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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:00:17 -0700 |
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| committer | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:00:17 -0700 |
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Langkau, Alexander Bauer and the +Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + + + + [ Anmerkungen zur Transkription: + + Es wurde größte Sorgfalt darauf verwendet den Text originalgetreu + zu übertragen. Lediglich offensichtliche Fehler wurden korrigiert. + Eine Liste sämtlicher vorgenommener Änderungen befindet sich am + Ende des Textes. + ] + + + + + Das Judengrab + + Aus Bimbos Seelenwanderungen + + + Zwei Erzählungen + von + Ricarda Huch + + + Im Insel-Verlag zu Leipzig + + + 21.-30. Tausend + + + + + Das Judengrab + + +In Jeddam gab es nur einen einzigen Juden, der auf folgende Weise +dorthin verschlagen war: Seine Frau, mit der ihn treueste Liebe verband, +war aus Jeddam gebürtig, und als ihr Vater mit Hinterlassung bedeutender +Ländereien starb, war es wünschenswert, daß sie sich zur Regelung +ihrer Erbschaft selbst hinbegebe. Mit der Möglichkeit, das Vaterhaus +wiederzusehen, erwachte in ihr das Heimweh, und die Familie, die aus +Vater, Mutter und zwei kaum erwachsenen Kindern bestand, trat die weite +Reise an. Da nun der Ort Jeddam, mit mehr dörflichem als städtischem +Charakter, so trotzig und anmutig zwischen mäßig hohen Bergen, reichen +Saatfeldern und grünen Geländen lag, die das Flüßchen Melk bewässerte, +und da die Frau sich in ihrer vertrauten Kinderheimat so wohl fühlte, +willigte der gutmütige Mann ein, ganz und gar überzusiedeln. Er konnte +freilich nicht daran denken, das große Gut seiner Frau selbst zu +bewirtschaften, sondern stellte dazu einen jungen Verwalter an, während +er selbst ein Geschäft in dem Ort eröffnete, wie er es früher betrieben +hatte. Da es ein solches in Jeddam bisher nicht gegeben hatte und die +Einkäufe in der nächsten größeren Stadt besorgt worden waren, hätte das +Geschäft wohl gedeihen können, wenn nicht der Inhaber ein Jude gewesen +wäre, von welchem Volke die Bewohner von Jeddam durchaus nichts wissen +wollten. Verkauft wurde zwar genug, aber wenig bezahlt, und wenn Herr +Samuel die ausstehenden Gelder einklagen wollte, mußte er erleben, daß +sich die Behörden seiner nicht annahmen und er höchstens Prozeßkosten +zahlen mußte, ohne zu seinem offenkundigen Recht kommen zu können. Es +machte ihm oft Sorgen, was daraus werden sollte, und er wäre gern mit +den Seinigen auf und davon gegangen, wenn er gewußt hätte, wie er in +dieser feindseligen Umgebung zu seinem Gelde kommen und die Güter seiner +Frau ohne zu großen Schaden verkaufen sollte. + +Eine Reihe von Jahren ging es so weiter, bis eines Tages Herr Samuel +krank wurde und nach dem Arzte im nächsten Städtchen schickte; als er +auf seine zweite Bitte, schleunig zu kommen (denn die erste hatte +keinerlei Erfolg gehabt), die Antwort erhielt, der Doktor sei sehr +beschäftigt und bedaure, dem Rufe nicht Folge leisten zu können, wurde +es ihm unheimlich zumute, und er bedachte zum ersten Male gründlich, +wie er hier elend sterben und verderben könne. Während die Familie +sorgenvoll und ratschlagend um sein Bett herumsaß, sagte er: »Das beste +wäre, da ich doch einmal krank bin, wenn ich stürbe, dann könntet ihr +unangefochten hier leben und glücklich sein.« Seine Frau Rosette und die +beiden Kinder, Anitza und Emanuel, verwiesen ihm so zu reden, da sie +ohne ihn auch im Paradiese nicht glücklich sein könnten, und Herr Ive, +der Verwalter, der Anitzas Verlobter war, sagte, daß es auch deshalb +unrichtig sei, weil die Bewohner von Jeddam die abtrünnige Frau, die +einen Juden geheiratet hatte, und dessen Kinder ebensowenig unter sich +leiden möchten wie ihn selber. + +»Wie wäre es aber,« sagte Anitza, »wenn wir dich, Vater, als tot ausgäben +und begrüben, während du heimlich in deine Heimat zurückkehrtest, und +Ive, als unser natürlicher Freund und Vormund, unsre Angelegenheiten +ordnete und uns dann zu dir führte?« + +Herr Samuel wollte anfänglich von solchen Schlichen nichts hören, aber +da der Verwalter erklärte, er getraue sich wohl, die Sache zu einem +guten Ende zu bringen, und da Frau und Kinder zu dem Abenteuer, mittels +dessen zugleich denen von Jeddam ein Streich gespielt wurde, voll Lust +und Ungeduld waren, willigte er schließlich ein, es ins Werk zu setzen. +Kaum war er wieder einigermaßen hergestellt, als er nächtlicherweile +Jeddam verließ; es glückte ihm, unbemerkt zu dem nächsten größeren, am +Meere gelegenen Ort zu gelangen, wo er sich einschiffte. + +Unterdessen stopften Frau Rosette und Anitza mit Herrn Ives Hilfe einen +netten Balg aus, befestigten eine passende Larve mit einem Bart aus +Roßhaar vor dem Strohkopfe und legten diese Figur, in ein reinliches +Sterbehemd gekleidet, auf Herrn Samuels Bett. Die Larve bedeckten sie +mit einem Schnupftuch, doch die wachsenen Hände, die sie der Echtheit +und Ähnlichkeit halber mit dem schönen Diamantring geschmückt hatten, +den Samuel auf dem Zeigefinger zu tragen pflegte, blieben sichtbar. Der +Betrug wäre wohl doch entdeckt worden, wenn das Haus des Juden nicht wie +das eines Aussätzigen gemieden worden wäre; als die Nachricht von seinem +Tode ausgesprengt war, fehlte es zwar nicht an Neugierigen, aber sie +hielten an sich und spähten aus der Ferne, so daß nur die eignen +Dienstboten scheu von der Türschwelle aus den künstlichen Leichnam +betrachteten. + +Demnächst begab sich Herr Ive zum Gemeinderat, um den Tod des Herrn +Samuel anzuzeigen und die Beerdigung zu bestellen, wurde dort aber an +den Pfarrer verwiesen, der diese Dinge zu erledigen habe. Der Pfarrer +war ein Mann mit dichtem, lockigem Haar und kurzer, hölzerner Stirn +über einem breiten Gesicht, für gewöhnlich schweigsam, nicht aus Neigung +oder Anlage, sondern weil er nichts zu sagen wußte. Seine großen Augen +flackerten ängstlich und bekümmert vor der großen Leere seines Schädels, +und er war im ganzen ein mehr hilflos trauriger und unschädlicher Mann +als ein bösartiger, außer wenn es sich um gewisse kirchliche Fragen +handelte. Sowie nämlich irgendeine Sache vorkam, in der er sein Urteil, +sei es auch ein noch so verkehrtes, hatte, und in der er überhaupt +maßgebend war, bemächtigte er sich derselben mit Heftigkeit, blähte sich +auf und spie Gift gegen alle, die ihm nahe kamen, im unbewußten Drange, +sich dafür zu rächen, daß sie ihn so oft als einen unwichtigen, blöden +Tölpel unbrauchbar in der Ecke hatten stehen sehen. Als Herr Ive sich +bei ihm meldete, wußte er schon, um was es sich handelte, und empfing +ihn mit den Worten: »Was gibt es, Herr Ive? Da muß etwas Gewaltiges +im Schwange sein, daß Ihr zu mir kommt! Ihr pflegt mich nicht zu +überlaufen, weder in meinem Hause, noch im Hause Gottes! Diese Leute +bedürfen der Seelsorge nicht; aber jetzt gilt es wohl eine Erbschaft +oder eine Heirat, wo sie immer bei der Hand sind!« + +Herr Ive entschuldigte sich höflich und sagte, daß er nur den Tod des +verstorbenen Herrn Samuel anzeigen wolle, was ihm als Vormund der +hinterbliebenen Familie zukomme. »Da habt Ihr Euch ein sauberes Amt +ausgelesen,« sagte der Pfarrer; »wer Pech angreift, besudelt sich, wißt +Ihr das nicht? Bleibt mir mit Euerm toten Juden vom Leibe, ich habe +nichts damit zu schaffen!« Herr Ive erklärte, daß der Gemeinderat ihn an +den Pfarrer gewiesen hätte, der die Beerdigungsförmlichkeiten samt und +sonders zu erledigen pflegte. »Ja,« rief der Pfarrer aufbrausend, »die +Beerdigungen von Christenmenschen freilich! Den Juden mögen seine +Rabbiner und Pharisäer in ihre Erde graben und sich selber dazu, was +desto besser für sie und uns wäre.« + +Der Herr Pfarrer wüßte wohl, sagte Herr Ive, daß es in Jeddam weder +Pharisäer noch Sadduzäer gäbe, noch weniger einen jüdischen Kirchhof, +weswegen der Wunsch des Herrn Pfarrers nicht könnte ausgeführt werden; +es müßte der verstorbene Samuel wohl oder übel neben den übrigen Bürgern +Jeddams bestattet werden. Der Pfarrer zog die schwachen Brauen über den +großen rollenden Augen hoch, schlug mit der geballten Faust dreimal auf +den Tisch und rief: »Nichts da! Heraus mit Euch! Werft Euern toten Juden +wohin Ihr wollt, aber laßt Euch nicht mit ihm auf unserm christlichen +Kirchhof blicken!« Worauf Herr Ive, dem das Blut bereits zu kochen +anfing, sich herumdrehte, die Tür laut hinter sich zuschlug und +spornstreichs zurück zum Gemeinderat eilte. + +Dort gab es ein Köpfezusammenstecken und eiliges Hin- und Herlaufen, bis +es Herrn Ive endlich gelang, zum Bürgermeister vorzudringen, der es im +allgemeinen nicht liebte, in seinen Geschäften gestört zu werden. Er war +ein beleibter Herr, der unter seiner Freundlichkeit äußerste Verachtung +der meisten übrigen Menschen verbarg und sich einbildete, seine Stellung +als Bürgermeister einzig seiner weltmännischen Gewandtheit und geistigen +Überlegenheit zu verdanken. Ihm war alles gleichgültig, außer daß er den +Ruf seiner Unfehlbarkeit und seine Beliebtheit nicht einbüßte, und es +war deshalb ebenso angenehm, mit ihm zu verkehren, wie schwer, irgend +etwas von ihm zu erreichen und in Gang zu bringen. + +Herr Ive erzählte atemlos und heftig, was ihm beim Pfarrer begegnet +war, häufig unterbrochen vom Bürgermeister, der sich nach unzähligen +Einzelheiten erkundigte, teils um seine sachkundige Gründlichkeit und +menschliche Teilnahme zu beweisen, teils um im allgemeinen Zeit zu +gewinnen. Als Herr Ive durchaus nichts mehr zur Klärung der Sachlage +beizubringen wußte und augenscheinlich auf eine Antwort erpicht war, +legte der Bürgermeister den Kopf auf die Seite, faltete die Hände über +dem Bauche und sagte nachdenklich: »Schade, schade, daß der Herr Samuel +sterben mußte! Ein fleißiger Herr, ein braver Herr, als Familienvater +ausgezeichnet und als nützlicher Bürger, aber ein Jude. Unleugbar ein +Jude! Er hätte noch eine Weile länger leben dürfen.« + +Herr Ive sagte ungeduldig: »Euer Gnaden werden Ihre rühmlich bekannte +Gerechtigkeitsliebe beweisen und nicht dulden, daß Leute, die Euer +Gnaden selbst als nützliche Bürger bezeichnen, wie faules Obst in den +Graben geworfen, anstatt rechtlich begraben werden.« + +»Wie faules Obst in den Graben werfen!« rief der Bürgermeister +erschrocken. »Das wäre in der Tat ein Unfug, den ich scharf ahnden +würde. Die Geistlichkeit läßt sich oft, wie wir alle wissen, vom frommen +Eifer hinreißen, allein das bürgerliche Haupt der Gemeinde folgt +unbestechlich der Gerechtigkeit. Es soll mir nimmermehr ein verstorbener +Jude, der tugendhaft gelebt hat, wie faules Obst auf der Gasse liegen!« + +So würde, fragte Herr Ive, der Bürgermeister Befehl geben, daß der +Verstorbene schicklich auf dem allgemeinen Friedhof beerdigt würde. Das +würde er freilich, antwortete jener, nachdem er zuvor die Herren +Gemeinderäte versammelt und ihre Meinung eingeholt hätte: »Denn«, sagte +er lächelnd, »den Tyrannen möchte ich nicht spielen, gerade weil ich es +könnte.« + +Herr Ive mußte sich bescheiden, unverrichteter Sache heimzukehren, und +eilte zur Familie des Samuel, um von dem Vorgefallenen Bericht zu +erstatten. Er hatte im Laufe der Verhandlungen fast vergessen, daß sein +Schwiegervater nicht in Wirklichkeit tot war, wie er aber zu Hause die +vergnügten Gesichter sah, kam es ihm wieder zur Besinnung, und er mußte +lachen, daß der Pfarrer sich dermaßen über eine Sache erhitzt hatte, die +nur in der Einbildung bestand. Die zierliche Anitza warf sich auf einen +Teppich und lachte lautlos in ein Kissen, so daß ihr die Tränen über das +Gesicht liefen, aber ihre Mutter, eine hohe, kräftige Frau, die nicht +mit sich spaßen ließ, stand auf und sagte: »Ive, du bist gut, aber du +hast einen Lammsmut, du verstehst mit diesen Leuten nicht umzugehen, +die man nicht höflich, sondern grob und unverschämt, wie sie selber +sind, behandeln muß. Du wirst bescheiden vor der Tür gestanden und +um Erlaubnis gefragt haben, anstatt zu sagen: 'Kurz und gut, morgen +begraben wir meinen Schwiegervater, und wer sich mir in den Weg stellt, +dem zerschmettere ich mit diesen Fäusten die Knochen zu Butter.'« + +»Ich habe mich so fest und entschlossen benommen, wie ich glaube, daß +ein Mann soll,« sagte Herr Ive, dessen helles, hübsches Gesicht über und +über rot geworden war, als ihm Zaghaftigkeit vorgeworfen wurde. »Wenn es +nötig ist, kann ich auch dreinschlagen, doch ich dachte, es wäre dazu +immer noch Zeit.« + +Der junge Emanuel sagte: »Mama, die Leute haben im Grunde ganz recht. +Auf einen christlichen Kirchhof gehören Christen, auf einen jüdischen +Juden. Die Frage ist nicht so leicht zu entwirren, wie du dir +einbildest.« + +Nun loderte Frau Rosette in lichtem Zorne auf und rief: »Geh mir mit +deinen Spitzfindigkeiten! Dein Vater ist kein Dieb oder Mörder, sondern +ein besserer Mann als alle die Ochsenköpfe von Jeddam, die froh sein +können, einen solchen auf ihrem Friedhof begraben zu dürfen. Glaubst du, +sie würden dich und mich und Anitza, obwohl wir gut katholische Christen +sind, achtungsvoller behandeln? Sie würden uns auch in das erste beste +Loch werfen; aber sie haben sich in mir verrechnet. Ich nehme es mit +andern Leuten auf als mit dem hohlköpfigen Pfarrer und dem windigen +Bürgermeister.« + +Anitza klatschte vor Vergnügen in die Hände und sagte zu ihrem Bruder: +»Mama möchte, daß wir beide stürben, nur damit sie uns dem Pfarrer zum +Tort ein christliches Begräbnis herrichten könnte!« Und Emanuel, der es +liebte, seine Mutter zu necken, sagte: »Frau und Kinder gehen nach des +Vaters Seite, und ich bezweifle, ob wir das Recht haben, uns auf dem +Jeddamer Friedhof beerdigen zu lassen.« + +»Gelbschnabel!« rief seine Mutter. »Meine Urgroßväter, Großväter und +mein Vater sind hier begraben, und ich möchte den sehen, der mich +hindern kann, an ihrer Seite zu liegen. Ich gehe bis zum Kaiser, wenn +es nötig ist, um diesen Prahlhänsen zu zeigen, wo ich mich begraben +lassen kann!« + +Es gelang Herrn Ive, die zürnende Frau zu bewegen, daß sie den Bescheid +abwartete, den er jetzt vom Gemeinderate bekommen würde, und er machte +sich alsbald auf, um denselben in Empfang zu nehmen. Ehe er in das +Beratungszimmer geführt wurde, wo sich unter den übrigen Herren auch der +Pfarrer befand, sagte der Bürgermeister: »Es kommt mir nicht in den +Sinn, nach Tyrannenweise das Recht zu beugen, und daß dem Rechte nach +kein Jude auf unserm christlichen Gottesacker bestattet werden darf, +sehe ich ein; doch halte ich mich gern an den alten lateinischen Spruch, +der besagt, daß man zwar unerschütterlich im Handeln, aber gefällig und +lieblich in der Form sein soll, und werde deshalb dem jungen Manne den +abschlägigen Bescheid so sanft wie möglich eingehen lassen.« + +Als hierauf Herr Ive vorgelassen wurde, empfing er ihn mit wohlwollenden +Blicken, streichelte kosend über das Protokollpapier, das vor ihm lag, +und sagte: »Sie sind ein geschätzter Mitbürger, Herr Ive, auch der +verstorbene Herr Samuel war es, soweit er Bürger war, als Bekenner stand +er mir fern. Sagen Sie selbst, gibt es eine jüdische Gemeinde hier?« + +Diese Frage konnte Herr Ive nicht anders als mit nein! beantworten, +worauf der Bürgermeister fortfuhr: »Es gibt hier keine jüdische Gemeinde, +oder, was dasselbe sagen will, keine Juden. Gibt es aber keine Juden +hier, so gibt es auch keinen Juden, und so hat auch Herr Samuel, der ein +Jude war, im rechtlichen Sinne niemals hier existiert. Seine Familie mag +ihn beweinen, seine Freunde, ja alle fühlenden Herzen mögen seinen +Hinschied betrauern, die Gemeinde als solche muß ihn als nie dagewesen +betrachten und kann ihn infolgedessen auch nicht begraben.« + +»So bitte ich den Herrn Bürgermeister, mir zu sagen,« rief Herr Ive +drohend, »wo ich ihn begraben soll, denn begraben muß er doch einmal +werden.« + +»Das wäre zu wünschen,« sagte der Bürgermeister, »und es sei ferne von +mir, den Hinterbliebenen darin auch nur das geringste in den Weg zu +legen. Nur den christlichen Gottesacker bitte ich auszunehmen, und daß +innerhalb der Stadtgrenzen kein Toter sich aufhalten darf, ist Ihnen +sowie jedermann bekannt.« + +Jetzt aber war es mit Herrn Ives Geduld zu Ende, und indem ihm das Blut +heiß in die Wangen schoß, rief er: »Wenn ihr den lebenden Juden unter +euch dulden konntet, werdet ihr auch den toten ertragen. Ich verlange +kein Geläut und kein Geplärr und Gezeter an seinem Grabe, aber ein +Fleckchen Erde, wo er ruhig liegen kann, das soll er trotz euch haben. +Laßt es euch gesagt sein, daß ich ihn morgen selber auf den Kirchhof +bringen und jeden niederschlagen werde, der mich dabei stören will.« + +Diese groben Worte entzündeten ein heftiges Wortgemenge, das durch den +plötzlichen Eintritt Frau Rosettens unterbrochen wurde, die, des Wartens +überdrüssig, selbst gekommen war, um mit ein paar kernigen Worten die +Leute zur Vernunft und die Sache zu Ende zu bringen. Als sie in großer +Majestät, vom Kopf bis zu den Schuhen in Schwarz gekleidet, auf der +Schwelle stand, verstummten alle, und der Bürgermeister beeilte sich, +ihr entgegenzugehen und einige Worte des Beileids zu sprechen. »Laßt die +Phrasen, Herr Bürgermeister,« sagte sie abwehrend, »auf die ich keinen +Wert lege. Ich verlange von Euch nichts als mein Recht, ich will meinen +Mann auf den Kirchhof bringen, wo mir Vater und Mutter, Großväter und +Urgroßväter ruhen, und darin verlange ich von Euch mehr unterstützt als +behindert zu werden.« + +»Euer verewigter Vater war mein geschätzter Freund,« sagte der +Bürgermeister, indem er sich mit einem großen buntseidenen Taschentuche +den Schweiß von der Stirn wischte, »und sein Grab gereicht unserm +Gottesacker zur Ehre. Er war ein guter Bürger und ein guter Christ, und +mehr braucht es nicht, um in Jeddam gut aufgenommen und begraben zu +werden.« + +»So denke ich,« sagte Frau Rosette, sich stolz umsehend, »daß ich diese +Ehre verdiene. Ich wünsche aber, was niemand einem christlichen Eheweibe +verargen wird, dereinst an meines Gatten Seite zu ruhen.« + +Der Bürgermeister trocknete sich den Angstschweiß ab und besann sich, +welche Gelegenheit der Pfarrer, der sich nur ungern das Wort so lange +hatte nehmen lassen, ergriff und losfuhr: »Bückt ihr euch vor dieser +stolzen und abgöttischen Jesebel? Du hast einen Greuel in deine Familie +und unsre Gemeinde gebracht, Weib, aber auf unsern Friedhof sollst du +ihn nicht bringen. Es gibt genug Kehricht auf der Erde, wohin ihr eure +ungläubigen Knochen werfen könnt, unserm heiligen Gottesgarten sollen +sie fernbleiben!« + +Frau Rosette trat dicht an den Pfarrer heran und sagte: »Höre du, ich +mache mir zwar keine Ehre daraus, zwischen euern hohlen Gerippen +begraben zu liegen, aber mein angeborenes und angestammtes Recht lasse +ich mir von euch nicht rauben und möchte gleich auf dem Flecke sterben, +damit ihr mit ansehen müßtet, wie ich auf euern Schutthaufen Einzug +halte.« + +Die Anzüglichkeit der Frau Rosette hatte auch die übrigen Gemeinderäte +in Zorn versetzt, von denen einer sagte: »Die Frau eines Juden hat +keinerlei Recht mehr in Jeddam.« + +»Ja, ich hätte meine Mitgift einem von euch hungrigen Bären bringen +sollen!« höhnte sie. + +»Besser ein Bär als ein Schwein!« rief ein andrer; denn so pflegte man +die Juden in Jeddam zu nennen. + +Frau Rosette erbleichte und sagte: »Du mußt wohl ein Hund sein, daß du +einen edeln Toten beschimpfst.« Dann legte sie eine Hand auf Herrn Ives +Arm und sagte, indem sie ihn mit sich zog: »Komm, wir werden uns selber +helfen.« + +Während der Bürgermeister auseinandersetzte, daß der Weise und Weltmann +nicht schimpfe, sondern fest und gelinde auf dem Buchstaben des Rechtes +beharre, trug der Pfarrer Sorge, daß die übermütige Frau Rosette ihren +Samuel nicht insgeheim in den Kirchhof einschmuggelte. + +Das war diese allerdings willens, aber nicht verstohlenerweise, sondern +öffentlich und prächtig, am hellen Tage, indem sie darauf rechnete, daß +man es nicht zu einer Prügelei auf dem Kirchhof würde kommen lassen. +Der Pfarrer hatte aber noch zur rechten Zeit eine Menge von Bauern +versammelt und zu ihnen gesagt: »Kinder, der tote Jude wird unsre gute +Erde verpesten! Leidet es nicht! Mag er draußen auf dem Felde liegen, wo +es nur Raben und Krähen gibt! Wenn ihr nicht auf der Hut seid, werdet +ihr Gift und Pestilenz und Viehseuche haben!« Die Folge davon war, +daß die Knechte, die den Sarg mit dem künstlichen Samuel trugen, die +Kirchhofpforte verrammelt und von feindseligen Bauern besetzt fanden, +die ihnen den Eingang wehrten. Frau Rosette, Herr Ive und die Kinder, +die in einem offenen Wagen folgten, sahen voll Erstaunen, wie sich ein +tüchtiges Handgemenge entspann, in dem ihre Knechte bald den kürzeren +zogen, da sie bedeutend in der Minderzahl waren. Herr Ive verfolgte den +Kampf eine Weile mit dem Kennerblick eines jungen Straßenbuben und +wachsender Ungeduld, bis er schließlich nicht mehr an sich zu halten +vermochte, aus dem Wagen sprang, die Jacke abwarf und sich mit einem +lauten, schnalzenden Schrei unter die Prügelnden mischte. Emanuel, +dessen dunkle Augen vor Kampflust feucht geworden waren, schickte sich +an, es seinem Schwager nachzutun, und die Mutter hatte Mühe, ihn +festzuhalten und Anitzas Heiterkeit, die sich ihrer beim Anblick des +tapfer ringenden Bräutigams bemächtigt hatte, durch Zupfen, Winken +und Warnen in etwas zu mäßigen. Ihren Schwiegersohn sah Frau Rosette +zwar mit Genugtuung und Billigung im Kampfgewühl, dennoch bat sie +ihn, angesichts der immer wachsenden Zahl seiner Gegner, für heute +abzustehen, da man mit so geringen Streitkräften nicht hoffen könne, +den Sieg davonzutragen. Herr Ive, da er einmal im Raufen war, hörte +nur ungern auf, doch sah er ein, daß seine Schwiegermutter recht hatte, +und führte die Familie unter hellem Übermut der Kinder und prasselndem +Zornfeuer Frau Rosettens nach Hause zurück. + +Die Zurückgebliebenen prügelten sich weiter und waren so eifrig dabei, +daß es der Gemeindepolizei kaum gelang, sie bei einbrechender Nacht +auseinander zu treiben. Dieser Auflauf machte den Bürgermeister und +mehrere Herren vom Rate so bedenklich, daß sie sich nochmals in einem +verschwiegenen Zimmer des Wirtshauses, das öfter zu wichtigen +Beratschlagungen diente, versammelten, um einen gütlichen Ausweg +dieser heiklen Angelegenheit zu finden. + +»Es ist nicht zu leugnen,« begann der Bürgermeister freundlich, indem er +tändelnd den Deckel seines Bierkrugs auf- und zuklappte, »daß ein toter +Mensch irgendwo begraben werden sollte. Auch kann man der Frau Rosette +nicht zumuten, daß sie ihren verstorbenen Gatten zwischen ihren +Getreidefeldern und Kartoffeläckern beerdigt.« + +»Beileibe nicht!« rief der Pfarrer drohend. »Soll er unsern christlichen +Erdboden verpesten? Hinaus mit ihm! Weit weg mit ihm! Werden doch auch +die toten Pferde und Hunde da draußen eingescharrt.« + +Der Bürgermeister klapperte sinnend mit seinem Deckel und sagte: »Ich +gebe zu, Ehrwürden, daß ein Jude kein Christ ist, sollte er aber +deswegen unter die Tiere fallen?« + +Hieran knüpfte sich eine längere Beratung, und nachdem in dieser Weise +genugsam hin und her gestritten war, machte einer der Gemeinderäte +folgenden Vorschlag: »Es wird den Herren bekannt sein,« sagte er, »daß +wir in einer Ecke des Kirchhofes, wo wildes Unkraut wächst und der +Totengräber zu keiner Pflege und Säuberung verpflichtet ist, die kleinen +Kinder begraben, die totgeboren wurden oder gleich nach der Geburt +starben, so daß sie leider die heilige Taufe nicht empfangen konnten. +Diese scheinen mir insofern mit dem Juden vergleichbar, als sie, wie er, +ungetauft sind, und es dünkt mich deshalb nicht unschicklich, wenn man +ihn dort in aller Stille vergrübe.« + +Der Bürgermeister wollte eben einen mäßigen Beifall dieses Vorschlages +laut werden lassen, als der Pfarrer, die Hände über dem Kopfe +zusammenschlagend, ausrief: »Wo ist euer Christentum? Ihr schwatzt wie +Heiden und Türken daher! Wißt ihr nicht, daß die vor und während der +Geburt gestorbenen Christenkinder Engel sind? Kleine Engelkinder, die +ihre schwarzen Augen niemals aufgetan und durch den Anblick unsrer +häßlichen Erde getrübt haben! die mit ihren kleinen Rosenfüßen niemals +den Dreck berührt haben, durch den wir waten! Auf der Schwelle unsers +Lebens haben sie die Flügel geschüttelt und sind wieder davongeflogen +in den Himmel.« + +Hier fing der Pfarrer, der die kleinen Kinder zärtlich liebte, an +zu weinen, und auch einige Gemeinderäte wischten sich die Augen, +indessen der Bürgermeister sagte: »Es bleibt den Kindern unbenommen, +in den Himmel zu fliegen, und dem Juden, in die Hölle zu fahren, +nichtsdestoweniger sind sie vom bürgerlichen Standpunkte aus alle +ungetauft, und es scheint mir daher billig und recht, daß sie am selben +Orte begraben werden.« Er fürchtete nämlich die große und behäbige +Verwandtschaft Frau Rosettens, die sich zwar um Herrn Samuel wenig +bekümmert hatte, von der es aber doch anzunehmen war, daß sie die +Kränkung einer von ihrer Sippschaft übel vermerken würde. + +Der Pfarrer konnte gegen den Gemeinderat, der einmütig war, nichts +ausrichten, machte sich aber an das Volk, stellte ihm die Unbill vor, +die ihm angetan werden sollte, und ermunterte es, dieselbe in Gottes +Namen mit Fäusten abzuwehren. »Würdet ihr ruhig zusehen,« rief er, »wenn +man einen Wolf in euern Schafstall ließe? Und sie wollen einen falschen +Judas zwischen eure unschuldigen Kinder legen, die am Throne der +Dreieinigkeit für arme Sünder beten. Pestilenz! Feuersbrunst! Wassernot! +Kriegsnot und Hungersnot werden über euch kommen, wenn ihr zulaßt, daß +der heilige Gottesacker durch diesen Verräter vergiftet wird.« + +Die Bürger von Jeddam ließen sich dies nicht zweimal sagen, rotteten +sich zusammen und schwuren, jedweden totzuschlagen, der den toten Samuel +auf ihren Friedhof bringen würde. Am furchtbarsten unter den Aufwieglern +war ein Großbauer namens Pomilko, ein hünengroßer Mann mit dickem Kopf +und weißblonden Haaren, der mit seinem Gefolge von Angehörigen, +Verwandten, Abhängigen und Knechten das ganze Gemeinwesen hätte über +den Haufen werfen können. Pomilko hatte vor kurzem eine zweite Frau +genommen, die ihm ein totes Kind geboren hatte. Demselben hatte er zwar +keinen Blick geschenkt, sondern, als ihm die Botschaft gebracht worden +war, hatte er sich fluchend und zähneknirschend aufs Feld begeben und +sich zwei Tage lang nicht im Hause blicken lassen; jedoch sah er es +als eine gröbliche Ehrenkränkung an, daß ein Jude in der Nähe seines +Sprößlings begraben sein sollte, und er erklärte laut, er fürchte weder +den Bürgermeister noch den Kaiser und würde diesen zeigen, was Pomilko +vermöchte, wenn sie sich ihn zu beleidigen getrauten. Er hatte aus +erster Ehe eine erwachsene Tochter namens Sorka, ein großes, starkes +Mädchen mit kecken, blitzenden Augen, einem feinen Munde und Zähnen, die +fest wie Kieselsteine und gelbglänzend wie Marmor waren. Als das Mädchen +hörte, daß eine Stiefmutter ins Haus ziehen sollte, erklärte sie dem +Vater, sie wolle das nicht leiden, er möchte davon abstehen, was ihn +bewog, die Heirat um so schneller zu vollziehen. Als Sorka beim ersten +gemeinsamen Mittagsmahle fehlte, der Vater sie hereinrief und die +Stiefmutter ihr mit saurer Miene die Suppe in den Teller füllte, schob +Sorka denselben so heftig zurück, daß das reine Tischtuch über und über +bespritzt wurde, sagte: »Ich esse nicht, was du gekocht hast!« und +schaute dem Vater und seiner Frau herausfordernd und mit verhaltenem +Frohlocken ins Gesicht. »So magst du hungern,« rief der Vater zornig, +»andre Speise gibt es hier für dich nicht!« Sorka lachte und sagte: +»Lieber such ich mir selbst mein Brot,« und zog stracks mit einem Bündel +Habseligkeiten aus dem Hause. + +Sie nahm, da sie nicht gleich etwas andres fand, bei einem kleinen Bauer +einen Dienst an und hatte bald eine Liebschaft mit dessen Sohn, was der +Vater, der alte Darinko, geschehen ließ, weil er wußte, daß Pomilko +seiner Tochter ihr mütterliches Erbe nicht vorenthalten konnte. Diese +Vorgänge hatten den Pomilko mit übler Laune, Ärger, Zorn und Rachsucht +ganz angefüllt, weshalb er die Gelegenheit, zu zanken, zu raufen und +allenfalls jemand totzuschlagen, sogleich ergriffen hatte. + +Der Bürgermeister konnte sich nicht verhehlen, daß eine förmliche +Revolution im Anzuge sei, und in seiner Verlegenheit hielt er eine +Ansprache an das Volk, er würde die Frage wegen des Judengrabes Seiner +Majestät dem Kaiser zur Entscheidung vorlegen, inzwischen möchten sie +ihren Geschäften nachgehen und sich still verhalten, das Gemeinwesen +ruhe sicher in seinen Händen. In Wirklichkeit begab er sich nicht zum +Kaiser, sondern zu dem Kommandanten einer Garnison, die im nächsten Orte +lag, und dieser erklärte sich vollständig damit einverstanden, daß Herr +Samuel in jener Ecke des Jeddamer Kirchhofes, wo die ungetauften Kinder +lägen, beerdigt würde, bewilligte auch dem Bürgermeister eine kleine +Abteilung Soldaten für den Fall, daß bei der Bestattung Ruhestörungen +vorkämen. + +Es wurde nun der Frau Rosette mitgeteilt, wo und wie sie ihren Gemahl +beerdigen dürfe, und sie wurde zugleich ersucht, das Begräbnis bei Nacht +vor sich gehen zu lassen, damit Ärgernis vermieden würde. Frau Rosettens +Stolz wurde dadurch zwar nicht ganz befriedigt, doch sagte sie sich, +daß es sich eigentlich nicht um ihren Samuel, sondern nur um eine +nachgemachte Puppe handle, und daß sie froh sein müsse, wenn die +Schwindelei so bald wie möglich von der Erde verschwände, und versprach +infolgedessen, sich gemäß der empfangenen Weisung zu verhalten. + +Die Bürger von Jeddam hatten angesichts der Soldaten beschlossen, sich +in diese Sache nicht mehr zu mischen, hielten sich aber während des +Begräbnisses in den Häusern, da sie es doch nicht anständig fanden, +gegenwärtig zu sein und keinen Tumult zu veranstalten. Es trabte also +der schwarzverhangene Wagen durch die stille Mitternacht, als wäre das +Dorf durch Zauberei gebannt oder versteinert, und nichts war hörbar als +das Trotten der Pferde, das Rollen der Räder und das leise Schwatzen von +Frau Rosette und Herrn Ive, die im leichten Gefährt dem Sarge folgten. +Mit Hilfe des Totengräbers wurde der vermeintliche Samuel aufs +Geratewohl in jene verwilderte Ecke gestopft, worauf die Familie, die +unterdessen schon die Koffer gepackt hatte, sich schleunig auf die +Reise begab, um sich mit dem Vater wieder zu vereinigen. Herr Ive blieb +einstweilen wegen der Angelegenheiten, um derentwillen der ganze Betrug +angezettelt war, in Jeddam zurück. + +Dort war aber der Kampf noch keineswegs beendet. Es fanden sich nämlich +am Tage nach dem Begräbnis auf der Kirchhofmauer, da, wo die ungetauften +Kinder lagen, allerlei fürwitzige Inschriften angemalt, wie zum +Beispiel: Hier ist Schweinemarkt! oder: Misthaufen von Jeddam! oder: +Kehrichthof! und andre Witze dieser Art, was bald zu den Ohren der Leute +kam, die Kinder an dieser Stelle begraben hatten. An die Spitze der +Beleidigten stellte sich der mächtige Pomilko, dem es ohnehin lieber +war, auf seiten der Regierung zu stehen, und der nicht zweifelte, +daß der alte Darinko, bei dem sich seine Tochter befand, ihm diese +Beschimpfung angetan hätte. Dadurch wurde dieser das Haupt einer +geistlichen Partei, die fortfuhr, gegen die Anwesenheit des verstorbenen +Samuel auf dem Kirchhof zu meutern; er leugnete zwar, die Inschriften an +der Mauer verfaßt zu haben, war es aber übrigens wohl zufrieden, aus +seiner ärmlichen Bedeutungslosigkeit herausgerissen zu sein, und raufte +und hetzte fröhlich unter dem Schutze der Kirche und des Pfarrers. +Allmählich geriet der tote Jude, der die Ursache des langwierigen +Kampfes gewesen war, bei den beiden Rotten in Vergessenheit, und sie +benutzten die Gelegenheit, um allerlei alten Hader auszufechten, taten +sich alle erdenklichen Übel an, und es gab so viel blutige Köpfe, +gebrochene Gliedmaßen und brennende Scheuern, daß Ärzte, Bader, Polizei +und Löschmannschaft Tag und Nacht vollauf zu tun und zu laufen hatten. +Der Bürgermeister hätte gern zum Pomilko gehalten, der der mächtigste +und begütertste unter den Bauern war und zudem die gerechte Sache +vertrat, allein die geistliche Partei war bei weitem zahlreicher, so daß +er es mit dieser auch nicht verderben wollte. Der Pfarrer war trunken +vom Gefühl seiner Wichtigkeit und triumphierte außer sich: »Feuer ist +da! Brand ist da! Vatermord und Brudermord ist da! Habe ich es nicht +prophezeit? Habe ich euch nicht gewarnt? Jeddam ist verpestet! Durch +Unglauben ist es verpestet! Heraus mit der Eiterbeule von Jeddam! Heraus +mit dem ungetauften Gebein aus Jeddam, oder wir werden alle verderben! +Kinder, wir werden alle verderben!« Und er weinte, weil er durchaus +nicht mehr zweifelte, daß es wirklich so wäre. Der Bürgermeister bat +ihn, gleichfalls unter Tränen, dergleichen aufreizende Reden zu +unterlassen und lieber das wütende Heer zu beruhigen, aber er brachte +den Pfarrer dadurch nur noch mehr auf, der entrüstet sagte, er würde +seinen Gott nicht verkaufen und wenn man ihm hundert Goldgulden dafür +böte. + +Vielleicht wäre Jeddam in Blut und Flammen untergegangen, wenn sich der +Bürgermeister nicht aufgemacht hätte, um noch einmal die Hilfe des +Kommandanten in Anspruch zu nehmen. Die Nachricht, daß der Kaiser an der +Spitze eines Regimentes daherziehe und die Aufrührer niederschmettern +würde, verbreitete lähmenden Schrecken, und einer nach dem andern +schlich sich nach Hause und an seine Arbeit. + +»Darinko,« sagte der Pfarrer an diesem Tage zum Sohne des kleinen +Bauern, der an der Spitze der geistlichen Partei gestanden hatte, »ich +verspreche dir, daß du Sorka heiraten und ihr Erbe ungeschmälert +erhalten wirst, wenn du diese Nacht auf den Kirchhof gehst, den Samuel +ausgräbst und in die Melk wirfst.« + +»Das will ich wohl tun,« sagte der junge Darinko, »und ich wundere +mich, daß wir es nicht schon längst getan haben.« + +»Tu es heute,« sagte der Pfarrer, »und es wird dich nicht gereuen,« was +alles Darinko der Sorka getreulich wieder erzählte. Sorka erklärte, dem +Geliebten in diesem Unternehmen beistehen zu wollen, da es für ihn +allein eine schwierige Sache gewesen wäre, denn er mußte sich mit vielen +Werkzeugen versehen, nicht nur um das Grab, sondern auch um den schweren +Sarg aus Eichenholz zu öffnen, den er nicht bis zum Flusse hätte tragen +können. Als es völlig Nacht und rings alles still war, stahlen sie sich +aus dem väterlichen Hof und machten sich auf den Weg. Es war eine lange +und harte Arbeit, das Grab des Samuel zu finden, das auf keinerlei Art +bezeichnet war, und sie mußten graben und wühlen, daß ihnen der Schweiß +von der Stirne troff, bis sie endlich auf den großen Sarg stießen, den +sie als den richtigen erkannten. Sie atmeten erleichtert auf, und da sie +noch eine Weile Zeit hatten, kauerten sie sich nebeneinander auf die +aufgeworfene Erde nieder, und Sorka holte Brot, Käse und eine Flasche +Bier hervor, die sie zur Stärkung mitgenommen hatte. Ohnehin vergnügt +über die Aussicht auf die Heirat, die ihnen der Pfarrer eröffnet hatte, +teilten sie das Essen miteinander, faßten sich bei den Händen und küßten +sich, und Sorka sagte: »Meinetwegen hätte der alte Jude hier können +liegen bleiben, der Stiefmutter zum Tort.« + +»War sie wirklich so schrecklich böse?« fragte Darinko neugierig. + +»Sie war nicht böser als ich,« sagte Sorka, »aber ich mochte sie nicht +leiden, und darum bin ich weggelaufen und lache, wenn sie sich ärgert,« +und sie lachte, daß ihre gelben Zähne glänzten. + +Sie hatten inzwischen die Arbeit wieder aufgenommen und machten sich +daran, den Sarg zu öffnen, was um so schwieriger war, als sie sich +bemühen mußten, so wenig Lärm wie möglich dabei zu machen. Als es +gelungen war, hielt Darinko einen Augenblick inne und sagte: »Jetzt +kommt das schwerste Geschäft; es ist dunkle Mitternacht, und wir sind +ganz allein.« Sorka sah ihn listig an und sagte: »Fürchtest du dich? +Hast du dich doch nicht gefürchtet, als du mir den ersten Kuß gabst, und +ich hätte dir doch ebensogut eine Ohrfeige geben können wie der tote +Jude?« + +Darinko fühlte seinen Mut durch die Erinnerung an dieses Heldenstück neu +belebt, schlug den Deckel zurück und faßte den, der im Sarge lag, um den +Leib, in der Absicht, geschwind, ohne ihn anzusehen, mit ihm +davonzulaufen und ihn in die Melk zu werfen. Kaum hatte er ihn aber +gefaßt, als er ihn mit einem Schrei wieder fallen ließ, etwas so +Unerwartetes und Unheimliches war es, den Strohbalg zu berühren. Sorka +lachte hell auf über die Bangigkeit des Darinko und beugte sich über die +zusammengefallene Puppe, um zu sehen, was es da Fürchterliches gäbe. Als +sie inne wurden, daß sie wirklich nur eine ausgestopfte Figur mit Larve +und Wachshänden vor sich hatten, blieb dem Darinko vor Erstaunen der +Mund offen stehen, während Sorka so unmäßig lachte, daß sie sich auf die +Erde werfen und hin und her wälzen mußte. »Was kann das bedeuten?« +fragte endlich Darinko, der unsicher war, ob es sich vielleicht um eine +zauberhafte Verwandlung oder sonst eine höllische Kunst handelte. »Was +geht das uns an?« sagte Sorka. »Wir können keinen andern Samuel in die +Melk werfen als den, den wir gefunden haben; ob es der richtige ist, das +ist nicht unsre Sache.« Sie war unterdessen aufgestanden und untersuchte +die Puppe eifrig unter fortwährendem Gelächter, wobei sie denn auch den +herrlichen Diamantring entdeckte, der noch am Zeigefinger der einen +Wachshand saß, sei es, daß Frau Rosette ihn vergessen hatte, oder daß +sie ihn absichtlich als ein freiwilliges Opfer zum glücklichen Ausgang +des dreisten Abenteuers hatte mit begraben lassen. Jetzt erschrak auch +Sorka und fuhr zurück im Gedanken, es könnte hier Gott weiß was für eine +Teufelsschlinge verborgen sein; doch gewöhnte sie sich schnell an die +Seltsamkeit und kam zu der Überzeugung, der Ring sei ein kostbarer Ring +und nichts weiter, den sie mit Fug und Recht als Belohnung für ihre +Arbeit an sich nehmen und für sich behalten könnten. Sie bemächtigten +sich des Ringes, gaben sich gegenseitig das Wort, über ihre Entdeckungen +gegen jedermann zu schweigen, und fast berauscht vor Glückseligkeit +kugelten und tummelten sie sich noch eine geraume Weile auf dem +nächtlichen Friedhof; dann schleppte Darinko den Balg in die Melk, +während Sorka den leeren Sarg wieder eingrub, die Erde darüberschaufelte +und alles so machte, wie es zuvor gewesen war. + +Die Soldaten, die am andern Tage in Jeddam einrückten, fanden nichts mehr +zu tun, und da die Rädelsführer bei den verschiedenen Brandstiftungen, +Raufereien und andern Missetaten schwer festzustellen waren, kam es auch +nicht zu erheblichen Bestrafungen. + +Nach einiger Zeit, als in weiter Ferne der arglose Herr Samuel, dem die +Familie die Vorfälle in Jeddam verschwiegen hatte, damit er sich nicht +etwa eine Kränkung daraus zöge, das gute alte häßliche Gesicht von +Wiedersehensfreude glänzend, seine Lieben in die Arme schloß, saß der +Pfarrer von Jeddam beim Bürgermeister zu Tisch, und der letztere sagte: +»Jedermann weiß, daß Ehrwürden in der Theologie und allen Dingen der +Gottesfurcht weiser sind als meine Wenigkeit. Doch kann ich die +Bemerkung nicht unterdrücken, daß Pestilenz, Feuersbrunst und Kriegsnot +vorüber sind, seit die Soldaten bei uns einrückten, wiewohl der tote +Samuel nach wie vor inmitten der ungetauften Kinder begraben liegt.« + +»Das tut er bei Gott nicht,« triumphierte der Pfarrer und schlug mit der +Faust auf den Tisch, daß es klirrte. »In der Nacht, ehe die Soldaten +kamen, habe ich ihn ausgraben und in die Melk werfen lassen, die ihn +wohl längst ins Meer geschwemmt hat, wo er bei Fischen und anderm Unrat +liegen bleiben mag.« + +Der Bürgermeister war so verblüfft, daß er nicht wußte, ob er lachen +oder zornig werden sollte. »Meint Ihr wirklich,« fragte er endlich, »daß +das die Ursache ist, warum Frieden und Wohlergehen wieder bei uns +eingekehrt sind?« + +»Was sonst?« rief der Pfarrer; »unser Gemeinwesen war in großer Gefahr, +und ich habe es gerettet, doch prahle ich nicht laut damit, sondern +gebe Gott die Ehre.« Und er erhob das volle Weinglas und hielt es dem +Bürgermeister zum Anstoßen hin, der, obwohl ihn seine Niederlage wurmte, +es für das Feinste hielt, zu schweigen und zu trinken. + + + + + Aus Bimbos Seelenwanderungen + + Fragment + + +Vor mehreren Jahrhunderten, erzählte Bimbo, war ich der Sohn eines +Scharfrichters in einer kleinen Stadt des Nordens. Damals war dieselbe +frei und mächtig, ein kleines Reich für sich, nur daß der römische +Kaiser noch einige Titular- und Ehrenrechte darin besaß, die ein +Burgvogt mit Schall und Gepränge, aber ohne etwas Wesentliches zu +bedeuten und vermögen, vertrat. Mein Vater, obgleich er der Scharfrichter +war, dem niemand die Hand reichen mochte, ohne sich mit unauslöschlicher +Schmach zu beflecken, war der allerschönste Mann im Lande und glich der +furchtbaren Waffe, die er führte; denn er war groß, gerade und schlank +wie ein Schwert, mit schneidenden Blicken im Auge, und seine Bewegungen, +wenn er sich einmal bewegte, waren wie sicher treffende Blitze. + +Aber, wie die Frauen sind, trotzdem ist ihm meine Mutter untreu gewesen, +nachdem ich einige Jahre auf der Welt war. Es scheint, daß sie schwach +und eitel und nicht einmal besonders schön war, aber daß sie gerade in +ihrer Schwäche und Hilflosigkeit einen großen Zauber besaß. Das Gespräch +der Leute war, daß mein Vater, als er ihre Untreue erfuhr, sie mit +seinen eignen Händen erwürgt habe, was allerdings nur ein Gerede gewesen +sein kann, wie vieles andre, was über ihn im Umlauf war. Denn weil er +ein kluger Mann war und mehr wußte als die übrigen, namentlich in der +Arzneikunde und Chirurgie, glaubte man, daß er mit Dämonen im Bunde +stehe und mit ihrer Hilfe übermenschliche Dinge verrichten könne. So +sagte man zum Beispiel, es habe ihn noch niemand mit den Augen blinzeln +sehen, er bedürfe des Schlafes nicht, ja sei wohl sogar des Todes +überhoben, wenn ihm nicht die Geister, die er jetzt beherrschte, einmal +den Hals brächen. Wahr ist das, daß er Tage und Nächte hintereinander +wachen konnte, ohne darunter zu leiden, und ich erinnere mich, wie +ich ihn manchmal mit heimlichem Grauen betrachtete, ob er nicht die +Augenlider bewegen würde, ohne daß es geschah. Weiter sagte man von +meinem Vater, daß er die Leute behexen und mit dem bloßen Blick seiner +Augen krank machen, ja totschauen könne, und namentlich daß er, wen er +wolle, und wäre er Papst von Rom, auf das Blutgerüst unter sein Schwert +zu bringen vermöchte, indem er denselben nur einmal flüchtig mit der +Spitze seines Schwertes berührte. Deswegen, obschon sie seiner Hilfe in +allerlei öffentlichen und heimlichen Sachen benötigten und diese auch +meistens gutwillig, wenn auch gegen reichliches Entgelt, geleistet +wurde, hatten sie doch Furcht vor ihm, und die Regierung hätte sich +vielleicht seiner auf irgendeine Weise entledigt, wenn sie seiner Rache +sich auszusetzen gewagt hätte. Gegen die Untergebenen in unserm kleinen +Reiche, das, viele Gehöfte umfassend, weit außerhalb der Stadt lag, war +er, soweit es die Roheit der wüsten Knechte zuließ, großmütig und +nachsichtig. Mich behandelte er sogar mit Zärtlichkeit, wenn ich von +einigen Anfällen rasender Wut absehe, die ihn bei Gelegenheit von ein +paar unbedeutenden kindlichen Vergehungen ergriff, und so grausam er +mich auch in diesen Fällen behandelte, liebte ich ihn doch abgöttisch, +ja ich hätte mir von ihm mit Freuden die Seele aus dem Leibe martern +lassen. Nur manchmal überkam mich ein Gefühl des Hasses von derselben +Stärke, nämlich dann, wenn mir zufällig, indem ich seine Hände ansah, +in den Sinn kam, daß er mit ihnen meine Mutter erwürgt hatte. + +Unser Haus lag auf der Heide, die sich bis an das Meer erstreckte; vom +Hause aus konnte man es nicht sehen, wohl aber auf dem weiter nordwärts +gelegenen Richtplatze, wo es nichts als Sand gab außer einigen uralten, +verwitterten Steinen, die halb darin versunken waren. Man hielt sie für +Grabsteine vornehmer Gerichteter; denn hier war seit undenklichen Zeiten +die Richtstätte der Republik gewesen; wahrscheinlicher ist es freilich, +daß das Meer die Blöcke angeschwemmt und ebbend auf der Heide +zurückgelassen hatte. Wie dem auch sei, wir pflegten uns oft des Abends +auf diese Steine niederzusetzen und auf das glänzendschwarze Geflimmer +des Meeres hinzusehen, und wenn er dann seine Hand auf dem Steine neben +mir ruhen ließ, kam sie mir zuweilen wie eine weiße Tigerin vor, die +schläft, weil sie satt von Blut ist, oder die sich schlafend stellt und +lauert, um ein argloses Opfer zu zerfleischen. Dann dachte ich an meine +Mutter, deren Bild ich deutlich vor Augen hatte und der ich selbst innen +und außen vielfach glich, und malte mir aus, wie sie sich in dem +eisernen Arme des schönen Blutmannes gekrümmt hatte, bis mir der Haß +in die Kehle stieg und ich eine verzweifelte Lust spürte, mich auf ihn +zu werfen und die Ader an seinem Halse aufzubeißen, damit er verblutete. +Mein Vater sagte nie etwas darüber, obgleich er es mir ansah, und ich +glaube sogar, er hätte mir nicht gewehrt, auch wenn ich es getan +hätte. Dieser Gewaltige, der, wie man sagte, sechs Männer mit einem +Schwertschlage enthaupten konnte, daß ihre Köpfe wie Disteln abschnellten, +hätte sich von meinen schwachen Händen umbringen lassen, so etwa wie +Erwachsene stillhalten, wenn spielende Kinder mit ihren winzigen +Schlägen über sie herfahren. + +Mich mächtig, berühmt und gelehrt zu machen, war der Ehrgeiz seines +Lebens, und mit dem Gelde, das er aufhäufte, ermöglichte er es, mir so +viele Bildungsmittel zuzuführen, wie den strebsamsten und vermöglichsten +Menschen der Zeit zugänglich waren. Er schickte mich in andre Länder, +damit ich an hohen Schulen studierte, und ließ es sich Hunderte und +Tausende kosten, daß mein Herkommen und Stand verborgen blieben. Aber +er dachte nicht etwa daran, mich in höhere Kasten einzuschmuggeln, +nein, ich sollte nach ihm Scharfrichter werden, wie das einmal seit +unvordenklichen Zeiten das Los unsers Geschlechtes war, nur sollte ich +aus Schmach und Elend heraus sie alle durch meinen Geist überglänzen und +beherrschen, auf den Knien sollten sie nachts mit Lebensgefahr zu mir +rutschen, die mich am Tage wie einen tollen Hund von ihrer Schwelle +hetzen durften. Ich freilich hatte an allen Schulen nichts gelernt als +höfliche Sitten und Herrenleben, weniger aus Faulheit als aus Torheit, +die mich den Wert der Zeit nicht bedenken ließ; im Innersten hoffte ich, +es würde so in Saus und Braus in Ewigkeit weitergehen. Dem Befehle +meines Vaters wagte ich aber nicht mich zu widersetzen, und es hatte +auch etwas grausig Verlockendes für mich, einst Blutkönig in dem +einsamen Reich auf der Heide zu werden. Nur suchte ich den Augenblick, +wo ich selbst das Handwerk ausüben sollte, hinauszuschieben, worauf mein +Vater auch bereitwillig einging, weil ich schlank und zierlich von +Wuchs war und er meinte, ich müßte mich noch durch viele körperliche +Übungen auf meinen Beruf vorbereiten. + +Da kam eines Tages die Gelegenheit, die meinem Vater schicklich +erschien, mich einzuführen; es handelte sich nämlich darum, einen +Papageien öffentlich mit dem Schwerte zu richten. + +Herr Quarre, der kaiserliche Vogt, saß zwar bis über den Hals in +Schulden, achtete sich aber der Majestät, die er vertrat, in allem +gleich, war hochmütig wie ein Pfau und dumm wie ein Pfannenstiel, +worüber die Gassenbuben auf der Straße Spottlieder genug zu singen +wußten. Um seine Lage zu verbessern und seine Stimme im Rat zu +verstärken, trachtete er nach der Hand der Tochter des regierenden +Bürgermeisters, deren lockende Güte und Holdheit sich in aller Leute +Herz schmeichelte, so daß selbst die bösen Kramverkäuferinnen auf dem +Markte sie die kleine Wonne nannten, nämlich Wunneke in jener +altniederdeutschen Sprache. In ihrer übermütigen Jugend lachte sie über +den abgeschmackten Freier, der zu allem andern ein dicker alternder Mann +und trunksüchtig war, und gab sich nicht die Mühe, ihre Verachtung +seiner ungefügen Person zu verbergen. Darüber war ihr Vater, der +Bürgermeister, des Kaisers wegen in großen Ängsten, und wenn er auch +nicht daran dachte, seine Tochter zu einer solchen lächerlichen +Verbindung zu zwingen, hätte er die Sache doch gern aufs glimpflichste +geordnet. + +Nun geschah es, daß Herr Quarre den Bürgermeister besuchen wollte, ihn +aber nicht zu Hause fand und in guter Zuversicht die Jungfrau Tochter +bitten ließ, die auch in wenigen Minuten zu erscheinen versprach. +Während er in einem stattlichen Empfangszimmer ihrer wartete, hörte er +im Nebenzimmer erst ein Pfeifen und Knarren, dann ein Singen, in dem er +deutlich die Melodie und schließlich auch die Textworte unterscheiden +konnte; es lautete nämlich: + + Herr Quarre wär ein Held + Und hätt auch Gott geprellt + Ums Regiment der Welt, + Wenn nicht das Beste fehlt': + Die Grütze und das Geld. + +Sogleich geriet Herr Quarre in einen brennenden Zorn, und als nun +lächelnden Mundes Wunneke ins Zimmer trat, ergoß er sich in wütenden +Reden und forderte tobend, daß ihm der Name des unverschämten Rebellen +genannt würde, der so aufreizende Lieder von sich gäbe, damit eine +nachdrückliche Strafe über ihn verhängt würde. Wunneke entgegnete +sanftmütig, der Herr Vogt werde besagten Gesang auf der Straße vernommen +haben, wo man leider oft von liederlichen Leuten die gottlosesten Dinge +hören müsse. Herr Quarre blieb aber dabei, es sei im Nebenzimmer +gewesen, und ließ auch einfließen, es sei eine helle und gewissermaßen +lieblich pfeifende Stimme gewesen, wobei er drohende Blicke auf das +Fräulein schoß. Wunneke veränderte aber ihre unschuldige Miene nicht und +sagte ruhig, im Nebenzimmer sei niemand anders gewesen als Flämmchen, +der Papagei, der dort seinen Standort habe und allerdings, was sie nicht +leugnen wolle, sowohl sprechen wie singen könne, so daß es, wenn auch +unwahrscheinlich, doch nicht unmöglich sei, daß er den Unfug getrieben +habe. Herr Quarre verlangte murrend die angebliche Bestie in Augenschein +zu nehmen und wurde von Wunneke höflich in das Nebenzimmer geführt, wo +auf einer goldenen Stange Flämmchen saß, mit einem Kettlein am Fuße +daran festgebunden. Sie forderte den Vogel unter Streicheln und +Liebkosen auf, zu wiederholen, was er vorher gesungen habe; aber man +vernahm nur ein leises wollüstiges Knarren, das er von sich gab, indem +er sein grüngoldiges Köpfchen langsam an der weißen Mädchenwange rieb. + +Herr Quarre hielt sich nunmehr für gefoppt und schnaubte von dannen +unter der Androhung, daß er den Bürgermeister und sein ganzes Haus wegen +Majestätsbeleidigung vor Gericht ziehen werde. Sein Zorn verdoppelte +sich noch, als Herr Schmitz, der Bürgermeister, obwohl er sich +verschworen hatte, alles zu tun, um den Gekränkten zu begütigen, sich +mit Vorbringung fadenscheiniger Ausflüchte entschuldigte, als der Vogt +sich Wunneke selber zur Entschädigung ausbat. Er brachte eine Klage bei +dem Rat ein, und es wurde schleunig eine Sitzung anberaumt, bei der der +Bürgermeister, als selbst beklagt und beteiligt, den Vorsitz Herrn +Muslieb, dem zweiten Bürgermeister, abtreten mußte. + +Dieser war zwar dem kaiserlichen Vogte, der beständig die Gerechtsame +der Republik schmälern wollte, so feind, wie es ihm zukam, andrerseits +aber war es ihm angenehm, dartun zu können, daß, wenn auch seine +Stellung bescheidener als die des regierenden Bürgermeisters, doch sein +Name nicht minder fleckenlos war, und er beschloß, die Gerechtigkeit +alle Partei-, Privat- und Sonderinteressen überwiegen zu lassen. Er +ersuchte zunächst Herrn Quarre, das Lied vorzutragen, das die Ursache +des Prozesses war, was derselbe nicht ohne Unwillen tat; sämtliche +Ratsherren konnten nicht umhin, mit strengem Kopfschütteln sich dahin +zu erklären, daß es keine geringe Keckheit und Unanständigkeit sei, +wenn Lieder so schandbaren Inhalts in einem obrigkeitlichen Hause in +aller Fröhlichkeit laut würden. Der Bürgermeister und seine Tochter +beteuerten, daß keiner außer dem Papagei das Lied hätte singen +können, und das Fräulein führte zu seiner Entschuldigung an, daß er +wahrscheinlich, am offenen Fenster stehend, das Schelmenstückchen +gehört und in seiner Torheit nachgeplappert hätte. Herr Quarre zog +dies in Zweifel, da noch nicht einmal bewiesen und überhaupt sehr +unwahrscheinlich sei, daß das dumme und eitle Tier sprechen könne, +welcher Beweis denn nun freilich auf der Stelle geleistet wurde. +Indessen war Flämmchen nicht zu bewegen, etwas andres zu sagen als: +Guten Morgen, Wunneke! Komm mit, Wunneke! Küß mich, Wunneke! welche +Reden er süßlich quäkend und unter geschwindem Augenrollen mehr als +nötig wiederholte. Daraufhin erklärte der vorsitzende Bürgermeister den +Papageien für wohlbefähigt, das Verbrechen, dessen er geziehen wurde, +begangen zu haben, und Herr Quarre, der den Vogel nunmehr zwischen +Furcht und Staunen für einen Zauberer ansah, neigte zu der Ansicht, daß +er der Täter sei. + +Trotzdem glaubte der Rat ohne weiteren Beweis nicht zu einem Urteil +schreiten zu dürfen, und die Herren gingen dem Vogel mit Singen und +Pfeifen eifrig zu Leibe; denn sie hofften ihn zur Wiederholung des +Liedes zu bewegen, indem sie die Melodie und ersten Worte desselben +anhüben. Über diese Zurüstungen war Flämmchen so erschreckt, daß er nur +den Schnabel auf und zu machte, ohne einen hörbaren Laut zu äußern, was +Herr Quarre als Berechnung und Verstellung auslegte. Die übrigen Herren +zögerten in großer Verlegenheit, bis das Fräulein den Vorschlag machte, +es möchten einige Vertrauenspersonen ausgewählt und beauftragt werden, +Flämmchen während einer gewissen Zeit scharf zu beobachten; denn es +sei anzunehmen, falls er das Lied wirklich einmal gewußt hätte, daß +er es wiederholen würde, sowie er nicht wie jetzt durch eine hohe und +majestätische Versammlung eingeschüchtert wäre. Hierauf gingen alle mit +Freuden ein, und es wurden sofort drei kundige und anstellige Ratsherren +mittels geheimer Abstimmung ausgewählt, die drei Tage und Nächte +hintereinander das Gestell des Vogels umgeben und auf alle seine +Äußerungen achten sollten. Da ihnen Reden sowie Gespräch und Gelächter +jeder Art der größeren Aufmerksamkeit wegen verboten war, vertrieben +sie sich die Zeit mit schweigendem Würfeln und Kartenspielen, das nur +zuweilen dadurch unterbrochen wurde, daß ein jeder die Ausrufungen des +Papageien auf einem Pergamentstreifen verzeichnete. Es war aber nach +Verlauf der Zeit nichts vorgefallen, was auf Flämmchens Kenntnis des +bezüglichen Liedes schließen ließ, und man hätte ihn freigesprochen, +wenn sich nicht Herr Quarre mit äußerster Wut dagegen gesetzt hätte. +Ein sauberes Regiment, sagte er, das sich von einem ausländisch +aufgeputzten Vogel über das Ohr hauen lasse; er würde die ganze Republik +zusammenstampfen wie ein Äpfelmus, wenn der ihm zugefügte Schimpf nicht +an dem Missetäter gerächt würde. Nachdem Bürgermeister und Rat eine +Zeitlang in den Gesetzen nachgeschlagen und geblättert hatten, erklärten +sie einmütig, daß sie zunächst das Mittel der Tortur versuchen müßten, +um ein gutwilliges Geständnis zu erpressen. + +Und so ist es gekommen, daß ich Wunneke sah. Denn trotzdem es +allgemeiner Mißbilligung unterlag, daß sie unser verfemtes Reich +betreten und einer Handlung so schauriger Art beiwohnen wollte, hatte +sie sich nicht davon zurückhalten lassen, ihren Liebling auf seinem +Martergange zu begleiten. Ich Unglücklicher stand an meines Vaters +Seite, als sie in das moderige Gewölbe eintrat, wie ein wandelnder +Narzissenstrauß, wie ein Kelch aus Milchglas voller Veilchen, mit dem +ein duftendes Frühlingsgewölk in die kalte Finsternis hineinschwebt. +Ach mehr -- wie vor dem ermattenden Schwimmer, der sich eben in den +unvermeidlichen Untergang geschickt hat, mitten aus dem öden Wassermeer +eine blühende Insel auftaucht, mit Orangenhainen bewaldet, denen die +Tropfen noch von den glatten Blättern rieseln, so stand sie plötzlich +vor mir und schaute mir mit lächelnden Augen ins Gesicht. Nur mich +lächelte sie an, gegen die andern bewahrte sie eine absichtliche +Feierlichkeit, und vor meinem Vater schien sie zu erschrecken; von +Abscheu war nichts darin, nur Erstaunen und Bangen. Woher wußte sie, +daß meine Augen alles so sahen wie ihre? Obgleich wir nie ein Wort +miteinander gesprochen hatten, sahen wir, während die Handlung sich +entfaltete, einander an wie zwei schelmische Kinder, die eine Falle +gestellt haben und aus ihrem Versteck aufpassen, wie die Geneckten +hineintappen. Und nun ertönte das silberne Harfenspiel ihrer Stimme, wie +sie zu meinem Vater sagte: »Herr Marx Grave, wollt bedenken, daß der +Beklagte ein zartes und verwöhntes Geschöpf ist, dem das Lebensfädchen +leicht völlig zerreißen könnte, wenn man allzuhart daran zerrte.« + +Mein Vater antwortete laut und ernsthaft: »Die Vernunft und die Gesetze +gebieten, edles Fräulein, die Pein nicht über das Vermögen des +Delinquenten hinausgehen zu lassen. Seid versichert, daß ich es bei den +ersten und angenehmsten Graden der Folter bewenden lassen werde.« + +In dem Augenblick, als das Tier meinem Vater übergeben wurde und seine +rechte Hand sich ihm mit einem schraubenartigen Werkzeug näherte, brach +der Papagei in ein lautes Gezeter aus, das sich deutlich in einige Worte +zerlegen ließ, und zwar in ebendieselben, die den Anfang des Spottliedchens +über Herrn Quarre bildeten. Dieser, der, um sich an den Qualen seines +Feindes zu ergötzen, ganz nahe bei meinem Vater gestanden hatte, +triumphierte hoch und verlangte, daß er dem überführten Übeltäter +augenblicklich den Hals umdrehe. Mein Vater entgegnete kühl: »Und wenn +der Papagei Euch, Herr Quarre, das Herz aus dem Leibe gehackt hätte und +dessen geständig wäre, würde ich ihm doch kein Federchen krümmen, bis er +nach Recht gerichtet und mir in herkömmlicher Form zur Vollstreckung des +Urteils übergeben wäre.« + +Herr Quarre brach in gräßliches Schimpfen aus und rief: »Hört den +Mistfinken! das Blutschwein! ich kenne euch alle, frei möchtet ihr sein +und schert euch einen Kuckuck um die Majestät des Kaisers, der euer +Dreckgehirn wie Nüsse mit dem Absatz zerknacken könnte!« In welchen +giftigen Reden ihn aber Herr Muslieb mit ernster Höflichkeit unterbrach, +indem er ihn auf das Unbedachte seines Geschwätzes aufmerksam machte. +Dem Papagei, sagte er, werde sein verdientes Urteil gesprochen werden, +ohne daß das Recht um ein Tüttelchen geschmälert würde, danach aber +werde man untersuchen, ob der Kaiser in Wahrheit Anspruch darauf habe, +eines ehrbaren Rats reichsfreier Stadt Köpfe abschätzig zu betiteln und +mit Füßen zu treten, was, soviel er wisse, nicht einmal in der Türkei +und andern üppigen Sultansländern Sitte sei. + +»Wenn die Narren den hübschen Vogel wirklich zum Schwerte verurteilen,« +sagte mein Vater, nachdem sich alle entfernt hatten, »sollst du an +meiner Stelle amtieren;« denn, meinte er, er selbst sei für solche +Albernheiten zu alt, würde auch nötigenfalls den Herren mit seiner +Dienstordnung in der Hand beweisen, daß er zu ernstem, vernünftigem +Geschäft, nicht aber zu eitelm Firlefanz berufen sei. Mir aber würde es +wohl anstehen, mich bei dieser Gelegenheit zum ersten Male öffentlich zu +zeigen, denn fehlen könnte ich bei so leichter Arbeit nicht, dagegen den +Beifall von Mädchen und Toren, deren es viele gäbe, erwerben. + +Gott weiß, wie mir damals Tage und Nächte vergingen. Mein Herz war wie +ein junger Falke, der unaufhörlich mit den Flügeln rauscht, um sich zum +ersten Fluge aufzuschwingen, und zwischen Furcht und ungeduldigem Mute +zaudert. Auf der Heide lag mein Leib, aber ich selbst fuhr wie eine +Sturmschwalbe darüber hinweg, schreiend und die salzige Meerluft +schlingend, daß ich sie kühl und berauschend bis in die tiefste Seele +hinein fühlte. Ich sauste um den alten Leuchtturm, schlug mit +klatschenden Flügeln an sein starres Gemäuer, stürzte mich in die +brennende Pechpfanne auf seiner Zinne, peitschte mit der schwarzroten +Flamme die fliehende Luft und empfand mit Wonne, wie ich mich dehnte, +indem ich mich selber verzehrte. Dabei war ich mir wohl bewußt, wer sie +war und wer ich war, und daß ich eher die Wange des Mondes als die ihre +je mit meinen Lippen berühren könnte. Aber diese Unmöglichkeit eben +erhöhte meinen Wahnsinn, denn was mir in den Eingeweiden brauste, hätte +mich vor mir selber lächerlich gemacht, wenn es sich um ein alltägliches +Lieben und Werben gehandelt hätte. Auch war in meinem Gefühl das +Bewußtsein von einer magnetischen Kraft, die sie doch einmal an mein +Herz reißen müßte, wenn ich auch nicht darüber nachdachte, wie das +geschehen könnte. Und als ich vollends am Tage der Papageihinrichtung +mein neues Amtsgewand trug, ganz aus schwarzem Tuch, das kurze +Mäntelchen, mit karmesinroter Seide gefüttert, schwarze und rote Federn +auf dem Barett, zweifelte ich nicht, daß der Himmel sich über meiner +Schönheit öffnen und Rosen auf mich herabschütten würde, Rosen von +jenseits, mit Ambrosia betaute, die ich alle der erbleichenden Wunneke +in den Schoß werfen würde. + +Von weitem her sah ich den Armesünderkarren durch den braunen herbstlichen +Wohlgeruch der Heide stolpern, auf dem sie saß in ihrem schwarzsamtenen +Kleide, den Papageien an einem silbernen Kettlein haltend, der, von dem +Anblick der weiten hohen Welt und der unübersehbaren Menschenmenge +betäubt, bald in sich zusammensank als ein erlöschendes Flämmchen, bald +mit gesträubten Federn, heftig kreischend und schimpfend, auf dem Arme +seiner Herrin auf und ab lief. Ihr gegenüber saß der Propst, welcher auf +ihr Verlangen dem Sünder als Trost auf seinem letzten Gange beigegeben +war. Dies hatte sie allerdings nicht ohne Mühe durchgesetzt, denn die +Räte waren in der Mehrzahl der Ansicht gewesen, bei einer vernunftlosen +Bestie sei geistlicher Zuspruch nicht nur unnötig, sondern sogar übel +angebracht. Aber Wunneke wendete ein, wenn Flämmchen denn vernunftlos +sei, dürfe man ihm auch sein schelmisches Singen nicht zum Vorwurf +machen, worauf Herr Quarre in einen glühroten Zorn geriet, seinen +borstigen Schnurrbart sträubte, daß man an der Spitze jedes Haares ein +Fröschlein hätte aufspießen können, und sagte, ohne Vernunft sei der +Vogel zwar nicht, aber seine Vernunft sei des Teufels, und wenn ihn die +sämtlichen Kirchenväter mit dem Papst an der Spitze zum Schafotte +geleiteten und ihm die ganze Bibel aufsagten, würde das dem ruchlosen +Federvieh nur zu Spott und Gelächter dienen. Hierauf aber sagte der +Propst, den man nebst mehreren andern Theologen zu Rate gezogen hatte, +damit sie die heikelige Sache beurteilten, wenn dem so sei, müsse man um +so mehr dazu tun, daß der göttliche Vernunftsinn dem Teufel entrissen +würde, und er wollte sich der Aufgabe wohl unterziehen. Überhaupt, sagte +er, fehlten zwar auch dem gescheitesten Tier die vernünftigen Begriffe, +weil es nicht unterwiesen sei, aber man gebe ja auch einem neugeborenen +oder gar idiotischen Kinde die heilige Taufe, das sei eins wie das +andre, man müsse eben den Heiligen Geist spenden, wie der liebe Gott die +Sonne und ein Sämann die Körner, soviel als möglich und aufs Geratewohl, +schaden könne es nicht und zuviel sei besser als zuwenig. Auf diesen +gelehrten Sermon wußte niemand etwas zu erwidern, auch fürchteten +Bürgermeister und Rat den Propst, der weit und breit großes Ansehen +genoß und die dumme, lenksame Riesenseele des Volkes in der Hand hielt. + +So saßen der Propst und das Fräulein auf dem Karren und unterhielten +sich leise und lächelnd, und mir schien es, wie ich das weiße +Seelengesicht über dem schwarzen Kleide schweben sah, als führe man in +feierlicher Prozession eine auf ferner neuentdeckter Insel gefundene +Wunderblume durch das Land, damit alles Volk sie sähe und ihren Duft +einatmete. Das Schafott hatte mein Vater selbst mit hochrotem Samt +überzogen, und ich eilte die Stufen hinan, als wäre ich der Königssohn +und sollte mich dem Volke zeigen. Das war auch in lustiger Bewegung, +weil es ein so seltsames Schauspiel mit ansehen sollte, und viele Männer +und Frauen hoben ihre Kinder hoch und riefen: Schau, Lütte Grave; denn +da ich wie mein Vater Marx hieß, nannte man mich zum Unterschiede den +Kleinen, das ist Lütte in jener niederdeutschen Sprache. Flämmchen hatte +ich am Kettlein auf der Hand sitzen wie einen Edelfalken, und ich fühlte +meine zierliche Schönheit ordentlich aus mir herausblühen. Wie mein +Vater mich gelehrt hatte, kniete ich mich zuerst nieder und sagte: Gott +walte deiner und meiner! stand dann wieder auf, neigte meines kleinen +Schwertes Spitze dahin, wo die Obrigkeit versammelt war, und schickte +mich an, meinen Delinquenten zu richten. + +In diesem Augenblick sah ich zum erstenmal, wie schön Flämmchen war: das +grüne Köpfchen glänzte, als wäre Goldschaum darüber geblasen, und die +roten und blauen Federn im Schwanz und in den Flügeln flammten wie edle +Steine. Er bemerkte meine Bewunderung sogleich, und seine runden, +spiegelnden Augen sagten halb flehentlich, halb listig: Töte mich nicht, +Lütte Grave! Willst du mich, das hübsche Flämmchen, den kriechenden +Breitmäulern da unten zuliebe umbringen? Fliegen wirst du mich lassen ... +Es fehlte nicht viel, so hätte ich ihn wirklich fliegen und als ein +goldenes Flämmchen in den lachenden blauen Himmel steigen lassen; aber +ich besann mich, daß er als ein unfreier, halbbeseelter Menschengeselle +auf Wunnekes Schulter zurückfliegen und dem Tode doch nicht entgehen +würde, daher entschloß ich mich und hieb mit einem kurzen geschwinden +Streich das kleine Schelmenhaupt vom Rumpfe. So geschickt führte ich es +aus, daß ich den abfliegenden Kopf mit der Spitze meines Schwertes +auffing und ihn so dem Volke zeigen konnte als Beweis der völlig und +glücklich ausgeführten Exekution. Bei diesem Anblick brach die Menge in +helles Freudengeschrei aus, die Kinder klatschten in die Hände, und über +die warme, träumende Heideluft verbreitete sich blitzschnell Jubel und +Gelächter. Die Obrigkeit trollte sich eilig und unzufrieden davon, denn +sie trauten sich nicht, der unanständigen Ausgelassenheit zu steuern; +aber das Volk wogte noch bis zum kühlen Abend auf der Heide umher, als +ob Jahrmarkt wäre. + +Wunneke hatte ich während der ganzen Handlung nicht einmal angeschaut, +aber gefühlt hatte ich sie, wo sie war, wie sie unter Tränen lächelte +und was sie dachte, und ihr Herz blieb bei mir zurück, und ich legte +mich damit in das blühende Kraut, seliger, als wenn es ihr schöner +warmer Leib gewesen wäre. Erst am andern Morgen flohen mir die guten +Glücksgeister davon, und das Gestrige lag unter der neuen Sonne wie ein +elendes, abgegriffenes Rumpelkammerspielwerk, das man als Kind einmal +für das herrlichste Kleinod gehalten hat. Und gerade am Abend dieses +wüsten Tages kam sie. Sie kam wie ein leichtes, flüsterndes Blatt, +das der Wind vor sich her weht, und schien sich an die Dunkelheit +anschmiegen und in sie verbergen zu wollen. Ein andrer hätte sie ohne +weiteres in seine Arme genommen -- denn war sie nicht fast ein Strandgut +an unsre fürchterliche Küste geworfen --, mir aber kam das nicht in den +Sinn, vielmehr hielt ich mich weit von ihr, während ich sie in unser +Haus geleitete. Auf meines Vaters Frage sagte sie, daß sie gekommen sei, +um sich Flämmchens Leichnam auszubitten, den sie begraben wolle, und +unter seinem Blick errötend, setzte sie hinzu, ihr Vater würde ihr die +unschuldige Bitte ausgeschlagen haben, darum sei sie heimlich bei der +Dunkelheit gekommen. + +»Habt Ihr nicht gewußt,« sagte mein Vater, »daß Ihr des Scharfrichters +Haus nicht betreten dürft? Und daß er mit seinem Leben bezahlen muß, +wenn er Euch empfängt, bewirtet oder berührt?« + +Es quälte mich, daß Wunneke nicht ein Wort zu entgegnen vermochte, +obschon sie sich Mühe gab, zu sprechen; sie starrte ihm ins Gesicht und +hätte sich, glaub ich, von ihm niederschlagen lassen, ohne den leisesten +Versuch zur Verteidigung oder zur Flucht zu machen. Nach einer langen +Pause fuhr mein Vater fort: »Nehmt das zu Herzen, wenn mir oder meinem +Sohne ein Haar sollte gekrümmt werden um Euretwillen, weil es Euerm +buhlerischen Leichtsinn nach Abenteuern gelüstet, so müßt Ihr zahlen: +unsre Tränen mit Euerm Blut, unser Blut mit Eurer Seele.« Ich war so +gewohnt, mich unter dem tyrannischen Willen meines Vaters zu beugen, daß +ich mich währenddessen ganz still verhalten hatte, dazu stand ich auch +unter dem Eindrucke seiner wilden Schönheit, die sich immer dann am +prächtigsten auftat, wenn das Blut in ihm zu kochen anfing. Erst nach +einer Weile, als er sie mit einem milderen Blick musterte, in dem etwas +kalt wollüstig Abschätzendes war, gewann ich mich selbst wieder, trat +vor und sagte: »Warum erschreckst du das Fräulein, Vater, das ohne böse +Absicht als eine Bittende zu uns gekommen ist? Erlaube, daß ich ihr den +Vogel suche und sie dann wieder heimbegleite.« + +Mein Vater sah mich scharf an, und ich glaube, daß er in diesem +Augenblick alles durchschaute, was ich fühlte, wünschte und hoffte, und +vielleicht auch, welchen Ausgang es nehmen würde, denn es schlich sich +ein mehr mitleidiges und vorwurfsvolles als spottendes Lächeln um seinen +Mund; aber er winkte mir nur mit der Hand, zu gehen, ohne noch einen +Blick auf das Mädchen zu werfen. Sie drängte sich an mich und folgte +mir, und als wir draußen waren, sahen wir uns heimlich lachend an und +schüttelten uns wie Kinder, die Schelte bekommen haben; dann liefen wir +spornstreichs mitten in die Heide hinein. + +Das tote Flämmchen hatte ich bald gefunden und aus dem Sande +herausgewühlt, von dem es nur eben bedeckt gewesen war; danach setzten +wir uns auf das samtbeschlagene Gerüst, das in der Dämmerung hoch und +schwarzrot dastand, und blickten auf das gleichmäßig brandende Meer. +Ich erzählte ihr dunkle Geschichten von den Männern und Frauen, die +seit Jahrhunderten auf diesem Stück Heide von meinen Vorvätern waren +hingewürgt worden, die ich zum Teil in meiner Kindheit von unsern +Knechten gehört hatte. Die Seelen der Gerichteten hausten im Meere, +sagte ich, die meisten hielten sich dicht am Ufer, und wenn frisches +Blut vergossen würde, schlichen sie sich nachts heran und tränken davon +in schrecklicher Lüsternheit nach dem irdischen Leben. Die Ferne war +schwarz bis auf einen weißgelben Streifen, der wie ein einsamer Pfad +über die dunkeln Berge der Ewigkeit schimmerte; aber dicht vor uns +bewegten sich vom Wasser her über das Heidegestrüpp kriechende Nebel, +die man in Wirklichkeit für geisterhafte Phantome hätte halten können. +Einige schienen verzweifelt die dünnen stehenden Arme zu ringen, während +sich andre auf die Erde gekrümmt, verstohlen, ihrer verfluchten Blutgier +sich schämend, auf uns zuschlichen. Über diesen Anblick begann Wunneke +plötzlich sich zu fürchten, und ich geleitete sie in Sicherheit heim, +versprach ihr aber zuvor, daß ich Flämmchens zeitliche Überreste auf dem +nächsten Gottesacker ordentlich und lieblich bestatten wollte, was ich +mir unter dem Schutze des Totengräbers, den ich gut kannte, wohl +auszuführen getraute. + +Dieser gestand mir auch gleich alles zu, um was ich ihn bat, und nachdem +ich ihn in seiner Gefälligkeit noch durch ein namhaftes Trinkgeld +bestärkt hatte, wählte ich mir ein Plätzchen an der Hecke aus, wo lauter +alte, verfallene Gräber lagen, um die sich niemand mehr bekümmerte. Dort +warf ich ein schmales Hüglein auf und bepflanzte es über und über mit +blühenden Astern, daß es wie ein einziger großer Blumenstrauß aussah. +Am folgenden Abend kam Wunneke, wie sie mir aus freien Stücken angesagt +hatte, und wir setzten uns auf einen halb eingesunkenen Stein unter +einer hohen Pappel, die der Wind rauschend auf und nieder bewegte. Welke +Blätter sausten in Schwärmen an uns vorüber, und weiterhin sahen wir sie +wie ein dunkles Gewölk über die bleichen Gräber jagen. Vielleicht war +die feuchte, gärende Luft voll von den Lebenskeimen aller der Begrabenen, +die seit Jahren und Jahrhunderten hier moderten, denn mir war es, als +saugten wir mit jedem Atemzuge mehr treibenden, schwellenden Drang in +uns hinein. Bis dahin hatte ich sie noch nicht ein einziges Mal berührt, +und jetzt auch hätte ich es nicht getan, wenn sie sich mir nicht selber +an die Brust geworfen und meine ehrlosen Mordknechtshände mit Küssen +bedeckt hätte. + +Aber trotzdem sie nun viele Abende, ich erinnere mich nicht mehr, wie +viele es waren, zu mir auf den Kirchhof kam, wurde ich immer trauriger. +Ich mußte immer darüber nachdenken, ob sie wohl zärtlicher gegen mich +sei, als sie gegen Flämmchen gewesen war, und ob sie mich wohl so innig +liebkosen würde, wenn Flämmchen noch lebte, und ob sie wohl gerade das +an mich gezogen hätte, daß ich verfemt war, und meinen Leib, so jung und +schön er war, anzurühren Schande und Tod brachte. Sie übrigens meinte es +treu mit den überschwenglichsten Liebesworten, wie sie denn ganz unfähig +gewesen wäre, Liebe zu heucheln. Alles, was folgte, war einzig meine +Schuld, denn ich wußte schon damals, was sie nicht wußte, nämlich, daß +sie mich nicht liebte, mich nicht liebte, trotzdem sie es mir allabendlich +heilig beteuerte. Ein einziges Mal hatte ich den Mut, es ihr zu sagen, +worauf sie mich wohl eine Minute lang nachdenklich und erschrocken +ansah; dann stürzten ihr plötzlich Tränen aus den Augen, und sie umarmte +mich, als ob sie mich nicht mehr von sich lassen wollte. Während ich +bebend die kühle Tränenflut über mein Gesicht rinnen fühlte, sagte sie +unter Schluchzen, wie sie mich liebte, ewig, ewig nur mich, wie wenn ich +ein goldener Stern des Himmels wäre, der nachts zu ihr herunterstiege, +um sich von ihr küssen zu lassen. Auf meine Frage, weshalb sie weine, +wußte sie nichts zu erwidern. Aber das war das merkwürdigste, daß ich +seitdem, obwohl ich nie mehr darauf zurückkam, noch weniger an ihre +Liebe glaubte als vorher. Und daß ich recht hatte, zeigte sich nun bald, +nachdem der Totengräber mich verraten hatte. + +Der Totengräber war ein kurzes, dickes Männchen mit dickem Kopfe, nicht +böse, nicht gewinnsüchtig, nicht streitsüchtig noch schadenfroh, obwohl +er lauter Handlungen beging, aus denen man das und Ärgeres hätte +schließen müssen. Nur war er hilflos und unberaten, tappte blindlings +und tolpatschig ins Leben hinein, bis er plötzlich an ein beliebiges +Steinchen im Wege anstieß, zur Besinnung kam und nun plötzlich von +unaufhaltsamer Angst überfallen wurde, daß er eine große Unvorsichtigkeit +begangen habe, in diese oder jene Falle geraten werde und überhaupt +verloren sei. In solchen Augenblicken schonte er niemand, denn er +glaubte alle samt und sonders wider sich verschworen und konnte andre +ins Verderben stürzen, während er sich für ein armes Opfer hielt, +das eben schlau genug sei, sich aus der Schlinge zu ziehen. Er hatte +ein paar runde, braunglänzende Augen, denen er den Ausdruck alles +durchdringender Pfiffigkeit zu geben suchte, obgleich er eigentlich gar +nichts mit ihnen sah oder beobachtete. Aber er wollte um jeden Preis die +Dummheit, die er deutlich in sich spürte, vor der Welt verbergen, damit +er nicht übervorteilt und ausgelacht würde. + +Er hatte mir damals bereitwillig die Erlaubnis gegeben, den Papagei +auf dem ihm unterstellen Kirchhof zu begraben, mir sogar geholfen, +das kleine Grab zu graben und den Hügel aufzuwerfen. Er hatte sich, +außerordentlich dabei belustigt, und wenn Wunneke kam, pflegte er mir +heimliche Zeichen zu machen, in sich hineinzukichern und sich die Hände +zu reiben; ohne daß ich ihn darum gebeten hätte, ließ er um unsertwillen +die Friedhoftür länger geöffnet als gewöhnlich und schloß sie hinter +uns, kurz, er war uns in jeder Hinsicht bei der Ausführung unsrer +Zusammenkünfte behilflich. Plötzlich nun klärte ihn seine Frau, die +hinter die Sache gekommen war, darüber auf, was das eigentlich auf sich +habe und was für unübersehbare und verderbliche Folgen daraus entstehen +könnten. Denn daß ich des Scharfrichters Sohn war, wußte sie so gut, wie +sie sah, daß Wunneke ein vornehmes Fräulein war; das allerärgste schien +ihr aber merkwürdigerweise das zu sein, daß wir den Vogel in geweihter +Erde begraben hatten. + +Die warnenden Reden seiner Frau erschreckten den Totengräber so, daß er +schnurstracks, um Leib und Leben zu retten, hinlief und seine Anzeige +vor Gericht machte. Er erzählte aufs glaubwürdigste, wie ich ihn mit +nacktem Schwert bedroht hätte, weil er den Greuel nicht hätte dulden +wollen, wie aber sein Gewissen ihm keine Ruhe gelassen hätte, besonders +seit das feine Fräulein in meiner Gesellschaft gewesen wäre, das leider +wohl auch ein Opfer meines Frevelmutes sein möchte. Als ich, ohne +hiervon einen Verdacht zu haben, plötzlich vor einen heimlichen Rat +gestellt wurde, war ich nicht wenig bestürzt, konnte mich aber doch so +weit fassen, daß ich beschloß, nichts auszusagen, was Wunneke gefährlich +werden könnte. So kam es, daß ich auf die Frage, was mich bewogen hätte, +einen ganz gemeinen ausländischen Vogel an heiliger Stätte zu begraben, +antwortete -- denn es wollte mir in der Bedrängnis und Eile nichts +Besseres einfallen -- das hätte ich getan, weil ich es ihm auf dem +Schafott in seiner Sterbestunde als seinen letzten Wunsch tröstlicherweise +versprochen hätte. Dies Geständnis rief ein gewaltiges Erstaunen hervor, +und es wurden Beratschlagungen veranstaltet, wie meine Worte aufzufassen +wären. Viele erinnerten sich, daß ich in der Tat mit gezücktem Schwerte +einige Augenblicke gezögert und, dem Papagei ins Auge blickend, mit dem +Zuschlagen gewartet habe, gerade als ob ich Zwiesprache mit ihm pflöge, +so daß meiner Aussage wohl Glauben zu schenken sei; wie denn überhaupt +nicht wenige wegen meines überaus hübschen und freundlichen Aussehens +mir wohlwollten. Daß der Papagei der Sprache mächtig gewesen sei und +auch vernünftig habe reden können, sei ohnehin bewiesen, meinten diese, +denn sonst hätte er ja den kaiserlichen Vogt nicht verlachen und +beschimpfen können. Ob das vernünftig reden heiße, ihn und Seine +Majestät zum besten haben, grollte Herr Quarre; worauf sich jene wieder +verantworteten, daß man vernünftig, das heißt vernünftigen Inhalts, +und vernunftgemäß, das heißt den Gesetzen des Denkens entsprechend, +unterscheiden müsse. Indessen blieb man doch, selbst wenn es festgestellt +sei, daß der Papagei hätte vernünftig denken und reden können, im +Zweifel darüber, ob seine Gedanken sich auch auf das Jenseits und ein +ewiges Leben erstrecken können, welche Frage wiederum die Geistlichkeit +sollte zu entscheiden haben. + +Noch sehe ich in meiner Erinnerung den Propst eintreten mit seiner +hohen, etwas gebeugten und zierlich gebauten Gestalt in den prächtigen +Ratssaal, und wie er mit seinen Feueraugen umhersah und alles ruhig und +geschwinde musterte. Halbversunken waren diese alten Augen, und die +Blicke kamen aus der Tiefe hervor wie Drachenzungen aus einer dunkeln +Höhle, nur daß sie keinerlei Gift oder Bosheit an sich hatten, aber +scharf, schnell und sicher trafen sie ins Herz. Als ich sie auf mir +ruhen fühlte, nachdem man ihm meine Aussage samt allen daran geknüpften +Bedenklichkeiten vorgetragen hatte, wurde es mir ganz wohl und +glückselig zumute, und es schien mir auf einmal alles nichts weiter +als ein schönes Fastnachtsspiel zu sein, dem ich zuschauen dürfte. + +Warum, begann sogleich der Propst, ohne auf dem ihm dargebotenen Sessel +Platz zu nehmen, die Hände auf den langen Ratstisch gestützt, warum +sollte es eine Sünde sein, den hübschen Papageien auf den Gottesacker zu +begraben, da er doch kein Türke, Heide oder Jude, sowie kein Henker, +Selbstmörder, Hexenmeister oder Seiltänzer gewesen sei? + +Der Vorsitzende erwiderte, Flämmchen sei allerdings nur ein Vogel +gewesen, aber ein von Rechts wegen geköpfter; worauf der Propst +erklärte, man müsse die Strafe anders ansehen als eine über Menschen +verhängte, denn einem Menschen würde ein so kleines Vergehen nicht mehr +als einen Verweis oder eine Ohrfeige eingetragen haben, was aber hätte +man mit einem Vogel anfangen sollen? Geld besäße er keines, und gefangen +wäre er so wie so, jede Körperstrafe würde aber in Ansehung seines +gebrechlichen Leibchens ohnehin in Todesstrafe ausgeartet sein. Also sei +er eigentlich nur zufällig und aus Not geköpft und brauchte das weiter +keine Entehrung über den Tod hinaus im Gefolge zu haben. + +Aber ob eben ein Vogel schlechthin würdig sei, auf dem christlichen +Friedhof begraben zu werden, das sei die Frage, wandte der Vorsitzende +ein. + +Wie? sagte der Propst, ob man denn nicht wisse, daß der Heilige Geist in +Gestalt einer Taube die Menschen heimsuche? Wer könne wissen, ob nicht +in jenen antipodischen Ländern, wo es vielleicht keine Tauben gäbe, der +Geist durch Papageien verbreitet würde? Jedenfalls sei erwiesen, daß ein +Vogel nichts Unreines sei, sonst würde es dem Heiligen Geist nicht +belieben, hineinzufahren, und es sei die Frage, ob nicht mancher Christ +in der geweihten Erde liege, in dem er vor aufgehäuftem Unrat nicht +hätte hausen mögen noch können. + +»Flausen!« rief nun der kaiserliche Vogt, kirschbraun im Gesicht und +mit starrendem Schnurrbart, »Tiere sind Tiere und gehören auf den +Schindanger, wenn sie nicht nach Gottes Ordnung als Speise gegessen +und verdaut werden.« + +Jetzt aber beugte sich der Propst weit vor, so daß er dem Vogte dicht in +die Augen sah, und sagte, indem er seine feine Hand zur Faust ballte und +fest auf die Bibel legte, die zum Zwecke der Eidesleistung der Zeugen +auf dem Ratstische lag: »Es steht geschrieben im ersten Buche Moses: Und +Gott sprach zu Noah, ich richte einen Bund mit euch auf und mit allem +lebendigen Tier bei euch an Vögeln, an Vieh und an allen Tieren auf +Erden bei euch, daß hinfort keine Sündflut mehr kommen soll, die die +Erde verderbe. Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken, der soll das +Zeichen des Bundes sein zwischen mir und der Erde. -- Gott in seiner +Majestät also hat mit Vögeln und andern Tieren einen Bund geschlossen, +wie man mit Ebenbürtigen zu tun pflegt, und wir, vor Gott nichts als +Tiere, denen er mit seinem Atem ein wenig Licht in die Seele geblasen +hat, besinnen uns, ob wir einem guten Papageien zwischen andern armen +Sündern seine Ruhe lassen wollen!« + +Nach einer Pause, während deren kein Wort, nicht einmal ein Räuspern +laut wurde, fügte der Propst, indem er die Stimme etwas fallen ließ, +gelassener hinzu, gleichsam als einen überflüssigen Beweis ohnehin +offenbarer Wahrheit: »Gott hat den Lieblingen seiner Schöpfung, den +Vögeln, das überirdische Luftreich zur Wohnung angepriesen; sollten wir +schmutzige Kriechtiere ihnen eine Handvoll schwarzer Erde mißgönnen?« + +Alle waren sehr beschämt und blickten vor sich nieder, ausgenommen der +kaiserliche Vogt, der trotzend die Augen rollte und den Mund spitzte, +als ob er pfeifen wollte, was er denn freilich doch nicht in Ausübung +setzte. Der Propst hob die Sitzung auf, indem er sagte: »Es ist dies +meine erwogene Meinung, daß Lütte Grave wegen eigenmächtiger Beerdigung +des Papageien nicht zu bestrafen sei, vielmehr sogleich der Freiheit +zurückgegeben werden sollte.« + +Mit diesem unschädlichen Ausgang wäre aber dem Vogte nicht gedient +gewesen, der liebte, daß auch etwas Ordentliches dabei herauskam, wenn +einmal zu Gericht gesessen wurde, und ebenso schürte der Totengräber, +daß man das angezündete Feuer beileibe nicht ausgehen lasse. Denn +dieser, der von der ganzen Verhandlung nichts verstanden hatte, war bei +sich überzeugt, wenn ich freigesprochen würde, ginge es ihm an den Hals, +einer müsse das Opfer sein, und natürlicherweise wünschte er sehnlich, +daß ich es wäre. Also fingen diese wieder an, von dem Fräulein zu reden +und nachzuforschen, wer diese gewesen sein könne, und da geschah es +denn, daß Wunneke ihrem Vater alles gestand. Nicht weil die Liebe zu +mir sie überängstlich und besinnungslos gemacht hätte, sondern weil +sie hoffte, ihr Vater, der Bürgermeister, könne die ganze Sache +niederschlagen, damit nichts an den Tag käme, und es sei, wie wenn +nichts geschehen wäre. Sie hatte sich aber in ihrem Vater verrechnet; +dieser war zwar gutmütig und unentschlossen im Handeln, so daß er sich +tagelang besann, bevor er einen vorlauten Schwätzer ein Stündchen am +Pranger stehen ließ, wenn aber einmal eine Leidenschaft in ihm aufgeregt +wurde, die seine schwere Maschine in Tätigkeit setzte, war er wie eine +losgeschossene Bombe, Feuer und Verderben im Bauche, die sich nicht +halten läßt, bis sie ihr Ziel erreicht und alles zusammengeäschert hat. + +Ohne zu denken, was für Folgen daraus für seine Tochter erwachsen +könnten, bezeichnete er mich als ihren Verführer, ließ mich in den +Kerker werfen und verlangte mit derselben Erbitterung mein Blut fließen +zu sehen wie damals der Vogt das des armen Papageien. Damit hatte er +aber einen Gegner in die Schranken gerufen, der mächtiger als alle war, +nämlich meinen Vater. + +Ich sollte ohne Sorge sein, sagte er mir, es würde mir kein Haar +gekrümmt werden, denn die Herren wüßten, sagte er, daß er auf meinem +Grabe so lange Menschen schlachten und Blut vergießen würde, bis ich +selbst mein Haupt aus der Erde hübe und sagte: Ich bin gesättigt. +Dergleichen wilde Prahlereien kamen mir halb komisch, halb grausig vor, +aber ich glaubte in Wahrheit, mein Vater würde schon Mittel und Wege +finden, mich zu erretten, so daß ich in aller Gemächlichkeit dahinlebte, +bis ich eines Abends erfuhr, was mein Vater im Schilde führte und wie +er, um mich zu retten, mich als erstes Opfer mit den Füßen zertrat. + +Es war der Abend, als sich die Tür auftat und Wunneke zu mir eintrat, +nicht mehr ein blühender Veilchenstrauß, den Kinder und Frauen im +Triumphe geleiten, sondern wie ein losgerissenes Blatt, vom Nordwinde +hereingeblasen, wie ein Seufzer über die Erde huschend, todmüde und +ruhelos kam sie herein, setzte sich neben mich und weinte. In einem +Augenblick fühlte ich die höchste Seligkeit, da ich sie sah, und +Todesschmerz, als ich inne wurde, was mit ihr vorgegangen war und was +sie wollte. Noch ehe sie ein Wort gesprochen hatte, wußte ich, daß sie +mich nicht mehr liebte und daß sie gekommen war, es mir zu sagen und +mich um Verzeihung zu bitten. Wenn es nur das gewesen wäre! Aber nachdem +ich ihr freundlich gesagt hatte, daß ich ihr nicht zürnte, sah sie mich +immer noch mit beschwörenden Augen an, als sei das von allem das +Geringste gewesen, als sollte ich noch mehr erraten. Nichts warnte mich, +nichts brachte mich darauf; erst als sie es mir gestanden hatte, stand +es hell vor meinen Augen, als ob ich es immer gewußt hätte, daß sie ihn, +meinen Vater, liebte. + +Sowie er erfahren hatte, daß mein Leben in Gefahr war, hatte er es +ermöglicht, sie zu sehen und zu sprechen, hatte sie gemahnt an das, was +er ihr angedroht hatte, und ihr mit entsetzlichen, mitleidlosen Anklagen +die Seele zermalmt. Seine Forderung war, daß sie mich unter dem +Schafott, wie es das Recht gestattete, für sich zum Manne begehrte und +mit mir außer Landes ginge; für Geld, um uns draußen weiterzuhelfen, +wollte er schon sorgen. Sich ihm zu widersetzen, fehlte ihr der Mut, +weniger aus Furcht oder weil sie sich im Unrecht wußte, sondern aus +sklavischer Liebe, die ihr das Mark aus den Knochen gezogen hatte. In +ihrer Not kam sie zu mir und klagte, daß sie zwar alles tun und auch mit +mir entfliehen wollte, meine Frau aber nicht werden könnte mit der +fürchterlichen Flamme für meinen Vater im Busen. Nachdem das Geständnis +einmal von ihren Lippen gekommen war, wurde es ihr sichtlich leichter +ums Herz, sie drängte sich zutraulich an mich und erzählte mir, wie +alles gekommen war, und von ihrem Zustande und Leiden, als ob ich ihr +Bruder wäre. Seine Blicke voll wütender Verachtung, seine strafenden +Worte hatte sie zu seinen Füßen aufgesammelt, die Stacheln in die Brust +gedrückt, Dornenkränze daraus geflochten und sich aufs Haupt gesetzt. +Ich kann nicht sagen, wie groß mein Haß und meine Liebe war. Aber erst +nachdem sie mich verlassen hatte, kam es aus meinem Gemüt herausgequollen +und überschwemmte meine Seele. Ich preßte mich mit ganzem Leibe an die +kalte Mauer und gab mich ohne Widerstand meinem Jammer hin; unter +tausend Einfällen und Gedanken kam es mir wieder zu Sinne, wie sie +meinem Vater das erstemal gegenübergestanden hatte und wie, während sie +blaß, erschrocken und ohne Worte auf ihn schaute, sein Blick plötzlich +wie mit kostenden Zungen an ihr heruntergeglitten war. Es schien mir +zweifellos, daß er darum wissen mußte. Warum hatte ich sie von mir gehen +lassen? Wußte ich nicht, daß er sie zu mir begleitet und draußen im Hofe +des Kerkers auf sie gewartet hatte? Denn wie wäre sie sonst zu mir +gekommen? + +Auf einmal sah ich sie deutlich mit meinem inneren Auge nebeneinander +die lange Straße über die Heide gehen. Der Wind fuhr hinter ihnen her +und lüftete den schwarzen Mantel meines Vaters, daß er wie eine Wolke +über ihren Häuptern flatterte. Sie gingen den graden unabsehbaren Weg, +von dem ich als Kind geglaubt hatte, er habe kein Ende und führe ins +Jenseits; und als sie an der Schmiede vorüberkamen, warf das Feuer einen +roten Schein auf ihre Gesichter, und ich konnte erkennen, wie sie sich +mit starren verlangenden Augen ansahen. Das alles war viel näher und +springender vor mir, als wenn ich es in Wirklichkeit gesehen hätte, die +beiden heißbeleuchteten Gesichter waren so dicht, daß ich das blanke +Weiß in ihren Augen sah, und wollten sich nicht verscheuchen lassen, bis +meine Tränen hinüberflossen und sie auslöschten. + +Da waren Eifersucht, Haß und Wut ganz vorbei, und ich fühlte nichts +weiter als eine grenzenlose Verlassenheit in meinem Herzen. Es schien +mir, als wäre ich mein Leben lang in diesem Kerker gewesen und hätte +nie einen andern Freund gehabt als die geduldige Spinne, die in einer +Ecke des Kerkers ihr Netz hatte. Als hätte niemand je mich freundlich +angesehen, niemand mein feines Angesicht und meinen schlanken Körper +gelobt, und doch würden meinem Herzen bei der leisesten Liebkosung +glitzernde Tränen des Glückes entströmen. Es hätte klingen können, +lauter wie eine Glocke, läuten, daß die blauen Luftwellen aufgerauscht +und am roten Ufer der Sonne gebrandet wären -- aber nun war es vermauert, +und niemand würde es je hören, begraben war es schon, eh noch das +Todesurteil an mir vollstreckt war. + +Ich konnte somit wohl gelassen sein, als mir das Urteil verkündet wurde, +und war es wirklich im Innern so sehr, daß mir nur eine schwache +Erinnerung davon geblieben ist. Aber bald darauf kam mein Vater, dessen +ich in diesen Tagen so oft mit Bitterkeit, Fluch und Raserei gedacht +hatte; kaum daß ich seinen Schritt und seine Stimme vernahm, die mich +anrief, vergaß ich alles und warf mich an seine Brust, wie ich als Kind +getan hatte. Wie aus einem leichten Schlummer heraus, hörte ich, was er +erzählte: wie sie einen Scharfrichter aus dem Nachbarland hätten kommen +lassen, unter dem Vorwande, daß ein Henker nicht könne gezwungen werden, +seinem eignen Kinde den Kopf vom Rumpf zu schlagen, daß er aber +Einspruch getan hätte, weil der Ordnung nach in unsrer Stadt Gebiet kein +Richtschwert von Rechts wegen schalten dürfe als das seine, ferner wie +sie ihn fürchteten und wie ich ohne Sorge sein sollte, da er alles aufs +beste eingerichtet hätte und es nicht fehlschlagen könne. Solange er bei +mir war, glaubte ich alles Gute, aber sowie er fortging, schwand mir die +Hoffnung wie ein Licht, das einer im Lämpchen einen langen dunkeln Gang +hinunterträgt; schwächer und bleicher wird der Schimmer, bis er endlich +in der Dunkelheit verrinnt. + +Ich wußte sicher, daß ich sterben müsse, und glaubte es vollends, als +ich das Folgende gesehen hatte: Am Abend nämlich vor dem Tage meiner +Hinrichtung geschah es mir noch einmal, daß ich mich von mir selber +loslöste und über die Heide ging, während mein Körper bewußtlos auf den +Strohbündeln des Kerkers lag. Ich ging schnell und trotzdem langsamer +als der graue Schatten einer Wolke, der vor mir her lief. Sie flog, als +wenn ein Sturm sie vor sich her bliese, obwohl es ganz windstill war; +nur weiter weg, wo das Meer war, pfiff ein dunkles Sausen. Ich fühlte +mein kleines furchtsames Kinderherz in der Brust, das vor vielen Jahren +so angstvoll geschlagen hatte, wenn ich abends allein die lange Straße +gehen mußte, und freute mich so wie damals, als ich ein Licht vom Hofe +meines Vaters in der Ferne erblickte. Indessen war es, als ich näher +kam, das Feuer der Schmiede, das ungewöhnlich hoch brannte, und wie ich +neugierig hinzutrat, sah ich meinen Vater davorstehen und sein großes +Schwert schärfen, während der Schmied mit der Zange die Glut schürte. +Ich wußte wohl, daß mein Vater das Schwert für mich gebrauchen wollte, +aber das kümmerte mich nicht; ich starrte ihn nur bewundernd an, wie +schrecklich schön er aus diesem Höllenscheine ragte. Erst als mein Blick +auf seine Hand fiel, die mit dem Hammer mitten durch die Flamme fuhr und +aussah wie von Blut überströmt, kam es mir in den Sinn, daß er mit +derselben meine Mutter erwürgt hatte und nun mich, ihr armes Kind, töten +wollte, und Haß und Rache stiegen in mir auf, so heftig und plötzlich, +daß ich fast die Besinnung darüber verlor. Zugleich wußte ich aber auch, +daß, so nah ich auch bei ihm stand, mein Vater mich nicht sehen konnte, +ebensowenig wie ich ihn hätte anreden oder berühren können, und in +diesem Gefühl von Ohnmacht brach ich in Tränen aus, die mir wie das +erstemal das Bild auswischten. + +Am andern Morgen erwachte ich mit einem ungeduldigen Freudengefühl, weil +ich nun Erde und Sonne wiedersehen sollte; was danach kommen würde, lag +außerhalb meines Bewußtseins, und sowie mein Geist diese traurige +Schattenregion betrat, schauderte er zurück, um sich wieder im Lichte +zu baden. Was für ein Tag war es aber auch! Die Sonne war wie ein +riesiger Springbrunnen am Himmel, der die Erde mit goldenem Schaumwein +überflutete, so daß nicht nur die Menschen, sondern alles bis auf die +Steine herab davon trunken war. Das Himmelsgewölbe glich einem blauen +gläsernen Pokal, angefüllt mit dem funkelnden Safte der süßesten +Sonnentrauben, damit die körperlosen Geister drüben sich den Rausch +ewiger Seligkeit daraus tränken. Es war mir klar, daß die Menschenmenge, +die die Heide erfüllte, nur deshalb hier zusammengelaufen war, um an +diesem Festwein, den der Herrscher umsonst fließen ließ, sich satt +zu trinken. An meiner Seite war der Propst, und am Wege stand der +Totengräber, kläglich weinend und mit dem dicken Kopfe nach mir nickend, +den ich wohl freundlich grüßte, aber ohne das mindeste dabei zu +empfinden; denn meine Gedanken waren beschäftigt, auszumalen, daß ich, +wenn ich da oben auf dem Gerüst stünde, das Meer überblicken würde. +Ich hörte es schon rauschen und dachte, es erwartete mich, und wenn wir +uns erblickten, würde es ein Wiedersehen geben, daß die Erde davon +erzitterte. Wie ich nun die Stufen hinangesprungen war, sah ich es +liegen; schwarz, denn während der Wind zu Lande nur mäßig ging, wühlte +er mitten ins Meer hinein; aber durchsichtig schwarz wie Menschenaugen, +und zuweilen loderte eine grüne Flamme in den blanken Wasserleibchen +hinauf. Die Kähne, die am Ufer lagen, flogen auf und nieder, und man +hörte das Klirren der Ketten, mit denen sie angebunden waren, durch das +Brüllen der Brandung. + +Am höchsten gingen die Wellen da, wo der klotzige Leuchtturm aus dem +Schwall starrte; sie sprangen an ihm in die Höhe und warfen sich +klatschend gegen seine Mauer, daß sie zerbarsten und in schaumigen +Fetzen mit den aufgeregten Möwen um seine Zinne flogen. Als sie meiner +ansichtig wurden, faßten sie sich bei den kalten Händen und tanzten +einen wilden Ringelreihen um den Leuchtturm herum, wobei sie mit +gellenden Trompetenstimmen schrien: Tanz mit mir, Lütte Grave, tanz mit +mir! und dazwischen pfiffen sie in gewissen springenden Rhythmen, wie +kleine Jungen einander Zeichen zu geben pflegen. + +Während ich nichts andres fühlte und dachte, als wie ich zu diesen +Kameraden gelangen könnte, war um mich herum allerlei vorgegangen, was +mich betraf und was ich, als der Propst selber mich anfaßte und meine +Aufmerksamkeit darauf lenkte, nach allem, was mir bekannt war, wohl +erraten konnte. Ich sah auf einmal meinen Vater in schwarzer Amtstracht, +sein Schwert unter dem Arme, und Wunneke nicht weit von ihm, die Augen +starr auf ihn geheftet, und eine große Bewegung unter der Volksmenge, +weil die Tochter des Bürgermeisters mich vom Schwerte losgebeten hatte +zu ihrem Manne. Sie stand da, ohne sich zu rühren, festgeklammert in dem +eisernen, unentrinnbaren Blick meines Vaters, der über sie herrschte, +matt und glanzlos wie ein abgerissener, sterbender Schmetterling. Ich +begriff, daß es nun auf mich ankam, ein Zeichen zu geben, ob ich wollte, +und schüttelte heftig den Kopf zur Verneinung; das tat ich weniger, weil +sie mich damals im Kerker angefleht hatte, daß ich sie nicht zur Frau +nehmen sollte, denn merkwürdigerweise war ich jetzt eigentlich innig +überzeugt davon, daß sie mich lieb hatte und lieber auch als meinen +Vater -- als weil mir das alles so unendlich weit weg zu liegen schien, +und so unwichtig und beinahe lächerlich kam es mir vor, daß so ungeheuer +viele Menschen um so geringfügiger Sache wegen in Bewegung und Erregung +waren. Ich hatte ein ganz leises süßes Gefühl zärtlichen Mitleids für +Wunneke, aber nur so, wie man für ein Kind hat, das wegen eines +Schmerzes weint, der in kurzen Minuten vorüber sein wird, und als der +Probst mir dringlich zuflüsterte: Sag ja, Lütte Grave! rief ich laut +und ärgerlich: Nein, nein, nein, ich will nicht! und fürchtete fast, +sie würden mich mit Gewalt vom Schafott reißen und in ihr Gewühl +hineinzerren, da ich den Bürgermeister heftige Zeichen und Winke geben +sah. Diese bezweckten aber ganz etwas andres; denn nun stieg ein schwarz +umhüllter Mann zu mir hinauf, der, von mir unbemerkt, dicht unter dem +Gerüst bereitgestanden hatte und von dem ich sofort wußte, daß es der +fremde Scharfrichter war, der gekommen war, um mir den Garaus zu machen. +In diesem Augenblick änderte sich plötzlich alles in mir; es war, als ob +sich alles Blut in meinem Körper in einer Springflut über mein Herz +ergösse, eine solche Todesfurcht packte mich, so jäh anprallend, daß ich +auf die Knie fiel und abwehrend meine Arme ausstreckte und auch, wie ich +glaube, laut aufschrie. Ja, in diesem Augenblicke stand es mir fest, +eher sollte die Welt untergehen, als daß ich den Tod erlitte. Aber +gleich darauf, als mein Vater kam, war alles vorüber. Ich hörte ihn +meinen Namen rufen und blickte nach ihm hin, der etwas weiter weg von +mir gestanden hatte. Die Obrigkeit hatte in seiner Nähe eine Reihe +bewaffneter Männer aufgestellt, für den Fall, daß er etwas Gewalttätiges +unternehmen sollte; diese alle drängte er nun ohne Mühe beiseite, um +sich den Weg zu mir zu bahnen. Da sah ich etwas Entsetzliches: ich +sah, wie er den kaiserlichen Vogt, die Ratsherren allesamt, beide +Bürgermeister und Wunneke im Vorbeigehen mit der Spitze seines Schwertes +streifte, und erinnerte mich an das Gerede des Volkes, daß er damit, +wen er wolle, auf das Blutgerüst bringen könne. Ich sah im Geiste über +die graue Heide Blut rinnen, Blut, Blut und Blut, sah, wie sie es +einschluckte, bis sie fett und feucht war wie dunkles Moos, und wie +es zusammensickerte und in das Meer rann, daß es von grün rot wurde +und purpurn und schwarz -- aber das war alles nur ein Bild, das wie +ein Blitz kam und ging. Denn nicht eine Minute, nachdem mein Vater +mich gerufen hatte, war er schon oben bei mir, packte den fremden +Scharfrichter bei der Brust, warf ihn über das Gerüst hinunter und +beugte sich über mich. Mir war zumute wie als Kind, wenn ich mich in +einsamer Dunkelheit gefürchtet hatte und meinen Vater kommen sah: ein +seliges Gefühl von Geborgensein wickelte mich ganz ein wie ein +dunkelpurpurner Samtmantel. Dem kleinen Knaben Tells, als er sich von +seinem Vater den Apfel vom Kopfe schießen ließ, kann nicht leichter und +zutraulicher ums Herz gewesen sein als mir. Das letzte, dessen ich mich +entsinne, war, daß ich auf das Pfeifen des Meeres horchte, wie es rief: +Tanz mit mir, Lütte Grave! aber dumpfer als vorher, weil ich den Kopf +auf den Block gelegt und der weite Mantel meines Vaters sich wie ein +Vorhang über mir herabgelassen hatte. + + + Druck von der Offizin + Fr. Richter in Leipzig + + + + + [ Im folgenden wird die einzige geänderte Textzeile angeführt, wobei + zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile steht. + + Hoffnung wie ein Licht, das einer im Lämpchen einen langengen dunkeln + Hoffnung wie ein Licht, das einer im Lämpchen einen langen dunkeln + ] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Das Judengrab. Aus Bimbos +Seelenwanderungen, by Ricarda Huch + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS JUDENGRAB *** + +***** This file should be named 33827-8.txt or 33827-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/3/8/2/33827/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Alexander Bauer and the +Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. 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