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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/33017-8.txt b/33017-8.txt new file mode 100644 index 0000000..e7ccc8f --- /dev/null +++ b/33017-8.txt @@ -0,0 +1,5420 @@ +The Project Gutenberg eBook, Amerikanische Wald- und Strombilder. Erster +Band., by Friedrich Gerstäcker + + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + + + + +Title: Amerikanische Wald- und Strombilder. Erster Band. + + +Author: Friedrich Gerstäcker + + + +Release Date: June 28, 2010 [eBook #33017] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AMERIKANISCHE WALD- UND +STROMBILDER. ERSTER BAND.*** + + +E-text prepared by richyfourtytwo, Delphine Lettau, and the Project +Gutenberg Online Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net) + + + +Transcriber's note: + + Obvious misspellings have been corrected. The spelling of + names has been regularised and missing punctuation added. + A few words appear in two different spellings; these have + been retained. + + The original highlights text in two ways: by spacing letters + (gesperrt) and by using a Roman font (Antiqua). The former + is represented _thus_, the latter =thus=. + + Two particular words which may strike the modern reader as + mistakes, Stöpfel (Stöpsel) and klaffen (kläffen), were in + fact correct at the time. + + A list of corrections is at the end of the e-book. + +ANMERKUNGEN + + Offenkundige orthografische Fehler wurden stillschweigend + korrigiert. Namen wurden vereinheitlicht und fehlende + Zeichensetzung ergänzt. + + Manche Wörter treten in zweierlei Schreibungen auf und + wurden so belassen. Gesperrt Gedrucktes im Original wird + _so_ angezeigt, Antiqua =so=. + + Zwei Wörter werden dem Leser bzw. der Leserin als mögliche + Fehler vielleicht besonders auffallen: Stöpfel (Stöpsel) + und klaffen (kläffen); sie lassen sich aber in der damaligen + Zeit so nachweisen. + + + + + +Amerikanische +Wald- und Strombilder. + +Von + +_Friedrich Gerstäcker_. + +Dritte Auflage. +_Erster Band_. + + + + + + + +Leipzig, +_Arnoldische Buchhandlung_. +1862. + + + + +Inhalt des ersten Bandes. + + Seite + Der Leichenräuber 1 + Nordamerikanische Jagd 55 + Curtis Brautfahrt 131 + Schulen in den Backwoods 185 + Die Alligator-Jagd 206 + + + + +Die Leichenräuber. + + +Seit dem Krieg mit den Seminolen (1818) hatten sich die Stämme der +nordamerikanischen Indianer ziemlich still und ruhig verhalten und +die Regierung selbst vermied natürlich Jedes, was wieder zu Reibungen +und Streitigkeiten Anlaß geben konnte. Nichts desto weniger und trotz +tausend verschiedenen Freundschaftsversicherungen und geschlossenen +Bündnissen, drängte sie die armen Kinder der Wildniß immer weiter und +weiter von den Gräbern ihrer Väter zurück, und nahm ihnen sogar, wenn +ein paar trunkene Häuptlinge vielleicht ihre Zustimmung gegeben, wieder +Strecken hinweg, in deren _fortwährendem_ Besitz sie frühere Präsidenten +bestätigt hatten. + +Da standen, dieser Willkühr müde, im April des Jahres 1832 die +Winnebagoes, die Füchse und Sioux's auf, und wollten unter ihrem +tapferen Häuptling _Black Hawk_ -- _der schwarze Falke_ -- ihr +schönes am oberen Mississippi gelegenes Besitzthum von den frechen +Eindringlingen reinigen. Wohlbewaffnet und beritten richteten sie auch +fürchterliche Verwüstungen in den Grenzländern ihrer weißen Unterdrücker +an; sie umzingelten und vernichteten ganze Ansiedlungen, mordeten und +scalpirten jedes lebende Wesen und erfüllten den ganzen Staat mit Furcht +und Beben. + +Die Regierung sah sich endlich gezwungen ernsthafte Maaßregeln zu +ergreifen und Gewalt mit Gewalt zu vertreiben; denn die Indianer, +von ihrem leichten Sieg berauscht, drohten auch die Nachbarstaaten +mit ihren wilden Schaaren zu überfluthen. Die Generäle Atkinson und +Scott wurden deshalb mit der Vertheidigung der Grenzen beauftragt. +Unter des Letzteren Truppen aber, die man in Buffalo an Bord von +Dampfbooten schaffte, um sie in der dringenden Noth auch schnell dem +Kriegsschauplatz zuführen zu können, brach die Cholera aus -- die +übermäßige Hitze und das Zusammendrängen so vieler Menschen in einem +kleinen Raum war die Ursache, entsetzliches Elend aber die Folge dieser +Krankheit. Viele starben, Viele desertirten, und mußten dann, von Seuche +und Hunger gleich aufgerieben, in den Wäldern umkommen. General Atkinson +dagegen traf durch forcirte Märsche an der Mündung des oberen Iowa mit +Black Hawks Kriegern -- es war am 2. August -- zusammen, schlug nach +glücklichem Kampf die Indianer und nahm sogar ihren Häuptling und +dessen Sohn gefangen, die beide zuerst in Fort Monroe mehrere Monate +festgehalten, dann aber durch alle Hauptstädte der vereinigten Staaten +geführt wurden, um ihnen die Macht zu zeigen, gegen die sie einen Krieg +unternommen, und ihnen zugleich zu beweisen, wie thöricht, wie ganz +hoffnungslos jedes weitere Auflehnen gegen solche ungeheure Streitkräfte +sein müßte. + +Black Hawk erschrack besonders über die für ihn so bedeutende Anzahl +waffenfähiger junger Männer, und kehrte, bestürzt über das was er +gesehen, zu den Seinigen zurück. Er widersetzte sich auch von da an +nicht länger dem Beschluß der Regierung, die, um einem zweiten Einfall +der Wilden vorzubeugen, und sich zugleich das schöne Land vollkommen zu +sichern, was jene bis jetzt noch immer bewohnten, sämmtliche Stämme an +das westliche Ufer des Mississippi schaffte. + +Jahre waren hiernach vergangen, die Jagdgründe jener tapferen Nationen +wühlte der Pflug auf, die Gebeine der Krieger bleichten neben denen +des von ihnen selbst erlegten Wildes in Wald und Prairie, und nur noch +einzelne und nicht oft die besseren der Stämme waren zurückgeblieben und +im weiten Land zerstreut, wo sie sich mit Körbeflechten, oder auch mit +der Jagd kümmerlich ernährten. + +In dieser Zeit also und etwa im Jahre 1845 hatte sich auch ein alter +Indianer, aus dem Stamme der Winnebagoes, dann und wann in Waterton, +einem kleinen Städtchen am Forriver, eingefunden, und für Prairiehühner +oder einen gelegentlich erbeuteten Hirsch, Pulver, Blei, Whiskey und was +er sonst brauchen mochte, eingetauscht. Eines Tages aber, ob er nun des +Guten ein Bischen zu viel gethan, oder sonst vielleicht schon vorher +krank gewesen, hatte er kaum das gewöhnliche Geschäft beendet, und einen +Theil seines Whiskeys getrunken, als er krampfhafte Zufälle bekam, zu +Boden stürzte und wenige Minuten darauf den Geist aufgab. + +Allerdings wurde der Doktor -- der einzige im kleinen Städtchen und +zwar ein Ire -- augenblicklich gerufen -- jede Hülfe kam jedoch zu spät, +der arme alte Mann hatte geendet, und in einem roh gezimmerten Sarge +trug man ihn etwa eine englische Meile von der Stadt fort, wo ein +alter »Indianischer Mound« oder Erdhügel lag, der stets von dort +vorbeikommenden Wilden besucht ward und der Begräbnißort eines großen +Häuptlings der »Füchse« sein sollte. Dort, aus einer Art Zartgefühl, das +dem armen alten Indianer gerade da seine Grabstätte anwies, grub man +ihm sein letztes Bett, und bald verrieth nichts weiter, als die frisch +aufgeschüttete Erde, den stillen Ruheort eines alten Mannes, der doch +wenigstens in dem Lande schlafen durfte, in dem sein Stamm einst +geherrscht und glücklich gewesen war. + +Eine Person lebte aber in Waterton, die alles Mögliche gethan hatte, um +dieses Begräbniß zu hintertreiben, und diese Person war eben der, schon +früher erwähnte kleine irische Doktor, der -- zum Nutzen der Menschheit, +wie er behauptete -- seit dem Tode des Indianers nicht abließ mit Bitten +und Versprechungen, den Leichnam ausgeliefert zu bekommen, damit er ihn +seciren und dadurch vielleicht wichtige Entdeckungen in diesem Zweige +der Wissenschaft machen könne. -- So lautete nämlich der Grund, den er +angab, eigentlich wünschte er aber nur das Skelett zu besitzen, für das +er in New-York einen bedeutenden Preis zu bekommen wußte. + +Nun hätten sich die guten Wolferinen[1] wohl allerdings sehr wenig +daraus gemacht, was aus dem Leichnam eines Indianers wurde, die sie, +der verübten Gräuel wegen, sämmtlich in die höllischen Regionen +wünschten; eben diese Greuelscenen waren aber auch noch zu frisch in +ihrem Gedächtniß, und nicht mit Unrecht fürchteten sie, wenn so etwas von +ihrem Ort bekannt geworden wäre, die Rache der übrigen Wilden, die, wenn +auch nicht offen ausgeführt, ihrem kleinen unbeschützten Flecken um so +verderblicher werden konnte. + + 1: Spitzname für die Bewohner von Illinois. + +Überdies war der alte »_Salomo_« -- wie sie ihn genannt hatten, obgleich +er sich keineswegs zur christlichen Religion bekannt -- so lange Jahre +dort aus- und eingegangen, daß wirklich eine Art Freundschaft zwischen +ihnen aufgesprungen schien, und zugleich mit der Scheu, die _alle_ +Hinterwäldler vor dem Zerschneiden und Zerlegen eines menschlichen +Leichnams haben, widersetzten sie sich einstimmig der Bitte des Doktors. +Der Indianer wurde begraben und damit glaubten sie die Sache abgemacht. + +Dem war aber nicht so; Doktor Mac Botherme sah allerdings, daß hier mit +weiteren Protestationen Nichts mehr auszurichten sei, eins aber blieb +ihm noch, und zwar die List. Schon in Irland hatte er manchen Leichnam +stehlen helfen, und wenn auch _die_ Zeit viele viele Jahre lang hinter +ihm lag -- Jahre, in denen er noch kräftig und jung gewesen -- so +wußte er auch dafür, daß das Ausgraben eines Körpers mitten im Wald, +wo er Entdeckung gar nicht zu fürchten brauchte, mit viel weniger +Schwierigkeiten und Gefahr verknüpft sei -- ja, wäre es nicht des +unbemerkten Heimschaffens der Leiche und vielleicht der halbunbewußten +Furcht vor Indianern wegen gewesen, er hätte das ganze Abenteuer allein +bestehen können; so aber mußte er sich nach einem Gehülfen umsehen, +und den fand er augenblicklich in seinem eigenen Diener, einem erst +in demselben Monat eingewanderten, noch rohen, oder wie sie in Amerika +sagen, _wilden_ Irländer, den er leicht, durch Versprechung eines guten +Lohnes, dahin zu bewegen hoffte ihm beizustehn, wie auch später über die +ganze Sache reinen Mund zu halten. + +Um aber nun mit dem Doktor, der so kühne Absichten hatte und einer +ganzen Gemeinde und den Schrecknissen des Grabes trotzen wollte, etwas +näher bekannt zu werden, muß ich den guten Mann wohl bei dem Leser in +Lebensgröße einführen. + +Doktor Mac Botherme war ein kleines korpulentes Wesen, mit rothen +Backen, etwas echauffirter Nase, kleinen grauen Augen, grauen +Augenbraunen und pechschwarzem Haar, welches letztere ihm übrigens +ein keineswegs nordländisches Aussehen verliehen haben würde, wären +nicht die aufgestülpten Geruchswerkzeuge, wie das ganze fröhliche, +breitgedrückte Antlitz des immer munteren Doktors zu sichere Bürgen +der »grünen Insel« gewesen. Nach seiner, dem Leser eben mitgetheilten +Absicht, möchte dieser jedoch verleitet werden, den Doktor für ein +Wunder von Muth, Entschlossenheit und Charakterfestigkeit zu halten, da +er trotz der verweigerten Einwilligung von Waterton dennoch auf seiner +Absicht bestand, und jetzt sogar eine Leiche bei Nacht Nebel stehlen +wollte -- ein Geschäft, vor dem selbst der kühnste Jäger jener Wälder +zurückgeschreckt sein würde. Dem war aber gar nicht so. -- + +Doktor Mac Botherme hatte allerdings, was auch schon sein »Geschäft« +mit sich brachte, keine Furcht vor Leichen -- der menschliche Körper +war ihm etwa dasselbe, was einem eifrigen Botaniker die Pflanze +ist, die er zerlegt und nach ihren inneren Theilen classificirt; er +würde also auch das Stehlen der Leiche an sich selbst als etwas sehr +unschuldiges, ja vielleicht Interessantes betrachtet haben, wäre nicht +noch ein anderer Umstand dazu gekommen, der allerdings der ganzen Sache +eine Schattenseite gab, und ihn sogar mit einem Gefühl erfüllte, das, er +mochte sich dagegen sträuben so viel er wollte -- der _Furcht_ ungemein +ähnlich sah. + +Die Leiche lag nämlich im Wald -- eine Meile von jeder menschlichen +Wohnung entfernt, und erst vor wenigen Tagen hatten die Jäger von +Waterton gerade dort einen Panther gejagt und _nicht_ erwischt. Der +Panther mußte also noch nothwendiger Weise im Walde sein, denn es war +nicht einmal auf ihn geschossen worden, so daß man sich vielleicht damit +hätte beruhigen können, er sei verwundet und später irgendwo verendet. + +Außerdem schienen auch die Einreden der Bewohner von Waterton einen +nicht unbedeutenden Eindruck auf ihn gemacht zu haben, daß sich nämlich +in letzter Zeit wieder mehrere Indianer, und zwar von den Winnebagoes +eben in der Gegend gezeigt hätten, die, wenn sie von dem Leichenraub +eines ihres Stammes hören sollten, nie im Leben eine solche That +vergessen, sondern sie an dem Thäter und seiner ganzen Nachbarschaft +rächen würden, indem sie, wenn sie nicht dieser selbst habhaft würden, +doch wenigstens ihre Maisfelder und Häuser in Brand steckten und ihnen +vielleicht auch noch außerdem mit heimlicher Kugel im Walde auflauerten. + +Das Alles blieb zu bedenken, die Versuchung zeigte sich aber hier zu +stark, Mac Botherme konnte nicht widerstehen, und beschloß nun, der +äußeren Vorsicht und der Bequemlichkeit im Allgemeinen wegen seinen eben +angenommenen Diener Patrik O'Flaherti zu Schutz und Hülfe _mit_zunehmen +und die Sache wo möglich vollkommen geheim zu halten. + +O'Flaherti, ein wahres Muster eines Irländers der niederen Klassen, +mit brennendrothem Haar und ordentlich Funken sprühender Nase +-- starkknochig und keck, mit unverwüstlichem Humor und nicht zu +ermüdender Dienstfertigkeit, war denn auch, besonders noch durch die +zugesicherte reichliche Belohnung gelockt, gern bereit, dem Doktor, wie +er sich ausdrückte, »durch dick und dünn zu folgen,« heißt das, wenn sie +es nur »mit wirklich todten« Personen zu thun hätten, und nicht etwa gar +der Geist des »seligen Rothfells« neben dem Grabe säße und aus seinem +Tomahawk schlechten Tabak rauche. + +Auch hatte Patrik -- der sonst _keinen_ Menschen fürchtete, eine nicht +unbedeutende Scheu vor den Wilden selbst, da ihm schon in der Heimath +die fürchterlichsten Schilderungen von diesen gemacht waren, die +dort als Cannibalen und wahre Teufel verschrieen wurden. Das was er, +in Illinois angekommen, hie und da über die letzten Einfälle und +Gräuelscenen gehört, diente ebenfalls nicht dazu, ihm einen besseren +Begriff von ihnen beizubringen, und so äußerte er denn auch diese +Befürchtung ziemlich frei und offen gegen seinen neuen Herrn. Mac +Botherme, obgleich er Ihm im Innern vollkommen recht gab, hütete sich +jedoch wohl, ihm davon etwas merken zu lassen; im Gegentheil suchte er +mit dem unbefangensten Lächeln von der Welt jede etwa aufsteigende +Furcht in ihm zu beschwichtigen. + +Das gelang ihm denn auch vollkommen, und die Ausführung des Unternehmens +wurde auf den nächsten Abend festgesetzt, da an diesem, als an einem +Sonntag, nicht zu fürchten war, daß vielleicht irgend Jemand von +Waterton auf der Jagd draußen sei, und zufällig in die Nähe des +Indianischen Mound kommen könnte. Alle nöthigen Vorbereitungen wurden +nun getroffen, und der Plan schien sich auch leicht und gefahrlos +ausführen zu lassen. + +Der Doktor bewohnte nämlich ein eigenes kleines Haus mit zwei +Abtheilungen, in deren einer er und der Diener schlief, während er die +andere zu seinem Wohn- und Studierzimmer erhoben hatte. In das erstere +nun sollte die Leiche geschafft und dort zubereitet werden, bis sich +später einmal eine Gelegenheit fand, das hergerichtete Gerippe ohne +Aufsehen an den Ort seiner Bestimmung zu befördern. + +Patrik mußte sich dabei Hacke und Schaufel zurecht legen, und der Doktor +nahm die alte Muskete vom Haken, schnallte seinen breiten, bis dahin zu +Schutz und Trutz über dem Bett hängenden Hirschfänger um, steckte ein +Brecheisen und kleines Beil zu sich, um ohne weitere Mühe den Sarg +öffnen zu können, und während er noch das Letzte -- einen großen grauen +Leinwandsack über seine Schultern hing, um darin den Leichnam desto +leichter fortschaffen zu können, brachen an dem bezeichneten Abend die +Beiden, als der Mond eben unterging (und das war etwa gerade um neun +Uhr) vorsichtig auf, wobei sie, um jedes Aufsehen zu vermeiden und nicht +etwa von einem noch zufällig auf der Straße Weilenden bemerkt zu werden, +das kleine Haus umgingen, die nächste Fenz, die des Gastwirths Maisfeld +einschloß, übersprangen, und dann durch dieses hin, und von den hohen +breitblättrigen Maisstöcken vollkommen verdeckt, dem Walde zueilten. + +Es war dies allerdings ein ziemlich bedeutender Umweg, den sie machten; +sie hatten ja aber die ganze Nacht vor sich, und setzten so, leise und +geräuschlos, ihren dunkeln unheimlichen Weg fort. -- + +Indessen saßen in der Schenke von Waterton die vier einzigen _nicht_ +religiösen Männer, die, außer dem Doktor und Patrik in dem kleinen +Städtchen zu finden waren, fröhlich beisammen, und thaten dem erst +frisch von Vincennes eingetroffenem Biere alle nur mögliche Ehre an. +Diese vier waren aber erstlich James Glassy, der Wirth selbst, ein seit +der frühsten Gründung von Waterton hier eingewanderter Pennsylvanier, +und kurzweg von seinen Bekannten und Gästen _Jim_ genannt, dann _Josy_, +der Schmied, _Weppel_, der Schulmeister, und _Shark_, der Krämer. + +Eines nur, wie sie so friedlich und heiter bei einander saßen, wirkte +höchst störend auf ihre Unterhaltung ein, und zwar ein Umstand, der +vielleicht zugleich wieder die Dauer ihrer Eintracht verbürgte -- sie +waren alle viere Demokraten, hatten für Polk gestimmt, und im Ganzen +eine so genau übereinstimmende Meinung in Allem was Politik betraf, daß +Weppel der Schulmeister mehrere Male in aller Verzweiflung erklärte, er +werde nächstens _gegen_ seine Überzeugung des Whigticket stimmen, blos +um einmal in einer so verwünscht langweiligen Gesellschaft widersprechen +zu können. + +Die Politik war deshalb auch fast ganz aus ihrer Unterhaltung verbannt, +und Jim hatte eben einen Bericht gegeben, wie viel Bienenbäume er im +letzten Monat gefunden, während sich Josy seines Glücks auf der Jagd +rühmte, mit dem er in voriger Woche zwei Hirsche und drei Truthühner +geschossen und Shark behauptete dabei, er würde auch einen Hirsch und +noch dazu einen recht feisten Bock erlegt haben, wäre ihm nicht gerade, +als er die Büchse heben wollte, so eine verwünschte Rothhaut in die +Quere gekommen, die ein paar Sekunden früher geknallt, und dadurch ein +ungemein delikates Stück Wildpret für sich gewonnen hätte. + +»Wir sollten es überhaupt gar nicht mehr dulden,« fuhr jetzt Weppel auf, +»daß diese schleichenden Hallunken, diese Indianer, hier immer um die +Ansiedlung herum kriechen -- in Arkansas leiden sie's auch nicht -- ich +hielt im vorigen Jahr am Mulberry Schule, und da fingen sie einmal einen +ganzen Trupp von ihnen auf -- es waren ihrer vierzehn oder fünfzehn +-- nahmen ihnen die Jagdbeute ab und jagten sie aus dem County.« + +»Ja,« sagte Shark geheimnißvoll -- »das hat aber auch hier eine andere +Bewandtniß -- wißt Ihr denn nicht, was man sich in Vincennes über +Waterton erzählt?« + +»In Vincennes?« frug ungläubig Josy -- »was wissen sie denn in Vincennes +von uns, wovon wir hier an Ort und Stelle noch nicht einmal etwas gehört +haben sollten -- Unsinn -- wäre doch verdammt neugierig _das_ zu +erfahren!« + +»Was sie in Vincennes wissen, will ich Euch sagen,« fuhr Shark fort, +trank sein Blechmaas aus, das ihm von der aufmerksamen Wirthin +augenblicklich wieder gefüllt wurde, rückte sich seinen Stuhl ein +bischen näher zum Tisch, putzte das Licht, stemmte beide Ellbogen auf, +stützte gegen die zurückgestreckten Daumen das spitze Kinn, und sagte +dann nach allen diesen Vorbereitungen mit leise flüsternder Stimme: + +»Sie glauben, es wäre hier nicht ganz richtig.« -- + +»Nicht ganz richtig?« frugen die drei übrigen wie aus einem Munde. + +»Nein« -- sagte der Krämer -- »nicht ganz richtig -- oder eigentlich +_gar_ nicht richtig, denn die Indianer schnüffelten blos deshalb hier +noch in der Nähe herum, weil sie auf der Stelle, wo Waterton jetzt +stünde, einen Schatz vergraben hätten, den sie heben müßten, ehe sie +sämmtlich das Land verlassen dürften.« + +»Einen Schatz?« rief die junge Wirthin, erstaunt näher tretend. + +»Ja, einen Schatz von Gold, Silber und allerlei kostbaren Steinen und +Schmucksachen« -- fuhr der Krämer eben so geheimnißvoll wieder fort. + +»Aber wo sollten sie denn das Alles hergekriegt haben,« sagte der +Wirth ungläubig -- »das was die Indianer für kostbar halten, ist für +uns Weiße keinen Pfifferling werth -- das sind gewöhnlich immer nur +Muschelstückchen, die an den Wampum genäht werden, rothe Erde, um +Pfeifen d'raus zu machen, und allerlei seltene Federn, die man in +New-York für einen Spottpreis kaufen kann.« + +»Wo sie's hergekriegt haben sollen?« rief Shark in allem Eifer; +-- »haben sie denn nicht von jeher die weißen Ansiedlungen überfallen, +und da geraubt und fortgeschleppt, was ihnen unter die Hände kam? wird +denn nicht sogar behauptet, daß es in dem Alleghany-Gebirge Stellen +gebe, wo das Gold klumpenweis läge, und daß es die Indianer wohl +gefunden und mitgenommen, aber nicht gewußt hätten, was sie damit +anfangen sollten, bis sie es später durch die Gier der Europäer +erfahren! Nein, die Schätze sind da, das ist gewiß, und daß sie hier in +der Nähe liegen mögen, vielleicht gerade hier unter uns, wo wir jetzt +sitzen, das ist auch möglich. Was _hätten_ denn auch wirklich die rothen +Hallunken immer hier herum zu suchen? gestern bin ich wieder Dreien +begegnet, wie ich, um ein Eichhörnchen zu schießen, in den Wald ging.« + +»_Die_ sind nach Vincennes zu,« unterbrach ihn hier die Wirthin, »sie +wollten auch blos eine Parthie Otterfelle verkaufen und dachten gewiß +wenig genug an Schätze.« + +»So?« rief der Krämer pikirt. -- »Otterfelle verkaufen, als ob sie +deshalb nach Vincennes zu gehen brauchten. Da gibt es auch in Waterton +Leute, die Geld genug haben, ihnen ein paar lumpige Otterfelle +abzukaufen. Nein, das hat einen anderen Grund, und wir werden's schon +noch erfahren. Deshalb war ich übrigens auch so dagegen, daß der kleine +Doktor den Indianer zerschneiden sollte -- der Teufel hole die rothen +Schurken, vielleicht hätten sie das als eine Ausrede genommen, uns die +Häuser über dem Kopf angesteckt, und hier mitgenommen, was sie +mitzunehmen wünschten.« + +»Ja, das sag' ich auch« -- meinte Josy -- »das wäre auf keinen Fall +gegangen; ich weiß noch recht gut, wie sie's ein Mal in Greentown einem +Deutschen machten, der auch das Gerippe von einem am Mississippi +begrabenen Häuptling hatte stehlen wollen -- sie erwischten ihn dabei +-- zogen ihm den Scalp ab, und ließen ihn laufen -- drei Stunden drauf +war er todt. Ich habe die Geschichte Mac Botherme zur Warnung erzählt.« + +»Ja, und nachher haben sie noch fünf aus derselben Ansiedlung +erschossen,« sagte Weppel -- »ich kann mich recht gut darauf besinnen, +denn ich kam acht Tage später durch Greentown.« + +»Und dann war Salomo auch ein herzensguter Mensch« sagte Mrs. Glassy +-- »gar nicht wie die anderen Indianer -- überall gefällig und immer +freundlich -- es hätte mir in der Seele weh gethan, wenn er nicht einmal +ruhig im Grabe geblieben, sondern von dem -- Irländer da, zerschnitten +wäre. Soviel weiß ich -- wenn der hier in Waterton Menschen die +Eingeweide herausnimmt und an ihnen herumsticht als wie an einem anderen +Stück Vieh, dann mag er mir nur hier aus dem Hause bleiben, dann dank' +ich ihm für seinen Besuch -- ich ekelte mich zu Tode.« + +»Na, das wäre nun das Wenigste,« lachte ihr Mann -- »das wäscht +sich Alles wieder ab, und was Salomo betrifft, so ist Einer von den +Moccasinzertretern so schlimm wie der andere -- je freundlicher sie sich +stellen, desto mehr muß man sich vor ihnen in Acht nehmen. Aber darin +hat Shark recht -- ich möchte nachher nicht mehr vor die Thür gehen, +wenn es unter dem Stamm bekannt würde, wir hätten hier in Waterton Einen +von ihnen nicht allein nicht begraben, sondern sogar noch zerschnitten +-- am Ende glaubten sie gar, wir wären Menschenfresser.« + +»Brrr,« sagte Mrs. Glassy, und schüttelte sich bei dem Gedanken. + +»Ja Kinder,« meinte Mr. Weppel, als er jetzt aufstand und ans Fenster +trat, um hinaus auf die menschenleere Straße zu sehen -- »was Besonderes +ist hier nicht weiter zu bekommen, und da will ich denn lieber zu Hause +gehen -- meine Alte möchte doch sonst brummen.« + +»Wie viel Uhr hat's denn?« frug Jim -- »es muß ja noch früh sein.« + +»Es ist gerade neun vorbei,« sagte der Schullehrer, »der Mond drückt +sich auch da drüben in's Nest -- morgen muß ich um sieben wieder auf den +Beinen sein und Schule geben -- also gute Nacht, meine Herren.« + +»Wartet Weppel,« rief Shark, während er aufstand und nach seinem eignen +Hute griff -- »ich gehe mit -- ich muß so ein Bischen in's Freie, habe +in der Stubenluft ordentlich Kopfweh bekommen. Aber wer klopft da +draußen -- ist denn zugeschlossen?« + +Die Thüre war inwendig eingeklingt und Mrs. Glassy öffnete sie schnell, +hätte aber fast einen lauten Angstschrei ausgestoßen, als plötzlich, +halbgebückt, den rabenschwarzen runden Wollkopf entblößt, ein kleiner, +etwa zwölfjähriger Negerknabe in's Zimmer glitt, der, augenscheinliche +Angst in den dunklen Zügen, die Männer der Reihe nach ansah, und nicht +zu wissen schien, ob er mit der Sprache heraus sollte. + +»Jesus im Himmel!« sagte Mrs. Glassy, indem sie überrascht einen Schritt +zurücktrat, »habe ich doch wahrhaftig geglaubt, es wäre ein Indianer, +der da den Kopf zur Thüre herein streckte. Was willst du denn noch so +spät, Sip? schickt dich dein Master?« + +Sip war ein freier Negerknabe, der sich bei dem Baptistenprediger +vermiethet hatte, und auch dann und wann, besonders wenn sein Herr nach +irgend einem benachbarten Flecken zum Predigen gegangen war, allerhand +kleine Aufträge und Wege für das Wirthshaus besorgte, wo er sich nur zu +gern mit einem paar Centen und einem Schluck Whiskey dafür belohnen +ließ. -- Jetzt verrieth sein ganzes Wesen aber mehr Furcht und Besorgniß, +und mit leiser, bebender Stimme stotterte er: + +»Ne -- ne -- nein, Missus -- Ma -- Massa nicht, a -- aber -- ich ha +-- habe wa -- wa -- was gehört --« + +»Du hast was gehört?« + +»Ja -- Mi -- Missus« -- fuhr der Kleine ängstlich fort -- »w -- w -- wie +ich durch Ma -- Ma -- Massa Glassys Me -- Melonengarten ging --« + +»Sirrah, du Schuft,« unterbrach ihn hier Mr. Glassy entrüstet -- »was +hast du in Ma -- Ma -- Massa Glassys Melonengarten zu suchen? Hab ich +dir kleinen schwarzen Hallunken nicht verboten, meine Melonen auch nur +über die Fenz herüber anzusehn?« + +»Aber so laßt ihn doch nur erst erzählen, was er gesehen hat?« lachte +Weppel -- »der arme Bursche bringt ja sonst keine Sylbe mehr vor Angst +und Stottern heraus.« Sip schien auch wirklich dadurch, daß er sich hier +so urplötzlich selbst verrathen hatte, ganz consternirt zu sein und +stotterte eine solche Menge wirres Zeug hervor, daß ihn Mrs. Glassy +erst wieder beruhigen mußte, bis er sich nur wenigstens in so weit +verständlich machen konnte, daß sie begriffen, was er eigentlich wolle. + +Der Inhalt seiner Mittheilung bezog sich übrigens näher auf ihr kaum +unterbrochenes Gespräch, als sie im Anfang vermuthet, denn Sip erzählte +ihnen jetzt, daß er _durch_ eben den fraglichen Melonengarten, aber blos +_durch_gegangen sei, um schneller nach Waterton zu kommen, als er dicht +an der Fenz hin zwei Männer gesehen habe, von denen der Eine eine +Flinte, der andere aber Hacken und Spaten getragen. Nicht weit von ihm +seien sie eine Weile stehen geblieben und er hätte deutlich die Stimme +des kleinen irischen Doktors erkennen können, der mit seinem Diener +davon gesprochen, den todten Indianer in einen Sack zu stecken und zu +Hause zu tragen. + +Sip war eben nur deßhalb so erschreckt über das Ganze, weil er seinen +eigenen Master schon vor dem Begräbniß des Indianers sagen gehört, +sie dürften es unmöglich wagen, die Rache der noch in der Gegend +umherstreifenden Indianer zu erwecken, denn solche Menschen, die Nichts +weiter zu verlieren hätten, und dabei vielleicht noch gar eine gerechte +Vergeltung für erlittene Unbill auszuüben glaubten, seien zu Allem fähig +und würden die Weißen nachher ruhig todtschlagen, das, was sie besäßen, +rauben, und die Neger -- eine Hauptsache für _Sip_, in Gefangenschaft +schleppen. + +So unausführbar nun auch das Letztere gewesen wäre, da die Indianer, +nach einem ausgeführten Gewaltstreich, nur nach Canada hoffen durften +zu entkommen, so glaubte doch Sip, mit der Geographie des Landes wenig +bekannt, seine Existenz auf das Äußerste gefährdet, und bat jetzt die +Männer mit thränenden Augen, sie möchten doch nur um Gotteswillen nicht +zugeben, daß die bösen Menschen ihr Vorhaben ausführten. + +»Hm,« sagte nach langer Pause Weppel, als Sip geendet und schüchtern in +eine Ecke zurückgetreten war -- »der verwünschte kleine Doktor wird uns +am Ende noch zu schaffen machen.« + +»Ei potz Hammer und Zangen,« rief Josy -- -- »wir wollen ihm nach -- wer +fürchtet sich denn vor seiner alten Muskete, die nie im Leben losgeht, +und mit der er oft Stundenlang zwischen den Eichhörnchen draußen +herumschnappt. Wir wollen doch einmal sehen, ob der Fremde hier nach +Waterton gekommen sein soll, um uns hier, wider Willen, in Gefahr von +Leib und Leben zu bringen.« + +»Nein, das seh' ich auch nicht ein!« sagte Weppel -- »er hat bei uns +um den Leichnam angehalten -- er ist ihm abgeschlagen, und wenn er ihn +jetzt _stehlen_ will, so brauchen wir das nicht zu leiden.« + +»Leiden?« donnerte der kräftige Schmied dazwischen -- »der Teufel +brauchts zu leiden -- aber wir nicht -- hol' doch den ganzen Irländer +der Böse -- mag er zu seinem eigenen Land zurückgehen, wo's keine +Frösche und Schlangen giebt, wenn er aber _hier_ leben will, so soll er +sich auch den Gesetzen des Landes fügen, oder -- ich will ihn mit ein +paar Hämmern bekannt machen, zu denen er lieber Alles in der Welt, als +zum zweiten Mal den Ambos abgeben sollte. Kommt, wir wollen ihm nach, +und wenn _ich_ ihn nicht vom Leichenstehlen curire, so heißt mich einen +Holzkopf.« + +Der ehrliche Schmied drückte sich den Hut fest in die Stirn, und schien, +ohne alle weiteren Umstände, seine Absicht auch ausführen zu wollen; +Shark stellte sich ihm aber entgegen, erfaßte seinen Arm und sagte, +während er sich mit der Linken leise das glatt-rasirte Kinn strich: + +»Gentlemen, die Sache hat zwei Seiten -- der Indianer gehört nicht mehr +in den Staat -- er liegt auf _Congreßland_ begraben und _wir_ haben eben +so viel und so wenig Recht darauf, als der Doktor -- _gesetzlich_ können +wir ihm also gar Nichts anhaben. Treten wir dabei die Sache breit, und +fangen wir Streit an, so wird, mehr als nöthig ist, davon gesprochen und +die Aufmerksamkeit der Indianer noch stärker nach Waterton gelenkt, als +das bis jetzt schon geschehen; -- ließe sich das Ganze nicht auf irgend +eine andere Art beilegen?« + +»Ist er denn aber auch nach dem indianischen Grabe?« frug Mrs. Glassy +-- »das liegt doch gerade in ganz entgegengesetzter Richtung!« + +»Nun natürlich wird er nicht bei Nacht und Nebel mit Hacken und Spaten +mitten durch die Stadt laufen,« -- sagte der Schulmeister -- »so +gescheidt ist er auch. Ich habe mir's aber gedacht, ich habe mir's +wahrhaftig gedacht.« + +»Ach was _denken_,« fiel der Schmied hier ärgerlich ein -- »hol' der +Teufel das Denken, wir gehen hin, hauen ihm die Jacke voll, daß er das +Wiederkommen vergißt und machen ihm dadurch begreiflich, daß er sich, +wenn er einmal in Amerika leben will, auch so betragen soll, wie's die +Amerikaner verlangen.« + +»Meine Herrn!« unterbrach ihn hier Shark -- »dagegen muß ich zweierlei +einwenden -- erstlich habe ich einen fürchterlich hohlen Zahn, der schon +jetzt wieder anfängt wehzuthun, und den ich mir vom Doktor morgen wollte +herausreißen lassen, und dann -- könnte die verwünschte Flinte _doch_ +einmal losgehen -- _die_ Art Schießeisen wartet gewöhnlich den Zeitpunkt +ab, wo sie eigentlich nicht feuern sollte, und dann feuert sie erst +recht. In dem einen Falle bräche er mir, um sich zu rächen, vielleicht +die halbe Kinnlade aus, im anderen könnte er, was noch schlimmer wäre, +einen von uns todtschießen; ich schlage also vor, daß wir uns auf etwas +Besseres besinnen. -- Wie wäre es zum Beispiel, wenn wir ihm den ersten +Neger versprächen, der in der Ansiedlung stirbt.« + +»Oh Go -- Golly, Ma -- Ma -- Massa!« schrie Sip entsetzt, »was hat a +-- a -- arme Nigger gethan, -- N -- nein -- Sip we -- we -- weiß 'was +Be -- Besseres!« + +»Heraus denn damit, du schwarze Nothflagge du« -- lachte Weppel +-- »heraus mit dem Be -- Besseren!« + +»Massa Bo -- Botherme, fü -- fü -- fürchtet Indian -- i -- i -- ich +schreie ge -- gerad wie Indian« -- und ohne eine weitere Aufforderung +abzuwarten, stieß der kleine Neger plötzlich in so täuschender +Nachahmung und so scharf und gellend den trotzigen Schlachtschrei der +Winnebagoes aus, daß Mrs. Glassy entsetzt zusammenfuhr, und selbst die +Männer überrascht, emporfuhren. Shark hatte aber im Augenblick +begriffen, was der Knabe meinte, und rief jetzt jubelnd aus: + +»Bei Gott, Kinder, ich hab's -- Sip hat recht, das ist ein kapitaler +Einfall -- wir wollen Indianer spielen. Dunkel ist's, der Mond ist +unter, da brauchen wir nur Jeder eine weiße wollene Decke umzuhängen, +und unsere Garderobe ist fertig. Draußen schleichen wir uns denn an +das Grab hinan und wenn Sip hier zu schreien anfängt, und wir anderen +einstimmen, dann denk' ich, soll der gute Doktor glauben, alle drei +ausgewanderten Stämme säßen ihm auf dem Nacken.« + +»Da möchten wir aber auch unsere Büchsen mitnehmen,« meinte Josy, dem +der Einfall zu behagen schien, denn er schmunzelte ganz wohlgefällig vor +sich hin. + +»I Gott bewahre!« sagte der etwas ängstliche Krämer, »wozu? der Wald ist +dicht verwachsen, und so ein Ding könnte unterwegs einmal losgehen. Es +soll ja auch gar kein Ernst aus der Sache gemacht werden.« + +»Wenn sich aber der Doktor zur Wehre setzt« -- meinte Weppel. + +»Nein, dafür steh' ich,« lachte der Wirth -- »wenn der die Büsche +rascheln und nachher den ächten Schlachtschrei hört, dann möchte ich +meinen Hals darauf verwetten, daß er Fersengeld giebt, als ob der Böse +hinter ihm wäre.« + +»Aber reinen Mund müssen wir halten,« meinte Shark -- »sonst holt er ihn +später am Ende doch noch.« + +»Wenn der _einmal_ verjagt ist, kommt er sobald nicht wieder« -- sagte +Glassy -- »übrigens ist's einerlei, ob wir bei _dem_ einen ächten +oder unächten Schlachtschrei haben -- der versteht ihn doch nicht zu +unterscheiden -- was hilft auch der Kuh Muskate -- doch gleich viel, +jetzt nur fort, daß wir nicht zu spät kommen. Er ist, wie Sip sagt, +durch die Felder gegangen, da muß er einen weiten Umweg machen, bis er +an den oberen Baum kommt, der über den Fluß liegt, sonst kann er nicht +hinüber. Wir können indessen hier gleich über die Brücke und auf der +breiten Straße fortgehen, dadurch schneiden wir wenigstens eine halbe +Stunde Weges ab. Du Frauchen, magst uns aber indessen einen heißen +Punsch brauen, wenn wir wieder kommen, werden wir ihn brauchen können, +und jetzt ihr Herren -- an's Werk.« + +Es war Nacht -- droben vom Himmel blitzten in unendlicher Pracht die +schönen herrlichen Sterne vom Firmamente nieder -- ein leiser Südwind +strich fast geräuschlos über die weite Prairie daher, nur das +schwankende Gras bog er nieder, daß die hellen, daran blitzenden +Thauperlen schwer hinab auf den feuchten Boden fielen. -- Sobald +er aber das Flußthal erreichte, wo die hohen, kräftigen Bäume standen, +da gewann er auch neue Macht, da schien er sich recht fest und trotzig +zusammenzunehmen, und hinein warf er sich in die Wipfel, und rauschte +und brauste hindurch, als ob er ihnen Wunder was Wichtiges zu sagen +habe. Die aber schüttelten leise und altklug mit den Köpfen -- sie +wußten recht gut, daß von dort her, aus dem weichlichen Süden, nichts +Derbes und Tüchtiges herkommen könne. »Ja,« sagten sie, »wenn er von da +drüben herüber, über die Seen her, bliese, von den starren Eisgletschern +nieder, dann wär's noch der Mühe werth, sich dagegen zu stemmen, oder +einander die Arme zu reichen, zu Hülfe und Schutz, so aber -- laßt ihn +weiter ziehen, Schwestern -- es ist ein Südländer -- er tritt patzig +auf, flüstert einem Jeden etwas Schönes in's Ohr, und ist dann eben so +leicht verschwunden, wie er gekommen.« + +So allerlei altkluges Zeug schwatzten die Zweige und der Schuhu saß +mitten drinn und schaute gähnend in das noch vom letzten Herbst dort +unten liegende gelbe Laub, ob nicht etwa irgend ein leckerer Bissen +in Gestalt eines kleinen Kaninchens oder auch einer fetten Maus, +vorbeischleiche und ihm die unbequemere Suche erspare. + +Die Natur feierte ihren Sabath -- heilige Ruhe lag über der ganzen +Welt, sogar die Frösche riefen ihr monotones Lied nur ganz leise +und schüchtern ab, anstatt wie sonst so recht aus voller Kehle +hineinzuquaken in die stille -- hehre Nacht. Tiefe Dunkelheit lagerte +auf dem Walde, selbst die Sterne konnten nicht mit ihrem matten Licht +durch die dicht verwachsenen Zweige dringen; nur da, wo sich der kleine +Fluß seine unregelmäßige, zickzack laufende Bahn durch den fetten Boden +brach, hatten sich die Riesenwipfel getrennt und die freundlichen +Himmelskörper spiegelten sich in der klaren Fluth und schienen auf den +leichtgekräuselten Wogen zu schwimmen und zu tanzen. + +Aber auch noch ein anderer Fleck lag in der waldigen Niederung, wo +das blasse Sternenlicht seinen matten, dämmernden Eingang fand -- es +war dies eine jener tausend kleinen Waldblößen, die durch die ganzen +westlichen Wälder zerstreut sind und nur Gras und Blumen erzeugen, +während der sie umschließende Boden die kräftigsten, stattlichsten Bäume +trägt, und es schien fast, als ob nur wenige jener ungeheueren Stämme +hier herausgerissen seien, und das weite, die enge, nackte Stelle +umkreisende Waldmeer schon im Begriff wäre, sich wieder über derselben +zu schließen. + +Der freie Raum mochte kaum sechzig Fuß im Durchschnitt haben; seinen +Mittelpunkt bildete aber ein niederer, vielleicht sieben Fuß hoher +Hügel, der, mit dichtem Gras bewachsen, nur auf dem Gipfel eine Wunde +trug, wo der Rasen frisch aufgerissen schien und die in spitzem Kamm +festgeschlagene Erde den Ort verrieth, unter dem der starre Körper eines +Menschen ausruhe von allen irdischen Lasten und Leiden. + +Heimlich und still lag der schaurige Platz inmitten des grünenden +Waldes, und nur der Wolf hatte ihn, als er seine erste Runde beging, +umschlichen, und von dem frischen Grabe aus seinen Nachtgruß hinauf +geheult zu den Sternen -- die Spuren seiner scharfen Krallen +bezeichneten noch den weichen Grund. + +Aber was hob sich dort, dunkel und ungewiß, im matten Licht, dicht zu +Häupten des Grabes? War es ein Stein der Erinnerung, den die Bewohner +von Waterton dem fremden Krieger gesetzt? -- Hatten sie soweit sein +Andenken geehrt, um sogar den Platz zu bezeichnen, wo Einer der von +ihnen Vertriebenen sein Haupt berge unter den Bäumen, deren Schatten +ihn früher erquickte? Ach nein -- nein -- nicht Liebe war's, die das +erkaltete Herz hier einscharrte in seine irdene Urne -- den Leichnam +aus dem Weg zu schaffen, hatten sie gemeint; so schnell und bequem das +geschehen konnte, so schnell geschah es -- daß sie das indianische Grab +dazu gewählt, war die einzige Freundlichkeit, die sie der Race selbst +bewiesen. + +Und jener Stein? -- + +Hättest du die dunkelglühenden Augen gesehen, wie sie unter der fest und +stolz emporsteigenden Adlersfeder vorfunkelten -- hättest du den leisen +monotonen Sang gehört, mit dem er, wie in kaum vernehmbaren Flüstern, +die Todtenklage über den Geschiedenen murmelte, du hättest nicht nach +einem _Stein_ gefragt -- ein _lebendes_ Monument seines Stammes, kauerte +der Häuptling, im vollen Schmuck des Kriegers, über dem Grab -- seines +_Vaters_, und während die Linke fast bis zum Handgelenk in den weichen +lockeren Boden sank, hielt er die Rechte starr und regungslos zu den +Sternen gestreckt, als ob er Körper und Seele des Verblichenen herauf +und hernieder ziehen wolle zu sich, dem allein Zurückgebliebenen. + +Da plötzlich hob er rasch und lauschend das dunkle Haupt -- die hohe +Feder schwankte von der fast unwillkührlichen Bewegung, und mehrere +Secunden lang schien er mit der gespanntesten Aufmerksamkeit einem +noch fernen aber seinen scharfen Sinnen nicht entgangenen Geräusch zu +horchen. + +Es kam näher -- er unterschied Stimmen -- er vernahm das Krachen und +Knicken niedergebrochener dürrer Zweige, und sich jetzt vorsichtig +erhebend -- das Antlitz fortwährend der Stelle zugewandt, von der die +störenden Laute tönten, glitt er leise zurück in den schützenden +Schatten der Bäume und verschwand im nächsten Augenblick in ihrem +Dunkel. + + * * * * * + +»Ich sage dir Patrik -- du bist ein Esel!« rief Doktor Mac Botherme, +als er wenigstens zum fünfzigsten Mal über die im Wege liegenden +Äste gestolpert und gestürzt war, und eben wieder, die Schienbeine +reibend, aufstand -- »du schwatzt ja Zeug, was einen vernünftigen +Christenmenschen in seiner eigenen Wohnung zur Verzweiflung bringen +könnte, geschweige denn hier, in diesem verfluchten Wirrwarr von +knochenzerbrechenden Bäumen -- Herr Gott!« unterbrach er sich hier +selbst in halbverbissenem Schmerzschrei, als er eben wieder mit dem +Gesicht in einer der scharfdornigen Schlingpflanzen hängen geblieben +war, und sich nun sorgfältig mit der flachen Hand über Stirn und Backen +fuhr, um zu fühlen, ob er nicht blute. + +»Aber Doktor Mac Botherme« -- fuhr der dadurch ungerührte Patrik in +seinem breiten irischen Dialekte und in der eben erst unterbrochenen +Rede fort, indem er stehen blieb, Hacken und Spaten auf die Erde +niedersetzte und sich ängstlich dabei nach allen Seiten hin umsah +-- »ist es denn nicht meiner Mutter Sohn, den sie alle Augenblicke bald +rechts, bald links festhalten, als ob sie sagen wollten: »Patrik, mein +Herzchen, mein Juwel, gehe nicht weiter -- gehe keinen Schritt weiter, +in dieser gesegneten Nacht -- es kostet sonst deine Seele -- du bist ein +verlorenes Schaaf.« --« + +»Du bist ein _geborener Ochse_ -- Patrik, mein Herzchen!« rief der +Doktor ärgerlich, dem die Angst seines Gefährten keineswegs gelegen kam. +»Hab' ich dir nicht schon zehntausend Mal gesagt, daß es die Zweige und +wilden Rebenstöcke sind, in denen du hängen bleibst; -- wenn du dich +nicht jedesmal bücktest und an zu beten fingst, so könntest du's selber +sehen.« + +»Arrah Sir« -- seufzte der sich hier höchst unbehaglich befindende Ire, +»mag's mir die Mutter Maria vergeben, daß ich mich bei Nacht in solch +heidnischen Wald getraut habe; aber so viel weiß ich -- bin ich erst +einmal wieder in der Stadt -- keine Seele kriegt mich zum zweiten Mal in +eine solche Gegend. -- Und nun auch erst noch Leichen ausgraben« -- fuhr +er mit weinerlicher Stimme fort, als der Doktor indessen, sich wenig +um seine Klagen kümmernd, die Gegend recognoscirte, in der sie sich +befanden; -- »Leichen ausscharren, wie's die wilden Bestien in Afrika +machen sollen -- und Leichen zu Haus tragen und kochen, wie ein anderes +ehrliches Stück Rindfleisch -- o Jäses, o Jäses, wenn uns heute der Böse +nicht holt, dann giebt's gar keinen!« + +Patrik hatte in aller Verzweiflung sein Handwerkszeug fallen lassen, +und kauerte sich, die Hände über die Knie gefaltet, ängstlich nieder. +Mac Botherme kannte aber den Geist, der seine Geister_furcht_ zu bannen +vermochte -- aus seiner Tasche holte er die mit Leder überzogene +Feldflasche vor, zog den Stöpsel ab und hielt sie mit ausgestrecktem +Arm dem Muthlosen entgegen. + +»Hier Patrik!« sagte er dabei -- »deine Einbildungskraft wird trocken +-- gieß ihr ein wenig Bergthau auf die Wurzeln -- nachher erholt sie +sich wieder, und -- bedenke, daß du, wenn du mir jetzt getreulich +beistehst, nach glücklich abgelaufenem Abenteuer zwei Dollar baar Geld +und -- zwei Gallonen -- sage zwei Gallonen Whiskey erhältst, und den +zwar vom besten!« + +»=Honey my dear!=« sagte Patrik, der schon bei dem Abziehen des Stöpfels +den Kopf gehoben und einen flüchtigen aber sehnsüchtigen Blick nach der +Flasche hinübergeworfen hatte. -- »Doktor Mac Botherme ist der Mann, +der einem armen gedrückten Menschen wieder Muth einsprechen kann in der +Noth. Doktor Mac Botherme ist ein ordentlicher wirklicher Christ, wie +Vater O'Rhoole sagte, wenn er Sonntags den Beichtpfennig kriegte.« + +»Sei nur jetzt ruhig, Patrik!« beschwichtigte ihn der Doktor, und warf +einen scheuen Blick umher -- »wir können nicht mehr weit von der Stelle +sein, und je ruhiger wir das ganze Geschäft abmachen, desto besser ists. +Es -- es könnte ja doch =per= Zufall so eine verwünschte Rothhaut im +Walde herumkriechen, und dann ist's immer besser, man schreit so wenig +als möglich. Komm Patrik -- in einer Stunde kann unser ganzes Geschäft +abgemacht sein.« + +Er war im Begriff seinen Weg fortzusetzen, als Patrik, der indessen die +Flasche an sich genommen hatte, plötzlich seinen Arm ergriff, und leise +flüsternd, aber mit ängstlicher Stimme sagte: + +»Und sind es wirklich die rothen, blutdürstigen Deiwels, die einem +rechtschaffenen Christen die Haut vom Kopfe ziehn und Geldbeutel +d'raus machen? sinds die rothen Indianer, von denen Doktor Mac Botherme +fürchtete, daß sie hier herumschnüffeln und Lust nach Paddy O'Flahertis +Goldhaar haben könnten?« + +»Rede nicht so albernes Zeug, Pat!« sagte der Doktor, und machte seinen +Arm von dem des Dieners los -- »komm lieber, und sei gescheidt -- denk +an den Whiskey und an die Dollar, denn nicht der rothe Pfennig oder der +klare Tropfen ist's, den Patrik O'Flaherti zu schmecken bekommt, wenn er +jetzt noch lange mit Zweifeln und Reden die Zeit vertrödelt!« + +Der würdige Doktor hatte sich auf die Art mit Willen in eine Art Zorn +hineingeärgert, damit er die eigene Furcht beschwichtige, und ohne eine +weitere Einwendung abzuwarten, schritt er rasch vorwärts, und hatte so, +wenn auch unbewußt, die beste Methode gefunden, seinen Begleiter folgen +zu machen, denn der wäre nicht, um alle Versprechungen der Welt, allein +im Walde zurückgeblieben. Nur wenige hundert Schritte brachten sie aber +auch an das ersehnte Ziel, und Patrik schüttelte sich leise, da er den +stillen heimlichen Fleck erblickte, dessen Ruhe sie mit frechen, +unheiligen Händen entweihen wollten. + +»Patrik,« flüsterte der Doktor -- »das hier ist die Stelle -- _hier_ +ist das Grab -- da gerade in der Mitte. -- So, nun nimm deine Hacke und +Spaten herunter und ich will indessen die Flinte laden gieb mir einmal +das Pulverhorn -- wir werden's hoffentlich nicht brauchen, aber der +Henker traue doch dem Frieden -- besser ist besser -- nun? hörst du +nicht, Pat? das Pulverhorn will ich haben!« + +»Und ist es das, was Ihr verlangt?« frug Patrik erstaunt, »steckt denn +nicht Alles in Eurer eigenen Tasche?« + +»Unsinn, Pat!« sagte der Doktor ärgerlich, während er sich jedoch die +Taschen befühlte, ob er das Geforderte vielleicht dennoch in Gedanken +eingesteckt habe. -- »Unsinn Pat, _hier_ ist's nicht -- und da nicht +-- und da vorne auch nicht -- ich hab' es dir ja auch, einen Augenblick +ehe wir fortgingen, in die Hand gegeben.« + +»Segne Eure Seele Herr!« rief Patrik schnell -- »und ist es weiter +Nichts wie das lange Kuhhorn mit dem grünen Bindfaden d'ran, was Ihr +sucht?« + +»Nein, das gerade -- hast du's? --« + +»O Misther -- macht Euch keine Sorge deßhalb, das hängt ruhig am Nagel +hinter der Thür.« -- + +»Holzkopf!« rief der Doktor entrüstet -- »hab' ich dir nicht noch +ausdrücklich befohlen -- du solltest dich in Acht nehmen, daß es nicht +naß würde.« + +»Arrah, Ochone, Herr, und ist das nicht eben die Ursache, weshalb ich's +hinter die Thüre hing?« erwiederte der unverwüstliche Ire -- »wie hätt' +ich's können trocken halten, wenn's heut' Abend regnete?« + + +»=O sancta simplicitas!=« murmelte der Doktor -- »da -- jetzt sitzen wir +in einer ganz gemüthlichen Patsche -- _wenn_ nun die Indianer kämen, +Patrik, _wenn_ sie nun kämen?! -- das war der dümmste Streich, den +deines Vaters Sohn seit langer Zeit gemacht -- jetzt hab' ich doch das +Schießeisen mit geschleppt, daß mir die ganze linke Schulter so blau +ist, wie ein deutscher Sonntagsrock.« + + +Patrik, der ungefähr eben so viel vom Laden eines Gewehrs wie vom +Clavierspielen verstand, konnte gar nicht begreifen, weshalb sein +»Misther« so ärgerlich sei -- da sie ja doch den _Whiskey_ nicht +vergessen hatten; er begnügte sich deshalb bloß, einfach mit dem Kopf +zu schütteln, gehorchte nun aber auch eifrig dem in etwas barschen Ton +gegebenen Befehl, »abzuladen« und die Arbeit zu beginnen. Er warf also +die mitgebrachten Werkzeuge in's Gras nieder, nahm dann die breite Hacke +auf, die er in der Hand wog und sich schüchtern dabei umschaute, als +wenn er nicht ganz sicher wäre, wie er das Werkzeug zu gebrauchen +hätte, zur Arbeit oder gar zur Vertheidigung, und schritt dann langsam, +und augenscheinlich mit schwerem Herzen dem Mittelpunkt der kleinen +Lichtung, dem Grabe zu, wo er stehen blieb und nun unruhig den Blick +nach allen Seiten umherwarf. + +Der kleine Doktor hatte sich indessen des großen unbehülflichen Sacks +entledigt, den er auseinander wickelte, dann das Beil und Brecheisen +hervornahm, um später, wenn der Sarg erst einmal zu Tage gefördert war, +nicht weiter aufgehalten zu werden, und wandte sich nun an seinen +Gefährten, der noch immer keine Anstalt machte, zu beginnen. + +»Patrik -- =honey=!« sagte der würdige Mann, während er den Spaten +aufnahm und den Hügel rasch hinanschritt, »Patrik mein Herzchen, komm +und lass' uns munter an's Werk gehen. -- Je länger hier, je später dort +-- hier ist das Grab und der rothe Bursche liegt starr und steif d'rin +-- denk' an den Whiskey, Paddy!« + +»Und ist es nicht der Whiskey, der mich bis jetzt lebendig gehalten +hat« -- sagte Patrik und that einen herzhaften Zug aus der jetzt fast +geleerten Flasche, die er aber sorgfältig in seine eigene Tasche +zurückschob -- »war es nicht die liebe Himmelsgabe, die mich getränkt +und gewärmt hat -- aber Misther Doktor -- segne unsere Seele -- ich +wollte es wäre vorbei -- s'ist schauerliche Arbeit, den verkehrten +Todtengräber zu spielen -- hallo, was war das?« + +»Was war _was_?« rief der Doktor erschreckt, und sah sich nach allen +Seiten um. »Was war _was_, Sir?« + +Beide horchten aufmerksam in den dunkeln Wald hinein, aber nur das leise +Rauschen der Bäume, das melancholische Quaken der Frösche konnten sie +hören -- sonst lag Alles still und ruhig um sie her, wie das Grab zu +ihren Füßen. Der Doktor gewann dadurch wieder Muth und rief mürrisch: + +»Nun hab' ich's satt -- Sirrah -- hack' ein und mach' ein Ende -- wir +wollen doch nicht die ganze _Nacht_ hier auf dem Grabe zubringen.« + +»Mit Gott denn« -- sagte Patrik, zog seinen Rock aus, warf den alten +Filz auf die Erde, streifte sich die Hemdsärmel auf, spuckte sich in die +breite sehnige Hand, ergriff die Hacke und holte eben zum ersten Schlage +aus -- da krachten und brachen -- gar nicht weit von ihnen entfernt, +die Büsche -- durch die kleine Lichtung strich, von irgend etwas im +Walde aufgescheucht -- eine große Eule, und in kurzen Zwischensätzen +war es den beiden, jetzt starr wie Bildsäulen dastehenden Iren, als ob +irgend Jemand -- ob Hirsch, ob Mensch, ließ sich nicht unterscheiden +-- durch das vorjährige gelbe Laub springe, mit dem der Boden in den +amerikanischen Wäldern das ganze Jahr über bedeckt bleibt. + +»Doktor -- was war das?« flüsterte Patrik leise, während er die Hacke +bedächtig wieder zu seinen Füßen niedersetzte. + +»Weiß der Teufel,« brummte Mac Botherme, »ob's bloß ein Hirsch war, +der durch einen fallenden Ast aufgescheucht wurde -- das _muß_ es auch +gewesen sein, -- wer, zum Henker sollte denn jetzt --« + +»Doktor -- Misther Doktor,« zischelte Patrik und blickte sich scheu, +bald über die rechte, bald über die linke Schulter -- »Patrik O'Flaherti +ist's, dem's unheimlich zu Muthe wird -- Jäses -- ich wollte ich läge in +Waterton im Bett und hätte im Leben keine Hacke in der Hand gehabt.« -- + +Beide Männer blieben eine kurze Zeitlang wie angewurzelt stehen, und +horchten mit gespannter Aufmerksamkeit auch dem leisesten Geräusch +-- aber Alles lag wieder todtenstill und ruhig -- selbst der Wind +schien erstorben -- kein Lüftchen regte sich. + +»Patrik,« sagte der Doktor, aber mit so leiser Stimme, daß er selbst +kaum vernahm was er sprach -- »Patrik -- wir wollen unsere Arbeit +schnell vollenden, und dann machen daß wir zu Hause kommen -- es ist +unheimlich hier auf dem freien offenen Fleck mit dem dunklen Wald rings +herum.« + +Patrik erwiederte kein Wort, sondern warf nur noch einen Blick zurück +gegen das Dickicht und einen Blick nach vorn, hob dann die Hacke und +schlug sie, bis zu dem Stiel, tief in den weichen lockeren Boden ein. +Als ob aber der Schlag eine Zauberformel gewesen wäre, die alle bösen +Geister der Unterwelt mit Blitzesschnelle heraufbeschworen hätte, so +schien in demselben Moment der ganze Wald einen einzigen wilden Schrei +auszustoßen, und zugleich raschelten die Büsche -- knackten und brachen +die Zweige, und heraus aus dem Dickicht -- Gespenstern gleich, mit den +fast übernatürlich gellenden Tönen, brachen sechs, in fliegende Decken +gehüllte Gestalten vor, und stürmten gerade den flachen Hügel hinan auf +die beiden starr und entsetzt dastehenden Leichenräuber ein. + +Starr und entsetzt dastehenden -- ja -- im ersten Augenblick der +Überraschung -- als noch Jeder von ihnen glaubte er träume, da so etwas +Fürchterliches ja gar nicht wahr sein könne -- plötzlich aber -- wie +der erste Gedanke an Indianer ihr Hirn durchzuckte, gewannen auch die +Glieder ihre ganze frühere Gelenkigkeit, wenn nicht in einem zehnfach +vermehrten Grade wieder. Patrik schrie: »O Jäses!« ließ die Hacke +fallen und war mit zwei Sätzen im entgegengesetzten Theile des Waldes +verschwunden, der Doktor aber, keineswegs gesonnen, seinen kräftigen +Beistand so enteilen zu sehen und allein zurück zu bleiben um dessen +Rückzug zu decken, war kaum weniger behende auf seinen Fersen, und rief +ihm zu, doch nur um Gotteswillen stehen zu bleiben und ihn mitzunehmen. + +Patrik, der in dem eigenen Rascheln der Zweige wohl die Stimme hinter +sich hörte, doch keineswegs einzuhalten gedacht, um die Leute zu +unterscheiden -- glaubte natürlich nicht anders als es sei Einer seiner +rothhäutigen Verfolger -- beflügelte also deßhalb seinen Lauf um so +mehr, warf Alles, was ihn an schneller Flucht hindern konnte, von sich, +und erreichte nach kurz zurückgelegter Strecke den kleinen Fluß, den er +übrigens erst bemerkte, als er bis an den Hals im Wasser stack, aus dem +er sich nur mit größter Anstrengung zum anderen Ufer hinüberarbeiten +konnte. Das nun, obgleich es steil und schlüpfrig war, erklomm er in +ungeheuerer Schnelle, und trotz dem, daß hier Mac Botherme mit wirklich +zärtlichem Tone seinen Namen rief -- wandte er nicht einmal den Kopf, +sondern stürzte sich in wahrer Todesverachtung auf's Neue in Dornen und +Schlingpflanzen hinein. + +Der Doktor wäre ihm allerdings von Herzen gern gefolgt, konnte aber +nicht schwimmen, und hatte nur noch so viel Geistesgegenwart, daß +er begriff, wie ihm hier, wenn er nicht gerade von den Indianern +ausdrücklich verfolgt werde, keine weitere Gefahr drohe. Da er auch, um +in die benachbarten Ansiedlungen auf Krankenbesuche zu reiten, den Wald +schon nach allen Richtungen hin durchschnitten hatte, so wußte er doch +wenigstens ungefähr, wo er sich befand, und wollte jetzt am Fluß hinab +gehen, um dort zuerst die Brücke, und mit dieser die Stadt in vielleicht +einer Stunde zu erreichen. Durch die bestandene Gefahr waren aber seine +Sinne geschärft und er vernahm jetzt zu seinem Entsetzen, daß gerade in +der Richtung, die er einschlagen wollte, ebenfalls irgend etwas in den +Büschen raschelte. + +Was es sei, sollte ihm nicht lange verborgen und eben so wenig Zeit zum +Besinnen bleiben -- im nächsten Moment theilten sich die Sträucher und +eine dunkle Gestalt, mit -- wie er damals glaubte -- weißbemaltem +Gesicht sprang in wilden Sätzen auf ihn zu. + + + * * * * * + +Um aber nun erst wieder zu unseren beiden Leichenräubern zurückzukehren, +so hatten Patrik O'Flaherti und Doktor Mac Botherme auch übrigens, als +sie sich in so kitzlicher Lage auf dem Grabe befanden, alle Ursache +gehabt zu erschrecken, denn so plötzlich und ohne weitere Warnung +von allen Seiten angegriffen zu werden, wo ihnen noch überdies ihr +Gewissen sagte, daß sie im Begriff wären etwas Unerlaubtes und äußerst +Gefährliches zu thun, mußte sie das Schlimmste fürchten lassen, wenn sie +besonders in die Hände ihrer wilden Feinde fielen, die sich Patrik gar +nicht anders denken konnte, wie Menschenfresser; die Eile, mit der +sie alles Hierhergebrachte zurückließen, war also vollkommen zu +entschuldigen. Jubelnd und lachend rannten indessen die Amerikaner, +keineswegs gesonnen, ihnen weiter zu folgen, bis zu dem Gipfel des +Hügels vor, von dem sie die Resurrectionisten vertrieben hatten, und +Sip, der mit den wunderlichsten Sprüngen und Grimassen nebenher getanzt +war, stieß eben noch, als Schluß- und Kraftakkord, und gleichsam +um der Sache die letzte Politur zu geben, den markdurchschneidenden +Kriegsschrei aus, der in die Ohren der beiden Flüchtlinge gellte und sie +zu immer wilderer Eile antrieb. + +»Gentlemen!« rief da Shark und schwenkte seinen alten Filz -- »der Sieg +ist gelungen -- die Festung erstürmt -- die Besatzung mit Zurücklassung +ihrer Fahnen und Geschützstücke entflohen und ich stimme dafür, daß --« + +Wie von einer Natter gestochen, fuhr er zurück, denn dicht vor ihm +stand, den blitzenden Tomahawk in der Hand -- die wollene Decke leicht +von den Schultern geworfen, die wehenden Federn noch schwankend von +der raschen Bewegung -- ein wirklicher, lebendiger Häuptling -- ein +»scalpsüchtiger« Wilder -- ein Rächer der geschändeten Grabstätte. + +Die Übrigen mußten ihn, da sie ihre Aufmerksamkeit bis dahin nur den +Flüchtigen zugewandt hatten, noch gar nicht bemerkt haben, und Shark +blieb mehrere Secunden lang marmorgleich vor der wie aus dem Grabe +herausgestiegenen Gestalt stehen, Sip aber -- vom vielen Schreien +ordentlich blauschwarz im Gesicht -- wollte eben über den Hügel +wegspringen, um wahrscheinlich im Walde selbst die Entflohenen noch mit +einem »allerletzten« Male zu beglücken, als er fast gegen den Indianer +stieß, der jetzt seinerseits ebenfalls staunend dastand, und nicht zu +wissen schien, ob die Männer, die er im ersten Ansturm und im Dunkel der +Nacht gleichfalls für Indianer gehalten, jetzt aber als Weiße erkannte, +Freunde oder Feinde wären. + +Sip war übrigens nicht der Mann, der einem wirklichen Indianer lange +Stich gehalten hätte -- denn _daß_ es einer war, erkannte er auf den +ersten Blick. Mit flüchtigem Rücksprung warf er seinen Nachbar, den +entsetzten Shark, zur Seite, und floh nun, so schnell ihn seine Beine +trugen, in das ihm nächste Dickicht. + +Sip's Geistesgegenwart gab aber auch Shark sich selbst wieder -- kaum +sah dieser nämlich in der Flucht des Negers seine eigene Furcht +bestätigt, als er, ohne seine Gefährten weiter mit Blick oder Wort zu +warnen, dem Beispiel des Negers folgen wollte, leider aber in der ihm im +Wege liegenden und in das Grab eingehauenen Hacke hängen blieb, und mit +gellendem Angstruf zu Boden stürzte, da er sich in diesem Augenblick +schon wenigstens für scalpirt hielt. + +Weppel -- auch den Kopf von Indianern voll, sah kaum die Angst der +Gefährten, als er sich gar keine weitere Mühe gab, den Grund ihres +Schrecks zu erforschen, sondern nur seine eigenen Gliedmaßen eben so +schnell in Sicherheit zu bringen suchte, und Josy -- sonst der Muthigste +von Allen und einer jener kräftigen Pioniere, die oft mitten in der +Wildniß ganzen Schaaren von Wilden Trotz geboten, wurde hier förmlich +überrumpelt. Ein Theil der Seinen floh -- Einer brach, mit dem +Angstschrei auf den Lippen, vor seinen Füßen zusammen -- hoch auf dem +Grabe erkannte er in den dämmernden Umrissen den indianischen Krieger +-- was blieb ihm da anderes zu glauben übrig -- als sie wären von irgend +einem hier verborgenen Stamme überlistet, und er selbst -- waffenlos +mitten zwischen ihnen -- konnte jetzt nur noch hoffen, durch schnelle +verzweifelte Flucht sein eignes Leben zu retten. + +Mit der Gewandtheit eines aufgescheuchten Panthers sprang er zur Seite, +um einem etwa auf ihn abgeschossenen Pfeil, oder gar der tödtlichen +Kugel zu entgehen, und suchte nun, wie die Übrigen, das schützende +Dunkel zu erreichen. + +Shark, der sich nur das Schienbein ein wenig aufgeschlagen hatte, sprang +indessen ebenfalls wieder empor, und brach in wilder Verzweiflung in +das Dickicht, wobei er sich wenig darum kümmerte, welcher Richtung er +folgte, so er nur für den Augenblick seinen Scalp in Sicherheit brachte. +In tollen Sätzen drängte er sich oft in so dicht verwachsene Dornmassen +hinein, daß er nur mit zerfetzten Kleidern und blutig gerissenen +Gliedern einen Ausweg finden konnte; übersprang dabei Gräben und +umgestürzte Stämme, fiel in Sumpflöcher und Bäche, rannte gegen Bäume +und Büsche an, und erreichte endlich das Ufer des kleinen Flusses, an +dem er, rücksichtslos wohin ihn das führe, hinaufstürmte, diese Bahn +mehrere hundert Schritte verfolgte, und plötzlich -- großer Gott, so muß +er in blinder Flucht dem Feinde gerade in den Rachen rennen -- vor einer +dunklen Gestalt stand, die eben im Begriff schien ihn zu erfassen. + +Einen Schrei ausstoßen und seitab in den Fluß springen, wurde zum +Werk eines Augenblicks, aber auch Doktor Mac Botherme, denn dies +war der Gefürchtete, wartete den vermutheten Angriff nicht ab -- mit +Blitzesschnelle wandte er sich und da er in dem Moment auch noch das +nahe Plätschern im Wasser hörte, was ihn natürlich gar nicht anders +glauben ließ, als daß die Feinde beabsichtigten, ihm die Flucht +abzuschneiden und deßhalb jetzt den Strom durchschwömmen, so brach +er wieder zurück in den Wald, floh hier noch einige hundert Schritt +gerad'aus, und warf sich dann zum Tode matt und jedem weiteren +Rettungsversuch durch eigene körperliche Anstrengung entsagend, neben +einer umgestürzten, halbverfaulten Eiche nieder, an deren weichen +Stamm er sich dicht hinanschmiegte, um vielleicht dadurch noch der +Aufmerksamkeit der Verfolger zu entgehen. Er hatte etwas Ähnliches +einmal in einem Buche gelesen. + +Nach allen Richtungen hin durchtobten die Flüchtigen den Wald, und auf +dem bedrohten Grabe, vom düsteren Lichte der Sterne matt beschienen, +stand ernst und feierlich die hochaufgerichtete Gestalt des indianischen +Kriegers, und sang mit leiser, monotoner Stimme das Todtenlied des +Verblichenen. -- + +Am nächsten Morgen war Waterton in fürchterlicher Aufregung. -- Josy +traf zuerst ein, und die Aussage des sonst so ruhigen und von Allen als +nichts weniger als ängstlich gekannten Mannes, daß sie, die Waffenlosen, +gestern Abend von Indianern überfallen worden seien, versetzte Alle in +die peinlichste Bestürzung. Die Ursache wurde ebenfalls bald bekannt und +ließ sie das Schlimmste fürchten. + +Was sollten sie jetzt thun? einen Courier nach Vincennes senden und +von dort Hülfe holen? -- Auf jeden Fall hatten die schlauen Wilden das +vorausgesehen und hielten den Weg besetzt. Der Bote also, hätte sich +wirklich Einer zu solch gefährlicher Aufgabe gefunden, wäre rettungslos +verloren gewesen. Weppels und Glassys Aussagen, die fast zusammen und +bald nach Josy eintrafen, vermehrten nur noch die Bestürzung, da sie die +erstgehörte Unglückskunde nicht allein betätigten, sondern sogar noch +hinzufügten, daß sie den ganzen Stamm und zwar mit den Kriegsfarben +bemalt gesehen hätten, -- wonach Waterton also das Äußerste erwarten +durfte. + +Shark betrauerte man als erstes Opfer der Rache, denn Josy hatte ihn, +wie er fest und bestimmt behauptete, fallen sehen, sich aber natürlich +nicht weiter um ihn bekümmern können. Auch die beiden Irländer wurden +noch vermißt und man konnte nicht anders glauben, als daß sie ebenfalls +in die Hände der im Hinterhalt lauernden Feinde gefallen wären, welche +Befürchtung sich um so mehr bestätigte, da bis Sonnenuntergang am +nächsten Tage keiner der Dreie in Waterton erschien, während die +Bewohner des kleinen Städtchens in wahrhaft fieberhafter Aufregung Alles +hervorsuchten, was nur irgend als Waffe dienen konnte, um dem in jeder +Secunde erwarteten Angriff und Überfall zu begegnen. Besonders steigerte +sich gegen Tagesanbruch am zweiten Morgen ihre Angst auf das Höchste, +da sämmtliche Stämme gewöhnlich in dieser Zeit aus ihrem Hinterhalt +hervorbrechen. -- + +Aber siehe da, kein Überfall erfolgte, die Sonne stieg still und +majestätisch über den rauschenden Wipfeln der Bäume empor, und ihr +Strahl fiel auf kein wildes Blutvergießen, ihr freundliches Licht +leuchtete keinem mörderischen Angriff -- ihr heiteres Auge sah auf keine +rauchenden Trümmer und zuckende Leichen hernieder. + +Die Zurückhaltung der Indianer wurde räthselhaft -- der Mittag verging +-- die Sonne neigte sich schon wieder ihrem Untergang -- kein Laut ließ +sich hören, kein fremdes Wesen näherte sich der Stadt. Da endlich -- es +fing schon an zu dämmern, -- wankte mit bleichem Antlitz und zerfetzten +Kleidern, zum Tode matt vor Hunger und Angst, Doktor Mac Botherme herbei, +und er, der noch gestern ein Gegenstand der höchsten Entrüstung gewesen, +da man nur auf seine Schultern die entsetzliche Gefahr sämmtlicher +Watertonisten wälzte, erschien ihnen jetzt wie ein Erlöser, der sie von +Furcht und Noth befreien konnte. + +Mac Botherme konnte ihnen aber auch nur wenig Auskunft und Trost geben +-- das, was er bezeugte, klang eben so schrecklich, als sie es sich in +ihren wildesten Träumen gedacht. -- Er hatte den ganzen Wald voll Wilder +gefunden -- hinter allen Bäumen waren sie vorgesprungen, im Fluß wie +die Fische herumgeschwommen, und nur durch ein Wunder konnte er ihnen +entgangen sein. Halbverhungert und im Walde verirrt war ihm zuletzt das +Leben selbst eine Last geworden, und er hatte, als er endlich einen +bekannten Weg fand, beschlossen, nach Waterton zurückzukehren, mochten +es nun die Indianer zerstört haben oder nicht. + +Da -- während noch Alle um den Doktor geschaart standen und mit +ängstlicher Spannung seinen Worten lauschten, meldeten die indessen +ausgestellten Wachen einen auf dem Fahrweg herankommenden einzelnen +Wanderer, in dem Josy bald darauf zu seinem unbegrenzten Erstaunen den +für todt gehaltenen Shark erkannte. Aber großer Gott, wie sah der aus +-- beinahe sechsunddreißig Stunden hatte er den Wald in wilder Angst +durchstreift, und brach auch, als sich die Freunde um ihn sammelten, +erschöpft und bewußtlos zusammen. Unter guter Pflege erholte er sich +zwar in kurzer Zeit wieder, seine Aussage stimmte dann aber auch +haarklein mit der des Doktors überein, und es blieb nun keinem Zweifel +mehr unterworfen, daß ihre Stadt und sie selbst von Indianern bedroht +gewesen, diese jedoch wahrscheinlich aus Furcht vor der Rache der Weißen +einen ernstlichen Überfall unterlassen hätten. + +Der Doktor wollte nun allerdings wissen, wie es käme, daß so viele +Männer von Waterton an jenem Abend im Wald gewesen seien, darüber +beobachteten aber die dabei Betheiligten ein wirklich musterhaftes +Schweigen, und da auch Patrik O'Flaherti verschwunden blieb, so dauerte +es eine geraume Zeit, ehe man es wagte, die Häuser und Familien wieder +zu verlassen, um jenen Grabhügel zu besuchen, auf dem fast ein Jeder die +Überreste eines vollständigen indianischen Lagers zu finden erwartete. +-- + +Allerdings staunten sie, als sie hier keine Spur mehr von Indianern +entdecken konnten, denn sie waren mit Wehr und Waffen ausgezogen, den +Feind zu bekämpfen. -- Der Platz lag noch so öde und still da, wie an +jenem Abend, selbst Spaten und Hacke und die Kleidungsstücke der beiden +Leichenräuber deckten, wie sie von ihren Eigenthümern hingeworfen +worden, den Boden -- nur der Hügel selbst zeigte eine Veränderung. Das +Grab des Indianers war geöffnet -- der Sarg erbrochen -- die Leiche +-- fort. -- + +Wie die Wilden so spurlos verschwunden sein konnten und was aus +dem von ihnen selbst begrabenen Indianer geworden, blieb Allen ein +undurchdringliches Geheimniß -- nur am Fluß fand Josy die tief +eingetretene Spur eines Moccasins, und die an dieser Stelle weit +hinausgewachsene Wurzel einer alten Sycomore machte es möglich, daß +hier ein Canoe gelegen haben konnte. Das blieb freilich Alles nur +Vermuthung, und da sämmtliche an jener Scene betheiligte Personen in +ihrer Schilderung einen ganzen indianischen Stamm gesehen zu haben +übereinstimmten, so zweifelte von dem Augenblick an Niemand mehr an der +Wahrheit des Berichteten. Patrik O'Flaherti und Sip wurden für todt +gehalten. + +Patrik O'Flaherti und Sip waren aber keineswegs todt, sondern hatten +nur nach verschiedenen Richtungen hin ihre Flucht genommen, und die +Ansiedelungen, die sie zufällig erreichten, durch ihre entsetzlichen +Erzählungen in Furcht und Schrecken versetzt. Sip kehrte erst nach +vierzehn Tagen nach Waterton zurück, Patrik aber wanderte, so schnell +ihn seine Gliedmaßen trugen, nach Vincennes und von da nach den +östlichen Staaten zurück, da er erklärte »sein goldenes Haar nicht nach +Illinois getragen zu haben, daß so ein verdammter rothfelliger Schurke +Staat damit machen sollte.« Was aber Waterton anbetraf, so erwähnte er +von der Zeit an nie den Namen der Stadt, ohne dabei zu bemerken, das +wäre auch noch ein Ort, in dem er sein Glück könnte gemacht haben, wenn +ihn nicht die Indianer bei Nacht und Nebel überfallen, alles Lebende +scalpirt, und die Wohnungen niedergebrannt hätten, wobei er selbst nur +noch durch ein Wunder dem Tode entgangen wäre. -- + +Den tief beschatteten Foxriver hinab steuerte indessen ein einsamer +Krieger der Winnebagoes sein leichtes Canoe, während vorn, zwischen den +Rippen, die dem schwachen Fahrzeuge Festigkeit gaben, in seine wollene +Decke eingehüllt, der starre Körper des alten Indianers lag. Der junge +Häuptling aber sang leise, indeß sein Ruder still und geräuschlos die +leichte Barke über die spiegelglatte Fläche trieb, und den Takt schlug +zu dem wehmüthig monotonen Lied: + + »Früher warst Du ein Häuptling -- + Der Wald hier gehörte Dein, + Jetzt führ ich Dich leise und heimlich + Hinunter den stillen Strom -- + Und früher warst Du ein Häuptling.« + + »Früher warst Du ein Häuptling + Die Erde gehörte Dein, + Jetzt mußt' ich Dich daraus stehlen + Sie gönnten Dir selbst kein Grab -- + Und früher warst Du ein Häuptling.« + + »Früher warst Du ein Häuptling + Und zähltest der Krieger viel, + Jetzt flüchtet mit Deiner Leiche + Dein einziger Sohn -- allein -- + Und früher warst Du ein Häuptling. --« + +Weiter und weiter glitt der Rindenkahn auf dem leise murmelnden Fluß +hin -- weiter hinab, zwischen Weiden und Erlen, und den schwankenden +silberbehangenen Birken; und der Whippoorwill sang in den Sträuchen sein +wehmüthig-klagend Lied, und der Nachtfalke stieg kreischend empor von +dem knorrigen Ast, auf dem er geruht. -- Der Tag dämmerte und das +leckere Mahl wollte er sich noch suchen vor der Morgenröthe. Auch die +Eule wurde wieder lebendig und ihr antwortete -- weit weit aus der +fernen Prairie herüber -- der graue Wolf, der seinen Rundlauf beendet +und jetzt zu dem heimlichen Versteck mit unhörbarem Tritt zurückschlich. +-- Und dort -- dicht hin unter den thaubehangenen Zweigen, die sich +tief hinabbeugten zu der klaren Fluth, und von ihr erfaßt, unruhig +erzitterten und bebten, -- dicht hin, unter dem feierlichen Rauschen der +jungfräulichen Eichen, in denen der Morgenwind seine Riesenakkorde griff +-- glitt das Canoe des Indianers und sein Todtensang mischte sich mit +dem fröhlichen Lebensgruß des jungen Tages. + + + + +Nordamerikanische Jagd. + + Jagd auf Hirsche. -- Auf Truthühner. -- Ein amerikanischer Jäger. + -- Bärenjagd. -- Der Panther. -- Der Wolf. -- Der Fuchs. -- Der + Waschbär. -- Das Opossum. -- Schnepfen in Louisiana. -- Ausrüstung + des amerikanischen Jägers. -- + + +Die vereinigten Staaten von Nordamerika, vor noch nicht gar langer Zeit +das unbegränzte Jagdgebiet der wilden Indianerstämme, sind jetzt zwar +von diesen geräumt und der weiße Jäger durchzieht nur mit wenigen +Ausnahmen, allein die ungeheuren Wälder und Steppen des gewaltigen +Reiches; aber auch die zahlreichen Büffelheerden und Rudel von +Riesenhirschen (=Elks=), die sonst das Land belebten, sind von +den sicheren Büchsen der Amerikaner und eingewanderten Ausländer +erlegt, oder mit den rothen Söhnen der Wildniß weiter nach Westen +zurückgetrieben worden; immer aber schreitet noch manch stattlicher +Hirsch im Schatten des mächtigen Urwaldes einher und Bären und Panther, +wie verschiedene andere kleine Raubthiere, zwingen den Ansiedler der +westlichen Niederlassungen, fast auf jeder Farm, -- so nennt man die +einzeln liegenden Häuser und Felder der Amerikaner, -- eine Meute Hunde +zu halten, um seine Hausthiere vor der Mordgier derselben zu schützen. + +Stets ein eifriger Jagdfreund, konnte ich, in Amerika angekommen, den +lockenden Beschreibungen jener Wälder nicht lange widerstehen, und +verließ von unbezwingbarer Lust für das edle Waidwerk getrieben, bald +nach meiner Ankunft in New-York, die östlichen Staaten, um den fernen, +so viel gepriesenen Westen aufzusuchen, aber nicht etwa in Schiff oder +Wagen, sondern zu Fuß, mit der Doppelflinte auf der Schulter und beim +geringsten Geräusch, das rechts oder links am Wege laut wurde, zum +Schusse fertig. Sehr häufig sah ich mich dabei im Anfang durch die +frei im Walde weidenden Heerden getäuscht, und ich weiß mich noch recht +gut des Abends zu erinnern, wo ich, wohl eine halbe Stunde lang durch +dornige Schlingpflanzen und Sumpfstellen über umgestürzte Bäume und toll +und wild umhergestreute Äste hinweg, ja durch einen, über drei Fuß mit +Wasser gefüllten Bach fortkroch und lief, weil ich irgend etwas, das +langsam brummend und im Laube raschelnd von mir weg ging und, wie +ich einmal auf einen Augenblick erkennen konnte, schwarz aussah, +beschleichen wollte. + +Zu hitzig in der Verfolgung, nahm ich mir nicht einmal Zeit, nach einer +Fährte zu sehen, und war nicht wenig überrascht, als ich endlich, mit +der Hülfe eines kleinen, schmalen Thales, das ich wie der wilde Jäger +durchraste, um dem Bären, denn für nichts Geringeres hielt ich mein +ausersehenes Opfer, den Weg abzuschneiden, ein gemüthlich im dürren +Laube wühlendes, zahmes Schwein fand, das, als es mich erblickte, +stutzte, mich anschnob und unwillig grunzend in das Dickicht trollte. +Ich kam damals in starke Versuchung, dem unschuldigen Geschöpf eine +Ladung Posten nachzusenden, mußte aber doch selbst zuletzt über den +komischen Irrthum lachen und war nur froh, daß ich bei der ganzen +Geschichte keinen Zeugen gehabt hatte. + +Wilde Sauen giebt es in den vereinigten Staaten gar nicht, außer wild +gewordene zahme, die jedoch dann nur von den dort angesiedelten Farmern +geschossen werden dürfen; jede andere Jagd ist frei. + +In den östlichen Staaten fand ich sehr wenig jagdbares Wild -- Rebhühner +und Kaninchen ausgenommen, denn der deutsche Hase fehlt ebenfalls, soll +aber, westlich von den Felsengebirgen, am stillen Meere, ziemlich häufig +sein. Die Rebhühner sind kleiner als die unsrigen und auch etwas anders +gezeichnet; ihre äußeren Schwungfedern zum Beispiel ganz grau; auch ist +ihr Ruf anders wie der unseres Rebhuhns, denn sie pfeifen. + +Die Kaninchen kommen den unseren fast ganz gleich und leben in Erdbauen +und hohlen Bäumen, färben aber im hohen Norden im Winter und werden +weiß. + +Vielen Spaß machten mir später, als ich den Staat Illinois mit seinen +ungeheueren Prairien oder Steppen durchzog, die sogenannten Prairiehühner, +die sich hier in gewaltigen Ketten zusammengethan hatten. Ich wollte +erst meinen Augen gar nicht trauen, wie's überall um mich herum +emporschwirrte und _tausende_ von starken Hühnern aufstiegen; fand aber +bald so viel von ihnen, daß ich die Suche gern aufgab und nur dann und +wann, am Wege hin, schoß was ich brauchte. + +Das Prairiehuhn ist etwa von der Größe unseres Haushuhns -- von +graulicher Farbe, mit befederten Ständern und kurzem, feldhuhnartigem +Schwanz; der Hals ist aber lang wie beim Truthahn und die Flügel sind +ganz denen der Fasanen ähnlich. Es fliegt eben so wie das Rebhuhn; ich +habe aber stets gefunden, daß es selten vor einer englischen Meile +wieder einfiel, was denn das Nachsuchen sehr beschwerlich macht. Das +Fleisch ist, die Brust ausgenommen, nicht sehr besonders und steht dem +der Truthühner bedeutend nach; seine Federdecke aber ist im Winter so +dicht, daß es ziemlich starken Schrot erfordert, hindurchzudringen. +Sonst ist die Jagd auf dasselbe ungemein leicht, denn es scheut den +Menschen sehr wenig und kommt Morgens und Abends selbst zu den in den +Prairien zerstreuten Farmen, um sich auf den Fenzen (Einzäunungen) +derselben niederzulassen, wo es dann natürlich sehr leicht erlegt werden +kann. Beim Eintritt kalten Wetters fallen sie gern auf die Bäume und +sind in dieser Zeit, besonders wenn es etwas stark gefroren hat, +fast gar nicht wieder aus den Zweigen des einmal gewählten Baumes +herauszutreiben. Ich selbst schoß eines Morgens fünf von einer niedrigen +Eiche, in der etwa zwanzig bis dreißig standen, einzeln herunter, und +die übrigen blieben ruhig oben. Wagenladungen voll werden von ihnen nach +St. Louis und die benachbarten kleineren Städte auf den Markt gebracht, +und es leben viele Leute, die sich blos mit der Jagd derselben +beschäftigen. + +St. Louis gegenüber kreuzte ich den Mississippi und wanderte von hier +durch den dichten Wald dem südlicher liegenden, wegen seiner Jagd +berühmten Arkansas zu. Nahe bei St. Louis ist jedoch sehr wenig Wild; +Feldhühner und Kaninchen wieder ausgenommen; auch lebt hier noch der +sogenannte amerikanische Fasan, der sonderbarer Weise in einem weiter +südlichen Klima nicht gedeiht. Obgleich ihn aber die Amerikaner Fasan +nennen, so ist er doch keineswegs dem unsrigen gleich, sondern +unterscheidet sich von diesem in vielen Stücken. + +Es giebt zwei Arten -- den im Norden, in Canada, fand ich von graulicher +Farbe, mehr dem Prairiehuhn ähnlich -- der weiter südlich kam dagegen +dem deutschen etwas näher und sah bräunlich aus. Auf dem Kopfe trägt er, +wie dieser, einen Federschmuck; doch fehlt ihm das Spiel gänzlich, statt +dessen schlägt er im Affect ein Rad mit dem Schwanz und schleift wie +der Truthahn. Die Ständer sind wie bei dem Prairiehuhn befiedert und +er lebt, dem Feldhuhn gleich, in Ketten zusammen, hat aber noch die +sonderbare Angewohnheit, in der Balzzeit sich auf umgestürzte Stämme +oder abgehauene Baumstümpfe zu stellen und an diese mit den Schwingen zu +schlagen oder, wie es die Amerikaner nennen, zu »trommeln,« was man eine +lange Strecke weit hören kann. Sein Fleisch ist äußerst zart und weiß, +und er gehört zu dem besten Federwild der vereinigten Staaten. + +In Missouri nun findet sich in großer Anzahl der amerikanische oder +sogenannte virginische Hirsch, den ich vor allen Dingen etwas näher +beschreiben will, ehe ich zur Jagd desselben übergehe. + +Er ist bedeutend kleiner als der unsrige, und ähnelt in vielen Stücken +dem Damwild, trägt auch den Wedel statt der Blume; aber ein von dem des +Damwildes sehr verschiedenes Gehörn. + +Sein ausgelegtes Geweih zählt selten mehr als vier, höchstens fünf und +sehr selten sechs Enden, obgleich ich einst im Walde ein abgeworfenes +fand, an welchem ich dreiunddreißig Enden zählte. + +Dabei ist es, ungleich dem des amerikanischen Riesenhirsches oder +Elks, nach vorn zu gebogen und giebt ihm ein ganz eigenthümliches, +fremdartiges Aussehen. Äußerst selten findet man gefleckte oder weiße +Hirsche. + +Das Rothwild färbt dreimal im Jahre. Im Januar nimmt der Hirsch sein +Winterkleid an und wird »grau«; im April erscheint er »roth« und wird +im August und September »blau«! Das Thier färbt stets etwa vier Wochen +später als der Hirsch. Zum Gerben eignen sich die Decken am besten vom +Mai bis Ende September, wo sie besonders in diesem letzteren Monat die +meiste Festigkeit erlangen. + +Die Brunftzeit der Hirsche fällt durch die vereinigten Staaten, wegen +ihrer großen Ausdehnung nach Norden und Süden, sehr verschieden; -- in +Arkansas, das etwa in der Mitte liegt, nimmt man an, daß sie mit dem +ersten Frost eintritt, also etwa im October; -- weiter unten, in +Louisiana, fällt sie später, -- im Norden früher. Die Thiere setzen im +April und Mai ein bis zwei, ja manchmal drei Kälber, die bis zum Herbst +gefleckt bleiben und dann mit den übrigen »blau« werden. + +Jagdgesetze existiren wohl in den vereinigten Staaten, werden aber nicht +im mindesten beachtet und jeder schießt, wann es und was ihm beliebt; +daß dies übrigens dem Wildstand ungeheueren Schaden thun muß, liegt klar +am Tage, und nur die wirklich erstaunliche Menge von Wild hat bis jetzt +der Ausrottung widerstehen können. Die Jagdbenutzung, d. h. wie sie bei +den Jägern dort gebräuchlich ist, will ich der Sonderbarkeit wegen +hierher setzen. + +Januar. Die Hirsche stehen jetzt mit dem Wilde in Rudeln beisammen; die +Schmalthiere sind feist, und werden des Wildprets und Feistes wegen, die +Hirsche selbst nur der Wilddecke wegen geschossen, da der Jäger von den +letzteren nur diese und die Keulen mitnimmt, das übrige Wildpret aber +den Raubthieren und Aasgeiern überläßt. Ende Januar fangen starke +Hirsche schon an ihr Geweih abzuwerfen und dieser Monat, wie Februar +und März, heißt die »graue Jahreszeit!« + +Februar wie Januar. + +März. Das Rothwild hält sich jetzt, des Färbens und der überhand +nehmenden Mosquitos und Stechfliegen wegen, in den unzugänglichsten +Dickichten auf und Decke sowohl als Wildpret ist schlecht. Der März ist +daher der einzige Monat im Jahr, in welchem nur hie und da einzelne +Stücke geschossen werden; will ein Jäger aber eins haben, so zündet er +gewöhnlich in der Nähe eines Dickichts einen umgestürzten Baumstamm an, +-- das Wild kommt dann herbei, und stellt sich in den Rauch, um dadurch +Schutz gegen die quälenden Insekten zu finden. + +April. Die Thiere fangen an zu setzen und besuchen, wie die Hirsche, die +Salzlecken. Ende dieses Monats beginnt die »rothe Jahreszeit« und dauert +bis Mitte September. Die Hirsche fangen an ihr Geweih aufzusetzen. + +Mai. Die Jagd an den Salzlecken, bei Kienfackeln und angerichteten +Gestellen, wird jetzt ernstlich betrieben und Hirsche und Thiere werden +geschossen. + +Juni. Die Thiere sind jetzt ebenfalls vollkommen roth; die Hirsche +werden feist und stehen, abgesondert von den Thieren, in Rudeln von +sieben, acht und mehr Stücken gewöhnlich in einem bestimmten Waldorte +beisammen, so daß man sicher darauf rechnen kann, sie hier im Umkreis +von zwei bis drei englischen Meilen zu finden. Einer der schwächsten +Hirsche ist gewöhnlich der Führer und erlegt man diesen zufällig zuerst, +so daß er im Feuer zusammenstürzt, so hat man nicht selten Gelegenheit, +die Übrigen, so schnell man laden kann, nachzuholen. Die Thiere werden +jetzt nur der Decke wegen geschossen. + +Juli -- wie Juni. -- Kälber sind alt genug, um geschossen zu werden; +Hirsche fangen an zu fegen, vernachlässigen aber die Salzlecken. + +August. Bei den Hirschen beginnt die »blaue Jahreszeit« und sie sind +nun am feistesten, die Decken auch in diesem und dem nächsten Monat +am geeignetsten für die Bereitung für Moccasins -- (Indianische +Halbstiefel.) + +September. Desgleichen. + +October. Mitte dieses Monats beginnt gewöhnlich die Brunftzeit, oft auch +erst zu Anfang November, besonders in recht späten Wintern. Nun eröffnet +sich für den amerikanischen Pürschjäger die beste Jagdzeit, denn der +Hirsch, den Fährten des Schmalthieres folgend, durchzieht ziemlich +sorglos den Wald und kann leicht erlegt werden, was jetzt nur der Decken +wegen geschieht, die, nach dem Gewicht verkauft, wenn getrocknet, von +starken Hirschen sechs bis acht, ja wohl auch neun Pfund wiegen. + +Die Geweihe haben ihren ganz vollkommenen Zustand wieder erreicht. + +November. Desgleichen. + +December. Vorzüglich Jagd auf Schmalthiere, die jetzt, wenn ein gutes +Eicheljahr war, anfangen feist zu werden. Hirsche und Thiere stehen +wieder in Rudeln zusammen. + +Das ist ungefähr Alles, was über die in Amerika gebräuchliche Ordnung +bei der Hirschjagd zu sagen ist. Diese selbst wird auf dreierlei Arten +betrieben. Die erste ist das _Pürschen_, die zweite die _Hetze_ und die +dritte die _Nacht-_ oder _Feuerjagd_. + +Das Pürschen bleibt sich natürlich in allen Ländern gleich und ist auf +jeden Fall nach der Bärenhetze die edelste und schönste Jagd. + +Das Hetzen erfordert in dem wilden, unbebauten Lande, wo oft fast +undurchdringliche Dickichte die verfolgenden Hunde wie nachsetzenden +Jäger aufhalten, eine genaue Kenntniß des Bodens und Wechsels, und +eignet sich auch mehr für ein Land, wo das Wild schon dünner wird und +der Jäger froh ist, mit seiner ganzen Meute in einem halben Tag einen +Hirsch aufzujagen; aber auch in Arkansas, wo es noch Hirsche genug +zum Pürschen giebt, wird, den Winter hindurch wenigstens, diese Jagd +vorgezogen; im Sommer jedoch, wo die Hitze am Tage sehr drückend und +das Tragen der schweren Büchse zu beschwerlich ist, nimmt der Jäger zum +Feuer seine Zuflucht und schießt sein Wild Nachts bei der Kienflamme. + +Sollte es übrigens unseren deutschen Jägern auffallen, daß Rothwild, +sonst das Feuer scheuend, bei diesem erlegt werden kann, so muß ich hier +bemerken, daß es in Amerika unter ganz anderen Verhältnissen aufwächst. +Im Frühjahr durchzieht wohl kein Jäger in jenen Gegenden den Wald, ohne +das dürre Laub, was oft vier bis sechs Zoll tief den Boden bedeckt, +an eben so vielen Stellen anzuzünden, als er sein Lager aufschlägt, +oder sein Mittagsmahl kocht. Es ist dies nicht allein um das Laub zu +beseitigen und den neuen jungen Graswuchs zu befördern, sondern auch das +lästige Unterholz und die Dornen und Schlingpflanzen etwas zu tödten, +die sonst in einigen Jahren so überhand nehmen würden, daß an eine +Pürschjagd gar nicht mehr zu denken wäre. Solche Waldbrände greifen aber +selten oder nie gesunde und kräftige Stämme an, sondern beschränken sich +darauf, die am Boden liegenden Blätter und trockenen Dornen zu verzehren, +kleineres Buschwerk zu tödten und die dürren, halb oder ganz verfaulten +und umgestürzten Stämme in Brand zu stecken. + +Die Hirsche gewöhnen sich hierdurch ganz an diese Feuer und sammeln +sich, besonders im Frühjahr, gern um sie, bezeigen daher auch nicht +die mindeste Furcht, wenn sie ihre gewöhnliche Salzlecke annehmen und +dort eine helle Flamme finden. Ihre großen, klaren Lichter der Gluth +zuwendend, schreiten sie still herbei und stürzen meistens, von der +sicheren Kugel getroffen, ehe sie nur die Nähe eines Feindes ahnen. + +Eine solche Jagd anschaulicher zu machen, will ich eine der von mir bei +Salzlecken durchwachten Nächte beschreiben. + +Es war im Jahr 1842, als ich im Monat April unterhalb Little Rock, der +Hauptstadt von Arkansas über den Arkansas-Fluß ging und die Sümpfe +durchstrich, die auf dem linken Ufer desselben um die sogenannte +Bayou-Meter (eine Art Fluß mit fast gar keiner Strömung, der im +Arkansas entspringt und auch wieder in denselben mündet) herum lagen. + +Es ist ein gar trauriges Jagen in solchen Sümpfen, besonders im +Frühjahr, wenn der größte Theil derselben noch überschwemmt ist und +die Mosquitos dem sie Durchwandernden auch nicht die mindeste Ruhe +gestatten. Dabei sticht die Sonne am Tage so brennend, wie mitten im +Sommer, und fast keine Nacht vergeht, in der nicht ein Gewitter den im +Freien Campirenden, wenn er sich nicht schon darauf vorgesehen hat, +tüchtig durchweicht. + +Am Fuße einer niedrigen Hügelreihe dem Laufe eines kleinen Baches +folgend, kam ich zu einem flachen, sumpfigen Fleck, der mitten im sonst +schönen, grünen Rasen so von Hirschen ausgetreten war, daß ich, in einem +Raume von dreißig bis vierzig Schritt im Durchmesser, auch nicht die +Spur von Grünem darauf sehen konnte. Es schien eine jener salzigen +Sumpfstellen zu sein, die das Rothwild besonders im Frühlings-Anfang +aufsucht, während es, weiter im Sommer, mehr die trockenen, Salz +enthaltenden Lehmufer der keinen Bäche annimmt. Kaum vier bis +fünfhundert Schritt von der erwähnten Stelle standen Kiefern, und ich +war schnell entschlossen, die Nacht an der Lecke, oder wie es im +Englischen genannt wird, »=lick=« zu wachen. + +Vor allen Dingen errichtete ich, etwa zwanzig bis fünfundzwanzig Schritt +von dem am meisten besuchten Theil der Salzlecke, ein kleines Gestell, +wozu ich mit meinem Tomahawk (indianisches Beil) vier Holzgabeln abhieb +und diese, das Gerüst etwa vier Fuß hochlassend, in den Boden trieb. + +Auf darüber hingelegten Querhölzern wurden jetzt grüne Zweige +ausgebreitet und diese etwa fünf Zoll dick mit Erde und Rasen bedeckt, +damit das Feuer nicht hindurch brennen konnte. Als das geschehen, ging +ich mit meiner wollenen Decke und dem Tomahawk zu den Kiefern und +Fichten zurück, und spaltete leicht aus den dort wildumhergestreuten +Stämmen genug fettes Kienholz, um die ganze Nacht eine gute Flamme zu +unterhalten, das ich nachher in der Decke zur Salzlecke trug und um das +Gerüst herum aufhäufte, damit ich es in der Nacht leise und geräuschlos +abnehmen und auf die niedergebrannten Kohlen legen konnte. Eine andere +Vorsichtsmaßregel war aber jetzt noch zu treffen. Im Westen thürmten +sich wieder dunkele, drohende Wolkenmassen auf und ließen mich nicht +ohne Grund vermuthen, daß ich vor anbrechendem Tageslicht nähere +Bekanntschaft mit ihnen machen würde. Mehre der umher liegenden Stämme +mußten daher ihre Rinde abgeben, von der ich eine bedeutende Quantität +zu meinem Verstecke hinschaffte, um im Nothfall davon Gebrauch machen zu +können. + +Da ich noch Zeit genug behielt, baute ich mir jetzt auch eine +kleine Vorrichtung, die Büchse (ich hatte schon seit Jahren das leichte +Schrotgewehr gegen die schwere Büchse vertauscht) auflegen und sicherer +schießen zu können, stellte mir dann Messer, Kugeltasche und Pulverhorn +zurecht, sah nach den Zündhütchen, daß die nicht wieder im Augenblick +der Noth im Unterfutter säßen und dachte, nachdem ich mein »Handwerkszeug« +in Ordnung hatte, jetzt auch ein wenig an den leiblichen Menschen, zu +dessen Stärkung ich ein paar Stücke gedörrten Hirschwildprets, die +Hälfte eines kalten Truthahns und eine Scheibe Maisbrod hervorholte. + +Der vorbeifließende kleine Bach sah gerade nicht eben einladend aus, +doch sind Hunger und Durst ein guter Koch; ein Becher voll des etwas +bräunlichen Wassers spülte das trockene Brod und Fleisch hinunter, +und ich würde mich sehr wohl und behaglich befunden haben, wären die +Mosquitos in dem niederen Lande nicht wie ganz wahnsinnig gewesen. Im +Anfang, als ich mich hinsetzte, kamen nur wenige angeflogen und sogen +sich voll; diese mußten aber den anderen wohl erzählt haben, wie gut +mein Blut schmecke, denn scharenweis drängten sie jetzt auf mich ein, +und hätt' ich sie ruhig gewähren lassen, so würden sie mich, noch vor +dem nächsten Morgen, so trocken wie einen Bückling ausgepumpt haben. In +der Dämmerstunde sind sie überhaupt stets am schlimmsten, und ich konnte +mich kaum gegen sie schützen, bis endlich die Schatten der Nacht sich +auf den Wald zu lagern begannen und der =Whip poor will= (Nachtvogel, +eine Art Ziegenmelker) sein eintöniges Lied sang. + +Ich schlug jetzt Feuer, steckte den Schwamm in eine Handvoll dürrer +Blätter und erhielt durch Blasen bald eine helle Flamme, die ich mit +fein gehaltenen Kienspänen nährte und nun mein Feuer oben auf dem +Gestell entzündete. + +Es war indessen völlig dunkel geworden und die helle Flamme, gerade über +mir, unter der ich völlig im Schatten saß, bewies sich als der schönste +Mosquito-Ableiter, den es nur auf der Welt geben konnte. Zu Tausenden +stürmten sie in die Gluth, die sie eben so schnell vernichtete, und +mit wahrhaft teuflischer Schadenfreude saß ich darunter und sah sie +elendiglich umkommen. + +Ich konnte jetzt auch mit Ruhe mein Abendbrod beendigen, das ich, der +peinigenden Insekten wegen hatte niederlegen müssen, und schaute +lauschend dabei umher, die Ankunft eines Stückes Wild erwartend. + +Es ist ein herrliches Gefühl, in stillem Waldesdunkel bei der rothen +Kienflamme zu wachen, die um den Jäger einen Lichtkreis von kaum mehr +als vierzig Schritt im Durchmesser zieht, in welchem die gewaltigen, +magisch beleuchteten Stämme gleich Riesengespenstern zum schwarzen +Nachthimmel emporstarren. Wenn nun in weiter Ferne ein einzelner +Wolf sein klägliches Geheul erhebt, das seine Brüder von den Hügeln +beantworten, wenn die Eule mit ihrem eintönigen Ruf, die quakenden +Frösche und zirpenden Grillen einfallen und so ein eigenthümlich wildes +Concert entsteht, -- dann wird es Einem bei dem flackernden Feuer +ordentlich schauerlich behaglich zu Muthe. + +Diese Töne verhallen aber nach und nach, sobald erst wirklich die Nacht +ihr Reich antritt, und von zehn Uhr ungefähr herrscht eine nur selten +vom =Whip poor will= und von einzelnen Fröschen unterbrochene +Todtenstille. + +Jetzt mußte aber auch der Mond bald aufgehen, und mit äußerster +Aufmerksamkeit horchte ich dem leisesten Geräusch, jedem Rascheln der +Blätter, jedem Säuseln des Windes durch die hohen Baumwipfel. Um durch +den schimmernden Lauf nicht geblendet zu werden, hatte ich eben das +Visir über die Kienflamme gehalten und geschwärzt, dabei auch eine +Handvoll frischer Späne auf die fast niedergebrannten Kohlen gelegt +und hüllte mich wieder in meine wollene Decke ein; -- denn wenn auch +die Sonne den Tag über recht heiß brannte, waren die Nächte doch kühl; +-- als nicht weit entfernt von mir ein dürrer Zweig krachte. Das war +ein Stück Wild, und mit Blitzesschnelle griff ich nach der neben mir +lehnenden Büchse. + +Die Salzlecke, an der ich wachte, lag in einem sie dicht umschließenden +Gebüsch, das, von den riesenhaften Bäumen des sumpfigen Thallandes +überragt, keinen Strahl des jetzt eben das Firmament erhellenden Mondes +hindurchließ; der von dem Rothwild benutzte Platz selber aber war +länglich oval und an ihm entlang floß der kleine, schon früher erwähnte +Bach, dessen gegenüberliegenden Rand niedere, dichte Büsche einfaßten. + +An eine starke Eiche geschmiegt, hatte ich an dem einen Ende der Lecke +mein Gestell errichtet, damit ich die ganze Länge derselben beschießen +könnte, und gerade mir gegenüber schien das eben gehörte und sich +jetzt wiederholende Geräusch herzutönen. Regungslos lauschte ich mit +zurückgehaltenem Athem den lang ersehnten Lauten, als -- trap -- trap +-- trap -- in langsam abgemessenen Zwischenräumen der schwere Schritt +eines Hirsches zu mir herüberschallte. Jetzt stand er und ich wußte, er +äugte nach der Flamme. Schnell und geräuschlos spannte ich den Hahn und +machte mich fertig; wohl zwei Minuten aber konnt' ich auch nicht das +Geringste mehr vernehmen; der Kien fing schon wieder an etwas düsterer +zu brennen und ich mußte frisch nachlegen, als die Schritte aufs Neue +hörbar wurden, und gleich darauf glühten ein Paar rothfunkelnde Lichter +aus dem die Salzlecke umgebenden Gebüsch zu mir herüber. In demselben +Augenblick theilten sich auch die Zweige und vorsichtig und bedächtig +mit hochgehobenem Kopfe und vorgestreckten Lauschern betrat ein +stattlicher Hirsch, kaum zwanzig Schritte von mir entfernt, die kleine, +eingeschlossene Ebene. Er windete einige Secunden lang nach der Flamme +herüber, denn der Kiengeruch mochte ihm nicht recht behagen, konnte aber +den Wind nicht von mir bekommen und kam jetzt gerade auf mich zu. + +Ich war jedoch indessen auch nicht müßig gewesen, hatte die Büchse +gehoben und den nichts Böses ahnenden ruhig auf's Korn genommen, und +gerade, als er wieder stand, mit etwas mißtrauischem Blicke das Gestell +und die dicht daneben aufgehäufte Rinde betrachtete und mit dem rechten +Vorderlauf ungeduldig die Erde schlug, berührte mein Finger den Stecher +und hoch aufspringend stürzte er schreiend zusammen. + +Ich trat schnell hinter die Flamme, wo ich vor allen Dingen meine Büchse +wieder lud, und schaute dann nach dem Hirsche hinüber; er war aber schon +verendet und lag bewegungslos dort. + +Um nicht einen anderen, sich vielleicht in der Nähe befindenden, Hirsch +zu verscheuchen, verhielt ich mich übrigens ganz ruhig und ging nicht +hinaus, ihn abzufangen; aber wohl eine volle Stunde hatte ich wieder +gesessen, ehe ich auf's Neue nahendes Wild hörte. + +Dies Mal waren es mehr Stücke, und ohne sich im mindesten aufzuhalten, +ja ohne nur die Flamme eines Blicks zu würdigen, betraten sie den +offenen Fleck und wollten ihn eben, ohne sich weiter um die Salzlecke zu +bekümmern, kreuzen, als ein junger Spießer, der Führer der Ihrigen, von +dem frischen Schweiß Witterung bekam und schnaubend absprang. Wohl wußte +ich, daß mir jetzt nicht lange Zeit zum Überlegen bleiben würde, drum +hob ich schnell die Büchse und in demselben Augenblick krachte auch der +Schuß; mit einem Satz überflog aber der Spießer den Bach und war gleich +darauf im Dickicht verschwunden. Als sich der Pulverdampf verzogen +hatte, konnt' ich keines der übrigen Schmalthiere mehr sehen und nur +in der Ferne hörte ich sie schnaubend und pfeifend davon eilen. + +Ich hatte eben wieder geladen, als, zwar noch fern, aber doch schon +recht deutlich und freundlich mahnend ein dumpfer Donnerschlag zu mir +herüberdröhnte, der mir mit klaren Worten erzählte, was ich zu erwarten +hatte. Vor allen Dingen nahm ich daher ein Paar brennende Kienspäne, um +mir den Anschuß und den Schweiß zu besehen, um daraus zu beurtheilen, +wie weit der Spießer wohl noch gegangen sein könne; denn schickt in +diesen Sümpfen ein richtiges Gewitter seinen selten fehlenden Begleiter, +den Regenguß, herunter, so ist's nachher mit dem Ausmachen sehr +unsicher, weil die Fährten nachher gewöhnlich in einem freundlichen +Gemisch von Schlamm und Wasser zusammenlaufen, und wenn nicht die +Aasgeier, die merkwürdig rasch bei der Hand sind, das verendete Stück +anzeigen, sieht's mit dem Finden oft traurig aus. + +Mit meiner schnell gemachten Fackel ging ich jetzt dem Platze zu, +überzeugte mich aber gar bald, daß der Hirsch einen Lungenschuß bekommen +hatte und nicht weit fort sein könnte. Schweiß lag im Überfluß auf dem +Anschuß und in der Fährte; als ich aber eben über den Bach hinüber +wollte, um den Platz, wo der Spießer lag, aufzusuchen und zu verbrechen +oder ihn abzufangen, wenn er noch nicht verendet sein sollte (in Amerika +ist allgemein der Kälberfang Sitte und kein Jäger genickt ein Stück +Wild), als einige große, schwere, fallende Tropfen das jetzt rasend +schnell herbei eilende Gewitter verkündeten; ich ließ also Hirsch Hirsch +sein und sprang zu meinem Gestell zurück, nahm schnell das Feuer +herunter, das ich im Innern sicher niederlegte, um die Kohlen zu +bewahren und es nachher, wenn alles Andere naß sein würde, wieder +anzünden zu können, und deckte nun die vorsichtig herbeigeschafften +Rindenstücke dachartig über das Gerüst, indem ich sie, um mir unter +demselben einen größeren Raum zu gestatten, etwa einen Fuß breit an +jeder Seite vorstehen ließ. + +Der Mond war von ungeheueren Wolkenmassen verdeckt und rabenschwarze +Nacht umgab mich; die fast ohne Unterbrechung zuckenden Blitze aber +gewährten hinlängliches Licht zu meiner Arbeit, und ich war kaum damit +zu Stande, als es auch anfing, wie aus Eimern und Dachrinnen zu gießen. + +Mein Regenschutz bewies sich ausgezeichnet, aber ich war doch +gewissermaßen wieder unter die Traufe gekommen, denn die Mosquitos, +jetzt nicht mehr durch das Feuer abgeleitet und den trockenen Schutz +unter meinem Aufbau behaglicher findend als den nassen Regen draußen, +noch dazu da solch ein süßes Stück Menschenfleisch, in eine dünne +wollene Decke gewickelt, nur ganz zu ihrer Bequemlichkeit dorthin +gesetzt schien, fingen an mich so wüthend zu umschwärmen und zu +peinigen, daß ich schon mein Dach verlassen und lieber den fluthenden +Regen als diese Myriaden von Vampyren ertragen wollte, als mir noch zum +Glück die Kohlen einfielen, die ich auf einem Stück Rinde liegend und +mit Rinde zugedeckt neben mir hatte; schnell blies ich sie zur Flamme +empor, und ein kleines Feuer unterhaltend, auf welches ich nasses Holz +legte, erzeugte ich einen solchen Rauch, daß ich fast zusammen mit den +Mosquitos erstickt wäre; das schützte mich doch wenigstens in etwas +gegen diese, und nach einer Stunde fürchterlichen Gießens hörte endlich +das Unwetter auf. + +Zwar warf ich jetzt mein Rindendach wieder herunter und entzündete aufs +Neue die Flamme, die Salzlecke hatte sich aber in einen kleinen Teich +verwandelt und ich selbst saß, am Fuße der gewaltigen Eiche, auf dem +einzigen, inselähnlichen und trockenen Flecke. Natürlich ließ sich +weiter kein Hirsch sehen, und noch vor Sonnenaufgang verließ ich das +sumpfige Thal und schlug mich in die dicht daran stoßenden Hügel, wo +ich das Balzen eines Truthahns gehört hatte. + +Die Truthahnjagd ist in diesen Wäldern eigentlich die am wenigsten +beschwerliche, wird aber doch nicht viel betrieben, weil sie keinen +Nutzen bringt. Der Amerikaner schießt wohl, was er zu seinem eigenen +Bedarfe braucht, da er aber die erlegten Hühner selber essen muß und +nicht verkaufen kann, so verwendet er nie mehr Pulver und Blei auf sie, +als unumgänglich nöthig ist. Mir war's auch an diesem Morgen nur um +einen Braten zu thun, denn das Wildpret der beiden erlegten Hirsche +konnte der Jahreszeit nach nicht sehr vorzüglich sein. Ich schritt also +schnell der Gegend zu, von der mir dann und wann die kullernden Töne des +balzenden Hahnes herüberschallten, um den Ort noch zu erreichen, ehe es +vollkommen Tag wurde. + +Der Truthahn findet sich durch die ganzen vereinigten Staaten, vom +Norden bis Süden, vorzüglich aber in den südwestlichen Theilen, in +ungeheuerer Anzahl. Im Frühjahr, März und April balzt der Hahn und ist +dann auch, bis Anfang Mai, ausnehmend fett; in dieser Zeit aber nimmt er +fast keine Nahrung zu sich, und ich habe, besonders im März, beim Anfang +der Balzzeit, den Magen eines Hahnes aufgeschnitten und auch nicht die +Spur von Nahrung darin, sondern die inneren Wände desselben nur mit +einer reinen, öligen Feuchtigkeit überzogen gefunden, wie sie etwa der +Bär während des Winterschlafes bei sich trägt. Wenn daher im Mai die +Hennen brüten, sind die alten Hähne dürr und ungenießbar, die Jagd muß +also dann vorkommen eingestellt werden. Die Henne zieht acht bis zwölf, +ja manchmal sechszehn Junge auf, von denen sie sich nicht mehr trennt, +bis im nächsten Frühjahr die Balzzeit aufs Neue beginnt; die alten +Truthähne halten sich übrigens nicht gern zu diesen Familien und +bilden sehr häufig eigene Ketten von funfzehn und zwanzig, ja oft +dreißig Stück, die dann stattlich und ehrbar mit ihren großen Bärten +(ein Borstenbüschel, der bis sechs und sieben Zoll lang, etwa einen +Finger stark, ihrer Brust entwächst und »Bart« genannt wird) den Wald +durchschreiten. Besonders halten sie sich gern im Winter zusammen und +balzen dann manchmal aus reinem Vergnügen, daß es meilenweit durch den +stillen Wald schallt. + +Die Hennen bauen ihre Nester in dichten, unzugänglichen Büschen aus +dürrem Laub und Reisern auf die Erde und verlassen ihre weißen, am +dicken Ende etwas gefleckten Eier nur selten; werden sie aber mehre Male +gestört und vom Neste vertrieben, so kehren sie nicht mehr zu diesem +zurück und lassen es, selbst wenn sie schon eine Zeit lang gebrütet +haben, im Stiche. + +Im Juli werden die Jungen jagdbar und sind dann ein gar delikates Essen, +verlieren aber viel von ihrem saftigen Wohlgeschmack, weil man sie +nicht rupfen kann, sondern ordentlich abbalgen muß, indem die in dieser +Jahreszeit den Wald erfüllenden kleinen Holzböcke auf keine andere Art +als mit dem Balge selbst von dem Truthahn zu entfernen sind. + +In der Balzzeit ist der alte Hahn sehr scheu, und wo er nur das +Geringste, was ihm gefährlich dünkt, äugt, so flieht er und ist auf +keine nur erdenkliche Art an jene Stelle wieder hinzulocken; hat sich +aber der Jäger gut versteckt oder bewegt er sich wenigstens nicht, so +kommt er auch, durch das Nachahmen des Hennenrufs herbeigelockt, bis +dicht an das Rohr hinan. + +Die einfachste und beste Truthahnlocke besteht aus dem zweiten, dünnen +Flügelknochen der Truthenne selbst, der, an beiden Seiten abgeschnitten, +des Markes entledigt wird und mit welchem, die Luft durch denselben +einziehend, der Ton der Henne auf das Täuschendste nachgeahmt werden +kann. Einen solchen Knochen führte ich bei mir und war jetzt auf etwa +vierhundert Schritt der Stelle nahe gekommen, in welcher der Hahn +oben auf einem Baume stehen mußte; zu weit aber schien mir der Tag +vorgerückt, um von dem wachsamen Vogel ungesehen heranschleichen zu +können; ich suchte mir daher einen umgefallenen Baumstamm aus, hinter +dem ich mir mein Lager machte, legte mehre Zweige oben drauf, meinen +Kopf so viel als möglich zu verdecken, und fing nun an, einige Male zu +locken. + +Im Anfang schwieg der Hahn, als er die bekannten Laute hörte, +wahrscheinlich nur, um sich erst genau zu überzeugen, von welcher +Richtung her sie tönten; dann aber, nachdem er darüber im Klaren schien, +balzte er auf einmal aus Leibeskräften, und ich hörte, wie er gleich +darauf vom Zweige abstiebte und auf mich zu streichend etwa hundert +Schritte vor mir einfiel. + +In kleinen Zwischenräumen ließ ich jetzt und zwar nur leise die Locke +tönen, auf die er schleifend und dann und wann kullernd, als ob er sich +halb zu Tode freue, zukam. + +Vor mir lag eine kleine, ungefähr 15 Schritte tiefe Blöße, und bald +darauf sah ich den blauangelaufenen Kopf, mit den rothen herunter +hängenden Fleischlappen, durch die die Rasenstelle umgebenden Gebüsche +ragen, auf welche er gleich darauf selber heraustrat. Zwar hatte ich ihn +jetzt sehr schön zum Schuß, durch Erfahrung aber klug gemacht, hütete +ich mich wohl, mit der Kugel nach ihm zu schießen, so lange er die +Federn gesträubt hielt, wobei man kaum errathen kann, auf welcher +Stelle sich der Körper befinde, und pfiff daher ein Mal recht laut +und kurz. -- + +»=Kitt,=« sagte der Truthahn und glättete, sich hoch aufrichtend, am +ganzen Körper, indem er vorsichtig nach allen Richtungen umherspähete; +mehr verlangte ich nicht, und beim Krach der Büchse flatterte er empor +und kam dann, in scharfem Laufe, gerade auf mich zu; -- dicht vor mir +aber hielt er, drehte sich zwei Mal im Kreise herum, breitete die Flügel +aus und stürzte zuckend zusammen. + +Es war ein merkwürdig feister Bursche und mußte etwas über zwanzig Pfund +wiegen. + +Ich warf ihn aus; denn vernachlässigt man dies, so wird ein Truthahn in +wenig Stunden, selbst im Winter, anbrüchig, band seine Ständer mit dem +Kopf zusammen und hing ihn mir, waidtaschenartig, über die Schulter, +nahm dann meine Büchse wieder auf und wanderte langsam der Salzlecke +zu, um meine Hirsche zu zerwirken und den Heimweg, nach dem etwa fünf +englische Meilen entfernten Hause anzutreten. + +Dem unter dem Feuer in der Salzlecke Gestürzten zog ich einen dünnen +Streifen Baumrinde durch das Geäs und schleppte, oder schwemmte ihn +eigentlich, zum nächsten trockenen Platz; dann aber machte ich mich +daran, den zweiten wieder zu finden, was noch, trotz dem tödtlichen +Schusse, seine gehörigen Schwierigkeiten hatte. Der Boden war in einen +Teich verwandelt, in dem sich Frösche, Eidechsen und Schlangen sehr +behaglich zu fühlen schienen, der sich aber doch keineswegs dazu +eignete, einen Hirsch auszumachen. + +Der Regen hatte selbst von den Büschen den Schweiß rein herunter +gewaschen und dornige Schlingpflanzen zogen sich überall in dichten, +festen Massen zwischen ihnen hindurch; der Hirsch konnte aber nicht mehr +weit gegangen sein, und nach kaum viertelstündiger Suche fand ich ihn, +etwa zweihundert Schritt vom Anschuß, verendet. + +Wie das vorige Stück schaffte ich den Spießer vor allen Dingen auf +trockenen Grund und Boden, hatte aber dabei keine kleine Mühe, durch den +angeschwollenen Bach zu kommen, den ich nicht umgehen, also durchwaten, +eigentlich fast durchschwimmen mußte, denn das Wasser ging mir bis unter +die Arme. Als das geschehen, zündete ich jetzt vor allen Dingen neben +meiner Beute ein tüchtiges Feuer an, welches dem doppelten Zweck +entsprach, mich zu trocknen und zu wärmen, und einen Theil meines +Truthahns zu braten; denn mich hungerte bedeutend. Während ein paar der +saftigsten Stücke am Feuer schmorten, zerwirkte ich die beiden Hirsche, +nahm von dem Spießer die beiden Keulen und das »=brisket=« (der Theil +zwischen den Blättern vorn, wo die kurzen Federn zusammenstoßen), schlug +es in eine der Wilddecken ein, verzehrte dann mein einfaches, aber +darum nicht minder gutes Frühstück, hing mir nachher die Überreste des +Truthahns, meine wollene und die beiden frischen Wilddecken, nebst den +darin liegenden Keulen über, ergriff meine Büchse und wanderte, das +übrige Wildpret den Aasgeiern oder Wölfen überlassend, der nächsten +Ansiedelung zu. -- + +Wer übrigens je eine längere Zeit in den südlichen Theilen Nordamerikas +jagte, hat auch gewiß mit eben diesen Aasgeiern, seltener mit den Wölfen +in Streit gelebt. Diese ersteren folgen dem Jäger, wenn er erst einmal +einige Stücke Wild erlegt hat, fortwährend, und lassen ihm kaum Zeit +seine Beute aufzubrechen. Mit schlecht verhaltener Gier sitzen sie in +den benachbarten Bäumen, und erwarten den Augenblick, in welchem der +Jäger den Platz verläßt, um dann mit ihren scharfen, langen Schnäbeln +über das Zurückgelassene herzufallen, von dem nach wenigen Stunden +selten mehr als die Knochen übrig sind. Nur ein Mittel giebt's, sich +ihrer in etwas zu erwehren und das ist, das Stück Wild in der Decke +zu lassen und am Kopfe aufzuhängen; dann finden sie nirgends einen +Anhaltepunkt, als an dem Kopfe selber, an dem man ihnen gern verstattet, +herumzuhacken. + +Noch andere Feinde aber, gegen die selbst das Aufhängen nicht viel +nützt, sind die großen Raben, die nun zwar dem Wildpret selber nicht +viel Schaden thun, aber das Talg heraushacken, da es, um abzukühlen, +doch aufgebrochen werden muß. Einige weiß geschälte Stöckchen aber, +durch die Wammen querüber gesteckt, sind ziemlich zweckmäßig, diese +Burschen abzuhalten, die ihren Hals nicht gern durch die weißen Hölzer +hinein zu schieben wagen. Im Winter geht das übrigens noch Alles an, +es sind Unannehmlichkeiten, denen man doch wenigstens theilweise +noch begegnen kann; im Frühjahr und Sommer aber erscheint eine +Jägerplage, gegen die es fast gar keinen Schutz giebt, und das sind +die Schmeißfliegen, die zu Tausenden fast in demselben Augenblick +erscheinen, wo das Wild von der Kugel getroffen stürzt. Will man das +Wildpret später mit nach Hause nehmen, so ist das einzige Mittel, um es +von dieser Landplage frei zu halten, es in's Wasser zu legen. Aber nicht +überall hat man Wasser, welches dazu tief genug ist, in der Nähe, und in +den ganz südlichen Staaten geht dies auch überhaupt nicht an, da die +Alligatoren sonst bald das ihrem Bereich anvertraute in Beschlag nehmen +würden. Wollte man einen starken Rauch unter dem Wildpret unterhalten, +so würde dies auch nur theilweise gegen diese Insekten schützen; will +daher der Jäger im Sommer Wildpret bewahren, so muß er es an Ort und +Stelle in schmale Streifen schneiden und über einem langsamen Feuer +dörren; dann hält es sich Monate lang. -- + +Die Feuerjagd auf Hirsche wird auch noch auf eine andere Art als mit +aufgebautem Gerüst betrieben, und besonders dort in Anwendung gebracht, +wo sich sehr viele, verschiedene Salzlecken in einer und derselben +Gegend finden und der Hirsch zwischen ihnen wechselt. Um nämlich unter +solchen Verhältnissen leicht von einem Platz zum anderen gehen zu +können, nimmt der Jäger eine gewöhnliche eiserne langstielige Bratpfanne +(wo diese nicht zu bekommen ist, muß eine künstlich aus Zweigen und Erde +gemachte, den Dienst verrichten), befestigt an dieselbe noch ein etwa +3-4 Fuß langes, einige Zoll breites Bret, damit sie leicht auf der +Schulter liegt und sich nicht wenden kann, und thut in diese nun den +fein gespaltenen Kien, mit dem er leicht den Wald nach allen Richtungen +hin durchwandern kann. Vorn in das Bret wird eine, von Holz geschnitzte, +kleine, breite Gabel eingebohrt, um beim Schießen die Büchse hineinlegen +zu können, wo dann der schwere Kien in der hinten mehre Fuß vom Kopf +abstehenden Pfanne das Gleichgewicht gegen das Rohr hält und eine feste +Lage verstattet. Die hinter dem Kopfe befindliche Flamme läßt nun dem +Jäger die Lichter eines Stückes Wild oder Raubthieres auf mehre hundert +Schritte erkennen, und da sich das erstere (Raubthiere lieben die helle +Flamme nicht, äugen auch nicht gern hinein) keineswegs vor dem Feuer +fürchtet, so kann man, wenn man nur leise und ohne Geräusch sich nähert, +auch besonders den Wind gut beobachtet, leicht an die vertrauend +ziehenden Stücke herangehen. In weiter Ferne verschmelzen die beiden +Lichter der Hirsche in _einen_ glühenden Feuerball, der sich jedoch, +bei dem immer näher und näher Kommen scheidet, und erst in richtiger +Schußnähe sieht man dann die zwei Kugeln in der gehörigen Entfernung +zu einander stehen. Den Wind kann man dabei sehr leicht nach dem Rauch +beobachten, der auf keinen Fall über den Kopf hinweg ziehen darf. +Springt nach dem Schuß das Wild schnell und flüchtig ab und rennt fort, +so ist es ein sicheres Zeichen, daß die Kugel sitzt; hat aber der Jäger +gefehlt, so verschwinden die Lichter plötzlich; der Hirsch wendet sich +und geht langsam, ohne die mindeste Furcht zu verrathen, hinweg. Kommt +man nahe genug heran, um die ganze Gestalt des Wildes zu erkennen, so +schießt man natürlich auf's Blatt; ist das aber nicht der Fall, so hat +man ein so schönes Abkommen bei der hinten lodernden Flamme, daß man +getrost zwischen die beiden Lichter hinein halten kann, was überdies +immer der beste Schuß ist. -- + +Etwas ist hierbei jedoch noch zu bemerken, auf das der amerikanische +Jäger ebenfalls sehr viel Rücksicht nimmt: der Mond nämlich, nach +welchem sich das Hochwild mit seiner Äsung richtet. Scheint dieser die +ganze Nacht, so zieht es am stärksten gleich nach Dunkelwerden, bis etwa +zwei Uhr Morgens umher, wo es sich dann niederthut und bis zur frühen +Morgendämmerung sitzt; leuchtet er hingegen die Nacht gar nicht, so äßt +auch das Wild nicht sehr lange mehr nach Sonnenuntergang, höchstens +ziehen dann Schmalthiere bis zehn oder eilf Uhr Abends an die Salzlecken; +dahingegen äßen sie am Tage Morgens ganz früh; Mittags etwa von zwölf +bis eins und Abends wieder von vier Uhr an. Doch läßt sich darüber +nichts ganz Genaues bestimmen. Einzelne findet man fast zu jeder +Tageszeit munter. + +So selten nun, im Westen wenigstens, die Hirsche mit Hunden gehetzt +werden, so interessant ist diese Jagd auf Truthühner, wenn sie sich +im Winter zusammen gethan haben und nun in Ketten, oft von 30-50 +Stück, durch den Wald ziehen. Von den Hunden eingeholt, bäumen sie +augenblicklich und äugen nun, sich auf ihrer Höhe sicher glaubend, mit +großer Zufriedenheit auf die, die Bäume toll und wild umspringenden +Hunde hernieder, bis der Jäger heranschleicht und mit der Kugel (denn +Schrot würde in jenen hohen Bäumen von gar keiner Wirkung sein), +den Truthahn herunter holt. Es bedarf dazu übrigens nur eines +Flügelschusses, denn das Wild ist so schwer, daß es fast stets durch +den Fall, wenn auch sonst nicht tödtlich getroffen, verendet. + +So gescheidt der Truthahn aber auch sonst ist, so albern und +unbehülflich stellt er sich an, wenn er sich gefangen glaubt, und eben +auf diese seine Dummheit sind auch die Fallen berechnet. Wo nämlich der +Ansiedler, -- denn der Jäger nimmt sich selten die Mühe, das mit der +Axt zu bekommen, was er mit der Büchse erlegen kann, -- eine Kette +Truthühner zu fangen wünscht, sei es nun in einem abgeärnteten Maisfeld +oder im Walde, da macht er von langen, gehaltenen, schweren Stangen eine +Umzäunung, die etwa zehn bis zwölf Fuß im Quadrat hat und so hoch sein +muß, daß der größte Truthahn, aufgerichtet, darin herumlaufen kann. +Die Decke wird nachher mit Holz oder Steinen beschwert, daß sie dem +Aufflatternden nicht nachgiebt. In eine der Wände, am besten nach der +Richtung hin, in welcher die Hühner gewöhnlich ins Feld kommen, wird +eine kleine Thüre gesägt. Gerade unter dieser hinweg führt eine Art +schmaler Laufgraben in das Innere der Umzäunung; unter der Thür ist +dieser Graben am tiefsten und läuft nach Innen wieder auf die Oberfläche +hinaus. Dieser Graben wird bis auf zwölf und funfzehn Schritt von der +Falle weggeleitet und nach ihm hin sparsam, in ihm aber reichlich Mais +gestreut, der bis in den eingezäunten Raum hinein führen muß, wo es gut +ist, wenn ein kleiner Haufen von Maiskolben dem Truthahn gleich entgegen +lacht. Der Graben aber und die darüber hingehende Thür dürfen zusammen +nur so hoch sein, daß ein ausgewachsener Truthahn, wenn er, mit dem +Kopf auf der Erde, der Äsung nahe geht, gerade hindurch schreiten kann, +also etwa zwanzig bis vierundzwanzig Zoll. Finden nun die den Wald +durchgreifenden Hühner den umher gestreuten Mais, so folgen sie den +einzelnen Körnern, gerathen in den Graben und treten nun, das Gestell +wenig beachtend, in den inneren hohen Raum, wo sie sich gar bald an dem +dort aufgeschichteten Vorrath eine Güte thun. Auf diese Weise gehen +manchmal zehn und fünfzehn zu gleicher Zeit in die Falle. Nun hinderte +sie freilich nichts auf der Welt, auf eben dieselbe Art das Gestell +zu verlassen, wie sie es betreten haben; sobald aber nur einem von +ihnen der Gedanke kommt, das Freie zu suchen, wobei er sich natürlich +aufrichtet und, den fest verwahrten Ort über sich erblickend, das +Warnungszeichen giebt, so erheben in demselben Augenblick Alle die Köpfe +und versuchen flatternd in die Höhe zu entkommen; keiner von ihnen denkt +von dem Augenblick weder mehr daran, den Mais zu berühren, noch sich +überhaupt zu bücken, und ich weiß den Fall, daß sie sich auf diese Art +gegen Abend gefangen haben und bis zum nächsten Nachmittag darin +geblieben sind, wo dann der Farmer herbei kam und sie einzeln heraus +holte. + +Der arme Truthahn hat übrigens auch noch außer dem Menschen sehr viele +andere Feinde, denn Wölfe, Füchse, Marder, Katzen, Panther stellen ihnen +nach; ihr grimmigster Verfolger aber ist der weißköpfige Adler, dem sie +auch nicht einmal entfliehen können, und zeigt sich ein solcher in der +Luft und umkreist die Bäume, dann rührt sich kein Truthahn in seinem +Versteck und man kann sie, wenn man sie zufällig findet, fast mit der +Hand greifen. + + * * * * * + + +Als ich zuerst die wirklichen Wälder Amerika's betrat, hatte aber nicht +allein das Wild für mich Interesse, sondern auch die eingebornen Jäger +selbst, die in der Wirklichkeit ganz und gar von dem Bilde abwichen, +welches ich mir in meiner Phantasie von ihnen gemacht hatte. + +Besonders viel war mir von den sogenannten »Hinterwäldlern« erzählt +worden, die in der Bevölkerung Amerika's gewissermaßen eine eigene +Gattung bilden. Es sind Landleute, insofern sie so viel Welschkorn +bauen, als sie für sich und ihre Familie und ein Paar Pferde und +Schweine bedürfen, im Übrigen leben sie von der Viehzucht und Jagd und +führen eigentlich genau genommen, trotzdem, daß sie Häuser bauen und +kleine Felder anlegen, doch ein Nomadenleben; denn selten bleiben sie +länger als drei oder vier, oft nicht ein Jahr auf einem Fleck, sondern +sind stets bereit, ihr mit saurem Schweiß urbar gemachtes kleines +Besitzthum um Weniges wieder zu verkaufen und weiter westlich zu ziehen. + +Als ich zuerst nach Missouri kam (denn selbst Illinois liegt jetzt schon +zu östlich für diese Menschenklasse), hörte ich, etwa sechzig Meilen +unterhalb St. Louis, von einem gewissen _Coltert_, der ein alter, +tüchtiger Bärenjäger sein und mitten im Wald in einer kleinen Hütte +leben solle. Die Beschreibung dieses Mannes, wie er lebte, was er schon +alles für Abenteuer durchgemacht, wie viel Bären und Panther er erlegt, +wie oft er verwundet worden, ein Mal sogar lebensgefährlich, als er +seinen Lieblingshund einem Bären entreißen wollte, das Alles spannte +meine Neugierde auf das Äußerste und machte mich sehr begierig diesen +Mann kennen zu lernen, denn im Geiste malte ich ihn mir schon ganz nach +indianischer Art, mit allen möglichen Waffen und Jagdgeräth versehen, +aus, und beschloß, wenn ich auch Meilen weit umgehen müßte, ihn +aufzusuchen. + +Mein Weg sollte mich indessen etwa drei Meilen vor seinem Hause vorbei +führen, wo, wenn ich einen gewissen Fluß erreicht hätte, ein Pfad rechts +abging, der bis zu seiner Hütte hinlief. Bis zu diesem Flusse hatte +ich etwa noch sechs englische Meilen zu marschiren und wanderte frisch +darauf los, um den alten Jäger so bald wie möglich kennen zu lernen, als +ich einen Mann auf der Straße überholte, der sich ganz gemüthlich dicht +am Wege seiner weißen leinenen Beinkleider entledigt hatte, trotz dem +unfreundlich kalten Wetter ziemlich behaglich auf einem umgehauenen +Baumstamm saß und die etwas sehr zerrissenen flickte. -- Sonst trug +er einen blau wollenen Frack, ein weißes Hemd und ein Paar grobe +rindslederne Schuh, welche drei letzteren Kleidungsstücke, als ich zu +ihm trat, seinen ganzen Anzug ausmachten; neben ihm aber stand ein +alter, recht ungesetzlich außer Façon gedrückter Filzhut, und an einem +Baume lehnte eine lange Büchse -- (ohne die selten oder nie ein Landmann +ausgeht) mit einer kleinen ledernen Kugeltasche und einem in ein buntes +Taschentuch eingebundenen Päckchen. + +Der Anblick war so komisch, daß ich unwillkürlich stehen blieb und ihm +freundlich guten Tag bot; er dankte, schien sich aber sonst nicht weiter +um mich zu kümmern, sondern steckte seine Nadel und Zwirn, da er seine +Arbeit gerade beendigt hatte, in die Kugeltasche, zog das ausgebesserte +Kleidungsstück wieder an, hing sich die Tasche um, setzte den alten +Filz, der ihm ein merkwürdig antikes Aussehen gab, auf, nahm das Bündel +in die linke Hand und dann den Büchsenlauf mit der rechten ergreifend, +warf er sich diese, den Kolben nach hinten, über die rechte Schulter, +indem er zu mir sagte: »Nun, Fremder, wenn Ihr mit wollt, so kommt!« + +Es lag etwas so ernst Drolliges in seinem Wesen, das mich unwillkürlich +anzog, und wir plauderten, neben einander herschlendernd, über vielerlei. +Endlich erreichten wir den Fluß; mein Begleiter reichte mir die Hand und +wollte sich verabschieden, ich bat ihn aber, mir zuerst den Weg nach des +alten Coltert Haus zu zeigen, weil ich diesen aufzusuchen wünschte. + +»Kennt Ihr den alten _Coltert_?« fragte er mich und wechselte mit der +Büchse auf die andere Schulter. + +»Nein, ich kenne ihn nicht, wünschte ihn aber kennen zu lernen!« + +»Nun,« sagte er, »wenns weiter nichts ist, das Vergnügen habt Ihr die +letzten zwei Stunden gehabt!« + +Ich staunte nicht wenig, unter dem alten Filz und in dem hellblauen, +wollenen Frack meinen Bärenjäger zu finden, der noch dazu so ächt +waidmännisch die Büchse, Kolben nach hinten, trug, folgte aber +nichtsdestoweniger seiner freundlichen Einladung, die Nacht bei ihm +zuzubringen, und wurde für den kleinen Umweg reichlich durch einige +der delikatesten Bärenrippen und viele romantische Erzählungen aus +dem thatenreichen Leben des Alten belohnt. In mancher Hinsicht sehr +befriedigt verließ ich ihn am andern Morgen. -- Hatte mir einen +amerikanischen Jäger aber doch anders gedacht. + +Die Erzählungen des Alten hatten aber die Jagdlust um so mächtiger in +mir aufgeregt und ich beschloß, was ich auch später redlich gehalten +habe, Arkansas nach allen Richtungen zu durchstreifen und die +Bärenhetzen, von denen ich ihn jetzt nur reden gehört, selber +mitzumachen. + +Der Bär gehört unstreitig zur edelsten und dabei auch einträglichsten +Jagd Amerika's, und ist der Kampf mit ihm auch manchmal gefährlich, +nun so verleiht das der Sache ja auch wieder ein so viel frischeres, +gewaltigeres Interesse; denn das arme Wild zu erlegen, welches sich +nicht widersetzen _kann_, selbst wenn es wollte, und nur in der Flucht +sein Heil suchen muß, nun ja, es ist auch schön und der den Männern +angeborene Zerstörungsgeist macht es schon anziehend für uns; mir fehlte +aber immer etwas bei jener Jagd, es kam mir stets vor, als ob es doch +nicht das Rechte sei, nach dem ich mich gesehnt hätte, bis ich das erste +Mal »Fuß an Fuß« mit einem der alten, schwarzen Burschen stand, und nun +auch wußte, ich trüge das große Messer nicht blos zum Staate an der +Seite. + +Die Bären fangen übrigens schon an in den vereinigten Staaten +sehr selten zu werden, nur noch in den unermeßlichen Sümpfen des +Mississippi- und Arkansas-Thales und den steilen, an vielen Stellen fast +unzugänglichen Ozark-Gebirgen finden sie sich und werden mit einigem +Erfolg von den Weißen, und an dem letzteren Orte auch theilweise von +Indianern gejagt; jedes Jahr vermindert sich aber ihre Anzahl bedeutend +und die Zeit ist nicht mehr fern, wo eine Bärenfährte in Arkansas eine +Seltenheit sein wird. + +Die Bärenjagd selber wird in jenen Gegenden auf drei verschiedene Arten +betrieben: + +Erstens durch _Pürschen_, + +Zweitens durch _Hetzen_ mit guten, darin geübten Hunden, und + +Drittens durch das _Aufsuchen der Stellen_, in welchen er seinen +Winterschlaf hält. + +Das Pürschen, so interessant es an und für sich ist, kann übrigens +nur im Spätsommer und Herbst geschehen, in welchen Jahreszeiten der +Bär seine Nahrung in den Früchten des Waldes sucht und sorglos dabei +umhertrollt. In bergigen Gegenden, wo viele Heidelbeeren wachsen, geht +daher die Suche schon im Juli an, da er bis Ende August von diesen +lebt; dann jedoch, sobald die Eicheln der Weißeiche reifen, aber noch +nicht abfallen, ersteigt er diese und bricht oft ziemlich starke Äste +herunter, um von ihnen seine Lieblingsnahrung abzulesen. Sind viele +Bären in einer Gegend, so ist die Jagd in dieser Jahreszeit sehr +interessant, weil man den Bären, sobald er erst einmal anfängt, Zweige +niederzubrechen, eine lange Strecke weit hören und sehr leicht an +ihn heranschleichen kann. Wo sie aber nur selten angetroffen werden, +wäre es freilich ein undankbares Geschäft, nach den wenigen im Walde +herumzusuchen; dazu ist die Hetze und mit einer tüchtigen Meute Hunde, +sicherer Büchse und breitem, kurzem Stahl an der Seite, auf einem guten, +zähen Poney, in gestrecktem Galopp durch den Wald und Sumpf, hinter den +klaffenden, heulenden Hunden her, das ist die Jagd, wo einem das Herz +warm wird und kühner und freudiger in der Brust klopft. Stellt sich +dann der Bär, -- denn nicht immer sucht er auf einem Baum den Feinden +zu entgehen, -- und tritt ihm der Jäger mit dem Messer in der Faust +entgegen, so wird es doch auch eine Jagd, die Ehre bringt und die einen +_Mann_, keinen bloßen Sonntagsjäger erfordert; das Gefühl, mit dem man +nachher den schweißbefleckten Stahl in die Scheide zurückstößt, wiegt +alle anderen Jagden auf. Die letzte Bärenhetze machte ich in Amerika im +Sommer mit. + +Wir hatten keinen großen Nutzen von der Bestie; sie war aber zu lüstern +nach »ihres Nächsten Schweinen« geworden, die sie den in Unmasse im +Walde wachsenden Heidelbeeren vorzog, und mußte daher aus dem Walde +geschafft werden. Übrigens zogen wir damals nicht mit der Idee einer +Bärenjagd aus, sondern wollten blos ein Paar Hirsche schießen, um +das Gehirn derselben zum Gerben einiger Wilddecken zu erhalten (die +indianische Art Hirschhäute zu gerben, geschieht nur mit dem Gehirn +des Hirsches selbst und später durch Rauch), als wir, von einem alten +Jagdgenossen, der seine und meines Begleiters Hunde mitgebracht hatte, +überholt wurden. Drei alte Sauen, erzählte dieser, seien ihm in wenigen +Nächten weggeholt, und er dürstete nach Rache, die ihm denn auch im +reichlichsten Maße wurde. Es war jedoch ziemlich trocken und dürr, und +die Hunde, obgleich mit dem rühmlichsten Eifer suchend, konnten in +langer Zeit keine frische Fährte finden; wir hatten sie aber in dem +dichten Unterholz bald aus den Augen verloren und ritten lachend und +erzählend über die Berge; plötzlich riß der Alte sein Pferd zurück +und horchte, sich hoch im Sattel aufrichtend, mit der gespanntesten +Aufmerksamkeit. Ein kurzes, dumpfes Geheul ließ sich hören -- »das +war =Muse=,« rief er -- ein scharfes, kurzes Bellen folgte »das ist +=Watch=.« -- Gleich darauf schlugen zwei der Lieblingshunde zu gleicher +Zeit an. Jetzt aber schwenkte der Alte den Hut -- »sie haben ihn,« +jubelte er, und dem Pferde den einen Sporn in die Seite drückend, flog +er dem Anschlagen der Hunde zu. + +Ich ließ ihn nicht die Büsche für mich theilen, sondern brach mit +=Hozart= an seiner Seite ins Dickicht; gleich darauf schlug auch die +ganze Meute -- etwa 15 Hunde, an, daß der Wald widerhallte. Wir ließen +unsere Stimmen lustig drein schallen, und wie die wilde Jagd gings +durch Dorn und Schlingpflanze, über umgestürzte Stämme und losgerissene +Steinmassen fort dem Schalle nach, der in Schlucht und Thal das Echo +erweckte. + +Der Bär sah übrigens bald ein, daß er im offenen Wald der verfolgenden +Meute nicht entgehen konnte, und eilte einem alten =Hurricane=[2] zu, +wo die Eichen und Fichten wie Kraut und Rüben durch einander lagen und +die Dornen und Schlingpflanzen und später aufgeschossener Nachwuchs +die Zwischenräume ausgefüllt hatten. Die Jagd wurde toller und toller; +die Pferde, die Begeisterung der Reiter theilend, setzten in fast +unglaublicher Anstrengung über alte Baumstämme und durch Dickichte, +die im ersten Augenblick fast undurchdringlich schienen. + + 2 =Hurricane=, eine Art Orkan, der in langen Strichen das Land + durchzieht und oft meilenbreit jeden Baum umstürzt. + +Im Anfang waren wir drei Reiter beisammen geblieben; der fürchterlich +verwachsene Wald aber hatte später Jeden den besten Durchweg allein +suchen lassen, und bald konnte ich nichts mehr von den beiden Anderen +hören noch sehen, sondern vermuthete nur, daß sie, um dem Bären den Weg +abzuschneiden, vielleicht eine andere Richtung eingeschlagen hätten; +eine plötzliche Wendung des verfolgten Thieres drehte jedoch die Hetze +plötzlich nach meiner Seite; kleffend und jauchzend stellte ihn in einem +entsetzlichen Dickicht die Meute, und durch eine dichte Brombeerhecke +setzend, die das letzte von mir abstreifte, was nicht niet- und +nagelfest war, fand ich mich in Schußnähe des Kampfes. Augenblicklich +aber warf ich mich vom Pferd und sprang der Wahlstatt zu, wo ein +ungeheuerer Bär sich mit der größten Kaltblütigkeit und Tapferkeit +gegen eilf der besten Hunde, die je einer Fährte in Arkansas folgten, +vertheidigte; mein Anblick brachte ihn jedoch außer Fassung und er +wollte Fersengeld geben, die Hunde waren ihm aber zu nahe auf dem Pelz, +und vergebens sah er seine Bemühungen, einen Rückzug zu bewerkstelligen. + +Ich hatte mich indessen immer noch gefürchtet zu schießen, da zu +viele Gefahr war, einen der Hunde mit zu treffen; als ich jedoch noch +unschlüssig halb im Anschlag da stand, krachte des Alten wohlbekannte +Büchse und, für einen Augenblick wenigstens, schien der Bär die ihn +umtobenden Hunde ganz vergessen zu haben, denn stöhnend warf er sich zu +Boden und lag im Nu von jenen bedeckt; doch nicht lange verharrte er in +dieser Lage, sondern sprang, mit jeder seiner gewaltigen Branten einen +der Rüden von sich stoßend, wieder in die Höhe. + +Als er stürzte, war mirs klar geworden, daß, im Fall ich noch die +mindeste Lust hätte am Gefechte Theil zu nehmen, dies wohl der einzige +Zeitpunkt wäre, in dem ich nützlich sein könnte, und das Messer aus der +Scheide reißend, sprang ich auf den Gestürzten zu, ihm die Klinge durchs +Herz zu jagen. Ich war aber kaum noch zehn Schritte von ihm entfernt, +als er sich, wie schon gesagt, mit einer gewaltigen Kraftanstrengung +befreite, und das erste, was ihm in dieser gerade nicht liebenswürdigen +Situation in die Augen fiel, war meine werthe Person, mit bloßem Messer +und allen Zeichen einer böslichen Absicht auf ihn zuspringend. Er kam +mir auf halbem Wege entgegen, und ich mag gerade kein ganz freundliches +Gesicht geschnitten haben; das weiß ich nur, wie mir der Gedanke durch's +Hirn fuhr, ich hätte mich schon in viel behaglicheren Situationen +befunden. Aus dem einfachen Grunde jedoch hielt ich Stand, weil ich im +ersten Augenblick wirklich gar nichts andres zu thun wußte und begegnete +dem Anlauf des Bären, indem ich ihm mit aller Gewalt mein breites Messer +in die Brust stieß. + +Was weiter geschah, kann ich nicht mehr genau sagen; ein schwerer +Schlag, der mich zurückwarf, ein dumpfes, schmerzhaftes Gefühl, +ein bekanntes Gesicht, das ich erblickte, ehe ich stürzte, und ein +erstickendes Gewicht, das auf mir lag, ist Alles, dessen ich mich noch +entsinne. + +Als ich wieder zu mir kam, fühlte ich, wie mir der Alte einen Hut voll +Wasser nach dem andern und zwar mit einem Eifer ins Gesicht goß, der bei +einer Feuersbrunst äußerst lobenswerth gewesen wäre. Ich erholte mich +jedoch bald und fand, mich aufrichtend, daß ich den erlegten Bären +zum Kopfkissen hatte. Als dieser auf mich los stürmte, war der Alte +glücklicher Weise dicht dabei gewesen, und die Hunde konnten zwar nicht +verhüten, daß mich jener zurückwarf, sich aber in grenzenloser Wuth auf +ihn stürzend, überwältigten sie bald den schwer Verwundeten, meines +Alten Stahl dabei nicht zu vergessen, der die Haut mehr einem Sieb als +etwas anderem ähnlich machte. + + * * * * * + +Es ist übrigens nicht immer der Fall, daß der Bär sich, auf das Äußerste +getrieben, den Hunden auf ebener Erde stellt; gewöhnlich erklettert er, +mit ausgezeichneter Gewandtheit, im Fall ihm nicht eine Vorderbrante +zerschossen ist, wie ich das auch ein Mal gesehen habe, einen Baum, +und kann dann mit geringer Gefahr herunter geschossen werden; einen +gehörigen Schlag aber thut's, wenn solch ein alter Bursche von zwei bis +dreihundert Pfund, achtzig oder hundert Fuß hoch hernieder und zu Boden +schmettert, und es ist schon oft der Fall vorgekommen, daß er im Sturz +einige, der ihn unten zu eifrig erwartenden Hunde erschlagen hat. Steht +er auf ebener Erde, so wirft er sich gewöhnlich, gleich nach empfangener +Kugel, zu Boden und ächzt und stöhnt wie ein Mensch; decken ihn aber +dann die Hunde, so versucht er nicht sie einzeln zurückzuschlagen, +sondern er stemmt wie in diesem letzten Falle erst seine Branten so +gegen sie, daß er sich mit einem gewaltsamen Ruck befreien kann, und +wehe dann dem Jäger, der ihm in diesem Augenblick zu nahe ist! -- ohne +des Alten Hülfe wäre auch ich rettungslos verloren gewesen. + + +Hat der Bär einen Baum erstiegen und sich oben festgestellt, so können +ihn die Hunde nicht wieder hinunter scheuchen; der Anblick eines +Menschen aber macht ihn unruhig und versagt das Gewehr, so kommt er +gewöhnlich mitten zwischen die Meute hineingefahren und versucht aufs +Neue zu fliehen, doch ist das nicht stets der Fall. + + +Äußerst interessant ist der Pürschgang auf Bären, wenn man unbeachtet +an einen derselben herankommen kann. Anscheinend sorglos trollt der +schwarze Geselle durch den Wald, und wer ihn so sieht, mit den plumpen, +ungeschlachten Knochen, den Kopf unten, fast auf dem Boden, nachlässig, +scheinbar auch nicht das Mindeste um sich her beachtend, ahnt wohl kaum, +daß eben dieses anscheinend plumpe Geschöpf schneller als ein Pferd +laufen und fast so behende als eine Katze klettern kann; in seinen +Branten hat der Bär übrigens die meiste Gewalt, und selten benutzt er +seine Gefänge, denn ein Schlag mit der Vorderbrante ist hinreichend +einen Hund zu tödten und selbst einen Stier zu betäuben. + + +So fürchterlich er aber, wenn zum Äußersten getrieben, ist, so harmlos +und unschädlich zeigt er sich auch, wenn nicht belästigt -- man hat noch +nie gehört, daß ein Bär einen Menschen aus freien Stücken angefallen +habe, ausgenommen es war eine Bärin, die ihre Jungen vertheidigte. Auch +der Schaden, den er dem Landmann thut, wäre nicht so bedeutend, wenn er +nicht im Sommer, wo noch keine Beeren im Walde stehen und die Eicheln +noch nicht reif sind, sich an die zahmen Schweine hielte; hat er aber +erst einmal den Geschmack von diesen weg bekommen, dann thut er auch +ungeheueren Schaden, weil er nur gezwungen Aas frißt und sich, wenn er's +irgend haben kann, jede Nacht ein frisches Schwein holt. In diesem Fall +muß er gejagt und erlegt, oder wenigstens aus der Gegend vertrieben +werden, denn nicht immer können die Hunde im Sommer einen mageren Bären +einholen, der ihnen oft im offenen Walde durch seine Schnelle entgeht. -- + + +Der Bär hält aber, wie der Dachs, seinen Winterschlaf, liegt mehre Monat +fest in seinem gewählten Lager, wo er sogar schwer zu erwecken ist; in +dieser Zeit wäre dann Pürschjagd wie Hetze vergebens. + +Die Schlafzeit dauert in Arkansas, wo das Klima ziemlich mild ist, von +Weihnachten bis Ende Februar; während dieser ganzen Zeit frißt er weder +noch säuft er, und in dieser Zeit ist sein Magen inwendig mit einer +reinen, öligen Fettigkeit überzogen. Anfang März aber fängt er zuerst +an, den nächsten Bach aufzusuchen, um seinen Durst zu löschen und kehrt +dann immer wieder in das Lager zurück. Sonderbarer Weise tritt er +hierbei stets, so oft er auch gehen mag, in seine zuerst gemachten +Fährten, die dann zuletzt breit und deutlich ausgetreten und =stepping +path= oder Schrittpfad von den Jägern genannt werden. Finden diese in +eben der Jahreszeit eine solche Fährte, so ist der Bär selten weit +entfernt. + +Sein Bett wählt er aber sehr verschieden; zeigt sich der Winter streng, +so sucht er in gebirgigem Lande eine Höhle, in sumpfigem einen hohlen +Baum aus, um dort vor der Kälte geschützt zu sein; dabei kratzt und +scheuert er mit merkwürdiger Sorgsamkeit den letzteren inwendig so glatt +und rein, wie es ihm mit seinen gewaltigen Branten, die hierzu gerade +kein schlechtes Handwerkzeug sind, nur irgend möglich ist. Hat er +endlich Alles in Stand, so steigt er langsam und besonnen, daß man kaum +die Spur seiner scharfen Krallen in der rauhen Rinde bemerken kann, +hinauf und dann durch die Öffnung, mit dem Hintertheil zuerst, in +sein vorher bereitetes Lager hinab, wo das faule Holz, das er an den +Seitenwänden herunter gekratzt hat, gewöhnlich ein sehr weiches Bett +bildet. Anders ist es, wenn er von den Hunden verfolgt, einen Baum +ersteigt, und im Hinaufspringen, von den stärksten, härtesten Eichen +ordentliche Stücke Rinde herunterschlägt. + +Ist der Winter gelind, so nimmt er sich all' diese Mühe nicht einmal, +sondern geht entweder im sumpfigem Lande in einen Schilfbruch, wo er +von dem hohen, grünen Schilf so viel abreißt, als er zu einem bequemen +Lager nöthig zu haben glaubt, das er sich dann auch in einer der +unzugänglichen Gegenden des Bruches zurecht macht, oder er sucht in +bergigem Lande ein unwegsames Dickicht und bettet sich hier, auf einer +Streu von zusammengetragenen zarten Zweigen, in den Wipfel irgend eines +umgestürzten Baumes. + +Die Ranzzeit fällt in den August, und nicht selten gerathen sich dann +ein Paar der schwarzen Burschen auf eben keine freundliche Art in die +Haare. Einen hübschen Zug erzählen dabei die amerikanischen Jäger von +dem männlichen Bären, der, wenn er wirklich wahr ist, einen merkwürdigen +Überlegungsgeist kund thut. Sehr häufig fand ich nämlich in den Wäldern, +besonders an Sassafrasbäumen und Kiefern, die tief eingerissenen Zeichen +des Gefänges und der Krallen von Bären, die stets in größtmöglichster +Höhe an den Stämmen hinauf gelangt hatten; auf meine Anfragen erhielt +ich folgenden Bescheid, in dem die Jäger von Norden bis Süden +übereinstimmen. + +In der Ranzzeit folgt der Bär der Fährte der Bärin, wird aber oft, wenn +von einem stärkeren überholt, aus dem Felde geschlagen, von einem +schwächeren, wenn nicht besiegt, doch wenigstens belästigt; um diesem +nun zu begegnen, soll der Bär, so er sich stark und alt genug fühlt +einen Kampf mit Seinesgleichen zu wagen, sobald er die warme Fährte +einer Bärin angenommen hat, sich an einem dicht daneben stehenden Baum +-- am liebsten Sassafras oder Kiefer -- in die Höhe richten und ohne die +Hintertratzen von der Erde zu heben, so hoch hineinbeißen und so hoch +daran hinauf kratzen, als er möglicher Weise kratzen und beißen kann, +worauf er ganz gemüthlich seinen Weg fortsetzt. + +Kommt nun nach einiger Zeit ein anderer desselben Weges, auf derselben +Fährte, so findet er natürlich die für ihn zurückgelassenen Zeichen und +mißt nun, sich eben so am Baume emporrichtend, seinen vorangegangenen +Nebenbuhler; -- kann er dessen Merkmale überreichen, oder kommt er ihnen +wenigstens gleich, so folgt er und nimmt die Herausforderung an; kann er +das aber nicht, ist er vielleicht viel kleiner, so klemmt er das kleine +Stückchen Ruthe, was ihm Mutter Natur verstattet hat, zwischen die +Beine, oder macht wenigstens die Bewegung damit, als ob er es thun +würde, wenn sie lang genug wäre, und trollt den eben gekommenen Weg +zurück, um wo möglich eine andere Fährte auszusuchen. + +Die Bärin wirft im Februar, oft schon Ende Januar, in einem hohlen Baum +oder in einer Höhle, zwei bis vier Junge, die sie bis zur Ranzzeit +bei sich behält und die sich auch oft noch nach dieser wieder zu ihr +gesellen, doch soll sie dabei die Gesellschaft des alten Bären meiden, +dem nachgesagt wird, er fräße manchmal seine eigenen Jungen, was ich +jedoch, zu seiner Ehre, nicht glauben will. + +Die ungeheuere Aufopferung, mit der die Bärin übrigens ihre Jungen +vertheidigen soll, kann nicht als allgemein angenommen werden. Ja, es +giebt Fälle, wo sie ihr Leben im Kampf über dieselben gelassen hat; +aber mit den Bären wird's wie mit den Menschen sein -- bei denen man +oft recht liebe, gute Leute, und dann auch wieder recht schofeles Pack +findet. Ich selbst weiß mehre Beispiele, wo eine Bärin, sowohl in der +Höhle als auch im freien offenen Walde, ihre Jungen, ohne sich weiter +um sie zu bekümmere, schmählich im Stich gelassen hat und nur darauf +bedacht schien, ihren eigenen Pelz, der noch dazu in damaliger Zeit kaum +einen Dollar werth war, in Sicherheit zu bringen. + +Die _Höhlenjagd_ ist äußerst interessant, aber dabei auch gefährlich, +und wird etwa folgendermaßen betrieben. In den unwegsamen Gebirgen des +Westens, in die sich der Bär bei einbrechender Kälte zurückzieht, geht +der Jäger und sucht, zwischen den am tollsten und wildesten umher +gestreuten Felsblöcken, an steilen Wänden hinkletternd und Schluchten +und Spalten durchkriechend, nach Höhlen, in die er dann mit angezündeter +Kienfackel oder mit einem aus wildem Wachs gekneteten Lichte eindringt. +Oft verrathen schon die in der Nähe der Höhle abgenagte Büsche den +Besuch, der für einige Zeit in ihnen zu wohnen beabsichtigt, oder der +=stepping path=, der hinein führt, wenn die Jahreszeit schon weit +vorgerückt ist, oder die vor der Höhle umher liegende Losung, den +Eingewinterten; am sichersten ist es aber stets, den Ort selbst zu +untersuchen, und daß diese Jagd dann nicht zu den leichtesten gehört, +ist sehr erklärbar. + +Ich weiß mich Tage zu erinnern, in denen ich in funfzehn, sechszehn +Höhlen herumgekrochen bin und mich durch Plätze durchgezwängt habe, von +denen ich mir eigentlich jetzt noch selber nicht erklären kann, wie ich +wieder heraus kommen konnte -- ohne auch nur einer Kralle zu begegnen. +Findet man nun an solchen Ort einen Bären, so muß er beim Lichte der +Fackel geschossen und nachher entweder ganz, oder wenn das nicht möglich +ist, in Stücken zu Tage geschafft werden. + +Ich habe übrigens diese Höhlenjagd in meinen »Streif- und Jagdzügen«[3] +sehr ausführlich behandelt und will hier nur, um dem Leser einen kleinen +Begriff von diesen freundlichen Orten zu geben, das Innere derselben ein +wenig beschreiben. + + 3: Streif- und Jagdzüge durch Nordamerika. Leipzig, Arnoldische + Buchhdl. + +Von der Natur gebildet scheinen sie fast alle schon so lange wie die +Erde überhaupt zu bestehen, und finden sich meistens in Kalksteinfelsen, +in die sie manchmal nur zehn bis zwölf Fuß, dann und wann aber auch +4-500 Schritt hinein gehen und an manchen Stellen geräumig genug sind, +daß der Jäger aufrecht in ihnen stehen kann, dann aber auch wieder eng +genug zusammen laufen, um nur mit größter Anstrengung ein Durchpressen +möglich zu machen. Im Innern sind sie an den Seitenwänden glatt, oft von +dem Anstreichen der Raubthiere, die seit Jahrhunderten sie bewohnten, +spiegelblank, oben aber gewöhnlich mit Stücken Tropfstein behangen, +der auch unten, wenn sich nicht weicher, thoniger Boden findet, das +Fortkommen sehr erschwert. In diese Höhlen nun ziehen sich nicht allein +Bären, sondern auch andere Raubthiere, als Panther, Waschbären und +Füchse, wie Schlangen, Eidechsen und Fledermäuse zurück, um ihren +Winterschlaf entweder wie der Bär zu halten, oder in den warmen +Erdgängen gegen die Kälte geschützt zu sein. Die Fledermäuse besonders +hängen an den Hinterbeinen von der Decke herunter und zirpen und +zischen, wenn ihnen die Kienfackel zu nahe kommt. Der Bär selber liegt, +wenn er schläft, auf dem Bauche und hält die Stirn, die Nase an die +Brust gedrückt, mit beiden Tatzen, wie betend, umfaßt. -- Nur wenn er +wacht, saugt er und wahrscheinlich blos aus Spielerei, an den Branten, +Kinder haben das Daumenlutschen ja auch an sich, wobei er ein leises, +winselndes Geräusch von sich giebt. + +In der Höhle angegriffen, ist er sehr scheu und versucht stets sein +Bestes, durch die Flucht einer sich nähernden Gefahr zu entgehen; im +Freien dagegen ist er viel heldenmüthiger. Ich selbst habe eine Bärin +in einer der tiefsten Höhlen der Ozarkgebirge angeschossen, und bin, +von ihr gefolgt, zurück gewichen, bis sie einen anderen Zweig der +Höhle annahm und ich im Stande war, mir meine Büchse, die ich hatte +zurücklassen müssen, wieder zu holen und zu laden; die Bärin aber, als +ich ihr nachher aufs Neue zu Pelze rückte, obgleich sie ihre Jungen in +unserer Gewalt wußte, wagte nicht mich anzugreifen, sondern saß, in +wilder Wuth den thonigen Boden vor ihr mit den scharfen Krallen zerhauend, +auf ihrem Hintertheil und schnappte in ohnmächtiger Wuth mit dem Gefänge, +bis sie die zweite, tödtliche Kugel erhielt. + +Hat der Bär in einem Baum seine Zuflucht gekommen und wird er vom Jäger +aufgefunden, was dieser aus den freilich nicht sehr deutlichen Zeichen +in der Rinde erkennen muß, so ist sein Loos allerdings kein sehr +beneidenswerthes. Entweder wird der Baum umgehauen und Petz auf diese +Art in seiner besten Ruhe gestört und durch den Sturz betäubt, wenn er +endlich schlaftrunken emportaumelt, von dem ihn Erwartenden mit einer +Kugel und von einer Meute Hunde empfangen, von denen er sich gewöhnlich +gar keine Idee machen kann, wie sie alle da so geschwind hingekommen +sind; oder er wird mit Rauch von unten heraus getrieben, was ihm höchst +fatal ist, so daß er gewöhnlich brummend seinen bisherigen Ruheort +verlassen will, bis ihn auch hier, sobald er sich oben an der Öffnung +zeigt, eine todtbringende Kugel empfängt. -- + +Am schnellsten und komischesten ist das Heraustreiben desselben mit +einem Feuerbrand; denn wenn die Höhlung des Baumes nicht bis an die +Wurzel geht, daß also der Rauch auch nicht zu dem Schlafenden hinauf +dringen kann, so muß, im Fall die Jäger keine Axt mit haben und der Baum +zu stark ist, um ihn mit den kleineren Tomahawks umzuhacken, Einer von +diesen mit einem Feuerbrand hinauf klettern, den er dann oben in die +Höhlung und dadurch gewöhnlich dem Bären auf den Pelz wirft; kaum spürt +Petz aber die Glut, als er voller Entsetzen in die Höhe fährt und oft +den Erdboden viel früher als der gewiß nicht zögernde Jäger erreicht. + +Daß er sich von dem Baum herunter stürzt, ist eine Fabel; er behält +diesen zwischen den Branten und gleitet gewissermaßen daran nieder, +aber so schnell, daß er kaum den Stamm zu berühren scheint, und wie +ein schwarzer Blitzstrahl zwischen die ihn unten erwartenden Hunde +hineinfährt; thun diese dann aber nur im mindesten ihre Schuldigkeit, so +darf er nicht entkommen, denn, noch halb im Schlafe, hat er weder sein +volles Bewußtsein noch seine vollen Kräfte, und wird leicht von ihnen +gestellt und dem herbeieilenden Jäger zur Beute. + +Ist der Bär in jagdbarer Zeit, um Nutzen von ihm zu ziehen und nicht des +Schadens wegen, den er thut, erlegt, so wird er gleich an Ort und Stelle +abgestreift, abfließt und dann zerlegt. Das »Abfließen« nennt man das +Ablösen des Fließes (der Speckseiten), die dann in das Innere des Felles +eingeschlagen und auf eins der Pferde befestigt werden; das Wildpret wird +nachher ebenfalls zusammen gebunden und, auf dem Rücken der Lastthiere +hängend, mit fortgenommen. Sind aber die Jäger in einem größeren Lager +und haben sie einen Kessel zum Fettauslassen mitgenommen, dann wird +diese Arbeit gleich im Walde vorgenommen und das ausgeschmolzene +Wildpret bekommen nachher die Hunde, die besseren Stücken behalten +natürlich die Jäger zu ihren eigenen Mahlzeiten. Das Beste am Bären sind +die Federn,[4] und eine recht fette Wand, auf zwei Hölzern am Feuer +geröstet; das herunter träufelnde Fett nachher mit dem trockenen +Bruststück des Truthahns aufgefangen und das Ganze mit einem heißen +Becher starken Kaffees hinunter gespült -- beim Schreiben läuft mir +schon, bei der bloßen Erinnerung, das Wasser im Munde zusammen. + + 4: Für den Nicht-Jäger »Rippen.« + +Das sind übrigens die Lichtseiten der Bärenjagd -- die Schattenseiten +aber schauen viel düsterer d'rein. -- Wochenlang in Sturm und Regen den +Wald durchzogen, Jäger und Hunde halb verhungert -- (denn ist man einmal +ausgegangen, um Bären zu schießen, so läßt man sich nicht gern mit +geringerem Wild ein.) -- Alle zu Tode erschöpft und immer noch keine +warme Fährte -- endlich werden die Hunde lebendig, sie wittern den +Feind, sie wissen, daß ihrer, mit dessen Erlegung, Ruhe und Stärkung +wartet; sie strengen ihre letzten Kräfte an und fort geht die Jagd, über +Stock und Stein -- sie überholen ihn, werfen sich in blinder Wuth auf +ihn -- aber der Jäger hat durch die Dickichte oder steilen Schluchten +nicht so schnell mit seinem Pferde folgen können; der Bär, ein alter +erfahrener Bursche, -- nicht gerade mager, aber doch nur feist genug, +um tüchtig laufen zu können, schlägt die Hunde zurück, tödtet drei +oder vier, verkrüppelt andere und ist, wenn trübe Dämmerung den rasch +nahenden Abend verkündet, fern von aller Gefahr und von der für ihn +sorgsam aufgesparten Kugel unerreicht, -- das sind Schatten-, das sind +Nachtseiten, die leider nur zu oft vorkommen. Am Lagerfeuer herrscht +dann sehr üble Laune, und den nächsten Tag ist der Jäger äußerst +zufrieden, wenn er nur noch so glücklich ist, einen Hirsch zu erlegen, +um mit seinen übrigen Hunden, wieder eine Mahlzeit halten zu können. -- + +Der Bär, obgleich zu den Raubthieren gehörig, nährt sich doch nur, +ausgenommen im äußersten Nothfall, von Früchten und Insekten, und greift +nur im Sommer, wo er seine Nahrung zu sparsam zusammen suchen muß, +Schweine und fast _nur_ Schweine an, zwischen denen er dann freilich +oft recht arge Verwüstung anrichtet. Hauptsächlich lebt er von Eicheln, +anderen Waldfrüchten und Beeren, und wird in fruchtbaren Jahren oft +so feist, daß er fünf bis sechs Zoll Feist ansetzt. Ein ordentliches +Bärenmesser darf daher auch eigentlich nicht weniger als 9 Zoll in der +Klinge haben, wenn es in allen Fällen gerecht sein soll. + +Zu dem jagdbaren Wilde Nordamerika's gehören auch einige Raubthiere, die +eine zu wichtige Rolle im Walde spielen, um ganz unerwähnt zu bleiben. + +Der _Panther_ muß mit Recht an die Spitze kommen, denn er ist der +stärkste und gefährlichste Gegner des Menschen, und auch wohl das +einzige Raubthier in dem weiten Urwald, das der Jäger zu fürchten hat, +da es Nachts die Lager umschleicht und in manchen, aber doch sehr +seltenen Fällen schon dem sorglos Schlummernden gefährlich geworden ist. +Heerden und Schweine und Kälber, Fohlen, und selbst erwachsene Pferde +fallen seinem Blutdurst. Hauptsächlich nährt er sich jedoch von Hirschen +und kleinerem Wild, beschleicht Nachts die Salzlecken oder lauert, im +Laub der Bäume versteckt, auf die ruhig darunter hin Äsenden. Von den +Hunden gehetzt, bäumt er am Tage sehr leicht auf, Abends und Nachts aber +verläßt er sich lieber auf seine Gewandtheit und List, bringt die Hunde +durch falsche Sprünge von der Fährte ab und entgeht ihnen meistens. + +Er wird etwa so groß wie ein tüchtiger Fleischerhund, ist ziemlich von +der Farbe des Rothwildes und färbt, wie dieses, im Winter; sein Fell hat +keinen großen Werth und die Jagd auf ihn wird daher auch nicht, wenn er +sich nur irgend entfernt von den Ansiedelungen hält, besonders lebhaft +betrieben. Sonderbar ist es, wird aber allgemein behauptet, daß er, +so scheu er auch am Tage den Menschen flieht, mit wilder Blutgier +schwangere Frauen anfalle und zerreiße. + +Der _Wolf_ steht dem europäischen an Größe bedeutend nach, lebt aber +wie dieser in Rudeln zusammen und geht gemeinschaftlich auf Raub aus; +doch nur fürchterlicher Hunger könnte ihn dazu zwingen, einen Menschen +anzugreifen, denn er ist feig und flieht bei dem leisesten Geräusch. Im +Mai wirft die Wölfin 3-6 Junge, unter denen, wie die Sage geht, jedesmal +ein Wolfshund sein soll, der später der grimmigste Feind der Wölfe wird. +-- Diesen nun aufzufinden, führt die Wölfin die Jungen, sobald sie +laufen können, an ein Wasser, um sie zu tränken. Hier verräth sich der +Wolfshund, der nach Hundeart _leckt_, während die wirklichen, ächten und +treuen Wölfe _saufen_, und augenblicklich wird der junge, bis dato noch +unschuldige Verräther, zu Tode gebissen. + +Nicht so schlau als der unsere, fängt man ihn häufig in Fallen, die +gemeiniglich aus einem, aus schweren rohen Baumstämmen zusammengefügten +Kasten bestehen, in dem zuerst, ehe er ganz beendigt ist, das Gescheide +eines Hirsches oder anbrüchiges Fleisch geworfen wird, das er sich +gemeiniglich bald holt, dann auch später den aufgerichteten Deckel nicht +scheut und sich plötzlich gefangen sieht. Da er, in Fuchsfallen oder +Ottereisen erhascht, gewöhnlich den fest gehaltenen Lauf abbeißt, so +läßt der amerikanische Jäger die Falle unbefestigt stehen, hat aber eine +drei bis vier Fuß lange, schwache Kette daran, an der ein vierhakiges +Eisen hängt; dieses faßt überall, wenn der Wolf mit der Falle zu +entfliehen sucht, hinter Büsche und Wurzeln, wird aber stets wieder von +dem darin Sitzenden losgemacht, der sogar schon den Haken in's Gesänge +genommen und zu entziehen versucht hat; aber nie greift er zum äußersten +Mittel, sich den Lauf abzubeißen, so lange er noch eine Hoffnung auf +Entkommen hat und wird nachher leicht mit dem Hunde ausgemacht. + +In Canada hörte ich von sehr vielen Farmern, daß sein Biß, selbst bei +einer leichten Verwundung, tödtlich sein solle; das ist aber wohl nur +Fabel. Thatsache ist es übrigens, daß Jahre vergingen, ehe sich die +Wölfe an die dortigen Landgüter hinanwagten, als zuerst auf ihnen +-- Schafe aus Europa eingeführt wurden. -- Sie kannten die rauhen +wolligen Thiere nicht und fürchteten sie ungemein -- wie sie aber erst +einmal, durch Zufall oder peinlichen Hunger getrieben, den Geschmack +derselben weg bekamen und sie als harmlose, nicht gefährliche Geschöpfe +kennen lernten, räumten sie fürchterlich zwischen ihnen auf. In seiner +Naturgeschichte ähnelt er sonst den europäischen Wolfe in allen Stücken, +nur ist er bedeutend kleiner und schwächer als dieser. -- + +Der graue oder Prairiewolf ist eine Abart, sieht hellgrau aus, ist noch +kleiner und furchtsamer als der schwarze, und lebt meistentheils in den +Steppen. + +Der _Fuchs_. Es wäre nicht halbrecht, Reinecken auszulassen, wo von Wild +die Rede ist, obgleich er in Amerika eine ziemlich untergeordnete Rolle +spielt. Erstlich ist er bedeutend kleiner als der unsere, giebt ihm aber +wohl kaum an Schlauheit nach und weiß tausend Mittel und Wege, die Hunde +von seiner Spur abzubringen. Eine Eigenthümlichkeit hat er übrigens vor +dem europäischen voraus -- er bäumt auf, was fast unglaublich klingt; +ich selbst wollte aber auch meinen Augen nicht trauen, als ich zum +ersten Male den Hunden zueilte, deren wildes Bellen und Klaffen zeigte, +daß sie ihn gestellt oder, wie ich damals glaubte, in seinen Bau gejagt +hatten; ich wußte jedoch wahrlich kaum, was ich sagen sollte, als ich +den rothen Schelm ganz gemüthlich in einem jungen Baum, etwa 12 Fuß +von der Erde, erblickte, wo er sich in die ersten auszweigenden Äste +eingeklemmt hatte und, vor den Hunden wenigstens, geschützt war; er +schnitt aber ein Gesicht wie eine Katze, die beim Milchnaschen ertappt +wird, als er mich kommen sah, denn an Fliehen war nicht mehr zu denken, +da zwölf rüstige Hunde den kleinen Baum umtobten. + +In Amerika bäumt übrigens fast alles Wild auf, Büffel, Hirsche und Wölfe +ausgenommen; selbst die Kaninchen kriechen wenigstens inwendig in hohlen +Bäumen hinauf und die Rebhühner, vom Hunde verfolgt, fallen fast stets +in die Bäume ein; es ist einmal die Natur des Wildes dort, in dem +ungeheueren Wald auch die Bäume zum Zufluchtsort zu wählen. Der Fuchs +lebt übrigens in hohlen Bäumen, kann aber nicht etwa klettern, sondern +wirft sich nur, in äußerster Noth mit Springen und Anklammern, zwischen +die niederen Äste eines jungen Stammes und bleibt da eingeklammert +sitzen. + +Den Schluß mögen zwei ächte Amerikaner machen, der Waschbär (=racoon=) +und das Opossum oder die Beutelratze. + +Der Waschbär, dessen Fell unter dem Namen »Schuppen« eine bedeutende +Rolle auf den deutschen und russischen Märkten spielt, findet sich, +besonders in den sumpfigen Thalländern des Mississippi und anderer +großen Ströme, in ungeheuerer Menge, und wird dort an Ort und Stelle +wenig oder gar nicht geachtet. Die Krämer bezahlen sein Fell in jener +Gegend mit etwa vier guten Groschen. Der Waschbär ist übrigens an und +für sich ein sehr liebes, possirliches Geschöpf, und ähnelt, obgleich er +nie größer als ein starker Dachshund wird, in sehr vielen Stücken dem +Bär, zu dem er auch, dem Geschlechte nach, gehört. Er lebt von Beeren, +Waldfrüchten und Insekten, und liegt, wenn ruhend, in der nämlichen +Stellung wie sein vierschrötigerer Vetter. Den Namen _Waschbär_ hat +er mehr von seiner Neigung zu nassen Nahrungsmitteln als wegen seiner +Reinlichkeit, denn das, was die Leute bei ihm _waschen_ nennen, ist doch +nichts mehr als ein Anfeuchten seines Fraßes. Er kann leicht gezähmt und +zu allen möglichen Kunststücken abgerichtet werden; sein Fleisch ist +dabei delikat und hat sehr viel Ähnlichkeit mit dem Bärenwildpret, nur +daß es nicht wie dieses, wenn es anbrüchig wird, leichenähnlich, sondern +wie anderes Wildpret riecht. + +Das Weibchen wirft 3-5 Junge und thut im Sommer den Maisfeldern +ungeheueren Schaden, weshalb ihm auch die Landleute schon aus diesem +Grunde sehr nachstellen. Sein Fell ist grau und sein buschiger Schwanz +mit schwarz und gelben Ringen umzogen. Im Winter wird er mit Hunden +gehetzt und zu Baume gejagt. + +Das _Opossum_, oder die Beutelratze, steht an Größe dem Waschbären kaum +nach, sieht aber ganz grau und ratzenartig aus und hat, wenn man es an +einem regnerischen Tage durch den Wald trollen sieht, in der That die +wirkliche Gestalt einer kolossalen Ratze, die über irgend etwas sehr +erschrocken und blaß geworden ist. Besonders geben ihm der kahle, dicke +Schwanz, wie die fingerartigen Krallen, ein außerordentlich widerliches +Ansehen. + +Äußerst komisch aber schaut es drein, wenn man ihm im Wald plötzlich +begegnet und dicht zu ihm hinan geht. Zusammenfahrend legt es sich +dann halb auf die Seite und ängstlich, mit weit aufgerissenem scharfen +Gefänge, in die Höhe blickend, zieht es die Lefzen so weit zurück, daß +es gerade so aussieht, als ob es den Störer seiner Ruhe angrinze und +sich unendlich über seinen Besuch freue; es macht dann auch nicht den +mindesten Versuch zu entgehen, und läßt sich nur mit einiger angewandten +Vorsicht, wobei man sich besonders nicht so schnell nach ihm hinunter +bücken darf, sogar hinter dem Gehör kratzen, was ich oft versucht habe, +denn es hat keinesweges einen bissigen und bösartigen Charakter; schlägt +man es aber mit einem Stocke, und sei es noch so leise, oder sieht es +mehre Hunde (_einem stellt es sich_) kommen, so fällt es auf einmal +um und ist anscheinend todt. Diese mögen es nachher beißen, daß ihm +die Rippen krachen -- der Jäger mag es in die Höhe nehmen und wieder +hinwerfen -- es ist todt und rührt sich nicht, und erst im wirklichen +Todeszucken oder in tiefes Wasser geworfen, wo es seine Rolle vergißt +und schnell zu schwimmen anfängt, zeigt es Bewegung. + +Dieses kleine Thier beweist dabei, während der fürchterlichsten Qualen, +die es doch nothwendiger Weise unter den wüthenden Bissen der Hunde +ausstehen muß, selbst noch im Tode eine solch merkwürdige Geistesstärke, +mit der es das Schlimmste erträgt und nicht zuckt, ja selbst keinen Laut +von sich giebt -- daß ich mich später, als ich seine Eigenthümlichkeiten +recht kennen lernte, nie mehr entschließen konnte, eins _umzubringen_, +denn unter diesen Verhältnissen erschien es mir ein wirklicher Mord. +Äußerst komisch sieht es aber aus, wenn man es hinter einem Baume vor +beobachtet, wie es aus seinem anscheinenden Tode wieder erwacht. + +Zuerst, wenn Alles ruhig und still ist, und es sich fest überzeugt +glaubt, daß sein Feind den Platz verlassen hat, öffnet es leise die +kleinen Lichter und äugt -- so wenig als möglich den Kopf dabei +bewegend, überall umher; kann es nichts weiter erspähen, so streckt es +behutsam die winzigen Lauscher vor und horcht -- Alles ruhig; jetzt hebt +es den Kopf, blinzt rings im Kreise umher, liegt noch ein Weilchen ganz +ruhig, wo es beim geringsten Geräusch wieder in seine vorige Stellung +und Leblosigkeit zurücksinkt, und richtet sich zuletzt, wenn es den +Frieden völlig wieder hergestellt glaubt, auf und trollt ab. + +Wird es verfolgt und kann in der Geschwindigkeit einen Baum erreichen, +so bäumt es auch auf, wobei es mit ungemeiner Gewandtheit klettert, doch +benutzt es, um an starken Bäumen emporzuklimmen, gewöhnlich die herunter +hängenden, wilden Weinreben. Sein Fleisch, das zart und schön aussieht, +wird von Vielen leidenschaftlich gegessen, die dann behaupten, es +schmecke wie junge Ferkel; ich konnte aber nie meinen Ekel vor seiner +häßlichen Gestalt so weit überwinden, davon zu kosten. Seine nackten +Jungen trägt es, wie das Känguruh, nach der Geburt noch eine lange Zeit +in einem sich unter dem Bauche befindenden Beutel umher; in den sie sich +auch, wenn sie schon herumlaufen können, bei jeder nahenden Gefahr +hineinflüchten. + +Das ist etwa der Urwald mit seinen Bewohnern, der nun freilich noch +durch unzählige kleinere Vögel belebt wird. Schaaren von Tauben und +kleinen Papageien durchschwärmen die Luft, und im Herbst und Frühjahr +füllen unzählige Völker von wilden Enten und Gänsen die fließenden +Wasser und einsamen Waldseen des gewaltigen Reiches, deren Jagd +besonders in den südlichen Staaten, in Louisiana, wo sie, aus dem +hohen Norden kommend, überwintern, äußerst interessant ist. + +Louisiana kann ich aber nicht erwähnen, ohne der Schnepfenjagd dabei zu +gedenken, die ich dort von Anfang Februar bis Mitte März getrieben. Fast +fürchte ich jedoch hier in Deutschland, wo die Schnepfe eigentlich zu +den Seltenheiten gehört, keinen Glauben zu finden, wenn ich die Zahl +angebe, die ich jede und jede Nacht erlegt habe; ich will aber die Sache +erzählen, wie sie wirklich ist, und derjenige, welcher je die Ufer des +Mississippi nach mir betritt und in dem flachen Lande, das an seinen +Ufern, zwischen diesen und den weiter zurückliegenden Sümpfen liegt, +jagt, wird finden, daß ich nicht übertrieben habe, denn jene Massen +können nicht vernichtet werden. + +Die ungeheueren Schilf- und Sumpfdickichte dienen der amerikanischen +Waldschnepfe und Becassine den Tag über, zum Aufenthalt, und mit +Dunkelwerden, wie bei uns, streichen sie in die offen liegenden nassen +Wiesen und Baumwollenfelder. Nun könnte man sich zwar anstellen und sie +auf dem Strich schießen, denn _Tausende_ schwärmen aus den schützenden +Büschen in's Freie; die Bäume sind aber dazu zu hoch und eine viel +bequemere, Kraut und Blei sparende Jagd betreibt der Creole dort, zu +dessen Lieblingsgerichten die Schnepfe gehört. Auf ähnliche Art habe +auch ich _jede_ Nacht -- über sechs Wochen hinter einander, gejagt, +wobei ich selten und nur dann, wenn das Wetter ungünstig war, nach +zweistündigem Umherwandern weniger als zwölf bis achtzehn Schnepfen +hatte. + +Die Schnepfe wird aber hier, wie der Hirsch im Walde, bei Fackellicht +geschossen. Mit eben solcher Pfanne versehen, wie ich sie für die +Feuerjagd des Rothwildes beschrieben habe, betritt der Jäger Abends nach +Dunkelwerden, wenn der Wind nicht zu stark bläst und der Mond nicht zu +hell scheint, die feuchten Wiesen. Ein Sack mit feingespaltenem Kienholz +hängt an seiner Seite oder wird besser von einem ihm dicht folgenden +Begleiter nachgetragen, der dann auch das Wiederauflegen des herunter +gebrannten Kiens besorgen muß, um stets eine recht helle, lebhafte +Flamme zu unterhalten, und jetzt, in der rechten Hand die leichte +Doppelflinte, in deren Rohren sich nur eine Viertelladung befindet, +um die kleine Schnepfe (sie sind bedeutend kleiner als bei uns, den +deutschen sonst aber ziemlich ähnlich) nicht zu sehr zu zerschießen, +wandert der Jäger leise und höchst aufmerksam, das kurze Gras der Wiesen +überschauend, an kleinen, feuchten Gräben und nassen sumpfigen Stellen +entlang. Auf dreißig Schritt schon kann er, wenn er eine recht gute +Flamme führt, die Schnepfe erkennen, die, entweder das Feuer gar nicht +beachtend, sorglos weiter läuft und den langen Schnabel in den weichen +Erdboden hineindrückt, oder mit auf den Rücken gelegtem Kopf, den +Schnabel vor sich hinausstreckend, stehen bleibt und den Herankommenden +ruhig erwartet. + +Auf zehn bis zwölf Schritt habe ich gewöhnlich geschossen und natürlich +nur selten gefehlt, was aber dennoch manchmal vorfällt, da das Feuer +oft auf dem hellen Lauf, den man bei einer Schrotflinte übersehen muß, +blendet, und man beim Abdrücken schon hinan zu sein glaubt, die Schnepfe +aber dennoch unterschießt. Durch den Schuß oder auch durch den ihr +zu nahe auf den Leib rückenden Jäger aufgescheucht, steigt sie mit +schwirrendem Laute gerade in die Höhe, fällt aber auch augenblicklich +in einem kleinen Bogen und fast stets noch im Bereich des Feuerscheins +wieder ein, und kann schnell auf's Neue gefunden werden. + +So wenig scheut sie die Flamme, daß viele Neger, deren Herr ihnen +nicht erlaubt, eine Flinte zu führen, Nachts mit der Fackel und lang +abgeschnittenen Zweigen hinausgehen und sie zu Boden schlagen. In der +einen Ansiedelung, =Pointe Coupée= am Mississippi, die sich etwa zwei +englische Meilen in das Land erstreckt und zwei und zwanzig englische +Meilen am Fluß hindehnt, werden doch in jedem Jahre, (d. h. in den +sechs Wochen, denn im Herbst läßt sie sich nicht in den Wiesen sehen) +wenigstens 10,000 Schnepfen und Becassinen erlegt und theils nach +New-Orleans und in die kleinen Städte auf den Markt gebracht, theils +selbst verzehrt. Bei dieser Nachtjagd, zwischen den zahlreichen +Lagunen der Niederung umher, schoß ich denn auch sehr häufig dort +eingefallene Enten, ja einmal selbst eine wilde Gans, für die ich jedoch +besonders laden mußte; auch Kaninchen und Rebhühner, die man in den +Baumwollenfeldern auftreibt, halten, und ich glaube gewiß, daß man eben +dieselbe Jagd hier in Deutschland, wenigstens auf Enten und Hühner, +betreiben könnte; denn Schnepfen sind doch dazu zu selten; -- es kommt +natürlich nur einmal auf einen Versuch an. + +Die Bewaffnung eines Bärenjägers in Arkansas, der sich nicht fortwährend +in drei und vier Meilen um sein Haus herum treibt, sondern längere Züge +in die Waldung unternimmt und oft wochenlang keine Wohnung, außer der, +die er sich selber aus Rindenstücken aufbaut, zu sehen bekommt, ist etwa +die folgende. Eine gute einläufige Büchse und ein Bärenmesser -- etwa +9 Zoll lang in der Klinge und zwei und einen halben breit, mit der +gehörigen Schwere, um nicht allein kleine Lagerstangen, sondern auch +beim Zerlegen des Wildes das Schloß ohne Mühe durchschlagen zu können, +dazu ein kleineres, kurzes Messer (Scalpirmesser) ausschließlich für +das Zerwirken und Essen bestimmt und dann ein Tomahawk (indianisches +Beil) im Gürtel, um im Nothfall stärkere Bäume umhauen, Kienholz +spalten und ein tüchtiges Lager bauen zu können, ist Alles, was er +als Vertheidigungs- und Angriffswaffen bei sich führt; zu seiner +Bequemlichkeit trägt er aber noch eine wollene Decke zusammengerollt +auf dem Rücken, und einen Blechbecher an einem Henkel im Gürtel, um +in diesem Abends, wenn er seine Decke aufgespannt oder ein Rindendach +erbaut hat, etwas von dem gebrannten Kaffee, den er in einem ledernen +Säckchen in die Decke gewickelt mit sich führt, erst mit dem Stiel +seines Tomahawks im Becher zu stoßen und dann in diesem zu kochen. + +Die Bekleidung besteht fast ganz aus Leder, was die Unzahl von dornigen +Schlingpflanzen, die überall den Wald durchziehen, nöthig machen. Ein +ordentlicher Jäger muß aber nicht allein sein eigener Schneider und +Schuster sein, sondern er gerbt auch die Häute, die er verwenden will, +selber, und nur dann kann er sich in jenen gewaltigen Wäldern unabhängig +fühlen, wenn er aus sich selbst sich zu erhalten, zu nähren und zu +bekleiden vermag. + +Doch ich bin weitläufiger geworden, als im Anfang meine Absicht war, +und muß schließen, um nicht zu breit und dadurch langweilig zu werden, +glaube aber in dieser kleinen Skizze einen ungefähren Umriß von der +nordamerikanischen Jagd, wie ich sie durch sechsjährige Erfahrung und +fast vierjährigen, ununterbrochenen, praktischen Betrieb kennen gelernt, +gegeben zu haben. Die Jagd ist jedoch in den endlosen, wilden Wäldern +des noch neuen Landes kein Vergnügen mehr, das man sich zur Erholung +gestattet, sondern es ist eine Arbeit, die, weil man einmal darin ist +und leben muß, vollzogen sein will, verliert daher vieles von ihrer +Annehmlichkeit. + +Dabei verringert sich, durch das rücksichtslose Jagen, das Wild mit +jedem Jahre, die Mühe wird daher immer größer, der Erfolg immer weniger +belohnend; dennoch aber ist's ein eigenes herrliches Gefühl, ganz so auf +sich und seine eigene Kraft angewiesen zu sein und frei, ungehindert +wie der Vogel in der Luft, den Wald durchziehen zu können. Hat dann der +einsame Jäger Abends sein Feuer angezündet, sein schnell errichtetes +Dach über sich ausgespannt, so ist er auch zu Hause, denn der Wald ist +ja seine Heimath und jedes dichte Laubdach seine Schlafkammer. + +Wer freilich mit der Idee nach Amerika geht, dort Geld zu verdienen, ja +der soll um Gottes willen die Flinte an den Haken hängen, denn wenn er +auch hören mag, daß die Gallone Bärenfett 1-1/2 Dollar gilt und ein +recht tüchtiger, feister Bursche oft funfzehn, ja zwanzig Gallonen mit +sich trägt, so ist das Alles recht schön und gut -- er trägt sie eben +mit sich und der Jäger kann ihn vielleicht -- wenn er rechtes Glück +hat -- nach Monate langer Jagd auffinden und erlegen, und dann ist er +gewöhnlich immer in einer Gegend, wo er vor allen Dingen, wenn er das +Fett wirklich auslassen kann, dieses in erst gemachte Hirschhautschläuche +füllen und dann noch, wer weiß wie weit, zum Verkaufe transportiren muß; +Hirschdecken gelten im Sommer kaum acht bis zwölf gute Groschen -- das +Wildpret hat fast gar keinen Werth. + +Nein, zu verdienen ist nichts auf der Jagd; wer jedoch einmal ein Paar +Jahre seines Lebens dran wenden will, nun dem bleibt in späteren Zeiten +wenigstens die Erinnerung. Es ist aber auch recht so, denn wollte man +das edle Waidwerk nur um schnöden Gewinnstes willen treiben, wie im +Norden und Westen Amerika's die großen Pelzcompagnieen thun, so würde es +zum schändlichsten Morden herabgewürdigt und verlöre all das Schöne und +Männliche, das ihm jetzt solch unendlichen Reiz verleiht. -- + +Doch genug hiervon; ich habe aus meinem Leben, nicht wie ich es von +Anderen erzählen gehört oder in Büchern gelesen, sondern wie ich es +selbst erfahren und beobachtet, das beschrieben, was in den Urwäldern +Nordamerika's innerhalb der vereinigten Staaten lebt und gejagt wird, +und bin ich ein wenig weitläufiger dabei geworden, als es Manchem recht +erscheint, so mag er bedenken, daß ein Jäger, der von seinen erlebten +Jagden erzählt, selten das Ende finden kann. + + + + +Curtis Brautfahrt + + +An dem kleinen Flüßchen »Fourche la fave,« das sich dreißig Meilen +überhalb Little Rock in den Arkansas ergießt, lebte im Jahre 1841 ein +Mann Namens Jeremias Curtis. + +Er war noch, wie er selber sagte, in den besten Jahren, etwa zwischen +sechs und dreißig und vierzig, und hatte erst vor zwei Jahren seine Frau +an einem hitzigen Fieber verloren, was Wunder also, wenn es ihn mit dem +erwachenden Frühling ebenfalls trieb, die heiligen Bande der Ehe auf's +Neue zu knüpfen, da noch überdies drei unerzogene Kinder von vier, sechs +und sieben Jahren ihn mahnten, daß sie der Mutterpflege bedürfen. + +Zur Wartung der Kleinen, wie zur Besorgung der Wirthschaft, lebte +indessen eine entfernte Verwandte, ein armes, aber braves und auch +wirklich recht hübsches Mädchen, Namens Nancy, in seinem Hause, und +schon mehrmals war ihm der Gedanke durch den Kopf gefahren, dieses zu +heirathen und dadurch jeder weiteren Sorge überhoben zu sein. Jeremias +Curtius war aber ein Mann, der nicht blos für die Gegenwart lebte, +sondern auch hinaus in die Zukunft schaute, und da glaubte er denn +vernünftiger und zweckmäßiger zu handeln, wenn er sich eine Frau +wähle, die ihm nicht allein sich selbst, sondern auch noch eine kleine +Aussteuer zuführe, auf daß er seine irdischen Güter, wenn er auch keinen +Reichthum begehrte, doch um ein Weniges vermehren könne. + +»Zwar bedurfte er dessen nicht« (wie er sich selbst vor seiner Hausthür +auf- und abgehend, herzählte), »er hatte, was er brauchte im Überfluß; +hier stand ein recht wohnliches Blockhaus, 18 bis 20 Fuß, wasserdicht +gedeckt (die nordwestliche Ecke ausgenommen, wo es hineinregnen +_wollte_, er mochte auch thun was in seinen Kräften stand) mit einem +guten Boden gelegt; daneben eine kleine Küche und ein Rauchhaus mit +»Massen von Fleisch«; dabei neun Acker urbar gemachtes und eingefenztes +Land, und dicht daneben noch ein kleines Eckchen für Rüben angefangen; +zwei ausgezeichnet gute Pferde; sieben und dreißig Stück Rindvieh, groß +und klein (und die viere eingerechnet, die ihm im vorigen Frühjahr in +die Arkansas Rohrbrüche gegangen und noch nicht wieder gekommen waren); +einige vierzig Schweine (oder nur neun und dreißig, wenn das _seine_ +Sau gewesen, die der Bär in letzter Nacht gefressen); eine vorzügliche +Stahlmühle; vier Hemden, fünf paar Socken und drei paar Beinkleider +(zwei für den Sonntag und noch ganz neu); einen Frack von Kenntucky +Jeannet[5], die beste Büchse im ganzen Revier, fünf Hunde, und -- die +Hauptsache, einen kleinen Negerjungen von circa neun Jahren, wie hundert +und fünfzig Dollar in baarem, harten Gelde -- _harten Gelde_!« + + 5: Ein grobes wollenes, meist selbstgewebtes Zeug. + +Curtius wiederholte besonders die letzten Worte verschiedene Male +»_hartem Gelde_ -- keines von Euerem lumpigen Arkansas-Papier-Geld +-- Arkansas-Real-Estate -- 72 pro Cent Discount -- Puh!« + +»Aber Mr. Curtis, was haben Sie denn nur heute vor? Sie wollen wohl bei +der nächsten Wahl eine Rede halten?« frug Nancy, die schon seit mehreren +Minuten in der Thür gestanden und ihm leise kichernd zugeschaut hatte, +wie er mit gewaltigen Schritten am Ufer des kleinen, vor seinem Hause +vorbeifließenden Baches auf und abging, und lebhaft dazu mit den Händen +gestikulirte. + +»Hat der Braune gefressen?« frug aber Mr. Curtis dagegen, indem er +stehen blieb und sich nach seiner Haushälterin umsah, ohne die lächelnde +Bemerkung weiter einer Antwort zu würdigen. + +»Vierzehn Kolben Mais habe ich ihm gegeben,« erwiederte Nancy, »und Bob +ist bei ihm stehn geblieben, die Hühner vom Troge zu scheuchen; ich kann +übrigens noch einmal hingehn und zusehn, ob er fertig ist und mehr +verlangt.« + +Dabei sprang sie leicht über die dem Hause als Stufen dienenden Klötze +hinweg, und hüpfte mit fröhlichen Schritten dem Futterkasten zu, wo das +Pferd, ein schönes, braunes Thier, die schon abgenagten Kolben, die +sogenannten _Kobs_, zerkaute, und ungeduldig mit dem Vorderfuße den +Boden scharrte. + +»Nun Bill, bist du noch hungrig?« frug das Mädchen, ihm dabei freundlich +den Hals klopfend, während Bill, dem die schmeichelnde Hand der +Pflegerin zu behagen schien, nur stärker scharrte und mit dem schönen +Kopfe auf- und niederfuhr -- »nun warte -- ich hole dir noch ein paar +Kolben« und damit wandte sie sich dem Hause wieder zu, wobei der +Braune, ihre Absicht wahrscheinlich ahnend und als Zeichen freudiger +Beistimmung, hellauf wieherte. + +Curtis hatte der schlanken, behenden Gestalt des hübschen Kindes mit +wohlgefälligem Blicke nachgeschaut, aber ein ernstes, bedeutsames +Kopfschütteln verrieth doch, daß er seine ganz absonderliche Bedenken +dabei haben mußte, und auf's Neue trat er seinen, kaum unterbrochenen +Spaziergang an, wiederum vor sich hinmurmelnd »einen kleinen, +neunjährigen Neger und hundert fünfzig harte Dollars -- harte, silberne +Dollars.« + +»Gieb ihm nichts mehr zu fressen, Nancy,« rief er da plötzlich, als er +zum Hause aufblickte und Nancy mit dem nachträglichen und dem Braunen +extra versprochenen Mais aus der Thüre treten sah -- »ich will fortreiten +-- hol' mir einmal die Decke aus dem Rauchhaus -- und reich' mir den +Zügel heraus -- er liegt unter meinem Bett.« + +Nancy that wie ihr befohlen, und bald darauf hatte Jeremias Curtis +seinem keineswegs ganz damit einverstandenen Pferde den Zügel an und den +Sattel aufgelegt, schnallte sich dann einen äußerst blank gescheuerten +Sporn an den linken Fuß, fuhr einige Male mit dem Ellenbogen über den +etwas abgetragenen Biber, und schien bei dieser Beschäftigung wieder in +tiefes, tiefes Nachdenken zu versinken. Plötzlich aber mußte ein großer +Entschluß in seiner Seele gereift sein, denn mit gewaltiger Energie +drückte er sich den Hut -- fast etwas zu tief -- in die Stirn, schwang +sich in den Sattel, trabte bis vor die Hausthür, und blieb hier halten, +wo er Nancy, die ihn verwundert betrachtete, genau fixirte. + +»Nancy«, sagte er endlich -- »ich will ausreiten.« + +»Und in Ihren »Geh-zur-Kirche-Kleidern«?« + +»Ja Nancy, und -- wenn ich vielleicht -- es könnte sein, daß ich -- ich +setze den Fall ich käme -- nun Nancy«, brach er kurz ab, »räume das +Haus hübsch auf und kehre Alles fein sauber ab; -- wir -- wir bekommen +vielleicht -- Besuch!« und dem Thiere den linken Hacken einbohrend, +setzte er über den Bach, und trabte schnell die am Fluß hinaufführende +Straße, am Fuß der mit Kiefern bedeckten Hügel, fort. + +Nancy schaute ihm, bis er hinter den Bäumen verschwunden war, lächelnd +und kopfschüttelnd nach, dann aber drehte sie sich lachend auf dem +Absatz herum, und schmunzelte, in das Haus zurücktretend: + +»Nun wenn _der_ nicht Freiersgedanken im Kopfe hat, dann will ich nicht +Nancy heißen. Viel Glück, Mr. Curtis, viel Glück! Neugierig bin ich aber +doch, wo er hinreitet; dort oben wohnen zwar viele Mädchen, am Fluß +hinauf -- sollte er wohl nach Trumbells? die haben zwei Töchter -- ih« +-- lachte sie kurz abbrechend und ihre Arbeit am Baumwollen-Spinnrad +wieder beginnend -- »ich werd's schon erfahren; morgen führt er ja +wahrscheinlich seine Auserwählte heim.« + +Jeremias Curtis ritt indessen mit leichtem, fröhlichem Herzen die Straße +entlang, und stimmte endlich, in einem Ausbruch seiner nicht mehr zu +bändigenden und zurückzuhaltenden Gefühle, eine weit hinausschallende +Hymne an, so daß mehrere Hirsche, die friedlich an der Straße geäßt, +entsetzt und mit mächtigen Sprüngen in's Dickicht flohen. Wenig aber +kümmerte dies den Freiersmann; er war Einer von den Menschen, die sich +Monate, Jahre lang mit einem Plan oder Entschluß herumquälen können, +ohne ihn zur Reife oder Ausführung zu bringen, die aber, nur erst einmal +mit sich selbst im Klaren, ruhig in die Zukunft hinaussehen und den +lieben Gott für das weitere sorgen lassen. + +Im besten Mannesalter, sah er -- Nancy hatte ihm das selbst mehr als +einmal versichert -- gar nicht so übel aus; besonders wenn er Sonntags +seine »reinen Sachen« angezogen. Nun wollte ihm zwar seine übergroße +Bescheidenheit den Einwurf machen, daß ihn Nancy mit ein wenig zu +partheiischen Augen betrachte, dann aber blickte er links am Pferd +hinunter auf seine stattlichen, wohlproportionirten Gliedmassen, dann +wieder rechts, nickte dazu lächelnd mit dem Kopf, murmelte »einen +kleinen Neger und hundert und fünfzig Dollars in baarem, harten harten +Geld,« und begann mit lauterer, stärkerer, ja recht herzfreudiger Stimme +den geistlichen Gesang auf's Neue. + +Mehrere Stunden mochte er also in der reinen, klaren Frühlingsluft +fortgetrabt sein, als ihm aus der Ferne das helle Dach eines Blockhauses +entgegenschimmerte, und er sich dem Ziele seiner Wanderung näherte; +anstatt aber dem Pferde den Sporn einzudrücken, und im fröhlich kühnen +Galopp vor die Thür der Auserwählten zu sprengen, ritt er langsam +seitwärts vom Wege ab in das Gebüsch hinein; stieg ab und begann jetzt +mit außerordentlicher Sorgfalt seine Toilette in Ordnung zu bringen. + +Ein kleiner Spiegel wurde mit seinem spitzen Messer -- das er in einer +ledernen Scheide im Gürtel trug -- an einem Baum befestigt, dann +förderte er einen Kamm und eine kleine Bürste ebenfalls aus der Tiefe +der fast unergründlichen Rocktasche zu Tage und striegelte und bügelte +nun das widerspenstige Haupthaar sorg- und aufmerksam. + +Mr. Trumbell, auf dessen Land und unfern von dessen Haus er sich jetzt +befand, hatte zwei allerliebste Töchter, zwar noch ein wenig jung für +einen Mann in seinem Alter, denn die älteste zählte erst achtzehn Jahr; +leicht überredete er sich aber, daß sein noch so rüstiges, jugendliches +Aussehen, und sein »kleiner neunjähriger Neger, wie die hundert und +fünfzig Dollars« sehr zu seinen Gunsten sprechen würden, ja sprechen +mußten, und mit wirklichem Wohlgefallen nahm er jetzt den Spiegel in die +Hand und hielt ihn bald dicht vor die Augen, bald in etwa Armeslänge +von sich entfernt, um ungefähr den Eindruck zu berechnen, den, wie er +hoffte, sein erstes Erscheinen auf die Mädchen hervorbringen sollte. + +Aber gar nicht mit seinen Plänen harmonirend, stahlen sich hie und da +einzelne graue Haare sowohl aus dem Backenbart als auch aus den Schläfen +hervor, und emsig war er eben bemüht, die unwillkommenen Boten eines +ehrwürdigeren Zeitalters mit sicherer Hand und spitzen Fingern zu +erfassen und herauszureißen, als plötzlich das helle Gelächter zweier +silberreinen Mädchenstimmen an sein Ohr schlug, und er, entsetzt sich +wendend, in die vor ausgelassener Freude funkelnden Augen eben dieser +beiden Schönen blickte von denen er sich Eine zum ehelichen Gemahl +ausersehen. + +Hätte das ruhig neben ihm grasende Pferd ihn mit einem freundlichen +»guten Morgen Mr. Curtis« angeredet, oder der Spiegel, der jetzt seiner +zitternden Hand entfiel, ihm ein scheußliches Fratzengesicht gezeigt, +als er hineinschaute und seine eigenen, wohlgebildeten Züge darin +zu finden erwartete, oder die alte Eiche, unter der er stand, die +Riesenarme über den Kopf zusammengeschlagen und sich die Wurzeln selber +wie einen Zahn ausgezogen, er würde nicht so starr vor Schrecken, so +völlig wie eine ungesalzene Madame Lot dagestanden haben. Nicht einmal +die unbedeutendste Begrüßungsformel wollte über die Lippen, und mit weit +aufgerissenen Augen und noch weiter geöffneten Lippen blieb er in der +einmal eingenommenen Stellung, und blickte bald auf diese, bald auf jene +Schwester. + +»Aber Mr. Curtis,« begann jetzt die Älteste der Beiden, die sich zuerst +wieder genug gesammelt hatte, um reden zu können, »läßt Ihnen denn Nancy +zu Hause gar keine Ruhe, daß Sie soweit in den Wald hinein müssen, um +Ihre Toilette zu machen?« + +»Mr. Curtis will unter die Indianer gehen,« fiel die Schwester, immer +noch mit vom Lachen unterbrochener Stimme ein -- »er übte sich schon im +Bartausraufen, und ich bin fest überzeugt, daß er in derselben Tasche, +aus der er schon so viele andere Sachen hervorgeholt hat, auch noch die +Kriegsfarben trägt.« + +»Das ist möglich,« kicherte Lucy -- »dort im Baum steckt sein +Scalpirmesser.« + +»Aber bester Mr. Curtis,« sagte Betsy mit scheinbarer Besorgniß, +»dann müssen Sie ja auch _tanzen_, und da Sie doch jetzt erst zu den +Methodisten --« + +»Miß Lucy -- Miß Betsy,« stammelte in höchster Verlegenheit der arme +Curtis -- »ich -- ich habe einen kleinen Neger und hundert fünfzig +Dollar --« + +»Ah Sie werden ein Häuptling!« jubelte Betsy, »ich sehe Sie schon +im Geist mit der Scalplocke und dem blutigen Tomahawk im Gürtel +-- buntbemalt, wehende Adlerfedern auf dem Haupte, die ausgefranzten +Leggins von dem flatternden Haarschmuck der erlegten Feinde umweht +-- Brrrrr« fuhr sie schaudernd fort, »was Sie schon für wilde Blicke +nach uns schießen;« und wiederum fingen die Mädchen an zu lachen, daß +der Wald tönend das helle Echo zurückgab. + +Der arme Curtis aber, die Zielscheibe dieses unerbittlichen Spottes, +stand keineswegs mit wildem Blick, sondern mit höchst kläglicher, +erbarmenswerther Miene da, und überlegte eben, mit welcher Wonne er +in einen zwei hundert und fünfzig Fuß tiefen Brunnen oder in eine +unergründliche Felsspalte hineinfahren könne, um nur hier, von dieser +für ihn zum Marterpfahl gewordenen Stelle fortzukommen, denn aller Muth, +auch nur eine Sylbe über die Absicht seines Besuches laut werden zu +lassen, war ihm jetzt entfallen. Endlich aber faßte er sich ein Herz, +hob mit einer schnellen und geschickten Bewegung den ihm vorhin +entfallenen Spiegel wieder auf, ließ ihn in die Tasche gleiten, und frug +jetzt, mit halb trotzigem, halb kläglichem Gesicht die Schwestern, was +sie um des Himmels willen im Walde, hier an dieser einsamen Stelle +allein zu thun hätten. + +»Wenn wir nun grausam wären,« sagte Lucy, »könnten wir Ihnen das zu +rathen aufgeben, so aber wollen wir Mitleiden mit Ihnen haben, und Sie +in unser Geheimniß einweihen. Sehen Sie den Waschkessel da unten? sehen +Sie das freundliche Gesicht Jessina's?« + +Und Curtis sah das freundliche Gesicht Jessina's, denn nicht zwanzig +Schritt von da entfernt, grinste ihm, zwischen ein paar blühenden +Dogwoodbüschen hindurch, das breite, schwarze Antlitz eines kleinen, +vierschrötigen Negermädchens entgegen, das seine Arbeit verlassen hatte +und kichernd zwei Reihen der reinsten, weißesten Perlzähne zeigte, die +je unter einer Negerin Lippe hervorschimmerten. + +»How de do, Massa?« nickte ihm die Kleine freundlich zu, und der fromme +Curtis hatte schon einen höchst gotteslästerlichen Fluch auf den Lippen, +doch unterdrückte er ihn noch zur rechten Zeit, starrte einen Augenblick +vor sich nieder, und war im Begriff, sein Pferd zu besteigen und den Ort +zu fliehen, wo er unter für ihn so mißlichen Umständen empfangen worden. +Da aber siegte der Verstand des ruhigen besonnenen Mannes. + +Nein -- Mr. Trumbell war sehr wohlhabend, und nicht allein hier, sondern +auch im Oiltrovebottom, am Whiteriver, hatte er nicht unbeträchtliche +Strecken Land, das am Fourche la fave jedoch, seiner gesünderen Lage +wegen, zum Aufenthaltsort gewählt. Dabei viel Vieh -- sehr viel Vieh und +-- was das bedeutendste war, eine ganze Colonie von Negern und besonders +von sehr hübschen Negermädchen. Jeremias dachte an seinen eigenen jungen +Sprößling aethiopischer Race -- romantische Gebilde von fabelhaft großen +Baumwollenplantagen mit unzähligen Negersclaven jagten an seiner inneren +Seele vorüber -- jedes der beiden vor ihm stehenden Mädchen war wenigstens +zweitausend Dollar werth -- er drückte sich den Hut etwas fester auf +den Kopf. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen. Die Mädchen schienen ihr +Betragen zu bereuen -- sie flüsterten leise und ernst zusammen -- sie +wußten, daß sie ihm durch ihren Spott weh gethan haben mußten -- Reue +kam vielleicht dem, was er ihnen sonst noch bieten konnte, zu Hülfe; auf +keinen Fall dürfte die kostbare Zeit versäumt werden, und Lucy sollte +erfahren, daß es in ihrer Macht stehe, ihn zum Glücklichsten der +Sterblichen zu machen. + +Er setzte den rechten Fuß vor und hob den linken Arm auf -- der +Augenblick der Entscheidung war da. + +Lucy wandte sich gegen ihn und sagte bittend: + +»Nicht wahr, Sie sind nicht böse, wenn --« + +»Mein Fräulein,« unterbrach sie mit freudiger Stimme der neue Hoffnung +schöpfende Freier, -- wie können Sie nur glauben, daß ich -- ich +habe --« + +»Wenn ich eine Frage an Sie richte --« fuhr Lucy, ohne die Unterbrechung +zu beachten, fort -- »Betsy und ich haben miteinander gestritten +-- Betsy meint, Sie hätten sich die einzelnen Haare aus Verzweiflung +ausgerissen, ich behaupte aber, Sie wollten ihrer Geliebten eine Locke +mitbringen. Nicht wahr, ich habe Recht?« + +Das war zu viel für den armen Curtis! er verschluckte die schon halb +begonnene Anrede, steckte das Messer in den Gürtel, faßte sein Pferd +am Zügel, hielt aber noch einmal und warf einen letzten, fragenden +Blick auf die Schönen. Diese aber waren indessen in ein lautes Kichern +ausgebrochen, das in dem blühenden Dogwoodbusch ein schallendes Echo +fand, und ein paar blaue Heher, die gerade über der kleinen Versammlung +auf dem jungen Aste eines jungen Sassafras saßen, stimmten mit ihren +schmetternden, plappernden Stimmen ein in den Lärm. Curtis saß mit einem +Sprung im Sattel. + +»Good bye Ladies!« rief er mit lauter, trotziger Stimme, und als ob er +hinter einem alten Bären her auf flüchtiger Hetze den Wald durchrase, +so flog er, über mehrere gestürzte Stämme hinweg, der mit so frohen +Hoffnungen verlassenen Countystraße wieder zu. + +Vergebens riefen ihm jetzt die Mädchen nach, zum Hause zu reiten und +bei ihren Eltern zu übernachten, vergebens versprach Lucy ihn nicht zu +necken und keine Sylbe des Vorgefallenen zu erwähnen, er hörte nichts +von ihren versöhnenden Worten, und nur das spöttische (ihm _teuflisch_ +vorgekommene) Lachen tönte und klingelte ihm noch in den Ohren, als er +schon mehrere Meilen in scharfem Trabe zurückgelegt, und nun endlich +anfing, die Sache ruhig zu überdenken. + + +»Verdammt!« rief er, und zügelte den Eifer des schäumenden Thieres +ein wenig, indem er sich zugleich erschrocken umsah, ob Niemand den +gotteslästerlichen Fluch gehört habe, »kann ein einzelner Mensch +größeres Unglück auf der weiten Gotteswelt haben, als ich an diesem +gesegneten Morgen genossen? Aber gut -- gut -- spottet nur, lacht nur, +meine Miß Lucy und meine Miß Betsy, verhöhnt nur den aufrichtigen +Freier, der sich Euch mit treuem Herzen naht, Ihr werdet's schon noch +einmal bereuen und dann will ich triumphiren; dann ist mein kleiner +Neger groß geworden, mein baares Geld, meine hundert und fünfzig harten +Dollars haben sich vermehrt, und die Zeit möchte kommen, wo Ihr Euch +lieber Mistres Curtis als Miß Lucy oder Miß Betsy nennen hörtet.« + + +Er hatte sich bei den letzten Worten im Sattel umgedreht, und hob +drohend den rechten Zeigefinger nach der Richtung hin auf, aus der er +eben gekommen war. Seine Selbstliebe trug aber endlich den Sieg über +die gekränkte Eitelkeit davon, ein mitleidiges, fast höhnisches Lächeln +umspielte für einen Augenblick seine Mundwinkel, und sich dann fester im +Sattel setzend, preßten seine Schenkel auf's Neue die Flanken des edlen +Thieres, das mit ihm in langen Sätzen über die felsige Straße dahinflog. + +Das nächste Haus, das jetzt in seinen Augen einigen Werth hatte -- denn +diejenigen Farmen, auf denen keine jungen Mädchen lebten, existirten +gegenwärtig gar nicht für ihn -- gehörte einem Leidensgefährten, einem +Wittwer, Namens Ewis; der Magnet aber, der ihn dorthin zog, war des +alten Ewis einziges Töchterlein, ein liebes, holdes Mädchen, schlicht +und einfach, doch brav und häuslich erzogen, und eine amerikanische +Jungfrau im reinsten und vollsten Sinne des Wortes. Darum war übrigens +Curtis nicht gleich von allem Anfang hierhergeritten, weil -- die Neger +fehlten. Ewis konnte mit zu den wohlhabenderen Farmern gerechnet werden, +seine Heerden weideten in allen Theilen der weitverbreiteten Rohrbrüche, +sein Land trug herrliche, reichliche Frucht, und es gab in einem nicht +geringen Umkreis keinen gutmüthigeren und zugleich rechtlicheren alten +Mann, als eben ihn; aber die Neger fehlten, und Curtis hatte deßhalb +Lucy und Bet -- aber nein, er wollte gar nicht mehr an die Mädchen +denken -- sie verdienten es nicht. + +Jetzt hatte er die äußersten Fenzen erreicht; im Osten wurden schon an +dem erdunkelnden Nachthimmel einzelne, blitzende Sterne sichtbar, und +nur im Westen verrieth ein schmaler bleicher Streif die geschiedene, +schlummernde Sonne; aber dort wirkte und schaffte noch reges Leben; +die Hunde bellten, die Kühe blökten, eine feine Kindesstimme rief +das lockende »Huph -- huph« in den Wald hinaus, und dazwischendurch +schallten die eintönigen Schläge der Axt, die noch Feuerholz für die +kühle Nacht herbeischaffen mußte. + +Gleich darauf betrat er den inneren, von den verschiedenen Feldern und +Gebäuden eingeschlossenen Raum, der gewissermaßen als Hof gelten konnte, +und fand sich bald darauf, von fünf bellenden heulenden Rüden umgeben, +vor einem einstöckigen, aber ziemlich hochgiebligen Blockhaus, aus +dessen Innerem ihm schon ein freundlich gemüthlicher Lichtglanz, Wärme +und Geselligkeit versprechend, entgegenleuchtete. + +»Hallo Curtis!« rief der alte Ewis, als er den, wenn auch etwas +fernwohnenden »Nachbar« erkannte, während er im Holzhacken einhielt und +dem Ankommenden entgegentrat, -- »das macht Ihr gescheidt, daß Ihr Euch +endlich einmal sehen lasset; habt mir's lange genug versprochen. Komm +Bill -- nimm das Pferd und führ' es in den Stall; jag' nur die anderen +hinaus, die haben jetzt gefressen, und wir brauchen sie morgen doch +nicht; tretet ein; laßt nur den Sattel sein, Bill wird schon auf Alles +Acht geben.« + +Curtis athmete hoch auf -- in der Thür der Hütte stand Anna, das holde +liebe Kind, und lächelte ihm so freundlich entgegen, daß er vor lauter +seligen Gedanken des Vaters Hand gar nicht wieder losließ. Er stieg aber +vom Pferd, schüttelte die dargebotene Rechte des Alten recht derb und +herzlich, und trat mit klopfendem Herzen in's Haus, wo er der Jungfrau +nach alter wackerer Sitte die Hand zum Gruß bot. + +»Nun, Curtis, wie gehts?« fragte Ewis, als sie sich zusammen zum Feuer +gesetzt hatten und der Freiersmann emsig beschäftigt war, mit seinem +Genickfänger einen Span zu zerschneiden, -- »wie steht Euer Mais? schon +gepflanzt? habt wohl fruchtbares Wetter abwarten wollen? ja s'ist +merkwürdig trocken dieses Jahr.« + +»Nicht so ganz -- wenigstens nicht bei mir,« erwiederte Curtis, dem es +war, als ob ihm das Herz die Brust zersprengen müsse, denn Anna stand +dicht neben ihm und holte die blankgescheuerte Kaffeekanne zum am Feuer +brodelnden Abendessen vom Gesims herunter -- »mein Feld liegt, wie Ihr +wißt, ein wenig tief, im Thalland d'rin -- neun Acker urbar gemachtes +Land und daneben noch ein kleines Stückchen für Rüben -- eine schöne +Fenz, drum --« + +»Ja, ja, s'ist gutes Land, kann's aber doch mit meinem hier nicht +aufnehmen.« + +»Mr. Ewis«, entgegnete Curtis etwas pikirt (denn das heißt einem +Ansiedler der westlichen Staaten an's Herz gegriffen, wenn man +behauptet: entweder besseres Land, ein schnelleres Pferd, eine sichere +Büchse oder tüchtigere Hunde zu haben), »Mr. Ewis, mein Land wurde durch +die Feldmesser ausgesucht, und für das fruchtbarste im ganzen County +erklärt; überdies habe ich noch ein recht gutes Wohngebäude, ein +Rauchhaus, eine kleine Küche --« + +»Haben Euch denn die Eichhörnchen und Truthühner dies Frühjahr viel Saat +weggefressen? ich mußte an den Fenzen herum schon wenigstens zwei Mal +nachpflanzen.« + +»Das war bei mir nicht so bedeutend«, entgegnete Curtis, auf's Neue die +Gelegenheit ergreifend, all sein bewegliches und unbewegliches Eigenthum +im besten Lichte erscheinen zu lassen; »Ihr wißt, ich habe einen kleinen +Neger, und der muß gehörig aufpassen; es ist sehr angenehm, einen +kleinen Neger« -- er sah sich schnell um, denn er konnte fast darauf +schwören, es hätte Jemand hinter ihm gekichert, Anna stand aber ganz +ernsthaft am Tisch, und war emsig beschäftigt, die Messer und Gabeln zu +ordnen, und weiter sah er Niemand im Zimmer -- »kleinen Neger zu haben«, +fuhr er nach kurzer Pause in der unterbrochenen Rede wieder fort; »dabei +die hundert und funfzig --« + +»Wie ist's denn mit dem Brunnen geworden, den Ihr wolltet graben lassen? +oder trinkt Ihr noch immer aus dem Bach? wenn ich Nancy wäre, ließ ich +mir das gar nicht gefallen; im Sommer ist's ein schauderhaftes Getränk.« + +»Oh bewahre -- ich nahm Mowers Jim auf vierzehn Tage in Arbeit, und da +ich doch hundert und sechszig Dollars in baarem, hartem Gelde liegen +hatte, so wendete ich gleich zehn daran, diese wirklich nothwendige +Arbeit gethan zu bekommen.« + +»Hm«, sagte Mr. Ewis, und schaute den redseligen Curtis, während er mit +dem Daumen und Zeigefinger der linken Hand die Unterlippe beobachtend +zusammenkniff, forschend an. Zum ersten mal schien die Ahnung der +Absicht seines Besuchs in ihm aufzudämmern. Zu jetziger Zeit war Alles +eifrig in den Feldern beschäftigt, und Curtis hatte mitten in der Woche +seine Sonntagskleider angezogen und sich zu ihm verfügt, blos um bei ihm +zu übernachten. -- + +»Hm« -- sagte er dann noch einmal, und sah forschend bald seine Tochter, +bald Curtis an, der, als er dies bemerkte, feuerroth wurde und mit +eisernem Fleiße an seinem Spahn fortschnitzte. + +Einige Minuten lang überlegte sich der Alte die Sache, und schien das +=pro= und =contra= bedeutend in Betracht zu ziehen; endlich mußte aber +doch wohl das =pro= den Sieg davon getragen haben, denn er stand auf, +und verließ, unter dem Vorwand, nach den Pferden zu sehen, das Haus. +Curtis war auch wirklich gar keine so üble Parthie! er hatte was er +brauchte, ja von diesem wohl mehr als sieben Zehntel der übrigen +Ansiedler, und die kleine, am Fourche la fave freilich ziemlich bekannte +Eigenheit, daß er immer von seinem kleinen Neger erzählte, durfte, wie +der Alte meinte, bei einem Mädchen auch weiter keinen Unterschied machen, +wenn der Mann nur sonst brav und gut wäre. + +Curtis, der nicht einmal diese Eigenschaft _gegen_ sich, wohl aber alle +die andern _für_ sich kannte, merkte gar bald, wenn er auch sonst gerade +keine übermäßigen Verstandeskräfte besaß, daß er den Alten auf seiner +Seite habe, und beschloß nun mit der Tochter die Sache ebenfalls schnell +in's Reine zu bringen. Wie er aber allein mit ihr war, verließ ihn auf +ein Mal aller Muth; es war ihm, als ob ihm Jemand mit zwei Fingern die +Nase, und mit der ganzen Hand die Kehle zuhielte, und er nun mit jedem +Augenblick ersticken müsse. Anna brach auch endlich zuerst das ihm +wenigstens peinlich werdende Schweigen und frug ganz unbefangen: + +»Wie befindet sich Nancy, Mr. Curtis? warum kommt sie nicht einmal +herauf zu uns; sie hat es mir doch schon so oft versprochen.« + +Curtis rückte eine Weile auf dem Stuhl umher, faßte sich aber endlich +ein Herz und frug das junge Mädchen mit einem seiner zärtlichsten +Blicke: + +»Wie wär's, Miß Ewis, wenn Sie dafür einmal Nancy besuchten, vielleicht +gefiel Ihnen der Ort?« + +»Nancy muß erst zu mir kommen,« sagte Anna, »sie hat es versprochen.« + +Eine lange Pause entstand jetzt, bis endlich der zaghafte Werber auf's +Neue das Wort nahm und die Unterredung mit einem leisen: + +»Es ist heute schönes Wetter« wieder anzuknüpfen suchte. + +»Ja!« sagte Anna. + +Curtis sah sich im ganzen Hause um, und seine Augen flogen bald über die +an der Wand hängenden Kleider, bald über die im Schornstein angebrachten +Speckseiten, und haftete endlich wieder auf Anna's schlanker Gestalt, +die an das Feuer getreten war, um nach dem beigestellten Maisbrod zu +sehen. + +»Miß Anna!« sagte Curtis. + +»Mr. Curtis?« frug Anna, sich nach ihm umdrehend. + +»Ich muß Ihnen nur gestehen«, stotterte der Freier, »daß ich einzig und +allein darum hierher gekommen bin, um -- um Sie -- um mich bei Ihnen +-- bei Ihnen zu erkundigen, -- ob Sie --« + +»Ob ich?« -- fragte das Mädchen, den neugierig lächelnden Blick fest auf +ihn gerichtet. + +Er war so schön im Zuge gewesen, wie er ihr aber wieder in das dunkle +Auge sah, das ihn so schelmisch, und doch auch so -- er wußte selbst +nicht wie, so -- so trotzig anblickte, da verließ ihn auf's Neue sein +Selbstvertrauen, und er stammelte, nach einigen vergeblichen Versuchen, +die Fassung wieder zu gewinnen, auf das Fleisch deutend -- + +»Haben Sie das selber geräuchert?« + +Wohl zwei Minuten mußte er aber auf die Antwort warten, denn so lange +dauerte es, ehe sich Anna erholen konnte, die bei den letzten Worten +in ein fast nicht zu beschwichtigendes Lachen ausgebrochen war. + +»Und deßhalb also sind Sie die zwölf Meilen geritten?« frug sie endlich +mit noch thränenden Augen, »blos um sich zu erkundigen, ob ich das +Fleisch geräuchert hätte? o bester Mr. Curtis, das hätten Sie bequemer +haben können, Nancy war dabei, wir haben es zusammen eingesalzen.« + +Curtis wurde leichenblaß -- er wußte, sein böses Geschick arbeitete +jetzt an seinem Verderben; dieselbe Sehnsucht nach irgend einer noch +unentdeckten Felsspalte oder nach einem bodenlosen Abgrund erfaßte +ihn -- + +»Ich habe einen kleinen Neger --« + +»Und hundert und fünfzig Dollar in baarem, hartem Gelde,« kicherte Anna. +»Nancy hat mir das mehr als zwanzig Mal erzählt.« + +»Kinder, was habt Ihr denn?« sagte der alte Ewis, der durch das +Gelächter angelockt, in die Thüre trat. »Ihr seid ja ungemein lustig +-- ich glaubte --« + +»O Vater, denke Dir nur --« lächelte Anna -- aber ein flehender Blick +des Unglücklichen traf sie, und dem konnte sie nicht widerstehen. Sie +hatte Curtis Absicht bei seinem ersten Eintritt gemerkt, denn wenn ein +lediger Mann an einem Wochentage, noch dazu in so nöthiger Arbeitszeit, +und in seinen besten Kleidern, mit dem besten Sattel auf dem Pferd, auf +einer Farm übernachtet, wo junge, heirathsfähige Mädchen sind, da wird +und kann fast stets ein Heirathsantrag vorausgesetzt werden. Curtis +war aber überdies noch in der ganzen Ansiedlung schon gewissermaßen +_prophezeit_ worden, da er einige dunkle Worte hatte fallen lassen, +was wie ein Lauffeuer von Farm zu Farm geflogen. Bei Steppdecken- und +Klötzerollfesten hatten die jungen Mädchen auch schon zusammengekichert +und gelacht, welche von ihnen die Glückliche sein werde, der »der kleine +Neger und die hundert fünfzig Dollar« zuerst angeboten würden. Auf diese +Art war gewissermaßen ein Complott gegen den armen Mann entstanden, und +er glich jetzt einem Menschen, der wohlvermummt und verlarvt auf einem +Maskenball umherwandert, fest überzeugt ist, daß ihn Niemand erkennen +kann, und hinten auf dem Rücken, durch irgend eine boshafte Hand +angeheftet, seine eigene Visitenkarte trägt. + +Anna fürchtete aber fast, den Scherz zu weit getrieben zu haben, lenkte +also ein, speiste den Vater mit einer ausweichenden Antwort ab, und war +dann sehr beschäftigt, das Abendessen herzurichten und aufzutragen, +wich aber sorgfältig jeder Erklärung von Curtis Seite aus, ja ging sogar +ebenfalls hinaus, als sie merkte, daß sie der Vater nach Tische auf's +Neue mit dem jungen Manne allein lassen wollte, und überzeugte die +beiden Herren der Schöpfung gar bald, daß sie auf die Pläne, die sie +zu brüten beliebten, nicht einzugehen gesonnen sei. + +Curtis verzehrte sein Abendbrot sehr traurig -- es war ihm, als ob ihm +die Bissen im Munde stecken blieben, er verbrannte sich zweimal den Mund +und nahm einen Löffel voll Senf statt braunem Zucker in den Kaffee; die +Mahlzeit wurde auch sehr abgekürzt -- der alte Ewis führte allein das +Wort, erzählte ein paar lange Geschichten von einer Kuh, die ein Panther +gefressen haben sollte und die nachher wieder plötzlich zum Vorschein +gekommen war, und endlich konnte sich Curtis zurückziehn und sein +stilles, einsames Lager suchen. + +Sinnend verträumte er einen Theil der Nacht, aber auch frischen, neuen +Lebensmuth sog er aus diesen Träumen. Weshalb sollte er sich bei dem +zweiten, eigentlich nur _ersten_ Versuche abschrecken lassen, denn bei +Trumbells war er ja nicht einmal an's Haus geritten. Nein -- noch gab +es mehr und recht hübsche Mädchen in der Ansiedlung, und solche auch +wahrscheinlich, die seinen eigenen Werth, wie den seines kleinen Negers +und seiner hundert und fünfzig Dollar zu schätzen wußten, ohne des +anderen Eigenthumes zu gedenken. + +Fest entschlossen also, den Muth nicht sinken zu lassen, hüllte er sich +dicht in die weiche Steppdecke ein und Gott Morpheus nahm ihn sanft in +seine Arme. + +Am nächsten Morgen war er schon vor Tagesanbruch auf und besorgte sein +Pferd; dringende Geschäfte riefen ihn, wie er dem alten Ewis sagte, noch +weiter am Fourche la fave hinauf, und Miß Anna nur einen guten Morgen +durch die Thüre zurufend; als er, schon im Sattel, am Hause vorbeiritt, +drückte er dem alten Manne herzlich die Hand und sprengte auf der +Countystraße weiter. + +»Nein Curtis,« sprach er aber dabei mit sich selber, »wegwerfen thust +Du Dich auch nicht; bitten und betteln ist Deiner unwerth, Du bist ein +ordentlicher Kerl und hast« -- er griff plötzlich dem Pferd in den +Zügel und hielt in seinem Selbstgespräch und im Reiten an. Ein Gedanke +durchzuckte ihn -- »ich glaube, Miß Anna hat sich über meinen kleinen +Neger lustig gemacht -- sie lachte auf eine höchst unanständige Art, +als ich ihn erwähnte -- nun gut,« fuhr er, dem Braunen den linken +Sporn wieder eindrückend, fort, indem dieser einen, der Anreizung +entsprechenden Seitensatz that, und dann pfeilschnell mit ihm unter den +thauträufelnden, duftigen Zweigen davonflog, »nun gut -- wir werden ja +sehn. Doch Miß Anna -- die _Einzige_ sind Sie _nicht_ in der Ansiedlung +-- Sie wahrhaftig nicht.« + +Aber armer Curtis! -- wieder und immer wieder solltest Du Deine +Hoffnung, Dein felsenfestes Vertrauen getäuscht und betrogen sehen; +wieder und immer wieder fandest Du Dich verschmäht, zurückgewiesen und +ach, an vielen Orten gar verspottet. + +Am rechten Ufer des Fourche la fave, kam ihm ein Ansiedler, den er noch +gar nicht kannte, sogleich mit der Frage entgegen: »Ach, Sie sind der, +der den kleinen Neger und die hundert und fünfzig Dollar hat, nicht +wahr?« An anderen Orten liefen die Mädchen hinaus, wenn er kam, ließen +sich von dem Ersten Besten ihr Pferd satteln, und galoppirten zur +nächsten Ansiedlung, dahin schon die Kunde von dem wandernden Freier +tragend, und Curtis hielt endlich, am dritten Tag spät Abends an +der Farm eines Freundes, der, ziemlich abgelegen von den übrigen +Ansiedlungen, auch wenig, selbst mit seinen nächsten Nachbarn +zusammenkam und verkehrte. + +Peterson hatte zwei hübsche Töchter, recht liebe und brave Mädchen, +neben diesen aber noch die Tochter eines Bruders, der in Texas +gestorben. Fanny, so hieß die Jungfrau, stammte aus Georgien, wo ihr +Vater damals eine kleine Banmwollenplantage besaß, und war ein sehr +schönes, dunkeläugiges und heißblütiges Kind, aber auch toll, wild und +ausgelassen, und ihr Onkel hatte sich schon früher einmal bei Curtis +darüber beklagt, daß sie es sich in den Kopf gesetzt hätte, einen jungen +Bengel zu heirathen, der -- _Advokat_ wäre. »Ein Mensch, der erstlich +einmal schon Advokat sei,« hatte er dabei geäußert, »solle nie, so lange +er lebe und athme, eines von seinen eigenen, noch seines Bruders Kindern +zur Frau bekommen, wenn _er_ es verhindern könne -- ein Advokat, der +den Leuten weißmache, roth sei blau und grün schwarz! nein wahrhaftig +nicht.« Hatte nicht noch überdies im vorigen Herbst derselbe Lasse +seinem Nachbar durchgeholfen, der angeschuldigt war, eine von Peterson's +Kühen geschlachtet zu haben? und hatte nicht er -- Peterson selbst, die +Haut von der Kuh, »auf die er das Sakrament nehmen wollte,« über dessen +Fenz hängen sehen? nein -- ein Mensch, der so etwas zu thun im Stande +sei, der sei zu _Allem_ fähig. Überdies konnte er nicht einmal einen +Maiskolben von einer Waizenähre unterscheiden, und hatte ihn selbst +-- er konnte das beschwören -- gefragt, ob die Baumwolle auf solchen +Bäumen wüchse, wie sie hier im Bottom ständen und die Baumwollenbäume +hießen. + +Und so ein Mensch sollte einmal Besitzer von einer Baumwollenplantage +werden? nein -- Fanny war erst achtzehn Jahr alt, und bis zum ein und +zwanzigsten _müßte_ sie bei ihrem Onkel bleiben; nachher würde sie schon +Vernunft angenommen und eingesehen haben, daß ihr alter Onkel ehrlich +und trefflich für sie gesorgt, indem er sie vor einem solchen Schritte +bewahrte. + +Dies Haus betrat jetzt Curtis und wurde herzlich von Allen empfangen; +ja so herzlich, daß er schon hoffte, jenes unglückselige Gerücht über +seinen kleinen Neger sei nicht bis hierher gedrungen, und sich heimlich +zuschwor, auch keine Sylbe davon zu erwähnen; aber leider schienen die +beiden Misses Peterson recht gut zu wissen, was den armen Mann zu ihnen +geführt hatte, und wenn sie auch, emsig mit ihrer Arbeit beschäftigt, +kein Wort, keine Sylbe äußerten, so verriethen doch dem jetzt schon +mißtrauisch Gewordenen einzelne verstohlene Blicke den kleinen lachenden +Teufel, der in den Herzen der Waldschönen lauerte. + +Ganz anders benahm sich dagegen Fanny; sie setzte sich zu ihm +-- plauderte mit ihm, war ernst und gesetzt und sah ihn dabei ein paar +Mal, wenn sie sich unbeobachtet glaubte -- Curtis hatte es deutlich +gemerkt -- so forschend, so theilnehmend an, daß ihn einmal, als er +diesem dunklen, fest auf ihn haftenden Auge begegnete, ein eiskalter, +aber unendlich wohlthuender Schauer durchrieselte, und er sich schon +in's Geheim drei oder vier keineswegs schmeichelhafte Ehrentitel +beilegte, nicht gleich von allem Anfang an hierhergeritten zu sein. Er +ließ sich diese kleinen Zeichen denn auch nicht zweimal gesagt sein +lassen -- rückte näher zu ihr, und fing nun an, um gleich mit etwas +Schmeichelhaftem zu beginnen, das selbstgewebte Zeug zu loben, was sie +trage, und meinte dabei: + +»Ja Miß Fanny, es steht einem jungen Mädchen Nichts auf der weiten Welt +besser, als der Stoff, den es selbst gesponnen und gewebt -- das, ist +der Grundstein der Häuslichkeit, und ein Mann --« + +»Das Zeug hab' ich gewebt, Mr. Curtis,« sagte Kitty, die jüngste, mit +einer etwas malitiösen Betonung auf dem Pronomen. + +Curtis saß da wie vom Schlag getroffen, Fanny riß ihn aber schnell aus +der Verlegenheit, indem sie versicherte, sie habe sich zu Hause all ihr +Zeug selbst gewoben und hielte es auch für passend, daß eine Hausfrau +das thun solle. + +Curtis lebte wieder auf, die ganze alte Scheu verlor sich, er wurde +gesprächig und hatte wirklich mehrere ausgezeichnete Einfälle, über die +Fanny ganz besonders lachte, der alte Peterson sich aber ausschütten +wollte. Diesen schien übrigens die Zuneigung, die seine Nichte zu dem +einfachen Farmer gefaßt, herzlich zu freuen (denn daß Curtis blos darum +gekommen sei, um eins der Mädchen anzuhalten, darüber war Niemand in der +ganzen kleinen Gesellschaft mehr zweifelhaft). »Gott sei Dank,« dachte +er bei sich selber, »hat sie doch endlich den verwünschten Advokaten +vergessen; ich wußte es aber wohl, der _Rechte_ mußte nur kommen; das +ist mit allen Mädchen so.« + +Das Abendessen war verzehrt -- der alte Peterson hatte sich, sehr +vernünftiger Weise, zu Bett begeben; dem Gast war, »wenn er sich +niederlegen wolle, sein Bett gezeigt« und Kitty und Rosy beendeten +ebenfalls mit manchen einander heimlich zugeflüsterten Bemerkungen +ihre Arbeit, verschwanden dann urplötzlich hinter einer breiten, an +den oberen Querbalken des Hauses aufgehangenen Matte, und Curtis fand +sich mit klopfendem Herzen allein neben Fanny am Feuer sitzen. + +Er gedachte der Zeit, wo er, ganz auf ähnliche Art, seiner ersten Frau +die Leidenschaft gestanden, die er fühlte, und wieder drohte ihm ein +unbeschreiblich ängstliches Gefühl die Kehle zuzuschnüren, denn wenn +er auch in den letzten Tagen für solche Erklärungen etwas abgestumpft +geworden war, da er die Gelegenheit gehabt mehrere zu geben, so fühlte +er doch, daß hier Alles -- Alles für ihn spreche, denn Fanny wäre sonst +nicht allein zurückgeblieben, und die Liebenswürdigkeit selbst gewesen. + +So sehr er aber auch den Augenblick herbeigesehnt, wo er mit ihr allein +sein würde, so schien es doch, als ob er, der noch vor so kurzer Zeit +der Redseligste gewesen, plötzlich die Sprache verloren hätte, und er +nahm wieder, aus lauter Verlegenheit, sein Messer aus der Scheide und +fing an zu schnitzeln. + +Fanny saß ihm gegenüber, an der andern Seite des Kamins, also so weit +wie nur irgend möglich von ihm entfernt. Curtis hätte zwar um's Leben +gern ihr seinen Stuhl näher gerückt, aber er wagte es nicht, er wußte +keine Ausrede, die das auch nur im Mindesten entschuldigen konnte, und +doch fühlte er wie die Zeit verrann, und er sich lächerlich machen +würde, wenn er noch länger so still und stumm wie der Klotz, der neben +ihm zum Nachlegen lehnte, da saß. + +Mit einem tiefen Seufzer sprengte er endlich die Fesseln, die seine +Zunge in Banden hielten und sagte zögernd: + +»Miß Fanny -- sind Sie noch nicht müde?« -- er fühlte, sobald ihm die +Worte über die Lippen waren, daß er auf der weiten Gotteswelt Nichts +Dümmeres hätte sagen können, aber es waren doch wenigstens _Worte_ +gewesen, die vielleicht den Zauber gebrochen hatten. + +Um Fanny's Lippen spielte bei dieser endlichen Frage ein leises, leises +Lächeln; es zuckte ihr nur so durch die Korallenlippen, und für einen +Augenblick stiegen, wie Bläschen aus einem Crystallbecher, zwei leichte, +wunderliebliche Grübchen empor auf den rosigen Wangen; sie verschwammen +aber fast eben so schnell, wie sie entstanden in der Sammethaut und nur +mit leiser Stimme sagte sie: + +»Freilich würde es eigentlich Zeit sein schlafen zu gehen, und ich weiß +nicht --« »Miß Fanny,« stotterte Curtis. + +»Onkel schläft schon,« meinte Fanny -- »wir werden ihn wieder aufwecken +durch unser lautes Reden.« + +Curtis ließ sich das nicht zweimal sagen; blitzesschnell war er von +seinem Stuhle auf und rückte diesen neben das schöne, leichterröthende +Mädchen. + +»Dann brauchen wir doch wenigstens nicht so laut zu sprechen,« meinte +er. + +»Aber Mr. Curtis.« + +»Ach Miß Fanny,« seufzte Curtis, der jetzt einmal im Gang, auch alle +Furcht und Scheu überwunden hatte, »Sie müssen es lange gemerkt haben, +daß ich Sie liebe; wissen Sie wohl noch das letzte Klötzeroll-Fest?« +Fanny nahm die kirschrothe Unterlippe zwischen die Perlzähne und blickte +still vor sich nieder. »Ich bin allein,« fuhr Curtis jetzt selbst mit +niedergeschlagenem Blicke fort -- »ich habe Niemanden zu Hause, der +-- der Theil an mir nimmt -- oder der -- der mich lieb hätte; ich -- ich +habe lange gewünscht, -- lange gewünscht ein Herz zu finden, das -- das +gern in meiner Nähe wäre. Da bin ich denn hierher gekommen -- Miß -- Miß +Fanny.« + +Fanny spielte verlegen mit der Schnur der Kugeltasche, die an der Seite +des Kamins neben ihr herunter hing. -- + +»Und wollte Sie fragen, Miß« -- fuhr Curtis mit angehaltenem Athem +fort -- »ob Sie -- ob Sie Ihr Schicksal mit einem Manne theilen wollten, +der -- der es brav und ehrlich meint, und Alles thun wird, was in +seinen Kräften steht, Sie glücklich zu machen.« + +Ein tiefgeholter Seufzer kündete jubelnd die vollendete Erklärung, das +Abrollen des Felsengewichts, das bis zu dem Augenblick seine Brust +beängstigt hatte. + +Fanny sprach kein Wort, nur manchmal warf sie einen ängstlichen Blick +nach der Thür und nach dem kleinen Fenster, das, mit einer dünnen weißen +Gardine verhangen, dem Kamin gegenüber angebracht war. + +»Miß Fanny,« flüsterte jetzt, durch dies bedeutungsvolle Schweigen kühn +gemacht, der Glückliche -- »Miß Fanny, ich bin auch kein hergelaufener +Squatter, der Nichts hat, als seine Axt und Büchse, und mit jedem neuen +Frühjahr auch wieder eine neue unbewohnte Gegend aufsucht -- ich habe +ein recht wohnliches Haus mit einer kleinen Küche und dem Rauchhaus +-- neun Acker urbar gemachtes und gut eingefenztes Land, auch ein kleines +Rübenstück -- zwei ausgezeichnet gute Pferde -- sieben und dreißig Stück +Rindvieh, einige vierzig Schweine, eine vorzügliche Stahlmühle, vier Hem +-- die beste Büchse im ganzen Revier und einen kleinen Neger von --« + +Curtis hielt plötzlich inne; der Neger war ihm wider Willen herausgefahren, +und Fanny barg plötzlich ihr Gesicht im Taschentuch und wandte sich ab +-- Hals und Nacken färbten sich ihr hochroth; -- lachte sie ihn aus? + +Eine peinliche Pause entstand -- um Gotteswillen -- sie schluchzte. + +»Ach Gott! -- Miß Fanny -- was fehlt Ihnen? habe ich Sie durch irgend +etwas gekränkt oder beleidigt? o mein Himmel, so reden Sie doch -- Sie +bringen mich zur Verzweiflung.« + +»Mr. Curtis,« flüsterte endlich das schöne Mädchen noch immer hinter dem +Tuche vor -- + +»Miß Fanny,« bat Curtis. + +»Für wie eigennützig -- niedrig denkend müssen Sie mich halten, daß Sie +mir Ihre Reichthümer aufzählen, als ob Sie glaubten, dadurch mein Herz +bestechen zu wollen.« + +»Miß Fanny!« sagte Curtis, und war wie vom Schlag gerührt; Scham und +Freude rangen in seiner Brust um die Oberherrschaft. Scham, da er +fühlte, wie Recht sie hatte; -- Freude aber, da dieser Ausbruch des +Gefühls ein sicheres Geständniß ihrer Zuneigung zu ihm war. Die Freude +trug aber nach kurzem Ringen den Sieg davon. + +»Fanny,« flüsterte er und faltete bittend die Hände -- »Fanny -- wollen +Sie die Meine sein?« + +Fanny, mit noch immer abgewandtem, verhülltem Gesicht reichte ihm ihre +Hand, die er glühend an seine Lippen preßte. + +»Es wird spät, Mr. Curtis,« flüsterte endlich das holde Mädchen, indem +sie leise die Hand entzog und von ihrem Stuhl aufstand -- wie mit Purpur +übergossen war ihr liebes Angesicht -- »wir müssen uns für heute Abend +trennen -- sprechen Sie Morgen mit meinem Onkel.« + +»Fanny,« sagte Curtis noch ein Mal und wollte seinen Arm um ihre Taille +legen, »Sie haben mich zum Glücklichsten --« + +Fanny stieß einen leisen Schrei aus, denn mit fürchterlichem Gepolter +kam ein großer Stein zu dem niederen Kamin herunter, daß Funken und +Asche weit umherstiebten; gleich darauf schlugen die draußen gelagerten +Rüden an, und umbellten wüthend das Haus. + +»Was um Gotteswillen?« rief Curtis. + +»=Sick' em=!« sagte der alte Peterson im Schlaf die Hunde antreibend. + +»Gute Nacht!« flüsterte Fanny dem Glücklichen zu; »gute Nacht, Mr. +Curtis.« + +»Gute Nacht, theuere, theuere Fanny!« rief dieser entzückt, drückte noch +einen heißen Kuß auf die nicht widerstrebende, zierlich kleine Rechte +und suchte dann ebenfalls das für ihn bereitete Lager. + +Aber an Einschlafen war nicht zu denken, wie mit Schmiedehämmern tobte +es ihm in den Schläfen, und wenn er sich auch unruhig bald auf diese, +bald auf jene Seite warf, kein Schlummer kam in seine Augen; die Hähne +krähten schon wieder, draußen im Walde kullerte der wilde Truthahn und +die Eule heulte ihr Morgenlied, als er endlich in einen leisen Schlaf +der Ermattung sank, aus dem ihn bald wieder das Holzschlagen des alten +Peterson weckte, der gleich darauf mit einem schweren Klotze auf der +Schulter in das Haus trat, und diesen, als Rückstück, in's Feuer warf. + +Er sprang auf, kleidete sich an und folgte dem Alten vor die Thür. Hier +gestand er ihm denn seine Liebe für dessen Nichte, behauptete ihrer +Einwilligung gewiß zu sein und bat um seinen Segen und seine Zustimmung. + +Peterson hatte es, nach Allem was er am vorigen Abend gesehen, erwartet, +sprach sich aber recht herzlich gegen den Farmer aus, wie er sich freue, +daß seine Nichte so vernünftig gewesen, eine so kluge Wahl zu treffen, +und versprach ihm dafür zu sorgen, daß es ihm fortan recht gut und wohl +gehen solle, da Fanny keineswegs unvermögend, dem Manne ihrer Wahl nicht +allein ihre liebreizende Gestalt, sondern auch ein recht ansehnliches +Grundeigenthum wie verschiedenes anderes bewegliches Besitzthum +mitbrächte. + +Noch an demselben Morgen ward Alles geordnet und Curtis wünschte nun mit +seiner jungen Braut den Fourche la fave hinunter zu Mr. Houston, dem +nächsten Friedensrichter, zu reiten, um dort mit ihr für immer vereinigt +zu werden; Fanny aber bat den Bräutigam, ihr den Gefallen zu thun, und +sie den Fluß hinauf zu dem etwa fünfzehn Meilen entfernten Richter +Welmot zu begleiten, der, ein Freund ihres verstorbenen Vaters, stets +den innigsten Antheil an ihr genommen und jetzt auch dem wichtigsten +Schritte ihres Lebens beiwohnen solle. + + +Hiergegen ließ sich Nichts einwenden, Curtis war sehr gern damit +zufrieden, und seinem Wunsche nach wären sie augenblicklich aufgebrochen; +Fanny hatte aber noch so viel zu ordnen, so viel zu besorgen, daß der +Nachmittag heranrückte, und erklärte nun, als der Vater vorschlug, +den nächsten Morgen abzuwarten, »sie wünsche bei einer Freundin, die +etwa auf der Hälfte Weges zwischen hier und dem Richter wohnte, zu +übernachten, wo auch Mr. Curtis gern gesehen sein würde, da sie dort +schon viel von ihm gesprochen.« + + +Wie hätte Curtis dem holden Mädchen die erste Bitte abschlagen können? +was Fanny wünschte, geschah; um drei Uhr etwa brachen sie, herzlichen +Abschied von Allen nehmend, auf, und der alte Peterson gab noch, da +er der dringenden Arbeiten wegen nicht selber mitreiten konnte, der +Nichte einen Zettel[6] für den Friedensrichter, der -- freilich etwas +unorthographisch, doch hinreichend war, jenen mit seinen Wünschen +bekannt zu machen. + + 6: Der Zettel lautete wörtlich: »=Plees Sir -- merry the too young + peepel; yoors M. Peterson.=« + +Wohl noch eine Stunde vor Dunkelwerden erreichten sie die Farm, in +welcher Fanny die Nacht zu bleiben wünschte, wurden hier auf das +Freundlichste bewillkommt, und schienen sogar erwartet zu sein, obgleich +Curtis nicht begreifen konnte, wie das möglich war; die Unterhaltung +ward übrigens sehr lebhaft geführt und Fanny ließ sich besonders viel +von einem jungen Deutschen erzählen, der eben aus den Ozark-Gebirgen +zurückkam und hier ebenfalls eingekehrt war, weil schwerdrängende +Wetterwolken eine stürmische Nacht verkündeten. + +Curtis fühlte sich übrigens sehr abgespannt; drei Nächte lang hatte er +fast jedes Schlafes entbehrt, und die fortwährende Aufregung, in der er +sich befunden, mußte überdies noch dazu beitragen, die Ermattung und +Erschlaffung seines ganzen Nervensystems zu entschuldigen. Der Farmer +bemerkte auch bald seine Müdigkeit, winkte ihm seitab, und führte ihn in +die Ecke zu seinem Lager von weichgebreiteten Hirschfellen, auf das er +sich warf, und hier bald dem Schlummergott, der ihm so lange treulos +gewesen, in die Arme sank. + +In der Nacht machten die Hunde einmal einen fürchterlichen Lärmen, und +Curtis träumte, es fiele wieder ein Stein im Kamin herunter; er wachte +aber nicht davon auf, und erst ein unruhiges Umherlaufen im Haus, und +ein Auf- und Zuschlagen der Thüren erweckte ihn. + +Es war schon heller Tag, die Sonne schien durch die Seitenspalten des +Blockhauses, als sie eben die dunkelwogenden Fichtenwipfel überstieg, +und der Deutsche schnürte vor dem Kamin die wollene Decke zusammen, um +seine Wanderung, den Fluß hinunter, fortzusetzen; Fanny konnte aber auch +noch nicht auf sein, denn er sah sie nirgends. + +Mit außerordentlicher Geschicklichkeit, die auch wirklich nur dem daran +gewöhnten Hinterwäldler eigen ist, kleidete er sich jetzt unter der +Bettdecke soweit an, daß er aufstehen und seine Toilette vor den übrigen +Mitgliedern der Familie vollenden konnte und trat nun ebenfalls zum +Feuer. + +Fanny ließ noch immer Nichts von sich sehen. + +»Mr. Curtis,« sagte endlich der alte Farmer, als er die ungeduldigen +Blicke bemerkte, die der feurige Liebhaber nach den Gardinen warf, +hinter denen die Geliebte noch immer weilte; »Mr. Curtis, wissen Sie +es schon?« + +»Wissen Sie?« frug Curtis überrascht -- »wissen? was?« + +»Sie wissen also Nichts davon?« sagte jener kopfschüttelnd. + +»Von was denn, um Gotteswillen?« + +»Hm!« sagte der Alte -- + +»Mr. Peterson, Sie bringen mich in Verzweiflung; was ist vorgefallen? +was soll ich wissen? so reden Sie doch -- wo ist Fanny?« + +William, Petersons ältester Sohn, winkte dem Ungeduldigen auf +bedeutungsvolle Art und verließ das Haus. Curtis drückte sich den +Hut auf den Kopf und folgte ihm schnell -- ihm ahnte Schreckliches. + +»Mr. Curtis,« sagte William, als er hinter der Fenz, da wo sie das Haus +nicht mehr sehen konnten, stehen blieb -- »Mr. Curtis, ich habe einen +Auftrag an Sie auszurichten?« + +»Auftrag -- von wem?« + +»Von Miß Fanny Lowland!« + +»Von meiner Braut?« + +»Von Miß Fanny Lowland.« + +»Mann Gottes, ist sie denn nicht mehr im Hause? ist sie wieder +heimgekehrt?« + +»Nein; sie ist zum Friedensrichter,« sagte William. + +»Zum Friedensrichter?« rief Curtis plötzlich beruhigt, »ja das ist was +anderes; aber so lange hätte sie doch noch warten können, bis ich mich +angezogen hatte. Ja da muß ich gleich nach --« + +»Bitte,« sagte William und hielt den Forteilenden zurück -- »ich habe +auch noch ein kleines Briefchen an Sie abzugeben.« + +»Einen Brief? von wem?« + +»Von Miß Fanny Lowland!« + +»Von meiner Braut?« + +»Von Miß Fanny Lowland.« + +»Der Mensch macht mich noch wahnsinnig,« dachte Curtis, und riß dem +Lächelnden das zusammengefaltete Papier aus der Hand. Es war versiegelt, +und enthielt, mit Bleistift geschrieben, die folgende, tröstliche +Nachricht. + + »=Dear Sir= -- + Kaum darf ich hoffen, daß Sie mir eine List verzeihen, zu der mich + freilich nur die Nothwehr gezwungen hat. Ich liebe einen jungen + Mann, einen Advocaten aus Cincinnati, und mein Onkel hätte mir noch + Jahrelang seine Einwilligung versagt, da hörte ich von Ihrer + Ankunft. Schon am Tag vorher, ehe Sie unser Haus betraten, war die + Nachricht gekommen, daß Sie bei Smeiers um die Hand der Tochter + angehalten, und da zwischen dort und unserem Hause nur drei Farmen + lagen, von denen nur auf zweien heirathsfähige Mädchen lebten, so + konnten wir mit Gewißheit darauf rechnen, Sie gestern bei uns zu + sehen. Mein Plan war augenblicklich gefaßt; durch Sie mußte ich die + schriftliche Erlaubniß meines Onkels bekommen, mich zu verheirathen + -- ich sandte meinem Bräutigam durch einen sicheren Neger Kunde, + und versuchte nun selbst, Ihr Herz für mich zu gewinnen. Ich will + aber nicht eitel sein, ich will es nicht meinen Reizen zuschreiben, + die mir das Ihrige so schnell eroberten; doch sei dem wie ihm + wolle, mein Plan gelang, ich erhielt das Papier; Sie selber führten + mich in die Arme meines Bräutigams, der Sie am vorigen Abend erst + mit dem Stein erschreckte, und dann gegen Morgen kam, mich + abzuholen. Ich bin, wenn Sie diese Zeilen erhalten, -- sein Weib.« + +Curtis starrte mehrere Secunden verblüfft in das Antlitz seines +Begleiters -- dann fuhr er fort zu lesen. + + »Zürnen sie mir nicht, aber ich war stets ein wildes, unfolgsames + Kind, und verdiente weder Sie noch ihren kleinen Neger, noch die + hundert und fünfzig Dollar -- leben Sie wohl und machen Sie eine + Andere glücklich.« + + »=P. S.= Meine Cousinen wußten Nichts von meiner List, auch + Peterson's haben es nicht erfahren, nur William, der junge Mann, + der Ihnen diesen Brief übergiebt, ist im Geheimniß -- ihm können + Sie vertrauen. Er hat zwei liebenswürdige Schwestern; und da Sie + gerade an Ort und Stelle sind -- doch einem Manne von Ihrer + Erfahrung --« + +Curtis warf den Brief auf die Erde und trat ihn so lange mit den Hacken +seines Stiefels in den weichen Erdboden hinein, bis er auch nicht die +Spur mehr davon entdecken konnte; dann wandte er sich wild gegen den +jungen Mann und wollte seinem Grimm in tobenden Worten Luft machen; +dieser legte jedoch warnend und beschwichtigend den Finger auf den Mund, +trat lächelnd näher und sagte leise, des Ärgerlichen Arm ergreifend: + +»Pst, Mr. Curtis -- Blatt vor den Mund -- um Gottes Willen Blatt vor den +Mund; bis jetzt weiß die Sache keiner als wir Beide, denn Miß Fanny oder +-- Mrs. Grey kommt, wenn sie zurückkehrt, wahrscheinlich nicht hier +wieder vorbei -- also _stillgeschwiegen_, das ist das Gescheidteste, +was Sie unter den Verhältnissen thun können. Mit einem Mädchen, das +Sie nicht liebt, wären Sie überdies nie glücklich geworden.« + +»Ich will ihr nach« knirschte Curtis. + +»Um ausgelacht zu werden?« meinte William. »Wollen Sie einen guten Rath +annehmen, Mr. Curtis?« + +Curtis sah fragend zu ihm auf. + +»Sie suchen eine Frau, und werden überall abgewiesen --« + +»Sir!« + +»Ich meine es gut, Mr. Curtis, bei Gott, ich meine es gut, aber -- gehen +Sie in einen anderen Staat, wenigstens in ein anderes County. Sie wissen +nicht, wie schwer es hält, Vorurtheile zu besiegen.« + +»Mr. Peterson, ich werde Sie um Ihren Rath ersuchen, wenn ich dessen +bedarf,« rief Curtis entrüstet, eilte zum Hause zurück, warf dort seinen +Sattel auf das höchst unmuthig wiehernde Pferd, dem es gar nicht behagen +wollte, einen neuen Ritt ohne vorhergenossenes Frühstück anzutreten, +drückte ihm den Zaum in's Gebiß, den er sich nicht einmal die Zeit nahm +festzuschnallen, schwang sich hinauf und sprengte, ohne auch Jemanden +»good bye« oder ein sonstiges Abschiedswort zu sagen, wie besessen die +Straße hinauf, dem Hause des Friedensrichters zu. + +Der frühe Ritt aber, der kalte Nordwind, der durch den Wald dahin +strich, und die noch von den Zweigen träufelnden Regenperlen, die der +nächtliche Sturm in dem Nadelholz zurückgelassen, kühlte seine Wangen +und -- seinen Jähzorn. Er hatte zuerst im Sinn gehabt, wie ein zürnender +Gott vor das Mädchen zu treten, das ihn so schändlich hintergangen, aber +des jungen Peterson's Worte: »Sie werden nur ausgelacht,« schallten noch +immer in seinen Ohren. + +»_Ausgelacht_?« er hielt sein Pferd an, und blickte nachdenkend +auf die Straße nieder; »_ausgelacht_ -- und hat jenes -- Geschöpf +-- verdient, daß ich mich so um sie ärgere?« Sein Auge fiel auf die +frisch eingedrückten Spuren zweier Pferde, von denen er die einen +augenblicklich als die Spuren des Poneys erkannte, das Fanny gestern +geritten. + +Curtis -- der fromme Curtis fluchte -- er schwur, er wolle verdammt +sein, wenn er nicht Rache -- »nein -- er wolle _nicht_ verdammt sein« +-- sagte er plötzlich, indem er den Zügel losließ, den Hut abnahm und +sich mit der Hand hinter dem Ohre kratzte. + +»Curtis!« sprach er dann nach kleiner Weile vor sich hin, »Curtis, bist +Du nicht ein rechter strafwürdiger Narr gewesen?« + +Das Pferd nickte ein paar Mal mit dem Kopfe auf und nieder und wieherte +-- es hatte Hunger. »Hast Du Dich nicht in der Ansiedelung zweck- und +ziellos umhergehetzt?« fuhr der Reiter fort, ohne des Pferdes Bewegung +weiter zu beachten, »hast Du nicht nach Glaskorallen draußen im Weiten +gesucht, während Du einen Diamant im eigenen Hause hegst? Curtis -- Du +hast diese Strafe verdient -- lange hättest Du merken müssen, daß Dir +Nancy gut sei, und -- gestehe es Dir nur ein, Du _hast_ es gemerkt, +Du hast es gefühlt, daß sie Dich heimlich liebe, aber von schnöder +Geldgier, von dem Drang mehr und mehr Dein eigen zu nennen getrieben, +verachtest Du ein Herz, das Dir mit treuer Liebe entgegen schlug, und +das in Leid und Freud' bei Dir ausharrte, nur um Dich zu trösten und zu +pflegen.« + +Er schwieg und sah wohl mehrere Minuten lang sinnend vor sich nieder, +dann aber, wie von einem unwiderruflichen festbeschlossenen Gedanken +durchglüht, setzte er den Hut wieder auf, ergriff den Zügel, lenkte den +Braunen herum, der mit der größten Bereitwilligkeit Folge leistete, und +sprengte dann »daß Kies und Funken stoben« -- zurück, der eigenen +Heimath zu. + +Aber nicht an Peterson's Hause wollte er vorüber, deshalb verließ er +bald die breite ausgehauene Countystraße und trabte durch den Wald dem +Flusse zu, den er an einer bekannten Furth kreuzte; die Niederung dann +durchschneidend erreichte er bald den Fuß der südlich liegenden Hügel, +wo er wußte, daß er, ohne an einer Ansiedelung vorüber zu kommen, seine +eigene Farm erreichen konnte, und sprengte dann mit verhängtem Zügel und +so schnell ihn des Braunen Füße tragen konnten, weiter. + +Unterwegs aber überdachte er in zürnendem Sinnen die Körbe -- die ganze +Korbhandlung, die er erhalten, und grollte mit dem Schicksal, das ihn +dazu verdammt habe, überall seine Hoffnungen zertrümmert, seine Pläne +untergraben zu sehen. War es aber das Schicksal, das Alles dieses +verübt? war es ein böses Fatum, das über seinen Handlungen wachte und +die schönsten Keime noch in der Blüthe erstickte? -- nein -- er hatte +sonst in Allem Glück, seine Erndten gehörten stets zu den besten, sein +Viehstand wuchs mit jedem Jahre stärker, als er es selber zu hoffen +wagte; keinem anderen Ansiedler am Fourche la fave zerriß der Panther +weniger Kälber oder der Bär weniger Schweine, und kein Haus war weniger +vom kalten Fieber heimgesucht gewesen, als gerade Curtis; dabei war er +ein ordentlicher, fleißiger und braver Mann, nicht streitsüchtig, aber +tapfer und unerschrocken, wo es galt, seinen Mann zu stehen, und bei der +Arbeit unermüdlich. + +Woher nun konnte es kommen, daß er von allen Mädchen, um die er anhielt, +verschmäht wurde, die noch überdies zu all den obigen Eigenschaften +seine Verhältnisse kannten, die in diesen anspruchslosen Gegenden +wirklich an Wohlhabenheit grenzten. Kaum glaublich ist es, aber die +Ursache lag einzig und allein in jener Angewohnheit, von seinem kleinen +Neger und seinem baaren Gelde zu sprechen; er war _verlacht_ und +_verspottet_ worden, und irgend Eines der Mädchen hätte lieber einen +anerkannten _Schuft_ geheirathet, als einen Mann, der sich einmal +-- _lächerlich_ gemacht. + +Curtis fühlte das jetzt selbst, und er beschloß hinfüro die Aufzählung +seines Eigenthums zu verschieben, bis er darum gefragt werde -- »doch« +-- fuhr er dann in seinem Selbstgespräche fort -- »was bedarf ich dessen +weiter -- Nancy liebt mich auch mit meinen Schwächen, denn sie kennt +meine guten Eigenschaften ebenfalls, und ich werde jetzt das Glück +zu Hause finden, das ich, Thor der ich war, vergebens unter Fremden +suchte.« + +Diese Nacht lagerte er bei einem alten Jäger, der, ziemlich abgeschieden +von anderen Ansiedelungen, sich dicht am Flussesufer eine kleine Hütte +gebaut hatte, Viehzucht trieb und dabei jagte. Er fand dort gastliche +Aufnahme und Nahrung für sich und sein Pferd; schlief auch, da er die +Gewißheit hatte, der Alte könne Nichts von seinem Unglück erfahren +haben, sanft und ruhig die Nacht, und war am andern Morgen, als die +Sonne eben erst den äußersten Hügelsaum vergoldete, schon wieder unter +Weges. + +Ihn trieb jetzt die Sehnsucht heim, wie sie ihn vor wenigen Tagen +fortgetrieben, und freudig und stürmisch klopfte sein Herz, als er +endlich das eigene Dach hinter den maigrünen Maulbeerbäumen, die dem +Hofe Schatten gaben, hervorschimmern sah. + +Der Braune wieherte ebenfalls vor Freuden, als er den heimischen Trog +erblickte, und Curtis streichelte ihm im Mitgefühl den schöngeformten +Hals. -- Ha -- da war Nancy -- sie hatte das bekannte Wiehern des +Braunen gehört, und war in die Thür gesprungen, das heimkehrende Paar zu +begrüßen, das heißt, nicht etwa den Braunen und dessen Herrn, sondern +den Herrn und dessen -- Frau; sie blieb auch etwas überrascht in der +Thüre stehen, als sie Mr. Curtis allein zurückkehren sah; dieser aber +drückte dem treuen Thier die Hacken in die Seite, sprengte bis dicht +vor die Pforte, blieb dort plötzlich mit einem Ruck halten, und sagte: + +»Guten Morgen, Nancy?« + +»Ei guten Morgen, Mr. Curtis,« rief das fröhliche Mädchen, »Sie scheinen +ja heute gewaltig guter Laune zu sein; ich dachte aber Sie brächten +Gesellschaft?« + +»Wie gehts Nancy?« frug Mr. Curtis, ohne jedoch auf die letzte Bemerkung +weiter zu achten, indem er immer noch vor dem Hause hielt, und zu ihr +aufsah -- »wie ist es die Tage über gegangen?« + +»Danke -- gut, Mr. Curtis -- sehr gut -- aber warum steigen Sie denn +nicht ab? wo bleibt denn der Besuch? ich habe das ganze Haus gescheuert +und gekehrt.« + +»Schadet Nichts, Nancy,« sagte Mr. Curtis, und sah sinnend auf den +-- kleinen Neger nieder, der höchst bedeutungsvoll vor ihm stand und dem +Pferde nach dem Zügel griff -- »ja Bob,« rief er diesem dann zu, »führ +ihn fort und füttere ihn gut, ich reite nun sobald nicht wieder aus, der +Braune soll sich eine Woche pflegen, denn zu Richter Houstons nebenbei +können wir zu Fuße gehn. Höre Nancy,« wandte er sich dann an das junge +Mädchen -- »ich hab Dir viel zu erzählen, und muß Dich um etwas +fragen.« -- + +»Mich? -- ei um was denn?« + +»Sollst es gleich erfahren, aber -- Du hast Dir ja all Deine +Sonntagskleider vorgeholt? ist ein Tanz in der Nähe?« + +»Ach Mr. Curtis -- ich hätte Ihnen auch viel zu erzählen,« sagte Nancy, +und wurde feuerroth. + +»Nun Nancy? heraus mit der Sprache,« lächelte dieser, »heraus mit der +Sprache -- was ist's?« + +»Ach, Sie werden mich auszanken!« + +»Ich Dich auszanken, Nancy? habe ich Dich jemals ausgezankt?« + +»Ach Gott ja, wissen Sie wohl das eine Mal, wo ich über den kleinen +Neger« -- + +»Oh -- Unsinn,« sagte Mr. Curtis. + +»Es war Jemand hier während Ihrer Abwesenheit,« fuhr Nancy fort. + +»So? wer denn? aber was wolltest Du mir denn erzählen?« + +»Mr. Pelter, Sir, -- der junge Mr. Pelter.« -- + +»So? wollte er das Joch Ochsen kaufen, wegen dem er sich schon fast die +Füße abgelaufen hat?« + +»-- Nein -- er -- er hat,« sagte Nancy zögernd und bis in die Haare +hinauf erröthend -- »er hat um meine Hand angehalten.« + +Curtis zuckte wie von einem Blitzstrahl getroffen zusammen, und blickte +dem Mädchen so wild, so stier in's Auge, daß dieses erschreckt einen +Schritt zurücktrat und ausrief: + +»Mr. Curtis!« + +Es war aber auch nur ein Moment, dann geschah ihm das, was uns armen +Sterblichen nicht selten geschieht, wenn ein Unglück so schnell dem +andern folgt, daß wir kaum Zeit behalten, über das erste nachzudenken, +während schon das zweite und dritte nachbricht -- die ganze Sache kam +ihm komisch vor -- er schlug ein fürchterliches Gelächter auf und fing +dann wie wahnsinnig an zu pfeifen. + +Nancy sah ihn erschrocken an -- was konnte dem Manne wohl fehlen? sein +ganzes Benehmen war ihr schon sonderbar erschienen -- sollte er -- es +wäre schrecklich -- übergeschnappt sein? -- + +»Bob!« rief Curtis seinen kleinen Neger an -- + +»Jes Massa.« + +»Sattle den Rappen, der Braune mag sich ausruhen, ich muß fortreiten.« + +»Aber Mr. Curtis« -- sagte Nancy. + +»Und wann wollt Ihr Euch verheirathen, Nancy?« + +»Sobald Sie zurückkamen -- heute« -- stotterte Nancy. + +»Willst Du mir einen Gefallen thun, Nancy?« + +»Gern -- von Herzen gern -- welchen?« + +»Willst Du noch bei den Kindern bleiben und auf das Haus acht geben, bis +ich, vielleicht in acht Tagen, zurückkehre?« + +»Das will ich mit Freuden, aber -- wo wollen Sie denn hin?« -- + +»Nach Tenessee hinüber, vielleicht nach Kentucky,« sagte Curtis, und +trat vor die Thüre, denn in diesem Augenblick brachte Bob den Rappen. + +»Good bye Nancy« -- sagte Jeremias, als er sich in den Sattel schwang. + +»Good bye Mr. Curtis,« sagte Nancy, als sie ihm kopfschüttelnd +nachblickte. Jeremias aber setzte wieder, wie vor einigen Tagen, über +den Bach weg und pfiff sich ein munteres Lied, bog aber diesmal anstatt +links, rechts in die Countystraße ein, und murmelte, als er dem feurigen +Rappen den Hacken fester in die Seite drückte: + +»Das müßte doch mit dem Henker zugehen, wenn ich keine Frau kriegen +könnte.« + + * * * * * + +Jeremias Curtis zog nun über den Arkansas, und wie es hieß, sogar über +den Mississippi hinüber. + +Nancy aber, die allerdings versprochen hatte, bei den Kindern, +keineswegs aber ledig zu bleiben bis er zurückkehre, schloß nicht mit +Unrecht, daß dies wohl noch eine Zeit lang dauern könne, und da es, wie +sie schon mehrere Sonntage gehört hatte, nicht gut wäre, daß der Mensch +allein sei, besonders in den dichten Wäldern des fernen Westens, so +verband schon am zweiten Tage nach Curtis plötzlicher Abreise der +benachbarte Friedensrichter die beiden Liebenden, und »der junge Mr. +Pelter« zog, da »die Heerden doch unmöglich so lange ohne männliche +Aufsicht bleiben konnten,« indessen als Verwalter auf Curtis Farm. + +Hoffentlich bekomme ich recht bald und recht günstige Nachrichten über +Curtis zweiten Zug, und werde dann sicherlich nicht ermangeln, dem +freundlichen Leser mitzutheilen, ob _Curtis eine Frau bekam_. + + + + +Schulen in den Backwoods. + + +Schulen und Urwald sind eigentlich zwei einander sehr entgegengesetzte +Begriffe. Die wild und schauerlich rauschenden Baumwipfel und das +Erlernen von Gegenständen, die gerade in ihrem Schatten am wenigsten +anwendbar sind, stehen sich einander fast zu unvereinbar und schroff +gegenüber; es ist aber hiermit wie mit der Fabel von dem Baume, der dem +Menschen erlaubte ein kleines Stück Holz, nur so viel als er zum Stiel +einer Axt gebrauchte, zu nehmen, und sich bald darauf durch diesen ihm +so gering erschienenen Span angegriffen und gefällt sah. So ist es mit +den Schulen im Urwald: zuerst sammeln sich in roh aufgeschlagener Hütte, +im Schatten und unter dem Schutz der Wildnisse, die Kinder und jungen +Leute aus den vereinzelten Ansiedlungen und Jägerwohnungen; aber +ihre Fähigkeiten wachsen -- bald stehen ihnen die sie umstarrenden +Riesenstämme zu beengend und hemmend im Weg und die herrlichen Bäume +fallen, der Wald wird gelichtet, das Land urbar gemacht, Farmen und +Städte springen auf und der Pflug durchfurcht den Platz, Lastwagen +knarren über die Stelle wo noch vor wenigen Monden der Bär sein stilles +und ungestörtes Lager aufgeschlagen, wo kein Laut das feierliche +Waldesschweigen gebrochen hatte, als der gellende Schrei des Panthers +und der schauerliche Ruf der Eule und des Whip-poor-will. + +Es ist eine traurige Wahrheit, der Poesie des Lebens folgt die trockene, +ernste Prosa, der fröhlichen Jugendzeit das gesetzte, sorgenvolle Alter, +den bunten, glänzenden Luftschlössern des Kindes die düsteren, kalten +Gebäude des Mannes mit ihren zugigen Gängen und rauchenden Kaminen, +dem Brautstand die Ehe, dem freien, sorglosen Waldleben der Pflug und +die Egge des Landmanns und die dumpfige Schreibstube des Gelehrten +und Kaufmanns. Die Leute sagen: die Welt wird besser, der Segen der +Civilisation spricht aus den wallenden Getreidefeldern und den friedlich +rauchenden Hütten des Landmanns, aus den blühenden Städten und belebten +Landstraßen, die sich zwischen grünen Hecken und blühenden Obstbäumen +hinziehen; aber die Natur trauert. Aus tausend qualmenden Fabrikschlünden +wälzt sich erstickender Kohlendampf und legt sich wie giftiger Mehlthau +auf die grünen Matten, der Staub der Landstraßen bedeckt Blätter und +Blüthen, und gespalten und aufgerissen lechzt die schmachtende Erde, +des kühlen Schattens ihrer Wälder beraubt, nach Thau und Erquickung. + +»Die Welt ist civilisirt und hat ihren großen Endzweck, sich zu +vervollkommnen, erreicht,« so sagen die Weißen; der Indianer aber +wickelt sich schweigend in seine Decke, wirft noch einen trauernden +Blick auf diese Civilisation, die ihm freilich, da sie sein Alles, +seine Heimath, sein Glück zerstörte, Verwüstung erscheint, und -- stirbt. +-- Die Welt ist civilisirt. + +Doch ich spreche hier Gefühle aus, welche in Europa wohl wenig Anklang +finden möchten; die Welt ist civilisirt und die Leute kennen sie hier +nicht anders -- sie sind sich »nur des einen Triebes bewußt,« und es ist +auch vielleicht recht gut so; das wilde Leben _muß_ der Cultur, die rohe +Kraft dem höheren Geiste weichen, und die Gebeine des Indianers düngen +mit dem Wald, der einst seine Heimath war, den Acker des weißen Mannes. + +In den Vereinigten Staaten von Nordamerika geht diese Umgestaltung mit +rasend schnellen Schritten vor sich, und wie bei einer Feuersbrunst die +Flamme zu gleicher Zeit züngelnd nach tausend verschiedenen Stellen +hinüberleckt und weit und weiter um sich greift, so bricht sich auch +Aufklärung und Cultur im Norden, Westen und Süden Bahn durch die +Wildniß, und noch von den Wigwams der Ureinwohner umgeben, entsteigen +blühende Pflanzungen und Kirchen und Schulen vor den Blicken des +erstaunten Indianers dem Boden. + +Die Bevölkerung der verschiedenen Staaten ist namentlich in den letzten +zehn Jahren ungeheuer gewachsen; nach einer Zählung vom Januar 1840 +belief sich die Gesammt-Einwohnerzahl auf 17,062,566 Seelen, die jetzt +auf 23 Millionen gestiegen ist. Unter diesen waren 386,245 freie Neger +und Abkömmlinge von Negern, oder sogenannte =coloured persons=, ferner +2,487,213 Sklaven und 14,189,108 freie Weiße. Von den letzten 14 +Millionen waren 6,439,700 zwanzig und über zwanzig Jahre alt, und von +diesen konnten noch 549,693 weder schreiben noch lesen. Hieran waren +aber bis jetzt größtentheils die Kriege und Kämpfe mit den Eingebornen +Schuld, denn die kühnen Pionniere des Westens, allein und unbeschützt +zwischen ihnen feindlich gesinnten Stämme vorgedrungen, konnten, wenn +sie wirklich die Kenntnisse dazu besaßen, keine Zeit darauf verwenden +ihre Kinder zu unterrichten, so lange es galt, Tag und Nacht ihr eigenes +Leben und Eigenthum gegen den schlauen und wilden Feind zu schützen; +jetzt aber, wo dieser, mehr und mehr verdrängt, bald nur noch in der +Erinnerung der alten Leute und in den Sagen und Erzählungen der Nachwelt +leben wird, ändert sich auch dieses. Der Wald ist sicher und die Kinder +dürfen allein das schützende Haus verlassen, um der meilenweit +entfernten Schule zuzueilen. + +Die Anzahl von Schulen in Nordamerika ist beträchtlich; Universitäten +und höhere Schulen giebt es 173, Real- und Vorbereitungsschulen 3242 und +von den geringeren im ganzen Lande zerstreuten Instituten für die ersten +Anfangsgründe, von sogenannten Abcschulen, 47,209. Auf die erstern +werden dabei 16,233, auf die mittlern 164,159 und auf die letztern +1,845,244 Schüler gerechnet, wozu noch 468,264 auf Staatskosten oder +Freischüler gezählt werden müssen. Die Universitäten und Schulen +der östlichen und selbst der südlichen Staaten sind übrigens den +europäischen zu ähnlich, um hier besonders viel über sie zu sagen, die +westlichen oder Backwoodsschulen aber zeichnen sich dagegen durch so +viel Eigentümliches aus, daß sie allerdings eine kurze Beleuchtung +verdienen, die manchem nicht uninteressant erscheinen wird. + +Vom Staate selbst ist für die Erziehung der Kinder immer die sechzehnte +Section (640 Acker) jedes Townships[7] bestimmt, und wird das »Schulland« +genannt. Dieses soll nur zum Nutzen der Schulen und des ihnen vorgehenden +Lehrers verwendet werden; in den westlichen Staaten aber, den sogenannten +Backwoods, geschieht wenig mehr mit diesem Landstrich, der, wie es sich +trifft, bald aus dem herrlichsten, bald aus dem schlechtesten Boden +besteht, als daß höchstens ein kleines Blockhaus, das Schulgebäude, +darauf errichtet wird und der Schullehrer, welcher eine solche Stelle +selten auf länger als ein oder zwei Jahre, oft nur für eine Jahreszeit, +den Winter, übernimmt, ein kleines Stückchen davon urbar macht und +Kartoffeln oder Mais hineinpflanzt, was denn vielleicht im nächsten +Jahr, wenn sich sein Nachfolger nicht darum bekümmert, so verwächst und +verwildert, daß es, ordentlich wie zornig darüber, seinem Naturzustande +auf kurze Zeit entrissen gewesen zu sein, mit dem tollen Gewirr von +Unterholz und Schlingpflanzen gar nicht wieder zu lichten ist. Sonst +beschützen es aber die in der Nähe lebenden Ansiedler insofern, daß sie +den Flötzern (=rafters=) nicht gestatten, sich von diesem Landstrich, +wenn er gerade bequem an einem Wasserlauf liegen sollte, Stämme zu holen +und diese den Fluß hinabzuschwemmen, gegen welchen Erwerbszweig sie +sonst, wenn es blos Onkel Sams[8] Grund und Boden wie Holzung betrifft, +höchst nachsichtig sind. + + 7: Das Township selbst besteht aus einem Quadrat von sechzehn + Sectionen. + + 8: Launige Bezeichnung der =U. (nited) S. (tates). Uncle Sam=. + +Wo Ansiedler nun ganz allein und nachbarlos leben, die z. B. in +den Sümpfen des östlichen Theiles von Arkansas und Missouri, wo sie +vielleicht 15, ja 20 und noch mehrere Meilen wandern müssen, ehe sie +die Spuren menschlichen Wirkens und Fleißes erblicken können, da hört +denn freilich jedes Schulgehen der Kinder auf, oder hat vielmehr noch +gar nicht angefangen; die Knaben durchstreifen den Wald und jagen und +fischen, und die Mädchen bleiben daheim bei der Mutter und spinnen die +Baumwolle, welche ihnen der Vater dann und wann von seinen »Zügen« in +das nächste Städtchen mitbringt, oder die sie auch wohl selbst in einem +kleinen Feld neben dem Hause gezogen haben. Nähern sich aber diese +Ansiedlungen einander auf 5 bis 6 Meilen, dann fangen die Farmer an +sich nach einem Schullehrer umzusehen; gewöhnlich treibt Einer von ihnen +irgendwo einen wandernden Yankee, manchmal auch einen Deutschen auf, und +der Grund zur Civilisation wird gelegt. + +Haben sie den Schullehrer erst, dann stellt sich ihnen auch die +Nothwendigkeit heraus, ein Haus zu bauen, wobei dieser gleich mit Hand +anlegen kann, die Nachbarn werden also zusammenberufen und in wenig +Tagen steht die kleine anspruchslose Hütte fertig mit Dach und Thüre da. +Zwar befindet sich das Kamin noch sehr im Naturzustande, und eine Diele +fehlt gänzlich, es ist ja aber »nur die Schule,« und da kommt das nicht +so genau darauf an. + +Sind nun in dem District, aus welchem die Kinder gemeinschaftlich die +Lectionen besuchen sollen, recht gescheute Leute, die sich berufen +glauben, dem Manne, der ihr junges Amerika bilden soll, einmal ernstlich +auf den Zahn zu fühlen, so wird ein Examen angesetzt, in welchem der +Lehrer einige sehr verfängliche Fragen über Grammatik und amerikanische +Geschichte vorgelegt bekommt, und ihm verschiedene entsetzlich klingende, +und zu diesem Zweck besonders ausgesuchte fünf- bis sechssylbige Wörter +zum Buchstabiren aufgegeben werden; hat er diese Fragen zur Genüge +beantwortet und kann er (auf schöne Schrift wird weniger gesehen) +besonders recht schnell und klein schreiben, so ist sein Ruf begründet, +die Männer betätigen, daß er »=knows a heap=,« oder mit andern Worten +ein sehr gescheuter und gebildeter Mann sei, und am nächsten Montag +beginnt die Schule. + +Von diesem Augenblick an ist der Schullehrer heimathlos, denn er geht +nun aus einer Hand in die andere, d. h. er »boardet« oder wohnt in +dieser Woche bei dem, in der Woche bei einem andern Farmer und hat +nirgends einen Platz, den er sein eigen nennen könnte, das Schulhaus +selbst ausgenommen, das sich übrigens stets in einem nichtsweniger als +wohnlichen Zustand befindet. Sein Gehalt beträgt von 10 bis 15, oft +sogar 20 Dollars den Monat, und täglich hat er dafür seinen Zöglingen +sechs, auch sieben Stunden zu geben. Diese kommen Morgens, wenn sie über +eine Meile entfernt wohnen, was auch fast bei allen der Fall ist, auf +ihren kleinen, indianischen Poneys angallopirt, binden diese an die das +Schulgebäude umgebenden Büsche, nehmen ihre Bücher und ihr Mittagbrod, +das sie in einer Blechbüchse bei sich tragen, mit hinein, und setzen +sich auf die zu ihrem Nutz und Frommen roh aufgeschlagenen Bänke von +weichem -- Holz. + +Fenster hat das Zimmer oder vielmehr das Haus (denn das ganze Haus +besteht nur aus einem Zimmer) nicht, die Thür bleibt deßhalb offen, um +das nöthige Licht hereinzulassen; zum Schreiben aber läuft ein zwischen +zwei Stämmen an der einen Seitenwand schräg befestigtes Brett hin, +welches dadurch erhellt wird, daß man den Zwischenraum zwischen den +gerade über demselben befindlichen Blöcken nicht ausgefüllt hat, was, +wenn man diese Spalte nur an der Süd- oder Südostseite anbringt, dem +Zweck ziemlich entspricht, da es von der Wetterseite her hineinregnen +würde. + +Die Hauptwissenschaft in diesen Anstalten besteht im Buchstabiren und +richtigen Abtheilen der Wörter, in der englischen Sprache allerdings +nicht so ganz leicht zu erlernen, und dieses Buchstabiren wird wirklich, +selbst noch von erwachsenen Personen, mit wahrer Leidenschaft getrieben; +es kommen ordentliche Gesellschaften zusammen, nur um zu buchstabiren, +und in diesen bilden sich dann zwei Parteien, die einander recht +schwierige Wörter aufgeben. Sobald die Schüler hierin einige Fortschritte +gemacht haben, beginnt das Schreiben, die Grammatik und hin und wieder +einige Stunden Geschichte, wo vor allen Dingen, wie das auch nicht mehr +wie recht und billig ist, der nordamerikanische Freiheitskrieg +durchgenommen wird. + +Das ist der regelmäßige Cursus in den gewöhnlichen Backwoodsschulen; +oft aber geschieht es auch, daß, wie ich ein Beispiel aus den Bay de +View-Sümpfen in Arkansas weiß, irgend ein durchziehender Krämer oder +Kaufmann, dessen Geschäft auf eine andere Art nicht recht gut gehen +will, Gastrollen als Schullehrer giebt. Dieser also, wenn er in eine +Gegend kommt, in der noch früher nie Schule gehalten wurde, macht auf +einmal bekannt, (d. h. er reitet von Haus zu Haus und meldet es selber), +daß er das »Winterhalbjahr« Stunden geben würde, und ladet nicht allein +die Kinder, sondern mehr noch die schon erwachsenen jungen Leute ein, +gegen ein gewisses Honorar an dem Unterricht Theil zu nehmen. + +In dem oben erwähnten Fall hatte der plötzlich von Tenessee +hereingeschneite Lehrer, ein Handlungscommis aus Memphis, Schreibestunden +angekündigt, und wohl einige 30 Schüler, meistens junge Mädchen und +junge Leute von 10 bis 20 und 22 Jahren bekommen; von diesen allen aber +konnten, drei ausgenommen, _keiner_ weder lesen noch buchstabiren, und +sie lernten nur, nach den ausgelegten Vorschriften und persönlichen +Anweisungen, die Buchstaben und zuletzt die Worte nachmalen, worin sie +es, ein Beispiel was Übung thut, schon zu ziemlicher Fertigkeit gebracht +hatten. + +Die Folgen waren übrigens leicht vorauszusehen, der Lehrer blieb +nur etwa vier Monate, und ging, da er das kalte Fieber nicht wieder +loswerden konnte, mit seinem indessen verdienten Gelde nach Tenessee +zurück. Als ich darauf in Jahresfrist jene Gegend zum zweitenmal +durchzog, und bei einem Farmer übernachtete, dessen erwachsene Kinder +ebenfalls an dem Unterricht Theil genommen hatten, und diese bat, mir +auf ihrer Schiefertafel, auf der sie mit einander Wolf und Schafe, oder +wie sie's dort nennen »Fuchs und Gänse« spielten, etwas vorzuschreiben, +so waren sie auch gern dazu bereit, aber welcher Sprache diese +fremdartigen Zeichen und Hieroglyphen angehörten, sah ich mich nicht im +Stande zu bestimmen, den Begriff der Buchstaben und Worte hatten sie nie +gelernt und die Form und Gestalt derselben bald wieder vergessen. + +Rechnen gehört auch schon eigentlich zu den höheren Wissenschaften, doch +wird das immer noch eher betrieben, weil es mehr in's Leben eingreift; +mit der Geographie müssen sich die Lehrer dagegen sehr vorsehen, denn +ich weiß selbst ein Beispiel, wo sich ein alter Backwoodsman einst die +Karten von Arkansas und Missouri, nach welchen der Lehrer unterrichtete, +zeigen und erklären ließ, und nach einer Weile entrüstet aufsprang und +seinem Sohn befahl, sein Buch zu nehmen und mitzukommen: »wo solche +Lügen gelehrt würden, wollte er sein Kind nicht hinschicken,« meinte er +und zeigte dann, als der Lehrer ganz verwundert und erstarrt dastand, +zornigen Blickes das Messer aus der Scheide reißend, mit dessen Spitze +auf die vor ihm ausgebreitete Karte. + +»Also hier kommt White River heraus, oh? und da entspringt er -- und die +kleinern Striche hier, und die Grasbüschel, das ist Sumpf -- oh?« + +»Ja -- so steht's auf der Karte, und ist so nach den neuesten +Vermessungen angegeben.« + +»So? also das soll ich glauben, und dann ist auch da an der Buffalofork +kein Berg, nicht wahr? und Mulberry mündet über Ozark in den Arkansas? +und wo ist denn der Richland und der Wareagle, und wo ist der Spiritcreek +und Frog-Bayou? Also jetzt soll mein Junge die Lügen lernen, und wenn +er nachher hinein in den Wald kommt, dann steht er da, wird irre und +verläuft sich -- nein so was kann ich ihn selber lehren, da brauch' ich +die Papierverderber nicht dazu.« + +Der alte Jäger nahm seinen Sohn wirklich mit zu Hause, und es bedurfte +der ganzen Überredung seiner Frau und Schwägerin, daß er ihm endlich +wieder erlaubte hinzugehen; er legte es dem Jungen aber dringend an's +Herz, »kein Wort von dem zu glauben, was ihm der Yankee vorschwatzen +würde.« + +Der Sonnabend ist in den Vereinigten Staaten, in den westlichen +wenigstens, durchaus schulfrei. Fünf Tage wird nur gelehrt, und der +Freitag Abend gewöhnlich zu Red- und Denkübungen benutzt, an denen dann +nicht nur Kinder, sondern auch die Erwachsenen, ja alte Personen aus der +Umgegend Theil nehmen. Es ist dieß aber in der That eine sehr gute und +zweckmäßige Einrichtung, und gewöhnt nicht allein die jungen Leute +daran, über ihnen vorgelegte schwierige oder verwickelte Fragen scharf +nachzudenken, sondern macht sie auch zu frühen Rednern und lehrt sie die +Scheu, öffentlich zu sprechen, abzulegen. + +Diese Versammlungen heißen kurzweg »Debatten,« und jeder hat dazu freien +Zutritt. Ich habe übrigens einen solchen Abend in meinen »_Streif- und +Jagdzügen_« ziemlich ausführlich beschrieben, und will nur hier noch die +ungefähren Gesetze und Verhältnisse derselben kurz angeben. + +Zuerst werden zwei Richter gewählt, die sich gewöhnlich etwas vom Feuer +zurück gerade gegen das Kamin zu setzen; dann folgt die Wahl zweier +Capitäne, um die Verhandlungen zu leiten, und diese suchen sich nun +unter den Anwesenden solche aus, von denen sie sich die besten Argumente +versprechen; erst dieser Capitän einen, und dann der andere, bis +sämmtliche Mitglieder verbraucht sind. Die zwei feindlichen Parteien +nehmen jetzt die beiden Seiten des Kamins ein, und nun wird von den +Richtern ein Thema oder vielmehr eine Disputation aufgegeben, über +welche debattirt werden soll; verständigen sich die Capitäne, welchen +Theil sie vertheidigen wollen, gut, so bedarf es weiter keiner +Anordnungen; ist das aber nicht der Fall, so entscheiden die Richter +diesen Punkt. Gewöhnlich wird ein Geldstück in die Höhe geworfen, um +die beginnende Partei zu bestimmen, wo es denn vorher ausgemacht wird, +ob Kopf oder Schrift den Ausschlag giebt. + +Das Thema oder die Debatte wird sehr verschieden, manchmal ernst, +am meisten aber komisch gewählt, und es kommen oft, besonders unter +den Schulkindern, gar sonderbare Argumente dabei zum Vorschein. +Beispielshalber will ich hier die folgenden aufführen: + +»Ob Neger oder Indianer das meiste Unrecht von den Weißen erlitten +haben« (ein wunderbares Capitel für einen amerikanischen Sklavenstaat, +und doch kam es in Arkansas vor); »ob die katholische oder jüdische +Religion die bessere sei.« (Die Richter, ein paar strenge Methodisten, +wollten sich weder zu Gunsten der einen noch der andern entscheiden und +erklärten einstimmig, daß alle beide nichts taugten). + +»Ob die Erfindung des Pulvers oder des Papiers Amerika den meisten +Nutzen gebracht haben,« (die Entscheidung fiel für das Pulver günstig +aus). + +»Ob ein Küchelchen, von einer Ente aus einem Hühnerei gebrütet, diese +oder das alte Huhn als seine Mutter zu erkennen habe.« + +»Ob eine böse Frau oder ein rauchendes Kamin schlimmer sei etc.« + +Was mir besonders lobenswerth bei allen diesen Verhandlungen erschien, +war der Ernst, mit dem sämmtliche Anwesende oft dem baarsten Unsinn +lauschten, besonders wenn ein Jüngerer sprach; er mochte schwatzen was +er wollte, so lachten sie nie, ausgenommen die Sache gehörte an und für +sich zu den komischen. Sie gehen dabei von dem ganz richtigen Grundsatz +aus, man müsse die jungen Leute nicht abschrecken und sie den Muth +verlieren machen. + +Der Nutzen, den diese Freundlichkeit und Nachsicht gewährt, ist +augenscheinlich, besonders in den westlichen Staaten, wo ich junge +Leute, die sonst schüchtern und ängstlich schienen, bei politischen +Versammlungen habe auf irgend einen abgehauenen Baumstumpf treten, und +lange, wenn auch nicht tief durchdachte aber doch durch kein Stocken +unterbrochene Reden halten sehen; schon die Schulkinder üben sich auf +diese Art unter einander. + +Das Verhältniß zwischen Lehrer und Schüler ist ebenfalls in Amerika +ein ganz anderes, als in den europäischen Ländern. Jene Freiheit und +Gleichheit, die alle Stände mit einander verbindet, dehnt sich auch +auf diesen aus, und so ernst und streng der Lehrer in der Schule sein +mag, so ungezwungen beträgt er sich außerhalb derselben oder in den +Zwischen- und Erholungsstunden gegen seine Schüler. Selten spielen diese +ein Spiel oder halten einen Wettlauf, an dem er nicht Theil nimmt, und +oft ist er der ausgelassenste des ganzen Haufens, nie aber auch weiß +ich, daß Knabe oder Mädchen, in den Backwoods nämlich, einen Schlag +von dem Lehrer erhalten habe; durch Ehrgeiz treiben sie schon einander +selbst zum Lernen an, und dieses wöchentliche Zusammenkommen zum +Debattiren und Buchstabiren ist gewissermaßen ein eben so oft +wiederholtes Examen, bei dem Eltern und Freunde gegenwärtig sind, und +der junge Amerikaner möchte um die Welt nicht am schlechtesten bestehen, +denn er würde ja zu Hause damit geneckt werden und in der Classe nicht +unter den ersten sein, auch würden ihn die Mädchen auslachen (Knaben +und Mädchen theilen stets dieselben Stunden), und das wäre doch zu +entsetzlich. Mit regem Eifer drängt ihn also schon sein innerer Trieb +zum Lernen, und von dem Augenblick an, wo er die Schule betritt, denkt +er fast nicht mehr an Spielen und Umherrennen, sondern sitzt ehrbar und +andächtig mit seiner Schiefertafel in der Ecke und malt seine Buchstaben +und Zahlen. + +Das kindliche Leben aber, die fröhlichen Spiele der Jugendzeit, das +Alles kennt der Amerikaner auch nur dem Namen nach; von dem Augenblick +an, wo er allein gehen und sich ankleiden kann, gehört er nicht mehr +sich selbst, sondern seinen Eltern und beginnt mit Hand anzulegen an +der großen Aufgabe des Lebens. Ist es ein Knabe, so muß er mit in's +Feld und kleine Büsche zusammentragen, auf einen Haufen werfen und +später anzünden und verbrennen, Späne und trockene Rinde für Mutter +oder Schwester zum Kochen herbeischleppen und tausend andere kleine +Handreichungen thun; wird er etwas stärker, so holt er den Mais aus dem +»Corncrib« und füttert Pferde und Schweine, haut Brennholz und hilft mit +im Kornfeld die Maishügel anhacken. Ist es ein Mädchen, so lernt es +schon, wenn es kaum auf den Tisch sehen kann, das Geschirr auswaschen +und Brodteig anrühren, und wird es nur ein klein wenig älter, spinnen +und weben. Puppen kennt es kaum dem Namen nach, mit andern Kindern kommt +es auch, der weiten Entfernung der auseinanderliegenden Farmen wegen, +selten oder nie in Berührung und wird schon mit dem achten oder neunten +Jahre »=an old woman=« (eine alte Frau), wie es sich gern nennen läßt. + +Oft zwingt freilich auch die Nothwendigkeit die armen Kinder zu einer +Thätigkeit, welche ihren Jahren keineswegs angemessen ist. So starb am +Richland, in den Ozarkgebirgen, die Frau eines Farmers am Nervenfieber +(der arme Mann hatte keinen Arzt und keine Medicin bekommen können, +und der Leidenden nur immer Calomel gegeben, bis sie todt war); sie +hinterließ sechs Kinder, von denen das älteste ein Mädchen etwa neun +Jahre alt, das jüngste noch ein Säugling war, und der Vater konnte sich, +da er seinen Mais pflanzen mußte, wenn er das kommende Jahr etwas für +sich und seine Familie zum Leben haben wollte, gerade in dieser Zeit +gar nicht um die Wirthschaft zu Hause bekümmern. Da fiel dann die ganze +Arbeit, die ganze Sorge, nicht allein für sämmtliche Kinder, sondern +auch für die Wirthschaft, auf das arme Mädchen, selbst noch ein Kind, +das vorher schon Monate lang die kranke Mutter hatte pflegen müssen, und +alle lebten in einem kaum eine Hütte zu nennenden Blockhaus, mit nicht +ausgefüllten Spalten zwischen den Stämmen, ohne Diele und fast ohne +Bett; der Vater mußte sich wenigstens Nachts mit seinen drei Knaben +Rinde auf die Erde vor das Kamin breiten und auf darüber gelegten +Hirschfellen und mit wollener Decke gegen den Wind geschützt, der +überall das Gebäude durchzog, vor dem wohlunterhaltenen Kaminfeuer +förmlich lagern, während die übrigen vier Kinder sich auf zwei +Betten zusammenkauerten, wenn man nämlich dünne, mit ungereinigten +Truthahnfedern gestopfte Matratzen und eine leichte Steppdecke wirklich +ein Bett nennen kann. Und doch waren die Kinder zufrieden, sie wußten es +nicht anders, und ich erinnere mich, daß sie uns mit Jubel empfingen, +als wir, mein alter Jagdgefährte und ich, dort eines Abends Schutz gegen +ein heraufsteigendes Unwetter suchten und einen gewaltigen wilden +Truthahn mitbrachten, den ich geschossen. + +In den östlichen Staaten und Städten verbessert sich freilich das +Schulwesen mit jedem Tage; die Ansiedlungen liegen dort dichter; +breite, gute Straßen setzen die verschiedenen Wohnungen miteinander in +Verbindung, und nicht jeder herumstreifende Krämer oder Yankee wird +angenommen, sobald er den Wunsch zu erkennen giebt, der Lehrer ihrer +Kinder zu sein. In Cincinnati besonders entstanden schon 1841 drei +Freischulen, in denen nicht allein Rechnen, Lesen und Schreiben, sondern +auch Englisch und Deutsch, wie Geographie und Geschichte gelehrt wurde, +und auch in St. Louis, wie überhaupt im Norden der Vereinigten Staaten, +hat das Erziehungswesen bedeutende Fortschritte gemacht. Besonders sind +in Louisville ausgezeichnete Schulen, und hierher werden vorzüglich die +jungen Indianer aus dem Westen von Arkansas gebracht, um in den Künsten +und Wissenschaften der Weißen unterrichtet zu werden. + +Was das Schulwesen unter den Indianern anbetrifft, so versehen dieß bis +jetzt noch einzig und allein die Missionäre; die civilisirten Stämme +natürlich, als Chacktaws, Cherokesen, Shawnees und einige andere, dicht +an den Grenzen der Weißen lebende Nationen ausgenommen, die, wenigstens +für die Anfangsgründe, ihre eigenen Lehrer haben. Den amerikanischen +Missionären liegt aber keineswegs das Seelenheil ihrer Beichtkinder +allein am Herzen, die Amerikaner sind ein zu sehr speculirendes Volk, um +der Religion jedes andere Interesse nachzusetzen. So kommt es denn, daß, +wie dieß besonders im Oregongebiet deutlich wird, einzelne fromme Männer +sehr ehrbar und eifrig mit der Religion anfingen, bald aber, nachdem sie +die rothen Söhne der Wildniß bekehrt und ihren Willen gebeugt hatten, +den Yankee hervorsteckten und unter dem Vorwande, sie mit dem Segen des +Ackerbaues bekannt zu machen, für sich selbst große Farmen anlegten +und dann, wenn sie erst einmal eine eigene Heimath gegründet, damit +zufrieden waren, _die_ Wilden zu belehren und zu bessern, welche sich +gerade in ihrer Nachbarschaft befanden, oder mit denen sie zufällig in +Berührung kamen. Aus den Missionären wurden so nach und nach Farmer, und +das religiös zugeschnittene Kleid wich dem bequemern Jagdhemd. + + + + +Die Alligator-Jagd. + + +In den ungeheueren Sümpfen Louisiana's und überhaupt in dem ganzen +südlichen Theil der vereinigten Staaten lebt in den warmen Wassern der +Lagunen und Flüsse der Alligator (=crocodilus lucius. Cuv.=) in +ungeheuerer Anzahl. + +Er gehört zu dem Geschlecht der Eidechsen und hat ganz die Gestalt +und Beschaffenheit dieser Thiere, erreicht aber, besonders in den +südlichsten Theilen von Louisiana und Florida, oft eine Länge von zwölf +bis sechszehn Fuß. Der ungeheuere Kopf, der fast den vierten Theil des +ganzen Thieres ausmacht, öffnet, wie der Haifisch, den Oberkiefer, statt +des Unterkiefers, und zeigt dann ein äußerst anständiges Gefänge, das +den gewaltigen, rosenrothen Schlund einfaßt. Den Körper selbst umgiebt +eine harte, panzerartige, aus lauter kleinen eckigen Stücken bestehende +Haut, die unter dem Bauche in weißen, harten Schuppen ausläuft. Die +Nasenlöcher ragen, am Ende des Rachens, über diesem empor und liegen +dicht zusammen, und wenn der Alligator an einem stillen, sonnigen Tag +auf dem Wasser gewissermaßen ruht, so schauen nur die Lichter, mit +einem kleinen Theil des Kopfes und Nackens, und dann weiter vorn, oft +sechszehn bis zwei und zwanzig Zoll von ihnen entfernt, die Nasenlöcher +über dem Wasserspiegel hervor. Die Lichter selbst sind sehr klein und +sehen tückisch und katzenartig aus, die Läufe dabei kurz und zum Gehen +ungeschickt, desto besser schwimmt aber dafür der Alligator. Eine seiner +Lieblingsbeschäftigungen ist es, im heißen Sonnenschein auf den sandigen +Uferbänken der Seen oder Flüsse zu liegen und mit aufgesperrtem Rachen +das Herbeifliegen von Insekten abzuwarten, die durch den bisamartigen +Geruch, welchen einige Drüsen, die er unter dem Halse trägt, verbreiten, +angelockt werden, sich auf seine breite Zunge setzen und von ihm, +wenn er genug zu haben glaubt und zuschnappt, mit größtem Wohlbehagen +verspeist werden. + +Die Brutzeit ist im April und Mai; das Weibchen legt seine Eier in ein +gewöhnlich aus Schlamm und Schilf zusammengebautes Nest und zwar von +achtzig bis hundert und zwanzig, ja dreißig Stück welche es von der +Sonne ausbrüten läßt. Die jungen auskriechenden Alligatoren haben jedoch +sehr viele Feinde; Aasgeier oder Bussards, Schlangen, ja das Männchen +selbst, das oft fast die ganze Brut verschlingen soll, stellen ihnen +nach; es bleiben aber doch noch genug übrig, die zahlreichen Seen und +Lagunen der südlichen Länder im Überfluß mit ihnen zu bevölkern. + +In der Paarzeit kämpfen die alten Alligatoren manchmal mit Rachen +und Schwänzen blutige Schlachten. Der lange, panzerharte Schwanz ist +überhaupt seine gefährlichste Waffe, doch gebraucht er ihn weniger +zur Erlegung als zur Erreichung seiner Beute, denn er faßt damit das +ausersehene Opfer und wirft es nach vorn, gegen seinen Rachen zu, der +es dann mit freundlichem Zuschnappen empfängt. + +Dem Alligator geht es nun wohl in einer Hinsicht wie Maria Stuart --, er +ist besser als sein Ruf -- denn die schrecklichen Geschichten, die man +sich von seiner Mordgier und seinem unverwüstlichen Haß gegen das +menschliche Geschlecht erzählt, sind doch meistens übertrieben. -- Ein +Weißer hat, wenn er ihn nicht selber angreift und verwundet, (und +auch dann nur selten) sehr wenig von ihm zu fürchten, den Negern +freilich stellen sie nach; der pikante, dieser Race eigene Geruch, der, +aufrichtig gesagt, besonders an heißen Sommertagen gerade nicht zu den +angenehmsten gehört -- lockt sie an -- sie lieben diesen Geruch einmal, +und wer kann sie deshalb tadeln, -- kauen doch manche Menschen =asa +foetida=, um ihren Athem zu reinigen, also sie lieben die Neger +-- wenigstens dann und wann einen Arm oder ein Bein von ihnen, und +die schwarzen Söhne Äthiopiens hüten sich wohl, tief in eine dieser +Sumpflagunen hinein zu waten. Dabei hegen sie auch noch eine zärtliche +Leidenschaft für Ferkel und Hunde, welche erstere sie gewöhnlich ganz, +letztere nur theilweise verzehren, da der Hund, von dem Alligator +erfaßt, kaum einen Schmerzschrei ausstößt, als auch schon die anderen +dadurch angelockt von allen Seiten herbeiströmen und die Beute theilen; +den weißen Mann aber scheuen sie, verlassen bei seiner Ankunft das Ufer, +an dem sie sich gesonnt, und tauchen unter. + +Schaden thun sie also nur insofern, daß sie die hie und da sich ihnen +nähernden Ferkel abfangen, seltner einmal einen jungen Neger unter +Wasser ziehen, oder eine Negerin, die am Ufer zu waschen gedenkt, bei +einem Beine erwischen; da aber auch der Nutzen, den sie der menschlichen +Gesellschaft bringen, sehr gering ist, und sie überdies noch ein +häßliches, boshaftes, gefährliches Aussehen, was aber noch das +Allerschlimmste ist, einen schlechten Ruf haben (denn es ist ein +altenglisches Sprichwort: »Hängt einen Hund lieber, ehe ihr ihm einen +schlechten Namen macht«), so wird ihnen, wo man ihrer habhaft werden +kann, mit Kugel und Harpune, oft auch gar mit großen Angelhaken +nachgestellt. + +Ganz unnutzbar sind sie übrigens doch nicht, denn die großen, feisten +Burschen werden in Kessel gethan und das Fett heraus geschmolzen, das +besonders gut zu den verschiedenen Maschinerien, die das Reinigen der +Baumwolle erfordert, gebraucht werden kann. Die Schwänze der kleineren +-- (bis höchstens fünf oder sechs Fuß lang) schmecken dabei delikat, nur +muß das Fleisch bald von der Rückengräte abgelöst werden, da es sonst +den, diesen Thieren eigenen, bisamartigen Geschmack annimmt. + +Ein unfern von uns wohnender Pflanzer in Pointe Coupée hatte mich lange +schon geplagt, eine ordentliche Alligator-Jagd vorzunehmen, da er gar +so gern einige Gallonen von dem Fett dieser lieben Bestien zu haben +wünschte und ich die einzige gute Harpune dort in der Gegend besaß; +als er daher eines Morgens mit seinem Sohne und zwei pechschwarzen +Negersklaven zu mir kam und erzählte, daß er schon am vorigen Abend +zwei leichte Kähne in den hinter seinem Hause liegenden See, der durch +schmale Lagunen mit fünf oder sechs anderen in Verbindung stand, +geschafft hätte und nun eine ordentliche Jagd beabsichtige, so schulterte +ich meine Harpune, steckte mein kleines Scalpirmesser in den Gürtel, +und dem jungen Harbour die Büchse überlassend, mit der er ziemlich gut +umzugehen wußte, schlenderten wir langsam dem etwa anderthalb englische +Meilen entfernten See zu. + +»Was trägst Du denn da, Ben?« fragte ich den einen der Neger, der etwas +in grobes Baumwollenzeug einschlagen, das mir Leben zu haben schien, +unter dem Arme hielt. + +»Kann selber reden -- Massa!« sagte der Schwarze grinsend, indem er den +fürchterlichen Mund von einem Ohr bis zum andern aufriß und zwei Reihen +blendend weißer Zähne zeigte -- »kann selber reden,« und dabei preßte er +mit dem linken Ellbogen das seiner Sorgfallt Empfohlene. + +»Quitsch!« sagte ein kleines Ferkelchen, das jetzt mit allen vier Läufen +anfing zu strampeln. + +»Stille halten, Kleines.« beruhigte es der Neger -- »gutes Thierchen +-- so recht!« + +Er trug es mit sich, um durch das Schreien desselben die Alligatoren +herbeizulocken und dann leichter zu schießen. Endlich erreichten wir +einen schmalen Damm, der den größten See in zwei Hälften theilte und an +dessen Einlauf die Kähne befestigt lagen; obgleich wir aber schon Ende +Juni hatten, war das Wasser doch noch sehr hoch, denn der Mississippi, +durch den Schnee der Felsengebirge angeschwellt, hielt die tiefer +als seine Ufer liegende Niederung gefüllt, daß all das innere Land +überschwemmt und einem ungeheueren See gleich da lag, den nur hier und +da schmale Streifen Landes oder Dämme durchzogen. Auch dieser Damm, an +welchem unsere Kähne befestigt waren, ragte kaum zwei Zoll, naß und +schwammig, über die Wasserfläche empor. + +Zwei Drucker, welche die »Pointe Coupée Chronicle« redigirten, setzten +und druckten, hatten sich unserer Jagd noch angeschlossen, und wir +machten jetzt also im Ganzen, mit dem Ferkel, acht Personen, die sich +nun der alte Harbour anschickte gleichmäßig zu vertheilen. Zuerst kam in +jedes Boot ein Neger »zum Rudern,« dann ein Buchdrucker »zum Zusehen,« +-- denn viel mehr Nutzen erwarteten wir nicht von ihnen -- dann der +junge Harbour mit der Büchse in ein Boot und ich mit der Harpune in das +andere »zum Jagen«, und ich bekam das Ferkel, während der alte Harbour +zu seinem Sohn in den Kahn trat, der jetzt ganz kaltblütig bemerkte: +»das Ferkelchen und er -- (der Vater) wären zum Quitschen.« + +Die Sonne brannte grimmig heiß und kein Schatten bot sich auf der ganzen +weiten Wasserfläche, als der, den manchmal einzeln stehende Cypressen, +mit dem langen, grauen Moose bewachsen, warfen; nicht ein Lüftchen regte +sich, kein Vogel zirpte -- kein Frosch quakte, Alles lag in träger +-- schlaffer Ruhe, und selbst die einzelnen Alligatoren, die mit +ihren schwarzen Köpfen, wie Stücke halbverbrannten Holzes, auf der +spiegelglatten Wasserfläche trieben, sahen aus, als ob sie schliefen, +hätte nicht manchmal einer der großen Burschen den rosenrothen Rachen +aufgerissen, dessen Oberkiefer dann einen Augenblick emporstand und mit +schwerem Schlage wieder zuklappte. + +»Selbst die Alligatoren langweilen sich hier,« -- sagte Kelly -- der +eine Drucker, der bei mir im Boote war. + +»Wird schon lebhaft werden, Massa,« lachte der Neger, »wenn das Kleine +hier spricht!« + +Das Ferkel seufzte wehmüthig im Sack. -- + +Wir stießen jetzt vom Lande ab, hielten uns im Anfang dicht zusammen, +und versuchten leise an die Alligatoren hinanzugleiten, sie waren aber +zu scheu, und immer, wenn wir fast in Schußnähe zu sein glaubten, sanken +sie unter. -- Ich hatte mich auf das Vordertheil des Kahnes gestellt und +erwartete ruhig das Erscheinen eines der Burschen auf zwölf bis funfzehn +Schritt Entfernung, doch der alte Harbour wurde ungeduldig und rief zu +uns herum: + +»Drückt doch das Ferkel einmal ins Teufels Namen!« + +Der Buchdrucker aber, der sich aufrecht hingestellt hatte, um die +Wasserfläche um so besser übersehen zu können, und dem es wahrscheinlich +zu viel Mühe schien, sich zu bücken, trat, ohne eine Miene zu verziehen, +dem armen kleinen Ding auf den Bauch. + +»Quiiiiiitsch!« schrie dieses in Todesangst. + +»Massa -- um Gottes willen,« rief aber auch erschrocken der Neger und +hörte mit Rudern auf -- »das mein Schwein -- Ihr tretet's todt!« + +Das Experiment hatte jedoch den gewünschten Erfolg gehabt; mehre der +langen Gesellen, die vorher von uns weggeschwommen waren, drehten +sich jetzt und kamen langsam auf uns zu -- der Neger mußte mit Rudern +aufhören und sich ganz ruhig verhalten, und nahe heran, auf etwa dreißig +Schritt, strich ein gewaltiger alter Bursche von zwölf Fuß Länge. +-- Einen Augenblick hielt er und traute den Booten doch nicht so recht; +der Neger aber, der zu seinem Schweinchen niedergekniet war, ließ dieses +einen ganz kleinen winzigen Schrei thun und dadurch angelockt, schwamm +er herbei. -- + +»Feuer!« rief jetzt der alte Harbour, die Büchse krachte und in +demselben Augenblick auch fast drehte sich das tödtlich verwundete +Ungeheuer herum und zeigte den weißen, schuppigen Bauch; im Vorschießen +und Umsichschlagen war es aber glücklicher Weise meinem Kahne nahe genug +zum Wurf gekommen und im _Nu_ saß ihm auch die scharfe dreizackige +Harpune in den Weichen. + +Der Schuß aber, der ihm das Hirn zerschmettert hatte, erlaubte ihm nicht +mehr viel zu reißen und zu zerren, und leicht zogen wir ihn dicht an den +Kahn heran; das gewaltige Thier aber in das kleine Fahrzeug zu nehmen, +wäre auf keinen Fall angegangen, und wir ruderten deshalb schnell ans +Ufer zurück und schleppten es dort, wobei es jedoch noch tüchtig mit dem +Schwanze umher hieb, unter einen Baum. + +Der Versuch mit dem Ferkel wurde jetzt mehrere Male wiederholt und der +junge Harbour schoß nach vier Alligatoren, von denen wir jedoch nur zwei +bekamen, da ich nicht schnell genug mit der Harpune hin konnte, und ich +harpunirte drei, die sich zu nahe an mich herangewagt und die Gefahr zu +spät eingesehen hatten. Zwei von den letzteren waren jung und saftig, +und ich schnitt ihnen augenblicklich für meinen eigenen Tischgebrauch +die Schwänze ab. + +Nach und nach mochten sie es aber doch wohl wegbekommen haben, daß es +mit dem Schweine nichts war, denn in immer weiteren Kreisen umzogen sie +unsere Kähne, und wir konnten keinen mehr auf Schußweite anlocken. Das +wurde also aufgegeben, der Neger aber, der in meinem Kahne ruderte, +machte seine Sache so ungeschickt und vollführte einen solch gräulichen +Spectakel, daß an Anschleichen mit dem Burschen gar nicht zu denken war; +ich ließ ihn daher von der Ruderbank aufstehen, die ich jetzt einnahm, +und übergab die Harpune an Kelly, der mich inständig bat, auch einmal +einen harpuniren zu dürfen, wobei er betheuerte, zu Hause in Kentucky +manchen großen Catfisch auf diese Art gefangen zu haben; unsere beiden +Kähne blieben aber jetzt nicht mehr bei einander und ich legte ein Ruder +nieder, während ich das andere aus dem Ruderloche nahm und in der Hand +führte, da ich auf diese Art am geräuschlosesten fortgleiten konnte. + +Lange schon hatte ich versucht, an einen ziemlich großen Alligator +hinanzukommen, immer aber noch war er mir entgangen, obgleich ich mir +genau gemerkt hatte, wo er untertauchte und in welcher Entfernung er +dann immer wieder an die Oberfläche kam. Jetzt sank er auch eben wieder, +und mit aller Kraft das Ruder führend, das der Kahn mit Blitzesschnelle +über die Wasserfläche dahin schoß, versuchte ich ihn beim Emporkommen +zu überraschen und rief Kelly zu, aufzupassen. Ich hatte das Wort kaum +gesagt, als der schwarze Kopf der Bestie sichtbar wurde; eben so schnell +wollte er nun zwar wieder niederfahren, doch war er zu nahe, kaum sechs +Schritt, als daß ihn Kelly hätte fehlen können; das Eisen saß und mit +gewaltigem Ruck schoß er vorwärts. + +Nun ist eine solche Harpune auf folgende Art eingerichtet; das +dreizackige, mit Widerhaken versehene Eisen ist etwa achtzehn Zoll lang +und circa drei bis vier Pfund schwer; in diesem sitzt eine leichte, zehn +Fuß lange Stange, die beim Wurf vom Eisen abgeht, um dessen Mitte ein +starkes Seil gut befestigt ist, das an der Stange hinauf läuft, an +dieser, oben, wieder festsitzt und nun noch etwa zwölf bis sechszehn +Fuß freien Spielraum gewährt, so daß die ganze Länge des Wurfes etwa +dreizehn bis vierzehn Schritte betragen darf. Das Ende des Seiles ist +dabei um das Handgelenk des Werfenden befestigt, damit er es nicht durch +die Finger gleiten lasse, und Beute und Waffe zu gleicher Zeit verliere. + +Wohl hatte ich, durch Erfahrung belehrt, Kelly vor dem Wurfe gewarnt, +sich festzustellen und nicht das Gleichgewicht zu verlieren; in dem +freudigen Gefühl aber, einen Alligator zu harpuniren, dachte er nicht +weiter daran, und als jetzt der Verwundete mit dem Eisen hinwegeilte, +riß ein plötzlicher Ruck desselben den Schützen aus dem Boote. Der Neger +aber, der wohl etwas Ähnliches geahnet haben mochte, warf sich auf ihn, +und wenn ihm auch der Körper entging, erwischte er doch noch ein Bein, +das er festhielt, bis es unsern vereinten Kräften gelang Drucker und +Alligator, die unzertrennlich waren, den ersten am Lauf, den zweiten am +Seil, in's Boot zurück zu ziehen. + +Der junge Harbour hatte indessen auch noch einige kleine Alligatoren +erlegt, und mit unserer Beute zufrieden, da die Hitze in der Mittagsgluth +zu fürchterlich drückend wurde, kehrten wir langsam zum Hause zurück, +während die Neger die Erlegten mit Handkarren zum Hause fuhren, da sich +nicht leicht ein Pferd dazu hergiebt, einen Alligator zu tragen. + +Sehr häufig habe ich Alligatoren, wie die Hirsche, Nachts bei dem +Scheine der Kienfackel geschossen, und ihre Lichter glühen wie Stücke +rothheißen Eisens. -- + + + + + * * * * * + + + +Transcriber's note: + +The following additional changes were made; the original appears in the +first line, the altered version in the second. + + +ANMERKUNGEN + +Folgende zusätzliche Änderungen wurden vorgenommen; das Original ist +jeweils in der ersten, die geänderte Fassung in der zweiten Zeile zu +lesen: + + mit der Scheu, die alle Hinderwäldler (...) haben + mit der Scheu, die alle Hinterwäldler (...) haben + + steckte seine Nadel (...) in die Kugeltatsche + steckte seine Nadel (...) in die Kugeltasche + + wenn der Wolf mit der Falle zu entfliegen sucht + wenn der Wolf mit der Falle zu entfliehen sucht + + ihn zum Glücklichsten der Sterblichsten zu machen + ihn zum Glücklichsten der Sterblichen zu machen + + unmöglich so lage ohne (...) Aufsicht bleiben konnten + unmöglich so lange ohne (...) Aufsicht bleiben konnten + + kleine Büchse zusammentragen + kleine Büsche zusammentragen + + traute den Boten doch nicht so recht + traute den Booten doch nicht so recht + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AMERIKANISCHE WALD- UND STROMBILDER. +ERSTER BAND.*** + + +******* This file should be named 33017-8.txt or 33017-8.zip ******* + + +This and all associated files of various formats will be found in: +http://www.gutenberg.org/dirs/3/3/0/1/33017 + + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Erster +Band., by Friedrich Gerstäcker</h1> +<pre> +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at <a href = "http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></pre> +<p>Title: Amerikanische Wald- und Strombilder. Erster Band.</p> +<p>Author: Friedrich Gerstäcker</p> +<p>Release Date: June 28, 2010 [eBook #33017]</p> +<p>Language: German</p> +<p>Character set encoding: ISO-8859-1</p> +<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AMERIKANISCHE WALD- UND STROMBILDER. ERSTER BAND.***</p> +<p> </p> +<h3>E-text prepared by richyfourtytwo, Delphine Lettau,<br /> + and the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team<br /> + (http://www.pgdp.net)</h3> +<p> </p> +<hr class="pg" /> +<p> </p> +<p> </p> + +<h2>Amerikanische</h2> +<h1>Wald- und Strombilder.</h1> +<p> </p> +<h4>Von</h4> + +<h3>Friedrich Gerstäcker.</h3> +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> + +<h4>Dritte Auflage.</h4> +<div class="center"> + <p class="noindent"> + <span class="wide">Erster Band.</span> + </p> +</div> +<p> </p> +<h3>Leipzig,</h3> +<div class="center"> + <p class="noindent">Arnoldische Buchhandlung. + </p> +</div> +<h4>1862.</h4> +<p> </p> +<hr class="narrow" /> +<p> </p> + +<div class="center"> +<table style="margin: 0 auto" cellpadding="3" cellspacing="0" summary="contents"> +<tr><th colspan="2">Inhalt des ersten Bandes.</th></tr> +<tr><td> </td></tr> +<tr><td align="left"> <span class="ind1"><a href="#ch1">Der Leichenräuber</a></span></td></tr> +<tr><td align="left"> <span class="ind1"><a href="#ch2">Nordamerikanische Jagd</a></span></td></tr> +<tr><td align="left"> <span class="ind1"><a href="#ch3">Curtis Brautfahrt</a></span></td></tr> +<tr><td align="left"> <span class="ind1"><a href="#ch4">Schulen in den Backwoods</a></span></td></tr> +<tr><td align="left"> <span class="ind1"><a href="#ch5">Die Alligator-Jagd</a></span></td></tr> +</table> +</div> +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> +<h2><a name="ch1" id="ch1"></a><span class="wide">Die Leichenräuber.</span></h2> + +<p>Seit dem Krieg mit den Seminolen (1818) +hatten sich die Stämme der nordamerikanischen Indianer +ziemlich still und ruhig verhalten und die +Regierung selbst vermied natürlich Jedes, was wieder +zu Reibungen und Streitigkeiten Anlaß geben +konnte. Nichts desto weniger und trotz tausend verschiedenen +Freundschaftsversicherungen und geschlossenen +Bündnissen, drängte sie die armen Kinder der +Wildniß immer weiter und weiter von den Gräbern +ihrer Väter zurück, und nahm ihnen sogar, wenn +ein paar trunkene Häuptlinge vielleicht ihre Zustimmung +gegeben, wieder Strecken hinweg, in deren +<span class="wide">fortwährendem</span> Besitz sie frühere Präsidenten +bestätigt hatten.</p> + +<p>Da standen, dieser Willkühr müde, im April +des Jahres 1832 die Winnebagoes, die Füchse und +Sioux's auf, und wollten unter ihrem tapferen Häuptling +<span class="wide">Black Hawk</span> — <span class="wide">der schwarze Falke</span> — ihr +schönes am oberen Mississippi gelegenes Besitzthum +von den frechen Eindringlingen reinigen. +Wohlbewaffnet und beritten richteten sie auch fürchterliche +Verwüstungen in den Grenzländern ihrer +weißen Unterdrücker an; sie umzingelten und vernichteten +ganze Ansiedlungen, mordeten und scalpirten +jedes lebende Wesen und erfüllten den ganzen Staat +mit Furcht und Beben.</p> + +<p>Die Regierung sah sich endlich gezwungen ernsthafte +Maaßregeln zu ergreifen und Gewalt mit Gewalt +zu vertreiben; denn die Indianer, von ihrem +leichten Sieg berauscht, drohten auch die Nachbarstaaten +mit ihren wilden Schaaren zu überfluthen. +Die Generäle Atkinson und Scott wurden deshalb +mit der Vertheidigung der Grenzen beauftragt. Unter +des Letzteren Truppen aber, die man in Buffalo +an Bord von Dampfbooten schaffte, um sie in der +dringenden Noth auch schnell dem Kriegsschauplatz +zuführen zu können, brach die Cholera aus — die +übermäßige Hitze und das Zusammendrängen so vieler +Menschen in einem kleinen Raum war die Ursache, +entsetzliches Elend aber die Folge dieser Krankheit. +Viele starben, Viele desertirten, und mußten +dann, von Seuche und Hunger gleich aufgerieben, in +den Wäldern umkommen. General Atkinson dagegen +traf durch forcirte Märsche an der Mündung des +oberen Iowa mit Black Hawks Kriegern — es war +am 2. August — zusammen, schlug nach glücklichem +Kampf die Indianer und nahm sogar ihren Häuptling +und dessen Sohn gefangen, die beide zuerst +in Fort Monroe mehrere Monate festgehalten, +dann aber durch alle Hauptstädte der vereinigten +Staaten geführt wurden, um ihnen die Macht zu +zeigen, gegen die sie einen Krieg unternommen, und +ihnen zugleich zu beweisen, wie thöricht, wie ganz +hoffnungslos jedes weitere Auflehnen gegen solche +ungeheure Streitkräfte sein müßte.</p> + +<p>Black Hawk erschrack besonders über die für ihn +so bedeutende Anzahl waffenfähiger junger Männer, +und kehrte, bestürzt über das was er gesehen, zu den +Seinigen zurück. Er widersetzte sich auch von da an +nicht länger dem Beschluß der Regierung, die, um +einem zweiten Einfall der Wilden vorzubeugen, und +sich zugleich das schöne Land vollkommen zu sichern, +was jene bis jetzt noch immer bewohnten, sämmtliche +Stämme an das westliche Ufer des Mississippi +schaffte.</p> + +<p>Jahre waren hiernach vergangen, die Jagdgründe +jener tapferen Nationen wühlte der Pflug auf, die +Gebeine der Krieger bleichten neben denen des von +ihnen selbst erlegten Wildes in Wald und Prairie, +und nur noch einzelne und nicht oft die besseren +der Stämme waren zurückgeblieben und im weiten +Land zerstreut, wo sie sich mit Körbeflechten, oder +auch mit der Jagd kümmerlich ernährten.</p> + +<p>In dieser Zeit also und etwa im Jahre 1845 +hatte sich auch ein alter Indianer, aus dem Stamme +der Winnebagoes, dann und wann in Waterton, einem +kleinen Städtchen am Forriver, eingefunden, +und für Prairiehühner oder einen gelegentlich erbeuteten +Hirsch, Pulver, Blei, Whiskey und was er sonst +brauchen mochte, eingetauscht. Eines Tages aber, +ob er nun des Guten ein Bischen zu viel gethan, +oder sonst vielleicht schon vorher krank gewesen, hatte +er kaum das gewöhnliche Geschäft beendet, und einen +Theil seines Whiskeys getrunken, als er krampfhafte +Zufälle bekam, zu Boden stürzte und wenige Minuten +darauf den Geist aufgab.</p> + +<p>Allerdings wurde der Doktor — der einzige im +kleinen Städtchen und zwar ein Ire — augenblicklich +gerufen — jede Hülfe kam jedoch zu spät, der +arme alte Mann hatte geendet, und in einem roh +gezimmerten Sarge trug man ihn etwa eine englische +Meile von der Stadt fort, wo ein alter »Indianischer +Mound« oder Erdhügel lag, der stets von +dort vorbeikommenden Wilden besucht ward und der +Begräbnißort eines großen Häuptlings der »Füchse« +sein sollte. Dort, aus einer Art Zartgefühl, das +dem armen alten Indianer gerade da seine Grabstätte +anwies, grub man ihm sein letztes Bett, und +bald verrieth nichts weiter, als die frisch aufgeschüttete +Erde, den stillen Ruheort eines alten Mannes, +der doch wenigstens in dem Lande schlafen durfte, +in dem sein Stamm einst geherrscht und glücklich +gewesen war.</p> + +<p>Eine Person lebte aber in Waterton, die alles +Mögliche gethan hatte, um dieses Begräbniß zu +hintertreiben, und diese Person war eben der, schon +früher erwähnte kleine irische Doktor, der — zum +Nutzen der Menschheit, wie er behauptete — seit +dem Tode des Indianers nicht abließ mit Bitten +und Versprechungen, den Leichnam ausgeliefert zu +bekommen, damit er ihn seciren und dadurch vielleicht +wichtige Entdeckungen in diesem Zweige der +Wissenschaft machen könne. — So lautete nämlich +der Grund, den er angab, eigentlich wünschte er +aber nur das Skelett zu besitzen, für das er in +New-York einen bedeutenden Preis zu bekommen +wußte.</p> + +<p>Nun hätten sich die guten Wolferinen<a href="#fn1"><small><sup>1</sup></small></a> wohl +allerdings sehr wenig daraus gemacht, was aus dem +Leichnam eines Indianers wurde, die sie, der verübten +Gräuel wegen, sämmtlich in die höllischen +Regionen wünschten; eben diese Greuelscenen waren +aber auch noch zu frisch in ihrem Gedächtniß, und +nicht mit Unrecht fürchteten sie, wenn so etwas von +ihrem Ort bekannt geworden wäre, die Rache der +übrigen Wilden, die, wenn auch nicht offen ausgeführt, +ihrem kleinen unbeschützten Flecken um so verderblicher +werden konnte.</p> + +<p>Überdies war der alte »<span class="wide">Salomo</span>« — wie sie +ihn genannt hatten, obgleich er sich keineswegs zur +christlichen Religion bekannt — so lange Jahre +dort aus- und eingegangen, daß wirklich eine Art +Freundschaft zwischen ihnen aufgesprungen schien, +und zugleich mit der Scheu, die <span class="wide">alle</span> <ins title="original has Hinderwädler">Hinterwäldler</ins> +vor dem Zerschneiden und Zerlegen eines menschlichen +Leichnams haben, widersetzten sie sich einstimmig +der Bitte des Doktors. Der Indianer wurde +begraben und damit glaubten sie die Sache abgemacht.</p> + +<p>Dem war aber nicht so; Doktor Mac Botherme +sah allerdings, daß hier mit weiteren Protestationen +Nichts mehr auszurichten sei, eins aber blieb ihm +noch, und zwar die List. Schon in Irland hatte +er manchen Leichnam stehlen helfen, und wenn auch +<span class="wide">die</span> Zeit viele viele Jahre lang hinter ihm lag — Jahre, +in denen er noch kräftig und jung gewesen — so +wußte er auch dafür, daß das Ausgraben eines +Körpers mitten im Wald, wo er Entdeckung gar +nicht zu fürchten brauchte, mit viel weniger Schwierigkeiten +und Gefahr verknüpft sei — ja, wäre es +nicht des unbemerkten Heimschaffens der Leiche und +vielleicht der halbunbewußten Furcht vor Indianern +wegen gewesen, er hätte das ganze Abenteuer allein +bestehen können; so aber mußte er sich nach einem +Gehülfen umsehen, und den fand er augenblicklich in +seinem eigenen Diener, einem erst in demselben Monat +eingewanderten, noch rohen, oder wie sie in +Amerika sagen, <span class="wide">wilden</span> Irländer, den er leicht, +durch Versprechung eines guten Lohnes, dahin zu +bewegen hoffte ihm beizustehn, wie auch später über +die ganze Sache reinen Mund zu halten.</p> + +<p>Um aber nun mit dem Doktor, der so kühne +Absichten hatte und einer ganzen Gemeinde und den +Schrecknissen des Grabes trotzen wollte, etwas näher +bekannt zu werden, muß ich den guten Mann +wohl bei dem Leser in Lebensgröße einführen.</p> + +<p>Doktor Mac Botherme war ein kleines korpulentes +Wesen, mit rothen Backen, etwas echauffirter +Nase, kleinen grauen Augen, grauen Augenbraunen +und pechschwarzem Haar, welches letztere ihm übrigens +ein keineswegs nordländisches Aussehen verliehen +haben würde, wären nicht die aufgestülpten +Geruchswerkzeuge, wie das ganze fröhliche, breitgedrückte +Antlitz des immer munteren Doktors zu +sichere Bürgen der »grünen Insel« gewesen. Nach +seiner, dem Leser eben mitgetheilten Absicht, möchte +dieser jedoch verleitet werden, den Doktor für ein +Wunder von Muth, Entschlossenheit und Charakterfestigkeit +zu halten, da er trotz der verweigerten +Einwilligung von Waterton dennoch auf seiner +Absicht bestand, und jetzt sogar eine Leiche bei Nacht +Nebel stehlen wollte — ein Geschäft, vor dem +selbst der kühnste Jäger jener Wälder zurückgeschreckt +sein würde. Dem war aber gar nicht so. — </p> + +<p>Doktor Mac Botherme hatte allerdings, was +auch schon sein »Geschäft« mit sich brachte, keine +Furcht vor Leichen — der menschliche Körper war +ihm etwa dasselbe, was einem eifrigen Botaniker die +Pflanze ist, die er zerlegt und nach ihren inneren +Theilen classificirt; er würde also auch das Stehlen +der Leiche an sich selbst als etwas sehr unschuldiges, +ja vielleicht Interessantes betrachtet haben, wäre nicht +noch ein anderer Umstand dazu gekommen, der allerdings +der ganzen Sache eine Schattenseite gab, +und ihn sogar mit einem Gefühl erfüllte, das, er +mochte sich dagegen sträuben so viel er wollte — der +<span class="wide">Furcht</span> ungemein ähnlich sah.</p> + +<p>Die Leiche lag nämlich im Wald — eine Meile +von jeder menschlichen Wohnung entfernt, und erst +vor wenigen Tagen hatten die Jäger von Waterton +gerade dort einen Panther gejagt und <span class="wide">nicht</span> erwischt. +Der Panther mußte also noch nothwendiger Weise +im Walde sein, denn es war nicht einmal auf ihn +geschossen worden, so daß man sich vielleicht damit +hätte beruhigen können, er sei verwundet und später +irgendwo verendet.</p> + +<p>Außerdem schienen auch die Einreden der Bewohner +von Waterton einen nicht unbedeutenden +Eindruck auf ihn gemacht zu haben, daß sich nämlich +in letzter Zeit wieder mehrere Indianer, und +zwar von den Winnebagoes eben in der Gegend +gezeigt hätten, die, wenn sie von dem Leichenraub +eines ihres Stammes hören sollten, nie im Leben +eine solche That vergessen, sondern sie an dem Thäter +und seiner ganzen Nachbarschaft rächen würden, +indem sie, wenn sie nicht dieser selbst habhaft würden, +doch wenigstens ihre Maisfelder und Häuser in +Brand steckten und ihnen vielleicht auch noch außerdem +mit heimlicher Kugel im Walde auflauerten.</p> + +<p>Das Alles blieb zu bedenken, die Versuchung +zeigte sich aber hier zu stark, Mac Botherme konnte +nicht widerstehen, und beschloß nun, der äußeren +Vorsicht und der Bequemlichkeit im Allgemeinen +wegen seinen eben angenommenen Diener Patrik +O'Flaherti zu Schutz und Hülfe <span class="wide">mit</span>zunehmen und +die Sache wo möglich vollkommen geheim zu halten.</p> + +<p>O'Flaherti, ein wahres Muster eines Irländers +der niederen Klassen, mit brennendrothem Haar und +ordentlich Funken sprühender Nase — starkknochig +und keck, mit unverwüstlichem Humor und nicht zu +ermüdender Dienstfertigkeit, war denn auch, besonders +noch durch die zugesicherte reichliche Belohnung gelockt, +gern bereit, dem Doktor, wie er sich ausdrückte, +»durch dick und dünn zu folgen,« heißt das, wenn +sie es nur »mit wirklich todten« Personen zu thun +hätten, und nicht etwa gar der Geist des »seligen +Rothfells« neben dem Grabe säße und aus seinem +Tomahawk schlechten Tabak rauche.</p> + +<p>Auch hatte Patrik — der sonst <span class="wide">keinen</span> Menschen +fürchtete, eine nicht unbedeutende Scheu vor den +Wilden selbst, da ihm schon in der Heimath die +fürchterlichsten Schilderungen von diesen gemacht +waren, die dort als Cannibalen und wahre Teufel +verschrieen wurden. Das was er, in Illinois angekommen, +hie und da über die letzten Einfälle und +Gräuelscenen gehört, diente ebenfalls nicht dazu, ihm +einen besseren Begriff von ihnen beizubringen, und +so äußerte er denn auch diese Befürchtung ziemlich +frei und offen gegen seinen neuen Herrn. Mac +Botherme, obgleich er Ihm im Innern vollkommen +recht gab, hütete sich jedoch wohl, ihm davon etwas +merken zu lassen; im Gegentheil suchte er mit dem +unbefangensten Lächeln von der Welt jede etwa aufsteigende +Furcht in ihm zu beschwichtigen.</p> + +<p>Das gelang ihm denn auch vollkommen, und +die Ausführung des Unternehmens wurde auf den +nächsten Abend festgesetzt, da an diesem, als an einem +Sonntag, nicht zu fürchten war, daß vielleicht +irgend Jemand von Waterton auf der Jagd draußen +sei, und zufällig in die Nähe des Indianischen Mound +kommen könnte. Alle nöthigen Vorbereitungen wurden +nun getroffen, und der Plan schien sich auch +leicht und gefahrlos ausführen zu lassen.</p> + +<p>Der Doktor bewohnte nämlich ein eigenes +kleines Haus mit zwei Abtheilungen, in deren einer er +und der Diener schlief, während er die andere zu +seinem Wohn- und Studierzimmer erhoben hatte. In +das erstere nun sollte die Leiche geschafft und dort +zubereitet werden, bis sich später einmal eine Gelegenheit +fand, das hergerichtete Gerippe ohne Aufsehen +an den Ort seiner Bestimmung zu befördern.</p> + +<p>Patrik mußte sich dabei Hacke und Schaufel zurecht +legen, und der Doktor nahm die alte Muskete +vom Haken, schnallte seinen breiten, bis dahin zu +Schutz und Trutz über dem Bett hängenden Hirschfänger +um, steckte ein Brecheisen und kleines Beil +zu sich, um ohne weitere Mühe den Sarg öffnen +zu können, und während er noch das Letzte — einen +großen grauen Leinwandsack über seine Schultern +hing, um darin den Leichnam desto leichter fortschaffen +zu können, brachen an dem bezeichneten Abend +die Beiden, als der Mond eben unterging (und das +war etwa gerade um neun Uhr) vorsichtig auf, +wobei sie, um jedes Aufsehen zu vermeiden und +nicht etwa von einem noch zufällig auf der Straße +Weilenden bemerkt zu werden, das kleine Haus umgingen, +die nächste Fenz, die des Gastwirths Maisfeld +einschloß, übersprangen, und dann durch dieses +hin, und von den hohen breitblättrigen Maisstöcken +vollkommen verdeckt, dem Walde zueilten.</p> + +<p>Es war dies allerdings ein ziemlich bedeutender +Umweg, den sie machten; sie hatten ja aber die +ganze Nacht vor sich, und setzten so, leise und geräuschlos, +ihren dunkeln unheimlichen Weg fort. — </p> + +<p>Indessen saßen in der Schenke von Waterton +die vier einzigen <span class="wide">nicht</span> religiösen Männer, die, außer +dem Doktor und Patrik in dem kleinen Städtchen +zu finden waren, fröhlich beisammen, und thaten +dem erst frisch von Vincennes eingetroffenem Biere +alle nur mögliche Ehre an. Diese vier waren aber +erstlich James Glassy, der Wirth selbst, ein seit der +frühsten Gründung von Waterton hier eingewanderter +Pennsylvanier, und kurzweg von seinen Bekannten +und Gästen <span class="wide">Jim</span> genannt, dann <span class="wide">Josy,</span> der +Schmied, <span class="wide">Weppel,</span> der Schulmeister, und <span class="wide">Shark,</span> +der Krämer.</p> + +<p>Eines nur, wie sie so friedlich und heiter bei +einander saßen, wirkte höchst störend auf ihre Unterhaltung +ein, und zwar ein Umstand, der vielleicht +zugleich wieder die Dauer ihrer Eintracht verbürgte + — sie waren alle viere Demokraten, hatten für Polk +gestimmt, und im Ganzen eine so genau übereinstimmende +Meinung in Allem was Politik betraf, +daß Weppel der Schulmeister mehrere Male in aller +Verzweiflung erklärte, er werde nächstens <span class="wide">gegen</span> +seine Überzeugung des Whigticket stimmen, blos um +einmal in einer so verwünscht langweiligen Gesellschaft +widersprechen zu können.</p> + +<p>Die Politik war deshalb auch fast ganz aus +ihrer Unterhaltung verbannt, und Jim hatte eben +einen Bericht gegeben, wie viel Bienenbäume er im +letzten Monat gefunden, während sich Josy seines +Glücks auf der Jagd rühmte, mit dem er in voriger +Woche zwei Hirsche und drei Truthühner geschossen +und Shark behauptete dabei, er würde auch einen +Hirsch und noch dazu einen recht feisten Bock erlegt +haben, wäre ihm nicht gerade, als er die Büchse +heben wollte, so eine verwünschte Rothhaut in die +Quere gekommen, die ein paar Sekunden früher geknallt, +und dadurch ein ungemein delikates Stück +Wildpret für sich gewonnen hätte.</p> + +<p>»Wir sollten es überhaupt gar nicht mehr dulden,« +fuhr jetzt Weppel auf, »daß diese schleichenden +Hallunken, diese Indianer, hier immer um die +Ansiedlung herum kriechen — in Arkansas leiden +sie's auch nicht — ich hielt im vorigen Jahr am +Mulberry Schule, und da fingen sie einmal einen +ganzen Trupp von ihnen auf — es waren ihrer +vierzehn oder fünfzehn — nahmen ihnen die Jagdbeute +ab und jagten sie aus dem County.«</p> + +<p>»Ja,« sagte Shark geheimnißvoll — »das hat +aber auch hier eine andere Bewandtniß — wißt Ihr +denn nicht, was man sich in Vincennes über Waterton +erzählt?«</p> + +<p>»In Vincennes?« frug ungläubig Josy — »was +wissen sie denn in Vincennes von uns, wovon wir +hier an Ort und Stelle noch nicht einmal etwas +gehört haben sollten — Unsinn — wäre doch verdammt +neugierig <span class="wide">das</span> zu erfahren!«</p> + +<p>»Was sie in Vincennes wissen, will ich Euch +sagen,« fuhr Shark fort, trank sein Blechmaas aus, +das ihm von der aufmerksamen Wirthin augenblicklich +wieder gefüllt wurde, rückte sich seinen Stuhl +ein bischen näher zum Tisch, putzte das Licht, +stemmte beide Ellbogen auf, stützte gegen die zurückgestreckten +Daumen das spitze Kinn, und sagte dann +nach allen diesen Vorbereitungen mit leise flüsternder +Stimme:</p> + +<p>»Sie glauben, es wäre hier nicht ganz richtig.« — </p> + +<p>»Nicht ganz richtig?« frugen die drei übrigen +wie aus einem Munde.</p> + +<p>»Nein« — sagte der Krämer — »nicht ganz +richtig — oder eigentlich <span class="wide">gar</span> nicht richtig, denn die +Indianer schnüffelten blos deshalb hier noch in der +Nähe herum, weil sie auf der Stelle, wo Waterton +jetzt stünde, einen Schatz vergraben hätten, den sie +heben müßten, ehe sie sämmtlich das Land verlassen +dürften.«</p> + +<p>»Einen Schatz?« rief die junge Wirthin, erstaunt +näher tretend.</p> + +<p>»Ja, einen Schatz von Gold, Silber und allerlei +kostbaren Steinen und Schmucksachen« — fuhr +der Krämer eben so geheimnißvoll wieder fort.</p> + +<p>»Aber wo sollten sie denn das Alles hergekriegt +haben,« sagte der Wirth ungläubig — »das was +die Indianer für kostbar halten, ist für uns Weiße +keinen Pfifferling werth — das sind gewöhnlich immer +nur Muschelstückchen, die an den Wampum genäht +werden, rothe Erde, um Pfeifen d'raus zu machen, +und allerlei seltene Federn, die man in New-York +für einen Spottpreis kaufen kann.«</p> + +<p>»Wo sie's hergekriegt haben sollen?« rief Shark +in allem Eifer; — »haben sie denn nicht von jeher +die weißen Ansiedlungen überfallen, und da geraubt +und fortgeschleppt, was ihnen unter die Hände kam? +wird denn nicht sogar behauptet, daß es in dem +Alleghany-Gebirge Stellen gebe, wo das Gold +klumpenweis läge, und daß es die Indianer wohl +gefunden und mitgenommen, aber nicht gewußt +hätten, was sie damit anfangen sollten, bis sie es +später durch die Gier der Europäer erfahren! Nein, +die Schätze sind da, das ist gewiß, und daß sie +hier in der Nähe liegen mögen, vielleicht gerade +hier unter uns, wo wir jetzt sitzen, das ist auch möglich. +Was <span class="wide">hätten</span> denn auch wirklich die rothen +Hallunken immer hier herum zu suchen? gestern bin +ich wieder Dreien begegnet, wie ich, um ein Eichhörnchen +zu schießen, in den Wald ging.«</p> + +<p>»<span class="wide">Die</span> sind nach Vincennes zu,« unterbrach ihn +hier die Wirthin, »sie wollten auch blos eine Parthie +Otterfelle verkaufen und dachten gewiß wenig genug +an Schätze.«</p> + +<p>»So?« rief der Krämer pikirt. — »Otterfelle +verkaufen, als ob sie deshalb nach Vincennes zu +gehen brauchten. Da gibt es auch in Waterton +Leute, die Geld genug haben, ihnen ein paar lumpige +Otterfelle abzukaufen. Nein, das hat einen anderen +Grund, und wir werden's schon noch erfahren. +Deshalb war ich übrigens auch so dagegen, daß der +kleine Doktor den Indianer zerschneiden sollte — der +Teufel hole die rothen Schurken, vielleicht hätten sie +das als eine Ausrede genommen, uns die Häuser +über dem Kopf angesteckt, und hier mitgenommen, +was sie mitzunehmen wünschten.«</p> + +<p>»Ja, das sag' ich auch« — meinte Josy — »das +wäre auf keinen Fall gegangen; ich weiß noch +recht gut, wie sie's ein Mal in Greentown einem +Deutschen machten, der auch das Gerippe von einem +am Mississippi begrabenen Häuptling hatte stehlen +wollen — sie erwischten ihn dabei — zogen ihm +den Scalp ab, und ließen ihn laufen — drei Stunden +drauf war er todt. Ich habe die Geschichte Mac +Botherme zur Warnung erzählt.«</p> + +<p>»Ja, und nachher haben sie noch fünf aus derselben +Ansiedlung erschossen,« sagte Weppel — »ich +kann mich recht gut darauf besinnen, denn ich kam +acht Tage später durch Greentown.«</p> + +<p>»Und dann war Salomo auch ein herzensguter +Mensch« sagte Mrs. Glassy — »gar nicht wie die +anderen Indianer — überall gefällig und immer +freundlich — es hätte mir in der Seele weh gethan, +wenn er nicht einmal ruhig im Grabe geblieben, +sondern von dem — Irländer da, zerschnitten wäre. +Soviel weiß ich — wenn der hier in Waterton +Menschen die Eingeweide herausnimmt und an ihnen +herumsticht als wie an einem anderen Stück Vieh, +dann mag er mir nur hier aus dem Hause bleiben, +dann dank' ich ihm für seinen Besuch — ich ekelte +mich zu Tode.«</p> + +<p>»Na, das wäre nun das Wenigste,« lachte ihr +Mann — »das wäscht sich Alles wieder ab, und +was Salomo betrifft, so ist Einer von den Moccasinzertretern +so schlimm wie der andere — je freundlicher +sie sich stellen, desto mehr muß man sich vor +ihnen in Acht nehmen. Aber darin hat Shark recht + — ich möchte nachher nicht mehr vor die Thür +gehen, wenn es unter dem Stamm bekannt würde, +wir hätten hier in Waterton Einen von ihnen nicht +allein nicht begraben, sondern sogar noch zerschnitten + — am Ende glaubten sie gar, wir wären Menschenfresser.«</p> + +<p>»Brrr,« sagte Mrs. Glassy, und schüttelte sich +bei dem Gedanken.</p> + +<p>»Ja Kinder,« meinte Mr. Weppel, als er jetzt +aufstand und ans Fenster trat, um hinaus auf die +menschenleere Straße zu sehen — »was Besonderes +ist hier nicht weiter zu bekommen, und da will ich +denn lieber zu Hause gehen — meine Alte möchte +doch sonst brummen.«</p> + +<p>»Wie viel Uhr hat's denn?« frug Jim — »es +muß ja noch früh sein.«</p> + +<p>»Es ist gerade neun vorbei,« sagte der Schullehrer, +»der Mond drückt sich auch da drüben in's +Nest — morgen muß ich um sieben wieder auf den +Beinen sein und Schule geben — also gute Nacht, +meine Herren.«</p> + +<p>»Wartet Weppel,« rief Shark, während er aufstand +und nach seinem eignen Hute griff — »ich +gehe mit — ich muß so ein Bischen in's Freie, +habe in der Stubenluft ordentlich Kopfweh bekommen. +Aber wer klopft da draußen — ist denn zugeschlossen?«</p> + +<p>Die Thüre war inwendig eingeklingt und Mrs. +Glassy öffnete sie schnell, hätte aber fast einen lauten +Angstschrei ausgestoßen, als plötzlich, halbgebückt, +den rabenschwarzen runden Wollkopf entblößt, ein +kleiner, etwa zwölfjähriger Negerknabe in's Zimmer +glitt, der, augenscheinliche Angst in den dunklen +Zügen, die Männer der Reihe nach ansah, und +nicht zu wissen schien, ob er mit der Sprache heraus +sollte.</p> + +<p>»Jesus im Himmel!« sagte Mrs. Glassy, indem +sie überrascht einen Schritt zurücktrat, »habe ich +doch wahrhaftig geglaubt, es wäre ein Indianer, +der da den Kopf zur Thüre herein streckte. Was +willst du denn noch so spät, Sip? schickt dich dein +Master?«</p> + +<p>Sip war ein freier Negerknabe, der sich bei dem +Baptistenprediger vermiethet hatte, und auch dann +und wann, besonders wenn sein Herr nach irgend +einem benachbarten Flecken zum Predigen gegangen +war, allerhand kleine Aufträge und Wege für das +Wirthshaus besorgte, wo er sich nur zu gern mit +einem paar Centen und einem Schluck Whiskey +dafür belohnen ließ. — Jetzt verrieth sein ganzes +Wesen aber mehr Furcht und Besorgniß, und mit +leiser, bebender Stimme stotterte er:</p> + +<p>»Ne — ne — nein, Missus — Ma — Massa +nicht, a — aber — ich ha — habe wa — wa — +was gehört — «</p> + +<p>»Du hast was gehört?«</p> + +<p>»Ja — Mi — Missus« — fuhr der Kleine +ängstlich fort — »w — w — wie ich durch Ma — +Ma — Massa Glassys Me — Melonengarten +ging — «</p> + +<p>»Sirrah, du Schuft,« unterbrach ihn hier Mr. +Glassy entrüstet — »was hast du in Ma — Ma + — Massa Glassys Melonengarten zu suchen? Hab +ich dir kleinen schwarzen Hallunken nicht verboten, +meine Melonen auch nur über die Fenz herüber anzusehn?«</p> + +<p>»Aber so laßt ihn doch nur erst erzählen, was +er gesehen hat?« lachte Weppel — »der arme +Bursche bringt ja sonst keine Sylbe mehr vor Angst +und Stottern heraus.« Sip schien auch wirklich +dadurch, daß er sich hier so urplötzlich selbst verrathen +hatte, ganz consternirt zu sein und stotterte +eine solche Menge wirres Zeug hervor, daß ihn +Mrs. Glassy erst wieder beruhigen mußte, bis er +sich nur wenigstens in so weit verständlich machen +konnte, daß sie begriffen, was er eigentlich wolle.</p> + +<p>Der Inhalt seiner Mittheilung bezog sich übrigens +näher auf ihr kaum unterbrochenes Gespräch, +als sie im Anfang vermuthet, denn Sip erzählte +ihnen jetzt, daß er <span class="wide">durch</span> eben den fraglichen Melonengarten, +aber blos <span class="wide">durch</span>gegangen sei, um +schneller nach Waterton zu kommen, als er dicht an +der Fenz hin zwei Männer gesehen habe, von denen +der Eine eine Flinte, der andere aber Hacken und +Spaten getragen. Nicht weit von ihm seien sie eine +Weile stehen geblieben und er hätte deutlich die +Stimme des kleinen irischen Doktors erkennen können, +der mit seinem Diener davon gesprochen, den +todten Indianer in einen Sack zu stecken und zu +Hause zu tragen.</p> + +<p>Sip war eben nur deßhalb so erschreckt über das +Ganze, weil er seinen eigenen Master schon vor dem +Begräbniß des Indianers sagen gehört, sie dürften +es unmöglich wagen, die Rache der noch in der +Gegend umherstreifenden Indianer zu erwecken, denn +solche Menschen, die Nichts weiter zu verlieren +hätten, und dabei vielleicht noch gar eine gerechte +Vergeltung für erlittene Unbill auszuüben glaubten, +seien zu Allem fähig und würden die Weißen nachher +ruhig todtschlagen, das, was sie besäßen, rauben, +und die Neger — eine Hauptsache für <span class="wide">Sip,</span> in Gefangenschaft +schleppen.</p> + +<p>So unausführbar nun auch das Letztere gewesen +wäre, da die Indianer, nach einem ausgeführten Gewaltstreich, +nur nach Canada hoffen durften zu entkommen, +so glaubte doch Sip, mit der Geographie +des Landes wenig bekannt, seine Existenz auf das +Äußerste gefährdet, und bat jetzt die Männer mit +thränenden Augen, sie möchten doch nur um Gotteswillen +nicht zugeben, daß die bösen Menschen ihr +Vorhaben ausführten.</p> + +<p>»Hm,« sagte nach langer Pause Weppel, als +Sip geendet und schüchtern in eine Ecke zurückgetreten +war — »der verwünschte kleine Doktor wird uns am +Ende noch zu schaffen machen.«</p> + +<p>»Ei potz Hammer und Zangen,« rief Josy — + — »wir wollen ihm nach — wer fürchtet sich denn vor +seiner alten Muskete, die nie im Leben losgeht, und +mit der er oft Stundenlang zwischen den Eichhörnchen +draußen herumschnappt. Wir wollen doch einmal +sehen, ob der Fremde hier nach Waterton gekommen +sein soll, um uns hier, wider Willen, in Gefahr von +Leib und Leben zu bringen.«</p> + +<p>»Nein, das seh' ich auch nicht ein!« sagte Weppel + — »er hat bei uns um den Leichnam angehalten + — er ist ihm abgeschlagen, und wenn er ihn +jetzt <span class="wide">stehlen</span> will, so brauchen wir das nicht zu +leiden.«</p> + +<p>»Leiden?« donnerte der kräftige Schmied dazwischen + — »der Teufel brauchts zu leiden — aber wir +nicht — hol' doch den ganzen Irländer der Böse — +mag er zu seinem eigenen Land zurückgehen, wo's +keine Frösche und Schlangen giebt, wenn er aber +<span class="wide">hier</span> leben will, so soll er sich auch den Gesetzen des +Landes fügen, oder — ich will ihn mit ein paar +Hämmern bekannt machen, zu denen er lieber Alles +in der Welt, als zum zweiten Mal den Ambos abgeben +sollte. Kommt, wir wollen ihm nach, und wenn +<span class="wide">ich</span> ihn nicht vom Leichenstehlen curire, so heißt mich +einen Holzkopf.«</p> + +<p>Der ehrliche Schmied drückte sich den Hut fest +in die Stirn, und schien, ohne alle weiteren Umstände, +seine Absicht auch ausführen zu wollen; Shark stellte +sich ihm aber entgegen, erfaßte seinen Arm und sagte, +während er sich mit der Linken leise das glatt-rasirte +Kinn strich:</p> + +<p>»Gentlemen, die Sache hat zwei Seiten — der +Indianer gehört nicht mehr in den Staat — er liegt +auf <span class="wide">Congreßland</span> begraben und <span class="wide">wir</span> haben eben +so viel und so wenig Recht darauf, als der Doktor + — <span class="wide">gesetzlich</span> können wir ihm also gar Nichts +anhaben. Treten wir dabei die Sache breit, und +fangen wir Streit an, so wird, mehr als nöthig ist, +davon gesprochen und die Aufmerksamkeit der Indianer +noch stärker nach Waterton gelenkt, als das bis +jetzt schon geschehen; — ließe sich das Ganze nicht +auf irgend eine andere Art beilegen?«</p> + +<p>»Ist er denn aber auch nach dem indianischen +Grabe?« frug Mrs. Glassy — »das liegt doch gerade +in ganz entgegengesetzter Richtung!«</p> + +<p>»Nun natürlich wird er nicht bei Nacht und +Nebel mit Hacken und Spaten mitten durch die Stadt +laufen,« — sagte der Schulmeister — »so gescheidt +ist er auch. Ich habe mir's aber gedacht, ich habe +mir's wahrhaftig gedacht.«</p> + +<p>»Ach was <span class="wide">denken,</span>« fiel der Schmied hier ärgerlich +ein — »hol' der Teufel das Denken, wir gehen +hin, hauen ihm die Jacke voll, daß er das Wiederkommen +vergißt und machen ihm dadurch begreiflich, +daß er sich, wenn er einmal in Amerika leben +will, auch so betragen soll, wie's die Amerikaner +verlangen.«</p> + +<p>»Meine Herrn!« unterbrach ihn hier Shark — +»dagegen muß ich zweierlei einwenden — erstlich +habe ich einen fürchterlich hohlen Zahn, der schon +jetzt wieder anfängt wehzuthun, und den ich mir +vom Doktor morgen wollte herausreißen lassen, und +dann — könnte die verwünschte Flinte <span class="wide">doch</span> einmal +losgehen — <span class="wide">die</span> Art Schießeisen wartet gewöhnlich +den Zeitpunkt ab, wo sie eigentlich nicht feuern +sollte, und dann feuert sie erst recht. In dem einen +Falle bräche er mir, um sich zu rächen, vielleicht die +halbe Kinnlade aus, im anderen könnte er, was +noch schlimmer wäre, einen von uns todtschießen; +ich schlage also vor, daß wir uns auf etwas Besseres +besinnen. — Wie wäre es zum Beispiel, wenn wir +ihm den ersten Neger versprächen, der in der Ansiedlung +stirbt.«</p> + +<p>»Oh Go — Golly, Ma — Ma — Massa!« +schrie Sip entsetzt, »was hat a — a — arme Nigger +gethan, — N — nein — Sip we — we — +weiß 'was Be — Besseres!«</p> + +<p>»Heraus denn damit, du schwarze Nothflagge +du« — lachte Weppel — »heraus mit dem Be — +Besseren!«</p> + +<p>»Massa Bo — Botherme, fü — fü — fürchtet +Indian — i — i — ich schreie ge — gerad wie +Indian« — und ohne eine weitere Aufforderung abzuwarten, +stieß der kleine Neger plötzlich in so täuschender +Nachahmung und so scharf und gellend den +trotzigen Schlachtschrei der Winnebagoes aus, daß +Mrs. Glassy entsetzt zusammenfuhr, und selbst die +Männer überrascht, emporfuhren. Shark hatte aber +im Augenblick begriffen, was der Knabe meinte, und +rief jetzt jubelnd aus:</p> + +<p>»Bei Gott, Kinder, ich hab's — Sip hat recht, +das ist ein kapitaler Einfall — wir wollen Indianer +spielen. Dunkel ist's, der Mond ist unter, da brauchen +wir nur Jeder eine weiße wollene Decke umzuhängen, +und unsere Garderobe ist fertig. Draußen +schleichen wir uns denn an das Grab hinan und +wenn Sip hier zu schreien anfängt, und wir anderen +einstimmen, dann denk' ich, soll der gute Doktor +glauben, alle drei ausgewanderten Stämme säßen ihm +auf dem Nacken.«</p> + +<p>»Da möchten wir aber auch unsere Büchsen mitnehmen,« +meinte Josy, dem der Einfall zu behagen +schien, denn er schmunzelte ganz wohlgefällig vor +sich hin.</p> + +<p>»I Gott bewahre!« sagte der etwas ängstliche +Krämer, »wozu? der Wald ist dicht verwachsen, und +so ein Ding könnte unterwegs einmal losgehen. Es +soll ja auch gar kein Ernst aus der Sache gemacht +werden.«</p> + +<p>»Wenn sich aber der Doktor zur Wehre setzt« + — meinte Weppel.</p> + +<p>»Nein, dafür steh' ich,« lachte der Wirth — +»wenn der die Büsche rascheln und nachher den ächten +Schlachtschrei hört, dann möchte ich meinen Hals +darauf verwetten, daß er Fersengeld giebt, als ob der +Böse hinter ihm wäre.«</p> + +<p>»Aber reinen Mund müssen wir halten,« meinte +Shark — »sonst holt er ihn später am Ende doch +noch.«</p> + +<p>»Wenn der <span class="wide">einmal</span> verjagt ist, kommt er sobald +nicht wieder« — sagte Glassy — »übrigens +ist's einerlei, ob wir bei <span class="wide">dem</span> einen ächten oder +unächten Schlachtschrei haben — der versteht ihn +doch nicht zu unterscheiden — was hilft auch der +Kuh Muskate — doch gleich viel, jetzt nur fort, +daß wir nicht zu spät kommen. Er ist, wie Sip +sagt, durch die Felder gegangen, da muß er einen +weiten Umweg machen, bis er an den oberen Baum +kommt, der über den Fluß liegt, sonst kann er nicht +hinüber. Wir können indessen hier gleich über die +Brücke und auf der breiten Straße fortgehen, dadurch +schneiden wir wenigstens eine halbe Stunde Weges +ab. Du Frauchen, magst uns aber indessen einen +heißen Punsch brauen, wenn wir wieder kommen, +werden wir ihn brauchen können, und jetzt ihr Herren + — an's Werk.«</p> + +<p>Es war Nacht — droben vom Himmel blitzten +in unendlicher Pracht die schönen herrlichen Sterne +vom Firmamente nieder — ein leiser Südwind strich +fast geräuschlos über die weite Prairie daher, nur +das schwankende Gras bog er nieder, daß die hellen, +daran blitzenden Thauperlen schwer hinab auf den +feuchten Boden fielen. — Sobald er aber das Flußthal +erreichte, wo die hohen, kräftigen Bäume standen, +da gewann er auch neue Macht, da schien er +sich recht fest und trotzig zusammenzunehmen, und +hinein warf er sich in die Wipfel, und rauschte und +brauste hindurch, als ob er ihnen Wunder was Wichtiges +zu sagen habe. Die aber schüttelten leise und +altklug mit den Köpfen — sie wußten recht gut, daß +von dort her, aus dem weichlichen Süden, nichts +Derbes und Tüchtiges herkommen könne. »Ja,« +sagten sie, »wenn er von da drüben herüber, über +die Seen her, bliese, von den starren Eisgletschern +nieder, dann wär's noch der Mühe werth, sich dagegen +zu stemmen, oder einander die Arme zu reichen, +zu Hülfe und Schutz, so aber — laßt ihn weiter +ziehen, Schwestern — es ist ein Südländer — er +tritt patzig auf, flüstert einem Jeden etwas Schönes +in's Ohr, und ist dann eben so leicht verschwunden, +wie er gekommen.«</p> + +<p>So allerlei altkluges Zeug schwatzten die Zweige +und der Schuhu saß mitten drinn und schaute gähnend +in das noch vom letzten Herbst dort unten liegende +gelbe Laub, ob nicht etwa irgend ein leckerer +Bissen in Gestalt eines kleinen Kaninchens oder auch +einer fetten Maus, vorbeischleiche und ihm die unbequemere +Suche erspare.</p> + +<p>Die Natur feierte ihren Sabath — heilige Ruhe +lag über der ganzen Welt, sogar die Frösche riefen +ihr monotones Lied nur ganz leise und schüchtern +ab, anstatt wie sonst so recht aus voller Kehle hineinzuquaken +in die stille — hehre Nacht. Tiefe +Dunkelheit lagerte auf dem Walde, selbst die Sterne +konnten nicht mit ihrem matten Licht durch die dicht +verwachsenen Zweige dringen; nur da, wo sich der +kleine Fluß seine unregelmäßige, zickzack laufende +Bahn durch den fetten Boden brach, hatten sich die +Riesenwipfel getrennt und die freundlichen Himmelskörper +spiegelten sich in der klaren Fluth und schienen +auf den leichtgekräuselten Wogen zu schwimmen und +zu tanzen.</p> + +<p>Aber auch noch ein anderer Fleck lag in der waldigen +Niederung, wo das blasse Sternenlicht seinen +matten, dämmernden Eingang fand — es war dies +eine jener tausend kleinen Waldblößen, die durch die +ganzen westlichen Wälder zerstreut sind und nur Gras +und Blumen erzeugen, während der sie umschließende +Boden die kräftigsten, stattlichsten Bäume trägt, +und es schien fast, als ob nur wenige jener ungeheueren +Stämme hier herausgerissen seien, und das +weite, die enge, nackte Stelle umkreisende Waldmeer +schon im Begriff wäre, sich wieder über derselben zu +schließen.</p> + +<p>Der freie Raum mochte kaum sechzig Fuß im +Durchschnitt haben; seinen Mittelpunkt bildete aber +ein niederer, vielleicht sieben Fuß hoher Hügel, der, +mit dichtem Gras bewachsen, nur auf dem Gipfel +eine Wunde trug, wo der Rasen frisch aufgerissen +schien und die in spitzem Kamm festgeschlagene Erde +den Ort verrieth, unter dem der starre Körper eines +Menschen ausruhe von allen irdischen Lasten und +Leiden.</p> + +<p>Heimlich und still lag der schaurige Platz inmitten +des grünenden Waldes, und nur der Wolf +hatte ihn, als er seine erste Runde beging, umschlichen, +und von dem frischen Grabe aus seinen +Nachtgruß hinauf geheult zu den Sternen — die Spuren +seiner scharfen Krallen bezeichneten noch den weichen +Grund.</p> + +<p>Aber was hob sich dort, dunkel und ungewiß, +im matten Licht, dicht zu Häupten des Grabes? +War es ein Stein der Erinnerung, den die Bewohner +von Waterton dem fremden Krieger gesetzt? + — Hatten sie soweit sein Andenken geehrt, um sogar +den Platz zu bezeichnen, wo Einer der von ihnen +Vertriebenen sein Haupt berge unter den Bäumen, +deren Schatten ihn früher erquickte? Ach nein — +nein — nicht Liebe war's, die das erkaltete Herz +hier einscharrte in seine irdene Urne — den Leichnam +aus dem Weg zu schaffen, hatten sie gemeint; +so schnell und bequem das geschehen konnte, so schnell +geschah es — daß sie das indianische Grab dazu +gewählt, war die einzige Freundlichkeit, die sie der +Race selbst bewiesen.</p> + +<p>Und jener Stein? — </p> + +<p>Hättest du die dunkelglühenden Augen gesehen, +wie sie unter der fest und stolz emporsteigenden Adlersfeder +vorfunkelten — hättest du den leisen monotonen +Sang gehört, mit dem er, wie in kaum vernehmbaren +Flüstern, die Todtenklage über den Geschiedenen +murmelte, du hättest nicht nach einem +<span class="wide">Stein</span> gefragt — ein <span class="wide">lebendes</span> Monument seines +Stammes, kauerte der Häuptling, im vollen Schmuck +des Kriegers, über dem Grab — seines <span class="wide">Vaters,</span> +und während die Linke fast bis zum Handgelenk in +den weichen lockeren Boden sank, hielt er die Rechte +starr und regungslos zu den Sternen gestreckt, als +ob er Körper und Seele des Verblichenen herauf +und hernieder ziehen wolle zu sich, dem allein Zurückgebliebenen.</p> + +<p>Da plötzlich hob er rasch und lauschend das +dunkle Haupt — die hohe Feder schwankte von der +fast unwillkührlichen Bewegung, und mehrere Secunden +lang schien er mit der gespanntesten Aufmerksamkeit +einem noch fernen aber seinen scharfen Sinnen +nicht entgangenen Geräusch zu horchen.</p> + +<p>Es kam näher — er unterschied Stimmen — +er vernahm das Krachen und Knicken niedergebrochener +dürrer Zweige, und sich jetzt vorsichtig erhebend + — das Antlitz fortwährend der Stelle zugewandt, +von der die störenden Laute tönten, glitt er +leise zurück in den schützenden Schatten der Bäume und +verschwand im nächsten Augenblick in ihrem Dunkel.</p> +<p> </p> +<hr class="narrow" /> +<p> </p> +<p>»Ich sage dir Patrik — du bist ein Esel!« rief +Doktor Mac Botherme, als er wenigstens zum fünfzigsten +Mal über die im Wege liegenden Äste gestolpert +und gestürzt war, und eben wieder, die +Schienbeine reibend, aufstand — »du schwatzt ja +Zeug, was einen vernünftigen Christenmenschen in +seiner eigenen Wohnung zur Verzweiflung bringen +könnte, geschweige denn hier, in diesem verfluchten +Wirrwarr von knochenzerbrechenden Bäumen — Herr +Gott!« unterbrach er sich hier selbst in halbverbissenem +Schmerzschrei, als er eben wieder mit dem Gesicht +in einer der scharfdornigen Schlingpflanzen hängen +geblieben war, und sich nun sorgfältig mit der flachen +Hand über Stirn und Backen fuhr, um zu fühlen, +ob er nicht blute.</p> + +<p>»Aber Doktor Mac Botherme« — fuhr der dadurch +ungerührte Patrik in seinem breiten irischen +Dialekte und in der eben erst unterbrochenen Rede +fort, indem er stehen blieb, Hacken und Spaten auf +die Erde niedersetzte und sich ängstlich dabei nach allen +Seiten hin umsah — »ist es denn nicht meiner +Mutter Sohn, den sie alle Augenblicke bald rechts, +bald links festhalten, als ob sie sagen wollten: »Patrik, +mein Herzchen, mein Juwel, gehe nicht weiter — +gehe keinen Schritt weiter, in dieser gesegneten Nacht + — es kostet sonst deine Seele — du bist ein verlorenes +Schaaf.« — «</p> + +<p>»Du bist ein <span class="wide">geborener Ochse</span> — Patrik, +mein Herzchen!« rief der Doktor ärgerlich, dem die +Angst seines Gefährten keineswegs gelegen kam. »Hab' +ich dir nicht schon zehntausend Mal gesagt, daß es +die Zweige und wilden Rebenstöcke sind, in denen du +hängen bleibst; — wenn du dich nicht jedesmal +bücktest und an zu beten fingst, so könntest du's selber +sehen.«</p> + +<p>»Arrah Sir« — seufzte der sich hier höchst +unbehaglich befindende Ire, »mag's mir die Mutter +Maria vergeben, daß ich mich bei Nacht in solch +heidnischen Wald getraut habe; aber so viel weiß ich + — bin ich erst einmal wieder in der Stadt — keine +Seele kriegt mich zum zweiten Mal in eine solche +Gegend. — Und nun auch erst noch Leichen ausgraben« + — fuhr er mit weinerlicher Stimme fort, +als der Doktor indessen, sich wenig um seine Klagen +kümmernd, die Gegend recognoscirte, in der sie sich +befanden; — »Leichen ausscharren, wie's die wilden +Bestien in Afrika machen sollen — und Leichen zu +Haus tragen und kochen, wie ein anderes ehrliches +Stück Rindfleisch — o Jäses, o Jäses, wenn uns +heute der Böse nicht holt, dann giebt's gar keinen!«</p> + +<p>Patrik hatte in aller Verzweiflung sein Handwerkszeug +fallen lassen, und kauerte sich, die Hände +über die Knie gefaltet, ängstlich nieder. Mac Botherme +kannte aber den Geist, der seine Geister<span class="wide">furcht</span> zu +bannen vermochte — aus seiner Tasche holte er die +mit Leder überzogene Feldflasche vor, zog den Stöpsel +ab und hielt sie mit ausgestrecktem Arm dem Muthlosen +entgegen.</p> + +<p>»Hier Patrik!« sagte er dabei — »deine Einbildungskraft +wird trocken — gieß ihr ein wenig +Bergthau auf die Wurzeln — nachher erholt sie +sich wieder, und — bedenke, daß du, wenn du mir +jetzt getreulich beistehst, nach glücklich abgelaufenem +Abenteuer zwei Dollar baar Geld und — zwei +Gallonen — sage zwei Gallonen Whiskey erhältst, +und den zwar vom besten!«</p> + +<p>»<i>Honey my dear!</i>« sagte Patrik, der schon bei +dem Abziehen des Stöpfels den Kopf gehoben und +einen flüchtigen aber sehnsüchtigen Blick nach der +Flasche hinübergeworfen hatte. — »Doktor Mac Botherme +ist der Mann, der einem armen gedrückten +Menschen wieder Muth einsprechen kann in der +Noth. Doktor Mac Botherme ist ein ordentlicher +wirklicher Christ, wie Vater O'Rhoole sagte, wenn +er Sonntags den Beichtpfennig kriegte.«</p> + +<p>»Sei nur jetzt ruhig, Patrik!« beschwichtigte ihn +der Doktor, und warf einen scheuen Blick umher + — »wir können nicht mehr weit von der Stelle +sein, und je ruhiger wir das ganze Geschäft abmachen, +desto besser ists. Es — es könnte ja doch +<i>per</i> Zufall so eine verwünschte Rothhaut im Walde +herumkriechen, und dann ist's immer besser, man +schreit so wenig als möglich. Komm Patrik — in +einer Stunde kann unser ganzes Geschäft abgemacht +sein.«</p> + +<p>Er war im Begriff seinen Weg fortzusetzen, als +Patrik, der indessen die Flasche an sich genommen +hatte, plötzlich seinen Arm ergriff, und leise flüsternd, +aber mit ängstlicher Stimme sagte:</p> + +<p>»Und sind es wirklich die rothen, blutdürstigen +Deiwels, die einem rechtschaffenen Christen die +Haut vom Kopfe ziehn und Geldbeutel d'raus +machen? sinds die rothen Indianer, von denen Doktor +Mac Botherme fürchtete, daß sie hier herumschnüffeln +und Lust nach Paddy O'Flahertis Goldhaar haben +könnten?«</p> + +<p>»Rede nicht so albernes Zeug, Pat!« sagte der +Doktor, und machte seinen Arm von dem des Dieners +los — »komm lieber, und sei gescheidt — denk +an den Whiskey und an die Dollar, denn nicht der +rothe Pfennig oder der klare Tropfen ist's, den Patrik +O'Flaherti zu schmecken bekommt, wenn er jetzt +noch lange mit Zweifeln und Reden die Zeit vertrödelt!«</p> + +<p>Der würdige Doktor hatte sich auf die Art mit +Willen in eine Art Zorn hineingeärgert, damit er +die eigene Furcht beschwichtige, und ohne eine weitere +Einwendung abzuwarten, schritt er rasch vorwärts, +und hatte so, wenn auch unbewußt, die beste +Methode gefunden, seinen Begleiter folgen zu machen, +denn der wäre nicht, um alle Versprechungen +der Welt, allein im Walde zurückgeblieben. Nur +wenige hundert Schritte brachten sie aber auch an +das ersehnte Ziel, und Patrik schüttelte sich leise, +da er den stillen heimlichen Fleck erblickte, dessen +Ruhe sie mit frechen, unheiligen Händen entweihen +wollten.</p> + +<p>»Patrik,« flüsterte der Doktor — »das hier ist +die Stelle — <span class="wide">hier</span> ist das Grab — da gerade in der +Mitte. — So, nun nimm deine Hacke und Spaten +herunter und ich will indessen die Flinte laden gieb +mir einmal das Pulverhorn — wir werden's +hoffentlich nicht brauchen, aber der Henker traue doch +dem Frieden — besser ist besser — nun? hörst du +nicht, Pat? das Pulverhorn will ich haben!«</p> + +<p>»Und ist es das, was Ihr verlangt?« frug Patrik +erstaunt, »steckt denn nicht Alles in Eurer eigenen +Tasche?«</p> + +<p>»Unsinn, Pat!« sagte der Doktor ärgerlich, während +er sich jedoch die Taschen befühlte, ob er das +Geforderte vielleicht dennoch in Gedanken eingesteckt +habe. — »Unsinn Pat, <span class="wide">hier</span> ist's nicht — und da +nicht — und da vorne auch nicht — ich hab' es +dir ja auch, einen Augenblick ehe wir fortgingen, in +die Hand gegeben.«</p> + +<p>»Segne Eure Seele Herr!« rief Patrik schnell + — »und ist es weiter Nichts wie das lange Kuhhorn +mit dem grünen Bindfaden d'ran, was Ihr +sucht?«</p> + +<p>»Nein, das gerade — hast du's? — «</p> + +<p>»O Misther — macht Euch keine Sorge deßhalb, +das hängt ruhig am Nagel hinter der Thür.« — </p> + +<p>»Holzkopf!« rief der Doktor entrüstet — »hab' +ich dir nicht noch ausdrücklich befohlen — du solltest +dich in Acht nehmen, daß es nicht naß würde.«</p> + +<p>»Arrah, Ochone, Herr, und ist das nicht eben +die Ursache, weshalb ich's hinter die Thüre hing?« +erwiederte der unverwüstliche Ire — »wie hätt' +ich's können trocken halten, wenn's heut' Abend +regnete?«</p> +<p> </p> +<p>»<i>O sancta simplicitas!</i>« murmelte der Doktor + — »da — jetzt sitzen wir in einer ganz gemüthlichen +Patsche — <span class="wide">wenn</span> nun die Indianer kämen, +Patrik, <span class="wide">wenn</span> sie nun kämen?! — das war der +dümmste Streich, den deines Vaters Sohn seit +langer Zeit gemacht — jetzt hab' ich doch das +Schießeisen mit geschleppt, daß mir die ganze linke +Schulter so blau ist, wie ein deutscher Sonntagsrock.«</p> +<p> </p> +<p>Patrik, der ungefähr eben so viel vom Laden eines +Gewehrs wie vom Clavierspielen verstand, +konnte gar nicht begreifen, weshalb sein »Misther« +so ärgerlich sei — da sie ja doch den <span class="wide">Whiskey</span> +nicht vergessen hatten; er begnügte sich deshalb +bloß, einfach mit dem Kopf zu schütteln, gehorchte +nun aber auch eifrig dem in etwas barschen Ton +gegebenen Befehl, »abzuladen« und die Arbeit zu beginnen. +Er warf also die mitgebrachten Werkzeuge +in's Gras nieder, nahm dann die breite Hacke auf, +die er in der Hand wog und sich schüchtern dabei +umschaute, als wenn er nicht ganz sicher wäre, wie +er das Werkzeug zu gebrauchen hätte, zur Arbeit +oder gar zur Vertheidigung, und schritt dann langsam, +und augenscheinlich mit schwerem Herzen dem Mittelpunkt +der kleinen Lichtung, dem Grabe zu, wo +er stehen blieb und nun unruhig den Blick nach allen +Seiten umherwarf.</p> + +<p>Der kleine Doktor hatte sich indessen des großen +unbehülflichen Sacks entledigt, den er auseinander +wickelte, dann das Beil und Brecheisen hervornahm, +um später, wenn der Sarg erst einmal zu Tage gefördert +war, nicht weiter aufgehalten zu werden, +und wandte sich nun an seinen Gefährten, der noch +immer keine Anstalt machte, zu beginnen.</p> + +<p>»Patrik — <i>honey</i>!« sagte der würdige Mann, +während er den Spaten aufnahm und den Hügel +rasch hinanschritt, »Patrik mein Herzchen, komm und +lass' uns munter an's Werk gehen. — Je länger +hier, je später dort — hier ist das Grab und der +rothe Bursche liegt starr und steif d'rin — denk' an +den Whiskey, Paddy!«</p> + +<p>»Und ist es nicht der Whiskey, der mich bis +jetzt lebendig gehalten hat« — sagte Patrik und +that einen herzhaften Zug aus der jetzt fast geleerten +Flasche, die er aber sorgfältig in seine eigene Tasche +zurückschob — »war es nicht die liebe Himmelsgabe, +die mich getränkt und gewärmt hat — aber +Misther Doktor — segne unsere Seele — ich wollte +es wäre vorbei — s'ist schauerliche Arbeit, den verkehrten +Todtengräber zu spielen — hallo, was war +das?«</p> + +<p>»Was war <span class="wide">was?</span>« rief der Doktor erschreckt, +und sah sich nach allen Seiten um. »Was war +<span class="wide">was,</span> Sir?«</p> + +<p>Beide horchten aufmerksam in den dunkeln Wald +hinein, aber nur das leise Rauschen der Bäume, +das melancholische Quaken der Frösche konnten sie +hören — sonst lag Alles still und ruhig um sie her, +wie das Grab zu ihren Füßen. Der Doktor gewann +dadurch wieder Muth und rief mürrisch:</p> + +<p>»Nun hab' ich's satt — Sirrah — hack' ein +und mach' ein Ende — wir wollen doch nicht die +ganze <span class="wide">Nacht</span> hier auf dem Grabe zubringen.«</p> + +<p>»Mit Gott denn« — sagte Patrik, zog seinen +Rock aus, warf den alten Filz auf die Erde, streifte +sich die Hemdsärmel auf, spuckte sich in die breite +sehnige Hand, ergriff die Hacke und holte eben zum +ersten Schlage aus — da krachten und brachen — +gar nicht weit von ihnen entfernt, die Büsche — +durch die kleine Lichtung strich, von irgend etwas +im Walde aufgescheucht — eine große Eule, und in +kurzen Zwischensätzen war es den beiden, jetzt starr +wie Bildsäulen dastehenden Iren, als ob irgend Jemand + — ob Hirsch, ob Mensch, ließ sich nicht unterscheiden + — durch das vorjährige gelbe Laub +springe, mit dem der Boden in den amerikanischen +Wäldern das ganze Jahr über bedeckt bleibt.</p> + +<p>»Doktor — was war das?« flüsterte Patrik +leise, während er die Hacke bedächtig wieder zu seinen +Füßen niedersetzte.</p> + +<p>»Weiß der Teufel,« brummte Mac Botherme, +»ob's bloß ein Hirsch war, der durch einen fallenden +Ast aufgescheucht wurde — das <span class="wide">muß</span> es auch gewesen +sein, — wer, zum Henker sollte denn jetzt — «</p> + +<p>»Doktor — Misther Doktor,« zischelte Patrik +und blickte sich scheu, bald über die rechte, bald +über die linke Schulter — »Patrik O'Flaherti ist's, +dem's unheimlich zu Muthe wird — Jäses — ich +wollte ich läge in Waterton im Bett und hätte im +Leben keine Hacke in der Hand gehabt.« — </p> + +<p>Beide Männer blieben eine kurze Zeitlang wie +angewurzelt stehen, und horchten mit gespannter Aufmerksamkeit +auch dem leisesten Geräusch — aber +Alles lag wieder todtenstill und ruhig — selbst der +Wind schien erstorben — kein Lüftchen regte sich.</p> + +<p>»Patrik,« sagte der Doktor, aber mit so leiser +Stimme, daß er selbst kaum vernahm was er sprach + — »Patrik — wir wollen unsere Arbeit schnell +vollenden, und dann machen daß wir zu Hause +kommen — es ist unheimlich hier auf dem freien +offenen Fleck mit dem dunklen Wald rings herum.«</p> + +<p>Patrik erwiederte kein Wort, sondern warf nur +noch einen Blick zurück gegen das Dickicht und einen +Blick nach vorn, hob dann die Hacke und schlug sie, +bis zu dem Stiel, tief in den weichen lockeren Boden +ein. Als ob aber der Schlag eine Zauberformel +gewesen wäre, die alle bösen Geister der Unterwelt +mit Blitzesschnelle heraufbeschworen hätte, so +schien in demselben Moment der ganze Wald einen +einzigen wilden Schrei auszustoßen, und zugleich +raschelten die Büsche — knackten und brachen die +Zweige, und heraus aus dem Dickicht — Gespenstern +gleich, mit den fast übernatürlich gellenden +Tönen, brachen sechs, in fliegende Decken gehüllte +Gestalten vor, und stürmten gerade den flachen Hügel +hinan auf die beiden starr und entsetzt dastehenden +Leichenräuber ein.</p> + +<p>Starr und entsetzt dastehenden — ja — im ersten +Augenblick der Überraschung — als noch Jeder +von ihnen glaubte er träume, da so etwas Fürchterliches +ja gar nicht wahr sein könne — plötzlich aber + — wie der erste Gedanke an Indianer ihr Hirn durchzuckte, +gewannen auch die Glieder ihre ganze frühere +Gelenkigkeit, wenn nicht in einem zehnfach vermehrten +Grade wieder. Patrik schrie: »o Jäses!« ließ +die Hacke fallen und war mit zwei Sätzen im entgegengesetzten +Theile des Waldes verschwunden, der +Doktor aber, keineswegs gesonnen, seinen kräftigen +Beistand so enteilen zu sehen und allein zurück zu +bleiben um dessen Rückzug zu decken, war kaum weniger +behende auf seinen Fersen, und rief ihm zu, doch nur um +Gotteswillen stehen zu bleiben und ihn mitzunehmen.</p> + +<p>Patrik, der in dem eigenen Rascheln der +Zweige wohl die Stimme hinter sich hörte, doch +keineswegs einzuhalten gedacht, um die Leute zu +unterscheiden — glaubte natürlich nicht anders +als es sei Einer seiner rothhäutigen Verfolger — +beflügelte also deßhalb seinen Lauf um so mehr, +warf Alles, was ihn an schneller Flucht hindern +konnte, von sich, und erreichte nach kurz zurückgelegter +Strecke den kleinen Fluß, den er übrigens +erst bemerkte, als er bis an den Hals im Wasser +stack, aus dem er sich nur mit größter Anstrengung +zum anderen Ufer hinüberarbeiten konnte. Das +nun, obgleich es steil und schlüpfrig war, erklomm +er in ungeheuerer Schnelle, und trotz dem, daß hier +Mac Botherme mit wirklich zärtlichem Tone seinen +Namen rief — wandte er nicht einmal den Kopf, +sondern stürzte sich in wahrer Todesverachtung auf's +Neue in Dornen und Schlingpflanzen hinein.</p> + +<p>Der Doktor wäre ihm allerdings von Herzen +gern gefolgt, konnte aber nicht schwimmen, und hatte +nur noch so viel Geistesgegenwart, daß er begriff, +wie ihm hier, wenn er nicht gerade von den Indianern +ausdrücklich verfolgt werde, keine weitere +Gefahr drohe. Da er auch, um in die benachbarten +Ansiedlungen auf Krankenbesuche zu reiten, den +Wald schon nach allen Richtungen hin durchschnitten +hatte, so wußte er doch wenigstens ungefähr, wo er +sich befand, und wollte jetzt am Fluß hinab gehen, +um dort zuerst die Brücke, und mit dieser die Stadt +in vielleicht einer Stunde zu erreichen. Durch die +bestandene Gefahr waren aber seine Sinne geschärft +und er vernahm jetzt zu seinem Entsetzen, daß +gerade in der Richtung, die er einschlagen wollte, ebenfalls +irgend etwas in den Büschen raschelte.</p> + +<p>Was es sei, sollte ihm nicht lange verborgen +und eben so wenig Zeit zum Besinnen bleiben — im +nächsten Moment theilten sich die Sträucher und +eine dunkle Gestalt, mit — wie er damals glaubte — weißbemaltem +Gesicht sprang in wilden Sätzen auf ihn zu.</p> + +<p> </p> +<hr class="narrow" /> +<p> </p> +<p>Um aber nun erst wieder zu unseren beiden +Leichenräubern zurückzukehren, so hatten Patrik O'Flaherti +und Doktor Mac Botherme auch übrigens, +als sie sich in so kitzlicher Lage auf dem Grabe befanden, +alle Ursache gehabt zu erschrecken, denn so +plötzlich und ohne weitere Warnung von allen Seiten +angegriffen zu werden, wo ihnen noch überdies +ihr Gewissen sagte, daß sie im Begriff wären etwas +Unerlaubtes und äußerst Gefährliches zu thun, +mußte sie das Schlimmste fürchten lassen, wenn sie +besonders in die Hände ihrer wilden Feinde fielen, +die sich Patrik gar nicht anders denken konnte, wie +Menschenfresser; die Eile, mit der sie alles Hierhergebrachte +zurückließen, war also vollkommen zu entschuldigen. +Jubelnd und lachend rannten indessen +die Amerikaner, keineswegs gesonnen, ihnen weiter +zu folgen, bis zu dem Gipfel des Hügels vor, von +dem sie die Resurrectionisten vertrieben hatten, und +Sip, der mit den wunderlichsten Sprüngen und +Grimassen nebenher getanzt war, stieß eben noch, +als Schluß- und Kraftakkord, und gleichsam um der +Sache die letzte Politur zu geben, den markdurchschneidenden +Kriegsschrei aus, der in die Ohren der +beiden Flüchtlinge gellte und sie zu immer wilderer +Eile antrieb.</p> + +<p>»Gentlemen!« rief da Shark und schwenkte seinen +alten Filz — »der Sieg ist gelungen — die Festung +erstürmt — die Besatzung mit Zurücklassung +ihrer Fahnen und Geschützstücke entflohen und ich +stimme dafür, daß — «</p> + +<p>Wie von einer Natter gestochen, fuhr er zurück, +denn dicht vor ihm stand, den blitzenden Tomahawk +in der Hand — die wollene Decke leicht von den +Schultern geworfen, die wehenden Federn noch +schwankend von der raschen Bewegung — ein wirklicher, +lebendiger Häuptling — ein »scalpsüchtiger« +Wilder — ein Rächer der geschändeten Grabstätte.</p> + +<p>Die Übrigen mußten ihn, da sie ihre Aufmerksamkeit +bis dahin nur den Flüchtigen zugewandt hatten, +noch gar nicht bemerkt haben, und Shark blieb +mehrere Secunden lang marmorgleich vor der wie +aus dem Grabe herausgestiegenen Gestalt stehen, +Sip aber — vom vielen Schreien ordentlich blauschwarz +im Gesicht — wollte eben über den Hügel +wegspringen, um wahrscheinlich im Walde selbst die +Entflohenen noch mit einem »allerletzten« Male zu +beglücken, als er fast gegen den Indianer stieß, der +jetzt seinerseits ebenfalls staunend dastand, und nicht +zu wissen schien, ob die Männer, die er im ersten +Ansturm und im Dunkel der Nacht gleichfalls für +Indianer gehalten, jetzt aber als Weiße erkannte, +Freunde oder Feinde wären.</p> + +<p>Sip war übrigens nicht der Mann, der einem +wirklichen Indianer lange Stich gehalten hätte — +denn <span class="wide">daß</span> es einer war, erkannte er auf den ersten +Blick. Mit flüchtigem Rücksprung warf er seinen +Nachbar, den entsetzten Shark, zur Seite, und floh +nun, so schnell ihn seine Beine trugen, in das ihm +nächste Dickicht.</p> + +<p>Sip's Geistesgegenwart gab aber auch Shark +sich selbst wieder — kaum sah dieser nämlich in der +Flucht des Negers seine eigene Furcht bestätigt, als +er, ohne seine Gefährten weiter mit Blick oder Wort +zu warnen, dem Beispiel des Negers folgen wollte, +leider aber in der ihm im Wege liegenden und in +das Grab eingehauenen Hacke hängen blieb, und mit +gellendem Angstruf zu Boden stürzte, da er sich in +diesem Augenblick schon wenigstens für scalpirt +hielt.</p> + +<p>Weppel — auch den Kopf von Indianern voll, +sah kaum die Angst der Gefährten, als er sich gar +keine weitere Mühe gab, den Grund ihres Schrecks +zu erforschen, sondern nur seine eigenen Gliedmaßen +eben so schnell in Sicherheit zu bringen suchte, und +Josy — sonst der Muthigste von Allen und einer +jener kräftigen Pioniere, die oft mitten in der Wildniß +ganzen Schaaren von Wilden Trotz geboten, +wurde hier förmlich überrumpelt. Ein Theil der +Seinen floh — Einer brach, mit dem Angstschrei +auf den Lippen, vor seinen Füßen zusammen — hoch +auf dem Grabe erkannte er in den dämmernden Umrissen +den indianischen Krieger — was blieb ihm da +anderes zu glauben übrig — als sie wären von irgend +einem hier verborgenen Stamme überlistet, und er +selbst — waffenlos mitten zwischen ihnen — konnte +jetzt nur noch hoffen, durch schnelle verzweifelte Flucht +sein eignes Leben zu retten.</p> + +<p>Mit der Gewandtheit eines aufgescheuchten Panthers +sprang er zur Seite, um einem etwa auf ihn +abgeschossenen Pfeil, oder gar der tödtlichen Kugel +zu entgehen, und suchte nun, wie die Übrigen, das +schützende Dunkel zu erreichen.</p> + +<p>Shark, der sich nur das Schienbein ein wenig +aufgeschlagen hatte, sprang indessen ebenfalls wieder +empor, und brach in wilder Verzweiflung in das +Dickicht, wobei er sich wenig darum kümmerte, welcher +Richtung er folgte, so er nur für den Augenblick +seinen Scalp in Sicherheit brachte. In tollen +Sätzen drängte er sich oft in so dicht verwachsene +Dornmassen hinein, daß er nur mit zerfetzten +Kleidern und blutig gerissenen Gliedern einen Ausweg +finden konnte; übersprang dabei Gräben und umgestürzte +Stämme, fiel in Sumpflöcher und Bäche, +rannte gegen Bäume und Büsche an, und erreichte +endlich das Ufer des kleinen Flusses, an dem er, +rücksichtslos wohin ihn das führe, hinaufstürmte, diese +Bahn mehrere hundert Schritte verfolgte, und plötzlich + — großer Gott, so muß er in blinder Flucht +dem Feinde gerade in den Rachen rennen — vor +einer dunklen Gestalt stand, die eben im Begriff +schien ihn zu erfassen.</p> + +<p>Einen Schrei ausstoßen und seitab in den Fluß +springen, wurde zum Werk eines Augenblicks, aber +auch Doktor Mac Botherme, denn dies war der Gefürchtete, +wartete den vermutheten Angriff nicht ab + — mit Blitzesschnelle wandte er sich und da er in +dem Moment auch noch das nahe Plätschern im +Wasser hörte, was ihn natürlich gar nicht anders glauben +ließ, als daß die Feinde beabsichtigten, ihm die Flucht +abzuschneiden und deßhalb jetzt den Strom durchschwömmen, +so brach er wieder zurück in den Wald, +floh hier noch einige hundert Schritt gerad'aus, und +warf sich dann zum Tode matt und jedem weiteren +Rettungsversuch durch eigene körperliche Anstrengung +entsagend, neben einer umgestürzten, halbverfaulten +Eiche nieder, an deren weichen Stamm er sich dicht +hinanschmiegte, um vielleicht dadurch noch der Aufmerksamkeit +der Verfolger zu entgehen. Er hatte etwas +Ähnliches einmal in einem Buche gelesen.</p> + +<p>Nach allen Richtungen hin durchtobten die Flüchtigen +den Wald, und auf dem bedrohten Grabe, +vom düsteren Lichte der Sterne matt beschienen, stand +ernst und feierlich die hochaufgerichtete Gestalt des +indianischen Kriegers, und sang mit leiser, monotoner +Stimme das Todtenlied des Verblichenen. — </p> + +<p>Am nächsten Morgen war Waterton in fürchterlicher +Aufregung. — Josy traf zuerst ein, und die +Aussage des sonst so ruhigen und von Allen als +nichts weniger als ängstlich gekannten Mannes, daß +sie, die Waffenlosen, gestern Abend von Indianern +überfallen worden seien, versetzte Alle in die peinlichste +Bestürzung. Die Ursache wurde ebenfalls +bald bekannt und ließ sie das Schlimmste fürchten.</p> + +<p>Was sollten sie jetzt thun? einen Courier nach +Vincennes senden und von dort Hülfe holen? — Auf +jeden Fall hatten die schlauen Wilden das vorausgesehen +und hielten den Weg besetzt. Der Bote also, +hätte sich wirklich Einer zu solch gefährlicher Aufgabe +gefunden, wäre rettungslos verloren gewesen. +Weppels und Glassys Aussagen, die fast zusammen +und bald nach Josy eintrafen, vermehrten +nur noch die Bestürzung, da sie die erstgehörte Unglückskunde +nicht allein betätigten, sondern sogar +noch hinzufügten, daß sie den ganzen Stamm und +zwar mit den Kriegsfarben bemalt gesehen hätten, + — wonach Waterton also das Äußerste erwarten +durfte.</p> + +<p>Shark betrauerte man als erstes Opfer der Rache, +denn Josy hatte ihn, wie er fest und bestimmt behauptete, +fallen sehen, sich aber natürlich nicht +weiter um ihn bekümmern können. Auch die beiden +Irländer wurden noch vermißt und man konnte +nicht anders glauben, als daß sie ebenfalls in die +Hände der im Hinterhalt lauernden Feinde gefallen +wären, welche Befürchtung sich um so mehr bestätigte, +da bis Sonnenuntergang am nächsten Tage +keiner der Dreie in Waterton erschien, während die +Bewohner des kleinen Städtchens in wahrhaft fieberhafter +Aufregung Alles hervorsuchten, was nur +irgend als Waffe dienen konnte, um dem in jeder +Secunde erwarteten Angriff und Überfall zu begegnen. +Besonders steigerte sich gegen Tagesanbruch +am zweiten Morgen ihre Angst auf das Höchste, +da sämmtliche Stämme gewöhnlich in dieser Zeit +aus ihrem Hinterhalt hervorbrechen. — </p> + +<p>Aber siehe da, kein Überfall erfolgte, die Sonne +stieg still und majestätisch über den rauschenden Wipfeln +der Bäume empor, und ihr Strahl fiel auf +kein wildes Blutvergießen, ihr freundliches Licht +leuchtete keinem mörderischen Angriff — ihr heiteres +Auge sah auf keine rauchenden Trümmer und zuckende +Leichen hernieder.</p> + +<p>Die Zurückhaltung der Indianer wurde räthselhaft + — der Mittag verging — die Sonne neigte +sich schon wieder ihrem Untergang — kein Laut ließ +sich hören, kein fremdes Wesen näherte sich der +Stadt. Da endlich — es fing schon an zu dämmern, + — wankte mit bleichem Antlitz und zerfetzten +Kleidern, zum Tode matt vor Hunger und Angst, +Doktor Mac Botherme herbei, und er, der noch gestern +ein Gegenstand der höchsten Entrüstung gewesen, +da man nur auf seine Schultern die entsetzliche +Gefahr sämmtlicher Watertonisten wälzte, erschien +ihnen jetzt wie ein Erlöser, der sie von Furcht und +Noth befreien konnte.</p> + +<p>Mac Botherme konnte ihnen aber auch nur wenig +Auskunft und Trost geben — das, was er bezeugte, +klang eben so schrecklich, als sie es sich in +ihren wildesten Träumen gedacht. — Er hatte den +ganzen Wald voll Wilder gefunden — hinter allen +Bäumen waren sie vorgesprungen, im Fluß wie die +Fische herumgeschwommen, und nur durch ein Wunder +konnte er ihnen entgangen sein. Halbverhungert +und im Walde verirrt war ihm zuletzt das Leben +selbst eine Last geworden, und er hatte, als er +endlich einen bekannten Weg fand, beschlossen, nach +Waterton zurückzukehren, mochten es nun die Indianer +zerstört haben oder nicht.</p> + +<p>Da — während noch Alle um den Doktor geschaart +standen und mit ängstlicher Spannung seinen +Worten lauschten, meldeten die indessen ausgestellten +Wachen einen auf dem Fahrweg herankommenden +einzelnen Wanderer, in dem Josy bald +darauf zu seinem unbegrenzten Erstaunen den für +todt gehaltenen Shark erkannte. Aber großer Gott, +wie sah der aus — beinahe sechsunddreißig Stunden +hatte er den Wald in wilder Angst durchstreift, +und brach auch, als sich die Freunde um ihn sammelten, +erschöpft und bewußtlos zusammen. Unter +guter Pflege erholte er sich zwar in kurzer Zeit +wieder, seine Aussage stimmte dann aber auch haarklein +mit der des Doktors überein, und es blieb +nun keinem Zweifel mehr unterworfen, daß ihre +Stadt und sie selbst von Indianern bedroht gewesen, +diese jedoch wahrscheinlich aus Furcht vor der +Rache der Weißen einen ernstlichen Überfall unterlassen +hätten.</p> + +<p>Der Doktor wollte nun allerdings wissen, wie +es käme, daß so viele Männer von Waterton an +jenem Abend im Wald gewesen seien, darüber beobachteten +aber die dabei Betheiligten ein wirklich musterhaftes +Schweigen, und da auch Patrik O'Flaherti +verschwunden blieb, so dauerte es eine geraume +Zeit, ehe man es wagte, die Häuser und Familien +wieder zu verlassen, um jenen Grabhügel zu besuchen, +auf dem fast ein Jeder die Überreste eines +vollständigen indianischen Lagers zu finden erwartete. — </p> + +<p>Allerdings staunten sie, als sie hier keine Spur +mehr von Indianern entdecken konnten, denn sie waren +mit Wehr und Waffen ausgezogen, den Feind +zu bekämpfen. — Der Platz lag noch so öde und +still da, wie an jenem Abend, selbst Spaten und +Hacke und die Kleidungsstücke der beiden Leichenräuber +deckten, wie sie von ihren Eigenthümern hingeworfen +worden, den Boden — nur der Hügel +selbst zeigte eine Veränderung. Das Grab des Indianers +war geöffnet — der Sarg erbrochen — die +Leiche — fort. — </p> + +<p>Wie die Wilden so spurlos verschwunden sein +konnten und was aus dem von ihnen selbst begrabenen +Indianer geworden, blieb Allen ein undurchdringliches +Geheimniß — nur am Fluß fand Josy +die tief eingetretene Spur eines Moccasins, und die +an dieser Stelle weit hinausgewachsene Wurzel einer +alten Sycomore machte es möglich, daß hier ein +Canoe gelegen haben konnte. Das blieb freilich Alles +nur Vermuthung, und da sämmtliche an jener +Scene betheiligte Personen in ihrer Schilderung +einen ganzen indianischen Stamm gesehen zu haben +übereinstimmten, so zweifelte von dem Augenblick +an Niemand mehr an der Wahrheit des Berichteten. +Patrik O'Flaherti und Sip wurden für todt +gehalten.</p> + +<p>Patrik O'Flaherti und Sip waren aber keineswegs +todt, sondern hatten nur nach verschiedenen +Richtungen hin ihre Flucht genommen, und die Ansiedelungen, +die sie zufällig erreichten, durch ihre +entsetzlichen Erzählungen in Furcht und Schrecken +versetzt. Sip kehrte erst nach vierzehn Tagen nach +Waterton zurück, Patrik aber wanderte, so schnell +ihn seine Gliedmaßen trugen, nach Vincennes und +von da nach den östlichen Staaten zurück, da er +erklärte »sein goldenes Haar nicht nach Illinois getragen +zu haben, daß so ein verdammter rothfelliger +Schurke Staat damit machen sollte.« Was aber +Waterton anbetraf, so erwähnte er von der Zeit an +nie den Namen der Stadt, ohne dabei zu bemerken, +das wäre auch noch ein Ort, in dem er sein Glück +könnte gemacht haben, wenn ihn nicht die Indianer +bei Nacht und Nebel überfallen, alles Lebende scalpirt, +und die Wohnungen niedergebrannt hätten, wobei +er selbst nur noch durch ein Wunder dem Tode +entgangen wäre. — </p> + +<p>Den tief beschatteten Foxriver hinab steuerte indessen +ein einsamer Krieger der Winnebagoes sein +leichtes Canoe, während vorn, zwischen den Rippen, +die dem schwachen Fahrzeuge Festigkeit gaben, +in seine wollene Decke eingehüllt, der starre Körper +des alten Indianers lag. Der junge Häuptling +aber sang leise, indeß sein Ruder still und geräuschlos +die leichte Barke über die spiegelglatte Fläche +trieb, und den Takt schlug zu dem wehmüthig monotonen +Lied:</p> + +<p> +»Früher warst Du ein Häuptling — <br /> +Der Wald hier gehörte Dein,<br /> +Jetzt führ ich Dich leise und heimlich<br /> +Hinunter den stillen Strom — <br /> +Und früher warst Du ein Häuptling.«<br /> +<br /> +»Früher warst Du ein Häuptling<br /> +Die Erde gehörte Dein,<br /> +Jetzt mußt' ich Dich daraus stehlen<br /> +Sie gönnten Dir selbst kein Grab — <br /> +Und früher warst Du ein Häuptling.«<br /> +<br /> +»Früher warst Du ein Häuptling<br /> +Und zähltest der Krieger viel,<br /> +Jetzt flüchtet mit Deiner Leiche<br /> +Dein einziger Sohn — allein — <br /> +Und früher warst Du ein Häuptling. — «<br /> +</p> + +<p>Weiter und weiter glitt der Rindenkahn auf +dem leise murmelnden Fluß hin — weiter hinab, +zwischen Weiden und Erlen, und den schwankenden +silberbehangenen Birken; und der Whippoorwill +sang in den Sträuchen sein wehmüthig-klagend +Lied, und der Nachtfalke stieg kreischend empor +von dem knorrigen Ast, auf dem er geruht. — +Der Tag dämmerte und das leckere Mahl wollte +er sich noch suchen vor der Morgenröthe. Auch die +Eule wurde wieder lebendig und ihr antwortete + — weit weit aus der fernen Prairie herüber — +der graue Wolf, der seinen Rundlauf beendet und +jetzt zu dem heimlichen Versteck mit unhörbarem +Tritt zurückschlich. — Und dort — dicht hin unter +den thaubehangenen Zweigen, die sich tief hinabbeugten +zu der klaren Fluth, und von ihr erfaßt, +unruhig erzitterten und bebten, — dicht hin, +unter dem feierlichen Rauschen der jungfräulichen +Eichen, in denen der Morgenwind seine Riesenakkorde +griff — glitt das Canoe des Indianers und +sein Todtensang mischte sich mit dem fröhlichen Lebensgruß +des jungen Tages.</p> +<p> </p> +<hr class="narrow" /> +<p> </p> +<h2><a name="ch2" id="ch2"></a>Nordamerikanische Jagd.</h2> + +<div class="center"><p class="noindent"><small>Jagd auf Hirsche. — Auf Truthühner. — Ein amerikanischer Jäger. — +Bärenjagd. — Der Panther. — Der Wolf. — Der Fuchs. — Der Waschbär. + — Das Opossum. — Schnepfen in Louisiana. — Ausrüstung des +amerikanischen Jägers. — </small></p></div> + +<p>Die vereinigten Staaten von Nordamerika, vor +noch nicht gar langer Zeit das unbegränzte Jagdgebiet +der wilden Indianerstämme, sind jetzt zwar von +diesen geräumt und der weiße Jäger durchzieht +nur mit wenigen Ausnahmen, allein die ungeheuren +Wälder und Steppen des gewaltigen Reiches; aber +auch die zahlreichen Büffelheerden und Rudel von +Riesenhirschen (<i>Elks</i>), die sonst das Land belebten, +sind von den sicheren Büchsen der Amerikaner und +eingewanderten Ausländer erlegt, oder mit den rothen +Söhnen der Wildniß weiter nach Westen zurückgetrieben +worden; immer aber schreitet noch manch +stattlicher Hirsch im Schatten des mächtigen Urwaldes +einher und Bären und Panther, wie verschiedene +andere kleine Raubthiere, zwingen den Ansiedler +der westlichen Niederlassungen, fast auf jeder +Farm, — so nennt man die einzeln liegenden Häuser +und Felder der Amerikaner, — eine Meute Hunde +zu halten, um seine Hausthiere vor der Mordgier +derselben zu schützen.</p> + +<p>Stets ein eifriger Jagdfreund, konnte ich, in +Amerika angekommen, den lockenden Beschreibungen +jener Wälder nicht lange widerstehen, und verließ +von unbezwingbarer Lust für das edle Waidwerk getrieben, +bald nach meiner Ankunft in New-York, die +östlichen Staaten, um den fernen, so viel gepriesenen +Westen aufzusuchen, aber nicht etwa in Schiff +oder Wagen, sondern zu Fuß, mit der Doppelflinte +auf der Schulter und beim geringsten Geräusch, das +rechts oder links am Wege laut wurde, zum Schusse +fertig. Sehr häufig sah ich mich dabei im Anfang +durch die frei im Walde weidenden Heerden getäuscht, +und ich weiß mich noch recht gut des Abends +zu erinnern, wo ich, wohl eine halbe Stunde lang +durch dornige Schlingpflanzen und Sumpfstellen +über umgestürzte Bäume und toll und wild umhergestreute +Äste hinweg, ja durch einen, über drei +Fuß mit Wasser gefüllten Bach fortkroch und lief, +weil ich irgend etwas, das langsam brummend und +im Laube raschelnd von mir weg ging und, wie ich +einmal auf einen Augenblick erkennen konnte, schwarz +aussah, beschleichen wollte.</p> + +<p>Zu hitzig in der Verfolgung, nahm ich mir nicht +einmal Zeit, nach einer Fährte zu sehen, und war +nicht wenig überrascht, als ich endlich, mit der Hülfe +eines kleinen, schmalen Thales, das ich wie der +wilde Jäger durchraste, um dem Bären, denn für +nichts Geringeres hielt ich mein ausersehenes Opfer, +den Weg abzuschneiden, ein gemüthlich im dürren +Laube wühlendes, zahmes Schwein fand, das, als +es mich erblickte, stutzte, mich anschnob und unwillig +grunzend in das Dickicht trollte. Ich kam damals +in starke Versuchung, dem unschuldigen Geschöpf +eine Ladung Posten nachzusenden, mußte aber doch +selbst zuletzt über den komischen Irrthum lachen und +war nur froh, daß ich bei der ganzen Geschichte +keinen Zeugen gehabt hatte.</p> + +<p>Wilde Sauen giebt es in den vereinigten Staaten +gar nicht, außer wild gewordene zahme, die jedoch +dann nur von den dort angesiedelten Farmern +geschossen werden dürfen; jede andere Jagd ist frei.</p> + +<p>In den östlichen Staaten fand ich sehr wenig +jagdbares Wild — Rebhühner und Kaninchen ausgenommen, +denn der deutsche Hase fehlt ebenfalls, +soll aber, westlich von den Felsengebirgen, am stillen +Meere, ziemlich häufig sein. Die Rebhühner sind +kleiner als die unsrigen und auch etwas anders gezeichnet; +ihre äußeren Schwungfedern zum +Beispiel ganz grau; auch ist ihr Ruf anders wie der +unseres Rebhuhns, denn sie pfeifen.</p> + +<p>Die Kaninchen kommen den unseren fast ganz +gleich und leben in Erdbauen und hohlen Bäumen, +färben aber im hohen Norden im Winter und werden +weiß.</p> + +<p>Vielen Spaß machten mir später, als ich den +Staat Ilinois mit seinen ungeheueren Prairien oder +Steppen durchzog, die sogenannten Prairiehühner, +die sich hier in gewaltigen Ketten zusammengethan +hatten. Ich wollte erst meinen Augen gar nicht +trauen, wie's überall um mich herum emporschwirrte +und <span class="wide">tausende</span> von starken Hühnern aufstiegen; fand +aber bald so viel von ihnen, daß ich die Suche gern +aufgab und nur dann und wann, am Wege hin, +schoß was ich brauchte.</p> + +<p>Das Prairiehuhn ist etwa von der Größe unseres +Haushuhns — von graulicher Farbe, mit befederten +Ständern und kurzem, feldhuhnartigem +Schwanz; der Hals ist aber lang wie beim Truthahn +und die Flügel sind ganz denen der Fasanen +ähnlich. Es fliegt eben so wie das Rebhuhn; ich +habe aber stets gefunden, daß es selten vor einer +englischen Meile wieder einfiel, was denn das Nachsuchen +sehr beschwerlich macht. Das Fleisch ist, die +Brust ausgenommen, nicht sehr besonders und steht +dem der Truthühner bedeutend nach; seine Federdecke +aber ist im Winter so dicht, daß es ziemlich +starken Schrot erfordert, hindurchzudringen. Sonst +ist die Jagd auf dasselbe ungemein leicht, denn es +scheut den Menschen sehr wenig und kommt Morgens +und Abends selbst zu den in den Prairien zerstreuten +Farmen, um sich auf den Fenzen (Einzäunungen) +derselben niederzulassen, wo es dann natürlich +sehr leicht erlegt werden kann. Beim Eintritt +kalten Wetters fallen sie gern auf die Bäume +und sind in dieser Zeit, besonders wenn es etwas +stark gefroren hat, fast gar nicht wieder aus den +Zweigen des einmal gewählten Baumes herauszutreiben. +Ich selbst schoß eines Morgens fünf von +einer niedrigen Eiche, in der etwa zwanzig bis dreißig +standen, einzeln herunter, und die übrigen blieben +ruhig oben. Wagenladungen voll werden von +ihnen nach St. Louis und die benachbarten kleineren +Städte auf den Markt gebracht, und es leben +viele Leute, die sich blos mit der Jagd derselben beschäftigen.</p> + +<p>St. Louis gegenüber kreuzte ich den Mississippi +und wanderte von hier durch den dichten Wald dem +südlicher liegenden, wegen seiner Jagd berühmten +Arkansas zu. Nahe bei St. Louis ist jedoch sehr +wenig Wild; Feldhühner und Kaninchen wieder ausgenommen; +auch lebt hier noch der sogenannte amerikanische +Fasan, der sonderbarer Weise in einem +weiter südlichen Klima nicht gedeiht. Obgleich ihn +aber die Amerikaner Fasan nennen, so ist er doch +keineswegs dem unsrigen gleich, sondern unterscheidet +sich von diesem in vielen Stücken.</p> + +<p>Es giebt zwei Arten — den im Norden, in Canada, +fand ich von graulicher Farbe, mehr dem +Prairiehuhn ähnlich — der weiter südlich kam dagegen +dem deutschen etwas näher und sah bräunlich +aus. Auf dem Kopfe trägt er, wie dieser, einen +Federschmuck; doch fehlt ihm das Spiel gänzlich, +statt dessen schlägt er im Affect ein Rad mit dem +Schwanz und schleift wie der Truthahn. Die Ständer +sind wie bei dem Prairiehuhn befiedert und er +lebt, dem Feldhuhn gleich, in Ketten zusammen, hat +aber noch die sonderbare Angewohnheit, in der Balzzeit +sich auf umgestürzte Stämme oder abgehauene +Baumstümpfe zu stellen und an diese mit den Schwingen +zu schlagen oder, wie es die Amerikaner nennen, +zu »trommeln,« was man eine lange Strecke weit +hören kann. Sein Fleisch ist äußerst zart und weiß, +und er gehört zu dem besten Federwild der vereinigten +Staaten.</p> + +<p>In Missouri nun findet sich in großer Anzahl der +amerikanische oder sogenannte virginische Hirsch, den +ich vor allen Dingen etwas näher beschreiben will, +ehe ich zur Jagd desselben übergehe.</p> + +<p>Er ist bedeutend kleiner als der unsrige, und +ähnelt in vielen Stücken dem Damwild, trägt auch +den Wedel statt der Blume; aber ein von dem des +Damwildes sehr verschiedenes Gehörn.</p> + +<p>Sein ausgelegtes Geweih zählt selten mehr als +vier, höchstens fünf und sehr selten sechs Enden, +obgleich ich einst im Walde ein abgeworfenes fand, +an welchem ich dreiunddreißig Enden zählte.</p> + +<p>Dabei ist es, ungleich dem des amerikanischen +Riesenhirsches oder Elks, nach vorn zu gebogen und +giebt ihm ein ganz eigenthümliches, fremdartiges +Aussehen. Äußerst selten findet man gefleckte oder +weiße Hirsche.</p> + +<p>Das Rothwild färbt dreimal im Jahre. Im +Januar nimmt der Hirsch sein Winterkleid an und +wird »grau«; im April erscheint er »roth« und wird +im August und September »blau«! Das Thier +färbt stets etwa vier Wochen später als der Hirsch. +Zum Gerben eignen sich die Decken am besten vom +Mai bis Ende September, wo sie besonders in diesem +letzteren Monat die meiste Festigkeit erlangen.</p> + +<p>Die Brunftzeit der Hirsche fällt durch die vereinigten +Staaten, wegen ihrer großen Ausdehnung +nach Norden und Süden, sehr verschieden; — in +Arkansas, das etwa in der Mitte liegt, nimmt man +an, daß sie mit dem ersten Frost eintritt, also etwa +im October; — weiter unten, in Louisiana, fällt sie +später, — im Norden früher. Die Thiere setzen im +April und Mai ein bis zwei, ja manchmal drei +Kälber, die bis zum Herbst gefleckt bleiben und dann +mit den übrigen »blau« werden.</p> + +<p>Jagdgesetze existiren wohl in den vereinigten +Staaten, werden aber nicht im mindesten beachtet +und jeder schießt, wann es und was ihm beliebt; +daß dies übrigens dem Wildstand ungeheueren Schaden +thun muß, liegt klar am Tage, und nur die +wirklich erstaunliche Menge von Wild hat bis jetzt +der Ausrottung widerstehen können. Die Jagdbenutzung, +d. h. wie sie bei den Jägern dort gebräuchlich +ist, will ich der Sonderbarkeit wegen hierher +setzen.</p> + +<p>Januar. Die Hirsche stehen jetzt mit dem Wilde +in Rudeln beisammen; die Schmalthiere sind feist, +und werden des Wildprets und Feistes wegen, die +Hirsche selbst nur der Wilddecke wegen geschossen, da +der Jäger von den letzteren nur diese und die Keulen +mitnimmt, das übrige Wildpret aber den Raubthieren +und Aasgeiern überläßt. Ende Januar fangen +starke Hirsche schon an ihr Geweih abzuwerfen +und dieser Monat, wie Februar und März, heißt die +»graue Jahreszeit!«</p> + +<p>Februar wie Januar.</p> + +<p>März. Das Rothwild hält sich jetzt, des Färbens +und der überhand nehmenden Mosquitos und +Stechfliegen wegen, in den unzugänglichsten Dickichten +auf und Decke sowohl als Wildpret ist schlecht. +Der März ist daher der einzige Monat im Jahr, in +welchem nur hie und da einzelne Stücke geschossen +werden; will ein Jäger aber eins haben, so zündet +er gewöhnlich in der Nähe eines Dickichts einen +umgestürzten Baumstamm an, — das Wild kommt +dann herbei, und stellt sich in den Rauch, um dadurch +Schutz gegen die quälenden Insekten zu finden.</p> + +<p>April. Die Thiere fangen an zu setzen und besuchen, +wie die Hirsche, die Salzlecken. Ende dieses +Monats beginnt die »rothe Jahreszeit« und +dauert bis Mitte September. Die Hirsche fangen +an ihr Geweih aufzusetzen.</p> + +<p>Mai. Die Jagd an den Salzlecken, bei Kienfackeln +und angerichteten Gestellen, wird jetzt ernstlich +betrieben und Hirsche und Thiere werden geschossen.</p> + +<p>Juni. Die Thiere sind jetzt ebenfalls vollkommen +roth; die Hirsche werden feist und stehen, abgesondert +von den Thieren, in Rudeln von sieben, +acht und mehr Stücken gewöhnlich in einem bestimmten +Waldorte beisammen, so daß man sicher +darauf rechnen kann, sie hier im Umkreis von zwei +bis drei englischen Meilen zu finden. Einer der +schwächsten Hirsche ist gewöhnlich der Führer und +erlegt man diesen zufällig zuerst, so daß er im Feuer +zusammenstürzt, so hat man nicht selten Gelegenheit, +die Übrigen, so schnell man laden kann, nachzuholen. +Die Thiere werden jetzt nur der Decke wegen +geschossen.</p> + +<p>Juli — wie Juni. — Kälber sind alt genug, +um geschossen zu werden; Hirsche fangen an zu fegen, +vernachlässigen aber die Salzlecken.</p> + +<p>August. Bei den Hirschen beginnt die »blaue +Jahreszeit« und sie sind nun am feistesten, die Decken +auch in diesem und dem nächsten Monat am geeignetsten +für die Bereitung für Moccasins — (Indianische +Halbstiefel.)</p> + +<p>September. Desgleichen.</p> + +<p>October. Mitte dieses Monats beginnt gewöhnlich +die Brunftzeit, oft auch erst zu Anfang November, +besonders in recht späten Wintern. Nun eröffnet +sich für den amerikanischen Pürschjäger die +beste Jagdzeit, denn der Hirsch, den Fährten des +Schmalthieres folgend, durchzieht ziemlich sorglos den +Wald und kann leicht erlegt werden, was jetzt nur +der Decken wegen geschieht, die, nach dem Gewicht +verkauft, wenn getrocknet, von starken Hirschen sechs +bis acht, ja wohl auch neun Pfund wiegen.</p> + +<p>Die Geweihe haben ihren ganz vollkommenen +Zustand wieder erreicht.</p> + +<p>November. Desgleichen.</p> + +<p>December. Vorzüglich Jagd auf Schmalthiere, +die jetzt, wenn ein gutes Eicheljahr war, anfangen +feist zu werden. Hirsche und Thiere stehen wieder +in Rudeln zusammen.</p> + +<p>Das ist ungefähr Alles, was über die in Amerika +gebräuchliche Ordnung bei der Hirschjagd zu +sagen ist. Diese selbst wird auf dreierlei Arten betrieben. +Die erste ist das <span class="wide">Pürschen,</span> die zweite die +<span class="wide">Hetze</span> und die dritte die <span class="wide">Nacht-</span> oder <span class="wide">Feuerjagd.</span></p> + +<p>Das Pürschen bleibt sich natürlich in allen Ländern +gleich und ist auf jeden Fall nach der Bärenhetze +die edelste und schönste Jagd.</p> + +<p>Das Hetzen erfordert in dem wilden, unbebauten +Lande, wo oft fast undurchdringliche Dickichte +die verfolgenden Hunde wie nachsetzenden Jäger aufhalten, +eine genaue Kenntniß des Bodens und Wechsels, +und eignet sich auch mehr für ein Land, wo +das Wild schon dünner wird und der Jäger froh +ist, mit seiner ganzen Meute in einem halben Tag +einen Hirsch aufzujagen; aber auch in Arkansas, wo +es noch Hirsche genug zum Pürschen giebt, wird, +den Winter hindurch wenigstens, diese Jagd vorgezogen; +im Sommer jedoch, wo die Hitze am Tage +sehr drückend und das Tragen der schweren Büchse +zu beschwerlich ist, nimmt der Jäger zum Feuer +seine Zuflucht und schießt sein Wild Nachts bei der +Kienflamme.</p> + +<p>Sollte es übrigens unseren deutschen Jägern +auffallen, daß Rothwild, sonst das Feuer scheuend, +bei diesem erlegt werden kann, so muß ich hier bemerken, +daß es in Amerika unter ganz anderen +Verhältnissen aufwächst. Im Frühjahr durchzieht +wohl kein Jäger in jenen Gegenden den Wald, ohne +das dürre Laub, was oft vier bis sechs Zoll tief +den Boden bedeckt, an eben so vielen Stellen anzuzünden, +als er sein Lager aufschlägt, oder sein +Mittagsmahl kocht. Es ist dies nicht allein um das +Laub zu beseitigen und den neuen jungen Graswuchs +zu befördern, sondern auch das lästige Unterholz +und die Dornen und Schlingpflanzen etwas zu +tödten, die sonst in einigen Jahren so überhand nehmen +würden, daß an eine Pürschjagd gar nicht mehr +zu denken wäre. Solche Waldbrände greifen aber +selten oder nie gesunde und kräftige Stämme an, +sondern beschränken sich darauf, die am Boden liegenden +Blätter und trockenen Dornen zu verzehren, +kleineres Buschwerk zu tödten und die dürren, halb +oder ganz verfaulten und umgestürzten Stämme in +Brand zu stecken.</p> + +<p>Die Hirsche gewöhnen sich hierdurch ganz an +diese Feuer und sammeln sich, besonders im Frühjahr, +gern um sie, bezeigen daher auch nicht die +mindeste Furcht, wenn sie ihre gewöhnliche Salzlecke +annehmen und dort eine helle Flamme finden. Ihre +großen, klaren Lichter der Gluth zuwendend, schreiten +sie still herbei und stürzen meistens, von der sicheren +Kugel getroffen, ehe sie nur die Nähe eines Feindes +ahnen.</p> + +<p>Eine solche Jagd anschaulicher zu machen, will ich +eine der von mir bei Salzlecken durchwachten Nächte +beschreiben.</p> + +<p>Es war im Jahr 1842, als ich im Monat +April unterhalb Little Rock, der Hauptstadt von +Arkansas über den Arkansas-Fluß ging und die +Sümpfe durchstrich, die auf dem linken Ufer desselben +um die sogenannte Bayou-Meter (eine Art Fluß mit +fast gar keiner Strömung, der im Arkansas entspringt +und auch wieder in denselben mündet) herum +lagen.</p> + +<p>Es ist ein gar trauriges Jagen in solchen Sümpfen, +besonders im Frühjahr, wenn der größte Theil +derselben noch überschwemmt ist und die Mosquitos +dem sie Durchwandernden auch nicht die mindeste Ruhe +gestatten. Dabei sticht die Sonne am Tage so brennend, +wie mitten im Sommer, und fast keine Nacht +vergeht, in der nicht ein Gewitter den im Freien +Campirenden, wenn er sich nicht schon darauf vorgesehen +hat, tüchtig durchweicht.</p> + +<p>Am Fuße einer niedrigen Hügelreihe dem Laufe +eines kleinen Baches folgend, kam ich zu einem flachen, +sumpfigen Fleck, der mitten im sonst schönen, grünen +Rasen so von Hirschen ausgetreten war, daß ich, in +einem Raume von dreißig bis vierzig Schritt im +Durchmesser, auch nicht die Spur von Grünem darauf +sehen konnte. Es schien eine jener salzigen Sumpfstellen +zu sein, die das Rothwild besonders im Frühlings-Anfang +aufsucht, während es, weiter im Sommer, +mehr die trockenen, Salz enthaltenden Lehmufer der +keinen Bäche annimmt. Kaum vier bis fünfhundert +Schritt von der erwähnten Stelle standen Kiefern, +und ich war schnell entschlossen, die Nacht an der +Lecke, oder wie es im Englischen genannt wird, »<i>lick</i>« +zu wachen.</p> + +<p>Vor allen Dingen errichtete ich, etwa zwanzig +bis fünfundzwanzig Schritt von dem am meisten besuchten +Theil der Salzlecke, ein kleines Gestell, wozu +ich mit meinem Tomahawk (indianisches Beil) vier +Holzgabeln abhieb und diese, das Gerüst etwa vier +Fuß hochlassend, in den Boden trieb.</p> + +<p>Auf darüber hingelegten Querhölzern wurden jetzt +grüne Zweige ausgebreitet und diese etwa fünf Zoll +dick mit Erde und Rasen bedeckt, damit das Feuer +nicht hindurch brennen konnte. Als das geschehen, +ging ich mit meiner wollenen Decke und dem +Tomahawk zu den Kiefern und Fichten zurück, und +spaltete leicht aus den dort wildumhergestreuten Stämmen +genug fettes Kienholz, um die ganze Nacht eine +gute Flamme zu unterhalten, das ich nachher in der +Decke zur Salzlecke trug und um das Gerüst herum +aufhäufte, damit ich es in der Nacht leise und geräuschlos +abnehmen und auf die niedergebrannten +Kohlen legen konnte. Eine andere Vorsichtsmaßregel +war aber jetzt noch zu treffen. Im Westen thürmten +sich wieder dunkele, drohende Wolkenmassen auf und +ließen mich nicht ohne Grund vermuthen, daß ich +vor anbrechendem Tageslicht nähere Bekanntschaft +mit ihnen machen würde. Mehre der umher liegenden +Stämme mußten daher ihre Rinde abgeben, von +der ich eine bedeutende Quantität zu meinem Verstecke +hinschaffte, um im Nothfall davon Gebrauch +machen zu können.</p> + +<p>Da ich noch Zeit genug behielt, baute ich mir +jetzt auch eine kleine Vorrichtung, die Büchse (ich +hatte schon seit Jahren das leichte Schrotgewehr gegen +die schwere Büchse vertauscht) auflegen und sicherer +schießen zu können, stellte mir dann Messer, Kugeltasche +und Pulverhorn zurecht, sah nach den Zündhütchen, +daß die nicht wieder im Augenblick der Noth +im Unterfutter säßen und dachte, nachdem ich mein +»Handwerkszeug« in Ordnung hatte, jetzt auch ein +wenig an den leiblichen Menschen, zu dessen Stärkung +ich ein paar Stücke gedörrten Hirschwildprets, +die Hälfte eines kalten Truthahns und eine Scheibe +Maisbrod hervorholte.</p> + +<p>Der vorbeifließende kleine Bach sah gerade nicht +eben einladend aus, doch sind Hunger und Durst +ein guter Koch; ein Becher voll des etwas bräunlichen +Wassers spülte das trockene Brod und Fleisch +hinunter, und ich würde mich sehr wohl und behaglich +befunden haben, wären die Mosquitos in dem +niederen Lande nicht wie ganz wahnsinnig gewesen. +Im Anfang, als ich mich hinsetzte, kamen nur wenige +angeflogen und sogen sich voll; diese mußten +aber den anderen wohl erzählt haben, wie gut mein +Blut schmecke, denn scharenweis drängten sie jetzt +auf mich ein, und hätt' ich sie ruhig gewähren lassen, +so würden sie mich, noch vor dem nächsten Morgen, +so trocken wie einen Bückling ausgepumpt haben. In +der Dämmerstunde sind sie überhaupt stets am schlimmsten, +und ich konnte mich kaum gegen sie schützen, +bis endlich die Schatten der Nacht sich auf den Wald +zu lagern begannen und der <i>Whip poor will</i> (Nachtvogel, +eine Art Ziegenmelker) sein eintöniges Lied sang.</p> + +<p>Ich schlug jetzt Feuer, steckte den Schwamm in +eine Handvoll dürrer Blätter und erhielt durch +Blasen bald eine helle Flamme, die ich mit fein +gehaltenen Kienspänen nährte und nun mein Feuer +oben auf dem Gestell entzündete.</p> + +<p>Es war indessen völlig dunkel geworden und die +helle Flamme, gerade über mir, unter der ich völlig +im Schatten saß, bewies sich als der schönste Mosquito-Ableiter, +den es nur auf der Welt geben konnte. +Zu Tausenden stürmten sie in die Gluth, die sie eben +so schnell vernichtete, und mit wahrhaft teuflischer +Schadenfreude saß ich darunter und sah sie elendiglich +umkommen.</p> + +<p>Ich konnte jetzt auch mit Ruhe mein Abendbrod +beendigen, das ich, der peinigenden Insekten wegen +hatte niederlegen müssen, und schaute lauschend dabei +umher, die Ankunft eines Stückes Wild erwartend.</p> + +<p>Es ist ein herrliches Gefühl, in stillem Waldesdunkel +bei der rothen Kienflamme zu wachen, die +um den Jäger einen Lichtkreis von kaum mehr als +vierzig Schritt im Durchmesser zieht, in welchem die +gewaltigen, magisch beleuchteten Stämme gleich +Riesengespenstern zum schwarzen Nachthimmel +emporstarren. Wenn nun in weiter Ferne ein einzelner +Wolf sein klägliches Geheul erhebt, das seine Brüder +von den Hügeln beantworten, wenn die Eule mit +ihrem eintönigen Ruf, die quakenden Frösche und +zirpenden Grillen einfallen und so ein eigenthümlich +wildes Concert entsteht, — dann wird es Einem bei +dem flackernden Feuer ordentlich schauerlich behaglich +zu Muthe.</p> + +<p>Diese Töne verhallen aber nach und nach, sobald +erst wirklich die Nacht ihr Reich antritt, und von +zehn Uhr ungefähr herrscht eine nur selten vom +<i>Whip poor will</i> und von einzelnen Fröschen unterbrochene +Todtenstille.</p> + +<p>Jetzt mußte aber auch der Mond bald aufgehen, +und mit äußerster Aufmerksamkeit horchte ich dem +leisesten Geräusch, jedem Rascheln der Blätter, jedem +Säuseln des Windes durch die hohen Baumwipfel. +Um durch den schimmernden Lauf nicht geblendet +zu werden, hatte ich eben das Visir über die +Kienflamme gehalten und geschwärzt, dabei auch eine +Handvoll frischer Späne auf die fast niedergebrannten +Kohlen gelegt und hüllte mich wieder in meine +wollene Decke ein; — denn wenn auch die Sonne +den Tag über recht heiß brannte, waren die Nächte +doch kühl; — als nicht weit entfernt von mir ein +dürrer Zweig krachte. Das war ein Stück Wild, und +mit Blitzesschnelle griff ich nach der neben mir lehnenden +Büchse.</p> + +<p>Die Salzlecke, an der ich wachte, lag in einem +sie dicht umschließenden Gebüsch, das, von den riesenhaften +Bäumen des sumpfigen Thallandes überragt, +keinen Strahl des jetzt eben das Firmament erhellenden +Mondes hindurchließ; der von dem Rothwild +benutzte Platz selber aber war länglich oval und an +ihm entlang floß der kleine, schon früher erwähnte +Bach, dessen gegenüberliegenden Rand niedere, dichte +Büsche einfaßten.</p> + +<p>An eine starke Eiche geschmiegt, hatte ich an +dem einen Ende der Lecke mein Gestell errichtet, damit +ich die ganze Länge derselben beschießen könnte, +und gerade mir gegenüber schien das eben gehörte +und sich jetzt wiederholende Geräusch herzutönen. +Regungslos lauschte ich mit zurückgehaltenem Athem +den lang ersehnten Lauten, als — trap — trap — +trap — in langsam abgemessenen Zwischenräumen +der schwere Schritt eines Hirsches zu mir herüberschallte. +Jetzt stand er und ich wußte, er äugte +nach der Flamme. Schnell und geräuschlos spannte +ich den Hahn und machte mich fertig; wohl zwei +Minuten aber konnt' ich auch nicht das Geringste +mehr vernehmen; der Kien fing schon wieder an +etwas düsterer zu brennen und ich mußte frisch nachlegen, +als die Schritte aufs Neue hörbar wurden, +und gleich darauf glühten ein Paar rothfunkelnde +Lichter aus dem die Salzlecke umgebenden Gebüsch +zu mir herüber. In demselben Augenblick theilten +sich auch die Zweige und vorsichtig und bedächtig +mit hochgehobenem Kopfe und vorgestreckten Lauschern +betrat ein stattlicher Hirsch, kaum zwanzig +Schritte von mir entfernt, die kleine, eingeschlossene +Ebene. Er windete einige Secunden lang nach der +Flamme herüber, denn der Kiengeruch mochte ihm +nicht recht behagen, konnte aber den Wind nicht von +mir bekommen und kam jetzt gerade auf mich zu.</p> + +<p>Ich war jedoch indessen auch nicht müßig gewesen, +hatte die Büchse gehoben und den nichts Böses +ahnenden ruhig auf's Korn genommen, und gerade, +als er wieder stand, mit etwas mißtrauischem Blicke +das Gestell und die dicht daneben aufgehäufte Rinde +betrachtete und mit dem rechten Vorderlauf ungeduldig +die Erde schlug, berührte mein Finger den Stecher +und hoch aufspringend stürzte er schreiend zusammen.</p> + +<p>Ich trat schnell hinter die Flamme, wo ich vor +allen Dingen meine Büchse wieder lud, und schaute +dann nach dem Hirsche hinüber; er war aber schon +verendet und lag bewegungslos dort.</p> + +<p>Um nicht einen anderen, sich vielleicht in der Nähe +befindenden, Hirsch zu verscheuchen, verhielt ich mich +übrigens ganz ruhig und ging nicht hinaus, ihn abzufangen; +aber wohl eine volle Stunde hatte ich +wieder gesessen, ehe ich auf's Neue nahendes Wild +hörte.</p> + +<p>Dies Mal waren es mehr Stücke, und ohne sich +im mindesten aufzuhalten, ja ohne nur die Flamme +eines Blicks zu würdigen, betraten sie den offenen +Fleck und wollten ihn eben, ohne sich weiter um die +Salzlecke zu bekümmern, kreuzen, als ein junger +Spießer, der Führer der Ihrigen, von dem frischen +Schweiß Witterung bekam und schnaubend absprang. +Wohl wußte ich, daß mir jetzt nicht lange Zeit zum +Überlegen bleiben würde, drum hob ich schnell die +Büchse und in demselben Augenblick krachte auch der +Schuß; mit einem Satz überflog aber der Spießer +den Bach und war gleich darauf im Dickicht verschwunden. +Als sich der Pulverdampf verzogen hatte, +konnt' ich keines der übrigen Schmalthiere mehr sehen +und nur in der Ferne hörte ich sie schnaubend und +pfeifend davon eilen.</p> + +<p>Ich hatte eben wieder geladen, als, zwar noch +fern, aber doch schon recht deutlich und freundlich +mahnend ein dumpfer Donnerschlag zu mir herüberdröhnte, +der mir mit klaren Worten erzählte, was +ich zu erwarten hatte. Vor allen Dingen nahm ich +daher ein Paar brennende Kienspäne, um mir den +Anschuß und den Schweiß zu besehen, um daraus +zu beurtheilen, wie weit der Spießer wohl noch gegangen +sein könne; denn schickt in diesen Sümpfen +ein richtiges Gewitter seinen selten fehlenden Begleiter, +den Regenguß, herunter, so ist's nachher +mit dem Ausmachen sehr unsicher, weil die Fährten +nachher gewöhnlich in einem freundlichen Gemisch +von Schlamm und Wasser zusammenlaufen, und wenn +nicht die Aasgeier, die merkwürdig rasch bei der Hand +sind, das verendete Stück anzeigen, sieht's mit dem +Finden oft traurig aus.</p> + +<p>Mit meiner schnell gemachten Fackel ging ich jetzt +dem Platze zu, überzeugte mich aber gar bald, daß +der Hirsch einen Lungenschuß bekommen hatte und +nicht weit fort sein könnte. Schweiß lag im Überfluß +auf dem Anschuß und in der Fährte; als ich +aber eben über den Bach hinüber wollte, um den +Platz, wo der Spießer lag, aufzusuchen und zu verbrechen +oder ihn abzufangen, wenn er noch nicht +verendet sein sollte (in Amerika ist allgemein der +Kälberfang Sitte und kein Jäger genickt ein Stück +Wild), als einige große, schwere, fallende Tropfen +das jetzt rasend schnell herbei eilende Gewitter verkündeten; +ich ließ also Hirsch Hirsch sein und sprang +zu meinem Gestell zurück, nahm schnell das Feuer +herunter, das ich im Innern sicher niederlegte, um +die Kohlen zu bewahren und es nachher, wenn alles +Andere naß sein würde, wieder anzünden zu können, +und deckte nun die vorsichtig herbeigeschafften +Rindenstücke dachartig über das Gerüst, indem ich sie, +um mir unter demselben einen größeren Raum zu +gestatten, etwa einen Fuß breit an jeder Seite vorstehen +ließ.</p> + +<p>Der Mond war von ungeheueren Wolkenmassen +verdeckt und rabenschwarze Nacht umgab mich; die +fast ohne Unterbrechung zuckenden Blitze aber gewährten +hinlängliches Licht zu meiner Arbeit, und ich war +kaum damit zu Stande, als es auch anfing, wie aus +Eimern und Dachrinnen zu gießen.</p> + +<p>Mein Regenschutz bewies sich ausgezeichnet, aber +ich war doch gewissermaßen wieder unter die Traufe +gekommen, denn die Mosquitos, jetzt nicht mehr +durch das Feuer abgeleitet und den trockenen Schutz +unter meinem Aufbau behaglicher findend als den +nassen Regen draußen, noch dazu da solch ein süßes +Stück Menschenfleisch, in eine dünne wollene Decke +gewickelt, nur ganz zu ihrer Bequemlichkeit dorthin +gesetzt schien, fingen an mich so wüthend zu umschwärmen +und zu peinigen, daß ich schon mein Dach +verlassen und lieber den fluthenden Regen als diese +Myriaden von Vampyren ertragen wollte, als mir +noch zum Glück die Kohlen einfielen, die ich auf einem +Stück Rinde liegend und mit Rinde zugedeckt neben +mir hatte; schnell blies ich sie zur Flamme empor, +und ein kleines Feuer unterhaltend, auf welches ich +nasses Holz legte, erzeugte ich einen solchen Rauch, +daß ich fast zusammen mit den Mosquitos erstickt +wäre; das schützte mich doch wenigstens in etwas +gegen diese, und nach einer Stunde fürchterlichen +Gießens hörte endlich das Unwetter auf.</p> + +<p>Zwar warf ich jetzt mein Rindendach wieder +herunter und entzündete aufs Neue die Flamme, die +Salzlecke hatte sich aber in einen kleinen Teich verwandelt +und ich selbst saß, am Fuße der gewaltigen +Eiche, auf dem einzigen, inselähnlichen und trockenen +Flecke. Natürlich ließ sich weiter kein Hirsch sehen, +und noch vor Sonnenaufgang verließ ich das sumpfige +Thal und schlug mich in die dicht daran stoßenden +Hügel, wo ich das Balzen eines Truthahns gehört +hatte.</p> + +<p>Die Truthahnjagd ist in diesen Wäldern eigentlich +die am wenigsten beschwerliche, wird aber doch +nicht viel betrieben, weil sie keinen Nutzen bringt. +Der Amerikaner schießt wohl, was er zu seinem eigenen +Bedarfe braucht, da er aber die erlegten Hühner +selber essen muß und nicht verkaufen kann, so verwendet +er nie mehr Pulver und Blei auf sie, als +unumgänglich nöthig ist. Mir war's auch an diesem +Morgen nur um einen Braten zu thun, denn das +Wildpret der beiden erlegten Hirsche konnte der Jahreszeit +nach nicht sehr vorzüglich sein. Ich schritt +also schnell der Gegend zu, von der mir dann und +wann die kullernden Töne des balzenden Hahnes +herüberschallten, um den Ort noch zu erreichen, ehe +es vollkommen Tag wurde.</p> + +<p>Der Truthahn findet sich durch die ganzen vereinigten +Staaten, vom Norden bis Süden, vorzüglich +aber in den südwestlichen Theilen, in ungeheuerer +Anzahl. Im Frühjahr, März und April +balzt der Hahn und ist dann auch, bis Anfang +Mai, ausnehmend fett; in dieser Zeit aber nimmt +er fast keine Nahrung zu sich, und ich habe, besonders +im März, beim Anfang der Balzzeit, den Magen +eines Hahnes aufgeschnitten und auch nicht die +Spur von Nahrung darin, sondern die inneren +Wände desselben nur mit einer reinen, öligen Feuchtigkeit +überzogen gefunden, wie sie etwa der Bär +während des Winterschlafes bei sich trägt. Wenn +daher im Mai die Hennen brüten, sind die alten +Hähne dürr und ungenießbar, die Jagd muß also +dann vorkommen eingestellt werden. Die Henne +zieht acht bis zwölf, ja manchmal sechszehn Junge +auf, von denen sie sich nicht mehr trennt, bis im +nächsten Frühjahr die Balzzeit aufs Neue beginnt; +die alten Truthähne halten sich übrigens nicht gern +zu diesen Familien und bilden sehr häufig eigene +Ketten von funfzehn und zwanzig, ja oft dreißig +Stück, die dann stattlich und ehrbar mit ihren großen +Bärten (ein Borstenbüschel, der bis sechs und +sieben Zoll lang, etwa einen Finger stark, ihrer +Brust entwächst und »Bart« genannt wird) den +Wald durchschreiten. Besonders halten sie sich gern +im Winter zusammen und balzen dann manchmal aus +reinem Vergnügen, daß es meilenweit durch den stillen +Wald schallt.</p> + +<p>Die Hennen bauen ihre Nester in dichten, unzugänglichen +Büschen aus dürrem Laub und Reisern +auf die Erde und verlassen ihre weißen, am dicken +Ende etwas gefleckten Eier nur selten; werden sie +aber mehre Male gestört und vom Neste vertrieben, +so kehren sie nicht mehr zu diesem zurück und lassen +es, selbst wenn sie schon eine Zeit lang gebrütet haben, +im Stiche.</p> + +<p>Im Juli werden die Jungen jagdbar und sind +dann ein gar delikates Essen, verlieren aber viel +von ihrem saftigen Wohlgeschmack, weil man sie +nicht rupfen kann, sondern ordentlich abbalgen muß, +indem die in dieser Jahreszeit den Wald erfüllenden +kleinen Holzböcke auf keine andere Art als +mit dem Balge selbst von dem Truthahn zu entfernen +sind.</p> + +<p>In der Balzzeit ist der alte Hahn sehr scheu, und +wo er nur das Geringste, was ihm gefährlich dünkt, +äugt, so flieht er und ist auf keine nur erdenkliche +Art an jene Stelle wieder hinzulocken; hat sich aber +der Jäger gut versteckt oder bewegt er sich wenigstens +nicht, so kommt er auch, durch das Nachahmen +des Hennenrufs herbeigelockt, bis dicht an das +Rohr hinan.</p> + +<p>Die einfachste und beste Truthahnlocke besteht aus +dem zweiten, dünnen Flügelknochen der Truthenne +selbst, der, an beiden Seiten abgeschnitten, des Markes +entledigt wird und mit welchem, die Luft durch +denselben einziehend, der Ton der Henne auf das +Täuschendste nachgeahmt werden kann. Einen solchen +Knochen führte ich bei mir und war jetzt auf +etwa vierhundert Schritt der Stelle nahe gekommen, +in welcher der Hahn oben auf einem Baume stehen +mußte; zu weit aber schien mir der Tag vorgerückt, +um von dem wachsamen Vogel ungesehen heranschleichen +zu können; ich suchte mir daher einen umgefallenen +Baumstamm aus, hinter dem ich mir mein +Lager machte, legte mehre Zweige oben drauf, meinen +Kopf so viel als möglich zu verdecken, und fing nun +an, einige Male zu locken.</p> + +<p>Im Anfang schwieg der Hahn, als er die bekannten +Laute hörte, wahrscheinlich nur, um sich erst +genau zu überzeugen, von welcher Richtung her sie +tönten; dann aber, nachdem er darüber im Klaren +schien, balzte er auf einmal aus Leibeskräften, und +ich hörte, wie er gleich darauf vom Zweige abstiebte +und auf mich zu streichend etwa hundert Schritte +vor mir einfiel.</p> + +<p>In kleinen Zwischenräumen ließ ich jetzt und zwar +nur leise die Locke tönen, auf die er schleifend und +dann und wann kullernd, als ob er sich halb zu Tode +freue, zukam.</p> + +<p>Vor mir lag eine kleine, ungefähr 15 Schritte +tiefe Blöße, und bald darauf sah ich den blauangelaufenen +Kopf, mit den rothen herunter hängenden +Fleischlappen, durch die die Rasenstelle umgebenden +Gebüsche ragen, auf welche er gleich darauf selber +heraustrat. Zwar hatte ich ihn jetzt sehr schön zum +Schuß, durch Erfahrung aber klug gemacht, hütete +ich mich wohl, mit der Kugel nach ihm zu schießen, +so lange er die Federn gesträubt hielt, wobei man +kaum errathen kann, auf welcher Stelle sich der Körper +befinde, und pfiff daher ein Mal recht laut und +kurz. — </p> + +<p>»<i>Kitt,</i>« sagte der Truthahn und glättete, sich +hoch aufrichtend, am ganzen Körper, indem er vorsichtig +nach allen Richtungen umherspähete; mehr verlangte +ich nicht, und beim Krach der Büchse flatterte +er empor und kam dann, in scharfem Laufe, gerade +auf mich zu; — dicht vor mir aber hielt er, drehte +sich zwei Mal im Kreise herum, breitete die Flügel +aus und stürzte zuckend zusammen.</p> + +<p>Es war ein merkwürdig feister Bursche und mußte +etwas über zwanzig Pfund wiegen.</p> + +<p>Ich warf ihn aus; denn vernachlässigt man dies, +so wird ein Truthahn in wenig Stunden, selbst im +Winter, anbrüchig, band seine Ständer mit dem +Kopf zusammen und hing ihn mir, waidtaschenartig, +über die Schulter, nahm dann meine Büchse wieder +auf und wanderte langsam der Salzlecke zu, um +meine Hirsche zu zerwirken und den Heimweg, nach +dem etwa fünf englische Meilen entfernten Hause +anzutreten.</p> + +<p>Dem unter dem Feuer in der Salzlecke Gestürzten +zog ich einen dünnen Streifen Baumrinde durch +das Geäs und schleppte, oder schwemmte ihn eigentlich, +zum nächsten trockenen Platz; dann aber +machte ich mich daran, den zweiten wieder zu finden, +was noch, trotz dem tödtlichen Schusse, seine gehörigen +Schwierigkeiten hatte. Der Boden war in einen +Teich verwandelt, in dem sich Frösche, Eidechsen und +Schlangen sehr behaglich zu fühlen schienen, der sich +aber doch keineswegs dazu eignete, einen Hirsch auszumachen.</p> + +<p>Der Regen hatte selbst von den Büschen den +Schweiß rein herunter gewaschen und dornige Schlingpflanzen +zogen sich überall in dichten, festen Massen +zwischen ihnen hindurch; der Hirsch konnte aber nicht +mehr weit gegangen sein, und nach kaum viertelstündiger +Suche fand ich ihn, etwa zweihundert +Schritt vom Anschuß, verendet.</p> + +<p>Wie das vorige Stück schaffte ich den Spießer +vor allen Dingen auf trockenen Grund und Boden, +hatte aber dabei keine kleine Mühe, durch den angeschwollenen +Bach zu kommen, den ich nicht umgehen, +also durchwaten, eigentlich fast durchschwimmen +mußte, denn das Wasser ging mir bis unter die +Arme. Als das geschehen, zündete ich jetzt vor +allen Dingen neben meiner Beute ein tüchtiges +Feuer an, welches dem doppelten Zweck entsprach, +mich zu trocknen und zu wärmen, und einen Theil +meines Truthahns zu braten; denn mich hungerte +bedeutend. Während ein paar der saftigsten Stücke +am Feuer schmorten, zerwirkte ich die beiden Hirsche, +nahm von dem Spießer die beiden Keulen und das +»<i>brisket</i>« (der Theil zwischen den Blättern vorn, +wo die kurzen Federn zusammenstoßen), schlug es in +eine der Wilddecken ein, verzehrte dann mein einfaches, +aber darum nicht minder gutes Frühstück, hing +mir nachher die Überreste des Truthahns, meine +wollene und die beiden frischen Wilddecken, nebst den +darin liegenden Keulen über, ergriff meine Büchse +und wanderte, das übrige Wildpret den Aasgeiern +oder Wölfen überlassend, der nächsten Ansiedelung +zu. — </p> + +<p>Wer übrigens je eine längere Zeit in den südlichen +Theilen Nordamerikas jagte, hat auch gewiß +mit eben diesen Aasgeiern, seltener mit den +Wölfen in Streit gelebt. Diese ersteren folgen dem +Jäger, wenn er erst einmal einige Stücke Wild erlegt +hat, fortwährend, und lassen ihm kaum Zeit seine +Beute aufzubrechen. Mit schlecht verhaltener Gier +sitzen sie in den benachbarten Bäumen, und erwarten +den Augenblick, in welchem der Jäger den Platz +verläßt, um dann mit ihren scharfen, langen Schnäbeln +über das Zurückgelassene herzufallen, von dem +nach wenigen Stunden selten mehr als die Knochen +übrig sind. Nur ein Mittel giebt's, sich ihrer in +etwas zu erwehren und das ist, das Stück Wild in +der Decke zu lassen und am Kopfe aufzuhängen; +dann finden sie nirgends einen Anhaltepunkt, als +an dem Kopfe selber, an dem man ihnen gern verstattet, +herumzuhacken.</p> + +<p>Noch andere Feinde aber, gegen die selbst das +Aufhängen nicht viel nützt, sind die großen Raben, +die nun zwar dem Wildpret selber nicht viel Schaden +thun, aber das Talg heraushacken, da es, um +abzukühlen, doch aufgebrochen werden muß. Einige +weiß geschälte Stöckchen aber, durch die Wammen +querüber gesteckt, sind ziemlich zweckmäßig, diese +Burschen abzuhalten, die ihren Hals nicht gern durch +die weißen Hölzer hinein zu schieben wagen. Im +Winter geht das übrigens noch Alles an, es sind +Unannehmlichkeiten, denen man doch wenigstens +theilweise noch begegnen kann; im Frühjahr und +Sommer aber erscheint eine Jägerplage, gegen die +es fast gar keinen Schutz giebt, und das sind die +Schmeißfliegen, die zu Tausenden fast in demselben +Augenblick erscheinen, wo das Wild von der Kugel +getroffen stürzt. Will man das Wildpret später +mit nach Hause nehmen, so ist das einzige Mittel, +um es von dieser Landplage frei zu halten, es in's +Wasser zu legen. Aber nicht überall hat man Wasser, +welches dazu tief genug ist, in der Nähe, und +in den ganz südlichen Staaten geht dies auch überhaupt +nicht an, da die Alligatoren sonst bald das +ihrem Bereich anvertraute in Beschlag nehmen würden. +Wollte man einen starken Rauch unter dem +Wildpret unterhalten, so würde dies auch nur theilweise +gegen diese Insekten schützen; will daher der +Jäger im Sommer Wildpret bewahren, so muß er +es an Ort und Stelle in schmale Streifen schneiden +und über einem langsamen Feuer dörren; dann hält +es sich Monate lang. — </p> + +<p>Die Feuerjagd auf Hirsche wird auch noch auf +eine andere Art als mit aufgebautem Gerüst betrieben, +und besonders dort in Anwendung gebracht, +wo sich sehr viele, verschiedene Salzlecken in einer +und derselben Gegend finden und der Hirsch zwischen +ihnen wechselt. Um nämlich unter solchen Verhältnissen +leicht von einem Platz zum anderen gehen +zu können, nimmt der Jäger eine gewöhnliche eiserne +langstielige Bratpfanne (wo diese nicht zu bekommen +ist, muß eine künstlich aus Zweigen und Erde gemachte, +den Dienst verrichten), befestigt an dieselbe +noch ein etwa 3-4 Fuß langes, einige Zoll breites +Bret, damit sie leicht auf der Schulter liegt und sich +nicht wenden kann, und thut in diese nun den fein +gespaltenen Kien, mit dem er leicht den Wald nach +allen Richtungen hin durchwandern kann. Vorn in +das Bret wird eine, von Holz geschnitzte, kleine, +breite Gabel eingebohrt, um beim Schießen die Büchse +hineinlegen zu können, wo dann der schwere Kien +in der hinten mehre Fuß vom Kopf abstehenden +Pfanne das Gleichgewicht gegen das Rohr hält und +eine feste Lage verstattet. Die hinter dem Kopfe befindliche +Flamme läßt nun dem Jäger die Lichter +eines Stückes Wild oder Raubthieres auf mehre hundert +Schritte erkennen, und da sich das erstere +(Raubthiere lieben die helle Flamme nicht, äugen +auch nicht gern hinein) keineswegs vor dem Feuer +fürchtet, so kann man, wenn man nur leise und ohne +Geräusch sich nähert, auch besonders den Wind gut +beobachtet, leicht an die vertrauend ziehenden Stücke +herangehen. In weiter Ferne verschmelzen die beiden +Lichter der Hirsche in <span class="wide">einen</span> glühenden Feuerball, +der sich jedoch, bei dem immer näher und näher +Kommen scheidet, und erst in richtiger Schußnähe +sieht man dann die zwei Kugeln in der gehörigen +Entfernung zu einander stehen. Den Wind kann +man dabei sehr leicht nach dem Rauch beobachten, +der auf keinen Fall über den Kopf hinweg ziehen darf. +Springt nach dem Schuß das Wild schnell und +flüchtig ab und rennt fort, so ist es ein sicheres +Zeichen, daß die Kugel sitzt; hat aber der Jäger gefehlt, +so verschwinden die Lichter plötzlich; der Hirsch +wendet sich und geht langsam, ohne die mindeste +Furcht zu verrathen, hinweg. Kommt man nahe +genug heran, um die ganze Gestalt des Wildes zu +erkennen, so schießt man natürlich auf's Blatt; ist +das aber nicht der Fall, so hat man ein so schönes +Abkommen bei der hinten lodernden Flamme, daß +man getrost zwischen die beiden Lichter hinein +halten kann, was überdies immer der beste Schuß +ist. — </p> + +<p>Etwas ist hierbei jedoch noch zu bemerken, auf +das der amerikanische Jäger ebenfalls sehr viel +Rücksicht nimmt: der Mond nämlich, nach welchem sich +das Hochwild mit seiner Äsung richtet. Scheint +dieser die ganze Nacht, so zieht es am stärksten gleich +nach Dunkelwerden, bis etwa zwei Uhr Morgens +umher, wo es sich dann niederthut und bis zur +frühen Morgendämmerung sitzt; leuchtet er hingegen +die Nacht gar nicht, so äßt auch das Wild nicht +sehr lange mehr nach Sonnenuntergang, höchstens +ziehen dann Schmalthiere bis zehn oder eilf Uhr +Abends an die Salzlecken; dahingegen äßen sie am +Tage Morgens ganz früh; Mittags etwa von zwölf +bis eins und Abends wieder von vier Uhr an. Doch +läßt sich darüber nichts ganz Genaues bestimmen. +Einzelne findet man fast zu jeder Tageszeit +munter.</p> + +<p>So selten nun, im Westen wenigstens, die Hirsche +mit Hunden gehetzt werden, so interessant ist diese +Jagd auf Truthühner, wenn sie sich im Winter zusammen +gethan haben und nun in Ketten, oft von +30-50 Stück, durch den Wald ziehen. Von den +Hunden eingeholt, bäumen sie augenblicklich und äugen +nun, sich auf ihrer Höhe sicher glaubend, mit +großer Zufriedenheit auf die, die Bäume toll und +wild umspringenden Hunde hernieder, bis der Jäger +heranschleicht und mit der Kugel (denn Schrot würde +in jenen hohen Bäumen von gar keiner Wirkung +sein), den Truthahn herunter holt. Es bedarf dazu +übrigens nur eines Flügelschusses, denn das Wild +ist so schwer, daß es fast stets durch den Fall, wenn +auch sonst nicht tödtlich getroffen, verendet.</p> + +<p>So gescheidt der Truthahn aber auch sonst ist, +so albern und unbehülflich stellt er sich an, wenn er +sich gefangen glaubt, und eben auf diese seine Dummheit +sind auch die Fallen berechnet. Wo nämlich der +Ansiedler, — denn der Jäger nimmt sich selten die +Mühe, das mit der Axt zu bekommen, was er mit +der Büchse erlegen kann, — eine Kette Truthühner +zu fangen wünscht, sei es nun in einem abgeärnteten +Maisfeld oder im Walde, da macht er von langen, +gehaltenen, schweren Stangen eine Umzäunung, +die etwa zehn bis zwölf Fuß im Quadrat +hat und so hoch sein muß, daß der größte Truthahn, +aufgerichtet, darin herumlaufen kann. Die +Decke wird nachher mit Holz oder Steinen beschwert, +daß sie dem Aufflatternden nicht nachgiebt. In eine +der Wände, am besten nach der Richtung hin, in +welcher die Hühner gewöhnlich ins Feld kommen, +wird eine kleine Thüre gesägt. Gerade unter dieser +hinweg führt eine Art schmaler Laufgraben in das +Innere der Umzäunung; unter der Thür ist dieser +Graben am tiefsten und läuft nach Innen wieder +auf die Oberfläche hinaus. Dieser Graben wird bis +auf zwölf und funfzehn Schritt von der Falle weggeleitet +und nach ihm hin sparsam, in ihm aber +reichlich Mais gestreut, der bis in den eingezäunten +Raum hinein führen muß, wo es gut ist, wenn +ein kleiner Haufen von Maiskolben dem Truthahn +gleich entgegen lacht. Der Graben aber und die +darüber hingehende Thür dürfen zusammen nur +so hoch sein, daß ein ausgewachsener Truthahn, +wenn er, mit dem Kopf auf der Erde, der Äsung +nahe geht, gerade hindurch schreiten kann, also etwa +zwanzig bis vierundzwanzig Zoll. Finden nun die +den Wald durchgreifenden Hühner den umher gestreuten +Mais, so folgen sie den einzelnen Körnern, +gerathen in den Graben und treten nun, das Gestell +wenig beachtend, in den inneren hohen Raum, +wo sie sich gar bald an dem dort aufgeschichteten +Vorrath eine Güte thun. Auf diese Weise gehen +manchmal zehn und fünfzehn zu gleicher Zeit in die +Falle. Nun hinderte sie freilich nichts auf der Welt, +auf eben dieselbe Art das Gestell zu verlassen, wie +sie es betreten haben; sobald aber nur einem von +ihnen der Gedanke kommt, das Freie zu suchen, wobei +er sich natürlich aufrichtet und, den fest verwahrten +Ort über sich erblickend, das Warnungszeichen +giebt, so erheben in demselben Augenblick +Alle die Köpfe und versuchen flatternd in die Höhe +zu entkommen; keiner von ihnen denkt von dem Augenblick +weder mehr daran, den Mais zu berühren, +noch sich überhaupt zu bücken, und ich weiß den Fall, +daß sie sich auf diese Art gegen Abend gefangen haben +und bis zum nächsten Nachmittag darin geblieben +sind, wo dann der Farmer herbei kam und sie +einzeln heraus holte.</p> + +<p>Der arme Truthahn hat übrigens auch noch +außer dem Menschen sehr viele andere Feinde, denn +Wölfe, Füchse, Marder, Katzen, Panther stellen ihnen +nach; ihr grimmigster Verfolger aber ist der weißköpfige +Adler, dem sie auch nicht einmal entfliehen +können, und zeigt sich ein solcher in der Luft und +umkreist die Bäume, dann rührt sich kein Truthahn +in seinem Versteck und man kann sie, wenn man sie +zufällig findet, fast mit der Hand greifen.</p> + +<p> </p> +<hr class="narrow" /> +<p> </p> + +<p>Als ich zuerst die wirklichen Wälder Amerika's +betrat, hatte aber nicht allein das Wild für mich +Interesse, sondern auch die eingebornen Jäger selbst, +die in der Wirklichkeit ganz und gar von dem Bilde +abwichen, welches ich mir in meiner Phantasie von +ihnen gemacht hatte.</p> + +<p>Besonders viel war mir von den sogenannten +»Hinterwäldlern« erzählt worden, die in der Bevölkerung +Amerika's gewissermaßen eine eigene Gattung +bilden. Es sind Landleute, insofern sie so viel +Welschkorn bauen, als sie für sich und ihre Familie +und ein Paar Pferde und Schweine bedürfen, im +Übrigen leben sie von der Viehzucht und Jagd und +führen eigentlich genau genommen, trotzdem, daß sie +Häuser bauen und kleine Felder anlegen, doch ein +Nomadenleben; denn selten bleiben sie länger als +drei oder vier, oft nicht ein Jahr auf einem Fleck, +sondern sind stets bereit, ihr mit saurem Schweiß +urbar gemachtes kleines Besitzthum um Weniges wieder +zu verkaufen und weiter westlich zu ziehen.</p> + +<p>Als ich zuerst nach Missouri kam (denn selbst +Illinois liegt jetzt schon zu östlich für diese Menschenklasse), +hörte ich, etwa sechzig Meilen unterhalb +St. Louis, von einem gewissen <span class="wide">Coltert,</span> der ein +alter, tüchtiger Bärenjäger sein und mitten im Wald +in einer kleinen Hütte leben solle. Die Beschreibung +dieses Mannes, wie er lebte, was er schon alles +für Abenteuer durchgemacht, wie viel Bären und +Panther er erlegt, wie oft er verwundet worden, +ein Mal sogar lebensgefährlich, als er seinen Lieblingshund +einem Bären entreißen wollte, das Alles +spannte meine Neugierde auf das Äußerste und +machte mich sehr begierig diesen Mann kennen zu +lernen, denn im Geiste malte ich ihn mir schon ganz +nach indianischer Art, mit allen möglichen Waffen +und Jagdgeräth versehen, aus, und beschloß, wenn +ich auch Meilen weit umgehen müßte, ihn aufzusuchen.</p> + +<p>Mein Weg sollte mich indessen etwa drei Meilen +vor seinem Hause vorbei führen, wo, wenn ich +einen gewissen Fluß erreicht hätte, ein Pfad rechts +abging, der bis zu seiner Hütte hinlief. Bis zu +diesem Flusse hatte ich etwa noch sechs englische +Meilen zu marschiren und wanderte frisch darauf +los, um den alten Jäger so bald wie möglich kennen +zu lernen, als ich einen Mann auf der Straße +überholte, der sich ganz gemüthlich dicht am Wege +seiner weißen leinenen Beinkleider entledigt hatte, +trotz dem unfreundlich kalten Wetter ziemlich behaglich +auf einem umgehauenen Baumstamm saß und +die etwas sehr zerrissenen flickte. — Sonst trug er +einen blau wollenen Frack, ein weißes Hemd und +ein Paar grobe rindslederne Schuh, welche drei letzteren +Kleidungsstücke, als ich zu ihm trat, seinen +ganzen Anzug ausmachten; neben ihm aber stand +ein alter, recht ungesetzlich außer Façon gedrückter +Filzhut, und an einem Baume lehnte eine lange +Büchse — (ohne die selten oder nie ein Landmann +ausgeht) mit einer kleinen ledernen Kugeltasche und +einem in ein buntes Taschentuch eingebundenen +Päckchen.</p> + +<p>Der Anblick war so komisch, daß ich unwillkürlich +stehen blieb und ihm freundlich guten Tag bot; +er dankte, schien sich aber sonst nicht weiter um mich +zu kümmern, sondern steckte seine Nadel und Zwirn, +da er seine Arbeit gerade beendigt hatte, in die <ins title="original has Kugeltatsche">Kugeltasche</ins>, +zog das ausgebesserte Kleidungsstück wieder +an, hing sich die Tasche um, setzte den alten +Filz, der ihm ein merkwürdig antikes Aussehen gab, +auf, nahm das Bündel in die linke Hand und dann +den Büchsenlauf mit der rechten ergreifend, warf er +sich diese, den Kolben nach hinten, über die rechte +Schulter, indem er zu mir sagte: »Nun, Fremder, +wenn Ihr mit wollt, so kommt!«</p> + +<p>Es lag etwas so ernst Drolliges in seinem Wesen, +das mich unwillkürlich anzog, und wir plauderten, +neben einander herschlendernd, über vielerlei. +Endlich erreichten wir den Fluß; mein Begleiter +reichte mir die Hand und wollte sich verabschieden, +ich bat ihn aber, mir zuerst den Weg nach des alten +Coltert Haus zu zeigen, weil ich diesen aufzusuchen +wünschte.</p> + +<p>»Kennt Ihr den alten <span class="wide">Coltert?</span>« fragte er +mich und wechselte mit der Büchse auf die andere +Schulter.</p> + +<p>»Nein, ich kenne ihn nicht, wünschte ihn aber +kennen zu lernen!«</p> + +<p>»Nun,« sagte er, »wenns weiter nichts ist, das +Vergnügen habt Ihr die letzten zwei Stunden +gehabt!«</p> + +<p>Ich staunte nicht wenig, unter dem alten Filz +und in dem hellblauen, wollenen Frack meinen Bärenjäger +zu finden, der noch dazu so ächt waidmännisch +die Büchse, Kolben nach hinten, trug, +folgte aber nichtsdestoweniger seiner freundlichen Einladung, +die Nacht bei ihm zuzubringen, und wurde +für den kleinen Umweg reichlich durch einige der +delikatesten Bärenrippen und viele romantische +Erzählungen aus dem thatenreichen Leben des Alten +belohnt. In mancher Hinsicht sehr befriedigt verließ +ich ihn am andern Morgen. — Hatte mir einen +amerikanischen Jäger aber doch anders gedacht.</p> + +<p>Die Erzählungen des Alten hatten aber die +Jagdlust um so mächtiger in mir aufgeregt und ich +beschloß, was ich auch später redlich gehalten habe, +Arkansas nach allen Richtungen zu durchstreifen und +die Bärenhetzen, von denen ich ihn jetzt nur reden +gehört, selber mitzumachen.</p> + +<p>Der Bär gehört unstreitig zur edelsten und dabei +auch einträglichsten Jagd Amerika's, und ist der +Kampf mit ihm auch manchmal gefährlich, nun so +verleiht das der Sache ja auch wieder ein so viel +frischeres, gewaltigeres Interesse; denn das arme +Wild zu erlegen, welches sich nicht widersetzen +<span class="wide">kann,</span> selbst wenn es wollte, und nur in der Flucht +sein Heil suchen muß, nun ja, es ist auch schön +und der den Männern angeborene Zerstörungsgeist +macht es schon anziehend für uns; mir fehlte aber +immer etwas bei jener Jagd, es kam mir stets vor, +als ob es doch nicht das Rechte sei, nach dem ich +mich gesehnt hätte, bis ich das erste Mal »Fuß an Fuß« +mit einem der alten, schwarzen Burschen +stand, und nun auch wußte, ich trüge das große +Messer nicht blos zum Staate an der Seite.</p> + +<p>Die Bären fangen übrigens schon an in den +vereinigten Staaten sehr selten zu werden, nur +noch in den unermeßlichen Sümpfen des Mississippi- +und Arkansas-Thales und den steilen, an vielen +Stellen fast unzugänglichen Ozark-Gebirgen finden +sie sich und werden mit einigem Erfolg von den +Weißen, und an dem letzteren Orte auch theilweise +von Indianern gejagt; jedes Jahr vermindert sich +aber ihre Anzahl bedeutend und die Zeit ist nicht +mehr fern, wo eine Bärenfährte in Arkansas eine +Seltenheit sein wird.</p> + +<p>Die Bärenjagd selber wird in jenen Gegenden +auf drei verschiedene Arten betrieben:</p> + +<p> +Erstens durch <span class="wide">Pürschen,</span><br /> +<br /> +Zweitens durch <span class="wide">Hetzen</span> mit guten, darin geübten<br /> +Hunden, und<br /> +<br /> +Drittens durch das <span class="wide">Aufsuchen der Stellen,</span><br /> +in welchen er seinen Winterschlaf hält.<br /> +</p> + +<p>Das Pürschen, so interessant es an und für sich +ist, kann übrigens nur im Spätsommer und Herbst +geschehen, in welchen Jahreszeiten der Bär seine +Nahrung in den Früchten des Waldes sucht und +sorglos dabei umhertrollt. In bergigen Gegenden, +wo viele Heidelbeeren wachsen, geht daher die Suche +schon im Juli an, da er bis Ende August von diesen +lebt; dann jedoch, sobald die Eicheln der Weißeiche +reifen, aber noch nicht abfallen, ersteigt er diese +und bricht oft ziemlich starke Äste herunter, um von +ihnen seine Lieblingsnahrung abzulesen. Sind viele +Bären in einer Gegend, so ist die Jagd in dieser +Jahreszeit sehr interessant, weil man den Bären, +sobald er erst einmal anfängt, Zweige niederzubrechen, +eine lange Strecke weit hören und sehr leicht +an ihn heranschleichen kann. Wo sie aber nur selten +angetroffen werden, wäre es freilich ein undankbares +Geschäft, nach den wenigen im Walde herumzusuchen; +dazu ist die Hetze und mit einer tüchtigen +Meute Hunde, sicherer Büchse und breitem, +kurzem Stahl an der Seite, auf einem guten, zähen +Poney, in gestrecktem Galopp durch den Wald +und Sumpf, hinter den klaffenden, heulenden Hunden +her, das ist die Jagd, wo einem das Herz warm +wird und kühner und freudiger in der Brust klopft. +Stellt sich dann der Bär, — denn nicht immer sucht +er auf einem Baum den Feinden zu entgehen, — und +tritt ihm der Jäger mit dem Messer in der Faust +entgegen, so wird es doch auch eine Jagd, die Ehre +bringt und die einen <span class="wide">Mann,</span> keinen bloßen Sonntagsjäger +erfordert; das Gefühl, mit dem man nachher +den schweißbefleckten Stahl in die Scheide zurückstößt, +wiegt alle anderen Jagden auf. Die letzte +Bärenhetze machte ich in Amerika im Sommer mit.</p> + +<p>Wir hatten keinen großen Nutzen von der Bestie; +sie war aber zu lüstern nach »ihres Nächsten +Schweinen« geworden, die sie den in Unmasse im +Walde wachsenden Heidelbeeren vorzog, und mußte +daher aus dem Walde geschafft werden. Übrigens +zogen wir damals nicht mit der Idee einer Bärenjagd +aus, sondern wollten blos ein Paar Hirsche +schießen, um das Gehirn derselben zum Gerben einiger +Wilddecken zu erhalten (die indianische Art +Hirschhäute zu gerben, geschieht nur mit dem Gehirn +des Hirsches selbst und später durch Rauch), als +wir, von einem alten Jagdgenossen, der seine und +meines Begleiters Hunde mitgebracht hatte, überholt +wurden. Drei alte Sauen, erzählte dieser, +seien ihm in wenigen Nächten weggeholt, und er +dürstete nach Rache, die ihm denn auch im reichlichsten +Maße wurde. Es war jedoch ziemlich trocken +und dürr, und die Hunde, obgleich mit dem rühmlichsten +Eifer suchend, konnten in langer Zeit keine +frische Fährte finden; wir hatten sie aber in dem +dichten Unterholz bald aus den Augen verloren und +ritten lachend und erzählend über die Berge; plötzlich +riß der Alte sein Pferd zurück und horchte, sich +hoch im Sattel aufrichtend, mit der gespanntesten +Aufmerksamkeit. Ein kurzes, dumpfes Geheul ließ +sich hören — »das war <i>Muse</i>,« rief er — ein +scharfes, kurzes Bellen folgte »das ist <i>Watch</i>.« — +Gleich darauf schlugen zwei der Lieblingshunde zu +gleicher Zeit an. Jetzt aber schwenkte der Alte den +Hut — »sie haben ihn,« jubelte er, und dem Pferde +den einen Sporn in die Seite drückend, flog er dem +Anschlagen der Hunde zu.</p> + +<p>Ich ließ ihn nicht die Büsche für mich theilen, +sondern brach mit <i>Hozart</i> an seiner Seite ins +Dickicht; gleich darauf schlug auch die ganze Meute + — etwa 15 Hunde, an, daß der Wald widerhallte. +Wir ließen unsere Stimmen lustig drein schallen, und +wie die wilde Jagd gings durch Dorn und Schlingpflanze, +über umgestürzte Stämme und losgerissene +Steinmassen fort dem Schalle nach, der in Schlucht +und Thal das Echo erweckte.</p> + +<p>Der Bär sah übrigens bald ein, daß er im offenen +Wald der verfolgenden Meute nicht entgehen +konnte, und eilte einem alten <i>Hurricane</i><a href="#fn2"><small><sup>2</sup></small></a> zu, wo +die Eichen und Fichten wie Kraut und Rüben durch +einander lagen und die Dornen und Schlingpflanzen +und später aufgeschossener Nachwuchs die Zwischenräume +ausgefüllt hatten. Die Jagd wurde +toller und toller; die Pferde, die Begeisterung der +Reiter theilend, setzten in fast unglaublicher Anstrengung +über alte Baumstämme und durch Dickichte, +die im ersten Augenblick fast undurchdringlich +schienen.</p> + +<p>Im Anfang waren wir drei Reiter beisammen +geblieben; der fürchterlich verwachsene Wald aber +hatte später Jeden den besten Durchweg allein suchen +lassen, und bald konnte ich nichts mehr von +den beiden Anderen hören noch sehen, sondern vermuthete +nur, daß sie, um dem Bären den Weg +abzuschneiden, vielleicht eine andere Richtung eingeschlagen +hätten; eine plötzliche Wendung des verfolgten +Thieres drehte jedoch die Hetze plötzlich nach +meiner Seite; kleffend und jauchzend stellte ihn in +einem entsetzlichen Dickicht die Meute, und durch eine +dichte Brombeerhecke setzend, die das letzte von mir +abstreifte, was nicht niet- und nagelfest war, fand +ich mich in Schußnähe des Kampfes. Augenblicklich +aber warf ich mich vom Pferd und sprang der +Wahlstatt zu, wo ein ungeheuerer Bär sich mit der +größten Kaltblütigkeit und Tapferkeit gegen eilf der +besten Hunde, die je einer Fährte in Arkansas folgten, +vertheidigte; mein Anblick brachte ihn jedoch +außer Fassung und er wollte Fersengeld geben, die +Hunde waren ihm aber zu nahe auf dem Pelz, und +vergebens sah er seine Bemühungen, einen Rückzug +zu bewerkstelligen.</p> + +<p>Ich hatte mich indessen immer noch gefürchtet zu +schießen, da zu viele Gefahr war, einen der Hunde mit +zu treffen; als ich jedoch noch unschlüssig halb im +Anschlag da stand, krachte des Alten wohlbekannte +Büchse und, für einen Augenblick wenigstens, schien +der Bär die ihn umtobenden Hunde ganz vergessen +zu haben, denn stöhnend warf er sich zu Boden und +lag im Nu von jenen bedeckt; doch nicht lange verharrte +er in dieser Lage, sondern sprang, mit jeder +seiner gewaltigen Branten einen der Rüden von sich +stoßend, wieder in die Höhe.</p> + +<p>Als er stürzte, war mirs klar geworden, daß, im +Fall ich noch die mindeste Lust hätte am Gefechte +Theil zu nehmen, dies wohl der einzige Zeitpunkt +wäre, in dem ich nützlich sein könnte, und das Messer +aus der Scheide reißend, sprang ich auf den Gestürzten +zu, ihm die Klinge durchs Herz zu jagen. +Ich war aber kaum noch zehn Schritte von ihm +entfernt, als er sich, wie schon gesagt, mit einer +gewaltigen Kraftanstrengung befreite, und das erste, +was ihm in dieser gerade nicht liebenswürdigen Situation +in die Augen fiel, war meine werthe Person, +mit bloßem Messer und allen Zeichen einer böslichen +Absicht auf ihn zuspringend. Er kam mir auf +halbem Wege entgegen, und ich mag gerade kein ganz +freundliches Gesicht geschnitten haben; das weiß ich +nur, wie mir der Gedanke durch's Hirn fuhr, ich +hätte mich schon in viel behaglicheren Situationen +befunden. Aus dem einfachen Grunde jedoch hielt +ich Stand, weil ich im ersten Augenblick wirklich gar +nichts andres zu thun wußte und begegnete dem Anlauf +des Bären, indem ich ihm mit aller Gewalt +mein breites Messer in die Brust stieß.</p> + +<p>Was weiter geschah, kann ich nicht mehr genau +sagen; ein schwerer Schlag, der mich zurückwarf, ein +dumpfes, schmerzhaftes Gefühl, ein bekanntes Gesicht, +das ich erblickte, ehe ich stürzte, und ein erstickendes +Gewicht, das auf mir lag, ist Alles, dessen ich mich +noch entsinne.</p> + +<p>Als ich wieder zu mir kam, fühlte ich, wie mir +der Alte einen Hut voll Wasser nach dem andern +und zwar mit einem Eifer ins Gesicht goß, der bei +einer Feuersbrunst äußerst lobenswerth gewesen wäre. +Ich erholte mich jedoch bald und fand, mich aufrichtend, +daß ich den erlegten Bären zum Kopfkissen +hatte. Als dieser auf mich los stürmte, war der +Alte glücklicher Weise dicht dabei gewesen, und die +Hunde konnten zwar nicht verhüten, daß mich jener +zurückwarf, sich aber in grenzenloser Wuth auf ihn +stürzend, überwältigten sie bald den schwer Verwundeten, +meines Alten Stahl dabei nicht zu vergessen, +der die Haut mehr einem Sieb als etwas anderem +ähnlich machte.</p> +<p> </p> +<p>Es ist übrigens nicht immer der Fall, daß der +Bär sich, auf das Äußerste getrieben, den Hunden +auf ebener Erde stellt; gewöhnlich erklettert er, mit +ausgezeichneter Gewandtheit, im Fall ihm nicht eine +Vorderbrante zerschossen ist, wie ich das auch ein +Mal gesehen habe, einen Baum, und kann dann +mit geringer Gefahr herunter geschossen werden; +einen gehörigen Schlag aber thut's, wenn solch ein +alter Bursche von zwei bis dreihundert Pfund, achtzig +oder hundert Fuß hoch hernieder und zu Boden +schmettert, und es ist schon oft der Fall vorgekommen, +daß er im Sturz einige, der ihn unten zu +eifrig erwartenden Hunde erschlagen hat. Steht er +auf ebener Erde, so wirft er sich gewöhnlich, gleich +nach empfangener Kugel, zu Boden und ächzt und +stöhnt wie ein Mensch; decken ihn aber dann die +Hunde, so versucht er nicht sie einzeln zurückzuschlagen, +sondern er stemmt wie in diesem letzten Falle +erst seine Branten so gegen sie, daß er sich mit einem +gewaltsamen Ruck befreien kann, und wehe dann dem +Jäger, der ihm in diesem Augenblick zu nahe ist! — +ohne des Alten Hülfe wäre auch ich rettungslos verloren +gewesen.</p> +<p> </p> + +<p>Hat der Bär einen Baum erstiegen und sich oben +festgestellt, so können ihn die Hunde nicht wieder hinunter +scheuchen; der Anblick eines Menschen aber +macht ihn unruhig und versagt das Gewehr, so +kommt er gewöhnlich mitten zwischen die Meute hineingefahren +und versucht aufs Neue zu fliehen, doch +ist das nicht stets der Fall.</p> +<p> </p> + +<p>Äußerst interessant ist der Pürschgang auf Bären, +wenn man unbeachtet an einen derselben herankommen +kann. Anscheinend sorglos trollt der +schwarze Geselle durch den Wald, und wer ihn so +sieht, mit den plumpen, ungeschlachten Knochen, den +Kopf unten, fast auf dem Boden, nachlässig, scheinbar +auch nicht das Mindeste um sich her beachtend, +ahnt wohl kaum, daß eben dieses anscheinend plumpe +Geschöpf schneller als ein Pferd laufen und fast so +behende als eine Katze klettern kann; in seinen +Branten hat der Bär übrigens die meiste Gewalt, +und selten benutzt er seine Gefänge, denn ein Schlag +mit der Vorderbrante ist hinreichend einen Hund zu +tödten und selbst einen Stier zu betäuben.</p> +<p> </p> + +<p>So fürchterlich er aber, wenn zum Äußersten +getrieben, ist, so harmlos und unschädlich zeigt er +sich auch, wenn nicht belästigt — man hat noch nie +gehört, daß ein Bär einen Menschen aus freien +Stücken angefallen habe, ausgenommen es war eine +Bärin, die ihre Jungen vertheidigte. Auch der +Schaden, den er dem Landmann thut, wäre nicht so +bedeutend, wenn er nicht im Sommer, wo noch keine +Beeren im Walde stehen und die Eicheln noch nicht +reif sind, sich an die zahmen Schweine hielte; hat +er aber erst einmal den Geschmack von diesen weg +bekommen, dann thut er auch ungeheueren Schaden, +weil er nur gezwungen Aas frißt und sich, wenn +er's irgend haben kann, jede Nacht ein frisches +Schwein holt. In diesem Fall muß er gejagt und +erlegt, oder wenigstens aus der Gegend vertrieben +werden, denn nicht immer können die Hunde im +Sommer einen mageren Bären einholen, der ihnen +oft im offenen Walde durch seine Schnelle entgeht. — </p> +<p> </p> + +<p>Der Bär hält aber, wie der Dachs, seinen Winterschlaf, +liegt mehre Monat fest in seinem gewählten +Lager, wo er sogar schwer zu erwecken ist; in +dieser Zeit wäre dann Pürschjagd wie Hetze vergebens.</p> + +<p>Die Schlafzeit dauert in Arkansas, wo das +Klima ziemlich mild ist, von Weihnachten bis Ende +Februar; während dieser ganzen Zeit frißt er weder +noch säuft er, und in dieser Zeit ist sein Magen inwendig +mit einer reinen, öligen Fettigkeit überzogen. +Anfang März aber fängt er zuerst an, den nächsten +Bach aufzusuchen, um seinen Durst zu löschen und +kehrt dann immer wieder in das Lager zurück. Sonderbarer +Weise tritt er hierbei stets, so oft er auch +gehen mag, in seine zuerst gemachten Fährten, die dann +zuletzt breit und deutlich ausgetreten und <i>stepping +path</i> oder Schrittpfad von den Jägern genannt werden. +Finden diese in eben der Jahreszeit eine solche +Fährte, so ist der Bär selten weit entfernt.</p> + +<p>Sein Bett wählt er aber sehr verschieden; zeigt +sich der Winter streng, so sucht er in gebirgigem +Lande eine Höhle, in sumpfigem einen hohlen Baum +aus, um dort vor der Kälte geschützt zu sein; dabei +kratzt und scheuert er mit merkwürdiger Sorgsamkeit +den letzteren inwendig so glatt und rein, wie es ihm +mit seinen gewaltigen Branten, die hierzu gerade +kein schlechtes Handwerkzeug sind, nur irgend möglich +ist. Hat er endlich Alles in Stand, so steigt +er langsam und besonnen, daß man kaum die Spur +seiner scharfen Krallen in der rauhen Rinde bemerken +kann, hinauf und dann durch die Öffnung, mit dem +Hintertheil zuerst, in sein vorher bereitetes Lager +hinab, wo das faule Holz, das er an den Seitenwänden +herunter gekratzt hat, gewöhnlich ein sehr +weiches Bett bildet. Anders ist es, wenn er von den +Hunden verfolgt, einen Baum ersteigt, und im Hinaufspringen, +von den stärksten, härtesten Eichen ordentliche +Stücke Rinde herunterschlägt.</p> + +<p>Ist der Winter gelind, so nimmt er sich all' diese +Mühe nicht einmal, sondern geht entweder im sumpfigem +Lande in einen Schilfbruch, wo er von dem +hohen, grünen Schilf so viel abreißt, als er zu einem +bequemen Lager nöthig zu haben glaubt, das +er sich dann auch in einer der unzugänglichen Gegenden +des Bruches zurecht macht, oder er sucht in +bergigem Lande ein unwegsames Dickicht und bettet +sich hier, auf einer Streu von zusammengetragenen +zarten Zweigen, in den Wipfel irgend eines umgestürzten +Baumes.</p> + +<p>Die Ranzzeit fällt in den August, und nicht +selten gerathen sich dann ein Paar der schwarzen +Burschen auf eben keine freundliche Art in die Haare. +Einen hübschen Zug erzählen dabei die amerikanischen +Jäger von dem männlichen Bären, der, wenn +er wirklich wahr ist, einen merkwürdigen Überlegungsgeist +kund thut. Sehr häufig fand ich nämlich +in den Wäldern, besonders an Sassafrasbäumen +und Kiefern, die tief eingerissenen Zeichen des +Gefänges und der Krallen von Bären, die stets in +größtmöglichster Höhe an den Stämmen hinauf gelangt +hatten; auf meine Anfragen erhielt ich folgenden +Bescheid, in dem die Jäger von Norden bis +Süden übereinstimmen.</p> + +<p>In der Ranzzeit folgt der Bär der Fährte der +Bärin, wird aber oft, wenn von einem stärkeren +überholt, aus dem Felde geschlagen, von einem +schwächeren, wenn nicht besiegt, doch wenigstens belästigt; +um diesem nun zu begegnen, soll der Bär, +so er sich stark und alt genug fühlt einen Kampf +mit Seinesgleichen zu wagen, sobald er die warme +Fährte einer Bärin angenommen hat, sich an einem +dicht daneben stehenden Baum — am liebsten Sassafras +oder Kiefer — in die Höhe richten und ohne +die Hintertratzen von der Erde zu heben, so hoch +hineinbeißen und so hoch daran hinauf kratzen, als +er möglicher Weise kratzen und beißen kann, worauf +er ganz gemüthlich seinen Weg fortsetzt.</p> + +<p>Kommt nun nach einiger Zeit ein anderer desselben +Weges, auf derselben Fährte, so findet er +natürlich die für ihn zurückgelassenen Zeichen und +mißt nun, sich eben so am Baume emporrichtend, +seinen vorangegangenen Nebenbuhler; — kann er +dessen Merkmale überreichen, oder kommt er ihnen +wenigstens gleich, so folgt er und nimmt die Herausforderung +an; kann er das aber nicht, ist er vielleicht +viel kleiner, so klemmt er das kleine Stückchen +Ruthe, was ihm Mutter Natur verstattet hat, +zwischen die Beine, oder macht wenigstens die Bewegung +damit, als ob er es thun würde, wenn sie +lang genug wäre, und trollt den eben gekommenen +Weg zurück, um wo möglich eine andere Fährte +auszusuchen.</p> + +<p>Die Bärin wirft im Februar, oft schon Ende +Januar, in einem hohlen Baum oder in einer Höhle, +zwei bis vier Junge, die sie bis zur Ranzzeit bei +sich behält und die sich auch oft noch nach dieser +wieder zu ihr gesellen, doch soll sie dabei die Gesellschaft +des alten Bären meiden, dem nachgesagt wird, +er fräße manchmal seine eigenen Jungen, was ich +jedoch, zu seiner Ehre, nicht glauben will.</p> + +<p>Die ungeheuere Aufopferung, mit der die Bärin +übrigens ihre Jungen vertheidigen soll, kann +nicht als allgemein angenommen werden. Ja, es +giebt Fälle, wo sie ihr Leben im Kampf über dieselben +gelassen hat; aber mit den Bären wird's wie +mit den Menschen sein — bei denen man oft recht +liebe, gute Leute, und dann auch wieder recht schofeles +Pack findet. Ich selbst weiß mehre Beispiele, +wo eine Bärin, sowohl in der Höhle als +auch im freien offenen Walde, ihre Jungen, ohne +sich weiter um sie zu bekümmere, schmählich im +Stich gelassen hat und nur darauf bedacht schien, +ihren eigenen Pelz, der noch dazu in damaliger Zeit +kaum einen Dollar werth war, in Sicherheit zu +bringen.</p> + +<p>Die <span class="wide">Höhlenjagd</span> ist äußerst interessant, aber +dabei auch gefährlich, und wird etwa folgendermaßen +betrieben. In den unwegsamen Gebirgen des Westens, +in die sich der Bär bei einbrechender Kälte zurückzieht, +geht der Jäger und sucht, zwischen den am +tollsten und wildesten umher gestreuten Felsblöcken, +an steilen Wänden hinkletternd und Schluchten und +Spalten durchkriechend, nach Höhlen, in die er +dann mit angezündeter Kienfackel oder mit einem +aus wildem Wachs gekneteten Lichte eindringt. oft +verrathen schon die in der Nähe der Höhle abgenagte +Büsche den Besuch, der für einige Zeit in +ihnen zu wohnen beabsichtigt, oder der <i>stepping +path</i>, der hinein führt, wenn die Jahreszeit schon +weit vorgerückt ist, oder die vor der Höhle umher +liegende Losung, den Eingewinterten; am sichersten +ist es aber stets, den Ort selbst zu untersuchen, und +daß diese Jagd dann nicht zu den leichtesten gehört, +ist sehr erklärbar.</p> + +<p>Ich weiß mich Tage zu erinnern, in denen ich in +funfzehn, sechszehn Höhlen herumgekrochen bin und +mich durch Plätze durchgezwängt habe, von denen ich +mir eigentlich jetzt noch selber nicht erklären kann, wie +ich wieder heraus kommen konnte — ohne auch nur einer +Kralle zu begegnen. Findet man nun an solchen Ort +einen Bären, so muß er beim Lichte der Fackel geschossen +und nachher entweder ganz, oder wenn das nicht möglich +ist, in Stücken zu Tage geschafft werden.</p> + +<p>Ich habe übrigens diese Höhlenjagd in meinen +»Streif- und Jagdzügen«<a href="#fn3"><small><sup>3</sup></small></a> sehr ausführlich behandelt +und will hier nur, um dem Leser einen kleinen +Begriff von diesen freundlichen Orten zu geben, das +Innere derselben ein wenig beschreiben.</p> + +<p>Von der Natur gebildet scheinen sie fast alle +schon so lange wie die Erde überhaupt zu bestehen, +und finden sich meistens in Kalksteinfelsen, in +die sie manchmal nur zehn bis zwölf Fuß, dann +und wann aber auch 4-500 Schritt hinein gehen +und an manchen Stellen geräumig genug sind, daß +der Jäger aufrecht in ihnen stehen kann, dann aber +auch wieder eng genug zusammen laufen, um nur +mit größter Anstrengung ein Durchpressen möglich zu +machen. Im Innern sind sie an den Seitenwänden +glatt, oft von dem Anstreichen der Raubthiere, +die seit Jahrhunderten sie bewohnten, spiegelblank, +oben aber gewöhnlich mit Stücken Tropfstein behangen, +der auch unten, wenn sich nicht weicher, thoniger +Boden findet, das Fortkommen sehr erschwert. +In diese Höhlen nun ziehen sich nicht allein Bären, +sondern auch andere Raubthiere, als Panther, Waschbären +und Füchse, wie Schlangen, Eidechsen und +Fledermäuse zurück, um ihren Winterschlaf entweder +wie der Bär zu halten, oder in den warmen +Erdgängen gegen die Kälte geschützt zu sein. Die +Fledermäuse besonders hängen an den Hinterbeinen +von der Decke herunter und zirpen und zischen, wenn +ihnen die Kienfackel zu nahe kommt. Der Bär selber +liegt, wenn er schläft, auf dem Bauche und hält +die Stirn, die Nase an die Brust gedrückt, mit beiden +Tatzen, wie betend, umfaßt. — Nur wenn er +wacht, saugt er und wahrscheinlich blos aus Spielerei, +an den Branten, Kinder haben das Daumenlutschen +ja auch an sich, wobei er ein leises, winselndes +Geräusch von sich giebt.</p> + +<p>In der Höhle angegriffen, ist er sehr scheu und +versucht stets sein Bestes, durch die Flucht einer sich +nähernden Gefahr zu entgehen; im Freien dagegen +ist er viel heldenmüthiger. Ich selbst habe eine Bärin +in einer der tiefsten Höhlen der Ozarkgebirge angeschossen, +und bin, von ihr gefolgt, zurück gewichen, +bis sie einen anderen Zweig der Höhle annahm und +ich im Stande war, mir meine Büchse, die ich hatte +zurücklassen müssen, wieder zu holen und zu laden; +die Bärin aber, als ich ihr nachher aufs Neue zu +Pelze rückte, obgleich sie ihre Jungen in unserer Gewalt +wußte, wagte nicht mich anzugreifen, sondern +saß, in wilder Wuth den thonigen Boden vor ihr +mit den scharfen Krallen zerhauend, auf ihrem Hintertheil +und schnappte in ohnmächtiger Wuth mit +dem Gefänge, bis sie die zweite, tödtliche Kugel erhielt.</p> + +<p>Hat der Bär in einem Baum seine Zuflucht gekommen +und wird er vom Jäger aufgefunden, was +dieser aus den freilich nicht sehr deutlichen Zeichen +in der Rinde erkennen muß, so ist sein Loos allerdings +kein sehr beneidenswerthes. Entweder wird +der Baum umgehauen und Petz auf diese Art in +seiner besten Ruhe gestört und durch den Sturz betäubt, +wenn er endlich schlaftrunken emportaumelt, +von dem ihn Erwartenden mit einer Kugel und +von einer Meute Hunde empfangen, von denen er +sich gewöhnlich gar keine Idee machen kann, wie sie +alle da so geschwind hingekommen sind; oder er wird +mit Rauch von unten heraus getrieben, was ihm +höchst fatal ist, so daß er gewöhnlich brummend seinen +bisherigen Ruheort verlassen will, bis ihn auch +hier, sobald er sich oben an der Öffnung zeigt, eine +todtbringende Kugel empfängt. — </p> + +<p>Am schnellsten und komischesten ist das Heraustreiben +desselben mit einem Feuerbrand; denn wenn +die Höhlung des Baumes nicht bis an die Wurzel +geht, daß also der Rauch auch nicht zu dem Schlafenden +hinauf dringen kann, so muß, im Fall +die Jäger keine Axt mit haben und der Baum zu +stark ist, um ihn mit den kleineren Tomahawks +umzuhacken, Einer von diesen mit einem Feuerbrand +hinauf klettern, den er dann oben in die Höhlung +und dadurch gewöhnlich dem Bären auf den +Pelz wirft; kaum spürt Petz aber die Glut, als er +voller Entsetzen in die Höhe fährt und oft den Erdboden +viel früher als der gewiß nicht zögernde Jäger +erreicht.</p> + +<p>Daß er sich von dem Baum herunter stürzt, ist +eine Fabel; er behält diesen zwischen den Branten +und gleitet gewissermaßen daran nieder, aber so +schnell, daß er kaum den Stamm zu berühren +scheint, und wie ein schwarzer Blitzstrahl zwischen +die ihn unten erwartenden Hunde hineinfährt; thun +diese dann aber nur im mindesten ihre Schuldigkeit, +so darf er nicht entkommen, denn, noch +halb im Schlafe, hat er weder sein volles Bewußtsein +noch seine vollen Kräfte, und wird leicht +von ihnen gestellt und dem herbeieilenden Jäger +zur Beute.</p> + +<p>Ist der Bär in jagdbarer Zeit, um Nutzen von +ihm zu ziehen und nicht des Schadens wegen, den +er thut, erlegt, so wird er gleich an Ort und Stelle +abgestreift, abfließt und dann zerlegt. Das »Abfließen« +nennt man das Ablösen des Fließes (der +Speckseiten), die dann in das Innere des Felles eingeschlagen +und auf eins der Pferde befestigt werden; +das Wildpret wird nachher ebenfalls zusammen +gebunden und, auf dem Rücken der Lastthiere +hängend, mit fortgenommen. Sind aber die Jäger +in einem größeren Lager und haben sie einen Kessel +zum Fettauslassen mitgenommen, dann wird diese +Arbeit gleich im Walde vorgenommen und das +ausgeschmolzene Wildpret bekommen nachher die Hunde, +die besseren Stücken behalten natürlich die Jäger zu +ihren eigenen Mahlzeiten. Das Beste am Bären +sind die Federn,<a href="#fn4"><small><sup>4</sup></small></a> und eine recht fette Wand, auf +zwei Hölzern am Feuer geröstet; das herunter träufelnde +Fett nachher mit dem trockenen Bruststück des +Truthahns aufgefangen und das Ganze mit einem +heißen Becher starken Kaffees hinunter gespült — +beim Schreiben läuft mir schon, bei der bloßen Erinnerung, +das Wasser im Munde zusammen.</p> + +<p>Das sind übrigens die Lichtseiten der Bärenjagd + — die Schattenseiten aber schauen viel düsterer +d'rein. — Wochenlang in Sturm und Regen den +Wald durchzogen, Jäger und Hunde halb verhungert + — (denn ist man einmal ausgegangen, um Bären +zu schießen, so läßt man sich nicht gern mit geringerem +Wild ein.) — Alle zu Tode erschöpft und immer +noch keine warme Fährte — endlich werden die Hunde +lebendig, sie wittern den Feind, sie wissen, daß ihrer, +mit dessen Erlegung, Ruhe und Stärkung wartet; +sie strengen ihre letzten Kräfte an und fort geht die +Jagd, über Stock und Stein — sie überholen ihn, +werfen sich in blinder Wuth auf ihn — aber der +Jäger hat durch die Dickichte oder steilen Schluchten +nicht so schnell mit seinem Pferde folgen können; +der Bär, ein alter erfahrener Bursche, — nicht +gerade mager, aber doch nur feist genug, um tüchtig +laufen zu können, schlägt die Hunde zurück, tödtet +drei oder vier, verkrüppelt andere und ist, wenn trübe +Dämmerung den rasch nahenden Abend verkündet, +fern von aller Gefahr und von der für ihn sorgsam +aufgesparten Kugel unerreicht, — das sind Schatten-, +das sind Nachtseiten, die leider nur zu oft vorkommen. +Am Lagerfeuer herrscht dann sehr üble Laune, und +den nächsten Tag ist der Jäger äußerst zufrieden, +wenn er nur noch so glücklich ist, einen Hirsch zu +erlegen, um mit seinen übrigen Hunden, wieder eine +Mahlzeit halten zu können. — </p> + +<p>Der Bär, obgleich zu den Raubthieren gehörig, +nährt sich doch nur, ausgenommen im äußersten Nothfall, +von Früchten und Insekten, und greift nur im +Sommer, wo er seine Nahrung zu sparsam zusammen +suchen muß, Schweine und fast <span class="wide">nur</span> Schweine an, +zwischen denen er dann freilich oft recht arge Verwüstung +anrichtet. Hauptsächlich lebt er von Eicheln, +anderen Waldfrüchten und Beeren, und wird in fruchtbaren +Jahren oft so feist, daß er fünf bis sechs Zoll +Feist ansetzt. Ein ordentliches Bärenmesser darf daher +auch eigentlich nicht weniger als 9 Zoll in der Klinge +haben, wenn es in allen Fällen gerecht sein soll.</p> + +<p>Zu dem jagdbaren Wilde Nordamerika's gehören +auch einige Raubthiere, die eine zu wichtige Rolle im +Walde spielen, um ganz unerwähnt zu bleiben.</p> + +<p>Der <span class="wide">Panther</span> muß mit Recht an die Spitze +kommen, denn er ist der stärkste und gefährlichste +Gegner des Menschen, und auch wohl das einzige +Raubthier in dem weiten Urwald, das der Jäger zu +fürchten hat, da es Nachts die Lager umschleicht und +in manchen, aber doch sehr seltenen Fällen schon +dem sorglos Schlummernden gefährlich geworden ist. +Heerden und Schweine und Kälber, Fohlen, und +selbst erwachsene Pferde fallen seinem Blutdurst. +Hauptsächlich nährt er sich jedoch von Hirschen und +kleinerem Wild, beschleicht Nachts die Salzlecken oder +lauert, im Laub der Bäume versteckt, auf die ruhig +darunter hin Äsenden. Von den Hunden gehetzt, +bäumt er am Tage sehr leicht auf, Abends und +Nachts aber verläßt er sich lieber auf seine Gewandheit +und List, bringt die Hunde durch falsche Sprünge +von der Fährte ab und entgeht ihnen meistens.</p> + +<p>Er wird etwa so groß wie ein tüchtiger Fleischerhund, +ist ziemlich von der Farbe des Rothwildes und +färbt, wie dieses, im Winter; sein Fell hat keinen +großen Werth und die Jagd auf ihn wird daher +auch nicht, wenn er sich nur irgend entfernt von den +Ansiedelungen hält, besonders lebhaft betrieben. Sonderbar +ist es, wird aber allgemein behauptet, daß er, +so scheu er auch am Tage den Menschen flieht, +mit wilder Blutgier schwangere Frauen anfalle und +zerreiße.</p> + +<p>Der <span class="wide">Wolf</span> steht dem europäischen an Größe bedeutend +nach, lebt aber wie dieser in Rudeln +zusammen und geht gemeinschaftlich auf Raub aus; +doch nur fürchterlicher Hunger könnte ihn dazu +zwingen, einen Menschen anzugreifen, denn er ist +feig und flieht bei dem leisesten Geräusch. Im Mai +wirft die Wölfin 3-6 Junge, unter denen, wie +die Sage geht, jedesmal ein Wolfshund sein soll, +der später der grimmigste Feind der Wölfe wird. — +Diesen nun aufzufinden, führt die Wölfin die Jungen, +sobald sie laufen können, an ein Wasser, um sie zu +tränken. Hier verräth sich der Wolfshund, der nach +Hundeart <span class="wide">leckt,</span> während die wirklichen, ächten und +treuen Wölfe <span class="wide">saufen,</span> und augenblicklich wird der +junge, bis dato noch unschuldige Verräther, zu Tode +gebissen.</p> + +<p>Nicht so schlau als der unsere, fängt man ihn +häufig in Fallen, die gemeiniglich aus einem, aus +schweren rohen Baumstämmen zusammengefügten Kasten +bestehen, in dem zuerst, ehe er ganz beendigt +ist, das Gescheide eines Hirsches oder anbrüchiges +Fleisch geworfen wird, das er sich gemeiniglich bald +holt, dann auch später den aufgerichteten Deckel +nicht scheut und sich plötzlich gefangen sieht. Da er, +in Fuchsfallen oder Ottereisen erhascht, gewöhnlich +den fest gehaltenen Lauf abbeißt, so läßt der amerikanische +Jäger die Falle unbefestigt stehen, hat aber +eine drei bis vier Fuß lange, schwache Kette daran, +an der ein vierhakiges Eisen hängt; dieses faßt überall, +wenn der Wolf mit der Falle zu <ins title="original has entfliegen">entfliehen</ins> sucht, +hinter Büsche und Wurzeln, wird aber stets wieder +von dem darin Sitzenden losgemacht, der sogar schon +den Haken in's Gesänge genommen und zu entziehen +versucht hat; aber nie greift er zum äußersten Mittel, +sich den Lauf abzubeißen, so lange er noch eine Hoffnung +auf Entkommen hat und wird nachher leicht +mit dem Hunde ausgemacht.</p> + +<p>In Canada hörte ich von sehr vielen Farmern, +daß sein Biß, selbst bei einer leichten Verwundung, +tödtlich sein solle; das ist aber wohl nur Fabel. +Thatsache ist es übrigens, daß Jahre vergingen, ehe +sich die Wölfe an die dortigen Landgüter hinanwagten, +als zuerst auf ihnen — Schafe aus Europa eingeführt +wurden. — Sie kannten die rauhen wolligen +Thiere nicht und fürchteten sie ungemein — wie sie +aber erst einmal, durch Zufall oder peinlichen Hunger +getrieben, den Geschmack derselben weg bekamen und +sie als harmlose, nicht gefährliche Geschöpfe kennen +lernten, räumten sie fürchterlich zwischen ihnen auf. +In seiner Naturgeschichte ähnelt er sonst den europäischen +Wolfe in allen Stücken, nur ist er bedeutend +kleiner und schwächer als dieser. — </p> + +<p>Der graue oder Prairiewolf ist eine Abart, sieht +hellgrau aus, ist noch kleiner und furchtsamer als der +schwarze, und lebt meistentheils in den Steppen.</p> + +<p>Der <span class="wide">Fuchs.</span> Es wäre nicht halbrecht, Reinecken +auszulassen, wo von Wild die Rede ist, obgleich +er in Amerika eine ziemlich untergeordnete Rolle +spielt. Erstlich ist er bedeutend kleiner als der unsere, +giebt ihm aber wohl kaum an Schlauheit nach und +weiß tausend Mittel und Wege, die Hunde von +seiner Spur abzubringen. Eine Eigenthümlichkeit +hat er übrigens vor dem europäischen voraus — +er bäumt auf, was fast unglaublich klingt; ich selbst +wollte aber auch meinen Augen nicht trauen, als ich +zum ersten Male den Hunden zueilte, deren wildes +Bellen und Klaffen zeigte, daß sie ihn gestellt oder, +wie ich damals glaubte, in seinen Bau gejagt +hatten; ich wußte jedoch wahrlich kaum, was ich +sagen sollte, als ich den rothen Schelm ganz gemüthlich +in einem jungen Baum, etwa 12 Fuß von der +Erde, erblickte, wo er sich in die ersten auszweigenden +Äste eingeklemmt hatte und, vor den Hunden wenigstens, +geschützt war; er schnitt aber ein Gesicht +wie eine Katze, die beim Milchnaschen ertappt wird, +als er mich kommen sah, denn an Fliehen war nicht +mehr zu denken, da zwölf rüstige Hunde den kleinen +Baum umtobten.</p> + +<p>In Amerika bäumt übrigens fast alles Wild +auf, Büffel, Hirsche und Wölfe ausgenommen; +selbst die Kaninchen kriechen wenigstens inwendig in +hohlen Bäumen hinauf und die Rebhühner, vom +Hunde verfolgt, fallen fast stets in die Bäume ein; +es ist einmal die Natur des Wildes dort, in dem +ungeheueren Wald auch die Bäume zum Zufluchtsort +zu wählen. Der Fuchs lebt übrigens in hohlen +Bäumen, kann aber nicht etwa klettern, sondern wirft +sich nur, in äußerster Noth mit Springen und Anklammern, +zwischen die niederen Äste eines jungen +Stammes und bleibt da eingeklammert sitzen.</p> + +<p>Den Schluß mögen zwei ächte Amerikaner machen, +der Waschbär (<i>racoon</i>) und das Opossum oder die +Beutelratze.</p> + +<p>Der Waschbär, dessen Fell unter dem Namen +»Schuppen« eine bedeutende Rolle auf den deutschen +und russischen Märkten spielt, findet sich, besonders +in den sumpfigen Thalländern des Mississippi +und anderer großen Ströme, in ungeheuerer Menge, +und wird dort an Ort und Stelle wenig oder gar +nicht geachtet. Die Krämer bezahlen sein Fell in +jener Gegend mit etwa vier guten Groschen. Der +Waschbär ist übrigens an und für sich ein sehr liebes, +possirliches Geschöpf, und ähnelt, obgleich er nie +größer als ein starker Dachshund wird, in sehr vielen +Stücken dem Bär, zu dem er auch, dem Geschlechte +nach, gehört. Er lebt von Beeren, Waldfrüchten +und Insekten, und liegt, wenn ruhend, in der nämlichen +Stellung wie sein vierschrötigerer Vetter. Den +Namen <span class="wide">Waschbär</span> hat er mehr von seiner Neigung +zu nassen Nahrungsmitteln als wegen seiner Reinlichkeit, +denn das, was die Leute bei ihm <span class="wide">waschen</span> +nennen, ist doch nichts mehr als ein Anfeuchten seines +Fraßes. Er kann leicht gezähmt und zu allen möglichen +Kunststücken abgerichtet werden; sein Fleisch ist +dabei delikat und hat sehr viel Ähnlichkeit mit dem +Bärenwildpret, nur daß es nicht wie dieses, wenn es +anbrüchig wird, leichenähnlich, sondern wie anderes +Wildpret riecht.</p> + +<p>Das Weibchen wirft 3-5 Junge und thut im +Sommer den Maisfeldern ungeheueren Schaden, +weshalb ihm auch die Landleute schon aus diesem +Grunde sehr nachstellen. Sein Fell ist grau und sein +buschiger Schwanz mit schwarz und gelben Ringen +umzogen. Im Winter wird er mit Hunden gehetzt +und zu Baume gejagt.</p> + +<p>Das <span class="wide">Opossum,</span> oder die Beutelratze, steht an +Größe dem Waschbären kaum nach, sieht aber ganz +grau und ratzenartig aus und hat, wenn man es +an einem regnerischen Tage durch den Wald trollen +sieht, in der That die wirkliche Gestalt einer kolossalen +Ratze, die über irgend etwas sehr erschrocken +und blaß geworden ist. Besonders geben ihm der +kahle, dicke Schwanz, wie die fingerartigen Krallen, +ein außerordentlich widerliches Ansehen.</p> + +<p>Äußerst komisch aber schaut es drein, wenn man +ihm im Wald plötzlich begegnet und dicht zu ihm +hinan geht. Zusammenfahrend legt es sich dann +halb auf die Seite und ängstlich, mit weit aufgerissenem +scharfen Gefänge, in die Höhe blickend, zieht +es die Lefzen so weit zurück, daß es gerade so aussieht, +als ob es den Störer seiner Ruhe angrinze +und sich unendlich über seinen Besuch freue; es macht +dann auch nicht den mindesten Versuch zu entgehen, +und läßt sich nur mit einiger angewandten Vorsicht, +wobei man sich besonders nicht so schnell nach ihm +hinunter bücken darf, sogar hinter dem Gehör kratzen, +was ich oft versucht habe, denn es hat keinesweges +einen bissigen und bösartigen Charakter; schlägt man +es aber mit einem Stocke, und sei es noch so leise, +oder sieht es mehre Hunde (<span class="wide">einem stellt es sich</span>) +kommen, so fällt es auf einmal um und ist anscheinend +todt. Diese mögen es nachher beißen, daß ihm +die Rippen krachen — der Jäger mag es in die +Höhe nehmen und wieder hinwerfen — es ist todt +und rührt sich nicht, und erst im wirklichen Todeszucken +oder in tiefes Wasser geworfen, wo es seine +Rolle vergißt und schnell zu schwimmen anfängt, +zeigt es Bewegung.</p> + +<p>Dieses kleine Thier beweist dabei, während der +fürchterlichsten Qualen, die es doch nothwendiger Weise +unter den wüthenden Bissen der Hunde ausstehen muß, +selbst noch im Tode eine solch merkwürdige Geistesstärke, +mit der es das Schlimmste erträgt und nicht +zuckt, ja selbst keinen Laut von sich giebt — daß ich +mich später, als ich seine Eigenthümlichkeiten recht kennen +lernte, nie mehr entschließen konnte, eins <span class="wide">umzubringen,</span> +denn unter diesen Verhältnissen erschien es mir +ein wirklicher Mord. Äußerst komisch sieht es aber aus, +wenn man es hinter einem Baume vor beobachtet, wie +es aus seinem anscheinenden Tode wieder erwacht.</p> + +<p>Zuerst, wenn Alles ruhig und still ist, und es +sich fest überzeugt glaubt, daß sein Feind den Platz +verlassen hat, öffnet es leise die kleinen Lichter und +äugt — so wenig als möglich den Kopf dabei bewegend, +überall umher; kann es nichts weiter erspähen, +so streckt es behutsam die winzigen Lauscher +vor und horcht — Alles ruhig; jetzt hebt es den +Kopf, blinzt rings im Kreise umher, liegt noch +ein Weilchen ganz ruhig, wo es beim geringsten +Geräusch wieder in seine vorige Stellung und Leblosigkeit +zurücksinkt, und richtet sich zuletzt, wenn es +den Frieden völlig wieder hergestellt glaubt, auf und +trollt ab.</p> + +<p>Wird es verfolgt und kann in der Geschwindigkeit +einen Baum erreichen, so bäumt es auch auf, +wobei es mit ungemeiner Gewandtheit klettert, doch +benutzt es, um an starken Bäumen emporzuklimmen, +gewöhnlich die herunter hängenden, wilden Weinreben. +Sein Fleisch, das zart und schön aussieht, +wird von Vielen leidenschaftlich gegessen, die dann +behaupten, es schmecke wie junge Ferkel; ich konnte +aber nie meinen Ekel vor seiner häßlichen Gestalt so +weit überwinden, davon zu kosten. Seine nackten +Jungen trägt es, wie das Känguruh, nach der Geburt +noch eine lange Zeit in einem sich unter dem +Bauche befindenden Beutel umher; in den sie sich +auch, wenn sie schon herumlaufen können, bei jeder +nahenden Gefahr hineinflüchten.</p> + +<p>Das ist etwa der Urwald mit seinen Bewohnern, +der nun freilich noch durch unzählige kleinere +Vögel belebt wird. Schaaren von Tauben und kleinen +Papageien durchschwärmen die Luft, und im +Herbst und Frühjahr füllen unzählige Völker von +wilden Enten und Gänsen die fließenden Wasser und +einsamen Waldseen des gewaltigen Reiches, deren Jagd +besonders in den südlichen Staaten, in Louisiana, wo +sie, aus dem hohen Norden kommend, überwintern, +äußerst interessant ist.</p> + +<p>Louisiana kann ich aber nicht erwähnen, ohne +der Schnepfenjagd dabei zu gedenken, die ich dort +von Anfang Februar bis Mitte März getrieben. +Fast fürchte ich jedoch hier in Deutschland, wo die +Schnepfe eigentlich zu den Seltenheiten gehört, keinen +Glauben zu finden, wenn ich die Zahl angebe, die +ich jede und jede Nacht erlegt habe; ich will aber +die Sache erzählen, wie sie wirklich ist, und derjenige, +welcher je die Ufer des Mississippi nach mir +betritt und in dem flachen Lande, das an seinen +Ufern, zwischen diesen und den weiter zurückliegenden +Sümpfen liegt, jagt, wird finden, daß ich nicht übertrieben +habe, denn jene Massen können nicht vernichtet +werden.</p> + +<p>Die ungeheueren Schilf- und Sumpfdickichte dienen +der amerikanischen Waldschnepfe und Becassine +den Tag über, zum Aufenthalt, und mit Dunkelwerden, +wie bei uns, streichen sie in die offen +liegenden nassen Wiesen und Baumwollenfelder. Nun +könnte man sich zwar anstellen und sie auf dem +Strich schießen, denn <span class="wide">Tausende</span> schwärmen aus den +schützenden Büschen in's Freie; die Bäume sind aber +dazu zu hoch und eine viel bequemere, Kraut und +Blei sparende Jagd betreibt der Creole dort, zu dessen +Lieblingsgerichten die Schnepfe gehört. Auf ähnliche +Art habe auch ich <span class="wide">jede</span> Nacht — über sechs Wochen +hinter einander, gejagt, wobei ich selten und nur +dann, wenn das Wetter ungünstig war, nach zweistündigem +Umherwandern weniger als zwölf bis achtzehn +Schnepfen hatte.</p> + +<p>Die Schnepfe wird aber hier, wie der Hirsch im +Walde, bei Fackellicht geschossen. Mit eben solcher +Pfanne versehen, wie ich sie für die Feuerjagd des +Rothwildes beschrieben habe, betritt der Jäger Abends +nach Dunkelwerden, wenn der Wind nicht zu stark +bläst und der Mond nicht zu hell scheint, die feuchten +Wiesen. Ein Sack mit feingespaltenem Kienholz +hängt an seiner Seite oder wird besser von einem +ihm dicht folgenden Begleiter nachgetragen, der +dann auch das Wiederauflegen des herunter gebrannten +Kiens besorgen muß, um stets eine recht +helle, lebhafte Flamme zu unterhalten, und jetzt, in +der rechten Hand die leichte Doppelflinte, in deren +Rohren sich nur eine Viertelladung befindet, um die +kleine Schnepfe (sie sind bedeutend kleiner als bei +uns, den deutschen sonst aber ziemlich ähnlich) nicht +zu sehr zu zerschießen, wandert der Jäger leise und +höchst aufmerksam, das kurze Gras der Wiesen überschauend, +an kleinen, feuchten Gräben und nassen +sumpfigen Stellen entlang. Auf dreißig Schritt schon +kann er, wenn er eine recht gute Flamme führt, die +Schnepfe erkennen, die, entweder das Feuer gar +nicht beachtend, sorglos weiter läuft und den langen +Schnabel in den weichen Erdboden hineindrückt, oder +mit auf den Rücken gelegtem Kopf, den Schnabel vor +sich hinausstreckend, stehen bleibt und den Herankommenden +ruhig erwartet.</p> + +<p>Auf zehn bis zwölf Schritt habe ich gewöhnlich +geschossen und natürlich nur selten gefehlt, was aber +dennoch manchmal vorfällt, da das Feuer oft auf dem +hellen Lauf, den man bei einer Schrotflinte übersehen +muß, blendet, und man beim Abdrücken schon hinan +zu sein glaubt, die Schnepfe aber dennoch unterschießt. +Durch den Schuß oder auch durch den ihr zu nahe +auf den Leib rückenden Jäger aufgescheucht, steigt sie +mit schwirrendem Laute gerade in die Höhe, fällt aber +auch augenblicklich in einem kleinen Bogen und fast +stets noch im Bereich des Feuerscheins wieder ein, +und kann schnell auf's Neue gefunden werden.</p> + +<p>So wenig scheut sie die Flamme, daß viele Neger, +deren Herr ihnen nicht erlaubt, eine Flinte zu führen, +Nachts mit der Fackel und lang abgeschnittenen +Zweigen hinausgehen und sie zu Boden schlagen. +In der einen Ansiedelung, <i>Pointe Coupée</i> am +Mississippi, die sich etwa zwei englische Meilen in +das Land erstreckt und zwei und zwanzig englische +Meilen am Fluß hindehnt, werden doch in jedem +Jahre, (d. h. in den sechs Wochen, denn im +Herbst läßt sie sich nicht in den Wiesen sehen) wenigstens +10,000 Schnepfen und Becassinen erlegt +und theils nach New-orleans und in die kleinen +Städte auf den Markt gebracht, theils selbst verzehrt. +Bei dieser Nachtjagd, zwischen den zahlreichen +Lagunen der Niederung umher, schoß ich denn +auch sehr häufig dort eingefallene Enten, ja einmal +selbst eine wilde Gans, für die ich jedoch besonders +laden mußte; auch Kaninchen und Rebhühner, die +man in den Baumwollenfeldern auftreibt, halten, und +ich glaube gewiß, daß man eben dieselbe Jagd hier +in Deutschland, wenigstens auf Enten und Hühner, +betreiben könnte; denn Schnepfen sind doch dazu zu +selten; — es kommt natürlich nur einmal auf einen +Versuch an.</p> + +<p>Die Bewaffnung eines Bärenjägers in Arkansas, +der sich nicht fortwährend in drei und vier +Meilen um sein Haus herum treibt, sondern längere +Züge in die Waldung unternimmt und oft wochenlang +keine Wohnung, außer der, die er sich selber +aus Rindenstücken aufbaut, zu sehen bekommt, +ist etwa die folgende. Eine gute einläufige Büchse +und ein Bärenmesser — etwa 9 Zoll lang in der +Klinge und zwei und einen halben breit, mit der +gehörigen Schwere, um nicht allein kleine Lagerstangen, +sondern auch beim Zerlegen des Wildes +das Schloß ohne Mühe durchschlagen zu können, +dazu ein kleineres, kurzes Messer (Scalpirmesser) +ausschließlich für das Zerwirken und Essen bestimmt +und dann ein Tomahawk (indianisches Beil) im +Gürtel, um im Nothfall stärkere Bäume umhauen, +Kienholz spalten und ein tüchtiges Lager bauen zu +können, ist Alles, was er als Vertheidigungs- +und Angriffswaffen bei sich führt; zu seiner Bequemlichkeit +trägt er aber noch eine wollene Decke +zusammengerollt auf dem Rücken, und einen Blechbecher +an einem Henkel im Gürtel, um in diesem +Abends, wenn er seine Decke aufgespannt oder ein +Rindendach erbaut hat, etwas von dem gebrannten +Kaffee, den er in einem ledernen Säckchen in die +Decke gewickelt mit sich führt, erst mit dem Stiel +seines Tomahawks im Becher zu stoßen und dann +in diesem zu kochen.</p> + +<p>Die Bekleidung besteht fast ganz aus Leder, was +die Unzahl von dornigen Schlingpflanzen, die überall +den Wald durchziehen, nöthig machen. Ein ordentlicher +Jäger muß aber nicht allein sein eigener +Schneider und Schuster sein, sondern er gerbt auch +die Häute, die er verwenden will, selber, und nur +dann kann er sich in jenen gewaltigen Wäldern unabhängig +fühlen, wenn er aus sich selbst sich zu erhalten, +zu nähren und zu bekleiden vermag.</p> + +<p>Doch ich bin weitläufiger geworden, als im Anfang +meine Absicht war, und muß schließen, um +nicht zu breit und dadurch langweilig zu werden, +glaube aber in dieser kleinen Skizze einen ungefähren +Umriß von der nordamerikanischen Jagd, wie ich sie +durch sechsjährige Erfahrung und fast vierjährigen, +ununterbrochenen, praktischen Betrieb kennen gelernt, +gegeben zu haben. Die Jagd ist jedoch in den endlosen, +wilden Wäldern des noch neuen Landes kein +Vergnügen mehr, das man sich zur Erholung gestattet, +sondern es ist eine Arbeit, die, weil man +einmal darin ist und leben muß, vollzogen sein will, +verliert daher vieles von ihrer Annehmlichkeit.</p> + +<p>Dabei verringert sich, durch das rücksichtslose +Jagen, das Wild mit jedem Jahre, die Mühe wird +daher immer größer, der Erfolg immer weniger belohnend; +dennoch aber ist's ein eigenes herrliches Gefühl, +ganz so auf sich und seine eigene Kraft angewiesen +zu sein und frei, ungehindert wie der Vogel in der +Luft, den Wald durchziehen zu können. Hat dann +der einsame Jäger Abends sein Feuer angezündet, +sein schnell errichtetes Dach über sich ausgespannt, so ist +er auch zu Hause, denn der Wald ist ja seine Heimath +und jedes dichte Laubdach seine Schlafkammer.</p> + +<p>Wer freilich mit der Idee nach Amerika geht, +dort Geld zu verdienen, ja der soll um Gottes willen +die Flinte an den Haken hängen, denn wenn +er auch hören mag, daß die Gallone Bärenfett 1½ +Dollar gilt und ein recht tüchtiger, feister Bursche +oft funfzehn, ja zwanzig Gallonen mit sich trägt, so +ist das Alles recht schön und gut — er trägt sie +eben mit sich und der Jäger kann ihn vielleicht — +wenn er rechtes Glück hat — nach Monate langer +Jagd auffinden und erlegen, und dann ist er gewöhnlich +immer in einer Gegend, wo er vor allen Dingen, +wenn er das Fett wirklich auslassen kann, dieses in +erst gemachte Hirschhautschläuche füllen und dann +noch, wer weiß wie weit, zum Verkaufe transportiren +muß; Hirschdecken gelten im Sommer kaum acht bis +zwölf gute Groschen — das Wildpret hat fast gar +keinen Werth.</p> + +<p>Nein, zu verdienen ist nichts auf der Jagd; wer +jedoch einmal ein Paar Jahre seines Lebens dran +wenden will, nun dem bleibt in späteren Zeiten +wenigstens die Erinnerung. Es ist aber auch recht +so, denn wollte man das edle Waidwerk nur um +schnöden Gewinnstes willen treiben, wie im Norden +und Westen Amerika's die großen Pelzcompagnieen +thun, so würde es zum schändlichsten Morden herabgewürdigt +und verlöre all das Schöne und Männliche, +das ihm jetzt solch unendlichen Reiz verleiht. — </p> + +<p>Doch genug hiervon; ich habe aus meinem Leben, +nicht wie ich es von Anderen erzählen gehört +oder in Büchern gelesen, sondern wie ich es selbst +erfahren und beobachtet, das beschrieben, was in den +Urwäldern Nordamerika's innerhalb der vereinigten +Staaten lebt und gejagt wird, und bin ich ein wenig +weitläufiger dabei geworden, als es Manchem +recht erscheint, so mag er bedenken, daß ein Jäger, +der von seinen erlebten Jagden erzählt, selten das +Ende finden kann.</p> +<p> </p> +<hr class="narrow" /> +<p> </p> + +<h2><a name="ch3" id="ch3"></a>Curtis Brautfahrt</h2> + +<p>An dem kleinen Flüßchen »Fourche la fave,« das +sich dreißig Meilen überhalb Little Rock in den Arkansas +ergießt, lebte im Jahre 1841 ein Mann Namens +Jeremias Curtis.</p> + +<p>Er war noch, wie er selber sagte, in den besten +Jahren, etwa zwischen sechs und dreißig und vierzig, +und hatte erst vor zwei Jahren seine Frau an einem +hitzigen Fieber verloren, was Wunder also, wenn es +ihn mit dem erwachenden Frühling ebenfalls trieb, +die heiligen Bande der Ehe auf's Neue zu knüpfen, +da noch überdies drei unerzogene Kinder von vier, +sechs und sieben Jahren ihn mahnten, daß sie der +Mutterpflege bedürfen.</p> + +<p>Zur Wartung der Kleinen, wie zur Besorgung +der Wirthschaft, lebte indessen eine entfernte Verwandte, +ein armes, aber braves und auch wirklich +recht hübsches Mädchen, Namens Nancy, in seinem +Hause, und schon mehrmals war ihm der Gedanke +durch den Kopf gefahren, dieses zu heirathen und +dadurch jeder weiteren Sorge überhoben zu sein. +Jeremias Curtius war aber ein Mann, der nicht blos +für die Gegenwart lebte, sondern auch hinaus in die +Zukunft schaute, und da glaubte er denn vernünftiger +und zweckmäßiger zu handeln, wenn er sich eine +Frau wähle, die ihm nicht allein sich selbst, sondern +auch noch eine kleine Aussteuer zuführe, auf daß er +seine irdischen Güter, wenn er auch keinen Reichthum +begehrte, doch um ein Weniges vermehren +könne.</p> + +<p>»Zwar bedurfte er dessen nicht« (wie er sich +selbst vor seiner Hausthür auf- und abgehend, herzählte), +»er hatte, was er brauchte im Überfluß; +hier stand ein recht wohnliches Blockhaus, 18 bis +20 Fuß, wasserdicht gedeckt (die nordwestliche Ecke +ausgenommen, wo es hineinregnen <span class="wide">wollte,</span> er +mochte auch thun was in seinen Kräften stand) mit +einem guten Boden gelegt; daneben eine kleine Küche +und ein Rauchhaus mit »Massen von Fleisch«; +dabei neun Acker urbar gemachtes und eingefenztes +Land, und dicht daneben noch ein kleines Eckchen +für Rüben angefangen; zwei ausgezeichnet gute +Pferde; sieben und dreißig Stück Rindvieh, groß +und klein (und die viere eingerechnet, die ihm im +vorigen Frühjahr in die Arkansas Rohrbrüche +gegangen und noch nicht wieder gekommen waren); +einige vierzig Schweine (oder nur neun und dreißig, +wenn das <span class="wide">seine</span> Sau gewesen, die der Bär +in letzter Nacht gefressen); eine vorzügliche Stahlmühle; +vier Hemden, fünf paar Socken und drei +paar Beinkleider (zwei für den Sonntag und noch +ganz neu); einen Frack von Kenntucky Jeannet<a href="#fn5"><small><sup>5</sup></small></a>, +die beste Büchse im ganzen Revier, fünf Hunde, +und — die Hauptsache, einen kleinen Negerjungen +von circa neun Jahren, wie hundert und fünfzig +Dollar in baarem, harten Gelde — <span class="wide">harten +Gelde!</span>«</p> + +<p>Curtius wiederholte besonders die letzten Worte +verschiedene Male »<span class="wide">hartem Gelde</span> — keines von +Euerem lumpigen Arkansas-Papier-Geld — Arkansas-Real-Estate + — 72 pro Cent Discount — Puh!«</p> + +<p>»Aber Mr. Curtis, was haben Sie denn nur +heute vor? Sie wollen wohl bei der nächsten Wahl +eine Rede halten?« frug Nancy, die schon seit mehreren +Minuten in der Thür gestanden und ihm leise +kichernd zugeschaut hatte, wie er mit gewaltigen +Schritten am Ufer des kleinen, vor seinem Hause +vorbeifließenden Baches auf und abging, und lebhaft +dazu mit den Händen gestikulirte.</p> + +<p>»Hat der Braune gefressen?« frug aber Mr. +Curtis dagegen, indem er stehen blieb und sich nach +seiner Haushälterin umsah, ohne die lächelnde Bemerkung +weiter einer Antwort zu würdigen.</p> + +<p>»Vierzehn Kolben Mais habe ich ihm gegeben,« +erwiederte Nancy, »und Bob ist bei ihm stehn geblieben, +die Hühner vom Troge zu scheuchen; ich kann +übrigens noch einmal hingehn und zusehn, ob er fertig +ist und mehr verlangt.«</p> + +<p>Dabei sprang sie leicht über die dem Hause als +Stufen dienenden Klötze hinweg, und hüpfte mit +fröhlichen Schritten dem Futterkasten zu, wo das +Pferd, ein schönes, braunes Thier, die schon abgenagten +Kolben, die sogenannten <span class="wide">Kobs,</span> zerkaute, +und ungeduldig mit dem Vorderfuße den Boden +scharrte.</p> + +<p>»Nun Bill, bist du noch hungrig?« frug das +Mädchen, ihm dabei freundlich den Hals klopfend, +während Bill, dem die schmeichelnde Hand der Pflegerin +zu behagen schien, nur stärker scharrte und +mit dem schönen Kopfe auf- und niederfuhr — +»nun warte — ich hole dir noch ein paar Kolben« +und damit wandte sie sich dem Hause wieder zu, +wobei der Braune, ihre Absicht wahrscheinlich ahnend +und als Zeichen freudiger Beistimmung, hellauf +wieherte.</p> + +<p>Curtis hatte der schlanken, behenden Gestalt des +hübschen Kindes mit wohlgefälligem Blicke +nachgeschaut, aber ein ernstes, bedeutsames Kopfschütteln +verrieth doch, daß er seine ganz absonderliche Bedenken +dabei haben mußte, und auf's Neue trat er seinen, +kaum unterbrochenen Spaziergang an, wiederum vor +sich hinmurmelnd »einen kleinen, neunjährigen Neger +und hundert fünfzig harte Dollars — harte, silberne +Dollars.«</p> +<p> </p> +<p>»Gieb ihm nichts mehr zu fressen, Nancy,« rief +er da plötzlich, als er zum Hause aufblickte und Nancy +mit dem nachträglichen und dem Braunen extra versprochenen +Mais aus der Thüre treten sah — »ich +will fortreiten — hol' mir einmal die Decke aus dem +Rauchhaus — und reich' mir den Zügel heraus — +er liegt unter meinem Bett.«</p> +<p> </p> +<p>Nancy that wie ihr befohlen, und bald darauf +hatte Jeremias Curtis seinem keineswegs ganz damit +einverstandenen Pferde den Zügel an und den +Sattel aufgelegt, schnallte sich dann einen äußerst +blank gescheuerten Sporn an den linken Fuß, fuhr +einige Male mit dem Ellenbogen über den etwas +abgetragenen Biber, und schien bei dieser Beschäftigung +wieder in tiefes, tiefes Nachdenken zu versinken. +Plötzlich aber mußte ein großer Entschluß +in seiner Seele gereift sein, denn mit gewaltiger +Energie drückte er sich den Hut — fast etwas zu +tief — in die Stirn, schwang sich in den Sattel, +trabte bis vor die Hausthür, und blieb hier halten, +wo er Nancy, die ihn verwundert betrachtete, genau +fixirte.</p> + +<p>»Nancy«, sagte er endlich — »ich will ausreiten.«</p> + +<p>»Und in Ihren »Geh-zur-Kirche-Kleidern«?«</p> + +<p>»Ja Nancy, und — wenn ich vielleicht — es +könnte sein, daß ich — ich setze den Fall ich käme + — nun Nancy«, brach er kurz ab, »räume das +Haus hübsch auf und kehre Alles fein sauber ab; + — wir — wir bekommen vielleicht — Besuch!« +und dem Thiere den linken Hacken einbohrend, setzte +er über den Bach, und trabte schnell die am Fluß +hinaufführende Straße, am Fuß der mit Kiefern bedeckten +Hügel, fort.</p> + +<p>Nancy schaute ihm, bis er hinter den Bäumen +verschwunden war, lächelnd und kopfschüttelnd nach, +dann aber drehte sie sich lachend auf dem Absatz herum, +und schmunzelte, in das Haus zurücktretend:</p> + +<p>»Nun wenn <span class="wide">der</span> nicht Freiersgedanken im Kopfe +hat, dann will ich nicht Nancy heißen. Viel Glück, +Mr. Curtis, viel Glück! Neugierig bin ich aber +doch, wo er hinreitet; dort oben wohnen zwar viele +Mädchen, am Fluß hinauf — sollte er wohl nach +Trumbells? die haben zwei Töchter — ih« — lachte +sie kurz abbrechend und ihre Arbeit am Baumwollen-Spinnrad +wieder beginnend — »ich werd's schon +erfahren; morgen führt er ja wahrscheinlich seine +Auserwählte heim.«</p> + +<p>Jeremias Curtis ritt indessen mit leichtem, fröhlichem +Herzen die Straße entlang, und stimmte endlich, +in einem Ausbruch seiner nicht mehr zu bändigenden +und zurückzuhaltenden Gefühle, eine weit +hinausschallende Hymne an, so daß mehrere Hirsche, +die friedlich an der Straße geäßt, entsetzt und mit +mächtigen Sprüngen in's Dickicht flohen. Wenig +aber kümmerte dies den Freiersmann; er war Einer +von den Menschen, die sich Monate, Jahre lang mit +einem Plan oder Entschluß herumquälen können, +ohne ihn zur Reife oder Ausführung zu bringen, die +aber, nur erst einmal mit sich selbst im Klaren, ruhig +in die Zukunft hinaussehen und den lieben Gott für +das weitere sorgen lassen.</p> + +<p>Im besten Mannesalter, sah er — Nancy hatte +ihm das selbst mehr als einmal versichert — gar +nicht so übel aus; besonders wenn er Sonntags +seine »reinen Sachen« angezogen. Nun wollte ihm +zwar seine übergroße Bescheidenheit den Einwurf +machen, daß ihn Nancy mit ein wenig zu partheiischen +Augen betrachte, dann aber blickte er links am Pferd +hinunter auf seine stattlichen, wohlproportionirten +Gliedmassen, dann wieder rechts, nickte dazu lächelnd +mit dem Kopf, murmelte »einen kleinen Neger und +hundert und fünfzig Dollars in baarem, harten +harten Geld,« und begann mit lauterer, stärkerer, +ja recht herzfreudiger Stimme den geistlichen Gesang +auf's Neue.</p> + +<p>Mehrere Stunden mochte er also in der reinen, +klaren Frühlingsluft fortgetrabt sein, als ihm aus +der Ferne das helle Dach eines Blockhauses entgegenschimmerte, +und er sich dem Ziele seiner Wanderung +näherte; anstatt aber dem Pferde den Sporn +einzudrücken, und im fröhlich kühnen Galopp vor +die Thür der Auserwählten zu sprengen, ritt er +langsam seitwärts vom Wege ab in das Gebüsch +hinein; stieg ab und begann jetzt mit außerordentlicher +Sorgfalt seine Toilette in Ordnung zu +bringen.</p> + +<p>Ein kleiner Spiegel wurde mit seinem spitzen +Messer — das er in einer ledernen Scheide im Gürtel +trug — an einem Baum befestigt, dann förderte er +einen Kamm und eine kleine Bürste ebenfalls aus der +Tiefe der fast unergründlichen Rocktasche zu Tage und +striegelte und bügelte nun das widerspenstige Haupthaar +sorg- und aufmerksam.</p> + +<p>Mr. Trumbell, auf dessen Land und unfern von +dessen Haus er sich jetzt befand, hatte zwei allerliebste +Töchter, zwar noch ein wenig jung für einen +Mann in seinem Alter, denn die älteste zählte erst +achtzehn Jahr; leicht überredete er sich aber, daß +sein noch so rüstiges, jugendliches Aussehen, und +sein »kleiner neunjähriger Neger, wie die hundert +und fünfzig Dollars« sehr zu seinen Gunsten sprechen +würden, ja sprechen mußten, und mit wirklichem +Wohlgefallen nahm er jetzt den Spiegel in die +Hand und hielt ihn bald dicht vor die Augen, bald +in etwa Armeslänge von sich entfernt, um ungefähr +den Eindruck zu berechnen, den, wie er hoffte, +sein erstes Erscheinen auf die Mädchen hervorbringen +sollte.</p> + +<p>Aber gar nicht mit seinen Plänen harmonirend, +stahlen sich hie und da einzelne graue Haare sowohl +aus dem Backenbart als auch aus den Schläfen hervor, +und emsig war er eben bemüht, die unwillkommenen +Boten eines ehrwürdigeren Zeitalters mit +sicherer Hand und spitzen Fingern zu erfassen und +herauszureißen, als plötzlich das helle Gelächter zweier +silberreinen Mädchenstimmen an sein Ohr schlug, und +er, entsetzt sich wendend, in die vor ausgelassener +Freude funkelnden Augen eben dieser beiden Schönen +blickte von denen er sich Eine zum ehelichen Gemahl +ausersehen.</p> + +<p>Hätte das ruhig neben ihm grasende Pferd ihn +mit einem freundlichen »guten Morgen Mr. Curtis« +angeredet, oder der Spiegel, der jetzt seiner zitternden +Hand entfiel, ihm ein scheußliches Fratzengesicht +gezeigt, als er hineinschaute und seine eigenen, wohlgebildeten +Züge darin zu finden erwartete, oder die +alte Eiche, unter der er stand, die Riesenarme über +den Kopf zusammengeschlagen und sich die Wurzeln +selber wie einen Zahn ausgezogen, er würde nicht +so starr vor Schrecken, so völlig wie eine ungesalzene +Madame Lot dagestanden haben. Nicht einmal +die unbedeutendste Begrüßungsformel wollte über die +Lippen, und mit weit aufgerissenen Augen und noch +weiter geöffneten Lippen blieb er in der einmal eingenommenen +Stellung, und blickte bald auf diese, bald +auf jene Schwester.</p> + +<p>»Aber Mr. Curtis,« begann jetzt die Älteste der +Beiden, die sich zuerst wieder genug gesammelt hatte, +um reden zu können, »läßt Ihnen denn Nancy zu +Hause gar keine Ruhe, daß Sie soweit in den Wald +hinein müssen, um Ihre Toilette zu machen?«</p> + +<p>»Mr. Curtis will unter die Indianer gehen,« +fiel die Schwester, immer noch mit vom Lachen unterbrochener +Stimme ein — »er übte sich schon im +Bartausraufen, und ich bin fest überzeugt, daß er +in derselben Tasche, aus der er schon so viele andere +Sachen hervorgeholt hat, auch noch die Kriegsfarben +trägt.«</p> + +<p>»Das ist möglich,« kicherte Lucy — »dort im +Baum steckt sein Scalpirmesser.«</p> + +<p>»Aber bester Mr. Curtis,« sagte Betsy mit +scheinbarer Besorgniß, »dann müssen Sie ja auch +<span class="wide">tanzen,</span> und da Sie doch jetzt erst zu den Methodisten — «</p> + +<p>»Miß Lucy — Miß Betsy,« stammelte in höchster +Verlegenheit der arme Curtis — »ich — ich habe +einen kleinen Neger und hundert fünfzig Dollar — «</p> + +<p>»Ah Sie werden ein Häuptling!« jubelte Betsy, +»ich sehe Sie schon im Geist mit der Scalplocke +und dem blutigen Tomahawk im Gürtel — buntbemalt, +wehende Adlerfedern auf dem Haupte, die +ausgefranzten Leggins von dem flatternden Haarschmuck +der erlegten Feinde umweht — Brrrrr« fuhr +sie schaudernd fort, »was Sie schon für wilde Blicke +nach uns schießen;« und wiederum fingen die Mädchen +an zu lachen, daß der Wald tönend das helle +Echo zurückgab.</p> + +<p>Der arme Curtis aber, die Zielscheibe dieses unerbittlichen +Spottes, stand keineswegs mit wildem +Blick, sondern mit höchst kläglicher, erbarmenswerther +Miene da, und überlegte eben, mit welcher Wonne +er in einen zwei hundert und fünfzig Fuß tiefen +Brunnen oder in eine unergründliche Felsspalte hineinfahren +könne, um nur hier, von dieser für ihn zum +Marterpfahl gewordenen Stelle fortzukommen, denn +aller Muth, auch nur eine Sylbe über die Absicht +seines Besuches laut werden zu lassen, war ihm jetzt +entfallen. Endlich aber faßte er sich ein Herz, hob +mit einer schnellen und geschickten Bewegung den ihm +vorhin entfallenen Spiegel wieder auf, ließ ihn in die +Tasche gleiten, und frug jetzt, mit halb trotzigem, +halb kläglichem Gesicht die Schwestern, was sie um +des Himmels willen im Walde, hier an dieser einsamen +Stelle allein zu thun hätten.</p> + +<p>»Wenn wir nun grausam wären,« sagte Lucy, +»könnten wir Ihnen das zu rathen aufgeben, so +aber wollen wir Mitleiden mit Ihnen haben, und +Sie in unser Geheimniß einweihen. Sehen Sie +den Waschkessel da unten? sehen Sie das freundliche +Gesicht Jessina's?«</p> + +<p>Und Curtis sah das freundliche Gesicht Jessina's, +denn nicht zwanzig Schritt von da entfernt, grinste +ihm, zwischen ein paar blühenden Dogwoodbüschen +hindurch, das breite, schwarze Antlitz eines kleinen, +vierschrötigen Negermädchens entgegen, das seine Arbeit +verlassen hatte und kichernd zwei Reihen der reinsten, +weißesten Perlzähne zeigte, die je unter einer Negerin +Lippe hervorschimmerten.</p> + +<p>»How de do, Massa?« nickte ihm die Kleine +freundlich zu, und der fromme Curtis hatte schon einen +höchst gotteslästerlichen Fluch auf den Lippen, doch unterdrückte +er ihn noch zur rechten Zeit, starrte einen +Augenblick vor sich nieder, und war im Begriff, sein +Pferd zu besteigen und den Ort zu fliehen, wo er +unter für ihn so mißlichen Umständen empfangen +worden. Da aber siegte der Verstand des ruhigen +besonnenen Mannes.</p> + +<p>Nein — Mr. Trumbell war sehr wohlhabend, +und nicht allein hier, sondern auch im Oiltrovebottom, +am Whiteriver, hatte er nicht unbeträchtliche +Strecken Land, das am Fourche la fave jedoch, seiner +gesünderen Lage wegen, zum Aufenthaltsort gewählt. +Dabei viel Vieh — sehr viel Vieh und — was +das bedeutendste war, eine ganze Colonie von Negern +und besonders von sehr hübschen Negermädchen. +Jeremias dachte an seinen eigenen jungen Sprößling +aethiopischer Race — romantische Gebilde von +fabelhaft großen Baumwollenplantagen mit unzähligen +Negersclaven jagten an seiner inneren Seele +vorüber — jedes der beiden vor ihm stehenden Mädchen +war wenigstens zweitausend Dollar werth — +er drückte sich den Hut etwas fester auf den Kopf. +Jetzt war der Zeitpunkt gekommen. Die Mädchen +schienen ihr Betragen zu bereuen — sie flüsterten +leise und ernst zusammen — sie wußten, daß sie ihm +durch ihren Spott weh gethan haben mußten — Reue +kam vielleicht dem, was er ihnen sonst noch bieten +konnte, zu Hülfe; auf keinen Fall dürfte die kostbare +Zeit versäumt werden, und Lucy sollte erfahren, daß +es in ihrer Macht stehe, ihn zum Glücklichsten der +<ins title="original has Sterblichsten">Sterblichen</ins> zu machen.</p> + +<p>Er setzte den rechten Fuß vor und hob den linken +Arm auf — der Augenblick der Entscheidung +war da.</p> + +<p>Lucy wandte sich gegen ihn und sagte bittend:</p> + +<p>»Nicht wahr, Sie sind nicht böse, wenn — «</p> + +<p>»Mein Fräulein,« unterbrach sie mit freudiger +Stimme der neue Hoffnung schöpfende Freier, — wie +können Sie nur glauben, daß ich — ich habe — «</p> + +<p>»Wenn ich eine Frage an Sie richte — « fuhr +Lucy, ohne die Unterbrechung zu beachten, fort — +»Betsy und ich haben miteinander gestritten — Betsy +meint, Sie hätten sich die einzelnen Haare aus +Verzweiflung ausgerissen, ich behaupte aber, Sie wollten +ihrer Geliebten eine Locke mitbringen. Nicht wahr, +ich habe Recht?«</p> + +<p>Das war zu viel für den armen Curtis! er verschluckte +die schon halb begonnene Anrede, steckte das +Messer in den Gürtel, faßte sein Pferd am Zügel, +hielt aber noch einmal und warf einen letzten, fragenden +Blick auf die Schönen. Diese aber waren indessen +in ein lautes Kichern ausgebrochen, das in dem blühenden +Dogwoodbusch ein schallendes Echo fand, und +ein paar blaue Heher, die gerade über der kleinen +Versammlung auf dem jungen Aste eines jungen +Sassafras saßen, stimmten mit ihren schmetternden, +plappernden Stimmen ein in den Lärm. Curtis saß +mit einem Sprung im Sattel.</p> + +<p>»Good bye Ladies!« rief er mit lauter, trotziger +Stimme, und als ob er hinter einem alten Bären +her auf flüchtiger Hetze den Wald durchrase, so flog +er, über mehrere gestürzte Stämme hinweg, der mit +so frohen Hoffnungen verlassenen Countystraße wieder +zu.</p> + +<p>Vergebens riefen ihm jetzt die Mädchen nach, +zum Hause zu reiten und bei ihren Eltern zu übernachten, +vergebens versprach Lucy ihn nicht zu necken +und keine Sylbe des Vorgefallenen zu erwähnen, +er hörte nichts von ihren versöhnenden Worten, +und nur das spöttische (ihm <span class="wide">teuflisch</span> vorgekommene) +Lachen tönte und klingelte ihm noch in den +Ohren, als er schon mehrere Meilen in scharfem +Trabe zurückgelegt, und nun endlich anfing, die Sache +ruhig zu überdenken.</p> +<p> </p> +<p>»Verdammt!« rief er, und zügelte den Eifer des +schäumenden Thieres ein wenig, indem er sich zugleich +erschrocken umsah, ob Niemand den gotteslästerlichen +Fluch gehört habe, »kann ein einzelner +Mensch größeres Unglück auf der weiten Gotteswelt +haben, als ich an diesem gesegneten Morgen +genossen? Aber gut — gut — spottet nur, lacht nur, +meine Miß Lucy und meine Miß Betsy, verhöhnt +nur den aufrichtigen Freier, der sich Euch mit treuem +Herzen naht, Ihr werdet's schon noch einmal bereuen +und dann will ich triumphiren; dann ist mein kleiner +Neger groß geworden, mein baares Geld, meine +hundert und fünfzig harten Dollars haben sich vermehrt, +und die Zeit möchte kommen, wo Ihr Euch +lieber Mistres Curtis als Miß Lucy oder Miß Betsy +nennen hörtet.«</p> +<p> </p> +<p>Er hatte sich bei den letzten Worten im Sattel +umgedreht, und hob drohend den rechten Zeigefinger +nach der Richtung hin auf, aus der er eben gekommen +war. Seine Selbstliebe trug aber endlich den +Sieg über die gekränkte Eitelkeit davon, ein mitleidiges, +fast höhnisches Lächeln umspielte für einen +Augenblick seine Mundwinkel, und sich dann fester +im Sattel setzend, preßten seine Schenkel auf's Neue +die Flanken des edlen Thieres, das mit ihm in langen +Sätzen über die felsige Straße dahinflog.</p> + +<p>Das nächste Haus, das jetzt in seinen Augen +einigen Werth hatte — denn diejenigen Farmen, auf +denen keine jungen Mädchen lebten, existirten gegenwärtig +gar nicht für ihn — gehörte einem Leidensgefährten, +einem Wittwer, Namens Ewis; der Magnet +aber, der ihn dorthin zog, war des alten Ewis +einziges Töchterlein, ein liebes, holdes Mädchen, +schlicht und einfach, doch brav und häuslich erzogen, +und eine amerikanische Jungfrau im reinsten +und vollsten Sinne des Wortes. Darum war übrigens +Curtis nicht gleich von allem Anfang hierhergeritten, +weil — die Neger fehlten. Ewis konnte +mit zu den wohlhabenderen Farmern gerechnet werden, +seine Heerden weideten in allen Theilen der +weitverbreiteten Rohrbrüche, sein Land trug herrliche, +reichliche Frucht, und es gab in einem nicht geringen +Umkreis keinen gutmüthigeren und zugleich rechtlicheren +alten Mann, als eben ihn; aber die Neger fehlten, +und Curtis hatte deßhalb Lucy und Bet — +aber nein, er wollte gar nicht mehr an die Mädchen +denken — sie verdienten es nicht.</p> + +<p>Jetzt hatte er die äußersten Fenzen erreicht; im +Osten wurden schon an dem erdunkelnden Nachthimmel +einzelne, blitzende Sterne sichtbar, und nur +im Westen verrieth ein schmaler bleicher Streif die +geschiedene, schlummernde Sonne; aber dort wirkte +und schaffte noch reges Leben; die Hunde bellten, +die Kühe blökten, eine feine Kindesstimme rief das +lockende »Huph — huph« in den Wald hinaus, und +dazwischendurch schallten die eintönigen Schläge der +Axt, die noch Feuerholz für die kühle Nacht herbeischaffen +mußte.</p> + +<p>Gleich darauf betrat er den inneren, von den +verschiedenen Feldern und Gebäuden eingeschlossenen +Raum, der gewissermaßen als Hof gelten konnte, +und fand sich bald darauf, von fünf bellenden heulenden +Rüden umgeben, vor einem einstöckigen, aber +ziemlich hochgiebligen Blockhaus, aus dessen Innerem +ihm schon ein freundlich gemüthlicher Lichtglanz, +Wärme und Geselligkeit versprechend, entgegenleuchtete.</p> + +<p>»Hallo Curtis!« rief der alte Ewis, als er den, +wenn auch etwas fernwohnenden »Nachbar« erkannte, +während er im Holzhacken einhielt und dem Ankommenden +entgegentrat, — »das macht Ihr gescheidt, +daß Ihr Euch endlich einmal sehen lasset; habt mir's +lange genug versprochen. Komm Bill — nimm das +Pferd und führ' es in den Stall; jag' nur die anderen +hinaus, die haben jetzt gefressen, und wir +brauchen sie morgen doch nicht; tretet ein; laßt nur +den Sattel sein, Bill wird schon auf Alles Acht +geben.«</p> + +<p>Curtis athmete hoch auf — in der Thür der +Hütte stand Anna, das holde liebe Kind, und +lächelte ihm so freundlich entgegen, daß er vor lauter +seligen Gedanken des Vaters Hand gar nicht +wieder losließ. Er stieg aber vom Pferd, schüttelte +die dargebotene Rechte des Alten recht derb und herzlich, +und trat mit klopfendem Herzen in's Haus, wo +er der Jungfrau nach alter wackerer Sitte die Hand +zum Gruß bot.</p> + +<p>»Nun, Curtis, wie gehts?« fragte Ewis, als sie +sich zusammen zum Feuer gesetzt hatten und der +Freiersmann emsig beschäftigt war, mit seinem Genickfänger +einen Span zu zerschneiden, — »wie +steht Euer Mais? schon gepflanzt? habt wohl fruchtbares +Wetter abwarten wollen? ja s'ist merkwürdig +trocken dieses Jahr.«</p> + +<p>»Nicht so ganz — wenigstens nicht bei mir,« +erwiederte Curtis, dem es war, als ob ihm das +Herz die Brust zersprengen müsse, denn Anna stand +dicht neben ihm und holte die blankgescheuerte Kaffeekanne +zum am Feuer brodelnden Abendessen vom +Gesims herunter — »mein Feld liegt, wie Ihr +wißt, ein wenig tief, im Thalland d'rin — neun +Acker urbar gemachtes Land und daneben noch ein +kleines Stückchen für Rüben — eine schöne Fenz, +drum — «</p> + +<p>»Ja, ja, s'ist gutes Land, kann's aber doch mit +meinem hier nicht aufnehmen.«</p> + +<p>»Mr. Ewis«, entgegnete Curtis etwas pikirt +(denn das heißt einem Ansiedler der westlichen Staaten +an's Herz gegriffen, wenn man behauptet: entweder +besseres Land, ein schnelleres Pferd, eine +sichere Büchse oder tüchtigere Hunde zu haben), +»Mr. Ewis, mein Land wurde durch die Feldmesser +ausgesucht, und für das fruchtbarste im ganzen +County erklärt; überdies habe ich noch ein recht gutes +Wohngebäude, ein Rauchhaus, eine kleine +Küche — «</p> + +<p>»Haben Euch denn die Eichhörnchen und Truthühner +dies Frühjahr viel Saat weggefressen? ich +mußte an den Fenzen herum schon wenigstens zwei +Mal nachpflanzen.«</p> + +<p>»Das war bei mir nicht so bedeutend«, entgegnete +Curtis, auf's Neue die Gelegenheit ergreifend, +all sein bewegliches und unbewegliches Eigenthum +im besten Lichte erscheinen zu lassen; »Ihr wißt, ich +habe einen kleinen Neger, und der muß gehörig +aufpassen; es ist sehr angenehm, einen kleinen Neger« + — er sah sich schnell um, denn er konnte fast +darauf schwören, es hätte Jemand hinter ihm gekichert, +Anna stand aber ganz ernsthaft am Tisch, und +war emsig beschäftigt, die Messer und Gabeln zu +ordnen, und weiter sah er Niemand im Zimmer — +»kleinen Neger zu haben«, fuhr er nach kurzer Pause +in der unterbrochenen Rede wieder fort; »dabei die +hundert und funfzig — «</p> + +<p>»Wie ist's denn mit dem Brunnen geworden, +den Ihr wolltet graben lassen? oder trinkt Ihr noch +immer aus dem Bach? wenn ich Nancy wäre, ließ +ich mir das gar nicht gefallen; im Sommer ist's ein +schauderhaftes Getränk.«</p> + +<p>»Oh bewahre — ich nahm Mowers Jim auf +vierzehn Tage in Arbeit, und da ich doch hundert +und sechszig Dollars in baarem, hartem Gelde liegen +hatte, so wendete ich gleich zehn daran, diese wirklich +nothwendige Arbeit gethan zu bekommen.«</p> + +<p>»Hm«, sagte Mr. Ewis, und schaute den redseligen +Curtis, während er mit dem Daumen und +Zeigefinger der linken Hand die Unterlippe beobachtend +zusammenkniff, forschend an. Zum ersten mal +schien die Ahnung der Absicht seines Besuchs in ihm +aufzudämmern. Zu jetziger Zeit war Alles eifrig in +den Feldern beschäftigt, und Curtis hatte mitten in +der Woche seine Sonntagskleider angezogen und sich +zu ihm verfügt, blos um bei ihm zu übernachten. — </p> + +<p>»Hm« — sagte er dann noch einmal, und sah +forschend bald seine Tochter, bald Curtis an, der, als +er dies bemerkte, feuerroth wurde und mit eisernem +Fleiße an seinem Spahn fortschnitzte.</p> + +<p>Einige Minuten lang überlegte sich der Alte die +Sache, und schien das <i>pro</i> und <i>contra</i> bedeutend +in Betracht zu ziehen; endlich mußte aber doch wohl +das <i>pro</i> den Sieg davon getragen haben, denn er +stand auf, und verließ, unter dem Vorwand, nach +den Pferden zu sehen, das Haus. Curtis war +auch wirklich gar keine so üble Parthie! er hatte +was er brauchte, ja von diesem wohl mehr als sieben +Zehntel der übrigen Ansiedler, und die kleine, +am Fourche la fave freilich ziemlich bekannte Eigenheit, +daß er immer von seinem kleinen Neger erzählte, +durfte, wie der Alte meinte, bei einem Mädchen +auch weiter keinen Unterschied machen, wenn der +Mann nur sonst brav und gut wäre.</p> + +<p>Curtis, der nicht einmal diese Eigenschaft <span class="wide">gegen</span> +sich, wohl aber alle die andern <span class="wide">für</span> sich kannte, +merkte gar bald, wenn er auch sonst gerade keine +übermäßigen Verstandeskräfte besaß, daß er den Alten +auf seiner Seite habe, und beschloß nun mit der +Tochter die Sache ebenfalls schnell in's Reine zu +bringen. Wie er aber allein mit ihr war, verließ +ihn auf ein Mal aller Muth; es war ihm, als ob +ihm Jemand mit zwei Fingern die Nase, und mit +der ganzen Hand die Kehle zuhielte, und er nun mit +jedem Augenblick ersticken müsse. Anna brach auch +endlich zuerst das ihm wenigstens peinlich werdende +Schweigen und frug ganz unbefangen:</p> + +<p>»Wie befindet sich Nancy, Mr. Curtis? warum +kommt sie nicht einmal herauf zu uns; sie hat es mir +doch schon so oft versprochen.«</p> + +<p>Curtis rückte eine Weile auf dem Stuhl umher, +faßte sich aber endlich ein Herz und frug das junge +Mädchen mit einem seiner zärtlichsten Blicke:</p> + +<p>»Wie wär's, Miß Ewis, wenn Sie dafür einmal +Nancy besuchten, vielleicht gefiel Ihnen der Ort?«</p> + +<p>»Nancy muß erst zu mir kommen,« sagte Anna, +»sie hat es versprochen.«</p> + +<p>Eine lange Pause entstand jetzt, bis endlich der +zaghafte Werber auf's Neue das Wort nahm und +die Unterredung mit einem leisen:</p> + +<p>»Es ist heute schönes Wetter« wieder anzuknüpfen +suchte.</p> + +<p>»Ja!« sagte Anna.</p> + +<p>Curtis sah sich im ganzen Hause um, und seine +Augen flogen bald über die an der Wand hängenden +Kleider, bald über die im Schornstein angebrachten +Speckseiten, und haftete endlich wieder auf +Anna's schlanker Gestalt, die an das Feuer getreten +war, um nach dem beigestellten Maisbrod zu +sehen.</p> + +<p>»Miß Anna!« sagte Curtis.</p> + +<p>»Mr. Curtis?« frug Anna, sich nach ihm umdrehend.</p> + +<p>»Ich muß Ihnen nur gestehen«, stotterte der +Freier, »daß ich einzig und allein darum hierher gekommen +bin, um — um Sie — um mich bei Ihnen + — bei Ihnen zu erkundigen, — ob Sie — «</p> + +<p>»Ob ich?« — fragte das Mädchen, den neugierig +lächelnden Blick fest auf ihn gerichtet.</p> + +<p>Er war so schön im Zuge gewesen, wie er ihr +aber wieder in das dunkle Auge sah, das ihn so +schelmisch, und doch auch so — er wußte selbst nicht +wie, so — so trotzig anblickte, da verließ ihn auf's +Neue sein Selbstvertrauen, und er stammelte, nach +einigen vergeblichen Versuchen, die Fassung wieder zu +gewinnen, auf das Fleisch deutend — </p> + +<p>»Haben Sie das selber geräuchert?«</p> + +<p>Wohl zwei Minuten mußte er aber auf die +Antwort warten, denn so lange dauerte es, ehe sich +Anna erholen konnte, die bei den letzten Worten in +ein fast nicht zu beschwichtigendes Lachen ausgebrochen +war.</p> + +<p>»Und deßhalb also sind Sie die zwölf Meilen +geritten?« frug sie endlich mit noch thränenden Augen, +»blos um sich zu erkundigen, ob ich das Fleisch +geräuchert hätte? o bester Mr. Curtis, das hätten +Sie bequemer haben können, Nancy war dabei, wir +haben es zusammen eingesalzen.«</p> + +<p>Curtis wurde leichenblaß — er wußte, sein böses +Geschick arbeitete jetzt an seinem Verderben; dieselbe +Sehnsucht nach irgend einer noch unentdeckten +Felsspalte oder nach einem bodenlosen Abgrund erfaßte +ihn — </p> + +<p>»Ich habe einen kleinen Neger — «</p> + +<p>»Und hundert und fünfzig Dollar in baarem, +hartem Gelde,« kicherte Anna. »Nancy hat mir das +mehr als zwanzig Mal erzählt.«</p> + +<p>»Kinder, was habt Ihr denn?« sagte der alte +Ewis, der durch das Gelächter angelockt, in die +Thüre trat. »Ihr seid ja ungemein lustig — ich +glaubte — «</p> + +<p>»O Vater, denke Dir nur — « lächelte Anna — +aber ein flehender Blick des Unglücklichen traf sie, +und dem konnte sie nicht widerstehen. Sie hatte Curtis +Absicht bei seinem ersten Eintritt gemerkt, denn +wenn ein lediger Mann an einem Wochentage, noch +dazu in so nöthiger Arbeitszeit, und in seinen besten +Kleidern, mit dem besten Sattel auf dem Pferd, auf +einer Farm übernachtet, wo junge, heirathsfähige +Mädchen sind, da wird und kann fast stets ein +Heirathsantrag vorausgesetzt werden. Curtis war +aber überdies noch in der ganzen Ansiedlung schon +gewissermaßen <span class="wide">prophezeit</span> worden, da er einige +dunkle Worte hatte fallen lassen, was wie ein Lauffeuer +von Farm zu Farm geflogen. Bei Steppdecken- +und Klötzerollfesten hatten die jungen Mädchen +auch schon zusammengekichert und gelacht, welche +von ihnen die Glückliche sein werde, der »der kleine +Neger und die hundert fünfzig Dollar« zuerst angeboten +würden. Auf diese Art war gewissermaßen ein +Complott gegen den armen Mann entstanden, und +er glich jetzt einem Menschen, der wohlvermummt +und verlarvt auf einem Maskenball umherwandert, +fest überzeugt ist, daß ihn Niemand erkennen kann, +und hinten auf dem Rücken, durch irgend eine +boshafte Hand angeheftet, seine eigene Visitenkarte +trägt.</p> + +<p>Anna fürchtete aber fast, den Scherz zu weit +getrieben zu haben, lenkte also ein, speiste den Vater +mit einer ausweichenden Antwort ab, und war dann +sehr beschäftigt, das Abendessen herzurichten und aufzutragen, +wich aber sorgfältig jeder Erklärung von +Curtis Seite aus, ja ging sogar ebenfalls hinaus, +als sie merkte, daß sie der Vater nach Tische auf's +Neue mit dem jungen Manne allein lassen wollte, +und überzeugte die beiden Herren der Schöpfung gar +bald, daß sie auf die Pläne, die sie zu brüten beliebten, +nicht einzugehen gesonnen sei.</p> + +<p>Curtis verzehrte sein Abendbrot sehr traurig — +es war ihm, als ob ihm die Bissen im Munde +stecken blieben, er verbrannte sich zweimal den Mund +und nahm einen Löffel voll Senf statt braunem +Zucker in den Kaffee; die Mahlzeit wurde auch sehr +abgekürzt — der alte Ewis führte allein das Wort, +erzählte ein paar lange Geschichten von einer Kuh, +die ein Panther gefressen haben sollte und die nachher +wieder plötzlich zum Vorschein gekommen war, +und endlich konnte sich Curtis zurückziehn und sein +stilles, einsames Lager suchen.</p> + +<p>Sinnend verträumte er einen Theil der Nacht, +aber auch frischen, neuen Lebensmuth sog er aus +diesen Träumen. Weshalb sollte er sich bei dem +zweiten, eigentlich nur <span class="wide">ersten</span> Versuche abschrecken +lassen, denn bei Trumbells war er ja nicht einmal +an's Haus geritten. Nein — noch gab es mehr +und recht hübsche Mädchen in der Ansiedlung, und +solche auch wahrscheinlich, die seinen eigenen Werth, +wie den seines kleinen Negers und seiner hundert und +fünfzig Dollar zu schätzen wußten, ohne des anderen +Eigenthumes zu gedenken.</p> + +<p>Fest entschlossen also, den Muth nicht sinken zu +lassen, hüllte er sich dicht in die weiche Steppdecke +ein und Gott Morpheus nahm ihn sanft in seine +Arme.</p> + +<p>Am nächsten Morgen war er schon vor Tagesanbruch +auf und besorgte sein Pferd; dringende Geschäfte +riefen ihn, wie er dem alten Ewis sagte, noch +weiter am Fourche la fave hinauf, und Miß Anna +nur einen guten Morgen durch die Thüre zurufend; +als er, schon im Sattel, am Hause vorbeiritt, drückte +er dem alten Manne herzlich die Hand und sprengte +auf der Countystraße weiter.</p> + +<p>»Nein Curtis,« sprach er aber dabei mit sich +selber, »wegwerfen thust Du Dich auch nicht; bitten +und betteln ist Deiner unwerth, Du bist ein ordentlicher +Kerl und hast« — er griff plötzlich dem Pferd +in den Zügel und hielt in seinem Selbstgespräch und +im Reiten an. Ein Gedanke durchzuckte ihn — »ich +glaube, Miß Anna hat sich über meinen kleinen Neger +lustig gemacht — sie lachte auf eine höchst unanständige +Art, als ich ihn erwähnte — nun gut,« +fuhr er, dem Braunen den linken Sporn wieder eindrückend, +fort, indem dieser einen, der Anreizung entsprechenden +Seitensatz that, und dann pfeilschnell mit +ihm unter den thauträufelnden, duftigen Zweigen +davonflog, »nun gut — wir werden ja sehn. Doch +Miß Anna — die <span class="wide">Einzige</span> sind Sie <span class="wide">nicht</span> in der +Ansiedlung — Sie wahrhaftig nicht.«</p> + +<p>Aber armer Curtis! — wieder und immer wieder +solltest Du Deine Hoffnung, Dein felsenfestes +Vertrauen getäuscht und betrogen sehen; wieder und +immer wieder fandest Du Dich verschmäht, zurückgewiesen +und ach, an vielen Orten gar verspottet.</p> + +<p>Am rechten Ufer des Fourche la fave, kam ihm +ein Ansiedler, den er noch gar nicht kannte, sogleich +mit der Frage entgegen: »Ach, Sie sind der, der den +kleinen Neger und die hundert und fünfzig Dollar +hat, nicht wahr?« An anderen Orten liefen die +Mädchen hinaus, wenn er kam, ließen sich von dem +Ersten Besten ihr Pferd satteln, und galoppirten zur +nächsten Ansiedlung, dahin schon die Kunde von +dem wandernden Freier tragend, und Curtis hielt +endlich, am dritten Tag spät Abends an der Farm +eines Freundes, der, ziemlich abgelegen von den übrigen +Ansiedlungen, auch wenig, selbst mit seinen nächsten +Nachbarn zusammenkam und verkehrte.</p> + +<p>Peterson hatte zwei hübsche Töchter, recht liebe +und brave Mädchen, neben diesen aber noch die +Tochter eines Bruders, der in Texas gestorben. +Fanny, so hieß die Jungfrau, stammte aus Georgien, +wo ihr Vater damals eine kleine Banmwollenplantage +besaß, und war ein sehr schönes, dunkeläugiges +und heißblütiges Kind, aber auch toll, wild +und ausgelassen, und ihr Onkel hatte sich schon +früher einmal bei Curtis darüber beklagt, daß sie es +sich in den Kopf gesetzt hätte, einen jungen Bengel +zu heirathen, der — <span class="wide">Advokat</span> wäre. »Ein Mensch, +der erstlich einmal schon Advokat sei,« hatte er dabei +geäußert, »solle nie, so lange er lebe und athme, +eines von seinen eigenen, noch seines Bruders Kindern +zur Frau bekommen, wenn <span class="wide">er</span> es verhindern +könne — ein Advokat, der den Leuten weißmache, +roth sei blau und grün schwarz! nein wahrhaftig +nicht.« Hatte nicht noch überdies im vorigen Herbst +derselbe Lasse seinem Nachbar durchgeholfen, der angeschuldigt +war, eine von Peterson's Kühen geschlachtet +zu haben? und hatte nicht er — Peterson selbst, die +Haut von der Kuh, »auf die er das Sakrament nehmen +wollte,« über dessen Fenz hängen sehen? nein — +ein Mensch, der so etwas zu thun im Stande sei, +der sei zu <span class="wide">Allem</span> fähig. Überdies konnte er nicht +einmal einen Maiskolben von einer Waizenähre unterscheiden, +und hatte ihn selbst — er konnte das beschwören + — gefragt, ob die Baumwolle auf solchen +Bäumen wüchse, wie sie hier im Bottom ständen und +die Baumwollenbäume hießen.</p> + +<p>Und so ein Mensch sollte einmal Besitzer von +einer Baumwollenplantage werden? nein — Fanny +war erst achtzehn Jahr alt, und bis zum ein und +zwanzigsten <span class="wide">müßte</span> sie bei ihrem Onkel bleiben; +nachher würde sie schon Vernunft angenommen und +eingesehen haben, daß ihr alter Onkel ehrlich und +trefflich für sie gesorgt, indem er sie vor einem solchen +Schritte bewahrte.</p> + +<p>Dies Haus betrat jetzt Curtis und wurde herzlich +von Allen empfangen; ja so herzlich, daß er +schon hoffte, jenes unglückselige Gerücht über seinen +kleinen Neger sei nicht bis hierher gedrungen, und +sich heimlich zuschwor, auch keine Sylbe davon zu +erwähnen; aber leider schienen die beiden Misses +Peterson recht gut zu wissen, was den armen Mann +zu ihnen geführt hatte, und wenn sie auch, emsig +mit ihrer Arbeit beschäftigt, kein Wort, keine Sylbe +äußerten, so verriethen doch dem jetzt schon mißtrauisch +Gewordenen einzelne verstohlene Blicke den +kleinen lachenden Teufel, der in den Herzen der +Waldschönen lauerte.</p> + +<p>Ganz anders benahm sich dagegen Fanny; sie +setzte sich zu ihm — plauderte mit ihm, war ernst +und gesetzt und sah ihn dabei ein paar Mal, wenn +sie sich unbeobachtet glaubte — Curtis hatte es +deutlich gemerkt — so forschend, so theilnehmend an, +daß ihn einmal, als er diesem dunklen, fest auf ihn +haftenden Auge begegnete, ein eiskalter, aber unendlich +wohlthuender Schauer durchrieselte, und er +sich schon in's Geheim drei oder vier keineswegs +schmeichelhafte Ehrentitel beilegte, nicht gleich von +allem Anfang an hierhergeritten zu sein. Er ließ +sich diese kleinen Zeichen denn auch nicht zweimal +gesagt sein lassen — rückte näher zu ihr, und fing +nun an, um gleich mit etwas Schmeichelhaftem zu +beginnen, das selbstgewebte Zeug zu loben, was sie +trage, und meinte dabei:</p> + +<p>»Ja Miß Fanny, es steht einem jungen Mädchen +Nichts auf der weiten Welt besser, als der Stoff, +den es selbst gesponnen und gewebt — das, ist der +Grundstein der Häuslichkeit, und ein Mann — «</p> + +<p>»Das Zeug hab' ich gewebt, Mr. Curtis,« sagte +Kitty, die jüngste, mit einer etwas malitiösen Betonung +auf dem Pronomen.</p> + +<p>Curtis saß da wie vom Schlag getroffen, Fanny +riß ihn aber schnell aus der Verlegenheit, indem sie +versicherte, sie habe sich zu Hause all ihr Zeug selbst +gewoben und hielte es auch für passend, daß eine +Hausfrau das thun solle.</p> + +<p>Curtis lebte wieder auf, die ganze alte Scheu +verlor sich, er wurde gesprächig und hatte wirklich +mehrere ausgezeichnete Einfälle, über die Fanny +ganz besonders lachte, der alte Peterson sich aber +ausschütten wollte. Diesen schien übrigens die Zuneigung, +die seine Nichte zu dem einfachen Farmer +gefaßt, herzlich zu freuen (denn daß Curtis blos +darum gekommen sei, um eins der Mädchen anzuhalten, +darüber war Niemand in der ganzen kleinen +Gesellschaft mehr zweifelhaft). »Gott sei Dank,« +dachte er bei sich selber, »hat sie doch endlich den +verwünschten Advokaten vergessen; ich wußte es aber +wohl, der <span class="wide">Rechte</span> mußte nur kommen; das ist mit +allen Mädchen so.«</p> + +<p>Das Abendessen war verzehrt — der alte Peterson +hatte sich, sehr vernünftiger Weise, zu Bett +begeben; dem Gast war, »wenn er sich niederlegen +wolle, sein Bett gezeigt« und Kitty und Rosy beendeten +ebenfalls mit manchen einander heimlich zugeflüsterten +Bemerkungen ihre Arbeit, verschwanden +dann urplötzlich hinter einer breiten, an den oberen +Querbalken des Hauses aufgehangenen Matte, und +Curtis fand sich mit klopfendem Herzen allein neben +Fanny am Feuer sitzen.</p> + +<p>Er gedachte der Zeit, wo er, ganz auf ähnliche +Art, seiner ersten Frau die Leidenschaft gestanden, +die er fühlte, und wieder drohte ihm ein unbeschreiblich +ängstliches Gefühl die Kehle zuzuschnüren, denn +wenn er auch in den letzten Tagen für solche Erklärungen +etwas abgestumpft geworden war, da er +die Gelegenheit gehabt mehrere zu geben, so fühlte +er doch, daß hier Alles — Alles für ihn spreche, +denn Fanny wäre sonst nicht allein zurückgeblieben, +und die Liebenswürdigkeit selbst gewesen.</p> + +<p>So sehr er aber auch den Augenblick herbeigesehnt, +wo er mit ihr allein sein würde, so schien es +doch, als ob er, der noch vor so kurzer Zeit der +Redseligste gewesen, plötzlich die Sprache verloren +hätte, und er nahm wieder, aus lauter Verlegenheit, +sein Messer aus der Scheide und fing an zu schnitzeln.</p> + +<p>Fanny saß ihm gegenüber, an der andern Seite +des Kamins, also so weit wie nur irgend möglich +von ihm entfernt. Curtis hätte zwar um's Leben +gern ihr seinen Stuhl näher gerückt, aber er wagte es +nicht, er wußte keine Ausrede, die das auch nur im +Mindesten entschuldigen konnte, und doch fühlte er +wie die Zeit verrann, und er sich lächerlich machen +würde, wenn er noch länger so still und stumm wie +der Klotz, der neben ihm zum Nachlegen lehnte, da saß.</p> + +<p>Mit einem tiefen Seufzer sprengte er endlich die +Fesseln, die seine Zunge in Banden hielten und sagte +zögernd:</p> + +<p>»Miß Fanny — sind Sie noch nicht müde?« + — er fühlte, sobald ihm die Worte über die Lippen +waren, daß er auf der weiten Gotteswelt Nichts +Dümmeres hätte sagen können, aber es waren doch +wenigstens <span class="wide">Worte</span> gewesen, die vielleicht den Zauber +gebrochen hatten.</p> + +<p>Um Fanny's Lippen spielte bei dieser endlichen +Frage ein leises, leises Lächeln; es zuckte ihr nur +so durch die Korallenlippen, und für einen Augenblick +stiegen, wie Bläschen aus einem Crystallbecher, +zwei leichte, wunderliebliche Grübchen empor auf den +rosigen Wangen; sie verschwammen aber fast eben +so schnell, wie sie entstanden in der Sammethaut +und nur mit leiser Stimme sagte sie:</p> + +<p>»Freilich würde es eigentlich Zeit sein schlafen +zu gehen, und ich weiß nicht — « +»Miß Fanny,« stotterte Curtis.</p> + +<p>»Onkel schläft schon,« meinte Fanny — »wir +werden ihn wieder aufwecken durch unser lautes +Reden.«</p> + +<p>Curtis ließ sich das nicht zweimal sagen; blitzesschnell +war er von seinem Stuhle auf und rückte +diesen neben das schöne, leichterröthende Mädchen.</p> + +<p>»Dann brauchen wir doch wenigstens nicht so +laut zu sprechen,« meinte er.</p> + +<p>»Aber Mr. Curtis.«</p> + +<p>»Ach Miß Fanny,« seufzte Curtis, der jetzt +einmal im Gang, auch alle Furcht und Scheu überwunden +hatte, »Sie müssen es lange gemerkt haben, +daß ich Sie liebe; wissen Sie wohl noch das letzte +Klötzeroll-Fest?« Fanny nahm die kirschrothe Unterlippe +zwischen die Perlzähne und blickte still vor +sich nieder. »Ich bin allein,« fuhr Curtis jetzt +selbst mit niedergeschlagenem Blicke fort — »ich +habe Niemanden zu Hause, der — der Theil an +mir nimmt — oder der — der mich lieb hätte; ich + — ich habe lange gewünscht, — lange gewünscht +ein Herz zu finden, das — das gern in meiner +Nähe wäre. Da bin ich denn hierher gekommen — +Miß — Miß Fanny.«</p> + +<p>Fanny spielte verlegen mit der Schnur der Kugeltasche, +die an der Seite des Kamins neben ihr +herunter hing. — </p> + +<p>»Und wollte Sie fragen, Miß« — fuhr Curtis +mit angehaltenem Athem fort — »ob Sie — ob Sie +Ihr Schicksal mit einem Manne theilen wollten, +der — der es brav und ehrlich meint, und Alles +thun wird, was in seinen Kräften steht, Sie glücklich +zu machen.«</p> + +<p>Ein tiefgeholter Seufzer kündete jubelnd die +vollendete Erklärung, das Abrollen des Felsengewichts, +das bis zu dem Augenblick seine Brust beängstigt +hatte.</p> + +<p>Fanny sprach kein Wort, nur manchmal warf +sie einen ängstlichen Blick nach der Thür und nach +dem kleinen Fenster, das, mit einer dünnen weißen +Gardine verhangen, dem Kamin gegenüber angebracht +war.</p> + +<p>»Miß Fanny,« flüsterte jetzt, durch dies bedeutungsvolle +Schweigen kühn gemacht, der Glückliche + — »Miß Fanny, ich bin auch kein hergelaufener +Squatter, der Nichts hat, als seine Axt und Büchse, +und mit jedem neuen Frühjahr auch wieder eine +neue unbewohnte Gegend aufsucht — ich habe ein +recht wohnliches Haus mit einer kleinen Küche und +dem Rauchhaus — neun Acker urbar gemachtes +und gut eingefenztes Land, auch ein kleines Rübenstück + — zwei ausgezeichnet gute Pferde — sieben +und dreißig Stück Rindvieh, einige vierzig Schweine, +eine vorzügliche Stahlmühle, vier Hem — die beste +Büchse im ganzen Revier und einen kleinen Neger +von — «</p> + +<p>Curtis hielt plötzlich inne; der Neger war ihm +wider Willen herausgefahren, und Fanny barg plötzlich +ihr Gesicht im Taschentuch und wandte sich ab + — Hals und Nacken färbten sich ihr hochroth; — +lachte sie ihn aus?</p> + +<p>Eine peinliche Pause entstand — um Gotteswillen + — sie schluchzte.</p> + +<p>»Ach Gott! — Miß Fanny — was fehlt Ihnen? +habe ich Sie durch irgend etwas gekränkt oder +beleidigt? o mein Himmel, so reden Sie doch — +Sie bringen mich zur Verzweiflung.«</p> + +<p>»Mr. Curtis,« flüsterte endlich das schöne Mädchen +noch immer hinter dem Tuche vor — </p> + +<p>»Miß Fanny,« bat Curtis.</p> + +<p>»Für wie eigennützig — niedrig denkend müssen +Sie mich halten, daß Sie mir Ihre Reichthümer +aufzählen, als ob Sie glaubten, dadurch mein Herz +bestechen zu wollen.«</p> + +<p>»Miß Fanny!« sagte Curtis, und war wie vom +Schlag gerührt; Scham und Freude rangen in seiner +Brust um die Oberherrschaft. Scham, da er +fühlte, wie Recht sie hatte; — Freude aber, da dieser +Ausbruch des Gefühls ein sicheres Geständniß +ihrer Zuneigung zu ihm war. Die Freude trug +aber nach kurzem Ringen den Sieg davon.</p> + +<p>»Fanny,« flüsterte er und faltete bittend die +Hände — »Fanny — wollen Sie die Meine sein?«</p> + +<p>Fanny, mit noch immer abgewandtem, verhülltem +Gesicht reichte ihm ihre Hand, die er glühend an +seine Lippen preßte.</p> + +<p>»Es wird spät, Mr. Curtis,« flüsterte endlich +das holde Mädchen, indem sie leise die Hand entzog +und von ihrem Stuhl aufstand — wie mit Purpur +übergossen war ihr liebes Angesicht — »wir +müssen uns für heute Abend trennen — sprechen +Sie Morgen mit meinem Onkel.«</p> + +<p>»Fanny,« sagte Curtis noch ein Mal und wollte +seinen Arm um ihre Taille legen, »Sie haben mich +zum Glücklichsten — «</p> + +<p>Fanny stieß einen leisen Schrei aus, denn mit +fürchterlichem Gepolter kam ein großer Stein zu dem +niederen Kamin herunter, daß Funken und Asche +weit umherstiebten; gleich darauf schlugen die draußen +gelagerten Rüden an, und umbellten wüthend das +Haus.</p> + +<p>»Was um Gotteswillen?« rief Curtis.</p> + +<p>»<i>Sick' em</i>!« sagte der alte Peterson im Schlaf +die Hunde antreibend.</p> + +<p>»Gute Nacht!« flüsterte Fanny dem Glücklichen +zu; »gute Nacht, Mr. Curtis.«</p> + +<p>»Gute Nacht, theuere, theuere Fanny!« rief dieser +entzückt, drückte noch einen heißen Kuß auf die +nicht widerstrebende, zierlich kleine Rechte und suchte +dann ebenfalls das für ihn bereitete Lager.</p> + +<p>Aber an Einschlafen war nicht zu denken, wie +mit Schmiedehämmern tobte es ihm in den Schläfen, +und wenn er sich auch unruhig bald auf diese, +bald auf jene Seite warf, kein Schlummer kam in +seine Augen; die Hähne krähten schon wieder, draußen +im Walde kullerte der wilde Truthahn und die +Eule heulte ihr Morgenlied, als er endlich in einen +leisen Schlaf der Ermattung sank, aus dem ihn bald +wieder das Holzschlagen des alten Peterson weckte, +der gleich darauf mit einem schweren Klotze auf der +Schulter in das Haus trat, und diesen, als Rückstück, +in's Feuer warf.</p> + +<p>Er sprang auf, kleidete sich an und folgte dem +Alten vor die Thür. Hier gestand er ihm denn +seine Liebe für dessen Nichte, behauptete ihrer Einwilligung +gewiß zu sein und bat um seinen Segen +und seine Zustimmung.</p> + +<p>Peterson hatte es, nach Allem was er am vorigen +Abend gesehen, erwartet, sprach sich aber recht +herzlich gegen den Farmer aus, wie er sich freue, +daß seine Nichte so vernünftig gewesen, eine so kluge +Wahl zu treffen, und versprach ihm dafür zu sorgen, +daß es ihm fortan recht gut und wohl gehen solle, +da Fanny keineswegs unvermögend, dem Manne +ihrer Wahl nicht allein ihre liebreizende Gestalt, +sondern auch ein recht ansehnliches Grundeigenthum +wie verschiedenes anderes bewegliches Besitzthum +mitbrächte.</p> + +<p>Noch an demselben Morgen ward Alles geordnet +und Curtis wünschte nun mit seiner jungen +Braut den Fourche la fave hinunter zu Mr. Houston, +dem nächsten Friedensrichter, zu reiten, um +dort mit ihr für immer vereinigt zu werden; Fanny +aber bat den Bräutigam, ihr den Gefallen zu thun, +und sie den Fluß hinauf zu dem etwa fünfzehn +Meilen entfernten Richter Welmot zu begleiten, der, +ein Freund ihres verstorbenen Vaters, stets den innigsten +Antheil an ihr genommen und jetzt auch dem +wichtigsten Schritte ihres Lebens beiwohnen solle.</p> +<p> </p> +<p>Hiergegen ließ sich Nichts einwenden, Curtis war +sehr gern damit zufrieden, und seinem Wunsche nach +wären sie augenblicklich aufgebrochen; Fanny hatte +aber noch so viel zu ordnen, so viel zu besorgen, +daß der Nachmittag heranrückte, und erklärte nun, +als der Vater vorschlug, den nächsten Morgen abzuwarten, +»sie wünsche bei einer Freundin, die etwa +auf der Hälfte Weges zwischen hier und dem Richter +wohnte, zu übernachten, wo auch Mr. Curtis +gern gesehen sein würde, da sie dort schon viel von +ihm gesprochen.«</p> +<p> </p> +<p>Wie hätte Curtis dem holden Mädchen die erste +Bitte abschlagen können? was Fanny wünschte, geschah; +um drei Uhr etwa brachen sie, herzlichen Abschied +von Allen nehmend, auf, und der alte Peterson +gab noch, da er der dringenden Arbeiten wegen +nicht selber mitreiten konnte, der Nichte einen +Zettel<a href="#fn6"><small><sup>6</sup></small></a> für den Friedensrichter, der — freilich etwas +unorthographisch, doch hinreichend war, jenen +mit seinen Wünschen bekannt zu machen.</p> + +<p>Wohl noch eine Stunde vor Dunkelwerden erreichten +sie die Farm, in welcher Fanny die Nacht +zu bleiben wünschte, wurden hier auf das Freundlichste +bewillkommt, und schienen sogar erwartet zu +sein, obgleich Curtis nicht begreifen konnte, wie das +möglich war; die Unterhaltung ward übrigens sehr +lebhaft geführt und Fanny ließ sich besonders viel +von einem jungen Deutschen erzählen, der eben aus +den Ozark-Gebirgen zurückkam und hier ebenfalls +eingekehrt war, weil schwerdrängende Wetterwolken +eine stürmische Nacht verkündeten.</p> + +<p>Curtis fühlte sich übrigens sehr abgespannt; drei +Nächte lang hatte er fast jedes Schlafes entbehrt, +und die fortwährende Aufregung, in der er sich befunden, +mußte überdies noch dazu beitragen, die Ermattung +und Erschlaffung seines ganzen Nervensystems +zu entschuldigen. Der Farmer bemerkte auch +bald seine Müdigkeit, winkte ihm seitab, und führte +ihn in die Ecke zu seinem Lager von weichgebreiteten +Hirschfellen, auf das er sich warf, und hier bald dem +Schlummergott, der ihm so lange treulos gewesen, +in die Arme sank.</p> + +<p>In der Nacht machten die Hunde einmal einen +fürchterlichen Lärmen, und Curtis träumte, es fiele +wieder ein Stein im Kamin herunter; er wachte aber +nicht davon auf, und erst ein unruhiges Umherlaufen +im Haus, und ein Auf- und Zuschlagen der +Thüren erweckte ihn.</p> + +<p>Es war schon heller Tag, die Sonne schien +durch die Seitenspalten des Blockhauses, als sie eben +die dunkelwogenden Fichtenwipfel überstieg, und der +Deutsche schnürte vor dem Kamin die wollene Decke +zusammen, um seine Wanderung, den Fluß hinunter, +fortzusetzen; Fanny konnte aber auch noch nicht auf +sein, denn er sah sie nirgends.</p> + +<p>Mit außerordentlicher Geschicklichkeit, die auch +wirklich nur dem daran gewöhnten Hinterwäldler +eigen ist, kleidete er sich jetzt unter der Bettdecke soweit +an, daß er aufstehen und seine Toilette vor den +übrigen Mitgliedern der Familie vollenden konnte +und trat nun ebenfalls zum Feuer.</p> + +<p>Fanny ließ noch immer Nichts von sich sehen.</p> + +<p>»Mr. Curtis,« sagte endlich der alte Farmer, +als er die ungeduldigen Blicke bemerkte, die der feurige +Liebhaber nach den Gardinen warf, hinter denen +die Geliebte noch immer weilte; »Mr. Curtis, wissen +Sie es schon?«</p> + +<p>»Wissen Sie?« frug Curtis überrascht — »wissen? was?«</p> + +<p>»Sie wissen also Nichts davon?« sagte jener +kopfschüttelnd.</p> + +<p>»Von was denn, um Gotteswillen?«</p> + +<p>»Hm!« sagte der Alte — </p> + +<p>»Mr. Peterson, Sie bringen mich in Verzweiflung; +was ist vorgefallen? was soll ich wissen? so +reden Sie doch — wo ist Fanny?«</p> + +<p>William, Petersons ältester Sohn, winkte dem +Ungeduldigen auf bedeutungsvolle Art und verließ +das Haus. Curtis drückte sich den Hut auf den +Kopf und folgte ihm schnell — ihm ahnte Schreckliches.</p> + +<p>»Mr. Curtis,« sagte William, als er hinter der +Fenz, da wo sie das Haus nicht mehr sehen konnten, +stehen blieb — »Mr. Curtis, ich habe einen +Auftrag an Sie auszurichten?«</p> + +<p>»Auftrag — von wem?«</p> + +<p>»Von Miß Fanny Lowland!«</p> + +<p>»Von meiner Braut?«</p> + +<p>»Von Miß Fanny Lowland.«</p> + +<p>»Mann Gottes, ist sie denn nicht mehr im +Hause? ist sie wieder heimgekehrt?«</p> + +<p>»Nein; sie ist zum Friedensrichter,« sagte William.</p> + +<p>»Zum Friedensrichter?« rief Curtis plötzlich beruhigt, +»ja das ist was anderes; aber so lange hätte +sie doch noch warten können, bis ich mich angezogen +hatte. Ja da muß ich gleich nach — «</p> + +<p>»Bitte,« sagte William und hielt den Forteilenden +zurück — »ich habe auch noch ein kleines Briefchen +an Sie abzugeben.«</p> + +<p>»Einen Brief? von wem?«</p> + +<p>»Von Miß Fanny Lowland!«</p> + +<p>»Von meiner Braut?«</p> + +<p>»Von Miß Fanny Lowland.«</p> + +<p>»Der Mensch macht mich noch wahnsinnig,« +dachte Curtis, und riß dem Lächelnden das zusammengefaltete +Papier aus der Hand. Es war versiegelt, +und enthielt, mit Bleistift geschrieben, die folgende, +tröstliche Nachricht.</p> +<blockquote> +<p> +»<i>Dear Sir</i> — <br /> +<br /> +Kaum darf ich hoffen, daß Sie mir eine List +verzeihen, zu der mich freilich nur die Nothwehr gezwungen +hat. Ich liebe einen jungen Mann, einen +Advocaten aus Cincinnati, und mein Onkel hätte +mir noch Jahrelang seine Einwilligung versagt, da +hörte ich von Ihrer Ankunft. Schon am Tag vorher, +ehe Sie unser Haus betraten, war die Nachricht +gekommen, daß Sie bei Smeiers um die Hand +der Tochter angehalten, und da zwischen dort und +unserem Hause nur drei Farmen lagen, von denen +nur auf zweien heirathsfähige Mädchen lebten, so +konnten wir mit Gewißheit darauf rechnen, Sie gestern +bei uns zu sehen. Mein Plan war augenblicklich +gefaßt; durch Sie mußte ich die schriftliche +Erlaubniß meines Onkels bekommen, mich zu +verheirathen — ich sandte meinem Bräutigam durch +einen sicheren Neger Kunde, und versuchte nun selbst, +Ihr Herz für mich zu gewinnen. Ich will aber +nicht eitel sein, ich will es nicht meinen Reizen zuschreiben, +die mir das Ihrige so schnell eroberten; +doch sei dem wie ihm wolle, mein Plan gelang, +ich erhielt das Papier; Sie selber führten mich in +die Arme meines Bräutigams, der Sie am vorigen +Abend erst mit dem Stein erschreckte, und dann gegen +Morgen kam, mich abzuholen. Ich bin, wenn +Sie diese Zeilen erhalten, — sein Weib.«</p> +</blockquote> +<p>Curtis starrte mehrere Secunden verblüfft in +das Antlitz seines Begleiters — dann fuhr er fort +zu lesen.</p> + +<blockquote><p>»Zürnen sie mir nicht, aber ich war stets ein +wildes, unfolgsames Kind, und verdiente weder Sie +noch ihren kleinen Neger, noch die hundert und fünfzig +Dollar — leben Sie wohl und machen Sie eine +Andere glücklich.«</p> + +<p>»<i>P. S.</i> Meine Cousinen wußten Nichts von +meiner List, auch Peterson's haben es nicht erfahren, +nur William, der junge Mann, der Ihnen diesen +Brief übergiebt, ist im Geheimniß — ihm können +Sie vertrauen. Er hat zwei liebenswürdige +Schwestern; und da Sie gerade an Ort und Stelle +sind — doch einem Manne von Ihrer Erfahrung — «</p> +</blockquote> +<p>Curtis warf den Brief auf die Erde und trat +ihn so lange mit den Hacken seines Stiefels in den +weichen Erdboden hinein, bis er auch nicht die Spur +mehr davon entdecken konnte; dann wandte er sich +wild gegen den jungen Mann und wollte seinem +Grimm in tobenden Worten Luft machen; dieser +legte jedoch warnend und beschwichtigend den Finger +auf den Mund, trat lächelnd näher und sagte leise, +des Ärgerlichen Arm ergreifend:</p> + +<p>»Pst, Mr. Curtis — Blatt vor den Mund — +um Gottes Willen Blatt vor den Mund; bis jetzt +weiß die Sache keiner als wir Beide, denn Miß +Fanny oder — Mrs. Grey kommt, wenn sie zurückkehrt, +wahrscheinlich nicht hier wieder vorbei — +also <span class="wide">stillgeschwiegen,</span> das ist das Gescheidteste, +was Sie unter den Verhältnissen thun können. Mit +einem Mädchen, das Sie nicht liebt, wären Sie +überdies nie glücklich geworden.«</p> + +<p>»Ich will ihr nach« knirschte Curtis.</p> + +<p>»Um ausgelacht zu werden?« meinte William. +»wollen Sie einen guten Rath annehmen, Mr. +Curtis?«</p> + +<p>Curtis sah fragend zu ihm auf.</p> + +<p>»Sie suchen eine Frau, und werden überall abgewiesen — «</p> + +<p>»Sir!«</p> + +<p>»Ich meine es gut, Mr. Curtis, bei Gott, ich +meine es gut, aber — gehen Sie in einen anderen +Staat, wenigstens in ein anderes County. Sie wissen +nicht, wie schwer es hält, Vorurtheile zu besiegen.«</p> + +<p>»Mr. Peterson, ich werde Sie um Ihren Rath +ersuchen, wenn ich dessen bedarf,« rief Curtis entrüstet, +eilte zum Hause zurück, warf dort seinen +Sattel auf das höchst unmuthig wiehernde Pferd, +dem es gar nicht behagen wollte, einen neuen Ritt +ohne vorhergenossenes Frühstück anzutreten, drückte +ihm den Zaum in's Gebiß, den er sich nicht einmal +die Zeit nahm festzuschnallen, schwang sich hinauf +und sprengte, ohne auch Jemanden »good bye« oder +ein sonstiges Abschiedswort zu sagen, wie besessen +die Straße hinauf, dem Hause des Friedensrichters +zu.</p> + +<p>Der frühe Ritt aber, der kalte Nordwind, der +durch den Wald dahin strich, und die noch von den +Zweigen träufelnden Regenperlen, die der nächtliche +Sturm in dem Nadelholz zurückgelassen, kühlte seine +Wangen und — seinen Jähzorn. Er hatte zuerst +im Sinn gehabt, wie ein zürnender Gott vor das +Mädchen zu treten, das ihn so schändlich hintergangen, +aber des jungen Peterson's Worte: »Sie werden +nur ausgelacht,« schallten noch immer in seinen +Ohren.</p> + +<p>»<span class="wide">Ausgelacht?</span>« er hielt sein Pferd an, und +blickte nachdenkend auf die Straße nieder; »<span class="wide">ausgelacht</span> + — und hat jenes — Geschöpf — verdient, +daß ich mich so um sie ärgere?« Sein Auge fiel +auf die frisch eingedrückten Spuren zweier Pferde, +von denen er die einen augenblicklich als die Spuren +des Poneys erkannte, das Fanny gestern geritten.</p> + +<p>Curtis — der fromme Curtis fluchte — er +schwur, er wolle verdammt sein, wenn er nicht Rache + — »nein — er wolle <span class="wide">nicht</span> verdammt sein« — +sagte er plötzlich, indem er den Zügel losließ, den +Hut abnahm und sich mit der Hand hinter dem Ohre +kratzte.</p> + +<p>»Curtis!« sprach er dann nach kleiner Weile vor +sich hin, »Curtis, bist Du nicht ein rechter strafwürdiger +Narr gewesen?«</p> + +<p>Das Pferd nickte ein paar Mal mit dem Kopfe +auf und nieder und wieherte — es hatte Hunger. +»Hast Du Dich nicht in der Ansiedelung zweck- und +ziellos umhergehetzt?« fuhr der Reiter fort, ohne des +Pferdes Bewegung weiter zu beachten, »hast Du +nicht nach Glaskorallen draußen im Weiten gesucht, +während Du einen Diamant im eigenen Hause +hegst? Curtis — Du hast diese Strafe verdient — +lange hättest Du merken müssen, daß Dir Nancy +gut sei, und — gestehe es Dir nur ein, Du <span class="wide">hast</span> +es gemerkt, Du hast es gefühlt, daß sie Dich heimlich +liebe, aber von schnöder Geldgier, von dem +Drang mehr und mehr Dein eigen zu nennen getrieben, +verachtest Du ein Herz, das Dir mit +treuer Liebe entgegen schlug, und das in Leid und +Freud' bei Dir ausharrte, nur um Dich zu trösten +und zu pflegen.«</p> + +<p>Er schwieg und sah wohl mehrere Minuten lang +sinnend vor sich nieder, dann aber, wie von einem +unwiderruflichen festbeschlossenen Gedanken durchglüht, +setzte er den Hut wieder auf, ergriff den Zügel, +lenkte den Braunen herum, der mit der größten Bereitwilligkeit +Folge leistete, und sprengte dann »daß +Kies und Funken stoben« — zurück, der eigenen Heimath +zu.</p> + +<p>Aber nicht an Peterson's Hause wollte er vorüber, +deshalb verließ er bald die breite ausgehauene Countystraße +und trabte durch den Wald dem Flusse zu, +den er an einer bekannten Furth kreuzte; die Niederung +dann durchschneidend erreichte er bald den Fuß der +südlich liegenden Hügel, wo er wußte, daß er, ohne +an einer Ansiedelung vorüber zu kommen, seine eigene +Farm erreichen konnte, und sprengte dann mit verhängtem +Zügel und so schnell ihn des Braunen Füße +tragen konnten, weiter.</p> + +<p>Unterwegs aber überdachte er in zürnendem +Sinnen die Körbe — die ganze Korbhandlung, die +er erhalten, und grollte mit dem Schicksal, das ihn +dazu verdammt habe, überall seine Hoffnungen zertrümmert, +seine Pläne untergraben zu sehen. War +es aber das Schicksal, das Alles dieses verübt? war +es ein böses Fatum, das über seinen Handlungen +wachte und die schönsten Keime noch in der Blüthe +erstickte? — nein — er hatte sonst in Allem Glück, +seine Erndten gehörten stets zu den besten, sein Viehstand +wuchs mit jedem Jahre stärker, als er es +selber zu hoffen wagte; keinem anderen Ansiedler +am Fourche la fave zerriß der Panther weniger +Kälber oder der Bär weniger Schweine, und kein +Haus war weniger vom kalten Fieber heimgesucht +gewesen, als gerade Curtis; dabei war er ein ordentlicher, +fleißiger und braver Mann, nicht streitsüchtig, +aber tapfer und unerschrocken, wo es galt, +seinen Mann zu stehen, und bei der Arbeit unermüdlich.</p> + +<p>Woher nun konnte es kommen, daß er von allen +Mädchen, um die er anhielt, verschmäht wurde, die +noch überdies zu all den obigen Eigenschaften seine +Verhältnisse kannten, die in diesen anspruchslosen +Gegenden wirklich an Wohlhabenheit grenzten. Kaum +glaublich ist es, aber die Ursache lag einzig und +allein in jener Angewohnheit, von seinem kleinen +Neger und seinem baaren Gelde zu sprechen; er war +<span class="wide">verlacht</span> und <span class="wide">verspottet</span> worden, und irgend Eines +der Mädchen hätte lieber einen anerkannten <span class="wide">Schuft</span> +geheirathet, als einen Mann, der sich einmal — +<span class="wide">lächerlich</span> gemacht.</p> + +<p>Curtis fühlte das jetzt selbst, und er beschloß +hinfüro die Aufzählung seines Eigenthums zu verschieben, +bis er darum gefragt werde — »doch« — +fuhr er dann in seinem Selbstgespräche fort — »was +bedarf ich dessen weiter — Nancy liebt mich auch +mit meinen Schwächen, denn sie kennt meine guten +Eigenschaften ebenfalls, und ich werde jetzt das Glück +zu Hause finden, das ich, Thor der ich war, vergebens +unter Fremden suchte.«</p> + +<p>Diese Nacht lagerte er bei einem alten Jäger, der, +ziemlich abgeschieden von anderen Ansiedelungen, sich +dicht am Flussesufer eine kleine Hütte gebaut hatte, +Viehzucht trieb und dabei jagte. Er fand dort gastliche +Aufnahme und Nahrung für sich und sein Pferd; +schlief auch, da er die Gewißheit hatte, der Alte könne +Nichts von seinem Unglück erfahren haben, sanft und +ruhig die Nacht, und war am andern Morgen, als +die Sonne eben erst den äußersten Hügelsaum vergoldete, +schon wieder unter Weges.</p> + +<p>Ihn trieb jetzt die Sehnsucht heim, wie sie ihn +vor wenigen Tagen fortgetrieben, und freudig und +stürmisch klopfte sein Herz, als er endlich das eigene +Dach hinter den maigrünen Maulbeerbäumen, die dem +Hofe Schatten gaben, hervorschimmern sah.</p> + +<p>Der Braune wieherte ebenfalls vor Freuden, als +er den heimischen Trog erblickte, und Curtis streichelte +ihm im Mitgefühl den schöngeformten Hals. + — Ha — da war Nancy — sie hatte das bekannte +Wiehern des Braunen gehört, und war in die Thür +gesprungen, das heimkehrende Paar zu begrüßen, das +heißt, nicht etwa den Braunen und dessen Herrn, +sondern den Herrn und dessen — Frau; sie blieb +auch etwas überrascht in der Thüre stehen, als sie +Mr. Curtis allein zurückkehren sah; dieser aber drückte +dem treuen Thier die Hacken in die Seite, sprengte +bis dicht vor die Pforte, blieb dort plötzlich mit einem +Ruck halten, und sagte:</p> + +<p>»Guten Morgen, Nancy?«</p> + +<p>»Ei guten Morgen, Mr. Curtis,« rief das fröhliche +Mädchen, »Sie scheinen ja heute gewaltig +guter Laune zu sein; ich dachte aber Sie brächten +Gesellschaft?«</p> + +<p>»Wie gehts Nancy?« frug Mr. Curtis, ohne +jedoch auf die letzte Bemerkung weiter zu achten, +indem er immer noch vor dem Hause hielt, und zu +ihr aufsah — »wie ist es die Tage über gegangen?«</p> + +<p>»Danke — gut, Mr. Curtis — sehr gut — aber +warum steigen Sie denn nicht ab? wo bleibt denn +der Besuch? ich habe das ganze Haus gescheuert und +gekehrt.«</p> + +<p>»Schadet Nichts, Nancy,« sagte Mr. Curtis, und +sah sinnend auf den — kleinen Neger nieder, der höchst +bedeutungsvoll vor ihm stand und dem Pferde nach +dem Zügel griff — »ja Bob,« rief er diesem dann +zu, »führ ihn fort und füttere ihn gut, ich reite nun +sobald nicht wieder aus, der Braune soll sich eine +Woche pflegen, denn zu Richter Houstons nebenbei +können wir zu Fuße gehn. Höre Nancy,« wandte er +sich dann an das junge Mädchen — »ich hab Dir +viel zu erzählen, und muß Dich um etwas fragen.« — </p> + +<p>»Mich? — ei um was denn?«</p> + +<p>»Sollst es gleich erfahren, aber — Du hast Dir +ja all Deine Sonntagskleider vorgeholt? ist ein Tanz +in der Nähe?«</p> + +<p>»Ach Mr. Curtis — ich hätte Ihnen auch viel +zu erzählen,« sagte Nancy, und wurde feuerroth.</p> + +<p>»Nun Nancy? heraus mit der Sprache,« lächelte +dieser, »heraus mit der Sprache — was ist's?«</p> + +<p>»Ach, Sie werden mich auszanken!«</p> + +<p>»Ich Dich auszanken, Nancy? habe ich Dich jemals +ausgezankt?«</p> + +<p>»Ach Gott ja, wissen Sie wohl das eine Mal, +wo ich über den kleinen Neger« — </p> + +<p>»Oh — Unsinn,« sagte Mr. Curtis.</p> + +<p>»Es war Jemand hier während Ihrer Abwesenheit,« +fuhr Nancy fort.</p> + +<p>»So? wer denn? aber was wolltest Du mir denn +erzählen?«</p> + +<p>»Mr. Pelter, Sir, — der junge Mr. Pelter.« — </p> + +<p>»So? wollte er das Joch Ochsen kaufen, wegen +dem er sich schon fast die Füße abgelaufen hat?«</p> + +<p>» — Nein — er — er hat,« sagte Nancy zögernd +und bis in die Haare hinauf erröthend — »er hat +um meine Hand angehalten.«</p> + +<p>Curtis zuckte wie von einem Blitzstrahl getroffen +zusammen, und blickte dem Mädchen so wild, so stier +in's Auge, daß dieses erschreckt einen Schritt zurücktrat +und ausrief:</p> + +<p>»Mr. Curtis!«</p> + +<p>Es war aber auch nur ein Moment, dann geschah +ihm das, was uns armen Sterblichen nicht +selten geschieht, wenn ein Unglück so schnell dem andern +folgt, daß wir kaum Zeit behalten, über das +erste nachzudenken, während schon das zweite und +dritte nachbricht — die ganze Sache kam ihm komisch +vor — er schlug ein fürchterliches Gelächter auf und +fing dann wie wahnsinnig an zu pfeifen.</p> + +<p>Nancy sah ihn erschrocken an — was konnte dem +Manne wohl fehlen? sein ganzes Benehmen war ihr +schon sonderbar erschienen — sollte er — es wäre +schrecklich — übergeschnappt sein? — </p> + +<p>»Bob!« rief Curtis seinen kleinen Neger an — </p> + +<p>»Jes Massa.«</p> + +<p>»Sattle den Rappen, der Braune mag sich ausruhen, +ich muß fortreiten.«</p> + +<p>»Aber Mr. Curtis« — sagte Nancy.</p> + +<p>»Und wann wollt Ihr Euch verheirathen, Nancy?«</p> + +<p>»Sobald Sie zurückkamen — heute« — stotterte +Nancy.</p> + +<p>»Willst Du mir einen Gefallen thun, Nancy?«</p> + +<p>»Gern — von Herzen gern — welchen?«</p> + +<p>»Willst Du noch bei den Kindern bleiben und +auf das Haus acht geben, bis ich, vielleicht in acht +Tagen, zurückkehre?«</p> + +<p>»Das will ich mit Freuden, aber — wo wollen +Sie denn hin?« — </p> + +<p>»Nach Tenessee hinüber, vielleicht nach Kentucky,« +sagte Curtis, und trat vor die Thüre, denn in diesem +Augenblick brachte Bob den Rappen.</p> + +<p>»Good bye Nancy« — sagte Jeremias, als er sich +in den Sattel schwang.</p> + +<p>»Good bye Mr. Curtis,« sagte Nancy, als sie +ihm kopfschüttelnd nachblickte. Jeremias aber setzte +wieder, wie vor einigen Tagen, über den Bach weg +und pfiff sich ein munteres Lied, bog aber diesmal +anstatt links, rechts in die Countystraße ein, und +murmelte, als er dem feurigen Rappen den Hacken +fester in die Seite drückte:</p> + +<p>»Das müßte doch mit dem Henker zugehen, wenn +ich keine Frau kriegen könnte.«</p> +<p> </p> +<hr class="narrow" /> +<p> </p> +<p>Jeremias Curtis zog nun über den Arkansas, und +wie es hieß, sogar über den Mississippi hinüber.</p> + +<p>Nancy aber, die allerdings versprochen hatte, bei +den Kindern, keineswegs aber ledig zu bleiben bis +er zurückkehre, schloß nicht mit Unrecht, daß dies +wohl noch eine Zeit lang dauern könne, und da es, +wie sie schon mehrere Sonntage gehört hatte, nicht +gut wäre, daß der Mensch allein sei, besonders in +den dichten Wäldern des fernen Westens, so verband +schon am zweiten Tage nach Curtis plötzlicher +Abreise der benachbarte Friedensrichter die beiden +Liebenden, und »der junge Mr. Pelter« zog, da +»die Heerden doch unmöglich so <ins title="original has lage">lange</ins> ohne männliche +Aufsicht bleiben konnten,« indessen als Verwalter +auf Curtis Farm.</p> + +<p>Hoffentlich bekomme ich recht bald und recht +günstige Nachrichten über Curtis zweiten Zug, und +werde dann sicherlich nicht ermangeln, dem freundlichen +Leser mitzutheilen, ob <span class="wide">Curtis eine Frau +bekam.</span></p> +<p> </p> +<hr class="narrow" /> +<p> </p> +<h2><a name="ch4" id="ch4"></a>Schulen in den Backwoods.</h2> + + +<p>Schulen und Urwald sind eigentlich zwei einander +sehr entgegengesetzte Begriffe. Die wild und +schauerlich rauschenden Baumwipfel und das Erlernen +von Gegenständen, die gerade in ihrem Schatten +am wenigsten anwendbar sind, stehen sich einander +fast zu unvereinbar und schroff gegenüber; +es ist aber hiermit wie mit der Fabel von dem +Baume, der dem Menschen erlaubte ein kleines Stück +Holz, nur so viel als er zum Stiel einer Axt gebrauchte, +zu nehmen, und sich bald darauf durch +diesen ihm so gering erschienenen Span angegriffen +und gefällt sah. So ist es mit den Schulen im +Urwald: zuerst sammeln sich in roh aufgeschlagener +Hütte, im Schatten und unter dem Schutz der Wildnisse, +die Kinder und jungen Leute aus den vereinzelten +Ansiedlungen und Jägerwohnungen; aber ihre +Fähigkeiten wachsen — bald stehen ihnen die sie umstarrenden +Riesenstämme zu beengend und hemmend +im Weg und die herrlichen Bäume fallen, der Wald +wird gelichtet, das Land urbar gemacht, Farmen und +Städte springen auf und der Pflug durchfurcht den +Platz, Lastwagen knarren über die Stelle wo noch +vor wenigen Monden der Bär sein stilles und ungestörtes +Lager aufgeschlagen, wo kein Laut das feierliche +Waldesschweigen gebrochen hatte, als der gellende +Schrei des Panthers und der schauerliche Ruf der +Eule und des Whip-poor-will.</p> + +<p>Es ist eine traurige Wahrheit, der Poesie des +Lebens folgt die trockene, ernste Prosa, der fröhlichen +Jugendzeit das gesetzte, sorgenvolle Alter, den bunten, +glänzenden Luftschlössern des Kindes die düsteren, +kalten Gebäude des Mannes mit ihren zugigen +Gängen und rauchenden Kaminen, dem Brautstand +die Ehe, dem freien, sorglosen Waldleben der Pflug +und die Egge des Landmanns und die dumpfige +Schreibstube des Gelehrten und Kaufmanns. Die +Leute sagen: die Welt wird besser, der Segen der +Civilisation spricht aus den wallenden Getreidefeldern +und den friedlich rauchenden Hütten des Landmanns, +aus den blühenden Städten und belebten Landstraßen, +die sich zwischen grünen Hecken und blühenden +obstbäumen hinziehen; aber die Natur trauert. +Aus tausend qualmenden Fabrikschlünden wälzt sich +erstickender Kohlendampf und legt sich wie giftiger +Mehlthau auf die grünen Matten, der Staub der +Landstraßen bedeckt Blätter und Blüthen, und gespalten +und aufgerissen lechzt die schmachtende Erde, +des kühlen Schattens ihrer Wälder beraubt, nach Thau +und Erquickung.</p> + +<p>»Die Welt ist civilisirt und hat ihren großen +Endzweck, sich zu vervollkommnen, erreicht,« so sagen +die Weißen; der Indianer aber wickelt sich schweigend +in seine Decke, wirft noch einen trauernden +Blick auf diese Civilisation, die ihm freilich, da sie +sein Alles, seine Heimath, sein Glück zerstörte, Verwüstung +erscheint, und — stirbt. — Die Welt ist +civilisirt.</p> + +<p>Doch ich spreche hier Gefühle aus, welche in +Europa wohl wenig Anklang finden möchten; die +Welt ist civilisirt und die Leute kennen sie hier nicht +anders — sie sind sich »nur des einen Triebes bewußt,« +und es ist auch vielleicht recht gut so; das +wilde Leben <span class="wide">muß</span> der Cultur, die rohe Kraft dem +höheren Geiste weichen, und die Gebeine des Indianers +düngen mit dem Wald, der einst seine Heimath +war, den Acker des weißen Mannes.</p> + +<p>In den Vereinigten Staaten von Nordamerika +geht diese Umgestaltung mit rasend schnellen Schritten +vor sich, und wie bei einer Feuersbrunst die +Flamme zu gleicher Zeit züngelnd nach tausend verschiedenen +Stellen hinüberleckt und weit und weiter +um sich greift, so bricht sich auch Aufklärung und +Cultur im Norden, Westen und Süden Bahn durch +die Wildniß, und noch von den Wigwams der Ureinwohner +umgeben, entsteigen blühende Pflanzungen +und Kirchen und Schulen vor den Blicken des erstaunten +Indianers dem Boden.</p> + +<p>Die Bevölkerung der verschiedenen Staaten ist +namentlich in den letzten zehn Jahren ungeheuer gewachsen; +nach einer Zählung vom Januar 1840 belief +sich die Gesammt-Einwohnerzahl auf 17,062,566 +Seelen, die jetzt auf 23 Millionen gestiegen ist. Unter +diesen waren 386,245 freie Neger und Abkömmlinge +von Negern, oder sogenannte <i>coloured persons</i>, +ferner 2,487,213 Sklaven und 14,189,108 freie Weiße. +Von den letzten 14 Millionen waren 6,439,700 +zwanzig und über zwanzig Jahre alt, und von diesen +konnten noch 549,693 weder schreiben noch lesen. +Hieran waren aber bis jetzt größtentheils die Kriege +und Kämpfe mit den Eingebornen Schuld, denn die +kühnen Pionniere des Westens, allein und unbeschützt +zwischen ihnen feindlich gesinnten Stämme vorgedrungen, +konnten, wenn sie wirklich die Kenntnisse +dazu besaßen, keine Zeit darauf verwenden ihre Kinder +zu unterrichten, so lange es galt, Tag und Nacht +ihr eigenes Leben und Eigenthum gegen den schlauen +und wilden Feind zu schützen; jetzt aber, wo dieser, +mehr und mehr verdrängt, bald nur noch in der +Erinnerung der alten Leute und in den Sagen und +Erzählungen der Nachwelt leben wird, ändert sich +auch dieses. Der Wald ist sicher und die Kinder +dürfen allein das schützende Haus verlassen, um der +meilenweit entfernten Schule zuzueilen.</p> + +<p>Die Anzahl von Schulen in Nordamerika ist beträchtlich; +Universitäten und höhere Schulen giebt es +173, Real- und Vorbereitungsschulen 3242 und +von den geringeren im ganzen Lande zerstreuten +Instituten für die ersten Anfangsgründe, von sogenannten +Abcschulen, 47,209. Auf die erstern werden +dabei 16,233, auf die mittlern 164,159 und +auf die letztern 1,845,244 Schüler gerechnet, wozu +noch 468,264 auf Staatskosten oder Freischüler gezählt +werden müssen. Die Universitäten und Schulen +der östlichen und selbst der südlichen Staaten +sind übrigens den europäischen zu ähnlich, um hier +besonders viel über sie zu sagen, die westlichen oder +Backwoodsschulen aber zeichnen sich dagegen durch +so viel Eigentümliches aus, daß sie allerdings eine +kurze Beleuchtung verdienen, die manchem nicht uninteressant +erscheinen wird.</p> + +<p>Vom Staate selbst ist für die Erziehung der +Kinder immer die sechzehnte Section (640 Acker) +jedes Townships<a href="#fn7"><small><sup>7</sup></small></a> bestimmt, und wird das »Schulland« +genannt. Dieses soll nur zum Nutzen der +Schulen und des ihnen vorgehenden Lehrers +verwendet werden; in den westlichen Staaten aber, den +sogenannten Backwoods, geschieht wenig mehr mit +diesem Landstrich, der, wie es sich trifft, bald aus +dem herrlichsten, bald aus dem schlechtesten Boden +besteht, als daß höchstens ein kleines Blockhaus, das +Schulgebäude, darauf errichtet wird und der Schullehrer, +welcher eine solche Stelle selten auf länger +als ein oder zwei Jahre, oft nur für eine Jahreszeit, +den Winter, übernimmt, ein kleines Stückchen +davon urbar macht und Kartoffeln oder Mais hineinpflanzt, +was denn vielleicht im nächsten Jahr, wenn +sich sein Nachfolger nicht darum bekümmert, so verwächst +und verwildert, daß es, ordentlich wie zornig +darüber, seinem Naturzustande auf kurze Zeit entrissen +gewesen zu sein, mit dem tollen Gewirr von Unterholz +und Schlingpflanzen gar nicht wieder zu lichten +ist. Sonst beschützen es aber die in der Nähe lebenden +Ansiedler insofern, daß sie den Flötzern (<i>rafters</i>) +nicht gestatten, sich von diesem Landstrich, wenn er +gerade bequem an einem Wasserlauf liegen sollte, +Stämme zu holen und diese den Fluß hinabzuschwemmen, +gegen welchen Erwerbszweig sie sonst, wenn es +blos Onkel Sams<a href="#fn8"><small><sup>8</sup></small></a> Grund und Boden wie Holzung +betrifft, höchst nachsichtig sind.</p> + +<p>Wo Ansiedler nun ganz allein und nachbarlos +leben, die z. B. in den Sümpfen des östlichen +Theiles von Arkansas und Missouri, wo sie vielleicht +15, ja 20 und noch mehrere Meilen wandern müssen, +ehe sie die Spuren menschlichen Wirkens und Fleißes +erblicken können, da hört denn freilich jedes +Schulgehen der Kinder auf, oder hat vielmehr noch +gar nicht angefangen; die Knaben durchstreifen den +Wald und jagen und fischen, und die Mädchen +bleiben daheim bei der Mutter und spinnen die +Baumwolle, welche ihnen der Vater dann und wann +von seinen »Zügen« in das nächste Städtchen mitbringt, +oder die sie auch wohl selbst in einem kleinen +Feld neben dem Hause gezogen haben. Nähern sich +aber diese Ansiedlungen einander auf 5 bis 6 Meilen, +dann fangen die Farmer an sich nach einem +Schullehrer umzusehen; gewöhnlich treibt Einer von +ihnen irgendwo einen wandernden Yankee, manchmal +auch einen Deutschen auf, und der Grund zur Civilisation +wird gelegt.</p> + +<p>Haben sie den Schullehrer erst, dann stellt sich +ihnen auch die Nothwendigkeit heraus, ein Haus zu +bauen, wobei dieser gleich mit Hand anlegen kann, +die Nachbarn werden also zusammenberufen und in +wenig Tagen steht die kleine anspruchslose Hütte +fertig mit Dach und Thüre da. Zwar befindet sich +das Kamin noch sehr im Naturzustande, und eine +Diele fehlt gänzlich, es ist ja aber »nur die Schule,« +und da kommt das nicht so genau darauf an.</p> + +<p>Sind nun in dem District, aus welchem die +Kinder gemeinschaftlich die Lectionen besuchen sollen, +recht gescheute Leute, die sich berufen glauben, dem +Manne, der ihr junges Amerika bilden soll, einmal +ernstlich auf den Zahn zu fühlen, so wird ein Examen +angesetzt, in welchem der Lehrer einige sehr verfängliche +Fragen über Grammatik und amerikanische Geschichte +vorgelegt bekommt, und ihm verschiedene entsetzlich +klingende, und zu diesem Zweck besonders +ausgesuchte fünf- bis sechssylbige Wörter zum Buchstabiren +aufgegeben werden; hat er diese Fragen zur +Genüge beantwortet und kann er (auf schöne Schrift +wird weniger gesehen) besonders recht schnell und +klein schreiben, so ist sein Ruf begründet, die Männer +betätigen, daß er »<i>knows a heap</i>,« oder mit +andern Worten ein sehr gescheuter und gebildeter +Mann sei, und am nächsten Montag beginnt die +Schule.</p> + +<p>Von diesem Augenblick an ist der Schullehrer +heimathlos, denn er geht nun aus einer Hand in +die andere, d. h. er »boardet« oder wohnt in dieser +Woche bei dem, in der Woche bei einem andern +Farmer und hat nirgends einen Platz, den er sein +eigen nennen könnte, das Schulhaus selbst ausgenommen, +das sich übrigens stets in einem nichtsweniger +als wohnlichen Zustand befindet. Sein +Gehalt beträgt von 10 bis 15, oft sogar 20 Dollars +den Monat, und täglich hat er dafür seinen +Zöglingen sechs, auch sieben Stunden zu geben. +Diese kommen Morgens, wenn sie über eine Meile +entfernt wohnen, was auch fast bei allen der Fall +ist, auf ihren kleinen, indianischen Poneys angallopirt, +binden diese an die das Schulgebäude umgebenden +Büsche, nehmen ihre Bücher und ihr +Mittagbrod, das sie in einer Blechbüchse bei sich +tragen, mit hinein, und setzen sich auf die zu ihrem +Nutz und Frommen roh aufgeschlagenen Bänke von +weichem — Holz.</p> + +<p>Fenster hat das Zimmer oder vielmehr das Haus +(denn das ganze Haus besteht nur aus einem Zimmer) +nicht, die Thür bleibt deßhalb offen, um das +nöthige Licht hereinzulassen; zum Schreiben aber +läuft ein zwischen zwei Stämmen an der einen Seitenwand +schräg befestigtes Brett hin, welches dadurch +erhellt wird, daß man den Zwischenraum +zwischen den gerade über demselben befindlichen +Blöcken nicht ausgefüllt hat, was, wenn man diese +Spalte nur an der Süd- oder Südostseite anbringt, +dem Zweck ziemlich entspricht, da es von der Wetterseite +her hineinregnen würde.</p> + +<p>Die Hauptwissenschaft in diesen Anstalten besteht +im Buchstabiren und richtigen Abtheilen der Wörter, +in der englischen Sprache allerdings nicht so ganz +leicht zu erlernen, und dieses Buchstabiren wird +wirklich, selbst noch von erwachsenen Personen, mit +wahrer Leidenschaft getrieben; es kommen ordentliche +Gesellschaften zusammen, nur um zu buchstabiren, +und in diesen bilden sich dann zwei Parteien, die +einander recht schwierige Wörter aufgeben. Sobald +die Schüler hierin einige Fortschritte gemacht haben, +beginnt das Schreiben, die Grammatik und hin +und wieder einige Stunden Geschichte, wo vor +allen Dingen, wie das auch nicht mehr wie recht +und billig ist, der nordamerikanische Freiheitskrieg +durchgenommen wird.</p> + +<p>Das ist der regelmäßige Cursus in den gewöhnlichen +Backwoodsschulen; oft aber geschieht es auch, +daß, wie ich ein Beispiel aus den Bay de View-Sümpfen +in Arkansas weiß, irgend ein durchziehender +Krämer oder Kaufmann, dessen Geschäft auf +eine andere Art nicht recht gut gehen will, Gastrollen +als Schullehrer giebt. Dieser also, wenn er +in eine Gegend kommt, in der noch früher nie +Schule gehalten wurde, macht auf einmal bekannt, +(d. h. er reitet von Haus zu Haus und meldet es +selber), daß er das »Winterhalbjahr« Stunden +geben würde, und ladet nicht allein die Kinder, +sondern mehr noch die schon erwachsenen jungen +Leute ein, gegen ein gewisses Honorar an dem +Unterricht Theil zu nehmen.</p> + +<p>In dem oben erwähnten Fall hatte der plötzlich +von Tenessee hereingeschneite Lehrer, ein Handlungscommis +aus Memphis, Schreibestunden angekündigt, +und wohl einige 30 Schüler, meistens junge +Mädchen und junge Leute von 10 bis 20 und 22 Jahren +bekommen; von diesen allen aber konnten, drei +ausgenommen, <span class="wide">keiner</span> weder lesen noch buchstabiren, +und sie lernten nur, nach den ausgelegten Vorschriften +und persönlichen Anweisungen, die Buchstaben +und zuletzt die Worte nachmalen, worin sie +es, ein Beispiel was Übung thut, schon zu ziemlicher +Fertigkeit gebracht hatten.</p> + +<p>Die Folgen waren übrigens leicht vorauszusehen, +der Lehrer blieb nur etwa vier Monate, und +ging, da er das kalte Fieber nicht wieder loswerden +konnte, mit seinem indessen verdienten Gelde nach +Tenessee zurück. Als ich darauf in Jahresfrist jene +Gegend zum zweitenmal durchzog, und bei einem +Farmer übernachtete, dessen erwachsene Kinder ebenfalls +an dem Unterricht Theil genommen hatten, +und diese bat, mir auf ihrer Schiefertafel, auf der +sie mit einander Wolf und Schafe, oder wie sie's +dort nennen »Fuchs und Gänse« spielten, etwas +vorzuschreiben, so waren sie auch gern dazu bereit, +aber welcher Sprache diese fremdartigen Zeichen und +Hieroglyphen angehörten, sah ich mich nicht im +Stande zu bestimmen, den Begriff der Buchstaben +und Worte hatten sie nie gelernt und die Form und +Gestalt derselben bald wieder vergessen.</p> + +<p>Rechnen gehört auch schon eigentlich zu den höheren +Wissenschaften, doch wird das immer noch +eher betrieben, weil es mehr in's Leben eingreift; +mit der Geographie müssen sich die Lehrer dagegen +sehr vorsehen, denn ich weiß selbst ein Beispiel, wo +sich ein alter Backwoodsman einst die Karten von +Arkansas und Missouri, nach welchen der Lehrer +unterrichtete, zeigen und erklären ließ, und nach +einer Weile entrüstet aufsprang und seinem Sohn +befahl, sein Buch zu nehmen und mitzukommen: »wo +solche Lügen gelehrt würden, wollte er sein Kind +nicht hinschicken,« meinte er und zeigte dann, als +der Lehrer ganz verwundert und erstarrt dastand, +zornigen Blickes das Messer aus der Scheide reißend, +mit dessen Spitze auf die vor ihm ausgebreitete +Karte.</p> + +<p>»Also hier kommt White River heraus, oh? und +da entspringt er — und die kleinern Striche hier, +und die Grasbüschel, das ist Sumpf — oh?«</p> + +<p>»Ja — so steht's auf der Karte, und ist so nach +den neuesten Vermessungen angegeben.«</p> + +<p>»So? also das soll ich glauben, und dann ist +auch da an der Buffalofork kein Berg, nicht wahr? +und Mulberry mündet über Ozark in den Arkansas? +und wo ist denn der Richland und der Wareagle, +und wo ist der Spiritcreek und Frog-Bayou? +Also jetzt soll mein Junge die Lügen lernen, und +wenn er nachher hinein in den Wald kommt, dann +steht er da, wird irre und verläuft sich — nein so +was kann ich ihn selber lehren, da brauch' ich die +Papierverderber nicht dazu.«</p> + +<p>Der alte Jäger nahm seinen Sohn wirklich mit +zu Hause, und es bedurfte der ganzen Überredung +seiner Frau und Schwägerin, daß er ihm endlich +wieder erlaubte hinzugehen; er legte es dem Jungen +aber dringend an's Herz, »kein Wort von dem zu +glauben, was ihm der Yankee vorschwatzen würde.«</p> + +<p>Der Sonnabend ist in den Vereinigten Staaten, +in den westlichen wenigstens, durchaus schulfrei. +Fünf Tage wird nur gelehrt, und der Freitag +Abend gewöhnlich zu Red- und Denkübungen benutzt, +an denen dann nicht nur Kinder, sondern +auch die Erwachsenen, ja alte Personen aus der +Umgegend Theil nehmen. Es ist dieß aber in der +That eine sehr gute und zweckmäßige Einrichtung, +und gewöhnt nicht allein die jungen Leute daran, +über ihnen vorgelegte schwierige oder verwickelte +Fragen scharf nachzudenken, sondern macht sie auch +zu frühen Rednern und lehrt sie die Scheu, öffentlich +zu sprechen, abzulegen.</p> + +<p>Diese Versammlungen heißen kurzweg »Debatten,« +und jeder hat dazu freien Zutritt. Ich habe +übrigens einen solchen Abend in meinen »<span class="wide">Streif- +und Jagdzügen</span>« ziemlich ausführlich beschrieben, +und will nur hier noch die ungefähren Gesetze und +Verhältnisse derselben kurz angeben.</p> + +<p>Zuerst werden zwei Richter gewählt, die sich +gewöhnlich etwas vom Feuer zurück gerade gegen +das Kamin zu setzen; dann folgt die Wahl zweier +Capitäne, um die Verhandlungen zu leiten, und +diese suchen sich nun unter den Anwesenden solche +aus, von denen sie sich die besten Argumente versprechen; +erst dieser Capitän einen, und dann der +andere, bis sämmtliche Mitglieder verbraucht sind. +Die zwei feindlichen Parteien nehmen jetzt die beiden +Seiten des Kamins ein, und nun wird von +den Richtern ein Thema oder vielmehr eine Disputation +aufgegeben, über welche debattirt werden +soll; verständigen sich die Capitäne, welchen Theil +sie vertheidigen wollen, gut, so bedarf es weiter +keiner Anordnungen; ist das aber nicht der Fall, +so entscheiden die Richter diesen Punkt. Gewöhnlich +wird ein Geldstück in die Höhe geworfen, um die +beginnende Partei zu bestimmen, wo es denn vorher +ausgemacht wird, ob Kopf oder Schrift den +Ausschlag giebt.</p> + +<p>Das Thema oder die Debatte wird sehr verschieden, +manchmal ernst, am meisten aber komisch +gewählt, und es kommen oft, besonders unter den +Schulkindern, gar sonderbare Argumente dabei zum +Vorschein. Beispielshalber will ich hier die folgenden +aufführen:</p> + +<p>»Ob Neger oder Indianer das meiste Unrecht +von den Weißen erlitten haben« (ein wunderbares +Capitel für einen amerikanischen Sklavenstaat, und +doch kam es in Arkansas vor); »ob die katholische +oder jüdische Religion die bessere sei.« (Die Richter, +ein paar strenge Methodisten, wollten sich weder +zu Gunsten der einen noch der andern entscheiden +und erklärten einstimmig, daß alle beide nichts +taugten).</p> + +<p>»Ob die Erfindung des Pulvers oder des Papiers +Amerika den meisten Nutzen gebracht haben,« +(die Entscheidung fiel für das Pulver günstig aus).</p> + +<p>»Ob ein Küchelchen, von einer Ente aus einem +Hühnerei gebrütet, diese oder das alte Huhn als +seine Mutter zu erkennen habe.«</p> + +<p>»Ob eine böse Frau oder ein rauchendes Kamin +schlimmer sei etc.«</p> + +<p>Was mir besonders lobenswerth bei allen diesen +Verhandlungen erschien, war der Ernst, mit dem +sämmtliche Anwesende oft dem baarsten Unsinn +lauschten, besonders wenn ein Jüngerer sprach; er +mochte schwatzen was er wollte, so lachten sie nie, +ausgenommen die Sache gehörte an und für sich +zu den komischen. Sie gehen dabei von dem ganz +richtigen Grundsatz aus, man müsse die jungen +Leute nicht abschrecken und sie den Muth verlieren +machen.</p> + +<p>Der Nutzen, den diese Freundlichkeit und Nachsicht +gewährt, ist augenscheinlich, besonders in den +westlichen Staaten, wo ich junge Leute, die sonst +schüchtern und ängstlich schienen, bei politischen +Versammlungen habe auf irgend einen abgehauenen +Baumstumpf treten, und lange, wenn auch nicht +tief durchdachte aber doch durch kein Stocken unterbrochene +Reden halten sehen; schon die Schulkinder +üben sich auf diese Art unter einander.</p> + +<p>Das Verhältniß zwischen Lehrer und Schüler ist +ebenfalls in Amerika ein ganz anderes, als in den +europäischen Ländern. Jene Freiheit und Gleichheit, +die alle Stände mit einander verbindet, dehnt +sich auch auf diesen aus, und so ernst und streng +der Lehrer in der Schule sein mag, so ungezwungen +beträgt er sich außerhalb derselben oder in den +Zwischen- und Erholungsstunden gegen seine Schüler. +Selten spielen diese ein Spiel oder halten einen +Wettlauf, an dem er nicht Theil nimmt, und oft +ist er der ausgelassenste des ganzen Haufens, nie +aber auch weiß ich, daß Knabe oder Mädchen, in +den Backwoods nämlich, einen Schlag von dem +Lehrer erhalten habe; durch Ehrgeiz treiben sie schon +einander selbst zum Lernen an, und dieses wöchentliche +Zusammenkommen zum Debattiren und Buchstabiren +ist gewissermaßen ein eben so oft wiederholtes +Examen, bei dem Eltern und Freunde gegenwärtig +sind, und der junge Amerikaner möchte +um die Welt nicht am schlechtesten bestehen, denn +er würde ja zu Hause damit geneckt werden und +in der Classe nicht unter den ersten sein, auch würden +ihn die Mädchen auslachen (Knaben und Mädchen +theilen stets dieselben Stunden), und das wäre +doch zu entsetzlich. Mit regem Eifer drängt ihn also +schon sein innerer Trieb zum Lernen, und von dem +Augenblick an, wo er die Schule betritt, denkt er +fast nicht mehr an Spielen und Umherrennen, sondern +sitzt ehrbar und andächtig mit seiner Schiefertafel +in der Ecke und malt seine Buchstaben und +Zahlen.</p> + +<p>Das kindliche Leben aber, die fröhlichen Spiele +der Jugendzeit, das Alles kennt der Amerikaner +auch nur dem Namen nach; von dem Augenblick +an, wo er allein gehen und sich ankleiden kann, +gehört er nicht mehr sich selbst, sondern seinen +Eltern und beginnt mit Hand anzulegen an der +großen Aufgabe des Lebens. Ist es ein Knabe, +so muß er mit in's Feld und kleine <ins title="original has Büchse">Büsche</ins> zusammentragen, +auf einen Haufen werfen und später +anzünden und verbrennen, Späne und trockene +Rinde für Mutter oder Schwester zum Kochen herbeischleppen +und tausend andere kleine Handreichungen +thun; wird er etwas stärker, so holt er den +Mais aus dem »Corncrib« und füttert Pferde und +Schweine, haut Brennholz und hilft mit im Kornfeld +die Maishügel anhacken. Ist es ein Mädchen, +so lernt es schon, wenn es kaum auf den Tisch +sehen kann, das Geschirr auswaschen und Brodteig +anrühren, und wird es nur ein klein wenig älter, +spinnen und weben. Puppen kennt es kaum dem +Namen nach, mit andern Kindern kommt es auch, +der weiten Entfernung der auseinanderliegenden +Farmen wegen, selten oder nie in Berührung und +wird schon mit dem achten oder neunten Jahre +»<i>an old woman</i>« (eine alte Frau), wie es sich +gern nennen läßt.</p> + +<p>Oft zwingt freilich auch die Nothwendigkeit die +armen Kinder zu einer Thätigkeit, welche ihren +Jahren keineswegs angemessen ist. So starb am +Richland, in den Ozarkgebirgen, die Frau eines +Farmers am Nervenfieber (der arme Mann hatte +keinen Arzt und keine Medicin bekommen können, +und der Leidenden nur immer Calomel gegeben, bis +sie todt war); sie hinterließ sechs Kinder, von denen +das älteste ein Mädchen etwa neun Jahre alt, +das jüngste noch ein Säugling war, und der Vater +konnte sich, da er seinen Mais pflanzen mußte, wenn +er das kommende Jahr etwas für sich und seine Familie +zum Leben haben wollte, gerade in dieser Zeit +gar nicht um die Wirthschaft zu Hause bekümmern. +Da fiel dann die ganze Arbeit, die ganze +Sorge, nicht allein für sämmtliche Kinder, sondern +auch für die Wirthschaft, auf das arme Mädchen, +selbst noch ein Kind, das vorher schon Monate lang +die kranke Mutter hatte pflegen müssen, und alle +lebten in einem kaum eine Hütte zu nennenden Blockhaus, +mit nicht ausgefüllten Spalten zwischen den +Stämmen, ohne Diele und fast ohne Bett; der Vater +mußte sich wenigstens Nachts mit seinen drei +Knaben Rinde auf die Erde vor das Kamin breiten +und auf darüber gelegten Hirschfellen und mit wollener +Decke gegen den Wind geschützt, der überall +das Gebäude durchzog, vor dem wohlunterhaltenen +Kaminfeuer förmlich lagern, während die übrigen +vier Kinder sich auf zwei Betten zusammenkauerten, +wenn man nämlich dünne, mit ungereinigten Truthahnfedern +gestopfte Matratzen und eine leichte +Steppdecke wirklich ein Bett nennen kann. Und +doch waren die Kinder zufrieden, sie wußten es +nicht anders, und ich erinnere mich, daß sie uns +mit Jubel empfingen, als wir, mein alter Jagdgefährte +und ich, dort eines Abends Schutz gegen +ein heraufsteigendes Unwetter suchten und einen gewaltigen +wilden Truthahn mitbrachten, den ich geschossen.</p> + +<p>In den östlichen Staaten und Städten verbessert +sich freilich das Schulwesen mit jedem Tage; die +Ansiedlungen liegen dort dichter; breite, gute Straßen +setzen die verschiedenen Wohnungen miteinander +in Verbindung, und nicht jeder herumstreifende Krämer +oder Yankee wird angenommen, sobald er den +Wunsch zu erkennen giebt, der Lehrer ihrer Kinder +zu sein. In Cincinnati besonders entstanden schon +1841 drei Freischulen, in denen nicht allein Rechnen, +Lesen und Schreiben, sondern auch Englisch und +Deutsch, wie Geographie und Geschichte gelehrt wurde, +und auch in St. Louis, wie überhaupt im Norden +der Vereinigten Staaten, hat das Erziehungswesen +bedeutende Fortschritte gemacht. Besonders +sind in Louisville ausgezeichnete Schulen, und hierher +werden vorzüglich die jungen Indianer aus dem +Westen von Arkansas gebracht, um in den Künsten +und Wissenschaften der Weißen unterrichtet zu +werden.</p> + +<p>Was das Schulwesen unter den Indianern anbetrifft, +so versehen dieß bis jetzt noch einzig und +allein die Missionäre; die civilisirten Stämme natürlich, +als Chacktaws, Cherokesen, Shawnees und +einige andere, dicht an den Grenzen der Weißen +lebende Nationen ausgenommen, die, wenigstens +für die Anfangsgründe, ihre eigenen Lehrer haben. +Den amerikanischen Missionären liegt aber keineswegs +das Seelenheil ihrer Beichtkinder allein am +Herzen, die Amerikaner sind ein zu sehr speculirendes +Volk, um der Religion jedes andere Interesse +nachzusetzen. So kommt es denn, daß, wie dieß +besonders im Oregongebiet deutlich wird, einzelne +fromme Männer sehr ehrbar und eifrig mit der Religion +anfingen, bald aber, nachdem sie die rothen +Söhne der Wildniß bekehrt und ihren Willen gebeugt +hatten, den Yankee hervorsteckten und unter +dem Vorwande, sie mit dem Segen des Ackerbaues +bekannt zu machen, für sich selbst große Farmen anlegten +und dann, wenn sie erst einmal eine eigene +Heimath gegründet, damit zufrieden waren, <span class="wide">die</span> +Wilden zu belehren und zu bessern, welche sich +gerade in ihrer Nachbarschaft befanden, oder mit denen +sie zufällig in Berührung kamen. Aus den +Missionären wurden so nach und nach Farmer, und +das religiös zugeschnittene Kleid wich dem bequemern +Jagdhemd.</p> +<p> </p> +<hr class="narrow" /> +<p> </p> +<h2><a name="ch5" id="ch5"></a>Die Alligator-Jagd.</h2> + +<p>In den ungeheueren Sümpfen Louisiana's und +überhaupt in dem ganzen südlichen Theil der vereinigten +Staaten lebt in den warmen Wassern der +Lagunen und Flüsse der Alligator (<i>crocodilus lucius. +Cuv.</i>) in ungeheuerer Anzahl.</p> + +<p>Er gehört zu dem Geschlecht der Eidechsen und +hat ganz die Gestalt und Beschaffenheit dieser Thiere, +erreicht aber, besonders in den südlichsten Theilen +von Louisiana und Florida, oft eine Länge von zwölf +bis sechszehn Fuß. Der ungeheuere Kopf, der fast +den vierten Theil des ganzen Thieres ausmacht, öffnet, +wie der Haifisch, den Oberkiefer, statt des Unterkiefers, +und zeigt dann ein äußerst anständiges +Gefänge, das den gewaltigen, rosenrothen Schlund +einfaßt. Den Körper selbst umgiebt eine harte, +panzerartige, aus lauter kleinen eckigen Stücken bestehende +Haut, die unter dem Bauche in weißen, +harten Schuppen ausläuft. Die Nasenlöcher ragen, +am Ende des Rachens, über diesem empor und liegen +dicht zusammen, und wenn der Alligator an +einem stillen, sonnigen Tag auf dem Wasser gewissermaßen +ruht, so schauen nur die Lichter, mit +einem kleinen Theil des Kopfes und Nackens, und +dann weiter vorn, oft sechszehn bis zwei und zwanzig +Zoll von ihnen entfernt, die Nasenlöcher über +dem Wasserspiegel hervor. Die Lichter selbst sind +sehr klein und sehen tückisch und katzenartig aus, +die Läufe dabei kurz und zum Gehen ungeschickt, +desto besser schwimmt aber dafür der Alligator. +Eine seiner Lieblingsbeschäftigungen ist es, im heißen +Sonnenschein auf den sandigen Uferbänken der +Seen oder Flüsse zu liegen und mit aufgesperrtem +Rachen das Herbeifliegen von Insekten abzuwarten, +die durch den bisamartigen Geruch, welchen einige +Drüsen, die er unter dem Halse trägt, verbreiten, +angelockt werden, sich auf seine breite Zunge setzen +und von ihm, wenn er genug zu haben glaubt +und zuschnappt, mit größtem Wohlbehagen verspeist +werden.</p> + +<p>Die Brutzeit ist im April und Mai; das Weibchen +legt seine Eier in ein gewöhnlich aus Schlamm +und Schilf zusammengebautes Nest und zwar von +achtzig bis hundert und zwanzig, ja dreißig Stück +welche es von der Sonne ausbrüten läßt. Die +jungen auskriechenden Alligatoren haben jedoch sehr +viele Feinde; Aasgeier oder Bussards, Schlangen, ja +das Männchen selbst, das oft fast die ganze Brut +verschlingen soll, stellen ihnen nach; es bleiben aber +doch noch genug übrig, die zahlreichen Seen und +Lagunen der südlichen Länder im Überfluß mit ihnen +zu bevölkern.</p> + +<p>In der Paarzeit kämpfen die alten Alligatoren +manchmal mit Rachen und Schwänzen blutige +Schlachten. Der lange, panzerharte Schwanz ist +überhaupt seine gefährlichste Waffe, doch gebraucht +er ihn weniger zur Erlegung als zur Erreichung +seiner Beute, denn er faßt damit das ausersehene +Opfer und wirft es nach vorn, gegen seinen Rachen +zu, der es dann mit freundlichem Zuschnappen +empfängt.</p> + +<p>Dem Alligator geht es nun wohl in einer Hinsicht +wie Maria Stuart — , er ist besser als sein +Ruf — denn die schrecklichen Geschichten, die man +sich von seiner Mordgier und seinem unverwüstlichen +Haß gegen das menschliche Geschlecht erzählt, sind +doch meistens übertrieben. — Ein Weißer hat, +wenn er ihn nicht selber angreift und verwundet, +(und auch dann nur selten) sehr wenig von ihm zu +fürchten, den Negern freilich stellen sie nach; der +pikante, dieser Race eigene Geruch, der, aufrichtig +gesagt, besonders an heißen Sommertagen gerade +nicht zu den angenehmsten gehört — lockt sie +an — sie lieben diesen Geruch einmal, und wer +kann sie deshalb tadeln, — kauen doch manche Menschen +<i>asa foetida</i>, um ihren Athem zu reinigen, +also sie lieben die Neger — wenigstens dann und +wann einen Arm oder ein Bein von ihnen, und die +schwarzen Söhne Äthiopiens hüten sich wohl, tief +in eine dieser Sumpflagunen hinein zu waten. Dabei +hegen sie auch noch eine zärtliche Leidenschaft für +Ferkel und Hunde, welche erstere sie gewöhnlich ganz, +letztere nur theilweise verzehren, da der Hund, von +dem Alligator erfaßt, kaum einen Schmerzschrei ausstößt, +als auch schon die anderen dadurch angelockt +von allen Seiten herbeiströmen und die Beute theilen; +den weißen Mann aber scheuen sie, verlassen bei seiner +Ankunft das Ufer, an dem sie sich gesonnt, und +tauchen unter.</p> + +<p>Schaden thun sie also nur insofern, daß sie +die hie und da sich ihnen nähernden Ferkel abfangen, +seltner einmal einen jungen Neger unter Wasser +ziehen, oder eine Negerin, die am Ufer zu waschen +gedenkt, bei einem Beine erwischen; da aber +auch der Nutzen, den sie der menschlichen Gesellschaft +bringen, sehr gering ist, und sie überdies noch ein +häßliches, boshaftes, gefährliches Aussehen, was aber +noch das Allerschlimmste ist, einen schlechten Ruf +haben (denn es ist ein altenglisches Sprichwort: +»Hängt einen Hund lieber, ehe ihr ihm einen schlechten +Namen macht«), so wird ihnen, wo man ihrer +habhaft werden kann, mit Kugel und Harpune, oft +auch gar mit großen Angelhaken nachgestellt.</p> + +<p>Ganz unnutzbar sind sie übrigens doch nicht, denn +die großen, feisten Burschen werden in Kessel gethan +und das Fett heraus geschmolzen, das besonders gut +zu den verschiedenen Maschinerien, die das Reinigen +der Baumwolle erfordert, gebraucht werden kann. +Die Schwänze der kleineren — (bis höchstens fünf +oder sechs Fuß lang) schmecken dabei delikat, nur +muß das Fleisch bald von der Rückengräte abgelöst +werden, da es sonst den, diesen Thieren eigenen, +bisamartigen Geschmack annimmt.</p> + +<p>Ein unfern von uns wohnender Pflanzer in +Pointe Coupée hatte mich lange schon geplagt, eine +ordentliche Alligator-Jagd vorzunehmen, da er gar +so gern einige Gallonen von dem Fett dieser lieben +Bestien zu haben wünschte und ich die einzige gute +Harpune dort in der Gegend besaß; als er daher +eines Morgens mit seinem Sohne und zwei pechschwarzen +Negersklaven zu mir kam und erzählte, +daß er schon am vorigen Abend zwei leichte Kähne +in den hinter seinem Hause liegenden See, der durch +schmale Lagunen mit fünf oder sechs anderen in Verbindung +stand, geschafft hätte und nun eine ordentliche +Jagd beabsichtige, so schulterte ich meine Harpune, +steckte mein kleines Scalpirmesser in den Gürtel, +und dem jungen Harbour die Büchse überlassend, +mit der er ziemlich gut umzugehen wußte, schlenderten +wir langsam dem etwa anderthalb englische +Meilen entfernten See zu.</p> + +<p>»Was trägst Du denn da, Ben?« fragte ich den +einen der Neger, der etwas in grobes Baumwollenzeug +einschlagen, das mir Leben zu haben schien, +unter dem Arme hielt.</p> + +<p>»Kann selber reden — Massa!« sagte der Schwarze +grinsend, indem er den fürchterlichen Mund von einem +Ohr bis zum andern aufriß und zwei Reihen blendend +weißer Zähne zeigte — »kann selber reden,« +und dabei preßte er mit dem linken Ellbogen das +seiner Sorgfallt Empfohlene.</p> + +<p>»Quitsch!« sagte ein kleines Ferkelchen, das jetzt +mit allen vier Läufen anfing zu strampeln.</p> + +<p>»Stille halten, Kleines.« beruhigte es der Neger + — »gutes Thierchen — so recht!«</p> + +<p>Er trug es mit sich, um durch das Schreien +desselben die Alligatoren herbeizulocken und dann +leichter zu schießen. Endlich erreichten wir einen +schmalen Damm, der den größten See in zwei +Hälften theilte und an dessen Einlauf die Kähne befestigt +lagen; obgleich wir aber schon Ende Juni +hatten, war das Wasser doch noch sehr hoch, denn +der Mississippi, durch den Schnee der Felsengebirge +angeschwellt, hielt die tiefer als seine Ufer liegende +Niederung gefüllt, daß all das innere Land überschwemmt +und einem ungeheueren See gleich da lag, +den nur hier und da schmale Streifen Landes oder +Dämme durchzogen. Auch dieser Damm, an welchem +unsere Kähne befestigt waren, ragte kaum zwei +Zoll, naß und schwammig, über die Wasserfläche +empor.</p> + +<p>Zwei Drucker, welche die »Pointe Coupée Chronicle« +redigirten, setzten und druckten, hatten sich +unserer Jagd noch angeschlossen, und wir machten +jetzt also im Ganzen, mit dem Ferkel, acht Personen, +die sich nun der alte Harbour anschickte gleichmäßig +zu vertheilen. Zuerst kam in jedes Boot ein Neger +»zum Rudern,« dann ein Buchdrucker »zum Zusehen,« + — denn viel mehr Nutzen erwarteten wir nicht von +ihnen — dann der junge Harbour mit der Büchse +in ein Boot und ich mit der Harpune in das andere +»zum Jagen«, und ich bekam das Ferkel, während +der alte Harbour zu seinem Sohn in den +Kahn trat, der jetzt ganz kaltblütig bemerkte: »das +Ferkelchen und er — (der Vater) wären zum +Quitschen.«</p> + +<p>Die Sonne brannte grimmig heiß und kein +Schatten bot sich auf der ganzen weiten Wasserfläche, +als der, den manchmal einzeln stehende Cypressen, +mit dem langen, grauen Moose bewachsen, +warfen; nicht ein Lüftchen regte sich, kein Vogel +zirpte — kein Frosch quakte, Alles lag in träger — +schlaffer Ruhe, und selbst die einzelnen Alligatoren, +die mit ihren schwarzen Köpfen, wie Stücke halbverbrannten +Holzes, auf der spiegelglatten Wasserfläche +trieben, sahen aus, als ob sie schliefen, hätte +nicht manchmal einer der großen Burschen den rosenrothen +Rachen aufgerissen, dessen Oberkiefer dann +einen Augenblick emporstand und mit schwerem +Schlage wieder zuklappte.</p> + +<p>»Selbst die Alligatoren langweilen sich hier,« — +sagte Kelly — der eine Drucker, der bei mir im +Boote war.</p> + +<p>»Wird schon lebhaft werden, Massa,« lachte der +Neger, »wenn das Kleine hier spricht!«</p> + +<p>Das Ferkel seufzte wehmüthig im Sack. — </p> + +<p>Wir stießen jetzt vom Lande ab, hielten uns im +Anfang dicht zusammen, und versuchten leise an die +Alligatoren hinanzugleiten, sie waren aber zu scheu, +und immer, wenn wir fast in Schußnähe zu sein +glaubten, sanken sie unter. — Ich hatte mich +auf das Vordertheil des Kahnes gestellt und erwartete +ruhig das Erscheinen eines der Burschen +auf zwölf bis funfzehn Schritt Entfernung, doch +der alte Harbour wurde ungeduldig und rief zu +uns herum:</p> + +<p>»Drückt doch das Ferkel einmal ins Teufels +Namen!«</p> + +<p>Der Buchdrucker aber, der sich aufrecht hingestellt +hatte, um die Wasserfläche um so besser übersehen +zu können, und dem es wahrscheinlich zu viel +Mühe schien, sich zu bücken, trat, ohne eine Miene +zu verziehen, dem armen kleinen Ding auf den +Bauch.</p> + +<p>»Quiiiiiitsch!« schrie dieses in Todesangst.</p> + +<p>»Massa — um Gottes willen,« rief aber auch +erschrocken der Neger und hörte mit Rudern auf — +»das mein Schwein — Ihr tretet's todt!«</p> + +<p>Das Experiment hatte jedoch den gewünschten +Erfolg gehabt; mehre der langen Gesellen, die vorher +von uns weggeschwommen waren, drehten sich +jetzt und kamen langsam auf uns zu — der Neger +mußte mit Rudern aufhören und sich ganz ruhig verhalten, +und nahe heran, auf etwa dreißig Schritt, +strich ein gewaltiger alter Bursche von zwölf Fuß +Länge. — Einen Augenblick hielt er und traute den +<ins title="original has Boten">Booten</ins> doch nicht so recht; der Neger aber, der zu +seinem Schweinchen niedergekniet war, ließ dieses +einen ganz kleinen winzigen Schrei thun und dadurch +angelockt, schwamm er herbei. — </p> + +<p>»Feuer!« rief jetzt der alte Harbour, die Büchse +krachte und in demselben Augenblick auch fast drehte +sich das tödtlich verwundete Ungeheuer herum und +zeigte den weißen, schuppigen Bauch; im Vorschießen +und Umsichschlagen war es aber glücklicher Weise +meinem Kahne nahe genug zum Wurf gekommen und +im <span class="wide">Nu</span> saß ihm auch die scharfe dreizackige Harpune +in den Weichen.</p> + +<p>Der Schuß aber, der ihm das Hirn zerschmettert +hatte, erlaubte ihm nicht mehr viel zu reißen und zu +zerren, und leicht zogen wir ihn dicht an den Kahn +heran; das gewaltige Thier aber in das kleine +Fahrzeug zu nehmen, wäre auf keinen Fall angegangen, +und wir ruderten deshalb schnell ans Ufer +zurück und schleppten es dort, wobei es jedoch +noch tüchtig mit dem Schwanze umher hieb, unter +einen Baum.</p> + +<p>Der Versuch mit dem Ferkel wurde jetzt mehrere +Male wiederholt und der junge Harbour schoß nach +vier Alligatoren, von denen wir jedoch nur zwei bekamen, +da ich nicht schnell genug mit der Harpune +hin konnte, und ich harpunirte drei, die sich zu nahe +an mich herangewagt und die Gefahr zu spät eingesehen +hatten. Zwei von den letzteren waren jung +und saftig, und ich schnitt ihnen augenblicklich für +meinen eigenen Tischgebrauch die Schwänze ab.</p> + +<p>Nach und nach mochten sie es aber doch wohl +wegbekommen haben, daß es mit dem Schweine +nichts war, denn in immer weiteren Kreisen umzogen +sie unsere Kähne, und wir konnten keinen +mehr auf Schußweite anlocken. Das wurde also +aufgegeben, der Neger aber, der in meinem Kahne +ruderte, machte seine Sache so ungeschickt und vollführte +einen solch gräulichen Spectakel, daß an Anschleichen +mit dem Burschen gar nicht zu denken +war; ich ließ ihn daher von der Ruderbank aufstehen, +die ich jetzt einnahm, und übergab die Harpune an +Kelly, der mich inständig bat, auch einmal einen +harpuniren zu dürfen, wobei er betheuerte, zu Hause +in Kentucky manchen großen Catfisch auf diese Art +gefangen zu haben; unsere beiden Kähne blieben aber +jetzt nicht mehr bei einander und ich legte ein Ruder +nieder, während ich das andere aus dem Ruderloche +nahm und in der Hand führte, da ich auf diese Art +am geräuschlosesten fortgleiten konnte.</p> + +<p>Lange schon hatte ich versucht, an einen ziemlich +großen Alligator hinanzukommen, immer aber +noch war er mir entgangen, obgleich ich mir genau +gemerkt hatte, wo er untertauchte und in welcher +Entfernung er dann immer wieder an die Oberfläche +kam. Jetzt sank er auch eben wieder, und mit +aller Kraft das Ruder führend, das der Kahn mit +Blitzesschnelle über die Wasserfläche dahin schoß, +versuchte ich ihn beim Emporkommen zu überraschen +und rief Kelly zu, aufzupassen. Ich hatte das Wort +kaum gesagt, als der schwarze Kopf der Bestie sichtbar +wurde; eben so schnell wollte er nun zwar wieder +niederfahren, doch war er zu nahe, kaum sechs +Schritt, als daß ihn Kelly hätte fehlen können; +das Eisen saß und mit gewaltigem Ruck schoß er +vorwärts.</p> + +<p>Nun ist eine solche Harpune auf folgende Art +eingerichtet; das dreizackige, mit Widerhaken versehene +Eisen ist etwa achtzehn Zoll lang und circa +drei bis vier Pfund schwer; in diesem sitzt eine +leichte, zehn Fuß lange Stange, die beim Wurf vom +Eisen abgeht, um dessen Mitte ein starkes Seil gut +befestigt ist, das an der Stange hinauf läuft, an +dieser, oben, wieder festsitzt und nun noch etwa zwölf +bis sechszehn Fuß freien Spielraum gewährt, so +daß die ganze Länge des Wurfes etwa dreizehn bis +vierzehn Schritte betragen darf. Das Ende des +Seiles ist dabei um das Handgelenk des Werfenden +befestigt, damit er es nicht durch die Finger gleiten +lasse, und Beute und Waffe zu gleicher Zeit +verliere.</p> + +<p>Wohl hatte ich, durch Erfahrung belehrt, Kelly +vor dem Wurfe gewarnt, sich festzustellen und nicht +das Gleichgewicht zu verlieren; in dem freudigen +Gefühl aber, einen Alligator zu harpuniren, dachte +er nicht weiter daran, und als jetzt der Verwundete +mit dem Eisen hinwegeilte, riß ein plötzlicher Ruck +desselben den Schützen aus dem Boote. Der Neger +aber, der wohl etwas Ähnliches geahnet haben +mochte, warf sich auf ihn, und wenn ihm auch der +Körper entging, erwischte er doch noch ein Bein, das +er festhielt, bis es unsern vereinten Kräften gelang +Drucker und Alligator, die unzertrennlich waren, den +ersten am Lauf, den zweiten am Seil, in's Boot +zurück zu ziehen.</p> + +<p>Der junge Harbour hatte indessen auch noch +einige kleine Alligatoren erlegt, und mit unserer +Beute zufrieden, da die Hitze in der Mittagsgluth +zu fürchterlich drückend wurde, kehrten wir langsam +zum Hause zurück, während die Neger die Erlegten +mit Handkarren zum Hause fuhren, da sich nicht +leicht ein Pferd dazu hergiebt, einen Alligator zu +tragen.</p> + +<p>Sehr häufig habe ich Alligatoren, wie die +Hirsche, Nachts bei dem Scheine der Kienfackel geschossen, +und ihre Lichter glühen wie Stücke rothheißen +Eisens. — </p> +<p> </p> +<hr class="narrow" /> +<p> </p> + +<h2>FOOTNOTES</h2> +<p class="revind"><a name="fn1" id="fn1">1</a>: Spitzname für die Bewohner von Illinois.</p> + +<p class="revind"><a name="fn2" id="fn2">2</a>: <i>Hurricane</i>, eine Art Orkan, der in langen Strichen das Land +durchzieht und oft meilenbreit jeden Baum umstürzt.</p> + +<p class="revind"><a name="fn3" id="fn3">3</a>: Streif- und Jagdzüge durch Nordamerika. Leipzig, Arnoldische +Buchhdl.</p> + +<p class="revind"><a name="fn4" id="fn4">4</a>: Für den Nicht-Jäger »Rippen.«</p> + +<p class="revind"><a name="fn5" id="fn5">5</a>: Ein grobes wollenes, meist selbstgewebtes Zeug.</p> + +<p class="revind"><a name="fn6" id="fn6">6</a>: Der Zettel lautete wörtlich: <i>»Plees Sir — merry the too young +peepel; yoors M. Peterson.«</i></p> + +<p class="revind"><a name="fn7" id="fn7">7</a>: Das Township selbst besteht aus einem Quadrat von sechzehn +Sectionen.</p> + +<p class="revind"><a name="fn8" id="fn8">8</a>: Launige Bezeichnung der <i>U. (nited) S. (tates). Uncle Sam</i>.</p> + +<p> </p> +<hr class="minimal" /> +<p> </p> + +<table class="sm" border="0" style="background-color: #E6F6FA; margin: 0 auto" cellspacing="2" cellpadding="4" summary="NOTES"> +<tr> +<td colspan="2"> + <div class="center">TRANSCRIBER'S NOTE</div> + +<p class="noindent" style="background-color: #E6F6FA"> +Obvious misspellings have been corrected. The spelling of names has been +regularised and missing punctuation added. A few words appear in two +different spellings; these have been retained. Two +particular words which may strike the modern reader as mistakes, Stöpfel +(Stöpsel) and klaffen (kläffen), were in fact correct at the time. +</p> +<p class="noindent">The following additional changes were made and can be identified +in the body of the text by a grey dotted underline:<br /> +<br /> +</p> +</td> +</tr> +<tr> +<td colspan="2"> + <div class="center">ANMERKUNGEN</div> +<p class="noindent" style="background-color: #E6F6FA"> +Offenkundige orthografische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. +Namen wurden vereinheitlicht und fehlende Zeichensetzung ergänzt. Manche +Wörter treten in zweierlei Schreibungen auf und wurden so belassen. +Zwei +Wörter werden dem Leser bzw. der Leserin als mögliche Fehler vielleicht +besonders auffallen: Stöpfel (Stöpsel) und klaffen (kläffen); sie lassen +sich aber in der damaligen Zeit so nachweisen.</p> +<p class="noindent">Folgende zusätzliche Änderungen wurden vorgenommen und sind im +Text grau unterstrichelt:<br /> +<br /> +</p> +</td> +</tr> +<tr> + <td class="w50" align="left" valign="top">mit der Scheu, die alle Hinderwäldler (…) haben</td> +<td align="left" valign="top">mit der Scheu, die alle <i>Hinterwäldler</i> (…) haben</td> +</tr> +<tr> + <td class="w50" align="left" valign="top">steckte seine Nadel (…) in die Kugeltatsche</td> + <td align="left" valign="top">steckte seine Nadel (…) in die <i>Kugeltasche</i></td> +</tr> +<tr> + <td class="w50" align="left" valign="top">wenn der Wolf mit der Falle zu entfliegen sucht</td> +<td align="left" valign="top">wenn der Wolf mit der Falle zu <i>entfliehen</i> sucht</td> +</tr> +<tr> + <td class="w50" align="left" valign="top">ihn zum Glücklichsten der Sterblichsten zu machen</td> +<td align="left" valign="top">ihn zum Glücklichsten der <i>Sterblichen</i> zu machen</td> +</tr> +<tr> + <td class="w50" align="left" valign="top"> unmöglich so lage ohne (…) Aufsicht bleiben konnten</td> +<td align="left" valign="top">unmöglich so <i>lange</i> ohne (…) Aufsicht bleiben konnten</td> +</tr> +<tr> + <td class="w50" align="left" valign="top"> kleine Büchse zusammentragen</td> +<td align="left" valign="top">kleine <i>Büsche</i> zusammentragen</td> +</tr> +<tr> + <td class="w50" align="left" valign="top"> traute den Boten doch nicht so recht</td> +<td align="left" valign="top">traute den <i>Booten</i> doch nicht so recht</td> +</tr> +</table> + +<p> </p> +<hr class="pg" /> +<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK AMERIKANISCHE WALD- UND STROMBILDER. ERSTER BAND.***</p> +<p>******* This file should be named 33017-h.txt or 33017-h.zip *******</p> +<p>This and all associated files of various formats will be found in:<br /> +<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/3/3/0/1/33017">http://www.gutenberg.org/3/3/0/1/33017</a></p> +<p>Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed.</p> + +<p>Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. 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General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. 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INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://www.gutenberg.org/about/contact + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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