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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:04:51 -0700 |
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Kleemann + +Release Date: April 26, 2011 [EBook #35967] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS PROBLEM DES PLATONISCHEN *** + + + + +Produced by Alexander Bauer and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + + + + + [ Anmerkungen zur Transkription: + + Es wurde größte Sorgfalt darauf verwendet den Text originalgetreu + zu übertragen. Lediglich offensichtliche Fehler wurden korrigiert. + Eine Liste sämtlicher vorgenommener Änderungen befindet sich am + Ende des Textes. + + Im Original _gesperrt_ gesetzter Text wurde mit _ markiert.] + + + + + Das Problem + des + platonischen Symposion. + + Von + Dr. A. v. Kleemann. + + Sonderabdruck aus dem Jahresberichte des k. k. Sophien-Gymnasiums + im II. Bezirke in Wien. + + WIEN. + Im Selbstverlage des Verfassers. + 1906. + + + + + K. u. k. Hofbuchdruckerei Carl Fromme, Wien. + + + + +Das Problem des platonischen Symposion. + + + + +I. + + +Unter all den herrlichen Werken, die Platons Genius geschaffen hat, +gebührt dem Symposion die Krone. Seine echt attische Grazie und Anmut +erinnert an die Schöpfungen des Praxiteles. Keine andere Schrift zeigt +Platons universales Können in gleichem Maße. Der Dichter wie der +Philosoph hat hier die höchste Staffel erklommen. + +Den Forscher aber stellt dieses Wunderwerk vor eine schwierige Aufgabe. +Seine Lehren stehen zu dem Inhalt anderer platonischer Schriften aus +früherer und späterer Zeit in so schroffem Widerspruche, daß man +versucht wäre, die Echtheit des Symposion in Zweifel zu ziehen, wäre +sie nicht über jeden Zweifel erhaben. + +Eine gegensätzliche Auffassung zeigt das Symposion z. B. gegenüber dem +‚Gorgias‘ in der Beurteilung der Dichter: im ‚Gorgias‘ ausnahmslos als +Diener des Pöbels gebrandmarkt (p. 502 b ff.), erfahren sie im Symposion +die entgegengesetzte Behandlung; ihre Ersten, Homer und Hesiod, werden +mit den großen Gesetzgebern Lykurgos und Solon in eine Linie gestellt +und um des unvergänglichen Ruhmes ihrer Schöpfungen willen den Heroen +gleichgesetzt (p. 209 a-e). + +Wie das Schaffen des Dichters, so betrachtet das Symposion auch die +Äußerungen des Ehrgeizes (φιλοτιμία) als Betätigung des geistigen +Zeugungstriebes, mithin des höchsten Preises wert. Ja, das Streben nach +unvergänglichem Nachruhm, im Grunde eine φιλοτιμία höheren Grades, wird +geradezu als das eigentliche Motiv der geistigen Zeugung bezeichnet. + +Damit harmoniert nun keineswegs die Verurteilung der φιλοτιμία im Staat +(I, 347 b). + +Indes ließe sich in diesen beiden Fällen ebenso wie bei der Differenz in +der Beurteilung des παιδοσπορεῖν, welche das Symposion gegenüber dem +‚Phaidros‘ aufweist (der Phaidros tut p. 250 e ff. das παιδοσπορεῖν +verächtlich ab und betrachtet es als Abirren vom wahren Ziel, während +das Symposion darin das Ewigkeitsstreben des Menschen -- wenn auch in +niederem Grade -- erfüllt sieht), mit der Annahme eines Wandels der +Anschauung durchkommen. + +Aber die Stellung, die Platon im Symposion gegenüber der +Unsterblichkeitsfrage einnimmt, läßt sich so einfach nicht erklären. + +Streben nach Unsterblichkeit und Ewigkeit bezeichnet das Symposion als +das Wesen des Eros. Ein Streben setzt, wie Platon nicht verborgen ist, +ein Entbehren voraus. P. 200 a ff. legt er dies ausführlich dar und +begegnet im vorhinein dem Einwand, daß doch z. B. der Reiche nach +Reichtum strebe, sein Besitz ihn also nicht am Streben hindere, mit +der Bemerkung, dieses Streben richte sich nur darauf, den Besitz des +Reichtums für die Zukunft zu erhalten, da der Reiche in der Gegenwart +reich sei, ob er wolle oder nicht. Es kann hiernach gar kein Zweifel +sein, daß Platon im Symposion die Seele nicht als unsterblich betrachtet +hat. Natorps Versuch,[1] die Differenz zwischen der Auffassung des +Symposion und der des ‚Phaidon‘ aufzulösen, ist unbedingt zurückzuweisen, +als dem klaren Wortlaut des Symposion widersprechend. Da Platon Symp. +p. 207 a ff. ausdrücklich sagt, wer bloß die körperliche Zeugung +betätigt habe, lebe, dem Tiere gleich, einzig und allein in seinen +Kindern fort, so geht es nicht an, den Glauben an die Unsterblichkeit +der Seele, d. h. jeder Seele in das Symposion hineinzuinterpretieren. + + [1] P. Natorp, Platos Ideenlehre, p. 168. + +Der Umstand, daß im Symposion die Seele nicht als unsterblich gilt, +würde dieses Werk einer frühen Schaffensperiode Platons zuweisen, einer +Zeit, da er, der Auffassung des Sokrates getreu, die Unsterblichkeit +der Seele durchaus nicht als einen Hauptlehrsatz seiner Philosophie +betrachtete. Nun enthält aber das Symposion die Ideenlehre, jene +ureigenste Schöpfung platonischen Geistes, was seine Zugehörigkeit +zu ‚Phaidon‘, ‚Phaidros‘ etc. beweist und allen jenen Dialogen die +Priorität sichert, welche von der Ideenlehre noch nichts wissen oder +nur deren erste Keime aufweisen: also (von der Apologie abgesehen) +Protagoras, Hippias minor, Laches, Charmides und -- Gorgias. Über dem +Gorgias schwebt der Geist der Ideenlehre, hat Th. Gomperz[2] treffend +gesagt; er geht dieser also voraus. Derselbe Gorgias aber verficht +bereits mit höchster Energie die Lehre von der Unsterblichkeit der +Seele, in Übereinstimmung mit allen späteren Werken Platons. Wie haben +wir uns danach das Verhältnis des Symposion zum Gorgias zu denken? Jeder +der beiden Dialoge scheint Anspruch auf die Priorität zu erheben. Bei +reiflicher Überlegung werden wir dieselbe aber doch dem Gorgias +zuerkennen müssen. Denn es erscheint undenkbar, daß eine Schrift, welche +eine bestimmte Lehre bloß in ihren keimenden Anfängen enthält, jener +Schrift nachgefolgt ist, die diese Lehre bereits voll ausgebildet zeigt. +Wir müssen also das Symposion dem Gorgias nachfolgen lassen und damit +ein Schwanken Platons gegenüber dem Unsterblichkeitsglauben annehmen. +Es steht ja auch die Lehre des Symposion, die Seele sei zwar nicht von +vornherein unsterblich, könne es aber (durch die geistige Zeugung) +_werden_, zwischen dem Glauben an die Vergänglichkeit der Seele und der +Überzeugung von ihrer Unsterblichkeit in der Mitte und gleicht mehr +einer Modifikation des Unsterblichkeitsglaubens. Wodurch aber kann +Platon veranlaßt worden sein, an der Lehre von der Unsterblichkeit der +Seele eine Modifikation vorzunehmen, die er später doch wieder beseitigt +hat? + + [2] Griech. Denker, II, p. 285. + +Diese Frage zu beantworten, sei gleich in medias res, d. h. zur Analyse +der Eroslehren des Symposion übergegangen. + + + + +II. + + +Das Symposion gipfelt in Sokrates' Rede, welche für die philosophische +Würdigung des Dialoges fast allein in Betracht kommt; nicht zwar, als ob +die Reden der übrigen Teilnehmer philosophisch gänzlich bedeutungslos +wären, vielmehr enthält jede einen Gedanken, den Sokrates in seiner Rede +verwertet oder doch, wenn auch nur polemisch, berücksichtigt: so berührt +bereits Phaidros (p. 178 d ff.) den hohen sittlichen Wert des Eros und +stellt (p. 180 b) die später von Sokrates begründete Behauptung auf, um +Tugend und Glückseligkeit zu erwerben, sei des Eros Hilfe besser als +die jedes anderen Gottes. Pausanias unterscheidet zwei Arten des Eros, +eine gute und eine schlechte: die schlechte gelte bloß den Reizen des +Körpers, die gute der Tugend und Vollkommenheit (p. 180 d ff.). Diesen +Gegensatz, den dann Eryximachos in seiner Rede auf die ganze organische +und anorganische Natur ausdehnt (p. 186 a ff.), akzeptiert Sokrates mit +seiner Unterscheidung zwischen körperlichem und geistigem Eros. Die +Reden des Eryximachos und Aristophanes enthalten die damals gangbaren +Theorien über das Wesen der Liebe, die des ersteren empedokleische und +heraklitische Ansichten, die des letzteren jene bereits im ‚Lysis‘ +behandelte Definition der Liebe als des Strebens nach dem Eigenen, dem +οἰκεῖον.[3] Auch mit diesen Theorien setzt sich Sokrates in seiner Rede +auseinander; er legt dar, wie weit sie berechtigt sind. Des Gorgias +Schüler Agathon endlich betont zu Sokrates' lebhafter Befriedigung, erst +müsse das Wesen des zu preisenden Gottes festgestellt sein, bevor man +über sein Wirken sprechen könne (p. 195 a beziehungsweise 199 c).[4] + + [3] Vgl. Th. Gomperz, a. a. O. II, p. 312. + + [4] Platons alte Gegnerschaft gegen die Rhetorik zeigt + sich auch hierin: das einzige, was er an ihr zu billigen + findet, ist ihre klare Einteilung und Disposition. + +Eben darum aber, weil Sokrates den Reden seiner Vorgänger alles +Brauchbare entnimmt, kommt diesen Reden kein besonderes philosophisches +Interesse zu: sie dienen künstlerischen, wohl auch didaktischen Zwecken. +So genügt es für unser Vorhaben, die Rede des Sokrates zu analysieren. + +In seinem Vorgespräch mit Agathon (p. 199 c-201 d) stellt Sokrates fest, +daß der Eros ein Objekt haben müsse; da man aber nur begehre, was man +nicht hat, der Eros aber auf das Schöne und das davon unzertrennliche +Gute ausgehe, so könne Eros selbst weder schön noch gut sein. Weit +gefehlt aber wäre es, ihn darum für häßlich und schlecht zu halten. An +dieser Stelle entwickelt Sokrates den Begriff des Mittleren (μεταξύ). An +dem Beispiel des ὀρθὰ δοξάζειν wird dies deutlich gemacht. Als bloßes +δοξάζειν kann es nicht σοφία sein, als _ὀρθὰ_ δοξάζειν aber auch nicht +ἀμαθία. Ein solches μεταξύ ist auch der Eros, der kein Gott sein kann +als τῶν καλῶν καὶ ἀγαθῶν ἄμοιρος (p. 202 d), sondern nur ein Mittelding +zwischen θνητός und ἀθάνατος. + +Anknüpfend hieran erzählt nun Sokrates den bekannten Mythus von der +Entstehung des Eros. Am Geburtstagsfeste der Aphrodite wurde er gezeugt +von einem göttlichen Vater, Poros, dem Reichtum, und einer nicht +göttlichen Mutter, Penia, der Armut. + +Seine Natur zeigt seine Herkunft: nach der Mutter ist er πένης, σκληρός, +αὐχμηρός, ἐνδείᾳ ξύνοικος (p. 203 d), nach dem Vater τοῖς καλοῖς καὶ +τοῖς ἀγαθοῖς ἐπίβουλος, φρονήσεως ἐπιθυμητής, φιλοσοφῶν διὰ παντὸς τοῦ +βίου. + +Diese Schilderung des Eros ist selbstverständlich Allegorie. Was ist +Eros in Wirklichkeit? Ein Streben des Menschen. Es wohnt diesem also ein +Streben inne, das weder schön und gut noch schlecht und häßlich ist, +ein Streben, das zwischen göttlich und sterblich in der Mitte steht. +Demgemäß ist unter Eros' Elternpaar die menschliche Natur zu verstehen, +aus der jenes Streben hervorgeht. Zwei Prinzipe enthält diese Natur: ein +göttliches, das ist Poros, der Sohn der Metis; ein irdisches, das ist +Penia, die Armut und der Mangel. Das Streben, welches aus der Verbindung +dieser Prinzipe entspringt, ist der Eros, dessen Begriff sonach +gewöhnlich zu eng gefaßt ist. Er ist eigentlich das jedem Menschen +infolge der Zusammensetzung seines Wesens beständig innewohnende Streben +nach dem Guten, genauer nach dem immerwährenden Besitz des Guten. Das +Objekt des Eros ist somit im Grunde die Athanasie, ohne welche ja ein +immerwährender Besitz nicht möglich ist. + +Wenn dies die wahre Natur des Eros ist, so muß ein Ewigkeitsstreben +auch jener Gattung desselben zugrunde liegen, die -- ohne eigentlich +erkennbaren Grund -- gewöhnlich allein den Namen ‚Eros‘ führt. Dies +ist auch tatsächlich der Fall. Der Zeugungstrieb, der jenen Eros +charakterisiert, ist in Wahrheit Unsterblichkeitstrieb: er geht nicht +eigentlich auf das Schöne, sondern auf Erzeugung im Schönen aus. +Erzeugung und Geburt aber sind das Göttliche und Ewige im menschlichen +Dasein, was auch dadurch bestätigt wird, daß das Schöne zur Zeugung +lockt, das Häßliche davon abstößt. Auch der Zeugungstrieb ist also +Ewigkeitstrieb (p. 206 b-207 a). + +Wie Sokrates weiter ausführt, ist dieser Zeugungstrieb ein zwiefacher: +ein niederer, den auch die Tiere kennen, der Drang nach körperlicher +Fortpflanzung, und ein höherer, geistiger, zu dem nur der Mensch sich +erheben kann. Dies gibt einen deutlichen Wink, wie jener Mythus von +Poros und Penia und der Entstehung des Eros zu verstehen ist. _Seele_ +und _Leib_ sind die beiden Prinzipe der menschlichen Natur, die Seele +das göttliche, der Leib das irdische. In dem Mythus steckt so die +orphische Lehre vom Sündenfall der Seele -- Poros betrinkt sich und ahnt +in seiner Trunkenheit nicht, _wen_ er zur Mutter seines Sohnes macht --, +desgleichen die orphisch-pythagoreische Anschauung von dem Gegensatz +zwischen der Natur des Leibes und der der Seele. Man wird an Philolaos' +Wortspiel ‚σῶμα-σῆμα‘,[5] an die Auffassung des Leibes als des Grabes +der Seele erinnert, wenn diese als das göttliche Prinzip im Menschen +geschildert ist, das befleckt wird durch die Vermengung mit dem +irdischen, dem Leib. + + [5] Diels, frg. 14. + +Der tiefste Sinn des Eros also ist: der Mensch will göttlich, +unsterblich, ewig werden, weil ein göttliches Element in seiner Natur +enthalten ist. An dieser Stelle wird es gut sein, sich zu erinnern, daß +ἀθάνατος, ἀθανασία nicht einfach ‚unsterblich‘, ‚Unsterblichkeit‘, +sondern mindestens ebensosehr ‚göttlich‘, ‚Göttlichkeit‘ bedeutet. Für +den Griechen ist eben Göttlichkeit von Unsterblichkeit nicht zu trennen: +denn Unsterblichkeit ist die vornehmste Eigenschaft der Götter. Darum +bedeutet ἀθάνατος, ἀθανασία unzählige Male schlechthin ‚göttlich‘, +‚Göttlichkeit‘. Im Symposion selbst finden wir diese Bedeutung: Eros, +heißt es p. 202 d/e, ist ein Wesen μεταξὺ θνητοῦ καὶ ἀθανάτου; nach den +elementarsten Regeln der Logik ist es klar, daß ἀθάνατος hier nur +‚göttlich‘ bedeuten kann. Gleich darauf lesen wir auch tatsächlich die +Worte πᾶν τὸ δαιμόνιον μεταξύ ἐστι θεοῦ τε καὶ θνητοῦ. + +Das Ewigkeitsstreben des Menschen äußert sich nun zunächst als Streben +nach körperlicher Fortpflanzung. Es wäre verfehlt, führt Sokrates +p. 207 d ff. aus, in der Fortpflanzung nicht eine gewisse Befriedigung +des Ewigkeitstriebes zu sehen. Wohl bleibt das Alte nicht ewig, sondern +wird durch ein Neues ersetzt. Aber dies gilt im Grunde von allem, was +dem Flusse des Werdens unterworfen ist; nicht nur der physische Mensch +erneut sich beständig, ohne doch darum ein anderer genannt zu werden, +auch alles Psychische und Geistige -- besonders deutlich ist dies am +Gedächtnis und der Erinnerung zu sehen -- ist in immerwährendem Vergehn +und Neuwerden begriffen. In dieser Weise hat eben das Vergängliche an +der Ewigkeit teil und insofern bedeutet die Fortpflanzung eine +Befriedigung des Ewigkeitstriebes. + +Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß es heraklitischer Geist ist, +der aus diesen Gedanken spricht. Im Symposion beugt sich Platon demnach +vor der großartigen Weltanschauung des Ephesiers und erkennt ihre +Berechtigung an. + +Die höhere Art des Zeugungstriebes äußert sich in der geistigen Zeugung, +deren eigentlich treibendes Motiv die φιλοτιμία, der Ehrgeiz, speziell +das Streben nach unvergänglichem Nachruhm ist. Geistige Zeugung ist das +Schaffen der Dichter und überhaupt aller Künstler, vor allem aber der +Gesetzgeber (Lykurgos und Solon). Hier zeigt es sich nun deutlich, wie +notwendig es ist, bei ‚ἀθανασία‘ nicht der Bedeutung ‚Göttlichkeit‘ zu +vergessen. Die geistige Zeugung als Zeugung höherer Art sollte auch +eine höhere Athanasie gewähren denn die bloß körperliche Zeugung; der +Nachruhm allein scheint aber nur eine schattenhafte, sozusagen magere +Unsterblichkeit zu verleihen: fortzuleben im Gedächtnis der anderen +Menschen statt in seiner Nachkommen Fleisch und Blut -- verdient solche +Unsterblichkeit wirklich höheren Preis? Sollen sich die Menschen mit +solcher bloß ‚platonischen‘ Unsterblichkeit zufrieden geben? Ein +homerischer Zeuge verneint uns diese Frage. Ich denke der berühmten +Worte des Achill λ 488-491: + + Μὴ δή μοι θάνατόν γε παραύδα, φαίδιμ' Ὀδυσσεῦ. + βουλοίμην κ' ἐπάρουρος ἐὼν θητευέμεν ἄλλῳ + ἀνδρὶ παρ' ἀκλήρῳ, ᾧ μὴ βίοτος πολὺς εἴη, + ἢ πᾶσιν νεκύεσσι καταφθιμένοισιν ἀνάσσειν. + +Hier kommt uns nun die andere Bedeutung von ἀθανασία zu Hilfe. Wer den +wahren und echten Nachruhm erlangt, wird damit zum Heros: ὧν καὶ _ἱερὰ +πολλὰ_, heißt es Symp. p. 209 e, ἤδη γέγονε διὰ τοὺς τοιούτους παῖδας, +διὰ δὲ τοὺς ἀνθρωπίνους οὐδενός πω.[6] + + [6] Gedenkt diese Stelle des Heroenkultes, so erinnert + eine frühere, die παιδογονία betreffende, an den + Ahnenkult: οἱ μὲν οὖν ἐγκύμονες κατὰ σώματα ὄντες πρὸς + τὰς γυναῖκας μᾶλλον τρέπονται καὶ ταύτῃ ἐρωτικοί εἰσι, + διὰ παιδογονίας ἀθανασίαν καὶ μνήμην καὶ εὐδαιμονίαν, ὡς + οἴονται, αὑτοῖς εἰς τὸν ἔπειτα χρόνον πάντα ποριζόμενοι + p. 208 e. + +Die höchste Form der geistigen Zeugung ist aber die, welcher die +Erkenntnis der Idee des Schönen und Guten[7] zugrunde liegt, und diese +Art des Eros erzielt auch die reinste Athanasie: denn das wahre Wissen +hat die wahre Tugend zur Folge; wer nun die Idee des Schönen und Guten, +d. i. das wahrhaft Seiende, kennt, der erzeugt nicht mehr bloße +Abbilder der Tugend (εἴδωλα ἀρετῆς p. 212 a), sondern die wahre und +wirkliche Tugend. Und wie das ὄντως ὄν _über_ der sichtbaren Welt liegt, +so ist auch die auf der Erkenntnis des wahrhaft Seienden beruhende +Tugend eine überirdische und setzt den Menschen den Göttern gleich. Ganz +offenbar ist dies der Sinn der Stelle 212 a .... τεκόντι δὲ ἀρετὴν ἀληθῆ +καὶ θρεψαμένῳ ὑπάρχει θεοφιλεῖ γενέσθαι, καὶ εἴπερ τῳ ἄλλῳ ἀνθρώπων +ἀθανάτῳ καὶ ἐκείνῳ. Von einer Erhöhung der Philosophen unter die Götter +weiß ja auch der dem Symposion nahestehende Phaidon zu erzählen +(p. 82 c).[8] Auch ist es klar, daß die auf Grund der Ideenerkenntnis +erworbene Athanasie höherer Art sein muß als das Heroentum; mit dem +Nachruhm aber ist es hier nicht getan: gerade die wahre Tugend kann +vergessen und verschollen bleiben, ja selbst verfolgt und mißhandelt +werden. Ihr Lohn darf nicht von der Mißgunst und dem Unverstand der Mit- +und Nachwelt abhängen; sagt doch Platon auch ausdrücklich ὑπάρχει +_θεοφιλεῖ_ γενέσθαι. Wir haben hier also zwischen den Zeilen zu lesen, +daß der wahre Philosoph -- dabei ist natürlich in erster Linie an +Sokrates zu denken -- nach seinem Tode den Göttern sich gesellt. Es ist +dies die seiner allein würdige Athanasie. + + [7] Platon erklärt im Symposion wiederholt ausdrücklich, + daß sich das Schöne vom Guten nicht trennen lasse: + p. 201 c, 204 e ff., indirekt auch p. 212 a. + + [8] Ich erinnere auch an die stolzen Worte des Empedokles + (Diels frg. 112). + + ..... ἐγὼ δ' ὑμῖν θεὸς ἄμβροτος, οὐκέτι θνητός + πωλεῦμαι μετὰ πᾶσι τετιμένος κτλ. + + Überhaupt haben ja die Alten in der Gottwerdung eines + Sterblichen zwar etwas Außergewöhnliches, aber durchaus + nichts Unmögliches gesehen. + +Wie oben erörtert, liegt in der Unsterblichkeitsfrage das Problem des +Symposion beschlossen. Die Auffassung des ‚Gorgias‘, der zufolge der +Mensch eine unsterbliche Seele hat, ist aufgegeben. Bloß ein Streben +nach der Ewigkeit wohnt ihm inne, ein Streben, das auf verschiedene +Weise Befriedigung finden kann. Zugleich ist die Erklärung für dieses +Streben gegeben: der Mensch ist eine Mischung aus einem göttlichen +Prinzip -- der Seele -- und einem irdischen -- dem Leib. Und zwar ist +diese Zusammensetzung so innig, daß der Tod keineswegs, wie dies Platons +Annahme im Gorgias und später wieder im Phaidon war, die Trennung von +Körper und Seele bedeutet. Vielmehr geht die Seele mit dem Körper im +Tode unter, oder genauer gesagt, da ja Seele wie Körper jeden Augenblick +vergehn, um neu zu werden, im Tode erlischt die Fähigkeit, sich aufs +neue zu schaffen, wenn der Mensch nicht für seine Unsterblichkeit, sei +es körperlich oder geistig, gesorgt hat. Das göttliche Prinzip veranlaßt +nun den Menschen, nach der Athanasie, nach Göttlichkeit und Ewigkeit +zu streben. Aber nicht dieses Streben allein wird durch die Mischung +jener beiden Prinzipe erklärt, sondern überhaupt jedes Streben.[9] +Dem Göttlichen wie dem Irdischen ist an sich das Streben fremd; +dem Göttlichen, weil es sich absoluter Vollkommenheit erfreut, +dem Irdischen, weil es die eigene Unvollkommenheit gar nicht fühlt +(p. 204 a ff.). Erst die Mischung ruft das Streben, das Begehren hervor: +das göttliche Prinzip weckt im Menschen das Streben nach immerwährender +Glückseligkeit. Hierdurch ist das Werden verursacht, dessen göttliche +Kraft eben darin besteht, daß es an die Stelle des Alten aus dem Alten +heraus stets ein Neues treten läßt. Ganz dasselbe findet bei der +körperlichen Fortpflanzung statt, so daß also auch der Liebe zu den +Nachkommen jenes Ewigkeitsstreben zugrunde liegt. + + [9] Im Grunde ist für Platon jedes Streben wenigstens + subjektiv ein Streben nach dem immerwährenden Besitz des + Guten. + +In dieser Theorie des Werdens kann man das erste Stadium der Lehre von +der Weltseele erblicken; tatsächlich läßt ja Platon den Eryximachos eine +kosmische Liebestheorie aufstellen. + +Ein Werden hat zunächst auch die geistige Zeugung zur Folge: aber sie +ist der Weg, zur wahren Ewigkeit zu gelangen. Sie vermag aus dem Werden, +das nur ein scheinbares Sein ist -- es ist und es ist nicht --, ein +wirkliches Sein zu schaffen, insbesondere wenn sie aus der Erkenntnis +der Idee des Schönen und Guten hervorgeht. + +Die Weltanschauung des Symposion ist sonach eine allumfassende; dem +Werden wie dem Sein wird in gleicher Weise Rechnung getragen. Das +erstere ist ganz in heraklitischem Geiste gewürdigt, zwar, wie nicht +anders möglich, zum Sein in Gegensatz gestellt, aber keineswegs in den +völlig unüberbrückbaren der Eleaten. Platon hat erkannt, daß Werden +und Vergehn zwar in der Wirklichkeit unzertrennlich sind, darum aber +noch nicht gleich bewertet werden müssen: das Vergehn ist irdisch, +ungöttlich, die Kraft des steten Neuwerdens aber ist göttlich. Das +Ziel des Werdens ist Vollkommenheit, aus dem Werden kann sich ein Sein +gestalten. So schließt das Symposion einen kosmischen Ring um Sinnliches +und Übersinnliches. Es ist ein Evangelium des Optimismus. + +Das Symposion zeugt demnach von dem Versuch des Philosophen, die Lehren +Heraklits und der Pythagoreer von einem höheren Standpunkt zu vereinen. +Diese Tendenz, zwischen scheinbar konträren Weltanschauungen zu +vermitteln, erklärt die Modifikation, die Platon im Symposion am +Unsterblichkeitsglauben des ‚Gorgias‘ vorgenommen hat. Noch einmal läßt +er seinen Blick voll Liebe auf _dieser_ Welt ruhen, bevor er sich +endgiltig dem weltverachtenden Mystizismus der Pythagoreer +überantwortet. + +Aber nicht bloß Heraklit und die Pythagoreer finden im Symposion +gebührende Beachtung; auch für den Eleatismus in megarischem Gewand hat +Platons System einen Platz frei: das αὐτὸ καλὸν κἀγαθόν wird zum ὄντως +ὄν hypostasiert. Freilich sind die Konsequenzen gerade dieser Lehre im +Symposion nicht zu voller Klarheit gebracht; namentlich die Stellung der +Götter zum αὐτὸ καλὸν κἀγαθόν bleibt unaufgeklärt. Es kann allerdings +nur eine Möglichkeit geben: das αὐτὸ καλὸν κἀγαθόν muß als das allein +wahrhaft Seiende auch für die Götter das Leben- und Sein-spendende +Element bedeuten, wie es ja späterhin von der Idee des Guten tatsächlich +ausgesagt wird. Damit stimmt auch überein, daß die Erkenntnis der Idee +des Guten und Schönen den Menschen den Göttern gleichstellen soll. Aber +dieses Abhängigkeitsverhältnis der Götter zum αὐτὸ καλὸν κἀγαθόν ist +im Symposion noch keineswegs klar ausgesprochen. Wenn nun Platon diese +Entthronung der alten Götter in aller Stille vornimmt, so ist dies +zweifellos ein Zeichen dafür, daß die Ideenlehre im Symposion noch +jungen Datums ist. Noch lehrreicher in dieser Hinsicht aber ist der +Umstand, daß das Symposion nur die Idee des καλὸν κἀγαθόν kennt. Ich +halte es durchaus nicht für richtig, Platon hier im Symposion etwa von +den übrigen Ideen absehen zu lassen. Mir scheint vielmehr die +Hypostasierung bloß des αὐτὸ καλόν κἀγαθόν als ὄντως ὄν die erste Form +der Ideenlehre zu bedeuten. Hierbei lasse ich mich von folgenden +Erwägungen leiten. + +Der sokratischen Tugendwissenslehre fehlte die Bezugnahme auf einen +letzten und höchsten Begriff. Ich erinnere an die Definition der +Tapferkeit in Platons Protagoras (p. 360 d) als des Wissens vom δεινόν +und μὴ δεινόν, eine Auffassung, gegen die Platon später im Laches +polemisiert. Jede Tugend war für Sokrates eine andre φρόνησις, wie uns +Aristoteles berichtet: Σωκράτης .... φρονήσεις ᾦετο εἶναι πάσας τὰς +ἀρετάς .... Σ. μὲν οὖν λόγους τὰς ἀρετὰς ᾦετο εἶναι, ἐπιστήμας γὰρ εἶναι +πάσας.[10] Besonders charakteristisch ist auch folgende Stelle des +platonischen Laches (p. 194 d): πολλάκις ἀκήκοά σου, sagt dort Nikias +zu Sokrates, λέγοντος, ὅτι ταῦτα ἀγαθὸς ἕκαστος ἡμῶν ἅπερ σοφός, ἂ δὲ +ἀμαθὴς ταῦτα δὲ κακός. _Die_ Tugend zu definieren, hatte Sokrates nicht +unternommen. + + [10] Eth. N. VI, 13, 1144 b 17; zu vergleichen sind auch + die Stellen ibid. III, 11, 1116 b 4 und Eth. Eud. I, 5, + 1216 b 6. + +Offenbar unter dem Einfluß der Megariker, in deren Mitte er ja nach dem +Tode des Sokrates weilte, hatte Platon diese Lücke in der sokratischen +Philosophie empfunden. Die Megariker hatten das Gute in den Mittelpunkt +des Seins gestellt und kannten nur eine Tugend, wie uns Diogenes +Laertius VII, 161 berichtet, nämlich die Kenntnis des Guten: ἀρετάς τ' +οὔτε πολλὰς εἰσῆγεν (Ἀρίστων), ὡς ὁ Ζήνων, οὔτε μίαν πολλοῖς ὀνόμασι +καλουμένην, ὡς _οἱ Μεγαρικοί_. Der Berechtigung dieser Auffassung konnte +sich Platon nicht verschließen,[11] zumal ja die sokratische Basis damit +nicht verlassen wurde. So einfach aber auch diese Definition der Tugend +als der Erkenntnis des Guten (und seines Gegenteils) erscheint, so groß +waren die Schwierigkeiten, nun die Definitionen der Einzeltugenden mit +jener Definition der Gesamttugend in Einklang zu bringen. Jeder Tugend +mußte die Erkenntnis des Guten zugrunde liegen; worin aber hatte man +die charakterisierenden Merkmale der Einzeltugenden zu sehen? Mit diesen +Schwierigkeiten hat Platon ernstlich gerungen, wie die Dialoge Laches +und Charmides zeigen. In diesen beiden Dialogen bemüht sich Platon +vergeblich, die richtige Definition der ἀνδρεία (Laches), beziehungsweise +der σωφροσύνη (Charmides) zu finden. Er muß sich begnügen, die +diesbezüglichen sokratischen Definitionen als ungenügend zu erweisen. + + [11] Wie der kleinere Hippias beweist. + +Erst im Gorgias ist das Problem mit Hilfe der pythagoreischen +Psychologie, mit der Anerkennung der Begierden als eines selbständigen +Faktors im Innenleben des Menschen gelöst. Die unterscheidenden Merkmale +der Einzeltugenden sind gefunden: ἀρετή = σοφία ist die Erkenntnis des +Guten, beziehungsweise der Diversität des Guten und Angenehmen; ὁσιότης +ist die Erkenntnis des Guten, sofern es die Götter berührt; δικαιοσύνη, +die Erkenntnis des Guten, welches die Menschen betrifft; das Feld der +ἀνδρεία ist das Gute, wo es im Gegensatz zum Angenehmen steht; σώφρων +aber ist der σοφός, weil er die Gefahr kennt, die von den Begierden +droht, und diese darum im Zaume hält (Gorg. p. 507 ff.). + +Gleichzeitig enthält der Gorgias wichtige Begriffsbestimmungen des +Guten. Nach Gorg. 503 e ff. beruht auf den (pythagoreischen)[12] +Begriffen κόσμος und τάξις die Güte einer Sache, sie machen das εἶδος +zum εἶδος (εἶδος hier noch nicht im Sinne von ἰδέα = ὄντως ὄν gebraucht). +Das Gute also macht wahrhaft seiend, verleiht erhöhte Essenz und damit +in den Augen eines Denkers jener Zeit notwendig auch erhöhte Existenz, +muß daher selbst in erster Linie als wahrhaft seiend bezeichnet werden. +Damit harmonierte nun vollkommen die Lehre der Megariker, daß in +Wahrheit nichts existiere als das Gute, daß das Gute und das Sein +identisch wären. So kommt es zunächst zur Hypostasierung nur der Idee +des καλὸν κἀγαθόν; damit findet jene Gedankenrichtung, welche vom kl. +Hippias über Laches und Charmides zum Gorgias geführt hatte, ihren +vorläufigen Abschluß. Den endgiltigen bedeutet erst der teleologische +Idealismus: erkenntnis-theoretische Rücksichten bestimmten Platon neben +der Idee des Guten noch andere Ideen anzuerkennen; aber nach wie vor +bleibt ihm die Idee des Guten der Angelpunkt des Seins, alle übrigen +Ideen, sogar die des Seins, verdanken dieser Idee ihr Dasein (Rep. VI, +p. 508 e). + + [12] Aristoxenos bei Stobaios, fl. t. 43, 49 (Diels, + Frgm. p. 294). + +Der Anschauung der Eleaten, nur dem Gegenstande des Wissens -- also +den Begriffen -- komme wahres Sein zu im Gegensatz zu den Gegenständen +der Sinne, und dem sprachlichen Moment (z. B. Gorg. p. 520 d ἀδικίᾳ +ἀδικοῦσιν οἱ ἄνθρωποι -- der Begriff erscheint als wirkende Ursache --) +kann ich demnach für die _Konzeption_ der Ideenlehre nur sekundäre +Bedeutung zuerkennen. + +Die Psychologie des Symposion ist noch ziemlich primitiv: es bleibt +in der Hauptsache bei der Gegenüberstellung von Leib und Seele. +Aus diesem Gegensatz hat sich schließlich die Lehre von den drei +Seelenteilen herauskristallisiert. Im Symposion sind, wie früher im +Gorgias (p. 465 c) und später im Phaidon, die Lüste und Begierden, +das spätere ἐπιθυμητικόν, noch durch den Leib bedingt. Desgleichen +fehlt eine klare Unterscheidung zwischen λογιστικόν und θυμοειδές +(ich antizipiere die späteren termini). Bloß Ansätze dazu lassen sich +erkennen, wie unten ausgeführt werden soll. + +Von großer Bedeutung ist ferner die Stellung des Symposion zum Begriff +des ὀρθὰ δοξάζειν. Gewöhnlich betrachtet man den ‚Menon‘ als denjenigen +Dialog Platons, in dem dieser Begriff zuerst aufgestellt wird. Auch Th. +Gomperz[13] ist dieser Ansicht; er sieht in der Art und Weise, wie ‚die +im Menon erarbeitete Einsicht in die Stellung der richtigen Meinung als +eines Mittleren zwischen Wissen und Unwissenheit im Symposion wie etwas +Selbstverständliches aufgegriffen und verwertet wird‘, ein Zeichen für +die Priorität des Menon vor dem Symposion. Aber dieser Ansicht kann ich +mich nicht anschließen. Man darf nicht übersehen, daß es im Symposion +Sokrates ist, der belehrt wird, während im Menon ein unerfahrener +Jüngling -- der Unterricht des Gorgias, den Menon genossen hat, wiegt in +Platons Augen nicht schwer -- von Sokrates belehrt wird. Und Sokrates +ist doch an jener Stelle des Symposion (p. 201 e ff.) verblüfft genug: +Οὐκ εὐφημήσεις, muß ihm Diotima zurufen, als er sich anschickt, +despektierliche Folgerungen aus dem Mangel der Schönheit und Güte bei +Eros zu ziehen. Noch schwerer aber wiegt, daß im Menon auf die δόξα ὀρθή +die hoch bedeutsame Lehre von der Anamnesis gegründet wird, während im +Symposion dieselbe nur als Beispiel für die Erläuterung des Begriffs +des Mittleren erwähnt wird. Dies würde die Ausführlichkeit des Menon +in diesem Punkt zur Genüge erklären. Vor allem aber sehe ich in der +Auffassung der δόξα ὀρθή durch den Menon einen Fortschritt gegenüber dem +Symposion: im Menon erscheint sie als ein Fragment der φρόνησις aus dem +Vorleben der Seele (p. 85 c ff.) und demgemäß wird sie im Phaidros +ausdrücklich dem _guten_ (weißen) Roß, dem θυμοειδές, zugeschrieben;[14] +im Symposion aber erscheint das ὀρθὰ δοξάζειν als eine Mischung von +‚Gut‘ und ‚Schlecht‘, aus ἀμαθία und σοφία: von der ἀμαθία hat es das μὴ +ἔχειν λόγον δοῦναι, von der ἐπιστήμη das τοῦ ὄντος τυγχάνειν (p. 202 a). + + [13] a. a. O. II, 317. + + [14] Ἀληθινῆς δόξης ἑταῖρος heißt es p. 253 d vom weißen + Roß. + +Gegenüber dem Gorgias aber zeigt das Symposion mit seiner (übrigens +schon im Lysis erfolgten) ausdrücklichen Anerkennung des Mittleren einen +entschiedenen Fortschritt. Die spätere Rehabilitierung der im Gorgias +in Bausch und Bogen (Aristeides allein ausgenommen) verurteilten +Staatsmänner wird damit vorbereitet; sie ist bekanntlich im Menon +vollzogen. Die Rehabilitierung der im Gorgias gleichfalls verworfenen +Dichter hat bereits das Symposion besorgt, nachdem der ‚Jon‘ das +Verdammungsurteil des Gorgias gemildert hatte. Dichter_feindlich_ ist +auch der Jon noch; prinzipiell steht er mit dem Gorgias auf gleichem +Standpunkt: er erkennt den Dichtern den Besitz der τέχνη, des bewußten, +vernunftgemäßen Schaffens, ab. Aber er räumt ihnen ein, daß sie θείᾳ +μοίρᾳ wirken. Diese Betonung einer θεία μανία der Dichter scheint mir +mehr zu bedeuten als die bloße Illustration der in der Apologie +(p. 22 b/c) hingeworfenen Bemerkung, die Dichter wirkten nur φύσει τινὶ +καὶ ἐνθουσιάζοντες.[15] Sie scheint mir vielmehr der Unterscheidung +verschiedener μανίαι im Phaidros näher zu stehen als der Auffassung +der Apologie. Darum betrachte ich den Jon als eine Einschränkung des +Gorgias, so daß sich mir die Reihenfolge Gorgias, Jon, Lysis, Symposion +ergibt. + + [15] So erklärt H. Raeder, Platons philosoph. Entwicklung + p. 92, den Jon. + +Ein weiterer Fortschritt des Symposion gegenüber dem Gorgias zeigt sich +in folgendem: Platon unterscheidet neben jener Art der geistigen +Zeugung, welche sich in den Werken der Künstler und Staatsmänner äußert, +noch ein Schaffen auf Grund der Erkenntnis der Idee des Guten und +Schönen. Hier bereitet sich offenbar die Trennung des guten Seelenteiles +in λογιστικόν und θυμοειδές vor. Das letzte Wort über all diese Dinge +aber spricht erst der Phaidros: der Grad der Ideenschau im Vorleben +bewirkt die verschiedenen Talente (Philosophie, Dichtkunst, Politik +etc.). + +Werfen wir nun einen kurzen Rückblick auf den Inhalt des Symposion. +Sein tiefinnerstes Wesen ist die Versöhnung heraklitischer und +pythagoreischer Gedanken, worauf auch sein Ton des sieghaften Optimismus +zurückzuführen ist. Im Zusammenhang damit steht auch die noch ziemlich +primitive Psychologie sowie das völlige Fehlen jener so überaus +wichtigen Lehre von der Wiedererinnerung. Ein weiteres bedeutsames +Charakteristikon des Symposion ist, daß _es_ die Ideenlehre in ihrer +ursprünglichen Form enthält: einzig das αὐτὸ καλὸν κἀγαθόν ist als ὄντως +ὄν hypostasiert, womit Platon mehr dem Vorbild der Megariker denn der +Eleaten folgte. Die Auffassung der Tugend als der Kenntnis des Guten war +im Grunde schon die Ethik des ‚Gorgias‘. In dem Augenblick aber, da +Platon im αὐτὸ καλὸν κἀγαθόν das ὄντως ὄν zu erblicken glaubte, wurde +seine Tugendlehre zugleich Ontologie. + +Ich sehe also im Symposion das erste größere Werk nach dem Gorgias, +setze seine Abfassung daher einige Jahre nach diesem Dialoge an. Da ich +nun mit Gomperz den Gorgias in die Zeit der Akademiegründung verlege, +so müßte das Symposion etwa 385/4 v. Chr. verfaßt sein. In diese Zeit +führt auch die bekannte Anspielung des Aristophanes auf den διοικισμός +der Arkader (Symp. p. 193 a). In dieselbe Zeit fällt aber auch der Tod +des Aristophanes. Es kann kaum ein Zweifel sein, daß Platon dem eben +dahingegangenen großen Komödiendichter im Symposion eine Gedenktafel +geweiht hat; tatsächlich ist ja die Gestalt des Aristophanes mit +besonderer Liebe und Sympathie gezeichnet. + +An dieser Stelle möchte ich noch einige Worte über die Auslegung jener +merkwürdigen Stelle am Schlusse des Symposion (p. 223 d) sprechen, +wo Sokrates dem Tragödiendichter Agathon und dem Komödiendichter +Aristophanes auseinandersetzt, der echte Dichter müsse in gleicher Weise +Tragödien und Komödien schreiben können. Diese Worte hat man auf Platon +selbst bezogen: der Phaidon sei die Tragödie, das Symposion die Komödie +(Teichmüller, Lutoslawski, W. Christ, Natorp). Es wäre um unsere +Kenntnis der platonischen Philosophie wahrlich übel bestellt, wenn die +chronologische Forschung solchen -- mehr oder minder geistreichen -- +Einfällen entscheidendes Gewicht beimessen wollte. Mit Recht hat man +dawider eingewendet, daß der Phaidon gar nicht als Tragödie bezeichnet +werden könne.[16] Vor allem aber ist eine solche Äußerung Platons: „ich +kann auch Komödien schreiben, nicht bloß Tragödien“ (wenn anders sie +überhaupt so gemeint ist), nur als Erwiderung auf einen Angriff denkbar; +man muß ihn als ‚Tragiker‘ _verspottet_ haben, wenn er sich wirklich im +Symposion so äußert. Dazu bot aber der weihevolle Ernst des Phaidon +keinen Anlaß, ganz abgesehen davon, daß dieser Dialog aus zwingenden +Gründen dem Symposion nachgesetzt werden muß. Mit der Datierung +Gorgias-Symposion läßt sich indes jene Auffassung der Stelle p. 223 d +sehr wohl vereinen. Der Verfasser des schwarzgalligen Gorgias kann +leicht als τραγικώτατος verspottet worden sein; und darauf bezöge sich +dann jene Stelle des Symposion. Große Bedeutung kommt aber meines +Erachtens solchen Beobachtungen, die ja nie zuverlässig sind, überhaupt +nicht zu. Der Versuch, aus ihnen die chronologische Reihenfolge der +platonischen Dialoge zu erschließen, käme einem Opfer des Intellektes +gleich. + + [16] R. Hirzel, der Dialog I, 225. + +Wenn ich das Symposion in die unmittelbare Nachbarschaft des Gorgias +stelle, so dürfte es wohl am Platze sein, einigen Mutmaßungen Raum zu +geben darüber, wie Platon dazugekommen sein könnte, dem Gorgias das +Symposion folgen zu lassen, vor allem, was ihn wohl veranlaßt hat, seine +Aufmerksamkeit der Erotik zuzuwenden, ja die Eroslehre geradezu zum +Angelpunkt seines ganzen Systemes zu machen. + + + + +III. + + +Wie bei einem Werke von solcher Leidenschaftlichkeit und solcher Schärfe +der Polemik nicht anders denkbar ist, hat Platons Gorgias jedenfalls auf +vielen Seiten lebhaften Widerspruch erregt. Sein schonungsloser Kampf +gegen den Hedonismus mußte unter Philosophen und Laien Widersacher +finden. Aber auch daß Platon im Gorgias seinen Meister Sokrates der +ἡδονή gegenüber eine Stellung einnehmen ließ, die der historischen +Wahrheit nicht entsprach, konnte nicht unwidersprochen bleiben. In der +kurzen Zeit, die seit Sokrates' Tode verstrichen war, hatte man noch +nicht vergessen, daß Sokrates durchaus kein Asket gewesen, daß er die +Freuden des Lebens ohne Not niemals verschmäht hatte, daß er an den +Blumen des Daseins nicht achtlos vorübergegangen war. Kronzeuge hierfür +war die sokratische Erotik. Wie immer, so hatte auch hier die Fama +maßlos übertrieben und namentlich Sokrates' Verhältnis zu Alkibiades +pikant ausgeschmückt. Sicherlich hat man es nicht unterlassen, in der +Polemik gegen den platonischen Gorgias darauf hinzuweisen. So wurde +Platon nahegelegt, des historischen Sokrates Verhältnis zum Hedonismus +im allgemeinen und zur Erotik im besonderen einmal wahrheitstreu +darzulegen und jenen Übertreibungen energisch entgegenzutreten. + +Der Gorgias aber war wohl nicht nur ob des Mangels historischer Treue in +der Schilderung des Sokrates angegriffen worden: man hat gewiß auch die +Erotik überhaupt, die Tatsache des Liebeslebens gegen diesen Dialog +ausgespielt. Die Erotik, die ja der Gorgias ganz unberücksichtigt +gelassen hatte, schien für die hedonistische Weltanschauung ein +gewichtiges Wort in die Wagschale zu legen; und man wird kaum mit der +Annahme fehlgehen, daß gerade aus der Mitte der Sokratiker,[17] bei +denen doch die Erotik eine so bedeutende Rolle spielte, auf dieselbe +hingewiesen wurde. Die kyrenaische Schule huldigte ja dem Hedonismus. + + [17] Freilich nicht von Seite des Antisthenes. + +Dies war nun bereits eine philosophische Frage. Platon mußte sich +dadurch veranlaßt fühlen, nach Zweck, Sinn und Ziel des Eros überhaupt +zu fragen. Der Gorgias hatte sich über die Liebe gar nicht geäußert, sie +offenbar als eine ἐπιθυμία unter vielen betrachtet und sich nicht einmal +darüber ausgesprochen, ob sie als eine nützliche oder schädliche +anzusehen sei. Sehen wir nun, wie sich Platon zu dieser Frage stellen +mußte. + +Die selbständige Untersuchung eines Problems beginnt man gewöhnlich mit +der Kritik der bereits bestehenden Theorien. So verfuhr auch Platon mit +den geltenden Liebestheorien im ‚Lysis‘; der Verschiedenheit der +Ausdrücke φιλία (Lysis) und ἔρως (Symposion und Phaidros) kommt +natürlich keine Bedeutung zu, da eben in der φιλία der Hellenen das +erotische Moment enthalten war, wie gerade der ‚Lysis‘ zeigt. + +Das Ergebnis der platonischen Kritik im Lysis ist scheinbar ein rein +negatives. Weder die alte Deutung der Liebe und Freundschaft als des +Strebens nach dem Gleichen -- eine Deutung, die auch Empedokles +übernommen hatte (Lys. p. 214 b), -- noch die heraklitische als der +Anziehung des Ungleichen (p. 215 c ff.) trifft, so führt der Lysis aus, +das Richtige. Freundschaft zwischen Gleichen sei unfruchtbar und +nutzlos, eben infolge der Gleichheit: der eine hat dem anderen nichts zu +geben. Zwischen Ungleichen aber ist Freundschaft erst recht unmöglich, +z. B. zwischen ἄδικος und δίκαιος. So bleibt nur der Mittelweg: das +μήτε ἀγαθὸν μήτε κακόν ist dem ἀγαθόν φίλον des κακὸν wegen, das ihm +innewohnt (p. 217 b ff.). Aber dadurch werden neue Schwierigkeiten +geweckt: das Gute soll nur durch das Schlechte φίλον sein, müßte also +aufhören, φίλον zu sein, wenn das Schlechte verschwände. Der Mensch, der +ein Mittelding zwischen ‚Gut‘ und ‚Schlecht‘ ist (p. 220 d), würde nicht +mehr nach dem Guten streben, wenn das Schlechte wegfiele. Dies kann +nicht richtig sein. So wird das Problem von einer neuen Seite in Angriff +genommen: jedes φιλεῖν ist auch ein ἐπιθυμεῖν καὶ ἐρᾶν, dieses wiederum +geht aus einem Mangel hervor (p. 221 a ff.). Damit ist die obige +Schwierigkeit umgangen, das φίλον nicht durch das κακόν bedingt, nur +durch den Mangel des ἀγαθόν. Dieses aber ist das Objekt der φιλία. + +Die Untersuchung wird fortgesetzt und endet scheinbar ergebnislos. Da +der Mangel aus einer Beraubung hervorgeht (p. 221 e), scheinen ἔρως und +φιλία das οἰκεῖον zum Objekt zu haben. Aber bedeutet dies nicht die +Widerlegung des bisher Gewonnenen? Mit dem ὅμοιον darf das οἰκεῖον nicht +identisch sein aus dem bereits angeführten Grunde. Soll nun unter dem +οἰκεῖον das ἀγαθόν, unter dem ἀλλότριον das κακόν verstanden werden? +Kann denn aber z. B. dem κακός das ἀγαθόν οἰκεῖον sein? Ist nicht +vielmehr das κακόν dem κακός, das ἀγαθόν dem ἀγαθός οἰκεῖον? Aber der +Gleiche kann dem Gleichen nicht φίλος sein! Sokrates schließt die +Unterredung mit der Aufforderung, all das Gesagte noch einmal zu +überdenken (τὰ εἰρημένα ἅπαντα ἀναπεμπάσασθαι p. 222 e). + +Diese Wendung allein bewiese, daß der Lysis nicht resultatlos schließt. +Platon hat es aber an einem deutlichen Wink nicht fehlen lassen, was er +als Endergebnis des Dialogs betrachtet wissen wollte: das οἰκεῖον wird, +wenn auch ohne Angabe von Gründen, ausdrücklich als nicht identisch mit +dem ὅμοιον bezeichnet (p. 222 c). Um ein positives Resultat zu erlangen, +ist nur nötig, jene beiden Angaben zusammenzustellen, nach welchen +einerseits das Gute, andrerseits das Eigene das Objekt der φιλία sein +soll. Das heißt natürlich, ἀγαθόν und οἰκεῖον (nicht ὅμοιον!) sind +identisch: der Mensch, der weder gut noch schlecht ist, strebt nach dem +Guten als dem Eigenen. Damit sind alle Bedenken hinfällig geworden. + +Nur eine Frage bleibt noch offen: wieso kann dem Menschen das Gute +οἰκεῖον sein, wenn er weder gut noch schlecht ist? Die Antwort darauf +gibt erst das Symposion. + +Aber schon aus den Erörterungen des Lysis sehen wir, daß Platon +die Frage nach dem Wesen des Eros alsbald mit der Frage nach der +Beschaffenheit der menschlichen Natur verquickt hat, daß er erkannt +hat, die erste Frage ließe sich erst nach Beantwortung der zweiten +einer völlig befriedigenden Lösung zuführen. + +Wie aber kam Platon dazu, im ἀγαθόν das Objekt des ἔρως zu sehen? +Jedenfalls war ihm, der die Reinheit der sokratischen Erotik kannte, +klar, daß der Begriff des Eros ein umfassenderer sein mußte als der der +sinnlichen Liebe. Ein Gemeinsames mußte indessen den höchsten Eros mit +dem niedersten verbinden. Das aber konnte nur das Streben nach dem +Schönen sein, ob man nun darunter wohlgeformte Körper oder so erhabene +Dinge wie Weisheit und Tugend verstand. Denn auch das zählte für den +Griechen, der das ἀγαθόν vom καλόν nicht trennte, zum Schönen. Diese +gemeingriechische Auffassung wurde Platon auch durch die Pythagoreer +bestätigt: auf κόσμος und τάξις beruht nach der pythagoreischen Quelle +des Gorgias die Trefflichkeit eines Dinges, nicht minder aber die +Schönheit; denn Ebenmaß und Gesetzmäßigkeit erwecken ein ästhetisches +Lustgefühl. So ist für Platon das καλὸν κἀγαθόν das eigentliche Objekt +des Eros; und da er -- schon im Gorgias -- den Menschen aus einem guten +und einem nicht guten Element bestehen ließ, erklärte sich ihm der Eros +aus der menschlichen Natur: auf das Gute (und Schöne) richtet sich das +Streben des Menschen, weil es zwar seiner Natur innewohnt, aber nicht +rein und ungetrübt. + +So weit war sich Platon bereits im Lysis über das Erosproblem klar +geworden; es war ihm aber in diesem Dialog nicht darum zu tun, die +Lösung der Frage zu geben, sondern die bestehenden Theorien zu +kritisieren und den Boden für seine Auffassung zu bereiten. Denn bei +der Erklärung des Eros als des Strebens nach dem Guten und Schönen +blieb Platon nicht stehen. Das gute Element im Menschen hielt er, +wie das Symposion uns lehrt, für göttlichen Ursprungs. So ist das +Streben nach dem Guten und Schönen, der Eros, im Grunde ein Streben +nach Göttlichkeit; tatsächlich strebt ja auch der Mensch nach dem +_immerwährenden_ Besitz des Guten; ohne Unsterblichkeit, das Vorrecht +der Götter, ist ein solcher aber nicht möglich: so mußte Platon als Ziel +des Eros im tiefsten Grunde Unsterblichkeit und Göttlichkeit erscheinen. +Dadurch war ihm die Möglichkeit gegeben, die Unsterblichkeitstheorie +des ‚Gorgias‘ zu modifizieren und der heraklitischen Weltanschauung +Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. + +Aus diesen Anschauungen über das Wesen des Eros ergab sich nun weiters, +daß, da jeder Mensch nach dem Guten strebt, alle Menschen ohne Ausnahme +Erotiker genannt werden müßten; zugleich sah sich Platon vor die Aufgabe +gestellt, den Eros im engeren Sinn auf den Ewigkeitstrieb zurückzuführen. +Er erledigte sich derselben, indem er jenen Eros als Zeugungstrieb +erklärte; denn die Zeugung ist göttlich, ihre Produkte überdauern den +Urheber: die leiblichen Kinder ihre Eltern, die geistigen Schöpfungen +ihren Schöpfer. So zielt also auch jener spezielle Eros auf +Unsterblichkeit und Göttlichkeit, ja durch ihn betätigt sich +hauptsächlich jener allgemeine Eros, der allen Menschen infolge +der Zusammensetzung ihrer Natur innewohnt. + +Diese Lehren hat Platon im Symposion verkündet. Er hat in diesem +Werk aber zugleich die Gelegenheit wahrgenommen, die Stellung des +historischen Sokrates zur Erotik wie zur Lust überhaupt wahrheitsgemäß +zu schildern. Diesem Zwecke dient vornehmlich die Rede des Alkibiades, +welche alle jene Märchen zerstreut, die von einer sinnlichen Liebe des +Sokrates zu jener glänzendsten Erscheinung Allgriechenlands zu erzählen +wußten. Zugleich gibt Platon durch seine ganze Schilderung des Sokrates +zu, daß dieser die Annehmlichkeiten des Lebens durchaus nicht verschmäht +hat. Er will offenbar der verkehrten Auslegung seines Gorgias +entgegentreten, als habe er der Vernichtung der Begierden, der Ächtung +des ἡδύ das Wort geredet. Im Gorgias hatte er alle die verurteilt, die +das ἡδύ höher stellten als das ἀγαθόν; damit war aber keineswegs +verlangt, daß dem ἡδύ auch derjenige ausweiche, der gewohnt ist, dem +ἀγαθόν zu folgen. Dieses Moment hebt das Symposion ausdrücklich hervor: +es enthält geradezu den Beweis, daß das ἡδύ wahrhaft zu genießen nur +vermöge, wer das ἀγαθόν höher stellt. Nie hätte Sokrates jene geradezu +phänomenale ἐγκράτεια τῶν ἡδονῶν erreicht, wäre sein Leitstern nicht das +ἀγαθόν gewesen. Und erst als ἐγκρατὴς τῶν ἡδονῶν konnte er das ἡδύ voll +und ganz genießen. + +Von diesem Gesichtspunkt aus ist die Rede des Alkibiades zu verstehen; +sie hat den doppelten Zweck, einerseits die Stellung des historischen +Sokrates zur ἡδονή klar zu legen, anderseits zu zeigen, wie weit die +ἡδονή überhaupt berechtigt ist. + + + + +IV. + + +Hiermit wäre eigentlich unsere Untersuchung zu Ende. Ich will es mir +aber nicht versagen, noch das Verhältnis des Symposion zum Phaidros zu +besprechen, zu jenem Dialog, der gleichfalls das Thema der Erotik +behandelt. Ob dem Symposion oder dem Phaidros die Priorität zuzusprechen +ist, darüber gehen die Ansichten noch immer auseinander. Die sprachlichen +Indizien sprechen entschieden für die spätere Abfassung des Phaidros; +aus inhaltlichen Gründen weist neuerdings auch Raeder den Phaidros einer +recht späten Epoche der schriftstellerischen Tätigkeit Platons zu: nicht +nur Symposion und Phaidon, auch den Staat läßt er ihm vorausgehen.[18] +Ivo Bruns[19] dagegen glaubt, gleichfalls aus inhaltlichen Gründen, die +Priorität des Phaidros erweisen zu können. Bevor ich auf die Frage +eingehe, sei mir eine Bemerkung allgemeiner Natur gestattet. Größere +Genialität und Tiefe lassen sich nicht als chronologische Indizien +verwerten bei Werken, die der Vollkraft ihres Schöpfers entstammen. Und +gerade dies ist der Fall der platonischen Dichtungen Symposion und +Phaidros. Wer im Symposion den höchsten Ausdruck platonischen Genies und +Tiefsinnes findet, wird schwerlich zu widerlegen sein. Die Gedanken über +das innerste Wesen der Liebe, welche das Symposion in unvergleichlicher +Form bietet, sind auch heute noch nicht veraltet. An einen Denker der +jüngsten Vergangenheit, an Friedrich Nietzsche gemahnt es, wenn Platon +alles Schaffen für göttlich erklärt. Es wäre indes verfehlt, aus diesen +Qualitäten des Symposion die Priorität des Phaidros erweisen zu wollen. +Denn die Schrift, welcher der _relativ_ geringere Wert zukommt, kann +sehr wohl die später entstandene sein. Ihr Schöpfer hatte eben den +Gipfelpunkt seines Könnens bereits überschritten. Ein solches Verhältnis +scheint mir zwischen Symposion und Phaidros zu bestehen. Platons Können +hat meines Erachtens den Höhepunkt in _dem_ Augenblick überschritten, da +seine Mystik anhebt. Mystische Anklänge sind nun im Phaidros bereits in +großer Zahl vorhanden, während sie im Symposion noch völlig fehlen. Man +kann wohl sagen, mit der Lehre von der Wiedererinnerung beginnt die +Mystik Platons. Hier hebt der Nebel an und das Dämmerdunkel; Platon +sucht in Tiefen hineinzuleuchten, die keines menschlichen Geistes Flamme +zu erhellen vermag. Das einzig Gegebene, das irdische Leben, als Wirkung +einer Präexistenz aufgefaßt -- da entzieht sich das Denken selber den +Boden unter den Füßen. Auf dem Symposion hingegen liegt noch volle +Sonne: sokratische, vielleicht überhaupt ionisch-attische Sonne und +Klarheit. + + [18] a. a. O. p. 245 ff. + + [19] ‚Attische Liebestheorien‘, Neue Jahrb. f. d. klass. + Altert. III (1900) p. 17 ff. + +Wenden wir uns von diesen allgemeinen Erwägungen dem Vergleich der +Lehren des Symposion und des Phaidros zu. + +Im Phaidros ist die Idee des Schönen eine Idee unter Ideen, nicht _die_ +Idee, die Ideenlehre ist durch die Lehre von der Anamnesis gegen +erkenntnistheoretische Bedenken gestützt, die aus drei Teilen +zusammengesetzte[20] Seele gilt als unsterblich: dies sind meines +Erachtens entscheidende Indizien für die Priorität des Symposion vor +dem Phaidros. Aber auch die Eroslehre selbst ist im Phaidros bedeutend +reifer und entwickelter. Die so überaus einfache Auffassung des +Symposion -- Eros das Streben des Menschen, das Göttliche seiner Natur +zur Geltung zu bringen -- ist erweitert in wichtigen Punkten. In einer +Präexistenz, führt Platon im Phaidros c. 22 f. (244 a ff.) aus, hat die +Seele im Gefolge desjenigen Gottes, dessen Wesen dem ihrigen gleicht, +wenn auch nur auf kurze Augenblicke und mit vieler Mühe, die Ideen +leibhaft zu schauen vermocht. Ins irdische Dasein geraten, erwacht in +ihr beim Anblick des Schönen, weil die Idee der Schönheit sozusagen die +sinnenfälligste ist, die Erinnerung an jene wahre Welt und damit der +Eros. Wie ganz anders hört sich diese Erklärung[21] des Erwachens der +Liebe an als jene Symposionstelle p. 205 b ff., wo Platon zur Erklärung +des befremdlichen Umstandes, daß nur die sinnliche Liebe Eros genannt +wird, nicht, wie es sein sollte, der allen Menschen innewohnende Drang +nach dem Guten, bloß den Analogiefall der ποίησις anführt! Es ist doch +ganz undenkbar, daß die Auffassung des Symposion die spätere ist. + + [20] Das Gleichnis vom Wagenlenker und den beiden Rossen + würde meiner Überzeugung nach genügen, die Priorität + des Symposion zu erweisen; entsprechend der bereits + ausgebildeten Lehre von den drei Seelenteilen ist auch + jene Unterscheidung zwischen den zwei Arten des geistigen + Zeugungstriebes, die das Symposion bloß andeutet, im + Phaidros viel schärfer: vgl. c. 37 (p. 256 a ff.). + + [21] Daß diese Erklärung schon im Symposion im Mythos + von Poros und Penia enthalten sei -- Eros wird am + Geburtstagsfest der Aphrodite gezeugt -- (Zeller, + II⁴ 612 Anm.), vermag ich nicht zuzugeben: Aphrodite + ist ja in erster Linie Göttin der Liebe. + +Einmal erwacht, richtet sich nun der Eros zunächst darauf, die Seele +ihrem göttlichen Führer wieder ähnlich zu machen. Der Liebende, im +dunklen Drange nach der Rückkehr in die Gefolgschaft seines Gottes, +erkennt im Gegenstand seiner Liebe eine ihm wesensverwandte Seele und +schöpft aus dieser Erkenntnis die Kraft, sich der Rückkehr in die +Göttergefolgschaft würdig zu machen. Durch diese Auffassung eint der +Phaidros zwei scheinbar widerstreitende Ansichten des Lysis und des +Symposion. Lys. p. 221 e ff. sagt Sokrates, da das Objekt des Eros wie +jeglicher ἐπιθυμία das οἰκεῖον sei, müßten zwei Freunde φύσει οἰκεῖοι +sein; Übereinstimmung der Natur sei die Vorbedingung für alle Liebe. Im +Symposion hingegen wird Aristophanes, der diese Auffassung verficht, von +Sokrates mit dem Bemerken widerlegt, daß das οἰκεῖον nur, sofern es gut +sei, Objekt des Eros sei. Der Phaidros weiß beide Ansichten zu vereinen: +er bestätigt, daß die Übereinstimmung der Naturen die Grundlage des +Liebesbundes sei, daß die Freunde tatsächlich φύσει οἰκεῖοι seien. Weil +aber die Menschen den verschiedenen Göttern nachgebildet sind, so ist +das οἰκεῖον zugleich ein ἀγαθόν. + +Mit Unrecht sieht daher Bruns[22] in der Aristophanesrede des Symposion +die Erotik des Phaidros; ebenso unzutreffend ist, was er in der Anmerkung +auf Seite 24 sagt, daß der geistige Verkehr im Phaidros in der Hauptsache +auf den Knaben gerichtet sei, der im Symposion nur noch die Rolle des +Anregers spiele. Dieses Argument ließe sich zunächst einfach umkehren. +Vor allem aber besagt jene Phaidrosstelle 253 a, die Bruns selbst +zitiert, gerade das Gegenteil: ἰχνεύοντες δὲ παρ' ἑαυτῶν ἀνευρίσκειν τὴν +τοῦ σφετέρου θεοῦ φύσιν εὐποροῦσι διὰ τὸ συντόνως ἠναγκάσθαι πρὸς τὸν +θεὸν βλέπειν, καὶ ἐφαπτόμενοι αὐτοῦ τῇ μνήμῃ ἐνθουσιῶντες ἐξ ἐκείνου +λαμβάνουσι τὰ ἔθη καὶ τὰ ἐπιτηδεύματα, καθ' ὅσον δυνατὸν θεοῦ ἀνθρώπῳ +μετασχεῖν· καὶ τούτων δὴ τὸν ἐρώμενον αἰτιώμενοι ἔτι τε μᾶλλον ἀγαπῶσι +κτλ. Auch hiernach ist der Geliebte doch im Grunde nur das Medium, wenn +er dabei auch mehr gewinnt als der ἐρώμενος im Symposion. Der Phaidros +stellt eben die Frage nach dem Nutzen, den die Liebe dem Geliebten +bringt, und bedeutet so die Ergänzung des Symposion. Die Vermutung liegt +nahe, daß man gegen die Erotik des Symposion eingewendet hat, sie +berücksichtige nur den Liebenden und vernachlässige die Interessen des +Geliebten; sie sei geradezu eine Warnung, sich lieben zu lassen. Wir +verstehen dann, warum in der Eroslehre des Phaidros der Geliebte so in +den Vordergrund gerückt ist, daß ein Forscher vom Range Bruns' übersehen +konnte, daß auch in diesem Dialog der Geliebte im Grunde nur das Medium +für den Liebenden ist. Platon sucht eben jenem Vorwurf zu begegnen. +Vielleicht dient auch die Wiedergabe der Lysiasrede dem gleichen Zweck: +sie zeigt den wahren Egoismus im Gegensatz zur platonischen Auffassung. + + [22] a. a. O. p. 24/5. + +Aber noch in einem anderen Punkt knüpft der Phaidros an das Symposion +an, bezw. bildet er dessen Lehren aus. Wie oben erwähnt, muß bereits +nach dem Symposion das αὐτὸ καλὸν κἀγαθόν als das alleinige ὄντως ὄν +den Urquell und die Bedingung alles Seienden bedeuten. Aber dies +ist keineswegs klar ausgesprochen, ja daß Platon in der leiblichen +Fortpflanzung eine Befriedigung des Ewigkeitsstrebens sieht, steht dazu +im Widerspruch. Auch die Götter müssen, wenn das αὐτὸ καλὸν κἀγαθόν +allein wahrhaft ist, demselben ihr Dasein danken; wohnt nun dem +Menschen, wie das Symposion lehrt, ein göttliches Prinzip inne, das sich +zur Geltung bringen will, so ist auch das auf die Idee des Schönen und +Guten zurückzuführen und eine Befriedigung dieses Ewigkeitsstrebens ohne +jede Bezugnahme auf das ὄντως ὄν ausgeschlossen. Diesen logischen Irrtum +des Symposion korrigiert nun der Phaidros. Er sagt es deutlich heraus, +daß die Ideen auch die Urheber der Göttlichkeit sind: πρὸς οἷσπερ (τοῖς +εἴδεσι) θεὸς ὢν θεῖός ἐστιν, lesen wir p. 249 c. Darum strebt der +Mensch nicht nur, wenn ihm die Erinnerung an jene wahre Welt kommt, +dahin zurück, nein, auch dort angelangt, gilt sein Streben wie das aller +übrigen, die Götter mit eingeschlossen, der Erkenntnis der Ideen. Sie +eben sind der Quell alles Seins. Jetzt erst ist der Eros gleich +Erkenntnistrieb, was er im Symposion _nicht_ war. Ebendadurch ist auch +Platons geänderte Stellung zur sinnlichen Liebe bedingt: bei der +strengen Durchführung des Dualismus konnte er im παιδοσπορεῖν keine +Erfüllung des Ewigkeitsdranges mehr, nur ein Abirren vom wahren Ziel +erblicken. Erst im Phaidros ist die Liebe ‚platonisch‘. + +Ich glaube nicht, daß die Gründe, welche für die Priorität des Symposion +sprechen, hiermit erschöpft sind; doch sei eine eingehendere Behandlung +dieses Punktes, insonderheit der Nachweis, daß nicht nur der ‚Phaidon‘ +und der ‚Phaidros‘, sondern auch der ‚Menon‘ dem Symposion nachgefolgt +ist, einer späteren Gelegenheit aufgespart. + + + + + K. u. k. Hofbuchdruckerei Carl Fromme in Wien. + + + + + [ Liste aller vorgenommenen Änderungen. Die jeweils erste Zeile gibt + den unkorrigierten Text wieder, die zweite Zeile die Korrektur. + + Schüler Agathon endlich betont zu Sokrates lebhafter Befriedigung, erst + Schüler Agathon endlich betont zu Sokrates' lebhafter Befriedigung, erst + + δοξάζειν kann es nicht σοφιία sein, als _ὀρθὰ_ δοξάζειν aber auch nicht + δοξάζειν kann es nicht σοφία sein, als _ὀρθὰ_ δοξάζειν aber auch nicht + + διὰ παιδογονίας ἀθανασίαν καὶ μνήμην καἰ εὐδαιμονίαν, ὡς + διὰ παιδογονίας ἀθανασίαν καὶ μνήμην καὶ εὐδαιμονίαν, ὡς + + ..... ἐγὼ δ'ὑμῖν θεὸς ἄμβροτος, οὐκέτι θνητός + ..... ἐγὼ δ' ὑμῖν θεὸς ἄμβροτος, οὐκέτι θνητός + + mußte die Erkenntuis des Guten zugrunde liegen; worin aber hatte man + mußte die Erkenntnis des Guten zugrunde liegen; worin aber hatte man + + führt auch die bekannte Anspielung des Aristophanes auf den δοικισμός + führt auch die bekannte Anspielung des Aristophanes auf den διοικισμός + + Altert. III (1900) p. 17 ff.). + Altert. III (1900) p. 17 ff. + ] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Das Problem des platonischen Symposion., by +A. v. Kleemann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS PROBLEM DES PLATONISCHEN *** + +***** This file should be named 35967-0.txt or 35967-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/5/9/6/35967/ + +Produced by Alexander Bauer and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/35967-0.zip b/35967-0.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..1e03314 --- /dev/null +++ b/35967-0.zip diff --git a/35967-8.txt b/35967-8.txt new file mode 100644 index 0000000..375c290 --- /dev/null +++ b/35967-8.txt @@ -0,0 +1,1437 @@ +The Project Gutenberg EBook of Das Problem des platonischen Symposion., by +A. v. Kleemann + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Das Problem des platonischen Symposion. + +Author: A. v. Kleemann + +Release Date: April 26, 2011 [EBook #35967] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS PROBLEM DES PLATONISCHEN *** + + + + +Produced by Alexander Bauer and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + + + + + [ Anmerkungen zur Transkription: + + Es wurde grte Sorgfalt darauf verwendet den Text originalgetreu + zu bertragen. Lediglich offensichtliche Fehler wurden korrigiert. + Eine Liste smtlicher vorgenommener nderungen befindet sich am + Ende des Textes. + + Im Original _gesperrt_ gesetzter Text wurde mit _ markiert. + Im Original in ~Griechisch~ gesetzter Text wurde transliteriert + und mit ~ markiert. + Im Original hochgestellten Text wurde ein ^ vorangestellt.] + + + + + Das Problem + des + platonischen Symposion. + + Von + Dr. A. v. Kleemann. + + Sonderabdruck aus dem Jahresberichte des k. k. Sophien-Gymnasiums + im II.Bezirke in Wien. + + WIEN. + Im Selbstverlage des Verfassers. + 1906. + + + + + K. u. k. Hofbuchdruckerei Carl Fromme, Wien. + + + + +Das Problem des platonischen Symposion. + + + + +I. + + +Unter all den herrlichen Werken, die Platons Genius geschaffen hat, +gebhrt dem Symposion die Krone. Seine echt attische Grazie und Anmut +erinnert an die Schpfungen des Praxiteles. Keine andere Schrift zeigt +Platons universales Knnen in gleichem Mae. Der Dichter wie der +Philosoph hat hier die hchste Staffel erklommen. + +Den Forscher aber stellt dieses Wunderwerk vor eine schwierige Aufgabe. +Seine Lehren stehen zu dem Inhalt anderer platonischer Schriften aus +frherer und spterer Zeit in so schroffem Widerspruche, da man +versucht wre, die Echtheit des Symposion in Zweifel zu ziehen, wre +sie nicht ber jeden Zweifel erhaben. + +Eine gegenstzliche Auffassung zeigt das Symposion z.B. gegenber dem +'Gorgias' in der Beurteilung der Dichter: im 'Gorgias' ausnahmslos als +Diener des Pbels gebrandmarkt (p.502bff.), erfahren sie im Symposion +die entgegengesetzte Behandlung; ihre Ersten, Homer und Hesiod, werden +mit den groen Gesetzgebern Lykurgos und Solon in eine Linie gestellt +und um des unvergnglichen Ruhmes ihrer Schpfungen willen den Heroen +gleichgesetzt (p.209a-e). + +Wie das Schaffen des Dichters, so betrachtet das Symposion auch die +uerungen des Ehrgeizes (~philotimia~) als Bettigung des geistigen +Zeugungstriebes, mithin des hchsten Preises wert. Ja, das Streben nach +unvergnglichem Nachruhm, im Grunde eine ~philotimia~ hheren Grades, +wird geradezu als das eigentliche Motiv der geistigen Zeugung +bezeichnet. + +Damit harmoniert nun keineswegs die Verurteilung der ~philotimia~ im +Staat (I, 347b). + +Indes liee sich in diesen beiden Fllen ebenso wie bei der Differenz in +der Beurteilung des ~paidosporein~, welche das Symposion gegenber dem +'Phaidros' aufweist (der Phaidros tut p.250eff. das ~paidosporein~ +verchtlich ab und betrachtet es als Abirren vom wahren Ziel, whrend +das Symposion darin das Ewigkeitsstreben des Menschen -- wenn auch in +niederem Grade -- erfllt sieht), mit der Annahme eines Wandels der +Anschauung durchkommen. + +Aber die Stellung, die Platon im Symposion gegenber der +Unsterblichkeitsfrage einnimmt, lt sich so einfach nicht erklren. + +Streben nach Unsterblichkeit und Ewigkeit bezeichnet das Symposion als +das Wesen des Eros. Ein Streben setzt, wie Platon nicht verborgen ist, +ein Entbehren voraus. P.200aff. legt er dies ausfhrlich dar und +begegnet im vorhinein dem Einwand, da doch z.B. der Reiche nach +Reichtum strebe, sein Besitz ihn also nicht am Streben hindere, mit der +Bemerkung, dieses Streben richte sich nur darauf, den Besitz des +Reichtums fr die Zukunft zu erhalten, da der Reiche in der Gegenwart +reich sei, ob er wolle oder nicht. Es kann hiernach gar kein Zweifel +sein, da Platon im Symposion die Seele nicht als unsterblich betrachtet +hat. Natorps Versuch,[1] die Differenz zwischen der Auffassung des +Symposion und der des 'Phaidon' aufzulsen, ist unbedingt zurckzuweisen, +als dem klaren Wortlaut des Symposion widersprechend. Da Platon Symp. +p.207aff. ausdrcklich sagt, wer blo die krperliche Zeugung +bettigt habe, lebe, dem Tiere gleich, einzig und allein in seinen +Kindern fort, so geht es nicht an, den Glauben an die Unsterblichkeit +der Seele, d.h. jeder Seele in das Symposion hineinzuinterpretieren. + + [1] P. Natorp, Platos Ideenlehre, p.168. + +Der Umstand, da im Symposion die Seele nicht als unsterblich gilt, +wrde dieses Werk einer frhen Schaffensperiode Platons zuweisen, einer +Zeit, da er, der Auffassung des Sokrates getreu, die Unsterblichkeit +der Seele durchaus nicht als einen Hauptlehrsatz seiner Philosophie +betrachtete. Nun enthlt aber das Symposion die Ideenlehre, jene +ureigenste Schpfung platonischen Geistes, was seine Zugehrigkeit +zu 'Phaidon', 'Phaidros' etc. beweist und allen jenen Dialogen die +Prioritt sichert, welche von der Ideenlehre noch nichts wissen oder +nur deren erste Keime aufweisen: also (von der Apologie abgesehen) +Protagoras, Hippias minor, Laches, Charmides und -- Gorgias. ber dem +Gorgias schwebt der Geist der Ideenlehre, hat Th. Gomperz[2] treffend +gesagt; er geht dieser also voraus. Derselbe Gorgias aber verficht +bereits mit hchster Energie die Lehre von der Unsterblichkeit der +Seele, in bereinstimmung mit allen spteren Werken Platons. Wie haben +wir uns danach das Verhltnis des Symposion zum Gorgias zu denken? +Jeder der beiden Dialoge scheint Anspruch auf die Prioritt zu erheben. +Bei reiflicher berlegung werden wir dieselbe aber doch dem Gorgias +zuerkennen mssen. Denn es erscheint undenkbar, da eine Schrift, welche +eine bestimmte Lehre blo in ihren keimenden Anfngen enthlt, jener +Schrift nachgefolgt ist, die diese Lehre bereits voll ausgebildet zeigt. +Wir mssen also das Symposion dem Gorgias nachfolgen lassen und damit +ein Schwanken Platons gegenber dem Unsterblichkeitsglauben annehmen. +Es steht ja auch die Lehre des Symposion, die Seele sei zwar nicht +von vornherein unsterblich, knne es aber (durch die geistige Zeugung) +_werden_, zwischen dem Glauben an die Vergnglichkeit der Seele und der +berzeugung von ihrer Unsterblichkeit in der Mitte und gleicht mehr +einer Modifikation des Unsterblichkeitsglaubens. Wodurch aber kann +Platon veranlat worden sein, an der Lehre von der Unsterblichkeit der +Seele eine Modifikation vorzunehmen, die er spter doch wieder beseitigt +hat? + + [2] Griech. Denker, II, p.285. + +Diese Frage zu beantworten, sei gleich in medias res, d.h. zur Analyse +der Eroslehren des Symposion bergegangen. + + + + +II. + + +Das Symposion gipfelt in Sokrates' Rede, welche fr die philosophische +Wrdigung des Dialoges fast allein in Betracht kommt; nicht zwar, als ob +die Reden der brigen Teilnehmer philosophisch gnzlich bedeutungslos +wren, vielmehr enthlt jede einen Gedanken, den Sokrates in seiner Rede +verwertet oder doch, wenn auch nur polemisch, bercksichtigt: so berhrt +bereits Phaidros (p.178dff.) den hohen sittlichen Wert des Eros und +stellt (p.180b) die spter von Sokrates begrndete Behauptung auf, um +Tugend und Glckseligkeit zu erwerben, sei des Eros Hilfe besser als +die jedes anderen Gottes. Pausanias unterscheidet zwei Arten des Eros, +eine gute und eine schlechte: die schlechte gelte blo den Reizen des +Krpers, die gute der Tugend und Vollkommenheit (p.180dff.). Diesen +Gegensatz, den dann Eryximachos in seiner Rede auf die ganze organische +und anorganische Natur ausdehnt (p.186aff.), akzeptiert Sokrates mit +seiner Unterscheidung zwischen krperlichem und geistigem Eros. Die +Reden des Eryximachos und Aristophanes enthalten die damals gangbaren +Theorien ber das Wesen der Liebe, die des ersteren empedokleische und +heraklitische Ansichten, die des letzteren jene bereits im 'Lysis' +behandelte Definition der Liebe als des Strebens nach dem Eigenen, dem +~oikeion~.[3] Auch mit diesen Theorien setzt sich Sokrates in seiner +Rede auseinander; er legt dar, wie weit sie berechtigt sind. Des Gorgias +Schler Agathon endlich betont zu Sokrates' lebhafter Befriedigung, erst +msse das Wesen des zu preisenden Gottes festgestellt sein, bevor man +ber sein Wirken sprechen knne (p.195a beziehungsweise 199c).[4] + + [3] Vgl. Th. Gomperz, a. a. O. II, p.312. + + [4] Platons alte Gegnerschaft gegen die Rhetorik zeigt + sich auch hierin: das einzige, was er an ihr zu billigen + findet, ist ihre klare Einteilung und Disposition. + +Eben darum aber, weil Sokrates den Reden seiner Vorgnger alles +Brauchbare entnimmt, kommt diesen Reden kein besonderes philosophisches +Interesse zu: sie dienen knstlerischen, wohl auch didaktischen Zwecken. +So gengt es fr unser Vorhaben, die Rede des Sokrates zu analysieren. + +In seinem Vorgesprch mit Agathon (p.199c-201d) stellt Sokrates fest, +da der Eros ein Objekt haben msse; da man aber nur begehre, was man +nicht hat, der Eros aber auf das Schne und das davon unzertrennliche +Gute ausgehe, so knne Eros selbst weder schn noch gut sein. Weit +gefehlt aber wre es, ihn darum fr hlich und schlecht zu halten. An +dieser Stelle entwickelt Sokrates den Begriff des Mittleren (~metaxy~). +An dem Beispiel des ~ortha doxazein~ wird dies deutlich gemacht. Als +bloes ~doxazein~ kann es nicht ~sophia~ sein, als ~_ortha_ doxazein~ +aber auch nicht ~amathia~. Ein solches ~metaxy~ ist auch der Eros, der +kein Gott sein kann als ~tn kaln kai agathn amoiros~ (p.202d), +sondern nur ein Mittelding zwischen ~thntos~ und ~athanatos~. + +Anknpfend hieran erzhlt nun Sokrates den bekannten Mythus von der +Entstehung des Eros. Am Geburtstagsfeste der Aphrodite wurde er gezeugt +von einem gttlichen Vater, Poros, dem Reichtum, und einer nicht +gttlichen Mutter, Penia, der Armut. + +Seine Natur zeigt seine Herkunft: nach der Mutter ist er ~pens~, +~sklros~, ~auchmros~, ~endeia xynoikos~ (p.203d), nach dem Vater +~tois kalois kai tois agathois epiboulos~, ~phronses epithymts~, +~philosophn dia pantos tou biou~. + +Diese Schilderung des Eros ist selbstverstndlich Allegorie. Was ist +Eros in Wirklichkeit? Ein Streben des Menschen. Es wohnt diesem also ein +Streben inne, das weder schn und gut noch schlecht und hlich ist, +ein Streben, das zwischen gttlich und sterblich in der Mitte steht. +Demgem ist unter Eros' Elternpaar die menschliche Natur zu verstehen, +aus der jenes Streben hervorgeht. Zwei Prinzipe enthlt diese Natur: ein +gttliches, das ist Poros, der Sohn der Metis; ein irdisches, das ist +Penia, die Armut und der Mangel. Das Streben, welches aus der Verbindung +dieser Prinzipe entspringt, ist der Eros, dessen Begriff sonach +gewhnlich zu eng gefat ist. Er ist eigentlich das jedem Menschen +infolge der Zusammensetzung seines Wesens bestndig innewohnende Streben +nach dem Guten, genauer nach dem immerwhrenden Besitz des Guten. Das +Objekt des Eros ist somit im Grunde die Athanasie, ohne welche ja ein +immerwhrender Besitz nicht mglich ist. + +Wenn dies die wahre Natur des Eros ist, so mu ein Ewigkeitsstreben +auch jener Gattung desselben zugrunde liegen, die -- ohne eigentlich +erkennbaren Grund -- gewhnlich allein den Namen 'Eros' fhrt. Dies +ist auch tatschlich der Fall. Der Zeugungstrieb, der jenen Eros +charakterisiert, ist in Wahrheit Unsterblichkeitstrieb: er geht nicht +eigentlich auf das Schne, sondern auf Erzeugung im Schnen aus. +Erzeugung und Geburt aber sind das Gttliche und Ewige im menschlichen +Dasein, was auch dadurch besttigt wird, da das Schne zur Zeugung +lockt, das Hliche davon abstt. Auch der Zeugungstrieb ist also +Ewigkeitstrieb (p.206b-207a). + +Wie Sokrates weiter ausfhrt, ist dieser Zeugungstrieb ein zwiefacher: +ein niederer, den auch die Tiere kennen, der Drang nach krperlicher +Fortpflanzung, und ein hherer, geistiger, zu dem nur der Mensch sich +erheben kann. Dies gibt einen deutlichen Wink, wie jener Mythus von +Poros und Penia und der Entstehung des Eros zu verstehen ist. _Seele_ +und _Leib_ sind die beiden Prinzipe der menschlichen Natur, die Seele +das gttliche, der Leib das irdische. In dem Mythus steckt so die +orphische Lehre vom Sndenfall der Seele -- Poros betrinkt sich und ahnt +in seiner Trunkenheit nicht, _wen_ er zur Mutter seines Sohnes macht --, +desgleichen die orphisch-pythagoreische Anschauung von dem Gegensatz +zwischen der Natur des Leibes und der der Seele. Man wird an Philolaos' +Wortspiel '~sma~-~sma~',[5] an die Auffassung des Leibes als des Grabes +der Seele erinnert, wenn diese als das gttliche Prinzip im Menschen +geschildert ist, das befleckt wird durch die Vermengung mit dem +irdischen, dem Leib. + + [5] Diels, frg.14. + +Der tiefste Sinn des Eros also ist: der Mensch will gttlich, +unsterblich, ewig werden, weil ein gttliches Element in seiner Natur +enthalten ist. An dieser Stelle wird es gut sein, sich zu erinnern, da +~athanatos, athanasia~ nicht einfach 'unsterblich', 'Unsterblichkeit', +sondern mindestens ebensosehr 'gttlich', 'Gttlichkeit' bedeutet. Fr +den Griechen ist eben Gttlichkeit von Unsterblichkeit nicht zu trennen: +denn Unsterblichkeit ist die vornehmste Eigenschaft der Gtter. Darum +bedeutet ~athanatos~, ~athanasia~ unzhlige Male schlechthin 'gttlich', +'Gttlichkeit'. Im Symposion selbst finden wir diese Bedeutung: Eros, +heit es p.202d/e, ist ein Wesen ~metaxy thntou kai athanatou~; nach +den elementarsten Regeln der Logik ist es klar, da ~athanatos~ hier nur +'gttlich' bedeuten kann. Gleich darauf lesen wir auch tatschlich die +Worte ~pan to daimonion metaxy esti theou te kai thntou~. + +Das Ewigkeitsstreben des Menschen uert sich nun zunchst als Streben +nach krperlicher Fortpflanzung. Es wre verfehlt, fhrt Sokrates +p.207dff. aus, in der Fortpflanzung nicht eine gewisse Befriedigung +des Ewigkeitstriebes zu sehen. Wohl bleibt das Alte nicht ewig, sondern +wird durch ein Neues ersetzt. Aber dies gilt im Grunde von allem, was +dem Flusse des Werdens unterworfen ist; nicht nur der physische Mensch +erneut sich bestndig, ohne doch darum ein anderer genannt zu werden, +auch alles Psychische und Geistige -- besonders deutlich ist dies am +Gedchtnis und der Erinnerung zu sehen -- ist in immerwhrendem Vergehn +und Neuwerden begriffen. In dieser Weise hat eben das Vergngliche an +der Ewigkeit teil und insofern bedeutet die Fortpflanzung eine +Befriedigung des Ewigkeitstriebes. + +Es braucht nicht erst gesagt zu werden, da es heraklitischer Geist ist, +der aus diesen Gedanken spricht. Im Symposion beugt sich Platon demnach +vor der groartigen Weltanschauung des Ephesiers und erkennt ihre +Berechtigung an. + +Die hhere Art des Zeugungstriebes uert sich in der geistigen Zeugung, +deren eigentlich treibendes Motiv die ~philotimia~, der Ehrgeiz, +speziell das Streben nach unvergnglichem Nachruhm ist. Geistige Zeugung +ist das Schaffen der Dichter und berhaupt aller Knstler, vor allem +aber der Gesetzgeber (Lykurgos und Solon). Hier zeigt es sich nun +deutlich, wie notwendig es ist, bei '~athanasia~' nicht der Bedeutung +'Gttlichkeit' zu vergessen. Die geistige Zeugung als Zeugung hherer +Art sollte auch eine hhere Athanasie gewhren denn die blo krperliche +Zeugung; der Nachruhm allein scheint aber nur eine schattenhafte, +sozusagen magere Unsterblichkeit zu verleihen: fortzuleben im Gedchtnis +der anderen Menschen statt in seiner Nachkommen Fleisch und Blut -- +verdient solche Unsterblichkeit wirklich hheren Preis? Sollen sich die +Menschen mit solcher blo 'platonischen' Unsterblichkeit zufrieden +geben? Ein homerischer Zeuge verneint uns diese Frage. Ich denke der +berhmten Worte des Achill ~l~488-491: + + ~M d moi thanaton ge parauda, phaidim' Odysseu. + bouloimn k' eparouros en thteuemen all + andri par' aklr, h m biotos polys ei, + pasin nekyessi kataphthimenoisin anassein.~ + +Hier kommt uns nun die andere Bedeutung von ~athanasia~ zu Hilfe. Wer +den wahren und echten Nachruhm erlangt, wird damit zum Heros: ~hn kai +_hiera polla_~, heit es Symp. p.209e, ~d gegone dia tous toioutous +paidas, dia de tous anthrpinous oudenos p~.[6] + + [6] Gedenkt diese Stelle des Heroenkultes, so erinnert + eine frhere, die ~paidogonia~ betreffende, an den + Ahnenkult: ~hoi men oun enkymones kata smata ontes pros + tas gynaikas mallon trepontai kai taut ertikoi eisi, + dia paidogonias athanasian kai mnmn kai eudaimonian, + hs oiontai, hautois eis ton epeita chronon panta + porizomenoi~ p.208e. + +Die hchste Form der geistigen Zeugung ist aber die, welcher die +Erkenntnis der Idee des Schnen und Guten[7] zugrunde liegt, und diese +Art des Eros erzielt auch die reinste Athanasie: denn das wahre Wissen +hat die wahre Tugend zur Folge; wer nun die Idee des Schnen und Guten, +d.i. das wahrhaft Seiende, kennt, der erzeugt nicht mehr bloe +Abbilder der Tugend (~eidla arets~ p.212a), sondern die wahre und +wirkliche Tugend. Und wie das ~onts on~ _ber_ der sichtbaren Welt +liegt, so ist auch die auf der Erkenntnis des wahrhaft Seienden +beruhende Tugend eine berirdische und setzt den Menschen den Gttern +gleich. Ganz offenbar ist dies der Sinn der Stelle 212a ~.... tekonti +de aretn alth kai threpsamen hyparchei theophilei genesthai, kai +eiper t all anthrpn athanat kai ekein~. Von einer Erhhung der +Philosophen unter die Gtter wei ja auch der dem Symposion nahestehende +Phaidon zu erzhlen (p.82c).[8] Auch ist es klar, da die auf Grund +der Ideenerkenntnis erworbene Athanasie hherer Art sein mu als das +Heroentum; mit dem Nachruhm aber ist es hier nicht getan: gerade die +wahre Tugend kann vergessen und verschollen bleiben, ja selbst verfolgt +und mihandelt werden. Ihr Lohn darf nicht von der Migunst und dem +Unverstand der Mit- und Nachwelt abhngen; sagt doch Platon auch +ausdrcklich ~hyparchei _theophilei_ genesthai~. Wir haben hier also +zwischen den Zeilen zu lesen, da der wahre Philosoph -- dabei ist +natrlich in erster Linie an Sokrates zu denken -- nach seinem Tode den +Gttern sich gesellt. Es ist dies die seiner allein wrdige Athanasie. + + [7] Platon erklrt im Symposion wiederholt ausdrcklich, + da sich das Schne vom Guten nicht trennen lasse: + p.201c, 204eff., indirekt auch p.212a. + + [8] Ich erinnere auch an die stolzen Worte des Empedokles + (Diels frg.112). + + ~..... eg d' hymin theos ambrotos, ouketi thntos + pleumai meta pasi tetimenos ktl.~ + + berhaupt haben ja die Alten in der Gottwerdung eines + Sterblichen zwar etwas Auergewhnliches, aber durchaus + nichts Unmgliches gesehen. + +Wie oben errtert, liegt in der Unsterblichkeitsfrage das Problem des +Symposion beschlossen. Die Auffassung des 'Gorgias', der zufolge der +Mensch eine unsterbliche Seele hat, ist aufgegeben. Blo ein Streben +nach der Ewigkeit wohnt ihm inne, ein Streben, das auf verschiedene +Weise Befriedigung finden kann. Zugleich ist die Erklrung fr dieses +Streben gegeben: der Mensch ist eine Mischung aus einem gttlichen +Prinzip -- der Seele -- und einem irdischen -- dem Leib. Und zwar ist +diese Zusammensetzung so innig, da der Tod keineswegs, wie dies Platons +Annahme im Gorgias und spter wieder im Phaidon war, die Trennung von +Krper und Seele bedeutet. Vielmehr geht die Seele mit dem Krper im +Tode unter, oder genauer gesagt, da ja Seele wie Krper jeden Augenblick +vergehn, um neu zu werden, im Tode erlischt die Fhigkeit, sich aufs +neue zu schaffen, wenn der Mensch nicht fr seine Unsterblichkeit, sei +es krperlich oder geistig, gesorgt hat. Das gttliche Prinzip veranlat +nun den Menschen, nach der Athanasie, nach Gttlichkeit und Ewigkeit +zu streben. Aber nicht dieses Streben allein wird durch die Mischung +jener beiden Prinzipe erklrt, sondern berhaupt jedes Streben.[9] +Dem Gttlichen wie dem Irdischen ist an sich das Streben fremd; +dem Gttlichen, weil es sich absoluter Vollkommenheit erfreut, +dem Irdischen, weil es die eigene Unvollkommenheit gar nicht fhlt +(p.204aff.). Erst die Mischung ruft das Streben, das Begehren hervor: +das gttliche Prinzip weckt im Menschen das Streben nach immerwhrender +Glckseligkeit. Hierdurch ist das Werden verursacht, dessen gttliche +Kraft eben darin besteht, da es an die Stelle des Alten aus dem Alten +heraus stets ein Neues treten lt. Ganz dasselbe findet bei der +krperlichen Fortpflanzung statt, so da also auch der Liebe zu den +Nachkommen jenes Ewigkeitsstreben zugrunde liegt. + + [9] Im Grunde ist fr Platon jedes Streben wenigstens + subjektiv ein Streben nach dem immerwhrenden Besitz des + Guten. + +In dieser Theorie des Werdens kann man das erste Stadium der Lehre von +der Weltseele erblicken; tatschlich lt ja Platon den Eryximachos eine +kosmische Liebestheorie aufstellen. + +Ein Werden hat zunchst auch die geistige Zeugung zur Folge: aber sie +ist der Weg, zur wahren Ewigkeit zu gelangen. Sie vermag aus dem Werden, +das nur ein scheinbares Sein ist -- es ist und es ist nicht --, ein +wirkliches Sein zu schaffen, insbesondere wenn sie aus der Erkenntnis +der Idee des Schnen und Guten hervorgeht. + +Die Weltanschauung des Symposion ist sonach eine allumfassende; dem +Werden wie dem Sein wird in gleicher Weise Rechnung getragen. Das +erstere ist ganz in heraklitischem Geiste gewrdigt, zwar, wie nicht +anders mglich, zum Sein in Gegensatz gestellt, aber keineswegs in den +vllig unberbrckbaren der Eleaten. Platon hat erkannt, da Werden und +Vergehn zwar in der Wirklichkeit unzertrennlich sind, darum aber noch +nicht gleich bewertet werden mssen: das Vergehn ist irdisch, ungttlich, +die Kraft des steten Neuwerdens aber ist gttlich. Das Ziel des Werdens +ist Vollkommenheit, aus dem Werden kann sich ein Sein gestalten. So +schliet das Symposion einen kosmischen Ring um Sinnliches und +bersinnliches. Es ist ein Evangelium des Optimismus. + +Das Symposion zeugt demnach von dem Versuch des Philosophen, die Lehren +Heraklits und der Pythagoreer von einem hheren Standpunkt zu vereinen. +Diese Tendenz, zwischen scheinbar kontrren Weltanschauungen zu +vermitteln, erklrt die Modifikation, die Platon im Symposion am +Unsterblichkeitsglauben des 'Gorgias' vorgenommen hat. Noch einmal lt +er seinen Blick voll Liebe auf _dieser_ Welt ruhen, bevor er sich +endgiltig dem weltverachtenden Mystizismus der Pythagoreer +berantwortet. + +Aber nicht blo Heraklit und die Pythagoreer finden im Symposion +gebhrende Beachtung; auch fr den Eleatismus in megarischem Gewand hat +Platons System einen Platz frei: das ~auto kalon kagathon~ wird zum +~onts on~ hypostasiert. Freilich sind die Konsequenzen gerade dieser +Lehre im Symposion nicht zu voller Klarheit gebracht; namentlich die +Stellung der Gtter zum ~auto kalon kagathon~ bleibt unaufgeklrt. Es +kann allerdings nur eine Mglichkeit geben: das ~auto kalon kagathon~ +mu als das allein wahrhaft Seiende auch fr die Gtter das Leben- und +Sein-spendende Element bedeuten, wie es ja spterhin von der Idee des +Guten tatschlich ausgesagt wird. Damit stimmt auch berein, da die +Erkenntnis der Idee des Guten und Schnen den Menschen den Gttern +gleichstellen soll. Aber dieses Abhngigkeitsverhltnis der Gtter +zum ~auto kalon kagathon~ ist im Symposion noch keineswegs klar +ausgesprochen. Wenn nun Platon diese Entthronung der alten Gtter in +aller Stille vornimmt, so ist dies zweifellos ein Zeichen dafr, da die +Ideenlehre im Symposion noch jungen Datums ist. Noch lehrreicher in +dieser Hinsicht aber ist der Umstand, da das Symposion nur die Idee des +~kalon kagathon~ kennt. Ich halte es durchaus nicht fr richtig, Platon +hier im Symposion etwa von den brigen Ideen absehen zu lassen. Mir +scheint vielmehr die Hypostasierung blo des ~auto kalon kagathon~ als +~onts on~ die erste Form der Ideenlehre zu bedeuten. Hierbei lasse ich +mich von folgenden Erwgungen leiten. + +Der sokratischen Tugendwissenslehre fehlte die Bezugnahme auf einen +letzten und hchsten Begriff. Ich erinnere an die Definition der +Tapferkeit in Platons Protagoras (p.360d) als des Wissens vom ~deinon~ +und ~m deinon~, eine Auffassung, gegen die Platon spter im Laches +polemisiert. Jede Tugend war fr Sokrates eine andre ~phronsis~, wie +uns Aristoteles berichtet: ~Skrats .... phronseis eto einai pasas +tas aretas .... S. men oun logous tas aretas eto einai, epistmas gar +einai pasas~.[10] Besonders charakteristisch ist auch folgende Stelle +des platonischen Laches (p.194d): ~pollakis akkoa sou~, sagt dort +Nikias zu Sokrates, ~legontos, hoti tauta agathos hekastos hmn haper +sophos, ha de amaths tauta de kakos~. _Die_ Tugend zu definieren, hatte +Sokrates nicht unternommen. + + [10] Eth. N. VI, 13, 1144b17; zu vergleichen sind auch + die Stellen ibid. III, 11, 1116b4 und Eth. Eud. I, 5, + 1216b6. + +Offenbar unter dem Einflu der Megariker, in deren Mitte er ja nach dem +Tode des Sokrates weilte, hatte Platon diese Lcke in der sokratischen +Philosophie empfunden. Die Megariker hatten das Gute in den Mittelpunkt +des Seins gestellt und kannten nur eine Tugend, wie uns Diogenes +Laertius VII, 161 berichtet, nmlich die Kenntnis des Guten: ~aretas t' +oute pollas eisgen (Aristn), hs ho Znn, oute mian pollois onomasi +kaloumenn, hs _hoi Megarikoi_~. Der Berechtigung dieser Auffassung +konnte sich Platon nicht verschlieen,[11] zumal ja die sokratische +Basis damit nicht verlassen wurde. So einfach aber auch diese Definition +der Tugend als der Erkenntnis des Guten (und seines Gegenteils) +erscheint, so gro waren die Schwierigkeiten, nun die Definitionen der +Einzeltugenden mit jener Definition der Gesamttugend in Einklang zu +bringen. Jeder Tugend mute die Erkenntnis des Guten zugrunde liegen; +worin aber hatte man die charakterisierenden Merkmale der Einzeltugenden +zu sehen? Mit diesen Schwierigkeiten hat Platon ernstlich gerungen, wie +die Dialoge Laches und Charmides zeigen. In diesen beiden Dialogen +bemht sich Platon vergeblich, die richtige Definition der ~andreia~ +(Laches), beziehungsweise der ~sphrosyn~ (Charmides) zu finden. Er mu +sich begngen, die diesbezglichen sokratischen Definitionen als +ungengend zu erweisen. + + [11] Wie der kleinere Hippias beweist. + +Erst im Gorgias ist das Problem mit Hilfe der pythagoreischen +Psychologie, mit der Anerkennung der Begierden als eines selbstndigen +Faktors im Innenleben des Menschen gelst. Die unterscheidenden Merkmale +der Einzeltugenden sind gefunden: ~aret~=~sophia~ ist die Erkenntnis +des Guten, beziehungsweise der Diversitt des Guten und Angenehmen; +~hosiots~ ist die Erkenntnis des Guten, sofern es die Gtter berhrt; +~dikaiosyn~, die Erkenntnis des Guten, welches die Menschen betrifft; +das Feld der ~andreia~ ist das Gute, wo es im Gegensatz zum Angenehmen +steht; ~sphrn~ aber ist der ~sophos~, weil er die Gefahr kennt, die +von den Begierden droht, und diese darum im Zaume hlt (Gorg. +p.507ff.). + +Gleichzeitig enthlt der Gorgias wichtige Begriffsbestimmungen des Guten. +Nach Gorg. 503eff. beruht auf den (pythagoreischen)[12] Begriffen +~kosmos~ und ~taxis~ die Gte einer Sache, sie machen das ~eidos~ zum +~eidos~ (~eidos~ hier noch nicht im Sinne von ~idea~=~onts on~ +gebraucht). Das Gute also macht wahrhaft seiend, verleiht erhhte Essenz +und damit in den Augen eines Denkers jener Zeit notwendig auch erhhte +Existenz, mu daher selbst in erster Linie als wahrhaft seiend +bezeichnet werden. Damit harmonierte nun vollkommen die Lehre der +Megariker, da in Wahrheit nichts existiere als das Gute, da das Gute +und das Sein identisch wren. So kommt es zunchst zur Hypostasierung +nur der Idee des ~kalon kagathon~; damit findet jene Gedankenrichtung, +welche vom kl. Hippias ber Laches und Charmides zum Gorgias gefhrt +hatte, ihren vorlufigen Abschlu. Den endgiltigen bedeutet erst der +teleologische Idealismus: erkenntnis-theoretische Rcksichten bestimmten +Platon neben der Idee des Guten noch andere Ideen anzuerkennen; aber +nach wie vor bleibt ihm die Idee des Guten der Angelpunkt des Seins, +alle brigen Ideen, sogar die des Seins, verdanken dieser Idee ihr +Dasein (Rep. VI, p.508e). + + [12] Aristoxenos bei Stobaios, fl. t.43, 49 (Diels, + Frgm. p.294). + +Der Anschauung der Eleaten, nur dem Gegenstande des Wissens -- also +den Begriffen -- komme wahres Sein zu im Gegensatz zu den Gegenstnden +der Sinne, und dem sprachlichen Moment (z.B. Gorg. p.520d ~adikia +adikousin hoi anthrpoi~ -- der Begriff erscheint als wirkende Ursache +--) kann ich demnach fr die _Konzeption_ der Ideenlehre nur sekundre +Bedeutung zuerkennen. + +Die Psychologie des Symposion ist noch ziemlich primitiv: es bleibt in +der Hauptsache bei der Gegenberstellung von Leib und Seele. Aus diesem +Gegensatz hat sich schlielich die Lehre von den drei Seelenteilen +herauskristallisiert. Im Symposion sind, wie frher im Gorgias +(p.465c) und spter im Phaidon, die Lste und Begierden, das sptere +~epithymtikon~, noch durch den Leib bedingt. Desgleichen fehlt eine +klare Unterscheidung zwischen ~logistikon~ und ~thymoeides~ (ich +antizipiere die spteren termini). Blo Anstze dazu lassen sich +erkennen, wie unten ausgefhrt werden soll. + +Von groer Bedeutung ist ferner die Stellung des Symposion zum Begriff +des ~ortha doxazein~. Gewhnlich betrachtet man den 'Menon' als +denjenigen Dialog Platons, in dem dieser Begriff zuerst aufgestellt +wird. Auch Th. Gomperz[13] ist dieser Ansicht; er sieht in der Art und +Weise, wie 'die im Menon erarbeitete Einsicht in die Stellung der +richtigen Meinung als eines Mittleren zwischen Wissen und Unwissenheit +im Symposion wie etwas Selbstverstndliches aufgegriffen und verwertet +wird', ein Zeichen fr die Prioritt des Menon vor dem Symposion. +Aber dieser Ansicht kann ich mich nicht anschlieen. Man darf nicht +bersehen, da es im Symposion Sokrates ist, der belehrt wird, whrend +im Menon ein unerfahrener Jngling -- der Unterricht des Gorgias, den +Menon genossen hat, wiegt in Platons Augen nicht schwer -- von Sokrates +belehrt wird. Und Sokrates ist doch an jener Stelle des Symposion +(p.201eff.) verblfft genug: ~Ouk euphmseis~, mu ihm Diotima +zurufen, als er sich anschickt, despektierliche Folgerungen aus dem +Mangel der Schnheit und Gte bei Eros zu ziehen. Noch schwerer aber +wiegt, da im Menon auf die ~doxa orth~ die hoch bedeutsame Lehre von +der Anamnesis gegrndet wird, whrend im Symposion dieselbe nur als +Beispiel fr die Erluterung des Begriffs des Mittleren erwhnt wird. +Dies wrde die Ausfhrlichkeit des Menon in diesem Punkt zur Genge +erklren. Vor allem aber sehe ich in der Auffassung der ~doxa orth~ +durch den Menon einen Fortschritt gegenber dem Symposion: im Menon +erscheint sie als ein Fragment der ~phronsis~ aus dem Vorleben der +Seele (p.85cff.) und demgem wird sie im Phaidros ausdrcklich dem +_guten_ (weien) Ro, dem ~thymoeides~, zugeschrieben;[14] im Symposion +aber erscheint das ~ortha doxazein~ als eine Mischung von 'Gut' und +'Schlecht', aus ~amathia~ und ~sophia~: von der ~amathia~ hat es das ~m +echein logon dounai~, von der ~epistm~ das ~tou ontos tynchanein~ +(p.202a). + + [13] a. a. O. II, 317. + + [14] ~Althins doxs hetairos~ heit es p.253d vom + weien Ro. + +Gegenber dem Gorgias aber zeigt das Symposion mit seiner (brigens +schon im Lysis erfolgten) ausdrcklichen Anerkennung des Mittleren einen +entschiedenen Fortschritt. Die sptere Rehabilitierung der im Gorgias +in Bausch und Bogen (Aristeides allein ausgenommen) verurteilten +Staatsmnner wird damit vorbereitet; sie ist bekanntlich im Menon +vollzogen. Die Rehabilitierung der im Gorgias gleichfalls verworfenen +Dichter hat bereits das Symposion besorgt, nachdem der 'Jon' das +Verdammungsurteil des Gorgias gemildert hatte. Dichter_feindlich_ ist +auch der Jon noch; prinzipiell steht er mit dem Gorgias auf gleichem +Standpunkt: er erkennt den Dichtern den Besitz der ~techn~, des +bewuten, vernunftgemen Schaffens, ab. Aber er rumt ihnen ein, da +sie ~theia moira~ wirken. Diese Betonung einer ~theia mania~ der Dichter +scheint mir mehr zu bedeuten als die bloe Illustration der in der +Apologie (p.22b/c) hingeworfenen Bemerkung, die Dichter wirkten nur +~physei tini kai enthousiazontes~.[15] Sie scheint mir vielmehr der +Unterscheidung verschiedener ~maniai~ im Phaidros nher zu stehen als +der Auffassung der Apologie. Darum betrachte ich den Jon als eine +Einschrnkung des Gorgias, so da sich mir die Reihenfolge Gorgias, Jon, +Lysis, Symposion ergibt. + + [15] So erklrt H. Raeder, Platons philosoph. Entwicklung + p.92, den Jon. + +Ein weiterer Fortschritt des Symposion gegenber dem Gorgias zeigt sich +in folgendem: Platon unterscheidet neben jener Art der geistigen +Zeugung, welche sich in den Werken der Knstler und Staatsmnner uert, +noch ein Schaffen auf Grund der Erkenntnis der Idee des Guten und +Schnen. Hier bereitet sich offenbar die Trennung des guten Seelenteiles +in ~logistikon~ und ~thymoeides~ vor. Das letzte Wort ber all diese +Dinge aber spricht erst der Phaidros: der Grad der Ideenschau im +Vorleben bewirkt die verschiedenen Talente (Philosophie, Dichtkunst, +Politik etc.). + +Werfen wir nun einen kurzen Rckblick auf den Inhalt des Symposion. +Sein tiefinnerstes Wesen ist die Vershnung heraklitischer und +pythagoreischer Gedanken, worauf auch sein Ton des sieghaften Optimismus +zurckzufhren ist. Im Zusammenhang damit steht auch die noch ziemlich +primitive Psychologie sowie das vllige Fehlen jener so beraus +wichtigen Lehre von der Wiedererinnerung. Ein weiteres bedeutsames +Charakteristikon des Symposion ist, da _es_ die Ideenlehre in ihrer +ursprnglichen Form enthlt: einzig das ~auto kalon kagathon~ ist als +~onts on~ hypostasiert, womit Platon mehr dem Vorbild der Megariker +denn der Eleaten folgte. Die Auffassung der Tugend als der Kenntnis des +Guten war im Grunde schon die Ethik des 'Gorgias'. In dem Augenblick +aber, da Platon im ~auto kalon kagathon~ das ~onts on~ zu erblicken +glaubte, wurde seine Tugendlehre zugleich Ontologie. + +Ich sehe also im Symposion das erste grere Werk nach dem Gorgias, +setze seine Abfassung daher einige Jahre nach diesem Dialoge an. Da ich +nun mit Gomperz den Gorgias in die Zeit der Akademiegrndung verlege, +so mte das Symposion etwa 385/4 v.Chr. verfat sein. In diese Zeit +fhrt auch die bekannte Anspielung des Aristophanes auf den ~dioikismos~ +der Arkader (Symp. p.193a). In dieselbe Zeit fllt aber auch der Tod +des Aristophanes. Es kann kaum ein Zweifel sein, da Platon dem eben +dahingegangenen groen Komdiendichter im Symposion eine Gedenktafel +geweiht hat; tatschlich ist ja die Gestalt des Aristophanes mit +besonderer Liebe und Sympathie gezeichnet. + +An dieser Stelle mchte ich noch einige Worte ber die Auslegung jener +merkwrdigen Stelle am Schlusse des Symposion (p.223d) sprechen, +wo Sokrates dem Tragdiendichter Agathon und dem Komdiendichter +Aristophanes auseinandersetzt, der echte Dichter msse in gleicher Weise +Tragdien und Komdien schreiben knnen. Diese Worte hat man auf Platon +selbst bezogen: der Phaidon sei die Tragdie, das Symposion die Komdie +(Teichmller, Lutoslawski, W. Christ, Natorp). Es wre um unsere +Kenntnis der platonischen Philosophie wahrlich bel bestellt, wenn die +chronologische Forschung solchen -- mehr oder minder geistreichen -- +Einfllen entscheidendes Gewicht beimessen wollte. Mit Recht hat man +dawider eingewendet, da der Phaidon gar nicht als Tragdie bezeichnet +werden knne.[16] Vor allem aber ist eine solche uerung Platons: ich +kann auch Komdien schreiben, nicht blo Tragdien (wenn anders sie +berhaupt so gemeint ist), nur als Erwiderung auf einen Angriff denkbar; +man mu ihn als 'Tragiker' _verspottet_ haben, wenn er sich wirklich im +Symposion so uert. Dazu bot aber der weihevolle Ernst des Phaidon +keinen Anla, ganz abgesehen davon, da dieser Dialog aus zwingenden +Grnden dem Symposion nachgesetzt werden mu. Mit der Datierung +Gorgias-Symposion lt sich indes jene Auffassung der Stelle p.223d +sehr wohl vereinen. Der Verfasser des schwarzgalligen Gorgias kann +leicht als ~tragiktatos~ verspottet worden sein; und darauf bezge sich +dann jene Stelle des Symposion. Groe Bedeutung kommt aber meines +Erachtens solchen Beobachtungen, die ja nie zuverlssig sind, berhaupt +nicht zu. Der Versuch, aus ihnen die chronologische Reihenfolge der +platonischen Dialoge zu erschlieen, kme einem Opfer des Intellektes +gleich. + + [16] R. Hirzel, der Dialog I, 225. + +Wenn ich das Symposion in die unmittelbare Nachbarschaft des Gorgias +stelle, so drfte es wohl am Platze sein, einigen Mutmaungen Raum zu +geben darber, wie Platon dazugekommen sein knnte, dem Gorgias das +Symposion folgen zu lassen, vor allem, was ihn wohl veranlat hat, seine +Aufmerksamkeit der Erotik zuzuwenden, ja die Eroslehre geradezu zum +Angelpunkt seines ganzen Systemes zu machen. + + + + +III. + + +Wie bei einem Werke von solcher Leidenschaftlichkeit und solcher Schrfe +der Polemik nicht anders denkbar ist, hat Platons Gorgias jedenfalls auf +vielen Seiten lebhaften Widerspruch erregt. Sein schonungsloser Kampf +gegen den Hedonismus mute unter Philosophen und Laien Widersacher +finden. Aber auch da Platon im Gorgias seinen Meister Sokrates der +~hdon~ gegenber eine Stellung einnehmen lie, die der historischen +Wahrheit nicht entsprach, konnte nicht unwidersprochen bleiben. In der +kurzen Zeit, die seit Sokrates' Tode verstrichen war, hatte man noch +nicht vergessen, da Sokrates durchaus kein Asket gewesen, da er die +Freuden des Lebens ohne Not niemals verschmht hatte, da er an den +Blumen des Daseins nicht achtlos vorbergegangen war. Kronzeuge hierfr +war die sokratische Erotik. Wie immer, so hatte auch hier die Fama +malos bertrieben und namentlich Sokrates' Verhltnis zu Alkibiades +pikant ausgeschmckt. Sicherlich hat man es nicht unterlassen, in der +Polemik gegen den platonischen Gorgias darauf hinzuweisen. So wurde +Platon nahegelegt, des historischen Sokrates Verhltnis zum Hedonismus +im allgemeinen und zur Erotik im besonderen einmal wahrheitstreu +darzulegen und jenen bertreibungen energisch entgegenzutreten. + +Der Gorgias aber war wohl nicht nur ob des Mangels historischer Treue in +der Schilderung des Sokrates angegriffen worden: man hat gewi auch die +Erotik berhaupt, die Tatsache des Liebeslebens gegen diesen Dialog +ausgespielt. Die Erotik, die ja der Gorgias ganz unbercksichtigt +gelassen hatte, schien fr die hedonistische Weltanschauung ein +gewichtiges Wort in die Wagschale zu legen; und man wird kaum mit der +Annahme fehlgehen, da gerade aus der Mitte der Sokratiker,[17] bei +denen doch die Erotik eine so bedeutende Rolle spielte, auf dieselbe +hingewiesen wurde. Die kyrenaische Schule huldigte ja dem Hedonismus. + + [17] Freilich nicht von Seite des Antisthenes. + +Dies war nun bereits eine philosophische Frage. Platon mute sich +dadurch veranlat fhlen, nach Zweck, Sinn und Ziel des Eros berhaupt +zu fragen. Der Gorgias hatte sich ber die Liebe gar nicht geuert, sie +offenbar als eine ~epithymia~ unter vielen betrachtet und sich nicht +einmal darber ausgesprochen, ob sie als eine ntzliche oder schdliche +anzusehen sei. Sehen wir nun, wie sich Platon zu dieser Frage stellen +mute. + +Die selbstndige Untersuchung eines Problems beginnt man gewhnlich mit +der Kritik der bereits bestehenden Theorien. So verfuhr auch Platon +mit den geltenden Liebestheorien im 'Lysis'; der Verschiedenheit der +Ausdrcke ~philia~ (Lysis) und ~ers~ (Symposion und Phaidros) kommt +natrlich keine Bedeutung zu, da eben in der ~philia~ der Hellenen das +erotische Moment enthalten war, wie gerade der 'Lysis' zeigt. + +Das Ergebnis der platonischen Kritik im Lysis ist scheinbar ein rein +negatives. Weder die alte Deutung der Liebe und Freundschaft als des +Strebens nach dem Gleichen -- eine Deutung, die auch Empedokles +bernommen hatte (Lys. p.214b), -- noch die heraklitische als der +Anziehung des Ungleichen (p.215cff.) trifft, so fhrt der Lysis aus, +das Richtige. Freundschaft zwischen Gleichen sei unfruchtbar und +nutzlos, eben infolge der Gleichheit: der eine hat dem anderen nichts zu +geben. Zwischen Ungleichen aber ist Freundschaft erst recht unmglich, +z.B. zwischen ~adikos~ und ~dikaios~. So bleibt nur der Mittelweg: +das ~mte agathon mte kakon~ ist dem ~agathon philon~ des ~kakon~ +wegen, das ihm innewohnt (p.217bff.). Aber dadurch werden neue +Schwierigkeiten geweckt: das Gute soll nur durch das Schlechte ~philon~ +sein, mte also aufhren, ~philon~ zu sein, wenn das Schlechte +verschwnde. Der Mensch, der ein Mittelding zwischen 'Gut' und 'Schlecht' +ist (p.220d), wrde nicht mehr nach dem Guten streben, wenn das +Schlechte wegfiele. Dies kann nicht richtig sein. So wird das Problem +von einer neuen Seite in Angriff genommen: jedes ~philein~ ist auch ein +~epithymein kai eran~, dieses wiederum geht aus einem Mangel hervor +(p.221aff.). Damit ist die obige Schwierigkeit umgangen, das ~philon~ +nicht durch das ~kakon~ bedingt, nur durch den Mangel des ~agathon~. +Dieses aber ist das Objekt der ~philia~. + +Die Untersuchung wird fortgesetzt und endet scheinbar ergebnislos. Da +der Mangel aus einer Beraubung hervorgeht (p.221e), scheinen ~ers~ +und ~philia~ das ~oikeion~ zum Objekt zu haben. Aber bedeutet dies +nicht die Widerlegung des bisher Gewonnenen? Mit dem ~homoion~ darf das +~oikeion~ nicht identisch sein aus dem bereits angefhrten Grunde. Soll +nun unter dem ~oikeion~ das ~agathon~, unter dem ~allotrion~ das ~kakon~ +verstanden werden? Kann denn aber z.B. dem ~kakos~ das ~agathon +oikeion~ sein? Ist nicht vielmehr das ~kakon~ dem ~kakos~, das ~agathon~ +dem ~agathos oikeion~? Aber der Gleiche kann dem Gleichen nicht ~philos~ +sein! Sokrates schliet die Unterredung mit der Aufforderung, all das +Gesagte noch einmal zu berdenken (~ta eirmena hapanta anapempasasthai~ +p.222e). + +Diese Wendung allein bewiese, da der Lysis nicht resultatlos schliet. +Platon hat es aber an einem deutlichen Wink nicht fehlen lassen, was er +als Endergebnis des Dialogs betrachtet wissen wollte: das ~oikeion~ wird, +wenn auch ohne Angabe von Grnden, ausdrcklich als nicht identisch mit +dem ~homoion~ bezeichnet (p.222c). Um ein positives Resultat zu +erlangen, ist nur ntig, jene beiden Angaben zusammenzustellen, nach +welchen einerseits das Gute, andrerseits das Eigene das Objekt der +~philia~ sein soll. Das heit natrlich, ~agathon~ und ~oikeion~ (nicht +~homoion~!) sind identisch: der Mensch, der weder gut noch schlecht ist, +strebt nach dem Guten als dem Eigenen. Damit sind alle Bedenken +hinfllig geworden. + +Nur eine Frage bleibt noch offen: wieso kann dem Menschen das Gute +~oikeion~ sein, wenn er weder gut noch schlecht ist? Die Antwort darauf +gibt erst das Symposion. + +Aber schon aus den Errterungen des Lysis sehen wir, da Platon die Frage +nach dem Wesen des Eros alsbald mit der Frage nach der Beschaffenheit +der menschlichen Natur verquickt hat, da er erkannt hat, die erste +Frage liee sich erst nach Beantwortung der zweiten einer vllig +befriedigenden Lsung zufhren. + +Wie aber kam Platon dazu, im ~agathon~ das Objekt des ~ers~ zu sehen? +Jedenfalls war ihm, der die Reinheit der sokratischen Erotik kannte, +klar, da der Begriff des Eros ein umfassenderer sein mute als der der +sinnlichen Liebe. Ein Gemeinsames mute indessen den hchsten Eros mit +dem niedersten verbinden. Das aber konnte nur das Streben nach dem +Schnen sein, ob man nun darunter wohlgeformte Krper oder so erhabene +Dinge wie Weisheit und Tugend verstand. Denn auch das zhlte fr den +Griechen, der das ~agathon~ vom ~kalon~ nicht trennte, zum Schnen. +Diese gemeingriechische Auffassung wurde Platon auch durch die +Pythagoreer besttigt: auf ~kosmos~ und ~taxis~ beruht nach der +pythagoreischen Quelle des Gorgias die Trefflichkeit eines Dinges, nicht +minder aber die Schnheit; denn Ebenma und Gesetzmigkeit erwecken ein +sthetisches Lustgefhl. So ist fr Platon das ~kalon kagathon~ das +eigentliche Objekt des Eros; und da er -- schon im Gorgias -- den +Menschen aus einem guten und einem nicht guten Element bestehen lie, +erklrte sich ihm der Eros aus der menschlichen Natur: auf das Gute (und +Schne) richtet sich das Streben des Menschen, weil es zwar seiner Natur +innewohnt, aber nicht rein und ungetrbt. + +So weit war sich Platon bereits im Lysis ber das Erosproblem klar +geworden; es war ihm aber in diesem Dialog nicht darum zu tun, die +Lsung der Frage zu geben, sondern die bestehenden Theorien zu +kritisieren und den Boden fr seine Auffassung zu bereiten. Denn bei der +Erklrung des Eros als des Strebens nach dem Guten und Schnen blieb +Platon nicht stehen. Das gute Element im Menschen hielt er, wie das +Symposion uns lehrt, fr gttlichen Ursprungs. So ist das Streben nach +dem Guten und Schnen, der Eros, im Grunde ein Streben nach Gttlichkeit; +tatschlich strebt ja auch der Mensch nach dem _immerwhrenden_ Besitz +des Guten; ohne Unsterblichkeit, das Vorrecht der Gtter, ist ein +solcher aber nicht mglich: so mute Platon als Ziel des Eros im +tiefsten Grunde Unsterblichkeit und Gttlichkeit erscheinen. Dadurch +war ihm die Mglichkeit gegeben, die Unsterblichkeitstheorie des +'Gorgias' zu modifizieren und der heraklitischen Weltanschauung +Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. + +Aus diesen Anschauungen ber das Wesen des Eros ergab sich nun weiters, +da, da jeder Mensch nach dem Guten strebt, alle Menschen ohne Ausnahme +Erotiker genannt werden mten; zugleich sah sich Platon vor die +Aufgabe gestellt, den Eros im engeren Sinn auf den Ewigkeitstrieb +zurckzufhren. Er erledigte sich derselben, indem er jenen Eros als +Zeugungstrieb erklrte; denn die Zeugung ist gttlich, ihre Produkte +berdauern den Urheber: die leiblichen Kinder ihre Eltern, die geistigen +Schpfungen ihren Schpfer. So zielt also auch jener spezielle Eros +auf Unsterblichkeit und Gttlichkeit, ja durch ihn bettigt sich +hauptschlich jener allgemeine Eros, der allen Menschen infolge der +Zusammensetzung ihrer Natur innewohnt. + +Diese Lehren hat Platon im Symposion verkndet. Er hat in diesem Werk +aber zugleich die Gelegenheit wahrgenommen, die Stellung des historischen +Sokrates zur Erotik wie zur Lust berhaupt wahrheitsgem zu schildern. +Diesem Zwecke dient vornehmlich die Rede des Alkibiades, welche alle +jene Mrchen zerstreut, die von einer sinnlichen Liebe des Sokrates zu +jener glnzendsten Erscheinung Allgriechenlands zu erzhlen wuten. +Zugleich gibt Platon durch seine ganze Schilderung des Sokrates zu, da +dieser die Annehmlichkeiten des Lebens durchaus nicht verschmht hat. Er +will offenbar der verkehrten Auslegung seines Gorgias entgegentreten, +als habe er der Vernichtung der Begierden, der chtung des ~hdy~ das +Wort geredet. Im Gorgias hatte er alle die verurteilt, die das ~hdy~ +hher stellten als das ~agathon~; damit war aber keineswegs verlangt, +da dem ~hdy~ auch derjenige ausweiche, der gewohnt ist, dem ~agathon~ +zu folgen. Dieses Moment hebt das Symposion ausdrcklich hervor: es +enthlt geradezu den Beweis, da das ~hdy~ wahrhaft zu genieen nur +vermge, wer das ~agathon~ hher stellt. Nie htte Sokrates jene +geradezu phnomenale ~enkrateia tn hdonn~ erreicht, wre sein +Leitstern nicht das ~agathon~ gewesen. Und erst als ~enkrats tn +hdonn~ konnte er das ~hdy~ voll und ganz genieen. + +Von diesem Gesichtspunkt aus ist die Rede des Alkibiades zu verstehen; +sie hat den doppelten Zweck, einerseits die Stellung des historischen +Sokrates zur ~hdon~ klar zu legen, anderseits zu zeigen, wie weit die +~hdon~ berhaupt berechtigt ist. + + + + +IV. + + +Hiermit wre eigentlich unsere Untersuchung zu Ende. Ich will es mir +aber nicht versagen, noch das Verhltnis des Symposion zum Phaidros zu +besprechen, zu jenem Dialog, der gleichfalls das Thema der Erotik +behandelt. Ob dem Symposion oder dem Phaidros die Prioritt zuzusprechen +ist, darber gehen die Ansichten noch immer auseinander. Die sprachlichen +Indizien sprechen entschieden fr die sptere Abfassung des Phaidros; +aus inhaltlichen Grnden weist neuerdings auch Raeder den Phaidros einer +recht spten Epoche der schriftstellerischen Ttigkeit Platons zu: nicht +nur Symposion und Phaidon, auch den Staat lt er ihm vorausgehen.[18] +Ivo Bruns[19] dagegen glaubt, gleichfalls aus inhaltlichen Grnden, die +Prioritt des Phaidros erweisen zu knnen. Bevor ich auf die Frage +eingehe, sei mir eine Bemerkung allgemeiner Natur gestattet. Grere +Genialitt und Tiefe lassen sich nicht als chronologische Indizien +verwerten bei Werken, die der Vollkraft ihres Schpfers entstammen. Und +gerade dies ist der Fall der platonischen Dichtungen Symposion und +Phaidros. Wer im Symposion den hchsten Ausdruck platonischen Genies und +Tiefsinnes findet, wird schwerlich zu widerlegen sein. Die Gedanken ber +das innerste Wesen der Liebe, welche das Symposion in unvergleichlicher +Form bietet, sind auch heute noch nicht veraltet. An einen Denker der +jngsten Vergangenheit, an Friedrich Nietzsche gemahnt es, wenn Platon +alles Schaffen fr gttlich erklrt. Es wre indes verfehlt, aus diesen +Qualitten des Symposion die Prioritt des Phaidros erweisen zu wollen. +Denn die Schrift, welcher der _relativ_ geringere Wert zukommt, kann +sehr wohl die spter entstandene sein. Ihr Schpfer hatte eben den +Gipfelpunkt seines Knnens bereits berschritten. Ein solches Verhltnis +scheint mir zwischen Symposion und Phaidros zu bestehen. Platons Knnen +hat meines Erachtens den Hhepunkt in _dem_ Augenblick berschritten, da +seine Mystik anhebt. Mystische Anklnge sind nun im Phaidros bereits in +groer Zahl vorhanden, whrend sie im Symposion noch vllig fehlen. Man +kann wohl sagen, mit der Lehre von der Wiedererinnerung beginnt die +Mystik Platons. Hier hebt der Nebel an und das Dmmerdunkel; Platon +sucht in Tiefen hineinzuleuchten, die keines menschlichen Geistes Flamme +zu erhellen vermag. Das einzig Gegebene, das irdische Leben, als Wirkung +einer Prexistenz aufgefat -- da entzieht sich das Denken selber den +Boden unter den Fen. Auf dem Symposion hingegen liegt noch volle +Sonne: sokratische, vielleicht berhaupt ionisch-attische Sonne und +Klarheit. + + [18] a. a. O. p.245ff. + + [19] 'Attische Liebestheorien', Neue Jahrb. f. d. klass. + Altert. III (1900) p.17ff. + +Wenden wir uns von diesen allgemeinen Erwgungen dem Vergleich der +Lehren des Symposion und des Phaidros zu. + +Im Phaidros ist die Idee des Schnen eine Idee unter Ideen, nicht _die_ +Idee, die Ideenlehre ist durch die Lehre von der Anamnesis gegen +erkenntnistheoretische Bedenken gesttzt, die aus drei Teilen +zusammengesetzte[20] Seele gilt als unsterblich: dies sind meines +Erachtens entscheidende Indizien fr die Prioritt des Symposion vor +dem Phaidros. Aber auch die Eroslehre selbst ist im Phaidros bedeutend +reifer und entwickelter. Die so beraus einfache Auffassung des +Symposion -- Eros das Streben des Menschen, das Gttliche seiner Natur +zur Geltung zu bringen -- ist erweitert in wichtigen Punkten. In einer +Prexistenz, fhrt Platon im Phaidros c.22f. (244aff.) aus, hat die +Seele im Gefolge desjenigen Gottes, dessen Wesen dem ihrigen gleicht, +wenn auch nur auf kurze Augenblicke und mit vieler Mhe, die Ideen +leibhaft zu schauen vermocht. Ins irdische Dasein geraten, erwacht in +ihr beim Anblick des Schnen, weil die Idee der Schnheit sozusagen die +sinnenflligste ist, die Erinnerung an jene wahre Welt und damit der +Eros. Wie ganz anders hrt sich diese Erklrung[21] des Erwachens der +Liebe an als jene Symposionstelle p.205bff., wo Platon zur Erklrung +des befremdlichen Umstandes, da nur die sinnliche Liebe Eros genannt +wird, nicht, wie es sein sollte, der allen Menschen innewohnende Drang +nach dem Guten, blo den Analogiefall der ~poisis~ anfhrt! Es ist doch +ganz undenkbar, da die Auffassung des Symposion die sptere ist. + + [20] Das Gleichnis vom Wagenlenker und den beiden Rossen + wrde meiner berzeugung nach gengen, die Prioritt + des Symposion zu erweisen; entsprechend der bereits + ausgebildeten Lehre von den drei Seelenteilen ist auch + jene Unterscheidung zwischen den zwei Arten des geistigen + Zeugungstriebes, die das Symposion blo andeutet, im + Phaidros viel schrfer: vgl. c.37 (p.256aff.). + + [21] Da diese Erklrung schon im Symposion im Mythos + von Poros und Penia enthalten sei -- Eros wird am + Geburtstagsfest der Aphrodite gezeugt -- (Zeller, II^4 + 612 Anm.), vermag ich nicht zuzugeben: Aphrodite ist ja + in erster Linie Gttin der Liebe. + +Einmal erwacht, richtet sich nun der Eros zunchst darauf, die Seele +ihrem gttlichen Fhrer wieder hnlich zu machen. Der Liebende, im +dunklen Drange nach der Rckkehr in die Gefolgschaft seines Gottes, +erkennt im Gegenstand seiner Liebe eine ihm wesensverwandte Seele und +schpft aus dieser Erkenntnis die Kraft, sich der Rckkehr in die +Gttergefolgschaft wrdig zu machen. Durch diese Auffassung eint der +Phaidros zwei scheinbar widerstreitende Ansichten des Lysis und des +Symposion. Lys. p.221eff. sagt Sokrates, da das Objekt des Eros wie +jeglicher ~epithymia~ das ~oikeion~ sei, mten zwei Freunde ~physei +oikeioi~ sein; bereinstimmung der Natur sei die Vorbedingung fr alle +Liebe. Im Symposion hingegen wird Aristophanes, der diese Auffassung +verficht, von Sokrates mit dem Bemerken widerlegt, da das ~oikeion~ +nur, sofern es gut sei, Objekt des Eros sei. Der Phaidros wei beide +Ansichten zu vereinen: er besttigt, da die bereinstimmung der Naturen +die Grundlage des Liebesbundes sei, da die Freunde tatschlich ~physei +oikeioi~ seien. Weil aber die Menschen den verschiedenen Gttern +nachgebildet sind, so ist das ~oikeion~ zugleich ein ~agathon~. + +Mit Unrecht sieht daher Bruns[22] in der Aristophanesrede des Symposion +die Erotik des Phaidros; ebenso unzutreffend ist, was er in der +Anmerkung auf Seite 24 sagt, da der geistige Verkehr im Phaidros in der +Hauptsache auf den Knaben gerichtet sei, der im Symposion nur noch die +Rolle des Anregers spiele. Dieses Argument liee sich zunchst einfach +umkehren. Vor allem aber besagt jene Phaidrosstelle 253a, die Bruns +selbst zitiert, gerade das Gegenteil: ~ichneuontes de par' heautn +aneuriskein tn tou spheterou theou physin euporousi dia to syntons +nankasthai pros ton theon blepein, kai ephaptomenoi autou t mnm +enthousintes ex ekeinou lambanousi ta eth kai ta epitdeumata, kath' +hoson dynaton theou anthrp metaschein; kai toutn d ton ermenon +aitimenoi eti te mallon agapsi ktl.~ Auch hiernach ist der Geliebte +doch im Grunde nur das Medium, wenn er dabei auch mehr gewinnt als der +~ermenos~ im Symposion. Der Phaidros stellt eben die Frage nach dem +Nutzen, den die Liebe dem Geliebten bringt, und bedeutet so die +Ergnzung des Symposion. Die Vermutung liegt nahe, da man gegen die +Erotik des Symposion eingewendet hat, sie bercksichtige nur den +Liebenden und vernachlssige die Interessen des Geliebten; sie sei +geradezu eine Warnung, sich lieben zu lassen. Wir verstehen dann, warum +in der Eroslehre des Phaidros der Geliebte so in den Vordergrund gerckt +ist, da ein Forscher vom Range Bruns' bersehen konnte, da auch in +diesem Dialog der Geliebte im Grunde nur das Medium fr den Liebenden +ist. Platon sucht eben jenem Vorwurf zu begegnen. Vielleicht dient auch +die Wiedergabe der Lysiasrede dem gleichen Zweck: sie zeigt den wahren +Egoismus im Gegensatz zur platonischen Auffassung. + + [22] a. a. O. p.24/5. + +Aber noch in einem anderen Punkt knpft der Phaidros an das Symposion +an, bezw. bildet er dessen Lehren aus. Wie oben erwhnt, mu bereits +nach dem Symposion das ~auto kalon kagathon~ als das alleinige ~onts +on~ den Urquell und die Bedingung alles Seienden bedeuten. Aber dies +ist keineswegs klar ausgesprochen, ja da Platon in der leiblichen +Fortpflanzung eine Befriedigung des Ewigkeitsstrebens sieht, steht dazu +im Widerspruch. Auch die Gtter mssen, wenn das ~auto kalon kagathon~ +allein wahrhaft ist, demselben ihr Dasein danken; wohnt nun dem +Menschen, wie das Symposion lehrt, ein gttliches Prinzip inne, das sich +zur Geltung bringen will, so ist auch das auf die Idee des Schnen und +Guten zurckzufhren und eine Befriedigung dieses Ewigkeitsstrebens ohne +jede Bezugnahme auf das ~onts on~ ausgeschlossen. Diesen logischen +Irrtum des Symposion korrigiert nun der Phaidros. Er sagt es deutlich +heraus, da die Ideen auch die Urheber der Gttlichkeit sind: ~pros +hoisper (tois eidesi) theos n theios estin~, lesen wir p.249c. Darum +strebt der Mensch nicht nur, wenn ihm die Erinnerung an jene wahre Welt +kommt, dahin zurck, nein, auch dort angelangt, gilt sein Streben wie +das aller brigen, die Gtter mit eingeschlossen, der Erkenntnis der +Ideen. Sie eben sind der Quell alles Seins. Jetzt erst ist der Eros +gleich Erkenntnistrieb, was er im Symposion _nicht_ war. Ebendadurch ist +auch Platons genderte Stellung zur sinnlichen Liebe bedingt: bei der +strengen Durchfhrung des Dualismus konnte er im ~paidosporein~ keine +Erfllung des Ewigkeitsdranges mehr, nur ein Abirren vom wahren Ziel +erblicken. Erst im Phaidros ist die Liebe 'platonisch'. + +Ich glaube nicht, da die Grnde, welche fr die Prioritt des Symposion +sprechen, hiermit erschpft sind; doch sei eine eingehendere Behandlung +dieses Punktes, insonderheit der Nachweis, da nicht nur der 'Phaidon' +und der 'Phaidros', sondern auch der 'Menon' dem Symposion nachgefolgt +ist, einer spteren Gelegenheit aufgespart. + + + + + K. u. k. Hofbuchdruckerei Carl Fromme in Wien. + + + + + [ Liste aller vorgenommenen nderungen. Die jeweils erste Zeile gibt + den unkorrigierten Text wieder, die zweite Zeile die Korrektur. + + Schler Agathon endlich betont zu Sokrates lebhafter Befriedigung, erst + Schler Agathon endlich betont zu Sokrates' lebhafter Befriedigung, erst + + bloes ~doxazein~ kann es nicht ~sophiia~ sein, als ~_ortha_ doxazein~ + bloes ~doxazein~ kann es nicht ~sophia~ sein, als ~_ortha_ doxazein~ + + ~..... eg d'hymin theos ambrotos, ouketi thntos + ~..... eg d' hymin theos ambrotos, ouketi thntos + + bringen. Jeder Tugend mute die Erkenntuis des Guten zugrunde liegen; + bringen. Jeder Tugend mute die Erkenntnis des Guten zugrunde liegen; + + fhrt auch die bekannte Anspielung des Aristophanes auf den ~doikismos~ + fhrt auch die bekannte Anspielung des Aristophanes auf den ~dioikismos~ + + Altert. III (1900) p.17ff.). + Altert. III (1900) p.17ff. + ] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Das Problem des platonischen Symposion., by +A. v. Kleemann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS PROBLEM DES PLATONISCHEN *** + +***** This file should be named 35967-8.txt or 35967-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/5/9/6/35967/ + +Produced by Alexander Bauer and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. 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Kleemann + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Das Problem des platonischen Symposion. + +Author: A. v. Kleemann + +Release Date: April 26, 2011 [EBook #35967] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS PROBLEM DES PLATONISCHEN *** + + + + +Produced by Alexander Bauer and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + +<div class="text-block"> +<p class='tnote break-after margin_t5'><b>Anmerkungen zur Transkription:</b><br /><br /> + +Es wurde größte Sorgfalt darauf verwendet den Text originalgetreu zu übertragen. Lediglich offensichtliche Fehler wurden korrigiert. +<span class='dont_print'>Sämtliche vorgenommenen Änderungen sind markiert, der <ins class='correction' title='so wie hier'>Originaltext</ins> erscheint beim Überfahren mit der Maus.</span> +Eine <a href="#Corrections">Liste aller Korrekturen</a> befindet sich am Ende des Textes. +</p> + +<h1 class="center noindent margin_t2"><span class="slight_spacing font_size_075">Das Problem</span><br /> +<span style="font-size: 50%; line-height: 4em;">des</span><br /> +<span class="slight_spacing" style="font-size: 85%;">platonischen Symposion.</span></h1> + +<p class="center noindent" style="margin-top: 3em; margin-bottom: 5em;">Von<br /> +<span style="font-size: 130%; line-height: 3em;">Dr. A. v. Kleemann.</span></p> + +<hr /> +<p class="center noindent">Sonderabdruck aus dem Jahresberichte des k. k. Sophien-Gymnasiums<br /> +im II. Bezirke in Wien.</p> +<hr /> + +<p class="center noindent" style="margin-top: 5.5em;"><span class="slight_spacing" style="font-size: 110%;">WIEN.</span><br /> +<span class="slight_spacing" style="font-size: 105%;">Im Selbstverlage des Verfassers.</span><br /> +1906.</p> + + + +<p class="center noindent margin_t5 font_size_075" style="margin-bottom: 6em;">K. u. k. Hofbuchdruckerei Carl Fromme, Wien.</p> + + + +<p class="break-before"><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_3" id="Page_3">3</a><span>] </span></span></p> +<p class="noindent center" style="font-size: 150%;">Das Problem des platonischen Symposion.</p> + +<div class="chapter_div"> +<h2><a name="I" id="I"></a>I.</h2> + + +<p>Unter all den herrlichen Werken, die Platons Genius geschaffen +hat, gebührt dem Symposion die Krone. Seine echt attische Grazie und +Anmut erinnert an die Schöpfungen des Praxiteles. Keine andere Schrift +zeigt Platons universales Können in gleichem Maße. Der Dichter wie +der Philosoph hat hier die höchste Staffel erklommen.</p> + +<p>Den Forscher aber stellt dieses Wunderwerk vor eine schwierige +Aufgabe. Seine Lehren stehen zu dem Inhalt anderer platonischer +Schriften aus früherer und späterer Zeit in so schroffem Widerspruche, +daß man versucht wäre, die Echtheit des Symposion in Zweifel zu ziehen, +wäre sie nicht über jeden Zweifel erhaben.</p> + +<p>Eine gegensätzliche Auffassung zeigt das Symposion z. B. gegenüber +dem ‚Gorgias‘ in der Beurteilung der Dichter: im ‚Gorgias‘ ausnahmslos +als Diener des Pöbels gebrandmarkt (p. 502 <i>b</i> ff.), erfahren sie +im Symposion die entgegengesetzte Behandlung; ihre Ersten, Homer und +Hesiod, werden mit den großen Gesetzgebern Lykurgos und Solon in +eine Linie gestellt und um des unvergänglichen Ruhmes ihrer Schöpfungen +willen den Heroen gleichgesetzt (p. 209 <i>a–e</i>).</p> + +<p>Wie das Schaffen des Dichters, so betrachtet das Symposion auch +die Äußerungen des Ehrgeizes (<span xml:lang="grc" lang="grc" title="philotimia">φιλοτιμία</span>) als Betätigung des geistigen +Zeugungstriebes, mithin des höchsten Preises wert. Ja, das Streben nach +unvergänglichem Nachruhm, im Grunde eine <span xml:lang="grc" lang="grc" title="philotimia">φιλοτιμία</span> höheren Grades, +wird geradezu als das eigentliche Motiv der geistigen Zeugung bezeichnet.</p> + +<p>Damit harmoniert nun keineswegs die Verurteilung der <span xml:lang="grc" lang="grc" title="philotimia">φιλοτιμία</span> +im Staat (I, 347 <i>b</i>).</p> + +<p>Indes ließe sich in diesen beiden Fällen ebenso wie bei der Differenz +in der Beurteilung des <span xml:lang="grc" lang="grc" title="paidosporein">παιδοσπορεῖν</span>, welche das Symposion gegenüber +dem ‚Phaidros‘ aufweist (der Phaidros tut p. 250 <i>e</i> ff. das <span xml:lang="grc" lang="grc" title="paidosporein">παιδοσπορεῖν</span> +verächtlich ab und betrachtet es als Abirren vom wahren Ziel, während +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_4" id="Page_4">4</a><span>] </span></span>das Symposion darin das Ewigkeitsstreben des Menschen – wenn auch +in niederem Grade – erfüllt sieht), mit der Annahme eines Wandels +der Anschauung durchkommen.</p> + +<p>Aber die Stellung, die Platon im Symposion gegenüber der Unsterblichkeitsfrage +einnimmt, läßt sich so einfach nicht erklären.</p> + +<p>Streben nach Unsterblichkeit und Ewigkeit bezeichnet das Symposion +als das Wesen des Eros. Ein Streben setzt, wie Platon nicht +verborgen ist, ein Entbehren voraus. P. 200 <i>a</i> ff. legt er dies ausführlich +dar und begegnet im vorhinein dem Einwand, daß doch z. B. der Reiche +nach Reichtum strebe, sein Besitz ihn also nicht am Streben hindere, +mit der Bemerkung, dieses Streben richte sich nur darauf, den Besitz +des Reichtums für die Zukunft zu erhalten, da der Reiche in der Gegenwart +reich sei, ob er wolle oder nicht. Es kann hiernach gar kein +Zweifel sein, daß Platon im Symposion die Seele nicht als unsterblich +betrachtet hat. Natorps Versuch,<a name="FNanchor_1_1" id="FNanchor_1_1" href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> die Differenz zwischen der Auffassung +des Symposion und der des ‚Phaidon‘ aufzulösen, ist unbedingt zurückzuweisen, +als dem klaren Wortlaut des Symposion widersprechend. Da +Platon Symp. p. 207 <i>a</i> ff. ausdrücklich sagt, wer bloß die körperliche +Zeugung betätigt habe, lebe, dem Tiere gleich, einzig und allein in +seinen Kindern fort, so geht es nicht an, den Glauben an die Unsterblichkeit +der Seele, d. h. jeder Seele in das Symposion hineinzuinterpretieren.</p> + +<p>Der Umstand, daß im Symposion die Seele nicht als unsterblich +gilt, würde dieses Werk einer frühen Schaffensperiode Platons zuweisen, +einer Zeit, da er, der Auffassung des Sokrates getreu, die Unsterblichkeit +der Seele durchaus nicht als einen Hauptlehrsatz seiner Philosophie +betrachtete. Nun enthält aber das Symposion die Ideenlehre, jene ureigenste +Schöpfung platonischen Geistes, was seine Zugehörigkeit zu +‚Phaidon‘, ‚Phaidros‘ etc. beweist und allen jenen Dialogen die Priorität +sichert, welche von der Ideenlehre noch nichts wissen oder nur deren +erste Keime aufweisen: also (von der Apologie abgesehen) Protagoras, +Hippias minor, Laches, Charmides und – Gorgias. Über dem Gorgias +schwebt der Geist der Ideenlehre, hat Th. Gomperz<a name="FNanchor_2_2" id="FNanchor_2_2" href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> treffend gesagt; +er geht dieser also voraus. Derselbe Gorgias aber verficht bereits mit +höchster Energie die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele, in Übereinstimmung +mit allen späteren Werken Platons. Wie haben wir uns +danach das Verhältnis des Symposion zum Gorgias zu denken? Jeder +der beiden Dialoge scheint Anspruch auf die Priorität zu erheben. Bei +reiflicher Überlegung werden wir dieselbe aber doch dem Gorgias zuerkennen +müssen. Denn es erscheint undenkbar, daß eine Schrift, welche +eine bestimmte Lehre bloß in ihren keimenden Anfängen enthält, jener +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_5" id="Page_5">5</a><span>] </span></span>Schrift nachgefolgt ist, die diese Lehre bereits voll ausgebildet zeigt. +Wir müssen also das Symposion dem Gorgias nachfolgen lassen und +damit ein Schwanken Platons gegenüber dem Unsterblichkeitsglauben +annehmen. Es steht ja auch die Lehre des Symposion, die Seele sei zwar +nicht von vornherein unsterblich, könne es aber (durch die geistige +Zeugung) <em>werden</em>, zwischen dem Glauben an die Vergänglichkeit der +Seele und der Überzeugung von ihrer Unsterblichkeit in der Mitte und +gleicht mehr einer Modifikation des Unsterblichkeitsglaubens. Wodurch +aber kann Platon veranlaßt worden sein, an der Lehre von der Unsterblichkeit +der Seele eine Modifikation vorzunehmen, die er später doch +wieder beseitigt hat?</p> + +<p>Diese Frage zu beantworten, sei gleich in medias res, d. h. zur +Analyse der Eroslehren des Symposion übergegangen.</p> +</div> + +<div class="chapter_div"> +<h2><a name="II" id="II"></a>II.</h2> + + +<p>Das Symposion gipfelt in Sokrates' Rede, welche für die philosophische +Würdigung des Dialoges fast allein in Betracht kommt; nicht +zwar, als ob die Reden der übrigen Teilnehmer philosophisch gänzlich +bedeutungslos wären, vielmehr enthält jede einen Gedanken, den Sokrates +in seiner Rede verwertet oder doch, wenn auch nur polemisch, berücksichtigt: +so berührt bereits Phaidros (p. 178 <i>d</i> ff.) den hohen sittlichen +Wert des Eros und stellt (p. 180 <i>b</i>) die später von Sokrates begründete +Behauptung auf, um Tugend und Glückseligkeit zu erwerben, sei des +Eros Hilfe besser als die jedes anderen Gottes. Pausanias unterscheidet +zwei Arten des Eros, eine gute und eine schlechte: die schlechte gelte +bloß den Reizen des Körpers, die gute der Tugend und Vollkommenheit +(p. 180 <i>d</i> ff.). Diesen Gegensatz, den dann Eryximachos in seiner Rede +auf die ganze organische und anorganische Natur ausdehnt (p. 186 <i>a</i> ff.), +akzeptiert Sokrates mit seiner Unterscheidung zwischen körperlichem +und geistigem Eros. Die Reden des Eryximachos und Aristophanes enthalten +die damals gangbaren Theorien über das Wesen der Liebe, die +des ersteren empedokleische und heraklitische Ansichten, die des letzteren +jene bereits im ‚Lysis‘ behandelte Definition der Liebe als des Strebens +nach dem Eigenen, dem <span xml:lang="grc" lang="grc" title="oikeion">οἰκεῖον</span>.<a name="FNanchor_3_3" id="FNanchor_3_3" href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a> Auch mit diesen Theorien setzt sich +Sokrates in seiner Rede auseinander; er legt dar, wie weit sie berechtigt +sind. Des Gorgias Schüler Agathon endlich betont zu <ins class="correction" title="Sokrates">Sokrates'</ins> lebhafter +Befriedigung, erst müsse das Wesen des zu preisenden Gottes festgestellt +sein, bevor man über sein Wirken sprechen könne (p. 195 <i>a</i> +beziehungsweise 199 <i>c</i>).<a name="FNanchor_4_4" id="FNanchor_4_4" href="#Footnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a></p> + +<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_6" id="Page_6">6</a><span>] </span></span>Eben darum aber, weil Sokrates den Reden seiner Vorgänger alles +Brauchbare entnimmt, kommt diesen Reden kein besonderes philosophisches +Interesse zu: sie dienen künstlerischen, wohl auch didaktischen +Zwecken. So genügt es für unser Vorhaben, die Rede des Sokrates zu +analysieren.</p> + +<p>In seinem Vorgespräch mit Agathon (p. 199 <i>c</i>–201 <i>d</i>) stellt Sokrates +fest, daß der Eros ein Objekt haben müsse; da man aber nur begehre, +was man nicht hat, der Eros aber auf das Schöne und das davon unzertrennliche +Gute ausgehe, so könne Eros selbst weder schön noch gut +sein. Weit gefehlt aber wäre es, ihn darum für häßlich und schlecht zu +halten. An dieser Stelle entwickelt Sokrates den Begriff des Mittleren +(<span xml:lang="grc" lang="grc" title="metaxy">μεταξύ</span>). An dem Beispiel des <span xml:lang="grc" lang="grc" title="ortha doxazein">ὀρθὰ δοξάζειν</span> wird dies deutlich gemacht. +Als bloßes <span xml:lang="grc" lang="grc" title="doxazein">δοξάζειν</span> kann es nicht <span xml:lang="grc" lang="grc" title="sophia"><ins class="correction" title="σοφιία">σοφία</ins></span> sein, als <span xml:lang="grc" lang="grc" title="ortha doxazein"><em class="grc">ὀρθὰ</em> δοξάζειν</span> aber +auch nicht <span xml:lang="grc" lang="grc" title="amathia">ἀμαθία</span>. Ein solches <span xml:lang="grc" lang="grc" title="metaxy">μεταξύ</span> ist auch der Eros, der kein Gott +sein kann als <span xml:lang="grc" lang="grc" title="tôn kalôn kai agathôn amoiros">τῶν καλῶν καὶ ἀγαθῶν ἄμοιρος</span> (p. 202 <i>d</i>), sondern nur ein +Mittelding zwischen <span xml:lang="grc" lang="grc" title="thnêtos">θνητός</span> und <span xml:lang="grc" lang="grc" title="athanatos">ἀθάνατος</span>.</p> + +<p>Anknüpfend hieran erzählt nun Sokrates den bekannten Mythus +von der Entstehung des Eros. Am Geburtstagsfeste der Aphrodite wurde +er gezeugt von einem göttlichen Vater, Poros, dem Reichtum, und einer +nicht göttlichen Mutter, Penia, der Armut.</p> + +<p>Seine Natur zeigt seine Herkunft: nach der Mutter ist er <span xml:lang="grc" lang="grc" title="penês">πένης</span>, +<span xml:lang="grc" lang="grc" title="sklêros">σκληρός</span>, <span xml:lang="grc" lang="grc" title="auchmêros">αὐχμηρός</span>, <span xml:lang="grc" lang="grc" title="endeia xynoikos">ἐνδείᾳ ξύνοικος</span> (p. 203 <i>d</i>), nach dem Vater <span xml:lang="grc" lang="grc" title="tois kalois kai tois agathois epiboulos">τοῖς καλοῖς καὶ τοῖς ἀγαθοῖς ἐπίβουλος</span>, <span xml:lang="grc" lang="grc" title="phronêseôs epithymêtês">φρονήσεως ἐπιθυμητής</span>, <span xml:lang="grc" lang="grc" title="philosophôn dia pantos tou biou">φιλοσοφῶν διὰ παντὸς τοῦ βίου</span>.</p> + +<p>Diese Schilderung des Eros ist selbstverständlich Allegorie. Was +ist Eros in Wirklichkeit? Ein Streben des Menschen. Es wohnt diesem +also ein Streben inne, das weder schön und gut noch schlecht und +häßlich ist, ein Streben, das zwischen göttlich und sterblich in der Mitte +steht. Demgemäß ist unter Eros' Elternpaar die menschliche Natur zu +verstehen, aus der jenes Streben hervorgeht. Zwei Prinzipe enthält diese +Natur: ein göttliches, das ist Poros, der Sohn der Metis; ein irdisches, +das ist Penia, die Armut und der Mangel. Das Streben, welches aus +der Verbindung dieser Prinzipe entspringt, ist der Eros, dessen Begriff +sonach gewöhnlich zu eng gefaßt ist. Er ist eigentlich das jedem +Menschen infolge der Zusammensetzung seines Wesens beständig innewohnende +Streben nach dem Guten, genauer nach dem immerwährenden +Besitz des Guten. Das Objekt des Eros ist somit im Grunde die Athanasie, +ohne welche ja ein immerwährender Besitz nicht möglich ist.</p> + +<p>Wenn dies die wahre Natur des Eros ist, so muß ein Ewigkeitsstreben +auch jener Gattung desselben zugrunde liegen, die – ohne +eigentlich erkennbaren Grund – gewöhnlich allein den Namen ‚Eros‘ +führt. Dies ist auch tatsächlich der Fall. Der Zeugungstrieb, der jenen +Eros charakterisiert, ist in Wahrheit Unsterblichkeitstrieb: er geht nicht +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_7" id="Page_7">7</a><span>] </span></span>eigentlich auf das Schöne, sondern auf Erzeugung im Schönen aus. Erzeugung +und Geburt aber sind das Göttliche und Ewige im menschlichen +Dasein, was auch dadurch bestätigt wird, daß das Schöne zur Zeugung +lockt, das Häßliche davon abstößt. Auch der Zeugungstrieb ist also +Ewigkeitstrieb (p. 206 <ins class="correction" title="im Original nicht kursiv"><i>b</i></ins>–207 <i>a</i>).</p> + +<p>Wie Sokrates weiter ausführt, ist dieser Zeugungstrieb ein zwiefacher: +ein niederer, den auch die Tiere kennen, der Drang nach körperlicher +Fortpflanzung, und ein höherer, geistiger, zu dem nur der Mensch +sich erheben kann. Dies gibt einen deutlichen Wink, wie jener Mythus +von Poros und Penia und der Entstehung des Eros zu verstehen ist. +<em>Seele</em> und <em>Leib</em> sind die beiden Prinzipe der menschlichen Natur, die +Seele das göttliche, der Leib das irdische. In dem Mythus steckt so die +orphische Lehre vom Sündenfall der Seele – Poros betrinkt sich und +ahnt in seiner Trunkenheit nicht, <em>wen</em> er zur Mutter seines Sohnes +macht –, desgleichen die orphisch-pythagoreische Anschauung von dem +Gegensatz zwischen der Natur des Leibes und der der Seele. Man wird +an Philolaos' Wortspiel ‚<span xml:lang="grc" lang="grc" title="sôma">σῶμα</span>–<span xml:lang="grc" lang="grc" title="sêma">σῆμα</span>‘,<a name="FNanchor_5_5" id="FNanchor_5_5" href="#Footnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a> an die Auffassung des Leibes als +des Grabes der Seele erinnert, wenn diese als das göttliche Prinzip im +Menschen geschildert ist, das befleckt wird durch die Vermengung mit +dem irdischen, dem Leib.</p> + +<p>Der tiefste Sinn des Eros also ist: der Mensch will göttlich, unsterblich, +ewig werden, weil ein göttliches Element in seiner Natur +enthalten ist. An dieser Stelle wird es gut sein, sich zu erinnern, daß +<span xml:lang="grc" lang="grc" title="athanatos">ἀθάνατος</span>, <span xml:lang="grc" lang="grc" title="athanasia">ἀθανασία</span> nicht einfach ‚unsterblich‘, ‚Unsterblichkeit‘, sondern +mindestens ebensosehr ‚göttlich‘, ‚Göttlichkeit‘ bedeutet. Für den Griechen +ist eben Göttlichkeit von Unsterblichkeit nicht zu trennen: denn Unsterblichkeit +ist die vornehmste Eigenschaft der Götter. Darum bedeutet +<span xml:lang="grc" lang="grc" title="athanatos">ἀθάνατος</span>, <span xml:lang="grc" lang="grc" title="athanasia">ἀθανασία</span> unzählige Male schlechthin ‚göttlich‘, ‚Göttlichkeit‘. +Im Symposion selbst finden wir diese Bedeutung: Eros, heißt es p. 202 <i>d/e</i>, +ist ein Wesen <span xml:lang="grc" lang="grc" title="metaxy thnêtou kai athanatou">μεταξὺ θνητοῦ καὶ ἀθανάτου</span>; nach den elementarsten Regeln +der Logik ist es klar, daß <span xml:lang="grc" lang="grc" title="athanatos">ἀθάνατος</span> hier nur ‚göttlich‘ bedeuten kann. +Gleich darauf lesen wir auch tatsächlich die Worte <span xml:lang="grc" lang="grc" title="pan to daimonion metaxy esti theou te kai thnêtou">πᾶν τὸ δαιμόνιον μεταξύ ἐστι θεοῦ τε καὶ θνητοῦ</span>.</p> + +<p>Das Ewigkeitsstreben des Menschen äußert sich nun zunächst als +Streben nach körperlicher Fortpflanzung. Es wäre verfehlt, führt Sokrates +p. 207 <i>d</i> ff. aus, in der Fortpflanzung nicht eine gewisse Befriedigung +des Ewigkeitstriebes zu sehen. Wohl bleibt das Alte nicht ewig, sondern +wird durch ein Neues ersetzt. Aber dies gilt im Grunde von allem, was +dem Flusse des Werdens unterworfen ist; nicht nur der physische Mensch +erneut sich beständig, ohne doch darum ein anderer genannt zu werden, +auch alles Psychische und Geistige – besonders deutlich ist dies am +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_8" id="Page_8">8</a><span>] </span></span>Gedächtnis und der Erinnerung zu sehen – ist in immerwährendem +Vergehn und Neuwerden begriffen. In dieser Weise hat eben das Vergängliche +an der Ewigkeit teil und insofern bedeutet die Fortpflanzung +eine Befriedigung des Ewigkeitstriebes.</p> + +<p>Es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß es heraklitischer +Geist ist, der aus diesen Gedanken spricht. Im Symposion beugt sich +Platon demnach vor der großartigen Weltanschauung des Ephesiers und +erkennt ihre Berechtigung an.</p> + +<p>Die höhere Art des Zeugungstriebes äußert sich in der geistigen +Zeugung, deren eigentlich treibendes Motiv die <span xml:lang="grc" lang="grc" title="philotimia">φιλοτιμία</span>, der Ehrgeiz, +speziell das Streben nach unvergänglichem Nachruhm ist. Geistige +Zeugung ist das Schaffen der Dichter und überhaupt aller Künstler, +vor allem aber der Gesetzgeber (Lykurgos und Solon). Hier zeigt es +sich nun deutlich, wie notwendig es ist, bei ‚<span xml:lang="grc" lang="grc" title="athanasia">ἀθανασία</span>‘ nicht der Bedeutung +‚Göttlichkeit‘ zu vergessen. Die geistige Zeugung als Zeugung +höherer Art sollte auch eine höhere Athanasie gewähren denn die bloß +körperliche Zeugung; der Nachruhm allein scheint aber nur eine schattenhafte, +sozusagen magere Unsterblichkeit zu verleihen: fortzuleben im +Gedächtnis der anderen Menschen statt in seiner Nachkommen Fleisch +und Blut – verdient solche Unsterblichkeit wirklich höheren Preis? +Sollen sich die Menschen mit solcher bloß ‚platonischen‘ Unsterblichkeit +zufrieden geben? Ein homerischer Zeuge verneint uns diese Frage. Ich +denke der berühmten Worte des Achill <span xml:lang="grc" lang="grc" title="l">λ</span> 488–491:</p> + +<div class="poem" xml:lang="grc" lang="grc"><div class="stanza"> +<span class="i2" title="Mê dê moi thanaton ge parauda, phaidim' Odysseu.">Μὴ δή μοι θάνατόν γε παραύδα, φαίδιμ' Ὀδυσσεῦ.<br /></span> +<span class="i2" title="bouloimên k' eparouros eôn thêteuemen allô">βουλοίμην κ' ἐπάρουρος ἐὼν θητευέμεν ἄλλῳ<br /></span> +<span class="i2" title="andri par' aklêrô, hô mê biotos polys eiê,">ἀνδρὶ παρ' ἀκλήρῳ, ᾧ μὴ βίοτος πολὺς εἴη,<br /></span> +<span class="i2" title="ê pasin nekyessi kataphthimenoisin anassein.">ἢ πᾶσιν νεκύεσσι καταφθιμένοισιν ἀνάσσειν.<br /></span> +</div></div> + +<p>Hier kommt uns nun die andere Bedeutung von <span xml:lang="grc" lang="grc" title="athanasia">ἀθανασία</span> zu Hilfe. +Wer den wahren und echten Nachruhm erlangt, wird damit zum Heros: +<span xml:lang="grc" lang="grc" title="hôn kai hiera polla">ὧν καὶ <em class="grc">ἱερὰ πολλὰ</em></span>, heißt es Symp. p. 209 <i>e</i>, <span xml:lang="grc" lang="grc" title="êdê gegone dia tous toioutous paidas, dia de tous anthrôpinous oudenos pô">ἤδη γέγονε διὰ τοὺς τοιούτους παῖδας, διὰ δὲ τοὺς ἀνθρωπίνους οὐδενός πω</span>.<a name="FNanchor_6_6" id="FNanchor_6_6" href="#Footnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a></p> + +<p>Die höchste Form der geistigen Zeugung ist aber die, welcher die +Erkenntnis der Idee des Schönen und Guten<a name="FNanchor_7_7" id="FNanchor_7_7" href="#Footnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a> zugrunde liegt, und diese +Art des Eros erzielt auch die reinste Athanasie: denn das wahre Wissen +hat die wahre Tugend zur Folge; wer nun die Idee des Schönen und +Guten, d. i. das wahrhaft Seiende, kennt, der erzeugt nicht mehr bloße +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_9" id="Page_9">9</a><span>] </span></span>Abbilder der Tugend (<span xml:lang="grc" lang="grc" title="eidôla aretês">εἴδωλα ἀρετῆς</span> p. 212 <i>a</i>), sondern die wahre und +wirkliche Tugend. Und wie das <span xml:lang="grc" lang="grc" title="ontôs on">ὄντως ὄν</span> <em>über</em> der sichtbaren Welt +liegt, so ist auch die auf der Erkenntnis des wahrhaft Seienden beruhende +Tugend eine überirdische und setzt den Menschen den Göttern +gleich. Ganz offenbar ist dies der Sinn der Stelle 212 <i>a</i> <span xml:lang="grc" lang="grc" title=".... tekonti de aretên alêthê kai threpsamenô hyparchei theophilei genesthai, kai eiper tô allô anthrôpôn athanatô kai ekeinô">.... τεκόντι δὲ ἀρετὴν ἀληθῆ καὶ θρεψαμένῳ ὑπάρχει θεοφιλεῖ γενέσθαι, καὶ εἴπερ τῳ ἄλλῳ ἀνθρώπων ἀθανάτῳ καὶ ἐκείνῳ</span>. Von einer Erhöhung der Philosophen +unter die Götter weiß ja auch der dem Symposion nahestehende Phaidon +zu erzählen (p. 82 <i>c</i>).<a name="FNanchor_8_8" id="FNanchor_8_8" href="#Footnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a> Auch ist es klar, daß die auf Grund der Ideenerkenntnis +erworbene Athanasie höherer Art sein muß als das Heroentum; +mit dem Nachruhm aber ist es hier nicht getan: gerade die wahre +Tugend kann vergessen und verschollen bleiben, ja selbst verfolgt und +mißhandelt werden. Ihr Lohn darf nicht von der Mißgunst und dem Unverstand +der Mit- und Nachwelt abhängen; sagt doch Platon auch ausdrücklich +<span xml:lang="grc" lang="grc" title="hyparchei theophilei genesthai">ὑπάρχει <em class="grc">θεοφιλεῖ</em> γενέσθαι</span>. Wir haben hier also zwischen den +Zeilen zu lesen, daß der wahre Philosoph – dabei ist natürlich in erster +Linie an Sokrates zu denken – nach seinem Tode den Göttern sich +gesellt. Es ist dies die seiner allein würdige Athanasie.</p> + +<p>Wie oben erörtert, liegt in der Unsterblichkeitsfrage das Problem +des Symposion beschlossen. Die Auffassung des ‚Gorgias‘, der zufolge +der Mensch eine unsterbliche Seele hat, ist aufgegeben. Bloß ein Streben +nach der Ewigkeit wohnt ihm inne, ein Streben, das auf verschiedene +Weise Befriedigung finden kann. Zugleich ist die Erklärung für dieses +Streben gegeben: der Mensch ist eine Mischung aus einem göttlichen +Prinzip – der Seele – und einem irdischen – dem Leib. Und zwar +ist diese Zusammensetzung so innig, daß der Tod keineswegs, wie dies +Platons Annahme im Gorgias und später wieder im Phaidon war, die +Trennung von Körper und Seele bedeutet. Vielmehr geht die Seele mit +dem Körper im Tode unter, oder genauer gesagt, da ja Seele wie Körper +jeden Augenblick vergehn, um neu zu werden, im Tode erlischt die +Fähigkeit, sich aufs neue zu schaffen, wenn der Mensch nicht für seine +Unsterblichkeit, sei es körperlich oder geistig, gesorgt hat. Das göttliche +Prinzip veranlaßt nun den Menschen, nach der Athanasie, nach Göttlichkeit +und Ewigkeit zu streben. Aber nicht dieses Streben allein wird +durch die Mischung jener beiden Prinzipe erklärt, sondern überhaupt +jedes Streben.<a name="FNanchor_9_9" id="FNanchor_9_9" href="#Footnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a> Dem Göttlichen wie dem Irdischen ist an sich das +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_10" id="Page_10">10</a><span>] </span></span>Streben fremd; dem Göttlichen, weil es sich absoluter Vollkommenheit +erfreut, dem Irdischen, weil es die eigene Unvollkommenheit gar nicht +fühlt (p. 204 <i>a</i> ff.). Erst die Mischung ruft das Streben, das Begehren +hervor: das göttliche Prinzip weckt im Menschen das Streben nach +immerwährender Glückseligkeit. Hierdurch ist das Werden verursacht, +dessen göttliche Kraft eben darin besteht, daß es an die Stelle des Alten +aus dem Alten heraus stets ein Neues treten läßt. Ganz dasselbe findet +bei der körperlichen Fortpflanzung statt, so daß also auch der Liebe +zu den Nachkommen jenes Ewigkeitsstreben zugrunde liegt.</p> + +<p>In dieser Theorie des Werdens kann man das erste Stadium der +Lehre von der Weltseele erblicken; tatsächlich läßt ja Platon den Eryximachos +eine kosmische Liebestheorie aufstellen.</p> + +<p>Ein Werden hat zunächst auch die geistige Zeugung zur Folge: +aber sie ist der Weg, zur wahren Ewigkeit zu gelangen. Sie vermag +aus dem Werden, das nur ein scheinbares Sein ist – es ist und es ist +nicht –, ein wirkliches Sein zu schaffen, insbesondere wenn sie aus +der Erkenntnis der Idee des Schönen und Guten hervorgeht.</p> + +<p>Die Weltanschauung des Symposion ist sonach eine allumfassende; +dem Werden wie dem Sein wird in gleicher Weise Rechnung getragen. +Das erstere ist ganz in heraklitischem Geiste gewürdigt, zwar, wie nicht +anders möglich, zum Sein in Gegensatz gestellt, aber keineswegs in den +völlig unüberbrückbaren der Eleaten. Platon hat erkannt, daß Werden +und Vergehn zwar in der Wirklichkeit unzertrennlich sind, darum aber +noch nicht gleich bewertet werden müssen: das Vergehn ist irdisch, +ungöttlich, die Kraft des steten Neuwerdens aber ist göttlich. Das Ziel +des Werdens ist Vollkommenheit, aus dem Werden kann sich ein Sein +gestalten. So schließt das Symposion einen kosmischen Ring um Sinnliches +und Übersinnliches. Es ist ein Evangelium des Optimismus.</p> + +<p>Das Symposion zeugt demnach von dem Versuch des Philosophen, +die Lehren Heraklits und der Pythagoreer von einem höheren Standpunkt +zu vereinen. Diese Tendenz, zwischen scheinbar konträren Weltanschauungen +zu vermitteln, erklärt die Modifikation, die Platon im +Symposion am Unsterblichkeitsglauben des ‚Gorgias‘ vorgenommen hat. +Noch einmal läßt er seinen Blick voll Liebe auf <em>dieser</em> Welt ruhen, +bevor er sich endgiltig dem weltverachtenden Mystizismus der Pythagoreer +überantwortet.</p> + +<p>Aber nicht bloß Heraklit und die Pythagoreer finden im Symposion +gebührende Beachtung; auch für den Eleatismus in megarischem Gewand +hat Platons System einen Platz frei: das <span xml:lang="grc" lang="grc" title="auto kalon kagathon">αὐτὸ καλὸν κἀγαθόν</span> wird zum +<span xml:lang="grc" lang="grc" title="ontôs on">ὄντως ὄν</span> hypostasiert. Freilich sind die Konsequenzen gerade dieser +Lehre im Symposion nicht zu voller Klarheit gebracht; namentlich die +Stellung der Götter zum <span xml:lang="grc" lang="grc" title="auto kalon kagathon">αὐτὸ καλὸν κἀγαθόν</span> bleibt unaufgeklärt. Es +kann allerdings nur eine Möglichkeit geben: das <span xml:lang="grc" lang="grc" title="auto kalon kagathon">αὐτὸ καλὸν κἀγαθόν</span> +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_11" id="Page_11">11</a><span>] </span></span>muß als das allein wahrhaft Seiende auch für die Götter das Leben- und +Sein-spendende Element bedeuten, wie es ja späterhin von der Idee +des Guten tatsächlich ausgesagt wird. Damit stimmt auch überein, daß +die Erkenntnis der Idee des Guten und Schönen den Menschen den +Göttern gleichstellen soll. Aber dieses Abhängigkeitsverhältnis der Götter +zum <span xml:lang="grc" lang="grc" title="auto kalon kagathon">αὐτὸ καλὸν κἀγαθόν</span> ist im Symposion noch keineswegs klar ausgesprochen. +Wenn nun Platon diese Entthronung der alten Götter in +aller Stille vornimmt, so ist dies zweifellos ein Zeichen dafür, daß die +Ideenlehre im Symposion noch jungen Datums ist. Noch lehrreicher in +dieser Hinsicht aber ist der Umstand, daß das Symposion nur die Idee +des <span xml:lang="grc" lang="grc" title="kalon kagathon">καλὸν κἀγαθόν</span> kennt. Ich halte es durchaus nicht für richtig, Platon +hier im Symposion etwa von den übrigen Ideen absehen zu lassen. Mir +scheint vielmehr die Hypostasierung bloß des <span xml:lang="grc" lang="grc" title="auto kalon kagathon">αὐτὸ καλόν κἀγαθόν</span> als +<span xml:lang="grc" lang="grc" title="ontôs on">ὄντως ὄν</span> die erste Form der Ideenlehre zu bedeuten. Hierbei lasse ich +mich von folgenden Erwägungen leiten.</p> + +<p>Der sokratischen Tugendwissenslehre fehlte die Bezugnahme auf +einen letzten und höchsten Begriff. Ich erinnere an die Definition der +Tapferkeit in Platons Protagoras (p. 360 <i>d</i>) als des Wissens vom <span xml:lang="grc" lang="grc" title="deinon">δεινόν</span> +und <span xml:lang="grc" lang="grc" title="mê deinon">μὴ δεινόν</span>, eine Auffassung, gegen die Platon später im Laches +polemisiert. Jede Tugend war für Sokrates eine andre <span xml:lang="grc" lang="grc" title="phronêsis">φρόνησις</span>, wie uns +Aristoteles berichtet: <span xml:lang="grc" lang="grc" title="Sôkratês .... phronêseis ôeto einai pasas tas aretas .... S. men oun logous tas aretas ôeto einai, epistêmas gar einai pasas">Σωκράτης .... φρονήσεις ᾦετο εἶναι πάσας τὰς ἀρετάς .... Σ. μὲν οὖν λόγους τὰς ἀρετὰς ᾦετο εἶναι, ἐπιστήμας γὰρ εἶναι πάσας</span>.<a name="FNanchor_10_10" id="FNanchor_10_10" href="#Footnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a> +Besonders charakteristisch ist auch folgende Stelle des platonischen +Laches (p. 194 <i>d</i>): <span xml:lang="grc" lang="grc" title="pollakis akêkoa sou">πολλάκις ἀκήκοά σου</span>, sagt dort Nikias zu Sokrates, +<span xml:lang="grc" lang="grc" title="legontos, hoti tauta agathos hekastos hêmôn haper sophos, ha de amathês tauta de kakos">λέγοντος, ὅτι ταῦτα ἀγαθὸς ἕκαστος ἡμῶν ἅπερ σοφός, ἂ δὲ ἀμαθὴς ταῦτα δὲ κακός</span>. <em>Die</em> Tugend zu definieren, hatte Sokrates nicht unternommen.</p> + +<p>Offenbar unter dem Einfluß der Megariker, in deren Mitte er ja +nach dem Tode des Sokrates weilte, hatte Platon diese Lücke in der +sokratischen Philosophie empfunden. Die Megariker hatten das Gute in +den Mittelpunkt des Seins gestellt und kannten nur eine Tugend, wie +uns Diogenes Laertius VII, 161 berichtet, nämlich die Kenntnis des +Guten: <span xml:lang="grc" lang="grc" title="aretas t' oute pollas eisêgen (Aristôn), hôs ho Zênôn, oute mian pollois onomasi kaloumenên, hôs hoi Megarikoi">ἀρετάς τ' οὔτε πολλὰς εἰσῆγεν (Ἀρίστων), ὡς ὁ Ζήνων, οὔτε μίαν πολλοῖς ὀνόμασι καλουμένην, ὡς <em class="grc">οἱ Μεγαρικοί</em></span>. Der Berechtigung dieser +Auffassung konnte sich Platon nicht verschließen,<a name="FNanchor_11_11" id="FNanchor_11_11" href="#Footnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a> zumal ja die sokratische +Basis damit nicht verlassen wurde. So einfach aber auch diese +Definition der Tugend als der Erkenntnis des Guten (und seines Gegenteils) +erscheint, so groß waren die Schwierigkeiten, nun die Definitionen +der Einzeltugenden mit jener Definition der Gesamttugend in Einklang +zu bringen. Jeder Tugend mußte die <ins class="correction" title="Erkenntuis">Erkenntnis</ins> des Guten zugrunde +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_12" id="Page_12">12</a><span>] </span></span>liegen; worin aber hatte man die charakterisierenden Merkmale der +Einzeltugenden zu sehen? Mit diesen Schwierigkeiten hat Platon ernstlich +gerungen, wie die Dialoge Laches und Charmides zeigen. In diesen +beiden Dialogen bemüht sich Platon vergeblich, die richtige Definition +der <span xml:lang="grc" lang="grc" title="andreia">ἀνδρεία</span> (Laches), beziehungsweise der <span xml:lang="grc" lang="grc" title="sôphrosynê">σωφροσύνη</span> (Charmides) zu +finden. Er muß sich begnügen, die diesbezüglichen sokratischen Definitionen +als ungenügend zu erweisen.</p> + +<p>Erst im Gorgias ist das Problem mit Hilfe der pythagoreischen +Psychologie, mit der Anerkennung der Begierden als eines selbständigen +Faktors im Innenleben des Menschen gelöst. Die unterscheidenden Merkmale +der Einzeltugenden sind gefunden: <span xml:lang="grc" lang="grc" title="aretê">ἀρετή</span> = <span xml:lang="grc" lang="grc" title="sophia">σοφία</span> ist die Erkenntnis +des Guten, beziehungsweise der Diversität des Guten und Angenehmen; +<span xml:lang="grc" lang="grc" title="hosiotês">ὁσιότης</span> ist die Erkenntnis des Guten, sofern es die Götter berührt; +<span xml:lang="grc" lang="grc" title="dikaiosynê">δικαιοσύνη</span>, die Erkenntnis des Guten, welches die Menschen betrifft; das +Feld der <span xml:lang="grc" lang="grc" title="andreia">ἀνδρεία</span> ist das Gute, wo es im Gegensatz zum Angenehmen +steht; <span xml:lang="grc" lang="grc" title="sôphrôn">σώφρων</span> aber ist der <span xml:lang="grc" lang="grc" title="sophos">σοφός</span>, weil er die Gefahr kennt, die von den +Begierden droht, und diese darum im Zaume hält (Gorg. p. 507 ff.).</p> + +<p>Gleichzeitig enthält der Gorgias wichtige Begriffsbestimmungen des +Guten. Nach Gorg. 503 <i>e</i> ff. beruht auf den (pythagoreischen)<a name="FNanchor_12_12" id="FNanchor_12_12" href="#Footnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a> Begriffen +<span xml:lang="grc" lang="grc" title="kosmos">κόσμος</span> und <span xml:lang="grc" lang="grc" title="taxis">τάξις</span> die Güte einer Sache, sie machen das <span xml:lang="grc" lang="grc" title="eidos">εἶδος</span> zum <span xml:lang="grc" lang="grc" title="eidos">εἶδος</span> +(<span xml:lang="grc" lang="grc" title="eidos">εἶδος</span> hier noch nicht im Sinne von <span xml:lang="grc" lang="grc" title="idea">ἰδέα</span> = <span xml:lang="grc" lang="grc" title="ontôs on">ὄντως ὄν</span> gebraucht). Das +Gute also macht wahrhaft seiend, verleiht erhöhte Essenz und damit in +den Augen eines Denkers jener Zeit notwendig auch erhöhte Existenz, +muß daher selbst in erster Linie als wahrhaft seiend bezeichnet werden. +Damit harmonierte nun vollkommen die Lehre der Megariker, daß in +Wahrheit nichts existiere als das Gute, daß das Gute und das Sein +identisch wären. So kommt es zunächst zur Hypostasierung nur der Idee +des <span xml:lang="grc" lang="grc" title="kalon kagathon">καλὸν κἀγαθόν</span>; damit findet jene Gedankenrichtung, welche vom +kl. Hippias über Laches und Charmides zum Gorgias geführt hatte, +ihren vorläufigen Abschluß. Den endgiltigen bedeutet erst der teleologische +Idealismus: erkenntnis-theoretische Rücksichten bestimmten +Platon neben der Idee des Guten noch andere Ideen anzuerkennen; +aber nach wie vor bleibt ihm die Idee des Guten der Angelpunkt des +Seins, alle übrigen Ideen, sogar die des Seins, verdanken dieser Idee +ihr Dasein (Rep. VI, p. 508 <i>e</i>).</p> + +<p>Der Anschauung der Eleaten, nur dem Gegenstande des Wissens – +also den Begriffen – komme wahres Sein zu im Gegensatz zu den +Gegenständen der Sinne, und dem sprachlichen Moment (z. B. Gorg. +p. 520 <i>d</i> <span xml:lang="grc" lang="grc" title="adikia adikousin hoi anthrôpoi">ἀδικίᾳ ἀδικοῦσιν οἱ ἄνθρωποι</span> – der Begriff erscheint als +wirkende Ursache –) kann ich demnach für die <em>Konzeption</em> der Ideenlehre +nur sekundäre Bedeutung zuerkennen.</p> + +<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_13" id="Page_13">13</a><span>] </span></span>Die Psychologie des Symposion ist noch ziemlich primitiv: es bleibt +in der Hauptsache bei der Gegenüberstellung von Leib und Seele. Aus +diesem Gegensatz hat sich schließlich die Lehre von den drei Seelenteilen +herauskristallisiert. Im Symposion sind, wie früher im Gorgias +(p. 465 <i>c</i>) und später im Phaidon, die Lüste und Begierden, das spätere +<span xml:lang="grc" lang="grc" title="epithymêtikon">ἐπιθυμητικόν</span>, noch durch den Leib bedingt. Desgleichen fehlt eine klare +Unterscheidung zwischen <span xml:lang="grc" lang="grc" title="logistikon">λογιστικόν</span> und <span xml:lang="grc" lang="grc" title="thymoeides">θυμοειδές</span> (ich antizipiere die +späteren <span lang="la" xml:lang="la">termini</span>). Bloß Ansätze dazu lassen sich erkennen, wie unten +ausgeführt werden soll.</p> + +<p>Von großer Bedeutung ist ferner die Stellung des Symposion zum +Begriff des <span xml:lang="grc" lang="grc" title="ortha doxazein">ὀρθὰ δοξάζειν</span>. Gewöhnlich betrachtet man den ‚Menon‘ als +denjenigen Dialog Platons, in dem dieser Begriff zuerst aufgestellt wird. +Auch Th. Gomperz<a name="FNanchor_13_13" id="FNanchor_13_13" href="#Footnote_13_13" class="fnanchor">[13]</a> ist dieser Ansicht; er sieht in der Art und Weise, +wie ‚die im Menon erarbeitete Einsicht in die Stellung der richtigen +Meinung als eines Mittleren zwischen Wissen und Unwissenheit im +Symposion wie etwas Selbstverständliches aufgegriffen und verwertet +wird‘, ein Zeichen für die Priorität des Menon vor dem Symposion. Aber +dieser Ansicht kann ich mich nicht anschließen. Man darf nicht übersehen, +daß es im Symposion Sokrates ist, der belehrt wird, während im +Menon ein unerfahrener Jüngling – der Unterricht des Gorgias, den +Menon genossen hat, wiegt in Platons Augen nicht schwer – von +Sokrates belehrt wird. Und Sokrates ist doch an jener Stelle des Symposion +(p. 201 <i>e</i> ff.) verblüfft genug: <span xml:lang="grc" lang="grc" title="Ouk euphêmêseis">Οὐκ εὐφημήσεις</span>, muß ihm Diotima +zurufen, als er sich anschickt, despektierliche Folgerungen aus dem +Mangel der Schönheit und Güte bei Eros zu ziehen. Noch schwerer aber +wiegt, daß im Menon auf die <span xml:lang="grc" lang="grc" title="doxa orthê">δόξα ὀρθή</span> die hoch bedeutsame Lehre von +der Anamnesis gegründet wird, während im Symposion dieselbe nur als +Beispiel für die Erläuterung des Begriffs des Mittleren erwähnt wird. +Dies würde die Ausführlichkeit des Menon in diesem Punkt zur Genüge +erklären. Vor allem aber sehe ich in der Auffassung der <span xml:lang="grc" lang="grc" title="doxa orthê">δόξα ὀρθή</span> +durch den Menon einen Fortschritt gegenüber dem Symposion: im Menon +erscheint sie als ein Fragment der <span xml:lang="grc" lang="grc" title="phronêsis">φρόνησις</span> aus dem Vorleben der +Seele (p. 85 <i>c</i> ff.) und demgemäß wird sie im Phaidros ausdrücklich dem +<em>guten</em> (weißen) Roß, dem <span xml:lang="grc" lang="grc" title="thymoeides">θυμοειδές</span>, zugeschrieben;<a name="FNanchor_14_14" id="FNanchor_14_14" href="#Footnote_14_14" class="fnanchor">[14]</a> im Symposion aber +erscheint das <span xml:lang="grc" lang="grc" title="ortha doxazein">ὀρθὰ δοξάζειν</span> als eine Mischung von ‚Gut‘ und ‚Schlecht‘, +aus <span xml:lang="grc" lang="grc" title="amathia">ἀμαθία</span> und <span xml:lang="grc" lang="grc" title="sophia">σοφία</span>: von der <span xml:lang="grc" lang="grc" title="amathia">ἀμαθία</span> hat es das <span xml:lang="grc" lang="grc" title="mê echein logon dounai">μὴ ἔχειν λόγον δοῦναι</span>, +von der <span xml:lang="grc" lang="grc" title="epistêmê">ἐπιστήμη</span> das <span xml:lang="grc" lang="grc" title="tou ontos tynchanein">τοῦ ὄντος τυγχάνειν</span> (p. 202 <i>a</i>).</p> + +<p>Gegenüber dem Gorgias aber zeigt das Symposion mit seiner +(übrigens schon im Lysis erfolgten) ausdrücklichen Anerkennung des +Mittleren einen entschiedenen Fortschritt. Die spätere Rehabilitierung +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_14" id="Page_14">14</a><span>] </span></span>der im Gorgias in Bausch und Bogen (Aristeides allein ausgenommen) +verurteilten Staatsmänner wird damit vorbereitet; sie ist bekanntlich im +Menon vollzogen. Die Rehabilitierung der im Gorgias gleichfalls verworfenen +Dichter hat bereits das Symposion besorgt, nachdem der ‚Jon‘ +das Verdammungsurteil des Gorgias gemildert hatte. Dichter<em class="spacedpart">feindlich</em> +ist auch der Jon noch; prinzipiell steht er mit dem Gorgias auf gleichem +Standpunkt: er erkennt den Dichtern den Besitz der <span xml:lang="grc" lang="grc" title="technê">τέχνη</span>, des bewußten, +vernunftgemäßen Schaffens, ab. Aber er räumt ihnen ein, daß sie <span xml:lang="grc" lang="grc" title="theia moira">θείᾳ μοίρᾳ</span> wirken. Diese Betonung einer <span xml:lang="grc" lang="grc" title="theia mania">θεία μανία</span> der Dichter scheint mir +mehr zu bedeuten als die bloße Illustration der in der Apologie (p. 22 <i>b/c</i>) +hingeworfenen Bemerkung, die Dichter wirkten nur <span xml:lang="grc" lang="grc" title="physei tini kai enthousiazontes">φύσει τινὶ καὶ ἐνθουσιάζοντες</span>.<a name="FNanchor_15_15" id="FNanchor_15_15" href="#Footnote_15_15" class="fnanchor">[15]</a> Sie scheint mir vielmehr der Unterscheidung verschiedener +<span xml:lang="grc" lang="grc" title="maniai">μανίαι</span> im Phaidros näher zu stehen als der Auffassung der +Apologie. Darum betrachte ich den Jon als eine Einschränkung des +Gorgias, so daß sich mir die Reihenfolge Gorgias, Jon, Lysis, Symposion +ergibt.</p> + +<p>Ein weiterer Fortschritt des Symposion gegenüber dem Gorgias +zeigt sich in folgendem: Platon unterscheidet neben jener Art der +geistigen Zeugung, welche sich in den Werken der Künstler und Staatsmänner +äußert, noch ein Schaffen auf Grund der Erkenntnis der Idee +des Guten und Schönen. Hier bereitet sich offenbar die Trennung des +guten Seelenteiles in <span xml:lang="grc" lang="grc" title="logistikon">λογιστικόν</span> und <span xml:lang="grc" lang="grc" title="thymoeides">θυμοειδές</span> vor. Das letzte Wort über +all diese Dinge aber spricht erst der Phaidros: der Grad der Ideenschau +im Vorleben bewirkt die verschiedenen Talente (Philosophie, Dichtkunst, +Politik etc.).</p> + +<p>Werfen wir nun einen kurzen Rückblick auf den Inhalt des Symposion. +Sein tiefinnerstes Wesen ist die Versöhnung heraklitischer und +pythagoreischer Gedanken, worauf auch sein Ton des sieghaften Optimismus +zurückzuführen ist. Im Zusammenhang damit steht auch die noch +ziemlich primitive Psychologie sowie das völlige Fehlen jener so überaus +wichtigen Lehre von der Wiedererinnerung. Ein weiteres bedeutsames +Charakteristikon des Symposion ist, daß <em>es</em> die Ideenlehre in ihrer ursprünglichen +Form enthält: einzig das <span xml:lang="grc" lang="grc" title="auto kalon kagathon">αὐτὸ καλὸν κἀγαθόν</span> ist als <span xml:lang="grc" lang="grc" title="ontôs on">ὄντως ὄν</span> hypostasiert, womit Platon mehr dem Vorbild der Megariker denn +der Eleaten folgte. Die Auffassung der Tugend als der Kenntnis des +Guten war im Grunde schon die Ethik des ‚Gorgias‘. In dem Augenblick +aber, da Platon im <span xml:lang="grc" lang="grc" title="auto kalon kagathon">αὐτὸ καλὸν κἀγαθόν</span> das <span xml:lang="grc" lang="grc" title="ontôs on">ὄντως ὄν</span> zu erblicken +glaubte, wurde seine Tugendlehre zugleich Ontologie.</p> + +<p>Ich sehe also im Symposion das erste größere Werk nach dem +Gorgias, setze seine Abfassung daher einige Jahre nach diesem Dialoge +an. Da ich nun mit Gomperz den Gorgias in die Zeit der Akademiegründung +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_15" id="Page_15">15</a><span>] </span></span>verlege, so müßte das Symposion etwa 385/4 v. Chr. verfaßt +sein. In diese Zeit führt auch die bekannte Anspielung des Aristophanes +auf den <span xml:lang="grc" lang="grc" title="dioikismos"><ins class="correction" title="δοικισμός">διοικισμός</ins></span> der Arkader (Symp. p. 193 <i>a</i>). In dieselbe Zeit fällt +aber auch der Tod des Aristophanes. Es kann kaum ein Zweifel sein, +daß Platon dem eben dahingegangenen großen Komödiendichter im Symposion +eine Gedenktafel geweiht hat; tatsächlich ist ja die Gestalt des +Aristophanes mit besonderer Liebe und Sympathie gezeichnet.</p> + +<p>An dieser Stelle möchte ich noch einige Worte über die Auslegung +jener merkwürdigen Stelle am Schlusse des Symposion (p. 223 <i>d</i>) sprechen, +wo Sokrates dem Tragödiendichter Agathon und dem Komödiendichter +Aristophanes auseinandersetzt, der echte Dichter müsse in gleicher Weise +Tragödien und Komödien schreiben können. Diese Worte hat man auf +Platon selbst bezogen: der Phaidon sei die Tragödie, das Symposion die +Komödie (Teichmüller, Lutoslawski, W. Christ, Natorp). Es wäre um +unsere Kenntnis der platonischen Philosophie wahrlich übel bestellt, +wenn die chronologische Forschung solchen – mehr oder minder geistreichen +– Einfällen entscheidendes Gewicht beimessen wollte. Mit Recht +hat man dawider eingewendet, daß der Phaidon gar nicht als Tragödie +bezeichnet werden könne.<a name="FNanchor_16_16" id="FNanchor_16_16" href="#Footnote_16_16" class="fnanchor">[16]</a> Vor allem aber ist eine solche Äußerung +Platons: „ich kann auch Komödien schreiben, nicht bloß Tragödien“ +(wenn anders sie überhaupt so gemeint ist), nur als Erwiderung auf einen +Angriff denkbar; man muß ihn als ‚Tragiker‘ <em>verspottet</em> haben, wenn +er sich wirklich im Symposion so äußert. Dazu bot aber der weihevolle +Ernst des Phaidon keinen Anlaß, ganz abgesehen davon, daß dieser +Dialog aus zwingenden Gründen dem Symposion nachgesetzt werden +muß. Mit der Datierung Gorgias–Symposion läßt sich indes jene Auffassung +der Stelle p. 223 <i>d</i> sehr wohl vereinen. Der Verfasser des +schwarzgalligen Gorgias kann leicht als <span xml:lang="grc" lang="grc" title="tragikôtatos">τραγικώτατος</span> verspottet worden +sein; und darauf bezöge sich dann jene Stelle des Symposion. Große +Bedeutung kommt aber meines Erachtens solchen Beobachtungen, die +ja nie zuverlässig sind, überhaupt nicht zu. Der Versuch, aus ihnen +die chronologische Reihenfolge der platonischen Dialoge zu erschließen, +käme einem Opfer des Intellektes gleich.</p> + +<p>Wenn ich das Symposion in die unmittelbare Nachbarschaft des +Gorgias stelle, so dürfte es wohl am Platze sein, einigen Mutmaßungen +Raum zu geben darüber, wie Platon dazugekommen sein könnte, dem +Gorgias das Symposion folgen zu lassen, vor allem, was ihn wohl +veranlaßt hat, seine Aufmerksamkeit der Erotik zuzuwenden, ja +die Eroslehre geradezu zum Angelpunkt seines ganzen Systemes zu +machen.</p> +</div> + + +<div class="chapter_div"> +<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_16" id="Page_16">16</a><span>] </span></span></p> +<h2><a name="III" id="III"></a>III.</h2> + + +<p>Wie bei einem Werke von solcher Leidenschaftlichkeit und solcher +Schärfe der Polemik nicht anders denkbar ist, hat Platons Gorgias jedenfalls +auf vielen Seiten lebhaften Widerspruch erregt. Sein schonungsloser +Kampf gegen den Hedonismus mußte unter Philosophen und Laien +Widersacher finden. Aber auch daß Platon im Gorgias seinen Meister +Sokrates der <span xml:lang="grc" lang="grc" title="hêdonê">ἡδονή</span> gegenüber eine Stellung einnehmen ließ, die der +historischen Wahrheit nicht entsprach, konnte nicht unwidersprochen +bleiben. In der kurzen Zeit, die seit Sokrates' Tode verstrichen war, +hatte man noch nicht vergessen, daß Sokrates durchaus kein Asket gewesen, +daß er die Freuden des Lebens ohne Not niemals verschmäht +hatte, daß er an den Blumen des Daseins nicht achtlos vorübergegangen +war. Kronzeuge hierfür war die sokratische Erotik. Wie immer, so +hatte auch hier die Fama maßlos übertrieben und namentlich Sokrates' +Verhältnis zu Alkibiades pikant ausgeschmückt. Sicherlich hat man es +nicht unterlassen, in der Polemik gegen den platonischen Gorgias darauf +hinzuweisen. So wurde Platon nahegelegt, des historischen Sokrates +Verhältnis zum Hedonismus im allgemeinen und zur Erotik im besonderen +einmal wahrheitstreu darzulegen und jenen Übertreibungen energisch +entgegenzutreten.</p> + +<p>Der Gorgias aber war wohl nicht nur ob des Mangels historischer +Treue in der Schilderung des Sokrates angegriffen worden: man hat +gewiß auch die Erotik überhaupt, die Tatsache des Liebeslebens gegen +diesen Dialog ausgespielt. Die Erotik, die ja der Gorgias ganz unberücksichtigt +gelassen hatte, schien für die hedonistische Weltanschauung +ein gewichtiges Wort in die Wagschale zu legen; und man wird kaum +mit der Annahme fehlgehen, daß gerade aus der Mitte der Sokratiker,<a name="FNanchor_17_17" id="FNanchor_17_17" href="#Footnote_17_17" class="fnanchor">[17]</a> +bei denen doch die Erotik eine so bedeutende Rolle spielte, auf dieselbe +hingewiesen wurde. Die kyrenaische Schule huldigte ja dem +Hedonismus.</p> + +<p>Dies war nun bereits eine philosophische Frage. Platon mußte sich +dadurch veranlaßt fühlen, nach Zweck, Sinn und Ziel des Eros überhaupt +zu fragen. Der Gorgias hatte sich über die Liebe gar nicht geäußert, +sie offenbar als eine <span xml:lang="grc" lang="grc" title="epithymia">ἐπιθυμία</span> unter vielen betrachtet und sich +nicht einmal darüber ausgesprochen, ob sie als eine nützliche oder +schädliche anzusehen sei. Sehen wir nun, wie sich Platon zu dieser +Frage stellen mußte.</p> + +<p>Die selbständige Untersuchung eines Problems beginnt man gewöhnlich +mit der Kritik der bereits bestehenden Theorien. So verfuhr +auch Platon mit den geltenden Liebestheorien im ‚Lysis‘; der Verschiedenheit +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_17" id="Page_17">17</a><span>] </span></span>der Ausdrücke <span xml:lang="grc" lang="grc" title="philia">φιλία</span> (Lysis) und <span xml:lang="grc" lang="grc" title="erôs">ἔρως</span> (Symposion und +Phaidros) kommt natürlich keine Bedeutung zu, da eben in der <span xml:lang="grc" lang="grc" title="philia">φιλία</span> +der Hellenen das erotische Moment enthalten war, wie gerade der +‚Lysis‘ zeigt.</p> + +<p>Das Ergebnis der platonischen Kritik im Lysis ist scheinbar ein +rein negatives. Weder die alte Deutung der Liebe und Freundschaft +als des Strebens nach dem Gleichen – eine Deutung, die auch Empedokles +übernommen hatte (Lys. p. 214 <i>b</i>), – noch die heraklitische als +der Anziehung des Ungleichen (p. 215 <i>c</i> ff.) trifft, so führt der Lysis aus, +das Richtige. Freundschaft zwischen Gleichen sei unfruchtbar und nutzlos, +eben infolge der Gleichheit: der eine hat dem anderen nichts zu geben. +Zwischen Ungleichen aber ist Freundschaft erst recht unmöglich, z. B. +zwischen <span xml:lang="grc" lang="grc" title="adikos">ἄδικος</span> und <span xml:lang="grc" lang="grc" title="dikaios">δίκαιος</span>. So bleibt nur der Mittelweg: das <span xml:lang="grc" lang="grc" title="mête agathon mête kakon">μήτε ἀγαθὸν μήτε κακόν</span> ist dem <span xml:lang="grc" lang="grc" title="agathon philon">ἀγαθόν φίλον</span> des <span xml:lang="grc" lang="grc" title="kakon">κακὸν</span> wegen, das ihm innewohnt +(p. 217 <i>b</i> ff.). Aber dadurch werden neue Schwierigkeiten geweckt: +das Gute soll nur durch das Schlechte <span xml:lang="grc" lang="grc" title="philon">φίλον</span> sein, müßte also aufhören, +<span xml:lang="grc" lang="grc" title="philon">φίλον</span> zu sein, wenn das Schlechte verschwände. Der Mensch, der ein +Mittelding zwischen ‚Gut‘ und ‚Schlecht‘ ist (p. 220 <i>d</i>), würde nicht +mehr nach dem Guten streben, wenn das Schlechte wegfiele. Dies kann +nicht richtig sein. So wird das Problem von einer neuen Seite in Angriff +genommen: jedes <span xml:lang="grc" lang="grc" title="philein">φιλεῖν</span> ist auch ein <span xml:lang="grc" lang="grc" title="epithymein kai eran">ἐπιθυμεῖν καὶ ἐρᾶν</span>, dieses +wiederum geht aus einem Mangel hervor (p. 221 <i>a</i> ff.). Damit ist die +obige Schwierigkeit umgangen, das <span xml:lang="grc" lang="grc" title="philon">φίλον</span> nicht durch das <span xml:lang="grc" lang="grc" title="kakon">κακόν</span> bedingt, +nur durch den Mangel des <span xml:lang="grc" lang="grc" title="agathon">ἀγαθόν</span>. Dieses aber ist das Objekt +der <span xml:lang="grc" lang="grc" title="philia">φιλία</span>.</p> + +<p>Die Untersuchung wird fortgesetzt und endet scheinbar ergebnislos. +Da der Mangel aus einer Beraubung hervorgeht (p. 221 <i>e</i>), scheinen +<span xml:lang="grc" lang="grc" title="erôs">ἔρως</span> und <span xml:lang="grc" lang="grc" title="philia">φιλία</span> das <span xml:lang="grc" lang="grc" title="oikeion">οἰκεῖον</span> zum Objekt zu haben. Aber bedeutet dies +nicht die Widerlegung des bisher Gewonnenen? Mit dem <span xml:lang="grc" lang="grc" title="homoion">ὅμοιον</span> darf +das <span xml:lang="grc" lang="grc" title="oikeion">οἰκεῖον</span> nicht identisch sein aus dem bereits angeführten Grunde. +Soll nun unter dem <span xml:lang="grc" lang="grc" title="oikeion">οἰκεῖον</span> das <span xml:lang="grc" lang="grc" title="agathon">ἀγαθόν</span>, unter dem <span xml:lang="grc" lang="grc" title="allotrion">ἀλλότριον</span> das <span xml:lang="grc" lang="grc" title="kakon">κακόν</span> +verstanden werden? Kann denn aber z. B. dem <span xml:lang="grc" lang="grc" title="kakos">κακός</span> das <span xml:lang="grc" lang="grc" title="agathon oikeion">ἀγαθόν οἰκεῖον</span> sein? Ist nicht vielmehr das <span xml:lang="grc" lang="grc" title="kakon">κακόν</span> dem <span xml:lang="grc" lang="grc" title="kakos">κακός</span>, das <span xml:lang="grc" lang="grc" title="agathon">ἀγαθόν</span> dem +<span xml:lang="grc" lang="grc" title="agathos oikeion">ἀγαθός οἰκεῖον</span>? Aber der Gleiche kann dem Gleichen nicht <span xml:lang="grc" lang="grc" title="philos">φίλος</span> sein! +Sokrates schließt die Unterredung mit der Aufforderung, all das Gesagte +noch einmal zu überdenken (<span xml:lang="grc" lang="grc" title="ta eirêmena hapanta anapempasasthai">τὰ εἰρημένα ἅπαντα ἀναπεμπάσασθαι</span> +p. 222 <i>e</i>).</p> + +<p>Diese Wendung allein bewiese, daß der Lysis nicht resultatlos +schließt. Platon hat es aber an einem deutlichen Wink nicht fehlen +lassen, was er als Endergebnis des Dialogs betrachtet wissen wollte: +das <span xml:lang="grc" lang="grc" title="oikeion">οἰκεῖον</span> wird, wenn auch ohne Angabe von Gründen, ausdrücklich +als nicht identisch mit dem <span xml:lang="grc" lang="grc" title="homoion">ὅμοιον</span> bezeichnet (p. 222 <i>c</i>). Um ein positives +Resultat zu erlangen, ist nur nötig, jene beiden Angaben zusammenzustellen, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_18" id="Page_18">18</a><span>] </span></span>nach welchen einerseits das Gute, andrerseits das Eigene +das Objekt der <span xml:lang="grc" lang="grc" title="philia">φιλία</span> sein soll. Das heißt natürlich, <span xml:lang="grc" lang="grc" title="agathon">ἀγαθόν</span> und <span xml:lang="grc" lang="grc" title="oikeion">οἰκεῖον</span> +(nicht <span xml:lang="grc" lang="grc" title="homoion">ὅμοιον</span>!) sind identisch: der Mensch, der weder gut noch schlecht +ist, strebt nach dem Guten als dem Eigenen. Damit sind alle Bedenken +hinfällig geworden.</p> + +<p>Nur eine Frage bleibt noch offen: wieso kann dem Menschen das +Gute <span xml:lang="grc" lang="grc" title="oikeion">οἰκεῖον</span> sein, wenn er weder gut noch schlecht ist? Die Antwort +darauf gibt erst das Symposion.</p> + +<p>Aber schon aus den Erörterungen des Lysis sehen wir, daß Platon +die Frage nach dem Wesen des Eros alsbald mit der Frage nach der +Beschaffenheit der menschlichen Natur verquickt hat, daß er erkannt +hat, die erste Frage ließe sich erst nach Beantwortung der zweiten einer +völlig befriedigenden Lösung zuführen.</p> + +<p>Wie aber kam Platon dazu, im <span xml:lang="grc" lang="grc" title="agathon">ἀγαθόν</span> das Objekt des <span xml:lang="grc" lang="grc" title="erôs">ἔρως</span> zu +sehen? Jedenfalls war ihm, der die Reinheit der sokratischen Erotik +kannte, klar, daß der Begriff des Eros ein umfassenderer sein mußte +als der der sinnlichen Liebe. Ein Gemeinsames mußte indessen den +höchsten Eros mit dem niedersten verbinden. Das aber konnte nur das +Streben nach dem Schönen sein, ob man nun darunter wohlgeformte +Körper oder so erhabene Dinge wie Weisheit und Tugend verstand. +Denn auch das zählte für den Griechen, der das <span xml:lang="grc" lang="grc" title="agathon">ἀγαθόν</span> vom <span xml:lang="grc" lang="grc" title="kalon">καλόν</span> nicht +trennte, zum Schönen. Diese gemeingriechische Auffassung wurde Platon +auch durch die Pythagoreer bestätigt: auf <span xml:lang="grc" lang="grc" title="kosmos">κόσμος</span> und <span xml:lang="grc" lang="grc" title="taxis">τάξις</span> beruht nach +der pythagoreischen Quelle des Gorgias die Trefflichkeit eines Dinges, +nicht minder aber die Schönheit; denn Ebenmaß und Gesetzmäßigkeit +erwecken ein ästhetisches Lustgefühl. So ist für Platon das <span xml:lang="grc" lang="grc" title="kalon kagathon">καλὸν κἀγαθόν</span> das eigentliche Objekt des Eros; und da er – schon im Gorgias +– den Menschen aus einem guten und einem nicht guten Element +bestehen ließ, erklärte sich ihm der Eros aus der menschlichen Natur: +auf das Gute (und Schöne) richtet sich das Streben des Menschen, weil +es zwar seiner Natur innewohnt, aber nicht rein und ungetrübt.</p> + +<p>So weit war sich Platon bereits im Lysis über das Erosproblem +klar geworden; es war ihm aber in diesem Dialog nicht darum zu tun, +die Lösung der Frage zu geben, sondern die bestehenden Theorien zu +kritisieren und den Boden für seine Auffassung zu bereiten. Denn bei +der Erklärung des Eros als des Strebens nach dem Guten und Schönen +blieb Platon nicht stehen. Das gute Element im Menschen hielt er, wie +das Symposion uns lehrt, für göttlichen Ursprungs. So ist das Streben +nach dem Guten und Schönen, der Eros, im Grunde ein Streben nach +Göttlichkeit; tatsächlich strebt ja auch der Mensch nach dem <em>immerwährenden</em> +Besitz des Guten; ohne Unsterblichkeit, das Vorrecht der +Götter, ist ein solcher aber nicht möglich: so mußte Platon als Ziel des +Eros im tiefsten Grunde Unsterblichkeit und Göttlichkeit erscheinen. +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_19" id="Page_19">19</a><span>] </span></span>Dadurch war ihm die Möglichkeit gegeben, die Unsterblichkeitstheorie +des ‚Gorgias‘ zu modifizieren und der heraklitischen Weltanschauung +Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.</p> + +<p>Aus diesen Anschauungen über das Wesen des Eros ergab sich +nun weiters, daß, da jeder Mensch nach dem Guten strebt, alle Menschen +ohne Ausnahme Erotiker genannt werden müßten; zugleich sah sich +Platon vor die Aufgabe gestellt, den Eros im engeren Sinn auf den +Ewigkeitstrieb zurückzuführen. Er erledigte sich derselben, indem er +jenen Eros als Zeugungstrieb erklärte; denn die Zeugung ist göttlich, +ihre Produkte überdauern den Urheber: die leiblichen Kinder ihre Eltern, +die geistigen Schöpfungen ihren Schöpfer. So zielt also auch jener spezielle +Eros auf Unsterblichkeit und Göttlichkeit, ja durch ihn betätigt +sich hauptsächlich jener allgemeine Eros, der allen Menschen infolge der +Zusammensetzung ihrer Natur innewohnt.</p> + +<p>Diese Lehren hat Platon im Symposion verkündet. Er hat in diesem +Werk aber zugleich die Gelegenheit wahrgenommen, die Stellung des historischen +Sokrates zur Erotik wie zur Lust überhaupt wahrheitsgemäß +zu schildern. Diesem Zwecke dient vornehmlich die Rede des Alkibiades, +welche alle jene Märchen zerstreut, die von einer sinnlichen Liebe des +Sokrates zu jener glänzendsten Erscheinung Allgriechenlands zu erzählen +wußten. Zugleich gibt Platon durch seine ganze Schilderung des Sokrates +zu, daß dieser die Annehmlichkeiten des Lebens durchaus nicht verschmäht +hat. Er will offenbar der verkehrten Auslegung seines Gorgias entgegentreten, +als habe er der Vernichtung der Begierden, der Ächtung des +<span xml:lang="grc" lang="grc" title="hêdy">ἡδύ</span> das Wort geredet. Im Gorgias hatte er alle die verurteilt, die das +<span xml:lang="grc" lang="grc" title="hêdy">ἡδύ</span> höher stellten als das <span xml:lang="grc" lang="grc" title="agathon">ἀγαθόν</span>; damit war aber keineswegs verlangt, +daß dem <span xml:lang="grc" lang="grc" title="hêdy">ἡδύ</span> auch derjenige ausweiche, der gewohnt ist, dem <span xml:lang="grc" lang="grc" title="agathon">ἀγαθόν</span> zu +folgen. Dieses Moment hebt das Symposion ausdrücklich hervor: es +enthält geradezu den Beweis, daß das <span xml:lang="grc" lang="grc" title="hêdy">ἡδύ</span> wahrhaft zu genießen nur +vermöge, wer das <span xml:lang="grc" lang="grc" title="agathon">ἀγαθόν</span> höher stellt. Nie hätte Sokrates jene geradezu +phänomenale <span xml:lang="grc" lang="grc" title="enkrateia tôn hêdonôn">ἐγκράτεια τῶν ἡδονῶν</span> erreicht, wäre sein Leitstern nicht +das <span xml:lang="grc" lang="grc" title="agathon">ἀγαθόν</span> gewesen. Und erst als <span xml:lang="grc" lang="grc" title="enkratês tôn hêdonôn">ἐγκρατὴς τῶν ἡδονῶν</span> konnte er das +<span xml:lang="grc" lang="grc" title="hêdy">ἡδύ</span> voll und ganz genießen.</p> + +<p>Von diesem Gesichtspunkt aus ist die Rede des Alkibiades zu verstehen; +sie hat den doppelten Zweck, einerseits die Stellung des historischen +Sokrates zur <span xml:lang="grc" lang="grc" title="hêdonê">ἡδονή</span> klar zu legen, anderseits zu zeigen, wie +weit die <span xml:lang="grc" lang="grc" title="hêdonê">ἡδονή</span> überhaupt berechtigt ist.</p> +</div> + + +<div class="chapter_div"> +<h2><a name="IV" id="IV"></a>IV.</h2> + + +<p>Hiermit wäre eigentlich unsere Untersuchung zu Ende. Ich will es +mir aber nicht versagen, noch das Verhältnis des Symposion zum Phaidros +zu besprechen, zu jenem Dialog, der gleichfalls das Thema der Erotik +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_20" id="Page_20">20</a><span>] </span></span>behandelt. Ob dem Symposion oder dem Phaidros die Priorität zuzusprechen +ist, darüber gehen die Ansichten noch immer auseinander. Die +sprachlichen Indizien sprechen entschieden für die spätere Abfassung +des Phaidros; aus inhaltlichen Gründen weist neuerdings auch Raeder +den Phaidros einer recht späten Epoche der schriftstellerischen Tätigkeit +Platons zu: nicht nur Symposion und Phaidon, auch den Staat läßt +er ihm vorausgehen.<a name="FNanchor_18_18" id="FNanchor_18_18" href="#Footnote_18_18" class="fnanchor">[18]</a> Ivo Bruns<a name="FNanchor_19_19" id="FNanchor_19_19" href="#Footnote_19_19" class="fnanchor">[19]</a> dagegen glaubt, gleichfalls aus inhaltlichen +Gründen, die Priorität des Phaidros erweisen zu können. +Bevor ich auf die Frage eingehe, sei mir eine Bemerkung allgemeiner +Natur gestattet. Größere Genialität und Tiefe lassen sich nicht als +chronologische Indizien verwerten bei Werken, die der Vollkraft ihres +Schöpfers entstammen. Und gerade dies ist der Fall der platonischen +Dichtungen Symposion und Phaidros. Wer im Symposion den höchsten +Ausdruck platonischen Genies und Tiefsinnes findet, wird schwerlich zu +widerlegen sein. Die Gedanken über das innerste Wesen der Liebe, +welche das Symposion in unvergleichlicher Form bietet, sind auch heute +noch nicht veraltet. An einen Denker der jüngsten Vergangenheit, an +Friedrich Nietzsche gemahnt es, wenn Platon alles Schaffen für göttlich +erklärt. Es wäre indes verfehlt, aus diesen Qualitäten des Symposion +die Priorität des Phaidros erweisen zu wollen. Denn die Schrift, welcher +der <em>relativ</em> geringere Wert zukommt, kann sehr wohl die später entstandene +sein. Ihr Schöpfer hatte eben den Gipfelpunkt seines Könnens +bereits überschritten. Ein solches Verhältnis scheint mir zwischen Symposion +und Phaidros zu bestehen. Platons Können hat meines Erachtens +den Höhepunkt in <em>dem</em> Augenblick überschritten, da seine Mystik anhebt. +Mystische Anklänge sind nun im Phaidros bereits in großer Zahl +vorhanden, während sie im Symposion noch völlig fehlen. Man kann +wohl sagen, mit der Lehre von der Wiedererinnerung beginnt die Mystik +Platons. Hier hebt der Nebel an und das Dämmerdunkel; Platon sucht +in Tiefen hineinzuleuchten, die keines menschlichen Geistes Flamme zu +erhellen vermag. Das einzig Gegebene, das irdische Leben, als Wirkung +einer Präexistenz aufgefaßt – da entzieht sich das Denken selber den +Boden unter den Füßen. Auf dem Symposion hingegen liegt noch volle +Sonne: sokratische, vielleicht überhaupt ionisch-attische Sonne und +Klarheit.</p> + +<p>Wenden wir uns von diesen allgemeinen Erwägungen dem Vergleich +der Lehren des Symposion und des Phaidros zu.</p> + +<p>Im Phaidros ist die Idee des Schönen eine Idee unter Ideen, nicht +<em>die</em> Idee, die Ideenlehre ist durch die Lehre von der Anamnesis gegen +erkenntnistheoretische Bedenken gestützt, die aus drei Teilen zusammengesetzte<a name="FNanchor_20_20" id="FNanchor_20_20" href="#Footnote_20_20" class="fnanchor">[20]</a> +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_21" id="Page_21">21</a><span>] </span></span>Seele gilt als unsterblich: dies sind meines Erachtens entscheidende +Indizien für die Priorität des Symposion vor dem Phaidros. Aber auch +die Eroslehre selbst ist im Phaidros bedeutend reifer und entwickelter. +Die so überaus einfache Auffassung des Symposion – Eros das Streben +des Menschen, das Göttliche seiner Natur zur Geltung zu bringen – +ist erweitert in wichtigen Punkten. In einer Präexistenz, führt Platon +im Phaidros c. 22 f. (244 <i>a</i> ff.) aus, hat die Seele im Gefolge desjenigen +Gottes, dessen Wesen dem ihrigen gleicht, wenn auch nur auf kurze +Augenblicke und mit vieler Mühe, die Ideen leibhaft zu schauen vermocht. +Ins irdische Dasein geraten, erwacht in ihr beim Anblick des +Schönen, weil die Idee der Schönheit sozusagen die sinnenfälligste ist, +die Erinnerung an jene wahre Welt und damit der Eros. Wie ganz +anders hört sich diese Erklärung<a name="FNanchor_21_21" id="FNanchor_21_21" href="#Footnote_21_21" class="fnanchor">[21]</a> des Erwachens der Liebe an als jene +Symposionstelle p. 205 <i>b</i> ff., wo Platon zur Erklärung des befremdlichen +Umstandes, daß nur die sinnliche Liebe Eros genannt wird, nicht, wie +es sein sollte, der allen Menschen innewohnende Drang nach dem +Guten, bloß den Analogiefall der <span xml:lang="grc" lang="grc" title="poiêsis">ποίησις</span> anführt! Es ist doch ganz +undenkbar, daß die Auffassung des Symposion die spätere ist.</p> + +<p>Einmal erwacht, richtet sich nun der Eros zunächst darauf, die +Seele ihrem göttlichen Führer wieder ähnlich zu machen. Der Liebende, +im dunklen Drange nach der Rückkehr in die Gefolgschaft seines Gottes, +erkennt im Gegenstand seiner Liebe eine ihm wesensverwandte Seele +und schöpft aus dieser Erkenntnis die Kraft, sich der Rückkehr in die +Göttergefolgschaft würdig zu machen. Durch diese Auffassung eint der +Phaidros zwei scheinbar widerstreitende Ansichten des Lysis und des +Symposion. Lys. p. 221 <i>e</i> ff. sagt Sokrates, da das Objekt des Eros +wie jeglicher <span xml:lang="grc" lang="grc" title="epithymia">ἐπιθυμία</span> das <span xml:lang="grc" lang="grc" title="oikeion">οἰκεῖον</span> sei, müßten zwei Freunde <span xml:lang="grc" lang="grc" title="physei oikeioi">φύσει οἰκεῖοι</span> +sein; Übereinstimmung der Natur sei die Vorbedingung für alle Liebe. +Im Symposion hingegen wird Aristophanes, der diese Auffassung verficht, +von Sokrates mit dem Bemerken widerlegt, daß das <span xml:lang="grc" lang="grc" title="oikeion">οἰκεῖον</span> nur, +sofern es gut sei, Objekt des Eros sei. Der Phaidros weiß beide Ansichten +zu vereinen: er bestätigt, daß die Übereinstimmung der Naturen +die Grundlage des Liebesbundes sei, daß die Freunde tatsächlich <span xml:lang="grc" lang="grc" title="physei oikeioi">φύσει οἰκεῖοι</span> seien. Weil aber die Menschen den verschiedenen Göttern nachgebildet +sind, so ist das <span xml:lang="grc" lang="grc" title="oikeion">οἰκεῖον</span> zugleich ein <span xml:lang="grc" lang="grc" title="agathon">ἀγαθόν</span>.</p> + +<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_22" id="Page_22">22</a><span>] </span></span>Mit Unrecht sieht daher Bruns<a name="FNanchor_22_22" id="FNanchor_22_22"></a><a href="#Footnote_22_22" class="fnanchor">[22]</a> in der Aristophanesrede des Symposion +die Erotik des Phaidros; ebenso unzutreffend ist, was er in der +Anmerkung auf Seite 24 sagt, daß der geistige Verkehr im Phaidros in +der Hauptsache auf den Knaben gerichtet sei, der im Symposion nur +noch die Rolle des Anregers spiele. Dieses Argument ließe sich zunächst +einfach umkehren. Vor allem aber besagt jene Phaidrosstelle 253 <i>a</i>, die +Bruns selbst zitiert, gerade das Gegenteil: <span xml:lang="grc" lang="grc" title="ichneuontes de par' heautôn aneuriskein tên tou spheterou theou physin euporousi dia to syntonôs ênankasthai pros ton theon blepein, kai ephaptomenoi autou tê mnêmê enthousiôntes ex ekeinou lambanousi ta ethê kai ta epitêdeumata, kath' hoson dynaton theou anthrôpô metaschein; kai toutôn dê ton erômenon aitiômenoi eti te mallon agapôsi ktl.">ἰχνεύοντες δὲ παρ' ἑαυτῶν ἀνευρίσκειν τὴν τοῦ σφετέρου θεοῦ φύσιν εὐποροῦσι διὰ τὸ συντόνως ἠναγκάσθαι πρὸς τὸν θεὸν βλέπειν, καὶ ἐφαπτόμενοι αὐτοῦ τῇ μνήμῃ ἐνθουσιῶντες ἐξ ἐκείνου λαμβάνουσι τὰ ἔθη καὶ τὰ ἐπιτηδεύματα, καθ' ὅσον δυνατὸν θεοῦ ἀνθρώπῳ μετασχεῖν· καὶ τούτων δὴ τὸν ἐρώμενον αἰτιώμενοι ἔτι τε μᾶλλον ἀγαπῶσι κτλ.</span> Auch hiernach ist der Geliebte doch im +Grunde nur das Medium, wenn er dabei auch mehr gewinnt als der +<span xml:lang="grc" lang="grc" title="erômenos">ἐρώμενος</span> im Symposion. Der Phaidros stellt eben die Frage nach dem +Nutzen, den die Liebe dem Geliebten bringt, und bedeutet so die Ergänzung +des Symposion. Die Vermutung liegt nahe, daß man gegen die +Erotik des Symposion eingewendet hat, sie berücksichtige nur den Liebenden +und vernachlässige die Interessen des Geliebten; sie sei geradezu +eine Warnung, sich lieben zu lassen. Wir verstehen dann, warum in +der Eroslehre des Phaidros der Geliebte so in den Vordergrund gerückt +ist, daß ein Forscher vom Range Bruns' übersehen konnte, daß auch in +diesem Dialog der Geliebte im Grunde nur das Medium für den Liebenden +ist. Platon sucht eben jenem Vorwurf zu begegnen. Vielleicht +dient auch die Wiedergabe der Lysiasrede dem gleichen Zweck: sie +zeigt den wahren Egoismus im Gegensatz zur platonischen Auffassung.</p> + +<p>Aber noch in einem anderen Punkt knüpft der Phaidros an das +Symposion an, bezw. bildet er dessen Lehren aus. Wie oben erwähnt, +muß bereits nach dem Symposion das <span xml:lang="grc" lang="grc" title="auto kalon kagathon">αὐτὸ καλὸν κἀγαθόν</span> als das alleinige +<span xml:lang="grc" lang="grc" title="ontôs on">ὄντως ὄν</span> den Urquell und die Bedingung alles Seienden bedeuten. +Aber dies ist keineswegs klar ausgesprochen, ja daß Platon in der leiblichen +Fortpflanzung eine Befriedigung des Ewigkeitsstrebens sieht, steht +dazu im Widerspruch. Auch die Götter müssen, wenn das <span xml:lang="grc" lang="grc" title="auto kalon kagathon">αὐτὸ καλὸν κἀγαθόν</span> allein wahrhaft ist, demselben ihr Dasein danken; wohnt nun +dem Menschen, wie das Symposion lehrt, ein göttliches Prinzip inne, das +sich zur Geltung bringen will, so ist auch das auf die Idee des Schönen +und Guten zurückzuführen und eine Befriedigung dieses Ewigkeitsstrebens +ohne jede Bezugnahme auf das <span xml:lang="grc" lang="grc" title="ontôs on">ὄντως ὄν</span> ausgeschlossen. Diesen +logischen Irrtum des Symposion korrigiert nun der Phaidros. Er sagt +es deutlich heraus, daß die Ideen auch die Urheber der Göttlichkeit +sind: <span xml:lang="grc" lang="grc" title="pros hoisper (tois eidesi) theos ôn theios estin">πρὸς οἷσπερ (τοῖς εἴδεσι) θεὸς ὢν θεῖός ἐστιν</span>, lesen wir p. 249 <i>c</i>. +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_23" id="Page_23">23</a><span>] </span></span>Darum strebt der Mensch nicht nur, wenn ihm die Erinnerung an jene +wahre Welt kommt, dahin zurück, nein, auch dort angelangt, gilt sein +Streben wie das aller übrigen, die Götter mit eingeschlossen, der Erkenntnis +der Ideen. Sie eben sind der Quell alles Seins. Jetzt erst ist +der Eros gleich Erkenntnistrieb, was er im Symposion <em>nicht</em> war. Ebendadurch +ist auch Platons geänderte Stellung zur sinnlichen Liebe bedingt: +bei der strengen Durchführung des Dualismus konnte er im +<span xml:lang="grc" lang="grc" title="paidosporein">παιδοσπορεῖν</span> keine Erfüllung des Ewigkeitsdranges mehr, nur ein Abirren +vom wahren Ziel erblicken. Erst im Phaidros ist die Liebe ‚platonisch‘.</p> + +<p>Ich glaube nicht, daß die Gründe, welche für die Priorität des +Symposion sprechen, hiermit erschöpft sind; doch sei eine eingehendere +Behandlung dieses Punktes, insonderheit der Nachweis, daß nicht nur +der ‚Phaidon‘ und der ‚Phaidros‘, sondern auch der ‚Menon‘ dem Symposion +nachgefolgt ist, einer späteren Gelegenheit aufgespart.</p> +</div> + + +<div class="figcenter" style="width: 226px; margin-top: 3em;"> +<img src="images/deco_top.png" width="226" height="32" alt="" /> +</div> +<p class="center noindent font_size_075" style="margin-top: 1em;">K. u. k. Hofbuchdruckerei Carl Fromme in Wien.</p> +<div class="figcenter" style="width: 225px; margin-top: 1em;"> +<img src="images/deco_bottom.png" width="225" height="32" alt="" /> +</div> + + + +<div class="footnotes break-before"> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_1_1" id="Footnote_1_1" href="#FNanchor_1_1" class="label">[1]</a> P. Natorp, Platos Ideenlehre, p. 168.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_2_2" id="Footnote_2_2" href="#FNanchor_2_2" class="label">[2]</a> Griech. Denker, II, p. 285.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_3_3" id="Footnote_3_3" href="#FNanchor_3_3" class="label">[3]</a> Vgl. Th. Gomperz, a. a. O. II, p. 312.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_4_4" id="Footnote_4_4" href="#FNanchor_4_4" class="label">[4]</a> Platons alte Gegnerschaft gegen die Rhetorik zeigt sich auch hierin: das einzige, +was er an ihr zu billigen findet, ist ihre klare Einteilung und Disposition.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_5_5" id="Footnote_5_5" href="#FNanchor_5_5" class="label">[5]</a> Diels, frg. 14.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_6_6" id="Footnote_6_6" href="#FNanchor_6_6" class="label">[6]</a> Gedenkt diese Stelle des Heroenkultes, so erinnert eine frühere, die <span xml:lang="grc" lang="grc" title="paidogonia">παιδογονία</span> +betreffende, an den Ahnenkult: <span xml:lang="grc" lang="grc" title="hoi men oun enkymones kata sômata ontes pros tas gynaikas mallon trepontai kai tautê erôtikoi eisi, dia paidogonias athanasian kai mnêmên kai eudaimonian, hôs oiontai, hautois eis ton epeita chronon panta porizomenoi">οἱ μὲν οὖν ἐγκύμονες κατὰ σώματα ὄντες πρὸς τὰς γυναῖκας μᾶλλον τρέπονται καὶ ταύτῃ ἐρωτικοί εἰσι, διὰ παιδογονίας ἀθανασίαν <ins class="correction" title="καἰ">καὶ</ins> μνήμην καὶ εὐδαιμονίαν, ὡς οἴονται, αὑτοῖς εἰς τὸν ἔπειτα χρόνον πάντα ποριζόμενοι</span> p. 208 <i>e</i>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_7_7" id="Footnote_7_7" href="#FNanchor_7_7" class="label">[7]</a> Platon erklärt im Symposion wiederholt ausdrücklich, daß sich das Schöne vom +Guten nicht trennen lasse: p. 201 <i>c</i>, 204 <i>e</i> ff., indirekt auch p. 212 <i>a</i>.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_8_8" id="Footnote_8_8" href="#FNanchor_8_8" class="label">[8]</a> Ich erinnere auch an die stolzen Worte des Empedokles (Diels frg. 112). +</p> +<div class="poem" xml:lang="grc" lang="grc"><div class="stanza"> +<span class="i2" title="..... egô d' hymin theos ambrotos, ouketi thnêtos">..... ἐγὼ <ins class="correction" title="δ'ὑμῖν">δ' ὑμῖν</ins> θεὸς ἄμβροτος, οὐκέτι θνητός<br /></span> +<span class="i2" title="pôleumai meta pasi tetimenos ktl.">πωλεῦμαι μετὰ πᾶσι τετιμένος κτλ.<br /></span> +</div></div> + +<p>Überhaupt haben ja die Alten in der Gottwerdung eines Sterblichen zwar etwas +Außergewöhnliches, aber durchaus nichts Unmögliches gesehen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_9_9" id="Footnote_9_9" href="#FNanchor_9_9" class="label">[9]</a> Im Grunde ist für Platon jedes Streben wenigstens subjektiv ein Streben nach +dem immerwährenden Besitz des Guten.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_10_10" id="Footnote_10_10" href="#FNanchor_10_10" class="label">[10]</a> Eth. N. VI, 13, 1144 <i>b</i> 17; zu vergleichen sind auch die Stellen ibid. III, 11, +1116 <i>b</i> 4 und Eth. Eud. I, 5, 1216 <i>b</i> 6.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_11_11" id="Footnote_11_11" href="#FNanchor_11_11" class="label">[11]</a> Wie der kleinere Hippias beweist.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_12_12" id="Footnote_12_12" href="#FNanchor_12_12" class="label">[12]</a> Aristoxenos bei Stobaios, fl. t. 43, 49 (Diels, Frgm. p. 294).</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_13_13" id="Footnote_13_13" href="#FNanchor_13_13" class="label">[13]</a> a. a. O. II, 317.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_14_14" id="Footnote_14_14" href="#FNanchor_14_14" class="label">[14]</a> <span xml:lang="grc" lang="grc" title="Alêthinês doxês hetairos">Ἀληθινῆς δόξης ἑταῖρος</span> heißt es p. 253 <i>d</i> vom weißen Roß.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_15_15" id="Footnote_15_15" href="#FNanchor_15_15" class="label">[15]</a> So erklärt H. Raeder, Platons philosoph. Entwicklung p. 92, den Jon.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_16_16" id="Footnote_16_16" href="#FNanchor_16_16" class="label">[16]</a> R. Hirzel, der Dialog I, 225.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_17_17" id="Footnote_17_17" href="#FNanchor_17_17" class="label">[17]</a> Freilich nicht von Seite des Antisthenes.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_18_18" id="Footnote_18_18" href="#FNanchor_18_18" class="label">[18]</a> a. a. O. p. 245 ff.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_19_19" id="Footnote_19_19" href="#FNanchor_19_19" class="label">[19]</a> ‚Attische Liebestheorien‘, Neue Jahrb. f. d. klass. Altert. III (1900) p. 17 <ins class="correction" title="ff.).">ff.</ins></p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_20_20" id="Footnote_20_20" href="#FNanchor_20_20" class="label">[20]</a> Das Gleichnis vom Wagenlenker und den beiden Rossen würde meiner Überzeugung +nach genügen, die Priorität des Symposion zu erweisen; entsprechend der bereits +ausgebildeten Lehre von den drei Seelenteilen ist auch jene Unterscheidung zwischen den +zwei Arten des geistigen Zeugungstriebes, die das Symposion bloß andeutet, im Phaidros +viel schärfer: vgl. c. 37 (p. 256 <i>a</i> ff.).</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_21_21" id="Footnote_21_21" href="#FNanchor_21_21" class="label">[21]</a> Daß diese Erklärung schon im Symposion im Mythos von Poros und Penia enthalten +sei – Eros wird am Geburtstagsfest der Aphrodite gezeugt – (Zeller, II⁴ 612 Anm.), +vermag ich nicht zuzugeben: Aphrodite ist ja in erster Linie Göttin der Liebe.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_22_22" id="Footnote_22_22" href="#FNanchor_22_22" class="label">[22]</a> a. a. O. p. 24/5.</p></div> + +</div> + + +<div class="tnote tnote-correction break-before"><a name="Corrections" id="Corrections"></a><div class="tnote-correction-list-margin">Die folgenden Änderungen gegenüber dem Originaltext wurden vorgenommen:<br /> +<span class="correction-list"><br />Die jeweils erste Zeile gibt den unkorrigierten Text wieder, die zweite Zeile die Korrektur.</span> +<ul> +<li><a href="#Page_5">Seite 5</a>:<br /> +<span class="correction-list">Des Gorgias Schüler Agathon endlich betont zu Sokrates lebhafter +Befriedigung<br /></span> +Des Gorgias Schüler Agathon endlich betont zu <ins class="correction" title="Sokrates">Sokrates'</ins> lebhafter +Befriedigung +</li> +<li><a href="#Page_6">Seite 6</a>:<br /> +<span class="correction-list">Als bloßes <span xml:lang="grc" lang="grc" title="doxazein">δοξάζειν</span> kann es nicht <span xml:lang="grc" lang="grc" title="sophiia">σοφιία</span> sein<br /></span> +Als bloßes <span xml:lang="grc" lang="grc" title="doxazein">δοξάζειν</span> kann es nicht <span xml:lang="grc" lang="grc" title="sophia"><ins class="correction" title="σοφιία">σοφία</ins></span> sein +</li> +<li><a href="#Page_7">Seite 7</a>:<br /> +<span class="correction-list">(p. 206 b–207 <i>a</i>)<br /></span> +(p. 206 <ins class="correction" title="im Original nicht kursiv"><i>b</i></ins>–207 <i>a</i>) +</li> +<li><a href="#Page_11">Seite 11</a>:<br /> +<span class="correction-list">Jeder Tugend mußte die Erkenntuis des Guten<br /></span> +Jeder Tugend mußte die <ins class="correction" title="Erkenntuis">Erkenntnis</ins> des Guten +</li> +<li><a href="#Page_15">Seite 15</a>:<br /> +<span class="correction-list">Anspielung des Aristophanes +auf den <span xml:lang="grc" lang="grc" title="doikismos">δοικισμός</span> der Arkader<br /></span> +Anspielung des Aristophanes +auf den <span xml:lang="grc" lang="grc" title="dioikismos"><ins class="correction" title="δοικισμός">διοικισμός</ins></span> der Arkader +</li> +<li><a href="#Footnote_6_6">Fußnote 6</a>:<br /> +<span class="correction-list" xml:lang="grc" lang="grc" title="dia paidogonias athanasian kai mnêmên kai eudaimonian">διὰ παιδογονίας ἀθανασίαν καἰ μνήμην καὶ εὐδαιμονίαν<br /></span> +<span xml:lang="grc" lang="grc" title="dia paidogonias athanasian kai mnêmên kai eudaimonian">διὰ παιδογονίας ἀθανασίαν <ins class="correction" title="καἰ">καὶ</ins> μνήμην καὶ εὐδαιμονίαν</span> +</li> +<li><a href="#Footnote_8_8">Fußnote 8</a>:<br /> +<span class="correction-list" xml:lang="grc" lang="grc" title="..... egô d'hymin theos ambrotos, ouketi thnêtos">..... ἐγὼ δ'ὑμῖν θεὸς ἄμβροτος, οὐκέτι θνητός<br /></span> +<span xml:lang="grc" lang="grc" title="..... egô d' hymin theos ambrotos, ouketi thnêtos">..... ἐγὼ <ins class="correction" title="δ'ὑμῖν">δ' ὑμῖν</ins> θεὸς ἄμβροτος, οὐκέτι θνητός</span> +</li> +<li><a href="#Footnote_19_19">Fußnote 19</a>:<br /> +<span class="correction-list">Neue Jahrb. f. d. klass. Altert. III (1900) p. 17 ff.).<br /></span> +Neue Jahrb. f. d. klass. Altert. III (1900) p. 17 <ins class="correction" title="ff.).">ff.</ins> +</li> +</ul> +</div> +</div> + + +</div> + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Das Problem des platonischen Symposion., by +A. v. Kleemann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS PROBLEM DES PLATONISCHEN *** + +***** This file should be named 35967-h.htm or 35967-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/5/9/6/35967/ + +Produced by Alexander Bauer and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/35967-h/images/cover.jpg b/35967-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..5360196 --- /dev/null +++ b/35967-h/images/cover.jpg diff --git a/35967-h/images/deco_bottom.png b/35967-h/images/deco_bottom.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..822ffc2 --- /dev/null +++ b/35967-h/images/deco_bottom.png diff --git a/35967-h/images/deco_top.png b/35967-h/images/deco_top.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..d1ee759 --- /dev/null +++ b/35967-h/images/deco_top.png diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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