summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/33017-8.txt
diff options
context:
space:
mode:
authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 19:58:42 -0700
committerRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 19:58:42 -0700
commit09551aa84c517a88c7c9885347d0c80acef26ff7 (patch)
treed9aba4229913b218b7a7a4a70785e9c0d6d0572a /33017-8.txt
initial commit of ebook 33017HEADmain
Diffstat (limited to '33017-8.txt')
-rw-r--r--33017-8.txt5420
1 files changed, 5420 insertions, 0 deletions
diff --git a/33017-8.txt b/33017-8.txt
new file mode 100644
index 0000000..e7ccc8f
--- /dev/null
+++ b/33017-8.txt
@@ -0,0 +1,5420 @@
+The Project Gutenberg eBook, Amerikanische Wald- und Strombilder. Erster
+Band., by Friedrich Gerstäcker
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+
+
+
+Title: Amerikanische Wald- und Strombilder. Erster Band.
+
+
+Author: Friedrich Gerstäcker
+
+
+
+Release Date: June 28, 2010 [eBook #33017]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AMERIKANISCHE WALD- UND
+STROMBILDER. ERSTER BAND.***
+
+
+E-text prepared by richyfourtytwo, Delphine Lettau, and the Project
+Gutenberg Online Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net)
+
+
+
+Transcriber's note:
+
+ Obvious misspellings have been corrected. The spelling of
+ names has been regularised and missing punctuation added.
+ A few words appear in two different spellings; these have
+ been retained.
+
+ The original highlights text in two ways: by spacing letters
+ (gesperrt) and by using a Roman font (Antiqua). The former
+ is represented _thus_, the latter =thus=.
+
+ Two particular words which may strike the modern reader as
+ mistakes, Stöpfel (Stöpsel) and klaffen (kläffen), were in
+ fact correct at the time.
+
+ A list of corrections is at the end of the e-book.
+
+ANMERKUNGEN
+
+ Offenkundige orthografische Fehler wurden stillschweigend
+ korrigiert. Namen wurden vereinheitlicht und fehlende
+ Zeichensetzung ergänzt.
+
+ Manche Wörter treten in zweierlei Schreibungen auf und
+ wurden so belassen. Gesperrt Gedrucktes im Original wird
+ _so_ angezeigt, Antiqua =so=.
+
+ Zwei Wörter werden dem Leser bzw. der Leserin als mögliche
+ Fehler vielleicht besonders auffallen: Stöpfel (Stöpsel)
+ und klaffen (kläffen); sie lassen sich aber in der damaligen
+ Zeit so nachweisen.
+
+
+
+
+
+Amerikanische
+Wald- und Strombilder.
+
+Von
+
+_Friedrich Gerstäcker_.
+
+Dritte Auflage.
+_Erster Band_.
+
+
+
+
+
+
+
+Leipzig,
+_Arnoldische Buchhandlung_.
+1862.
+
+
+
+
+Inhalt des ersten Bandes.
+
+ Seite
+ Der Leichenräuber 1
+ Nordamerikanische Jagd 55
+ Curtis Brautfahrt 131
+ Schulen in den Backwoods 185
+ Die Alligator-Jagd 206
+
+
+
+
+Die Leichenräuber.
+
+
+Seit dem Krieg mit den Seminolen (1818) hatten sich die Stämme der
+nordamerikanischen Indianer ziemlich still und ruhig verhalten und
+die Regierung selbst vermied natürlich Jedes, was wieder zu Reibungen
+und Streitigkeiten Anlaß geben konnte. Nichts desto weniger und trotz
+tausend verschiedenen Freundschaftsversicherungen und geschlossenen
+Bündnissen, drängte sie die armen Kinder der Wildniß immer weiter und
+weiter von den Gräbern ihrer Väter zurück, und nahm ihnen sogar, wenn
+ein paar trunkene Häuptlinge vielleicht ihre Zustimmung gegeben, wieder
+Strecken hinweg, in deren _fortwährendem_ Besitz sie frühere Präsidenten
+bestätigt hatten.
+
+Da standen, dieser Willkühr müde, im April des Jahres 1832 die
+Winnebagoes, die Füchse und Sioux's auf, und wollten unter ihrem
+tapferen Häuptling _Black Hawk_ -- _der schwarze Falke_ -- ihr
+schönes am oberen Mississippi gelegenes Besitzthum von den frechen
+Eindringlingen reinigen. Wohlbewaffnet und beritten richteten sie auch
+fürchterliche Verwüstungen in den Grenzländern ihrer weißen Unterdrücker
+an; sie umzingelten und vernichteten ganze Ansiedlungen, mordeten und
+scalpirten jedes lebende Wesen und erfüllten den ganzen Staat mit Furcht
+und Beben.
+
+Die Regierung sah sich endlich gezwungen ernsthafte Maaßregeln zu
+ergreifen und Gewalt mit Gewalt zu vertreiben; denn die Indianer,
+von ihrem leichten Sieg berauscht, drohten auch die Nachbarstaaten
+mit ihren wilden Schaaren zu überfluthen. Die Generäle Atkinson und
+Scott wurden deshalb mit der Vertheidigung der Grenzen beauftragt.
+Unter des Letzteren Truppen aber, die man in Buffalo an Bord von
+Dampfbooten schaffte, um sie in der dringenden Noth auch schnell dem
+Kriegsschauplatz zuführen zu können, brach die Cholera aus -- die
+übermäßige Hitze und das Zusammendrängen so vieler Menschen in einem
+kleinen Raum war die Ursache, entsetzliches Elend aber die Folge dieser
+Krankheit. Viele starben, Viele desertirten, und mußten dann, von Seuche
+und Hunger gleich aufgerieben, in den Wäldern umkommen. General Atkinson
+dagegen traf durch forcirte Märsche an der Mündung des oberen Iowa mit
+Black Hawks Kriegern -- es war am 2. August -- zusammen, schlug nach
+glücklichem Kampf die Indianer und nahm sogar ihren Häuptling und
+dessen Sohn gefangen, die beide zuerst in Fort Monroe mehrere Monate
+festgehalten, dann aber durch alle Hauptstädte der vereinigten Staaten
+geführt wurden, um ihnen die Macht zu zeigen, gegen die sie einen Krieg
+unternommen, und ihnen zugleich zu beweisen, wie thöricht, wie ganz
+hoffnungslos jedes weitere Auflehnen gegen solche ungeheure Streitkräfte
+sein müßte.
+
+Black Hawk erschrack besonders über die für ihn so bedeutende Anzahl
+waffenfähiger junger Männer, und kehrte, bestürzt über das was er
+gesehen, zu den Seinigen zurück. Er widersetzte sich auch von da an
+nicht länger dem Beschluß der Regierung, die, um einem zweiten Einfall
+der Wilden vorzubeugen, und sich zugleich das schöne Land vollkommen zu
+sichern, was jene bis jetzt noch immer bewohnten, sämmtliche Stämme an
+das westliche Ufer des Mississippi schaffte.
+
+Jahre waren hiernach vergangen, die Jagdgründe jener tapferen Nationen
+wühlte der Pflug auf, die Gebeine der Krieger bleichten neben denen
+des von ihnen selbst erlegten Wildes in Wald und Prairie, und nur noch
+einzelne und nicht oft die besseren der Stämme waren zurückgeblieben und
+im weiten Land zerstreut, wo sie sich mit Körbeflechten, oder auch mit
+der Jagd kümmerlich ernährten.
+
+In dieser Zeit also und etwa im Jahre 1845 hatte sich auch ein alter
+Indianer, aus dem Stamme der Winnebagoes, dann und wann in Waterton,
+einem kleinen Städtchen am Forriver, eingefunden, und für Prairiehühner
+oder einen gelegentlich erbeuteten Hirsch, Pulver, Blei, Whiskey und was
+er sonst brauchen mochte, eingetauscht. Eines Tages aber, ob er nun des
+Guten ein Bischen zu viel gethan, oder sonst vielleicht schon vorher
+krank gewesen, hatte er kaum das gewöhnliche Geschäft beendet, und einen
+Theil seines Whiskeys getrunken, als er krampfhafte Zufälle bekam, zu
+Boden stürzte und wenige Minuten darauf den Geist aufgab.
+
+Allerdings wurde der Doktor -- der einzige im kleinen Städtchen und
+zwar ein Ire -- augenblicklich gerufen -- jede Hülfe kam jedoch zu spät,
+der arme alte Mann hatte geendet, und in einem roh gezimmerten Sarge
+trug man ihn etwa eine englische Meile von der Stadt fort, wo ein
+alter »Indianischer Mound« oder Erdhügel lag, der stets von dort
+vorbeikommenden Wilden besucht ward und der Begräbnißort eines großen
+Häuptlings der »Füchse« sein sollte. Dort, aus einer Art Zartgefühl, das
+dem armen alten Indianer gerade da seine Grabstätte anwies, grub man
+ihm sein letztes Bett, und bald verrieth nichts weiter, als die frisch
+aufgeschüttete Erde, den stillen Ruheort eines alten Mannes, der doch
+wenigstens in dem Lande schlafen durfte, in dem sein Stamm einst
+geherrscht und glücklich gewesen war.
+
+Eine Person lebte aber in Waterton, die alles Mögliche gethan hatte, um
+dieses Begräbniß zu hintertreiben, und diese Person war eben der, schon
+früher erwähnte kleine irische Doktor, der -- zum Nutzen der Menschheit,
+wie er behauptete -- seit dem Tode des Indianers nicht abließ mit Bitten
+und Versprechungen, den Leichnam ausgeliefert zu bekommen, damit er ihn
+seciren und dadurch vielleicht wichtige Entdeckungen in diesem Zweige
+der Wissenschaft machen könne. -- So lautete nämlich der Grund, den er
+angab, eigentlich wünschte er aber nur das Skelett zu besitzen, für das
+er in New-York einen bedeutenden Preis zu bekommen wußte.
+
+Nun hätten sich die guten Wolferinen[1] wohl allerdings sehr wenig
+daraus gemacht, was aus dem Leichnam eines Indianers wurde, die sie,
+der verübten Gräuel wegen, sämmtlich in die höllischen Regionen
+wünschten; eben diese Greuelscenen waren aber auch noch zu frisch in
+ihrem Gedächtniß, und nicht mit Unrecht fürchteten sie, wenn so etwas von
+ihrem Ort bekannt geworden wäre, die Rache der übrigen Wilden, die, wenn
+auch nicht offen ausgeführt, ihrem kleinen unbeschützten Flecken um so
+verderblicher werden konnte.
+
+ 1: Spitzname für die Bewohner von Illinois.
+
+Überdies war der alte »_Salomo_« -- wie sie ihn genannt hatten, obgleich
+er sich keineswegs zur christlichen Religion bekannt -- so lange Jahre
+dort aus- und eingegangen, daß wirklich eine Art Freundschaft zwischen
+ihnen aufgesprungen schien, und zugleich mit der Scheu, die _alle_
+Hinterwäldler vor dem Zerschneiden und Zerlegen eines menschlichen
+Leichnams haben, widersetzten sie sich einstimmig der Bitte des Doktors.
+Der Indianer wurde begraben und damit glaubten sie die Sache abgemacht.
+
+Dem war aber nicht so; Doktor Mac Botherme sah allerdings, daß hier mit
+weiteren Protestationen Nichts mehr auszurichten sei, eins aber blieb
+ihm noch, und zwar die List. Schon in Irland hatte er manchen Leichnam
+stehlen helfen, und wenn auch _die_ Zeit viele viele Jahre lang hinter
+ihm lag -- Jahre, in denen er noch kräftig und jung gewesen -- so
+wußte er auch dafür, daß das Ausgraben eines Körpers mitten im Wald,
+wo er Entdeckung gar nicht zu fürchten brauchte, mit viel weniger
+Schwierigkeiten und Gefahr verknüpft sei -- ja, wäre es nicht des
+unbemerkten Heimschaffens der Leiche und vielleicht der halbunbewußten
+Furcht vor Indianern wegen gewesen, er hätte das ganze Abenteuer allein
+bestehen können; so aber mußte er sich nach einem Gehülfen umsehen,
+und den fand er augenblicklich in seinem eigenen Diener, einem erst
+in demselben Monat eingewanderten, noch rohen, oder wie sie in Amerika
+sagen, _wilden_ Irländer, den er leicht, durch Versprechung eines guten
+Lohnes, dahin zu bewegen hoffte ihm beizustehn, wie auch später über die
+ganze Sache reinen Mund zu halten.
+
+Um aber nun mit dem Doktor, der so kühne Absichten hatte und einer
+ganzen Gemeinde und den Schrecknissen des Grabes trotzen wollte, etwas
+näher bekannt zu werden, muß ich den guten Mann wohl bei dem Leser in
+Lebensgröße einführen.
+
+Doktor Mac Botherme war ein kleines korpulentes Wesen, mit rothen
+Backen, etwas echauffirter Nase, kleinen grauen Augen, grauen
+Augenbraunen und pechschwarzem Haar, welches letztere ihm übrigens
+ein keineswegs nordländisches Aussehen verliehen haben würde, wären
+nicht die aufgestülpten Geruchswerkzeuge, wie das ganze fröhliche,
+breitgedrückte Antlitz des immer munteren Doktors zu sichere Bürgen
+der »grünen Insel« gewesen. Nach seiner, dem Leser eben mitgetheilten
+Absicht, möchte dieser jedoch verleitet werden, den Doktor für ein
+Wunder von Muth, Entschlossenheit und Charakterfestigkeit zu halten, da
+er trotz der verweigerten Einwilligung von Waterton dennoch auf seiner
+Absicht bestand, und jetzt sogar eine Leiche bei Nacht Nebel stehlen
+wollte -- ein Geschäft, vor dem selbst der kühnste Jäger jener Wälder
+zurückgeschreckt sein würde. Dem war aber gar nicht so. --
+
+Doktor Mac Botherme hatte allerdings, was auch schon sein »Geschäft«
+mit sich brachte, keine Furcht vor Leichen -- der menschliche Körper
+war ihm etwa dasselbe, was einem eifrigen Botaniker die Pflanze
+ist, die er zerlegt und nach ihren inneren Theilen classificirt; er
+würde also auch das Stehlen der Leiche an sich selbst als etwas sehr
+unschuldiges, ja vielleicht Interessantes betrachtet haben, wäre nicht
+noch ein anderer Umstand dazu gekommen, der allerdings der ganzen Sache
+eine Schattenseite gab, und ihn sogar mit einem Gefühl erfüllte, das, er
+mochte sich dagegen sträuben so viel er wollte -- der _Furcht_ ungemein
+ähnlich sah.
+
+Die Leiche lag nämlich im Wald -- eine Meile von jeder menschlichen
+Wohnung entfernt, und erst vor wenigen Tagen hatten die Jäger von
+Waterton gerade dort einen Panther gejagt und _nicht_ erwischt. Der
+Panther mußte also noch nothwendiger Weise im Walde sein, denn es war
+nicht einmal auf ihn geschossen worden, so daß man sich vielleicht damit
+hätte beruhigen können, er sei verwundet und später irgendwo verendet.
+
+Außerdem schienen auch die Einreden der Bewohner von Waterton einen
+nicht unbedeutenden Eindruck auf ihn gemacht zu haben, daß sich nämlich
+in letzter Zeit wieder mehrere Indianer, und zwar von den Winnebagoes
+eben in der Gegend gezeigt hätten, die, wenn sie von dem Leichenraub
+eines ihres Stammes hören sollten, nie im Leben eine solche That
+vergessen, sondern sie an dem Thäter und seiner ganzen Nachbarschaft
+rächen würden, indem sie, wenn sie nicht dieser selbst habhaft würden,
+doch wenigstens ihre Maisfelder und Häuser in Brand steckten und ihnen
+vielleicht auch noch außerdem mit heimlicher Kugel im Walde auflauerten.
+
+Das Alles blieb zu bedenken, die Versuchung zeigte sich aber hier zu
+stark, Mac Botherme konnte nicht widerstehen, und beschloß nun, der
+äußeren Vorsicht und der Bequemlichkeit im Allgemeinen wegen seinen eben
+angenommenen Diener Patrik O'Flaherti zu Schutz und Hülfe _mit_zunehmen
+und die Sache wo möglich vollkommen geheim zu halten.
+
+O'Flaherti, ein wahres Muster eines Irländers der niederen Klassen,
+mit brennendrothem Haar und ordentlich Funken sprühender Nase
+-- starkknochig und keck, mit unverwüstlichem Humor und nicht zu
+ermüdender Dienstfertigkeit, war denn auch, besonders noch durch die
+zugesicherte reichliche Belohnung gelockt, gern bereit, dem Doktor, wie
+er sich ausdrückte, »durch dick und dünn zu folgen,« heißt das, wenn sie
+es nur »mit wirklich todten« Personen zu thun hätten, und nicht etwa gar
+der Geist des »seligen Rothfells« neben dem Grabe säße und aus seinem
+Tomahawk schlechten Tabak rauche.
+
+Auch hatte Patrik -- der sonst _keinen_ Menschen fürchtete, eine nicht
+unbedeutende Scheu vor den Wilden selbst, da ihm schon in der Heimath
+die fürchterlichsten Schilderungen von diesen gemacht waren, die
+dort als Cannibalen und wahre Teufel verschrieen wurden. Das was er,
+in Illinois angekommen, hie und da über die letzten Einfälle und
+Gräuelscenen gehört, diente ebenfalls nicht dazu, ihm einen besseren
+Begriff von ihnen beizubringen, und so äußerte er denn auch diese
+Befürchtung ziemlich frei und offen gegen seinen neuen Herrn. Mac
+Botherme, obgleich er Ihm im Innern vollkommen recht gab, hütete sich
+jedoch wohl, ihm davon etwas merken zu lassen; im Gegentheil suchte er
+mit dem unbefangensten Lächeln von der Welt jede etwa aufsteigende
+Furcht in ihm zu beschwichtigen.
+
+Das gelang ihm denn auch vollkommen, und die Ausführung des Unternehmens
+wurde auf den nächsten Abend festgesetzt, da an diesem, als an einem
+Sonntag, nicht zu fürchten war, daß vielleicht irgend Jemand von
+Waterton auf der Jagd draußen sei, und zufällig in die Nähe des
+Indianischen Mound kommen könnte. Alle nöthigen Vorbereitungen wurden
+nun getroffen, und der Plan schien sich auch leicht und gefahrlos
+ausführen zu lassen.
+
+Der Doktor bewohnte nämlich ein eigenes kleines Haus mit zwei
+Abtheilungen, in deren einer er und der Diener schlief, während er die
+andere zu seinem Wohn- und Studierzimmer erhoben hatte. In das erstere
+nun sollte die Leiche geschafft und dort zubereitet werden, bis sich
+später einmal eine Gelegenheit fand, das hergerichtete Gerippe ohne
+Aufsehen an den Ort seiner Bestimmung zu befördern.
+
+Patrik mußte sich dabei Hacke und Schaufel zurecht legen, und der Doktor
+nahm die alte Muskete vom Haken, schnallte seinen breiten, bis dahin zu
+Schutz und Trutz über dem Bett hängenden Hirschfänger um, steckte ein
+Brecheisen und kleines Beil zu sich, um ohne weitere Mühe den Sarg
+öffnen zu können, und während er noch das Letzte -- einen großen grauen
+Leinwandsack über seine Schultern hing, um darin den Leichnam desto
+leichter fortschaffen zu können, brachen an dem bezeichneten Abend die
+Beiden, als der Mond eben unterging (und das war etwa gerade um neun
+Uhr) vorsichtig auf, wobei sie, um jedes Aufsehen zu vermeiden und nicht
+etwa von einem noch zufällig auf der Straße Weilenden bemerkt zu werden,
+das kleine Haus umgingen, die nächste Fenz, die des Gastwirths Maisfeld
+einschloß, übersprangen, und dann durch dieses hin, und von den hohen
+breitblättrigen Maisstöcken vollkommen verdeckt, dem Walde zueilten.
+
+Es war dies allerdings ein ziemlich bedeutender Umweg, den sie machten;
+sie hatten ja aber die ganze Nacht vor sich, und setzten so, leise und
+geräuschlos, ihren dunkeln unheimlichen Weg fort. --
+
+Indessen saßen in der Schenke von Waterton die vier einzigen _nicht_
+religiösen Männer, die, außer dem Doktor und Patrik in dem kleinen
+Städtchen zu finden waren, fröhlich beisammen, und thaten dem erst
+frisch von Vincennes eingetroffenem Biere alle nur mögliche Ehre an.
+Diese vier waren aber erstlich James Glassy, der Wirth selbst, ein seit
+der frühsten Gründung von Waterton hier eingewanderter Pennsylvanier,
+und kurzweg von seinen Bekannten und Gästen _Jim_ genannt, dann _Josy_,
+der Schmied, _Weppel_, der Schulmeister, und _Shark_, der Krämer.
+
+Eines nur, wie sie so friedlich und heiter bei einander saßen, wirkte
+höchst störend auf ihre Unterhaltung ein, und zwar ein Umstand, der
+vielleicht zugleich wieder die Dauer ihrer Eintracht verbürgte -- sie
+waren alle viere Demokraten, hatten für Polk gestimmt, und im Ganzen
+eine so genau übereinstimmende Meinung in Allem was Politik betraf, daß
+Weppel der Schulmeister mehrere Male in aller Verzweiflung erklärte, er
+werde nächstens _gegen_ seine Überzeugung des Whigticket stimmen, blos
+um einmal in einer so verwünscht langweiligen Gesellschaft widersprechen
+zu können.
+
+Die Politik war deshalb auch fast ganz aus ihrer Unterhaltung verbannt,
+und Jim hatte eben einen Bericht gegeben, wie viel Bienenbäume er im
+letzten Monat gefunden, während sich Josy seines Glücks auf der Jagd
+rühmte, mit dem er in voriger Woche zwei Hirsche und drei Truthühner
+geschossen und Shark behauptete dabei, er würde auch einen Hirsch und
+noch dazu einen recht feisten Bock erlegt haben, wäre ihm nicht gerade,
+als er die Büchse heben wollte, so eine verwünschte Rothhaut in die
+Quere gekommen, die ein paar Sekunden früher geknallt, und dadurch ein
+ungemein delikates Stück Wildpret für sich gewonnen hätte.
+
+»Wir sollten es überhaupt gar nicht mehr dulden,« fuhr jetzt Weppel auf,
+»daß diese schleichenden Hallunken, diese Indianer, hier immer um die
+Ansiedlung herum kriechen -- in Arkansas leiden sie's auch nicht -- ich
+hielt im vorigen Jahr am Mulberry Schule, und da fingen sie einmal einen
+ganzen Trupp von ihnen auf -- es waren ihrer vierzehn oder fünfzehn
+-- nahmen ihnen die Jagdbeute ab und jagten sie aus dem County.«
+
+»Ja,« sagte Shark geheimnißvoll -- »das hat aber auch hier eine andere
+Bewandtniß -- wißt Ihr denn nicht, was man sich in Vincennes über
+Waterton erzählt?«
+
+»In Vincennes?« frug ungläubig Josy -- »was wissen sie denn in Vincennes
+von uns, wovon wir hier an Ort und Stelle noch nicht einmal etwas gehört
+haben sollten -- Unsinn -- wäre doch verdammt neugierig _das_ zu
+erfahren!«
+
+»Was sie in Vincennes wissen, will ich Euch sagen,« fuhr Shark fort,
+trank sein Blechmaas aus, das ihm von der aufmerksamen Wirthin
+augenblicklich wieder gefüllt wurde, rückte sich seinen Stuhl ein
+bischen näher zum Tisch, putzte das Licht, stemmte beide Ellbogen auf,
+stützte gegen die zurückgestreckten Daumen das spitze Kinn, und sagte
+dann nach allen diesen Vorbereitungen mit leise flüsternder Stimme:
+
+»Sie glauben, es wäre hier nicht ganz richtig.« --
+
+»Nicht ganz richtig?« frugen die drei übrigen wie aus einem Munde.
+
+»Nein« -- sagte der Krämer -- »nicht ganz richtig -- oder eigentlich
+_gar_ nicht richtig, denn die Indianer schnüffelten blos deshalb hier
+noch in der Nähe herum, weil sie auf der Stelle, wo Waterton jetzt
+stünde, einen Schatz vergraben hätten, den sie heben müßten, ehe sie
+sämmtlich das Land verlassen dürften.«
+
+»Einen Schatz?« rief die junge Wirthin, erstaunt näher tretend.
+
+»Ja, einen Schatz von Gold, Silber und allerlei kostbaren Steinen und
+Schmucksachen« -- fuhr der Krämer eben so geheimnißvoll wieder fort.
+
+»Aber wo sollten sie denn das Alles hergekriegt haben,« sagte der
+Wirth ungläubig -- »das was die Indianer für kostbar halten, ist für
+uns Weiße keinen Pfifferling werth -- das sind gewöhnlich immer nur
+Muschelstückchen, die an den Wampum genäht werden, rothe Erde, um
+Pfeifen d'raus zu machen, und allerlei seltene Federn, die man in
+New-York für einen Spottpreis kaufen kann.«
+
+»Wo sie's hergekriegt haben sollen?« rief Shark in allem Eifer;
+-- »haben sie denn nicht von jeher die weißen Ansiedlungen überfallen,
+und da geraubt und fortgeschleppt, was ihnen unter die Hände kam? wird
+denn nicht sogar behauptet, daß es in dem Alleghany-Gebirge Stellen
+gebe, wo das Gold klumpenweis läge, und daß es die Indianer wohl
+gefunden und mitgenommen, aber nicht gewußt hätten, was sie damit
+anfangen sollten, bis sie es später durch die Gier der Europäer
+erfahren! Nein, die Schätze sind da, das ist gewiß, und daß sie hier in
+der Nähe liegen mögen, vielleicht gerade hier unter uns, wo wir jetzt
+sitzen, das ist auch möglich. Was _hätten_ denn auch wirklich die rothen
+Hallunken immer hier herum zu suchen? gestern bin ich wieder Dreien
+begegnet, wie ich, um ein Eichhörnchen zu schießen, in den Wald ging.«
+
+»_Die_ sind nach Vincennes zu,« unterbrach ihn hier die Wirthin, »sie
+wollten auch blos eine Parthie Otterfelle verkaufen und dachten gewiß
+wenig genug an Schätze.«
+
+»So?« rief der Krämer pikirt. -- »Otterfelle verkaufen, als ob sie
+deshalb nach Vincennes zu gehen brauchten. Da gibt es auch in Waterton
+Leute, die Geld genug haben, ihnen ein paar lumpige Otterfelle
+abzukaufen. Nein, das hat einen anderen Grund, und wir werden's schon
+noch erfahren. Deshalb war ich übrigens auch so dagegen, daß der kleine
+Doktor den Indianer zerschneiden sollte -- der Teufel hole die rothen
+Schurken, vielleicht hätten sie das als eine Ausrede genommen, uns die
+Häuser über dem Kopf angesteckt, und hier mitgenommen, was sie
+mitzunehmen wünschten.«
+
+»Ja, das sag' ich auch« -- meinte Josy -- »das wäre auf keinen Fall
+gegangen; ich weiß noch recht gut, wie sie's ein Mal in Greentown einem
+Deutschen machten, der auch das Gerippe von einem am Mississippi
+begrabenen Häuptling hatte stehlen wollen -- sie erwischten ihn dabei
+-- zogen ihm den Scalp ab, und ließen ihn laufen -- drei Stunden drauf
+war er todt. Ich habe die Geschichte Mac Botherme zur Warnung erzählt.«
+
+»Ja, und nachher haben sie noch fünf aus derselben Ansiedlung
+erschossen,« sagte Weppel -- »ich kann mich recht gut darauf besinnen,
+denn ich kam acht Tage später durch Greentown.«
+
+»Und dann war Salomo auch ein herzensguter Mensch« sagte Mrs. Glassy
+-- »gar nicht wie die anderen Indianer -- überall gefällig und immer
+freundlich -- es hätte mir in der Seele weh gethan, wenn er nicht einmal
+ruhig im Grabe geblieben, sondern von dem -- Irländer da, zerschnitten
+wäre. Soviel weiß ich -- wenn der hier in Waterton Menschen die
+Eingeweide herausnimmt und an ihnen herumsticht als wie an einem anderen
+Stück Vieh, dann mag er mir nur hier aus dem Hause bleiben, dann dank'
+ich ihm für seinen Besuch -- ich ekelte mich zu Tode.«
+
+»Na, das wäre nun das Wenigste,« lachte ihr Mann -- »das wäscht
+sich Alles wieder ab, und was Salomo betrifft, so ist Einer von den
+Moccasinzertretern so schlimm wie der andere -- je freundlicher sie sich
+stellen, desto mehr muß man sich vor ihnen in Acht nehmen. Aber darin
+hat Shark recht -- ich möchte nachher nicht mehr vor die Thür gehen,
+wenn es unter dem Stamm bekannt würde, wir hätten hier in Waterton Einen
+von ihnen nicht allein nicht begraben, sondern sogar noch zerschnitten
+-- am Ende glaubten sie gar, wir wären Menschenfresser.«
+
+»Brrr,« sagte Mrs. Glassy, und schüttelte sich bei dem Gedanken.
+
+»Ja Kinder,« meinte Mr. Weppel, als er jetzt aufstand und ans Fenster
+trat, um hinaus auf die menschenleere Straße zu sehen -- »was Besonderes
+ist hier nicht weiter zu bekommen, und da will ich denn lieber zu Hause
+gehen -- meine Alte möchte doch sonst brummen.«
+
+»Wie viel Uhr hat's denn?« frug Jim -- »es muß ja noch früh sein.«
+
+»Es ist gerade neun vorbei,« sagte der Schullehrer, »der Mond drückt
+sich auch da drüben in's Nest -- morgen muß ich um sieben wieder auf den
+Beinen sein und Schule geben -- also gute Nacht, meine Herren.«
+
+»Wartet Weppel,« rief Shark, während er aufstand und nach seinem eignen
+Hute griff -- »ich gehe mit -- ich muß so ein Bischen in's Freie, habe
+in der Stubenluft ordentlich Kopfweh bekommen. Aber wer klopft da
+draußen -- ist denn zugeschlossen?«
+
+Die Thüre war inwendig eingeklingt und Mrs. Glassy öffnete sie schnell,
+hätte aber fast einen lauten Angstschrei ausgestoßen, als plötzlich,
+halbgebückt, den rabenschwarzen runden Wollkopf entblößt, ein kleiner,
+etwa zwölfjähriger Negerknabe in's Zimmer glitt, der, augenscheinliche
+Angst in den dunklen Zügen, die Männer der Reihe nach ansah, und nicht
+zu wissen schien, ob er mit der Sprache heraus sollte.
+
+»Jesus im Himmel!« sagte Mrs. Glassy, indem sie überrascht einen Schritt
+zurücktrat, »habe ich doch wahrhaftig geglaubt, es wäre ein Indianer,
+der da den Kopf zur Thüre herein streckte. Was willst du denn noch so
+spät, Sip? schickt dich dein Master?«
+
+Sip war ein freier Negerknabe, der sich bei dem Baptistenprediger
+vermiethet hatte, und auch dann und wann, besonders wenn sein Herr nach
+irgend einem benachbarten Flecken zum Predigen gegangen war, allerhand
+kleine Aufträge und Wege für das Wirthshaus besorgte, wo er sich nur zu
+gern mit einem paar Centen und einem Schluck Whiskey dafür belohnen
+ließ. -- Jetzt verrieth sein ganzes Wesen aber mehr Furcht und Besorgniß,
+und mit leiser, bebender Stimme stotterte er:
+
+»Ne -- ne -- nein, Missus -- Ma -- Massa nicht, a -- aber -- ich ha
+-- habe wa -- wa -- was gehört --«
+
+»Du hast was gehört?«
+
+»Ja -- Mi -- Missus« -- fuhr der Kleine ängstlich fort -- »w -- w -- wie
+ich durch Ma -- Ma -- Massa Glassys Me -- Melonengarten ging --«
+
+»Sirrah, du Schuft,« unterbrach ihn hier Mr. Glassy entrüstet -- »was
+hast du in Ma -- Ma -- Massa Glassys Melonengarten zu suchen? Hab ich
+dir kleinen schwarzen Hallunken nicht verboten, meine Melonen auch nur
+über die Fenz herüber anzusehn?«
+
+»Aber so laßt ihn doch nur erst erzählen, was er gesehen hat?« lachte
+Weppel -- »der arme Bursche bringt ja sonst keine Sylbe mehr vor Angst
+und Stottern heraus.« Sip schien auch wirklich dadurch, daß er sich hier
+so urplötzlich selbst verrathen hatte, ganz consternirt zu sein und
+stotterte eine solche Menge wirres Zeug hervor, daß ihn Mrs. Glassy
+erst wieder beruhigen mußte, bis er sich nur wenigstens in so weit
+verständlich machen konnte, daß sie begriffen, was er eigentlich wolle.
+
+Der Inhalt seiner Mittheilung bezog sich übrigens näher auf ihr kaum
+unterbrochenes Gespräch, als sie im Anfang vermuthet, denn Sip erzählte
+ihnen jetzt, daß er _durch_ eben den fraglichen Melonengarten, aber blos
+_durch_gegangen sei, um schneller nach Waterton zu kommen, als er dicht
+an der Fenz hin zwei Männer gesehen habe, von denen der Eine eine
+Flinte, der andere aber Hacken und Spaten getragen. Nicht weit von ihm
+seien sie eine Weile stehen geblieben und er hätte deutlich die Stimme
+des kleinen irischen Doktors erkennen können, der mit seinem Diener
+davon gesprochen, den todten Indianer in einen Sack zu stecken und zu
+Hause zu tragen.
+
+Sip war eben nur deßhalb so erschreckt über das Ganze, weil er seinen
+eigenen Master schon vor dem Begräbniß des Indianers sagen gehört,
+sie dürften es unmöglich wagen, die Rache der noch in der Gegend
+umherstreifenden Indianer zu erwecken, denn solche Menschen, die Nichts
+weiter zu verlieren hätten, und dabei vielleicht noch gar eine gerechte
+Vergeltung für erlittene Unbill auszuüben glaubten, seien zu Allem fähig
+und würden die Weißen nachher ruhig todtschlagen, das, was sie besäßen,
+rauben, und die Neger -- eine Hauptsache für _Sip_, in Gefangenschaft
+schleppen.
+
+So unausführbar nun auch das Letztere gewesen wäre, da die Indianer,
+nach einem ausgeführten Gewaltstreich, nur nach Canada hoffen durften
+zu entkommen, so glaubte doch Sip, mit der Geographie des Landes wenig
+bekannt, seine Existenz auf das Äußerste gefährdet, und bat jetzt die
+Männer mit thränenden Augen, sie möchten doch nur um Gotteswillen nicht
+zugeben, daß die bösen Menschen ihr Vorhaben ausführten.
+
+»Hm,« sagte nach langer Pause Weppel, als Sip geendet und schüchtern in
+eine Ecke zurückgetreten war -- »der verwünschte kleine Doktor wird uns
+am Ende noch zu schaffen machen.«
+
+»Ei potz Hammer und Zangen,« rief Josy -- -- »wir wollen ihm nach -- wer
+fürchtet sich denn vor seiner alten Muskete, die nie im Leben losgeht,
+und mit der er oft Stundenlang zwischen den Eichhörnchen draußen
+herumschnappt. Wir wollen doch einmal sehen, ob der Fremde hier nach
+Waterton gekommen sein soll, um uns hier, wider Willen, in Gefahr von
+Leib und Leben zu bringen.«
+
+»Nein, das seh' ich auch nicht ein!« sagte Weppel -- »er hat bei uns
+um den Leichnam angehalten -- er ist ihm abgeschlagen, und wenn er ihn
+jetzt _stehlen_ will, so brauchen wir das nicht zu leiden.«
+
+»Leiden?« donnerte der kräftige Schmied dazwischen -- »der Teufel
+brauchts zu leiden -- aber wir nicht -- hol' doch den ganzen Irländer
+der Böse -- mag er zu seinem eigenen Land zurückgehen, wo's keine
+Frösche und Schlangen giebt, wenn er aber _hier_ leben will, so soll er
+sich auch den Gesetzen des Landes fügen, oder -- ich will ihn mit ein
+paar Hämmern bekannt machen, zu denen er lieber Alles in der Welt, als
+zum zweiten Mal den Ambos abgeben sollte. Kommt, wir wollen ihm nach,
+und wenn _ich_ ihn nicht vom Leichenstehlen curire, so heißt mich einen
+Holzkopf.«
+
+Der ehrliche Schmied drückte sich den Hut fest in die Stirn, und schien,
+ohne alle weiteren Umstände, seine Absicht auch ausführen zu wollen;
+Shark stellte sich ihm aber entgegen, erfaßte seinen Arm und sagte,
+während er sich mit der Linken leise das glatt-rasirte Kinn strich:
+
+»Gentlemen, die Sache hat zwei Seiten -- der Indianer gehört nicht mehr
+in den Staat -- er liegt auf _Congreßland_ begraben und _wir_ haben eben
+so viel und so wenig Recht darauf, als der Doktor -- _gesetzlich_ können
+wir ihm also gar Nichts anhaben. Treten wir dabei die Sache breit, und
+fangen wir Streit an, so wird, mehr als nöthig ist, davon gesprochen und
+die Aufmerksamkeit der Indianer noch stärker nach Waterton gelenkt, als
+das bis jetzt schon geschehen; -- ließe sich das Ganze nicht auf irgend
+eine andere Art beilegen?«
+
+»Ist er denn aber auch nach dem indianischen Grabe?« frug Mrs. Glassy
+-- »das liegt doch gerade in ganz entgegengesetzter Richtung!«
+
+»Nun natürlich wird er nicht bei Nacht und Nebel mit Hacken und Spaten
+mitten durch die Stadt laufen,« -- sagte der Schulmeister -- »so
+gescheidt ist er auch. Ich habe mir's aber gedacht, ich habe mir's
+wahrhaftig gedacht.«
+
+»Ach was _denken_,« fiel der Schmied hier ärgerlich ein -- »hol' der
+Teufel das Denken, wir gehen hin, hauen ihm die Jacke voll, daß er das
+Wiederkommen vergißt und machen ihm dadurch begreiflich, daß er sich,
+wenn er einmal in Amerika leben will, auch so betragen soll, wie's die
+Amerikaner verlangen.«
+
+»Meine Herrn!« unterbrach ihn hier Shark -- »dagegen muß ich zweierlei
+einwenden -- erstlich habe ich einen fürchterlich hohlen Zahn, der schon
+jetzt wieder anfängt wehzuthun, und den ich mir vom Doktor morgen wollte
+herausreißen lassen, und dann -- könnte die verwünschte Flinte _doch_
+einmal losgehen -- _die_ Art Schießeisen wartet gewöhnlich den Zeitpunkt
+ab, wo sie eigentlich nicht feuern sollte, und dann feuert sie erst
+recht. In dem einen Falle bräche er mir, um sich zu rächen, vielleicht
+die halbe Kinnlade aus, im anderen könnte er, was noch schlimmer wäre,
+einen von uns todtschießen; ich schlage also vor, daß wir uns auf etwas
+Besseres besinnen. -- Wie wäre es zum Beispiel, wenn wir ihm den ersten
+Neger versprächen, der in der Ansiedlung stirbt.«
+
+»Oh Go -- Golly, Ma -- Ma -- Massa!« schrie Sip entsetzt, »was hat a
+-- a -- arme Nigger gethan, -- N -- nein -- Sip we -- we -- weiß 'was
+Be -- Besseres!«
+
+»Heraus denn damit, du schwarze Nothflagge du« -- lachte Weppel
+-- »heraus mit dem Be -- Besseren!«
+
+»Massa Bo -- Botherme, fü -- fü -- fürchtet Indian -- i -- i -- ich
+schreie ge -- gerad wie Indian« -- und ohne eine weitere Aufforderung
+abzuwarten, stieß der kleine Neger plötzlich in so täuschender
+Nachahmung und so scharf und gellend den trotzigen Schlachtschrei der
+Winnebagoes aus, daß Mrs. Glassy entsetzt zusammenfuhr, und selbst die
+Männer überrascht, emporfuhren. Shark hatte aber im Augenblick
+begriffen, was der Knabe meinte, und rief jetzt jubelnd aus:
+
+»Bei Gott, Kinder, ich hab's -- Sip hat recht, das ist ein kapitaler
+Einfall -- wir wollen Indianer spielen. Dunkel ist's, der Mond ist
+unter, da brauchen wir nur Jeder eine weiße wollene Decke umzuhängen,
+und unsere Garderobe ist fertig. Draußen schleichen wir uns denn an
+das Grab hinan und wenn Sip hier zu schreien anfängt, und wir anderen
+einstimmen, dann denk' ich, soll der gute Doktor glauben, alle drei
+ausgewanderten Stämme säßen ihm auf dem Nacken.«
+
+»Da möchten wir aber auch unsere Büchsen mitnehmen,« meinte Josy, dem
+der Einfall zu behagen schien, denn er schmunzelte ganz wohlgefällig vor
+sich hin.
+
+»I Gott bewahre!« sagte der etwas ängstliche Krämer, »wozu? der Wald ist
+dicht verwachsen, und so ein Ding könnte unterwegs einmal losgehen. Es
+soll ja auch gar kein Ernst aus der Sache gemacht werden.«
+
+»Wenn sich aber der Doktor zur Wehre setzt« -- meinte Weppel.
+
+»Nein, dafür steh' ich,« lachte der Wirth -- »wenn der die Büsche
+rascheln und nachher den ächten Schlachtschrei hört, dann möchte ich
+meinen Hals darauf verwetten, daß er Fersengeld giebt, als ob der Böse
+hinter ihm wäre.«
+
+»Aber reinen Mund müssen wir halten,« meinte Shark -- »sonst holt er ihn
+später am Ende doch noch.«
+
+»Wenn der _einmal_ verjagt ist, kommt er sobald nicht wieder« -- sagte
+Glassy -- »übrigens ist's einerlei, ob wir bei _dem_ einen ächten
+oder unächten Schlachtschrei haben -- der versteht ihn doch nicht zu
+unterscheiden -- was hilft auch der Kuh Muskate -- doch gleich viel,
+jetzt nur fort, daß wir nicht zu spät kommen. Er ist, wie Sip sagt,
+durch die Felder gegangen, da muß er einen weiten Umweg machen, bis er
+an den oberen Baum kommt, der über den Fluß liegt, sonst kann er nicht
+hinüber. Wir können indessen hier gleich über die Brücke und auf der
+breiten Straße fortgehen, dadurch schneiden wir wenigstens eine halbe
+Stunde Weges ab. Du Frauchen, magst uns aber indessen einen heißen
+Punsch brauen, wenn wir wieder kommen, werden wir ihn brauchen können,
+und jetzt ihr Herren -- an's Werk.«
+
+Es war Nacht -- droben vom Himmel blitzten in unendlicher Pracht die
+schönen herrlichen Sterne vom Firmamente nieder -- ein leiser Südwind
+strich fast geräuschlos über die weite Prairie daher, nur das
+schwankende Gras bog er nieder, daß die hellen, daran blitzenden
+Thauperlen schwer hinab auf den feuchten Boden fielen. -- Sobald
+er aber das Flußthal erreichte, wo die hohen, kräftigen Bäume standen,
+da gewann er auch neue Macht, da schien er sich recht fest und trotzig
+zusammenzunehmen, und hinein warf er sich in die Wipfel, und rauschte
+und brauste hindurch, als ob er ihnen Wunder was Wichtiges zu sagen
+habe. Die aber schüttelten leise und altklug mit den Köpfen -- sie
+wußten recht gut, daß von dort her, aus dem weichlichen Süden, nichts
+Derbes und Tüchtiges herkommen könne. »Ja,« sagten sie, »wenn er von da
+drüben herüber, über die Seen her, bliese, von den starren Eisgletschern
+nieder, dann wär's noch der Mühe werth, sich dagegen zu stemmen, oder
+einander die Arme zu reichen, zu Hülfe und Schutz, so aber -- laßt ihn
+weiter ziehen, Schwestern -- es ist ein Südländer -- er tritt patzig
+auf, flüstert einem Jeden etwas Schönes in's Ohr, und ist dann eben so
+leicht verschwunden, wie er gekommen.«
+
+So allerlei altkluges Zeug schwatzten die Zweige und der Schuhu saß
+mitten drinn und schaute gähnend in das noch vom letzten Herbst dort
+unten liegende gelbe Laub, ob nicht etwa irgend ein leckerer Bissen
+in Gestalt eines kleinen Kaninchens oder auch einer fetten Maus,
+vorbeischleiche und ihm die unbequemere Suche erspare.
+
+Die Natur feierte ihren Sabath -- heilige Ruhe lag über der ganzen
+Welt, sogar die Frösche riefen ihr monotones Lied nur ganz leise
+und schüchtern ab, anstatt wie sonst so recht aus voller Kehle
+hineinzuquaken in die stille -- hehre Nacht. Tiefe Dunkelheit lagerte
+auf dem Walde, selbst die Sterne konnten nicht mit ihrem matten Licht
+durch die dicht verwachsenen Zweige dringen; nur da, wo sich der kleine
+Fluß seine unregelmäßige, zickzack laufende Bahn durch den fetten Boden
+brach, hatten sich die Riesenwipfel getrennt und die freundlichen
+Himmelskörper spiegelten sich in der klaren Fluth und schienen auf den
+leichtgekräuselten Wogen zu schwimmen und zu tanzen.
+
+Aber auch noch ein anderer Fleck lag in der waldigen Niederung, wo
+das blasse Sternenlicht seinen matten, dämmernden Eingang fand -- es
+war dies eine jener tausend kleinen Waldblößen, die durch die ganzen
+westlichen Wälder zerstreut sind und nur Gras und Blumen erzeugen,
+während der sie umschließende Boden die kräftigsten, stattlichsten Bäume
+trägt, und es schien fast, als ob nur wenige jener ungeheueren Stämme
+hier herausgerissen seien, und das weite, die enge, nackte Stelle
+umkreisende Waldmeer schon im Begriff wäre, sich wieder über derselben
+zu schließen.
+
+Der freie Raum mochte kaum sechzig Fuß im Durchschnitt haben; seinen
+Mittelpunkt bildete aber ein niederer, vielleicht sieben Fuß hoher
+Hügel, der, mit dichtem Gras bewachsen, nur auf dem Gipfel eine Wunde
+trug, wo der Rasen frisch aufgerissen schien und die in spitzem Kamm
+festgeschlagene Erde den Ort verrieth, unter dem der starre Körper eines
+Menschen ausruhe von allen irdischen Lasten und Leiden.
+
+Heimlich und still lag der schaurige Platz inmitten des grünenden
+Waldes, und nur der Wolf hatte ihn, als er seine erste Runde beging,
+umschlichen, und von dem frischen Grabe aus seinen Nachtgruß hinauf
+geheult zu den Sternen -- die Spuren seiner scharfen Krallen
+bezeichneten noch den weichen Grund.
+
+Aber was hob sich dort, dunkel und ungewiß, im matten Licht, dicht zu
+Häupten des Grabes? War es ein Stein der Erinnerung, den die Bewohner
+von Waterton dem fremden Krieger gesetzt? -- Hatten sie soweit sein
+Andenken geehrt, um sogar den Platz zu bezeichnen, wo Einer der von
+ihnen Vertriebenen sein Haupt berge unter den Bäumen, deren Schatten
+ihn früher erquickte? Ach nein -- nein -- nicht Liebe war's, die das
+erkaltete Herz hier einscharrte in seine irdene Urne -- den Leichnam
+aus dem Weg zu schaffen, hatten sie gemeint; so schnell und bequem das
+geschehen konnte, so schnell geschah es -- daß sie das indianische Grab
+dazu gewählt, war die einzige Freundlichkeit, die sie der Race selbst
+bewiesen.
+
+Und jener Stein? --
+
+Hättest du die dunkelglühenden Augen gesehen, wie sie unter der fest und
+stolz emporsteigenden Adlersfeder vorfunkelten -- hättest du den leisen
+monotonen Sang gehört, mit dem er, wie in kaum vernehmbaren Flüstern,
+die Todtenklage über den Geschiedenen murmelte, du hättest nicht nach
+einem _Stein_ gefragt -- ein _lebendes_ Monument seines Stammes, kauerte
+der Häuptling, im vollen Schmuck des Kriegers, über dem Grab -- seines
+_Vaters_, und während die Linke fast bis zum Handgelenk in den weichen
+lockeren Boden sank, hielt er die Rechte starr und regungslos zu den
+Sternen gestreckt, als ob er Körper und Seele des Verblichenen herauf
+und hernieder ziehen wolle zu sich, dem allein Zurückgebliebenen.
+
+Da plötzlich hob er rasch und lauschend das dunkle Haupt -- die hohe
+Feder schwankte von der fast unwillkührlichen Bewegung, und mehrere
+Secunden lang schien er mit der gespanntesten Aufmerksamkeit einem
+noch fernen aber seinen scharfen Sinnen nicht entgangenen Geräusch zu
+horchen.
+
+Es kam näher -- er unterschied Stimmen -- er vernahm das Krachen und
+Knicken niedergebrochener dürrer Zweige, und sich jetzt vorsichtig
+erhebend -- das Antlitz fortwährend der Stelle zugewandt, von der die
+störenden Laute tönten, glitt er leise zurück in den schützenden
+Schatten der Bäume und verschwand im nächsten Augenblick in ihrem
+Dunkel.
+
+ * * * * *
+
+»Ich sage dir Patrik -- du bist ein Esel!« rief Doktor Mac Botherme,
+als er wenigstens zum fünfzigsten Mal über die im Wege liegenden
+Äste gestolpert und gestürzt war, und eben wieder, die Schienbeine
+reibend, aufstand -- »du schwatzt ja Zeug, was einen vernünftigen
+Christenmenschen in seiner eigenen Wohnung zur Verzweiflung bringen
+könnte, geschweige denn hier, in diesem verfluchten Wirrwarr von
+knochenzerbrechenden Bäumen -- Herr Gott!« unterbrach er sich hier
+selbst in halbverbissenem Schmerzschrei, als er eben wieder mit dem
+Gesicht in einer der scharfdornigen Schlingpflanzen hängen geblieben
+war, und sich nun sorgfältig mit der flachen Hand über Stirn und Backen
+fuhr, um zu fühlen, ob er nicht blute.
+
+»Aber Doktor Mac Botherme« -- fuhr der dadurch ungerührte Patrik in
+seinem breiten irischen Dialekte und in der eben erst unterbrochenen
+Rede fort, indem er stehen blieb, Hacken und Spaten auf die Erde
+niedersetzte und sich ängstlich dabei nach allen Seiten hin umsah
+-- »ist es denn nicht meiner Mutter Sohn, den sie alle Augenblicke bald
+rechts, bald links festhalten, als ob sie sagen wollten: »Patrik, mein
+Herzchen, mein Juwel, gehe nicht weiter -- gehe keinen Schritt weiter,
+in dieser gesegneten Nacht -- es kostet sonst deine Seele -- du bist ein
+verlorenes Schaaf.« --«
+
+»Du bist ein _geborener Ochse_ -- Patrik, mein Herzchen!« rief der
+Doktor ärgerlich, dem die Angst seines Gefährten keineswegs gelegen kam.
+»Hab' ich dir nicht schon zehntausend Mal gesagt, daß es die Zweige und
+wilden Rebenstöcke sind, in denen du hängen bleibst; -- wenn du dich
+nicht jedesmal bücktest und an zu beten fingst, so könntest du's selber
+sehen.«
+
+»Arrah Sir« -- seufzte der sich hier höchst unbehaglich befindende Ire,
+»mag's mir die Mutter Maria vergeben, daß ich mich bei Nacht in solch
+heidnischen Wald getraut habe; aber so viel weiß ich -- bin ich erst
+einmal wieder in der Stadt -- keine Seele kriegt mich zum zweiten Mal in
+eine solche Gegend. -- Und nun auch erst noch Leichen ausgraben« -- fuhr
+er mit weinerlicher Stimme fort, als der Doktor indessen, sich wenig
+um seine Klagen kümmernd, die Gegend recognoscirte, in der sie sich
+befanden; -- »Leichen ausscharren, wie's die wilden Bestien in Afrika
+machen sollen -- und Leichen zu Haus tragen und kochen, wie ein anderes
+ehrliches Stück Rindfleisch -- o Jäses, o Jäses, wenn uns heute der Böse
+nicht holt, dann giebt's gar keinen!«
+
+Patrik hatte in aller Verzweiflung sein Handwerkszeug fallen lassen,
+und kauerte sich, die Hände über die Knie gefaltet, ängstlich nieder.
+Mac Botherme kannte aber den Geist, der seine Geister_furcht_ zu bannen
+vermochte -- aus seiner Tasche holte er die mit Leder überzogene
+Feldflasche vor, zog den Stöpsel ab und hielt sie mit ausgestrecktem
+Arm dem Muthlosen entgegen.
+
+»Hier Patrik!« sagte er dabei -- »deine Einbildungskraft wird trocken
+-- gieß ihr ein wenig Bergthau auf die Wurzeln -- nachher erholt sie
+sich wieder, und -- bedenke, daß du, wenn du mir jetzt getreulich
+beistehst, nach glücklich abgelaufenem Abenteuer zwei Dollar baar Geld
+und -- zwei Gallonen -- sage zwei Gallonen Whiskey erhältst, und den
+zwar vom besten!«
+
+»=Honey my dear!=« sagte Patrik, der schon bei dem Abziehen des Stöpfels
+den Kopf gehoben und einen flüchtigen aber sehnsüchtigen Blick nach der
+Flasche hinübergeworfen hatte. -- »Doktor Mac Botherme ist der Mann,
+der einem armen gedrückten Menschen wieder Muth einsprechen kann in der
+Noth. Doktor Mac Botherme ist ein ordentlicher wirklicher Christ, wie
+Vater O'Rhoole sagte, wenn er Sonntags den Beichtpfennig kriegte.«
+
+»Sei nur jetzt ruhig, Patrik!« beschwichtigte ihn der Doktor, und warf
+einen scheuen Blick umher -- »wir können nicht mehr weit von der Stelle
+sein, und je ruhiger wir das ganze Geschäft abmachen, desto besser ists.
+Es -- es könnte ja doch =per= Zufall so eine verwünschte Rothhaut im
+Walde herumkriechen, und dann ist's immer besser, man schreit so wenig
+als möglich. Komm Patrik -- in einer Stunde kann unser ganzes Geschäft
+abgemacht sein.«
+
+Er war im Begriff seinen Weg fortzusetzen, als Patrik, der indessen die
+Flasche an sich genommen hatte, plötzlich seinen Arm ergriff, und leise
+flüsternd, aber mit ängstlicher Stimme sagte:
+
+»Und sind es wirklich die rothen, blutdürstigen Deiwels, die einem
+rechtschaffenen Christen die Haut vom Kopfe ziehn und Geldbeutel
+d'raus machen? sinds die rothen Indianer, von denen Doktor Mac Botherme
+fürchtete, daß sie hier herumschnüffeln und Lust nach Paddy O'Flahertis
+Goldhaar haben könnten?«
+
+»Rede nicht so albernes Zeug, Pat!« sagte der Doktor, und machte seinen
+Arm von dem des Dieners los -- »komm lieber, und sei gescheidt -- denk
+an den Whiskey und an die Dollar, denn nicht der rothe Pfennig oder der
+klare Tropfen ist's, den Patrik O'Flaherti zu schmecken bekommt, wenn er
+jetzt noch lange mit Zweifeln und Reden die Zeit vertrödelt!«
+
+Der würdige Doktor hatte sich auf die Art mit Willen in eine Art Zorn
+hineingeärgert, damit er die eigene Furcht beschwichtige, und ohne eine
+weitere Einwendung abzuwarten, schritt er rasch vorwärts, und hatte so,
+wenn auch unbewußt, die beste Methode gefunden, seinen Begleiter folgen
+zu machen, denn der wäre nicht, um alle Versprechungen der Welt, allein
+im Walde zurückgeblieben. Nur wenige hundert Schritte brachten sie aber
+auch an das ersehnte Ziel, und Patrik schüttelte sich leise, da er den
+stillen heimlichen Fleck erblickte, dessen Ruhe sie mit frechen,
+unheiligen Händen entweihen wollten.
+
+»Patrik,« flüsterte der Doktor -- »das hier ist die Stelle -- _hier_
+ist das Grab -- da gerade in der Mitte. -- So, nun nimm deine Hacke und
+Spaten herunter und ich will indessen die Flinte laden gieb mir einmal
+das Pulverhorn -- wir werden's hoffentlich nicht brauchen, aber der
+Henker traue doch dem Frieden -- besser ist besser -- nun? hörst du
+nicht, Pat? das Pulverhorn will ich haben!«
+
+»Und ist es das, was Ihr verlangt?« frug Patrik erstaunt, »steckt denn
+nicht Alles in Eurer eigenen Tasche?«
+
+»Unsinn, Pat!« sagte der Doktor ärgerlich, während er sich jedoch die
+Taschen befühlte, ob er das Geforderte vielleicht dennoch in Gedanken
+eingesteckt habe. -- »Unsinn Pat, _hier_ ist's nicht -- und da nicht
+-- und da vorne auch nicht -- ich hab' es dir ja auch, einen Augenblick
+ehe wir fortgingen, in die Hand gegeben.«
+
+»Segne Eure Seele Herr!« rief Patrik schnell -- »und ist es weiter
+Nichts wie das lange Kuhhorn mit dem grünen Bindfaden d'ran, was Ihr
+sucht?«
+
+»Nein, das gerade -- hast du's? --«
+
+»O Misther -- macht Euch keine Sorge deßhalb, das hängt ruhig am Nagel
+hinter der Thür.« --
+
+»Holzkopf!« rief der Doktor entrüstet -- »hab' ich dir nicht noch
+ausdrücklich befohlen -- du solltest dich in Acht nehmen, daß es nicht
+naß würde.«
+
+»Arrah, Ochone, Herr, und ist das nicht eben die Ursache, weshalb ich's
+hinter die Thüre hing?« erwiederte der unverwüstliche Ire -- »wie hätt'
+ich's können trocken halten, wenn's heut' Abend regnete?«
+
+
+»=O sancta simplicitas!=« murmelte der Doktor -- »da -- jetzt sitzen wir
+in einer ganz gemüthlichen Patsche -- _wenn_ nun die Indianer kämen,
+Patrik, _wenn_ sie nun kämen?! -- das war der dümmste Streich, den
+deines Vaters Sohn seit langer Zeit gemacht -- jetzt hab' ich doch das
+Schießeisen mit geschleppt, daß mir die ganze linke Schulter so blau
+ist, wie ein deutscher Sonntagsrock.«
+
+
+Patrik, der ungefähr eben so viel vom Laden eines Gewehrs wie vom
+Clavierspielen verstand, konnte gar nicht begreifen, weshalb sein
+»Misther« so ärgerlich sei -- da sie ja doch den _Whiskey_ nicht
+vergessen hatten; er begnügte sich deshalb bloß, einfach mit dem Kopf
+zu schütteln, gehorchte nun aber auch eifrig dem in etwas barschen Ton
+gegebenen Befehl, »abzuladen« und die Arbeit zu beginnen. Er warf also
+die mitgebrachten Werkzeuge in's Gras nieder, nahm dann die breite Hacke
+auf, die er in der Hand wog und sich schüchtern dabei umschaute, als
+wenn er nicht ganz sicher wäre, wie er das Werkzeug zu gebrauchen
+hätte, zur Arbeit oder gar zur Vertheidigung, und schritt dann langsam,
+und augenscheinlich mit schwerem Herzen dem Mittelpunkt der kleinen
+Lichtung, dem Grabe zu, wo er stehen blieb und nun unruhig den Blick
+nach allen Seiten umherwarf.
+
+Der kleine Doktor hatte sich indessen des großen unbehülflichen Sacks
+entledigt, den er auseinander wickelte, dann das Beil und Brecheisen
+hervornahm, um später, wenn der Sarg erst einmal zu Tage gefördert war,
+nicht weiter aufgehalten zu werden, und wandte sich nun an seinen
+Gefährten, der noch immer keine Anstalt machte, zu beginnen.
+
+»Patrik -- =honey=!« sagte der würdige Mann, während er den Spaten
+aufnahm und den Hügel rasch hinanschritt, »Patrik mein Herzchen, komm
+und lass' uns munter an's Werk gehen. -- Je länger hier, je später dort
+-- hier ist das Grab und der rothe Bursche liegt starr und steif d'rin
+-- denk' an den Whiskey, Paddy!«
+
+»Und ist es nicht der Whiskey, der mich bis jetzt lebendig gehalten
+hat« -- sagte Patrik und that einen herzhaften Zug aus der jetzt fast
+geleerten Flasche, die er aber sorgfältig in seine eigene Tasche
+zurückschob -- »war es nicht die liebe Himmelsgabe, die mich getränkt
+und gewärmt hat -- aber Misther Doktor -- segne unsere Seele -- ich
+wollte es wäre vorbei -- s'ist schauerliche Arbeit, den verkehrten
+Todtengräber zu spielen -- hallo, was war das?«
+
+»Was war _was_?« rief der Doktor erschreckt, und sah sich nach allen
+Seiten um. »Was war _was_, Sir?«
+
+Beide horchten aufmerksam in den dunkeln Wald hinein, aber nur das leise
+Rauschen der Bäume, das melancholische Quaken der Frösche konnten sie
+hören -- sonst lag Alles still und ruhig um sie her, wie das Grab zu
+ihren Füßen. Der Doktor gewann dadurch wieder Muth und rief mürrisch:
+
+»Nun hab' ich's satt -- Sirrah -- hack' ein und mach' ein Ende -- wir
+wollen doch nicht die ganze _Nacht_ hier auf dem Grabe zubringen.«
+
+»Mit Gott denn« -- sagte Patrik, zog seinen Rock aus, warf den alten
+Filz auf die Erde, streifte sich die Hemdsärmel auf, spuckte sich in die
+breite sehnige Hand, ergriff die Hacke und holte eben zum ersten Schlage
+aus -- da krachten und brachen -- gar nicht weit von ihnen entfernt,
+die Büsche -- durch die kleine Lichtung strich, von irgend etwas im
+Walde aufgescheucht -- eine große Eule, und in kurzen Zwischensätzen
+war es den beiden, jetzt starr wie Bildsäulen dastehenden Iren, als ob
+irgend Jemand -- ob Hirsch, ob Mensch, ließ sich nicht unterscheiden
+-- durch das vorjährige gelbe Laub springe, mit dem der Boden in den
+amerikanischen Wäldern das ganze Jahr über bedeckt bleibt.
+
+»Doktor -- was war das?« flüsterte Patrik leise, während er die Hacke
+bedächtig wieder zu seinen Füßen niedersetzte.
+
+»Weiß der Teufel,« brummte Mac Botherme, »ob's bloß ein Hirsch war,
+der durch einen fallenden Ast aufgescheucht wurde -- das _muß_ es auch
+gewesen sein, -- wer, zum Henker sollte denn jetzt --«
+
+»Doktor -- Misther Doktor,« zischelte Patrik und blickte sich scheu,
+bald über die rechte, bald über die linke Schulter -- »Patrik O'Flaherti
+ist's, dem's unheimlich zu Muthe wird -- Jäses -- ich wollte ich läge in
+Waterton im Bett und hätte im Leben keine Hacke in der Hand gehabt.« --
+
+Beide Männer blieben eine kurze Zeitlang wie angewurzelt stehen, und
+horchten mit gespannter Aufmerksamkeit auch dem leisesten Geräusch
+-- aber Alles lag wieder todtenstill und ruhig -- selbst der Wind
+schien erstorben -- kein Lüftchen regte sich.
+
+»Patrik,« sagte der Doktor, aber mit so leiser Stimme, daß er selbst
+kaum vernahm was er sprach -- »Patrik -- wir wollen unsere Arbeit
+schnell vollenden, und dann machen daß wir zu Hause kommen -- es ist
+unheimlich hier auf dem freien offenen Fleck mit dem dunklen Wald rings
+herum.«
+
+Patrik erwiederte kein Wort, sondern warf nur noch einen Blick zurück
+gegen das Dickicht und einen Blick nach vorn, hob dann die Hacke und
+schlug sie, bis zu dem Stiel, tief in den weichen lockeren Boden ein.
+Als ob aber der Schlag eine Zauberformel gewesen wäre, die alle bösen
+Geister der Unterwelt mit Blitzesschnelle heraufbeschworen hätte, so
+schien in demselben Moment der ganze Wald einen einzigen wilden Schrei
+auszustoßen, und zugleich raschelten die Büsche -- knackten und brachen
+die Zweige, und heraus aus dem Dickicht -- Gespenstern gleich, mit den
+fast übernatürlich gellenden Tönen, brachen sechs, in fliegende Decken
+gehüllte Gestalten vor, und stürmten gerade den flachen Hügel hinan auf
+die beiden starr und entsetzt dastehenden Leichenräuber ein.
+
+Starr und entsetzt dastehenden -- ja -- im ersten Augenblick der
+Überraschung -- als noch Jeder von ihnen glaubte er träume, da so etwas
+Fürchterliches ja gar nicht wahr sein könne -- plötzlich aber -- wie
+der erste Gedanke an Indianer ihr Hirn durchzuckte, gewannen auch die
+Glieder ihre ganze frühere Gelenkigkeit, wenn nicht in einem zehnfach
+vermehrten Grade wieder. Patrik schrie: »O Jäses!« ließ die Hacke
+fallen und war mit zwei Sätzen im entgegengesetzten Theile des Waldes
+verschwunden, der Doktor aber, keineswegs gesonnen, seinen kräftigen
+Beistand so enteilen zu sehen und allein zurück zu bleiben um dessen
+Rückzug zu decken, war kaum weniger behende auf seinen Fersen, und rief
+ihm zu, doch nur um Gotteswillen stehen zu bleiben und ihn mitzunehmen.
+
+Patrik, der in dem eigenen Rascheln der Zweige wohl die Stimme hinter
+sich hörte, doch keineswegs einzuhalten gedacht, um die Leute zu
+unterscheiden -- glaubte natürlich nicht anders als es sei Einer seiner
+rothhäutigen Verfolger -- beflügelte also deßhalb seinen Lauf um so
+mehr, warf Alles, was ihn an schneller Flucht hindern konnte, von sich,
+und erreichte nach kurz zurückgelegter Strecke den kleinen Fluß, den er
+übrigens erst bemerkte, als er bis an den Hals im Wasser stack, aus dem
+er sich nur mit größter Anstrengung zum anderen Ufer hinüberarbeiten
+konnte. Das nun, obgleich es steil und schlüpfrig war, erklomm er in
+ungeheuerer Schnelle, und trotz dem, daß hier Mac Botherme mit wirklich
+zärtlichem Tone seinen Namen rief -- wandte er nicht einmal den Kopf,
+sondern stürzte sich in wahrer Todesverachtung auf's Neue in Dornen und
+Schlingpflanzen hinein.
+
+Der Doktor wäre ihm allerdings von Herzen gern gefolgt, konnte aber
+nicht schwimmen, und hatte nur noch so viel Geistesgegenwart, daß
+er begriff, wie ihm hier, wenn er nicht gerade von den Indianern
+ausdrücklich verfolgt werde, keine weitere Gefahr drohe. Da er auch, um
+in die benachbarten Ansiedlungen auf Krankenbesuche zu reiten, den Wald
+schon nach allen Richtungen hin durchschnitten hatte, so wußte er doch
+wenigstens ungefähr, wo er sich befand, und wollte jetzt am Fluß hinab
+gehen, um dort zuerst die Brücke, und mit dieser die Stadt in vielleicht
+einer Stunde zu erreichen. Durch die bestandene Gefahr waren aber seine
+Sinne geschärft und er vernahm jetzt zu seinem Entsetzen, daß gerade in
+der Richtung, die er einschlagen wollte, ebenfalls irgend etwas in den
+Büschen raschelte.
+
+Was es sei, sollte ihm nicht lange verborgen und eben so wenig Zeit zum
+Besinnen bleiben -- im nächsten Moment theilten sich die Sträucher und
+eine dunkle Gestalt, mit -- wie er damals glaubte -- weißbemaltem
+Gesicht sprang in wilden Sätzen auf ihn zu.
+
+
+ * * * * *
+
+Um aber nun erst wieder zu unseren beiden Leichenräubern zurückzukehren,
+so hatten Patrik O'Flaherti und Doktor Mac Botherme auch übrigens, als
+sie sich in so kitzlicher Lage auf dem Grabe befanden, alle Ursache
+gehabt zu erschrecken, denn so plötzlich und ohne weitere Warnung
+von allen Seiten angegriffen zu werden, wo ihnen noch überdies ihr
+Gewissen sagte, daß sie im Begriff wären etwas Unerlaubtes und äußerst
+Gefährliches zu thun, mußte sie das Schlimmste fürchten lassen, wenn sie
+besonders in die Hände ihrer wilden Feinde fielen, die sich Patrik gar
+nicht anders denken konnte, wie Menschenfresser; die Eile, mit der
+sie alles Hierhergebrachte zurückließen, war also vollkommen zu
+entschuldigen. Jubelnd und lachend rannten indessen die Amerikaner,
+keineswegs gesonnen, ihnen weiter zu folgen, bis zu dem Gipfel des
+Hügels vor, von dem sie die Resurrectionisten vertrieben hatten, und
+Sip, der mit den wunderlichsten Sprüngen und Grimassen nebenher getanzt
+war, stieß eben noch, als Schluß- und Kraftakkord, und gleichsam
+um der Sache die letzte Politur zu geben, den markdurchschneidenden
+Kriegsschrei aus, der in die Ohren der beiden Flüchtlinge gellte und sie
+zu immer wilderer Eile antrieb.
+
+»Gentlemen!« rief da Shark und schwenkte seinen alten Filz -- »der Sieg
+ist gelungen -- die Festung erstürmt -- die Besatzung mit Zurücklassung
+ihrer Fahnen und Geschützstücke entflohen und ich stimme dafür, daß --«
+
+Wie von einer Natter gestochen, fuhr er zurück, denn dicht vor ihm
+stand, den blitzenden Tomahawk in der Hand -- die wollene Decke leicht
+von den Schultern geworfen, die wehenden Federn noch schwankend von
+der raschen Bewegung -- ein wirklicher, lebendiger Häuptling -- ein
+»scalpsüchtiger« Wilder -- ein Rächer der geschändeten Grabstätte.
+
+Die Übrigen mußten ihn, da sie ihre Aufmerksamkeit bis dahin nur den
+Flüchtigen zugewandt hatten, noch gar nicht bemerkt haben, und Shark
+blieb mehrere Secunden lang marmorgleich vor der wie aus dem Grabe
+herausgestiegenen Gestalt stehen, Sip aber -- vom vielen Schreien
+ordentlich blauschwarz im Gesicht -- wollte eben über den Hügel
+wegspringen, um wahrscheinlich im Walde selbst die Entflohenen noch mit
+einem »allerletzten« Male zu beglücken, als er fast gegen den Indianer
+stieß, der jetzt seinerseits ebenfalls staunend dastand, und nicht zu
+wissen schien, ob die Männer, die er im ersten Ansturm und im Dunkel der
+Nacht gleichfalls für Indianer gehalten, jetzt aber als Weiße erkannte,
+Freunde oder Feinde wären.
+
+Sip war übrigens nicht der Mann, der einem wirklichen Indianer lange
+Stich gehalten hätte -- denn _daß_ es einer war, erkannte er auf den
+ersten Blick. Mit flüchtigem Rücksprung warf er seinen Nachbar, den
+entsetzten Shark, zur Seite, und floh nun, so schnell ihn seine Beine
+trugen, in das ihm nächste Dickicht.
+
+Sip's Geistesgegenwart gab aber auch Shark sich selbst wieder -- kaum
+sah dieser nämlich in der Flucht des Negers seine eigene Furcht
+bestätigt, als er, ohne seine Gefährten weiter mit Blick oder Wort zu
+warnen, dem Beispiel des Negers folgen wollte, leider aber in der ihm im
+Wege liegenden und in das Grab eingehauenen Hacke hängen blieb, und mit
+gellendem Angstruf zu Boden stürzte, da er sich in diesem Augenblick
+schon wenigstens für scalpirt hielt.
+
+Weppel -- auch den Kopf von Indianern voll, sah kaum die Angst der
+Gefährten, als er sich gar keine weitere Mühe gab, den Grund ihres
+Schrecks zu erforschen, sondern nur seine eigenen Gliedmaßen eben so
+schnell in Sicherheit zu bringen suchte, und Josy -- sonst der Muthigste
+von Allen und einer jener kräftigen Pioniere, die oft mitten in der
+Wildniß ganzen Schaaren von Wilden Trotz geboten, wurde hier förmlich
+überrumpelt. Ein Theil der Seinen floh -- Einer brach, mit dem
+Angstschrei auf den Lippen, vor seinen Füßen zusammen -- hoch auf dem
+Grabe erkannte er in den dämmernden Umrissen den indianischen Krieger
+-- was blieb ihm da anderes zu glauben übrig -- als sie wären von irgend
+einem hier verborgenen Stamme überlistet, und er selbst -- waffenlos
+mitten zwischen ihnen -- konnte jetzt nur noch hoffen, durch schnelle
+verzweifelte Flucht sein eignes Leben zu retten.
+
+Mit der Gewandtheit eines aufgescheuchten Panthers sprang er zur Seite,
+um einem etwa auf ihn abgeschossenen Pfeil, oder gar der tödtlichen
+Kugel zu entgehen, und suchte nun, wie die Übrigen, das schützende
+Dunkel zu erreichen.
+
+Shark, der sich nur das Schienbein ein wenig aufgeschlagen hatte, sprang
+indessen ebenfalls wieder empor, und brach in wilder Verzweiflung in
+das Dickicht, wobei er sich wenig darum kümmerte, welcher Richtung er
+folgte, so er nur für den Augenblick seinen Scalp in Sicherheit brachte.
+In tollen Sätzen drängte er sich oft in so dicht verwachsene Dornmassen
+hinein, daß er nur mit zerfetzten Kleidern und blutig gerissenen
+Gliedern einen Ausweg finden konnte; übersprang dabei Gräben und
+umgestürzte Stämme, fiel in Sumpflöcher und Bäche, rannte gegen Bäume
+und Büsche an, und erreichte endlich das Ufer des kleinen Flusses, an
+dem er, rücksichtslos wohin ihn das führe, hinaufstürmte, diese Bahn
+mehrere hundert Schritte verfolgte, und plötzlich -- großer Gott, so muß
+er in blinder Flucht dem Feinde gerade in den Rachen rennen -- vor einer
+dunklen Gestalt stand, die eben im Begriff schien ihn zu erfassen.
+
+Einen Schrei ausstoßen und seitab in den Fluß springen, wurde zum
+Werk eines Augenblicks, aber auch Doktor Mac Botherme, denn dies
+war der Gefürchtete, wartete den vermutheten Angriff nicht ab -- mit
+Blitzesschnelle wandte er sich und da er in dem Moment auch noch das
+nahe Plätschern im Wasser hörte, was ihn natürlich gar nicht anders
+glauben ließ, als daß die Feinde beabsichtigten, ihm die Flucht
+abzuschneiden und deßhalb jetzt den Strom durchschwömmen, so brach
+er wieder zurück in den Wald, floh hier noch einige hundert Schritt
+gerad'aus, und warf sich dann zum Tode matt und jedem weiteren
+Rettungsversuch durch eigene körperliche Anstrengung entsagend, neben
+einer umgestürzten, halbverfaulten Eiche nieder, an deren weichen
+Stamm er sich dicht hinanschmiegte, um vielleicht dadurch noch der
+Aufmerksamkeit der Verfolger zu entgehen. Er hatte etwas Ähnliches
+einmal in einem Buche gelesen.
+
+Nach allen Richtungen hin durchtobten die Flüchtigen den Wald, und auf
+dem bedrohten Grabe, vom düsteren Lichte der Sterne matt beschienen,
+stand ernst und feierlich die hochaufgerichtete Gestalt des indianischen
+Kriegers, und sang mit leiser, monotoner Stimme das Todtenlied des
+Verblichenen. --
+
+Am nächsten Morgen war Waterton in fürchterlicher Aufregung. -- Josy
+traf zuerst ein, und die Aussage des sonst so ruhigen und von Allen als
+nichts weniger als ängstlich gekannten Mannes, daß sie, die Waffenlosen,
+gestern Abend von Indianern überfallen worden seien, versetzte Alle in
+die peinlichste Bestürzung. Die Ursache wurde ebenfalls bald bekannt und
+ließ sie das Schlimmste fürchten.
+
+Was sollten sie jetzt thun? einen Courier nach Vincennes senden und
+von dort Hülfe holen? -- Auf jeden Fall hatten die schlauen Wilden das
+vorausgesehen und hielten den Weg besetzt. Der Bote also, hätte sich
+wirklich Einer zu solch gefährlicher Aufgabe gefunden, wäre rettungslos
+verloren gewesen. Weppels und Glassys Aussagen, die fast zusammen und
+bald nach Josy eintrafen, vermehrten nur noch die Bestürzung, da sie die
+erstgehörte Unglückskunde nicht allein betätigten, sondern sogar noch
+hinzufügten, daß sie den ganzen Stamm und zwar mit den Kriegsfarben
+bemalt gesehen hätten, -- wonach Waterton also das Äußerste erwarten
+durfte.
+
+Shark betrauerte man als erstes Opfer der Rache, denn Josy hatte ihn,
+wie er fest und bestimmt behauptete, fallen sehen, sich aber natürlich
+nicht weiter um ihn bekümmern können. Auch die beiden Irländer wurden
+noch vermißt und man konnte nicht anders glauben, als daß sie ebenfalls
+in die Hände der im Hinterhalt lauernden Feinde gefallen wären, welche
+Befürchtung sich um so mehr bestätigte, da bis Sonnenuntergang am
+nächsten Tage keiner der Dreie in Waterton erschien, während die
+Bewohner des kleinen Städtchens in wahrhaft fieberhafter Aufregung Alles
+hervorsuchten, was nur irgend als Waffe dienen konnte, um dem in jeder
+Secunde erwarteten Angriff und Überfall zu begegnen. Besonders steigerte
+sich gegen Tagesanbruch am zweiten Morgen ihre Angst auf das Höchste,
+da sämmtliche Stämme gewöhnlich in dieser Zeit aus ihrem Hinterhalt
+hervorbrechen. --
+
+Aber siehe da, kein Überfall erfolgte, die Sonne stieg still und
+majestätisch über den rauschenden Wipfeln der Bäume empor, und ihr
+Strahl fiel auf kein wildes Blutvergießen, ihr freundliches Licht
+leuchtete keinem mörderischen Angriff -- ihr heiteres Auge sah auf keine
+rauchenden Trümmer und zuckende Leichen hernieder.
+
+Die Zurückhaltung der Indianer wurde räthselhaft -- der Mittag verging
+-- die Sonne neigte sich schon wieder ihrem Untergang -- kein Laut ließ
+sich hören, kein fremdes Wesen näherte sich der Stadt. Da endlich -- es
+fing schon an zu dämmern, -- wankte mit bleichem Antlitz und zerfetzten
+Kleidern, zum Tode matt vor Hunger und Angst, Doktor Mac Botherme herbei,
+und er, der noch gestern ein Gegenstand der höchsten Entrüstung gewesen,
+da man nur auf seine Schultern die entsetzliche Gefahr sämmtlicher
+Watertonisten wälzte, erschien ihnen jetzt wie ein Erlöser, der sie von
+Furcht und Noth befreien konnte.
+
+Mac Botherme konnte ihnen aber auch nur wenig Auskunft und Trost geben
+-- das, was er bezeugte, klang eben so schrecklich, als sie es sich in
+ihren wildesten Träumen gedacht. -- Er hatte den ganzen Wald voll Wilder
+gefunden -- hinter allen Bäumen waren sie vorgesprungen, im Fluß wie
+die Fische herumgeschwommen, und nur durch ein Wunder konnte er ihnen
+entgangen sein. Halbverhungert und im Walde verirrt war ihm zuletzt das
+Leben selbst eine Last geworden, und er hatte, als er endlich einen
+bekannten Weg fand, beschlossen, nach Waterton zurückzukehren, mochten
+es nun die Indianer zerstört haben oder nicht.
+
+Da -- während noch Alle um den Doktor geschaart standen und mit
+ängstlicher Spannung seinen Worten lauschten, meldeten die indessen
+ausgestellten Wachen einen auf dem Fahrweg herankommenden einzelnen
+Wanderer, in dem Josy bald darauf zu seinem unbegrenzten Erstaunen den
+für todt gehaltenen Shark erkannte. Aber großer Gott, wie sah der aus
+-- beinahe sechsunddreißig Stunden hatte er den Wald in wilder Angst
+durchstreift, und brach auch, als sich die Freunde um ihn sammelten,
+erschöpft und bewußtlos zusammen. Unter guter Pflege erholte er sich
+zwar in kurzer Zeit wieder, seine Aussage stimmte dann aber auch
+haarklein mit der des Doktors überein, und es blieb nun keinem Zweifel
+mehr unterworfen, daß ihre Stadt und sie selbst von Indianern bedroht
+gewesen, diese jedoch wahrscheinlich aus Furcht vor der Rache der Weißen
+einen ernstlichen Überfall unterlassen hätten.
+
+Der Doktor wollte nun allerdings wissen, wie es käme, daß so viele
+Männer von Waterton an jenem Abend im Wald gewesen seien, darüber
+beobachteten aber die dabei Betheiligten ein wirklich musterhaftes
+Schweigen, und da auch Patrik O'Flaherti verschwunden blieb, so dauerte
+es eine geraume Zeit, ehe man es wagte, die Häuser und Familien wieder
+zu verlassen, um jenen Grabhügel zu besuchen, auf dem fast ein Jeder die
+Überreste eines vollständigen indianischen Lagers zu finden erwartete.
+--
+
+Allerdings staunten sie, als sie hier keine Spur mehr von Indianern
+entdecken konnten, denn sie waren mit Wehr und Waffen ausgezogen, den
+Feind zu bekämpfen. -- Der Platz lag noch so öde und still da, wie an
+jenem Abend, selbst Spaten und Hacke und die Kleidungsstücke der beiden
+Leichenräuber deckten, wie sie von ihren Eigenthümern hingeworfen
+worden, den Boden -- nur der Hügel selbst zeigte eine Veränderung. Das
+Grab des Indianers war geöffnet -- der Sarg erbrochen -- die Leiche
+-- fort. --
+
+Wie die Wilden so spurlos verschwunden sein konnten und was aus
+dem von ihnen selbst begrabenen Indianer geworden, blieb Allen ein
+undurchdringliches Geheimniß -- nur am Fluß fand Josy die tief
+eingetretene Spur eines Moccasins, und die an dieser Stelle weit
+hinausgewachsene Wurzel einer alten Sycomore machte es möglich, daß
+hier ein Canoe gelegen haben konnte. Das blieb freilich Alles nur
+Vermuthung, und da sämmtliche an jener Scene betheiligte Personen in
+ihrer Schilderung einen ganzen indianischen Stamm gesehen zu haben
+übereinstimmten, so zweifelte von dem Augenblick an Niemand mehr an der
+Wahrheit des Berichteten. Patrik O'Flaherti und Sip wurden für todt
+gehalten.
+
+Patrik O'Flaherti und Sip waren aber keineswegs todt, sondern hatten
+nur nach verschiedenen Richtungen hin ihre Flucht genommen, und die
+Ansiedelungen, die sie zufällig erreichten, durch ihre entsetzlichen
+Erzählungen in Furcht und Schrecken versetzt. Sip kehrte erst nach
+vierzehn Tagen nach Waterton zurück, Patrik aber wanderte, so schnell
+ihn seine Gliedmaßen trugen, nach Vincennes und von da nach den
+östlichen Staaten zurück, da er erklärte »sein goldenes Haar nicht nach
+Illinois getragen zu haben, daß so ein verdammter rothfelliger Schurke
+Staat damit machen sollte.« Was aber Waterton anbetraf, so erwähnte er
+von der Zeit an nie den Namen der Stadt, ohne dabei zu bemerken, das
+wäre auch noch ein Ort, in dem er sein Glück könnte gemacht haben, wenn
+ihn nicht die Indianer bei Nacht und Nebel überfallen, alles Lebende
+scalpirt, und die Wohnungen niedergebrannt hätten, wobei er selbst nur
+noch durch ein Wunder dem Tode entgangen wäre. --
+
+Den tief beschatteten Foxriver hinab steuerte indessen ein einsamer
+Krieger der Winnebagoes sein leichtes Canoe, während vorn, zwischen den
+Rippen, die dem schwachen Fahrzeuge Festigkeit gaben, in seine wollene
+Decke eingehüllt, der starre Körper des alten Indianers lag. Der junge
+Häuptling aber sang leise, indeß sein Ruder still und geräuschlos die
+leichte Barke über die spiegelglatte Fläche trieb, und den Takt schlug
+zu dem wehmüthig monotonen Lied:
+
+ »Früher warst Du ein Häuptling --
+ Der Wald hier gehörte Dein,
+ Jetzt führ ich Dich leise und heimlich
+ Hinunter den stillen Strom --
+ Und früher warst Du ein Häuptling.«
+
+ »Früher warst Du ein Häuptling
+ Die Erde gehörte Dein,
+ Jetzt mußt' ich Dich daraus stehlen
+ Sie gönnten Dir selbst kein Grab --
+ Und früher warst Du ein Häuptling.«
+
+ »Früher warst Du ein Häuptling
+ Und zähltest der Krieger viel,
+ Jetzt flüchtet mit Deiner Leiche
+ Dein einziger Sohn -- allein --
+ Und früher warst Du ein Häuptling. --«
+
+Weiter und weiter glitt der Rindenkahn auf dem leise murmelnden Fluß
+hin -- weiter hinab, zwischen Weiden und Erlen, und den schwankenden
+silberbehangenen Birken; und der Whippoorwill sang in den Sträuchen sein
+wehmüthig-klagend Lied, und der Nachtfalke stieg kreischend empor von
+dem knorrigen Ast, auf dem er geruht. -- Der Tag dämmerte und das
+leckere Mahl wollte er sich noch suchen vor der Morgenröthe. Auch die
+Eule wurde wieder lebendig und ihr antwortete -- weit weit aus der
+fernen Prairie herüber -- der graue Wolf, der seinen Rundlauf beendet
+und jetzt zu dem heimlichen Versteck mit unhörbarem Tritt zurückschlich.
+-- Und dort -- dicht hin unter den thaubehangenen Zweigen, die sich
+tief hinabbeugten zu der klaren Fluth, und von ihr erfaßt, unruhig
+erzitterten und bebten, -- dicht hin, unter dem feierlichen Rauschen der
+jungfräulichen Eichen, in denen der Morgenwind seine Riesenakkorde griff
+-- glitt das Canoe des Indianers und sein Todtensang mischte sich mit
+dem fröhlichen Lebensgruß des jungen Tages.
+
+
+
+
+Nordamerikanische Jagd.
+
+ Jagd auf Hirsche. -- Auf Truthühner. -- Ein amerikanischer Jäger.
+ -- Bärenjagd. -- Der Panther. -- Der Wolf. -- Der Fuchs. -- Der
+ Waschbär. -- Das Opossum. -- Schnepfen in Louisiana. -- Ausrüstung
+ des amerikanischen Jägers. --
+
+
+Die vereinigten Staaten von Nordamerika, vor noch nicht gar langer Zeit
+das unbegränzte Jagdgebiet der wilden Indianerstämme, sind jetzt zwar
+von diesen geräumt und der weiße Jäger durchzieht nur mit wenigen
+Ausnahmen, allein die ungeheuren Wälder und Steppen des gewaltigen
+Reiches; aber auch die zahlreichen Büffelheerden und Rudel von
+Riesenhirschen (=Elks=), die sonst das Land belebten, sind von
+den sicheren Büchsen der Amerikaner und eingewanderten Ausländer
+erlegt, oder mit den rothen Söhnen der Wildniß weiter nach Westen
+zurückgetrieben worden; immer aber schreitet noch manch stattlicher
+Hirsch im Schatten des mächtigen Urwaldes einher und Bären und Panther,
+wie verschiedene andere kleine Raubthiere, zwingen den Ansiedler der
+westlichen Niederlassungen, fast auf jeder Farm, -- so nennt man die
+einzeln liegenden Häuser und Felder der Amerikaner, -- eine Meute Hunde
+zu halten, um seine Hausthiere vor der Mordgier derselben zu schützen.
+
+Stets ein eifriger Jagdfreund, konnte ich, in Amerika angekommen, den
+lockenden Beschreibungen jener Wälder nicht lange widerstehen, und
+verließ von unbezwingbarer Lust für das edle Waidwerk getrieben, bald
+nach meiner Ankunft in New-York, die östlichen Staaten, um den fernen,
+so viel gepriesenen Westen aufzusuchen, aber nicht etwa in Schiff oder
+Wagen, sondern zu Fuß, mit der Doppelflinte auf der Schulter und beim
+geringsten Geräusch, das rechts oder links am Wege laut wurde, zum
+Schusse fertig. Sehr häufig sah ich mich dabei im Anfang durch die
+frei im Walde weidenden Heerden getäuscht, und ich weiß mich noch recht
+gut des Abends zu erinnern, wo ich, wohl eine halbe Stunde lang durch
+dornige Schlingpflanzen und Sumpfstellen über umgestürzte Bäume und toll
+und wild umhergestreute Äste hinweg, ja durch einen, über drei Fuß mit
+Wasser gefüllten Bach fortkroch und lief, weil ich irgend etwas, das
+langsam brummend und im Laube raschelnd von mir weg ging und, wie
+ich einmal auf einen Augenblick erkennen konnte, schwarz aussah,
+beschleichen wollte.
+
+Zu hitzig in der Verfolgung, nahm ich mir nicht einmal Zeit, nach einer
+Fährte zu sehen, und war nicht wenig überrascht, als ich endlich, mit
+der Hülfe eines kleinen, schmalen Thales, das ich wie der wilde Jäger
+durchraste, um dem Bären, denn für nichts Geringeres hielt ich mein
+ausersehenes Opfer, den Weg abzuschneiden, ein gemüthlich im dürren
+Laube wühlendes, zahmes Schwein fand, das, als es mich erblickte,
+stutzte, mich anschnob und unwillig grunzend in das Dickicht trollte.
+Ich kam damals in starke Versuchung, dem unschuldigen Geschöpf eine
+Ladung Posten nachzusenden, mußte aber doch selbst zuletzt über den
+komischen Irrthum lachen und war nur froh, daß ich bei der ganzen
+Geschichte keinen Zeugen gehabt hatte.
+
+Wilde Sauen giebt es in den vereinigten Staaten gar nicht, außer wild
+gewordene zahme, die jedoch dann nur von den dort angesiedelten Farmern
+geschossen werden dürfen; jede andere Jagd ist frei.
+
+In den östlichen Staaten fand ich sehr wenig jagdbares Wild -- Rebhühner
+und Kaninchen ausgenommen, denn der deutsche Hase fehlt ebenfalls, soll
+aber, westlich von den Felsengebirgen, am stillen Meere, ziemlich häufig
+sein. Die Rebhühner sind kleiner als die unsrigen und auch etwas anders
+gezeichnet; ihre äußeren Schwungfedern zum Beispiel ganz grau; auch ist
+ihr Ruf anders wie der unseres Rebhuhns, denn sie pfeifen.
+
+Die Kaninchen kommen den unseren fast ganz gleich und leben in Erdbauen
+und hohlen Bäumen, färben aber im hohen Norden im Winter und werden
+weiß.
+
+Vielen Spaß machten mir später, als ich den Staat Illinois mit seinen
+ungeheueren Prairien oder Steppen durchzog, die sogenannten Prairiehühner,
+die sich hier in gewaltigen Ketten zusammengethan hatten. Ich wollte
+erst meinen Augen gar nicht trauen, wie's überall um mich herum
+emporschwirrte und _tausende_ von starken Hühnern aufstiegen; fand aber
+bald so viel von ihnen, daß ich die Suche gern aufgab und nur dann und
+wann, am Wege hin, schoß was ich brauchte.
+
+Das Prairiehuhn ist etwa von der Größe unseres Haushuhns -- von
+graulicher Farbe, mit befederten Ständern und kurzem, feldhuhnartigem
+Schwanz; der Hals ist aber lang wie beim Truthahn und die Flügel sind
+ganz denen der Fasanen ähnlich. Es fliegt eben so wie das Rebhuhn; ich
+habe aber stets gefunden, daß es selten vor einer englischen Meile
+wieder einfiel, was denn das Nachsuchen sehr beschwerlich macht. Das
+Fleisch ist, die Brust ausgenommen, nicht sehr besonders und steht dem
+der Truthühner bedeutend nach; seine Federdecke aber ist im Winter so
+dicht, daß es ziemlich starken Schrot erfordert, hindurchzudringen.
+Sonst ist die Jagd auf dasselbe ungemein leicht, denn es scheut den
+Menschen sehr wenig und kommt Morgens und Abends selbst zu den in den
+Prairien zerstreuten Farmen, um sich auf den Fenzen (Einzäunungen)
+derselben niederzulassen, wo es dann natürlich sehr leicht erlegt werden
+kann. Beim Eintritt kalten Wetters fallen sie gern auf die Bäume und
+sind in dieser Zeit, besonders wenn es etwas stark gefroren hat,
+fast gar nicht wieder aus den Zweigen des einmal gewählten Baumes
+herauszutreiben. Ich selbst schoß eines Morgens fünf von einer niedrigen
+Eiche, in der etwa zwanzig bis dreißig standen, einzeln herunter, und
+die übrigen blieben ruhig oben. Wagenladungen voll werden von ihnen nach
+St. Louis und die benachbarten kleineren Städte auf den Markt gebracht,
+und es leben viele Leute, die sich blos mit der Jagd derselben
+beschäftigen.
+
+St. Louis gegenüber kreuzte ich den Mississippi und wanderte von hier
+durch den dichten Wald dem südlicher liegenden, wegen seiner Jagd
+berühmten Arkansas zu. Nahe bei St. Louis ist jedoch sehr wenig Wild;
+Feldhühner und Kaninchen wieder ausgenommen; auch lebt hier noch der
+sogenannte amerikanische Fasan, der sonderbarer Weise in einem weiter
+südlichen Klima nicht gedeiht. Obgleich ihn aber die Amerikaner Fasan
+nennen, so ist er doch keineswegs dem unsrigen gleich, sondern
+unterscheidet sich von diesem in vielen Stücken.
+
+Es giebt zwei Arten -- den im Norden, in Canada, fand ich von graulicher
+Farbe, mehr dem Prairiehuhn ähnlich -- der weiter südlich kam dagegen
+dem deutschen etwas näher und sah bräunlich aus. Auf dem Kopfe trägt er,
+wie dieser, einen Federschmuck; doch fehlt ihm das Spiel gänzlich, statt
+dessen schlägt er im Affect ein Rad mit dem Schwanz und schleift wie
+der Truthahn. Die Ständer sind wie bei dem Prairiehuhn befiedert und
+er lebt, dem Feldhuhn gleich, in Ketten zusammen, hat aber noch die
+sonderbare Angewohnheit, in der Balzzeit sich auf umgestürzte Stämme
+oder abgehauene Baumstümpfe zu stellen und an diese mit den Schwingen zu
+schlagen oder, wie es die Amerikaner nennen, zu »trommeln,« was man eine
+lange Strecke weit hören kann. Sein Fleisch ist äußerst zart und weiß,
+und er gehört zu dem besten Federwild der vereinigten Staaten.
+
+In Missouri nun findet sich in großer Anzahl der amerikanische oder
+sogenannte virginische Hirsch, den ich vor allen Dingen etwas näher
+beschreiben will, ehe ich zur Jagd desselben übergehe.
+
+Er ist bedeutend kleiner als der unsrige, und ähnelt in vielen Stücken
+dem Damwild, trägt auch den Wedel statt der Blume; aber ein von dem des
+Damwildes sehr verschiedenes Gehörn.
+
+Sein ausgelegtes Geweih zählt selten mehr als vier, höchstens fünf und
+sehr selten sechs Enden, obgleich ich einst im Walde ein abgeworfenes
+fand, an welchem ich dreiunddreißig Enden zählte.
+
+Dabei ist es, ungleich dem des amerikanischen Riesenhirsches oder
+Elks, nach vorn zu gebogen und giebt ihm ein ganz eigenthümliches,
+fremdartiges Aussehen. Äußerst selten findet man gefleckte oder weiße
+Hirsche.
+
+Das Rothwild färbt dreimal im Jahre. Im Januar nimmt der Hirsch sein
+Winterkleid an und wird »grau«; im April erscheint er »roth« und wird
+im August und September »blau«! Das Thier färbt stets etwa vier Wochen
+später als der Hirsch. Zum Gerben eignen sich die Decken am besten vom
+Mai bis Ende September, wo sie besonders in diesem letzteren Monat die
+meiste Festigkeit erlangen.
+
+Die Brunftzeit der Hirsche fällt durch die vereinigten Staaten, wegen
+ihrer großen Ausdehnung nach Norden und Süden, sehr verschieden; -- in
+Arkansas, das etwa in der Mitte liegt, nimmt man an, daß sie mit dem
+ersten Frost eintritt, also etwa im October; -- weiter unten, in
+Louisiana, fällt sie später, -- im Norden früher. Die Thiere setzen im
+April und Mai ein bis zwei, ja manchmal drei Kälber, die bis zum Herbst
+gefleckt bleiben und dann mit den übrigen »blau« werden.
+
+Jagdgesetze existiren wohl in den vereinigten Staaten, werden aber nicht
+im mindesten beachtet und jeder schießt, wann es und was ihm beliebt;
+daß dies übrigens dem Wildstand ungeheueren Schaden thun muß, liegt klar
+am Tage, und nur die wirklich erstaunliche Menge von Wild hat bis jetzt
+der Ausrottung widerstehen können. Die Jagdbenutzung, d. h. wie sie bei
+den Jägern dort gebräuchlich ist, will ich der Sonderbarkeit wegen
+hierher setzen.
+
+Januar. Die Hirsche stehen jetzt mit dem Wilde in Rudeln beisammen; die
+Schmalthiere sind feist, und werden des Wildprets und Feistes wegen, die
+Hirsche selbst nur der Wilddecke wegen geschossen, da der Jäger von den
+letzteren nur diese und die Keulen mitnimmt, das übrige Wildpret aber
+den Raubthieren und Aasgeiern überläßt. Ende Januar fangen starke
+Hirsche schon an ihr Geweih abzuwerfen und dieser Monat, wie Februar
+und März, heißt die »graue Jahreszeit!«
+
+Februar wie Januar.
+
+März. Das Rothwild hält sich jetzt, des Färbens und der überhand
+nehmenden Mosquitos und Stechfliegen wegen, in den unzugänglichsten
+Dickichten auf und Decke sowohl als Wildpret ist schlecht. Der März ist
+daher der einzige Monat im Jahr, in welchem nur hie und da einzelne
+Stücke geschossen werden; will ein Jäger aber eins haben, so zündet er
+gewöhnlich in der Nähe eines Dickichts einen umgestürzten Baumstamm an,
+-- das Wild kommt dann herbei, und stellt sich in den Rauch, um dadurch
+Schutz gegen die quälenden Insekten zu finden.
+
+April. Die Thiere fangen an zu setzen und besuchen, wie die Hirsche, die
+Salzlecken. Ende dieses Monats beginnt die »rothe Jahreszeit« und dauert
+bis Mitte September. Die Hirsche fangen an ihr Geweih aufzusetzen.
+
+Mai. Die Jagd an den Salzlecken, bei Kienfackeln und angerichteten
+Gestellen, wird jetzt ernstlich betrieben und Hirsche und Thiere werden
+geschossen.
+
+Juni. Die Thiere sind jetzt ebenfalls vollkommen roth; die Hirsche
+werden feist und stehen, abgesondert von den Thieren, in Rudeln von
+sieben, acht und mehr Stücken gewöhnlich in einem bestimmten Waldorte
+beisammen, so daß man sicher darauf rechnen kann, sie hier im Umkreis
+von zwei bis drei englischen Meilen zu finden. Einer der schwächsten
+Hirsche ist gewöhnlich der Führer und erlegt man diesen zufällig zuerst,
+so daß er im Feuer zusammenstürzt, so hat man nicht selten Gelegenheit,
+die Übrigen, so schnell man laden kann, nachzuholen. Die Thiere werden
+jetzt nur der Decke wegen geschossen.
+
+Juli -- wie Juni. -- Kälber sind alt genug, um geschossen zu werden;
+Hirsche fangen an zu fegen, vernachlässigen aber die Salzlecken.
+
+August. Bei den Hirschen beginnt die »blaue Jahreszeit« und sie sind
+nun am feistesten, die Decken auch in diesem und dem nächsten Monat
+am geeignetsten für die Bereitung für Moccasins -- (Indianische
+Halbstiefel.)
+
+September. Desgleichen.
+
+October. Mitte dieses Monats beginnt gewöhnlich die Brunftzeit, oft auch
+erst zu Anfang November, besonders in recht späten Wintern. Nun eröffnet
+sich für den amerikanischen Pürschjäger die beste Jagdzeit, denn der
+Hirsch, den Fährten des Schmalthieres folgend, durchzieht ziemlich
+sorglos den Wald und kann leicht erlegt werden, was jetzt nur der Decken
+wegen geschieht, die, nach dem Gewicht verkauft, wenn getrocknet, von
+starken Hirschen sechs bis acht, ja wohl auch neun Pfund wiegen.
+
+Die Geweihe haben ihren ganz vollkommenen Zustand wieder erreicht.
+
+November. Desgleichen.
+
+December. Vorzüglich Jagd auf Schmalthiere, die jetzt, wenn ein gutes
+Eicheljahr war, anfangen feist zu werden. Hirsche und Thiere stehen
+wieder in Rudeln zusammen.
+
+Das ist ungefähr Alles, was über die in Amerika gebräuchliche Ordnung
+bei der Hirschjagd zu sagen ist. Diese selbst wird auf dreierlei Arten
+betrieben. Die erste ist das _Pürschen_, die zweite die _Hetze_ und die
+dritte die _Nacht-_ oder _Feuerjagd_.
+
+Das Pürschen bleibt sich natürlich in allen Ländern gleich und ist auf
+jeden Fall nach der Bärenhetze die edelste und schönste Jagd.
+
+Das Hetzen erfordert in dem wilden, unbebauten Lande, wo oft fast
+undurchdringliche Dickichte die verfolgenden Hunde wie nachsetzenden
+Jäger aufhalten, eine genaue Kenntniß des Bodens und Wechsels, und
+eignet sich auch mehr für ein Land, wo das Wild schon dünner wird und
+der Jäger froh ist, mit seiner ganzen Meute in einem halben Tag einen
+Hirsch aufzujagen; aber auch in Arkansas, wo es noch Hirsche genug
+zum Pürschen giebt, wird, den Winter hindurch wenigstens, diese Jagd
+vorgezogen; im Sommer jedoch, wo die Hitze am Tage sehr drückend und
+das Tragen der schweren Büchse zu beschwerlich ist, nimmt der Jäger zum
+Feuer seine Zuflucht und schießt sein Wild Nachts bei der Kienflamme.
+
+Sollte es übrigens unseren deutschen Jägern auffallen, daß Rothwild,
+sonst das Feuer scheuend, bei diesem erlegt werden kann, so muß ich hier
+bemerken, daß es in Amerika unter ganz anderen Verhältnissen aufwächst.
+Im Frühjahr durchzieht wohl kein Jäger in jenen Gegenden den Wald, ohne
+das dürre Laub, was oft vier bis sechs Zoll tief den Boden bedeckt,
+an eben so vielen Stellen anzuzünden, als er sein Lager aufschlägt,
+oder sein Mittagsmahl kocht. Es ist dies nicht allein um das Laub zu
+beseitigen und den neuen jungen Graswuchs zu befördern, sondern auch das
+lästige Unterholz und die Dornen und Schlingpflanzen etwas zu tödten,
+die sonst in einigen Jahren so überhand nehmen würden, daß an eine
+Pürschjagd gar nicht mehr zu denken wäre. Solche Waldbrände greifen aber
+selten oder nie gesunde und kräftige Stämme an, sondern beschränken sich
+darauf, die am Boden liegenden Blätter und trockenen Dornen zu verzehren,
+kleineres Buschwerk zu tödten und die dürren, halb oder ganz verfaulten
+und umgestürzten Stämme in Brand zu stecken.
+
+Die Hirsche gewöhnen sich hierdurch ganz an diese Feuer und sammeln
+sich, besonders im Frühjahr, gern um sie, bezeigen daher auch nicht
+die mindeste Furcht, wenn sie ihre gewöhnliche Salzlecke annehmen und
+dort eine helle Flamme finden. Ihre großen, klaren Lichter der Gluth
+zuwendend, schreiten sie still herbei und stürzen meistens, von der
+sicheren Kugel getroffen, ehe sie nur die Nähe eines Feindes ahnen.
+
+Eine solche Jagd anschaulicher zu machen, will ich eine der von mir bei
+Salzlecken durchwachten Nächte beschreiben.
+
+Es war im Jahr 1842, als ich im Monat April unterhalb Little Rock, der
+Hauptstadt von Arkansas über den Arkansas-Fluß ging und die Sümpfe
+durchstrich, die auf dem linken Ufer desselben um die sogenannte
+Bayou-Meter (eine Art Fluß mit fast gar keiner Strömung, der im
+Arkansas entspringt und auch wieder in denselben mündet) herum lagen.
+
+Es ist ein gar trauriges Jagen in solchen Sümpfen, besonders im
+Frühjahr, wenn der größte Theil derselben noch überschwemmt ist und
+die Mosquitos dem sie Durchwandernden auch nicht die mindeste Ruhe
+gestatten. Dabei sticht die Sonne am Tage so brennend, wie mitten im
+Sommer, und fast keine Nacht vergeht, in der nicht ein Gewitter den im
+Freien Campirenden, wenn er sich nicht schon darauf vorgesehen hat,
+tüchtig durchweicht.
+
+Am Fuße einer niedrigen Hügelreihe dem Laufe eines kleinen Baches
+folgend, kam ich zu einem flachen, sumpfigen Fleck, der mitten im sonst
+schönen, grünen Rasen so von Hirschen ausgetreten war, daß ich, in einem
+Raume von dreißig bis vierzig Schritt im Durchmesser, auch nicht die
+Spur von Grünem darauf sehen konnte. Es schien eine jener salzigen
+Sumpfstellen zu sein, die das Rothwild besonders im Frühlings-Anfang
+aufsucht, während es, weiter im Sommer, mehr die trockenen, Salz
+enthaltenden Lehmufer der keinen Bäche annimmt. Kaum vier bis
+fünfhundert Schritt von der erwähnten Stelle standen Kiefern, und ich
+war schnell entschlossen, die Nacht an der Lecke, oder wie es im
+Englischen genannt wird, »=lick=« zu wachen.
+
+Vor allen Dingen errichtete ich, etwa zwanzig bis fünfundzwanzig Schritt
+von dem am meisten besuchten Theil der Salzlecke, ein kleines Gestell,
+wozu ich mit meinem Tomahawk (indianisches Beil) vier Holzgabeln abhieb
+und diese, das Gerüst etwa vier Fuß hochlassend, in den Boden trieb.
+
+Auf darüber hingelegten Querhölzern wurden jetzt grüne Zweige
+ausgebreitet und diese etwa fünf Zoll dick mit Erde und Rasen bedeckt,
+damit das Feuer nicht hindurch brennen konnte. Als das geschehen, ging
+ich mit meiner wollenen Decke und dem Tomahawk zu den Kiefern und
+Fichten zurück, und spaltete leicht aus den dort wildumhergestreuten
+Stämmen genug fettes Kienholz, um die ganze Nacht eine gute Flamme zu
+unterhalten, das ich nachher in der Decke zur Salzlecke trug und um das
+Gerüst herum aufhäufte, damit ich es in der Nacht leise und geräuschlos
+abnehmen und auf die niedergebrannten Kohlen legen konnte. Eine andere
+Vorsichtsmaßregel war aber jetzt noch zu treffen. Im Westen thürmten
+sich wieder dunkele, drohende Wolkenmassen auf und ließen mich nicht
+ohne Grund vermuthen, daß ich vor anbrechendem Tageslicht nähere
+Bekanntschaft mit ihnen machen würde. Mehre der umher liegenden Stämme
+mußten daher ihre Rinde abgeben, von der ich eine bedeutende Quantität
+zu meinem Verstecke hinschaffte, um im Nothfall davon Gebrauch machen zu
+können.
+
+Da ich noch Zeit genug behielt, baute ich mir jetzt auch eine
+kleine Vorrichtung, die Büchse (ich hatte schon seit Jahren das leichte
+Schrotgewehr gegen die schwere Büchse vertauscht) auflegen und sicherer
+schießen zu können, stellte mir dann Messer, Kugeltasche und Pulverhorn
+zurecht, sah nach den Zündhütchen, daß die nicht wieder im Augenblick
+der Noth im Unterfutter säßen und dachte, nachdem ich mein »Handwerkszeug«
+in Ordnung hatte, jetzt auch ein wenig an den leiblichen Menschen, zu
+dessen Stärkung ich ein paar Stücke gedörrten Hirschwildprets, die
+Hälfte eines kalten Truthahns und eine Scheibe Maisbrod hervorholte.
+
+Der vorbeifließende kleine Bach sah gerade nicht eben einladend aus,
+doch sind Hunger und Durst ein guter Koch; ein Becher voll des etwas
+bräunlichen Wassers spülte das trockene Brod und Fleisch hinunter,
+und ich würde mich sehr wohl und behaglich befunden haben, wären die
+Mosquitos in dem niederen Lande nicht wie ganz wahnsinnig gewesen. Im
+Anfang, als ich mich hinsetzte, kamen nur wenige angeflogen und sogen
+sich voll; diese mußten aber den anderen wohl erzählt haben, wie gut
+mein Blut schmecke, denn scharenweis drängten sie jetzt auf mich ein,
+und hätt' ich sie ruhig gewähren lassen, so würden sie mich, noch vor
+dem nächsten Morgen, so trocken wie einen Bückling ausgepumpt haben. In
+der Dämmerstunde sind sie überhaupt stets am schlimmsten, und ich konnte
+mich kaum gegen sie schützen, bis endlich die Schatten der Nacht sich
+auf den Wald zu lagern begannen und der =Whip poor will= (Nachtvogel,
+eine Art Ziegenmelker) sein eintöniges Lied sang.
+
+Ich schlug jetzt Feuer, steckte den Schwamm in eine Handvoll dürrer
+Blätter und erhielt durch Blasen bald eine helle Flamme, die ich mit
+fein gehaltenen Kienspänen nährte und nun mein Feuer oben auf dem
+Gestell entzündete.
+
+Es war indessen völlig dunkel geworden und die helle Flamme, gerade über
+mir, unter der ich völlig im Schatten saß, bewies sich als der schönste
+Mosquito-Ableiter, den es nur auf der Welt geben konnte. Zu Tausenden
+stürmten sie in die Gluth, die sie eben so schnell vernichtete, und
+mit wahrhaft teuflischer Schadenfreude saß ich darunter und sah sie
+elendiglich umkommen.
+
+Ich konnte jetzt auch mit Ruhe mein Abendbrod beendigen, das ich, der
+peinigenden Insekten wegen hatte niederlegen müssen, und schaute
+lauschend dabei umher, die Ankunft eines Stückes Wild erwartend.
+
+Es ist ein herrliches Gefühl, in stillem Waldesdunkel bei der rothen
+Kienflamme zu wachen, die um den Jäger einen Lichtkreis von kaum mehr
+als vierzig Schritt im Durchmesser zieht, in welchem die gewaltigen,
+magisch beleuchteten Stämme gleich Riesengespenstern zum schwarzen
+Nachthimmel emporstarren. Wenn nun in weiter Ferne ein einzelner
+Wolf sein klägliches Geheul erhebt, das seine Brüder von den Hügeln
+beantworten, wenn die Eule mit ihrem eintönigen Ruf, die quakenden
+Frösche und zirpenden Grillen einfallen und so ein eigenthümlich wildes
+Concert entsteht, -- dann wird es Einem bei dem flackernden Feuer
+ordentlich schauerlich behaglich zu Muthe.
+
+Diese Töne verhallen aber nach und nach, sobald erst wirklich die Nacht
+ihr Reich antritt, und von zehn Uhr ungefähr herrscht eine nur selten
+vom =Whip poor will= und von einzelnen Fröschen unterbrochene
+Todtenstille.
+
+Jetzt mußte aber auch der Mond bald aufgehen, und mit äußerster
+Aufmerksamkeit horchte ich dem leisesten Geräusch, jedem Rascheln der
+Blätter, jedem Säuseln des Windes durch die hohen Baumwipfel. Um durch
+den schimmernden Lauf nicht geblendet zu werden, hatte ich eben das
+Visir über die Kienflamme gehalten und geschwärzt, dabei auch eine
+Handvoll frischer Späne auf die fast niedergebrannten Kohlen gelegt
+und hüllte mich wieder in meine wollene Decke ein; -- denn wenn auch
+die Sonne den Tag über recht heiß brannte, waren die Nächte doch kühl;
+-- als nicht weit entfernt von mir ein dürrer Zweig krachte. Das war
+ein Stück Wild, und mit Blitzesschnelle griff ich nach der neben mir
+lehnenden Büchse.
+
+Die Salzlecke, an der ich wachte, lag in einem sie dicht umschließenden
+Gebüsch, das, von den riesenhaften Bäumen des sumpfigen Thallandes
+überragt, keinen Strahl des jetzt eben das Firmament erhellenden Mondes
+hindurchließ; der von dem Rothwild benutzte Platz selber aber war
+länglich oval und an ihm entlang floß der kleine, schon früher erwähnte
+Bach, dessen gegenüberliegenden Rand niedere, dichte Büsche einfaßten.
+
+An eine starke Eiche geschmiegt, hatte ich an dem einen Ende der Lecke
+mein Gestell errichtet, damit ich die ganze Länge derselben beschießen
+könnte, und gerade mir gegenüber schien das eben gehörte und sich
+jetzt wiederholende Geräusch herzutönen. Regungslos lauschte ich mit
+zurückgehaltenem Athem den lang ersehnten Lauten, als -- trap -- trap
+-- trap -- in langsam abgemessenen Zwischenräumen der schwere Schritt
+eines Hirsches zu mir herüberschallte. Jetzt stand er und ich wußte, er
+äugte nach der Flamme. Schnell und geräuschlos spannte ich den Hahn und
+machte mich fertig; wohl zwei Minuten aber konnt' ich auch nicht das
+Geringste mehr vernehmen; der Kien fing schon wieder an etwas düsterer
+zu brennen und ich mußte frisch nachlegen, als die Schritte aufs Neue
+hörbar wurden, und gleich darauf glühten ein Paar rothfunkelnde Lichter
+aus dem die Salzlecke umgebenden Gebüsch zu mir herüber. In demselben
+Augenblick theilten sich auch die Zweige und vorsichtig und bedächtig
+mit hochgehobenem Kopfe und vorgestreckten Lauschern betrat ein
+stattlicher Hirsch, kaum zwanzig Schritte von mir entfernt, die kleine,
+eingeschlossene Ebene. Er windete einige Secunden lang nach der Flamme
+herüber, denn der Kiengeruch mochte ihm nicht recht behagen, konnte aber
+den Wind nicht von mir bekommen und kam jetzt gerade auf mich zu.
+
+Ich war jedoch indessen auch nicht müßig gewesen, hatte die Büchse
+gehoben und den nichts Böses ahnenden ruhig auf's Korn genommen, und
+gerade, als er wieder stand, mit etwas mißtrauischem Blicke das Gestell
+und die dicht daneben aufgehäufte Rinde betrachtete und mit dem rechten
+Vorderlauf ungeduldig die Erde schlug, berührte mein Finger den Stecher
+und hoch aufspringend stürzte er schreiend zusammen.
+
+Ich trat schnell hinter die Flamme, wo ich vor allen Dingen meine Büchse
+wieder lud, und schaute dann nach dem Hirsche hinüber; er war aber schon
+verendet und lag bewegungslos dort.
+
+Um nicht einen anderen, sich vielleicht in der Nähe befindenden, Hirsch
+zu verscheuchen, verhielt ich mich übrigens ganz ruhig und ging nicht
+hinaus, ihn abzufangen; aber wohl eine volle Stunde hatte ich wieder
+gesessen, ehe ich auf's Neue nahendes Wild hörte.
+
+Dies Mal waren es mehr Stücke, und ohne sich im mindesten aufzuhalten,
+ja ohne nur die Flamme eines Blicks zu würdigen, betraten sie den
+offenen Fleck und wollten ihn eben, ohne sich weiter um die Salzlecke zu
+bekümmern, kreuzen, als ein junger Spießer, der Führer der Ihrigen, von
+dem frischen Schweiß Witterung bekam und schnaubend absprang. Wohl wußte
+ich, daß mir jetzt nicht lange Zeit zum Überlegen bleiben würde, drum
+hob ich schnell die Büchse und in demselben Augenblick krachte auch der
+Schuß; mit einem Satz überflog aber der Spießer den Bach und war gleich
+darauf im Dickicht verschwunden. Als sich der Pulverdampf verzogen
+hatte, konnt' ich keines der übrigen Schmalthiere mehr sehen und nur
+in der Ferne hörte ich sie schnaubend und pfeifend davon eilen.
+
+Ich hatte eben wieder geladen, als, zwar noch fern, aber doch schon
+recht deutlich und freundlich mahnend ein dumpfer Donnerschlag zu mir
+herüberdröhnte, der mir mit klaren Worten erzählte, was ich zu erwarten
+hatte. Vor allen Dingen nahm ich daher ein Paar brennende Kienspäne, um
+mir den Anschuß und den Schweiß zu besehen, um daraus zu beurtheilen,
+wie weit der Spießer wohl noch gegangen sein könne; denn schickt in
+diesen Sümpfen ein richtiges Gewitter seinen selten fehlenden Begleiter,
+den Regenguß, herunter, so ist's nachher mit dem Ausmachen sehr
+unsicher, weil die Fährten nachher gewöhnlich in einem freundlichen
+Gemisch von Schlamm und Wasser zusammenlaufen, und wenn nicht die
+Aasgeier, die merkwürdig rasch bei der Hand sind, das verendete Stück
+anzeigen, sieht's mit dem Finden oft traurig aus.
+
+Mit meiner schnell gemachten Fackel ging ich jetzt dem Platze zu,
+überzeugte mich aber gar bald, daß der Hirsch einen Lungenschuß bekommen
+hatte und nicht weit fort sein könnte. Schweiß lag im Überfluß auf dem
+Anschuß und in der Fährte; als ich aber eben über den Bach hinüber
+wollte, um den Platz, wo der Spießer lag, aufzusuchen und zu verbrechen
+oder ihn abzufangen, wenn er noch nicht verendet sein sollte (in Amerika
+ist allgemein der Kälberfang Sitte und kein Jäger genickt ein Stück
+Wild), als einige große, schwere, fallende Tropfen das jetzt rasend
+schnell herbei eilende Gewitter verkündeten; ich ließ also Hirsch Hirsch
+sein und sprang zu meinem Gestell zurück, nahm schnell das Feuer
+herunter, das ich im Innern sicher niederlegte, um die Kohlen zu
+bewahren und es nachher, wenn alles Andere naß sein würde, wieder
+anzünden zu können, und deckte nun die vorsichtig herbeigeschafften
+Rindenstücke dachartig über das Gerüst, indem ich sie, um mir unter
+demselben einen größeren Raum zu gestatten, etwa einen Fuß breit an
+jeder Seite vorstehen ließ.
+
+Der Mond war von ungeheueren Wolkenmassen verdeckt und rabenschwarze
+Nacht umgab mich; die fast ohne Unterbrechung zuckenden Blitze aber
+gewährten hinlängliches Licht zu meiner Arbeit, und ich war kaum damit
+zu Stande, als es auch anfing, wie aus Eimern und Dachrinnen zu gießen.
+
+Mein Regenschutz bewies sich ausgezeichnet, aber ich war doch
+gewissermaßen wieder unter die Traufe gekommen, denn die Mosquitos,
+jetzt nicht mehr durch das Feuer abgeleitet und den trockenen Schutz
+unter meinem Aufbau behaglicher findend als den nassen Regen draußen,
+noch dazu da solch ein süßes Stück Menschenfleisch, in eine dünne
+wollene Decke gewickelt, nur ganz zu ihrer Bequemlichkeit dorthin
+gesetzt schien, fingen an mich so wüthend zu umschwärmen und zu
+peinigen, daß ich schon mein Dach verlassen und lieber den fluthenden
+Regen als diese Myriaden von Vampyren ertragen wollte, als mir noch zum
+Glück die Kohlen einfielen, die ich auf einem Stück Rinde liegend und
+mit Rinde zugedeckt neben mir hatte; schnell blies ich sie zur Flamme
+empor, und ein kleines Feuer unterhaltend, auf welches ich nasses Holz
+legte, erzeugte ich einen solchen Rauch, daß ich fast zusammen mit den
+Mosquitos erstickt wäre; das schützte mich doch wenigstens in etwas
+gegen diese, und nach einer Stunde fürchterlichen Gießens hörte endlich
+das Unwetter auf.
+
+Zwar warf ich jetzt mein Rindendach wieder herunter und entzündete aufs
+Neue die Flamme, die Salzlecke hatte sich aber in einen kleinen Teich
+verwandelt und ich selbst saß, am Fuße der gewaltigen Eiche, auf dem
+einzigen, inselähnlichen und trockenen Flecke. Natürlich ließ sich
+weiter kein Hirsch sehen, und noch vor Sonnenaufgang verließ ich das
+sumpfige Thal und schlug mich in die dicht daran stoßenden Hügel, wo
+ich das Balzen eines Truthahns gehört hatte.
+
+Die Truthahnjagd ist in diesen Wäldern eigentlich die am wenigsten
+beschwerliche, wird aber doch nicht viel betrieben, weil sie keinen
+Nutzen bringt. Der Amerikaner schießt wohl, was er zu seinem eigenen
+Bedarfe braucht, da er aber die erlegten Hühner selber essen muß und
+nicht verkaufen kann, so verwendet er nie mehr Pulver und Blei auf sie,
+als unumgänglich nöthig ist. Mir war's auch an diesem Morgen nur um
+einen Braten zu thun, denn das Wildpret der beiden erlegten Hirsche
+konnte der Jahreszeit nach nicht sehr vorzüglich sein. Ich schritt also
+schnell der Gegend zu, von der mir dann und wann die kullernden Töne des
+balzenden Hahnes herüberschallten, um den Ort noch zu erreichen, ehe es
+vollkommen Tag wurde.
+
+Der Truthahn findet sich durch die ganzen vereinigten Staaten, vom
+Norden bis Süden, vorzüglich aber in den südwestlichen Theilen, in
+ungeheuerer Anzahl. Im Frühjahr, März und April balzt der Hahn und ist
+dann auch, bis Anfang Mai, ausnehmend fett; in dieser Zeit aber nimmt er
+fast keine Nahrung zu sich, und ich habe, besonders im März, beim Anfang
+der Balzzeit, den Magen eines Hahnes aufgeschnitten und auch nicht die
+Spur von Nahrung darin, sondern die inneren Wände desselben nur mit
+einer reinen, öligen Feuchtigkeit überzogen gefunden, wie sie etwa der
+Bär während des Winterschlafes bei sich trägt. Wenn daher im Mai die
+Hennen brüten, sind die alten Hähne dürr und ungenießbar, die Jagd muß
+also dann vorkommen eingestellt werden. Die Henne zieht acht bis zwölf,
+ja manchmal sechszehn Junge auf, von denen sie sich nicht mehr trennt,
+bis im nächsten Frühjahr die Balzzeit aufs Neue beginnt; die alten
+Truthähne halten sich übrigens nicht gern zu diesen Familien und
+bilden sehr häufig eigene Ketten von funfzehn und zwanzig, ja oft
+dreißig Stück, die dann stattlich und ehrbar mit ihren großen Bärten
+(ein Borstenbüschel, der bis sechs und sieben Zoll lang, etwa einen
+Finger stark, ihrer Brust entwächst und »Bart« genannt wird) den Wald
+durchschreiten. Besonders halten sie sich gern im Winter zusammen und
+balzen dann manchmal aus reinem Vergnügen, daß es meilenweit durch den
+stillen Wald schallt.
+
+Die Hennen bauen ihre Nester in dichten, unzugänglichen Büschen aus
+dürrem Laub und Reisern auf die Erde und verlassen ihre weißen, am
+dicken Ende etwas gefleckten Eier nur selten; werden sie aber mehre Male
+gestört und vom Neste vertrieben, so kehren sie nicht mehr zu diesem
+zurück und lassen es, selbst wenn sie schon eine Zeit lang gebrütet
+haben, im Stiche.
+
+Im Juli werden die Jungen jagdbar und sind dann ein gar delikates Essen,
+verlieren aber viel von ihrem saftigen Wohlgeschmack, weil man sie
+nicht rupfen kann, sondern ordentlich abbalgen muß, indem die in dieser
+Jahreszeit den Wald erfüllenden kleinen Holzböcke auf keine andere Art
+als mit dem Balge selbst von dem Truthahn zu entfernen sind.
+
+In der Balzzeit ist der alte Hahn sehr scheu, und wo er nur das
+Geringste, was ihm gefährlich dünkt, äugt, so flieht er und ist auf
+keine nur erdenkliche Art an jene Stelle wieder hinzulocken; hat sich
+aber der Jäger gut versteckt oder bewegt er sich wenigstens nicht, so
+kommt er auch, durch das Nachahmen des Hennenrufs herbeigelockt, bis
+dicht an das Rohr hinan.
+
+Die einfachste und beste Truthahnlocke besteht aus dem zweiten, dünnen
+Flügelknochen der Truthenne selbst, der, an beiden Seiten abgeschnitten,
+des Markes entledigt wird und mit welchem, die Luft durch denselben
+einziehend, der Ton der Henne auf das Täuschendste nachgeahmt werden
+kann. Einen solchen Knochen führte ich bei mir und war jetzt auf etwa
+vierhundert Schritt der Stelle nahe gekommen, in welcher der Hahn
+oben auf einem Baume stehen mußte; zu weit aber schien mir der Tag
+vorgerückt, um von dem wachsamen Vogel ungesehen heranschleichen zu
+können; ich suchte mir daher einen umgefallenen Baumstamm aus, hinter
+dem ich mir mein Lager machte, legte mehre Zweige oben drauf, meinen
+Kopf so viel als möglich zu verdecken, und fing nun an, einige Male zu
+locken.
+
+Im Anfang schwieg der Hahn, als er die bekannten Laute hörte,
+wahrscheinlich nur, um sich erst genau zu überzeugen, von welcher
+Richtung her sie tönten; dann aber, nachdem er darüber im Klaren schien,
+balzte er auf einmal aus Leibeskräften, und ich hörte, wie er gleich
+darauf vom Zweige abstiebte und auf mich zu streichend etwa hundert
+Schritte vor mir einfiel.
+
+In kleinen Zwischenräumen ließ ich jetzt und zwar nur leise die Locke
+tönen, auf die er schleifend und dann und wann kullernd, als ob er sich
+halb zu Tode freue, zukam.
+
+Vor mir lag eine kleine, ungefähr 15 Schritte tiefe Blöße, und bald
+darauf sah ich den blauangelaufenen Kopf, mit den rothen herunter
+hängenden Fleischlappen, durch die die Rasenstelle umgebenden Gebüsche
+ragen, auf welche er gleich darauf selber heraustrat. Zwar hatte ich ihn
+jetzt sehr schön zum Schuß, durch Erfahrung aber klug gemacht, hütete
+ich mich wohl, mit der Kugel nach ihm zu schießen, so lange er die
+Federn gesträubt hielt, wobei man kaum errathen kann, auf welcher
+Stelle sich der Körper befinde, und pfiff daher ein Mal recht laut
+und kurz. --
+
+»=Kitt,=« sagte der Truthahn und glättete, sich hoch aufrichtend, am
+ganzen Körper, indem er vorsichtig nach allen Richtungen umherspähete;
+mehr verlangte ich nicht, und beim Krach der Büchse flatterte er empor
+und kam dann, in scharfem Laufe, gerade auf mich zu; -- dicht vor mir
+aber hielt er, drehte sich zwei Mal im Kreise herum, breitete die Flügel
+aus und stürzte zuckend zusammen.
+
+Es war ein merkwürdig feister Bursche und mußte etwas über zwanzig Pfund
+wiegen.
+
+Ich warf ihn aus; denn vernachlässigt man dies, so wird ein Truthahn in
+wenig Stunden, selbst im Winter, anbrüchig, band seine Ständer mit dem
+Kopf zusammen und hing ihn mir, waidtaschenartig, über die Schulter,
+nahm dann meine Büchse wieder auf und wanderte langsam der Salzlecke
+zu, um meine Hirsche zu zerwirken und den Heimweg, nach dem etwa fünf
+englische Meilen entfernten Hause anzutreten.
+
+Dem unter dem Feuer in der Salzlecke Gestürzten zog ich einen dünnen
+Streifen Baumrinde durch das Geäs und schleppte, oder schwemmte ihn
+eigentlich, zum nächsten trockenen Platz; dann aber machte ich mich
+daran, den zweiten wieder zu finden, was noch, trotz dem tödtlichen
+Schusse, seine gehörigen Schwierigkeiten hatte. Der Boden war in einen
+Teich verwandelt, in dem sich Frösche, Eidechsen und Schlangen sehr
+behaglich zu fühlen schienen, der sich aber doch keineswegs dazu
+eignete, einen Hirsch auszumachen.
+
+Der Regen hatte selbst von den Büschen den Schweiß rein herunter
+gewaschen und dornige Schlingpflanzen zogen sich überall in dichten,
+festen Massen zwischen ihnen hindurch; der Hirsch konnte aber nicht mehr
+weit gegangen sein, und nach kaum viertelstündiger Suche fand ich ihn,
+etwa zweihundert Schritt vom Anschuß, verendet.
+
+Wie das vorige Stück schaffte ich den Spießer vor allen Dingen auf
+trockenen Grund und Boden, hatte aber dabei keine kleine Mühe, durch den
+angeschwollenen Bach zu kommen, den ich nicht umgehen, also durchwaten,
+eigentlich fast durchschwimmen mußte, denn das Wasser ging mir bis unter
+die Arme. Als das geschehen, zündete ich jetzt vor allen Dingen neben
+meiner Beute ein tüchtiges Feuer an, welches dem doppelten Zweck
+entsprach, mich zu trocknen und zu wärmen, und einen Theil meines
+Truthahns zu braten; denn mich hungerte bedeutend. Während ein paar der
+saftigsten Stücke am Feuer schmorten, zerwirkte ich die beiden Hirsche,
+nahm von dem Spießer die beiden Keulen und das »=brisket=« (der Theil
+zwischen den Blättern vorn, wo die kurzen Federn zusammenstoßen), schlug
+es in eine der Wilddecken ein, verzehrte dann mein einfaches, aber
+darum nicht minder gutes Frühstück, hing mir nachher die Überreste des
+Truthahns, meine wollene und die beiden frischen Wilddecken, nebst den
+darin liegenden Keulen über, ergriff meine Büchse und wanderte, das
+übrige Wildpret den Aasgeiern oder Wölfen überlassend, der nächsten
+Ansiedelung zu. --
+
+Wer übrigens je eine längere Zeit in den südlichen Theilen Nordamerikas
+jagte, hat auch gewiß mit eben diesen Aasgeiern, seltener mit den Wölfen
+in Streit gelebt. Diese ersteren folgen dem Jäger, wenn er erst einmal
+einige Stücke Wild erlegt hat, fortwährend, und lassen ihm kaum Zeit
+seine Beute aufzubrechen. Mit schlecht verhaltener Gier sitzen sie in
+den benachbarten Bäumen, und erwarten den Augenblick, in welchem der
+Jäger den Platz verläßt, um dann mit ihren scharfen, langen Schnäbeln
+über das Zurückgelassene herzufallen, von dem nach wenigen Stunden
+selten mehr als die Knochen übrig sind. Nur ein Mittel giebt's, sich
+ihrer in etwas zu erwehren und das ist, das Stück Wild in der Decke
+zu lassen und am Kopfe aufzuhängen; dann finden sie nirgends einen
+Anhaltepunkt, als an dem Kopfe selber, an dem man ihnen gern verstattet,
+herumzuhacken.
+
+Noch andere Feinde aber, gegen die selbst das Aufhängen nicht viel
+nützt, sind die großen Raben, die nun zwar dem Wildpret selber nicht
+viel Schaden thun, aber das Talg heraushacken, da es, um abzukühlen,
+doch aufgebrochen werden muß. Einige weiß geschälte Stöckchen aber,
+durch die Wammen querüber gesteckt, sind ziemlich zweckmäßig, diese
+Burschen abzuhalten, die ihren Hals nicht gern durch die weißen Hölzer
+hinein zu schieben wagen. Im Winter geht das übrigens noch Alles an,
+es sind Unannehmlichkeiten, denen man doch wenigstens theilweise
+noch begegnen kann; im Frühjahr und Sommer aber erscheint eine
+Jägerplage, gegen die es fast gar keinen Schutz giebt, und das sind
+die Schmeißfliegen, die zu Tausenden fast in demselben Augenblick
+erscheinen, wo das Wild von der Kugel getroffen stürzt. Will man das
+Wildpret später mit nach Hause nehmen, so ist das einzige Mittel, um es
+von dieser Landplage frei zu halten, es in's Wasser zu legen. Aber nicht
+überall hat man Wasser, welches dazu tief genug ist, in der Nähe, und in
+den ganz südlichen Staaten geht dies auch überhaupt nicht an, da die
+Alligatoren sonst bald das ihrem Bereich anvertraute in Beschlag nehmen
+würden. Wollte man einen starken Rauch unter dem Wildpret unterhalten,
+so würde dies auch nur theilweise gegen diese Insekten schützen; will
+daher der Jäger im Sommer Wildpret bewahren, so muß er es an Ort und
+Stelle in schmale Streifen schneiden und über einem langsamen Feuer
+dörren; dann hält es sich Monate lang. --
+
+Die Feuerjagd auf Hirsche wird auch noch auf eine andere Art als mit
+aufgebautem Gerüst betrieben, und besonders dort in Anwendung gebracht,
+wo sich sehr viele, verschiedene Salzlecken in einer und derselben
+Gegend finden und der Hirsch zwischen ihnen wechselt. Um nämlich unter
+solchen Verhältnissen leicht von einem Platz zum anderen gehen zu
+können, nimmt der Jäger eine gewöhnliche eiserne langstielige Bratpfanne
+(wo diese nicht zu bekommen ist, muß eine künstlich aus Zweigen und Erde
+gemachte, den Dienst verrichten), befestigt an dieselbe noch ein etwa
+3-4 Fuß langes, einige Zoll breites Bret, damit sie leicht auf der
+Schulter liegt und sich nicht wenden kann, und thut in diese nun den
+fein gespaltenen Kien, mit dem er leicht den Wald nach allen Richtungen
+hin durchwandern kann. Vorn in das Bret wird eine, von Holz geschnitzte,
+kleine, breite Gabel eingebohrt, um beim Schießen die Büchse hineinlegen
+zu können, wo dann der schwere Kien in der hinten mehre Fuß vom Kopf
+abstehenden Pfanne das Gleichgewicht gegen das Rohr hält und eine feste
+Lage verstattet. Die hinter dem Kopfe befindliche Flamme läßt nun dem
+Jäger die Lichter eines Stückes Wild oder Raubthieres auf mehre hundert
+Schritte erkennen, und da sich das erstere (Raubthiere lieben die helle
+Flamme nicht, äugen auch nicht gern hinein) keineswegs vor dem Feuer
+fürchtet, so kann man, wenn man nur leise und ohne Geräusch sich nähert,
+auch besonders den Wind gut beobachtet, leicht an die vertrauend
+ziehenden Stücke herangehen. In weiter Ferne verschmelzen die beiden
+Lichter der Hirsche in _einen_ glühenden Feuerball, der sich jedoch,
+bei dem immer näher und näher Kommen scheidet, und erst in richtiger
+Schußnähe sieht man dann die zwei Kugeln in der gehörigen Entfernung
+zu einander stehen. Den Wind kann man dabei sehr leicht nach dem Rauch
+beobachten, der auf keinen Fall über den Kopf hinweg ziehen darf.
+Springt nach dem Schuß das Wild schnell und flüchtig ab und rennt fort,
+so ist es ein sicheres Zeichen, daß die Kugel sitzt; hat aber der Jäger
+gefehlt, so verschwinden die Lichter plötzlich; der Hirsch wendet sich
+und geht langsam, ohne die mindeste Furcht zu verrathen, hinweg. Kommt
+man nahe genug heran, um die ganze Gestalt des Wildes zu erkennen, so
+schießt man natürlich auf's Blatt; ist das aber nicht der Fall, so hat
+man ein so schönes Abkommen bei der hinten lodernden Flamme, daß man
+getrost zwischen die beiden Lichter hinein halten kann, was überdies
+immer der beste Schuß ist. --
+
+Etwas ist hierbei jedoch noch zu bemerken, auf das der amerikanische
+Jäger ebenfalls sehr viel Rücksicht nimmt: der Mond nämlich, nach
+welchem sich das Hochwild mit seiner Äsung richtet. Scheint dieser die
+ganze Nacht, so zieht es am stärksten gleich nach Dunkelwerden, bis etwa
+zwei Uhr Morgens umher, wo es sich dann niederthut und bis zur frühen
+Morgendämmerung sitzt; leuchtet er hingegen die Nacht gar nicht, so äßt
+auch das Wild nicht sehr lange mehr nach Sonnenuntergang, höchstens
+ziehen dann Schmalthiere bis zehn oder eilf Uhr Abends an die Salzlecken;
+dahingegen äßen sie am Tage Morgens ganz früh; Mittags etwa von zwölf
+bis eins und Abends wieder von vier Uhr an. Doch läßt sich darüber
+nichts ganz Genaues bestimmen. Einzelne findet man fast zu jeder
+Tageszeit munter.
+
+So selten nun, im Westen wenigstens, die Hirsche mit Hunden gehetzt
+werden, so interessant ist diese Jagd auf Truthühner, wenn sie sich
+im Winter zusammen gethan haben und nun in Ketten, oft von 30-50
+Stück, durch den Wald ziehen. Von den Hunden eingeholt, bäumen sie
+augenblicklich und äugen nun, sich auf ihrer Höhe sicher glaubend, mit
+großer Zufriedenheit auf die, die Bäume toll und wild umspringenden
+Hunde hernieder, bis der Jäger heranschleicht und mit der Kugel (denn
+Schrot würde in jenen hohen Bäumen von gar keiner Wirkung sein),
+den Truthahn herunter holt. Es bedarf dazu übrigens nur eines
+Flügelschusses, denn das Wild ist so schwer, daß es fast stets durch
+den Fall, wenn auch sonst nicht tödtlich getroffen, verendet.
+
+So gescheidt der Truthahn aber auch sonst ist, so albern und
+unbehülflich stellt er sich an, wenn er sich gefangen glaubt, und eben
+auf diese seine Dummheit sind auch die Fallen berechnet. Wo nämlich der
+Ansiedler, -- denn der Jäger nimmt sich selten die Mühe, das mit der
+Axt zu bekommen, was er mit der Büchse erlegen kann, -- eine Kette
+Truthühner zu fangen wünscht, sei es nun in einem abgeärnteten Maisfeld
+oder im Walde, da macht er von langen, gehaltenen, schweren Stangen eine
+Umzäunung, die etwa zehn bis zwölf Fuß im Quadrat hat und so hoch sein
+muß, daß der größte Truthahn, aufgerichtet, darin herumlaufen kann.
+Die Decke wird nachher mit Holz oder Steinen beschwert, daß sie dem
+Aufflatternden nicht nachgiebt. In eine der Wände, am besten nach der
+Richtung hin, in welcher die Hühner gewöhnlich ins Feld kommen, wird
+eine kleine Thüre gesägt. Gerade unter dieser hinweg führt eine Art
+schmaler Laufgraben in das Innere der Umzäunung; unter der Thür ist
+dieser Graben am tiefsten und läuft nach Innen wieder auf die Oberfläche
+hinaus. Dieser Graben wird bis auf zwölf und funfzehn Schritt von der
+Falle weggeleitet und nach ihm hin sparsam, in ihm aber reichlich Mais
+gestreut, der bis in den eingezäunten Raum hinein führen muß, wo es gut
+ist, wenn ein kleiner Haufen von Maiskolben dem Truthahn gleich entgegen
+lacht. Der Graben aber und die darüber hingehende Thür dürfen zusammen
+nur so hoch sein, daß ein ausgewachsener Truthahn, wenn er, mit dem
+Kopf auf der Erde, der Äsung nahe geht, gerade hindurch schreiten kann,
+also etwa zwanzig bis vierundzwanzig Zoll. Finden nun die den Wald
+durchgreifenden Hühner den umher gestreuten Mais, so folgen sie den
+einzelnen Körnern, gerathen in den Graben und treten nun, das Gestell
+wenig beachtend, in den inneren hohen Raum, wo sie sich gar bald an dem
+dort aufgeschichteten Vorrath eine Güte thun. Auf diese Weise gehen
+manchmal zehn und fünfzehn zu gleicher Zeit in die Falle. Nun hinderte
+sie freilich nichts auf der Welt, auf eben dieselbe Art das Gestell
+zu verlassen, wie sie es betreten haben; sobald aber nur einem von
+ihnen der Gedanke kommt, das Freie zu suchen, wobei er sich natürlich
+aufrichtet und, den fest verwahrten Ort über sich erblickend, das
+Warnungszeichen giebt, so erheben in demselben Augenblick Alle die Köpfe
+und versuchen flatternd in die Höhe zu entkommen; keiner von ihnen denkt
+von dem Augenblick weder mehr daran, den Mais zu berühren, noch sich
+überhaupt zu bücken, und ich weiß den Fall, daß sie sich auf diese Art
+gegen Abend gefangen haben und bis zum nächsten Nachmittag darin
+geblieben sind, wo dann der Farmer herbei kam und sie einzeln heraus
+holte.
+
+Der arme Truthahn hat übrigens auch noch außer dem Menschen sehr viele
+andere Feinde, denn Wölfe, Füchse, Marder, Katzen, Panther stellen ihnen
+nach; ihr grimmigster Verfolger aber ist der weißköpfige Adler, dem sie
+auch nicht einmal entfliehen können, und zeigt sich ein solcher in der
+Luft und umkreist die Bäume, dann rührt sich kein Truthahn in seinem
+Versteck und man kann sie, wenn man sie zufällig findet, fast mit der
+Hand greifen.
+
+ * * * * *
+
+
+Als ich zuerst die wirklichen Wälder Amerika's betrat, hatte aber nicht
+allein das Wild für mich Interesse, sondern auch die eingebornen Jäger
+selbst, die in der Wirklichkeit ganz und gar von dem Bilde abwichen,
+welches ich mir in meiner Phantasie von ihnen gemacht hatte.
+
+Besonders viel war mir von den sogenannten »Hinterwäldlern« erzählt
+worden, die in der Bevölkerung Amerika's gewissermaßen eine eigene
+Gattung bilden. Es sind Landleute, insofern sie so viel Welschkorn
+bauen, als sie für sich und ihre Familie und ein Paar Pferde und
+Schweine bedürfen, im Übrigen leben sie von der Viehzucht und Jagd und
+führen eigentlich genau genommen, trotzdem, daß sie Häuser bauen und
+kleine Felder anlegen, doch ein Nomadenleben; denn selten bleiben sie
+länger als drei oder vier, oft nicht ein Jahr auf einem Fleck, sondern
+sind stets bereit, ihr mit saurem Schweiß urbar gemachtes kleines
+Besitzthum um Weniges wieder zu verkaufen und weiter westlich zu ziehen.
+
+Als ich zuerst nach Missouri kam (denn selbst Illinois liegt jetzt schon
+zu östlich für diese Menschenklasse), hörte ich, etwa sechzig Meilen
+unterhalb St. Louis, von einem gewissen _Coltert_, der ein alter,
+tüchtiger Bärenjäger sein und mitten im Wald in einer kleinen Hütte
+leben solle. Die Beschreibung dieses Mannes, wie er lebte, was er schon
+alles für Abenteuer durchgemacht, wie viel Bären und Panther er erlegt,
+wie oft er verwundet worden, ein Mal sogar lebensgefährlich, als er
+seinen Lieblingshund einem Bären entreißen wollte, das Alles spannte
+meine Neugierde auf das Äußerste und machte mich sehr begierig diesen
+Mann kennen zu lernen, denn im Geiste malte ich ihn mir schon ganz nach
+indianischer Art, mit allen möglichen Waffen und Jagdgeräth versehen,
+aus, und beschloß, wenn ich auch Meilen weit umgehen müßte, ihn
+aufzusuchen.
+
+Mein Weg sollte mich indessen etwa drei Meilen vor seinem Hause vorbei
+führen, wo, wenn ich einen gewissen Fluß erreicht hätte, ein Pfad rechts
+abging, der bis zu seiner Hütte hinlief. Bis zu diesem Flusse hatte
+ich etwa noch sechs englische Meilen zu marschiren und wanderte frisch
+darauf los, um den alten Jäger so bald wie möglich kennen zu lernen, als
+ich einen Mann auf der Straße überholte, der sich ganz gemüthlich dicht
+am Wege seiner weißen leinenen Beinkleider entledigt hatte, trotz dem
+unfreundlich kalten Wetter ziemlich behaglich auf einem umgehauenen
+Baumstamm saß und die etwas sehr zerrissenen flickte. -- Sonst trug
+er einen blau wollenen Frack, ein weißes Hemd und ein Paar grobe
+rindslederne Schuh, welche drei letzteren Kleidungsstücke, als ich zu
+ihm trat, seinen ganzen Anzug ausmachten; neben ihm aber stand ein
+alter, recht ungesetzlich außer Façon gedrückter Filzhut, und an einem
+Baume lehnte eine lange Büchse -- (ohne die selten oder nie ein Landmann
+ausgeht) mit einer kleinen ledernen Kugeltasche und einem in ein buntes
+Taschentuch eingebundenen Päckchen.
+
+Der Anblick war so komisch, daß ich unwillkürlich stehen blieb und ihm
+freundlich guten Tag bot; er dankte, schien sich aber sonst nicht weiter
+um mich zu kümmern, sondern steckte seine Nadel und Zwirn, da er seine
+Arbeit gerade beendigt hatte, in die Kugeltasche, zog das ausgebesserte
+Kleidungsstück wieder an, hing sich die Tasche um, setzte den alten
+Filz, der ihm ein merkwürdig antikes Aussehen gab, auf, nahm das Bündel
+in die linke Hand und dann den Büchsenlauf mit der rechten ergreifend,
+warf er sich diese, den Kolben nach hinten, über die rechte Schulter,
+indem er zu mir sagte: »Nun, Fremder, wenn Ihr mit wollt, so kommt!«
+
+Es lag etwas so ernst Drolliges in seinem Wesen, das mich unwillkürlich
+anzog, und wir plauderten, neben einander herschlendernd, über vielerlei.
+Endlich erreichten wir den Fluß; mein Begleiter reichte mir die Hand und
+wollte sich verabschieden, ich bat ihn aber, mir zuerst den Weg nach des
+alten Coltert Haus zu zeigen, weil ich diesen aufzusuchen wünschte.
+
+»Kennt Ihr den alten _Coltert_?« fragte er mich und wechselte mit der
+Büchse auf die andere Schulter.
+
+»Nein, ich kenne ihn nicht, wünschte ihn aber kennen zu lernen!«
+
+»Nun,« sagte er, »wenns weiter nichts ist, das Vergnügen habt Ihr die
+letzten zwei Stunden gehabt!«
+
+Ich staunte nicht wenig, unter dem alten Filz und in dem hellblauen,
+wollenen Frack meinen Bärenjäger zu finden, der noch dazu so ächt
+waidmännisch die Büchse, Kolben nach hinten, trug, folgte aber
+nichtsdestoweniger seiner freundlichen Einladung, die Nacht bei ihm
+zuzubringen, und wurde für den kleinen Umweg reichlich durch einige
+der delikatesten Bärenrippen und viele romantische Erzählungen aus
+dem thatenreichen Leben des Alten belohnt. In mancher Hinsicht sehr
+befriedigt verließ ich ihn am andern Morgen. -- Hatte mir einen
+amerikanischen Jäger aber doch anders gedacht.
+
+Die Erzählungen des Alten hatten aber die Jagdlust um so mächtiger in
+mir aufgeregt und ich beschloß, was ich auch später redlich gehalten
+habe, Arkansas nach allen Richtungen zu durchstreifen und die
+Bärenhetzen, von denen ich ihn jetzt nur reden gehört, selber
+mitzumachen.
+
+Der Bär gehört unstreitig zur edelsten und dabei auch einträglichsten
+Jagd Amerika's, und ist der Kampf mit ihm auch manchmal gefährlich,
+nun so verleiht das der Sache ja auch wieder ein so viel frischeres,
+gewaltigeres Interesse; denn das arme Wild zu erlegen, welches sich
+nicht widersetzen _kann_, selbst wenn es wollte, und nur in der Flucht
+sein Heil suchen muß, nun ja, es ist auch schön und der den Männern
+angeborene Zerstörungsgeist macht es schon anziehend für uns; mir fehlte
+aber immer etwas bei jener Jagd, es kam mir stets vor, als ob es doch
+nicht das Rechte sei, nach dem ich mich gesehnt hätte, bis ich das erste
+Mal »Fuß an Fuß« mit einem der alten, schwarzen Burschen stand, und nun
+auch wußte, ich trüge das große Messer nicht blos zum Staate an der
+Seite.
+
+Die Bären fangen übrigens schon an in den vereinigten Staaten
+sehr selten zu werden, nur noch in den unermeßlichen Sümpfen des
+Mississippi- und Arkansas-Thales und den steilen, an vielen Stellen fast
+unzugänglichen Ozark-Gebirgen finden sie sich und werden mit einigem
+Erfolg von den Weißen, und an dem letzteren Orte auch theilweise von
+Indianern gejagt; jedes Jahr vermindert sich aber ihre Anzahl bedeutend
+und die Zeit ist nicht mehr fern, wo eine Bärenfährte in Arkansas eine
+Seltenheit sein wird.
+
+Die Bärenjagd selber wird in jenen Gegenden auf drei verschiedene Arten
+betrieben:
+
+Erstens durch _Pürschen_,
+
+Zweitens durch _Hetzen_ mit guten, darin geübten Hunden, und
+
+Drittens durch das _Aufsuchen der Stellen_, in welchen er seinen
+Winterschlaf hält.
+
+Das Pürschen, so interessant es an und für sich ist, kann übrigens
+nur im Spätsommer und Herbst geschehen, in welchen Jahreszeiten der
+Bär seine Nahrung in den Früchten des Waldes sucht und sorglos dabei
+umhertrollt. In bergigen Gegenden, wo viele Heidelbeeren wachsen, geht
+daher die Suche schon im Juli an, da er bis Ende August von diesen
+lebt; dann jedoch, sobald die Eicheln der Weißeiche reifen, aber noch
+nicht abfallen, ersteigt er diese und bricht oft ziemlich starke Äste
+herunter, um von ihnen seine Lieblingsnahrung abzulesen. Sind viele
+Bären in einer Gegend, so ist die Jagd in dieser Jahreszeit sehr
+interessant, weil man den Bären, sobald er erst einmal anfängt, Zweige
+niederzubrechen, eine lange Strecke weit hören und sehr leicht an
+ihn heranschleichen kann. Wo sie aber nur selten angetroffen werden,
+wäre es freilich ein undankbares Geschäft, nach den wenigen im Walde
+herumzusuchen; dazu ist die Hetze und mit einer tüchtigen Meute Hunde,
+sicherer Büchse und breitem, kurzem Stahl an der Seite, auf einem guten,
+zähen Poney, in gestrecktem Galopp durch den Wald und Sumpf, hinter den
+klaffenden, heulenden Hunden her, das ist die Jagd, wo einem das Herz
+warm wird und kühner und freudiger in der Brust klopft. Stellt sich
+dann der Bär, -- denn nicht immer sucht er auf einem Baum den Feinden
+zu entgehen, -- und tritt ihm der Jäger mit dem Messer in der Faust
+entgegen, so wird es doch auch eine Jagd, die Ehre bringt und die einen
+_Mann_, keinen bloßen Sonntagsjäger erfordert; das Gefühl, mit dem man
+nachher den schweißbefleckten Stahl in die Scheide zurückstößt, wiegt
+alle anderen Jagden auf. Die letzte Bärenhetze machte ich in Amerika im
+Sommer mit.
+
+Wir hatten keinen großen Nutzen von der Bestie; sie war aber zu lüstern
+nach »ihres Nächsten Schweinen« geworden, die sie den in Unmasse im
+Walde wachsenden Heidelbeeren vorzog, und mußte daher aus dem Walde
+geschafft werden. Übrigens zogen wir damals nicht mit der Idee einer
+Bärenjagd aus, sondern wollten blos ein Paar Hirsche schießen, um
+das Gehirn derselben zum Gerben einiger Wilddecken zu erhalten (die
+indianische Art Hirschhäute zu gerben, geschieht nur mit dem Gehirn
+des Hirsches selbst und später durch Rauch), als wir, von einem alten
+Jagdgenossen, der seine und meines Begleiters Hunde mitgebracht hatte,
+überholt wurden. Drei alte Sauen, erzählte dieser, seien ihm in wenigen
+Nächten weggeholt, und er dürstete nach Rache, die ihm denn auch im
+reichlichsten Maße wurde. Es war jedoch ziemlich trocken und dürr, und
+die Hunde, obgleich mit dem rühmlichsten Eifer suchend, konnten in
+langer Zeit keine frische Fährte finden; wir hatten sie aber in dem
+dichten Unterholz bald aus den Augen verloren und ritten lachend und
+erzählend über die Berge; plötzlich riß der Alte sein Pferd zurück
+und horchte, sich hoch im Sattel aufrichtend, mit der gespanntesten
+Aufmerksamkeit. Ein kurzes, dumpfes Geheul ließ sich hören -- »das
+war =Muse=,« rief er -- ein scharfes, kurzes Bellen folgte »das ist
+=Watch=.« -- Gleich darauf schlugen zwei der Lieblingshunde zu gleicher
+Zeit an. Jetzt aber schwenkte der Alte den Hut -- »sie haben ihn,«
+jubelte er, und dem Pferde den einen Sporn in die Seite drückend, flog
+er dem Anschlagen der Hunde zu.
+
+Ich ließ ihn nicht die Büsche für mich theilen, sondern brach mit
+=Hozart= an seiner Seite ins Dickicht; gleich darauf schlug auch die
+ganze Meute -- etwa 15 Hunde, an, daß der Wald widerhallte. Wir ließen
+unsere Stimmen lustig drein schallen, und wie die wilde Jagd gings
+durch Dorn und Schlingpflanze, über umgestürzte Stämme und losgerissene
+Steinmassen fort dem Schalle nach, der in Schlucht und Thal das Echo
+erweckte.
+
+Der Bär sah übrigens bald ein, daß er im offenen Wald der verfolgenden
+Meute nicht entgehen konnte, und eilte einem alten =Hurricane=[2] zu,
+wo die Eichen und Fichten wie Kraut und Rüben durch einander lagen und
+die Dornen und Schlingpflanzen und später aufgeschossener Nachwuchs
+die Zwischenräume ausgefüllt hatten. Die Jagd wurde toller und toller;
+die Pferde, die Begeisterung der Reiter theilend, setzten in fast
+unglaublicher Anstrengung über alte Baumstämme und durch Dickichte,
+die im ersten Augenblick fast undurchdringlich schienen.
+
+ 2 =Hurricane=, eine Art Orkan, der in langen Strichen das Land
+ durchzieht und oft meilenbreit jeden Baum umstürzt.
+
+Im Anfang waren wir drei Reiter beisammen geblieben; der fürchterlich
+verwachsene Wald aber hatte später Jeden den besten Durchweg allein
+suchen lassen, und bald konnte ich nichts mehr von den beiden Anderen
+hören noch sehen, sondern vermuthete nur, daß sie, um dem Bären den Weg
+abzuschneiden, vielleicht eine andere Richtung eingeschlagen hätten;
+eine plötzliche Wendung des verfolgten Thieres drehte jedoch die Hetze
+plötzlich nach meiner Seite; kleffend und jauchzend stellte ihn in einem
+entsetzlichen Dickicht die Meute, und durch eine dichte Brombeerhecke
+setzend, die das letzte von mir abstreifte, was nicht niet- und
+nagelfest war, fand ich mich in Schußnähe des Kampfes. Augenblicklich
+aber warf ich mich vom Pferd und sprang der Wahlstatt zu, wo ein
+ungeheuerer Bär sich mit der größten Kaltblütigkeit und Tapferkeit
+gegen eilf der besten Hunde, die je einer Fährte in Arkansas folgten,
+vertheidigte; mein Anblick brachte ihn jedoch außer Fassung und er
+wollte Fersengeld geben, die Hunde waren ihm aber zu nahe auf dem Pelz,
+und vergebens sah er seine Bemühungen, einen Rückzug zu bewerkstelligen.
+
+Ich hatte mich indessen immer noch gefürchtet zu schießen, da zu
+viele Gefahr war, einen der Hunde mit zu treffen; als ich jedoch noch
+unschlüssig halb im Anschlag da stand, krachte des Alten wohlbekannte
+Büchse und, für einen Augenblick wenigstens, schien der Bär die ihn
+umtobenden Hunde ganz vergessen zu haben, denn stöhnend warf er sich zu
+Boden und lag im Nu von jenen bedeckt; doch nicht lange verharrte er in
+dieser Lage, sondern sprang, mit jeder seiner gewaltigen Branten einen
+der Rüden von sich stoßend, wieder in die Höhe.
+
+Als er stürzte, war mirs klar geworden, daß, im Fall ich noch die
+mindeste Lust hätte am Gefechte Theil zu nehmen, dies wohl der einzige
+Zeitpunkt wäre, in dem ich nützlich sein könnte, und das Messer aus der
+Scheide reißend, sprang ich auf den Gestürzten zu, ihm die Klinge durchs
+Herz zu jagen. Ich war aber kaum noch zehn Schritte von ihm entfernt,
+als er sich, wie schon gesagt, mit einer gewaltigen Kraftanstrengung
+befreite, und das erste, was ihm in dieser gerade nicht liebenswürdigen
+Situation in die Augen fiel, war meine werthe Person, mit bloßem Messer
+und allen Zeichen einer böslichen Absicht auf ihn zuspringend. Er kam
+mir auf halbem Wege entgegen, und ich mag gerade kein ganz freundliches
+Gesicht geschnitten haben; das weiß ich nur, wie mir der Gedanke durch's
+Hirn fuhr, ich hätte mich schon in viel behaglicheren Situationen
+befunden. Aus dem einfachen Grunde jedoch hielt ich Stand, weil ich im
+ersten Augenblick wirklich gar nichts andres zu thun wußte und begegnete
+dem Anlauf des Bären, indem ich ihm mit aller Gewalt mein breites Messer
+in die Brust stieß.
+
+Was weiter geschah, kann ich nicht mehr genau sagen; ein schwerer
+Schlag, der mich zurückwarf, ein dumpfes, schmerzhaftes Gefühl,
+ein bekanntes Gesicht, das ich erblickte, ehe ich stürzte, und ein
+erstickendes Gewicht, das auf mir lag, ist Alles, dessen ich mich noch
+entsinne.
+
+Als ich wieder zu mir kam, fühlte ich, wie mir der Alte einen Hut voll
+Wasser nach dem andern und zwar mit einem Eifer ins Gesicht goß, der bei
+einer Feuersbrunst äußerst lobenswerth gewesen wäre. Ich erholte mich
+jedoch bald und fand, mich aufrichtend, daß ich den erlegten Bären
+zum Kopfkissen hatte. Als dieser auf mich los stürmte, war der Alte
+glücklicher Weise dicht dabei gewesen, und die Hunde konnten zwar nicht
+verhüten, daß mich jener zurückwarf, sich aber in grenzenloser Wuth auf
+ihn stürzend, überwältigten sie bald den schwer Verwundeten, meines
+Alten Stahl dabei nicht zu vergessen, der die Haut mehr einem Sieb als
+etwas anderem ähnlich machte.
+
+ * * * * *
+
+Es ist übrigens nicht immer der Fall, daß der Bär sich, auf das Äußerste
+getrieben, den Hunden auf ebener Erde stellt; gewöhnlich erklettert er,
+mit ausgezeichneter Gewandtheit, im Fall ihm nicht eine Vorderbrante
+zerschossen ist, wie ich das auch ein Mal gesehen habe, einen Baum,
+und kann dann mit geringer Gefahr herunter geschossen werden; einen
+gehörigen Schlag aber thut's, wenn solch ein alter Bursche von zwei bis
+dreihundert Pfund, achtzig oder hundert Fuß hoch hernieder und zu Boden
+schmettert, und es ist schon oft der Fall vorgekommen, daß er im Sturz
+einige, der ihn unten zu eifrig erwartenden Hunde erschlagen hat. Steht
+er auf ebener Erde, so wirft er sich gewöhnlich, gleich nach empfangener
+Kugel, zu Boden und ächzt und stöhnt wie ein Mensch; decken ihn aber
+dann die Hunde, so versucht er nicht sie einzeln zurückzuschlagen,
+sondern er stemmt wie in diesem letzten Falle erst seine Branten so
+gegen sie, daß er sich mit einem gewaltsamen Ruck befreien kann, und
+wehe dann dem Jäger, der ihm in diesem Augenblick zu nahe ist! -- ohne
+des Alten Hülfe wäre auch ich rettungslos verloren gewesen.
+
+
+Hat der Bär einen Baum erstiegen und sich oben festgestellt, so können
+ihn die Hunde nicht wieder hinunter scheuchen; der Anblick eines
+Menschen aber macht ihn unruhig und versagt das Gewehr, so kommt er
+gewöhnlich mitten zwischen die Meute hineingefahren und versucht aufs
+Neue zu fliehen, doch ist das nicht stets der Fall.
+
+
+Äußerst interessant ist der Pürschgang auf Bären, wenn man unbeachtet
+an einen derselben herankommen kann. Anscheinend sorglos trollt der
+schwarze Geselle durch den Wald, und wer ihn so sieht, mit den plumpen,
+ungeschlachten Knochen, den Kopf unten, fast auf dem Boden, nachlässig,
+scheinbar auch nicht das Mindeste um sich her beachtend, ahnt wohl kaum,
+daß eben dieses anscheinend plumpe Geschöpf schneller als ein Pferd
+laufen und fast so behende als eine Katze klettern kann; in seinen
+Branten hat der Bär übrigens die meiste Gewalt, und selten benutzt er
+seine Gefänge, denn ein Schlag mit der Vorderbrante ist hinreichend
+einen Hund zu tödten und selbst einen Stier zu betäuben.
+
+
+So fürchterlich er aber, wenn zum Äußersten getrieben, ist, so harmlos
+und unschädlich zeigt er sich auch, wenn nicht belästigt -- man hat noch
+nie gehört, daß ein Bär einen Menschen aus freien Stücken angefallen
+habe, ausgenommen es war eine Bärin, die ihre Jungen vertheidigte. Auch
+der Schaden, den er dem Landmann thut, wäre nicht so bedeutend, wenn er
+nicht im Sommer, wo noch keine Beeren im Walde stehen und die Eicheln
+noch nicht reif sind, sich an die zahmen Schweine hielte; hat er aber
+erst einmal den Geschmack von diesen weg bekommen, dann thut er auch
+ungeheueren Schaden, weil er nur gezwungen Aas frißt und sich, wenn er's
+irgend haben kann, jede Nacht ein frisches Schwein holt. In diesem Fall
+muß er gejagt und erlegt, oder wenigstens aus der Gegend vertrieben
+werden, denn nicht immer können die Hunde im Sommer einen mageren Bären
+einholen, der ihnen oft im offenen Walde durch seine Schnelle entgeht. --
+
+
+Der Bär hält aber, wie der Dachs, seinen Winterschlaf, liegt mehre Monat
+fest in seinem gewählten Lager, wo er sogar schwer zu erwecken ist; in
+dieser Zeit wäre dann Pürschjagd wie Hetze vergebens.
+
+Die Schlafzeit dauert in Arkansas, wo das Klima ziemlich mild ist, von
+Weihnachten bis Ende Februar; während dieser ganzen Zeit frißt er weder
+noch säuft er, und in dieser Zeit ist sein Magen inwendig mit einer
+reinen, öligen Fettigkeit überzogen. Anfang März aber fängt er zuerst
+an, den nächsten Bach aufzusuchen, um seinen Durst zu löschen und kehrt
+dann immer wieder in das Lager zurück. Sonderbarer Weise tritt er
+hierbei stets, so oft er auch gehen mag, in seine zuerst gemachten
+Fährten, die dann zuletzt breit und deutlich ausgetreten und =stepping
+path= oder Schrittpfad von den Jägern genannt werden. Finden diese in
+eben der Jahreszeit eine solche Fährte, so ist der Bär selten weit
+entfernt.
+
+Sein Bett wählt er aber sehr verschieden; zeigt sich der Winter streng,
+so sucht er in gebirgigem Lande eine Höhle, in sumpfigem einen hohlen
+Baum aus, um dort vor der Kälte geschützt zu sein; dabei kratzt und
+scheuert er mit merkwürdiger Sorgsamkeit den letzteren inwendig so glatt
+und rein, wie es ihm mit seinen gewaltigen Branten, die hierzu gerade
+kein schlechtes Handwerkzeug sind, nur irgend möglich ist. Hat er
+endlich Alles in Stand, so steigt er langsam und besonnen, daß man kaum
+die Spur seiner scharfen Krallen in der rauhen Rinde bemerken kann,
+hinauf und dann durch die Öffnung, mit dem Hintertheil zuerst, in
+sein vorher bereitetes Lager hinab, wo das faule Holz, das er an den
+Seitenwänden herunter gekratzt hat, gewöhnlich ein sehr weiches Bett
+bildet. Anders ist es, wenn er von den Hunden verfolgt, einen Baum
+ersteigt, und im Hinaufspringen, von den stärksten, härtesten Eichen
+ordentliche Stücke Rinde herunterschlägt.
+
+Ist der Winter gelind, so nimmt er sich all' diese Mühe nicht einmal,
+sondern geht entweder im sumpfigem Lande in einen Schilfbruch, wo er
+von dem hohen, grünen Schilf so viel abreißt, als er zu einem bequemen
+Lager nöthig zu haben glaubt, das er sich dann auch in einer der
+unzugänglichen Gegenden des Bruches zurecht macht, oder er sucht in
+bergigem Lande ein unwegsames Dickicht und bettet sich hier, auf einer
+Streu von zusammengetragenen zarten Zweigen, in den Wipfel irgend eines
+umgestürzten Baumes.
+
+Die Ranzzeit fällt in den August, und nicht selten gerathen sich dann
+ein Paar der schwarzen Burschen auf eben keine freundliche Art in die
+Haare. Einen hübschen Zug erzählen dabei die amerikanischen Jäger von
+dem männlichen Bären, der, wenn er wirklich wahr ist, einen merkwürdigen
+Überlegungsgeist kund thut. Sehr häufig fand ich nämlich in den Wäldern,
+besonders an Sassafrasbäumen und Kiefern, die tief eingerissenen Zeichen
+des Gefänges und der Krallen von Bären, die stets in größtmöglichster
+Höhe an den Stämmen hinauf gelangt hatten; auf meine Anfragen erhielt
+ich folgenden Bescheid, in dem die Jäger von Norden bis Süden
+übereinstimmen.
+
+In der Ranzzeit folgt der Bär der Fährte der Bärin, wird aber oft, wenn
+von einem stärkeren überholt, aus dem Felde geschlagen, von einem
+schwächeren, wenn nicht besiegt, doch wenigstens belästigt; um diesem
+nun zu begegnen, soll der Bär, so er sich stark und alt genug fühlt
+einen Kampf mit Seinesgleichen zu wagen, sobald er die warme Fährte
+einer Bärin angenommen hat, sich an einem dicht daneben stehenden Baum
+-- am liebsten Sassafras oder Kiefer -- in die Höhe richten und ohne die
+Hintertratzen von der Erde zu heben, so hoch hineinbeißen und so hoch
+daran hinauf kratzen, als er möglicher Weise kratzen und beißen kann,
+worauf er ganz gemüthlich seinen Weg fortsetzt.
+
+Kommt nun nach einiger Zeit ein anderer desselben Weges, auf derselben
+Fährte, so findet er natürlich die für ihn zurückgelassenen Zeichen und
+mißt nun, sich eben so am Baume emporrichtend, seinen vorangegangenen
+Nebenbuhler; -- kann er dessen Merkmale überreichen, oder kommt er ihnen
+wenigstens gleich, so folgt er und nimmt die Herausforderung an; kann er
+das aber nicht, ist er vielleicht viel kleiner, so klemmt er das kleine
+Stückchen Ruthe, was ihm Mutter Natur verstattet hat, zwischen die
+Beine, oder macht wenigstens die Bewegung damit, als ob er es thun
+würde, wenn sie lang genug wäre, und trollt den eben gekommenen Weg
+zurück, um wo möglich eine andere Fährte auszusuchen.
+
+Die Bärin wirft im Februar, oft schon Ende Januar, in einem hohlen Baum
+oder in einer Höhle, zwei bis vier Junge, die sie bis zur Ranzzeit
+bei sich behält und die sich auch oft noch nach dieser wieder zu ihr
+gesellen, doch soll sie dabei die Gesellschaft des alten Bären meiden,
+dem nachgesagt wird, er fräße manchmal seine eigenen Jungen, was ich
+jedoch, zu seiner Ehre, nicht glauben will.
+
+Die ungeheuere Aufopferung, mit der die Bärin übrigens ihre Jungen
+vertheidigen soll, kann nicht als allgemein angenommen werden. Ja, es
+giebt Fälle, wo sie ihr Leben im Kampf über dieselben gelassen hat;
+aber mit den Bären wird's wie mit den Menschen sein -- bei denen man
+oft recht liebe, gute Leute, und dann auch wieder recht schofeles Pack
+findet. Ich selbst weiß mehre Beispiele, wo eine Bärin, sowohl in der
+Höhle als auch im freien offenen Walde, ihre Jungen, ohne sich weiter
+um sie zu bekümmere, schmählich im Stich gelassen hat und nur darauf
+bedacht schien, ihren eigenen Pelz, der noch dazu in damaliger Zeit kaum
+einen Dollar werth war, in Sicherheit zu bringen.
+
+Die _Höhlenjagd_ ist äußerst interessant, aber dabei auch gefährlich,
+und wird etwa folgendermaßen betrieben. In den unwegsamen Gebirgen des
+Westens, in die sich der Bär bei einbrechender Kälte zurückzieht, geht
+der Jäger und sucht, zwischen den am tollsten und wildesten umher
+gestreuten Felsblöcken, an steilen Wänden hinkletternd und Schluchten
+und Spalten durchkriechend, nach Höhlen, in die er dann mit angezündeter
+Kienfackel oder mit einem aus wildem Wachs gekneteten Lichte eindringt.
+Oft verrathen schon die in der Nähe der Höhle abgenagte Büsche den
+Besuch, der für einige Zeit in ihnen zu wohnen beabsichtigt, oder der
+=stepping path=, der hinein führt, wenn die Jahreszeit schon weit
+vorgerückt ist, oder die vor der Höhle umher liegende Losung, den
+Eingewinterten; am sichersten ist es aber stets, den Ort selbst zu
+untersuchen, und daß diese Jagd dann nicht zu den leichtesten gehört,
+ist sehr erklärbar.
+
+Ich weiß mich Tage zu erinnern, in denen ich in funfzehn, sechszehn
+Höhlen herumgekrochen bin und mich durch Plätze durchgezwängt habe, von
+denen ich mir eigentlich jetzt noch selber nicht erklären kann, wie ich
+wieder heraus kommen konnte -- ohne auch nur einer Kralle zu begegnen.
+Findet man nun an solchen Ort einen Bären, so muß er beim Lichte der
+Fackel geschossen und nachher entweder ganz, oder wenn das nicht möglich
+ist, in Stücken zu Tage geschafft werden.
+
+Ich habe übrigens diese Höhlenjagd in meinen »Streif- und Jagdzügen«[3]
+sehr ausführlich behandelt und will hier nur, um dem Leser einen kleinen
+Begriff von diesen freundlichen Orten zu geben, das Innere derselben ein
+wenig beschreiben.
+
+ 3: Streif- und Jagdzüge durch Nordamerika. Leipzig, Arnoldische
+ Buchhdl.
+
+Von der Natur gebildet scheinen sie fast alle schon so lange wie die
+Erde überhaupt zu bestehen, und finden sich meistens in Kalksteinfelsen,
+in die sie manchmal nur zehn bis zwölf Fuß, dann und wann aber auch
+4-500 Schritt hinein gehen und an manchen Stellen geräumig genug sind,
+daß der Jäger aufrecht in ihnen stehen kann, dann aber auch wieder eng
+genug zusammen laufen, um nur mit größter Anstrengung ein Durchpressen
+möglich zu machen. Im Innern sind sie an den Seitenwänden glatt, oft von
+dem Anstreichen der Raubthiere, die seit Jahrhunderten sie bewohnten,
+spiegelblank, oben aber gewöhnlich mit Stücken Tropfstein behangen,
+der auch unten, wenn sich nicht weicher, thoniger Boden findet, das
+Fortkommen sehr erschwert. In diese Höhlen nun ziehen sich nicht allein
+Bären, sondern auch andere Raubthiere, als Panther, Waschbären und
+Füchse, wie Schlangen, Eidechsen und Fledermäuse zurück, um ihren
+Winterschlaf entweder wie der Bär zu halten, oder in den warmen
+Erdgängen gegen die Kälte geschützt zu sein. Die Fledermäuse besonders
+hängen an den Hinterbeinen von der Decke herunter und zirpen und
+zischen, wenn ihnen die Kienfackel zu nahe kommt. Der Bär selber liegt,
+wenn er schläft, auf dem Bauche und hält die Stirn, die Nase an die
+Brust gedrückt, mit beiden Tatzen, wie betend, umfaßt. -- Nur wenn er
+wacht, saugt er und wahrscheinlich blos aus Spielerei, an den Branten,
+Kinder haben das Daumenlutschen ja auch an sich, wobei er ein leises,
+winselndes Geräusch von sich giebt.
+
+In der Höhle angegriffen, ist er sehr scheu und versucht stets sein
+Bestes, durch die Flucht einer sich nähernden Gefahr zu entgehen; im
+Freien dagegen ist er viel heldenmüthiger. Ich selbst habe eine Bärin
+in einer der tiefsten Höhlen der Ozarkgebirge angeschossen, und bin,
+von ihr gefolgt, zurück gewichen, bis sie einen anderen Zweig der
+Höhle annahm und ich im Stande war, mir meine Büchse, die ich hatte
+zurücklassen müssen, wieder zu holen und zu laden; die Bärin aber, als
+ich ihr nachher aufs Neue zu Pelze rückte, obgleich sie ihre Jungen in
+unserer Gewalt wußte, wagte nicht mich anzugreifen, sondern saß, in
+wilder Wuth den thonigen Boden vor ihr mit den scharfen Krallen zerhauend,
+auf ihrem Hintertheil und schnappte in ohnmächtiger Wuth mit dem Gefänge,
+bis sie die zweite, tödtliche Kugel erhielt.
+
+Hat der Bär in einem Baum seine Zuflucht gekommen und wird er vom Jäger
+aufgefunden, was dieser aus den freilich nicht sehr deutlichen Zeichen
+in der Rinde erkennen muß, so ist sein Loos allerdings kein sehr
+beneidenswerthes. Entweder wird der Baum umgehauen und Petz auf diese
+Art in seiner besten Ruhe gestört und durch den Sturz betäubt, wenn er
+endlich schlaftrunken emportaumelt, von dem ihn Erwartenden mit einer
+Kugel und von einer Meute Hunde empfangen, von denen er sich gewöhnlich
+gar keine Idee machen kann, wie sie alle da so geschwind hingekommen
+sind; oder er wird mit Rauch von unten heraus getrieben, was ihm höchst
+fatal ist, so daß er gewöhnlich brummend seinen bisherigen Ruheort
+verlassen will, bis ihn auch hier, sobald er sich oben an der Öffnung
+zeigt, eine todtbringende Kugel empfängt. --
+
+Am schnellsten und komischesten ist das Heraustreiben desselben mit
+einem Feuerbrand; denn wenn die Höhlung des Baumes nicht bis an die
+Wurzel geht, daß also der Rauch auch nicht zu dem Schlafenden hinauf
+dringen kann, so muß, im Fall die Jäger keine Axt mit haben und der Baum
+zu stark ist, um ihn mit den kleineren Tomahawks umzuhacken, Einer von
+diesen mit einem Feuerbrand hinauf klettern, den er dann oben in die
+Höhlung und dadurch gewöhnlich dem Bären auf den Pelz wirft; kaum spürt
+Petz aber die Glut, als er voller Entsetzen in die Höhe fährt und oft
+den Erdboden viel früher als der gewiß nicht zögernde Jäger erreicht.
+
+Daß er sich von dem Baum herunter stürzt, ist eine Fabel; er behält
+diesen zwischen den Branten und gleitet gewissermaßen daran nieder,
+aber so schnell, daß er kaum den Stamm zu berühren scheint, und wie
+ein schwarzer Blitzstrahl zwischen die ihn unten erwartenden Hunde
+hineinfährt; thun diese dann aber nur im mindesten ihre Schuldigkeit, so
+darf er nicht entkommen, denn, noch halb im Schlafe, hat er weder sein
+volles Bewußtsein noch seine vollen Kräfte, und wird leicht von ihnen
+gestellt und dem herbeieilenden Jäger zur Beute.
+
+Ist der Bär in jagdbarer Zeit, um Nutzen von ihm zu ziehen und nicht des
+Schadens wegen, den er thut, erlegt, so wird er gleich an Ort und Stelle
+abgestreift, abfließt und dann zerlegt. Das »Abfließen« nennt man das
+Ablösen des Fließes (der Speckseiten), die dann in das Innere des Felles
+eingeschlagen und auf eins der Pferde befestigt werden; das Wildpret wird
+nachher ebenfalls zusammen gebunden und, auf dem Rücken der Lastthiere
+hängend, mit fortgenommen. Sind aber die Jäger in einem größeren Lager
+und haben sie einen Kessel zum Fettauslassen mitgenommen, dann wird
+diese Arbeit gleich im Walde vorgenommen und das ausgeschmolzene
+Wildpret bekommen nachher die Hunde, die besseren Stücken behalten
+natürlich die Jäger zu ihren eigenen Mahlzeiten. Das Beste am Bären sind
+die Federn,[4] und eine recht fette Wand, auf zwei Hölzern am Feuer
+geröstet; das herunter träufelnde Fett nachher mit dem trockenen
+Bruststück des Truthahns aufgefangen und das Ganze mit einem heißen
+Becher starken Kaffees hinunter gespült -- beim Schreiben läuft mir
+schon, bei der bloßen Erinnerung, das Wasser im Munde zusammen.
+
+ 4: Für den Nicht-Jäger »Rippen.«
+
+Das sind übrigens die Lichtseiten der Bärenjagd -- die Schattenseiten
+aber schauen viel düsterer d'rein. -- Wochenlang in Sturm und Regen den
+Wald durchzogen, Jäger und Hunde halb verhungert -- (denn ist man einmal
+ausgegangen, um Bären zu schießen, so läßt man sich nicht gern mit
+geringerem Wild ein.) -- Alle zu Tode erschöpft und immer noch keine
+warme Fährte -- endlich werden die Hunde lebendig, sie wittern den
+Feind, sie wissen, daß ihrer, mit dessen Erlegung, Ruhe und Stärkung
+wartet; sie strengen ihre letzten Kräfte an und fort geht die Jagd, über
+Stock und Stein -- sie überholen ihn, werfen sich in blinder Wuth auf
+ihn -- aber der Jäger hat durch die Dickichte oder steilen Schluchten
+nicht so schnell mit seinem Pferde folgen können; der Bär, ein alter
+erfahrener Bursche, -- nicht gerade mager, aber doch nur feist genug,
+um tüchtig laufen zu können, schlägt die Hunde zurück, tödtet drei
+oder vier, verkrüppelt andere und ist, wenn trübe Dämmerung den rasch
+nahenden Abend verkündet, fern von aller Gefahr und von der für ihn
+sorgsam aufgesparten Kugel unerreicht, -- das sind Schatten-, das sind
+Nachtseiten, die leider nur zu oft vorkommen. Am Lagerfeuer herrscht
+dann sehr üble Laune, und den nächsten Tag ist der Jäger äußerst
+zufrieden, wenn er nur noch so glücklich ist, einen Hirsch zu erlegen,
+um mit seinen übrigen Hunden, wieder eine Mahlzeit halten zu können. --
+
+Der Bär, obgleich zu den Raubthieren gehörig, nährt sich doch nur,
+ausgenommen im äußersten Nothfall, von Früchten und Insekten, und greift
+nur im Sommer, wo er seine Nahrung zu sparsam zusammen suchen muß,
+Schweine und fast _nur_ Schweine an, zwischen denen er dann freilich
+oft recht arge Verwüstung anrichtet. Hauptsächlich lebt er von Eicheln,
+anderen Waldfrüchten und Beeren, und wird in fruchtbaren Jahren oft
+so feist, daß er fünf bis sechs Zoll Feist ansetzt. Ein ordentliches
+Bärenmesser darf daher auch eigentlich nicht weniger als 9 Zoll in der
+Klinge haben, wenn es in allen Fällen gerecht sein soll.
+
+Zu dem jagdbaren Wilde Nordamerika's gehören auch einige Raubthiere, die
+eine zu wichtige Rolle im Walde spielen, um ganz unerwähnt zu bleiben.
+
+Der _Panther_ muß mit Recht an die Spitze kommen, denn er ist der
+stärkste und gefährlichste Gegner des Menschen, und auch wohl das
+einzige Raubthier in dem weiten Urwald, das der Jäger zu fürchten hat,
+da es Nachts die Lager umschleicht und in manchen, aber doch sehr
+seltenen Fällen schon dem sorglos Schlummernden gefährlich geworden ist.
+Heerden und Schweine und Kälber, Fohlen, und selbst erwachsene Pferde
+fallen seinem Blutdurst. Hauptsächlich nährt er sich jedoch von Hirschen
+und kleinerem Wild, beschleicht Nachts die Salzlecken oder lauert, im
+Laub der Bäume versteckt, auf die ruhig darunter hin Äsenden. Von den
+Hunden gehetzt, bäumt er am Tage sehr leicht auf, Abends und Nachts aber
+verläßt er sich lieber auf seine Gewandtheit und List, bringt die Hunde
+durch falsche Sprünge von der Fährte ab und entgeht ihnen meistens.
+
+Er wird etwa so groß wie ein tüchtiger Fleischerhund, ist ziemlich von
+der Farbe des Rothwildes und färbt, wie dieses, im Winter; sein Fell hat
+keinen großen Werth und die Jagd auf ihn wird daher auch nicht, wenn er
+sich nur irgend entfernt von den Ansiedelungen hält, besonders lebhaft
+betrieben. Sonderbar ist es, wird aber allgemein behauptet, daß er,
+so scheu er auch am Tage den Menschen flieht, mit wilder Blutgier
+schwangere Frauen anfalle und zerreiße.
+
+Der _Wolf_ steht dem europäischen an Größe bedeutend nach, lebt aber
+wie dieser in Rudeln zusammen und geht gemeinschaftlich auf Raub aus;
+doch nur fürchterlicher Hunger könnte ihn dazu zwingen, einen Menschen
+anzugreifen, denn er ist feig und flieht bei dem leisesten Geräusch. Im
+Mai wirft die Wölfin 3-6 Junge, unter denen, wie die Sage geht, jedesmal
+ein Wolfshund sein soll, der später der grimmigste Feind der Wölfe wird.
+-- Diesen nun aufzufinden, führt die Wölfin die Jungen, sobald sie
+laufen können, an ein Wasser, um sie zu tränken. Hier verräth sich der
+Wolfshund, der nach Hundeart _leckt_, während die wirklichen, ächten und
+treuen Wölfe _saufen_, und augenblicklich wird der junge, bis dato noch
+unschuldige Verräther, zu Tode gebissen.
+
+Nicht so schlau als der unsere, fängt man ihn häufig in Fallen, die
+gemeiniglich aus einem, aus schweren rohen Baumstämmen zusammengefügten
+Kasten bestehen, in dem zuerst, ehe er ganz beendigt ist, das Gescheide
+eines Hirsches oder anbrüchiges Fleisch geworfen wird, das er sich
+gemeiniglich bald holt, dann auch später den aufgerichteten Deckel nicht
+scheut und sich plötzlich gefangen sieht. Da er, in Fuchsfallen oder
+Ottereisen erhascht, gewöhnlich den fest gehaltenen Lauf abbeißt, so
+läßt der amerikanische Jäger die Falle unbefestigt stehen, hat aber eine
+drei bis vier Fuß lange, schwache Kette daran, an der ein vierhakiges
+Eisen hängt; dieses faßt überall, wenn der Wolf mit der Falle zu
+entfliehen sucht, hinter Büsche und Wurzeln, wird aber stets wieder von
+dem darin Sitzenden losgemacht, der sogar schon den Haken in's Gesänge
+genommen und zu entziehen versucht hat; aber nie greift er zum äußersten
+Mittel, sich den Lauf abzubeißen, so lange er noch eine Hoffnung auf
+Entkommen hat und wird nachher leicht mit dem Hunde ausgemacht.
+
+In Canada hörte ich von sehr vielen Farmern, daß sein Biß, selbst bei
+einer leichten Verwundung, tödtlich sein solle; das ist aber wohl nur
+Fabel. Thatsache ist es übrigens, daß Jahre vergingen, ehe sich die
+Wölfe an die dortigen Landgüter hinanwagten, als zuerst auf ihnen
+-- Schafe aus Europa eingeführt wurden. -- Sie kannten die rauhen
+wolligen Thiere nicht und fürchteten sie ungemein -- wie sie aber erst
+einmal, durch Zufall oder peinlichen Hunger getrieben, den Geschmack
+derselben weg bekamen und sie als harmlose, nicht gefährliche Geschöpfe
+kennen lernten, räumten sie fürchterlich zwischen ihnen auf. In seiner
+Naturgeschichte ähnelt er sonst den europäischen Wolfe in allen Stücken,
+nur ist er bedeutend kleiner und schwächer als dieser. --
+
+Der graue oder Prairiewolf ist eine Abart, sieht hellgrau aus, ist noch
+kleiner und furchtsamer als der schwarze, und lebt meistentheils in den
+Steppen.
+
+Der _Fuchs_. Es wäre nicht halbrecht, Reinecken auszulassen, wo von Wild
+die Rede ist, obgleich er in Amerika eine ziemlich untergeordnete Rolle
+spielt. Erstlich ist er bedeutend kleiner als der unsere, giebt ihm aber
+wohl kaum an Schlauheit nach und weiß tausend Mittel und Wege, die Hunde
+von seiner Spur abzubringen. Eine Eigenthümlichkeit hat er übrigens vor
+dem europäischen voraus -- er bäumt auf, was fast unglaublich klingt;
+ich selbst wollte aber auch meinen Augen nicht trauen, als ich zum
+ersten Male den Hunden zueilte, deren wildes Bellen und Klaffen zeigte,
+daß sie ihn gestellt oder, wie ich damals glaubte, in seinen Bau gejagt
+hatten; ich wußte jedoch wahrlich kaum, was ich sagen sollte, als ich
+den rothen Schelm ganz gemüthlich in einem jungen Baum, etwa 12 Fuß
+von der Erde, erblickte, wo er sich in die ersten auszweigenden Äste
+eingeklemmt hatte und, vor den Hunden wenigstens, geschützt war; er
+schnitt aber ein Gesicht wie eine Katze, die beim Milchnaschen ertappt
+wird, als er mich kommen sah, denn an Fliehen war nicht mehr zu denken,
+da zwölf rüstige Hunde den kleinen Baum umtobten.
+
+In Amerika bäumt übrigens fast alles Wild auf, Büffel, Hirsche und Wölfe
+ausgenommen; selbst die Kaninchen kriechen wenigstens inwendig in hohlen
+Bäumen hinauf und die Rebhühner, vom Hunde verfolgt, fallen fast stets
+in die Bäume ein; es ist einmal die Natur des Wildes dort, in dem
+ungeheueren Wald auch die Bäume zum Zufluchtsort zu wählen. Der Fuchs
+lebt übrigens in hohlen Bäumen, kann aber nicht etwa klettern, sondern
+wirft sich nur, in äußerster Noth mit Springen und Anklammern, zwischen
+die niederen Äste eines jungen Stammes und bleibt da eingeklammert
+sitzen.
+
+Den Schluß mögen zwei ächte Amerikaner machen, der Waschbär (=racoon=)
+und das Opossum oder die Beutelratze.
+
+Der Waschbär, dessen Fell unter dem Namen »Schuppen« eine bedeutende
+Rolle auf den deutschen und russischen Märkten spielt, findet sich,
+besonders in den sumpfigen Thalländern des Mississippi und anderer
+großen Ströme, in ungeheuerer Menge, und wird dort an Ort und Stelle
+wenig oder gar nicht geachtet. Die Krämer bezahlen sein Fell in jener
+Gegend mit etwa vier guten Groschen. Der Waschbär ist übrigens an und
+für sich ein sehr liebes, possirliches Geschöpf, und ähnelt, obgleich er
+nie größer als ein starker Dachshund wird, in sehr vielen Stücken dem
+Bär, zu dem er auch, dem Geschlechte nach, gehört. Er lebt von Beeren,
+Waldfrüchten und Insekten, und liegt, wenn ruhend, in der nämlichen
+Stellung wie sein vierschrötigerer Vetter. Den Namen _Waschbär_ hat
+er mehr von seiner Neigung zu nassen Nahrungsmitteln als wegen seiner
+Reinlichkeit, denn das, was die Leute bei ihm _waschen_ nennen, ist doch
+nichts mehr als ein Anfeuchten seines Fraßes. Er kann leicht gezähmt und
+zu allen möglichen Kunststücken abgerichtet werden; sein Fleisch ist
+dabei delikat und hat sehr viel Ähnlichkeit mit dem Bärenwildpret, nur
+daß es nicht wie dieses, wenn es anbrüchig wird, leichenähnlich, sondern
+wie anderes Wildpret riecht.
+
+Das Weibchen wirft 3-5 Junge und thut im Sommer den Maisfeldern
+ungeheueren Schaden, weshalb ihm auch die Landleute schon aus diesem
+Grunde sehr nachstellen. Sein Fell ist grau und sein buschiger Schwanz
+mit schwarz und gelben Ringen umzogen. Im Winter wird er mit Hunden
+gehetzt und zu Baume gejagt.
+
+Das _Opossum_, oder die Beutelratze, steht an Größe dem Waschbären kaum
+nach, sieht aber ganz grau und ratzenartig aus und hat, wenn man es an
+einem regnerischen Tage durch den Wald trollen sieht, in der That die
+wirkliche Gestalt einer kolossalen Ratze, die über irgend etwas sehr
+erschrocken und blaß geworden ist. Besonders geben ihm der kahle, dicke
+Schwanz, wie die fingerartigen Krallen, ein außerordentlich widerliches
+Ansehen.
+
+Äußerst komisch aber schaut es drein, wenn man ihm im Wald plötzlich
+begegnet und dicht zu ihm hinan geht. Zusammenfahrend legt es sich
+dann halb auf die Seite und ängstlich, mit weit aufgerissenem scharfen
+Gefänge, in die Höhe blickend, zieht es die Lefzen so weit zurück, daß
+es gerade so aussieht, als ob es den Störer seiner Ruhe angrinze und
+sich unendlich über seinen Besuch freue; es macht dann auch nicht den
+mindesten Versuch zu entgehen, und läßt sich nur mit einiger angewandten
+Vorsicht, wobei man sich besonders nicht so schnell nach ihm hinunter
+bücken darf, sogar hinter dem Gehör kratzen, was ich oft versucht habe,
+denn es hat keinesweges einen bissigen und bösartigen Charakter; schlägt
+man es aber mit einem Stocke, und sei es noch so leise, oder sieht es
+mehre Hunde (_einem stellt es sich_) kommen, so fällt es auf einmal
+um und ist anscheinend todt. Diese mögen es nachher beißen, daß ihm
+die Rippen krachen -- der Jäger mag es in die Höhe nehmen und wieder
+hinwerfen -- es ist todt und rührt sich nicht, und erst im wirklichen
+Todeszucken oder in tiefes Wasser geworfen, wo es seine Rolle vergißt
+und schnell zu schwimmen anfängt, zeigt es Bewegung.
+
+Dieses kleine Thier beweist dabei, während der fürchterlichsten Qualen,
+die es doch nothwendiger Weise unter den wüthenden Bissen der Hunde
+ausstehen muß, selbst noch im Tode eine solch merkwürdige Geistesstärke,
+mit der es das Schlimmste erträgt und nicht zuckt, ja selbst keinen Laut
+von sich giebt -- daß ich mich später, als ich seine Eigenthümlichkeiten
+recht kennen lernte, nie mehr entschließen konnte, eins _umzubringen_,
+denn unter diesen Verhältnissen erschien es mir ein wirklicher Mord.
+Äußerst komisch sieht es aber aus, wenn man es hinter einem Baume vor
+beobachtet, wie es aus seinem anscheinenden Tode wieder erwacht.
+
+Zuerst, wenn Alles ruhig und still ist, und es sich fest überzeugt
+glaubt, daß sein Feind den Platz verlassen hat, öffnet es leise die
+kleinen Lichter und äugt -- so wenig als möglich den Kopf dabei
+bewegend, überall umher; kann es nichts weiter erspähen, so streckt es
+behutsam die winzigen Lauscher vor und horcht -- Alles ruhig; jetzt hebt
+es den Kopf, blinzt rings im Kreise umher, liegt noch ein Weilchen ganz
+ruhig, wo es beim geringsten Geräusch wieder in seine vorige Stellung
+und Leblosigkeit zurücksinkt, und richtet sich zuletzt, wenn es den
+Frieden völlig wieder hergestellt glaubt, auf und trollt ab.
+
+Wird es verfolgt und kann in der Geschwindigkeit einen Baum erreichen,
+so bäumt es auch auf, wobei es mit ungemeiner Gewandtheit klettert, doch
+benutzt es, um an starken Bäumen emporzuklimmen, gewöhnlich die herunter
+hängenden, wilden Weinreben. Sein Fleisch, das zart und schön aussieht,
+wird von Vielen leidenschaftlich gegessen, die dann behaupten, es
+schmecke wie junge Ferkel; ich konnte aber nie meinen Ekel vor seiner
+häßlichen Gestalt so weit überwinden, davon zu kosten. Seine nackten
+Jungen trägt es, wie das Känguruh, nach der Geburt noch eine lange Zeit
+in einem sich unter dem Bauche befindenden Beutel umher; in den sie sich
+auch, wenn sie schon herumlaufen können, bei jeder nahenden Gefahr
+hineinflüchten.
+
+Das ist etwa der Urwald mit seinen Bewohnern, der nun freilich noch
+durch unzählige kleinere Vögel belebt wird. Schaaren von Tauben und
+kleinen Papageien durchschwärmen die Luft, und im Herbst und Frühjahr
+füllen unzählige Völker von wilden Enten und Gänsen die fließenden
+Wasser und einsamen Waldseen des gewaltigen Reiches, deren Jagd
+besonders in den südlichen Staaten, in Louisiana, wo sie, aus dem
+hohen Norden kommend, überwintern, äußerst interessant ist.
+
+Louisiana kann ich aber nicht erwähnen, ohne der Schnepfenjagd dabei zu
+gedenken, die ich dort von Anfang Februar bis Mitte März getrieben. Fast
+fürchte ich jedoch hier in Deutschland, wo die Schnepfe eigentlich zu
+den Seltenheiten gehört, keinen Glauben zu finden, wenn ich die Zahl
+angebe, die ich jede und jede Nacht erlegt habe; ich will aber die Sache
+erzählen, wie sie wirklich ist, und derjenige, welcher je die Ufer des
+Mississippi nach mir betritt und in dem flachen Lande, das an seinen
+Ufern, zwischen diesen und den weiter zurückliegenden Sümpfen liegt,
+jagt, wird finden, daß ich nicht übertrieben habe, denn jene Massen
+können nicht vernichtet werden.
+
+Die ungeheueren Schilf- und Sumpfdickichte dienen der amerikanischen
+Waldschnepfe und Becassine den Tag über, zum Aufenthalt, und mit
+Dunkelwerden, wie bei uns, streichen sie in die offen liegenden nassen
+Wiesen und Baumwollenfelder. Nun könnte man sich zwar anstellen und sie
+auf dem Strich schießen, denn _Tausende_ schwärmen aus den schützenden
+Büschen in's Freie; die Bäume sind aber dazu zu hoch und eine viel
+bequemere, Kraut und Blei sparende Jagd betreibt der Creole dort, zu
+dessen Lieblingsgerichten die Schnepfe gehört. Auf ähnliche Art habe
+auch ich _jede_ Nacht -- über sechs Wochen hinter einander, gejagt,
+wobei ich selten und nur dann, wenn das Wetter ungünstig war, nach
+zweistündigem Umherwandern weniger als zwölf bis achtzehn Schnepfen
+hatte.
+
+Die Schnepfe wird aber hier, wie der Hirsch im Walde, bei Fackellicht
+geschossen. Mit eben solcher Pfanne versehen, wie ich sie für die
+Feuerjagd des Rothwildes beschrieben habe, betritt der Jäger Abends nach
+Dunkelwerden, wenn der Wind nicht zu stark bläst und der Mond nicht zu
+hell scheint, die feuchten Wiesen. Ein Sack mit feingespaltenem Kienholz
+hängt an seiner Seite oder wird besser von einem ihm dicht folgenden
+Begleiter nachgetragen, der dann auch das Wiederauflegen des herunter
+gebrannten Kiens besorgen muß, um stets eine recht helle, lebhafte
+Flamme zu unterhalten, und jetzt, in der rechten Hand die leichte
+Doppelflinte, in deren Rohren sich nur eine Viertelladung befindet,
+um die kleine Schnepfe (sie sind bedeutend kleiner als bei uns, den
+deutschen sonst aber ziemlich ähnlich) nicht zu sehr zu zerschießen,
+wandert der Jäger leise und höchst aufmerksam, das kurze Gras der Wiesen
+überschauend, an kleinen, feuchten Gräben und nassen sumpfigen Stellen
+entlang. Auf dreißig Schritt schon kann er, wenn er eine recht gute
+Flamme führt, die Schnepfe erkennen, die, entweder das Feuer gar nicht
+beachtend, sorglos weiter läuft und den langen Schnabel in den weichen
+Erdboden hineindrückt, oder mit auf den Rücken gelegtem Kopf, den
+Schnabel vor sich hinausstreckend, stehen bleibt und den Herankommenden
+ruhig erwartet.
+
+Auf zehn bis zwölf Schritt habe ich gewöhnlich geschossen und natürlich
+nur selten gefehlt, was aber dennoch manchmal vorfällt, da das Feuer
+oft auf dem hellen Lauf, den man bei einer Schrotflinte übersehen muß,
+blendet, und man beim Abdrücken schon hinan zu sein glaubt, die Schnepfe
+aber dennoch unterschießt. Durch den Schuß oder auch durch den ihr
+zu nahe auf den Leib rückenden Jäger aufgescheucht, steigt sie mit
+schwirrendem Laute gerade in die Höhe, fällt aber auch augenblicklich
+in einem kleinen Bogen und fast stets noch im Bereich des Feuerscheins
+wieder ein, und kann schnell auf's Neue gefunden werden.
+
+So wenig scheut sie die Flamme, daß viele Neger, deren Herr ihnen
+nicht erlaubt, eine Flinte zu führen, Nachts mit der Fackel und lang
+abgeschnittenen Zweigen hinausgehen und sie zu Boden schlagen. In der
+einen Ansiedelung, =Pointe Coupée= am Mississippi, die sich etwa zwei
+englische Meilen in das Land erstreckt und zwei und zwanzig englische
+Meilen am Fluß hindehnt, werden doch in jedem Jahre, (d. h. in den
+sechs Wochen, denn im Herbst läßt sie sich nicht in den Wiesen sehen)
+wenigstens 10,000 Schnepfen und Becassinen erlegt und theils nach
+New-Orleans und in die kleinen Städte auf den Markt gebracht, theils
+selbst verzehrt. Bei dieser Nachtjagd, zwischen den zahlreichen
+Lagunen der Niederung umher, schoß ich denn auch sehr häufig dort
+eingefallene Enten, ja einmal selbst eine wilde Gans, für die ich jedoch
+besonders laden mußte; auch Kaninchen und Rebhühner, die man in den
+Baumwollenfeldern auftreibt, halten, und ich glaube gewiß, daß man eben
+dieselbe Jagd hier in Deutschland, wenigstens auf Enten und Hühner,
+betreiben könnte; denn Schnepfen sind doch dazu zu selten; -- es kommt
+natürlich nur einmal auf einen Versuch an.
+
+Die Bewaffnung eines Bärenjägers in Arkansas, der sich nicht fortwährend
+in drei und vier Meilen um sein Haus herum treibt, sondern längere Züge
+in die Waldung unternimmt und oft wochenlang keine Wohnung, außer der,
+die er sich selber aus Rindenstücken aufbaut, zu sehen bekommt, ist etwa
+die folgende. Eine gute einläufige Büchse und ein Bärenmesser -- etwa
+9 Zoll lang in der Klinge und zwei und einen halben breit, mit der
+gehörigen Schwere, um nicht allein kleine Lagerstangen, sondern auch
+beim Zerlegen des Wildes das Schloß ohne Mühe durchschlagen zu können,
+dazu ein kleineres, kurzes Messer (Scalpirmesser) ausschließlich für
+das Zerwirken und Essen bestimmt und dann ein Tomahawk (indianisches
+Beil) im Gürtel, um im Nothfall stärkere Bäume umhauen, Kienholz
+spalten und ein tüchtiges Lager bauen zu können, ist Alles, was er
+als Vertheidigungs- und Angriffswaffen bei sich führt; zu seiner
+Bequemlichkeit trägt er aber noch eine wollene Decke zusammengerollt
+auf dem Rücken, und einen Blechbecher an einem Henkel im Gürtel, um
+in diesem Abends, wenn er seine Decke aufgespannt oder ein Rindendach
+erbaut hat, etwas von dem gebrannten Kaffee, den er in einem ledernen
+Säckchen in die Decke gewickelt mit sich führt, erst mit dem Stiel
+seines Tomahawks im Becher zu stoßen und dann in diesem zu kochen.
+
+Die Bekleidung besteht fast ganz aus Leder, was die Unzahl von dornigen
+Schlingpflanzen, die überall den Wald durchziehen, nöthig machen. Ein
+ordentlicher Jäger muß aber nicht allein sein eigener Schneider und
+Schuster sein, sondern er gerbt auch die Häute, die er verwenden will,
+selber, und nur dann kann er sich in jenen gewaltigen Wäldern unabhängig
+fühlen, wenn er aus sich selbst sich zu erhalten, zu nähren und zu
+bekleiden vermag.
+
+Doch ich bin weitläufiger geworden, als im Anfang meine Absicht war,
+und muß schließen, um nicht zu breit und dadurch langweilig zu werden,
+glaube aber in dieser kleinen Skizze einen ungefähren Umriß von der
+nordamerikanischen Jagd, wie ich sie durch sechsjährige Erfahrung und
+fast vierjährigen, ununterbrochenen, praktischen Betrieb kennen gelernt,
+gegeben zu haben. Die Jagd ist jedoch in den endlosen, wilden Wäldern
+des noch neuen Landes kein Vergnügen mehr, das man sich zur Erholung
+gestattet, sondern es ist eine Arbeit, die, weil man einmal darin ist
+und leben muß, vollzogen sein will, verliert daher vieles von ihrer
+Annehmlichkeit.
+
+Dabei verringert sich, durch das rücksichtslose Jagen, das Wild mit
+jedem Jahre, die Mühe wird daher immer größer, der Erfolg immer weniger
+belohnend; dennoch aber ist's ein eigenes herrliches Gefühl, ganz so auf
+sich und seine eigene Kraft angewiesen zu sein und frei, ungehindert
+wie der Vogel in der Luft, den Wald durchziehen zu können. Hat dann der
+einsame Jäger Abends sein Feuer angezündet, sein schnell errichtetes
+Dach über sich ausgespannt, so ist er auch zu Hause, denn der Wald ist
+ja seine Heimath und jedes dichte Laubdach seine Schlafkammer.
+
+Wer freilich mit der Idee nach Amerika geht, dort Geld zu verdienen, ja
+der soll um Gottes willen die Flinte an den Haken hängen, denn wenn er
+auch hören mag, daß die Gallone Bärenfett 1-1/2 Dollar gilt und ein
+recht tüchtiger, feister Bursche oft funfzehn, ja zwanzig Gallonen mit
+sich trägt, so ist das Alles recht schön und gut -- er trägt sie eben
+mit sich und der Jäger kann ihn vielleicht -- wenn er rechtes Glück
+hat -- nach Monate langer Jagd auffinden und erlegen, und dann ist er
+gewöhnlich immer in einer Gegend, wo er vor allen Dingen, wenn er das
+Fett wirklich auslassen kann, dieses in erst gemachte Hirschhautschläuche
+füllen und dann noch, wer weiß wie weit, zum Verkaufe transportiren muß;
+Hirschdecken gelten im Sommer kaum acht bis zwölf gute Groschen -- das
+Wildpret hat fast gar keinen Werth.
+
+Nein, zu verdienen ist nichts auf der Jagd; wer jedoch einmal ein Paar
+Jahre seines Lebens dran wenden will, nun dem bleibt in späteren Zeiten
+wenigstens die Erinnerung. Es ist aber auch recht so, denn wollte man
+das edle Waidwerk nur um schnöden Gewinnstes willen treiben, wie im
+Norden und Westen Amerika's die großen Pelzcompagnieen thun, so würde es
+zum schändlichsten Morden herabgewürdigt und verlöre all das Schöne und
+Männliche, das ihm jetzt solch unendlichen Reiz verleiht. --
+
+Doch genug hiervon; ich habe aus meinem Leben, nicht wie ich es von
+Anderen erzählen gehört oder in Büchern gelesen, sondern wie ich es
+selbst erfahren und beobachtet, das beschrieben, was in den Urwäldern
+Nordamerika's innerhalb der vereinigten Staaten lebt und gejagt wird,
+und bin ich ein wenig weitläufiger dabei geworden, als es Manchem recht
+erscheint, so mag er bedenken, daß ein Jäger, der von seinen erlebten
+Jagden erzählt, selten das Ende finden kann.
+
+
+
+
+Curtis Brautfahrt
+
+
+An dem kleinen Flüßchen »Fourche la fave,« das sich dreißig Meilen
+überhalb Little Rock in den Arkansas ergießt, lebte im Jahre 1841 ein
+Mann Namens Jeremias Curtis.
+
+Er war noch, wie er selber sagte, in den besten Jahren, etwa zwischen
+sechs und dreißig und vierzig, und hatte erst vor zwei Jahren seine Frau
+an einem hitzigen Fieber verloren, was Wunder also, wenn es ihn mit dem
+erwachenden Frühling ebenfalls trieb, die heiligen Bande der Ehe auf's
+Neue zu knüpfen, da noch überdies drei unerzogene Kinder von vier, sechs
+und sieben Jahren ihn mahnten, daß sie der Mutterpflege bedürfen.
+
+Zur Wartung der Kleinen, wie zur Besorgung der Wirthschaft, lebte
+indessen eine entfernte Verwandte, ein armes, aber braves und auch
+wirklich recht hübsches Mädchen, Namens Nancy, in seinem Hause, und
+schon mehrmals war ihm der Gedanke durch den Kopf gefahren, dieses zu
+heirathen und dadurch jeder weiteren Sorge überhoben zu sein. Jeremias
+Curtius war aber ein Mann, der nicht blos für die Gegenwart lebte,
+sondern auch hinaus in die Zukunft schaute, und da glaubte er denn
+vernünftiger und zweckmäßiger zu handeln, wenn er sich eine Frau
+wähle, die ihm nicht allein sich selbst, sondern auch noch eine kleine
+Aussteuer zuführe, auf daß er seine irdischen Güter, wenn er auch keinen
+Reichthum begehrte, doch um ein Weniges vermehren könne.
+
+»Zwar bedurfte er dessen nicht« (wie er sich selbst vor seiner Hausthür
+auf- und abgehend, herzählte), »er hatte, was er brauchte im Überfluß;
+hier stand ein recht wohnliches Blockhaus, 18 bis 20 Fuß, wasserdicht
+gedeckt (die nordwestliche Ecke ausgenommen, wo es hineinregnen
+_wollte_, er mochte auch thun was in seinen Kräften stand) mit einem
+guten Boden gelegt; daneben eine kleine Küche und ein Rauchhaus mit
+»Massen von Fleisch«; dabei neun Acker urbar gemachtes und eingefenztes
+Land, und dicht daneben noch ein kleines Eckchen für Rüben angefangen;
+zwei ausgezeichnet gute Pferde; sieben und dreißig Stück Rindvieh, groß
+und klein (und die viere eingerechnet, die ihm im vorigen Frühjahr in
+die Arkansas Rohrbrüche gegangen und noch nicht wieder gekommen waren);
+einige vierzig Schweine (oder nur neun und dreißig, wenn das _seine_
+Sau gewesen, die der Bär in letzter Nacht gefressen); eine vorzügliche
+Stahlmühle; vier Hemden, fünf paar Socken und drei paar Beinkleider
+(zwei für den Sonntag und noch ganz neu); einen Frack von Kenntucky
+Jeannet[5], die beste Büchse im ganzen Revier, fünf Hunde, und -- die
+Hauptsache, einen kleinen Negerjungen von circa neun Jahren, wie hundert
+und fünfzig Dollar in baarem, harten Gelde -- _harten Gelde_!«
+
+ 5: Ein grobes wollenes, meist selbstgewebtes Zeug.
+
+Curtius wiederholte besonders die letzten Worte verschiedene Male
+»_hartem Gelde_ -- keines von Euerem lumpigen Arkansas-Papier-Geld
+-- Arkansas-Real-Estate -- 72 pro Cent Discount -- Puh!«
+
+»Aber Mr. Curtis, was haben Sie denn nur heute vor? Sie wollen wohl bei
+der nächsten Wahl eine Rede halten?« frug Nancy, die schon seit mehreren
+Minuten in der Thür gestanden und ihm leise kichernd zugeschaut hatte,
+wie er mit gewaltigen Schritten am Ufer des kleinen, vor seinem Hause
+vorbeifließenden Baches auf und abging, und lebhaft dazu mit den Händen
+gestikulirte.
+
+»Hat der Braune gefressen?« frug aber Mr. Curtis dagegen, indem er
+stehen blieb und sich nach seiner Haushälterin umsah, ohne die lächelnde
+Bemerkung weiter einer Antwort zu würdigen.
+
+»Vierzehn Kolben Mais habe ich ihm gegeben,« erwiederte Nancy, »und Bob
+ist bei ihm stehn geblieben, die Hühner vom Troge zu scheuchen; ich kann
+übrigens noch einmal hingehn und zusehn, ob er fertig ist und mehr
+verlangt.«
+
+Dabei sprang sie leicht über die dem Hause als Stufen dienenden Klötze
+hinweg, und hüpfte mit fröhlichen Schritten dem Futterkasten zu, wo das
+Pferd, ein schönes, braunes Thier, die schon abgenagten Kolben, die
+sogenannten _Kobs_, zerkaute, und ungeduldig mit dem Vorderfuße den
+Boden scharrte.
+
+»Nun Bill, bist du noch hungrig?« frug das Mädchen, ihm dabei freundlich
+den Hals klopfend, während Bill, dem die schmeichelnde Hand der
+Pflegerin zu behagen schien, nur stärker scharrte und mit dem schönen
+Kopfe auf- und niederfuhr -- »nun warte -- ich hole dir noch ein paar
+Kolben« und damit wandte sie sich dem Hause wieder zu, wobei der
+Braune, ihre Absicht wahrscheinlich ahnend und als Zeichen freudiger
+Beistimmung, hellauf wieherte.
+
+Curtis hatte der schlanken, behenden Gestalt des hübschen Kindes mit
+wohlgefälligem Blicke nachgeschaut, aber ein ernstes, bedeutsames
+Kopfschütteln verrieth doch, daß er seine ganz absonderliche Bedenken
+dabei haben mußte, und auf's Neue trat er seinen, kaum unterbrochenen
+Spaziergang an, wiederum vor sich hinmurmelnd »einen kleinen,
+neunjährigen Neger und hundert fünfzig harte Dollars -- harte, silberne
+Dollars.«
+
+»Gieb ihm nichts mehr zu fressen, Nancy,« rief er da plötzlich, als er
+zum Hause aufblickte und Nancy mit dem nachträglichen und dem Braunen
+extra versprochenen Mais aus der Thüre treten sah -- »ich will fortreiten
+-- hol' mir einmal die Decke aus dem Rauchhaus -- und reich' mir den
+Zügel heraus -- er liegt unter meinem Bett.«
+
+Nancy that wie ihr befohlen, und bald darauf hatte Jeremias Curtis
+seinem keineswegs ganz damit einverstandenen Pferde den Zügel an und den
+Sattel aufgelegt, schnallte sich dann einen äußerst blank gescheuerten
+Sporn an den linken Fuß, fuhr einige Male mit dem Ellenbogen über den
+etwas abgetragenen Biber, und schien bei dieser Beschäftigung wieder in
+tiefes, tiefes Nachdenken zu versinken. Plötzlich aber mußte ein großer
+Entschluß in seiner Seele gereift sein, denn mit gewaltiger Energie
+drückte er sich den Hut -- fast etwas zu tief -- in die Stirn, schwang
+sich in den Sattel, trabte bis vor die Hausthür, und blieb hier halten,
+wo er Nancy, die ihn verwundert betrachtete, genau fixirte.
+
+»Nancy«, sagte er endlich -- »ich will ausreiten.«
+
+»Und in Ihren »Geh-zur-Kirche-Kleidern«?«
+
+»Ja Nancy, und -- wenn ich vielleicht -- es könnte sein, daß ich -- ich
+setze den Fall ich käme -- nun Nancy«, brach er kurz ab, »räume das
+Haus hübsch auf und kehre Alles fein sauber ab; -- wir -- wir bekommen
+vielleicht -- Besuch!« und dem Thiere den linken Hacken einbohrend,
+setzte er über den Bach, und trabte schnell die am Fluß hinaufführende
+Straße, am Fuß der mit Kiefern bedeckten Hügel, fort.
+
+Nancy schaute ihm, bis er hinter den Bäumen verschwunden war, lächelnd
+und kopfschüttelnd nach, dann aber drehte sie sich lachend auf dem
+Absatz herum, und schmunzelte, in das Haus zurücktretend:
+
+»Nun wenn _der_ nicht Freiersgedanken im Kopfe hat, dann will ich nicht
+Nancy heißen. Viel Glück, Mr. Curtis, viel Glück! Neugierig bin ich aber
+doch, wo er hinreitet; dort oben wohnen zwar viele Mädchen, am Fluß
+hinauf -- sollte er wohl nach Trumbells? die haben zwei Töchter -- ih«
+-- lachte sie kurz abbrechend und ihre Arbeit am Baumwollen-Spinnrad
+wieder beginnend -- »ich werd's schon erfahren; morgen führt er ja
+wahrscheinlich seine Auserwählte heim.«
+
+Jeremias Curtis ritt indessen mit leichtem, fröhlichem Herzen die Straße
+entlang, und stimmte endlich, in einem Ausbruch seiner nicht mehr zu
+bändigenden und zurückzuhaltenden Gefühle, eine weit hinausschallende
+Hymne an, so daß mehrere Hirsche, die friedlich an der Straße geäßt,
+entsetzt und mit mächtigen Sprüngen in's Dickicht flohen. Wenig aber
+kümmerte dies den Freiersmann; er war Einer von den Menschen, die sich
+Monate, Jahre lang mit einem Plan oder Entschluß herumquälen können,
+ohne ihn zur Reife oder Ausführung zu bringen, die aber, nur erst einmal
+mit sich selbst im Klaren, ruhig in die Zukunft hinaussehen und den
+lieben Gott für das weitere sorgen lassen.
+
+Im besten Mannesalter, sah er -- Nancy hatte ihm das selbst mehr als
+einmal versichert -- gar nicht so übel aus; besonders wenn er Sonntags
+seine »reinen Sachen« angezogen. Nun wollte ihm zwar seine übergroße
+Bescheidenheit den Einwurf machen, daß ihn Nancy mit ein wenig zu
+partheiischen Augen betrachte, dann aber blickte er links am Pferd
+hinunter auf seine stattlichen, wohlproportionirten Gliedmassen, dann
+wieder rechts, nickte dazu lächelnd mit dem Kopf, murmelte »einen
+kleinen Neger und hundert und fünfzig Dollars in baarem, harten harten
+Geld,« und begann mit lauterer, stärkerer, ja recht herzfreudiger Stimme
+den geistlichen Gesang auf's Neue.
+
+Mehrere Stunden mochte er also in der reinen, klaren Frühlingsluft
+fortgetrabt sein, als ihm aus der Ferne das helle Dach eines Blockhauses
+entgegenschimmerte, und er sich dem Ziele seiner Wanderung näherte;
+anstatt aber dem Pferde den Sporn einzudrücken, und im fröhlich kühnen
+Galopp vor die Thür der Auserwählten zu sprengen, ritt er langsam
+seitwärts vom Wege ab in das Gebüsch hinein; stieg ab und begann jetzt
+mit außerordentlicher Sorgfalt seine Toilette in Ordnung zu bringen.
+
+Ein kleiner Spiegel wurde mit seinem spitzen Messer -- das er in einer
+ledernen Scheide im Gürtel trug -- an einem Baum befestigt, dann
+förderte er einen Kamm und eine kleine Bürste ebenfalls aus der Tiefe
+der fast unergründlichen Rocktasche zu Tage und striegelte und bügelte
+nun das widerspenstige Haupthaar sorg- und aufmerksam.
+
+Mr. Trumbell, auf dessen Land und unfern von dessen Haus er sich jetzt
+befand, hatte zwei allerliebste Töchter, zwar noch ein wenig jung für
+einen Mann in seinem Alter, denn die älteste zählte erst achtzehn Jahr;
+leicht überredete er sich aber, daß sein noch so rüstiges, jugendliches
+Aussehen, und sein »kleiner neunjähriger Neger, wie die hundert und
+fünfzig Dollars« sehr zu seinen Gunsten sprechen würden, ja sprechen
+mußten, und mit wirklichem Wohlgefallen nahm er jetzt den Spiegel in die
+Hand und hielt ihn bald dicht vor die Augen, bald in etwa Armeslänge
+von sich entfernt, um ungefähr den Eindruck zu berechnen, den, wie er
+hoffte, sein erstes Erscheinen auf die Mädchen hervorbringen sollte.
+
+Aber gar nicht mit seinen Plänen harmonirend, stahlen sich hie und da
+einzelne graue Haare sowohl aus dem Backenbart als auch aus den Schläfen
+hervor, und emsig war er eben bemüht, die unwillkommenen Boten eines
+ehrwürdigeren Zeitalters mit sicherer Hand und spitzen Fingern zu
+erfassen und herauszureißen, als plötzlich das helle Gelächter zweier
+silberreinen Mädchenstimmen an sein Ohr schlug, und er, entsetzt sich
+wendend, in die vor ausgelassener Freude funkelnden Augen eben dieser
+beiden Schönen blickte von denen er sich Eine zum ehelichen Gemahl
+ausersehen.
+
+Hätte das ruhig neben ihm grasende Pferd ihn mit einem freundlichen
+»guten Morgen Mr. Curtis« angeredet, oder der Spiegel, der jetzt seiner
+zitternden Hand entfiel, ihm ein scheußliches Fratzengesicht gezeigt,
+als er hineinschaute und seine eigenen, wohlgebildeten Züge darin
+zu finden erwartete, oder die alte Eiche, unter der er stand, die
+Riesenarme über den Kopf zusammengeschlagen und sich die Wurzeln selber
+wie einen Zahn ausgezogen, er würde nicht so starr vor Schrecken, so
+völlig wie eine ungesalzene Madame Lot dagestanden haben. Nicht einmal
+die unbedeutendste Begrüßungsformel wollte über die Lippen, und mit weit
+aufgerissenen Augen und noch weiter geöffneten Lippen blieb er in der
+einmal eingenommenen Stellung, und blickte bald auf diese, bald auf jene
+Schwester.
+
+»Aber Mr. Curtis,« begann jetzt die Älteste der Beiden, die sich zuerst
+wieder genug gesammelt hatte, um reden zu können, »läßt Ihnen denn Nancy
+zu Hause gar keine Ruhe, daß Sie soweit in den Wald hinein müssen, um
+Ihre Toilette zu machen?«
+
+»Mr. Curtis will unter die Indianer gehen,« fiel die Schwester, immer
+noch mit vom Lachen unterbrochener Stimme ein -- »er übte sich schon im
+Bartausraufen, und ich bin fest überzeugt, daß er in derselben Tasche,
+aus der er schon so viele andere Sachen hervorgeholt hat, auch noch die
+Kriegsfarben trägt.«
+
+»Das ist möglich,« kicherte Lucy -- »dort im Baum steckt sein
+Scalpirmesser.«
+
+»Aber bester Mr. Curtis,« sagte Betsy mit scheinbarer Besorgniß,
+»dann müssen Sie ja auch _tanzen_, und da Sie doch jetzt erst zu den
+Methodisten --«
+
+»Miß Lucy -- Miß Betsy,« stammelte in höchster Verlegenheit der arme
+Curtis -- »ich -- ich habe einen kleinen Neger und hundert fünfzig
+Dollar --«
+
+»Ah Sie werden ein Häuptling!« jubelte Betsy, »ich sehe Sie schon
+im Geist mit der Scalplocke und dem blutigen Tomahawk im Gürtel
+-- buntbemalt, wehende Adlerfedern auf dem Haupte, die ausgefranzten
+Leggins von dem flatternden Haarschmuck der erlegten Feinde umweht
+-- Brrrrr« fuhr sie schaudernd fort, »was Sie schon für wilde Blicke
+nach uns schießen;« und wiederum fingen die Mädchen an zu lachen, daß
+der Wald tönend das helle Echo zurückgab.
+
+Der arme Curtis aber, die Zielscheibe dieses unerbittlichen Spottes,
+stand keineswegs mit wildem Blick, sondern mit höchst kläglicher,
+erbarmenswerther Miene da, und überlegte eben, mit welcher Wonne er
+in einen zwei hundert und fünfzig Fuß tiefen Brunnen oder in eine
+unergründliche Felsspalte hineinfahren könne, um nur hier, von dieser
+für ihn zum Marterpfahl gewordenen Stelle fortzukommen, denn aller Muth,
+auch nur eine Sylbe über die Absicht seines Besuches laut werden zu
+lassen, war ihm jetzt entfallen. Endlich aber faßte er sich ein Herz,
+hob mit einer schnellen und geschickten Bewegung den ihm vorhin
+entfallenen Spiegel wieder auf, ließ ihn in die Tasche gleiten, und frug
+jetzt, mit halb trotzigem, halb kläglichem Gesicht die Schwestern, was
+sie um des Himmels willen im Walde, hier an dieser einsamen Stelle
+allein zu thun hätten.
+
+»Wenn wir nun grausam wären,« sagte Lucy, »könnten wir Ihnen das zu
+rathen aufgeben, so aber wollen wir Mitleiden mit Ihnen haben, und Sie
+in unser Geheimniß einweihen. Sehen Sie den Waschkessel da unten? sehen
+Sie das freundliche Gesicht Jessina's?«
+
+Und Curtis sah das freundliche Gesicht Jessina's, denn nicht zwanzig
+Schritt von da entfernt, grinste ihm, zwischen ein paar blühenden
+Dogwoodbüschen hindurch, das breite, schwarze Antlitz eines kleinen,
+vierschrötigen Negermädchens entgegen, das seine Arbeit verlassen hatte
+und kichernd zwei Reihen der reinsten, weißesten Perlzähne zeigte, die
+je unter einer Negerin Lippe hervorschimmerten.
+
+»How de do, Massa?« nickte ihm die Kleine freundlich zu, und der fromme
+Curtis hatte schon einen höchst gotteslästerlichen Fluch auf den Lippen,
+doch unterdrückte er ihn noch zur rechten Zeit, starrte einen Augenblick
+vor sich nieder, und war im Begriff, sein Pferd zu besteigen und den Ort
+zu fliehen, wo er unter für ihn so mißlichen Umständen empfangen worden.
+Da aber siegte der Verstand des ruhigen besonnenen Mannes.
+
+Nein -- Mr. Trumbell war sehr wohlhabend, und nicht allein hier, sondern
+auch im Oiltrovebottom, am Whiteriver, hatte er nicht unbeträchtliche
+Strecken Land, das am Fourche la fave jedoch, seiner gesünderen Lage
+wegen, zum Aufenthaltsort gewählt. Dabei viel Vieh -- sehr viel Vieh und
+-- was das bedeutendste war, eine ganze Colonie von Negern und besonders
+von sehr hübschen Negermädchen. Jeremias dachte an seinen eigenen jungen
+Sprößling aethiopischer Race -- romantische Gebilde von fabelhaft großen
+Baumwollenplantagen mit unzähligen Negersclaven jagten an seiner inneren
+Seele vorüber -- jedes der beiden vor ihm stehenden Mädchen war wenigstens
+zweitausend Dollar werth -- er drückte sich den Hut etwas fester auf
+den Kopf. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen. Die Mädchen schienen ihr
+Betragen zu bereuen -- sie flüsterten leise und ernst zusammen -- sie
+wußten, daß sie ihm durch ihren Spott weh gethan haben mußten -- Reue
+kam vielleicht dem, was er ihnen sonst noch bieten konnte, zu Hülfe; auf
+keinen Fall dürfte die kostbare Zeit versäumt werden, und Lucy sollte
+erfahren, daß es in ihrer Macht stehe, ihn zum Glücklichsten der
+Sterblichen zu machen.
+
+Er setzte den rechten Fuß vor und hob den linken Arm auf -- der
+Augenblick der Entscheidung war da.
+
+Lucy wandte sich gegen ihn und sagte bittend:
+
+»Nicht wahr, Sie sind nicht böse, wenn --«
+
+»Mein Fräulein,« unterbrach sie mit freudiger Stimme der neue Hoffnung
+schöpfende Freier, -- wie können Sie nur glauben, daß ich -- ich
+habe --«
+
+»Wenn ich eine Frage an Sie richte --« fuhr Lucy, ohne die Unterbrechung
+zu beachten, fort -- »Betsy und ich haben miteinander gestritten
+-- Betsy meint, Sie hätten sich die einzelnen Haare aus Verzweiflung
+ausgerissen, ich behaupte aber, Sie wollten ihrer Geliebten eine Locke
+mitbringen. Nicht wahr, ich habe Recht?«
+
+Das war zu viel für den armen Curtis! er verschluckte die schon halb
+begonnene Anrede, steckte das Messer in den Gürtel, faßte sein Pferd
+am Zügel, hielt aber noch einmal und warf einen letzten, fragenden
+Blick auf die Schönen. Diese aber waren indessen in ein lautes Kichern
+ausgebrochen, das in dem blühenden Dogwoodbusch ein schallendes Echo
+fand, und ein paar blaue Heher, die gerade über der kleinen Versammlung
+auf dem jungen Aste eines jungen Sassafras saßen, stimmten mit ihren
+schmetternden, plappernden Stimmen ein in den Lärm. Curtis saß mit einem
+Sprung im Sattel.
+
+»Good bye Ladies!« rief er mit lauter, trotziger Stimme, und als ob er
+hinter einem alten Bären her auf flüchtiger Hetze den Wald durchrase,
+so flog er, über mehrere gestürzte Stämme hinweg, der mit so frohen
+Hoffnungen verlassenen Countystraße wieder zu.
+
+Vergebens riefen ihm jetzt die Mädchen nach, zum Hause zu reiten und
+bei ihren Eltern zu übernachten, vergebens versprach Lucy ihn nicht zu
+necken und keine Sylbe des Vorgefallenen zu erwähnen, er hörte nichts
+von ihren versöhnenden Worten, und nur das spöttische (ihm _teuflisch_
+vorgekommene) Lachen tönte und klingelte ihm noch in den Ohren, als er
+schon mehrere Meilen in scharfem Trabe zurückgelegt, und nun endlich
+anfing, die Sache ruhig zu überdenken.
+
+
+»Verdammt!« rief er, und zügelte den Eifer des schäumenden Thieres
+ein wenig, indem er sich zugleich erschrocken umsah, ob Niemand den
+gotteslästerlichen Fluch gehört habe, »kann ein einzelner Mensch
+größeres Unglück auf der weiten Gotteswelt haben, als ich an diesem
+gesegneten Morgen genossen? Aber gut -- gut -- spottet nur, lacht nur,
+meine Miß Lucy und meine Miß Betsy, verhöhnt nur den aufrichtigen
+Freier, der sich Euch mit treuem Herzen naht, Ihr werdet's schon noch
+einmal bereuen und dann will ich triumphiren; dann ist mein kleiner
+Neger groß geworden, mein baares Geld, meine hundert und fünfzig harten
+Dollars haben sich vermehrt, und die Zeit möchte kommen, wo Ihr Euch
+lieber Mistres Curtis als Miß Lucy oder Miß Betsy nennen hörtet.«
+
+
+Er hatte sich bei den letzten Worten im Sattel umgedreht, und hob
+drohend den rechten Zeigefinger nach der Richtung hin auf, aus der er
+eben gekommen war. Seine Selbstliebe trug aber endlich den Sieg über
+die gekränkte Eitelkeit davon, ein mitleidiges, fast höhnisches Lächeln
+umspielte für einen Augenblick seine Mundwinkel, und sich dann fester im
+Sattel setzend, preßten seine Schenkel auf's Neue die Flanken des edlen
+Thieres, das mit ihm in langen Sätzen über die felsige Straße dahinflog.
+
+Das nächste Haus, das jetzt in seinen Augen einigen Werth hatte -- denn
+diejenigen Farmen, auf denen keine jungen Mädchen lebten, existirten
+gegenwärtig gar nicht für ihn -- gehörte einem Leidensgefährten, einem
+Wittwer, Namens Ewis; der Magnet aber, der ihn dorthin zog, war des
+alten Ewis einziges Töchterlein, ein liebes, holdes Mädchen, schlicht
+und einfach, doch brav und häuslich erzogen, und eine amerikanische
+Jungfrau im reinsten und vollsten Sinne des Wortes. Darum war übrigens
+Curtis nicht gleich von allem Anfang hierhergeritten, weil -- die Neger
+fehlten. Ewis konnte mit zu den wohlhabenderen Farmern gerechnet werden,
+seine Heerden weideten in allen Theilen der weitverbreiteten Rohrbrüche,
+sein Land trug herrliche, reichliche Frucht, und es gab in einem nicht
+geringen Umkreis keinen gutmüthigeren und zugleich rechtlicheren alten
+Mann, als eben ihn; aber die Neger fehlten, und Curtis hatte deßhalb
+Lucy und Bet -- aber nein, er wollte gar nicht mehr an die Mädchen
+denken -- sie verdienten es nicht.
+
+Jetzt hatte er die äußersten Fenzen erreicht; im Osten wurden schon an
+dem erdunkelnden Nachthimmel einzelne, blitzende Sterne sichtbar, und
+nur im Westen verrieth ein schmaler bleicher Streif die geschiedene,
+schlummernde Sonne; aber dort wirkte und schaffte noch reges Leben;
+die Hunde bellten, die Kühe blökten, eine feine Kindesstimme rief
+das lockende »Huph -- huph« in den Wald hinaus, und dazwischendurch
+schallten die eintönigen Schläge der Axt, die noch Feuerholz für die
+kühle Nacht herbeischaffen mußte.
+
+Gleich darauf betrat er den inneren, von den verschiedenen Feldern und
+Gebäuden eingeschlossenen Raum, der gewissermaßen als Hof gelten konnte,
+und fand sich bald darauf, von fünf bellenden heulenden Rüden umgeben,
+vor einem einstöckigen, aber ziemlich hochgiebligen Blockhaus, aus
+dessen Innerem ihm schon ein freundlich gemüthlicher Lichtglanz, Wärme
+und Geselligkeit versprechend, entgegenleuchtete.
+
+»Hallo Curtis!« rief der alte Ewis, als er den, wenn auch etwas
+fernwohnenden »Nachbar« erkannte, während er im Holzhacken einhielt und
+dem Ankommenden entgegentrat, -- »das macht Ihr gescheidt, daß Ihr Euch
+endlich einmal sehen lasset; habt mir's lange genug versprochen. Komm
+Bill -- nimm das Pferd und führ' es in den Stall; jag' nur die anderen
+hinaus, die haben jetzt gefressen, und wir brauchen sie morgen doch
+nicht; tretet ein; laßt nur den Sattel sein, Bill wird schon auf Alles
+Acht geben.«
+
+Curtis athmete hoch auf -- in der Thür der Hütte stand Anna, das holde
+liebe Kind, und lächelte ihm so freundlich entgegen, daß er vor lauter
+seligen Gedanken des Vaters Hand gar nicht wieder losließ. Er stieg aber
+vom Pferd, schüttelte die dargebotene Rechte des Alten recht derb und
+herzlich, und trat mit klopfendem Herzen in's Haus, wo er der Jungfrau
+nach alter wackerer Sitte die Hand zum Gruß bot.
+
+»Nun, Curtis, wie gehts?« fragte Ewis, als sie sich zusammen zum Feuer
+gesetzt hatten und der Freiersmann emsig beschäftigt war, mit seinem
+Genickfänger einen Span zu zerschneiden, -- »wie steht Euer Mais? schon
+gepflanzt? habt wohl fruchtbares Wetter abwarten wollen? ja s'ist
+merkwürdig trocken dieses Jahr.«
+
+»Nicht so ganz -- wenigstens nicht bei mir,« erwiederte Curtis, dem es
+war, als ob ihm das Herz die Brust zersprengen müsse, denn Anna stand
+dicht neben ihm und holte die blankgescheuerte Kaffeekanne zum am Feuer
+brodelnden Abendessen vom Gesims herunter -- »mein Feld liegt, wie Ihr
+wißt, ein wenig tief, im Thalland d'rin -- neun Acker urbar gemachtes
+Land und daneben noch ein kleines Stückchen für Rüben -- eine schöne
+Fenz, drum --«
+
+»Ja, ja, s'ist gutes Land, kann's aber doch mit meinem hier nicht
+aufnehmen.«
+
+»Mr. Ewis«, entgegnete Curtis etwas pikirt (denn das heißt einem
+Ansiedler der westlichen Staaten an's Herz gegriffen, wenn man
+behauptet: entweder besseres Land, ein schnelleres Pferd, eine sichere
+Büchse oder tüchtigere Hunde zu haben), »Mr. Ewis, mein Land wurde durch
+die Feldmesser ausgesucht, und für das fruchtbarste im ganzen County
+erklärt; überdies habe ich noch ein recht gutes Wohngebäude, ein
+Rauchhaus, eine kleine Küche --«
+
+»Haben Euch denn die Eichhörnchen und Truthühner dies Frühjahr viel Saat
+weggefressen? ich mußte an den Fenzen herum schon wenigstens zwei Mal
+nachpflanzen.«
+
+»Das war bei mir nicht so bedeutend«, entgegnete Curtis, auf's Neue die
+Gelegenheit ergreifend, all sein bewegliches und unbewegliches Eigenthum
+im besten Lichte erscheinen zu lassen; »Ihr wißt, ich habe einen kleinen
+Neger, und der muß gehörig aufpassen; es ist sehr angenehm, einen
+kleinen Neger« -- er sah sich schnell um, denn er konnte fast darauf
+schwören, es hätte Jemand hinter ihm gekichert, Anna stand aber ganz
+ernsthaft am Tisch, und war emsig beschäftigt, die Messer und Gabeln zu
+ordnen, und weiter sah er Niemand im Zimmer -- »kleinen Neger zu haben«,
+fuhr er nach kurzer Pause in der unterbrochenen Rede wieder fort; »dabei
+die hundert und funfzig --«
+
+»Wie ist's denn mit dem Brunnen geworden, den Ihr wolltet graben lassen?
+oder trinkt Ihr noch immer aus dem Bach? wenn ich Nancy wäre, ließ ich
+mir das gar nicht gefallen; im Sommer ist's ein schauderhaftes Getränk.«
+
+»Oh bewahre -- ich nahm Mowers Jim auf vierzehn Tage in Arbeit, und da
+ich doch hundert und sechszig Dollars in baarem, hartem Gelde liegen
+hatte, so wendete ich gleich zehn daran, diese wirklich nothwendige
+Arbeit gethan zu bekommen.«
+
+»Hm«, sagte Mr. Ewis, und schaute den redseligen Curtis, während er mit
+dem Daumen und Zeigefinger der linken Hand die Unterlippe beobachtend
+zusammenkniff, forschend an. Zum ersten mal schien die Ahnung der
+Absicht seines Besuchs in ihm aufzudämmern. Zu jetziger Zeit war Alles
+eifrig in den Feldern beschäftigt, und Curtis hatte mitten in der Woche
+seine Sonntagskleider angezogen und sich zu ihm verfügt, blos um bei ihm
+zu übernachten. --
+
+»Hm« -- sagte er dann noch einmal, und sah forschend bald seine Tochter,
+bald Curtis an, der, als er dies bemerkte, feuerroth wurde und mit
+eisernem Fleiße an seinem Spahn fortschnitzte.
+
+Einige Minuten lang überlegte sich der Alte die Sache, und schien das
+=pro= und =contra= bedeutend in Betracht zu ziehen; endlich mußte aber
+doch wohl das =pro= den Sieg davon getragen haben, denn er stand auf,
+und verließ, unter dem Vorwand, nach den Pferden zu sehen, das Haus.
+Curtis war auch wirklich gar keine so üble Parthie! er hatte was er
+brauchte, ja von diesem wohl mehr als sieben Zehntel der übrigen
+Ansiedler, und die kleine, am Fourche la fave freilich ziemlich bekannte
+Eigenheit, daß er immer von seinem kleinen Neger erzählte, durfte, wie
+der Alte meinte, bei einem Mädchen auch weiter keinen Unterschied machen,
+wenn der Mann nur sonst brav und gut wäre.
+
+Curtis, der nicht einmal diese Eigenschaft _gegen_ sich, wohl aber alle
+die andern _für_ sich kannte, merkte gar bald, wenn er auch sonst gerade
+keine übermäßigen Verstandeskräfte besaß, daß er den Alten auf seiner
+Seite habe, und beschloß nun mit der Tochter die Sache ebenfalls schnell
+in's Reine zu bringen. Wie er aber allein mit ihr war, verließ ihn auf
+ein Mal aller Muth; es war ihm, als ob ihm Jemand mit zwei Fingern die
+Nase, und mit der ganzen Hand die Kehle zuhielte, und er nun mit jedem
+Augenblick ersticken müsse. Anna brach auch endlich zuerst das ihm
+wenigstens peinlich werdende Schweigen und frug ganz unbefangen:
+
+»Wie befindet sich Nancy, Mr. Curtis? warum kommt sie nicht einmal
+herauf zu uns; sie hat es mir doch schon so oft versprochen.«
+
+Curtis rückte eine Weile auf dem Stuhl umher, faßte sich aber endlich
+ein Herz und frug das junge Mädchen mit einem seiner zärtlichsten
+Blicke:
+
+»Wie wär's, Miß Ewis, wenn Sie dafür einmal Nancy besuchten, vielleicht
+gefiel Ihnen der Ort?«
+
+»Nancy muß erst zu mir kommen,« sagte Anna, »sie hat es versprochen.«
+
+Eine lange Pause entstand jetzt, bis endlich der zaghafte Werber auf's
+Neue das Wort nahm und die Unterredung mit einem leisen:
+
+»Es ist heute schönes Wetter« wieder anzuknüpfen suchte.
+
+»Ja!« sagte Anna.
+
+Curtis sah sich im ganzen Hause um, und seine Augen flogen bald über die
+an der Wand hängenden Kleider, bald über die im Schornstein angebrachten
+Speckseiten, und haftete endlich wieder auf Anna's schlanker Gestalt,
+die an das Feuer getreten war, um nach dem beigestellten Maisbrod zu
+sehen.
+
+»Miß Anna!« sagte Curtis.
+
+»Mr. Curtis?« frug Anna, sich nach ihm umdrehend.
+
+»Ich muß Ihnen nur gestehen«, stotterte der Freier, »daß ich einzig und
+allein darum hierher gekommen bin, um -- um Sie -- um mich bei Ihnen
+-- bei Ihnen zu erkundigen, -- ob Sie --«
+
+»Ob ich?« -- fragte das Mädchen, den neugierig lächelnden Blick fest auf
+ihn gerichtet.
+
+Er war so schön im Zuge gewesen, wie er ihr aber wieder in das dunkle
+Auge sah, das ihn so schelmisch, und doch auch so -- er wußte selbst
+nicht wie, so -- so trotzig anblickte, da verließ ihn auf's Neue sein
+Selbstvertrauen, und er stammelte, nach einigen vergeblichen Versuchen,
+die Fassung wieder zu gewinnen, auf das Fleisch deutend --
+
+»Haben Sie das selber geräuchert?«
+
+Wohl zwei Minuten mußte er aber auf die Antwort warten, denn so lange
+dauerte es, ehe sich Anna erholen konnte, die bei den letzten Worten
+in ein fast nicht zu beschwichtigendes Lachen ausgebrochen war.
+
+»Und deßhalb also sind Sie die zwölf Meilen geritten?« frug sie endlich
+mit noch thränenden Augen, »blos um sich zu erkundigen, ob ich das
+Fleisch geräuchert hätte? o bester Mr. Curtis, das hätten Sie bequemer
+haben können, Nancy war dabei, wir haben es zusammen eingesalzen.«
+
+Curtis wurde leichenblaß -- er wußte, sein böses Geschick arbeitete
+jetzt an seinem Verderben; dieselbe Sehnsucht nach irgend einer noch
+unentdeckten Felsspalte oder nach einem bodenlosen Abgrund erfaßte
+ihn --
+
+»Ich habe einen kleinen Neger --«
+
+»Und hundert und fünfzig Dollar in baarem, hartem Gelde,« kicherte Anna.
+»Nancy hat mir das mehr als zwanzig Mal erzählt.«
+
+»Kinder, was habt Ihr denn?« sagte der alte Ewis, der durch das
+Gelächter angelockt, in die Thüre trat. »Ihr seid ja ungemein lustig
+-- ich glaubte --«
+
+»O Vater, denke Dir nur --« lächelte Anna -- aber ein flehender Blick
+des Unglücklichen traf sie, und dem konnte sie nicht widerstehen. Sie
+hatte Curtis Absicht bei seinem ersten Eintritt gemerkt, denn wenn ein
+lediger Mann an einem Wochentage, noch dazu in so nöthiger Arbeitszeit,
+und in seinen besten Kleidern, mit dem besten Sattel auf dem Pferd, auf
+einer Farm übernachtet, wo junge, heirathsfähige Mädchen sind, da wird
+und kann fast stets ein Heirathsantrag vorausgesetzt werden. Curtis
+war aber überdies noch in der ganzen Ansiedlung schon gewissermaßen
+_prophezeit_ worden, da er einige dunkle Worte hatte fallen lassen,
+was wie ein Lauffeuer von Farm zu Farm geflogen. Bei Steppdecken- und
+Klötzerollfesten hatten die jungen Mädchen auch schon zusammengekichert
+und gelacht, welche von ihnen die Glückliche sein werde, der »der kleine
+Neger und die hundert fünfzig Dollar« zuerst angeboten würden. Auf diese
+Art war gewissermaßen ein Complott gegen den armen Mann entstanden, und
+er glich jetzt einem Menschen, der wohlvermummt und verlarvt auf einem
+Maskenball umherwandert, fest überzeugt ist, daß ihn Niemand erkennen
+kann, und hinten auf dem Rücken, durch irgend eine boshafte Hand
+angeheftet, seine eigene Visitenkarte trägt.
+
+Anna fürchtete aber fast, den Scherz zu weit getrieben zu haben, lenkte
+also ein, speiste den Vater mit einer ausweichenden Antwort ab, und war
+dann sehr beschäftigt, das Abendessen herzurichten und aufzutragen,
+wich aber sorgfältig jeder Erklärung von Curtis Seite aus, ja ging sogar
+ebenfalls hinaus, als sie merkte, daß sie der Vater nach Tische auf's
+Neue mit dem jungen Manne allein lassen wollte, und überzeugte die
+beiden Herren der Schöpfung gar bald, daß sie auf die Pläne, die sie
+zu brüten beliebten, nicht einzugehen gesonnen sei.
+
+Curtis verzehrte sein Abendbrot sehr traurig -- es war ihm, als ob ihm
+die Bissen im Munde stecken blieben, er verbrannte sich zweimal den Mund
+und nahm einen Löffel voll Senf statt braunem Zucker in den Kaffee; die
+Mahlzeit wurde auch sehr abgekürzt -- der alte Ewis führte allein das
+Wort, erzählte ein paar lange Geschichten von einer Kuh, die ein Panther
+gefressen haben sollte und die nachher wieder plötzlich zum Vorschein
+gekommen war, und endlich konnte sich Curtis zurückziehn und sein
+stilles, einsames Lager suchen.
+
+Sinnend verträumte er einen Theil der Nacht, aber auch frischen, neuen
+Lebensmuth sog er aus diesen Träumen. Weshalb sollte er sich bei dem
+zweiten, eigentlich nur _ersten_ Versuche abschrecken lassen, denn bei
+Trumbells war er ja nicht einmal an's Haus geritten. Nein -- noch gab
+es mehr und recht hübsche Mädchen in der Ansiedlung, und solche auch
+wahrscheinlich, die seinen eigenen Werth, wie den seines kleinen Negers
+und seiner hundert und fünfzig Dollar zu schätzen wußten, ohne des
+anderen Eigenthumes zu gedenken.
+
+Fest entschlossen also, den Muth nicht sinken zu lassen, hüllte er sich
+dicht in die weiche Steppdecke ein und Gott Morpheus nahm ihn sanft in
+seine Arme.
+
+Am nächsten Morgen war er schon vor Tagesanbruch auf und besorgte sein
+Pferd; dringende Geschäfte riefen ihn, wie er dem alten Ewis sagte, noch
+weiter am Fourche la fave hinauf, und Miß Anna nur einen guten Morgen
+durch die Thüre zurufend; als er, schon im Sattel, am Hause vorbeiritt,
+drückte er dem alten Manne herzlich die Hand und sprengte auf der
+Countystraße weiter.
+
+»Nein Curtis,« sprach er aber dabei mit sich selber, »wegwerfen thust
+Du Dich auch nicht; bitten und betteln ist Deiner unwerth, Du bist ein
+ordentlicher Kerl und hast« -- er griff plötzlich dem Pferd in den
+Zügel und hielt in seinem Selbstgespräch und im Reiten an. Ein Gedanke
+durchzuckte ihn -- »ich glaube, Miß Anna hat sich über meinen kleinen
+Neger lustig gemacht -- sie lachte auf eine höchst unanständige Art,
+als ich ihn erwähnte -- nun gut,« fuhr er, dem Braunen den linken
+Sporn wieder eindrückend, fort, indem dieser einen, der Anreizung
+entsprechenden Seitensatz that, und dann pfeilschnell mit ihm unter den
+thauträufelnden, duftigen Zweigen davonflog, »nun gut -- wir werden ja
+sehn. Doch Miß Anna -- die _Einzige_ sind Sie _nicht_ in der Ansiedlung
+-- Sie wahrhaftig nicht.«
+
+Aber armer Curtis! -- wieder und immer wieder solltest Du Deine
+Hoffnung, Dein felsenfestes Vertrauen getäuscht und betrogen sehen;
+wieder und immer wieder fandest Du Dich verschmäht, zurückgewiesen und
+ach, an vielen Orten gar verspottet.
+
+Am rechten Ufer des Fourche la fave, kam ihm ein Ansiedler, den er noch
+gar nicht kannte, sogleich mit der Frage entgegen: »Ach, Sie sind der,
+der den kleinen Neger und die hundert und fünfzig Dollar hat, nicht
+wahr?« An anderen Orten liefen die Mädchen hinaus, wenn er kam, ließen
+sich von dem Ersten Besten ihr Pferd satteln, und galoppirten zur
+nächsten Ansiedlung, dahin schon die Kunde von dem wandernden Freier
+tragend, und Curtis hielt endlich, am dritten Tag spät Abends an
+der Farm eines Freundes, der, ziemlich abgelegen von den übrigen
+Ansiedlungen, auch wenig, selbst mit seinen nächsten Nachbarn
+zusammenkam und verkehrte.
+
+Peterson hatte zwei hübsche Töchter, recht liebe und brave Mädchen,
+neben diesen aber noch die Tochter eines Bruders, der in Texas
+gestorben. Fanny, so hieß die Jungfrau, stammte aus Georgien, wo ihr
+Vater damals eine kleine Banmwollenplantage besaß, und war ein sehr
+schönes, dunkeläugiges und heißblütiges Kind, aber auch toll, wild und
+ausgelassen, und ihr Onkel hatte sich schon früher einmal bei Curtis
+darüber beklagt, daß sie es sich in den Kopf gesetzt hätte, einen jungen
+Bengel zu heirathen, der -- _Advokat_ wäre. »Ein Mensch, der erstlich
+einmal schon Advokat sei,« hatte er dabei geäußert, »solle nie, so lange
+er lebe und athme, eines von seinen eigenen, noch seines Bruders Kindern
+zur Frau bekommen, wenn _er_ es verhindern könne -- ein Advokat, der
+den Leuten weißmache, roth sei blau und grün schwarz! nein wahrhaftig
+nicht.« Hatte nicht noch überdies im vorigen Herbst derselbe Lasse
+seinem Nachbar durchgeholfen, der angeschuldigt war, eine von Peterson's
+Kühen geschlachtet zu haben? und hatte nicht er -- Peterson selbst, die
+Haut von der Kuh, »auf die er das Sakrament nehmen wollte,« über dessen
+Fenz hängen sehen? nein -- ein Mensch, der so etwas zu thun im Stande
+sei, der sei zu _Allem_ fähig. Überdies konnte er nicht einmal einen
+Maiskolben von einer Waizenähre unterscheiden, und hatte ihn selbst
+-- er konnte das beschwören -- gefragt, ob die Baumwolle auf solchen
+Bäumen wüchse, wie sie hier im Bottom ständen und die Baumwollenbäume
+hießen.
+
+Und so ein Mensch sollte einmal Besitzer von einer Baumwollenplantage
+werden? nein -- Fanny war erst achtzehn Jahr alt, und bis zum ein und
+zwanzigsten _müßte_ sie bei ihrem Onkel bleiben; nachher würde sie schon
+Vernunft angenommen und eingesehen haben, daß ihr alter Onkel ehrlich
+und trefflich für sie gesorgt, indem er sie vor einem solchen Schritte
+bewahrte.
+
+Dies Haus betrat jetzt Curtis und wurde herzlich von Allen empfangen;
+ja so herzlich, daß er schon hoffte, jenes unglückselige Gerücht über
+seinen kleinen Neger sei nicht bis hierher gedrungen, und sich heimlich
+zuschwor, auch keine Sylbe davon zu erwähnen; aber leider schienen die
+beiden Misses Peterson recht gut zu wissen, was den armen Mann zu ihnen
+geführt hatte, und wenn sie auch, emsig mit ihrer Arbeit beschäftigt,
+kein Wort, keine Sylbe äußerten, so verriethen doch dem jetzt schon
+mißtrauisch Gewordenen einzelne verstohlene Blicke den kleinen lachenden
+Teufel, der in den Herzen der Waldschönen lauerte.
+
+Ganz anders benahm sich dagegen Fanny; sie setzte sich zu ihm
+-- plauderte mit ihm, war ernst und gesetzt und sah ihn dabei ein paar
+Mal, wenn sie sich unbeobachtet glaubte -- Curtis hatte es deutlich
+gemerkt -- so forschend, so theilnehmend an, daß ihn einmal, als er
+diesem dunklen, fest auf ihn haftenden Auge begegnete, ein eiskalter,
+aber unendlich wohlthuender Schauer durchrieselte, und er sich schon
+in's Geheim drei oder vier keineswegs schmeichelhafte Ehrentitel
+beilegte, nicht gleich von allem Anfang an hierhergeritten zu sein. Er
+ließ sich diese kleinen Zeichen denn auch nicht zweimal gesagt sein
+lassen -- rückte näher zu ihr, und fing nun an, um gleich mit etwas
+Schmeichelhaftem zu beginnen, das selbstgewebte Zeug zu loben, was sie
+trage, und meinte dabei:
+
+»Ja Miß Fanny, es steht einem jungen Mädchen Nichts auf der weiten Welt
+besser, als der Stoff, den es selbst gesponnen und gewebt -- das, ist
+der Grundstein der Häuslichkeit, und ein Mann --«
+
+»Das Zeug hab' ich gewebt, Mr. Curtis,« sagte Kitty, die jüngste, mit
+einer etwas malitiösen Betonung auf dem Pronomen.
+
+Curtis saß da wie vom Schlag getroffen, Fanny riß ihn aber schnell aus
+der Verlegenheit, indem sie versicherte, sie habe sich zu Hause all ihr
+Zeug selbst gewoben und hielte es auch für passend, daß eine Hausfrau
+das thun solle.
+
+Curtis lebte wieder auf, die ganze alte Scheu verlor sich, er wurde
+gesprächig und hatte wirklich mehrere ausgezeichnete Einfälle, über die
+Fanny ganz besonders lachte, der alte Peterson sich aber ausschütten
+wollte. Diesen schien übrigens die Zuneigung, die seine Nichte zu dem
+einfachen Farmer gefaßt, herzlich zu freuen (denn daß Curtis blos darum
+gekommen sei, um eins der Mädchen anzuhalten, darüber war Niemand in der
+ganzen kleinen Gesellschaft mehr zweifelhaft). »Gott sei Dank,« dachte
+er bei sich selber, »hat sie doch endlich den verwünschten Advokaten
+vergessen; ich wußte es aber wohl, der _Rechte_ mußte nur kommen; das
+ist mit allen Mädchen so.«
+
+Das Abendessen war verzehrt -- der alte Peterson hatte sich, sehr
+vernünftiger Weise, zu Bett begeben; dem Gast war, »wenn er sich
+niederlegen wolle, sein Bett gezeigt« und Kitty und Rosy beendeten
+ebenfalls mit manchen einander heimlich zugeflüsterten Bemerkungen
+ihre Arbeit, verschwanden dann urplötzlich hinter einer breiten, an
+den oberen Querbalken des Hauses aufgehangenen Matte, und Curtis fand
+sich mit klopfendem Herzen allein neben Fanny am Feuer sitzen.
+
+Er gedachte der Zeit, wo er, ganz auf ähnliche Art, seiner ersten Frau
+die Leidenschaft gestanden, die er fühlte, und wieder drohte ihm ein
+unbeschreiblich ängstliches Gefühl die Kehle zuzuschnüren, denn wenn
+er auch in den letzten Tagen für solche Erklärungen etwas abgestumpft
+geworden war, da er die Gelegenheit gehabt mehrere zu geben, so fühlte
+er doch, daß hier Alles -- Alles für ihn spreche, denn Fanny wäre sonst
+nicht allein zurückgeblieben, und die Liebenswürdigkeit selbst gewesen.
+
+So sehr er aber auch den Augenblick herbeigesehnt, wo er mit ihr allein
+sein würde, so schien es doch, als ob er, der noch vor so kurzer Zeit
+der Redseligste gewesen, plötzlich die Sprache verloren hätte, und er
+nahm wieder, aus lauter Verlegenheit, sein Messer aus der Scheide und
+fing an zu schnitzeln.
+
+Fanny saß ihm gegenüber, an der andern Seite des Kamins, also so weit
+wie nur irgend möglich von ihm entfernt. Curtis hätte zwar um's Leben
+gern ihr seinen Stuhl näher gerückt, aber er wagte es nicht, er wußte
+keine Ausrede, die das auch nur im Mindesten entschuldigen konnte, und
+doch fühlte er wie die Zeit verrann, und er sich lächerlich machen
+würde, wenn er noch länger so still und stumm wie der Klotz, der neben
+ihm zum Nachlegen lehnte, da saß.
+
+Mit einem tiefen Seufzer sprengte er endlich die Fesseln, die seine
+Zunge in Banden hielten und sagte zögernd:
+
+»Miß Fanny -- sind Sie noch nicht müde?« -- er fühlte, sobald ihm die
+Worte über die Lippen waren, daß er auf der weiten Gotteswelt Nichts
+Dümmeres hätte sagen können, aber es waren doch wenigstens _Worte_
+gewesen, die vielleicht den Zauber gebrochen hatten.
+
+Um Fanny's Lippen spielte bei dieser endlichen Frage ein leises, leises
+Lächeln; es zuckte ihr nur so durch die Korallenlippen, und für einen
+Augenblick stiegen, wie Bläschen aus einem Crystallbecher, zwei leichte,
+wunderliebliche Grübchen empor auf den rosigen Wangen; sie verschwammen
+aber fast eben so schnell, wie sie entstanden in der Sammethaut und nur
+mit leiser Stimme sagte sie:
+
+»Freilich würde es eigentlich Zeit sein schlafen zu gehen, und ich weiß
+nicht --« »Miß Fanny,« stotterte Curtis.
+
+»Onkel schläft schon,« meinte Fanny -- »wir werden ihn wieder aufwecken
+durch unser lautes Reden.«
+
+Curtis ließ sich das nicht zweimal sagen; blitzesschnell war er von
+seinem Stuhle auf und rückte diesen neben das schöne, leichterröthende
+Mädchen.
+
+»Dann brauchen wir doch wenigstens nicht so laut zu sprechen,« meinte
+er.
+
+»Aber Mr. Curtis.«
+
+»Ach Miß Fanny,« seufzte Curtis, der jetzt einmal im Gang, auch alle
+Furcht und Scheu überwunden hatte, »Sie müssen es lange gemerkt haben,
+daß ich Sie liebe; wissen Sie wohl noch das letzte Klötzeroll-Fest?«
+Fanny nahm die kirschrothe Unterlippe zwischen die Perlzähne und blickte
+still vor sich nieder. »Ich bin allein,« fuhr Curtis jetzt selbst mit
+niedergeschlagenem Blicke fort -- »ich habe Niemanden zu Hause, der
+-- der Theil an mir nimmt -- oder der -- der mich lieb hätte; ich -- ich
+habe lange gewünscht, -- lange gewünscht ein Herz zu finden, das -- das
+gern in meiner Nähe wäre. Da bin ich denn hierher gekommen -- Miß -- Miß
+Fanny.«
+
+Fanny spielte verlegen mit der Schnur der Kugeltasche, die an der Seite
+des Kamins neben ihr herunter hing. --
+
+»Und wollte Sie fragen, Miß« -- fuhr Curtis mit angehaltenem Athem
+fort -- »ob Sie -- ob Sie Ihr Schicksal mit einem Manne theilen wollten,
+der -- der es brav und ehrlich meint, und Alles thun wird, was in
+seinen Kräften steht, Sie glücklich zu machen.«
+
+Ein tiefgeholter Seufzer kündete jubelnd die vollendete Erklärung, das
+Abrollen des Felsengewichts, das bis zu dem Augenblick seine Brust
+beängstigt hatte.
+
+Fanny sprach kein Wort, nur manchmal warf sie einen ängstlichen Blick
+nach der Thür und nach dem kleinen Fenster, das, mit einer dünnen weißen
+Gardine verhangen, dem Kamin gegenüber angebracht war.
+
+»Miß Fanny,« flüsterte jetzt, durch dies bedeutungsvolle Schweigen kühn
+gemacht, der Glückliche -- »Miß Fanny, ich bin auch kein hergelaufener
+Squatter, der Nichts hat, als seine Axt und Büchse, und mit jedem neuen
+Frühjahr auch wieder eine neue unbewohnte Gegend aufsucht -- ich habe
+ein recht wohnliches Haus mit einer kleinen Küche und dem Rauchhaus
+-- neun Acker urbar gemachtes und gut eingefenztes Land, auch ein kleines
+Rübenstück -- zwei ausgezeichnet gute Pferde -- sieben und dreißig Stück
+Rindvieh, einige vierzig Schweine, eine vorzügliche Stahlmühle, vier Hem
+-- die beste Büchse im ganzen Revier und einen kleinen Neger von --«
+
+Curtis hielt plötzlich inne; der Neger war ihm wider Willen herausgefahren,
+und Fanny barg plötzlich ihr Gesicht im Taschentuch und wandte sich ab
+-- Hals und Nacken färbten sich ihr hochroth; -- lachte sie ihn aus?
+
+Eine peinliche Pause entstand -- um Gotteswillen -- sie schluchzte.
+
+»Ach Gott! -- Miß Fanny -- was fehlt Ihnen? habe ich Sie durch irgend
+etwas gekränkt oder beleidigt? o mein Himmel, so reden Sie doch -- Sie
+bringen mich zur Verzweiflung.«
+
+»Mr. Curtis,« flüsterte endlich das schöne Mädchen noch immer hinter dem
+Tuche vor --
+
+»Miß Fanny,« bat Curtis.
+
+»Für wie eigennützig -- niedrig denkend müssen Sie mich halten, daß Sie
+mir Ihre Reichthümer aufzählen, als ob Sie glaubten, dadurch mein Herz
+bestechen zu wollen.«
+
+»Miß Fanny!« sagte Curtis, und war wie vom Schlag gerührt; Scham und
+Freude rangen in seiner Brust um die Oberherrschaft. Scham, da er
+fühlte, wie Recht sie hatte; -- Freude aber, da dieser Ausbruch des
+Gefühls ein sicheres Geständniß ihrer Zuneigung zu ihm war. Die Freude
+trug aber nach kurzem Ringen den Sieg davon.
+
+»Fanny,« flüsterte er und faltete bittend die Hände -- »Fanny -- wollen
+Sie die Meine sein?«
+
+Fanny, mit noch immer abgewandtem, verhülltem Gesicht reichte ihm ihre
+Hand, die er glühend an seine Lippen preßte.
+
+»Es wird spät, Mr. Curtis,« flüsterte endlich das holde Mädchen, indem
+sie leise die Hand entzog und von ihrem Stuhl aufstand -- wie mit Purpur
+übergossen war ihr liebes Angesicht -- »wir müssen uns für heute Abend
+trennen -- sprechen Sie Morgen mit meinem Onkel.«
+
+»Fanny,« sagte Curtis noch ein Mal und wollte seinen Arm um ihre Taille
+legen, »Sie haben mich zum Glücklichsten --«
+
+Fanny stieß einen leisen Schrei aus, denn mit fürchterlichem Gepolter
+kam ein großer Stein zu dem niederen Kamin herunter, daß Funken und
+Asche weit umherstiebten; gleich darauf schlugen die draußen gelagerten
+Rüden an, und umbellten wüthend das Haus.
+
+»Was um Gotteswillen?« rief Curtis.
+
+»=Sick' em=!« sagte der alte Peterson im Schlaf die Hunde antreibend.
+
+»Gute Nacht!« flüsterte Fanny dem Glücklichen zu; »gute Nacht, Mr.
+Curtis.«
+
+»Gute Nacht, theuere, theuere Fanny!« rief dieser entzückt, drückte noch
+einen heißen Kuß auf die nicht widerstrebende, zierlich kleine Rechte
+und suchte dann ebenfalls das für ihn bereitete Lager.
+
+Aber an Einschlafen war nicht zu denken, wie mit Schmiedehämmern tobte
+es ihm in den Schläfen, und wenn er sich auch unruhig bald auf diese,
+bald auf jene Seite warf, kein Schlummer kam in seine Augen; die Hähne
+krähten schon wieder, draußen im Walde kullerte der wilde Truthahn und
+die Eule heulte ihr Morgenlied, als er endlich in einen leisen Schlaf
+der Ermattung sank, aus dem ihn bald wieder das Holzschlagen des alten
+Peterson weckte, der gleich darauf mit einem schweren Klotze auf der
+Schulter in das Haus trat, und diesen, als Rückstück, in's Feuer warf.
+
+Er sprang auf, kleidete sich an und folgte dem Alten vor die Thür. Hier
+gestand er ihm denn seine Liebe für dessen Nichte, behauptete ihrer
+Einwilligung gewiß zu sein und bat um seinen Segen und seine Zustimmung.
+
+Peterson hatte es, nach Allem was er am vorigen Abend gesehen, erwartet,
+sprach sich aber recht herzlich gegen den Farmer aus, wie er sich freue,
+daß seine Nichte so vernünftig gewesen, eine so kluge Wahl zu treffen,
+und versprach ihm dafür zu sorgen, daß es ihm fortan recht gut und wohl
+gehen solle, da Fanny keineswegs unvermögend, dem Manne ihrer Wahl nicht
+allein ihre liebreizende Gestalt, sondern auch ein recht ansehnliches
+Grundeigenthum wie verschiedenes anderes bewegliches Besitzthum
+mitbrächte.
+
+Noch an demselben Morgen ward Alles geordnet und Curtis wünschte nun mit
+seiner jungen Braut den Fourche la fave hinunter zu Mr. Houston, dem
+nächsten Friedensrichter, zu reiten, um dort mit ihr für immer vereinigt
+zu werden; Fanny aber bat den Bräutigam, ihr den Gefallen zu thun, und
+sie den Fluß hinauf zu dem etwa fünfzehn Meilen entfernten Richter
+Welmot zu begleiten, der, ein Freund ihres verstorbenen Vaters, stets
+den innigsten Antheil an ihr genommen und jetzt auch dem wichtigsten
+Schritte ihres Lebens beiwohnen solle.
+
+
+Hiergegen ließ sich Nichts einwenden, Curtis war sehr gern damit
+zufrieden, und seinem Wunsche nach wären sie augenblicklich aufgebrochen;
+Fanny hatte aber noch so viel zu ordnen, so viel zu besorgen, daß der
+Nachmittag heranrückte, und erklärte nun, als der Vater vorschlug,
+den nächsten Morgen abzuwarten, »sie wünsche bei einer Freundin, die
+etwa auf der Hälfte Weges zwischen hier und dem Richter wohnte, zu
+übernachten, wo auch Mr. Curtis gern gesehen sein würde, da sie dort
+schon viel von ihm gesprochen.«
+
+
+Wie hätte Curtis dem holden Mädchen die erste Bitte abschlagen können?
+was Fanny wünschte, geschah; um drei Uhr etwa brachen sie, herzlichen
+Abschied von Allen nehmend, auf, und der alte Peterson gab noch, da
+er der dringenden Arbeiten wegen nicht selber mitreiten konnte, der
+Nichte einen Zettel[6] für den Friedensrichter, der -- freilich etwas
+unorthographisch, doch hinreichend war, jenen mit seinen Wünschen
+bekannt zu machen.
+
+ 6: Der Zettel lautete wörtlich: »=Plees Sir -- merry the too young
+ peepel; yoors M. Peterson.=«
+
+Wohl noch eine Stunde vor Dunkelwerden erreichten sie die Farm, in
+welcher Fanny die Nacht zu bleiben wünschte, wurden hier auf das
+Freundlichste bewillkommt, und schienen sogar erwartet zu sein, obgleich
+Curtis nicht begreifen konnte, wie das möglich war; die Unterhaltung
+ward übrigens sehr lebhaft geführt und Fanny ließ sich besonders viel
+von einem jungen Deutschen erzählen, der eben aus den Ozark-Gebirgen
+zurückkam und hier ebenfalls eingekehrt war, weil schwerdrängende
+Wetterwolken eine stürmische Nacht verkündeten.
+
+Curtis fühlte sich übrigens sehr abgespannt; drei Nächte lang hatte er
+fast jedes Schlafes entbehrt, und die fortwährende Aufregung, in der er
+sich befunden, mußte überdies noch dazu beitragen, die Ermattung und
+Erschlaffung seines ganzen Nervensystems zu entschuldigen. Der Farmer
+bemerkte auch bald seine Müdigkeit, winkte ihm seitab, und führte ihn in
+die Ecke zu seinem Lager von weichgebreiteten Hirschfellen, auf das er
+sich warf, und hier bald dem Schlummergott, der ihm so lange treulos
+gewesen, in die Arme sank.
+
+In der Nacht machten die Hunde einmal einen fürchterlichen Lärmen, und
+Curtis träumte, es fiele wieder ein Stein im Kamin herunter; er wachte
+aber nicht davon auf, und erst ein unruhiges Umherlaufen im Haus, und
+ein Auf- und Zuschlagen der Thüren erweckte ihn.
+
+Es war schon heller Tag, die Sonne schien durch die Seitenspalten des
+Blockhauses, als sie eben die dunkelwogenden Fichtenwipfel überstieg,
+und der Deutsche schnürte vor dem Kamin die wollene Decke zusammen, um
+seine Wanderung, den Fluß hinunter, fortzusetzen; Fanny konnte aber auch
+noch nicht auf sein, denn er sah sie nirgends.
+
+Mit außerordentlicher Geschicklichkeit, die auch wirklich nur dem daran
+gewöhnten Hinterwäldler eigen ist, kleidete er sich jetzt unter der
+Bettdecke soweit an, daß er aufstehen und seine Toilette vor den übrigen
+Mitgliedern der Familie vollenden konnte und trat nun ebenfalls zum
+Feuer.
+
+Fanny ließ noch immer Nichts von sich sehen.
+
+»Mr. Curtis,« sagte endlich der alte Farmer, als er die ungeduldigen
+Blicke bemerkte, die der feurige Liebhaber nach den Gardinen warf,
+hinter denen die Geliebte noch immer weilte; »Mr. Curtis, wissen Sie
+es schon?«
+
+»Wissen Sie?« frug Curtis überrascht -- »wissen? was?«
+
+»Sie wissen also Nichts davon?« sagte jener kopfschüttelnd.
+
+»Von was denn, um Gotteswillen?«
+
+»Hm!« sagte der Alte --
+
+»Mr. Peterson, Sie bringen mich in Verzweiflung; was ist vorgefallen?
+was soll ich wissen? so reden Sie doch -- wo ist Fanny?«
+
+William, Petersons ältester Sohn, winkte dem Ungeduldigen auf
+bedeutungsvolle Art und verließ das Haus. Curtis drückte sich den
+Hut auf den Kopf und folgte ihm schnell -- ihm ahnte Schreckliches.
+
+»Mr. Curtis,« sagte William, als er hinter der Fenz, da wo sie das Haus
+nicht mehr sehen konnten, stehen blieb -- »Mr. Curtis, ich habe einen
+Auftrag an Sie auszurichten?«
+
+»Auftrag -- von wem?«
+
+»Von Miß Fanny Lowland!«
+
+»Von meiner Braut?«
+
+»Von Miß Fanny Lowland.«
+
+»Mann Gottes, ist sie denn nicht mehr im Hause? ist sie wieder
+heimgekehrt?«
+
+»Nein; sie ist zum Friedensrichter,« sagte William.
+
+»Zum Friedensrichter?« rief Curtis plötzlich beruhigt, »ja das ist was
+anderes; aber so lange hätte sie doch noch warten können, bis ich mich
+angezogen hatte. Ja da muß ich gleich nach --«
+
+»Bitte,« sagte William und hielt den Forteilenden zurück -- »ich habe
+auch noch ein kleines Briefchen an Sie abzugeben.«
+
+»Einen Brief? von wem?«
+
+»Von Miß Fanny Lowland!«
+
+»Von meiner Braut?«
+
+»Von Miß Fanny Lowland.«
+
+»Der Mensch macht mich noch wahnsinnig,« dachte Curtis, und riß dem
+Lächelnden das zusammengefaltete Papier aus der Hand. Es war versiegelt,
+und enthielt, mit Bleistift geschrieben, die folgende, tröstliche
+Nachricht.
+
+ »=Dear Sir= --
+ Kaum darf ich hoffen, daß Sie mir eine List verzeihen, zu der mich
+ freilich nur die Nothwehr gezwungen hat. Ich liebe einen jungen
+ Mann, einen Advocaten aus Cincinnati, und mein Onkel hätte mir noch
+ Jahrelang seine Einwilligung versagt, da hörte ich von Ihrer
+ Ankunft. Schon am Tag vorher, ehe Sie unser Haus betraten, war die
+ Nachricht gekommen, daß Sie bei Smeiers um die Hand der Tochter
+ angehalten, und da zwischen dort und unserem Hause nur drei Farmen
+ lagen, von denen nur auf zweien heirathsfähige Mädchen lebten, so
+ konnten wir mit Gewißheit darauf rechnen, Sie gestern bei uns zu
+ sehen. Mein Plan war augenblicklich gefaßt; durch Sie mußte ich die
+ schriftliche Erlaubniß meines Onkels bekommen, mich zu verheirathen
+ -- ich sandte meinem Bräutigam durch einen sicheren Neger Kunde,
+ und versuchte nun selbst, Ihr Herz für mich zu gewinnen. Ich will
+ aber nicht eitel sein, ich will es nicht meinen Reizen zuschreiben,
+ die mir das Ihrige so schnell eroberten; doch sei dem wie ihm
+ wolle, mein Plan gelang, ich erhielt das Papier; Sie selber führten
+ mich in die Arme meines Bräutigams, der Sie am vorigen Abend erst
+ mit dem Stein erschreckte, und dann gegen Morgen kam, mich
+ abzuholen. Ich bin, wenn Sie diese Zeilen erhalten, -- sein Weib.«
+
+Curtis starrte mehrere Secunden verblüfft in das Antlitz seines
+Begleiters -- dann fuhr er fort zu lesen.
+
+ »Zürnen sie mir nicht, aber ich war stets ein wildes, unfolgsames
+ Kind, und verdiente weder Sie noch ihren kleinen Neger, noch die
+ hundert und fünfzig Dollar -- leben Sie wohl und machen Sie eine
+ Andere glücklich.«
+
+ »=P. S.= Meine Cousinen wußten Nichts von meiner List, auch
+ Peterson's haben es nicht erfahren, nur William, der junge Mann,
+ der Ihnen diesen Brief übergiebt, ist im Geheimniß -- ihm können
+ Sie vertrauen. Er hat zwei liebenswürdige Schwestern; und da Sie
+ gerade an Ort und Stelle sind -- doch einem Manne von Ihrer
+ Erfahrung --«
+
+Curtis warf den Brief auf die Erde und trat ihn so lange mit den Hacken
+seines Stiefels in den weichen Erdboden hinein, bis er auch nicht die
+Spur mehr davon entdecken konnte; dann wandte er sich wild gegen den
+jungen Mann und wollte seinem Grimm in tobenden Worten Luft machen;
+dieser legte jedoch warnend und beschwichtigend den Finger auf den Mund,
+trat lächelnd näher und sagte leise, des Ärgerlichen Arm ergreifend:
+
+»Pst, Mr. Curtis -- Blatt vor den Mund -- um Gottes Willen Blatt vor den
+Mund; bis jetzt weiß die Sache keiner als wir Beide, denn Miß Fanny oder
+-- Mrs. Grey kommt, wenn sie zurückkehrt, wahrscheinlich nicht hier
+wieder vorbei -- also _stillgeschwiegen_, das ist das Gescheidteste,
+was Sie unter den Verhältnissen thun können. Mit einem Mädchen, das
+Sie nicht liebt, wären Sie überdies nie glücklich geworden.«
+
+»Ich will ihr nach« knirschte Curtis.
+
+»Um ausgelacht zu werden?« meinte William. »Wollen Sie einen guten Rath
+annehmen, Mr. Curtis?«
+
+Curtis sah fragend zu ihm auf.
+
+»Sie suchen eine Frau, und werden überall abgewiesen --«
+
+»Sir!«
+
+»Ich meine es gut, Mr. Curtis, bei Gott, ich meine es gut, aber -- gehen
+Sie in einen anderen Staat, wenigstens in ein anderes County. Sie wissen
+nicht, wie schwer es hält, Vorurtheile zu besiegen.«
+
+»Mr. Peterson, ich werde Sie um Ihren Rath ersuchen, wenn ich dessen
+bedarf,« rief Curtis entrüstet, eilte zum Hause zurück, warf dort seinen
+Sattel auf das höchst unmuthig wiehernde Pferd, dem es gar nicht behagen
+wollte, einen neuen Ritt ohne vorhergenossenes Frühstück anzutreten,
+drückte ihm den Zaum in's Gebiß, den er sich nicht einmal die Zeit nahm
+festzuschnallen, schwang sich hinauf und sprengte, ohne auch Jemanden
+»good bye« oder ein sonstiges Abschiedswort zu sagen, wie besessen die
+Straße hinauf, dem Hause des Friedensrichters zu.
+
+Der frühe Ritt aber, der kalte Nordwind, der durch den Wald dahin
+strich, und die noch von den Zweigen träufelnden Regenperlen, die der
+nächtliche Sturm in dem Nadelholz zurückgelassen, kühlte seine Wangen
+und -- seinen Jähzorn. Er hatte zuerst im Sinn gehabt, wie ein zürnender
+Gott vor das Mädchen zu treten, das ihn so schändlich hintergangen, aber
+des jungen Peterson's Worte: »Sie werden nur ausgelacht,« schallten noch
+immer in seinen Ohren.
+
+»_Ausgelacht_?« er hielt sein Pferd an, und blickte nachdenkend
+auf die Straße nieder; »_ausgelacht_ -- und hat jenes -- Geschöpf
+-- verdient, daß ich mich so um sie ärgere?« Sein Auge fiel auf die
+frisch eingedrückten Spuren zweier Pferde, von denen er die einen
+augenblicklich als die Spuren des Poneys erkannte, das Fanny gestern
+geritten.
+
+Curtis -- der fromme Curtis fluchte -- er schwur, er wolle verdammt
+sein, wenn er nicht Rache -- »nein -- er wolle _nicht_ verdammt sein«
+-- sagte er plötzlich, indem er den Zügel losließ, den Hut abnahm und
+sich mit der Hand hinter dem Ohre kratzte.
+
+»Curtis!« sprach er dann nach kleiner Weile vor sich hin, »Curtis, bist
+Du nicht ein rechter strafwürdiger Narr gewesen?«
+
+Das Pferd nickte ein paar Mal mit dem Kopfe auf und nieder und wieherte
+-- es hatte Hunger. »Hast Du Dich nicht in der Ansiedelung zweck- und
+ziellos umhergehetzt?« fuhr der Reiter fort, ohne des Pferdes Bewegung
+weiter zu beachten, »hast Du nicht nach Glaskorallen draußen im Weiten
+gesucht, während Du einen Diamant im eigenen Hause hegst? Curtis -- Du
+hast diese Strafe verdient -- lange hättest Du merken müssen, daß Dir
+Nancy gut sei, und -- gestehe es Dir nur ein, Du _hast_ es gemerkt,
+Du hast es gefühlt, daß sie Dich heimlich liebe, aber von schnöder
+Geldgier, von dem Drang mehr und mehr Dein eigen zu nennen getrieben,
+verachtest Du ein Herz, das Dir mit treuer Liebe entgegen schlug, und
+das in Leid und Freud' bei Dir ausharrte, nur um Dich zu trösten und zu
+pflegen.«
+
+Er schwieg und sah wohl mehrere Minuten lang sinnend vor sich nieder,
+dann aber, wie von einem unwiderruflichen festbeschlossenen Gedanken
+durchglüht, setzte er den Hut wieder auf, ergriff den Zügel, lenkte den
+Braunen herum, der mit der größten Bereitwilligkeit Folge leistete, und
+sprengte dann »daß Kies und Funken stoben« -- zurück, der eigenen
+Heimath zu.
+
+Aber nicht an Peterson's Hause wollte er vorüber, deshalb verließ er
+bald die breite ausgehauene Countystraße und trabte durch den Wald dem
+Flusse zu, den er an einer bekannten Furth kreuzte; die Niederung dann
+durchschneidend erreichte er bald den Fuß der südlich liegenden Hügel,
+wo er wußte, daß er, ohne an einer Ansiedelung vorüber zu kommen, seine
+eigene Farm erreichen konnte, und sprengte dann mit verhängtem Zügel und
+so schnell ihn des Braunen Füße tragen konnten, weiter.
+
+Unterwegs aber überdachte er in zürnendem Sinnen die Körbe -- die ganze
+Korbhandlung, die er erhalten, und grollte mit dem Schicksal, das ihn
+dazu verdammt habe, überall seine Hoffnungen zertrümmert, seine Pläne
+untergraben zu sehen. War es aber das Schicksal, das Alles dieses
+verübt? war es ein böses Fatum, das über seinen Handlungen wachte und
+die schönsten Keime noch in der Blüthe erstickte? -- nein -- er hatte
+sonst in Allem Glück, seine Erndten gehörten stets zu den besten, sein
+Viehstand wuchs mit jedem Jahre stärker, als er es selber zu hoffen
+wagte; keinem anderen Ansiedler am Fourche la fave zerriß der Panther
+weniger Kälber oder der Bär weniger Schweine, und kein Haus war weniger
+vom kalten Fieber heimgesucht gewesen, als gerade Curtis; dabei war er
+ein ordentlicher, fleißiger und braver Mann, nicht streitsüchtig, aber
+tapfer und unerschrocken, wo es galt, seinen Mann zu stehen, und bei der
+Arbeit unermüdlich.
+
+Woher nun konnte es kommen, daß er von allen Mädchen, um die er anhielt,
+verschmäht wurde, die noch überdies zu all den obigen Eigenschaften
+seine Verhältnisse kannten, die in diesen anspruchslosen Gegenden
+wirklich an Wohlhabenheit grenzten. Kaum glaublich ist es, aber die
+Ursache lag einzig und allein in jener Angewohnheit, von seinem kleinen
+Neger und seinem baaren Gelde zu sprechen; er war _verlacht_ und
+_verspottet_ worden, und irgend Eines der Mädchen hätte lieber einen
+anerkannten _Schuft_ geheirathet, als einen Mann, der sich einmal
+-- _lächerlich_ gemacht.
+
+Curtis fühlte das jetzt selbst, und er beschloß hinfüro die Aufzählung
+seines Eigenthums zu verschieben, bis er darum gefragt werde -- »doch«
+-- fuhr er dann in seinem Selbstgespräche fort -- »was bedarf ich dessen
+weiter -- Nancy liebt mich auch mit meinen Schwächen, denn sie kennt
+meine guten Eigenschaften ebenfalls, und ich werde jetzt das Glück
+zu Hause finden, das ich, Thor der ich war, vergebens unter Fremden
+suchte.«
+
+Diese Nacht lagerte er bei einem alten Jäger, der, ziemlich abgeschieden
+von anderen Ansiedelungen, sich dicht am Flussesufer eine kleine Hütte
+gebaut hatte, Viehzucht trieb und dabei jagte. Er fand dort gastliche
+Aufnahme und Nahrung für sich und sein Pferd; schlief auch, da er die
+Gewißheit hatte, der Alte könne Nichts von seinem Unglück erfahren
+haben, sanft und ruhig die Nacht, und war am andern Morgen, als die
+Sonne eben erst den äußersten Hügelsaum vergoldete, schon wieder unter
+Weges.
+
+Ihn trieb jetzt die Sehnsucht heim, wie sie ihn vor wenigen Tagen
+fortgetrieben, und freudig und stürmisch klopfte sein Herz, als er
+endlich das eigene Dach hinter den maigrünen Maulbeerbäumen, die dem
+Hofe Schatten gaben, hervorschimmern sah.
+
+Der Braune wieherte ebenfalls vor Freuden, als er den heimischen Trog
+erblickte, und Curtis streichelte ihm im Mitgefühl den schöngeformten
+Hals. -- Ha -- da war Nancy -- sie hatte das bekannte Wiehern des
+Braunen gehört, und war in die Thür gesprungen, das heimkehrende Paar zu
+begrüßen, das heißt, nicht etwa den Braunen und dessen Herrn, sondern
+den Herrn und dessen -- Frau; sie blieb auch etwas überrascht in der
+Thüre stehen, als sie Mr. Curtis allein zurückkehren sah; dieser aber
+drückte dem treuen Thier die Hacken in die Seite, sprengte bis dicht
+vor die Pforte, blieb dort plötzlich mit einem Ruck halten, und sagte:
+
+»Guten Morgen, Nancy?«
+
+»Ei guten Morgen, Mr. Curtis,« rief das fröhliche Mädchen, »Sie scheinen
+ja heute gewaltig guter Laune zu sein; ich dachte aber Sie brächten
+Gesellschaft?«
+
+»Wie gehts Nancy?« frug Mr. Curtis, ohne jedoch auf die letzte Bemerkung
+weiter zu achten, indem er immer noch vor dem Hause hielt, und zu ihr
+aufsah -- »wie ist es die Tage über gegangen?«
+
+»Danke -- gut, Mr. Curtis -- sehr gut -- aber warum steigen Sie denn
+nicht ab? wo bleibt denn der Besuch? ich habe das ganze Haus gescheuert
+und gekehrt.«
+
+»Schadet Nichts, Nancy,« sagte Mr. Curtis, und sah sinnend auf den
+-- kleinen Neger nieder, der höchst bedeutungsvoll vor ihm stand und dem
+Pferde nach dem Zügel griff -- »ja Bob,« rief er diesem dann zu, »führ
+ihn fort und füttere ihn gut, ich reite nun sobald nicht wieder aus, der
+Braune soll sich eine Woche pflegen, denn zu Richter Houstons nebenbei
+können wir zu Fuße gehn. Höre Nancy,« wandte er sich dann an das junge
+Mädchen -- »ich hab Dir viel zu erzählen, und muß Dich um etwas
+fragen.« --
+
+»Mich? -- ei um was denn?«
+
+»Sollst es gleich erfahren, aber -- Du hast Dir ja all Deine
+Sonntagskleider vorgeholt? ist ein Tanz in der Nähe?«
+
+»Ach Mr. Curtis -- ich hätte Ihnen auch viel zu erzählen,« sagte Nancy,
+und wurde feuerroth.
+
+»Nun Nancy? heraus mit der Sprache,« lächelte dieser, »heraus mit der
+Sprache -- was ist's?«
+
+»Ach, Sie werden mich auszanken!«
+
+»Ich Dich auszanken, Nancy? habe ich Dich jemals ausgezankt?«
+
+»Ach Gott ja, wissen Sie wohl das eine Mal, wo ich über den kleinen
+Neger« --
+
+»Oh -- Unsinn,« sagte Mr. Curtis.
+
+»Es war Jemand hier während Ihrer Abwesenheit,« fuhr Nancy fort.
+
+»So? wer denn? aber was wolltest Du mir denn erzählen?«
+
+»Mr. Pelter, Sir, -- der junge Mr. Pelter.« --
+
+»So? wollte er das Joch Ochsen kaufen, wegen dem er sich schon fast die
+Füße abgelaufen hat?«
+
+»-- Nein -- er -- er hat,« sagte Nancy zögernd und bis in die Haare
+hinauf erröthend -- »er hat um meine Hand angehalten.«
+
+Curtis zuckte wie von einem Blitzstrahl getroffen zusammen, und blickte
+dem Mädchen so wild, so stier in's Auge, daß dieses erschreckt einen
+Schritt zurücktrat und ausrief:
+
+»Mr. Curtis!«
+
+Es war aber auch nur ein Moment, dann geschah ihm das, was uns armen
+Sterblichen nicht selten geschieht, wenn ein Unglück so schnell dem
+andern folgt, daß wir kaum Zeit behalten, über das erste nachzudenken,
+während schon das zweite und dritte nachbricht -- die ganze Sache kam
+ihm komisch vor -- er schlug ein fürchterliches Gelächter auf und fing
+dann wie wahnsinnig an zu pfeifen.
+
+Nancy sah ihn erschrocken an -- was konnte dem Manne wohl fehlen? sein
+ganzes Benehmen war ihr schon sonderbar erschienen -- sollte er -- es
+wäre schrecklich -- übergeschnappt sein? --
+
+»Bob!« rief Curtis seinen kleinen Neger an --
+
+»Jes Massa.«
+
+»Sattle den Rappen, der Braune mag sich ausruhen, ich muß fortreiten.«
+
+»Aber Mr. Curtis« -- sagte Nancy.
+
+»Und wann wollt Ihr Euch verheirathen, Nancy?«
+
+»Sobald Sie zurückkamen -- heute« -- stotterte Nancy.
+
+»Willst Du mir einen Gefallen thun, Nancy?«
+
+»Gern -- von Herzen gern -- welchen?«
+
+»Willst Du noch bei den Kindern bleiben und auf das Haus acht geben, bis
+ich, vielleicht in acht Tagen, zurückkehre?«
+
+»Das will ich mit Freuden, aber -- wo wollen Sie denn hin?« --
+
+»Nach Tenessee hinüber, vielleicht nach Kentucky,« sagte Curtis, und
+trat vor die Thüre, denn in diesem Augenblick brachte Bob den Rappen.
+
+»Good bye Nancy« -- sagte Jeremias, als er sich in den Sattel schwang.
+
+»Good bye Mr. Curtis,« sagte Nancy, als sie ihm kopfschüttelnd
+nachblickte. Jeremias aber setzte wieder, wie vor einigen Tagen, über
+den Bach weg und pfiff sich ein munteres Lied, bog aber diesmal anstatt
+links, rechts in die Countystraße ein, und murmelte, als er dem feurigen
+Rappen den Hacken fester in die Seite drückte:
+
+»Das müßte doch mit dem Henker zugehen, wenn ich keine Frau kriegen
+könnte.«
+
+ * * * * *
+
+Jeremias Curtis zog nun über den Arkansas, und wie es hieß, sogar über
+den Mississippi hinüber.
+
+Nancy aber, die allerdings versprochen hatte, bei den Kindern,
+keineswegs aber ledig zu bleiben bis er zurückkehre, schloß nicht mit
+Unrecht, daß dies wohl noch eine Zeit lang dauern könne, und da es, wie
+sie schon mehrere Sonntage gehört hatte, nicht gut wäre, daß der Mensch
+allein sei, besonders in den dichten Wäldern des fernen Westens, so
+verband schon am zweiten Tage nach Curtis plötzlicher Abreise der
+benachbarte Friedensrichter die beiden Liebenden, und »der junge Mr.
+Pelter« zog, da »die Heerden doch unmöglich so lange ohne männliche
+Aufsicht bleiben konnten,« indessen als Verwalter auf Curtis Farm.
+
+Hoffentlich bekomme ich recht bald und recht günstige Nachrichten über
+Curtis zweiten Zug, und werde dann sicherlich nicht ermangeln, dem
+freundlichen Leser mitzutheilen, ob _Curtis eine Frau bekam_.
+
+
+
+
+Schulen in den Backwoods.
+
+
+Schulen und Urwald sind eigentlich zwei einander sehr entgegengesetzte
+Begriffe. Die wild und schauerlich rauschenden Baumwipfel und das
+Erlernen von Gegenständen, die gerade in ihrem Schatten am wenigsten
+anwendbar sind, stehen sich einander fast zu unvereinbar und schroff
+gegenüber; es ist aber hiermit wie mit der Fabel von dem Baume, der dem
+Menschen erlaubte ein kleines Stück Holz, nur so viel als er zum Stiel
+einer Axt gebrauchte, zu nehmen, und sich bald darauf durch diesen ihm
+so gering erschienenen Span angegriffen und gefällt sah. So ist es mit
+den Schulen im Urwald: zuerst sammeln sich in roh aufgeschlagener Hütte,
+im Schatten und unter dem Schutz der Wildnisse, die Kinder und jungen
+Leute aus den vereinzelten Ansiedlungen und Jägerwohnungen; aber
+ihre Fähigkeiten wachsen -- bald stehen ihnen die sie umstarrenden
+Riesenstämme zu beengend und hemmend im Weg und die herrlichen Bäume
+fallen, der Wald wird gelichtet, das Land urbar gemacht, Farmen und
+Städte springen auf und der Pflug durchfurcht den Platz, Lastwagen
+knarren über die Stelle wo noch vor wenigen Monden der Bär sein stilles
+und ungestörtes Lager aufgeschlagen, wo kein Laut das feierliche
+Waldesschweigen gebrochen hatte, als der gellende Schrei des Panthers
+und der schauerliche Ruf der Eule und des Whip-poor-will.
+
+Es ist eine traurige Wahrheit, der Poesie des Lebens folgt die trockene,
+ernste Prosa, der fröhlichen Jugendzeit das gesetzte, sorgenvolle Alter,
+den bunten, glänzenden Luftschlössern des Kindes die düsteren, kalten
+Gebäude des Mannes mit ihren zugigen Gängen und rauchenden Kaminen,
+dem Brautstand die Ehe, dem freien, sorglosen Waldleben der Pflug und
+die Egge des Landmanns und die dumpfige Schreibstube des Gelehrten
+und Kaufmanns. Die Leute sagen: die Welt wird besser, der Segen der
+Civilisation spricht aus den wallenden Getreidefeldern und den friedlich
+rauchenden Hütten des Landmanns, aus den blühenden Städten und belebten
+Landstraßen, die sich zwischen grünen Hecken und blühenden Obstbäumen
+hinziehen; aber die Natur trauert. Aus tausend qualmenden Fabrikschlünden
+wälzt sich erstickender Kohlendampf und legt sich wie giftiger Mehlthau
+auf die grünen Matten, der Staub der Landstraßen bedeckt Blätter und
+Blüthen, und gespalten und aufgerissen lechzt die schmachtende Erde,
+des kühlen Schattens ihrer Wälder beraubt, nach Thau und Erquickung.
+
+»Die Welt ist civilisirt und hat ihren großen Endzweck, sich zu
+vervollkommnen, erreicht,« so sagen die Weißen; der Indianer aber
+wickelt sich schweigend in seine Decke, wirft noch einen trauernden
+Blick auf diese Civilisation, die ihm freilich, da sie sein Alles,
+seine Heimath, sein Glück zerstörte, Verwüstung erscheint, und -- stirbt.
+-- Die Welt ist civilisirt.
+
+Doch ich spreche hier Gefühle aus, welche in Europa wohl wenig Anklang
+finden möchten; die Welt ist civilisirt und die Leute kennen sie hier
+nicht anders -- sie sind sich »nur des einen Triebes bewußt,« und es ist
+auch vielleicht recht gut so; das wilde Leben _muß_ der Cultur, die rohe
+Kraft dem höheren Geiste weichen, und die Gebeine des Indianers düngen
+mit dem Wald, der einst seine Heimath war, den Acker des weißen Mannes.
+
+In den Vereinigten Staaten von Nordamerika geht diese Umgestaltung mit
+rasend schnellen Schritten vor sich, und wie bei einer Feuersbrunst die
+Flamme zu gleicher Zeit züngelnd nach tausend verschiedenen Stellen
+hinüberleckt und weit und weiter um sich greift, so bricht sich auch
+Aufklärung und Cultur im Norden, Westen und Süden Bahn durch die
+Wildniß, und noch von den Wigwams der Ureinwohner umgeben, entsteigen
+blühende Pflanzungen und Kirchen und Schulen vor den Blicken des
+erstaunten Indianers dem Boden.
+
+Die Bevölkerung der verschiedenen Staaten ist namentlich in den letzten
+zehn Jahren ungeheuer gewachsen; nach einer Zählung vom Januar 1840
+belief sich die Gesammt-Einwohnerzahl auf 17,062,566 Seelen, die jetzt
+auf 23 Millionen gestiegen ist. Unter diesen waren 386,245 freie Neger
+und Abkömmlinge von Negern, oder sogenannte =coloured persons=, ferner
+2,487,213 Sklaven und 14,189,108 freie Weiße. Von den letzten 14
+Millionen waren 6,439,700 zwanzig und über zwanzig Jahre alt, und von
+diesen konnten noch 549,693 weder schreiben noch lesen. Hieran waren
+aber bis jetzt größtentheils die Kriege und Kämpfe mit den Eingebornen
+Schuld, denn die kühnen Pionniere des Westens, allein und unbeschützt
+zwischen ihnen feindlich gesinnten Stämme vorgedrungen, konnten, wenn
+sie wirklich die Kenntnisse dazu besaßen, keine Zeit darauf verwenden
+ihre Kinder zu unterrichten, so lange es galt, Tag und Nacht ihr eigenes
+Leben und Eigenthum gegen den schlauen und wilden Feind zu schützen;
+jetzt aber, wo dieser, mehr und mehr verdrängt, bald nur noch in der
+Erinnerung der alten Leute und in den Sagen und Erzählungen der Nachwelt
+leben wird, ändert sich auch dieses. Der Wald ist sicher und die Kinder
+dürfen allein das schützende Haus verlassen, um der meilenweit
+entfernten Schule zuzueilen.
+
+Die Anzahl von Schulen in Nordamerika ist beträchtlich; Universitäten
+und höhere Schulen giebt es 173, Real- und Vorbereitungsschulen 3242 und
+von den geringeren im ganzen Lande zerstreuten Instituten für die ersten
+Anfangsgründe, von sogenannten Abcschulen, 47,209. Auf die erstern
+werden dabei 16,233, auf die mittlern 164,159 und auf die letztern
+1,845,244 Schüler gerechnet, wozu noch 468,264 auf Staatskosten oder
+Freischüler gezählt werden müssen. Die Universitäten und Schulen
+der östlichen und selbst der südlichen Staaten sind übrigens den
+europäischen zu ähnlich, um hier besonders viel über sie zu sagen, die
+westlichen oder Backwoodsschulen aber zeichnen sich dagegen durch so
+viel Eigentümliches aus, daß sie allerdings eine kurze Beleuchtung
+verdienen, die manchem nicht uninteressant erscheinen wird.
+
+Vom Staate selbst ist für die Erziehung der Kinder immer die sechzehnte
+Section (640 Acker) jedes Townships[7] bestimmt, und wird das »Schulland«
+genannt. Dieses soll nur zum Nutzen der Schulen und des ihnen vorgehenden
+Lehrers verwendet werden; in den westlichen Staaten aber, den sogenannten
+Backwoods, geschieht wenig mehr mit diesem Landstrich, der, wie es sich
+trifft, bald aus dem herrlichsten, bald aus dem schlechtesten Boden
+besteht, als daß höchstens ein kleines Blockhaus, das Schulgebäude,
+darauf errichtet wird und der Schullehrer, welcher eine solche Stelle
+selten auf länger als ein oder zwei Jahre, oft nur für eine Jahreszeit,
+den Winter, übernimmt, ein kleines Stückchen davon urbar macht und
+Kartoffeln oder Mais hineinpflanzt, was denn vielleicht im nächsten
+Jahr, wenn sich sein Nachfolger nicht darum bekümmert, so verwächst und
+verwildert, daß es, ordentlich wie zornig darüber, seinem Naturzustande
+auf kurze Zeit entrissen gewesen zu sein, mit dem tollen Gewirr von
+Unterholz und Schlingpflanzen gar nicht wieder zu lichten ist. Sonst
+beschützen es aber die in der Nähe lebenden Ansiedler insofern, daß sie
+den Flötzern (=rafters=) nicht gestatten, sich von diesem Landstrich,
+wenn er gerade bequem an einem Wasserlauf liegen sollte, Stämme zu holen
+und diese den Fluß hinabzuschwemmen, gegen welchen Erwerbszweig sie
+sonst, wenn es blos Onkel Sams[8] Grund und Boden wie Holzung betrifft,
+höchst nachsichtig sind.
+
+ 7: Das Township selbst besteht aus einem Quadrat von sechzehn
+ Sectionen.
+
+ 8: Launige Bezeichnung der =U. (nited) S. (tates). Uncle Sam=.
+
+Wo Ansiedler nun ganz allein und nachbarlos leben, die z. B. in
+den Sümpfen des östlichen Theiles von Arkansas und Missouri, wo sie
+vielleicht 15, ja 20 und noch mehrere Meilen wandern müssen, ehe sie
+die Spuren menschlichen Wirkens und Fleißes erblicken können, da hört
+denn freilich jedes Schulgehen der Kinder auf, oder hat vielmehr noch
+gar nicht angefangen; die Knaben durchstreifen den Wald und jagen und
+fischen, und die Mädchen bleiben daheim bei der Mutter und spinnen die
+Baumwolle, welche ihnen der Vater dann und wann von seinen »Zügen« in
+das nächste Städtchen mitbringt, oder die sie auch wohl selbst in einem
+kleinen Feld neben dem Hause gezogen haben. Nähern sich aber diese
+Ansiedlungen einander auf 5 bis 6 Meilen, dann fangen die Farmer an
+sich nach einem Schullehrer umzusehen; gewöhnlich treibt Einer von ihnen
+irgendwo einen wandernden Yankee, manchmal auch einen Deutschen auf, und
+der Grund zur Civilisation wird gelegt.
+
+Haben sie den Schullehrer erst, dann stellt sich ihnen auch die
+Nothwendigkeit heraus, ein Haus zu bauen, wobei dieser gleich mit Hand
+anlegen kann, die Nachbarn werden also zusammenberufen und in wenig
+Tagen steht die kleine anspruchslose Hütte fertig mit Dach und Thüre da.
+Zwar befindet sich das Kamin noch sehr im Naturzustande, und eine Diele
+fehlt gänzlich, es ist ja aber »nur die Schule,« und da kommt das nicht
+so genau darauf an.
+
+Sind nun in dem District, aus welchem die Kinder gemeinschaftlich die
+Lectionen besuchen sollen, recht gescheute Leute, die sich berufen
+glauben, dem Manne, der ihr junges Amerika bilden soll, einmal ernstlich
+auf den Zahn zu fühlen, so wird ein Examen angesetzt, in welchem der
+Lehrer einige sehr verfängliche Fragen über Grammatik und amerikanische
+Geschichte vorgelegt bekommt, und ihm verschiedene entsetzlich klingende,
+und zu diesem Zweck besonders ausgesuchte fünf- bis sechssylbige Wörter
+zum Buchstabiren aufgegeben werden; hat er diese Fragen zur Genüge
+beantwortet und kann er (auf schöne Schrift wird weniger gesehen)
+besonders recht schnell und klein schreiben, so ist sein Ruf begründet,
+die Männer betätigen, daß er »=knows a heap=,« oder mit andern Worten
+ein sehr gescheuter und gebildeter Mann sei, und am nächsten Montag
+beginnt die Schule.
+
+Von diesem Augenblick an ist der Schullehrer heimathlos, denn er geht
+nun aus einer Hand in die andere, d. h. er »boardet« oder wohnt in
+dieser Woche bei dem, in der Woche bei einem andern Farmer und hat
+nirgends einen Platz, den er sein eigen nennen könnte, das Schulhaus
+selbst ausgenommen, das sich übrigens stets in einem nichtsweniger als
+wohnlichen Zustand befindet. Sein Gehalt beträgt von 10 bis 15, oft
+sogar 20 Dollars den Monat, und täglich hat er dafür seinen Zöglingen
+sechs, auch sieben Stunden zu geben. Diese kommen Morgens, wenn sie über
+eine Meile entfernt wohnen, was auch fast bei allen der Fall ist, auf
+ihren kleinen, indianischen Poneys angallopirt, binden diese an die das
+Schulgebäude umgebenden Büsche, nehmen ihre Bücher und ihr Mittagbrod,
+das sie in einer Blechbüchse bei sich tragen, mit hinein, und setzen
+sich auf die zu ihrem Nutz und Frommen roh aufgeschlagenen Bänke von
+weichem -- Holz.
+
+Fenster hat das Zimmer oder vielmehr das Haus (denn das ganze Haus
+besteht nur aus einem Zimmer) nicht, die Thür bleibt deßhalb offen, um
+das nöthige Licht hereinzulassen; zum Schreiben aber läuft ein zwischen
+zwei Stämmen an der einen Seitenwand schräg befestigtes Brett hin,
+welches dadurch erhellt wird, daß man den Zwischenraum zwischen den
+gerade über demselben befindlichen Blöcken nicht ausgefüllt hat, was,
+wenn man diese Spalte nur an der Süd- oder Südostseite anbringt, dem
+Zweck ziemlich entspricht, da es von der Wetterseite her hineinregnen
+würde.
+
+Die Hauptwissenschaft in diesen Anstalten besteht im Buchstabiren und
+richtigen Abtheilen der Wörter, in der englischen Sprache allerdings
+nicht so ganz leicht zu erlernen, und dieses Buchstabiren wird wirklich,
+selbst noch von erwachsenen Personen, mit wahrer Leidenschaft getrieben;
+es kommen ordentliche Gesellschaften zusammen, nur um zu buchstabiren,
+und in diesen bilden sich dann zwei Parteien, die einander recht
+schwierige Wörter aufgeben. Sobald die Schüler hierin einige Fortschritte
+gemacht haben, beginnt das Schreiben, die Grammatik und hin und wieder
+einige Stunden Geschichte, wo vor allen Dingen, wie das auch nicht mehr
+wie recht und billig ist, der nordamerikanische Freiheitskrieg
+durchgenommen wird.
+
+Das ist der regelmäßige Cursus in den gewöhnlichen Backwoodsschulen;
+oft aber geschieht es auch, daß, wie ich ein Beispiel aus den Bay de
+View-Sümpfen in Arkansas weiß, irgend ein durchziehender Krämer oder
+Kaufmann, dessen Geschäft auf eine andere Art nicht recht gut gehen
+will, Gastrollen als Schullehrer giebt. Dieser also, wenn er in eine
+Gegend kommt, in der noch früher nie Schule gehalten wurde, macht auf
+einmal bekannt, (d. h. er reitet von Haus zu Haus und meldet es selber),
+daß er das »Winterhalbjahr« Stunden geben würde, und ladet nicht allein
+die Kinder, sondern mehr noch die schon erwachsenen jungen Leute ein,
+gegen ein gewisses Honorar an dem Unterricht Theil zu nehmen.
+
+In dem oben erwähnten Fall hatte der plötzlich von Tenessee
+hereingeschneite Lehrer, ein Handlungscommis aus Memphis, Schreibestunden
+angekündigt, und wohl einige 30 Schüler, meistens junge Mädchen und
+junge Leute von 10 bis 20 und 22 Jahren bekommen; von diesen allen aber
+konnten, drei ausgenommen, _keiner_ weder lesen noch buchstabiren, und
+sie lernten nur, nach den ausgelegten Vorschriften und persönlichen
+Anweisungen, die Buchstaben und zuletzt die Worte nachmalen, worin sie
+es, ein Beispiel was Übung thut, schon zu ziemlicher Fertigkeit gebracht
+hatten.
+
+Die Folgen waren übrigens leicht vorauszusehen, der Lehrer blieb
+nur etwa vier Monate, und ging, da er das kalte Fieber nicht wieder
+loswerden konnte, mit seinem indessen verdienten Gelde nach Tenessee
+zurück. Als ich darauf in Jahresfrist jene Gegend zum zweitenmal
+durchzog, und bei einem Farmer übernachtete, dessen erwachsene Kinder
+ebenfalls an dem Unterricht Theil genommen hatten, und diese bat, mir
+auf ihrer Schiefertafel, auf der sie mit einander Wolf und Schafe, oder
+wie sie's dort nennen »Fuchs und Gänse« spielten, etwas vorzuschreiben,
+so waren sie auch gern dazu bereit, aber welcher Sprache diese
+fremdartigen Zeichen und Hieroglyphen angehörten, sah ich mich nicht im
+Stande zu bestimmen, den Begriff der Buchstaben und Worte hatten sie nie
+gelernt und die Form und Gestalt derselben bald wieder vergessen.
+
+Rechnen gehört auch schon eigentlich zu den höheren Wissenschaften, doch
+wird das immer noch eher betrieben, weil es mehr in's Leben eingreift;
+mit der Geographie müssen sich die Lehrer dagegen sehr vorsehen, denn
+ich weiß selbst ein Beispiel, wo sich ein alter Backwoodsman einst die
+Karten von Arkansas und Missouri, nach welchen der Lehrer unterrichtete,
+zeigen und erklären ließ, und nach einer Weile entrüstet aufsprang und
+seinem Sohn befahl, sein Buch zu nehmen und mitzukommen: »wo solche
+Lügen gelehrt würden, wollte er sein Kind nicht hinschicken,« meinte er
+und zeigte dann, als der Lehrer ganz verwundert und erstarrt dastand,
+zornigen Blickes das Messer aus der Scheide reißend, mit dessen Spitze
+auf die vor ihm ausgebreitete Karte.
+
+»Also hier kommt White River heraus, oh? und da entspringt er -- und die
+kleinern Striche hier, und die Grasbüschel, das ist Sumpf -- oh?«
+
+»Ja -- so steht's auf der Karte, und ist so nach den neuesten
+Vermessungen angegeben.«
+
+»So? also das soll ich glauben, und dann ist auch da an der Buffalofork
+kein Berg, nicht wahr? und Mulberry mündet über Ozark in den Arkansas?
+und wo ist denn der Richland und der Wareagle, und wo ist der Spiritcreek
+und Frog-Bayou? Also jetzt soll mein Junge die Lügen lernen, und wenn
+er nachher hinein in den Wald kommt, dann steht er da, wird irre und
+verläuft sich -- nein so was kann ich ihn selber lehren, da brauch' ich
+die Papierverderber nicht dazu.«
+
+Der alte Jäger nahm seinen Sohn wirklich mit zu Hause, und es bedurfte
+der ganzen Überredung seiner Frau und Schwägerin, daß er ihm endlich
+wieder erlaubte hinzugehen; er legte es dem Jungen aber dringend an's
+Herz, »kein Wort von dem zu glauben, was ihm der Yankee vorschwatzen
+würde.«
+
+Der Sonnabend ist in den Vereinigten Staaten, in den westlichen
+wenigstens, durchaus schulfrei. Fünf Tage wird nur gelehrt, und der
+Freitag Abend gewöhnlich zu Red- und Denkübungen benutzt, an denen dann
+nicht nur Kinder, sondern auch die Erwachsenen, ja alte Personen aus der
+Umgegend Theil nehmen. Es ist dieß aber in der That eine sehr gute und
+zweckmäßige Einrichtung, und gewöhnt nicht allein die jungen Leute
+daran, über ihnen vorgelegte schwierige oder verwickelte Fragen scharf
+nachzudenken, sondern macht sie auch zu frühen Rednern und lehrt sie die
+Scheu, öffentlich zu sprechen, abzulegen.
+
+Diese Versammlungen heißen kurzweg »Debatten,« und jeder hat dazu freien
+Zutritt. Ich habe übrigens einen solchen Abend in meinen »_Streif- und
+Jagdzügen_« ziemlich ausführlich beschrieben, und will nur hier noch die
+ungefähren Gesetze und Verhältnisse derselben kurz angeben.
+
+Zuerst werden zwei Richter gewählt, die sich gewöhnlich etwas vom Feuer
+zurück gerade gegen das Kamin zu setzen; dann folgt die Wahl zweier
+Capitäne, um die Verhandlungen zu leiten, und diese suchen sich nun
+unter den Anwesenden solche aus, von denen sie sich die besten Argumente
+versprechen; erst dieser Capitän einen, und dann der andere, bis
+sämmtliche Mitglieder verbraucht sind. Die zwei feindlichen Parteien
+nehmen jetzt die beiden Seiten des Kamins ein, und nun wird von den
+Richtern ein Thema oder vielmehr eine Disputation aufgegeben, über
+welche debattirt werden soll; verständigen sich die Capitäne, welchen
+Theil sie vertheidigen wollen, gut, so bedarf es weiter keiner
+Anordnungen; ist das aber nicht der Fall, so entscheiden die Richter
+diesen Punkt. Gewöhnlich wird ein Geldstück in die Höhe geworfen, um
+die beginnende Partei zu bestimmen, wo es denn vorher ausgemacht wird,
+ob Kopf oder Schrift den Ausschlag giebt.
+
+Das Thema oder die Debatte wird sehr verschieden, manchmal ernst,
+am meisten aber komisch gewählt, und es kommen oft, besonders unter
+den Schulkindern, gar sonderbare Argumente dabei zum Vorschein.
+Beispielshalber will ich hier die folgenden aufführen:
+
+»Ob Neger oder Indianer das meiste Unrecht von den Weißen erlitten
+haben« (ein wunderbares Capitel für einen amerikanischen Sklavenstaat,
+und doch kam es in Arkansas vor); »ob die katholische oder jüdische
+Religion die bessere sei.« (Die Richter, ein paar strenge Methodisten,
+wollten sich weder zu Gunsten der einen noch der andern entscheiden und
+erklärten einstimmig, daß alle beide nichts taugten).
+
+»Ob die Erfindung des Pulvers oder des Papiers Amerika den meisten
+Nutzen gebracht haben,« (die Entscheidung fiel für das Pulver günstig
+aus).
+
+»Ob ein Küchelchen, von einer Ente aus einem Hühnerei gebrütet, diese
+oder das alte Huhn als seine Mutter zu erkennen habe.«
+
+»Ob eine böse Frau oder ein rauchendes Kamin schlimmer sei etc.«
+
+Was mir besonders lobenswerth bei allen diesen Verhandlungen erschien,
+war der Ernst, mit dem sämmtliche Anwesende oft dem baarsten Unsinn
+lauschten, besonders wenn ein Jüngerer sprach; er mochte schwatzen was
+er wollte, so lachten sie nie, ausgenommen die Sache gehörte an und für
+sich zu den komischen. Sie gehen dabei von dem ganz richtigen Grundsatz
+aus, man müsse die jungen Leute nicht abschrecken und sie den Muth
+verlieren machen.
+
+Der Nutzen, den diese Freundlichkeit und Nachsicht gewährt, ist
+augenscheinlich, besonders in den westlichen Staaten, wo ich junge
+Leute, die sonst schüchtern und ängstlich schienen, bei politischen
+Versammlungen habe auf irgend einen abgehauenen Baumstumpf treten, und
+lange, wenn auch nicht tief durchdachte aber doch durch kein Stocken
+unterbrochene Reden halten sehen; schon die Schulkinder üben sich auf
+diese Art unter einander.
+
+Das Verhältniß zwischen Lehrer und Schüler ist ebenfalls in Amerika
+ein ganz anderes, als in den europäischen Ländern. Jene Freiheit und
+Gleichheit, die alle Stände mit einander verbindet, dehnt sich auch
+auf diesen aus, und so ernst und streng der Lehrer in der Schule sein
+mag, so ungezwungen beträgt er sich außerhalb derselben oder in den
+Zwischen- und Erholungsstunden gegen seine Schüler. Selten spielen diese
+ein Spiel oder halten einen Wettlauf, an dem er nicht Theil nimmt, und
+oft ist er der ausgelassenste des ganzen Haufens, nie aber auch weiß
+ich, daß Knabe oder Mädchen, in den Backwoods nämlich, einen Schlag
+von dem Lehrer erhalten habe; durch Ehrgeiz treiben sie schon einander
+selbst zum Lernen an, und dieses wöchentliche Zusammenkommen zum
+Debattiren und Buchstabiren ist gewissermaßen ein eben so oft
+wiederholtes Examen, bei dem Eltern und Freunde gegenwärtig sind, und
+der junge Amerikaner möchte um die Welt nicht am schlechtesten bestehen,
+denn er würde ja zu Hause damit geneckt werden und in der Classe nicht
+unter den ersten sein, auch würden ihn die Mädchen auslachen (Knaben
+und Mädchen theilen stets dieselben Stunden), und das wäre doch zu
+entsetzlich. Mit regem Eifer drängt ihn also schon sein innerer Trieb
+zum Lernen, und von dem Augenblick an, wo er die Schule betritt, denkt
+er fast nicht mehr an Spielen und Umherrennen, sondern sitzt ehrbar und
+andächtig mit seiner Schiefertafel in der Ecke und malt seine Buchstaben
+und Zahlen.
+
+Das kindliche Leben aber, die fröhlichen Spiele der Jugendzeit, das
+Alles kennt der Amerikaner auch nur dem Namen nach; von dem Augenblick
+an, wo er allein gehen und sich ankleiden kann, gehört er nicht mehr
+sich selbst, sondern seinen Eltern und beginnt mit Hand anzulegen an
+der großen Aufgabe des Lebens. Ist es ein Knabe, so muß er mit in's
+Feld und kleine Büsche zusammentragen, auf einen Haufen werfen und
+später anzünden und verbrennen, Späne und trockene Rinde für Mutter
+oder Schwester zum Kochen herbeischleppen und tausend andere kleine
+Handreichungen thun; wird er etwas stärker, so holt er den Mais aus dem
+»Corncrib« und füttert Pferde und Schweine, haut Brennholz und hilft mit
+im Kornfeld die Maishügel anhacken. Ist es ein Mädchen, so lernt es
+schon, wenn es kaum auf den Tisch sehen kann, das Geschirr auswaschen
+und Brodteig anrühren, und wird es nur ein klein wenig älter, spinnen
+und weben. Puppen kennt es kaum dem Namen nach, mit andern Kindern kommt
+es auch, der weiten Entfernung der auseinanderliegenden Farmen wegen,
+selten oder nie in Berührung und wird schon mit dem achten oder neunten
+Jahre »=an old woman=« (eine alte Frau), wie es sich gern nennen läßt.
+
+Oft zwingt freilich auch die Nothwendigkeit die armen Kinder zu einer
+Thätigkeit, welche ihren Jahren keineswegs angemessen ist. So starb am
+Richland, in den Ozarkgebirgen, die Frau eines Farmers am Nervenfieber
+(der arme Mann hatte keinen Arzt und keine Medicin bekommen können,
+und der Leidenden nur immer Calomel gegeben, bis sie todt war); sie
+hinterließ sechs Kinder, von denen das älteste ein Mädchen etwa neun
+Jahre alt, das jüngste noch ein Säugling war, und der Vater konnte sich,
+da er seinen Mais pflanzen mußte, wenn er das kommende Jahr etwas für
+sich und seine Familie zum Leben haben wollte, gerade in dieser Zeit
+gar nicht um die Wirthschaft zu Hause bekümmern. Da fiel dann die ganze
+Arbeit, die ganze Sorge, nicht allein für sämmtliche Kinder, sondern
+auch für die Wirthschaft, auf das arme Mädchen, selbst noch ein Kind,
+das vorher schon Monate lang die kranke Mutter hatte pflegen müssen, und
+alle lebten in einem kaum eine Hütte zu nennenden Blockhaus, mit nicht
+ausgefüllten Spalten zwischen den Stämmen, ohne Diele und fast ohne
+Bett; der Vater mußte sich wenigstens Nachts mit seinen drei Knaben
+Rinde auf die Erde vor das Kamin breiten und auf darüber gelegten
+Hirschfellen und mit wollener Decke gegen den Wind geschützt, der
+überall das Gebäude durchzog, vor dem wohlunterhaltenen Kaminfeuer
+förmlich lagern, während die übrigen vier Kinder sich auf zwei
+Betten zusammenkauerten, wenn man nämlich dünne, mit ungereinigten
+Truthahnfedern gestopfte Matratzen und eine leichte Steppdecke wirklich
+ein Bett nennen kann. Und doch waren die Kinder zufrieden, sie wußten es
+nicht anders, und ich erinnere mich, daß sie uns mit Jubel empfingen,
+als wir, mein alter Jagdgefährte und ich, dort eines Abends Schutz gegen
+ein heraufsteigendes Unwetter suchten und einen gewaltigen wilden
+Truthahn mitbrachten, den ich geschossen.
+
+In den östlichen Staaten und Städten verbessert sich freilich das
+Schulwesen mit jedem Tage; die Ansiedlungen liegen dort dichter;
+breite, gute Straßen setzen die verschiedenen Wohnungen miteinander in
+Verbindung, und nicht jeder herumstreifende Krämer oder Yankee wird
+angenommen, sobald er den Wunsch zu erkennen giebt, der Lehrer ihrer
+Kinder zu sein. In Cincinnati besonders entstanden schon 1841 drei
+Freischulen, in denen nicht allein Rechnen, Lesen und Schreiben, sondern
+auch Englisch und Deutsch, wie Geographie und Geschichte gelehrt wurde,
+und auch in St. Louis, wie überhaupt im Norden der Vereinigten Staaten,
+hat das Erziehungswesen bedeutende Fortschritte gemacht. Besonders sind
+in Louisville ausgezeichnete Schulen, und hierher werden vorzüglich die
+jungen Indianer aus dem Westen von Arkansas gebracht, um in den Künsten
+und Wissenschaften der Weißen unterrichtet zu werden.
+
+Was das Schulwesen unter den Indianern anbetrifft, so versehen dieß bis
+jetzt noch einzig und allein die Missionäre; die civilisirten Stämme
+natürlich, als Chacktaws, Cherokesen, Shawnees und einige andere, dicht
+an den Grenzen der Weißen lebende Nationen ausgenommen, die, wenigstens
+für die Anfangsgründe, ihre eigenen Lehrer haben. Den amerikanischen
+Missionären liegt aber keineswegs das Seelenheil ihrer Beichtkinder
+allein am Herzen, die Amerikaner sind ein zu sehr speculirendes Volk, um
+der Religion jedes andere Interesse nachzusetzen. So kommt es denn, daß,
+wie dieß besonders im Oregongebiet deutlich wird, einzelne fromme Männer
+sehr ehrbar und eifrig mit der Religion anfingen, bald aber, nachdem sie
+die rothen Söhne der Wildniß bekehrt und ihren Willen gebeugt hatten,
+den Yankee hervorsteckten und unter dem Vorwande, sie mit dem Segen des
+Ackerbaues bekannt zu machen, für sich selbst große Farmen anlegten
+und dann, wenn sie erst einmal eine eigene Heimath gegründet, damit
+zufrieden waren, _die_ Wilden zu belehren und zu bessern, welche sich
+gerade in ihrer Nachbarschaft befanden, oder mit denen sie zufällig in
+Berührung kamen. Aus den Missionären wurden so nach und nach Farmer, und
+das religiös zugeschnittene Kleid wich dem bequemern Jagdhemd.
+
+
+
+
+Die Alligator-Jagd.
+
+
+In den ungeheueren Sümpfen Louisiana's und überhaupt in dem ganzen
+südlichen Theil der vereinigten Staaten lebt in den warmen Wassern der
+Lagunen und Flüsse der Alligator (=crocodilus lucius. Cuv.=) in
+ungeheuerer Anzahl.
+
+Er gehört zu dem Geschlecht der Eidechsen und hat ganz die Gestalt
+und Beschaffenheit dieser Thiere, erreicht aber, besonders in den
+südlichsten Theilen von Louisiana und Florida, oft eine Länge von zwölf
+bis sechszehn Fuß. Der ungeheuere Kopf, der fast den vierten Theil des
+ganzen Thieres ausmacht, öffnet, wie der Haifisch, den Oberkiefer, statt
+des Unterkiefers, und zeigt dann ein äußerst anständiges Gefänge, das
+den gewaltigen, rosenrothen Schlund einfaßt. Den Körper selbst umgiebt
+eine harte, panzerartige, aus lauter kleinen eckigen Stücken bestehende
+Haut, die unter dem Bauche in weißen, harten Schuppen ausläuft. Die
+Nasenlöcher ragen, am Ende des Rachens, über diesem empor und liegen
+dicht zusammen, und wenn der Alligator an einem stillen, sonnigen Tag
+auf dem Wasser gewissermaßen ruht, so schauen nur die Lichter, mit
+einem kleinen Theil des Kopfes und Nackens, und dann weiter vorn, oft
+sechszehn bis zwei und zwanzig Zoll von ihnen entfernt, die Nasenlöcher
+über dem Wasserspiegel hervor. Die Lichter selbst sind sehr klein und
+sehen tückisch und katzenartig aus, die Läufe dabei kurz und zum Gehen
+ungeschickt, desto besser schwimmt aber dafür der Alligator. Eine seiner
+Lieblingsbeschäftigungen ist es, im heißen Sonnenschein auf den sandigen
+Uferbänken der Seen oder Flüsse zu liegen und mit aufgesperrtem Rachen
+das Herbeifliegen von Insekten abzuwarten, die durch den bisamartigen
+Geruch, welchen einige Drüsen, die er unter dem Halse trägt, verbreiten,
+angelockt werden, sich auf seine breite Zunge setzen und von ihm,
+wenn er genug zu haben glaubt und zuschnappt, mit größtem Wohlbehagen
+verspeist werden.
+
+Die Brutzeit ist im April und Mai; das Weibchen legt seine Eier in ein
+gewöhnlich aus Schlamm und Schilf zusammengebautes Nest und zwar von
+achtzig bis hundert und zwanzig, ja dreißig Stück welche es von der
+Sonne ausbrüten läßt. Die jungen auskriechenden Alligatoren haben jedoch
+sehr viele Feinde; Aasgeier oder Bussards, Schlangen, ja das Männchen
+selbst, das oft fast die ganze Brut verschlingen soll, stellen ihnen
+nach; es bleiben aber doch noch genug übrig, die zahlreichen Seen und
+Lagunen der südlichen Länder im Überfluß mit ihnen zu bevölkern.
+
+In der Paarzeit kämpfen die alten Alligatoren manchmal mit Rachen
+und Schwänzen blutige Schlachten. Der lange, panzerharte Schwanz ist
+überhaupt seine gefährlichste Waffe, doch gebraucht er ihn weniger
+zur Erlegung als zur Erreichung seiner Beute, denn er faßt damit das
+ausersehene Opfer und wirft es nach vorn, gegen seinen Rachen zu, der
+es dann mit freundlichem Zuschnappen empfängt.
+
+Dem Alligator geht es nun wohl in einer Hinsicht wie Maria Stuart --, er
+ist besser als sein Ruf -- denn die schrecklichen Geschichten, die man
+sich von seiner Mordgier und seinem unverwüstlichen Haß gegen das
+menschliche Geschlecht erzählt, sind doch meistens übertrieben. -- Ein
+Weißer hat, wenn er ihn nicht selber angreift und verwundet, (und
+auch dann nur selten) sehr wenig von ihm zu fürchten, den Negern
+freilich stellen sie nach; der pikante, dieser Race eigene Geruch, der,
+aufrichtig gesagt, besonders an heißen Sommertagen gerade nicht zu den
+angenehmsten gehört -- lockt sie an -- sie lieben diesen Geruch einmal,
+und wer kann sie deshalb tadeln, -- kauen doch manche Menschen =asa
+foetida=, um ihren Athem zu reinigen, also sie lieben die Neger
+-- wenigstens dann und wann einen Arm oder ein Bein von ihnen, und
+die schwarzen Söhne Äthiopiens hüten sich wohl, tief in eine dieser
+Sumpflagunen hinein zu waten. Dabei hegen sie auch noch eine zärtliche
+Leidenschaft für Ferkel und Hunde, welche erstere sie gewöhnlich ganz,
+letztere nur theilweise verzehren, da der Hund, von dem Alligator
+erfaßt, kaum einen Schmerzschrei ausstößt, als auch schon die anderen
+dadurch angelockt von allen Seiten herbeiströmen und die Beute theilen;
+den weißen Mann aber scheuen sie, verlassen bei seiner Ankunft das Ufer,
+an dem sie sich gesonnt, und tauchen unter.
+
+Schaden thun sie also nur insofern, daß sie die hie und da sich ihnen
+nähernden Ferkel abfangen, seltner einmal einen jungen Neger unter
+Wasser ziehen, oder eine Negerin, die am Ufer zu waschen gedenkt, bei
+einem Beine erwischen; da aber auch der Nutzen, den sie der menschlichen
+Gesellschaft bringen, sehr gering ist, und sie überdies noch ein
+häßliches, boshaftes, gefährliches Aussehen, was aber noch das
+Allerschlimmste ist, einen schlechten Ruf haben (denn es ist ein
+altenglisches Sprichwort: »Hängt einen Hund lieber, ehe ihr ihm einen
+schlechten Namen macht«), so wird ihnen, wo man ihrer habhaft werden
+kann, mit Kugel und Harpune, oft auch gar mit großen Angelhaken
+nachgestellt.
+
+Ganz unnutzbar sind sie übrigens doch nicht, denn die großen, feisten
+Burschen werden in Kessel gethan und das Fett heraus geschmolzen, das
+besonders gut zu den verschiedenen Maschinerien, die das Reinigen der
+Baumwolle erfordert, gebraucht werden kann. Die Schwänze der kleineren
+-- (bis höchstens fünf oder sechs Fuß lang) schmecken dabei delikat, nur
+muß das Fleisch bald von der Rückengräte abgelöst werden, da es sonst
+den, diesen Thieren eigenen, bisamartigen Geschmack annimmt.
+
+Ein unfern von uns wohnender Pflanzer in Pointe Coupée hatte mich lange
+schon geplagt, eine ordentliche Alligator-Jagd vorzunehmen, da er gar
+so gern einige Gallonen von dem Fett dieser lieben Bestien zu haben
+wünschte und ich die einzige gute Harpune dort in der Gegend besaß;
+als er daher eines Morgens mit seinem Sohne und zwei pechschwarzen
+Negersklaven zu mir kam und erzählte, daß er schon am vorigen Abend
+zwei leichte Kähne in den hinter seinem Hause liegenden See, der durch
+schmale Lagunen mit fünf oder sechs anderen in Verbindung stand,
+geschafft hätte und nun eine ordentliche Jagd beabsichtige, so schulterte
+ich meine Harpune, steckte mein kleines Scalpirmesser in den Gürtel,
+und dem jungen Harbour die Büchse überlassend, mit der er ziemlich gut
+umzugehen wußte, schlenderten wir langsam dem etwa anderthalb englische
+Meilen entfernten See zu.
+
+»Was trägst Du denn da, Ben?« fragte ich den einen der Neger, der etwas
+in grobes Baumwollenzeug einschlagen, das mir Leben zu haben schien,
+unter dem Arme hielt.
+
+»Kann selber reden -- Massa!« sagte der Schwarze grinsend, indem er den
+fürchterlichen Mund von einem Ohr bis zum andern aufriß und zwei Reihen
+blendend weißer Zähne zeigte -- »kann selber reden,« und dabei preßte er
+mit dem linken Ellbogen das seiner Sorgfallt Empfohlene.
+
+»Quitsch!« sagte ein kleines Ferkelchen, das jetzt mit allen vier Läufen
+anfing zu strampeln.
+
+»Stille halten, Kleines.« beruhigte es der Neger -- »gutes Thierchen
+-- so recht!«
+
+Er trug es mit sich, um durch das Schreien desselben die Alligatoren
+herbeizulocken und dann leichter zu schießen. Endlich erreichten wir
+einen schmalen Damm, der den größten See in zwei Hälften theilte und an
+dessen Einlauf die Kähne befestigt lagen; obgleich wir aber schon Ende
+Juni hatten, war das Wasser doch noch sehr hoch, denn der Mississippi,
+durch den Schnee der Felsengebirge angeschwellt, hielt die tiefer
+als seine Ufer liegende Niederung gefüllt, daß all das innere Land
+überschwemmt und einem ungeheueren See gleich da lag, den nur hier und
+da schmale Streifen Landes oder Dämme durchzogen. Auch dieser Damm, an
+welchem unsere Kähne befestigt waren, ragte kaum zwei Zoll, naß und
+schwammig, über die Wasserfläche empor.
+
+Zwei Drucker, welche die »Pointe Coupée Chronicle« redigirten, setzten
+und druckten, hatten sich unserer Jagd noch angeschlossen, und wir
+machten jetzt also im Ganzen, mit dem Ferkel, acht Personen, die sich
+nun der alte Harbour anschickte gleichmäßig zu vertheilen. Zuerst kam in
+jedes Boot ein Neger »zum Rudern,« dann ein Buchdrucker »zum Zusehen,«
+-- denn viel mehr Nutzen erwarteten wir nicht von ihnen -- dann der
+junge Harbour mit der Büchse in ein Boot und ich mit der Harpune in das
+andere »zum Jagen«, und ich bekam das Ferkel, während der alte Harbour
+zu seinem Sohn in den Kahn trat, der jetzt ganz kaltblütig bemerkte:
+»das Ferkelchen und er -- (der Vater) wären zum Quitschen.«
+
+Die Sonne brannte grimmig heiß und kein Schatten bot sich auf der ganzen
+weiten Wasserfläche, als der, den manchmal einzeln stehende Cypressen,
+mit dem langen, grauen Moose bewachsen, warfen; nicht ein Lüftchen regte
+sich, kein Vogel zirpte -- kein Frosch quakte, Alles lag in träger
+-- schlaffer Ruhe, und selbst die einzelnen Alligatoren, die mit
+ihren schwarzen Köpfen, wie Stücke halbverbrannten Holzes, auf der
+spiegelglatten Wasserfläche trieben, sahen aus, als ob sie schliefen,
+hätte nicht manchmal einer der großen Burschen den rosenrothen Rachen
+aufgerissen, dessen Oberkiefer dann einen Augenblick emporstand und mit
+schwerem Schlage wieder zuklappte.
+
+»Selbst die Alligatoren langweilen sich hier,« -- sagte Kelly -- der
+eine Drucker, der bei mir im Boote war.
+
+»Wird schon lebhaft werden, Massa,« lachte der Neger, »wenn das Kleine
+hier spricht!«
+
+Das Ferkel seufzte wehmüthig im Sack. --
+
+Wir stießen jetzt vom Lande ab, hielten uns im Anfang dicht zusammen,
+und versuchten leise an die Alligatoren hinanzugleiten, sie waren aber
+zu scheu, und immer, wenn wir fast in Schußnähe zu sein glaubten, sanken
+sie unter. -- Ich hatte mich auf das Vordertheil des Kahnes gestellt und
+erwartete ruhig das Erscheinen eines der Burschen auf zwölf bis funfzehn
+Schritt Entfernung, doch der alte Harbour wurde ungeduldig und rief zu
+uns herum:
+
+»Drückt doch das Ferkel einmal ins Teufels Namen!«
+
+Der Buchdrucker aber, der sich aufrecht hingestellt hatte, um die
+Wasserfläche um so besser übersehen zu können, und dem es wahrscheinlich
+zu viel Mühe schien, sich zu bücken, trat, ohne eine Miene zu verziehen,
+dem armen kleinen Ding auf den Bauch.
+
+»Quiiiiiitsch!« schrie dieses in Todesangst.
+
+»Massa -- um Gottes willen,« rief aber auch erschrocken der Neger und
+hörte mit Rudern auf -- »das mein Schwein -- Ihr tretet's todt!«
+
+Das Experiment hatte jedoch den gewünschten Erfolg gehabt; mehre der
+langen Gesellen, die vorher von uns weggeschwommen waren, drehten
+sich jetzt und kamen langsam auf uns zu -- der Neger mußte mit Rudern
+aufhören und sich ganz ruhig verhalten, und nahe heran, auf etwa dreißig
+Schritt, strich ein gewaltiger alter Bursche von zwölf Fuß Länge.
+-- Einen Augenblick hielt er und traute den Booten doch nicht so recht;
+der Neger aber, der zu seinem Schweinchen niedergekniet war, ließ dieses
+einen ganz kleinen winzigen Schrei thun und dadurch angelockt, schwamm
+er herbei. --
+
+»Feuer!« rief jetzt der alte Harbour, die Büchse krachte und in
+demselben Augenblick auch fast drehte sich das tödtlich verwundete
+Ungeheuer herum und zeigte den weißen, schuppigen Bauch; im Vorschießen
+und Umsichschlagen war es aber glücklicher Weise meinem Kahne nahe genug
+zum Wurf gekommen und im _Nu_ saß ihm auch die scharfe dreizackige
+Harpune in den Weichen.
+
+Der Schuß aber, der ihm das Hirn zerschmettert hatte, erlaubte ihm nicht
+mehr viel zu reißen und zu zerren, und leicht zogen wir ihn dicht an den
+Kahn heran; das gewaltige Thier aber in das kleine Fahrzeug zu nehmen,
+wäre auf keinen Fall angegangen, und wir ruderten deshalb schnell ans
+Ufer zurück und schleppten es dort, wobei es jedoch noch tüchtig mit dem
+Schwanze umher hieb, unter einen Baum.
+
+Der Versuch mit dem Ferkel wurde jetzt mehrere Male wiederholt und der
+junge Harbour schoß nach vier Alligatoren, von denen wir jedoch nur zwei
+bekamen, da ich nicht schnell genug mit der Harpune hin konnte, und ich
+harpunirte drei, die sich zu nahe an mich herangewagt und die Gefahr zu
+spät eingesehen hatten. Zwei von den letzteren waren jung und saftig,
+und ich schnitt ihnen augenblicklich für meinen eigenen Tischgebrauch
+die Schwänze ab.
+
+Nach und nach mochten sie es aber doch wohl wegbekommen haben, daß es
+mit dem Schweine nichts war, denn in immer weiteren Kreisen umzogen sie
+unsere Kähne, und wir konnten keinen mehr auf Schußweite anlocken. Das
+wurde also aufgegeben, der Neger aber, der in meinem Kahne ruderte,
+machte seine Sache so ungeschickt und vollführte einen solch gräulichen
+Spectakel, daß an Anschleichen mit dem Burschen gar nicht zu denken war;
+ich ließ ihn daher von der Ruderbank aufstehen, die ich jetzt einnahm,
+und übergab die Harpune an Kelly, der mich inständig bat, auch einmal
+einen harpuniren zu dürfen, wobei er betheuerte, zu Hause in Kentucky
+manchen großen Catfisch auf diese Art gefangen zu haben; unsere beiden
+Kähne blieben aber jetzt nicht mehr bei einander und ich legte ein Ruder
+nieder, während ich das andere aus dem Ruderloche nahm und in der Hand
+führte, da ich auf diese Art am geräuschlosesten fortgleiten konnte.
+
+Lange schon hatte ich versucht, an einen ziemlich großen Alligator
+hinanzukommen, immer aber noch war er mir entgangen, obgleich ich mir
+genau gemerkt hatte, wo er untertauchte und in welcher Entfernung er
+dann immer wieder an die Oberfläche kam. Jetzt sank er auch eben wieder,
+und mit aller Kraft das Ruder führend, das der Kahn mit Blitzesschnelle
+über die Wasserfläche dahin schoß, versuchte ich ihn beim Emporkommen
+zu überraschen und rief Kelly zu, aufzupassen. Ich hatte das Wort kaum
+gesagt, als der schwarze Kopf der Bestie sichtbar wurde; eben so schnell
+wollte er nun zwar wieder niederfahren, doch war er zu nahe, kaum sechs
+Schritt, als daß ihn Kelly hätte fehlen können; das Eisen saß und mit
+gewaltigem Ruck schoß er vorwärts.
+
+Nun ist eine solche Harpune auf folgende Art eingerichtet; das
+dreizackige, mit Widerhaken versehene Eisen ist etwa achtzehn Zoll lang
+und circa drei bis vier Pfund schwer; in diesem sitzt eine leichte, zehn
+Fuß lange Stange, die beim Wurf vom Eisen abgeht, um dessen Mitte ein
+starkes Seil gut befestigt ist, das an der Stange hinauf läuft, an
+dieser, oben, wieder festsitzt und nun noch etwa zwölf bis sechszehn
+Fuß freien Spielraum gewährt, so daß die ganze Länge des Wurfes etwa
+dreizehn bis vierzehn Schritte betragen darf. Das Ende des Seiles ist
+dabei um das Handgelenk des Werfenden befestigt, damit er es nicht durch
+die Finger gleiten lasse, und Beute und Waffe zu gleicher Zeit verliere.
+
+Wohl hatte ich, durch Erfahrung belehrt, Kelly vor dem Wurfe gewarnt,
+sich festzustellen und nicht das Gleichgewicht zu verlieren; in dem
+freudigen Gefühl aber, einen Alligator zu harpuniren, dachte er nicht
+weiter daran, und als jetzt der Verwundete mit dem Eisen hinwegeilte,
+riß ein plötzlicher Ruck desselben den Schützen aus dem Boote. Der Neger
+aber, der wohl etwas Ähnliches geahnet haben mochte, warf sich auf ihn,
+und wenn ihm auch der Körper entging, erwischte er doch noch ein Bein,
+das er festhielt, bis es unsern vereinten Kräften gelang Drucker und
+Alligator, die unzertrennlich waren, den ersten am Lauf, den zweiten am
+Seil, in's Boot zurück zu ziehen.
+
+Der junge Harbour hatte indessen auch noch einige kleine Alligatoren
+erlegt, und mit unserer Beute zufrieden, da die Hitze in der Mittagsgluth
+zu fürchterlich drückend wurde, kehrten wir langsam zum Hause zurück,
+während die Neger die Erlegten mit Handkarren zum Hause fuhren, da sich
+nicht leicht ein Pferd dazu hergiebt, einen Alligator zu tragen.
+
+Sehr häufig habe ich Alligatoren, wie die Hirsche, Nachts bei dem
+Scheine der Kienfackel geschossen, und ihre Lichter glühen wie Stücke
+rothheißen Eisens. --
+
+
+
+
+ * * * * *
+
+
+
+Transcriber's note:
+
+The following additional changes were made; the original appears in the
+first line, the altered version in the second.
+
+
+ANMERKUNGEN
+
+Folgende zusätzliche Änderungen wurden vorgenommen; das Original ist
+jeweils in der ersten, die geänderte Fassung in der zweiten Zeile zu
+lesen:
+
+ mit der Scheu, die alle Hinderwäldler (...) haben
+ mit der Scheu, die alle Hinterwäldler (...) haben
+
+ steckte seine Nadel (...) in die Kugeltatsche
+ steckte seine Nadel (...) in die Kugeltasche
+
+ wenn der Wolf mit der Falle zu entfliegen sucht
+ wenn der Wolf mit der Falle zu entfliehen sucht
+
+ ihn zum Glücklichsten der Sterblichsten zu machen
+ ihn zum Glücklichsten der Sterblichen zu machen
+
+ unmöglich so lage ohne (...) Aufsicht bleiben konnten
+ unmöglich so lange ohne (...) Aufsicht bleiben konnten
+
+ kleine Büchse zusammentragen
+ kleine Büsche zusammentragen
+
+ traute den Boten doch nicht so recht
+ traute den Booten doch nicht so recht
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AMERIKANISCHE WALD- UND STROMBILDER.
+ERSTER BAND.***
+
+
+******* This file should be named 33017-8.txt or 33017-8.zip *******
+
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+http://www.gutenberg.org/dirs/3/3/0/1/33017
+
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+http://www.gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://www.gutenberg.org/about/contact
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit:
+http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+