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+The Project Gutenberg EBook of Das Judengrab. Aus Bimbos Seelenwanderungen, by
+Ricarda Huch
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Das Judengrab. Aus Bimbos Seelenwanderungen
+ Zwei Erzählungen
+
+Author: Ricarda Huch
+
+Release Date: October 1, 2010 [EBook #33827]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS JUDENGRAB ***
+
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+
+Produced by Norbert H. Langkau, Alexander Bauer and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+ [ Anmerkungen zur Transkription:
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+ Es wurde größte Sorgfalt darauf verwendet den Text originalgetreu
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+ Ende des Textes.
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+ Das Judengrab
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+ Aus Bimbos Seelenwanderungen
+
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+ Zwei Erzählungen
+ von
+ Ricarda Huch
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+ Im Insel-Verlag zu Leipzig
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+ 21.-30. Tausend
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+ Das Judengrab
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+In Jeddam gab es nur einen einzigen Juden, der auf folgende Weise
+dorthin verschlagen war: Seine Frau, mit der ihn treueste Liebe verband,
+war aus Jeddam gebürtig, und als ihr Vater mit Hinterlassung bedeutender
+Ländereien starb, war es wünschenswert, daß sie sich zur Regelung
+ihrer Erbschaft selbst hinbegebe. Mit der Möglichkeit, das Vaterhaus
+wiederzusehen, erwachte in ihr das Heimweh, und die Familie, die aus
+Vater, Mutter und zwei kaum erwachsenen Kindern bestand, trat die weite
+Reise an. Da nun der Ort Jeddam, mit mehr dörflichem als städtischem
+Charakter, so trotzig und anmutig zwischen mäßig hohen Bergen, reichen
+Saatfeldern und grünen Geländen lag, die das Flüßchen Melk bewässerte,
+und da die Frau sich in ihrer vertrauten Kinderheimat so wohl fühlte,
+willigte der gutmütige Mann ein, ganz und gar überzusiedeln. Er konnte
+freilich nicht daran denken, das große Gut seiner Frau selbst zu
+bewirtschaften, sondern stellte dazu einen jungen Verwalter an, während
+er selbst ein Geschäft in dem Ort eröffnete, wie er es früher betrieben
+hatte. Da es ein solches in Jeddam bisher nicht gegeben hatte und die
+Einkäufe in der nächsten größeren Stadt besorgt worden waren, hätte das
+Geschäft wohl gedeihen können, wenn nicht der Inhaber ein Jude gewesen
+wäre, von welchem Volke die Bewohner von Jeddam durchaus nichts wissen
+wollten. Verkauft wurde zwar genug, aber wenig bezahlt, und wenn Herr
+Samuel die ausstehenden Gelder einklagen wollte, mußte er erleben, daß
+sich die Behörden seiner nicht annahmen und er höchstens Prozeßkosten
+zahlen mußte, ohne zu seinem offenkundigen Recht kommen zu können. Es
+machte ihm oft Sorgen, was daraus werden sollte, und er wäre gern mit
+den Seinigen auf und davon gegangen, wenn er gewußt hätte, wie er in
+dieser feindseligen Umgebung zu seinem Gelde kommen und die Güter seiner
+Frau ohne zu großen Schaden verkaufen sollte.
+
+Eine Reihe von Jahren ging es so weiter, bis eines Tages Herr Samuel
+krank wurde und nach dem Arzte im nächsten Städtchen schickte; als er
+auf seine zweite Bitte, schleunig zu kommen (denn die erste hatte
+keinerlei Erfolg gehabt), die Antwort erhielt, der Doktor sei sehr
+beschäftigt und bedaure, dem Rufe nicht Folge leisten zu können, wurde
+es ihm unheimlich zumute, und er bedachte zum ersten Male gründlich,
+wie er hier elend sterben und verderben könne. Während die Familie
+sorgenvoll und ratschlagend um sein Bett herumsaß, sagte er: »Das beste
+wäre, da ich doch einmal krank bin, wenn ich stürbe, dann könntet ihr
+unangefochten hier leben und glücklich sein.« Seine Frau Rosette und die
+beiden Kinder, Anitza und Emanuel, verwiesen ihm so zu reden, da sie
+ohne ihn auch im Paradiese nicht glücklich sein könnten, und Herr Ive,
+der Verwalter, der Anitzas Verlobter war, sagte, daß es auch deshalb
+unrichtig sei, weil die Bewohner von Jeddam die abtrünnige Frau, die
+einen Juden geheiratet hatte, und dessen Kinder ebensowenig unter sich
+leiden möchten wie ihn selber.
+
+»Wie wäre es aber,« sagte Anitza, »wenn wir dich, Vater, als tot ausgäben
+und begrüben, während du heimlich in deine Heimat zurückkehrtest, und
+Ive, als unser natürlicher Freund und Vormund, unsre Angelegenheiten
+ordnete und uns dann zu dir führte?«
+
+Herr Samuel wollte anfänglich von solchen Schlichen nichts hören, aber
+da der Verwalter erklärte, er getraue sich wohl, die Sache zu einem
+guten Ende zu bringen, und da Frau und Kinder zu dem Abenteuer, mittels
+dessen zugleich denen von Jeddam ein Streich gespielt wurde, voll Lust
+und Ungeduld waren, willigte er schließlich ein, es ins Werk zu setzen.
+Kaum war er wieder einigermaßen hergestellt, als er nächtlicherweile
+Jeddam verließ; es glückte ihm, unbemerkt zu dem nächsten größeren, am
+Meere gelegenen Ort zu gelangen, wo er sich einschiffte.
+
+Unterdessen stopften Frau Rosette und Anitza mit Herrn Ives Hilfe einen
+netten Balg aus, befestigten eine passende Larve mit einem Bart aus
+Roßhaar vor dem Strohkopfe und legten diese Figur, in ein reinliches
+Sterbehemd gekleidet, auf Herrn Samuels Bett. Die Larve bedeckten sie
+mit einem Schnupftuch, doch die wachsenen Hände, die sie der Echtheit
+und Ähnlichkeit halber mit dem schönen Diamantring geschmückt hatten,
+den Samuel auf dem Zeigefinger zu tragen pflegte, blieben sichtbar. Der
+Betrug wäre wohl doch entdeckt worden, wenn das Haus des Juden nicht wie
+das eines Aussätzigen gemieden worden wäre; als die Nachricht von seinem
+Tode ausgesprengt war, fehlte es zwar nicht an Neugierigen, aber sie
+hielten an sich und spähten aus der Ferne, so daß nur die eignen
+Dienstboten scheu von der Türschwelle aus den künstlichen Leichnam
+betrachteten.
+
+Demnächst begab sich Herr Ive zum Gemeinderat, um den Tod des Herrn
+Samuel anzuzeigen und die Beerdigung zu bestellen, wurde dort aber an
+den Pfarrer verwiesen, der diese Dinge zu erledigen habe. Der Pfarrer
+war ein Mann mit dichtem, lockigem Haar und kurzer, hölzerner Stirn
+über einem breiten Gesicht, für gewöhnlich schweigsam, nicht aus Neigung
+oder Anlage, sondern weil er nichts zu sagen wußte. Seine großen Augen
+flackerten ängstlich und bekümmert vor der großen Leere seines Schädels,
+und er war im ganzen ein mehr hilflos trauriger und unschädlicher Mann
+als ein bösartiger, außer wenn es sich um gewisse kirchliche Fragen
+handelte. Sowie nämlich irgendeine Sache vorkam, in der er sein Urteil,
+sei es auch ein noch so verkehrtes, hatte, und in der er überhaupt
+maßgebend war, bemächtigte er sich derselben mit Heftigkeit, blähte sich
+auf und spie Gift gegen alle, die ihm nahe kamen, im unbewußten Drange,
+sich dafür zu rächen, daß sie ihn so oft als einen unwichtigen, blöden
+Tölpel unbrauchbar in der Ecke hatten stehen sehen. Als Herr Ive sich
+bei ihm meldete, wußte er schon, um was es sich handelte, und empfing
+ihn mit den Worten: »Was gibt es, Herr Ive? Da muß etwas Gewaltiges
+im Schwange sein, daß Ihr zu mir kommt! Ihr pflegt mich nicht zu
+überlaufen, weder in meinem Hause, noch im Hause Gottes! Diese Leute
+bedürfen der Seelsorge nicht; aber jetzt gilt es wohl eine Erbschaft
+oder eine Heirat, wo sie immer bei der Hand sind!«
+
+Herr Ive entschuldigte sich höflich und sagte, daß er nur den Tod des
+verstorbenen Herrn Samuel anzeigen wolle, was ihm als Vormund der
+hinterbliebenen Familie zukomme. »Da habt Ihr Euch ein sauberes Amt
+ausgelesen,« sagte der Pfarrer; »wer Pech angreift, besudelt sich, wißt
+Ihr das nicht? Bleibt mir mit Euerm toten Juden vom Leibe, ich habe
+nichts damit zu schaffen!« Herr Ive erklärte, daß der Gemeinderat ihn an
+den Pfarrer gewiesen hätte, der die Beerdigungsförmlichkeiten samt und
+sonders zu erledigen pflegte. »Ja,« rief der Pfarrer aufbrausend, »die
+Beerdigungen von Christenmenschen freilich! Den Juden mögen seine
+Rabbiner und Pharisäer in ihre Erde graben und sich selber dazu, was
+desto besser für sie und uns wäre.«
+
+Der Herr Pfarrer wüßte wohl, sagte Herr Ive, daß es in Jeddam weder
+Pharisäer noch Sadduzäer gäbe, noch weniger einen jüdischen Kirchhof,
+weswegen der Wunsch des Herrn Pfarrers nicht könnte ausgeführt werden;
+es müßte der verstorbene Samuel wohl oder übel neben den übrigen Bürgern
+Jeddams bestattet werden. Der Pfarrer zog die schwachen Brauen über den
+großen rollenden Augen hoch, schlug mit der geballten Faust dreimal auf
+den Tisch und rief: »Nichts da! Heraus mit Euch! Werft Euern toten Juden
+wohin Ihr wollt, aber laßt Euch nicht mit ihm auf unserm christlichen
+Kirchhof blicken!« Worauf Herr Ive, dem das Blut bereits zu kochen
+anfing, sich herumdrehte, die Tür laut hinter sich zuschlug und
+spornstreichs zurück zum Gemeinderat eilte.
+
+Dort gab es ein Köpfezusammenstecken und eiliges Hin- und Herlaufen, bis
+es Herrn Ive endlich gelang, zum Bürgermeister vorzudringen, der es im
+allgemeinen nicht liebte, in seinen Geschäften gestört zu werden. Er war
+ein beleibter Herr, der unter seiner Freundlichkeit äußerste Verachtung
+der meisten übrigen Menschen verbarg und sich einbildete, seine Stellung
+als Bürgermeister einzig seiner weltmännischen Gewandtheit und geistigen
+Überlegenheit zu verdanken. Ihm war alles gleichgültig, außer daß er den
+Ruf seiner Unfehlbarkeit und seine Beliebtheit nicht einbüßte, und es
+war deshalb ebenso angenehm, mit ihm zu verkehren, wie schwer, irgend
+etwas von ihm zu erreichen und in Gang zu bringen.
+
+Herr Ive erzählte atemlos und heftig, was ihm beim Pfarrer begegnet
+war, häufig unterbrochen vom Bürgermeister, der sich nach unzähligen
+Einzelheiten erkundigte, teils um seine sachkundige Gründlichkeit und
+menschliche Teilnahme zu beweisen, teils um im allgemeinen Zeit zu
+gewinnen. Als Herr Ive durchaus nichts mehr zur Klärung der Sachlage
+beizubringen wußte und augenscheinlich auf eine Antwort erpicht war,
+legte der Bürgermeister den Kopf auf die Seite, faltete die Hände über
+dem Bauche und sagte nachdenklich: »Schade, schade, daß der Herr Samuel
+sterben mußte! Ein fleißiger Herr, ein braver Herr, als Familienvater
+ausgezeichnet und als nützlicher Bürger, aber ein Jude. Unleugbar ein
+Jude! Er hätte noch eine Weile länger leben dürfen.«
+
+Herr Ive sagte ungeduldig: »Euer Gnaden werden Ihre rühmlich bekannte
+Gerechtigkeitsliebe beweisen und nicht dulden, daß Leute, die Euer
+Gnaden selbst als nützliche Bürger bezeichnen, wie faules Obst in den
+Graben geworfen, anstatt rechtlich begraben werden.«
+
+»Wie faules Obst in den Graben werfen!« rief der Bürgermeister
+erschrocken. »Das wäre in der Tat ein Unfug, den ich scharf ahnden
+würde. Die Geistlichkeit läßt sich oft, wie wir alle wissen, vom frommen
+Eifer hinreißen, allein das bürgerliche Haupt der Gemeinde folgt
+unbestechlich der Gerechtigkeit. Es soll mir nimmermehr ein verstorbener
+Jude, der tugendhaft gelebt hat, wie faules Obst auf der Gasse liegen!«
+
+So würde, fragte Herr Ive, der Bürgermeister Befehl geben, daß der
+Verstorbene schicklich auf dem allgemeinen Friedhof beerdigt würde. Das
+würde er freilich, antwortete jener, nachdem er zuvor die Herren
+Gemeinderäte versammelt und ihre Meinung eingeholt hätte: »Denn«, sagte
+er lächelnd, »den Tyrannen möchte ich nicht spielen, gerade weil ich es
+könnte.«
+
+Herr Ive mußte sich bescheiden, unverrichteter Sache heimzukehren, und
+eilte zur Familie des Samuel, um von dem Vorgefallenen Bericht zu
+erstatten. Er hatte im Laufe der Verhandlungen fast vergessen, daß sein
+Schwiegervater nicht in Wirklichkeit tot war, wie er aber zu Hause die
+vergnügten Gesichter sah, kam es ihm wieder zur Besinnung, und er mußte
+lachen, daß der Pfarrer sich dermaßen über eine Sache erhitzt hatte, die
+nur in der Einbildung bestand. Die zierliche Anitza warf sich auf einen
+Teppich und lachte lautlos in ein Kissen, so daß ihr die Tränen über das
+Gesicht liefen, aber ihre Mutter, eine hohe, kräftige Frau, die nicht
+mit sich spaßen ließ, stand auf und sagte: »Ive, du bist gut, aber du
+hast einen Lammsmut, du verstehst mit diesen Leuten nicht umzugehen,
+die man nicht höflich, sondern grob und unverschämt, wie sie selber
+sind, behandeln muß. Du wirst bescheiden vor der Tür gestanden und
+um Erlaubnis gefragt haben, anstatt zu sagen: 'Kurz und gut, morgen
+begraben wir meinen Schwiegervater, und wer sich mir in den Weg stellt,
+dem zerschmettere ich mit diesen Fäusten die Knochen zu Butter.'«
+
+»Ich habe mich so fest und entschlossen benommen, wie ich glaube, daß
+ein Mann soll,« sagte Herr Ive, dessen helles, hübsches Gesicht über und
+über rot geworden war, als ihm Zaghaftigkeit vorgeworfen wurde. »Wenn es
+nötig ist, kann ich auch dreinschlagen, doch ich dachte, es wäre dazu
+immer noch Zeit.«
+
+Der junge Emanuel sagte: »Mama, die Leute haben im Grunde ganz recht.
+Auf einen christlichen Kirchhof gehören Christen, auf einen jüdischen
+Juden. Die Frage ist nicht so leicht zu entwirren, wie du dir
+einbildest.«
+
+Nun loderte Frau Rosette in lichtem Zorne auf und rief: »Geh mir mit
+deinen Spitzfindigkeiten! Dein Vater ist kein Dieb oder Mörder, sondern
+ein besserer Mann als alle die Ochsenköpfe von Jeddam, die froh sein
+können, einen solchen auf ihrem Friedhof begraben zu dürfen. Glaubst du,
+sie würden dich und mich und Anitza, obwohl wir gut katholische Christen
+sind, achtungsvoller behandeln? Sie würden uns auch in das erste beste
+Loch werfen; aber sie haben sich in mir verrechnet. Ich nehme es mit
+andern Leuten auf als mit dem hohlköpfigen Pfarrer und dem windigen
+Bürgermeister.«
+
+Anitza klatschte vor Vergnügen in die Hände und sagte zu ihrem Bruder:
+»Mama möchte, daß wir beide stürben, nur damit sie uns dem Pfarrer zum
+Tort ein christliches Begräbnis herrichten könnte!« Und Emanuel, der es
+liebte, seine Mutter zu necken, sagte: »Frau und Kinder gehen nach des
+Vaters Seite, und ich bezweifle, ob wir das Recht haben, uns auf dem
+Jeddamer Friedhof beerdigen zu lassen.«
+
+»Gelbschnabel!« rief seine Mutter. »Meine Urgroßväter, Großväter und
+mein Vater sind hier begraben, und ich möchte den sehen, der mich
+hindern kann, an ihrer Seite zu liegen. Ich gehe bis zum Kaiser, wenn
+es nötig ist, um diesen Prahlhänsen zu zeigen, wo ich mich begraben
+lassen kann!«
+
+Es gelang Herrn Ive, die zürnende Frau zu bewegen, daß sie den Bescheid
+abwartete, den er jetzt vom Gemeinderate bekommen würde, und er machte
+sich alsbald auf, um denselben in Empfang zu nehmen. Ehe er in das
+Beratungszimmer geführt wurde, wo sich unter den übrigen Herren auch der
+Pfarrer befand, sagte der Bürgermeister: »Es kommt mir nicht in den
+Sinn, nach Tyrannenweise das Recht zu beugen, und daß dem Rechte nach
+kein Jude auf unserm christlichen Gottesacker bestattet werden darf,
+sehe ich ein; doch halte ich mich gern an den alten lateinischen Spruch,
+der besagt, daß man zwar unerschütterlich im Handeln, aber gefällig und
+lieblich in der Form sein soll, und werde deshalb dem jungen Manne den
+abschlägigen Bescheid so sanft wie möglich eingehen lassen.«
+
+Als hierauf Herr Ive vorgelassen wurde, empfing er ihn mit wohlwollenden
+Blicken, streichelte kosend über das Protokollpapier, das vor ihm lag,
+und sagte: »Sie sind ein geschätzter Mitbürger, Herr Ive, auch der
+verstorbene Herr Samuel war es, soweit er Bürger war, als Bekenner stand
+er mir fern. Sagen Sie selbst, gibt es eine jüdische Gemeinde hier?«
+
+Diese Frage konnte Herr Ive nicht anders als mit nein! beantworten,
+worauf der Bürgermeister fortfuhr: »Es gibt hier keine jüdische Gemeinde,
+oder, was dasselbe sagen will, keine Juden. Gibt es aber keine Juden
+hier, so gibt es auch keinen Juden, und so hat auch Herr Samuel, der ein
+Jude war, im rechtlichen Sinne niemals hier existiert. Seine Familie mag
+ihn beweinen, seine Freunde, ja alle fühlenden Herzen mögen seinen
+Hinschied betrauern, die Gemeinde als solche muß ihn als nie dagewesen
+betrachten und kann ihn infolgedessen auch nicht begraben.«
+
+»So bitte ich den Herrn Bürgermeister, mir zu sagen,« rief Herr Ive
+drohend, »wo ich ihn begraben soll, denn begraben muß er doch einmal
+werden.«
+
+»Das wäre zu wünschen,« sagte der Bürgermeister, »und es sei ferne von
+mir, den Hinterbliebenen darin auch nur das geringste in den Weg zu
+legen. Nur den christlichen Gottesacker bitte ich auszunehmen, und daß
+innerhalb der Stadtgrenzen kein Toter sich aufhalten darf, ist Ihnen
+sowie jedermann bekannt.«
+
+Jetzt aber war es mit Herrn Ives Geduld zu Ende, und indem ihm das Blut
+heiß in die Wangen schoß, rief er: »Wenn ihr den lebenden Juden unter
+euch dulden konntet, werdet ihr auch den toten ertragen. Ich verlange
+kein Geläut und kein Geplärr und Gezeter an seinem Grabe, aber ein
+Fleckchen Erde, wo er ruhig liegen kann, das soll er trotz euch haben.
+Laßt es euch gesagt sein, daß ich ihn morgen selber auf den Kirchhof
+bringen und jeden niederschlagen werde, der mich dabei stören will.«
+
+Diese groben Worte entzündeten ein heftiges Wortgemenge, das durch den
+plötzlichen Eintritt Frau Rosettens unterbrochen wurde, die, des Wartens
+überdrüssig, selbst gekommen war, um mit ein paar kernigen Worten die
+Leute zur Vernunft und die Sache zu Ende zu bringen. Als sie in großer
+Majestät, vom Kopf bis zu den Schuhen in Schwarz gekleidet, auf der
+Schwelle stand, verstummten alle, und der Bürgermeister beeilte sich,
+ihr entgegenzugehen und einige Worte des Beileids zu sprechen. »Laßt die
+Phrasen, Herr Bürgermeister,« sagte sie abwehrend, »auf die ich keinen
+Wert lege. Ich verlange von Euch nichts als mein Recht, ich will meinen
+Mann auf den Kirchhof bringen, wo mir Vater und Mutter, Großväter und
+Urgroßväter ruhen, und darin verlange ich von Euch mehr unterstützt als
+behindert zu werden.«
+
+»Euer verewigter Vater war mein geschätzter Freund,« sagte der
+Bürgermeister, indem er sich mit einem großen buntseidenen Taschentuche
+den Schweiß von der Stirn wischte, »und sein Grab gereicht unserm
+Gottesacker zur Ehre. Er war ein guter Bürger und ein guter Christ, und
+mehr braucht es nicht, um in Jeddam gut aufgenommen und begraben zu
+werden.«
+
+»So denke ich,« sagte Frau Rosette, sich stolz umsehend, »daß ich diese
+Ehre verdiene. Ich wünsche aber, was niemand einem christlichen Eheweibe
+verargen wird, dereinst an meines Gatten Seite zu ruhen.«
+
+Der Bürgermeister trocknete sich den Angstschweiß ab und besann sich,
+welche Gelegenheit der Pfarrer, der sich nur ungern das Wort so lange
+hatte nehmen lassen, ergriff und losfuhr: »Bückt ihr euch vor dieser
+stolzen und abgöttischen Jesebel? Du hast einen Greuel in deine Familie
+und unsre Gemeinde gebracht, Weib, aber auf unsern Friedhof sollst du
+ihn nicht bringen. Es gibt genug Kehricht auf der Erde, wohin ihr eure
+ungläubigen Knochen werfen könnt, unserm heiligen Gottesgarten sollen
+sie fernbleiben!«
+
+Frau Rosette trat dicht an den Pfarrer heran und sagte: »Höre du, ich
+mache mir zwar keine Ehre daraus, zwischen euern hohlen Gerippen
+begraben zu liegen, aber mein angeborenes und angestammtes Recht lasse
+ich mir von euch nicht rauben und möchte gleich auf dem Flecke sterben,
+damit ihr mit ansehen müßtet, wie ich auf euern Schutthaufen Einzug
+halte.«
+
+Die Anzüglichkeit der Frau Rosette hatte auch die übrigen Gemeinderäte
+in Zorn versetzt, von denen einer sagte: »Die Frau eines Juden hat
+keinerlei Recht mehr in Jeddam.«
+
+»Ja, ich hätte meine Mitgift einem von euch hungrigen Bären bringen
+sollen!« höhnte sie.
+
+»Besser ein Bär als ein Schwein!« rief ein andrer; denn so pflegte man
+die Juden in Jeddam zu nennen.
+
+Frau Rosette erbleichte und sagte: »Du mußt wohl ein Hund sein, daß du
+einen edeln Toten beschimpfst.« Dann legte sie eine Hand auf Herrn Ives
+Arm und sagte, indem sie ihn mit sich zog: »Komm, wir werden uns selber
+helfen.«
+
+Während der Bürgermeister auseinandersetzte, daß der Weise und Weltmann
+nicht schimpfe, sondern fest und gelinde auf dem Buchstaben des Rechtes
+beharre, trug der Pfarrer Sorge, daß die übermütige Frau Rosette ihren
+Samuel nicht insgeheim in den Kirchhof einschmuggelte.
+
+Das war diese allerdings willens, aber nicht verstohlenerweise, sondern
+öffentlich und prächtig, am hellen Tage, indem sie darauf rechnete, daß
+man es nicht zu einer Prügelei auf dem Kirchhof würde kommen lassen.
+Der Pfarrer hatte aber noch zur rechten Zeit eine Menge von Bauern
+versammelt und zu ihnen gesagt: »Kinder, der tote Jude wird unsre gute
+Erde verpesten! Leidet es nicht! Mag er draußen auf dem Felde liegen, wo
+es nur Raben und Krähen gibt! Wenn ihr nicht auf der Hut seid, werdet
+ihr Gift und Pestilenz und Viehseuche haben!« Die Folge davon war,
+daß die Knechte, die den Sarg mit dem künstlichen Samuel trugen, die
+Kirchhofpforte verrammelt und von feindseligen Bauern besetzt fanden,
+die ihnen den Eingang wehrten. Frau Rosette, Herr Ive und die Kinder,
+die in einem offenen Wagen folgten, sahen voll Erstaunen, wie sich ein
+tüchtiges Handgemenge entspann, in dem ihre Knechte bald den kürzeren
+zogen, da sie bedeutend in der Minderzahl waren. Herr Ive verfolgte den
+Kampf eine Weile mit dem Kennerblick eines jungen Straßenbuben und
+wachsender Ungeduld, bis er schließlich nicht mehr an sich zu halten
+vermochte, aus dem Wagen sprang, die Jacke abwarf und sich mit einem
+lauten, schnalzenden Schrei unter die Prügelnden mischte. Emanuel,
+dessen dunkle Augen vor Kampflust feucht geworden waren, schickte sich
+an, es seinem Schwager nachzutun, und die Mutter hatte Mühe, ihn
+festzuhalten und Anitzas Heiterkeit, die sich ihrer beim Anblick des
+tapfer ringenden Bräutigams bemächtigt hatte, durch Zupfen, Winken
+und Warnen in etwas zu mäßigen. Ihren Schwiegersohn sah Frau Rosette
+zwar mit Genugtuung und Billigung im Kampfgewühl, dennoch bat sie
+ihn, angesichts der immer wachsenden Zahl seiner Gegner, für heute
+abzustehen, da man mit so geringen Streitkräften nicht hoffen könne,
+den Sieg davonzutragen. Herr Ive, da er einmal im Raufen war, hörte
+nur ungern auf, doch sah er ein, daß seine Schwiegermutter recht hatte,
+und führte die Familie unter hellem Übermut der Kinder und prasselndem
+Zornfeuer Frau Rosettens nach Hause zurück.
+
+Die Zurückgebliebenen prügelten sich weiter und waren so eifrig dabei,
+daß es der Gemeindepolizei kaum gelang, sie bei einbrechender Nacht
+auseinander zu treiben. Dieser Auflauf machte den Bürgermeister und
+mehrere Herren vom Rate so bedenklich, daß sie sich nochmals in einem
+verschwiegenen Zimmer des Wirtshauses, das öfter zu wichtigen
+Beratschlagungen diente, versammelten, um einen gütlichen Ausweg
+dieser heiklen Angelegenheit zu finden.
+
+»Es ist nicht zu leugnen,« begann der Bürgermeister freundlich, indem er
+tändelnd den Deckel seines Bierkrugs auf- und zuklappte, »daß ein toter
+Mensch irgendwo begraben werden sollte. Auch kann man der Frau Rosette
+nicht zumuten, daß sie ihren verstorbenen Gatten zwischen ihren
+Getreidefeldern und Kartoffeläckern beerdigt.«
+
+»Beileibe nicht!« rief der Pfarrer drohend. »Soll er unsern christlichen
+Erdboden verpesten? Hinaus mit ihm! Weit weg mit ihm! Werden doch auch
+die toten Pferde und Hunde da draußen eingescharrt.«
+
+Der Bürgermeister klapperte sinnend mit seinem Deckel und sagte: »Ich
+gebe zu, Ehrwürden, daß ein Jude kein Christ ist, sollte er aber
+deswegen unter die Tiere fallen?«
+
+Hieran knüpfte sich eine längere Beratung, und nachdem in dieser Weise
+genugsam hin und her gestritten war, machte einer der Gemeinderäte
+folgenden Vorschlag: »Es wird den Herren bekannt sein,« sagte er, »daß
+wir in einer Ecke des Kirchhofes, wo wildes Unkraut wächst und der
+Totengräber zu keiner Pflege und Säuberung verpflichtet ist, die kleinen
+Kinder begraben, die totgeboren wurden oder gleich nach der Geburt
+starben, so daß sie leider die heilige Taufe nicht empfangen konnten.
+Diese scheinen mir insofern mit dem Juden vergleichbar, als sie, wie er,
+ungetauft sind, und es dünkt mich deshalb nicht unschicklich, wenn man
+ihn dort in aller Stille vergrübe.«
+
+Der Bürgermeister wollte eben einen mäßigen Beifall dieses Vorschlages
+laut werden lassen, als der Pfarrer, die Hände über dem Kopfe
+zusammenschlagend, ausrief: »Wo ist euer Christentum? Ihr schwatzt wie
+Heiden und Türken daher! Wißt ihr nicht, daß die vor und während der
+Geburt gestorbenen Christenkinder Engel sind? Kleine Engelkinder, die
+ihre schwarzen Augen niemals aufgetan und durch den Anblick unsrer
+häßlichen Erde getrübt haben! die mit ihren kleinen Rosenfüßen niemals
+den Dreck berührt haben, durch den wir waten! Auf der Schwelle unsers
+Lebens haben sie die Flügel geschüttelt und sind wieder davongeflogen
+in den Himmel.«
+
+Hier fing der Pfarrer, der die kleinen Kinder zärtlich liebte, an
+zu weinen, und auch einige Gemeinderäte wischten sich die Augen,
+indessen der Bürgermeister sagte: »Es bleibt den Kindern unbenommen,
+in den Himmel zu fliegen, und dem Juden, in die Hölle zu fahren,
+nichtsdestoweniger sind sie vom bürgerlichen Standpunkte aus alle
+ungetauft, und es scheint mir daher billig und recht, daß sie am selben
+Orte begraben werden.« Er fürchtete nämlich die große und behäbige
+Verwandtschaft Frau Rosettens, die sich zwar um Herrn Samuel wenig
+bekümmert hatte, von der es aber doch anzunehmen war, daß sie die
+Kränkung einer von ihrer Sippschaft übel vermerken würde.
+
+Der Pfarrer konnte gegen den Gemeinderat, der einmütig war, nichts
+ausrichten, machte sich aber an das Volk, stellte ihm die Unbill vor,
+die ihm angetan werden sollte, und ermunterte es, dieselbe in Gottes
+Namen mit Fäusten abzuwehren. »Würdet ihr ruhig zusehen,« rief er, »wenn
+man einen Wolf in euern Schafstall ließe? Und sie wollen einen falschen
+Judas zwischen eure unschuldigen Kinder legen, die am Throne der
+Dreieinigkeit für arme Sünder beten. Pestilenz! Feuersbrunst! Wassernot!
+Kriegsnot und Hungersnot werden über euch kommen, wenn ihr zulaßt, daß
+der heilige Gottesacker durch diesen Verräter vergiftet wird.«
+
+Die Bürger von Jeddam ließen sich dies nicht zweimal sagen, rotteten
+sich zusammen und schwuren, jedweden totzuschlagen, der den toten Samuel
+auf ihren Friedhof bringen würde. Am furchtbarsten unter den Aufwieglern
+war ein Großbauer namens Pomilko, ein hünengroßer Mann mit dickem Kopf
+und weißblonden Haaren, der mit seinem Gefolge von Angehörigen,
+Verwandten, Abhängigen und Knechten das ganze Gemeinwesen hätte über
+den Haufen werfen können. Pomilko hatte vor kurzem eine zweite Frau
+genommen, die ihm ein totes Kind geboren hatte. Demselben hatte er zwar
+keinen Blick geschenkt, sondern, als ihm die Botschaft gebracht worden
+war, hatte er sich fluchend und zähneknirschend aufs Feld begeben und
+sich zwei Tage lang nicht im Hause blicken lassen; jedoch sah er es
+als eine gröbliche Ehrenkränkung an, daß ein Jude in der Nähe seines
+Sprößlings begraben sein sollte, und er erklärte laut, er fürchte weder
+den Bürgermeister noch den Kaiser und würde diesen zeigen, was Pomilko
+vermöchte, wenn sie sich ihn zu beleidigen getrauten. Er hatte aus
+erster Ehe eine erwachsene Tochter namens Sorka, ein großes, starkes
+Mädchen mit kecken, blitzenden Augen, einem feinen Munde und Zähnen, die
+fest wie Kieselsteine und gelbglänzend wie Marmor waren. Als das Mädchen
+hörte, daß eine Stiefmutter ins Haus ziehen sollte, erklärte sie dem
+Vater, sie wolle das nicht leiden, er möchte davon abstehen, was ihn
+bewog, die Heirat um so schneller zu vollziehen. Als Sorka beim ersten
+gemeinsamen Mittagsmahle fehlte, der Vater sie hereinrief und die
+Stiefmutter ihr mit saurer Miene die Suppe in den Teller füllte, schob
+Sorka denselben so heftig zurück, daß das reine Tischtuch über und über
+bespritzt wurde, sagte: »Ich esse nicht, was du gekocht hast!« und
+schaute dem Vater und seiner Frau herausfordernd und mit verhaltenem
+Frohlocken ins Gesicht. »So magst du hungern,« rief der Vater zornig,
+»andre Speise gibt es hier für dich nicht!« Sorka lachte und sagte:
+»Lieber such ich mir selbst mein Brot,« und zog stracks mit einem Bündel
+Habseligkeiten aus dem Hause.
+
+Sie nahm, da sie nicht gleich etwas andres fand, bei einem kleinen Bauer
+einen Dienst an und hatte bald eine Liebschaft mit dessen Sohn, was der
+Vater, der alte Darinko, geschehen ließ, weil er wußte, daß Pomilko
+seiner Tochter ihr mütterliches Erbe nicht vorenthalten konnte. Diese
+Vorgänge hatten den Pomilko mit übler Laune, Ärger, Zorn und Rachsucht
+ganz angefüllt, weshalb er die Gelegenheit, zu zanken, zu raufen und
+allenfalls jemand totzuschlagen, sogleich ergriffen hatte.
+
+Der Bürgermeister konnte sich nicht verhehlen, daß eine förmliche
+Revolution im Anzuge sei, und in seiner Verlegenheit hielt er eine
+Ansprache an das Volk, er würde die Frage wegen des Judengrabes Seiner
+Majestät dem Kaiser zur Entscheidung vorlegen, inzwischen möchten sie
+ihren Geschäften nachgehen und sich still verhalten, das Gemeinwesen
+ruhe sicher in seinen Händen. In Wirklichkeit begab er sich nicht zum
+Kaiser, sondern zu dem Kommandanten einer Garnison, die im nächsten Orte
+lag, und dieser erklärte sich vollständig damit einverstanden, daß Herr
+Samuel in jener Ecke des Jeddamer Kirchhofes, wo die ungetauften Kinder
+lägen, beerdigt würde, bewilligte auch dem Bürgermeister eine kleine
+Abteilung Soldaten für den Fall, daß bei der Bestattung Ruhestörungen
+vorkämen.
+
+Es wurde nun der Frau Rosette mitgeteilt, wo und wie sie ihren Gemahl
+beerdigen dürfe, und sie wurde zugleich ersucht, das Begräbnis bei Nacht
+vor sich gehen zu lassen, damit Ärgernis vermieden würde. Frau Rosettens
+Stolz wurde dadurch zwar nicht ganz befriedigt, doch sagte sie sich,
+daß es sich eigentlich nicht um ihren Samuel, sondern nur um eine
+nachgemachte Puppe handle, und daß sie froh sein müsse, wenn die
+Schwindelei so bald wie möglich von der Erde verschwände, und versprach
+infolgedessen, sich gemäß der empfangenen Weisung zu verhalten.
+
+Die Bürger von Jeddam hatten angesichts der Soldaten beschlossen, sich
+in diese Sache nicht mehr zu mischen, hielten sich aber während des
+Begräbnisses in den Häusern, da sie es doch nicht anständig fanden,
+gegenwärtig zu sein und keinen Tumult zu veranstalten. Es trabte also
+der schwarzverhangene Wagen durch die stille Mitternacht, als wäre das
+Dorf durch Zauberei gebannt oder versteinert, und nichts war hörbar als
+das Trotten der Pferde, das Rollen der Räder und das leise Schwatzen von
+Frau Rosette und Herrn Ive, die im leichten Gefährt dem Sarge folgten.
+Mit Hilfe des Totengräbers wurde der vermeintliche Samuel aufs
+Geratewohl in jene verwilderte Ecke gestopft, worauf die Familie, die
+unterdessen schon die Koffer gepackt hatte, sich schleunig auf die
+Reise begab, um sich mit dem Vater wieder zu vereinigen. Herr Ive blieb
+einstweilen wegen der Angelegenheiten, um derentwillen der ganze Betrug
+angezettelt war, in Jeddam zurück.
+
+Dort war aber der Kampf noch keineswegs beendet. Es fanden sich nämlich
+am Tage nach dem Begräbnis auf der Kirchhofmauer, da, wo die ungetauften
+Kinder lagen, allerlei fürwitzige Inschriften angemalt, wie zum
+Beispiel: Hier ist Schweinemarkt! oder: Misthaufen von Jeddam! oder:
+Kehrichthof! und andre Witze dieser Art, was bald zu den Ohren der Leute
+kam, die Kinder an dieser Stelle begraben hatten. An die Spitze der
+Beleidigten stellte sich der mächtige Pomilko, dem es ohnehin lieber
+war, auf seiten der Regierung zu stehen, und der nicht zweifelte,
+daß der alte Darinko, bei dem sich seine Tochter befand, ihm diese
+Beschimpfung angetan hätte. Dadurch wurde dieser das Haupt einer
+geistlichen Partei, die fortfuhr, gegen die Anwesenheit des verstorbenen
+Samuel auf dem Kirchhof zu meutern; er leugnete zwar, die Inschriften an
+der Mauer verfaßt zu haben, war es aber übrigens wohl zufrieden, aus
+seiner ärmlichen Bedeutungslosigkeit herausgerissen zu sein, und raufte
+und hetzte fröhlich unter dem Schutze der Kirche und des Pfarrers.
+Allmählich geriet der tote Jude, der die Ursache des langwierigen
+Kampfes gewesen war, bei den beiden Rotten in Vergessenheit, und sie
+benutzten die Gelegenheit, um allerlei alten Hader auszufechten, taten
+sich alle erdenklichen Übel an, und es gab so viel blutige Köpfe,
+gebrochene Gliedmaßen und brennende Scheuern, daß Ärzte, Bader, Polizei
+und Löschmannschaft Tag und Nacht vollauf zu tun und zu laufen hatten.
+Der Bürgermeister hätte gern zum Pomilko gehalten, der der mächtigste
+und begütertste unter den Bauern war und zudem die gerechte Sache
+vertrat, allein die geistliche Partei war bei weitem zahlreicher, so daß
+er es mit dieser auch nicht verderben wollte. Der Pfarrer war trunken
+vom Gefühl seiner Wichtigkeit und triumphierte außer sich: »Feuer ist
+da! Brand ist da! Vatermord und Brudermord ist da! Habe ich es nicht
+prophezeit? Habe ich euch nicht gewarnt? Jeddam ist verpestet! Durch
+Unglauben ist es verpestet! Heraus mit der Eiterbeule von Jeddam! Heraus
+mit dem ungetauften Gebein aus Jeddam, oder wir werden alle verderben!
+Kinder, wir werden alle verderben!« Und er weinte, weil er durchaus
+nicht mehr zweifelte, daß es wirklich so wäre. Der Bürgermeister bat
+ihn, gleichfalls unter Tränen, dergleichen aufreizende Reden zu
+unterlassen und lieber das wütende Heer zu beruhigen, aber er brachte
+den Pfarrer dadurch nur noch mehr auf, der entrüstet sagte, er würde
+seinen Gott nicht verkaufen und wenn man ihm hundert Goldgulden dafür
+böte.
+
+Vielleicht wäre Jeddam in Blut und Flammen untergegangen, wenn sich der
+Bürgermeister nicht aufgemacht hätte, um noch einmal die Hilfe des
+Kommandanten in Anspruch zu nehmen. Die Nachricht, daß der Kaiser an der
+Spitze eines Regimentes daherziehe und die Aufrührer niederschmettern
+würde, verbreitete lähmenden Schrecken, und einer nach dem andern
+schlich sich nach Hause und an seine Arbeit.
+
+»Darinko,« sagte der Pfarrer an diesem Tage zum Sohne des kleinen
+Bauern, der an der Spitze der geistlichen Partei gestanden hatte, »ich
+verspreche dir, daß du Sorka heiraten und ihr Erbe ungeschmälert
+erhalten wirst, wenn du diese Nacht auf den Kirchhof gehst, den Samuel
+ausgräbst und in die Melk wirfst.«
+
+»Das will ich wohl tun,« sagte der junge Darinko, »und ich wundere
+mich, daß wir es nicht schon längst getan haben.«
+
+»Tu es heute,« sagte der Pfarrer, »und es wird dich nicht gereuen,« was
+alles Darinko der Sorka getreulich wieder erzählte. Sorka erklärte, dem
+Geliebten in diesem Unternehmen beistehen zu wollen, da es für ihn
+allein eine schwierige Sache gewesen wäre, denn er mußte sich mit vielen
+Werkzeugen versehen, nicht nur um das Grab, sondern auch um den schweren
+Sarg aus Eichenholz zu öffnen, den er nicht bis zum Flusse hätte tragen
+können. Als es völlig Nacht und rings alles still war, stahlen sie sich
+aus dem väterlichen Hof und machten sich auf den Weg. Es war eine lange
+und harte Arbeit, das Grab des Samuel zu finden, das auf keinerlei Art
+bezeichnet war, und sie mußten graben und wühlen, daß ihnen der Schweiß
+von der Stirne troff, bis sie endlich auf den großen Sarg stießen, den
+sie als den richtigen erkannten. Sie atmeten erleichtert auf, und da sie
+noch eine Weile Zeit hatten, kauerten sie sich nebeneinander auf die
+aufgeworfene Erde nieder, und Sorka holte Brot, Käse und eine Flasche
+Bier hervor, die sie zur Stärkung mitgenommen hatte. Ohnehin vergnügt
+über die Aussicht auf die Heirat, die ihnen der Pfarrer eröffnet hatte,
+teilten sie das Essen miteinander, faßten sich bei den Händen und küßten
+sich, und Sorka sagte: »Meinetwegen hätte der alte Jude hier können
+liegen bleiben, der Stiefmutter zum Tort.«
+
+»War sie wirklich so schrecklich böse?« fragte Darinko neugierig.
+
+»Sie war nicht böser als ich,« sagte Sorka, »aber ich mochte sie nicht
+leiden, und darum bin ich weggelaufen und lache, wenn sie sich ärgert,«
+und sie lachte, daß ihre gelben Zähne glänzten.
+
+Sie hatten inzwischen die Arbeit wieder aufgenommen und machten sich
+daran, den Sarg zu öffnen, was um so schwieriger war, als sie sich
+bemühen mußten, so wenig Lärm wie möglich dabei zu machen. Als es
+gelungen war, hielt Darinko einen Augenblick inne und sagte: »Jetzt
+kommt das schwerste Geschäft; es ist dunkle Mitternacht, und wir sind
+ganz allein.« Sorka sah ihn listig an und sagte: »Fürchtest du dich?
+Hast du dich doch nicht gefürchtet, als du mir den ersten Kuß gabst, und
+ich hätte dir doch ebensogut eine Ohrfeige geben können wie der tote
+Jude?«
+
+Darinko fühlte seinen Mut durch die Erinnerung an dieses Heldenstück neu
+belebt, schlug den Deckel zurück und faßte den, der im Sarge lag, um den
+Leib, in der Absicht, geschwind, ohne ihn anzusehen, mit ihm
+davonzulaufen und ihn in die Melk zu werfen. Kaum hatte er ihn aber
+gefaßt, als er ihn mit einem Schrei wieder fallen ließ, etwas so
+Unerwartetes und Unheimliches war es, den Strohbalg zu berühren. Sorka
+lachte hell auf über die Bangigkeit des Darinko und beugte sich über die
+zusammengefallene Puppe, um zu sehen, was es da Fürchterliches gäbe. Als
+sie inne wurden, daß sie wirklich nur eine ausgestopfte Figur mit Larve
+und Wachshänden vor sich hatten, blieb dem Darinko vor Erstaunen der
+Mund offen stehen, während Sorka so unmäßig lachte, daß sie sich auf die
+Erde werfen und hin und her wälzen mußte. »Was kann das bedeuten?«
+fragte endlich Darinko, der unsicher war, ob es sich vielleicht um eine
+zauberhafte Verwandlung oder sonst eine höllische Kunst handelte. »Was
+geht das uns an?« sagte Sorka. »Wir können keinen andern Samuel in die
+Melk werfen als den, den wir gefunden haben; ob es der richtige ist, das
+ist nicht unsre Sache.« Sie war unterdessen aufgestanden und untersuchte
+die Puppe eifrig unter fortwährendem Gelächter, wobei sie denn auch den
+herrlichen Diamantring entdeckte, der noch am Zeigefinger der einen
+Wachshand saß, sei es, daß Frau Rosette ihn vergessen hatte, oder daß
+sie ihn absichtlich als ein freiwilliges Opfer zum glücklichen Ausgang
+des dreisten Abenteuers hatte mit begraben lassen. Jetzt erschrak auch
+Sorka und fuhr zurück im Gedanken, es könnte hier Gott weiß was für eine
+Teufelsschlinge verborgen sein; doch gewöhnte sie sich schnell an die
+Seltsamkeit und kam zu der Überzeugung, der Ring sei ein kostbarer Ring
+und nichts weiter, den sie mit Fug und Recht als Belohnung für ihre
+Arbeit an sich nehmen und für sich behalten könnten. Sie bemächtigten
+sich des Ringes, gaben sich gegenseitig das Wort, über ihre Entdeckungen
+gegen jedermann zu schweigen, und fast berauscht vor Glückseligkeit
+kugelten und tummelten sie sich noch eine geraume Weile auf dem
+nächtlichen Friedhof; dann schleppte Darinko den Balg in die Melk,
+während Sorka den leeren Sarg wieder eingrub, die Erde darüberschaufelte
+und alles so machte, wie es zuvor gewesen war.
+
+Die Soldaten, die am andern Tage in Jeddam einrückten, fanden nichts mehr
+zu tun, und da die Rädelsführer bei den verschiedenen Brandstiftungen,
+Raufereien und andern Missetaten schwer festzustellen waren, kam es auch
+nicht zu erheblichen Bestrafungen.
+
+Nach einiger Zeit, als in weiter Ferne der arglose Herr Samuel, dem die
+Familie die Vorfälle in Jeddam verschwiegen hatte, damit er sich nicht
+etwa eine Kränkung daraus zöge, das gute alte häßliche Gesicht von
+Wiedersehensfreude glänzend, seine Lieben in die Arme schloß, saß der
+Pfarrer von Jeddam beim Bürgermeister zu Tisch, und der letztere sagte:
+»Jedermann weiß, daß Ehrwürden in der Theologie und allen Dingen der
+Gottesfurcht weiser sind als meine Wenigkeit. Doch kann ich die
+Bemerkung nicht unterdrücken, daß Pestilenz, Feuersbrunst und Kriegsnot
+vorüber sind, seit die Soldaten bei uns einrückten, wiewohl der tote
+Samuel nach wie vor inmitten der ungetauften Kinder begraben liegt.«
+
+»Das tut er bei Gott nicht,« triumphierte der Pfarrer und schlug mit der
+Faust auf den Tisch, daß es klirrte. »In der Nacht, ehe die Soldaten
+kamen, habe ich ihn ausgraben und in die Melk werfen lassen, die ihn
+wohl längst ins Meer geschwemmt hat, wo er bei Fischen und anderm Unrat
+liegen bleiben mag.«
+
+Der Bürgermeister war so verblüfft, daß er nicht wußte, ob er lachen
+oder zornig werden sollte. »Meint Ihr wirklich,« fragte er endlich, »daß
+das die Ursache ist, warum Frieden und Wohlergehen wieder bei uns
+eingekehrt sind?«
+
+»Was sonst?« rief der Pfarrer; »unser Gemeinwesen war in großer Gefahr,
+und ich habe es gerettet, doch prahle ich nicht laut damit, sondern
+gebe Gott die Ehre.« Und er erhob das volle Weinglas und hielt es dem
+Bürgermeister zum Anstoßen hin, der, obwohl ihn seine Niederlage wurmte,
+es für das Feinste hielt, zu schweigen und zu trinken.
+
+
+
+
+ Aus Bimbos Seelenwanderungen
+
+ Fragment
+
+
+Vor mehreren Jahrhunderten, erzählte Bimbo, war ich der Sohn eines
+Scharfrichters in einer kleinen Stadt des Nordens. Damals war dieselbe
+frei und mächtig, ein kleines Reich für sich, nur daß der römische
+Kaiser noch einige Titular- und Ehrenrechte darin besaß, die ein
+Burgvogt mit Schall und Gepränge, aber ohne etwas Wesentliches zu
+bedeuten und vermögen, vertrat. Mein Vater, obgleich er der Scharfrichter
+war, dem niemand die Hand reichen mochte, ohne sich mit unauslöschlicher
+Schmach zu beflecken, war der allerschönste Mann im Lande und glich der
+furchtbaren Waffe, die er führte; denn er war groß, gerade und schlank
+wie ein Schwert, mit schneidenden Blicken im Auge, und seine Bewegungen,
+wenn er sich einmal bewegte, waren wie sicher treffende Blitze.
+
+Aber, wie die Frauen sind, trotzdem ist ihm meine Mutter untreu gewesen,
+nachdem ich einige Jahre auf der Welt war. Es scheint, daß sie schwach
+und eitel und nicht einmal besonders schön war, aber daß sie gerade in
+ihrer Schwäche und Hilflosigkeit einen großen Zauber besaß. Das Gespräch
+der Leute war, daß mein Vater, als er ihre Untreue erfuhr, sie mit
+seinen eignen Händen erwürgt habe, was allerdings nur ein Gerede gewesen
+sein kann, wie vieles andre, was über ihn im Umlauf war. Denn weil er
+ein kluger Mann war und mehr wußte als die übrigen, namentlich in der
+Arzneikunde und Chirurgie, glaubte man, daß er mit Dämonen im Bunde
+stehe und mit ihrer Hilfe übermenschliche Dinge verrichten könne. So
+sagte man zum Beispiel, es habe ihn noch niemand mit den Augen blinzeln
+sehen, er bedürfe des Schlafes nicht, ja sei wohl sogar des Todes
+überhoben, wenn ihm nicht die Geister, die er jetzt beherrschte, einmal
+den Hals brächen. Wahr ist das, daß er Tage und Nächte hintereinander
+wachen konnte, ohne darunter zu leiden, und ich erinnere mich, wie
+ich ihn manchmal mit heimlichem Grauen betrachtete, ob er nicht die
+Augenlider bewegen würde, ohne daß es geschah. Weiter sagte man von
+meinem Vater, daß er die Leute behexen und mit dem bloßen Blick seiner
+Augen krank machen, ja totschauen könne, und namentlich daß er, wen er
+wolle, und wäre er Papst von Rom, auf das Blutgerüst unter sein Schwert
+zu bringen vermöchte, indem er denselben nur einmal flüchtig mit der
+Spitze seines Schwertes berührte. Deswegen, obschon sie seiner Hilfe in
+allerlei öffentlichen und heimlichen Sachen benötigten und diese auch
+meistens gutwillig, wenn auch gegen reichliches Entgelt, geleistet
+wurde, hatten sie doch Furcht vor ihm, und die Regierung hätte sich
+vielleicht seiner auf irgendeine Weise entledigt, wenn sie seiner Rache
+sich auszusetzen gewagt hätte. Gegen die Untergebenen in unserm kleinen
+Reiche, das, viele Gehöfte umfassend, weit außerhalb der Stadt lag, war
+er, soweit es die Roheit der wüsten Knechte zuließ, großmütig und
+nachsichtig. Mich behandelte er sogar mit Zärtlichkeit, wenn ich von
+einigen Anfällen rasender Wut absehe, die ihn bei Gelegenheit von ein
+paar unbedeutenden kindlichen Vergehungen ergriff, und so grausam er
+mich auch in diesen Fällen behandelte, liebte ich ihn doch abgöttisch,
+ja ich hätte mir von ihm mit Freuden die Seele aus dem Leibe martern
+lassen. Nur manchmal überkam mich ein Gefühl des Hasses von derselben
+Stärke, nämlich dann, wenn mir zufällig, indem ich seine Hände ansah,
+in den Sinn kam, daß er mit ihnen meine Mutter erwürgt hatte.
+
+Unser Haus lag auf der Heide, die sich bis an das Meer erstreckte; vom
+Hause aus konnte man es nicht sehen, wohl aber auf dem weiter nordwärts
+gelegenen Richtplatze, wo es nichts als Sand gab außer einigen uralten,
+verwitterten Steinen, die halb darin versunken waren. Man hielt sie für
+Grabsteine vornehmer Gerichteter; denn hier war seit undenklichen Zeiten
+die Richtstätte der Republik gewesen; wahrscheinlicher ist es freilich,
+daß das Meer die Blöcke angeschwemmt und ebbend auf der Heide
+zurückgelassen hatte. Wie dem auch sei, wir pflegten uns oft des Abends
+auf diese Steine niederzusetzen und auf das glänzendschwarze Geflimmer
+des Meeres hinzusehen, und wenn er dann seine Hand auf dem Steine neben
+mir ruhen ließ, kam sie mir zuweilen wie eine weiße Tigerin vor, die
+schläft, weil sie satt von Blut ist, oder die sich schlafend stellt und
+lauert, um ein argloses Opfer zu zerfleischen. Dann dachte ich an meine
+Mutter, deren Bild ich deutlich vor Augen hatte und der ich selbst innen
+und außen vielfach glich, und malte mir aus, wie sie sich in dem
+eisernen Arme des schönen Blutmannes gekrümmt hatte, bis mir der Haß
+in die Kehle stieg und ich eine verzweifelte Lust spürte, mich auf ihn
+zu werfen und die Ader an seinem Halse aufzubeißen, damit er verblutete.
+Mein Vater sagte nie etwas darüber, obgleich er es mir ansah, und ich
+glaube sogar, er hätte mir nicht gewehrt, auch wenn ich es getan
+hätte. Dieser Gewaltige, der, wie man sagte, sechs Männer mit einem
+Schwertschlage enthaupten konnte, daß ihre Köpfe wie Disteln abschnellten,
+hätte sich von meinen schwachen Händen umbringen lassen, so etwa wie
+Erwachsene stillhalten, wenn spielende Kinder mit ihren winzigen
+Schlägen über sie herfahren.
+
+Mich mächtig, berühmt und gelehrt zu machen, war der Ehrgeiz seines
+Lebens, und mit dem Gelde, das er aufhäufte, ermöglichte er es, mir so
+viele Bildungsmittel zuzuführen, wie den strebsamsten und vermöglichsten
+Menschen der Zeit zugänglich waren. Er schickte mich in andre Länder,
+damit ich an hohen Schulen studierte, und ließ es sich Hunderte und
+Tausende kosten, daß mein Herkommen und Stand verborgen blieben. Aber
+er dachte nicht etwa daran, mich in höhere Kasten einzuschmuggeln,
+nein, ich sollte nach ihm Scharfrichter werden, wie das einmal seit
+unvordenklichen Zeiten das Los unsers Geschlechtes war, nur sollte ich
+aus Schmach und Elend heraus sie alle durch meinen Geist überglänzen und
+beherrschen, auf den Knien sollten sie nachts mit Lebensgefahr zu mir
+rutschen, die mich am Tage wie einen tollen Hund von ihrer Schwelle
+hetzen durften. Ich freilich hatte an allen Schulen nichts gelernt als
+höfliche Sitten und Herrenleben, weniger aus Faulheit als aus Torheit,
+die mich den Wert der Zeit nicht bedenken ließ; im Innersten hoffte ich,
+es würde so in Saus und Braus in Ewigkeit weitergehen. Dem Befehle
+meines Vaters wagte ich aber nicht mich zu widersetzen, und es hatte
+auch etwas grausig Verlockendes für mich, einst Blutkönig in dem
+einsamen Reich auf der Heide zu werden. Nur suchte ich den Augenblick,
+wo ich selbst das Handwerk ausüben sollte, hinauszuschieben, worauf mein
+Vater auch bereitwillig einging, weil ich schlank und zierlich von
+Wuchs war und er meinte, ich müßte mich noch durch viele körperliche
+Übungen auf meinen Beruf vorbereiten.
+
+Da kam eines Tages die Gelegenheit, die meinem Vater schicklich
+erschien, mich einzuführen; es handelte sich nämlich darum, einen
+Papageien öffentlich mit dem Schwerte zu richten.
+
+Herr Quarre, der kaiserliche Vogt, saß zwar bis über den Hals in
+Schulden, achtete sich aber der Majestät, die er vertrat, in allem
+gleich, war hochmütig wie ein Pfau und dumm wie ein Pfannenstiel,
+worüber die Gassenbuben auf der Straße Spottlieder genug zu singen
+wußten. Um seine Lage zu verbessern und seine Stimme im Rat zu
+verstärken, trachtete er nach der Hand der Tochter des regierenden
+Bürgermeisters, deren lockende Güte und Holdheit sich in aller Leute
+Herz schmeichelte, so daß selbst die bösen Kramverkäuferinnen auf dem
+Markte sie die kleine Wonne nannten, nämlich Wunneke in jener
+altniederdeutschen Sprache. In ihrer übermütigen Jugend lachte sie über
+den abgeschmackten Freier, der zu allem andern ein dicker alternder Mann
+und trunksüchtig war, und gab sich nicht die Mühe, ihre Verachtung
+seiner ungefügen Person zu verbergen. Darüber war ihr Vater, der
+Bürgermeister, des Kaisers wegen in großen Ängsten, und wenn er auch
+nicht daran dachte, seine Tochter zu einer solchen lächerlichen
+Verbindung zu zwingen, hätte er die Sache doch gern aufs glimpflichste
+geordnet.
+
+Nun geschah es, daß Herr Quarre den Bürgermeister besuchen wollte, ihn
+aber nicht zu Hause fand und in guter Zuversicht die Jungfrau Tochter
+bitten ließ, die auch in wenigen Minuten zu erscheinen versprach.
+Während er in einem stattlichen Empfangszimmer ihrer wartete, hörte er
+im Nebenzimmer erst ein Pfeifen und Knarren, dann ein Singen, in dem er
+deutlich die Melodie und schließlich auch die Textworte unterscheiden
+konnte; es lautete nämlich:
+
+ Herr Quarre wär ein Held
+ Und hätt auch Gott geprellt
+ Ums Regiment der Welt,
+ Wenn nicht das Beste fehlt':
+ Die Grütze und das Geld.
+
+Sogleich geriet Herr Quarre in einen brennenden Zorn, und als nun
+lächelnden Mundes Wunneke ins Zimmer trat, ergoß er sich in wütenden
+Reden und forderte tobend, daß ihm der Name des unverschämten Rebellen
+genannt würde, der so aufreizende Lieder von sich gäbe, damit eine
+nachdrückliche Strafe über ihn verhängt würde. Wunneke entgegnete
+sanftmütig, der Herr Vogt werde besagten Gesang auf der Straße vernommen
+haben, wo man leider oft von liederlichen Leuten die gottlosesten Dinge
+hören müsse. Herr Quarre blieb aber dabei, es sei im Nebenzimmer
+gewesen, und ließ auch einfließen, es sei eine helle und gewissermaßen
+lieblich pfeifende Stimme gewesen, wobei er drohende Blicke auf das
+Fräulein schoß. Wunneke veränderte aber ihre unschuldige Miene nicht und
+sagte ruhig, im Nebenzimmer sei niemand anders gewesen als Flämmchen,
+der Papagei, der dort seinen Standort habe und allerdings, was sie nicht
+leugnen wolle, sowohl sprechen wie singen könne, so daß es, wenn auch
+unwahrscheinlich, doch nicht unmöglich sei, daß er den Unfug getrieben
+habe. Herr Quarre verlangte murrend die angebliche Bestie in Augenschein
+zu nehmen und wurde von Wunneke höflich in das Nebenzimmer geführt, wo
+auf einer goldenen Stange Flämmchen saß, mit einem Kettlein am Fuße
+daran festgebunden. Sie forderte den Vogel unter Streicheln und
+Liebkosen auf, zu wiederholen, was er vorher gesungen habe; aber man
+vernahm nur ein leises wollüstiges Knarren, das er von sich gab, indem
+er sein grüngoldiges Köpfchen langsam an der weißen Mädchenwange rieb.
+
+Herr Quarre hielt sich nunmehr für gefoppt und schnaubte von dannen
+unter der Androhung, daß er den Bürgermeister und sein ganzes Haus wegen
+Majestätsbeleidigung vor Gericht ziehen werde. Sein Zorn verdoppelte
+sich noch, als Herr Schmitz, der Bürgermeister, obwohl er sich
+verschworen hatte, alles zu tun, um den Gekränkten zu begütigen, sich
+mit Vorbringung fadenscheiniger Ausflüchte entschuldigte, als der Vogt
+sich Wunneke selber zur Entschädigung ausbat. Er brachte eine Klage bei
+dem Rat ein, und es wurde schleunig eine Sitzung anberaumt, bei der der
+Bürgermeister, als selbst beklagt und beteiligt, den Vorsitz Herrn
+Muslieb, dem zweiten Bürgermeister, abtreten mußte.
+
+Dieser war zwar dem kaiserlichen Vogte, der beständig die Gerechtsame
+der Republik schmälern wollte, so feind, wie es ihm zukam, andrerseits
+aber war es ihm angenehm, dartun zu können, daß, wenn auch seine
+Stellung bescheidener als die des regierenden Bürgermeisters, doch sein
+Name nicht minder fleckenlos war, und er beschloß, die Gerechtigkeit
+alle Partei-, Privat- und Sonderinteressen überwiegen zu lassen. Er
+ersuchte zunächst Herrn Quarre, das Lied vorzutragen, das die Ursache
+des Prozesses war, was derselbe nicht ohne Unwillen tat; sämtliche
+Ratsherren konnten nicht umhin, mit strengem Kopfschütteln sich dahin
+zu erklären, daß es keine geringe Keckheit und Unanständigkeit sei,
+wenn Lieder so schandbaren Inhalts in einem obrigkeitlichen Hause in
+aller Fröhlichkeit laut würden. Der Bürgermeister und seine Tochter
+beteuerten, daß keiner außer dem Papagei das Lied hätte singen
+können, und das Fräulein führte zu seiner Entschuldigung an, daß er
+wahrscheinlich, am offenen Fenster stehend, das Schelmenstückchen
+gehört und in seiner Torheit nachgeplappert hätte. Herr Quarre zog
+dies in Zweifel, da noch nicht einmal bewiesen und überhaupt sehr
+unwahrscheinlich sei, daß das dumme und eitle Tier sprechen könne,
+welcher Beweis denn nun freilich auf der Stelle geleistet wurde.
+Indessen war Flämmchen nicht zu bewegen, etwas andres zu sagen als:
+Guten Morgen, Wunneke! Komm mit, Wunneke! Küß mich, Wunneke! welche
+Reden er süßlich quäkend und unter geschwindem Augenrollen mehr als
+nötig wiederholte. Daraufhin erklärte der vorsitzende Bürgermeister den
+Papageien für wohlbefähigt, das Verbrechen, dessen er geziehen wurde,
+begangen zu haben, und Herr Quarre, der den Vogel nunmehr zwischen
+Furcht und Staunen für einen Zauberer ansah, neigte zu der Ansicht, daß
+er der Täter sei.
+
+Trotzdem glaubte der Rat ohne weiteren Beweis nicht zu einem Urteil
+schreiten zu dürfen, und die Herren gingen dem Vogel mit Singen und
+Pfeifen eifrig zu Leibe; denn sie hofften ihn zur Wiederholung des
+Liedes zu bewegen, indem sie die Melodie und ersten Worte desselben
+anhüben. Über diese Zurüstungen war Flämmchen so erschreckt, daß er nur
+den Schnabel auf und zu machte, ohne einen hörbaren Laut zu äußern, was
+Herr Quarre als Berechnung und Verstellung auslegte. Die übrigen Herren
+zögerten in großer Verlegenheit, bis das Fräulein den Vorschlag machte,
+es möchten einige Vertrauenspersonen ausgewählt und beauftragt werden,
+Flämmchen während einer gewissen Zeit scharf zu beobachten; denn es
+sei anzunehmen, falls er das Lied wirklich einmal gewußt hätte, daß
+er es wiederholen würde, sowie er nicht wie jetzt durch eine hohe und
+majestätische Versammlung eingeschüchtert wäre. Hierauf gingen alle mit
+Freuden ein, und es wurden sofort drei kundige und anstellige Ratsherren
+mittels geheimer Abstimmung ausgewählt, die drei Tage und Nächte
+hintereinander das Gestell des Vogels umgeben und auf alle seine
+Äußerungen achten sollten. Da ihnen Reden sowie Gespräch und Gelächter
+jeder Art der größeren Aufmerksamkeit wegen verboten war, vertrieben
+sie sich die Zeit mit schweigendem Würfeln und Kartenspielen, das nur
+zuweilen dadurch unterbrochen wurde, daß ein jeder die Ausrufungen des
+Papageien auf einem Pergamentstreifen verzeichnete. Es war aber nach
+Verlauf der Zeit nichts vorgefallen, was auf Flämmchens Kenntnis des
+bezüglichen Liedes schließen ließ, und man hätte ihn freigesprochen,
+wenn sich nicht Herr Quarre mit äußerster Wut dagegen gesetzt hätte.
+Ein sauberes Regiment, sagte er, das sich von einem ausländisch
+aufgeputzten Vogel über das Ohr hauen lasse; er würde die ganze Republik
+zusammenstampfen wie ein Äpfelmus, wenn der ihm zugefügte Schimpf nicht
+an dem Missetäter gerächt würde. Nachdem Bürgermeister und Rat eine
+Zeitlang in den Gesetzen nachgeschlagen und geblättert hatten, erklärten
+sie einmütig, daß sie zunächst das Mittel der Tortur versuchen müßten,
+um ein gutwilliges Geständnis zu erpressen.
+
+Und so ist es gekommen, daß ich Wunneke sah. Denn trotzdem es
+allgemeiner Mißbilligung unterlag, daß sie unser verfemtes Reich
+betreten und einer Handlung so schauriger Art beiwohnen wollte, hatte
+sie sich nicht davon zurückhalten lassen, ihren Liebling auf seinem
+Martergange zu begleiten. Ich Unglücklicher stand an meines Vaters
+Seite, als sie in das moderige Gewölbe eintrat, wie ein wandelnder
+Narzissenstrauß, wie ein Kelch aus Milchglas voller Veilchen, mit dem
+ein duftendes Frühlingsgewölk in die kalte Finsternis hineinschwebt.
+Ach mehr -- wie vor dem ermattenden Schwimmer, der sich eben in den
+unvermeidlichen Untergang geschickt hat, mitten aus dem öden Wassermeer
+eine blühende Insel auftaucht, mit Orangenhainen bewaldet, denen die
+Tropfen noch von den glatten Blättern rieseln, so stand sie plötzlich
+vor mir und schaute mir mit lächelnden Augen ins Gesicht. Nur mich
+lächelte sie an, gegen die andern bewahrte sie eine absichtliche
+Feierlichkeit, und vor meinem Vater schien sie zu erschrecken; von
+Abscheu war nichts darin, nur Erstaunen und Bangen. Woher wußte sie,
+daß meine Augen alles so sahen wie ihre? Obgleich wir nie ein Wort
+miteinander gesprochen hatten, sahen wir, während die Handlung sich
+entfaltete, einander an wie zwei schelmische Kinder, die eine Falle
+gestellt haben und aus ihrem Versteck aufpassen, wie die Geneckten
+hineintappen. Und nun ertönte das silberne Harfenspiel ihrer Stimme, wie
+sie zu meinem Vater sagte: »Herr Marx Grave, wollt bedenken, daß der
+Beklagte ein zartes und verwöhntes Geschöpf ist, dem das Lebensfädchen
+leicht völlig zerreißen könnte, wenn man allzuhart daran zerrte.«
+
+Mein Vater antwortete laut und ernsthaft: »Die Vernunft und die Gesetze
+gebieten, edles Fräulein, die Pein nicht über das Vermögen des
+Delinquenten hinausgehen zu lassen. Seid versichert, daß ich es bei den
+ersten und angenehmsten Graden der Folter bewenden lassen werde.«
+
+In dem Augenblick, als das Tier meinem Vater übergeben wurde und seine
+rechte Hand sich ihm mit einem schraubenartigen Werkzeug näherte, brach
+der Papagei in ein lautes Gezeter aus, das sich deutlich in einige Worte
+zerlegen ließ, und zwar in ebendieselben, die den Anfang des Spottliedchens
+über Herrn Quarre bildeten. Dieser, der, um sich an den Qualen seines
+Feindes zu ergötzen, ganz nahe bei meinem Vater gestanden hatte,
+triumphierte hoch und verlangte, daß er dem überführten Übeltäter
+augenblicklich den Hals umdrehe. Mein Vater entgegnete kühl: »Und wenn
+der Papagei Euch, Herr Quarre, das Herz aus dem Leibe gehackt hätte und
+dessen geständig wäre, würde ich ihm doch kein Federchen krümmen, bis er
+nach Recht gerichtet und mir in herkömmlicher Form zur Vollstreckung des
+Urteils übergeben wäre.«
+
+Herr Quarre brach in gräßliches Schimpfen aus und rief: »Hört den
+Mistfinken! das Blutschwein! ich kenne euch alle, frei möchtet ihr sein
+und schert euch einen Kuckuck um die Majestät des Kaisers, der euer
+Dreckgehirn wie Nüsse mit dem Absatz zerknacken könnte!« In welchen
+giftigen Reden ihn aber Herr Muslieb mit ernster Höflichkeit unterbrach,
+indem er ihn auf das Unbedachte seines Geschwätzes aufmerksam machte.
+Dem Papagei, sagte er, werde sein verdientes Urteil gesprochen werden,
+ohne daß das Recht um ein Tüttelchen geschmälert würde, danach aber
+werde man untersuchen, ob der Kaiser in Wahrheit Anspruch darauf habe,
+eines ehrbaren Rats reichsfreier Stadt Köpfe abschätzig zu betiteln und
+mit Füßen zu treten, was, soviel er wisse, nicht einmal in der Türkei
+und andern üppigen Sultansländern Sitte sei.
+
+»Wenn die Narren den hübschen Vogel wirklich zum Schwerte verurteilen,«
+sagte mein Vater, nachdem sich alle entfernt hatten, »sollst du an
+meiner Stelle amtieren;« denn, meinte er, er selbst sei für solche
+Albernheiten zu alt, würde auch nötigenfalls den Herren mit seiner
+Dienstordnung in der Hand beweisen, daß er zu ernstem, vernünftigem
+Geschäft, nicht aber zu eitelm Firlefanz berufen sei. Mir aber würde es
+wohl anstehen, mich bei dieser Gelegenheit zum ersten Male öffentlich zu
+zeigen, denn fehlen könnte ich bei so leichter Arbeit nicht, dagegen den
+Beifall von Mädchen und Toren, deren es viele gäbe, erwerben.
+
+Gott weiß, wie mir damals Tage und Nächte vergingen. Mein Herz war wie
+ein junger Falke, der unaufhörlich mit den Flügeln rauscht, um sich zum
+ersten Fluge aufzuschwingen, und zwischen Furcht und ungeduldigem Mute
+zaudert. Auf der Heide lag mein Leib, aber ich selbst fuhr wie eine
+Sturmschwalbe darüber hinweg, schreiend und die salzige Meerluft
+schlingend, daß ich sie kühl und berauschend bis in die tiefste Seele
+hinein fühlte. Ich sauste um den alten Leuchtturm, schlug mit
+klatschenden Flügeln an sein starres Gemäuer, stürzte mich in die
+brennende Pechpfanne auf seiner Zinne, peitschte mit der schwarzroten
+Flamme die fliehende Luft und empfand mit Wonne, wie ich mich dehnte,
+indem ich mich selber verzehrte. Dabei war ich mir wohl bewußt, wer sie
+war und wer ich war, und daß ich eher die Wange des Mondes als die ihre
+je mit meinen Lippen berühren könnte. Aber diese Unmöglichkeit eben
+erhöhte meinen Wahnsinn, denn was mir in den Eingeweiden brauste, hätte
+mich vor mir selber lächerlich gemacht, wenn es sich um ein alltägliches
+Lieben und Werben gehandelt hätte. Auch war in meinem Gefühl das
+Bewußtsein von einer magnetischen Kraft, die sie doch einmal an mein
+Herz reißen müßte, wenn ich auch nicht darüber nachdachte, wie das
+geschehen könnte. Und als ich vollends am Tage der Papageihinrichtung
+mein neues Amtsgewand trug, ganz aus schwarzem Tuch, das kurze
+Mäntelchen, mit karmesinroter Seide gefüttert, schwarze und rote Federn
+auf dem Barett, zweifelte ich nicht, daß der Himmel sich über meiner
+Schönheit öffnen und Rosen auf mich herabschütten würde, Rosen von
+jenseits, mit Ambrosia betaute, die ich alle der erbleichenden Wunneke
+in den Schoß werfen würde.
+
+Von weitem her sah ich den Armesünderkarren durch den braunen herbstlichen
+Wohlgeruch der Heide stolpern, auf dem sie saß in ihrem schwarzsamtenen
+Kleide, den Papageien an einem silbernen Kettlein haltend, der, von dem
+Anblick der weiten hohen Welt und der unübersehbaren Menschenmenge
+betäubt, bald in sich zusammensank als ein erlöschendes Flämmchen, bald
+mit gesträubten Federn, heftig kreischend und schimpfend, auf dem Arme
+seiner Herrin auf und ab lief. Ihr gegenüber saß der Propst, welcher auf
+ihr Verlangen dem Sünder als Trost auf seinem letzten Gange beigegeben
+war. Dies hatte sie allerdings nicht ohne Mühe durchgesetzt, denn die
+Räte waren in der Mehrzahl der Ansicht gewesen, bei einer vernunftlosen
+Bestie sei geistlicher Zuspruch nicht nur unnötig, sondern sogar übel
+angebracht. Aber Wunneke wendete ein, wenn Flämmchen denn vernunftlos
+sei, dürfe man ihm auch sein schelmisches Singen nicht zum Vorwurf
+machen, worauf Herr Quarre in einen glühroten Zorn geriet, seinen
+borstigen Schnurrbart sträubte, daß man an der Spitze jedes Haares ein
+Fröschlein hätte aufspießen können, und sagte, ohne Vernunft sei der
+Vogel zwar nicht, aber seine Vernunft sei des Teufels, und wenn ihn die
+sämtlichen Kirchenväter mit dem Papst an der Spitze zum Schafotte
+geleiteten und ihm die ganze Bibel aufsagten, würde das dem ruchlosen
+Federvieh nur zu Spott und Gelächter dienen. Hierauf aber sagte der
+Propst, den man nebst mehreren andern Theologen zu Rate gezogen hatte,
+damit sie die heikelige Sache beurteilten, wenn dem so sei, müsse man um
+so mehr dazu tun, daß der göttliche Vernunftsinn dem Teufel entrissen
+würde, und er wollte sich der Aufgabe wohl unterziehen. Überhaupt, sagte
+er, fehlten zwar auch dem gescheitesten Tier die vernünftigen Begriffe,
+weil es nicht unterwiesen sei, aber man gebe ja auch einem neugeborenen
+oder gar idiotischen Kinde die heilige Taufe, das sei eins wie das
+andre, man müsse eben den Heiligen Geist spenden, wie der liebe Gott die
+Sonne und ein Sämann die Körner, soviel als möglich und aufs Geratewohl,
+schaden könne es nicht und zuviel sei besser als zuwenig. Auf diesen
+gelehrten Sermon wußte niemand etwas zu erwidern, auch fürchteten
+Bürgermeister und Rat den Propst, der weit und breit großes Ansehen
+genoß und die dumme, lenksame Riesenseele des Volkes in der Hand hielt.
+
+So saßen der Propst und das Fräulein auf dem Karren und unterhielten
+sich leise und lächelnd, und mir schien es, wie ich das weiße
+Seelengesicht über dem schwarzen Kleide schweben sah, als führe man in
+feierlicher Prozession eine auf ferner neuentdeckter Insel gefundene
+Wunderblume durch das Land, damit alles Volk sie sähe und ihren Duft
+einatmete. Das Schafott hatte mein Vater selbst mit hochrotem Samt
+überzogen, und ich eilte die Stufen hinan, als wäre ich der Königssohn
+und sollte mich dem Volke zeigen. Das war auch in lustiger Bewegung,
+weil es ein so seltsames Schauspiel mit ansehen sollte, und viele Männer
+und Frauen hoben ihre Kinder hoch und riefen: Schau, Lütte Grave; denn
+da ich wie mein Vater Marx hieß, nannte man mich zum Unterschiede den
+Kleinen, das ist Lütte in jener niederdeutschen Sprache. Flämmchen hatte
+ich am Kettlein auf der Hand sitzen wie einen Edelfalken, und ich fühlte
+meine zierliche Schönheit ordentlich aus mir herausblühen. Wie mein
+Vater mich gelehrt hatte, kniete ich mich zuerst nieder und sagte: Gott
+walte deiner und meiner! stand dann wieder auf, neigte meines kleinen
+Schwertes Spitze dahin, wo die Obrigkeit versammelt war, und schickte
+mich an, meinen Delinquenten zu richten.
+
+In diesem Augenblick sah ich zum erstenmal, wie schön Flämmchen war: das
+grüne Köpfchen glänzte, als wäre Goldschaum darüber geblasen, und die
+roten und blauen Federn im Schwanz und in den Flügeln flammten wie edle
+Steine. Er bemerkte meine Bewunderung sogleich, und seine runden,
+spiegelnden Augen sagten halb flehentlich, halb listig: Töte mich nicht,
+Lütte Grave! Willst du mich, das hübsche Flämmchen, den kriechenden
+Breitmäulern da unten zuliebe umbringen? Fliegen wirst du mich lassen ...
+Es fehlte nicht viel, so hätte ich ihn wirklich fliegen und als ein
+goldenes Flämmchen in den lachenden blauen Himmel steigen lassen; aber
+ich besann mich, daß er als ein unfreier, halbbeseelter Menschengeselle
+auf Wunnekes Schulter zurückfliegen und dem Tode doch nicht entgehen
+würde, daher entschloß ich mich und hieb mit einem kurzen geschwinden
+Streich das kleine Schelmenhaupt vom Rumpfe. So geschickt führte ich es
+aus, daß ich den abfliegenden Kopf mit der Spitze meines Schwertes
+auffing und ihn so dem Volke zeigen konnte als Beweis der völlig und
+glücklich ausgeführten Exekution. Bei diesem Anblick brach die Menge in
+helles Freudengeschrei aus, die Kinder klatschten in die Hände, und über
+die warme, träumende Heideluft verbreitete sich blitzschnell Jubel und
+Gelächter. Die Obrigkeit trollte sich eilig und unzufrieden davon, denn
+sie trauten sich nicht, der unanständigen Ausgelassenheit zu steuern;
+aber das Volk wogte noch bis zum kühlen Abend auf der Heide umher, als
+ob Jahrmarkt wäre.
+
+Wunneke hatte ich während der ganzen Handlung nicht einmal angeschaut,
+aber gefühlt hatte ich sie, wo sie war, wie sie unter Tränen lächelte
+und was sie dachte, und ihr Herz blieb bei mir zurück, und ich legte
+mich damit in das blühende Kraut, seliger, als wenn es ihr schöner
+warmer Leib gewesen wäre. Erst am andern Morgen flohen mir die guten
+Glücksgeister davon, und das Gestrige lag unter der neuen Sonne wie ein
+elendes, abgegriffenes Rumpelkammerspielwerk, das man als Kind einmal
+für das herrlichste Kleinod gehalten hat. Und gerade am Abend dieses
+wüsten Tages kam sie. Sie kam wie ein leichtes, flüsterndes Blatt,
+das der Wind vor sich her weht, und schien sich an die Dunkelheit
+anschmiegen und in sie verbergen zu wollen. Ein andrer hätte sie ohne
+weiteres in seine Arme genommen -- denn war sie nicht fast ein Strandgut
+an unsre fürchterliche Küste geworfen --, mir aber kam das nicht in den
+Sinn, vielmehr hielt ich mich weit von ihr, während ich sie in unser
+Haus geleitete. Auf meines Vaters Frage sagte sie, daß sie gekommen sei,
+um sich Flämmchens Leichnam auszubitten, den sie begraben wolle, und
+unter seinem Blick errötend, setzte sie hinzu, ihr Vater würde ihr die
+unschuldige Bitte ausgeschlagen haben, darum sei sie heimlich bei der
+Dunkelheit gekommen.
+
+»Habt Ihr nicht gewußt,« sagte mein Vater, »daß Ihr des Scharfrichters
+Haus nicht betreten dürft? Und daß er mit seinem Leben bezahlen muß,
+wenn er Euch empfängt, bewirtet oder berührt?«
+
+Es quälte mich, daß Wunneke nicht ein Wort zu entgegnen vermochte,
+obschon sie sich Mühe gab, zu sprechen; sie starrte ihm ins Gesicht und
+hätte sich, glaub ich, von ihm niederschlagen lassen, ohne den leisesten
+Versuch zur Verteidigung oder zur Flucht zu machen. Nach einer langen
+Pause fuhr mein Vater fort: »Nehmt das zu Herzen, wenn mir oder meinem
+Sohne ein Haar sollte gekrümmt werden um Euretwillen, weil es Euerm
+buhlerischen Leichtsinn nach Abenteuern gelüstet, so müßt Ihr zahlen:
+unsre Tränen mit Euerm Blut, unser Blut mit Eurer Seele.« Ich war so
+gewohnt, mich unter dem tyrannischen Willen meines Vaters zu beugen, daß
+ich mich währenddessen ganz still verhalten hatte, dazu stand ich auch
+unter dem Eindrucke seiner wilden Schönheit, die sich immer dann am
+prächtigsten auftat, wenn das Blut in ihm zu kochen anfing. Erst nach
+einer Weile, als er sie mit einem milderen Blick musterte, in dem etwas
+kalt wollüstig Abschätzendes war, gewann ich mich selbst wieder, trat
+vor und sagte: »Warum erschreckst du das Fräulein, Vater, das ohne böse
+Absicht als eine Bittende zu uns gekommen ist? Erlaube, daß ich ihr den
+Vogel suche und sie dann wieder heimbegleite.«
+
+Mein Vater sah mich scharf an, und ich glaube, daß er in diesem
+Augenblick alles durchschaute, was ich fühlte, wünschte und hoffte, und
+vielleicht auch, welchen Ausgang es nehmen würde, denn es schlich sich
+ein mehr mitleidiges und vorwurfsvolles als spottendes Lächeln um seinen
+Mund; aber er winkte mir nur mit der Hand, zu gehen, ohne noch einen
+Blick auf das Mädchen zu werfen. Sie drängte sich an mich und folgte
+mir, und als wir draußen waren, sahen wir uns heimlich lachend an und
+schüttelten uns wie Kinder, die Schelte bekommen haben; dann liefen wir
+spornstreichs mitten in die Heide hinein.
+
+Das tote Flämmchen hatte ich bald gefunden und aus dem Sande
+herausgewühlt, von dem es nur eben bedeckt gewesen war; danach setzten
+wir uns auf das samtbeschlagene Gerüst, das in der Dämmerung hoch und
+schwarzrot dastand, und blickten auf das gleichmäßig brandende Meer.
+Ich erzählte ihr dunkle Geschichten von den Männern und Frauen, die
+seit Jahrhunderten auf diesem Stück Heide von meinen Vorvätern waren
+hingewürgt worden, die ich zum Teil in meiner Kindheit von unsern
+Knechten gehört hatte. Die Seelen der Gerichteten hausten im Meere,
+sagte ich, die meisten hielten sich dicht am Ufer, und wenn frisches
+Blut vergossen würde, schlichen sie sich nachts heran und tränken davon
+in schrecklicher Lüsternheit nach dem irdischen Leben. Die Ferne war
+schwarz bis auf einen weißgelben Streifen, der wie ein einsamer Pfad
+über die dunkeln Berge der Ewigkeit schimmerte; aber dicht vor uns
+bewegten sich vom Wasser her über das Heidegestrüpp kriechende Nebel,
+die man in Wirklichkeit für geisterhafte Phantome hätte halten können.
+Einige schienen verzweifelt die dünnen stehenden Arme zu ringen, während
+sich andre auf die Erde gekrümmt, verstohlen, ihrer verfluchten Blutgier
+sich schämend, auf uns zuschlichen. Über diesen Anblick begann Wunneke
+plötzlich sich zu fürchten, und ich geleitete sie in Sicherheit heim,
+versprach ihr aber zuvor, daß ich Flämmchens zeitliche Überreste auf dem
+nächsten Gottesacker ordentlich und lieblich bestatten wollte, was ich
+mir unter dem Schutze des Totengräbers, den ich gut kannte, wohl
+auszuführen getraute.
+
+Dieser gestand mir auch gleich alles zu, um was ich ihn bat, und nachdem
+ich ihn in seiner Gefälligkeit noch durch ein namhaftes Trinkgeld
+bestärkt hatte, wählte ich mir ein Plätzchen an der Hecke aus, wo lauter
+alte, verfallene Gräber lagen, um die sich niemand mehr bekümmerte. Dort
+warf ich ein schmales Hüglein auf und bepflanzte es über und über mit
+blühenden Astern, daß es wie ein einziger großer Blumenstrauß aussah.
+Am folgenden Abend kam Wunneke, wie sie mir aus freien Stücken angesagt
+hatte, und wir setzten uns auf einen halb eingesunkenen Stein unter
+einer hohen Pappel, die der Wind rauschend auf und nieder bewegte. Welke
+Blätter sausten in Schwärmen an uns vorüber, und weiterhin sahen wir sie
+wie ein dunkles Gewölk über die bleichen Gräber jagen. Vielleicht war
+die feuchte, gärende Luft voll von den Lebenskeimen aller der Begrabenen,
+die seit Jahren und Jahrhunderten hier moderten, denn mir war es, als
+saugten wir mit jedem Atemzuge mehr treibenden, schwellenden Drang in
+uns hinein. Bis dahin hatte ich sie noch nicht ein einziges Mal berührt,
+und jetzt auch hätte ich es nicht getan, wenn sie sich mir nicht selber
+an die Brust geworfen und meine ehrlosen Mordknechtshände mit Küssen
+bedeckt hätte.
+
+Aber trotzdem sie nun viele Abende, ich erinnere mich nicht mehr, wie
+viele es waren, zu mir auf den Kirchhof kam, wurde ich immer trauriger.
+Ich mußte immer darüber nachdenken, ob sie wohl zärtlicher gegen mich
+sei, als sie gegen Flämmchen gewesen war, und ob sie mich wohl so innig
+liebkosen würde, wenn Flämmchen noch lebte, und ob sie wohl gerade das
+an mich gezogen hätte, daß ich verfemt war, und meinen Leib, so jung und
+schön er war, anzurühren Schande und Tod brachte. Sie übrigens meinte es
+treu mit den überschwenglichsten Liebesworten, wie sie denn ganz unfähig
+gewesen wäre, Liebe zu heucheln. Alles, was folgte, war einzig meine
+Schuld, denn ich wußte schon damals, was sie nicht wußte, nämlich, daß
+sie mich nicht liebte, mich nicht liebte, trotzdem sie es mir allabendlich
+heilig beteuerte. Ein einziges Mal hatte ich den Mut, es ihr zu sagen,
+worauf sie mich wohl eine Minute lang nachdenklich und erschrocken
+ansah; dann stürzten ihr plötzlich Tränen aus den Augen, und sie umarmte
+mich, als ob sie mich nicht mehr von sich lassen wollte. Während ich
+bebend die kühle Tränenflut über mein Gesicht rinnen fühlte, sagte sie
+unter Schluchzen, wie sie mich liebte, ewig, ewig nur mich, wie wenn ich
+ein goldener Stern des Himmels wäre, der nachts zu ihr herunterstiege,
+um sich von ihr küssen zu lassen. Auf meine Frage, weshalb sie weine,
+wußte sie nichts zu erwidern. Aber das war das merkwürdigste, daß ich
+seitdem, obwohl ich nie mehr darauf zurückkam, noch weniger an ihre
+Liebe glaubte als vorher. Und daß ich recht hatte, zeigte sich nun bald,
+nachdem der Totengräber mich verraten hatte.
+
+Der Totengräber war ein kurzes, dickes Männchen mit dickem Kopfe, nicht
+böse, nicht gewinnsüchtig, nicht streitsüchtig noch schadenfroh, obwohl
+er lauter Handlungen beging, aus denen man das und Ärgeres hätte
+schließen müssen. Nur war er hilflos und unberaten, tappte blindlings
+und tolpatschig ins Leben hinein, bis er plötzlich an ein beliebiges
+Steinchen im Wege anstieß, zur Besinnung kam und nun plötzlich von
+unaufhaltsamer Angst überfallen wurde, daß er eine große Unvorsichtigkeit
+begangen habe, in diese oder jene Falle geraten werde und überhaupt
+verloren sei. In solchen Augenblicken schonte er niemand, denn er
+glaubte alle samt und sonders wider sich verschworen und konnte andre
+ins Verderben stürzen, während er sich für ein armes Opfer hielt,
+das eben schlau genug sei, sich aus der Schlinge zu ziehen. Er hatte
+ein paar runde, braunglänzende Augen, denen er den Ausdruck alles
+durchdringender Pfiffigkeit zu geben suchte, obgleich er eigentlich gar
+nichts mit ihnen sah oder beobachtete. Aber er wollte um jeden Preis die
+Dummheit, die er deutlich in sich spürte, vor der Welt verbergen, damit
+er nicht übervorteilt und ausgelacht würde.
+
+Er hatte mir damals bereitwillig die Erlaubnis gegeben, den Papagei
+auf dem ihm unterstellen Kirchhof zu begraben, mir sogar geholfen,
+das kleine Grab zu graben und den Hügel aufzuwerfen. Er hatte sich,
+außerordentlich dabei belustigt, und wenn Wunneke kam, pflegte er mir
+heimliche Zeichen zu machen, in sich hineinzukichern und sich die Hände
+zu reiben; ohne daß ich ihn darum gebeten hätte, ließ er um unsertwillen
+die Friedhoftür länger geöffnet als gewöhnlich und schloß sie hinter
+uns, kurz, er war uns in jeder Hinsicht bei der Ausführung unsrer
+Zusammenkünfte behilflich. Plötzlich nun klärte ihn seine Frau, die
+hinter die Sache gekommen war, darüber auf, was das eigentlich auf sich
+habe und was für unübersehbare und verderbliche Folgen daraus entstehen
+könnten. Denn daß ich des Scharfrichters Sohn war, wußte sie so gut, wie
+sie sah, daß Wunneke ein vornehmes Fräulein war; das allerärgste schien
+ihr aber merkwürdigerweise das zu sein, daß wir den Vogel in geweihter
+Erde begraben hatten.
+
+Die warnenden Reden seiner Frau erschreckten den Totengräber so, daß er
+schnurstracks, um Leib und Leben zu retten, hinlief und seine Anzeige
+vor Gericht machte. Er erzählte aufs glaubwürdigste, wie ich ihn mit
+nacktem Schwert bedroht hätte, weil er den Greuel nicht hätte dulden
+wollen, wie aber sein Gewissen ihm keine Ruhe gelassen hätte, besonders
+seit das feine Fräulein in meiner Gesellschaft gewesen wäre, das leider
+wohl auch ein Opfer meines Frevelmutes sein möchte. Als ich, ohne
+hiervon einen Verdacht zu haben, plötzlich vor einen heimlichen Rat
+gestellt wurde, war ich nicht wenig bestürzt, konnte mich aber doch so
+weit fassen, daß ich beschloß, nichts auszusagen, was Wunneke gefährlich
+werden könnte. So kam es, daß ich auf die Frage, was mich bewogen hätte,
+einen ganz gemeinen ausländischen Vogel an heiliger Stätte zu begraben,
+antwortete -- denn es wollte mir in der Bedrängnis und Eile nichts
+Besseres einfallen -- das hätte ich getan, weil ich es ihm auf dem
+Schafott in seiner Sterbestunde als seinen letzten Wunsch tröstlicherweise
+versprochen hätte. Dies Geständnis rief ein gewaltiges Erstaunen hervor,
+und es wurden Beratschlagungen veranstaltet, wie meine Worte aufzufassen
+wären. Viele erinnerten sich, daß ich in der Tat mit gezücktem Schwerte
+einige Augenblicke gezögert und, dem Papagei ins Auge blickend, mit dem
+Zuschlagen gewartet habe, gerade als ob ich Zwiesprache mit ihm pflöge,
+so daß meiner Aussage wohl Glauben zu schenken sei; wie denn überhaupt
+nicht wenige wegen meines überaus hübschen und freundlichen Aussehens
+mir wohlwollten. Daß der Papagei der Sprache mächtig gewesen sei und
+auch vernünftig habe reden können, sei ohnehin bewiesen, meinten diese,
+denn sonst hätte er ja den kaiserlichen Vogt nicht verlachen und
+beschimpfen können. Ob das vernünftig reden heiße, ihn und Seine
+Majestät zum besten haben, grollte Herr Quarre; worauf sich jene wieder
+verantworteten, daß man vernünftig, das heißt vernünftigen Inhalts,
+und vernunftgemäß, das heißt den Gesetzen des Denkens entsprechend,
+unterscheiden müsse. Indessen blieb man doch, selbst wenn es festgestellt
+sei, daß der Papagei hätte vernünftig denken und reden können, im
+Zweifel darüber, ob seine Gedanken sich auch auf das Jenseits und ein
+ewiges Leben erstrecken können, welche Frage wiederum die Geistlichkeit
+sollte zu entscheiden haben.
+
+Noch sehe ich in meiner Erinnerung den Propst eintreten mit seiner
+hohen, etwas gebeugten und zierlich gebauten Gestalt in den prächtigen
+Ratssaal, und wie er mit seinen Feueraugen umhersah und alles ruhig und
+geschwinde musterte. Halbversunken waren diese alten Augen, und die
+Blicke kamen aus der Tiefe hervor wie Drachenzungen aus einer dunkeln
+Höhle, nur daß sie keinerlei Gift oder Bosheit an sich hatten, aber
+scharf, schnell und sicher trafen sie ins Herz. Als ich sie auf mir
+ruhen fühlte, nachdem man ihm meine Aussage samt allen daran geknüpften
+Bedenklichkeiten vorgetragen hatte, wurde es mir ganz wohl und
+glückselig zumute, und es schien mir auf einmal alles nichts weiter
+als ein schönes Fastnachtsspiel zu sein, dem ich zuschauen dürfte.
+
+Warum, begann sogleich der Propst, ohne auf dem ihm dargebotenen Sessel
+Platz zu nehmen, die Hände auf den langen Ratstisch gestützt, warum
+sollte es eine Sünde sein, den hübschen Papageien auf den Gottesacker zu
+begraben, da er doch kein Türke, Heide oder Jude, sowie kein Henker,
+Selbstmörder, Hexenmeister oder Seiltänzer gewesen sei?
+
+Der Vorsitzende erwiderte, Flämmchen sei allerdings nur ein Vogel
+gewesen, aber ein von Rechts wegen geköpfter; worauf der Propst
+erklärte, man müsse die Strafe anders ansehen als eine über Menschen
+verhängte, denn einem Menschen würde ein so kleines Vergehen nicht mehr
+als einen Verweis oder eine Ohrfeige eingetragen haben, was aber hätte
+man mit einem Vogel anfangen sollen? Geld besäße er keines, und gefangen
+wäre er so wie so, jede Körperstrafe würde aber in Ansehung seines
+gebrechlichen Leibchens ohnehin in Todesstrafe ausgeartet sein. Also sei
+er eigentlich nur zufällig und aus Not geköpft und brauchte das weiter
+keine Entehrung über den Tod hinaus im Gefolge zu haben.
+
+Aber ob eben ein Vogel schlechthin würdig sei, auf dem christlichen
+Friedhof begraben zu werden, das sei die Frage, wandte der Vorsitzende
+ein.
+
+Wie? sagte der Propst, ob man denn nicht wisse, daß der Heilige Geist in
+Gestalt einer Taube die Menschen heimsuche? Wer könne wissen, ob nicht
+in jenen antipodischen Ländern, wo es vielleicht keine Tauben gäbe, der
+Geist durch Papageien verbreitet würde? Jedenfalls sei erwiesen, daß ein
+Vogel nichts Unreines sei, sonst würde es dem Heiligen Geist nicht
+belieben, hineinzufahren, und es sei die Frage, ob nicht mancher Christ
+in der geweihten Erde liege, in dem er vor aufgehäuftem Unrat nicht
+hätte hausen mögen noch können.
+
+»Flausen!« rief nun der kaiserliche Vogt, kirschbraun im Gesicht und
+mit starrendem Schnurrbart, »Tiere sind Tiere und gehören auf den
+Schindanger, wenn sie nicht nach Gottes Ordnung als Speise gegessen
+und verdaut werden.«
+
+Jetzt aber beugte sich der Propst weit vor, so daß er dem Vogte dicht in
+die Augen sah, und sagte, indem er seine feine Hand zur Faust ballte und
+fest auf die Bibel legte, die zum Zwecke der Eidesleistung der Zeugen
+auf dem Ratstische lag: »Es steht geschrieben im ersten Buche Moses: Und
+Gott sprach zu Noah, ich richte einen Bund mit euch auf und mit allem
+lebendigen Tier bei euch an Vögeln, an Vieh und an allen Tieren auf
+Erden bei euch, daß hinfort keine Sündflut mehr kommen soll, die die
+Erde verderbe. Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken, der soll das
+Zeichen des Bundes sein zwischen mir und der Erde. -- Gott in seiner
+Majestät also hat mit Vögeln und andern Tieren einen Bund geschlossen,
+wie man mit Ebenbürtigen zu tun pflegt, und wir, vor Gott nichts als
+Tiere, denen er mit seinem Atem ein wenig Licht in die Seele geblasen
+hat, besinnen uns, ob wir einem guten Papageien zwischen andern armen
+Sündern seine Ruhe lassen wollen!«
+
+Nach einer Pause, während deren kein Wort, nicht einmal ein Räuspern
+laut wurde, fügte der Propst, indem er die Stimme etwas fallen ließ,
+gelassener hinzu, gleichsam als einen überflüssigen Beweis ohnehin
+offenbarer Wahrheit: »Gott hat den Lieblingen seiner Schöpfung, den
+Vögeln, das überirdische Luftreich zur Wohnung angepriesen; sollten wir
+schmutzige Kriechtiere ihnen eine Handvoll schwarzer Erde mißgönnen?«
+
+Alle waren sehr beschämt und blickten vor sich nieder, ausgenommen der
+kaiserliche Vogt, der trotzend die Augen rollte und den Mund spitzte,
+als ob er pfeifen wollte, was er denn freilich doch nicht in Ausübung
+setzte. Der Propst hob die Sitzung auf, indem er sagte: »Es ist dies
+meine erwogene Meinung, daß Lütte Grave wegen eigenmächtiger Beerdigung
+des Papageien nicht zu bestrafen sei, vielmehr sogleich der Freiheit
+zurückgegeben werden sollte.«
+
+Mit diesem unschädlichen Ausgang wäre aber dem Vogte nicht gedient
+gewesen, der liebte, daß auch etwas Ordentliches dabei herauskam, wenn
+einmal zu Gericht gesessen wurde, und ebenso schürte der Totengräber,
+daß man das angezündete Feuer beileibe nicht ausgehen lasse. Denn
+dieser, der von der ganzen Verhandlung nichts verstanden hatte, war bei
+sich überzeugt, wenn ich freigesprochen würde, ginge es ihm an den Hals,
+einer müsse das Opfer sein, und natürlicherweise wünschte er sehnlich,
+daß ich es wäre. Also fingen diese wieder an, von dem Fräulein zu reden
+und nachzuforschen, wer diese gewesen sein könne, und da geschah es
+denn, daß Wunneke ihrem Vater alles gestand. Nicht weil die Liebe zu
+mir sie überängstlich und besinnungslos gemacht hätte, sondern weil
+sie hoffte, ihr Vater, der Bürgermeister, könne die ganze Sache
+niederschlagen, damit nichts an den Tag käme, und es sei, wie wenn
+nichts geschehen wäre. Sie hatte sich aber in ihrem Vater verrechnet;
+dieser war zwar gutmütig und unentschlossen im Handeln, so daß er sich
+tagelang besann, bevor er einen vorlauten Schwätzer ein Stündchen am
+Pranger stehen ließ, wenn aber einmal eine Leidenschaft in ihm aufgeregt
+wurde, die seine schwere Maschine in Tätigkeit setzte, war er wie eine
+losgeschossene Bombe, Feuer und Verderben im Bauche, die sich nicht
+halten läßt, bis sie ihr Ziel erreicht und alles zusammengeäschert hat.
+
+Ohne zu denken, was für Folgen daraus für seine Tochter erwachsen
+könnten, bezeichnete er mich als ihren Verführer, ließ mich in den
+Kerker werfen und verlangte mit derselben Erbitterung mein Blut fließen
+zu sehen wie damals der Vogt das des armen Papageien. Damit hatte er
+aber einen Gegner in die Schranken gerufen, der mächtiger als alle war,
+nämlich meinen Vater.
+
+Ich sollte ohne Sorge sein, sagte er mir, es würde mir kein Haar
+gekrümmt werden, denn die Herren wüßten, sagte er, daß er auf meinem
+Grabe so lange Menschen schlachten und Blut vergießen würde, bis ich
+selbst mein Haupt aus der Erde hübe und sagte: Ich bin gesättigt.
+Dergleichen wilde Prahlereien kamen mir halb komisch, halb grausig vor,
+aber ich glaubte in Wahrheit, mein Vater würde schon Mittel und Wege
+finden, mich zu erretten, so daß ich in aller Gemächlichkeit dahinlebte,
+bis ich eines Abends erfuhr, was mein Vater im Schilde führte und wie
+er, um mich zu retten, mich als erstes Opfer mit den Füßen zertrat.
+
+Es war der Abend, als sich die Tür auftat und Wunneke zu mir eintrat,
+nicht mehr ein blühender Veilchenstrauß, den Kinder und Frauen im
+Triumphe geleiten, sondern wie ein losgerissenes Blatt, vom Nordwinde
+hereingeblasen, wie ein Seufzer über die Erde huschend, todmüde und
+ruhelos kam sie herein, setzte sich neben mich und weinte. In einem
+Augenblick fühlte ich die höchste Seligkeit, da ich sie sah, und
+Todesschmerz, als ich inne wurde, was mit ihr vorgegangen war und was
+sie wollte. Noch ehe sie ein Wort gesprochen hatte, wußte ich, daß sie
+mich nicht mehr liebte und daß sie gekommen war, es mir zu sagen und
+mich um Verzeihung zu bitten. Wenn es nur das gewesen wäre! Aber nachdem
+ich ihr freundlich gesagt hatte, daß ich ihr nicht zürnte, sah sie mich
+immer noch mit beschwörenden Augen an, als sei das von allem das
+Geringste gewesen, als sollte ich noch mehr erraten. Nichts warnte mich,
+nichts brachte mich darauf; erst als sie es mir gestanden hatte, stand
+es hell vor meinen Augen, als ob ich es immer gewußt hätte, daß sie ihn,
+meinen Vater, liebte.
+
+Sowie er erfahren hatte, daß mein Leben in Gefahr war, hatte er es
+ermöglicht, sie zu sehen und zu sprechen, hatte sie gemahnt an das, was
+er ihr angedroht hatte, und ihr mit entsetzlichen, mitleidlosen Anklagen
+die Seele zermalmt. Seine Forderung war, daß sie mich unter dem
+Schafott, wie es das Recht gestattete, für sich zum Manne begehrte und
+mit mir außer Landes ginge; für Geld, um uns draußen weiterzuhelfen,
+wollte er schon sorgen. Sich ihm zu widersetzen, fehlte ihr der Mut,
+weniger aus Furcht oder weil sie sich im Unrecht wußte, sondern aus
+sklavischer Liebe, die ihr das Mark aus den Knochen gezogen hatte. In
+ihrer Not kam sie zu mir und klagte, daß sie zwar alles tun und auch mit
+mir entfliehen wollte, meine Frau aber nicht werden könnte mit der
+fürchterlichen Flamme für meinen Vater im Busen. Nachdem das Geständnis
+einmal von ihren Lippen gekommen war, wurde es ihr sichtlich leichter
+ums Herz, sie drängte sich zutraulich an mich und erzählte mir, wie
+alles gekommen war, und von ihrem Zustande und Leiden, als ob ich ihr
+Bruder wäre. Seine Blicke voll wütender Verachtung, seine strafenden
+Worte hatte sie zu seinen Füßen aufgesammelt, die Stacheln in die Brust
+gedrückt, Dornenkränze daraus geflochten und sich aufs Haupt gesetzt.
+Ich kann nicht sagen, wie groß mein Haß und meine Liebe war. Aber erst
+nachdem sie mich verlassen hatte, kam es aus meinem Gemüt herausgequollen
+und überschwemmte meine Seele. Ich preßte mich mit ganzem Leibe an die
+kalte Mauer und gab mich ohne Widerstand meinem Jammer hin; unter
+tausend Einfällen und Gedanken kam es mir wieder zu Sinne, wie sie
+meinem Vater das erstemal gegenübergestanden hatte und wie, während sie
+blaß, erschrocken und ohne Worte auf ihn schaute, sein Blick plötzlich
+wie mit kostenden Zungen an ihr heruntergeglitten war. Es schien mir
+zweifellos, daß er darum wissen mußte. Warum hatte ich sie von mir gehen
+lassen? Wußte ich nicht, daß er sie zu mir begleitet und draußen im Hofe
+des Kerkers auf sie gewartet hatte? Denn wie wäre sie sonst zu mir
+gekommen?
+
+Auf einmal sah ich sie deutlich mit meinem inneren Auge nebeneinander
+die lange Straße über die Heide gehen. Der Wind fuhr hinter ihnen her
+und lüftete den schwarzen Mantel meines Vaters, daß er wie eine Wolke
+über ihren Häuptern flatterte. Sie gingen den graden unabsehbaren Weg,
+von dem ich als Kind geglaubt hatte, er habe kein Ende und führe ins
+Jenseits; und als sie an der Schmiede vorüberkamen, warf das Feuer einen
+roten Schein auf ihre Gesichter, und ich konnte erkennen, wie sie sich
+mit starren verlangenden Augen ansahen. Das alles war viel näher und
+springender vor mir, als wenn ich es in Wirklichkeit gesehen hätte, die
+beiden heißbeleuchteten Gesichter waren so dicht, daß ich das blanke
+Weiß in ihren Augen sah, und wollten sich nicht verscheuchen lassen, bis
+meine Tränen hinüberflossen und sie auslöschten.
+
+Da waren Eifersucht, Haß und Wut ganz vorbei, und ich fühlte nichts
+weiter als eine grenzenlose Verlassenheit in meinem Herzen. Es schien
+mir, als wäre ich mein Leben lang in diesem Kerker gewesen und hätte
+nie einen andern Freund gehabt als die geduldige Spinne, die in einer
+Ecke des Kerkers ihr Netz hatte. Als hätte niemand je mich freundlich
+angesehen, niemand mein feines Angesicht und meinen schlanken Körper
+gelobt, und doch würden meinem Herzen bei der leisesten Liebkosung
+glitzernde Tränen des Glückes entströmen. Es hätte klingen können,
+lauter wie eine Glocke, läuten, daß die blauen Luftwellen aufgerauscht
+und am roten Ufer der Sonne gebrandet wären -- aber nun war es vermauert,
+und niemand würde es je hören, begraben war es schon, eh noch das
+Todesurteil an mir vollstreckt war.
+
+Ich konnte somit wohl gelassen sein, als mir das Urteil verkündet wurde,
+und war es wirklich im Innern so sehr, daß mir nur eine schwache
+Erinnerung davon geblieben ist. Aber bald darauf kam mein Vater, dessen
+ich in diesen Tagen so oft mit Bitterkeit, Fluch und Raserei gedacht
+hatte; kaum daß ich seinen Schritt und seine Stimme vernahm, die mich
+anrief, vergaß ich alles und warf mich an seine Brust, wie ich als Kind
+getan hatte. Wie aus einem leichten Schlummer heraus, hörte ich, was er
+erzählte: wie sie einen Scharfrichter aus dem Nachbarland hätten kommen
+lassen, unter dem Vorwande, daß ein Henker nicht könne gezwungen werden,
+seinem eignen Kinde den Kopf vom Rumpf zu schlagen, daß er aber
+Einspruch getan hätte, weil der Ordnung nach in unsrer Stadt Gebiet kein
+Richtschwert von Rechts wegen schalten dürfe als das seine, ferner wie
+sie ihn fürchteten und wie ich ohne Sorge sein sollte, da er alles aufs
+beste eingerichtet hätte und es nicht fehlschlagen könne. Solange er bei
+mir war, glaubte ich alles Gute, aber sowie er fortging, schwand mir die
+Hoffnung wie ein Licht, das einer im Lämpchen einen langen dunkeln Gang
+hinunterträgt; schwächer und bleicher wird der Schimmer, bis er endlich
+in der Dunkelheit verrinnt.
+
+Ich wußte sicher, daß ich sterben müsse, und glaubte es vollends, als
+ich das Folgende gesehen hatte: Am Abend nämlich vor dem Tage meiner
+Hinrichtung geschah es mir noch einmal, daß ich mich von mir selber
+loslöste und über die Heide ging, während mein Körper bewußtlos auf den
+Strohbündeln des Kerkers lag. Ich ging schnell und trotzdem langsamer
+als der graue Schatten einer Wolke, der vor mir her lief. Sie flog, als
+wenn ein Sturm sie vor sich her bliese, obwohl es ganz windstill war;
+nur weiter weg, wo das Meer war, pfiff ein dunkles Sausen. Ich fühlte
+mein kleines furchtsames Kinderherz in der Brust, das vor vielen Jahren
+so angstvoll geschlagen hatte, wenn ich abends allein die lange Straße
+gehen mußte, und freute mich so wie damals, als ich ein Licht vom Hofe
+meines Vaters in der Ferne erblickte. Indessen war es, als ich näher
+kam, das Feuer der Schmiede, das ungewöhnlich hoch brannte, und wie ich
+neugierig hinzutrat, sah ich meinen Vater davorstehen und sein großes
+Schwert schärfen, während der Schmied mit der Zange die Glut schürte.
+Ich wußte wohl, daß mein Vater das Schwert für mich gebrauchen wollte,
+aber das kümmerte mich nicht; ich starrte ihn nur bewundernd an, wie
+schrecklich schön er aus diesem Höllenscheine ragte. Erst als mein Blick
+auf seine Hand fiel, die mit dem Hammer mitten durch die Flamme fuhr und
+aussah wie von Blut überströmt, kam es mir in den Sinn, daß er mit
+derselben meine Mutter erwürgt hatte und nun mich, ihr armes Kind, töten
+wollte, und Haß und Rache stiegen in mir auf, so heftig und plötzlich,
+daß ich fast die Besinnung darüber verlor. Zugleich wußte ich aber auch,
+daß, so nah ich auch bei ihm stand, mein Vater mich nicht sehen konnte,
+ebensowenig wie ich ihn hätte anreden oder berühren können, und in
+diesem Gefühl von Ohnmacht brach ich in Tränen aus, die mir wie das
+erstemal das Bild auswischten.
+
+Am andern Morgen erwachte ich mit einem ungeduldigen Freudengefühl, weil
+ich nun Erde und Sonne wiedersehen sollte; was danach kommen würde, lag
+außerhalb meines Bewußtseins, und sowie mein Geist diese traurige
+Schattenregion betrat, schauderte er zurück, um sich wieder im Lichte
+zu baden. Was für ein Tag war es aber auch! Die Sonne war wie ein
+riesiger Springbrunnen am Himmel, der die Erde mit goldenem Schaumwein
+überflutete, so daß nicht nur die Menschen, sondern alles bis auf die
+Steine herab davon trunken war. Das Himmelsgewölbe glich einem blauen
+gläsernen Pokal, angefüllt mit dem funkelnden Safte der süßesten
+Sonnentrauben, damit die körperlosen Geister drüben sich den Rausch
+ewiger Seligkeit daraus tränken. Es war mir klar, daß die Menschenmenge,
+die die Heide erfüllte, nur deshalb hier zusammengelaufen war, um an
+diesem Festwein, den der Herrscher umsonst fließen ließ, sich satt
+zu trinken. An meiner Seite war der Propst, und am Wege stand der
+Totengräber, kläglich weinend und mit dem dicken Kopfe nach mir nickend,
+den ich wohl freundlich grüßte, aber ohne das mindeste dabei zu
+empfinden; denn meine Gedanken waren beschäftigt, auszumalen, daß ich,
+wenn ich da oben auf dem Gerüst stünde, das Meer überblicken würde.
+Ich hörte es schon rauschen und dachte, es erwartete mich, und wenn wir
+uns erblickten, würde es ein Wiedersehen geben, daß die Erde davon
+erzitterte. Wie ich nun die Stufen hinangesprungen war, sah ich es
+liegen; schwarz, denn während der Wind zu Lande nur mäßig ging, wühlte
+er mitten ins Meer hinein; aber durchsichtig schwarz wie Menschenaugen,
+und zuweilen loderte eine grüne Flamme in den blanken Wasserleibchen
+hinauf. Die Kähne, die am Ufer lagen, flogen auf und nieder, und man
+hörte das Klirren der Ketten, mit denen sie angebunden waren, durch das
+Brüllen der Brandung.
+
+Am höchsten gingen die Wellen da, wo der klotzige Leuchtturm aus dem
+Schwall starrte; sie sprangen an ihm in die Höhe und warfen sich
+klatschend gegen seine Mauer, daß sie zerbarsten und in schaumigen
+Fetzen mit den aufgeregten Möwen um seine Zinne flogen. Als sie meiner
+ansichtig wurden, faßten sie sich bei den kalten Händen und tanzten
+einen wilden Ringelreihen um den Leuchtturm herum, wobei sie mit
+gellenden Trompetenstimmen schrien: Tanz mit mir, Lütte Grave, tanz mit
+mir! und dazwischen pfiffen sie in gewissen springenden Rhythmen, wie
+kleine Jungen einander Zeichen zu geben pflegen.
+
+Während ich nichts andres fühlte und dachte, als wie ich zu diesen
+Kameraden gelangen könnte, war um mich herum allerlei vorgegangen, was
+mich betraf und was ich, als der Propst selber mich anfaßte und meine
+Aufmerksamkeit darauf lenkte, nach allem, was mir bekannt war, wohl
+erraten konnte. Ich sah auf einmal meinen Vater in schwarzer Amtstracht,
+sein Schwert unter dem Arme, und Wunneke nicht weit von ihm, die Augen
+starr auf ihn geheftet, und eine große Bewegung unter der Volksmenge,
+weil die Tochter des Bürgermeisters mich vom Schwerte losgebeten hatte
+zu ihrem Manne. Sie stand da, ohne sich zu rühren, festgeklammert in dem
+eisernen, unentrinnbaren Blick meines Vaters, der über sie herrschte,
+matt und glanzlos wie ein abgerissener, sterbender Schmetterling. Ich
+begriff, daß es nun auf mich ankam, ein Zeichen zu geben, ob ich wollte,
+und schüttelte heftig den Kopf zur Verneinung; das tat ich weniger, weil
+sie mich damals im Kerker angefleht hatte, daß ich sie nicht zur Frau
+nehmen sollte, denn merkwürdigerweise war ich jetzt eigentlich innig
+überzeugt davon, daß sie mich lieb hatte und lieber auch als meinen
+Vater -- als weil mir das alles so unendlich weit weg zu liegen schien,
+und so unwichtig und beinahe lächerlich kam es mir vor, daß so ungeheuer
+viele Menschen um so geringfügiger Sache wegen in Bewegung und Erregung
+waren. Ich hatte ein ganz leises süßes Gefühl zärtlichen Mitleids für
+Wunneke, aber nur so, wie man für ein Kind hat, das wegen eines
+Schmerzes weint, der in kurzen Minuten vorüber sein wird, und als der
+Probst mir dringlich zuflüsterte: Sag ja, Lütte Grave! rief ich laut
+und ärgerlich: Nein, nein, nein, ich will nicht! und fürchtete fast,
+sie würden mich mit Gewalt vom Schafott reißen und in ihr Gewühl
+hineinzerren, da ich den Bürgermeister heftige Zeichen und Winke geben
+sah. Diese bezweckten aber ganz etwas andres; denn nun stieg ein schwarz
+umhüllter Mann zu mir hinauf, der, von mir unbemerkt, dicht unter dem
+Gerüst bereitgestanden hatte und von dem ich sofort wußte, daß es der
+fremde Scharfrichter war, der gekommen war, um mir den Garaus zu machen.
+In diesem Augenblick änderte sich plötzlich alles in mir; es war, als ob
+sich alles Blut in meinem Körper in einer Springflut über mein Herz
+ergösse, eine solche Todesfurcht packte mich, so jäh anprallend, daß ich
+auf die Knie fiel und abwehrend meine Arme ausstreckte und auch, wie ich
+glaube, laut aufschrie. Ja, in diesem Augenblicke stand es mir fest,
+eher sollte die Welt untergehen, als daß ich den Tod erlitte. Aber
+gleich darauf, als mein Vater kam, war alles vorüber. Ich hörte ihn
+meinen Namen rufen und blickte nach ihm hin, der etwas weiter weg von
+mir gestanden hatte. Die Obrigkeit hatte in seiner Nähe eine Reihe
+bewaffneter Männer aufgestellt, für den Fall, daß er etwas Gewalttätiges
+unternehmen sollte; diese alle drängte er nun ohne Mühe beiseite, um
+sich den Weg zu mir zu bahnen. Da sah ich etwas Entsetzliches: ich
+sah, wie er den kaiserlichen Vogt, die Ratsherren allesamt, beide
+Bürgermeister und Wunneke im Vorbeigehen mit der Spitze seines Schwertes
+streifte, und erinnerte mich an das Gerede des Volkes, daß er damit,
+wen er wolle, auf das Blutgerüst bringen könne. Ich sah im Geiste über
+die graue Heide Blut rinnen, Blut, Blut und Blut, sah, wie sie es
+einschluckte, bis sie fett und feucht war wie dunkles Moos, und wie
+es zusammensickerte und in das Meer rann, daß es von grün rot wurde
+und purpurn und schwarz -- aber das war alles nur ein Bild, das wie
+ein Blitz kam und ging. Denn nicht eine Minute, nachdem mein Vater
+mich gerufen hatte, war er schon oben bei mir, packte den fremden
+Scharfrichter bei der Brust, warf ihn über das Gerüst hinunter und
+beugte sich über mich. Mir war zumute wie als Kind, wenn ich mich in
+einsamer Dunkelheit gefürchtet hatte und meinen Vater kommen sah: ein
+seliges Gefühl von Geborgensein wickelte mich ganz ein wie ein
+dunkelpurpurner Samtmantel. Dem kleinen Knaben Tells, als er sich von
+seinem Vater den Apfel vom Kopfe schießen ließ, kann nicht leichter und
+zutraulicher ums Herz gewesen sein als mir. Das letzte, dessen ich mich
+entsinne, war, daß ich auf das Pfeifen des Meeres horchte, wie es rief:
+Tanz mit mir, Lütte Grave! aber dumpfer als vorher, weil ich den Kopf
+auf den Block gelegt und der weite Mantel meines Vaters sich wie ein
+Vorhang über mir herabgelassen hatte.
+
+
+ Druck von der Offizin
+ Fr. Richter in Leipzig
+
+
+
+
+ [ Im folgenden wird die einzige geänderte Textzeile angeführt, wobei
+ zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile steht.
+
+ Hoffnung wie ein Licht, das einer im Lämpchen einen langengen dunkeln
+ Hoffnung wie ein Licht, das einer im Lämpchen einen langen dunkeln
+ ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Das Judengrab. Aus Bimbos
+Seelenwanderungen, by Ricarda Huch
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS JUDENGRAB ***
+
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+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
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+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
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+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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