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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:00:22 -0700 |
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Wie soll ich sie +hinheben über dich zu andern Dingen? +Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas +Verlorenem im Dunkel unterbringen +an einer fremden stillen Stelle, die +nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen. +Doch alles, was uns anrührt, dich und mich, +nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich, +der aus zwei Saiten _eine_ Stimme zieht. +Auf welches Instrument sind wir gespannt? +Und welcher Spieler hat uns in der Hand? +O süßes Lied. + + + + +ERANNA AN SAPPHO + + +O du wilde weite Werferin: +Wie ein Speer bei andern Dingen +lag ich bei den Meinen. Dein Erklingen +warf mich weit. Ich weiß nicht, wo ich bin. +Mich kann keiner wiederbringen. + +Meine Schwestern denken mich und weben, +und das Haus ist voll vertrauter Schritte. +Ich allein bin fern und fortgegeben, +und ich zittere wie eine Bitte; +denn die schöne Göttin in der Mitte +ihrer Mythen glüht und lebt mein Leben. + + + + +SAPPHO AN ERANNA + + +Unruh will ich über dich bringen, +schwingen will ich dich, umrankter Stab. +Wie das Sterben will ich dich durchdringen +und dich weitergeben wie das Grab +an das Alles: allen diesen Dingen. + + + + +SAPPHO AN ALKAÏOS + +FRAGMENT + + +Und was hättest du mir denn zu sagen, +und was gehst du meine Seele an, +wenn sich deine Augen niederschlagen +vor dem nahen Nichtgesagten? Mann, + +sieh, uns hat das Sagen dieser Dinge +hingerissen und bis in den Ruhm. +Wenn ich denke: unter euch verginge +dürftig unser süßes Mädchentum, + +welches wir, ich Wissende und jene +mit mir Wissenden, vom Gott bewacht, +trugen unberührt, daß Mytilene +wie ein Apfelgarten in der Nacht +duftete vom Wachsen unsrer Brüste--. + +Ja, auch dieser Brüste, die du nicht +wähltest wie zu Fruchtgewinden, Freier +mit dem weggesenkten Angesicht. +Geh und laß mich, daß zu meiner Leier +komme, was du abhältst: alles steht. + +Dieser Gott ist nicht der Beistand zweier, +aber wenn er durch den einen geht + + + + +GRABMAL EINES JUNGEN MÄDCHENS + + +Wir gedenkens noch. Das ist, als müßte +alles dieses einmal wieder sein. +Wie ein Baum an der Limonenküste +trugst du deine kleinen leichten Brüste +in das Rauschen seines Bluts hinein: + +--jenes Gottes. + Und es war der schlanke +Flüchtling, der Verwöhnende der Fraun. +Süß und glühend, warm wie dein Gedanke, +überschattend deine frühe Flanke +und geneigt wie deine Augenbraun. + + + + +OPFER + + +O wie blüht mein Leib aus jeder Ader +duftender, seitdem ich dich erkenn; +sieh, ich gehe schlanker und gerader, +und du wartest nur--: wer bist du denn? + +Sieh: ich fühle, wie ich mich entferne, +wie ich Altes, Blatt um Blatt, verlier. +Nur dein Lächeln steht wie lauter Sterne +über dir und bald auch über mir. + +Alles was durch meine Kinderjahre +namenlos noch und wie Wasser glänzt, +will ich nach dir nennen am Altäre, +der entzündet ist von deinem Haare +und mit deinen Brüsten leicht bekränzt. + + + + +ÖSTLICHES TAGLIED + + +Ist dieses Bette nicht wie eine Küste, +ein Küstenstreifen nur, darauf wir liegen? +Nichts ist gewiß als deine hohen Brüste, +die mein Gefühl in Schwindeln überstiegen. + +Denn diese Nacht, in der so vieles schrie, +in der sich Tiere rufen und zerreißen, +ist sie uns nicht entsetzlich fremd? Und wie: +was draußen langsam anhebt, Tag geheißen, +ist das uns denn verständlicher als sie? + +Man müßte so sich ineinanderlegen +wie Blütenblätter um die Staubgefäße: +so sehr ist überall das Ungemäße +und häuft sich an und stürzt sich uns entgegen. + +Doch während wir uns aneinanderdrücken, +um nicht zu sehen, wie es ringsum naht, +kann es aus dir, kann es aus mir sich zücken: +denn unsre Seelen leben von Verrat. + + + + +ABISAG + + +I + +Sie lag. Und ihre Kinderarme waren +von Dienern um den Welkenden gebunden, +auf dem sie lag die süßen langen Stunden, +ein wenig bang vor seinen vielen Jahren. + +Und manchmal wandte sie in seinem Barte +ihr Angesicht, wenn eine Eule schrie; +und alles, was die Nacht war, kam und scharte +mit Bangen und Verlangen sich um sie. + +Die Sterne zitterten wie ihresgleichen, +der Duft ging suchend durch das Schlafgemach, +der Vorhang rührte sich und gab ein Zeichen, +und leise ging ihr Blick dem Zeichen nach. + +Aber sie hielt sich an dem dunkeln Alten, +und, von der Nacht der Nächte nicht erreicht, +lag sie auf seinem fürstlichen Erkalten +jungfräulich und wie eine Seele leicht. + + + +II + +Der König saß und sann den leeren Tag +getaner Taten, ungefühlter Lüste +und seiner Lieblingshündin, der er pflag--. +Aber am Abend wölbte Abisag +sich über ihm. Sein wirres Leben lag +verlassen wie verrufne Meeresküste +unter dem Sternbild ihrer stillen Brüste. + +Und manchmal, als ein Kundiger der Frauen, +erkannte er durch seine Augenbrauen +den unbewegten, küsselosen Mund; +und sah: ihres Gefühles grüne Rute +neigte sich nicht herab zu seinem Grund. +Ihn fröstelte. Er horchte wie ein Hund +und suchte sich in seinem letzten Blute. + + + + +DAVID SINGT VOR SAUL + + +I + +König, hörst du, wie mein Saitenspiel +Fernen wirft, durch die wir uns bewegen? +Sterne treiben uns verwirrt entgegen, +und wir fallen endlich wie ein Regen, +und es blüht, wo dieser Regen fiel. + +Mädchen blühen, die du noch erkannt, +die jetzt Frauen sind und mich verführen; +den Geruch der Jungfraun kannst du spüren, +und die Knaben stehen, angespannt +schlank und atmend, an verschwiegnen Türen. + +Daß mein Klang dir alles wiederbrächte. +Aber trunken taumelt mein Getön: +Deine Nächte, König, deine Nächte--, +und wie waren, die dein Schaffen schwächte, +o wie waren alle Leiber schön. + +Dein Erinnern glaub ich zu begleiten, +weil ich ahne. Doch auf welchen Saiten +greif ich dir ihr dunkles Lustgestöhn?-- + + + +II + +König, der du alles dieses hattest +und der du mit lauter Leben mich +überwältigest und überschattest: +komm aus deinem Throne und zerbrich +meine Harfe, die du so ermattest. + +Sie ist wie ein abgenommner Baum: +durch die Zweige, die dir Frucht getragen, +schaut jetzt eine Tiefe wie von Tagen, +welche kommen--, und ich kenn sie kaum. + +Laß mich nicht mehr bei der Harfe schlafen; +sich dir diese Knabenhand da an: +glaubst du, König, daß sie die Oktaven +eines Leibes noch nicht greifen kann? + + + +III + +König, birgst du dich in Finsternissen, +und ich hab dich doch in der Gewalt. +Sieh, mein festes Lied ist nicht gerissen, +und der Raum wird um uns beide kalt. +Mein verwaistes Herz und dein verworrnes +hängen in den Wolken deines Zornes, +wütend ineinander eingebissen +und zu einem einzigen verkrallt. + +Fühlst du jetzt, wie wir uns umgestalten? +König, König, das Gewicht wird Geist. +Wenn wir uns nur aneinanderhalten, +du am Jungen, König, ich am Alten, +sind wir fast wie ein Gestirn, das kreist. + + + + +JOSUAS LANDTAG + + +So wie der Strom am Ausgang seine Dämme +durchbricht mit seiner Mündung Übermaß, +so brach nun durch die Ältesten der Stimme +zum letztenmal die Stimme Josuas. + +Wie waren die geschlagen, welche lachten, +wie hielten alle Herz und Hände an, +als hübe sich der Lärm von dreißig Schlachten +in einem Mund; und dieser Mund begann. + +Und wieder waren Tausende voll Staunen +wie an dem großen Tag vor Jericho, +nun aber waren in ihm die Posaunen, +und ihres Lebens Mauern schwankten so, + +daß sie sich wälzten, von Entsetzen trächtig +und wehrlos schon und überwältigt, eh +sie's noch gedachten, wie er eigenmächtig +zu Gibeon die Sonne anschrie: Steh! + +Und Gott ging hin, erschrocken wie ein Knecht, +und hielt die Sonne, bis ihm seine Hände +wehtaten, ob dem schlachtenden Geschlecht, +nur weil da einer wollte, daß sie stände. + +Und das war dieser; dieser Alte wars, +von dem sie meinten, daß er nicht mehr gelte +inmitten seines hundertzehnten Jahrs. +Da stand er auf und brach in ihre Zelte. + +Er ging wie Hagel nieder über Halmen. +Was wollt ihr Gott versprechen? Ungezählt +stehn um euch Götter, wartend, daß ihr wählt. +Doch wenn ihr wählt, wird euch der Herr zermalmen. + +Und dann, mit einem Hochmut ohnegleichen: +Ich und mein Haus, wir bleiben ihm vermählt. + +Da schrien sie alle: Hilf uns, gib ein Zeichen +und stärke uns zu unsrer schweren Wahl. + +Aber sie sahn ihn, wie seit Jahren schweigend, +zu seiner festen Stadt am Berge steigend; +und dann nicht mehr. Es war das letzte Mal. + + + + +DER AUSZUG DES VERLORENEN SOHNES + + +NUN fortzugehn von alle dem Verworrnen, +das unser ist und uns doch nicht gehört, +das, wie das Wasser in den alten Bornen, +uns zitternd spiegelt und das Bild zerstört; +von allem diesen, das sich wie mit Dornen +noch einmal an uns anhängt--fortzugehn +und Das und Den, +die man schon nicht mehr sah +(so täglich waren sie und so gewöhnlich), +auf einmal anzuschauen: sanft, versöhnlich +und wie an einem Anfang und von nah +und ahnend einzusehn, wie unpersönlich, +wie über alle hin das Leid geschah, +von dem die Kindheit voll war bis zum Rand--: +Und dann doch fortzugehen, Hand aus Hand, +als ob man ein Geheiltes neu zerrisse, +und fortzugehn: wohin? Ins Ungewisse, +weit in ein unverwandtes warmes Land, +das hinter allem Handeln wie Kulisse +gleichgültig sein wird: Garten oder Wand; +und fortzugehn: warum? Aus Drang, aus Artung, +aus Ungeduld, aus dunkler Erwartung, +aus Unverständlichkeit und Unverstand: +Dies alles auf sich nehmen und vergebens +vielleicht Gehaltnes fallen lassen, um +allein zu sterben, wissend nicht warum-- + +Ist das der Eingang eines neuen Lebens? + + + + +DER ÖLBAUMGARTEN + + +Er ging hinauf unter dem grauen Laub +ganz grau und aufgelöst im ölgelände +und legte seine Stirne voller Staub +tief in das Staubigsein der heißen Hände. + +Nach allem dies. Und dieses war der Schluß. +Jetzt soll ich gehen, während ich erblinde, +und warum willst Du, daß ich sagen muß, +Du seist, wenn ich Dich selber nicht mehr finde. + +Ich finde Dich nicht mehr. Nicht in mir, nein. +Nicht in den andern. Nicht in diesem Stein. +Ich finde Dich nicht mehr. Ich bin allein. + +Ich bin allein mit aller Menschen Gram, +den ich durch Dich zu lindern unternahm, +der Du nicht bist, ü namenlose Scham... + +Später erzählte man: ein Engel kam--. + +Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht +und blätterte gleichgültig in den Bäumen. +Die Jünger rührten sich in ihren Träumen. +Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht. + +Die Nacht, die kam, war keine ungemeine; +so gehen hunderte vorbei. + +Da schlafen Hunde, und da liegen Steine. +Ach eine traurige, ach irgendeine, +die wartet, bis es wieder Morgen sei. + +Denn Engel kommen nicht zu solchen Betern, +und Nächte werden nicht um solche groß. +Die Sich-Verlierenden läßt alles los, +und sie sind preisgegeben von den Vätern +und ausgeschlossen aus der Mütter Schoß. + + + + +PIETÀ + + +So seh ich, Jesus, deine Füße wieder, +O die damals eines Jünglings Füße waren, +da ich sie bang entkleidete und wusch; +wie standen sie verwirrt in meinen Haaren +und wie ein weißes Wild im Dornenbusch. + +So seh ich deine niegeliebten Glieder +zum erstenmal in dieser Liebesnacht. +Wir legten uns noch nie zusammen nieder, +und nun wird nur bewundert und gewacht. + +Doch, siehe, deine Hände sind zerrissen--: +Geliebter, nicht von mir, von meinen Bissen. +Dein Herz steht offen, und man kann hinein: +das hätte dürfen nur mein Eingang sein. + +Nun bist du müde, und dein müder Mund +hat keine Lust zu meinem wehen Munde--. +O Jesus, Jesus, wann war unsre Stunde? +Wie gehn wir beide wunderlich zugrund. + + + + +GESANG DER FRAUEN AN DEN DICHTER + + +Sieh, wie sich alles auftut: so sind wir; +denn wir sind nichts als solche Seligkeit. +Was Blut und Dunkel war in einem Tier, +das wuchs in uns zur Seele an und schreit + +als Seele weiter. Und es schreit nach dir. +Du freilich nimmst es nur in dein Gesicht, +als sei es Landschaft: sanft und ohne Gier. +Und darum meinen wir, du bist es nicht, + +nach dem es schreit. Und doch, bist du nicht der, +an den wir uns ganz ohne Rest verlören? +Und werden wir in irgendeinem _mehr_? + +Mit uns geht das Unendliche _vorbei_. +Du aber sei, du Mund, daß wir es hören, +du aber, du Uns-Sagender: du sei. + + + + +DER TOD DES DICHTERS + + +Er lag. Sein aufgestelltes Antlitz war +bleich und verweigernd in den steilen Kissen, +seitdem die Welt und dieses von ihr Wissen, +von seinen Sinnen abgerissen, +zurückfiel an das teilnahmslose Jahr. + +Die, so ihn leben sahen, wußten nicht, +wie sehr er _eines_ war mit allem diesen, +denn dieses: diese Tiefen, diese Wiesen +und diese Wasser waren sein Gesicht. + +O sein Gesicht war diese ganze Weite, +die jetzt noch zu ihm will und um ihn wirbt; +und seine Maske, die nun bang verstirbt, +ist zart und offen wie die Innenseite +von einer Frucht, die an der Luft verdirbt. + + + + +BUDDHA + + +Als ob er horchte. Stille: eine Ferne.... +Wir halten ein und hören sie nicht mehr. +Und er ist Stern. Und andre große Sterne, +die wir nicht sehen, stehen um ihn her. + +O er ist alles. Wirklich, warten wir, +daß er uns sähe? Sollte er bedürfen? +Und wenn wir hier uns vor ihm niederwürfen, +er bliebe tief und träge wie ein Tier. + +Denn das, was uns zu seinen Füßen reißt, +das kreist in ihm seit Millionen Jahren. +Er, der vergißt, was wir erfahren, +und der erfahrt, was uns verweist. + + + + +L'ANGE DU MÉRIDIEN + +CHARTRES + + +Im Sturm, der um die starke Kathedrale +wie ein Verneiner stürzt, der denkt und denkt, +fühlt man sich zärtlicher mit einem Male +von deinem Lächeln zu dir hingelenkt: + +lächelnder Engel, fühlende Figur, +mit einem Mund, gemacht aus hundert Munden: +gewahrst du gar nicht, wie dir unsre Stunden +abgleiten von der vollen Sonnenuhr, + +auf der des Tages ganze Zahl zugleich, +gleich wirklich, steht in tiefem Gleichgewichte, +als wären alle Stunden reif und reich? + +Was weißt du, Steinerner, von unserm Sein? +und hältst du mit noch seligerm Gesichte +vielleicht die Tafel in die Nacht hinein? + + + + +DIE KATHEDRALE + + +In jenen kleinen Städten, wo herum +die alten Häuser wie ein Jahrmarkt hocken, +der sie bemerkt hat plötzlich und erschrocken +die Buden zumacht und ganz zu und stumm, + +die Schreier still, die Trommeln angehalten, +zu ihr hinaufhorcht aufgeregten Ohrs--: +dieweil sie ruhig immer in dem alten +Faltenmantel ihrer Contreforts +dasteht und von den Häusern gar nicht weiß: + +in jenen kleinen Städten kannst du sehn, +wie sehr entwachsen ihrem Umgangskreis +die Kathedralen waren. Ihr Erstehn +ging über alles fort, so wie den Blick +des eignen Lebens viel zu große Nähe +fortwährend übersteigt und als geschähe +nichts anderes; als wäre _das_ Geschick, +was sich in ihnen aufhäuft ohne Maßen, +versteinert und zum Dauernden bestimmt, +nicht _das_, was unten in den dunkeln Straßen +vom Zufall irgendwelche Namen nimmt +und darin geht, wie Kinder Grün und Rot +und was der Krämer hat als Schürze tragen. +Da war Geburt in diesen Unterlagen, +und Kraft und Andrang war in diesem Ragen +und Liebe überall wie Wein und Brot, +und die Portale voller Liebesklagcn. +Das Leben zögerte Im Stundenschlagen, +und in den Türmen, welche voll Entsagen +auf einmal nicht mehr stiegen, war der Tod. + + + + +DAS PORTAL + + +I + +Da blieben sie, als wäre jene Flut +zurückgetreten, deren großes Branden +an diesen Steinen wusch, bis sie entstanden; +sie nahm im Fallen manches Attribut + +aus ihren Händen, welche viel zu gut +und gebend sind, um etwas festzuhalten. +Sie blieben, von den Formen in Basalten +durch einen Nimbus, einen Bischofshut, + +bisweilen durch ein Lächeln unterschieden, +für das ein Antlitz seiner Stunden Frieden +bewahrt hat als ein stilles Zifferblatt; + +jetzt fortgerückt ins Leere ihres Tores, +waren sie einst die Muschel eines Ohres +und fingen jedes Stöhnen dieser Stadt. + + + +II + +Sehr viele Weite ist gemeint damit: +so wie mit den Kulissen einer Szene +die Welt gemeint ist; und so wie durch jene +der Held im Mantel seiner Handlung tritt:-- +so tritt das Dunkel dieses Tores handelnd +auf seiner Tiefe tragisches Theater, +so grenzenlos und wallend wie Gott-Vater +und so wie Er sich wunderlich verwandelnd + +in einen Sohn, der aufgeteilt ist hier +auf viele kleine beinah stumme Rollen, +genommen aus des Elends Zubehör. + +Denn nur noch so entsteht (das wissen wir) +aus Blinden, Fortgeworfenen und Tollen +der Heiland wie ein einziger Akteur. + + + +III + +So ragen sie, die Herzen angehalten +(sie stehn auf Ewigkeit und gingen nie); +nur selten tritt aus dem Gefäll der Falten +eine Gebärde, aufrecht, steil wie sie, + +und bleibt nach einem halben Schritte stehn, +wo die Jahrhunderte sie überholen. +Sie sind im Gleichgewicht auf den Konsolen, +in denen eine Welt, die sie nicht sehn, + +die Welt der Wirrnis, die sie nicht zertraten, +Figur und Tier, wie um sie zu gefährden, +sich krümmt und schüttelt und sie dennoch hält: +weil die Gestalten dort wie Akrobaten +sich nur so zuckend und so wild gebärden, +damit der Stab auf ihrer Stirn nicht fällt. + + + + +DIE FENSTERROSE + + +Da drin: das träge Treten ihrer Tatzen +macht eine Stille, die dich fast verwirrt; +und wie dann plötzlich eine von den Katzen +den Blick an ihr, der hin und wieder irrt, + +gewaltsam in ihr großes Auge nimmt,-- +den Blick, der wie von eines Wirbels Kreis +ergriffen, eine kleine Weile schwimmt +und dann versinkt und nichts mehr von sich weiß, + +wenn dieses Auge, welches scheinbar ruht, +sich au auftut und zusammenschlägt mit Tosen +und ihn hineinreißt bis ins rote Blut--: + +so griffen einstmals aus dem Dunkelsein +der Kathedralen große Fensterrosen +ein Herz und rissen es in Gott hinein. + + + + +DAS KAPITÄL + + +Wie sich aus eines Traumes Ausgeburten +aufsteigend aus verwirrendem Gequäl +der nächste Tag erhebt,--so gehn die Gurten +der Wölbung aus dem wirren Kapitäl + +und lassen drin, gedrängt und rätselhaft +verschlungen, flügelschlagende Geschöpfe: +ihr Zögern und das Plötzliche der Köpfe +und jene starken Blätter, deren Saft + +wie Jähzorn steigt, sich schließlich überschlagend +in einer schnellen Geste, die sich ballt +und sich heraushält: alles aufwärtsjagend, + +was immer wieder mit dem Dunkel kalt +herunterfällt, wie Regen Sorge tragend +für dieses alten Wachstums Unterhalt. + + + + +GOTT IM MITTELALTER + + +Und sie hatten ihn in sich erspart, +und sie wollten, daß er sei und richte, +und sie hängten schließlich wie Gewichte +(zu verhindern seine Himmelfahrt) + +an ihn ihrer großen Kathedralen +Last und Masse. Und er sollte nur +über seine grenzenlosen Zahlen +zeigend kreisen und wie eine Uhr + +Zeichen geben ihrem Tun und Tagwerk. +Aber plötzlich kam er ganz in Gang, +und die Leute der entsetzten Stadt + +ließen ihn, vor seiner Stimme bang, +weitergehn mit ausgehängtem Schlagwerk +und entflohn vor seinem Zifferblatt. + + + + +MORGUE + + +Da liegen sie bereit, als ob es gälte, +nachträglich eine Handlung zu erfinden, +die miteinander und mit dieser Kälte +sie zu versöhnen weiß und zu verbinden; + +denn das ist alles noch wie ohne Schluß. +Was für ein Name hätte in den Taschen +sich finden sollen? An dem Überdruß +um ihren Mund hat man herumgewaschen; + +er ging nicht ab; er wurde nur ganz rein. +Die Bärte stehen, noch ein wenig härter, +doch ordentlicher im Geschmack der Wärter, + +nur um die Gaffenden nicht anzuwidern. +Die Augen haben hinter ihren Lidern +sich umgewandt und schauen jetzt hinein. + + + + +DER GEFANGENE + + +I + +Meine Hand hat nur noch eine +Gebärde, mit der sie verscheucht; +auf die alten Steine +fällt es aus Felsen feucht. + +Ich höre nur dieses Klopfen, +und mein Herz hält Schritt +mit dem Gehen der Tropfen +und vergeht damit. + +Tropften sie doch schneller, +käme doch wieder ein Tier. +Irgendwo war es heller--. +Aber was wissen wir. + + + +II + +Denk dir, das was jetzt Himmel ist und Wind, +Luft deinem Mund und deinem Auge Helle, +das würde Stein bis um die kleine Stelle, +an der dein Herz und deine Hände sind. + +Und was jetzt in dir morgen heißt und: dann +und: späterhin und nächstes Jahr und weiter-- +das würde wund in dir und voller Eiter +und schwäre nur und bräche nicht mehr an. + +Und das was war, das wäre irre und +raste in dir herum, den lieben Mund, +der niemals lachte, schäumend von Gelächter. + +Und das was Gott war, wäre nur dein Wächter +und stopfte boshaft in das letzte Loch +ein schmutziges Auge. Und du lebtest doch. + + + + +DER PANTHER + +IM JARDIN DES PLANTES, PARIS + + +Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe +so müd geworden, daß er nichts mehr hält. +Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe +und hinter tausend Stäben keine Welt. + +Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, +der sich im allerkleinsten Kreise dreht, +ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, +in der betäubt ein großer Wille steht. + +Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille +sich lautlos auf--. Dann geht ein Bild hinein, +geht durch der Glieder angespannte Stille-- +und hört im Herzen auf zu sein. + + + + +DIE GAZELLE + +ANTILOPE DORCAS + + +Verzauberte: wie kann der Einklang zweier +erwählter Worte je den Reim erreichen, +der in dir kommt und geht, wie auf ein Zeichen. +Aus deiner Stirne steigen Laub und Leier, + +und alles Deine geht schon im Vergleich +durch Liebeslieder, deren Worte, weich +wie Rosenblätter, dem, der nicht mehr liest, +sich auf die Augen legen, die er schließt, + +um dich zu sehen: hingetragen, als +wäre mit Sprüngen jeder Lauf geladen +und schösse nur nicht ab, solang der Hals + +das Haupt ins Horchen hält: wie wenn beim Baden +im Wald die Badende sich unterbricht, +den Waldsee im gewendeten Gesicht. + + + + +DAS EINHORN + + +Der Heilige hob das Haupt, und das Gebet +fiel wie ein Helm zurück von seinem Haupte: +denn lautlos nahte sich das niegeglaubte, +das weiße Tier, das wie eine geraubte +hilflose Hindin mit den Augen fleht. + +Der Beine elfenbeinernes Gestell +bewegte sich in leichten Gleichgewichten, +ein weißer Glanz glitt selig durch das Fell, +und auf der Tierstirn, auf der stillen, lichten, +stand, wie ein Turm im Mond, das Horn so hell, +und jeder Schritt geschah, es aufzurichten. + +Das Maul mit seinem rosagrauen Flaum +war leicht gerafft, so daß ein wenig Weiß +(weißer als alles) von den Zähnen glänzte; +die Nüstern nahmen auf und lechzten leis. +Doch seine Blicke, die kein Ding begrenzte, +warfen sich Bilder in den Raum +und schlössen einen blauen Sagenkreis. + + + + +SANKT SEBASTIAN + + +Wie ein Liegender so steht er; ganz +hingehalten von dem großen Willen. +Weit entrückt wie Mütter, wenn sie stillen, +und in sich gebunden wie ein Kranz. + +Und die Pfeile kommen: jetzt und jetzt +und als sprängen sie aus seinen Lenden, +eisern bebend mit den freien Enden. +Doch er lächelt dunkel, unverletzt. + +Einmal nur wird eine Trauer groß, +und die Augen liegen schmerzlich bloß, +bis sie etwas leugnen, wie Geringes, +und als ließen sie verächtlich los +die Vernichter eines schönen Dinges. + + + + +DER STIFTER + + +Das war der Auftrag an die Malergilde. +Vielleicht daß ihm der Heiland nie erschien; +vielleicht trat auch kein heiliger Bischof milde +an seine Seite wie in diesem Bilde +und legte leise seine Hand auf ihn. + +Vielleicht war dieses alles: so zu knien +(so wie es alles ist, was wir erfuhren): +zu knien: daß man die eigenen Konturen, +die auswärtswollenden, ganz angespannt +im Herzen hält, wie Pferde in der Hand. + +Daß, wenn ein Ungeheueres geschähe, +das nicht versprochen ist und nieverbrieft, +wir hoffen könnten, daß es uns nicht sähe +und näher käme, ganz in unsre Nähe, +mit sich beschäftigt und in sich vertieft. + + + + +DER ENGEL + + +Mit einem Neigen seiner Stirne weist +er weit von sich, was einschränkt und verpflichtet; +denn durch sein Herz geht riesig aufgerichtet +das ewig Kommende, das kreist. + +Die tiefen Himmel stehn ihm voll Gestalten, +und jede kann ihm rufen: komm, erkenn--. +Gib seinen leichten Händen nichts zu halten +aus deinem Lastenden. Sie kämen denn + +bei Nacht zu dir, dich ringender zu prüfen, +und gingen wie Erzürnte durch das Haus +und griffen dich, als ob sie dich erschüfen, +und brächen dich aus deiner Form heraus. + + + + +RÖMISCHE SARKOPHAGE + + +Was aber hindert uns zu glauben, daß +(so wie wir hingestellt sind und verteilt) +nicht eine kleine Zeit nur Drang und Haß +und dies Verwirrende in uns verweilt, + +wie einst in dem verzierten Sarkophag +bei Ringen, Götterbildern, Gläsern, Bändern, +in langsam sich verzehrenden Gewändern +ein langsam Aufgelöstes lag-- + +bis es die unbekannten Munde schluckten, +die niemals reden. (Wo besteht und denkt +ein Hirn, um ihrer einst sich zu bedienen?) + +Da wurde von den alten Aquädukten +ewiges Wasser in sie eingelenkt--: +das spiegelt jetzt und geht und glänzt in ihnen. + + + + +DER SCHWAN + + +Diese Mühsal, durch noch Ungetanes +schwer und wie gebunden hinzugehn, +gleicht dem ungeschaffnen Gang des Schwanes. + +Und das Sterben, dieses Nichtmehrfassen +jenes Grunds, auf dem wir täglich stehn, +seinem ängstlichen Sich-Niederlassen--: + +in die Wasser, die ihn sanft empfangen +und die sich, wie glücklich und vergangen, +unter ihm zurückziehn, Flut um Flut; +während er unendlich still und sicher +immer mündiger und königlicher +und gelassener zu ziehn geruht. + + + + +KINDHEIT + + +Es wäre gut viel nachzudenken, um +von so Verlornem etwas auszusagen, +von jenen langen Kindheit-Nachmittagen, +die so nie wiederkamen--und warum? + +Noch mahnt es uns--: vielleicht in einem Regnen, +aber wir wissen nicht mehr, was das soll; +nie wieder war das Leben von Begegnen, +von Wiedersehn und Weitergehn so voll + +wie damals, da uns nichts geschah als nur, +was einem Ding geschieht und einem Tiere: +da lebten wir, wie Menschliches, das Ihre +und wurden bis zum Rande voll Figur. + +Und wurden so vereinsamt wie ein Hirt +und so mit großen Fernen überladen +und wie von weit berufen und berührt +und langsam wie ein langer neuer Faden +in jene Bilderfolgen eingeführt, +in welchen nun zu dauern uns verwirrt. + + + + +DER DICHTER + + +Du entfernst dich von mir, du Stunde. +Wunden schlägt mir dein Flügelschlag. +Allein: was soll ich mit meinem Munde? +mit meiner Nacht? mit meinem Tag? + +Ich habe keine Geliebte, kein Haus, +keine Stelle, auf der ich lebe. +Alle Dinge, an die ich mich gebe, +werden reich und geben mich aus. + + + + +DIE SPITZE + + +I + +Menschlichkeit: Namen schwankender Besitze, +noch unbestätigter Bestand von Glück: +ist das unmenschlich, daß zu dieser Spitze, +zu diesem kleinen dichten Spitzenstück +zwei Augen wurden?--Willst du sie zurück? + +Du Langvergangene und schließlich Blinde, +ist deine Seligkeit in diesem Ding, +zu welcher hin, wie zwischen Stamm und Rinde, +dein großes Fühlen, kleinverwandelt, ging? + +Durch einen Riß im Schicksal, eine Lücke +entzogst du deine Seele deiner Zeit; +und sie ist so in diesem lichten Stücke, +daß es mich lächeln macht vor Nützlichkeit. + + + +II + +Und wenn uns eines Tages dieses Tun +und was an uns geschieht gering erschiene +und uns so fremd, als ob es nicht verdiene, +daß wir so mühsam aus den Kinderschuhn +um seinetwillen wachsen--: Ob die Bahn +vergilbter Spitze, diese dichtgefügte +blumige Spitzenbahn, dann nicht genügte, +uns hier zu halten? Sieh: sie ward getan. + +Ein Leben ward vielleicht verschmäht, wer weiß? +Ein Glück war da und wurde hingegeben, +und endlich wurde doch, um jeden Preis, +dies Ding daraus, nicht leichter als das Leben +und doch vollendet und so schön, als sei's +nicht mehr zu früh, zu lächeln und zu schweben. + + + + +EIN FRAUENSCHICKSAL + + +So wie der König auf der Jagd ein Glas +ergreift, daraus zu trinken, irgendeines,-- +und wie hernach der, welcher es besaß, +es fortstellt und verwahrt, als wär es keines: + +so hob vielleicht das Schicksal, durstig auch, +bisweilen Eine an den Mund und trank, +die dann ein kleines Leben, viel zu bang +sie zu zerbrechen, abseits vom Gebrauch + +hinstellte in die ängstliche Vitrine, +in welcher seine Kostbarkeiten sind +(oder die Dinge, die für kostbar gelten). + +Da stand sie fremd wie eine Fortgeliehne +und wurde einfach alt und wurde blind +und war nicht kostbar und war niemals selten. + + + + +DIE GENESENDE + + +Wie ein Singen kommt und geht in Gassen +und sich nähert und sich wieder scheut, +flügelschlagend, manchmal fast zu fassen +und dann wieder weit hinausgestreut: + +spielt mit der Genesenden das Leben; +während sie, geschwächt und ausgeruht, +unbeholfen, um sich hinzugeben, +eine ungewohnte Geste tut. + +Und sie fühlt sich beinah wie Verführung, +wenn die hartgewordne Hand, darin +Fieber waren voller Widersinn, +fernher, wie mit blühender Berührung, +zu liebkosen kommt ihr hartes Kinn. + + + + +DIE ERWACHSENE + + +Das alles stand auf ihr und war die Welt +und stand auf ihr mit allem, Angst und Gnade, +wie Bäume stehen, wachsend und gerade, +ganz Bild und bildlos wie die Bundeslade +und feierlich, wie auf ein Volk gestellt. + +Und sie ertrug es; trug bis obenhin +das Fliegende, Entfliehende, Entfernte, +das Ungeheuere, noch Unerlernte +gelassen wie die Wasserträgerin +den vollen Krug. Bis mitten unterm Spiel, +verwandelnd und auf andres vorbereitend, +der erste weiße Schleier, leise gleitend, +über das aufgetane Antlitz fiel + +fast undurchsichtig und sich nie mehr hebend +und irgendwie auf alle Fragen ihr +nur eine Antwort vage wiedergebend: +In dir, du Kindgewesene, in dir. + + + + +TANAGRA + + +Ein wenig gebrannter Erde, +wie von großer Sonne gebrannt. +Als wäre die Gebärde +einer Mädchenhand +auf einmal nicht mehr vergangen; +ohne nach etwas zu langen, +zu keinem Dinge hin +aus ihrem Gefühle führend, +nur an sich selber rührend +wie eine Hand ans Kinn. + +Wir heben und wir drehen +eine und eine Figur; +wir können fast verstehen, +weshalb sie nicht vergehen,-- +aber wir sollen nur +tiefer und wunderbarer +hängen an dem, was war, +und lächeln: ein wenig klarer +vielleicht als vor einem Jahr. + + + + +DIE ERBLINDENDE + + +Sie saß so wie die anderen beim Tee. +Mir war zuerst, als ob sie ihre Tasse +ein wenig anders als die andern fasse. +Sie lächelte einmal. Es tat fast weh. + +Und als man schließlich sich erhob und sprach +und langsam und wie es der Zufall brachte +durch viele Zimmer ging (man sprach und lachte), +da sah ich sie. Sie ging den andern nach, + +verhalten, so wie eine, welche gleich +wird singen müssen und vor vielen Leuten; +auf ihren hellen Augen, die sich freuten, +war Licht von außen wie auf einem Teich. + +Sie folgte langsam, und sie brauchte lang, +als wäre etwas noch nicht überstiegen; +und doch: als ob, nach einem Übergang, +sie nicht mehr gehen würde, sondern fliegen. + + + + +IN EINEM FREMDEN PARK + +BORGEBY-GÅRD + + +Zwei Wege sinds. Sie führen keinen hin. +Doch manchmal, in Gedanken, läßt der eine +dich weitergehn. Es ist, als gingst du fehl; +aber auf einmal bist du im Rondel +alleingelassen wieder mit dem Steine +und wieder auf ihm lesend: Freiherrin +Brite Sophie--und wieder mit dem Finger +abfühlend die zerfallne Jahreszahl--. +Warum wird dieses Finden nicht geringer? + +Was zögerst du ganz wie zum erstenmal +erwartungsvoll auf diesem Ulmenplatz, +der feucht und dunkel ist und niebetreten? + +Und was verlockt dich für ein Gegensatz, +etwas zu suchen in den sonnigen Beeten, +als wärs der Name eines Rosenstocks? + +Was stehst du oft? Was hören deine Ohren? +Und warum siehst du schließlich, wie verloren, +die Falter flimmern um den hohen Phlox? + + + + +ABSCHIED + + +Wie hab ich das gefühlt, was Abschied heißt. +Wie weiß ichs noch: ein dunkles unverwundnes +grausames Etwas, das ein Schönverbundnes +noch einmal zeigt und hinhält und zerreißt. + +Wie war ich ohne Wehr, dem zuzuschauen, +das, da es mich, mich rufend, gehen ließ, +zurückblieb, so als wärens alle Frauen +und dennoch klein und weiß und nichts als dies: + +Ein Winken, schon nicht mehr auf mich bezogen, +ein leise Weiterwinkendes--, schon kaum +erklärbar mehr: vielleicht ein Pflaumenbaum, +von dem ein Kuckuck hastig abgeflogen. + + + + +TODESERFAHRUNG + + +Wir wissen nichts von diesem Hingehn, das +nicht mit uns teilt. Wir haben keinen Grund, +Bewunderung und Liebe oder Haß +dem Tod zu zeigen, den ein Maskenmund + +tragischer Klage wunderlich entstellt. +Noch ist die Welt voll Rollen, die wir spielen. +Solang wir sorgen, ob wir auch gefielen, +spielt auch der Tod, obwohl er nicht gefällt. + + +Doch als du gingst, da brach in diese Bühne +ein Streifen Wirklichkeit durch jenen Spalt, +durch den du hingingst: Grün wirklicher Grüne, +wirklicher Sonnenschein, wirklicher Wald. + +Wir spielen weiter. Bang und schwer Erlerntes +hersagend und Gebärden dann und wann +aufhebend; aber dein von uns entferntes, +aus unserm Stück entrücktes Dasein kann + +uns manchmal überkommen, wie ein Wissen +von jener Wirklichkeit sich niedersenkend, +so daß wir eine Weile hingerissen +das Leben spielen, nicht an Beifall denkend. + + + + +BLAUE HORTENSIE + + +So wie das letzte Grün in Farbentiegeln +sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh, +hinter den Blütendolden, die ein Blau +nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln. + +Sie spiegeln es verweint und ungenau, +als wollten sie es wiederum verlieren, +und wie in alten blauen Briefpapieren +ist Gelb in ihnen, Violett und Grau; + +Verwaschnes wie an einer Kinderschürze, +Nichtmehrgetragnes, dem nichts mehr geschieht: +wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze. + +Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen +in einer von den Dolden, und man sieht +ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen. + + + + +VOR DEM SOMMERREGEN + + +Auf einmal ist aus allem Grün im Park +man weiß nicht was, ein Etwas, fortgenommen; +man fühlt ihn näher an die Fenster kommen +und schweigsam sein. Inständig nur und stark + +ertönt aus dem Gehölz der Regenpfeifer, +man denkt an einen Hieronymus: +so sehr steigt irgend Einsamkeit und Eifer +aus dieser einen Stimme, die der Guß + +erhören wird. Des Saales Wände sind +mit ihren Bildern von uns fortgetreten, +als dürften sie nicht hören, was wir sagen. + +Es spiegeln die verblichenen Tapeten +das ungewisse Licht von Nachmittagen, +in denen man sich fürchtete als Kind. + + + + +IM SAAL + + +Wie sind sie alle um uns, diese Herrn +in Kammerherrentrachten und Jabots, +wie eine Nacht um ihren Ordensstern +sich immer mehr verdunkelnd, rücksichtslos, +und diese Damen, zart, fragile, doch groß +von ihren Kleidern, eine Hand im Schoß, +klein wie ein Halsband für den Bologneser; +wie sind sie da um jeden: um den Leser, +um den Betrachter dieser Bibelots, +darunter manches ihnen noch gehört. + +Sie lassen, voller Takt, uns ungestört +das Leben leben, wie wir es begreifen +und wie sie's nicht verstehn. Sie wollten blühn, +und blühn ist schön sein; doch wir wollen reifen, +und das heißt dunkel sein und sich bemühn. + + + + +LETZTER ABEND + +(AUS DEM BESITZE FRAU NONNAS) + + +Und Nacht und fernes Fahren; denn der Train +des ganzen Heeres zog am Park vorüber. +Er aber hob den Blick vom Clavecin +und spielte noch und sah zu ihr hinüber + +beinah, wie man in einen Spiegel schaut: +so sehr erfüllt von seinen jungen Zügen +und wissend, wie sie seine Trauer trügen, +schön und verführender bei jedem Laut. + +Doch plötzlich wars, als ob sich das verwische: +sie stand wie mühsam in der Fensternische +und hielt des Herzens drängendes Geklopf. + +Sein Spiel gab nach. Von draußen wehte Frische. +Und seltsam fremd stand auf dem Spiegeltische +der schwarze Tschako mit dem Totenkopf. + + + + +JUGENDBILDNIS MEINES VATERS + + +Im Auge Traum. Die Stirn wie in Berührung +mit etwas Fernem. Um den Mund enorm +viel Jugend, ungelächelte Verführung, +und vor der vollen schmückenden Verschnürung +der schlanken adeligen Uniform +der Säbelkorb und beide Hände--, die +abwarten, ruhig, zu nichts hingedrängt. +Und nun fast nicht mehr sichtbar: als ob sie +zuerst, die Fernes greifenden, verschwänden. +Und alles andre mit sich selbst verhängt +und ausgelöscht, als ob wirs nicht verständen, +und tief aus seiner eignen Tiefe trüb--. + +Du schnell vergehendes Daguerreotyp +in meinen langsamer vergehenden Händen. + + + + +SELBSTBILDNIS AUS DEM JAHRE 1906 + + +Des alten lange adligen Geschlechtes +Feststehendes im Augenbogenbau. +Im Blicke noch der Kindheit Angst und Blau +und Demut da und dort, nicht eines Knechtes, +doch eines Dienenden und einer Frau. +Der Mund als Mund gemacht, groß und genau, +nicht überredend, aber ein Gerechtes +Aussagendes. Die Stirne ohne Schlechtes +und gern im Schatten stiller Niederschau. + +Das, als Zusammenhang, erst nur geahnt; +noch nie im Leiden oder im Gelingen +zusammgefaßt zu dauerndem Durchdringen, +doch so, als wäre mit zerstreuten Dingen +von fern ein Ernstes, Wirkliches geplant. + + + + +DER KÖNIG + + +Der König ist sechzehn Jahre alt. +Sechzehn Jahre und schon der Staat. +Er schaut, wie aus einem Hinterhalt, +vorbei an den Greisen vom Rat + +in den Saal hinein und irgendwohin +und fühlt vielleicht nur dies: +an dem schmalen langen harten Kinn +die kalte Kette vom Vlies. + +Das Todesurteil vor ihm bleibt +lang ohne Namenszug. +Und sie denken: wie er sich quält. + +Sie wüßten, kennten sie ihn genug, +daß er nur langsam bis siebzig zählt, +eh er es unterschreibt. + + + + +AUFERSTEHUNG + + +Der Graf vernimmt die Töne, +er sieht einen lichten Riß; +er weckt seine dreizehn Söhne +im Erbbegräbnis. + +Er grüßt seine beiden Frauen +ehrerbietig von weit--; +und alle voll Vertrauen +stehn auf zur Ewigkeit + +und warten nur noch auf Erich +und Ulriken Dorotheen, +die sieben- und dreizehnjährig + (sechzehnhundertzehn) +verstorben sind in Flandern, +um heute vor den andern +unbeirrt herzugehn. + + + + +DER FAHNENTRÄGER + + +Die andern fühlen alles an sich rauh +und ohne Anteil: Eisen, Zeug und Leder. +Zwar manchmal schmeichelt eine weiche Feder, +doch sehr allein und lieblos ist ein jeder; +er aber trägt--als trüg er eine Frau-- +die Fahne in dem feierlichen Kleide. +Dicht hinter ihm geht ihre schwere Seide, +die manchmal über seine Hände fließt. + +Er kann allein, wenn er die Augen schließt, +ein Lächeln sehn: er darf sie nicht verlassen. + +Und wenn es kommt in blitzenden Kürassen +und nach ihr greift und ringt und will sie fassen--: + +dann darf er sie abreißen von dem Stocke, +als riß er sie aus ihrem Mädchentum, +um sie zu halten unterm Waffenrocke. + +Und für die andern ist das Mut und Ruhm. + + + + +DER LETZTE GRAF VON BREDERODE +ENTZIEHT SICH TÜRKISCHER +GEFANGENSCHAFT + + +Sie folgten furchtbar; ihren bunten Tod +von ferne nach ihm werfend, während er +verloren floh, nichts weiter als: bedroht. +Die Ferne seiner Väter schien nicht mehr + +für ihn zu gelten; denn um so zu fliehn, +genügt ein Tier vor Jägern. Bis der Fluß +aufrauschte nah und blitzend. Ein Entschluß +hob ihn samt seiner Not und machte ihn + +wieder zum Knaben fürstlichen Geblütes. +Ein Lächeln adeliger Frauen goß +noch einmal Süßigkeit in sein verfrühtes + +vollendetes Gesicht. Er zwang sein Roß, +groß wie sein Herz zu gehn, sein blutdurchglühte: +es trug ihn in den Strom wie in sein Schloß. + + + + +DIE KURTISANE + + +Venedigs Sonne wird in meinem Haar +ein Gold bereiten: aller Alchemie +erlauchten Ausgang. Meine Brauen, die +den Brücken gleichen, siehst du sie + +hinführen ob der lautlosen Gefahr +der Augen, die ein heimlicher Verkehr +an die Kanäle schließt, so daß das Meer +in ihnen steigt und fällt und wechselt. Wer + +mich einmal sah, beneidet meinen Hund, +weil sich auf ihm oft in zerstreuter Pause +die Hand, die nie an keiner Glut verkohlt, + +die unverwundbare, geschmückt, erholt--. +Und Knaben, Hoffnungen aus altem Hause, +gehn wie an Gift an meinem Mund zugrund. + + + + +DIE TREPPE DER ORANGERIE + +VERSAILLES + + +Wie Könige, die schließlich nur noch schreiten +fast ohne Ziel, nur um von Zeit zu Zeit +sich den Verneigenden auf beiden Seiten +zu zeigen in des Mantels Einsamkeit--: + +so steigt, allein zwischen den Balustraden, +die sich verneigen schon seit Anbeginn, +die Treppe: langsam und von Gottes Gnaden +und auf den Himmel zu und nirgends hin; + +als ob sie allen Folgenden befahl +zurückzubleiben,--so daß sie nicht wagen, +von ferne nachzugehen; nicht einmal +die schwere Schleppe durfte einer tragen. + + + + +DER MARMORKARREN + +PARIS + + +Auf Pferde, sieben ziehende, verteilt, +verwandelt Niebewegtes sich in Schritte; +denn was hochmütig in des Marmors Mitte +an Alter, Widerstand und All verweilt, + +das zeigt sich unter Menschen. Siehe, nicht +unkenntlich, unter irgendeinem Namen, +nein: wie der Held das Drängen in den Dramen +erst sichtbar macht und plötzlich unterbricht: + +so kommt es durch den stauenden Verlauf +des Tages, kommt in seinem ganzen Staate, +als ob ein großer Triumphator nahte, + +langsam zuletzt; und langsam vor ihm her +Gefangene, von seiner Schwere schwer. +Und naht noch immer und hält alles auf. + + + + +BUDDHA + + +Schon von ferne fühlt der fremde scheue +Pilger, wie es golden von ihm träuft; +so als hätten Reiche voller Reue +ihre Heimlichkeiten aufgehäuft. + +Aber näher kommend wird er irre +vor der Hoheit dieser Augenbraun: +denn das sind nicht ihre Trinkgeschirre +und die Ohrgehänge ihrer Fraun. + +Wüßte einer denn zu sagen, welche +Dinge eingeschmolzen wurden, um +dieses Bild auf diesem Blumenkelche + +aufzurichten: stummer, ruhiggelber +als ein goldenes und rundherum +auch den Raum berührend wie sich selber. + + + + +RÖMISCHE FONTÄNE + +BORGHESE + + +Zwei Becken, eins das andre übersteigend +aus einem alten runden Marmorrand, +und aus dem oberen Wasser leis sich neigend +zum Wasser, welches unten wartend stand, + +dem leise redenden entgegenschweigend +und heimlich, gleichsam in der hohlen Hand +ihm Himmel hinter Grün und Dunkel zeigend +wie einen unbekannten Gegenstand; + +sich selber ruhig in der schönen Schale +verbreitend ohne Heimweh, Kreis aus Kreis, +nur manchmal träumerisch und tropfenweis + +sich niederlassend an den Moosbehängen +zum letzten Spiegel, der sein Hecken leis +von unten lächeln macht mit Obergängen. + + + + +DAS KARUSSELL + +JARDIN DU LUXEMBOURG + + +Mit einem Dach und seinem Schatten dreht +sich eine kleine Weile der Bestand +von bunten Pferden, alle aus dem Land, +das lange zögert, eh es untergeht. +Zwar manche sind an Wagen angespannt, +doch alle haben Mut in ihren Mienen; +ein böser roter Löwe geht mit ihnen +und dann und wann ein weißer Elefant. + +Sogar ein Hirsch ist da ganz wie im Wald, +nur daß er einen Sattel trägt und drüber +ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt. + +Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge +und hält sich mit der kleinen heißen Hand, +dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge. + +Und dann und wann ein weißer Elefant. + +Und auf den Pferden kommen sie vorüber, +auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge +fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge +schauen sie auf, irgendwohin, herüber-- + +Und dann und wann ein weißer Elefant. + +Und das geht hin und eilt sich, daß es endet, +und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel. +Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet, +ein kleines kaum begonnenes Profil. +Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet, +ein seliges, das blendet und verschwendet +an dieses atemlose blinde Spiel. + + + + +SPANISCHE TÄNZERIN + + +Wie in der Hand ein Schwefelzündholz, weiß, +eh es zur Klamme kommt, nach allen Seiten +zuckende Zungen streckt--: beginnt im Kreis +naher Beschauer hastig, hell und heiß +ihr runder Tanz sich zuckend auszubreiten. + +Und plötzlich ist er Flamme ganz und gar. + +Mit ihrem Blick entzündet sie ihr Haar +und dreht auf einmal mit gewagter Kunst +ihr ganzes Kleid in diese Feuersbrunst, +aus welcher sich, wie Schlangen, die erschrecken, +die nackten Arme wach und klappernd strecken. + +Und dann: als würde ihr das Feuer knapp, +nimmt sie es ganz zusamm und wirft es ab +sehr herrisch, mit hochmütiger Gebärde +und schaut: da liegt es rasend auf der Erde +und flammt noch immer und ergibt sich nicht--. +Doch sieghaft, sicher und mit einem süßen +grüßenden Lächeln hebt sie ihr Gesicht +und stampft es aus mit kleinen festen Füßen. + + + + +DER TURM + +TOUR ST.-NICOLAS, FURNES + + +Erdinneres. Als wäre dort, wohin +du blindlings steigst, erst Erdenoberfläche, +zu der du steigst im schrägen Bett der Bäche, +die langsam aus dem suchenden Gerinn + +der Dunkelheit entsprungen sind, durch die +sich dein Gesicht, wie auferstehend, drängt +und die du plötzlich _siehst_, als fiele sie +aus diesem Abgrund, der dich überhängt + +und den du, wie er riesig über dir +sich umstürzt in dem dämmernden Gestühle, +erkennst, erschreckt und fürchtend, im Gefühle: +o wenn er steigt, behängen wie ein Stier--: + +Da aber nimmt dich aus der engen Endung +windiges Licht. Fast fliegend siehst du hier +die Himmel wieder, Blendung über Blendung, +und dort die Tiefen, wach und voll Verwendung, + +und kleine Tage wie bei Patenier, +gleichzeitige, mit Stunde neben Stunde, +durch die die Brücken springen wie die Hunde, +dem hellen Wege immer auf der Spur, +den unbeholfne Häuser manchmal nur +verbergen, bis er ganz im Hintergründe +beruhigt geht durch Buschwerk und Natur. + + + + +DER PLATZ + +FURNES + + +Willkürlich von Gewesnem ausgeweitet: +von Wut und Aufruhr, von dem Kunterbunt, +das die Verurteilten zu Tod begleitet, +von Buden, von der Jahrmarktsrufer Mund, +und von dem Herzog, der vorüberreitet, +und von dem Hochmut von Burgund, + +(auf allen Seiten Hintergrund): + +ladet der Platz zum Einzug seiner Weite +die fernen Fenster unaufhörlich ein, +während sich das Gefolge und Geleite +der Leere langsam an den Handelsreihn + +verteilt und ordnet. In die Giebel steigend, +wollen die kleinen Häuser alles sehn, +die Türme voreinander scheu verschweigend, +die immer maßlos hinter ihnen stehn. + + + + + +QUAI DU ROSAIRE + +BRÜGGE + + +Die Gassen haben einen sachten Gang +(wie manchmal Menschen gehen im Genesen +nachdenkend: was ist früher hier gewesen?) +und die an Plätze kommen, warten lang + +auf eine andre, die mit einem Schritt +über das abendklare Wasser tritt, +darin, je mehr sich rings die Dinge mildern, +die eingehängte Welt von Spiegelbildern +so wirklich wird, wie diese Dinge nie. + +Verging nicht diese Stadt? Nun siehst du, wie +(nach einem unbegreiflichen Gesetz) +sie wach und deutlich wird im Umgestellten, +als wäre dort das Leben nicht so selten; +dort hängen jetzt die Gärten groß und gelten, +dort dreht sich plötzlich hinter schnell erhellten +Fenstern der Tanz in den Estaminets. + +Und oben blieb?--Die Stille nur, ich glaube, +und kostet langsam und von nichts gedrängt +Beere um Beere aus der süßen Traube +des Glockenspiels, das in den Himmeln hängt. + + + + +BÉGUINAGE + +BÉGUINAGE SAINTE-ELISABETH. BRÜGGE + + +I + + +Das hohe Tor scheint keine einzuhalten, +die Brücke geht gleich gerne hin und her, +und doch sind sicher alle in dem alten +offenen Ulmenhof und gehn nicht mehr +aus ihren Häusern, als auf jenem Streifen +zur Kirche hin, um besser zu begreifen, +warum in ihnen so viel Liebe war. + +Dort knieen sie, verdeckt mit reinem Leinen +so gleich, als wäre nur das Bild der einen +tausendmal im Choral, der tief und klar +zu Spiegeln wird an den verteilten Pfeilern; +und ihre Stimmen gehn den immer steilern +Gesang hinan und werfen sich von dort, +wo es nicht weitergeht, vom letzten Wort, +den Engeln zu, die sie nicht wiedergeben. + +Drum sind die unten, wenn sie sich erheben +und wenden, still. Drum reichen sie sich schweigend +mit einem Neigen, Zeigende zu zeigend +Empfangenden, geweihtes Wasser, das +die Stirnen kühl macht und die Munde blaß. + +Und gehen dann, verhangen und verhalten, +auf jenem Streifen wieder überquer-- +die Jungen ruhig, ungewiß die Alten +und eine Greisin, weilend, hinterher-- +zu ihren Häusern, die sie schnell verschweigen +und die sich durch die Ulmen hin von Zeit +zu Zeit ein wenig reine Einsamkeit, +in einer kleinen Scheibe schimmernd, zeigen. + + + +II + + +Was aber spiegelt mit den tausend Scheiben +das Kirchenfenster in den Hof hinein, +darin sich Schweigen, Schein und Widerschein +vermischen, trinken, trüben, übertreiben, +phantastisch alternd wie ein alter Wein? + +Dort legt sich, keiner weiß von welcher Seite, +Außen auf Inneres und Ewigkeit +auf Immer-Hingehn, Weite über Weite, +erblindend, finster, unbenutzt, verbleit. + +Dort bleibt, unter dem schwankenden Dekor +des Sommertags, das Graue alter Winter: +als stünde regungslos ein sanftgesinnter +langmütig lange Wartender dahinter +und eine weinend Wartende davor. + + + + +DIE MARIENPROZESSION + +GENT + + +Aus allen Türmen stürzt sich, Fluß um Fluß, +hinwallendes Metall in solchen Massen, +als sollte drunten in der Form der Gassen +ein blanker Tag erstehn aus Bronzeguß, + +an dessen Rand, gehämmert und erhaben, +zu sehen ist der buntgebundne Zug +der leichten Mädchen und der neuen Knaben, +und wie er Wellen schlug und trieb und trug, +hinabgehalten von dem ungewissen +Gewicht der Fahnen und von Hindernissen +gehemmt, unsichtbar wie die Hand des Herrn; + +und drüben plötzlich beinah mitgerissen +vom Aufstieg aufgescheuchter Räucherbecken, +die fliegend, alle sieben, wie im Schrecken +an ihren Silberketten zerrn. + +Die Böschung Schauender umschließt die Schiene, +in der das alles stockt und rauscht und rollt: +das Kommende, das Chryselephantine, +aus dem sich zu Balkonen Baldachine +aufbäumen, schwankend im Behang von Gold. + +Und sie erkennen über all dem Weißen, +getragen und im spanischen Gewand, +das alte Standbild mit dem kleinen heißen +Gesichte und dem Kinde auf der Hand +und knieen hin, je mehr es naht und naht, +in seiner Krone ahnungslos veraltend +und immer noch das Segnen hölzern haltend +aus dem sich groß gebärdenden Brokat. + +Da aber, wie es an den Hingeknieten +vorüberkommt, die scheu von unten schaun, +da scheint es seinen Trägern zu gebieten +mit einem Hochziehn seiner Augenbraun, +hochmütig, ungehalten und bestimmt: +so daß sie staunen, stehn und überlegen +und schließlich zögernd gehn. Sie aber nimmt + +in sich die Schritte dieses ganzen Stromes +und geht, allein, wie auf erkannten Wegen +dem Glockendonnern des großoffnen Domes +auf hundert Schultern frauenhaft entgegen. + + + + +DIE INSEL + +NORDSEE + + +I + + +Die nächste Flut verwischt den Weg im Watt, +und alles wird auf allen Seiten gleich; +die kleine Insel draußen aber hat +die Augen zu; verwirrend kreist der Deich + +um ihre Wohner, die in einen Schlaf +geboren werden, drin sie viele Welten +verwechseln schweigend; denn sie reden selten, +und jeder Satz ist wie ein Epitaph + +für etwas Angeschwemmtes, Unbekanntes, +das unerklärt zu ihnen kommt und bleibt. +Und so ist alles, was ihr Blick beschreibt, + +von Kindheit an: nicht auf sie Angewandtes, +zu Großes, Rücksichtsloses, Hergesandtes, +das ihre Einsamkeit noch übertreibt. + + + +II + + +Als läge er in einem Kraterkreise +auf einem Mond: ist jeder Hof umdämmt, +und drin die Gärten sind auf gleiche Weise +gekleidet und wie Waisen gleich gekämmt + +von jenem Sturm, der sie so rauh erzieht +und tagelang sie bange macht mit Toden. +Dann sitzt man in den Häusern drin und sieht +in schiefen Spiegeln, was auf den Kommoden + +Seltsames steht. Und einer von den Söhnen +tritt abends vor die Tür und zieht ein Tönen +aus der Harmonika wie Weinen weich; + +so hörte ers in einem fremden Hafen--. +Und draußen formt sich eines von den Schafen +ganz groß, fast drohend, auf dem Außendeich. + + + +III + + +Nah ist nur Innres; alles andre fern. +Und dieses Innere gedrängt und täglich +mit allem überfüllt und ganz unsäglich. +Die Insel ist wie ein zu kleiner Stern, + +welchen der Raum nicht merkt und stumm zerstört +in seinem unbewußten Furchtbarsein, +so daß er, unerhellt und überhört, +allein, + +damit dies alles doch ein Ende nehme, +dunkel auf einer selbsterfundnen Bahn +versucht zu gehen, blindlings, nicht im Plan +der Wandelsterne, Sonnen und Systeme. + + + + +HETÄRENGRÄBER + + +In ihren langen Haaren liegen sie +mit braunen, tief in sich gegangenen Gesichtern. +Die Augen zu wie vor zu vieler Ferne. +Skelette, Munde, Blumen. In den Munden +die glatten Zähne wie ein Reiseschachspiel +aus Elfenbein in Reihen aufgestellt. +Und Blumen, gelbe Perlen, schlanke Knochen, +Hände und Hemden, welkende Gewebe +über dem eingestürzten Herzen. Aber +dort unter jenen Ringen, Talismanen +und augenblauen Steinen (Lieblings-Angedenken) +steht noch die stille Krypta des Geschlechtes, +bis an die Wölbung voll mit Blumenblättern. +Und wieder gelbe Perlen, weitverrollte,-- +Schalen gebrannten Tones, deren Bug +ihr eignes Bild geziert hat, grüne Scherben +von Salbenvasen, die wie Blumen duften, +und Formen kleiner Götter: Hausaltäre, +Hetärenhimmel mit entzückten Göttern. +Gesprengte Gürtel, flache Skarabäen, +kleine Figuren riesigen Geschlechtes, +ein Mund, der lacht, und Tanzende und Läufer, +goldene Fibeln, kleinen Bogen ähnlich +zur Jagd auf Tier- und Vogelamulette, +und lange Nadeln, zieres Hausgeräte +und eine runde Scherbe roten Grundes, +darauf, wie eines Eingangs schwarze Aufschrift, +die straffen Beine eines Viergespannes. +Und wieder Blumen, Perlen, die verrollt sind, +die hellen Lenden einer kleinen Leier, +und zwischen Schleiern, die gleich Nebeln fallen, +wie ausgekrochen aus des Schuhes Puppe: +des Fußgelenkes leichter Schmetterling. + +So liegen sie mit Dingen angefüllt, +kostbaren Dingen, Steinen, Spielzeug, Hausrat, +zerschlagnem Tand (was alles in sie abfiel), +und dunkeln wie der Grund von einem Fluß. + +Flußbetten waren sie, +darüber hin in kurzen schnellen Wellen +(die weiter wollten zu dem nächsten Leben) +die Leiber vieler Jünglinge sich stürzten +und in denen der Männer Ströme rauschten. +Und manchmal brachen Knaben aus den Bergen +der Kindheit, kamen zagen Falles nieder +und spielten mit den Dingen auf dem Grunde, +bis das Gefälle ihr Gefühl ergriff: + +Dann füllten sie mit flachem klaren Wasser +die ganze Breite dieses breiten Weges +und trieben Wirbel an den tiefen Stellen; +und spiegelten zum erstenmal die Ufer +und ferne Vogelrufe, während hoch +die Sternennächte eines süßen Landes +in Himmel wuchsen, die sich nirgends schlossen. + + + + +ORPHEUS. EURYDIKE. HERMES + + +Das war der Seelen wunderliches Bergwerk. +Wie stille Silbererze gingen sie +als Adern durch sein Dunkel. Zwischen Wurzeln +entsprang das Blut, das fortgeht zu den Menschen, +und schwer wie Porphyr sah es aus im Dunkel. +Sonst war nichts Rotes. + +Felsen war da +und wesenlose Wälder. Brücken über Leeres +und jener große, graue, blinde Teich, +der über seinem fernen Grunde hing +wie Regenhimmel über einer Landschaft. +Und zwischen Wiesen, sanft und voller Langmut, +erschien des einen Weges blasser Streifen +wie eine lange Bleiche hingelegt. + +Und dieses einen Weges kamen sie. + +Voran der schlanke Mann im blauen Mantel, +der stumm und ungeduldig vor sich aussah. +Ohne zu kauen fraß sein Schritt den Weg +in großen Bissen; seine Hände hingen +schwer und verschlossen aus dem Fall der Falten +und wußten nicht mehr von der leichten Leier, +die in die Linke eingewachsen war +wie Rosenranken in den Ast des Ölbaums. +Und seine Sinne waren wie entzweit: + +indes der Blick ihm wie ein Hund vorauslief, +umkehrte, kam und immer wieder weit +und wartend an der nächsten Wendung stand,-- +blieb sein Gehör wie ein Geruch zurück. +Manchmal erschien es ihm, als reichte es +bis an das Gehen jener beiden andern, +die folgen sollten diesen ganzen Aufstieg. +Dann wieder wars nur seines Steigens Nachklang +und seines Mantels Wind, was hinter ihm war. +Er aber sagte sich, sie kämen doch; +sagte es laut und hörte sich verhallen. +Sie kämen doch, nur wärens zwei, +die furchtbar leise gingen. Dürfte er +sich einmal wenden (wäre das Zurückschaun +nicht die Zersetzung dieses ganzen Werkes, +das erst vollbracht wird), müßte er sie sehen, +die beiden Leisen, die ihm schweigend nachgehn: + +den Gott des Ganges und der weiten Botschaft, +die Reischaube über hellen Augen, +den schlanken Stab hertragend vor dem Leibe +und flügelschlagend an den Fußgelenken; +und seiner linken Hand gegeben: _sie_. +Die So-geliebte, daß aus einer Leier +mehr Klage kam als je aus Klagefrauen; +daß eine Welt aus Klage ward, in der +alles noch einmal da war: Wald und Tal +und Weg und Ortschaft, Feld und Fluß und Tier; +und daß um diese Klage-Welt ganz so +wie um die andre Erde eine Sonne +und ein gestirnter stiller Himmel ging, +ein Klage-Himmel mit entstellten Sternen--: +diese So-geliebte. + +Sie aber ging an jenes Gottes Hand, +den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern, +unsicher, sanft und ohne Ungeduld. +Sie war in sich wie eine hoher Hoffnung +und dachte nicht des Mannes, der voranging, +und nicht des Weges, der ins Leben aufstieg. +Sie war in sich. Und ihr Gestorbensein +erfüllte sie wie Fülle. +Wie eine Frucht von Süßigkeit und Dunkel, +so war sie voll von ihrem großen Tode, +der also neu war, daß sie nichts begriff. + +Sie war in einem neuen Mädchentum +und unberührbar; ihr Geschlecht war zu +wie eine junge Blume gegen Abend, +und ihre Hände waren der Vermählung +so sehr entwöhnt, daß selbst des leichten Gottes +unendlich leise leitende Berührung +sie kränkte wie zu sehr Vertraulichkeit. + +Sie war schon nicht mehr diese blonde Frau, +die in des Dichters Liedern manchmal anklang, +nicht mehr des breiten Bettes Duft und Eiland +und jenes Mannes Eigentum nicht mehr. +Sie war schon aufgelöst wie langes Haar +und hingegeben wie gefallner Regen +und ausgeteilt wie hundertfacher Vorrat. + +Sie war schon Wurzel. +Und als plötzlich jäh +der Gott sie anhielt und mit Schmerz im Ausruf +die Worte sprach: Er hat sich umgewendet +begriff sie nichts und sagte leise: Wer? + +Fern aber, dunkel vor dem klaren Ausgang, +stand irgend jemand, dessen Angesicht +nicht zu erkennen war. Er stand und sah, +wie auf dem Streifen eines Wiesenpfades +mit trauervollem Blick der Gott der Botschaft +sich schweigend wandte, der Gestalt zu folgen, +die schon zurückging dieses selben Weges, +den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern, +unsicher, sanft und ohne Ungeduld. + + + + +ALKESTIS + + +Da plötzlich war der Bote unter ihnen, +hineingeworfen in das Überkochen +des Hochzeitsmahles wie ein neuer Zusatz. +Sie fühlten nicht, die Trinkenden, des Gottes +heimlichen Eintritt, welcher seine Gottheit +so an sich hielt wie einen nassen Mantel +und ihrer einer schien, der oder jener, +wie er so durchging. Aber plötzlich sah +mitten im Sprechen einer von den Gästen +den jungen Hausherrn oben an dem Tische +wie in die Höh gerissen, nicht mehr liegend +und überall und mit dem ganzen Wesen +ein Fremdes spiegelnd, das ihn furchtbar ansprach. +Und gleich darauf, als klärte sich die Mischung, +war Stille; nur mit einem Satz am Boden +von trübem Lärm und einem Niederschlag +fallenden Lallens, schon verdorben riechend +nach dumpfem umgestandenen Gelächter. +Und da erkannten sie den schlanken Gott, +und wie er dastand, innerlich voll Sendung +und unerbittlich,--wußten sie es beinah. +Und doch, als es gesagt war, war es mehr +als alles Wissen, gar nicht zu begreifen. +Admet muß sterben. Wann? In dieser Stunde. + +Der aber brach die Schale seines Schreckens +in Stücken ab und streckte seine Hände +heraus aus ihr, um mit dem Gott zu handeln. +Um Jahre, um ein einzig Jahr noch Jugend, +um Monate, um Wochen, um paar Tage, +ach, Tage nicht, um Nächte, nur um eine, +um eine Nacht, um diese nur: um die. +Der Gott verneinte, und da schrie er auf +und schrie's hinaus und hielt es nicht und schrie, +wie seine Mutter aufschrie beim Gebären. + +Und die trat zu ihm, eine alte Frau, +und auch der Vater kam, der alte Vater, +und beide standen, alt, veraltet, ratlos, +beim Schreienden, der plötzlich, wie noch nie +so nah, sie ansah, abbrach, schluckte, sagte: +Vater, +liegt dir denn viel daran an diesem Rest, +an diesem Satz, der dich beim Schlingen hindert? +Geh, gieß ihn weg. Und du, du alte Frau, +Matrone, +was tust du denn noch hier: du hast geboren. +Und beide hielt er sie wie Opfertiere +in einem Griff. Auf einmal ließ er los +und stieß die Alten fort, voll Einfall, strahlend +und atemholend, rufend: Kreon, Kreon! +Und nichts als das; und nichts als diesen Namen. +Aber in seinem Antlitz stand das andere, +das er nicht sagte, namenlos erwartend, +wie ers dem jungen Freunde, dem Geliebten, +erglühend hinhielt übern wirren Tisch. + +Die Alten (stand da), siehst du, sind kein Loskauf, +sie sind verbraucht und schlecht und beinah wertlos, +du aber, du, in deiner ganzen Schönheit-- + +Da aber sah er seinen Freund nicht mehr. +Er blieb zurück, und das, was kam, war sie, +ein wenig kleiner fast, als er sie kannte, +und leicht und traurig in dem bleichen Brautkleid. +Die andern alle sind nur ihre Gasse, +durch die sie kommt und kommt--: (gleich wird sie da sein +in seinen Armen, die sich schmerzhaft auftun). +Doch wie er wartet, spricht sie; nicht zu ihm. +Sie spricht zum Gotte, und der Gott vernimmt sie, +und alle hörens gleichsam erst im Gotte: + +Ersatz kann keiner für ihn sein. Ich bins. +Ich bin Ersatz. Denn keiner ist zu Ende, +wie ich es bin. Was bleibt mir denn von dem, +was ich hier war? Das _ists_ ja, daß ich sterbe. +Hat sie dirs nicht gesagt, da sie dirs auftrug, +daß jenes Lager, das da drinnen wartet, +zur Unterwelt gehört? Ich nahm ja Abschied. +Abschied über Abschied. +Kein Sterbender nimmt mehr davon. Ich ging ja, +damit das alles, unter dem begraben, +der jetzt mein Gatte ist, zergeht, sich auflöst--. +So für mich hin: ich sterbe ja für ihn. + +Und wie der Wind auf hoher See, der umspringt, +so trat der Gott fast wie zu einer Toten +und war auf einmal weit von ihrem Gatten, +dem er, versteckt in einem kleinen Zeichen, +die hundert Leben dieser Erde zuwarf. +Der stürzte taumelnd zu den beiden hin +und griff nach ihnen wie im Traum. Sie gingen +schon auf den Eingang zu, in dem die Frauen +verweint sich drängten. Aber einmal sah +er noch des Mädchens Antlitz, das sich wandte +mit einem Lächeln, hell wie eine Hoffnung, +die beinah ein Versprechen war: erwachsen +zurückzukommen aus dem tiefen Tode +zu ihm, dem Lebenden-- + +Da schlug er jäh +die Hände vors Gesicht, wie er so kniete, +um nichts zu sehen mehr nach diesem Lächeln. + + + + +GEBURT DER VENUS + + +An diesem Morgen nach der Nacht, die bang +vergangen war mit Rufen, Unruh, Aufruhr,-- +brach alles Meer noch einmal auf und schrie. +Und als der Schrei sich langsam wieder schloß +und von der Himmel blassem Tag und Anfang +herabfiel in der stummen Fische Abgrund--: +gebar das Meer. + +Von erster Sonne schimmerte der Haarschaum +der weiten Wogenscham, an deren Rand +das Mädchen aufstand, weiß, verwirrt und feucht. +So wie ein junges grünes Blatt sich rührt, +sich reckt und Eingerolltes langsam aufschlägt, +entfaltete ihr Leib sich in die Kühle +hinein und in den unberührten Frühwind. + +Wie Monde stiegen klar die Kniee auf +und tauchten in der Schenkel Wolkenränder; +der Waden schmaler Schatten wich zurück, +die Füße spannten sich und wurden licht, +und die Gelenke lebten wie die Kehlen +von Trinkenden. + +Und in dem Kelch des Beckens lag der Leib +wie eine junge Frucht in eines Kindes Hand. +In seines Nabels engem Becher war +das ganze Dunkel dieses hellen Lebens. + +Darunter hob sich licht die kleine Welle +und floß beständig über nach den Lenden, +wo dann und wann ein stilles Rieseln war. +Durchschienen aber und noch ohne Schatten, +wie ein Bestand von Birken im April, +warm, leer und unverborgen lag die Scham. + +Jetzt stand der Schultern rege Wage schon +im Gleichgewichte auf dem graden Körper, +der aus dem Becken wie ein Springbrunn aufstieg +und zögernd in den langen Armen abfiel +und rascher in dem vollen Kall des Haars. + +Dann ging sehr langsam das Gesicht vorbei: +aus dem verkürzten Dunkel seiner Neigung +in klares, wagrechtes Erhobensein. +Und hinter ihm verschloß sich steil das Kinn. + +Jetzt, da der Hals gestreckt war wie ein Strahl +und wie ein Blumenstiel, darin der Saft steigt, +streckten sich auch die Arme aus wie Hälse +von Schwänen, wenn sie nach dem Ufer suchen. + +Dann kam in dieses Leibes dunkle Frühe +wie Morgenwind der erste Atemzug. +Im zartesten Geäst der Aderbäume +entstand ein Flüstern, und das Blut begann +zu rauschen über seinen tiefen Stellen. +Und dieser Wind wuchs an: nun warf er sich +mit allem Atem in die neuen Brüste +und füllte sie und drückte sich in sie,-- +daß sie wie Segel, von der Ferne voll, +das leichte Mädchen nach dem Strande drängten. + +So landete die Göttin. + +Hinter ihr, +die rasch dahinschritt durch die jungen Ufer, +erhoben sich den ganzen Vormittag +die Blumen und die Halme, warm, verwirrt +wie aus Umarmung. Und sie ging und lief. + +Am Mittag aber, in der schwersten Stunde, +hob sich das Meer noch einmal auf und warf +einen Delphin an jene selbe Stelle. +Tot, rot und offen. + + + + +DIE ROSENSCHALE + + +Zornige sahst du flackern, sahst zwei Knaben +zu einem Etwas sich zusammenballen, +das Haß war und sich auf der Erde wälzte +wie ein von Bienen überfallnes Tier; +Schauspieler, aufgetürmte Übertreiber, +rasende Pferde, die zusammenbrachen, +den Blick wegwerfend, bläkend das Gebiß, +als schälte sich der Schädel aus dem Maule. + +Nun aber weißt du, wie sich das vergißt: +denn vor dir steht die volle Rosenschale, +die unvergeßlich ist und angefüllt +mit jenem Äußersten von Sein und Neigen, +Hinhalten, Niemals-Gebenkönnen, Dastehn, +das unser sein mag: Äußerstes auch uns. + +Lautloses Leben, Aufgehn ohne Ende, +Raum-brauchen, ohne Raum von jenem Raum +zu nehmen, den die Dinge rings verringern, +fast nicht Umrissen-sein wie Ausgespartes +und lauter Inneres, viel seltsam Zartes +und Sich-bescheinendes bis an den Rand: +ist irgend etwas uns bekannt wie dies? +Und dann wie dies: daß ein Gefühl entsteht, +weil Blütenblätter Blütenblätter rühren? + +Und dies: daß eins sich aufschlägt wie ein Lid, +und drunter liegen lauter Augenlider, +geschlossene, als ob sie zehnfach schlafend +zu dämpfen hätten eines Innern Sehkraft. +Und dies vor allem: daß durch diese Blätter +das Licht hindurch muß. Aus den tausend Himmeln +filtern sie langsam jeden Tropfen Dunkel, +in dessen Feuerschein das wirre Bündel +der Staubgeläße sich erregt und aufbäumt. + +Und die Bewegung in den Rosen, sieh: +Gebärden von so kleinem Ausschlagswinkel, +daß sie unsichtbar blieben, liefen ihre +Strahlen nicht auseinander in das Weltall. + +Sieh jene weiße, die sich selig aufschlug +und dasteht in den großen offnen Blättern +wie eine Venus aufrecht in der Muschel; +und die errötende, die wie verwirrt +nach einer kühlen sich hinüberwendet, +und wie die kühle fühllos sich zurückzieht, +und wie die kalte steht, in sich gehüllt, +unter den offenen, die alles abtun. +Und _was_ sie abtun, wie das leicht und schwer, +wie es ein Mantel, eine Last, ein Flügel +und eine Maske sein kann, je nachdem, +und _wie_ sie's abtun: wie vor dem Geliebten. + +Was können sie nicht sein: war jene gelbe, +die hohl und offen daliegt, nicht die Schale +von einer Frucht, darin dasselbe Gelb, +gesammelter, orangeröter, Saft war? +Und wars für diese schon zu viel, das Aufgehn, +weil an der Luft ihr namenloses Rosa +den bittern Nachgeschmack des Lila annahm? +Und die batistene, ist sie kein Kleid, +in dem noch zart und atemwarm das Hemd steckt, +mit dem zugleich es abgeworfen wurde +im Morgenschatten an dem alten Waldbad? +Und dieses hier, opalnes Porzellan, +zerbrechlich, eine flache Chinatasse +und angefüllt mit kleinen hellen Faltern,-- +und jene da, die nichts enthält als sich? + +Und sind nicht alle so, nur sich enthaltend, +wenn Sich-enthalten heißt: die Welt da draußen +und Wind und Regen und Geduld des Frühlings +und Schuld und Unruh und vermummtes Schicksal +und Dunkelheit der abendlichen Erde +bis auf der Wolken Wandel, Flucht und Anflug, +bis auf den vagen Einfluß ferner Sterne +in eine Hand voll Innres zu verwandeln? + +Nun liegt es sorglos in den offnen Rosen. + + + + + +INHALT + + +Früher Apollo +Mädchenklage +Liebeslied +Eranna an Sappho +Sappho an Eranna +Sappho an Alkaïos (Fragment) +Grabmal eines jungen Mädchens +Opfer +Östliches Taglied +Abisag +David singt vor Saul +Josuas Landtag +Der Auszug des verlorenen Sohnes +Der Ölbaumgarten +Pietà +Gesang der Frauen an den Dichter +Der Tod des Dichters +Buddha +L'Ange du Méridien (Chartres) +Die Kathedrale +Das Portal +Die Fensterrose +Das Kapitäl +Gott im Mittelalter +Morgue +Der Gefangene +Der Panther (Im Jardin des Plantes, Paris) +Die Gazelle (Antilope dorcas) +Das Einhorn +Sankt Sebastian +Der Stifter +Der Engel +Römische Sarkophage +Der Schwan +Kindheit +Der Dichter +Die Spitze +Ein Frauenschicksal +Die Genesende +Die Erwachsene +Tanagra +Die Erblindende +In einem fremden Park (Borgeby-Gård) +Abschied +Todeserfahrung +Blaue Hortensie +Vor dem Sommerregen +Im Saal +Letzter Abend (Aus dem Besitze Frau Nonnas) +Jugendbildnis meines Vaters +Selbstbildnis aus dem Jahre 1906 +Der König +Auferstehung +Der Fahnenträger +Der letzte Graf von Brederode entzieht sich türkischer Gefangenschaft +Die Kurtisane +Die Treppe der Orangerie (Versailles) +Der Marmorkarren (Paris) +Buddha +Römische Fontäne (Borghese) +Das Karussell (Jardin du Luxembourg) +Spanische Tänzerin +Der Turm (Tour St.-Nicolas, Furnes) +Der Platz (Furnes) +Quai du Rosaire (Brügge) +Béguinage (Béguinage Sainte-Elisabeth, Brügge) +Die Marienprozession (Gent) +Die Insel (Nordsee) +Hetärengräber +Orpheus. Eurydike. Hermes +Alkestis +Geburt der Venus +Die Rosenschale +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 33863 *** diff --git a/33863-h/33863-h.htm b/33863-h/33863-h.htm new file mode 100644 index 0000000..b28c6cf --- /dev/null +++ b/33863-h/33863-h.htm @@ -0,0 +1,2643 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<!-- $Id: header.txt 236 2009-12-07 18:57:00Z vlsimpson $ --> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> + <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> + <title> + The Project Gutenberg eBook of Neue Gedichte, by Rainer Maria Rilke. + </title> + <style type="text/css"> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; +} + + h1,h2,h3,h4,h5,h6 { + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both; +} + +p { + margin-top: .75em; + text-align: justify; + margin-bottom: .75em; +} + +hr { + width: 33%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + clear: both; +} + +.bb {border-bottom: solid 2px;} + +.bl {border-left: solid 2px;} + +.bt {border-top: solid 2px;} + +.br {border-right: solid 2px;} + +.bbox {border: solid 2px;} + +.center {text-align: center;} + +.smcap {font-variant: small-caps;} + +.u {text-decoration: underline;} + +.caption {font-weight: bold;} + + </style> + </head> +<body> +<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 33863 ***</div> + +<h1>NEUE GEDICHTE</h1> + +<h3>Von</h3> + +<h2>RAINER MARIA RILKE</h2> + +<h4>LEIPZIG</h4> + +<h4>IM INSEL-VERLAG</h4> + +<h4>MCMXX</h4> + +<hr style="width: 65%;" /> +<h4>KARL UND ELISABETH VON DER HEYDT</h4> +<h4>IN FREUNDSCHAFT</h4> + +<hr style="width: 95%;" /> +<h3><a href="#INHALT">Inhalt</a></h3> +<hr style="width: 65%;" /> + +<p> +<a name="FRUHER_APOLLO" id="FRUHER_APOLLO"></a>FRHER APOLLO<br /> +<br /> +<br /> +Wie manches Mal durch das noch unbelaubte<br /> +Gezweig ein Morgen durchsieht, der schon ganz<br /> +im Frhling ist: so ist in seinem Haupte<br /> +nichts, was verhindern knnte, da der Glanz<br /> +<br /> +aller Gedichte uns fast tdlich trfe;<br /> +denn noch kein Schatten ist in seinem Schaun,<br /> +zu khl fr Lorbeer sind noch seine Schlfe,<br /> +und spter erst wird aus den Augenbraun<br /> +<br /> +hochstmmig sich der Rosengarten heben,<br /> +aus welchem Bltter, einzeln, ausgelst<br /> +hintreiben werden auf des Mundes Beben,<br /> +<br /> +der jetzt noch still ist, niegebraucht und blinkend<br /> +und nur mit seinem Lcheln etwas trinkend,<br /> +als wrde ihm sein Singen eingeflt.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="MADCHENKLAGE" id="MADCHENKLAGE"></a>MDCHENKLAGE<br /> +<br /> +<br /> +Diese Neigung, in den Jahren,<br /> +da wir alle Kinder waren,<br /> +viel allein zu sein, war mild;<br /> +andern ging die Zeit im Streite,<br /> +und man hatte seine Seite,<br /> +seine Nhe, seine Weite,<br /> +einen Weg, ein Tier, ein Bild.<br /> +<br /> +Und ich dachte noch, das Leben<br /> +hrte niemals auf zu geben,<br /> +da man sich in sich besinnt.<br /> +Bin ich in mir nicht im Grten?<br /> +Will mich meines nicht mehr trsten<br /> +und verstehen wie als Kind?<br /> +<br /> +Pltzlich bin ich wie verstoen,<br /> +und zu einem bergroen<br /> +wird mir diese Einsamkeit,<br /> +wenn, auf meiner Brste Hgeln<br /> +stehend, mein Gefhl nach Flgeln<br /> +oder einem Ende schreit.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="LIEBESLIED" id="LIEBESLIED"></a>LIEBESLIED<br /> +<br /> +<br /> +Wie soll ich meine Seele halten, da<br /> +sie nicht an deine rhrt? Wie soll ich sie<br /> +hinheben ber dich zu andern Dingen?<br /> +Ach gerne mcht ich sie bei irgendwas<br /> +Verlorenem im Dunkel unterbringen<br /> +an einer fremden stillen Stelle, die<br /> +nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.<br /> +Doch alles, was uns anrhrt, dich und mich,<br /> +nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,<br /> +der aus zwei Saiten <i>eine</i> Stimme zieht.<br /> +Auf welches Instrument sind wir gespannt?<br /> +Und welcher Spieler hat uns in der Hand?<br /> +O ses Lied.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="ERANNA_AN_SAPPHO" id="ERANNA_AN_SAPPHO"></a>ERANNA AN SAPPHO<br /> +<br /> +<br /> +O du wilde weite Werferin:<br /> +Wie ein Speer bei andern Dingen<br /> +lag ich bei den Meinen. Dein Erklingen<br /> +warf mich weit. Ich wei nicht, wo ich bin.<br /> +Mich kann keiner wiederbringen.<br /> +<br /> +Meine Schwestern denken mich und weben,<br /> +und das Haus ist voll vertrauter Schritte.<br /> +Ich allein bin fern und fortgegeben,<br /> +und ich zittere wie eine Bitte;<br /> +denn die schne Gttin in der Mitte<br /> +ihrer Mythen glht und lebt mein Leben.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="SAPPHO_AN_ERANNA" id="SAPPHO_AN_ERANNA"></a>SAPPHO AN ERANNA<br /> +<br /> +<br /> +Unruh will ich ber dich bringen,<br /> +schwingen will ich dich, umrankter Stab.<br /> +Wie das Sterben will ich dich durchdringen<br /> +und dich weitergeben wie das Grab<br /> +an das Alles: allen diesen Dingen.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="SAPPHO_AN_ALKAIOS" id="SAPPHO_AN_ALKAIOS"></a>SAPPHO AN ALKAOS<br /> +<br /> +FRAGMENT<br /> +<br /> +<br /> +Und was httest du mir denn zu sagen,<br /> +und was gehst du meine Seele an,<br /> +wenn sich deine Augen niederschlagen<br /> +vor dem nahen Nichtgesagten? Mann,<br /> +<br /> +sieh, uns hat das Sagen dieser Dinge<br /> +hingerissen und bis in den Ruhm.<br /> +Wenn ich denke: unter euch verginge<br /> +drftig unser ses Mdchentum,<br /> +<br /> +welches wir, ich Wissende und jene<br /> +mit mir Wissenden, vom Gott bewacht,<br /> +trugen unberhrt, da Mytilene<br /> +wie ein Apfelgarten in der Nacht<br /> +duftete vom Wachsen unsrer Brste—.<br /> +<br /> +Ja, auch dieser Brste, die du nicht<br /> +whltest wie zu Fruchtgewinden, Freier<br /> +mit dem weggesenkten Angesicht.<br /> +Geh und la mich, da zu meiner Leier<br /> +komme, was du abhltst: alles steht.<br /> +<br /> +Dieser Gott ist nicht der Beistand zweier,<br /> +aber wenn er durch den einen geht<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="GRABMAL_EINES_JUNGEN_MADCHENS" id="GRABMAL_EINES_JUNGEN_MADCHENS"></a>GRABMAL EINES JUNGEN MDCHENS<br /> +<br /> +<br /> +Wir gedenkens noch. Das ist, als mte<br /> +alles dieses einmal wieder sein.<br /> +Wie ein Baum an der Limonenkste<br /> +trugst du deine kleinen leichten Brste<br /> +in das Rauschen seines Bluts hinein:<br /> +<br /> +—jenes Gottes.<br /> +<span style="margin-left: 8em;">Und es war der schlanke</span><br /> +Flchtling, der Verwhnende der Fraun.<br /> +S und glhend, warm wie dein Gedanke,<br /> +berschattend deine frhe Flanke<br /> +und geneigt wie deine Augenbraun.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="OPFER" id="OPFER"></a>OPFER<br /> +<br /> +<br /> +O wie blht mein Leib aus jeder Ader<br /> +duftender, seitdem ich dich erkenn;<br /> +sieh, ich gehe schlanker und gerader,<br /> +und du wartest nur—: wer bist du denn?<br /> +<br /> +Sieh: ich fhle, wie ich mich entferne,<br /> +wie ich Altes, Blatt um Blatt, verlier.<br /> +Nur dein Lcheln steht wie lauter Sterne<br /> +ber dir und bald auch ber mir.<br /> +<br /> +Alles was durch meine Kinderjahre<br /> +namenlos noch und wie Wasser glnzt,<br /> +will ich nach dir nennen am Altre,<br /> +der entzndet ist von deinem Haare<br /> +und mit deinen Brsten leicht bekrnzt.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="OSTLICHES_TAGLIED" id="OSTLICHES_TAGLIED"></a>STLICHES TAGLIED<br /> +<br /> +<br /> +Ist dieses Bette nicht wie eine Kste,<br /> +ein Kstenstreifen nur, darauf wir liegen?<br /> +Nichts ist gewi als deine hohen Brste,<br /> +die mein Gefhl in Schwindeln berstiegen.<br /> +<br /> +Denn diese Nacht, in der so vieles schrie,<br /> +in der sich Tiere rufen und zerreien,<br /> +ist sie uns nicht entsetzlich fremd? Und wie:<br /> +was drauen langsam anhebt, Tag geheien,<br /> +ist das uns denn verstndlicher als sie?<br /> +<br /> +Man mte so sich ineinanderlegen<br /> +wie Bltenbltter um die Staubgefe:<br /> +so sehr ist berall das Ungeme<br /> +und huft sich an und strzt sich uns entgegen.<br /> +<br /> +Doch whrend wir uns aneinanderdrcken,<br /> +um nicht zu sehen, wie es ringsum naht,<br /> +kann es aus dir, kann es aus mir sich zcken:<br /> +denn unsre Seelen leben von Verrat.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="ABISAG" id="ABISAG"></a>ABISAG<br /> +<br /> +<br /> +I<br /> +<br /> +Sie lag. Und ihre Kinderarme waren<br /> +von Dienern um den Welkenden gebunden,<br /> +auf dem sie lag die sen langen Stunden,<br /> +ein wenig bang vor seinen vielen Jahren.<br /> +<br /> +Und manchmal wandte sie in seinem Barte<br /> +ihr Angesicht, wenn eine Eule schrie;<br /> +und alles, was die Nacht war, kam und scharte<br /> +mit Bangen und Verlangen sich um sie.<br /> +<br /> +Die Sterne zitterten wie ihresgleichen,<br /> +der Duft ging suchend durch das Schlafgemach,<br /> +der Vorhang rhrte sich und gab ein Zeichen,<br /> +und leise ging ihr Blick dem Zeichen nach.<br /> +<br /> +Aber sie hielt sich an dem dunkeln Alten,<br /> +und, von der Nacht der Nchte nicht erreicht,<br /> +lag sie auf seinem frstlichen Erkalten<br /> +jungfrulich und wie eine Seele leicht.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +II<br /> +<br /> +Der Knig sa und sann den leeren Tag<br /> +getaner Taten, ungefhlter Lste<br /> +und seiner Lieblingshndin, der er pflag—.<br /> +Aber am Abend wlbte Abisag<br /> +sich ber ihm. Sein wirres Leben lag<br /> +verlassen wie verrufne Meereskste<br /> +unter dem Sternbild ihrer stillen Brste.<br /> +<br /> +Und manchmal, als ein Kundiger der Frauen,<br /> +erkannte er durch seine Augenbrauen<br /> +den unbewegten, ksselosen Mund;<br /> +und sah: ihres Gefhles grne Rute<br /> +neigte sich nicht herab zu seinem Grund.<br /> +Ihn frstelte. Er horchte wie ein Hund<br /> +und suchte sich in seinem letzten Blute.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DAVID_SINGT_VOR_SAUL" id="DAVID_SINGT_VOR_SAUL"></a>DAVID SINGT VOR SAUL<br /> +<br /> +<br /> +I<br /> +<br /> +Knig, hrst du, wie mein Saitenspiel<br /> +Fernen wirft, durch die wir uns bewegen?<br /> +Sterne treiben uns verwirrt entgegen,<br /> +und wir fallen endlich wie ein Regen,<br /> +und es blht, wo dieser Regen fiel.<br /> +<br /> +Mdchen blhen, die du noch erkannt,<br /> +die jetzt Frauen sind und mich verfhren;<br /> +den Geruch der Jungfraun kannst du spren,<br /> +und die Knaben stehen, angespannt<br /> +schlank und atmend, an verschwiegnen Tren.<br /> +<br /> +Da mein Klang dir alles wiederbrchte.<br /> +Aber trunken taumelt mein Getn:<br /> +Deine Nchte, Knig, deine Nchte—,<br /> +und wie waren, die dein Schaffen schwchte,<br /> +o wie waren alle Leiber schn.<br /> +<br /> +Dein Erinnern glaub ich zu begleiten,<br /> +weil ich ahne. Doch auf welchen Saiten<br /> +greif ich dir ihr dunkles Lustgesthn?—<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +II<br /> +<br /> +Knig, der du alles dieses hattest<br /> +und der du mit lauter Leben mich<br /> +berwltigest und berschattest:<br /> +komm aus deinem Throne und zerbrich<br /> +meine Harfe, die du so ermattest.<br /> +<br /> +Sie ist wie ein abgenommner Baum:<br /> +durch die Zweige, die dir Frucht getragen,<br /> +schaut jetzt eine Tiefe wie von Tagen,<br /> +welche kommen—, und ich kenn sie kaum.<br /> +<br /> +La mich nicht mehr bei der Harfe schlafen;<br /> +sich dir diese Knabenhand da an:<br /> +glaubst du, Knig, da sie die Oktaven<br /> +eines Leibes noch nicht greifen kann?<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +III<br /> +<br /> +Knig, birgst du dich in Finsternissen,<br /> +und ich hab dich doch in der Gewalt.<br /> +Sieh, mein festes Lied ist nicht gerissen,<br /> +und der Raum wird um uns beide kalt.<br /> +Mein verwaistes Herz und dein verworrnes<br /> +hngen in den Wolken deines Zornes,<br /> +wtend ineinander eingebissen<br /> +und zu einem einzigen verkrallt.<br /> +<br /> +Fhlst du jetzt, wie wir uns umgestalten?<br /> +Knig, Knig, das Gewicht wird Geist.<br /> +Wenn wir uns nur aneinanderhalten,<br /> +du am Jungen, Knig, ich am Alten,<br /> +sind wir fast wie ein Gestirn, das kreist.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="JOSUAS_LANDTAG" id="JOSUAS_LANDTAG"></a>JOSUAS LANDTAG<br /> +<br /> +<br /> +So wie der Strom am Ausgang seine Dmme<br /> +durchbricht mit seiner Mndung berma,<br /> +so brach nun durch die ltesten der Stimme<br /> +zum letztenmal die Stimme Josuas.<br /> +<br /> +Wie waren die geschlagen, welche lachten,<br /> +wie hielten alle Herz und Hnde an,<br /> +als hbe sich der Lrm von dreiig Schlachten<br /> +in einem Mund; und dieser Mund begann.<br /> +<br /> +Und wieder waren Tausende voll Staunen<br /> +wie an dem groen Tag vor Jericho,<br /> +nun aber waren in ihm die Posaunen,<br /> +und ihres Lebens Mauern schwankten so,<br /> +<br /> +da sie sich wlzten, von Entsetzen trchtig<br /> +und wehrlos schon und berwltigt, eh<br /> +sie's noch gedachten, wie er eigenmchtig<br /> +zu Gibeon die Sonne anschrie: Steh!<br /> +<br /> +Und Gott ging hin, erschrocken wie ein Knecht,<br /> +und hielt die Sonne, bis ihm seine Hnde<br /> +wehtaten, ob dem schlachtenden Geschlecht,<br /> +nur weil da einer wollte, da sie stnde.<br /> +<br /> +Und das war dieser; dieser Alte wars,<br /> +von dem sie meinten, da er nicht mehr gelte<br /> +inmitten seines hundertzehnten Jahrs.<br /> +Da stand er auf und brach in ihre Zelte.<br /> +<br /> +Er ging wie Hagel nieder ber Halmen.<br /> +Was wollt ihr Gott versprechen? Ungezhlt<br /> +stehn um euch Gtter, wartend, da ihr whlt.<br /> +Doch wenn ihr whlt, wird euch der Herr zermalmen.<br /> +<br /> +Und dann, mit einem Hochmut ohnegleichen:<br /> +Ich und mein Haus, wir bleiben ihm vermhlt.<br /> +<br /> +Da schrien sie alle: Hilf uns, gib ein Zeichen<br /> +und strke uns zu unsrer schweren Wahl.<br /> +<br /> +Aber sie sahn ihn, wie seit Jahren schweigend,<br /> +zu seiner festen Stadt am Berge steigend;<br /> +und dann nicht mehr. Es war das letzte Mal.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_AUSZUG_DES_VERLORENEN_SOHNES" id="DER_AUSZUG_DES_VERLORENEN_SOHNES"></a>DER AUSZUG DES VERLORENEN SOHNES<br /> +<br /> +<br /> +NUN fortzugehn von alle dem Verworrnen,<br /> +das unser ist und uns doch nicht gehrt,<br /> +das, wie das Wasser in den alten Bornen,<br /> +uns zitternd spiegelt und das Bild zerstrt;<br /> +von allem diesen, das sich wie mit Dornen<br /> +noch einmal an uns anhngt—fortzugehn<br /> +und Das und Den,<br /> +die man schon nicht mehr sah<br /> +(so tglich waren sie und so gewhnlich),<br /> +auf einmal anzuschauen: sanft, vershnlich<br /> +und wie an einem Anfang und von nah<br /> +und ahnend einzusehn, wie unpersnlich,<br /> +wie ber alle hin das Leid geschah,<br /> +von dem die Kindheit voll war bis zum Rand—:<br /> +Und dann doch fortzugehen, Hand aus Hand,<br /> +als ob man ein Geheiltes neu zerrisse,<br /> +und fortzugehn: wohin? Ins Ungewisse,<br /> +weit in ein unverwandtes warmes Land,<br /> +das hinter allem Handeln wie Kulisse<br /> +gleichgltig sein wird: Garten oder Wand;<br /> +und fortzugehn: warum? Aus Drang, aus Artung,<br /> +aus Ungeduld, aus dunkler Erwartung,<br /> +aus Unverstndlichkeit und Unverstand:<br /> +Dies alles auf sich nehmen und vergebens<br /> +vielleicht Gehaltnes fallen lassen, um<br /> +allein zu sterben, wissend nicht warum—<br /> +<br /> +Ist das der Eingang eines neuen Lebens?<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_OLBAUMGARTEN" id="DER_OLBAUMGARTEN"></a>DER LBAUMGARTEN<br /> +<br /> +<br /> +Er ging hinauf unter dem grauen Laub<br /> +ganz grau und aufgelst im lgelnde<br /> +und legte seine Stirne voller Staub<br /> +tief in das Staubigsein der heien Hnde.<br /> +<br /> +Nach allem dies. Und dieses war der Schlu.<br /> +Jetzt soll ich gehen, whrend ich erblinde,<br /> +und warum willst Du, da ich sagen mu,<br /> +Du seist, wenn ich Dich selber nicht mehr finde.<br /> +<br /> +Ich finde Dich nicht mehr. Nicht in mir, nein.<br /> +Nicht in den andern. Nicht in diesem Stein.<br /> +Ich finde Dich nicht mehr. Ich bin allein.<br /> +<br /> +Ich bin allein mit aller Menschen Gram,<br /> +den ich durch Dich zu lindern unternahm,<br /> +der Du nicht bist, namenlose Scham...<br /> +<br /> +Spter erzhlte man: ein Engel kam—.<br /> +<br /> +Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht<br /> +und bltterte gleichgltig in den Bumen.<br /> +Die Jnger rhrten sich in ihren Trumen.<br /> +Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht.<br /> +<br /> +Die Nacht, die kam, war keine ungemeine;<br /> +so gehen hunderte vorbei.<br /> +<br /> +Da schlafen Hunde, und da liegen Steine.<br /> +Ach eine traurige, ach irgendeine,<br /> +die wartet, bis es wieder Morgen sei.<br /> +<br /> +Denn Engel kommen nicht zu solchen Betern,<br /> +und Nchte werden nicht um solche gro.<br /> +Die Sich-Verlierenden lt alles los,<br /> +und sie sind preisgegeben von den Vtern<br /> +und ausgeschlossen aus der Mtter Scho.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="PIETA" id="PIETA"></a>PIET<br /> +<br /> +<br /> +So seh ich, Jesus, deine Fe wieder,<br /> +O die damals eines Jnglings Fe waren,<br /> +da ich sie bang entkleidete und wusch;<br /> +wie standen sie verwirrt in meinen Haaren<br /> +und wie ein weies Wild im Dornenbusch.<br /> +<br /> +So seh ich deine niegeliebten Glieder<br /> +zum erstenmal in dieser Liebesnacht.<br /> +Wir legten uns noch nie zusammen nieder,<br /> +und nun wird nur bewundert und gewacht.<br /> +<br /> +Doch, siehe, deine Hnde sind zerrissen—:<br /> +Geliebter, nicht von mir, von meinen Bissen.<br /> +Dein Herz steht offen, und man kann hinein:<br /> +das htte drfen nur mein Eingang sein.<br /> +<br /> +Nun bist du mde, und dein mder Mund<br /> +hat keine Lust zu meinem wehen Munde—.<br /> +O Jesus, Jesus, wann war unsre Stunde?<br /> +Wie gehn wir beide wunderlich zugrund.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="GESANG_DER_FRAUEN_AN_DEN_DICHTER" id="GESANG_DER_FRAUEN_AN_DEN_DICHTER"></a>GESANG DER FRAUEN AN DEN DICHTER<br /> +<br /> +<br /> +Sieh, wie sich alles auftut: so sind wir;<br /> +denn wir sind nichts als solche Seligkeit.<br /> +Was Blut und Dunkel war in einem Tier,<br /> +das wuchs in uns zur Seele an und schreit<br /> +<br /> +als Seele weiter. Und es schreit nach dir.<br /> +Du freilich nimmst es nur in dein Gesicht,<br /> +als sei es Landschaft: sanft und ohne Gier.<br /> +Und darum meinen wir, du bist es nicht,<br /> +<br /> +nach dem es schreit. Und doch, bist du nicht der,<br /> +an den wir uns ganz ohne Rest verlren?<br /> +Und werden wir in irgendeinem <i>mehr</i>?<br /> +<br /> +Mit uns geht das Unendliche <i>vorbei</i>.<br /> +Du aber sei, du Mund, da wir es hren,<br /> +du aber, du Uns-Sagender: du sei.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_TOD_DES_DICHTERS" id="DER_TOD_DES_DICHTERS"></a>DER TOD DES DICHTERS<br /> +<br /> +<br /> +Er lag. Sein aufgestelltes Antlitz war<br /> +bleich und verweigernd in den steilen Kissen,<br /> +seitdem die Welt und dieses von ihr Wissen,<br /> +von seinen Sinnen abgerissen,<br /> +zurckfiel an das teilnahmslose Jahr.<br /> +<br /> +Die, so ihn leben sahen, wuten nicht,<br /> +wie sehr er <i>eines</i> war mit allem diesen,<br /> +denn dieses: diese Tiefen, diese Wiesen<br /> +und diese Wasser waren sein Gesicht.<br /> +<br /> +O sein Gesicht war diese ganze Weite,<br /> +die jetzt noch zu ihm will und um ihn wirbt;<br /> +und seine Maske, die nun bang verstirbt,<br /> +ist zart und offen wie die Innenseite<br /> +von einer Frucht, die an der Luft verdirbt.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="BUDDHA" id="BUDDHA"></a>BUDDHA<br /> +<br /> +<br /> +Als ob er horchte. Stille: eine Ferne....<br /> +Wir halten ein und hren sie nicht mehr.<br /> +Und er ist Stern. Und andre groe Sterne,<br /> +die wir nicht sehen, stehen um ihn her.<br /> +<br /> +O er ist alles. Wirklich, warten wir,<br /> +da er uns she? Sollte er bedrfen?<br /> +Und wenn wir hier uns vor ihm niederwrfen,<br /> +er bliebe tief und trge wie ein Tier.<br /> +<br /> +Denn das, was uns zu seinen Fen reit,<br /> +das kreist in ihm seit Millionen Jahren.<br /> +Er, der vergit, was wir erfahren,<br /> +und der erfahrt, was uns verweist.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="LANGE_DU_MERIDIEN" id="LANGE_DU_MERIDIEN"></a>L'ANGE DU MRIDIEN<br /> +<br /> +CHARTRES<br /> +<br /> +<br /> +Im Sturm, der um die starke Kathedrale<br /> +wie ein Verneiner strzt, der denkt und denkt,<br /> +fhlt man sich zrtlicher mit einem Male<br /> +von deinem Lcheln zu dir hingelenkt:<br /> +<br /> +lchelnder Engel, fhlende Figur,<br /> +mit einem Mund, gemacht aus hundert Munden:<br /> +gewahrst du gar nicht, wie dir unsre Stunden<br /> +abgleiten von der vollen Sonnenuhr,<br /> +<br /> +auf der des Tages ganze Zahl zugleich,<br /> +gleich wirklich, steht in tiefem Gleichgewichte,<br /> +als wren alle Stunden reif und reich?<br /> +<br /> +Was weit du, Steinerner, von unserm Sein?<br /> +und hltst du mit noch seligerm Gesichte<br /> +vielleicht die Tafel in die Nacht hinein?<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DIE_KATHEDRALE" id="DIE_KATHEDRALE"></a>DIE KATHEDRALE<br /> +<br /> +<br /> +In jenen kleinen Stdten, wo herum<br /> +die alten Huser wie ein Jahrmarkt hocken,<br /> +der sie bemerkt hat pltzlich und erschrocken<br /> +die Buden zumacht und ganz zu und stumm,<br /> +<br /> +die Schreier still, die Trommeln angehalten,<br /> +zu ihr hinaufhorcht aufgeregten Ohrs—:<br /> +dieweil sie ruhig immer in dem alten<br /> +Faltenmantel ihrer Contreforts<br /> +dasteht und von den Husern gar nicht wei:<br /> +<br /> +in jenen kleinen Stdten kannst du sehn,<br /> +wie sehr entwachsen ihrem Umgangskreis<br /> +die Kathedralen waren. Ihr Erstehn<br /> +ging ber alles fort, so wie den Blick<br /> +des eignen Lebens viel zu groe Nhe<br /> +fortwhrend bersteigt und als geschhe<br /> +nichts anderes; als wre <i>das</i> Geschick,<br /> +was sich in ihnen aufhuft ohne Maen,<br /> +versteinert und zum Dauernden bestimmt,<br /> +nicht <i>das</i>, was unten in den dunkeln Straen<br /> +vom Zufall irgendwelche Namen nimmt<br /> +und darin geht, wie Kinder Grn und Rot<br /> +und was der Krmer hat als Schrze tragen.<br /> +Da war Geburt in diesen Unterlagen,<br /> +und Kraft und Andrang war in diesem Ragen<br /> +und Liebe berall wie Wein und Brot,<br /> +und die Portale voller Liebesklagcn.<br /> +Das Leben zgerte Im Stundenschlagen,<br /> +und in den Trmen, welche voll Entsagen<br /> +auf einmal nicht mehr stiegen, war der Tod.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DAS_PORTAL" id="DAS_PORTAL"></a>DAS PORTAL<br /> +<br /> +<br /> +I<br /> +<br /> +Da blieben sie, als wre jene Flut<br /> +zurckgetreten, deren groes Branden<br /> +an diesen Steinen wusch, bis sie entstanden;<br /> +sie nahm im Fallen manches Attribut<br /> +<br /> +aus ihren Hnden, welche viel zu gut<br /> +und gebend sind, um etwas festzuhalten.<br /> +Sie blieben, von den Formen in Basalten<br /> +durch einen Nimbus, einen Bischofshut,<br /> +<br /> +bisweilen durch ein Lcheln unterschieden,<br /> +fr das ein Antlitz seiner Stunden Frieden<br /> +bewahrt hat als ein stilles Zifferblatt;<br /> +<br /> +jetzt fortgerckt ins Leere ihres Tores,<br /> +waren sie einst die Muschel eines Ohres<br /> +und fingen jedes Sthnen dieser Stadt.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +II<br /> +<br /> +Sehr viele Weite ist gemeint damit:<br /> +so wie mit den Kulissen einer Szene<br /> +die Welt gemeint ist; und so wie durch jene<br /> +der Held im Mantel seiner Handlung tritt:—<br /> +so tritt das Dunkel dieses Tores handelnd<br /> +auf seiner Tiefe tragisches Theater,<br /> +so grenzenlos und wallend wie Gott-Vater<br /> +und so wie Er sich wunderlich verwandelnd<br /> +<br /> +in einen Sohn, der aufgeteilt ist hier<br /> +auf viele kleine beinah stumme Rollen,<br /> +genommen aus des Elends Zubehr.<br /> +<br /> +Denn nur noch so entsteht (das wissen wir)<br /> +aus Blinden, Fortgeworfenen und Tollen<br /> +der Heiland wie ein einziger Akteur.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +III<br /> +<br /> +So ragen sie, die Herzen angehalten<br /> +(sie stehn auf Ewigkeit und gingen nie);<br /> +nur selten tritt aus dem Gefll der Falten<br /> +eine Gebrde, aufrecht, steil wie sie,<br /> +<br /> +und bleibt nach einem halben Schritte stehn,<br /> +wo die Jahrhunderte sie berholen.<br /> +Sie sind im Gleichgewicht auf den Konsolen,<br /> +in denen eine Welt, die sie nicht sehn,<br /> +<br /> +die Welt der Wirrnis, die sie nicht zertraten,<br /> +Figur und Tier, wie um sie zu gefhrden,<br /> +sich krmmt und schttelt und sie dennoch hlt:<br /> +weil die Gestalten dort wie Akrobaten<br /> +sich nur so zuckend und so wild gebrden,<br /> +damit der Stab auf ihrer Stirn nicht fllt.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DIE_FENSTERROSE" id="DIE_FENSTERROSE"></a>DIE FENSTERROSE<br /> +<br /> +<br /> +Da drin: das trge Treten ihrer Tatzen<br /> +macht eine Stille, die dich fast verwirrt;<br /> +und wie dann pltzlich eine von den Katzen<br /> +den Blick an ihr, der hin und wieder irrt,<br /> +<br /> +gewaltsam in ihr groes Auge nimmt,—<br /> +den Blick, der wie von eines Wirbels Kreis<br /> +ergriffen, eine kleine Weile schwimmt<br /> +und dann versinkt und nichts mehr von sich wei,<br /> +<br /> +wenn dieses Auge, welches scheinbar ruht,<br /> +sich au auftut und zusammenschlgt mit Tosen<br /> +und ihn hineinreit bis ins rote Blut—:<br /> +<br /> +so griffen einstmals aus dem Dunkelsein<br /> +der Kathedralen groe Fensterrosen<br /> +ein Herz und rissen es in Gott hinein.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DAS_KAPITAL" id="DAS_KAPITAL"></a>DAS KAPITL<br /> +<br /> +<br /> +Wie sich aus eines Traumes Ausgeburten<br /> +aufsteigend aus verwirrendem Gequl<br /> +der nchste Tag erhebt,—so gehn die Gurten<br /> +der Wlbung aus dem wirren Kapitl<br /> +<br /> +und lassen drin, gedrngt und rtselhaft<br /> +verschlungen, flgelschlagende Geschpfe:<br /> +ihr Zgern und das Pltzliche der Kpfe<br /> +und jene starken Bltter, deren Saft<br /> +<br /> +wie Jhzorn steigt, sich schlielich berschlagend<br /> +in einer schnellen Geste, die sich ballt<br /> +und sich heraushlt: alles aufwrtsjagend,<br /> +<br /> +was immer wieder mit dem Dunkel kalt<br /> +herunterfllt, wie Regen Sorge tragend<br /> +fr dieses alten Wachstums Unterhalt.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="GOTT_IM_MITTELALTER" id="GOTT_IM_MITTELALTER"></a>GOTT IM MITTELALTER<br /> +<br /> +<br /> +Und sie hatten ihn in sich erspart,<br /> +und sie wollten, da er sei und richte,<br /> +und sie hngten schlielich wie Gewichte<br /> +(zu verhindern seine Himmelfahrt)<br /> +<br /> +an ihn ihrer groen Kathedralen<br /> +Last und Masse. Und er sollte nur<br /> +ber seine grenzenlosen Zahlen<br /> +zeigend kreisen und wie eine Uhr<br /> +<br /> +Zeichen geben ihrem Tun und Tagwerk.<br /> +Aber pltzlich kam er ganz in Gang,<br /> +und die Leute der entsetzten Stadt<br /> +<br /> +lieen ihn, vor seiner Stimme bang,<br /> +weitergehn mit ausgehngtem Schlagwerk<br /> +und entflohn vor seinem Zifferblatt.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="MORGUE" id="MORGUE"></a>MORGUE<br /> +<br /> +<br /> +Da liegen sie bereit, als ob es glte,<br /> +nachtrglich eine Handlung zu erfinden,<br /> +die miteinander und mit dieser Klte<br /> +sie zu vershnen wei und zu verbinden;<br /> +<br /> +denn das ist alles noch wie ohne Schlu.<br /> +Was fr ein Name htte in den Taschen<br /> +sich finden sollen? An dem berdru<br /> +um ihren Mund hat man herumgewaschen;<br /> +<br /> +er ging nicht ab; er wurde nur ganz rein.<br /> +Die Brte stehen, noch ein wenig hrter,<br /> +doch ordentlicher im Geschmack der Wrter,<br /> +<br /> +nur um die Gaffenden nicht anzuwidern.<br /> +Die Augen haben hinter ihren Lidern<br /> +sich umgewandt und schauen jetzt hinein.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_GEFANGENE" id="DER_GEFANGENE"></a>DER GEFANGENE<br /> +<br /> +<br /> +I<br /> +<br /> +Meine Hand hat nur noch eine<br /> +Gebrde, mit der sie verscheucht;<br /> +auf die alten Steine<br /> +fllt es aus Felsen feucht.<br /> +<br /> +Ich hre nur dieses Klopfen,<br /> +und mein Herz hlt Schritt<br /> +mit dem Gehen der Tropfen<br /> +und vergeht damit.<br /> +<br /> +Tropften sie doch schneller,<br /> +kme doch wieder ein Tier.<br /> +Irgendwo war es heller—.<br /> +Aber was wissen wir.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +II<br /> +<br /> +Denk dir, das was jetzt Himmel ist und Wind,<br /> +Luft deinem Mund und deinem Auge Helle,<br /> +das wrde Stein bis um die kleine Stelle,<br /> +an der dein Herz und deine Hnde sind.<br /> +<br /> +Und was jetzt in dir morgen heit und: dann<br /> +und: spterhin und nchstes Jahr und weiter—<br /> +das wrde wund in dir und voller Eiter<br /> +und schwre nur und brche nicht mehr an.<br /> +<br /> +Und das was war, das wre irre und<br /> +raste in dir herum, den lieben Mund,<br /> +der niemals lachte, schumend von Gelchter.<br /> +<br /> +Und das was Gott war, wre nur dein Wchter<br /> +und stopfte boshaft in das letzte Loch<br /> +ein schmutziges Auge. Und du lebtest doch.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_PANTHER" id="DER_PANTHER"></a>DER PANTHER<br /> +<br /> +IM JARDIN DES PLANTES, PARIS<br /> +<br /> +<br /> +Sein Blick ist vom Vorbergehn der Stbe<br /> +so md geworden, da er nichts mehr hlt.<br /> +Ihm ist, als ob es tausend Stbe gbe<br /> +und hinter tausend Stben keine Welt.<br /> +<br /> +Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,<br /> +der sich im allerkleinsten Kreise dreht,<br /> +ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,<br /> +in der betubt ein groer Wille steht.<br /> +<br /> +Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille<br /> +sich lautlos auf—. Dann geht ein Bild hinein,<br /> +geht durch der Glieder angespannte Stille—<br /> +und hrt im Herzen auf zu sein.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DIE_GAZELLE" id="DIE_GAZELLE"></a>DIE GAZELLE<br /> +<br /> +ANTILOPE DORCAS<br /> +<br /> +<br /> +Verzauberte: wie kann der Einklang zweier<br /> +erwhlter Worte je den Reim erreichen,<br /> +der in dir kommt und geht, wie auf ein Zeichen.<br /> +Aus deiner Stirne steigen Laub und Leier,<br /> +<br /> +und alles Deine geht schon im Vergleich<br /> +durch Liebeslieder, deren Worte, weich<br /> +wie Rosenbltter, dem, der nicht mehr liest,<br /> +sich auf die Augen legen, die er schliet,<br /> +<br /> +um dich zu sehen: hingetragen, als<br /> +wre mit Sprngen jeder Lauf geladen<br /> +und schsse nur nicht ab, solang der Hals<br /> +<br /> +das Haupt ins Horchen hlt: wie wenn beim Baden<br /> +im Wald die Badende sich unterbricht,<br /> +den Waldsee im gewendeten Gesicht.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DAS_EINHORN" id="DAS_EINHORN"></a>DAS EINHORN<br /> +<br /> +<br /> +Der Heilige hob das Haupt, und das Gebet<br /> +fiel wie ein Helm zurck von seinem Haupte:<br /> +denn lautlos nahte sich das niegeglaubte,<br /> +das weie Tier, das wie eine geraubte<br /> +hilflose Hindin mit den Augen fleht.<br /> +<br /> +Der Beine elfenbeinernes Gestell<br /> +bewegte sich in leichten Gleichgewichten,<br /> +ein weier Glanz glitt selig durch das Fell,<br /> +und auf der Tierstirn, auf der stillen, lichten,<br /> +stand, wie ein Turm im Mond, das Horn so hell,<br /> +und jeder Schritt geschah, es aufzurichten.<br /> +<br /> +Das Maul mit seinem rosagrauen Flaum<br /> +war leicht gerafft, so da ein wenig Wei<br /> +(weier als alles) von den Zhnen glnzte;<br /> +die Nstern nahmen auf und lechzten leis.<br /> +Doch seine Blicke, die kein Ding begrenzte,<br /> +warfen sich Bilder in den Raum<br /> +und schlssen einen blauen Sagenkreis.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="SANKT_SEBASTIAN" id="SANKT_SEBASTIAN"></a>SANKT SEBASTIAN<br /> +<br /> +<br /> +Wie ein Liegender so steht er; ganz<br /> +hingehalten von dem groen Willen.<br /> +Weit entrckt wie Mtter, wenn sie stillen,<br /> +und in sich gebunden wie ein Kranz.<br /> +<br /> +Und die Pfeile kommen: jetzt und jetzt<br /> +und als sprngen sie aus seinen Lenden,<br /> +eisern bebend mit den freien Enden.<br /> +Doch er lchelt dunkel, unverletzt.<br /> +<br /> +Einmal nur wird eine Trauer gro,<br /> +und die Augen liegen schmerzlich blo,<br /> +bis sie etwas leugnen, wie Geringes,<br /> +und als lieen sie verchtlich los<br /> +die Vernichter eines schnen Dinges.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_STIFTER" id="DER_STIFTER"></a>DER STIFTER<br /> +<br /> +<br /> +Das war der Auftrag an die Malergilde.<br /> +Vielleicht da ihm der Heiland nie erschien;<br /> +vielleicht trat auch kein heiliger Bischof milde<br /> +an seine Seite wie in diesem Bilde<br /> +und legte leise seine Hand auf ihn.<br /> +<br /> +Vielleicht war dieses alles: so zu knien<br /> +(so wie es alles ist, was wir erfuhren):<br /> +zu knien: da man die eigenen Konturen,<br /> +die auswrtswollenden, ganz angespannt<br /> +im Herzen hlt, wie Pferde in der Hand.<br /> +<br /> +Da, wenn ein Ungeheueres geschhe,<br /> +das nicht versprochen ist und nieverbrieft,<br /> +wir hoffen knnten, da es uns nicht she<br /> +und nher kme, ganz in unsre Nhe,<br /> +mit sich beschftigt und in sich vertieft.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_ENGEL" id="DER_ENGEL"></a>DER ENGEL<br /> +<br /> +<br /> +Mit einem Neigen seiner Stirne weist<br /> +er weit von sich, was einschrnkt und verpflichtet;<br /> +denn durch sein Herz geht riesig aufgerichtet<br /> +das ewig Kommende, das kreist.<br /> +<br /> +Die tiefen Himmel stehn ihm voll Gestalten,<br /> +und jede kann ihm rufen: komm, erkenn—.<br /> +Gib seinen leichten Hnden nichts zu halten<br /> +aus deinem Lastenden. Sie kmen denn<br /> +<br /> +bei Nacht zu dir, dich ringender zu prfen,<br /> +und gingen wie Erzrnte durch das Haus<br /> +und griffen dich, als ob sie dich erschfen,<br /> +und brchen dich aus deiner Form heraus.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="ROMISCHE_SARKOPHAGE" id="ROMISCHE_SARKOPHAGE"></a>RMISCHE SARKOPHAGE<br /> +<br /> +<br /> +Was aber hindert uns zu glauben, da<br /> +(so wie wir hingestellt sind und verteilt)<br /> +nicht eine kleine Zeit nur Drang und Ha<br /> +und dies Verwirrende in uns verweilt,<br /> +<br /> +wie einst in dem verzierten Sarkophag<br /> +bei Ringen, Gtterbildern, Glsern, Bndern,<br /> +in langsam sich verzehrenden Gewndern<br /> +ein langsam Aufgelstes lag—<br /> +<br /> +bis es die unbekannten Munde schluckten,<br /> +die niemals reden. (Wo besteht und denkt<br /> +ein Hirn, um ihrer einst sich zu bedienen?)<br /> +<br /> +Da wurde von den alten Aqudukten<br /> +ewiges Wasser in sie eingelenkt—:<br /> +das spiegelt jetzt und geht und glnzt in ihnen.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_SCHWAN" id="DER_SCHWAN"></a>DER SCHWAN<br /> +<br /> +<br /> +Diese Mhsal, durch noch Ungetanes<br /> +schwer und wie gebunden hinzugehn,<br /> +gleicht dem ungeschaffnen Gang des Schwanes.<br /> +<br /> +Und das Sterben, dieses Nichtmehrfassen<br /> +jenes Grunds, auf dem wir tglich stehn,<br /> +seinem ngstlichen Sich-Niederlassen—:<br /> +<br /> +in die Wasser, die ihn sanft empfangen<br /> +und die sich, wie glcklich und vergangen,<br /> +unter ihm zurckziehn, Flut um Flut;<br /> +whrend er unendlich still und sicher<br /> +immer mndiger und kniglicher<br /> +und gelassener zu ziehn geruht.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="KINDHEIT" id="KINDHEIT"></a>KINDHEIT<br /> +<br /> +<br /> +Es wre gut viel nachzudenken, um<br /> +von so Verlornem etwas auszusagen,<br /> +von jenen langen Kindheit-Nachmittagen,<br /> +die so nie wiederkamen—und warum?<br /> +<br /> +Noch mahnt es uns—: vielleicht in einem Regnen,<br /> +aber wir wissen nicht mehr, was das soll;<br /> +nie wieder war das Leben von Begegnen,<br /> +von Wiedersehn und Weitergehn so voll<br /> +<br /> +wie damals, da uns nichts geschah als nur,<br /> +was einem Ding geschieht und einem Tiere:<br /> +da lebten wir, wie Menschliches, das Ihre<br /> +und wurden bis zum Rande voll Figur.<br /> +<br /> +Und wurden so vereinsamt wie ein Hirt<br /> +und so mit groen Fernen berladen<br /> +und wie von weit berufen und berhrt<br /> +und langsam wie ein langer neuer Faden<br /> +in jene Bilderfolgen eingefhrt,<br /> +in welchen nun zu dauern uns verwirrt.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_DICHTER" id="DER_DICHTER"></a>DER DICHTER<br /> +<br /> +<br /> +Du entfernst dich von mir, du Stunde.<br /> +Wunden schlgt mir dein Flgelschlag.<br /> +Allein: was soll ich mit meinem Munde?<br /> +mit meiner Nacht? mit meinem Tag?<br /> +<br /> +Ich habe keine Geliebte, kein Haus,<br /> +keine Stelle, auf der ich lebe.<br /> +Alle Dinge, an die ich mich gebe,<br /> +werden reich und geben mich aus.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DIE_SPITZE" id="DIE_SPITZE"></a>DIE SPITZE<br /> +<br /> +<br /> +I<br /> +<br /> +Menschlichkeit: Namen schwankender Besitze,<br /> +noch unbesttigter Bestand von Glck:<br /> +ist das unmenschlich, da zu dieser Spitze,<br /> +zu diesem kleinen dichten Spitzenstck<br /> +zwei Augen wurden?—Willst du sie zurck?<br /> +<br /> +Du Langvergangene und schlielich Blinde,<br /> +ist deine Seligkeit in diesem Ding,<br /> +zu welcher hin, wie zwischen Stamm und Rinde,<br /> +dein groes Fhlen, kleinverwandelt, ging?<br /> +<br /> +Durch einen Ri im Schicksal, eine Lcke<br /> +entzogst du deine Seele deiner Zeit;<br /> +und sie ist so in diesem lichten Stcke,<br /> +da es mich lcheln macht vor Ntzlichkeit.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +II<br /> +<br /> +Und wenn uns eines Tages dieses Tun<br /> +und was an uns geschieht gering erschiene<br /> +und uns so fremd, als ob es nicht verdiene,<br /> +da wir so mhsam aus den Kinderschuhn<br /> +um seinetwillen wachsen—: Ob die Bahn<br /> +vergilbter Spitze, diese dichtgefgte<br /> +blumige Spitzenbahn, dann nicht gengte,<br /> +uns hier zu halten? Sieh: sie ward getan.<br /> +<br /> +Ein Leben ward vielleicht verschmht, wer wei?<br /> +Ein Glck war da und wurde hingegeben,<br /> +und endlich wurde doch, um jeden Preis,<br /> +dies Ding daraus, nicht leichter als das Leben<br /> +und doch vollendet und so schn, als sei's<br /> +nicht mehr zu frh, zu lcheln und zu schweben.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="EIN_FRAUENSCHICKSAL" id="EIN_FRAUENSCHICKSAL"></a>EIN FRAUENSCHICKSAL<br /> +<br /> +<br /> +So wie der Knig auf der Jagd ein Glas<br /> +ergreift, daraus zu trinken, irgendeines,—<br /> +und wie hernach der, welcher es besa,<br /> +es fortstellt und verwahrt, als wr es keines:<br /> +<br /> +so hob vielleicht das Schicksal, durstig auch,<br /> +bisweilen Eine an den Mund und trank,<br /> +die dann ein kleines Leben, viel zu bang<br /> +sie zu zerbrechen, abseits vom Gebrauch<br /> +<br /> +hinstellte in die ngstliche Vitrine,<br /> +in welcher seine Kostbarkeiten sind<br /> +(oder die Dinge, die fr kostbar gelten).<br /> +<br /> +Da stand sie fremd wie eine Fortgeliehne<br /> +und wurde einfach alt und wurde blind<br /> +und war nicht kostbar und war niemals selten.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DIE_GENESENDE" id="DIE_GENESENDE"></a>DIE GENESENDE<br /> +<br /> +<br /> +Wie ein Singen kommt und geht in Gassen<br /> +und sich nhert und sich wieder scheut,<br /> +flgelschlagend, manchmal fast zu fassen<br /> +und dann wieder weit hinausgestreut:<br /> +<br /> +spielt mit der Genesenden das Leben;<br /> +whrend sie, geschwcht und ausgeruht,<br /> +unbeholfen, um sich hinzugeben,<br /> +eine ungewohnte Geste tut.<br /> +<br /> +Und sie fhlt sich beinah wie Verfhrung,<br /> +wenn die hartgewordne Hand, darin<br /> +Fieber waren voller Widersinn,<br /> +fernher, wie mit blhender Berhrung,<br /> +zu liebkosen kommt ihr hartes Kinn.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DIE_ERWACHSENE" id="DIE_ERWACHSENE"></a>DIE ERWACHSENE<br /> +<br /> +<br /> +Das alles stand auf ihr und war die Welt<br /> +und stand auf ihr mit allem, Angst und Gnade,<br /> +wie Bume stehen, wachsend und gerade,<br /> +ganz Bild und bildlos wie die Bundeslade<br /> +und feierlich, wie auf ein Volk gestellt.<br /> +<br /> +Und sie ertrug es; trug bis obenhin<br /> +das Fliegende, Entfliehende, Entfernte,<br /> +das Ungeheuere, noch Unerlernte<br /> +gelassen wie die Wassertrgerin<br /> +den vollen Krug. Bis mitten unterm Spiel,<br /> +verwandelnd und auf andres vorbereitend,<br /> +der erste weie Schleier, leise gleitend,<br /> +ber das aufgetane Antlitz fiel<br /> +<br /> +fast undurchsichtig und sich nie mehr hebend<br /> +und irgendwie auf alle Fragen ihr<br /> +nur eine Antwort vage wiedergebend:<br /> +In dir, du Kindgewesene, in dir.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="TANAGRA" id="TANAGRA"></a>TANAGRA<br /> +<br /> +<br /> +Ein wenig gebrannter Erde,<br /> +wie von groer Sonne gebrannt.<br /> +Als wre die Gebrde<br /> +einer Mdchenhand<br /> +auf einmal nicht mehr vergangen;<br /> +ohne nach etwas zu langen,<br /> +zu keinem Dinge hin<br /> +aus ihrem Gefhle fhrend,<br /> +nur an sich selber rhrend<br /> +wie eine Hand ans Kinn.<br /> +<br /> +Wir heben und wir drehen<br /> +eine und eine Figur;<br /> +wir knnen fast verstehen,<br /> +weshalb sie nicht vergehen,—<br /> +aber wir sollen nur<br /> +tiefer und wunderbarer<br /> +hngen an dem, was war,<br /> +und lcheln: ein wenig klarer<br /> +vielleicht als vor einem Jahr.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DIE_ERBLINDENDE" id="DIE_ERBLINDENDE"></a>DIE ERBLINDENDE<br /> +<br /> +<br /> +Sie sa so wie die anderen beim Tee.<br /> +Mir war zuerst, als ob sie ihre Tasse<br /> +ein wenig anders als die andern fasse.<br /> +Sie lchelte einmal. Es tat fast weh.<br /> +<br /> +Und als man schlielich sich erhob und sprach<br /> +und langsam und wie es der Zufall brachte<br /> +durch viele Zimmer ging (man sprach und lachte),<br /> +da sah ich sie. Sie ging den andern nach,<br /> +<br /> +verhalten, so wie eine, welche gleich<br /> +wird singen mssen und vor vielen Leuten;<br /> +auf ihren hellen Augen, die sich freuten,<br /> +war Licht von auen wie auf einem Teich.<br /> +<br /> +Sie folgte langsam, und sie brauchte lang,<br /> +als wre etwas noch nicht berstiegen;<br /> +und doch: als ob, nach einem bergang,<br /> +sie nicht mehr gehen wrde, sondern fliegen.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="IN_EINEM_FREMDEN_PARK" id="IN_EINEM_FREMDEN_PARK"></a>IN EINEM FREMDEN PARK<br /> +<br /> +BORGEBY-GRD<br /> +<br /> +<br /> +Zwei Wege sinds. Sie fhren keinen hin.<br /> +Doch manchmal, in Gedanken, lt der eine<br /> +dich weitergehn. Es ist, als gingst du fehl;<br /> +aber auf einmal bist du im Rondel<br /> +alleingelassen wieder mit dem Steine<br /> +und wieder auf ihm lesend: Freiherrin<br /> +Brite Sophie—und wieder mit dem Finger<br /> +abfhlend die zerfallne Jahreszahl—.<br /> +Warum wird dieses Finden nicht geringer?<br /> +<br /> +Was zgerst du ganz wie zum erstenmal<br /> +erwartungsvoll auf diesem Ulmenplatz,<br /> +der feucht und dunkel ist und niebetreten?<br /> +<br /> +Und was verlockt dich fr ein Gegensatz,<br /> +etwas zu suchen in den sonnigen Beeten,<br /> +als wrs der Name eines Rosenstocks?<br /> +<br /> +Was stehst du oft? Was hren deine Ohren?<br /> +Und warum siehst du schlielich, wie verloren,<br /> +die Falter flimmern um den hohen Phlox?<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="ABSCHIED" id="ABSCHIED"></a>ABSCHIED<br /> +<br /> +<br /> +Wie hab ich das gefhlt, was Abschied heit.<br /> +Wie wei ichs noch: ein dunkles unverwundnes<br /> +grausames Etwas, das ein Schnverbundnes<br /> +noch einmal zeigt und hinhlt und zerreit.<br /> +<br /> +Wie war ich ohne Wehr, dem zuzuschauen,<br /> +das, da es mich, mich rufend, gehen lie,<br /> +zurckblieb, so als wrens alle Frauen<br /> +und dennoch klein und wei und nichts als dies:<br /> +<br /> +Ein Winken, schon nicht mehr auf mich bezogen,<br /> +ein leise Weiterwinkendes—, schon kaum<br /> +erklrbar mehr: vielleicht ein Pflaumenbaum,<br /> +von dem ein Kuckuck hastig abgeflogen.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="TODESERFAHRUNG" id="TODESERFAHRUNG"></a>TODESERFAHRUNG<br /> +<br /> +<br /> +Wir wissen nichts von diesem Hingehn, das<br /> +nicht mit uns teilt. Wir haben keinen Grund,<br /> +Bewunderung und Liebe oder Ha<br /> +dem Tod zu zeigen, den ein Maskenmund<br /> +<br /> +tragischer Klage wunderlich entstellt.<br /> +Noch ist die Welt voll Rollen, die wir spielen.<br /> +Solang wir sorgen, ob wir auch gefielen,<br /> +spielt auch der Tod, obwohl er nicht gefllt.<br /> +<br /> +<br /> +Doch als du gingst, da brach in diese Bhne<br /> +ein Streifen Wirklichkeit durch jenen Spalt,<br /> +durch den du hingingst: Grn wirklicher Grne,<br /> +wirklicher Sonnenschein, wirklicher Wald.<br /> +<br /> +Wir spielen weiter. Bang und schwer Erlerntes<br /> +hersagend und Gebrden dann und wann<br /> +aufhebend; aber dein von uns entferntes,<br /> +aus unserm Stck entrcktes Dasein kann<br /> +<br /> +uns manchmal berkommen, wie ein Wissen<br /> +von jener Wirklichkeit sich niedersenkend,<br /> +so da wir eine Weile hingerissen<br /> +das Leben spielen, nicht an Beifall denkend.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="BLAUE_HORTENSIE" id="BLAUE_HORTENSIE"></a>BLAUE HORTENSIE<br /> +<br /> +<br /> +So wie das letzte Grn in Farbentiegeln<br /> +sind diese Bltter, trocken, stumpf und rauh,<br /> +hinter den Bltendolden, die ein Blau<br /> +nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.<br /> +<br /> +Sie spiegeln es verweint und ungenau,<br /> +als wollten sie es wiederum verlieren,<br /> +und wie in alten blauen Briefpapieren<br /> +ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;<br /> +<br /> +Verwaschnes wie an einer Kinderschrze,<br /> +Nichtmehrgetragnes, dem nichts mehr geschieht:<br /> +wie fhlt man eines kleinen Lebens Krze.<br /> +<br /> +Doch pltzlich scheint das Blau sich zu verneuen<br /> +in einer von den Dolden, und man sieht<br /> +ein rhrend Blaues sich vor Grnem freuen.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="VOR_DEM_SOMMERREGEN" id="VOR_DEM_SOMMERREGEN"></a>VOR DEM SOMMERREGEN<br /> +<br /> +<br /> +Auf einmal ist aus allem Grn im Park<br /> +man wei nicht was, ein Etwas, fortgenommen;<br /> +man fhlt ihn nher an die Fenster kommen<br /> +und schweigsam sein. Instndig nur und stark<br /> +<br /> +ertnt aus dem Gehlz der Regenpfeifer,<br /> +man denkt an einen Hieronymus:<br /> +so sehr steigt irgend Einsamkeit und Eifer<br /> +aus dieser einen Stimme, die der Gu<br /> +<br /> +erhren wird. Des Saales Wnde sind<br /> +mit ihren Bildern von uns fortgetreten,<br /> +als drften sie nicht hren, was wir sagen.<br /> +<br /> +Es spiegeln die verblichenen Tapeten<br /> +das ungewisse Licht von Nachmittagen,<br /> +in denen man sich frchtete als Kind.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="IM_SAAL" id="IM_SAAL"></a>IM SAAL<br /> +<br /> +<br /> +Wie sind sie alle um uns, diese Herrn<br /> +in Kammerherrentrachten und Jabots,<br /> +wie eine Nacht um ihren Ordensstern<br /> +sich immer mehr verdunkelnd, rcksichtslos,<br /> +und diese Damen, zart, fragile, doch gro<br /> +von ihren Kleidern, eine Hand im Scho,<br /> +klein wie ein Halsband fr den Bologneser;<br /> +wie sind sie da um jeden: um den Leser,<br /> +um den Betrachter dieser Bibelots,<br /> +darunter manches ihnen noch gehrt.<br /> +<br /> +Sie lassen, voller Takt, uns ungestrt<br /> +das Leben leben, wie wir es begreifen<br /> +und wie sie's nicht verstehn. Sie wollten blhn,<br /> +und blhn ist schn sein; doch wir wollen reifen,<br /> +und das heit dunkel sein und sich bemhn.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="LETZTER_ABEND" id="LETZTER_ABEND"></a>LETZTER ABEND<br /> +<br /> +(AUS DEM BESITZE FRAU NONNAS)<br /> +<br /> +<br /> +Und Nacht und fernes Fahren; denn der Train<br /> +des ganzen Heeres zog am Park vorber.<br /> +Er aber hob den Blick vom Clavecin<br /> +und spielte noch und sah zu ihr hinber<br /> +<br /> +beinah, wie man in einen Spiegel schaut:<br /> +so sehr erfllt von seinen jungen Zgen<br /> +und wissend, wie sie seine Trauer trgen,<br /> +schn und verfhrender bei jedem Laut.<br /> +<br /> +Doch pltzlich wars, als ob sich das verwische:<br /> +sie stand wie mhsam in der Fensternische<br /> +und hielt des Herzens drngendes Geklopf.<br /> +<br /> +Sein Spiel gab nach. Von drauen wehte Frische.<br /> +Und seltsam fremd stand auf dem Spiegeltische<br /> +der schwarze Tschako mit dem Totenkopf.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="JUGENDBILDNIS_MEINES_VATERS" id="JUGENDBILDNIS_MEINES_VATERS"></a>JUGENDBILDNIS MEINES VATERS<br /> +<br /> +<br /> +Im Auge Traum. Die Stirn wie in Berhrung<br /> +mit etwas Fernem. Um den Mund enorm<br /> +viel Jugend, ungelchelte Verfhrung,<br /> +und vor der vollen schmckenden Verschnrung<br /> +der schlanken adeligen Uniform<br /> +der Sbelkorb und beide Hnde—, die<br /> +abwarten, ruhig, zu nichts hingedrngt.<br /> +Und nun fast nicht mehr sichtbar: als ob sie<br /> +zuerst, die Fernes greifenden, verschwnden.<br /> +Und alles andre mit sich selbst verhngt<br /> +und ausgelscht, als ob wirs nicht verstnden,<br /> +und tief aus seiner eignen Tiefe trb—.<br /> +<br /> +Du schnell vergehendes Daguerreotyp<br /> +in meinen langsamer vergehenden Hnden.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="SELBSTBILDNIS_AUS_DEM_JAHRE_1906" id="SELBSTBILDNIS_AUS_DEM_JAHRE_1906"></a>SELBSTBILDNIS AUS DEM JAHRE 1906<br /> +<br /> +<br /> +Des alten lange adligen Geschlechtes<br /> +Feststehendes im Augenbogenbau.<br /> +Im Blicke noch der Kindheit Angst und Blau<br /> +und Demut da und dort, nicht eines Knechtes,<br /> +doch eines Dienenden und einer Frau.<br /> +Der Mund als Mund gemacht, gro und genau,<br /> +nicht berredend, aber ein Gerechtes<br /> +Aussagendes. Die Stirne ohne Schlechtes<br /> +und gern im Schatten stiller Niederschau.<br /> +<br /> +Das, als Zusammenhang, erst nur geahnt;<br /> +noch nie im Leiden oder im Gelingen<br /> +zusammgefat zu dauerndem Durchdringen,<br /> +doch so, als wre mit zerstreuten Dingen<br /> +von fern ein Ernstes, Wirkliches geplant.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_KONIG" id="DER_KONIG"></a>DER KNIG<br /> +<br /> +<br /> +Der Knig ist sechzehn Jahre alt.<br /> +Sechzehn Jahre und schon der Staat.<br /> +Er schaut, wie aus einem Hinterhalt,<br /> +vorbei an den Greisen vom Rat<br /> +<br /> +in den Saal hinein und irgendwohin<br /> +und fhlt vielleicht nur dies:<br /> +an dem schmalen langen harten Kinn<br /> +die kalte Kette vom Vlies.<br /> +<br /> +Das Todesurteil vor ihm bleibt<br /> +lang ohne Namenszug.<br /> +Und sie denken: wie er sich qult.<br /> +<br /> +Sie wten, kennten sie ihn genug,<br /> +da er nur langsam bis siebzig zhlt,<br /> +eh er es unterschreibt.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="AUFERSTEHUNG" id="AUFERSTEHUNG"></a>AUFERSTEHUNG<br /> +<br /> +<br /> +Der Graf vernimmt die Tne,<br /> +er sieht einen lichten Ri;<br /> +er weckt seine dreizehn Shne<br /> +im Erbbegrbnis.<br /> +<br /> +Er grt seine beiden Frauen<br /> +ehrerbietig von weit—;<br /> +und alle voll Vertrauen<br /> +stehn auf zur Ewigkeit<br /> +<br /> +und warten nur noch auf Erich<br /> +und Ulriken Dorotheen,<br /> +die sieben- und dreizehnjhrig<br /> +<span style="margin-left: 1.5em;">(sechzehnhundertzehn)</span><br /> +verstorben sind in Flandern,<br /> +um heute vor den andern<br /> +unbeirrt herzugehn.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_FAHNENTRAGER" id="DER_FAHNENTRAGER"></a>DER FAHNENTRGER<br /> +<br /> +<br /> +Die andern fhlen alles an sich rauh<br /> +und ohne Anteil: Eisen, Zeug und Leder.<br /> +Zwar manchmal schmeichelt eine weiche Feder,<br /> +doch sehr allein und lieblos ist ein jeder;<br /> +er aber trgt—als trg er eine Frau—<br /> +die Fahne in dem feierlichen Kleide.<br /> +Dicht hinter ihm geht ihre schwere Seide,<br /> +die manchmal ber seine Hnde fliet.<br /> +<br /> +Er kann allein, wenn er die Augen schliet,<br /> +ein Lcheln sehn: er darf sie nicht verlassen.<br /> +<br /> +Und wenn es kommt in blitzenden Krassen<br /> +und nach ihr greift und ringt und will sie fassen—:<br /> +<br /> +dann darf er sie abreien von dem Stocke,<br /> +als ri er sie aus ihrem Mdchentum,<br /> +um sie zu halten unterm Waffenrocke.<br /> +<br /> +Und fr die andern ist das Mut und Ruhm.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_LETZTE_GRAF_VON_BREDERODE" id="DER_LETZTE_GRAF_VON_BREDERODE"></a>DER LETZTE GRAF VON BREDERODE<br /> +ENTZIEHT SICH TRKISCHER<br /> +GEFANGENSCHAFT<br /> +<br /> +<br /> +Sie folgten furchtbar; ihren bunten Tod<br /> +von ferne nach ihm werfend, whrend er<br /> +verloren floh, nichts weiter als: bedroht.<br /> +Die Ferne seiner Vter schien nicht mehr<br /> +<br /> +fr ihn zu gelten; denn um so zu fliehn,<br /> +gengt ein Tier vor Jgern. Bis der Flu<br /> +aufrauschte nah und blitzend. Ein Entschlu<br /> +hob ihn samt seiner Not und machte ihn<br /> +<br /> +wieder zum Knaben frstlichen Gebltes.<br /> +Ein Lcheln adeliger Frauen go<br /> +noch einmal Sigkeit in sein verfrhtes<br /> +<br /> +vollendetes Gesicht. Er zwang sein Ro,<br /> +gro wie sein Herz zu gehn, sein blutdurchglhte:<br /> +es trug ihn in den Strom wie in sein Schlo.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DIE_KURTISANE" id="DIE_KURTISANE"></a>DIE KURTISANE<br /> +<br /> +<br /> +Venedigs Sonne wird in meinem Haar<br /> +ein Gold bereiten: aller Alchemie<br /> +erlauchten Ausgang. Meine Brauen, die<br /> +den Brcken gleichen, siehst du sie<br /> +<br /> +hinfhren ob der lautlosen Gefahr<br /> +der Augen, die ein heimlicher Verkehr<br /> +an die Kanle schliet, so da das Meer<br /> +in ihnen steigt und fllt und wechselt. Wer<br /> +<br /> +mich einmal sah, beneidet meinen Hund,<br /> +weil sich auf ihm oft in zerstreuter Pause<br /> +die Hand, die nie an keiner Glut verkohlt,<br /> +<br /> +die unverwundbare, geschmckt, erholt—.<br /> +Und Knaben, Hoffnungen aus altem Hause,<br /> +gehn wie an Gift an meinem Mund zugrund.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DIE_TREPPE_DER_ORANGERIE" id="DIE_TREPPE_DER_ORANGERIE"></a>DIE TREPPE DER ORANGERIE<br /> +<br /> +VERSAILLES<br /> +<br /> +<br /> +Wie Knige, die schlielich nur noch schreiten<br /> +fast ohne Ziel, nur um von Zeit zu Zeit<br /> +sich den Verneigenden auf beiden Seiten<br /> +zu zeigen in des Mantels Einsamkeit—:<br /> +<br /> +so steigt, allein zwischen den Balustraden,<br /> +die sich verneigen schon seit Anbeginn,<br /> +die Treppe: langsam und von Gottes Gnaden<br /> +und auf den Himmel zu und nirgends hin;<br /> +<br /> +als ob sie allen Folgenden befahl<br /> +zurckzubleiben,—so da sie nicht wagen,<br /> +von ferne nachzugehen; nicht einmal<br /> +die schwere Schleppe durfte einer tragen.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_MARMORKARREN" id="DER_MARMORKARREN"></a>DER MARMORKARREN<br /> +<br /> +PARIS<br /> +<br /> +<br /> +Auf Pferde, sieben ziehende, verteilt,<br /> +verwandelt Niebewegtes sich in Schritte;<br /> +denn was hochmtig in des Marmors Mitte<br /> +an Alter, Widerstand und All verweilt,<br /> +<br /> +das zeigt sich unter Menschen. Siehe, nicht<br /> +unkenntlich, unter irgendeinem Namen,<br /> +nein: wie der Held das Drngen in den Dramen<br /> +erst sichtbar macht und pltzlich unterbricht:<br /> +<br /> +so kommt es durch den stauenden Verlauf<br /> +des Tages, kommt in seinem ganzen Staate,<br /> +als ob ein groer Triumphator nahte,<br /> +<br /> +langsam zuletzt; und langsam vor ihm her<br /> +Gefangene, von seiner Schwere schwer.<br /> +Und naht noch immer und hlt alles auf.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="BUDDHA_II" id="BUDDHA_II"></a>BUDDHA<br /> +<br /> +<br /> +Schon von ferne fhlt der fremde scheue<br /> +Pilger, wie es golden von ihm truft;<br /> +so als htten Reiche voller Reue<br /> +ihre Heimlichkeiten aufgehuft.<br /> +<br /> +Aber nher kommend wird er irre<br /> +vor der Hoheit dieser Augenbraun:<br /> +denn das sind nicht ihre Trinkgeschirre<br /> +und die Ohrgehnge ihrer Fraun.<br /> +<br /> +Wte einer denn zu sagen, welche<br /> +Dinge eingeschmolzen wurden, um<br /> +dieses Bild auf diesem Blumenkelche<br /> +<br /> +aufzurichten: stummer, ruhiggelber<br /> +als ein goldenes und rundherum<br /> +auch den Raum berhrend wie sich selber.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="ROMISCHE_FONTANE" id="ROMISCHE_FONTANE"></a>RMISCHE FONTNE<br /> +<br /> +BORGHESE<br /> +<br /> +<br /> +Zwei Becken, eins das andre bersteigend<br /> +aus einem alten runden Marmorrand,<br /> +und aus dem oberen Wasser leis sich neigend<br /> +zum Wasser, welches unten wartend stand,<br /> +<br /> +dem leise redenden entgegenschweigend<br /> +und heimlich, gleichsam in der hohlen Hand<br /> +ihm Himmel hinter Grn und Dunkel zeigend<br /> +wie einen unbekannten Gegenstand;<br /> +<br /> +sich selber ruhig in der schnen Schale<br /> +verbreitend ohne Heimweh, Kreis aus Kreis,<br /> +nur manchmal trumerisch und tropfenweis<br /> +<br /> +sich niederlassend an den Moosbehngen<br /> +zum letzten Spiegel, der sein Hecken leis<br /> +von unten lcheln macht mit Obergngen.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DAS_KARUSSELL" id="DAS_KARUSSELL"></a>DAS KARUSSELL<br /> +<br /> +JARDIN DU LUXEMBOURG<br /> +<br /> +<br /> +Mit einem Dach und seinem Schatten dreht<br /> +sich eine kleine Weile der Bestand<br /> +von bunten Pferden, alle aus dem Land,<br /> +das lange zgert, eh es untergeht.<br /> +Zwar manche sind an Wagen angespannt,<br /> +doch alle haben Mut in ihren Mienen;<br /> +ein bser roter Lwe geht mit ihnen<br /> +und dann und wann ein weier Elefant.<br /> +<br /> +Sogar ein Hirsch ist da ganz wie im Wald,<br /> +nur da er einen Sattel trgt und drber<br /> +ein kleines blaues Mdchen aufgeschnallt.<br /> +<br /> +Und auf dem Lwen reitet wei ein Junge<br /> +und hlt sich mit der kleinen heien Hand,<br /> +dieweil der Lwe Zhne zeigt und Zunge.<br /> +<br /> +Und dann und wann ein weier Elefant.<br /> +<br /> +Und auf den Pferden kommen sie vorber,<br /> +auch Mdchen, helle, diesem Pferdesprunge<br /> +fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge<br /> +schauen sie auf, irgendwohin, herber—<br /> +<br /> +Und dann und wann ein weier Elefant.<br /> +<br /> +Und das geht hin und eilt sich, da es endet,<br /> +und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.<br /> +Ein Rot, ein Grn, ein Grau vorbeigesendet,<br /> +ein kleines kaum begonnenes Profil.<br /> +Und manchesmal ein Lcheln, hergewendet,<br /> +ein seliges, das blendet und verschwendet<br /> +an dieses atemlose blinde Spiel.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="SPANISCHE_TANZERIN" id="SPANISCHE_TANZERIN"></a>SPANISCHE TNZERIN<br /> +<br /> +<br /> +Wie in der Hand ein Schwefelzndholz, wei,<br /> +eh es zur Klamme kommt, nach allen Seiten<br /> +zuckende Zungen streckt—: beginnt im Kreis<br /> +naher Beschauer hastig, hell und hei<br /> +ihr runder Tanz sich zuckend auszubreiten.<br /> +<br /> +Und pltzlich ist er Flamme ganz und gar.<br /> +<br /> +Mit ihrem Blick entzndet sie ihr Haar<br /> +und dreht auf einmal mit gewagter Kunst<br /> +ihr ganzes Kleid in diese Feuersbrunst,<br /> +aus welcher sich, wie Schlangen, die erschrecken,<br /> +die nackten Arme wach und klappernd strecken.<br /> +<br /> +Und dann: als wrde ihr das Feuer knapp,<br /> +nimmt sie es ganz zusamm und wirft es ab<br /> +sehr herrisch, mit hochmtiger Gebrde<br /> +und schaut: da liegt es rasend auf der Erde<br /> +und flammt noch immer und ergibt sich nicht—.<br /> +Doch sieghaft, sicher und mit einem sen<br /> +grenden Lcheln hebt sie ihr Gesicht<br /> +und stampft es aus mit kleinen festen Fen.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_TURM" id="DER_TURM"></a>DER TURM<br /> +<br /> +TOUR ST.-NICOLAS, FURNES<br /> +<br /> +<br /> +Erdinneres. Als wre dort, wohin<br /> +du blindlings steigst, erst Erdenoberflche,<br /> +zu der du steigst im schrgen Bett der Bche,<br /> +die langsam aus dem suchenden Gerinn<br /> +<br /> +der Dunkelheit entsprungen sind, durch die<br /> +sich dein Gesicht, wie auferstehend, drngt<br /> +und die du pltzlich <i>siehst</i>, als fiele sie<br /> +aus diesem Abgrund, der dich berhngt<br /> +<br /> +und den du, wie er riesig ber dir<br /> +sich umstrzt in dem dmmernden Gesthle,<br /> +erkennst, erschreckt und frchtend, im Gefhle:<br /> +o wenn er steigt, behngen wie ein Stier—:<br /> +<br /> +Da aber nimmt dich aus der engen Endung<br /> +windiges Licht. Fast fliegend siehst du hier<br /> +die Himmel wieder, Blendung ber Blendung,<br /> +und dort die Tiefen, wach und voll Verwendung,<br /> +<br /> +und kleine Tage wie bei Patenier,<br /> +gleichzeitige, mit Stunde neben Stunde,<br /> +durch die die Brcken springen wie die Hunde,<br /> +dem hellen Wege immer auf der Spur,<br /> +den unbeholfne Huser manchmal nur<br /> +verbergen, bis er ganz im Hintergrnde<br /> +beruhigt geht durch Buschwerk und Natur.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_PLATZ" id="DER_PLATZ"></a>DER PLATZ<br /> +<br /> +FURNES<br /> +<br /> +<br /> +Willkrlich von Gewesnem ausgeweitet:<br /> +von Wut und Aufruhr, von dem Kunterbunt,<br /> +das die Verurteilten zu Tod begleitet,<br /> +von Buden, von der Jahrmarktsrufer Mund,<br /> +und von dem Herzog, der vorberreitet,<br /> +und von dem Hochmut von Burgund,<br /> +<br /> +(auf allen Seiten Hintergrund):<br /> +<br /> +ladet der Platz zum Einzug seiner Weite<br /> +die fernen Fenster unaufhrlich ein,<br /> +whrend sich das Gefolge und Geleite<br /> +der Leere langsam an den Handelsreihn<br /> +<br /> +verteilt und ordnet. In die Giebel steigend,<br /> +wollen die kleinen Huser alles sehn,<br /> +die Trme voreinander scheu verschweigend,<br /> +die immer malos hinter ihnen stehn.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="QUAI_DU_ROSAIRE" id="QUAI_DU_ROSAIRE"></a>QUAI DU ROSAIRE<br /> +<br /> +BRGGE<br /> +<br /> +<br /> +Die Gassen haben einen sachten Gang<br /> +(wie manchmal Menschen gehen im Genesen<br /> +nachdenkend: was ist frher hier gewesen?)<br /> +und die an Pltze kommen, warten lang<br /> +<br /> +auf eine andre, die mit einem Schritt<br /> +ber das abendklare Wasser tritt,<br /> +darin, je mehr sich rings die Dinge mildern,<br /> +die eingehngte Welt von Spiegelbildern<br /> +so wirklich wird, wie diese Dinge nie.<br /> +<br /> +Verging nicht diese Stadt? Nun siehst du, wie<br /> +(nach einem unbegreiflichen Gesetz)<br /> +sie wach und deutlich wird im Umgestellten,<br /> +als wre dort das Leben nicht so selten;<br /> +dort hngen jetzt die Grten gro und gelten,<br /> +dort dreht sich pltzlich hinter schnell erhellten<br /> +Fenstern der Tanz in den Estaminets.<br /> +<br /> +Und oben blieb?—Die Stille nur, ich glaube,<br /> +und kostet langsam und von nichts gedrngt<br /> +Beere um Beere aus der sen Traube<br /> +des Glockenspiels, das in den Himmeln hngt.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="BEGUINAGE" id="BEGUINAGE"></a>BGUINAGE<br /> +<br /> +BGUINAGE SAINTE-ELISABETH. BRGGE<br /> +<br /> +<br /> +I<br /> +<br /> +<br /> +Das hohe Tor scheint keine einzuhalten,<br /> +die Brcke geht gleich gerne hin und her,<br /> +und doch sind sicher alle in dem alten<br /> +offenen Ulmenhof und gehn nicht mehr<br /> +aus ihren Husern, als auf jenem Streifen<br /> +zur Kirche hin, um besser zu begreifen,<br /> +warum in ihnen so viel Liebe war.<br /> +<br /> +Dort knieen sie, verdeckt mit reinem Leinen<br /> +so gleich, als wre nur das Bild der einen<br /> +tausendmal im Choral, der tief und klar<br /> +zu Spiegeln wird an den verteilten Pfeilern;<br /> +und ihre Stimmen gehn den immer steilern<br /> +Gesang hinan und werfen sich von dort,<br /> +wo es nicht weitergeht, vom letzten Wort,<br /> +den Engeln zu, die sie nicht wiedergeben.<br /> +<br /> +Drum sind die unten, wenn sie sich erheben<br /> +und wenden, still. Drum reichen sie sich schweigend<br /> +mit einem Neigen, Zeigende zu zeigend<br /> +Empfangenden, geweihtes Wasser, das<br /> +die Stirnen khl macht und die Munde bla.<br /> +<br /> +Und gehen dann, verhangen und verhalten,<br /> +auf jenem Streifen wieder berquer—<br /> +die Jungen ruhig, ungewi die Alten<br /> +und eine Greisin, weilend, hinterher—<br /> +zu ihren Husern, die sie schnell verschweigen<br /> +und die sich durch die Ulmen hin von Zeit<br /> +zu Zeit ein wenig reine Einsamkeit,<br /> +in einer kleinen Scheibe schimmernd, zeigen.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +II<br /> +<br /> +<br /> +Was aber spiegelt mit den tausend Scheiben<br /> +das Kirchenfenster in den Hof hinein,<br /> +darin sich Schweigen, Schein und Widerschein<br /> +vermischen, trinken, trben, bertreiben,<br /> +phantastisch alternd wie ein alter Wein?<br /> +<br /> +Dort legt sich, keiner wei von welcher Seite,<br /> +Auen auf Inneres und Ewigkeit<br /> +auf Immer-Hingehn, Weite ber Weite,<br /> +erblindend, finster, unbenutzt, verbleit.<br /> +<br /> +Dort bleibt, unter dem schwankenden Dekor<br /> +des Sommertags, das Graue alter Winter:<br /> +als stnde regungslos ein sanftgesinnter<br /> +langmtig lange Wartender dahinter<br /> +und eine weinend Wartende davor.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DIE_MARIENPROZESSION" id="DIE_MARIENPROZESSION"></a>DIE MARIENPROZESSION<br /> +<br /> +GENT<br /> +<br /> +<br /> +Aus allen Trmen strzt sich, Flu um Flu,<br /> +hinwallendes Metall in solchen Massen,<br /> +als sollte drunten in der Form der Gassen<br /> +ein blanker Tag erstehn aus Bronzegu,<br /> +<br /> +an dessen Rand, gehmmert und erhaben,<br /> +zu sehen ist der buntgebundne Zug<br /> +der leichten Mdchen und der neuen Knaben,<br /> +und wie er Wellen schlug und trieb und trug,<br /> +hinabgehalten von dem ungewissen<br /> +Gewicht der Fahnen und von Hindernissen<br /> +gehemmt, unsichtbar wie die Hand des Herrn;<br /> +<br /> +und drben pltzlich beinah mitgerissen<br /> +vom Aufstieg aufgescheuchter Rucherbecken,<br /> +die fliegend, alle sieben, wie im Schrecken<br /> +an ihren Silberketten zerrn.<br /> +<br /> +Die Bschung Schauender umschliet die Schiene,<br /> +in der das alles stockt und rauscht und rollt:<br /> +das Kommende, das Chryselephantine,<br /> +aus dem sich zu Balkonen Baldachine<br /> +aufbumen, schwankend im Behang von Gold.<br /> +<br /> +Und sie erkennen ber all dem Weien,<br /> +getragen und im spanischen Gewand,<br /> +das alte Standbild mit dem kleinen heien<br /> +Gesichte und dem Kinde auf der Hand<br /> +und knieen hin, je mehr es naht und naht,<br /> +in seiner Krone ahnungslos veraltend<br /> +und immer noch das Segnen hlzern haltend<br /> +aus dem sich gro gebrdenden Brokat.<br /> +<br /> +Da aber, wie es an den Hingeknieten<br /> +vorberkommt, die scheu von unten schaun,<br /> +da scheint es seinen Trgern zu gebieten<br /> +mit einem Hochziehn seiner Augenbraun,<br /> +hochmtig, ungehalten und bestimmt:<br /> +so da sie staunen, stehn und berlegen<br /> +und schlielich zgernd gehn. Sie aber nimmt<br /> +<br /> +in sich die Schritte dieses ganzen Stromes<br /> +und geht, allein, wie auf erkannten Wegen<br /> +dem Glockendonnern des grooffnen Domes<br /> +auf hundert Schultern frauenhaft entgegen.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DIE_INSEL" id="DIE_INSEL"></a>DIE INSEL<br /> +<br /> +NORDSEE<br /> +<br /> +<br /> +I<br /> +<br /> +<br /> +Die nchste Flut verwischt den Weg im Watt,<br /> +und alles wird auf allen Seiten gleich;<br /> +die kleine Insel drauen aber hat<br /> +die Augen zu; verwirrend kreist der Deich<br /> +<br /> +um ihre Wohner, die in einen Schlaf<br /> +geboren werden, drin sie viele Welten<br /> +verwechseln schweigend; denn sie reden selten,<br /> +und jeder Satz ist wie ein Epitaph<br /> +<br /> +fr etwas Angeschwemmtes, Unbekanntes,<br /> +das unerklrt zu ihnen kommt und bleibt.<br /> +Und so ist alles, was ihr Blick beschreibt,<br /> +<br /> +von Kindheit an: nicht auf sie Angewandtes,<br /> +zu Groes, Rcksichtsloses, Hergesandtes,<br /> +das ihre Einsamkeit noch bertreibt.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +II<br /> +<br /> +<br /> +Als lge er in einem Kraterkreise<br /> +auf einem Mond: ist jeder Hof umdmmt,<br /> +und drin die Grten sind auf gleiche Weise<br /> +gekleidet und wie Waisen gleich gekmmt<br /> +<br /> +von jenem Sturm, der sie so rauh erzieht<br /> +und tagelang sie bange macht mit Toden.<br /> +Dann sitzt man in den Husern drin und sieht<br /> +in schiefen Spiegeln, was auf den Kommoden<br /> +<br /> +Seltsames steht. Und einer von den Shnen<br /> +tritt abends vor die Tr und zieht ein Tnen<br /> +aus der Harmonika wie Weinen weich;<br /> +<br /> +so hrte ers in einem fremden Hafen—.<br /> +Und drauen formt sich eines von den Schafen<br /> +ganz gro, fast drohend, auf dem Auendeich.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +III<br /> +<br /> +<br /> +Nah ist nur Innres; alles andre fern.<br /> +Und dieses Innere gedrngt und tglich<br /> +mit allem berfllt und ganz unsglich.<br /> +Die Insel ist wie ein zu kleiner Stern,<br /> +<br /> +welchen der Raum nicht merkt und stumm zerstrt<br /> +in seinem unbewuten Furchtbarsein,<br /> +so da er, unerhellt und berhrt,<br /> +allein,<br /> +<br /> +damit dies alles doch ein Ende nehme,<br /> +dunkel auf einer selbsterfundnen Bahn<br /> +versucht zu gehen, blindlings, nicht im Plan<br /> +der Wandelsterne, Sonnen und Systeme.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="HETARENGRABER" id="HETARENGRABER"></a>HETRENGRBER<br /> +<br /> +<br /> +In ihren langen Haaren liegen sie<br /> +mit braunen, tief in sich gegangenen Gesichtern.<br /> +Die Augen zu wie vor zu vieler Ferne.<br /> +Skelette, Munde, Blumen. In den Munden<br /> +die glatten Zhne wie ein Reiseschachspiel<br /> +aus Elfenbein in Reihen aufgestellt.<br /> +Und Blumen, gelbe Perlen, schlanke Knochen,<br /> +Hnde und Hemden, welkende Gewebe<br /> +ber dem eingestrzten Herzen. Aber<br /> +dort unter jenen Ringen, Talismanen<br /> +und augenblauen Steinen (Lieblings-Angedenken)<br /> +steht noch die stille Krypta des Geschlechtes,<br /> +bis an die Wlbung voll mit Blumenblttern.<br /> +Und wieder gelbe Perlen, weitverrollte,—<br /> +Schalen gebrannten Tones, deren Bug<br /> +ihr eignes Bild geziert hat, grne Scherben<br /> +von Salbenvasen, die wie Blumen duften,<br /> +und Formen kleiner Gtter: Hausaltre,<br /> +Hetrenhimmel mit entzckten Gttern.<br /> +Gesprengte Grtel, flache Skaraben,<br /> +kleine Figuren riesigen Geschlechtes,<br /> +ein Mund, der lacht, und Tanzende und Lufer,<br /> +goldene Fibeln, kleinen Bogen hnlich<br /> +zur Jagd auf Tier- und Vogelamulette,<br /> +und lange Nadeln, zieres Hausgerte<br /> +und eine runde Scherbe roten Grundes,<br /> +darauf, wie eines Eingangs schwarze Aufschrift,<br /> +die straffen Beine eines Viergespannes.<br /> +Und wieder Blumen, Perlen, die verrollt sind,<br /> +die hellen Lenden einer kleinen Leier,<br /> +und zwischen Schleiern, die gleich Nebeln fallen,<br /> +wie ausgekrochen aus des Schuhes Puppe:<br /> +des Fugelenkes leichter Schmetterling.<br /> +<br /> +So liegen sie mit Dingen angefllt,<br /> +kostbaren Dingen, Steinen, Spielzeug, Hausrat,<br /> +zerschlagnem Tand (was alles in sie abfiel),<br /> +und dunkeln wie der Grund von einem Flu.<br /> +<br /> +Flubetten waren sie,<br /> +darber hin in kurzen schnellen Wellen<br /> +(die weiter wollten zu dem nchsten Leben)<br /> +die Leiber vieler Jnglinge sich strzten<br /> +und in denen der Mnner Strme rauschten.<br /> +Und manchmal brachen Knaben aus den Bergen<br /> +der Kindheit, kamen zagen Falles nieder<br /> +und spielten mit den Dingen auf dem Grunde,<br /> +bis das Geflle ihr Gefhl ergriff:<br /> +<br /> +Dann fllten sie mit flachem klaren Wasser<br /> +die ganze Breite dieses breiten Weges<br /> +und trieben Wirbel an den tiefen Stellen;<br /> +und spiegelten zum erstenmal die Ufer<br /> +und ferne Vogelrufe, whrend hoch<br /> +die Sternennchte eines sen Landes<br /> +in Himmel wuchsen, die sich nirgends schlossen.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="ORPHEUS_EURYDIKE_HERMES" id="ORPHEUS_EURYDIKE_HERMES"></a>ORPHEUS. EURYDIKE. HERMES<br /> +<br /> +<br /> +Das war der Seelen wunderliches Bergwerk.<br /> +Wie stille Silbererze gingen sie<br /> +als Adern durch sein Dunkel. Zwischen Wurzeln<br /> +entsprang das Blut, das fortgeht zu den Menschen,<br /> +und schwer wie Porphyr sah es aus im Dunkel.<br /> +Sonst war nichts Rotes.<br /> +<br /> +Felsen war da<br /> +und wesenlose Wlder. Brcken ber Leeres<br /> +und jener groe, graue, blinde Teich,<br /> +der ber seinem fernen Grunde hing<br /> +wie Regenhimmel ber einer Landschaft.<br /> +Und zwischen Wiesen, sanft und voller Langmut,<br /> +erschien des einen Weges blasser Streifen<br /> +wie eine lange Bleiche hingelegt.<br /> +<br /> +Und dieses einen Weges kamen sie.<br /> +<br /> +Voran der schlanke Mann im blauen Mantel,<br /> +der stumm und ungeduldig vor sich aussah.<br /> +Ohne zu kauen fra sein Schritt den Weg<br /> +in groen Bissen; seine Hnde hingen<br /> +schwer und verschlossen aus dem Fall der Falten<br /> +und wuten nicht mehr von der leichten Leier,<br /> +die in die Linke eingewachsen war<br /> +wie Rosenranken in den Ast des lbaums.<br /> +Und seine Sinne waren wie entzweit:<br /> +<br /> +indes der Blick ihm wie ein Hund vorauslief,<br /> +umkehrte, kam und immer wieder weit<br /> +und wartend an der nchsten Wendung stand,—<br /> +blieb sein Gehr wie ein Geruch zurck.<br /> +Manchmal erschien es ihm, als reichte es<br /> +bis an das Gehen jener beiden andern,<br /> +die folgen sollten diesen ganzen Aufstieg.<br /> +Dann wieder wars nur seines Steigens Nachklang<br /> +und seines Mantels Wind, was hinter ihm war.<br /> +Er aber sagte sich, sie kmen doch;<br /> +sagte es laut und hrte sich verhallen.<br /> +Sie kmen doch, nur wrens zwei,<br /> +die furchtbar leise gingen. Drfte er<br /> +sich einmal wenden (wre das Zurckschaun<br /> +nicht die Zersetzung dieses ganzen Werkes,<br /> +das erst vollbracht wird), mte er sie sehen,<br /> +die beiden Leisen, die ihm schweigend nachgehn:<br /> +<br /> +den Gott des Ganges und der weiten Botschaft,<br /> +die Reischaube ber hellen Augen,<br /> +den schlanken Stab hertragend vor dem Leibe<br /> +und flgelschlagend an den Fugelenken;<br /> +und seiner linken Hand gegeben: <i>sie</i>.<br /> +Die So-geliebte, da aus einer Leier<br /> +mehr Klage kam als je aus Klagefrauen;<br /> +da eine Welt aus Klage ward, in der<br /> +alles noch einmal da war: Wald und Tal<br /> +und Weg und Ortschaft, Feld und Flu und Tier;<br /> +und da um diese Klage-Welt ganz so<br /> +wie um die andre Erde eine Sonne<br /> +und ein gestirnter stiller Himmel ging,<br /> +ein Klage-Himmel mit entstellten Sternen—:<br /> +diese So-geliebte.<br /> +<br /> +Sie aber ging an jenes Gottes Hand,<br /> +den Schritt beschrnkt von langen Leichenbndern,<br /> +unsicher, sanft und ohne Ungeduld.<br /> +Sie war in sich wie eine hoher Hoffnung<br /> +und dachte nicht des Mannes, der voranging,<br /> +und nicht des Weges, der ins Leben aufstieg.<br /> +Sie war in sich. Und ihr Gestorbensein<br /> +erfllte sie wie Flle.<br /> +Wie eine Frucht von Sigkeit und Dunkel,<br /> +so war sie voll von ihrem groen Tode,<br /> +der also neu war, da sie nichts begriff.<br /> +<br /> +Sie war in einem neuen Mdchentum<br /> +und unberhrbar; ihr Geschlecht war zu<br /> +wie eine junge Blume gegen Abend,<br /> +und ihre Hnde waren der Vermhlung<br /> +so sehr entwhnt, da selbst des leichten Gottes<br /> +unendlich leise leitende Berhrung<br /> +sie krnkte wie zu sehr Vertraulichkeit.<br /> +<br /> +Sie war schon nicht mehr diese blonde Frau,<br /> +die in des Dichters Liedern manchmal anklang,<br /> +nicht mehr des breiten Bettes Duft und Eiland<br /> +und jenes Mannes Eigentum nicht mehr.<br /> +Sie war schon aufgelst wie langes Haar<br /> +und hingegeben wie gefallner Regen<br /> +und ausgeteilt wie hundertfacher Vorrat.<br /> +<br /> +Sie war schon Wurzel.<br /> +Und als pltzlich jh<br /> +der Gott sie anhielt und mit Schmerz im Ausruf<br /> +die Worte sprach: Er hat sich umgewendet<br /> +begriff sie nichts und sagte leise: Wer?<br /> +<br /> +Fern aber, dunkel vor dem klaren Ausgang,<br /> +stand irgend jemand, dessen Angesicht<br /> +nicht zu erkennen war. Er stand und sah,<br /> +wie auf dem Streifen eines Wiesenpfades<br /> +mit trauervollem Blick der Gott der Botschaft<br /> +sich schweigend wandte, der Gestalt zu folgen,<br /> +die schon zurckging dieses selben Weges,<br /> +den Schritt beschrnkt von langen Leichenbndern,<br /> +unsicher, sanft und ohne Ungeduld.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="ALKESTIS" id="ALKESTIS"></a>ALKESTIS<br /> +<br /> +<br /> +Da pltzlich war der Bote unter ihnen,<br /> +hineingeworfen in das berkochen<br /> +des Hochzeitsmahles wie ein neuer Zusatz.<br /> +Sie fhlten nicht, die Trinkenden, des Gottes<br /> +heimlichen Eintritt, welcher seine Gottheit<br /> +so an sich hielt wie einen nassen Mantel<br /> +und ihrer einer schien, der oder jener,<br /> +wie er so durchging. Aber pltzlich sah<br /> +mitten im Sprechen einer von den Gsten<br /> +den jungen Hausherrn oben an dem Tische<br /> +wie in die Hh gerissen, nicht mehr liegend<br /> +und berall und mit dem ganzen Wesen<br /> +ein Fremdes spiegelnd, das ihn furchtbar ansprach.<br /> +Und gleich darauf, als klrte sich die Mischung,<br /> +war Stille; nur mit einem Satz am Boden<br /> +von trbem Lrm und einem Niederschlag<br /> +fallenden Lallens, schon verdorben riechend<br /> +nach dumpfem umgestandenen Gelchter.<br /> +Und da erkannten sie den schlanken Gott,<br /> +und wie er dastand, innerlich voll Sendung<br /> +und unerbittlich,—wuten sie es beinah.<br /> +Und doch, als es gesagt war, war es mehr<br /> +als alles Wissen, gar nicht zu begreifen.<br /> +Admet mu sterben. Wann? In dieser Stunde.<br /> +<br /> +Der aber brach die Schale seines Schreckens<br /> +in Stcken ab und streckte seine Hnde<br /> +heraus aus ihr, um mit dem Gott zu handeln.<br /> +Um Jahre, um ein einzig Jahr noch Jugend,<br /> +um Monate, um Wochen, um paar Tage,<br /> +ach, Tage nicht, um Nchte, nur um eine,<br /> +um eine Nacht, um diese nur: um die.<br /> +Der Gott verneinte, und da schrie er auf<br /> +und schrie's hinaus und hielt es nicht und schrie,<br /> +wie seine Mutter aufschrie beim Gebren.<br /> +<br /> +Und die trat zu ihm, eine alte Frau,<br /> +und auch der Vater kam, der alte Vater,<br /> +und beide standen, alt, veraltet, ratlos,<br /> +beim Schreienden, der pltzlich, wie noch nie<br /> +so nah, sie ansah, abbrach, schluckte, sagte:<br /> +Vater,<br /> +liegt dir denn viel daran an diesem Rest,<br /> +an diesem Satz, der dich beim Schlingen hindert?<br /> +Geh, gie ihn weg. Und du, du alte Frau,<br /> +Matrone,<br /> +was tust du denn noch hier: du hast geboren.<br /> +Und beide hielt er sie wie Opfertiere<br /> +in einem Griff. Auf einmal lie er los<br /> +und stie die Alten fort, voll Einfall, strahlend<br /> +und atemholend, rufend: Kreon, Kreon!<br /> +Und nichts als das; und nichts als diesen Namen.<br /> +Aber in seinem Antlitz stand das andere,<br /> +das er nicht sagte, namenlos erwartend,<br /> +wie ers dem jungen Freunde, dem Geliebten,<br /> +erglhend hinhielt bern wirren Tisch.<br /> +<br /> +Die Alten (stand da), siehst du, sind kein Loskauf,<br /> +sie sind verbraucht und schlecht und beinah wertlos,<br /> +du aber, du, in deiner ganzen Schnheit—<br /> +<br /> +Da aber sah er seinen Freund nicht mehr.<br /> +Er blieb zurck, und das, was kam, war sie,<br /> +ein wenig kleiner fast, als er sie kannte,<br /> +und leicht und traurig in dem bleichen Brautkleid.<br /> +Die andern alle sind nur ihre Gasse,<br /> +durch die sie kommt und kommt—: (gleich wird sie da sein<br /> +in seinen Armen, die sich schmerzhaft auftun).<br /> +Doch wie er wartet, spricht sie; nicht zu ihm.<br /> +Sie spricht zum Gotte, und der Gott vernimmt sie,<br /> +und alle hrens gleichsam erst im Gotte:<br /> +<br /> +Ersatz kann keiner fr ihn sein. Ich bins.<br /> +Ich bin Ersatz. Denn keiner ist zu Ende,<br /> +wie ich es bin. Was bleibt mir denn von dem,<br /> +was ich hier war? Das <i>ists</i> ja, da ich sterbe.<br /> +Hat sie dirs nicht gesagt, da sie dirs auftrug,<br /> +da jenes Lager, das da drinnen wartet,<br /> +zur Unterwelt gehrt? Ich nahm ja Abschied.<br /> +Abschied ber Abschied.<br /> +Kein Sterbender nimmt mehr davon. Ich ging ja,<br /> +damit das alles, unter dem begraben,<br /> +der jetzt mein Gatte ist, zergeht, sich auflst—.<br /> +So fr mich hin: ich sterbe ja fr ihn.<br /> +<br /> +Und wie der Wind auf hoher See, der umspringt,<br /> +so trat der Gott fast wie zu einer Toten<br /> +und war auf einmal weit von ihrem Gatten,<br /> +dem er, versteckt in einem kleinen Zeichen,<br /> +die hundert Leben dieser Erde zuwarf.<br /> +Der strzte taumelnd zu den beiden hin<br /> +und griff nach ihnen wie im Traum. Sie gingen<br /> +schon auf den Eingang zu, in dem die Frauen<br /> +verweint sich drngten. Aber einmal sah<br /> +er noch des Mdchens Antlitz, das sich wandte<br /> +mit einem Lcheln, hell wie eine Hoffnung,<br /> +die beinah ein Versprechen war: erwachsen<br /> +zurckzukommen aus dem tiefen Tode<br /> +zu ihm, dem Lebenden—<br /> +<br /> +Da schlug er jh<br /> +die Hnde vors Gesicht, wie er so kniete,<br /> +um nichts zu sehen mehr nach diesem Lcheln.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="GEBURT_DER_VENUS" id="GEBURT_DER_VENUS"></a>GEBURT DER VENUS<br /> +<br /> +<br /> +An diesem Morgen nach der Nacht, die bang<br /> +vergangen war mit Rufen, Unruh, Aufruhr,—<br /> +brach alles Meer noch einmal auf und schrie.<br /> +Und als der Schrei sich langsam wieder schlo<br /> +und von der Himmel blassem Tag und Anfang<br /> +herabfiel in der stummen Fische Abgrund—:<br /> +gebar das Meer.<br /> +<br /> +Von erster Sonne schimmerte der Haarschaum<br /> +der weiten Wogenscham, an deren Rand<br /> +das Mdchen aufstand, wei, verwirrt und feucht.<br /> +So wie ein junges grnes Blatt sich rhrt,<br /> +sich reckt und Eingerolltes langsam aufschlgt,<br /> +entfaltete ihr Leib sich in die Khle<br /> +hinein und in den unberhrten Frhwind.<br /> +<br /> +Wie Monde stiegen klar die Kniee auf<br /> +und tauchten in der Schenkel Wolkenrnder;<br /> +der Waden schmaler Schatten wich zurck,<br /> +die Fe spannten sich und wurden licht,<br /> +und die Gelenke lebten wie die Kehlen<br /> +von Trinkenden.<br /> +<br /> +Und in dem Kelch des Beckens lag der Leib<br /> +wie eine junge Frucht in eines Kindes Hand.<br /> +In seines Nabels engem Becher war<br /> +das ganze Dunkel dieses hellen Lebens.<br /> +<br /> +Darunter hob sich licht die kleine Welle<br /> +und flo bestndig ber nach den Lenden,<br /> +wo dann und wann ein stilles Rieseln war.<br /> +Durchschienen aber und noch ohne Schatten,<br /> +wie ein Bestand von Birken im April,<br /> +warm, leer und unverborgen lag die Scham.<br /> +<br /> +Jetzt stand der Schultern rege Wage schon<br /> +im Gleichgewichte auf dem graden Krper,<br /> +der aus dem Becken wie ein Springbrunn aufstieg<br /> +und zgernd in den langen Armen abfiel<br /> +und rascher in dem vollen Kall des Haars.<br /> +<br /> +Dann ging sehr langsam das Gesicht vorbei:<br /> +aus dem verkrzten Dunkel seiner Neigung<br /> +in klares, wagrechtes Erhobensein.<br /> +Und hinter ihm verschlo sich steil das Kinn.<br /> +<br /> +Jetzt, da der Hals gestreckt war wie ein Strahl<br /> +und wie ein Blumenstiel, darin der Saft steigt,<br /> +streckten sich auch die Arme aus wie Hlse<br /> +von Schwnen, wenn sie nach dem Ufer suchen.<br /> +<br /> +Dann kam in dieses Leibes dunkle Frhe<br /> +wie Morgenwind der erste Atemzug.<br /> +Im zartesten Gest der Aderbume<br /> +entstand ein Flstern, und das Blut begann<br /> +zu rauschen ber seinen tiefen Stellen.<br /> +Und dieser Wind wuchs an: nun warf er sich<br /> +mit allem Atem in die neuen Brste<br /> +und fllte sie und drckte sich in sie,—<br /> +da sie wie Segel, von der Ferne voll,<br /> +das leichte Mdchen nach dem Strande drngten.<br /> +<br /> +So landete die Gttin.<br /> +<br /> +Hinter ihr,<br /> +die rasch dahinschritt durch die jungen Ufer,<br /> +erhoben sich den ganzen Vormittag<br /> +die Blumen und die Halme, warm, verwirrt<br /> +wie aus Umarmung. Und sie ging und lief.<br /> +<br /> +Am Mittag aber, in der schwersten Stunde,<br /> +hob sich das Meer noch einmal auf und warf<br /> +einen Delphin an jene selbe Stelle.<br /> +Tot, rot und offen.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DIE_ROSENSCHALE" id="DIE_ROSENSCHALE"></a>DIE ROSENSCHALE<br /> +<br /> +<br /> +Zornige sahst du flackern, sahst zwei Knaben<br /> +zu einem Etwas sich zusammenballen,<br /> +das Ha war und sich auf der Erde wlzte<br /> +wie ein von Bienen berfallnes Tier;<br /> +Schauspieler, aufgetrmte bertreiber,<br /> +rasende Pferde, die zusammenbrachen,<br /> +den Blick wegwerfend, blkend das Gebi,<br /> +als schlte sich der Schdel aus dem Maule.<br /> +<br /> +Nun aber weit du, wie sich das vergit:<br /> +denn vor dir steht die volle Rosenschale,<br /> +die unvergelich ist und angefllt<br /> +mit jenem uersten von Sein und Neigen,<br /> +Hinhalten, Niemals-Gebenknnen, Dastehn,<br /> +das unser sein mag: uerstes auch uns.<br /> +<br /> +Lautloses Leben, Aufgehn ohne Ende,<br /> +Raum-brauchen, ohne Raum von jenem Raum<br /> +zu nehmen, den die Dinge rings verringern,<br /> +fast nicht Umrissen-sein wie Ausgespartes<br /> +und lauter Inneres, viel seltsam Zartes<br /> +und Sich-bescheinendes bis an den Rand:<br /> +ist irgend etwas uns bekannt wie dies?<br /> +Und dann wie dies: da ein Gefhl entsteht,<br /> +weil Bltenbltter Bltenbltter rhren?<br /> +<br /> +Und dies: da eins sich aufschlgt wie ein Lid,<br /> +und drunter liegen lauter Augenlider,<br /> +geschlossene, als ob sie zehnfach schlafend<br /> +zu dmpfen htten eines Innern Sehkraft.<br /> +Und dies vor allem: da durch diese Bltter<br /> +das Licht hindurch mu. Aus den tausend Himmeln<br /> +filtern sie langsam jeden Tropfen Dunkel,<br /> +in dessen Feuerschein das wirre Bndel<br /> +der Staubgele sich erregt und aufbumt.<br /> +<br /> +Und die Bewegung in den Rosen, sieh:<br /> +Gebrden von so kleinem Ausschlagswinkel,<br /> +da sie unsichtbar blieben, liefen ihre<br /> +Strahlen nicht auseinander in das Weltall.<br /> +<br /> +Sieh jene weie, die sich selig aufschlug<br /> +und dasteht in den groen offnen Blttern<br /> +wie eine Venus aufrecht in der Muschel;<br /> +und die errtende, die wie verwirrt<br /> +nach einer khlen sich hinberwendet,<br /> +und wie die khle fhllos sich zurckzieht,<br /> +und wie die kalte steht, in sich gehllt,<br /> +unter den offenen, die alles abtun.<br /> +Und <i>was</i> sie abtun, wie das leicht und schwer,<br /> +wie es ein Mantel, eine Last, ein Flgel<br /> +und eine Maske sein kann, je nachdem,<br /> +und <i>wie</i> sie's abtun: wie vor dem Geliebten.<br /> +<br /> +Was knnen sie nicht sein: war jene gelbe,<br /> +die hohl und offen daliegt, nicht die Schale<br /> +von einer Frucht, darin dasselbe Gelb,<br /> +gesammelter, orangerter, Saft war?<br /> +Und wars fr diese schon zu viel, das Aufgehn,<br /> +weil an der Luft ihr namenloses Rosa<br /> +den bittern Nachgeschmack des Lila annahm?<br /> +Und die batistene, ist sie kein Kleid,<br /> +in dem noch zart und atemwarm das Hemd steckt,<br /> +mit dem zugleich es abgeworfen wurde<br /> +im Morgenschatten an dem alten Waldbad?<br /> +Und dieses hier, opalnes Porzellan,<br /> +zerbrechlich, eine flache Chinatasse<br /> +und angefllt mit kleinen hellen Faltern,—<br /> +und jene da, die nichts enthlt als sich?<br /> +<br /> +Und sind nicht alle so, nur sich enthaltend,<br /> +wenn Sich-enthalten heit: die Welt da drauen<br /> +und Wind und Regen und Geduld des Frhlings<br /> +und Schuld und Unruh und vermummtes Schicksal<br /> +und Dunkelheit der abendlichen Erde<br /> +bis auf der Wolken Wandel, Flucht und Anflug,<br /> +bis auf den vagen Einflu ferner Sterne<br /> +in eine Hand voll Innres zu verwandeln?<br /> +<br /> +Nun liegt es sorglos in den offnen Rosen.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="INHALT" id="INHALT"></a>INHALT<br /> +<br /> +<br /> +<a href="#FRUHER_APOLLO">Frher Apollo</a><br /> +<a href="#MADCHENKLAGE">Mdchenklage</a><br /> +<a href="#LIEBESLIED">Liebeslied</a><br /> +<a href="#ERANNA_AN_SAPPHO">Eranna an Sappho</a><br /> +<a href="#SAPPHO_AN_ERANNA">Sappho an Eranna</a><br /> +<a href="#SAPPHO_AN_ALKAIOS">Sappho an Alkaos</a> (Fragment)<br /> +<a href="#GRABMAL_EINES_JUNGEN_MADCHENS">Grabmal eines jungen Mdchens</a><br /> +<a href="#OPFER">Opfer</a><br /> +<a href="#OSTLICHES_TAGLIED">stliches Taglied</a><br /> +<a href="#ABISAG">Abisag</a><br /> +<a href="#DAVID_SINGT_VOR_SAUL">David singt vor Saul</a><br /> +<a href="#JOSUAS_LANDTAG">Josuas Landtag</a><br /> +<a href="#DER_AUSZUG_DES_VERLORENEN_SOHNES">Der Auszug des verlorenen Sohnes</a><br /> +<a 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Neue Gedichte + +Author: Rainer Maria Rilke + +Release Date: October 15, 2010 [EBook #33863] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NEUE GEDICHTE *** + + + + +Produced by Marc D'Hooghe at http://www.freeliterature.org + + + + +NEUE GEDICHTE + +Von + +RAINER MARIA RILKE + +LEIPZIG + +IM INSEL-VERLAG + +MCMXX + + + + +KARL UND ELISABETH VON DER HEYDT IN FREUNDSCHAFT + + + + + +FRHER APOLLO + + +Wie manches Mal durch das noch unbelaubte +Gezweig ein Morgen durchsieht, der schon ganz +im Frhling ist: so ist in seinem Haupte +nichts, was verhindern knnte, da der Glanz + +aller Gedichte uns fast tdlich trfe; +denn noch kein Schatten ist in seinem Schaun, +zu khl fr Lorbeer sind noch seine Schlfe, +und spter erst wird aus den Augenbraun + +hochstmmig sich der Rosengarten heben, +aus welchem Bltter, einzeln, ausgelst +hintreiben werden auf des Mundes Beben, + +der jetzt noch still ist, niegebraucht und blinkend +und nur mit seinem Lcheln etwas trinkend, +als wrde ihm sein Singen eingeflt. + + + + +MDCHENKLAGE + + +Diese Neigung, in den Jahren, +da wir alle Kinder waren, +viel allein zu sein, war mild; +andern ging die Zeit im Streite, +und man hatte seine Seite, +seine Nhe, seine Weite, +einen Weg, ein Tier, ein Bild. + +Und ich dachte noch, das Leben +hrte niemals auf zu geben, +da man sich in sich besinnt. +Bin ich in mir nicht im Grten? +Will mich meines nicht mehr trsten +und verstehen wie als Kind? + +Pltzlich bin ich wie verstoen, +und zu einem bergroen +wird mir diese Einsamkeit, +wenn, auf meiner Brste Hgeln +stehend, mein Gefhl nach Flgeln +oder einem Ende schreit. + + + + +LIEBESLIED + + +Wie soll ich meine Seele halten, da +sie nicht an deine rhrt? Wie soll ich sie +hinheben ber dich zu andern Dingen? +Ach gerne mcht ich sie bei irgendwas +Verlorenem im Dunkel unterbringen +an einer fremden stillen Stelle, die +nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen. +Doch alles, was uns anrhrt, dich und mich, +nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich, +der aus zwei Saiten _eine_ Stimme zieht. +Auf welches Instrument sind wir gespannt? +Und welcher Spieler hat uns in der Hand? +O ses Lied. + + + + +ERANNA AN SAPPHO + + +O du wilde weite Werferin: +Wie ein Speer bei andern Dingen +lag ich bei den Meinen. Dein Erklingen +warf mich weit. Ich wei nicht, wo ich bin. +Mich kann keiner wiederbringen. + +Meine Schwestern denken mich und weben, +und das Haus ist voll vertrauter Schritte. +Ich allein bin fern und fortgegeben, +und ich zittere wie eine Bitte; +denn die schne Gttin in der Mitte +ihrer Mythen glht und lebt mein Leben. + + + + +SAPPHO AN ERANNA + + +Unruh will ich ber dich bringen, +schwingen will ich dich, umrankter Stab. +Wie das Sterben will ich dich durchdringen +und dich weitergeben wie das Grab +an das Alles: allen diesen Dingen. + + + + +SAPPHO AN ALKAOS + +FRAGMENT + + +Und was httest du mir denn zu sagen, +und was gehst du meine Seele an, +wenn sich deine Augen niederschlagen +vor dem nahen Nichtgesagten? Mann, + +sieh, uns hat das Sagen dieser Dinge +hingerissen und bis in den Ruhm. +Wenn ich denke: unter euch verginge +drftig unser ses Mdchentum, + +welches wir, ich Wissende und jene +mit mir Wissenden, vom Gott bewacht, +trugen unberhrt, da Mytilene +wie ein Apfelgarten in der Nacht +duftete vom Wachsen unsrer Brste--. + +Ja, auch dieser Brste, die du nicht +whltest wie zu Fruchtgewinden, Freier +mit dem weggesenkten Angesicht. +Geh und la mich, da zu meiner Leier +komme, was du abhltst: alles steht. + +Dieser Gott ist nicht der Beistand zweier, +aber wenn er durch den einen geht + + + + +GRABMAL EINES JUNGEN MDCHENS + + +Wir gedenkens noch. Das ist, als mte +alles dieses einmal wieder sein. +Wie ein Baum an der Limonenkste +trugst du deine kleinen leichten Brste +in das Rauschen seines Bluts hinein: + +--jenes Gottes. + Und es war der schlanke +Flchtling, der Verwhnende der Fraun. +S und glhend, warm wie dein Gedanke, +berschattend deine frhe Flanke +und geneigt wie deine Augenbraun. + + + + +OPFER + + +O wie blht mein Leib aus jeder Ader +duftender, seitdem ich dich erkenn; +sieh, ich gehe schlanker und gerader, +und du wartest nur--: wer bist du denn? + +Sieh: ich fhle, wie ich mich entferne, +wie ich Altes, Blatt um Blatt, verlier. +Nur dein Lcheln steht wie lauter Sterne +ber dir und bald auch ber mir. + +Alles was durch meine Kinderjahre +namenlos noch und wie Wasser glnzt, +will ich nach dir nennen am Altre, +der entzndet ist von deinem Haare +und mit deinen Brsten leicht bekrnzt. + + + + +STLICHES TAGLIED + + +Ist dieses Bette nicht wie eine Kste, +ein Kstenstreifen nur, darauf wir liegen? +Nichts ist gewi als deine hohen Brste, +die mein Gefhl in Schwindeln berstiegen. + +Denn diese Nacht, in der so vieles schrie, +in der sich Tiere rufen und zerreien, +ist sie uns nicht entsetzlich fremd? Und wie: +was drauen langsam anhebt, Tag geheien, +ist das uns denn verstndlicher als sie? + +Man mte so sich ineinanderlegen +wie Bltenbltter um die Staubgefe: +so sehr ist berall das Ungeme +und huft sich an und strzt sich uns entgegen. + +Doch whrend wir uns aneinanderdrcken, +um nicht zu sehen, wie es ringsum naht, +kann es aus dir, kann es aus mir sich zcken: +denn unsre Seelen leben von Verrat. + + + + +ABISAG + + +I + +Sie lag. Und ihre Kinderarme waren +von Dienern um den Welkenden gebunden, +auf dem sie lag die sen langen Stunden, +ein wenig bang vor seinen vielen Jahren. + +Und manchmal wandte sie in seinem Barte +ihr Angesicht, wenn eine Eule schrie; +und alles, was die Nacht war, kam und scharte +mit Bangen und Verlangen sich um sie. + +Die Sterne zitterten wie ihresgleichen, +der Duft ging suchend durch das Schlafgemach, +der Vorhang rhrte sich und gab ein Zeichen, +und leise ging ihr Blick dem Zeichen nach. + +Aber sie hielt sich an dem dunkeln Alten, +und, von der Nacht der Nchte nicht erreicht, +lag sie auf seinem frstlichen Erkalten +jungfrulich und wie eine Seele leicht. + + + +II + +Der Knig sa und sann den leeren Tag +getaner Taten, ungefhlter Lste +und seiner Lieblingshndin, der er pflag--. +Aber am Abend wlbte Abisag +sich ber ihm. Sein wirres Leben lag +verlassen wie verrufne Meereskste +unter dem Sternbild ihrer stillen Brste. + +Und manchmal, als ein Kundiger der Frauen, +erkannte er durch seine Augenbrauen +den unbewegten, ksselosen Mund; +und sah: ihres Gefhles grne Rute +neigte sich nicht herab zu seinem Grund. +Ihn frstelte. Er horchte wie ein Hund +und suchte sich in seinem letzten Blute. + + + + +DAVID SINGT VOR SAUL + + +I + +Knig, hrst du, wie mein Saitenspiel +Fernen wirft, durch die wir uns bewegen? +Sterne treiben uns verwirrt entgegen, +und wir fallen endlich wie ein Regen, +und es blht, wo dieser Regen fiel. + +Mdchen blhen, die du noch erkannt, +die jetzt Frauen sind und mich verfhren; +den Geruch der Jungfraun kannst du spren, +und die Knaben stehen, angespannt +schlank und atmend, an verschwiegnen Tren. + +Da mein Klang dir alles wiederbrchte. +Aber trunken taumelt mein Getn: +Deine Nchte, Knig, deine Nchte--, +und wie waren, die dein Schaffen schwchte, +o wie waren alle Leiber schn. + +Dein Erinnern glaub ich zu begleiten, +weil ich ahne. Doch auf welchen Saiten +greif ich dir ihr dunkles Lustgesthn?-- + + + +II + +Knig, der du alles dieses hattest +und der du mit lauter Leben mich +berwltigest und berschattest: +komm aus deinem Throne und zerbrich +meine Harfe, die du so ermattest. + +Sie ist wie ein abgenommner Baum: +durch die Zweige, die dir Frucht getragen, +schaut jetzt eine Tiefe wie von Tagen, +welche kommen--, und ich kenn sie kaum. + +La mich nicht mehr bei der Harfe schlafen; +sich dir diese Knabenhand da an: +glaubst du, Knig, da sie die Oktaven +eines Leibes noch nicht greifen kann? + + + +III + +Knig, birgst du dich in Finsternissen, +und ich hab dich doch in der Gewalt. +Sieh, mein festes Lied ist nicht gerissen, +und der Raum wird um uns beide kalt. +Mein verwaistes Herz und dein verworrnes +hngen in den Wolken deines Zornes, +wtend ineinander eingebissen +und zu einem einzigen verkrallt. + +Fhlst du jetzt, wie wir uns umgestalten? +Knig, Knig, das Gewicht wird Geist. +Wenn wir uns nur aneinanderhalten, +du am Jungen, Knig, ich am Alten, +sind wir fast wie ein Gestirn, das kreist. + + + + +JOSUAS LANDTAG + + +So wie der Strom am Ausgang seine Dmme +durchbricht mit seiner Mndung berma, +so brach nun durch die ltesten der Stimme +zum letztenmal die Stimme Josuas. + +Wie waren die geschlagen, welche lachten, +wie hielten alle Herz und Hnde an, +als hbe sich der Lrm von dreiig Schlachten +in einem Mund; und dieser Mund begann. + +Und wieder waren Tausende voll Staunen +wie an dem groen Tag vor Jericho, +nun aber waren in ihm die Posaunen, +und ihres Lebens Mauern schwankten so, + +da sie sich wlzten, von Entsetzen trchtig +und wehrlos schon und berwltigt, eh +sie's noch gedachten, wie er eigenmchtig +zu Gibeon die Sonne anschrie: Steh! + +Und Gott ging hin, erschrocken wie ein Knecht, +und hielt die Sonne, bis ihm seine Hnde +wehtaten, ob dem schlachtenden Geschlecht, +nur weil da einer wollte, da sie stnde. + +Und das war dieser; dieser Alte wars, +von dem sie meinten, da er nicht mehr gelte +inmitten seines hundertzehnten Jahrs. +Da stand er auf und brach in ihre Zelte. + +Er ging wie Hagel nieder ber Halmen. +Was wollt ihr Gott versprechen? Ungezhlt +stehn um euch Gtter, wartend, da ihr whlt. +Doch wenn ihr whlt, wird euch der Herr zermalmen. + +Und dann, mit einem Hochmut ohnegleichen: +Ich und mein Haus, wir bleiben ihm vermhlt. + +Da schrien sie alle: Hilf uns, gib ein Zeichen +und strke uns zu unsrer schweren Wahl. + +Aber sie sahn ihn, wie seit Jahren schweigend, +zu seiner festen Stadt am Berge steigend; +und dann nicht mehr. Es war das letzte Mal. + + + + +DER AUSZUG DES VERLORENEN SOHNES + + +NUN fortzugehn von alle dem Verworrnen, +das unser ist und uns doch nicht gehrt, +das, wie das Wasser in den alten Bornen, +uns zitternd spiegelt und das Bild zerstrt; +von allem diesen, das sich wie mit Dornen +noch einmal an uns anhngt--fortzugehn +und Das und Den, +die man schon nicht mehr sah +(so tglich waren sie und so gewhnlich), +auf einmal anzuschauen: sanft, vershnlich +und wie an einem Anfang und von nah +und ahnend einzusehn, wie unpersnlich, +wie ber alle hin das Leid geschah, +von dem die Kindheit voll war bis zum Rand--: +Und dann doch fortzugehen, Hand aus Hand, +als ob man ein Geheiltes neu zerrisse, +und fortzugehn: wohin? Ins Ungewisse, +weit in ein unverwandtes warmes Land, +das hinter allem Handeln wie Kulisse +gleichgltig sein wird: Garten oder Wand; +und fortzugehn: warum? Aus Drang, aus Artung, +aus Ungeduld, aus dunkler Erwartung, +aus Unverstndlichkeit und Unverstand: +Dies alles auf sich nehmen und vergebens +vielleicht Gehaltnes fallen lassen, um +allein zu sterben, wissend nicht warum-- + +Ist das der Eingang eines neuen Lebens? + + + + +DER LBAUMGARTEN + + +Er ging hinauf unter dem grauen Laub +ganz grau und aufgelst im lgelnde +und legte seine Stirne voller Staub +tief in das Staubigsein der heien Hnde. + +Nach allem dies. Und dieses war der Schlu. +Jetzt soll ich gehen, whrend ich erblinde, +und warum willst Du, da ich sagen mu, +Du seist, wenn ich Dich selber nicht mehr finde. + +Ich finde Dich nicht mehr. Nicht in mir, nein. +Nicht in den andern. Nicht in diesem Stein. +Ich finde Dich nicht mehr. Ich bin allein. + +Ich bin allein mit aller Menschen Gram, +den ich durch Dich zu lindern unternahm, +der Du nicht bist, namenlose Scham... + +Spter erzhlte man: ein Engel kam--. + +Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht +und bltterte gleichgltig in den Bumen. +Die Jnger rhrten sich in ihren Trumen. +Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht. + +Die Nacht, die kam, war keine ungemeine; +so gehen hunderte vorbei. + +Da schlafen Hunde, und da liegen Steine. +Ach eine traurige, ach irgendeine, +die wartet, bis es wieder Morgen sei. + +Denn Engel kommen nicht zu solchen Betern, +und Nchte werden nicht um solche gro. +Die Sich-Verlierenden lt alles los, +und sie sind preisgegeben von den Vtern +und ausgeschlossen aus der Mtter Scho. + + + + +PIET + + +So seh ich, Jesus, deine Fe wieder, +O die damals eines Jnglings Fe waren, +da ich sie bang entkleidete und wusch; +wie standen sie verwirrt in meinen Haaren +und wie ein weies Wild im Dornenbusch. + +So seh ich deine niegeliebten Glieder +zum erstenmal in dieser Liebesnacht. +Wir legten uns noch nie zusammen nieder, +und nun wird nur bewundert und gewacht. + +Doch, siehe, deine Hnde sind zerrissen--: +Geliebter, nicht von mir, von meinen Bissen. +Dein Herz steht offen, und man kann hinein: +das htte drfen nur mein Eingang sein. + +Nun bist du mde, und dein mder Mund +hat keine Lust zu meinem wehen Munde--. +O Jesus, Jesus, wann war unsre Stunde? +Wie gehn wir beide wunderlich zugrund. + + + + +GESANG DER FRAUEN AN DEN DICHTER + + +Sieh, wie sich alles auftut: so sind wir; +denn wir sind nichts als solche Seligkeit. +Was Blut und Dunkel war in einem Tier, +das wuchs in uns zur Seele an und schreit + +als Seele weiter. Und es schreit nach dir. +Du freilich nimmst es nur in dein Gesicht, +als sei es Landschaft: sanft und ohne Gier. +Und darum meinen wir, du bist es nicht, + +nach dem es schreit. Und doch, bist du nicht der, +an den wir uns ganz ohne Rest verlren? +Und werden wir in irgendeinem _mehr_? + +Mit uns geht das Unendliche _vorbei_. +Du aber sei, du Mund, da wir es hren, +du aber, du Uns-Sagender: du sei. + + + + +DER TOD DES DICHTERS + + +Er lag. Sein aufgestelltes Antlitz war +bleich und verweigernd in den steilen Kissen, +seitdem die Welt und dieses von ihr Wissen, +von seinen Sinnen abgerissen, +zurckfiel an das teilnahmslose Jahr. + +Die, so ihn leben sahen, wuten nicht, +wie sehr er _eines_ war mit allem diesen, +denn dieses: diese Tiefen, diese Wiesen +und diese Wasser waren sein Gesicht. + +O sein Gesicht war diese ganze Weite, +die jetzt noch zu ihm will und um ihn wirbt; +und seine Maske, die nun bang verstirbt, +ist zart und offen wie die Innenseite +von einer Frucht, die an der Luft verdirbt. + + + + +BUDDHA + + +Als ob er horchte. Stille: eine Ferne.... +Wir halten ein und hren sie nicht mehr. +Und er ist Stern. Und andre groe Sterne, +die wir nicht sehen, stehen um ihn her. + +O er ist alles. Wirklich, warten wir, +da er uns she? Sollte er bedrfen? +Und wenn wir hier uns vor ihm niederwrfen, +er bliebe tief und trge wie ein Tier. + +Denn das, was uns zu seinen Fen reit, +das kreist in ihm seit Millionen Jahren. +Er, der vergit, was wir erfahren, +und der erfahrt, was uns verweist. + + + + +L'ANGE DU MRIDIEN + +CHARTRES + + +Im Sturm, der um die starke Kathedrale +wie ein Verneiner strzt, der denkt und denkt, +fhlt man sich zrtlicher mit einem Male +von deinem Lcheln zu dir hingelenkt: + +lchelnder Engel, fhlende Figur, +mit einem Mund, gemacht aus hundert Munden: +gewahrst du gar nicht, wie dir unsre Stunden +abgleiten von der vollen Sonnenuhr, + +auf der des Tages ganze Zahl zugleich, +gleich wirklich, steht in tiefem Gleichgewichte, +als wren alle Stunden reif und reich? + +Was weit du, Steinerner, von unserm Sein? +und hltst du mit noch seligerm Gesichte +vielleicht die Tafel in die Nacht hinein? + + + + +DIE KATHEDRALE + + +In jenen kleinen Stdten, wo herum +die alten Huser wie ein Jahrmarkt hocken, +der sie bemerkt hat pltzlich und erschrocken +die Buden zumacht und ganz zu und stumm, + +die Schreier still, die Trommeln angehalten, +zu ihr hinaufhorcht aufgeregten Ohrs--: +dieweil sie ruhig immer in dem alten +Faltenmantel ihrer Contreforts +dasteht und von den Husern gar nicht wei: + +in jenen kleinen Stdten kannst du sehn, +wie sehr entwachsen ihrem Umgangskreis +die Kathedralen waren. Ihr Erstehn +ging ber alles fort, so wie den Blick +des eignen Lebens viel zu groe Nhe +fortwhrend bersteigt und als geschhe +nichts anderes; als wre _das_ Geschick, +was sich in ihnen aufhuft ohne Maen, +versteinert und zum Dauernden bestimmt, +nicht _das_, was unten in den dunkeln Straen +vom Zufall irgendwelche Namen nimmt +und darin geht, wie Kinder Grn und Rot +und was der Krmer hat als Schrze tragen. +Da war Geburt in diesen Unterlagen, +und Kraft und Andrang war in diesem Ragen +und Liebe berall wie Wein und Brot, +und die Portale voller Liebesklagcn. +Das Leben zgerte Im Stundenschlagen, +und in den Trmen, welche voll Entsagen +auf einmal nicht mehr stiegen, war der Tod. + + + + +DAS PORTAL + + +I + +Da blieben sie, als wre jene Flut +zurckgetreten, deren groes Branden +an diesen Steinen wusch, bis sie entstanden; +sie nahm im Fallen manches Attribut + +aus ihren Hnden, welche viel zu gut +und gebend sind, um etwas festzuhalten. +Sie blieben, von den Formen in Basalten +durch einen Nimbus, einen Bischofshut, + +bisweilen durch ein Lcheln unterschieden, +fr das ein Antlitz seiner Stunden Frieden +bewahrt hat als ein stilles Zifferblatt; + +jetzt fortgerckt ins Leere ihres Tores, +waren sie einst die Muschel eines Ohres +und fingen jedes Sthnen dieser Stadt. + + + +II + +Sehr viele Weite ist gemeint damit: +so wie mit den Kulissen einer Szene +die Welt gemeint ist; und so wie durch jene +der Held im Mantel seiner Handlung tritt:-- +so tritt das Dunkel dieses Tores handelnd +auf seiner Tiefe tragisches Theater, +so grenzenlos und wallend wie Gott-Vater +und so wie Er sich wunderlich verwandelnd + +in einen Sohn, der aufgeteilt ist hier +auf viele kleine beinah stumme Rollen, +genommen aus des Elends Zubehr. + +Denn nur noch so entsteht (das wissen wir) +aus Blinden, Fortgeworfenen und Tollen +der Heiland wie ein einziger Akteur. + + + +III + +So ragen sie, die Herzen angehalten +(sie stehn auf Ewigkeit und gingen nie); +nur selten tritt aus dem Gefll der Falten +eine Gebrde, aufrecht, steil wie sie, + +und bleibt nach einem halben Schritte stehn, +wo die Jahrhunderte sie berholen. +Sie sind im Gleichgewicht auf den Konsolen, +in denen eine Welt, die sie nicht sehn, + +die Welt der Wirrnis, die sie nicht zertraten, +Figur und Tier, wie um sie zu gefhrden, +sich krmmt und schttelt und sie dennoch hlt: +weil die Gestalten dort wie Akrobaten +sich nur so zuckend und so wild gebrden, +damit der Stab auf ihrer Stirn nicht fllt. + + + + +DIE FENSTERROSE + + +Da drin: das trge Treten ihrer Tatzen +macht eine Stille, die dich fast verwirrt; +und wie dann pltzlich eine von den Katzen +den Blick an ihr, der hin und wieder irrt, + +gewaltsam in ihr groes Auge nimmt,-- +den Blick, der wie von eines Wirbels Kreis +ergriffen, eine kleine Weile schwimmt +und dann versinkt und nichts mehr von sich wei, + +wenn dieses Auge, welches scheinbar ruht, +sich au auftut und zusammenschlgt mit Tosen +und ihn hineinreit bis ins rote Blut--: + +so griffen einstmals aus dem Dunkelsein +der Kathedralen groe Fensterrosen +ein Herz und rissen es in Gott hinein. + + + + +DAS KAPITL + + +Wie sich aus eines Traumes Ausgeburten +aufsteigend aus verwirrendem Gequl +der nchste Tag erhebt,--so gehn die Gurten +der Wlbung aus dem wirren Kapitl + +und lassen drin, gedrngt und rtselhaft +verschlungen, flgelschlagende Geschpfe: +ihr Zgern und das Pltzliche der Kpfe +und jene starken Bltter, deren Saft + +wie Jhzorn steigt, sich schlielich berschlagend +in einer schnellen Geste, die sich ballt +und sich heraushlt: alles aufwrtsjagend, + +was immer wieder mit dem Dunkel kalt +herunterfllt, wie Regen Sorge tragend +fr dieses alten Wachstums Unterhalt. + + + + +GOTT IM MITTELALTER + + +Und sie hatten ihn in sich erspart, +und sie wollten, da er sei und richte, +und sie hngten schlielich wie Gewichte +(zu verhindern seine Himmelfahrt) + +an ihn ihrer groen Kathedralen +Last und Masse. Und er sollte nur +ber seine grenzenlosen Zahlen +zeigend kreisen und wie eine Uhr + +Zeichen geben ihrem Tun und Tagwerk. +Aber pltzlich kam er ganz in Gang, +und die Leute der entsetzten Stadt + +lieen ihn, vor seiner Stimme bang, +weitergehn mit ausgehngtem Schlagwerk +und entflohn vor seinem Zifferblatt. + + + + +MORGUE + + +Da liegen sie bereit, als ob es glte, +nachtrglich eine Handlung zu erfinden, +die miteinander und mit dieser Klte +sie zu vershnen wei und zu verbinden; + +denn das ist alles noch wie ohne Schlu. +Was fr ein Name htte in den Taschen +sich finden sollen? An dem berdru +um ihren Mund hat man herumgewaschen; + +er ging nicht ab; er wurde nur ganz rein. +Die Brte stehen, noch ein wenig hrter, +doch ordentlicher im Geschmack der Wrter, + +nur um die Gaffenden nicht anzuwidern. +Die Augen haben hinter ihren Lidern +sich umgewandt und schauen jetzt hinein. + + + + +DER GEFANGENE + + +I + +Meine Hand hat nur noch eine +Gebrde, mit der sie verscheucht; +auf die alten Steine +fllt es aus Felsen feucht. + +Ich hre nur dieses Klopfen, +und mein Herz hlt Schritt +mit dem Gehen der Tropfen +und vergeht damit. + +Tropften sie doch schneller, +kme doch wieder ein Tier. +Irgendwo war es heller--. +Aber was wissen wir. + + + +II + +Denk dir, das was jetzt Himmel ist und Wind, +Luft deinem Mund und deinem Auge Helle, +das wrde Stein bis um die kleine Stelle, +an der dein Herz und deine Hnde sind. + +Und was jetzt in dir morgen heit und: dann +und: spterhin und nchstes Jahr und weiter-- +das wrde wund in dir und voller Eiter +und schwre nur und brche nicht mehr an. + +Und das was war, das wre irre und +raste in dir herum, den lieben Mund, +der niemals lachte, schumend von Gelchter. + +Und das was Gott war, wre nur dein Wchter +und stopfte boshaft in das letzte Loch +ein schmutziges Auge. Und du lebtest doch. + + + + +DER PANTHER + +IM JARDIN DES PLANTES, PARIS + + +Sein Blick ist vom Vorbergehn der Stbe +so md geworden, da er nichts mehr hlt. +Ihm ist, als ob es tausend Stbe gbe +und hinter tausend Stben keine Welt. + +Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, +der sich im allerkleinsten Kreise dreht, +ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, +in der betubt ein groer Wille steht. + +Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille +sich lautlos auf--. Dann geht ein Bild hinein, +geht durch der Glieder angespannte Stille-- +und hrt im Herzen auf zu sein. + + + + +DIE GAZELLE + +ANTILOPE DORCAS + + +Verzauberte: wie kann der Einklang zweier +erwhlter Worte je den Reim erreichen, +der in dir kommt und geht, wie auf ein Zeichen. +Aus deiner Stirne steigen Laub und Leier, + +und alles Deine geht schon im Vergleich +durch Liebeslieder, deren Worte, weich +wie Rosenbltter, dem, der nicht mehr liest, +sich auf die Augen legen, die er schliet, + +um dich zu sehen: hingetragen, als +wre mit Sprngen jeder Lauf geladen +und schsse nur nicht ab, solang der Hals + +das Haupt ins Horchen hlt: wie wenn beim Baden +im Wald die Badende sich unterbricht, +den Waldsee im gewendeten Gesicht. + + + + +DAS EINHORN + + +Der Heilige hob das Haupt, und das Gebet +fiel wie ein Helm zurck von seinem Haupte: +denn lautlos nahte sich das niegeglaubte, +das weie Tier, das wie eine geraubte +hilflose Hindin mit den Augen fleht. + +Der Beine elfenbeinernes Gestell +bewegte sich in leichten Gleichgewichten, +ein weier Glanz glitt selig durch das Fell, +und auf der Tierstirn, auf der stillen, lichten, +stand, wie ein Turm im Mond, das Horn so hell, +und jeder Schritt geschah, es aufzurichten. + +Das Maul mit seinem rosagrauen Flaum +war leicht gerafft, so da ein wenig Wei +(weier als alles) von den Zhnen glnzte; +die Nstern nahmen auf und lechzten leis. +Doch seine Blicke, die kein Ding begrenzte, +warfen sich Bilder in den Raum +und schlssen einen blauen Sagenkreis. + + + + +SANKT SEBASTIAN + + +Wie ein Liegender so steht er; ganz +hingehalten von dem groen Willen. +Weit entrckt wie Mtter, wenn sie stillen, +und in sich gebunden wie ein Kranz. + +Und die Pfeile kommen: jetzt und jetzt +und als sprngen sie aus seinen Lenden, +eisern bebend mit den freien Enden. +Doch er lchelt dunkel, unverletzt. + +Einmal nur wird eine Trauer gro, +und die Augen liegen schmerzlich blo, +bis sie etwas leugnen, wie Geringes, +und als lieen sie verchtlich los +die Vernichter eines schnen Dinges. + + + + +DER STIFTER + + +Das war der Auftrag an die Malergilde. +Vielleicht da ihm der Heiland nie erschien; +vielleicht trat auch kein heiliger Bischof milde +an seine Seite wie in diesem Bilde +und legte leise seine Hand auf ihn. + +Vielleicht war dieses alles: so zu knien +(so wie es alles ist, was wir erfuhren): +zu knien: da man die eigenen Konturen, +die auswrtswollenden, ganz angespannt +im Herzen hlt, wie Pferde in der Hand. + +Da, wenn ein Ungeheueres geschhe, +das nicht versprochen ist und nieverbrieft, +wir hoffen knnten, da es uns nicht she +und nher kme, ganz in unsre Nhe, +mit sich beschftigt und in sich vertieft. + + + + +DER ENGEL + + +Mit einem Neigen seiner Stirne weist +er weit von sich, was einschrnkt und verpflichtet; +denn durch sein Herz geht riesig aufgerichtet +das ewig Kommende, das kreist. + +Die tiefen Himmel stehn ihm voll Gestalten, +und jede kann ihm rufen: komm, erkenn--. +Gib seinen leichten Hnden nichts zu halten +aus deinem Lastenden. Sie kmen denn + +bei Nacht zu dir, dich ringender zu prfen, +und gingen wie Erzrnte durch das Haus +und griffen dich, als ob sie dich erschfen, +und brchen dich aus deiner Form heraus. + + + + +RMISCHE SARKOPHAGE + + +Was aber hindert uns zu glauben, da +(so wie wir hingestellt sind und verteilt) +nicht eine kleine Zeit nur Drang und Ha +und dies Verwirrende in uns verweilt, + +wie einst in dem verzierten Sarkophag +bei Ringen, Gtterbildern, Glsern, Bndern, +in langsam sich verzehrenden Gewndern +ein langsam Aufgelstes lag-- + +bis es die unbekannten Munde schluckten, +die niemals reden. (Wo besteht und denkt +ein Hirn, um ihrer einst sich zu bedienen?) + +Da wurde von den alten Aqudukten +ewiges Wasser in sie eingelenkt--: +das spiegelt jetzt und geht und glnzt in ihnen. + + + + +DER SCHWAN + + +Diese Mhsal, durch noch Ungetanes +schwer und wie gebunden hinzugehn, +gleicht dem ungeschaffnen Gang des Schwanes. + +Und das Sterben, dieses Nichtmehrfassen +jenes Grunds, auf dem wir tglich stehn, +seinem ngstlichen Sich-Niederlassen--: + +in die Wasser, die ihn sanft empfangen +und die sich, wie glcklich und vergangen, +unter ihm zurckziehn, Flut um Flut; +whrend er unendlich still und sicher +immer mndiger und kniglicher +und gelassener zu ziehn geruht. + + + + +KINDHEIT + + +Es wre gut viel nachzudenken, um +von so Verlornem etwas auszusagen, +von jenen langen Kindheit-Nachmittagen, +die so nie wiederkamen--und warum? + +Noch mahnt es uns--: vielleicht in einem Regnen, +aber wir wissen nicht mehr, was das soll; +nie wieder war das Leben von Begegnen, +von Wiedersehn und Weitergehn so voll + +wie damals, da uns nichts geschah als nur, +was einem Ding geschieht und einem Tiere: +da lebten wir, wie Menschliches, das Ihre +und wurden bis zum Rande voll Figur. + +Und wurden so vereinsamt wie ein Hirt +und so mit groen Fernen berladen +und wie von weit berufen und berhrt +und langsam wie ein langer neuer Faden +in jene Bilderfolgen eingefhrt, +in welchen nun zu dauern uns verwirrt. + + + + +DER DICHTER + + +Du entfernst dich von mir, du Stunde. +Wunden schlgt mir dein Flgelschlag. +Allein: was soll ich mit meinem Munde? +mit meiner Nacht? mit meinem Tag? + +Ich habe keine Geliebte, kein Haus, +keine Stelle, auf der ich lebe. +Alle Dinge, an die ich mich gebe, +werden reich und geben mich aus. + + + + +DIE SPITZE + + +I + +Menschlichkeit: Namen schwankender Besitze, +noch unbesttigter Bestand von Glck: +ist das unmenschlich, da zu dieser Spitze, +zu diesem kleinen dichten Spitzenstck +zwei Augen wurden?--Willst du sie zurck? + +Du Langvergangene und schlielich Blinde, +ist deine Seligkeit in diesem Ding, +zu welcher hin, wie zwischen Stamm und Rinde, +dein groes Fhlen, kleinverwandelt, ging? + +Durch einen Ri im Schicksal, eine Lcke +entzogst du deine Seele deiner Zeit; +und sie ist so in diesem lichten Stcke, +da es mich lcheln macht vor Ntzlichkeit. + + + +II + +Und wenn uns eines Tages dieses Tun +und was an uns geschieht gering erschiene +und uns so fremd, als ob es nicht verdiene, +da wir so mhsam aus den Kinderschuhn +um seinetwillen wachsen--: Ob die Bahn +vergilbter Spitze, diese dichtgefgte +blumige Spitzenbahn, dann nicht gengte, +uns hier zu halten? Sieh: sie ward getan. + +Ein Leben ward vielleicht verschmht, wer wei? +Ein Glck war da und wurde hingegeben, +und endlich wurde doch, um jeden Preis, +dies Ding daraus, nicht leichter als das Leben +und doch vollendet und so schn, als sei's +nicht mehr zu frh, zu lcheln und zu schweben. + + + + +EIN FRAUENSCHICKSAL + + +So wie der Knig auf der Jagd ein Glas +ergreift, daraus zu trinken, irgendeines,-- +und wie hernach der, welcher es besa, +es fortstellt und verwahrt, als wr es keines: + +so hob vielleicht das Schicksal, durstig auch, +bisweilen Eine an den Mund und trank, +die dann ein kleines Leben, viel zu bang +sie zu zerbrechen, abseits vom Gebrauch + +hinstellte in die ngstliche Vitrine, +in welcher seine Kostbarkeiten sind +(oder die Dinge, die fr kostbar gelten). + +Da stand sie fremd wie eine Fortgeliehne +und wurde einfach alt und wurde blind +und war nicht kostbar und war niemals selten. + + + + +DIE GENESENDE + + +Wie ein Singen kommt und geht in Gassen +und sich nhert und sich wieder scheut, +flgelschlagend, manchmal fast zu fassen +und dann wieder weit hinausgestreut: + +spielt mit der Genesenden das Leben; +whrend sie, geschwcht und ausgeruht, +unbeholfen, um sich hinzugeben, +eine ungewohnte Geste tut. + +Und sie fhlt sich beinah wie Verfhrung, +wenn die hartgewordne Hand, darin +Fieber waren voller Widersinn, +fernher, wie mit blhender Berhrung, +zu liebkosen kommt ihr hartes Kinn. + + + + +DIE ERWACHSENE + + +Das alles stand auf ihr und war die Welt +und stand auf ihr mit allem, Angst und Gnade, +wie Bume stehen, wachsend und gerade, +ganz Bild und bildlos wie die Bundeslade +und feierlich, wie auf ein Volk gestellt. + +Und sie ertrug es; trug bis obenhin +das Fliegende, Entfliehende, Entfernte, +das Ungeheuere, noch Unerlernte +gelassen wie die Wassertrgerin +den vollen Krug. Bis mitten unterm Spiel, +verwandelnd und auf andres vorbereitend, +der erste weie Schleier, leise gleitend, +ber das aufgetane Antlitz fiel + +fast undurchsichtig und sich nie mehr hebend +und irgendwie auf alle Fragen ihr +nur eine Antwort vage wiedergebend: +In dir, du Kindgewesene, in dir. + + + + +TANAGRA + + +Ein wenig gebrannter Erde, +wie von groer Sonne gebrannt. +Als wre die Gebrde +einer Mdchenhand +auf einmal nicht mehr vergangen; +ohne nach etwas zu langen, +zu keinem Dinge hin +aus ihrem Gefhle fhrend, +nur an sich selber rhrend +wie eine Hand ans Kinn. + +Wir heben und wir drehen +eine und eine Figur; +wir knnen fast verstehen, +weshalb sie nicht vergehen,-- +aber wir sollen nur +tiefer und wunderbarer +hngen an dem, was war, +und lcheln: ein wenig klarer +vielleicht als vor einem Jahr. + + + + +DIE ERBLINDENDE + + +Sie sa so wie die anderen beim Tee. +Mir war zuerst, als ob sie ihre Tasse +ein wenig anders als die andern fasse. +Sie lchelte einmal. Es tat fast weh. + +Und als man schlielich sich erhob und sprach +und langsam und wie es der Zufall brachte +durch viele Zimmer ging (man sprach und lachte), +da sah ich sie. Sie ging den andern nach, + +verhalten, so wie eine, welche gleich +wird singen mssen und vor vielen Leuten; +auf ihren hellen Augen, die sich freuten, +war Licht von auen wie auf einem Teich. + +Sie folgte langsam, und sie brauchte lang, +als wre etwas noch nicht berstiegen; +und doch: als ob, nach einem bergang, +sie nicht mehr gehen wrde, sondern fliegen. + + + + +IN EINEM FREMDEN PARK + +BORGEBY-GRD + + +Zwei Wege sinds. Sie fhren keinen hin. +Doch manchmal, in Gedanken, lt der eine +dich weitergehn. Es ist, als gingst du fehl; +aber auf einmal bist du im Rondel +alleingelassen wieder mit dem Steine +und wieder auf ihm lesend: Freiherrin +Brite Sophie--und wieder mit dem Finger +abfhlend die zerfallne Jahreszahl--. +Warum wird dieses Finden nicht geringer? + +Was zgerst du ganz wie zum erstenmal +erwartungsvoll auf diesem Ulmenplatz, +der feucht und dunkel ist und niebetreten? + +Und was verlockt dich fr ein Gegensatz, +etwas zu suchen in den sonnigen Beeten, +als wrs der Name eines Rosenstocks? + +Was stehst du oft? Was hren deine Ohren? +Und warum siehst du schlielich, wie verloren, +die Falter flimmern um den hohen Phlox? + + + + +ABSCHIED + + +Wie hab ich das gefhlt, was Abschied heit. +Wie wei ichs noch: ein dunkles unverwundnes +grausames Etwas, das ein Schnverbundnes +noch einmal zeigt und hinhlt und zerreit. + +Wie war ich ohne Wehr, dem zuzuschauen, +das, da es mich, mich rufend, gehen lie, +zurckblieb, so als wrens alle Frauen +und dennoch klein und wei und nichts als dies: + +Ein Winken, schon nicht mehr auf mich bezogen, +ein leise Weiterwinkendes--, schon kaum +erklrbar mehr: vielleicht ein Pflaumenbaum, +von dem ein Kuckuck hastig abgeflogen. + + + + +TODESERFAHRUNG + + +Wir wissen nichts von diesem Hingehn, das +nicht mit uns teilt. Wir haben keinen Grund, +Bewunderung und Liebe oder Ha +dem Tod zu zeigen, den ein Maskenmund + +tragischer Klage wunderlich entstellt. +Noch ist die Welt voll Rollen, die wir spielen. +Solang wir sorgen, ob wir auch gefielen, +spielt auch der Tod, obwohl er nicht gefllt. + + +Doch als du gingst, da brach in diese Bhne +ein Streifen Wirklichkeit durch jenen Spalt, +durch den du hingingst: Grn wirklicher Grne, +wirklicher Sonnenschein, wirklicher Wald. + +Wir spielen weiter. Bang und schwer Erlerntes +hersagend und Gebrden dann und wann +aufhebend; aber dein von uns entferntes, +aus unserm Stck entrcktes Dasein kann + +uns manchmal berkommen, wie ein Wissen +von jener Wirklichkeit sich niedersenkend, +so da wir eine Weile hingerissen +das Leben spielen, nicht an Beifall denkend. + + + + +BLAUE HORTENSIE + + +So wie das letzte Grn in Farbentiegeln +sind diese Bltter, trocken, stumpf und rauh, +hinter den Bltendolden, die ein Blau +nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln. + +Sie spiegeln es verweint und ungenau, +als wollten sie es wiederum verlieren, +und wie in alten blauen Briefpapieren +ist Gelb in ihnen, Violett und Grau; + +Verwaschnes wie an einer Kinderschrze, +Nichtmehrgetragnes, dem nichts mehr geschieht: +wie fhlt man eines kleinen Lebens Krze. + +Doch pltzlich scheint das Blau sich zu verneuen +in einer von den Dolden, und man sieht +ein rhrend Blaues sich vor Grnem freuen. + + + + +VOR DEM SOMMERREGEN + + +Auf einmal ist aus allem Grn im Park +man wei nicht was, ein Etwas, fortgenommen; +man fhlt ihn nher an die Fenster kommen +und schweigsam sein. Instndig nur und stark + +ertnt aus dem Gehlz der Regenpfeifer, +man denkt an einen Hieronymus: +so sehr steigt irgend Einsamkeit und Eifer +aus dieser einen Stimme, die der Gu + +erhren wird. Des Saales Wnde sind +mit ihren Bildern von uns fortgetreten, +als drften sie nicht hren, was wir sagen. + +Es spiegeln die verblichenen Tapeten +das ungewisse Licht von Nachmittagen, +in denen man sich frchtete als Kind. + + + + +IM SAAL + + +Wie sind sie alle um uns, diese Herrn +in Kammerherrentrachten und Jabots, +wie eine Nacht um ihren Ordensstern +sich immer mehr verdunkelnd, rcksichtslos, +und diese Damen, zart, fragile, doch gro +von ihren Kleidern, eine Hand im Scho, +klein wie ein Halsband fr den Bologneser; +wie sind sie da um jeden: um den Leser, +um den Betrachter dieser Bibelots, +darunter manches ihnen noch gehrt. + +Sie lassen, voller Takt, uns ungestrt +das Leben leben, wie wir es begreifen +und wie sie's nicht verstehn. Sie wollten blhn, +und blhn ist schn sein; doch wir wollen reifen, +und das heit dunkel sein und sich bemhn. + + + + +LETZTER ABEND + +(AUS DEM BESITZE FRAU NONNAS) + + +Und Nacht und fernes Fahren; denn der Train +des ganzen Heeres zog am Park vorber. +Er aber hob den Blick vom Clavecin +und spielte noch und sah zu ihr hinber + +beinah, wie man in einen Spiegel schaut: +so sehr erfllt von seinen jungen Zgen +und wissend, wie sie seine Trauer trgen, +schn und verfhrender bei jedem Laut. + +Doch pltzlich wars, als ob sich das verwische: +sie stand wie mhsam in der Fensternische +und hielt des Herzens drngendes Geklopf. + +Sein Spiel gab nach. Von drauen wehte Frische. +Und seltsam fremd stand auf dem Spiegeltische +der schwarze Tschako mit dem Totenkopf. + + + + +JUGENDBILDNIS MEINES VATERS + + +Im Auge Traum. Die Stirn wie in Berhrung +mit etwas Fernem. Um den Mund enorm +viel Jugend, ungelchelte Verfhrung, +und vor der vollen schmckenden Verschnrung +der schlanken adeligen Uniform +der Sbelkorb und beide Hnde--, die +abwarten, ruhig, zu nichts hingedrngt. +Und nun fast nicht mehr sichtbar: als ob sie +zuerst, die Fernes greifenden, verschwnden. +Und alles andre mit sich selbst verhngt +und ausgelscht, als ob wirs nicht verstnden, +und tief aus seiner eignen Tiefe trb--. + +Du schnell vergehendes Daguerreotyp +in meinen langsamer vergehenden Hnden. + + + + +SELBSTBILDNIS AUS DEM JAHRE 1906 + + +Des alten lange adligen Geschlechtes +Feststehendes im Augenbogenbau. +Im Blicke noch der Kindheit Angst und Blau +und Demut da und dort, nicht eines Knechtes, +doch eines Dienenden und einer Frau. +Der Mund als Mund gemacht, gro und genau, +nicht berredend, aber ein Gerechtes +Aussagendes. Die Stirne ohne Schlechtes +und gern im Schatten stiller Niederschau. + +Das, als Zusammenhang, erst nur geahnt; +noch nie im Leiden oder im Gelingen +zusammgefat zu dauerndem Durchdringen, +doch so, als wre mit zerstreuten Dingen +von fern ein Ernstes, Wirkliches geplant. + + + + +DER KNIG + + +Der Knig ist sechzehn Jahre alt. +Sechzehn Jahre und schon der Staat. +Er schaut, wie aus einem Hinterhalt, +vorbei an den Greisen vom Rat + +in den Saal hinein und irgendwohin +und fhlt vielleicht nur dies: +an dem schmalen langen harten Kinn +die kalte Kette vom Vlies. + +Das Todesurteil vor ihm bleibt +lang ohne Namenszug. +Und sie denken: wie er sich qult. + +Sie wten, kennten sie ihn genug, +da er nur langsam bis siebzig zhlt, +eh er es unterschreibt. + + + + +AUFERSTEHUNG + + +Der Graf vernimmt die Tne, +er sieht einen lichten Ri; +er weckt seine dreizehn Shne +im Erbbegrbnis. + +Er grt seine beiden Frauen +ehrerbietig von weit--; +und alle voll Vertrauen +stehn auf zur Ewigkeit + +und warten nur noch auf Erich +und Ulriken Dorotheen, +die sieben- und dreizehnjhrig + (sechzehnhundertzehn) +verstorben sind in Flandern, +um heute vor den andern +unbeirrt herzugehn. + + + + +DER FAHNENTRGER + + +Die andern fhlen alles an sich rauh +und ohne Anteil: Eisen, Zeug und Leder. +Zwar manchmal schmeichelt eine weiche Feder, +doch sehr allein und lieblos ist ein jeder; +er aber trgt--als trg er eine Frau-- +die Fahne in dem feierlichen Kleide. +Dicht hinter ihm geht ihre schwere Seide, +die manchmal ber seine Hnde fliet. + +Er kann allein, wenn er die Augen schliet, +ein Lcheln sehn: er darf sie nicht verlassen. + +Und wenn es kommt in blitzenden Krassen +und nach ihr greift und ringt und will sie fassen--: + +dann darf er sie abreien von dem Stocke, +als ri er sie aus ihrem Mdchentum, +um sie zu halten unterm Waffenrocke. + +Und fr die andern ist das Mut und Ruhm. + + + + +DER LETZTE GRAF VON BREDERODE +ENTZIEHT SICH TRKISCHER +GEFANGENSCHAFT + + +Sie folgten furchtbar; ihren bunten Tod +von ferne nach ihm werfend, whrend er +verloren floh, nichts weiter als: bedroht. +Die Ferne seiner Vter schien nicht mehr + +fr ihn zu gelten; denn um so zu fliehn, +gengt ein Tier vor Jgern. Bis der Flu +aufrauschte nah und blitzend. Ein Entschlu +hob ihn samt seiner Not und machte ihn + +wieder zum Knaben frstlichen Gebltes. +Ein Lcheln adeliger Frauen go +noch einmal Sigkeit in sein verfrhtes + +vollendetes Gesicht. Er zwang sein Ro, +gro wie sein Herz zu gehn, sein blutdurchglhte: +es trug ihn in den Strom wie in sein Schlo. + + + + +DIE KURTISANE + + +Venedigs Sonne wird in meinem Haar +ein Gold bereiten: aller Alchemie +erlauchten Ausgang. Meine Brauen, die +den Brcken gleichen, siehst du sie + +hinfhren ob der lautlosen Gefahr +der Augen, die ein heimlicher Verkehr +an die Kanle schliet, so da das Meer +in ihnen steigt und fllt und wechselt. Wer + +mich einmal sah, beneidet meinen Hund, +weil sich auf ihm oft in zerstreuter Pause +die Hand, die nie an keiner Glut verkohlt, + +die unverwundbare, geschmckt, erholt--. +Und Knaben, Hoffnungen aus altem Hause, +gehn wie an Gift an meinem Mund zugrund. + + + + +DIE TREPPE DER ORANGERIE + +VERSAILLES + + +Wie Knige, die schlielich nur noch schreiten +fast ohne Ziel, nur um von Zeit zu Zeit +sich den Verneigenden auf beiden Seiten +zu zeigen in des Mantels Einsamkeit--: + +so steigt, allein zwischen den Balustraden, +die sich verneigen schon seit Anbeginn, +die Treppe: langsam und von Gottes Gnaden +und auf den Himmel zu und nirgends hin; + +als ob sie allen Folgenden befahl +zurckzubleiben,--so da sie nicht wagen, +von ferne nachzugehen; nicht einmal +die schwere Schleppe durfte einer tragen. + + + + +DER MARMORKARREN + +PARIS + + +Auf Pferde, sieben ziehende, verteilt, +verwandelt Niebewegtes sich in Schritte; +denn was hochmtig in des Marmors Mitte +an Alter, Widerstand und All verweilt, + +das zeigt sich unter Menschen. Siehe, nicht +unkenntlich, unter irgendeinem Namen, +nein: wie der Held das Drngen in den Dramen +erst sichtbar macht und pltzlich unterbricht: + +so kommt es durch den stauenden Verlauf +des Tages, kommt in seinem ganzen Staate, +als ob ein groer Triumphator nahte, + +langsam zuletzt; und langsam vor ihm her +Gefangene, von seiner Schwere schwer. +Und naht noch immer und hlt alles auf. + + + + +BUDDHA + + +Schon von ferne fhlt der fremde scheue +Pilger, wie es golden von ihm truft; +so als htten Reiche voller Reue +ihre Heimlichkeiten aufgehuft. + +Aber nher kommend wird er irre +vor der Hoheit dieser Augenbraun: +denn das sind nicht ihre Trinkgeschirre +und die Ohrgehnge ihrer Fraun. + +Wte einer denn zu sagen, welche +Dinge eingeschmolzen wurden, um +dieses Bild auf diesem Blumenkelche + +aufzurichten: stummer, ruhiggelber +als ein goldenes und rundherum +auch den Raum berhrend wie sich selber. + + + + +RMISCHE FONTNE + +BORGHESE + + +Zwei Becken, eins das andre bersteigend +aus einem alten runden Marmorrand, +und aus dem oberen Wasser leis sich neigend +zum Wasser, welches unten wartend stand, + +dem leise redenden entgegenschweigend +und heimlich, gleichsam in der hohlen Hand +ihm Himmel hinter Grn und Dunkel zeigend +wie einen unbekannten Gegenstand; + +sich selber ruhig in der schnen Schale +verbreitend ohne Heimweh, Kreis aus Kreis, +nur manchmal trumerisch und tropfenweis + +sich niederlassend an den Moosbehngen +zum letzten Spiegel, der sein Hecken leis +von unten lcheln macht mit Obergngen. + + + + +DAS KARUSSELL + +JARDIN DU LUXEMBOURG + + +Mit einem Dach und seinem Schatten dreht +sich eine kleine Weile der Bestand +von bunten Pferden, alle aus dem Land, +das lange zgert, eh es untergeht. +Zwar manche sind an Wagen angespannt, +doch alle haben Mut in ihren Mienen; +ein bser roter Lwe geht mit ihnen +und dann und wann ein weier Elefant. + +Sogar ein Hirsch ist da ganz wie im Wald, +nur da er einen Sattel trgt und drber +ein kleines blaues Mdchen aufgeschnallt. + +Und auf dem Lwen reitet wei ein Junge +und hlt sich mit der kleinen heien Hand, +dieweil der Lwe Zhne zeigt und Zunge. + +Und dann und wann ein weier Elefant. + +Und auf den Pferden kommen sie vorber, +auch Mdchen, helle, diesem Pferdesprunge +fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge +schauen sie auf, irgendwohin, herber-- + +Und dann und wann ein weier Elefant. + +Und das geht hin und eilt sich, da es endet, +und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel. +Ein Rot, ein Grn, ein Grau vorbeigesendet, +ein kleines kaum begonnenes Profil. +Und manchesmal ein Lcheln, hergewendet, +ein seliges, das blendet und verschwendet +an dieses atemlose blinde Spiel. + + + + +SPANISCHE TNZERIN + + +Wie in der Hand ein Schwefelzndholz, wei, +eh es zur Klamme kommt, nach allen Seiten +zuckende Zungen streckt--: beginnt im Kreis +naher Beschauer hastig, hell und hei +ihr runder Tanz sich zuckend auszubreiten. + +Und pltzlich ist er Flamme ganz und gar. + +Mit ihrem Blick entzndet sie ihr Haar +und dreht auf einmal mit gewagter Kunst +ihr ganzes Kleid in diese Feuersbrunst, +aus welcher sich, wie Schlangen, die erschrecken, +die nackten Arme wach und klappernd strecken. + +Und dann: als wrde ihr das Feuer knapp, +nimmt sie es ganz zusamm und wirft es ab +sehr herrisch, mit hochmtiger Gebrde +und schaut: da liegt es rasend auf der Erde +und flammt noch immer und ergibt sich nicht--. +Doch sieghaft, sicher und mit einem sen +grenden Lcheln hebt sie ihr Gesicht +und stampft es aus mit kleinen festen Fen. + + + + +DER TURM + +TOUR ST.-NICOLAS, FURNES + + +Erdinneres. Als wre dort, wohin +du blindlings steigst, erst Erdenoberflche, +zu der du steigst im schrgen Bett der Bche, +die langsam aus dem suchenden Gerinn + +der Dunkelheit entsprungen sind, durch die +sich dein Gesicht, wie auferstehend, drngt +und die du pltzlich _siehst_, als fiele sie +aus diesem Abgrund, der dich berhngt + +und den du, wie er riesig ber dir +sich umstrzt in dem dmmernden Gesthle, +erkennst, erschreckt und frchtend, im Gefhle: +o wenn er steigt, behngen wie ein Stier--: + +Da aber nimmt dich aus der engen Endung +windiges Licht. Fast fliegend siehst du hier +die Himmel wieder, Blendung ber Blendung, +und dort die Tiefen, wach und voll Verwendung, + +und kleine Tage wie bei Patenier, +gleichzeitige, mit Stunde neben Stunde, +durch die die Brcken springen wie die Hunde, +dem hellen Wege immer auf der Spur, +den unbeholfne Huser manchmal nur +verbergen, bis er ganz im Hintergrnde +beruhigt geht durch Buschwerk und Natur. + + + + +DER PLATZ + +FURNES + + +Willkrlich von Gewesnem ausgeweitet: +von Wut und Aufruhr, von dem Kunterbunt, +das die Verurteilten zu Tod begleitet, +von Buden, von der Jahrmarktsrufer Mund, +und von dem Herzog, der vorberreitet, +und von dem Hochmut von Burgund, + +(auf allen Seiten Hintergrund): + +ladet der Platz zum Einzug seiner Weite +die fernen Fenster unaufhrlich ein, +whrend sich das Gefolge und Geleite +der Leere langsam an den Handelsreihn + +verteilt und ordnet. In die Giebel steigend, +wollen die kleinen Huser alles sehn, +die Trme voreinander scheu verschweigend, +die immer malos hinter ihnen stehn. + + + + + +QUAI DU ROSAIRE + +BRGGE + + +Die Gassen haben einen sachten Gang +(wie manchmal Menschen gehen im Genesen +nachdenkend: was ist frher hier gewesen?) +und die an Pltze kommen, warten lang + +auf eine andre, die mit einem Schritt +ber das abendklare Wasser tritt, +darin, je mehr sich rings die Dinge mildern, +die eingehngte Welt von Spiegelbildern +so wirklich wird, wie diese Dinge nie. + +Verging nicht diese Stadt? Nun siehst du, wie +(nach einem unbegreiflichen Gesetz) +sie wach und deutlich wird im Umgestellten, +als wre dort das Leben nicht so selten; +dort hngen jetzt die Grten gro und gelten, +dort dreht sich pltzlich hinter schnell erhellten +Fenstern der Tanz in den Estaminets. + +Und oben blieb?--Die Stille nur, ich glaube, +und kostet langsam und von nichts gedrngt +Beere um Beere aus der sen Traube +des Glockenspiels, das in den Himmeln hngt. + + + + +BGUINAGE + +BGUINAGE SAINTE-ELISABETH. BRGGE + + +I + + +Das hohe Tor scheint keine einzuhalten, +die Brcke geht gleich gerne hin und her, +und doch sind sicher alle in dem alten +offenen Ulmenhof und gehn nicht mehr +aus ihren Husern, als auf jenem Streifen +zur Kirche hin, um besser zu begreifen, +warum in ihnen so viel Liebe war. + +Dort knieen sie, verdeckt mit reinem Leinen +so gleich, als wre nur das Bild der einen +tausendmal im Choral, der tief und klar +zu Spiegeln wird an den verteilten Pfeilern; +und ihre Stimmen gehn den immer steilern +Gesang hinan und werfen sich von dort, +wo es nicht weitergeht, vom letzten Wort, +den Engeln zu, die sie nicht wiedergeben. + +Drum sind die unten, wenn sie sich erheben +und wenden, still. Drum reichen sie sich schweigend +mit einem Neigen, Zeigende zu zeigend +Empfangenden, geweihtes Wasser, das +die Stirnen khl macht und die Munde bla. + +Und gehen dann, verhangen und verhalten, +auf jenem Streifen wieder berquer-- +die Jungen ruhig, ungewi die Alten +und eine Greisin, weilend, hinterher-- +zu ihren Husern, die sie schnell verschweigen +und die sich durch die Ulmen hin von Zeit +zu Zeit ein wenig reine Einsamkeit, +in einer kleinen Scheibe schimmernd, zeigen. + + + +II + + +Was aber spiegelt mit den tausend Scheiben +das Kirchenfenster in den Hof hinein, +darin sich Schweigen, Schein und Widerschein +vermischen, trinken, trben, bertreiben, +phantastisch alternd wie ein alter Wein? + +Dort legt sich, keiner wei von welcher Seite, +Auen auf Inneres und Ewigkeit +auf Immer-Hingehn, Weite ber Weite, +erblindend, finster, unbenutzt, verbleit. + +Dort bleibt, unter dem schwankenden Dekor +des Sommertags, das Graue alter Winter: +als stnde regungslos ein sanftgesinnter +langmtig lange Wartender dahinter +und eine weinend Wartende davor. + + + + +DIE MARIENPROZESSION + +GENT + + +Aus allen Trmen strzt sich, Flu um Flu, +hinwallendes Metall in solchen Massen, +als sollte drunten in der Form der Gassen +ein blanker Tag erstehn aus Bronzegu, + +an dessen Rand, gehmmert und erhaben, +zu sehen ist der buntgebundne Zug +der leichten Mdchen und der neuen Knaben, +und wie er Wellen schlug und trieb und trug, +hinabgehalten von dem ungewissen +Gewicht der Fahnen und von Hindernissen +gehemmt, unsichtbar wie die Hand des Herrn; + +und drben pltzlich beinah mitgerissen +vom Aufstieg aufgescheuchter Rucherbecken, +die fliegend, alle sieben, wie im Schrecken +an ihren Silberketten zerrn. + +Die Bschung Schauender umschliet die Schiene, +in der das alles stockt und rauscht und rollt: +das Kommende, das Chryselephantine, +aus dem sich zu Balkonen Baldachine +aufbumen, schwankend im Behang von Gold. + +Und sie erkennen ber all dem Weien, +getragen und im spanischen Gewand, +das alte Standbild mit dem kleinen heien +Gesichte und dem Kinde auf der Hand +und knieen hin, je mehr es naht und naht, +in seiner Krone ahnungslos veraltend +und immer noch das Segnen hlzern haltend +aus dem sich gro gebrdenden Brokat. + +Da aber, wie es an den Hingeknieten +vorberkommt, die scheu von unten schaun, +da scheint es seinen Trgern zu gebieten +mit einem Hochziehn seiner Augenbraun, +hochmtig, ungehalten und bestimmt: +so da sie staunen, stehn und berlegen +und schlielich zgernd gehn. Sie aber nimmt + +in sich die Schritte dieses ganzen Stromes +und geht, allein, wie auf erkannten Wegen +dem Glockendonnern des grooffnen Domes +auf hundert Schultern frauenhaft entgegen. + + + + +DIE INSEL + +NORDSEE + + +I + + +Die nchste Flut verwischt den Weg im Watt, +und alles wird auf allen Seiten gleich; +die kleine Insel drauen aber hat +die Augen zu; verwirrend kreist der Deich + +um ihre Wohner, die in einen Schlaf +geboren werden, drin sie viele Welten +verwechseln schweigend; denn sie reden selten, +und jeder Satz ist wie ein Epitaph + +fr etwas Angeschwemmtes, Unbekanntes, +das unerklrt zu ihnen kommt und bleibt. +Und so ist alles, was ihr Blick beschreibt, + +von Kindheit an: nicht auf sie Angewandtes, +zu Groes, Rcksichtsloses, Hergesandtes, +das ihre Einsamkeit noch bertreibt. + + + +II + + +Als lge er in einem Kraterkreise +auf einem Mond: ist jeder Hof umdmmt, +und drin die Grten sind auf gleiche Weise +gekleidet und wie Waisen gleich gekmmt + +von jenem Sturm, der sie so rauh erzieht +und tagelang sie bange macht mit Toden. +Dann sitzt man in den Husern drin und sieht +in schiefen Spiegeln, was auf den Kommoden + +Seltsames steht. Und einer von den Shnen +tritt abends vor die Tr und zieht ein Tnen +aus der Harmonika wie Weinen weich; + +so hrte ers in einem fremden Hafen--. +Und drauen formt sich eines von den Schafen +ganz gro, fast drohend, auf dem Auendeich. + + + +III + + +Nah ist nur Innres; alles andre fern. +Und dieses Innere gedrngt und tglich +mit allem berfllt und ganz unsglich. +Die Insel ist wie ein zu kleiner Stern, + +welchen der Raum nicht merkt und stumm zerstrt +in seinem unbewuten Furchtbarsein, +so da er, unerhellt und berhrt, +allein, + +damit dies alles doch ein Ende nehme, +dunkel auf einer selbsterfundnen Bahn +versucht zu gehen, blindlings, nicht im Plan +der Wandelsterne, Sonnen und Systeme. + + + + +HETRENGRBER + + +In ihren langen Haaren liegen sie +mit braunen, tief in sich gegangenen Gesichtern. +Die Augen zu wie vor zu vieler Ferne. +Skelette, Munde, Blumen. In den Munden +die glatten Zhne wie ein Reiseschachspiel +aus Elfenbein in Reihen aufgestellt. +Und Blumen, gelbe Perlen, schlanke Knochen, +Hnde und Hemden, welkende Gewebe +ber dem eingestrzten Herzen. Aber +dort unter jenen Ringen, Talismanen +und augenblauen Steinen (Lieblings-Angedenken) +steht noch die stille Krypta des Geschlechtes, +bis an die Wlbung voll mit Blumenblttern. +Und wieder gelbe Perlen, weitverrollte,-- +Schalen gebrannten Tones, deren Bug +ihr eignes Bild geziert hat, grne Scherben +von Salbenvasen, die wie Blumen duften, +und Formen kleiner Gtter: Hausaltre, +Hetrenhimmel mit entzckten Gttern. +Gesprengte Grtel, flache Skaraben, +kleine Figuren riesigen Geschlechtes, +ein Mund, der lacht, und Tanzende und Lufer, +goldene Fibeln, kleinen Bogen hnlich +zur Jagd auf Tier- und Vogelamulette, +und lange Nadeln, zieres Hausgerte +und eine runde Scherbe roten Grundes, +darauf, wie eines Eingangs schwarze Aufschrift, +die straffen Beine eines Viergespannes. +Und wieder Blumen, Perlen, die verrollt sind, +die hellen Lenden einer kleinen Leier, +und zwischen Schleiern, die gleich Nebeln fallen, +wie ausgekrochen aus des Schuhes Puppe: +des Fugelenkes leichter Schmetterling. + +So liegen sie mit Dingen angefllt, +kostbaren Dingen, Steinen, Spielzeug, Hausrat, +zerschlagnem Tand (was alles in sie abfiel), +und dunkeln wie der Grund von einem Flu. + +Flubetten waren sie, +darber hin in kurzen schnellen Wellen +(die weiter wollten zu dem nchsten Leben) +die Leiber vieler Jnglinge sich strzten +und in denen der Mnner Strme rauschten. +Und manchmal brachen Knaben aus den Bergen +der Kindheit, kamen zagen Falles nieder +und spielten mit den Dingen auf dem Grunde, +bis das Geflle ihr Gefhl ergriff: + +Dann fllten sie mit flachem klaren Wasser +die ganze Breite dieses breiten Weges +und trieben Wirbel an den tiefen Stellen; +und spiegelten zum erstenmal die Ufer +und ferne Vogelrufe, whrend hoch +die Sternennchte eines sen Landes +in Himmel wuchsen, die sich nirgends schlossen. + + + + +ORPHEUS. EURYDIKE. HERMES + + +Das war der Seelen wunderliches Bergwerk. +Wie stille Silbererze gingen sie +als Adern durch sein Dunkel. Zwischen Wurzeln +entsprang das Blut, das fortgeht zu den Menschen, +und schwer wie Porphyr sah es aus im Dunkel. +Sonst war nichts Rotes. + +Felsen war da +und wesenlose Wlder. Brcken ber Leeres +und jener groe, graue, blinde Teich, +der ber seinem fernen Grunde hing +wie Regenhimmel ber einer Landschaft. +Und zwischen Wiesen, sanft und voller Langmut, +erschien des einen Weges blasser Streifen +wie eine lange Bleiche hingelegt. + +Und dieses einen Weges kamen sie. + +Voran der schlanke Mann im blauen Mantel, +der stumm und ungeduldig vor sich aussah. +Ohne zu kauen fra sein Schritt den Weg +in groen Bissen; seine Hnde hingen +schwer und verschlossen aus dem Fall der Falten +und wuten nicht mehr von der leichten Leier, +die in die Linke eingewachsen war +wie Rosenranken in den Ast des lbaums. +Und seine Sinne waren wie entzweit: + +indes der Blick ihm wie ein Hund vorauslief, +umkehrte, kam und immer wieder weit +und wartend an der nchsten Wendung stand,-- +blieb sein Gehr wie ein Geruch zurck. +Manchmal erschien es ihm, als reichte es +bis an das Gehen jener beiden andern, +die folgen sollten diesen ganzen Aufstieg. +Dann wieder wars nur seines Steigens Nachklang +und seines Mantels Wind, was hinter ihm war. +Er aber sagte sich, sie kmen doch; +sagte es laut und hrte sich verhallen. +Sie kmen doch, nur wrens zwei, +die furchtbar leise gingen. Drfte er +sich einmal wenden (wre das Zurckschaun +nicht die Zersetzung dieses ganzen Werkes, +das erst vollbracht wird), mte er sie sehen, +die beiden Leisen, die ihm schweigend nachgehn: + +den Gott des Ganges und der weiten Botschaft, +die Reischaube ber hellen Augen, +den schlanken Stab hertragend vor dem Leibe +und flgelschlagend an den Fugelenken; +und seiner linken Hand gegeben: _sie_. +Die So-geliebte, da aus einer Leier +mehr Klage kam als je aus Klagefrauen; +da eine Welt aus Klage ward, in der +alles noch einmal da war: Wald und Tal +und Weg und Ortschaft, Feld und Flu und Tier; +und da um diese Klage-Welt ganz so +wie um die andre Erde eine Sonne +und ein gestirnter stiller Himmel ging, +ein Klage-Himmel mit entstellten Sternen--: +diese So-geliebte. + +Sie aber ging an jenes Gottes Hand, +den Schritt beschrnkt von langen Leichenbndern, +unsicher, sanft und ohne Ungeduld. +Sie war in sich wie eine hoher Hoffnung +und dachte nicht des Mannes, der voranging, +und nicht des Weges, der ins Leben aufstieg. +Sie war in sich. Und ihr Gestorbensein +erfllte sie wie Flle. +Wie eine Frucht von Sigkeit und Dunkel, +so war sie voll von ihrem groen Tode, +der also neu war, da sie nichts begriff. + +Sie war in einem neuen Mdchentum +und unberhrbar; ihr Geschlecht war zu +wie eine junge Blume gegen Abend, +und ihre Hnde waren der Vermhlung +so sehr entwhnt, da selbst des leichten Gottes +unendlich leise leitende Berhrung +sie krnkte wie zu sehr Vertraulichkeit. + +Sie war schon nicht mehr diese blonde Frau, +die in des Dichters Liedern manchmal anklang, +nicht mehr des breiten Bettes Duft und Eiland +und jenes Mannes Eigentum nicht mehr. +Sie war schon aufgelst wie langes Haar +und hingegeben wie gefallner Regen +und ausgeteilt wie hundertfacher Vorrat. + +Sie war schon Wurzel. +Und als pltzlich jh +der Gott sie anhielt und mit Schmerz im Ausruf +die Worte sprach: Er hat sich umgewendet +begriff sie nichts und sagte leise: Wer? + +Fern aber, dunkel vor dem klaren Ausgang, +stand irgend jemand, dessen Angesicht +nicht zu erkennen war. Er stand und sah, +wie auf dem Streifen eines Wiesenpfades +mit trauervollem Blick der Gott der Botschaft +sich schweigend wandte, der Gestalt zu folgen, +die schon zurckging dieses selben Weges, +den Schritt beschrnkt von langen Leichenbndern, +unsicher, sanft und ohne Ungeduld. + + + + +ALKESTIS + + +Da pltzlich war der Bote unter ihnen, +hineingeworfen in das berkochen +des Hochzeitsmahles wie ein neuer Zusatz. +Sie fhlten nicht, die Trinkenden, des Gottes +heimlichen Eintritt, welcher seine Gottheit +so an sich hielt wie einen nassen Mantel +und ihrer einer schien, der oder jener, +wie er so durchging. Aber pltzlich sah +mitten im Sprechen einer von den Gsten +den jungen Hausherrn oben an dem Tische +wie in die Hh gerissen, nicht mehr liegend +und berall und mit dem ganzen Wesen +ein Fremdes spiegelnd, das ihn furchtbar ansprach. +Und gleich darauf, als klrte sich die Mischung, +war Stille; nur mit einem Satz am Boden +von trbem Lrm und einem Niederschlag +fallenden Lallens, schon verdorben riechend +nach dumpfem umgestandenen Gelchter. +Und da erkannten sie den schlanken Gott, +und wie er dastand, innerlich voll Sendung +und unerbittlich,--wuten sie es beinah. +Und doch, als es gesagt war, war es mehr +als alles Wissen, gar nicht zu begreifen. +Admet mu sterben. Wann? In dieser Stunde. + +Der aber brach die Schale seines Schreckens +in Stcken ab und streckte seine Hnde +heraus aus ihr, um mit dem Gott zu handeln. +Um Jahre, um ein einzig Jahr noch Jugend, +um Monate, um Wochen, um paar Tage, +ach, Tage nicht, um Nchte, nur um eine, +um eine Nacht, um diese nur: um die. +Der Gott verneinte, und da schrie er auf +und schrie's hinaus und hielt es nicht und schrie, +wie seine Mutter aufschrie beim Gebren. + +Und die trat zu ihm, eine alte Frau, +und auch der Vater kam, der alte Vater, +und beide standen, alt, veraltet, ratlos, +beim Schreienden, der pltzlich, wie noch nie +so nah, sie ansah, abbrach, schluckte, sagte: +Vater, +liegt dir denn viel daran an diesem Rest, +an diesem Satz, der dich beim Schlingen hindert? +Geh, gie ihn weg. Und du, du alte Frau, +Matrone, +was tust du denn noch hier: du hast geboren. +Und beide hielt er sie wie Opfertiere +in einem Griff. Auf einmal lie er los +und stie die Alten fort, voll Einfall, strahlend +und atemholend, rufend: Kreon, Kreon! +Und nichts als das; und nichts als diesen Namen. +Aber in seinem Antlitz stand das andere, +das er nicht sagte, namenlos erwartend, +wie ers dem jungen Freunde, dem Geliebten, +erglhend hinhielt bern wirren Tisch. + +Die Alten (stand da), siehst du, sind kein Loskauf, +sie sind verbraucht und schlecht und beinah wertlos, +du aber, du, in deiner ganzen Schnheit-- + +Da aber sah er seinen Freund nicht mehr. +Er blieb zurck, und das, was kam, war sie, +ein wenig kleiner fast, als er sie kannte, +und leicht und traurig in dem bleichen Brautkleid. +Die andern alle sind nur ihre Gasse, +durch die sie kommt und kommt--: (gleich wird sie da sein +in seinen Armen, die sich schmerzhaft auftun). +Doch wie er wartet, spricht sie; nicht zu ihm. +Sie spricht zum Gotte, und der Gott vernimmt sie, +und alle hrens gleichsam erst im Gotte: + +Ersatz kann keiner fr ihn sein. Ich bins. +Ich bin Ersatz. Denn keiner ist zu Ende, +wie ich es bin. Was bleibt mir denn von dem, +was ich hier war? Das _ists_ ja, da ich sterbe. +Hat sie dirs nicht gesagt, da sie dirs auftrug, +da jenes Lager, das da drinnen wartet, +zur Unterwelt gehrt? Ich nahm ja Abschied. +Abschied ber Abschied. +Kein Sterbender nimmt mehr davon. Ich ging ja, +damit das alles, unter dem begraben, +der jetzt mein Gatte ist, zergeht, sich auflst--. +So fr mich hin: ich sterbe ja fr ihn. + +Und wie der Wind auf hoher See, der umspringt, +so trat der Gott fast wie zu einer Toten +und war auf einmal weit von ihrem Gatten, +dem er, versteckt in einem kleinen Zeichen, +die hundert Leben dieser Erde zuwarf. +Der strzte taumelnd zu den beiden hin +und griff nach ihnen wie im Traum. Sie gingen +schon auf den Eingang zu, in dem die Frauen +verweint sich drngten. Aber einmal sah +er noch des Mdchens Antlitz, das sich wandte +mit einem Lcheln, hell wie eine Hoffnung, +die beinah ein Versprechen war: erwachsen +zurckzukommen aus dem tiefen Tode +zu ihm, dem Lebenden-- + +Da schlug er jh +die Hnde vors Gesicht, wie er so kniete, +um nichts zu sehen mehr nach diesem Lcheln. + + + + +GEBURT DER VENUS + + +An diesem Morgen nach der Nacht, die bang +vergangen war mit Rufen, Unruh, Aufruhr,-- +brach alles Meer noch einmal auf und schrie. +Und als der Schrei sich langsam wieder schlo +und von der Himmel blassem Tag und Anfang +herabfiel in der stummen Fische Abgrund--: +gebar das Meer. + +Von erster Sonne schimmerte der Haarschaum +der weiten Wogenscham, an deren Rand +das Mdchen aufstand, wei, verwirrt und feucht. +So wie ein junges grnes Blatt sich rhrt, +sich reckt und Eingerolltes langsam aufschlgt, +entfaltete ihr Leib sich in die Khle +hinein und in den unberhrten Frhwind. + +Wie Monde stiegen klar die Kniee auf +und tauchten in der Schenkel Wolkenrnder; +der Waden schmaler Schatten wich zurck, +die Fe spannten sich und wurden licht, +und die Gelenke lebten wie die Kehlen +von Trinkenden. + +Und in dem Kelch des Beckens lag der Leib +wie eine junge Frucht in eines Kindes Hand. +In seines Nabels engem Becher war +das ganze Dunkel dieses hellen Lebens. + +Darunter hob sich licht die kleine Welle +und flo bestndig ber nach den Lenden, +wo dann und wann ein stilles Rieseln war. +Durchschienen aber und noch ohne Schatten, +wie ein Bestand von Birken im April, +warm, leer und unverborgen lag die Scham. + +Jetzt stand der Schultern rege Wage schon +im Gleichgewichte auf dem graden Krper, +der aus dem Becken wie ein Springbrunn aufstieg +und zgernd in den langen Armen abfiel +und rascher in dem vollen Kall des Haars. + +Dann ging sehr langsam das Gesicht vorbei: +aus dem verkrzten Dunkel seiner Neigung +in klares, wagrechtes Erhobensein. +Und hinter ihm verschlo sich steil das Kinn. + +Jetzt, da der Hals gestreckt war wie ein Strahl +und wie ein Blumenstiel, darin der Saft steigt, +streckten sich auch die Arme aus wie Hlse +von Schwnen, wenn sie nach dem Ufer suchen. + +Dann kam in dieses Leibes dunkle Frhe +wie Morgenwind der erste Atemzug. +Im zartesten Gest der Aderbume +entstand ein Flstern, und das Blut begann +zu rauschen ber seinen tiefen Stellen. +Und dieser Wind wuchs an: nun warf er sich +mit allem Atem in die neuen Brste +und fllte sie und drckte sich in sie,-- +da sie wie Segel, von der Ferne voll, +das leichte Mdchen nach dem Strande drngten. + +So landete die Gttin. + +Hinter ihr, +die rasch dahinschritt durch die jungen Ufer, +erhoben sich den ganzen Vormittag +die Blumen und die Halme, warm, verwirrt +wie aus Umarmung. Und sie ging und lief. + +Am Mittag aber, in der schwersten Stunde, +hob sich das Meer noch einmal auf und warf +einen Delphin an jene selbe Stelle. +Tot, rot und offen. + + + + +DIE ROSENSCHALE + + +Zornige sahst du flackern, sahst zwei Knaben +zu einem Etwas sich zusammenballen, +das Ha war und sich auf der Erde wlzte +wie ein von Bienen berfallnes Tier; +Schauspieler, aufgetrmte bertreiber, +rasende Pferde, die zusammenbrachen, +den Blick wegwerfend, blkend das Gebi, +als schlte sich der Schdel aus dem Maule. + +Nun aber weit du, wie sich das vergit: +denn vor dir steht die volle Rosenschale, +die unvergelich ist und angefllt +mit jenem uersten von Sein und Neigen, +Hinhalten, Niemals-Gebenknnen, Dastehn, +das unser sein mag: uerstes auch uns. + +Lautloses Leben, Aufgehn ohne Ende, +Raum-brauchen, ohne Raum von jenem Raum +zu nehmen, den die Dinge rings verringern, +fast nicht Umrissen-sein wie Ausgespartes +und lauter Inneres, viel seltsam Zartes +und Sich-bescheinendes bis an den Rand: +ist irgend etwas uns bekannt wie dies? +Und dann wie dies: da ein Gefhl entsteht, +weil Bltenbltter Bltenbltter rhren? + +Und dies: da eins sich aufschlgt wie ein Lid, +und drunter liegen lauter Augenlider, +geschlossene, als ob sie zehnfach schlafend +zu dmpfen htten eines Innern Sehkraft. +Und dies vor allem: da durch diese Bltter +das Licht hindurch mu. Aus den tausend Himmeln +filtern sie langsam jeden Tropfen Dunkel, +in dessen Feuerschein das wirre Bndel +der Staubgele sich erregt und aufbumt. + +Und die Bewegung in den Rosen, sieh: +Gebrden von so kleinem Ausschlagswinkel, +da sie unsichtbar blieben, liefen ihre +Strahlen nicht auseinander in das Weltall. + +Sieh jene weie, die sich selig aufschlug +und dasteht in den groen offnen Blttern +wie eine Venus aufrecht in der Muschel; +und die errtende, die wie verwirrt +nach einer khlen sich hinberwendet, +und wie die khle fhllos sich zurckzieht, +und wie die kalte steht, in sich gehllt, +unter den offenen, die alles abtun. +Und _was_ sie abtun, wie das leicht und schwer, +wie es ein Mantel, eine Last, ein Flgel +und eine Maske sein kann, je nachdem, +und _wie_ sie's abtun: wie vor dem Geliebten. + +Was knnen sie nicht sein: war jene gelbe, +die hohl und offen daliegt, nicht die Schale +von einer Frucht, darin dasselbe Gelb, +gesammelter, orangerter, Saft war? +Und wars fr diese schon zu viel, das Aufgehn, +weil an der Luft ihr namenloses Rosa +den bittern Nachgeschmack des Lila annahm? +Und die batistene, ist sie kein Kleid, +in dem noch zart und atemwarm das Hemd steckt, +mit dem zugleich es abgeworfen wurde +im Morgenschatten an dem alten Waldbad? +Und dieses hier, opalnes Porzellan, +zerbrechlich, eine flache Chinatasse +und angefllt mit kleinen hellen Faltern,-- +und jene da, die nichts enthlt als sich? + +Und sind nicht alle so, nur sich enthaltend, +wenn Sich-enthalten heit: die Welt da drauen +und Wind und Regen und Geduld des Frhlings +und Schuld und Unruh und vermummtes Schicksal +und Dunkelheit der abendlichen Erde +bis auf der Wolken Wandel, Flucht und Anflug, +bis auf den vagen Einflu ferner Sterne +in eine Hand voll Innres zu verwandeln? + +Nun liegt es sorglos in den offnen Rosen. + + + + + +INHALT + + +Frher Apollo +Mdchenklage +Liebeslied +Eranna an Sappho +Sappho an Eranna +Sappho an Alkaos (Fragment) +Grabmal eines jungen Mdchens +Opfer +stliches Taglied +Abisag +David singt vor Saul +Josuas Landtag +Der Auszug des verlorenen Sohnes +Der lbaumgarten +Piet +Gesang der Frauen an den Dichter +Der Tod des Dichters +Buddha +L'Ange du Mridien (Chartres) +Die Kathedrale +Das Portal +Die Fensterrose +Das Kapitl +Gott im Mittelalter +Morgue +Der Gefangene +Der Panther (Im Jardin des Plantes, Paris) +Die Gazelle (Antilope dorcas) +Das Einhorn +Sankt Sebastian +Der Stifter +Der Engel +Rmische Sarkophage +Der Schwan +Kindheit +Der Dichter +Die Spitze +Ein Frauenschicksal +Die Genesende +Die Erwachsene +Tanagra +Die Erblindende +In einem fremden Park (Borgeby-Grd) +Abschied +Todeserfahrung +Blaue Hortensie +Vor dem Sommerregen +Im Saal +Letzter Abend (Aus dem Besitze Frau Nonnas) +Jugendbildnis meines Vaters +Selbstbildnis aus dem Jahre 1906 +Der Knig +Auferstehung +Der Fahnentrger +Der letzte Graf von Brederode entzieht sich trkischer Gefangenschaft +Die Kurtisane +Die Treppe der Orangerie (Versailles) +Der Marmorkarren (Paris) +Buddha +Rmische Fontne (Borghese) +Das Karussell (Jardin du Luxembourg) +Spanische Tnzerin +Der Turm (Tour St.-Nicolas, Furnes) +Der Platz (Furnes) +Quai du Rosaire (Brgge) +Bguinage (Bguinage Sainte-Elisabeth, Brgge) +Die Marienprozession (Gent) +Die Insel (Nordsee) +Hetrengrber +Orpheus. Eurydike. Hermes +Alkestis +Geburt der Venus +Die Rosenschale + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Neue Gedichte, by Rainer Maria Rilke + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NEUE GEDICHTE *** + +***** This file should be named 33863-8.txt or 33863-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/3/8/6/33863/ + +Produced by Marc D'Hooghe at http://www.freeliterature.org + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Neue Gedichte + +Author: Rainer Maria Rilke + +Release Date: October 15, 2010 [EBook #33863] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NEUE GEDICHTE *** + + + + +Produced by Marc D'Hooghe at http://www.freeliterature.org + + + + + +</pre> + + +<h1>NEUE GEDICHTE</h1> + +<h3>Von</h3> + +<h2>RAINER MARIA RILKE</h2> + +<h4>LEIPZIG</h4> + +<h4>IM INSEL-VERLAG</h4> + +<h4>MCMXX</h4> + +<hr style="width: 65%;" /> +<h4>KARL UND ELISABETH VON DER HEYDT</h4> +<h4>IN FREUNDSCHAFT</h4> + +<hr style="width: 95%;" /> +<h3><a href="#INHALT">Inhalt</a></h3> +<hr style="width: 65%;" /> + +<p> +<a name="FRUHER_APOLLO" id="FRUHER_APOLLO"></a>FRHER APOLLO<br /> +<br /> +<br /> +Wie manches Mal durch das noch unbelaubte<br /> +Gezweig ein Morgen durchsieht, der schon ganz<br /> +im Frhling ist: so ist in seinem Haupte<br /> +nichts, was verhindern knnte, da der Glanz<br /> +<br /> +aller Gedichte uns fast tdlich trfe;<br /> +denn noch kein Schatten ist in seinem Schaun,<br /> +zu khl fr Lorbeer sind noch seine Schlfe,<br /> +und spter erst wird aus den Augenbraun<br /> +<br /> +hochstmmig sich der Rosengarten heben,<br /> +aus welchem Bltter, einzeln, ausgelst<br /> +hintreiben werden auf des Mundes Beben,<br /> +<br /> +der jetzt noch still ist, niegebraucht und blinkend<br /> +und nur mit seinem Lcheln etwas trinkend,<br /> +als wrde ihm sein Singen eingeflt.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="MADCHENKLAGE" id="MADCHENKLAGE"></a>MDCHENKLAGE<br /> +<br /> +<br /> +Diese Neigung, in den Jahren,<br /> +da wir alle Kinder waren,<br /> +viel allein zu sein, war mild;<br /> +andern ging die Zeit im Streite,<br /> +und man hatte seine Seite,<br /> +seine Nhe, seine Weite,<br /> +einen Weg, ein Tier, ein Bild.<br /> +<br /> +Und ich dachte noch, das Leben<br /> +hrte niemals auf zu geben,<br /> +da man sich in sich besinnt.<br /> +Bin ich in mir nicht im Grten?<br /> +Will mich meines nicht mehr trsten<br /> +und verstehen wie als Kind?<br /> +<br /> +Pltzlich bin ich wie verstoen,<br /> +und zu einem bergroen<br /> +wird mir diese Einsamkeit,<br /> +wenn, auf meiner Brste Hgeln<br /> +stehend, mein Gefhl nach Flgeln<br /> +oder einem Ende schreit.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="LIEBESLIED" id="LIEBESLIED"></a>LIEBESLIED<br /> +<br /> +<br /> +Wie soll ich meine Seele halten, da<br /> +sie nicht an deine rhrt? Wie soll ich sie<br /> +hinheben ber dich zu andern Dingen?<br /> +Ach gerne mcht ich sie bei irgendwas<br /> +Verlorenem im Dunkel unterbringen<br /> +an einer fremden stillen Stelle, die<br /> +nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.<br /> +Doch alles, was uns anrhrt, dich und mich,<br /> +nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,<br /> +der aus zwei Saiten <i>eine</i> Stimme zieht.<br /> +Auf welches Instrument sind wir gespannt?<br /> +Und welcher Spieler hat uns in der Hand?<br /> +O ses Lied.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="ERANNA_AN_SAPPHO" id="ERANNA_AN_SAPPHO"></a>ERANNA AN SAPPHO<br /> +<br /> +<br /> +O du wilde weite Werferin:<br /> +Wie ein Speer bei andern Dingen<br /> +lag ich bei den Meinen. Dein Erklingen<br /> +warf mich weit. Ich wei nicht, wo ich bin.<br /> +Mich kann keiner wiederbringen.<br /> +<br /> +Meine Schwestern denken mich und weben,<br /> +und das Haus ist voll vertrauter Schritte.<br /> +Ich allein bin fern und fortgegeben,<br /> +und ich zittere wie eine Bitte;<br /> +denn die schne Gttin in der Mitte<br /> +ihrer Mythen glht und lebt mein Leben.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="SAPPHO_AN_ERANNA" id="SAPPHO_AN_ERANNA"></a>SAPPHO AN ERANNA<br /> +<br /> +<br /> +Unruh will ich ber dich bringen,<br /> +schwingen will ich dich, umrankter Stab.<br /> +Wie das Sterben will ich dich durchdringen<br /> +und dich weitergeben wie das Grab<br /> +an das Alles: allen diesen Dingen.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="SAPPHO_AN_ALKAIOS" id="SAPPHO_AN_ALKAIOS"></a>SAPPHO AN ALKAOS<br /> +<br /> +FRAGMENT<br /> +<br /> +<br /> +Und was httest du mir denn zu sagen,<br /> +und was gehst du meine Seele an,<br /> +wenn sich deine Augen niederschlagen<br /> +vor dem nahen Nichtgesagten? Mann,<br /> +<br /> +sieh, uns hat das Sagen dieser Dinge<br /> +hingerissen und bis in den Ruhm.<br /> +Wenn ich denke: unter euch verginge<br /> +drftig unser ses Mdchentum,<br /> +<br /> +welches wir, ich Wissende und jene<br /> +mit mir Wissenden, vom Gott bewacht,<br /> +trugen unberhrt, da Mytilene<br /> +wie ein Apfelgarten in der Nacht<br /> +duftete vom Wachsen unsrer Brste—.<br /> +<br /> +Ja, auch dieser Brste, die du nicht<br /> +whltest wie zu Fruchtgewinden, Freier<br /> +mit dem weggesenkten Angesicht.<br /> +Geh und la mich, da zu meiner Leier<br /> +komme, was du abhltst: alles steht.<br /> +<br /> +Dieser Gott ist nicht der Beistand zweier,<br /> +aber wenn er durch den einen geht<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="GRABMAL_EINES_JUNGEN_MADCHENS" id="GRABMAL_EINES_JUNGEN_MADCHENS"></a>GRABMAL EINES JUNGEN MDCHENS<br /> +<br /> +<br /> +Wir gedenkens noch. Das ist, als mte<br /> +alles dieses einmal wieder sein.<br /> +Wie ein Baum an der Limonenkste<br /> +trugst du deine kleinen leichten Brste<br /> +in das Rauschen seines Bluts hinein:<br /> +<br /> +—jenes Gottes.<br /> +<span style="margin-left: 8em;">Und es war der schlanke</span><br /> +Flchtling, der Verwhnende der Fraun.<br /> +S und glhend, warm wie dein Gedanke,<br /> +berschattend deine frhe Flanke<br /> +und geneigt wie deine Augenbraun.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="OPFER" id="OPFER"></a>OPFER<br /> +<br /> +<br /> +O wie blht mein Leib aus jeder Ader<br /> +duftender, seitdem ich dich erkenn;<br /> +sieh, ich gehe schlanker und gerader,<br /> +und du wartest nur—: wer bist du denn?<br /> +<br /> +Sieh: ich fhle, wie ich mich entferne,<br /> +wie ich Altes, Blatt um Blatt, verlier.<br /> +Nur dein Lcheln steht wie lauter Sterne<br /> +ber dir und bald auch ber mir.<br /> +<br /> +Alles was durch meine Kinderjahre<br /> +namenlos noch und wie Wasser glnzt,<br /> +will ich nach dir nennen am Altre,<br /> +der entzndet ist von deinem Haare<br /> +und mit deinen Brsten leicht bekrnzt.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="OSTLICHES_TAGLIED" id="OSTLICHES_TAGLIED"></a>STLICHES TAGLIED<br /> +<br /> +<br /> +Ist dieses Bette nicht wie eine Kste,<br /> +ein Kstenstreifen nur, darauf wir liegen?<br /> +Nichts ist gewi als deine hohen Brste,<br /> +die mein Gefhl in Schwindeln berstiegen.<br /> +<br /> +Denn diese Nacht, in der so vieles schrie,<br /> +in der sich Tiere rufen und zerreien,<br /> +ist sie uns nicht entsetzlich fremd? Und wie:<br /> +was drauen langsam anhebt, Tag geheien,<br /> +ist das uns denn verstndlicher als sie?<br /> +<br /> +Man mte so sich ineinanderlegen<br /> +wie Bltenbltter um die Staubgefe:<br /> +so sehr ist berall das Ungeme<br /> +und huft sich an und strzt sich uns entgegen.<br /> +<br /> +Doch whrend wir uns aneinanderdrcken,<br /> +um nicht zu sehen, wie es ringsum naht,<br /> +kann es aus dir, kann es aus mir sich zcken:<br /> +denn unsre Seelen leben von Verrat.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="ABISAG" id="ABISAG"></a>ABISAG<br /> +<br /> +<br /> +I<br /> +<br /> +Sie lag. Und ihre Kinderarme waren<br /> +von Dienern um den Welkenden gebunden,<br /> +auf dem sie lag die sen langen Stunden,<br /> +ein wenig bang vor seinen vielen Jahren.<br /> +<br /> +Und manchmal wandte sie in seinem Barte<br /> +ihr Angesicht, wenn eine Eule schrie;<br /> +und alles, was die Nacht war, kam und scharte<br /> +mit Bangen und Verlangen sich um sie.<br /> +<br /> +Die Sterne zitterten wie ihresgleichen,<br /> +der Duft ging suchend durch das Schlafgemach,<br /> +der Vorhang rhrte sich und gab ein Zeichen,<br /> +und leise ging ihr Blick dem Zeichen nach.<br /> +<br /> +Aber sie hielt sich an dem dunkeln Alten,<br /> +und, von der Nacht der Nchte nicht erreicht,<br /> +lag sie auf seinem frstlichen Erkalten<br /> +jungfrulich und wie eine Seele leicht.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +II<br /> +<br /> +Der Knig sa und sann den leeren Tag<br /> +getaner Taten, ungefhlter Lste<br /> +und seiner Lieblingshndin, der er pflag—.<br /> +Aber am Abend wlbte Abisag<br /> +sich ber ihm. Sein wirres Leben lag<br /> +verlassen wie verrufne Meereskste<br /> +unter dem Sternbild ihrer stillen Brste.<br /> +<br /> +Und manchmal, als ein Kundiger der Frauen,<br /> +erkannte er durch seine Augenbrauen<br /> +den unbewegten, ksselosen Mund;<br /> +und sah: ihres Gefhles grne Rute<br /> +neigte sich nicht herab zu seinem Grund.<br /> +Ihn frstelte. Er horchte wie ein Hund<br /> +und suchte sich in seinem letzten Blute.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DAVID_SINGT_VOR_SAUL" id="DAVID_SINGT_VOR_SAUL"></a>DAVID SINGT VOR SAUL<br /> +<br /> +<br /> +I<br /> +<br /> +Knig, hrst du, wie mein Saitenspiel<br /> +Fernen wirft, durch die wir uns bewegen?<br /> +Sterne treiben uns verwirrt entgegen,<br /> +und wir fallen endlich wie ein Regen,<br /> +und es blht, wo dieser Regen fiel.<br /> +<br /> +Mdchen blhen, die du noch erkannt,<br /> +die jetzt Frauen sind und mich verfhren;<br /> +den Geruch der Jungfraun kannst du spren,<br /> +und die Knaben stehen, angespannt<br /> +schlank und atmend, an verschwiegnen Tren.<br /> +<br /> +Da mein Klang dir alles wiederbrchte.<br /> +Aber trunken taumelt mein Getn:<br /> +Deine Nchte, Knig, deine Nchte—,<br /> +und wie waren, die dein Schaffen schwchte,<br /> +o wie waren alle Leiber schn.<br /> +<br /> +Dein Erinnern glaub ich zu begleiten,<br /> +weil ich ahne. Doch auf welchen Saiten<br /> +greif ich dir ihr dunkles Lustgesthn?—<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +II<br /> +<br /> +Knig, der du alles dieses hattest<br /> +und der du mit lauter Leben mich<br /> +berwltigest und berschattest:<br /> +komm aus deinem Throne und zerbrich<br /> +meine Harfe, die du so ermattest.<br /> +<br /> +Sie ist wie ein abgenommner Baum:<br /> +durch die Zweige, die dir Frucht getragen,<br /> +schaut jetzt eine Tiefe wie von Tagen,<br /> +welche kommen—, und ich kenn sie kaum.<br /> +<br /> +La mich nicht mehr bei der Harfe schlafen;<br /> +sich dir diese Knabenhand da an:<br /> +glaubst du, Knig, da sie die Oktaven<br /> +eines Leibes noch nicht greifen kann?<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +III<br /> +<br /> +Knig, birgst du dich in Finsternissen,<br /> +und ich hab dich doch in der Gewalt.<br /> +Sieh, mein festes Lied ist nicht gerissen,<br /> +und der Raum wird um uns beide kalt.<br /> +Mein verwaistes Herz und dein verworrnes<br /> +hngen in den Wolken deines Zornes,<br /> +wtend ineinander eingebissen<br /> +und zu einem einzigen verkrallt.<br /> +<br /> +Fhlst du jetzt, wie wir uns umgestalten?<br /> +Knig, Knig, das Gewicht wird Geist.<br /> +Wenn wir uns nur aneinanderhalten,<br /> +du am Jungen, Knig, ich am Alten,<br /> +sind wir fast wie ein Gestirn, das kreist.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="JOSUAS_LANDTAG" id="JOSUAS_LANDTAG"></a>JOSUAS LANDTAG<br /> +<br /> +<br /> +So wie der Strom am Ausgang seine Dmme<br /> +durchbricht mit seiner Mndung berma,<br /> +so brach nun durch die ltesten der Stimme<br /> +zum letztenmal die Stimme Josuas.<br /> +<br /> +Wie waren die geschlagen, welche lachten,<br /> +wie hielten alle Herz und Hnde an,<br /> +als hbe sich der Lrm von dreiig Schlachten<br /> +in einem Mund; und dieser Mund begann.<br /> +<br /> +Und wieder waren Tausende voll Staunen<br /> +wie an dem groen Tag vor Jericho,<br /> +nun aber waren in ihm die Posaunen,<br /> +und ihres Lebens Mauern schwankten so,<br /> +<br /> +da sie sich wlzten, von Entsetzen trchtig<br /> +und wehrlos schon und berwltigt, eh<br /> +sie's noch gedachten, wie er eigenmchtig<br /> +zu Gibeon die Sonne anschrie: Steh!<br /> +<br /> +Und Gott ging hin, erschrocken wie ein Knecht,<br /> +und hielt die Sonne, bis ihm seine Hnde<br /> +wehtaten, ob dem schlachtenden Geschlecht,<br /> +nur weil da einer wollte, da sie stnde.<br /> +<br /> +Und das war dieser; dieser Alte wars,<br /> +von dem sie meinten, da er nicht mehr gelte<br /> +inmitten seines hundertzehnten Jahrs.<br /> +Da stand er auf und brach in ihre Zelte.<br /> +<br /> +Er ging wie Hagel nieder ber Halmen.<br /> +Was wollt ihr Gott versprechen? Ungezhlt<br /> +stehn um euch Gtter, wartend, da ihr whlt.<br /> +Doch wenn ihr whlt, wird euch der Herr zermalmen.<br /> +<br /> +Und dann, mit einem Hochmut ohnegleichen:<br /> +Ich und mein Haus, wir bleiben ihm vermhlt.<br /> +<br /> +Da schrien sie alle: Hilf uns, gib ein Zeichen<br /> +und strke uns zu unsrer schweren Wahl.<br /> +<br /> +Aber sie sahn ihn, wie seit Jahren schweigend,<br /> +zu seiner festen Stadt am Berge steigend;<br /> +und dann nicht mehr. Es war das letzte Mal.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_AUSZUG_DES_VERLORENEN_SOHNES" id="DER_AUSZUG_DES_VERLORENEN_SOHNES"></a>DER AUSZUG DES VERLORENEN SOHNES<br /> +<br /> +<br /> +NUN fortzugehn von alle dem Verworrnen,<br /> +das unser ist und uns doch nicht gehrt,<br /> +das, wie das Wasser in den alten Bornen,<br /> +uns zitternd spiegelt und das Bild zerstrt;<br /> +von allem diesen, das sich wie mit Dornen<br /> +noch einmal an uns anhngt—fortzugehn<br /> +und Das und Den,<br /> +die man schon nicht mehr sah<br /> +(so tglich waren sie und so gewhnlich),<br /> +auf einmal anzuschauen: sanft, vershnlich<br /> +und wie an einem Anfang und von nah<br /> +und ahnend einzusehn, wie unpersnlich,<br /> +wie ber alle hin das Leid geschah,<br /> +von dem die Kindheit voll war bis zum Rand—:<br /> +Und dann doch fortzugehen, Hand aus Hand,<br /> +als ob man ein Geheiltes neu zerrisse,<br /> +und fortzugehn: wohin? Ins Ungewisse,<br /> +weit in ein unverwandtes warmes Land,<br /> +das hinter allem Handeln wie Kulisse<br /> +gleichgltig sein wird: Garten oder Wand;<br /> +und fortzugehn: warum? Aus Drang, aus Artung,<br /> +aus Ungeduld, aus dunkler Erwartung,<br /> +aus Unverstndlichkeit und Unverstand:<br /> +Dies alles auf sich nehmen und vergebens<br /> +vielleicht Gehaltnes fallen lassen, um<br /> +allein zu sterben, wissend nicht warum—<br /> +<br /> +Ist das der Eingang eines neuen Lebens?<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_OLBAUMGARTEN" id="DER_OLBAUMGARTEN"></a>DER LBAUMGARTEN<br /> +<br /> +<br /> +Er ging hinauf unter dem grauen Laub<br /> +ganz grau und aufgelst im lgelnde<br /> +und legte seine Stirne voller Staub<br /> +tief in das Staubigsein der heien Hnde.<br /> +<br /> +Nach allem dies. Und dieses war der Schlu.<br /> +Jetzt soll ich gehen, whrend ich erblinde,<br /> +und warum willst Du, da ich sagen mu,<br /> +Du seist, wenn ich Dich selber nicht mehr finde.<br /> +<br /> +Ich finde Dich nicht mehr. Nicht in mir, nein.<br /> +Nicht in den andern. Nicht in diesem Stein.<br /> +Ich finde Dich nicht mehr. Ich bin allein.<br /> +<br /> +Ich bin allein mit aller Menschen Gram,<br /> +den ich durch Dich zu lindern unternahm,<br /> +der Du nicht bist, namenlose Scham...<br /> +<br /> +Spter erzhlte man: ein Engel kam—.<br /> +<br /> +Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht<br /> +und bltterte gleichgltig in den Bumen.<br /> +Die Jnger rhrten sich in ihren Trumen.<br /> +Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht.<br /> +<br /> +Die Nacht, die kam, war keine ungemeine;<br /> +so gehen hunderte vorbei.<br /> +<br /> +Da schlafen Hunde, und da liegen Steine.<br /> +Ach eine traurige, ach irgendeine,<br /> +die wartet, bis es wieder Morgen sei.<br /> +<br /> +Denn Engel kommen nicht zu solchen Betern,<br /> +und Nchte werden nicht um solche gro.<br /> +Die Sich-Verlierenden lt alles los,<br /> +und sie sind preisgegeben von den Vtern<br /> +und ausgeschlossen aus der Mtter Scho.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="PIETA" id="PIETA"></a>PIET<br /> +<br /> +<br /> +So seh ich, Jesus, deine Fe wieder,<br /> +O die damals eines Jnglings Fe waren,<br /> +da ich sie bang entkleidete und wusch;<br /> +wie standen sie verwirrt in meinen Haaren<br /> +und wie ein weies Wild im Dornenbusch.<br /> +<br /> +So seh ich deine niegeliebten Glieder<br /> +zum erstenmal in dieser Liebesnacht.<br /> +Wir legten uns noch nie zusammen nieder,<br /> +und nun wird nur bewundert und gewacht.<br /> +<br /> +Doch, siehe, deine Hnde sind zerrissen—:<br /> +Geliebter, nicht von mir, von meinen Bissen.<br /> +Dein Herz steht offen, und man kann hinein:<br /> +das htte drfen nur mein Eingang sein.<br /> +<br /> +Nun bist du mde, und dein mder Mund<br /> +hat keine Lust zu meinem wehen Munde—.<br /> +O Jesus, Jesus, wann war unsre Stunde?<br /> +Wie gehn wir beide wunderlich zugrund.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="GESANG_DER_FRAUEN_AN_DEN_DICHTER" id="GESANG_DER_FRAUEN_AN_DEN_DICHTER"></a>GESANG DER FRAUEN AN DEN DICHTER<br /> +<br /> +<br /> +Sieh, wie sich alles auftut: so sind wir;<br /> +denn wir sind nichts als solche Seligkeit.<br /> +Was Blut und Dunkel war in einem Tier,<br /> +das wuchs in uns zur Seele an und schreit<br /> +<br /> +als Seele weiter. Und es schreit nach dir.<br /> +Du freilich nimmst es nur in dein Gesicht,<br /> +als sei es Landschaft: sanft und ohne Gier.<br /> +Und darum meinen wir, du bist es nicht,<br /> +<br /> +nach dem es schreit. Und doch, bist du nicht der,<br /> +an den wir uns ganz ohne Rest verlren?<br /> +Und werden wir in irgendeinem <i>mehr</i>?<br /> +<br /> +Mit uns geht das Unendliche <i>vorbei</i>.<br /> +Du aber sei, du Mund, da wir es hren,<br /> +du aber, du Uns-Sagender: du sei.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_TOD_DES_DICHTERS" id="DER_TOD_DES_DICHTERS"></a>DER TOD DES DICHTERS<br /> +<br /> +<br /> +Er lag. Sein aufgestelltes Antlitz war<br /> +bleich und verweigernd in den steilen Kissen,<br /> +seitdem die Welt und dieses von ihr Wissen,<br /> +von seinen Sinnen abgerissen,<br /> +zurckfiel an das teilnahmslose Jahr.<br /> +<br /> +Die, so ihn leben sahen, wuten nicht,<br /> +wie sehr er <i>eines</i> war mit allem diesen,<br /> +denn dieses: diese Tiefen, diese Wiesen<br /> +und diese Wasser waren sein Gesicht.<br /> +<br /> +O sein Gesicht war diese ganze Weite,<br /> +die jetzt noch zu ihm will und um ihn wirbt;<br /> +und seine Maske, die nun bang verstirbt,<br /> +ist zart und offen wie die Innenseite<br /> +von einer Frucht, die an der Luft verdirbt.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="BUDDHA" id="BUDDHA"></a>BUDDHA<br /> +<br /> +<br /> +Als ob er horchte. Stille: eine Ferne....<br /> +Wir halten ein und hren sie nicht mehr.<br /> +Und er ist Stern. Und andre groe Sterne,<br /> +die wir nicht sehen, stehen um ihn her.<br /> +<br /> +O er ist alles. Wirklich, warten wir,<br /> +da er uns she? Sollte er bedrfen?<br /> +Und wenn wir hier uns vor ihm niederwrfen,<br /> +er bliebe tief und trge wie ein Tier.<br /> +<br /> +Denn das, was uns zu seinen Fen reit,<br /> +das kreist in ihm seit Millionen Jahren.<br /> +Er, der vergit, was wir erfahren,<br /> +und der erfahrt, was uns verweist.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="LANGE_DU_MERIDIEN" id="LANGE_DU_MERIDIEN"></a>L'ANGE DU MRIDIEN<br /> +<br /> +CHARTRES<br /> +<br /> +<br /> +Im Sturm, der um die starke Kathedrale<br /> +wie ein Verneiner strzt, der denkt und denkt,<br /> +fhlt man sich zrtlicher mit einem Male<br /> +von deinem Lcheln zu dir hingelenkt:<br /> +<br /> +lchelnder Engel, fhlende Figur,<br /> +mit einem Mund, gemacht aus hundert Munden:<br /> +gewahrst du gar nicht, wie dir unsre Stunden<br /> +abgleiten von der vollen Sonnenuhr,<br /> +<br /> +auf der des Tages ganze Zahl zugleich,<br /> +gleich wirklich, steht in tiefem Gleichgewichte,<br /> +als wren alle Stunden reif und reich?<br /> +<br /> +Was weit du, Steinerner, von unserm Sein?<br /> +und hltst du mit noch seligerm Gesichte<br /> +vielleicht die Tafel in die Nacht hinein?<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DIE_KATHEDRALE" id="DIE_KATHEDRALE"></a>DIE KATHEDRALE<br /> +<br /> +<br /> +In jenen kleinen Stdten, wo herum<br /> +die alten Huser wie ein Jahrmarkt hocken,<br /> +der sie bemerkt hat pltzlich und erschrocken<br /> +die Buden zumacht und ganz zu und stumm,<br /> +<br /> +die Schreier still, die Trommeln angehalten,<br /> +zu ihr hinaufhorcht aufgeregten Ohrs—:<br /> +dieweil sie ruhig immer in dem alten<br /> +Faltenmantel ihrer Contreforts<br /> +dasteht und von den Husern gar nicht wei:<br /> +<br /> +in jenen kleinen Stdten kannst du sehn,<br /> +wie sehr entwachsen ihrem Umgangskreis<br /> +die Kathedralen waren. Ihr Erstehn<br /> +ging ber alles fort, so wie den Blick<br /> +des eignen Lebens viel zu groe Nhe<br /> +fortwhrend bersteigt und als geschhe<br /> +nichts anderes; als wre <i>das</i> Geschick,<br /> +was sich in ihnen aufhuft ohne Maen,<br /> +versteinert und zum Dauernden bestimmt,<br /> +nicht <i>das</i>, was unten in den dunkeln Straen<br /> +vom Zufall irgendwelche Namen nimmt<br /> +und darin geht, wie Kinder Grn und Rot<br /> +und was der Krmer hat als Schrze tragen.<br /> +Da war Geburt in diesen Unterlagen,<br /> +und Kraft und Andrang war in diesem Ragen<br /> +und Liebe berall wie Wein und Brot,<br /> +und die Portale voller Liebesklagcn.<br /> +Das Leben zgerte Im Stundenschlagen,<br /> +und in den Trmen, welche voll Entsagen<br /> +auf einmal nicht mehr stiegen, war der Tod.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DAS_PORTAL" id="DAS_PORTAL"></a>DAS PORTAL<br /> +<br /> +<br /> +I<br /> +<br /> +Da blieben sie, als wre jene Flut<br /> +zurckgetreten, deren groes Branden<br /> +an diesen Steinen wusch, bis sie entstanden;<br /> +sie nahm im Fallen manches Attribut<br /> +<br /> +aus ihren Hnden, welche viel zu gut<br /> +und gebend sind, um etwas festzuhalten.<br /> +Sie blieben, von den Formen in Basalten<br /> +durch einen Nimbus, einen Bischofshut,<br /> +<br /> +bisweilen durch ein Lcheln unterschieden,<br /> +fr das ein Antlitz seiner Stunden Frieden<br /> +bewahrt hat als ein stilles Zifferblatt;<br /> +<br /> +jetzt fortgerckt ins Leere ihres Tores,<br /> +waren sie einst die Muschel eines Ohres<br /> +und fingen jedes Sthnen dieser Stadt.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +II<br /> +<br /> +Sehr viele Weite ist gemeint damit:<br /> +so wie mit den Kulissen einer Szene<br /> +die Welt gemeint ist; und so wie durch jene<br /> +der Held im Mantel seiner Handlung tritt:—<br /> +so tritt das Dunkel dieses Tores handelnd<br /> +auf seiner Tiefe tragisches Theater,<br /> +so grenzenlos und wallend wie Gott-Vater<br /> +und so wie Er sich wunderlich verwandelnd<br /> +<br /> +in einen Sohn, der aufgeteilt ist hier<br /> +auf viele kleine beinah stumme Rollen,<br /> +genommen aus des Elends Zubehr.<br /> +<br /> +Denn nur noch so entsteht (das wissen wir)<br /> +aus Blinden, Fortgeworfenen und Tollen<br /> +der Heiland wie ein einziger Akteur.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +III<br /> +<br /> +So ragen sie, die Herzen angehalten<br /> +(sie stehn auf Ewigkeit und gingen nie);<br /> +nur selten tritt aus dem Gefll der Falten<br /> +eine Gebrde, aufrecht, steil wie sie,<br /> +<br /> +und bleibt nach einem halben Schritte stehn,<br /> +wo die Jahrhunderte sie berholen.<br /> +Sie sind im Gleichgewicht auf den Konsolen,<br /> +in denen eine Welt, die sie nicht sehn,<br /> +<br /> +die Welt der Wirrnis, die sie nicht zertraten,<br /> +Figur und Tier, wie um sie zu gefhrden,<br /> +sich krmmt und schttelt und sie dennoch hlt:<br /> +weil die Gestalten dort wie Akrobaten<br /> +sich nur so zuckend und so wild gebrden,<br /> +damit der Stab auf ihrer Stirn nicht fllt.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DIE_FENSTERROSE" id="DIE_FENSTERROSE"></a>DIE FENSTERROSE<br /> +<br /> +<br /> +Da drin: das trge Treten ihrer Tatzen<br /> +macht eine Stille, die dich fast verwirrt;<br /> +und wie dann pltzlich eine von den Katzen<br /> +den Blick an ihr, der hin und wieder irrt,<br /> +<br /> +gewaltsam in ihr groes Auge nimmt,—<br /> +den Blick, der wie von eines Wirbels Kreis<br /> +ergriffen, eine kleine Weile schwimmt<br /> +und dann versinkt und nichts mehr von sich wei,<br /> +<br /> +wenn dieses Auge, welches scheinbar ruht,<br /> +sich au auftut und zusammenschlgt mit Tosen<br /> +und ihn hineinreit bis ins rote Blut—:<br /> +<br /> +so griffen einstmals aus dem Dunkelsein<br /> +der Kathedralen groe Fensterrosen<br /> +ein Herz und rissen es in Gott hinein.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DAS_KAPITAL" id="DAS_KAPITAL"></a>DAS KAPITL<br /> +<br /> +<br /> +Wie sich aus eines Traumes Ausgeburten<br /> +aufsteigend aus verwirrendem Gequl<br /> +der nchste Tag erhebt,—so gehn die Gurten<br /> +der Wlbung aus dem wirren Kapitl<br /> +<br /> +und lassen drin, gedrngt und rtselhaft<br /> +verschlungen, flgelschlagende Geschpfe:<br /> +ihr Zgern und das Pltzliche der Kpfe<br /> +und jene starken Bltter, deren Saft<br /> +<br /> +wie Jhzorn steigt, sich schlielich berschlagend<br /> +in einer schnellen Geste, die sich ballt<br /> +und sich heraushlt: alles aufwrtsjagend,<br /> +<br /> +was immer wieder mit dem Dunkel kalt<br /> +herunterfllt, wie Regen Sorge tragend<br /> +fr dieses alten Wachstums Unterhalt.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="GOTT_IM_MITTELALTER" id="GOTT_IM_MITTELALTER"></a>GOTT IM MITTELALTER<br /> +<br /> +<br /> +Und sie hatten ihn in sich erspart,<br /> +und sie wollten, da er sei und richte,<br /> +und sie hngten schlielich wie Gewichte<br /> +(zu verhindern seine Himmelfahrt)<br /> +<br /> +an ihn ihrer groen Kathedralen<br /> +Last und Masse. Und er sollte nur<br /> +ber seine grenzenlosen Zahlen<br /> +zeigend kreisen und wie eine Uhr<br /> +<br /> +Zeichen geben ihrem Tun und Tagwerk.<br /> +Aber pltzlich kam er ganz in Gang,<br /> +und die Leute der entsetzten Stadt<br /> +<br /> +lieen ihn, vor seiner Stimme bang,<br /> +weitergehn mit ausgehngtem Schlagwerk<br /> +und entflohn vor seinem Zifferblatt.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="MORGUE" id="MORGUE"></a>MORGUE<br /> +<br /> +<br /> +Da liegen sie bereit, als ob es glte,<br /> +nachtrglich eine Handlung zu erfinden,<br /> +die miteinander und mit dieser Klte<br /> +sie zu vershnen wei und zu verbinden;<br /> +<br /> +denn das ist alles noch wie ohne Schlu.<br /> +Was fr ein Name htte in den Taschen<br /> +sich finden sollen? An dem berdru<br /> +um ihren Mund hat man herumgewaschen;<br /> +<br /> +er ging nicht ab; er wurde nur ganz rein.<br /> +Die Brte stehen, noch ein wenig hrter,<br /> +doch ordentlicher im Geschmack der Wrter,<br /> +<br /> +nur um die Gaffenden nicht anzuwidern.<br /> +Die Augen haben hinter ihren Lidern<br /> +sich umgewandt und schauen jetzt hinein.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_GEFANGENE" id="DER_GEFANGENE"></a>DER GEFANGENE<br /> +<br /> +<br /> +I<br /> +<br /> +Meine Hand hat nur noch eine<br /> +Gebrde, mit der sie verscheucht;<br /> +auf die alten Steine<br /> +fllt es aus Felsen feucht.<br /> +<br /> +Ich hre nur dieses Klopfen,<br /> +und mein Herz hlt Schritt<br /> +mit dem Gehen der Tropfen<br /> +und vergeht damit.<br /> +<br /> +Tropften sie doch schneller,<br /> +kme doch wieder ein Tier.<br /> +Irgendwo war es heller—.<br /> +Aber was wissen wir.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +II<br /> +<br /> +Denk dir, das was jetzt Himmel ist und Wind,<br /> +Luft deinem Mund und deinem Auge Helle,<br /> +das wrde Stein bis um die kleine Stelle,<br /> +an der dein Herz und deine Hnde sind.<br /> +<br /> +Und was jetzt in dir morgen heit und: dann<br /> +und: spterhin und nchstes Jahr und weiter—<br /> +das wrde wund in dir und voller Eiter<br /> +und schwre nur und brche nicht mehr an.<br /> +<br /> +Und das was war, das wre irre und<br /> +raste in dir herum, den lieben Mund,<br /> +der niemals lachte, schumend von Gelchter.<br /> +<br /> +Und das was Gott war, wre nur dein Wchter<br /> +und stopfte boshaft in das letzte Loch<br /> +ein schmutziges Auge. Und du lebtest doch.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_PANTHER" id="DER_PANTHER"></a>DER PANTHER<br /> +<br /> +IM JARDIN DES PLANTES, PARIS<br /> +<br /> +<br /> +Sein Blick ist vom Vorbergehn der Stbe<br /> +so md geworden, da er nichts mehr hlt.<br /> +Ihm ist, als ob es tausend Stbe gbe<br /> +und hinter tausend Stben keine Welt.<br /> +<br /> +Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,<br /> +der sich im allerkleinsten Kreise dreht,<br /> +ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,<br /> +in der betubt ein groer Wille steht.<br /> +<br /> +Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille<br /> +sich lautlos auf—. Dann geht ein Bild hinein,<br /> +geht durch der Glieder angespannte Stille—<br /> +und hrt im Herzen auf zu sein.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DIE_GAZELLE" id="DIE_GAZELLE"></a>DIE GAZELLE<br /> +<br /> +ANTILOPE DORCAS<br /> +<br /> +<br /> +Verzauberte: wie kann der Einklang zweier<br /> +erwhlter Worte je den Reim erreichen,<br /> +der in dir kommt und geht, wie auf ein Zeichen.<br /> +Aus deiner Stirne steigen Laub und Leier,<br /> +<br /> +und alles Deine geht schon im Vergleich<br /> +durch Liebeslieder, deren Worte, weich<br /> +wie Rosenbltter, dem, der nicht mehr liest,<br /> +sich auf die Augen legen, die er schliet,<br /> +<br /> +um dich zu sehen: hingetragen, als<br /> +wre mit Sprngen jeder Lauf geladen<br /> +und schsse nur nicht ab, solang der Hals<br /> +<br /> +das Haupt ins Horchen hlt: wie wenn beim Baden<br /> +im Wald die Badende sich unterbricht,<br /> +den Waldsee im gewendeten Gesicht.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DAS_EINHORN" id="DAS_EINHORN"></a>DAS EINHORN<br /> +<br /> +<br /> +Der Heilige hob das Haupt, und das Gebet<br /> +fiel wie ein Helm zurck von seinem Haupte:<br /> +denn lautlos nahte sich das niegeglaubte,<br /> +das weie Tier, das wie eine geraubte<br /> +hilflose Hindin mit den Augen fleht.<br /> +<br /> +Der Beine elfenbeinernes Gestell<br /> +bewegte sich in leichten Gleichgewichten,<br /> +ein weier Glanz glitt selig durch das Fell,<br /> +und auf der Tierstirn, auf der stillen, lichten,<br /> +stand, wie ein Turm im Mond, das Horn so hell,<br /> +und jeder Schritt geschah, es aufzurichten.<br /> +<br /> +Das Maul mit seinem rosagrauen Flaum<br /> +war leicht gerafft, so da ein wenig Wei<br /> +(weier als alles) von den Zhnen glnzte;<br /> +die Nstern nahmen auf und lechzten leis.<br /> +Doch seine Blicke, die kein Ding begrenzte,<br /> +warfen sich Bilder in den Raum<br /> +und schlssen einen blauen Sagenkreis.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="SANKT_SEBASTIAN" id="SANKT_SEBASTIAN"></a>SANKT SEBASTIAN<br /> +<br /> +<br /> +Wie ein Liegender so steht er; ganz<br /> +hingehalten von dem groen Willen.<br /> +Weit entrckt wie Mtter, wenn sie stillen,<br /> +und in sich gebunden wie ein Kranz.<br /> +<br /> +Und die Pfeile kommen: jetzt und jetzt<br /> +und als sprngen sie aus seinen Lenden,<br /> +eisern bebend mit den freien Enden.<br /> +Doch er lchelt dunkel, unverletzt.<br /> +<br /> +Einmal nur wird eine Trauer gro,<br /> +und die Augen liegen schmerzlich blo,<br /> +bis sie etwas leugnen, wie Geringes,<br /> +und als lieen sie verchtlich los<br /> +die Vernichter eines schnen Dinges.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_STIFTER" id="DER_STIFTER"></a>DER STIFTER<br /> +<br /> +<br /> +Das war der Auftrag an die Malergilde.<br /> +Vielleicht da ihm der Heiland nie erschien;<br /> +vielleicht trat auch kein heiliger Bischof milde<br /> +an seine Seite wie in diesem Bilde<br /> +und legte leise seine Hand auf ihn.<br /> +<br /> +Vielleicht war dieses alles: so zu knien<br /> +(so wie es alles ist, was wir erfuhren):<br /> +zu knien: da man die eigenen Konturen,<br /> +die auswrtswollenden, ganz angespannt<br /> +im Herzen hlt, wie Pferde in der Hand.<br /> +<br /> +Da, wenn ein Ungeheueres geschhe,<br /> +das nicht versprochen ist und nieverbrieft,<br /> +wir hoffen knnten, da es uns nicht she<br /> +und nher kme, ganz in unsre Nhe,<br /> +mit sich beschftigt und in sich vertieft.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_ENGEL" id="DER_ENGEL"></a>DER ENGEL<br /> +<br /> +<br /> +Mit einem Neigen seiner Stirne weist<br /> +er weit von sich, was einschrnkt und verpflichtet;<br /> +denn durch sein Herz geht riesig aufgerichtet<br /> +das ewig Kommende, das kreist.<br /> +<br /> +Die tiefen Himmel stehn ihm voll Gestalten,<br /> +und jede kann ihm rufen: komm, erkenn—.<br /> +Gib seinen leichten Hnden nichts zu halten<br /> +aus deinem Lastenden. Sie kmen denn<br /> +<br /> +bei Nacht zu dir, dich ringender zu prfen,<br /> +und gingen wie Erzrnte durch das Haus<br /> +und griffen dich, als ob sie dich erschfen,<br /> +und brchen dich aus deiner Form heraus.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="ROMISCHE_SARKOPHAGE" id="ROMISCHE_SARKOPHAGE"></a>RMISCHE SARKOPHAGE<br /> +<br /> +<br /> +Was aber hindert uns zu glauben, da<br /> +(so wie wir hingestellt sind und verteilt)<br /> +nicht eine kleine Zeit nur Drang und Ha<br /> +und dies Verwirrende in uns verweilt,<br /> +<br /> +wie einst in dem verzierten Sarkophag<br /> +bei Ringen, Gtterbildern, Glsern, Bndern,<br /> +in langsam sich verzehrenden Gewndern<br /> +ein langsam Aufgelstes lag—<br /> +<br /> +bis es die unbekannten Munde schluckten,<br /> +die niemals reden. (Wo besteht und denkt<br /> +ein Hirn, um ihrer einst sich zu bedienen?)<br /> +<br /> +Da wurde von den alten Aqudukten<br /> +ewiges Wasser in sie eingelenkt—:<br /> +das spiegelt jetzt und geht und glnzt in ihnen.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_SCHWAN" id="DER_SCHWAN"></a>DER SCHWAN<br /> +<br /> +<br /> +Diese Mhsal, durch noch Ungetanes<br /> +schwer und wie gebunden hinzugehn,<br /> +gleicht dem ungeschaffnen Gang des Schwanes.<br /> +<br /> +Und das Sterben, dieses Nichtmehrfassen<br /> +jenes Grunds, auf dem wir tglich stehn,<br /> +seinem ngstlichen Sich-Niederlassen—:<br /> +<br /> +in die Wasser, die ihn sanft empfangen<br /> +und die sich, wie glcklich und vergangen,<br /> +unter ihm zurckziehn, Flut um Flut;<br /> +whrend er unendlich still und sicher<br /> +immer mndiger und kniglicher<br /> +und gelassener zu ziehn geruht.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="KINDHEIT" id="KINDHEIT"></a>KINDHEIT<br /> +<br /> +<br /> +Es wre gut viel nachzudenken, um<br /> +von so Verlornem etwas auszusagen,<br /> +von jenen langen Kindheit-Nachmittagen,<br /> +die so nie wiederkamen—und warum?<br /> +<br /> +Noch mahnt es uns—: vielleicht in einem Regnen,<br /> +aber wir wissen nicht mehr, was das soll;<br /> +nie wieder war das Leben von Begegnen,<br /> +von Wiedersehn und Weitergehn so voll<br /> +<br /> +wie damals, da uns nichts geschah als nur,<br /> +was einem Ding geschieht und einem Tiere:<br /> +da lebten wir, wie Menschliches, das Ihre<br /> +und wurden bis zum Rande voll Figur.<br /> +<br /> +Und wurden so vereinsamt wie ein Hirt<br /> +und so mit groen Fernen berladen<br /> +und wie von weit berufen und berhrt<br /> +und langsam wie ein langer neuer Faden<br /> +in jene Bilderfolgen eingefhrt,<br /> +in welchen nun zu dauern uns verwirrt.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_DICHTER" id="DER_DICHTER"></a>DER DICHTER<br /> +<br /> +<br /> +Du entfernst dich von mir, du Stunde.<br /> +Wunden schlgt mir dein Flgelschlag.<br /> +Allein: was soll ich mit meinem Munde?<br /> +mit meiner Nacht? mit meinem Tag?<br /> +<br /> +Ich habe keine Geliebte, kein Haus,<br /> +keine Stelle, auf der ich lebe.<br /> +Alle Dinge, an die ich mich gebe,<br /> +werden reich und geben mich aus.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DIE_SPITZE" id="DIE_SPITZE"></a>DIE SPITZE<br /> +<br /> +<br /> +I<br /> +<br /> +Menschlichkeit: Namen schwankender Besitze,<br /> +noch unbesttigter Bestand von Glck:<br /> +ist das unmenschlich, da zu dieser Spitze,<br /> +zu diesem kleinen dichten Spitzenstck<br /> +zwei Augen wurden?—Willst du sie zurck?<br /> +<br /> +Du Langvergangene und schlielich Blinde,<br /> +ist deine Seligkeit in diesem Ding,<br /> +zu welcher hin, wie zwischen Stamm und Rinde,<br /> +dein groes Fhlen, kleinverwandelt, ging?<br /> +<br /> +Durch einen Ri im Schicksal, eine Lcke<br /> +entzogst du deine Seele deiner Zeit;<br /> +und sie ist so in diesem lichten Stcke,<br /> +da es mich lcheln macht vor Ntzlichkeit.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +II<br /> +<br /> +Und wenn uns eines Tages dieses Tun<br /> +und was an uns geschieht gering erschiene<br /> +und uns so fremd, als ob es nicht verdiene,<br /> +da wir so mhsam aus den Kinderschuhn<br /> +um seinetwillen wachsen—: Ob die Bahn<br /> +vergilbter Spitze, diese dichtgefgte<br /> +blumige Spitzenbahn, dann nicht gengte,<br /> +uns hier zu halten? Sieh: sie ward getan.<br /> +<br /> +Ein Leben ward vielleicht verschmht, wer wei?<br /> +Ein Glck war da und wurde hingegeben,<br /> +und endlich wurde doch, um jeden Preis,<br /> +dies Ding daraus, nicht leichter als das Leben<br /> +und doch vollendet und so schn, als sei's<br /> +nicht mehr zu frh, zu lcheln und zu schweben.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="EIN_FRAUENSCHICKSAL" id="EIN_FRAUENSCHICKSAL"></a>EIN FRAUENSCHICKSAL<br /> +<br /> +<br /> +So wie der Knig auf der Jagd ein Glas<br /> +ergreift, daraus zu trinken, irgendeines,—<br /> +und wie hernach der, welcher es besa,<br /> +es fortstellt und verwahrt, als wr es keines:<br /> +<br /> +so hob vielleicht das Schicksal, durstig auch,<br /> +bisweilen Eine an den Mund und trank,<br /> +die dann ein kleines Leben, viel zu bang<br /> +sie zu zerbrechen, abseits vom Gebrauch<br /> +<br /> +hinstellte in die ngstliche Vitrine,<br /> +in welcher seine Kostbarkeiten sind<br /> +(oder die Dinge, die fr kostbar gelten).<br /> +<br /> +Da stand sie fremd wie eine Fortgeliehne<br /> +und wurde einfach alt und wurde blind<br /> +und war nicht kostbar und war niemals selten.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DIE_GENESENDE" id="DIE_GENESENDE"></a>DIE GENESENDE<br /> +<br /> +<br /> +Wie ein Singen kommt und geht in Gassen<br /> +und sich nhert und sich wieder scheut,<br /> +flgelschlagend, manchmal fast zu fassen<br /> +und dann wieder weit hinausgestreut:<br /> +<br /> +spielt mit der Genesenden das Leben;<br /> +whrend sie, geschwcht und ausgeruht,<br /> +unbeholfen, um sich hinzugeben,<br /> +eine ungewohnte Geste tut.<br /> +<br /> +Und sie fhlt sich beinah wie Verfhrung,<br /> +wenn die hartgewordne Hand, darin<br /> +Fieber waren voller Widersinn,<br /> +fernher, wie mit blhender Berhrung,<br /> +zu liebkosen kommt ihr hartes Kinn.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DIE_ERWACHSENE" id="DIE_ERWACHSENE"></a>DIE ERWACHSENE<br /> +<br /> +<br /> +Das alles stand auf ihr und war die Welt<br /> +und stand auf ihr mit allem, Angst und Gnade,<br /> +wie Bume stehen, wachsend und gerade,<br /> +ganz Bild und bildlos wie die Bundeslade<br /> +und feierlich, wie auf ein Volk gestellt.<br /> +<br /> +Und sie ertrug es; trug bis obenhin<br /> +das Fliegende, Entfliehende, Entfernte,<br /> +das Ungeheuere, noch Unerlernte<br /> +gelassen wie die Wassertrgerin<br /> +den vollen Krug. Bis mitten unterm Spiel,<br /> +verwandelnd und auf andres vorbereitend,<br /> +der erste weie Schleier, leise gleitend,<br /> +ber das aufgetane Antlitz fiel<br /> +<br /> +fast undurchsichtig und sich nie mehr hebend<br /> +und irgendwie auf alle Fragen ihr<br /> +nur eine Antwort vage wiedergebend:<br /> +In dir, du Kindgewesene, in dir.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="TANAGRA" id="TANAGRA"></a>TANAGRA<br /> +<br /> +<br /> +Ein wenig gebrannter Erde,<br /> +wie von groer Sonne gebrannt.<br /> +Als wre die Gebrde<br /> +einer Mdchenhand<br /> +auf einmal nicht mehr vergangen;<br /> +ohne nach etwas zu langen,<br /> +zu keinem Dinge hin<br /> +aus ihrem Gefhle fhrend,<br /> +nur an sich selber rhrend<br /> +wie eine Hand ans Kinn.<br /> +<br /> +Wir heben und wir drehen<br /> +eine und eine Figur;<br /> +wir knnen fast verstehen,<br /> +weshalb sie nicht vergehen,—<br /> +aber wir sollen nur<br /> +tiefer und wunderbarer<br /> +hngen an dem, was war,<br /> +und lcheln: ein wenig klarer<br /> +vielleicht als vor einem Jahr.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DIE_ERBLINDENDE" id="DIE_ERBLINDENDE"></a>DIE ERBLINDENDE<br /> +<br /> +<br /> +Sie sa so wie die anderen beim Tee.<br /> +Mir war zuerst, als ob sie ihre Tasse<br /> +ein wenig anders als die andern fasse.<br /> +Sie lchelte einmal. Es tat fast weh.<br /> +<br /> +Und als man schlielich sich erhob und sprach<br /> +und langsam und wie es der Zufall brachte<br /> +durch viele Zimmer ging (man sprach und lachte),<br /> +da sah ich sie. Sie ging den andern nach,<br /> +<br /> +verhalten, so wie eine, welche gleich<br /> +wird singen mssen und vor vielen Leuten;<br /> +auf ihren hellen Augen, die sich freuten,<br /> +war Licht von auen wie auf einem Teich.<br /> +<br /> +Sie folgte langsam, und sie brauchte lang,<br /> +als wre etwas noch nicht berstiegen;<br /> +und doch: als ob, nach einem bergang,<br /> +sie nicht mehr gehen wrde, sondern fliegen.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="IN_EINEM_FREMDEN_PARK" id="IN_EINEM_FREMDEN_PARK"></a>IN EINEM FREMDEN PARK<br /> +<br /> +BORGEBY-GRD<br /> +<br /> +<br /> +Zwei Wege sinds. Sie fhren keinen hin.<br /> +Doch manchmal, in Gedanken, lt der eine<br /> +dich weitergehn. Es ist, als gingst du fehl;<br /> +aber auf einmal bist du im Rondel<br /> +alleingelassen wieder mit dem Steine<br /> +und wieder auf ihm lesend: Freiherrin<br /> +Brite Sophie—und wieder mit dem Finger<br /> +abfhlend die zerfallne Jahreszahl—.<br /> +Warum wird dieses Finden nicht geringer?<br /> +<br /> +Was zgerst du ganz wie zum erstenmal<br /> +erwartungsvoll auf diesem Ulmenplatz,<br /> +der feucht und dunkel ist und niebetreten?<br /> +<br /> +Und was verlockt dich fr ein Gegensatz,<br /> +etwas zu suchen in den sonnigen Beeten,<br /> +als wrs der Name eines Rosenstocks?<br /> +<br /> +Was stehst du oft? Was hren deine Ohren?<br /> +Und warum siehst du schlielich, wie verloren,<br /> +die Falter flimmern um den hohen Phlox?<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="ABSCHIED" id="ABSCHIED"></a>ABSCHIED<br /> +<br /> +<br /> +Wie hab ich das gefhlt, was Abschied heit.<br /> +Wie wei ichs noch: ein dunkles unverwundnes<br /> +grausames Etwas, das ein Schnverbundnes<br /> +noch einmal zeigt und hinhlt und zerreit.<br /> +<br /> +Wie war ich ohne Wehr, dem zuzuschauen,<br /> +das, da es mich, mich rufend, gehen lie,<br /> +zurckblieb, so als wrens alle Frauen<br /> +und dennoch klein und wei und nichts als dies:<br /> +<br /> +Ein Winken, schon nicht mehr auf mich bezogen,<br /> +ein leise Weiterwinkendes—, schon kaum<br /> +erklrbar mehr: vielleicht ein Pflaumenbaum,<br /> +von dem ein Kuckuck hastig abgeflogen.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="TODESERFAHRUNG" id="TODESERFAHRUNG"></a>TODESERFAHRUNG<br /> +<br /> +<br /> +Wir wissen nichts von diesem Hingehn, das<br /> +nicht mit uns teilt. Wir haben keinen Grund,<br /> +Bewunderung und Liebe oder Ha<br /> +dem Tod zu zeigen, den ein Maskenmund<br /> +<br /> +tragischer Klage wunderlich entstellt.<br /> +Noch ist die Welt voll Rollen, die wir spielen.<br /> +Solang wir sorgen, ob wir auch gefielen,<br /> +spielt auch der Tod, obwohl er nicht gefllt.<br /> +<br /> +<br /> +Doch als du gingst, da brach in diese Bhne<br /> +ein Streifen Wirklichkeit durch jenen Spalt,<br /> +durch den du hingingst: Grn wirklicher Grne,<br /> +wirklicher Sonnenschein, wirklicher Wald.<br /> +<br /> +Wir spielen weiter. Bang und schwer Erlerntes<br /> +hersagend und Gebrden dann und wann<br /> +aufhebend; aber dein von uns entferntes,<br /> +aus unserm Stck entrcktes Dasein kann<br /> +<br /> +uns manchmal berkommen, wie ein Wissen<br /> +von jener Wirklichkeit sich niedersenkend,<br /> +so da wir eine Weile hingerissen<br /> +das Leben spielen, nicht an Beifall denkend.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="BLAUE_HORTENSIE" id="BLAUE_HORTENSIE"></a>BLAUE HORTENSIE<br /> +<br /> +<br /> +So wie das letzte Grn in Farbentiegeln<br /> +sind diese Bltter, trocken, stumpf und rauh,<br /> +hinter den Bltendolden, die ein Blau<br /> +nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.<br /> +<br /> +Sie spiegeln es verweint und ungenau,<br /> +als wollten sie es wiederum verlieren,<br /> +und wie in alten blauen Briefpapieren<br /> +ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;<br /> +<br /> +Verwaschnes wie an einer Kinderschrze,<br /> +Nichtmehrgetragnes, dem nichts mehr geschieht:<br /> +wie fhlt man eines kleinen Lebens Krze.<br /> +<br /> +Doch pltzlich scheint das Blau sich zu verneuen<br /> +in einer von den Dolden, und man sieht<br /> +ein rhrend Blaues sich vor Grnem freuen.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="VOR_DEM_SOMMERREGEN" id="VOR_DEM_SOMMERREGEN"></a>VOR DEM SOMMERREGEN<br /> +<br /> +<br /> +Auf einmal ist aus allem Grn im Park<br /> +man wei nicht was, ein Etwas, fortgenommen;<br /> +man fhlt ihn nher an die Fenster kommen<br /> +und schweigsam sein. Instndig nur und stark<br /> +<br /> +ertnt aus dem Gehlz der Regenpfeifer,<br /> +man denkt an einen Hieronymus:<br /> +so sehr steigt irgend Einsamkeit und Eifer<br /> +aus dieser einen Stimme, die der Gu<br /> +<br /> +erhren wird. Des Saales Wnde sind<br /> +mit ihren Bildern von uns fortgetreten,<br /> +als drften sie nicht hren, was wir sagen.<br /> +<br /> +Es spiegeln die verblichenen Tapeten<br /> +das ungewisse Licht von Nachmittagen,<br /> +in denen man sich frchtete als Kind.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="IM_SAAL" id="IM_SAAL"></a>IM SAAL<br /> +<br /> +<br /> +Wie sind sie alle um uns, diese Herrn<br /> +in Kammerherrentrachten und Jabots,<br /> +wie eine Nacht um ihren Ordensstern<br /> +sich immer mehr verdunkelnd, rcksichtslos,<br /> +und diese Damen, zart, fragile, doch gro<br /> +von ihren Kleidern, eine Hand im Scho,<br /> +klein wie ein Halsband fr den Bologneser;<br /> +wie sind sie da um jeden: um den Leser,<br /> +um den Betrachter dieser Bibelots,<br /> +darunter manches ihnen noch gehrt.<br /> +<br /> +Sie lassen, voller Takt, uns ungestrt<br /> +das Leben leben, wie wir es begreifen<br /> +und wie sie's nicht verstehn. Sie wollten blhn,<br /> +und blhn ist schn sein; doch wir wollen reifen,<br /> +und das heit dunkel sein und sich bemhn.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="LETZTER_ABEND" id="LETZTER_ABEND"></a>LETZTER ABEND<br /> +<br /> +(AUS DEM BESITZE FRAU NONNAS)<br /> +<br /> +<br /> +Und Nacht und fernes Fahren; denn der Train<br /> +des ganzen Heeres zog am Park vorber.<br /> +Er aber hob den Blick vom Clavecin<br /> +und spielte noch und sah zu ihr hinber<br /> +<br /> +beinah, wie man in einen Spiegel schaut:<br /> +so sehr erfllt von seinen jungen Zgen<br /> +und wissend, wie sie seine Trauer trgen,<br /> +schn und verfhrender bei jedem Laut.<br /> +<br /> +Doch pltzlich wars, als ob sich das verwische:<br /> +sie stand wie mhsam in der Fensternische<br /> +und hielt des Herzens drngendes Geklopf.<br /> +<br /> +Sein Spiel gab nach. Von drauen wehte Frische.<br /> +Und seltsam fremd stand auf dem Spiegeltische<br /> +der schwarze Tschako mit dem Totenkopf.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="JUGENDBILDNIS_MEINES_VATERS" id="JUGENDBILDNIS_MEINES_VATERS"></a>JUGENDBILDNIS MEINES VATERS<br /> +<br /> +<br /> +Im Auge Traum. Die Stirn wie in Berhrung<br /> +mit etwas Fernem. Um den Mund enorm<br /> +viel Jugend, ungelchelte Verfhrung,<br /> +und vor der vollen schmckenden Verschnrung<br /> +der schlanken adeligen Uniform<br /> +der Sbelkorb und beide Hnde—, die<br /> +abwarten, ruhig, zu nichts hingedrngt.<br /> +Und nun fast nicht mehr sichtbar: als ob sie<br /> +zuerst, die Fernes greifenden, verschwnden.<br /> +Und alles andre mit sich selbst verhngt<br /> +und ausgelscht, als ob wirs nicht verstnden,<br /> +und tief aus seiner eignen Tiefe trb—.<br /> +<br /> +Du schnell vergehendes Daguerreotyp<br /> +in meinen langsamer vergehenden Hnden.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="SELBSTBILDNIS_AUS_DEM_JAHRE_1906" id="SELBSTBILDNIS_AUS_DEM_JAHRE_1906"></a>SELBSTBILDNIS AUS DEM JAHRE 1906<br /> +<br /> +<br /> +Des alten lange adligen Geschlechtes<br /> +Feststehendes im Augenbogenbau.<br /> +Im Blicke noch der Kindheit Angst und Blau<br /> +und Demut da und dort, nicht eines Knechtes,<br /> +doch eines Dienenden und einer Frau.<br /> +Der Mund als Mund gemacht, gro und genau,<br /> +nicht berredend, aber ein Gerechtes<br /> +Aussagendes. Die Stirne ohne Schlechtes<br /> +und gern im Schatten stiller Niederschau.<br /> +<br /> +Das, als Zusammenhang, erst nur geahnt;<br /> +noch nie im Leiden oder im Gelingen<br /> +zusammgefat zu dauerndem Durchdringen,<br /> +doch so, als wre mit zerstreuten Dingen<br /> +von fern ein Ernstes, Wirkliches geplant.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_KONIG" id="DER_KONIG"></a>DER KNIG<br /> +<br /> +<br /> +Der Knig ist sechzehn Jahre alt.<br /> +Sechzehn Jahre und schon der Staat.<br /> +Er schaut, wie aus einem Hinterhalt,<br /> +vorbei an den Greisen vom Rat<br /> +<br /> +in den Saal hinein und irgendwohin<br /> +und fhlt vielleicht nur dies:<br /> +an dem schmalen langen harten Kinn<br /> +die kalte Kette vom Vlies.<br /> +<br /> +Das Todesurteil vor ihm bleibt<br /> +lang ohne Namenszug.<br /> +Und sie denken: wie er sich qult.<br /> +<br /> +Sie wten, kennten sie ihn genug,<br /> +da er nur langsam bis siebzig zhlt,<br /> +eh er es unterschreibt.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="AUFERSTEHUNG" id="AUFERSTEHUNG"></a>AUFERSTEHUNG<br /> +<br /> +<br /> +Der Graf vernimmt die Tne,<br /> +er sieht einen lichten Ri;<br /> +er weckt seine dreizehn Shne<br /> +im Erbbegrbnis.<br /> +<br /> +Er grt seine beiden Frauen<br /> +ehrerbietig von weit—;<br /> +und alle voll Vertrauen<br /> +stehn auf zur Ewigkeit<br /> +<br /> +und warten nur noch auf Erich<br /> +und Ulriken Dorotheen,<br /> +die sieben- und dreizehnjhrig<br /> +<span style="margin-left: 1.5em;">(sechzehnhundertzehn)</span><br /> +verstorben sind in Flandern,<br /> +um heute vor den andern<br /> +unbeirrt herzugehn.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_FAHNENTRAGER" id="DER_FAHNENTRAGER"></a>DER FAHNENTRGER<br /> +<br /> +<br /> +Die andern fhlen alles an sich rauh<br /> +und ohne Anteil: Eisen, Zeug und Leder.<br /> +Zwar manchmal schmeichelt eine weiche Feder,<br /> +doch sehr allein und lieblos ist ein jeder;<br /> +er aber trgt—als trg er eine Frau—<br /> +die Fahne in dem feierlichen Kleide.<br /> +Dicht hinter ihm geht ihre schwere Seide,<br /> +die manchmal ber seine Hnde fliet.<br /> +<br /> +Er kann allein, wenn er die Augen schliet,<br /> +ein Lcheln sehn: er darf sie nicht verlassen.<br /> +<br /> +Und wenn es kommt in blitzenden Krassen<br /> +und nach ihr greift und ringt und will sie fassen—:<br /> +<br /> +dann darf er sie abreien von dem Stocke,<br /> +als ri er sie aus ihrem Mdchentum,<br /> +um sie zu halten unterm Waffenrocke.<br /> +<br /> +Und fr die andern ist das Mut und Ruhm.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_LETZTE_GRAF_VON_BREDERODE" id="DER_LETZTE_GRAF_VON_BREDERODE"></a>DER LETZTE GRAF VON BREDERODE<br /> +ENTZIEHT SICH TRKISCHER<br /> +GEFANGENSCHAFT<br /> +<br /> +<br /> +Sie folgten furchtbar; ihren bunten Tod<br /> +von ferne nach ihm werfend, whrend er<br /> +verloren floh, nichts weiter als: bedroht.<br /> +Die Ferne seiner Vter schien nicht mehr<br /> +<br /> +fr ihn zu gelten; denn um so zu fliehn,<br /> +gengt ein Tier vor Jgern. Bis der Flu<br /> +aufrauschte nah und blitzend. Ein Entschlu<br /> +hob ihn samt seiner Not und machte ihn<br /> +<br /> +wieder zum Knaben frstlichen Gebltes.<br /> +Ein Lcheln adeliger Frauen go<br /> +noch einmal Sigkeit in sein verfrhtes<br /> +<br /> +vollendetes Gesicht. Er zwang sein Ro,<br /> +gro wie sein Herz zu gehn, sein blutdurchglhte:<br /> +es trug ihn in den Strom wie in sein Schlo.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DIE_KURTISANE" id="DIE_KURTISANE"></a>DIE KURTISANE<br /> +<br /> +<br /> +Venedigs Sonne wird in meinem Haar<br /> +ein Gold bereiten: aller Alchemie<br /> +erlauchten Ausgang. Meine Brauen, die<br /> +den Brcken gleichen, siehst du sie<br /> +<br /> +hinfhren ob der lautlosen Gefahr<br /> +der Augen, die ein heimlicher Verkehr<br /> +an die Kanle schliet, so da das Meer<br /> +in ihnen steigt und fllt und wechselt. Wer<br /> +<br /> +mich einmal sah, beneidet meinen Hund,<br /> +weil sich auf ihm oft in zerstreuter Pause<br /> +die Hand, die nie an keiner Glut verkohlt,<br /> +<br /> +die unverwundbare, geschmckt, erholt—.<br /> +Und Knaben, Hoffnungen aus altem Hause,<br /> +gehn wie an Gift an meinem Mund zugrund.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DIE_TREPPE_DER_ORANGERIE" id="DIE_TREPPE_DER_ORANGERIE"></a>DIE TREPPE DER ORANGERIE<br /> +<br /> +VERSAILLES<br /> +<br /> +<br /> +Wie Knige, die schlielich nur noch schreiten<br /> +fast ohne Ziel, nur um von Zeit zu Zeit<br /> +sich den Verneigenden auf beiden Seiten<br /> +zu zeigen in des Mantels Einsamkeit—:<br /> +<br /> +so steigt, allein zwischen den Balustraden,<br /> +die sich verneigen schon seit Anbeginn,<br /> +die Treppe: langsam und von Gottes Gnaden<br /> +und auf den Himmel zu und nirgends hin;<br /> +<br /> +als ob sie allen Folgenden befahl<br /> +zurckzubleiben,—so da sie nicht wagen,<br /> +von ferne nachzugehen; nicht einmal<br /> +die schwere Schleppe durfte einer tragen.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_MARMORKARREN" id="DER_MARMORKARREN"></a>DER MARMORKARREN<br /> +<br /> +PARIS<br /> +<br /> +<br /> +Auf Pferde, sieben ziehende, verteilt,<br /> +verwandelt Niebewegtes sich in Schritte;<br /> +denn was hochmtig in des Marmors Mitte<br /> +an Alter, Widerstand und All verweilt,<br /> +<br /> +das zeigt sich unter Menschen. Siehe, nicht<br /> +unkenntlich, unter irgendeinem Namen,<br /> +nein: wie der Held das Drngen in den Dramen<br /> +erst sichtbar macht und pltzlich unterbricht:<br /> +<br /> +so kommt es durch den stauenden Verlauf<br /> +des Tages, kommt in seinem ganzen Staate,<br /> +als ob ein groer Triumphator nahte,<br /> +<br /> +langsam zuletzt; und langsam vor ihm her<br /> +Gefangene, von seiner Schwere schwer.<br /> +Und naht noch immer und hlt alles auf.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="BUDDHA_II" id="BUDDHA_II"></a>BUDDHA<br /> +<br /> +<br /> +Schon von ferne fhlt der fremde scheue<br /> +Pilger, wie es golden von ihm truft;<br /> +so als htten Reiche voller Reue<br /> +ihre Heimlichkeiten aufgehuft.<br /> +<br /> +Aber nher kommend wird er irre<br /> +vor der Hoheit dieser Augenbraun:<br /> +denn das sind nicht ihre Trinkgeschirre<br /> +und die Ohrgehnge ihrer Fraun.<br /> +<br /> +Wte einer denn zu sagen, welche<br /> +Dinge eingeschmolzen wurden, um<br /> +dieses Bild auf diesem Blumenkelche<br /> +<br /> +aufzurichten: stummer, ruhiggelber<br /> +als ein goldenes und rundherum<br /> +auch den Raum berhrend wie sich selber.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="ROMISCHE_FONTANE" id="ROMISCHE_FONTANE"></a>RMISCHE FONTNE<br /> +<br /> +BORGHESE<br /> +<br /> +<br /> +Zwei Becken, eins das andre bersteigend<br /> +aus einem alten runden Marmorrand,<br /> +und aus dem oberen Wasser leis sich neigend<br /> +zum Wasser, welches unten wartend stand,<br /> +<br /> +dem leise redenden entgegenschweigend<br /> +und heimlich, gleichsam in der hohlen Hand<br /> +ihm Himmel hinter Grn und Dunkel zeigend<br /> +wie einen unbekannten Gegenstand;<br /> +<br /> +sich selber ruhig in der schnen Schale<br /> +verbreitend ohne Heimweh, Kreis aus Kreis,<br /> +nur manchmal trumerisch und tropfenweis<br /> +<br /> +sich niederlassend an den Moosbehngen<br /> +zum letzten Spiegel, der sein Hecken leis<br /> +von unten lcheln macht mit Obergngen.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DAS_KARUSSELL" id="DAS_KARUSSELL"></a>DAS KARUSSELL<br /> +<br /> +JARDIN DU LUXEMBOURG<br /> +<br /> +<br /> +Mit einem Dach und seinem Schatten dreht<br /> +sich eine kleine Weile der Bestand<br /> +von bunten Pferden, alle aus dem Land,<br /> +das lange zgert, eh es untergeht.<br /> +Zwar manche sind an Wagen angespannt,<br /> +doch alle haben Mut in ihren Mienen;<br /> +ein bser roter Lwe geht mit ihnen<br /> +und dann und wann ein weier Elefant.<br /> +<br /> +Sogar ein Hirsch ist da ganz wie im Wald,<br /> +nur da er einen Sattel trgt und drber<br /> +ein kleines blaues Mdchen aufgeschnallt.<br /> +<br /> +Und auf dem Lwen reitet wei ein Junge<br /> +und hlt sich mit der kleinen heien Hand,<br /> +dieweil der Lwe Zhne zeigt und Zunge.<br /> +<br /> +Und dann und wann ein weier Elefant.<br /> +<br /> +Und auf den Pferden kommen sie vorber,<br /> +auch Mdchen, helle, diesem Pferdesprunge<br /> +fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge<br /> +schauen sie auf, irgendwohin, herber—<br /> +<br /> +Und dann und wann ein weier Elefant.<br /> +<br /> +Und das geht hin und eilt sich, da es endet,<br /> +und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.<br /> +Ein Rot, ein Grn, ein Grau vorbeigesendet,<br /> +ein kleines kaum begonnenes Profil.<br /> +Und manchesmal ein Lcheln, hergewendet,<br /> +ein seliges, das blendet und verschwendet<br /> +an dieses atemlose blinde Spiel.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="SPANISCHE_TANZERIN" id="SPANISCHE_TANZERIN"></a>SPANISCHE TNZERIN<br /> +<br /> +<br /> +Wie in der Hand ein Schwefelzndholz, wei,<br /> +eh es zur Klamme kommt, nach allen Seiten<br /> +zuckende Zungen streckt—: beginnt im Kreis<br /> +naher Beschauer hastig, hell und hei<br /> +ihr runder Tanz sich zuckend auszubreiten.<br /> +<br /> +Und pltzlich ist er Flamme ganz und gar.<br /> +<br /> +Mit ihrem Blick entzndet sie ihr Haar<br /> +und dreht auf einmal mit gewagter Kunst<br /> +ihr ganzes Kleid in diese Feuersbrunst,<br /> +aus welcher sich, wie Schlangen, die erschrecken,<br /> +die nackten Arme wach und klappernd strecken.<br /> +<br /> +Und dann: als wrde ihr das Feuer knapp,<br /> +nimmt sie es ganz zusamm und wirft es ab<br /> +sehr herrisch, mit hochmtiger Gebrde<br /> +und schaut: da liegt es rasend auf der Erde<br /> +und flammt noch immer und ergibt sich nicht—.<br /> +Doch sieghaft, sicher und mit einem sen<br /> +grenden Lcheln hebt sie ihr Gesicht<br /> +und stampft es aus mit kleinen festen Fen.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_TURM" id="DER_TURM"></a>DER TURM<br /> +<br /> +TOUR ST.-NICOLAS, FURNES<br /> +<br /> +<br /> +Erdinneres. Als wre dort, wohin<br /> +du blindlings steigst, erst Erdenoberflche,<br /> +zu der du steigst im schrgen Bett der Bche,<br /> +die langsam aus dem suchenden Gerinn<br /> +<br /> +der Dunkelheit entsprungen sind, durch die<br /> +sich dein Gesicht, wie auferstehend, drngt<br /> +und die du pltzlich <i>siehst</i>, als fiele sie<br /> +aus diesem Abgrund, der dich berhngt<br /> +<br /> +und den du, wie er riesig ber dir<br /> +sich umstrzt in dem dmmernden Gesthle,<br /> +erkennst, erschreckt und frchtend, im Gefhle:<br /> +o wenn er steigt, behngen wie ein Stier—:<br /> +<br /> +Da aber nimmt dich aus der engen Endung<br /> +windiges Licht. Fast fliegend siehst du hier<br /> +die Himmel wieder, Blendung ber Blendung,<br /> +und dort die Tiefen, wach und voll Verwendung,<br /> +<br /> +und kleine Tage wie bei Patenier,<br /> +gleichzeitige, mit Stunde neben Stunde,<br /> +durch die die Brcken springen wie die Hunde,<br /> +dem hellen Wege immer auf der Spur,<br /> +den unbeholfne Huser manchmal nur<br /> +verbergen, bis er ganz im Hintergrnde<br /> +beruhigt geht durch Buschwerk und Natur.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DER_PLATZ" id="DER_PLATZ"></a>DER PLATZ<br /> +<br /> +FURNES<br /> +<br /> +<br /> +Willkrlich von Gewesnem ausgeweitet:<br /> +von Wut und Aufruhr, von dem Kunterbunt,<br /> +das die Verurteilten zu Tod begleitet,<br /> +von Buden, von der Jahrmarktsrufer Mund,<br /> +und von dem Herzog, der vorberreitet,<br /> +und von dem Hochmut von Burgund,<br /> +<br /> +(auf allen Seiten Hintergrund):<br /> +<br /> +ladet der Platz zum Einzug seiner Weite<br /> +die fernen Fenster unaufhrlich ein,<br /> +whrend sich das Gefolge und Geleite<br /> +der Leere langsam an den Handelsreihn<br /> +<br /> +verteilt und ordnet. In die Giebel steigend,<br /> +wollen die kleinen Huser alles sehn,<br /> +die Trme voreinander scheu verschweigend,<br /> +die immer malos hinter ihnen stehn.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="QUAI_DU_ROSAIRE" id="QUAI_DU_ROSAIRE"></a>QUAI DU ROSAIRE<br /> +<br /> +BRGGE<br /> +<br /> +<br /> +Die Gassen haben einen sachten Gang<br /> +(wie manchmal Menschen gehen im Genesen<br /> +nachdenkend: was ist frher hier gewesen?)<br /> +und die an Pltze kommen, warten lang<br /> +<br /> +auf eine andre, die mit einem Schritt<br /> +ber das abendklare Wasser tritt,<br /> +darin, je mehr sich rings die Dinge mildern,<br /> +die eingehngte Welt von Spiegelbildern<br /> +so wirklich wird, wie diese Dinge nie.<br /> +<br /> +Verging nicht diese Stadt? Nun siehst du, wie<br /> +(nach einem unbegreiflichen Gesetz)<br /> +sie wach und deutlich wird im Umgestellten,<br /> +als wre dort das Leben nicht so selten;<br /> +dort hngen jetzt die Grten gro und gelten,<br /> +dort dreht sich pltzlich hinter schnell erhellten<br /> +Fenstern der Tanz in den Estaminets.<br /> +<br /> +Und oben blieb?—Die Stille nur, ich glaube,<br /> +und kostet langsam und von nichts gedrngt<br /> +Beere um Beere aus der sen Traube<br /> +des Glockenspiels, das in den Himmeln hngt.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="BEGUINAGE" id="BEGUINAGE"></a>BGUINAGE<br /> +<br /> +BGUINAGE SAINTE-ELISABETH. BRGGE<br /> +<br /> +<br /> +I<br /> +<br /> +<br /> +Das hohe Tor scheint keine einzuhalten,<br /> +die Brcke geht gleich gerne hin und her,<br /> +und doch sind sicher alle in dem alten<br /> +offenen Ulmenhof und gehn nicht mehr<br /> +aus ihren Husern, als auf jenem Streifen<br /> +zur Kirche hin, um besser zu begreifen,<br /> +warum in ihnen so viel Liebe war.<br /> +<br /> +Dort knieen sie, verdeckt mit reinem Leinen<br /> +so gleich, als wre nur das Bild der einen<br /> +tausendmal im Choral, der tief und klar<br /> +zu Spiegeln wird an den verteilten Pfeilern;<br /> +und ihre Stimmen gehn den immer steilern<br /> +Gesang hinan und werfen sich von dort,<br /> +wo es nicht weitergeht, vom letzten Wort,<br /> +den Engeln zu, die sie nicht wiedergeben.<br /> +<br /> +Drum sind die unten, wenn sie sich erheben<br /> +und wenden, still. Drum reichen sie sich schweigend<br /> +mit einem Neigen, Zeigende zu zeigend<br /> +Empfangenden, geweihtes Wasser, das<br /> +die Stirnen khl macht und die Munde bla.<br /> +<br /> +Und gehen dann, verhangen und verhalten,<br /> +auf jenem Streifen wieder berquer—<br /> +die Jungen ruhig, ungewi die Alten<br /> +und eine Greisin, weilend, hinterher—<br /> +zu ihren Husern, die sie schnell verschweigen<br /> +und die sich durch die Ulmen hin von Zeit<br /> +zu Zeit ein wenig reine Einsamkeit,<br /> +in einer kleinen Scheibe schimmernd, zeigen.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +II<br /> +<br /> +<br /> +Was aber spiegelt mit den tausend Scheiben<br /> +das Kirchenfenster in den Hof hinein,<br /> +darin sich Schweigen, Schein und Widerschein<br /> +vermischen, trinken, trben, bertreiben,<br /> +phantastisch alternd wie ein alter Wein?<br /> +<br /> +Dort legt sich, keiner wei von welcher Seite,<br /> +Auen auf Inneres und Ewigkeit<br /> +auf Immer-Hingehn, Weite ber Weite,<br /> +erblindend, finster, unbenutzt, verbleit.<br /> +<br /> +Dort bleibt, unter dem schwankenden Dekor<br /> +des Sommertags, das Graue alter Winter:<br /> +als stnde regungslos ein sanftgesinnter<br /> +langmtig lange Wartender dahinter<br /> +und eine weinend Wartende davor.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DIE_MARIENPROZESSION" id="DIE_MARIENPROZESSION"></a>DIE MARIENPROZESSION<br /> +<br /> +GENT<br /> +<br /> +<br /> +Aus allen Trmen strzt sich, Flu um Flu,<br /> +hinwallendes Metall in solchen Massen,<br /> +als sollte drunten in der Form der Gassen<br /> +ein blanker Tag erstehn aus Bronzegu,<br /> +<br /> +an dessen Rand, gehmmert und erhaben,<br /> +zu sehen ist der buntgebundne Zug<br /> +der leichten Mdchen und der neuen Knaben,<br /> +und wie er Wellen schlug und trieb und trug,<br /> +hinabgehalten von dem ungewissen<br /> +Gewicht der Fahnen und von Hindernissen<br /> +gehemmt, unsichtbar wie die Hand des Herrn;<br /> +<br /> +und drben pltzlich beinah mitgerissen<br /> +vom Aufstieg aufgescheuchter Rucherbecken,<br /> +die fliegend, alle sieben, wie im Schrecken<br /> +an ihren Silberketten zerrn.<br /> +<br /> +Die Bschung Schauender umschliet die Schiene,<br /> +in der das alles stockt und rauscht und rollt:<br /> +das Kommende, das Chryselephantine,<br /> +aus dem sich zu Balkonen Baldachine<br /> +aufbumen, schwankend im Behang von Gold.<br /> +<br /> +Und sie erkennen ber all dem Weien,<br /> +getragen und im spanischen Gewand,<br /> +das alte Standbild mit dem kleinen heien<br /> +Gesichte und dem Kinde auf der Hand<br /> +und knieen hin, je mehr es naht und naht,<br /> +in seiner Krone ahnungslos veraltend<br /> +und immer noch das Segnen hlzern haltend<br /> +aus dem sich gro gebrdenden Brokat.<br /> +<br /> +Da aber, wie es an den Hingeknieten<br /> +vorberkommt, die scheu von unten schaun,<br /> +da scheint es seinen Trgern zu gebieten<br /> +mit einem Hochziehn seiner Augenbraun,<br /> +hochmtig, ungehalten und bestimmt:<br /> +so da sie staunen, stehn und berlegen<br /> +und schlielich zgernd gehn. Sie aber nimmt<br /> +<br /> +in sich die Schritte dieses ganzen Stromes<br /> +und geht, allein, wie auf erkannten Wegen<br /> +dem Glockendonnern des grooffnen Domes<br /> +auf hundert Schultern frauenhaft entgegen.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DIE_INSEL" id="DIE_INSEL"></a>DIE INSEL<br /> +<br /> +NORDSEE<br /> +<br /> +<br /> +I<br /> +<br /> +<br /> +Die nchste Flut verwischt den Weg im Watt,<br /> +und alles wird auf allen Seiten gleich;<br /> +die kleine Insel drauen aber hat<br /> +die Augen zu; verwirrend kreist der Deich<br /> +<br /> +um ihre Wohner, die in einen Schlaf<br /> +geboren werden, drin sie viele Welten<br /> +verwechseln schweigend; denn sie reden selten,<br /> +und jeder Satz ist wie ein Epitaph<br /> +<br /> +fr etwas Angeschwemmtes, Unbekanntes,<br /> +das unerklrt zu ihnen kommt und bleibt.<br /> +Und so ist alles, was ihr Blick beschreibt,<br /> +<br /> +von Kindheit an: nicht auf sie Angewandtes,<br /> +zu Groes, Rcksichtsloses, Hergesandtes,<br /> +das ihre Einsamkeit noch bertreibt.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +II<br /> +<br /> +<br /> +Als lge er in einem Kraterkreise<br /> +auf einem Mond: ist jeder Hof umdmmt,<br /> +und drin die Grten sind auf gleiche Weise<br /> +gekleidet und wie Waisen gleich gekmmt<br /> +<br /> +von jenem Sturm, der sie so rauh erzieht<br /> +und tagelang sie bange macht mit Toden.<br /> +Dann sitzt man in den Husern drin und sieht<br /> +in schiefen Spiegeln, was auf den Kommoden<br /> +<br /> +Seltsames steht. Und einer von den Shnen<br /> +tritt abends vor die Tr und zieht ein Tnen<br /> +aus der Harmonika wie Weinen weich;<br /> +<br /> +so hrte ers in einem fremden Hafen—.<br /> +Und drauen formt sich eines von den Schafen<br /> +ganz gro, fast drohend, auf dem Auendeich.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +III<br /> +<br /> +<br /> +Nah ist nur Innres; alles andre fern.<br /> +Und dieses Innere gedrngt und tglich<br /> +mit allem berfllt und ganz unsglich.<br /> +Die Insel ist wie ein zu kleiner Stern,<br /> +<br /> +welchen der Raum nicht merkt und stumm zerstrt<br /> +in seinem unbewuten Furchtbarsein,<br /> +so da er, unerhellt und berhrt,<br /> +allein,<br /> +<br /> +damit dies alles doch ein Ende nehme,<br /> +dunkel auf einer selbsterfundnen Bahn<br /> +versucht zu gehen, blindlings, nicht im Plan<br /> +der Wandelsterne, Sonnen und Systeme.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="HETARENGRABER" id="HETARENGRABER"></a>HETRENGRBER<br /> +<br /> +<br /> +In ihren langen Haaren liegen sie<br /> +mit braunen, tief in sich gegangenen Gesichtern.<br /> +Die Augen zu wie vor zu vieler Ferne.<br /> +Skelette, Munde, Blumen. In den Munden<br /> +die glatten Zhne wie ein Reiseschachspiel<br /> +aus Elfenbein in Reihen aufgestellt.<br /> +Und Blumen, gelbe Perlen, schlanke Knochen,<br /> +Hnde und Hemden, welkende Gewebe<br /> +ber dem eingestrzten Herzen. Aber<br /> +dort unter jenen Ringen, Talismanen<br /> +und augenblauen Steinen (Lieblings-Angedenken)<br /> +steht noch die stille Krypta des Geschlechtes,<br /> +bis an die Wlbung voll mit Blumenblttern.<br /> +Und wieder gelbe Perlen, weitverrollte,—<br /> +Schalen gebrannten Tones, deren Bug<br /> +ihr eignes Bild geziert hat, grne Scherben<br /> +von Salbenvasen, die wie Blumen duften,<br /> +und Formen kleiner Gtter: Hausaltre,<br /> +Hetrenhimmel mit entzckten Gttern.<br /> +Gesprengte Grtel, flache Skaraben,<br /> +kleine Figuren riesigen Geschlechtes,<br /> +ein Mund, der lacht, und Tanzende und Lufer,<br /> +goldene Fibeln, kleinen Bogen hnlich<br /> +zur Jagd auf Tier- und Vogelamulette,<br /> +und lange Nadeln, zieres Hausgerte<br /> +und eine runde Scherbe roten Grundes,<br /> +darauf, wie eines Eingangs schwarze Aufschrift,<br /> +die straffen Beine eines Viergespannes.<br /> +Und wieder Blumen, Perlen, die verrollt sind,<br /> +die hellen Lenden einer kleinen Leier,<br /> +und zwischen Schleiern, die gleich Nebeln fallen,<br /> +wie ausgekrochen aus des Schuhes Puppe:<br /> +des Fugelenkes leichter Schmetterling.<br /> +<br /> +So liegen sie mit Dingen angefllt,<br /> +kostbaren Dingen, Steinen, Spielzeug, Hausrat,<br /> +zerschlagnem Tand (was alles in sie abfiel),<br /> +und dunkeln wie der Grund von einem Flu.<br /> +<br /> +Flubetten waren sie,<br /> +darber hin in kurzen schnellen Wellen<br /> +(die weiter wollten zu dem nchsten Leben)<br /> +die Leiber vieler Jnglinge sich strzten<br /> +und in denen der Mnner Strme rauschten.<br /> +Und manchmal brachen Knaben aus den Bergen<br /> +der Kindheit, kamen zagen Falles nieder<br /> +und spielten mit den Dingen auf dem Grunde,<br /> +bis das Geflle ihr Gefhl ergriff:<br /> +<br /> +Dann fllten sie mit flachem klaren Wasser<br /> +die ganze Breite dieses breiten Weges<br /> +und trieben Wirbel an den tiefen Stellen;<br /> +und spiegelten zum erstenmal die Ufer<br /> +und ferne Vogelrufe, whrend hoch<br /> +die Sternennchte eines sen Landes<br /> +in Himmel wuchsen, die sich nirgends schlossen.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="ORPHEUS_EURYDIKE_HERMES" id="ORPHEUS_EURYDIKE_HERMES"></a>ORPHEUS. EURYDIKE. HERMES<br /> +<br /> +<br /> +Das war der Seelen wunderliches Bergwerk.<br /> +Wie stille Silbererze gingen sie<br /> +als Adern durch sein Dunkel. Zwischen Wurzeln<br /> +entsprang das Blut, das fortgeht zu den Menschen,<br /> +und schwer wie Porphyr sah es aus im Dunkel.<br /> +Sonst war nichts Rotes.<br /> +<br /> +Felsen war da<br /> +und wesenlose Wlder. Brcken ber Leeres<br /> +und jener groe, graue, blinde Teich,<br /> +der ber seinem fernen Grunde hing<br /> +wie Regenhimmel ber einer Landschaft.<br /> +Und zwischen Wiesen, sanft und voller Langmut,<br /> +erschien des einen Weges blasser Streifen<br /> +wie eine lange Bleiche hingelegt.<br /> +<br /> +Und dieses einen Weges kamen sie.<br /> +<br /> +Voran der schlanke Mann im blauen Mantel,<br /> +der stumm und ungeduldig vor sich aussah.<br /> +Ohne zu kauen fra sein Schritt den Weg<br /> +in groen Bissen; seine Hnde hingen<br /> +schwer und verschlossen aus dem Fall der Falten<br /> +und wuten nicht mehr von der leichten Leier,<br /> +die in die Linke eingewachsen war<br /> +wie Rosenranken in den Ast des lbaums.<br /> +Und seine Sinne waren wie entzweit:<br /> +<br /> +indes der Blick ihm wie ein Hund vorauslief,<br /> +umkehrte, kam und immer wieder weit<br /> +und wartend an der nchsten Wendung stand,—<br /> +blieb sein Gehr wie ein Geruch zurck.<br /> +Manchmal erschien es ihm, als reichte es<br /> +bis an das Gehen jener beiden andern,<br /> +die folgen sollten diesen ganzen Aufstieg.<br /> +Dann wieder wars nur seines Steigens Nachklang<br /> +und seines Mantels Wind, was hinter ihm war.<br /> +Er aber sagte sich, sie kmen doch;<br /> +sagte es laut und hrte sich verhallen.<br /> +Sie kmen doch, nur wrens zwei,<br /> +die furchtbar leise gingen. Drfte er<br /> +sich einmal wenden (wre das Zurckschaun<br /> +nicht die Zersetzung dieses ganzen Werkes,<br /> +das erst vollbracht wird), mte er sie sehen,<br /> +die beiden Leisen, die ihm schweigend nachgehn:<br /> +<br /> +den Gott des Ganges und der weiten Botschaft,<br /> +die Reischaube ber hellen Augen,<br /> +den schlanken Stab hertragend vor dem Leibe<br /> +und flgelschlagend an den Fugelenken;<br /> +und seiner linken Hand gegeben: <i>sie</i>.<br /> +Die So-geliebte, da aus einer Leier<br /> +mehr Klage kam als je aus Klagefrauen;<br /> +da eine Welt aus Klage ward, in der<br /> +alles noch einmal da war: Wald und Tal<br /> +und Weg und Ortschaft, Feld und Flu und Tier;<br /> +und da um diese Klage-Welt ganz so<br /> +wie um die andre Erde eine Sonne<br /> +und ein gestirnter stiller Himmel ging,<br /> +ein Klage-Himmel mit entstellten Sternen—:<br /> +diese So-geliebte.<br /> +<br /> +Sie aber ging an jenes Gottes Hand,<br /> +den Schritt beschrnkt von langen Leichenbndern,<br /> +unsicher, sanft und ohne Ungeduld.<br /> +Sie war in sich wie eine hoher Hoffnung<br /> +und dachte nicht des Mannes, der voranging,<br /> +und nicht des Weges, der ins Leben aufstieg.<br /> +Sie war in sich. Und ihr Gestorbensein<br /> +erfllte sie wie Flle.<br /> +Wie eine Frucht von Sigkeit und Dunkel,<br /> +so war sie voll von ihrem groen Tode,<br /> +der also neu war, da sie nichts begriff.<br /> +<br /> +Sie war in einem neuen Mdchentum<br /> +und unberhrbar; ihr Geschlecht war zu<br /> +wie eine junge Blume gegen Abend,<br /> +und ihre Hnde waren der Vermhlung<br /> +so sehr entwhnt, da selbst des leichten Gottes<br /> +unendlich leise leitende Berhrung<br /> +sie krnkte wie zu sehr Vertraulichkeit.<br /> +<br /> +Sie war schon nicht mehr diese blonde Frau,<br /> +die in des Dichters Liedern manchmal anklang,<br /> +nicht mehr des breiten Bettes Duft und Eiland<br /> +und jenes Mannes Eigentum nicht mehr.<br /> +Sie war schon aufgelst wie langes Haar<br /> +und hingegeben wie gefallner Regen<br /> +und ausgeteilt wie hundertfacher Vorrat.<br /> +<br /> +Sie war schon Wurzel.<br /> +Und als pltzlich jh<br /> +der Gott sie anhielt und mit Schmerz im Ausruf<br /> +die Worte sprach: Er hat sich umgewendet<br /> +begriff sie nichts und sagte leise: Wer?<br /> +<br /> +Fern aber, dunkel vor dem klaren Ausgang,<br /> +stand irgend jemand, dessen Angesicht<br /> +nicht zu erkennen war. Er stand und sah,<br /> +wie auf dem Streifen eines Wiesenpfades<br /> +mit trauervollem Blick der Gott der Botschaft<br /> +sich schweigend wandte, der Gestalt zu folgen,<br /> +die schon zurckging dieses selben Weges,<br /> +den Schritt beschrnkt von langen Leichenbndern,<br /> +unsicher, sanft und ohne Ungeduld.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="ALKESTIS" id="ALKESTIS"></a>ALKESTIS<br /> +<br /> +<br /> +Da pltzlich war der Bote unter ihnen,<br /> +hineingeworfen in das berkochen<br /> +des Hochzeitsmahles wie ein neuer Zusatz.<br /> +Sie fhlten nicht, die Trinkenden, des Gottes<br /> +heimlichen Eintritt, welcher seine Gottheit<br /> +so an sich hielt wie einen nassen Mantel<br /> +und ihrer einer schien, der oder jener,<br /> +wie er so durchging. Aber pltzlich sah<br /> +mitten im Sprechen einer von den Gsten<br /> +den jungen Hausherrn oben an dem Tische<br /> +wie in die Hh gerissen, nicht mehr liegend<br /> +und berall und mit dem ganzen Wesen<br /> +ein Fremdes spiegelnd, das ihn furchtbar ansprach.<br /> +Und gleich darauf, als klrte sich die Mischung,<br /> +war Stille; nur mit einem Satz am Boden<br /> +von trbem Lrm und einem Niederschlag<br /> +fallenden Lallens, schon verdorben riechend<br /> +nach dumpfem umgestandenen Gelchter.<br /> +Und da erkannten sie den schlanken Gott,<br /> +und wie er dastand, innerlich voll Sendung<br /> +und unerbittlich,—wuten sie es beinah.<br /> +Und doch, als es gesagt war, war es mehr<br /> +als alles Wissen, gar nicht zu begreifen.<br /> +Admet mu sterben. Wann? In dieser Stunde.<br /> +<br /> +Der aber brach die Schale seines Schreckens<br /> +in Stcken ab und streckte seine Hnde<br /> +heraus aus ihr, um mit dem Gott zu handeln.<br /> +Um Jahre, um ein einzig Jahr noch Jugend,<br /> +um Monate, um Wochen, um paar Tage,<br /> +ach, Tage nicht, um Nchte, nur um eine,<br /> +um eine Nacht, um diese nur: um die.<br /> +Der Gott verneinte, und da schrie er auf<br /> +und schrie's hinaus und hielt es nicht und schrie,<br /> +wie seine Mutter aufschrie beim Gebren.<br /> +<br /> +Und die trat zu ihm, eine alte Frau,<br /> +und auch der Vater kam, der alte Vater,<br /> +und beide standen, alt, veraltet, ratlos,<br /> +beim Schreienden, der pltzlich, wie noch nie<br /> +so nah, sie ansah, abbrach, schluckte, sagte:<br /> +Vater,<br /> +liegt dir denn viel daran an diesem Rest,<br /> +an diesem Satz, der dich beim Schlingen hindert?<br /> +Geh, gie ihn weg. Und du, du alte Frau,<br /> +Matrone,<br /> +was tust du denn noch hier: du hast geboren.<br /> +Und beide hielt er sie wie Opfertiere<br /> +in einem Griff. Auf einmal lie er los<br /> +und stie die Alten fort, voll Einfall, strahlend<br /> +und atemholend, rufend: Kreon, Kreon!<br /> +Und nichts als das; und nichts als diesen Namen.<br /> +Aber in seinem Antlitz stand das andere,<br /> +das er nicht sagte, namenlos erwartend,<br /> +wie ers dem jungen Freunde, dem Geliebten,<br /> +erglhend hinhielt bern wirren Tisch.<br /> +<br /> +Die Alten (stand da), siehst du, sind kein Loskauf,<br /> +sie sind verbraucht und schlecht und beinah wertlos,<br /> +du aber, du, in deiner ganzen Schnheit—<br /> +<br /> +Da aber sah er seinen Freund nicht mehr.<br /> +Er blieb zurck, und das, was kam, war sie,<br /> +ein wenig kleiner fast, als er sie kannte,<br /> +und leicht und traurig in dem bleichen Brautkleid.<br /> +Die andern alle sind nur ihre Gasse,<br /> +durch die sie kommt und kommt—: (gleich wird sie da sein<br /> +in seinen Armen, die sich schmerzhaft auftun).<br /> +Doch wie er wartet, spricht sie; nicht zu ihm.<br /> +Sie spricht zum Gotte, und der Gott vernimmt sie,<br /> +und alle hrens gleichsam erst im Gotte:<br /> +<br /> +Ersatz kann keiner fr ihn sein. Ich bins.<br /> +Ich bin Ersatz. Denn keiner ist zu Ende,<br /> +wie ich es bin. Was bleibt mir denn von dem,<br /> +was ich hier war? Das <i>ists</i> ja, da ich sterbe.<br /> +Hat sie dirs nicht gesagt, da sie dirs auftrug,<br /> +da jenes Lager, das da drinnen wartet,<br /> +zur Unterwelt gehrt? Ich nahm ja Abschied.<br /> +Abschied ber Abschied.<br /> +Kein Sterbender nimmt mehr davon. Ich ging ja,<br /> +damit das alles, unter dem begraben,<br /> +der jetzt mein Gatte ist, zergeht, sich auflst—.<br /> +So fr mich hin: ich sterbe ja fr ihn.<br /> +<br /> +Und wie der Wind auf hoher See, der umspringt,<br /> +so trat der Gott fast wie zu einer Toten<br /> +und war auf einmal weit von ihrem Gatten,<br /> +dem er, versteckt in einem kleinen Zeichen,<br /> +die hundert Leben dieser Erde zuwarf.<br /> +Der strzte taumelnd zu den beiden hin<br /> +und griff nach ihnen wie im Traum. Sie gingen<br /> +schon auf den Eingang zu, in dem die Frauen<br /> +verweint sich drngten. Aber einmal sah<br /> +er noch des Mdchens Antlitz, das sich wandte<br /> +mit einem Lcheln, hell wie eine Hoffnung,<br /> +die beinah ein Versprechen war: erwachsen<br /> +zurckzukommen aus dem tiefen Tode<br /> +zu ihm, dem Lebenden—<br /> +<br /> +Da schlug er jh<br /> +die Hnde vors Gesicht, wie er so kniete,<br /> +um nichts zu sehen mehr nach diesem Lcheln.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="GEBURT_DER_VENUS" id="GEBURT_DER_VENUS"></a>GEBURT DER VENUS<br /> +<br /> +<br /> +An diesem Morgen nach der Nacht, die bang<br /> +vergangen war mit Rufen, Unruh, Aufruhr,—<br /> +brach alles Meer noch einmal auf und schrie.<br /> +Und als der Schrei sich langsam wieder schlo<br /> +und von der Himmel blassem Tag und Anfang<br /> +herabfiel in der stummen Fische Abgrund—:<br /> +gebar das Meer.<br /> +<br /> +Von erster Sonne schimmerte der Haarschaum<br /> +der weiten Wogenscham, an deren Rand<br /> +das Mdchen aufstand, wei, verwirrt und feucht.<br /> +So wie ein junges grnes Blatt sich rhrt,<br /> +sich reckt und Eingerolltes langsam aufschlgt,<br /> +entfaltete ihr Leib sich in die Khle<br /> +hinein und in den unberhrten Frhwind.<br /> +<br /> +Wie Monde stiegen klar die Kniee auf<br /> +und tauchten in der Schenkel Wolkenrnder;<br /> +der Waden schmaler Schatten wich zurck,<br /> +die Fe spannten sich und wurden licht,<br /> +und die Gelenke lebten wie die Kehlen<br /> +von Trinkenden.<br /> +<br /> +Und in dem Kelch des Beckens lag der Leib<br /> +wie eine junge Frucht in eines Kindes Hand.<br /> +In seines Nabels engem Becher war<br /> +das ganze Dunkel dieses hellen Lebens.<br /> +<br /> +Darunter hob sich licht die kleine Welle<br /> +und flo bestndig ber nach den Lenden,<br /> +wo dann und wann ein stilles Rieseln war.<br /> +Durchschienen aber und noch ohne Schatten,<br /> +wie ein Bestand von Birken im April,<br /> +warm, leer und unverborgen lag die Scham.<br /> +<br /> +Jetzt stand der Schultern rege Wage schon<br /> +im Gleichgewichte auf dem graden Krper,<br /> +der aus dem Becken wie ein Springbrunn aufstieg<br /> +und zgernd in den langen Armen abfiel<br /> +und rascher in dem vollen Kall des Haars.<br /> +<br /> +Dann ging sehr langsam das Gesicht vorbei:<br /> +aus dem verkrzten Dunkel seiner Neigung<br /> +in klares, wagrechtes Erhobensein.<br /> +Und hinter ihm verschlo sich steil das Kinn.<br /> +<br /> +Jetzt, da der Hals gestreckt war wie ein Strahl<br /> +und wie ein Blumenstiel, darin der Saft steigt,<br /> +streckten sich auch die Arme aus wie Hlse<br /> +von Schwnen, wenn sie nach dem Ufer suchen.<br /> +<br /> +Dann kam in dieses Leibes dunkle Frhe<br /> +wie Morgenwind der erste Atemzug.<br /> +Im zartesten Gest der Aderbume<br /> +entstand ein Flstern, und das Blut begann<br /> +zu rauschen ber seinen tiefen Stellen.<br /> +Und dieser Wind wuchs an: nun warf er sich<br /> +mit allem Atem in die neuen Brste<br /> +und fllte sie und drckte sich in sie,—<br /> +da sie wie Segel, von der Ferne voll,<br /> +das leichte Mdchen nach dem Strande drngten.<br /> +<br /> +So landete die Gttin.<br /> +<br /> +Hinter ihr,<br /> +die rasch dahinschritt durch die jungen Ufer,<br /> +erhoben sich den ganzen Vormittag<br /> +die Blumen und die Halme, warm, verwirrt<br /> +wie aus Umarmung. Und sie ging und lief.<br /> +<br /> +Am Mittag aber, in der schwersten Stunde,<br /> +hob sich das Meer noch einmal auf und warf<br /> +einen Delphin an jene selbe Stelle.<br /> +Tot, rot und offen.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="DIE_ROSENSCHALE" id="DIE_ROSENSCHALE"></a>DIE ROSENSCHALE<br /> +<br /> +<br /> +Zornige sahst du flackern, sahst zwei Knaben<br /> +zu einem Etwas sich zusammenballen,<br /> +das Ha war und sich auf der Erde wlzte<br /> +wie ein von Bienen berfallnes Tier;<br /> +Schauspieler, aufgetrmte bertreiber,<br /> +rasende Pferde, die zusammenbrachen,<br /> +den Blick wegwerfend, blkend das Gebi,<br /> +als schlte sich der Schdel aus dem Maule.<br /> +<br /> +Nun aber weit du, wie sich das vergit:<br /> +denn vor dir steht die volle Rosenschale,<br /> +die unvergelich ist und angefllt<br /> +mit jenem uersten von Sein und Neigen,<br /> +Hinhalten, Niemals-Gebenknnen, Dastehn,<br /> +das unser sein mag: uerstes auch uns.<br /> +<br /> +Lautloses Leben, Aufgehn ohne Ende,<br /> +Raum-brauchen, ohne Raum von jenem Raum<br /> +zu nehmen, den die Dinge rings verringern,<br /> +fast nicht Umrissen-sein wie Ausgespartes<br /> +und lauter Inneres, viel seltsam Zartes<br /> +und Sich-bescheinendes bis an den Rand:<br /> +ist irgend etwas uns bekannt wie dies?<br /> +Und dann wie dies: da ein Gefhl entsteht,<br /> +weil Bltenbltter Bltenbltter rhren?<br /> +<br /> +Und dies: da eins sich aufschlgt wie ein Lid,<br /> +und drunter liegen lauter Augenlider,<br /> +geschlossene, als ob sie zehnfach schlafend<br /> +zu dmpfen htten eines Innern Sehkraft.<br /> +Und dies vor allem: da durch diese Bltter<br /> +das Licht hindurch mu. Aus den tausend Himmeln<br /> +filtern sie langsam jeden Tropfen Dunkel,<br /> +in dessen Feuerschein das wirre Bndel<br /> +der Staubgele sich erregt und aufbumt.<br /> +<br /> +Und die Bewegung in den Rosen, sieh:<br /> +Gebrden von so kleinem Ausschlagswinkel,<br /> +da sie unsichtbar blieben, liefen ihre<br /> +Strahlen nicht auseinander in das Weltall.<br /> +<br /> +Sieh jene weie, die sich selig aufschlug<br /> +und dasteht in den groen offnen Blttern<br /> +wie eine Venus aufrecht in der Muschel;<br /> +und die errtende, die wie verwirrt<br /> +nach einer khlen sich hinberwendet,<br /> +und wie die khle fhllos sich zurckzieht,<br /> +und wie die kalte steht, in sich gehllt,<br /> +unter den offenen, die alles abtun.<br /> +Und <i>was</i> sie abtun, wie das leicht und schwer,<br /> +wie es ein Mantel, eine Last, ein Flgel<br /> +und eine Maske sein kann, je nachdem,<br /> +und <i>wie</i> sie's abtun: wie vor dem Geliebten.<br /> +<br /> +Was knnen sie nicht sein: war jene gelbe,<br /> +die hohl und offen daliegt, nicht die Schale<br /> +von einer Frucht, darin dasselbe Gelb,<br /> +gesammelter, orangerter, Saft war?<br /> +Und wars fr diese schon zu viel, das Aufgehn,<br /> +weil an der Luft ihr namenloses Rosa<br /> +den bittern Nachgeschmack des Lila annahm?<br /> +Und die batistene, ist sie kein Kleid,<br /> +in dem noch zart und atemwarm das Hemd steckt,<br /> +mit dem zugleich es abgeworfen wurde<br /> +im Morgenschatten an dem alten Waldbad?<br /> +Und dieses hier, opalnes Porzellan,<br /> +zerbrechlich, eine flache Chinatasse<br /> +und angefllt mit kleinen hellen Faltern,—<br /> +und jene da, die nichts enthlt als sich?<br /> +<br /> +Und sind nicht alle so, nur sich enthaltend,<br /> +wenn Sich-enthalten heit: die Welt da drauen<br /> +und Wind und Regen und Geduld des Frhlings<br /> +und Schuld und Unruh und vermummtes Schicksal<br /> +und Dunkelheit der abendlichen Erde<br /> +bis auf der Wolken Wandel, Flucht und Anflug,<br /> +bis auf den vagen Einflu ferner Sterne<br /> +in eine Hand voll Innres zu verwandeln?<br /> +<br /> +Nun liegt es sorglos in den offnen Rosen.<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<br /> +<a name="INHALT" id="INHALT"></a>INHALT<br /> +<br /> +<br /> +<a href="#FRUHER_APOLLO">Frher Apollo</a><br /> +<a href="#MADCHENKLAGE">Mdchenklage</a><br /> +<a href="#LIEBESLIED">Liebeslied</a><br /> +<a href="#ERANNA_AN_SAPPHO">Eranna an Sappho</a><br /> +<a href="#SAPPHO_AN_ERANNA">Sappho an Eranna</a><br /> +<a href="#SAPPHO_AN_ALKAIOS">Sappho an Alkaos</a> (Fragment)<br /> +<a href="#GRABMAL_EINES_JUNGEN_MADCHENS">Grabmal eines jungen Mdchens</a><br /> +<a href="#OPFER">Opfer</a><br /> +<a href="#OSTLICHES_TAGLIED">stliches Taglied</a><br /> +<a href="#ABISAG">Abisag</a><br /> +<a href="#DAVID_SINGT_VOR_SAUL">David singt vor Saul</a><br /> +<a href="#JOSUAS_LANDTAG">Josuas Landtag</a><br /> +<a href="#DER_AUSZUG_DES_VERLORENEN_SOHNES">Der Auszug des verlorenen Sohnes</a><br /> +<a href="#DER_OLBAUMGARTEN">Der lbaumgarten</a><br /> +<a href="#PIETA">Piet</a><br /> +<a href="#GESANG_DER_FRAUEN_AN_DEN_DICHTER">Gesang der Frauen an den Dichter</a><br /> +<a href="#DER_TOD_DES_DICHTERS">Der Tod des Dichters</a><br /> +<a href="#BUDDHA">Buddha</a><br /> +<a href="#LANGE_DU_MERIDIEN">L'Ange du Mridien</a> (Chartres)<br /> +<a href="#DIE_KATHEDRALE">Die Kathedrale</a><br /> +<a href="#DAS_PORTAL">Das Portal</a><br /> +<a href="#DIE_FENSTERROSE">Die Fensterrose</a><br /> +<a href="#DAS_KAPITAL">Das Kapitl</a><br /> +<a href="#GOTT_IM_MITTELALTER">Gott im Mittelalter</a><br /> +<a href="#MORGUE">Morgue</a><br /> +<a href="#DER_GEFANGENE">Der Gefangene</a><br /> +<a href="#DER_PANTHER">Der Panther</a> (Im Jardin des Plantes, Paris)<br /> +<a href="#DIE_GAZELLE">Die Gazelle</a> (Antilope dorcas)<br /> +<a href="#DAS_EINHORN">Das Einhorn</a><br /> +<a href="#SANKT_SEBASTIAN">Sankt Sebastian</a><br /> +<a href="#DER_STIFTER">Der Stifter</a><br /> +<a href="#DER_ENGEL">Der Engel</a><br /> +<a href="#ROMISCHE_SARKOPHAGE">Rmische Sarkophage</a><br /> +<a href="#DER_SCHWAN">Der Schwan</a><br /> +<a href="#KINDHEIT">Kindheit</a><br /> +<a href="#DER_DICHTER">Der Dichter</a><br /> +<a href="#DIE_SPITZE">Die Spitze</a><br /> +<a href="#EIN_FRAUENSCHICKSAL">Ein Frauenschicksal</a><br /> +<a href="#DIE_GENESENDE">Die Genesende</a><br /> +<a href="#DIE_ERWACHSENE">Die Erwachsene</a><br /> +<a href="#TANAGRA">Tanagra</a><br /> +<a href="#DIE_ERBLINDENDE">Die Erblindende</a><br /> +<a href="#IN_EINEM_FREMDEN_PARK">In einem fremden Park</a> (Borgeby-Grd)<br /> +<a href="#ABSCHIED">Abschied</a><br /> +<a href="#TODESERFAHRUNG">Todeserfahrung</a><br /> +<a href="#BLAUE_HORTENSIE">Blaue Hortensie</a><br /> +<a href="#VOR_DEM_SOMMERREGEN">Vor dem Sommerregen</a><br /> +<a href="#IM_SAAL">Im Saal</a><br /> +<a href="#LETZTER_ABEND">Letzter Abend</a> (Aus dem Besitze Frau Nonnas)<br /> +<a href="#JUGENDBILDNIS_MEINES_VATERS">Jugendbildnis meines Vaters</a><br /> +<a href="#SELBSTBILDNIS_AUS_DEM_JAHRE_1906">Selbstbildnis aus dem Jahre 1906</a><br /> +<a href="#DER_KONIG">Der Knig</a><br /> +<a href="#AUFERSTEHUNG">Auferstehung</a><br /> +<a href="#DER_FAHNENTRAGER">Der Fahnentrger</a><br /> +<a href="#DER_LETZTE_GRAF_VON_BREDERODE">Der letzte Graf von Brederode entzieht sich trkischer Gefangenschaft</a><br /> +<a href="#DIE_KURTISANE">Die Kurtisane</a><br /> +<a href="#DIE_TREPPE_DER_ORANGERIE">Die Treppe der Orangerie</a> (Versailles)<br /> +<a href="#DER_MARMORKARREN">Der Marmorkarren</a> (Paris)<br /> +<a href="#BUDDHA_II">Buddha</a><br /> +<a href="#ROMISCHE_FONTANE">Rmische Fontne</a> (Borghese)<br /> +<a href="#DAS_KARUSSELL">Das Karussell</a> (Jardin du Luxembourg)<br /> +<a href="#SPANISCHE_TANZERIN">Spanische Tnzerin</a><br /> +<a href="#DER_TURM">Der Turm</a> (Tour St.-Nicolas, Furnes)<br /> +<a href="#DER_PLATZ">Der Platz</a> (Furnes)<br /> +<a href="#QUAI_DU_ROSAIRE">Quai du Rosaire</a> (Brgge)<br /> +<a href="#BEGUINAGE">Bguinage</a> (Bguinage Sainte-Elisabeth, Brgge)<br /> +<a href="#DIE_MARIENPROZESSION">Die Marienprozession</a> (Gent)<br /> +<a href="#DIE_INSEL">Die Insel</a> (Nordsee)<br /> +<a href="#HETARENGRABER">Hetrengrber</a><br /> +<a href="#ORPHEUS_EURYDIKE_HERMES">Orpheus. Eurydike. Hermes</a><br /> +<a href="#ALKESTIS">Alkestis</a><br /> +<a href="#GEBURT_DER_VENUS">Geburt der Venus</a><br /> +<a href="#DIE_ROSENSCHALE">Die Rosenschale</a><br /> +</p> + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Neue Gedichte, by Rainer Maria Rilke + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NEUE GEDICHTE *** + +***** This file should be named 33863-h.htm or 33863-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/3/8/6/33863/ + +Produced by Marc D'Hooghe at http://www.freeliterature.org + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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