summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
-rw-r--r--.gitattributes3
-rw-r--r--33827-8.txt2028
-rw-r--r--33827-8.zipbin0 -> 48044 bytes
-rw-r--r--33827-h.zipbin0 -> 57910 bytes
-rw-r--r--33827-h/33827-h.htm2577
-rw-r--r--33827-h/images/logo.pngbin0 -> 5837 bytes
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
8 files changed, 4621 insertions, 0 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..6833f05
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,3 @@
+* text=auto
+*.txt text
+*.md text
diff --git a/33827-8.txt b/33827-8.txt
new file mode 100644
index 0000000..41a1251
--- /dev/null
+++ b/33827-8.txt
@@ -0,0 +1,2028 @@
+The Project Gutenberg EBook of Das Judengrab. Aus Bimbos Seelenwanderungen, by
+Ricarda Huch
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Das Judengrab. Aus Bimbos Seelenwanderungen
+ Zwei Erzählungen
+
+Author: Ricarda Huch
+
+Release Date: October 1, 2010 [EBook #33827]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS JUDENGRAB ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Alexander Bauer and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+ [ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Es wurde größte Sorgfalt darauf verwendet den Text originalgetreu
+ zu übertragen. Lediglich offensichtliche Fehler wurden korrigiert.
+ Eine Liste sämtlicher vorgenommener Änderungen befindet sich am
+ Ende des Textes.
+ ]
+
+
+
+
+ Das Judengrab
+
+ Aus Bimbos Seelenwanderungen
+
+
+ Zwei Erzählungen
+ von
+ Ricarda Huch
+
+
+ Im Insel-Verlag zu Leipzig
+
+
+ 21.-30. Tausend
+
+
+
+
+ Das Judengrab
+
+
+In Jeddam gab es nur einen einzigen Juden, der auf folgende Weise
+dorthin verschlagen war: Seine Frau, mit der ihn treueste Liebe verband,
+war aus Jeddam gebürtig, und als ihr Vater mit Hinterlassung bedeutender
+Ländereien starb, war es wünschenswert, daß sie sich zur Regelung
+ihrer Erbschaft selbst hinbegebe. Mit der Möglichkeit, das Vaterhaus
+wiederzusehen, erwachte in ihr das Heimweh, und die Familie, die aus
+Vater, Mutter und zwei kaum erwachsenen Kindern bestand, trat die weite
+Reise an. Da nun der Ort Jeddam, mit mehr dörflichem als städtischem
+Charakter, so trotzig und anmutig zwischen mäßig hohen Bergen, reichen
+Saatfeldern und grünen Geländen lag, die das Flüßchen Melk bewässerte,
+und da die Frau sich in ihrer vertrauten Kinderheimat so wohl fühlte,
+willigte der gutmütige Mann ein, ganz und gar überzusiedeln. Er konnte
+freilich nicht daran denken, das große Gut seiner Frau selbst zu
+bewirtschaften, sondern stellte dazu einen jungen Verwalter an, während
+er selbst ein Geschäft in dem Ort eröffnete, wie er es früher betrieben
+hatte. Da es ein solches in Jeddam bisher nicht gegeben hatte und die
+Einkäufe in der nächsten größeren Stadt besorgt worden waren, hätte das
+Geschäft wohl gedeihen können, wenn nicht der Inhaber ein Jude gewesen
+wäre, von welchem Volke die Bewohner von Jeddam durchaus nichts wissen
+wollten. Verkauft wurde zwar genug, aber wenig bezahlt, und wenn Herr
+Samuel die ausstehenden Gelder einklagen wollte, mußte er erleben, daß
+sich die Behörden seiner nicht annahmen und er höchstens Prozeßkosten
+zahlen mußte, ohne zu seinem offenkundigen Recht kommen zu können. Es
+machte ihm oft Sorgen, was daraus werden sollte, und er wäre gern mit
+den Seinigen auf und davon gegangen, wenn er gewußt hätte, wie er in
+dieser feindseligen Umgebung zu seinem Gelde kommen und die Güter seiner
+Frau ohne zu großen Schaden verkaufen sollte.
+
+Eine Reihe von Jahren ging es so weiter, bis eines Tages Herr Samuel
+krank wurde und nach dem Arzte im nächsten Städtchen schickte; als er
+auf seine zweite Bitte, schleunig zu kommen (denn die erste hatte
+keinerlei Erfolg gehabt), die Antwort erhielt, der Doktor sei sehr
+beschäftigt und bedaure, dem Rufe nicht Folge leisten zu können, wurde
+es ihm unheimlich zumute, und er bedachte zum ersten Male gründlich,
+wie er hier elend sterben und verderben könne. Während die Familie
+sorgenvoll und ratschlagend um sein Bett herumsaß, sagte er: »Das beste
+wäre, da ich doch einmal krank bin, wenn ich stürbe, dann könntet ihr
+unangefochten hier leben und glücklich sein.« Seine Frau Rosette und die
+beiden Kinder, Anitza und Emanuel, verwiesen ihm so zu reden, da sie
+ohne ihn auch im Paradiese nicht glücklich sein könnten, und Herr Ive,
+der Verwalter, der Anitzas Verlobter war, sagte, daß es auch deshalb
+unrichtig sei, weil die Bewohner von Jeddam die abtrünnige Frau, die
+einen Juden geheiratet hatte, und dessen Kinder ebensowenig unter sich
+leiden möchten wie ihn selber.
+
+»Wie wäre es aber,« sagte Anitza, »wenn wir dich, Vater, als tot ausgäben
+und begrüben, während du heimlich in deine Heimat zurückkehrtest, und
+Ive, als unser natürlicher Freund und Vormund, unsre Angelegenheiten
+ordnete und uns dann zu dir führte?«
+
+Herr Samuel wollte anfänglich von solchen Schlichen nichts hören, aber
+da der Verwalter erklärte, er getraue sich wohl, die Sache zu einem
+guten Ende zu bringen, und da Frau und Kinder zu dem Abenteuer, mittels
+dessen zugleich denen von Jeddam ein Streich gespielt wurde, voll Lust
+und Ungeduld waren, willigte er schließlich ein, es ins Werk zu setzen.
+Kaum war er wieder einigermaßen hergestellt, als er nächtlicherweile
+Jeddam verließ; es glückte ihm, unbemerkt zu dem nächsten größeren, am
+Meere gelegenen Ort zu gelangen, wo er sich einschiffte.
+
+Unterdessen stopften Frau Rosette und Anitza mit Herrn Ives Hilfe einen
+netten Balg aus, befestigten eine passende Larve mit einem Bart aus
+Roßhaar vor dem Strohkopfe und legten diese Figur, in ein reinliches
+Sterbehemd gekleidet, auf Herrn Samuels Bett. Die Larve bedeckten sie
+mit einem Schnupftuch, doch die wachsenen Hände, die sie der Echtheit
+und Ähnlichkeit halber mit dem schönen Diamantring geschmückt hatten,
+den Samuel auf dem Zeigefinger zu tragen pflegte, blieben sichtbar. Der
+Betrug wäre wohl doch entdeckt worden, wenn das Haus des Juden nicht wie
+das eines Aussätzigen gemieden worden wäre; als die Nachricht von seinem
+Tode ausgesprengt war, fehlte es zwar nicht an Neugierigen, aber sie
+hielten an sich und spähten aus der Ferne, so daß nur die eignen
+Dienstboten scheu von der Türschwelle aus den künstlichen Leichnam
+betrachteten.
+
+Demnächst begab sich Herr Ive zum Gemeinderat, um den Tod des Herrn
+Samuel anzuzeigen und die Beerdigung zu bestellen, wurde dort aber an
+den Pfarrer verwiesen, der diese Dinge zu erledigen habe. Der Pfarrer
+war ein Mann mit dichtem, lockigem Haar und kurzer, hölzerner Stirn
+über einem breiten Gesicht, für gewöhnlich schweigsam, nicht aus Neigung
+oder Anlage, sondern weil er nichts zu sagen wußte. Seine großen Augen
+flackerten ängstlich und bekümmert vor der großen Leere seines Schädels,
+und er war im ganzen ein mehr hilflos trauriger und unschädlicher Mann
+als ein bösartiger, außer wenn es sich um gewisse kirchliche Fragen
+handelte. Sowie nämlich irgendeine Sache vorkam, in der er sein Urteil,
+sei es auch ein noch so verkehrtes, hatte, und in der er überhaupt
+maßgebend war, bemächtigte er sich derselben mit Heftigkeit, blähte sich
+auf und spie Gift gegen alle, die ihm nahe kamen, im unbewußten Drange,
+sich dafür zu rächen, daß sie ihn so oft als einen unwichtigen, blöden
+Tölpel unbrauchbar in der Ecke hatten stehen sehen. Als Herr Ive sich
+bei ihm meldete, wußte er schon, um was es sich handelte, und empfing
+ihn mit den Worten: »Was gibt es, Herr Ive? Da muß etwas Gewaltiges
+im Schwange sein, daß Ihr zu mir kommt! Ihr pflegt mich nicht zu
+überlaufen, weder in meinem Hause, noch im Hause Gottes! Diese Leute
+bedürfen der Seelsorge nicht; aber jetzt gilt es wohl eine Erbschaft
+oder eine Heirat, wo sie immer bei der Hand sind!«
+
+Herr Ive entschuldigte sich höflich und sagte, daß er nur den Tod des
+verstorbenen Herrn Samuel anzeigen wolle, was ihm als Vormund der
+hinterbliebenen Familie zukomme. »Da habt Ihr Euch ein sauberes Amt
+ausgelesen,« sagte der Pfarrer; »wer Pech angreift, besudelt sich, wißt
+Ihr das nicht? Bleibt mir mit Euerm toten Juden vom Leibe, ich habe
+nichts damit zu schaffen!« Herr Ive erklärte, daß der Gemeinderat ihn an
+den Pfarrer gewiesen hätte, der die Beerdigungsförmlichkeiten samt und
+sonders zu erledigen pflegte. »Ja,« rief der Pfarrer aufbrausend, »die
+Beerdigungen von Christenmenschen freilich! Den Juden mögen seine
+Rabbiner und Pharisäer in ihre Erde graben und sich selber dazu, was
+desto besser für sie und uns wäre.«
+
+Der Herr Pfarrer wüßte wohl, sagte Herr Ive, daß es in Jeddam weder
+Pharisäer noch Sadduzäer gäbe, noch weniger einen jüdischen Kirchhof,
+weswegen der Wunsch des Herrn Pfarrers nicht könnte ausgeführt werden;
+es müßte der verstorbene Samuel wohl oder übel neben den übrigen Bürgern
+Jeddams bestattet werden. Der Pfarrer zog die schwachen Brauen über den
+großen rollenden Augen hoch, schlug mit der geballten Faust dreimal auf
+den Tisch und rief: »Nichts da! Heraus mit Euch! Werft Euern toten Juden
+wohin Ihr wollt, aber laßt Euch nicht mit ihm auf unserm christlichen
+Kirchhof blicken!« Worauf Herr Ive, dem das Blut bereits zu kochen
+anfing, sich herumdrehte, die Tür laut hinter sich zuschlug und
+spornstreichs zurück zum Gemeinderat eilte.
+
+Dort gab es ein Köpfezusammenstecken und eiliges Hin- und Herlaufen, bis
+es Herrn Ive endlich gelang, zum Bürgermeister vorzudringen, der es im
+allgemeinen nicht liebte, in seinen Geschäften gestört zu werden. Er war
+ein beleibter Herr, der unter seiner Freundlichkeit äußerste Verachtung
+der meisten übrigen Menschen verbarg und sich einbildete, seine Stellung
+als Bürgermeister einzig seiner weltmännischen Gewandtheit und geistigen
+Überlegenheit zu verdanken. Ihm war alles gleichgültig, außer daß er den
+Ruf seiner Unfehlbarkeit und seine Beliebtheit nicht einbüßte, und es
+war deshalb ebenso angenehm, mit ihm zu verkehren, wie schwer, irgend
+etwas von ihm zu erreichen und in Gang zu bringen.
+
+Herr Ive erzählte atemlos und heftig, was ihm beim Pfarrer begegnet
+war, häufig unterbrochen vom Bürgermeister, der sich nach unzähligen
+Einzelheiten erkundigte, teils um seine sachkundige Gründlichkeit und
+menschliche Teilnahme zu beweisen, teils um im allgemeinen Zeit zu
+gewinnen. Als Herr Ive durchaus nichts mehr zur Klärung der Sachlage
+beizubringen wußte und augenscheinlich auf eine Antwort erpicht war,
+legte der Bürgermeister den Kopf auf die Seite, faltete die Hände über
+dem Bauche und sagte nachdenklich: »Schade, schade, daß der Herr Samuel
+sterben mußte! Ein fleißiger Herr, ein braver Herr, als Familienvater
+ausgezeichnet und als nützlicher Bürger, aber ein Jude. Unleugbar ein
+Jude! Er hätte noch eine Weile länger leben dürfen.«
+
+Herr Ive sagte ungeduldig: »Euer Gnaden werden Ihre rühmlich bekannte
+Gerechtigkeitsliebe beweisen und nicht dulden, daß Leute, die Euer
+Gnaden selbst als nützliche Bürger bezeichnen, wie faules Obst in den
+Graben geworfen, anstatt rechtlich begraben werden.«
+
+»Wie faules Obst in den Graben werfen!« rief der Bürgermeister
+erschrocken. »Das wäre in der Tat ein Unfug, den ich scharf ahnden
+würde. Die Geistlichkeit läßt sich oft, wie wir alle wissen, vom frommen
+Eifer hinreißen, allein das bürgerliche Haupt der Gemeinde folgt
+unbestechlich der Gerechtigkeit. Es soll mir nimmermehr ein verstorbener
+Jude, der tugendhaft gelebt hat, wie faules Obst auf der Gasse liegen!«
+
+So würde, fragte Herr Ive, der Bürgermeister Befehl geben, daß der
+Verstorbene schicklich auf dem allgemeinen Friedhof beerdigt würde. Das
+würde er freilich, antwortete jener, nachdem er zuvor die Herren
+Gemeinderäte versammelt und ihre Meinung eingeholt hätte: »Denn«, sagte
+er lächelnd, »den Tyrannen möchte ich nicht spielen, gerade weil ich es
+könnte.«
+
+Herr Ive mußte sich bescheiden, unverrichteter Sache heimzukehren, und
+eilte zur Familie des Samuel, um von dem Vorgefallenen Bericht zu
+erstatten. Er hatte im Laufe der Verhandlungen fast vergessen, daß sein
+Schwiegervater nicht in Wirklichkeit tot war, wie er aber zu Hause die
+vergnügten Gesichter sah, kam es ihm wieder zur Besinnung, und er mußte
+lachen, daß der Pfarrer sich dermaßen über eine Sache erhitzt hatte, die
+nur in der Einbildung bestand. Die zierliche Anitza warf sich auf einen
+Teppich und lachte lautlos in ein Kissen, so daß ihr die Tränen über das
+Gesicht liefen, aber ihre Mutter, eine hohe, kräftige Frau, die nicht
+mit sich spaßen ließ, stand auf und sagte: »Ive, du bist gut, aber du
+hast einen Lammsmut, du verstehst mit diesen Leuten nicht umzugehen,
+die man nicht höflich, sondern grob und unverschämt, wie sie selber
+sind, behandeln muß. Du wirst bescheiden vor der Tür gestanden und
+um Erlaubnis gefragt haben, anstatt zu sagen: 'Kurz und gut, morgen
+begraben wir meinen Schwiegervater, und wer sich mir in den Weg stellt,
+dem zerschmettere ich mit diesen Fäusten die Knochen zu Butter.'«
+
+»Ich habe mich so fest und entschlossen benommen, wie ich glaube, daß
+ein Mann soll,« sagte Herr Ive, dessen helles, hübsches Gesicht über und
+über rot geworden war, als ihm Zaghaftigkeit vorgeworfen wurde. »Wenn es
+nötig ist, kann ich auch dreinschlagen, doch ich dachte, es wäre dazu
+immer noch Zeit.«
+
+Der junge Emanuel sagte: »Mama, die Leute haben im Grunde ganz recht.
+Auf einen christlichen Kirchhof gehören Christen, auf einen jüdischen
+Juden. Die Frage ist nicht so leicht zu entwirren, wie du dir
+einbildest.«
+
+Nun loderte Frau Rosette in lichtem Zorne auf und rief: »Geh mir mit
+deinen Spitzfindigkeiten! Dein Vater ist kein Dieb oder Mörder, sondern
+ein besserer Mann als alle die Ochsenköpfe von Jeddam, die froh sein
+können, einen solchen auf ihrem Friedhof begraben zu dürfen. Glaubst du,
+sie würden dich und mich und Anitza, obwohl wir gut katholische Christen
+sind, achtungsvoller behandeln? Sie würden uns auch in das erste beste
+Loch werfen; aber sie haben sich in mir verrechnet. Ich nehme es mit
+andern Leuten auf als mit dem hohlköpfigen Pfarrer und dem windigen
+Bürgermeister.«
+
+Anitza klatschte vor Vergnügen in die Hände und sagte zu ihrem Bruder:
+»Mama möchte, daß wir beide stürben, nur damit sie uns dem Pfarrer zum
+Tort ein christliches Begräbnis herrichten könnte!« Und Emanuel, der es
+liebte, seine Mutter zu necken, sagte: »Frau und Kinder gehen nach des
+Vaters Seite, und ich bezweifle, ob wir das Recht haben, uns auf dem
+Jeddamer Friedhof beerdigen zu lassen.«
+
+»Gelbschnabel!« rief seine Mutter. »Meine Urgroßväter, Großväter und
+mein Vater sind hier begraben, und ich möchte den sehen, der mich
+hindern kann, an ihrer Seite zu liegen. Ich gehe bis zum Kaiser, wenn
+es nötig ist, um diesen Prahlhänsen zu zeigen, wo ich mich begraben
+lassen kann!«
+
+Es gelang Herrn Ive, die zürnende Frau zu bewegen, daß sie den Bescheid
+abwartete, den er jetzt vom Gemeinderate bekommen würde, und er machte
+sich alsbald auf, um denselben in Empfang zu nehmen. Ehe er in das
+Beratungszimmer geführt wurde, wo sich unter den übrigen Herren auch der
+Pfarrer befand, sagte der Bürgermeister: »Es kommt mir nicht in den
+Sinn, nach Tyrannenweise das Recht zu beugen, und daß dem Rechte nach
+kein Jude auf unserm christlichen Gottesacker bestattet werden darf,
+sehe ich ein; doch halte ich mich gern an den alten lateinischen Spruch,
+der besagt, daß man zwar unerschütterlich im Handeln, aber gefällig und
+lieblich in der Form sein soll, und werde deshalb dem jungen Manne den
+abschlägigen Bescheid so sanft wie möglich eingehen lassen.«
+
+Als hierauf Herr Ive vorgelassen wurde, empfing er ihn mit wohlwollenden
+Blicken, streichelte kosend über das Protokollpapier, das vor ihm lag,
+und sagte: »Sie sind ein geschätzter Mitbürger, Herr Ive, auch der
+verstorbene Herr Samuel war es, soweit er Bürger war, als Bekenner stand
+er mir fern. Sagen Sie selbst, gibt es eine jüdische Gemeinde hier?«
+
+Diese Frage konnte Herr Ive nicht anders als mit nein! beantworten,
+worauf der Bürgermeister fortfuhr: »Es gibt hier keine jüdische Gemeinde,
+oder, was dasselbe sagen will, keine Juden. Gibt es aber keine Juden
+hier, so gibt es auch keinen Juden, und so hat auch Herr Samuel, der ein
+Jude war, im rechtlichen Sinne niemals hier existiert. Seine Familie mag
+ihn beweinen, seine Freunde, ja alle fühlenden Herzen mögen seinen
+Hinschied betrauern, die Gemeinde als solche muß ihn als nie dagewesen
+betrachten und kann ihn infolgedessen auch nicht begraben.«
+
+»So bitte ich den Herrn Bürgermeister, mir zu sagen,« rief Herr Ive
+drohend, »wo ich ihn begraben soll, denn begraben muß er doch einmal
+werden.«
+
+»Das wäre zu wünschen,« sagte der Bürgermeister, »und es sei ferne von
+mir, den Hinterbliebenen darin auch nur das geringste in den Weg zu
+legen. Nur den christlichen Gottesacker bitte ich auszunehmen, und daß
+innerhalb der Stadtgrenzen kein Toter sich aufhalten darf, ist Ihnen
+sowie jedermann bekannt.«
+
+Jetzt aber war es mit Herrn Ives Geduld zu Ende, und indem ihm das Blut
+heiß in die Wangen schoß, rief er: »Wenn ihr den lebenden Juden unter
+euch dulden konntet, werdet ihr auch den toten ertragen. Ich verlange
+kein Geläut und kein Geplärr und Gezeter an seinem Grabe, aber ein
+Fleckchen Erde, wo er ruhig liegen kann, das soll er trotz euch haben.
+Laßt es euch gesagt sein, daß ich ihn morgen selber auf den Kirchhof
+bringen und jeden niederschlagen werde, der mich dabei stören will.«
+
+Diese groben Worte entzündeten ein heftiges Wortgemenge, das durch den
+plötzlichen Eintritt Frau Rosettens unterbrochen wurde, die, des Wartens
+überdrüssig, selbst gekommen war, um mit ein paar kernigen Worten die
+Leute zur Vernunft und die Sache zu Ende zu bringen. Als sie in großer
+Majestät, vom Kopf bis zu den Schuhen in Schwarz gekleidet, auf der
+Schwelle stand, verstummten alle, und der Bürgermeister beeilte sich,
+ihr entgegenzugehen und einige Worte des Beileids zu sprechen. »Laßt die
+Phrasen, Herr Bürgermeister,« sagte sie abwehrend, »auf die ich keinen
+Wert lege. Ich verlange von Euch nichts als mein Recht, ich will meinen
+Mann auf den Kirchhof bringen, wo mir Vater und Mutter, Großväter und
+Urgroßväter ruhen, und darin verlange ich von Euch mehr unterstützt als
+behindert zu werden.«
+
+»Euer verewigter Vater war mein geschätzter Freund,« sagte der
+Bürgermeister, indem er sich mit einem großen buntseidenen Taschentuche
+den Schweiß von der Stirn wischte, »und sein Grab gereicht unserm
+Gottesacker zur Ehre. Er war ein guter Bürger und ein guter Christ, und
+mehr braucht es nicht, um in Jeddam gut aufgenommen und begraben zu
+werden.«
+
+»So denke ich,« sagte Frau Rosette, sich stolz umsehend, »daß ich diese
+Ehre verdiene. Ich wünsche aber, was niemand einem christlichen Eheweibe
+verargen wird, dereinst an meines Gatten Seite zu ruhen.«
+
+Der Bürgermeister trocknete sich den Angstschweiß ab und besann sich,
+welche Gelegenheit der Pfarrer, der sich nur ungern das Wort so lange
+hatte nehmen lassen, ergriff und losfuhr: »Bückt ihr euch vor dieser
+stolzen und abgöttischen Jesebel? Du hast einen Greuel in deine Familie
+und unsre Gemeinde gebracht, Weib, aber auf unsern Friedhof sollst du
+ihn nicht bringen. Es gibt genug Kehricht auf der Erde, wohin ihr eure
+ungläubigen Knochen werfen könnt, unserm heiligen Gottesgarten sollen
+sie fernbleiben!«
+
+Frau Rosette trat dicht an den Pfarrer heran und sagte: »Höre du, ich
+mache mir zwar keine Ehre daraus, zwischen euern hohlen Gerippen
+begraben zu liegen, aber mein angeborenes und angestammtes Recht lasse
+ich mir von euch nicht rauben und möchte gleich auf dem Flecke sterben,
+damit ihr mit ansehen müßtet, wie ich auf euern Schutthaufen Einzug
+halte.«
+
+Die Anzüglichkeit der Frau Rosette hatte auch die übrigen Gemeinderäte
+in Zorn versetzt, von denen einer sagte: »Die Frau eines Juden hat
+keinerlei Recht mehr in Jeddam.«
+
+»Ja, ich hätte meine Mitgift einem von euch hungrigen Bären bringen
+sollen!« höhnte sie.
+
+»Besser ein Bär als ein Schwein!« rief ein andrer; denn so pflegte man
+die Juden in Jeddam zu nennen.
+
+Frau Rosette erbleichte und sagte: »Du mußt wohl ein Hund sein, daß du
+einen edeln Toten beschimpfst.« Dann legte sie eine Hand auf Herrn Ives
+Arm und sagte, indem sie ihn mit sich zog: »Komm, wir werden uns selber
+helfen.«
+
+Während der Bürgermeister auseinandersetzte, daß der Weise und Weltmann
+nicht schimpfe, sondern fest und gelinde auf dem Buchstaben des Rechtes
+beharre, trug der Pfarrer Sorge, daß die übermütige Frau Rosette ihren
+Samuel nicht insgeheim in den Kirchhof einschmuggelte.
+
+Das war diese allerdings willens, aber nicht verstohlenerweise, sondern
+öffentlich und prächtig, am hellen Tage, indem sie darauf rechnete, daß
+man es nicht zu einer Prügelei auf dem Kirchhof würde kommen lassen.
+Der Pfarrer hatte aber noch zur rechten Zeit eine Menge von Bauern
+versammelt und zu ihnen gesagt: »Kinder, der tote Jude wird unsre gute
+Erde verpesten! Leidet es nicht! Mag er draußen auf dem Felde liegen, wo
+es nur Raben und Krähen gibt! Wenn ihr nicht auf der Hut seid, werdet
+ihr Gift und Pestilenz und Viehseuche haben!« Die Folge davon war,
+daß die Knechte, die den Sarg mit dem künstlichen Samuel trugen, die
+Kirchhofpforte verrammelt und von feindseligen Bauern besetzt fanden,
+die ihnen den Eingang wehrten. Frau Rosette, Herr Ive und die Kinder,
+die in einem offenen Wagen folgten, sahen voll Erstaunen, wie sich ein
+tüchtiges Handgemenge entspann, in dem ihre Knechte bald den kürzeren
+zogen, da sie bedeutend in der Minderzahl waren. Herr Ive verfolgte den
+Kampf eine Weile mit dem Kennerblick eines jungen Straßenbuben und
+wachsender Ungeduld, bis er schließlich nicht mehr an sich zu halten
+vermochte, aus dem Wagen sprang, die Jacke abwarf und sich mit einem
+lauten, schnalzenden Schrei unter die Prügelnden mischte. Emanuel,
+dessen dunkle Augen vor Kampflust feucht geworden waren, schickte sich
+an, es seinem Schwager nachzutun, und die Mutter hatte Mühe, ihn
+festzuhalten und Anitzas Heiterkeit, die sich ihrer beim Anblick des
+tapfer ringenden Bräutigams bemächtigt hatte, durch Zupfen, Winken
+und Warnen in etwas zu mäßigen. Ihren Schwiegersohn sah Frau Rosette
+zwar mit Genugtuung und Billigung im Kampfgewühl, dennoch bat sie
+ihn, angesichts der immer wachsenden Zahl seiner Gegner, für heute
+abzustehen, da man mit so geringen Streitkräften nicht hoffen könne,
+den Sieg davonzutragen. Herr Ive, da er einmal im Raufen war, hörte
+nur ungern auf, doch sah er ein, daß seine Schwiegermutter recht hatte,
+und führte die Familie unter hellem Übermut der Kinder und prasselndem
+Zornfeuer Frau Rosettens nach Hause zurück.
+
+Die Zurückgebliebenen prügelten sich weiter und waren so eifrig dabei,
+daß es der Gemeindepolizei kaum gelang, sie bei einbrechender Nacht
+auseinander zu treiben. Dieser Auflauf machte den Bürgermeister und
+mehrere Herren vom Rate so bedenklich, daß sie sich nochmals in einem
+verschwiegenen Zimmer des Wirtshauses, das öfter zu wichtigen
+Beratschlagungen diente, versammelten, um einen gütlichen Ausweg
+dieser heiklen Angelegenheit zu finden.
+
+»Es ist nicht zu leugnen,« begann der Bürgermeister freundlich, indem er
+tändelnd den Deckel seines Bierkrugs auf- und zuklappte, »daß ein toter
+Mensch irgendwo begraben werden sollte. Auch kann man der Frau Rosette
+nicht zumuten, daß sie ihren verstorbenen Gatten zwischen ihren
+Getreidefeldern und Kartoffeläckern beerdigt.«
+
+»Beileibe nicht!« rief der Pfarrer drohend. »Soll er unsern christlichen
+Erdboden verpesten? Hinaus mit ihm! Weit weg mit ihm! Werden doch auch
+die toten Pferde und Hunde da draußen eingescharrt.«
+
+Der Bürgermeister klapperte sinnend mit seinem Deckel und sagte: »Ich
+gebe zu, Ehrwürden, daß ein Jude kein Christ ist, sollte er aber
+deswegen unter die Tiere fallen?«
+
+Hieran knüpfte sich eine längere Beratung, und nachdem in dieser Weise
+genugsam hin und her gestritten war, machte einer der Gemeinderäte
+folgenden Vorschlag: »Es wird den Herren bekannt sein,« sagte er, »daß
+wir in einer Ecke des Kirchhofes, wo wildes Unkraut wächst und der
+Totengräber zu keiner Pflege und Säuberung verpflichtet ist, die kleinen
+Kinder begraben, die totgeboren wurden oder gleich nach der Geburt
+starben, so daß sie leider die heilige Taufe nicht empfangen konnten.
+Diese scheinen mir insofern mit dem Juden vergleichbar, als sie, wie er,
+ungetauft sind, und es dünkt mich deshalb nicht unschicklich, wenn man
+ihn dort in aller Stille vergrübe.«
+
+Der Bürgermeister wollte eben einen mäßigen Beifall dieses Vorschlages
+laut werden lassen, als der Pfarrer, die Hände über dem Kopfe
+zusammenschlagend, ausrief: »Wo ist euer Christentum? Ihr schwatzt wie
+Heiden und Türken daher! Wißt ihr nicht, daß die vor und während der
+Geburt gestorbenen Christenkinder Engel sind? Kleine Engelkinder, die
+ihre schwarzen Augen niemals aufgetan und durch den Anblick unsrer
+häßlichen Erde getrübt haben! die mit ihren kleinen Rosenfüßen niemals
+den Dreck berührt haben, durch den wir waten! Auf der Schwelle unsers
+Lebens haben sie die Flügel geschüttelt und sind wieder davongeflogen
+in den Himmel.«
+
+Hier fing der Pfarrer, der die kleinen Kinder zärtlich liebte, an
+zu weinen, und auch einige Gemeinderäte wischten sich die Augen,
+indessen der Bürgermeister sagte: »Es bleibt den Kindern unbenommen,
+in den Himmel zu fliegen, und dem Juden, in die Hölle zu fahren,
+nichtsdestoweniger sind sie vom bürgerlichen Standpunkte aus alle
+ungetauft, und es scheint mir daher billig und recht, daß sie am selben
+Orte begraben werden.« Er fürchtete nämlich die große und behäbige
+Verwandtschaft Frau Rosettens, die sich zwar um Herrn Samuel wenig
+bekümmert hatte, von der es aber doch anzunehmen war, daß sie die
+Kränkung einer von ihrer Sippschaft übel vermerken würde.
+
+Der Pfarrer konnte gegen den Gemeinderat, der einmütig war, nichts
+ausrichten, machte sich aber an das Volk, stellte ihm die Unbill vor,
+die ihm angetan werden sollte, und ermunterte es, dieselbe in Gottes
+Namen mit Fäusten abzuwehren. »Würdet ihr ruhig zusehen,« rief er, »wenn
+man einen Wolf in euern Schafstall ließe? Und sie wollen einen falschen
+Judas zwischen eure unschuldigen Kinder legen, die am Throne der
+Dreieinigkeit für arme Sünder beten. Pestilenz! Feuersbrunst! Wassernot!
+Kriegsnot und Hungersnot werden über euch kommen, wenn ihr zulaßt, daß
+der heilige Gottesacker durch diesen Verräter vergiftet wird.«
+
+Die Bürger von Jeddam ließen sich dies nicht zweimal sagen, rotteten
+sich zusammen und schwuren, jedweden totzuschlagen, der den toten Samuel
+auf ihren Friedhof bringen würde. Am furchtbarsten unter den Aufwieglern
+war ein Großbauer namens Pomilko, ein hünengroßer Mann mit dickem Kopf
+und weißblonden Haaren, der mit seinem Gefolge von Angehörigen,
+Verwandten, Abhängigen und Knechten das ganze Gemeinwesen hätte über
+den Haufen werfen können. Pomilko hatte vor kurzem eine zweite Frau
+genommen, die ihm ein totes Kind geboren hatte. Demselben hatte er zwar
+keinen Blick geschenkt, sondern, als ihm die Botschaft gebracht worden
+war, hatte er sich fluchend und zähneknirschend aufs Feld begeben und
+sich zwei Tage lang nicht im Hause blicken lassen; jedoch sah er es
+als eine gröbliche Ehrenkränkung an, daß ein Jude in der Nähe seines
+Sprößlings begraben sein sollte, und er erklärte laut, er fürchte weder
+den Bürgermeister noch den Kaiser und würde diesen zeigen, was Pomilko
+vermöchte, wenn sie sich ihn zu beleidigen getrauten. Er hatte aus
+erster Ehe eine erwachsene Tochter namens Sorka, ein großes, starkes
+Mädchen mit kecken, blitzenden Augen, einem feinen Munde und Zähnen, die
+fest wie Kieselsteine und gelbglänzend wie Marmor waren. Als das Mädchen
+hörte, daß eine Stiefmutter ins Haus ziehen sollte, erklärte sie dem
+Vater, sie wolle das nicht leiden, er möchte davon abstehen, was ihn
+bewog, die Heirat um so schneller zu vollziehen. Als Sorka beim ersten
+gemeinsamen Mittagsmahle fehlte, der Vater sie hereinrief und die
+Stiefmutter ihr mit saurer Miene die Suppe in den Teller füllte, schob
+Sorka denselben so heftig zurück, daß das reine Tischtuch über und über
+bespritzt wurde, sagte: »Ich esse nicht, was du gekocht hast!« und
+schaute dem Vater und seiner Frau herausfordernd und mit verhaltenem
+Frohlocken ins Gesicht. »So magst du hungern,« rief der Vater zornig,
+»andre Speise gibt es hier für dich nicht!« Sorka lachte und sagte:
+»Lieber such ich mir selbst mein Brot,« und zog stracks mit einem Bündel
+Habseligkeiten aus dem Hause.
+
+Sie nahm, da sie nicht gleich etwas andres fand, bei einem kleinen Bauer
+einen Dienst an und hatte bald eine Liebschaft mit dessen Sohn, was der
+Vater, der alte Darinko, geschehen ließ, weil er wußte, daß Pomilko
+seiner Tochter ihr mütterliches Erbe nicht vorenthalten konnte. Diese
+Vorgänge hatten den Pomilko mit übler Laune, Ärger, Zorn und Rachsucht
+ganz angefüllt, weshalb er die Gelegenheit, zu zanken, zu raufen und
+allenfalls jemand totzuschlagen, sogleich ergriffen hatte.
+
+Der Bürgermeister konnte sich nicht verhehlen, daß eine förmliche
+Revolution im Anzuge sei, und in seiner Verlegenheit hielt er eine
+Ansprache an das Volk, er würde die Frage wegen des Judengrabes Seiner
+Majestät dem Kaiser zur Entscheidung vorlegen, inzwischen möchten sie
+ihren Geschäften nachgehen und sich still verhalten, das Gemeinwesen
+ruhe sicher in seinen Händen. In Wirklichkeit begab er sich nicht zum
+Kaiser, sondern zu dem Kommandanten einer Garnison, die im nächsten Orte
+lag, und dieser erklärte sich vollständig damit einverstanden, daß Herr
+Samuel in jener Ecke des Jeddamer Kirchhofes, wo die ungetauften Kinder
+lägen, beerdigt würde, bewilligte auch dem Bürgermeister eine kleine
+Abteilung Soldaten für den Fall, daß bei der Bestattung Ruhestörungen
+vorkämen.
+
+Es wurde nun der Frau Rosette mitgeteilt, wo und wie sie ihren Gemahl
+beerdigen dürfe, und sie wurde zugleich ersucht, das Begräbnis bei Nacht
+vor sich gehen zu lassen, damit Ärgernis vermieden würde. Frau Rosettens
+Stolz wurde dadurch zwar nicht ganz befriedigt, doch sagte sie sich,
+daß es sich eigentlich nicht um ihren Samuel, sondern nur um eine
+nachgemachte Puppe handle, und daß sie froh sein müsse, wenn die
+Schwindelei so bald wie möglich von der Erde verschwände, und versprach
+infolgedessen, sich gemäß der empfangenen Weisung zu verhalten.
+
+Die Bürger von Jeddam hatten angesichts der Soldaten beschlossen, sich
+in diese Sache nicht mehr zu mischen, hielten sich aber während des
+Begräbnisses in den Häusern, da sie es doch nicht anständig fanden,
+gegenwärtig zu sein und keinen Tumult zu veranstalten. Es trabte also
+der schwarzverhangene Wagen durch die stille Mitternacht, als wäre das
+Dorf durch Zauberei gebannt oder versteinert, und nichts war hörbar als
+das Trotten der Pferde, das Rollen der Räder und das leise Schwatzen von
+Frau Rosette und Herrn Ive, die im leichten Gefährt dem Sarge folgten.
+Mit Hilfe des Totengräbers wurde der vermeintliche Samuel aufs
+Geratewohl in jene verwilderte Ecke gestopft, worauf die Familie, die
+unterdessen schon die Koffer gepackt hatte, sich schleunig auf die
+Reise begab, um sich mit dem Vater wieder zu vereinigen. Herr Ive blieb
+einstweilen wegen der Angelegenheiten, um derentwillen der ganze Betrug
+angezettelt war, in Jeddam zurück.
+
+Dort war aber der Kampf noch keineswegs beendet. Es fanden sich nämlich
+am Tage nach dem Begräbnis auf der Kirchhofmauer, da, wo die ungetauften
+Kinder lagen, allerlei fürwitzige Inschriften angemalt, wie zum
+Beispiel: Hier ist Schweinemarkt! oder: Misthaufen von Jeddam! oder:
+Kehrichthof! und andre Witze dieser Art, was bald zu den Ohren der Leute
+kam, die Kinder an dieser Stelle begraben hatten. An die Spitze der
+Beleidigten stellte sich der mächtige Pomilko, dem es ohnehin lieber
+war, auf seiten der Regierung zu stehen, und der nicht zweifelte,
+daß der alte Darinko, bei dem sich seine Tochter befand, ihm diese
+Beschimpfung angetan hätte. Dadurch wurde dieser das Haupt einer
+geistlichen Partei, die fortfuhr, gegen die Anwesenheit des verstorbenen
+Samuel auf dem Kirchhof zu meutern; er leugnete zwar, die Inschriften an
+der Mauer verfaßt zu haben, war es aber übrigens wohl zufrieden, aus
+seiner ärmlichen Bedeutungslosigkeit herausgerissen zu sein, und raufte
+und hetzte fröhlich unter dem Schutze der Kirche und des Pfarrers.
+Allmählich geriet der tote Jude, der die Ursache des langwierigen
+Kampfes gewesen war, bei den beiden Rotten in Vergessenheit, und sie
+benutzten die Gelegenheit, um allerlei alten Hader auszufechten, taten
+sich alle erdenklichen Übel an, und es gab so viel blutige Köpfe,
+gebrochene Gliedmaßen und brennende Scheuern, daß Ärzte, Bader, Polizei
+und Löschmannschaft Tag und Nacht vollauf zu tun und zu laufen hatten.
+Der Bürgermeister hätte gern zum Pomilko gehalten, der der mächtigste
+und begütertste unter den Bauern war und zudem die gerechte Sache
+vertrat, allein die geistliche Partei war bei weitem zahlreicher, so daß
+er es mit dieser auch nicht verderben wollte. Der Pfarrer war trunken
+vom Gefühl seiner Wichtigkeit und triumphierte außer sich: »Feuer ist
+da! Brand ist da! Vatermord und Brudermord ist da! Habe ich es nicht
+prophezeit? Habe ich euch nicht gewarnt? Jeddam ist verpestet! Durch
+Unglauben ist es verpestet! Heraus mit der Eiterbeule von Jeddam! Heraus
+mit dem ungetauften Gebein aus Jeddam, oder wir werden alle verderben!
+Kinder, wir werden alle verderben!« Und er weinte, weil er durchaus
+nicht mehr zweifelte, daß es wirklich so wäre. Der Bürgermeister bat
+ihn, gleichfalls unter Tränen, dergleichen aufreizende Reden zu
+unterlassen und lieber das wütende Heer zu beruhigen, aber er brachte
+den Pfarrer dadurch nur noch mehr auf, der entrüstet sagte, er würde
+seinen Gott nicht verkaufen und wenn man ihm hundert Goldgulden dafür
+böte.
+
+Vielleicht wäre Jeddam in Blut und Flammen untergegangen, wenn sich der
+Bürgermeister nicht aufgemacht hätte, um noch einmal die Hilfe des
+Kommandanten in Anspruch zu nehmen. Die Nachricht, daß der Kaiser an der
+Spitze eines Regimentes daherziehe und die Aufrührer niederschmettern
+würde, verbreitete lähmenden Schrecken, und einer nach dem andern
+schlich sich nach Hause und an seine Arbeit.
+
+»Darinko,« sagte der Pfarrer an diesem Tage zum Sohne des kleinen
+Bauern, der an der Spitze der geistlichen Partei gestanden hatte, »ich
+verspreche dir, daß du Sorka heiraten und ihr Erbe ungeschmälert
+erhalten wirst, wenn du diese Nacht auf den Kirchhof gehst, den Samuel
+ausgräbst und in die Melk wirfst.«
+
+»Das will ich wohl tun,« sagte der junge Darinko, »und ich wundere
+mich, daß wir es nicht schon längst getan haben.«
+
+»Tu es heute,« sagte der Pfarrer, »und es wird dich nicht gereuen,« was
+alles Darinko der Sorka getreulich wieder erzählte. Sorka erklärte, dem
+Geliebten in diesem Unternehmen beistehen zu wollen, da es für ihn
+allein eine schwierige Sache gewesen wäre, denn er mußte sich mit vielen
+Werkzeugen versehen, nicht nur um das Grab, sondern auch um den schweren
+Sarg aus Eichenholz zu öffnen, den er nicht bis zum Flusse hätte tragen
+können. Als es völlig Nacht und rings alles still war, stahlen sie sich
+aus dem väterlichen Hof und machten sich auf den Weg. Es war eine lange
+und harte Arbeit, das Grab des Samuel zu finden, das auf keinerlei Art
+bezeichnet war, und sie mußten graben und wühlen, daß ihnen der Schweiß
+von der Stirne troff, bis sie endlich auf den großen Sarg stießen, den
+sie als den richtigen erkannten. Sie atmeten erleichtert auf, und da sie
+noch eine Weile Zeit hatten, kauerten sie sich nebeneinander auf die
+aufgeworfene Erde nieder, und Sorka holte Brot, Käse und eine Flasche
+Bier hervor, die sie zur Stärkung mitgenommen hatte. Ohnehin vergnügt
+über die Aussicht auf die Heirat, die ihnen der Pfarrer eröffnet hatte,
+teilten sie das Essen miteinander, faßten sich bei den Händen und küßten
+sich, und Sorka sagte: »Meinetwegen hätte der alte Jude hier können
+liegen bleiben, der Stiefmutter zum Tort.«
+
+»War sie wirklich so schrecklich böse?« fragte Darinko neugierig.
+
+»Sie war nicht böser als ich,« sagte Sorka, »aber ich mochte sie nicht
+leiden, und darum bin ich weggelaufen und lache, wenn sie sich ärgert,«
+und sie lachte, daß ihre gelben Zähne glänzten.
+
+Sie hatten inzwischen die Arbeit wieder aufgenommen und machten sich
+daran, den Sarg zu öffnen, was um so schwieriger war, als sie sich
+bemühen mußten, so wenig Lärm wie möglich dabei zu machen. Als es
+gelungen war, hielt Darinko einen Augenblick inne und sagte: »Jetzt
+kommt das schwerste Geschäft; es ist dunkle Mitternacht, und wir sind
+ganz allein.« Sorka sah ihn listig an und sagte: »Fürchtest du dich?
+Hast du dich doch nicht gefürchtet, als du mir den ersten Kuß gabst, und
+ich hätte dir doch ebensogut eine Ohrfeige geben können wie der tote
+Jude?«
+
+Darinko fühlte seinen Mut durch die Erinnerung an dieses Heldenstück neu
+belebt, schlug den Deckel zurück und faßte den, der im Sarge lag, um den
+Leib, in der Absicht, geschwind, ohne ihn anzusehen, mit ihm
+davonzulaufen und ihn in die Melk zu werfen. Kaum hatte er ihn aber
+gefaßt, als er ihn mit einem Schrei wieder fallen ließ, etwas so
+Unerwartetes und Unheimliches war es, den Strohbalg zu berühren. Sorka
+lachte hell auf über die Bangigkeit des Darinko und beugte sich über die
+zusammengefallene Puppe, um zu sehen, was es da Fürchterliches gäbe. Als
+sie inne wurden, daß sie wirklich nur eine ausgestopfte Figur mit Larve
+und Wachshänden vor sich hatten, blieb dem Darinko vor Erstaunen der
+Mund offen stehen, während Sorka so unmäßig lachte, daß sie sich auf die
+Erde werfen und hin und her wälzen mußte. »Was kann das bedeuten?«
+fragte endlich Darinko, der unsicher war, ob es sich vielleicht um eine
+zauberhafte Verwandlung oder sonst eine höllische Kunst handelte. »Was
+geht das uns an?« sagte Sorka. »Wir können keinen andern Samuel in die
+Melk werfen als den, den wir gefunden haben; ob es der richtige ist, das
+ist nicht unsre Sache.« Sie war unterdessen aufgestanden und untersuchte
+die Puppe eifrig unter fortwährendem Gelächter, wobei sie denn auch den
+herrlichen Diamantring entdeckte, der noch am Zeigefinger der einen
+Wachshand saß, sei es, daß Frau Rosette ihn vergessen hatte, oder daß
+sie ihn absichtlich als ein freiwilliges Opfer zum glücklichen Ausgang
+des dreisten Abenteuers hatte mit begraben lassen. Jetzt erschrak auch
+Sorka und fuhr zurück im Gedanken, es könnte hier Gott weiß was für eine
+Teufelsschlinge verborgen sein; doch gewöhnte sie sich schnell an die
+Seltsamkeit und kam zu der Überzeugung, der Ring sei ein kostbarer Ring
+und nichts weiter, den sie mit Fug und Recht als Belohnung für ihre
+Arbeit an sich nehmen und für sich behalten könnten. Sie bemächtigten
+sich des Ringes, gaben sich gegenseitig das Wort, über ihre Entdeckungen
+gegen jedermann zu schweigen, und fast berauscht vor Glückseligkeit
+kugelten und tummelten sie sich noch eine geraume Weile auf dem
+nächtlichen Friedhof; dann schleppte Darinko den Balg in die Melk,
+während Sorka den leeren Sarg wieder eingrub, die Erde darüberschaufelte
+und alles so machte, wie es zuvor gewesen war.
+
+Die Soldaten, die am andern Tage in Jeddam einrückten, fanden nichts mehr
+zu tun, und da die Rädelsführer bei den verschiedenen Brandstiftungen,
+Raufereien und andern Missetaten schwer festzustellen waren, kam es auch
+nicht zu erheblichen Bestrafungen.
+
+Nach einiger Zeit, als in weiter Ferne der arglose Herr Samuel, dem die
+Familie die Vorfälle in Jeddam verschwiegen hatte, damit er sich nicht
+etwa eine Kränkung daraus zöge, das gute alte häßliche Gesicht von
+Wiedersehensfreude glänzend, seine Lieben in die Arme schloß, saß der
+Pfarrer von Jeddam beim Bürgermeister zu Tisch, und der letztere sagte:
+»Jedermann weiß, daß Ehrwürden in der Theologie und allen Dingen der
+Gottesfurcht weiser sind als meine Wenigkeit. Doch kann ich die
+Bemerkung nicht unterdrücken, daß Pestilenz, Feuersbrunst und Kriegsnot
+vorüber sind, seit die Soldaten bei uns einrückten, wiewohl der tote
+Samuel nach wie vor inmitten der ungetauften Kinder begraben liegt.«
+
+»Das tut er bei Gott nicht,« triumphierte der Pfarrer und schlug mit der
+Faust auf den Tisch, daß es klirrte. »In der Nacht, ehe die Soldaten
+kamen, habe ich ihn ausgraben und in die Melk werfen lassen, die ihn
+wohl längst ins Meer geschwemmt hat, wo er bei Fischen und anderm Unrat
+liegen bleiben mag.«
+
+Der Bürgermeister war so verblüfft, daß er nicht wußte, ob er lachen
+oder zornig werden sollte. »Meint Ihr wirklich,« fragte er endlich, »daß
+das die Ursache ist, warum Frieden und Wohlergehen wieder bei uns
+eingekehrt sind?«
+
+»Was sonst?« rief der Pfarrer; »unser Gemeinwesen war in großer Gefahr,
+und ich habe es gerettet, doch prahle ich nicht laut damit, sondern
+gebe Gott die Ehre.« Und er erhob das volle Weinglas und hielt es dem
+Bürgermeister zum Anstoßen hin, der, obwohl ihn seine Niederlage wurmte,
+es für das Feinste hielt, zu schweigen und zu trinken.
+
+
+
+
+ Aus Bimbos Seelenwanderungen
+
+ Fragment
+
+
+Vor mehreren Jahrhunderten, erzählte Bimbo, war ich der Sohn eines
+Scharfrichters in einer kleinen Stadt des Nordens. Damals war dieselbe
+frei und mächtig, ein kleines Reich für sich, nur daß der römische
+Kaiser noch einige Titular- und Ehrenrechte darin besaß, die ein
+Burgvogt mit Schall und Gepränge, aber ohne etwas Wesentliches zu
+bedeuten und vermögen, vertrat. Mein Vater, obgleich er der Scharfrichter
+war, dem niemand die Hand reichen mochte, ohne sich mit unauslöschlicher
+Schmach zu beflecken, war der allerschönste Mann im Lande und glich der
+furchtbaren Waffe, die er führte; denn er war groß, gerade und schlank
+wie ein Schwert, mit schneidenden Blicken im Auge, und seine Bewegungen,
+wenn er sich einmal bewegte, waren wie sicher treffende Blitze.
+
+Aber, wie die Frauen sind, trotzdem ist ihm meine Mutter untreu gewesen,
+nachdem ich einige Jahre auf der Welt war. Es scheint, daß sie schwach
+und eitel und nicht einmal besonders schön war, aber daß sie gerade in
+ihrer Schwäche und Hilflosigkeit einen großen Zauber besaß. Das Gespräch
+der Leute war, daß mein Vater, als er ihre Untreue erfuhr, sie mit
+seinen eignen Händen erwürgt habe, was allerdings nur ein Gerede gewesen
+sein kann, wie vieles andre, was über ihn im Umlauf war. Denn weil er
+ein kluger Mann war und mehr wußte als die übrigen, namentlich in der
+Arzneikunde und Chirurgie, glaubte man, daß er mit Dämonen im Bunde
+stehe und mit ihrer Hilfe übermenschliche Dinge verrichten könne. So
+sagte man zum Beispiel, es habe ihn noch niemand mit den Augen blinzeln
+sehen, er bedürfe des Schlafes nicht, ja sei wohl sogar des Todes
+überhoben, wenn ihm nicht die Geister, die er jetzt beherrschte, einmal
+den Hals brächen. Wahr ist das, daß er Tage und Nächte hintereinander
+wachen konnte, ohne darunter zu leiden, und ich erinnere mich, wie
+ich ihn manchmal mit heimlichem Grauen betrachtete, ob er nicht die
+Augenlider bewegen würde, ohne daß es geschah. Weiter sagte man von
+meinem Vater, daß er die Leute behexen und mit dem bloßen Blick seiner
+Augen krank machen, ja totschauen könne, und namentlich daß er, wen er
+wolle, und wäre er Papst von Rom, auf das Blutgerüst unter sein Schwert
+zu bringen vermöchte, indem er denselben nur einmal flüchtig mit der
+Spitze seines Schwertes berührte. Deswegen, obschon sie seiner Hilfe in
+allerlei öffentlichen und heimlichen Sachen benötigten und diese auch
+meistens gutwillig, wenn auch gegen reichliches Entgelt, geleistet
+wurde, hatten sie doch Furcht vor ihm, und die Regierung hätte sich
+vielleicht seiner auf irgendeine Weise entledigt, wenn sie seiner Rache
+sich auszusetzen gewagt hätte. Gegen die Untergebenen in unserm kleinen
+Reiche, das, viele Gehöfte umfassend, weit außerhalb der Stadt lag, war
+er, soweit es die Roheit der wüsten Knechte zuließ, großmütig und
+nachsichtig. Mich behandelte er sogar mit Zärtlichkeit, wenn ich von
+einigen Anfällen rasender Wut absehe, die ihn bei Gelegenheit von ein
+paar unbedeutenden kindlichen Vergehungen ergriff, und so grausam er
+mich auch in diesen Fällen behandelte, liebte ich ihn doch abgöttisch,
+ja ich hätte mir von ihm mit Freuden die Seele aus dem Leibe martern
+lassen. Nur manchmal überkam mich ein Gefühl des Hasses von derselben
+Stärke, nämlich dann, wenn mir zufällig, indem ich seine Hände ansah,
+in den Sinn kam, daß er mit ihnen meine Mutter erwürgt hatte.
+
+Unser Haus lag auf der Heide, die sich bis an das Meer erstreckte; vom
+Hause aus konnte man es nicht sehen, wohl aber auf dem weiter nordwärts
+gelegenen Richtplatze, wo es nichts als Sand gab außer einigen uralten,
+verwitterten Steinen, die halb darin versunken waren. Man hielt sie für
+Grabsteine vornehmer Gerichteter; denn hier war seit undenklichen Zeiten
+die Richtstätte der Republik gewesen; wahrscheinlicher ist es freilich,
+daß das Meer die Blöcke angeschwemmt und ebbend auf der Heide
+zurückgelassen hatte. Wie dem auch sei, wir pflegten uns oft des Abends
+auf diese Steine niederzusetzen und auf das glänzendschwarze Geflimmer
+des Meeres hinzusehen, und wenn er dann seine Hand auf dem Steine neben
+mir ruhen ließ, kam sie mir zuweilen wie eine weiße Tigerin vor, die
+schläft, weil sie satt von Blut ist, oder die sich schlafend stellt und
+lauert, um ein argloses Opfer zu zerfleischen. Dann dachte ich an meine
+Mutter, deren Bild ich deutlich vor Augen hatte und der ich selbst innen
+und außen vielfach glich, und malte mir aus, wie sie sich in dem
+eisernen Arme des schönen Blutmannes gekrümmt hatte, bis mir der Haß
+in die Kehle stieg und ich eine verzweifelte Lust spürte, mich auf ihn
+zu werfen und die Ader an seinem Halse aufzubeißen, damit er verblutete.
+Mein Vater sagte nie etwas darüber, obgleich er es mir ansah, und ich
+glaube sogar, er hätte mir nicht gewehrt, auch wenn ich es getan
+hätte. Dieser Gewaltige, der, wie man sagte, sechs Männer mit einem
+Schwertschlage enthaupten konnte, daß ihre Köpfe wie Disteln abschnellten,
+hätte sich von meinen schwachen Händen umbringen lassen, so etwa wie
+Erwachsene stillhalten, wenn spielende Kinder mit ihren winzigen
+Schlägen über sie herfahren.
+
+Mich mächtig, berühmt und gelehrt zu machen, war der Ehrgeiz seines
+Lebens, und mit dem Gelde, das er aufhäufte, ermöglichte er es, mir so
+viele Bildungsmittel zuzuführen, wie den strebsamsten und vermöglichsten
+Menschen der Zeit zugänglich waren. Er schickte mich in andre Länder,
+damit ich an hohen Schulen studierte, und ließ es sich Hunderte und
+Tausende kosten, daß mein Herkommen und Stand verborgen blieben. Aber
+er dachte nicht etwa daran, mich in höhere Kasten einzuschmuggeln,
+nein, ich sollte nach ihm Scharfrichter werden, wie das einmal seit
+unvordenklichen Zeiten das Los unsers Geschlechtes war, nur sollte ich
+aus Schmach und Elend heraus sie alle durch meinen Geist überglänzen und
+beherrschen, auf den Knien sollten sie nachts mit Lebensgefahr zu mir
+rutschen, die mich am Tage wie einen tollen Hund von ihrer Schwelle
+hetzen durften. Ich freilich hatte an allen Schulen nichts gelernt als
+höfliche Sitten und Herrenleben, weniger aus Faulheit als aus Torheit,
+die mich den Wert der Zeit nicht bedenken ließ; im Innersten hoffte ich,
+es würde so in Saus und Braus in Ewigkeit weitergehen. Dem Befehle
+meines Vaters wagte ich aber nicht mich zu widersetzen, und es hatte
+auch etwas grausig Verlockendes für mich, einst Blutkönig in dem
+einsamen Reich auf der Heide zu werden. Nur suchte ich den Augenblick,
+wo ich selbst das Handwerk ausüben sollte, hinauszuschieben, worauf mein
+Vater auch bereitwillig einging, weil ich schlank und zierlich von
+Wuchs war und er meinte, ich müßte mich noch durch viele körperliche
+Übungen auf meinen Beruf vorbereiten.
+
+Da kam eines Tages die Gelegenheit, die meinem Vater schicklich
+erschien, mich einzuführen; es handelte sich nämlich darum, einen
+Papageien öffentlich mit dem Schwerte zu richten.
+
+Herr Quarre, der kaiserliche Vogt, saß zwar bis über den Hals in
+Schulden, achtete sich aber der Majestät, die er vertrat, in allem
+gleich, war hochmütig wie ein Pfau und dumm wie ein Pfannenstiel,
+worüber die Gassenbuben auf der Straße Spottlieder genug zu singen
+wußten. Um seine Lage zu verbessern und seine Stimme im Rat zu
+verstärken, trachtete er nach der Hand der Tochter des regierenden
+Bürgermeisters, deren lockende Güte und Holdheit sich in aller Leute
+Herz schmeichelte, so daß selbst die bösen Kramverkäuferinnen auf dem
+Markte sie die kleine Wonne nannten, nämlich Wunneke in jener
+altniederdeutschen Sprache. In ihrer übermütigen Jugend lachte sie über
+den abgeschmackten Freier, der zu allem andern ein dicker alternder Mann
+und trunksüchtig war, und gab sich nicht die Mühe, ihre Verachtung
+seiner ungefügen Person zu verbergen. Darüber war ihr Vater, der
+Bürgermeister, des Kaisers wegen in großen Ängsten, und wenn er auch
+nicht daran dachte, seine Tochter zu einer solchen lächerlichen
+Verbindung zu zwingen, hätte er die Sache doch gern aufs glimpflichste
+geordnet.
+
+Nun geschah es, daß Herr Quarre den Bürgermeister besuchen wollte, ihn
+aber nicht zu Hause fand und in guter Zuversicht die Jungfrau Tochter
+bitten ließ, die auch in wenigen Minuten zu erscheinen versprach.
+Während er in einem stattlichen Empfangszimmer ihrer wartete, hörte er
+im Nebenzimmer erst ein Pfeifen und Knarren, dann ein Singen, in dem er
+deutlich die Melodie und schließlich auch die Textworte unterscheiden
+konnte; es lautete nämlich:
+
+ Herr Quarre wär ein Held
+ Und hätt auch Gott geprellt
+ Ums Regiment der Welt,
+ Wenn nicht das Beste fehlt':
+ Die Grütze und das Geld.
+
+Sogleich geriet Herr Quarre in einen brennenden Zorn, und als nun
+lächelnden Mundes Wunneke ins Zimmer trat, ergoß er sich in wütenden
+Reden und forderte tobend, daß ihm der Name des unverschämten Rebellen
+genannt würde, der so aufreizende Lieder von sich gäbe, damit eine
+nachdrückliche Strafe über ihn verhängt würde. Wunneke entgegnete
+sanftmütig, der Herr Vogt werde besagten Gesang auf der Straße vernommen
+haben, wo man leider oft von liederlichen Leuten die gottlosesten Dinge
+hören müsse. Herr Quarre blieb aber dabei, es sei im Nebenzimmer
+gewesen, und ließ auch einfließen, es sei eine helle und gewissermaßen
+lieblich pfeifende Stimme gewesen, wobei er drohende Blicke auf das
+Fräulein schoß. Wunneke veränderte aber ihre unschuldige Miene nicht und
+sagte ruhig, im Nebenzimmer sei niemand anders gewesen als Flämmchen,
+der Papagei, der dort seinen Standort habe und allerdings, was sie nicht
+leugnen wolle, sowohl sprechen wie singen könne, so daß es, wenn auch
+unwahrscheinlich, doch nicht unmöglich sei, daß er den Unfug getrieben
+habe. Herr Quarre verlangte murrend die angebliche Bestie in Augenschein
+zu nehmen und wurde von Wunneke höflich in das Nebenzimmer geführt, wo
+auf einer goldenen Stange Flämmchen saß, mit einem Kettlein am Fuße
+daran festgebunden. Sie forderte den Vogel unter Streicheln und
+Liebkosen auf, zu wiederholen, was er vorher gesungen habe; aber man
+vernahm nur ein leises wollüstiges Knarren, das er von sich gab, indem
+er sein grüngoldiges Köpfchen langsam an der weißen Mädchenwange rieb.
+
+Herr Quarre hielt sich nunmehr für gefoppt und schnaubte von dannen
+unter der Androhung, daß er den Bürgermeister und sein ganzes Haus wegen
+Majestätsbeleidigung vor Gericht ziehen werde. Sein Zorn verdoppelte
+sich noch, als Herr Schmitz, der Bürgermeister, obwohl er sich
+verschworen hatte, alles zu tun, um den Gekränkten zu begütigen, sich
+mit Vorbringung fadenscheiniger Ausflüchte entschuldigte, als der Vogt
+sich Wunneke selber zur Entschädigung ausbat. Er brachte eine Klage bei
+dem Rat ein, und es wurde schleunig eine Sitzung anberaumt, bei der der
+Bürgermeister, als selbst beklagt und beteiligt, den Vorsitz Herrn
+Muslieb, dem zweiten Bürgermeister, abtreten mußte.
+
+Dieser war zwar dem kaiserlichen Vogte, der beständig die Gerechtsame
+der Republik schmälern wollte, so feind, wie es ihm zukam, andrerseits
+aber war es ihm angenehm, dartun zu können, daß, wenn auch seine
+Stellung bescheidener als die des regierenden Bürgermeisters, doch sein
+Name nicht minder fleckenlos war, und er beschloß, die Gerechtigkeit
+alle Partei-, Privat- und Sonderinteressen überwiegen zu lassen. Er
+ersuchte zunächst Herrn Quarre, das Lied vorzutragen, das die Ursache
+des Prozesses war, was derselbe nicht ohne Unwillen tat; sämtliche
+Ratsherren konnten nicht umhin, mit strengem Kopfschütteln sich dahin
+zu erklären, daß es keine geringe Keckheit und Unanständigkeit sei,
+wenn Lieder so schandbaren Inhalts in einem obrigkeitlichen Hause in
+aller Fröhlichkeit laut würden. Der Bürgermeister und seine Tochter
+beteuerten, daß keiner außer dem Papagei das Lied hätte singen
+können, und das Fräulein führte zu seiner Entschuldigung an, daß er
+wahrscheinlich, am offenen Fenster stehend, das Schelmenstückchen
+gehört und in seiner Torheit nachgeplappert hätte. Herr Quarre zog
+dies in Zweifel, da noch nicht einmal bewiesen und überhaupt sehr
+unwahrscheinlich sei, daß das dumme und eitle Tier sprechen könne,
+welcher Beweis denn nun freilich auf der Stelle geleistet wurde.
+Indessen war Flämmchen nicht zu bewegen, etwas andres zu sagen als:
+Guten Morgen, Wunneke! Komm mit, Wunneke! Küß mich, Wunneke! welche
+Reden er süßlich quäkend und unter geschwindem Augenrollen mehr als
+nötig wiederholte. Daraufhin erklärte der vorsitzende Bürgermeister den
+Papageien für wohlbefähigt, das Verbrechen, dessen er geziehen wurde,
+begangen zu haben, und Herr Quarre, der den Vogel nunmehr zwischen
+Furcht und Staunen für einen Zauberer ansah, neigte zu der Ansicht, daß
+er der Täter sei.
+
+Trotzdem glaubte der Rat ohne weiteren Beweis nicht zu einem Urteil
+schreiten zu dürfen, und die Herren gingen dem Vogel mit Singen und
+Pfeifen eifrig zu Leibe; denn sie hofften ihn zur Wiederholung des
+Liedes zu bewegen, indem sie die Melodie und ersten Worte desselben
+anhüben. Über diese Zurüstungen war Flämmchen so erschreckt, daß er nur
+den Schnabel auf und zu machte, ohne einen hörbaren Laut zu äußern, was
+Herr Quarre als Berechnung und Verstellung auslegte. Die übrigen Herren
+zögerten in großer Verlegenheit, bis das Fräulein den Vorschlag machte,
+es möchten einige Vertrauenspersonen ausgewählt und beauftragt werden,
+Flämmchen während einer gewissen Zeit scharf zu beobachten; denn es
+sei anzunehmen, falls er das Lied wirklich einmal gewußt hätte, daß
+er es wiederholen würde, sowie er nicht wie jetzt durch eine hohe und
+majestätische Versammlung eingeschüchtert wäre. Hierauf gingen alle mit
+Freuden ein, und es wurden sofort drei kundige und anstellige Ratsherren
+mittels geheimer Abstimmung ausgewählt, die drei Tage und Nächte
+hintereinander das Gestell des Vogels umgeben und auf alle seine
+Äußerungen achten sollten. Da ihnen Reden sowie Gespräch und Gelächter
+jeder Art der größeren Aufmerksamkeit wegen verboten war, vertrieben
+sie sich die Zeit mit schweigendem Würfeln und Kartenspielen, das nur
+zuweilen dadurch unterbrochen wurde, daß ein jeder die Ausrufungen des
+Papageien auf einem Pergamentstreifen verzeichnete. Es war aber nach
+Verlauf der Zeit nichts vorgefallen, was auf Flämmchens Kenntnis des
+bezüglichen Liedes schließen ließ, und man hätte ihn freigesprochen,
+wenn sich nicht Herr Quarre mit äußerster Wut dagegen gesetzt hätte.
+Ein sauberes Regiment, sagte er, das sich von einem ausländisch
+aufgeputzten Vogel über das Ohr hauen lasse; er würde die ganze Republik
+zusammenstampfen wie ein Äpfelmus, wenn der ihm zugefügte Schimpf nicht
+an dem Missetäter gerächt würde. Nachdem Bürgermeister und Rat eine
+Zeitlang in den Gesetzen nachgeschlagen und geblättert hatten, erklärten
+sie einmütig, daß sie zunächst das Mittel der Tortur versuchen müßten,
+um ein gutwilliges Geständnis zu erpressen.
+
+Und so ist es gekommen, daß ich Wunneke sah. Denn trotzdem es
+allgemeiner Mißbilligung unterlag, daß sie unser verfemtes Reich
+betreten und einer Handlung so schauriger Art beiwohnen wollte, hatte
+sie sich nicht davon zurückhalten lassen, ihren Liebling auf seinem
+Martergange zu begleiten. Ich Unglücklicher stand an meines Vaters
+Seite, als sie in das moderige Gewölbe eintrat, wie ein wandelnder
+Narzissenstrauß, wie ein Kelch aus Milchglas voller Veilchen, mit dem
+ein duftendes Frühlingsgewölk in die kalte Finsternis hineinschwebt.
+Ach mehr -- wie vor dem ermattenden Schwimmer, der sich eben in den
+unvermeidlichen Untergang geschickt hat, mitten aus dem öden Wassermeer
+eine blühende Insel auftaucht, mit Orangenhainen bewaldet, denen die
+Tropfen noch von den glatten Blättern rieseln, so stand sie plötzlich
+vor mir und schaute mir mit lächelnden Augen ins Gesicht. Nur mich
+lächelte sie an, gegen die andern bewahrte sie eine absichtliche
+Feierlichkeit, und vor meinem Vater schien sie zu erschrecken; von
+Abscheu war nichts darin, nur Erstaunen und Bangen. Woher wußte sie,
+daß meine Augen alles so sahen wie ihre? Obgleich wir nie ein Wort
+miteinander gesprochen hatten, sahen wir, während die Handlung sich
+entfaltete, einander an wie zwei schelmische Kinder, die eine Falle
+gestellt haben und aus ihrem Versteck aufpassen, wie die Geneckten
+hineintappen. Und nun ertönte das silberne Harfenspiel ihrer Stimme, wie
+sie zu meinem Vater sagte: »Herr Marx Grave, wollt bedenken, daß der
+Beklagte ein zartes und verwöhntes Geschöpf ist, dem das Lebensfädchen
+leicht völlig zerreißen könnte, wenn man allzuhart daran zerrte.«
+
+Mein Vater antwortete laut und ernsthaft: »Die Vernunft und die Gesetze
+gebieten, edles Fräulein, die Pein nicht über das Vermögen des
+Delinquenten hinausgehen zu lassen. Seid versichert, daß ich es bei den
+ersten und angenehmsten Graden der Folter bewenden lassen werde.«
+
+In dem Augenblick, als das Tier meinem Vater übergeben wurde und seine
+rechte Hand sich ihm mit einem schraubenartigen Werkzeug näherte, brach
+der Papagei in ein lautes Gezeter aus, das sich deutlich in einige Worte
+zerlegen ließ, und zwar in ebendieselben, die den Anfang des Spottliedchens
+über Herrn Quarre bildeten. Dieser, der, um sich an den Qualen seines
+Feindes zu ergötzen, ganz nahe bei meinem Vater gestanden hatte,
+triumphierte hoch und verlangte, daß er dem überführten Übeltäter
+augenblicklich den Hals umdrehe. Mein Vater entgegnete kühl: »Und wenn
+der Papagei Euch, Herr Quarre, das Herz aus dem Leibe gehackt hätte und
+dessen geständig wäre, würde ich ihm doch kein Federchen krümmen, bis er
+nach Recht gerichtet und mir in herkömmlicher Form zur Vollstreckung des
+Urteils übergeben wäre.«
+
+Herr Quarre brach in gräßliches Schimpfen aus und rief: »Hört den
+Mistfinken! das Blutschwein! ich kenne euch alle, frei möchtet ihr sein
+und schert euch einen Kuckuck um die Majestät des Kaisers, der euer
+Dreckgehirn wie Nüsse mit dem Absatz zerknacken könnte!« In welchen
+giftigen Reden ihn aber Herr Muslieb mit ernster Höflichkeit unterbrach,
+indem er ihn auf das Unbedachte seines Geschwätzes aufmerksam machte.
+Dem Papagei, sagte er, werde sein verdientes Urteil gesprochen werden,
+ohne daß das Recht um ein Tüttelchen geschmälert würde, danach aber
+werde man untersuchen, ob der Kaiser in Wahrheit Anspruch darauf habe,
+eines ehrbaren Rats reichsfreier Stadt Köpfe abschätzig zu betiteln und
+mit Füßen zu treten, was, soviel er wisse, nicht einmal in der Türkei
+und andern üppigen Sultansländern Sitte sei.
+
+»Wenn die Narren den hübschen Vogel wirklich zum Schwerte verurteilen,«
+sagte mein Vater, nachdem sich alle entfernt hatten, »sollst du an
+meiner Stelle amtieren;« denn, meinte er, er selbst sei für solche
+Albernheiten zu alt, würde auch nötigenfalls den Herren mit seiner
+Dienstordnung in der Hand beweisen, daß er zu ernstem, vernünftigem
+Geschäft, nicht aber zu eitelm Firlefanz berufen sei. Mir aber würde es
+wohl anstehen, mich bei dieser Gelegenheit zum ersten Male öffentlich zu
+zeigen, denn fehlen könnte ich bei so leichter Arbeit nicht, dagegen den
+Beifall von Mädchen und Toren, deren es viele gäbe, erwerben.
+
+Gott weiß, wie mir damals Tage und Nächte vergingen. Mein Herz war wie
+ein junger Falke, der unaufhörlich mit den Flügeln rauscht, um sich zum
+ersten Fluge aufzuschwingen, und zwischen Furcht und ungeduldigem Mute
+zaudert. Auf der Heide lag mein Leib, aber ich selbst fuhr wie eine
+Sturmschwalbe darüber hinweg, schreiend und die salzige Meerluft
+schlingend, daß ich sie kühl und berauschend bis in die tiefste Seele
+hinein fühlte. Ich sauste um den alten Leuchtturm, schlug mit
+klatschenden Flügeln an sein starres Gemäuer, stürzte mich in die
+brennende Pechpfanne auf seiner Zinne, peitschte mit der schwarzroten
+Flamme die fliehende Luft und empfand mit Wonne, wie ich mich dehnte,
+indem ich mich selber verzehrte. Dabei war ich mir wohl bewußt, wer sie
+war und wer ich war, und daß ich eher die Wange des Mondes als die ihre
+je mit meinen Lippen berühren könnte. Aber diese Unmöglichkeit eben
+erhöhte meinen Wahnsinn, denn was mir in den Eingeweiden brauste, hätte
+mich vor mir selber lächerlich gemacht, wenn es sich um ein alltägliches
+Lieben und Werben gehandelt hätte. Auch war in meinem Gefühl das
+Bewußtsein von einer magnetischen Kraft, die sie doch einmal an mein
+Herz reißen müßte, wenn ich auch nicht darüber nachdachte, wie das
+geschehen könnte. Und als ich vollends am Tage der Papageihinrichtung
+mein neues Amtsgewand trug, ganz aus schwarzem Tuch, das kurze
+Mäntelchen, mit karmesinroter Seide gefüttert, schwarze und rote Federn
+auf dem Barett, zweifelte ich nicht, daß der Himmel sich über meiner
+Schönheit öffnen und Rosen auf mich herabschütten würde, Rosen von
+jenseits, mit Ambrosia betaute, die ich alle der erbleichenden Wunneke
+in den Schoß werfen würde.
+
+Von weitem her sah ich den Armesünderkarren durch den braunen herbstlichen
+Wohlgeruch der Heide stolpern, auf dem sie saß in ihrem schwarzsamtenen
+Kleide, den Papageien an einem silbernen Kettlein haltend, der, von dem
+Anblick der weiten hohen Welt und der unübersehbaren Menschenmenge
+betäubt, bald in sich zusammensank als ein erlöschendes Flämmchen, bald
+mit gesträubten Federn, heftig kreischend und schimpfend, auf dem Arme
+seiner Herrin auf und ab lief. Ihr gegenüber saß der Propst, welcher auf
+ihr Verlangen dem Sünder als Trost auf seinem letzten Gange beigegeben
+war. Dies hatte sie allerdings nicht ohne Mühe durchgesetzt, denn die
+Räte waren in der Mehrzahl der Ansicht gewesen, bei einer vernunftlosen
+Bestie sei geistlicher Zuspruch nicht nur unnötig, sondern sogar übel
+angebracht. Aber Wunneke wendete ein, wenn Flämmchen denn vernunftlos
+sei, dürfe man ihm auch sein schelmisches Singen nicht zum Vorwurf
+machen, worauf Herr Quarre in einen glühroten Zorn geriet, seinen
+borstigen Schnurrbart sträubte, daß man an der Spitze jedes Haares ein
+Fröschlein hätte aufspießen können, und sagte, ohne Vernunft sei der
+Vogel zwar nicht, aber seine Vernunft sei des Teufels, und wenn ihn die
+sämtlichen Kirchenväter mit dem Papst an der Spitze zum Schafotte
+geleiteten und ihm die ganze Bibel aufsagten, würde das dem ruchlosen
+Federvieh nur zu Spott und Gelächter dienen. Hierauf aber sagte der
+Propst, den man nebst mehreren andern Theologen zu Rate gezogen hatte,
+damit sie die heikelige Sache beurteilten, wenn dem so sei, müsse man um
+so mehr dazu tun, daß der göttliche Vernunftsinn dem Teufel entrissen
+würde, und er wollte sich der Aufgabe wohl unterziehen. Überhaupt, sagte
+er, fehlten zwar auch dem gescheitesten Tier die vernünftigen Begriffe,
+weil es nicht unterwiesen sei, aber man gebe ja auch einem neugeborenen
+oder gar idiotischen Kinde die heilige Taufe, das sei eins wie das
+andre, man müsse eben den Heiligen Geist spenden, wie der liebe Gott die
+Sonne und ein Sämann die Körner, soviel als möglich und aufs Geratewohl,
+schaden könne es nicht und zuviel sei besser als zuwenig. Auf diesen
+gelehrten Sermon wußte niemand etwas zu erwidern, auch fürchteten
+Bürgermeister und Rat den Propst, der weit und breit großes Ansehen
+genoß und die dumme, lenksame Riesenseele des Volkes in der Hand hielt.
+
+So saßen der Propst und das Fräulein auf dem Karren und unterhielten
+sich leise und lächelnd, und mir schien es, wie ich das weiße
+Seelengesicht über dem schwarzen Kleide schweben sah, als führe man in
+feierlicher Prozession eine auf ferner neuentdeckter Insel gefundene
+Wunderblume durch das Land, damit alles Volk sie sähe und ihren Duft
+einatmete. Das Schafott hatte mein Vater selbst mit hochrotem Samt
+überzogen, und ich eilte die Stufen hinan, als wäre ich der Königssohn
+und sollte mich dem Volke zeigen. Das war auch in lustiger Bewegung,
+weil es ein so seltsames Schauspiel mit ansehen sollte, und viele Männer
+und Frauen hoben ihre Kinder hoch und riefen: Schau, Lütte Grave; denn
+da ich wie mein Vater Marx hieß, nannte man mich zum Unterschiede den
+Kleinen, das ist Lütte in jener niederdeutschen Sprache. Flämmchen hatte
+ich am Kettlein auf der Hand sitzen wie einen Edelfalken, und ich fühlte
+meine zierliche Schönheit ordentlich aus mir herausblühen. Wie mein
+Vater mich gelehrt hatte, kniete ich mich zuerst nieder und sagte: Gott
+walte deiner und meiner! stand dann wieder auf, neigte meines kleinen
+Schwertes Spitze dahin, wo die Obrigkeit versammelt war, und schickte
+mich an, meinen Delinquenten zu richten.
+
+In diesem Augenblick sah ich zum erstenmal, wie schön Flämmchen war: das
+grüne Köpfchen glänzte, als wäre Goldschaum darüber geblasen, und die
+roten und blauen Federn im Schwanz und in den Flügeln flammten wie edle
+Steine. Er bemerkte meine Bewunderung sogleich, und seine runden,
+spiegelnden Augen sagten halb flehentlich, halb listig: Töte mich nicht,
+Lütte Grave! Willst du mich, das hübsche Flämmchen, den kriechenden
+Breitmäulern da unten zuliebe umbringen? Fliegen wirst du mich lassen ...
+Es fehlte nicht viel, so hätte ich ihn wirklich fliegen und als ein
+goldenes Flämmchen in den lachenden blauen Himmel steigen lassen; aber
+ich besann mich, daß er als ein unfreier, halbbeseelter Menschengeselle
+auf Wunnekes Schulter zurückfliegen und dem Tode doch nicht entgehen
+würde, daher entschloß ich mich und hieb mit einem kurzen geschwinden
+Streich das kleine Schelmenhaupt vom Rumpfe. So geschickt führte ich es
+aus, daß ich den abfliegenden Kopf mit der Spitze meines Schwertes
+auffing und ihn so dem Volke zeigen konnte als Beweis der völlig und
+glücklich ausgeführten Exekution. Bei diesem Anblick brach die Menge in
+helles Freudengeschrei aus, die Kinder klatschten in die Hände, und über
+die warme, träumende Heideluft verbreitete sich blitzschnell Jubel und
+Gelächter. Die Obrigkeit trollte sich eilig und unzufrieden davon, denn
+sie trauten sich nicht, der unanständigen Ausgelassenheit zu steuern;
+aber das Volk wogte noch bis zum kühlen Abend auf der Heide umher, als
+ob Jahrmarkt wäre.
+
+Wunneke hatte ich während der ganzen Handlung nicht einmal angeschaut,
+aber gefühlt hatte ich sie, wo sie war, wie sie unter Tränen lächelte
+und was sie dachte, und ihr Herz blieb bei mir zurück, und ich legte
+mich damit in das blühende Kraut, seliger, als wenn es ihr schöner
+warmer Leib gewesen wäre. Erst am andern Morgen flohen mir die guten
+Glücksgeister davon, und das Gestrige lag unter der neuen Sonne wie ein
+elendes, abgegriffenes Rumpelkammerspielwerk, das man als Kind einmal
+für das herrlichste Kleinod gehalten hat. Und gerade am Abend dieses
+wüsten Tages kam sie. Sie kam wie ein leichtes, flüsterndes Blatt,
+das der Wind vor sich her weht, und schien sich an die Dunkelheit
+anschmiegen und in sie verbergen zu wollen. Ein andrer hätte sie ohne
+weiteres in seine Arme genommen -- denn war sie nicht fast ein Strandgut
+an unsre fürchterliche Küste geworfen --, mir aber kam das nicht in den
+Sinn, vielmehr hielt ich mich weit von ihr, während ich sie in unser
+Haus geleitete. Auf meines Vaters Frage sagte sie, daß sie gekommen sei,
+um sich Flämmchens Leichnam auszubitten, den sie begraben wolle, und
+unter seinem Blick errötend, setzte sie hinzu, ihr Vater würde ihr die
+unschuldige Bitte ausgeschlagen haben, darum sei sie heimlich bei der
+Dunkelheit gekommen.
+
+»Habt Ihr nicht gewußt,« sagte mein Vater, »daß Ihr des Scharfrichters
+Haus nicht betreten dürft? Und daß er mit seinem Leben bezahlen muß,
+wenn er Euch empfängt, bewirtet oder berührt?«
+
+Es quälte mich, daß Wunneke nicht ein Wort zu entgegnen vermochte,
+obschon sie sich Mühe gab, zu sprechen; sie starrte ihm ins Gesicht und
+hätte sich, glaub ich, von ihm niederschlagen lassen, ohne den leisesten
+Versuch zur Verteidigung oder zur Flucht zu machen. Nach einer langen
+Pause fuhr mein Vater fort: »Nehmt das zu Herzen, wenn mir oder meinem
+Sohne ein Haar sollte gekrümmt werden um Euretwillen, weil es Euerm
+buhlerischen Leichtsinn nach Abenteuern gelüstet, so müßt Ihr zahlen:
+unsre Tränen mit Euerm Blut, unser Blut mit Eurer Seele.« Ich war so
+gewohnt, mich unter dem tyrannischen Willen meines Vaters zu beugen, daß
+ich mich währenddessen ganz still verhalten hatte, dazu stand ich auch
+unter dem Eindrucke seiner wilden Schönheit, die sich immer dann am
+prächtigsten auftat, wenn das Blut in ihm zu kochen anfing. Erst nach
+einer Weile, als er sie mit einem milderen Blick musterte, in dem etwas
+kalt wollüstig Abschätzendes war, gewann ich mich selbst wieder, trat
+vor und sagte: »Warum erschreckst du das Fräulein, Vater, das ohne böse
+Absicht als eine Bittende zu uns gekommen ist? Erlaube, daß ich ihr den
+Vogel suche und sie dann wieder heimbegleite.«
+
+Mein Vater sah mich scharf an, und ich glaube, daß er in diesem
+Augenblick alles durchschaute, was ich fühlte, wünschte und hoffte, und
+vielleicht auch, welchen Ausgang es nehmen würde, denn es schlich sich
+ein mehr mitleidiges und vorwurfsvolles als spottendes Lächeln um seinen
+Mund; aber er winkte mir nur mit der Hand, zu gehen, ohne noch einen
+Blick auf das Mädchen zu werfen. Sie drängte sich an mich und folgte
+mir, und als wir draußen waren, sahen wir uns heimlich lachend an und
+schüttelten uns wie Kinder, die Schelte bekommen haben; dann liefen wir
+spornstreichs mitten in die Heide hinein.
+
+Das tote Flämmchen hatte ich bald gefunden und aus dem Sande
+herausgewühlt, von dem es nur eben bedeckt gewesen war; danach setzten
+wir uns auf das samtbeschlagene Gerüst, das in der Dämmerung hoch und
+schwarzrot dastand, und blickten auf das gleichmäßig brandende Meer.
+Ich erzählte ihr dunkle Geschichten von den Männern und Frauen, die
+seit Jahrhunderten auf diesem Stück Heide von meinen Vorvätern waren
+hingewürgt worden, die ich zum Teil in meiner Kindheit von unsern
+Knechten gehört hatte. Die Seelen der Gerichteten hausten im Meere,
+sagte ich, die meisten hielten sich dicht am Ufer, und wenn frisches
+Blut vergossen würde, schlichen sie sich nachts heran und tränken davon
+in schrecklicher Lüsternheit nach dem irdischen Leben. Die Ferne war
+schwarz bis auf einen weißgelben Streifen, der wie ein einsamer Pfad
+über die dunkeln Berge der Ewigkeit schimmerte; aber dicht vor uns
+bewegten sich vom Wasser her über das Heidegestrüpp kriechende Nebel,
+die man in Wirklichkeit für geisterhafte Phantome hätte halten können.
+Einige schienen verzweifelt die dünnen stehenden Arme zu ringen, während
+sich andre auf die Erde gekrümmt, verstohlen, ihrer verfluchten Blutgier
+sich schämend, auf uns zuschlichen. Über diesen Anblick begann Wunneke
+plötzlich sich zu fürchten, und ich geleitete sie in Sicherheit heim,
+versprach ihr aber zuvor, daß ich Flämmchens zeitliche Überreste auf dem
+nächsten Gottesacker ordentlich und lieblich bestatten wollte, was ich
+mir unter dem Schutze des Totengräbers, den ich gut kannte, wohl
+auszuführen getraute.
+
+Dieser gestand mir auch gleich alles zu, um was ich ihn bat, und nachdem
+ich ihn in seiner Gefälligkeit noch durch ein namhaftes Trinkgeld
+bestärkt hatte, wählte ich mir ein Plätzchen an der Hecke aus, wo lauter
+alte, verfallene Gräber lagen, um die sich niemand mehr bekümmerte. Dort
+warf ich ein schmales Hüglein auf und bepflanzte es über und über mit
+blühenden Astern, daß es wie ein einziger großer Blumenstrauß aussah.
+Am folgenden Abend kam Wunneke, wie sie mir aus freien Stücken angesagt
+hatte, und wir setzten uns auf einen halb eingesunkenen Stein unter
+einer hohen Pappel, die der Wind rauschend auf und nieder bewegte. Welke
+Blätter sausten in Schwärmen an uns vorüber, und weiterhin sahen wir sie
+wie ein dunkles Gewölk über die bleichen Gräber jagen. Vielleicht war
+die feuchte, gärende Luft voll von den Lebenskeimen aller der Begrabenen,
+die seit Jahren und Jahrhunderten hier moderten, denn mir war es, als
+saugten wir mit jedem Atemzuge mehr treibenden, schwellenden Drang in
+uns hinein. Bis dahin hatte ich sie noch nicht ein einziges Mal berührt,
+und jetzt auch hätte ich es nicht getan, wenn sie sich mir nicht selber
+an die Brust geworfen und meine ehrlosen Mordknechtshände mit Küssen
+bedeckt hätte.
+
+Aber trotzdem sie nun viele Abende, ich erinnere mich nicht mehr, wie
+viele es waren, zu mir auf den Kirchhof kam, wurde ich immer trauriger.
+Ich mußte immer darüber nachdenken, ob sie wohl zärtlicher gegen mich
+sei, als sie gegen Flämmchen gewesen war, und ob sie mich wohl so innig
+liebkosen würde, wenn Flämmchen noch lebte, und ob sie wohl gerade das
+an mich gezogen hätte, daß ich verfemt war, und meinen Leib, so jung und
+schön er war, anzurühren Schande und Tod brachte. Sie übrigens meinte es
+treu mit den überschwenglichsten Liebesworten, wie sie denn ganz unfähig
+gewesen wäre, Liebe zu heucheln. Alles, was folgte, war einzig meine
+Schuld, denn ich wußte schon damals, was sie nicht wußte, nämlich, daß
+sie mich nicht liebte, mich nicht liebte, trotzdem sie es mir allabendlich
+heilig beteuerte. Ein einziges Mal hatte ich den Mut, es ihr zu sagen,
+worauf sie mich wohl eine Minute lang nachdenklich und erschrocken
+ansah; dann stürzten ihr plötzlich Tränen aus den Augen, und sie umarmte
+mich, als ob sie mich nicht mehr von sich lassen wollte. Während ich
+bebend die kühle Tränenflut über mein Gesicht rinnen fühlte, sagte sie
+unter Schluchzen, wie sie mich liebte, ewig, ewig nur mich, wie wenn ich
+ein goldener Stern des Himmels wäre, der nachts zu ihr herunterstiege,
+um sich von ihr küssen zu lassen. Auf meine Frage, weshalb sie weine,
+wußte sie nichts zu erwidern. Aber das war das merkwürdigste, daß ich
+seitdem, obwohl ich nie mehr darauf zurückkam, noch weniger an ihre
+Liebe glaubte als vorher. Und daß ich recht hatte, zeigte sich nun bald,
+nachdem der Totengräber mich verraten hatte.
+
+Der Totengräber war ein kurzes, dickes Männchen mit dickem Kopfe, nicht
+böse, nicht gewinnsüchtig, nicht streitsüchtig noch schadenfroh, obwohl
+er lauter Handlungen beging, aus denen man das und Ärgeres hätte
+schließen müssen. Nur war er hilflos und unberaten, tappte blindlings
+und tolpatschig ins Leben hinein, bis er plötzlich an ein beliebiges
+Steinchen im Wege anstieß, zur Besinnung kam und nun plötzlich von
+unaufhaltsamer Angst überfallen wurde, daß er eine große Unvorsichtigkeit
+begangen habe, in diese oder jene Falle geraten werde und überhaupt
+verloren sei. In solchen Augenblicken schonte er niemand, denn er
+glaubte alle samt und sonders wider sich verschworen und konnte andre
+ins Verderben stürzen, während er sich für ein armes Opfer hielt,
+das eben schlau genug sei, sich aus der Schlinge zu ziehen. Er hatte
+ein paar runde, braunglänzende Augen, denen er den Ausdruck alles
+durchdringender Pfiffigkeit zu geben suchte, obgleich er eigentlich gar
+nichts mit ihnen sah oder beobachtete. Aber er wollte um jeden Preis die
+Dummheit, die er deutlich in sich spürte, vor der Welt verbergen, damit
+er nicht übervorteilt und ausgelacht würde.
+
+Er hatte mir damals bereitwillig die Erlaubnis gegeben, den Papagei
+auf dem ihm unterstellen Kirchhof zu begraben, mir sogar geholfen,
+das kleine Grab zu graben und den Hügel aufzuwerfen. Er hatte sich,
+außerordentlich dabei belustigt, und wenn Wunneke kam, pflegte er mir
+heimliche Zeichen zu machen, in sich hineinzukichern und sich die Hände
+zu reiben; ohne daß ich ihn darum gebeten hätte, ließ er um unsertwillen
+die Friedhoftür länger geöffnet als gewöhnlich und schloß sie hinter
+uns, kurz, er war uns in jeder Hinsicht bei der Ausführung unsrer
+Zusammenkünfte behilflich. Plötzlich nun klärte ihn seine Frau, die
+hinter die Sache gekommen war, darüber auf, was das eigentlich auf sich
+habe und was für unübersehbare und verderbliche Folgen daraus entstehen
+könnten. Denn daß ich des Scharfrichters Sohn war, wußte sie so gut, wie
+sie sah, daß Wunneke ein vornehmes Fräulein war; das allerärgste schien
+ihr aber merkwürdigerweise das zu sein, daß wir den Vogel in geweihter
+Erde begraben hatten.
+
+Die warnenden Reden seiner Frau erschreckten den Totengräber so, daß er
+schnurstracks, um Leib und Leben zu retten, hinlief und seine Anzeige
+vor Gericht machte. Er erzählte aufs glaubwürdigste, wie ich ihn mit
+nacktem Schwert bedroht hätte, weil er den Greuel nicht hätte dulden
+wollen, wie aber sein Gewissen ihm keine Ruhe gelassen hätte, besonders
+seit das feine Fräulein in meiner Gesellschaft gewesen wäre, das leider
+wohl auch ein Opfer meines Frevelmutes sein möchte. Als ich, ohne
+hiervon einen Verdacht zu haben, plötzlich vor einen heimlichen Rat
+gestellt wurde, war ich nicht wenig bestürzt, konnte mich aber doch so
+weit fassen, daß ich beschloß, nichts auszusagen, was Wunneke gefährlich
+werden könnte. So kam es, daß ich auf die Frage, was mich bewogen hätte,
+einen ganz gemeinen ausländischen Vogel an heiliger Stätte zu begraben,
+antwortete -- denn es wollte mir in der Bedrängnis und Eile nichts
+Besseres einfallen -- das hätte ich getan, weil ich es ihm auf dem
+Schafott in seiner Sterbestunde als seinen letzten Wunsch tröstlicherweise
+versprochen hätte. Dies Geständnis rief ein gewaltiges Erstaunen hervor,
+und es wurden Beratschlagungen veranstaltet, wie meine Worte aufzufassen
+wären. Viele erinnerten sich, daß ich in der Tat mit gezücktem Schwerte
+einige Augenblicke gezögert und, dem Papagei ins Auge blickend, mit dem
+Zuschlagen gewartet habe, gerade als ob ich Zwiesprache mit ihm pflöge,
+so daß meiner Aussage wohl Glauben zu schenken sei; wie denn überhaupt
+nicht wenige wegen meines überaus hübschen und freundlichen Aussehens
+mir wohlwollten. Daß der Papagei der Sprache mächtig gewesen sei und
+auch vernünftig habe reden können, sei ohnehin bewiesen, meinten diese,
+denn sonst hätte er ja den kaiserlichen Vogt nicht verlachen und
+beschimpfen können. Ob das vernünftig reden heiße, ihn und Seine
+Majestät zum besten haben, grollte Herr Quarre; worauf sich jene wieder
+verantworteten, daß man vernünftig, das heißt vernünftigen Inhalts,
+und vernunftgemäß, das heißt den Gesetzen des Denkens entsprechend,
+unterscheiden müsse. Indessen blieb man doch, selbst wenn es festgestellt
+sei, daß der Papagei hätte vernünftig denken und reden können, im
+Zweifel darüber, ob seine Gedanken sich auch auf das Jenseits und ein
+ewiges Leben erstrecken können, welche Frage wiederum die Geistlichkeit
+sollte zu entscheiden haben.
+
+Noch sehe ich in meiner Erinnerung den Propst eintreten mit seiner
+hohen, etwas gebeugten und zierlich gebauten Gestalt in den prächtigen
+Ratssaal, und wie er mit seinen Feueraugen umhersah und alles ruhig und
+geschwinde musterte. Halbversunken waren diese alten Augen, und die
+Blicke kamen aus der Tiefe hervor wie Drachenzungen aus einer dunkeln
+Höhle, nur daß sie keinerlei Gift oder Bosheit an sich hatten, aber
+scharf, schnell und sicher trafen sie ins Herz. Als ich sie auf mir
+ruhen fühlte, nachdem man ihm meine Aussage samt allen daran geknüpften
+Bedenklichkeiten vorgetragen hatte, wurde es mir ganz wohl und
+glückselig zumute, und es schien mir auf einmal alles nichts weiter
+als ein schönes Fastnachtsspiel zu sein, dem ich zuschauen dürfte.
+
+Warum, begann sogleich der Propst, ohne auf dem ihm dargebotenen Sessel
+Platz zu nehmen, die Hände auf den langen Ratstisch gestützt, warum
+sollte es eine Sünde sein, den hübschen Papageien auf den Gottesacker zu
+begraben, da er doch kein Türke, Heide oder Jude, sowie kein Henker,
+Selbstmörder, Hexenmeister oder Seiltänzer gewesen sei?
+
+Der Vorsitzende erwiderte, Flämmchen sei allerdings nur ein Vogel
+gewesen, aber ein von Rechts wegen geköpfter; worauf der Propst
+erklärte, man müsse die Strafe anders ansehen als eine über Menschen
+verhängte, denn einem Menschen würde ein so kleines Vergehen nicht mehr
+als einen Verweis oder eine Ohrfeige eingetragen haben, was aber hätte
+man mit einem Vogel anfangen sollen? Geld besäße er keines, und gefangen
+wäre er so wie so, jede Körperstrafe würde aber in Ansehung seines
+gebrechlichen Leibchens ohnehin in Todesstrafe ausgeartet sein. Also sei
+er eigentlich nur zufällig und aus Not geköpft und brauchte das weiter
+keine Entehrung über den Tod hinaus im Gefolge zu haben.
+
+Aber ob eben ein Vogel schlechthin würdig sei, auf dem christlichen
+Friedhof begraben zu werden, das sei die Frage, wandte der Vorsitzende
+ein.
+
+Wie? sagte der Propst, ob man denn nicht wisse, daß der Heilige Geist in
+Gestalt einer Taube die Menschen heimsuche? Wer könne wissen, ob nicht
+in jenen antipodischen Ländern, wo es vielleicht keine Tauben gäbe, der
+Geist durch Papageien verbreitet würde? Jedenfalls sei erwiesen, daß ein
+Vogel nichts Unreines sei, sonst würde es dem Heiligen Geist nicht
+belieben, hineinzufahren, und es sei die Frage, ob nicht mancher Christ
+in der geweihten Erde liege, in dem er vor aufgehäuftem Unrat nicht
+hätte hausen mögen noch können.
+
+»Flausen!« rief nun der kaiserliche Vogt, kirschbraun im Gesicht und
+mit starrendem Schnurrbart, »Tiere sind Tiere und gehören auf den
+Schindanger, wenn sie nicht nach Gottes Ordnung als Speise gegessen
+und verdaut werden.«
+
+Jetzt aber beugte sich der Propst weit vor, so daß er dem Vogte dicht in
+die Augen sah, und sagte, indem er seine feine Hand zur Faust ballte und
+fest auf die Bibel legte, die zum Zwecke der Eidesleistung der Zeugen
+auf dem Ratstische lag: »Es steht geschrieben im ersten Buche Moses: Und
+Gott sprach zu Noah, ich richte einen Bund mit euch auf und mit allem
+lebendigen Tier bei euch an Vögeln, an Vieh und an allen Tieren auf
+Erden bei euch, daß hinfort keine Sündflut mehr kommen soll, die die
+Erde verderbe. Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken, der soll das
+Zeichen des Bundes sein zwischen mir und der Erde. -- Gott in seiner
+Majestät also hat mit Vögeln und andern Tieren einen Bund geschlossen,
+wie man mit Ebenbürtigen zu tun pflegt, und wir, vor Gott nichts als
+Tiere, denen er mit seinem Atem ein wenig Licht in die Seele geblasen
+hat, besinnen uns, ob wir einem guten Papageien zwischen andern armen
+Sündern seine Ruhe lassen wollen!«
+
+Nach einer Pause, während deren kein Wort, nicht einmal ein Räuspern
+laut wurde, fügte der Propst, indem er die Stimme etwas fallen ließ,
+gelassener hinzu, gleichsam als einen überflüssigen Beweis ohnehin
+offenbarer Wahrheit: »Gott hat den Lieblingen seiner Schöpfung, den
+Vögeln, das überirdische Luftreich zur Wohnung angepriesen; sollten wir
+schmutzige Kriechtiere ihnen eine Handvoll schwarzer Erde mißgönnen?«
+
+Alle waren sehr beschämt und blickten vor sich nieder, ausgenommen der
+kaiserliche Vogt, der trotzend die Augen rollte und den Mund spitzte,
+als ob er pfeifen wollte, was er denn freilich doch nicht in Ausübung
+setzte. Der Propst hob die Sitzung auf, indem er sagte: »Es ist dies
+meine erwogene Meinung, daß Lütte Grave wegen eigenmächtiger Beerdigung
+des Papageien nicht zu bestrafen sei, vielmehr sogleich der Freiheit
+zurückgegeben werden sollte.«
+
+Mit diesem unschädlichen Ausgang wäre aber dem Vogte nicht gedient
+gewesen, der liebte, daß auch etwas Ordentliches dabei herauskam, wenn
+einmal zu Gericht gesessen wurde, und ebenso schürte der Totengräber,
+daß man das angezündete Feuer beileibe nicht ausgehen lasse. Denn
+dieser, der von der ganzen Verhandlung nichts verstanden hatte, war bei
+sich überzeugt, wenn ich freigesprochen würde, ginge es ihm an den Hals,
+einer müsse das Opfer sein, und natürlicherweise wünschte er sehnlich,
+daß ich es wäre. Also fingen diese wieder an, von dem Fräulein zu reden
+und nachzuforschen, wer diese gewesen sein könne, und da geschah es
+denn, daß Wunneke ihrem Vater alles gestand. Nicht weil die Liebe zu
+mir sie überängstlich und besinnungslos gemacht hätte, sondern weil
+sie hoffte, ihr Vater, der Bürgermeister, könne die ganze Sache
+niederschlagen, damit nichts an den Tag käme, und es sei, wie wenn
+nichts geschehen wäre. Sie hatte sich aber in ihrem Vater verrechnet;
+dieser war zwar gutmütig und unentschlossen im Handeln, so daß er sich
+tagelang besann, bevor er einen vorlauten Schwätzer ein Stündchen am
+Pranger stehen ließ, wenn aber einmal eine Leidenschaft in ihm aufgeregt
+wurde, die seine schwere Maschine in Tätigkeit setzte, war er wie eine
+losgeschossene Bombe, Feuer und Verderben im Bauche, die sich nicht
+halten läßt, bis sie ihr Ziel erreicht und alles zusammengeäschert hat.
+
+Ohne zu denken, was für Folgen daraus für seine Tochter erwachsen
+könnten, bezeichnete er mich als ihren Verführer, ließ mich in den
+Kerker werfen und verlangte mit derselben Erbitterung mein Blut fließen
+zu sehen wie damals der Vogt das des armen Papageien. Damit hatte er
+aber einen Gegner in die Schranken gerufen, der mächtiger als alle war,
+nämlich meinen Vater.
+
+Ich sollte ohne Sorge sein, sagte er mir, es würde mir kein Haar
+gekrümmt werden, denn die Herren wüßten, sagte er, daß er auf meinem
+Grabe so lange Menschen schlachten und Blut vergießen würde, bis ich
+selbst mein Haupt aus der Erde hübe und sagte: Ich bin gesättigt.
+Dergleichen wilde Prahlereien kamen mir halb komisch, halb grausig vor,
+aber ich glaubte in Wahrheit, mein Vater würde schon Mittel und Wege
+finden, mich zu erretten, so daß ich in aller Gemächlichkeit dahinlebte,
+bis ich eines Abends erfuhr, was mein Vater im Schilde führte und wie
+er, um mich zu retten, mich als erstes Opfer mit den Füßen zertrat.
+
+Es war der Abend, als sich die Tür auftat und Wunneke zu mir eintrat,
+nicht mehr ein blühender Veilchenstrauß, den Kinder und Frauen im
+Triumphe geleiten, sondern wie ein losgerissenes Blatt, vom Nordwinde
+hereingeblasen, wie ein Seufzer über die Erde huschend, todmüde und
+ruhelos kam sie herein, setzte sich neben mich und weinte. In einem
+Augenblick fühlte ich die höchste Seligkeit, da ich sie sah, und
+Todesschmerz, als ich inne wurde, was mit ihr vorgegangen war und was
+sie wollte. Noch ehe sie ein Wort gesprochen hatte, wußte ich, daß sie
+mich nicht mehr liebte und daß sie gekommen war, es mir zu sagen und
+mich um Verzeihung zu bitten. Wenn es nur das gewesen wäre! Aber nachdem
+ich ihr freundlich gesagt hatte, daß ich ihr nicht zürnte, sah sie mich
+immer noch mit beschwörenden Augen an, als sei das von allem das
+Geringste gewesen, als sollte ich noch mehr erraten. Nichts warnte mich,
+nichts brachte mich darauf; erst als sie es mir gestanden hatte, stand
+es hell vor meinen Augen, als ob ich es immer gewußt hätte, daß sie ihn,
+meinen Vater, liebte.
+
+Sowie er erfahren hatte, daß mein Leben in Gefahr war, hatte er es
+ermöglicht, sie zu sehen und zu sprechen, hatte sie gemahnt an das, was
+er ihr angedroht hatte, und ihr mit entsetzlichen, mitleidlosen Anklagen
+die Seele zermalmt. Seine Forderung war, daß sie mich unter dem
+Schafott, wie es das Recht gestattete, für sich zum Manne begehrte und
+mit mir außer Landes ginge; für Geld, um uns draußen weiterzuhelfen,
+wollte er schon sorgen. Sich ihm zu widersetzen, fehlte ihr der Mut,
+weniger aus Furcht oder weil sie sich im Unrecht wußte, sondern aus
+sklavischer Liebe, die ihr das Mark aus den Knochen gezogen hatte. In
+ihrer Not kam sie zu mir und klagte, daß sie zwar alles tun und auch mit
+mir entfliehen wollte, meine Frau aber nicht werden könnte mit der
+fürchterlichen Flamme für meinen Vater im Busen. Nachdem das Geständnis
+einmal von ihren Lippen gekommen war, wurde es ihr sichtlich leichter
+ums Herz, sie drängte sich zutraulich an mich und erzählte mir, wie
+alles gekommen war, und von ihrem Zustande und Leiden, als ob ich ihr
+Bruder wäre. Seine Blicke voll wütender Verachtung, seine strafenden
+Worte hatte sie zu seinen Füßen aufgesammelt, die Stacheln in die Brust
+gedrückt, Dornenkränze daraus geflochten und sich aufs Haupt gesetzt.
+Ich kann nicht sagen, wie groß mein Haß und meine Liebe war. Aber erst
+nachdem sie mich verlassen hatte, kam es aus meinem Gemüt herausgequollen
+und überschwemmte meine Seele. Ich preßte mich mit ganzem Leibe an die
+kalte Mauer und gab mich ohne Widerstand meinem Jammer hin; unter
+tausend Einfällen und Gedanken kam es mir wieder zu Sinne, wie sie
+meinem Vater das erstemal gegenübergestanden hatte und wie, während sie
+blaß, erschrocken und ohne Worte auf ihn schaute, sein Blick plötzlich
+wie mit kostenden Zungen an ihr heruntergeglitten war. Es schien mir
+zweifellos, daß er darum wissen mußte. Warum hatte ich sie von mir gehen
+lassen? Wußte ich nicht, daß er sie zu mir begleitet und draußen im Hofe
+des Kerkers auf sie gewartet hatte? Denn wie wäre sie sonst zu mir
+gekommen?
+
+Auf einmal sah ich sie deutlich mit meinem inneren Auge nebeneinander
+die lange Straße über die Heide gehen. Der Wind fuhr hinter ihnen her
+und lüftete den schwarzen Mantel meines Vaters, daß er wie eine Wolke
+über ihren Häuptern flatterte. Sie gingen den graden unabsehbaren Weg,
+von dem ich als Kind geglaubt hatte, er habe kein Ende und führe ins
+Jenseits; und als sie an der Schmiede vorüberkamen, warf das Feuer einen
+roten Schein auf ihre Gesichter, und ich konnte erkennen, wie sie sich
+mit starren verlangenden Augen ansahen. Das alles war viel näher und
+springender vor mir, als wenn ich es in Wirklichkeit gesehen hätte, die
+beiden heißbeleuchteten Gesichter waren so dicht, daß ich das blanke
+Weiß in ihren Augen sah, und wollten sich nicht verscheuchen lassen, bis
+meine Tränen hinüberflossen und sie auslöschten.
+
+Da waren Eifersucht, Haß und Wut ganz vorbei, und ich fühlte nichts
+weiter als eine grenzenlose Verlassenheit in meinem Herzen. Es schien
+mir, als wäre ich mein Leben lang in diesem Kerker gewesen und hätte
+nie einen andern Freund gehabt als die geduldige Spinne, die in einer
+Ecke des Kerkers ihr Netz hatte. Als hätte niemand je mich freundlich
+angesehen, niemand mein feines Angesicht und meinen schlanken Körper
+gelobt, und doch würden meinem Herzen bei der leisesten Liebkosung
+glitzernde Tränen des Glückes entströmen. Es hätte klingen können,
+lauter wie eine Glocke, läuten, daß die blauen Luftwellen aufgerauscht
+und am roten Ufer der Sonne gebrandet wären -- aber nun war es vermauert,
+und niemand würde es je hören, begraben war es schon, eh noch das
+Todesurteil an mir vollstreckt war.
+
+Ich konnte somit wohl gelassen sein, als mir das Urteil verkündet wurde,
+und war es wirklich im Innern so sehr, daß mir nur eine schwache
+Erinnerung davon geblieben ist. Aber bald darauf kam mein Vater, dessen
+ich in diesen Tagen so oft mit Bitterkeit, Fluch und Raserei gedacht
+hatte; kaum daß ich seinen Schritt und seine Stimme vernahm, die mich
+anrief, vergaß ich alles und warf mich an seine Brust, wie ich als Kind
+getan hatte. Wie aus einem leichten Schlummer heraus, hörte ich, was er
+erzählte: wie sie einen Scharfrichter aus dem Nachbarland hätten kommen
+lassen, unter dem Vorwande, daß ein Henker nicht könne gezwungen werden,
+seinem eignen Kinde den Kopf vom Rumpf zu schlagen, daß er aber
+Einspruch getan hätte, weil der Ordnung nach in unsrer Stadt Gebiet kein
+Richtschwert von Rechts wegen schalten dürfe als das seine, ferner wie
+sie ihn fürchteten und wie ich ohne Sorge sein sollte, da er alles aufs
+beste eingerichtet hätte und es nicht fehlschlagen könne. Solange er bei
+mir war, glaubte ich alles Gute, aber sowie er fortging, schwand mir die
+Hoffnung wie ein Licht, das einer im Lämpchen einen langen dunkeln Gang
+hinunterträgt; schwächer und bleicher wird der Schimmer, bis er endlich
+in der Dunkelheit verrinnt.
+
+Ich wußte sicher, daß ich sterben müsse, und glaubte es vollends, als
+ich das Folgende gesehen hatte: Am Abend nämlich vor dem Tage meiner
+Hinrichtung geschah es mir noch einmal, daß ich mich von mir selber
+loslöste und über die Heide ging, während mein Körper bewußtlos auf den
+Strohbündeln des Kerkers lag. Ich ging schnell und trotzdem langsamer
+als der graue Schatten einer Wolke, der vor mir her lief. Sie flog, als
+wenn ein Sturm sie vor sich her bliese, obwohl es ganz windstill war;
+nur weiter weg, wo das Meer war, pfiff ein dunkles Sausen. Ich fühlte
+mein kleines furchtsames Kinderherz in der Brust, das vor vielen Jahren
+so angstvoll geschlagen hatte, wenn ich abends allein die lange Straße
+gehen mußte, und freute mich so wie damals, als ich ein Licht vom Hofe
+meines Vaters in der Ferne erblickte. Indessen war es, als ich näher
+kam, das Feuer der Schmiede, das ungewöhnlich hoch brannte, und wie ich
+neugierig hinzutrat, sah ich meinen Vater davorstehen und sein großes
+Schwert schärfen, während der Schmied mit der Zange die Glut schürte.
+Ich wußte wohl, daß mein Vater das Schwert für mich gebrauchen wollte,
+aber das kümmerte mich nicht; ich starrte ihn nur bewundernd an, wie
+schrecklich schön er aus diesem Höllenscheine ragte. Erst als mein Blick
+auf seine Hand fiel, die mit dem Hammer mitten durch die Flamme fuhr und
+aussah wie von Blut überströmt, kam es mir in den Sinn, daß er mit
+derselben meine Mutter erwürgt hatte und nun mich, ihr armes Kind, töten
+wollte, und Haß und Rache stiegen in mir auf, so heftig und plötzlich,
+daß ich fast die Besinnung darüber verlor. Zugleich wußte ich aber auch,
+daß, so nah ich auch bei ihm stand, mein Vater mich nicht sehen konnte,
+ebensowenig wie ich ihn hätte anreden oder berühren können, und in
+diesem Gefühl von Ohnmacht brach ich in Tränen aus, die mir wie das
+erstemal das Bild auswischten.
+
+Am andern Morgen erwachte ich mit einem ungeduldigen Freudengefühl, weil
+ich nun Erde und Sonne wiedersehen sollte; was danach kommen würde, lag
+außerhalb meines Bewußtseins, und sowie mein Geist diese traurige
+Schattenregion betrat, schauderte er zurück, um sich wieder im Lichte
+zu baden. Was für ein Tag war es aber auch! Die Sonne war wie ein
+riesiger Springbrunnen am Himmel, der die Erde mit goldenem Schaumwein
+überflutete, so daß nicht nur die Menschen, sondern alles bis auf die
+Steine herab davon trunken war. Das Himmelsgewölbe glich einem blauen
+gläsernen Pokal, angefüllt mit dem funkelnden Safte der süßesten
+Sonnentrauben, damit die körperlosen Geister drüben sich den Rausch
+ewiger Seligkeit daraus tränken. Es war mir klar, daß die Menschenmenge,
+die die Heide erfüllte, nur deshalb hier zusammengelaufen war, um an
+diesem Festwein, den der Herrscher umsonst fließen ließ, sich satt
+zu trinken. An meiner Seite war der Propst, und am Wege stand der
+Totengräber, kläglich weinend und mit dem dicken Kopfe nach mir nickend,
+den ich wohl freundlich grüßte, aber ohne das mindeste dabei zu
+empfinden; denn meine Gedanken waren beschäftigt, auszumalen, daß ich,
+wenn ich da oben auf dem Gerüst stünde, das Meer überblicken würde.
+Ich hörte es schon rauschen und dachte, es erwartete mich, und wenn wir
+uns erblickten, würde es ein Wiedersehen geben, daß die Erde davon
+erzitterte. Wie ich nun die Stufen hinangesprungen war, sah ich es
+liegen; schwarz, denn während der Wind zu Lande nur mäßig ging, wühlte
+er mitten ins Meer hinein; aber durchsichtig schwarz wie Menschenaugen,
+und zuweilen loderte eine grüne Flamme in den blanken Wasserleibchen
+hinauf. Die Kähne, die am Ufer lagen, flogen auf und nieder, und man
+hörte das Klirren der Ketten, mit denen sie angebunden waren, durch das
+Brüllen der Brandung.
+
+Am höchsten gingen die Wellen da, wo der klotzige Leuchtturm aus dem
+Schwall starrte; sie sprangen an ihm in die Höhe und warfen sich
+klatschend gegen seine Mauer, daß sie zerbarsten und in schaumigen
+Fetzen mit den aufgeregten Möwen um seine Zinne flogen. Als sie meiner
+ansichtig wurden, faßten sie sich bei den kalten Händen und tanzten
+einen wilden Ringelreihen um den Leuchtturm herum, wobei sie mit
+gellenden Trompetenstimmen schrien: Tanz mit mir, Lütte Grave, tanz mit
+mir! und dazwischen pfiffen sie in gewissen springenden Rhythmen, wie
+kleine Jungen einander Zeichen zu geben pflegen.
+
+Während ich nichts andres fühlte und dachte, als wie ich zu diesen
+Kameraden gelangen könnte, war um mich herum allerlei vorgegangen, was
+mich betraf und was ich, als der Propst selber mich anfaßte und meine
+Aufmerksamkeit darauf lenkte, nach allem, was mir bekannt war, wohl
+erraten konnte. Ich sah auf einmal meinen Vater in schwarzer Amtstracht,
+sein Schwert unter dem Arme, und Wunneke nicht weit von ihm, die Augen
+starr auf ihn geheftet, und eine große Bewegung unter der Volksmenge,
+weil die Tochter des Bürgermeisters mich vom Schwerte losgebeten hatte
+zu ihrem Manne. Sie stand da, ohne sich zu rühren, festgeklammert in dem
+eisernen, unentrinnbaren Blick meines Vaters, der über sie herrschte,
+matt und glanzlos wie ein abgerissener, sterbender Schmetterling. Ich
+begriff, daß es nun auf mich ankam, ein Zeichen zu geben, ob ich wollte,
+und schüttelte heftig den Kopf zur Verneinung; das tat ich weniger, weil
+sie mich damals im Kerker angefleht hatte, daß ich sie nicht zur Frau
+nehmen sollte, denn merkwürdigerweise war ich jetzt eigentlich innig
+überzeugt davon, daß sie mich lieb hatte und lieber auch als meinen
+Vater -- als weil mir das alles so unendlich weit weg zu liegen schien,
+und so unwichtig und beinahe lächerlich kam es mir vor, daß so ungeheuer
+viele Menschen um so geringfügiger Sache wegen in Bewegung und Erregung
+waren. Ich hatte ein ganz leises süßes Gefühl zärtlichen Mitleids für
+Wunneke, aber nur so, wie man für ein Kind hat, das wegen eines
+Schmerzes weint, der in kurzen Minuten vorüber sein wird, und als der
+Probst mir dringlich zuflüsterte: Sag ja, Lütte Grave! rief ich laut
+und ärgerlich: Nein, nein, nein, ich will nicht! und fürchtete fast,
+sie würden mich mit Gewalt vom Schafott reißen und in ihr Gewühl
+hineinzerren, da ich den Bürgermeister heftige Zeichen und Winke geben
+sah. Diese bezweckten aber ganz etwas andres; denn nun stieg ein schwarz
+umhüllter Mann zu mir hinauf, der, von mir unbemerkt, dicht unter dem
+Gerüst bereitgestanden hatte und von dem ich sofort wußte, daß es der
+fremde Scharfrichter war, der gekommen war, um mir den Garaus zu machen.
+In diesem Augenblick änderte sich plötzlich alles in mir; es war, als ob
+sich alles Blut in meinem Körper in einer Springflut über mein Herz
+ergösse, eine solche Todesfurcht packte mich, so jäh anprallend, daß ich
+auf die Knie fiel und abwehrend meine Arme ausstreckte und auch, wie ich
+glaube, laut aufschrie. Ja, in diesem Augenblicke stand es mir fest,
+eher sollte die Welt untergehen, als daß ich den Tod erlitte. Aber
+gleich darauf, als mein Vater kam, war alles vorüber. Ich hörte ihn
+meinen Namen rufen und blickte nach ihm hin, der etwas weiter weg von
+mir gestanden hatte. Die Obrigkeit hatte in seiner Nähe eine Reihe
+bewaffneter Männer aufgestellt, für den Fall, daß er etwas Gewalttätiges
+unternehmen sollte; diese alle drängte er nun ohne Mühe beiseite, um
+sich den Weg zu mir zu bahnen. Da sah ich etwas Entsetzliches: ich
+sah, wie er den kaiserlichen Vogt, die Ratsherren allesamt, beide
+Bürgermeister und Wunneke im Vorbeigehen mit der Spitze seines Schwertes
+streifte, und erinnerte mich an das Gerede des Volkes, daß er damit,
+wen er wolle, auf das Blutgerüst bringen könne. Ich sah im Geiste über
+die graue Heide Blut rinnen, Blut, Blut und Blut, sah, wie sie es
+einschluckte, bis sie fett und feucht war wie dunkles Moos, und wie
+es zusammensickerte und in das Meer rann, daß es von grün rot wurde
+und purpurn und schwarz -- aber das war alles nur ein Bild, das wie
+ein Blitz kam und ging. Denn nicht eine Minute, nachdem mein Vater
+mich gerufen hatte, war er schon oben bei mir, packte den fremden
+Scharfrichter bei der Brust, warf ihn über das Gerüst hinunter und
+beugte sich über mich. Mir war zumute wie als Kind, wenn ich mich in
+einsamer Dunkelheit gefürchtet hatte und meinen Vater kommen sah: ein
+seliges Gefühl von Geborgensein wickelte mich ganz ein wie ein
+dunkelpurpurner Samtmantel. Dem kleinen Knaben Tells, als er sich von
+seinem Vater den Apfel vom Kopfe schießen ließ, kann nicht leichter und
+zutraulicher ums Herz gewesen sein als mir. Das letzte, dessen ich mich
+entsinne, war, daß ich auf das Pfeifen des Meeres horchte, wie es rief:
+Tanz mit mir, Lütte Grave! aber dumpfer als vorher, weil ich den Kopf
+auf den Block gelegt und der weite Mantel meines Vaters sich wie ein
+Vorhang über mir herabgelassen hatte.
+
+
+ Druck von der Offizin
+ Fr. Richter in Leipzig
+
+
+
+
+ [ Im folgenden wird die einzige geänderte Textzeile angeführt, wobei
+ zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile steht.
+
+ Hoffnung wie ein Licht, das einer im Lämpchen einen langengen dunkeln
+ Hoffnung wie ein Licht, das einer im Lämpchen einen langen dunkeln
+ ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Das Judengrab. Aus Bimbos
+Seelenwanderungen, by Ricarda Huch
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS JUDENGRAB ***
+
+***** This file should be named 33827-8.txt or 33827-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/3/3/8/2/33827/
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Alexander Bauer and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
diff --git a/33827-8.zip b/33827-8.zip
new file mode 100644
index 0000000..70f2d46
--- /dev/null
+++ b/33827-8.zip
Binary files differ
diff --git a/33827-h.zip b/33827-h.zip
new file mode 100644
index 0000000..5a8617f
--- /dev/null
+++ b/33827-h.zip
Binary files differ
diff --git a/33827-h/33827-h.htm b/33827-h/33827-h.htm
new file mode 100644
index 0000000..82359c3
--- /dev/null
+++ b/33827-h/33827-h.htm
@@ -0,0 +1,2577 @@
+<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
+ "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
+
+<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de">
+ <head>
+ <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" />
+ <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" />
+ <title>Das Judengrab / Aus Bimbos Seelenwanderungen, by Ricarda Huch&mdash;A Project Gutenberg eBook</title>
+ <style type="text/css">
+body { /* define a left and right margin */
+ margin-left: 17%;
+ margin-right: 17%;
+}
+
+.text-block {
+ max-width: 50em; /* prevent text from becomming to wide (does not work in IE6) */
+ margin: 120px auto;
+}
+
+h1,h2 {
+ text-align: center; /* all headings centered */
+ font-weight: normal;
+ clear: both;
+}
+
+h1 {
+ margin: 3.5em auto 1em auto;
+ font-size: 200%;
+}
+
+h2 {
+ margin: 0em auto;
+ font-size: 150%;
+}
+
+p {
+ text-align: justify;
+ text-indent: 2em;
+ margin-top: 0.5em;
+ margin-bottom: 0.5em;
+}
+
+p.noindent {
+ text-indent: 0em;
+}
+
+p.dropcap {
+ text-indent: 0em;
+ margin-top: 2em;
+}
+
+p.dropcap:first-letter {
+ font-size: 275%;
+ float: left;
+ margin: 0.15em 0.05em 0em 0em;
+ line-height: 0.5em;
+}
+
+hr {
+ width: 10em;
+ height: 1px;
+ margin: 1em auto 3em;
+ clear: both;
+ color: black;
+ background-color: black;
+ border: none;
+}
+
+.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */
+ /* visibility: hidden; */
+ /* define the position */
+ position: absolute;
+ right: 3%;
+ margin-right: 0em;
+ text-align: right;
+ /* remove any special formating that could be inherited */
+ font-style: normal;
+ font-weight: normal;
+ font-variant: normal;
+ letter-spacing: 0em;
+ text-decoration: none;
+ text-indent: 0em;
+ font-size: x-small;
+ /* never wrap this */
+ white-space: nowrap;
+} /* page numbers */
+.pagenum span { /* do not show text that is meant for non-css version*/
+ visibility: hidden;
+}
+.pagenum a {
+ display: inline-block;
+ color: #808080;
+ border: 1px solid silver;
+ padding: 1px 4px 1px 4px;
+}
+
+
+.bt { padding-top: 0.2em; border-top: solid 1px; }
+
+.bb { padding-bottom: 0.2em; border-bottom: solid 1px; }
+
+.center {text-align: center;}
+
+.gesperrt {
+ letter-spacing: 0.25em;
+ margin-right: -0.25em;
+ font-style: normal;
+ font-weight: normal;
+}
+
+/* Images */
+.figcenter {
+ margin: auto;
+ text-align: center;
+}
+
+.correction {
+ text-decoration: none;
+ border-bottom: 1px dashed #336699;
+}
+.correction-list { display: none; }
+
+.tnote {
+ text-align: justify;
+ border: 1px dashed #808080;
+ background-color: #eee;
+ padding: 0.7em;
+ margin: 60px 5% 60px 5%;
+ text-indent: 0em;
+}
+.tnote ul {
+ padding-right: 1em;
+ padding-left: 1em;
+ margin-left: 1em;
+ margin-bottom: 0em;
+}
+
+.tnote ul li { padding-top: 0.5em; }
+
+a:link { text-decoration: none; }
+a:visited { text-decoration: none; }
+a:link:hover { text-decoration: underline; }
+a:visited:hover { text-decoration: underline; }
+a:link:active { text-decoration: underline; }
+a:visited:active { text-decoration: underline; }
+.pagenum a:hover { text-decoration: none; }
+.pagenum a:active { text-decoration: none; }
+
+ @media print {
+ body{
+ margin-left: 4%;
+ margin-right: 9%;
+ margin-top: 1%;
+ margin-bottom: 1%;
+ }
+
+ .text-block { max-width: 40em; margin: 0em auto; }
+
+ pre, .dont_print {
+ visibility: hidden;
+ display: none;
+ }
+
+ .pagenum a {
+ color: #202020;
+ border: 0px;
+ padding: 0px;
+ }
+
+ a:link { text-decoration: none; color: black; }
+ a:visited { text-decoration: none; color: black; }
+ a:hover { text-decoration: none; color: black; }
+ a:active { text-decoration: none; color: black; }
+ .pagenum a:hover { text-decoration: none; }
+ .pagenum a:active { text-decoration: none; }
+
+ .correction { text-decoration: none; border-bottom: none; }
+ .correction-list { display: inline; }
+ .tnote ul li { padding-top: 0.7em; }
+
+ .break-before { page-break-before: always; }
+ .break-after { page-break-after: always; }
+ }
+ </style>
+ </head>
+<body>
+
+
+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Das Judengrab. Aus Bimbos Seelenwanderungen, by
+Ricarda Huch
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Das Judengrab. Aus Bimbos Seelenwanderungen
+ Zwei Erzählungen
+
+Author: Ricarda Huch
+
+Release Date: October 1, 2010 [EBook #33827]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS JUDENGRAB ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Alexander Bauer and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+</pre>
+
+
+
+<div class="text-block">
+<p class="tnote break-after" style="margin-top: 5em;"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b><br /><br />
+
+Es wurde größte Sorgfalt darauf verwendet den Text originalgetreu zu übertragen. Lediglich offensichtliche Fehler wurden korrigiert.
+<span class='dont_print'>Sämtliche vorgenommenen Änderungen sind <ins class='correction' title='so wie hier'>markiert</ins>, der Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.</span>
+Eine <a href="#Corrections">Liste aller Änderungen</a> befindet sich am Ende des Textes.</p>
+
+
+
+
+<h1>Das Judengrab<br />
+Aus Bimbos Seelenwanderungen</h1>
+
+<p class="center noindent" style="line-height: 1.7em;"><span class="gesperrt" style="font-size: 125%;">Zwei Erzählungen</span><br />
+von<br />
+<span class="gesperrt" style="font-size: 125%;">Ricarda Huch</span></p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 122px; margin-top: 6em;">
+<img src="images/logo.png" width="92" height="90" alt="Verlagslogo" />
+</div>
+
+<hr style="width: 24em; margin-top: 1em; margin-bottom: 0em;" />
+<p class="center noindent gesperrt" style="font-size: 120%; margin-bottom: 3em;">Im Insel-Verlag zu Leipzig</p>
+
+<p class="noindent break-after" style="width: 24em; padding-top: 0.25em; margin-top: 5em; margin-bottom: 5em; margin-left: auto; margin-right: auto;">
+<span class="bt" style="white-space: nowrap;">21.&ndash;30. Tausend</span>
+</p>
+
+
+
+<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_3" id="Page_3">3</a><span>] </span></span></p>
+<h2><a name="Das_Judengrab" id="Das_Judengrab"></a>Das Judengrab</h2>
+
+
+<p class="dropcap">In Jeddam gab es nur einen einzigen Juden, der auf
+folgende Weise dorthin verschlagen war: Seine Frau,
+mit der ihn treueste Liebe verband, war aus Jeddam gebürtig,
+und als ihr Vater mit Hinterlassung bedeutender
+Ländereien starb, war es wünschenswert, daß sie sich zur
+Regelung ihrer Erbschaft selbst hinbegebe. Mit der Möglichkeit,
+das Vaterhaus wiederzusehen, erwachte in ihr das
+Heimweh, und die Familie, die aus Vater, Mutter und
+zwei kaum erwachsenen Kindern bestand, trat die weite
+Reise an. Da nun der Ort Jeddam, mit mehr dörflichem
+als städtischem Charakter, so trotzig und anmutig zwischen
+mäßig hohen Bergen, reichen Saatfeldern und grünen Geländen
+lag, die das Flüßchen Melk bewässerte, und da die
+Frau sich in ihrer vertrauten Kinderheimat so wohl fühlte,
+willigte der gutmütige Mann ein, ganz und gar überzusiedeln.
+Er konnte freilich nicht daran denken, das große
+Gut seiner Frau selbst zu bewirtschaften, sondern stellte dazu
+einen jungen Verwalter an, während er selbst ein Geschäft
+in dem Ort eröffnete, wie er es früher betrieben
+hatte. Da es ein solches in Jeddam bisher nicht gegeben
+hatte und die Einkäufe in der nächsten größeren Stadt
+besorgt worden waren, hätte das Geschäft wohl gedeihen
+können, wenn nicht der Inhaber ein Jude gewesen wäre,
+von welchem Volke die Bewohner von Jeddam durchaus
+nichts wissen wollten. Verkauft wurde zwar genug, aber
+wenig bezahlt, und wenn Herr Samuel die ausstehenden
+Gelder einklagen wollte, mußte er erleben, daß sich die
+Behörden seiner nicht annahmen und er höchstens Prozeßkosten
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_4" id="Page_4">4</a><span>] </span></span>zahlen mußte, ohne zu seinem offenkundigen Recht
+kommen zu können. Es machte ihm oft Sorgen, was daraus
+werden sollte, und er wäre gern mit den Seinigen auf und
+davon gegangen, wenn er gewußt hätte, wie er in dieser
+feindseligen Umgebung zu seinem Gelde kommen und die
+Güter seiner Frau ohne zu großen Schaden verkaufen sollte.</p>
+
+<p>Eine Reihe von Jahren ging es so weiter, bis eines Tages
+Herr Samuel krank wurde und nach dem Arzte im nächsten
+Städtchen schickte; als er auf seine zweite Bitte, schleunig
+zu kommen (denn die erste hatte keinerlei Erfolg gehabt),
+die Antwort erhielt, der Doktor sei sehr beschäftigt und bedaure,
+dem Rufe nicht Folge leisten zu können, wurde es
+ihm unheimlich zumute, und er bedachte zum ersten Male
+gründlich, wie er hier elend sterben und verderben könne.
+Während die Familie sorgenvoll und ratschlagend um sein
+Bett herumsaß, sagte er: &bdquo;Das beste wäre, da ich doch einmal
+krank bin, wenn ich stürbe, dann könntet ihr unangefochten
+hier leben und glücklich sein.&ldquo; Seine Frau Rosette
+und die beiden Kinder, Anitza und Emanuel, verwiesen ihm
+so zu reden, da sie ohne ihn auch im Paradiese nicht glücklich
+sein könnten, und Herr Ive, der Verwalter, der Anitzas
+Verlobter war, sagte, daß es auch deshalb unrichtig sei,
+weil die Bewohner von Jeddam die abtrünnige Frau, die
+einen Juden geheiratet hatte, und dessen Kinder ebensowenig
+unter sich leiden möchten wie ihn selber.</p>
+
+<p>&bdquo;Wie wäre es aber,&ldquo; sagte Anitza, &bdquo;wenn wir dich, Vater,
+als tot ausgäben und begrüben, während du heimlich in
+deine Heimat zurückkehrtest, und Ive, als unser natürlicher
+Freund und Vormund, unsre Angelegenheiten ordnete und
+uns dann zu dir führte?&ldquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_5" id="Page_5">5</a><span>] </span></span>Herr Samuel wollte anfänglich von solchen Schlichen
+nichts hören, aber da der Verwalter erklärte, er getraue
+sich wohl, die Sache zu einem guten Ende zu bringen, und
+da Frau und Kinder zu dem Abenteuer, mittels dessen zugleich
+denen von Jeddam ein Streich gespielt wurde, voll
+Lust und Ungeduld waren, willigte er schließlich ein, es ins
+Werk zu setzen. Kaum war er wieder einigermaßen hergestellt,
+als er nächtlicherweile Jeddam verließ; es glückte ihm,
+unbemerkt zu dem nächsten größeren, am Meere gelegenen
+Ort zu gelangen, wo er sich einschiffte.</p>
+
+<p>Unterdessen stopften Frau Rosette und Anitza mit Herrn
+Ives Hilfe einen netten Balg aus, befestigten eine passende
+Larve mit einem Bart aus Roßhaar vor dem Strohkopfe
+und legten diese Figur, in ein reinliches Sterbehemd gekleidet,
+auf Herrn Samuels Bett. Die Larve bedeckten sie
+mit einem Schnupftuch, doch die wachsenen Hände, die sie
+der Echtheit und Ähnlichkeit halber mit dem schönen Diamantring
+geschmückt hatten, den Samuel auf dem Zeigefinger
+zu tragen pflegte, blieben sichtbar. Der Betrug wäre wohl
+doch entdeckt worden, wenn das Haus des Juden nicht wie
+das eines Aussätzigen gemieden worden wäre; als die Nachricht
+von seinem Tode ausgesprengt war, fehlte es zwar
+nicht an Neugierigen, aber sie hielten an sich und spähten
+aus der Ferne, so daß nur die eignen Dienstboten scheu von
+der Türschwelle aus den künstlichen Leichnam betrachteten.</p>
+
+<p>Demnächst begab sich Herr Ive zum Gemeinderat, um
+den Tod des Herrn Samuel anzuzeigen und die Beerdigung
+zu bestellen, wurde dort aber an den Pfarrer verwiesen, der
+diese Dinge zu erledigen habe. Der Pfarrer war ein Mann
+mit dichtem, lockigem Haar und kurzer, hölzerner Stirn
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_6" id="Page_6">6</a><span>] </span></span>über einem breiten Gesicht, für gewöhnlich schweigsam,
+nicht aus Neigung oder Anlage, sondern weil er nichts zu
+sagen wußte. Seine großen Augen flackerten ängstlich und
+bekümmert vor der großen Leere seines Schädels, und er
+war im ganzen ein mehr hilflos trauriger und unschädlicher
+Mann als ein bösartiger, außer wenn es sich um gewisse
+kirchliche Fragen handelte. Sowie nämlich irgendeine Sache
+vorkam, in der er sein Urteil, sei es auch ein noch so verkehrtes,
+hatte, und in der er überhaupt maßgebend war,
+bemächtigte er sich derselben mit Heftigkeit, blähte sich auf
+und spie Gift gegen alle, die ihm nahe kamen, im unbewußten
+Drange, sich dafür zu rächen, daß sie ihn so oft als
+einen unwichtigen, blöden Tölpel unbrauchbar in der Ecke
+hatten stehen sehen. Als Herr Ive sich bei ihm meldete,
+wußte er schon, um was es sich handelte, und empfing ihn
+mit den Worten: &bdquo;Was gibt es, Herr Ive? Da muß etwas
+Gewaltiges im Schwange sein, daß Ihr zu mir kommt!
+Ihr pflegt mich nicht zu überlaufen, weder in meinem
+Hause, noch im Hause Gottes! Diese Leute bedürfen der
+Seelsorge nicht; aber jetzt gilt es wohl eine Erbschaft oder
+eine Heirat, wo sie immer bei der Hand sind!&ldquo;</p>
+
+<p>Herr Ive entschuldigte sich höflich und sagte, daß er nur
+den Tod des verstorbenen Herrn Samuel anzeigen wolle,
+was ihm als Vormund der hinterbliebenen Familie zukomme.
+&bdquo;Da habt Ihr Euch ein sauberes Amt ausgelesen,&ldquo; sagte
+der Pfarrer; &bdquo;wer Pech angreift, besudelt sich, wißt Ihr
+das nicht? Bleibt mir mit Euerm toten Juden vom Leibe,
+ich habe nichts damit zu schaffen!&ldquo; Herr Ive erklärte, daß
+der Gemeinderat ihn an den Pfarrer gewiesen hätte, der
+die Beerdigungsförmlichkeiten samt und sonders zu erledigen
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_7" id="Page_7">7</a><span>] </span></span>pflegte. &bdquo;Ja,&ldquo; rief der Pfarrer aufbrausend, &bdquo;die Beerdigungen
+von Christenmenschen freilich! Den Juden
+mögen seine Rabbiner und Pharisäer in ihre Erde graben
+und sich selber dazu, was desto besser für sie und uns
+wäre.&ldquo;</p>
+
+<p>Der Herr Pfarrer wüßte wohl, sagte Herr Ive, daß es
+in Jeddam weder Pharisäer noch Sadduzäer gäbe, noch
+weniger einen jüdischen Kirchhof, weswegen der Wunsch
+des Herrn Pfarrers nicht könnte ausgeführt werden; es
+müßte der verstorbene Samuel wohl oder übel neben den
+übrigen Bürgern Jeddams bestattet werden. Der Pfarrer
+zog die schwachen Brauen über den großen rollenden Augen
+hoch, schlug mit der geballten Faust dreimal auf den Tisch
+und rief: &bdquo;Nichts da! Heraus mit Euch! Werft Euern
+toten Juden wohin Ihr wollt, aber laßt Euch nicht mit ihm
+auf unserm christlichen Kirchhof blicken!&ldquo; Worauf Herr
+Ive, dem das Blut bereits zu kochen anfing, sich herumdrehte,
+die Tür laut hinter sich zuschlug und spornstreichs
+zurück zum Gemeinderat eilte.</p>
+
+<p>Dort gab es ein Köpfezusammenstecken und eiliges Hin-
+und Herlaufen, bis es Herrn Ive endlich gelang, zum
+Bürgermeister vorzudringen, der es im allgemeinen nicht
+liebte, in seinen Geschäften gestört zu werden. Er war ein
+beleibter Herr, der unter seiner Freundlichkeit äußerste Verachtung
+der meisten übrigen Menschen verbarg und sich einbildete,
+seine Stellung als Bürgermeister einzig seiner weltmännischen
+Gewandtheit und geistigen Überlegenheit zu
+verdanken. Ihm war alles gleichgültig, außer daß er den
+Ruf seiner Unfehlbarkeit und seine Beliebtheit nicht einbüßte,
+und es war deshalb ebenso angenehm, mit ihm zu
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_8" id="Page_8">8</a><span>] </span></span>verkehren, wie schwer, irgend etwas von ihm zu erreichen
+und in Gang zu bringen.</p>
+
+<p>Herr Ive erzählte atemlos und heftig, was ihm beim
+Pfarrer begegnet war, häufig unterbrochen vom Bürgermeister,
+der sich nach unzähligen Einzelheiten erkundigte,
+teils um seine sachkundige Gründlichkeit und menschliche
+Teilnahme zu beweisen, teils um im allgemeinen Zeit zu
+gewinnen. Als Herr Ive durchaus nichts mehr zur Klärung
+der Sachlage beizubringen wußte und augenscheinlich auf
+eine Antwort erpicht war, legte der Bürgermeister den
+Kopf auf die Seite, faltete die Hände über dem Bauche
+und sagte nachdenklich: &bdquo;Schade, schade, daß der Herr
+Samuel sterben mußte! Ein fleißiger Herr, ein braver Herr,
+als Familienvater ausgezeichnet und als nützlicher Bürger,
+aber ein Jude. Unleugbar ein Jude! Er hätte noch eine
+Weile länger leben dürfen.&ldquo;</p>
+
+<p>Herr Ive sagte ungeduldig: &bdquo;Euer Gnaden werden Ihre
+rühmlich bekannte Gerechtigkeitsliebe beweisen und nicht
+dulden, daß Leute, die Euer Gnaden selbst als nützliche
+Bürger bezeichnen, wie faules Obst in den Graben geworfen,
+anstatt rechtlich begraben werden.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Wie faules Obst in den Graben werfen!&ldquo; rief der
+Bürgermeister erschrocken. &bdquo;Das wäre in der Tat ein Unfug,
+den ich scharf ahnden würde. Die Geistlichkeit läßt sich oft,
+wie wir alle wissen, vom frommen Eifer hinreißen, allein
+das bürgerliche Haupt der Gemeinde folgt unbestechlich
+der Gerechtigkeit. Es soll mir nimmermehr ein verstorbener
+Jude, der tugendhaft gelebt hat, wie faules Obst auf der
+Gasse liegen!&ldquo;</p>
+
+<p>So würde, fragte Herr Ive, der Bürgermeister Befehl
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_9" id="Page_9">9</a><span>] </span></span>geben, daß der Verstorbene schicklich auf dem allgemeinen
+Friedhof beerdigt würde. Das würde er freilich, antwortete
+jener, nachdem er zuvor die Herren Gemeinderäte versammelt
+und ihre Meinung eingeholt hätte: &bdquo;Denn&ldquo;, sagte er lächelnd,
+&bdquo;den Tyrannen möchte ich nicht spielen, gerade weil ich es
+könnte.&ldquo;</p>
+
+<p>Herr Ive mußte sich bescheiden, unverrichteter Sache
+heimzukehren, und eilte zur Familie des Samuel, um von
+dem Vorgefallenen Bericht zu erstatten. Er hatte im Laufe
+der Verhandlungen fast vergessen, daß sein Schwiegervater
+nicht in Wirklichkeit tot war, wie er aber zu Hause die vergnügten
+Gesichter sah, kam es ihm wieder zur Besinnung,
+und er mußte lachen, daß der Pfarrer sich dermaßen über
+eine Sache erhitzt hatte, die nur in der Einbildung bestand.
+Die zierliche Anitza warf sich auf einen Teppich und lachte
+lautlos in ein Kissen, so daß ihr die Tränen über das Gesicht
+liefen, aber ihre Mutter, eine hohe, kräftige Frau, die
+nicht mit sich spaßen ließ, stand auf und sagte: &bdquo;Ive, du
+bist gut, aber du hast einen Lammsmut, du verstehst mit
+diesen Leuten nicht umzugehen, die man nicht höflich, sondern
+grob und unverschämt, wie sie selber sind, behandeln muß.
+Du wirst bescheiden vor der Tür gestanden und um Erlaubnis
+gefragt haben, anstatt zu sagen: &sbquo;Kurz und gut,
+morgen begraben wir meinen Schwiegervater, und wer sich
+mir in den Weg stellt, dem zerschmettere ich mit diesen
+Fäusten die Knochen zu Butter.&lsquo;&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ich habe mich so fest und entschlossen benommen, wie
+ich glaube, daß ein Mann soll,&ldquo; sagte Herr Ive, dessen
+helles, hübsches Gesicht über und über rot geworden war,
+als ihm Zaghaftigkeit vorgeworfen wurde. &bdquo;Wenn es nötig
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_10" id="Page_10">10</a><span>] </span></span>ist, kann ich auch dreinschlagen, doch ich dachte, es wäre
+dazu immer noch Zeit.&ldquo;</p>
+
+<p>Der junge Emanuel sagte: &bdquo;Mama, die Leute haben im
+Grunde ganz recht. Auf einen christlichen Kirchhof gehören
+Christen, auf einen jüdischen Juden. Die Frage ist nicht so
+leicht zu entwirren, wie du dir einbildest.&ldquo;</p>
+
+<p>Nun loderte Frau Rosette in lichtem Zorne auf und rief:
+&bdquo;Geh mir mit deinen Spitzfindigkeiten! Dein Vater ist kein
+Dieb oder Mörder, sondern ein besserer Mann als alle die
+Ochsenköpfe von Jeddam, die froh sein können, einen solchen
+auf ihrem Friedhof begraben zu dürfen. Glaubst du, sie
+würden dich und mich und Anitza, obwohl wir gut katholische
+Christen sind, achtungsvoller behandeln? Sie würden
+uns auch in das erste beste Loch werfen; aber sie haben sich
+in mir verrechnet. Ich nehme es mit andern Leuten auf
+als mit dem hohlköpfigen Pfarrer und dem windigen
+Bürgermeister.&ldquo;</p>
+
+<p>Anitza klatschte vor Vergnügen in die Hände und sagte
+zu ihrem Bruder: &bdquo;Mama möchte, daß wir beide stürben,
+nur damit sie uns dem Pfarrer zum Tort ein christliches
+Begräbnis herrichten könnte!&ldquo; Und Emanuel, der es liebte,
+seine Mutter zu necken, sagte: &bdquo;Frau und Kinder gehen
+nach des Vaters Seite, und ich bezweifle, ob wir das Recht
+haben, uns auf dem Jeddamer Friedhof beerdigen zu lassen.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Gelbschnabel!&ldquo; rief seine Mutter. &bdquo;Meine Urgroßväter,
+Großväter und mein Vater sind hier begraben, und ich
+möchte den sehen, der mich hindern kann, an ihrer Seite zu
+liegen. Ich gehe bis zum Kaiser, wenn es nötig ist, um diesen
+Prahlhänsen zu zeigen, wo ich mich begraben lassen kann!&ldquo;</p>
+
+<p>Es gelang Herrn Ive, die zürnende Frau zu bewegen,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_11" id="Page_11">11</a><span>] </span></span>daß sie den Bescheid abwartete, den er jetzt vom Gemeinderate
+bekommen würde, und er machte sich alsbald auf, um
+denselben in Empfang zu nehmen. Ehe er in das Beratungszimmer
+geführt wurde, wo sich unter den übrigen
+Herren auch der Pfarrer befand, sagte der Bürgermeister:
+&bdquo;Es kommt mir nicht in den Sinn, nach Tyrannenweise
+das Recht zu beugen, und daß dem Rechte nach kein Jude
+auf unserm christlichen Gottesacker bestattet werden darf,
+sehe ich ein; doch halte ich mich gern an den alten lateinischen
+Spruch, der besagt, daß man zwar unerschütterlich
+im Handeln, aber gefällig und lieblich in der Form sein
+soll, und werde deshalb dem jungen Manne den abschlägigen
+Bescheid so sanft wie möglich eingehen lassen.&ldquo;</p>
+
+<p>Als hierauf Herr Ive vorgelassen wurde, empfing er ihn
+mit wohlwollenden Blicken, streichelte kosend über das
+Protokollpapier, das vor ihm lag, und sagte: &bdquo;Sie sind ein
+geschätzter Mitbürger, Herr Ive, auch der verstorbene Herr
+Samuel war es, soweit er Bürger war, als Bekenner stand
+er mir fern. Sagen Sie selbst, gibt es eine jüdische Gemeinde
+hier?&ldquo;</p>
+
+<p>Diese Frage konnte Herr Ive nicht anders als mit nein!
+beantworten, worauf der Bürgermeister fortfuhr: &bdquo;Es gibt
+hier keine jüdische Gemeinde, oder, was dasselbe sagen
+will, keine Juden. Gibt es aber keine Juden hier, so gibt
+es auch keinen Juden, und so hat auch Herr Samuel, der
+ein Jude war, im rechtlichen Sinne niemals hier existiert.
+Seine Familie mag ihn beweinen, seine Freunde, ja alle
+fühlenden Herzen mögen seinen Hinschied betrauern, die
+Gemeinde als solche muß ihn als nie dagewesen betrachten
+und kann ihn infolgedessen auch nicht begraben.&ldquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_12" id="Page_12">12</a><span>] </span></span>&bdquo;So bitte ich den Herrn Bürgermeister, mir zu sagen,&ldquo;
+rief Herr Ive drohend, &bdquo;wo ich ihn begraben soll, denn
+begraben muß er doch einmal werden.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Das wäre zu wünschen,&ldquo; sagte der Bürgermeister, &bdquo;und
+es sei ferne von mir, den Hinterbliebenen darin auch nur
+das geringste in den Weg zu legen. Nur den christlichen
+Gottesacker bitte ich auszunehmen, und daß innerhalb der
+Stadtgrenzen kein Toter sich aufhalten darf, ist Ihnen sowie
+jedermann bekannt.&ldquo;</p>
+
+<p>Jetzt aber war es mit Herrn Ives Geduld zu Ende, und
+indem ihm das Blut heiß in die Wangen schoß, rief er:
+&bdquo;Wenn ihr den lebenden Juden unter euch dulden konntet,
+werdet ihr auch den toten ertragen. Ich verlange kein Geläut
+und kein Geplärr und Gezeter an seinem Grabe, aber
+ein Fleckchen Erde, wo er ruhig liegen kann, das soll er
+trotz euch haben. Laßt es euch gesagt sein, daß ich ihn
+morgen selber auf den Kirchhof bringen und jeden niederschlagen
+werde, der mich dabei stören will.&ldquo;</p>
+
+<p>Diese groben Worte entzündeten ein heftiges Wortgemenge,
+das durch den plötzlichen Eintritt Frau Rosettens
+unterbrochen wurde, die, des Wartens überdrüssig, selbst
+gekommen war, um mit ein paar kernigen Worten die Leute
+zur Vernunft und die Sache zu Ende zu bringen. Als sie
+in großer Majestät, vom Kopf bis zu den Schuhen in
+Schwarz gekleidet, auf der Schwelle stand, verstummten
+alle, und der Bürgermeister beeilte sich, ihr entgegenzugehen
+und einige Worte des Beileids zu sprechen. &bdquo;Laßt die
+Phrasen, Herr Bürgermeister,&ldquo; sagte sie abwehrend, &bdquo;auf
+die ich keinen Wert lege. Ich verlange von Euch nichts
+als mein Recht, ich will meinen Mann auf den Kirchhof
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_13" id="Page_13">13</a><span>] </span></span>bringen, wo mir Vater und Mutter, Großväter und Urgroßväter
+ruhen, und darin verlange ich von Euch mehr
+unterstützt als behindert zu werden.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Euer verewigter Vater war mein geschätzter Freund,&ldquo;
+sagte der Bürgermeister, indem er sich mit einem großen
+buntseidenen Taschentuche den Schweiß von der Stirn
+wischte, &bdquo;und sein Grab gereicht unserm Gottesacker zur
+Ehre. Er war ein guter Bürger und ein guter Christ, und
+mehr braucht es nicht, um in Jeddam gut aufgenommen
+und begraben zu werden.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;So denke ich,&ldquo; sagte Frau Rosette, sich stolz umsehend,
+&bdquo;daß ich diese Ehre verdiene. Ich wünsche aber, was niemand
+einem christlichen Eheweibe verargen wird, dereinst
+an meines Gatten Seite zu ruhen.&ldquo;</p>
+
+<p>Der Bürgermeister trocknete sich den Angstschweiß ab und
+besann sich, welche Gelegenheit der Pfarrer, der sich nur
+ungern das Wort so lange hatte nehmen lassen, ergriff und
+losfuhr: &bdquo;Bückt ihr euch vor dieser stolzen und abgöttischen
+Jesebel? Du hast einen Greuel in deine Familie und unsre
+Gemeinde gebracht, Weib, aber auf unsern Friedhof sollst
+du ihn nicht bringen. Es gibt genug Kehricht auf der Erde,
+wohin ihr eure ungläubigen Knochen werfen könnt, unserm
+heiligen Gottesgarten sollen sie fernbleiben!&ldquo;</p>
+
+<p>Frau Rosette trat dicht an den Pfarrer heran und sagte:
+&bdquo;Höre du, ich mache mir zwar keine Ehre daraus, zwischen
+euern hohlen Gerippen begraben zu liegen, aber mein angeborenes
+und angestammtes Recht lasse ich mir von euch
+nicht rauben und möchte gleich auf dem Flecke sterben, damit
+ihr mit ansehen müßtet, wie ich auf euern Schutthaufen
+Einzug halte.&ldquo;</p>
+
+<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_14" id="Page_14">14</a><span>] </span></span>Die Anzüglichkeit der Frau Rosette hatte auch die übrigen
+Gemeinderäte in Zorn versetzt, von denen einer sagte: &bdquo;Die
+Frau eines Juden hat keinerlei Recht mehr in Jeddam.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, ich hätte meine Mitgift einem von euch hungrigen
+Bären bringen sollen!&ldquo; höhnte sie.</p>
+
+<p>&bdquo;Besser ein Bär als ein Schwein!&ldquo; rief ein andrer; denn
+so pflegte man die Juden in Jeddam zu nennen.</p>
+
+<p>Frau Rosette erbleichte und sagte: &bdquo;Du mußt wohl ein
+Hund sein, daß du einen edeln Toten beschimpfst.&ldquo; Dann
+legte sie eine Hand auf Herrn Ives Arm und sagte, indem
+sie ihn mit sich zog: &bdquo;Komm, wir werden uns selber helfen.&ldquo;</p>
+
+<p>Während der Bürgermeister auseinandersetzte, daß der
+Weise und Weltmann nicht schimpfe, sondern fest und gelinde
+auf dem Buchstaben des Rechtes beharre, trug der
+Pfarrer Sorge, daß die übermütige Frau Rosette ihren
+Samuel nicht insgeheim in den Kirchhof einschmuggelte.</p>
+
+<p>Das war diese allerdings willens, aber nicht verstohlenerweise,
+sondern öffentlich und prächtig, am hellen Tage, indem
+sie darauf rechnete, daß man es nicht zu einer Prügelei
+auf dem Kirchhof würde kommen lassen. Der Pfarrer hatte
+aber noch zur rechten Zeit eine Menge von Bauern versammelt
+und zu ihnen gesagt: &bdquo;Kinder, der tote Jude wird
+unsre gute Erde verpesten! Leidet es nicht! Mag er draußen
+auf dem Felde liegen, wo es nur Raben und Krähen gibt!
+Wenn ihr nicht auf der Hut seid, werdet ihr Gift und Pestilenz
+und Viehseuche haben!&ldquo; Die Folge davon war, daß
+die Knechte, die den Sarg mit dem künstlichen Samuel
+trugen, die Kirchhofpforte verrammelt und von feindseligen
+Bauern besetzt fanden, die ihnen den Eingang wehrten.
+Frau Rosette, Herr Ive und die Kinder, die in einem
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_15" id="Page_15">15</a><span>] </span></span>offenen Wagen folgten, sahen voll Erstaunen, wie sich ein
+tüchtiges Handgemenge entspann, in dem ihre Knechte bald
+den kürzeren zogen, da sie bedeutend in der Minderzahl
+waren. Herr Ive verfolgte den Kampf eine Weile mit dem
+Kennerblick eines jungen Straßenbuben und wachsender
+Ungeduld, bis er schließlich nicht mehr an sich zu halten
+vermochte, aus dem Wagen sprang, die Jacke abwarf und
+sich mit einem lauten, schnalzenden Schrei unter die Prügelnden
+mischte. Emanuel, dessen dunkle Augen vor Kampflust
+feucht geworden waren, schickte sich an, es seinem Schwager
+nachzutun, und die Mutter hatte Mühe, ihn festzuhalten
+und Anitzas Heiterkeit, die sich ihrer beim Anblick des tapfer
+ringenden Bräutigams bemächtigt hatte, durch Zupfen,
+Winken und Warnen in etwas zu mäßigen. Ihren Schwiegersohn
+sah Frau Rosette zwar mit Genugtuung und
+Billigung im Kampfgewühl, dennoch bat sie ihn, angesichts
+der immer wachsenden Zahl seiner Gegner, für heute abzustehen,
+da man mit so geringen Streitkräften nicht hoffen
+könne, den Sieg davonzutragen. Herr Ive, da er einmal
+im Raufen war, hörte nur ungern auf, doch sah er ein,
+daß seine Schwiegermutter recht hatte, und führte die
+Familie unter hellem Übermut der Kinder und prasselndem
+Zornfeuer Frau Rosettens nach Hause zurück.</p>
+
+<p>Die Zurückgebliebenen prügelten sich weiter und waren
+so eifrig dabei, daß es der Gemeindepolizei kaum gelang,
+sie bei einbrechender Nacht auseinander zu treiben. Dieser
+Auflauf machte den Bürgermeister und mehrere Herren
+vom Rate so bedenklich, daß sie sich nochmals in einem
+verschwiegenen Zimmer des Wirtshauses, das öfter zu
+wichtigen Beratschlagungen diente, versammelten, um
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_16" id="Page_16">16</a><span>] </span></span>einen gütlichen Ausweg dieser heiklen Angelegenheit zu
+finden.</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist nicht zu leugnen,&ldquo; begann der Bürgermeister
+freundlich, indem er tändelnd den Deckel seines Bierkrugs
+auf- und zuklappte, &bdquo;daß ein toter Mensch irgendwo begraben
+werden sollte. Auch kann man der Frau Rosette
+nicht zumuten, daß sie ihren verstorbenen Gatten zwischen
+ihren Getreidefeldern und Kartoffeläckern beerdigt.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Beileibe nicht!&ldquo; rief der Pfarrer drohend. &bdquo;Soll er
+unsern christlichen Erdboden verpesten? Hinaus mit ihm!
+Weit weg mit ihm! Werden doch auch die toten Pferde
+und Hunde da draußen eingescharrt.&ldquo;</p>
+
+<p>Der Bürgermeister klapperte sinnend mit seinem Deckel
+und sagte: &bdquo;Ich gebe zu, Ehrwürden, daß ein Jude kein
+Christ ist, sollte er aber deswegen unter die Tiere fallen?&ldquo;</p>
+
+<p>Hieran knüpfte sich eine längere Beratung, und nachdem
+in dieser Weise genugsam hin und her gestritten war, machte
+einer der Gemeinderäte folgenden Vorschlag: &bdquo;Es wird
+den Herren bekannt sein,&ldquo; sagte er, &bdquo;daß wir in einer Ecke
+des Kirchhofes, wo wildes Unkraut wächst und der Totengräber
+zu keiner Pflege und Säuberung verpflichtet ist, die
+kleinen Kinder begraben, die totgeboren wurden oder gleich
+nach der Geburt starben, so daß sie leider die heilige Taufe
+nicht empfangen konnten. Diese scheinen mir insofern mit
+dem Juden vergleichbar, als sie, wie er, ungetauft sind,
+und es dünkt mich deshalb nicht unschicklich, wenn man ihn
+dort in aller Stille vergrübe.&ldquo;</p>
+
+<p>Der Bürgermeister wollte eben einen mäßigen Beifall
+dieses Vorschlages laut werden lassen, als der Pfarrer, die
+Hände über dem Kopfe zusammenschlagend, ausrief: &bdquo;Wo
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_17" id="Page_17">17</a><span>] </span></span>ist euer Christentum? Ihr schwatzt wie Heiden und Türken
+daher! Wißt ihr nicht, daß die vor und während der Geburt
+gestorbenen Christenkinder Engel sind? Kleine Engelkinder,
+die ihre schwarzen Augen niemals aufgetan und
+durch den Anblick unsrer häßlichen Erde getrübt haben! die
+mit ihren kleinen Rosenfüßen niemals den Dreck berührt
+haben, durch den wir waten! Auf der Schwelle unsers
+Lebens haben sie die Flügel geschüttelt und sind wieder davongeflogen
+in den Himmel.&ldquo;</p>
+
+<p>Hier fing der Pfarrer, der die kleinen Kinder zärtlich
+liebte, an zu weinen, und auch einige Gemeinderäte wischten
+sich die Augen, indessen der Bürgermeister sagte: &bdquo;Es bleibt
+den Kindern unbenommen, in den Himmel zu fliegen, und
+dem Juden, in die Hölle zu fahren, nichtsdestoweniger sind
+sie vom bürgerlichen Standpunkte aus alle ungetauft, und
+es scheint mir daher billig und recht, daß sie am selben
+Orte begraben werden.&ldquo; Er fürchtete nämlich die große
+und behäbige Verwandtschaft Frau Rosettens, die sich zwar
+um Herrn Samuel wenig bekümmert hatte, von der es aber
+doch anzunehmen war, daß sie die Kränkung einer von ihrer
+Sippschaft übel vermerken würde.</p>
+
+<p>Der Pfarrer konnte gegen den Gemeinderat, der einmütig
+war, nichts ausrichten, machte sich aber an das Volk,
+stellte ihm die Unbill vor, die ihm angetan werden sollte,
+und ermunterte es, dieselbe in Gottes Namen mit Fäusten
+abzuwehren. &bdquo;Würdet ihr ruhig zusehen,&ldquo; rief er, &bdquo;wenn
+man einen Wolf in euern Schafstall ließe? Und sie wollen
+einen falschen Judas zwischen eure unschuldigen Kinder
+legen, die am Throne der Dreieinigkeit für arme Sünder
+beten. Pestilenz! Feuersbrunst! Wassernot! Kriegsnot
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_18" id="Page_18">18</a><span>] </span></span>und Hungersnot werden über euch kommen, wenn ihr zulaßt,
+daß der heilige Gottesacker durch diesen Verräter vergiftet
+wird.&ldquo;</p>
+
+<p>Die Bürger von Jeddam ließen sich dies nicht zweimal
+sagen, rotteten sich zusammen und schwuren, jedweden totzuschlagen,
+der den toten Samuel auf ihren Friedhof bringen
+würde. Am furchtbarsten unter den Aufwieglern war ein
+Großbauer namens Pomilko, ein hünengroßer Mann mit
+dickem Kopf und weißblonden Haaren, der mit seinem Gefolge
+von Angehörigen, Verwandten, Abhängigen und
+Knechten das ganze Gemeinwesen hätte über den Haufen
+werfen können. Pomilko hatte vor kurzem eine zweite Frau
+genommen, die ihm ein totes Kind geboren hatte. Demselben
+hatte er zwar keinen Blick geschenkt, sondern, als
+ihm die Botschaft gebracht worden war, hatte er sich fluchend
+und zähneknirschend aufs Feld begeben und sich zwei Tage
+lang nicht im Hause blicken lassen; jedoch sah er es als eine
+gröbliche Ehrenkränkung an, daß ein Jude in der Nähe
+seines Sprößlings begraben sein sollte, und er erklärte
+laut, er fürchte weder den Bürgermeister noch den Kaiser
+und würde diesen zeigen, was Pomilko vermöchte, wenn sie
+sich ihn zu beleidigen getrauten. Er hatte aus erster Ehe
+eine erwachsene Tochter namens Sorka, ein großes, starkes
+Mädchen mit kecken, blitzenden Augen, einem feinen Munde
+und Zähnen, die fest wie Kieselsteine und gelbglänzend wie
+Marmor waren. Als das Mädchen hörte, daß eine Stiefmutter
+ins Haus ziehen sollte, erklärte sie dem Vater, sie
+wolle das nicht leiden, er möchte davon abstehen, was ihn
+bewog, die Heirat um so schneller zu vollziehen. Als Sorka
+beim ersten gemeinsamen Mittagsmahle fehlte, der Vater
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_19" id="Page_19">19</a><span>] </span></span>sie hereinrief und die Stiefmutter ihr mit saurer Miene
+die Suppe in den Teller füllte, schob Sorka denselben so
+heftig zurück, daß das reine Tischtuch über und über bespritzt
+wurde, sagte: &bdquo;Ich esse nicht, was du gekocht hast!&ldquo;
+und schaute dem Vater und seiner Frau herausfordernd
+und mit verhaltenem Frohlocken ins Gesicht. &bdquo;So magst
+du hungern,&ldquo; rief der Vater zornig, &bdquo;andre Speise gibt es
+hier für dich nicht!&ldquo; Sorka lachte und sagte: &bdquo;Lieber such
+ich mir selbst mein Brot,&ldquo; und zog stracks mit einem Bündel
+Habseligkeiten aus dem Hause.</p>
+
+<p>Sie nahm, da sie nicht gleich etwas andres fand, bei
+einem kleinen Bauer einen Dienst an und hatte bald eine
+Liebschaft mit dessen Sohn, was der Vater, der alte Darinko,
+geschehen ließ, weil er wußte, daß Pomilko seiner Tochter
+ihr mütterliches Erbe nicht vorenthalten konnte. Diese Vorgänge
+hatten den Pomilko mit übler Laune, Ärger, Zorn
+und Rachsucht ganz angefüllt, weshalb er die Gelegenheit,
+zu zanken, zu raufen und allenfalls jemand totzuschlagen,
+sogleich ergriffen hatte.</p>
+
+<p>Der Bürgermeister konnte sich nicht verhehlen, daß eine
+förmliche Revolution im Anzuge sei, und in seiner Verlegenheit
+hielt er eine Ansprache an das Volk, er würde die
+Frage wegen des Judengrabes Seiner Majestät dem Kaiser
+zur Entscheidung vorlegen, inzwischen möchten sie ihren
+Geschäften nachgehen und sich still verhalten, das Gemeinwesen
+ruhe sicher in seinen Händen. In Wirklichkeit begab
+er sich nicht zum Kaiser, sondern zu dem Kommandanten
+einer Garnison, die im nächsten Orte lag, und dieser erklärte
+sich vollständig damit einverstanden, daß Herr Samuel
+in jener Ecke des Jeddamer Kirchhofes, wo die ungetauften
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_20" id="Page_20">20</a><span>] </span></span>Kinder lägen, beerdigt würde, bewilligte auch dem Bürgermeister
+eine kleine Abteilung Soldaten für den Fall, daß
+bei der Bestattung Ruhestörungen vorkämen.</p>
+
+<p>Es wurde nun der Frau Rosette mitgeteilt, wo und wie
+sie ihren Gemahl beerdigen dürfe, und sie wurde zugleich
+ersucht, das Begräbnis bei Nacht vor sich gehen zu lassen,
+damit Ärgernis vermieden würde. Frau Rosettens Stolz
+wurde dadurch zwar nicht ganz befriedigt, doch sagte sie
+sich, daß es sich eigentlich nicht um ihren Samuel, sondern
+nur um eine nachgemachte Puppe handle, und daß sie froh
+sein müsse, wenn die Schwindelei so bald wie möglich von
+der Erde verschwände, und versprach infolgedessen, sich gemäß
+der empfangenen Weisung zu verhalten.</p>
+
+<p>Die Bürger von Jeddam hatten angesichts der Soldaten
+beschlossen, sich in diese Sache nicht mehr zu mischen, hielten
+sich aber während des Begräbnisses in den Häusern, da sie
+es doch nicht anständig fanden, gegenwärtig zu sein und
+keinen Tumult zu veranstalten. Es trabte also der schwarzverhangene
+Wagen durch die stille Mitternacht, als wäre
+das Dorf durch Zauberei gebannt oder versteinert, und
+nichts war hörbar als das Trotten der Pferde, das Rollen
+der Räder und das leise Schwatzen von Frau Rosette und
+Herrn Ive, die im leichten Gefährt dem Sarge folgten.
+Mit Hilfe des Totengräbers wurde der vermeintliche Samuel
+aufs Geratewohl in jene verwilderte Ecke gestopft, worauf
+die Familie, die unterdessen schon die Koffer gepackt hatte,
+sich schleunig auf die Reise begab, um sich mit dem Vater
+wieder zu vereinigen. Herr Ive blieb einstweilen wegen
+der Angelegenheiten, um derentwillen der ganze Betrug
+angezettelt war, in Jeddam zurück.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_21" id="Page_21">21</a><span>] </span></span>Dort war aber der Kampf noch keineswegs beendet. Es
+fanden sich nämlich am Tage nach dem Begräbnis auf der
+Kirchhofmauer, da, wo die ungetauften Kinder lagen,
+allerlei fürwitzige Inschriften angemalt, wie zum Beispiel:
+Hier ist Schweinemarkt! oder: Misthaufen von Jeddam!
+oder: Kehrichthof! und andre Witze dieser Art, was bald
+zu den Ohren der Leute kam, die Kinder an dieser Stelle
+begraben hatten. An die Spitze der Beleidigten stellte sich
+der mächtige Pomilko, dem es ohnehin lieber war, auf
+seiten der Regierung zu stehen, und der nicht zweifelte, daß
+der alte Darinko, bei dem sich seine Tochter befand, ihm
+diese Beschimpfung angetan hätte. Dadurch wurde dieser
+das Haupt einer geistlichen Partei, die fortfuhr, gegen die
+Anwesenheit des verstorbenen Samuel auf dem Kirchhof
+zu meutern; er leugnete zwar, die Inschriften an der Mauer
+verfaßt zu haben, war es aber übrigens wohl zufrieden,
+aus seiner ärmlichen Bedeutungslosigkeit herausgerissen zu
+sein, und raufte und hetzte fröhlich unter dem Schutze der
+Kirche und des Pfarrers. Allmählich geriet der tote Jude,
+der die Ursache des langwierigen Kampfes gewesen war,
+bei den beiden Rotten in Vergessenheit, und sie benutzten
+die Gelegenheit, um allerlei alten Hader auszufechten,
+taten sich alle erdenklichen Übel an, und es gab so viel
+blutige Köpfe, gebrochene Gliedmaßen und brennende
+Scheuern, daß Ärzte, Bader, Polizei und Löschmannschaft
+Tag und Nacht vollauf zu tun und zu laufen hatten. Der
+Bürgermeister hätte gern zum Pomilko gehalten, der der
+mächtigste und begütertste unter den Bauern war und zudem
+die gerechte Sache vertrat, allein die geistliche Partei war
+bei weitem zahlreicher, so daß er es mit dieser auch nicht
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_22" id="Page_22">22</a><span>] </span></span>verderben wollte. Der Pfarrer war trunken vom Gefühl
+seiner Wichtigkeit und triumphierte außer sich: &bdquo;Feuer ist
+da! Brand ist da! Vatermord und Brudermord ist da!
+Habe ich es nicht prophezeit? Habe ich euch nicht gewarnt?
+Jeddam ist verpestet! Durch Unglauben ist es verpestet!
+Heraus mit der Eiterbeule von Jeddam! Heraus mit dem
+ungetauften Gebein aus Jeddam, oder wir werden alle
+verderben! Kinder, wir werden alle verderben!&ldquo; Und er
+weinte, weil er durchaus nicht mehr zweifelte, daß es wirklich
+so wäre. Der Bürgermeister bat ihn, gleichfalls unter
+Tränen, dergleichen aufreizende Reden zu unterlassen und
+lieber das wütende Heer zu beruhigen, aber er brachte den
+Pfarrer dadurch nur noch mehr auf, der entrüstet sagte, er
+würde seinen Gott nicht verkaufen und wenn man ihm
+hundert Goldgulden dafür böte.</p>
+
+<p>Vielleicht wäre Jeddam in Blut und Flammen untergegangen,
+wenn sich der Bürgermeister nicht aufgemacht
+hätte, um noch einmal die Hilfe des Kommandanten in Anspruch
+zu nehmen. Die Nachricht, daß der Kaiser an der
+Spitze eines Regimentes daherziehe und die Aufrührer
+niederschmettern würde, verbreitete lähmenden Schrecken,
+und einer nach dem andern schlich sich nach Hause und an
+seine Arbeit.</p>
+
+<p>&bdquo;Darinko,&ldquo; sagte der Pfarrer an diesem Tage zum Sohne
+des kleinen Bauern, der an der Spitze der geistlichen Partei
+gestanden hatte, &bdquo;ich verspreche dir, daß du Sorka heiraten
+und ihr Erbe ungeschmälert erhalten wirst, wenn du diese
+Nacht auf den Kirchhof gehst, den Samuel ausgräbst und
+in die Melk wirfst.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Das will ich wohl tun,&ldquo; sagte der junge Darinko,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_23" id="Page_23">23</a><span>] </span></span>&bdquo;und ich wundere mich, daß wir es nicht schon längst getan
+haben.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Tu es heute,&ldquo; sagte der Pfarrer, &bdquo;und es wird dich
+nicht gereuen,&ldquo; was alles Darinko der Sorka getreulich
+wieder erzählte. Sorka erklärte, dem Geliebten in diesem
+Unternehmen beistehen zu wollen, da es für ihn allein eine
+schwierige Sache gewesen wäre, denn er mußte sich mit
+vielen Werkzeugen versehen, nicht nur um das Grab, sondern
+auch um den schweren Sarg aus Eichenholz zu öffnen, den
+er nicht bis zum Flusse hätte tragen können. Als es völlig
+Nacht und rings alles still war, stahlen sie sich aus dem
+väterlichen Hof und machten sich auf den Weg. Es war
+eine lange und harte Arbeit, das Grab des Samuel zu
+finden, das auf keinerlei Art bezeichnet war, und sie mußten
+graben und wühlen, daß ihnen der Schweiß von der Stirne
+troff, bis sie endlich auf den großen Sarg stießen, den sie
+als den richtigen erkannten. Sie atmeten erleichtert auf,
+und da sie noch eine Weile Zeit hatten, kauerten sie sich
+nebeneinander auf die aufgeworfene Erde nieder, und
+Sorka holte Brot, Käse und eine Flasche Bier hervor, die
+sie zur Stärkung mitgenommen hatte. Ohnehin vergnügt
+über die Aussicht auf die Heirat, die ihnen der Pfarrer eröffnet
+hatte, teilten sie das Essen miteinander, faßten sich
+bei den Händen und küßten sich, und Sorka sagte: &bdquo;Meinetwegen
+hätte der alte Jude hier können liegen bleiben, der
+Stiefmutter zum Tort.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;War sie wirklich so schrecklich böse?&ldquo; fragte Darinko
+neugierig.</p>
+
+<p>&bdquo;Sie war nicht böser als ich,&ldquo; sagte Sorka, &bdquo;aber ich
+mochte sie nicht leiden, und darum bin ich weggelaufen und
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_24" id="Page_24">24</a><span>] </span></span>lache, wenn sie sich ärgert,&ldquo; und sie lachte, daß ihre gelben
+Zähne glänzten.</p>
+
+<p>Sie hatten inzwischen die Arbeit wieder aufgenommen
+und machten sich daran, den Sarg zu öffnen, was um so
+schwieriger war, als sie sich bemühen mußten, so wenig
+Lärm wie möglich dabei zu machen. Als es gelungen war,
+hielt Darinko einen Augenblick inne und sagte: &bdquo;Jetzt
+kommt das schwerste Geschäft; es ist dunkle Mitternacht,
+und wir sind ganz allein.&ldquo; Sorka sah ihn listig an und
+sagte: &bdquo;Fürchtest du dich? Hast du dich doch nicht gefürchtet,
+als du mir den ersten Kuß gabst, und ich hätte dir doch
+ebensogut eine Ohrfeige geben können wie der tote Jude?&ldquo;</p>
+
+<p>Darinko fühlte seinen Mut durch die Erinnerung an
+dieses Heldenstück neu belebt, schlug den Deckel zurück und
+faßte den, der im Sarge lag, um den Leib, in der Absicht,
+geschwind, ohne ihn anzusehen, mit ihm davonzulaufen und
+ihn in die Melk zu werfen. Kaum hatte er ihn aber gefaßt,
+als er ihn mit einem Schrei wieder fallen ließ, etwas
+so Unerwartetes und Unheimliches war es, den Strohbalg
+zu berühren. Sorka lachte hell auf über die Bangigkeit des
+Darinko und beugte sich über die zusammengefallene Puppe,
+um zu sehen, was es da Fürchterliches gäbe. Als sie inne
+wurden, daß sie wirklich nur eine ausgestopfte Figur mit
+Larve und Wachshänden vor sich hatten, blieb dem Darinko
+vor Erstaunen der Mund offen stehen, während Sorka so
+unmäßig lachte, daß sie sich auf die Erde werfen und hin
+und her wälzen mußte. &bdquo;Was kann das bedeuten?&ldquo; fragte
+endlich Darinko, der unsicher war, ob es sich vielleicht um
+eine zauberhafte Verwandlung oder sonst eine höllische
+Kunst handelte. &bdquo;Was geht das uns an?&ldquo; sagte Sorka.
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_25" id="Page_25">25</a><span>] </span></span>&bdquo;Wir können keinen andern Samuel in die Melk werfen
+als den, den wir gefunden haben; ob es der richtige ist,
+das ist nicht unsre Sache.&ldquo; Sie war unterdessen aufgestanden
+und untersuchte die Puppe eifrig unter fortwährendem
+Gelächter, wobei sie denn auch den herrlichen Diamantring
+entdeckte, der noch am Zeigefinger der einen Wachshand
+saß, sei es, daß Frau Rosette ihn vergessen hatte,
+oder daß sie ihn absichtlich als ein freiwilliges Opfer zum
+glücklichen Ausgang des dreisten Abenteuers hatte mit begraben
+lassen. Jetzt erschrak auch Sorka und fuhr zurück
+im Gedanken, es könnte hier Gott weiß was für eine Teufelsschlinge
+verborgen sein; doch gewöhnte sie sich schnell an
+die Seltsamkeit und kam zu der Überzeugung, der Ring sei
+ein kostbarer Ring und nichts weiter, den sie mit Fug und
+Recht als Belohnung für ihre Arbeit an sich nehmen und
+für sich behalten könnten. Sie bemächtigten sich des Ringes,
+gaben sich gegenseitig das Wort, über ihre Entdeckungen
+gegen jedermann zu schweigen, und fast berauscht vor Glückseligkeit
+kugelten und tummelten sie sich noch eine geraume
+Weile auf dem nächtlichen Friedhof; dann schleppte Darinko
+den Balg in die Melk, während Sorka den leeren Sarg
+wieder eingrub, die Erde darüberschaufelte und alles so
+machte, wie es zuvor gewesen war.</p>
+
+<p>Die Soldaten, die am andern Tage in Jeddam einrückten,
+fanden nichts mehr zu tun, und da die Rädelsführer bei
+den verschiedenen Brandstiftungen, Raufereien und andern
+Missetaten schwer festzustellen waren, kam es auch nicht zu
+erheblichen Bestrafungen.</p>
+
+<p>Nach einiger Zeit, als in weiter Ferne der arglose Herr
+Samuel, dem die Familie die Vorfälle in Jeddam verschwiegen
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_26" id="Page_26">26</a><span>] </span></span>hatte, damit er sich nicht etwa eine Kränkung
+daraus zöge, das gute alte häßliche Gesicht von Wiedersehensfreude
+glänzend, seine Lieben in die Arme schloß, saß
+der Pfarrer von Jeddam beim Bürgermeister zu Tisch, und
+der letztere sagte: &bdquo;Jedermann weiß, daß Ehrwürden in
+der Theologie und allen Dingen der Gottesfurcht weiser
+sind als meine Wenigkeit. Doch kann ich die Bemerkung
+nicht unterdrücken, daß Pestilenz, Feuersbrunst und Kriegsnot
+vorüber sind, seit die Soldaten bei uns einrückten, wiewohl
+der tote Samuel nach wie vor inmitten der ungetauften
+Kinder begraben liegt.&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Das tut er bei Gott nicht,&ldquo; triumphierte der Pfarrer
+und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß es klirrte. &bdquo;In
+der Nacht, ehe die Soldaten kamen, habe ich ihn ausgraben
+und in die Melk werfen lassen, die ihn wohl längst ins
+Meer geschwemmt hat, wo er bei Fischen und anderm Unrat
+liegen bleiben mag.&ldquo;</p>
+
+<p>Der Bürgermeister war so verblüfft, daß er nicht wußte,
+ob er lachen oder zornig werden sollte. &bdquo;Meint Ihr wirklich,&ldquo;
+fragte er endlich, &bdquo;daß das die Ursache ist, warum
+Frieden und Wohlergehen wieder bei uns eingekehrt sind?&ldquo;</p>
+
+<p>&bdquo;Was sonst?&ldquo; rief der Pfarrer; &bdquo;unser Gemeinwesen
+war in großer Gefahr, und ich habe es gerettet, doch prahle
+ich nicht laut damit, sondern gebe Gott die Ehre.&ldquo; Und er
+erhob das volle Weinglas und hielt es dem Bürgermeister
+zum Anstoßen hin, der, obwohl ihn seine Niederlage wurmte,
+es für das Feinste hielt, zu schweigen und zu trinken.</p>
+
+<hr class="break-after" />
+
+
+<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_27" id="Page_27">27</a><span>] </span></span></p>
+<h2><a name="Aus_Bimbos_Seelenwanderungen" id="Aus_Bimbos_Seelenwanderungen"></a>Aus Bimbos Seelenwanderungen</h2>
+
+<p class="center noindent gesperrt">Fragment</p>
+
+
+<p class="dropcap">Vor mehreren Jahrhunderten, erzählte Bimbo, war ich
+der Sohn eines Scharfrichters in einer kleinen Stadt
+des Nordens. Damals war dieselbe frei und mächtig, ein
+kleines Reich für sich, nur daß der römische Kaiser noch
+einige Titular- und Ehrenrechte darin besaß, die ein Burgvogt
+mit Schall und Gepränge, aber ohne etwas Wesentliches
+zu bedeuten und vermögen, vertrat. Mein Vater, obgleich
+er der Scharfrichter war, dem niemand die Hand
+reichen mochte, ohne sich mit unauslöschlicher Schmach zu
+beflecken, war der allerschönste Mann im Lande und glich
+der furchtbaren Waffe, die er führte; denn er war groß,
+gerade und schlank wie ein Schwert, mit schneidenden
+Blicken im Auge, und seine Bewegungen, wenn er sich einmal
+bewegte, waren wie sicher treffende Blitze.</p>
+
+<p>Aber, wie die Frauen sind, trotzdem ist ihm meine Mutter
+untreu gewesen, nachdem ich einige Jahre auf der Welt
+war. Es scheint, daß sie schwach und eitel und nicht einmal
+besonders schön war, aber daß sie gerade in ihrer
+Schwäche und Hilflosigkeit einen großen Zauber besaß.
+Das Gespräch der Leute war, daß mein Vater, als er ihre
+Untreue erfuhr, sie mit seinen eignen Händen erwürgt habe,
+was allerdings nur ein Gerede gewesen sein kann, wie
+vieles andre, was über ihn im Umlauf war. Denn weil er
+ein kluger Mann war und mehr wußte als die übrigen,
+namentlich in der Arzneikunde und Chirurgie, glaubte man,
+daß er mit Dämonen im Bunde stehe und mit ihrer Hilfe
+übermenschliche Dinge verrichten könne. So sagte man zum
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_28" id="Page_28">28</a><span>] </span></span>Beispiel, es habe ihn noch niemand mit den Augen blinzeln
+sehen, er bedürfe des Schlafes nicht, ja sei wohl sogar des
+Todes überhoben, wenn ihm nicht die Geister, die er jetzt
+beherrschte, einmal den Hals brächen. Wahr ist das, daß
+er Tage und Nächte hintereinander wachen konnte, ohne
+darunter zu leiden, und ich erinnere mich, wie ich ihn manchmal
+mit heimlichem Grauen betrachtete, ob er nicht die
+Augenlider bewegen würde, ohne daß es geschah. Weiter
+sagte man von meinem Vater, daß er die Leute behexen
+und mit dem bloßen Blick seiner Augen krank machen, ja
+totschauen könne, und namentlich daß er, wen er wolle, und
+wäre er Papst von Rom, auf das Blutgerüst unter sein
+Schwert zu bringen vermöchte, indem er denselben nur einmal
+flüchtig mit der Spitze seines Schwertes berührte.
+Deswegen, obschon sie seiner Hilfe in allerlei öffentlichen
+und heimlichen Sachen benötigten und diese auch meistens
+gutwillig, wenn auch gegen reichliches Entgelt, geleistet
+wurde, hatten sie doch Furcht vor ihm, und die Regierung
+hätte sich vielleicht seiner auf irgendeine Weise entledigt,
+wenn sie seiner Rache sich auszusetzen gewagt hätte. Gegen
+die Untergebenen in unserm kleinen Reiche, das, viele Gehöfte
+umfassend, weit außerhalb der Stadt lag, war er, soweit
+es die Roheit der wüsten Knechte zuließ, großmütig
+und nachsichtig. Mich behandelte er sogar mit Zärtlichkeit,
+wenn ich von einigen Anfällen rasender Wut absehe, die
+ihn bei Gelegenheit von ein paar unbedeutenden kindlichen
+Vergehungen ergriff, und so grausam er mich auch in diesen
+Fällen behandelte, liebte ich ihn doch abgöttisch, ja ich
+hätte mir von ihm mit Freuden die Seele aus dem Leibe
+martern lassen. Nur manchmal überkam mich ein Gefühl
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_29" id="Page_29">29</a><span>] </span></span>des Hasses von derselben Stärke, nämlich dann, wenn mir
+zufällig, indem ich seine Hände ansah, in den Sinn kam,
+daß er mit ihnen meine Mutter erwürgt hatte.</p>
+
+<p>Unser Haus lag auf der Heide, die sich bis an das Meer
+erstreckte; vom Hause aus konnte man es nicht sehen, wohl
+aber auf dem weiter nordwärts gelegenen Richtplatze, wo
+es nichts als Sand gab außer einigen uralten, verwitterten
+Steinen, die halb darin versunken waren. Man hielt sie
+für Grabsteine vornehmer Gerichteter; denn hier war seit
+undenklichen Zeiten die Richtstätte der Republik gewesen;
+wahrscheinlicher ist es freilich, daß das Meer die Blöcke
+angeschwemmt und ebbend auf der Heide zurückgelassen
+hatte. Wie dem auch sei, wir pflegten uns oft des Abends
+auf diese Steine niederzusetzen und auf das glänzendschwarze
+Geflimmer des Meeres hinzusehen, und wenn er dann seine
+Hand auf dem Steine neben mir ruhen ließ, kam sie mir
+zuweilen wie eine weiße Tigerin vor, die schläft, weil sie
+satt von Blut ist, oder die sich schlafend stellt und lauert,
+um ein argloses Opfer zu zerfleischen. Dann dachte ich an
+meine Mutter, deren Bild ich deutlich vor Augen hatte und
+der ich selbst innen und außen vielfach glich, und malte
+mir aus, wie sie sich in dem eisernen Arme des schönen
+Blutmannes gekrümmt hatte, bis mir der Haß in die Kehle
+stieg und ich eine verzweifelte Lust spürte, mich auf ihn zu
+werfen und die Ader an seinem Halse aufzubeißen, damit
+er verblutete. Mein Vater sagte nie etwas darüber, obgleich
+er es mir ansah, und ich glaube sogar, er hätte mir
+nicht gewehrt, auch wenn ich es getan hätte. Dieser Gewaltige,
+der, wie man sagte, sechs Männer mit einem
+Schwertschlage enthaupten konnte, daß ihre Köpfe wie
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_30" id="Page_30">30</a><span>] </span></span>Disteln abschnellten, hätte sich von meinen schwachen Händen
+umbringen lassen, so etwa wie Erwachsene stillhalten, wenn
+spielende Kinder mit ihren winzigen Schlägen über sie herfahren.</p>
+
+<p>Mich mächtig, berühmt und gelehrt zu machen, war der
+Ehrgeiz seines Lebens, und mit dem Gelde, das er aufhäufte,
+ermöglichte er es, mir so viele Bildungsmittel zuzuführen,
+wie den strebsamsten und vermöglichsten Menschen
+der Zeit zugänglich waren. Er schickte mich in andre Länder,
+damit ich an hohen Schulen studierte, und ließ es sich
+Hunderte und Tausende kosten, daß mein Herkommen und
+Stand verborgen blieben. Aber er dachte nicht etwa daran,
+mich in höhere Kasten einzuschmuggeln, nein, ich sollte nach
+ihm Scharfrichter werden, wie das einmal seit unvordenklichen
+Zeiten das Los unsers Geschlechtes war, nur sollte
+ich aus Schmach und Elend heraus sie alle durch meinen
+Geist überglänzen und beherrschen, auf den Knien sollten
+sie nachts mit Lebensgefahr zu mir rutschen, die mich am
+Tage wie einen tollen Hund von ihrer Schwelle hetzen
+durften. Ich freilich hatte an allen Schulen nichts gelernt
+als höfliche Sitten und Herrenleben, weniger aus Faulheit
+als aus Torheit, die mich den Wert der Zeit nicht bedenken
+ließ; im Innersten hoffte ich, es würde so in Saus und
+Braus in Ewigkeit weitergehen. Dem Befehle meines
+Vaters wagte ich aber nicht mich zu widersetzen, und es
+hatte auch etwas grausig Verlockendes für mich, einst Blutkönig
+in dem einsamen Reich auf der Heide zu werden.
+Nur suchte ich den Augenblick, wo ich selbst das Handwerk
+ausüben sollte, hinauszuschieben, worauf mein Vater auch
+bereitwillig einging, weil ich schlank und zierlich von Wuchs
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_31" id="Page_31">31</a><span>] </span></span>war und er meinte, ich müßte mich noch durch viele körperliche
+Übungen auf meinen Beruf vorbereiten.</p>
+
+<p>Da kam eines Tages die Gelegenheit, die meinem Vater
+schicklich erschien, mich einzuführen; es handelte sich nämlich
+darum, einen Papageien öffentlich mit dem Schwerte
+zu richten.</p>
+
+<p>Herr Quarre, der kaiserliche Vogt, saß zwar bis über
+den Hals in Schulden, achtete sich aber der Majestät, die
+er vertrat, in allem gleich, war hochmütig wie ein Pfau
+und dumm wie ein Pfannenstiel, worüber die Gassenbuben
+auf der Straße Spottlieder genug zu singen wußten. Um
+seine Lage zu verbessern und seine Stimme im Rat zu verstärken,
+trachtete er nach der Hand der Tochter des regierenden
+Bürgermeisters, deren lockende Güte und Holdheit sich
+in aller Leute Herz schmeichelte, so daß selbst die bösen
+Kramverkäuferinnen auf dem Markte sie die kleine Wonne
+nannten, nämlich Wunneke in jener altniederdeutschen
+Sprache. In ihrer übermütigen Jugend lachte sie über den
+abgeschmackten Freier, der zu allem andern ein dicker alternder
+Mann und trunksüchtig war, und gab sich nicht die
+Mühe, ihre Verachtung seiner ungefügen Person zu verbergen.
+Darüber war ihr Vater, der Bürgermeister, des
+Kaisers wegen in großen Ängsten, und wenn er auch nicht
+daran dachte, seine Tochter zu einer solchen lächerlichen
+Verbindung zu zwingen, hätte er die Sache doch gern aufs
+glimpflichste geordnet.</p>
+
+<p>Nun geschah es, daß Herr Quarre den Bürgermeister
+besuchen wollte, ihn aber nicht zu Hause fand und in guter
+Zuversicht die Jungfrau Tochter bitten ließ, die auch in
+wenigen Minuten zu erscheinen versprach. Während er in
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_32" id="Page_32">32</a><span>] </span></span>einem stattlichen Empfangszimmer ihrer wartete, hörte er
+im Nebenzimmer erst ein Pfeifen und Knarren, dann ein
+Singen, in dem er deutlich die Melodie und schließlich auch
+die Textworte unterscheiden konnte; es lautete nämlich:</p>
+
+<p class="noindent" style="width: 12em; margin-left: auto; margin-right: auto; white-space: nowrap;">
+Herr Quarre wär ein Held<br />
+Und hätt auch Gott geprellt<br />
+Ums Regiment der Welt,<br />
+Wenn nicht das Beste fehlt':<br />
+Die Grütze und das Geld.<br />
+</p>
+
+<p>Sogleich geriet Herr Quarre in einen brennenden Zorn,
+und als nun lächelnden Mundes Wunneke ins Zimmer trat,
+ergoß er sich in wütenden Reden und forderte tobend, daß
+ihm der Name des unverschämten Rebellen genannt würde,
+der so aufreizende Lieder von sich gäbe, damit eine nachdrückliche
+Strafe über ihn verhängt würde. Wunneke entgegnete
+sanftmütig, der Herr Vogt werde besagten Gesang
+auf der Straße vernommen haben, wo man leider oft von
+liederlichen Leuten die gottlosesten Dinge hören müsse. Herr
+Quarre blieb aber dabei, es sei im Nebenzimmer gewesen,
+und ließ auch einfließen, es sei eine helle und gewissermaßen
+lieblich pfeifende Stimme gewesen, wobei er drohende
+Blicke auf das Fräulein schoß. Wunneke veränderte aber
+ihre unschuldige Miene nicht und sagte ruhig, im Nebenzimmer
+sei niemand anders gewesen als Flämmchen, der
+Papagei, der dort seinen Standort habe und allerdings,
+was sie nicht leugnen wolle, sowohl sprechen wie singen
+könne, so daß es, wenn auch unwahrscheinlich, doch nicht
+unmöglich sei, daß er den Unfug getrieben habe. Herr
+Quarre verlangte murrend die angebliche Bestie in Augenschein
+zu nehmen und wurde von Wunneke höflich in das
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_33" id="Page_33">33</a><span>] </span></span>Nebenzimmer geführt, wo auf einer goldenen Stange
+Flämmchen saß, mit einem Kettlein am Fuße daran festgebunden.
+Sie forderte den Vogel unter Streicheln und Liebkosen
+auf, zu wiederholen, was er vorher gesungen habe;
+aber man vernahm nur ein leises wollüstiges Knarren, das
+er von sich gab, indem er sein grüngoldiges Köpfchen langsam
+an der weißen Mädchenwange rieb.</p>
+
+<p>Herr Quarre hielt sich nunmehr für gefoppt und schnaubte
+von dannen unter der Androhung, daß er den Bürgermeister
+und sein ganzes Haus wegen Majestätsbeleidigung vor
+Gericht ziehen werde. Sein Zorn verdoppelte sich noch, als
+Herr Schmitz, der Bürgermeister, obwohl er sich verschworen
+hatte, alles zu tun, um den Gekränkten zu begütigen, sich
+mit Vorbringung fadenscheiniger Ausflüchte entschuldigte,
+als der Vogt sich Wunneke selber zur Entschädigung ausbat.
+Er brachte eine Klage bei dem Rat ein, und es wurde
+schleunig eine Sitzung anberaumt, bei der der Bürgermeister,
+als selbst beklagt und beteiligt, den Vorsitz Herrn
+Muslieb, dem zweiten Bürgermeister, abtreten mußte.</p>
+
+<p>Dieser war zwar dem kaiserlichen Vogte, der beständig
+die Gerechtsame der Republik schmälern wollte, so feind,
+wie es ihm zukam, andrerseits aber war es ihm angenehm,
+dartun zu können, daß, wenn auch seine Stellung bescheidener
+als die des regierenden Bürgermeisters, doch sein
+Name nicht minder fleckenlos war, und er beschloß, die Gerechtigkeit
+alle Partei-, Privat- und Sonderinteressen überwiegen
+zu lassen. Er ersuchte zunächst Herrn Quarre, das
+Lied vorzutragen, das die Ursache des Prozesses war, was
+derselbe nicht ohne Unwillen tat; sämtliche Ratsherren
+konnten nicht umhin, mit strengem Kopfschütteln sich dahin
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_34" id="Page_34">34</a><span>] </span></span>zu erklären, daß es keine geringe Keckheit und Unanständigkeit
+sei, wenn Lieder so schandbaren Inhalts in einem obrigkeitlichen
+Hause in aller Fröhlichkeit laut würden. Der
+Bürgermeister und seine Tochter beteuerten, daß keiner
+außer dem Papagei das Lied hätte singen können, und das
+Fräulein führte zu seiner Entschuldigung an, daß er wahrscheinlich,
+am offenen Fenster stehend, das Schelmenstückchen
+gehört und in seiner Torheit nachgeplappert hätte.
+Herr Quarre zog dies in Zweifel, da noch nicht einmal bewiesen
+und überhaupt sehr unwahrscheinlich sei, daß das
+dumme und eitle Tier sprechen könne, welcher Beweis denn
+nun freilich auf der Stelle geleistet wurde. Indessen war
+Flämmchen nicht zu bewegen, etwas andres zu sagen als:
+Guten Morgen, Wunneke! Komm mit, Wunneke! Küß
+mich, Wunneke! welche Reden er süßlich quäkend und unter
+geschwindem Augenrollen mehr als nötig wiederholte.
+Daraufhin erklärte der vorsitzende Bürgermeister den Papageien
+für wohlbefähigt, das Verbrechen, dessen er geziehen
+wurde, begangen zu haben, und Herr Quarre, der
+den Vogel nunmehr zwischen Furcht und Staunen für
+einen Zauberer ansah, neigte zu der Ansicht, daß er der
+Täter sei.</p>
+
+<p>Trotzdem glaubte der Rat ohne weiteren Beweis nicht
+zu einem Urteil schreiten zu dürfen, und die Herren gingen
+dem Vogel mit Singen und Pfeifen eifrig zu Leibe; denn sie
+hofften ihn zur Wiederholung des Liedes zu bewegen, indem
+sie die Melodie und ersten Worte desselben anhüben.
+Über diese Zurüstungen war Flämmchen so erschreckt, daß
+er nur den Schnabel auf und zu machte, ohne einen hörbaren
+Laut zu äußern, was Herr Quarre als Berechnung
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_35" id="Page_35">35</a><span>] </span></span>und Verstellung auslegte. Die übrigen Herren zögerten in
+großer Verlegenheit, bis das Fräulein den Vorschlag machte,
+es möchten einige Vertrauenspersonen ausgewählt und beauftragt
+werden, Flämmchen während einer gewissen Zeit
+scharf zu beobachten; denn es sei anzunehmen, falls er das
+Lied wirklich einmal gewußt hätte, daß er es wiederholen
+würde, sowie er nicht wie jetzt durch eine hohe und majestätische
+Versammlung eingeschüchtert wäre. Hierauf gingen
+alle mit Freuden ein, und es wurden sofort drei kundige
+und anstellige Ratsherren mittels geheimer Abstimmung
+ausgewählt, die drei Tage und Nächte hintereinander das
+Gestell des Vogels umgeben und auf alle seine Äußerungen
+achten sollten. Da ihnen Reden sowie Gespräch und Gelächter
+jeder Art der größeren Aufmerksamkeit wegen verboten
+war, vertrieben sie sich die Zeit mit schweigendem
+Würfeln und Kartenspielen, das nur zuweilen dadurch
+unterbrochen wurde, daß ein jeder die Ausrufungen des
+Papageien auf einem Pergamentstreifen verzeichnete. Es
+war aber nach Verlauf der Zeit nichts vorgefallen, was
+auf Flämmchens Kenntnis des bezüglichen Liedes schließen
+ließ, und man hätte ihn freigesprochen, wenn sich nicht
+Herr Quarre mit äußerster Wut dagegen gesetzt hätte. Ein
+sauberes Regiment, sagte er, das sich von einem ausländisch
+aufgeputzten Vogel über das Ohr hauen lasse; er würde die
+ganze Republik zusammenstampfen wie ein Äpfelmus, wenn
+der ihm zugefügte Schimpf nicht an dem Missetäter gerächt
+würde. Nachdem Bürgermeister und Rat eine Zeitlang in
+den Gesetzen nachgeschlagen und geblättert hatten, erklärten
+sie einmütig, daß sie zunächst das Mittel der Tortur versuchen
+müßten, um ein gutwilliges Geständnis zu erpressen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_36" id="Page_36">36</a><span>] </span></span>Und so ist es gekommen, daß ich Wunneke sah. Denn
+trotzdem es allgemeiner Mißbilligung unterlag, daß sie
+unser verfemtes Reich betreten und einer Handlung so
+schauriger Art beiwohnen wollte, hatte sie sich nicht davon
+zurückhalten lassen, ihren Liebling auf seinem Martergange
+zu begleiten. Ich Unglücklicher stand an meines Vaters
+Seite, als sie in das moderige Gewölbe eintrat, wie ein
+wandelnder Narzissenstrauß, wie ein Kelch aus Milchglas
+voller Veilchen, mit dem ein duftendes Frühlingsgewölk in
+die kalte Finsternis hineinschwebt. Ach mehr &ndash; wie vor
+dem ermattenden Schwimmer, der sich eben in den unvermeidlichen
+Untergang geschickt hat, mitten aus dem öden
+Wassermeer eine blühende Insel auftaucht, mit Orangenhainen
+bewaldet, denen die Tropfen noch von den glatten
+Blättern rieseln, so stand sie plötzlich vor mir und schaute
+mir mit lächelnden Augen ins Gesicht. Nur mich lächelte
+sie an, gegen die andern bewahrte sie eine absichtliche Feierlichkeit,
+und vor meinem Vater schien sie zu erschrecken;
+von Abscheu war nichts darin, nur Erstaunen und Bangen.
+Woher wußte sie, daß meine Augen alles so sahen wie ihre?
+Obgleich wir nie ein Wort miteinander gesprochen hatten,
+sahen wir, während die Handlung sich entfaltete, einander
+an wie zwei schelmische Kinder, die eine Falle gestellt haben
+und aus ihrem Versteck aufpassen, wie die Geneckten hineintappen.
+Und nun ertönte das silberne Harfenspiel ihrer
+Stimme, wie sie zu meinem Vater sagte: &bdquo;Herr Marx
+Grave, wollt bedenken, daß der Beklagte ein zartes und
+verwöhntes Geschöpf ist, dem das Lebensfädchen leicht
+völlig zerreißen könnte, wenn man allzuhart daran zerrte.&ldquo;</p>
+
+<p>Mein Vater antwortete laut und ernsthaft: &bdquo;Die Vernunft
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_37" id="Page_37">37</a><span>] </span></span>und die Gesetze gebieten, edles Fräulein, die Pein
+nicht über das Vermögen des Delinquenten hinausgehen
+zu lassen. Seid versichert, daß ich es bei den ersten und
+angenehmsten Graden der Folter bewenden lassen werde.&ldquo;</p>
+
+<p>In dem Augenblick, als das Tier meinem Vater übergeben
+wurde und seine rechte Hand sich ihm mit einem
+schraubenartigen Werkzeug näherte, brach der Papagei in
+ein lautes Gezeter aus, das sich deutlich in einige Worte
+zerlegen ließ, und zwar in ebendieselben, die den Anfang
+des Spottliedchens über Herrn Quarre bildeten. Dieser,
+der, um sich an den Qualen seines Feindes zu ergötzen,
+ganz nahe bei meinem Vater gestanden hatte, triumphierte
+hoch und verlangte, daß er dem überführten Übeltäter
+augenblicklich den Hals umdrehe. Mein Vater entgegnete
+kühl: &bdquo;Und wenn der Papagei Euch, Herr Quarre, das
+Herz aus dem Leibe gehackt hätte und dessen geständig
+wäre, würde ich ihm doch kein Federchen krümmen, bis er
+nach Recht gerichtet und mir in herkömmlicher Form zur
+Vollstreckung des Urteils übergeben wäre.&ldquo;</p>
+
+<p>Herr Quarre brach in gräßliches Schimpfen aus und
+rief: &bdquo;Hört den Mistfinken! das Blutschwein! ich kenne
+euch alle, frei möchtet ihr sein und schert euch einen Kuckuck
+um die Majestät des Kaisers, der euer Dreckgehirn wie
+Nüsse mit dem Absatz zerknacken könnte!&ldquo; In welchen
+giftigen Reden ihn aber Herr Muslieb mit ernster Höflichkeit
+unterbrach, indem er ihn auf das Unbedachte seines
+Geschwätzes aufmerksam machte. Dem Papagei, sagte er,
+werde sein verdientes Urteil gesprochen werden, ohne daß
+das Recht um ein Tüttelchen geschmälert würde, danach
+aber werde man untersuchen, ob der Kaiser in Wahrheit
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_38" id="Page_38">38</a><span>] </span></span>Anspruch darauf habe, eines ehrbaren Rats reichsfreier
+Stadt Köpfe abschätzig zu betiteln und mit Füßen zu treten,
+was, soviel er wisse, nicht einmal in der Türkei und andern
+üppigen Sultansländern Sitte sei.</p>
+
+<p>&bdquo;Wenn die Narren den hübschen Vogel wirklich zum
+Schwerte verurteilen,&ldquo; sagte mein Vater, nachdem sich alle
+entfernt hatten, &bdquo;sollst du an meiner Stelle amtieren;&ldquo;
+denn, meinte er, er selbst sei für solche Albernheiten zu alt,
+würde auch nötigenfalls den Herren mit seiner Dienstordnung
+in der Hand beweisen, daß er zu ernstem, vernünftigem
+Geschäft, nicht aber zu eitelm Firlefanz berufen
+sei. Mir aber würde es wohl anstehen, mich bei dieser Gelegenheit
+zum ersten Male öffentlich zu zeigen, denn fehlen
+könnte ich bei so leichter Arbeit nicht, dagegen den Beifall
+von Mädchen und Toren, deren es viele gäbe, erwerben.</p>
+
+<p>Gott weiß, wie mir damals Tage und Nächte vergingen.
+Mein Herz war wie ein junger Falke, der unaufhörlich mit
+den Flügeln rauscht, um sich zum ersten Fluge aufzuschwingen,
+und zwischen Furcht und ungeduldigem Mute zaudert.
+Auf der Heide lag mein Leib, aber ich selbst fuhr wie eine
+Sturmschwalbe darüber hinweg, schreiend und die salzige
+Meerluft schlingend, daß ich sie kühl und berauschend bis
+in die tiefste Seele hinein fühlte. Ich sauste um den alten
+Leuchtturm, schlug mit klatschenden Flügeln an sein starres
+Gemäuer, stürzte mich in die brennende Pechpfanne auf
+seiner Zinne, peitschte mit der schwarzroten Flamme die
+fliehende Luft und empfand mit Wonne, wie ich mich dehnte,
+indem ich mich selber verzehrte. Dabei war ich mir wohl
+bewußt, wer sie war und wer ich war, und daß ich eher die
+Wange des Mondes als die ihre je mit meinen Lippen berühren
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_39" id="Page_39">39</a><span>] </span></span>könnte. Aber diese Unmöglichkeit eben erhöhte
+meinen Wahnsinn, denn was mir in den Eingeweiden
+brauste, hätte mich vor mir selber lächerlich gemacht, wenn
+es sich um ein alltägliches Lieben und Werben gehandelt
+hätte. Auch war in meinem Gefühl das Bewußtsein von
+einer magnetischen Kraft, die sie doch einmal an mein
+Herz reißen müßte, wenn ich auch nicht darüber nachdachte,
+wie das geschehen könnte. Und als ich vollends am Tage
+der Papageihinrichtung mein neues Amtsgewand trug,
+ganz aus schwarzem Tuch, das kurze Mäntelchen, mit
+karmesinroter Seide gefüttert, schwarze und rote Federn
+auf dem Barett, zweifelte ich nicht, daß der Himmel sich
+über meiner Schönheit öffnen und Rosen auf mich herabschütten
+würde, Rosen von jenseits, mit Ambrosia betaute,
+die ich alle der erbleichenden Wunneke in den Schoß werfen
+würde.</p>
+
+<p>Von weitem her sah ich den Armesünderkarren durch
+den braunen herbstlichen Wohlgeruch der Heide stolpern,
+auf dem sie saß in ihrem schwarzsamtenen Kleide, den
+Papageien an einem silbernen Kettlein haltend, der, von
+dem Anblick der weiten hohen Welt und der unübersehbaren
+Menschenmenge betäubt, bald in sich zusammensank
+als ein erlöschendes Flämmchen, bald mit gesträubten
+Federn, heftig kreischend und schimpfend, auf dem Arme
+seiner Herrin auf und ab lief. Ihr gegenüber saß der
+Propst, welcher auf ihr Verlangen dem Sünder als Trost
+auf seinem letzten Gange beigegeben war. Dies hatte sie
+allerdings nicht ohne Mühe durchgesetzt, denn die Räte
+waren in der Mehrzahl der Ansicht gewesen, bei einer vernunftlosen
+Bestie sei geistlicher Zuspruch nicht nur unnötig,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_40" id="Page_40">40</a><span>] </span></span>sondern sogar übel angebracht. Aber Wunneke wendete
+ein, wenn Flämmchen denn vernunftlos sei, dürfe man ihm
+auch sein schelmisches Singen nicht zum Vorwurf machen,
+worauf Herr Quarre in einen glühroten Zorn geriet, seinen
+borstigen Schnurrbart sträubte, daß man an der Spitze
+jedes Haares ein Fröschlein hätte aufspießen können, und
+sagte, ohne Vernunft sei der Vogel zwar nicht, aber seine
+Vernunft sei des Teufels, und wenn ihn die sämtlichen
+Kirchenväter mit dem Papst an der Spitze zum Schafotte
+geleiteten und ihm die ganze Bibel aufsagten, würde das
+dem ruchlosen Federvieh nur zu Spott und Gelächter dienen.
+Hierauf aber sagte der Propst, den man nebst mehreren
+andern Theologen zu Rate gezogen hatte, damit sie die
+heikelige Sache beurteilten, wenn dem so sei, müsse man
+um so mehr dazu tun, daß der göttliche Vernunftsinn dem
+Teufel entrissen würde, und er wollte sich der Aufgabe
+wohl unterziehen. Überhaupt, sagte er, fehlten zwar auch
+dem gescheitesten Tier die vernünftigen Begriffe, weil es
+nicht unterwiesen sei, aber man gebe ja auch einem neugeborenen
+oder gar idiotischen Kinde die heilige Taufe, das
+sei eins wie das andre, man müsse eben den Heiligen Geist
+spenden, wie der liebe Gott die Sonne und ein Sämann
+die Körner, soviel als möglich und aufs Geratewohl, schaden
+könne es nicht und zuviel sei besser als zuwenig. Auf
+diesen gelehrten Sermon wußte niemand etwas zu erwidern,
+auch fürchteten Bürgermeister und Rat den Propst,
+der weit und breit großes Ansehen genoß und die dumme,
+lenksame Riesenseele des Volkes in der Hand hielt.</p>
+
+<p>So saßen der Propst und das Fräulein auf dem Karren
+und unterhielten sich leise und lächelnd, und mir schien es,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_41" id="Page_41">41</a><span>] </span></span>wie ich das weiße Seelengesicht über dem schwarzen Kleide
+schweben sah, als führe man in feierlicher Prozession eine
+auf ferner neuentdeckter Insel gefundene Wunderblume
+durch das Land, damit alles Volk sie sähe und ihren Duft
+einatmete. Das Schafott hatte mein Vater selbst mit hochrotem
+Samt überzogen, und ich eilte die Stufen hinan, als
+wäre ich der Königssohn und sollte mich dem Volke zeigen.
+Das war auch in lustiger Bewegung, weil es ein so seltsames
+Schauspiel mit ansehen sollte, und viele Männer
+und Frauen hoben ihre Kinder hoch und riefen: Schau, Lütte
+Grave; denn da ich wie mein Vater Marx hieß, nannte
+man mich zum Unterschiede den Kleinen, das ist Lütte in
+jener niederdeutschen Sprache. Flämmchen hatte ich am
+Kettlein auf der Hand sitzen wie einen Edelfalken, und ich
+fühlte meine zierliche Schönheit ordentlich aus mir herausblühen.
+Wie mein Vater mich gelehrt hatte, kniete ich mich
+zuerst nieder und sagte: Gott walte deiner und meiner!
+stand dann wieder auf, neigte meines kleinen Schwertes
+Spitze dahin, wo die Obrigkeit versammelt war, und schickte
+mich an, meinen Delinquenten zu richten.</p>
+
+<p>In diesem Augenblick sah ich zum erstenmal, wie schön
+Flämmchen war: das grüne Köpfchen glänzte, als wäre
+Goldschaum darüber geblasen, und die roten und blauen
+Federn im Schwanz und in den Flügeln flammten wie edle
+Steine. Er bemerkte meine Bewunderung sogleich, und
+seine runden, spiegelnden Augen sagten halb flehentlich,
+halb listig: Töte mich nicht, Lütte Grave! Willst du mich,
+das hübsche Flämmchen, den kriechenden Breitmäulern da
+unten zuliebe umbringen? Fliegen wirst du mich lassen&nbsp;&hellip;
+Es fehlte nicht viel, so hätte ich ihn wirklich fliegen und
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_42" id="Page_42">42</a><span>] </span></span>als ein goldenes Flämmchen in den lachenden blauen
+Himmel steigen lassen; aber ich besann mich, daß er als ein
+unfreier, halbbeseelter Menschengeselle auf Wunnekes
+Schulter zurückfliegen und dem Tode doch nicht entgehen
+würde, daher entschloß ich mich und hieb mit einem kurzen
+geschwinden Streich das kleine Schelmenhaupt vom Rumpfe.
+So geschickt führte ich es aus, daß ich den abfliegenden
+Kopf mit der Spitze meines Schwertes auffing und ihn so
+dem Volke zeigen konnte als Beweis der völlig und glücklich
+ausgeführten Exekution. Bei diesem Anblick brach die
+Menge in helles Freudengeschrei aus, die Kinder klatschten
+in die Hände, und über die warme, träumende Heideluft
+verbreitete sich blitzschnell Jubel und Gelächter. Die Obrigkeit
+trollte sich eilig und unzufrieden davon, denn sie trauten
+sich nicht, der unanständigen Ausgelassenheit zu steuern;
+aber das Volk wogte noch bis zum kühlen Abend auf der
+Heide umher, als ob Jahrmarkt wäre.</p>
+
+<p>Wunneke hatte ich während der ganzen Handlung nicht
+einmal angeschaut, aber gefühlt hatte ich sie, wo sie war,
+wie sie unter Tränen lächelte und was sie dachte, und ihr
+Herz blieb bei mir zurück, und ich legte mich damit in das
+blühende Kraut, seliger, als wenn es ihr schöner warmer
+Leib gewesen wäre. Erst am andern Morgen flohen mir
+die guten Glücksgeister davon, und das Gestrige lag unter
+der neuen Sonne wie ein elendes, abgegriffenes Rumpelkammerspielwerk,
+das man als Kind einmal für das herrlichste
+Kleinod gehalten hat. Und gerade am Abend dieses
+wüsten Tages kam sie. Sie kam wie ein leichtes, flüsterndes
+Blatt, das der Wind vor sich her weht, und schien sich
+an die Dunkelheit anschmiegen und in sie verbergen zu
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_43" id="Page_43">43</a><span>] </span></span>wollen. Ein andrer hätte sie ohne weiteres in seine Arme
+genommen &ndash; denn war sie nicht fast ein Strandgut an unsre
+fürchterliche Küste geworfen &ndash;, mir aber kam das nicht in
+den Sinn, vielmehr hielt ich mich weit von ihr, während
+ich sie in unser Haus geleitete. Auf meines Vaters Frage
+sagte sie, daß sie gekommen sei, um sich Flämmchens Leichnam
+auszubitten, den sie begraben wolle, und unter seinem
+Blick errötend, setzte sie hinzu, ihr Vater würde ihr die unschuldige
+Bitte ausgeschlagen haben, darum sei sie heimlich
+bei der Dunkelheit gekommen.</p>
+
+<p>&bdquo;Habt Ihr nicht gewußt,&ldquo; sagte mein Vater, &bdquo;daß Ihr
+des Scharfrichters Haus nicht betreten dürft? Und daß er
+mit seinem Leben bezahlen muß, wenn er Euch empfängt,
+bewirtet oder berührt?&ldquo;</p>
+
+<p>Es quälte mich, daß Wunneke nicht ein Wort zu entgegnen
+vermochte, obschon sie sich Mühe gab, zu sprechen;
+sie starrte ihm ins Gesicht und hätte sich, glaub ich, von
+ihm niederschlagen lassen, ohne den leisesten Versuch zur
+Verteidigung oder zur Flucht zu machen. Nach einer langen
+Pause fuhr mein Vater fort: &bdquo;Nehmt das zu Herzen, wenn
+mir oder meinem Sohne ein Haar sollte gekrümmt werden
+um Euretwillen, weil es Euerm buhlerischen Leichtsinn
+nach Abenteuern gelüstet, so müßt Ihr zahlen: unsre Tränen
+mit Euerm Blut, unser Blut mit Eurer Seele.&ldquo; Ich war
+so gewohnt, mich unter dem tyrannischen Willen meines
+Vaters zu beugen, daß ich mich währenddessen ganz still
+verhalten hatte, dazu stand ich auch unter dem Eindrucke
+seiner wilden Schönheit, die sich immer dann am prächtigsten
+auftat, wenn das Blut in ihm zu kochen anfing. Erst
+nach einer Weile, als er sie mit einem milderen Blick
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_44" id="Page_44">44</a><span>] </span></span>musterte, in dem etwas kalt wollüstig Abschätzendes war,
+gewann ich mich selbst wieder, trat vor und sagte: &bdquo;Warum
+erschreckst du das Fräulein, Vater, das ohne böse Absicht
+als eine Bittende zu uns gekommen ist? Erlaube, daß ich
+ihr den Vogel suche und sie dann wieder heimbegleite.&ldquo;</p>
+
+<p>Mein Vater sah mich scharf an, und ich glaube, daß er
+in diesem Augenblick alles durchschaute, was ich fühlte,
+wünschte und hoffte, und vielleicht auch, welchen Ausgang
+es nehmen würde, denn es schlich sich ein mehr mitleidiges
+und vorwurfsvolles als spottendes Lächeln um seinen
+Mund; aber er winkte mir nur mit der Hand, zu gehen,
+ohne noch einen Blick auf das Mädchen zu werfen. Sie
+drängte sich an mich und folgte mir, und als wir draußen
+waren, sahen wir uns heimlich lachend an und schüttelten
+uns wie Kinder, die Schelte bekommen haben; dann liefen
+wir spornstreichs mitten in die Heide hinein.</p>
+
+<p>Das tote Flämmchen hatte ich bald gefunden und aus
+dem Sande herausgewühlt, von dem es nur eben bedeckt
+gewesen war; danach setzten wir uns auf das samtbeschlagene
+Gerüst, das in der Dämmerung hoch und schwarzrot dastand,
+und blickten auf das gleichmäßig brandende Meer.
+Ich erzählte ihr dunkle Geschichten von den Männern und
+Frauen, die seit Jahrhunderten auf diesem Stück Heide von
+meinen Vorvätern waren hingewürgt worden, die ich zum
+Teil in meiner Kindheit von unsern Knechten gehört hatte.
+Die Seelen der Gerichteten hausten im Meere, sagte ich,
+die meisten hielten sich dicht am Ufer, und wenn frisches
+Blut vergossen würde, schlichen sie sich nachts heran und
+tränken davon in schrecklicher Lüsternheit nach dem irdischen
+Leben. Die Ferne war schwarz bis auf einen weißgelben
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_45" id="Page_45">45</a><span>] </span></span>Streifen, der wie ein einsamer Pfad über die dunkeln Berge
+der Ewigkeit schimmerte; aber dicht vor uns bewegten sich
+vom Wasser her über das Heidegestrüpp kriechende Nebel,
+die man in Wirklichkeit für geisterhafte Phantome hätte
+halten können. Einige schienen verzweifelt die dünnen
+stehenden Arme zu ringen, während sich andre auf die
+Erde gekrümmt, verstohlen, ihrer verfluchten Blutgier sich
+schämend, auf uns zuschlichen. Über diesen Anblick begann
+Wunneke plötzlich sich zu fürchten, und ich geleitete sie in
+Sicherheit heim, versprach ihr aber zuvor, daß ich Flämmchens
+zeitliche Überreste auf dem nächsten Gottesacker ordentlich
+und lieblich bestatten wollte, was ich mir unter dem
+Schutze des Totengräbers, den ich gut kannte, wohl auszuführen
+getraute.</p>
+
+<p>Dieser gestand mir auch gleich alles zu, um was ich ihn
+bat, und nachdem ich ihn in seiner Gefälligkeit noch durch
+ein namhaftes Trinkgeld bestärkt hatte, wählte ich mir ein
+Plätzchen an der Hecke aus, wo lauter alte, verfallene Gräber
+lagen, um die sich niemand mehr bekümmerte. Dort warf
+ich ein schmales Hüglein auf und bepflanzte es über und
+über mit blühenden Astern, daß es wie ein einziger großer
+Blumenstrauß aussah. Am folgenden Abend kam Wunneke,
+wie sie mir aus freien Stücken angesagt hatte, und wir
+setzten uns auf einen halb eingesunkenen Stein unter einer
+hohen Pappel, die der Wind rauschend auf und nieder bewegte.
+Welke Blätter sausten in Schwärmen an uns vorüber,
+und weiterhin sahen wir sie wie ein dunkles Gewölk
+über die bleichen Gräber jagen. Vielleicht war die feuchte,
+gärende Luft voll von den Lebenskeimen aller der Begrabenen,
+die seit Jahren und Jahrhunderten hier moderten,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_46" id="Page_46">46</a><span>] </span></span>denn mir war es, als saugten wir mit jedem Atemzuge mehr
+treibenden, schwellenden Drang in uns hinein. Bis dahin
+hatte ich sie noch nicht ein einziges Mal berührt, und jetzt
+auch hätte ich es nicht getan, wenn sie sich mir nicht selber
+an die Brust geworfen und meine ehrlosen Mordknechtshände
+mit Küssen bedeckt hätte.</p>
+
+<p>Aber trotzdem sie nun viele Abende, ich erinnere mich
+nicht mehr, wie viele es waren, zu mir auf den Kirchhof
+kam, wurde ich immer trauriger. Ich mußte immer darüber
+nachdenken, ob sie wohl zärtlicher gegen mich sei, als sie
+gegen Flämmchen gewesen war, und ob sie mich wohl so
+innig liebkosen würde, wenn Flämmchen noch lebte, und
+ob sie wohl gerade das an mich gezogen hätte, daß ich verfemt
+war, und meinen Leib, so jung und schön er war, anzurühren
+Schande und Tod brachte. Sie übrigens meinte
+es treu mit den überschwenglichsten Liebesworten, wie sie
+denn ganz unfähig gewesen wäre, Liebe zu heucheln. Alles,
+was folgte, war einzig meine Schuld, denn ich wußte schon
+damals, was sie nicht wußte, nämlich, daß sie mich nicht
+liebte, mich nicht liebte, trotzdem sie es mir allabendlich
+heilig beteuerte. Ein einziges Mal hatte ich den Mut, es
+ihr zu sagen, worauf sie mich wohl eine Minute lang nachdenklich
+und erschrocken ansah; dann stürzten ihr plötzlich
+Tränen aus den Augen, und sie umarmte mich, als ob sie
+mich nicht mehr von sich lassen wollte. Während ich bebend
+die kühle Tränenflut über mein Gesicht rinnen fühlte, sagte
+sie unter Schluchzen, wie sie mich liebte, ewig, ewig nur
+mich, wie wenn ich ein goldener Stern des Himmels wäre,
+der nachts zu ihr herunterstiege, um sich von ihr küssen zu
+lassen. Auf meine Frage, weshalb sie weine, wußte sie
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_47" id="Page_47">47</a><span>] </span></span>nichts zu erwidern. Aber das war das merkwürdigste, daß
+ich seitdem, obwohl ich nie mehr darauf zurückkam, noch
+weniger an ihre Liebe glaubte als vorher. Und daß ich
+recht hatte, zeigte sich nun bald, nachdem der Totengräber
+mich verraten hatte.</p>
+
+<p>Der Totengräber war ein kurzes, dickes Männchen mit
+dickem Kopfe, nicht böse, nicht gewinnsüchtig, nicht streitsüchtig
+noch schadenfroh, obwohl er lauter Handlungen beging,
+aus denen man das und Ärgeres hätte schließen
+müssen. Nur war er hilflos und unberaten, tappte blindlings
+und tolpatschig ins Leben hinein, bis er plötzlich an
+ein beliebiges Steinchen im Wege anstieß, zur Besinnung
+kam und nun plötzlich von unaufhaltsamer Angst überfallen
+wurde, daß er eine große Unvorsichtigkeit begangen habe,
+in diese oder jene Falle geraten werde und überhaupt verloren
+sei. In solchen Augenblicken schonte er niemand, denn
+er glaubte alle samt und sonders wider sich verschworen
+und konnte andre ins Verderben stürzen, während er sich
+für ein armes Opfer hielt, das eben schlau genug sei, sich
+aus der Schlinge zu ziehen. Er hatte ein paar runde,
+braunglänzende Augen, denen er den Ausdruck alles durchdringender
+Pfiffigkeit zu geben suchte, obgleich er eigentlich
+gar nichts mit ihnen sah oder beobachtete. Aber er
+wollte um jeden Preis die Dummheit, die er deutlich in
+sich spürte, vor der Welt verbergen, damit er nicht übervorteilt
+und ausgelacht würde.</p>
+
+<p>Er hatte mir damals bereitwillig die Erlaubnis gegeben,
+den Papagei auf dem ihm unterstellen Kirchhof zu begraben,
+mir sogar geholfen, das kleine Grab zu graben und
+den Hügel aufzuwerfen. Er hatte sich, außerordentlich dabei
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_48" id="Page_48">48</a><span>] </span></span>belustigt, und wenn Wunneke kam, pflegte er mir heimliche
+Zeichen zu machen, in sich hineinzukichern und sich die
+Hände zu reiben; ohne daß ich ihn darum gebeten hätte,
+ließ er um unsertwillen die Friedhoftür länger geöffnet als
+gewöhnlich und schloß sie hinter uns, kurz, er war uns in
+jeder Hinsicht bei der Ausführung unsrer Zusammenkünfte
+behilflich. Plötzlich nun klärte ihn seine Frau, die hinter
+die Sache gekommen war, darüber auf, was das eigentlich
+auf sich habe und was für unübersehbare und verderbliche
+Folgen daraus entstehen könnten. Denn daß ich des Scharfrichters
+Sohn war, wußte sie so gut, wie sie sah, daß
+Wunneke ein vornehmes Fräulein war; das allerärgste
+schien ihr aber merkwürdigerweise das zu sein, daß wir den
+Vogel in geweihter Erde begraben hatten.</p>
+
+<p>Die warnenden Reden seiner Frau erschreckten den Totengräber
+so, daß er schnurstracks, um Leib und Leben zu retten,
+hinlief und seine Anzeige vor Gericht machte. Er erzählte
+aufs glaubwürdigste, wie ich ihn mit nacktem Schwert bedroht
+hätte, weil er den Greuel nicht hätte dulden wollen,
+wie aber sein Gewissen ihm keine Ruhe gelassen hätte, besonders
+seit das feine Fräulein in meiner Gesellschaft gewesen
+wäre, das leider wohl auch ein Opfer meines Frevelmutes
+sein möchte. Als ich, ohne hiervon einen Verdacht
+zu haben, plötzlich vor einen heimlichen Rat gestellt wurde,
+war ich nicht wenig bestürzt, konnte mich aber doch so weit
+fassen, daß ich beschloß, nichts auszusagen, was Wunneke
+gefährlich werden könnte. So kam es, daß ich auf die
+Frage, was mich bewogen hätte, einen ganz gemeinen ausländischen
+Vogel an heiliger Stätte zu begraben, antwortete
+&ndash; denn es wollte mir in der Bedrängnis und Eile
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_49" id="Page_49">49</a><span>] </span></span>nichts Besseres einfallen &ndash; das hätte ich getan, weil ich es
+ihm auf dem Schafott in seiner Sterbestunde als seinen
+letzten Wunsch tröstlicherweise versprochen hätte. Dies Geständnis
+rief ein gewaltiges Erstaunen hervor, und es
+wurden Beratschlagungen veranstaltet, wie meine Worte
+aufzufassen wären. Viele erinnerten sich, daß ich in der
+Tat mit gezücktem Schwerte einige Augenblicke gezögert
+und, dem Papagei ins Auge blickend, mit dem Zuschlagen
+gewartet habe, gerade als ob ich Zwiesprache mit ihm pflöge,
+so daß meiner Aussage wohl Glauben zu schenken sei; wie
+denn überhaupt nicht wenige wegen meines überaus hübschen
+und freundlichen Aussehens mir wohlwollten. Daß
+der Papagei der Sprache mächtig gewesen sei und auch
+vernünftig habe reden können, sei ohnehin bewiesen, meinten
+diese, denn sonst hätte er ja den kaiserlichen Vogt nicht verlachen
+und beschimpfen können. Ob das vernünftig reden
+heiße, ihn und Seine Majestät zum besten haben, grollte
+Herr Quarre; worauf sich jene wieder verantworteten, daß
+man vernünftig, das heißt vernünftigen Inhalts, und vernunftgemäß,
+das heißt den Gesetzen des Denkens entsprechend,
+unterscheiden müsse. Indessen blieb man doch,
+selbst wenn es festgestellt sei, daß der Papagei hätte vernünftig
+denken und reden können, im Zweifel darüber, ob
+seine Gedanken sich auch auf das Jenseits und ein ewiges
+Leben erstrecken können, welche Frage wiederum die Geistlichkeit
+sollte zu entscheiden haben.</p>
+
+<p>Noch sehe ich in meiner Erinnerung den Propst eintreten
+mit seiner hohen, etwas gebeugten und zierlich gebauten
+Gestalt in den prächtigen Ratssaal, und wie er mit seinen
+Feueraugen umhersah und alles ruhig und geschwinde
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_50" id="Page_50">50</a><span>] </span></span>musterte. Halbversunken waren diese alten Augen, und die
+Blicke kamen aus der Tiefe hervor wie Drachenzungen aus
+einer dunkeln Höhle, nur daß sie keinerlei Gift oder Bosheit
+an sich hatten, aber scharf, schnell und sicher trafen sie
+ins Herz. Als ich sie auf mir ruhen fühlte, nachdem man
+ihm meine Aussage samt allen daran geknüpften Bedenklichkeiten
+vorgetragen hatte, wurde es mir ganz wohl und
+glückselig zumute, und es schien mir auf einmal alles nichts
+weiter als ein schönes Fastnachtsspiel zu sein, dem ich zuschauen
+dürfte.</p>
+
+<p>Warum, begann sogleich der Propst, ohne auf dem ihm
+dargebotenen Sessel Platz zu nehmen, die Hände auf den
+langen Ratstisch gestützt, warum sollte es eine Sünde sein,
+den hübschen Papageien auf den Gottesacker zu begraben,
+da er doch kein Türke, Heide oder Jude, sowie kein Henker,
+Selbstmörder, Hexenmeister oder Seiltänzer gewesen sei?</p>
+
+<p>Der Vorsitzende erwiderte, Flämmchen sei allerdings nur
+ein Vogel gewesen, aber ein von Rechts wegen geköpfter;
+worauf der Propst erklärte, man müsse die Strafe anders
+ansehen als eine über Menschen verhängte, denn einem
+Menschen würde ein so kleines Vergehen nicht mehr als
+einen Verweis oder eine Ohrfeige eingetragen haben, was
+aber hätte man mit einem Vogel anfangen sollen? Geld
+besäße er keines, und gefangen wäre er so wie so, jede
+Körperstrafe würde aber in Ansehung seines gebrechlichen
+Leibchens ohnehin in Todesstrafe ausgeartet sein. Also sei
+er eigentlich nur zufällig und aus Not geköpft und brauchte
+das weiter keine Entehrung über den Tod hinaus im Gefolge
+zu haben.</p>
+
+<p>Aber ob eben ein Vogel schlechthin würdig sei, auf dem
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_51" id="Page_51">51</a><span>] </span></span>christlichen Friedhof begraben zu werden, das sei die Frage,
+wandte der Vorsitzende ein.</p>
+
+<p>Wie? sagte der Propst, ob man denn nicht wisse, daß der
+Heilige Geist in Gestalt einer Taube die Menschen heimsuche?
+Wer könne wissen, ob nicht in jenen antipodischen
+Ländern, wo es vielleicht keine Tauben gäbe, der Geist
+durch Papageien verbreitet würde? Jedenfalls sei erwiesen,
+daß ein Vogel nichts Unreines sei, sonst würde es
+dem Heiligen Geist nicht belieben, hineinzufahren, und es
+sei die Frage, ob nicht mancher Christ in der geweihten
+Erde liege, in dem er vor aufgehäuftem Unrat nicht hätte
+hausen mögen noch können.</p>
+
+<p>&bdquo;Flausen!&ldquo; rief nun der kaiserliche Vogt, kirschbraun im
+Gesicht und mit starrendem Schnurrbart, &bdquo;Tiere sind Tiere
+und gehören auf den Schindanger, wenn sie nicht nach
+Gottes Ordnung als Speise gegessen und verdaut werden.&ldquo;</p>
+
+<p>Jetzt aber beugte sich der Propst weit vor, so daß er dem
+Vogte dicht in die Augen sah, und sagte, indem er seine
+feine Hand zur Faust ballte und fest auf die Bibel legte,
+die zum Zwecke der Eidesleistung der Zeugen auf dem Ratstische
+lag: &bdquo;Es steht geschrieben im ersten Buche Moses:
+Und Gott sprach zu Noah, ich richte einen Bund mit euch
+auf und mit allem lebendigen Tier bei euch an Vögeln, an
+Vieh und an allen Tieren auf Erden bei euch, daß hinfort
+keine Sündflut mehr kommen soll, die die Erde verderbe.
+Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken, der soll das
+Zeichen des Bundes sein zwischen mir und der Erde. &ndash; Gott
+in seiner Majestät also hat mit Vögeln und andern Tieren
+einen Bund geschlossen, wie man mit Ebenbürtigen zu tun
+pflegt, und wir, vor Gott nichts als Tiere, denen er mit
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_52" id="Page_52">52</a><span>] </span></span>seinem Atem ein wenig Licht in die Seele geblasen hat, besinnen
+uns, ob wir einem guten Papageien zwischen andern
+armen Sündern seine Ruhe lassen wollen!&ldquo;</p>
+
+<p>Nach einer Pause, während deren kein Wort, nicht einmal
+ein Räuspern laut wurde, fügte der Propst, indem er
+die Stimme etwas fallen ließ, gelassener hinzu, gleichsam
+als einen überflüssigen Beweis ohnehin offenbarer Wahrheit:
+&bdquo;Gott hat den Lieblingen seiner Schöpfung, den
+Vögeln, das überirdische Luftreich zur Wohnung angepriesen;
+sollten wir schmutzige Kriechtiere ihnen eine Handvoll
+schwarzer Erde mißgönnen?&ldquo;</p>
+
+<p>Alle waren sehr beschämt und blickten vor sich nieder,
+ausgenommen der kaiserliche Vogt, der trotzend die Augen
+rollte und den Mund spitzte, als ob er pfeifen wollte, was
+er denn freilich doch nicht in Ausübung setzte. Der Propst
+hob die Sitzung auf, indem er sagte: &bdquo;Es ist dies meine
+erwogene Meinung, daß Lütte Grave wegen eigenmächtiger
+Beerdigung des Papageien nicht zu bestrafen sei, vielmehr
+sogleich der Freiheit zurückgegeben werden sollte.&ldquo;</p>
+
+<p>Mit diesem unschädlichen Ausgang wäre aber dem Vogte
+nicht gedient gewesen, der liebte, daß auch etwas Ordentliches
+dabei herauskam, wenn einmal zu Gericht gesessen
+wurde, und ebenso schürte der Totengräber, daß man das
+angezündete Feuer beileibe nicht ausgehen lasse. Denn
+dieser, der von der ganzen Verhandlung nichts verstanden
+hatte, war bei sich überzeugt, wenn ich freigesprochen würde,
+ginge es ihm an den Hals, einer müsse das Opfer sein,
+und natürlicherweise wünschte er sehnlich, daß ich es wäre.
+Also fingen diese wieder an, von dem Fräulein zu reden
+und nachzuforschen, wer diese gewesen sein könne, und da
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_53" id="Page_53">53</a><span>] </span></span>geschah es denn, daß Wunneke ihrem Vater alles gestand.
+Nicht weil die Liebe zu mir sie überängstlich und besinnungslos
+gemacht hätte, sondern weil sie hoffte, ihr Vater, der
+Bürgermeister, könne die ganze Sache niederschlagen, damit
+nichts an den Tag käme, und es sei, wie wenn nichts
+geschehen wäre. Sie hatte sich aber in ihrem Vater verrechnet;
+dieser war zwar gutmütig und unentschlossen im
+Handeln, so daß er sich tagelang besann, bevor er einen
+vorlauten Schwätzer ein Stündchen am Pranger stehen
+ließ, wenn aber einmal eine Leidenschaft in ihm aufgeregt
+wurde, die seine schwere Maschine in Tätigkeit setzte, war
+er wie eine losgeschossene Bombe, Feuer und Verderben
+im Bauche, die sich nicht halten läßt, bis sie ihr Ziel erreicht
+und alles zusammengeäschert hat.</p>
+
+<p>Ohne zu denken, was für Folgen daraus für seine Tochter
+erwachsen könnten, bezeichnete er mich als ihren Verführer,
+ließ mich in den Kerker werfen und verlangte mit derselben
+Erbitterung mein Blut fließen zu sehen wie damals der
+Vogt das des armen Papageien. Damit hatte er aber einen
+Gegner in die Schranken gerufen, der mächtiger als alle
+war, nämlich meinen Vater.</p>
+
+<p>Ich sollte ohne Sorge sein, sagte er mir, es würde mir
+kein Haar gekrümmt werden, denn die Herren wüßten,
+sagte er, daß er auf meinem Grabe so lange Menschen
+schlachten und Blut vergießen würde, bis ich selbst mein
+Haupt aus der Erde hübe und sagte: Ich bin gesättigt.
+Dergleichen wilde Prahlereien kamen mir halb komisch,
+halb grausig vor, aber ich glaubte in Wahrheit, mein Vater
+würde schon Mittel und Wege finden, mich zu erretten, so
+daß ich in aller Gemächlichkeit dahinlebte, bis ich eines
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_54" id="Page_54">54</a><span>] </span></span>Abends erfuhr, was mein Vater im Schilde führte und
+wie er, um mich zu retten, mich als erstes Opfer mit den
+Füßen zertrat.</p>
+
+<p>Es war der Abend, als sich die Tür auftat und Wunneke
+zu mir eintrat, nicht mehr ein blühender Veilchenstrauß,
+den Kinder und Frauen im Triumphe geleiten, sondern
+wie ein losgerissenes Blatt, vom Nordwinde hereingeblasen,
+wie ein Seufzer über die Erde huschend, todmüde und ruhelos
+kam sie herein, setzte sich neben mich und weinte. In
+einem Augenblick fühlte ich die höchste Seligkeit, da ich sie
+sah, und Todesschmerz, als ich inne wurde, was mit ihr
+vorgegangen war und was sie wollte. Noch ehe sie ein
+Wort gesprochen hatte, wußte ich, daß sie mich nicht mehr
+liebte und daß sie gekommen war, es mir zu sagen und
+mich um Verzeihung zu bitten. Wenn es nur das gewesen
+wäre! Aber nachdem ich ihr freundlich gesagt hatte, daß
+ich ihr nicht zürnte, sah sie mich immer noch mit beschwörenden
+Augen an, als sei das von allem das Geringste gewesen,
+als sollte ich noch mehr erraten. Nichts warnte
+mich, nichts brachte mich darauf; erst als sie es mir gestanden
+hatte, stand es hell vor meinen Augen, als ob ich
+es immer gewußt hätte, daß sie ihn, meinen Vater, liebte.</p>
+
+<p>Sowie er erfahren hatte, daß mein Leben in Gefahr war,
+hatte er es ermöglicht, sie zu sehen und zu sprechen, hatte
+sie gemahnt an das, was er ihr angedroht hatte, und ihr
+mit entsetzlichen, mitleidlosen Anklagen die Seele zermalmt.
+Seine Forderung war, daß sie mich unter dem Schafott,
+wie es das Recht gestattete, für sich zum Manne begehrte
+und mit mir außer Landes ginge; für Geld, um uns draußen
+weiterzuhelfen, wollte er schon sorgen. Sich ihm zu widersetzen,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_55" id="Page_55">55</a><span>] </span></span>fehlte ihr der Mut, weniger aus Furcht oder weil
+sie sich im Unrecht wußte, sondern aus sklavischer Liebe,
+die ihr das Mark aus den Knochen gezogen hatte. In ihrer
+Not kam sie zu mir und klagte, daß sie zwar alles tun und
+auch mit mir entfliehen wollte, meine Frau aber nicht werden
+könnte mit der fürchterlichen Flamme für meinen Vater
+im Busen. Nachdem das Geständnis einmal von ihren
+Lippen gekommen war, wurde es ihr sichtlich leichter ums
+Herz, sie drängte sich zutraulich an mich und erzählte mir,
+wie alles gekommen war, und von ihrem Zustande und
+Leiden, als ob ich ihr Bruder wäre. Seine Blicke voll
+wütender Verachtung, seine strafenden Worte hatte sie zu
+seinen Füßen aufgesammelt, die Stacheln in die Brust gedrückt,
+Dornenkränze daraus geflochten und sich aufs Haupt
+gesetzt. Ich kann nicht sagen, wie groß mein Haß und meine
+Liebe war. Aber erst nachdem sie mich verlassen hatte, kam
+es aus meinem Gemüt herausgequollen und überschwemmte
+meine Seele. Ich preßte mich mit ganzem Leibe an die
+kalte Mauer und gab mich ohne Widerstand meinem Jammer
+hin; unter tausend Einfällen und Gedanken kam es mir
+wieder zu Sinne, wie sie meinem Vater das erstemal gegenübergestanden
+hatte und wie, während sie blaß, erschrocken
+und ohne Worte auf ihn schaute, sein Blick plötzlich wie mit
+kostenden Zungen an ihr heruntergeglitten war. Es schien
+mir zweifellos, daß er darum wissen mußte. Warum hatte
+ich sie von mir gehen lassen? Wußte ich nicht, daß er sie
+zu mir begleitet und draußen im Hofe des Kerkers auf sie
+gewartet hatte? Denn wie wäre sie sonst zu mir gekommen?</p>
+
+<p>Auf einmal sah ich sie deutlich mit meinem inneren Auge
+nebeneinander die lange Straße über die Heide gehen. Der
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_56" id="Page_56">56</a><span>] </span></span>Wind fuhr hinter ihnen her und lüftete den schwarzen
+Mantel meines Vaters, daß er wie eine Wolke über ihren
+Häuptern flatterte. Sie gingen den graden unabsehbaren
+Weg, von dem ich als Kind geglaubt hatte, er habe kein
+Ende und führe ins Jenseits; und als sie an der Schmiede
+vorüberkamen, warf das Feuer einen roten Schein auf ihre
+Gesichter, und ich konnte erkennen, wie sie sich mit starren
+verlangenden Augen ansahen. Das alles war viel näher
+und springender vor mir, als wenn ich es in Wirklichkeit
+gesehen hätte, die beiden heißbeleuchteten Gesichter waren
+so dicht, daß ich das blanke Weiß in ihren Augen sah, und
+wollten sich nicht verscheuchen lassen, bis meine Tränen
+hinüberflossen und sie auslöschten.</p>
+
+<p>Da waren Eifersucht, Haß und Wut ganz vorbei, und
+ich fühlte nichts weiter als eine grenzenlose Verlassenheit
+in meinem Herzen. Es schien mir, als wäre ich mein Leben
+lang in diesem Kerker gewesen und hätte nie einen andern
+Freund gehabt als die geduldige Spinne, die in einer Ecke
+des Kerkers ihr Netz hatte. Als hätte niemand je mich
+freundlich angesehen, niemand mein feines Angesicht und
+meinen schlanken Körper gelobt, und doch würden meinem
+Herzen bei der leisesten Liebkosung glitzernde Tränen des
+Glückes entströmen. Es hätte klingen können, lauter wie
+eine Glocke, läuten, daß die blauen Luftwellen aufgerauscht
+und am roten Ufer der Sonne gebrandet wären &ndash; aber
+nun war es vermauert, und niemand würde es je hören,
+begraben war es schon, eh noch das Todesurteil an mir
+vollstreckt war.</p>
+
+<p>Ich konnte somit wohl gelassen sein, als mir das Urteil
+verkündet wurde, und war es wirklich im Innern so sehr,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_57" id="Page_57">57</a><span>] </span></span>daß mir nur eine schwache Erinnerung davon geblieben ist.
+Aber bald darauf kam mein Vater, dessen ich in diesen
+Tagen so oft mit Bitterkeit, Fluch und Raserei gedacht
+hatte; kaum daß ich seinen Schritt und seine Stimme vernahm,
+die mich anrief, vergaß ich alles und warf mich an
+seine Brust, wie ich als Kind getan hatte. Wie aus einem
+leichten Schlummer heraus, hörte ich, was er erzählte: wie
+sie einen Scharfrichter aus dem Nachbarland hätten kommen
+lassen, unter dem Vorwande, daß ein Henker nicht könne
+gezwungen werden, seinem eignen Kinde den Kopf vom
+Rumpf zu schlagen, daß er aber Einspruch getan hätte,
+weil der Ordnung nach in unsrer Stadt Gebiet kein Richtschwert
+von Rechts wegen schalten dürfe als das seine,
+ferner wie sie ihn fürchteten und wie ich ohne Sorge sein
+sollte, da er alles aufs beste eingerichtet hätte und es nicht
+fehlschlagen könne. Solange er bei mir war, glaubte ich
+alles Gute, aber sowie er fortging, schwand mir die Hoffnung
+wie ein Licht, das einer im Lämpchen einen <ins class="correction" title="langengen">langen</ins> dunkeln
+Gang hinunterträgt; schwächer und bleicher wird der
+Schimmer, bis er endlich in der Dunkelheit verrinnt.</p>
+
+<p>Ich wußte sicher, daß ich sterben müsse, und glaubte es
+vollends, als ich das Folgende gesehen hatte: Am Abend
+nämlich vor dem Tage meiner Hinrichtung geschah es mir
+noch einmal, daß ich mich von mir selber loslöste und über
+die Heide ging, während mein Körper bewußtlos auf den
+Strohbündeln des Kerkers lag. Ich ging schnell und trotzdem
+langsamer als der graue Schatten einer Wolke, der vor
+mir her lief. Sie flog, als wenn ein Sturm sie vor sich
+her bliese, obwohl es ganz windstill war; nur weiter weg,
+wo das Meer war, pfiff ein dunkles Sausen. Ich fühlte
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_58" id="Page_58">58</a><span>] </span></span>mein kleines furchtsames Kinderherz in der Brust, das vor
+vielen Jahren so angstvoll geschlagen hatte, wenn ich abends
+allein die lange Straße gehen mußte, und freute mich so
+wie damals, als ich ein Licht vom Hofe meines Vaters in
+der Ferne erblickte. Indessen war es, als ich näher kam,
+das Feuer der Schmiede, das ungewöhnlich hoch brannte,
+und wie ich neugierig hinzutrat, sah ich meinen Vater davorstehen
+und sein großes Schwert schärfen, während der
+Schmied mit der Zange die Glut schürte. Ich wußte wohl,
+daß mein Vater das Schwert für mich gebrauchen wollte,
+aber das kümmerte mich nicht; ich starrte ihn nur bewundernd
+an, wie schrecklich schön er aus diesem Höllenscheine ragte.
+Erst als mein Blick auf seine Hand fiel, die mit dem Hammer
+mitten durch die Flamme fuhr und aussah wie von Blut
+überströmt, kam es mir in den Sinn, daß er mit derselben
+meine Mutter erwürgt hatte und nun mich, ihr armes Kind,
+töten wollte, und Haß und Rache stiegen in mir auf, so heftig
+und plötzlich, daß ich fast die Besinnung darüber verlor. Zugleich
+wußte ich aber auch, daß, so nah ich auch bei ihm
+stand, mein Vater mich nicht sehen konnte, ebensowenig
+wie ich ihn hätte anreden oder berühren können, und in
+diesem Gefühl von Ohnmacht brach ich in Tränen aus,
+die mir wie das erstemal das Bild auswischten.</p>
+
+<p>Am andern Morgen erwachte ich mit einem ungeduldigen
+Freudengefühl, weil ich nun Erde und Sonne wiedersehen
+sollte; was danach kommen würde, lag außerhalb meines
+Bewußtseins, und sowie mein Geist diese traurige Schattenregion
+betrat, schauderte er zurück, um sich wieder im Lichte
+zu baden. Was für ein Tag war es aber auch! Die Sonne
+war wie ein riesiger Springbrunnen am Himmel, der die
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_59" id="Page_59">59</a><span>] </span></span>Erde mit goldenem Schaumwein überflutete, so daß nicht
+nur die Menschen, sondern alles bis auf die Steine herab
+davon trunken war. Das Himmelsgewölbe glich einem
+blauen gläsernen Pokal, angefüllt mit dem funkelnden
+Safte der süßesten Sonnentrauben, damit die körperlosen
+Geister drüben sich den Rausch ewiger Seligkeit daraus
+tränken. Es war mir klar, daß die Menschenmenge, die
+die Heide erfüllte, nur deshalb hier zusammengelaufen war,
+um an diesem Festwein, den der Herrscher umsonst fließen
+ließ, sich satt zu trinken. An meiner Seite war der Propst,
+und am Wege stand der Totengräber, kläglich weinend und
+mit dem dicken Kopfe nach mir nickend, den ich wohl freundlich
+grüßte, aber ohne das mindeste dabei zu empfinden; denn
+meine Gedanken waren beschäftigt, auszumalen, daß ich,
+wenn ich da oben auf dem Gerüst stünde, das Meer überblicken
+würde. Ich hörte es schon rauschen und dachte, es
+erwartete mich, und wenn wir uns erblickten, würde es ein
+Wiedersehen geben, daß die Erde davon erzitterte. Wie
+ich nun die Stufen hinangesprungen war, sah ich es liegen;
+schwarz, denn während der Wind zu Lande nur mäßig ging,
+wühlte er mitten ins Meer hinein; aber durchsichtig schwarz
+wie Menschenaugen, und zuweilen loderte eine grüne Flamme
+in den blanken Wasserleibchen hinauf. Die Kähne, die am
+Ufer lagen, flogen auf und nieder, und man hörte das Klirren
+der Ketten, mit denen sie angebunden waren, durch das
+Brüllen der Brandung.</p>
+
+<p>Am höchsten gingen die Wellen da, wo der klotzige Leuchtturm
+aus dem Schwall starrte; sie sprangen an ihm in die
+Höhe und warfen sich klatschend gegen seine Mauer, daß
+sie zerbarsten und in schaumigen Fetzen mit den aufgeregten
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_60" id="Page_60">60</a><span>] </span></span>Möwen um seine Zinne flogen. Als sie meiner ansichtig
+wurden, faßten sie sich bei den kalten Händen und tanzten
+einen wilden Ringelreihen um den Leuchtturm herum, wobei
+sie mit gellenden Trompetenstimmen schrien: Tanz mit mir,
+Lütte Grave, tanz mit mir! und dazwischen pfiffen sie in
+gewissen springenden Rhythmen, wie kleine Jungen einander
+Zeichen zu geben pflegen.</p>
+
+<p>Während ich nichts andres fühlte und dachte, als wie
+ich zu diesen Kameraden gelangen könnte, war um mich
+herum allerlei vorgegangen, was mich betraf und was ich,
+als der Propst selber mich anfaßte und meine Aufmerksamkeit
+darauf lenkte, nach allem, was mir bekannt war, wohl
+erraten konnte. Ich sah auf einmal meinen Vater in schwarzer
+Amtstracht, sein Schwert unter dem Arme, und Wunneke
+nicht weit von ihm, die Augen starr auf ihn geheftet, und
+eine große Bewegung unter der Volksmenge, weil die
+Tochter des Bürgermeisters mich vom Schwerte losgebeten
+hatte zu ihrem Manne. Sie stand da, ohne sich zu rühren,
+festgeklammert in dem eisernen, unentrinnbaren Blick meines
+Vaters, der über sie herrschte, matt und glanzlos wie ein
+abgerissener, sterbender Schmetterling. Ich begriff, daß
+es nun auf mich ankam, ein Zeichen zu geben, ob ich wollte,
+und schüttelte heftig den Kopf zur Verneinung; das tat ich
+weniger, weil sie mich damals im Kerker angefleht hatte,
+daß ich sie nicht zur Frau nehmen sollte, denn merkwürdigerweise
+war ich jetzt eigentlich innig überzeugt davon, daß
+sie mich lieb hatte und lieber auch als meinen Vater &ndash; als
+weil mir das alles so unendlich weit weg zu liegen schien,
+und so unwichtig und beinahe lächerlich kam es mir vor,
+daß so ungeheuer viele Menschen um so geringfügiger Sache
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_61" id="Page_61">61</a><span>] </span></span>wegen in Bewegung und Erregung waren. Ich hatte ein
+ganz leises süßes Gefühl zärtlichen Mitleids für Wunneke,
+aber nur so, wie man für ein Kind hat, das wegen eines
+Schmerzes weint, der in kurzen Minuten vorüber sein wird,
+und als der Probst mir dringlich zuflüsterte: Sag ja, Lütte
+Grave! rief ich laut und ärgerlich: Nein, nein, nein, ich
+will nicht! und fürchtete fast, sie würden mich mit Gewalt
+vom Schafott reißen und in ihr Gewühl hineinzerren, da
+ich den Bürgermeister heftige Zeichen und Winke geben
+sah. Diese bezweckten aber ganz etwas andres; denn nun
+stieg ein schwarz umhüllter Mann zu mir hinauf, der, von
+mir unbemerkt, dicht unter dem Gerüst bereitgestanden
+hatte und von dem ich sofort wußte, daß es der fremde
+Scharfrichter war, der gekommen war, um mir den Garaus
+zu machen. In diesem Augenblick änderte sich plötzlich alles
+in mir; es war, als ob sich alles Blut in meinem Körper
+in einer Springflut über mein Herz ergösse, eine solche
+Todesfurcht packte mich, so jäh anprallend, daß ich auf die
+Knie fiel und abwehrend meine Arme ausstreckte und auch,
+wie ich glaube, laut aufschrie. Ja, in diesem Augenblicke
+stand es mir fest, eher sollte die Welt untergehen, als daß
+ich den Tod erlitte. Aber gleich darauf, als mein Vater
+kam, war alles vorüber. Ich hörte ihn meinen Namen
+rufen und blickte nach ihm hin, der etwas weiter weg von
+mir gestanden hatte. Die Obrigkeit hatte in seiner Nähe
+eine Reihe bewaffneter Männer aufgestellt, für den Fall,
+daß er etwas Gewalttätiges unternehmen sollte; diese alle
+drängte er nun ohne Mühe beiseite, um sich den Weg zu
+mir zu bahnen. Da sah ich etwas Entsetzliches: ich sah,
+wie er den kaiserlichen Vogt, die Ratsherren allesamt,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_62" id="Page_62">62</a><span>] </span></span>beide Bürgermeister und Wunneke im Vorbeigehen mit der
+Spitze seines Schwertes streifte, und erinnerte mich an das
+Gerede des Volkes, daß er damit, wen er wolle, auf das
+Blutgerüst bringen könne. Ich sah im Geiste über die graue
+Heide Blut rinnen, Blut, Blut und Blut, sah, wie sie es
+einschluckte, bis sie fett und feucht war wie dunkles Moos,
+und wie es zusammensickerte und in das Meer rann,
+daß es von grün rot wurde und purpurn und schwarz &ndash;
+aber das war alles nur ein Bild, das wie ein Blitz kam
+und ging. Denn nicht eine Minute, nachdem mein Vater
+mich gerufen hatte, war er schon oben bei mir, packte den
+fremden Scharfrichter bei der Brust, warf ihn über das
+Gerüst hinunter und beugte sich über mich. Mir war zumute
+wie als Kind, wenn ich mich in einsamer Dunkelheit
+gefürchtet hatte und meinen Vater kommen sah: ein seliges
+Gefühl von Geborgensein wickelte mich ganz ein wie ein
+dunkelpurpurner Samtmantel. Dem kleinen Knaben Tells,
+als er sich von seinem Vater den Apfel vom Kopfe schießen
+ließ, kann nicht leichter und zutraulicher ums Herz gewesen
+sein als mir. Das letzte, dessen ich mich entsinne, war, daß
+ich auf das Pfeifen des Meeres horchte, wie es rief: Tanz
+mit mir, Lütte Grave! aber dumpfer als vorher, weil ich
+den Kopf auf den Block gelegt und der weite Mantel meines
+Vaters sich wie ein Vorhang über mir herabgelassen hatte.</p>
+
+<hr />
+
+
+<p class="center noindent gesperrt" style="margin-top: 6em;">
+<span class="bt" style="white-space: nowrap;">Druck von der Offizin</span><br />
+<span class="bb" style="white-space: nowrap;">Fr.&nbsp;Richter in Leipzig</span>
+</p>
+
+<div class="tnote break-before" style="margin-bottom: 5em; padding: 0.5em 0em;"><a name="Corrections" id="Corrections"></a><div style="margin-left: 0.5em; margin-right: 0.5em;">Die folgende Änderung gegenüber dem Originaltext wurde vorgenommen:<br />
+<span class="correction-list"><br />Die erste Zeile entspricht dem Original, die zweite Zeile enthält die Korrektur.</span>
+<ul>
+<li><a href="#Page_57">Seite 57</a>:<br />
+<span class="correction-list">das einer im Lämpchen einen langengen dunkeln
+Gang hinunterträgt<br /></span>
+das einer im Lämpchen einen <ins class="correction" title="langengen">langen</ins> dunkeln
+Gang hinunterträgt
+</li>
+</ul>
+</div>
+</div>
+
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Das Judengrab. Aus Bimbos
+Seelenwanderungen, by Ricarda Huch
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS JUDENGRAB ***
+
+***** This file should be named 33827-h.htm or 33827-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/3/3/8/2/33827/
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Alexander Bauer and the
+Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+</pre>
+
+</body>
+</html>
diff --git a/33827-h/images/logo.png b/33827-h/images/logo.png
new file mode 100644
index 0000000..20c9673
--- /dev/null
+++ b/33827-h/images/logo.png
Binary files differ
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..7c919fc
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #33827 (https://www.gutenberg.org/ebooks/33827)