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diff --git a/33863-0.txt b/33863-0.txt new file mode 100644 index 0000000..ff24a6d --- /dev/null +++ b/33863-0.txt @@ -0,0 +1,2580 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 33863 *** + +NEUE GEDICHTE + +Von + +RAINER MARIA RILKE + +LEIPZIG + +IM INSEL-VERLAG + +MCMXX + + + + +KARL UND ELISABETH VON DER HEYDT IN FREUNDSCHAFT + + + + + +FRÜHER APOLLO + + +Wie manches Mal durch das noch unbelaubte +Gezweig ein Morgen durchsieht, der schon ganz +im Frühling ist: so ist in seinem Haupte +nichts, was verhindern könnte, daß der Glanz + +aller Gedichte uns fast tödlich träfe; +denn noch kein Schatten ist in seinem Schaun, +zu kühl für Lorbeer sind noch seine Schläfe, +und später erst wird aus den Augenbraun + +hochstämmig sich der Rosengarten heben, +aus welchem Blätter, einzeln, ausgelöst +hintreiben werden auf des Mundes Beben, + +der jetzt noch still ist, niegebraucht und blinkend +und nur mit seinem Lächeln etwas trinkend, +als würde ihm sein Singen eingeflößt. + + + + +MÄDCHENKLAGE + + +Diese Neigung, in den Jahren, +da wir alle Kinder waren, +viel allein zu sein, war mild; +andern ging die Zeit im Streite, +und man hatte seine Seite, +seine Nähe, seine Weite, +einen Weg, ein Tier, ein Bild. + +Und ich dachte noch, das Leben +hörte niemals auf zu geben, +daß man sich in sich besinnt. +Bin ich in mir nicht im Größten? +Will mich meines nicht mehr trösten +und verstehen wie als Kind? + +Plötzlich bin ich wie verstoßen, +und zu einem Übergroßen +wird mir diese Einsamkeit, +wenn, auf meiner Brüste Hügeln +stehend, mein Gefühl nach Flügeln +oder einem Ende schreit. + + + + +LIEBESLIED + + +Wie soll ich meine Seele halten, daß +sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie +hinheben über dich zu andern Dingen? +Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas +Verlorenem im Dunkel unterbringen +an einer fremden stillen Stelle, die +nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen. +Doch alles, was uns anrührt, dich und mich, +nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich, +der aus zwei Saiten _eine_ Stimme zieht. +Auf welches Instrument sind wir gespannt? +Und welcher Spieler hat uns in der Hand? +O süßes Lied. + + + + +ERANNA AN SAPPHO + + +O du wilde weite Werferin: +Wie ein Speer bei andern Dingen +lag ich bei den Meinen. Dein Erklingen +warf mich weit. Ich weiß nicht, wo ich bin. +Mich kann keiner wiederbringen. + +Meine Schwestern denken mich und weben, +und das Haus ist voll vertrauter Schritte. +Ich allein bin fern und fortgegeben, +und ich zittere wie eine Bitte; +denn die schöne Göttin in der Mitte +ihrer Mythen glüht und lebt mein Leben. + + + + +SAPPHO AN ERANNA + + +Unruh will ich über dich bringen, +schwingen will ich dich, umrankter Stab. +Wie das Sterben will ich dich durchdringen +und dich weitergeben wie das Grab +an das Alles: allen diesen Dingen. + + + + +SAPPHO AN ALKAÏOS + +FRAGMENT + + +Und was hättest du mir denn zu sagen, +und was gehst du meine Seele an, +wenn sich deine Augen niederschlagen +vor dem nahen Nichtgesagten? Mann, + +sieh, uns hat das Sagen dieser Dinge +hingerissen und bis in den Ruhm. +Wenn ich denke: unter euch verginge +dürftig unser süßes Mädchentum, + +welches wir, ich Wissende und jene +mit mir Wissenden, vom Gott bewacht, +trugen unberührt, daß Mytilene +wie ein Apfelgarten in der Nacht +duftete vom Wachsen unsrer Brüste--. + +Ja, auch dieser Brüste, die du nicht +wähltest wie zu Fruchtgewinden, Freier +mit dem weggesenkten Angesicht. +Geh und laß mich, daß zu meiner Leier +komme, was du abhältst: alles steht. + +Dieser Gott ist nicht der Beistand zweier, +aber wenn er durch den einen geht + + + + +GRABMAL EINES JUNGEN MÄDCHENS + + +Wir gedenkens noch. Das ist, als müßte +alles dieses einmal wieder sein. +Wie ein Baum an der Limonenküste +trugst du deine kleinen leichten Brüste +in das Rauschen seines Bluts hinein: + +--jenes Gottes. + Und es war der schlanke +Flüchtling, der Verwöhnende der Fraun. +Süß und glühend, warm wie dein Gedanke, +überschattend deine frühe Flanke +und geneigt wie deine Augenbraun. + + + + +OPFER + + +O wie blüht mein Leib aus jeder Ader +duftender, seitdem ich dich erkenn; +sieh, ich gehe schlanker und gerader, +und du wartest nur--: wer bist du denn? + +Sieh: ich fühle, wie ich mich entferne, +wie ich Altes, Blatt um Blatt, verlier. +Nur dein Lächeln steht wie lauter Sterne +über dir und bald auch über mir. + +Alles was durch meine Kinderjahre +namenlos noch und wie Wasser glänzt, +will ich nach dir nennen am Altäre, +der entzündet ist von deinem Haare +und mit deinen Brüsten leicht bekränzt. + + + + +ÖSTLICHES TAGLIED + + +Ist dieses Bette nicht wie eine Küste, +ein Küstenstreifen nur, darauf wir liegen? +Nichts ist gewiß als deine hohen Brüste, +die mein Gefühl in Schwindeln überstiegen. + +Denn diese Nacht, in der so vieles schrie, +in der sich Tiere rufen und zerreißen, +ist sie uns nicht entsetzlich fremd? Und wie: +was draußen langsam anhebt, Tag geheißen, +ist das uns denn verständlicher als sie? + +Man müßte so sich ineinanderlegen +wie Blütenblätter um die Staubgefäße: +so sehr ist überall das Ungemäße +und häuft sich an und stürzt sich uns entgegen. + +Doch während wir uns aneinanderdrücken, +um nicht zu sehen, wie es ringsum naht, +kann es aus dir, kann es aus mir sich zücken: +denn unsre Seelen leben von Verrat. + + + + +ABISAG + + +I + +Sie lag. Und ihre Kinderarme waren +von Dienern um den Welkenden gebunden, +auf dem sie lag die süßen langen Stunden, +ein wenig bang vor seinen vielen Jahren. + +Und manchmal wandte sie in seinem Barte +ihr Angesicht, wenn eine Eule schrie; +und alles, was die Nacht war, kam und scharte +mit Bangen und Verlangen sich um sie. + +Die Sterne zitterten wie ihresgleichen, +der Duft ging suchend durch das Schlafgemach, +der Vorhang rührte sich und gab ein Zeichen, +und leise ging ihr Blick dem Zeichen nach. + +Aber sie hielt sich an dem dunkeln Alten, +und, von der Nacht der Nächte nicht erreicht, +lag sie auf seinem fürstlichen Erkalten +jungfräulich und wie eine Seele leicht. + + + +II + +Der König saß und sann den leeren Tag +getaner Taten, ungefühlter Lüste +und seiner Lieblingshündin, der er pflag--. +Aber am Abend wölbte Abisag +sich über ihm. Sein wirres Leben lag +verlassen wie verrufne Meeresküste +unter dem Sternbild ihrer stillen Brüste. + +Und manchmal, als ein Kundiger der Frauen, +erkannte er durch seine Augenbrauen +den unbewegten, küsselosen Mund; +und sah: ihres Gefühles grüne Rute +neigte sich nicht herab zu seinem Grund. +Ihn fröstelte. Er horchte wie ein Hund +und suchte sich in seinem letzten Blute. + + + + +DAVID SINGT VOR SAUL + + +I + +König, hörst du, wie mein Saitenspiel +Fernen wirft, durch die wir uns bewegen? +Sterne treiben uns verwirrt entgegen, +und wir fallen endlich wie ein Regen, +und es blüht, wo dieser Regen fiel. + +Mädchen blühen, die du noch erkannt, +die jetzt Frauen sind und mich verführen; +den Geruch der Jungfraun kannst du spüren, +und die Knaben stehen, angespannt +schlank und atmend, an verschwiegnen Türen. + +Daß mein Klang dir alles wiederbrächte. +Aber trunken taumelt mein Getön: +Deine Nächte, König, deine Nächte--, +und wie waren, die dein Schaffen schwächte, +o wie waren alle Leiber schön. + +Dein Erinnern glaub ich zu begleiten, +weil ich ahne. Doch auf welchen Saiten +greif ich dir ihr dunkles Lustgestöhn?-- + + + +II + +König, der du alles dieses hattest +und der du mit lauter Leben mich +überwältigest und überschattest: +komm aus deinem Throne und zerbrich +meine Harfe, die du so ermattest. + +Sie ist wie ein abgenommner Baum: +durch die Zweige, die dir Frucht getragen, +schaut jetzt eine Tiefe wie von Tagen, +welche kommen--, und ich kenn sie kaum. + +Laß mich nicht mehr bei der Harfe schlafen; +sich dir diese Knabenhand da an: +glaubst du, König, daß sie die Oktaven +eines Leibes noch nicht greifen kann? + + + +III + +König, birgst du dich in Finsternissen, +und ich hab dich doch in der Gewalt. +Sieh, mein festes Lied ist nicht gerissen, +und der Raum wird um uns beide kalt. +Mein verwaistes Herz und dein verworrnes +hängen in den Wolken deines Zornes, +wütend ineinander eingebissen +und zu einem einzigen verkrallt. + +Fühlst du jetzt, wie wir uns umgestalten? +König, König, das Gewicht wird Geist. +Wenn wir uns nur aneinanderhalten, +du am Jungen, König, ich am Alten, +sind wir fast wie ein Gestirn, das kreist. + + + + +JOSUAS LANDTAG + + +So wie der Strom am Ausgang seine Dämme +durchbricht mit seiner Mündung Übermaß, +so brach nun durch die Ältesten der Stimme +zum letztenmal die Stimme Josuas. + +Wie waren die geschlagen, welche lachten, +wie hielten alle Herz und Hände an, +als hübe sich der Lärm von dreißig Schlachten +in einem Mund; und dieser Mund begann. + +Und wieder waren Tausende voll Staunen +wie an dem großen Tag vor Jericho, +nun aber waren in ihm die Posaunen, +und ihres Lebens Mauern schwankten so, + +daß sie sich wälzten, von Entsetzen trächtig +und wehrlos schon und überwältigt, eh +sie's noch gedachten, wie er eigenmächtig +zu Gibeon die Sonne anschrie: Steh! + +Und Gott ging hin, erschrocken wie ein Knecht, +und hielt die Sonne, bis ihm seine Hände +wehtaten, ob dem schlachtenden Geschlecht, +nur weil da einer wollte, daß sie stände. + +Und das war dieser; dieser Alte wars, +von dem sie meinten, daß er nicht mehr gelte +inmitten seines hundertzehnten Jahrs. +Da stand er auf und brach in ihre Zelte. + +Er ging wie Hagel nieder über Halmen. +Was wollt ihr Gott versprechen? Ungezählt +stehn um euch Götter, wartend, daß ihr wählt. +Doch wenn ihr wählt, wird euch der Herr zermalmen. + +Und dann, mit einem Hochmut ohnegleichen: +Ich und mein Haus, wir bleiben ihm vermählt. + +Da schrien sie alle: Hilf uns, gib ein Zeichen +und stärke uns zu unsrer schweren Wahl. + +Aber sie sahn ihn, wie seit Jahren schweigend, +zu seiner festen Stadt am Berge steigend; +und dann nicht mehr. Es war das letzte Mal. + + + + +DER AUSZUG DES VERLORENEN SOHNES + + +NUN fortzugehn von alle dem Verworrnen, +das unser ist und uns doch nicht gehört, +das, wie das Wasser in den alten Bornen, +uns zitternd spiegelt und das Bild zerstört; +von allem diesen, das sich wie mit Dornen +noch einmal an uns anhängt--fortzugehn +und Das und Den, +die man schon nicht mehr sah +(so täglich waren sie und so gewöhnlich), +auf einmal anzuschauen: sanft, versöhnlich +und wie an einem Anfang und von nah +und ahnend einzusehn, wie unpersönlich, +wie über alle hin das Leid geschah, +von dem die Kindheit voll war bis zum Rand--: +Und dann doch fortzugehen, Hand aus Hand, +als ob man ein Geheiltes neu zerrisse, +und fortzugehn: wohin? Ins Ungewisse, +weit in ein unverwandtes warmes Land, +das hinter allem Handeln wie Kulisse +gleichgültig sein wird: Garten oder Wand; +und fortzugehn: warum? Aus Drang, aus Artung, +aus Ungeduld, aus dunkler Erwartung, +aus Unverständlichkeit und Unverstand: +Dies alles auf sich nehmen und vergebens +vielleicht Gehaltnes fallen lassen, um +allein zu sterben, wissend nicht warum-- + +Ist das der Eingang eines neuen Lebens? + + + + +DER ÖLBAUMGARTEN + + +Er ging hinauf unter dem grauen Laub +ganz grau und aufgelöst im ölgelände +und legte seine Stirne voller Staub +tief in das Staubigsein der heißen Hände. + +Nach allem dies. Und dieses war der Schluß. +Jetzt soll ich gehen, während ich erblinde, +und warum willst Du, daß ich sagen muß, +Du seist, wenn ich Dich selber nicht mehr finde. + +Ich finde Dich nicht mehr. Nicht in mir, nein. +Nicht in den andern. Nicht in diesem Stein. +Ich finde Dich nicht mehr. Ich bin allein. + +Ich bin allein mit aller Menschen Gram, +den ich durch Dich zu lindern unternahm, +der Du nicht bist, ü namenlose Scham... + +Später erzählte man: ein Engel kam--. + +Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht +und blätterte gleichgültig in den Bäumen. +Die Jünger rührten sich in ihren Träumen. +Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht. + +Die Nacht, die kam, war keine ungemeine; +so gehen hunderte vorbei. + +Da schlafen Hunde, und da liegen Steine. +Ach eine traurige, ach irgendeine, +die wartet, bis es wieder Morgen sei. + +Denn Engel kommen nicht zu solchen Betern, +und Nächte werden nicht um solche groß. +Die Sich-Verlierenden läßt alles los, +und sie sind preisgegeben von den Vätern +und ausgeschlossen aus der Mütter Schoß. + + + + +PIETÀ + + +So seh ich, Jesus, deine Füße wieder, +O die damals eines Jünglings Füße waren, +da ich sie bang entkleidete und wusch; +wie standen sie verwirrt in meinen Haaren +und wie ein weißes Wild im Dornenbusch. + +So seh ich deine niegeliebten Glieder +zum erstenmal in dieser Liebesnacht. +Wir legten uns noch nie zusammen nieder, +und nun wird nur bewundert und gewacht. + +Doch, siehe, deine Hände sind zerrissen--: +Geliebter, nicht von mir, von meinen Bissen. +Dein Herz steht offen, und man kann hinein: +das hätte dürfen nur mein Eingang sein. + +Nun bist du müde, und dein müder Mund +hat keine Lust zu meinem wehen Munde--. +O Jesus, Jesus, wann war unsre Stunde? +Wie gehn wir beide wunderlich zugrund. + + + + +GESANG DER FRAUEN AN DEN DICHTER + + +Sieh, wie sich alles auftut: so sind wir; +denn wir sind nichts als solche Seligkeit. +Was Blut und Dunkel war in einem Tier, +das wuchs in uns zur Seele an und schreit + +als Seele weiter. Und es schreit nach dir. +Du freilich nimmst es nur in dein Gesicht, +als sei es Landschaft: sanft und ohne Gier. +Und darum meinen wir, du bist es nicht, + +nach dem es schreit. Und doch, bist du nicht der, +an den wir uns ganz ohne Rest verlören? +Und werden wir in irgendeinem _mehr_? + +Mit uns geht das Unendliche _vorbei_. +Du aber sei, du Mund, daß wir es hören, +du aber, du Uns-Sagender: du sei. + + + + +DER TOD DES DICHTERS + + +Er lag. Sein aufgestelltes Antlitz war +bleich und verweigernd in den steilen Kissen, +seitdem die Welt und dieses von ihr Wissen, +von seinen Sinnen abgerissen, +zurückfiel an das teilnahmslose Jahr. + +Die, so ihn leben sahen, wußten nicht, +wie sehr er _eines_ war mit allem diesen, +denn dieses: diese Tiefen, diese Wiesen +und diese Wasser waren sein Gesicht. + +O sein Gesicht war diese ganze Weite, +die jetzt noch zu ihm will und um ihn wirbt; +und seine Maske, die nun bang verstirbt, +ist zart und offen wie die Innenseite +von einer Frucht, die an der Luft verdirbt. + + + + +BUDDHA + + +Als ob er horchte. Stille: eine Ferne.... +Wir halten ein und hören sie nicht mehr. +Und er ist Stern. Und andre große Sterne, +die wir nicht sehen, stehen um ihn her. + +O er ist alles. Wirklich, warten wir, +daß er uns sähe? Sollte er bedürfen? +Und wenn wir hier uns vor ihm niederwürfen, +er bliebe tief und träge wie ein Tier. + +Denn das, was uns zu seinen Füßen reißt, +das kreist in ihm seit Millionen Jahren. +Er, der vergißt, was wir erfahren, +und der erfahrt, was uns verweist. + + + + +L'ANGE DU MÉRIDIEN + +CHARTRES + + +Im Sturm, der um die starke Kathedrale +wie ein Verneiner stürzt, der denkt und denkt, +fühlt man sich zärtlicher mit einem Male +von deinem Lächeln zu dir hingelenkt: + +lächelnder Engel, fühlende Figur, +mit einem Mund, gemacht aus hundert Munden: +gewahrst du gar nicht, wie dir unsre Stunden +abgleiten von der vollen Sonnenuhr, + +auf der des Tages ganze Zahl zugleich, +gleich wirklich, steht in tiefem Gleichgewichte, +als wären alle Stunden reif und reich? + +Was weißt du, Steinerner, von unserm Sein? +und hältst du mit noch seligerm Gesichte +vielleicht die Tafel in die Nacht hinein? + + + + +DIE KATHEDRALE + + +In jenen kleinen Städten, wo herum +die alten Häuser wie ein Jahrmarkt hocken, +der sie bemerkt hat plötzlich und erschrocken +die Buden zumacht und ganz zu und stumm, + +die Schreier still, die Trommeln angehalten, +zu ihr hinaufhorcht aufgeregten Ohrs--: +dieweil sie ruhig immer in dem alten +Faltenmantel ihrer Contreforts +dasteht und von den Häusern gar nicht weiß: + +in jenen kleinen Städten kannst du sehn, +wie sehr entwachsen ihrem Umgangskreis +die Kathedralen waren. Ihr Erstehn +ging über alles fort, so wie den Blick +des eignen Lebens viel zu große Nähe +fortwährend übersteigt und als geschähe +nichts anderes; als wäre _das_ Geschick, +was sich in ihnen aufhäuft ohne Maßen, +versteinert und zum Dauernden bestimmt, +nicht _das_, was unten in den dunkeln Straßen +vom Zufall irgendwelche Namen nimmt +und darin geht, wie Kinder Grün und Rot +und was der Krämer hat als Schürze tragen. +Da war Geburt in diesen Unterlagen, +und Kraft und Andrang war in diesem Ragen +und Liebe überall wie Wein und Brot, +und die Portale voller Liebesklagcn. +Das Leben zögerte Im Stundenschlagen, +und in den Türmen, welche voll Entsagen +auf einmal nicht mehr stiegen, war der Tod. + + + + +DAS PORTAL + + +I + +Da blieben sie, als wäre jene Flut +zurückgetreten, deren großes Branden +an diesen Steinen wusch, bis sie entstanden; +sie nahm im Fallen manches Attribut + +aus ihren Händen, welche viel zu gut +und gebend sind, um etwas festzuhalten. +Sie blieben, von den Formen in Basalten +durch einen Nimbus, einen Bischofshut, + +bisweilen durch ein Lächeln unterschieden, +für das ein Antlitz seiner Stunden Frieden +bewahrt hat als ein stilles Zifferblatt; + +jetzt fortgerückt ins Leere ihres Tores, +waren sie einst die Muschel eines Ohres +und fingen jedes Stöhnen dieser Stadt. + + + +II + +Sehr viele Weite ist gemeint damit: +so wie mit den Kulissen einer Szene +die Welt gemeint ist; und so wie durch jene +der Held im Mantel seiner Handlung tritt:-- +so tritt das Dunkel dieses Tores handelnd +auf seiner Tiefe tragisches Theater, +so grenzenlos und wallend wie Gott-Vater +und so wie Er sich wunderlich verwandelnd + +in einen Sohn, der aufgeteilt ist hier +auf viele kleine beinah stumme Rollen, +genommen aus des Elends Zubehör. + +Denn nur noch so entsteht (das wissen wir) +aus Blinden, Fortgeworfenen und Tollen +der Heiland wie ein einziger Akteur. + + + +III + +So ragen sie, die Herzen angehalten +(sie stehn auf Ewigkeit und gingen nie); +nur selten tritt aus dem Gefäll der Falten +eine Gebärde, aufrecht, steil wie sie, + +und bleibt nach einem halben Schritte stehn, +wo die Jahrhunderte sie überholen. +Sie sind im Gleichgewicht auf den Konsolen, +in denen eine Welt, die sie nicht sehn, + +die Welt der Wirrnis, die sie nicht zertraten, +Figur und Tier, wie um sie zu gefährden, +sich krümmt und schüttelt und sie dennoch hält: +weil die Gestalten dort wie Akrobaten +sich nur so zuckend und so wild gebärden, +damit der Stab auf ihrer Stirn nicht fällt. + + + + +DIE FENSTERROSE + + +Da drin: das träge Treten ihrer Tatzen +macht eine Stille, die dich fast verwirrt; +und wie dann plötzlich eine von den Katzen +den Blick an ihr, der hin und wieder irrt, + +gewaltsam in ihr großes Auge nimmt,-- +den Blick, der wie von eines Wirbels Kreis +ergriffen, eine kleine Weile schwimmt +und dann versinkt und nichts mehr von sich weiß, + +wenn dieses Auge, welches scheinbar ruht, +sich au auftut und zusammenschlägt mit Tosen +und ihn hineinreißt bis ins rote Blut--: + +so griffen einstmals aus dem Dunkelsein +der Kathedralen große Fensterrosen +ein Herz und rissen es in Gott hinein. + + + + +DAS KAPITÄL + + +Wie sich aus eines Traumes Ausgeburten +aufsteigend aus verwirrendem Gequäl +der nächste Tag erhebt,--so gehn die Gurten +der Wölbung aus dem wirren Kapitäl + +und lassen drin, gedrängt und rätselhaft +verschlungen, flügelschlagende Geschöpfe: +ihr Zögern und das Plötzliche der Köpfe +und jene starken Blätter, deren Saft + +wie Jähzorn steigt, sich schließlich überschlagend +in einer schnellen Geste, die sich ballt +und sich heraushält: alles aufwärtsjagend, + +was immer wieder mit dem Dunkel kalt +herunterfällt, wie Regen Sorge tragend +für dieses alten Wachstums Unterhalt. + + + + +GOTT IM MITTELALTER + + +Und sie hatten ihn in sich erspart, +und sie wollten, daß er sei und richte, +und sie hängten schließlich wie Gewichte +(zu verhindern seine Himmelfahrt) + +an ihn ihrer großen Kathedralen +Last und Masse. Und er sollte nur +über seine grenzenlosen Zahlen +zeigend kreisen und wie eine Uhr + +Zeichen geben ihrem Tun und Tagwerk. +Aber plötzlich kam er ganz in Gang, +und die Leute der entsetzten Stadt + +ließen ihn, vor seiner Stimme bang, +weitergehn mit ausgehängtem Schlagwerk +und entflohn vor seinem Zifferblatt. + + + + +MORGUE + + +Da liegen sie bereit, als ob es gälte, +nachträglich eine Handlung zu erfinden, +die miteinander und mit dieser Kälte +sie zu versöhnen weiß und zu verbinden; + +denn das ist alles noch wie ohne Schluß. +Was für ein Name hätte in den Taschen +sich finden sollen? An dem Überdruß +um ihren Mund hat man herumgewaschen; + +er ging nicht ab; er wurde nur ganz rein. +Die Bärte stehen, noch ein wenig härter, +doch ordentlicher im Geschmack der Wärter, + +nur um die Gaffenden nicht anzuwidern. +Die Augen haben hinter ihren Lidern +sich umgewandt und schauen jetzt hinein. + + + + +DER GEFANGENE + + +I + +Meine Hand hat nur noch eine +Gebärde, mit der sie verscheucht; +auf die alten Steine +fällt es aus Felsen feucht. + +Ich höre nur dieses Klopfen, +und mein Herz hält Schritt +mit dem Gehen der Tropfen +und vergeht damit. + +Tropften sie doch schneller, +käme doch wieder ein Tier. +Irgendwo war es heller--. +Aber was wissen wir. + + + +II + +Denk dir, das was jetzt Himmel ist und Wind, +Luft deinem Mund und deinem Auge Helle, +das würde Stein bis um die kleine Stelle, +an der dein Herz und deine Hände sind. + +Und was jetzt in dir morgen heißt und: dann +und: späterhin und nächstes Jahr und weiter-- +das würde wund in dir und voller Eiter +und schwäre nur und bräche nicht mehr an. + +Und das was war, das wäre irre und +raste in dir herum, den lieben Mund, +der niemals lachte, schäumend von Gelächter. + +Und das was Gott war, wäre nur dein Wächter +und stopfte boshaft in das letzte Loch +ein schmutziges Auge. Und du lebtest doch. + + + + +DER PANTHER + +IM JARDIN DES PLANTES, PARIS + + +Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe +so müd geworden, daß er nichts mehr hält. +Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe +und hinter tausend Stäben keine Welt. + +Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, +der sich im allerkleinsten Kreise dreht, +ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, +in der betäubt ein großer Wille steht. + +Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille +sich lautlos auf--. Dann geht ein Bild hinein, +geht durch der Glieder angespannte Stille-- +und hört im Herzen auf zu sein. + + + + +DIE GAZELLE + +ANTILOPE DORCAS + + +Verzauberte: wie kann der Einklang zweier +erwählter Worte je den Reim erreichen, +der in dir kommt und geht, wie auf ein Zeichen. +Aus deiner Stirne steigen Laub und Leier, + +und alles Deine geht schon im Vergleich +durch Liebeslieder, deren Worte, weich +wie Rosenblätter, dem, der nicht mehr liest, +sich auf die Augen legen, die er schließt, + +um dich zu sehen: hingetragen, als +wäre mit Sprüngen jeder Lauf geladen +und schösse nur nicht ab, solang der Hals + +das Haupt ins Horchen hält: wie wenn beim Baden +im Wald die Badende sich unterbricht, +den Waldsee im gewendeten Gesicht. + + + + +DAS EINHORN + + +Der Heilige hob das Haupt, und das Gebet +fiel wie ein Helm zurück von seinem Haupte: +denn lautlos nahte sich das niegeglaubte, +das weiße Tier, das wie eine geraubte +hilflose Hindin mit den Augen fleht. + +Der Beine elfenbeinernes Gestell +bewegte sich in leichten Gleichgewichten, +ein weißer Glanz glitt selig durch das Fell, +und auf der Tierstirn, auf der stillen, lichten, +stand, wie ein Turm im Mond, das Horn so hell, +und jeder Schritt geschah, es aufzurichten. + +Das Maul mit seinem rosagrauen Flaum +war leicht gerafft, so daß ein wenig Weiß +(weißer als alles) von den Zähnen glänzte; +die Nüstern nahmen auf und lechzten leis. +Doch seine Blicke, die kein Ding begrenzte, +warfen sich Bilder in den Raum +und schlössen einen blauen Sagenkreis. + + + + +SANKT SEBASTIAN + + +Wie ein Liegender so steht er; ganz +hingehalten von dem großen Willen. +Weit entrückt wie Mütter, wenn sie stillen, +und in sich gebunden wie ein Kranz. + +Und die Pfeile kommen: jetzt und jetzt +und als sprängen sie aus seinen Lenden, +eisern bebend mit den freien Enden. +Doch er lächelt dunkel, unverletzt. + +Einmal nur wird eine Trauer groß, +und die Augen liegen schmerzlich bloß, +bis sie etwas leugnen, wie Geringes, +und als ließen sie verächtlich los +die Vernichter eines schönen Dinges. + + + + +DER STIFTER + + +Das war der Auftrag an die Malergilde. +Vielleicht daß ihm der Heiland nie erschien; +vielleicht trat auch kein heiliger Bischof milde +an seine Seite wie in diesem Bilde +und legte leise seine Hand auf ihn. + +Vielleicht war dieses alles: so zu knien +(so wie es alles ist, was wir erfuhren): +zu knien: daß man die eigenen Konturen, +die auswärtswollenden, ganz angespannt +im Herzen hält, wie Pferde in der Hand. + +Daß, wenn ein Ungeheueres geschähe, +das nicht versprochen ist und nieverbrieft, +wir hoffen könnten, daß es uns nicht sähe +und näher käme, ganz in unsre Nähe, +mit sich beschäftigt und in sich vertieft. + + + + +DER ENGEL + + +Mit einem Neigen seiner Stirne weist +er weit von sich, was einschränkt und verpflichtet; +denn durch sein Herz geht riesig aufgerichtet +das ewig Kommende, das kreist. + +Die tiefen Himmel stehn ihm voll Gestalten, +und jede kann ihm rufen: komm, erkenn--. +Gib seinen leichten Händen nichts zu halten +aus deinem Lastenden. Sie kämen denn + +bei Nacht zu dir, dich ringender zu prüfen, +und gingen wie Erzürnte durch das Haus +und griffen dich, als ob sie dich erschüfen, +und brächen dich aus deiner Form heraus. + + + + +RÖMISCHE SARKOPHAGE + + +Was aber hindert uns zu glauben, daß +(so wie wir hingestellt sind und verteilt) +nicht eine kleine Zeit nur Drang und Haß +und dies Verwirrende in uns verweilt, + +wie einst in dem verzierten Sarkophag +bei Ringen, Götterbildern, Gläsern, Bändern, +in langsam sich verzehrenden Gewändern +ein langsam Aufgelöstes lag-- + +bis es die unbekannten Munde schluckten, +die niemals reden. (Wo besteht und denkt +ein Hirn, um ihrer einst sich zu bedienen?) + +Da wurde von den alten Aquädukten +ewiges Wasser in sie eingelenkt--: +das spiegelt jetzt und geht und glänzt in ihnen. + + + + +DER SCHWAN + + +Diese Mühsal, durch noch Ungetanes +schwer und wie gebunden hinzugehn, +gleicht dem ungeschaffnen Gang des Schwanes. + +Und das Sterben, dieses Nichtmehrfassen +jenes Grunds, auf dem wir täglich stehn, +seinem ängstlichen Sich-Niederlassen--: + +in die Wasser, die ihn sanft empfangen +und die sich, wie glücklich und vergangen, +unter ihm zurückziehn, Flut um Flut; +während er unendlich still und sicher +immer mündiger und königlicher +und gelassener zu ziehn geruht. + + + + +KINDHEIT + + +Es wäre gut viel nachzudenken, um +von so Verlornem etwas auszusagen, +von jenen langen Kindheit-Nachmittagen, +die so nie wiederkamen--und warum? + +Noch mahnt es uns--: vielleicht in einem Regnen, +aber wir wissen nicht mehr, was das soll; +nie wieder war das Leben von Begegnen, +von Wiedersehn und Weitergehn so voll + +wie damals, da uns nichts geschah als nur, +was einem Ding geschieht und einem Tiere: +da lebten wir, wie Menschliches, das Ihre +und wurden bis zum Rande voll Figur. + +Und wurden so vereinsamt wie ein Hirt +und so mit großen Fernen überladen +und wie von weit berufen und berührt +und langsam wie ein langer neuer Faden +in jene Bilderfolgen eingeführt, +in welchen nun zu dauern uns verwirrt. + + + + +DER DICHTER + + +Du entfernst dich von mir, du Stunde. +Wunden schlägt mir dein Flügelschlag. +Allein: was soll ich mit meinem Munde? +mit meiner Nacht? mit meinem Tag? + +Ich habe keine Geliebte, kein Haus, +keine Stelle, auf der ich lebe. +Alle Dinge, an die ich mich gebe, +werden reich und geben mich aus. + + + + +DIE SPITZE + + +I + +Menschlichkeit: Namen schwankender Besitze, +noch unbestätigter Bestand von Glück: +ist das unmenschlich, daß zu dieser Spitze, +zu diesem kleinen dichten Spitzenstück +zwei Augen wurden?--Willst du sie zurück? + +Du Langvergangene und schließlich Blinde, +ist deine Seligkeit in diesem Ding, +zu welcher hin, wie zwischen Stamm und Rinde, +dein großes Fühlen, kleinverwandelt, ging? + +Durch einen Riß im Schicksal, eine Lücke +entzogst du deine Seele deiner Zeit; +und sie ist so in diesem lichten Stücke, +daß es mich lächeln macht vor Nützlichkeit. + + + +II + +Und wenn uns eines Tages dieses Tun +und was an uns geschieht gering erschiene +und uns so fremd, als ob es nicht verdiene, +daß wir so mühsam aus den Kinderschuhn +um seinetwillen wachsen--: Ob die Bahn +vergilbter Spitze, diese dichtgefügte +blumige Spitzenbahn, dann nicht genügte, +uns hier zu halten? Sieh: sie ward getan. + +Ein Leben ward vielleicht verschmäht, wer weiß? +Ein Glück war da und wurde hingegeben, +und endlich wurde doch, um jeden Preis, +dies Ding daraus, nicht leichter als das Leben +und doch vollendet und so schön, als sei's +nicht mehr zu früh, zu lächeln und zu schweben. + + + + +EIN FRAUENSCHICKSAL + + +So wie der König auf der Jagd ein Glas +ergreift, daraus zu trinken, irgendeines,-- +und wie hernach der, welcher es besaß, +es fortstellt und verwahrt, als wär es keines: + +so hob vielleicht das Schicksal, durstig auch, +bisweilen Eine an den Mund und trank, +die dann ein kleines Leben, viel zu bang +sie zu zerbrechen, abseits vom Gebrauch + +hinstellte in die ängstliche Vitrine, +in welcher seine Kostbarkeiten sind +(oder die Dinge, die für kostbar gelten). + +Da stand sie fremd wie eine Fortgeliehne +und wurde einfach alt und wurde blind +und war nicht kostbar und war niemals selten. + + + + +DIE GENESENDE + + +Wie ein Singen kommt und geht in Gassen +und sich nähert und sich wieder scheut, +flügelschlagend, manchmal fast zu fassen +und dann wieder weit hinausgestreut: + +spielt mit der Genesenden das Leben; +während sie, geschwächt und ausgeruht, +unbeholfen, um sich hinzugeben, +eine ungewohnte Geste tut. + +Und sie fühlt sich beinah wie Verführung, +wenn die hartgewordne Hand, darin +Fieber waren voller Widersinn, +fernher, wie mit blühender Berührung, +zu liebkosen kommt ihr hartes Kinn. + + + + +DIE ERWACHSENE + + +Das alles stand auf ihr und war die Welt +und stand auf ihr mit allem, Angst und Gnade, +wie Bäume stehen, wachsend und gerade, +ganz Bild und bildlos wie die Bundeslade +und feierlich, wie auf ein Volk gestellt. + +Und sie ertrug es; trug bis obenhin +das Fliegende, Entfliehende, Entfernte, +das Ungeheuere, noch Unerlernte +gelassen wie die Wasserträgerin +den vollen Krug. Bis mitten unterm Spiel, +verwandelnd und auf andres vorbereitend, +der erste weiße Schleier, leise gleitend, +über das aufgetane Antlitz fiel + +fast undurchsichtig und sich nie mehr hebend +und irgendwie auf alle Fragen ihr +nur eine Antwort vage wiedergebend: +In dir, du Kindgewesene, in dir. + + + + +TANAGRA + + +Ein wenig gebrannter Erde, +wie von großer Sonne gebrannt. +Als wäre die Gebärde +einer Mädchenhand +auf einmal nicht mehr vergangen; +ohne nach etwas zu langen, +zu keinem Dinge hin +aus ihrem Gefühle führend, +nur an sich selber rührend +wie eine Hand ans Kinn. + +Wir heben und wir drehen +eine und eine Figur; +wir können fast verstehen, +weshalb sie nicht vergehen,-- +aber wir sollen nur +tiefer und wunderbarer +hängen an dem, was war, +und lächeln: ein wenig klarer +vielleicht als vor einem Jahr. + + + + +DIE ERBLINDENDE + + +Sie saß so wie die anderen beim Tee. +Mir war zuerst, als ob sie ihre Tasse +ein wenig anders als die andern fasse. +Sie lächelte einmal. Es tat fast weh. + +Und als man schließlich sich erhob und sprach +und langsam und wie es der Zufall brachte +durch viele Zimmer ging (man sprach und lachte), +da sah ich sie. Sie ging den andern nach, + +verhalten, so wie eine, welche gleich +wird singen müssen und vor vielen Leuten; +auf ihren hellen Augen, die sich freuten, +war Licht von außen wie auf einem Teich. + +Sie folgte langsam, und sie brauchte lang, +als wäre etwas noch nicht überstiegen; +und doch: als ob, nach einem Übergang, +sie nicht mehr gehen würde, sondern fliegen. + + + + +IN EINEM FREMDEN PARK + +BORGEBY-GÅRD + + +Zwei Wege sinds. Sie führen keinen hin. +Doch manchmal, in Gedanken, läßt der eine +dich weitergehn. Es ist, als gingst du fehl; +aber auf einmal bist du im Rondel +alleingelassen wieder mit dem Steine +und wieder auf ihm lesend: Freiherrin +Brite Sophie--und wieder mit dem Finger +abfühlend die zerfallne Jahreszahl--. +Warum wird dieses Finden nicht geringer? + +Was zögerst du ganz wie zum erstenmal +erwartungsvoll auf diesem Ulmenplatz, +der feucht und dunkel ist und niebetreten? + +Und was verlockt dich für ein Gegensatz, +etwas zu suchen in den sonnigen Beeten, +als wärs der Name eines Rosenstocks? + +Was stehst du oft? Was hören deine Ohren? +Und warum siehst du schließlich, wie verloren, +die Falter flimmern um den hohen Phlox? + + + + +ABSCHIED + + +Wie hab ich das gefühlt, was Abschied heißt. +Wie weiß ichs noch: ein dunkles unverwundnes +grausames Etwas, das ein Schönverbundnes +noch einmal zeigt und hinhält und zerreißt. + +Wie war ich ohne Wehr, dem zuzuschauen, +das, da es mich, mich rufend, gehen ließ, +zurückblieb, so als wärens alle Frauen +und dennoch klein und weiß und nichts als dies: + +Ein Winken, schon nicht mehr auf mich bezogen, +ein leise Weiterwinkendes--, schon kaum +erklärbar mehr: vielleicht ein Pflaumenbaum, +von dem ein Kuckuck hastig abgeflogen. + + + + +TODESERFAHRUNG + + +Wir wissen nichts von diesem Hingehn, das +nicht mit uns teilt. Wir haben keinen Grund, +Bewunderung und Liebe oder Haß +dem Tod zu zeigen, den ein Maskenmund + +tragischer Klage wunderlich entstellt. +Noch ist die Welt voll Rollen, die wir spielen. +Solang wir sorgen, ob wir auch gefielen, +spielt auch der Tod, obwohl er nicht gefällt. + + +Doch als du gingst, da brach in diese Bühne +ein Streifen Wirklichkeit durch jenen Spalt, +durch den du hingingst: Grün wirklicher Grüne, +wirklicher Sonnenschein, wirklicher Wald. + +Wir spielen weiter. Bang und schwer Erlerntes +hersagend und Gebärden dann und wann +aufhebend; aber dein von uns entferntes, +aus unserm Stück entrücktes Dasein kann + +uns manchmal überkommen, wie ein Wissen +von jener Wirklichkeit sich niedersenkend, +so daß wir eine Weile hingerissen +das Leben spielen, nicht an Beifall denkend. + + + + +BLAUE HORTENSIE + + +So wie das letzte Grün in Farbentiegeln +sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh, +hinter den Blütendolden, die ein Blau +nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln. + +Sie spiegeln es verweint und ungenau, +als wollten sie es wiederum verlieren, +und wie in alten blauen Briefpapieren +ist Gelb in ihnen, Violett und Grau; + +Verwaschnes wie an einer Kinderschürze, +Nichtmehrgetragnes, dem nichts mehr geschieht: +wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze. + +Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen +in einer von den Dolden, und man sieht +ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen. + + + + +VOR DEM SOMMERREGEN + + +Auf einmal ist aus allem Grün im Park +man weiß nicht was, ein Etwas, fortgenommen; +man fühlt ihn näher an die Fenster kommen +und schweigsam sein. Inständig nur und stark + +ertönt aus dem Gehölz der Regenpfeifer, +man denkt an einen Hieronymus: +so sehr steigt irgend Einsamkeit und Eifer +aus dieser einen Stimme, die der Guß + +erhören wird. Des Saales Wände sind +mit ihren Bildern von uns fortgetreten, +als dürften sie nicht hören, was wir sagen. + +Es spiegeln die verblichenen Tapeten +das ungewisse Licht von Nachmittagen, +in denen man sich fürchtete als Kind. + + + + +IM SAAL + + +Wie sind sie alle um uns, diese Herrn +in Kammerherrentrachten und Jabots, +wie eine Nacht um ihren Ordensstern +sich immer mehr verdunkelnd, rücksichtslos, +und diese Damen, zart, fragile, doch groß +von ihren Kleidern, eine Hand im Schoß, +klein wie ein Halsband für den Bologneser; +wie sind sie da um jeden: um den Leser, +um den Betrachter dieser Bibelots, +darunter manches ihnen noch gehört. + +Sie lassen, voller Takt, uns ungestört +das Leben leben, wie wir es begreifen +und wie sie's nicht verstehn. Sie wollten blühn, +und blühn ist schön sein; doch wir wollen reifen, +und das heißt dunkel sein und sich bemühn. + + + + +LETZTER ABEND + +(AUS DEM BESITZE FRAU NONNAS) + + +Und Nacht und fernes Fahren; denn der Train +des ganzen Heeres zog am Park vorüber. +Er aber hob den Blick vom Clavecin +und spielte noch und sah zu ihr hinüber + +beinah, wie man in einen Spiegel schaut: +so sehr erfüllt von seinen jungen Zügen +und wissend, wie sie seine Trauer trügen, +schön und verführender bei jedem Laut. + +Doch plötzlich wars, als ob sich das verwische: +sie stand wie mühsam in der Fensternische +und hielt des Herzens drängendes Geklopf. + +Sein Spiel gab nach. Von draußen wehte Frische. +Und seltsam fremd stand auf dem Spiegeltische +der schwarze Tschako mit dem Totenkopf. + + + + +JUGENDBILDNIS MEINES VATERS + + +Im Auge Traum. Die Stirn wie in Berührung +mit etwas Fernem. Um den Mund enorm +viel Jugend, ungelächelte Verführung, +und vor der vollen schmückenden Verschnürung +der schlanken adeligen Uniform +der Säbelkorb und beide Hände--, die +abwarten, ruhig, zu nichts hingedrängt. +Und nun fast nicht mehr sichtbar: als ob sie +zuerst, die Fernes greifenden, verschwänden. +Und alles andre mit sich selbst verhängt +und ausgelöscht, als ob wirs nicht verständen, +und tief aus seiner eignen Tiefe trüb--. + +Du schnell vergehendes Daguerreotyp +in meinen langsamer vergehenden Händen. + + + + +SELBSTBILDNIS AUS DEM JAHRE 1906 + + +Des alten lange adligen Geschlechtes +Feststehendes im Augenbogenbau. +Im Blicke noch der Kindheit Angst und Blau +und Demut da und dort, nicht eines Knechtes, +doch eines Dienenden und einer Frau. +Der Mund als Mund gemacht, groß und genau, +nicht überredend, aber ein Gerechtes +Aussagendes. Die Stirne ohne Schlechtes +und gern im Schatten stiller Niederschau. + +Das, als Zusammenhang, erst nur geahnt; +noch nie im Leiden oder im Gelingen +zusammgefaßt zu dauerndem Durchdringen, +doch so, als wäre mit zerstreuten Dingen +von fern ein Ernstes, Wirkliches geplant. + + + + +DER KÖNIG + + +Der König ist sechzehn Jahre alt. +Sechzehn Jahre und schon der Staat. +Er schaut, wie aus einem Hinterhalt, +vorbei an den Greisen vom Rat + +in den Saal hinein und irgendwohin +und fühlt vielleicht nur dies: +an dem schmalen langen harten Kinn +die kalte Kette vom Vlies. + +Das Todesurteil vor ihm bleibt +lang ohne Namenszug. +Und sie denken: wie er sich quält. + +Sie wüßten, kennten sie ihn genug, +daß er nur langsam bis siebzig zählt, +eh er es unterschreibt. + + + + +AUFERSTEHUNG + + +Der Graf vernimmt die Töne, +er sieht einen lichten Riß; +er weckt seine dreizehn Söhne +im Erbbegräbnis. + +Er grüßt seine beiden Frauen +ehrerbietig von weit--; +und alle voll Vertrauen +stehn auf zur Ewigkeit + +und warten nur noch auf Erich +und Ulriken Dorotheen, +die sieben- und dreizehnjährig + (sechzehnhundertzehn) +verstorben sind in Flandern, +um heute vor den andern +unbeirrt herzugehn. + + + + +DER FAHNENTRÄGER + + +Die andern fühlen alles an sich rauh +und ohne Anteil: Eisen, Zeug und Leder. +Zwar manchmal schmeichelt eine weiche Feder, +doch sehr allein und lieblos ist ein jeder; +er aber trägt--als trüg er eine Frau-- +die Fahne in dem feierlichen Kleide. +Dicht hinter ihm geht ihre schwere Seide, +die manchmal über seine Hände fließt. + +Er kann allein, wenn er die Augen schließt, +ein Lächeln sehn: er darf sie nicht verlassen. + +Und wenn es kommt in blitzenden Kürassen +und nach ihr greift und ringt und will sie fassen--: + +dann darf er sie abreißen von dem Stocke, +als riß er sie aus ihrem Mädchentum, +um sie zu halten unterm Waffenrocke. + +Und für die andern ist das Mut und Ruhm. + + + + +DER LETZTE GRAF VON BREDERODE +ENTZIEHT SICH TÜRKISCHER +GEFANGENSCHAFT + + +Sie folgten furchtbar; ihren bunten Tod +von ferne nach ihm werfend, während er +verloren floh, nichts weiter als: bedroht. +Die Ferne seiner Väter schien nicht mehr + +für ihn zu gelten; denn um so zu fliehn, +genügt ein Tier vor Jägern. Bis der Fluß +aufrauschte nah und blitzend. Ein Entschluß +hob ihn samt seiner Not und machte ihn + +wieder zum Knaben fürstlichen Geblütes. +Ein Lächeln adeliger Frauen goß +noch einmal Süßigkeit in sein verfrühtes + +vollendetes Gesicht. Er zwang sein Roß, +groß wie sein Herz zu gehn, sein blutdurchglühte: +es trug ihn in den Strom wie in sein Schloß. + + + + +DIE KURTISANE + + +Venedigs Sonne wird in meinem Haar +ein Gold bereiten: aller Alchemie +erlauchten Ausgang. Meine Brauen, die +den Brücken gleichen, siehst du sie + +hinführen ob der lautlosen Gefahr +der Augen, die ein heimlicher Verkehr +an die Kanäle schließt, so daß das Meer +in ihnen steigt und fällt und wechselt. Wer + +mich einmal sah, beneidet meinen Hund, +weil sich auf ihm oft in zerstreuter Pause +die Hand, die nie an keiner Glut verkohlt, + +die unverwundbare, geschmückt, erholt--. +Und Knaben, Hoffnungen aus altem Hause, +gehn wie an Gift an meinem Mund zugrund. + + + + +DIE TREPPE DER ORANGERIE + +VERSAILLES + + +Wie Könige, die schließlich nur noch schreiten +fast ohne Ziel, nur um von Zeit zu Zeit +sich den Verneigenden auf beiden Seiten +zu zeigen in des Mantels Einsamkeit--: + +so steigt, allein zwischen den Balustraden, +die sich verneigen schon seit Anbeginn, +die Treppe: langsam und von Gottes Gnaden +und auf den Himmel zu und nirgends hin; + +als ob sie allen Folgenden befahl +zurückzubleiben,--so daß sie nicht wagen, +von ferne nachzugehen; nicht einmal +die schwere Schleppe durfte einer tragen. + + + + +DER MARMORKARREN + +PARIS + + +Auf Pferde, sieben ziehende, verteilt, +verwandelt Niebewegtes sich in Schritte; +denn was hochmütig in des Marmors Mitte +an Alter, Widerstand und All verweilt, + +das zeigt sich unter Menschen. Siehe, nicht +unkenntlich, unter irgendeinem Namen, +nein: wie der Held das Drängen in den Dramen +erst sichtbar macht und plötzlich unterbricht: + +so kommt es durch den stauenden Verlauf +des Tages, kommt in seinem ganzen Staate, +als ob ein großer Triumphator nahte, + +langsam zuletzt; und langsam vor ihm her +Gefangene, von seiner Schwere schwer. +Und naht noch immer und hält alles auf. + + + + +BUDDHA + + +Schon von ferne fühlt der fremde scheue +Pilger, wie es golden von ihm träuft; +so als hätten Reiche voller Reue +ihre Heimlichkeiten aufgehäuft. + +Aber näher kommend wird er irre +vor der Hoheit dieser Augenbraun: +denn das sind nicht ihre Trinkgeschirre +und die Ohrgehänge ihrer Fraun. + +Wüßte einer denn zu sagen, welche +Dinge eingeschmolzen wurden, um +dieses Bild auf diesem Blumenkelche + +aufzurichten: stummer, ruhiggelber +als ein goldenes und rundherum +auch den Raum berührend wie sich selber. + + + + +RÖMISCHE FONTÄNE + +BORGHESE + + +Zwei Becken, eins das andre übersteigend +aus einem alten runden Marmorrand, +und aus dem oberen Wasser leis sich neigend +zum Wasser, welches unten wartend stand, + +dem leise redenden entgegenschweigend +und heimlich, gleichsam in der hohlen Hand +ihm Himmel hinter Grün und Dunkel zeigend +wie einen unbekannten Gegenstand; + +sich selber ruhig in der schönen Schale +verbreitend ohne Heimweh, Kreis aus Kreis, +nur manchmal träumerisch und tropfenweis + +sich niederlassend an den Moosbehängen +zum letzten Spiegel, der sein Hecken leis +von unten lächeln macht mit Obergängen. + + + + +DAS KARUSSELL + +JARDIN DU LUXEMBOURG + + +Mit einem Dach und seinem Schatten dreht +sich eine kleine Weile der Bestand +von bunten Pferden, alle aus dem Land, +das lange zögert, eh es untergeht. +Zwar manche sind an Wagen angespannt, +doch alle haben Mut in ihren Mienen; +ein böser roter Löwe geht mit ihnen +und dann und wann ein weißer Elefant. + +Sogar ein Hirsch ist da ganz wie im Wald, +nur daß er einen Sattel trägt und drüber +ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt. + +Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge +und hält sich mit der kleinen heißen Hand, +dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge. + +Und dann und wann ein weißer Elefant. + +Und auf den Pferden kommen sie vorüber, +auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge +fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge +schauen sie auf, irgendwohin, herüber-- + +Und dann und wann ein weißer Elefant. + +Und das geht hin und eilt sich, daß es endet, +und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel. +Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet, +ein kleines kaum begonnenes Profil. +Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet, +ein seliges, das blendet und verschwendet +an dieses atemlose blinde Spiel. + + + + +SPANISCHE TÄNZERIN + + +Wie in der Hand ein Schwefelzündholz, weiß, +eh es zur Klamme kommt, nach allen Seiten +zuckende Zungen streckt--: beginnt im Kreis +naher Beschauer hastig, hell und heiß +ihr runder Tanz sich zuckend auszubreiten. + +Und plötzlich ist er Flamme ganz und gar. + +Mit ihrem Blick entzündet sie ihr Haar +und dreht auf einmal mit gewagter Kunst +ihr ganzes Kleid in diese Feuersbrunst, +aus welcher sich, wie Schlangen, die erschrecken, +die nackten Arme wach und klappernd strecken. + +Und dann: als würde ihr das Feuer knapp, +nimmt sie es ganz zusamm und wirft es ab +sehr herrisch, mit hochmütiger Gebärde +und schaut: da liegt es rasend auf der Erde +und flammt noch immer und ergibt sich nicht--. +Doch sieghaft, sicher und mit einem süßen +grüßenden Lächeln hebt sie ihr Gesicht +und stampft es aus mit kleinen festen Füßen. + + + + +DER TURM + +TOUR ST.-NICOLAS, FURNES + + +Erdinneres. Als wäre dort, wohin +du blindlings steigst, erst Erdenoberfläche, +zu der du steigst im schrägen Bett der Bäche, +die langsam aus dem suchenden Gerinn + +der Dunkelheit entsprungen sind, durch die +sich dein Gesicht, wie auferstehend, drängt +und die du plötzlich _siehst_, als fiele sie +aus diesem Abgrund, der dich überhängt + +und den du, wie er riesig über dir +sich umstürzt in dem dämmernden Gestühle, +erkennst, erschreckt und fürchtend, im Gefühle: +o wenn er steigt, behängen wie ein Stier--: + +Da aber nimmt dich aus der engen Endung +windiges Licht. Fast fliegend siehst du hier +die Himmel wieder, Blendung über Blendung, +und dort die Tiefen, wach und voll Verwendung, + +und kleine Tage wie bei Patenier, +gleichzeitige, mit Stunde neben Stunde, +durch die die Brücken springen wie die Hunde, +dem hellen Wege immer auf der Spur, +den unbeholfne Häuser manchmal nur +verbergen, bis er ganz im Hintergründe +beruhigt geht durch Buschwerk und Natur. + + + + +DER PLATZ + +FURNES + + +Willkürlich von Gewesnem ausgeweitet: +von Wut und Aufruhr, von dem Kunterbunt, +das die Verurteilten zu Tod begleitet, +von Buden, von der Jahrmarktsrufer Mund, +und von dem Herzog, der vorüberreitet, +und von dem Hochmut von Burgund, + +(auf allen Seiten Hintergrund): + +ladet der Platz zum Einzug seiner Weite +die fernen Fenster unaufhörlich ein, +während sich das Gefolge und Geleite +der Leere langsam an den Handelsreihn + +verteilt und ordnet. In die Giebel steigend, +wollen die kleinen Häuser alles sehn, +die Türme voreinander scheu verschweigend, +die immer maßlos hinter ihnen stehn. + + + + + +QUAI DU ROSAIRE + +BRÜGGE + + +Die Gassen haben einen sachten Gang +(wie manchmal Menschen gehen im Genesen +nachdenkend: was ist früher hier gewesen?) +und die an Plätze kommen, warten lang + +auf eine andre, die mit einem Schritt +über das abendklare Wasser tritt, +darin, je mehr sich rings die Dinge mildern, +die eingehängte Welt von Spiegelbildern +so wirklich wird, wie diese Dinge nie. + +Verging nicht diese Stadt? Nun siehst du, wie +(nach einem unbegreiflichen Gesetz) +sie wach und deutlich wird im Umgestellten, +als wäre dort das Leben nicht so selten; +dort hängen jetzt die Gärten groß und gelten, +dort dreht sich plötzlich hinter schnell erhellten +Fenstern der Tanz in den Estaminets. + +Und oben blieb?--Die Stille nur, ich glaube, +und kostet langsam und von nichts gedrängt +Beere um Beere aus der süßen Traube +des Glockenspiels, das in den Himmeln hängt. + + + + +BÉGUINAGE + +BÉGUINAGE SAINTE-ELISABETH. BRÜGGE + + +I + + +Das hohe Tor scheint keine einzuhalten, +die Brücke geht gleich gerne hin und her, +und doch sind sicher alle in dem alten +offenen Ulmenhof und gehn nicht mehr +aus ihren Häusern, als auf jenem Streifen +zur Kirche hin, um besser zu begreifen, +warum in ihnen so viel Liebe war. + +Dort knieen sie, verdeckt mit reinem Leinen +so gleich, als wäre nur das Bild der einen +tausendmal im Choral, der tief und klar +zu Spiegeln wird an den verteilten Pfeilern; +und ihre Stimmen gehn den immer steilern +Gesang hinan und werfen sich von dort, +wo es nicht weitergeht, vom letzten Wort, +den Engeln zu, die sie nicht wiedergeben. + +Drum sind die unten, wenn sie sich erheben +und wenden, still. Drum reichen sie sich schweigend +mit einem Neigen, Zeigende zu zeigend +Empfangenden, geweihtes Wasser, das +die Stirnen kühl macht und die Munde blaß. + +Und gehen dann, verhangen und verhalten, +auf jenem Streifen wieder überquer-- +die Jungen ruhig, ungewiß die Alten +und eine Greisin, weilend, hinterher-- +zu ihren Häusern, die sie schnell verschweigen +und die sich durch die Ulmen hin von Zeit +zu Zeit ein wenig reine Einsamkeit, +in einer kleinen Scheibe schimmernd, zeigen. + + + +II + + +Was aber spiegelt mit den tausend Scheiben +das Kirchenfenster in den Hof hinein, +darin sich Schweigen, Schein und Widerschein +vermischen, trinken, trüben, übertreiben, +phantastisch alternd wie ein alter Wein? + +Dort legt sich, keiner weiß von welcher Seite, +Außen auf Inneres und Ewigkeit +auf Immer-Hingehn, Weite über Weite, +erblindend, finster, unbenutzt, verbleit. + +Dort bleibt, unter dem schwankenden Dekor +des Sommertags, das Graue alter Winter: +als stünde regungslos ein sanftgesinnter +langmütig lange Wartender dahinter +und eine weinend Wartende davor. + + + + +DIE MARIENPROZESSION + +GENT + + +Aus allen Türmen stürzt sich, Fluß um Fluß, +hinwallendes Metall in solchen Massen, +als sollte drunten in der Form der Gassen +ein blanker Tag erstehn aus Bronzeguß, + +an dessen Rand, gehämmert und erhaben, +zu sehen ist der buntgebundne Zug +der leichten Mädchen und der neuen Knaben, +und wie er Wellen schlug und trieb und trug, +hinabgehalten von dem ungewissen +Gewicht der Fahnen und von Hindernissen +gehemmt, unsichtbar wie die Hand des Herrn; + +und drüben plötzlich beinah mitgerissen +vom Aufstieg aufgescheuchter Räucherbecken, +die fliegend, alle sieben, wie im Schrecken +an ihren Silberketten zerrn. + +Die Böschung Schauender umschließt die Schiene, +in der das alles stockt und rauscht und rollt: +das Kommende, das Chryselephantine, +aus dem sich zu Balkonen Baldachine +aufbäumen, schwankend im Behang von Gold. + +Und sie erkennen über all dem Weißen, +getragen und im spanischen Gewand, +das alte Standbild mit dem kleinen heißen +Gesichte und dem Kinde auf der Hand +und knieen hin, je mehr es naht und naht, +in seiner Krone ahnungslos veraltend +und immer noch das Segnen hölzern haltend +aus dem sich groß gebärdenden Brokat. + +Da aber, wie es an den Hingeknieten +vorüberkommt, die scheu von unten schaun, +da scheint es seinen Trägern zu gebieten +mit einem Hochziehn seiner Augenbraun, +hochmütig, ungehalten und bestimmt: +so daß sie staunen, stehn und überlegen +und schließlich zögernd gehn. Sie aber nimmt + +in sich die Schritte dieses ganzen Stromes +und geht, allein, wie auf erkannten Wegen +dem Glockendonnern des großoffnen Domes +auf hundert Schultern frauenhaft entgegen. + + + + +DIE INSEL + +NORDSEE + + +I + + +Die nächste Flut verwischt den Weg im Watt, +und alles wird auf allen Seiten gleich; +die kleine Insel draußen aber hat +die Augen zu; verwirrend kreist der Deich + +um ihre Wohner, die in einen Schlaf +geboren werden, drin sie viele Welten +verwechseln schweigend; denn sie reden selten, +und jeder Satz ist wie ein Epitaph + +für etwas Angeschwemmtes, Unbekanntes, +das unerklärt zu ihnen kommt und bleibt. +Und so ist alles, was ihr Blick beschreibt, + +von Kindheit an: nicht auf sie Angewandtes, +zu Großes, Rücksichtsloses, Hergesandtes, +das ihre Einsamkeit noch übertreibt. + + + +II + + +Als läge er in einem Kraterkreise +auf einem Mond: ist jeder Hof umdämmt, +und drin die Gärten sind auf gleiche Weise +gekleidet und wie Waisen gleich gekämmt + +von jenem Sturm, der sie so rauh erzieht +und tagelang sie bange macht mit Toden. +Dann sitzt man in den Häusern drin und sieht +in schiefen Spiegeln, was auf den Kommoden + +Seltsames steht. Und einer von den Söhnen +tritt abends vor die Tür und zieht ein Tönen +aus der Harmonika wie Weinen weich; + +so hörte ers in einem fremden Hafen--. +Und draußen formt sich eines von den Schafen +ganz groß, fast drohend, auf dem Außendeich. + + + +III + + +Nah ist nur Innres; alles andre fern. +Und dieses Innere gedrängt und täglich +mit allem überfüllt und ganz unsäglich. +Die Insel ist wie ein zu kleiner Stern, + +welchen der Raum nicht merkt und stumm zerstört +in seinem unbewußten Furchtbarsein, +so daß er, unerhellt und überhört, +allein, + +damit dies alles doch ein Ende nehme, +dunkel auf einer selbsterfundnen Bahn +versucht zu gehen, blindlings, nicht im Plan +der Wandelsterne, Sonnen und Systeme. + + + + +HETÄRENGRÄBER + + +In ihren langen Haaren liegen sie +mit braunen, tief in sich gegangenen Gesichtern. +Die Augen zu wie vor zu vieler Ferne. +Skelette, Munde, Blumen. In den Munden +die glatten Zähne wie ein Reiseschachspiel +aus Elfenbein in Reihen aufgestellt. +Und Blumen, gelbe Perlen, schlanke Knochen, +Hände und Hemden, welkende Gewebe +über dem eingestürzten Herzen. Aber +dort unter jenen Ringen, Talismanen +und augenblauen Steinen (Lieblings-Angedenken) +steht noch die stille Krypta des Geschlechtes, +bis an die Wölbung voll mit Blumenblättern. +Und wieder gelbe Perlen, weitverrollte,-- +Schalen gebrannten Tones, deren Bug +ihr eignes Bild geziert hat, grüne Scherben +von Salbenvasen, die wie Blumen duften, +und Formen kleiner Götter: Hausaltäre, +Hetärenhimmel mit entzückten Göttern. +Gesprengte Gürtel, flache Skarabäen, +kleine Figuren riesigen Geschlechtes, +ein Mund, der lacht, und Tanzende und Läufer, +goldene Fibeln, kleinen Bogen ähnlich +zur Jagd auf Tier- und Vogelamulette, +und lange Nadeln, zieres Hausgeräte +und eine runde Scherbe roten Grundes, +darauf, wie eines Eingangs schwarze Aufschrift, +die straffen Beine eines Viergespannes. +Und wieder Blumen, Perlen, die verrollt sind, +die hellen Lenden einer kleinen Leier, +und zwischen Schleiern, die gleich Nebeln fallen, +wie ausgekrochen aus des Schuhes Puppe: +des Fußgelenkes leichter Schmetterling. + +So liegen sie mit Dingen angefüllt, +kostbaren Dingen, Steinen, Spielzeug, Hausrat, +zerschlagnem Tand (was alles in sie abfiel), +und dunkeln wie der Grund von einem Fluß. + +Flußbetten waren sie, +darüber hin in kurzen schnellen Wellen +(die weiter wollten zu dem nächsten Leben) +die Leiber vieler Jünglinge sich stürzten +und in denen der Männer Ströme rauschten. +Und manchmal brachen Knaben aus den Bergen +der Kindheit, kamen zagen Falles nieder +und spielten mit den Dingen auf dem Grunde, +bis das Gefälle ihr Gefühl ergriff: + +Dann füllten sie mit flachem klaren Wasser +die ganze Breite dieses breiten Weges +und trieben Wirbel an den tiefen Stellen; +und spiegelten zum erstenmal die Ufer +und ferne Vogelrufe, während hoch +die Sternennächte eines süßen Landes +in Himmel wuchsen, die sich nirgends schlossen. + + + + +ORPHEUS. EURYDIKE. HERMES + + +Das war der Seelen wunderliches Bergwerk. +Wie stille Silbererze gingen sie +als Adern durch sein Dunkel. Zwischen Wurzeln +entsprang das Blut, das fortgeht zu den Menschen, +und schwer wie Porphyr sah es aus im Dunkel. +Sonst war nichts Rotes. + +Felsen war da +und wesenlose Wälder. Brücken über Leeres +und jener große, graue, blinde Teich, +der über seinem fernen Grunde hing +wie Regenhimmel über einer Landschaft. +Und zwischen Wiesen, sanft und voller Langmut, +erschien des einen Weges blasser Streifen +wie eine lange Bleiche hingelegt. + +Und dieses einen Weges kamen sie. + +Voran der schlanke Mann im blauen Mantel, +der stumm und ungeduldig vor sich aussah. +Ohne zu kauen fraß sein Schritt den Weg +in großen Bissen; seine Hände hingen +schwer und verschlossen aus dem Fall der Falten +und wußten nicht mehr von der leichten Leier, +die in die Linke eingewachsen war +wie Rosenranken in den Ast des Ölbaums. +Und seine Sinne waren wie entzweit: + +indes der Blick ihm wie ein Hund vorauslief, +umkehrte, kam und immer wieder weit +und wartend an der nächsten Wendung stand,-- +blieb sein Gehör wie ein Geruch zurück. +Manchmal erschien es ihm, als reichte es +bis an das Gehen jener beiden andern, +die folgen sollten diesen ganzen Aufstieg. +Dann wieder wars nur seines Steigens Nachklang +und seines Mantels Wind, was hinter ihm war. +Er aber sagte sich, sie kämen doch; +sagte es laut und hörte sich verhallen. +Sie kämen doch, nur wärens zwei, +die furchtbar leise gingen. Dürfte er +sich einmal wenden (wäre das Zurückschaun +nicht die Zersetzung dieses ganzen Werkes, +das erst vollbracht wird), müßte er sie sehen, +die beiden Leisen, die ihm schweigend nachgehn: + +den Gott des Ganges und der weiten Botschaft, +die Reischaube über hellen Augen, +den schlanken Stab hertragend vor dem Leibe +und flügelschlagend an den Fußgelenken; +und seiner linken Hand gegeben: _sie_. +Die So-geliebte, daß aus einer Leier +mehr Klage kam als je aus Klagefrauen; +daß eine Welt aus Klage ward, in der +alles noch einmal da war: Wald und Tal +und Weg und Ortschaft, Feld und Fluß und Tier; +und daß um diese Klage-Welt ganz so +wie um die andre Erde eine Sonne +und ein gestirnter stiller Himmel ging, +ein Klage-Himmel mit entstellten Sternen--: +diese So-geliebte. + +Sie aber ging an jenes Gottes Hand, +den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern, +unsicher, sanft und ohne Ungeduld. +Sie war in sich wie eine hoher Hoffnung +und dachte nicht des Mannes, der voranging, +und nicht des Weges, der ins Leben aufstieg. +Sie war in sich. Und ihr Gestorbensein +erfüllte sie wie Fülle. +Wie eine Frucht von Süßigkeit und Dunkel, +so war sie voll von ihrem großen Tode, +der also neu war, daß sie nichts begriff. + +Sie war in einem neuen Mädchentum +und unberührbar; ihr Geschlecht war zu +wie eine junge Blume gegen Abend, +und ihre Hände waren der Vermählung +so sehr entwöhnt, daß selbst des leichten Gottes +unendlich leise leitende Berührung +sie kränkte wie zu sehr Vertraulichkeit. + +Sie war schon nicht mehr diese blonde Frau, +die in des Dichters Liedern manchmal anklang, +nicht mehr des breiten Bettes Duft und Eiland +und jenes Mannes Eigentum nicht mehr. +Sie war schon aufgelöst wie langes Haar +und hingegeben wie gefallner Regen +und ausgeteilt wie hundertfacher Vorrat. + +Sie war schon Wurzel. +Und als plötzlich jäh +der Gott sie anhielt und mit Schmerz im Ausruf +die Worte sprach: Er hat sich umgewendet +begriff sie nichts und sagte leise: Wer? + +Fern aber, dunkel vor dem klaren Ausgang, +stand irgend jemand, dessen Angesicht +nicht zu erkennen war. Er stand und sah, +wie auf dem Streifen eines Wiesenpfades +mit trauervollem Blick der Gott der Botschaft +sich schweigend wandte, der Gestalt zu folgen, +die schon zurückging dieses selben Weges, +den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern, +unsicher, sanft und ohne Ungeduld. + + + + +ALKESTIS + + +Da plötzlich war der Bote unter ihnen, +hineingeworfen in das Überkochen +des Hochzeitsmahles wie ein neuer Zusatz. +Sie fühlten nicht, die Trinkenden, des Gottes +heimlichen Eintritt, welcher seine Gottheit +so an sich hielt wie einen nassen Mantel +und ihrer einer schien, der oder jener, +wie er so durchging. Aber plötzlich sah +mitten im Sprechen einer von den Gästen +den jungen Hausherrn oben an dem Tische +wie in die Höh gerissen, nicht mehr liegend +und überall und mit dem ganzen Wesen +ein Fremdes spiegelnd, das ihn furchtbar ansprach. +Und gleich darauf, als klärte sich die Mischung, +war Stille; nur mit einem Satz am Boden +von trübem Lärm und einem Niederschlag +fallenden Lallens, schon verdorben riechend +nach dumpfem umgestandenen Gelächter. +Und da erkannten sie den schlanken Gott, +und wie er dastand, innerlich voll Sendung +und unerbittlich,--wußten sie es beinah. +Und doch, als es gesagt war, war es mehr +als alles Wissen, gar nicht zu begreifen. +Admet muß sterben. Wann? In dieser Stunde. + +Der aber brach die Schale seines Schreckens +in Stücken ab und streckte seine Hände +heraus aus ihr, um mit dem Gott zu handeln. +Um Jahre, um ein einzig Jahr noch Jugend, +um Monate, um Wochen, um paar Tage, +ach, Tage nicht, um Nächte, nur um eine, +um eine Nacht, um diese nur: um die. +Der Gott verneinte, und da schrie er auf +und schrie's hinaus und hielt es nicht und schrie, +wie seine Mutter aufschrie beim Gebären. + +Und die trat zu ihm, eine alte Frau, +und auch der Vater kam, der alte Vater, +und beide standen, alt, veraltet, ratlos, +beim Schreienden, der plötzlich, wie noch nie +so nah, sie ansah, abbrach, schluckte, sagte: +Vater, +liegt dir denn viel daran an diesem Rest, +an diesem Satz, der dich beim Schlingen hindert? +Geh, gieß ihn weg. Und du, du alte Frau, +Matrone, +was tust du denn noch hier: du hast geboren. +Und beide hielt er sie wie Opfertiere +in einem Griff. Auf einmal ließ er los +und stieß die Alten fort, voll Einfall, strahlend +und atemholend, rufend: Kreon, Kreon! +Und nichts als das; und nichts als diesen Namen. +Aber in seinem Antlitz stand das andere, +das er nicht sagte, namenlos erwartend, +wie ers dem jungen Freunde, dem Geliebten, +erglühend hinhielt übern wirren Tisch. + +Die Alten (stand da), siehst du, sind kein Loskauf, +sie sind verbraucht und schlecht und beinah wertlos, +du aber, du, in deiner ganzen Schönheit-- + +Da aber sah er seinen Freund nicht mehr. +Er blieb zurück, und das, was kam, war sie, +ein wenig kleiner fast, als er sie kannte, +und leicht und traurig in dem bleichen Brautkleid. +Die andern alle sind nur ihre Gasse, +durch die sie kommt und kommt--: (gleich wird sie da sein +in seinen Armen, die sich schmerzhaft auftun). +Doch wie er wartet, spricht sie; nicht zu ihm. +Sie spricht zum Gotte, und der Gott vernimmt sie, +und alle hörens gleichsam erst im Gotte: + +Ersatz kann keiner für ihn sein. Ich bins. +Ich bin Ersatz. Denn keiner ist zu Ende, +wie ich es bin. Was bleibt mir denn von dem, +was ich hier war? Das _ists_ ja, daß ich sterbe. +Hat sie dirs nicht gesagt, da sie dirs auftrug, +daß jenes Lager, das da drinnen wartet, +zur Unterwelt gehört? Ich nahm ja Abschied. +Abschied über Abschied. +Kein Sterbender nimmt mehr davon. Ich ging ja, +damit das alles, unter dem begraben, +der jetzt mein Gatte ist, zergeht, sich auflöst--. +So für mich hin: ich sterbe ja für ihn. + +Und wie der Wind auf hoher See, der umspringt, +so trat der Gott fast wie zu einer Toten +und war auf einmal weit von ihrem Gatten, +dem er, versteckt in einem kleinen Zeichen, +die hundert Leben dieser Erde zuwarf. +Der stürzte taumelnd zu den beiden hin +und griff nach ihnen wie im Traum. Sie gingen +schon auf den Eingang zu, in dem die Frauen +verweint sich drängten. Aber einmal sah +er noch des Mädchens Antlitz, das sich wandte +mit einem Lächeln, hell wie eine Hoffnung, +die beinah ein Versprechen war: erwachsen +zurückzukommen aus dem tiefen Tode +zu ihm, dem Lebenden-- + +Da schlug er jäh +die Hände vors Gesicht, wie er so kniete, +um nichts zu sehen mehr nach diesem Lächeln. + + + + +GEBURT DER VENUS + + +An diesem Morgen nach der Nacht, die bang +vergangen war mit Rufen, Unruh, Aufruhr,-- +brach alles Meer noch einmal auf und schrie. +Und als der Schrei sich langsam wieder schloß +und von der Himmel blassem Tag und Anfang +herabfiel in der stummen Fische Abgrund--: +gebar das Meer. + +Von erster Sonne schimmerte der Haarschaum +der weiten Wogenscham, an deren Rand +das Mädchen aufstand, weiß, verwirrt und feucht. +So wie ein junges grünes Blatt sich rührt, +sich reckt und Eingerolltes langsam aufschlägt, +entfaltete ihr Leib sich in die Kühle +hinein und in den unberührten Frühwind. + +Wie Monde stiegen klar die Kniee auf +und tauchten in der Schenkel Wolkenränder; +der Waden schmaler Schatten wich zurück, +die Füße spannten sich und wurden licht, +und die Gelenke lebten wie die Kehlen +von Trinkenden. + +Und in dem Kelch des Beckens lag der Leib +wie eine junge Frucht in eines Kindes Hand. +In seines Nabels engem Becher war +das ganze Dunkel dieses hellen Lebens. + +Darunter hob sich licht die kleine Welle +und floß beständig über nach den Lenden, +wo dann und wann ein stilles Rieseln war. +Durchschienen aber und noch ohne Schatten, +wie ein Bestand von Birken im April, +warm, leer und unverborgen lag die Scham. + +Jetzt stand der Schultern rege Wage schon +im Gleichgewichte auf dem graden Körper, +der aus dem Becken wie ein Springbrunn aufstieg +und zögernd in den langen Armen abfiel +und rascher in dem vollen Kall des Haars. + +Dann ging sehr langsam das Gesicht vorbei: +aus dem verkürzten Dunkel seiner Neigung +in klares, wagrechtes Erhobensein. +Und hinter ihm verschloß sich steil das Kinn. + +Jetzt, da der Hals gestreckt war wie ein Strahl +und wie ein Blumenstiel, darin der Saft steigt, +streckten sich auch die Arme aus wie Hälse +von Schwänen, wenn sie nach dem Ufer suchen. + +Dann kam in dieses Leibes dunkle Frühe +wie Morgenwind der erste Atemzug. +Im zartesten Geäst der Aderbäume +entstand ein Flüstern, und das Blut begann +zu rauschen über seinen tiefen Stellen. +Und dieser Wind wuchs an: nun warf er sich +mit allem Atem in die neuen Brüste +und füllte sie und drückte sich in sie,-- +daß sie wie Segel, von der Ferne voll, +das leichte Mädchen nach dem Strande drängten. + +So landete die Göttin. + +Hinter ihr, +die rasch dahinschritt durch die jungen Ufer, +erhoben sich den ganzen Vormittag +die Blumen und die Halme, warm, verwirrt +wie aus Umarmung. Und sie ging und lief. + +Am Mittag aber, in der schwersten Stunde, +hob sich das Meer noch einmal auf und warf +einen Delphin an jene selbe Stelle. +Tot, rot und offen. + + + + +DIE ROSENSCHALE + + +Zornige sahst du flackern, sahst zwei Knaben +zu einem Etwas sich zusammenballen, +das Haß war und sich auf der Erde wälzte +wie ein von Bienen überfallnes Tier; +Schauspieler, aufgetürmte Übertreiber, +rasende Pferde, die zusammenbrachen, +den Blick wegwerfend, bläkend das Gebiß, +als schälte sich der Schädel aus dem Maule. + +Nun aber weißt du, wie sich das vergißt: +denn vor dir steht die volle Rosenschale, +die unvergeßlich ist und angefüllt +mit jenem Äußersten von Sein und Neigen, +Hinhalten, Niemals-Gebenkönnen, Dastehn, +das unser sein mag: Äußerstes auch uns. + +Lautloses Leben, Aufgehn ohne Ende, +Raum-brauchen, ohne Raum von jenem Raum +zu nehmen, den die Dinge rings verringern, +fast nicht Umrissen-sein wie Ausgespartes +und lauter Inneres, viel seltsam Zartes +und Sich-bescheinendes bis an den Rand: +ist irgend etwas uns bekannt wie dies? +Und dann wie dies: daß ein Gefühl entsteht, +weil Blütenblätter Blütenblätter rühren? + +Und dies: daß eins sich aufschlägt wie ein Lid, +und drunter liegen lauter Augenlider, +geschlossene, als ob sie zehnfach schlafend +zu dämpfen hätten eines Innern Sehkraft. +Und dies vor allem: daß durch diese Blätter +das Licht hindurch muß. Aus den tausend Himmeln +filtern sie langsam jeden Tropfen Dunkel, +in dessen Feuerschein das wirre Bündel +der Staubgeläße sich erregt und aufbäumt. + +Und die Bewegung in den Rosen, sieh: +Gebärden von so kleinem Ausschlagswinkel, +daß sie unsichtbar blieben, liefen ihre +Strahlen nicht auseinander in das Weltall. + +Sieh jene weiße, die sich selig aufschlug +und dasteht in den großen offnen Blättern +wie eine Venus aufrecht in der Muschel; +und die errötende, die wie verwirrt +nach einer kühlen sich hinüberwendet, +und wie die kühle fühllos sich zurückzieht, +und wie die kalte steht, in sich gehüllt, +unter den offenen, die alles abtun. +Und _was_ sie abtun, wie das leicht und schwer, +wie es ein Mantel, eine Last, ein Flügel +und eine Maske sein kann, je nachdem, +und _wie_ sie's abtun: wie vor dem Geliebten. + +Was können sie nicht sein: war jene gelbe, +die hohl und offen daliegt, nicht die Schale +von einer Frucht, darin dasselbe Gelb, +gesammelter, orangeröter, Saft war? +Und wars für diese schon zu viel, das Aufgehn, +weil an der Luft ihr namenloses Rosa +den bittern Nachgeschmack des Lila annahm? +Und die batistene, ist sie kein Kleid, +in dem noch zart und atemwarm das Hemd steckt, +mit dem zugleich es abgeworfen wurde +im Morgenschatten an dem alten Waldbad? +Und dieses hier, opalnes Porzellan, +zerbrechlich, eine flache Chinatasse +und angefüllt mit kleinen hellen Faltern,-- +und jene da, die nichts enthält als sich? + +Und sind nicht alle so, nur sich enthaltend, +wenn Sich-enthalten heißt: die Welt da draußen +und Wind und Regen und Geduld des Frühlings +und Schuld und Unruh und vermummtes Schicksal +und Dunkelheit der abendlichen Erde +bis auf der Wolken Wandel, Flucht und Anflug, +bis auf den vagen Einfluß ferner Sterne +in eine Hand voll Innres zu verwandeln? + +Nun liegt es sorglos in den offnen Rosen. + + + + + +INHALT + + +Früher Apollo +Mädchenklage +Liebeslied +Eranna an Sappho +Sappho an Eranna +Sappho an Alkaïos (Fragment) +Grabmal eines jungen Mädchens +Opfer +Östliches Taglied +Abisag +David singt vor Saul +Josuas Landtag +Der Auszug des verlorenen Sohnes +Der Ölbaumgarten +Pietà +Gesang der Frauen an den Dichter +Der Tod des Dichters +Buddha +L'Ange du Méridien (Chartres) +Die Kathedrale +Das Portal +Die Fensterrose +Das Kapitäl +Gott im Mittelalter +Morgue +Der Gefangene +Der Panther (Im Jardin des Plantes, Paris) +Die Gazelle (Antilope dorcas) +Das Einhorn +Sankt Sebastian +Der Stifter +Der Engel +Römische Sarkophage +Der Schwan +Kindheit +Der Dichter +Die Spitze +Ein Frauenschicksal +Die Genesende +Die Erwachsene +Tanagra +Die Erblindende +In einem fremden Park (Borgeby-Gård) +Abschied +Todeserfahrung +Blaue Hortensie +Vor dem Sommerregen +Im Saal +Letzter Abend (Aus dem Besitze Frau Nonnas) +Jugendbildnis meines Vaters +Selbstbildnis aus dem Jahre 1906 +Der König +Auferstehung +Der Fahnenträger +Der letzte Graf von Brederode entzieht sich türkischer Gefangenschaft +Die Kurtisane +Die Treppe der Orangerie (Versailles) +Der Marmorkarren (Paris) +Buddha +Römische Fontäne (Borghese) +Das Karussell (Jardin du Luxembourg) +Spanische Tänzerin +Der Turm (Tour St.-Nicolas, Furnes) +Der Platz (Furnes) +Quai du Rosaire (Brügge) +Béguinage (Béguinage Sainte-Elisabeth, Brügge) +Die Marienprozession (Gent) +Die Insel (Nordsee) +Hetärengräber +Orpheus. Eurydike. Hermes +Alkestis +Geburt der Venus +Die Rosenschale +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 33863 *** |
