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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 19:59:38 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die Festungen gegenüber den gezogenen Geschützen + +Author: Moritz von Prittwitz + +Release Date: August 22, 2010 [EBook #33491] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE FESTUNGEN GEGENBER *** + + + + +Produced by Markus Brenner and Irma Spehar. + + + + + +Die Festungen gegenüber den gezogenen Geschützen. + +von + +Moritz von Prittwitz + + + +Die neuern Verbesserungen im Geschützwesen sind zwar dienstlich noch +nicht veröffentlicht worden, aber bereits zur Kenntniß so vieler +preußischen und fremden Militairs gelangt, und so vielfach mündlich, +schriftlich und in gedruckten Memoiren besprochen: daß es an der Zeit +ist, gründlich und mit ruhiger Besonnenheit auch von Seiten der +Ingenieure die Frage zu erörtern, welchen Einfluß diese Verbesserungen +auf die Konstruction neuer Befestigungsanlagen ausüben werden, und +welche Maßregeln in unsern bereits fertigen Festungen zu ergreifen sind, +um den Wirkungen einer solchen verbesserten Angriffsartillerie so +erfolgreich als möglich entgegenzutreten. + +Es kann zuvörderst durchaus nicht davon die Rede sein, diese +Verbesserungen an und für sich leugnen, heruntersetzen oder gering +schätzen zu wollen. Dazu stehen die bereits erlangten Resultate zu fest +und für die Folge ist jedenfalls eher ein weiterer Fortschritt in diesen +Verbesserungen zu erwarten als ein Rückschritt. + +Ebenso wenig kann es hier darauf ankommen, den Nachweis zu führen, in +wie weit diese Verbesserungen auch der Festungs-Artillerie, ja dieser +sogar vielleicht in höherm Grade als der Angriffs-Artillerie zu Gute +kommen werden. Denn so wichtig auch die Beantwortung _dieser_ Frage für +den vorliegenden Zweck wäre: so hat sie doch eben keinen Einfluß auf die +positiven Maßregeln, welche die Vertheidigung nunmehr wegen dieser +Verbesserungen zu ergreifen hat, und welche den eigentlichen Gegenstand +der folgenden Blätter bilden. + +Es ist jedoch nothwendig, eine allgemeine Bemerkung in dieser Hinsicht +vorauszuschicken, die zur richtigen Würdigung alles Nachstehenden von +besondrer Wichtigkeit ist. + +Es giebt nämlich kein fortifikatorisches Vertheidigungsmittel, welches +es auch sei, das nicht endlich durch den Feind zerstört, unschädlich +gemacht, überwältigt oder überstiegen werden könnte. Dessenungeachtet +kann dasselbe immer noch ein sehr wirksames Vertheidigungsmittel sein +und bleiben. Seit Anwendung der Druckkugeln und Minenschächte beim +Angriff z. B. haben die Kontreminen entschieden von ihrer Wirksamkeit +verloren. Dennoch wird kein Ingenieur Anstand nehmen, sie in geeigneten +Fällen anzuwenden. Ein ähnliches Verhältniß tritt bei dem Mauerwerk ein, +wie wir dies später ausführlicher sehen werden. Bei Verbesserungen in +der Kriegskunst handelt es sich also in Bezug auf die Befestigungsanlagen +immer nur darum: ob die Kosten einer neuen fortifikatorischen Anlage mit +dem davon zu erzielenden Nutzen im richtigen Verhältniß stehen? -- bei +bereits bestehenden fortifikatorischen Anlagen: ob es der Mühe und +Kosten lohnt, diese oder jene Summe auf ihre Verbesserung zu verwenden, +oder ob es vorzuziehen sei, diese Anlagen in ihrem jetzigen Zustande zu +belassen? + +Die Beantwortung dieser Fragen ist nun äußerst schwierig, weil es gar +keinen irgend brauchbaren Maaßstab giebt, um den Werth und die +Widerstandsfähigkeit einer fortifikatorischen Anlage nur mit einiger +Zuverlässigkeit zu messen. Es ist dabei Alles der individuellen +Einsicht, man möchte sagen, dem Gefühl der Beurtheilenden überlassen und +darum werden auch niemals bei fortifikatorischen Fragen dieser Art die +Ansichten Mehrerer übereinstimmen. Man kann deswegen nichts Besseres +thun, als die pro und contra in ausführlicher und unbeschränkter +Discussion zu erörtern und dann nach bestem Ermessen zu urtheilen oder +zu entscheiden. + + * * * * * + +In Bezug auf die vorliegende Frage werden wir die aus der Verbesserung +des Geschützwesens sich ergebenden Veränderungen und Verbesserungen in +der Befestigung am Klarsten erkennen, wenn wir die verschiedenen +Schußarten einzeln betrachten. Ich fange mit derjenigen an, die bisher +und in neuester Zeit vorzugsweise besprochen worden ist, nämlich mit dem +Brescheschuß. + + + + +A. Brescheschuß. + + +1. Direkter Brescheschuß. + +Wir müssen hier unterscheiden: die Breschelegung auf nahe und diejenige +auf größere Entfernungen. + +Wenn die gewöhnlichen Breschbatterien einmal zum Feuern gekommen sind, +ist die Breschelegung immer als eine Operation von kurzer Dauer +angesehen worden, so daß die größere Wirksamkeit der gezogenen Geschütze +hierbei von geringem Einfluß auf die Dauer der Belagerungen sein wird. + +In älterer Zeit hat man wohl mitunter den Escarpenmauern eine +unverhältnißmäßige Dicke gegeben, um sie widerstandsfähiger gegen den +Brescheschuß zu machen. In neuerer Zeit ist dies aber niemals -- am +Wenigsten bei unsern neuern preußischen Festungs-Bauten geschehen, indem +man wohl erkannte, daß der dadurch zu erzielende Zeitgewinn, mit den +erforderlichen Kosten durchaus in keinem Verhältniß stehe -- (wie dies +auch bereits in meinen Beiträgen zur angewandten Befestigungskunst S. 6. +ausgesprochen ist). In dieser Beziehung ändert sich also durch die +Anwendung der gezogenen Geschütze nichts Wesentliches. + +Ebenso haben bekanntlich die Engländer bereits vor 50 Jahren im +spanischen Kriege den direkten Brescheschuß bis auf 800 Schritt +Entfernung mit Erfolg in Anwendung gebracht. Ich brauche die +mannigfaltigen Verhandlungen über diese Art des Brescheschießens nicht +zu wiederholen. Es wurde schon damals hervorgehoben, daß es mit dem +Brescheschießen allein nicht abgemacht sei; daß man vielmehr bis zur +Bresche approchiren müsse -- und daß ein ohne gedeckte Annäherung +ausgeführter Sturm stets ein sehr blutiger sein werde. Außerdem +vertheidigten sich auch diejenigen Festungen, deren Mauern aus der +Entfernung gesehen werden konnten, noch mit großer Energie und wenn auch +im Allgemeinen die Nothwendigkeit anerkannt wurde, das Mauerwerk +möglichst dem feindlichen Feuer zu entziehen, so kamen doch Fälle genug +vor, (auch bei unsern neuern Festungs-Bauten) in welchen man trotz jener +allbekannten Erfahrungen keinen Anstand nahm, Mauerwerk dem entfernten +feindlichen directen Schuß auszusetzen: + + entweder, weil man ein Breschelegen an der blosgegebenen Stelle + überhaupt nicht fürchtete; + + oder, weil man durch ein überlegenes Geschützfeuer die Erbauung + und das Feuer der feindlichen Breschbatterie unmöglich zu machen + hoffte; + + oder endlich, weil es kein anderes Mittel gab, den Zweck zu + erreichen, namentlich weil es an Platz fehlte, um besser + gedeckte Festungswerke aufzuführen, an Stellen, wo es darauf + ankam, gewisse Terraintheile unter Feuer zu nehmen. + +Alle diese Verhältnisse bestehen auch jetzt noch, nur mit dem +Unterschiede, daß das was sonst auf 800 Schritt ausführbar war, jetzt +auch auf die doppelte und größere Entfernung möglich ist. + +Auch die Erfahrungen bei Sebastopol haben hierin nichts geändert. Denn +sie ergeben, daß das Mauerwerk der Küstenforts von dem Feuer der Schiffe +durchaus nicht auf eine bemerkenswerthe Weise beschädigt wurde und wenn +die von Weitem gesehenen Mauerwerke auf den Landfronten in einer +11monatlichen Belagerung endlich zusammengeschossen wurden, und der +Malakoff bei dem letzten Sturm noch einen solchen Widerstand leistete, +daß seine geringe Besatzung sich nur in Folge einer Kapitulation ergab, +so kann man unmöglich daraus folgern, daß fortan die Anwendung des +Mauerwerks in den Festungen ganz unzulässig sei. Es liegen uns in dieser +Beziehung auch zwei sehr wichtige und competente Zeugnisse vor. + +General Niel sagt nämlich in seiner Belagerung von Sebastopol, S. 443: + + »Betroffen von der langen Dauer der Belagerung von Sebastopol + haben einige fremde Offiziere die Ansicht ausgesprochen, daß die + Mauerescarpen von keinem unbestrittenen Nutzen bei der + Vertheidigung der Festungen seien.« + + »Sebastopol, ein großes verschanztes Lager, vertheidigt durch + Erdbefestigungen von starkem Profil, zog seine vornehmste Stärke + von einer Geschützarmirung, wie man sie nur in einem großen + Kriegshafen finden kann, -- und von einer zahlreichen Armee, die + immer ihre freien Verbindungen mit dem Innern von Rußland + behalten hat. Wäre die Enceinte mit guten gemauerten Escarpen + versehen gewesen, hätte man darin Bresche legen und durch enge + Zugänge eindringen müssen, hinter denen die Spitzen unserer + Angriffs-Colonnen eine Armee gefunden haben würden: _so wäre + Sebastopol eine nicht zu erobernde Festung gewesen._« + + »Man vergleiche die Angriffsarbeiten vor Sebastopol mit denen + einer gewöhnlichen Belagerung und man wird finden, daß am 8. + September, dem Tage des letzten Sturmes, nach den größten + Anstrengungen nur erst die Cheminements fertig waren, welche der + Krönung des Glacis vorhergehen. Man war also noch gar nicht in + den Bereich der schwierigsten und mörderischsten Arbeiten einer + Belagerung gelangt und es lag auch keine Veranlassung vor, sich + darauf einzulassen, da die Gräben und Brustwehren der Enceinte + nicht sturmfrei waren, wie es der Erfolg gezeigt hat. Die + Schwierigkeit bestand vielmehr eben so sehr darin, die russische + Armee auf einem seit lange zur Vertheidigung eingerichteten + Terrain, als das materielle Hinderniß der Befestigung zu + überwältigen. Unsere letzten Parallelen waren 30 Meter[1] von + den angegriffenen Werken entfernt und man konnte daher sich + unerwartet auf den Feind werfen, den das Feuer unserer + Artillerie bis zum letzten Augenblick genöthigt hatte, Schutz + unter zahlreichen Blendungen zu suchen. Wäre man mit den + Angriffsarbeiten weiter vorgegangen, würde man die russische + Armee nur veranlaßt haben, die Initiative des Angriffs zu + ergreifen.« + + [1] 95-1/2 preuß. Fuß. + + »Das Fehlen der Escarpenmauern, welche den Platz vor einer + Leiterersteigung geschützt hätten, übte nicht weniger Einfluß + auf die Vertheidigung aus, denn die Belagerten waren genöthigt, + fortwährend in den Kehlen ihrer Werke starke Reserven bereit zu + halten, um einen Angriff zurückzuschlagen, mit dem sie vom + Beginn der Belagerung an bedroht waren.« -- + +Ganz übereinstimmend hiermit spricht sich der so kriegserfahrene oberste +englische Ingenieur-General Sir John Fox Burgoyne in seinen »Military +opinions« (S. 190 bis 196) (Über Erdwerke und die Vertheidigung von +Sebastopol) aus. Er sagt: + + »Es sind kürzlich einige irrige Ansichten darüber in England in + Umlauf gekommen, (denn im Auslande denkt man nicht daran [?]) + daß die lange Vertheidigung von Sebastopol hauptsächlich den + Vorzügen der Erdwerke vor gemauerten Werken, und der + Geschicklichkeit zuzuschreiben ist, mit welcher die russischen + Ingenieure sich diese vermeintliche Entdeckung zu Nutze zu + machen wußten.« + + »Schon vor einigen Jahren wurde dieser Gegenstand lebhaft + verhandelt und verfochten, und jetzt, wo bei der glänzenden + Vertheidigung von Sebastopol dergleichen Erdwerke in Anwendung + gekommen sind, soll daraus ein siegreicher Beweis für ein System + gezogen werden, was damit durchaus in keiner Verbindung steht.« + + »Die Russen waren genöthigt, ihre Vertheidigungswerke bei einer + unerwarteten Veranlassung rasch auszuführen und sie benutzten + dazu das seit unvordenklichen Zeiten in solchen Fällen + angewandte Mittel, nämlich Erdwerke -- nicht aus freier Wahl, + sondern weil ihnen nichts anderes übrig blieb und sie verdienen + in dieser Beziehung das größte Lob, -- nicht aber wegen der + vorurtheilsfreien Anwendung von Erdwerken, sondern wegen ihrer + energischen Vertheidigung, trotz der Schwäche und + Unvollkommenheit solcher Werke.« + + »Die Hauptargumente gegen das Mauerwerk sind, außer seiner + großen Kostbarkeit, daß es aus der Entfernung in Bresche gelegt + werden kann und daß die abspringenden Steinstücke den + Vertheidigern gefährlicher sind, als Voll- und Hohlkugeln. Aber + man muß sich klar machen, daß diese Übelstände nicht nothwendig + mit gemauerten Werken verbunden sind, daß vielmehr, wo diese + Übelstände vorkommen, dies daher rührt, daß die betreffenden + Festungsanlagen von sehr altem Datum sind, oder die Localität so + beschränkt ist, daß es für zweckmäßigere Anlagen, namentlich für + Senkung des Mauerwerks unter den Horizont, so daß bloß die + Brustwehr zu sehen ist, an Platz mangelt. Denn will man das + System der Anwendung von Erdwerken durchaus als eine neuere + Verbesserung ansehen, so muß man es mit dem in neuerer Zeit von + den Ingenieuren immer als Regel aufgestellten System + vergleichen, daß die Brustwehren aus Erde bestehen und daß die + Escarpen von außen nicht gesehen seien, bis man an den Graben + gelangt. Hierdurch werden die oben gedachten zwei Übelstände + gehoben.« + + »Eine der wesentlichsten Vertheidigungsmittel ist immer eine + senkrechte Wand oder Mauer, welche die Angreifer passiren + müssen. Ist diese Mauer über 30 Fuß hoch und flankirt, dann ist + sie ein formidables Hinderniß und eine Ersteigung desselben (und + etwas anderes bleibt nicht übrig, so lange die Mauer nicht + zerstört ist) ein höchst gewagtes Unternehmen, was nur bei + vollständiger Überraschung oder großer Schwäche des + Vertheidigers gelingen kann.« + + »Daraus folgt die Nothwendigkeit, eine Bresche zu bilden; aber + in solche gute gedeckte Werke kann die Bresche (direkt) nur + gelegt werden, mittelst Batterien auf der Contrescarpe und die + große Zunahme der Schwierigkeiten ist bekannt, welche der + Angreifer findet, je mehr sich seine Approchen und Batterien dem + Platze nähern. Und wenn denn auch wirklich eine oder mehrere + Breschen zu Stande gekommen sind, haben dieselben für den Sturm + doch nur immer eine begrenzte Ausdehnung, während Erdwerke auf + dem ganzen Umkreis des Platzes eine solche Bresche darstellen.« + + »Wenden wir das Vorstehende auf Sebastopol an. Die Franzosen + hatten endlich nach ungeheueren Anstrengungen und Opfern, ein + Logement 30 Yards[2] von dem Graben der feindlichen Werke sich + verschafft. Es steht fest, daß die Schwierigkeiten weiter + vorzugehen so groß für sie wurden, daß sie nicht näher an den + Platz heranrücken konnten, und doch, wäre der Platz auf die + gewöhnliche Weise mit permanenten Werken befestigt gewesen, + hätten sie nothwendig Breschbatterien auf der Contrescarpe + anlegen müssen, um Breschen von einiger Ausdehnung zu erlangen, + welche für die starken Angriffskolonnen, durch welche allein der + Platz genommen werden konnte, doch nicht genügenden Raum gewährt + haben würden. Ebenso wäre es bei den innern Retranchements + gewesen.« + + [2] 87-1/3 preuß. Fuß. + + »Obgleich bei Befestigungsanlagen das Mauerwerk in der Regel vor + dem feindlichen Geschützfeuer aus der Entfernung gedeckt werden + soll, so giebt es doch Fälle, wo man davon absehen muß und auch + absehen kann. Namentlich ist dies der Fall bei Küstenbatterien. + Denn manchmal liegt eine kleine Insel, ein Felsen, oder schmaler + Terrainabschnitt sehr günstig, um die feindlichen Schiffe + abzuhalten, ist aber nur gerade groß genug für einen größern + oder kleinern Thurm. Um aber die nöthige Geschützzahl + aufzustellen, müssen mehrere Stockwerke und darum ein hohes + Gebäude angelegt werden. Solche Gebäude haben nun trotz der + ihnen anklebenden Mängel, die man auch nach Möglichkeit + beseitigen muß, oft eine sehr kräftige Wirkung, und es ist + durchaus ein Irrthum, daß sie durch Feuer von Schiffen so leicht + zerstört und zum Schweigen gebracht werden können.« + + »Aber auch außer den Fällen, wo Mauern dem Feuer der + Schiffs-Artillerie ausgesetzt werden, sind sie auch sonst noch + zulässig, ja oft unvermeidlich.« + + »So kommt es manchmal vor, daß ein befestigter Punkt nur + Sicherheit gegen einen Handstreich gewähren soll, wie z. B. in + allen Fällen, wo die Umstände nicht gestatten, Geschütz dagegen + in Anwendung zu bringen. Ebenso wenn der Zweck des Werkes + erfüllt ist, sobald der Feind genöthigt wird, vielleicht mit + großer Schwierigkeit Geschütze dagegen aufzustellen, oder auch + zum Schluß der Kehlen der Außenwerke, wo es darauf ankommt, daß + das Mauerwerk von unserer eigenen Artillerie wieder + eingeschossen werden kann. In allen diesen Fällen ist Mauerwerk + den Erdwällen vorzuziehen.« -- + +Nach solchen Zeugnissen wird man die Anwendung von gemauerten Escarpen +in den Festungen auch jetzt noch gerechtfertigt und nicht unnütz finden +und den neuen preußischen Festungsanlagen nur an wenig Stellen den +Vorwurf machen können, Mauerwerk blosgegeben zu haben, wo es besser +durch Erdwälle gedeckt worden wäre. Letzteres findet namentlich bei +mehrern ältern Thurmforts statt, bei denen es allerdings wünschenswerth +sein wird, nachträglich noch entweder auf Verwandlung der gemauerten +Brustwehren in Erdbrustwehren, oder auf Deckung der von Außen gesehenen +kasernirten Etage Bedacht zu nehmen. + +Ich bemerke in letzterer Beziehung, daß es da, wo Raum genug vorhanden +ist und die Höhenverhältnisse es gestatten, wohlfeiler und zweckmäßiger +sein wird, die obere kasemattirte Etage beizubehalten und lieber den +vorliegenden deckenden Wall cavalierartig zu erhöhen. + +Bei einem Umbau oder Neubau solcher Kasematten, würde demnächst auch zu +untersuchen sein, ob nicht die Konstruktion der kasemattirten Batterie +auf Tafel 80 B. meiner Beiträge etc. oder eine ähnliche Konstruktion in +Anwendung kommen könnte, namentlich wenn die Bedeckung der Erdscharten +mittelst Eisenbahnschienen, sich bewähren sollte, und dadurch die +Möglichkeit gegeben wäre, das ganze Mauerwerk, auch über den Scharten, +mit Erde zu decken.[3] Eine Eindeckung der Scharten mit Balken erscheint +dagegen nach den auf S. 46 meiner Beiträge beschriebenen Versuchen mit +hölzernen bedeckten Geschützständen, nicht rathsam. + + [3] Nach einer mir gewordnen Mittheilung von zwei + fremdherrlichen Offizieren haben dieselben neuerdings in England + Versuchen mit gezogenen Geschützen von schwerem Kaliber gegen + Bekleidungen von Eisen beigewohnt, welche sehr günstige Resultate + ergaben. So weit sie beobachten konnten, bestand diese vor einer + Mauer angebrachte Bekleidung aus horizontal über einander + gelegten, mit einer Nuthe und Feder versehenen, Eisenschienen + (wahrscheinlich Puddlingsstahl) von 12' Länge, 8" Breite, 4" + Dicke. Die Schartenwangen waren ebenfalls mit Eisen bekleidet. Das + Mauerwerk zeigte sich als ganz entbehrlich. Der Unternehmer (aus + Wales) war seiner Sache so sicher, daß er sich hinter diese + Eisenwand während der Versuche stellen zu wollen erklärte. Er + behauptete, eine solche Eisenwand koste nicht mehr, als eine Mauer + und war bereit für die Befestigung von Antwerpen dergleichen + Eisenbekleidungen zu liefern. Genauere Kenntniß zu nehmen, + gestattete er nicht. Es scheint, daß durch die Nuthen und Federn + der Stoß des Geschosses sich auf die ganze Fläche des Eisens + vertheilt. + + Sollte sich eine derartige Benutzung des Eisens bewähren, so steht + eine ausgedehntere Anwendung desselben zu erwarten und würde darin + ein ganz wesentliches Vertheidigungsmittel gegen den Brescheschuß + gegeben sein. + +Ich gehe nunmehr über zu dem + + +2. indirekten Brescheschuß. + +Schon im Jahre 1824 hatten die Woolwicher Versuche gezeigt, daß es +möglich sei, Festungsmauern, auch wenn man sie nicht sehen kann, aus +größerer Entfernung durch flache Bogenschüsse zu zerstören. (Siehe meine +Beiträge zur angewandten Befestigungskunst S. 88. ff.) Dies Verfahren +erregte schon damals großes Aufsehen und gab zu vielfachen Discussionen +Veranlassung, als deren Endergebniß sich Folgendes herausstellte: + + a) daß dies indirekte Brescheverfahren allerdings unter + Umständen sehr wohl anwendbar erscheine; + + b) daß es namentlich auch gegen alle kasemattirte Flankirungen + und flankirende Linien, wenn der Feind sich in die Verlängerung + der auf die letztern treffenden Gräben aufstellen kann, mit + gutem Erfolge werde gebraucht werden können; + + c) daß dieses neue Verfahren zwar die meist sehr schwierige + Erbauung der Contre- und Breschbatterien und das Brescheschießen + aus der Nähe, sonst aber die übrigen langwierigen + Belagerungsoperationen und Annäherungsarbeiten nicht erspart; + + d) daß das Brescheschießen aus der Entfernung, außerdem, daß die + Beurtheilung der Gangbarkeit der Bresche sehr schwierig sei, dem + Vertheidiger den Punkt bezeichne, wo man eindringen will und ihm + gestatte, geeignete Gegenmaßregeln zu treffen, Abschnitte + anzulegen, die Bresche zu unterminiren, und dergleichen, so daß + dies neue Brescheverfahren nur denjenigen schlechtern Festungen + besonders gefährlich werden wird, bei welchen ein sogenannter + beschleunigter Angriff stattfinden kann. + +Durch die neuern Verbesserungen in diesem Verfahren, in Folge Anwendung +von gezogenen Geschützen, hat sich nun in diesen Verhältnissen nichts +Wesentliches geändert und es steht daher keineswegs zu besorgen, daß +dasselbe die Festungen so ohne Weiteres zum Falle bringen werde, wie +dies, namentlich von artilleristischer Seite, mehrfach vorausgesetzt +wird: denn es verkürzt, wie gesagt, nur _eine_ der verschiedenen +Angriffsoperationen und zwar in einem Verhältniß, das in der +Wirklichkeit gewiß ein ganz anderes und um viele Procente geringeres, +als das auf unsern Exercierplätzen erzielte sein wird, wo weder das +Feuer der Festung, noch die Unkenntniß der Entfernungen und Wirkungen +störend influirt. + +Ich will nicht einmal ein Gewicht darauf legen, daß, wie Einige +behaupten, die vergrößerte Wirkung der Geschütze auch eine viel +entferntere Anlage der ersten Parallele nothwendig machen und dadurch +(wie bei Sebastopol) den feindlichen Angriff sehr verzögern werde, weil +ich glaube, daß die Entfernung der ersten Parallele größtentheils von +andern Umständen abhängig ist. + +Es kommt nun darauf an, zu untersuchen, ob die Vertheidigung nicht auch +Mittel hat, sowohl bei neuanzulegenden Festungen, als bei bereits +vorhandenen, die Wirkung des in Rede stehenden Verfahrens zu vernichten +oder wenigstens zu ermäßigen. Um dies besser zu übersehen, müssen wir +die drei Fälle unterscheiden, welche hauptsächlich vorkommen können, +nämlich das indirekte Brescheschießen + + a) gegen Escarpenmauern quer über den Graben, + + b) gegen Flankenkasematten und flankirende Linien, die der Länge + der Festungsgräben nach getroffen werden können, + + c) gegen Reduits hinter deckenden Wällen oder Glaciscreten. + + +#ad a.# + +_Gegen Escarpen quer über die Festungsgräben._ + +Wir haben schon oben gesehen, warum man die gemauerten Escarpen -- +Wassergräben ausgenommen -- nicht entbehren kann. + +Um sie vor dem indirekten Brescheschuß zu sichern, wird es vor Allem +rathsam sein, sie überall mit Contrescarpen zu versehen und demnächst +die Gräben möglichst eng und tief, auch den bedeckten Weg nicht zu breit +zu machen, damit die einfallenden Geschosse die Mauer unter möglichst +steilem Winkel treffen, der, wenn er mehr als 7° beträgt, wegen des +dann erforderlichen Munitionsaufwandes die Anwendung des indirekten +Brescheschusses nach dem jetzigen Stande der Sache, schon bedenklich +macht. + +Daß die freistehenden Mauern bei wesentlich geringern Kosten, wenigstens +ebenso gut widerstehen, als Futtermauern und Dechargenkasematten, durfte +nach den Jülicher Versuchen als feststehend anzusehen sein. + +Sehr zu beachten wird es bei Neuanlagen ferner sein, daß auch die Dächer +der freistehenden Mauern nicht von Außen gesehen werden können, damit +der Feind an denselben nicht die Wirkung seines Brescheschießens +erkennen könne. Auch bei vielen bereits vorhandenen Anlagen wird sich +diese Verbesserung noch nachträglich anbringen lassen. + +Es ist davon die Rede gewesen, die Wirkung der Geschosse bei ihrer +jetzigen Einrichtung dadurch zu paralisiren, daß man sie durch Wände von +Balken, Brettern oder Flechtwerk, die man vor den Escarpenmauern oder +auch auf der Contrescarpe anbrächte, ehe sie an die Mauer gelangen: +allein es würde dann der Artillerie gewiß sehr bald gelingen, die +Explosion so zu verzögern, daß sie erst stattfände, nachdem die Mauer +getroffen ist. + + +#ad b.# + +_Gegen kasemattirte Flanken und flankirende Linien, der Länge der +Festungsgräben nach._ + +Für Neuanlagen wird in Folge dessen der seit lange anerkannte, in meinen +Beiträgen (Seite 123) bereits ausführlich behandelte, aber leider auch +bei unsern Neuanlagen sehr wenig beachtete Grundsatz sich geltend +machen, daß man dem Feinde immer so viel als möglich gerade Fronten und +keine Saillants, am wenigsten spitze Saillants entgegensetzen müsse, +vielmehr das Polygonaltracee immer den Vorzug verdiene, bei dem die +Verlängerungen der Gräben so nahe wie möglich der Festung liegen, so daß +der Feind immer nur erst bei größerer Annäherung in diesen +Verlängerungen seine indirekten Contrebatterien aufstellen kann. + +Demnächst werden die Grabencaponieren, wie es auch schon häufig +geschehen ist, in vielen Fällen zweckmäßig an den Saillants angebracht +werden können. + +Ein drittes sehr wirksames auch bei fertigen Festungen fast immer noch +anzuwendendes Hülfsmittel sind Reverskasematten und Gallerien in den +ausspringenden Winkeln der Contrescarpe. Sie haben zwar den Nachtheil, +daß auch sie durch die feindlichen Angriffsminen zerstört werden können, +ehe sie in Wirksamkeit treten. Allein dies ist immer eine zeitraubende +Operation, die erst in Anwendung kommen kann, wenn der Feind mit seinen +Approchen bis an die Glaciscrete gelangt ist. + +Die Anwendung von Erdmasken, halben Koffers, Diamants und dergleichen +vor den flankirenden Batterien wird ebenfalls unter Umständen in +Anwendung kommen können, obgleich sie großen Einschränkungen aus andern +Ursachen unterliegt. + +Aber selbst wenn uns diese einfachen und wirksamen, auch für bereits +fertige Werke anwendbare Mittel nicht zu Gebote ständen, fragte es sich +immer noch, ob man wegen der Möglichkeit solcher indirekten +Contrebatterien unter allen Umständen die gewöhnlichen Grabencaponieren +aufgeben müsse? Ich glaube es nicht. Eine gute Grabenvertheidigung ist +das wichtigste Sicherungsmittel gegen einen gewaltsamen Angriff und +erreicht man diesen Zweck am Einfachsten durch Grabencaponieren, dann +muß man sich es schon gefallen lassen, daß im Laufe einer förmlichen +Belagerung, ein oder zwei Flanken durch indirekten Schuß unbrauchbar +gemacht werden, was sonst allerdings nur durch direkte in ihrer +Ausführung und Anwendung viel schwierigere Contrebatterien zu geschehen +pflegt. Der Feind muß dann immer noch erst den Sturm wagen. + +Übrigens wird die Wirkung der indirekten Contrebatterien in der +Wirklichkeit, noch schwerer zu beurtheilen sein, als die der +Breschbatterien, weil ihr Zweck nicht der ist, die ganze Escarpenmauer +zum Einsturz zu bringen, sondern blos die Scharten zu zerstören; der +Zustand der Scharten aber von Außen fast gar nicht zu beurtheilen sein +wird. + +Schließlich bemerke ich, daß die von einer Seite vorgeschlagene Erhöhung +der Wälle und der bedeckten Wege an den Stellen, über welche die +Geschosse der indirekten Contrebatterien hinwegstreichen, einerseits +wegen der dadurch bedingten partiellen Erhöhungen der Feuerlinie nicht +ausführbar sein, andernseits den Einfallswinkel meistens nur unbedeutend +vergrößern würde, so daß von diesem Mittel jedenfalls abstrahirt werden +muß. + + +#ad c.# + +_Gegen Reduits._ + +Der Zweck der Reduits ist immer der, dem Feinde, nachdem er die vordere +Linie genommen hat, noch einen Widerstand in zweiter Linie +entgegenzusetzen. -- Die Anlage von Reduits gilt daher als eine +wesentliche Verstärkung, namentlich gegen den gewaltsamen Angriff, indem +es bei einem solchen kaum denkbar ist, daß nachdem der Feind die vordere +Vertheidigungslinie überwältigt hat, er noch so viel Kraft besitzen +sollte, auch noch in demselben Anlauf das zweite Hinderniß zu besiegen. +Da nun bei allen Befestigungsanlagen es die erste Bedingung ist, den +Feind zu einem förmlichen Angriff zu nöthigen: so werden auch jetzt noch +die Reduits diesen Zweck zu erfüllen vollkommen im Stande sein, indem es +nicht wohl denkbar ist, daß der Feind ohne förmliche Belagerungsarbeiten, +Batteriebau und dergleichen, ein oder mehrere Reduits sollte außer +Thätigkeit setzen können. + +Gegen den förmlichen Angriff leisten die Reduits weniger, weil, wenn der +Angreifer erst die vordere Linie genommen hat, der Widerstand des +zweiten Hindernisses meist nicht mehr lange zu dauern pflegt. + +Nachdem hiermit das Wesen der Reduits im Allgemeinen angedeutet ist, und +zwar gilt das eben Gesagte auch mehr oder weniger für die Reduits in den +Waffenplätzen, muß ich hier wieder auf den oben ausgeführten Satz +zurückkommen, daß darum ein Vertheidigungsmittel noch nicht zu verwerfen +ist, weil es der Feind überwältigen kann. Es kommt vielmehr immer darauf +an, daß der Widerstand, den es zu leisten vermag, mit seinen Kosten noch +im angemessenen Verhältniß stehe. Und dies wird auch jetzt noch bei den +meisten Reduits der Fall sein, trotz der unverkennbaren großen +Wirksamkeit des indirekten Brescheschusses gegen dieselben: denn sie +werden nach wie vor allen Anlagen eine große Sicherheit gegen den +gewaltsamen Angriff gewähren und wenn sie diesen Zweck erfüllt haben, +dann mag immer eins und das andere von ihnen dem indirekten Brescheschuß +gleich beim Beginn der Belagerung unterliegen, wobei immer noch +diejenigen Schwierigkeiten für den Feind, um solche Breschen benutzen zu +können, bestehen, die wir schon eben bei den Escarpen im Allgemeinen +kennen gelernt haben. -- + +Daß man die Reduits ganz aufgeben und gar keine mehr anlegen müsse, ist +daher eine Folgerung, die meines Erachtens aus den Ergebnissen unserer +verbesserten Artillerie nicht gezogen werden kann. + +Allerdings werden wir bei der Neuanlage von Reduits sie der Wirksamkeit +des indirekten Schusses möglichst entziehen müssen. Dies wird geschehen, +wenn wir + + a) diesen Reduits niemals eine solche Lage geben, daß die + indirekten Batterien gegen sie in der Verlängerung von Gräben + oder Linien des bedeckten Weges aufgestellt werden können. + Hierzu wird wesentlich beitragen die schon oben als nothwendig + hervorgehobene, möglichst frontale Anlage unserer + Befestigungs-Linien. Bei vorhandenen Reduits in den eingehenden + Waffenplätzen werden Traversen Abhülfe gewähren; + + b) wenn wir die Reduits immer so nahe als möglich an die + deckenden Brustwehren heranrücken, so daß der Einfallwinkel der + feindlichen Geschosse wo möglich größer als 7° wird. + + Die einer solchen Lage zum Vorwurf gemachte nachtheilige + Wirkung der Steinsplitter auf die Vertheidiger des vorliegenden + Walls wird durch leichte Rückenwehren von Brettern, Balken und + doppelten Flechtzäunen auf der Contrescarpe oder dem Revers des + Wallgangs größtentheils unschädlich gemacht werden können. -- + + c) Wenn wir diese Reduits nicht zu groß machen (indem ihre Größe + nicht ihrer Wirksamkeit proportional ist) vielmehr den durch + sie gewährten bombensichern Raum uns auf andere Weise + beschaffen, indem wir + + d) namentlich die Hohltraversen vermehren, welche verhältnißmäßig + mit geringen Kosten diesen Zweck erfüllen und den Nutzen haben, + in unmittelbarster Nähe der Breschen, einer bereitstehenden + Truppe bis zum Augenblicke der wirklichen Action, ein + geschütztes Unterkommen zu gewähren; und indem wir + + e) einen Theil des erforderlichen bombensicheren Raums uns an + Stellen schaffen, die vom feindlichen Feuer nicht beunruhigt + werden können, also unter den Wällen der Werke etc. + +Hiernach wird es z. B. nach einer vom General Todleben mir angedeuteten +Idee zulässig sein, hinter den Profilmauern eines größern Werks zwei +kleine Reduits anzubringen, die mit kreuzendem Feuer das Innere des +vorliegenden Werks bestreichen, ohne von den indirekten Batterien des +Feindes mit Erfolg gefaßt werden zu können. + +Schließlich bemerke ich noch, daß durch die bisherigen Versuche durchaus +noch nicht erwiesen ist, daß in größern Reduits (Defensivkasernen) wo +kein nachstürzender oder dahinter liegender Wall vorhanden ist, +überhaupt eine brauchbare Bresche zu erlangen sei, d. h. eine solche, in +welcher man sich festsetzen kann. Im Gegentheil dürfte dies in +Ermangelung eines Erdwalls sehr schwierig sein. -- + +Ich glaube, das Vorstehende wird wenigstens im Stande sein, die +Ingenieure und Festungsvertheidiger einigermaßen über die Wirkungen des +verbesserten direkten und indirekten Brescheschusses zu beruhigen, wenn +ich auch die Wichtigkeit desselben keineswegs unterschätze. Wir wollen +nun sehen, ob die gezogenen Geschütze den Festungswerken nicht +vielleicht auf andere Weise ebenso nachtheilig und nachtheiliger werden +können. Ich gehe nämlich über zu dem + + + + +B. Demontirschuß. + + +So weit ich die Sache zu beurtheilen vermag, wird hier ein ziemliches +Gleichgewicht zwischen den gezogenen Geschützen des Angriffs und der +Vertheidigung stattfinden, mit folgenden Modifikationen: + + a) Der Angreifer kann seine demontirte Artillerie beliebig + ergänzen, der Vertheidiger nicht. Je mehr daher der Angreifer + gleich von Hause aus Geschütze gegen die Festung aufstellen + kann, je eher wird er ein Übergewicht über dieselbe erlangen + und behaupten und dies Übergewicht wird bei gezogenen + Geschützen an und für sich viel bedeutender und intensiver + sein. Daraus folgt + + [alpha]) daß das Gleichgewicht der Festungsartillerie gegen + die Angriffsartillerie nur durch eine sehr starke + Geschütz-Dotirung der Festungen einigermaßen wird erlangt + werden können und + + [beta]) daß nur _große_ Festungen noch der feindlichen + Artillerie allenfalls gewachsen sein werden, kleine + Festungen dagegen jetzt in einer noch viel nachtheiligeren + Lage sich der Angriffs-Artillerie gegenüber befinden, als es + schon bei dem bisherigen Zustande des Geschützwesens der + Fall war. Kleine Festungen sind daher ganz aufzugeben, oder + bedeutend zu erweitern. + +Die zweite Modifikation in jenem Gleichgewicht beider Artillerien in +Bezug auf den Demontirschuß ist die, daß + + b) der Vertheidiger in der Regel eine dominirende Aufstellung + haben wird, die, wie die Geschichte aller Belagerungen lehrt + und sich auch theoretisch darthun läßt, immer große Vortheile + gewährt. Bei Anlage oder Verbesserung von Festungswerken wird + man daher stets bedacht sein müssen, sich diesen wesentlichen + Vortheil durch hohe Erdwälle (Kavaliere) zu verschaffen. + (Vergleiche auch meine Beiträge zur angewandten + Befestigungskunst S. 34. Ich habe darum auch bereits oben + empfohlen, freiliegende Reduits nicht abzutragen, sondern + lieber die vorliegenden Wälle zu erhöhen.) + + + + +C. Der Ricochettschuß. + + +Ich verstehe hierunter nicht nur den eigentlichen Ricochettschuß, +sondern jeden Schuß oder flachen Bogenwurf, mittelst dessen Voll- und +Hohlkugeln, sowie Shrapnels und Granaten gegen offene Wallgänge der +Länge nach über die deckende Brustwehr der anliegenden Face hinweg im +flachen oder stärkern Bogen geschleudert werden. So weit mir bekannt, +haben nicht blos Granaten aus Haubitzen, sondern auch Shrapnels aus +glatten Geschützen auf diese Weise gegen offene Wälle angewandt, ganz +günstige Resultate gegeben, und wenn auch diese Art von Feuer aus +gezogenen Geschützen und aus großen Entfernungen bisher noch nicht +ausgebildet worden ist: so steht dies doch für die Folge zu erwarten und +die Wirkung eines solchen Feuers kann nicht zweifelhaft sein, während +zugleich eine Erwiederung desselben von Seiten der Festung, indem man +die Parallelen des Angreifers -- wie es auch in der Belagerung von +Sebastopol versucht wurde -- echarpirend beschießt, doch bei Weitem +nicht ebenso erfolgreich wirken kann. + +Gegen ein solches Feuer wird es nun bei bereits fertigen Werken kein +anderes Mittel geben, als Vervielfältigung der Traversen, -- wie sie +auch in Sebastopol stattfand -- und wo möglich, nachträgliche +Anbringung von Hohltraversen. Aber es ist nicht zu verkennen, daß +dieses Mittel der eigentlichen Geschützaufstellung sehr viel Raum +entzieht und daher ebenfalls nur bei geräumigen Festungen anwendbar, in +kleinen Festungen aber mehr oder weniger unausführbar ist -- ein +Argument mehr, gegen das Bestehen der kleinen Festungen. + +Bei neuen Anlagen wird sich dagegen auch hier die schon mehrfach +hervorgehobene frontale Lage der Wälle dem Angriff gegenüber empfehlen. + + + + +D. Der Enfilirschuß. + + +Ich will unter dieser Bezeichnung zuletzt noch alle diejenigen +Schußarten und flachen Bogenwürfe zusammenfassen, welche, außer den +bereits gedachten, aus großen Entfernungen gegen die Werke oder das +Innere der Festungen und die darin befindlichen Gebäude, nach +verschiedenen Richtungen, und namentlich von erhöhten Punkten aus, +gerichtet werden können. + +Man hatte bisher ziemlich allgemein den Grundsatz angenommen, daß +Angriffsbatterien auf größern Entfernungen (über 1200 bis 1500 Schritt +hinaus) den Festungen wenig nachtheilig seien. Schon die Einführung der +Bombenkanonen hat diesen Grundsatz sehr erschüttert und wir sehen +bereits in Sebastopol den Geschützkampf erfolgreich in großen +Entfernungen eröffnet. Die gezogenen Geschütze werden dies in noch +höherm Grade geschehen lassen und dominirende Höhen, die bisher +unbeachtet geblieben sind, werden künftig von großem Einfluß auf die +Vertheidigung sein. Ich erkenne an, daß dieser Umstand für mehrere von +unseren in unebenem Terrain gelegenen Festungen von großer Bedeutung ist +-- einer größern vielleicht, als der verbesserte Brescheschuß -- und es +wird daher ein Gegenstand von der größten Wichtigkeit sein, daß das +Terrain vor unsern Festungen auf 4000 ja bis 5000 Schritt untersucht und +die Haupthöhen desselben durch Nivellements ermittelt und gemessen +werden, indem, wie schon eine flüchtige Besichtigung zeigt, manche +bisher unbeachteten Höhen künftig durch Seiten- und Rückenfeuer die +Vertheidigungsfähigkeit einzelner unserer Werke auf das Nachtheiligste +beeinträchtigen möchten. Als Gegenmittel gegen diesen Übelstand +erscheint einerseits die Vervielfältigung von Traversen, andererseits +die Anlage weit vorgeschobener Werke geboten, beides Maßregeln, die zwar +mehr oder weniger ausführbar sein werden, unter allen Umständen aber, +namentlich die Letztere, -- die reiflichste Erwägung erfordern, die +daher den betreffenden Herrn Inspekteuren, Platz-Ingenieuren und +Festungs-Bau-Direktoren im Verein mit den Artillerie-Offizieren der +Plätze nur auf's Angelegentlichste empfohlen werden kann. + +In Bezug auf die Sicherung der großen Pulvermagazine gegen das direkte +und indirekte Feuer solcher entfernten Batterien ist bereits eine +Berichterstattung erfolgt, worüber die höhere Entscheidung abgewartet +werden muß. -- + +Es ist nicht zu verkennen, daß die Befestigungskunst -- wie es in der +Kriegskunst schon mehrmals vorgekommen -- sich gegenüber den jetzigen +wesentlichen Verbesserungen des Geschützwesens und der Feuerwaffen +überhaupt in der schwierigen Lage befindet, mit diesen Verbesserungen +schwer Schritt halten zu können, einerseits, weil die Gegenmaßregeln +ihrer Natur nach überhaupt erst ermittelt werden müssen und nur nach und +nach Eingang finden können, andererseits weil die vorhandenen, auf +hundertjährige Dauer und länger, angelegten Befestigungen diesen +Neuerungen nicht ohne Weiteres folgen können und eine Umformung +derselben nur in viel längern Zeiträumen und mit viel größerem +Kostenaufwand möglich ist, als z. B. die Umformung der Artillerie, der +Feuerwaffen etc. Dem Ingenieur wird daher nichts übrig bleiben, als daß +er diese Neuerungen und Verbesserungen aufmerksam verfolge. -- Daß er +ferner auf's Reiflichste erwäge, welche Veränderungen die bisherigen +Begriffe von Defilement, Kasematten, Flankirung, Tracee, Profil, +Developpement und Größe der Festungen etc. erleiden werden und erleiden +müssen, -- daß er bemüht sei, danach die alten Befestigungen zu +verbessern und umzuformen und die neuen von Hause aus anzulegen -- +endlich, daß er sich bewußt werde, welche andere Mittel in seiner +reichen Rüstkammer als: die Wassergräben, Contrescarpen, +Reversgallerien, Traversen, Cavaliere und vor Allem die Contreminen, das +Infanteriefeuer und die active Vertheidigung, ihm noch zu Gebote stehen, +um auch ferner noch den Dienst des Ingenieurs, wenn auch meist nur als +Schutzwaffe, aber als eine sehr hülfreiche, ja unentbehrliche, +erscheinen zu lassen, welche noch immer Hülfs- und Vertheidigungsmittel +genug besitzt, um nicht, wie Einige vielleicht meinen mögen, schon beim +ersten Schuß eines gezogenen Feld-Sechspfünders die Vertheidigung der +Festungen muthlos aufzugeben. + +Berlin, den 24. November 1860. + + v. _Prittwitz_, + Generallieutenant. + + + +Anmerkungen zur Transkription: Dieser Artikel erschien 1861 im +»Archiv für die Offiziere der Königlich Preußischen Artillerie- und +Ingenieur-Corps.«, 25. Jahrgang, 49. Band, Kapitel X und XI. +Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert, kleinere +Unregelmäßigkeiten in der Schreibweise wurden beibehalten. + +Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Die Umlaute Ae, Oe und +Ue wurden durch Ä, Ö, Ü ersetzt. Die Fraktur-Ligatur für »etc.« wurde +durch etc. ersetzt. Textauszeichnungen wurden folgendermaßen ersetzt: + +Sperrung: _gesperrter Text_ +Antiquaschrift: #Antiquatext# + + +Transcriber's Notes: This article has originally been published in 1861 +in »Archiv für die Offiziere der Königlich Preußischen Artillerie- und +Ingenieur-Corps.«, 25th year of publication, volume 49, chapters X and +XI. Obvious printing errors have been corrected, while minor +irregularities in the spelling have been retained. + +The original book is printed in Fraktur font. The Umlauts Ae, Oe and Ue +have been replaced by Ä, Ö, Ü. The ligature for "etc." has been replaced +by etc. Marked-up text has been replaced by: + +Spaced-out: _spaced out text_ +Antiqua: #text in Antiqua font# + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die Festungen gegenüber den gezogenen +Geschützen, by Moritz von Prittwitz + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE FESTUNGEN GEGENBER *** + +***** This file should be named 33491-8.txt or 33491-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/3/4/9/33491/ + +Produced by Markus Brenner and Irma Spehar. + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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