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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 20:00:22 -0700
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@@ -0,0 +1,2580 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 33863 ***
+
+NEUE GEDICHTE
+
+Von
+
+RAINER MARIA RILKE
+
+LEIPZIG
+
+IM INSEL-VERLAG
+
+MCMXX
+
+
+
+
+KARL UND ELISABETH VON DER HEYDT IN FREUNDSCHAFT
+
+
+
+
+
+FRÜHER APOLLO
+
+
+Wie manches Mal durch das noch unbelaubte
+Gezweig ein Morgen durchsieht, der schon ganz
+im Frühling ist: so ist in seinem Haupte
+nichts, was verhindern könnte, daß der Glanz
+
+aller Gedichte uns fast tödlich träfe;
+denn noch kein Schatten ist in seinem Schaun,
+zu kühl für Lorbeer sind noch seine Schläfe,
+und später erst wird aus den Augenbraun
+
+hochstämmig sich der Rosengarten heben,
+aus welchem Blätter, einzeln, ausgelöst
+hintreiben werden auf des Mundes Beben,
+
+der jetzt noch still ist, niegebraucht und blinkend
+und nur mit seinem Lächeln etwas trinkend,
+als würde ihm sein Singen eingeflößt.
+
+
+
+
+MÄDCHENKLAGE
+
+
+Diese Neigung, in den Jahren,
+da wir alle Kinder waren,
+viel allein zu sein, war mild;
+andern ging die Zeit im Streite,
+und man hatte seine Seite,
+seine Nähe, seine Weite,
+einen Weg, ein Tier, ein Bild.
+
+Und ich dachte noch, das Leben
+hörte niemals auf zu geben,
+daß man sich in sich besinnt.
+Bin ich in mir nicht im Größten?
+Will mich meines nicht mehr trösten
+und verstehen wie als Kind?
+
+Plötzlich bin ich wie verstoßen,
+und zu einem Übergroßen
+wird mir diese Einsamkeit,
+wenn, auf meiner Brüste Hügeln
+stehend, mein Gefühl nach Flügeln
+oder einem Ende schreit.
+
+
+
+
+LIEBESLIED
+
+
+Wie soll ich meine Seele halten, daß
+sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
+hinheben über dich zu andern Dingen?
+Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
+Verlorenem im Dunkel unterbringen
+an einer fremden stillen Stelle, die
+nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
+Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
+nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
+der aus zwei Saiten _eine_ Stimme zieht.
+Auf welches Instrument sind wir gespannt?
+Und welcher Spieler hat uns in der Hand?
+O süßes Lied.
+
+
+
+
+ERANNA AN SAPPHO
+
+
+O du wilde weite Werferin:
+Wie ein Speer bei andern Dingen
+lag ich bei den Meinen. Dein Erklingen
+warf mich weit. Ich weiß nicht, wo ich bin.
+Mich kann keiner wiederbringen.
+
+Meine Schwestern denken mich und weben,
+und das Haus ist voll vertrauter Schritte.
+Ich allein bin fern und fortgegeben,
+und ich zittere wie eine Bitte;
+denn die schöne Göttin in der Mitte
+ihrer Mythen glüht und lebt mein Leben.
+
+
+
+
+SAPPHO AN ERANNA
+
+
+Unruh will ich über dich bringen,
+schwingen will ich dich, umrankter Stab.
+Wie das Sterben will ich dich durchdringen
+und dich weitergeben wie das Grab
+an das Alles: allen diesen Dingen.
+
+
+
+
+SAPPHO AN ALKAÏOS
+
+FRAGMENT
+
+
+Und was hättest du mir denn zu sagen,
+und was gehst du meine Seele an,
+wenn sich deine Augen niederschlagen
+vor dem nahen Nichtgesagten? Mann,
+
+sieh, uns hat das Sagen dieser Dinge
+hingerissen und bis in den Ruhm.
+Wenn ich denke: unter euch verginge
+dürftig unser süßes Mädchentum,
+
+welches wir, ich Wissende und jene
+mit mir Wissenden, vom Gott bewacht,
+trugen unberührt, daß Mytilene
+wie ein Apfelgarten in der Nacht
+duftete vom Wachsen unsrer Brüste--.
+
+Ja, auch dieser Brüste, die du nicht
+wähltest wie zu Fruchtgewinden, Freier
+mit dem weggesenkten Angesicht.
+Geh und laß mich, daß zu meiner Leier
+komme, was du abhältst: alles steht.
+
+Dieser Gott ist nicht der Beistand zweier,
+aber wenn er durch den einen geht
+
+
+
+
+GRABMAL EINES JUNGEN MÄDCHENS
+
+
+Wir gedenkens noch. Das ist, als müßte
+alles dieses einmal wieder sein.
+Wie ein Baum an der Limonenküste
+trugst du deine kleinen leichten Brüste
+in das Rauschen seines Bluts hinein:
+
+--jenes Gottes.
+ Und es war der schlanke
+Flüchtling, der Verwöhnende der Fraun.
+Süß und glühend, warm wie dein Gedanke,
+überschattend deine frühe Flanke
+und geneigt wie deine Augenbraun.
+
+
+
+
+OPFER
+
+
+O wie blüht mein Leib aus jeder Ader
+duftender, seitdem ich dich erkenn;
+sieh, ich gehe schlanker und gerader,
+und du wartest nur--: wer bist du denn?
+
+Sieh: ich fühle, wie ich mich entferne,
+wie ich Altes, Blatt um Blatt, verlier.
+Nur dein Lächeln steht wie lauter Sterne
+über dir und bald auch über mir.
+
+Alles was durch meine Kinderjahre
+namenlos noch und wie Wasser glänzt,
+will ich nach dir nennen am Altäre,
+der entzündet ist von deinem Haare
+und mit deinen Brüsten leicht bekränzt.
+
+
+
+
+ÖSTLICHES TAGLIED
+
+
+Ist dieses Bette nicht wie eine Küste,
+ein Küstenstreifen nur, darauf wir liegen?
+Nichts ist gewiß als deine hohen Brüste,
+die mein Gefühl in Schwindeln überstiegen.
+
+Denn diese Nacht, in der so vieles schrie,
+in der sich Tiere rufen und zerreißen,
+ist sie uns nicht entsetzlich fremd? Und wie:
+was draußen langsam anhebt, Tag geheißen,
+ist das uns denn verständlicher als sie?
+
+Man müßte so sich ineinanderlegen
+wie Blütenblätter um die Staubgefäße:
+so sehr ist überall das Ungemäße
+und häuft sich an und stürzt sich uns entgegen.
+
+Doch während wir uns aneinanderdrücken,
+um nicht zu sehen, wie es ringsum naht,
+kann es aus dir, kann es aus mir sich zücken:
+denn unsre Seelen leben von Verrat.
+
+
+
+
+ABISAG
+
+
+I
+
+Sie lag. Und ihre Kinderarme waren
+von Dienern um den Welkenden gebunden,
+auf dem sie lag die süßen langen Stunden,
+ein wenig bang vor seinen vielen Jahren.
+
+Und manchmal wandte sie in seinem Barte
+ihr Angesicht, wenn eine Eule schrie;
+und alles, was die Nacht war, kam und scharte
+mit Bangen und Verlangen sich um sie.
+
+Die Sterne zitterten wie ihresgleichen,
+der Duft ging suchend durch das Schlafgemach,
+der Vorhang rührte sich und gab ein Zeichen,
+und leise ging ihr Blick dem Zeichen nach.
+
+Aber sie hielt sich an dem dunkeln Alten,
+und, von der Nacht der Nächte nicht erreicht,
+lag sie auf seinem fürstlichen Erkalten
+jungfräulich und wie eine Seele leicht.
+
+
+
+II
+
+Der König saß und sann den leeren Tag
+getaner Taten, ungefühlter Lüste
+und seiner Lieblingshündin, der er pflag--.
+Aber am Abend wölbte Abisag
+sich über ihm. Sein wirres Leben lag
+verlassen wie verrufne Meeresküste
+unter dem Sternbild ihrer stillen Brüste.
+
+Und manchmal, als ein Kundiger der Frauen,
+erkannte er durch seine Augenbrauen
+den unbewegten, küsselosen Mund;
+und sah: ihres Gefühles grüne Rute
+neigte sich nicht herab zu seinem Grund.
+Ihn fröstelte. Er horchte wie ein Hund
+und suchte sich in seinem letzten Blute.
+
+
+
+
+DAVID SINGT VOR SAUL
+
+
+I
+
+König, hörst du, wie mein Saitenspiel
+Fernen wirft, durch die wir uns bewegen?
+Sterne treiben uns verwirrt entgegen,
+und wir fallen endlich wie ein Regen,
+und es blüht, wo dieser Regen fiel.
+
+Mädchen blühen, die du noch erkannt,
+die jetzt Frauen sind und mich verführen;
+den Geruch der Jungfraun kannst du spüren,
+und die Knaben stehen, angespannt
+schlank und atmend, an verschwiegnen Türen.
+
+Daß mein Klang dir alles wiederbrächte.
+Aber trunken taumelt mein Getön:
+Deine Nächte, König, deine Nächte--,
+und wie waren, die dein Schaffen schwächte,
+o wie waren alle Leiber schön.
+
+Dein Erinnern glaub ich zu begleiten,
+weil ich ahne. Doch auf welchen Saiten
+greif ich dir ihr dunkles Lustgestöhn?--
+
+
+
+II
+
+König, der du alles dieses hattest
+und der du mit lauter Leben mich
+überwältigest und überschattest:
+komm aus deinem Throne und zerbrich
+meine Harfe, die du so ermattest.
+
+Sie ist wie ein abgenommner Baum:
+durch die Zweige, die dir Frucht getragen,
+schaut jetzt eine Tiefe wie von Tagen,
+welche kommen--, und ich kenn sie kaum.
+
+Laß mich nicht mehr bei der Harfe schlafen;
+sich dir diese Knabenhand da an:
+glaubst du, König, daß sie die Oktaven
+eines Leibes noch nicht greifen kann?
+
+
+
+III
+
+König, birgst du dich in Finsternissen,
+und ich hab dich doch in der Gewalt.
+Sieh, mein festes Lied ist nicht gerissen,
+und der Raum wird um uns beide kalt.
+Mein verwaistes Herz und dein verworrnes
+hängen in den Wolken deines Zornes,
+wütend ineinander eingebissen
+und zu einem einzigen verkrallt.
+
+Fühlst du jetzt, wie wir uns umgestalten?
+König, König, das Gewicht wird Geist.
+Wenn wir uns nur aneinanderhalten,
+du am Jungen, König, ich am Alten,
+sind wir fast wie ein Gestirn, das kreist.
+
+
+
+
+JOSUAS LANDTAG
+
+
+So wie der Strom am Ausgang seine Dämme
+durchbricht mit seiner Mündung Übermaß,
+so brach nun durch die Ältesten der Stimme
+zum letztenmal die Stimme Josuas.
+
+Wie waren die geschlagen, welche lachten,
+wie hielten alle Herz und Hände an,
+als hübe sich der Lärm von dreißig Schlachten
+in einem Mund; und dieser Mund begann.
+
+Und wieder waren Tausende voll Staunen
+wie an dem großen Tag vor Jericho,
+nun aber waren in ihm die Posaunen,
+und ihres Lebens Mauern schwankten so,
+
+daß sie sich wälzten, von Entsetzen trächtig
+und wehrlos schon und überwältigt, eh
+sie's noch gedachten, wie er eigenmächtig
+zu Gibeon die Sonne anschrie: Steh!
+
+Und Gott ging hin, erschrocken wie ein Knecht,
+und hielt die Sonne, bis ihm seine Hände
+wehtaten, ob dem schlachtenden Geschlecht,
+nur weil da einer wollte, daß sie stände.
+
+Und das war dieser; dieser Alte wars,
+von dem sie meinten, daß er nicht mehr gelte
+inmitten seines hundertzehnten Jahrs.
+Da stand er auf und brach in ihre Zelte.
+
+Er ging wie Hagel nieder über Halmen.
+Was wollt ihr Gott versprechen? Ungezählt
+stehn um euch Götter, wartend, daß ihr wählt.
+Doch wenn ihr wählt, wird euch der Herr zermalmen.
+
+Und dann, mit einem Hochmut ohnegleichen:
+Ich und mein Haus, wir bleiben ihm vermählt.
+
+Da schrien sie alle: Hilf uns, gib ein Zeichen
+und stärke uns zu unsrer schweren Wahl.
+
+Aber sie sahn ihn, wie seit Jahren schweigend,
+zu seiner festen Stadt am Berge steigend;
+und dann nicht mehr. Es war das letzte Mal.
+
+
+
+
+DER AUSZUG DES VERLORENEN SOHNES
+
+
+NUN fortzugehn von alle dem Verworrnen,
+das unser ist und uns doch nicht gehört,
+das, wie das Wasser in den alten Bornen,
+uns zitternd spiegelt und das Bild zerstört;
+von allem diesen, das sich wie mit Dornen
+noch einmal an uns anhängt--fortzugehn
+und Das und Den,
+die man schon nicht mehr sah
+(so täglich waren sie und so gewöhnlich),
+auf einmal anzuschauen: sanft, versöhnlich
+und wie an einem Anfang und von nah
+und ahnend einzusehn, wie unpersönlich,
+wie über alle hin das Leid geschah,
+von dem die Kindheit voll war bis zum Rand--:
+Und dann doch fortzugehen, Hand aus Hand,
+als ob man ein Geheiltes neu zerrisse,
+und fortzugehn: wohin? Ins Ungewisse,
+weit in ein unverwandtes warmes Land,
+das hinter allem Handeln wie Kulisse
+gleichgültig sein wird: Garten oder Wand;
+und fortzugehn: warum? Aus Drang, aus Artung,
+aus Ungeduld, aus dunkler Erwartung,
+aus Unverständlichkeit und Unverstand:
+Dies alles auf sich nehmen und vergebens
+vielleicht Gehaltnes fallen lassen, um
+allein zu sterben, wissend nicht warum--
+
+Ist das der Eingang eines neuen Lebens?
+
+
+
+
+DER ÖLBAUMGARTEN
+
+
+Er ging hinauf unter dem grauen Laub
+ganz grau und aufgelöst im ölgelände
+und legte seine Stirne voller Staub
+tief in das Staubigsein der heißen Hände.
+
+Nach allem dies. Und dieses war der Schluß.
+Jetzt soll ich gehen, während ich erblinde,
+und warum willst Du, daß ich sagen muß,
+Du seist, wenn ich Dich selber nicht mehr finde.
+
+Ich finde Dich nicht mehr. Nicht in mir, nein.
+Nicht in den andern. Nicht in diesem Stein.
+Ich finde Dich nicht mehr. Ich bin allein.
+
+Ich bin allein mit aller Menschen Gram,
+den ich durch Dich zu lindern unternahm,
+der Du nicht bist, ü namenlose Scham...
+
+Später erzählte man: ein Engel kam--.
+
+Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht
+und blätterte gleichgültig in den Bäumen.
+Die Jünger rührten sich in ihren Träumen.
+Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht.
+
+Die Nacht, die kam, war keine ungemeine;
+so gehen hunderte vorbei.
+
+Da schlafen Hunde, und da liegen Steine.
+Ach eine traurige, ach irgendeine,
+die wartet, bis es wieder Morgen sei.
+
+Denn Engel kommen nicht zu solchen Betern,
+und Nächte werden nicht um solche groß.
+Die Sich-Verlierenden läßt alles los,
+und sie sind preisgegeben von den Vätern
+und ausgeschlossen aus der Mütter Schoß.
+
+
+
+
+PIETÀ
+
+
+So seh ich, Jesus, deine Füße wieder,
+O die damals eines Jünglings Füße waren,
+da ich sie bang entkleidete und wusch;
+wie standen sie verwirrt in meinen Haaren
+und wie ein weißes Wild im Dornenbusch.
+
+So seh ich deine niegeliebten Glieder
+zum erstenmal in dieser Liebesnacht.
+Wir legten uns noch nie zusammen nieder,
+und nun wird nur bewundert und gewacht.
+
+Doch, siehe, deine Hände sind zerrissen--:
+Geliebter, nicht von mir, von meinen Bissen.
+Dein Herz steht offen, und man kann hinein:
+das hätte dürfen nur mein Eingang sein.
+
+Nun bist du müde, und dein müder Mund
+hat keine Lust zu meinem wehen Munde--.
+O Jesus, Jesus, wann war unsre Stunde?
+Wie gehn wir beide wunderlich zugrund.
+
+
+
+
+GESANG DER FRAUEN AN DEN DICHTER
+
+
+Sieh, wie sich alles auftut: so sind wir;
+denn wir sind nichts als solche Seligkeit.
+Was Blut und Dunkel war in einem Tier,
+das wuchs in uns zur Seele an und schreit
+
+als Seele weiter. Und es schreit nach dir.
+Du freilich nimmst es nur in dein Gesicht,
+als sei es Landschaft: sanft und ohne Gier.
+Und darum meinen wir, du bist es nicht,
+
+nach dem es schreit. Und doch, bist du nicht der,
+an den wir uns ganz ohne Rest verlören?
+Und werden wir in irgendeinem _mehr_?
+
+Mit uns geht das Unendliche _vorbei_.
+Du aber sei, du Mund, daß wir es hören,
+du aber, du Uns-Sagender: du sei.
+
+
+
+
+DER TOD DES DICHTERS
+
+
+Er lag. Sein aufgestelltes Antlitz war
+bleich und verweigernd in den steilen Kissen,
+seitdem die Welt und dieses von ihr Wissen,
+von seinen Sinnen abgerissen,
+zurückfiel an das teilnahmslose Jahr.
+
+Die, so ihn leben sahen, wußten nicht,
+wie sehr er _eines_ war mit allem diesen,
+denn dieses: diese Tiefen, diese Wiesen
+und diese Wasser waren sein Gesicht.
+
+O sein Gesicht war diese ganze Weite,
+die jetzt noch zu ihm will und um ihn wirbt;
+und seine Maske, die nun bang verstirbt,
+ist zart und offen wie die Innenseite
+von einer Frucht, die an der Luft verdirbt.
+
+
+
+
+BUDDHA
+
+
+Als ob er horchte. Stille: eine Ferne....
+Wir halten ein und hören sie nicht mehr.
+Und er ist Stern. Und andre große Sterne,
+die wir nicht sehen, stehen um ihn her.
+
+O er ist alles. Wirklich, warten wir,
+daß er uns sähe? Sollte er bedürfen?
+Und wenn wir hier uns vor ihm niederwürfen,
+er bliebe tief und träge wie ein Tier.
+
+Denn das, was uns zu seinen Füßen reißt,
+das kreist in ihm seit Millionen Jahren.
+Er, der vergißt, was wir erfahren,
+und der erfahrt, was uns verweist.
+
+
+
+
+L'ANGE DU MÉRIDIEN
+
+CHARTRES
+
+
+Im Sturm, der um die starke Kathedrale
+wie ein Verneiner stürzt, der denkt und denkt,
+fühlt man sich zärtlicher mit einem Male
+von deinem Lächeln zu dir hingelenkt:
+
+lächelnder Engel, fühlende Figur,
+mit einem Mund, gemacht aus hundert Munden:
+gewahrst du gar nicht, wie dir unsre Stunden
+abgleiten von der vollen Sonnenuhr,
+
+auf der des Tages ganze Zahl zugleich,
+gleich wirklich, steht in tiefem Gleichgewichte,
+als wären alle Stunden reif und reich?
+
+Was weißt du, Steinerner, von unserm Sein?
+und hältst du mit noch seligerm Gesichte
+vielleicht die Tafel in die Nacht hinein?
+
+
+
+
+DIE KATHEDRALE
+
+
+In jenen kleinen Städten, wo herum
+die alten Häuser wie ein Jahrmarkt hocken,
+der sie bemerkt hat plötzlich und erschrocken
+die Buden zumacht und ganz zu und stumm,
+
+die Schreier still, die Trommeln angehalten,
+zu ihr hinaufhorcht aufgeregten Ohrs--:
+dieweil sie ruhig immer in dem alten
+Faltenmantel ihrer Contreforts
+dasteht und von den Häusern gar nicht weiß:
+
+in jenen kleinen Städten kannst du sehn,
+wie sehr entwachsen ihrem Umgangskreis
+die Kathedralen waren. Ihr Erstehn
+ging über alles fort, so wie den Blick
+des eignen Lebens viel zu große Nähe
+fortwährend übersteigt und als geschähe
+nichts anderes; als wäre _das_ Geschick,
+was sich in ihnen aufhäuft ohne Maßen,
+versteinert und zum Dauernden bestimmt,
+nicht _das_, was unten in den dunkeln Straßen
+vom Zufall irgendwelche Namen nimmt
+und darin geht, wie Kinder Grün und Rot
+und was der Krämer hat als Schürze tragen.
+Da war Geburt in diesen Unterlagen,
+und Kraft und Andrang war in diesem Ragen
+und Liebe überall wie Wein und Brot,
+und die Portale voller Liebesklagcn.
+Das Leben zögerte Im Stundenschlagen,
+und in den Türmen, welche voll Entsagen
+auf einmal nicht mehr stiegen, war der Tod.
+
+
+
+
+DAS PORTAL
+
+
+I
+
+Da blieben sie, als wäre jene Flut
+zurückgetreten, deren großes Branden
+an diesen Steinen wusch, bis sie entstanden;
+sie nahm im Fallen manches Attribut
+
+aus ihren Händen, welche viel zu gut
+und gebend sind, um etwas festzuhalten.
+Sie blieben, von den Formen in Basalten
+durch einen Nimbus, einen Bischofshut,
+
+bisweilen durch ein Lächeln unterschieden,
+für das ein Antlitz seiner Stunden Frieden
+bewahrt hat als ein stilles Zifferblatt;
+
+jetzt fortgerückt ins Leere ihres Tores,
+waren sie einst die Muschel eines Ohres
+und fingen jedes Stöhnen dieser Stadt.
+
+
+
+II
+
+Sehr viele Weite ist gemeint damit:
+so wie mit den Kulissen einer Szene
+die Welt gemeint ist; und so wie durch jene
+der Held im Mantel seiner Handlung tritt:--
+so tritt das Dunkel dieses Tores handelnd
+auf seiner Tiefe tragisches Theater,
+so grenzenlos und wallend wie Gott-Vater
+und so wie Er sich wunderlich verwandelnd
+
+in einen Sohn, der aufgeteilt ist hier
+auf viele kleine beinah stumme Rollen,
+genommen aus des Elends Zubehör.
+
+Denn nur noch so entsteht (das wissen wir)
+aus Blinden, Fortgeworfenen und Tollen
+der Heiland wie ein einziger Akteur.
+
+
+
+III
+
+So ragen sie, die Herzen angehalten
+(sie stehn auf Ewigkeit und gingen nie);
+nur selten tritt aus dem Gefäll der Falten
+eine Gebärde, aufrecht, steil wie sie,
+
+und bleibt nach einem halben Schritte stehn,
+wo die Jahrhunderte sie überholen.
+Sie sind im Gleichgewicht auf den Konsolen,
+in denen eine Welt, die sie nicht sehn,
+
+die Welt der Wirrnis, die sie nicht zertraten,
+Figur und Tier, wie um sie zu gefährden,
+sich krümmt und schüttelt und sie dennoch hält:
+weil die Gestalten dort wie Akrobaten
+sich nur so zuckend und so wild gebärden,
+damit der Stab auf ihrer Stirn nicht fällt.
+
+
+
+
+DIE FENSTERROSE
+
+
+Da drin: das träge Treten ihrer Tatzen
+macht eine Stille, die dich fast verwirrt;
+und wie dann plötzlich eine von den Katzen
+den Blick an ihr, der hin und wieder irrt,
+
+gewaltsam in ihr großes Auge nimmt,--
+den Blick, der wie von eines Wirbels Kreis
+ergriffen, eine kleine Weile schwimmt
+und dann versinkt und nichts mehr von sich weiß,
+
+wenn dieses Auge, welches scheinbar ruht,
+sich au auftut und zusammenschlägt mit Tosen
+und ihn hineinreißt bis ins rote Blut--:
+
+so griffen einstmals aus dem Dunkelsein
+der Kathedralen große Fensterrosen
+ein Herz und rissen es in Gott hinein.
+
+
+
+
+DAS KAPITÄL
+
+
+Wie sich aus eines Traumes Ausgeburten
+aufsteigend aus verwirrendem Gequäl
+der nächste Tag erhebt,--so gehn die Gurten
+der Wölbung aus dem wirren Kapitäl
+
+und lassen drin, gedrängt und rätselhaft
+verschlungen, flügelschlagende Geschöpfe:
+ihr Zögern und das Plötzliche der Köpfe
+und jene starken Blätter, deren Saft
+
+wie Jähzorn steigt, sich schließlich überschlagend
+in einer schnellen Geste, die sich ballt
+und sich heraushält: alles aufwärtsjagend,
+
+was immer wieder mit dem Dunkel kalt
+herunterfällt, wie Regen Sorge tragend
+für dieses alten Wachstums Unterhalt.
+
+
+
+
+GOTT IM MITTELALTER
+
+
+Und sie hatten ihn in sich erspart,
+und sie wollten, daß er sei und richte,
+und sie hängten schließlich wie Gewichte
+(zu verhindern seine Himmelfahrt)
+
+an ihn ihrer großen Kathedralen
+Last und Masse. Und er sollte nur
+über seine grenzenlosen Zahlen
+zeigend kreisen und wie eine Uhr
+
+Zeichen geben ihrem Tun und Tagwerk.
+Aber plötzlich kam er ganz in Gang,
+und die Leute der entsetzten Stadt
+
+ließen ihn, vor seiner Stimme bang,
+weitergehn mit ausgehängtem Schlagwerk
+und entflohn vor seinem Zifferblatt.
+
+
+
+
+MORGUE
+
+
+Da liegen sie bereit, als ob es gälte,
+nachträglich eine Handlung zu erfinden,
+die miteinander und mit dieser Kälte
+sie zu versöhnen weiß und zu verbinden;
+
+denn das ist alles noch wie ohne Schluß.
+Was für ein Name hätte in den Taschen
+sich finden sollen? An dem Überdruß
+um ihren Mund hat man herumgewaschen;
+
+er ging nicht ab; er wurde nur ganz rein.
+Die Bärte stehen, noch ein wenig härter,
+doch ordentlicher im Geschmack der Wärter,
+
+nur um die Gaffenden nicht anzuwidern.
+Die Augen haben hinter ihren Lidern
+sich umgewandt und schauen jetzt hinein.
+
+
+
+
+DER GEFANGENE
+
+
+I
+
+Meine Hand hat nur noch eine
+Gebärde, mit der sie verscheucht;
+auf die alten Steine
+fällt es aus Felsen feucht.
+
+Ich höre nur dieses Klopfen,
+und mein Herz hält Schritt
+mit dem Gehen der Tropfen
+und vergeht damit.
+
+Tropften sie doch schneller,
+käme doch wieder ein Tier.
+Irgendwo war es heller--.
+Aber was wissen wir.
+
+
+
+II
+
+Denk dir, das was jetzt Himmel ist und Wind,
+Luft deinem Mund und deinem Auge Helle,
+das würde Stein bis um die kleine Stelle,
+an der dein Herz und deine Hände sind.
+
+Und was jetzt in dir morgen heißt und: dann
+und: späterhin und nächstes Jahr und weiter--
+das würde wund in dir und voller Eiter
+und schwäre nur und bräche nicht mehr an.
+
+Und das was war, das wäre irre und
+raste in dir herum, den lieben Mund,
+der niemals lachte, schäumend von Gelächter.
+
+Und das was Gott war, wäre nur dein Wächter
+und stopfte boshaft in das letzte Loch
+ein schmutziges Auge. Und du lebtest doch.
+
+
+
+
+DER PANTHER
+
+IM JARDIN DES PLANTES, PARIS
+
+
+Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
+so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
+Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
+und hinter tausend Stäben keine Welt.
+
+Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
+der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
+ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
+in der betäubt ein großer Wille steht.
+
+Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
+sich lautlos auf--. Dann geht ein Bild hinein,
+geht durch der Glieder angespannte Stille--
+und hört im Herzen auf zu sein.
+
+
+
+
+DIE GAZELLE
+
+ANTILOPE DORCAS
+
+
+Verzauberte: wie kann der Einklang zweier
+erwählter Worte je den Reim erreichen,
+der in dir kommt und geht, wie auf ein Zeichen.
+Aus deiner Stirne steigen Laub und Leier,
+
+und alles Deine geht schon im Vergleich
+durch Liebeslieder, deren Worte, weich
+wie Rosenblätter, dem, der nicht mehr liest,
+sich auf die Augen legen, die er schließt,
+
+um dich zu sehen: hingetragen, als
+wäre mit Sprüngen jeder Lauf geladen
+und schösse nur nicht ab, solang der Hals
+
+das Haupt ins Horchen hält: wie wenn beim Baden
+im Wald die Badende sich unterbricht,
+den Waldsee im gewendeten Gesicht.
+
+
+
+
+DAS EINHORN
+
+
+Der Heilige hob das Haupt, und das Gebet
+fiel wie ein Helm zurück von seinem Haupte:
+denn lautlos nahte sich das niegeglaubte,
+das weiße Tier, das wie eine geraubte
+hilflose Hindin mit den Augen fleht.
+
+Der Beine elfenbeinernes Gestell
+bewegte sich in leichten Gleichgewichten,
+ein weißer Glanz glitt selig durch das Fell,
+und auf der Tierstirn, auf der stillen, lichten,
+stand, wie ein Turm im Mond, das Horn so hell,
+und jeder Schritt geschah, es aufzurichten.
+
+Das Maul mit seinem rosagrauen Flaum
+war leicht gerafft, so daß ein wenig Weiß
+(weißer als alles) von den Zähnen glänzte;
+die Nüstern nahmen auf und lechzten leis.
+Doch seine Blicke, die kein Ding begrenzte,
+warfen sich Bilder in den Raum
+und schlössen einen blauen Sagenkreis.
+
+
+
+
+SANKT SEBASTIAN
+
+
+Wie ein Liegender so steht er; ganz
+hingehalten von dem großen Willen.
+Weit entrückt wie Mütter, wenn sie stillen,
+und in sich gebunden wie ein Kranz.
+
+Und die Pfeile kommen: jetzt und jetzt
+und als sprängen sie aus seinen Lenden,
+eisern bebend mit den freien Enden.
+Doch er lächelt dunkel, unverletzt.
+
+Einmal nur wird eine Trauer groß,
+und die Augen liegen schmerzlich bloß,
+bis sie etwas leugnen, wie Geringes,
+und als ließen sie verächtlich los
+die Vernichter eines schönen Dinges.
+
+
+
+
+DER STIFTER
+
+
+Das war der Auftrag an die Malergilde.
+Vielleicht daß ihm der Heiland nie erschien;
+vielleicht trat auch kein heiliger Bischof milde
+an seine Seite wie in diesem Bilde
+und legte leise seine Hand auf ihn.
+
+Vielleicht war dieses alles: so zu knien
+(so wie es alles ist, was wir erfuhren):
+zu knien: daß man die eigenen Konturen,
+die auswärtswollenden, ganz angespannt
+im Herzen hält, wie Pferde in der Hand.
+
+Daß, wenn ein Ungeheueres geschähe,
+das nicht versprochen ist und nieverbrieft,
+wir hoffen könnten, daß es uns nicht sähe
+und näher käme, ganz in unsre Nähe,
+mit sich beschäftigt und in sich vertieft.
+
+
+
+
+DER ENGEL
+
+
+Mit einem Neigen seiner Stirne weist
+er weit von sich, was einschränkt und verpflichtet;
+denn durch sein Herz geht riesig aufgerichtet
+das ewig Kommende, das kreist.
+
+Die tiefen Himmel stehn ihm voll Gestalten,
+und jede kann ihm rufen: komm, erkenn--.
+Gib seinen leichten Händen nichts zu halten
+aus deinem Lastenden. Sie kämen denn
+
+bei Nacht zu dir, dich ringender zu prüfen,
+und gingen wie Erzürnte durch das Haus
+und griffen dich, als ob sie dich erschüfen,
+und brächen dich aus deiner Form heraus.
+
+
+
+
+RÖMISCHE SARKOPHAGE
+
+
+Was aber hindert uns zu glauben, daß
+(so wie wir hingestellt sind und verteilt)
+nicht eine kleine Zeit nur Drang und Haß
+und dies Verwirrende in uns verweilt,
+
+wie einst in dem verzierten Sarkophag
+bei Ringen, Götterbildern, Gläsern, Bändern,
+in langsam sich verzehrenden Gewändern
+ein langsam Aufgelöstes lag--
+
+bis es die unbekannten Munde schluckten,
+die niemals reden. (Wo besteht und denkt
+ein Hirn, um ihrer einst sich zu bedienen?)
+
+Da wurde von den alten Aquädukten
+ewiges Wasser in sie eingelenkt--:
+das spiegelt jetzt und geht und glänzt in ihnen.
+
+
+
+
+DER SCHWAN
+
+
+Diese Mühsal, durch noch Ungetanes
+schwer und wie gebunden hinzugehn,
+gleicht dem ungeschaffnen Gang des Schwanes.
+
+Und das Sterben, dieses Nichtmehrfassen
+jenes Grunds, auf dem wir täglich stehn,
+seinem ängstlichen Sich-Niederlassen--:
+
+in die Wasser, die ihn sanft empfangen
+und die sich, wie glücklich und vergangen,
+unter ihm zurückziehn, Flut um Flut;
+während er unendlich still und sicher
+immer mündiger und königlicher
+und gelassener zu ziehn geruht.
+
+
+
+
+KINDHEIT
+
+
+Es wäre gut viel nachzudenken, um
+von so Verlornem etwas auszusagen,
+von jenen langen Kindheit-Nachmittagen,
+die so nie wiederkamen--und warum?
+
+Noch mahnt es uns--: vielleicht in einem Regnen,
+aber wir wissen nicht mehr, was das soll;
+nie wieder war das Leben von Begegnen,
+von Wiedersehn und Weitergehn so voll
+
+wie damals, da uns nichts geschah als nur,
+was einem Ding geschieht und einem Tiere:
+da lebten wir, wie Menschliches, das Ihre
+und wurden bis zum Rande voll Figur.
+
+Und wurden so vereinsamt wie ein Hirt
+und so mit großen Fernen überladen
+und wie von weit berufen und berührt
+und langsam wie ein langer neuer Faden
+in jene Bilderfolgen eingeführt,
+in welchen nun zu dauern uns verwirrt.
+
+
+
+
+DER DICHTER
+
+
+Du entfernst dich von mir, du Stunde.
+Wunden schlägt mir dein Flügelschlag.
+Allein: was soll ich mit meinem Munde?
+mit meiner Nacht? mit meinem Tag?
+
+Ich habe keine Geliebte, kein Haus,
+keine Stelle, auf der ich lebe.
+Alle Dinge, an die ich mich gebe,
+werden reich und geben mich aus.
+
+
+
+
+DIE SPITZE
+
+
+I
+
+Menschlichkeit: Namen schwankender Besitze,
+noch unbestätigter Bestand von Glück:
+ist das unmenschlich, daß zu dieser Spitze,
+zu diesem kleinen dichten Spitzenstück
+zwei Augen wurden?--Willst du sie zurück?
+
+Du Langvergangene und schließlich Blinde,
+ist deine Seligkeit in diesem Ding,
+zu welcher hin, wie zwischen Stamm und Rinde,
+dein großes Fühlen, kleinverwandelt, ging?
+
+Durch einen Riß im Schicksal, eine Lücke
+entzogst du deine Seele deiner Zeit;
+und sie ist so in diesem lichten Stücke,
+daß es mich lächeln macht vor Nützlichkeit.
+
+
+
+II
+
+Und wenn uns eines Tages dieses Tun
+und was an uns geschieht gering erschiene
+und uns so fremd, als ob es nicht verdiene,
+daß wir so mühsam aus den Kinderschuhn
+um seinetwillen wachsen--: Ob die Bahn
+vergilbter Spitze, diese dichtgefügte
+blumige Spitzenbahn, dann nicht genügte,
+uns hier zu halten? Sieh: sie ward getan.
+
+Ein Leben ward vielleicht verschmäht, wer weiß?
+Ein Glück war da und wurde hingegeben,
+und endlich wurde doch, um jeden Preis,
+dies Ding daraus, nicht leichter als das Leben
+und doch vollendet und so schön, als sei's
+nicht mehr zu früh, zu lächeln und zu schweben.
+
+
+
+
+EIN FRAUENSCHICKSAL
+
+
+So wie der König auf der Jagd ein Glas
+ergreift, daraus zu trinken, irgendeines,--
+und wie hernach der, welcher es besaß,
+es fortstellt und verwahrt, als wär es keines:
+
+so hob vielleicht das Schicksal, durstig auch,
+bisweilen Eine an den Mund und trank,
+die dann ein kleines Leben, viel zu bang
+sie zu zerbrechen, abseits vom Gebrauch
+
+hinstellte in die ängstliche Vitrine,
+in welcher seine Kostbarkeiten sind
+(oder die Dinge, die für kostbar gelten).
+
+Da stand sie fremd wie eine Fortgeliehne
+und wurde einfach alt und wurde blind
+und war nicht kostbar und war niemals selten.
+
+
+
+
+DIE GENESENDE
+
+
+Wie ein Singen kommt und geht in Gassen
+und sich nähert und sich wieder scheut,
+flügelschlagend, manchmal fast zu fassen
+und dann wieder weit hinausgestreut:
+
+spielt mit der Genesenden das Leben;
+während sie, geschwächt und ausgeruht,
+unbeholfen, um sich hinzugeben,
+eine ungewohnte Geste tut.
+
+Und sie fühlt sich beinah wie Verführung,
+wenn die hartgewordne Hand, darin
+Fieber waren voller Widersinn,
+fernher, wie mit blühender Berührung,
+zu liebkosen kommt ihr hartes Kinn.
+
+
+
+
+DIE ERWACHSENE
+
+
+Das alles stand auf ihr und war die Welt
+und stand auf ihr mit allem, Angst und Gnade,
+wie Bäume stehen, wachsend und gerade,
+ganz Bild und bildlos wie die Bundeslade
+und feierlich, wie auf ein Volk gestellt.
+
+Und sie ertrug es; trug bis obenhin
+das Fliegende, Entfliehende, Entfernte,
+das Ungeheuere, noch Unerlernte
+gelassen wie die Wasserträgerin
+den vollen Krug. Bis mitten unterm Spiel,
+verwandelnd und auf andres vorbereitend,
+der erste weiße Schleier, leise gleitend,
+über das aufgetane Antlitz fiel
+
+fast undurchsichtig und sich nie mehr hebend
+und irgendwie auf alle Fragen ihr
+nur eine Antwort vage wiedergebend:
+In dir, du Kindgewesene, in dir.
+
+
+
+
+TANAGRA
+
+
+Ein wenig gebrannter Erde,
+wie von großer Sonne gebrannt.
+Als wäre die Gebärde
+einer Mädchenhand
+auf einmal nicht mehr vergangen;
+ohne nach etwas zu langen,
+zu keinem Dinge hin
+aus ihrem Gefühle führend,
+nur an sich selber rührend
+wie eine Hand ans Kinn.
+
+Wir heben und wir drehen
+eine und eine Figur;
+wir können fast verstehen,
+weshalb sie nicht vergehen,--
+aber wir sollen nur
+tiefer und wunderbarer
+hängen an dem, was war,
+und lächeln: ein wenig klarer
+vielleicht als vor einem Jahr.
+
+
+
+
+DIE ERBLINDENDE
+
+
+Sie saß so wie die anderen beim Tee.
+Mir war zuerst, als ob sie ihre Tasse
+ein wenig anders als die andern fasse.
+Sie lächelte einmal. Es tat fast weh.
+
+Und als man schließlich sich erhob und sprach
+und langsam und wie es der Zufall brachte
+durch viele Zimmer ging (man sprach und lachte),
+da sah ich sie. Sie ging den andern nach,
+
+verhalten, so wie eine, welche gleich
+wird singen müssen und vor vielen Leuten;
+auf ihren hellen Augen, die sich freuten,
+war Licht von außen wie auf einem Teich.
+
+Sie folgte langsam, und sie brauchte lang,
+als wäre etwas noch nicht überstiegen;
+und doch: als ob, nach einem Übergang,
+sie nicht mehr gehen würde, sondern fliegen.
+
+
+
+
+IN EINEM FREMDEN PARK
+
+BORGEBY-GÅRD
+
+
+Zwei Wege sinds. Sie führen keinen hin.
+Doch manchmal, in Gedanken, läßt der eine
+dich weitergehn. Es ist, als gingst du fehl;
+aber auf einmal bist du im Rondel
+alleingelassen wieder mit dem Steine
+und wieder auf ihm lesend: Freiherrin
+Brite Sophie--und wieder mit dem Finger
+abfühlend die zerfallne Jahreszahl--.
+Warum wird dieses Finden nicht geringer?
+
+Was zögerst du ganz wie zum erstenmal
+erwartungsvoll auf diesem Ulmenplatz,
+der feucht und dunkel ist und niebetreten?
+
+Und was verlockt dich für ein Gegensatz,
+etwas zu suchen in den sonnigen Beeten,
+als wärs der Name eines Rosenstocks?
+
+Was stehst du oft? Was hören deine Ohren?
+Und warum siehst du schließlich, wie verloren,
+die Falter flimmern um den hohen Phlox?
+
+
+
+
+ABSCHIED
+
+
+Wie hab ich das gefühlt, was Abschied heißt.
+Wie weiß ichs noch: ein dunkles unverwundnes
+grausames Etwas, das ein Schönverbundnes
+noch einmal zeigt und hinhält und zerreißt.
+
+Wie war ich ohne Wehr, dem zuzuschauen,
+das, da es mich, mich rufend, gehen ließ,
+zurückblieb, so als wärens alle Frauen
+und dennoch klein und weiß und nichts als dies:
+
+Ein Winken, schon nicht mehr auf mich bezogen,
+ein leise Weiterwinkendes--, schon kaum
+erklärbar mehr: vielleicht ein Pflaumenbaum,
+von dem ein Kuckuck hastig abgeflogen.
+
+
+
+
+TODESERFAHRUNG
+
+
+Wir wissen nichts von diesem Hingehn, das
+nicht mit uns teilt. Wir haben keinen Grund,
+Bewunderung und Liebe oder Haß
+dem Tod zu zeigen, den ein Maskenmund
+
+tragischer Klage wunderlich entstellt.
+Noch ist die Welt voll Rollen, die wir spielen.
+Solang wir sorgen, ob wir auch gefielen,
+spielt auch der Tod, obwohl er nicht gefällt.
+
+
+Doch als du gingst, da brach in diese Bühne
+ein Streifen Wirklichkeit durch jenen Spalt,
+durch den du hingingst: Grün wirklicher Grüne,
+wirklicher Sonnenschein, wirklicher Wald.
+
+Wir spielen weiter. Bang und schwer Erlerntes
+hersagend und Gebärden dann und wann
+aufhebend; aber dein von uns entferntes,
+aus unserm Stück entrücktes Dasein kann
+
+uns manchmal überkommen, wie ein Wissen
+von jener Wirklichkeit sich niedersenkend,
+so daß wir eine Weile hingerissen
+das Leben spielen, nicht an Beifall denkend.
+
+
+
+
+BLAUE HORTENSIE
+
+
+So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
+sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh,
+hinter den Blütendolden, die ein Blau
+nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.
+
+Sie spiegeln es verweint und ungenau,
+als wollten sie es wiederum verlieren,
+und wie in alten blauen Briefpapieren
+ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;
+
+Verwaschnes wie an einer Kinderschürze,
+Nichtmehrgetragnes, dem nichts mehr geschieht:
+wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.
+
+Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
+in einer von den Dolden, und man sieht
+ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.
+
+
+
+
+VOR DEM SOMMERREGEN
+
+
+Auf einmal ist aus allem Grün im Park
+man weiß nicht was, ein Etwas, fortgenommen;
+man fühlt ihn näher an die Fenster kommen
+und schweigsam sein. Inständig nur und stark
+
+ertönt aus dem Gehölz der Regenpfeifer,
+man denkt an einen Hieronymus:
+so sehr steigt irgend Einsamkeit und Eifer
+aus dieser einen Stimme, die der Guß
+
+erhören wird. Des Saales Wände sind
+mit ihren Bildern von uns fortgetreten,
+als dürften sie nicht hören, was wir sagen.
+
+Es spiegeln die verblichenen Tapeten
+das ungewisse Licht von Nachmittagen,
+in denen man sich fürchtete als Kind.
+
+
+
+
+IM SAAL
+
+
+Wie sind sie alle um uns, diese Herrn
+in Kammerherrentrachten und Jabots,
+wie eine Nacht um ihren Ordensstern
+sich immer mehr verdunkelnd, rücksichtslos,
+und diese Damen, zart, fragile, doch groß
+von ihren Kleidern, eine Hand im Schoß,
+klein wie ein Halsband für den Bologneser;
+wie sind sie da um jeden: um den Leser,
+um den Betrachter dieser Bibelots,
+darunter manches ihnen noch gehört.
+
+Sie lassen, voller Takt, uns ungestört
+das Leben leben, wie wir es begreifen
+und wie sie's nicht verstehn. Sie wollten blühn,
+und blühn ist schön sein; doch wir wollen reifen,
+und das heißt dunkel sein und sich bemühn.
+
+
+
+
+LETZTER ABEND
+
+(AUS DEM BESITZE FRAU NONNAS)
+
+
+Und Nacht und fernes Fahren; denn der Train
+des ganzen Heeres zog am Park vorüber.
+Er aber hob den Blick vom Clavecin
+und spielte noch und sah zu ihr hinüber
+
+beinah, wie man in einen Spiegel schaut:
+so sehr erfüllt von seinen jungen Zügen
+und wissend, wie sie seine Trauer trügen,
+schön und verführender bei jedem Laut.
+
+Doch plötzlich wars, als ob sich das verwische:
+sie stand wie mühsam in der Fensternische
+und hielt des Herzens drängendes Geklopf.
+
+Sein Spiel gab nach. Von draußen wehte Frische.
+Und seltsam fremd stand auf dem Spiegeltische
+der schwarze Tschako mit dem Totenkopf.
+
+
+
+
+JUGENDBILDNIS MEINES VATERS
+
+
+Im Auge Traum. Die Stirn wie in Berührung
+mit etwas Fernem. Um den Mund enorm
+viel Jugend, ungelächelte Verführung,
+und vor der vollen schmückenden Verschnürung
+der schlanken adeligen Uniform
+der Säbelkorb und beide Hände--, die
+abwarten, ruhig, zu nichts hingedrängt.
+Und nun fast nicht mehr sichtbar: als ob sie
+zuerst, die Fernes greifenden, verschwänden.
+Und alles andre mit sich selbst verhängt
+und ausgelöscht, als ob wirs nicht verständen,
+und tief aus seiner eignen Tiefe trüb--.
+
+Du schnell vergehendes Daguerreotyp
+in meinen langsamer vergehenden Händen.
+
+
+
+
+SELBSTBILDNIS AUS DEM JAHRE 1906
+
+
+Des alten lange adligen Geschlechtes
+Feststehendes im Augenbogenbau.
+Im Blicke noch der Kindheit Angst und Blau
+und Demut da und dort, nicht eines Knechtes,
+doch eines Dienenden und einer Frau.
+Der Mund als Mund gemacht, groß und genau,
+nicht überredend, aber ein Gerechtes
+Aussagendes. Die Stirne ohne Schlechtes
+und gern im Schatten stiller Niederschau.
+
+Das, als Zusammenhang, erst nur geahnt;
+noch nie im Leiden oder im Gelingen
+zusammgefaßt zu dauerndem Durchdringen,
+doch so, als wäre mit zerstreuten Dingen
+von fern ein Ernstes, Wirkliches geplant.
+
+
+
+
+DER KÖNIG
+
+
+Der König ist sechzehn Jahre alt.
+Sechzehn Jahre und schon der Staat.
+Er schaut, wie aus einem Hinterhalt,
+vorbei an den Greisen vom Rat
+
+in den Saal hinein und irgendwohin
+und fühlt vielleicht nur dies:
+an dem schmalen langen harten Kinn
+die kalte Kette vom Vlies.
+
+Das Todesurteil vor ihm bleibt
+lang ohne Namenszug.
+Und sie denken: wie er sich quält.
+
+Sie wüßten, kennten sie ihn genug,
+daß er nur langsam bis siebzig zählt,
+eh er es unterschreibt.
+
+
+
+
+AUFERSTEHUNG
+
+
+Der Graf vernimmt die Töne,
+er sieht einen lichten Riß;
+er weckt seine dreizehn Söhne
+im Erbbegräbnis.
+
+Er grüßt seine beiden Frauen
+ehrerbietig von weit--;
+und alle voll Vertrauen
+stehn auf zur Ewigkeit
+
+und warten nur noch auf Erich
+und Ulriken Dorotheen,
+die sieben- und dreizehnjährig
+ (sechzehnhundertzehn)
+verstorben sind in Flandern,
+um heute vor den andern
+unbeirrt herzugehn.
+
+
+
+
+DER FAHNENTRÄGER
+
+
+Die andern fühlen alles an sich rauh
+und ohne Anteil: Eisen, Zeug und Leder.
+Zwar manchmal schmeichelt eine weiche Feder,
+doch sehr allein und lieblos ist ein jeder;
+er aber trägt--als trüg er eine Frau--
+die Fahne in dem feierlichen Kleide.
+Dicht hinter ihm geht ihre schwere Seide,
+die manchmal über seine Hände fließt.
+
+Er kann allein, wenn er die Augen schließt,
+ein Lächeln sehn: er darf sie nicht verlassen.
+
+Und wenn es kommt in blitzenden Kürassen
+und nach ihr greift und ringt und will sie fassen--:
+
+dann darf er sie abreißen von dem Stocke,
+als riß er sie aus ihrem Mädchentum,
+um sie zu halten unterm Waffenrocke.
+
+Und für die andern ist das Mut und Ruhm.
+
+
+
+
+DER LETZTE GRAF VON BREDERODE
+ENTZIEHT SICH TÜRKISCHER
+GEFANGENSCHAFT
+
+
+Sie folgten furchtbar; ihren bunten Tod
+von ferne nach ihm werfend, während er
+verloren floh, nichts weiter als: bedroht.
+Die Ferne seiner Väter schien nicht mehr
+
+für ihn zu gelten; denn um so zu fliehn,
+genügt ein Tier vor Jägern. Bis der Fluß
+aufrauschte nah und blitzend. Ein Entschluß
+hob ihn samt seiner Not und machte ihn
+
+wieder zum Knaben fürstlichen Geblütes.
+Ein Lächeln adeliger Frauen goß
+noch einmal Süßigkeit in sein verfrühtes
+
+vollendetes Gesicht. Er zwang sein Roß,
+groß wie sein Herz zu gehn, sein blutdurchglühte:
+es trug ihn in den Strom wie in sein Schloß.
+
+
+
+
+DIE KURTISANE
+
+
+Venedigs Sonne wird in meinem Haar
+ein Gold bereiten: aller Alchemie
+erlauchten Ausgang. Meine Brauen, die
+den Brücken gleichen, siehst du sie
+
+hinführen ob der lautlosen Gefahr
+der Augen, die ein heimlicher Verkehr
+an die Kanäle schließt, so daß das Meer
+in ihnen steigt und fällt und wechselt. Wer
+
+mich einmal sah, beneidet meinen Hund,
+weil sich auf ihm oft in zerstreuter Pause
+die Hand, die nie an keiner Glut verkohlt,
+
+die unverwundbare, geschmückt, erholt--.
+Und Knaben, Hoffnungen aus altem Hause,
+gehn wie an Gift an meinem Mund zugrund.
+
+
+
+
+DIE TREPPE DER ORANGERIE
+
+VERSAILLES
+
+
+Wie Könige, die schließlich nur noch schreiten
+fast ohne Ziel, nur um von Zeit zu Zeit
+sich den Verneigenden auf beiden Seiten
+zu zeigen in des Mantels Einsamkeit--:
+
+so steigt, allein zwischen den Balustraden,
+die sich verneigen schon seit Anbeginn,
+die Treppe: langsam und von Gottes Gnaden
+und auf den Himmel zu und nirgends hin;
+
+als ob sie allen Folgenden befahl
+zurückzubleiben,--so daß sie nicht wagen,
+von ferne nachzugehen; nicht einmal
+die schwere Schleppe durfte einer tragen.
+
+
+
+
+DER MARMORKARREN
+
+PARIS
+
+
+Auf Pferde, sieben ziehende, verteilt,
+verwandelt Niebewegtes sich in Schritte;
+denn was hochmütig in des Marmors Mitte
+an Alter, Widerstand und All verweilt,
+
+das zeigt sich unter Menschen. Siehe, nicht
+unkenntlich, unter irgendeinem Namen,
+nein: wie der Held das Drängen in den Dramen
+erst sichtbar macht und plötzlich unterbricht:
+
+so kommt es durch den stauenden Verlauf
+des Tages, kommt in seinem ganzen Staate,
+als ob ein großer Triumphator nahte,
+
+langsam zuletzt; und langsam vor ihm her
+Gefangene, von seiner Schwere schwer.
+Und naht noch immer und hält alles auf.
+
+
+
+
+BUDDHA
+
+
+Schon von ferne fühlt der fremde scheue
+Pilger, wie es golden von ihm träuft;
+so als hätten Reiche voller Reue
+ihre Heimlichkeiten aufgehäuft.
+
+Aber näher kommend wird er irre
+vor der Hoheit dieser Augenbraun:
+denn das sind nicht ihre Trinkgeschirre
+und die Ohrgehänge ihrer Fraun.
+
+Wüßte einer denn zu sagen, welche
+Dinge eingeschmolzen wurden, um
+dieses Bild auf diesem Blumenkelche
+
+aufzurichten: stummer, ruhiggelber
+als ein goldenes und rundherum
+auch den Raum berührend wie sich selber.
+
+
+
+
+RÖMISCHE FONTÄNE
+
+BORGHESE
+
+
+Zwei Becken, eins das andre übersteigend
+aus einem alten runden Marmorrand,
+und aus dem oberen Wasser leis sich neigend
+zum Wasser, welches unten wartend stand,
+
+dem leise redenden entgegenschweigend
+und heimlich, gleichsam in der hohlen Hand
+ihm Himmel hinter Grün und Dunkel zeigend
+wie einen unbekannten Gegenstand;
+
+sich selber ruhig in der schönen Schale
+verbreitend ohne Heimweh, Kreis aus Kreis,
+nur manchmal träumerisch und tropfenweis
+
+sich niederlassend an den Moosbehängen
+zum letzten Spiegel, der sein Hecken leis
+von unten lächeln macht mit Obergängen.
+
+
+
+
+DAS KARUSSELL
+
+JARDIN DU LUXEMBOURG
+
+
+Mit einem Dach und seinem Schatten dreht
+sich eine kleine Weile der Bestand
+von bunten Pferden, alle aus dem Land,
+das lange zögert, eh es untergeht.
+Zwar manche sind an Wagen angespannt,
+doch alle haben Mut in ihren Mienen;
+ein böser roter Löwe geht mit ihnen
+und dann und wann ein weißer Elefant.
+
+Sogar ein Hirsch ist da ganz wie im Wald,
+nur daß er einen Sattel trägt und drüber
+ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.
+
+Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge
+und hält sich mit der kleinen heißen Hand,
+dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.
+
+Und dann und wann ein weißer Elefant.
+
+Und auf den Pferden kommen sie vorüber,
+auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge
+fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge
+schauen sie auf, irgendwohin, herüber--
+
+Und dann und wann ein weißer Elefant.
+
+Und das geht hin und eilt sich, daß es endet,
+und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
+Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,
+ein kleines kaum begonnenes Profil.
+Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet,
+ein seliges, das blendet und verschwendet
+an dieses atemlose blinde Spiel.
+
+
+
+
+SPANISCHE TÄNZERIN
+
+
+Wie in der Hand ein Schwefelzündholz, weiß,
+eh es zur Klamme kommt, nach allen Seiten
+zuckende Zungen streckt--: beginnt im Kreis
+naher Beschauer hastig, hell und heiß
+ihr runder Tanz sich zuckend auszubreiten.
+
+Und plötzlich ist er Flamme ganz und gar.
+
+Mit ihrem Blick entzündet sie ihr Haar
+und dreht auf einmal mit gewagter Kunst
+ihr ganzes Kleid in diese Feuersbrunst,
+aus welcher sich, wie Schlangen, die erschrecken,
+die nackten Arme wach und klappernd strecken.
+
+Und dann: als würde ihr das Feuer knapp,
+nimmt sie es ganz zusamm und wirft es ab
+sehr herrisch, mit hochmütiger Gebärde
+und schaut: da liegt es rasend auf der Erde
+und flammt noch immer und ergibt sich nicht--.
+Doch sieghaft, sicher und mit einem süßen
+grüßenden Lächeln hebt sie ihr Gesicht
+und stampft es aus mit kleinen festen Füßen.
+
+
+
+
+DER TURM
+
+TOUR ST.-NICOLAS, FURNES
+
+
+Erdinneres. Als wäre dort, wohin
+du blindlings steigst, erst Erdenoberfläche,
+zu der du steigst im schrägen Bett der Bäche,
+die langsam aus dem suchenden Gerinn
+
+der Dunkelheit entsprungen sind, durch die
+sich dein Gesicht, wie auferstehend, drängt
+und die du plötzlich _siehst_, als fiele sie
+aus diesem Abgrund, der dich überhängt
+
+und den du, wie er riesig über dir
+sich umstürzt in dem dämmernden Gestühle,
+erkennst, erschreckt und fürchtend, im Gefühle:
+o wenn er steigt, behängen wie ein Stier--:
+
+Da aber nimmt dich aus der engen Endung
+windiges Licht. Fast fliegend siehst du hier
+die Himmel wieder, Blendung über Blendung,
+und dort die Tiefen, wach und voll Verwendung,
+
+und kleine Tage wie bei Patenier,
+gleichzeitige, mit Stunde neben Stunde,
+durch die die Brücken springen wie die Hunde,
+dem hellen Wege immer auf der Spur,
+den unbeholfne Häuser manchmal nur
+verbergen, bis er ganz im Hintergründe
+beruhigt geht durch Buschwerk und Natur.
+
+
+
+
+DER PLATZ
+
+FURNES
+
+
+Willkürlich von Gewesnem ausgeweitet:
+von Wut und Aufruhr, von dem Kunterbunt,
+das die Verurteilten zu Tod begleitet,
+von Buden, von der Jahrmarktsrufer Mund,
+und von dem Herzog, der vorüberreitet,
+und von dem Hochmut von Burgund,
+
+(auf allen Seiten Hintergrund):
+
+ladet der Platz zum Einzug seiner Weite
+die fernen Fenster unaufhörlich ein,
+während sich das Gefolge und Geleite
+der Leere langsam an den Handelsreihn
+
+verteilt und ordnet. In die Giebel steigend,
+wollen die kleinen Häuser alles sehn,
+die Türme voreinander scheu verschweigend,
+die immer maßlos hinter ihnen stehn.
+
+
+
+
+
+QUAI DU ROSAIRE
+
+BRÜGGE
+
+
+Die Gassen haben einen sachten Gang
+(wie manchmal Menschen gehen im Genesen
+nachdenkend: was ist früher hier gewesen?)
+und die an Plätze kommen, warten lang
+
+auf eine andre, die mit einem Schritt
+über das abendklare Wasser tritt,
+darin, je mehr sich rings die Dinge mildern,
+die eingehängte Welt von Spiegelbildern
+so wirklich wird, wie diese Dinge nie.
+
+Verging nicht diese Stadt? Nun siehst du, wie
+(nach einem unbegreiflichen Gesetz)
+sie wach und deutlich wird im Umgestellten,
+als wäre dort das Leben nicht so selten;
+dort hängen jetzt die Gärten groß und gelten,
+dort dreht sich plötzlich hinter schnell erhellten
+Fenstern der Tanz in den Estaminets.
+
+Und oben blieb?--Die Stille nur, ich glaube,
+und kostet langsam und von nichts gedrängt
+Beere um Beere aus der süßen Traube
+des Glockenspiels, das in den Himmeln hängt.
+
+
+
+
+BÉGUINAGE
+
+BÉGUINAGE SAINTE-ELISABETH. BRÜGGE
+
+
+I
+
+
+Das hohe Tor scheint keine einzuhalten,
+die Brücke geht gleich gerne hin und her,
+und doch sind sicher alle in dem alten
+offenen Ulmenhof und gehn nicht mehr
+aus ihren Häusern, als auf jenem Streifen
+zur Kirche hin, um besser zu begreifen,
+warum in ihnen so viel Liebe war.
+
+Dort knieen sie, verdeckt mit reinem Leinen
+so gleich, als wäre nur das Bild der einen
+tausendmal im Choral, der tief und klar
+zu Spiegeln wird an den verteilten Pfeilern;
+und ihre Stimmen gehn den immer steilern
+Gesang hinan und werfen sich von dort,
+wo es nicht weitergeht, vom letzten Wort,
+den Engeln zu, die sie nicht wiedergeben.
+
+Drum sind die unten, wenn sie sich erheben
+und wenden, still. Drum reichen sie sich schweigend
+mit einem Neigen, Zeigende zu zeigend
+Empfangenden, geweihtes Wasser, das
+die Stirnen kühl macht und die Munde blaß.
+
+Und gehen dann, verhangen und verhalten,
+auf jenem Streifen wieder überquer--
+die Jungen ruhig, ungewiß die Alten
+und eine Greisin, weilend, hinterher--
+zu ihren Häusern, die sie schnell verschweigen
+und die sich durch die Ulmen hin von Zeit
+zu Zeit ein wenig reine Einsamkeit,
+in einer kleinen Scheibe schimmernd, zeigen.
+
+
+
+II
+
+
+Was aber spiegelt mit den tausend Scheiben
+das Kirchenfenster in den Hof hinein,
+darin sich Schweigen, Schein und Widerschein
+vermischen, trinken, trüben, übertreiben,
+phantastisch alternd wie ein alter Wein?
+
+Dort legt sich, keiner weiß von welcher Seite,
+Außen auf Inneres und Ewigkeit
+auf Immer-Hingehn, Weite über Weite,
+erblindend, finster, unbenutzt, verbleit.
+
+Dort bleibt, unter dem schwankenden Dekor
+des Sommertags, das Graue alter Winter:
+als stünde regungslos ein sanftgesinnter
+langmütig lange Wartender dahinter
+und eine weinend Wartende davor.
+
+
+
+
+DIE MARIENPROZESSION
+
+GENT
+
+
+Aus allen Türmen stürzt sich, Fluß um Fluß,
+hinwallendes Metall in solchen Massen,
+als sollte drunten in der Form der Gassen
+ein blanker Tag erstehn aus Bronzeguß,
+
+an dessen Rand, gehämmert und erhaben,
+zu sehen ist der buntgebundne Zug
+der leichten Mädchen und der neuen Knaben,
+und wie er Wellen schlug und trieb und trug,
+hinabgehalten von dem ungewissen
+Gewicht der Fahnen und von Hindernissen
+gehemmt, unsichtbar wie die Hand des Herrn;
+
+und drüben plötzlich beinah mitgerissen
+vom Aufstieg aufgescheuchter Räucherbecken,
+die fliegend, alle sieben, wie im Schrecken
+an ihren Silberketten zerrn.
+
+Die Böschung Schauender umschließt die Schiene,
+in der das alles stockt und rauscht und rollt:
+das Kommende, das Chryselephantine,
+aus dem sich zu Balkonen Baldachine
+aufbäumen, schwankend im Behang von Gold.
+
+Und sie erkennen über all dem Weißen,
+getragen und im spanischen Gewand,
+das alte Standbild mit dem kleinen heißen
+Gesichte und dem Kinde auf der Hand
+und knieen hin, je mehr es naht und naht,
+in seiner Krone ahnungslos veraltend
+und immer noch das Segnen hölzern haltend
+aus dem sich groß gebärdenden Brokat.
+
+Da aber, wie es an den Hingeknieten
+vorüberkommt, die scheu von unten schaun,
+da scheint es seinen Trägern zu gebieten
+mit einem Hochziehn seiner Augenbraun,
+hochmütig, ungehalten und bestimmt:
+so daß sie staunen, stehn und überlegen
+und schließlich zögernd gehn. Sie aber nimmt
+
+in sich die Schritte dieses ganzen Stromes
+und geht, allein, wie auf erkannten Wegen
+dem Glockendonnern des großoffnen Domes
+auf hundert Schultern frauenhaft entgegen.
+
+
+
+
+DIE INSEL
+
+NORDSEE
+
+
+I
+
+
+Die nächste Flut verwischt den Weg im Watt,
+und alles wird auf allen Seiten gleich;
+die kleine Insel draußen aber hat
+die Augen zu; verwirrend kreist der Deich
+
+um ihre Wohner, die in einen Schlaf
+geboren werden, drin sie viele Welten
+verwechseln schweigend; denn sie reden selten,
+und jeder Satz ist wie ein Epitaph
+
+für etwas Angeschwemmtes, Unbekanntes,
+das unerklärt zu ihnen kommt und bleibt.
+Und so ist alles, was ihr Blick beschreibt,
+
+von Kindheit an: nicht auf sie Angewandtes,
+zu Großes, Rücksichtsloses, Hergesandtes,
+das ihre Einsamkeit noch übertreibt.
+
+
+
+II
+
+
+Als läge er in einem Kraterkreise
+auf einem Mond: ist jeder Hof umdämmt,
+und drin die Gärten sind auf gleiche Weise
+gekleidet und wie Waisen gleich gekämmt
+
+von jenem Sturm, der sie so rauh erzieht
+und tagelang sie bange macht mit Toden.
+Dann sitzt man in den Häusern drin und sieht
+in schiefen Spiegeln, was auf den Kommoden
+
+Seltsames steht. Und einer von den Söhnen
+tritt abends vor die Tür und zieht ein Tönen
+aus der Harmonika wie Weinen weich;
+
+so hörte ers in einem fremden Hafen--.
+Und draußen formt sich eines von den Schafen
+ganz groß, fast drohend, auf dem Außendeich.
+
+
+
+III
+
+
+Nah ist nur Innres; alles andre fern.
+Und dieses Innere gedrängt und täglich
+mit allem überfüllt und ganz unsäglich.
+Die Insel ist wie ein zu kleiner Stern,
+
+welchen der Raum nicht merkt und stumm zerstört
+in seinem unbewußten Furchtbarsein,
+so daß er, unerhellt und überhört,
+allein,
+
+damit dies alles doch ein Ende nehme,
+dunkel auf einer selbsterfundnen Bahn
+versucht zu gehen, blindlings, nicht im Plan
+der Wandelsterne, Sonnen und Systeme.
+
+
+
+
+HETÄRENGRÄBER
+
+
+In ihren langen Haaren liegen sie
+mit braunen, tief in sich gegangenen Gesichtern.
+Die Augen zu wie vor zu vieler Ferne.
+Skelette, Munde, Blumen. In den Munden
+die glatten Zähne wie ein Reiseschachspiel
+aus Elfenbein in Reihen aufgestellt.
+Und Blumen, gelbe Perlen, schlanke Knochen,
+Hände und Hemden, welkende Gewebe
+über dem eingestürzten Herzen. Aber
+dort unter jenen Ringen, Talismanen
+und augenblauen Steinen (Lieblings-Angedenken)
+steht noch die stille Krypta des Geschlechtes,
+bis an die Wölbung voll mit Blumenblättern.
+Und wieder gelbe Perlen, weitverrollte,--
+Schalen gebrannten Tones, deren Bug
+ihr eignes Bild geziert hat, grüne Scherben
+von Salbenvasen, die wie Blumen duften,
+und Formen kleiner Götter: Hausaltäre,
+Hetärenhimmel mit entzückten Göttern.
+Gesprengte Gürtel, flache Skarabäen,
+kleine Figuren riesigen Geschlechtes,
+ein Mund, der lacht, und Tanzende und Läufer,
+goldene Fibeln, kleinen Bogen ähnlich
+zur Jagd auf Tier- und Vogelamulette,
+und lange Nadeln, zieres Hausgeräte
+und eine runde Scherbe roten Grundes,
+darauf, wie eines Eingangs schwarze Aufschrift,
+die straffen Beine eines Viergespannes.
+Und wieder Blumen, Perlen, die verrollt sind,
+die hellen Lenden einer kleinen Leier,
+und zwischen Schleiern, die gleich Nebeln fallen,
+wie ausgekrochen aus des Schuhes Puppe:
+des Fußgelenkes leichter Schmetterling.
+
+So liegen sie mit Dingen angefüllt,
+kostbaren Dingen, Steinen, Spielzeug, Hausrat,
+zerschlagnem Tand (was alles in sie abfiel),
+und dunkeln wie der Grund von einem Fluß.
+
+Flußbetten waren sie,
+darüber hin in kurzen schnellen Wellen
+(die weiter wollten zu dem nächsten Leben)
+die Leiber vieler Jünglinge sich stürzten
+und in denen der Männer Ströme rauschten.
+Und manchmal brachen Knaben aus den Bergen
+der Kindheit, kamen zagen Falles nieder
+und spielten mit den Dingen auf dem Grunde,
+bis das Gefälle ihr Gefühl ergriff:
+
+Dann füllten sie mit flachem klaren Wasser
+die ganze Breite dieses breiten Weges
+und trieben Wirbel an den tiefen Stellen;
+und spiegelten zum erstenmal die Ufer
+und ferne Vogelrufe, während hoch
+die Sternennächte eines süßen Landes
+in Himmel wuchsen, die sich nirgends schlossen.
+
+
+
+
+ORPHEUS. EURYDIKE. HERMES
+
+
+Das war der Seelen wunderliches Bergwerk.
+Wie stille Silbererze gingen sie
+als Adern durch sein Dunkel. Zwischen Wurzeln
+entsprang das Blut, das fortgeht zu den Menschen,
+und schwer wie Porphyr sah es aus im Dunkel.
+Sonst war nichts Rotes.
+
+Felsen war da
+und wesenlose Wälder. Brücken über Leeres
+und jener große, graue, blinde Teich,
+der über seinem fernen Grunde hing
+wie Regenhimmel über einer Landschaft.
+Und zwischen Wiesen, sanft und voller Langmut,
+erschien des einen Weges blasser Streifen
+wie eine lange Bleiche hingelegt.
+
+Und dieses einen Weges kamen sie.
+
+Voran der schlanke Mann im blauen Mantel,
+der stumm und ungeduldig vor sich aussah.
+Ohne zu kauen fraß sein Schritt den Weg
+in großen Bissen; seine Hände hingen
+schwer und verschlossen aus dem Fall der Falten
+und wußten nicht mehr von der leichten Leier,
+die in die Linke eingewachsen war
+wie Rosenranken in den Ast des Ölbaums.
+Und seine Sinne waren wie entzweit:
+
+indes der Blick ihm wie ein Hund vorauslief,
+umkehrte, kam und immer wieder weit
+und wartend an der nächsten Wendung stand,--
+blieb sein Gehör wie ein Geruch zurück.
+Manchmal erschien es ihm, als reichte es
+bis an das Gehen jener beiden andern,
+die folgen sollten diesen ganzen Aufstieg.
+Dann wieder wars nur seines Steigens Nachklang
+und seines Mantels Wind, was hinter ihm war.
+Er aber sagte sich, sie kämen doch;
+sagte es laut und hörte sich verhallen.
+Sie kämen doch, nur wärens zwei,
+die furchtbar leise gingen. Dürfte er
+sich einmal wenden (wäre das Zurückschaun
+nicht die Zersetzung dieses ganzen Werkes,
+das erst vollbracht wird), müßte er sie sehen,
+die beiden Leisen, die ihm schweigend nachgehn:
+
+den Gott des Ganges und der weiten Botschaft,
+die Reischaube über hellen Augen,
+den schlanken Stab hertragend vor dem Leibe
+und flügelschlagend an den Fußgelenken;
+und seiner linken Hand gegeben: _sie_.
+Die So-geliebte, daß aus einer Leier
+mehr Klage kam als je aus Klagefrauen;
+daß eine Welt aus Klage ward, in der
+alles noch einmal da war: Wald und Tal
+und Weg und Ortschaft, Feld und Fluß und Tier;
+und daß um diese Klage-Welt ganz so
+wie um die andre Erde eine Sonne
+und ein gestirnter stiller Himmel ging,
+ein Klage-Himmel mit entstellten Sternen--:
+diese So-geliebte.
+
+Sie aber ging an jenes Gottes Hand,
+den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern,
+unsicher, sanft und ohne Ungeduld.
+Sie war in sich wie eine hoher Hoffnung
+und dachte nicht des Mannes, der voranging,
+und nicht des Weges, der ins Leben aufstieg.
+Sie war in sich. Und ihr Gestorbensein
+erfüllte sie wie Fülle.
+Wie eine Frucht von Süßigkeit und Dunkel,
+so war sie voll von ihrem großen Tode,
+der also neu war, daß sie nichts begriff.
+
+Sie war in einem neuen Mädchentum
+und unberührbar; ihr Geschlecht war zu
+wie eine junge Blume gegen Abend,
+und ihre Hände waren der Vermählung
+so sehr entwöhnt, daß selbst des leichten Gottes
+unendlich leise leitende Berührung
+sie kränkte wie zu sehr Vertraulichkeit.
+
+Sie war schon nicht mehr diese blonde Frau,
+die in des Dichters Liedern manchmal anklang,
+nicht mehr des breiten Bettes Duft und Eiland
+und jenes Mannes Eigentum nicht mehr.
+Sie war schon aufgelöst wie langes Haar
+und hingegeben wie gefallner Regen
+und ausgeteilt wie hundertfacher Vorrat.
+
+Sie war schon Wurzel.
+Und als plötzlich jäh
+der Gott sie anhielt und mit Schmerz im Ausruf
+die Worte sprach: Er hat sich umgewendet
+begriff sie nichts und sagte leise: Wer?
+
+Fern aber, dunkel vor dem klaren Ausgang,
+stand irgend jemand, dessen Angesicht
+nicht zu erkennen war. Er stand und sah,
+wie auf dem Streifen eines Wiesenpfades
+mit trauervollem Blick der Gott der Botschaft
+sich schweigend wandte, der Gestalt zu folgen,
+die schon zurückging dieses selben Weges,
+den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern,
+unsicher, sanft und ohne Ungeduld.
+
+
+
+
+ALKESTIS
+
+
+Da plötzlich war der Bote unter ihnen,
+hineingeworfen in das Überkochen
+des Hochzeitsmahles wie ein neuer Zusatz.
+Sie fühlten nicht, die Trinkenden, des Gottes
+heimlichen Eintritt, welcher seine Gottheit
+so an sich hielt wie einen nassen Mantel
+und ihrer einer schien, der oder jener,
+wie er so durchging. Aber plötzlich sah
+mitten im Sprechen einer von den Gästen
+den jungen Hausherrn oben an dem Tische
+wie in die Höh gerissen, nicht mehr liegend
+und überall und mit dem ganzen Wesen
+ein Fremdes spiegelnd, das ihn furchtbar ansprach.
+Und gleich darauf, als klärte sich die Mischung,
+war Stille; nur mit einem Satz am Boden
+von trübem Lärm und einem Niederschlag
+fallenden Lallens, schon verdorben riechend
+nach dumpfem umgestandenen Gelächter.
+Und da erkannten sie den schlanken Gott,
+und wie er dastand, innerlich voll Sendung
+und unerbittlich,--wußten sie es beinah.
+Und doch, als es gesagt war, war es mehr
+als alles Wissen, gar nicht zu begreifen.
+Admet muß sterben. Wann? In dieser Stunde.
+
+Der aber brach die Schale seines Schreckens
+in Stücken ab und streckte seine Hände
+heraus aus ihr, um mit dem Gott zu handeln.
+Um Jahre, um ein einzig Jahr noch Jugend,
+um Monate, um Wochen, um paar Tage,
+ach, Tage nicht, um Nächte, nur um eine,
+um eine Nacht, um diese nur: um die.
+Der Gott verneinte, und da schrie er auf
+und schrie's hinaus und hielt es nicht und schrie,
+wie seine Mutter aufschrie beim Gebären.
+
+Und die trat zu ihm, eine alte Frau,
+und auch der Vater kam, der alte Vater,
+und beide standen, alt, veraltet, ratlos,
+beim Schreienden, der plötzlich, wie noch nie
+so nah, sie ansah, abbrach, schluckte, sagte:
+Vater,
+liegt dir denn viel daran an diesem Rest,
+an diesem Satz, der dich beim Schlingen hindert?
+Geh, gieß ihn weg. Und du, du alte Frau,
+Matrone,
+was tust du denn noch hier: du hast geboren.
+Und beide hielt er sie wie Opfertiere
+in einem Griff. Auf einmal ließ er los
+und stieß die Alten fort, voll Einfall, strahlend
+und atemholend, rufend: Kreon, Kreon!
+Und nichts als das; und nichts als diesen Namen.
+Aber in seinem Antlitz stand das andere,
+das er nicht sagte, namenlos erwartend,
+wie ers dem jungen Freunde, dem Geliebten,
+erglühend hinhielt übern wirren Tisch.
+
+Die Alten (stand da), siehst du, sind kein Loskauf,
+sie sind verbraucht und schlecht und beinah wertlos,
+du aber, du, in deiner ganzen Schönheit--
+
+Da aber sah er seinen Freund nicht mehr.
+Er blieb zurück, und das, was kam, war sie,
+ein wenig kleiner fast, als er sie kannte,
+und leicht und traurig in dem bleichen Brautkleid.
+Die andern alle sind nur ihre Gasse,
+durch die sie kommt und kommt--: (gleich wird sie da sein
+in seinen Armen, die sich schmerzhaft auftun).
+Doch wie er wartet, spricht sie; nicht zu ihm.
+Sie spricht zum Gotte, und der Gott vernimmt sie,
+und alle hörens gleichsam erst im Gotte:
+
+Ersatz kann keiner für ihn sein. Ich bins.
+Ich bin Ersatz. Denn keiner ist zu Ende,
+wie ich es bin. Was bleibt mir denn von dem,
+was ich hier war? Das _ists_ ja, daß ich sterbe.
+Hat sie dirs nicht gesagt, da sie dirs auftrug,
+daß jenes Lager, das da drinnen wartet,
+zur Unterwelt gehört? Ich nahm ja Abschied.
+Abschied über Abschied.
+Kein Sterbender nimmt mehr davon. Ich ging ja,
+damit das alles, unter dem begraben,
+der jetzt mein Gatte ist, zergeht, sich auflöst--.
+So für mich hin: ich sterbe ja für ihn.
+
+Und wie der Wind auf hoher See, der umspringt,
+so trat der Gott fast wie zu einer Toten
+und war auf einmal weit von ihrem Gatten,
+dem er, versteckt in einem kleinen Zeichen,
+die hundert Leben dieser Erde zuwarf.
+Der stürzte taumelnd zu den beiden hin
+und griff nach ihnen wie im Traum. Sie gingen
+schon auf den Eingang zu, in dem die Frauen
+verweint sich drängten. Aber einmal sah
+er noch des Mädchens Antlitz, das sich wandte
+mit einem Lächeln, hell wie eine Hoffnung,
+die beinah ein Versprechen war: erwachsen
+zurückzukommen aus dem tiefen Tode
+zu ihm, dem Lebenden--
+
+Da schlug er jäh
+die Hände vors Gesicht, wie er so kniete,
+um nichts zu sehen mehr nach diesem Lächeln.
+
+
+
+
+GEBURT DER VENUS
+
+
+An diesem Morgen nach der Nacht, die bang
+vergangen war mit Rufen, Unruh, Aufruhr,--
+brach alles Meer noch einmal auf und schrie.
+Und als der Schrei sich langsam wieder schloß
+und von der Himmel blassem Tag und Anfang
+herabfiel in der stummen Fische Abgrund--:
+gebar das Meer.
+
+Von erster Sonne schimmerte der Haarschaum
+der weiten Wogenscham, an deren Rand
+das Mädchen aufstand, weiß, verwirrt und feucht.
+So wie ein junges grünes Blatt sich rührt,
+sich reckt und Eingerolltes langsam aufschlägt,
+entfaltete ihr Leib sich in die Kühle
+hinein und in den unberührten Frühwind.
+
+Wie Monde stiegen klar die Kniee auf
+und tauchten in der Schenkel Wolkenränder;
+der Waden schmaler Schatten wich zurück,
+die Füße spannten sich und wurden licht,
+und die Gelenke lebten wie die Kehlen
+von Trinkenden.
+
+Und in dem Kelch des Beckens lag der Leib
+wie eine junge Frucht in eines Kindes Hand.
+In seines Nabels engem Becher war
+das ganze Dunkel dieses hellen Lebens.
+
+Darunter hob sich licht die kleine Welle
+und floß beständig über nach den Lenden,
+wo dann und wann ein stilles Rieseln war.
+Durchschienen aber und noch ohne Schatten,
+wie ein Bestand von Birken im April,
+warm, leer und unverborgen lag die Scham.
+
+Jetzt stand der Schultern rege Wage schon
+im Gleichgewichte auf dem graden Körper,
+der aus dem Becken wie ein Springbrunn aufstieg
+und zögernd in den langen Armen abfiel
+und rascher in dem vollen Kall des Haars.
+
+Dann ging sehr langsam das Gesicht vorbei:
+aus dem verkürzten Dunkel seiner Neigung
+in klares, wagrechtes Erhobensein.
+Und hinter ihm verschloß sich steil das Kinn.
+
+Jetzt, da der Hals gestreckt war wie ein Strahl
+und wie ein Blumenstiel, darin der Saft steigt,
+streckten sich auch die Arme aus wie Hälse
+von Schwänen, wenn sie nach dem Ufer suchen.
+
+Dann kam in dieses Leibes dunkle Frühe
+wie Morgenwind der erste Atemzug.
+Im zartesten Geäst der Aderbäume
+entstand ein Flüstern, und das Blut begann
+zu rauschen über seinen tiefen Stellen.
+Und dieser Wind wuchs an: nun warf er sich
+mit allem Atem in die neuen Brüste
+und füllte sie und drückte sich in sie,--
+daß sie wie Segel, von der Ferne voll,
+das leichte Mädchen nach dem Strande drängten.
+
+So landete die Göttin.
+
+Hinter ihr,
+die rasch dahinschritt durch die jungen Ufer,
+erhoben sich den ganzen Vormittag
+die Blumen und die Halme, warm, verwirrt
+wie aus Umarmung. Und sie ging und lief.
+
+Am Mittag aber, in der schwersten Stunde,
+hob sich das Meer noch einmal auf und warf
+einen Delphin an jene selbe Stelle.
+Tot, rot und offen.
+
+
+
+
+DIE ROSENSCHALE
+
+
+Zornige sahst du flackern, sahst zwei Knaben
+zu einem Etwas sich zusammenballen,
+das Haß war und sich auf der Erde wälzte
+wie ein von Bienen überfallnes Tier;
+Schauspieler, aufgetürmte Übertreiber,
+rasende Pferde, die zusammenbrachen,
+den Blick wegwerfend, bläkend das Gebiß,
+als schälte sich der Schädel aus dem Maule.
+
+Nun aber weißt du, wie sich das vergißt:
+denn vor dir steht die volle Rosenschale,
+die unvergeßlich ist und angefüllt
+mit jenem Äußersten von Sein und Neigen,
+Hinhalten, Niemals-Gebenkönnen, Dastehn,
+das unser sein mag: Äußerstes auch uns.
+
+Lautloses Leben, Aufgehn ohne Ende,
+Raum-brauchen, ohne Raum von jenem Raum
+zu nehmen, den die Dinge rings verringern,
+fast nicht Umrissen-sein wie Ausgespartes
+und lauter Inneres, viel seltsam Zartes
+und Sich-bescheinendes bis an den Rand:
+ist irgend etwas uns bekannt wie dies?
+Und dann wie dies: daß ein Gefühl entsteht,
+weil Blütenblätter Blütenblätter rühren?
+
+Und dies: daß eins sich aufschlägt wie ein Lid,
+und drunter liegen lauter Augenlider,
+geschlossene, als ob sie zehnfach schlafend
+zu dämpfen hätten eines Innern Sehkraft.
+Und dies vor allem: daß durch diese Blätter
+das Licht hindurch muß. Aus den tausend Himmeln
+filtern sie langsam jeden Tropfen Dunkel,
+in dessen Feuerschein das wirre Bündel
+der Staubgeläße sich erregt und aufbäumt.
+
+Und die Bewegung in den Rosen, sieh:
+Gebärden von so kleinem Ausschlagswinkel,
+daß sie unsichtbar blieben, liefen ihre
+Strahlen nicht auseinander in das Weltall.
+
+Sieh jene weiße, die sich selig aufschlug
+und dasteht in den großen offnen Blättern
+wie eine Venus aufrecht in der Muschel;
+und die errötende, die wie verwirrt
+nach einer kühlen sich hinüberwendet,
+und wie die kühle fühllos sich zurückzieht,
+und wie die kalte steht, in sich gehüllt,
+unter den offenen, die alles abtun.
+Und _was_ sie abtun, wie das leicht und schwer,
+wie es ein Mantel, eine Last, ein Flügel
+und eine Maske sein kann, je nachdem,
+und _wie_ sie's abtun: wie vor dem Geliebten.
+
+Was können sie nicht sein: war jene gelbe,
+die hohl und offen daliegt, nicht die Schale
+von einer Frucht, darin dasselbe Gelb,
+gesammelter, orangeröter, Saft war?
+Und wars für diese schon zu viel, das Aufgehn,
+weil an der Luft ihr namenloses Rosa
+den bittern Nachgeschmack des Lila annahm?
+Und die batistene, ist sie kein Kleid,
+in dem noch zart und atemwarm das Hemd steckt,
+mit dem zugleich es abgeworfen wurde
+im Morgenschatten an dem alten Waldbad?
+Und dieses hier, opalnes Porzellan,
+zerbrechlich, eine flache Chinatasse
+und angefüllt mit kleinen hellen Faltern,--
+und jene da, die nichts enthält als sich?
+
+Und sind nicht alle so, nur sich enthaltend,
+wenn Sich-enthalten heißt: die Welt da draußen
+und Wind und Regen und Geduld des Frühlings
+und Schuld und Unruh und vermummtes Schicksal
+und Dunkelheit der abendlichen Erde
+bis auf der Wolken Wandel, Flucht und Anflug,
+bis auf den vagen Einfluß ferner Sterne
+in eine Hand voll Innres zu verwandeln?
+
+Nun liegt es sorglos in den offnen Rosen.
+
+
+
+
+
+INHALT
+
+
+Früher Apollo
+Mädchenklage
+Liebeslied
+Eranna an Sappho
+Sappho an Eranna
+Sappho an Alkaïos (Fragment)
+Grabmal eines jungen Mädchens
+Opfer
+Östliches Taglied
+Abisag
+David singt vor Saul
+Josuas Landtag
+Der Auszug des verlorenen Sohnes
+Der Ölbaumgarten
+Pietà
+Gesang der Frauen an den Dichter
+Der Tod des Dichters
+Buddha
+L'Ange du Méridien (Chartres)
+Die Kathedrale
+Das Portal
+Die Fensterrose
+Das Kapitäl
+Gott im Mittelalter
+Morgue
+Der Gefangene
+Der Panther (Im Jardin des Plantes, Paris)
+Die Gazelle (Antilope dorcas)
+Das Einhorn
+Sankt Sebastian
+Der Stifter
+Der Engel
+Römische Sarkophage
+Der Schwan
+Kindheit
+Der Dichter
+Die Spitze
+Ein Frauenschicksal
+Die Genesende
+Die Erwachsene
+Tanagra
+Die Erblindende
+In einem fremden Park (Borgeby-Gård)
+Abschied
+Todeserfahrung
+Blaue Hortensie
+Vor dem Sommerregen
+Im Saal
+Letzter Abend (Aus dem Besitze Frau Nonnas)
+Jugendbildnis meines Vaters
+Selbstbildnis aus dem Jahre 1906
+Der König
+Auferstehung
+Der Fahnenträger
+Der letzte Graf von Brederode entzieht sich türkischer Gefangenschaft
+Die Kurtisane
+Die Treppe der Orangerie (Versailles)
+Der Marmorkarren (Paris)
+Buddha
+Römische Fontäne (Borghese)
+Das Karussell (Jardin du Luxembourg)
+Spanische Tänzerin
+Der Turm (Tour St.-Nicolas, Furnes)
+Der Platz (Furnes)
+Quai du Rosaire (Brügge)
+Béguinage (Béguinage Sainte-Elisabeth, Brügge)
+Die Marienprozession (Gent)
+Die Insel (Nordsee)
+Hetärengräber
+Orpheus. Eurydike. Hermes
+Alkestis
+Geburt der Venus
+Die Rosenschale
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 33863 ***
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+ The Project Gutenberg eBook of Neue Gedichte, by Rainer Maria Rilke.
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+<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 33863 ***</div>
+
+<h1>NEUE GEDICHTE</h1>
+
+<h3>Von</h3>
+
+<h2>RAINER MARIA RILKE</h2>
+
+<h4>LEIPZIG</h4>
+
+<h4>IM INSEL-VERLAG</h4>
+
+<h4>MCMXX</h4>
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+<h4>KARL UND ELISABETH VON DER HEYDT</h4>
+<h4>IN FREUNDSCHAFT</h4>
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+<h3><a href="#INHALT">Inhalt</a></h3>
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+
+<p>
+<a name="FRUHER_APOLLO" id="FRUHER_APOLLO"></a>FRHER APOLLO<br />
+<br />
+<br />
+Wie manches Mal durch das noch unbelaubte<br />
+Gezweig ein Morgen durchsieht, der schon ganz<br />
+im Frhling ist: so ist in seinem Haupte<br />
+nichts, was verhindern knnte, da der Glanz<br />
+<br />
+aller Gedichte uns fast tdlich trfe;<br />
+denn noch kein Schatten ist in seinem Schaun,<br />
+zu khl fr Lorbeer sind noch seine Schlfe,<br />
+und spter erst wird aus den Augenbraun<br />
+<br />
+hochstmmig sich der Rosengarten heben,<br />
+aus welchem Bltter, einzeln, ausgelst<br />
+hintreiben werden auf des Mundes Beben,<br />
+<br />
+der jetzt noch still ist, niegebraucht und blinkend<br />
+und nur mit seinem Lcheln etwas trinkend,<br />
+als wrde ihm sein Singen eingeflt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="MADCHENKLAGE" id="MADCHENKLAGE"></a>MDCHENKLAGE<br />
+<br />
+<br />
+Diese Neigung, in den Jahren,<br />
+da wir alle Kinder waren,<br />
+viel allein zu sein, war mild;<br />
+andern ging die Zeit im Streite,<br />
+und man hatte seine Seite,<br />
+seine Nhe, seine Weite,<br />
+einen Weg, ein Tier, ein Bild.<br />
+<br />
+Und ich dachte noch, das Leben<br />
+hrte niemals auf zu geben,<br />
+da man sich in sich besinnt.<br />
+Bin ich in mir nicht im Grten?<br />
+Will mich meines nicht mehr trsten<br />
+und verstehen wie als Kind?<br />
+<br />
+Pltzlich bin ich wie verstoen,<br />
+und zu einem bergroen<br />
+wird mir diese Einsamkeit,<br />
+wenn, auf meiner Brste Hgeln<br />
+stehend, mein Gefhl nach Flgeln<br />
+oder einem Ende schreit.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="LIEBESLIED" id="LIEBESLIED"></a>LIEBESLIED<br />
+<br />
+<br />
+Wie soll ich meine Seele halten, da<br />
+sie nicht an deine rhrt? Wie soll ich sie<br />
+hinheben ber dich zu andern Dingen?<br />
+Ach gerne mcht ich sie bei irgendwas<br />
+Verlorenem im Dunkel unterbringen<br />
+an einer fremden stillen Stelle, die<br />
+nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.<br />
+Doch alles, was uns anrhrt, dich und mich,<br />
+nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,<br />
+der aus zwei Saiten <i>eine</i> Stimme zieht.<br />
+Auf welches Instrument sind wir gespannt?<br />
+Und welcher Spieler hat uns in der Hand?<br />
+O ses Lied.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="ERANNA_AN_SAPPHO" id="ERANNA_AN_SAPPHO"></a>ERANNA AN SAPPHO<br />
+<br />
+<br />
+O du wilde weite Werferin:<br />
+Wie ein Speer bei andern Dingen<br />
+lag ich bei den Meinen. Dein Erklingen<br />
+warf mich weit. Ich wei nicht, wo ich bin.<br />
+Mich kann keiner wiederbringen.<br />
+<br />
+Meine Schwestern denken mich und weben,<br />
+und das Haus ist voll vertrauter Schritte.<br />
+Ich allein bin fern und fortgegeben,<br />
+und ich zittere wie eine Bitte;<br />
+denn die schne Gttin in der Mitte<br />
+ihrer Mythen glht und lebt mein Leben.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="SAPPHO_AN_ERANNA" id="SAPPHO_AN_ERANNA"></a>SAPPHO AN ERANNA<br />
+<br />
+<br />
+Unruh will ich ber dich bringen,<br />
+schwingen will ich dich, umrankter Stab.<br />
+Wie das Sterben will ich dich durchdringen<br />
+und dich weitergeben wie das Grab<br />
+an das Alles: allen diesen Dingen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="SAPPHO_AN_ALKAIOS" id="SAPPHO_AN_ALKAIOS"></a>SAPPHO AN ALKAOS<br />
+<br />
+FRAGMENT<br />
+<br />
+<br />
+Und was httest du mir denn zu sagen,<br />
+und was gehst du meine Seele an,<br />
+wenn sich deine Augen niederschlagen<br />
+vor dem nahen Nichtgesagten? Mann,<br />
+<br />
+sieh, uns hat das Sagen dieser Dinge<br />
+hingerissen und bis in den Ruhm.<br />
+Wenn ich denke: unter euch verginge<br />
+drftig unser ses Mdchentum,<br />
+<br />
+welches wir, ich Wissende und jene<br />
+mit mir Wissenden, vom Gott bewacht,<br />
+trugen unberhrt, da Mytilene<br />
+wie ein Apfelgarten in der Nacht<br />
+duftete vom Wachsen unsrer Brste&mdash;.<br />
+<br />
+Ja, auch dieser Brste, die du nicht<br />
+whltest wie zu Fruchtgewinden, Freier<br />
+mit dem weggesenkten Angesicht.<br />
+Geh und la mich, da zu meiner Leier<br />
+komme, was du abhltst: alles steht.<br />
+<br />
+Dieser Gott ist nicht der Beistand zweier,<br />
+aber wenn er durch den einen geht<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="GRABMAL_EINES_JUNGEN_MADCHENS" id="GRABMAL_EINES_JUNGEN_MADCHENS"></a>GRABMAL EINES JUNGEN MDCHENS<br />
+<br />
+<br />
+Wir gedenkens noch. Das ist, als mte<br />
+alles dieses einmal wieder sein.<br />
+Wie ein Baum an der Limonenkste<br />
+trugst du deine kleinen leichten Brste<br />
+in das Rauschen seines Bluts hinein:<br />
+<br />
+&mdash;jenes Gottes.<br />
+<span style="margin-left: 8em;">Und es war der schlanke</span><br />
+Flchtling, der Verwhnende der Fraun.<br />
+S und glhend, warm wie dein Gedanke,<br />
+berschattend deine frhe Flanke<br />
+und geneigt wie deine Augenbraun.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="OPFER" id="OPFER"></a>OPFER<br />
+<br />
+<br />
+O wie blht mein Leib aus jeder Ader<br />
+duftender, seitdem ich dich erkenn;<br />
+sieh, ich gehe schlanker und gerader,<br />
+und du wartest nur&mdash;: wer bist du denn?<br />
+<br />
+Sieh: ich fhle, wie ich mich entferne,<br />
+wie ich Altes, Blatt um Blatt, verlier.<br />
+Nur dein Lcheln steht wie lauter Sterne<br />
+ber dir und bald auch ber mir.<br />
+<br />
+Alles was durch meine Kinderjahre<br />
+namenlos noch und wie Wasser glnzt,<br />
+will ich nach dir nennen am Altre,<br />
+der entzndet ist von deinem Haare<br />
+und mit deinen Brsten leicht bekrnzt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="OSTLICHES_TAGLIED" id="OSTLICHES_TAGLIED"></a>STLICHES TAGLIED<br />
+<br />
+<br />
+Ist dieses Bette nicht wie eine Kste,<br />
+ein Kstenstreifen nur, darauf wir liegen?<br />
+Nichts ist gewi als deine hohen Brste,<br />
+die mein Gefhl in Schwindeln berstiegen.<br />
+<br />
+Denn diese Nacht, in der so vieles schrie,<br />
+in der sich Tiere rufen und zerreien,<br />
+ist sie uns nicht entsetzlich fremd? Und wie:<br />
+was drauen langsam anhebt, Tag geheien,<br />
+ist das uns denn verstndlicher als sie?<br />
+<br />
+Man mte so sich ineinanderlegen<br />
+wie Bltenbltter um die Staubgefe:<br />
+so sehr ist berall das Ungeme<br />
+und huft sich an und strzt sich uns entgegen.<br />
+<br />
+Doch whrend wir uns aneinanderdrcken,<br />
+um nicht zu sehen, wie es ringsum naht,<br />
+kann es aus dir, kann es aus mir sich zcken:<br />
+denn unsre Seelen leben von Verrat.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="ABISAG" id="ABISAG"></a>ABISAG<br />
+<br />
+<br />
+I<br />
+<br />
+Sie lag. Und ihre Kinderarme waren<br />
+von Dienern um den Welkenden gebunden,<br />
+auf dem sie lag die sen langen Stunden,<br />
+ein wenig bang vor seinen vielen Jahren.<br />
+<br />
+Und manchmal wandte sie in seinem Barte<br />
+ihr Angesicht, wenn eine Eule schrie;<br />
+und alles, was die Nacht war, kam und scharte<br />
+mit Bangen und Verlangen sich um sie.<br />
+<br />
+Die Sterne zitterten wie ihresgleichen,<br />
+der Duft ging suchend durch das Schlafgemach,<br />
+der Vorhang rhrte sich und gab ein Zeichen,<br />
+und leise ging ihr Blick dem Zeichen nach.<br />
+<br />
+Aber sie hielt sich an dem dunkeln Alten,<br />
+und, von der Nacht der Nchte nicht erreicht,<br />
+lag sie auf seinem frstlichen Erkalten<br />
+jungfrulich und wie eine Seele leicht.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+II<br />
+<br />
+Der Knig sa und sann den leeren Tag<br />
+getaner Taten, ungefhlter Lste<br />
+und seiner Lieblingshndin, der er pflag&mdash;.<br />
+Aber am Abend wlbte Abisag<br />
+sich ber ihm. Sein wirres Leben lag<br />
+verlassen wie verrufne Meereskste<br />
+unter dem Sternbild ihrer stillen Brste.<br />
+<br />
+Und manchmal, als ein Kundiger der Frauen,<br />
+erkannte er durch seine Augenbrauen<br />
+den unbewegten, ksselosen Mund;<br />
+und sah: ihres Gefhles grne Rute<br />
+neigte sich nicht herab zu seinem Grund.<br />
+Ihn frstelte. Er horchte wie ein Hund<br />
+und suchte sich in seinem letzten Blute.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DAVID_SINGT_VOR_SAUL" id="DAVID_SINGT_VOR_SAUL"></a>DAVID SINGT VOR SAUL<br />
+<br />
+<br />
+I<br />
+<br />
+Knig, hrst du, wie mein Saitenspiel<br />
+Fernen wirft, durch die wir uns bewegen?<br />
+Sterne treiben uns verwirrt entgegen,<br />
+und wir fallen endlich wie ein Regen,<br />
+und es blht, wo dieser Regen fiel.<br />
+<br />
+Mdchen blhen, die du noch erkannt,<br />
+die jetzt Frauen sind und mich verfhren;<br />
+den Geruch der Jungfraun kannst du spren,<br />
+und die Knaben stehen, angespannt<br />
+schlank und atmend, an verschwiegnen Tren.<br />
+<br />
+Da mein Klang dir alles wiederbrchte.<br />
+Aber trunken taumelt mein Getn:<br />
+Deine Nchte, Knig, deine Nchte&mdash;,<br />
+und wie waren, die dein Schaffen schwchte,<br />
+o wie waren alle Leiber schn.<br />
+<br />
+Dein Erinnern glaub ich zu begleiten,<br />
+weil ich ahne. Doch auf welchen Saiten<br />
+greif ich dir ihr dunkles Lustgesthn?&mdash;<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+II<br />
+<br />
+Knig, der du alles dieses hattest<br />
+und der du mit lauter Leben mich<br />
+berwltigest und berschattest:<br />
+komm aus deinem Throne und zerbrich<br />
+meine Harfe, die du so ermattest.<br />
+<br />
+Sie ist wie ein abgenommner Baum:<br />
+durch die Zweige, die dir Frucht getragen,<br />
+schaut jetzt eine Tiefe wie von Tagen,<br />
+welche kommen&mdash;, und ich kenn sie kaum.<br />
+<br />
+La mich nicht mehr bei der Harfe schlafen;<br />
+sich dir diese Knabenhand da an:<br />
+glaubst du, Knig, da sie die Oktaven<br />
+eines Leibes noch nicht greifen kann?<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+III<br />
+<br />
+Knig, birgst du dich in Finsternissen,<br />
+und ich hab dich doch in der Gewalt.<br />
+Sieh, mein festes Lied ist nicht gerissen,<br />
+und der Raum wird um uns beide kalt.<br />
+Mein verwaistes Herz und dein verworrnes<br />
+hngen in den Wolken deines Zornes,<br />
+wtend ineinander eingebissen<br />
+und zu einem einzigen verkrallt.<br />
+<br />
+Fhlst du jetzt, wie wir uns umgestalten?<br />
+Knig, Knig, das Gewicht wird Geist.<br />
+Wenn wir uns nur aneinanderhalten,<br />
+du am Jungen, Knig, ich am Alten,<br />
+sind wir fast wie ein Gestirn, das kreist.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="JOSUAS_LANDTAG" id="JOSUAS_LANDTAG"></a>JOSUAS LANDTAG<br />
+<br />
+<br />
+So wie der Strom am Ausgang seine Dmme<br />
+durchbricht mit seiner Mndung berma,<br />
+so brach nun durch die ltesten der Stimme<br />
+zum letztenmal die Stimme Josuas.<br />
+<br />
+Wie waren die geschlagen, welche lachten,<br />
+wie hielten alle Herz und Hnde an,<br />
+als hbe sich der Lrm von dreiig Schlachten<br />
+in einem Mund; und dieser Mund begann.<br />
+<br />
+Und wieder waren Tausende voll Staunen<br />
+wie an dem groen Tag vor Jericho,<br />
+nun aber waren in ihm die Posaunen,<br />
+und ihres Lebens Mauern schwankten so,<br />
+<br />
+da sie sich wlzten, von Entsetzen trchtig<br />
+und wehrlos schon und berwltigt, eh<br />
+sie's noch gedachten, wie er eigenmchtig<br />
+zu Gibeon die Sonne anschrie: Steh!<br />
+<br />
+Und Gott ging hin, erschrocken wie ein Knecht,<br />
+und hielt die Sonne, bis ihm seine Hnde<br />
+wehtaten, ob dem schlachtenden Geschlecht,<br />
+nur weil da einer wollte, da sie stnde.<br />
+<br />
+Und das war dieser; dieser Alte wars,<br />
+von dem sie meinten, da er nicht mehr gelte<br />
+inmitten seines hundertzehnten Jahrs.<br />
+Da stand er auf und brach in ihre Zelte.<br />
+<br />
+Er ging wie Hagel nieder ber Halmen.<br />
+Was wollt ihr Gott versprechen? Ungezhlt<br />
+stehn um euch Gtter, wartend, da ihr whlt.<br />
+Doch wenn ihr whlt, wird euch der Herr zermalmen.<br />
+<br />
+Und dann, mit einem Hochmut ohnegleichen:<br />
+Ich und mein Haus, wir bleiben ihm vermhlt.<br />
+<br />
+Da schrien sie alle: Hilf uns, gib ein Zeichen<br />
+und strke uns zu unsrer schweren Wahl.<br />
+<br />
+Aber sie sahn ihn, wie seit Jahren schweigend,<br />
+zu seiner festen Stadt am Berge steigend;<br />
+und dann nicht mehr. Es war das letzte Mal.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_AUSZUG_DES_VERLORENEN_SOHNES" id="DER_AUSZUG_DES_VERLORENEN_SOHNES"></a>DER AUSZUG DES VERLORENEN SOHNES<br />
+<br />
+<br />
+NUN fortzugehn von alle dem Verworrnen,<br />
+das unser ist und uns doch nicht gehrt,<br />
+das, wie das Wasser in den alten Bornen,<br />
+uns zitternd spiegelt und das Bild zerstrt;<br />
+von allem diesen, das sich wie mit Dornen<br />
+noch einmal an uns anhngt&mdash;fortzugehn<br />
+und Das und Den,<br />
+die man schon nicht mehr sah<br />
+(so tglich waren sie und so gewhnlich),<br />
+auf einmal anzuschauen: sanft, vershnlich<br />
+und wie an einem Anfang und von nah<br />
+und ahnend einzusehn, wie unpersnlich,<br />
+wie ber alle hin das Leid geschah,<br />
+von dem die Kindheit voll war bis zum Rand&mdash;:<br />
+Und dann doch fortzugehen, Hand aus Hand,<br />
+als ob man ein Geheiltes neu zerrisse,<br />
+und fortzugehn: wohin? Ins Ungewisse,<br />
+weit in ein unverwandtes warmes Land,<br />
+das hinter allem Handeln wie Kulisse<br />
+gleichgltig sein wird: Garten oder Wand;<br />
+und fortzugehn: warum? Aus Drang, aus Artung,<br />
+aus Ungeduld, aus dunkler Erwartung,<br />
+aus Unverstndlichkeit und Unverstand:<br />
+Dies alles auf sich nehmen und vergebens<br />
+vielleicht Gehaltnes fallen lassen, um<br />
+allein zu sterben, wissend nicht warum&mdash;<br />
+<br />
+Ist das der Eingang eines neuen Lebens?<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_OLBAUMGARTEN" id="DER_OLBAUMGARTEN"></a>DER LBAUMGARTEN<br />
+<br />
+<br />
+Er ging hinauf unter dem grauen Laub<br />
+ganz grau und aufgelst im lgelnde<br />
+und legte seine Stirne voller Staub<br />
+tief in das Staubigsein der heien Hnde.<br />
+<br />
+Nach allem dies. Und dieses war der Schlu.<br />
+Jetzt soll ich gehen, whrend ich erblinde,<br />
+und warum willst Du, da ich sagen mu,<br />
+Du seist, wenn ich Dich selber nicht mehr finde.<br />
+<br />
+Ich finde Dich nicht mehr. Nicht in mir, nein.<br />
+Nicht in den andern. Nicht in diesem Stein.<br />
+Ich finde Dich nicht mehr. Ich bin allein.<br />
+<br />
+Ich bin allein mit aller Menschen Gram,<br />
+den ich durch Dich zu lindern unternahm,<br />
+der Du nicht bist, namenlose Scham...<br />
+<br />
+Spter erzhlte man: ein Engel kam&mdash;.<br />
+<br />
+Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht<br />
+und bltterte gleichgltig in den Bumen.<br />
+Die Jnger rhrten sich in ihren Trumen.<br />
+Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht.<br />
+<br />
+Die Nacht, die kam, war keine ungemeine;<br />
+so gehen hunderte vorbei.<br />
+<br />
+Da schlafen Hunde, und da liegen Steine.<br />
+Ach eine traurige, ach irgendeine,<br />
+die wartet, bis es wieder Morgen sei.<br />
+<br />
+Denn Engel kommen nicht zu solchen Betern,<br />
+und Nchte werden nicht um solche gro.<br />
+Die Sich-Verlierenden lt alles los,<br />
+und sie sind preisgegeben von den Vtern<br />
+und ausgeschlossen aus der Mtter Scho.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="PIETA" id="PIETA"></a>PIET<br />
+<br />
+<br />
+So seh ich, Jesus, deine Fe wieder,<br />
+O die damals eines Jnglings Fe waren,<br />
+da ich sie bang entkleidete und wusch;<br />
+wie standen sie verwirrt in meinen Haaren<br />
+und wie ein weies Wild im Dornenbusch.<br />
+<br />
+So seh ich deine niegeliebten Glieder<br />
+zum erstenmal in dieser Liebesnacht.<br />
+Wir legten uns noch nie zusammen nieder,<br />
+und nun wird nur bewundert und gewacht.<br />
+<br />
+Doch, siehe, deine Hnde sind zerrissen&mdash;:<br />
+Geliebter, nicht von mir, von meinen Bissen.<br />
+Dein Herz steht offen, und man kann hinein:<br />
+das htte drfen nur mein Eingang sein.<br />
+<br />
+Nun bist du mde, und dein mder Mund<br />
+hat keine Lust zu meinem wehen Munde&mdash;.<br />
+O Jesus, Jesus, wann war unsre Stunde?<br />
+Wie gehn wir beide wunderlich zugrund.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="GESANG_DER_FRAUEN_AN_DEN_DICHTER" id="GESANG_DER_FRAUEN_AN_DEN_DICHTER"></a>GESANG DER FRAUEN AN DEN DICHTER<br />
+<br />
+<br />
+Sieh, wie sich alles auftut: so sind wir;<br />
+denn wir sind nichts als solche Seligkeit.<br />
+Was Blut und Dunkel war in einem Tier,<br />
+das wuchs in uns zur Seele an und schreit<br />
+<br />
+als Seele weiter. Und es schreit nach dir.<br />
+Du freilich nimmst es nur in dein Gesicht,<br />
+als sei es Landschaft: sanft und ohne Gier.<br />
+Und darum meinen wir, du bist es nicht,<br />
+<br />
+nach dem es schreit. Und doch, bist du nicht der,<br />
+an den wir uns ganz ohne Rest verlren?<br />
+Und werden wir in irgendeinem <i>mehr</i>?<br />
+<br />
+Mit uns geht das Unendliche <i>vorbei</i>.<br />
+Du aber sei, du Mund, da wir es hren,<br />
+du aber, du Uns-Sagender: du sei.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_TOD_DES_DICHTERS" id="DER_TOD_DES_DICHTERS"></a>DER TOD DES DICHTERS<br />
+<br />
+<br />
+Er lag. Sein aufgestelltes Antlitz war<br />
+bleich und verweigernd in den steilen Kissen,<br />
+seitdem die Welt und dieses von ihr Wissen,<br />
+von seinen Sinnen abgerissen,<br />
+zurckfiel an das teilnahmslose Jahr.<br />
+<br />
+Die, so ihn leben sahen, wuten nicht,<br />
+wie sehr er <i>eines</i> war mit allem diesen,<br />
+denn dieses: diese Tiefen, diese Wiesen<br />
+und diese Wasser waren sein Gesicht.<br />
+<br />
+O sein Gesicht war diese ganze Weite,<br />
+die jetzt noch zu ihm will und um ihn wirbt;<br />
+und seine Maske, die nun bang verstirbt,<br />
+ist zart und offen wie die Innenseite<br />
+von einer Frucht, die an der Luft verdirbt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="BUDDHA" id="BUDDHA"></a>BUDDHA<br />
+<br />
+<br />
+Als ob er horchte. Stille: eine Ferne....<br />
+Wir halten ein und hren sie nicht mehr.<br />
+Und er ist Stern. Und andre groe Sterne,<br />
+die wir nicht sehen, stehen um ihn her.<br />
+<br />
+O er ist alles. Wirklich, warten wir,<br />
+da er uns she? Sollte er bedrfen?<br />
+Und wenn wir hier uns vor ihm niederwrfen,<br />
+er bliebe tief und trge wie ein Tier.<br />
+<br />
+Denn das, was uns zu seinen Fen reit,<br />
+das kreist in ihm seit Millionen Jahren.<br />
+Er, der vergit, was wir erfahren,<br />
+und der erfahrt, was uns verweist.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="LANGE_DU_MERIDIEN" id="LANGE_DU_MERIDIEN"></a>L'ANGE DU MRIDIEN<br />
+<br />
+CHARTRES<br />
+<br />
+<br />
+Im Sturm, der um die starke Kathedrale<br />
+wie ein Verneiner strzt, der denkt und denkt,<br />
+fhlt man sich zrtlicher mit einem Male<br />
+von deinem Lcheln zu dir hingelenkt:<br />
+<br />
+lchelnder Engel, fhlende Figur,<br />
+mit einem Mund, gemacht aus hundert Munden:<br />
+gewahrst du gar nicht, wie dir unsre Stunden<br />
+abgleiten von der vollen Sonnenuhr,<br />
+<br />
+auf der des Tages ganze Zahl zugleich,<br />
+gleich wirklich, steht in tiefem Gleichgewichte,<br />
+als wren alle Stunden reif und reich?<br />
+<br />
+Was weit du, Steinerner, von unserm Sein?<br />
+und hltst du mit noch seligerm Gesichte<br />
+vielleicht die Tafel in die Nacht hinein?<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_KATHEDRALE" id="DIE_KATHEDRALE"></a>DIE KATHEDRALE<br />
+<br />
+<br />
+In jenen kleinen Stdten, wo herum<br />
+die alten Huser wie ein Jahrmarkt hocken,<br />
+der sie bemerkt hat pltzlich und erschrocken<br />
+die Buden zumacht und ganz zu und stumm,<br />
+<br />
+die Schreier still, die Trommeln angehalten,<br />
+zu ihr hinaufhorcht aufgeregten Ohrs&mdash;:<br />
+dieweil sie ruhig immer in dem alten<br />
+Faltenmantel ihrer Contreforts<br />
+dasteht und von den Husern gar nicht wei:<br />
+<br />
+in jenen kleinen Stdten kannst du sehn,<br />
+wie sehr entwachsen ihrem Umgangskreis<br />
+die Kathedralen waren. Ihr Erstehn<br />
+ging ber alles fort, so wie den Blick<br />
+des eignen Lebens viel zu groe Nhe<br />
+fortwhrend bersteigt und als geschhe<br />
+nichts anderes; als wre <i>das</i> Geschick,<br />
+was sich in ihnen aufhuft ohne Maen,<br />
+versteinert und zum Dauernden bestimmt,<br />
+nicht <i>das</i>, was unten in den dunkeln Straen<br />
+vom Zufall irgendwelche Namen nimmt<br />
+und darin geht, wie Kinder Grn und Rot<br />
+und was der Krmer hat als Schrze tragen.<br />
+Da war Geburt in diesen Unterlagen,<br />
+und Kraft und Andrang war in diesem Ragen<br />
+und Liebe berall wie Wein und Brot,<br />
+und die Portale voller Liebesklagcn.<br />
+Das Leben zgerte Im Stundenschlagen,<br />
+und in den Trmen, welche voll Entsagen<br />
+auf einmal nicht mehr stiegen, war der Tod.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DAS_PORTAL" id="DAS_PORTAL"></a>DAS PORTAL<br />
+<br />
+<br />
+I<br />
+<br />
+Da blieben sie, als wre jene Flut<br />
+zurckgetreten, deren groes Branden<br />
+an diesen Steinen wusch, bis sie entstanden;<br />
+sie nahm im Fallen manches Attribut<br />
+<br />
+aus ihren Hnden, welche viel zu gut<br />
+und gebend sind, um etwas festzuhalten.<br />
+Sie blieben, von den Formen in Basalten<br />
+durch einen Nimbus, einen Bischofshut,<br />
+<br />
+bisweilen durch ein Lcheln unterschieden,<br />
+fr das ein Antlitz seiner Stunden Frieden<br />
+bewahrt hat als ein stilles Zifferblatt;<br />
+<br />
+jetzt fortgerckt ins Leere ihres Tores,<br />
+waren sie einst die Muschel eines Ohres<br />
+und fingen jedes Sthnen dieser Stadt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+II<br />
+<br />
+Sehr viele Weite ist gemeint damit:<br />
+so wie mit den Kulissen einer Szene<br />
+die Welt gemeint ist; und so wie durch jene<br />
+der Held im Mantel seiner Handlung tritt:&mdash;<br />
+so tritt das Dunkel dieses Tores handelnd<br />
+auf seiner Tiefe tragisches Theater,<br />
+so grenzenlos und wallend wie Gott-Vater<br />
+und so wie Er sich wunderlich verwandelnd<br />
+<br />
+in einen Sohn, der aufgeteilt ist hier<br />
+auf viele kleine beinah stumme Rollen,<br />
+genommen aus des Elends Zubehr.<br />
+<br />
+Denn nur noch so entsteht (das wissen wir)<br />
+aus Blinden, Fortgeworfenen und Tollen<br />
+der Heiland wie ein einziger Akteur.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+III<br />
+<br />
+So ragen sie, die Herzen angehalten<br />
+(sie stehn auf Ewigkeit und gingen nie);<br />
+nur selten tritt aus dem Gefll der Falten<br />
+eine Gebrde, aufrecht, steil wie sie,<br />
+<br />
+und bleibt nach einem halben Schritte stehn,<br />
+wo die Jahrhunderte sie berholen.<br />
+Sie sind im Gleichgewicht auf den Konsolen,<br />
+in denen eine Welt, die sie nicht sehn,<br />
+<br />
+die Welt der Wirrnis, die sie nicht zertraten,<br />
+Figur und Tier, wie um sie zu gefhrden,<br />
+sich krmmt und schttelt und sie dennoch hlt:<br />
+weil die Gestalten dort wie Akrobaten<br />
+sich nur so zuckend und so wild gebrden,<br />
+damit der Stab auf ihrer Stirn nicht fllt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_FENSTERROSE" id="DIE_FENSTERROSE"></a>DIE FENSTERROSE<br />
+<br />
+<br />
+Da drin: das trge Treten ihrer Tatzen<br />
+macht eine Stille, die dich fast verwirrt;<br />
+und wie dann pltzlich eine von den Katzen<br />
+den Blick an ihr, der hin und wieder irrt,<br />
+<br />
+gewaltsam in ihr groes Auge nimmt,&mdash;<br />
+den Blick, der wie von eines Wirbels Kreis<br />
+ergriffen, eine kleine Weile schwimmt<br />
+und dann versinkt und nichts mehr von sich wei,<br />
+<br />
+wenn dieses Auge, welches scheinbar ruht,<br />
+sich au auftut und zusammenschlgt mit Tosen<br />
+und ihn hineinreit bis ins rote Blut&mdash;:<br />
+<br />
+so griffen einstmals aus dem Dunkelsein<br />
+der Kathedralen groe Fensterrosen<br />
+ein Herz und rissen es in Gott hinein.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DAS_KAPITAL" id="DAS_KAPITAL"></a>DAS KAPITL<br />
+<br />
+<br />
+Wie sich aus eines Traumes Ausgeburten<br />
+aufsteigend aus verwirrendem Gequl<br />
+der nchste Tag erhebt,&mdash;so gehn die Gurten<br />
+der Wlbung aus dem wirren Kapitl<br />
+<br />
+und lassen drin, gedrngt und rtselhaft<br />
+verschlungen, flgelschlagende Geschpfe:<br />
+ihr Zgern und das Pltzliche der Kpfe<br />
+und jene starken Bltter, deren Saft<br />
+<br />
+wie Jhzorn steigt, sich schlielich berschlagend<br />
+in einer schnellen Geste, die sich ballt<br />
+und sich heraushlt: alles aufwrtsjagend,<br />
+<br />
+was immer wieder mit dem Dunkel kalt<br />
+herunterfllt, wie Regen Sorge tragend<br />
+fr dieses alten Wachstums Unterhalt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="GOTT_IM_MITTELALTER" id="GOTT_IM_MITTELALTER"></a>GOTT IM MITTELALTER<br />
+<br />
+<br />
+Und sie hatten ihn in sich erspart,<br />
+und sie wollten, da er sei und richte,<br />
+und sie hngten schlielich wie Gewichte<br />
+(zu verhindern seine Himmelfahrt)<br />
+<br />
+an ihn ihrer groen Kathedralen<br />
+Last und Masse. Und er sollte nur<br />
+ber seine grenzenlosen Zahlen<br />
+zeigend kreisen und wie eine Uhr<br />
+<br />
+Zeichen geben ihrem Tun und Tagwerk.<br />
+Aber pltzlich kam er ganz in Gang,<br />
+und die Leute der entsetzten Stadt<br />
+<br />
+lieen ihn, vor seiner Stimme bang,<br />
+weitergehn mit ausgehngtem Schlagwerk<br />
+und entflohn vor seinem Zifferblatt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="MORGUE" id="MORGUE"></a>MORGUE<br />
+<br />
+<br />
+Da liegen sie bereit, als ob es glte,<br />
+nachtrglich eine Handlung zu erfinden,<br />
+die miteinander und mit dieser Klte<br />
+sie zu vershnen wei und zu verbinden;<br />
+<br />
+denn das ist alles noch wie ohne Schlu.<br />
+Was fr ein Name htte in den Taschen<br />
+sich finden sollen? An dem berdru<br />
+um ihren Mund hat man herumgewaschen;<br />
+<br />
+er ging nicht ab; er wurde nur ganz rein.<br />
+Die Brte stehen, noch ein wenig hrter,<br />
+doch ordentlicher im Geschmack der Wrter,<br />
+<br />
+nur um die Gaffenden nicht anzuwidern.<br />
+Die Augen haben hinter ihren Lidern<br />
+sich umgewandt und schauen jetzt hinein.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_GEFANGENE" id="DER_GEFANGENE"></a>DER GEFANGENE<br />
+<br />
+<br />
+I<br />
+<br />
+Meine Hand hat nur noch eine<br />
+Gebrde, mit der sie verscheucht;<br />
+auf die alten Steine<br />
+fllt es aus Felsen feucht.<br />
+<br />
+Ich hre nur dieses Klopfen,<br />
+und mein Herz hlt Schritt<br />
+mit dem Gehen der Tropfen<br />
+und vergeht damit.<br />
+<br />
+Tropften sie doch schneller,<br />
+kme doch wieder ein Tier.<br />
+Irgendwo war es heller&mdash;.<br />
+Aber was wissen wir.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+II<br />
+<br />
+Denk dir, das was jetzt Himmel ist und Wind,<br />
+Luft deinem Mund und deinem Auge Helle,<br />
+das wrde Stein bis um die kleine Stelle,<br />
+an der dein Herz und deine Hnde sind.<br />
+<br />
+Und was jetzt in dir morgen heit und: dann<br />
+und: spterhin und nchstes Jahr und weiter&mdash;<br />
+das wrde wund in dir und voller Eiter<br />
+und schwre nur und brche nicht mehr an.<br />
+<br />
+Und das was war, das wre irre und<br />
+raste in dir herum, den lieben Mund,<br />
+der niemals lachte, schumend von Gelchter.<br />
+<br />
+Und das was Gott war, wre nur dein Wchter<br />
+und stopfte boshaft in das letzte Loch<br />
+ein schmutziges Auge. Und du lebtest doch.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_PANTHER" id="DER_PANTHER"></a>DER PANTHER<br />
+<br />
+IM JARDIN DES PLANTES, PARIS<br />
+<br />
+<br />
+Sein Blick ist vom Vorbergehn der Stbe<br />
+so md geworden, da er nichts mehr hlt.<br />
+Ihm ist, als ob es tausend Stbe gbe<br />
+und hinter tausend Stben keine Welt.<br />
+<br />
+Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,<br />
+der sich im allerkleinsten Kreise dreht,<br />
+ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,<br />
+in der betubt ein groer Wille steht.<br />
+<br />
+Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille<br />
+sich lautlos auf&mdash;. Dann geht ein Bild hinein,<br />
+geht durch der Glieder angespannte Stille&mdash;<br />
+und hrt im Herzen auf zu sein.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_GAZELLE" id="DIE_GAZELLE"></a>DIE GAZELLE<br />
+<br />
+ANTILOPE DORCAS<br />
+<br />
+<br />
+Verzauberte: wie kann der Einklang zweier<br />
+erwhlter Worte je den Reim erreichen,<br />
+der in dir kommt und geht, wie auf ein Zeichen.<br />
+Aus deiner Stirne steigen Laub und Leier,<br />
+<br />
+und alles Deine geht schon im Vergleich<br />
+durch Liebeslieder, deren Worte, weich<br />
+wie Rosenbltter, dem, der nicht mehr liest,<br />
+sich auf die Augen legen, die er schliet,<br />
+<br />
+um dich zu sehen: hingetragen, als<br />
+wre mit Sprngen jeder Lauf geladen<br />
+und schsse nur nicht ab, solang der Hals<br />
+<br />
+das Haupt ins Horchen hlt: wie wenn beim Baden<br />
+im Wald die Badende sich unterbricht,<br />
+den Waldsee im gewendeten Gesicht.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DAS_EINHORN" id="DAS_EINHORN"></a>DAS EINHORN<br />
+<br />
+<br />
+Der Heilige hob das Haupt, und das Gebet<br />
+fiel wie ein Helm zurck von seinem Haupte:<br />
+denn lautlos nahte sich das niegeglaubte,<br />
+das weie Tier, das wie eine geraubte<br />
+hilflose Hindin mit den Augen fleht.<br />
+<br />
+Der Beine elfenbeinernes Gestell<br />
+bewegte sich in leichten Gleichgewichten,<br />
+ein weier Glanz glitt selig durch das Fell,<br />
+und auf der Tierstirn, auf der stillen, lichten,<br />
+stand, wie ein Turm im Mond, das Horn so hell,<br />
+und jeder Schritt geschah, es aufzurichten.<br />
+<br />
+Das Maul mit seinem rosagrauen Flaum<br />
+war leicht gerafft, so da ein wenig Wei<br />
+(weier als alles) von den Zhnen glnzte;<br />
+die Nstern nahmen auf und lechzten leis.<br />
+Doch seine Blicke, die kein Ding begrenzte,<br />
+warfen sich Bilder in den Raum<br />
+und schlssen einen blauen Sagenkreis.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="SANKT_SEBASTIAN" id="SANKT_SEBASTIAN"></a>SANKT SEBASTIAN<br />
+<br />
+<br />
+Wie ein Liegender so steht er; ganz<br />
+hingehalten von dem groen Willen.<br />
+Weit entrckt wie Mtter, wenn sie stillen,<br />
+und in sich gebunden wie ein Kranz.<br />
+<br />
+Und die Pfeile kommen: jetzt und jetzt<br />
+und als sprngen sie aus seinen Lenden,<br />
+eisern bebend mit den freien Enden.<br />
+Doch er lchelt dunkel, unverletzt.<br />
+<br />
+Einmal nur wird eine Trauer gro,<br />
+und die Augen liegen schmerzlich blo,<br />
+bis sie etwas leugnen, wie Geringes,<br />
+und als lieen sie verchtlich los<br />
+die Vernichter eines schnen Dinges.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_STIFTER" id="DER_STIFTER"></a>DER STIFTER<br />
+<br />
+<br />
+Das war der Auftrag an die Malergilde.<br />
+Vielleicht da ihm der Heiland nie erschien;<br />
+vielleicht trat auch kein heiliger Bischof milde<br />
+an seine Seite wie in diesem Bilde<br />
+und legte leise seine Hand auf ihn.<br />
+<br />
+Vielleicht war dieses alles: so zu knien<br />
+(so wie es alles ist, was wir erfuhren):<br />
+zu knien: da man die eigenen Konturen,<br />
+die auswrtswollenden, ganz angespannt<br />
+im Herzen hlt, wie Pferde in der Hand.<br />
+<br />
+Da, wenn ein Ungeheueres geschhe,<br />
+das nicht versprochen ist und nieverbrieft,<br />
+wir hoffen knnten, da es uns nicht she<br />
+und nher kme, ganz in unsre Nhe,<br />
+mit sich beschftigt und in sich vertieft.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_ENGEL" id="DER_ENGEL"></a>DER ENGEL<br />
+<br />
+<br />
+Mit einem Neigen seiner Stirne weist<br />
+er weit von sich, was einschrnkt und verpflichtet;<br />
+denn durch sein Herz geht riesig aufgerichtet<br />
+das ewig Kommende, das kreist.<br />
+<br />
+Die tiefen Himmel stehn ihm voll Gestalten,<br />
+und jede kann ihm rufen: komm, erkenn&mdash;.<br />
+Gib seinen leichten Hnden nichts zu halten<br />
+aus deinem Lastenden. Sie kmen denn<br />
+<br />
+bei Nacht zu dir, dich ringender zu prfen,<br />
+und gingen wie Erzrnte durch das Haus<br />
+und griffen dich, als ob sie dich erschfen,<br />
+und brchen dich aus deiner Form heraus.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="ROMISCHE_SARKOPHAGE" id="ROMISCHE_SARKOPHAGE"></a>RMISCHE SARKOPHAGE<br />
+<br />
+<br />
+Was aber hindert uns zu glauben, da<br />
+(so wie wir hingestellt sind und verteilt)<br />
+nicht eine kleine Zeit nur Drang und Ha<br />
+und dies Verwirrende in uns verweilt,<br />
+<br />
+wie einst in dem verzierten Sarkophag<br />
+bei Ringen, Gtterbildern, Glsern, Bndern,<br />
+in langsam sich verzehrenden Gewndern<br />
+ein langsam Aufgelstes lag&mdash;<br />
+<br />
+bis es die unbekannten Munde schluckten,<br />
+die niemals reden. (Wo besteht und denkt<br />
+ein Hirn, um ihrer einst sich zu bedienen?)<br />
+<br />
+Da wurde von den alten Aqudukten<br />
+ewiges Wasser in sie eingelenkt&mdash;:<br />
+das spiegelt jetzt und geht und glnzt in ihnen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_SCHWAN" id="DER_SCHWAN"></a>DER SCHWAN<br />
+<br />
+<br />
+Diese Mhsal, durch noch Ungetanes<br />
+schwer und wie gebunden hinzugehn,<br />
+gleicht dem ungeschaffnen Gang des Schwanes.<br />
+<br />
+Und das Sterben, dieses Nichtmehrfassen<br />
+jenes Grunds, auf dem wir tglich stehn,<br />
+seinem ngstlichen Sich-Niederlassen&mdash;:<br />
+<br />
+in die Wasser, die ihn sanft empfangen<br />
+und die sich, wie glcklich und vergangen,<br />
+unter ihm zurckziehn, Flut um Flut;<br />
+whrend er unendlich still und sicher<br />
+immer mndiger und kniglicher<br />
+und gelassener zu ziehn geruht.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="KINDHEIT" id="KINDHEIT"></a>KINDHEIT<br />
+<br />
+<br />
+Es wre gut viel nachzudenken, um<br />
+von so Verlornem etwas auszusagen,<br />
+von jenen langen Kindheit-Nachmittagen,<br />
+die so nie wiederkamen&mdash;und warum?<br />
+<br />
+Noch mahnt es uns&mdash;: vielleicht in einem Regnen,<br />
+aber wir wissen nicht mehr, was das soll;<br />
+nie wieder war das Leben von Begegnen,<br />
+von Wiedersehn und Weitergehn so voll<br />
+<br />
+wie damals, da uns nichts geschah als nur,<br />
+was einem Ding geschieht und einem Tiere:<br />
+da lebten wir, wie Menschliches, das Ihre<br />
+und wurden bis zum Rande voll Figur.<br />
+<br />
+Und wurden so vereinsamt wie ein Hirt<br />
+und so mit groen Fernen berladen<br />
+und wie von weit berufen und berhrt<br />
+und langsam wie ein langer neuer Faden<br />
+in jene Bilderfolgen eingefhrt,<br />
+in welchen nun zu dauern uns verwirrt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_DICHTER" id="DER_DICHTER"></a>DER DICHTER<br />
+<br />
+<br />
+Du entfernst dich von mir, du Stunde.<br />
+Wunden schlgt mir dein Flgelschlag.<br />
+Allein: was soll ich mit meinem Munde?<br />
+mit meiner Nacht? mit meinem Tag?<br />
+<br />
+Ich habe keine Geliebte, kein Haus,<br />
+keine Stelle, auf der ich lebe.<br />
+Alle Dinge, an die ich mich gebe,<br />
+werden reich und geben mich aus.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_SPITZE" id="DIE_SPITZE"></a>DIE SPITZE<br />
+<br />
+<br />
+I<br />
+<br />
+Menschlichkeit: Namen schwankender Besitze,<br />
+noch unbesttigter Bestand von Glck:<br />
+ist das unmenschlich, da zu dieser Spitze,<br />
+zu diesem kleinen dichten Spitzenstck<br />
+zwei Augen wurden?&mdash;Willst du sie zurck?<br />
+<br />
+Du Langvergangene und schlielich Blinde,<br />
+ist deine Seligkeit in diesem Ding,<br />
+zu welcher hin, wie zwischen Stamm und Rinde,<br />
+dein groes Fhlen, kleinverwandelt, ging?<br />
+<br />
+Durch einen Ri im Schicksal, eine Lcke<br />
+entzogst du deine Seele deiner Zeit;<br />
+und sie ist so in diesem lichten Stcke,<br />
+da es mich lcheln macht vor Ntzlichkeit.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+II<br />
+<br />
+Und wenn uns eines Tages dieses Tun<br />
+und was an uns geschieht gering erschiene<br />
+und uns so fremd, als ob es nicht verdiene,<br />
+da wir so mhsam aus den Kinderschuhn<br />
+um seinetwillen wachsen&mdash;: Ob die Bahn<br />
+vergilbter Spitze, diese dichtgefgte<br />
+blumige Spitzenbahn, dann nicht gengte,<br />
+uns hier zu halten? Sieh: sie ward getan.<br />
+<br />
+Ein Leben ward vielleicht verschmht, wer wei?<br />
+Ein Glck war da und wurde hingegeben,<br />
+und endlich wurde doch, um jeden Preis,<br />
+dies Ding daraus, nicht leichter als das Leben<br />
+und doch vollendet und so schn, als sei's<br />
+nicht mehr zu frh, zu lcheln und zu schweben.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="EIN_FRAUENSCHICKSAL" id="EIN_FRAUENSCHICKSAL"></a>EIN FRAUENSCHICKSAL<br />
+<br />
+<br />
+So wie der Knig auf der Jagd ein Glas<br />
+ergreift, daraus zu trinken, irgendeines,&mdash;<br />
+und wie hernach der, welcher es besa,<br />
+es fortstellt und verwahrt, als wr es keines:<br />
+<br />
+so hob vielleicht das Schicksal, durstig auch,<br />
+bisweilen Eine an den Mund und trank,<br />
+die dann ein kleines Leben, viel zu bang<br />
+sie zu zerbrechen, abseits vom Gebrauch<br />
+<br />
+hinstellte in die ngstliche Vitrine,<br />
+in welcher seine Kostbarkeiten sind<br />
+(oder die Dinge, die fr kostbar gelten).<br />
+<br />
+Da stand sie fremd wie eine Fortgeliehne<br />
+und wurde einfach alt und wurde blind<br />
+und war nicht kostbar und war niemals selten.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_GENESENDE" id="DIE_GENESENDE"></a>DIE GENESENDE<br />
+<br />
+<br />
+Wie ein Singen kommt und geht in Gassen<br />
+und sich nhert und sich wieder scheut,<br />
+flgelschlagend, manchmal fast zu fassen<br />
+und dann wieder weit hinausgestreut:<br />
+<br />
+spielt mit der Genesenden das Leben;<br />
+whrend sie, geschwcht und ausgeruht,<br />
+unbeholfen, um sich hinzugeben,<br />
+eine ungewohnte Geste tut.<br />
+<br />
+Und sie fhlt sich beinah wie Verfhrung,<br />
+wenn die hartgewordne Hand, darin<br />
+Fieber waren voller Widersinn,<br />
+fernher, wie mit blhender Berhrung,<br />
+zu liebkosen kommt ihr hartes Kinn.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_ERWACHSENE" id="DIE_ERWACHSENE"></a>DIE ERWACHSENE<br />
+<br />
+<br />
+Das alles stand auf ihr und war die Welt<br />
+und stand auf ihr mit allem, Angst und Gnade,<br />
+wie Bume stehen, wachsend und gerade,<br />
+ganz Bild und bildlos wie die Bundeslade<br />
+und feierlich, wie auf ein Volk gestellt.<br />
+<br />
+Und sie ertrug es; trug bis obenhin<br />
+das Fliegende, Entfliehende, Entfernte,<br />
+das Ungeheuere, noch Unerlernte<br />
+gelassen wie die Wassertrgerin<br />
+den vollen Krug. Bis mitten unterm Spiel,<br />
+verwandelnd und auf andres vorbereitend,<br />
+der erste weie Schleier, leise gleitend,<br />
+ber das aufgetane Antlitz fiel<br />
+<br />
+fast undurchsichtig und sich nie mehr hebend<br />
+und irgendwie auf alle Fragen ihr<br />
+nur eine Antwort vage wiedergebend:<br />
+In dir, du Kindgewesene, in dir.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="TANAGRA" id="TANAGRA"></a>TANAGRA<br />
+<br />
+<br />
+Ein wenig gebrannter Erde,<br />
+wie von groer Sonne gebrannt.<br />
+Als wre die Gebrde<br />
+einer Mdchenhand<br />
+auf einmal nicht mehr vergangen;<br />
+ohne nach etwas zu langen,<br />
+zu keinem Dinge hin<br />
+aus ihrem Gefhle fhrend,<br />
+nur an sich selber rhrend<br />
+wie eine Hand ans Kinn.<br />
+<br />
+Wir heben und wir drehen<br />
+eine und eine Figur;<br />
+wir knnen fast verstehen,<br />
+weshalb sie nicht vergehen,&mdash;<br />
+aber wir sollen nur<br />
+tiefer und wunderbarer<br />
+hngen an dem, was war,<br />
+und lcheln: ein wenig klarer<br />
+vielleicht als vor einem Jahr.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_ERBLINDENDE" id="DIE_ERBLINDENDE"></a>DIE ERBLINDENDE<br />
+<br />
+<br />
+Sie sa so wie die anderen beim Tee.<br />
+Mir war zuerst, als ob sie ihre Tasse<br />
+ein wenig anders als die andern fasse.<br />
+Sie lchelte einmal. Es tat fast weh.<br />
+<br />
+Und als man schlielich sich erhob und sprach<br />
+und langsam und wie es der Zufall brachte<br />
+durch viele Zimmer ging (man sprach und lachte),<br />
+da sah ich sie. Sie ging den andern nach,<br />
+<br />
+verhalten, so wie eine, welche gleich<br />
+wird singen mssen und vor vielen Leuten;<br />
+auf ihren hellen Augen, die sich freuten,<br />
+war Licht von auen wie auf einem Teich.<br />
+<br />
+Sie folgte langsam, und sie brauchte lang,<br />
+als wre etwas noch nicht berstiegen;<br />
+und doch: als ob, nach einem bergang,<br />
+sie nicht mehr gehen wrde, sondern fliegen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="IN_EINEM_FREMDEN_PARK" id="IN_EINEM_FREMDEN_PARK"></a>IN EINEM FREMDEN PARK<br />
+<br />
+BORGEBY-GRD<br />
+<br />
+<br />
+Zwei Wege sinds. Sie fhren keinen hin.<br />
+Doch manchmal, in Gedanken, lt der eine<br />
+dich weitergehn. Es ist, als gingst du fehl;<br />
+aber auf einmal bist du im Rondel<br />
+alleingelassen wieder mit dem Steine<br />
+und wieder auf ihm lesend: Freiherrin<br />
+Brite Sophie&mdash;und wieder mit dem Finger<br />
+abfhlend die zerfallne Jahreszahl&mdash;.<br />
+Warum wird dieses Finden nicht geringer?<br />
+<br />
+Was zgerst du ganz wie zum erstenmal<br />
+erwartungsvoll auf diesem Ulmenplatz,<br />
+der feucht und dunkel ist und niebetreten?<br />
+<br />
+Und was verlockt dich fr ein Gegensatz,<br />
+etwas zu suchen in den sonnigen Beeten,<br />
+als wrs der Name eines Rosenstocks?<br />
+<br />
+Was stehst du oft? Was hren deine Ohren?<br />
+Und warum siehst du schlielich, wie verloren,<br />
+die Falter flimmern um den hohen Phlox?<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="ABSCHIED" id="ABSCHIED"></a>ABSCHIED<br />
+<br />
+<br />
+Wie hab ich das gefhlt, was Abschied heit.<br />
+Wie wei ichs noch: ein dunkles unverwundnes<br />
+grausames Etwas, das ein Schnverbundnes<br />
+noch einmal zeigt und hinhlt und zerreit.<br />
+<br />
+Wie war ich ohne Wehr, dem zuzuschauen,<br />
+das, da es mich, mich rufend, gehen lie,<br />
+zurckblieb, so als wrens alle Frauen<br />
+und dennoch klein und wei und nichts als dies:<br />
+<br />
+Ein Winken, schon nicht mehr auf mich bezogen,<br />
+ein leise Weiterwinkendes&mdash;, schon kaum<br />
+erklrbar mehr: vielleicht ein Pflaumenbaum,<br />
+von dem ein Kuckuck hastig abgeflogen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="TODESERFAHRUNG" id="TODESERFAHRUNG"></a>TODESERFAHRUNG<br />
+<br />
+<br />
+Wir wissen nichts von diesem Hingehn, das<br />
+nicht mit uns teilt. Wir haben keinen Grund,<br />
+Bewunderung und Liebe oder Ha<br />
+dem Tod zu zeigen, den ein Maskenmund<br />
+<br />
+tragischer Klage wunderlich entstellt.<br />
+Noch ist die Welt voll Rollen, die wir spielen.<br />
+Solang wir sorgen, ob wir auch gefielen,<br />
+spielt auch der Tod, obwohl er nicht gefllt.<br />
+<br />
+<br />
+Doch als du gingst, da brach in diese Bhne<br />
+ein Streifen Wirklichkeit durch jenen Spalt,<br />
+durch den du hingingst: Grn wirklicher Grne,<br />
+wirklicher Sonnenschein, wirklicher Wald.<br />
+<br />
+Wir spielen weiter. Bang und schwer Erlerntes<br />
+hersagend und Gebrden dann und wann<br />
+aufhebend; aber dein von uns entferntes,<br />
+aus unserm Stck entrcktes Dasein kann<br />
+<br />
+uns manchmal berkommen, wie ein Wissen<br />
+von jener Wirklichkeit sich niedersenkend,<br />
+so da wir eine Weile hingerissen<br />
+das Leben spielen, nicht an Beifall denkend.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="BLAUE_HORTENSIE" id="BLAUE_HORTENSIE"></a>BLAUE HORTENSIE<br />
+<br />
+<br />
+So wie das letzte Grn in Farbentiegeln<br />
+sind diese Bltter, trocken, stumpf und rauh,<br />
+hinter den Bltendolden, die ein Blau<br />
+nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.<br />
+<br />
+Sie spiegeln es verweint und ungenau,<br />
+als wollten sie es wiederum verlieren,<br />
+und wie in alten blauen Briefpapieren<br />
+ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;<br />
+<br />
+Verwaschnes wie an einer Kinderschrze,<br />
+Nichtmehrgetragnes, dem nichts mehr geschieht:<br />
+wie fhlt man eines kleinen Lebens Krze.<br />
+<br />
+Doch pltzlich scheint das Blau sich zu verneuen<br />
+in einer von den Dolden, und man sieht<br />
+ein rhrend Blaues sich vor Grnem freuen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="VOR_DEM_SOMMERREGEN" id="VOR_DEM_SOMMERREGEN"></a>VOR DEM SOMMERREGEN<br />
+<br />
+<br />
+Auf einmal ist aus allem Grn im Park<br />
+man wei nicht was, ein Etwas, fortgenommen;<br />
+man fhlt ihn nher an die Fenster kommen<br />
+und schweigsam sein. Instndig nur und stark<br />
+<br />
+ertnt aus dem Gehlz der Regenpfeifer,<br />
+man denkt an einen Hieronymus:<br />
+so sehr steigt irgend Einsamkeit und Eifer<br />
+aus dieser einen Stimme, die der Gu<br />
+<br />
+erhren wird. Des Saales Wnde sind<br />
+mit ihren Bildern von uns fortgetreten,<br />
+als drften sie nicht hren, was wir sagen.<br />
+<br />
+Es spiegeln die verblichenen Tapeten<br />
+das ungewisse Licht von Nachmittagen,<br />
+in denen man sich frchtete als Kind.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="IM_SAAL" id="IM_SAAL"></a>IM SAAL<br />
+<br />
+<br />
+Wie sind sie alle um uns, diese Herrn<br />
+in Kammerherrentrachten und Jabots,<br />
+wie eine Nacht um ihren Ordensstern<br />
+sich immer mehr verdunkelnd, rcksichtslos,<br />
+und diese Damen, zart, fragile, doch gro<br />
+von ihren Kleidern, eine Hand im Scho,<br />
+klein wie ein Halsband fr den Bologneser;<br />
+wie sind sie da um jeden: um den Leser,<br />
+um den Betrachter dieser Bibelots,<br />
+darunter manches ihnen noch gehrt.<br />
+<br />
+Sie lassen, voller Takt, uns ungestrt<br />
+das Leben leben, wie wir es begreifen<br />
+und wie sie's nicht verstehn. Sie wollten blhn,<br />
+und blhn ist schn sein; doch wir wollen reifen,<br />
+und das heit dunkel sein und sich bemhn.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="LETZTER_ABEND" id="LETZTER_ABEND"></a>LETZTER ABEND<br />
+<br />
+(AUS DEM BESITZE FRAU NONNAS)<br />
+<br />
+<br />
+Und Nacht und fernes Fahren; denn der Train<br />
+des ganzen Heeres zog am Park vorber.<br />
+Er aber hob den Blick vom Clavecin<br />
+und spielte noch und sah zu ihr hinber<br />
+<br />
+beinah, wie man in einen Spiegel schaut:<br />
+so sehr erfllt von seinen jungen Zgen<br />
+und wissend, wie sie seine Trauer trgen,<br />
+schn und verfhrender bei jedem Laut.<br />
+<br />
+Doch pltzlich wars, als ob sich das verwische:<br />
+sie stand wie mhsam in der Fensternische<br />
+und hielt des Herzens drngendes Geklopf.<br />
+<br />
+Sein Spiel gab nach. Von drauen wehte Frische.<br />
+Und seltsam fremd stand auf dem Spiegeltische<br />
+der schwarze Tschako mit dem Totenkopf.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="JUGENDBILDNIS_MEINES_VATERS" id="JUGENDBILDNIS_MEINES_VATERS"></a>JUGENDBILDNIS MEINES VATERS<br />
+<br />
+<br />
+Im Auge Traum. Die Stirn wie in Berhrung<br />
+mit etwas Fernem. Um den Mund enorm<br />
+viel Jugend, ungelchelte Verfhrung,<br />
+und vor der vollen schmckenden Verschnrung<br />
+der schlanken adeligen Uniform<br />
+der Sbelkorb und beide Hnde&mdash;, die<br />
+abwarten, ruhig, zu nichts hingedrngt.<br />
+Und nun fast nicht mehr sichtbar: als ob sie<br />
+zuerst, die Fernes greifenden, verschwnden.<br />
+Und alles andre mit sich selbst verhngt<br />
+und ausgelscht, als ob wirs nicht verstnden,<br />
+und tief aus seiner eignen Tiefe trb&mdash;.<br />
+<br />
+Du schnell vergehendes Daguerreotyp<br />
+in meinen langsamer vergehenden Hnden.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="SELBSTBILDNIS_AUS_DEM_JAHRE_1906" id="SELBSTBILDNIS_AUS_DEM_JAHRE_1906"></a>SELBSTBILDNIS AUS DEM JAHRE 1906<br />
+<br />
+<br />
+Des alten lange adligen Geschlechtes<br />
+Feststehendes im Augenbogenbau.<br />
+Im Blicke noch der Kindheit Angst und Blau<br />
+und Demut da und dort, nicht eines Knechtes,<br />
+doch eines Dienenden und einer Frau.<br />
+Der Mund als Mund gemacht, gro und genau,<br />
+nicht berredend, aber ein Gerechtes<br />
+Aussagendes. Die Stirne ohne Schlechtes<br />
+und gern im Schatten stiller Niederschau.<br />
+<br />
+Das, als Zusammenhang, erst nur geahnt;<br />
+noch nie im Leiden oder im Gelingen<br />
+zusammgefat zu dauerndem Durchdringen,<br />
+doch so, als wre mit zerstreuten Dingen<br />
+von fern ein Ernstes, Wirkliches geplant.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_KONIG" id="DER_KONIG"></a>DER KNIG<br />
+<br />
+<br />
+Der Knig ist sechzehn Jahre alt.<br />
+Sechzehn Jahre und schon der Staat.<br />
+Er schaut, wie aus einem Hinterhalt,<br />
+vorbei an den Greisen vom Rat<br />
+<br />
+in den Saal hinein und irgendwohin<br />
+und fhlt vielleicht nur dies:<br />
+an dem schmalen langen harten Kinn<br />
+die kalte Kette vom Vlies.<br />
+<br />
+Das Todesurteil vor ihm bleibt<br />
+lang ohne Namenszug.<br />
+Und sie denken: wie er sich qult.<br />
+<br />
+Sie wten, kennten sie ihn genug,<br />
+da er nur langsam bis siebzig zhlt,<br />
+eh er es unterschreibt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="AUFERSTEHUNG" id="AUFERSTEHUNG"></a>AUFERSTEHUNG<br />
+<br />
+<br />
+Der Graf vernimmt die Tne,<br />
+er sieht einen lichten Ri;<br />
+er weckt seine dreizehn Shne<br />
+im Erbbegrbnis.<br />
+<br />
+Er grt seine beiden Frauen<br />
+ehrerbietig von weit&mdash;;<br />
+und alle voll Vertrauen<br />
+stehn auf zur Ewigkeit<br />
+<br />
+und warten nur noch auf Erich<br />
+und Ulriken Dorotheen,<br />
+die sieben- und dreizehnjhrig<br />
+<span style="margin-left: 1.5em;">(sechzehnhundertzehn)</span><br />
+verstorben sind in Flandern,<br />
+um heute vor den andern<br />
+unbeirrt herzugehn.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_FAHNENTRAGER" id="DER_FAHNENTRAGER"></a>DER FAHNENTRGER<br />
+<br />
+<br />
+Die andern fhlen alles an sich rauh<br />
+und ohne Anteil: Eisen, Zeug und Leder.<br />
+Zwar manchmal schmeichelt eine weiche Feder,<br />
+doch sehr allein und lieblos ist ein jeder;<br />
+er aber trgt&mdash;als trg er eine Frau&mdash;<br />
+die Fahne in dem feierlichen Kleide.<br />
+Dicht hinter ihm geht ihre schwere Seide,<br />
+die manchmal ber seine Hnde fliet.<br />
+<br />
+Er kann allein, wenn er die Augen schliet,<br />
+ein Lcheln sehn: er darf sie nicht verlassen.<br />
+<br />
+Und wenn es kommt in blitzenden Krassen<br />
+und nach ihr greift und ringt und will sie fassen&mdash;:<br />
+<br />
+dann darf er sie abreien von dem Stocke,<br />
+als ri er sie aus ihrem Mdchentum,<br />
+um sie zu halten unterm Waffenrocke.<br />
+<br />
+Und fr die andern ist das Mut und Ruhm.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_LETZTE_GRAF_VON_BREDERODE" id="DER_LETZTE_GRAF_VON_BREDERODE"></a>DER LETZTE GRAF VON BREDERODE<br />
+ENTZIEHT SICH TRKISCHER<br />
+GEFANGENSCHAFT<br />
+<br />
+<br />
+Sie folgten furchtbar; ihren bunten Tod<br />
+von ferne nach ihm werfend, whrend er<br />
+verloren floh, nichts weiter als: bedroht.<br />
+Die Ferne seiner Vter schien nicht mehr<br />
+<br />
+fr ihn zu gelten; denn um so zu fliehn,<br />
+gengt ein Tier vor Jgern. Bis der Flu<br />
+aufrauschte nah und blitzend. Ein Entschlu<br />
+hob ihn samt seiner Not und machte ihn<br />
+<br />
+wieder zum Knaben frstlichen Gebltes.<br />
+Ein Lcheln adeliger Frauen go<br />
+noch einmal Sigkeit in sein verfrhtes<br />
+<br />
+vollendetes Gesicht. Er zwang sein Ro,<br />
+gro wie sein Herz zu gehn, sein blutdurchglhte:<br />
+es trug ihn in den Strom wie in sein Schlo.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_KURTISANE" id="DIE_KURTISANE"></a>DIE KURTISANE<br />
+<br />
+<br />
+Venedigs Sonne wird in meinem Haar<br />
+ein Gold bereiten: aller Alchemie<br />
+erlauchten Ausgang. Meine Brauen, die<br />
+den Brcken gleichen, siehst du sie<br />
+<br />
+hinfhren ob der lautlosen Gefahr<br />
+der Augen, die ein heimlicher Verkehr<br />
+an die Kanle schliet, so da das Meer<br />
+in ihnen steigt und fllt und wechselt. Wer<br />
+<br />
+mich einmal sah, beneidet meinen Hund,<br />
+weil sich auf ihm oft in zerstreuter Pause<br />
+die Hand, die nie an keiner Glut verkohlt,<br />
+<br />
+die unverwundbare, geschmckt, erholt&mdash;.<br />
+Und Knaben, Hoffnungen aus altem Hause,<br />
+gehn wie an Gift an meinem Mund zugrund.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_TREPPE_DER_ORANGERIE" id="DIE_TREPPE_DER_ORANGERIE"></a>DIE TREPPE DER ORANGERIE<br />
+<br />
+VERSAILLES<br />
+<br />
+<br />
+Wie Knige, die schlielich nur noch schreiten<br />
+fast ohne Ziel, nur um von Zeit zu Zeit<br />
+sich den Verneigenden auf beiden Seiten<br />
+zu zeigen in des Mantels Einsamkeit&mdash;:<br />
+<br />
+so steigt, allein zwischen den Balustraden,<br />
+die sich verneigen schon seit Anbeginn,<br />
+die Treppe: langsam und von Gottes Gnaden<br />
+und auf den Himmel zu und nirgends hin;<br />
+<br />
+als ob sie allen Folgenden befahl<br />
+zurckzubleiben,&mdash;so da sie nicht wagen,<br />
+von ferne nachzugehen; nicht einmal<br />
+die schwere Schleppe durfte einer tragen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_MARMORKARREN" id="DER_MARMORKARREN"></a>DER MARMORKARREN<br />
+<br />
+PARIS<br />
+<br />
+<br />
+Auf Pferde, sieben ziehende, verteilt,<br />
+verwandelt Niebewegtes sich in Schritte;<br />
+denn was hochmtig in des Marmors Mitte<br />
+an Alter, Widerstand und All verweilt,<br />
+<br />
+das zeigt sich unter Menschen. Siehe, nicht<br />
+unkenntlich, unter irgendeinem Namen,<br />
+nein: wie der Held das Drngen in den Dramen<br />
+erst sichtbar macht und pltzlich unterbricht:<br />
+<br />
+so kommt es durch den stauenden Verlauf<br />
+des Tages, kommt in seinem ganzen Staate,<br />
+als ob ein groer Triumphator nahte,<br />
+<br />
+langsam zuletzt; und langsam vor ihm her<br />
+Gefangene, von seiner Schwere schwer.<br />
+Und naht noch immer und hlt alles auf.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="BUDDHA_II" id="BUDDHA_II"></a>BUDDHA<br />
+<br />
+<br />
+Schon von ferne fhlt der fremde scheue<br />
+Pilger, wie es golden von ihm truft;<br />
+so als htten Reiche voller Reue<br />
+ihre Heimlichkeiten aufgehuft.<br />
+<br />
+Aber nher kommend wird er irre<br />
+vor der Hoheit dieser Augenbraun:<br />
+denn das sind nicht ihre Trinkgeschirre<br />
+und die Ohrgehnge ihrer Fraun.<br />
+<br />
+Wte einer denn zu sagen, welche<br />
+Dinge eingeschmolzen wurden, um<br />
+dieses Bild auf diesem Blumenkelche<br />
+<br />
+aufzurichten: stummer, ruhiggelber<br />
+als ein goldenes und rundherum<br />
+auch den Raum berhrend wie sich selber.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="ROMISCHE_FONTANE" id="ROMISCHE_FONTANE"></a>RMISCHE FONTNE<br />
+<br />
+BORGHESE<br />
+<br />
+<br />
+Zwei Becken, eins das andre bersteigend<br />
+aus einem alten runden Marmorrand,<br />
+und aus dem oberen Wasser leis sich neigend<br />
+zum Wasser, welches unten wartend stand,<br />
+<br />
+dem leise redenden entgegenschweigend<br />
+und heimlich, gleichsam in der hohlen Hand<br />
+ihm Himmel hinter Grn und Dunkel zeigend<br />
+wie einen unbekannten Gegenstand;<br />
+<br />
+sich selber ruhig in der schnen Schale<br />
+verbreitend ohne Heimweh, Kreis aus Kreis,<br />
+nur manchmal trumerisch und tropfenweis<br />
+<br />
+sich niederlassend an den Moosbehngen<br />
+zum letzten Spiegel, der sein Hecken leis<br />
+von unten lcheln macht mit Obergngen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DAS_KARUSSELL" id="DAS_KARUSSELL"></a>DAS KARUSSELL<br />
+<br />
+JARDIN DU LUXEMBOURG<br />
+<br />
+<br />
+Mit einem Dach und seinem Schatten dreht<br />
+sich eine kleine Weile der Bestand<br />
+von bunten Pferden, alle aus dem Land,<br />
+das lange zgert, eh es untergeht.<br />
+Zwar manche sind an Wagen angespannt,<br />
+doch alle haben Mut in ihren Mienen;<br />
+ein bser roter Lwe geht mit ihnen<br />
+und dann und wann ein weier Elefant.<br />
+<br />
+Sogar ein Hirsch ist da ganz wie im Wald,<br />
+nur da er einen Sattel trgt und drber<br />
+ein kleines blaues Mdchen aufgeschnallt.<br />
+<br />
+Und auf dem Lwen reitet wei ein Junge<br />
+und hlt sich mit der kleinen heien Hand,<br />
+dieweil der Lwe Zhne zeigt und Zunge.<br />
+<br />
+Und dann und wann ein weier Elefant.<br />
+<br />
+Und auf den Pferden kommen sie vorber,<br />
+auch Mdchen, helle, diesem Pferdesprunge<br />
+fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge<br />
+schauen sie auf, irgendwohin, herber&mdash;<br />
+<br />
+Und dann und wann ein weier Elefant.<br />
+<br />
+Und das geht hin und eilt sich, da es endet,<br />
+und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.<br />
+Ein Rot, ein Grn, ein Grau vorbeigesendet,<br />
+ein kleines kaum begonnenes Profil.<br />
+Und manchesmal ein Lcheln, hergewendet,<br />
+ein seliges, das blendet und verschwendet<br />
+an dieses atemlose blinde Spiel.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="SPANISCHE_TANZERIN" id="SPANISCHE_TANZERIN"></a>SPANISCHE TNZERIN<br />
+<br />
+<br />
+Wie in der Hand ein Schwefelzndholz, wei,<br />
+eh es zur Klamme kommt, nach allen Seiten<br />
+zuckende Zungen streckt&mdash;: beginnt im Kreis<br />
+naher Beschauer hastig, hell und hei<br />
+ihr runder Tanz sich zuckend auszubreiten.<br />
+<br />
+Und pltzlich ist er Flamme ganz und gar.<br />
+<br />
+Mit ihrem Blick entzndet sie ihr Haar<br />
+und dreht auf einmal mit gewagter Kunst<br />
+ihr ganzes Kleid in diese Feuersbrunst,<br />
+aus welcher sich, wie Schlangen, die erschrecken,<br />
+die nackten Arme wach und klappernd strecken.<br />
+<br />
+Und dann: als wrde ihr das Feuer knapp,<br />
+nimmt sie es ganz zusamm und wirft es ab<br />
+sehr herrisch, mit hochmtiger Gebrde<br />
+und schaut: da liegt es rasend auf der Erde<br />
+und flammt noch immer und ergibt sich nicht&mdash;.<br />
+Doch sieghaft, sicher und mit einem sen<br />
+grenden Lcheln hebt sie ihr Gesicht<br />
+und stampft es aus mit kleinen festen Fen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_TURM" id="DER_TURM"></a>DER TURM<br />
+<br />
+TOUR ST.-NICOLAS, FURNES<br />
+<br />
+<br />
+Erdinneres. Als wre dort, wohin<br />
+du blindlings steigst, erst Erdenoberflche,<br />
+zu der du steigst im schrgen Bett der Bche,<br />
+die langsam aus dem suchenden Gerinn<br />
+<br />
+der Dunkelheit entsprungen sind, durch die<br />
+sich dein Gesicht, wie auferstehend, drngt<br />
+und die du pltzlich <i>siehst</i>, als fiele sie<br />
+aus diesem Abgrund, der dich berhngt<br />
+<br />
+und den du, wie er riesig ber dir<br />
+sich umstrzt in dem dmmernden Gesthle,<br />
+erkennst, erschreckt und frchtend, im Gefhle:<br />
+o wenn er steigt, behngen wie ein Stier&mdash;:<br />
+<br />
+Da aber nimmt dich aus der engen Endung<br />
+windiges Licht. Fast fliegend siehst du hier<br />
+die Himmel wieder, Blendung ber Blendung,<br />
+und dort die Tiefen, wach und voll Verwendung,<br />
+<br />
+und kleine Tage wie bei Patenier,<br />
+gleichzeitige, mit Stunde neben Stunde,<br />
+durch die die Brcken springen wie die Hunde,<br />
+dem hellen Wege immer auf der Spur,<br />
+den unbeholfne Huser manchmal nur<br />
+verbergen, bis er ganz im Hintergrnde<br />
+beruhigt geht durch Buschwerk und Natur.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_PLATZ" id="DER_PLATZ"></a>DER PLATZ<br />
+<br />
+FURNES<br />
+<br />
+<br />
+Willkrlich von Gewesnem ausgeweitet:<br />
+von Wut und Aufruhr, von dem Kunterbunt,<br />
+das die Verurteilten zu Tod begleitet,<br />
+von Buden, von der Jahrmarktsrufer Mund,<br />
+und von dem Herzog, der vorberreitet,<br />
+und von dem Hochmut von Burgund,<br />
+<br />
+(auf allen Seiten Hintergrund):<br />
+<br />
+ladet der Platz zum Einzug seiner Weite<br />
+die fernen Fenster unaufhrlich ein,<br />
+whrend sich das Gefolge und Geleite<br />
+der Leere langsam an den Handelsreihn<br />
+<br />
+verteilt und ordnet. In die Giebel steigend,<br />
+wollen die kleinen Huser alles sehn,<br />
+die Trme voreinander scheu verschweigend,<br />
+die immer malos hinter ihnen stehn.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="QUAI_DU_ROSAIRE" id="QUAI_DU_ROSAIRE"></a>QUAI DU ROSAIRE<br />
+<br />
+BRGGE<br />
+<br />
+<br />
+Die Gassen haben einen sachten Gang<br />
+(wie manchmal Menschen gehen im Genesen<br />
+nachdenkend: was ist frher hier gewesen?)<br />
+und die an Pltze kommen, warten lang<br />
+<br />
+auf eine andre, die mit einem Schritt<br />
+ber das abendklare Wasser tritt,<br />
+darin, je mehr sich rings die Dinge mildern,<br />
+die eingehngte Welt von Spiegelbildern<br />
+so wirklich wird, wie diese Dinge nie.<br />
+<br />
+Verging nicht diese Stadt? Nun siehst du, wie<br />
+(nach einem unbegreiflichen Gesetz)<br />
+sie wach und deutlich wird im Umgestellten,<br />
+als wre dort das Leben nicht so selten;<br />
+dort hngen jetzt die Grten gro und gelten,<br />
+dort dreht sich pltzlich hinter schnell erhellten<br />
+Fenstern der Tanz in den Estaminets.<br />
+<br />
+Und oben blieb?&mdash;Die Stille nur, ich glaube,<br />
+und kostet langsam und von nichts gedrngt<br />
+Beere um Beere aus der sen Traube<br />
+des Glockenspiels, das in den Himmeln hngt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="BEGUINAGE" id="BEGUINAGE"></a>BGUINAGE<br />
+<br />
+BGUINAGE SAINTE-ELISABETH. BRGGE<br />
+<br />
+<br />
+I<br />
+<br />
+<br />
+Das hohe Tor scheint keine einzuhalten,<br />
+die Brcke geht gleich gerne hin und her,<br />
+und doch sind sicher alle in dem alten<br />
+offenen Ulmenhof und gehn nicht mehr<br />
+aus ihren Husern, als auf jenem Streifen<br />
+zur Kirche hin, um besser zu begreifen,<br />
+warum in ihnen so viel Liebe war.<br />
+<br />
+Dort knieen sie, verdeckt mit reinem Leinen<br />
+so gleich, als wre nur das Bild der einen<br />
+tausendmal im Choral, der tief und klar<br />
+zu Spiegeln wird an den verteilten Pfeilern;<br />
+und ihre Stimmen gehn den immer steilern<br />
+Gesang hinan und werfen sich von dort,<br />
+wo es nicht weitergeht, vom letzten Wort,<br />
+den Engeln zu, die sie nicht wiedergeben.<br />
+<br />
+Drum sind die unten, wenn sie sich erheben<br />
+und wenden, still. Drum reichen sie sich schweigend<br />
+mit einem Neigen, Zeigende zu zeigend<br />
+Empfangenden, geweihtes Wasser, das<br />
+die Stirnen khl macht und die Munde bla.<br />
+<br />
+Und gehen dann, verhangen und verhalten,<br />
+auf jenem Streifen wieder berquer&mdash;<br />
+die Jungen ruhig, ungewi die Alten<br />
+und eine Greisin, weilend, hinterher&mdash;<br />
+zu ihren Husern, die sie schnell verschweigen<br />
+und die sich durch die Ulmen hin von Zeit<br />
+zu Zeit ein wenig reine Einsamkeit,<br />
+in einer kleinen Scheibe schimmernd, zeigen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+II<br />
+<br />
+<br />
+Was aber spiegelt mit den tausend Scheiben<br />
+das Kirchenfenster in den Hof hinein,<br />
+darin sich Schweigen, Schein und Widerschein<br />
+vermischen, trinken, trben, bertreiben,<br />
+phantastisch alternd wie ein alter Wein?<br />
+<br />
+Dort legt sich, keiner wei von welcher Seite,<br />
+Auen auf Inneres und Ewigkeit<br />
+auf Immer-Hingehn, Weite ber Weite,<br />
+erblindend, finster, unbenutzt, verbleit.<br />
+<br />
+Dort bleibt, unter dem schwankenden Dekor<br />
+des Sommertags, das Graue alter Winter:<br />
+als stnde regungslos ein sanftgesinnter<br />
+langmtig lange Wartender dahinter<br />
+und eine weinend Wartende davor.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_MARIENPROZESSION" id="DIE_MARIENPROZESSION"></a>DIE MARIENPROZESSION<br />
+<br />
+GENT<br />
+<br />
+<br />
+Aus allen Trmen strzt sich, Flu um Flu,<br />
+hinwallendes Metall in solchen Massen,<br />
+als sollte drunten in der Form der Gassen<br />
+ein blanker Tag erstehn aus Bronzegu,<br />
+<br />
+an dessen Rand, gehmmert und erhaben,<br />
+zu sehen ist der buntgebundne Zug<br />
+der leichten Mdchen und der neuen Knaben,<br />
+und wie er Wellen schlug und trieb und trug,<br />
+hinabgehalten von dem ungewissen<br />
+Gewicht der Fahnen und von Hindernissen<br />
+gehemmt, unsichtbar wie die Hand des Herrn;<br />
+<br />
+und drben pltzlich beinah mitgerissen<br />
+vom Aufstieg aufgescheuchter Rucherbecken,<br />
+die fliegend, alle sieben, wie im Schrecken<br />
+an ihren Silberketten zerrn.<br />
+<br />
+Die Bschung Schauender umschliet die Schiene,<br />
+in der das alles stockt und rauscht und rollt:<br />
+das Kommende, das Chryselephantine,<br />
+aus dem sich zu Balkonen Baldachine<br />
+aufbumen, schwankend im Behang von Gold.<br />
+<br />
+Und sie erkennen ber all dem Weien,<br />
+getragen und im spanischen Gewand,<br />
+das alte Standbild mit dem kleinen heien<br />
+Gesichte und dem Kinde auf der Hand<br />
+und knieen hin, je mehr es naht und naht,<br />
+in seiner Krone ahnungslos veraltend<br />
+und immer noch das Segnen hlzern haltend<br />
+aus dem sich gro gebrdenden Brokat.<br />
+<br />
+Da aber, wie es an den Hingeknieten<br />
+vorberkommt, die scheu von unten schaun,<br />
+da scheint es seinen Trgern zu gebieten<br />
+mit einem Hochziehn seiner Augenbraun,<br />
+hochmtig, ungehalten und bestimmt:<br />
+so da sie staunen, stehn und berlegen<br />
+und schlielich zgernd gehn. Sie aber nimmt<br />
+<br />
+in sich die Schritte dieses ganzen Stromes<br />
+und geht, allein, wie auf erkannten Wegen<br />
+dem Glockendonnern des grooffnen Domes<br />
+auf hundert Schultern frauenhaft entgegen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_INSEL" id="DIE_INSEL"></a>DIE INSEL<br />
+<br />
+NORDSEE<br />
+<br />
+<br />
+I<br />
+<br />
+<br />
+Die nchste Flut verwischt den Weg im Watt,<br />
+und alles wird auf allen Seiten gleich;<br />
+die kleine Insel drauen aber hat<br />
+die Augen zu; verwirrend kreist der Deich<br />
+<br />
+um ihre Wohner, die in einen Schlaf<br />
+geboren werden, drin sie viele Welten<br />
+verwechseln schweigend; denn sie reden selten,<br />
+und jeder Satz ist wie ein Epitaph<br />
+<br />
+fr etwas Angeschwemmtes, Unbekanntes,<br />
+das unerklrt zu ihnen kommt und bleibt.<br />
+Und so ist alles, was ihr Blick beschreibt,<br />
+<br />
+von Kindheit an: nicht auf sie Angewandtes,<br />
+zu Groes, Rcksichtsloses, Hergesandtes,<br />
+das ihre Einsamkeit noch bertreibt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+II<br />
+<br />
+<br />
+Als lge er in einem Kraterkreise<br />
+auf einem Mond: ist jeder Hof umdmmt,<br />
+und drin die Grten sind auf gleiche Weise<br />
+gekleidet und wie Waisen gleich gekmmt<br />
+<br />
+von jenem Sturm, der sie so rauh erzieht<br />
+und tagelang sie bange macht mit Toden.<br />
+Dann sitzt man in den Husern drin und sieht<br />
+in schiefen Spiegeln, was auf den Kommoden<br />
+<br />
+Seltsames steht. Und einer von den Shnen<br />
+tritt abends vor die Tr und zieht ein Tnen<br />
+aus der Harmonika wie Weinen weich;<br />
+<br />
+so hrte ers in einem fremden Hafen&mdash;.<br />
+Und drauen formt sich eines von den Schafen<br />
+ganz gro, fast drohend, auf dem Auendeich.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+III<br />
+<br />
+<br />
+Nah ist nur Innres; alles andre fern.<br />
+Und dieses Innere gedrngt und tglich<br />
+mit allem berfllt und ganz unsglich.<br />
+Die Insel ist wie ein zu kleiner Stern,<br />
+<br />
+welchen der Raum nicht merkt und stumm zerstrt<br />
+in seinem unbewuten Furchtbarsein,<br />
+so da er, unerhellt und berhrt,<br />
+allein,<br />
+<br />
+damit dies alles doch ein Ende nehme,<br />
+dunkel auf einer selbsterfundnen Bahn<br />
+versucht zu gehen, blindlings, nicht im Plan<br />
+der Wandelsterne, Sonnen und Systeme.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="HETARENGRABER" id="HETARENGRABER"></a>HETRENGRBER<br />
+<br />
+<br />
+In ihren langen Haaren liegen sie<br />
+mit braunen, tief in sich gegangenen Gesichtern.<br />
+Die Augen zu wie vor zu vieler Ferne.<br />
+Skelette, Munde, Blumen. In den Munden<br />
+die glatten Zhne wie ein Reiseschachspiel<br />
+aus Elfenbein in Reihen aufgestellt.<br />
+Und Blumen, gelbe Perlen, schlanke Knochen,<br />
+Hnde und Hemden, welkende Gewebe<br />
+ber dem eingestrzten Herzen. Aber<br />
+dort unter jenen Ringen, Talismanen<br />
+und augenblauen Steinen (Lieblings-Angedenken)<br />
+steht noch die stille Krypta des Geschlechtes,<br />
+bis an die Wlbung voll mit Blumenblttern.<br />
+Und wieder gelbe Perlen, weitverrollte,&mdash;<br />
+Schalen gebrannten Tones, deren Bug<br />
+ihr eignes Bild geziert hat, grne Scherben<br />
+von Salbenvasen, die wie Blumen duften,<br />
+und Formen kleiner Gtter: Hausaltre,<br />
+Hetrenhimmel mit entzckten Gttern.<br />
+Gesprengte Grtel, flache Skaraben,<br />
+kleine Figuren riesigen Geschlechtes,<br />
+ein Mund, der lacht, und Tanzende und Lufer,<br />
+goldene Fibeln, kleinen Bogen hnlich<br />
+zur Jagd auf Tier- und Vogelamulette,<br />
+und lange Nadeln, zieres Hausgerte<br />
+und eine runde Scherbe roten Grundes,<br />
+darauf, wie eines Eingangs schwarze Aufschrift,<br />
+die straffen Beine eines Viergespannes.<br />
+Und wieder Blumen, Perlen, die verrollt sind,<br />
+die hellen Lenden einer kleinen Leier,<br />
+und zwischen Schleiern, die gleich Nebeln fallen,<br />
+wie ausgekrochen aus des Schuhes Puppe:<br />
+des Fugelenkes leichter Schmetterling.<br />
+<br />
+So liegen sie mit Dingen angefllt,<br />
+kostbaren Dingen, Steinen, Spielzeug, Hausrat,<br />
+zerschlagnem Tand (was alles in sie abfiel),<br />
+und dunkeln wie der Grund von einem Flu.<br />
+<br />
+Flubetten waren sie,<br />
+darber hin in kurzen schnellen Wellen<br />
+(die weiter wollten zu dem nchsten Leben)<br />
+die Leiber vieler Jnglinge sich strzten<br />
+und in denen der Mnner Strme rauschten.<br />
+Und manchmal brachen Knaben aus den Bergen<br />
+der Kindheit, kamen zagen Falles nieder<br />
+und spielten mit den Dingen auf dem Grunde,<br />
+bis das Geflle ihr Gefhl ergriff:<br />
+<br />
+Dann fllten sie mit flachem klaren Wasser<br />
+die ganze Breite dieses breiten Weges<br />
+und trieben Wirbel an den tiefen Stellen;<br />
+und spiegelten zum erstenmal die Ufer<br />
+und ferne Vogelrufe, whrend hoch<br />
+die Sternennchte eines sen Landes<br />
+in Himmel wuchsen, die sich nirgends schlossen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="ORPHEUS_EURYDIKE_HERMES" id="ORPHEUS_EURYDIKE_HERMES"></a>ORPHEUS. EURYDIKE. HERMES<br />
+<br />
+<br />
+Das war der Seelen wunderliches Bergwerk.<br />
+Wie stille Silbererze gingen sie<br />
+als Adern durch sein Dunkel. Zwischen Wurzeln<br />
+entsprang das Blut, das fortgeht zu den Menschen,<br />
+und schwer wie Porphyr sah es aus im Dunkel.<br />
+Sonst war nichts Rotes.<br />
+<br />
+Felsen war da<br />
+und wesenlose Wlder. Brcken ber Leeres<br />
+und jener groe, graue, blinde Teich,<br />
+der ber seinem fernen Grunde hing<br />
+wie Regenhimmel ber einer Landschaft.<br />
+Und zwischen Wiesen, sanft und voller Langmut,<br />
+erschien des einen Weges blasser Streifen<br />
+wie eine lange Bleiche hingelegt.<br />
+<br />
+Und dieses einen Weges kamen sie.<br />
+<br />
+Voran der schlanke Mann im blauen Mantel,<br />
+der stumm und ungeduldig vor sich aussah.<br />
+Ohne zu kauen fra sein Schritt den Weg<br />
+in groen Bissen; seine Hnde hingen<br />
+schwer und verschlossen aus dem Fall der Falten<br />
+und wuten nicht mehr von der leichten Leier,<br />
+die in die Linke eingewachsen war<br />
+wie Rosenranken in den Ast des lbaums.<br />
+Und seine Sinne waren wie entzweit:<br />
+<br />
+indes der Blick ihm wie ein Hund vorauslief,<br />
+umkehrte, kam und immer wieder weit<br />
+und wartend an der nchsten Wendung stand,&mdash;<br />
+blieb sein Gehr wie ein Geruch zurck.<br />
+Manchmal erschien es ihm, als reichte es<br />
+bis an das Gehen jener beiden andern,<br />
+die folgen sollten diesen ganzen Aufstieg.<br />
+Dann wieder wars nur seines Steigens Nachklang<br />
+und seines Mantels Wind, was hinter ihm war.<br />
+Er aber sagte sich, sie kmen doch;<br />
+sagte es laut und hrte sich verhallen.<br />
+Sie kmen doch, nur wrens zwei,<br />
+die furchtbar leise gingen. Drfte er<br />
+sich einmal wenden (wre das Zurckschaun<br />
+nicht die Zersetzung dieses ganzen Werkes,<br />
+das erst vollbracht wird), mte er sie sehen,<br />
+die beiden Leisen, die ihm schweigend nachgehn:<br />
+<br />
+den Gott des Ganges und der weiten Botschaft,<br />
+die Reischaube ber hellen Augen,<br />
+den schlanken Stab hertragend vor dem Leibe<br />
+und flgelschlagend an den Fugelenken;<br />
+und seiner linken Hand gegeben: <i>sie</i>.<br />
+Die So-geliebte, da aus einer Leier<br />
+mehr Klage kam als je aus Klagefrauen;<br />
+da eine Welt aus Klage ward, in der<br />
+alles noch einmal da war: Wald und Tal<br />
+und Weg und Ortschaft, Feld und Flu und Tier;<br />
+und da um diese Klage-Welt ganz so<br />
+wie um die andre Erde eine Sonne<br />
+und ein gestirnter stiller Himmel ging,<br />
+ein Klage-Himmel mit entstellten Sternen&mdash;:<br />
+diese So-geliebte.<br />
+<br />
+Sie aber ging an jenes Gottes Hand,<br />
+den Schritt beschrnkt von langen Leichenbndern,<br />
+unsicher, sanft und ohne Ungeduld.<br />
+Sie war in sich wie eine hoher Hoffnung<br />
+und dachte nicht des Mannes, der voranging,<br />
+und nicht des Weges, der ins Leben aufstieg.<br />
+Sie war in sich. Und ihr Gestorbensein<br />
+erfllte sie wie Flle.<br />
+Wie eine Frucht von Sigkeit und Dunkel,<br />
+so war sie voll von ihrem groen Tode,<br />
+der also neu war, da sie nichts begriff.<br />
+<br />
+Sie war in einem neuen Mdchentum<br />
+und unberhrbar; ihr Geschlecht war zu<br />
+wie eine junge Blume gegen Abend,<br />
+und ihre Hnde waren der Vermhlung<br />
+so sehr entwhnt, da selbst des leichten Gottes<br />
+unendlich leise leitende Berhrung<br />
+sie krnkte wie zu sehr Vertraulichkeit.<br />
+<br />
+Sie war schon nicht mehr diese blonde Frau,<br />
+die in des Dichters Liedern manchmal anklang,<br />
+nicht mehr des breiten Bettes Duft und Eiland<br />
+und jenes Mannes Eigentum nicht mehr.<br />
+Sie war schon aufgelst wie langes Haar<br />
+und hingegeben wie gefallner Regen<br />
+und ausgeteilt wie hundertfacher Vorrat.<br />
+<br />
+Sie war schon Wurzel.<br />
+Und als pltzlich jh<br />
+der Gott sie anhielt und mit Schmerz im Ausruf<br />
+die Worte sprach: Er hat sich umgewendet<br />
+begriff sie nichts und sagte leise: Wer?<br />
+<br />
+Fern aber, dunkel vor dem klaren Ausgang,<br />
+stand irgend jemand, dessen Angesicht<br />
+nicht zu erkennen war. Er stand und sah,<br />
+wie auf dem Streifen eines Wiesenpfades<br />
+mit trauervollem Blick der Gott der Botschaft<br />
+sich schweigend wandte, der Gestalt zu folgen,<br />
+die schon zurckging dieses selben Weges,<br />
+den Schritt beschrnkt von langen Leichenbndern,<br />
+unsicher, sanft und ohne Ungeduld.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="ALKESTIS" id="ALKESTIS"></a>ALKESTIS<br />
+<br />
+<br />
+Da pltzlich war der Bote unter ihnen,<br />
+hineingeworfen in das berkochen<br />
+des Hochzeitsmahles wie ein neuer Zusatz.<br />
+Sie fhlten nicht, die Trinkenden, des Gottes<br />
+heimlichen Eintritt, welcher seine Gottheit<br />
+so an sich hielt wie einen nassen Mantel<br />
+und ihrer einer schien, der oder jener,<br />
+wie er so durchging. Aber pltzlich sah<br />
+mitten im Sprechen einer von den Gsten<br />
+den jungen Hausherrn oben an dem Tische<br />
+wie in die Hh gerissen, nicht mehr liegend<br />
+und berall und mit dem ganzen Wesen<br />
+ein Fremdes spiegelnd, das ihn furchtbar ansprach.<br />
+Und gleich darauf, als klrte sich die Mischung,<br />
+war Stille; nur mit einem Satz am Boden<br />
+von trbem Lrm und einem Niederschlag<br />
+fallenden Lallens, schon verdorben riechend<br />
+nach dumpfem umgestandenen Gelchter.<br />
+Und da erkannten sie den schlanken Gott,<br />
+und wie er dastand, innerlich voll Sendung<br />
+und unerbittlich,&mdash;wuten sie es beinah.<br />
+Und doch, als es gesagt war, war es mehr<br />
+als alles Wissen, gar nicht zu begreifen.<br />
+Admet mu sterben. Wann? In dieser Stunde.<br />
+<br />
+Der aber brach die Schale seines Schreckens<br />
+in Stcken ab und streckte seine Hnde<br />
+heraus aus ihr, um mit dem Gott zu handeln.<br />
+Um Jahre, um ein einzig Jahr noch Jugend,<br />
+um Monate, um Wochen, um paar Tage,<br />
+ach, Tage nicht, um Nchte, nur um eine,<br />
+um eine Nacht, um diese nur: um die.<br />
+Der Gott verneinte, und da schrie er auf<br />
+und schrie's hinaus und hielt es nicht und schrie,<br />
+wie seine Mutter aufschrie beim Gebren.<br />
+<br />
+Und die trat zu ihm, eine alte Frau,<br />
+und auch der Vater kam, der alte Vater,<br />
+und beide standen, alt, veraltet, ratlos,<br />
+beim Schreienden, der pltzlich, wie noch nie<br />
+so nah, sie ansah, abbrach, schluckte, sagte:<br />
+Vater,<br />
+liegt dir denn viel daran an diesem Rest,<br />
+an diesem Satz, der dich beim Schlingen hindert?<br />
+Geh, gie ihn weg. Und du, du alte Frau,<br />
+Matrone,<br />
+was tust du denn noch hier: du hast geboren.<br />
+Und beide hielt er sie wie Opfertiere<br />
+in einem Griff. Auf einmal lie er los<br />
+und stie die Alten fort, voll Einfall, strahlend<br />
+und atemholend, rufend: Kreon, Kreon!<br />
+Und nichts als das; und nichts als diesen Namen.<br />
+Aber in seinem Antlitz stand das andere,<br />
+das er nicht sagte, namenlos erwartend,<br />
+wie ers dem jungen Freunde, dem Geliebten,<br />
+erglhend hinhielt bern wirren Tisch.<br />
+<br />
+Die Alten (stand da), siehst du, sind kein Loskauf,<br />
+sie sind verbraucht und schlecht und beinah wertlos,<br />
+du aber, du, in deiner ganzen Schnheit&mdash;<br />
+<br />
+Da aber sah er seinen Freund nicht mehr.<br />
+Er blieb zurck, und das, was kam, war sie,<br />
+ein wenig kleiner fast, als er sie kannte,<br />
+und leicht und traurig in dem bleichen Brautkleid.<br />
+Die andern alle sind nur ihre Gasse,<br />
+durch die sie kommt und kommt&mdash;: (gleich wird sie da sein<br />
+in seinen Armen, die sich schmerzhaft auftun).<br />
+Doch wie er wartet, spricht sie; nicht zu ihm.<br />
+Sie spricht zum Gotte, und der Gott vernimmt sie,<br />
+und alle hrens gleichsam erst im Gotte:<br />
+<br />
+Ersatz kann keiner fr ihn sein. Ich bins.<br />
+Ich bin Ersatz. Denn keiner ist zu Ende,<br />
+wie ich es bin. Was bleibt mir denn von dem,<br />
+was ich hier war? Das <i>ists</i> ja, da ich sterbe.<br />
+Hat sie dirs nicht gesagt, da sie dirs auftrug,<br />
+da jenes Lager, das da drinnen wartet,<br />
+zur Unterwelt gehrt? Ich nahm ja Abschied.<br />
+Abschied ber Abschied.<br />
+Kein Sterbender nimmt mehr davon. Ich ging ja,<br />
+damit das alles, unter dem begraben,<br />
+der jetzt mein Gatte ist, zergeht, sich auflst&mdash;.<br />
+So fr mich hin: ich sterbe ja fr ihn.<br />
+<br />
+Und wie der Wind auf hoher See, der umspringt,<br />
+so trat der Gott fast wie zu einer Toten<br />
+und war auf einmal weit von ihrem Gatten,<br />
+dem er, versteckt in einem kleinen Zeichen,<br />
+die hundert Leben dieser Erde zuwarf.<br />
+Der strzte taumelnd zu den beiden hin<br />
+und griff nach ihnen wie im Traum. Sie gingen<br />
+schon auf den Eingang zu, in dem die Frauen<br />
+verweint sich drngten. Aber einmal sah<br />
+er noch des Mdchens Antlitz, das sich wandte<br />
+mit einem Lcheln, hell wie eine Hoffnung,<br />
+die beinah ein Versprechen war: erwachsen<br />
+zurckzukommen aus dem tiefen Tode<br />
+zu ihm, dem Lebenden&mdash;<br />
+<br />
+Da schlug er jh<br />
+die Hnde vors Gesicht, wie er so kniete,<br />
+um nichts zu sehen mehr nach diesem Lcheln.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="GEBURT_DER_VENUS" id="GEBURT_DER_VENUS"></a>GEBURT DER VENUS<br />
+<br />
+<br />
+An diesem Morgen nach der Nacht, die bang<br />
+vergangen war mit Rufen, Unruh, Aufruhr,&mdash;<br />
+brach alles Meer noch einmal auf und schrie.<br />
+Und als der Schrei sich langsam wieder schlo<br />
+und von der Himmel blassem Tag und Anfang<br />
+herabfiel in der stummen Fische Abgrund&mdash;:<br />
+gebar das Meer.<br />
+<br />
+Von erster Sonne schimmerte der Haarschaum<br />
+der weiten Wogenscham, an deren Rand<br />
+das Mdchen aufstand, wei, verwirrt und feucht.<br />
+So wie ein junges grnes Blatt sich rhrt,<br />
+sich reckt und Eingerolltes langsam aufschlgt,<br />
+entfaltete ihr Leib sich in die Khle<br />
+hinein und in den unberhrten Frhwind.<br />
+<br />
+Wie Monde stiegen klar die Kniee auf<br />
+und tauchten in der Schenkel Wolkenrnder;<br />
+der Waden schmaler Schatten wich zurck,<br />
+die Fe spannten sich und wurden licht,<br />
+und die Gelenke lebten wie die Kehlen<br />
+von Trinkenden.<br />
+<br />
+Und in dem Kelch des Beckens lag der Leib<br />
+wie eine junge Frucht in eines Kindes Hand.<br />
+In seines Nabels engem Becher war<br />
+das ganze Dunkel dieses hellen Lebens.<br />
+<br />
+Darunter hob sich licht die kleine Welle<br />
+und flo bestndig ber nach den Lenden,<br />
+wo dann und wann ein stilles Rieseln war.<br />
+Durchschienen aber und noch ohne Schatten,<br />
+wie ein Bestand von Birken im April,<br />
+warm, leer und unverborgen lag die Scham.<br />
+<br />
+Jetzt stand der Schultern rege Wage schon<br />
+im Gleichgewichte auf dem graden Krper,<br />
+der aus dem Becken wie ein Springbrunn aufstieg<br />
+und zgernd in den langen Armen abfiel<br />
+und rascher in dem vollen Kall des Haars.<br />
+<br />
+Dann ging sehr langsam das Gesicht vorbei:<br />
+aus dem verkrzten Dunkel seiner Neigung<br />
+in klares, wagrechtes Erhobensein.<br />
+Und hinter ihm verschlo sich steil das Kinn.<br />
+<br />
+Jetzt, da der Hals gestreckt war wie ein Strahl<br />
+und wie ein Blumenstiel, darin der Saft steigt,<br />
+streckten sich auch die Arme aus wie Hlse<br />
+von Schwnen, wenn sie nach dem Ufer suchen.<br />
+<br />
+Dann kam in dieses Leibes dunkle Frhe<br />
+wie Morgenwind der erste Atemzug.<br />
+Im zartesten Gest der Aderbume<br />
+entstand ein Flstern, und das Blut begann<br />
+zu rauschen ber seinen tiefen Stellen.<br />
+Und dieser Wind wuchs an: nun warf er sich<br />
+mit allem Atem in die neuen Brste<br />
+und fllte sie und drckte sich in sie,&mdash;<br />
+da sie wie Segel, von der Ferne voll,<br />
+das leichte Mdchen nach dem Strande drngten.<br />
+<br />
+So landete die Gttin.<br />
+<br />
+Hinter ihr,<br />
+die rasch dahinschritt durch die jungen Ufer,<br />
+erhoben sich den ganzen Vormittag<br />
+die Blumen und die Halme, warm, verwirrt<br />
+wie aus Umarmung. Und sie ging und lief.<br />
+<br />
+Am Mittag aber, in der schwersten Stunde,<br />
+hob sich das Meer noch einmal auf und warf<br />
+einen Delphin an jene selbe Stelle.<br />
+Tot, rot und offen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_ROSENSCHALE" id="DIE_ROSENSCHALE"></a>DIE ROSENSCHALE<br />
+<br />
+<br />
+Zornige sahst du flackern, sahst zwei Knaben<br />
+zu einem Etwas sich zusammenballen,<br />
+das Ha war und sich auf der Erde wlzte<br />
+wie ein von Bienen berfallnes Tier;<br />
+Schauspieler, aufgetrmte bertreiber,<br />
+rasende Pferde, die zusammenbrachen,<br />
+den Blick wegwerfend, blkend das Gebi,<br />
+als schlte sich der Schdel aus dem Maule.<br />
+<br />
+Nun aber weit du, wie sich das vergit:<br />
+denn vor dir steht die volle Rosenschale,<br />
+die unvergelich ist und angefllt<br />
+mit jenem uersten von Sein und Neigen,<br />
+Hinhalten, Niemals-Gebenknnen, Dastehn,<br />
+das unser sein mag: uerstes auch uns.<br />
+<br />
+Lautloses Leben, Aufgehn ohne Ende,<br />
+Raum-brauchen, ohne Raum von jenem Raum<br />
+zu nehmen, den die Dinge rings verringern,<br />
+fast nicht Umrissen-sein wie Ausgespartes<br />
+und lauter Inneres, viel seltsam Zartes<br />
+und Sich-bescheinendes bis an den Rand:<br />
+ist irgend etwas uns bekannt wie dies?<br />
+Und dann wie dies: da ein Gefhl entsteht,<br />
+weil Bltenbltter Bltenbltter rhren?<br />
+<br />
+Und dies: da eins sich aufschlgt wie ein Lid,<br />
+und drunter liegen lauter Augenlider,<br />
+geschlossene, als ob sie zehnfach schlafend<br />
+zu dmpfen htten eines Innern Sehkraft.<br />
+Und dies vor allem: da durch diese Bltter<br />
+das Licht hindurch mu. Aus den tausend Himmeln<br />
+filtern sie langsam jeden Tropfen Dunkel,<br />
+in dessen Feuerschein das wirre Bndel<br />
+der Staubgele sich erregt und aufbumt.<br />
+<br />
+Und die Bewegung in den Rosen, sieh:<br />
+Gebrden von so kleinem Ausschlagswinkel,<br />
+da sie unsichtbar blieben, liefen ihre<br />
+Strahlen nicht auseinander in das Weltall.<br />
+<br />
+Sieh jene weie, die sich selig aufschlug<br />
+und dasteht in den groen offnen Blttern<br />
+wie eine Venus aufrecht in der Muschel;<br />
+und die errtende, die wie verwirrt<br />
+nach einer khlen sich hinberwendet,<br />
+und wie die khle fhllos sich zurckzieht,<br />
+und wie die kalte steht, in sich gehllt,<br />
+unter den offenen, die alles abtun.<br />
+Und <i>was</i> sie abtun, wie das leicht und schwer,<br />
+wie es ein Mantel, eine Last, ein Flgel<br />
+und eine Maske sein kann, je nachdem,<br />
+und <i>wie</i> sie's abtun: wie vor dem Geliebten.<br />
+<br />
+Was knnen sie nicht sein: war jene gelbe,<br />
+die hohl und offen daliegt, nicht die Schale<br />
+von einer Frucht, darin dasselbe Gelb,<br />
+gesammelter, orangerter, Saft war?<br />
+Und wars fr diese schon zu viel, das Aufgehn,<br />
+weil an der Luft ihr namenloses Rosa<br />
+den bittern Nachgeschmack des Lila annahm?<br />
+Und die batistene, ist sie kein Kleid,<br />
+in dem noch zart und atemwarm das Hemd steckt,<br />
+mit dem zugleich es abgeworfen wurde<br />
+im Morgenschatten an dem alten Waldbad?<br />
+Und dieses hier, opalnes Porzellan,<br />
+zerbrechlich, eine flache Chinatasse<br />
+und angefllt mit kleinen hellen Faltern,&mdash;<br />
+und jene da, die nichts enthlt als sich?<br />
+<br />
+Und sind nicht alle so, nur sich enthaltend,<br />
+wenn Sich-enthalten heit: die Welt da drauen<br />
+und Wind und Regen und Geduld des Frhlings<br />
+und Schuld und Unruh und vermummtes Schicksal<br />
+und Dunkelheit der abendlichen Erde<br />
+bis auf der Wolken Wandel, Flucht und Anflug,<br />
+bis auf den vagen Einflu ferner Sterne<br />
+in eine Hand voll Innres zu verwandeln?<br />
+<br />
+Nun liegt es sorglos in den offnen Rosen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="INHALT" id="INHALT"></a>INHALT<br />
+<br />
+<br />
+<a href="#FRUHER_APOLLO">Frher Apollo</a><br />
+<a href="#MADCHENKLAGE">Mdchenklage</a><br />
+<a href="#LIEBESLIED">Liebeslied</a><br />
+<a href="#ERANNA_AN_SAPPHO">Eranna an Sappho</a><br />
+<a href="#SAPPHO_AN_ERANNA">Sappho an Eranna</a><br />
+<a href="#SAPPHO_AN_ALKAIOS">Sappho an Alkaos</a> (Fragment)<br />
+<a href="#GRABMAL_EINES_JUNGEN_MADCHENS">Grabmal eines jungen Mdchens</a><br />
+<a href="#OPFER">Opfer</a><br />
+<a href="#OSTLICHES_TAGLIED">stliches Taglied</a><br />
+<a href="#ABISAG">Abisag</a><br />
+<a href="#DAVID_SINGT_VOR_SAUL">David singt vor Saul</a><br />
+<a href="#JOSUAS_LANDTAG">Josuas Landtag</a><br />
+<a href="#DER_AUSZUG_DES_VERLORENEN_SOHNES">Der Auszug des verlorenen Sohnes</a><br />
+<a href="#DER_OLBAUMGARTEN">Der lbaumgarten</a><br />
+<a href="#PIETA">Piet</a><br />
+<a href="#GESANG_DER_FRAUEN_AN_DEN_DICHTER">Gesang der Frauen an den Dichter</a><br />
+<a href="#DER_TOD_DES_DICHTERS">Der Tod des Dichters</a><br />
+<a href="#BUDDHA">Buddha</a><br />
+<a href="#LANGE_DU_MERIDIEN">L'Ange du Mridien</a> (Chartres)<br />
+<a href="#DIE_KATHEDRALE">Die Kathedrale</a><br />
+<a href="#DAS_PORTAL">Das Portal</a><br />
+<a href="#DIE_FENSTERROSE">Die Fensterrose</a><br />
+<a href="#DAS_KAPITAL">Das Kapitl</a><br />
+<a href="#GOTT_IM_MITTELALTER">Gott im Mittelalter</a><br />
+<a href="#MORGUE">Morgue</a><br />
+<a href="#DER_GEFANGENE">Der Gefangene</a><br />
+<a href="#DER_PANTHER">Der Panther</a> (Im Jardin des Plantes, Paris)<br />
+<a href="#DIE_GAZELLE">Die Gazelle</a> (Antilope dorcas)<br />
+<a href="#DAS_EINHORN">Das Einhorn</a><br />
+<a href="#SANKT_SEBASTIAN">Sankt Sebastian</a><br />
+<a href="#DER_STIFTER">Der Stifter</a><br />
+<a href="#DER_ENGEL">Der Engel</a><br />
+<a href="#ROMISCHE_SARKOPHAGE">Rmische Sarkophage</a><br />
+<a href="#DER_SCHWAN">Der Schwan</a><br />
+<a href="#KINDHEIT">Kindheit</a><br />
+<a href="#DER_DICHTER">Der Dichter</a><br />
+<a href="#DIE_SPITZE">Die Spitze</a><br />
+<a href="#EIN_FRAUENSCHICKSAL">Ein Frauenschicksal</a><br />
+<a href="#DIE_GENESENDE">Die Genesende</a><br />
+<a href="#DIE_ERWACHSENE">Die Erwachsene</a><br />
+<a href="#TANAGRA">Tanagra</a><br />
+<a href="#DIE_ERBLINDENDE">Die Erblindende</a><br />
+<a href="#IN_EINEM_FREMDEN_PARK">In einem fremden Park</a> (Borgeby-Grd)<br />
+<a href="#ABSCHIED">Abschied</a><br />
+<a href="#TODESERFAHRUNG">Todeserfahrung</a><br />
+<a href="#BLAUE_HORTENSIE">Blaue Hortensie</a><br />
+<a href="#VOR_DEM_SOMMERREGEN">Vor dem Sommerregen</a><br />
+<a href="#IM_SAAL">Im Saal</a><br />
+<a href="#LETZTER_ABEND">Letzter Abend</a> (Aus dem Besitze Frau Nonnas)<br />
+<a href="#JUGENDBILDNIS_MEINES_VATERS">Jugendbildnis meines Vaters</a><br />
+<a href="#SELBSTBILDNIS_AUS_DEM_JAHRE_1906">Selbstbildnis aus dem Jahre 1906</a><br />
+<a href="#DER_KONIG">Der Knig</a><br />
+<a href="#AUFERSTEHUNG">Auferstehung</a><br />
+<a href="#DER_FAHNENTRAGER">Der Fahnentrger</a><br />
+<a href="#DER_LETZTE_GRAF_VON_BREDERODE">Der letzte Graf von Brederode entzieht sich trkischer Gefangenschaft</a><br />
+<a href="#DIE_KURTISANE">Die Kurtisane</a><br />
+<a href="#DIE_TREPPE_DER_ORANGERIE">Die Treppe der Orangerie</a> (Versailles)<br />
+<a href="#DER_MARMORKARREN">Der Marmorkarren</a> (Paris)<br />
+<a href="#BUDDHA_II">Buddha</a><br />
+<a href="#ROMISCHE_FONTANE">Rmische Fontne</a> (Borghese)<br />
+<a href="#DAS_KARUSSELL">Das Karussell</a> (Jardin du Luxembourg)<br />
+<a href="#SPANISCHE_TANZERIN">Spanische Tnzerin</a><br />
+<a href="#DER_TURM">Der Turm</a> (Tour St.-Nicolas, Furnes)<br />
+<a href="#DER_PLATZ">Der Platz</a> (Furnes)<br />
+<a href="#QUAI_DU_ROSAIRE">Quai du Rosaire</a> (Brgge)<br />
+<a href="#BEGUINAGE">Bguinage</a> (Bguinage Sainte-Elisabeth, Brgge)<br />
+<a href="#DIE_MARIENPROZESSION">Die Marienprozession</a> (Gent)<br />
+<a href="#DIE_INSEL">Die Insel</a> (Nordsee)<br />
+<a href="#HETARENGRABER">Hetrengrber</a><br />
+<a href="#ORPHEUS_EURYDIKE_HERMES">Orpheus. Eurydike. Hermes</a><br />
+<a href="#ALKESTIS">Alkestis</a><br />
+<a href="#GEBURT_DER_VENUS">Geburt der Venus</a><br />
+<a href="#DIE_ROSENSCHALE">Die Rosenschale</a><br />
+</p>
+
+<div>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 33863 ***</div>
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+</html>
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #33863 (https://www.gutenberg.org/ebooks/33863)
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+The Project Gutenberg EBook of Neue Gedichte, by Rainer Maria Rilke
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Neue Gedichte
+
+Author: Rainer Maria Rilke
+
+Release Date: October 15, 2010 [EBook #33863]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NEUE GEDICHTE ***
+
+
+
+
+Produced by Marc D'Hooghe at http://www.freeliterature.org
+
+
+
+
+NEUE GEDICHTE
+
+Von
+
+RAINER MARIA RILKE
+
+LEIPZIG
+
+IM INSEL-VERLAG
+
+MCMXX
+
+
+
+
+KARL UND ELISABETH VON DER HEYDT IN FREUNDSCHAFT
+
+
+
+
+
+FRHER APOLLO
+
+
+Wie manches Mal durch das noch unbelaubte
+Gezweig ein Morgen durchsieht, der schon ganz
+im Frhling ist: so ist in seinem Haupte
+nichts, was verhindern knnte, da der Glanz
+
+aller Gedichte uns fast tdlich trfe;
+denn noch kein Schatten ist in seinem Schaun,
+zu khl fr Lorbeer sind noch seine Schlfe,
+und spter erst wird aus den Augenbraun
+
+hochstmmig sich der Rosengarten heben,
+aus welchem Bltter, einzeln, ausgelst
+hintreiben werden auf des Mundes Beben,
+
+der jetzt noch still ist, niegebraucht und blinkend
+und nur mit seinem Lcheln etwas trinkend,
+als wrde ihm sein Singen eingeflt.
+
+
+
+
+MDCHENKLAGE
+
+
+Diese Neigung, in den Jahren,
+da wir alle Kinder waren,
+viel allein zu sein, war mild;
+andern ging die Zeit im Streite,
+und man hatte seine Seite,
+seine Nhe, seine Weite,
+einen Weg, ein Tier, ein Bild.
+
+Und ich dachte noch, das Leben
+hrte niemals auf zu geben,
+da man sich in sich besinnt.
+Bin ich in mir nicht im Grten?
+Will mich meines nicht mehr trsten
+und verstehen wie als Kind?
+
+Pltzlich bin ich wie verstoen,
+und zu einem bergroen
+wird mir diese Einsamkeit,
+wenn, auf meiner Brste Hgeln
+stehend, mein Gefhl nach Flgeln
+oder einem Ende schreit.
+
+
+
+
+LIEBESLIED
+
+
+Wie soll ich meine Seele halten, da
+sie nicht an deine rhrt? Wie soll ich sie
+hinheben ber dich zu andern Dingen?
+Ach gerne mcht ich sie bei irgendwas
+Verlorenem im Dunkel unterbringen
+an einer fremden stillen Stelle, die
+nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
+Doch alles, was uns anrhrt, dich und mich,
+nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
+der aus zwei Saiten _eine_ Stimme zieht.
+Auf welches Instrument sind wir gespannt?
+Und welcher Spieler hat uns in der Hand?
+O ses Lied.
+
+
+
+
+ERANNA AN SAPPHO
+
+
+O du wilde weite Werferin:
+Wie ein Speer bei andern Dingen
+lag ich bei den Meinen. Dein Erklingen
+warf mich weit. Ich wei nicht, wo ich bin.
+Mich kann keiner wiederbringen.
+
+Meine Schwestern denken mich und weben,
+und das Haus ist voll vertrauter Schritte.
+Ich allein bin fern und fortgegeben,
+und ich zittere wie eine Bitte;
+denn die schne Gttin in der Mitte
+ihrer Mythen glht und lebt mein Leben.
+
+
+
+
+SAPPHO AN ERANNA
+
+
+Unruh will ich ber dich bringen,
+schwingen will ich dich, umrankter Stab.
+Wie das Sterben will ich dich durchdringen
+und dich weitergeben wie das Grab
+an das Alles: allen diesen Dingen.
+
+
+
+
+SAPPHO AN ALKAOS
+
+FRAGMENT
+
+
+Und was httest du mir denn zu sagen,
+und was gehst du meine Seele an,
+wenn sich deine Augen niederschlagen
+vor dem nahen Nichtgesagten? Mann,
+
+sieh, uns hat das Sagen dieser Dinge
+hingerissen und bis in den Ruhm.
+Wenn ich denke: unter euch verginge
+drftig unser ses Mdchentum,
+
+welches wir, ich Wissende und jene
+mit mir Wissenden, vom Gott bewacht,
+trugen unberhrt, da Mytilene
+wie ein Apfelgarten in der Nacht
+duftete vom Wachsen unsrer Brste--.
+
+Ja, auch dieser Brste, die du nicht
+whltest wie zu Fruchtgewinden, Freier
+mit dem weggesenkten Angesicht.
+Geh und la mich, da zu meiner Leier
+komme, was du abhltst: alles steht.
+
+Dieser Gott ist nicht der Beistand zweier,
+aber wenn er durch den einen geht
+
+
+
+
+GRABMAL EINES JUNGEN MDCHENS
+
+
+Wir gedenkens noch. Das ist, als mte
+alles dieses einmal wieder sein.
+Wie ein Baum an der Limonenkste
+trugst du deine kleinen leichten Brste
+in das Rauschen seines Bluts hinein:
+
+--jenes Gottes.
+ Und es war der schlanke
+Flchtling, der Verwhnende der Fraun.
+S und glhend, warm wie dein Gedanke,
+berschattend deine frhe Flanke
+und geneigt wie deine Augenbraun.
+
+
+
+
+OPFER
+
+
+O wie blht mein Leib aus jeder Ader
+duftender, seitdem ich dich erkenn;
+sieh, ich gehe schlanker und gerader,
+und du wartest nur--: wer bist du denn?
+
+Sieh: ich fhle, wie ich mich entferne,
+wie ich Altes, Blatt um Blatt, verlier.
+Nur dein Lcheln steht wie lauter Sterne
+ber dir und bald auch ber mir.
+
+Alles was durch meine Kinderjahre
+namenlos noch und wie Wasser glnzt,
+will ich nach dir nennen am Altre,
+der entzndet ist von deinem Haare
+und mit deinen Brsten leicht bekrnzt.
+
+
+
+
+STLICHES TAGLIED
+
+
+Ist dieses Bette nicht wie eine Kste,
+ein Kstenstreifen nur, darauf wir liegen?
+Nichts ist gewi als deine hohen Brste,
+die mein Gefhl in Schwindeln berstiegen.
+
+Denn diese Nacht, in der so vieles schrie,
+in der sich Tiere rufen und zerreien,
+ist sie uns nicht entsetzlich fremd? Und wie:
+was drauen langsam anhebt, Tag geheien,
+ist das uns denn verstndlicher als sie?
+
+Man mte so sich ineinanderlegen
+wie Bltenbltter um die Staubgefe:
+so sehr ist berall das Ungeme
+und huft sich an und strzt sich uns entgegen.
+
+Doch whrend wir uns aneinanderdrcken,
+um nicht zu sehen, wie es ringsum naht,
+kann es aus dir, kann es aus mir sich zcken:
+denn unsre Seelen leben von Verrat.
+
+
+
+
+ABISAG
+
+
+I
+
+Sie lag. Und ihre Kinderarme waren
+von Dienern um den Welkenden gebunden,
+auf dem sie lag die sen langen Stunden,
+ein wenig bang vor seinen vielen Jahren.
+
+Und manchmal wandte sie in seinem Barte
+ihr Angesicht, wenn eine Eule schrie;
+und alles, was die Nacht war, kam und scharte
+mit Bangen und Verlangen sich um sie.
+
+Die Sterne zitterten wie ihresgleichen,
+der Duft ging suchend durch das Schlafgemach,
+der Vorhang rhrte sich und gab ein Zeichen,
+und leise ging ihr Blick dem Zeichen nach.
+
+Aber sie hielt sich an dem dunkeln Alten,
+und, von der Nacht der Nchte nicht erreicht,
+lag sie auf seinem frstlichen Erkalten
+jungfrulich und wie eine Seele leicht.
+
+
+
+II
+
+Der Knig sa und sann den leeren Tag
+getaner Taten, ungefhlter Lste
+und seiner Lieblingshndin, der er pflag--.
+Aber am Abend wlbte Abisag
+sich ber ihm. Sein wirres Leben lag
+verlassen wie verrufne Meereskste
+unter dem Sternbild ihrer stillen Brste.
+
+Und manchmal, als ein Kundiger der Frauen,
+erkannte er durch seine Augenbrauen
+den unbewegten, ksselosen Mund;
+und sah: ihres Gefhles grne Rute
+neigte sich nicht herab zu seinem Grund.
+Ihn frstelte. Er horchte wie ein Hund
+und suchte sich in seinem letzten Blute.
+
+
+
+
+DAVID SINGT VOR SAUL
+
+
+I
+
+Knig, hrst du, wie mein Saitenspiel
+Fernen wirft, durch die wir uns bewegen?
+Sterne treiben uns verwirrt entgegen,
+und wir fallen endlich wie ein Regen,
+und es blht, wo dieser Regen fiel.
+
+Mdchen blhen, die du noch erkannt,
+die jetzt Frauen sind und mich verfhren;
+den Geruch der Jungfraun kannst du spren,
+und die Knaben stehen, angespannt
+schlank und atmend, an verschwiegnen Tren.
+
+Da mein Klang dir alles wiederbrchte.
+Aber trunken taumelt mein Getn:
+Deine Nchte, Knig, deine Nchte--,
+und wie waren, die dein Schaffen schwchte,
+o wie waren alle Leiber schn.
+
+Dein Erinnern glaub ich zu begleiten,
+weil ich ahne. Doch auf welchen Saiten
+greif ich dir ihr dunkles Lustgesthn?--
+
+
+
+II
+
+Knig, der du alles dieses hattest
+und der du mit lauter Leben mich
+berwltigest und berschattest:
+komm aus deinem Throne und zerbrich
+meine Harfe, die du so ermattest.
+
+Sie ist wie ein abgenommner Baum:
+durch die Zweige, die dir Frucht getragen,
+schaut jetzt eine Tiefe wie von Tagen,
+welche kommen--, und ich kenn sie kaum.
+
+La mich nicht mehr bei der Harfe schlafen;
+sich dir diese Knabenhand da an:
+glaubst du, Knig, da sie die Oktaven
+eines Leibes noch nicht greifen kann?
+
+
+
+III
+
+Knig, birgst du dich in Finsternissen,
+und ich hab dich doch in der Gewalt.
+Sieh, mein festes Lied ist nicht gerissen,
+und der Raum wird um uns beide kalt.
+Mein verwaistes Herz und dein verworrnes
+hngen in den Wolken deines Zornes,
+wtend ineinander eingebissen
+und zu einem einzigen verkrallt.
+
+Fhlst du jetzt, wie wir uns umgestalten?
+Knig, Knig, das Gewicht wird Geist.
+Wenn wir uns nur aneinanderhalten,
+du am Jungen, Knig, ich am Alten,
+sind wir fast wie ein Gestirn, das kreist.
+
+
+
+
+JOSUAS LANDTAG
+
+
+So wie der Strom am Ausgang seine Dmme
+durchbricht mit seiner Mndung berma,
+so brach nun durch die ltesten der Stimme
+zum letztenmal die Stimme Josuas.
+
+Wie waren die geschlagen, welche lachten,
+wie hielten alle Herz und Hnde an,
+als hbe sich der Lrm von dreiig Schlachten
+in einem Mund; und dieser Mund begann.
+
+Und wieder waren Tausende voll Staunen
+wie an dem groen Tag vor Jericho,
+nun aber waren in ihm die Posaunen,
+und ihres Lebens Mauern schwankten so,
+
+da sie sich wlzten, von Entsetzen trchtig
+und wehrlos schon und berwltigt, eh
+sie's noch gedachten, wie er eigenmchtig
+zu Gibeon die Sonne anschrie: Steh!
+
+Und Gott ging hin, erschrocken wie ein Knecht,
+und hielt die Sonne, bis ihm seine Hnde
+wehtaten, ob dem schlachtenden Geschlecht,
+nur weil da einer wollte, da sie stnde.
+
+Und das war dieser; dieser Alte wars,
+von dem sie meinten, da er nicht mehr gelte
+inmitten seines hundertzehnten Jahrs.
+Da stand er auf und brach in ihre Zelte.
+
+Er ging wie Hagel nieder ber Halmen.
+Was wollt ihr Gott versprechen? Ungezhlt
+stehn um euch Gtter, wartend, da ihr whlt.
+Doch wenn ihr whlt, wird euch der Herr zermalmen.
+
+Und dann, mit einem Hochmut ohnegleichen:
+Ich und mein Haus, wir bleiben ihm vermhlt.
+
+Da schrien sie alle: Hilf uns, gib ein Zeichen
+und strke uns zu unsrer schweren Wahl.
+
+Aber sie sahn ihn, wie seit Jahren schweigend,
+zu seiner festen Stadt am Berge steigend;
+und dann nicht mehr. Es war das letzte Mal.
+
+
+
+
+DER AUSZUG DES VERLORENEN SOHNES
+
+
+NUN fortzugehn von alle dem Verworrnen,
+das unser ist und uns doch nicht gehrt,
+das, wie das Wasser in den alten Bornen,
+uns zitternd spiegelt und das Bild zerstrt;
+von allem diesen, das sich wie mit Dornen
+noch einmal an uns anhngt--fortzugehn
+und Das und Den,
+die man schon nicht mehr sah
+(so tglich waren sie und so gewhnlich),
+auf einmal anzuschauen: sanft, vershnlich
+und wie an einem Anfang und von nah
+und ahnend einzusehn, wie unpersnlich,
+wie ber alle hin das Leid geschah,
+von dem die Kindheit voll war bis zum Rand--:
+Und dann doch fortzugehen, Hand aus Hand,
+als ob man ein Geheiltes neu zerrisse,
+und fortzugehn: wohin? Ins Ungewisse,
+weit in ein unverwandtes warmes Land,
+das hinter allem Handeln wie Kulisse
+gleichgltig sein wird: Garten oder Wand;
+und fortzugehn: warum? Aus Drang, aus Artung,
+aus Ungeduld, aus dunkler Erwartung,
+aus Unverstndlichkeit und Unverstand:
+Dies alles auf sich nehmen und vergebens
+vielleicht Gehaltnes fallen lassen, um
+allein zu sterben, wissend nicht warum--
+
+Ist das der Eingang eines neuen Lebens?
+
+
+
+
+DER LBAUMGARTEN
+
+
+Er ging hinauf unter dem grauen Laub
+ganz grau und aufgelst im lgelnde
+und legte seine Stirne voller Staub
+tief in das Staubigsein der heien Hnde.
+
+Nach allem dies. Und dieses war der Schlu.
+Jetzt soll ich gehen, whrend ich erblinde,
+und warum willst Du, da ich sagen mu,
+Du seist, wenn ich Dich selber nicht mehr finde.
+
+Ich finde Dich nicht mehr. Nicht in mir, nein.
+Nicht in den andern. Nicht in diesem Stein.
+Ich finde Dich nicht mehr. Ich bin allein.
+
+Ich bin allein mit aller Menschen Gram,
+den ich durch Dich zu lindern unternahm,
+der Du nicht bist, namenlose Scham...
+
+Spter erzhlte man: ein Engel kam--.
+
+Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht
+und bltterte gleichgltig in den Bumen.
+Die Jnger rhrten sich in ihren Trumen.
+Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht.
+
+Die Nacht, die kam, war keine ungemeine;
+so gehen hunderte vorbei.
+
+Da schlafen Hunde, und da liegen Steine.
+Ach eine traurige, ach irgendeine,
+die wartet, bis es wieder Morgen sei.
+
+Denn Engel kommen nicht zu solchen Betern,
+und Nchte werden nicht um solche gro.
+Die Sich-Verlierenden lt alles los,
+und sie sind preisgegeben von den Vtern
+und ausgeschlossen aus der Mtter Scho.
+
+
+
+
+PIET
+
+
+So seh ich, Jesus, deine Fe wieder,
+O die damals eines Jnglings Fe waren,
+da ich sie bang entkleidete und wusch;
+wie standen sie verwirrt in meinen Haaren
+und wie ein weies Wild im Dornenbusch.
+
+So seh ich deine niegeliebten Glieder
+zum erstenmal in dieser Liebesnacht.
+Wir legten uns noch nie zusammen nieder,
+und nun wird nur bewundert und gewacht.
+
+Doch, siehe, deine Hnde sind zerrissen--:
+Geliebter, nicht von mir, von meinen Bissen.
+Dein Herz steht offen, und man kann hinein:
+das htte drfen nur mein Eingang sein.
+
+Nun bist du mde, und dein mder Mund
+hat keine Lust zu meinem wehen Munde--.
+O Jesus, Jesus, wann war unsre Stunde?
+Wie gehn wir beide wunderlich zugrund.
+
+
+
+
+GESANG DER FRAUEN AN DEN DICHTER
+
+
+Sieh, wie sich alles auftut: so sind wir;
+denn wir sind nichts als solche Seligkeit.
+Was Blut und Dunkel war in einem Tier,
+das wuchs in uns zur Seele an und schreit
+
+als Seele weiter. Und es schreit nach dir.
+Du freilich nimmst es nur in dein Gesicht,
+als sei es Landschaft: sanft und ohne Gier.
+Und darum meinen wir, du bist es nicht,
+
+nach dem es schreit. Und doch, bist du nicht der,
+an den wir uns ganz ohne Rest verlren?
+Und werden wir in irgendeinem _mehr_?
+
+Mit uns geht das Unendliche _vorbei_.
+Du aber sei, du Mund, da wir es hren,
+du aber, du Uns-Sagender: du sei.
+
+
+
+
+DER TOD DES DICHTERS
+
+
+Er lag. Sein aufgestelltes Antlitz war
+bleich und verweigernd in den steilen Kissen,
+seitdem die Welt und dieses von ihr Wissen,
+von seinen Sinnen abgerissen,
+zurckfiel an das teilnahmslose Jahr.
+
+Die, so ihn leben sahen, wuten nicht,
+wie sehr er _eines_ war mit allem diesen,
+denn dieses: diese Tiefen, diese Wiesen
+und diese Wasser waren sein Gesicht.
+
+O sein Gesicht war diese ganze Weite,
+die jetzt noch zu ihm will und um ihn wirbt;
+und seine Maske, die nun bang verstirbt,
+ist zart und offen wie die Innenseite
+von einer Frucht, die an der Luft verdirbt.
+
+
+
+
+BUDDHA
+
+
+Als ob er horchte. Stille: eine Ferne....
+Wir halten ein und hren sie nicht mehr.
+Und er ist Stern. Und andre groe Sterne,
+die wir nicht sehen, stehen um ihn her.
+
+O er ist alles. Wirklich, warten wir,
+da er uns she? Sollte er bedrfen?
+Und wenn wir hier uns vor ihm niederwrfen,
+er bliebe tief und trge wie ein Tier.
+
+Denn das, was uns zu seinen Fen reit,
+das kreist in ihm seit Millionen Jahren.
+Er, der vergit, was wir erfahren,
+und der erfahrt, was uns verweist.
+
+
+
+
+L'ANGE DU MRIDIEN
+
+CHARTRES
+
+
+Im Sturm, der um die starke Kathedrale
+wie ein Verneiner strzt, der denkt und denkt,
+fhlt man sich zrtlicher mit einem Male
+von deinem Lcheln zu dir hingelenkt:
+
+lchelnder Engel, fhlende Figur,
+mit einem Mund, gemacht aus hundert Munden:
+gewahrst du gar nicht, wie dir unsre Stunden
+abgleiten von der vollen Sonnenuhr,
+
+auf der des Tages ganze Zahl zugleich,
+gleich wirklich, steht in tiefem Gleichgewichte,
+als wren alle Stunden reif und reich?
+
+Was weit du, Steinerner, von unserm Sein?
+und hltst du mit noch seligerm Gesichte
+vielleicht die Tafel in die Nacht hinein?
+
+
+
+
+DIE KATHEDRALE
+
+
+In jenen kleinen Stdten, wo herum
+die alten Huser wie ein Jahrmarkt hocken,
+der sie bemerkt hat pltzlich und erschrocken
+die Buden zumacht und ganz zu und stumm,
+
+die Schreier still, die Trommeln angehalten,
+zu ihr hinaufhorcht aufgeregten Ohrs--:
+dieweil sie ruhig immer in dem alten
+Faltenmantel ihrer Contreforts
+dasteht und von den Husern gar nicht wei:
+
+in jenen kleinen Stdten kannst du sehn,
+wie sehr entwachsen ihrem Umgangskreis
+die Kathedralen waren. Ihr Erstehn
+ging ber alles fort, so wie den Blick
+des eignen Lebens viel zu groe Nhe
+fortwhrend bersteigt und als geschhe
+nichts anderes; als wre _das_ Geschick,
+was sich in ihnen aufhuft ohne Maen,
+versteinert und zum Dauernden bestimmt,
+nicht _das_, was unten in den dunkeln Straen
+vom Zufall irgendwelche Namen nimmt
+und darin geht, wie Kinder Grn und Rot
+und was der Krmer hat als Schrze tragen.
+Da war Geburt in diesen Unterlagen,
+und Kraft und Andrang war in diesem Ragen
+und Liebe berall wie Wein und Brot,
+und die Portale voller Liebesklagcn.
+Das Leben zgerte Im Stundenschlagen,
+und in den Trmen, welche voll Entsagen
+auf einmal nicht mehr stiegen, war der Tod.
+
+
+
+
+DAS PORTAL
+
+
+I
+
+Da blieben sie, als wre jene Flut
+zurckgetreten, deren groes Branden
+an diesen Steinen wusch, bis sie entstanden;
+sie nahm im Fallen manches Attribut
+
+aus ihren Hnden, welche viel zu gut
+und gebend sind, um etwas festzuhalten.
+Sie blieben, von den Formen in Basalten
+durch einen Nimbus, einen Bischofshut,
+
+bisweilen durch ein Lcheln unterschieden,
+fr das ein Antlitz seiner Stunden Frieden
+bewahrt hat als ein stilles Zifferblatt;
+
+jetzt fortgerckt ins Leere ihres Tores,
+waren sie einst die Muschel eines Ohres
+und fingen jedes Sthnen dieser Stadt.
+
+
+
+II
+
+Sehr viele Weite ist gemeint damit:
+so wie mit den Kulissen einer Szene
+die Welt gemeint ist; und so wie durch jene
+der Held im Mantel seiner Handlung tritt:--
+so tritt das Dunkel dieses Tores handelnd
+auf seiner Tiefe tragisches Theater,
+so grenzenlos und wallend wie Gott-Vater
+und so wie Er sich wunderlich verwandelnd
+
+in einen Sohn, der aufgeteilt ist hier
+auf viele kleine beinah stumme Rollen,
+genommen aus des Elends Zubehr.
+
+Denn nur noch so entsteht (das wissen wir)
+aus Blinden, Fortgeworfenen und Tollen
+der Heiland wie ein einziger Akteur.
+
+
+
+III
+
+So ragen sie, die Herzen angehalten
+(sie stehn auf Ewigkeit und gingen nie);
+nur selten tritt aus dem Gefll der Falten
+eine Gebrde, aufrecht, steil wie sie,
+
+und bleibt nach einem halben Schritte stehn,
+wo die Jahrhunderte sie berholen.
+Sie sind im Gleichgewicht auf den Konsolen,
+in denen eine Welt, die sie nicht sehn,
+
+die Welt der Wirrnis, die sie nicht zertraten,
+Figur und Tier, wie um sie zu gefhrden,
+sich krmmt und schttelt und sie dennoch hlt:
+weil die Gestalten dort wie Akrobaten
+sich nur so zuckend und so wild gebrden,
+damit der Stab auf ihrer Stirn nicht fllt.
+
+
+
+
+DIE FENSTERROSE
+
+
+Da drin: das trge Treten ihrer Tatzen
+macht eine Stille, die dich fast verwirrt;
+und wie dann pltzlich eine von den Katzen
+den Blick an ihr, der hin und wieder irrt,
+
+gewaltsam in ihr groes Auge nimmt,--
+den Blick, der wie von eines Wirbels Kreis
+ergriffen, eine kleine Weile schwimmt
+und dann versinkt und nichts mehr von sich wei,
+
+wenn dieses Auge, welches scheinbar ruht,
+sich au auftut und zusammenschlgt mit Tosen
+und ihn hineinreit bis ins rote Blut--:
+
+so griffen einstmals aus dem Dunkelsein
+der Kathedralen groe Fensterrosen
+ein Herz und rissen es in Gott hinein.
+
+
+
+
+DAS KAPITL
+
+
+Wie sich aus eines Traumes Ausgeburten
+aufsteigend aus verwirrendem Gequl
+der nchste Tag erhebt,--so gehn die Gurten
+der Wlbung aus dem wirren Kapitl
+
+und lassen drin, gedrngt und rtselhaft
+verschlungen, flgelschlagende Geschpfe:
+ihr Zgern und das Pltzliche der Kpfe
+und jene starken Bltter, deren Saft
+
+wie Jhzorn steigt, sich schlielich berschlagend
+in einer schnellen Geste, die sich ballt
+und sich heraushlt: alles aufwrtsjagend,
+
+was immer wieder mit dem Dunkel kalt
+herunterfllt, wie Regen Sorge tragend
+fr dieses alten Wachstums Unterhalt.
+
+
+
+
+GOTT IM MITTELALTER
+
+
+Und sie hatten ihn in sich erspart,
+und sie wollten, da er sei und richte,
+und sie hngten schlielich wie Gewichte
+(zu verhindern seine Himmelfahrt)
+
+an ihn ihrer groen Kathedralen
+Last und Masse. Und er sollte nur
+ber seine grenzenlosen Zahlen
+zeigend kreisen und wie eine Uhr
+
+Zeichen geben ihrem Tun und Tagwerk.
+Aber pltzlich kam er ganz in Gang,
+und die Leute der entsetzten Stadt
+
+lieen ihn, vor seiner Stimme bang,
+weitergehn mit ausgehngtem Schlagwerk
+und entflohn vor seinem Zifferblatt.
+
+
+
+
+MORGUE
+
+
+Da liegen sie bereit, als ob es glte,
+nachtrglich eine Handlung zu erfinden,
+die miteinander und mit dieser Klte
+sie zu vershnen wei und zu verbinden;
+
+denn das ist alles noch wie ohne Schlu.
+Was fr ein Name htte in den Taschen
+sich finden sollen? An dem berdru
+um ihren Mund hat man herumgewaschen;
+
+er ging nicht ab; er wurde nur ganz rein.
+Die Brte stehen, noch ein wenig hrter,
+doch ordentlicher im Geschmack der Wrter,
+
+nur um die Gaffenden nicht anzuwidern.
+Die Augen haben hinter ihren Lidern
+sich umgewandt und schauen jetzt hinein.
+
+
+
+
+DER GEFANGENE
+
+
+I
+
+Meine Hand hat nur noch eine
+Gebrde, mit der sie verscheucht;
+auf die alten Steine
+fllt es aus Felsen feucht.
+
+Ich hre nur dieses Klopfen,
+und mein Herz hlt Schritt
+mit dem Gehen der Tropfen
+und vergeht damit.
+
+Tropften sie doch schneller,
+kme doch wieder ein Tier.
+Irgendwo war es heller--.
+Aber was wissen wir.
+
+
+
+II
+
+Denk dir, das was jetzt Himmel ist und Wind,
+Luft deinem Mund und deinem Auge Helle,
+das wrde Stein bis um die kleine Stelle,
+an der dein Herz und deine Hnde sind.
+
+Und was jetzt in dir morgen heit und: dann
+und: spterhin und nchstes Jahr und weiter--
+das wrde wund in dir und voller Eiter
+und schwre nur und brche nicht mehr an.
+
+Und das was war, das wre irre und
+raste in dir herum, den lieben Mund,
+der niemals lachte, schumend von Gelchter.
+
+Und das was Gott war, wre nur dein Wchter
+und stopfte boshaft in das letzte Loch
+ein schmutziges Auge. Und du lebtest doch.
+
+
+
+
+DER PANTHER
+
+IM JARDIN DES PLANTES, PARIS
+
+
+Sein Blick ist vom Vorbergehn der Stbe
+so md geworden, da er nichts mehr hlt.
+Ihm ist, als ob es tausend Stbe gbe
+und hinter tausend Stben keine Welt.
+
+Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
+der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
+ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
+in der betubt ein groer Wille steht.
+
+Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
+sich lautlos auf--. Dann geht ein Bild hinein,
+geht durch der Glieder angespannte Stille--
+und hrt im Herzen auf zu sein.
+
+
+
+
+DIE GAZELLE
+
+ANTILOPE DORCAS
+
+
+Verzauberte: wie kann der Einklang zweier
+erwhlter Worte je den Reim erreichen,
+der in dir kommt und geht, wie auf ein Zeichen.
+Aus deiner Stirne steigen Laub und Leier,
+
+und alles Deine geht schon im Vergleich
+durch Liebeslieder, deren Worte, weich
+wie Rosenbltter, dem, der nicht mehr liest,
+sich auf die Augen legen, die er schliet,
+
+um dich zu sehen: hingetragen, als
+wre mit Sprngen jeder Lauf geladen
+und schsse nur nicht ab, solang der Hals
+
+das Haupt ins Horchen hlt: wie wenn beim Baden
+im Wald die Badende sich unterbricht,
+den Waldsee im gewendeten Gesicht.
+
+
+
+
+DAS EINHORN
+
+
+Der Heilige hob das Haupt, und das Gebet
+fiel wie ein Helm zurck von seinem Haupte:
+denn lautlos nahte sich das niegeglaubte,
+das weie Tier, das wie eine geraubte
+hilflose Hindin mit den Augen fleht.
+
+Der Beine elfenbeinernes Gestell
+bewegte sich in leichten Gleichgewichten,
+ein weier Glanz glitt selig durch das Fell,
+und auf der Tierstirn, auf der stillen, lichten,
+stand, wie ein Turm im Mond, das Horn so hell,
+und jeder Schritt geschah, es aufzurichten.
+
+Das Maul mit seinem rosagrauen Flaum
+war leicht gerafft, so da ein wenig Wei
+(weier als alles) von den Zhnen glnzte;
+die Nstern nahmen auf und lechzten leis.
+Doch seine Blicke, die kein Ding begrenzte,
+warfen sich Bilder in den Raum
+und schlssen einen blauen Sagenkreis.
+
+
+
+
+SANKT SEBASTIAN
+
+
+Wie ein Liegender so steht er; ganz
+hingehalten von dem groen Willen.
+Weit entrckt wie Mtter, wenn sie stillen,
+und in sich gebunden wie ein Kranz.
+
+Und die Pfeile kommen: jetzt und jetzt
+und als sprngen sie aus seinen Lenden,
+eisern bebend mit den freien Enden.
+Doch er lchelt dunkel, unverletzt.
+
+Einmal nur wird eine Trauer gro,
+und die Augen liegen schmerzlich blo,
+bis sie etwas leugnen, wie Geringes,
+und als lieen sie verchtlich los
+die Vernichter eines schnen Dinges.
+
+
+
+
+DER STIFTER
+
+
+Das war der Auftrag an die Malergilde.
+Vielleicht da ihm der Heiland nie erschien;
+vielleicht trat auch kein heiliger Bischof milde
+an seine Seite wie in diesem Bilde
+und legte leise seine Hand auf ihn.
+
+Vielleicht war dieses alles: so zu knien
+(so wie es alles ist, was wir erfuhren):
+zu knien: da man die eigenen Konturen,
+die auswrtswollenden, ganz angespannt
+im Herzen hlt, wie Pferde in der Hand.
+
+Da, wenn ein Ungeheueres geschhe,
+das nicht versprochen ist und nieverbrieft,
+wir hoffen knnten, da es uns nicht she
+und nher kme, ganz in unsre Nhe,
+mit sich beschftigt und in sich vertieft.
+
+
+
+
+DER ENGEL
+
+
+Mit einem Neigen seiner Stirne weist
+er weit von sich, was einschrnkt und verpflichtet;
+denn durch sein Herz geht riesig aufgerichtet
+das ewig Kommende, das kreist.
+
+Die tiefen Himmel stehn ihm voll Gestalten,
+und jede kann ihm rufen: komm, erkenn--.
+Gib seinen leichten Hnden nichts zu halten
+aus deinem Lastenden. Sie kmen denn
+
+bei Nacht zu dir, dich ringender zu prfen,
+und gingen wie Erzrnte durch das Haus
+und griffen dich, als ob sie dich erschfen,
+und brchen dich aus deiner Form heraus.
+
+
+
+
+RMISCHE SARKOPHAGE
+
+
+Was aber hindert uns zu glauben, da
+(so wie wir hingestellt sind und verteilt)
+nicht eine kleine Zeit nur Drang und Ha
+und dies Verwirrende in uns verweilt,
+
+wie einst in dem verzierten Sarkophag
+bei Ringen, Gtterbildern, Glsern, Bndern,
+in langsam sich verzehrenden Gewndern
+ein langsam Aufgelstes lag--
+
+bis es die unbekannten Munde schluckten,
+die niemals reden. (Wo besteht und denkt
+ein Hirn, um ihrer einst sich zu bedienen?)
+
+Da wurde von den alten Aqudukten
+ewiges Wasser in sie eingelenkt--:
+das spiegelt jetzt und geht und glnzt in ihnen.
+
+
+
+
+DER SCHWAN
+
+
+Diese Mhsal, durch noch Ungetanes
+schwer und wie gebunden hinzugehn,
+gleicht dem ungeschaffnen Gang des Schwanes.
+
+Und das Sterben, dieses Nichtmehrfassen
+jenes Grunds, auf dem wir tglich stehn,
+seinem ngstlichen Sich-Niederlassen--:
+
+in die Wasser, die ihn sanft empfangen
+und die sich, wie glcklich und vergangen,
+unter ihm zurckziehn, Flut um Flut;
+whrend er unendlich still und sicher
+immer mndiger und kniglicher
+und gelassener zu ziehn geruht.
+
+
+
+
+KINDHEIT
+
+
+Es wre gut viel nachzudenken, um
+von so Verlornem etwas auszusagen,
+von jenen langen Kindheit-Nachmittagen,
+die so nie wiederkamen--und warum?
+
+Noch mahnt es uns--: vielleicht in einem Regnen,
+aber wir wissen nicht mehr, was das soll;
+nie wieder war das Leben von Begegnen,
+von Wiedersehn und Weitergehn so voll
+
+wie damals, da uns nichts geschah als nur,
+was einem Ding geschieht und einem Tiere:
+da lebten wir, wie Menschliches, das Ihre
+und wurden bis zum Rande voll Figur.
+
+Und wurden so vereinsamt wie ein Hirt
+und so mit groen Fernen berladen
+und wie von weit berufen und berhrt
+und langsam wie ein langer neuer Faden
+in jene Bilderfolgen eingefhrt,
+in welchen nun zu dauern uns verwirrt.
+
+
+
+
+DER DICHTER
+
+
+Du entfernst dich von mir, du Stunde.
+Wunden schlgt mir dein Flgelschlag.
+Allein: was soll ich mit meinem Munde?
+mit meiner Nacht? mit meinem Tag?
+
+Ich habe keine Geliebte, kein Haus,
+keine Stelle, auf der ich lebe.
+Alle Dinge, an die ich mich gebe,
+werden reich und geben mich aus.
+
+
+
+
+DIE SPITZE
+
+
+I
+
+Menschlichkeit: Namen schwankender Besitze,
+noch unbesttigter Bestand von Glck:
+ist das unmenschlich, da zu dieser Spitze,
+zu diesem kleinen dichten Spitzenstck
+zwei Augen wurden?--Willst du sie zurck?
+
+Du Langvergangene und schlielich Blinde,
+ist deine Seligkeit in diesem Ding,
+zu welcher hin, wie zwischen Stamm und Rinde,
+dein groes Fhlen, kleinverwandelt, ging?
+
+Durch einen Ri im Schicksal, eine Lcke
+entzogst du deine Seele deiner Zeit;
+und sie ist so in diesem lichten Stcke,
+da es mich lcheln macht vor Ntzlichkeit.
+
+
+
+II
+
+Und wenn uns eines Tages dieses Tun
+und was an uns geschieht gering erschiene
+und uns so fremd, als ob es nicht verdiene,
+da wir so mhsam aus den Kinderschuhn
+um seinetwillen wachsen--: Ob die Bahn
+vergilbter Spitze, diese dichtgefgte
+blumige Spitzenbahn, dann nicht gengte,
+uns hier zu halten? Sieh: sie ward getan.
+
+Ein Leben ward vielleicht verschmht, wer wei?
+Ein Glck war da und wurde hingegeben,
+und endlich wurde doch, um jeden Preis,
+dies Ding daraus, nicht leichter als das Leben
+und doch vollendet und so schn, als sei's
+nicht mehr zu frh, zu lcheln und zu schweben.
+
+
+
+
+EIN FRAUENSCHICKSAL
+
+
+So wie der Knig auf der Jagd ein Glas
+ergreift, daraus zu trinken, irgendeines,--
+und wie hernach der, welcher es besa,
+es fortstellt und verwahrt, als wr es keines:
+
+so hob vielleicht das Schicksal, durstig auch,
+bisweilen Eine an den Mund und trank,
+die dann ein kleines Leben, viel zu bang
+sie zu zerbrechen, abseits vom Gebrauch
+
+hinstellte in die ngstliche Vitrine,
+in welcher seine Kostbarkeiten sind
+(oder die Dinge, die fr kostbar gelten).
+
+Da stand sie fremd wie eine Fortgeliehne
+und wurde einfach alt und wurde blind
+und war nicht kostbar und war niemals selten.
+
+
+
+
+DIE GENESENDE
+
+
+Wie ein Singen kommt und geht in Gassen
+und sich nhert und sich wieder scheut,
+flgelschlagend, manchmal fast zu fassen
+und dann wieder weit hinausgestreut:
+
+spielt mit der Genesenden das Leben;
+whrend sie, geschwcht und ausgeruht,
+unbeholfen, um sich hinzugeben,
+eine ungewohnte Geste tut.
+
+Und sie fhlt sich beinah wie Verfhrung,
+wenn die hartgewordne Hand, darin
+Fieber waren voller Widersinn,
+fernher, wie mit blhender Berhrung,
+zu liebkosen kommt ihr hartes Kinn.
+
+
+
+
+DIE ERWACHSENE
+
+
+Das alles stand auf ihr und war die Welt
+und stand auf ihr mit allem, Angst und Gnade,
+wie Bume stehen, wachsend und gerade,
+ganz Bild und bildlos wie die Bundeslade
+und feierlich, wie auf ein Volk gestellt.
+
+Und sie ertrug es; trug bis obenhin
+das Fliegende, Entfliehende, Entfernte,
+das Ungeheuere, noch Unerlernte
+gelassen wie die Wassertrgerin
+den vollen Krug. Bis mitten unterm Spiel,
+verwandelnd und auf andres vorbereitend,
+der erste weie Schleier, leise gleitend,
+ber das aufgetane Antlitz fiel
+
+fast undurchsichtig und sich nie mehr hebend
+und irgendwie auf alle Fragen ihr
+nur eine Antwort vage wiedergebend:
+In dir, du Kindgewesene, in dir.
+
+
+
+
+TANAGRA
+
+
+Ein wenig gebrannter Erde,
+wie von groer Sonne gebrannt.
+Als wre die Gebrde
+einer Mdchenhand
+auf einmal nicht mehr vergangen;
+ohne nach etwas zu langen,
+zu keinem Dinge hin
+aus ihrem Gefhle fhrend,
+nur an sich selber rhrend
+wie eine Hand ans Kinn.
+
+Wir heben und wir drehen
+eine und eine Figur;
+wir knnen fast verstehen,
+weshalb sie nicht vergehen,--
+aber wir sollen nur
+tiefer und wunderbarer
+hngen an dem, was war,
+und lcheln: ein wenig klarer
+vielleicht als vor einem Jahr.
+
+
+
+
+DIE ERBLINDENDE
+
+
+Sie sa so wie die anderen beim Tee.
+Mir war zuerst, als ob sie ihre Tasse
+ein wenig anders als die andern fasse.
+Sie lchelte einmal. Es tat fast weh.
+
+Und als man schlielich sich erhob und sprach
+und langsam und wie es der Zufall brachte
+durch viele Zimmer ging (man sprach und lachte),
+da sah ich sie. Sie ging den andern nach,
+
+verhalten, so wie eine, welche gleich
+wird singen mssen und vor vielen Leuten;
+auf ihren hellen Augen, die sich freuten,
+war Licht von auen wie auf einem Teich.
+
+Sie folgte langsam, und sie brauchte lang,
+als wre etwas noch nicht berstiegen;
+und doch: als ob, nach einem bergang,
+sie nicht mehr gehen wrde, sondern fliegen.
+
+
+
+
+IN EINEM FREMDEN PARK
+
+BORGEBY-GRD
+
+
+Zwei Wege sinds. Sie fhren keinen hin.
+Doch manchmal, in Gedanken, lt der eine
+dich weitergehn. Es ist, als gingst du fehl;
+aber auf einmal bist du im Rondel
+alleingelassen wieder mit dem Steine
+und wieder auf ihm lesend: Freiherrin
+Brite Sophie--und wieder mit dem Finger
+abfhlend die zerfallne Jahreszahl--.
+Warum wird dieses Finden nicht geringer?
+
+Was zgerst du ganz wie zum erstenmal
+erwartungsvoll auf diesem Ulmenplatz,
+der feucht und dunkel ist und niebetreten?
+
+Und was verlockt dich fr ein Gegensatz,
+etwas zu suchen in den sonnigen Beeten,
+als wrs der Name eines Rosenstocks?
+
+Was stehst du oft? Was hren deine Ohren?
+Und warum siehst du schlielich, wie verloren,
+die Falter flimmern um den hohen Phlox?
+
+
+
+
+ABSCHIED
+
+
+Wie hab ich das gefhlt, was Abschied heit.
+Wie wei ichs noch: ein dunkles unverwundnes
+grausames Etwas, das ein Schnverbundnes
+noch einmal zeigt und hinhlt und zerreit.
+
+Wie war ich ohne Wehr, dem zuzuschauen,
+das, da es mich, mich rufend, gehen lie,
+zurckblieb, so als wrens alle Frauen
+und dennoch klein und wei und nichts als dies:
+
+Ein Winken, schon nicht mehr auf mich bezogen,
+ein leise Weiterwinkendes--, schon kaum
+erklrbar mehr: vielleicht ein Pflaumenbaum,
+von dem ein Kuckuck hastig abgeflogen.
+
+
+
+
+TODESERFAHRUNG
+
+
+Wir wissen nichts von diesem Hingehn, das
+nicht mit uns teilt. Wir haben keinen Grund,
+Bewunderung und Liebe oder Ha
+dem Tod zu zeigen, den ein Maskenmund
+
+tragischer Klage wunderlich entstellt.
+Noch ist die Welt voll Rollen, die wir spielen.
+Solang wir sorgen, ob wir auch gefielen,
+spielt auch der Tod, obwohl er nicht gefllt.
+
+
+Doch als du gingst, da brach in diese Bhne
+ein Streifen Wirklichkeit durch jenen Spalt,
+durch den du hingingst: Grn wirklicher Grne,
+wirklicher Sonnenschein, wirklicher Wald.
+
+Wir spielen weiter. Bang und schwer Erlerntes
+hersagend und Gebrden dann und wann
+aufhebend; aber dein von uns entferntes,
+aus unserm Stck entrcktes Dasein kann
+
+uns manchmal berkommen, wie ein Wissen
+von jener Wirklichkeit sich niedersenkend,
+so da wir eine Weile hingerissen
+das Leben spielen, nicht an Beifall denkend.
+
+
+
+
+BLAUE HORTENSIE
+
+
+So wie das letzte Grn in Farbentiegeln
+sind diese Bltter, trocken, stumpf und rauh,
+hinter den Bltendolden, die ein Blau
+nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.
+
+Sie spiegeln es verweint und ungenau,
+als wollten sie es wiederum verlieren,
+und wie in alten blauen Briefpapieren
+ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;
+
+Verwaschnes wie an einer Kinderschrze,
+Nichtmehrgetragnes, dem nichts mehr geschieht:
+wie fhlt man eines kleinen Lebens Krze.
+
+Doch pltzlich scheint das Blau sich zu verneuen
+in einer von den Dolden, und man sieht
+ein rhrend Blaues sich vor Grnem freuen.
+
+
+
+
+VOR DEM SOMMERREGEN
+
+
+Auf einmal ist aus allem Grn im Park
+man wei nicht was, ein Etwas, fortgenommen;
+man fhlt ihn nher an die Fenster kommen
+und schweigsam sein. Instndig nur und stark
+
+ertnt aus dem Gehlz der Regenpfeifer,
+man denkt an einen Hieronymus:
+so sehr steigt irgend Einsamkeit und Eifer
+aus dieser einen Stimme, die der Gu
+
+erhren wird. Des Saales Wnde sind
+mit ihren Bildern von uns fortgetreten,
+als drften sie nicht hren, was wir sagen.
+
+Es spiegeln die verblichenen Tapeten
+das ungewisse Licht von Nachmittagen,
+in denen man sich frchtete als Kind.
+
+
+
+
+IM SAAL
+
+
+Wie sind sie alle um uns, diese Herrn
+in Kammerherrentrachten und Jabots,
+wie eine Nacht um ihren Ordensstern
+sich immer mehr verdunkelnd, rcksichtslos,
+und diese Damen, zart, fragile, doch gro
+von ihren Kleidern, eine Hand im Scho,
+klein wie ein Halsband fr den Bologneser;
+wie sind sie da um jeden: um den Leser,
+um den Betrachter dieser Bibelots,
+darunter manches ihnen noch gehrt.
+
+Sie lassen, voller Takt, uns ungestrt
+das Leben leben, wie wir es begreifen
+und wie sie's nicht verstehn. Sie wollten blhn,
+und blhn ist schn sein; doch wir wollen reifen,
+und das heit dunkel sein und sich bemhn.
+
+
+
+
+LETZTER ABEND
+
+(AUS DEM BESITZE FRAU NONNAS)
+
+
+Und Nacht und fernes Fahren; denn der Train
+des ganzen Heeres zog am Park vorber.
+Er aber hob den Blick vom Clavecin
+und spielte noch und sah zu ihr hinber
+
+beinah, wie man in einen Spiegel schaut:
+so sehr erfllt von seinen jungen Zgen
+und wissend, wie sie seine Trauer trgen,
+schn und verfhrender bei jedem Laut.
+
+Doch pltzlich wars, als ob sich das verwische:
+sie stand wie mhsam in der Fensternische
+und hielt des Herzens drngendes Geklopf.
+
+Sein Spiel gab nach. Von drauen wehte Frische.
+Und seltsam fremd stand auf dem Spiegeltische
+der schwarze Tschako mit dem Totenkopf.
+
+
+
+
+JUGENDBILDNIS MEINES VATERS
+
+
+Im Auge Traum. Die Stirn wie in Berhrung
+mit etwas Fernem. Um den Mund enorm
+viel Jugend, ungelchelte Verfhrung,
+und vor der vollen schmckenden Verschnrung
+der schlanken adeligen Uniform
+der Sbelkorb und beide Hnde--, die
+abwarten, ruhig, zu nichts hingedrngt.
+Und nun fast nicht mehr sichtbar: als ob sie
+zuerst, die Fernes greifenden, verschwnden.
+Und alles andre mit sich selbst verhngt
+und ausgelscht, als ob wirs nicht verstnden,
+und tief aus seiner eignen Tiefe trb--.
+
+Du schnell vergehendes Daguerreotyp
+in meinen langsamer vergehenden Hnden.
+
+
+
+
+SELBSTBILDNIS AUS DEM JAHRE 1906
+
+
+Des alten lange adligen Geschlechtes
+Feststehendes im Augenbogenbau.
+Im Blicke noch der Kindheit Angst und Blau
+und Demut da und dort, nicht eines Knechtes,
+doch eines Dienenden und einer Frau.
+Der Mund als Mund gemacht, gro und genau,
+nicht berredend, aber ein Gerechtes
+Aussagendes. Die Stirne ohne Schlechtes
+und gern im Schatten stiller Niederschau.
+
+Das, als Zusammenhang, erst nur geahnt;
+noch nie im Leiden oder im Gelingen
+zusammgefat zu dauerndem Durchdringen,
+doch so, als wre mit zerstreuten Dingen
+von fern ein Ernstes, Wirkliches geplant.
+
+
+
+
+DER KNIG
+
+
+Der Knig ist sechzehn Jahre alt.
+Sechzehn Jahre und schon der Staat.
+Er schaut, wie aus einem Hinterhalt,
+vorbei an den Greisen vom Rat
+
+in den Saal hinein und irgendwohin
+und fhlt vielleicht nur dies:
+an dem schmalen langen harten Kinn
+die kalte Kette vom Vlies.
+
+Das Todesurteil vor ihm bleibt
+lang ohne Namenszug.
+Und sie denken: wie er sich qult.
+
+Sie wten, kennten sie ihn genug,
+da er nur langsam bis siebzig zhlt,
+eh er es unterschreibt.
+
+
+
+
+AUFERSTEHUNG
+
+
+Der Graf vernimmt die Tne,
+er sieht einen lichten Ri;
+er weckt seine dreizehn Shne
+im Erbbegrbnis.
+
+Er grt seine beiden Frauen
+ehrerbietig von weit--;
+und alle voll Vertrauen
+stehn auf zur Ewigkeit
+
+und warten nur noch auf Erich
+und Ulriken Dorotheen,
+die sieben- und dreizehnjhrig
+ (sechzehnhundertzehn)
+verstorben sind in Flandern,
+um heute vor den andern
+unbeirrt herzugehn.
+
+
+
+
+DER FAHNENTRGER
+
+
+Die andern fhlen alles an sich rauh
+und ohne Anteil: Eisen, Zeug und Leder.
+Zwar manchmal schmeichelt eine weiche Feder,
+doch sehr allein und lieblos ist ein jeder;
+er aber trgt--als trg er eine Frau--
+die Fahne in dem feierlichen Kleide.
+Dicht hinter ihm geht ihre schwere Seide,
+die manchmal ber seine Hnde fliet.
+
+Er kann allein, wenn er die Augen schliet,
+ein Lcheln sehn: er darf sie nicht verlassen.
+
+Und wenn es kommt in blitzenden Krassen
+und nach ihr greift und ringt und will sie fassen--:
+
+dann darf er sie abreien von dem Stocke,
+als ri er sie aus ihrem Mdchentum,
+um sie zu halten unterm Waffenrocke.
+
+Und fr die andern ist das Mut und Ruhm.
+
+
+
+
+DER LETZTE GRAF VON BREDERODE
+ENTZIEHT SICH TRKISCHER
+GEFANGENSCHAFT
+
+
+Sie folgten furchtbar; ihren bunten Tod
+von ferne nach ihm werfend, whrend er
+verloren floh, nichts weiter als: bedroht.
+Die Ferne seiner Vter schien nicht mehr
+
+fr ihn zu gelten; denn um so zu fliehn,
+gengt ein Tier vor Jgern. Bis der Flu
+aufrauschte nah und blitzend. Ein Entschlu
+hob ihn samt seiner Not und machte ihn
+
+wieder zum Knaben frstlichen Gebltes.
+Ein Lcheln adeliger Frauen go
+noch einmal Sigkeit in sein verfrhtes
+
+vollendetes Gesicht. Er zwang sein Ro,
+gro wie sein Herz zu gehn, sein blutdurchglhte:
+es trug ihn in den Strom wie in sein Schlo.
+
+
+
+
+DIE KURTISANE
+
+
+Venedigs Sonne wird in meinem Haar
+ein Gold bereiten: aller Alchemie
+erlauchten Ausgang. Meine Brauen, die
+den Brcken gleichen, siehst du sie
+
+hinfhren ob der lautlosen Gefahr
+der Augen, die ein heimlicher Verkehr
+an die Kanle schliet, so da das Meer
+in ihnen steigt und fllt und wechselt. Wer
+
+mich einmal sah, beneidet meinen Hund,
+weil sich auf ihm oft in zerstreuter Pause
+die Hand, die nie an keiner Glut verkohlt,
+
+die unverwundbare, geschmckt, erholt--.
+Und Knaben, Hoffnungen aus altem Hause,
+gehn wie an Gift an meinem Mund zugrund.
+
+
+
+
+DIE TREPPE DER ORANGERIE
+
+VERSAILLES
+
+
+Wie Knige, die schlielich nur noch schreiten
+fast ohne Ziel, nur um von Zeit zu Zeit
+sich den Verneigenden auf beiden Seiten
+zu zeigen in des Mantels Einsamkeit--:
+
+so steigt, allein zwischen den Balustraden,
+die sich verneigen schon seit Anbeginn,
+die Treppe: langsam und von Gottes Gnaden
+und auf den Himmel zu und nirgends hin;
+
+als ob sie allen Folgenden befahl
+zurckzubleiben,--so da sie nicht wagen,
+von ferne nachzugehen; nicht einmal
+die schwere Schleppe durfte einer tragen.
+
+
+
+
+DER MARMORKARREN
+
+PARIS
+
+
+Auf Pferde, sieben ziehende, verteilt,
+verwandelt Niebewegtes sich in Schritte;
+denn was hochmtig in des Marmors Mitte
+an Alter, Widerstand und All verweilt,
+
+das zeigt sich unter Menschen. Siehe, nicht
+unkenntlich, unter irgendeinem Namen,
+nein: wie der Held das Drngen in den Dramen
+erst sichtbar macht und pltzlich unterbricht:
+
+so kommt es durch den stauenden Verlauf
+des Tages, kommt in seinem ganzen Staate,
+als ob ein groer Triumphator nahte,
+
+langsam zuletzt; und langsam vor ihm her
+Gefangene, von seiner Schwere schwer.
+Und naht noch immer und hlt alles auf.
+
+
+
+
+BUDDHA
+
+
+Schon von ferne fhlt der fremde scheue
+Pilger, wie es golden von ihm truft;
+so als htten Reiche voller Reue
+ihre Heimlichkeiten aufgehuft.
+
+Aber nher kommend wird er irre
+vor der Hoheit dieser Augenbraun:
+denn das sind nicht ihre Trinkgeschirre
+und die Ohrgehnge ihrer Fraun.
+
+Wte einer denn zu sagen, welche
+Dinge eingeschmolzen wurden, um
+dieses Bild auf diesem Blumenkelche
+
+aufzurichten: stummer, ruhiggelber
+als ein goldenes und rundherum
+auch den Raum berhrend wie sich selber.
+
+
+
+
+RMISCHE FONTNE
+
+BORGHESE
+
+
+Zwei Becken, eins das andre bersteigend
+aus einem alten runden Marmorrand,
+und aus dem oberen Wasser leis sich neigend
+zum Wasser, welches unten wartend stand,
+
+dem leise redenden entgegenschweigend
+und heimlich, gleichsam in der hohlen Hand
+ihm Himmel hinter Grn und Dunkel zeigend
+wie einen unbekannten Gegenstand;
+
+sich selber ruhig in der schnen Schale
+verbreitend ohne Heimweh, Kreis aus Kreis,
+nur manchmal trumerisch und tropfenweis
+
+sich niederlassend an den Moosbehngen
+zum letzten Spiegel, der sein Hecken leis
+von unten lcheln macht mit Obergngen.
+
+
+
+
+DAS KARUSSELL
+
+JARDIN DU LUXEMBOURG
+
+
+Mit einem Dach und seinem Schatten dreht
+sich eine kleine Weile der Bestand
+von bunten Pferden, alle aus dem Land,
+das lange zgert, eh es untergeht.
+Zwar manche sind an Wagen angespannt,
+doch alle haben Mut in ihren Mienen;
+ein bser roter Lwe geht mit ihnen
+und dann und wann ein weier Elefant.
+
+Sogar ein Hirsch ist da ganz wie im Wald,
+nur da er einen Sattel trgt und drber
+ein kleines blaues Mdchen aufgeschnallt.
+
+Und auf dem Lwen reitet wei ein Junge
+und hlt sich mit der kleinen heien Hand,
+dieweil der Lwe Zhne zeigt und Zunge.
+
+Und dann und wann ein weier Elefant.
+
+Und auf den Pferden kommen sie vorber,
+auch Mdchen, helle, diesem Pferdesprunge
+fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge
+schauen sie auf, irgendwohin, herber--
+
+Und dann und wann ein weier Elefant.
+
+Und das geht hin und eilt sich, da es endet,
+und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
+Ein Rot, ein Grn, ein Grau vorbeigesendet,
+ein kleines kaum begonnenes Profil.
+Und manchesmal ein Lcheln, hergewendet,
+ein seliges, das blendet und verschwendet
+an dieses atemlose blinde Spiel.
+
+
+
+
+SPANISCHE TNZERIN
+
+
+Wie in der Hand ein Schwefelzndholz, wei,
+eh es zur Klamme kommt, nach allen Seiten
+zuckende Zungen streckt--: beginnt im Kreis
+naher Beschauer hastig, hell und hei
+ihr runder Tanz sich zuckend auszubreiten.
+
+Und pltzlich ist er Flamme ganz und gar.
+
+Mit ihrem Blick entzndet sie ihr Haar
+und dreht auf einmal mit gewagter Kunst
+ihr ganzes Kleid in diese Feuersbrunst,
+aus welcher sich, wie Schlangen, die erschrecken,
+die nackten Arme wach und klappernd strecken.
+
+Und dann: als wrde ihr das Feuer knapp,
+nimmt sie es ganz zusamm und wirft es ab
+sehr herrisch, mit hochmtiger Gebrde
+und schaut: da liegt es rasend auf der Erde
+und flammt noch immer und ergibt sich nicht--.
+Doch sieghaft, sicher und mit einem sen
+grenden Lcheln hebt sie ihr Gesicht
+und stampft es aus mit kleinen festen Fen.
+
+
+
+
+DER TURM
+
+TOUR ST.-NICOLAS, FURNES
+
+
+Erdinneres. Als wre dort, wohin
+du blindlings steigst, erst Erdenoberflche,
+zu der du steigst im schrgen Bett der Bche,
+die langsam aus dem suchenden Gerinn
+
+der Dunkelheit entsprungen sind, durch die
+sich dein Gesicht, wie auferstehend, drngt
+und die du pltzlich _siehst_, als fiele sie
+aus diesem Abgrund, der dich berhngt
+
+und den du, wie er riesig ber dir
+sich umstrzt in dem dmmernden Gesthle,
+erkennst, erschreckt und frchtend, im Gefhle:
+o wenn er steigt, behngen wie ein Stier--:
+
+Da aber nimmt dich aus der engen Endung
+windiges Licht. Fast fliegend siehst du hier
+die Himmel wieder, Blendung ber Blendung,
+und dort die Tiefen, wach und voll Verwendung,
+
+und kleine Tage wie bei Patenier,
+gleichzeitige, mit Stunde neben Stunde,
+durch die die Brcken springen wie die Hunde,
+dem hellen Wege immer auf der Spur,
+den unbeholfne Huser manchmal nur
+verbergen, bis er ganz im Hintergrnde
+beruhigt geht durch Buschwerk und Natur.
+
+
+
+
+DER PLATZ
+
+FURNES
+
+
+Willkrlich von Gewesnem ausgeweitet:
+von Wut und Aufruhr, von dem Kunterbunt,
+das die Verurteilten zu Tod begleitet,
+von Buden, von der Jahrmarktsrufer Mund,
+und von dem Herzog, der vorberreitet,
+und von dem Hochmut von Burgund,
+
+(auf allen Seiten Hintergrund):
+
+ladet der Platz zum Einzug seiner Weite
+die fernen Fenster unaufhrlich ein,
+whrend sich das Gefolge und Geleite
+der Leere langsam an den Handelsreihn
+
+verteilt und ordnet. In die Giebel steigend,
+wollen die kleinen Huser alles sehn,
+die Trme voreinander scheu verschweigend,
+die immer malos hinter ihnen stehn.
+
+
+
+
+
+QUAI DU ROSAIRE
+
+BRGGE
+
+
+Die Gassen haben einen sachten Gang
+(wie manchmal Menschen gehen im Genesen
+nachdenkend: was ist frher hier gewesen?)
+und die an Pltze kommen, warten lang
+
+auf eine andre, die mit einem Schritt
+ber das abendklare Wasser tritt,
+darin, je mehr sich rings die Dinge mildern,
+die eingehngte Welt von Spiegelbildern
+so wirklich wird, wie diese Dinge nie.
+
+Verging nicht diese Stadt? Nun siehst du, wie
+(nach einem unbegreiflichen Gesetz)
+sie wach und deutlich wird im Umgestellten,
+als wre dort das Leben nicht so selten;
+dort hngen jetzt die Grten gro und gelten,
+dort dreht sich pltzlich hinter schnell erhellten
+Fenstern der Tanz in den Estaminets.
+
+Und oben blieb?--Die Stille nur, ich glaube,
+und kostet langsam und von nichts gedrngt
+Beere um Beere aus der sen Traube
+des Glockenspiels, das in den Himmeln hngt.
+
+
+
+
+BGUINAGE
+
+BGUINAGE SAINTE-ELISABETH. BRGGE
+
+
+I
+
+
+Das hohe Tor scheint keine einzuhalten,
+die Brcke geht gleich gerne hin und her,
+und doch sind sicher alle in dem alten
+offenen Ulmenhof und gehn nicht mehr
+aus ihren Husern, als auf jenem Streifen
+zur Kirche hin, um besser zu begreifen,
+warum in ihnen so viel Liebe war.
+
+Dort knieen sie, verdeckt mit reinem Leinen
+so gleich, als wre nur das Bild der einen
+tausendmal im Choral, der tief und klar
+zu Spiegeln wird an den verteilten Pfeilern;
+und ihre Stimmen gehn den immer steilern
+Gesang hinan und werfen sich von dort,
+wo es nicht weitergeht, vom letzten Wort,
+den Engeln zu, die sie nicht wiedergeben.
+
+Drum sind die unten, wenn sie sich erheben
+und wenden, still. Drum reichen sie sich schweigend
+mit einem Neigen, Zeigende zu zeigend
+Empfangenden, geweihtes Wasser, das
+die Stirnen khl macht und die Munde bla.
+
+Und gehen dann, verhangen und verhalten,
+auf jenem Streifen wieder berquer--
+die Jungen ruhig, ungewi die Alten
+und eine Greisin, weilend, hinterher--
+zu ihren Husern, die sie schnell verschweigen
+und die sich durch die Ulmen hin von Zeit
+zu Zeit ein wenig reine Einsamkeit,
+in einer kleinen Scheibe schimmernd, zeigen.
+
+
+
+II
+
+
+Was aber spiegelt mit den tausend Scheiben
+das Kirchenfenster in den Hof hinein,
+darin sich Schweigen, Schein und Widerschein
+vermischen, trinken, trben, bertreiben,
+phantastisch alternd wie ein alter Wein?
+
+Dort legt sich, keiner wei von welcher Seite,
+Auen auf Inneres und Ewigkeit
+auf Immer-Hingehn, Weite ber Weite,
+erblindend, finster, unbenutzt, verbleit.
+
+Dort bleibt, unter dem schwankenden Dekor
+des Sommertags, das Graue alter Winter:
+als stnde regungslos ein sanftgesinnter
+langmtig lange Wartender dahinter
+und eine weinend Wartende davor.
+
+
+
+
+DIE MARIENPROZESSION
+
+GENT
+
+
+Aus allen Trmen strzt sich, Flu um Flu,
+hinwallendes Metall in solchen Massen,
+als sollte drunten in der Form der Gassen
+ein blanker Tag erstehn aus Bronzegu,
+
+an dessen Rand, gehmmert und erhaben,
+zu sehen ist der buntgebundne Zug
+der leichten Mdchen und der neuen Knaben,
+und wie er Wellen schlug und trieb und trug,
+hinabgehalten von dem ungewissen
+Gewicht der Fahnen und von Hindernissen
+gehemmt, unsichtbar wie die Hand des Herrn;
+
+und drben pltzlich beinah mitgerissen
+vom Aufstieg aufgescheuchter Rucherbecken,
+die fliegend, alle sieben, wie im Schrecken
+an ihren Silberketten zerrn.
+
+Die Bschung Schauender umschliet die Schiene,
+in der das alles stockt und rauscht und rollt:
+das Kommende, das Chryselephantine,
+aus dem sich zu Balkonen Baldachine
+aufbumen, schwankend im Behang von Gold.
+
+Und sie erkennen ber all dem Weien,
+getragen und im spanischen Gewand,
+das alte Standbild mit dem kleinen heien
+Gesichte und dem Kinde auf der Hand
+und knieen hin, je mehr es naht und naht,
+in seiner Krone ahnungslos veraltend
+und immer noch das Segnen hlzern haltend
+aus dem sich gro gebrdenden Brokat.
+
+Da aber, wie es an den Hingeknieten
+vorberkommt, die scheu von unten schaun,
+da scheint es seinen Trgern zu gebieten
+mit einem Hochziehn seiner Augenbraun,
+hochmtig, ungehalten und bestimmt:
+so da sie staunen, stehn und berlegen
+und schlielich zgernd gehn. Sie aber nimmt
+
+in sich die Schritte dieses ganzen Stromes
+und geht, allein, wie auf erkannten Wegen
+dem Glockendonnern des grooffnen Domes
+auf hundert Schultern frauenhaft entgegen.
+
+
+
+
+DIE INSEL
+
+NORDSEE
+
+
+I
+
+
+Die nchste Flut verwischt den Weg im Watt,
+und alles wird auf allen Seiten gleich;
+die kleine Insel drauen aber hat
+die Augen zu; verwirrend kreist der Deich
+
+um ihre Wohner, die in einen Schlaf
+geboren werden, drin sie viele Welten
+verwechseln schweigend; denn sie reden selten,
+und jeder Satz ist wie ein Epitaph
+
+fr etwas Angeschwemmtes, Unbekanntes,
+das unerklrt zu ihnen kommt und bleibt.
+Und so ist alles, was ihr Blick beschreibt,
+
+von Kindheit an: nicht auf sie Angewandtes,
+zu Groes, Rcksichtsloses, Hergesandtes,
+das ihre Einsamkeit noch bertreibt.
+
+
+
+II
+
+
+Als lge er in einem Kraterkreise
+auf einem Mond: ist jeder Hof umdmmt,
+und drin die Grten sind auf gleiche Weise
+gekleidet und wie Waisen gleich gekmmt
+
+von jenem Sturm, der sie so rauh erzieht
+und tagelang sie bange macht mit Toden.
+Dann sitzt man in den Husern drin und sieht
+in schiefen Spiegeln, was auf den Kommoden
+
+Seltsames steht. Und einer von den Shnen
+tritt abends vor die Tr und zieht ein Tnen
+aus der Harmonika wie Weinen weich;
+
+so hrte ers in einem fremden Hafen--.
+Und drauen formt sich eines von den Schafen
+ganz gro, fast drohend, auf dem Auendeich.
+
+
+
+III
+
+
+Nah ist nur Innres; alles andre fern.
+Und dieses Innere gedrngt und tglich
+mit allem berfllt und ganz unsglich.
+Die Insel ist wie ein zu kleiner Stern,
+
+welchen der Raum nicht merkt und stumm zerstrt
+in seinem unbewuten Furchtbarsein,
+so da er, unerhellt und berhrt,
+allein,
+
+damit dies alles doch ein Ende nehme,
+dunkel auf einer selbsterfundnen Bahn
+versucht zu gehen, blindlings, nicht im Plan
+der Wandelsterne, Sonnen und Systeme.
+
+
+
+
+HETRENGRBER
+
+
+In ihren langen Haaren liegen sie
+mit braunen, tief in sich gegangenen Gesichtern.
+Die Augen zu wie vor zu vieler Ferne.
+Skelette, Munde, Blumen. In den Munden
+die glatten Zhne wie ein Reiseschachspiel
+aus Elfenbein in Reihen aufgestellt.
+Und Blumen, gelbe Perlen, schlanke Knochen,
+Hnde und Hemden, welkende Gewebe
+ber dem eingestrzten Herzen. Aber
+dort unter jenen Ringen, Talismanen
+und augenblauen Steinen (Lieblings-Angedenken)
+steht noch die stille Krypta des Geschlechtes,
+bis an die Wlbung voll mit Blumenblttern.
+Und wieder gelbe Perlen, weitverrollte,--
+Schalen gebrannten Tones, deren Bug
+ihr eignes Bild geziert hat, grne Scherben
+von Salbenvasen, die wie Blumen duften,
+und Formen kleiner Gtter: Hausaltre,
+Hetrenhimmel mit entzckten Gttern.
+Gesprengte Grtel, flache Skaraben,
+kleine Figuren riesigen Geschlechtes,
+ein Mund, der lacht, und Tanzende und Lufer,
+goldene Fibeln, kleinen Bogen hnlich
+zur Jagd auf Tier- und Vogelamulette,
+und lange Nadeln, zieres Hausgerte
+und eine runde Scherbe roten Grundes,
+darauf, wie eines Eingangs schwarze Aufschrift,
+die straffen Beine eines Viergespannes.
+Und wieder Blumen, Perlen, die verrollt sind,
+die hellen Lenden einer kleinen Leier,
+und zwischen Schleiern, die gleich Nebeln fallen,
+wie ausgekrochen aus des Schuhes Puppe:
+des Fugelenkes leichter Schmetterling.
+
+So liegen sie mit Dingen angefllt,
+kostbaren Dingen, Steinen, Spielzeug, Hausrat,
+zerschlagnem Tand (was alles in sie abfiel),
+und dunkeln wie der Grund von einem Flu.
+
+Flubetten waren sie,
+darber hin in kurzen schnellen Wellen
+(die weiter wollten zu dem nchsten Leben)
+die Leiber vieler Jnglinge sich strzten
+und in denen der Mnner Strme rauschten.
+Und manchmal brachen Knaben aus den Bergen
+der Kindheit, kamen zagen Falles nieder
+und spielten mit den Dingen auf dem Grunde,
+bis das Geflle ihr Gefhl ergriff:
+
+Dann fllten sie mit flachem klaren Wasser
+die ganze Breite dieses breiten Weges
+und trieben Wirbel an den tiefen Stellen;
+und spiegelten zum erstenmal die Ufer
+und ferne Vogelrufe, whrend hoch
+die Sternennchte eines sen Landes
+in Himmel wuchsen, die sich nirgends schlossen.
+
+
+
+
+ORPHEUS. EURYDIKE. HERMES
+
+
+Das war der Seelen wunderliches Bergwerk.
+Wie stille Silbererze gingen sie
+als Adern durch sein Dunkel. Zwischen Wurzeln
+entsprang das Blut, das fortgeht zu den Menschen,
+und schwer wie Porphyr sah es aus im Dunkel.
+Sonst war nichts Rotes.
+
+Felsen war da
+und wesenlose Wlder. Brcken ber Leeres
+und jener groe, graue, blinde Teich,
+der ber seinem fernen Grunde hing
+wie Regenhimmel ber einer Landschaft.
+Und zwischen Wiesen, sanft und voller Langmut,
+erschien des einen Weges blasser Streifen
+wie eine lange Bleiche hingelegt.
+
+Und dieses einen Weges kamen sie.
+
+Voran der schlanke Mann im blauen Mantel,
+der stumm und ungeduldig vor sich aussah.
+Ohne zu kauen fra sein Schritt den Weg
+in groen Bissen; seine Hnde hingen
+schwer und verschlossen aus dem Fall der Falten
+und wuten nicht mehr von der leichten Leier,
+die in die Linke eingewachsen war
+wie Rosenranken in den Ast des lbaums.
+Und seine Sinne waren wie entzweit:
+
+indes der Blick ihm wie ein Hund vorauslief,
+umkehrte, kam und immer wieder weit
+und wartend an der nchsten Wendung stand,--
+blieb sein Gehr wie ein Geruch zurck.
+Manchmal erschien es ihm, als reichte es
+bis an das Gehen jener beiden andern,
+die folgen sollten diesen ganzen Aufstieg.
+Dann wieder wars nur seines Steigens Nachklang
+und seines Mantels Wind, was hinter ihm war.
+Er aber sagte sich, sie kmen doch;
+sagte es laut und hrte sich verhallen.
+Sie kmen doch, nur wrens zwei,
+die furchtbar leise gingen. Drfte er
+sich einmal wenden (wre das Zurckschaun
+nicht die Zersetzung dieses ganzen Werkes,
+das erst vollbracht wird), mte er sie sehen,
+die beiden Leisen, die ihm schweigend nachgehn:
+
+den Gott des Ganges und der weiten Botschaft,
+die Reischaube ber hellen Augen,
+den schlanken Stab hertragend vor dem Leibe
+und flgelschlagend an den Fugelenken;
+und seiner linken Hand gegeben: _sie_.
+Die So-geliebte, da aus einer Leier
+mehr Klage kam als je aus Klagefrauen;
+da eine Welt aus Klage ward, in der
+alles noch einmal da war: Wald und Tal
+und Weg und Ortschaft, Feld und Flu und Tier;
+und da um diese Klage-Welt ganz so
+wie um die andre Erde eine Sonne
+und ein gestirnter stiller Himmel ging,
+ein Klage-Himmel mit entstellten Sternen--:
+diese So-geliebte.
+
+Sie aber ging an jenes Gottes Hand,
+den Schritt beschrnkt von langen Leichenbndern,
+unsicher, sanft und ohne Ungeduld.
+Sie war in sich wie eine hoher Hoffnung
+und dachte nicht des Mannes, der voranging,
+und nicht des Weges, der ins Leben aufstieg.
+Sie war in sich. Und ihr Gestorbensein
+erfllte sie wie Flle.
+Wie eine Frucht von Sigkeit und Dunkel,
+so war sie voll von ihrem groen Tode,
+der also neu war, da sie nichts begriff.
+
+Sie war in einem neuen Mdchentum
+und unberhrbar; ihr Geschlecht war zu
+wie eine junge Blume gegen Abend,
+und ihre Hnde waren der Vermhlung
+so sehr entwhnt, da selbst des leichten Gottes
+unendlich leise leitende Berhrung
+sie krnkte wie zu sehr Vertraulichkeit.
+
+Sie war schon nicht mehr diese blonde Frau,
+die in des Dichters Liedern manchmal anklang,
+nicht mehr des breiten Bettes Duft und Eiland
+und jenes Mannes Eigentum nicht mehr.
+Sie war schon aufgelst wie langes Haar
+und hingegeben wie gefallner Regen
+und ausgeteilt wie hundertfacher Vorrat.
+
+Sie war schon Wurzel.
+Und als pltzlich jh
+der Gott sie anhielt und mit Schmerz im Ausruf
+die Worte sprach: Er hat sich umgewendet
+begriff sie nichts und sagte leise: Wer?
+
+Fern aber, dunkel vor dem klaren Ausgang,
+stand irgend jemand, dessen Angesicht
+nicht zu erkennen war. Er stand und sah,
+wie auf dem Streifen eines Wiesenpfades
+mit trauervollem Blick der Gott der Botschaft
+sich schweigend wandte, der Gestalt zu folgen,
+die schon zurckging dieses selben Weges,
+den Schritt beschrnkt von langen Leichenbndern,
+unsicher, sanft und ohne Ungeduld.
+
+
+
+
+ALKESTIS
+
+
+Da pltzlich war der Bote unter ihnen,
+hineingeworfen in das berkochen
+des Hochzeitsmahles wie ein neuer Zusatz.
+Sie fhlten nicht, die Trinkenden, des Gottes
+heimlichen Eintritt, welcher seine Gottheit
+so an sich hielt wie einen nassen Mantel
+und ihrer einer schien, der oder jener,
+wie er so durchging. Aber pltzlich sah
+mitten im Sprechen einer von den Gsten
+den jungen Hausherrn oben an dem Tische
+wie in die Hh gerissen, nicht mehr liegend
+und berall und mit dem ganzen Wesen
+ein Fremdes spiegelnd, das ihn furchtbar ansprach.
+Und gleich darauf, als klrte sich die Mischung,
+war Stille; nur mit einem Satz am Boden
+von trbem Lrm und einem Niederschlag
+fallenden Lallens, schon verdorben riechend
+nach dumpfem umgestandenen Gelchter.
+Und da erkannten sie den schlanken Gott,
+und wie er dastand, innerlich voll Sendung
+und unerbittlich,--wuten sie es beinah.
+Und doch, als es gesagt war, war es mehr
+als alles Wissen, gar nicht zu begreifen.
+Admet mu sterben. Wann? In dieser Stunde.
+
+Der aber brach die Schale seines Schreckens
+in Stcken ab und streckte seine Hnde
+heraus aus ihr, um mit dem Gott zu handeln.
+Um Jahre, um ein einzig Jahr noch Jugend,
+um Monate, um Wochen, um paar Tage,
+ach, Tage nicht, um Nchte, nur um eine,
+um eine Nacht, um diese nur: um die.
+Der Gott verneinte, und da schrie er auf
+und schrie's hinaus und hielt es nicht und schrie,
+wie seine Mutter aufschrie beim Gebren.
+
+Und die trat zu ihm, eine alte Frau,
+und auch der Vater kam, der alte Vater,
+und beide standen, alt, veraltet, ratlos,
+beim Schreienden, der pltzlich, wie noch nie
+so nah, sie ansah, abbrach, schluckte, sagte:
+Vater,
+liegt dir denn viel daran an diesem Rest,
+an diesem Satz, der dich beim Schlingen hindert?
+Geh, gie ihn weg. Und du, du alte Frau,
+Matrone,
+was tust du denn noch hier: du hast geboren.
+Und beide hielt er sie wie Opfertiere
+in einem Griff. Auf einmal lie er los
+und stie die Alten fort, voll Einfall, strahlend
+und atemholend, rufend: Kreon, Kreon!
+Und nichts als das; und nichts als diesen Namen.
+Aber in seinem Antlitz stand das andere,
+das er nicht sagte, namenlos erwartend,
+wie ers dem jungen Freunde, dem Geliebten,
+erglhend hinhielt bern wirren Tisch.
+
+Die Alten (stand da), siehst du, sind kein Loskauf,
+sie sind verbraucht und schlecht und beinah wertlos,
+du aber, du, in deiner ganzen Schnheit--
+
+Da aber sah er seinen Freund nicht mehr.
+Er blieb zurck, und das, was kam, war sie,
+ein wenig kleiner fast, als er sie kannte,
+und leicht und traurig in dem bleichen Brautkleid.
+Die andern alle sind nur ihre Gasse,
+durch die sie kommt und kommt--: (gleich wird sie da sein
+in seinen Armen, die sich schmerzhaft auftun).
+Doch wie er wartet, spricht sie; nicht zu ihm.
+Sie spricht zum Gotte, und der Gott vernimmt sie,
+und alle hrens gleichsam erst im Gotte:
+
+Ersatz kann keiner fr ihn sein. Ich bins.
+Ich bin Ersatz. Denn keiner ist zu Ende,
+wie ich es bin. Was bleibt mir denn von dem,
+was ich hier war? Das _ists_ ja, da ich sterbe.
+Hat sie dirs nicht gesagt, da sie dirs auftrug,
+da jenes Lager, das da drinnen wartet,
+zur Unterwelt gehrt? Ich nahm ja Abschied.
+Abschied ber Abschied.
+Kein Sterbender nimmt mehr davon. Ich ging ja,
+damit das alles, unter dem begraben,
+der jetzt mein Gatte ist, zergeht, sich auflst--.
+So fr mich hin: ich sterbe ja fr ihn.
+
+Und wie der Wind auf hoher See, der umspringt,
+so trat der Gott fast wie zu einer Toten
+und war auf einmal weit von ihrem Gatten,
+dem er, versteckt in einem kleinen Zeichen,
+die hundert Leben dieser Erde zuwarf.
+Der strzte taumelnd zu den beiden hin
+und griff nach ihnen wie im Traum. Sie gingen
+schon auf den Eingang zu, in dem die Frauen
+verweint sich drngten. Aber einmal sah
+er noch des Mdchens Antlitz, das sich wandte
+mit einem Lcheln, hell wie eine Hoffnung,
+die beinah ein Versprechen war: erwachsen
+zurckzukommen aus dem tiefen Tode
+zu ihm, dem Lebenden--
+
+Da schlug er jh
+die Hnde vors Gesicht, wie er so kniete,
+um nichts zu sehen mehr nach diesem Lcheln.
+
+
+
+
+GEBURT DER VENUS
+
+
+An diesem Morgen nach der Nacht, die bang
+vergangen war mit Rufen, Unruh, Aufruhr,--
+brach alles Meer noch einmal auf und schrie.
+Und als der Schrei sich langsam wieder schlo
+und von der Himmel blassem Tag und Anfang
+herabfiel in der stummen Fische Abgrund--:
+gebar das Meer.
+
+Von erster Sonne schimmerte der Haarschaum
+der weiten Wogenscham, an deren Rand
+das Mdchen aufstand, wei, verwirrt und feucht.
+So wie ein junges grnes Blatt sich rhrt,
+sich reckt und Eingerolltes langsam aufschlgt,
+entfaltete ihr Leib sich in die Khle
+hinein und in den unberhrten Frhwind.
+
+Wie Monde stiegen klar die Kniee auf
+und tauchten in der Schenkel Wolkenrnder;
+der Waden schmaler Schatten wich zurck,
+die Fe spannten sich und wurden licht,
+und die Gelenke lebten wie die Kehlen
+von Trinkenden.
+
+Und in dem Kelch des Beckens lag der Leib
+wie eine junge Frucht in eines Kindes Hand.
+In seines Nabels engem Becher war
+das ganze Dunkel dieses hellen Lebens.
+
+Darunter hob sich licht die kleine Welle
+und flo bestndig ber nach den Lenden,
+wo dann und wann ein stilles Rieseln war.
+Durchschienen aber und noch ohne Schatten,
+wie ein Bestand von Birken im April,
+warm, leer und unverborgen lag die Scham.
+
+Jetzt stand der Schultern rege Wage schon
+im Gleichgewichte auf dem graden Krper,
+der aus dem Becken wie ein Springbrunn aufstieg
+und zgernd in den langen Armen abfiel
+und rascher in dem vollen Kall des Haars.
+
+Dann ging sehr langsam das Gesicht vorbei:
+aus dem verkrzten Dunkel seiner Neigung
+in klares, wagrechtes Erhobensein.
+Und hinter ihm verschlo sich steil das Kinn.
+
+Jetzt, da der Hals gestreckt war wie ein Strahl
+und wie ein Blumenstiel, darin der Saft steigt,
+streckten sich auch die Arme aus wie Hlse
+von Schwnen, wenn sie nach dem Ufer suchen.
+
+Dann kam in dieses Leibes dunkle Frhe
+wie Morgenwind der erste Atemzug.
+Im zartesten Gest der Aderbume
+entstand ein Flstern, und das Blut begann
+zu rauschen ber seinen tiefen Stellen.
+Und dieser Wind wuchs an: nun warf er sich
+mit allem Atem in die neuen Brste
+und fllte sie und drckte sich in sie,--
+da sie wie Segel, von der Ferne voll,
+das leichte Mdchen nach dem Strande drngten.
+
+So landete die Gttin.
+
+Hinter ihr,
+die rasch dahinschritt durch die jungen Ufer,
+erhoben sich den ganzen Vormittag
+die Blumen und die Halme, warm, verwirrt
+wie aus Umarmung. Und sie ging und lief.
+
+Am Mittag aber, in der schwersten Stunde,
+hob sich das Meer noch einmal auf und warf
+einen Delphin an jene selbe Stelle.
+Tot, rot und offen.
+
+
+
+
+DIE ROSENSCHALE
+
+
+Zornige sahst du flackern, sahst zwei Knaben
+zu einem Etwas sich zusammenballen,
+das Ha war und sich auf der Erde wlzte
+wie ein von Bienen berfallnes Tier;
+Schauspieler, aufgetrmte bertreiber,
+rasende Pferde, die zusammenbrachen,
+den Blick wegwerfend, blkend das Gebi,
+als schlte sich der Schdel aus dem Maule.
+
+Nun aber weit du, wie sich das vergit:
+denn vor dir steht die volle Rosenschale,
+die unvergelich ist und angefllt
+mit jenem uersten von Sein und Neigen,
+Hinhalten, Niemals-Gebenknnen, Dastehn,
+das unser sein mag: uerstes auch uns.
+
+Lautloses Leben, Aufgehn ohne Ende,
+Raum-brauchen, ohne Raum von jenem Raum
+zu nehmen, den die Dinge rings verringern,
+fast nicht Umrissen-sein wie Ausgespartes
+und lauter Inneres, viel seltsam Zartes
+und Sich-bescheinendes bis an den Rand:
+ist irgend etwas uns bekannt wie dies?
+Und dann wie dies: da ein Gefhl entsteht,
+weil Bltenbltter Bltenbltter rhren?
+
+Und dies: da eins sich aufschlgt wie ein Lid,
+und drunter liegen lauter Augenlider,
+geschlossene, als ob sie zehnfach schlafend
+zu dmpfen htten eines Innern Sehkraft.
+Und dies vor allem: da durch diese Bltter
+das Licht hindurch mu. Aus den tausend Himmeln
+filtern sie langsam jeden Tropfen Dunkel,
+in dessen Feuerschein das wirre Bndel
+der Staubgele sich erregt und aufbumt.
+
+Und die Bewegung in den Rosen, sieh:
+Gebrden von so kleinem Ausschlagswinkel,
+da sie unsichtbar blieben, liefen ihre
+Strahlen nicht auseinander in das Weltall.
+
+Sieh jene weie, die sich selig aufschlug
+und dasteht in den groen offnen Blttern
+wie eine Venus aufrecht in der Muschel;
+und die errtende, die wie verwirrt
+nach einer khlen sich hinberwendet,
+und wie die khle fhllos sich zurckzieht,
+und wie die kalte steht, in sich gehllt,
+unter den offenen, die alles abtun.
+Und _was_ sie abtun, wie das leicht und schwer,
+wie es ein Mantel, eine Last, ein Flgel
+und eine Maske sein kann, je nachdem,
+und _wie_ sie's abtun: wie vor dem Geliebten.
+
+Was knnen sie nicht sein: war jene gelbe,
+die hohl und offen daliegt, nicht die Schale
+von einer Frucht, darin dasselbe Gelb,
+gesammelter, orangerter, Saft war?
+Und wars fr diese schon zu viel, das Aufgehn,
+weil an der Luft ihr namenloses Rosa
+den bittern Nachgeschmack des Lila annahm?
+Und die batistene, ist sie kein Kleid,
+in dem noch zart und atemwarm das Hemd steckt,
+mit dem zugleich es abgeworfen wurde
+im Morgenschatten an dem alten Waldbad?
+Und dieses hier, opalnes Porzellan,
+zerbrechlich, eine flache Chinatasse
+und angefllt mit kleinen hellen Faltern,--
+und jene da, die nichts enthlt als sich?
+
+Und sind nicht alle so, nur sich enthaltend,
+wenn Sich-enthalten heit: die Welt da drauen
+und Wind und Regen und Geduld des Frhlings
+und Schuld und Unruh und vermummtes Schicksal
+und Dunkelheit der abendlichen Erde
+bis auf der Wolken Wandel, Flucht und Anflug,
+bis auf den vagen Einflu ferner Sterne
+in eine Hand voll Innres zu verwandeln?
+
+Nun liegt es sorglos in den offnen Rosen.
+
+
+
+
+
+INHALT
+
+
+Frher Apollo
+Mdchenklage
+Liebeslied
+Eranna an Sappho
+Sappho an Eranna
+Sappho an Alkaos (Fragment)
+Grabmal eines jungen Mdchens
+Opfer
+stliches Taglied
+Abisag
+David singt vor Saul
+Josuas Landtag
+Der Auszug des verlorenen Sohnes
+Der lbaumgarten
+Piet
+Gesang der Frauen an den Dichter
+Der Tod des Dichters
+Buddha
+L'Ange du Mridien (Chartres)
+Die Kathedrale
+Das Portal
+Die Fensterrose
+Das Kapitl
+Gott im Mittelalter
+Morgue
+Der Gefangene
+Der Panther (Im Jardin des Plantes, Paris)
+Die Gazelle (Antilope dorcas)
+Das Einhorn
+Sankt Sebastian
+Der Stifter
+Der Engel
+Rmische Sarkophage
+Der Schwan
+Kindheit
+Der Dichter
+Die Spitze
+Ein Frauenschicksal
+Die Genesende
+Die Erwachsene
+Tanagra
+Die Erblindende
+In einem fremden Park (Borgeby-Grd)
+Abschied
+Todeserfahrung
+Blaue Hortensie
+Vor dem Sommerregen
+Im Saal
+Letzter Abend (Aus dem Besitze Frau Nonnas)
+Jugendbildnis meines Vaters
+Selbstbildnis aus dem Jahre 1906
+Der Knig
+Auferstehung
+Der Fahnentrger
+Der letzte Graf von Brederode entzieht sich trkischer Gefangenschaft
+Die Kurtisane
+Die Treppe der Orangerie (Versailles)
+Der Marmorkarren (Paris)
+Buddha
+Rmische Fontne (Borghese)
+Das Karussell (Jardin du Luxembourg)
+Spanische Tnzerin
+Der Turm (Tour St.-Nicolas, Furnes)
+Der Platz (Furnes)
+Quai du Rosaire (Brgge)
+Bguinage (Bguinage Sainte-Elisabeth, Brgge)
+Die Marienprozession (Gent)
+Die Insel (Nordsee)
+Hetrengrber
+Orpheus. Eurydike. Hermes
+Alkestis
+Geburt der Venus
+Die Rosenschale
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Neue Gedichte, by Rainer Maria Rilke
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NEUE GEDICHTE ***
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+ The Project Gutenberg eBook of Neue Gedichte, by Rainer Maria Rilke.
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+The Project Gutenberg EBook of Neue Gedichte, by Rainer Maria Rilke
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
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+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Neue Gedichte
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+Author: Rainer Maria Rilke
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+Release Date: October 15, 2010 [EBook #33863]
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+Produced by Marc D'Hooghe at http://www.freeliterature.org
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+<h1>NEUE GEDICHTE</h1>
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+<h3>Von</h3>
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+<h2>RAINER MARIA RILKE</h2>
+
+<h4>LEIPZIG</h4>
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+<h4>IM INSEL-VERLAG</h4>
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+<h4>MCMXX</h4>
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+<h4>KARL UND ELISABETH VON DER HEYDT</h4>
+<h4>IN FREUNDSCHAFT</h4>
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+<h3><a href="#INHALT">Inhalt</a></h3>
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+
+<p>
+<a name="FRUHER_APOLLO" id="FRUHER_APOLLO"></a>FRHER APOLLO<br />
+<br />
+<br />
+Wie manches Mal durch das noch unbelaubte<br />
+Gezweig ein Morgen durchsieht, der schon ganz<br />
+im Frhling ist: so ist in seinem Haupte<br />
+nichts, was verhindern knnte, da der Glanz<br />
+<br />
+aller Gedichte uns fast tdlich trfe;<br />
+denn noch kein Schatten ist in seinem Schaun,<br />
+zu khl fr Lorbeer sind noch seine Schlfe,<br />
+und spter erst wird aus den Augenbraun<br />
+<br />
+hochstmmig sich der Rosengarten heben,<br />
+aus welchem Bltter, einzeln, ausgelst<br />
+hintreiben werden auf des Mundes Beben,<br />
+<br />
+der jetzt noch still ist, niegebraucht und blinkend<br />
+und nur mit seinem Lcheln etwas trinkend,<br />
+als wrde ihm sein Singen eingeflt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="MADCHENKLAGE" id="MADCHENKLAGE"></a>MDCHENKLAGE<br />
+<br />
+<br />
+Diese Neigung, in den Jahren,<br />
+da wir alle Kinder waren,<br />
+viel allein zu sein, war mild;<br />
+andern ging die Zeit im Streite,<br />
+und man hatte seine Seite,<br />
+seine Nhe, seine Weite,<br />
+einen Weg, ein Tier, ein Bild.<br />
+<br />
+Und ich dachte noch, das Leben<br />
+hrte niemals auf zu geben,<br />
+da man sich in sich besinnt.<br />
+Bin ich in mir nicht im Grten?<br />
+Will mich meines nicht mehr trsten<br />
+und verstehen wie als Kind?<br />
+<br />
+Pltzlich bin ich wie verstoen,<br />
+und zu einem bergroen<br />
+wird mir diese Einsamkeit,<br />
+wenn, auf meiner Brste Hgeln<br />
+stehend, mein Gefhl nach Flgeln<br />
+oder einem Ende schreit.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="LIEBESLIED" id="LIEBESLIED"></a>LIEBESLIED<br />
+<br />
+<br />
+Wie soll ich meine Seele halten, da<br />
+sie nicht an deine rhrt? Wie soll ich sie<br />
+hinheben ber dich zu andern Dingen?<br />
+Ach gerne mcht ich sie bei irgendwas<br />
+Verlorenem im Dunkel unterbringen<br />
+an einer fremden stillen Stelle, die<br />
+nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.<br />
+Doch alles, was uns anrhrt, dich und mich,<br />
+nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,<br />
+der aus zwei Saiten <i>eine</i> Stimme zieht.<br />
+Auf welches Instrument sind wir gespannt?<br />
+Und welcher Spieler hat uns in der Hand?<br />
+O ses Lied.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="ERANNA_AN_SAPPHO" id="ERANNA_AN_SAPPHO"></a>ERANNA AN SAPPHO<br />
+<br />
+<br />
+O du wilde weite Werferin:<br />
+Wie ein Speer bei andern Dingen<br />
+lag ich bei den Meinen. Dein Erklingen<br />
+warf mich weit. Ich wei nicht, wo ich bin.<br />
+Mich kann keiner wiederbringen.<br />
+<br />
+Meine Schwestern denken mich und weben,<br />
+und das Haus ist voll vertrauter Schritte.<br />
+Ich allein bin fern und fortgegeben,<br />
+und ich zittere wie eine Bitte;<br />
+denn die schne Gttin in der Mitte<br />
+ihrer Mythen glht und lebt mein Leben.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="SAPPHO_AN_ERANNA" id="SAPPHO_AN_ERANNA"></a>SAPPHO AN ERANNA<br />
+<br />
+<br />
+Unruh will ich ber dich bringen,<br />
+schwingen will ich dich, umrankter Stab.<br />
+Wie das Sterben will ich dich durchdringen<br />
+und dich weitergeben wie das Grab<br />
+an das Alles: allen diesen Dingen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="SAPPHO_AN_ALKAIOS" id="SAPPHO_AN_ALKAIOS"></a>SAPPHO AN ALKAOS<br />
+<br />
+FRAGMENT<br />
+<br />
+<br />
+Und was httest du mir denn zu sagen,<br />
+und was gehst du meine Seele an,<br />
+wenn sich deine Augen niederschlagen<br />
+vor dem nahen Nichtgesagten? Mann,<br />
+<br />
+sieh, uns hat das Sagen dieser Dinge<br />
+hingerissen und bis in den Ruhm.<br />
+Wenn ich denke: unter euch verginge<br />
+drftig unser ses Mdchentum,<br />
+<br />
+welches wir, ich Wissende und jene<br />
+mit mir Wissenden, vom Gott bewacht,<br />
+trugen unberhrt, da Mytilene<br />
+wie ein Apfelgarten in der Nacht<br />
+duftete vom Wachsen unsrer Brste&mdash;.<br />
+<br />
+Ja, auch dieser Brste, die du nicht<br />
+whltest wie zu Fruchtgewinden, Freier<br />
+mit dem weggesenkten Angesicht.<br />
+Geh und la mich, da zu meiner Leier<br />
+komme, was du abhltst: alles steht.<br />
+<br />
+Dieser Gott ist nicht der Beistand zweier,<br />
+aber wenn er durch den einen geht<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="GRABMAL_EINES_JUNGEN_MADCHENS" id="GRABMAL_EINES_JUNGEN_MADCHENS"></a>GRABMAL EINES JUNGEN MDCHENS<br />
+<br />
+<br />
+Wir gedenkens noch. Das ist, als mte<br />
+alles dieses einmal wieder sein.<br />
+Wie ein Baum an der Limonenkste<br />
+trugst du deine kleinen leichten Brste<br />
+in das Rauschen seines Bluts hinein:<br />
+<br />
+&mdash;jenes Gottes.<br />
+<span style="margin-left: 8em;">Und es war der schlanke</span><br />
+Flchtling, der Verwhnende der Fraun.<br />
+S und glhend, warm wie dein Gedanke,<br />
+berschattend deine frhe Flanke<br />
+und geneigt wie deine Augenbraun.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="OPFER" id="OPFER"></a>OPFER<br />
+<br />
+<br />
+O wie blht mein Leib aus jeder Ader<br />
+duftender, seitdem ich dich erkenn;<br />
+sieh, ich gehe schlanker und gerader,<br />
+und du wartest nur&mdash;: wer bist du denn?<br />
+<br />
+Sieh: ich fhle, wie ich mich entferne,<br />
+wie ich Altes, Blatt um Blatt, verlier.<br />
+Nur dein Lcheln steht wie lauter Sterne<br />
+ber dir und bald auch ber mir.<br />
+<br />
+Alles was durch meine Kinderjahre<br />
+namenlos noch und wie Wasser glnzt,<br />
+will ich nach dir nennen am Altre,<br />
+der entzndet ist von deinem Haare<br />
+und mit deinen Brsten leicht bekrnzt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="OSTLICHES_TAGLIED" id="OSTLICHES_TAGLIED"></a>STLICHES TAGLIED<br />
+<br />
+<br />
+Ist dieses Bette nicht wie eine Kste,<br />
+ein Kstenstreifen nur, darauf wir liegen?<br />
+Nichts ist gewi als deine hohen Brste,<br />
+die mein Gefhl in Schwindeln berstiegen.<br />
+<br />
+Denn diese Nacht, in der so vieles schrie,<br />
+in der sich Tiere rufen und zerreien,<br />
+ist sie uns nicht entsetzlich fremd? Und wie:<br />
+was drauen langsam anhebt, Tag geheien,<br />
+ist das uns denn verstndlicher als sie?<br />
+<br />
+Man mte so sich ineinanderlegen<br />
+wie Bltenbltter um die Staubgefe:<br />
+so sehr ist berall das Ungeme<br />
+und huft sich an und strzt sich uns entgegen.<br />
+<br />
+Doch whrend wir uns aneinanderdrcken,<br />
+um nicht zu sehen, wie es ringsum naht,<br />
+kann es aus dir, kann es aus mir sich zcken:<br />
+denn unsre Seelen leben von Verrat.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="ABISAG" id="ABISAG"></a>ABISAG<br />
+<br />
+<br />
+I<br />
+<br />
+Sie lag. Und ihre Kinderarme waren<br />
+von Dienern um den Welkenden gebunden,<br />
+auf dem sie lag die sen langen Stunden,<br />
+ein wenig bang vor seinen vielen Jahren.<br />
+<br />
+Und manchmal wandte sie in seinem Barte<br />
+ihr Angesicht, wenn eine Eule schrie;<br />
+und alles, was die Nacht war, kam und scharte<br />
+mit Bangen und Verlangen sich um sie.<br />
+<br />
+Die Sterne zitterten wie ihresgleichen,<br />
+der Duft ging suchend durch das Schlafgemach,<br />
+der Vorhang rhrte sich und gab ein Zeichen,<br />
+und leise ging ihr Blick dem Zeichen nach.<br />
+<br />
+Aber sie hielt sich an dem dunkeln Alten,<br />
+und, von der Nacht der Nchte nicht erreicht,<br />
+lag sie auf seinem frstlichen Erkalten<br />
+jungfrulich und wie eine Seele leicht.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+II<br />
+<br />
+Der Knig sa und sann den leeren Tag<br />
+getaner Taten, ungefhlter Lste<br />
+und seiner Lieblingshndin, der er pflag&mdash;.<br />
+Aber am Abend wlbte Abisag<br />
+sich ber ihm. Sein wirres Leben lag<br />
+verlassen wie verrufne Meereskste<br />
+unter dem Sternbild ihrer stillen Brste.<br />
+<br />
+Und manchmal, als ein Kundiger der Frauen,<br />
+erkannte er durch seine Augenbrauen<br />
+den unbewegten, ksselosen Mund;<br />
+und sah: ihres Gefhles grne Rute<br />
+neigte sich nicht herab zu seinem Grund.<br />
+Ihn frstelte. Er horchte wie ein Hund<br />
+und suchte sich in seinem letzten Blute.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DAVID_SINGT_VOR_SAUL" id="DAVID_SINGT_VOR_SAUL"></a>DAVID SINGT VOR SAUL<br />
+<br />
+<br />
+I<br />
+<br />
+Knig, hrst du, wie mein Saitenspiel<br />
+Fernen wirft, durch die wir uns bewegen?<br />
+Sterne treiben uns verwirrt entgegen,<br />
+und wir fallen endlich wie ein Regen,<br />
+und es blht, wo dieser Regen fiel.<br />
+<br />
+Mdchen blhen, die du noch erkannt,<br />
+die jetzt Frauen sind und mich verfhren;<br />
+den Geruch der Jungfraun kannst du spren,<br />
+und die Knaben stehen, angespannt<br />
+schlank und atmend, an verschwiegnen Tren.<br />
+<br />
+Da mein Klang dir alles wiederbrchte.<br />
+Aber trunken taumelt mein Getn:<br />
+Deine Nchte, Knig, deine Nchte&mdash;,<br />
+und wie waren, die dein Schaffen schwchte,<br />
+o wie waren alle Leiber schn.<br />
+<br />
+Dein Erinnern glaub ich zu begleiten,<br />
+weil ich ahne. Doch auf welchen Saiten<br />
+greif ich dir ihr dunkles Lustgesthn?&mdash;<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+II<br />
+<br />
+Knig, der du alles dieses hattest<br />
+und der du mit lauter Leben mich<br />
+berwltigest und berschattest:<br />
+komm aus deinem Throne und zerbrich<br />
+meine Harfe, die du so ermattest.<br />
+<br />
+Sie ist wie ein abgenommner Baum:<br />
+durch die Zweige, die dir Frucht getragen,<br />
+schaut jetzt eine Tiefe wie von Tagen,<br />
+welche kommen&mdash;, und ich kenn sie kaum.<br />
+<br />
+La mich nicht mehr bei der Harfe schlafen;<br />
+sich dir diese Knabenhand da an:<br />
+glaubst du, Knig, da sie die Oktaven<br />
+eines Leibes noch nicht greifen kann?<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+III<br />
+<br />
+Knig, birgst du dich in Finsternissen,<br />
+und ich hab dich doch in der Gewalt.<br />
+Sieh, mein festes Lied ist nicht gerissen,<br />
+und der Raum wird um uns beide kalt.<br />
+Mein verwaistes Herz und dein verworrnes<br />
+hngen in den Wolken deines Zornes,<br />
+wtend ineinander eingebissen<br />
+und zu einem einzigen verkrallt.<br />
+<br />
+Fhlst du jetzt, wie wir uns umgestalten?<br />
+Knig, Knig, das Gewicht wird Geist.<br />
+Wenn wir uns nur aneinanderhalten,<br />
+du am Jungen, Knig, ich am Alten,<br />
+sind wir fast wie ein Gestirn, das kreist.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="JOSUAS_LANDTAG" id="JOSUAS_LANDTAG"></a>JOSUAS LANDTAG<br />
+<br />
+<br />
+So wie der Strom am Ausgang seine Dmme<br />
+durchbricht mit seiner Mndung berma,<br />
+so brach nun durch die ltesten der Stimme<br />
+zum letztenmal die Stimme Josuas.<br />
+<br />
+Wie waren die geschlagen, welche lachten,<br />
+wie hielten alle Herz und Hnde an,<br />
+als hbe sich der Lrm von dreiig Schlachten<br />
+in einem Mund; und dieser Mund begann.<br />
+<br />
+Und wieder waren Tausende voll Staunen<br />
+wie an dem groen Tag vor Jericho,<br />
+nun aber waren in ihm die Posaunen,<br />
+und ihres Lebens Mauern schwankten so,<br />
+<br />
+da sie sich wlzten, von Entsetzen trchtig<br />
+und wehrlos schon und berwltigt, eh<br />
+sie's noch gedachten, wie er eigenmchtig<br />
+zu Gibeon die Sonne anschrie: Steh!<br />
+<br />
+Und Gott ging hin, erschrocken wie ein Knecht,<br />
+und hielt die Sonne, bis ihm seine Hnde<br />
+wehtaten, ob dem schlachtenden Geschlecht,<br />
+nur weil da einer wollte, da sie stnde.<br />
+<br />
+Und das war dieser; dieser Alte wars,<br />
+von dem sie meinten, da er nicht mehr gelte<br />
+inmitten seines hundertzehnten Jahrs.<br />
+Da stand er auf und brach in ihre Zelte.<br />
+<br />
+Er ging wie Hagel nieder ber Halmen.<br />
+Was wollt ihr Gott versprechen? Ungezhlt<br />
+stehn um euch Gtter, wartend, da ihr whlt.<br />
+Doch wenn ihr whlt, wird euch der Herr zermalmen.<br />
+<br />
+Und dann, mit einem Hochmut ohnegleichen:<br />
+Ich und mein Haus, wir bleiben ihm vermhlt.<br />
+<br />
+Da schrien sie alle: Hilf uns, gib ein Zeichen<br />
+und strke uns zu unsrer schweren Wahl.<br />
+<br />
+Aber sie sahn ihn, wie seit Jahren schweigend,<br />
+zu seiner festen Stadt am Berge steigend;<br />
+und dann nicht mehr. Es war das letzte Mal.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_AUSZUG_DES_VERLORENEN_SOHNES" id="DER_AUSZUG_DES_VERLORENEN_SOHNES"></a>DER AUSZUG DES VERLORENEN SOHNES<br />
+<br />
+<br />
+NUN fortzugehn von alle dem Verworrnen,<br />
+das unser ist und uns doch nicht gehrt,<br />
+das, wie das Wasser in den alten Bornen,<br />
+uns zitternd spiegelt und das Bild zerstrt;<br />
+von allem diesen, das sich wie mit Dornen<br />
+noch einmal an uns anhngt&mdash;fortzugehn<br />
+und Das und Den,<br />
+die man schon nicht mehr sah<br />
+(so tglich waren sie und so gewhnlich),<br />
+auf einmal anzuschauen: sanft, vershnlich<br />
+und wie an einem Anfang und von nah<br />
+und ahnend einzusehn, wie unpersnlich,<br />
+wie ber alle hin das Leid geschah,<br />
+von dem die Kindheit voll war bis zum Rand&mdash;:<br />
+Und dann doch fortzugehen, Hand aus Hand,<br />
+als ob man ein Geheiltes neu zerrisse,<br />
+und fortzugehn: wohin? Ins Ungewisse,<br />
+weit in ein unverwandtes warmes Land,<br />
+das hinter allem Handeln wie Kulisse<br />
+gleichgltig sein wird: Garten oder Wand;<br />
+und fortzugehn: warum? Aus Drang, aus Artung,<br />
+aus Ungeduld, aus dunkler Erwartung,<br />
+aus Unverstndlichkeit und Unverstand:<br />
+Dies alles auf sich nehmen und vergebens<br />
+vielleicht Gehaltnes fallen lassen, um<br />
+allein zu sterben, wissend nicht warum&mdash;<br />
+<br />
+Ist das der Eingang eines neuen Lebens?<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_OLBAUMGARTEN" id="DER_OLBAUMGARTEN"></a>DER LBAUMGARTEN<br />
+<br />
+<br />
+Er ging hinauf unter dem grauen Laub<br />
+ganz grau und aufgelst im lgelnde<br />
+und legte seine Stirne voller Staub<br />
+tief in das Staubigsein der heien Hnde.<br />
+<br />
+Nach allem dies. Und dieses war der Schlu.<br />
+Jetzt soll ich gehen, whrend ich erblinde,<br />
+und warum willst Du, da ich sagen mu,<br />
+Du seist, wenn ich Dich selber nicht mehr finde.<br />
+<br />
+Ich finde Dich nicht mehr. Nicht in mir, nein.<br />
+Nicht in den andern. Nicht in diesem Stein.<br />
+Ich finde Dich nicht mehr. Ich bin allein.<br />
+<br />
+Ich bin allein mit aller Menschen Gram,<br />
+den ich durch Dich zu lindern unternahm,<br />
+der Du nicht bist, namenlose Scham...<br />
+<br />
+Spter erzhlte man: ein Engel kam&mdash;.<br />
+<br />
+Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht<br />
+und bltterte gleichgltig in den Bumen.<br />
+Die Jnger rhrten sich in ihren Trumen.<br />
+Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht.<br />
+<br />
+Die Nacht, die kam, war keine ungemeine;<br />
+so gehen hunderte vorbei.<br />
+<br />
+Da schlafen Hunde, und da liegen Steine.<br />
+Ach eine traurige, ach irgendeine,<br />
+die wartet, bis es wieder Morgen sei.<br />
+<br />
+Denn Engel kommen nicht zu solchen Betern,<br />
+und Nchte werden nicht um solche gro.<br />
+Die Sich-Verlierenden lt alles los,<br />
+und sie sind preisgegeben von den Vtern<br />
+und ausgeschlossen aus der Mtter Scho.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="PIETA" id="PIETA"></a>PIET<br />
+<br />
+<br />
+So seh ich, Jesus, deine Fe wieder,<br />
+O die damals eines Jnglings Fe waren,<br />
+da ich sie bang entkleidete und wusch;<br />
+wie standen sie verwirrt in meinen Haaren<br />
+und wie ein weies Wild im Dornenbusch.<br />
+<br />
+So seh ich deine niegeliebten Glieder<br />
+zum erstenmal in dieser Liebesnacht.<br />
+Wir legten uns noch nie zusammen nieder,<br />
+und nun wird nur bewundert und gewacht.<br />
+<br />
+Doch, siehe, deine Hnde sind zerrissen&mdash;:<br />
+Geliebter, nicht von mir, von meinen Bissen.<br />
+Dein Herz steht offen, und man kann hinein:<br />
+das htte drfen nur mein Eingang sein.<br />
+<br />
+Nun bist du mde, und dein mder Mund<br />
+hat keine Lust zu meinem wehen Munde&mdash;.<br />
+O Jesus, Jesus, wann war unsre Stunde?<br />
+Wie gehn wir beide wunderlich zugrund.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="GESANG_DER_FRAUEN_AN_DEN_DICHTER" id="GESANG_DER_FRAUEN_AN_DEN_DICHTER"></a>GESANG DER FRAUEN AN DEN DICHTER<br />
+<br />
+<br />
+Sieh, wie sich alles auftut: so sind wir;<br />
+denn wir sind nichts als solche Seligkeit.<br />
+Was Blut und Dunkel war in einem Tier,<br />
+das wuchs in uns zur Seele an und schreit<br />
+<br />
+als Seele weiter. Und es schreit nach dir.<br />
+Du freilich nimmst es nur in dein Gesicht,<br />
+als sei es Landschaft: sanft und ohne Gier.<br />
+Und darum meinen wir, du bist es nicht,<br />
+<br />
+nach dem es schreit. Und doch, bist du nicht der,<br />
+an den wir uns ganz ohne Rest verlren?<br />
+Und werden wir in irgendeinem <i>mehr</i>?<br />
+<br />
+Mit uns geht das Unendliche <i>vorbei</i>.<br />
+Du aber sei, du Mund, da wir es hren,<br />
+du aber, du Uns-Sagender: du sei.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_TOD_DES_DICHTERS" id="DER_TOD_DES_DICHTERS"></a>DER TOD DES DICHTERS<br />
+<br />
+<br />
+Er lag. Sein aufgestelltes Antlitz war<br />
+bleich und verweigernd in den steilen Kissen,<br />
+seitdem die Welt und dieses von ihr Wissen,<br />
+von seinen Sinnen abgerissen,<br />
+zurckfiel an das teilnahmslose Jahr.<br />
+<br />
+Die, so ihn leben sahen, wuten nicht,<br />
+wie sehr er <i>eines</i> war mit allem diesen,<br />
+denn dieses: diese Tiefen, diese Wiesen<br />
+und diese Wasser waren sein Gesicht.<br />
+<br />
+O sein Gesicht war diese ganze Weite,<br />
+die jetzt noch zu ihm will und um ihn wirbt;<br />
+und seine Maske, die nun bang verstirbt,<br />
+ist zart und offen wie die Innenseite<br />
+von einer Frucht, die an der Luft verdirbt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="BUDDHA" id="BUDDHA"></a>BUDDHA<br />
+<br />
+<br />
+Als ob er horchte. Stille: eine Ferne....<br />
+Wir halten ein und hren sie nicht mehr.<br />
+Und er ist Stern. Und andre groe Sterne,<br />
+die wir nicht sehen, stehen um ihn her.<br />
+<br />
+O er ist alles. Wirklich, warten wir,<br />
+da er uns she? Sollte er bedrfen?<br />
+Und wenn wir hier uns vor ihm niederwrfen,<br />
+er bliebe tief und trge wie ein Tier.<br />
+<br />
+Denn das, was uns zu seinen Fen reit,<br />
+das kreist in ihm seit Millionen Jahren.<br />
+Er, der vergit, was wir erfahren,<br />
+und der erfahrt, was uns verweist.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="LANGE_DU_MERIDIEN" id="LANGE_DU_MERIDIEN"></a>L'ANGE DU MRIDIEN<br />
+<br />
+CHARTRES<br />
+<br />
+<br />
+Im Sturm, der um die starke Kathedrale<br />
+wie ein Verneiner strzt, der denkt und denkt,<br />
+fhlt man sich zrtlicher mit einem Male<br />
+von deinem Lcheln zu dir hingelenkt:<br />
+<br />
+lchelnder Engel, fhlende Figur,<br />
+mit einem Mund, gemacht aus hundert Munden:<br />
+gewahrst du gar nicht, wie dir unsre Stunden<br />
+abgleiten von der vollen Sonnenuhr,<br />
+<br />
+auf der des Tages ganze Zahl zugleich,<br />
+gleich wirklich, steht in tiefem Gleichgewichte,<br />
+als wren alle Stunden reif und reich?<br />
+<br />
+Was weit du, Steinerner, von unserm Sein?<br />
+und hltst du mit noch seligerm Gesichte<br />
+vielleicht die Tafel in die Nacht hinein?<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_KATHEDRALE" id="DIE_KATHEDRALE"></a>DIE KATHEDRALE<br />
+<br />
+<br />
+In jenen kleinen Stdten, wo herum<br />
+die alten Huser wie ein Jahrmarkt hocken,<br />
+der sie bemerkt hat pltzlich und erschrocken<br />
+die Buden zumacht und ganz zu und stumm,<br />
+<br />
+die Schreier still, die Trommeln angehalten,<br />
+zu ihr hinaufhorcht aufgeregten Ohrs&mdash;:<br />
+dieweil sie ruhig immer in dem alten<br />
+Faltenmantel ihrer Contreforts<br />
+dasteht und von den Husern gar nicht wei:<br />
+<br />
+in jenen kleinen Stdten kannst du sehn,<br />
+wie sehr entwachsen ihrem Umgangskreis<br />
+die Kathedralen waren. Ihr Erstehn<br />
+ging ber alles fort, so wie den Blick<br />
+des eignen Lebens viel zu groe Nhe<br />
+fortwhrend bersteigt und als geschhe<br />
+nichts anderes; als wre <i>das</i> Geschick,<br />
+was sich in ihnen aufhuft ohne Maen,<br />
+versteinert und zum Dauernden bestimmt,<br />
+nicht <i>das</i>, was unten in den dunkeln Straen<br />
+vom Zufall irgendwelche Namen nimmt<br />
+und darin geht, wie Kinder Grn und Rot<br />
+und was der Krmer hat als Schrze tragen.<br />
+Da war Geburt in diesen Unterlagen,<br />
+und Kraft und Andrang war in diesem Ragen<br />
+und Liebe berall wie Wein und Brot,<br />
+und die Portale voller Liebesklagcn.<br />
+Das Leben zgerte Im Stundenschlagen,<br />
+und in den Trmen, welche voll Entsagen<br />
+auf einmal nicht mehr stiegen, war der Tod.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DAS_PORTAL" id="DAS_PORTAL"></a>DAS PORTAL<br />
+<br />
+<br />
+I<br />
+<br />
+Da blieben sie, als wre jene Flut<br />
+zurckgetreten, deren groes Branden<br />
+an diesen Steinen wusch, bis sie entstanden;<br />
+sie nahm im Fallen manches Attribut<br />
+<br />
+aus ihren Hnden, welche viel zu gut<br />
+und gebend sind, um etwas festzuhalten.<br />
+Sie blieben, von den Formen in Basalten<br />
+durch einen Nimbus, einen Bischofshut,<br />
+<br />
+bisweilen durch ein Lcheln unterschieden,<br />
+fr das ein Antlitz seiner Stunden Frieden<br />
+bewahrt hat als ein stilles Zifferblatt;<br />
+<br />
+jetzt fortgerckt ins Leere ihres Tores,<br />
+waren sie einst die Muschel eines Ohres<br />
+und fingen jedes Sthnen dieser Stadt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+II<br />
+<br />
+Sehr viele Weite ist gemeint damit:<br />
+so wie mit den Kulissen einer Szene<br />
+die Welt gemeint ist; und so wie durch jene<br />
+der Held im Mantel seiner Handlung tritt:&mdash;<br />
+so tritt das Dunkel dieses Tores handelnd<br />
+auf seiner Tiefe tragisches Theater,<br />
+so grenzenlos und wallend wie Gott-Vater<br />
+und so wie Er sich wunderlich verwandelnd<br />
+<br />
+in einen Sohn, der aufgeteilt ist hier<br />
+auf viele kleine beinah stumme Rollen,<br />
+genommen aus des Elends Zubehr.<br />
+<br />
+Denn nur noch so entsteht (das wissen wir)<br />
+aus Blinden, Fortgeworfenen und Tollen<br />
+der Heiland wie ein einziger Akteur.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+III<br />
+<br />
+So ragen sie, die Herzen angehalten<br />
+(sie stehn auf Ewigkeit und gingen nie);<br />
+nur selten tritt aus dem Gefll der Falten<br />
+eine Gebrde, aufrecht, steil wie sie,<br />
+<br />
+und bleibt nach einem halben Schritte stehn,<br />
+wo die Jahrhunderte sie berholen.<br />
+Sie sind im Gleichgewicht auf den Konsolen,<br />
+in denen eine Welt, die sie nicht sehn,<br />
+<br />
+die Welt der Wirrnis, die sie nicht zertraten,<br />
+Figur und Tier, wie um sie zu gefhrden,<br />
+sich krmmt und schttelt und sie dennoch hlt:<br />
+weil die Gestalten dort wie Akrobaten<br />
+sich nur so zuckend und so wild gebrden,<br />
+damit der Stab auf ihrer Stirn nicht fllt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_FENSTERROSE" id="DIE_FENSTERROSE"></a>DIE FENSTERROSE<br />
+<br />
+<br />
+Da drin: das trge Treten ihrer Tatzen<br />
+macht eine Stille, die dich fast verwirrt;<br />
+und wie dann pltzlich eine von den Katzen<br />
+den Blick an ihr, der hin und wieder irrt,<br />
+<br />
+gewaltsam in ihr groes Auge nimmt,&mdash;<br />
+den Blick, der wie von eines Wirbels Kreis<br />
+ergriffen, eine kleine Weile schwimmt<br />
+und dann versinkt und nichts mehr von sich wei,<br />
+<br />
+wenn dieses Auge, welches scheinbar ruht,<br />
+sich au auftut und zusammenschlgt mit Tosen<br />
+und ihn hineinreit bis ins rote Blut&mdash;:<br />
+<br />
+so griffen einstmals aus dem Dunkelsein<br />
+der Kathedralen groe Fensterrosen<br />
+ein Herz und rissen es in Gott hinein.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DAS_KAPITAL" id="DAS_KAPITAL"></a>DAS KAPITL<br />
+<br />
+<br />
+Wie sich aus eines Traumes Ausgeburten<br />
+aufsteigend aus verwirrendem Gequl<br />
+der nchste Tag erhebt,&mdash;so gehn die Gurten<br />
+der Wlbung aus dem wirren Kapitl<br />
+<br />
+und lassen drin, gedrngt und rtselhaft<br />
+verschlungen, flgelschlagende Geschpfe:<br />
+ihr Zgern und das Pltzliche der Kpfe<br />
+und jene starken Bltter, deren Saft<br />
+<br />
+wie Jhzorn steigt, sich schlielich berschlagend<br />
+in einer schnellen Geste, die sich ballt<br />
+und sich heraushlt: alles aufwrtsjagend,<br />
+<br />
+was immer wieder mit dem Dunkel kalt<br />
+herunterfllt, wie Regen Sorge tragend<br />
+fr dieses alten Wachstums Unterhalt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="GOTT_IM_MITTELALTER" id="GOTT_IM_MITTELALTER"></a>GOTT IM MITTELALTER<br />
+<br />
+<br />
+Und sie hatten ihn in sich erspart,<br />
+und sie wollten, da er sei und richte,<br />
+und sie hngten schlielich wie Gewichte<br />
+(zu verhindern seine Himmelfahrt)<br />
+<br />
+an ihn ihrer groen Kathedralen<br />
+Last und Masse. Und er sollte nur<br />
+ber seine grenzenlosen Zahlen<br />
+zeigend kreisen und wie eine Uhr<br />
+<br />
+Zeichen geben ihrem Tun und Tagwerk.<br />
+Aber pltzlich kam er ganz in Gang,<br />
+und die Leute der entsetzten Stadt<br />
+<br />
+lieen ihn, vor seiner Stimme bang,<br />
+weitergehn mit ausgehngtem Schlagwerk<br />
+und entflohn vor seinem Zifferblatt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="MORGUE" id="MORGUE"></a>MORGUE<br />
+<br />
+<br />
+Da liegen sie bereit, als ob es glte,<br />
+nachtrglich eine Handlung zu erfinden,<br />
+die miteinander und mit dieser Klte<br />
+sie zu vershnen wei und zu verbinden;<br />
+<br />
+denn das ist alles noch wie ohne Schlu.<br />
+Was fr ein Name htte in den Taschen<br />
+sich finden sollen? An dem berdru<br />
+um ihren Mund hat man herumgewaschen;<br />
+<br />
+er ging nicht ab; er wurde nur ganz rein.<br />
+Die Brte stehen, noch ein wenig hrter,<br />
+doch ordentlicher im Geschmack der Wrter,<br />
+<br />
+nur um die Gaffenden nicht anzuwidern.<br />
+Die Augen haben hinter ihren Lidern<br />
+sich umgewandt und schauen jetzt hinein.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_GEFANGENE" id="DER_GEFANGENE"></a>DER GEFANGENE<br />
+<br />
+<br />
+I<br />
+<br />
+Meine Hand hat nur noch eine<br />
+Gebrde, mit der sie verscheucht;<br />
+auf die alten Steine<br />
+fllt es aus Felsen feucht.<br />
+<br />
+Ich hre nur dieses Klopfen,<br />
+und mein Herz hlt Schritt<br />
+mit dem Gehen der Tropfen<br />
+und vergeht damit.<br />
+<br />
+Tropften sie doch schneller,<br />
+kme doch wieder ein Tier.<br />
+Irgendwo war es heller&mdash;.<br />
+Aber was wissen wir.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+II<br />
+<br />
+Denk dir, das was jetzt Himmel ist und Wind,<br />
+Luft deinem Mund und deinem Auge Helle,<br />
+das wrde Stein bis um die kleine Stelle,<br />
+an der dein Herz und deine Hnde sind.<br />
+<br />
+Und was jetzt in dir morgen heit und: dann<br />
+und: spterhin und nchstes Jahr und weiter&mdash;<br />
+das wrde wund in dir und voller Eiter<br />
+und schwre nur und brche nicht mehr an.<br />
+<br />
+Und das was war, das wre irre und<br />
+raste in dir herum, den lieben Mund,<br />
+der niemals lachte, schumend von Gelchter.<br />
+<br />
+Und das was Gott war, wre nur dein Wchter<br />
+und stopfte boshaft in das letzte Loch<br />
+ein schmutziges Auge. Und du lebtest doch.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_PANTHER" id="DER_PANTHER"></a>DER PANTHER<br />
+<br />
+IM JARDIN DES PLANTES, PARIS<br />
+<br />
+<br />
+Sein Blick ist vom Vorbergehn der Stbe<br />
+so md geworden, da er nichts mehr hlt.<br />
+Ihm ist, als ob es tausend Stbe gbe<br />
+und hinter tausend Stben keine Welt.<br />
+<br />
+Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,<br />
+der sich im allerkleinsten Kreise dreht,<br />
+ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,<br />
+in der betubt ein groer Wille steht.<br />
+<br />
+Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille<br />
+sich lautlos auf&mdash;. Dann geht ein Bild hinein,<br />
+geht durch der Glieder angespannte Stille&mdash;<br />
+und hrt im Herzen auf zu sein.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_GAZELLE" id="DIE_GAZELLE"></a>DIE GAZELLE<br />
+<br />
+ANTILOPE DORCAS<br />
+<br />
+<br />
+Verzauberte: wie kann der Einklang zweier<br />
+erwhlter Worte je den Reim erreichen,<br />
+der in dir kommt und geht, wie auf ein Zeichen.<br />
+Aus deiner Stirne steigen Laub und Leier,<br />
+<br />
+und alles Deine geht schon im Vergleich<br />
+durch Liebeslieder, deren Worte, weich<br />
+wie Rosenbltter, dem, der nicht mehr liest,<br />
+sich auf die Augen legen, die er schliet,<br />
+<br />
+um dich zu sehen: hingetragen, als<br />
+wre mit Sprngen jeder Lauf geladen<br />
+und schsse nur nicht ab, solang der Hals<br />
+<br />
+das Haupt ins Horchen hlt: wie wenn beim Baden<br />
+im Wald die Badende sich unterbricht,<br />
+den Waldsee im gewendeten Gesicht.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DAS_EINHORN" id="DAS_EINHORN"></a>DAS EINHORN<br />
+<br />
+<br />
+Der Heilige hob das Haupt, und das Gebet<br />
+fiel wie ein Helm zurck von seinem Haupte:<br />
+denn lautlos nahte sich das niegeglaubte,<br />
+das weie Tier, das wie eine geraubte<br />
+hilflose Hindin mit den Augen fleht.<br />
+<br />
+Der Beine elfenbeinernes Gestell<br />
+bewegte sich in leichten Gleichgewichten,<br />
+ein weier Glanz glitt selig durch das Fell,<br />
+und auf der Tierstirn, auf der stillen, lichten,<br />
+stand, wie ein Turm im Mond, das Horn so hell,<br />
+und jeder Schritt geschah, es aufzurichten.<br />
+<br />
+Das Maul mit seinem rosagrauen Flaum<br />
+war leicht gerafft, so da ein wenig Wei<br />
+(weier als alles) von den Zhnen glnzte;<br />
+die Nstern nahmen auf und lechzten leis.<br />
+Doch seine Blicke, die kein Ding begrenzte,<br />
+warfen sich Bilder in den Raum<br />
+und schlssen einen blauen Sagenkreis.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="SANKT_SEBASTIAN" id="SANKT_SEBASTIAN"></a>SANKT SEBASTIAN<br />
+<br />
+<br />
+Wie ein Liegender so steht er; ganz<br />
+hingehalten von dem groen Willen.<br />
+Weit entrckt wie Mtter, wenn sie stillen,<br />
+und in sich gebunden wie ein Kranz.<br />
+<br />
+Und die Pfeile kommen: jetzt und jetzt<br />
+und als sprngen sie aus seinen Lenden,<br />
+eisern bebend mit den freien Enden.<br />
+Doch er lchelt dunkel, unverletzt.<br />
+<br />
+Einmal nur wird eine Trauer gro,<br />
+und die Augen liegen schmerzlich blo,<br />
+bis sie etwas leugnen, wie Geringes,<br />
+und als lieen sie verchtlich los<br />
+die Vernichter eines schnen Dinges.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_STIFTER" id="DER_STIFTER"></a>DER STIFTER<br />
+<br />
+<br />
+Das war der Auftrag an die Malergilde.<br />
+Vielleicht da ihm der Heiland nie erschien;<br />
+vielleicht trat auch kein heiliger Bischof milde<br />
+an seine Seite wie in diesem Bilde<br />
+und legte leise seine Hand auf ihn.<br />
+<br />
+Vielleicht war dieses alles: so zu knien<br />
+(so wie es alles ist, was wir erfuhren):<br />
+zu knien: da man die eigenen Konturen,<br />
+die auswrtswollenden, ganz angespannt<br />
+im Herzen hlt, wie Pferde in der Hand.<br />
+<br />
+Da, wenn ein Ungeheueres geschhe,<br />
+das nicht versprochen ist und nieverbrieft,<br />
+wir hoffen knnten, da es uns nicht she<br />
+und nher kme, ganz in unsre Nhe,<br />
+mit sich beschftigt und in sich vertieft.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_ENGEL" id="DER_ENGEL"></a>DER ENGEL<br />
+<br />
+<br />
+Mit einem Neigen seiner Stirne weist<br />
+er weit von sich, was einschrnkt und verpflichtet;<br />
+denn durch sein Herz geht riesig aufgerichtet<br />
+das ewig Kommende, das kreist.<br />
+<br />
+Die tiefen Himmel stehn ihm voll Gestalten,<br />
+und jede kann ihm rufen: komm, erkenn&mdash;.<br />
+Gib seinen leichten Hnden nichts zu halten<br />
+aus deinem Lastenden. Sie kmen denn<br />
+<br />
+bei Nacht zu dir, dich ringender zu prfen,<br />
+und gingen wie Erzrnte durch das Haus<br />
+und griffen dich, als ob sie dich erschfen,<br />
+und brchen dich aus deiner Form heraus.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="ROMISCHE_SARKOPHAGE" id="ROMISCHE_SARKOPHAGE"></a>RMISCHE SARKOPHAGE<br />
+<br />
+<br />
+Was aber hindert uns zu glauben, da<br />
+(so wie wir hingestellt sind und verteilt)<br />
+nicht eine kleine Zeit nur Drang und Ha<br />
+und dies Verwirrende in uns verweilt,<br />
+<br />
+wie einst in dem verzierten Sarkophag<br />
+bei Ringen, Gtterbildern, Glsern, Bndern,<br />
+in langsam sich verzehrenden Gewndern<br />
+ein langsam Aufgelstes lag&mdash;<br />
+<br />
+bis es die unbekannten Munde schluckten,<br />
+die niemals reden. (Wo besteht und denkt<br />
+ein Hirn, um ihrer einst sich zu bedienen?)<br />
+<br />
+Da wurde von den alten Aqudukten<br />
+ewiges Wasser in sie eingelenkt&mdash;:<br />
+das spiegelt jetzt und geht und glnzt in ihnen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_SCHWAN" id="DER_SCHWAN"></a>DER SCHWAN<br />
+<br />
+<br />
+Diese Mhsal, durch noch Ungetanes<br />
+schwer und wie gebunden hinzugehn,<br />
+gleicht dem ungeschaffnen Gang des Schwanes.<br />
+<br />
+Und das Sterben, dieses Nichtmehrfassen<br />
+jenes Grunds, auf dem wir tglich stehn,<br />
+seinem ngstlichen Sich-Niederlassen&mdash;:<br />
+<br />
+in die Wasser, die ihn sanft empfangen<br />
+und die sich, wie glcklich und vergangen,<br />
+unter ihm zurckziehn, Flut um Flut;<br />
+whrend er unendlich still und sicher<br />
+immer mndiger und kniglicher<br />
+und gelassener zu ziehn geruht.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="KINDHEIT" id="KINDHEIT"></a>KINDHEIT<br />
+<br />
+<br />
+Es wre gut viel nachzudenken, um<br />
+von so Verlornem etwas auszusagen,<br />
+von jenen langen Kindheit-Nachmittagen,<br />
+die so nie wiederkamen&mdash;und warum?<br />
+<br />
+Noch mahnt es uns&mdash;: vielleicht in einem Regnen,<br />
+aber wir wissen nicht mehr, was das soll;<br />
+nie wieder war das Leben von Begegnen,<br />
+von Wiedersehn und Weitergehn so voll<br />
+<br />
+wie damals, da uns nichts geschah als nur,<br />
+was einem Ding geschieht und einem Tiere:<br />
+da lebten wir, wie Menschliches, das Ihre<br />
+und wurden bis zum Rande voll Figur.<br />
+<br />
+Und wurden so vereinsamt wie ein Hirt<br />
+und so mit groen Fernen berladen<br />
+und wie von weit berufen und berhrt<br />
+und langsam wie ein langer neuer Faden<br />
+in jene Bilderfolgen eingefhrt,<br />
+in welchen nun zu dauern uns verwirrt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_DICHTER" id="DER_DICHTER"></a>DER DICHTER<br />
+<br />
+<br />
+Du entfernst dich von mir, du Stunde.<br />
+Wunden schlgt mir dein Flgelschlag.<br />
+Allein: was soll ich mit meinem Munde?<br />
+mit meiner Nacht? mit meinem Tag?<br />
+<br />
+Ich habe keine Geliebte, kein Haus,<br />
+keine Stelle, auf der ich lebe.<br />
+Alle Dinge, an die ich mich gebe,<br />
+werden reich und geben mich aus.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_SPITZE" id="DIE_SPITZE"></a>DIE SPITZE<br />
+<br />
+<br />
+I<br />
+<br />
+Menschlichkeit: Namen schwankender Besitze,<br />
+noch unbesttigter Bestand von Glck:<br />
+ist das unmenschlich, da zu dieser Spitze,<br />
+zu diesem kleinen dichten Spitzenstck<br />
+zwei Augen wurden?&mdash;Willst du sie zurck?<br />
+<br />
+Du Langvergangene und schlielich Blinde,<br />
+ist deine Seligkeit in diesem Ding,<br />
+zu welcher hin, wie zwischen Stamm und Rinde,<br />
+dein groes Fhlen, kleinverwandelt, ging?<br />
+<br />
+Durch einen Ri im Schicksal, eine Lcke<br />
+entzogst du deine Seele deiner Zeit;<br />
+und sie ist so in diesem lichten Stcke,<br />
+da es mich lcheln macht vor Ntzlichkeit.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+II<br />
+<br />
+Und wenn uns eines Tages dieses Tun<br />
+und was an uns geschieht gering erschiene<br />
+und uns so fremd, als ob es nicht verdiene,<br />
+da wir so mhsam aus den Kinderschuhn<br />
+um seinetwillen wachsen&mdash;: Ob die Bahn<br />
+vergilbter Spitze, diese dichtgefgte<br />
+blumige Spitzenbahn, dann nicht gengte,<br />
+uns hier zu halten? Sieh: sie ward getan.<br />
+<br />
+Ein Leben ward vielleicht verschmht, wer wei?<br />
+Ein Glck war da und wurde hingegeben,<br />
+und endlich wurde doch, um jeden Preis,<br />
+dies Ding daraus, nicht leichter als das Leben<br />
+und doch vollendet und so schn, als sei's<br />
+nicht mehr zu frh, zu lcheln und zu schweben.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="EIN_FRAUENSCHICKSAL" id="EIN_FRAUENSCHICKSAL"></a>EIN FRAUENSCHICKSAL<br />
+<br />
+<br />
+So wie der Knig auf der Jagd ein Glas<br />
+ergreift, daraus zu trinken, irgendeines,&mdash;<br />
+und wie hernach der, welcher es besa,<br />
+es fortstellt und verwahrt, als wr es keines:<br />
+<br />
+so hob vielleicht das Schicksal, durstig auch,<br />
+bisweilen Eine an den Mund und trank,<br />
+die dann ein kleines Leben, viel zu bang<br />
+sie zu zerbrechen, abseits vom Gebrauch<br />
+<br />
+hinstellte in die ngstliche Vitrine,<br />
+in welcher seine Kostbarkeiten sind<br />
+(oder die Dinge, die fr kostbar gelten).<br />
+<br />
+Da stand sie fremd wie eine Fortgeliehne<br />
+und wurde einfach alt und wurde blind<br />
+und war nicht kostbar und war niemals selten.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_GENESENDE" id="DIE_GENESENDE"></a>DIE GENESENDE<br />
+<br />
+<br />
+Wie ein Singen kommt und geht in Gassen<br />
+und sich nhert und sich wieder scheut,<br />
+flgelschlagend, manchmal fast zu fassen<br />
+und dann wieder weit hinausgestreut:<br />
+<br />
+spielt mit der Genesenden das Leben;<br />
+whrend sie, geschwcht und ausgeruht,<br />
+unbeholfen, um sich hinzugeben,<br />
+eine ungewohnte Geste tut.<br />
+<br />
+Und sie fhlt sich beinah wie Verfhrung,<br />
+wenn die hartgewordne Hand, darin<br />
+Fieber waren voller Widersinn,<br />
+fernher, wie mit blhender Berhrung,<br />
+zu liebkosen kommt ihr hartes Kinn.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_ERWACHSENE" id="DIE_ERWACHSENE"></a>DIE ERWACHSENE<br />
+<br />
+<br />
+Das alles stand auf ihr und war die Welt<br />
+und stand auf ihr mit allem, Angst und Gnade,<br />
+wie Bume stehen, wachsend und gerade,<br />
+ganz Bild und bildlos wie die Bundeslade<br />
+und feierlich, wie auf ein Volk gestellt.<br />
+<br />
+Und sie ertrug es; trug bis obenhin<br />
+das Fliegende, Entfliehende, Entfernte,<br />
+das Ungeheuere, noch Unerlernte<br />
+gelassen wie die Wassertrgerin<br />
+den vollen Krug. Bis mitten unterm Spiel,<br />
+verwandelnd und auf andres vorbereitend,<br />
+der erste weie Schleier, leise gleitend,<br />
+ber das aufgetane Antlitz fiel<br />
+<br />
+fast undurchsichtig und sich nie mehr hebend<br />
+und irgendwie auf alle Fragen ihr<br />
+nur eine Antwort vage wiedergebend:<br />
+In dir, du Kindgewesene, in dir.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="TANAGRA" id="TANAGRA"></a>TANAGRA<br />
+<br />
+<br />
+Ein wenig gebrannter Erde,<br />
+wie von groer Sonne gebrannt.<br />
+Als wre die Gebrde<br />
+einer Mdchenhand<br />
+auf einmal nicht mehr vergangen;<br />
+ohne nach etwas zu langen,<br />
+zu keinem Dinge hin<br />
+aus ihrem Gefhle fhrend,<br />
+nur an sich selber rhrend<br />
+wie eine Hand ans Kinn.<br />
+<br />
+Wir heben und wir drehen<br />
+eine und eine Figur;<br />
+wir knnen fast verstehen,<br />
+weshalb sie nicht vergehen,&mdash;<br />
+aber wir sollen nur<br />
+tiefer und wunderbarer<br />
+hngen an dem, was war,<br />
+und lcheln: ein wenig klarer<br />
+vielleicht als vor einem Jahr.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_ERBLINDENDE" id="DIE_ERBLINDENDE"></a>DIE ERBLINDENDE<br />
+<br />
+<br />
+Sie sa so wie die anderen beim Tee.<br />
+Mir war zuerst, als ob sie ihre Tasse<br />
+ein wenig anders als die andern fasse.<br />
+Sie lchelte einmal. Es tat fast weh.<br />
+<br />
+Und als man schlielich sich erhob und sprach<br />
+und langsam und wie es der Zufall brachte<br />
+durch viele Zimmer ging (man sprach und lachte),<br />
+da sah ich sie. Sie ging den andern nach,<br />
+<br />
+verhalten, so wie eine, welche gleich<br />
+wird singen mssen und vor vielen Leuten;<br />
+auf ihren hellen Augen, die sich freuten,<br />
+war Licht von auen wie auf einem Teich.<br />
+<br />
+Sie folgte langsam, und sie brauchte lang,<br />
+als wre etwas noch nicht berstiegen;<br />
+und doch: als ob, nach einem bergang,<br />
+sie nicht mehr gehen wrde, sondern fliegen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="IN_EINEM_FREMDEN_PARK" id="IN_EINEM_FREMDEN_PARK"></a>IN EINEM FREMDEN PARK<br />
+<br />
+BORGEBY-GRD<br />
+<br />
+<br />
+Zwei Wege sinds. Sie fhren keinen hin.<br />
+Doch manchmal, in Gedanken, lt der eine<br />
+dich weitergehn. Es ist, als gingst du fehl;<br />
+aber auf einmal bist du im Rondel<br />
+alleingelassen wieder mit dem Steine<br />
+und wieder auf ihm lesend: Freiherrin<br />
+Brite Sophie&mdash;und wieder mit dem Finger<br />
+abfhlend die zerfallne Jahreszahl&mdash;.<br />
+Warum wird dieses Finden nicht geringer?<br />
+<br />
+Was zgerst du ganz wie zum erstenmal<br />
+erwartungsvoll auf diesem Ulmenplatz,<br />
+der feucht und dunkel ist und niebetreten?<br />
+<br />
+Und was verlockt dich fr ein Gegensatz,<br />
+etwas zu suchen in den sonnigen Beeten,<br />
+als wrs der Name eines Rosenstocks?<br />
+<br />
+Was stehst du oft? Was hren deine Ohren?<br />
+Und warum siehst du schlielich, wie verloren,<br />
+die Falter flimmern um den hohen Phlox?<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="ABSCHIED" id="ABSCHIED"></a>ABSCHIED<br />
+<br />
+<br />
+Wie hab ich das gefhlt, was Abschied heit.<br />
+Wie wei ichs noch: ein dunkles unverwundnes<br />
+grausames Etwas, das ein Schnverbundnes<br />
+noch einmal zeigt und hinhlt und zerreit.<br />
+<br />
+Wie war ich ohne Wehr, dem zuzuschauen,<br />
+das, da es mich, mich rufend, gehen lie,<br />
+zurckblieb, so als wrens alle Frauen<br />
+und dennoch klein und wei und nichts als dies:<br />
+<br />
+Ein Winken, schon nicht mehr auf mich bezogen,<br />
+ein leise Weiterwinkendes&mdash;, schon kaum<br />
+erklrbar mehr: vielleicht ein Pflaumenbaum,<br />
+von dem ein Kuckuck hastig abgeflogen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="TODESERFAHRUNG" id="TODESERFAHRUNG"></a>TODESERFAHRUNG<br />
+<br />
+<br />
+Wir wissen nichts von diesem Hingehn, das<br />
+nicht mit uns teilt. Wir haben keinen Grund,<br />
+Bewunderung und Liebe oder Ha<br />
+dem Tod zu zeigen, den ein Maskenmund<br />
+<br />
+tragischer Klage wunderlich entstellt.<br />
+Noch ist die Welt voll Rollen, die wir spielen.<br />
+Solang wir sorgen, ob wir auch gefielen,<br />
+spielt auch der Tod, obwohl er nicht gefllt.<br />
+<br />
+<br />
+Doch als du gingst, da brach in diese Bhne<br />
+ein Streifen Wirklichkeit durch jenen Spalt,<br />
+durch den du hingingst: Grn wirklicher Grne,<br />
+wirklicher Sonnenschein, wirklicher Wald.<br />
+<br />
+Wir spielen weiter. Bang und schwer Erlerntes<br />
+hersagend und Gebrden dann und wann<br />
+aufhebend; aber dein von uns entferntes,<br />
+aus unserm Stck entrcktes Dasein kann<br />
+<br />
+uns manchmal berkommen, wie ein Wissen<br />
+von jener Wirklichkeit sich niedersenkend,<br />
+so da wir eine Weile hingerissen<br />
+das Leben spielen, nicht an Beifall denkend.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="BLAUE_HORTENSIE" id="BLAUE_HORTENSIE"></a>BLAUE HORTENSIE<br />
+<br />
+<br />
+So wie das letzte Grn in Farbentiegeln<br />
+sind diese Bltter, trocken, stumpf und rauh,<br />
+hinter den Bltendolden, die ein Blau<br />
+nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.<br />
+<br />
+Sie spiegeln es verweint und ungenau,<br />
+als wollten sie es wiederum verlieren,<br />
+und wie in alten blauen Briefpapieren<br />
+ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;<br />
+<br />
+Verwaschnes wie an einer Kinderschrze,<br />
+Nichtmehrgetragnes, dem nichts mehr geschieht:<br />
+wie fhlt man eines kleinen Lebens Krze.<br />
+<br />
+Doch pltzlich scheint das Blau sich zu verneuen<br />
+in einer von den Dolden, und man sieht<br />
+ein rhrend Blaues sich vor Grnem freuen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="VOR_DEM_SOMMERREGEN" id="VOR_DEM_SOMMERREGEN"></a>VOR DEM SOMMERREGEN<br />
+<br />
+<br />
+Auf einmal ist aus allem Grn im Park<br />
+man wei nicht was, ein Etwas, fortgenommen;<br />
+man fhlt ihn nher an die Fenster kommen<br />
+und schweigsam sein. Instndig nur und stark<br />
+<br />
+ertnt aus dem Gehlz der Regenpfeifer,<br />
+man denkt an einen Hieronymus:<br />
+so sehr steigt irgend Einsamkeit und Eifer<br />
+aus dieser einen Stimme, die der Gu<br />
+<br />
+erhren wird. Des Saales Wnde sind<br />
+mit ihren Bildern von uns fortgetreten,<br />
+als drften sie nicht hren, was wir sagen.<br />
+<br />
+Es spiegeln die verblichenen Tapeten<br />
+das ungewisse Licht von Nachmittagen,<br />
+in denen man sich frchtete als Kind.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="IM_SAAL" id="IM_SAAL"></a>IM SAAL<br />
+<br />
+<br />
+Wie sind sie alle um uns, diese Herrn<br />
+in Kammerherrentrachten und Jabots,<br />
+wie eine Nacht um ihren Ordensstern<br />
+sich immer mehr verdunkelnd, rcksichtslos,<br />
+und diese Damen, zart, fragile, doch gro<br />
+von ihren Kleidern, eine Hand im Scho,<br />
+klein wie ein Halsband fr den Bologneser;<br />
+wie sind sie da um jeden: um den Leser,<br />
+um den Betrachter dieser Bibelots,<br />
+darunter manches ihnen noch gehrt.<br />
+<br />
+Sie lassen, voller Takt, uns ungestrt<br />
+das Leben leben, wie wir es begreifen<br />
+und wie sie's nicht verstehn. Sie wollten blhn,<br />
+und blhn ist schn sein; doch wir wollen reifen,<br />
+und das heit dunkel sein und sich bemhn.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="LETZTER_ABEND" id="LETZTER_ABEND"></a>LETZTER ABEND<br />
+<br />
+(AUS DEM BESITZE FRAU NONNAS)<br />
+<br />
+<br />
+Und Nacht und fernes Fahren; denn der Train<br />
+des ganzen Heeres zog am Park vorber.<br />
+Er aber hob den Blick vom Clavecin<br />
+und spielte noch und sah zu ihr hinber<br />
+<br />
+beinah, wie man in einen Spiegel schaut:<br />
+so sehr erfllt von seinen jungen Zgen<br />
+und wissend, wie sie seine Trauer trgen,<br />
+schn und verfhrender bei jedem Laut.<br />
+<br />
+Doch pltzlich wars, als ob sich das verwische:<br />
+sie stand wie mhsam in der Fensternische<br />
+und hielt des Herzens drngendes Geklopf.<br />
+<br />
+Sein Spiel gab nach. Von drauen wehte Frische.<br />
+Und seltsam fremd stand auf dem Spiegeltische<br />
+der schwarze Tschako mit dem Totenkopf.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="JUGENDBILDNIS_MEINES_VATERS" id="JUGENDBILDNIS_MEINES_VATERS"></a>JUGENDBILDNIS MEINES VATERS<br />
+<br />
+<br />
+Im Auge Traum. Die Stirn wie in Berhrung<br />
+mit etwas Fernem. Um den Mund enorm<br />
+viel Jugend, ungelchelte Verfhrung,<br />
+und vor der vollen schmckenden Verschnrung<br />
+der schlanken adeligen Uniform<br />
+der Sbelkorb und beide Hnde&mdash;, die<br />
+abwarten, ruhig, zu nichts hingedrngt.<br />
+Und nun fast nicht mehr sichtbar: als ob sie<br />
+zuerst, die Fernes greifenden, verschwnden.<br />
+Und alles andre mit sich selbst verhngt<br />
+und ausgelscht, als ob wirs nicht verstnden,<br />
+und tief aus seiner eignen Tiefe trb&mdash;.<br />
+<br />
+Du schnell vergehendes Daguerreotyp<br />
+in meinen langsamer vergehenden Hnden.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="SELBSTBILDNIS_AUS_DEM_JAHRE_1906" id="SELBSTBILDNIS_AUS_DEM_JAHRE_1906"></a>SELBSTBILDNIS AUS DEM JAHRE 1906<br />
+<br />
+<br />
+Des alten lange adligen Geschlechtes<br />
+Feststehendes im Augenbogenbau.<br />
+Im Blicke noch der Kindheit Angst und Blau<br />
+und Demut da und dort, nicht eines Knechtes,<br />
+doch eines Dienenden und einer Frau.<br />
+Der Mund als Mund gemacht, gro und genau,<br />
+nicht berredend, aber ein Gerechtes<br />
+Aussagendes. Die Stirne ohne Schlechtes<br />
+und gern im Schatten stiller Niederschau.<br />
+<br />
+Das, als Zusammenhang, erst nur geahnt;<br />
+noch nie im Leiden oder im Gelingen<br />
+zusammgefat zu dauerndem Durchdringen,<br />
+doch so, als wre mit zerstreuten Dingen<br />
+von fern ein Ernstes, Wirkliches geplant.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_KONIG" id="DER_KONIG"></a>DER KNIG<br />
+<br />
+<br />
+Der Knig ist sechzehn Jahre alt.<br />
+Sechzehn Jahre und schon der Staat.<br />
+Er schaut, wie aus einem Hinterhalt,<br />
+vorbei an den Greisen vom Rat<br />
+<br />
+in den Saal hinein und irgendwohin<br />
+und fhlt vielleicht nur dies:<br />
+an dem schmalen langen harten Kinn<br />
+die kalte Kette vom Vlies.<br />
+<br />
+Das Todesurteil vor ihm bleibt<br />
+lang ohne Namenszug.<br />
+Und sie denken: wie er sich qult.<br />
+<br />
+Sie wten, kennten sie ihn genug,<br />
+da er nur langsam bis siebzig zhlt,<br />
+eh er es unterschreibt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="AUFERSTEHUNG" id="AUFERSTEHUNG"></a>AUFERSTEHUNG<br />
+<br />
+<br />
+Der Graf vernimmt die Tne,<br />
+er sieht einen lichten Ri;<br />
+er weckt seine dreizehn Shne<br />
+im Erbbegrbnis.<br />
+<br />
+Er grt seine beiden Frauen<br />
+ehrerbietig von weit&mdash;;<br />
+und alle voll Vertrauen<br />
+stehn auf zur Ewigkeit<br />
+<br />
+und warten nur noch auf Erich<br />
+und Ulriken Dorotheen,<br />
+die sieben- und dreizehnjhrig<br />
+<span style="margin-left: 1.5em;">(sechzehnhundertzehn)</span><br />
+verstorben sind in Flandern,<br />
+um heute vor den andern<br />
+unbeirrt herzugehn.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_FAHNENTRAGER" id="DER_FAHNENTRAGER"></a>DER FAHNENTRGER<br />
+<br />
+<br />
+Die andern fhlen alles an sich rauh<br />
+und ohne Anteil: Eisen, Zeug und Leder.<br />
+Zwar manchmal schmeichelt eine weiche Feder,<br />
+doch sehr allein und lieblos ist ein jeder;<br />
+er aber trgt&mdash;als trg er eine Frau&mdash;<br />
+die Fahne in dem feierlichen Kleide.<br />
+Dicht hinter ihm geht ihre schwere Seide,<br />
+die manchmal ber seine Hnde fliet.<br />
+<br />
+Er kann allein, wenn er die Augen schliet,<br />
+ein Lcheln sehn: er darf sie nicht verlassen.<br />
+<br />
+Und wenn es kommt in blitzenden Krassen<br />
+und nach ihr greift und ringt und will sie fassen&mdash;:<br />
+<br />
+dann darf er sie abreien von dem Stocke,<br />
+als ri er sie aus ihrem Mdchentum,<br />
+um sie zu halten unterm Waffenrocke.<br />
+<br />
+Und fr die andern ist das Mut und Ruhm.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_LETZTE_GRAF_VON_BREDERODE" id="DER_LETZTE_GRAF_VON_BREDERODE"></a>DER LETZTE GRAF VON BREDERODE<br />
+ENTZIEHT SICH TRKISCHER<br />
+GEFANGENSCHAFT<br />
+<br />
+<br />
+Sie folgten furchtbar; ihren bunten Tod<br />
+von ferne nach ihm werfend, whrend er<br />
+verloren floh, nichts weiter als: bedroht.<br />
+Die Ferne seiner Vter schien nicht mehr<br />
+<br />
+fr ihn zu gelten; denn um so zu fliehn,<br />
+gengt ein Tier vor Jgern. Bis der Flu<br />
+aufrauschte nah und blitzend. Ein Entschlu<br />
+hob ihn samt seiner Not und machte ihn<br />
+<br />
+wieder zum Knaben frstlichen Gebltes.<br />
+Ein Lcheln adeliger Frauen go<br />
+noch einmal Sigkeit in sein verfrhtes<br />
+<br />
+vollendetes Gesicht. Er zwang sein Ro,<br />
+gro wie sein Herz zu gehn, sein blutdurchglhte:<br />
+es trug ihn in den Strom wie in sein Schlo.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_KURTISANE" id="DIE_KURTISANE"></a>DIE KURTISANE<br />
+<br />
+<br />
+Venedigs Sonne wird in meinem Haar<br />
+ein Gold bereiten: aller Alchemie<br />
+erlauchten Ausgang. Meine Brauen, die<br />
+den Brcken gleichen, siehst du sie<br />
+<br />
+hinfhren ob der lautlosen Gefahr<br />
+der Augen, die ein heimlicher Verkehr<br />
+an die Kanle schliet, so da das Meer<br />
+in ihnen steigt und fllt und wechselt. Wer<br />
+<br />
+mich einmal sah, beneidet meinen Hund,<br />
+weil sich auf ihm oft in zerstreuter Pause<br />
+die Hand, die nie an keiner Glut verkohlt,<br />
+<br />
+die unverwundbare, geschmckt, erholt&mdash;.<br />
+Und Knaben, Hoffnungen aus altem Hause,<br />
+gehn wie an Gift an meinem Mund zugrund.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_TREPPE_DER_ORANGERIE" id="DIE_TREPPE_DER_ORANGERIE"></a>DIE TREPPE DER ORANGERIE<br />
+<br />
+VERSAILLES<br />
+<br />
+<br />
+Wie Knige, die schlielich nur noch schreiten<br />
+fast ohne Ziel, nur um von Zeit zu Zeit<br />
+sich den Verneigenden auf beiden Seiten<br />
+zu zeigen in des Mantels Einsamkeit&mdash;:<br />
+<br />
+so steigt, allein zwischen den Balustraden,<br />
+die sich verneigen schon seit Anbeginn,<br />
+die Treppe: langsam und von Gottes Gnaden<br />
+und auf den Himmel zu und nirgends hin;<br />
+<br />
+als ob sie allen Folgenden befahl<br />
+zurckzubleiben,&mdash;so da sie nicht wagen,<br />
+von ferne nachzugehen; nicht einmal<br />
+die schwere Schleppe durfte einer tragen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_MARMORKARREN" id="DER_MARMORKARREN"></a>DER MARMORKARREN<br />
+<br />
+PARIS<br />
+<br />
+<br />
+Auf Pferde, sieben ziehende, verteilt,<br />
+verwandelt Niebewegtes sich in Schritte;<br />
+denn was hochmtig in des Marmors Mitte<br />
+an Alter, Widerstand und All verweilt,<br />
+<br />
+das zeigt sich unter Menschen. Siehe, nicht<br />
+unkenntlich, unter irgendeinem Namen,<br />
+nein: wie der Held das Drngen in den Dramen<br />
+erst sichtbar macht und pltzlich unterbricht:<br />
+<br />
+so kommt es durch den stauenden Verlauf<br />
+des Tages, kommt in seinem ganzen Staate,<br />
+als ob ein groer Triumphator nahte,<br />
+<br />
+langsam zuletzt; und langsam vor ihm her<br />
+Gefangene, von seiner Schwere schwer.<br />
+Und naht noch immer und hlt alles auf.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="BUDDHA_II" id="BUDDHA_II"></a>BUDDHA<br />
+<br />
+<br />
+Schon von ferne fhlt der fremde scheue<br />
+Pilger, wie es golden von ihm truft;<br />
+so als htten Reiche voller Reue<br />
+ihre Heimlichkeiten aufgehuft.<br />
+<br />
+Aber nher kommend wird er irre<br />
+vor der Hoheit dieser Augenbraun:<br />
+denn das sind nicht ihre Trinkgeschirre<br />
+und die Ohrgehnge ihrer Fraun.<br />
+<br />
+Wte einer denn zu sagen, welche<br />
+Dinge eingeschmolzen wurden, um<br />
+dieses Bild auf diesem Blumenkelche<br />
+<br />
+aufzurichten: stummer, ruhiggelber<br />
+als ein goldenes und rundherum<br />
+auch den Raum berhrend wie sich selber.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="ROMISCHE_FONTANE" id="ROMISCHE_FONTANE"></a>RMISCHE FONTNE<br />
+<br />
+BORGHESE<br />
+<br />
+<br />
+Zwei Becken, eins das andre bersteigend<br />
+aus einem alten runden Marmorrand,<br />
+und aus dem oberen Wasser leis sich neigend<br />
+zum Wasser, welches unten wartend stand,<br />
+<br />
+dem leise redenden entgegenschweigend<br />
+und heimlich, gleichsam in der hohlen Hand<br />
+ihm Himmel hinter Grn und Dunkel zeigend<br />
+wie einen unbekannten Gegenstand;<br />
+<br />
+sich selber ruhig in der schnen Schale<br />
+verbreitend ohne Heimweh, Kreis aus Kreis,<br />
+nur manchmal trumerisch und tropfenweis<br />
+<br />
+sich niederlassend an den Moosbehngen<br />
+zum letzten Spiegel, der sein Hecken leis<br />
+von unten lcheln macht mit Obergngen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DAS_KARUSSELL" id="DAS_KARUSSELL"></a>DAS KARUSSELL<br />
+<br />
+JARDIN DU LUXEMBOURG<br />
+<br />
+<br />
+Mit einem Dach und seinem Schatten dreht<br />
+sich eine kleine Weile der Bestand<br />
+von bunten Pferden, alle aus dem Land,<br />
+das lange zgert, eh es untergeht.<br />
+Zwar manche sind an Wagen angespannt,<br />
+doch alle haben Mut in ihren Mienen;<br />
+ein bser roter Lwe geht mit ihnen<br />
+und dann und wann ein weier Elefant.<br />
+<br />
+Sogar ein Hirsch ist da ganz wie im Wald,<br />
+nur da er einen Sattel trgt und drber<br />
+ein kleines blaues Mdchen aufgeschnallt.<br />
+<br />
+Und auf dem Lwen reitet wei ein Junge<br />
+und hlt sich mit der kleinen heien Hand,<br />
+dieweil der Lwe Zhne zeigt und Zunge.<br />
+<br />
+Und dann und wann ein weier Elefant.<br />
+<br />
+Und auf den Pferden kommen sie vorber,<br />
+auch Mdchen, helle, diesem Pferdesprunge<br />
+fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge<br />
+schauen sie auf, irgendwohin, herber&mdash;<br />
+<br />
+Und dann und wann ein weier Elefant.<br />
+<br />
+Und das geht hin und eilt sich, da es endet,<br />
+und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.<br />
+Ein Rot, ein Grn, ein Grau vorbeigesendet,<br />
+ein kleines kaum begonnenes Profil.<br />
+Und manchesmal ein Lcheln, hergewendet,<br />
+ein seliges, das blendet und verschwendet<br />
+an dieses atemlose blinde Spiel.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="SPANISCHE_TANZERIN" id="SPANISCHE_TANZERIN"></a>SPANISCHE TNZERIN<br />
+<br />
+<br />
+Wie in der Hand ein Schwefelzndholz, wei,<br />
+eh es zur Klamme kommt, nach allen Seiten<br />
+zuckende Zungen streckt&mdash;: beginnt im Kreis<br />
+naher Beschauer hastig, hell und hei<br />
+ihr runder Tanz sich zuckend auszubreiten.<br />
+<br />
+Und pltzlich ist er Flamme ganz und gar.<br />
+<br />
+Mit ihrem Blick entzndet sie ihr Haar<br />
+und dreht auf einmal mit gewagter Kunst<br />
+ihr ganzes Kleid in diese Feuersbrunst,<br />
+aus welcher sich, wie Schlangen, die erschrecken,<br />
+die nackten Arme wach und klappernd strecken.<br />
+<br />
+Und dann: als wrde ihr das Feuer knapp,<br />
+nimmt sie es ganz zusamm und wirft es ab<br />
+sehr herrisch, mit hochmtiger Gebrde<br />
+und schaut: da liegt es rasend auf der Erde<br />
+und flammt noch immer und ergibt sich nicht&mdash;.<br />
+Doch sieghaft, sicher und mit einem sen<br />
+grenden Lcheln hebt sie ihr Gesicht<br />
+und stampft es aus mit kleinen festen Fen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_TURM" id="DER_TURM"></a>DER TURM<br />
+<br />
+TOUR ST.-NICOLAS, FURNES<br />
+<br />
+<br />
+Erdinneres. Als wre dort, wohin<br />
+du blindlings steigst, erst Erdenoberflche,<br />
+zu der du steigst im schrgen Bett der Bche,<br />
+die langsam aus dem suchenden Gerinn<br />
+<br />
+der Dunkelheit entsprungen sind, durch die<br />
+sich dein Gesicht, wie auferstehend, drngt<br />
+und die du pltzlich <i>siehst</i>, als fiele sie<br />
+aus diesem Abgrund, der dich berhngt<br />
+<br />
+und den du, wie er riesig ber dir<br />
+sich umstrzt in dem dmmernden Gesthle,<br />
+erkennst, erschreckt und frchtend, im Gefhle:<br />
+o wenn er steigt, behngen wie ein Stier&mdash;:<br />
+<br />
+Da aber nimmt dich aus der engen Endung<br />
+windiges Licht. Fast fliegend siehst du hier<br />
+die Himmel wieder, Blendung ber Blendung,<br />
+und dort die Tiefen, wach und voll Verwendung,<br />
+<br />
+und kleine Tage wie bei Patenier,<br />
+gleichzeitige, mit Stunde neben Stunde,<br />
+durch die die Brcken springen wie die Hunde,<br />
+dem hellen Wege immer auf der Spur,<br />
+den unbeholfne Huser manchmal nur<br />
+verbergen, bis er ganz im Hintergrnde<br />
+beruhigt geht durch Buschwerk und Natur.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DER_PLATZ" id="DER_PLATZ"></a>DER PLATZ<br />
+<br />
+FURNES<br />
+<br />
+<br />
+Willkrlich von Gewesnem ausgeweitet:<br />
+von Wut und Aufruhr, von dem Kunterbunt,<br />
+das die Verurteilten zu Tod begleitet,<br />
+von Buden, von der Jahrmarktsrufer Mund,<br />
+und von dem Herzog, der vorberreitet,<br />
+und von dem Hochmut von Burgund,<br />
+<br />
+(auf allen Seiten Hintergrund):<br />
+<br />
+ladet der Platz zum Einzug seiner Weite<br />
+die fernen Fenster unaufhrlich ein,<br />
+whrend sich das Gefolge und Geleite<br />
+der Leere langsam an den Handelsreihn<br />
+<br />
+verteilt und ordnet. In die Giebel steigend,<br />
+wollen die kleinen Huser alles sehn,<br />
+die Trme voreinander scheu verschweigend,<br />
+die immer malos hinter ihnen stehn.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="QUAI_DU_ROSAIRE" id="QUAI_DU_ROSAIRE"></a>QUAI DU ROSAIRE<br />
+<br />
+BRGGE<br />
+<br />
+<br />
+Die Gassen haben einen sachten Gang<br />
+(wie manchmal Menschen gehen im Genesen<br />
+nachdenkend: was ist frher hier gewesen?)<br />
+und die an Pltze kommen, warten lang<br />
+<br />
+auf eine andre, die mit einem Schritt<br />
+ber das abendklare Wasser tritt,<br />
+darin, je mehr sich rings die Dinge mildern,<br />
+die eingehngte Welt von Spiegelbildern<br />
+so wirklich wird, wie diese Dinge nie.<br />
+<br />
+Verging nicht diese Stadt? Nun siehst du, wie<br />
+(nach einem unbegreiflichen Gesetz)<br />
+sie wach und deutlich wird im Umgestellten,<br />
+als wre dort das Leben nicht so selten;<br />
+dort hngen jetzt die Grten gro und gelten,<br />
+dort dreht sich pltzlich hinter schnell erhellten<br />
+Fenstern der Tanz in den Estaminets.<br />
+<br />
+Und oben blieb?&mdash;Die Stille nur, ich glaube,<br />
+und kostet langsam und von nichts gedrngt<br />
+Beere um Beere aus der sen Traube<br />
+des Glockenspiels, das in den Himmeln hngt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="BEGUINAGE" id="BEGUINAGE"></a>BGUINAGE<br />
+<br />
+BGUINAGE SAINTE-ELISABETH. BRGGE<br />
+<br />
+<br />
+I<br />
+<br />
+<br />
+Das hohe Tor scheint keine einzuhalten,<br />
+die Brcke geht gleich gerne hin und her,<br />
+und doch sind sicher alle in dem alten<br />
+offenen Ulmenhof und gehn nicht mehr<br />
+aus ihren Husern, als auf jenem Streifen<br />
+zur Kirche hin, um besser zu begreifen,<br />
+warum in ihnen so viel Liebe war.<br />
+<br />
+Dort knieen sie, verdeckt mit reinem Leinen<br />
+so gleich, als wre nur das Bild der einen<br />
+tausendmal im Choral, der tief und klar<br />
+zu Spiegeln wird an den verteilten Pfeilern;<br />
+und ihre Stimmen gehn den immer steilern<br />
+Gesang hinan und werfen sich von dort,<br />
+wo es nicht weitergeht, vom letzten Wort,<br />
+den Engeln zu, die sie nicht wiedergeben.<br />
+<br />
+Drum sind die unten, wenn sie sich erheben<br />
+und wenden, still. Drum reichen sie sich schweigend<br />
+mit einem Neigen, Zeigende zu zeigend<br />
+Empfangenden, geweihtes Wasser, das<br />
+die Stirnen khl macht und die Munde bla.<br />
+<br />
+Und gehen dann, verhangen und verhalten,<br />
+auf jenem Streifen wieder berquer&mdash;<br />
+die Jungen ruhig, ungewi die Alten<br />
+und eine Greisin, weilend, hinterher&mdash;<br />
+zu ihren Husern, die sie schnell verschweigen<br />
+und die sich durch die Ulmen hin von Zeit<br />
+zu Zeit ein wenig reine Einsamkeit,<br />
+in einer kleinen Scheibe schimmernd, zeigen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+II<br />
+<br />
+<br />
+Was aber spiegelt mit den tausend Scheiben<br />
+das Kirchenfenster in den Hof hinein,<br />
+darin sich Schweigen, Schein und Widerschein<br />
+vermischen, trinken, trben, bertreiben,<br />
+phantastisch alternd wie ein alter Wein?<br />
+<br />
+Dort legt sich, keiner wei von welcher Seite,<br />
+Auen auf Inneres und Ewigkeit<br />
+auf Immer-Hingehn, Weite ber Weite,<br />
+erblindend, finster, unbenutzt, verbleit.<br />
+<br />
+Dort bleibt, unter dem schwankenden Dekor<br />
+des Sommertags, das Graue alter Winter:<br />
+als stnde regungslos ein sanftgesinnter<br />
+langmtig lange Wartender dahinter<br />
+und eine weinend Wartende davor.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_MARIENPROZESSION" id="DIE_MARIENPROZESSION"></a>DIE MARIENPROZESSION<br />
+<br />
+GENT<br />
+<br />
+<br />
+Aus allen Trmen strzt sich, Flu um Flu,<br />
+hinwallendes Metall in solchen Massen,<br />
+als sollte drunten in der Form der Gassen<br />
+ein blanker Tag erstehn aus Bronzegu,<br />
+<br />
+an dessen Rand, gehmmert und erhaben,<br />
+zu sehen ist der buntgebundne Zug<br />
+der leichten Mdchen und der neuen Knaben,<br />
+und wie er Wellen schlug und trieb und trug,<br />
+hinabgehalten von dem ungewissen<br />
+Gewicht der Fahnen und von Hindernissen<br />
+gehemmt, unsichtbar wie die Hand des Herrn;<br />
+<br />
+und drben pltzlich beinah mitgerissen<br />
+vom Aufstieg aufgescheuchter Rucherbecken,<br />
+die fliegend, alle sieben, wie im Schrecken<br />
+an ihren Silberketten zerrn.<br />
+<br />
+Die Bschung Schauender umschliet die Schiene,<br />
+in der das alles stockt und rauscht und rollt:<br />
+das Kommende, das Chryselephantine,<br />
+aus dem sich zu Balkonen Baldachine<br />
+aufbumen, schwankend im Behang von Gold.<br />
+<br />
+Und sie erkennen ber all dem Weien,<br />
+getragen und im spanischen Gewand,<br />
+das alte Standbild mit dem kleinen heien<br />
+Gesichte und dem Kinde auf der Hand<br />
+und knieen hin, je mehr es naht und naht,<br />
+in seiner Krone ahnungslos veraltend<br />
+und immer noch das Segnen hlzern haltend<br />
+aus dem sich gro gebrdenden Brokat.<br />
+<br />
+Da aber, wie es an den Hingeknieten<br />
+vorberkommt, die scheu von unten schaun,<br />
+da scheint es seinen Trgern zu gebieten<br />
+mit einem Hochziehn seiner Augenbraun,<br />
+hochmtig, ungehalten und bestimmt:<br />
+so da sie staunen, stehn und berlegen<br />
+und schlielich zgernd gehn. Sie aber nimmt<br />
+<br />
+in sich die Schritte dieses ganzen Stromes<br />
+und geht, allein, wie auf erkannten Wegen<br />
+dem Glockendonnern des grooffnen Domes<br />
+auf hundert Schultern frauenhaft entgegen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_INSEL" id="DIE_INSEL"></a>DIE INSEL<br />
+<br />
+NORDSEE<br />
+<br />
+<br />
+I<br />
+<br />
+<br />
+Die nchste Flut verwischt den Weg im Watt,<br />
+und alles wird auf allen Seiten gleich;<br />
+die kleine Insel drauen aber hat<br />
+die Augen zu; verwirrend kreist der Deich<br />
+<br />
+um ihre Wohner, die in einen Schlaf<br />
+geboren werden, drin sie viele Welten<br />
+verwechseln schweigend; denn sie reden selten,<br />
+und jeder Satz ist wie ein Epitaph<br />
+<br />
+fr etwas Angeschwemmtes, Unbekanntes,<br />
+das unerklrt zu ihnen kommt und bleibt.<br />
+Und so ist alles, was ihr Blick beschreibt,<br />
+<br />
+von Kindheit an: nicht auf sie Angewandtes,<br />
+zu Groes, Rcksichtsloses, Hergesandtes,<br />
+das ihre Einsamkeit noch bertreibt.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+II<br />
+<br />
+<br />
+Als lge er in einem Kraterkreise<br />
+auf einem Mond: ist jeder Hof umdmmt,<br />
+und drin die Grten sind auf gleiche Weise<br />
+gekleidet und wie Waisen gleich gekmmt<br />
+<br />
+von jenem Sturm, der sie so rauh erzieht<br />
+und tagelang sie bange macht mit Toden.<br />
+Dann sitzt man in den Husern drin und sieht<br />
+in schiefen Spiegeln, was auf den Kommoden<br />
+<br />
+Seltsames steht. Und einer von den Shnen<br />
+tritt abends vor die Tr und zieht ein Tnen<br />
+aus der Harmonika wie Weinen weich;<br />
+<br />
+so hrte ers in einem fremden Hafen&mdash;.<br />
+Und drauen formt sich eines von den Schafen<br />
+ganz gro, fast drohend, auf dem Auendeich.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+III<br />
+<br />
+<br />
+Nah ist nur Innres; alles andre fern.<br />
+Und dieses Innere gedrngt und tglich<br />
+mit allem berfllt und ganz unsglich.<br />
+Die Insel ist wie ein zu kleiner Stern,<br />
+<br />
+welchen der Raum nicht merkt und stumm zerstrt<br />
+in seinem unbewuten Furchtbarsein,<br />
+so da er, unerhellt und berhrt,<br />
+allein,<br />
+<br />
+damit dies alles doch ein Ende nehme,<br />
+dunkel auf einer selbsterfundnen Bahn<br />
+versucht zu gehen, blindlings, nicht im Plan<br />
+der Wandelsterne, Sonnen und Systeme.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="HETARENGRABER" id="HETARENGRABER"></a>HETRENGRBER<br />
+<br />
+<br />
+In ihren langen Haaren liegen sie<br />
+mit braunen, tief in sich gegangenen Gesichtern.<br />
+Die Augen zu wie vor zu vieler Ferne.<br />
+Skelette, Munde, Blumen. In den Munden<br />
+die glatten Zhne wie ein Reiseschachspiel<br />
+aus Elfenbein in Reihen aufgestellt.<br />
+Und Blumen, gelbe Perlen, schlanke Knochen,<br />
+Hnde und Hemden, welkende Gewebe<br />
+ber dem eingestrzten Herzen. Aber<br />
+dort unter jenen Ringen, Talismanen<br />
+und augenblauen Steinen (Lieblings-Angedenken)<br />
+steht noch die stille Krypta des Geschlechtes,<br />
+bis an die Wlbung voll mit Blumenblttern.<br />
+Und wieder gelbe Perlen, weitverrollte,&mdash;<br />
+Schalen gebrannten Tones, deren Bug<br />
+ihr eignes Bild geziert hat, grne Scherben<br />
+von Salbenvasen, die wie Blumen duften,<br />
+und Formen kleiner Gtter: Hausaltre,<br />
+Hetrenhimmel mit entzckten Gttern.<br />
+Gesprengte Grtel, flache Skaraben,<br />
+kleine Figuren riesigen Geschlechtes,<br />
+ein Mund, der lacht, und Tanzende und Lufer,<br />
+goldene Fibeln, kleinen Bogen hnlich<br />
+zur Jagd auf Tier- und Vogelamulette,<br />
+und lange Nadeln, zieres Hausgerte<br />
+und eine runde Scherbe roten Grundes,<br />
+darauf, wie eines Eingangs schwarze Aufschrift,<br />
+die straffen Beine eines Viergespannes.<br />
+Und wieder Blumen, Perlen, die verrollt sind,<br />
+die hellen Lenden einer kleinen Leier,<br />
+und zwischen Schleiern, die gleich Nebeln fallen,<br />
+wie ausgekrochen aus des Schuhes Puppe:<br />
+des Fugelenkes leichter Schmetterling.<br />
+<br />
+So liegen sie mit Dingen angefllt,<br />
+kostbaren Dingen, Steinen, Spielzeug, Hausrat,<br />
+zerschlagnem Tand (was alles in sie abfiel),<br />
+und dunkeln wie der Grund von einem Flu.<br />
+<br />
+Flubetten waren sie,<br />
+darber hin in kurzen schnellen Wellen<br />
+(die weiter wollten zu dem nchsten Leben)<br />
+die Leiber vieler Jnglinge sich strzten<br />
+und in denen der Mnner Strme rauschten.<br />
+Und manchmal brachen Knaben aus den Bergen<br />
+der Kindheit, kamen zagen Falles nieder<br />
+und spielten mit den Dingen auf dem Grunde,<br />
+bis das Geflle ihr Gefhl ergriff:<br />
+<br />
+Dann fllten sie mit flachem klaren Wasser<br />
+die ganze Breite dieses breiten Weges<br />
+und trieben Wirbel an den tiefen Stellen;<br />
+und spiegelten zum erstenmal die Ufer<br />
+und ferne Vogelrufe, whrend hoch<br />
+die Sternennchte eines sen Landes<br />
+in Himmel wuchsen, die sich nirgends schlossen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="ORPHEUS_EURYDIKE_HERMES" id="ORPHEUS_EURYDIKE_HERMES"></a>ORPHEUS. EURYDIKE. HERMES<br />
+<br />
+<br />
+Das war der Seelen wunderliches Bergwerk.<br />
+Wie stille Silbererze gingen sie<br />
+als Adern durch sein Dunkel. Zwischen Wurzeln<br />
+entsprang das Blut, das fortgeht zu den Menschen,<br />
+und schwer wie Porphyr sah es aus im Dunkel.<br />
+Sonst war nichts Rotes.<br />
+<br />
+Felsen war da<br />
+und wesenlose Wlder. Brcken ber Leeres<br />
+und jener groe, graue, blinde Teich,<br />
+der ber seinem fernen Grunde hing<br />
+wie Regenhimmel ber einer Landschaft.<br />
+Und zwischen Wiesen, sanft und voller Langmut,<br />
+erschien des einen Weges blasser Streifen<br />
+wie eine lange Bleiche hingelegt.<br />
+<br />
+Und dieses einen Weges kamen sie.<br />
+<br />
+Voran der schlanke Mann im blauen Mantel,<br />
+der stumm und ungeduldig vor sich aussah.<br />
+Ohne zu kauen fra sein Schritt den Weg<br />
+in groen Bissen; seine Hnde hingen<br />
+schwer und verschlossen aus dem Fall der Falten<br />
+und wuten nicht mehr von der leichten Leier,<br />
+die in die Linke eingewachsen war<br />
+wie Rosenranken in den Ast des lbaums.<br />
+Und seine Sinne waren wie entzweit:<br />
+<br />
+indes der Blick ihm wie ein Hund vorauslief,<br />
+umkehrte, kam und immer wieder weit<br />
+und wartend an der nchsten Wendung stand,&mdash;<br />
+blieb sein Gehr wie ein Geruch zurck.<br />
+Manchmal erschien es ihm, als reichte es<br />
+bis an das Gehen jener beiden andern,<br />
+die folgen sollten diesen ganzen Aufstieg.<br />
+Dann wieder wars nur seines Steigens Nachklang<br />
+und seines Mantels Wind, was hinter ihm war.<br />
+Er aber sagte sich, sie kmen doch;<br />
+sagte es laut und hrte sich verhallen.<br />
+Sie kmen doch, nur wrens zwei,<br />
+die furchtbar leise gingen. Drfte er<br />
+sich einmal wenden (wre das Zurckschaun<br />
+nicht die Zersetzung dieses ganzen Werkes,<br />
+das erst vollbracht wird), mte er sie sehen,<br />
+die beiden Leisen, die ihm schweigend nachgehn:<br />
+<br />
+den Gott des Ganges und der weiten Botschaft,<br />
+die Reischaube ber hellen Augen,<br />
+den schlanken Stab hertragend vor dem Leibe<br />
+und flgelschlagend an den Fugelenken;<br />
+und seiner linken Hand gegeben: <i>sie</i>.<br />
+Die So-geliebte, da aus einer Leier<br />
+mehr Klage kam als je aus Klagefrauen;<br />
+da eine Welt aus Klage ward, in der<br />
+alles noch einmal da war: Wald und Tal<br />
+und Weg und Ortschaft, Feld und Flu und Tier;<br />
+und da um diese Klage-Welt ganz so<br />
+wie um die andre Erde eine Sonne<br />
+und ein gestirnter stiller Himmel ging,<br />
+ein Klage-Himmel mit entstellten Sternen&mdash;:<br />
+diese So-geliebte.<br />
+<br />
+Sie aber ging an jenes Gottes Hand,<br />
+den Schritt beschrnkt von langen Leichenbndern,<br />
+unsicher, sanft und ohne Ungeduld.<br />
+Sie war in sich wie eine hoher Hoffnung<br />
+und dachte nicht des Mannes, der voranging,<br />
+und nicht des Weges, der ins Leben aufstieg.<br />
+Sie war in sich. Und ihr Gestorbensein<br />
+erfllte sie wie Flle.<br />
+Wie eine Frucht von Sigkeit und Dunkel,<br />
+so war sie voll von ihrem groen Tode,<br />
+der also neu war, da sie nichts begriff.<br />
+<br />
+Sie war in einem neuen Mdchentum<br />
+und unberhrbar; ihr Geschlecht war zu<br />
+wie eine junge Blume gegen Abend,<br />
+und ihre Hnde waren der Vermhlung<br />
+so sehr entwhnt, da selbst des leichten Gottes<br />
+unendlich leise leitende Berhrung<br />
+sie krnkte wie zu sehr Vertraulichkeit.<br />
+<br />
+Sie war schon nicht mehr diese blonde Frau,<br />
+die in des Dichters Liedern manchmal anklang,<br />
+nicht mehr des breiten Bettes Duft und Eiland<br />
+und jenes Mannes Eigentum nicht mehr.<br />
+Sie war schon aufgelst wie langes Haar<br />
+und hingegeben wie gefallner Regen<br />
+und ausgeteilt wie hundertfacher Vorrat.<br />
+<br />
+Sie war schon Wurzel.<br />
+Und als pltzlich jh<br />
+der Gott sie anhielt und mit Schmerz im Ausruf<br />
+die Worte sprach: Er hat sich umgewendet<br />
+begriff sie nichts und sagte leise: Wer?<br />
+<br />
+Fern aber, dunkel vor dem klaren Ausgang,<br />
+stand irgend jemand, dessen Angesicht<br />
+nicht zu erkennen war. Er stand und sah,<br />
+wie auf dem Streifen eines Wiesenpfades<br />
+mit trauervollem Blick der Gott der Botschaft<br />
+sich schweigend wandte, der Gestalt zu folgen,<br />
+die schon zurckging dieses selben Weges,<br />
+den Schritt beschrnkt von langen Leichenbndern,<br />
+unsicher, sanft und ohne Ungeduld.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="ALKESTIS" id="ALKESTIS"></a>ALKESTIS<br />
+<br />
+<br />
+Da pltzlich war der Bote unter ihnen,<br />
+hineingeworfen in das berkochen<br />
+des Hochzeitsmahles wie ein neuer Zusatz.<br />
+Sie fhlten nicht, die Trinkenden, des Gottes<br />
+heimlichen Eintritt, welcher seine Gottheit<br />
+so an sich hielt wie einen nassen Mantel<br />
+und ihrer einer schien, der oder jener,<br />
+wie er so durchging. Aber pltzlich sah<br />
+mitten im Sprechen einer von den Gsten<br />
+den jungen Hausherrn oben an dem Tische<br />
+wie in die Hh gerissen, nicht mehr liegend<br />
+und berall und mit dem ganzen Wesen<br />
+ein Fremdes spiegelnd, das ihn furchtbar ansprach.<br />
+Und gleich darauf, als klrte sich die Mischung,<br />
+war Stille; nur mit einem Satz am Boden<br />
+von trbem Lrm und einem Niederschlag<br />
+fallenden Lallens, schon verdorben riechend<br />
+nach dumpfem umgestandenen Gelchter.<br />
+Und da erkannten sie den schlanken Gott,<br />
+und wie er dastand, innerlich voll Sendung<br />
+und unerbittlich,&mdash;wuten sie es beinah.<br />
+Und doch, als es gesagt war, war es mehr<br />
+als alles Wissen, gar nicht zu begreifen.<br />
+Admet mu sterben. Wann? In dieser Stunde.<br />
+<br />
+Der aber brach die Schale seines Schreckens<br />
+in Stcken ab und streckte seine Hnde<br />
+heraus aus ihr, um mit dem Gott zu handeln.<br />
+Um Jahre, um ein einzig Jahr noch Jugend,<br />
+um Monate, um Wochen, um paar Tage,<br />
+ach, Tage nicht, um Nchte, nur um eine,<br />
+um eine Nacht, um diese nur: um die.<br />
+Der Gott verneinte, und da schrie er auf<br />
+und schrie's hinaus und hielt es nicht und schrie,<br />
+wie seine Mutter aufschrie beim Gebren.<br />
+<br />
+Und die trat zu ihm, eine alte Frau,<br />
+und auch der Vater kam, der alte Vater,<br />
+und beide standen, alt, veraltet, ratlos,<br />
+beim Schreienden, der pltzlich, wie noch nie<br />
+so nah, sie ansah, abbrach, schluckte, sagte:<br />
+Vater,<br />
+liegt dir denn viel daran an diesem Rest,<br />
+an diesem Satz, der dich beim Schlingen hindert?<br />
+Geh, gie ihn weg. Und du, du alte Frau,<br />
+Matrone,<br />
+was tust du denn noch hier: du hast geboren.<br />
+Und beide hielt er sie wie Opfertiere<br />
+in einem Griff. Auf einmal lie er los<br />
+und stie die Alten fort, voll Einfall, strahlend<br />
+und atemholend, rufend: Kreon, Kreon!<br />
+Und nichts als das; und nichts als diesen Namen.<br />
+Aber in seinem Antlitz stand das andere,<br />
+das er nicht sagte, namenlos erwartend,<br />
+wie ers dem jungen Freunde, dem Geliebten,<br />
+erglhend hinhielt bern wirren Tisch.<br />
+<br />
+Die Alten (stand da), siehst du, sind kein Loskauf,<br />
+sie sind verbraucht und schlecht und beinah wertlos,<br />
+du aber, du, in deiner ganzen Schnheit&mdash;<br />
+<br />
+Da aber sah er seinen Freund nicht mehr.<br />
+Er blieb zurck, und das, was kam, war sie,<br />
+ein wenig kleiner fast, als er sie kannte,<br />
+und leicht und traurig in dem bleichen Brautkleid.<br />
+Die andern alle sind nur ihre Gasse,<br />
+durch die sie kommt und kommt&mdash;: (gleich wird sie da sein<br />
+in seinen Armen, die sich schmerzhaft auftun).<br />
+Doch wie er wartet, spricht sie; nicht zu ihm.<br />
+Sie spricht zum Gotte, und der Gott vernimmt sie,<br />
+und alle hrens gleichsam erst im Gotte:<br />
+<br />
+Ersatz kann keiner fr ihn sein. Ich bins.<br />
+Ich bin Ersatz. Denn keiner ist zu Ende,<br />
+wie ich es bin. Was bleibt mir denn von dem,<br />
+was ich hier war? Das <i>ists</i> ja, da ich sterbe.<br />
+Hat sie dirs nicht gesagt, da sie dirs auftrug,<br />
+da jenes Lager, das da drinnen wartet,<br />
+zur Unterwelt gehrt? Ich nahm ja Abschied.<br />
+Abschied ber Abschied.<br />
+Kein Sterbender nimmt mehr davon. Ich ging ja,<br />
+damit das alles, unter dem begraben,<br />
+der jetzt mein Gatte ist, zergeht, sich auflst&mdash;.<br />
+So fr mich hin: ich sterbe ja fr ihn.<br />
+<br />
+Und wie der Wind auf hoher See, der umspringt,<br />
+so trat der Gott fast wie zu einer Toten<br />
+und war auf einmal weit von ihrem Gatten,<br />
+dem er, versteckt in einem kleinen Zeichen,<br />
+die hundert Leben dieser Erde zuwarf.<br />
+Der strzte taumelnd zu den beiden hin<br />
+und griff nach ihnen wie im Traum. Sie gingen<br />
+schon auf den Eingang zu, in dem die Frauen<br />
+verweint sich drngten. Aber einmal sah<br />
+er noch des Mdchens Antlitz, das sich wandte<br />
+mit einem Lcheln, hell wie eine Hoffnung,<br />
+die beinah ein Versprechen war: erwachsen<br />
+zurckzukommen aus dem tiefen Tode<br />
+zu ihm, dem Lebenden&mdash;<br />
+<br />
+Da schlug er jh<br />
+die Hnde vors Gesicht, wie er so kniete,<br />
+um nichts zu sehen mehr nach diesem Lcheln.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="GEBURT_DER_VENUS" id="GEBURT_DER_VENUS"></a>GEBURT DER VENUS<br />
+<br />
+<br />
+An diesem Morgen nach der Nacht, die bang<br />
+vergangen war mit Rufen, Unruh, Aufruhr,&mdash;<br />
+brach alles Meer noch einmal auf und schrie.<br />
+Und als der Schrei sich langsam wieder schlo<br />
+und von der Himmel blassem Tag und Anfang<br />
+herabfiel in der stummen Fische Abgrund&mdash;:<br />
+gebar das Meer.<br />
+<br />
+Von erster Sonne schimmerte der Haarschaum<br />
+der weiten Wogenscham, an deren Rand<br />
+das Mdchen aufstand, wei, verwirrt und feucht.<br />
+So wie ein junges grnes Blatt sich rhrt,<br />
+sich reckt und Eingerolltes langsam aufschlgt,<br />
+entfaltete ihr Leib sich in die Khle<br />
+hinein und in den unberhrten Frhwind.<br />
+<br />
+Wie Monde stiegen klar die Kniee auf<br />
+und tauchten in der Schenkel Wolkenrnder;<br />
+der Waden schmaler Schatten wich zurck,<br />
+die Fe spannten sich und wurden licht,<br />
+und die Gelenke lebten wie die Kehlen<br />
+von Trinkenden.<br />
+<br />
+Und in dem Kelch des Beckens lag der Leib<br />
+wie eine junge Frucht in eines Kindes Hand.<br />
+In seines Nabels engem Becher war<br />
+das ganze Dunkel dieses hellen Lebens.<br />
+<br />
+Darunter hob sich licht die kleine Welle<br />
+und flo bestndig ber nach den Lenden,<br />
+wo dann und wann ein stilles Rieseln war.<br />
+Durchschienen aber und noch ohne Schatten,<br />
+wie ein Bestand von Birken im April,<br />
+warm, leer und unverborgen lag die Scham.<br />
+<br />
+Jetzt stand der Schultern rege Wage schon<br />
+im Gleichgewichte auf dem graden Krper,<br />
+der aus dem Becken wie ein Springbrunn aufstieg<br />
+und zgernd in den langen Armen abfiel<br />
+und rascher in dem vollen Kall des Haars.<br />
+<br />
+Dann ging sehr langsam das Gesicht vorbei:<br />
+aus dem verkrzten Dunkel seiner Neigung<br />
+in klares, wagrechtes Erhobensein.<br />
+Und hinter ihm verschlo sich steil das Kinn.<br />
+<br />
+Jetzt, da der Hals gestreckt war wie ein Strahl<br />
+und wie ein Blumenstiel, darin der Saft steigt,<br />
+streckten sich auch die Arme aus wie Hlse<br />
+von Schwnen, wenn sie nach dem Ufer suchen.<br />
+<br />
+Dann kam in dieses Leibes dunkle Frhe<br />
+wie Morgenwind der erste Atemzug.<br />
+Im zartesten Gest der Aderbume<br />
+entstand ein Flstern, und das Blut begann<br />
+zu rauschen ber seinen tiefen Stellen.<br />
+Und dieser Wind wuchs an: nun warf er sich<br />
+mit allem Atem in die neuen Brste<br />
+und fllte sie und drckte sich in sie,&mdash;<br />
+da sie wie Segel, von der Ferne voll,<br />
+das leichte Mdchen nach dem Strande drngten.<br />
+<br />
+So landete die Gttin.<br />
+<br />
+Hinter ihr,<br />
+die rasch dahinschritt durch die jungen Ufer,<br />
+erhoben sich den ganzen Vormittag<br />
+die Blumen und die Halme, warm, verwirrt<br />
+wie aus Umarmung. Und sie ging und lief.<br />
+<br />
+Am Mittag aber, in der schwersten Stunde,<br />
+hob sich das Meer noch einmal auf und warf<br />
+einen Delphin an jene selbe Stelle.<br />
+Tot, rot und offen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="DIE_ROSENSCHALE" id="DIE_ROSENSCHALE"></a>DIE ROSENSCHALE<br />
+<br />
+<br />
+Zornige sahst du flackern, sahst zwei Knaben<br />
+zu einem Etwas sich zusammenballen,<br />
+das Ha war und sich auf der Erde wlzte<br />
+wie ein von Bienen berfallnes Tier;<br />
+Schauspieler, aufgetrmte bertreiber,<br />
+rasende Pferde, die zusammenbrachen,<br />
+den Blick wegwerfend, blkend das Gebi,<br />
+als schlte sich der Schdel aus dem Maule.<br />
+<br />
+Nun aber weit du, wie sich das vergit:<br />
+denn vor dir steht die volle Rosenschale,<br />
+die unvergelich ist und angefllt<br />
+mit jenem uersten von Sein und Neigen,<br />
+Hinhalten, Niemals-Gebenknnen, Dastehn,<br />
+das unser sein mag: uerstes auch uns.<br />
+<br />
+Lautloses Leben, Aufgehn ohne Ende,<br />
+Raum-brauchen, ohne Raum von jenem Raum<br />
+zu nehmen, den die Dinge rings verringern,<br />
+fast nicht Umrissen-sein wie Ausgespartes<br />
+und lauter Inneres, viel seltsam Zartes<br />
+und Sich-bescheinendes bis an den Rand:<br />
+ist irgend etwas uns bekannt wie dies?<br />
+Und dann wie dies: da ein Gefhl entsteht,<br />
+weil Bltenbltter Bltenbltter rhren?<br />
+<br />
+Und dies: da eins sich aufschlgt wie ein Lid,<br />
+und drunter liegen lauter Augenlider,<br />
+geschlossene, als ob sie zehnfach schlafend<br />
+zu dmpfen htten eines Innern Sehkraft.<br />
+Und dies vor allem: da durch diese Bltter<br />
+das Licht hindurch mu. Aus den tausend Himmeln<br />
+filtern sie langsam jeden Tropfen Dunkel,<br />
+in dessen Feuerschein das wirre Bndel<br />
+der Staubgele sich erregt und aufbumt.<br />
+<br />
+Und die Bewegung in den Rosen, sieh:<br />
+Gebrden von so kleinem Ausschlagswinkel,<br />
+da sie unsichtbar blieben, liefen ihre<br />
+Strahlen nicht auseinander in das Weltall.<br />
+<br />
+Sieh jene weie, die sich selig aufschlug<br />
+und dasteht in den groen offnen Blttern<br />
+wie eine Venus aufrecht in der Muschel;<br />
+und die errtende, die wie verwirrt<br />
+nach einer khlen sich hinberwendet,<br />
+und wie die khle fhllos sich zurckzieht,<br />
+und wie die kalte steht, in sich gehllt,<br />
+unter den offenen, die alles abtun.<br />
+Und <i>was</i> sie abtun, wie das leicht und schwer,<br />
+wie es ein Mantel, eine Last, ein Flgel<br />
+und eine Maske sein kann, je nachdem,<br />
+und <i>wie</i> sie's abtun: wie vor dem Geliebten.<br />
+<br />
+Was knnen sie nicht sein: war jene gelbe,<br />
+die hohl und offen daliegt, nicht die Schale<br />
+von einer Frucht, darin dasselbe Gelb,<br />
+gesammelter, orangerter, Saft war?<br />
+Und wars fr diese schon zu viel, das Aufgehn,<br />
+weil an der Luft ihr namenloses Rosa<br />
+den bittern Nachgeschmack des Lila annahm?<br />
+Und die batistene, ist sie kein Kleid,<br />
+in dem noch zart und atemwarm das Hemd steckt,<br />
+mit dem zugleich es abgeworfen wurde<br />
+im Morgenschatten an dem alten Waldbad?<br />
+Und dieses hier, opalnes Porzellan,<br />
+zerbrechlich, eine flache Chinatasse<br />
+und angefllt mit kleinen hellen Faltern,&mdash;<br />
+und jene da, die nichts enthlt als sich?<br />
+<br />
+Und sind nicht alle so, nur sich enthaltend,<br />
+wenn Sich-enthalten heit: die Welt da drauen<br />
+und Wind und Regen und Geduld des Frhlings<br />
+und Schuld und Unruh und vermummtes Schicksal<br />
+und Dunkelheit der abendlichen Erde<br />
+bis auf der Wolken Wandel, Flucht und Anflug,<br />
+bis auf den vagen Einflu ferner Sterne<br />
+in eine Hand voll Innres zu verwandeln?<br />
+<br />
+Nun liegt es sorglos in den offnen Rosen.<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<br />
+<a name="INHALT" id="INHALT"></a>INHALT<br />
+<br />
+<br />
+<a href="#FRUHER_APOLLO">Frher Apollo</a><br />
+<a href="#MADCHENKLAGE">Mdchenklage</a><br />
+<a href="#LIEBESLIED">Liebeslied</a><br />
+<a href="#ERANNA_AN_SAPPHO">Eranna an Sappho</a><br />
+<a href="#SAPPHO_AN_ERANNA">Sappho an Eranna</a><br />
+<a href="#SAPPHO_AN_ALKAIOS">Sappho an Alkaos</a> (Fragment)<br />
+<a href="#GRABMAL_EINES_JUNGEN_MADCHENS">Grabmal eines jungen Mdchens</a><br />
+<a href="#OPFER">Opfer</a><br />
+<a href="#OSTLICHES_TAGLIED">stliches Taglied</a><br />
+<a href="#ABISAG">Abisag</a><br />
+<a href="#DAVID_SINGT_VOR_SAUL">David singt vor Saul</a><br />
+<a href="#JOSUAS_LANDTAG">Josuas Landtag</a><br />
+<a href="#DER_AUSZUG_DES_VERLORENEN_SOHNES">Der Auszug des verlorenen Sohnes</a><br />
+<a href="#DER_OLBAUMGARTEN">Der lbaumgarten</a><br />
+<a href="#PIETA">Piet</a><br />
+<a href="#GESANG_DER_FRAUEN_AN_DEN_DICHTER">Gesang der Frauen an den Dichter</a><br />
+<a href="#DER_TOD_DES_DICHTERS">Der Tod des Dichters</a><br />
+<a href="#BUDDHA">Buddha</a><br />
+<a href="#LANGE_DU_MERIDIEN">L'Ange du Mridien</a> (Chartres)<br />
+<a href="#DIE_KATHEDRALE">Die Kathedrale</a><br />
+<a href="#DAS_PORTAL">Das Portal</a><br />
+<a href="#DIE_FENSTERROSE">Die Fensterrose</a><br />
+<a href="#DAS_KAPITAL">Das Kapitl</a><br />
+<a href="#GOTT_IM_MITTELALTER">Gott im Mittelalter</a><br />
+<a href="#MORGUE">Morgue</a><br />
+<a href="#DER_GEFANGENE">Der Gefangene</a><br />
+<a href="#DER_PANTHER">Der Panther</a> (Im Jardin des Plantes, Paris)<br />
+<a href="#DIE_GAZELLE">Die Gazelle</a> (Antilope dorcas)<br />
+<a href="#DAS_EINHORN">Das Einhorn</a><br />
+<a href="#SANKT_SEBASTIAN">Sankt Sebastian</a><br />
+<a href="#DER_STIFTER">Der Stifter</a><br />
+<a href="#DER_ENGEL">Der Engel</a><br />
+<a href="#ROMISCHE_SARKOPHAGE">Rmische Sarkophage</a><br />
+<a href="#DER_SCHWAN">Der Schwan</a><br />
+<a href="#KINDHEIT">Kindheit</a><br />
+<a href="#DER_DICHTER">Der Dichter</a><br />
+<a href="#DIE_SPITZE">Die Spitze</a><br />
+<a href="#EIN_FRAUENSCHICKSAL">Ein Frauenschicksal</a><br />
+<a href="#DIE_GENESENDE">Die Genesende</a><br />
+<a href="#DIE_ERWACHSENE">Die Erwachsene</a><br />
+<a href="#TANAGRA">Tanagra</a><br />
+<a href="#DIE_ERBLINDENDE">Die Erblindende</a><br />
+<a href="#IN_EINEM_FREMDEN_PARK">In einem fremden Park</a> (Borgeby-Grd)<br />
+<a href="#ABSCHIED">Abschied</a><br />
+<a href="#TODESERFAHRUNG">Todeserfahrung</a><br />
+<a href="#BLAUE_HORTENSIE">Blaue Hortensie</a><br />
+<a href="#VOR_DEM_SOMMERREGEN">Vor dem Sommerregen</a><br />
+<a href="#IM_SAAL">Im Saal</a><br />
+<a href="#LETZTER_ABEND">Letzter Abend</a> (Aus dem Besitze Frau Nonnas)<br />
+<a href="#JUGENDBILDNIS_MEINES_VATERS">Jugendbildnis meines Vaters</a><br />
+<a href="#SELBSTBILDNIS_AUS_DEM_JAHRE_1906">Selbstbildnis aus dem Jahre 1906</a><br />
+<a href="#DER_KONIG">Der Knig</a><br />
+<a href="#AUFERSTEHUNG">Auferstehung</a><br />
+<a href="#DER_FAHNENTRAGER">Der Fahnentrger</a><br />
+<a href="#DER_LETZTE_GRAF_VON_BREDERODE">Der letzte Graf von Brederode entzieht sich trkischer Gefangenschaft</a><br />
+<a href="#DIE_KURTISANE">Die Kurtisane</a><br />
+<a href="#DIE_TREPPE_DER_ORANGERIE">Die Treppe der Orangerie</a> (Versailles)<br />
+<a href="#DER_MARMORKARREN">Der Marmorkarren</a> (Paris)<br />
+<a href="#BUDDHA_II">Buddha</a><br />
+<a href="#ROMISCHE_FONTANE">Rmische Fontne</a> (Borghese)<br />
+<a href="#DAS_KARUSSELL">Das Karussell</a> (Jardin du Luxembourg)<br />
+<a href="#SPANISCHE_TANZERIN">Spanische Tnzerin</a><br />
+<a href="#DER_TURM">Der Turm</a> (Tour St.-Nicolas, Furnes)<br />
+<a href="#DER_PLATZ">Der Platz</a> (Furnes)<br />
+<a href="#QUAI_DU_ROSAIRE">Quai du Rosaire</a> (Brgge)<br />
+<a href="#BEGUINAGE">Bguinage</a> (Bguinage Sainte-Elisabeth, Brgge)<br />
+<a href="#DIE_MARIENPROZESSION">Die Marienprozession</a> (Gent)<br />
+<a href="#DIE_INSEL">Die Insel</a> (Nordsee)<br />
+<a href="#HETARENGRABER">Hetrengrber</a><br />
+<a href="#ORPHEUS_EURYDIKE_HERMES">Orpheus. Eurydike. Hermes</a><br />
+<a href="#ALKESTIS">Alkestis</a><br />
+<a href="#GEBURT_DER_VENUS">Geburt der Venus</a><br />
+<a href="#DIE_ROSENSCHALE">Die Rosenschale</a><br />
+</p>
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Neue Gedichte, by Rainer Maria Rilke
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NEUE GEDICHTE ***
+
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+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
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+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+</pre>
+
+</body>
+</html>