Meister Friedolin und schnitzte.
+Kasperle rannte mit lautem Jubelgeschrei auf das Haus
+zu, und dem Meister Friedolin entfiel sein Schnitzmesser
+vor Staunen. Je, was war denn das!
+
+</p><p>Kasperle war wieder da, das Kasperle!
+
+</p><p>Mutter Annettchen kam herbei, sie hielt die Bratpfanne
+in der Hand, so schnell war sie vom Abendessenkochen
+weggelaufen.
+
+</p><p>Und Kasperle mußte erzählen immerzu, und dazwischen
+mußte er essen, und Herr Severin wurde genötigt,
+als Gast im Waldhaus zu bleiben. Er bekam
+das allerschönste Zimmer im Oberstock. Da schaute
+ihm der Wald in die Stube hinein, und Herr Severin
+spielte darin bis spät in die Nacht so wunderschön,
+daß Liebetraut auf ihrem Bette saß und vor Freude
+weinte.
+
+</p><p>Kasperle aber schlief fest und traumlos. Und als
+er am nächsten Morgen aufwachte, stand Liebetraut an
+seinem Bette, die lachte ihn an und sagte: &bdquo;Kasperle,
+weißt du es denn, du bist wieder daheim, bist im
+Waldhaus!&ldquo;
+
+</p><p>Kasperle sprang mit einem Satz aus dem Bett.
+<!-- page 190 -->
+Im Waldhaus, daheim! Nun wurde er nicht mehr
+verfolgt, brauchte sich nicht mehr zu verstecken. Wie
+herrlich das war!
+
+</p><p>Herrn Severin gefiel es so gut im Waldhaus wie
+dem Kasperle. Er mußte freilich nach einigen Wochen
+wieder in die Weite ziehen, mußte spielen vor fremden
+Leuten und mußte Instrumenten eine Seele geben. Aber
+er wollte wiederkommen, und dann wollte Liebetraut
+seine liebe Frau werden, und sie wollten alle mitsammen
+im Waldhaus wohnen. Auch das Michele, denn Herr
+Severin sagte, sein Versprechen müsse er halten. Ach,
+das Michele!
+
+</p><p>Kasperle kugelte sich im Wald herum vor Freude,
+wenn er daran dachte, daß Michele kommen würde.
+Dann war er nicht mehr allein, dann hatte er einen
+lieben, lieben Kameraden.
+
+</p><p>&bdquo;Denkst du noch an das Fortlaufen?&ldquo; fragte ihn
+Liebetraut manchmal. Da schüttelte er immer heftig den
+Kopf und schrie: &bdquo;Nein, nein, nein, ich will immer,
+immer im Waldhaus bleiben!&ldquo;
+
+</p><p>Er hütete sich auch wohl, im Wald über die Grenze
+zu laufen, und als nach etlichen Wochen der Kasperlemann
+wieder erschien, da kroch Kasperle in das Bett
+und zog sich die Decke tief über die Ohren. Aber der
+Kasperlemann merkte doch, daß Kasperle wieder daheim
+war; er schnüffelte im Hause herum, doch Liebetraut
+hatte Kasperles Kämmerlein abgeschlossen und trug den
+Schlüssel in ihrer Tasche. Da mußte der Kasperlemann
+<!-- page 191 -->
+abziehen, und Kasperle blieb im Waldhaus. Er ließ
+sich auch nicht verlocken, als ein paar Tage später ein
+Handelsmann erschien, der ihm wunderschöne Dinge
+versprach und ihn bat, er solle ihm nur ein Stück seinen
+Kasten tragen. O nein, Kasperle war draußen in der
+Welt gescheit geworden, der ließ sich nicht fangen!
+Und der Herr Herzog konnte sich so viel ärgern, soviel
+er wollte, Kasperle bekam er doch nicht.
+
+</p><p>Im Winter kam dann Herr Severin wieder. Im
+Waldhaus gab es eine stille, fröhliche Hochzeit. Und
+dann, nach einigen Wochen, kam ein Gast; der gute
+Herr Habermus war es, der brachte das Michele mit.
+Da gab es ein frohes Wiedersehen, und als Herr
+Habermus nach etlichen Tagen wieder heimreiste, sagte
+er: &bdquo;Kasperle, du warst zwar ein schlimmer Schüler, aber
+ich hätte dich doch gern wieder in meiner Schule sitzen.
+Freilich, im Waldhaus hast du es am allerbesten.&ldquo;
+
+</p><p>Und das war wahr. Nirgends, fand Kasperle, sei
+es so schön wie im Waldhaus; nur vielleicht auf der
+Kasperleinsel war es noch schöner. Doch niemand
+wußte, wo die lag, niemand kannte des Kasperles
+eigentliche Heimat.
+
+
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="center" style="font-size:small">
+Die ferneren<br />
+Schicksale und Abenteuer<br />
+Kasperles und seiner Freunde<br />
+Rosemarie und Michele finden die Leser in<br />
+den Bänden &bdquo;Kasperle auf Burg Himmelhoch&ldquo; und &bdquo;Kasperls<br />
+Abenteuer in der Stadt&ldquo; erzählt (Verlag Levy &amp; Müller, Stuttgart).
+</p>
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Kasperle auf Reisen, by Josephine Siebe
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KASPERLE AUF REISEN ***
+
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+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
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+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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