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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/33827-8.txt b/33827-8.txt new file mode 100644 index 0000000..41a1251 --- /dev/null +++ b/33827-8.txt @@ -0,0 +1,2028 @@ +The Project Gutenberg EBook of Das Judengrab. Aus Bimbos Seelenwanderungen, by +Ricarda Huch + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Das Judengrab. Aus Bimbos Seelenwanderungen + Zwei Erzählungen + +Author: Ricarda Huch + +Release Date: October 1, 2010 [EBook #33827] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS JUDENGRAB *** + + + + +Produced by Norbert H. Langkau, Alexander Bauer and the +Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + + + + [ Anmerkungen zur Transkription: + + Es wurde größte Sorgfalt darauf verwendet den Text originalgetreu + zu übertragen. Lediglich offensichtliche Fehler wurden korrigiert. + Eine Liste sämtlicher vorgenommener Änderungen befindet sich am + Ende des Textes. + ] + + + + + Das Judengrab + + Aus Bimbos Seelenwanderungen + + + Zwei Erzählungen + von + Ricarda Huch + + + Im Insel-Verlag zu Leipzig + + + 21.-30. Tausend + + + + + Das Judengrab + + +In Jeddam gab es nur einen einzigen Juden, der auf folgende Weise +dorthin verschlagen war: Seine Frau, mit der ihn treueste Liebe verband, +war aus Jeddam gebürtig, und als ihr Vater mit Hinterlassung bedeutender +Ländereien starb, war es wünschenswert, daß sie sich zur Regelung +ihrer Erbschaft selbst hinbegebe. Mit der Möglichkeit, das Vaterhaus +wiederzusehen, erwachte in ihr das Heimweh, und die Familie, die aus +Vater, Mutter und zwei kaum erwachsenen Kindern bestand, trat die weite +Reise an. Da nun der Ort Jeddam, mit mehr dörflichem als städtischem +Charakter, so trotzig und anmutig zwischen mäßig hohen Bergen, reichen +Saatfeldern und grünen Geländen lag, die das Flüßchen Melk bewässerte, +und da die Frau sich in ihrer vertrauten Kinderheimat so wohl fühlte, +willigte der gutmütige Mann ein, ganz und gar überzusiedeln. Er konnte +freilich nicht daran denken, das große Gut seiner Frau selbst zu +bewirtschaften, sondern stellte dazu einen jungen Verwalter an, während +er selbst ein Geschäft in dem Ort eröffnete, wie er es früher betrieben +hatte. Da es ein solches in Jeddam bisher nicht gegeben hatte und die +Einkäufe in der nächsten größeren Stadt besorgt worden waren, hätte das +Geschäft wohl gedeihen können, wenn nicht der Inhaber ein Jude gewesen +wäre, von welchem Volke die Bewohner von Jeddam durchaus nichts wissen +wollten. Verkauft wurde zwar genug, aber wenig bezahlt, und wenn Herr +Samuel die ausstehenden Gelder einklagen wollte, mußte er erleben, daß +sich die Behörden seiner nicht annahmen und er höchstens Prozeßkosten +zahlen mußte, ohne zu seinem offenkundigen Recht kommen zu können. Es +machte ihm oft Sorgen, was daraus werden sollte, und er wäre gern mit +den Seinigen auf und davon gegangen, wenn er gewußt hätte, wie er in +dieser feindseligen Umgebung zu seinem Gelde kommen und die Güter seiner +Frau ohne zu großen Schaden verkaufen sollte. + +Eine Reihe von Jahren ging es so weiter, bis eines Tages Herr Samuel +krank wurde und nach dem Arzte im nächsten Städtchen schickte; als er +auf seine zweite Bitte, schleunig zu kommen (denn die erste hatte +keinerlei Erfolg gehabt), die Antwort erhielt, der Doktor sei sehr +beschäftigt und bedaure, dem Rufe nicht Folge leisten zu können, wurde +es ihm unheimlich zumute, und er bedachte zum ersten Male gründlich, +wie er hier elend sterben und verderben könne. Während die Familie +sorgenvoll und ratschlagend um sein Bett herumsaß, sagte er: »Das beste +wäre, da ich doch einmal krank bin, wenn ich stürbe, dann könntet ihr +unangefochten hier leben und glücklich sein.« Seine Frau Rosette und die +beiden Kinder, Anitza und Emanuel, verwiesen ihm so zu reden, da sie +ohne ihn auch im Paradiese nicht glücklich sein könnten, und Herr Ive, +der Verwalter, der Anitzas Verlobter war, sagte, daß es auch deshalb +unrichtig sei, weil die Bewohner von Jeddam die abtrünnige Frau, die +einen Juden geheiratet hatte, und dessen Kinder ebensowenig unter sich +leiden möchten wie ihn selber. + +»Wie wäre es aber,« sagte Anitza, »wenn wir dich, Vater, als tot ausgäben +und begrüben, während du heimlich in deine Heimat zurückkehrtest, und +Ive, als unser natürlicher Freund und Vormund, unsre Angelegenheiten +ordnete und uns dann zu dir führte?« + +Herr Samuel wollte anfänglich von solchen Schlichen nichts hören, aber +da der Verwalter erklärte, er getraue sich wohl, die Sache zu einem +guten Ende zu bringen, und da Frau und Kinder zu dem Abenteuer, mittels +dessen zugleich denen von Jeddam ein Streich gespielt wurde, voll Lust +und Ungeduld waren, willigte er schließlich ein, es ins Werk zu setzen. +Kaum war er wieder einigermaßen hergestellt, als er nächtlicherweile +Jeddam verließ; es glückte ihm, unbemerkt zu dem nächsten größeren, am +Meere gelegenen Ort zu gelangen, wo er sich einschiffte. + +Unterdessen stopften Frau Rosette und Anitza mit Herrn Ives Hilfe einen +netten Balg aus, befestigten eine passende Larve mit einem Bart aus +Roßhaar vor dem Strohkopfe und legten diese Figur, in ein reinliches +Sterbehemd gekleidet, auf Herrn Samuels Bett. Die Larve bedeckten sie +mit einem Schnupftuch, doch die wachsenen Hände, die sie der Echtheit +und Ähnlichkeit halber mit dem schönen Diamantring geschmückt hatten, +den Samuel auf dem Zeigefinger zu tragen pflegte, blieben sichtbar. Der +Betrug wäre wohl doch entdeckt worden, wenn das Haus des Juden nicht wie +das eines Aussätzigen gemieden worden wäre; als die Nachricht von seinem +Tode ausgesprengt war, fehlte es zwar nicht an Neugierigen, aber sie +hielten an sich und spähten aus der Ferne, so daß nur die eignen +Dienstboten scheu von der Türschwelle aus den künstlichen Leichnam +betrachteten. + +Demnächst begab sich Herr Ive zum Gemeinderat, um den Tod des Herrn +Samuel anzuzeigen und die Beerdigung zu bestellen, wurde dort aber an +den Pfarrer verwiesen, der diese Dinge zu erledigen habe. Der Pfarrer +war ein Mann mit dichtem, lockigem Haar und kurzer, hölzerner Stirn +über einem breiten Gesicht, für gewöhnlich schweigsam, nicht aus Neigung +oder Anlage, sondern weil er nichts zu sagen wußte. Seine großen Augen +flackerten ängstlich und bekümmert vor der großen Leere seines Schädels, +und er war im ganzen ein mehr hilflos trauriger und unschädlicher Mann +als ein bösartiger, außer wenn es sich um gewisse kirchliche Fragen +handelte. Sowie nämlich irgendeine Sache vorkam, in der er sein Urteil, +sei es auch ein noch so verkehrtes, hatte, und in der er überhaupt +maßgebend war, bemächtigte er sich derselben mit Heftigkeit, blähte sich +auf und spie Gift gegen alle, die ihm nahe kamen, im unbewußten Drange, +sich dafür zu rächen, daß sie ihn so oft als einen unwichtigen, blöden +Tölpel unbrauchbar in der Ecke hatten stehen sehen. Als Herr Ive sich +bei ihm meldete, wußte er schon, um was es sich handelte, und empfing +ihn mit den Worten: »Was gibt es, Herr Ive? Da muß etwas Gewaltiges +im Schwange sein, daß Ihr zu mir kommt! Ihr pflegt mich nicht zu +überlaufen, weder in meinem Hause, noch im Hause Gottes! Diese Leute +bedürfen der Seelsorge nicht; aber jetzt gilt es wohl eine Erbschaft +oder eine Heirat, wo sie immer bei der Hand sind!« + +Herr Ive entschuldigte sich höflich und sagte, daß er nur den Tod des +verstorbenen Herrn Samuel anzeigen wolle, was ihm als Vormund der +hinterbliebenen Familie zukomme. »Da habt Ihr Euch ein sauberes Amt +ausgelesen,« sagte der Pfarrer; »wer Pech angreift, besudelt sich, wißt +Ihr das nicht? Bleibt mir mit Euerm toten Juden vom Leibe, ich habe +nichts damit zu schaffen!« Herr Ive erklärte, daß der Gemeinderat ihn an +den Pfarrer gewiesen hätte, der die Beerdigungsförmlichkeiten samt und +sonders zu erledigen pflegte. »Ja,« rief der Pfarrer aufbrausend, »die +Beerdigungen von Christenmenschen freilich! Den Juden mögen seine +Rabbiner und Pharisäer in ihre Erde graben und sich selber dazu, was +desto besser für sie und uns wäre.« + +Der Herr Pfarrer wüßte wohl, sagte Herr Ive, daß es in Jeddam weder +Pharisäer noch Sadduzäer gäbe, noch weniger einen jüdischen Kirchhof, +weswegen der Wunsch des Herrn Pfarrers nicht könnte ausgeführt werden; +es müßte der verstorbene Samuel wohl oder übel neben den übrigen Bürgern +Jeddams bestattet werden. Der Pfarrer zog die schwachen Brauen über den +großen rollenden Augen hoch, schlug mit der geballten Faust dreimal auf +den Tisch und rief: »Nichts da! Heraus mit Euch! Werft Euern toten Juden +wohin Ihr wollt, aber laßt Euch nicht mit ihm auf unserm christlichen +Kirchhof blicken!« Worauf Herr Ive, dem das Blut bereits zu kochen +anfing, sich herumdrehte, die Tür laut hinter sich zuschlug und +spornstreichs zurück zum Gemeinderat eilte. + +Dort gab es ein Köpfezusammenstecken und eiliges Hin- und Herlaufen, bis +es Herrn Ive endlich gelang, zum Bürgermeister vorzudringen, der es im +allgemeinen nicht liebte, in seinen Geschäften gestört zu werden. Er war +ein beleibter Herr, der unter seiner Freundlichkeit äußerste Verachtung +der meisten übrigen Menschen verbarg und sich einbildete, seine Stellung +als Bürgermeister einzig seiner weltmännischen Gewandtheit und geistigen +Überlegenheit zu verdanken. Ihm war alles gleichgültig, außer daß er den +Ruf seiner Unfehlbarkeit und seine Beliebtheit nicht einbüßte, und es +war deshalb ebenso angenehm, mit ihm zu verkehren, wie schwer, irgend +etwas von ihm zu erreichen und in Gang zu bringen. + +Herr Ive erzählte atemlos und heftig, was ihm beim Pfarrer begegnet +war, häufig unterbrochen vom Bürgermeister, der sich nach unzähligen +Einzelheiten erkundigte, teils um seine sachkundige Gründlichkeit und +menschliche Teilnahme zu beweisen, teils um im allgemeinen Zeit zu +gewinnen. Als Herr Ive durchaus nichts mehr zur Klärung der Sachlage +beizubringen wußte und augenscheinlich auf eine Antwort erpicht war, +legte der Bürgermeister den Kopf auf die Seite, faltete die Hände über +dem Bauche und sagte nachdenklich: »Schade, schade, daß der Herr Samuel +sterben mußte! Ein fleißiger Herr, ein braver Herr, als Familienvater +ausgezeichnet und als nützlicher Bürger, aber ein Jude. Unleugbar ein +Jude! Er hätte noch eine Weile länger leben dürfen.« + +Herr Ive sagte ungeduldig: »Euer Gnaden werden Ihre rühmlich bekannte +Gerechtigkeitsliebe beweisen und nicht dulden, daß Leute, die Euer +Gnaden selbst als nützliche Bürger bezeichnen, wie faules Obst in den +Graben geworfen, anstatt rechtlich begraben werden.« + +»Wie faules Obst in den Graben werfen!« rief der Bürgermeister +erschrocken. »Das wäre in der Tat ein Unfug, den ich scharf ahnden +würde. Die Geistlichkeit läßt sich oft, wie wir alle wissen, vom frommen +Eifer hinreißen, allein das bürgerliche Haupt der Gemeinde folgt +unbestechlich der Gerechtigkeit. Es soll mir nimmermehr ein verstorbener +Jude, der tugendhaft gelebt hat, wie faules Obst auf der Gasse liegen!« + +So würde, fragte Herr Ive, der Bürgermeister Befehl geben, daß der +Verstorbene schicklich auf dem allgemeinen Friedhof beerdigt würde. Das +würde er freilich, antwortete jener, nachdem er zuvor die Herren +Gemeinderäte versammelt und ihre Meinung eingeholt hätte: »Denn«, sagte +er lächelnd, »den Tyrannen möchte ich nicht spielen, gerade weil ich es +könnte.« + +Herr Ive mußte sich bescheiden, unverrichteter Sache heimzukehren, und +eilte zur Familie des Samuel, um von dem Vorgefallenen Bericht zu +erstatten. Er hatte im Laufe der Verhandlungen fast vergessen, daß sein +Schwiegervater nicht in Wirklichkeit tot war, wie er aber zu Hause die +vergnügten Gesichter sah, kam es ihm wieder zur Besinnung, und er mußte +lachen, daß der Pfarrer sich dermaßen über eine Sache erhitzt hatte, die +nur in der Einbildung bestand. Die zierliche Anitza warf sich auf einen +Teppich und lachte lautlos in ein Kissen, so daß ihr die Tränen über das +Gesicht liefen, aber ihre Mutter, eine hohe, kräftige Frau, die nicht +mit sich spaßen ließ, stand auf und sagte: »Ive, du bist gut, aber du +hast einen Lammsmut, du verstehst mit diesen Leuten nicht umzugehen, +die man nicht höflich, sondern grob und unverschämt, wie sie selber +sind, behandeln muß. Du wirst bescheiden vor der Tür gestanden und +um Erlaubnis gefragt haben, anstatt zu sagen: 'Kurz und gut, morgen +begraben wir meinen Schwiegervater, und wer sich mir in den Weg stellt, +dem zerschmettere ich mit diesen Fäusten die Knochen zu Butter.'« + +»Ich habe mich so fest und entschlossen benommen, wie ich glaube, daß +ein Mann soll,« sagte Herr Ive, dessen helles, hübsches Gesicht über und +über rot geworden war, als ihm Zaghaftigkeit vorgeworfen wurde. »Wenn es +nötig ist, kann ich auch dreinschlagen, doch ich dachte, es wäre dazu +immer noch Zeit.« + +Der junge Emanuel sagte: »Mama, die Leute haben im Grunde ganz recht. +Auf einen christlichen Kirchhof gehören Christen, auf einen jüdischen +Juden. Die Frage ist nicht so leicht zu entwirren, wie du dir +einbildest.« + +Nun loderte Frau Rosette in lichtem Zorne auf und rief: »Geh mir mit +deinen Spitzfindigkeiten! Dein Vater ist kein Dieb oder Mörder, sondern +ein besserer Mann als alle die Ochsenköpfe von Jeddam, die froh sein +können, einen solchen auf ihrem Friedhof begraben zu dürfen. Glaubst du, +sie würden dich und mich und Anitza, obwohl wir gut katholische Christen +sind, achtungsvoller behandeln? Sie würden uns auch in das erste beste +Loch werfen; aber sie haben sich in mir verrechnet. Ich nehme es mit +andern Leuten auf als mit dem hohlköpfigen Pfarrer und dem windigen +Bürgermeister.« + +Anitza klatschte vor Vergnügen in die Hände und sagte zu ihrem Bruder: +»Mama möchte, daß wir beide stürben, nur damit sie uns dem Pfarrer zum +Tort ein christliches Begräbnis herrichten könnte!« Und Emanuel, der es +liebte, seine Mutter zu necken, sagte: »Frau und Kinder gehen nach des +Vaters Seite, und ich bezweifle, ob wir das Recht haben, uns auf dem +Jeddamer Friedhof beerdigen zu lassen.« + +»Gelbschnabel!« rief seine Mutter. »Meine Urgroßväter, Großväter und +mein Vater sind hier begraben, und ich möchte den sehen, der mich +hindern kann, an ihrer Seite zu liegen. Ich gehe bis zum Kaiser, wenn +es nötig ist, um diesen Prahlhänsen zu zeigen, wo ich mich begraben +lassen kann!« + +Es gelang Herrn Ive, die zürnende Frau zu bewegen, daß sie den Bescheid +abwartete, den er jetzt vom Gemeinderate bekommen würde, und er machte +sich alsbald auf, um denselben in Empfang zu nehmen. Ehe er in das +Beratungszimmer geführt wurde, wo sich unter den übrigen Herren auch der +Pfarrer befand, sagte der Bürgermeister: »Es kommt mir nicht in den +Sinn, nach Tyrannenweise das Recht zu beugen, und daß dem Rechte nach +kein Jude auf unserm christlichen Gottesacker bestattet werden darf, +sehe ich ein; doch halte ich mich gern an den alten lateinischen Spruch, +der besagt, daß man zwar unerschütterlich im Handeln, aber gefällig und +lieblich in der Form sein soll, und werde deshalb dem jungen Manne den +abschlägigen Bescheid so sanft wie möglich eingehen lassen.« + +Als hierauf Herr Ive vorgelassen wurde, empfing er ihn mit wohlwollenden +Blicken, streichelte kosend über das Protokollpapier, das vor ihm lag, +und sagte: »Sie sind ein geschätzter Mitbürger, Herr Ive, auch der +verstorbene Herr Samuel war es, soweit er Bürger war, als Bekenner stand +er mir fern. Sagen Sie selbst, gibt es eine jüdische Gemeinde hier?« + +Diese Frage konnte Herr Ive nicht anders als mit nein! beantworten, +worauf der Bürgermeister fortfuhr: »Es gibt hier keine jüdische Gemeinde, +oder, was dasselbe sagen will, keine Juden. Gibt es aber keine Juden +hier, so gibt es auch keinen Juden, und so hat auch Herr Samuel, der ein +Jude war, im rechtlichen Sinne niemals hier existiert. Seine Familie mag +ihn beweinen, seine Freunde, ja alle fühlenden Herzen mögen seinen +Hinschied betrauern, die Gemeinde als solche muß ihn als nie dagewesen +betrachten und kann ihn infolgedessen auch nicht begraben.« + +»So bitte ich den Herrn Bürgermeister, mir zu sagen,« rief Herr Ive +drohend, »wo ich ihn begraben soll, denn begraben muß er doch einmal +werden.« + +»Das wäre zu wünschen,« sagte der Bürgermeister, »und es sei ferne von +mir, den Hinterbliebenen darin auch nur das geringste in den Weg zu +legen. Nur den christlichen Gottesacker bitte ich auszunehmen, und daß +innerhalb der Stadtgrenzen kein Toter sich aufhalten darf, ist Ihnen +sowie jedermann bekannt.« + +Jetzt aber war es mit Herrn Ives Geduld zu Ende, und indem ihm das Blut +heiß in die Wangen schoß, rief er: »Wenn ihr den lebenden Juden unter +euch dulden konntet, werdet ihr auch den toten ertragen. Ich verlange +kein Geläut und kein Geplärr und Gezeter an seinem Grabe, aber ein +Fleckchen Erde, wo er ruhig liegen kann, das soll er trotz euch haben. +Laßt es euch gesagt sein, daß ich ihn morgen selber auf den Kirchhof +bringen und jeden niederschlagen werde, der mich dabei stören will.« + +Diese groben Worte entzündeten ein heftiges Wortgemenge, das durch den +plötzlichen Eintritt Frau Rosettens unterbrochen wurde, die, des Wartens +überdrüssig, selbst gekommen war, um mit ein paar kernigen Worten die +Leute zur Vernunft und die Sache zu Ende zu bringen. Als sie in großer +Majestät, vom Kopf bis zu den Schuhen in Schwarz gekleidet, auf der +Schwelle stand, verstummten alle, und der Bürgermeister beeilte sich, +ihr entgegenzugehen und einige Worte des Beileids zu sprechen. »Laßt die +Phrasen, Herr Bürgermeister,« sagte sie abwehrend, »auf die ich keinen +Wert lege. Ich verlange von Euch nichts als mein Recht, ich will meinen +Mann auf den Kirchhof bringen, wo mir Vater und Mutter, Großväter und +Urgroßväter ruhen, und darin verlange ich von Euch mehr unterstützt als +behindert zu werden.« + +»Euer verewigter Vater war mein geschätzter Freund,« sagte der +Bürgermeister, indem er sich mit einem großen buntseidenen Taschentuche +den Schweiß von der Stirn wischte, »und sein Grab gereicht unserm +Gottesacker zur Ehre. Er war ein guter Bürger und ein guter Christ, und +mehr braucht es nicht, um in Jeddam gut aufgenommen und begraben zu +werden.« + +»So denke ich,« sagte Frau Rosette, sich stolz umsehend, »daß ich diese +Ehre verdiene. Ich wünsche aber, was niemand einem christlichen Eheweibe +verargen wird, dereinst an meines Gatten Seite zu ruhen.« + +Der Bürgermeister trocknete sich den Angstschweiß ab und besann sich, +welche Gelegenheit der Pfarrer, der sich nur ungern das Wort so lange +hatte nehmen lassen, ergriff und losfuhr: »Bückt ihr euch vor dieser +stolzen und abgöttischen Jesebel? Du hast einen Greuel in deine Familie +und unsre Gemeinde gebracht, Weib, aber auf unsern Friedhof sollst du +ihn nicht bringen. Es gibt genug Kehricht auf der Erde, wohin ihr eure +ungläubigen Knochen werfen könnt, unserm heiligen Gottesgarten sollen +sie fernbleiben!« + +Frau Rosette trat dicht an den Pfarrer heran und sagte: »Höre du, ich +mache mir zwar keine Ehre daraus, zwischen euern hohlen Gerippen +begraben zu liegen, aber mein angeborenes und angestammtes Recht lasse +ich mir von euch nicht rauben und möchte gleich auf dem Flecke sterben, +damit ihr mit ansehen müßtet, wie ich auf euern Schutthaufen Einzug +halte.« + +Die Anzüglichkeit der Frau Rosette hatte auch die übrigen Gemeinderäte +in Zorn versetzt, von denen einer sagte: »Die Frau eines Juden hat +keinerlei Recht mehr in Jeddam.« + +»Ja, ich hätte meine Mitgift einem von euch hungrigen Bären bringen +sollen!« höhnte sie. + +»Besser ein Bär als ein Schwein!« rief ein andrer; denn so pflegte man +die Juden in Jeddam zu nennen. + +Frau Rosette erbleichte und sagte: »Du mußt wohl ein Hund sein, daß du +einen edeln Toten beschimpfst.« Dann legte sie eine Hand auf Herrn Ives +Arm und sagte, indem sie ihn mit sich zog: »Komm, wir werden uns selber +helfen.« + +Während der Bürgermeister auseinandersetzte, daß der Weise und Weltmann +nicht schimpfe, sondern fest und gelinde auf dem Buchstaben des Rechtes +beharre, trug der Pfarrer Sorge, daß die übermütige Frau Rosette ihren +Samuel nicht insgeheim in den Kirchhof einschmuggelte. + +Das war diese allerdings willens, aber nicht verstohlenerweise, sondern +öffentlich und prächtig, am hellen Tage, indem sie darauf rechnete, daß +man es nicht zu einer Prügelei auf dem Kirchhof würde kommen lassen. +Der Pfarrer hatte aber noch zur rechten Zeit eine Menge von Bauern +versammelt und zu ihnen gesagt: »Kinder, der tote Jude wird unsre gute +Erde verpesten! Leidet es nicht! Mag er draußen auf dem Felde liegen, wo +es nur Raben und Krähen gibt! Wenn ihr nicht auf der Hut seid, werdet +ihr Gift und Pestilenz und Viehseuche haben!« Die Folge davon war, +daß die Knechte, die den Sarg mit dem künstlichen Samuel trugen, die +Kirchhofpforte verrammelt und von feindseligen Bauern besetzt fanden, +die ihnen den Eingang wehrten. Frau Rosette, Herr Ive und die Kinder, +die in einem offenen Wagen folgten, sahen voll Erstaunen, wie sich ein +tüchtiges Handgemenge entspann, in dem ihre Knechte bald den kürzeren +zogen, da sie bedeutend in der Minderzahl waren. Herr Ive verfolgte den +Kampf eine Weile mit dem Kennerblick eines jungen Straßenbuben und +wachsender Ungeduld, bis er schließlich nicht mehr an sich zu halten +vermochte, aus dem Wagen sprang, die Jacke abwarf und sich mit einem +lauten, schnalzenden Schrei unter die Prügelnden mischte. Emanuel, +dessen dunkle Augen vor Kampflust feucht geworden waren, schickte sich +an, es seinem Schwager nachzutun, und die Mutter hatte Mühe, ihn +festzuhalten und Anitzas Heiterkeit, die sich ihrer beim Anblick des +tapfer ringenden Bräutigams bemächtigt hatte, durch Zupfen, Winken +und Warnen in etwas zu mäßigen. Ihren Schwiegersohn sah Frau Rosette +zwar mit Genugtuung und Billigung im Kampfgewühl, dennoch bat sie +ihn, angesichts der immer wachsenden Zahl seiner Gegner, für heute +abzustehen, da man mit so geringen Streitkräften nicht hoffen könne, +den Sieg davonzutragen. Herr Ive, da er einmal im Raufen war, hörte +nur ungern auf, doch sah er ein, daß seine Schwiegermutter recht hatte, +und führte die Familie unter hellem Übermut der Kinder und prasselndem +Zornfeuer Frau Rosettens nach Hause zurück. + +Die Zurückgebliebenen prügelten sich weiter und waren so eifrig dabei, +daß es der Gemeindepolizei kaum gelang, sie bei einbrechender Nacht +auseinander zu treiben. Dieser Auflauf machte den Bürgermeister und +mehrere Herren vom Rate so bedenklich, daß sie sich nochmals in einem +verschwiegenen Zimmer des Wirtshauses, das öfter zu wichtigen +Beratschlagungen diente, versammelten, um einen gütlichen Ausweg +dieser heiklen Angelegenheit zu finden. + +»Es ist nicht zu leugnen,« begann der Bürgermeister freundlich, indem er +tändelnd den Deckel seines Bierkrugs auf- und zuklappte, »daß ein toter +Mensch irgendwo begraben werden sollte. Auch kann man der Frau Rosette +nicht zumuten, daß sie ihren verstorbenen Gatten zwischen ihren +Getreidefeldern und Kartoffeläckern beerdigt.« + +»Beileibe nicht!« rief der Pfarrer drohend. »Soll er unsern christlichen +Erdboden verpesten? Hinaus mit ihm! Weit weg mit ihm! Werden doch auch +die toten Pferde und Hunde da draußen eingescharrt.« + +Der Bürgermeister klapperte sinnend mit seinem Deckel und sagte: »Ich +gebe zu, Ehrwürden, daß ein Jude kein Christ ist, sollte er aber +deswegen unter die Tiere fallen?« + +Hieran knüpfte sich eine längere Beratung, und nachdem in dieser Weise +genugsam hin und her gestritten war, machte einer der Gemeinderäte +folgenden Vorschlag: »Es wird den Herren bekannt sein,« sagte er, »daß +wir in einer Ecke des Kirchhofes, wo wildes Unkraut wächst und der +Totengräber zu keiner Pflege und Säuberung verpflichtet ist, die kleinen +Kinder begraben, die totgeboren wurden oder gleich nach der Geburt +starben, so daß sie leider die heilige Taufe nicht empfangen konnten. +Diese scheinen mir insofern mit dem Juden vergleichbar, als sie, wie er, +ungetauft sind, und es dünkt mich deshalb nicht unschicklich, wenn man +ihn dort in aller Stille vergrübe.« + +Der Bürgermeister wollte eben einen mäßigen Beifall dieses Vorschlages +laut werden lassen, als der Pfarrer, die Hände über dem Kopfe +zusammenschlagend, ausrief: »Wo ist euer Christentum? Ihr schwatzt wie +Heiden und Türken daher! Wißt ihr nicht, daß die vor und während der +Geburt gestorbenen Christenkinder Engel sind? Kleine Engelkinder, die +ihre schwarzen Augen niemals aufgetan und durch den Anblick unsrer +häßlichen Erde getrübt haben! die mit ihren kleinen Rosenfüßen niemals +den Dreck berührt haben, durch den wir waten! Auf der Schwelle unsers +Lebens haben sie die Flügel geschüttelt und sind wieder davongeflogen +in den Himmel.« + +Hier fing der Pfarrer, der die kleinen Kinder zärtlich liebte, an +zu weinen, und auch einige Gemeinderäte wischten sich die Augen, +indessen der Bürgermeister sagte: »Es bleibt den Kindern unbenommen, +in den Himmel zu fliegen, und dem Juden, in die Hölle zu fahren, +nichtsdestoweniger sind sie vom bürgerlichen Standpunkte aus alle +ungetauft, und es scheint mir daher billig und recht, daß sie am selben +Orte begraben werden.« Er fürchtete nämlich die große und behäbige +Verwandtschaft Frau Rosettens, die sich zwar um Herrn Samuel wenig +bekümmert hatte, von der es aber doch anzunehmen war, daß sie die +Kränkung einer von ihrer Sippschaft übel vermerken würde. + +Der Pfarrer konnte gegen den Gemeinderat, der einmütig war, nichts +ausrichten, machte sich aber an das Volk, stellte ihm die Unbill vor, +die ihm angetan werden sollte, und ermunterte es, dieselbe in Gottes +Namen mit Fäusten abzuwehren. »Würdet ihr ruhig zusehen,« rief er, »wenn +man einen Wolf in euern Schafstall ließe? Und sie wollen einen falschen +Judas zwischen eure unschuldigen Kinder legen, die am Throne der +Dreieinigkeit für arme Sünder beten. Pestilenz! Feuersbrunst! Wassernot! +Kriegsnot und Hungersnot werden über euch kommen, wenn ihr zulaßt, daß +der heilige Gottesacker durch diesen Verräter vergiftet wird.« + +Die Bürger von Jeddam ließen sich dies nicht zweimal sagen, rotteten +sich zusammen und schwuren, jedweden totzuschlagen, der den toten Samuel +auf ihren Friedhof bringen würde. Am furchtbarsten unter den Aufwieglern +war ein Großbauer namens Pomilko, ein hünengroßer Mann mit dickem Kopf +und weißblonden Haaren, der mit seinem Gefolge von Angehörigen, +Verwandten, Abhängigen und Knechten das ganze Gemeinwesen hätte über +den Haufen werfen können. Pomilko hatte vor kurzem eine zweite Frau +genommen, die ihm ein totes Kind geboren hatte. Demselben hatte er zwar +keinen Blick geschenkt, sondern, als ihm die Botschaft gebracht worden +war, hatte er sich fluchend und zähneknirschend aufs Feld begeben und +sich zwei Tage lang nicht im Hause blicken lassen; jedoch sah er es +als eine gröbliche Ehrenkränkung an, daß ein Jude in der Nähe seines +Sprößlings begraben sein sollte, und er erklärte laut, er fürchte weder +den Bürgermeister noch den Kaiser und würde diesen zeigen, was Pomilko +vermöchte, wenn sie sich ihn zu beleidigen getrauten. Er hatte aus +erster Ehe eine erwachsene Tochter namens Sorka, ein großes, starkes +Mädchen mit kecken, blitzenden Augen, einem feinen Munde und Zähnen, die +fest wie Kieselsteine und gelbglänzend wie Marmor waren. Als das Mädchen +hörte, daß eine Stiefmutter ins Haus ziehen sollte, erklärte sie dem +Vater, sie wolle das nicht leiden, er möchte davon abstehen, was ihn +bewog, die Heirat um so schneller zu vollziehen. Als Sorka beim ersten +gemeinsamen Mittagsmahle fehlte, der Vater sie hereinrief und die +Stiefmutter ihr mit saurer Miene die Suppe in den Teller füllte, schob +Sorka denselben so heftig zurück, daß das reine Tischtuch über und über +bespritzt wurde, sagte: »Ich esse nicht, was du gekocht hast!« und +schaute dem Vater und seiner Frau herausfordernd und mit verhaltenem +Frohlocken ins Gesicht. »So magst du hungern,« rief der Vater zornig, +»andre Speise gibt es hier für dich nicht!« Sorka lachte und sagte: +»Lieber such ich mir selbst mein Brot,« und zog stracks mit einem Bündel +Habseligkeiten aus dem Hause. + +Sie nahm, da sie nicht gleich etwas andres fand, bei einem kleinen Bauer +einen Dienst an und hatte bald eine Liebschaft mit dessen Sohn, was der +Vater, der alte Darinko, geschehen ließ, weil er wußte, daß Pomilko +seiner Tochter ihr mütterliches Erbe nicht vorenthalten konnte. Diese +Vorgänge hatten den Pomilko mit übler Laune, Ärger, Zorn und Rachsucht +ganz angefüllt, weshalb er die Gelegenheit, zu zanken, zu raufen und +allenfalls jemand totzuschlagen, sogleich ergriffen hatte. + +Der Bürgermeister konnte sich nicht verhehlen, daß eine förmliche +Revolution im Anzuge sei, und in seiner Verlegenheit hielt er eine +Ansprache an das Volk, er würde die Frage wegen des Judengrabes Seiner +Majestät dem Kaiser zur Entscheidung vorlegen, inzwischen möchten sie +ihren Geschäften nachgehen und sich still verhalten, das Gemeinwesen +ruhe sicher in seinen Händen. In Wirklichkeit begab er sich nicht zum +Kaiser, sondern zu dem Kommandanten einer Garnison, die im nächsten Orte +lag, und dieser erklärte sich vollständig damit einverstanden, daß Herr +Samuel in jener Ecke des Jeddamer Kirchhofes, wo die ungetauften Kinder +lägen, beerdigt würde, bewilligte auch dem Bürgermeister eine kleine +Abteilung Soldaten für den Fall, daß bei der Bestattung Ruhestörungen +vorkämen. + +Es wurde nun der Frau Rosette mitgeteilt, wo und wie sie ihren Gemahl +beerdigen dürfe, und sie wurde zugleich ersucht, das Begräbnis bei Nacht +vor sich gehen zu lassen, damit Ärgernis vermieden würde. Frau Rosettens +Stolz wurde dadurch zwar nicht ganz befriedigt, doch sagte sie sich, +daß es sich eigentlich nicht um ihren Samuel, sondern nur um eine +nachgemachte Puppe handle, und daß sie froh sein müsse, wenn die +Schwindelei so bald wie möglich von der Erde verschwände, und versprach +infolgedessen, sich gemäß der empfangenen Weisung zu verhalten. + +Die Bürger von Jeddam hatten angesichts der Soldaten beschlossen, sich +in diese Sache nicht mehr zu mischen, hielten sich aber während des +Begräbnisses in den Häusern, da sie es doch nicht anständig fanden, +gegenwärtig zu sein und keinen Tumult zu veranstalten. Es trabte also +der schwarzverhangene Wagen durch die stille Mitternacht, als wäre das +Dorf durch Zauberei gebannt oder versteinert, und nichts war hörbar als +das Trotten der Pferde, das Rollen der Räder und das leise Schwatzen von +Frau Rosette und Herrn Ive, die im leichten Gefährt dem Sarge folgten. +Mit Hilfe des Totengräbers wurde der vermeintliche Samuel aufs +Geratewohl in jene verwilderte Ecke gestopft, worauf die Familie, die +unterdessen schon die Koffer gepackt hatte, sich schleunig auf die +Reise begab, um sich mit dem Vater wieder zu vereinigen. Herr Ive blieb +einstweilen wegen der Angelegenheiten, um derentwillen der ganze Betrug +angezettelt war, in Jeddam zurück. + +Dort war aber der Kampf noch keineswegs beendet. Es fanden sich nämlich +am Tage nach dem Begräbnis auf der Kirchhofmauer, da, wo die ungetauften +Kinder lagen, allerlei fürwitzige Inschriften angemalt, wie zum +Beispiel: Hier ist Schweinemarkt! oder: Misthaufen von Jeddam! oder: +Kehrichthof! und andre Witze dieser Art, was bald zu den Ohren der Leute +kam, die Kinder an dieser Stelle begraben hatten. An die Spitze der +Beleidigten stellte sich der mächtige Pomilko, dem es ohnehin lieber +war, auf seiten der Regierung zu stehen, und der nicht zweifelte, +daß der alte Darinko, bei dem sich seine Tochter befand, ihm diese +Beschimpfung angetan hätte. Dadurch wurde dieser das Haupt einer +geistlichen Partei, die fortfuhr, gegen die Anwesenheit des verstorbenen +Samuel auf dem Kirchhof zu meutern; er leugnete zwar, die Inschriften an +der Mauer verfaßt zu haben, war es aber übrigens wohl zufrieden, aus +seiner ärmlichen Bedeutungslosigkeit herausgerissen zu sein, und raufte +und hetzte fröhlich unter dem Schutze der Kirche und des Pfarrers. +Allmählich geriet der tote Jude, der die Ursache des langwierigen +Kampfes gewesen war, bei den beiden Rotten in Vergessenheit, und sie +benutzten die Gelegenheit, um allerlei alten Hader auszufechten, taten +sich alle erdenklichen Übel an, und es gab so viel blutige Köpfe, +gebrochene Gliedmaßen und brennende Scheuern, daß Ärzte, Bader, Polizei +und Löschmannschaft Tag und Nacht vollauf zu tun und zu laufen hatten. +Der Bürgermeister hätte gern zum Pomilko gehalten, der der mächtigste +und begütertste unter den Bauern war und zudem die gerechte Sache +vertrat, allein die geistliche Partei war bei weitem zahlreicher, so daß +er es mit dieser auch nicht verderben wollte. Der Pfarrer war trunken +vom Gefühl seiner Wichtigkeit und triumphierte außer sich: »Feuer ist +da! Brand ist da! Vatermord und Brudermord ist da! Habe ich es nicht +prophezeit? Habe ich euch nicht gewarnt? Jeddam ist verpestet! Durch +Unglauben ist es verpestet! Heraus mit der Eiterbeule von Jeddam! Heraus +mit dem ungetauften Gebein aus Jeddam, oder wir werden alle verderben! +Kinder, wir werden alle verderben!« Und er weinte, weil er durchaus +nicht mehr zweifelte, daß es wirklich so wäre. Der Bürgermeister bat +ihn, gleichfalls unter Tränen, dergleichen aufreizende Reden zu +unterlassen und lieber das wütende Heer zu beruhigen, aber er brachte +den Pfarrer dadurch nur noch mehr auf, der entrüstet sagte, er würde +seinen Gott nicht verkaufen und wenn man ihm hundert Goldgulden dafür +böte. + +Vielleicht wäre Jeddam in Blut und Flammen untergegangen, wenn sich der +Bürgermeister nicht aufgemacht hätte, um noch einmal die Hilfe des +Kommandanten in Anspruch zu nehmen. Die Nachricht, daß der Kaiser an der +Spitze eines Regimentes daherziehe und die Aufrührer niederschmettern +würde, verbreitete lähmenden Schrecken, und einer nach dem andern +schlich sich nach Hause und an seine Arbeit. + +»Darinko,« sagte der Pfarrer an diesem Tage zum Sohne des kleinen +Bauern, der an der Spitze der geistlichen Partei gestanden hatte, »ich +verspreche dir, daß du Sorka heiraten und ihr Erbe ungeschmälert +erhalten wirst, wenn du diese Nacht auf den Kirchhof gehst, den Samuel +ausgräbst und in die Melk wirfst.« + +»Das will ich wohl tun,« sagte der junge Darinko, »und ich wundere +mich, daß wir es nicht schon längst getan haben.« + +»Tu es heute,« sagte der Pfarrer, »und es wird dich nicht gereuen,« was +alles Darinko der Sorka getreulich wieder erzählte. Sorka erklärte, dem +Geliebten in diesem Unternehmen beistehen zu wollen, da es für ihn +allein eine schwierige Sache gewesen wäre, denn er mußte sich mit vielen +Werkzeugen versehen, nicht nur um das Grab, sondern auch um den schweren +Sarg aus Eichenholz zu öffnen, den er nicht bis zum Flusse hätte tragen +können. Als es völlig Nacht und rings alles still war, stahlen sie sich +aus dem väterlichen Hof und machten sich auf den Weg. Es war eine lange +und harte Arbeit, das Grab des Samuel zu finden, das auf keinerlei Art +bezeichnet war, und sie mußten graben und wühlen, daß ihnen der Schweiß +von der Stirne troff, bis sie endlich auf den großen Sarg stießen, den +sie als den richtigen erkannten. Sie atmeten erleichtert auf, und da sie +noch eine Weile Zeit hatten, kauerten sie sich nebeneinander auf die +aufgeworfene Erde nieder, und Sorka holte Brot, Käse und eine Flasche +Bier hervor, die sie zur Stärkung mitgenommen hatte. Ohnehin vergnügt +über die Aussicht auf die Heirat, die ihnen der Pfarrer eröffnet hatte, +teilten sie das Essen miteinander, faßten sich bei den Händen und küßten +sich, und Sorka sagte: »Meinetwegen hätte der alte Jude hier können +liegen bleiben, der Stiefmutter zum Tort.« + +»War sie wirklich so schrecklich böse?« fragte Darinko neugierig. + +»Sie war nicht böser als ich,« sagte Sorka, »aber ich mochte sie nicht +leiden, und darum bin ich weggelaufen und lache, wenn sie sich ärgert,« +und sie lachte, daß ihre gelben Zähne glänzten. + +Sie hatten inzwischen die Arbeit wieder aufgenommen und machten sich +daran, den Sarg zu öffnen, was um so schwieriger war, als sie sich +bemühen mußten, so wenig Lärm wie möglich dabei zu machen. Als es +gelungen war, hielt Darinko einen Augenblick inne und sagte: »Jetzt +kommt das schwerste Geschäft; es ist dunkle Mitternacht, und wir sind +ganz allein.« Sorka sah ihn listig an und sagte: »Fürchtest du dich? +Hast du dich doch nicht gefürchtet, als du mir den ersten Kuß gabst, und +ich hätte dir doch ebensogut eine Ohrfeige geben können wie der tote +Jude?« + +Darinko fühlte seinen Mut durch die Erinnerung an dieses Heldenstück neu +belebt, schlug den Deckel zurück und faßte den, der im Sarge lag, um den +Leib, in der Absicht, geschwind, ohne ihn anzusehen, mit ihm +davonzulaufen und ihn in die Melk zu werfen. Kaum hatte er ihn aber +gefaßt, als er ihn mit einem Schrei wieder fallen ließ, etwas so +Unerwartetes und Unheimliches war es, den Strohbalg zu berühren. Sorka +lachte hell auf über die Bangigkeit des Darinko und beugte sich über die +zusammengefallene Puppe, um zu sehen, was es da Fürchterliches gäbe. Als +sie inne wurden, daß sie wirklich nur eine ausgestopfte Figur mit Larve +und Wachshänden vor sich hatten, blieb dem Darinko vor Erstaunen der +Mund offen stehen, während Sorka so unmäßig lachte, daß sie sich auf die +Erde werfen und hin und her wälzen mußte. »Was kann das bedeuten?« +fragte endlich Darinko, der unsicher war, ob es sich vielleicht um eine +zauberhafte Verwandlung oder sonst eine höllische Kunst handelte. »Was +geht das uns an?« sagte Sorka. »Wir können keinen andern Samuel in die +Melk werfen als den, den wir gefunden haben; ob es der richtige ist, das +ist nicht unsre Sache.« Sie war unterdessen aufgestanden und untersuchte +die Puppe eifrig unter fortwährendem Gelächter, wobei sie denn auch den +herrlichen Diamantring entdeckte, der noch am Zeigefinger der einen +Wachshand saß, sei es, daß Frau Rosette ihn vergessen hatte, oder daß +sie ihn absichtlich als ein freiwilliges Opfer zum glücklichen Ausgang +des dreisten Abenteuers hatte mit begraben lassen. Jetzt erschrak auch +Sorka und fuhr zurück im Gedanken, es könnte hier Gott weiß was für eine +Teufelsschlinge verborgen sein; doch gewöhnte sie sich schnell an die +Seltsamkeit und kam zu der Überzeugung, der Ring sei ein kostbarer Ring +und nichts weiter, den sie mit Fug und Recht als Belohnung für ihre +Arbeit an sich nehmen und für sich behalten könnten. Sie bemächtigten +sich des Ringes, gaben sich gegenseitig das Wort, über ihre Entdeckungen +gegen jedermann zu schweigen, und fast berauscht vor Glückseligkeit +kugelten und tummelten sie sich noch eine geraume Weile auf dem +nächtlichen Friedhof; dann schleppte Darinko den Balg in die Melk, +während Sorka den leeren Sarg wieder eingrub, die Erde darüberschaufelte +und alles so machte, wie es zuvor gewesen war. + +Die Soldaten, die am andern Tage in Jeddam einrückten, fanden nichts mehr +zu tun, und da die Rädelsführer bei den verschiedenen Brandstiftungen, +Raufereien und andern Missetaten schwer festzustellen waren, kam es auch +nicht zu erheblichen Bestrafungen. + +Nach einiger Zeit, als in weiter Ferne der arglose Herr Samuel, dem die +Familie die Vorfälle in Jeddam verschwiegen hatte, damit er sich nicht +etwa eine Kränkung daraus zöge, das gute alte häßliche Gesicht von +Wiedersehensfreude glänzend, seine Lieben in die Arme schloß, saß der +Pfarrer von Jeddam beim Bürgermeister zu Tisch, und der letztere sagte: +»Jedermann weiß, daß Ehrwürden in der Theologie und allen Dingen der +Gottesfurcht weiser sind als meine Wenigkeit. Doch kann ich die +Bemerkung nicht unterdrücken, daß Pestilenz, Feuersbrunst und Kriegsnot +vorüber sind, seit die Soldaten bei uns einrückten, wiewohl der tote +Samuel nach wie vor inmitten der ungetauften Kinder begraben liegt.« + +»Das tut er bei Gott nicht,« triumphierte der Pfarrer und schlug mit der +Faust auf den Tisch, daß es klirrte. »In der Nacht, ehe die Soldaten +kamen, habe ich ihn ausgraben und in die Melk werfen lassen, die ihn +wohl längst ins Meer geschwemmt hat, wo er bei Fischen und anderm Unrat +liegen bleiben mag.« + +Der Bürgermeister war so verblüfft, daß er nicht wußte, ob er lachen +oder zornig werden sollte. »Meint Ihr wirklich,« fragte er endlich, »daß +das die Ursache ist, warum Frieden und Wohlergehen wieder bei uns +eingekehrt sind?« + +»Was sonst?« rief der Pfarrer; »unser Gemeinwesen war in großer Gefahr, +und ich habe es gerettet, doch prahle ich nicht laut damit, sondern +gebe Gott die Ehre.« Und er erhob das volle Weinglas und hielt es dem +Bürgermeister zum Anstoßen hin, der, obwohl ihn seine Niederlage wurmte, +es für das Feinste hielt, zu schweigen und zu trinken. + + + + + Aus Bimbos Seelenwanderungen + + Fragment + + +Vor mehreren Jahrhunderten, erzählte Bimbo, war ich der Sohn eines +Scharfrichters in einer kleinen Stadt des Nordens. Damals war dieselbe +frei und mächtig, ein kleines Reich für sich, nur daß der römische +Kaiser noch einige Titular- und Ehrenrechte darin besaß, die ein +Burgvogt mit Schall und Gepränge, aber ohne etwas Wesentliches zu +bedeuten und vermögen, vertrat. Mein Vater, obgleich er der Scharfrichter +war, dem niemand die Hand reichen mochte, ohne sich mit unauslöschlicher +Schmach zu beflecken, war der allerschönste Mann im Lande und glich der +furchtbaren Waffe, die er führte; denn er war groß, gerade und schlank +wie ein Schwert, mit schneidenden Blicken im Auge, und seine Bewegungen, +wenn er sich einmal bewegte, waren wie sicher treffende Blitze. + +Aber, wie die Frauen sind, trotzdem ist ihm meine Mutter untreu gewesen, +nachdem ich einige Jahre auf der Welt war. Es scheint, daß sie schwach +und eitel und nicht einmal besonders schön war, aber daß sie gerade in +ihrer Schwäche und Hilflosigkeit einen großen Zauber besaß. Das Gespräch +der Leute war, daß mein Vater, als er ihre Untreue erfuhr, sie mit +seinen eignen Händen erwürgt habe, was allerdings nur ein Gerede gewesen +sein kann, wie vieles andre, was über ihn im Umlauf war. Denn weil er +ein kluger Mann war und mehr wußte als die übrigen, namentlich in der +Arzneikunde und Chirurgie, glaubte man, daß er mit Dämonen im Bunde +stehe und mit ihrer Hilfe übermenschliche Dinge verrichten könne. So +sagte man zum Beispiel, es habe ihn noch niemand mit den Augen blinzeln +sehen, er bedürfe des Schlafes nicht, ja sei wohl sogar des Todes +überhoben, wenn ihm nicht die Geister, die er jetzt beherrschte, einmal +den Hals brächen. Wahr ist das, daß er Tage und Nächte hintereinander +wachen konnte, ohne darunter zu leiden, und ich erinnere mich, wie +ich ihn manchmal mit heimlichem Grauen betrachtete, ob er nicht die +Augenlider bewegen würde, ohne daß es geschah. Weiter sagte man von +meinem Vater, daß er die Leute behexen und mit dem bloßen Blick seiner +Augen krank machen, ja totschauen könne, und namentlich daß er, wen er +wolle, und wäre er Papst von Rom, auf das Blutgerüst unter sein Schwert +zu bringen vermöchte, indem er denselben nur einmal flüchtig mit der +Spitze seines Schwertes berührte. Deswegen, obschon sie seiner Hilfe in +allerlei öffentlichen und heimlichen Sachen benötigten und diese auch +meistens gutwillig, wenn auch gegen reichliches Entgelt, geleistet +wurde, hatten sie doch Furcht vor ihm, und die Regierung hätte sich +vielleicht seiner auf irgendeine Weise entledigt, wenn sie seiner Rache +sich auszusetzen gewagt hätte. Gegen die Untergebenen in unserm kleinen +Reiche, das, viele Gehöfte umfassend, weit außerhalb der Stadt lag, war +er, soweit es die Roheit der wüsten Knechte zuließ, großmütig und +nachsichtig. Mich behandelte er sogar mit Zärtlichkeit, wenn ich von +einigen Anfällen rasender Wut absehe, die ihn bei Gelegenheit von ein +paar unbedeutenden kindlichen Vergehungen ergriff, und so grausam er +mich auch in diesen Fällen behandelte, liebte ich ihn doch abgöttisch, +ja ich hätte mir von ihm mit Freuden die Seele aus dem Leibe martern +lassen. Nur manchmal überkam mich ein Gefühl des Hasses von derselben +Stärke, nämlich dann, wenn mir zufällig, indem ich seine Hände ansah, +in den Sinn kam, daß er mit ihnen meine Mutter erwürgt hatte. + +Unser Haus lag auf der Heide, die sich bis an das Meer erstreckte; vom +Hause aus konnte man es nicht sehen, wohl aber auf dem weiter nordwärts +gelegenen Richtplatze, wo es nichts als Sand gab außer einigen uralten, +verwitterten Steinen, die halb darin versunken waren. Man hielt sie für +Grabsteine vornehmer Gerichteter; denn hier war seit undenklichen Zeiten +die Richtstätte der Republik gewesen; wahrscheinlicher ist es freilich, +daß das Meer die Blöcke angeschwemmt und ebbend auf der Heide +zurückgelassen hatte. Wie dem auch sei, wir pflegten uns oft des Abends +auf diese Steine niederzusetzen und auf das glänzendschwarze Geflimmer +des Meeres hinzusehen, und wenn er dann seine Hand auf dem Steine neben +mir ruhen ließ, kam sie mir zuweilen wie eine weiße Tigerin vor, die +schläft, weil sie satt von Blut ist, oder die sich schlafend stellt und +lauert, um ein argloses Opfer zu zerfleischen. Dann dachte ich an meine +Mutter, deren Bild ich deutlich vor Augen hatte und der ich selbst innen +und außen vielfach glich, und malte mir aus, wie sie sich in dem +eisernen Arme des schönen Blutmannes gekrümmt hatte, bis mir der Haß +in die Kehle stieg und ich eine verzweifelte Lust spürte, mich auf ihn +zu werfen und die Ader an seinem Halse aufzubeißen, damit er verblutete. +Mein Vater sagte nie etwas darüber, obgleich er es mir ansah, und ich +glaube sogar, er hätte mir nicht gewehrt, auch wenn ich es getan +hätte. Dieser Gewaltige, der, wie man sagte, sechs Männer mit einem +Schwertschlage enthaupten konnte, daß ihre Köpfe wie Disteln abschnellten, +hätte sich von meinen schwachen Händen umbringen lassen, so etwa wie +Erwachsene stillhalten, wenn spielende Kinder mit ihren winzigen +Schlägen über sie herfahren. + +Mich mächtig, berühmt und gelehrt zu machen, war der Ehrgeiz seines +Lebens, und mit dem Gelde, das er aufhäufte, ermöglichte er es, mir so +viele Bildungsmittel zuzuführen, wie den strebsamsten und vermöglichsten +Menschen der Zeit zugänglich waren. Er schickte mich in andre Länder, +damit ich an hohen Schulen studierte, und ließ es sich Hunderte und +Tausende kosten, daß mein Herkommen und Stand verborgen blieben. Aber +er dachte nicht etwa daran, mich in höhere Kasten einzuschmuggeln, +nein, ich sollte nach ihm Scharfrichter werden, wie das einmal seit +unvordenklichen Zeiten das Los unsers Geschlechtes war, nur sollte ich +aus Schmach und Elend heraus sie alle durch meinen Geist überglänzen und +beherrschen, auf den Knien sollten sie nachts mit Lebensgefahr zu mir +rutschen, die mich am Tage wie einen tollen Hund von ihrer Schwelle +hetzen durften. Ich freilich hatte an allen Schulen nichts gelernt als +höfliche Sitten und Herrenleben, weniger aus Faulheit als aus Torheit, +die mich den Wert der Zeit nicht bedenken ließ; im Innersten hoffte ich, +es würde so in Saus und Braus in Ewigkeit weitergehen. Dem Befehle +meines Vaters wagte ich aber nicht mich zu widersetzen, und es hatte +auch etwas grausig Verlockendes für mich, einst Blutkönig in dem +einsamen Reich auf der Heide zu werden. Nur suchte ich den Augenblick, +wo ich selbst das Handwerk ausüben sollte, hinauszuschieben, worauf mein +Vater auch bereitwillig einging, weil ich schlank und zierlich von +Wuchs war und er meinte, ich müßte mich noch durch viele körperliche +Übungen auf meinen Beruf vorbereiten. + +Da kam eines Tages die Gelegenheit, die meinem Vater schicklich +erschien, mich einzuführen; es handelte sich nämlich darum, einen +Papageien öffentlich mit dem Schwerte zu richten. + +Herr Quarre, der kaiserliche Vogt, saß zwar bis über den Hals in +Schulden, achtete sich aber der Majestät, die er vertrat, in allem +gleich, war hochmütig wie ein Pfau und dumm wie ein Pfannenstiel, +worüber die Gassenbuben auf der Straße Spottlieder genug zu singen +wußten. Um seine Lage zu verbessern und seine Stimme im Rat zu +verstärken, trachtete er nach der Hand der Tochter des regierenden +Bürgermeisters, deren lockende Güte und Holdheit sich in aller Leute +Herz schmeichelte, so daß selbst die bösen Kramverkäuferinnen auf dem +Markte sie die kleine Wonne nannten, nämlich Wunneke in jener +altniederdeutschen Sprache. In ihrer übermütigen Jugend lachte sie über +den abgeschmackten Freier, der zu allem andern ein dicker alternder Mann +und trunksüchtig war, und gab sich nicht die Mühe, ihre Verachtung +seiner ungefügen Person zu verbergen. Darüber war ihr Vater, der +Bürgermeister, des Kaisers wegen in großen Ängsten, und wenn er auch +nicht daran dachte, seine Tochter zu einer solchen lächerlichen +Verbindung zu zwingen, hätte er die Sache doch gern aufs glimpflichste +geordnet. + +Nun geschah es, daß Herr Quarre den Bürgermeister besuchen wollte, ihn +aber nicht zu Hause fand und in guter Zuversicht die Jungfrau Tochter +bitten ließ, die auch in wenigen Minuten zu erscheinen versprach. +Während er in einem stattlichen Empfangszimmer ihrer wartete, hörte er +im Nebenzimmer erst ein Pfeifen und Knarren, dann ein Singen, in dem er +deutlich die Melodie und schließlich auch die Textworte unterscheiden +konnte; es lautete nämlich: + + Herr Quarre wär ein Held + Und hätt auch Gott geprellt + Ums Regiment der Welt, + Wenn nicht das Beste fehlt': + Die Grütze und das Geld. + +Sogleich geriet Herr Quarre in einen brennenden Zorn, und als nun +lächelnden Mundes Wunneke ins Zimmer trat, ergoß er sich in wütenden +Reden und forderte tobend, daß ihm der Name des unverschämten Rebellen +genannt würde, der so aufreizende Lieder von sich gäbe, damit eine +nachdrückliche Strafe über ihn verhängt würde. Wunneke entgegnete +sanftmütig, der Herr Vogt werde besagten Gesang auf der Straße vernommen +haben, wo man leider oft von liederlichen Leuten die gottlosesten Dinge +hören müsse. Herr Quarre blieb aber dabei, es sei im Nebenzimmer +gewesen, und ließ auch einfließen, es sei eine helle und gewissermaßen +lieblich pfeifende Stimme gewesen, wobei er drohende Blicke auf das +Fräulein schoß. Wunneke veränderte aber ihre unschuldige Miene nicht und +sagte ruhig, im Nebenzimmer sei niemand anders gewesen als Flämmchen, +der Papagei, der dort seinen Standort habe und allerdings, was sie nicht +leugnen wolle, sowohl sprechen wie singen könne, so daß es, wenn auch +unwahrscheinlich, doch nicht unmöglich sei, daß er den Unfug getrieben +habe. Herr Quarre verlangte murrend die angebliche Bestie in Augenschein +zu nehmen und wurde von Wunneke höflich in das Nebenzimmer geführt, wo +auf einer goldenen Stange Flämmchen saß, mit einem Kettlein am Fuße +daran festgebunden. Sie forderte den Vogel unter Streicheln und +Liebkosen auf, zu wiederholen, was er vorher gesungen habe; aber man +vernahm nur ein leises wollüstiges Knarren, das er von sich gab, indem +er sein grüngoldiges Köpfchen langsam an der weißen Mädchenwange rieb. + +Herr Quarre hielt sich nunmehr für gefoppt und schnaubte von dannen +unter der Androhung, daß er den Bürgermeister und sein ganzes Haus wegen +Majestätsbeleidigung vor Gericht ziehen werde. Sein Zorn verdoppelte +sich noch, als Herr Schmitz, der Bürgermeister, obwohl er sich +verschworen hatte, alles zu tun, um den Gekränkten zu begütigen, sich +mit Vorbringung fadenscheiniger Ausflüchte entschuldigte, als der Vogt +sich Wunneke selber zur Entschädigung ausbat. Er brachte eine Klage bei +dem Rat ein, und es wurde schleunig eine Sitzung anberaumt, bei der der +Bürgermeister, als selbst beklagt und beteiligt, den Vorsitz Herrn +Muslieb, dem zweiten Bürgermeister, abtreten mußte. + +Dieser war zwar dem kaiserlichen Vogte, der beständig die Gerechtsame +der Republik schmälern wollte, so feind, wie es ihm zukam, andrerseits +aber war es ihm angenehm, dartun zu können, daß, wenn auch seine +Stellung bescheidener als die des regierenden Bürgermeisters, doch sein +Name nicht minder fleckenlos war, und er beschloß, die Gerechtigkeit +alle Partei-, Privat- und Sonderinteressen überwiegen zu lassen. Er +ersuchte zunächst Herrn Quarre, das Lied vorzutragen, das die Ursache +des Prozesses war, was derselbe nicht ohne Unwillen tat; sämtliche +Ratsherren konnten nicht umhin, mit strengem Kopfschütteln sich dahin +zu erklären, daß es keine geringe Keckheit und Unanständigkeit sei, +wenn Lieder so schandbaren Inhalts in einem obrigkeitlichen Hause in +aller Fröhlichkeit laut würden. Der Bürgermeister und seine Tochter +beteuerten, daß keiner außer dem Papagei das Lied hätte singen +können, und das Fräulein führte zu seiner Entschuldigung an, daß er +wahrscheinlich, am offenen Fenster stehend, das Schelmenstückchen +gehört und in seiner Torheit nachgeplappert hätte. Herr Quarre zog +dies in Zweifel, da noch nicht einmal bewiesen und überhaupt sehr +unwahrscheinlich sei, daß das dumme und eitle Tier sprechen könne, +welcher Beweis denn nun freilich auf der Stelle geleistet wurde. +Indessen war Flämmchen nicht zu bewegen, etwas andres zu sagen als: +Guten Morgen, Wunneke! Komm mit, Wunneke! Küß mich, Wunneke! welche +Reden er süßlich quäkend und unter geschwindem Augenrollen mehr als +nötig wiederholte. Daraufhin erklärte der vorsitzende Bürgermeister den +Papageien für wohlbefähigt, das Verbrechen, dessen er geziehen wurde, +begangen zu haben, und Herr Quarre, der den Vogel nunmehr zwischen +Furcht und Staunen für einen Zauberer ansah, neigte zu der Ansicht, daß +er der Täter sei. + +Trotzdem glaubte der Rat ohne weiteren Beweis nicht zu einem Urteil +schreiten zu dürfen, und die Herren gingen dem Vogel mit Singen und +Pfeifen eifrig zu Leibe; denn sie hofften ihn zur Wiederholung des +Liedes zu bewegen, indem sie die Melodie und ersten Worte desselben +anhüben. Über diese Zurüstungen war Flämmchen so erschreckt, daß er nur +den Schnabel auf und zu machte, ohne einen hörbaren Laut zu äußern, was +Herr Quarre als Berechnung und Verstellung auslegte. Die übrigen Herren +zögerten in großer Verlegenheit, bis das Fräulein den Vorschlag machte, +es möchten einige Vertrauenspersonen ausgewählt und beauftragt werden, +Flämmchen während einer gewissen Zeit scharf zu beobachten; denn es +sei anzunehmen, falls er das Lied wirklich einmal gewußt hätte, daß +er es wiederholen würde, sowie er nicht wie jetzt durch eine hohe und +majestätische Versammlung eingeschüchtert wäre. Hierauf gingen alle mit +Freuden ein, und es wurden sofort drei kundige und anstellige Ratsherren +mittels geheimer Abstimmung ausgewählt, die drei Tage und Nächte +hintereinander das Gestell des Vogels umgeben und auf alle seine +Äußerungen achten sollten. Da ihnen Reden sowie Gespräch und Gelächter +jeder Art der größeren Aufmerksamkeit wegen verboten war, vertrieben +sie sich die Zeit mit schweigendem Würfeln und Kartenspielen, das nur +zuweilen dadurch unterbrochen wurde, daß ein jeder die Ausrufungen des +Papageien auf einem Pergamentstreifen verzeichnete. Es war aber nach +Verlauf der Zeit nichts vorgefallen, was auf Flämmchens Kenntnis des +bezüglichen Liedes schließen ließ, und man hätte ihn freigesprochen, +wenn sich nicht Herr Quarre mit äußerster Wut dagegen gesetzt hätte. +Ein sauberes Regiment, sagte er, das sich von einem ausländisch +aufgeputzten Vogel über das Ohr hauen lasse; er würde die ganze Republik +zusammenstampfen wie ein Äpfelmus, wenn der ihm zugefügte Schimpf nicht +an dem Missetäter gerächt würde. Nachdem Bürgermeister und Rat eine +Zeitlang in den Gesetzen nachgeschlagen und geblättert hatten, erklärten +sie einmütig, daß sie zunächst das Mittel der Tortur versuchen müßten, +um ein gutwilliges Geständnis zu erpressen. + +Und so ist es gekommen, daß ich Wunneke sah. Denn trotzdem es +allgemeiner Mißbilligung unterlag, daß sie unser verfemtes Reich +betreten und einer Handlung so schauriger Art beiwohnen wollte, hatte +sie sich nicht davon zurückhalten lassen, ihren Liebling auf seinem +Martergange zu begleiten. Ich Unglücklicher stand an meines Vaters +Seite, als sie in das moderige Gewölbe eintrat, wie ein wandelnder +Narzissenstrauß, wie ein Kelch aus Milchglas voller Veilchen, mit dem +ein duftendes Frühlingsgewölk in die kalte Finsternis hineinschwebt. +Ach mehr -- wie vor dem ermattenden Schwimmer, der sich eben in den +unvermeidlichen Untergang geschickt hat, mitten aus dem öden Wassermeer +eine blühende Insel auftaucht, mit Orangenhainen bewaldet, denen die +Tropfen noch von den glatten Blättern rieseln, so stand sie plötzlich +vor mir und schaute mir mit lächelnden Augen ins Gesicht. Nur mich +lächelte sie an, gegen die andern bewahrte sie eine absichtliche +Feierlichkeit, und vor meinem Vater schien sie zu erschrecken; von +Abscheu war nichts darin, nur Erstaunen und Bangen. Woher wußte sie, +daß meine Augen alles so sahen wie ihre? Obgleich wir nie ein Wort +miteinander gesprochen hatten, sahen wir, während die Handlung sich +entfaltete, einander an wie zwei schelmische Kinder, die eine Falle +gestellt haben und aus ihrem Versteck aufpassen, wie die Geneckten +hineintappen. Und nun ertönte das silberne Harfenspiel ihrer Stimme, wie +sie zu meinem Vater sagte: »Herr Marx Grave, wollt bedenken, daß der +Beklagte ein zartes und verwöhntes Geschöpf ist, dem das Lebensfädchen +leicht völlig zerreißen könnte, wenn man allzuhart daran zerrte.« + +Mein Vater antwortete laut und ernsthaft: »Die Vernunft und die Gesetze +gebieten, edles Fräulein, die Pein nicht über das Vermögen des +Delinquenten hinausgehen zu lassen. Seid versichert, daß ich es bei den +ersten und angenehmsten Graden der Folter bewenden lassen werde.« + +In dem Augenblick, als das Tier meinem Vater übergeben wurde und seine +rechte Hand sich ihm mit einem schraubenartigen Werkzeug näherte, brach +der Papagei in ein lautes Gezeter aus, das sich deutlich in einige Worte +zerlegen ließ, und zwar in ebendieselben, die den Anfang des Spottliedchens +über Herrn Quarre bildeten. Dieser, der, um sich an den Qualen seines +Feindes zu ergötzen, ganz nahe bei meinem Vater gestanden hatte, +triumphierte hoch und verlangte, daß er dem überführten Übeltäter +augenblicklich den Hals umdrehe. Mein Vater entgegnete kühl: »Und wenn +der Papagei Euch, Herr Quarre, das Herz aus dem Leibe gehackt hätte und +dessen geständig wäre, würde ich ihm doch kein Federchen krümmen, bis er +nach Recht gerichtet und mir in herkömmlicher Form zur Vollstreckung des +Urteils übergeben wäre.« + +Herr Quarre brach in gräßliches Schimpfen aus und rief: »Hört den +Mistfinken! das Blutschwein! ich kenne euch alle, frei möchtet ihr sein +und schert euch einen Kuckuck um die Majestät des Kaisers, der euer +Dreckgehirn wie Nüsse mit dem Absatz zerknacken könnte!« In welchen +giftigen Reden ihn aber Herr Muslieb mit ernster Höflichkeit unterbrach, +indem er ihn auf das Unbedachte seines Geschwätzes aufmerksam machte. +Dem Papagei, sagte er, werde sein verdientes Urteil gesprochen werden, +ohne daß das Recht um ein Tüttelchen geschmälert würde, danach aber +werde man untersuchen, ob der Kaiser in Wahrheit Anspruch darauf habe, +eines ehrbaren Rats reichsfreier Stadt Köpfe abschätzig zu betiteln und +mit Füßen zu treten, was, soviel er wisse, nicht einmal in der Türkei +und andern üppigen Sultansländern Sitte sei. + +»Wenn die Narren den hübschen Vogel wirklich zum Schwerte verurteilen,« +sagte mein Vater, nachdem sich alle entfernt hatten, »sollst du an +meiner Stelle amtieren;« denn, meinte er, er selbst sei für solche +Albernheiten zu alt, würde auch nötigenfalls den Herren mit seiner +Dienstordnung in der Hand beweisen, daß er zu ernstem, vernünftigem +Geschäft, nicht aber zu eitelm Firlefanz berufen sei. Mir aber würde es +wohl anstehen, mich bei dieser Gelegenheit zum ersten Male öffentlich zu +zeigen, denn fehlen könnte ich bei so leichter Arbeit nicht, dagegen den +Beifall von Mädchen und Toren, deren es viele gäbe, erwerben. + +Gott weiß, wie mir damals Tage und Nächte vergingen. Mein Herz war wie +ein junger Falke, der unaufhörlich mit den Flügeln rauscht, um sich zum +ersten Fluge aufzuschwingen, und zwischen Furcht und ungeduldigem Mute +zaudert. Auf der Heide lag mein Leib, aber ich selbst fuhr wie eine +Sturmschwalbe darüber hinweg, schreiend und die salzige Meerluft +schlingend, daß ich sie kühl und berauschend bis in die tiefste Seele +hinein fühlte. Ich sauste um den alten Leuchtturm, schlug mit +klatschenden Flügeln an sein starres Gemäuer, stürzte mich in die +brennende Pechpfanne auf seiner Zinne, peitschte mit der schwarzroten +Flamme die fliehende Luft und empfand mit Wonne, wie ich mich dehnte, +indem ich mich selber verzehrte. Dabei war ich mir wohl bewußt, wer sie +war und wer ich war, und daß ich eher die Wange des Mondes als die ihre +je mit meinen Lippen berühren könnte. Aber diese Unmöglichkeit eben +erhöhte meinen Wahnsinn, denn was mir in den Eingeweiden brauste, hätte +mich vor mir selber lächerlich gemacht, wenn es sich um ein alltägliches +Lieben und Werben gehandelt hätte. Auch war in meinem Gefühl das +Bewußtsein von einer magnetischen Kraft, die sie doch einmal an mein +Herz reißen müßte, wenn ich auch nicht darüber nachdachte, wie das +geschehen könnte. Und als ich vollends am Tage der Papageihinrichtung +mein neues Amtsgewand trug, ganz aus schwarzem Tuch, das kurze +Mäntelchen, mit karmesinroter Seide gefüttert, schwarze und rote Federn +auf dem Barett, zweifelte ich nicht, daß der Himmel sich über meiner +Schönheit öffnen und Rosen auf mich herabschütten würde, Rosen von +jenseits, mit Ambrosia betaute, die ich alle der erbleichenden Wunneke +in den Schoß werfen würde. + +Von weitem her sah ich den Armesünderkarren durch den braunen herbstlichen +Wohlgeruch der Heide stolpern, auf dem sie saß in ihrem schwarzsamtenen +Kleide, den Papageien an einem silbernen Kettlein haltend, der, von dem +Anblick der weiten hohen Welt und der unübersehbaren Menschenmenge +betäubt, bald in sich zusammensank als ein erlöschendes Flämmchen, bald +mit gesträubten Federn, heftig kreischend und schimpfend, auf dem Arme +seiner Herrin auf und ab lief. Ihr gegenüber saß der Propst, welcher auf +ihr Verlangen dem Sünder als Trost auf seinem letzten Gange beigegeben +war. Dies hatte sie allerdings nicht ohne Mühe durchgesetzt, denn die +Räte waren in der Mehrzahl der Ansicht gewesen, bei einer vernunftlosen +Bestie sei geistlicher Zuspruch nicht nur unnötig, sondern sogar übel +angebracht. Aber Wunneke wendete ein, wenn Flämmchen denn vernunftlos +sei, dürfe man ihm auch sein schelmisches Singen nicht zum Vorwurf +machen, worauf Herr Quarre in einen glühroten Zorn geriet, seinen +borstigen Schnurrbart sträubte, daß man an der Spitze jedes Haares ein +Fröschlein hätte aufspießen können, und sagte, ohne Vernunft sei der +Vogel zwar nicht, aber seine Vernunft sei des Teufels, und wenn ihn die +sämtlichen Kirchenväter mit dem Papst an der Spitze zum Schafotte +geleiteten und ihm die ganze Bibel aufsagten, würde das dem ruchlosen +Federvieh nur zu Spott und Gelächter dienen. Hierauf aber sagte der +Propst, den man nebst mehreren andern Theologen zu Rate gezogen hatte, +damit sie die heikelige Sache beurteilten, wenn dem so sei, müsse man um +so mehr dazu tun, daß der göttliche Vernunftsinn dem Teufel entrissen +würde, und er wollte sich der Aufgabe wohl unterziehen. Überhaupt, sagte +er, fehlten zwar auch dem gescheitesten Tier die vernünftigen Begriffe, +weil es nicht unterwiesen sei, aber man gebe ja auch einem neugeborenen +oder gar idiotischen Kinde die heilige Taufe, das sei eins wie das +andre, man müsse eben den Heiligen Geist spenden, wie der liebe Gott die +Sonne und ein Sämann die Körner, soviel als möglich und aufs Geratewohl, +schaden könne es nicht und zuviel sei besser als zuwenig. Auf diesen +gelehrten Sermon wußte niemand etwas zu erwidern, auch fürchteten +Bürgermeister und Rat den Propst, der weit und breit großes Ansehen +genoß und die dumme, lenksame Riesenseele des Volkes in der Hand hielt. + +So saßen der Propst und das Fräulein auf dem Karren und unterhielten +sich leise und lächelnd, und mir schien es, wie ich das weiße +Seelengesicht über dem schwarzen Kleide schweben sah, als führe man in +feierlicher Prozession eine auf ferner neuentdeckter Insel gefundene +Wunderblume durch das Land, damit alles Volk sie sähe und ihren Duft +einatmete. Das Schafott hatte mein Vater selbst mit hochrotem Samt +überzogen, und ich eilte die Stufen hinan, als wäre ich der Königssohn +und sollte mich dem Volke zeigen. Das war auch in lustiger Bewegung, +weil es ein so seltsames Schauspiel mit ansehen sollte, und viele Männer +und Frauen hoben ihre Kinder hoch und riefen: Schau, Lütte Grave; denn +da ich wie mein Vater Marx hieß, nannte man mich zum Unterschiede den +Kleinen, das ist Lütte in jener niederdeutschen Sprache. Flämmchen hatte +ich am Kettlein auf der Hand sitzen wie einen Edelfalken, und ich fühlte +meine zierliche Schönheit ordentlich aus mir herausblühen. Wie mein +Vater mich gelehrt hatte, kniete ich mich zuerst nieder und sagte: Gott +walte deiner und meiner! stand dann wieder auf, neigte meines kleinen +Schwertes Spitze dahin, wo die Obrigkeit versammelt war, und schickte +mich an, meinen Delinquenten zu richten. + +In diesem Augenblick sah ich zum erstenmal, wie schön Flämmchen war: das +grüne Köpfchen glänzte, als wäre Goldschaum darüber geblasen, und die +roten und blauen Federn im Schwanz und in den Flügeln flammten wie edle +Steine. Er bemerkte meine Bewunderung sogleich, und seine runden, +spiegelnden Augen sagten halb flehentlich, halb listig: Töte mich nicht, +Lütte Grave! Willst du mich, das hübsche Flämmchen, den kriechenden +Breitmäulern da unten zuliebe umbringen? Fliegen wirst du mich lassen ... +Es fehlte nicht viel, so hätte ich ihn wirklich fliegen und als ein +goldenes Flämmchen in den lachenden blauen Himmel steigen lassen; aber +ich besann mich, daß er als ein unfreier, halbbeseelter Menschengeselle +auf Wunnekes Schulter zurückfliegen und dem Tode doch nicht entgehen +würde, daher entschloß ich mich und hieb mit einem kurzen geschwinden +Streich das kleine Schelmenhaupt vom Rumpfe. So geschickt führte ich es +aus, daß ich den abfliegenden Kopf mit der Spitze meines Schwertes +auffing und ihn so dem Volke zeigen konnte als Beweis der völlig und +glücklich ausgeführten Exekution. Bei diesem Anblick brach die Menge in +helles Freudengeschrei aus, die Kinder klatschten in die Hände, und über +die warme, träumende Heideluft verbreitete sich blitzschnell Jubel und +Gelächter. Die Obrigkeit trollte sich eilig und unzufrieden davon, denn +sie trauten sich nicht, der unanständigen Ausgelassenheit zu steuern; +aber das Volk wogte noch bis zum kühlen Abend auf der Heide umher, als +ob Jahrmarkt wäre. + +Wunneke hatte ich während der ganzen Handlung nicht einmal angeschaut, +aber gefühlt hatte ich sie, wo sie war, wie sie unter Tränen lächelte +und was sie dachte, und ihr Herz blieb bei mir zurück, und ich legte +mich damit in das blühende Kraut, seliger, als wenn es ihr schöner +warmer Leib gewesen wäre. Erst am andern Morgen flohen mir die guten +Glücksgeister davon, und das Gestrige lag unter der neuen Sonne wie ein +elendes, abgegriffenes Rumpelkammerspielwerk, das man als Kind einmal +für das herrlichste Kleinod gehalten hat. Und gerade am Abend dieses +wüsten Tages kam sie. Sie kam wie ein leichtes, flüsterndes Blatt, +das der Wind vor sich her weht, und schien sich an die Dunkelheit +anschmiegen und in sie verbergen zu wollen. Ein andrer hätte sie ohne +weiteres in seine Arme genommen -- denn war sie nicht fast ein Strandgut +an unsre fürchterliche Küste geworfen --, mir aber kam das nicht in den +Sinn, vielmehr hielt ich mich weit von ihr, während ich sie in unser +Haus geleitete. Auf meines Vaters Frage sagte sie, daß sie gekommen sei, +um sich Flämmchens Leichnam auszubitten, den sie begraben wolle, und +unter seinem Blick errötend, setzte sie hinzu, ihr Vater würde ihr die +unschuldige Bitte ausgeschlagen haben, darum sei sie heimlich bei der +Dunkelheit gekommen. + +»Habt Ihr nicht gewußt,« sagte mein Vater, »daß Ihr des Scharfrichters +Haus nicht betreten dürft? Und daß er mit seinem Leben bezahlen muß, +wenn er Euch empfängt, bewirtet oder berührt?« + +Es quälte mich, daß Wunneke nicht ein Wort zu entgegnen vermochte, +obschon sie sich Mühe gab, zu sprechen; sie starrte ihm ins Gesicht und +hätte sich, glaub ich, von ihm niederschlagen lassen, ohne den leisesten +Versuch zur Verteidigung oder zur Flucht zu machen. Nach einer langen +Pause fuhr mein Vater fort: »Nehmt das zu Herzen, wenn mir oder meinem +Sohne ein Haar sollte gekrümmt werden um Euretwillen, weil es Euerm +buhlerischen Leichtsinn nach Abenteuern gelüstet, so müßt Ihr zahlen: +unsre Tränen mit Euerm Blut, unser Blut mit Eurer Seele.« Ich war so +gewohnt, mich unter dem tyrannischen Willen meines Vaters zu beugen, daß +ich mich währenddessen ganz still verhalten hatte, dazu stand ich auch +unter dem Eindrucke seiner wilden Schönheit, die sich immer dann am +prächtigsten auftat, wenn das Blut in ihm zu kochen anfing. Erst nach +einer Weile, als er sie mit einem milderen Blick musterte, in dem etwas +kalt wollüstig Abschätzendes war, gewann ich mich selbst wieder, trat +vor und sagte: »Warum erschreckst du das Fräulein, Vater, das ohne böse +Absicht als eine Bittende zu uns gekommen ist? Erlaube, daß ich ihr den +Vogel suche und sie dann wieder heimbegleite.« + +Mein Vater sah mich scharf an, und ich glaube, daß er in diesem +Augenblick alles durchschaute, was ich fühlte, wünschte und hoffte, und +vielleicht auch, welchen Ausgang es nehmen würde, denn es schlich sich +ein mehr mitleidiges und vorwurfsvolles als spottendes Lächeln um seinen +Mund; aber er winkte mir nur mit der Hand, zu gehen, ohne noch einen +Blick auf das Mädchen zu werfen. Sie drängte sich an mich und folgte +mir, und als wir draußen waren, sahen wir uns heimlich lachend an und +schüttelten uns wie Kinder, die Schelte bekommen haben; dann liefen wir +spornstreichs mitten in die Heide hinein. + +Das tote Flämmchen hatte ich bald gefunden und aus dem Sande +herausgewühlt, von dem es nur eben bedeckt gewesen war; danach setzten +wir uns auf das samtbeschlagene Gerüst, das in der Dämmerung hoch und +schwarzrot dastand, und blickten auf das gleichmäßig brandende Meer. +Ich erzählte ihr dunkle Geschichten von den Männern und Frauen, die +seit Jahrhunderten auf diesem Stück Heide von meinen Vorvätern waren +hingewürgt worden, die ich zum Teil in meiner Kindheit von unsern +Knechten gehört hatte. Die Seelen der Gerichteten hausten im Meere, +sagte ich, die meisten hielten sich dicht am Ufer, und wenn frisches +Blut vergossen würde, schlichen sie sich nachts heran und tränken davon +in schrecklicher Lüsternheit nach dem irdischen Leben. Die Ferne war +schwarz bis auf einen weißgelben Streifen, der wie ein einsamer Pfad +über die dunkeln Berge der Ewigkeit schimmerte; aber dicht vor uns +bewegten sich vom Wasser her über das Heidegestrüpp kriechende Nebel, +die man in Wirklichkeit für geisterhafte Phantome hätte halten können. +Einige schienen verzweifelt die dünnen stehenden Arme zu ringen, während +sich andre auf die Erde gekrümmt, verstohlen, ihrer verfluchten Blutgier +sich schämend, auf uns zuschlichen. Über diesen Anblick begann Wunneke +plötzlich sich zu fürchten, und ich geleitete sie in Sicherheit heim, +versprach ihr aber zuvor, daß ich Flämmchens zeitliche Überreste auf dem +nächsten Gottesacker ordentlich und lieblich bestatten wollte, was ich +mir unter dem Schutze des Totengräbers, den ich gut kannte, wohl +auszuführen getraute. + +Dieser gestand mir auch gleich alles zu, um was ich ihn bat, und nachdem +ich ihn in seiner Gefälligkeit noch durch ein namhaftes Trinkgeld +bestärkt hatte, wählte ich mir ein Plätzchen an der Hecke aus, wo lauter +alte, verfallene Gräber lagen, um die sich niemand mehr bekümmerte. Dort +warf ich ein schmales Hüglein auf und bepflanzte es über und über mit +blühenden Astern, daß es wie ein einziger großer Blumenstrauß aussah. +Am folgenden Abend kam Wunneke, wie sie mir aus freien Stücken angesagt +hatte, und wir setzten uns auf einen halb eingesunkenen Stein unter +einer hohen Pappel, die der Wind rauschend auf und nieder bewegte. Welke +Blätter sausten in Schwärmen an uns vorüber, und weiterhin sahen wir sie +wie ein dunkles Gewölk über die bleichen Gräber jagen. Vielleicht war +die feuchte, gärende Luft voll von den Lebenskeimen aller der Begrabenen, +die seit Jahren und Jahrhunderten hier moderten, denn mir war es, als +saugten wir mit jedem Atemzuge mehr treibenden, schwellenden Drang in +uns hinein. Bis dahin hatte ich sie noch nicht ein einziges Mal berührt, +und jetzt auch hätte ich es nicht getan, wenn sie sich mir nicht selber +an die Brust geworfen und meine ehrlosen Mordknechtshände mit Küssen +bedeckt hätte. + +Aber trotzdem sie nun viele Abende, ich erinnere mich nicht mehr, wie +viele es waren, zu mir auf den Kirchhof kam, wurde ich immer trauriger. +Ich mußte immer darüber nachdenken, ob sie wohl zärtlicher gegen mich +sei, als sie gegen Flämmchen gewesen war, und ob sie mich wohl so innig +liebkosen würde, wenn Flämmchen noch lebte, und ob sie wohl gerade das +an mich gezogen hätte, daß ich verfemt war, und meinen Leib, so jung und +schön er war, anzurühren Schande und Tod brachte. Sie übrigens meinte es +treu mit den überschwenglichsten Liebesworten, wie sie denn ganz unfähig +gewesen wäre, Liebe zu heucheln. Alles, was folgte, war einzig meine +Schuld, denn ich wußte schon damals, was sie nicht wußte, nämlich, daß +sie mich nicht liebte, mich nicht liebte, trotzdem sie es mir allabendlich +heilig beteuerte. Ein einziges Mal hatte ich den Mut, es ihr zu sagen, +worauf sie mich wohl eine Minute lang nachdenklich und erschrocken +ansah; dann stürzten ihr plötzlich Tränen aus den Augen, und sie umarmte +mich, als ob sie mich nicht mehr von sich lassen wollte. Während ich +bebend die kühle Tränenflut über mein Gesicht rinnen fühlte, sagte sie +unter Schluchzen, wie sie mich liebte, ewig, ewig nur mich, wie wenn ich +ein goldener Stern des Himmels wäre, der nachts zu ihr herunterstiege, +um sich von ihr küssen zu lassen. Auf meine Frage, weshalb sie weine, +wußte sie nichts zu erwidern. Aber das war das merkwürdigste, daß ich +seitdem, obwohl ich nie mehr darauf zurückkam, noch weniger an ihre +Liebe glaubte als vorher. Und daß ich recht hatte, zeigte sich nun bald, +nachdem der Totengräber mich verraten hatte. + +Der Totengräber war ein kurzes, dickes Männchen mit dickem Kopfe, nicht +böse, nicht gewinnsüchtig, nicht streitsüchtig noch schadenfroh, obwohl +er lauter Handlungen beging, aus denen man das und Ärgeres hätte +schließen müssen. Nur war er hilflos und unberaten, tappte blindlings +und tolpatschig ins Leben hinein, bis er plötzlich an ein beliebiges +Steinchen im Wege anstieß, zur Besinnung kam und nun plötzlich von +unaufhaltsamer Angst überfallen wurde, daß er eine große Unvorsichtigkeit +begangen habe, in diese oder jene Falle geraten werde und überhaupt +verloren sei. In solchen Augenblicken schonte er niemand, denn er +glaubte alle samt und sonders wider sich verschworen und konnte andre +ins Verderben stürzen, während er sich für ein armes Opfer hielt, +das eben schlau genug sei, sich aus der Schlinge zu ziehen. Er hatte +ein paar runde, braunglänzende Augen, denen er den Ausdruck alles +durchdringender Pfiffigkeit zu geben suchte, obgleich er eigentlich gar +nichts mit ihnen sah oder beobachtete. Aber er wollte um jeden Preis die +Dummheit, die er deutlich in sich spürte, vor der Welt verbergen, damit +er nicht übervorteilt und ausgelacht würde. + +Er hatte mir damals bereitwillig die Erlaubnis gegeben, den Papagei +auf dem ihm unterstellen Kirchhof zu begraben, mir sogar geholfen, +das kleine Grab zu graben und den Hügel aufzuwerfen. Er hatte sich, +außerordentlich dabei belustigt, und wenn Wunneke kam, pflegte er mir +heimliche Zeichen zu machen, in sich hineinzukichern und sich die Hände +zu reiben; ohne daß ich ihn darum gebeten hätte, ließ er um unsertwillen +die Friedhoftür länger geöffnet als gewöhnlich und schloß sie hinter +uns, kurz, er war uns in jeder Hinsicht bei der Ausführung unsrer +Zusammenkünfte behilflich. Plötzlich nun klärte ihn seine Frau, die +hinter die Sache gekommen war, darüber auf, was das eigentlich auf sich +habe und was für unübersehbare und verderbliche Folgen daraus entstehen +könnten. Denn daß ich des Scharfrichters Sohn war, wußte sie so gut, wie +sie sah, daß Wunneke ein vornehmes Fräulein war; das allerärgste schien +ihr aber merkwürdigerweise das zu sein, daß wir den Vogel in geweihter +Erde begraben hatten. + +Die warnenden Reden seiner Frau erschreckten den Totengräber so, daß er +schnurstracks, um Leib und Leben zu retten, hinlief und seine Anzeige +vor Gericht machte. Er erzählte aufs glaubwürdigste, wie ich ihn mit +nacktem Schwert bedroht hätte, weil er den Greuel nicht hätte dulden +wollen, wie aber sein Gewissen ihm keine Ruhe gelassen hätte, besonders +seit das feine Fräulein in meiner Gesellschaft gewesen wäre, das leider +wohl auch ein Opfer meines Frevelmutes sein möchte. Als ich, ohne +hiervon einen Verdacht zu haben, plötzlich vor einen heimlichen Rat +gestellt wurde, war ich nicht wenig bestürzt, konnte mich aber doch so +weit fassen, daß ich beschloß, nichts auszusagen, was Wunneke gefährlich +werden könnte. So kam es, daß ich auf die Frage, was mich bewogen hätte, +einen ganz gemeinen ausländischen Vogel an heiliger Stätte zu begraben, +antwortete -- denn es wollte mir in der Bedrängnis und Eile nichts +Besseres einfallen -- das hätte ich getan, weil ich es ihm auf dem +Schafott in seiner Sterbestunde als seinen letzten Wunsch tröstlicherweise +versprochen hätte. Dies Geständnis rief ein gewaltiges Erstaunen hervor, +und es wurden Beratschlagungen veranstaltet, wie meine Worte aufzufassen +wären. Viele erinnerten sich, daß ich in der Tat mit gezücktem Schwerte +einige Augenblicke gezögert und, dem Papagei ins Auge blickend, mit dem +Zuschlagen gewartet habe, gerade als ob ich Zwiesprache mit ihm pflöge, +so daß meiner Aussage wohl Glauben zu schenken sei; wie denn überhaupt +nicht wenige wegen meines überaus hübschen und freundlichen Aussehens +mir wohlwollten. Daß der Papagei der Sprache mächtig gewesen sei und +auch vernünftig habe reden können, sei ohnehin bewiesen, meinten diese, +denn sonst hätte er ja den kaiserlichen Vogt nicht verlachen und +beschimpfen können. Ob das vernünftig reden heiße, ihn und Seine +Majestät zum besten haben, grollte Herr Quarre; worauf sich jene wieder +verantworteten, daß man vernünftig, das heißt vernünftigen Inhalts, +und vernunftgemäß, das heißt den Gesetzen des Denkens entsprechend, +unterscheiden müsse. Indessen blieb man doch, selbst wenn es festgestellt +sei, daß der Papagei hätte vernünftig denken und reden können, im +Zweifel darüber, ob seine Gedanken sich auch auf das Jenseits und ein +ewiges Leben erstrecken können, welche Frage wiederum die Geistlichkeit +sollte zu entscheiden haben. + +Noch sehe ich in meiner Erinnerung den Propst eintreten mit seiner +hohen, etwas gebeugten und zierlich gebauten Gestalt in den prächtigen +Ratssaal, und wie er mit seinen Feueraugen umhersah und alles ruhig und +geschwinde musterte. Halbversunken waren diese alten Augen, und die +Blicke kamen aus der Tiefe hervor wie Drachenzungen aus einer dunkeln +Höhle, nur daß sie keinerlei Gift oder Bosheit an sich hatten, aber +scharf, schnell und sicher trafen sie ins Herz. Als ich sie auf mir +ruhen fühlte, nachdem man ihm meine Aussage samt allen daran geknüpften +Bedenklichkeiten vorgetragen hatte, wurde es mir ganz wohl und +glückselig zumute, und es schien mir auf einmal alles nichts weiter +als ein schönes Fastnachtsspiel zu sein, dem ich zuschauen dürfte. + +Warum, begann sogleich der Propst, ohne auf dem ihm dargebotenen Sessel +Platz zu nehmen, die Hände auf den langen Ratstisch gestützt, warum +sollte es eine Sünde sein, den hübschen Papageien auf den Gottesacker zu +begraben, da er doch kein Türke, Heide oder Jude, sowie kein Henker, +Selbstmörder, Hexenmeister oder Seiltänzer gewesen sei? + +Der Vorsitzende erwiderte, Flämmchen sei allerdings nur ein Vogel +gewesen, aber ein von Rechts wegen geköpfter; worauf der Propst +erklärte, man müsse die Strafe anders ansehen als eine über Menschen +verhängte, denn einem Menschen würde ein so kleines Vergehen nicht mehr +als einen Verweis oder eine Ohrfeige eingetragen haben, was aber hätte +man mit einem Vogel anfangen sollen? Geld besäße er keines, und gefangen +wäre er so wie so, jede Körperstrafe würde aber in Ansehung seines +gebrechlichen Leibchens ohnehin in Todesstrafe ausgeartet sein. Also sei +er eigentlich nur zufällig und aus Not geköpft und brauchte das weiter +keine Entehrung über den Tod hinaus im Gefolge zu haben. + +Aber ob eben ein Vogel schlechthin würdig sei, auf dem christlichen +Friedhof begraben zu werden, das sei die Frage, wandte der Vorsitzende +ein. + +Wie? sagte der Propst, ob man denn nicht wisse, daß der Heilige Geist in +Gestalt einer Taube die Menschen heimsuche? Wer könne wissen, ob nicht +in jenen antipodischen Ländern, wo es vielleicht keine Tauben gäbe, der +Geist durch Papageien verbreitet würde? Jedenfalls sei erwiesen, daß ein +Vogel nichts Unreines sei, sonst würde es dem Heiligen Geist nicht +belieben, hineinzufahren, und es sei die Frage, ob nicht mancher Christ +in der geweihten Erde liege, in dem er vor aufgehäuftem Unrat nicht +hätte hausen mögen noch können. + +»Flausen!« rief nun der kaiserliche Vogt, kirschbraun im Gesicht und +mit starrendem Schnurrbart, »Tiere sind Tiere und gehören auf den +Schindanger, wenn sie nicht nach Gottes Ordnung als Speise gegessen +und verdaut werden.« + +Jetzt aber beugte sich der Propst weit vor, so daß er dem Vogte dicht in +die Augen sah, und sagte, indem er seine feine Hand zur Faust ballte und +fest auf die Bibel legte, die zum Zwecke der Eidesleistung der Zeugen +auf dem Ratstische lag: »Es steht geschrieben im ersten Buche Moses: Und +Gott sprach zu Noah, ich richte einen Bund mit euch auf und mit allem +lebendigen Tier bei euch an Vögeln, an Vieh und an allen Tieren auf +Erden bei euch, daß hinfort keine Sündflut mehr kommen soll, die die +Erde verderbe. Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken, der soll das +Zeichen des Bundes sein zwischen mir und der Erde. -- Gott in seiner +Majestät also hat mit Vögeln und andern Tieren einen Bund geschlossen, +wie man mit Ebenbürtigen zu tun pflegt, und wir, vor Gott nichts als +Tiere, denen er mit seinem Atem ein wenig Licht in die Seele geblasen +hat, besinnen uns, ob wir einem guten Papageien zwischen andern armen +Sündern seine Ruhe lassen wollen!« + +Nach einer Pause, während deren kein Wort, nicht einmal ein Räuspern +laut wurde, fügte der Propst, indem er die Stimme etwas fallen ließ, +gelassener hinzu, gleichsam als einen überflüssigen Beweis ohnehin +offenbarer Wahrheit: »Gott hat den Lieblingen seiner Schöpfung, den +Vögeln, das überirdische Luftreich zur Wohnung angepriesen; sollten wir +schmutzige Kriechtiere ihnen eine Handvoll schwarzer Erde mißgönnen?« + +Alle waren sehr beschämt und blickten vor sich nieder, ausgenommen der +kaiserliche Vogt, der trotzend die Augen rollte und den Mund spitzte, +als ob er pfeifen wollte, was er denn freilich doch nicht in Ausübung +setzte. Der Propst hob die Sitzung auf, indem er sagte: »Es ist dies +meine erwogene Meinung, daß Lütte Grave wegen eigenmächtiger Beerdigung +des Papageien nicht zu bestrafen sei, vielmehr sogleich der Freiheit +zurückgegeben werden sollte.« + +Mit diesem unschädlichen Ausgang wäre aber dem Vogte nicht gedient +gewesen, der liebte, daß auch etwas Ordentliches dabei herauskam, wenn +einmal zu Gericht gesessen wurde, und ebenso schürte der Totengräber, +daß man das angezündete Feuer beileibe nicht ausgehen lasse. Denn +dieser, der von der ganzen Verhandlung nichts verstanden hatte, war bei +sich überzeugt, wenn ich freigesprochen würde, ginge es ihm an den Hals, +einer müsse das Opfer sein, und natürlicherweise wünschte er sehnlich, +daß ich es wäre. Also fingen diese wieder an, von dem Fräulein zu reden +und nachzuforschen, wer diese gewesen sein könne, und da geschah es +denn, daß Wunneke ihrem Vater alles gestand. Nicht weil die Liebe zu +mir sie überängstlich und besinnungslos gemacht hätte, sondern weil +sie hoffte, ihr Vater, der Bürgermeister, könne die ganze Sache +niederschlagen, damit nichts an den Tag käme, und es sei, wie wenn +nichts geschehen wäre. Sie hatte sich aber in ihrem Vater verrechnet; +dieser war zwar gutmütig und unentschlossen im Handeln, so daß er sich +tagelang besann, bevor er einen vorlauten Schwätzer ein Stündchen am +Pranger stehen ließ, wenn aber einmal eine Leidenschaft in ihm aufgeregt +wurde, die seine schwere Maschine in Tätigkeit setzte, war er wie eine +losgeschossene Bombe, Feuer und Verderben im Bauche, die sich nicht +halten läßt, bis sie ihr Ziel erreicht und alles zusammengeäschert hat. + +Ohne zu denken, was für Folgen daraus für seine Tochter erwachsen +könnten, bezeichnete er mich als ihren Verführer, ließ mich in den +Kerker werfen und verlangte mit derselben Erbitterung mein Blut fließen +zu sehen wie damals der Vogt das des armen Papageien. Damit hatte er +aber einen Gegner in die Schranken gerufen, der mächtiger als alle war, +nämlich meinen Vater. + +Ich sollte ohne Sorge sein, sagte er mir, es würde mir kein Haar +gekrümmt werden, denn die Herren wüßten, sagte er, daß er auf meinem +Grabe so lange Menschen schlachten und Blut vergießen würde, bis ich +selbst mein Haupt aus der Erde hübe und sagte: Ich bin gesättigt. +Dergleichen wilde Prahlereien kamen mir halb komisch, halb grausig vor, +aber ich glaubte in Wahrheit, mein Vater würde schon Mittel und Wege +finden, mich zu erretten, so daß ich in aller Gemächlichkeit dahinlebte, +bis ich eines Abends erfuhr, was mein Vater im Schilde führte und wie +er, um mich zu retten, mich als erstes Opfer mit den Füßen zertrat. + +Es war der Abend, als sich die Tür auftat und Wunneke zu mir eintrat, +nicht mehr ein blühender Veilchenstrauß, den Kinder und Frauen im +Triumphe geleiten, sondern wie ein losgerissenes Blatt, vom Nordwinde +hereingeblasen, wie ein Seufzer über die Erde huschend, todmüde und +ruhelos kam sie herein, setzte sich neben mich und weinte. In einem +Augenblick fühlte ich die höchste Seligkeit, da ich sie sah, und +Todesschmerz, als ich inne wurde, was mit ihr vorgegangen war und was +sie wollte. Noch ehe sie ein Wort gesprochen hatte, wußte ich, daß sie +mich nicht mehr liebte und daß sie gekommen war, es mir zu sagen und +mich um Verzeihung zu bitten. Wenn es nur das gewesen wäre! Aber nachdem +ich ihr freundlich gesagt hatte, daß ich ihr nicht zürnte, sah sie mich +immer noch mit beschwörenden Augen an, als sei das von allem das +Geringste gewesen, als sollte ich noch mehr erraten. Nichts warnte mich, +nichts brachte mich darauf; erst als sie es mir gestanden hatte, stand +es hell vor meinen Augen, als ob ich es immer gewußt hätte, daß sie ihn, +meinen Vater, liebte. + +Sowie er erfahren hatte, daß mein Leben in Gefahr war, hatte er es +ermöglicht, sie zu sehen und zu sprechen, hatte sie gemahnt an das, was +er ihr angedroht hatte, und ihr mit entsetzlichen, mitleidlosen Anklagen +die Seele zermalmt. Seine Forderung war, daß sie mich unter dem +Schafott, wie es das Recht gestattete, für sich zum Manne begehrte und +mit mir außer Landes ginge; für Geld, um uns draußen weiterzuhelfen, +wollte er schon sorgen. Sich ihm zu widersetzen, fehlte ihr der Mut, +weniger aus Furcht oder weil sie sich im Unrecht wußte, sondern aus +sklavischer Liebe, die ihr das Mark aus den Knochen gezogen hatte. In +ihrer Not kam sie zu mir und klagte, daß sie zwar alles tun und auch mit +mir entfliehen wollte, meine Frau aber nicht werden könnte mit der +fürchterlichen Flamme für meinen Vater im Busen. Nachdem das Geständnis +einmal von ihren Lippen gekommen war, wurde es ihr sichtlich leichter +ums Herz, sie drängte sich zutraulich an mich und erzählte mir, wie +alles gekommen war, und von ihrem Zustande und Leiden, als ob ich ihr +Bruder wäre. Seine Blicke voll wütender Verachtung, seine strafenden +Worte hatte sie zu seinen Füßen aufgesammelt, die Stacheln in die Brust +gedrückt, Dornenkränze daraus geflochten und sich aufs Haupt gesetzt. +Ich kann nicht sagen, wie groß mein Haß und meine Liebe war. Aber erst +nachdem sie mich verlassen hatte, kam es aus meinem Gemüt herausgequollen +und überschwemmte meine Seele. Ich preßte mich mit ganzem Leibe an die +kalte Mauer und gab mich ohne Widerstand meinem Jammer hin; unter +tausend Einfällen und Gedanken kam es mir wieder zu Sinne, wie sie +meinem Vater das erstemal gegenübergestanden hatte und wie, während sie +blaß, erschrocken und ohne Worte auf ihn schaute, sein Blick plötzlich +wie mit kostenden Zungen an ihr heruntergeglitten war. Es schien mir +zweifellos, daß er darum wissen mußte. Warum hatte ich sie von mir gehen +lassen? Wußte ich nicht, daß er sie zu mir begleitet und draußen im Hofe +des Kerkers auf sie gewartet hatte? Denn wie wäre sie sonst zu mir +gekommen? + +Auf einmal sah ich sie deutlich mit meinem inneren Auge nebeneinander +die lange Straße über die Heide gehen. Der Wind fuhr hinter ihnen her +und lüftete den schwarzen Mantel meines Vaters, daß er wie eine Wolke +über ihren Häuptern flatterte. Sie gingen den graden unabsehbaren Weg, +von dem ich als Kind geglaubt hatte, er habe kein Ende und führe ins +Jenseits; und als sie an der Schmiede vorüberkamen, warf das Feuer einen +roten Schein auf ihre Gesichter, und ich konnte erkennen, wie sie sich +mit starren verlangenden Augen ansahen. Das alles war viel näher und +springender vor mir, als wenn ich es in Wirklichkeit gesehen hätte, die +beiden heißbeleuchteten Gesichter waren so dicht, daß ich das blanke +Weiß in ihren Augen sah, und wollten sich nicht verscheuchen lassen, bis +meine Tränen hinüberflossen und sie auslöschten. + +Da waren Eifersucht, Haß und Wut ganz vorbei, und ich fühlte nichts +weiter als eine grenzenlose Verlassenheit in meinem Herzen. Es schien +mir, als wäre ich mein Leben lang in diesem Kerker gewesen und hätte +nie einen andern Freund gehabt als die geduldige Spinne, die in einer +Ecke des Kerkers ihr Netz hatte. Als hätte niemand je mich freundlich +angesehen, niemand mein feines Angesicht und meinen schlanken Körper +gelobt, und doch würden meinem Herzen bei der leisesten Liebkosung +glitzernde Tränen des Glückes entströmen. Es hätte klingen können, +lauter wie eine Glocke, läuten, daß die blauen Luftwellen aufgerauscht +und am roten Ufer der Sonne gebrandet wären -- aber nun war es vermauert, +und niemand würde es je hören, begraben war es schon, eh noch das +Todesurteil an mir vollstreckt war. + +Ich konnte somit wohl gelassen sein, als mir das Urteil verkündet wurde, +und war es wirklich im Innern so sehr, daß mir nur eine schwache +Erinnerung davon geblieben ist. Aber bald darauf kam mein Vater, dessen +ich in diesen Tagen so oft mit Bitterkeit, Fluch und Raserei gedacht +hatte; kaum daß ich seinen Schritt und seine Stimme vernahm, die mich +anrief, vergaß ich alles und warf mich an seine Brust, wie ich als Kind +getan hatte. Wie aus einem leichten Schlummer heraus, hörte ich, was er +erzählte: wie sie einen Scharfrichter aus dem Nachbarland hätten kommen +lassen, unter dem Vorwande, daß ein Henker nicht könne gezwungen werden, +seinem eignen Kinde den Kopf vom Rumpf zu schlagen, daß er aber +Einspruch getan hätte, weil der Ordnung nach in unsrer Stadt Gebiet kein +Richtschwert von Rechts wegen schalten dürfe als das seine, ferner wie +sie ihn fürchteten und wie ich ohne Sorge sein sollte, da er alles aufs +beste eingerichtet hätte und es nicht fehlschlagen könne. Solange er bei +mir war, glaubte ich alles Gute, aber sowie er fortging, schwand mir die +Hoffnung wie ein Licht, das einer im Lämpchen einen langen dunkeln Gang +hinunterträgt; schwächer und bleicher wird der Schimmer, bis er endlich +in der Dunkelheit verrinnt. + +Ich wußte sicher, daß ich sterben müsse, und glaubte es vollends, als +ich das Folgende gesehen hatte: Am Abend nämlich vor dem Tage meiner +Hinrichtung geschah es mir noch einmal, daß ich mich von mir selber +loslöste und über die Heide ging, während mein Körper bewußtlos auf den +Strohbündeln des Kerkers lag. Ich ging schnell und trotzdem langsamer +als der graue Schatten einer Wolke, der vor mir her lief. Sie flog, als +wenn ein Sturm sie vor sich her bliese, obwohl es ganz windstill war; +nur weiter weg, wo das Meer war, pfiff ein dunkles Sausen. Ich fühlte +mein kleines furchtsames Kinderherz in der Brust, das vor vielen Jahren +so angstvoll geschlagen hatte, wenn ich abends allein die lange Straße +gehen mußte, und freute mich so wie damals, als ich ein Licht vom Hofe +meines Vaters in der Ferne erblickte. Indessen war es, als ich näher +kam, das Feuer der Schmiede, das ungewöhnlich hoch brannte, und wie ich +neugierig hinzutrat, sah ich meinen Vater davorstehen und sein großes +Schwert schärfen, während der Schmied mit der Zange die Glut schürte. +Ich wußte wohl, daß mein Vater das Schwert für mich gebrauchen wollte, +aber das kümmerte mich nicht; ich starrte ihn nur bewundernd an, wie +schrecklich schön er aus diesem Höllenscheine ragte. Erst als mein Blick +auf seine Hand fiel, die mit dem Hammer mitten durch die Flamme fuhr und +aussah wie von Blut überströmt, kam es mir in den Sinn, daß er mit +derselben meine Mutter erwürgt hatte und nun mich, ihr armes Kind, töten +wollte, und Haß und Rache stiegen in mir auf, so heftig und plötzlich, +daß ich fast die Besinnung darüber verlor. Zugleich wußte ich aber auch, +daß, so nah ich auch bei ihm stand, mein Vater mich nicht sehen konnte, +ebensowenig wie ich ihn hätte anreden oder berühren können, und in +diesem Gefühl von Ohnmacht brach ich in Tränen aus, die mir wie das +erstemal das Bild auswischten. + +Am andern Morgen erwachte ich mit einem ungeduldigen Freudengefühl, weil +ich nun Erde und Sonne wiedersehen sollte; was danach kommen würde, lag +außerhalb meines Bewußtseins, und sowie mein Geist diese traurige +Schattenregion betrat, schauderte er zurück, um sich wieder im Lichte +zu baden. Was für ein Tag war es aber auch! Die Sonne war wie ein +riesiger Springbrunnen am Himmel, der die Erde mit goldenem Schaumwein +überflutete, so daß nicht nur die Menschen, sondern alles bis auf die +Steine herab davon trunken war. Das Himmelsgewölbe glich einem blauen +gläsernen Pokal, angefüllt mit dem funkelnden Safte der süßesten +Sonnentrauben, damit die körperlosen Geister drüben sich den Rausch +ewiger Seligkeit daraus tränken. Es war mir klar, daß die Menschenmenge, +die die Heide erfüllte, nur deshalb hier zusammengelaufen war, um an +diesem Festwein, den der Herrscher umsonst fließen ließ, sich satt +zu trinken. An meiner Seite war der Propst, und am Wege stand der +Totengräber, kläglich weinend und mit dem dicken Kopfe nach mir nickend, +den ich wohl freundlich grüßte, aber ohne das mindeste dabei zu +empfinden; denn meine Gedanken waren beschäftigt, auszumalen, daß ich, +wenn ich da oben auf dem Gerüst stünde, das Meer überblicken würde. +Ich hörte es schon rauschen und dachte, es erwartete mich, und wenn wir +uns erblickten, würde es ein Wiedersehen geben, daß die Erde davon +erzitterte. Wie ich nun die Stufen hinangesprungen war, sah ich es +liegen; schwarz, denn während der Wind zu Lande nur mäßig ging, wühlte +er mitten ins Meer hinein; aber durchsichtig schwarz wie Menschenaugen, +und zuweilen loderte eine grüne Flamme in den blanken Wasserleibchen +hinauf. Die Kähne, die am Ufer lagen, flogen auf und nieder, und man +hörte das Klirren der Ketten, mit denen sie angebunden waren, durch das +Brüllen der Brandung. + +Am höchsten gingen die Wellen da, wo der klotzige Leuchtturm aus dem +Schwall starrte; sie sprangen an ihm in die Höhe und warfen sich +klatschend gegen seine Mauer, daß sie zerbarsten und in schaumigen +Fetzen mit den aufgeregten Möwen um seine Zinne flogen. Als sie meiner +ansichtig wurden, faßten sie sich bei den kalten Händen und tanzten +einen wilden Ringelreihen um den Leuchtturm herum, wobei sie mit +gellenden Trompetenstimmen schrien: Tanz mit mir, Lütte Grave, tanz mit +mir! und dazwischen pfiffen sie in gewissen springenden Rhythmen, wie +kleine Jungen einander Zeichen zu geben pflegen. + +Während ich nichts andres fühlte und dachte, als wie ich zu diesen +Kameraden gelangen könnte, war um mich herum allerlei vorgegangen, was +mich betraf und was ich, als der Propst selber mich anfaßte und meine +Aufmerksamkeit darauf lenkte, nach allem, was mir bekannt war, wohl +erraten konnte. Ich sah auf einmal meinen Vater in schwarzer Amtstracht, +sein Schwert unter dem Arme, und Wunneke nicht weit von ihm, die Augen +starr auf ihn geheftet, und eine große Bewegung unter der Volksmenge, +weil die Tochter des Bürgermeisters mich vom Schwerte losgebeten hatte +zu ihrem Manne. Sie stand da, ohne sich zu rühren, festgeklammert in dem +eisernen, unentrinnbaren Blick meines Vaters, der über sie herrschte, +matt und glanzlos wie ein abgerissener, sterbender Schmetterling. Ich +begriff, daß es nun auf mich ankam, ein Zeichen zu geben, ob ich wollte, +und schüttelte heftig den Kopf zur Verneinung; das tat ich weniger, weil +sie mich damals im Kerker angefleht hatte, daß ich sie nicht zur Frau +nehmen sollte, denn merkwürdigerweise war ich jetzt eigentlich innig +überzeugt davon, daß sie mich lieb hatte und lieber auch als meinen +Vater -- als weil mir das alles so unendlich weit weg zu liegen schien, +und so unwichtig und beinahe lächerlich kam es mir vor, daß so ungeheuer +viele Menschen um so geringfügiger Sache wegen in Bewegung und Erregung +waren. Ich hatte ein ganz leises süßes Gefühl zärtlichen Mitleids für +Wunneke, aber nur so, wie man für ein Kind hat, das wegen eines +Schmerzes weint, der in kurzen Minuten vorüber sein wird, und als der +Probst mir dringlich zuflüsterte: Sag ja, Lütte Grave! rief ich laut +und ärgerlich: Nein, nein, nein, ich will nicht! und fürchtete fast, +sie würden mich mit Gewalt vom Schafott reißen und in ihr Gewühl +hineinzerren, da ich den Bürgermeister heftige Zeichen und Winke geben +sah. Diese bezweckten aber ganz etwas andres; denn nun stieg ein schwarz +umhüllter Mann zu mir hinauf, der, von mir unbemerkt, dicht unter dem +Gerüst bereitgestanden hatte und von dem ich sofort wußte, daß es der +fremde Scharfrichter war, der gekommen war, um mir den Garaus zu machen. +In diesem Augenblick änderte sich plötzlich alles in mir; es war, als ob +sich alles Blut in meinem Körper in einer Springflut über mein Herz +ergösse, eine solche Todesfurcht packte mich, so jäh anprallend, daß ich +auf die Knie fiel und abwehrend meine Arme ausstreckte und auch, wie ich +glaube, laut aufschrie. Ja, in diesem Augenblicke stand es mir fest, +eher sollte die Welt untergehen, als daß ich den Tod erlitte. Aber +gleich darauf, als mein Vater kam, war alles vorüber. Ich hörte ihn +meinen Namen rufen und blickte nach ihm hin, der etwas weiter weg von +mir gestanden hatte. Die Obrigkeit hatte in seiner Nähe eine Reihe +bewaffneter Männer aufgestellt, für den Fall, daß er etwas Gewalttätiges +unternehmen sollte; diese alle drängte er nun ohne Mühe beiseite, um +sich den Weg zu mir zu bahnen. Da sah ich etwas Entsetzliches: ich +sah, wie er den kaiserlichen Vogt, die Ratsherren allesamt, beide +Bürgermeister und Wunneke im Vorbeigehen mit der Spitze seines Schwertes +streifte, und erinnerte mich an das Gerede des Volkes, daß er damit, +wen er wolle, auf das Blutgerüst bringen könne. Ich sah im Geiste über +die graue Heide Blut rinnen, Blut, Blut und Blut, sah, wie sie es +einschluckte, bis sie fett und feucht war wie dunkles Moos, und wie +es zusammensickerte und in das Meer rann, daß es von grün rot wurde +und purpurn und schwarz -- aber das war alles nur ein Bild, das wie +ein Blitz kam und ging. Denn nicht eine Minute, nachdem mein Vater +mich gerufen hatte, war er schon oben bei mir, packte den fremden +Scharfrichter bei der Brust, warf ihn über das Gerüst hinunter und +beugte sich über mich. Mir war zumute wie als Kind, wenn ich mich in +einsamer Dunkelheit gefürchtet hatte und meinen Vater kommen sah: ein +seliges Gefühl von Geborgensein wickelte mich ganz ein wie ein +dunkelpurpurner Samtmantel. Dem kleinen Knaben Tells, als er sich von +seinem Vater den Apfel vom Kopfe schießen ließ, kann nicht leichter und +zutraulicher ums Herz gewesen sein als mir. Das letzte, dessen ich mich +entsinne, war, daß ich auf das Pfeifen des Meeres horchte, wie es rief: +Tanz mit mir, Lütte Grave! aber dumpfer als vorher, weil ich den Kopf +auf den Block gelegt und der weite Mantel meines Vaters sich wie ein +Vorhang über mir herabgelassen hatte. + + + Druck von der Offizin + Fr. Richter in Leipzig + + + + + [ Im folgenden wird die einzige geänderte Textzeile angeführt, wobei + zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile steht. + + Hoffnung wie ein Licht, das einer im Lämpchen einen langengen dunkeln + Hoffnung wie ein Licht, das einer im Lämpchen einen langen dunkeln + ] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Das Judengrab. Aus Bimbos +Seelenwanderungen, by Ricarda Huch + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS JUDENGRAB *** + +***** This file should be named 33827-8.txt or 33827-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/3/8/2/33827/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Alexander Bauer and the +Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. 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Aus Bimbos Seelenwanderungen, by +Ricarda Huch + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Das Judengrab. Aus Bimbos Seelenwanderungen + Zwei Erzählungen + +Author: Ricarda Huch + +Release Date: October 1, 2010 [EBook #33827] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS JUDENGRAB *** + + + + +Produced by Norbert H. Langkau, Alexander Bauer and the +Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + + +<div class="text-block"> +<p class="tnote break-after" style="margin-top: 5em;"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b><br /><br /> + +Es wurde größte Sorgfalt darauf verwendet den Text originalgetreu zu übertragen. Lediglich offensichtliche Fehler wurden korrigiert. +<span class='dont_print'>Sämtliche vorgenommenen Änderungen sind <ins class='correction' title='so wie hier'>markiert</ins>, der Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.</span> +Eine <a href="#Corrections">Liste aller Änderungen</a> befindet sich am Ende des Textes.</p> + + + + +<h1>Das Judengrab<br /> +Aus Bimbos Seelenwanderungen</h1> + +<p class="center noindent" style="line-height: 1.7em;"><span class="gesperrt" style="font-size: 125%;">Zwei Erzählungen</span><br /> +von<br /> +<span class="gesperrt" style="font-size: 125%;">Ricarda Huch</span></p> + +<div class="figcenter" style="width: 122px; margin-top: 6em;"> +<img src="images/logo.png" width="92" height="90" alt="Verlagslogo" /> +</div> + +<hr style="width: 24em; margin-top: 1em; margin-bottom: 0em;" /> +<p class="center noindent gesperrt" style="font-size: 120%; margin-bottom: 3em;">Im Insel-Verlag zu Leipzig</p> + +<p class="noindent break-after" style="width: 24em; padding-top: 0.25em; margin-top: 5em; margin-bottom: 5em; margin-left: auto; margin-right: auto;"> +<span class="bt" style="white-space: nowrap;">21.–30. Tausend</span> +</p> + + + +<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_3" id="Page_3">3</a><span>] </span></span></p> +<h2><a name="Das_Judengrab" id="Das_Judengrab"></a>Das Judengrab</h2> + + +<p class="dropcap">In Jeddam gab es nur einen einzigen Juden, der auf +folgende Weise dorthin verschlagen war: Seine Frau, +mit der ihn treueste Liebe verband, war aus Jeddam gebürtig, +und als ihr Vater mit Hinterlassung bedeutender +Ländereien starb, war es wünschenswert, daß sie sich zur +Regelung ihrer Erbschaft selbst hinbegebe. Mit der Möglichkeit, +das Vaterhaus wiederzusehen, erwachte in ihr das +Heimweh, und die Familie, die aus Vater, Mutter und +zwei kaum erwachsenen Kindern bestand, trat die weite +Reise an. Da nun der Ort Jeddam, mit mehr dörflichem +als städtischem Charakter, so trotzig und anmutig zwischen +mäßig hohen Bergen, reichen Saatfeldern und grünen Geländen +lag, die das Flüßchen Melk bewässerte, und da die +Frau sich in ihrer vertrauten Kinderheimat so wohl fühlte, +willigte der gutmütige Mann ein, ganz und gar überzusiedeln. +Er konnte freilich nicht daran denken, das große +Gut seiner Frau selbst zu bewirtschaften, sondern stellte dazu +einen jungen Verwalter an, während er selbst ein Geschäft +in dem Ort eröffnete, wie er es früher betrieben +hatte. Da es ein solches in Jeddam bisher nicht gegeben +hatte und die Einkäufe in der nächsten größeren Stadt +besorgt worden waren, hätte das Geschäft wohl gedeihen +können, wenn nicht der Inhaber ein Jude gewesen wäre, +von welchem Volke die Bewohner von Jeddam durchaus +nichts wissen wollten. Verkauft wurde zwar genug, aber +wenig bezahlt, und wenn Herr Samuel die ausstehenden +Gelder einklagen wollte, mußte er erleben, daß sich die +Behörden seiner nicht annahmen und er höchstens Prozeßkosten +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_4" id="Page_4">4</a><span>] </span></span>zahlen mußte, ohne zu seinem offenkundigen Recht +kommen zu können. Es machte ihm oft Sorgen, was daraus +werden sollte, und er wäre gern mit den Seinigen auf und +davon gegangen, wenn er gewußt hätte, wie er in dieser +feindseligen Umgebung zu seinem Gelde kommen und die +Güter seiner Frau ohne zu großen Schaden verkaufen sollte.</p> + +<p>Eine Reihe von Jahren ging es so weiter, bis eines Tages +Herr Samuel krank wurde und nach dem Arzte im nächsten +Städtchen schickte; als er auf seine zweite Bitte, schleunig +zu kommen (denn die erste hatte keinerlei Erfolg gehabt), +die Antwort erhielt, der Doktor sei sehr beschäftigt und bedaure, +dem Rufe nicht Folge leisten zu können, wurde es +ihm unheimlich zumute, und er bedachte zum ersten Male +gründlich, wie er hier elend sterben und verderben könne. +Während die Familie sorgenvoll und ratschlagend um sein +Bett herumsaß, sagte er: „Das beste wäre, da ich doch einmal +krank bin, wenn ich stürbe, dann könntet ihr unangefochten +hier leben und glücklich sein.“ Seine Frau Rosette +und die beiden Kinder, Anitza und Emanuel, verwiesen ihm +so zu reden, da sie ohne ihn auch im Paradiese nicht glücklich +sein könnten, und Herr Ive, der Verwalter, der Anitzas +Verlobter war, sagte, daß es auch deshalb unrichtig sei, +weil die Bewohner von Jeddam die abtrünnige Frau, die +einen Juden geheiratet hatte, und dessen Kinder ebensowenig +unter sich leiden möchten wie ihn selber.</p> + +<p>„Wie wäre es aber,“ sagte Anitza, „wenn wir dich, Vater, +als tot ausgäben und begrüben, während du heimlich in +deine Heimat zurückkehrtest, und Ive, als unser natürlicher +Freund und Vormund, unsre Angelegenheiten ordnete und +uns dann zu dir führte?“</p> + +<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_5" id="Page_5">5</a><span>] </span></span>Herr Samuel wollte anfänglich von solchen Schlichen +nichts hören, aber da der Verwalter erklärte, er getraue +sich wohl, die Sache zu einem guten Ende zu bringen, und +da Frau und Kinder zu dem Abenteuer, mittels dessen zugleich +denen von Jeddam ein Streich gespielt wurde, voll +Lust und Ungeduld waren, willigte er schließlich ein, es ins +Werk zu setzen. Kaum war er wieder einigermaßen hergestellt, +als er nächtlicherweile Jeddam verließ; es glückte ihm, +unbemerkt zu dem nächsten größeren, am Meere gelegenen +Ort zu gelangen, wo er sich einschiffte.</p> + +<p>Unterdessen stopften Frau Rosette und Anitza mit Herrn +Ives Hilfe einen netten Balg aus, befestigten eine passende +Larve mit einem Bart aus Roßhaar vor dem Strohkopfe +und legten diese Figur, in ein reinliches Sterbehemd gekleidet, +auf Herrn Samuels Bett. Die Larve bedeckten sie +mit einem Schnupftuch, doch die wachsenen Hände, die sie +der Echtheit und Ähnlichkeit halber mit dem schönen Diamantring +geschmückt hatten, den Samuel auf dem Zeigefinger +zu tragen pflegte, blieben sichtbar. Der Betrug wäre wohl +doch entdeckt worden, wenn das Haus des Juden nicht wie +das eines Aussätzigen gemieden worden wäre; als die Nachricht +von seinem Tode ausgesprengt war, fehlte es zwar +nicht an Neugierigen, aber sie hielten an sich und spähten +aus der Ferne, so daß nur die eignen Dienstboten scheu von +der Türschwelle aus den künstlichen Leichnam betrachteten.</p> + +<p>Demnächst begab sich Herr Ive zum Gemeinderat, um +den Tod des Herrn Samuel anzuzeigen und die Beerdigung +zu bestellen, wurde dort aber an den Pfarrer verwiesen, der +diese Dinge zu erledigen habe. Der Pfarrer war ein Mann +mit dichtem, lockigem Haar und kurzer, hölzerner Stirn +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_6" id="Page_6">6</a><span>] </span></span>über einem breiten Gesicht, für gewöhnlich schweigsam, +nicht aus Neigung oder Anlage, sondern weil er nichts zu +sagen wußte. Seine großen Augen flackerten ängstlich und +bekümmert vor der großen Leere seines Schädels, und er +war im ganzen ein mehr hilflos trauriger und unschädlicher +Mann als ein bösartiger, außer wenn es sich um gewisse +kirchliche Fragen handelte. Sowie nämlich irgendeine Sache +vorkam, in der er sein Urteil, sei es auch ein noch so verkehrtes, +hatte, und in der er überhaupt maßgebend war, +bemächtigte er sich derselben mit Heftigkeit, blähte sich auf +und spie Gift gegen alle, die ihm nahe kamen, im unbewußten +Drange, sich dafür zu rächen, daß sie ihn so oft als +einen unwichtigen, blöden Tölpel unbrauchbar in der Ecke +hatten stehen sehen. Als Herr Ive sich bei ihm meldete, +wußte er schon, um was es sich handelte, und empfing ihn +mit den Worten: „Was gibt es, Herr Ive? Da muß etwas +Gewaltiges im Schwange sein, daß Ihr zu mir kommt! +Ihr pflegt mich nicht zu überlaufen, weder in meinem +Hause, noch im Hause Gottes! Diese Leute bedürfen der +Seelsorge nicht; aber jetzt gilt es wohl eine Erbschaft oder +eine Heirat, wo sie immer bei der Hand sind!“</p> + +<p>Herr Ive entschuldigte sich höflich und sagte, daß er nur +den Tod des verstorbenen Herrn Samuel anzeigen wolle, +was ihm als Vormund der hinterbliebenen Familie zukomme. +„Da habt Ihr Euch ein sauberes Amt ausgelesen,“ sagte +der Pfarrer; „wer Pech angreift, besudelt sich, wißt Ihr +das nicht? Bleibt mir mit Euerm toten Juden vom Leibe, +ich habe nichts damit zu schaffen!“ Herr Ive erklärte, daß +der Gemeinderat ihn an den Pfarrer gewiesen hätte, der +die Beerdigungsförmlichkeiten samt und sonders zu erledigen +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_7" id="Page_7">7</a><span>] </span></span>pflegte. „Ja,“ rief der Pfarrer aufbrausend, „die Beerdigungen +von Christenmenschen freilich! Den Juden +mögen seine Rabbiner und Pharisäer in ihre Erde graben +und sich selber dazu, was desto besser für sie und uns +wäre.“</p> + +<p>Der Herr Pfarrer wüßte wohl, sagte Herr Ive, daß es +in Jeddam weder Pharisäer noch Sadduzäer gäbe, noch +weniger einen jüdischen Kirchhof, weswegen der Wunsch +des Herrn Pfarrers nicht könnte ausgeführt werden; es +müßte der verstorbene Samuel wohl oder übel neben den +übrigen Bürgern Jeddams bestattet werden. Der Pfarrer +zog die schwachen Brauen über den großen rollenden Augen +hoch, schlug mit der geballten Faust dreimal auf den Tisch +und rief: „Nichts da! Heraus mit Euch! Werft Euern +toten Juden wohin Ihr wollt, aber laßt Euch nicht mit ihm +auf unserm christlichen Kirchhof blicken!“ Worauf Herr +Ive, dem das Blut bereits zu kochen anfing, sich herumdrehte, +die Tür laut hinter sich zuschlug und spornstreichs +zurück zum Gemeinderat eilte.</p> + +<p>Dort gab es ein Köpfezusammenstecken und eiliges Hin- +und Herlaufen, bis es Herrn Ive endlich gelang, zum +Bürgermeister vorzudringen, der es im allgemeinen nicht +liebte, in seinen Geschäften gestört zu werden. Er war ein +beleibter Herr, der unter seiner Freundlichkeit äußerste Verachtung +der meisten übrigen Menschen verbarg und sich einbildete, +seine Stellung als Bürgermeister einzig seiner weltmännischen +Gewandtheit und geistigen Überlegenheit zu +verdanken. Ihm war alles gleichgültig, außer daß er den +Ruf seiner Unfehlbarkeit und seine Beliebtheit nicht einbüßte, +und es war deshalb ebenso angenehm, mit ihm zu +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_8" id="Page_8">8</a><span>] </span></span>verkehren, wie schwer, irgend etwas von ihm zu erreichen +und in Gang zu bringen.</p> + +<p>Herr Ive erzählte atemlos und heftig, was ihm beim +Pfarrer begegnet war, häufig unterbrochen vom Bürgermeister, +der sich nach unzähligen Einzelheiten erkundigte, +teils um seine sachkundige Gründlichkeit und menschliche +Teilnahme zu beweisen, teils um im allgemeinen Zeit zu +gewinnen. Als Herr Ive durchaus nichts mehr zur Klärung +der Sachlage beizubringen wußte und augenscheinlich auf +eine Antwort erpicht war, legte der Bürgermeister den +Kopf auf die Seite, faltete die Hände über dem Bauche +und sagte nachdenklich: „Schade, schade, daß der Herr +Samuel sterben mußte! Ein fleißiger Herr, ein braver Herr, +als Familienvater ausgezeichnet und als nützlicher Bürger, +aber ein Jude. Unleugbar ein Jude! Er hätte noch eine +Weile länger leben dürfen.“</p> + +<p>Herr Ive sagte ungeduldig: „Euer Gnaden werden Ihre +rühmlich bekannte Gerechtigkeitsliebe beweisen und nicht +dulden, daß Leute, die Euer Gnaden selbst als nützliche +Bürger bezeichnen, wie faules Obst in den Graben geworfen, +anstatt rechtlich begraben werden.“</p> + +<p>„Wie faules Obst in den Graben werfen!“ rief der +Bürgermeister erschrocken. „Das wäre in der Tat ein Unfug, +den ich scharf ahnden würde. Die Geistlichkeit läßt sich oft, +wie wir alle wissen, vom frommen Eifer hinreißen, allein +das bürgerliche Haupt der Gemeinde folgt unbestechlich +der Gerechtigkeit. Es soll mir nimmermehr ein verstorbener +Jude, der tugendhaft gelebt hat, wie faules Obst auf der +Gasse liegen!“</p> + +<p>So würde, fragte Herr Ive, der Bürgermeister Befehl +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_9" id="Page_9">9</a><span>] </span></span>geben, daß der Verstorbene schicklich auf dem allgemeinen +Friedhof beerdigt würde. Das würde er freilich, antwortete +jener, nachdem er zuvor die Herren Gemeinderäte versammelt +und ihre Meinung eingeholt hätte: „Denn“, sagte er lächelnd, +„den Tyrannen möchte ich nicht spielen, gerade weil ich es +könnte.“</p> + +<p>Herr Ive mußte sich bescheiden, unverrichteter Sache +heimzukehren, und eilte zur Familie des Samuel, um von +dem Vorgefallenen Bericht zu erstatten. Er hatte im Laufe +der Verhandlungen fast vergessen, daß sein Schwiegervater +nicht in Wirklichkeit tot war, wie er aber zu Hause die vergnügten +Gesichter sah, kam es ihm wieder zur Besinnung, +und er mußte lachen, daß der Pfarrer sich dermaßen über +eine Sache erhitzt hatte, die nur in der Einbildung bestand. +Die zierliche Anitza warf sich auf einen Teppich und lachte +lautlos in ein Kissen, so daß ihr die Tränen über das Gesicht +liefen, aber ihre Mutter, eine hohe, kräftige Frau, die +nicht mit sich spaßen ließ, stand auf und sagte: „Ive, du +bist gut, aber du hast einen Lammsmut, du verstehst mit +diesen Leuten nicht umzugehen, die man nicht höflich, sondern +grob und unverschämt, wie sie selber sind, behandeln muß. +Du wirst bescheiden vor der Tür gestanden und um Erlaubnis +gefragt haben, anstatt zu sagen: ‚Kurz und gut, +morgen begraben wir meinen Schwiegervater, und wer sich +mir in den Weg stellt, dem zerschmettere ich mit diesen +Fäusten die Knochen zu Butter.‘“</p> + +<p>„Ich habe mich so fest und entschlossen benommen, wie +ich glaube, daß ein Mann soll,“ sagte Herr Ive, dessen +helles, hübsches Gesicht über und über rot geworden war, +als ihm Zaghaftigkeit vorgeworfen wurde. „Wenn es nötig +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_10" id="Page_10">10</a><span>] </span></span>ist, kann ich auch dreinschlagen, doch ich dachte, es wäre +dazu immer noch Zeit.“</p> + +<p>Der junge Emanuel sagte: „Mama, die Leute haben im +Grunde ganz recht. Auf einen christlichen Kirchhof gehören +Christen, auf einen jüdischen Juden. Die Frage ist nicht so +leicht zu entwirren, wie du dir einbildest.“</p> + +<p>Nun loderte Frau Rosette in lichtem Zorne auf und rief: +„Geh mir mit deinen Spitzfindigkeiten! Dein Vater ist kein +Dieb oder Mörder, sondern ein besserer Mann als alle die +Ochsenköpfe von Jeddam, die froh sein können, einen solchen +auf ihrem Friedhof begraben zu dürfen. Glaubst du, sie +würden dich und mich und Anitza, obwohl wir gut katholische +Christen sind, achtungsvoller behandeln? Sie würden +uns auch in das erste beste Loch werfen; aber sie haben sich +in mir verrechnet. Ich nehme es mit andern Leuten auf +als mit dem hohlköpfigen Pfarrer und dem windigen +Bürgermeister.“</p> + +<p>Anitza klatschte vor Vergnügen in die Hände und sagte +zu ihrem Bruder: „Mama möchte, daß wir beide stürben, +nur damit sie uns dem Pfarrer zum Tort ein christliches +Begräbnis herrichten könnte!“ Und Emanuel, der es liebte, +seine Mutter zu necken, sagte: „Frau und Kinder gehen +nach des Vaters Seite, und ich bezweifle, ob wir das Recht +haben, uns auf dem Jeddamer Friedhof beerdigen zu lassen.“</p> + +<p>„Gelbschnabel!“ rief seine Mutter. „Meine Urgroßväter, +Großväter und mein Vater sind hier begraben, und ich +möchte den sehen, der mich hindern kann, an ihrer Seite zu +liegen. Ich gehe bis zum Kaiser, wenn es nötig ist, um diesen +Prahlhänsen zu zeigen, wo ich mich begraben lassen kann!“</p> + +<p>Es gelang Herrn Ive, die zürnende Frau zu bewegen, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_11" id="Page_11">11</a><span>] </span></span>daß sie den Bescheid abwartete, den er jetzt vom Gemeinderate +bekommen würde, und er machte sich alsbald auf, um +denselben in Empfang zu nehmen. Ehe er in das Beratungszimmer +geführt wurde, wo sich unter den übrigen +Herren auch der Pfarrer befand, sagte der Bürgermeister: +„Es kommt mir nicht in den Sinn, nach Tyrannenweise +das Recht zu beugen, und daß dem Rechte nach kein Jude +auf unserm christlichen Gottesacker bestattet werden darf, +sehe ich ein; doch halte ich mich gern an den alten lateinischen +Spruch, der besagt, daß man zwar unerschütterlich +im Handeln, aber gefällig und lieblich in der Form sein +soll, und werde deshalb dem jungen Manne den abschlägigen +Bescheid so sanft wie möglich eingehen lassen.“</p> + +<p>Als hierauf Herr Ive vorgelassen wurde, empfing er ihn +mit wohlwollenden Blicken, streichelte kosend über das +Protokollpapier, das vor ihm lag, und sagte: „Sie sind ein +geschätzter Mitbürger, Herr Ive, auch der verstorbene Herr +Samuel war es, soweit er Bürger war, als Bekenner stand +er mir fern. Sagen Sie selbst, gibt es eine jüdische Gemeinde +hier?“</p> + +<p>Diese Frage konnte Herr Ive nicht anders als mit nein! +beantworten, worauf der Bürgermeister fortfuhr: „Es gibt +hier keine jüdische Gemeinde, oder, was dasselbe sagen +will, keine Juden. Gibt es aber keine Juden hier, so gibt +es auch keinen Juden, und so hat auch Herr Samuel, der +ein Jude war, im rechtlichen Sinne niemals hier existiert. +Seine Familie mag ihn beweinen, seine Freunde, ja alle +fühlenden Herzen mögen seinen Hinschied betrauern, die +Gemeinde als solche muß ihn als nie dagewesen betrachten +und kann ihn infolgedessen auch nicht begraben.“</p> + +<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_12" id="Page_12">12</a><span>] </span></span>„So bitte ich den Herrn Bürgermeister, mir zu sagen,“ +rief Herr Ive drohend, „wo ich ihn begraben soll, denn +begraben muß er doch einmal werden.“</p> + +<p>„Das wäre zu wünschen,“ sagte der Bürgermeister, „und +es sei ferne von mir, den Hinterbliebenen darin auch nur +das geringste in den Weg zu legen. Nur den christlichen +Gottesacker bitte ich auszunehmen, und daß innerhalb der +Stadtgrenzen kein Toter sich aufhalten darf, ist Ihnen sowie +jedermann bekannt.“</p> + +<p>Jetzt aber war es mit Herrn Ives Geduld zu Ende, und +indem ihm das Blut heiß in die Wangen schoß, rief er: +„Wenn ihr den lebenden Juden unter euch dulden konntet, +werdet ihr auch den toten ertragen. Ich verlange kein Geläut +und kein Geplärr und Gezeter an seinem Grabe, aber +ein Fleckchen Erde, wo er ruhig liegen kann, das soll er +trotz euch haben. Laßt es euch gesagt sein, daß ich ihn +morgen selber auf den Kirchhof bringen und jeden niederschlagen +werde, der mich dabei stören will.“</p> + +<p>Diese groben Worte entzündeten ein heftiges Wortgemenge, +das durch den plötzlichen Eintritt Frau Rosettens +unterbrochen wurde, die, des Wartens überdrüssig, selbst +gekommen war, um mit ein paar kernigen Worten die Leute +zur Vernunft und die Sache zu Ende zu bringen. Als sie +in großer Majestät, vom Kopf bis zu den Schuhen in +Schwarz gekleidet, auf der Schwelle stand, verstummten +alle, und der Bürgermeister beeilte sich, ihr entgegenzugehen +und einige Worte des Beileids zu sprechen. „Laßt die +Phrasen, Herr Bürgermeister,“ sagte sie abwehrend, „auf +die ich keinen Wert lege. Ich verlange von Euch nichts +als mein Recht, ich will meinen Mann auf den Kirchhof +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_13" id="Page_13">13</a><span>] </span></span>bringen, wo mir Vater und Mutter, Großväter und Urgroßväter +ruhen, und darin verlange ich von Euch mehr +unterstützt als behindert zu werden.“</p> + +<p>„Euer verewigter Vater war mein geschätzter Freund,“ +sagte der Bürgermeister, indem er sich mit einem großen +buntseidenen Taschentuche den Schweiß von der Stirn +wischte, „und sein Grab gereicht unserm Gottesacker zur +Ehre. Er war ein guter Bürger und ein guter Christ, und +mehr braucht es nicht, um in Jeddam gut aufgenommen +und begraben zu werden.“</p> + +<p>„So denke ich,“ sagte Frau Rosette, sich stolz umsehend, +„daß ich diese Ehre verdiene. Ich wünsche aber, was niemand +einem christlichen Eheweibe verargen wird, dereinst +an meines Gatten Seite zu ruhen.“</p> + +<p>Der Bürgermeister trocknete sich den Angstschweiß ab und +besann sich, welche Gelegenheit der Pfarrer, der sich nur +ungern das Wort so lange hatte nehmen lassen, ergriff und +losfuhr: „Bückt ihr euch vor dieser stolzen und abgöttischen +Jesebel? Du hast einen Greuel in deine Familie und unsre +Gemeinde gebracht, Weib, aber auf unsern Friedhof sollst +du ihn nicht bringen. Es gibt genug Kehricht auf der Erde, +wohin ihr eure ungläubigen Knochen werfen könnt, unserm +heiligen Gottesgarten sollen sie fernbleiben!“</p> + +<p>Frau Rosette trat dicht an den Pfarrer heran und sagte: +„Höre du, ich mache mir zwar keine Ehre daraus, zwischen +euern hohlen Gerippen begraben zu liegen, aber mein angeborenes +und angestammtes Recht lasse ich mir von euch +nicht rauben und möchte gleich auf dem Flecke sterben, damit +ihr mit ansehen müßtet, wie ich auf euern Schutthaufen +Einzug halte.“</p> + +<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_14" id="Page_14">14</a><span>] </span></span>Die Anzüglichkeit der Frau Rosette hatte auch die übrigen +Gemeinderäte in Zorn versetzt, von denen einer sagte: „Die +Frau eines Juden hat keinerlei Recht mehr in Jeddam.“</p> + +<p>„Ja, ich hätte meine Mitgift einem von euch hungrigen +Bären bringen sollen!“ höhnte sie.</p> + +<p>„Besser ein Bär als ein Schwein!“ rief ein andrer; denn +so pflegte man die Juden in Jeddam zu nennen.</p> + +<p>Frau Rosette erbleichte und sagte: „Du mußt wohl ein +Hund sein, daß du einen edeln Toten beschimpfst.“ Dann +legte sie eine Hand auf Herrn Ives Arm und sagte, indem +sie ihn mit sich zog: „Komm, wir werden uns selber helfen.“</p> + +<p>Während der Bürgermeister auseinandersetzte, daß der +Weise und Weltmann nicht schimpfe, sondern fest und gelinde +auf dem Buchstaben des Rechtes beharre, trug der +Pfarrer Sorge, daß die übermütige Frau Rosette ihren +Samuel nicht insgeheim in den Kirchhof einschmuggelte.</p> + +<p>Das war diese allerdings willens, aber nicht verstohlenerweise, +sondern öffentlich und prächtig, am hellen Tage, indem +sie darauf rechnete, daß man es nicht zu einer Prügelei +auf dem Kirchhof würde kommen lassen. Der Pfarrer hatte +aber noch zur rechten Zeit eine Menge von Bauern versammelt +und zu ihnen gesagt: „Kinder, der tote Jude wird +unsre gute Erde verpesten! Leidet es nicht! Mag er draußen +auf dem Felde liegen, wo es nur Raben und Krähen gibt! +Wenn ihr nicht auf der Hut seid, werdet ihr Gift und Pestilenz +und Viehseuche haben!“ Die Folge davon war, daß +die Knechte, die den Sarg mit dem künstlichen Samuel +trugen, die Kirchhofpforte verrammelt und von feindseligen +Bauern besetzt fanden, die ihnen den Eingang wehrten. +Frau Rosette, Herr Ive und die Kinder, die in einem +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_15" id="Page_15">15</a><span>] </span></span>offenen Wagen folgten, sahen voll Erstaunen, wie sich ein +tüchtiges Handgemenge entspann, in dem ihre Knechte bald +den kürzeren zogen, da sie bedeutend in der Minderzahl +waren. Herr Ive verfolgte den Kampf eine Weile mit dem +Kennerblick eines jungen Straßenbuben und wachsender +Ungeduld, bis er schließlich nicht mehr an sich zu halten +vermochte, aus dem Wagen sprang, die Jacke abwarf und +sich mit einem lauten, schnalzenden Schrei unter die Prügelnden +mischte. Emanuel, dessen dunkle Augen vor Kampflust +feucht geworden waren, schickte sich an, es seinem Schwager +nachzutun, und die Mutter hatte Mühe, ihn festzuhalten +und Anitzas Heiterkeit, die sich ihrer beim Anblick des tapfer +ringenden Bräutigams bemächtigt hatte, durch Zupfen, +Winken und Warnen in etwas zu mäßigen. Ihren Schwiegersohn +sah Frau Rosette zwar mit Genugtuung und +Billigung im Kampfgewühl, dennoch bat sie ihn, angesichts +der immer wachsenden Zahl seiner Gegner, für heute abzustehen, +da man mit so geringen Streitkräften nicht hoffen +könne, den Sieg davonzutragen. Herr Ive, da er einmal +im Raufen war, hörte nur ungern auf, doch sah er ein, +daß seine Schwiegermutter recht hatte, und führte die +Familie unter hellem Übermut der Kinder und prasselndem +Zornfeuer Frau Rosettens nach Hause zurück.</p> + +<p>Die Zurückgebliebenen prügelten sich weiter und waren +so eifrig dabei, daß es der Gemeindepolizei kaum gelang, +sie bei einbrechender Nacht auseinander zu treiben. Dieser +Auflauf machte den Bürgermeister und mehrere Herren +vom Rate so bedenklich, daß sie sich nochmals in einem +verschwiegenen Zimmer des Wirtshauses, das öfter zu +wichtigen Beratschlagungen diente, versammelten, um +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_16" id="Page_16">16</a><span>] </span></span>einen gütlichen Ausweg dieser heiklen Angelegenheit zu +finden.</p> + +<p>„Es ist nicht zu leugnen,“ begann der Bürgermeister +freundlich, indem er tändelnd den Deckel seines Bierkrugs +auf- und zuklappte, „daß ein toter Mensch irgendwo begraben +werden sollte. Auch kann man der Frau Rosette +nicht zumuten, daß sie ihren verstorbenen Gatten zwischen +ihren Getreidefeldern und Kartoffeläckern beerdigt.“</p> + +<p>„Beileibe nicht!“ rief der Pfarrer drohend. „Soll er +unsern christlichen Erdboden verpesten? Hinaus mit ihm! +Weit weg mit ihm! Werden doch auch die toten Pferde +und Hunde da draußen eingescharrt.“</p> + +<p>Der Bürgermeister klapperte sinnend mit seinem Deckel +und sagte: „Ich gebe zu, Ehrwürden, daß ein Jude kein +Christ ist, sollte er aber deswegen unter die Tiere fallen?“</p> + +<p>Hieran knüpfte sich eine längere Beratung, und nachdem +in dieser Weise genugsam hin und her gestritten war, machte +einer der Gemeinderäte folgenden Vorschlag: „Es wird +den Herren bekannt sein,“ sagte er, „daß wir in einer Ecke +des Kirchhofes, wo wildes Unkraut wächst und der Totengräber +zu keiner Pflege und Säuberung verpflichtet ist, die +kleinen Kinder begraben, die totgeboren wurden oder gleich +nach der Geburt starben, so daß sie leider die heilige Taufe +nicht empfangen konnten. Diese scheinen mir insofern mit +dem Juden vergleichbar, als sie, wie er, ungetauft sind, +und es dünkt mich deshalb nicht unschicklich, wenn man ihn +dort in aller Stille vergrübe.“</p> + +<p>Der Bürgermeister wollte eben einen mäßigen Beifall +dieses Vorschlages laut werden lassen, als der Pfarrer, die +Hände über dem Kopfe zusammenschlagend, ausrief: „Wo +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_17" id="Page_17">17</a><span>] </span></span>ist euer Christentum? Ihr schwatzt wie Heiden und Türken +daher! Wißt ihr nicht, daß die vor und während der Geburt +gestorbenen Christenkinder Engel sind? Kleine Engelkinder, +die ihre schwarzen Augen niemals aufgetan und +durch den Anblick unsrer häßlichen Erde getrübt haben! die +mit ihren kleinen Rosenfüßen niemals den Dreck berührt +haben, durch den wir waten! Auf der Schwelle unsers +Lebens haben sie die Flügel geschüttelt und sind wieder davongeflogen +in den Himmel.“</p> + +<p>Hier fing der Pfarrer, der die kleinen Kinder zärtlich +liebte, an zu weinen, und auch einige Gemeinderäte wischten +sich die Augen, indessen der Bürgermeister sagte: „Es bleibt +den Kindern unbenommen, in den Himmel zu fliegen, und +dem Juden, in die Hölle zu fahren, nichtsdestoweniger sind +sie vom bürgerlichen Standpunkte aus alle ungetauft, und +es scheint mir daher billig und recht, daß sie am selben +Orte begraben werden.“ Er fürchtete nämlich die große +und behäbige Verwandtschaft Frau Rosettens, die sich zwar +um Herrn Samuel wenig bekümmert hatte, von der es aber +doch anzunehmen war, daß sie die Kränkung einer von ihrer +Sippschaft übel vermerken würde.</p> + +<p>Der Pfarrer konnte gegen den Gemeinderat, der einmütig +war, nichts ausrichten, machte sich aber an das Volk, +stellte ihm die Unbill vor, die ihm angetan werden sollte, +und ermunterte es, dieselbe in Gottes Namen mit Fäusten +abzuwehren. „Würdet ihr ruhig zusehen,“ rief er, „wenn +man einen Wolf in euern Schafstall ließe? Und sie wollen +einen falschen Judas zwischen eure unschuldigen Kinder +legen, die am Throne der Dreieinigkeit für arme Sünder +beten. Pestilenz! Feuersbrunst! Wassernot! Kriegsnot +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_18" id="Page_18">18</a><span>] </span></span>und Hungersnot werden über euch kommen, wenn ihr zulaßt, +daß der heilige Gottesacker durch diesen Verräter vergiftet +wird.“</p> + +<p>Die Bürger von Jeddam ließen sich dies nicht zweimal +sagen, rotteten sich zusammen und schwuren, jedweden totzuschlagen, +der den toten Samuel auf ihren Friedhof bringen +würde. Am furchtbarsten unter den Aufwieglern war ein +Großbauer namens Pomilko, ein hünengroßer Mann mit +dickem Kopf und weißblonden Haaren, der mit seinem Gefolge +von Angehörigen, Verwandten, Abhängigen und +Knechten das ganze Gemeinwesen hätte über den Haufen +werfen können. Pomilko hatte vor kurzem eine zweite Frau +genommen, die ihm ein totes Kind geboren hatte. Demselben +hatte er zwar keinen Blick geschenkt, sondern, als +ihm die Botschaft gebracht worden war, hatte er sich fluchend +und zähneknirschend aufs Feld begeben und sich zwei Tage +lang nicht im Hause blicken lassen; jedoch sah er es als eine +gröbliche Ehrenkränkung an, daß ein Jude in der Nähe +seines Sprößlings begraben sein sollte, und er erklärte +laut, er fürchte weder den Bürgermeister noch den Kaiser +und würde diesen zeigen, was Pomilko vermöchte, wenn sie +sich ihn zu beleidigen getrauten. Er hatte aus erster Ehe +eine erwachsene Tochter namens Sorka, ein großes, starkes +Mädchen mit kecken, blitzenden Augen, einem feinen Munde +und Zähnen, die fest wie Kieselsteine und gelbglänzend wie +Marmor waren. Als das Mädchen hörte, daß eine Stiefmutter +ins Haus ziehen sollte, erklärte sie dem Vater, sie +wolle das nicht leiden, er möchte davon abstehen, was ihn +bewog, die Heirat um so schneller zu vollziehen. Als Sorka +beim ersten gemeinsamen Mittagsmahle fehlte, der Vater +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_19" id="Page_19">19</a><span>] </span></span>sie hereinrief und die Stiefmutter ihr mit saurer Miene +die Suppe in den Teller füllte, schob Sorka denselben so +heftig zurück, daß das reine Tischtuch über und über bespritzt +wurde, sagte: „Ich esse nicht, was du gekocht hast!“ +und schaute dem Vater und seiner Frau herausfordernd +und mit verhaltenem Frohlocken ins Gesicht. „So magst +du hungern,“ rief der Vater zornig, „andre Speise gibt es +hier für dich nicht!“ Sorka lachte und sagte: „Lieber such +ich mir selbst mein Brot,“ und zog stracks mit einem Bündel +Habseligkeiten aus dem Hause.</p> + +<p>Sie nahm, da sie nicht gleich etwas andres fand, bei +einem kleinen Bauer einen Dienst an und hatte bald eine +Liebschaft mit dessen Sohn, was der Vater, der alte Darinko, +geschehen ließ, weil er wußte, daß Pomilko seiner Tochter +ihr mütterliches Erbe nicht vorenthalten konnte. Diese Vorgänge +hatten den Pomilko mit übler Laune, Ärger, Zorn +und Rachsucht ganz angefüllt, weshalb er die Gelegenheit, +zu zanken, zu raufen und allenfalls jemand totzuschlagen, +sogleich ergriffen hatte.</p> + +<p>Der Bürgermeister konnte sich nicht verhehlen, daß eine +förmliche Revolution im Anzuge sei, und in seiner Verlegenheit +hielt er eine Ansprache an das Volk, er würde die +Frage wegen des Judengrabes Seiner Majestät dem Kaiser +zur Entscheidung vorlegen, inzwischen möchten sie ihren +Geschäften nachgehen und sich still verhalten, das Gemeinwesen +ruhe sicher in seinen Händen. In Wirklichkeit begab +er sich nicht zum Kaiser, sondern zu dem Kommandanten +einer Garnison, die im nächsten Orte lag, und dieser erklärte +sich vollständig damit einverstanden, daß Herr Samuel +in jener Ecke des Jeddamer Kirchhofes, wo die ungetauften +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_20" id="Page_20">20</a><span>] </span></span>Kinder lägen, beerdigt würde, bewilligte auch dem Bürgermeister +eine kleine Abteilung Soldaten für den Fall, daß +bei der Bestattung Ruhestörungen vorkämen.</p> + +<p>Es wurde nun der Frau Rosette mitgeteilt, wo und wie +sie ihren Gemahl beerdigen dürfe, und sie wurde zugleich +ersucht, das Begräbnis bei Nacht vor sich gehen zu lassen, +damit Ärgernis vermieden würde. Frau Rosettens Stolz +wurde dadurch zwar nicht ganz befriedigt, doch sagte sie +sich, daß es sich eigentlich nicht um ihren Samuel, sondern +nur um eine nachgemachte Puppe handle, und daß sie froh +sein müsse, wenn die Schwindelei so bald wie möglich von +der Erde verschwände, und versprach infolgedessen, sich gemäß +der empfangenen Weisung zu verhalten.</p> + +<p>Die Bürger von Jeddam hatten angesichts der Soldaten +beschlossen, sich in diese Sache nicht mehr zu mischen, hielten +sich aber während des Begräbnisses in den Häusern, da sie +es doch nicht anständig fanden, gegenwärtig zu sein und +keinen Tumult zu veranstalten. Es trabte also der schwarzverhangene +Wagen durch die stille Mitternacht, als wäre +das Dorf durch Zauberei gebannt oder versteinert, und +nichts war hörbar als das Trotten der Pferde, das Rollen +der Räder und das leise Schwatzen von Frau Rosette und +Herrn Ive, die im leichten Gefährt dem Sarge folgten. +Mit Hilfe des Totengräbers wurde der vermeintliche Samuel +aufs Geratewohl in jene verwilderte Ecke gestopft, worauf +die Familie, die unterdessen schon die Koffer gepackt hatte, +sich schleunig auf die Reise begab, um sich mit dem Vater +wieder zu vereinigen. Herr Ive blieb einstweilen wegen +der Angelegenheiten, um derentwillen der ganze Betrug +angezettelt war, in Jeddam zurück.</p> + +<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_21" id="Page_21">21</a><span>] </span></span>Dort war aber der Kampf noch keineswegs beendet. Es +fanden sich nämlich am Tage nach dem Begräbnis auf der +Kirchhofmauer, da, wo die ungetauften Kinder lagen, +allerlei fürwitzige Inschriften angemalt, wie zum Beispiel: +Hier ist Schweinemarkt! oder: Misthaufen von Jeddam! +oder: Kehrichthof! und andre Witze dieser Art, was bald +zu den Ohren der Leute kam, die Kinder an dieser Stelle +begraben hatten. An die Spitze der Beleidigten stellte sich +der mächtige Pomilko, dem es ohnehin lieber war, auf +seiten der Regierung zu stehen, und der nicht zweifelte, daß +der alte Darinko, bei dem sich seine Tochter befand, ihm +diese Beschimpfung angetan hätte. Dadurch wurde dieser +das Haupt einer geistlichen Partei, die fortfuhr, gegen die +Anwesenheit des verstorbenen Samuel auf dem Kirchhof +zu meutern; er leugnete zwar, die Inschriften an der Mauer +verfaßt zu haben, war es aber übrigens wohl zufrieden, +aus seiner ärmlichen Bedeutungslosigkeit herausgerissen zu +sein, und raufte und hetzte fröhlich unter dem Schutze der +Kirche und des Pfarrers. Allmählich geriet der tote Jude, +der die Ursache des langwierigen Kampfes gewesen war, +bei den beiden Rotten in Vergessenheit, und sie benutzten +die Gelegenheit, um allerlei alten Hader auszufechten, +taten sich alle erdenklichen Übel an, und es gab so viel +blutige Köpfe, gebrochene Gliedmaßen und brennende +Scheuern, daß Ärzte, Bader, Polizei und Löschmannschaft +Tag und Nacht vollauf zu tun und zu laufen hatten. Der +Bürgermeister hätte gern zum Pomilko gehalten, der der +mächtigste und begütertste unter den Bauern war und zudem +die gerechte Sache vertrat, allein die geistliche Partei war +bei weitem zahlreicher, so daß er es mit dieser auch nicht +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_22" id="Page_22">22</a><span>] </span></span>verderben wollte. Der Pfarrer war trunken vom Gefühl +seiner Wichtigkeit und triumphierte außer sich: „Feuer ist +da! Brand ist da! Vatermord und Brudermord ist da! +Habe ich es nicht prophezeit? Habe ich euch nicht gewarnt? +Jeddam ist verpestet! Durch Unglauben ist es verpestet! +Heraus mit der Eiterbeule von Jeddam! Heraus mit dem +ungetauften Gebein aus Jeddam, oder wir werden alle +verderben! Kinder, wir werden alle verderben!“ Und er +weinte, weil er durchaus nicht mehr zweifelte, daß es wirklich +so wäre. Der Bürgermeister bat ihn, gleichfalls unter +Tränen, dergleichen aufreizende Reden zu unterlassen und +lieber das wütende Heer zu beruhigen, aber er brachte den +Pfarrer dadurch nur noch mehr auf, der entrüstet sagte, er +würde seinen Gott nicht verkaufen und wenn man ihm +hundert Goldgulden dafür böte.</p> + +<p>Vielleicht wäre Jeddam in Blut und Flammen untergegangen, +wenn sich der Bürgermeister nicht aufgemacht +hätte, um noch einmal die Hilfe des Kommandanten in Anspruch +zu nehmen. Die Nachricht, daß der Kaiser an der +Spitze eines Regimentes daherziehe und die Aufrührer +niederschmettern würde, verbreitete lähmenden Schrecken, +und einer nach dem andern schlich sich nach Hause und an +seine Arbeit.</p> + +<p>„Darinko,“ sagte der Pfarrer an diesem Tage zum Sohne +des kleinen Bauern, der an der Spitze der geistlichen Partei +gestanden hatte, „ich verspreche dir, daß du Sorka heiraten +und ihr Erbe ungeschmälert erhalten wirst, wenn du diese +Nacht auf den Kirchhof gehst, den Samuel ausgräbst und +in die Melk wirfst.“</p> + +<p>„Das will ich wohl tun,“ sagte der junge Darinko, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_23" id="Page_23">23</a><span>] </span></span>„und ich wundere mich, daß wir es nicht schon längst getan +haben.“</p> + +<p>„Tu es heute,“ sagte der Pfarrer, „und es wird dich +nicht gereuen,“ was alles Darinko der Sorka getreulich +wieder erzählte. Sorka erklärte, dem Geliebten in diesem +Unternehmen beistehen zu wollen, da es für ihn allein eine +schwierige Sache gewesen wäre, denn er mußte sich mit +vielen Werkzeugen versehen, nicht nur um das Grab, sondern +auch um den schweren Sarg aus Eichenholz zu öffnen, den +er nicht bis zum Flusse hätte tragen können. Als es völlig +Nacht und rings alles still war, stahlen sie sich aus dem +väterlichen Hof und machten sich auf den Weg. Es war +eine lange und harte Arbeit, das Grab des Samuel zu +finden, das auf keinerlei Art bezeichnet war, und sie mußten +graben und wühlen, daß ihnen der Schweiß von der Stirne +troff, bis sie endlich auf den großen Sarg stießen, den sie +als den richtigen erkannten. Sie atmeten erleichtert auf, +und da sie noch eine Weile Zeit hatten, kauerten sie sich +nebeneinander auf die aufgeworfene Erde nieder, und +Sorka holte Brot, Käse und eine Flasche Bier hervor, die +sie zur Stärkung mitgenommen hatte. Ohnehin vergnügt +über die Aussicht auf die Heirat, die ihnen der Pfarrer eröffnet +hatte, teilten sie das Essen miteinander, faßten sich +bei den Händen und küßten sich, und Sorka sagte: „Meinetwegen +hätte der alte Jude hier können liegen bleiben, der +Stiefmutter zum Tort.“</p> + +<p>„War sie wirklich so schrecklich böse?“ fragte Darinko +neugierig.</p> + +<p>„Sie war nicht böser als ich,“ sagte Sorka, „aber ich +mochte sie nicht leiden, und darum bin ich weggelaufen und +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_24" id="Page_24">24</a><span>] </span></span>lache, wenn sie sich ärgert,“ und sie lachte, daß ihre gelben +Zähne glänzten.</p> + +<p>Sie hatten inzwischen die Arbeit wieder aufgenommen +und machten sich daran, den Sarg zu öffnen, was um so +schwieriger war, als sie sich bemühen mußten, so wenig +Lärm wie möglich dabei zu machen. Als es gelungen war, +hielt Darinko einen Augenblick inne und sagte: „Jetzt +kommt das schwerste Geschäft; es ist dunkle Mitternacht, +und wir sind ganz allein.“ Sorka sah ihn listig an und +sagte: „Fürchtest du dich? Hast du dich doch nicht gefürchtet, +als du mir den ersten Kuß gabst, und ich hätte dir doch +ebensogut eine Ohrfeige geben können wie der tote Jude?“</p> + +<p>Darinko fühlte seinen Mut durch die Erinnerung an +dieses Heldenstück neu belebt, schlug den Deckel zurück und +faßte den, der im Sarge lag, um den Leib, in der Absicht, +geschwind, ohne ihn anzusehen, mit ihm davonzulaufen und +ihn in die Melk zu werfen. Kaum hatte er ihn aber gefaßt, +als er ihn mit einem Schrei wieder fallen ließ, etwas +so Unerwartetes und Unheimliches war es, den Strohbalg +zu berühren. Sorka lachte hell auf über die Bangigkeit des +Darinko und beugte sich über die zusammengefallene Puppe, +um zu sehen, was es da Fürchterliches gäbe. Als sie inne +wurden, daß sie wirklich nur eine ausgestopfte Figur mit +Larve und Wachshänden vor sich hatten, blieb dem Darinko +vor Erstaunen der Mund offen stehen, während Sorka so +unmäßig lachte, daß sie sich auf die Erde werfen und hin +und her wälzen mußte. „Was kann das bedeuten?“ fragte +endlich Darinko, der unsicher war, ob es sich vielleicht um +eine zauberhafte Verwandlung oder sonst eine höllische +Kunst handelte. „Was geht das uns an?“ sagte Sorka. +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_25" id="Page_25">25</a><span>] </span></span>„Wir können keinen andern Samuel in die Melk werfen +als den, den wir gefunden haben; ob es der richtige ist, +das ist nicht unsre Sache.“ Sie war unterdessen aufgestanden +und untersuchte die Puppe eifrig unter fortwährendem +Gelächter, wobei sie denn auch den herrlichen Diamantring +entdeckte, der noch am Zeigefinger der einen Wachshand +saß, sei es, daß Frau Rosette ihn vergessen hatte, +oder daß sie ihn absichtlich als ein freiwilliges Opfer zum +glücklichen Ausgang des dreisten Abenteuers hatte mit begraben +lassen. Jetzt erschrak auch Sorka und fuhr zurück +im Gedanken, es könnte hier Gott weiß was für eine Teufelsschlinge +verborgen sein; doch gewöhnte sie sich schnell an +die Seltsamkeit und kam zu der Überzeugung, der Ring sei +ein kostbarer Ring und nichts weiter, den sie mit Fug und +Recht als Belohnung für ihre Arbeit an sich nehmen und +für sich behalten könnten. Sie bemächtigten sich des Ringes, +gaben sich gegenseitig das Wort, über ihre Entdeckungen +gegen jedermann zu schweigen, und fast berauscht vor Glückseligkeit +kugelten und tummelten sie sich noch eine geraume +Weile auf dem nächtlichen Friedhof; dann schleppte Darinko +den Balg in die Melk, während Sorka den leeren Sarg +wieder eingrub, die Erde darüberschaufelte und alles so +machte, wie es zuvor gewesen war.</p> + +<p>Die Soldaten, die am andern Tage in Jeddam einrückten, +fanden nichts mehr zu tun, und da die Rädelsführer bei +den verschiedenen Brandstiftungen, Raufereien und andern +Missetaten schwer festzustellen waren, kam es auch nicht zu +erheblichen Bestrafungen.</p> + +<p>Nach einiger Zeit, als in weiter Ferne der arglose Herr +Samuel, dem die Familie die Vorfälle in Jeddam verschwiegen +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_26" id="Page_26">26</a><span>] </span></span>hatte, damit er sich nicht etwa eine Kränkung +daraus zöge, das gute alte häßliche Gesicht von Wiedersehensfreude +glänzend, seine Lieben in die Arme schloß, saß +der Pfarrer von Jeddam beim Bürgermeister zu Tisch, und +der letztere sagte: „Jedermann weiß, daß Ehrwürden in +der Theologie und allen Dingen der Gottesfurcht weiser +sind als meine Wenigkeit. Doch kann ich die Bemerkung +nicht unterdrücken, daß Pestilenz, Feuersbrunst und Kriegsnot +vorüber sind, seit die Soldaten bei uns einrückten, wiewohl +der tote Samuel nach wie vor inmitten der ungetauften +Kinder begraben liegt.“</p> + +<p>„Das tut er bei Gott nicht,“ triumphierte der Pfarrer +und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß es klirrte. „In +der Nacht, ehe die Soldaten kamen, habe ich ihn ausgraben +und in die Melk werfen lassen, die ihn wohl längst ins +Meer geschwemmt hat, wo er bei Fischen und anderm Unrat +liegen bleiben mag.“</p> + +<p>Der Bürgermeister war so verblüfft, daß er nicht wußte, +ob er lachen oder zornig werden sollte. „Meint Ihr wirklich,“ +fragte er endlich, „daß das die Ursache ist, warum +Frieden und Wohlergehen wieder bei uns eingekehrt sind?“</p> + +<p>„Was sonst?“ rief der Pfarrer; „unser Gemeinwesen +war in großer Gefahr, und ich habe es gerettet, doch prahle +ich nicht laut damit, sondern gebe Gott die Ehre.“ Und er +erhob das volle Weinglas und hielt es dem Bürgermeister +zum Anstoßen hin, der, obwohl ihn seine Niederlage wurmte, +es für das Feinste hielt, zu schweigen und zu trinken.</p> + +<hr class="break-after" /> + + +<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_27" id="Page_27">27</a><span>] </span></span></p> +<h2><a name="Aus_Bimbos_Seelenwanderungen" id="Aus_Bimbos_Seelenwanderungen"></a>Aus Bimbos Seelenwanderungen</h2> + +<p class="center noindent gesperrt">Fragment</p> + + +<p class="dropcap">Vor mehreren Jahrhunderten, erzählte Bimbo, war ich +der Sohn eines Scharfrichters in einer kleinen Stadt +des Nordens. Damals war dieselbe frei und mächtig, ein +kleines Reich für sich, nur daß der römische Kaiser noch +einige Titular- und Ehrenrechte darin besaß, die ein Burgvogt +mit Schall und Gepränge, aber ohne etwas Wesentliches +zu bedeuten und vermögen, vertrat. Mein Vater, obgleich +er der Scharfrichter war, dem niemand die Hand +reichen mochte, ohne sich mit unauslöschlicher Schmach zu +beflecken, war der allerschönste Mann im Lande und glich +der furchtbaren Waffe, die er führte; denn er war groß, +gerade und schlank wie ein Schwert, mit schneidenden +Blicken im Auge, und seine Bewegungen, wenn er sich einmal +bewegte, waren wie sicher treffende Blitze.</p> + +<p>Aber, wie die Frauen sind, trotzdem ist ihm meine Mutter +untreu gewesen, nachdem ich einige Jahre auf der Welt +war. Es scheint, daß sie schwach und eitel und nicht einmal +besonders schön war, aber daß sie gerade in ihrer +Schwäche und Hilflosigkeit einen großen Zauber besaß. +Das Gespräch der Leute war, daß mein Vater, als er ihre +Untreue erfuhr, sie mit seinen eignen Händen erwürgt habe, +was allerdings nur ein Gerede gewesen sein kann, wie +vieles andre, was über ihn im Umlauf war. Denn weil er +ein kluger Mann war und mehr wußte als die übrigen, +namentlich in der Arzneikunde und Chirurgie, glaubte man, +daß er mit Dämonen im Bunde stehe und mit ihrer Hilfe +übermenschliche Dinge verrichten könne. So sagte man zum +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_28" id="Page_28">28</a><span>] </span></span>Beispiel, es habe ihn noch niemand mit den Augen blinzeln +sehen, er bedürfe des Schlafes nicht, ja sei wohl sogar des +Todes überhoben, wenn ihm nicht die Geister, die er jetzt +beherrschte, einmal den Hals brächen. Wahr ist das, daß +er Tage und Nächte hintereinander wachen konnte, ohne +darunter zu leiden, und ich erinnere mich, wie ich ihn manchmal +mit heimlichem Grauen betrachtete, ob er nicht die +Augenlider bewegen würde, ohne daß es geschah. Weiter +sagte man von meinem Vater, daß er die Leute behexen +und mit dem bloßen Blick seiner Augen krank machen, ja +totschauen könne, und namentlich daß er, wen er wolle, und +wäre er Papst von Rom, auf das Blutgerüst unter sein +Schwert zu bringen vermöchte, indem er denselben nur einmal +flüchtig mit der Spitze seines Schwertes berührte. +Deswegen, obschon sie seiner Hilfe in allerlei öffentlichen +und heimlichen Sachen benötigten und diese auch meistens +gutwillig, wenn auch gegen reichliches Entgelt, geleistet +wurde, hatten sie doch Furcht vor ihm, und die Regierung +hätte sich vielleicht seiner auf irgendeine Weise entledigt, +wenn sie seiner Rache sich auszusetzen gewagt hätte. Gegen +die Untergebenen in unserm kleinen Reiche, das, viele Gehöfte +umfassend, weit außerhalb der Stadt lag, war er, soweit +es die Roheit der wüsten Knechte zuließ, großmütig +und nachsichtig. Mich behandelte er sogar mit Zärtlichkeit, +wenn ich von einigen Anfällen rasender Wut absehe, die +ihn bei Gelegenheit von ein paar unbedeutenden kindlichen +Vergehungen ergriff, und so grausam er mich auch in diesen +Fällen behandelte, liebte ich ihn doch abgöttisch, ja ich +hätte mir von ihm mit Freuden die Seele aus dem Leibe +martern lassen. Nur manchmal überkam mich ein Gefühl +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_29" id="Page_29">29</a><span>] </span></span>des Hasses von derselben Stärke, nämlich dann, wenn mir +zufällig, indem ich seine Hände ansah, in den Sinn kam, +daß er mit ihnen meine Mutter erwürgt hatte.</p> + +<p>Unser Haus lag auf der Heide, die sich bis an das Meer +erstreckte; vom Hause aus konnte man es nicht sehen, wohl +aber auf dem weiter nordwärts gelegenen Richtplatze, wo +es nichts als Sand gab außer einigen uralten, verwitterten +Steinen, die halb darin versunken waren. Man hielt sie +für Grabsteine vornehmer Gerichteter; denn hier war seit +undenklichen Zeiten die Richtstätte der Republik gewesen; +wahrscheinlicher ist es freilich, daß das Meer die Blöcke +angeschwemmt und ebbend auf der Heide zurückgelassen +hatte. Wie dem auch sei, wir pflegten uns oft des Abends +auf diese Steine niederzusetzen und auf das glänzendschwarze +Geflimmer des Meeres hinzusehen, und wenn er dann seine +Hand auf dem Steine neben mir ruhen ließ, kam sie mir +zuweilen wie eine weiße Tigerin vor, die schläft, weil sie +satt von Blut ist, oder die sich schlafend stellt und lauert, +um ein argloses Opfer zu zerfleischen. Dann dachte ich an +meine Mutter, deren Bild ich deutlich vor Augen hatte und +der ich selbst innen und außen vielfach glich, und malte +mir aus, wie sie sich in dem eisernen Arme des schönen +Blutmannes gekrümmt hatte, bis mir der Haß in die Kehle +stieg und ich eine verzweifelte Lust spürte, mich auf ihn zu +werfen und die Ader an seinem Halse aufzubeißen, damit +er verblutete. Mein Vater sagte nie etwas darüber, obgleich +er es mir ansah, und ich glaube sogar, er hätte mir +nicht gewehrt, auch wenn ich es getan hätte. Dieser Gewaltige, +der, wie man sagte, sechs Männer mit einem +Schwertschlage enthaupten konnte, daß ihre Köpfe wie +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_30" id="Page_30">30</a><span>] </span></span>Disteln abschnellten, hätte sich von meinen schwachen Händen +umbringen lassen, so etwa wie Erwachsene stillhalten, wenn +spielende Kinder mit ihren winzigen Schlägen über sie herfahren.</p> + +<p>Mich mächtig, berühmt und gelehrt zu machen, war der +Ehrgeiz seines Lebens, und mit dem Gelde, das er aufhäufte, +ermöglichte er es, mir so viele Bildungsmittel zuzuführen, +wie den strebsamsten und vermöglichsten Menschen +der Zeit zugänglich waren. Er schickte mich in andre Länder, +damit ich an hohen Schulen studierte, und ließ es sich +Hunderte und Tausende kosten, daß mein Herkommen und +Stand verborgen blieben. Aber er dachte nicht etwa daran, +mich in höhere Kasten einzuschmuggeln, nein, ich sollte nach +ihm Scharfrichter werden, wie das einmal seit unvordenklichen +Zeiten das Los unsers Geschlechtes war, nur sollte +ich aus Schmach und Elend heraus sie alle durch meinen +Geist überglänzen und beherrschen, auf den Knien sollten +sie nachts mit Lebensgefahr zu mir rutschen, die mich am +Tage wie einen tollen Hund von ihrer Schwelle hetzen +durften. Ich freilich hatte an allen Schulen nichts gelernt +als höfliche Sitten und Herrenleben, weniger aus Faulheit +als aus Torheit, die mich den Wert der Zeit nicht bedenken +ließ; im Innersten hoffte ich, es würde so in Saus und +Braus in Ewigkeit weitergehen. Dem Befehle meines +Vaters wagte ich aber nicht mich zu widersetzen, und es +hatte auch etwas grausig Verlockendes für mich, einst Blutkönig +in dem einsamen Reich auf der Heide zu werden. +Nur suchte ich den Augenblick, wo ich selbst das Handwerk +ausüben sollte, hinauszuschieben, worauf mein Vater auch +bereitwillig einging, weil ich schlank und zierlich von Wuchs +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_31" id="Page_31">31</a><span>] </span></span>war und er meinte, ich müßte mich noch durch viele körperliche +Übungen auf meinen Beruf vorbereiten.</p> + +<p>Da kam eines Tages die Gelegenheit, die meinem Vater +schicklich erschien, mich einzuführen; es handelte sich nämlich +darum, einen Papageien öffentlich mit dem Schwerte +zu richten.</p> + +<p>Herr Quarre, der kaiserliche Vogt, saß zwar bis über +den Hals in Schulden, achtete sich aber der Majestät, die +er vertrat, in allem gleich, war hochmütig wie ein Pfau +und dumm wie ein Pfannenstiel, worüber die Gassenbuben +auf der Straße Spottlieder genug zu singen wußten. Um +seine Lage zu verbessern und seine Stimme im Rat zu verstärken, +trachtete er nach der Hand der Tochter des regierenden +Bürgermeisters, deren lockende Güte und Holdheit sich +in aller Leute Herz schmeichelte, so daß selbst die bösen +Kramverkäuferinnen auf dem Markte sie die kleine Wonne +nannten, nämlich Wunneke in jener altniederdeutschen +Sprache. In ihrer übermütigen Jugend lachte sie über den +abgeschmackten Freier, der zu allem andern ein dicker alternder +Mann und trunksüchtig war, und gab sich nicht die +Mühe, ihre Verachtung seiner ungefügen Person zu verbergen. +Darüber war ihr Vater, der Bürgermeister, des +Kaisers wegen in großen Ängsten, und wenn er auch nicht +daran dachte, seine Tochter zu einer solchen lächerlichen +Verbindung zu zwingen, hätte er die Sache doch gern aufs +glimpflichste geordnet.</p> + +<p>Nun geschah es, daß Herr Quarre den Bürgermeister +besuchen wollte, ihn aber nicht zu Hause fand und in guter +Zuversicht die Jungfrau Tochter bitten ließ, die auch in +wenigen Minuten zu erscheinen versprach. Während er in +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_32" id="Page_32">32</a><span>] </span></span>einem stattlichen Empfangszimmer ihrer wartete, hörte er +im Nebenzimmer erst ein Pfeifen und Knarren, dann ein +Singen, in dem er deutlich die Melodie und schließlich auch +die Textworte unterscheiden konnte; es lautete nämlich:</p> + +<p class="noindent" style="width: 12em; margin-left: auto; margin-right: auto; white-space: nowrap;"> +Herr Quarre wär ein Held<br /> +Und hätt auch Gott geprellt<br /> +Ums Regiment der Welt,<br /> +Wenn nicht das Beste fehlt':<br /> +Die Grütze und das Geld.<br /> +</p> + +<p>Sogleich geriet Herr Quarre in einen brennenden Zorn, +und als nun lächelnden Mundes Wunneke ins Zimmer trat, +ergoß er sich in wütenden Reden und forderte tobend, daß +ihm der Name des unverschämten Rebellen genannt würde, +der so aufreizende Lieder von sich gäbe, damit eine nachdrückliche +Strafe über ihn verhängt würde. Wunneke entgegnete +sanftmütig, der Herr Vogt werde besagten Gesang +auf der Straße vernommen haben, wo man leider oft von +liederlichen Leuten die gottlosesten Dinge hören müsse. Herr +Quarre blieb aber dabei, es sei im Nebenzimmer gewesen, +und ließ auch einfließen, es sei eine helle und gewissermaßen +lieblich pfeifende Stimme gewesen, wobei er drohende +Blicke auf das Fräulein schoß. Wunneke veränderte aber +ihre unschuldige Miene nicht und sagte ruhig, im Nebenzimmer +sei niemand anders gewesen als Flämmchen, der +Papagei, der dort seinen Standort habe und allerdings, +was sie nicht leugnen wolle, sowohl sprechen wie singen +könne, so daß es, wenn auch unwahrscheinlich, doch nicht +unmöglich sei, daß er den Unfug getrieben habe. Herr +Quarre verlangte murrend die angebliche Bestie in Augenschein +zu nehmen und wurde von Wunneke höflich in das +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_33" id="Page_33">33</a><span>] </span></span>Nebenzimmer geführt, wo auf einer goldenen Stange +Flämmchen saß, mit einem Kettlein am Fuße daran festgebunden. +Sie forderte den Vogel unter Streicheln und Liebkosen +auf, zu wiederholen, was er vorher gesungen habe; +aber man vernahm nur ein leises wollüstiges Knarren, das +er von sich gab, indem er sein grüngoldiges Köpfchen langsam +an der weißen Mädchenwange rieb.</p> + +<p>Herr Quarre hielt sich nunmehr für gefoppt und schnaubte +von dannen unter der Androhung, daß er den Bürgermeister +und sein ganzes Haus wegen Majestätsbeleidigung vor +Gericht ziehen werde. Sein Zorn verdoppelte sich noch, als +Herr Schmitz, der Bürgermeister, obwohl er sich verschworen +hatte, alles zu tun, um den Gekränkten zu begütigen, sich +mit Vorbringung fadenscheiniger Ausflüchte entschuldigte, +als der Vogt sich Wunneke selber zur Entschädigung ausbat. +Er brachte eine Klage bei dem Rat ein, und es wurde +schleunig eine Sitzung anberaumt, bei der der Bürgermeister, +als selbst beklagt und beteiligt, den Vorsitz Herrn +Muslieb, dem zweiten Bürgermeister, abtreten mußte.</p> + +<p>Dieser war zwar dem kaiserlichen Vogte, der beständig +die Gerechtsame der Republik schmälern wollte, so feind, +wie es ihm zukam, andrerseits aber war es ihm angenehm, +dartun zu können, daß, wenn auch seine Stellung bescheidener +als die des regierenden Bürgermeisters, doch sein +Name nicht minder fleckenlos war, und er beschloß, die Gerechtigkeit +alle Partei-, Privat- und Sonderinteressen überwiegen +zu lassen. Er ersuchte zunächst Herrn Quarre, das +Lied vorzutragen, das die Ursache des Prozesses war, was +derselbe nicht ohne Unwillen tat; sämtliche Ratsherren +konnten nicht umhin, mit strengem Kopfschütteln sich dahin +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_34" id="Page_34">34</a><span>] </span></span>zu erklären, daß es keine geringe Keckheit und Unanständigkeit +sei, wenn Lieder so schandbaren Inhalts in einem obrigkeitlichen +Hause in aller Fröhlichkeit laut würden. Der +Bürgermeister und seine Tochter beteuerten, daß keiner +außer dem Papagei das Lied hätte singen können, und das +Fräulein führte zu seiner Entschuldigung an, daß er wahrscheinlich, +am offenen Fenster stehend, das Schelmenstückchen +gehört und in seiner Torheit nachgeplappert hätte. +Herr Quarre zog dies in Zweifel, da noch nicht einmal bewiesen +und überhaupt sehr unwahrscheinlich sei, daß das +dumme und eitle Tier sprechen könne, welcher Beweis denn +nun freilich auf der Stelle geleistet wurde. Indessen war +Flämmchen nicht zu bewegen, etwas andres zu sagen als: +Guten Morgen, Wunneke! Komm mit, Wunneke! Küß +mich, Wunneke! welche Reden er süßlich quäkend und unter +geschwindem Augenrollen mehr als nötig wiederholte. +Daraufhin erklärte der vorsitzende Bürgermeister den Papageien +für wohlbefähigt, das Verbrechen, dessen er geziehen +wurde, begangen zu haben, und Herr Quarre, der +den Vogel nunmehr zwischen Furcht und Staunen für +einen Zauberer ansah, neigte zu der Ansicht, daß er der +Täter sei.</p> + +<p>Trotzdem glaubte der Rat ohne weiteren Beweis nicht +zu einem Urteil schreiten zu dürfen, und die Herren gingen +dem Vogel mit Singen und Pfeifen eifrig zu Leibe; denn sie +hofften ihn zur Wiederholung des Liedes zu bewegen, indem +sie die Melodie und ersten Worte desselben anhüben. +Über diese Zurüstungen war Flämmchen so erschreckt, daß +er nur den Schnabel auf und zu machte, ohne einen hörbaren +Laut zu äußern, was Herr Quarre als Berechnung +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_35" id="Page_35">35</a><span>] </span></span>und Verstellung auslegte. Die übrigen Herren zögerten in +großer Verlegenheit, bis das Fräulein den Vorschlag machte, +es möchten einige Vertrauenspersonen ausgewählt und beauftragt +werden, Flämmchen während einer gewissen Zeit +scharf zu beobachten; denn es sei anzunehmen, falls er das +Lied wirklich einmal gewußt hätte, daß er es wiederholen +würde, sowie er nicht wie jetzt durch eine hohe und majestätische +Versammlung eingeschüchtert wäre. Hierauf gingen +alle mit Freuden ein, und es wurden sofort drei kundige +und anstellige Ratsherren mittels geheimer Abstimmung +ausgewählt, die drei Tage und Nächte hintereinander das +Gestell des Vogels umgeben und auf alle seine Äußerungen +achten sollten. Da ihnen Reden sowie Gespräch und Gelächter +jeder Art der größeren Aufmerksamkeit wegen verboten +war, vertrieben sie sich die Zeit mit schweigendem +Würfeln und Kartenspielen, das nur zuweilen dadurch +unterbrochen wurde, daß ein jeder die Ausrufungen des +Papageien auf einem Pergamentstreifen verzeichnete. Es +war aber nach Verlauf der Zeit nichts vorgefallen, was +auf Flämmchens Kenntnis des bezüglichen Liedes schließen +ließ, und man hätte ihn freigesprochen, wenn sich nicht +Herr Quarre mit äußerster Wut dagegen gesetzt hätte. Ein +sauberes Regiment, sagte er, das sich von einem ausländisch +aufgeputzten Vogel über das Ohr hauen lasse; er würde die +ganze Republik zusammenstampfen wie ein Äpfelmus, wenn +der ihm zugefügte Schimpf nicht an dem Missetäter gerächt +würde. Nachdem Bürgermeister und Rat eine Zeitlang in +den Gesetzen nachgeschlagen und geblättert hatten, erklärten +sie einmütig, daß sie zunächst das Mittel der Tortur versuchen +müßten, um ein gutwilliges Geständnis zu erpressen.</p> + +<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_36" id="Page_36">36</a><span>] </span></span>Und so ist es gekommen, daß ich Wunneke sah. Denn +trotzdem es allgemeiner Mißbilligung unterlag, daß sie +unser verfemtes Reich betreten und einer Handlung so +schauriger Art beiwohnen wollte, hatte sie sich nicht davon +zurückhalten lassen, ihren Liebling auf seinem Martergange +zu begleiten. Ich Unglücklicher stand an meines Vaters +Seite, als sie in das moderige Gewölbe eintrat, wie ein +wandelnder Narzissenstrauß, wie ein Kelch aus Milchglas +voller Veilchen, mit dem ein duftendes Frühlingsgewölk in +die kalte Finsternis hineinschwebt. Ach mehr – wie vor +dem ermattenden Schwimmer, der sich eben in den unvermeidlichen +Untergang geschickt hat, mitten aus dem öden +Wassermeer eine blühende Insel auftaucht, mit Orangenhainen +bewaldet, denen die Tropfen noch von den glatten +Blättern rieseln, so stand sie plötzlich vor mir und schaute +mir mit lächelnden Augen ins Gesicht. Nur mich lächelte +sie an, gegen die andern bewahrte sie eine absichtliche Feierlichkeit, +und vor meinem Vater schien sie zu erschrecken; +von Abscheu war nichts darin, nur Erstaunen und Bangen. +Woher wußte sie, daß meine Augen alles so sahen wie ihre? +Obgleich wir nie ein Wort miteinander gesprochen hatten, +sahen wir, während die Handlung sich entfaltete, einander +an wie zwei schelmische Kinder, die eine Falle gestellt haben +und aus ihrem Versteck aufpassen, wie die Geneckten hineintappen. +Und nun ertönte das silberne Harfenspiel ihrer +Stimme, wie sie zu meinem Vater sagte: „Herr Marx +Grave, wollt bedenken, daß der Beklagte ein zartes und +verwöhntes Geschöpf ist, dem das Lebensfädchen leicht +völlig zerreißen könnte, wenn man allzuhart daran zerrte.“</p> + +<p>Mein Vater antwortete laut und ernsthaft: „Die Vernunft +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_37" id="Page_37">37</a><span>] </span></span>und die Gesetze gebieten, edles Fräulein, die Pein +nicht über das Vermögen des Delinquenten hinausgehen +zu lassen. Seid versichert, daß ich es bei den ersten und +angenehmsten Graden der Folter bewenden lassen werde.“</p> + +<p>In dem Augenblick, als das Tier meinem Vater übergeben +wurde und seine rechte Hand sich ihm mit einem +schraubenartigen Werkzeug näherte, brach der Papagei in +ein lautes Gezeter aus, das sich deutlich in einige Worte +zerlegen ließ, und zwar in ebendieselben, die den Anfang +des Spottliedchens über Herrn Quarre bildeten. Dieser, +der, um sich an den Qualen seines Feindes zu ergötzen, +ganz nahe bei meinem Vater gestanden hatte, triumphierte +hoch und verlangte, daß er dem überführten Übeltäter +augenblicklich den Hals umdrehe. Mein Vater entgegnete +kühl: „Und wenn der Papagei Euch, Herr Quarre, das +Herz aus dem Leibe gehackt hätte und dessen geständig +wäre, würde ich ihm doch kein Federchen krümmen, bis er +nach Recht gerichtet und mir in herkömmlicher Form zur +Vollstreckung des Urteils übergeben wäre.“</p> + +<p>Herr Quarre brach in gräßliches Schimpfen aus und +rief: „Hört den Mistfinken! das Blutschwein! ich kenne +euch alle, frei möchtet ihr sein und schert euch einen Kuckuck +um die Majestät des Kaisers, der euer Dreckgehirn wie +Nüsse mit dem Absatz zerknacken könnte!“ In welchen +giftigen Reden ihn aber Herr Muslieb mit ernster Höflichkeit +unterbrach, indem er ihn auf das Unbedachte seines +Geschwätzes aufmerksam machte. Dem Papagei, sagte er, +werde sein verdientes Urteil gesprochen werden, ohne daß +das Recht um ein Tüttelchen geschmälert würde, danach +aber werde man untersuchen, ob der Kaiser in Wahrheit +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_38" id="Page_38">38</a><span>] </span></span>Anspruch darauf habe, eines ehrbaren Rats reichsfreier +Stadt Köpfe abschätzig zu betiteln und mit Füßen zu treten, +was, soviel er wisse, nicht einmal in der Türkei und andern +üppigen Sultansländern Sitte sei.</p> + +<p>„Wenn die Narren den hübschen Vogel wirklich zum +Schwerte verurteilen,“ sagte mein Vater, nachdem sich alle +entfernt hatten, „sollst du an meiner Stelle amtieren;“ +denn, meinte er, er selbst sei für solche Albernheiten zu alt, +würde auch nötigenfalls den Herren mit seiner Dienstordnung +in der Hand beweisen, daß er zu ernstem, vernünftigem +Geschäft, nicht aber zu eitelm Firlefanz berufen +sei. Mir aber würde es wohl anstehen, mich bei dieser Gelegenheit +zum ersten Male öffentlich zu zeigen, denn fehlen +könnte ich bei so leichter Arbeit nicht, dagegen den Beifall +von Mädchen und Toren, deren es viele gäbe, erwerben.</p> + +<p>Gott weiß, wie mir damals Tage und Nächte vergingen. +Mein Herz war wie ein junger Falke, der unaufhörlich mit +den Flügeln rauscht, um sich zum ersten Fluge aufzuschwingen, +und zwischen Furcht und ungeduldigem Mute zaudert. +Auf der Heide lag mein Leib, aber ich selbst fuhr wie eine +Sturmschwalbe darüber hinweg, schreiend und die salzige +Meerluft schlingend, daß ich sie kühl und berauschend bis +in die tiefste Seele hinein fühlte. Ich sauste um den alten +Leuchtturm, schlug mit klatschenden Flügeln an sein starres +Gemäuer, stürzte mich in die brennende Pechpfanne auf +seiner Zinne, peitschte mit der schwarzroten Flamme die +fliehende Luft und empfand mit Wonne, wie ich mich dehnte, +indem ich mich selber verzehrte. Dabei war ich mir wohl +bewußt, wer sie war und wer ich war, und daß ich eher die +Wange des Mondes als die ihre je mit meinen Lippen berühren +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_39" id="Page_39">39</a><span>] </span></span>könnte. Aber diese Unmöglichkeit eben erhöhte +meinen Wahnsinn, denn was mir in den Eingeweiden +brauste, hätte mich vor mir selber lächerlich gemacht, wenn +es sich um ein alltägliches Lieben und Werben gehandelt +hätte. Auch war in meinem Gefühl das Bewußtsein von +einer magnetischen Kraft, die sie doch einmal an mein +Herz reißen müßte, wenn ich auch nicht darüber nachdachte, +wie das geschehen könnte. Und als ich vollends am Tage +der Papageihinrichtung mein neues Amtsgewand trug, +ganz aus schwarzem Tuch, das kurze Mäntelchen, mit +karmesinroter Seide gefüttert, schwarze und rote Federn +auf dem Barett, zweifelte ich nicht, daß der Himmel sich +über meiner Schönheit öffnen und Rosen auf mich herabschütten +würde, Rosen von jenseits, mit Ambrosia betaute, +die ich alle der erbleichenden Wunneke in den Schoß werfen +würde.</p> + +<p>Von weitem her sah ich den Armesünderkarren durch +den braunen herbstlichen Wohlgeruch der Heide stolpern, +auf dem sie saß in ihrem schwarzsamtenen Kleide, den +Papageien an einem silbernen Kettlein haltend, der, von +dem Anblick der weiten hohen Welt und der unübersehbaren +Menschenmenge betäubt, bald in sich zusammensank +als ein erlöschendes Flämmchen, bald mit gesträubten +Federn, heftig kreischend und schimpfend, auf dem Arme +seiner Herrin auf und ab lief. Ihr gegenüber saß der +Propst, welcher auf ihr Verlangen dem Sünder als Trost +auf seinem letzten Gange beigegeben war. Dies hatte sie +allerdings nicht ohne Mühe durchgesetzt, denn die Räte +waren in der Mehrzahl der Ansicht gewesen, bei einer vernunftlosen +Bestie sei geistlicher Zuspruch nicht nur unnötig, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_40" id="Page_40">40</a><span>] </span></span>sondern sogar übel angebracht. Aber Wunneke wendete +ein, wenn Flämmchen denn vernunftlos sei, dürfe man ihm +auch sein schelmisches Singen nicht zum Vorwurf machen, +worauf Herr Quarre in einen glühroten Zorn geriet, seinen +borstigen Schnurrbart sträubte, daß man an der Spitze +jedes Haares ein Fröschlein hätte aufspießen können, und +sagte, ohne Vernunft sei der Vogel zwar nicht, aber seine +Vernunft sei des Teufels, und wenn ihn die sämtlichen +Kirchenväter mit dem Papst an der Spitze zum Schafotte +geleiteten und ihm die ganze Bibel aufsagten, würde das +dem ruchlosen Federvieh nur zu Spott und Gelächter dienen. +Hierauf aber sagte der Propst, den man nebst mehreren +andern Theologen zu Rate gezogen hatte, damit sie die +heikelige Sache beurteilten, wenn dem so sei, müsse man +um so mehr dazu tun, daß der göttliche Vernunftsinn dem +Teufel entrissen würde, und er wollte sich der Aufgabe +wohl unterziehen. Überhaupt, sagte er, fehlten zwar auch +dem gescheitesten Tier die vernünftigen Begriffe, weil es +nicht unterwiesen sei, aber man gebe ja auch einem neugeborenen +oder gar idiotischen Kinde die heilige Taufe, das +sei eins wie das andre, man müsse eben den Heiligen Geist +spenden, wie der liebe Gott die Sonne und ein Sämann +die Körner, soviel als möglich und aufs Geratewohl, schaden +könne es nicht und zuviel sei besser als zuwenig. Auf +diesen gelehrten Sermon wußte niemand etwas zu erwidern, +auch fürchteten Bürgermeister und Rat den Propst, +der weit und breit großes Ansehen genoß und die dumme, +lenksame Riesenseele des Volkes in der Hand hielt.</p> + +<p>So saßen der Propst und das Fräulein auf dem Karren +und unterhielten sich leise und lächelnd, und mir schien es, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_41" id="Page_41">41</a><span>] </span></span>wie ich das weiße Seelengesicht über dem schwarzen Kleide +schweben sah, als führe man in feierlicher Prozession eine +auf ferner neuentdeckter Insel gefundene Wunderblume +durch das Land, damit alles Volk sie sähe und ihren Duft +einatmete. Das Schafott hatte mein Vater selbst mit hochrotem +Samt überzogen, und ich eilte die Stufen hinan, als +wäre ich der Königssohn und sollte mich dem Volke zeigen. +Das war auch in lustiger Bewegung, weil es ein so seltsames +Schauspiel mit ansehen sollte, und viele Männer +und Frauen hoben ihre Kinder hoch und riefen: Schau, Lütte +Grave; denn da ich wie mein Vater Marx hieß, nannte +man mich zum Unterschiede den Kleinen, das ist Lütte in +jener niederdeutschen Sprache. Flämmchen hatte ich am +Kettlein auf der Hand sitzen wie einen Edelfalken, und ich +fühlte meine zierliche Schönheit ordentlich aus mir herausblühen. +Wie mein Vater mich gelehrt hatte, kniete ich mich +zuerst nieder und sagte: Gott walte deiner und meiner! +stand dann wieder auf, neigte meines kleinen Schwertes +Spitze dahin, wo die Obrigkeit versammelt war, und schickte +mich an, meinen Delinquenten zu richten.</p> + +<p>In diesem Augenblick sah ich zum erstenmal, wie schön +Flämmchen war: das grüne Köpfchen glänzte, als wäre +Goldschaum darüber geblasen, und die roten und blauen +Federn im Schwanz und in den Flügeln flammten wie edle +Steine. Er bemerkte meine Bewunderung sogleich, und +seine runden, spiegelnden Augen sagten halb flehentlich, +halb listig: Töte mich nicht, Lütte Grave! Willst du mich, +das hübsche Flämmchen, den kriechenden Breitmäulern da +unten zuliebe umbringen? Fliegen wirst du mich lassen … +Es fehlte nicht viel, so hätte ich ihn wirklich fliegen und +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_42" id="Page_42">42</a><span>] </span></span>als ein goldenes Flämmchen in den lachenden blauen +Himmel steigen lassen; aber ich besann mich, daß er als ein +unfreier, halbbeseelter Menschengeselle auf Wunnekes +Schulter zurückfliegen und dem Tode doch nicht entgehen +würde, daher entschloß ich mich und hieb mit einem kurzen +geschwinden Streich das kleine Schelmenhaupt vom Rumpfe. +So geschickt führte ich es aus, daß ich den abfliegenden +Kopf mit der Spitze meines Schwertes auffing und ihn so +dem Volke zeigen konnte als Beweis der völlig und glücklich +ausgeführten Exekution. Bei diesem Anblick brach die +Menge in helles Freudengeschrei aus, die Kinder klatschten +in die Hände, und über die warme, träumende Heideluft +verbreitete sich blitzschnell Jubel und Gelächter. Die Obrigkeit +trollte sich eilig und unzufrieden davon, denn sie trauten +sich nicht, der unanständigen Ausgelassenheit zu steuern; +aber das Volk wogte noch bis zum kühlen Abend auf der +Heide umher, als ob Jahrmarkt wäre.</p> + +<p>Wunneke hatte ich während der ganzen Handlung nicht +einmal angeschaut, aber gefühlt hatte ich sie, wo sie war, +wie sie unter Tränen lächelte und was sie dachte, und ihr +Herz blieb bei mir zurück, und ich legte mich damit in das +blühende Kraut, seliger, als wenn es ihr schöner warmer +Leib gewesen wäre. Erst am andern Morgen flohen mir +die guten Glücksgeister davon, und das Gestrige lag unter +der neuen Sonne wie ein elendes, abgegriffenes Rumpelkammerspielwerk, +das man als Kind einmal für das herrlichste +Kleinod gehalten hat. Und gerade am Abend dieses +wüsten Tages kam sie. Sie kam wie ein leichtes, flüsterndes +Blatt, das der Wind vor sich her weht, und schien sich +an die Dunkelheit anschmiegen und in sie verbergen zu +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_43" id="Page_43">43</a><span>] </span></span>wollen. Ein andrer hätte sie ohne weiteres in seine Arme +genommen – denn war sie nicht fast ein Strandgut an unsre +fürchterliche Küste geworfen –, mir aber kam das nicht in +den Sinn, vielmehr hielt ich mich weit von ihr, während +ich sie in unser Haus geleitete. Auf meines Vaters Frage +sagte sie, daß sie gekommen sei, um sich Flämmchens Leichnam +auszubitten, den sie begraben wolle, und unter seinem +Blick errötend, setzte sie hinzu, ihr Vater würde ihr die unschuldige +Bitte ausgeschlagen haben, darum sei sie heimlich +bei der Dunkelheit gekommen.</p> + +<p>„Habt Ihr nicht gewußt,“ sagte mein Vater, „daß Ihr +des Scharfrichters Haus nicht betreten dürft? Und daß er +mit seinem Leben bezahlen muß, wenn er Euch empfängt, +bewirtet oder berührt?“</p> + +<p>Es quälte mich, daß Wunneke nicht ein Wort zu entgegnen +vermochte, obschon sie sich Mühe gab, zu sprechen; +sie starrte ihm ins Gesicht und hätte sich, glaub ich, von +ihm niederschlagen lassen, ohne den leisesten Versuch zur +Verteidigung oder zur Flucht zu machen. Nach einer langen +Pause fuhr mein Vater fort: „Nehmt das zu Herzen, wenn +mir oder meinem Sohne ein Haar sollte gekrümmt werden +um Euretwillen, weil es Euerm buhlerischen Leichtsinn +nach Abenteuern gelüstet, so müßt Ihr zahlen: unsre Tränen +mit Euerm Blut, unser Blut mit Eurer Seele.“ Ich war +so gewohnt, mich unter dem tyrannischen Willen meines +Vaters zu beugen, daß ich mich währenddessen ganz still +verhalten hatte, dazu stand ich auch unter dem Eindrucke +seiner wilden Schönheit, die sich immer dann am prächtigsten +auftat, wenn das Blut in ihm zu kochen anfing. Erst +nach einer Weile, als er sie mit einem milderen Blick +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_44" id="Page_44">44</a><span>] </span></span>musterte, in dem etwas kalt wollüstig Abschätzendes war, +gewann ich mich selbst wieder, trat vor und sagte: „Warum +erschreckst du das Fräulein, Vater, das ohne böse Absicht +als eine Bittende zu uns gekommen ist? Erlaube, daß ich +ihr den Vogel suche und sie dann wieder heimbegleite.“</p> + +<p>Mein Vater sah mich scharf an, und ich glaube, daß er +in diesem Augenblick alles durchschaute, was ich fühlte, +wünschte und hoffte, und vielleicht auch, welchen Ausgang +es nehmen würde, denn es schlich sich ein mehr mitleidiges +und vorwurfsvolles als spottendes Lächeln um seinen +Mund; aber er winkte mir nur mit der Hand, zu gehen, +ohne noch einen Blick auf das Mädchen zu werfen. Sie +drängte sich an mich und folgte mir, und als wir draußen +waren, sahen wir uns heimlich lachend an und schüttelten +uns wie Kinder, die Schelte bekommen haben; dann liefen +wir spornstreichs mitten in die Heide hinein.</p> + +<p>Das tote Flämmchen hatte ich bald gefunden und aus +dem Sande herausgewühlt, von dem es nur eben bedeckt +gewesen war; danach setzten wir uns auf das samtbeschlagene +Gerüst, das in der Dämmerung hoch und schwarzrot dastand, +und blickten auf das gleichmäßig brandende Meer. +Ich erzählte ihr dunkle Geschichten von den Männern und +Frauen, die seit Jahrhunderten auf diesem Stück Heide von +meinen Vorvätern waren hingewürgt worden, die ich zum +Teil in meiner Kindheit von unsern Knechten gehört hatte. +Die Seelen der Gerichteten hausten im Meere, sagte ich, +die meisten hielten sich dicht am Ufer, und wenn frisches +Blut vergossen würde, schlichen sie sich nachts heran und +tränken davon in schrecklicher Lüsternheit nach dem irdischen +Leben. Die Ferne war schwarz bis auf einen weißgelben +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_45" id="Page_45">45</a><span>] </span></span>Streifen, der wie ein einsamer Pfad über die dunkeln Berge +der Ewigkeit schimmerte; aber dicht vor uns bewegten sich +vom Wasser her über das Heidegestrüpp kriechende Nebel, +die man in Wirklichkeit für geisterhafte Phantome hätte +halten können. Einige schienen verzweifelt die dünnen +stehenden Arme zu ringen, während sich andre auf die +Erde gekrümmt, verstohlen, ihrer verfluchten Blutgier sich +schämend, auf uns zuschlichen. Über diesen Anblick begann +Wunneke plötzlich sich zu fürchten, und ich geleitete sie in +Sicherheit heim, versprach ihr aber zuvor, daß ich Flämmchens +zeitliche Überreste auf dem nächsten Gottesacker ordentlich +und lieblich bestatten wollte, was ich mir unter dem +Schutze des Totengräbers, den ich gut kannte, wohl auszuführen +getraute.</p> + +<p>Dieser gestand mir auch gleich alles zu, um was ich ihn +bat, und nachdem ich ihn in seiner Gefälligkeit noch durch +ein namhaftes Trinkgeld bestärkt hatte, wählte ich mir ein +Plätzchen an der Hecke aus, wo lauter alte, verfallene Gräber +lagen, um die sich niemand mehr bekümmerte. Dort warf +ich ein schmales Hüglein auf und bepflanzte es über und +über mit blühenden Astern, daß es wie ein einziger großer +Blumenstrauß aussah. Am folgenden Abend kam Wunneke, +wie sie mir aus freien Stücken angesagt hatte, und wir +setzten uns auf einen halb eingesunkenen Stein unter einer +hohen Pappel, die der Wind rauschend auf und nieder bewegte. +Welke Blätter sausten in Schwärmen an uns vorüber, +und weiterhin sahen wir sie wie ein dunkles Gewölk +über die bleichen Gräber jagen. Vielleicht war die feuchte, +gärende Luft voll von den Lebenskeimen aller der Begrabenen, +die seit Jahren und Jahrhunderten hier moderten, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_46" id="Page_46">46</a><span>] </span></span>denn mir war es, als saugten wir mit jedem Atemzuge mehr +treibenden, schwellenden Drang in uns hinein. Bis dahin +hatte ich sie noch nicht ein einziges Mal berührt, und jetzt +auch hätte ich es nicht getan, wenn sie sich mir nicht selber +an die Brust geworfen und meine ehrlosen Mordknechtshände +mit Küssen bedeckt hätte.</p> + +<p>Aber trotzdem sie nun viele Abende, ich erinnere mich +nicht mehr, wie viele es waren, zu mir auf den Kirchhof +kam, wurde ich immer trauriger. Ich mußte immer darüber +nachdenken, ob sie wohl zärtlicher gegen mich sei, als sie +gegen Flämmchen gewesen war, und ob sie mich wohl so +innig liebkosen würde, wenn Flämmchen noch lebte, und +ob sie wohl gerade das an mich gezogen hätte, daß ich verfemt +war, und meinen Leib, so jung und schön er war, anzurühren +Schande und Tod brachte. Sie übrigens meinte +es treu mit den überschwenglichsten Liebesworten, wie sie +denn ganz unfähig gewesen wäre, Liebe zu heucheln. Alles, +was folgte, war einzig meine Schuld, denn ich wußte schon +damals, was sie nicht wußte, nämlich, daß sie mich nicht +liebte, mich nicht liebte, trotzdem sie es mir allabendlich +heilig beteuerte. Ein einziges Mal hatte ich den Mut, es +ihr zu sagen, worauf sie mich wohl eine Minute lang nachdenklich +und erschrocken ansah; dann stürzten ihr plötzlich +Tränen aus den Augen, und sie umarmte mich, als ob sie +mich nicht mehr von sich lassen wollte. Während ich bebend +die kühle Tränenflut über mein Gesicht rinnen fühlte, sagte +sie unter Schluchzen, wie sie mich liebte, ewig, ewig nur +mich, wie wenn ich ein goldener Stern des Himmels wäre, +der nachts zu ihr herunterstiege, um sich von ihr küssen zu +lassen. Auf meine Frage, weshalb sie weine, wußte sie +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_47" id="Page_47">47</a><span>] </span></span>nichts zu erwidern. Aber das war das merkwürdigste, daß +ich seitdem, obwohl ich nie mehr darauf zurückkam, noch +weniger an ihre Liebe glaubte als vorher. Und daß ich +recht hatte, zeigte sich nun bald, nachdem der Totengräber +mich verraten hatte.</p> + +<p>Der Totengräber war ein kurzes, dickes Männchen mit +dickem Kopfe, nicht böse, nicht gewinnsüchtig, nicht streitsüchtig +noch schadenfroh, obwohl er lauter Handlungen beging, +aus denen man das und Ärgeres hätte schließen +müssen. Nur war er hilflos und unberaten, tappte blindlings +und tolpatschig ins Leben hinein, bis er plötzlich an +ein beliebiges Steinchen im Wege anstieß, zur Besinnung +kam und nun plötzlich von unaufhaltsamer Angst überfallen +wurde, daß er eine große Unvorsichtigkeit begangen habe, +in diese oder jene Falle geraten werde und überhaupt verloren +sei. In solchen Augenblicken schonte er niemand, denn +er glaubte alle samt und sonders wider sich verschworen +und konnte andre ins Verderben stürzen, während er sich +für ein armes Opfer hielt, das eben schlau genug sei, sich +aus der Schlinge zu ziehen. Er hatte ein paar runde, +braunglänzende Augen, denen er den Ausdruck alles durchdringender +Pfiffigkeit zu geben suchte, obgleich er eigentlich +gar nichts mit ihnen sah oder beobachtete. Aber er +wollte um jeden Preis die Dummheit, die er deutlich in +sich spürte, vor der Welt verbergen, damit er nicht übervorteilt +und ausgelacht würde.</p> + +<p>Er hatte mir damals bereitwillig die Erlaubnis gegeben, +den Papagei auf dem ihm unterstellen Kirchhof zu begraben, +mir sogar geholfen, das kleine Grab zu graben und +den Hügel aufzuwerfen. Er hatte sich, außerordentlich dabei +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_48" id="Page_48">48</a><span>] </span></span>belustigt, und wenn Wunneke kam, pflegte er mir heimliche +Zeichen zu machen, in sich hineinzukichern und sich die +Hände zu reiben; ohne daß ich ihn darum gebeten hätte, +ließ er um unsertwillen die Friedhoftür länger geöffnet als +gewöhnlich und schloß sie hinter uns, kurz, er war uns in +jeder Hinsicht bei der Ausführung unsrer Zusammenkünfte +behilflich. Plötzlich nun klärte ihn seine Frau, die hinter +die Sache gekommen war, darüber auf, was das eigentlich +auf sich habe und was für unübersehbare und verderbliche +Folgen daraus entstehen könnten. Denn daß ich des Scharfrichters +Sohn war, wußte sie so gut, wie sie sah, daß +Wunneke ein vornehmes Fräulein war; das allerärgste +schien ihr aber merkwürdigerweise das zu sein, daß wir den +Vogel in geweihter Erde begraben hatten.</p> + +<p>Die warnenden Reden seiner Frau erschreckten den Totengräber +so, daß er schnurstracks, um Leib und Leben zu retten, +hinlief und seine Anzeige vor Gericht machte. Er erzählte +aufs glaubwürdigste, wie ich ihn mit nacktem Schwert bedroht +hätte, weil er den Greuel nicht hätte dulden wollen, +wie aber sein Gewissen ihm keine Ruhe gelassen hätte, besonders +seit das feine Fräulein in meiner Gesellschaft gewesen +wäre, das leider wohl auch ein Opfer meines Frevelmutes +sein möchte. Als ich, ohne hiervon einen Verdacht +zu haben, plötzlich vor einen heimlichen Rat gestellt wurde, +war ich nicht wenig bestürzt, konnte mich aber doch so weit +fassen, daß ich beschloß, nichts auszusagen, was Wunneke +gefährlich werden könnte. So kam es, daß ich auf die +Frage, was mich bewogen hätte, einen ganz gemeinen ausländischen +Vogel an heiliger Stätte zu begraben, antwortete +– denn es wollte mir in der Bedrängnis und Eile +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_49" id="Page_49">49</a><span>] </span></span>nichts Besseres einfallen – das hätte ich getan, weil ich es +ihm auf dem Schafott in seiner Sterbestunde als seinen +letzten Wunsch tröstlicherweise versprochen hätte. Dies Geständnis +rief ein gewaltiges Erstaunen hervor, und es +wurden Beratschlagungen veranstaltet, wie meine Worte +aufzufassen wären. Viele erinnerten sich, daß ich in der +Tat mit gezücktem Schwerte einige Augenblicke gezögert +und, dem Papagei ins Auge blickend, mit dem Zuschlagen +gewartet habe, gerade als ob ich Zwiesprache mit ihm pflöge, +so daß meiner Aussage wohl Glauben zu schenken sei; wie +denn überhaupt nicht wenige wegen meines überaus hübschen +und freundlichen Aussehens mir wohlwollten. Daß +der Papagei der Sprache mächtig gewesen sei und auch +vernünftig habe reden können, sei ohnehin bewiesen, meinten +diese, denn sonst hätte er ja den kaiserlichen Vogt nicht verlachen +und beschimpfen können. Ob das vernünftig reden +heiße, ihn und Seine Majestät zum besten haben, grollte +Herr Quarre; worauf sich jene wieder verantworteten, daß +man vernünftig, das heißt vernünftigen Inhalts, und vernunftgemäß, +das heißt den Gesetzen des Denkens entsprechend, +unterscheiden müsse. Indessen blieb man doch, +selbst wenn es festgestellt sei, daß der Papagei hätte vernünftig +denken und reden können, im Zweifel darüber, ob +seine Gedanken sich auch auf das Jenseits und ein ewiges +Leben erstrecken können, welche Frage wiederum die Geistlichkeit +sollte zu entscheiden haben.</p> + +<p>Noch sehe ich in meiner Erinnerung den Propst eintreten +mit seiner hohen, etwas gebeugten und zierlich gebauten +Gestalt in den prächtigen Ratssaal, und wie er mit seinen +Feueraugen umhersah und alles ruhig und geschwinde +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_50" id="Page_50">50</a><span>] </span></span>musterte. Halbversunken waren diese alten Augen, und die +Blicke kamen aus der Tiefe hervor wie Drachenzungen aus +einer dunkeln Höhle, nur daß sie keinerlei Gift oder Bosheit +an sich hatten, aber scharf, schnell und sicher trafen sie +ins Herz. Als ich sie auf mir ruhen fühlte, nachdem man +ihm meine Aussage samt allen daran geknüpften Bedenklichkeiten +vorgetragen hatte, wurde es mir ganz wohl und +glückselig zumute, und es schien mir auf einmal alles nichts +weiter als ein schönes Fastnachtsspiel zu sein, dem ich zuschauen +dürfte.</p> + +<p>Warum, begann sogleich der Propst, ohne auf dem ihm +dargebotenen Sessel Platz zu nehmen, die Hände auf den +langen Ratstisch gestützt, warum sollte es eine Sünde sein, +den hübschen Papageien auf den Gottesacker zu begraben, +da er doch kein Türke, Heide oder Jude, sowie kein Henker, +Selbstmörder, Hexenmeister oder Seiltänzer gewesen sei?</p> + +<p>Der Vorsitzende erwiderte, Flämmchen sei allerdings nur +ein Vogel gewesen, aber ein von Rechts wegen geköpfter; +worauf der Propst erklärte, man müsse die Strafe anders +ansehen als eine über Menschen verhängte, denn einem +Menschen würde ein so kleines Vergehen nicht mehr als +einen Verweis oder eine Ohrfeige eingetragen haben, was +aber hätte man mit einem Vogel anfangen sollen? Geld +besäße er keines, und gefangen wäre er so wie so, jede +Körperstrafe würde aber in Ansehung seines gebrechlichen +Leibchens ohnehin in Todesstrafe ausgeartet sein. Also sei +er eigentlich nur zufällig und aus Not geköpft und brauchte +das weiter keine Entehrung über den Tod hinaus im Gefolge +zu haben.</p> + +<p>Aber ob eben ein Vogel schlechthin würdig sei, auf dem +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_51" id="Page_51">51</a><span>] </span></span>christlichen Friedhof begraben zu werden, das sei die Frage, +wandte der Vorsitzende ein.</p> + +<p>Wie? sagte der Propst, ob man denn nicht wisse, daß der +Heilige Geist in Gestalt einer Taube die Menschen heimsuche? +Wer könne wissen, ob nicht in jenen antipodischen +Ländern, wo es vielleicht keine Tauben gäbe, der Geist +durch Papageien verbreitet würde? Jedenfalls sei erwiesen, +daß ein Vogel nichts Unreines sei, sonst würde es +dem Heiligen Geist nicht belieben, hineinzufahren, und es +sei die Frage, ob nicht mancher Christ in der geweihten +Erde liege, in dem er vor aufgehäuftem Unrat nicht hätte +hausen mögen noch können.</p> + +<p>„Flausen!“ rief nun der kaiserliche Vogt, kirschbraun im +Gesicht und mit starrendem Schnurrbart, „Tiere sind Tiere +und gehören auf den Schindanger, wenn sie nicht nach +Gottes Ordnung als Speise gegessen und verdaut werden.“</p> + +<p>Jetzt aber beugte sich der Propst weit vor, so daß er dem +Vogte dicht in die Augen sah, und sagte, indem er seine +feine Hand zur Faust ballte und fest auf die Bibel legte, +die zum Zwecke der Eidesleistung der Zeugen auf dem Ratstische +lag: „Es steht geschrieben im ersten Buche Moses: +Und Gott sprach zu Noah, ich richte einen Bund mit euch +auf und mit allem lebendigen Tier bei euch an Vögeln, an +Vieh und an allen Tieren auf Erden bei euch, daß hinfort +keine Sündflut mehr kommen soll, die die Erde verderbe. +Meinen Bogen habe ich gesetzt in die Wolken, der soll das +Zeichen des Bundes sein zwischen mir und der Erde. – Gott +in seiner Majestät also hat mit Vögeln und andern Tieren +einen Bund geschlossen, wie man mit Ebenbürtigen zu tun +pflegt, und wir, vor Gott nichts als Tiere, denen er mit +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_52" id="Page_52">52</a><span>] </span></span>seinem Atem ein wenig Licht in die Seele geblasen hat, besinnen +uns, ob wir einem guten Papageien zwischen andern +armen Sündern seine Ruhe lassen wollen!“</p> + +<p>Nach einer Pause, während deren kein Wort, nicht einmal +ein Räuspern laut wurde, fügte der Propst, indem er +die Stimme etwas fallen ließ, gelassener hinzu, gleichsam +als einen überflüssigen Beweis ohnehin offenbarer Wahrheit: +„Gott hat den Lieblingen seiner Schöpfung, den +Vögeln, das überirdische Luftreich zur Wohnung angepriesen; +sollten wir schmutzige Kriechtiere ihnen eine Handvoll +schwarzer Erde mißgönnen?“</p> + +<p>Alle waren sehr beschämt und blickten vor sich nieder, +ausgenommen der kaiserliche Vogt, der trotzend die Augen +rollte und den Mund spitzte, als ob er pfeifen wollte, was +er denn freilich doch nicht in Ausübung setzte. Der Propst +hob die Sitzung auf, indem er sagte: „Es ist dies meine +erwogene Meinung, daß Lütte Grave wegen eigenmächtiger +Beerdigung des Papageien nicht zu bestrafen sei, vielmehr +sogleich der Freiheit zurückgegeben werden sollte.“</p> + +<p>Mit diesem unschädlichen Ausgang wäre aber dem Vogte +nicht gedient gewesen, der liebte, daß auch etwas Ordentliches +dabei herauskam, wenn einmal zu Gericht gesessen +wurde, und ebenso schürte der Totengräber, daß man das +angezündete Feuer beileibe nicht ausgehen lasse. Denn +dieser, der von der ganzen Verhandlung nichts verstanden +hatte, war bei sich überzeugt, wenn ich freigesprochen würde, +ginge es ihm an den Hals, einer müsse das Opfer sein, +und natürlicherweise wünschte er sehnlich, daß ich es wäre. +Also fingen diese wieder an, von dem Fräulein zu reden +und nachzuforschen, wer diese gewesen sein könne, und da +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_53" id="Page_53">53</a><span>] </span></span>geschah es denn, daß Wunneke ihrem Vater alles gestand. +Nicht weil die Liebe zu mir sie überängstlich und besinnungslos +gemacht hätte, sondern weil sie hoffte, ihr Vater, der +Bürgermeister, könne die ganze Sache niederschlagen, damit +nichts an den Tag käme, und es sei, wie wenn nichts +geschehen wäre. Sie hatte sich aber in ihrem Vater verrechnet; +dieser war zwar gutmütig und unentschlossen im +Handeln, so daß er sich tagelang besann, bevor er einen +vorlauten Schwätzer ein Stündchen am Pranger stehen +ließ, wenn aber einmal eine Leidenschaft in ihm aufgeregt +wurde, die seine schwere Maschine in Tätigkeit setzte, war +er wie eine losgeschossene Bombe, Feuer und Verderben +im Bauche, die sich nicht halten läßt, bis sie ihr Ziel erreicht +und alles zusammengeäschert hat.</p> + +<p>Ohne zu denken, was für Folgen daraus für seine Tochter +erwachsen könnten, bezeichnete er mich als ihren Verführer, +ließ mich in den Kerker werfen und verlangte mit derselben +Erbitterung mein Blut fließen zu sehen wie damals der +Vogt das des armen Papageien. Damit hatte er aber einen +Gegner in die Schranken gerufen, der mächtiger als alle +war, nämlich meinen Vater.</p> + +<p>Ich sollte ohne Sorge sein, sagte er mir, es würde mir +kein Haar gekrümmt werden, denn die Herren wüßten, +sagte er, daß er auf meinem Grabe so lange Menschen +schlachten und Blut vergießen würde, bis ich selbst mein +Haupt aus der Erde hübe und sagte: Ich bin gesättigt. +Dergleichen wilde Prahlereien kamen mir halb komisch, +halb grausig vor, aber ich glaubte in Wahrheit, mein Vater +würde schon Mittel und Wege finden, mich zu erretten, so +daß ich in aller Gemächlichkeit dahinlebte, bis ich eines +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_54" id="Page_54">54</a><span>] </span></span>Abends erfuhr, was mein Vater im Schilde führte und +wie er, um mich zu retten, mich als erstes Opfer mit den +Füßen zertrat.</p> + +<p>Es war der Abend, als sich die Tür auftat und Wunneke +zu mir eintrat, nicht mehr ein blühender Veilchenstrauß, +den Kinder und Frauen im Triumphe geleiten, sondern +wie ein losgerissenes Blatt, vom Nordwinde hereingeblasen, +wie ein Seufzer über die Erde huschend, todmüde und ruhelos +kam sie herein, setzte sich neben mich und weinte. In +einem Augenblick fühlte ich die höchste Seligkeit, da ich sie +sah, und Todesschmerz, als ich inne wurde, was mit ihr +vorgegangen war und was sie wollte. Noch ehe sie ein +Wort gesprochen hatte, wußte ich, daß sie mich nicht mehr +liebte und daß sie gekommen war, es mir zu sagen und +mich um Verzeihung zu bitten. Wenn es nur das gewesen +wäre! Aber nachdem ich ihr freundlich gesagt hatte, daß +ich ihr nicht zürnte, sah sie mich immer noch mit beschwörenden +Augen an, als sei das von allem das Geringste gewesen, +als sollte ich noch mehr erraten. Nichts warnte +mich, nichts brachte mich darauf; erst als sie es mir gestanden +hatte, stand es hell vor meinen Augen, als ob ich +es immer gewußt hätte, daß sie ihn, meinen Vater, liebte.</p> + +<p>Sowie er erfahren hatte, daß mein Leben in Gefahr war, +hatte er es ermöglicht, sie zu sehen und zu sprechen, hatte +sie gemahnt an das, was er ihr angedroht hatte, und ihr +mit entsetzlichen, mitleidlosen Anklagen die Seele zermalmt. +Seine Forderung war, daß sie mich unter dem Schafott, +wie es das Recht gestattete, für sich zum Manne begehrte +und mit mir außer Landes ginge; für Geld, um uns draußen +weiterzuhelfen, wollte er schon sorgen. Sich ihm zu widersetzen, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_55" id="Page_55">55</a><span>] </span></span>fehlte ihr der Mut, weniger aus Furcht oder weil +sie sich im Unrecht wußte, sondern aus sklavischer Liebe, +die ihr das Mark aus den Knochen gezogen hatte. In ihrer +Not kam sie zu mir und klagte, daß sie zwar alles tun und +auch mit mir entfliehen wollte, meine Frau aber nicht werden +könnte mit der fürchterlichen Flamme für meinen Vater +im Busen. Nachdem das Geständnis einmal von ihren +Lippen gekommen war, wurde es ihr sichtlich leichter ums +Herz, sie drängte sich zutraulich an mich und erzählte mir, +wie alles gekommen war, und von ihrem Zustande und +Leiden, als ob ich ihr Bruder wäre. Seine Blicke voll +wütender Verachtung, seine strafenden Worte hatte sie zu +seinen Füßen aufgesammelt, die Stacheln in die Brust gedrückt, +Dornenkränze daraus geflochten und sich aufs Haupt +gesetzt. Ich kann nicht sagen, wie groß mein Haß und meine +Liebe war. Aber erst nachdem sie mich verlassen hatte, kam +es aus meinem Gemüt herausgequollen und überschwemmte +meine Seele. Ich preßte mich mit ganzem Leibe an die +kalte Mauer und gab mich ohne Widerstand meinem Jammer +hin; unter tausend Einfällen und Gedanken kam es mir +wieder zu Sinne, wie sie meinem Vater das erstemal gegenübergestanden +hatte und wie, während sie blaß, erschrocken +und ohne Worte auf ihn schaute, sein Blick plötzlich wie mit +kostenden Zungen an ihr heruntergeglitten war. Es schien +mir zweifellos, daß er darum wissen mußte. Warum hatte +ich sie von mir gehen lassen? Wußte ich nicht, daß er sie +zu mir begleitet und draußen im Hofe des Kerkers auf sie +gewartet hatte? Denn wie wäre sie sonst zu mir gekommen?</p> + +<p>Auf einmal sah ich sie deutlich mit meinem inneren Auge +nebeneinander die lange Straße über die Heide gehen. Der +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_56" id="Page_56">56</a><span>] </span></span>Wind fuhr hinter ihnen her und lüftete den schwarzen +Mantel meines Vaters, daß er wie eine Wolke über ihren +Häuptern flatterte. Sie gingen den graden unabsehbaren +Weg, von dem ich als Kind geglaubt hatte, er habe kein +Ende und führe ins Jenseits; und als sie an der Schmiede +vorüberkamen, warf das Feuer einen roten Schein auf ihre +Gesichter, und ich konnte erkennen, wie sie sich mit starren +verlangenden Augen ansahen. Das alles war viel näher +und springender vor mir, als wenn ich es in Wirklichkeit +gesehen hätte, die beiden heißbeleuchteten Gesichter waren +so dicht, daß ich das blanke Weiß in ihren Augen sah, und +wollten sich nicht verscheuchen lassen, bis meine Tränen +hinüberflossen und sie auslöschten.</p> + +<p>Da waren Eifersucht, Haß und Wut ganz vorbei, und +ich fühlte nichts weiter als eine grenzenlose Verlassenheit +in meinem Herzen. Es schien mir, als wäre ich mein Leben +lang in diesem Kerker gewesen und hätte nie einen andern +Freund gehabt als die geduldige Spinne, die in einer Ecke +des Kerkers ihr Netz hatte. Als hätte niemand je mich +freundlich angesehen, niemand mein feines Angesicht und +meinen schlanken Körper gelobt, und doch würden meinem +Herzen bei der leisesten Liebkosung glitzernde Tränen des +Glückes entströmen. Es hätte klingen können, lauter wie +eine Glocke, läuten, daß die blauen Luftwellen aufgerauscht +und am roten Ufer der Sonne gebrandet wären – aber +nun war es vermauert, und niemand würde es je hören, +begraben war es schon, eh noch das Todesurteil an mir +vollstreckt war.</p> + +<p>Ich konnte somit wohl gelassen sein, als mir das Urteil +verkündet wurde, und war es wirklich im Innern so sehr, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_57" id="Page_57">57</a><span>] </span></span>daß mir nur eine schwache Erinnerung davon geblieben ist. +Aber bald darauf kam mein Vater, dessen ich in diesen +Tagen so oft mit Bitterkeit, Fluch und Raserei gedacht +hatte; kaum daß ich seinen Schritt und seine Stimme vernahm, +die mich anrief, vergaß ich alles und warf mich an +seine Brust, wie ich als Kind getan hatte. Wie aus einem +leichten Schlummer heraus, hörte ich, was er erzählte: wie +sie einen Scharfrichter aus dem Nachbarland hätten kommen +lassen, unter dem Vorwande, daß ein Henker nicht könne +gezwungen werden, seinem eignen Kinde den Kopf vom +Rumpf zu schlagen, daß er aber Einspruch getan hätte, +weil der Ordnung nach in unsrer Stadt Gebiet kein Richtschwert +von Rechts wegen schalten dürfe als das seine, +ferner wie sie ihn fürchteten und wie ich ohne Sorge sein +sollte, da er alles aufs beste eingerichtet hätte und es nicht +fehlschlagen könne. Solange er bei mir war, glaubte ich +alles Gute, aber sowie er fortging, schwand mir die Hoffnung +wie ein Licht, das einer im Lämpchen einen <ins class="correction" title="langengen">langen</ins> dunkeln +Gang hinunterträgt; schwächer und bleicher wird der +Schimmer, bis er endlich in der Dunkelheit verrinnt.</p> + +<p>Ich wußte sicher, daß ich sterben müsse, und glaubte es +vollends, als ich das Folgende gesehen hatte: Am Abend +nämlich vor dem Tage meiner Hinrichtung geschah es mir +noch einmal, daß ich mich von mir selber loslöste und über +die Heide ging, während mein Körper bewußtlos auf den +Strohbündeln des Kerkers lag. Ich ging schnell und trotzdem +langsamer als der graue Schatten einer Wolke, der vor +mir her lief. Sie flog, als wenn ein Sturm sie vor sich +her bliese, obwohl es ganz windstill war; nur weiter weg, +wo das Meer war, pfiff ein dunkles Sausen. Ich fühlte +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_58" id="Page_58">58</a><span>] </span></span>mein kleines furchtsames Kinderherz in der Brust, das vor +vielen Jahren so angstvoll geschlagen hatte, wenn ich abends +allein die lange Straße gehen mußte, und freute mich so +wie damals, als ich ein Licht vom Hofe meines Vaters in +der Ferne erblickte. Indessen war es, als ich näher kam, +das Feuer der Schmiede, das ungewöhnlich hoch brannte, +und wie ich neugierig hinzutrat, sah ich meinen Vater davorstehen +und sein großes Schwert schärfen, während der +Schmied mit der Zange die Glut schürte. Ich wußte wohl, +daß mein Vater das Schwert für mich gebrauchen wollte, +aber das kümmerte mich nicht; ich starrte ihn nur bewundernd +an, wie schrecklich schön er aus diesem Höllenscheine ragte. +Erst als mein Blick auf seine Hand fiel, die mit dem Hammer +mitten durch die Flamme fuhr und aussah wie von Blut +überströmt, kam es mir in den Sinn, daß er mit derselben +meine Mutter erwürgt hatte und nun mich, ihr armes Kind, +töten wollte, und Haß und Rache stiegen in mir auf, so heftig +und plötzlich, daß ich fast die Besinnung darüber verlor. Zugleich +wußte ich aber auch, daß, so nah ich auch bei ihm +stand, mein Vater mich nicht sehen konnte, ebensowenig +wie ich ihn hätte anreden oder berühren können, und in +diesem Gefühl von Ohnmacht brach ich in Tränen aus, +die mir wie das erstemal das Bild auswischten.</p> + +<p>Am andern Morgen erwachte ich mit einem ungeduldigen +Freudengefühl, weil ich nun Erde und Sonne wiedersehen +sollte; was danach kommen würde, lag außerhalb meines +Bewußtseins, und sowie mein Geist diese traurige Schattenregion +betrat, schauderte er zurück, um sich wieder im Lichte +zu baden. Was für ein Tag war es aber auch! Die Sonne +war wie ein riesiger Springbrunnen am Himmel, der die +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_59" id="Page_59">59</a><span>] </span></span>Erde mit goldenem Schaumwein überflutete, so daß nicht +nur die Menschen, sondern alles bis auf die Steine herab +davon trunken war. Das Himmelsgewölbe glich einem +blauen gläsernen Pokal, angefüllt mit dem funkelnden +Safte der süßesten Sonnentrauben, damit die körperlosen +Geister drüben sich den Rausch ewiger Seligkeit daraus +tränken. Es war mir klar, daß die Menschenmenge, die +die Heide erfüllte, nur deshalb hier zusammengelaufen war, +um an diesem Festwein, den der Herrscher umsonst fließen +ließ, sich satt zu trinken. An meiner Seite war der Propst, +und am Wege stand der Totengräber, kläglich weinend und +mit dem dicken Kopfe nach mir nickend, den ich wohl freundlich +grüßte, aber ohne das mindeste dabei zu empfinden; denn +meine Gedanken waren beschäftigt, auszumalen, daß ich, +wenn ich da oben auf dem Gerüst stünde, das Meer überblicken +würde. Ich hörte es schon rauschen und dachte, es +erwartete mich, und wenn wir uns erblickten, würde es ein +Wiedersehen geben, daß die Erde davon erzitterte. Wie +ich nun die Stufen hinangesprungen war, sah ich es liegen; +schwarz, denn während der Wind zu Lande nur mäßig ging, +wühlte er mitten ins Meer hinein; aber durchsichtig schwarz +wie Menschenaugen, und zuweilen loderte eine grüne Flamme +in den blanken Wasserleibchen hinauf. Die Kähne, die am +Ufer lagen, flogen auf und nieder, und man hörte das Klirren +der Ketten, mit denen sie angebunden waren, durch das +Brüllen der Brandung.</p> + +<p>Am höchsten gingen die Wellen da, wo der klotzige Leuchtturm +aus dem Schwall starrte; sie sprangen an ihm in die +Höhe und warfen sich klatschend gegen seine Mauer, daß +sie zerbarsten und in schaumigen Fetzen mit den aufgeregten +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_60" id="Page_60">60</a><span>] </span></span>Möwen um seine Zinne flogen. Als sie meiner ansichtig +wurden, faßten sie sich bei den kalten Händen und tanzten +einen wilden Ringelreihen um den Leuchtturm herum, wobei +sie mit gellenden Trompetenstimmen schrien: Tanz mit mir, +Lütte Grave, tanz mit mir! und dazwischen pfiffen sie in +gewissen springenden Rhythmen, wie kleine Jungen einander +Zeichen zu geben pflegen.</p> + +<p>Während ich nichts andres fühlte und dachte, als wie +ich zu diesen Kameraden gelangen könnte, war um mich +herum allerlei vorgegangen, was mich betraf und was ich, +als der Propst selber mich anfaßte und meine Aufmerksamkeit +darauf lenkte, nach allem, was mir bekannt war, wohl +erraten konnte. Ich sah auf einmal meinen Vater in schwarzer +Amtstracht, sein Schwert unter dem Arme, und Wunneke +nicht weit von ihm, die Augen starr auf ihn geheftet, und +eine große Bewegung unter der Volksmenge, weil die +Tochter des Bürgermeisters mich vom Schwerte losgebeten +hatte zu ihrem Manne. Sie stand da, ohne sich zu rühren, +festgeklammert in dem eisernen, unentrinnbaren Blick meines +Vaters, der über sie herrschte, matt und glanzlos wie ein +abgerissener, sterbender Schmetterling. Ich begriff, daß +es nun auf mich ankam, ein Zeichen zu geben, ob ich wollte, +und schüttelte heftig den Kopf zur Verneinung; das tat ich +weniger, weil sie mich damals im Kerker angefleht hatte, +daß ich sie nicht zur Frau nehmen sollte, denn merkwürdigerweise +war ich jetzt eigentlich innig überzeugt davon, daß +sie mich lieb hatte und lieber auch als meinen Vater – als +weil mir das alles so unendlich weit weg zu liegen schien, +und so unwichtig und beinahe lächerlich kam es mir vor, +daß so ungeheuer viele Menschen um so geringfügiger Sache +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_61" id="Page_61">61</a><span>] </span></span>wegen in Bewegung und Erregung waren. Ich hatte ein +ganz leises süßes Gefühl zärtlichen Mitleids für Wunneke, +aber nur so, wie man für ein Kind hat, das wegen eines +Schmerzes weint, der in kurzen Minuten vorüber sein wird, +und als der Probst mir dringlich zuflüsterte: Sag ja, Lütte +Grave! rief ich laut und ärgerlich: Nein, nein, nein, ich +will nicht! und fürchtete fast, sie würden mich mit Gewalt +vom Schafott reißen und in ihr Gewühl hineinzerren, da +ich den Bürgermeister heftige Zeichen und Winke geben +sah. Diese bezweckten aber ganz etwas andres; denn nun +stieg ein schwarz umhüllter Mann zu mir hinauf, der, von +mir unbemerkt, dicht unter dem Gerüst bereitgestanden +hatte und von dem ich sofort wußte, daß es der fremde +Scharfrichter war, der gekommen war, um mir den Garaus +zu machen. In diesem Augenblick änderte sich plötzlich alles +in mir; es war, als ob sich alles Blut in meinem Körper +in einer Springflut über mein Herz ergösse, eine solche +Todesfurcht packte mich, so jäh anprallend, daß ich auf die +Knie fiel und abwehrend meine Arme ausstreckte und auch, +wie ich glaube, laut aufschrie. Ja, in diesem Augenblicke +stand es mir fest, eher sollte die Welt untergehen, als daß +ich den Tod erlitte. Aber gleich darauf, als mein Vater +kam, war alles vorüber. Ich hörte ihn meinen Namen +rufen und blickte nach ihm hin, der etwas weiter weg von +mir gestanden hatte. Die Obrigkeit hatte in seiner Nähe +eine Reihe bewaffneter Männer aufgestellt, für den Fall, +daß er etwas Gewalttätiges unternehmen sollte; diese alle +drängte er nun ohne Mühe beiseite, um sich den Weg zu +mir zu bahnen. Da sah ich etwas Entsetzliches: ich sah, +wie er den kaiserlichen Vogt, die Ratsherren allesamt, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_62" id="Page_62">62</a><span>] </span></span>beide Bürgermeister und Wunneke im Vorbeigehen mit der +Spitze seines Schwertes streifte, und erinnerte mich an das +Gerede des Volkes, daß er damit, wen er wolle, auf das +Blutgerüst bringen könne. Ich sah im Geiste über die graue +Heide Blut rinnen, Blut, Blut und Blut, sah, wie sie es +einschluckte, bis sie fett und feucht war wie dunkles Moos, +und wie es zusammensickerte und in das Meer rann, +daß es von grün rot wurde und purpurn und schwarz – +aber das war alles nur ein Bild, das wie ein Blitz kam +und ging. Denn nicht eine Minute, nachdem mein Vater +mich gerufen hatte, war er schon oben bei mir, packte den +fremden Scharfrichter bei der Brust, warf ihn über das +Gerüst hinunter und beugte sich über mich. Mir war zumute +wie als Kind, wenn ich mich in einsamer Dunkelheit +gefürchtet hatte und meinen Vater kommen sah: ein seliges +Gefühl von Geborgensein wickelte mich ganz ein wie ein +dunkelpurpurner Samtmantel. Dem kleinen Knaben Tells, +als er sich von seinem Vater den Apfel vom Kopfe schießen +ließ, kann nicht leichter und zutraulicher ums Herz gewesen +sein als mir. Das letzte, dessen ich mich entsinne, war, daß +ich auf das Pfeifen des Meeres horchte, wie es rief: Tanz +mit mir, Lütte Grave! aber dumpfer als vorher, weil ich +den Kopf auf den Block gelegt und der weite Mantel meines +Vaters sich wie ein Vorhang über mir herabgelassen hatte.</p> + +<hr /> + + +<p class="center noindent gesperrt" style="margin-top: 6em;"> +<span class="bt" style="white-space: nowrap;">Druck von der Offizin</span><br /> +<span class="bb" style="white-space: nowrap;">Fr. Richter in Leipzig</span> +</p> + +<div class="tnote break-before" style="margin-bottom: 5em; padding: 0.5em 0em;"><a name="Corrections" id="Corrections"></a><div style="margin-left: 0.5em; margin-right: 0.5em;">Die folgende Änderung gegenüber dem Originaltext wurde vorgenommen:<br /> +<span class="correction-list"><br />Die erste Zeile entspricht dem Original, die zweite Zeile enthält die Korrektur.</span> +<ul> +<li><a href="#Page_57">Seite 57</a>:<br /> +<span class="correction-list">das einer im Lämpchen einen langengen dunkeln +Gang hinunterträgt<br /></span> +das einer im Lämpchen einen <ins class="correction" title="langengen">langen</ins> dunkeln +Gang hinunterträgt +</li> +</ul> +</div> +</div> + +</div> + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Das Judengrab. Aus Bimbos +Seelenwanderungen, by Ricarda Huch + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS JUDENGRAB *** + +***** This file should be named 33827-h.htm or 33827-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/3/8/2/33827/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Alexander Bauer and the +Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/33827-h/images/logo.png b/33827-h/images/logo.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..20c9673 --- /dev/null +++ b/33827-h/images/logo.png diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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