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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 19:53:29 -0700 |
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diff --git a/30289-0.txt b/30289-0.txt new file mode 100644 index 0000000..d2d91fe --- /dev/null +++ b/30289-0.txt @@ -0,0 +1,6766 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 30289 *** + +Note: Project Gutenberg also has an HTML version of this + file which includes the original illustrations. + See 30289-h.htm or 30289-h.zip: + (http://www.gutenberg.org/files/30289/30289-h/30289-h.htm) + or + (http://www.gutenberg.org/files/30289/30289-h.zip) + + + + + +NACH AMERIKA! + +Ein Volksbuch + +von + +FRIEDRICH GERSTÄCKER. + +Illustrirt von Carl Reinhardt. + +Sechster Band. + + + + + + + +Leipzig, +Hermann Costenoble, +Verlagsbuchhandlung + +Berlin, +Rudolph Gaertner, +Amelang'sche Sort.-Buchhandlung. + +1855. + + + + +Inhalt des sechsten Bandes. + + 1. Ein Sheriffsverkauf in Arkansas 1 + 2. Maulbeere in der Betversammlung 31 + 3. Der wandernde Krämer 63 + 4. Georg und Marie 91 + 5. Jimmy 112 + 6. Kapellmeister Eltrich 136 + 7. Meier, Pelz & Co. 169 + 8. Die Überraschung 199 + 9. Das Haus am Walde 226 + 10. Der rothe Drachen bei Heilingen 239 + + + + +Capitel 1. + +Ein Sheriffsverkauf in Arkansas. + + +Ein volles Jahr war nach den, im letzten Capitel beschriebenen Vorfällen +verflossen; die heiße Sonne Amerikas hatte wiederum den Mais und Waizen +gereift, und die Früchte und Beeren des Waldes mit süßem Saft gefüllt; +durch die blaue sonnenreine Luft zog der weiße wehende Spinnenfaden seine +stille Bahn, und legte sich einem duftigen Schleier gleich über die +Wipfel des grünen Waldesdoms, in dessen Schatten die feisten Hirsche zu +Rudeln zusammenstanden, und die jungen Truthühner in die Zweige hinauf +flatterten, die ersten jungen Weinbeeren zu versuchen, die sich mit +ihren Reben dort empor gerankt. + +Und wie das raschelte und rauschte im stillen Wald, wie sich das +blitzende Sonnenlicht in den fallenden Tropfen spiegelte, die ein +wohlthätiger Nachtregen über das grüne Laubmeer ausgegossen, und die +jetzt leise klopfend auf die gelbe, noch vorjährige Blattdecke des Bodens +niederschlugen. Und die Grille zirpte ihr regelmäßig melancholisch Lied, +das wie das leise Schnarren einer in zeitrechten Schwingungen gehenden +Uhr von allen Seiten tönte, nur manchmal durch den gellenden Schrei +eines aufstiebenden Falken gestört, dem der blaue Heher im Busch +spöttisch den Warnungsruf nachäffte. + +Wie das summte und schwirrte um Lianenblüthen und frisch aufkeimende +Waldesblumen, von Bienen und Käfern, zwischen denen hin hie und +da, wie ein verirrter Sonnenstrahl, ein blitzender gold und grün +schimmernder Kolibri gedankenschnell fast herüber und hinüber surrte, +über einem duftenden honigschweren Kelch einen Moment mit unsichtbaren, +schattengleich fibrirenden Schwingen stand, und dann verschwunden war, +daß ihm das Auge nicht folgen konnte, bis ihn sein Summen an dem +nächsten Blüthenbusch verrieth. + +Wie die Natur in wundervoller Harmonie, besonders in der Jahreszeit, +den ganzen Wald mit ihrer Pracht durchwirkt, und ineinandergreifend +Jedes sich die Hände reicht zum schönen Ganzen; wie selbst der morsche +umgestürzte Baum, von wilden blühenden Ranken umzogen, zum Bilde hier +gehört und nicht fehlen dürfte; ja wär' ein einziger Zweig gebrochen +von den tausenden, die überall dem Licht, der Luft die grünen Arme +entgegenstrecken, die _Lücke_ würde fühlbar, und der fallende Tropfen +selbst schmückt das Blatt das er verließ mit höherem Glanz, und wird zur +Perle wo er niederfällt. + +Und doch _ein_ Miston in der Harmonie -- ein dunkler Fleck der da nicht +hingehörte, der sich nicht wohl da fühlte und das Ganze störte -- ein +nasses, schmutziges, verdrießlich unzufriedenes Menschenbild, mitten +im Wald, im freien schönen wundervollen Wald -- Zachäus Maulbeere, vom +Regen durchnäßt, kalt, hungrig, verirrt, festgefahren mit seinem Karren +in einem Gewirr von Reben und Wurzeln, und in einer Laune, Milch nur +durch bloßes Ansehn zu säuern. + +»Ein Gottvermaladeites Land das,« lästerte er, sich erschöpft auf einen +umgefallenen Baum setzend und sein Taschentuch, das er in der Hand +hielt, zusammenrollend und ausringend, »daß mich der Teufel plagen mußte +nach diesem Gottvergessenen Staat zu gehn -- Bäume -- Bäume -- Nichts +als Bäume in der Welt -- gerade in die Höh und gerade über den Weg. +-- Schönes Vergnügen das, wo man sich erst sein Schnupftuch _ausringen_ +muß, daß man sich damit _abtrocknen_ kann -- _schwabben_ nannten sie's +auf dem Schiff. Und jetzt sitz ich hier -- keine Ahnung wo bin -- keine +Idee von einer Richtung -- ein Scheerenschleifer im Wald -- Maulbeere, +Esel, was hast Du hier im Busch zu suchen, heh? -- war Dir zu wohl +draußen zwischen den Ansiedlungen im Osten, zwischen dem Waizenbrod und +Honig, eh? -- mußtest geschwind machen daß Du _hierher_ kamst, zwischen +Maisbrod und Speck, oder gar die Nacht in den Wald hinein -- _Schöne_ +Nacht die ich da verlebt habe, beim heiligen Sebastian -- oben in dem +verdammten Baum eingeklemmt gesessen, daß ich die Glieder nicht mehr +rühren kann, und das Beest was da um mich her in den Bäumen geschrieen +hat -- daß ich nicht gefressen bin ist ein reiner Zufall. -- Romantisch +im Wald zu lagern eh? -- wenn ich nur wenigstens den verdammten +langhaarigen Dichter die Nacht bei mir gehabt hätte, um an dem meinen +Gift auszulassen -- aber zehn gegen eins, der Lump hat die ganze Nacht +trocken und behaglich in einem warmen Bett geschlafen, und am andern +Morgen lügt er dann wie ein Leichenstein, schreibt von »Gesicht im +Thau baden« und »Windsbraut die Schläfe kühlen« -- na _Dir_ möcht' ich +einmal die Schläfe kühlen Du -- Du Blattlaus, statt mit sechs, mit zwei +schiefen Beinen. -- Und der Herr Schultze -- der selige Piepvogel mit +einem Gesicht -- wenn man's auf einen Stock schnitt, könnte man einen +Hund damit prügeln, dem hätte die Nacht kreuzwohl zu Muthe sein müssen +-- hundemüde auf einem Ast zu sitzen mit dem Kopf unterm Flügel und mit +der wohlthuenden Überzeugung beim ersten Einnicken herunter zu fallen +und den Hals zu brechen.« + +»Das geschieht Dir aber recht, Zachäus, vollkommen recht, mein +Herzchen -- was dumm ist muß geprügelt werden, und anstatt lieber +den alten verdammten Karren, den ich es zum Sterben müde bin im Lande +umherzuschieben, in den Mississippi hineinzufahren und umzudrehen, +mußt Du auch noch Fährgeld dafür zahlen und damit herüberkommen, dann +Wochenlang durch den heißen nassen Sumpf ziehn, um hier endlich an +einem Platz, den die Nachkommen gar nicht finden können wenn sie Einem +wirklich ein Monument setzen wollten, elendiglich und Gotteserbärmlich +umzukommen.« + +Maulbeere drückte sich nach diesem Selbstgespräch den alten aufgeweichten +Hut fester in die Stirn, stemmte beide Ellbogen auf die Knie, stützte +den Kopf in die Hände und starrte finster und mit dicht zusammengezogenen +Brauen eine ganze Weile vor sich nieder. + +Er sah auch traurig aus; -- den grünen Rock trug er noch immer. Das Wild +im Wald wechselt seinen Pelz oder sein Fell mit der Jahreszeit, der +Vogel hat seine Mauser, die Schlange streift ihre Haut ab, einer neuen +Raum zu geben, und jede Kreatur leckt oder säubert dabei ihr Kleid, +das ihr der Schöpfer gegeben, nach besten Kräften, streicht Federn +oder Haare glatt und fühlt sich dann erst wohl, und behaglich wenn das +geschehn. Nur Maulbeere kannte kein solches Bedürfniß; wie die Katze die +Nässe scheut, haßte er, vor allen anderen Elementen, das Wasser; Niemand +hatte je gesehen daß er sich wusch; wenn das an Bord geschehen war mußte +er es in der Nacht gethan haben und selbst dann heimlich, von der Wacht +an Deck unbemerkt. Den grünen Rock, jetzt an unzähligen Stellen geflickt +und ausgebessert, trug er noch bis oben an die schwarze, matt glänzende +Pferdehaarhalsbinde fest zugeknöpft, der alte Filz, der keine Façon mehr +zu verlieren hatte, lag ihm mit seinem, an drei Seiten durch Bindfaden +befestigten Deckel, weich und lappig geworden, dicht auf dem Scheitel, +und die derben rindsledernen Schuhe, zu denen die durch Dornen unten +ausgefranzten großkarirten baumwollenen Hosen niederhingen, schienen +das einzig trag- und nutzbare am ganzen Menschen. Auch der blonde +starre Bart hatte seit Wochen kein Rasirmesser gesehn, und das kurze +semmelblonde struppige Haar hing ihm jetzt naß und in zusammenklebenden +Streifen über Stirn und Schläfe, und ließ ihm einzelne durch den defekten +Hutrand eingedrungene Tropfen über die fahlgrauen Backen, auf denen sie +lange Schmutzstreifen bildeten, in die Halsbinde laufen. + +In der widrigen Feuchtigkeit hatte ihn auch sein trockener Humor +verlassen, und Maulbeere saß neben seinem Karren wie ein wild gewordener, +der Civilisation abtrünnig gewordener Scheerenschleifer, Haß und Groll +gegen die ganze Welt -- die er überhaupt noch nie lieb gehabt -- im +Herzen. + +Ein Schuß! -- Zachäus fuhr in die Höh, als ob _ihn_ die Kugel getroffen +hätte, und horchte gespannt, nach welcher Richtung hin er das nächste +Geräusch jetzt hören würde, als auch der Fall eines Körpers, nur wenige +Secunden später, sein Ohr erreichte. + +»Hallo! _hupih_! -- hallo!« schrie er jetzt dorthin aus Leibeskräften, +»he! hallo! hallo! hu -- _ih_ -- _ahoy_!« + +Das laute Anschlagen eines Hundes antwortete dem fremden Ton, dem gleich +darauf der ermunternde Zuruf einer menschlichen Stimme folgte. + +»Existirt wirklich noch eine andere menschliche Kreatur in dieser +gottvergessenen Mischung von Streu und Nutzholz,« brummte Maulbeere +vor sich hin, »fehlte mir jetzt weiter gar Nichts, als daß es so eine +verdammte Rothhaut wäre, die eben solchen Hunger hätte wie ich. Aber +einerlei, lieber an einem warmen behaglichen Feuer gebraten werden, wie +hier madennaß vor Frost und Bauchgrimmen umkommen; also noch einmal ein +Nothsignal, die wilde Bestie auf meine Spur zu bringen.« + +Und wieder ließ er den Wald von seinem Geschrei ertönen, und nicht +lange, so brach ein grau gestreifter, kräftig gebauter Hund durch die +Büsche, gerad auf ihn zu, machte noch ein paar tüchtige Sätze gegen ihn +an, und gab dann Standlaut. + +Maulbeere, der seine besonderen Gründe hatte den Hund nicht gegen sich +aufzubringen, konnte unter diesen Verhältnissen nichts anderes thun +als sich vollkommen ruhig verhalten; nicht lange aber, so brachen und +knackten die Büsche und ein Jäger, die Büchse auf der Schulter, einen +eben geschossenen Truthahn, Kopf und Ständer mit Bast zusammengebunden, +wie eine Tasche umgehängt, trat aus den Büschen und kam, die wunderliche +Gestalt mit dem Karren dabei nicht wenig erstaunt betrachtend, auf +Maulbeere zu. + +»Hallo Fremder!« rief Jack Owen, denn es war Niemand anders als unser +Arkansanischer Freund, »wie zum Henker seid Ihr mit _dem_ Fuhrwerk da in +die Gründorn-Flat gerathen?« + +»Hineingerathen?« erwiederte Maulbeere, der in den zwei Jahren seines +hiesigen Aufenthalts schon ziemlich fertig Englisch gelernt hatte, +»fragt mich lieber wie ich wieder hinausgerathe -- hier in der Gegend +wissen die Leute wohl gar nicht was ein _Weg_ ist?« + +»Oh doch,« lachte der Mann, der sich nicht satt sehen konnte an dem +Fremden, »manchmal haben wir hier so schmale Dinger, die man, in +Ermangelung besserer, Wege nennt. Aber wo kommt Ihr her? -- was habt +Ihr da in der wunderlichen Maschine und wo wollt Ihr hin?« + +»Wenn Ihr mich gefragt hättet wie ich die Nacht geschlafen habe und +ob ich etwas zu essen haben wollte, wäre mehr Sinn d'rin,« brummte +Maulbeere verdrießlich. »Wie weit ist's bis zum nächsten Haus?« + +»Kaum eine Viertelstunde -- wenn Ihr _hier_ übernachtet habt, konntet +Ihr die Hähne heut Morgen krähen hören -- wo habt Ihr geschlafen?« + +»Wenn's Euch interessirt,« knurrte Maulbeere, »und Ihr den Spuren +nachgehen wollt, die ich mit dem verdammten Kasten hier aufgewühlt, dann +kommt Ihr zuletzt zu einem Baum -- irgend ein weitläufiger Verwandter +von diesen hier -- auf dem hab' ich gesessen!« + +»Oben im Baum?« lachte der Jäger. + +»Wenn ich _drunter_ gelegen hätte fändet Ihr einen Theil meiner +Gliedmaßen vielleicht heute Morgen in dem Magen eines Panthers, und den +anderen sauber verscharrt für eine zweite Mahlzeit, unter dem Laube.« + +»Unsinn Mann -- Ihr könnt hier ein Jahr lang unter einem Baum im Walde +schlafen, und wenn Euch die Mosquitos und Holzböcke nicht auffressen, +die Panther thun Euch Nichts.« + +»So? -- es hat wohl nicht Einer dicht bei mir auf einem anderen Baum +gesessen, und mir die ganze Nacht eine schauerliche Geschichte +vorgeheult, heh?« + +»Hahahahaha!« lachte Jack, »das wird eine Eule gewesen sein; in dieser +Jahreszeit schläft sich's wundervoll im Wald.« + +»Eule,« brummte Maulbeere verächtlich zwischen den Zähnen durch, +»wundervoll im Wald schlafen -- wer eine Leidenschaft dafür hat. Mir +ist's lieber ich erfahre es erst am nächsten Morgen, wenn's in der Nacht +geregnet hat.« + +»Alle Wetter ja,« rief Jack gutmüthig, »Ihr seid durch und durch naß +-- es hat die Nacht wohl stark geregnet? und wir zu Hause haben nicht +einmal viel davon gemerkt. Aber kommt, nehmt Euer Fuhrwerk und bringt +es nur hier herüber mir nach.« + +»Wenn ich nicht fest damit säße hätte ich mich nicht hier häuslich +niedergelassen,« erwiederte der Scheerenschleifer mürrisch -- »das +Dornenwerk hält wie Ankertaue.« + +»Da wollen wir leicht Bahn hauen,« lachte Jack, sein langes schweres +Jagd- oder Bowiemesser aus dem Gürtel nehmend, und die Dornen ringsum +mit leichten Schlägen durchhauend, »so -- so -- so -- jetzt versucht's +einmal, gleich da drüben wo die alte Eiche liegt geht ein schmaler Kuhpfad +nach der Farm zu, dem können wir folgen bis wir in den Reitweg kommen, +und dann habt Ihr freie Bahn -- gehts?« + +»Wenn ich Jemanden finde der dumm genug ist mir den Kasten abzukaufen,« +sagte Maulbeere, das Tragband wieder einhenkend und den Versuch machend, +»so gebe ich mein Geschäft auf und gehe unter die Millionaire -- hol der +Teufel das Scheerenschleifen.« + +Jack sah ihm lachend zu, bis der Fremde nach drei vier Ansätzen den +schweren eingesunkenen Karren nicht vorwärts brachte, dann ging er +rasch auf einen jungen Papaobaum zu, von dem er die Rinde, so hoch er +hinaufreichen konnte, mit seinem Messer abschlug und niederstreifte, ein +Seil daraus drehte, und dieses vorn am Karren befestigend, sich selber +vorspannte. + +»So -- nun noch einmal -- a hoy -- alle zusammen!« + +»Ahoy!« rief Maulbeere, und mit dem Ruck kam der Karren frei, der von +den beiden Männern jetzt mit ziemlicher Leichtigkeit bis zu dem schmalen +Pfad, und diesen hin bis in den Reitweg gezogen wurde, wo ihn Maulbeere +allein fortbringen konnte. + +Unterwegs wurde der Scheerenschleifer, mit der Aussicht auf ein warmes +Feuer und Essen, wie auf eine heiße Tasse Kaffee aber gesprächiger, +erzählte dem Jäger welcher Art sein Geschäft sei, was er thue und +treibe und wie er sein Brod erwerbe, und die ganzen Vereinigten Staaten +schon durchzogen habe, bis er zuletzt, durch die vielen brillanten +Schilderungen der westlichen Staaten verführt worden sei auch _hier_ +sein Glück zu versuchen, wo er sich jetzt die größte Mühe geben werde, +so rasch als möglich wieder fortzukommen. + +Jack Owen amüsirte sich ungemein über die wunderliche mürrisch-drollige +Ausdrucksweise des Mannes, dem er aber doch zu dessen Trost mittheilte, +daß er sich hätte zu keiner glücklicheren Zeit in diese Gegend verirren +können, als gerade heute, da sich fast das ganze County in der Nähe der +Farm, der sie eben zusteuerten, zu einer sogenannten Camp-Meeting (eine +fromme Zusammenkunft im Freien) versammelt sei, während zu gleicher Zeit +von dem Gouvernement des Staates der öffentliche Verkauf des ganzen +Platzes, in Folge eines alten Processes, anberaumt sei. + +Maulbeere horchte hoch auf -- von den Camp-Meetings des Westens hatte +er schon so viel gehört, daß er selber gespannt war einer derselben +beizuwohnen, und Leute die sich bei einer solchen Versammlung einfanden, +führten auch stets Geld bei sich. Auf eine gute Einnahme in seinen +verschiedenen Branchen durfte er jedenfalls rechnen, und wer weiß was +da sonst noch für ihn auftauchte. Maulbeere war ganz der Mann dazu von +solcher Gelegenheit den größtmöglichen Nutzen zu ziehn, und daß er sie +nicht versäumen würde, fest entschlossen. + +Vor ihnen lag jetzt Olnitzkis alte Farm, von der er übrigens keine +Ahnung hatte, daß Fräulein von Seebald, seine alte Reisegefährtin, mit +ihr in so genauer Beziehung gestanden, und eine Masse Menschen lagerten +um zahlreiche dort entzündete Feuer, kochten Kaffee, brieten Fleisch an +der Gluth, und gaben dem sonst so stillen Platz ein eigenes lebendiges, +fröhliches Aussehn -- und wie ernst doch war der Zweck der sie hier +versammelt. + +Als Olnitzki damals von Jack Owen erschossen worden, galopirte Soldegg +nach Little Rock zurück und -- klagte nicht etwa gegen die Farmer und +Squatter von Arkansas, er war zu klug dazu, und wußte was ihm selber +geschehen konnte in dem Fall, aber er verkaufte seine rechtsgültigen +von Olnitzki selber gezeichneten Papiere, die den _Verkauf_ seiner Farm +wie seines sämmtlichen Viehstands, mit Ausnahme eines einzigen Pferdes +betrafen, an einen Advokaten in Little Rock, einen sonst schlauen und +durchtriebenen, aber erst seit kurzer Zeit aus den östlichen Staaten +hierhergekommenen Burschen, für den halben Werth gegen baar Geld, womit +er Arkansas verließ. + +Der Advokat, ein gewisser Kowley, reiste ohne Weiteres nach Oaklandgrove +hinüber, sein Eigenthum in Besitz zu nehmen, fand sich aber hierin +getäuscht, erfuhr daß Olnitzkis Frau, die Einzige die nach den Begriffen +der Nachbarn etwas zu sagen habe, Farm und Vieh einer Waise geschenkt +habe, die der von Olnitzki erschossene Riley hinterlassen, die Nachbarn +es übernommen hätten die Farm für diese zu bewirthschaften, bis sie den +Besitz selber antreten könne, und daß keine Klaue und kein Huf von diesem +Eigenthum ihre »#range#« verlassen solle, in andere Hände überzugehen. + +Mr. Kowley sah sich genöthigt unverrichteter Sache nach Little Rock +zurückzureiten; aber keineswegs gesonnen sich »in seinem guten Recht« +durch eine Bande gesetzloser Squatter, wie er sie nannte, stören zu +lassen, machte er die Sache in Little Rock anhängig, und ein ordentlicher +Proceß entstand, von dessen Kosten sich die Squatter schon durch das sie +schützende Gesetz[1] freihielten, der aber doch, nachdem er sich über +Jahr und Tag hingezogen, _gegen_ die Squatter entschieden und ein Termin +zu gleicher Zeit anberaumt wurde, an dem die früher dem Polen Olnitzki +gehörende und käuflich an Mr. John Kowley übergegangene Farm, mit den +dazu gehörigen und in dem Verkaufsbrief einzeln aufgeführten Pferden, +Rindern und Schweinen, öffentlich und an den Meistbietenden verkauft +werden sollte. + +_Der_ Termin war heute, und zwei, gerade in jenem County befindliche +Geistliche, sogenannte #circuit riders#, die von ihren Consistorien +ausgeschickt werden die noch wenig bevölkerten Distrikte, in denen +keine Kirchen sind, zu durchziehn und dort zu predigen, hatten sich +entschlossen für den nächsten Tag eine schon längst beabsichtigte +»Betversammlung im freien Walde« anzusagen, da der Gerichtstermin ja +ohnedieß eine Menge Menschen herbeiziehen mußte. Ob gerade _diese_ +Gelegenheit eine sonst passende war kümmerte sie wenig, sobald nur viel +Menschen dort zusammen kamen und die Beisteuer zu ihren milden Zwecken +-- Kirchenbau, Missionswesen, Bibelvertheilung und Erhaltung der +Geistlichen -- recht reichlich ausfiel. + +Jack Owens sonst so freundliches Gesicht nahm aber einen recht ernsten, +finsteren Ausdruck an, als er den freien Platz betrat auf dem die +Fremden versammelt waren, und unter diesen eine ziemlich große Zahl +städtisch gekleideter Advokaten und Kaufleute von Little Rock, die +theils Neugierde, theils wirkliche Lust zu kaufen hier heraus in den +Wald getrieben, erkannte. Schweigend, und von seinem Begleiter dicht +gefolgt, seine Büchse über der Schulter, seinen großen Hund hinter sich, +ohne zu grüßen, ohne umzusehen, schritt er zwischen der Schaar durch +und auf das Haus zu, in dessen Thür ein junges, bildhübsches vielleicht +vierzehnjähriges Mädchen stand, und ihm freudig und herzlich beide Hände +entgegenstreckte. + +»Oh Gott segne Euch Mr. Owen« rief ihm das etwas bleich und angegriffen +aussehende Kind entgegen -- »wie froh, wie glücklich bin ich daß Sie +endlich angekommen sind; ich hatte schon solche Angst Sie -- Sie +würden --« + +»Doch nicht fortbleiben heute, Jenny?« lachte der Jäger, gutmüthig ihre +zarten Wangen und das goldene Haar aus ihrer Stirn streichend -- »nein +mein Kind, wir verlassen Dich nicht, darauf darfst Du bauen; dieß ist +deine Heimath und soll es bleiben und wenn wir Alle unsere Heerden +verkaufen müßten, sie Dir zu erhalten -- wohin es aber nicht kommen +wird. Wie geht's Deiner Großmutter, Herz?« + +»Schlecht Mr. Owen, recht schlecht -- die vielen Menschen da draußen +machen ihr Angst -- sie hat stärkeres Fieber heute gehabt, und ist vor +einer halben Stunde etwa nur erst eingeschlafen.« + +»Hier hab' ich Dir 'was zu leben mitgebracht, Jenny« sagte der Jäger, +dem Kinde lächelnd das Kinn emporhebend -- »ein junger Truthahn, aber +feist wie Butter; die ißt Du ja so gern. Doch dem Mann da, -- ein +Fremder der sich verirrt und die Nacht im Walde zugebracht hat -- mußt +Du etwas zu essen machen und einen Platz an Deinem Feuer gönnen bis er +sich getrocknet hat, wenn er sich nicht lieber draußen in die Sonne +legt. Hast Du etwas für ihn?« -- + +»Für Sie und ihn, Mr. Owen, der Kaffee ist fertig und steht am Feuer, +ebenso das Brod, und der Speck ist in wenigen Minuten gebraten.« + +»Bravo mein Herz, dann können wir gleich zulangen; ich habe überdieß +schon den ganzen Morgen durch den Wald gepirscht, solch einen Vogel für +Dich zu suchen, und Dir dabei gleich den Scheerenschleifer gefangen, der +die Nacht irgendwo im Wald aufgebäumt war aus Furcht vor Panthern und +wilden Bestien. Kommen Sie herein, Mister, wie ist gleich ihr Name? +-- Mowlbare -- wunderliches Wort das, aber ich denke Sie halten's wohl +mit dem alten Sprichwort was wir hier im Walde haben -- einerlei _wie_ +man uns ruft, nur nicht zu spät zum Essen!« + +Maulbeere ließ sich nicht zweimal nöthigen -- seinen Karren draußen vor +der Thür stehn lassend, nahm er den alten aufgeweichten Filz vom Kopf, +strich sich die nassen struppigen Haare aus der Stirn, und machte Miene +sich ohne Weiteres an den schon gedeckten Tisch zu setzen, auf den die +Kleine eben die breitfüßige blecherne und dampfende Kaffeekanne stellte. + +»Wenn Sie sich erst waschen wollen, so steht draußen der Eimer und das +Becken« sagte Jack, dem es vielleicht so vorkam, als ob ein wenig +Seifenwasser der Physiognomie und den Händen des Fremden eben nicht +schaden könne. + +»Danke« sagte aber der Scheerenschleifer in aller Ruhe -- »ich bin die +Nacht gerade genug gewaschen, und habe mir das Wasser verleidet -- Kaffee +ist mir lieber.« + +»Helft Euch selber dann« sagte Jenny freundlich, dem wunderlichen +Fremden einen Stuhl zum Tisch rückend -- »Ihr seid herzlich willkommen +zu Allem was wir haben.« + +Die beiden Männer setzten sich und aßen, und eine Weile wurde weiter +Nichts gehört, als das Klappern der Messer, Gabeln und Tassen, von denen +noch einige aus Olnitzkis Nachlaß übrig geblieben waren und über die +sich Maulbeere allerdings den Kopf zerbrach, wie solch reich vergoldetes, +weit anderen Verhältnissen angehörendes Geschirr hierher seinen Weg +gefunden haben konnte. Er würde freilich noch weit mehr erstaunt gewesen +sein, wenn er erfahren hätte daß die nämliche allerdings henkellose und +oben ausgebrochene Tasse aus der er trank, mit ihm auf ein und demselben +Schiffe von Deutschland erst herübergekommen wäre. Die Lebensmittel, +besonders der heiße Kaffee nahmen jedoch seine Aufmerksamkeit viel zu +sehr in Anspruch, sich für jetzt um irgend etwas anderes zu bekümmern, +und wieder und wieder mußte Jenny die Tasse füllen. + +»Jenny« sagte da Jack nach langer Pause, in der seine Blicke ernst und +sinnend über den kleinen Raum geschweift waren -- denn das vergoldete +Geschirr hatte bei ihm ganz andere Erinnerungen wach gerufen, »wenn das +Haus nachher zum Verkauf angekündigt ist, wirst Du mit bieten müssen, +Herz.« + +»Ich, Mr. Owen?« sagte das arme Kind, wehmüthig lächelnd, »Du lieber +Gott, mit was sollt ich wohl bieten; Sie wissen ja recht gut daß wir +_Nichts_ haben auf der weiten Welt.« + +»Hast Du _gar_ kein Geld, Jenny?« sagte Jack, sie halb erstaunt aber +recht freundlich anschauend -- »_gar_ Nichts, nicht ein ganz klein +wenig?« + +»Ein ganz klein wenig, oh ja« lächelte das Mädchen gutmüthig -- »einen +Viertel Dollar in Silber, den mir Großmutter schon vor langer langer +Zeit gegeben.« + +»Nun siehst Du wohl, Schatz« lachte der Jäger, »daß Du reicher bist wie +Du Dich machst? das ist vollkommen genug.« + +»_Ein_ Viertel Dollar, sagte ich Mr. Owen.« + +»Jawohl, und noch dazu in Silber.« + +»Aber was soll ich _damit_ anfangen?« + +»Nun die Farm und das Vieh kaufen -- ganz Arkansas kannst Du freilich +nicht dafür bekommen.« + +Das Mädchen wandte sich langsam ab eine aufsteigende Thräne zu +unterdrücken, denn der Scherz that ihr weh; Jack aber, der sie nicht +kränken wollte, stand auf, ging zu ihr, legte seine Hand auf ihre +Schulter und sagte freundlich -- + +»Es _ist_ kein Scherz, Jenny, Du mußt gewiß mit bieten, ja noch mehr, +Du mußt den Anfang machen. _Fürchtest_ Du Dich wenn ich dabei bin?« + +»Nein Mr. Owen« sagte das Mädchen herzlich -- »aber ich begreife nur +nicht --« + +»Wirst das schon Alles noch erfahren -- welche Zeit haben wir jetzt?« + +»Bald elf Uhr, nach der Sonne.« + +»Alle Wetter, dann ist auch nicht mehr viel zu versäumen, um elf beginnt +die Auktion -- wenn ich Dich rufe komm zu mir hinaus. Und Sie, Mr. +Mowlbare können heut etwas Neues sehn in Arkansas, aber« -- setzte er +ernster und fast wie drohend hinzu -- »wenn ich Ihnen zum Besten rathen +soll, so bieten Sie nicht mit.« + +»Danke herzlich« sagte Maulbeere verbindlich -- »spüre für jetzt noch +nicht die mindeste Lust mich in Arkansas niederzulassen -- aber hinaus +darf man doch kommen?« + +»Gewiß, gewiß« lachte Jack wieder, »und werden treffliche Gesellschaft +da finden;« und seine Büchse schulternd, während er dem Mädchen freundlich +zunickte, verließ er rasch das Haus. + +Draußen kamen indessen Fremde auf Fremde, sammelten sich um die +verschiedenen Feuer, wo sie einen Bekannten trafen, oder besahen auch +wohl die aus dem Nachlaß von den Nachbarn selber herbeigebrachten +Pferde, die dort ausgehobbelt -- d. h. mit zusammengebundenen Vorderfüßen +-- an hingeworfenen Maiskolben knapperten, und munter den immer und +immer wieder neuankommenden Reitern entgegenwieherten. + +Um den Sheriff, der von Little Rock selber herübergekommen war +den Verkauf zu leiten, hatte sich dabei eine ziemliche Anzahl von +»Stadtleuten« versammelt; der Platz ging jedenfalls für ein Spottgeld +weg, denn der jetzige Eigenthümer Mr. Kowley, wollte ihn um jeden Preis +los sein, und die Pferde allein, wackere prächtige Thiere, hatten einen +guten Werth. + +Jack ging wieder zwischen den Gruppen durch, ohne sie auch nur eines +Blicks zu würdigen, und hie und da flüsterte man wohl leise hinter +ihm her, daß das der Mann sei, der den frühern Eigenthümer dieses +Platzes erschossen. Vor eine Jury damals gestellt war er aber, da es in +Selbstvertheidigung geschehen, frei gesprochen worden; Olnitzki hatte +zuerst nach ihm geschossen, und der Wille allein wäre genügend gewesen, +selbst ohne die, noch damals nicht geheilte Narbe von dessen Kugel. Die +Leute von Little Rock hielten sich aber fern von dem Mann; sie wollten +mit den Squattern dieses Distrikts, die den Ruf eines wilden unzähmbaren +Volkes hatten, so wenig als möglich in Berührung kommen, und waren +vollkommen zufrieden Niemand weiter von der Schaar zu sehn, wenn sie +sich auch eigentlich darüber wunderten. + +»Gentlemen!« redete da der Sheriff die Versammlung an, »es wird etwa elf +Uhr sein, und ich glaube wir können die Auktion beginnen, damit die +Herren, die noch gesonnen sind heute nach Little Rock zurückzukehren, +Zeit dazu behalten. Wir sind doch wahrscheinlich Alle versammelt, die an +dem Kaufe Theil nehmen wollen und ich werde anfangen.« + +Jack Owen stand etwa zwanzig Schritt von ihm entfernt, als er diese +Worte an die ihm Nächsten richtete, und nahm jetzt, ohne eine Sylbe +darauf zu erwiedern, seine Büchse von der Schulter. Zugleich spannte er +den Hahn, zielte einen Augenblick nach dem Wipfel einer der nächsten +Eichen, und bei dem Krachen des Schusses stürzte ein Rothkehlchen, das +sich dort oben im Gefühle völliger Sicherheit niedergelassen, gänzlich +von einander geschossen herunter zu Boden. + +»Ein famoser Schuß!« riefen Einige der Stadtleute, die nicht recht +wußten was sie aus dieser plötzlichen Schießübung mitten zwischen sich +machen sollten -- »ein vortrefflicher Schuß!« Der Sheriff nur wandte +sich mit eben keinem freundlichen Blick gegen den Schützen um, sagte +aber Nichts und Jack, ohne die geringste Notiz von irgend Jemand Anderem +zu nehmen, stieß seine Büchse vor sich auf den Boden nieder, reinigte +sie, und lud sie wieder. + +Da brachen rings die Büsche, Rosse wieherten, Hunde schlugen an; überall +raschelte und knackte es im Wald, und der Boden zitterte unter den +schmetternden Hufen einer heranstürmenden Anzahl Pferde, nach denen +sich die hier um die Feuer Versammelten kaum überrascht, ja erschreckt +umsehen konnten, als auch schon einige dreißig kräftige wilde Gestalten, +fast Alle in lederne oder wollene Jagdhemden und ausgefranzte Leggins +gekleidet, ihre langen Büchsen über der linken Schulter, ihre Messer an +der Seite, die Zügel ihrer Thiere locker in der rechten Hand, Einzelne +im bloßen Kopf mit flatternden Haaren wie Indianer, Andere mit alten +Filz- oder Strohhüten auf, über umliegende und dort umhergestreute Stämme +wegsetzend, herankamen, und dicht um die Feuer her ihre schnaubenden +Thiere parirten. So rasch und plötzlich und so mit einem Mal von allen +Seiten war die Schaar der Backwoodsmen, sämmtlich Nachbarn hier und +Squatter dieser Niederungen, herangekommen, daß der Schuß des Einen von +ihnen jedenfalls das _Signal_ für Alle gewesen sein mußte, die schon +lange darauf harrend im Hinterhalt gelegen. Aber Keiner von ihnen +kümmerte sich um den Anderen, und handelten sie nach _einem_ Entschluß, +so war der jedenfalls schon früher verabredet und besprochen, und +bedurfte keines weitern Worts noch Winkes. Aber Alle warfen sich jetzt +von den Pferden, hingen die Zügel der scharrenden, stampfenden Thiere an +den nächsten schwingenden Zweig der ihnen zur Hand war, und traten dann, +ihre Büchsen auf den Schultern und trotzig genug sich dabei im Kreise +umsehend, mitten zwischen die Käufer hinein, so daß sie diese von allen +Seiten umgaben und umstanden. Unter ihnen waren der alte Rosemore, Bill +Jones, Sam Houston und überhaupt das ganze »#settlement#« oder die +Nachbarschaft -- Keiner fehlte. + +Wenn Jemand in der ganzen Versammlung, so hatte aber der Sheriff von +Little Rock diese »Demonstration«, für was er sie nicht ganz mit Unrecht +hielt, in Zorn und Unwillen angesehn, ohne freilich dagegen einschreiten +oder auch nur etwas dawider äußern zu können. Daß die Leute mit ihren +Waffen kamen verstand sich von selbst, ein Backwoodsman geht nie ohne +diese, nicht hundert Schritt von seiner Hütte ab, vielweniger eine +Strecke durch den Wald, sei die Gelegenheit welche sie wolle, und das +stille ernste Benehmen der Männer ließ ebenfalls auf keine Störung +schließen; nichtsdestoweniger gefiel ihm das plötzliche Ankommen der +Leute nicht, das auch auf die übrigen Käufer, die schon wußten daß +der Verkauf nicht mit dem Willen der »Nachbarn« geschah, einen +fatalen Eindruck gemacht. Dem Gesetz durften sie aber nicht mit Gewalt +entgegentreten, und so oft sie dasselbe auch in ihre eigne Hand schon +genommen, hüteten sie sich doch jedenfalls den Sheriff in seinem Amt zu +hindern. So also auf einen der zahlreichen dort umherstehenden, kurz +abgehauenen Baumstümpfe tretend, die Versammlung besser übersehn zu +können, zeigte er dieser mit kurzen Worten an daß der Verkauf der Farm +jetzt beginnen solle, die er, Zeit und Mühe zu ersparen, und nach dem +bestimmt ausgesprochenen Willen des jetzigen Eigenthümers, Mr. Kowley +aus Little Rock, gleich mit dem dazu gehörenden Vieh, Pferden, Rindern +und Schweinen in _einem_ Gebot an den Meistbietenden losschlagen würden, +wonach es dann dem Käufer überlassen bleibe, wenn er es für gut finden +sollte, Pferde oder Vieh wieder besonders zu versteigern. + +»Ein Wort Mr. Sheriff!« sagte da plötzlich der alte Rosemore mit seiner +tiefen, ruhigen Stimme, indem er ebenfalls den Kolben seiner Büchse auf +einen andern Stumpf stemmte und hinaufstieg; »ich bin als Ältester hier +unter uns, und von den Nachbarn beauftragt worden noch ein paar Worte an +die Versammlung zu richten.« + +»Ich glaube nicht daß etwas derartiges nöthig sein wird« sagte der +Sheriff -- aber von allen Seiten rief es »doch, doch! sprecht Sir -- was +giebt's« und der Sheriff, sich die Unterlippe beißend, schwieg. + +»Ich bin gleich fertig« sagte der alte Mann freundlich, »denen nur die +es noch nicht wissen, wollte ich hier blos einfach mittheilen daß Farm, +Pferde und Vieh von dem früheren Besitzer, dem Polen Olnitzki, an einen +anerkannten falschen Spieler und sonst gar verdächtigen Menschen, der es +seit der Zeit nie wieder gewagt hat zwischen uns zu erscheinen, im +_falschen_ Spiel, wie sich später herausgestellt hat, verloren wurden.« + +»Mr. Rosemore« -- unterbrach ihn der Sheriff. + +»Entschuldigen Sie mich, Sir, ich bin noch nicht zu Ende« sagte der alte +Mann ernst und fuhr dann langsam fort, »die Frau wie wir Alle hier +wissen, die jener Olnitzki schlimmer behandelt hat, als ein Indianer +seine Squaw behandeln würde, stammte aus einer edlen und reichen Familie, +und hatte mit _ihrem_ Geld, als sie nach Amerika kamen, Farm und +Viehstand, von dem Olnitzki schon früher drei Viertheile durchgebracht, +gekauft -- aber sie besaß keine Papiere darüber. Vor mehren Jahren hat +ferner jener Olnitzki, den hier später seine Strafe erreichte, einen +armen aber rechtlichen Mann im allerdings ordentlich abgehaltenen +Zweikampf erschossen, weil dieser nicht ruhig zusehn wollte, wie er +seine arme, kränkliche Frau mishandelte und _schlug_. Der Mann hieß +Riley und hat eine alte kranke Frau, seine Großmutter, und eine jüngere +Schwester ein Kind noch fast, hinterlassen, das dort in der Thür der +Hütte steht. Diesem Kinde hat Olnitzki's Frau, als sie mit ihrer Schwester +nach des Polen Tode uns verließ, die Farm mit dem sämmtlichen Viehstand +geschenkt. Wir Nachbarn erklärten dabei, daß Olnitzki kein Recht gehabt +habe die Farm, die seiner Frau gehörte zu _verspielen_, die Gerichte in +Little Rock entschieden aber anders. Nach langem Streiten gewann jener +Advokat, der von dem falschen Spieler Land und Vieh zu einem Spottpreis +gekauft, den Prozeß, und der Herr Sheriff ist heute herübergekommen, +Land und Viehstand an den Meistbietenden öffentlich zu versteigern. +_Das_, Mitbürger, ist der Thatbestand der Sache, und wir Nachbarn« +-- setzte er mit lauterer Stimme hinzu, »sind der Meinung daß das Kind +die Farm, die ihm rechtmäßig schon gehört, erstehen wird.« + +»Das kommt auf die Gebote an, Sir!« rief der Sheriff heftig. + +»Ei versteht sich, Sir,« sagte der alte Rosemore -- »auf die Gebote, und +ich bitte daß Sie beginnen. Jack Owen -- seid doch so gut und führt das +arme Kind einmal hier zwischen die Herren herein -- es fürchtet sich +sonst näher zu treten; Sie sind wohl so freundlich, Gentlemen, und +machen ihm Platz!« + +»Oh ja wohl -- mit dem größten Vergnügen!« riefen die dem Haus zunächst +Stehenden bereitwillig, und Jack Owen schritt langsam dem Hause zu, nahm +Jenny, der er einige ermuthigende Worte zuflüsterte, an die Hand, und +führte das junge zitternde Mädchen in den Kreis der Männer, die eine +Gasse für sie öffneten. + +»Oh Bill!« rief während der kleinen Pause die jetzt entstand, Einer der +Backwoodsmen, ein rauher, wild aussehender Bursche einem Andern über +den ganzen Kreis hinüber zu -- »ich habe die Nacht einen schändlichen, +nichtsnutzigen Traum gehabt -- mir träumte ein feiner Bursche mit einem +Tuchrock an, hatte die Farm erstanden, und wie ich zu Haus ritt lag er +im Gründorn Flat auf des Polen Grab, und hatte einen rothen, häßlichen +Fleck mitten auf der Stirn.« + +»Ah Unsinn Jim!« lachte der Andere zurück, »_Dein_ Traum hinkt, denn ich +habe geträumt _es hätte gar Niemand mitgeboten_!« + +»Gentlemen ich protestire hier feierlich gegen jede drohende Einwirkung +auf den Verkauf dieses Gutes!« fiel hier der Sheriff hitzig ein, »oder +ich sehe mich genöthigt mich unverrichteter Sache zurückzuziehn, und dem +Staatsanwalt Anzeige solchen Benehmens zu machen.« + +»Thut Euere Pflicht Sheriff!« rief aber der alte Rosemore ruhig -- »es +wird kein Mensch mehr ein Wort hineinreden -- daß sich ein paar junge +Burschen ihre albernen Träume erzählen darf Euch nicht kümmern.« + +Der Sheriff zögerte noch einen Augenblick und berieth sich in leisem +Flüstern mit den ihm nächst Stehenden was zu thun, ein späterer Termin +würde aber ebenfalls zu keinem andern Resultat geführt haben, die Käufer +hatten jedenfalls das Gesetz und seinen mächtigen Arm auf ihrer Seite, +und nach kurzer Einleitung, in der er jetzt die Zahl der urbar gemachten +Äcker, der Pferde, die von den Kauflustigen schon in Augenschein genommen, +die Anzahl Kühe, Rinder und Schweine aufgezählt, eröffnete er die +Auktion und lud die Anwesenden zu einem Anfangsgebot ein. + +Im ersten Augenblick herrschte tiefe Stille, das Zirpen der Grillen +drang peinlich deutlich von den nächsten Bäumen herüber, und man konnte +das _Athmen_ der Menge hören. Da bog sich Jack Owen freundlich zu dem +jungen Mädchen nieder und flüsterte ihr ein paar ermuthigende Worte zu +und Jenny, mit todtenbleichen Wangen und zitternden Lippen, aber klaren, +blitzenden Augen, trat einen Schritt vor und sagte mit nicht lauter, +aber doch bis selbst zu den entferntest Stehenden dringend: + +»Ich biete einen Viertel Dollar für das Ganze.« + +»Unsinn!« rief der Sheriff, in auflodernder Wuth mit dem Fuße stampfend, +»wir haben hier kein Kinderspiel für müssige Leute -- ein Viertel +Dollar, wo das Gebot in die Hunderte steigen muß, nur den halben Werth +zu erreichen.« + +»Gebot ist Gebot!« rief es von anderer Seite, »der Verkauf hat begonnen +-- thut Euere Pflicht Sheriff!« + +»Ich brauche mich von Niemanden an meine Pflicht mahnen zu lassen!« +schrie dieser, leichenbleich vor innerem Grimm, dem er doch nicht Worte +geben durfte, den Männern gegenüber. + +»Ein Viertel Dollar ist geboten,« sagte der alte Rosemore ruhig, »Jenny +wird es wohl für den Preis bekommen.« + +»Wenn kein Gebot geschieht,« rief jetzt der Sheriff, mit Zornfunkelnden +Augen, »hebe ich den Verkauf auf!« + +»Ein Gebot _ist_ geschehn!« schrie da Einer der jungen Backwoodsmen, +derselbe, der vorher seinen Traum erzählt, und trotzig dabei mit der +Büchse in den Kreis springend, »wir Männer von Arkansas sind eingeladen +worden dem Verkauf heute beizuwohnen; der Verkauf hat begonnen, ein +Gebot ist gemacht worden und ich frage Euch hier, die Ihr anwesend +seid, ob etwas Unregelmäßiges in der Verhandlung stattgefunden?« + +»Nein -- Nichts!« schrie es von allen Seiten, »die Advokaten mögen uns +Ihre Dintenklexer hier herüberschicken und uns die Farmen unter der Nase +ausbieten lassen, wir können und wollen es ihnen nicht wehren, aber laß +sie es wagen unsere Gebote nicht zu respektiren, und wenn es sich um +einen einfachen Cent handelte, und bei Höll und Teufel wir schicken sie +heim, daß ihre Haut keine Maishülsen mehr halten sollte.« + +»Ein Viertel Dollar ist geboten Gentlemen!« rief der alte Rosemore +wieder so ruhig wie vorher, »Mr. Sheriff wollen Sie weiter fragen, oder +glauben Sie daß der Preis genügt? es wird Mittagszeit, und wir, die wir +noch zur #Campmeeting# zu reiten wünschen, möchten doch erst gern zu +Hause etwas essen.« + +»Gentlemen!« rief aber der Sheriff auch, sich jetzt ermannend, »Sie +werden dieses Scheingebot eines Kindes nicht gelten lassen. Das Gesetz +und sein starker Arm _schützt_ Sie in jedem Gebot das Sie machen, und +meinen eignen Hals will ich zum Pfande setzen daß der von Ihnen, der +dieß Gut zu irgend einem Preis ersteht, auch in den rechtlichen Besitz +desselben gelangen soll.« + +»Mein Traum wird doch wahr, Bill,« rief der Backwoodsman wieder über den +Kreis hinüber. + +»Denkt nicht daran,« lachte der Andere, »der Sheriff hat ja seinen Hals +verpfändet, und wird die Farm vielleicht selber kaufen wollen.« + +»Ein Viertel Dollar ist geboten,« begann zum dritten Mal der alte +Rosemore, »wenn Ihr nicht selber jetzt die Auktion beginnt, Sheriff, dann +thun _wir_ es -- überschreitet Euere Pflicht nicht, denn _wir_ sind hier +herbestellt, und verlangen den Zuschlag für den Käufer.« + +»Auf ein solches Gebot schlag ich nicht zu!« schrie aber der Sheriff, +jetzt außer sich vor Wuth, »wer will mich zwingen?« + +»Das Gesetz!« tobten ihm da die Backwoodsmen entgegen, »glaubt Ihr, +daß Ihr uns hier zum Narren haben könnt, gerad' nach Gefallen, und +herbestellen wenn es Euch freut, weil Euch ein Gebot nicht behagt? Die +Farm ist angesetzt und feil gemacht; das Kind dort hat einen Viertel +Dollar geboten und bietet Niemand mehr, und schlagt Ihr dann nicht zu, +so straf uns Gott, wenn ein anderer Auktionator, ein anderer Käufer +seinen Fuß wieder auf dieses Land setzen soll.« + +»Und Keiner bietet einen Cent mehr,« knirschte der Sheriff zwischen den +Zähnen durch -- wagte aber selber kein höheres Gebot -- »Gentlemen ich +wiederhole es hier nochmals -- das _Gesetz_ schützt Sie in jedem Gebote +das Sie thun, und kein Bürger der Vereinigten Staaten _darf_ und wird +sich dem widersetzen, denn die Folgen würden schwer und furchtbar auf +sein eigenes Haupt zurückfallen. So beginne ich denn nochmals den +Verkauf -- _zwei Bits_ sind geboten, und ich erwarte daß der zweite +Bieter mit eben so viel hundert ganzen Dollarn nachfolgen wird -- _ich_ +-- das _Gesetz_ steht ein für sein gewahrtes Recht.« + +Alles schwieg -- der Amerikaner läßt selten lange auf sich warten, wo +sich die Aussicht auf Gewinn für ihn bietet, aber die dunklen trotzigen +Gestalten hier umher -- das Blut das schon unter diesen Bäumen geflossen, +ohne daß selbst das Gesetz im Stande gewesen war es zu sühnen, die +Drohung selbst, die versteckt, aber doch deutlich genug in dem erzählten +Traum lag -- hie und da vielleicht auch mit dem Rechtlichkeitsgefühle +Manches, der doch wohl einsah daß dem Kind -- wie das _Gesetz_ auch da +geurtheilt -- die Farm gehören müsse -- Keiner bot. + +Wieder und wieder suchte sie der Sheriff nur erst zu _einem_ Gebot zu +treiben, dem dann leicht andere folgen würden -- umsonst und endlich +selber gereizt, und wüthender fast über die herübergekommenen Käufer als +über die Squatter selbst rief er, während die »Nachbarn« ringsum lautlos +standen, denn sie wußten jetzt daß sie gesiegt hatten -- mit bleichen +Wangen und vor innerer Aufregung funkelnden Blicken: + +»Gut -- wenn Ihr Alle denn zu _feige_ seid Euer _Recht_ zu wahren, +und der, der am meisten dabei interessirt ist, sein ausgelegtes Geld +wenigstens für das Land wieder zu bekommen, sich gar nicht dabei blicken +läßt, was kümmerts mich. Also,« und seine Hand hob sich dabei sie zum +Zuschlag sinken zu lassen, »ein Viertel Dollar ist geboten -- ein +Viertel Dollar zum ersten -- kein Gebot weiter? -- ein Viertel Dollar +zum zweiten« -- eine Todtenstille herrschte, man konnte das Zwitschern +der Vögel weit im Wald drinne, das Glucken und Kratzen der Hennen vor +dem Hause hören -- »ein Viertel Dollar zum zweiten, und --« die Hand kam +nieder, und mit der Bewegung das Wort: »_zum_ -- _Dritten_!« + +»Hurrah! Hurrah!« tobten und jubelten und jauchzten die wilden Gesellen +um ihn her -- »piff, paff,« gingen die Freudenschüsse hoch in die Luft, +und Jack Owen, in der linken Hand seine abgeschossene Büchse schwingend, +griff mit dem rechten, eisernen Arm das junge, ängstlich umherschauende, +und seinem Glück noch immer nicht trauende Mädchen vom Boden auf und +trug es, unter dem Jubelruf der Menge, zwischen die Schaar der Nachbarn +hinein. Alle Hände streckten sich nach ihr aus, den rauhen wilden Gesellen +standen Thränen in den Augen, und im Triumphe wurde Jenny jetzt dem Hause +zugetragen, als neue, rechtmäßige Besitzerin. + + + + +Capitel 2. + +Maulbeere in der Betversammlung. + + +Die Auktion war vorüber; Farm und Viehbestand gehörte dem jungen +Mädchen, trotz jenem Jahrelang geführten Proceß, und all die Käufer, +die hergekommen waren das Land, die Pferde zu erstehn, und sich das +Alles nun mußten wie ein schönes Traumbild unter den Händen selbst +wegschwinden sehen, standen im ersten Augenblick allerdings etwas +verdutzt und unbehaglich da, und wußten nicht recht was für ein Gesicht +sie dazu machen sollten. Daß die Backwoodsmen nämlich eine solche +Drohung, wie sie der eine Bursche so schlau in seine Träume geflochten, +wahr machen _könnten_, daran zweifelte nicht Einer von ihnen; des Polen +Grab lag keine tausend Schritt von dort entfernt, ein blutig Zeichen, +und ein Land kaufen das der Eigenthümer nie hätte wagen dürfen in Besitz +zu nehmen, wär auch ein Geldverschleudern nur gewesen, wie der +New-Yorker Advokat zu seinem Schaden jetzt erfahren. + +»Unter den Umständen durften wir gar nicht bieten,« sagte da der Eine +von ihnen zu dem Andern, »der alte Mann hatte ganz recht -- man kann +doch der kranken Frau und dem Kind das Haus nicht unter den Füßen +wegkaufen, und sie in den Wald setzen? -- ich wenigstens möchte das +nicht auf meinem Gewissen haben.« + +»Ich auch nicht,« rief ein Anderer, »die arme Kleine; was für ein +hübsches Mädchen das einmal wird -- und wie bleich sie aussah.« + +»Mit Güte kann man bei mir Alles ausrichten,« sagte ein Dritter, »und +ein gutes Wort findet einen guten Ort -- die Leute waren klug genug daß +sie nicht wirklich drohten.« + +»Das wußten sie wohl daß ihnen das Nichts half,« rief der Erste wieder, +»was hätten sie machen wollen wenn wir das Haus erstanden? aber so ist's +besser und hundert Dollar sind mir nicht so lieb, als daß es die Kleine +bekommen hat.« + +Maulbeere war ein stiller, aber höchst aufmerksamer Zuschauer des +Ganzen gewesen, und so sehr ihn die höchst eigenthümliche Verhandlung +interessirt, überlegte er doch eben, ob er nicht besser seinen eigenen +Nutzen jetzt auch ein wenig wahren, und seinen Karren herbeischieben +solle, der Versammlung mit wenigen eindringlichen Worten ihre eignen +stumpfen Messer und sonstigen Bedürfnisse in's Gedächtniß zurückzurufen, +als die Backwoodsmen plötzlich Alle wieder zu ihren Pferden gingen, die +Zügel von den Zweigen warfen, in die Sättel sprangen und mit einem +wilden _Hupih_, von den laut anschlagenden Hunden gefolgt, aber jetzt +nach _einer_ Richtung hin, in den Wald hineinsprengten. Nur der alte +Rosemore blieb mit Jack Owen zurück und ging mit diesem in das Haus, wo +sie die Thüre hinter sich zumachten, und eine Zeitlang darin blieben. +Nach einer ziemlich langen Weile kam Jack Owen allein zurück, und dem +Scheerenschleifer freundlich auf die Schulter klopfend, sagte er +lachend: + +»Nun wie hat Euch unsere Arkansas-Auktion gefallen?« + +»Gut,« erwiederte Maulbeere trocken, »und wenn Sie einmal wieder eine +Farm für einen ähnlichen Preis wegzugeben haben --« + +»Dann wißt Ihr einen Käufer?« lachte der Jäger, »glaub' es wohl -- aber +die Stadtherrn gehen auch nach ihren Pferden, so wollen wir denn den +armen Thieren hier ebenfalls wieder ihre Freiheit geben; heut oder +morgen werden sie doch nicht mehr gebraucht. Und dann Fremder, wenn es +Euch recht ist, gehen wir zur #Camp meeting# hinüber, nicht weit von +hier nach jener Richtung zu; wäre die Sache schon in Gang, könntet Ihr +die Leute selbst hier jauchzen hören.« + +»_Jauchzen_ hören?« frug Zachäus verwundert. + +»Werdet's schon mit ansehn,« sagte der Jäger ruhig, den zum Verkauf +hierher gebrachten und mit, durch den Viertel Dollar erstandenen Pferden +die Hobbeln oder Stricke lösend, die ihre Vorderbeine zusammenhielten, +daß die Thiere wieder frei zurück in den Wald, und ihren gewöhnlichen +Weideplätzen zulaufen konnten, »und nun kommt, nehmt Eueren Karren, und +folgt mir den Weg entlang, der hier an der Fenz hinunterführt, und wenn +Ihr nicht _beten_ wollt dort, kann ich Euch Arbeit ziemlich gewiß +versprechen.« + + * * * * * + +Was für ein Leben das war hier mitten in dem sonst so stillen Wald; +wie die verscheuchten Vögel ängstlich in den Zweigen herüber- und +hinüberflogen, und zwitscherten und riefen; wie der Hirsch, der dort +sonst seinen ungestörten Äsungsplatz hatte, als er heute langsam und +vertraut wie immer auf seinen Wechsel herankam, rasch den schönen Kopf +emporwarf, die von feindlichen Dünsten geschwängerte Luft einzog und +schreckend zurück in seine Wildniß floh. Wie die Pferde so freudig +wieherten und den Boden stampften, und der grüne Rasen ringsumher auf +der kleinen Waldesblöße zertreten war, nach allen Seiten, und wie sich +das drängte und schob und durcheinander wogte, von einer bunten +fröhlichen Menschenmasse, die hier von allen Enden des County +zusammengekommen. + +Ein Theil der Leute von Little Rock war ebenfalls dabei, die nämlich, +die von der Auktion kommend, es vorgezogen hatten den heutigen Tag hier +zu verbringen, und morgen früh zur Stadt zurückzukehren. Diese schienen +aber am wenigsten vertreten, kamen auch nicht aus Religiosität hierher, +sondern nur der leidigen Neugier wegen, und wurden von den Geistlichen +am wenigsten gern gesehn. Nein, die Backwoodsmen und besonders deren +Frauen und Töchter bildeten den Hauptkern der Versammlung; von allen +Seiten strömten sie herbei, die Frauen fest im Sattel -- und wenn es +auch kein Damensattel war -- ihre kleinen Bündel mit Kleidern vor sich +auf dem Pferd, die Männer mit Büchse und Messer an der Seite wie immer. +Und Lager wurden von Einzelnen aufgeschlagen rings im Wald, mit +Rinden- oder Deckendach, während Andere dagegen ordentliche Zelte mit +herüberbrachten, die sie allein für diesen Zweck bestimmt. Hier waren +Männer an der Arbeit einen Baum zu fällen, und aus den abgeschlagenen +Stücken rasch kurze Breter zu spalten zu einem sicheren Regenschutz, +dort wurde Feuerholz geschlagen und herbeigeschleppt, oder Zweige wurden +abgehauen, mit diesen ein flüchtiges Schutzdach gegen Sonne und Nässe +herzustellen; aber überall herrschte Leben und Thätigkeit. + +Und wie die Feuer ringsum flammten und die Kessel brodelten, der blaue +Rauch so luftig hinauf wirbelte in die grünen rauschenden Wipfel, und +emsige Frauengestalten mit den großen, unförmlichen Bonnets auf dem Kopf +-- gleichen Schutz gegen Sonne wie Küchenfeuer gewährend -- so fleißig +an den Töpfen und Pfannen schafften und siedeten. + +Die Frauen hatten auch das meiste Interesse an solcher #Camp meeting#, +und wenn der Mann daheim kaum daran gedacht hätte hinaus in den Wald zu +gehn und die Pferde zu suchen, ließen sie ihm nicht Ruhe, und hatten +tausend und tausend Gründe dafür weshalb sie, wenigstens dießmal, unter +keiner Bedingung die fromme Versammlung versäumen dürften. + +Erstlich schadete den Pferden das Bischen Bewegung gar Nichts -- sie +waren überdieß so lange nicht gebraucht, und #Marys colt# schon ganz +lendenlahm geworden von all zu vieler Ruhe. Dann predigte zweitens, +dieses Mal ganz gewiß der Ehrwürdige Mr. Sweetlip -- und was für eine +süße Stimme der hatte, und wie weich und öhlich er Einem zum Herzen +sprach -- wer hätte da ungerührt bleiben können. + +Und dann der andere Ehrwürdige Mr. Hottenbrocken, wie der es den Heiden +und Ungläubigen sagte, wie der dem bösen Feind, #alias# Beelzebub zu +Leibe rückte und ihn aus dem Felde schlug. + +Und dann hatten sie die Nachbarn in so ewig langer Zeit nicht gesehn +-- lieber Gott, hier im Walde kam man ja mit Niemandem zusammen, und +ob Bill Norton und Ann Sally wirklich versprochen wären, konnten sie ja +auch nur dort erfahren. + +Und die beiden neuen Kleider, die sich Susanne in dem letzten halben +Jahr selbst gewebt und genäht, wie hätte sie die anders zeigen oder +tragen sollen; doch nicht im Haus etwa beim Spinnrad; und mußten sie +nicht wenigstens einmal erst die »priesterliche Weihe« erhalten? + +Die armen Frauen der Wälder sind in dieser Hinsicht auch wirklich übel +dran; in dem kleinsten unbedeutensten Städtchen, ja selbst in dem +einzelnen Haus, das nur an einer begangenen Straße liegt, kann sich das +junge Mädchen nett und geschmackvoll anziehn, und hat die Genugthuung, +daß sie wenigstens gesehn, und auch bewundert wird, denn es sind +oft liebe, bildschöne Gestalten, denen der schlanke Wuchs, die edle +Gesichtsbildung und die, mit nur _sehr_ seltenen Ausnahmen fast +untadelhafte Reinlichkeit einen eigenen Zauber verleiht; im Wald +aber, im wirklichen Wald, von jeder Verbindung mit der Außenwelt +abgeschnitten, wo sollen da die armen Mädchen und Frauen ihre Kleider +zeigen, und zeigen _müssen_ sie dieselben; bei einem »Klötzeroll-Fest« +oder »#Quilting frolic?#« wie selten kommt das vor, und wenn's +geschieht, wie selten ist dann Tanz nachher -- einmal, zwei Mal im +ganzen Jahr und das noch dazu im Sommer. + +Solche Gelegenheiten benutzen sie dann freilich auch auf's Beste, und +welche es irgend von den jungen Mädchen kann, kommt nicht zu einem +derartigen Fest ohne wenigstens noch _ein_ anderes Kleid, manchmal drei +und vier mitzubringen, die während dem Tanz gewechselt werden können. + +Weit bessere Gelegenheit hierzu bietet aber jedenfalls eine #Camp +meeting#, die nicht nur einen einzigen Abend und im günstigsten Fall +eine Nacht durch dauert, wie ein solches Fest, sondern nicht selten +gleich drei und vier Tage hintereinander weg, während die jungen Leute +aus der _ganzen_ Nachbarschaft dabei Gelegenheit bekommen einander zu +sehen, miteinander zu plaudern -- und mehr als das. Mancher Funke ist +bei diesen Betversammlungen aus Auge und Herz herüber und hinübergeflogen, +und hat gezündet für Lebenszeit -- wenigstens gebunden; überdieß mußten +die jungen Männer dort still und ehrbar auftreten, durften nicht trinken, +fluchen und schwören, und konnten oft nur mit Hülfe einer ihnen +allerdings gewaltsam in's Herz geschütteten Religiosität den Pfad +betreten, der zu der Liebe der Auserwählten führte. + +Mit einem Wort, es geht bunt zu bei solchen Betversammlungen, und wenn +der Geist dann erst noch über die Schaaren kömmt, vergeht dem Fremden +Hören oft und Sehn. + +Maulbeere fand für jetzt aber nicht das mindeste Außergewöhnliche; daß +hier so viele Menschen auf einen Platz sich versammelt hatten, der sonst +eine Wildniß war, fiel ihm nicht auf, weil er von einer Wildniß, trotz +der letztverbrachten Nacht, überhaupt noch keinen rechten Begriff hatte. +Die Lagerfeuer sahen ganz gemüthlich unter den grünen Bäumen aus, und +die Menge der Gelagerten versprach ihm reichlichen Gewinn. Nur ein +großes hölzernes Gerüst fiel ihm auf, das seitwärts von dem Platz, am +Rande der kleinen Waldblöße, und noch im Schatten einer riesigen Eiche +stand, und rechts und links ein paar kleine Einfriedigungen hatte, die +mit Laub und duftenden Kräutern streuartig ausgeschüttet waren. Für das +Vieh schienen sie aber nicht bestimmt, denn ringsumher lagen die Feuer, +und die Pferde durften schon der Kinder wegen nicht in den inneren +Kreis. + +Maulbeere dachte aber gar nicht daran sich über die Verwendung +der Plätze den Kopf zu zerbrechen -- vielleicht dienten sie zu +Schlafplätzen, vielleicht nicht, was kümmerte es ihn. Nach einem +flüchtigen Überblick über die Vertheilung der verschiedenen Gruppen, +schob er seinen Karren, ohne sich weiter um seinen bisherigen Führer +zu kümmern, mitten in den Kreis hinein, begann plötzlich mit lauter +gellender Stimme, aber natürlich in Englischer Sprache, seine Waaren, +Künste und Eigenschaften anzupreisen, und hatte wenige Minuten später +die Genugthuung, die große Hälfte der Versammlung ihn umdrängen zu sehn. +Maulbeere war auch in der That für diese Waldbewohner ein Gegenstand; +er war ein Charakter wie sie nicht oft dort herumgezogen, selbst unter +den Yankee-Pedlars. Schon sein ganzes Äußere, die wirklich auffallende +Ähnlichkeit mit einem Orang-Utang, die wunderbare Zungenfertigkeit +des fremden Mannes, mit seinem trockenen Humor, der sie oft zu lautem +Gelächter hinriß, das Alles war ihnen neu, und vielleicht selbst die +Ungewißheit dabei, ob die jeden Augenblick erwarteten Geistlichen +mit diesem Ausbruch lauter Fröhlichkeit einverstanden sein, oder ihn +vielleicht gar verdammen würden, erhöhte den Reiz. + +Maulbeere hatte indessen schon sein Schleiferamt begonnen, und Messer +wurden ihm so viele gebracht, daß er sich ihrer kaum erwehren konnte; +auch Bestellungen bekam er genug, dorthin fünf, dorthinüber acht Meilen +vielleicht, eine alte Scheere wieder in Stand zu setzen oder, als er +sich auch hierin entwickelte, einem Fingerhut eine neue Decke anzulöthen. +Er war unermüdlich dabei, grob gegen die Männer, die ihn auslachten, +zärtlich gegen die Frauen und Mädchen, die über ihn kicherten, und sein +Rad schwirrte und zischte, während seine Zunge noch viel rascher ging +als das Rad. + +»_Der ehrwürdige Mr. Sweetlip!_« -- ein freudiges Gemurmel lief durch +die ganze Versammlung, und die Frauen besonders, drängten jetzt rasch +und eifrig fort von dem Scheerenschleifer, während ihre kleinen lieben +Gesichter, die noch vor wenig Minuten so herzlich gelacht, und so fröhlich +in die blaue herrliche Welt hinausgeschaut, einen gar ernsten, fast +wehmüthigen Ausdruck annahmen. Alles schaarte sich um den frommen Mann, +und Maulbeere blieb allein mit seinem Karren in der Mitte stehen. + +Mr. Sweetlip war die Freundlichkeit selber; er sprach mit Allen, hatte für +jeden ein ermunterndes oder ermahnendes, ein freundlich tadelndes oder +lobendes Wort; sprach von der Erndte und vom Wetter, von weggelaufenem +Vieh und verirrten Schaafen -- in der geistigen Bedeutung des Wortes +-- und seufzte dann oft recht schwer und traurig auf, wenn er der Sünde +der Menschen gedachte, die in die Welt gekommen und leider nicht wieder +hinauszubringen war. Mr. Sweetlip war eine wahre Seele von einem +Menschen. + +Ernster und strenger, in finsterem Schweigen trat der andere Geistliche, +Mr. Hottenbrocken auf, und wenn man die beiden mit einem Schwerte des +Herrn hätte vergleichen können, so war Sweetlip der Rücken, Hottenbrocken +aber die Schneide und Spitze in aller Schärfe und Härte edlen Stahls. + + [Illustration: Capitel 2.] + +Wenn Sweetlip mit sanfter Zunge seinen Zuhörern allerdings ihre geistigen +Wunden aufriß, aber Öl hineinträufelte, und es manchmal sogar für eine +Sünde zu halten schien, selbst der Hölle sämmtliche gute Eigenschaften +abzusprechen, so ging Hottenbrocken hinter ihm her und warf Essig und +Pfeffer und Salz hinein, rüttelte die sanftschlafenden Sünder aus ihrem +bewußtlosen Zustand auf, und beschrieb ihnen mit triumphirendem Lächeln +und glühenden Farben einen furchtbaren Abgrund, an dem sie geschlummert +haben sollten, und wenn sie den auch nicht gleich sahen, wurden sie doch +ängstlich und verzagt, und streckten die Hand nach dem ehrwürdigen Manne +aus, sie zu retten. + +Mr. Sweetlip hatte übrigens die »#meeting#« zu eröffnen und zu begrüßen, +und stieg oder kletterte zu diesem Zweck auf das hohe, kanzelartige +Gestell, das unter der Eiche errichtet worden. Von hier aus richtete +er eine ziemlich lange Rede, ohne weiteren besonderen Inhalt, an die +Versammlung, ermahnte sie, ihre Augen und Herzen und Hände zu Gott +zu erheben und ihn zu bitten, daß er sie bei ihrer jetzigen freudigen +Zusammenkunft erleuchten, die Guten stärken, und die verlorenen Schaafe +zurück zu seiner Heerde führen möge, zu deren Bequemlichkeit hier, wie +er mit klaren dürren Worten andeutete, die beiden Einpferchungen +angebracht und mit weicher Streu gefüllt waren. + +Maulbeere glaubte wirklich im Anfang daß er mit dieser Sache Scherz +treibe; der ernste, wehmüthige Mann sah aber nicht aus wie Scherz, und +Thränen standen auch schon in vielen Augen seiner schönen Zuhörerinnen. +Um sich dessen aber zu vergewissern, drückte er sich durch die +Andächtigen, seinen Karren sich selber überlassend, langsam der Stelle +zu, wo er seinen alten Freund Jack Owen finster und schweigend an einer +Eiche lehnen und der Rede horchen sah. + +»Könnt Ihr mir sagen Freund« redete er diesen leise an, »was der fromme +Herr da oben mit den beiden Pferchen meint, und ob die nur _bildlich_ +dastehn, oder in der »Hitze des Gesprächs« vielleicht wirklich gebraucht +werden sollen? ich habe keine rechte Idee von etwas Derartigem, und +möchte mich gern belehren.« + +»Es geht mir nicht viel besser, Fremder,« sagte der Backwoodsman +seufzend -- »ich habe auch keine rechte Idee von dem Wesen und Treiben +der Leute; soviel aber ist gewiß, daß sie die Fenzen oder Pferche, wie +Ihr sie nennen wollt, heute oder morgen noch brauchen, wenn der Herr da +oben die Gemeinde vorbereitet hat, und der andere lange Herr mit dem +finsteren Gesicht erst in ordentlichen Schuß und Gang gekommen ist +-- wenn nicht heute, morgen seht Ihr das gewiß!« + +»Und sind das so berühmte Prediger?« frug Maulbeere etwas erstaunt, denn +das Äußere der Leute hatte auf ihn den Eindruck nicht gemacht -- + +»Der sanfte Mann der jetzt da oben spricht« sagte Jack mit einem etwas +bitteren Lächeln, »war noch im vorigen Jahr ein Schneider in Little +Rock, als plötzlich _der Geist_ über ihn kam, wie sie es nennen, und er +zu predigen anfing. Er hat eine »sanfte Gabe« wie die Frauen sagen, und +wenn er nur anfängt zu reden, weinen sie schon vor lauter Rührung und +Wehmuth. Der Andere ist ein Yankee, und war früher ein Pedlar, wie man +bei uns die »wandernden Krämer« nennt -- betrog alle Welt mit seinen +Yankee-Uhren und anderem Trödel den er zum Verkauf im Lande herumführte, +und -- wurde auch auf einmal religiös, hielt einen Ausverkauf mit seinen +Uhren, von denen die Frauen wie toll darauf waren, eine zu kaufen, um, +wie sie meinten, dem Teufel zugleich eine Seele zu entreißen, und fing +ebenfalls an zu predigen. Die Beiden sind jetzt die beliebtesten Redner, +die wir hier zu hören bekommen, und haben die anderen Circuit-rider wenn +nicht ganz weggebissen, doch so in den Schatten gedrängt, daß sie sich +kaum noch sehn lassen. _Ihre_ Sammlungen fallen auch -- jedenfalls die +Hauptsache -- immer am reichlichsten aus, und für ihre _milden Zwecke_ +nehmen sie Geld und Geldes Werth, Hirsch- und Racoonfelle, Talg und +Honig und Bärenfett. Aber jetzt paßt auf« setzte er, mit dem Kopf nach +der Kanzel winkend hinzu -- »jetzt kommt Herr Hottenbrocken d'ran -- es +wird ein heißer Tag werden, denn er schneidet ein furchtbar finsteres +Gesicht.« + +Jack schulterte, während er die letzten Worte sprach, seine Büchse, +drehte sich ab von dem frommen Mann, und schritt langsam hinein in den +Wald, während Mr. Hottenbrocken allerdings von der Kanzel zu donnern +begann, und mit leuchtenden Augen und im Anfang zwar noch ziemlich +ruhiger, dann aber immer wachsender Stimme den zitternden Zuhörern die +Pforten aufriß die hinab in den Schlund der Hölle führten. Mit wilden +Gesten und rollenden Augen deckte er dabei alle Schrecknisse auf, die +dort unten der Ungläubigen, der Tauben die nicht hören, der Blinden die +nicht sehen wollten, harrten, und seine Rede floß ihm glühend heiß von +den in wilder Aufregung zitternden Lippen. + +Maulbeere, so sehr er sich sonst über derlei Sachen lustig machte, war +aber plötzlich unendlich aufmerksam geworden, drängte sich, so weit +sich das füglich thun ließ, nach vorn, kein Wort von der Predigt zu +verlieren, und verrieth dabei eine Andacht, eine Freudigkeit, die +sogar mehrmals die Blicke des Geistlichen selber auf ihn lenkte und +wohlgefällig auf ihm weilen ließ. Der Eine war Schneider, der Andere +Krämer gewesen, der _Geist_ genügte -- wenn der Geist kam mußte der +Körper gehorchen! -- Die Predigt oben dauerte fort, Maulbeere hörte +sie aber nicht mehr, sein äußeres Ohr war anscheinend offen, sein +inneres lauschte dagegen einem Chaos von Speculationen, die sich in dem +Gehirn des praktischen Scheerenschleifers entwickelten, und ihm seinen +»Gedankenkasten« mit einer Unmasse von Plänen und Ideen füllten. + +So kam der Abend heran; dieser Tag war mehr eine Vorbereitung zu der +morgenden _Schlacht_ gewesen, die Mr. Hottenbrocken dem Teufel und +seinen Helfershelfern angekündigt hatte; seine »Krieger,« wie er die +Frommen und Gläubigen nannte, waren gerüstet und geweiht worden zu dem +schweren Kampf, und die nächste Sonne sollte ihre untergehenden Strahlen +auf die Streiter werfen, die mit der Glorie des Herrn siegreich aus +Kampf und Ringen hervorgegangen wären. + +Maulbeere verlangte mehr als das zu wissen, und Jack Owen schien ihm +nicht der rechte Mann dazu, denn er hatte, soviel der Scheerenschleifer +bis jetzt davon gemerkt, keine Freude an der ganzen Sache, war auch in +der That nur herübergekommen, weil er die Frauen nicht zu Hause halten +konnte, und nicht allein ziehn lassen _wollte_. Frauen sind überhaupt +in den meisten Fällen weit besser zu Hause, als bei solchen Campmeetings +aufgehoben. + +Unter den hierhergekommenen Andächtigen befand sich eine Familie, +die Maulbeere's Aufmerksamkeit schon von allem Anfang durch das viele +Kochgeschirr und die zahlreichen Proviantkisten auf sich gezogen, die +sie bei sich führten. Der Mann, wie er sich indessen erkundigt hatte, +war Kirchenältester, und ein großer Gönner Mr. Hottenbrockens, der +oft acht und vierzehn Tage auf seiner Durchreise bei ihm blieb, und +allabendlich in seiner Familie predigte. Diesem introducirte sich +Maulbeere noch _vor_ dem Abendessen, enthüllte ihm den Eindruck, den +die Predigt heute Nachmittag auf ihn gemacht hatte, und bat ihn um die +Lebensgeschichte des langen Mannes, der eine so fabelhafte Rednergabe, +mit solchem Feuereifer und solcher Gluth der Sprache vom lieben Herrgott +und heiligen Geist empfangen habe. + +Der Kirchenälteste nahm ihn freundlich auf; Maulbeere mußte sich mit zu +seinem Feuer setzen und mit ihnen essen, und erzählte ihnen dafür seine +Lebensgeschichte mit einer Phantasie, die seinen alten Schiffsgefährten +Theobald glücklich gemacht haben würde, und auch hier ihre Wirkung nicht +verfehlte. Er erfuhr dafür Alles was er wissen wollte -- daß nämlich nicht +etwa ein langes Studium erforderlich sei, mit begabter Zunge zu reden, +sondern daß solche, die der heilige Geist als Begünstigte ausersehen, +oft von den niedrigsten Handwerken, aus dem sündhaftesten Lebenswandel +heraus, zu der hohen Würde eines Seelenhirten sich emporgeschwungen +hätten, und Lichter geworden wären, ihren Mitbrüdern und Schwestern auf +dem schmalen dornigen Pfad der Tugend voranzuleuchten. Nicht einmal ein +Examen war dabei erforderlich; es bedurfte eben weiter Nichts, als der +hohen natürlichen Begeisterung, die, für einen monatlichen Gehalt aus +einer der frommen Stiftungen und Vereine, ihr leibliches Wohl vollkommen +in die Schanze schlug, und die Arbeit aufnahm im Weinberge des Herrn. +Schwer war freilich ihre Aufgabe dabei, sie hatten nicht allein gegen +die sündhaften Ungläubigen, sondern auch gegen den Antichrist wie eine +Menge anderer Sekten anzukämpfen, aber das Ziel war glorreich -- sie +_mußten_ endlich siegen, der Herr war mit ihnen, und die Schlange +blutete mit zertretenem Haupte unter ihren Hacken. + +Das etwa war der Sinn der Rede, die der Kirchenälteste dem mit der +gespanntesten Aufmerksamkeit zuhorchenden Zachäus Maulbeere hielt, und +wie dieser spät am Abend, wo sich die Mehrzahl der hier Gelagerten zur +Ruhe begeben, seinen Karren zu seinem neuen Beschützer heranschob, und +dann in das laut gehaltene Nachtgebet inbrünstig mit einstimmte, schien +ein ganz anderer Geist in den sonst so rohen, profanen Menschen gefahren +zu sein. Die Anderen hatten sich längst wieder erhoben, und er kniete +immer noch eine Weile allein in still versunkenem Gebet, legte sich dann, +in seine Decke gewickelt die er vorn an den Karren geschnallt mit sich +führte, ohne mit irgend Jemandem ein Wort weiter zu wechseln, auf den +ihm angewiesenen Platz unter ein weit gespanntes Leinwandzelt, und +war bald sanft und ruhig -- ein etwas lautes Schnarchen abgerechnet +-- eingeschlafen. + +Am anderen Morgen begannen die Predigten ungemein früh, und Maulbeere +hätte heute keine Zeit bekommen seine Geschicklichkeit zu verwerthen, +selbst wenn er es gewollt; er dachte aber gar nicht daran, saß gleich +vom Morgengrauen in den vordersten Reihen der Gläubigen, und schien +sich wirklich nur zufällig gerade zur Frühstückszeit an dem Feuer des +Kirchenältesten wieder einzufinden. Dieser aber hatte seine innige +Freude an dem Mann, der, wie er nicht ganz mit Unrecht meinte, innerlich +und äußerlich einer ordentlichen Reorganisation bedürfe, und die nur +allein durch das Wort Gottes erhalten könne. Übrigens sei es ein +erfreuliches Zeichen auch unter den _Deutschen_, die sonst nicht in dem +Rufe ständen, viel wirkliche Religiosität zu haben, Einzelne zu finden, +die eine rühmliche Ausnahme davon machten. + +Zum Frühstück trat eine Pause ein, da die Geistlichen selber, zu +ihrem heutigen harten Kampfe, einer Stärkung bedurften, und es war für +Maulbeere ein rührendes Bild, und eine Quelle tiefen Nachdenkens, zu +sehn, wie sich die _Brüder_, in Liebe und Freundschaft darum stritten, +die ehrwürdigen Herren an _ihrem_ Frühstückstisch bewirthen zu dürfen, +wo ihnen dann das Beste aufgetafelt wurde, was die Küche aus Wald und +Strom und Farmhof nur zu liefern vermochte. + +Gleich nach dem Frühstück begann die Predigt wieder, die aber bis zum +Mittagessen wenig Erquickliches bot; es war ein Mischmasch von den +allergewöhnlichsten Phrasen, in der allergewöhnlichsten Art vorgetragen; +entweder _konnten_ die Leute nichts Besseres liefern, oder sie versparten +sich den vollen Eindruck auf den Nachmittag und Abend, wo die Zuhörer +überhaupt mehr aufgeregt und für das Übernatürliche mehr empfänglich +sind. Maulbeere nichtsdestoweniger hielt gewissenhaft aus; Manche seiner +Nachbarn und Nachbarinnen, die auch entsetzlich in ihrer Andacht durch +seinen alten grünen und wie glasirten Rock gestört worden waren, +schliefen sanft; Maulbeere wachte, und verwandte kein Auge von dem +Redenden. + +Mittag kam, und so sehr sich die Amerikaner vor einem unreinlichen +Menschen scheuen, hatte Maulbeeres Andacht doch besonders die +Aufmerksamkeit der Frauen auf sich gezogen; er war auch fremd hier, und +konnte nicht ohne Nahrungsmittel gelassen werden. Maulbeere bekam drei +Einladungen an verschiedene Feuer, die er alle drei annahm, und mit +geschickter Zeiteintheilung auch verwerthete. Nach Tisch und einer +kurzen Ruhezeit, mit der etwa drei Uhr Nachmittags heranrückte, begann +die Predigt auf's Neue -- jetzt aber mit einem andern Geist. + +Der Reverend Mr. Sweetlip machte heute Nachmittag den Anfang, und die +Versammlung, als ob die Leute schon eine Ahnung gehabt hätten, wie der +Geist heute wirken würde, war zahlreicher als je; Maulbeere aber saß in +den vordersten Reihen. + +Mit weicher, schmelzender Stimme begann der ehrwürdige Mr. Sweetlip +seinen aufmerksam lauschenden Zuhörern die Orte auf dieser Erde zu +schildern, wo den armen schwachen Menschen Verführung umlauere, ihn von +der Bahn des Guten abzulocken; und dabei zeigte er ihnen den Lohn, den +sie auf dieser Welt schon für ein gottgefälliges Leben, aber auch viel +größer noch in einer anderen Welt, zu erwarten hätten: in dieser Welt +durch ihr ruhiges, zufriedenes Gewissen, das ihnen die Brust mit einer +unendlichen Wollust und Seligkeit fülle (und er selber führte sich dabei +zum Beispiel auf, wie er, seit er sein Herz dem Himmel zugewandt, in +einem wahren Meer von Wonne schwimme) und in jener, wo Gott und der +Heiland ihnen ein beneidenswerthes Loos bereiten würde, so sie hier den +sündigen irdischen Lüsten widerstünden, und ihre Augen nur nach dem +richteten _was Gottes_ wäre. Auch hierbei ließ er sich in eine nähere +und mehr bildliche Beschreibung dieser einstigen Seligkeit, wie er sie +sich dachte, ein, und schilderte seinen Zuhörern mit immer glühender +und lebendiger werdenden Farben das Paradies, wo sie von Ewigkeit zu +Ewigkeit oben im Kreis der Engel in den Wolken sitzen, und Hallelujah +singen würden. + +Maulbeere sah sich rasch nach seiner Nachbarin zur Linken um, denn diese +fing plötzlich an zu stöhnen, schloß die Augen, warf den Kopf herüber +und hinüber, und gebehrdete sich etwa so, als ob sie einen Anfall von +Krämpfen erwartete. Der Scheerenschleifer dachte auch an seine kleine +Hausapotheke die er in dem Karren mit sich führte, an Salmiakgeist +und Hofmann'sche Tropfen, Einreibungen von Senfspiritus und andere +entsetzliche Mittel; ehe er aber noch zu einem rechten Entschluß kommen +konnte, begann seine Nachbarin zur Rechten ebenfalls, ähnliche Töne +auszustoßen und überall vor und hinter ihm, und rechts und links, fing +es an zu ächzen und zu stöhnen und die Ausrufe -- »#Oh Loooord -- glory +-- glory -- happy -- happy -- blessed Jesus!#« wurden nach allen Seiten +hin laut, und kamen in Gestalt von gewissermaßen gewaltsam ausgestoßenen +Seufzern zu Tage. Nur erst mit dem Schluß der Predigt, die in einem +langen Gebet endigte, beruhigten sich die Andächtigen, und die Frauen +hielten ihre Taschentücher vor die Augen und weinten, als ob ihnen das +größte Herzeleid in der Welt geschehen und nicht die einstige Seligkeit +geschildert wäre. + +Lautloses Schweigen folgte, denn Mr. Hottenbrocken kletterte jetzt, +nachdem er den ehrwürdigen Bruder Sweetlip heruntergelassen, auf +die Kanzel, übersah mit einem, über die Massen schweifenden finster +drohenden Blick die Versammlung, und rief plötzlich, zu voller Höhe +aufgerichtet und den rechten Arm von sich streckend, mit donnernder +Stimme: + +»Brüder und Schwestern -- Mitbürger -- Mitchristen -- Sünder +-- _nichtswürdige, elende, erbärmliche Sünder_ -- der Tag der Rache +ist nahe!« + +»Oh Loooooord!« schrie die eine Mitschwester an Maulbeeres Seite, der +doch jetzt fand, daß diese verschiedenen Ausrufe keineswegs einem +körperlichen Gebrechen, sondern eher einer geistigen Vervollkommnung, +einer Empfänglichkeit des Herzens für das Höhere, zuzuschreiben sei. +Mr. Hottenbrocken hatte indessen eine kleine Pause gemacht, als ob er +seinen Zuhörern Zeit geben wollte, über diese Verkündigung nachzudenken, +und begann nun, nachdem er vorher sein Taschentuch herausgenommen und +sich vorsichtig geschneuzt hatte, mit einer Stimme und einem Ausdruck +seine Predigt, als ob er in irgend einem gleichgültigen Gespräch etwa +gesagt hätte -- »ich glaube wir werden diesen Nachmittag Regen +bekommen.« + +»Der ehrwürdige Mr. Sweetlip, mein verehrter Bruder und fleißiger +Mitarbeiter im Weinberg des Herrn, hat Euch, liebe Schwestern und +Brüder, die Freuden des Elysiums geschildert; er hat Euch mit glühenden +lebendigen Farben, wie den höheren heiligen Sphären abgelauscht, die +Plätze der Seligen vorgeführt, wohin die _Guten_ einst kommen werden. Es +_giebt_ einen solchen Platz, liebe Schwestern und Brüder, wie ich Euch +wohl kaum noch zu sagen habe, denn Jeder von Euch weiß es -- es steht +mit klaren einfachen Worten in der Bibel, und ist daher keine Kunst +das zu wissen -- Jeder kann das wissen der nur lesen kann, oder einen +Bekannten hat, von dem er weiß, daß er ihm keine Lügen erzählt, und der +ihm die Geschichte vorliest. Also wir sind davon, als einer ausgemachten +Thatsache, überzeugt, _daß_ es einen Platz giebt, wohin die Guten, die +Gerechten vor dem Herrn kommen, und nicht allein unsere Phantasie, +geliebte Brüder und Schwestern, verleiht diesem Platz die höhere Wonne, +nein auch die heilige Schrift giebt uns ziemlich genaue Grundlagen über +den etwaigen Zustand dort oben, wie ihn mein Bruder in Christo, Mr. +Sweetlip geschildert hat -- Aber« -- rief er plötzlich, und unterbrach +damit gewissermaßen seine bis dahin vollkommen ruhige und wie +gesprächsweis gehaltene Rede -- »_aber_,« donnerte er noch einmal, +mit jetzt tief und dröhnend schallender Stimme, »aber _wer_ sind die +Gerechten? -- _wo_ sind sie? -- wie viele oder wie wenige sind es ihrer? +-- Wehe, wehe, wehe, mein Auge streift umher, und keinen Frieden, kein +Licht findet es, wohin es schweift -- mein Ohr lauscht auch dem leisesten +Klang, und nur Weheklagen sind es, die es vernimmt!« + +»Oh Loooooord!« -- stöhnte Maulbeere's Nachbarin wieder. + +Lauter und lauter wurde jetzt die Stimme des Sprechers, mit der er +jammerte daß er umsonst das Haupt eines Gerechten suche, es mit +der ewigen Glorie zu decken -- sie wären _Alle_ Sünder, schlechte, +miserabele, elende Sünder vor dem Herrn -- keiner, der bestehen würde +vor seiner Gerechtigkeit, und nur wenn sie stürben, würden sie es den +ersten Tag bequem haben, sie fortwährend bergunter führen, tief tief +hinunter zu dem höllischen Abgrund, wo da ist Heulen und Zähneklappen, +dann aber -- dann -- + +»#Oh gracious Looooord!#« stöhnten die Stimmen rechts und links +-- »#merci, merci -- merci!# Gnade! -- sei gut zu uns Herr, sei gut +zu uns!« und hie und da standen Einzelne der Mitglieder auf, und +taumelten mehr als sie gingen unter dem #glory#-, #glory#- und #happy#-, +#happy#-Rufen in den einen kleinen Pferch, der zur Linken des Predigers +stand, wo sie sich auf die Knie warfen, und laut und brünstig, nur von +einzelnen Schreien unterbrochen, an zu beten fingen. + +Maulbeere wurde unruhig, er blickte um sich her und sah seine Nachbarn +an, machte sogar ein paar Mal Miene aufzustehen, setzte sich aber immer +wieder nieder. Das Gestöhne um ihn her wurde dabei immer toller, und je +wilder und feuriger der Mann auf der Kanzel jetzt anfing mit rasselnder, +dröhnender Stimme die Qualen der Verdammten zu schildern, und lauter und +drohender der ganzen Schaar seiner Zuhörer ein ähnliches Schicksal zu +prophezeihen, je mehr er mit den Armen warf und seine langen Glieder +umherzuschlenkern begann, die Augen dabei verdrehte und mit der Stimme, +vielleicht das Wimmern der Gepeinigten nachzuahmen, in ein Gekreisch +und Gewinsel fiel, und dann wieder um Gnade, Gnade schrie für die +Verdammten, um deren Glieder er schon die Lohe schlagen sähe, die im +ewigen Feuer zuckten und sich krümmten und die Arme umsonst flehend, +Hülfe suchend, herausstreckten aus dem knisternden Verderben, da +erreichte der Aufruhr und Lärmen einen furchtbaren Grad. Die Leute +sprangen und heulten auf ihren Sitzen, schlugen mit den Armen und Beinen +um sich, und klammerten sich aneinander an, als ob sie schon jetzt +fürchteten von dem höllischen Feind gefaßt, und nach seinen Regionen +niedergeführt zu werden. + +In dem links gelegenen Pferch hatten sich indeß die »Böcke« mehr +und mehr angesammelt -- es waren die, die sich als die größten, +nichtswürdigsten Sünder erkannten -- und lagen hier auf den Knieen, +rangen die Hände, heulten, schrieen, und gebehrdeten sich mit einen Wort +wie Verrückte. Zwangsjacken wären auch in der That das einzige gewesen, +was sie hätte halten können. + +Mr. Hottenbrocken oben auf seiner Kanzel aber fing an zu triumphiren. + +»_Da_ kommen sie!« schrie er mit ausgestrecktem Arm und Finger +niederdeutend, auf die mehr und mehr dem Pferch Zudrängenden, (Männer +und Frauen und Mädchen, Alles durcheinander) und sein Auge schoß Blitze, +seine Gestalt hob sich höher und gewaltiger, und zog sich dann manchmal +in sich selbst zusammen, als ob er noch unschlüssig sei, vielleicht +mit einem Satz über die Barriere weg, mitten zwischen die Schaar +hineinzuspringen -- »da drängen sie herbei, vom Teufel gepeitscht, der +hinter ihnen mit ausgespreizten Krallen dreinspringt, den Einen oder +Anderen noch von denen die ihm entfliehen wollen zurückzureißen in sein +Reich der Verdammniß!« + +»#Oh L--o--o--o--o--o--rd -- merci -- merci!#« schrieen die Frauen +wieder, die sich jetzt zwischen den Bänken anfingen ängstlich umzusehn, +und sogar manchmal mistrauische Blicke auf den Scheerenschleifer warfen +-- »habe Gnade mit uns, barmherziger Gott; rette uns, rette uns vor dem +Teufel -- rette uns vor dem ewigen Feuer!« + +»Gnade?« schrie aber der Mann auf der Kanzel mit seiner Donnerstimme +nieder in den Lärm und Aufruhr -- »Gnade wollt Ihr? -- Gnade für Euere +_Sünden_? -- Gnade für Euern _Unglauben_? Gnade für Euere verderbten und +verstockten Herzen? -- der Fluch _Gottes_ wird Euch treffen am jüngsten +Gericht -- niederschmettern wird er Euch in den Staub, die Ihr Euch +jetzt am stolzesten und höchsten wähnt -- niederschmettern in ewige +Verdammniß und Nacht und Finsterniß und ewiges Feuer, wo Satan die Macht +über Euch haben wird und die Kraft und die Gewalt; und _dort_ steht er!« +schrie er plötzlich wild gellend auf, mit dem ausgestreckten Arm gegen +den Wald hinauszeigend -- »dort grinst er herüber auf Euch und fletscht +die gelben fürchterlichen Zähne! -- dort steht er und schüttelt sich vor +Lachen und innerer grimmiger Lust, wie er die Heerde sieht, die er bald +eintreiben kann in sein höllisches Reich, die Opfer sieht, die ihm +verfallen sind durch ihre eigene Sünde und Lust und rettungslos, +rettungslos verloren gehn!« + +»#Merci -- merci -- glory -- glory -- oh Looooord!#« schrie und stöhnte +die Schaar wieder, und ein solches Wüthen und Drängen und Ächzen und +Winzeln begann zwischen den Menschen, daß Maulbeere mistrauisch die +Leute von der Seite ansah, und doch nicht herausbekommen konnte ob sie +im Ernst waren, oder sich nur verstellten. + +Und trotzdem war der Paroxismus noch nicht zum höchsten Grade gestiegen. +Der Geistliche auf der Kanzel hatte wieder eine Pause gemacht; es fehlten +ihm Worte weitere Schrecken heraufzubeschwören, das Schlimmste was er +hatte aufführen können war geschehn -- der Teufel stand mit gekrümmten +Krallen hinter den Bäumen und lauerte auf seine Opfer; _der_ Schrecken +mußte jetzt wirken und dann _die Möglichkeit_ der eingeschüchterten +Schaar gezeigt werden, dem zu entgehn. + +»Fühlt Ihr Euere Gefahr? -- erkennt Ihr den Abgrund an dem Ihr steht?« +rief der lange finstere Mann plötzlich wieder mit nicht sehr lauter, +aber zu den entfernteren Stellen dringender, bohrender Stimme, »habt Ihr +das schwarze Meer, mit seinen stürmenden rollenden Wogen gesehn, das +über Euch hereinwälzen will, Euch in seine Tiefe zu ziehn? -- _fühlt_ +Ihr endlich Euere Nichtigkeit, Euere Erbärmlichkeit, Euere Sünde, die +schwarz genug ist daß sie die Sonne verfinstern und der Engelein +Gnadengebet ersticken könnte? -- _fühlt_ Ihr sie? wißt Ihr daß Ihr +_verloren_ sein müßtet -- rettungslos, erbarmungslos für immer und ewig, +wenn Ihr nur das bekämt was Ihr hier _verdient_? nur dem _gerechten_ +Richter gegenüber?« + +»#Oh Looooooo'od a massy!#« schrie eine dicke, vor Maulbeere sitzende +Negerin jetzt mit gellendem Aufkreisch, und fiel von der Bank herunter +auf der sie gesessen, als ob sie todtgeschossen wäre. Niemand bekümmerte +sich aber um sie, und sie blieb eine Weile regungslos liegen, ohne ein +Glied zu rühren. + +»Aber _noch_ ist es Zeit!« donnerte da plötzlich des Redenden Stimme, +wie eine schmetternde Posaune Heil verheißend durch den Wald -- »_noch_ +ist die zwölfte Stunde nicht vorüber, noch hält der Engel der Gnade +die Hand ausgestreckt nach den Strauchelnden -- _noch_ ist es Zeit +Mitbrüder, Mitschwestern, der Himmel ist offen, das Licht des +Heilands leuchtet Euch entgegen, das Wort der Verheißung kann noch +Wahrheit werden -- _noch_ ist es Zeit Gentlemen -- Brüder, Schwestern, +Reisegefährten!« schrie der Mann, der beinah in der Hitze der Rede in +sein altes Geschäft, das Auktioniren, gefallen wäre und eben noch Raum +fand wieder einzulenken -- »_noch_ ist es Zeit -- kommt, kommt, kommt zu +dem Herrn -- kommt, kommt, kommt zu Jesus Christus -- kommt -- oh kommt +in des Heilands Arme, der Euch rettet aus Noth, Tod und Verdammniß +-- kommt!« + +»#Glory -- glory -- happy -- happy!#« brüllte und tobte da plötzlich die +Masse -- »#blessed be de Looo'd# Dschisos!« schrie die dicke Negerin mit +einem gewaltigen Ruck sich emporrichtend, daß sie gerade vor Maulbeere +auf die Erde zu sitzen kam, und ihm starr in's Antlitz sah. Aber überall +zu gleicher Zeit brach der langverhaltene Sturm jetzt donnernd los +-- Männer und Frauen sprangen empor, rissen sich die Röcke vom Leib, +die Tücher von den Schultern, rauften sich die Haare, schlugen sich die +Brust, stöhnten, kreischten, schrieen, den dicken Schaum auf den Lippen, +große Schweißtropfen auf der Stirn, und die Augen fast aus ihren Höhlen +drängend. + +Es wäre überhaupt unmöglich dem Leser auch nur im Entferntesten +eine solche Scene lebendig genug zu beschreiben, daß er sich selber +hineindenken könnte; etwas Derartiges muß man selber gesehn und erlebt +haben, und ist es dann vorbei, zweifelt man trotzdem wieder ob es +wirklich geschehn sein _könne_, ob nicht ein toller Fiebertraum uns +geneckt, und selbst der Erinnerung glauben wir nicht mehr, die uns +solch wildes, tolles Zeug will aufbewahren. Nichts Geisterhafteres, +Unnatürlicheres giebt es auf der weiten Gotteswelt, als diese Scenen, wo +der heilige Geist von den schaumbedeckten Lippen wahnsinniger Schwärmer +sprechen soll, und diese sich auf der Erde wälzen, die Fingernägel in +den Boden einwühlen, den Rasen beißen und #glory, glory!# schreien, Ruhm +dem Herrn in der Höhe! + +Viele mag es dabei geben, die einen solchen Zustand aus irgend einem +Grunde heucheln; die sich eben nur stellen als ob der »Geist« über +sie käme, mit den Armen und Beinen werfen, und solcher Art einen sehr +billigen Ruf großer Religiosität erlangen, vielleicht Einlaß in manche +Familie zu bekommen, deren Kreis ihnen sonst verschlossen geblieben +wäre. Ebenso gewiß ist es aber auch, daß Viele, _sehr_ viele in +Wirklichkeit und Wahrheit in diesen Zustand verfallen, daß sie nur +durch die oft vollkommen sinnlose, nur mit einer gewissen Begeisterung +und mit steigendem Affekt gesprochene Rede in einen halb bewußtlosen +überspannten Zustand gerathen, in dem sie sich der Erde entrückt und von +einem anderen, außer-, und jedenfalls überirdischen Wesen begeistert +wähnen.[2] Fieberanfälle folgen nicht selten demselben, und die aufgeregte +Einbildungskraft ist nachher jedenfalls sehr leicht im Stande das, wo +sich etwa noch eine Lücke in ihren Gedanken und Bildern finden sollte, +mit Leichtigkeit auszufüllen. Auf Jemandem aber, der einer solchen +Versammlung mit kaltem, ruhigen Blute beiwohnt, macht sie unausweichlich +den Eindruck eines Haufens wahnsinniger Menschen, die losgebrochen sind, +und die kurze Zeit ihrer Freiheit geschwind benutzen, sich einmal recht +tüchtig auszuschrein. + +In diesen Pferchen besonders, wohin die sich drängen, die den heiligen +Geist über sich kommen fühlen, geht es zuweilen zu, daß man sich mit +Ekel von einem solchen Bilde menschlicher Entwürdigung abwendet, und +doch fühlen sich diese verblendeten Menschen auf dem Gipfel menschlicher +Erhöhung, und werden natürlich darin von den Geistlichen, die den +Erfolg ihrer Wirksamkeit nach den Köpfen ihrer geretteten _Schaafe_ +zählen, bestärkt. + +Ich weiß wirklich nicht, ob der Ausdruck »Schaaf« in _solchen_ Fällen +hinlänglich und stark genug bezeichnend ist -- er genügt mir sehr häufig +bei uns nicht einmal. + +»Glory! Glory! Hallelujah!« brüllte die Schaar, »heiliger Geist komm +-- senke Dich auf uns herab, rette uns, hilf uns -- #glory, happy, happy, +happy!#« + +»Uch!« schrie oder kreischte da plötzlich eine einzelne Stimme, so +scharf und gellend durch die Mistöne um sie her, daß sich selbst von den +augenblicklich Begeisterten Viele, halb dabei aus ihrer Rolle fallend, +nach der Stelle umsahen, von wo der merkwürdig wilde, unheimliche Laut +ertönte, und hier bot sich ihnen allerdings ein neues seltsames +Schauspiel. + +Zachäus Maulbeere hatte der Geist ergriffen, und während die dicke +Negerin, die sich wieder aufgerichtet, seine Knie umklammert hielt und +abwechselnd Hülfe und Glory! schrie, stand Maulbeere auf der Bank, auf +der er bisher gesessen, mit bloßem Kopf, an der Stirn noch die Spuren +des niedergelaufenen Regenwassers von der vorigen Nacht, die Arme zum +Himmel ausgestreckt, und das Gesicht ebenfalls dorthin erhoben, und +tobte ärger als Einer der Anwesenden sein #happy -- happy -- happy# dem +grünen Waldesdome entgegen. + +»Dort ist _noch_ ein Schaaf!« schrie der Geistliche von der Kanzel +nieder, mit dem Arm auf den begeisterten Scheerenschleifer deutend, und +mit funkelnden, fast wie beutelustigen Augen die Wirkung seiner Rede an +dem Fremden beobachtend -- »dort ist ein verirrtes, abtrünniges Schaaf +das zur Heerde zurückkehrt -- ein Lamm das sich in den Händen des Herrn +vor den Krallen des Teufels bergen will -- eine Taube, die den Fängen +des ewig nagenden Geyers zu entziehen sucht. -- Oh komm -- komm Lamm +Gottes -- komm in den himmlischen Pferch -- komm in die Arme des +Heilands, die sich liebend und sehnsüchtig nach Dir ausstrecken -- oh +komm -- oh komm! --« + +»Ich bin ein arger Sünder gewesen!« schrie da Maulbeere, plötzlich seine +Brust schlagend und einen vergeblichen Versuch machend sich von der +dicken Schwarzen zu befreien -- »ein nichtswürdiger, verstockter Sünder +-- eine Kerze des Satans, ein Pflegekind der Hölle -- der rothen, +feurigen, flammenden Hölle.« + +»#Oh do--nt -- do--nt -- oh Loooood#« schrie die Schwarze dazwischen. + +»Aber ich fühle die Kraft in mir,« fuhr Maulbeere in seiner Begeisterung +fort -- »Alles abzuwerfen was mich bis dahin gehalten (ausgenommen die +Schwarze, die nicht von ihm ließ), ich fühle den _Geist_ kommen -- ja +Brüder, ja Schwestern, ich fühle den Geist kommen, den heiligen, lieben, +gesegneten Geist!« + +»#Oh glory -- glory -- glory -- happy -- happy!#« + +»Ich fühle, wie es in mir tobt und wühlt und brennt; _das_ ist das Feuer +das die Sünde läutert, das ist der letzte Rest der Sünden die jetzt +verkohlen und verfliegen -- ich komme -- ich komme -- _heih!_« + +Seine Worte arteten zuletzt in eine Art Geheul aus -- Augen schienen +aus ihren Höhlen herauszudrängen, die struppigen Haare sahen in diesem +Augenblick so aus als ob sie vor Entsetzen emporständen, und mit einer +gewaltigen und wirklich verzweifelten Kraftanstrengung aus den ihn +umklammernden Armen der Negerin sich herauswindend, und jetzt ebenfalls +#glory, glory, happy, happy# rufend, arbeitete er sich nach dem schon +vollgedrängten Pferch durch, kletterte über die Fenz, sprang mitten +in den Haufen hinein, und verschwand dort in dem Gewühl und Zucken +menschlicher Gliedmaßen, die sich auf dem bestreuten Boden wanden. + + + + +Capitel 3. + +Der wandernde Krämer. + + +Warm und freundlich schien die Sonne nieder auf die weiten grünen +Prairieen von Illinois, die sich in ungeheueren Flächen, nur hie und da +von einem dunklen Streifen hoher Eichen unterbrochen, nach Nord und Süd, +nach Ost und Westen dehnten. Wie eine wogende See stand dabei das hohe, +üppige Gras in der frischen Westbrise, die darüber hinstrich, und lichte, +rasch über die Oberfläche laufende Wellen bildete, täuschend ähnlich +einer ruhigen See, über die ein leiser Passat die leicht gekräußten, +eben nur sich hebenden Wogen zieht. + +Wie Inseln darin, um die Täuschung noch größer zu machen, lagen einzelne +kleine Farmen weit zerstreut, deren Maisfelder gleichfalls wogten und +dem Wind sich neigten, und das grüne Wasser darstellen konnten in der +Nähe des Landes, während die Prairieen schon eine dunklere, gelblichere +Färbung angenommen. Daraus vor aber ragten die kleinen grauen Dächer der +Blockhäuser, mit ihren blauen dünnen Rauchstreifen, die weit über die +Fläche zogen; Felsen gleich, an denen sich die Brandung brach, während +in den Wogen der Prairieen selber zahlreiche Heerden, nur mit Kopf und +Rücken oft aus dem schwellenden Gras herausreichend, das seine Wellen an +ihnen vorübertrieb, herumschwammen, oder die breiten gutmüthigen Köpfe +witternd und schnüffelnd der frischen Luft entgegenhielten. + +Aber kein Fahrzeug strich auf dem weiten wasserähnlichen Grasspiegel +einher; vergebens suchte das Auge nach einem lichten Segel, die Täuschung +nicht größer zu machen, sondern mehr fast zur Bestätigung, daß dieß +nicht Land- und Pflanzenwuchs, sondern wirklich schiffbares, wogendes +Wasser sei. + +»Ein Kahn!« von den grünen Wellen getragen schwimmt, einen dunklen +Streifen hinter sich herziehend, ein schmaler dunkler Kahn dahin, und +ein einzelner Ruderer sitzt darin, still und regungslos sein Forttreiben +Wind und Strömung überlassend. Mit Gewalt muß sich das Auge zuletzt +zwingen in dem kleinen Kahn und Ruderer Mann und Pferd zu erkennen, die +langsam einem schmalen, sich durch die Prairie ziehenden Wege folgen, +und gerade auf die nächste, von einem kleinen Feld begrenzte Blockhütte +zuhalten. + +Der Reiter aber war ein alter Bekannter von uns, Georg Donner, der, +langsam seinen Weg verfolgend, die kleine Hütte endlich erreichte, und +dort seinem Pferde kurze Rast zu gönnen beschloß. Die ganze Umgebung +des Hauses ließ ihn auch auf Landsleute als Eigenthümer schließen, und +den Zügel seines klugen wackeren Thiers abstreifend, band er ihm die +Vorderfüße, nach Landesart zusammen, und ließ es sich sein Futter auf +der weiten Wiese selber suchen. Da ging die Thür der Hütte auf, und ein +junges, rothwangiges, kräftiges und auch recht hübsches Mädchen von etwa +achtzehn Jahren trat auf die Schwelle, den Fremden neugierig betrachtend. + +»Grüß Euch Gott, Kind,« rief ihr dieser freundlich entgegen, »kann man +ein Glas Milch hier bekommen? -- es ist warm heute und das Wasser in der +Prairie schmeckt schlecht.« + +»Recht gern und so viel Ihr wollt -- grüß Euch Gott,« sagte das Mädchen, +rasch in das Haus zurückgehend und bald mit einem großen, bis zum Rand +gefüllten Blechmaas voll Milch wiederkehrend. »Ihr seid wohl von weit +her unterwegs?« frug sie dann, als Georg das Gefäß dankend an die Lippen +hob, und einen langen durstigen Zug daraus that. + +»Ich komme von Wisconsin herunter, wo ich ein Jahr mich aufgehalten,« +sagte der junge Mann. + +»Von Wisconsin; da soll es auch recht gut sein -- wir haben viel Freunde +drüben, die mit uns über See gekommen sind -- wir wollten auch erst +dorthin, aber die Schwester wurde hier krank, und da dem Vater die +Gegend gefiel, blieben wir da, und ließen die andern weiter ziehn.« + +»Und es geht Euch gut hier?« + +»Gott sei Dank, ja; wir haben ziemlich billig gekauft, und die Jahre nun, +die wir hier sind, recht sparsam gelebt und recht fleißig gearbeitet, +und da sieht man doch daß man vorwärts rückt.« + +»So kommt Ihr hier besser fort wie in Deutschland?« + +»Ei Gott ja, _viel_ besser; lieber Himmel dort fraßen die Steuern, was +wir mit Mühe und Noth erzwingen konnten; wir schafften und schafften, +daß uns das Blut unter den Nägeln vorkam, aber nur schlimmer wurd' es, +nicht besser; wir _konnten_ nicht erschwingen was wir brauchten, und +langsam aber sicher ging's bergunter. Hier ist's besser; arbeiten müssen +wir freilich auch, beinah so viel wie in Deutschland, aber was wir +einnehmen ist unser, wir brauchen Nichts davon abzugeben, haben keine +groben Gerichtsleute die uns quälen, und keine Taxen und Steuern, die +Einem das Mark aus den Knochen saugen. Auch das Land ist vortrefflich; +was man pflanzt gedeiht, und wenn wir nur ein Bischen mehr an einem +großen Fluß wohnten, daß wir Alles gleich verkaufen könnten was wir +bauen, wär's noch viel besser. Die Leute sagen freilich, daß wir eine +Eisenbahn hier vorbeibekommen, nachher wär's schon gut. Wo seid _Ihr_ +her, wenn man fragen darf?« + +»Aus Waldenhayn.« + +»Aus Waldenhayn -- Jesus, in unserer Gegend liegt auch ein Waldenhayn, +aber s'ist doch wohl nicht das --« + +»Und welches ist das?« lächelte der junge Mann. + +»Krisheim -- und Bachstetten liegt auch nicht weit von dort, der Pfarrer +von Bachstetten ist ein Bruder vom Waldenhayner Pfarr.« + +»_Der_ Waldenhayner Pfarr' ist mein Vater,« sagte Georg. + +»Und Ihr seid in Krisheim gewesen?« frug das Mädchen und hohe freudige +Röthe goß sich ihr über Stirn und Schläfe. + +»Oft und oft; es sind ja nur höchstens vier Stunden von unserem Ort.« + +Das Mädchen sah dem jungen Mann fest und forschend dabei in die Augen, +und dann drehte sie sich plötzlich ab, und die hellen klaren Thränen +liefen ihr an den Wimpern nieder. + +»Ihr hängt wohl noch recht an daheim?« sagte Georg endlich leise und +nach langer Pause, »möchtet Ihr wieder zurück?« + +»Ich weiß nicht,« flüsterte das Mädchen, immer noch von ihm abgewandt, +»ich hatt' es schon beinah vergessen, und seit dem letzten Weihnacht +wenig mehr daran gedacht -- wenn ich aber den Ort wieder nennen höre, +und nun gar wieder Jemanden sehe, der selber dort war, selber eigentlich +dorthin gehört, dann -- dann fängt's freilich wieder an zu stechen, +und -- und es kommt mir dann manchmal doch wohl vor, als ob ich das +alte, liebe Dorf im Leben nimmer vergessen könnte. -- Wenn ich an den +Kirchthurm denke und -- und was daneben liegt -- und an die großen +Linden -- nur an den Weg der dorthin führt, möcht ich mir die Augen aus +dem Kopfe weinen. -- Aber der Vater darf's nicht merken,« setzte sie +rasch hinzu, »sagt Ihm Nichts wenn er kommt. Es ist ihm gerade so wie +uns zu Muthe, ich weiß es wohl, wenn er sich's auch nicht will merken +lassen -- aber weinen kann er nicht, das geht ihm nicht von der Hand, +und da wird er lieber grob, wenn er's auch nicht so böse meint und +-- wenn man eigentlich weiß warum er's wird, möcht' man ihn nur um so +lieber d'rum haben.« + +Georg war es, als er das Mädchen so plaudern, und selbst den Dialekt +aus seiner eigenen Gegend dabei hörte, ebenfalls recht weich um's Herz +geworden; ihm selber klang die Rede wie Glockentöne aus der Heimath, und +er hätte den lieben Lauten stundenlang lauschen mögen, so wohl, so weh +wurde ihm dabei in der Brust. Von der Fenz herüber tönte da das Knallen +einer Peitsche, Stimmen wurden laut und der Bauer, mit seiner andern +Tochter, Lisbeth, kam den Weg die Fenz entlang; der Mann hatte frischen +Mais aus dem Felde in seinem kleinen Karren geholt, und das Mädchen, +wie ein Knabe von etwa dreizehn Jahren, ihm dabei aufladen helfen. Die +Leute sahen frisch und wohl aus mit ihren sonnverbrannten aber gesunden +Gesichtern, und man merkte es ihnen an, daß sie die Arbeit freute die +sie thaten. Sie luden auch den jungen Mann freundlich ein bei ihnen die +Nacht zu bleiben und sich und sein Pferd auszuruhen, von dem langen +Ritt in der Sonne. Georg aber hatte keine Ruh, es zog ihn nach Indiana +hinüber, wo er wenigstens hören wollte wie es denen ging, an denen sein +Herz, so weh ihm auch der Mann gethan, den er vor allen Anderen gern +geliebt hätte, mit festen -- er fürchtete unzerreißbaren Banden hing, +und je länger er sich fern gehalten von dem Platz, destomehr drängte und +trieb es ihn jetzt, wo seines Pferdes Kopf der Richtung sich wieder +zuwandte. + +Eine kleine Weile plauderte er noch mit den Leuten; es that ihm wohl +hier zufriedene, glückliche Menschen zu sehn, die dem Lande ihr Brod +sauer genug abverdienen mußten, die aber die Schultern ernst dagegen +stemmten, gegen das Werk, und, wenn auch langsam vorrückten, doch eben +sahen, _daß_ sie vorrückten, und sich glücklich dabei fühlten. + +»Die gebratenen Tauben fliegen uns hier nicht in den Mund,« sagte der +Mann unter Anderem und im Laufe des Gesprächs lächelnd, »wie sie uns +manchmal, als wir von Deutschland fortgingen, vorgehalten haben, daß wir +so etwas erwarteten; aber wenn wir richtig zugreifen und unsere Knochen +nicht schonen, dann können wir uns doch Tauben braten, und haben dann +welche, und in Deutschland ging das eben _nicht_ mehr an. Das erste Jahr +haben wir uns freilich tüchtig placken müssen, und sind bei anderen +Leuten in Dienst gegangen, alle miteinander -- es war ein schweres Jahr, +aber es ging vorüber, wir lernten auch das Land dabei kennen und die +Arbeit, und nun hab' ich das kleine Grundstück hier gekauft. -- Ganz +ist's freilich noch nicht bezahlt, aber in zwei Jahren hoffentlich ist's +mein, und mit dem Vieh was ich indessen ziehe, und das den Werth der +Farm erhöht, können wir der Zukunft ruhig und sorgenfrei entgegengehn.« + +Der Mann hatte hundert Preußische Thaler mit herübergebracht, und mit +dem dazu was er und seine Familie das erste Jahr verdient, den Stamm +gelegt, der ihm eine sorgenfreie Existenz geben konnte. + +Georg fing sein Pferd endlich wieder ein, band die Hobbeln ab, legte ihm +den Zügel wieder an, und ritt nach freundlichem Abschied von den Leuten +auf dem ausgeruhten Thiere rascher die etwas staubige Straße entlang, +wo er, wie ihm der Hesse gesagt hatte, noch eine andere kleine deutsche +Farm erreichen würde, die ebenfalls ziemlich armen, aber braven, fleißigen +Deutschen gehörte. Es waren noch zwölf Englische Meilen bis dorthin, und +kein Haus lag dazwischen, kein Baum -- unabsehbar mit dem wogenden Gras +den Horizont begrenzend, dehnte sich die weite Prairie um ihn aus. + +Erst unfern dem Haus lief ein kleiner Steppenstrom dem Wabasch zu, an +dessen Ufer dichte Büsche von Weiden, Eichen, Erlen, und einzelne +Hickorybäume wuchsen, und dem Platz etwas unendlich freundlich Heimliches +gaben. Prairiehühner[3] gab es dort ebenfalls in Menge; auch Kaninchen +und die kleinen Rebhühner Nord-Amerikas -- ein Mittelding zwischen +Rebhuhn und Wachtel. + +Die Ansiedlung, die hier stand, war noch ganz neu, das Land erst +kürzlich urbar gemacht, aber mit einer prachtvollen Erndte wehenden +Maises, die Blöcke zu der Hütte frisch gehauen, und sogar das von ihnen +übrig gebliebene und dort zum Feuer gelassene Holz noch nicht ganz +verbrannt. Ebenso bestand die Fenz aus ganz neu gespaltenen Riegeln, und +selbst die Hühner, die vor dem Haus herumliefen, die Schweine, die dann +und wann einmal einen vergeblichen Versuch machten, irgend wo eine Lücke +in der Einfriedigung des Feldes zu entdecken und diesem einen Besuch +abzustatten, die beiden Kühe, die zum Melken nach Hause gekommen waren, +sahen aus, als ob sie dort noch nicht recht hingehörten, und keinen +eigentlich bestimmten Platz hätten zu Aufenthalt und Wohnung. Weit +eher hatten sich die Kinder eingerichtet, von denen drei vor dem Hause +spielten und sich herumtummelten, und ein junges Mädchen von etwa vierzehn +Jahren schien alle Hände voll zu thun zu haben, ihnen zu wehren und auf +sie aufzupassen. + +Heute gab es freilich auch etwas Neues für sie, das die Einförmigkeit +ihres Steppenlebens auf erfreuliche Weise unterbrach, denn vor dem Hause +hielt ein kleiner Karren, ein sogenannter Pedlar-Wagen, mit allerlei +bunten, wunderhübschen Sachen zum Verkauf, und der Mann hatte gesagt, +daß er die Nacht da bleiben und jedenfalls warten würde bis Vater und +Mutter vom Felde heim kämen, ihnen seine Waaren auszupacken, von denen +sie Manches brauchen könnten. Indessen zeigte er ihnen aber allerlei, +und gewann ihre Herzen noch überdieß durch ein paar kleine Spielereien, +die er ihnen preisgab. Endlich kamen die beiden Leute von ihrer Arbeit +zurück, und während die Frau nach den Kühen ging, diese zu melken, trat +der Bauer zu dem Pedlar, und reichte ihm die Hand. + +»Guten Tag Landsmann -- Ihr seid doch ein Deutscher, wie?« -- + +»Allerdings,« sagte der Pedlar, freundlich den Handdruck erwiedernd, +»möcht's nicht verleugnen.« + +»Möcht' Euch auch schwer werden,« lachte der Bauer, »Euer Gesichtsschnitt +würd' Euch verrathen; nicht wahr Ihr seid von »unsere Leut«, wie wir bei +uns zu Lande sagen?« + +»Na, wie mer's so nimmt,« lachte Wald, denn es war unser alter +Reisegefährte von der Haidschnucke, der hier seine Umstände als Pedlar +schon so verbessert hatte, mit einem Güterkarren durch's Land fahren +zu können, »wir _leben_ wie die Christen, und handeln wie die Christen +-- der Mensch kann nicht mehr verlangen.« + +»Aber Ihr eßt kein Schweinefleisch,« lachte der Bauer. + +»Nu, was wär der mehr d'rum, wenn wir's _nicht_ thäten,« sagte Wald +achselzuckend, »aber setzt mich 'mal auf die Probe, besonders wenn +Bohnen dabei sind.« + +»Na, ein Mann ein Wort,« rief der Bauer, »das sollt Ihr heut' Abend +haben, und Eueren Kasten könnt Ihr dann auch auskramen, wenn meine Alte +mit Melken fertig ist; die hat schon die ganze Zeit lamentirt, daß sie +kein Band und keinen Zwirn und keine Nadeln und Kämme und Gott weiß was +hat; es ist in Ewigkeit kein Pedlar hier vorbeigekommen.« + +»Glück muß der Mensch haben,« sagte Wald vergnügt, »da komm ich wieder +einmal gerade recht, und was die Frau braucht, steckt da Alles im Karren +d'rin.« + + [Illustration: Capitel 3] + +»Ja, glaub's schon, wenn nur da im Hause drin auch Alles stäk' um damit +zu zahlen -- na, aber so viel wird schon da sein. Und nun Cathrine, wie +ist's mit dem Kranken drin?« wandte er sich dann an das junge Mädchen +das, indessen die Eltern im Felde arbeiteten, auf die Kinder hatte +Achtung geben müssen. + +»Nun es geht wohl nicht gut Vater, er hat viel gestöhnt, ist aber vor +einer Stunde etwa eingeschlafen und liegt jetzt ruhig.« + +»Habt Ihr Jemand krank in der Familie?« frug Wald, »ich habe kleine +Hausmittel bei mir, vielleicht kann ich da helfen.« + +»Nein in der Familie nicht, Gott sei Dank,« sagte der Bauer, »aber ein +Landsmann, ein Bischen ein verkehrter Kauz, der ein paar Wochen bei mir +hier gewohnt, und hier versuchen wollte eine neue Erfindung zu machen, +ist dabei gefallen und hat das Bein gebrochen. Da nun kein Arzt in der +Umgegend zu haben ist, mußten wir es ihm selber zurechtrücken so gut es +gehen wollte, und das, fürcht' ich, wird wohl nicht zum Besten geschehn +sein. Wir können den armen Teufel aber nicht so verkommen lassen, und +ich will lieber morgen nach Vandalia hinunterreiten und einen Doktor +holen; es ist ein Bischen weit dazu, kann aber Nichts helfen.« + +»Wie ist denn das gekommen?« frug Wald, »und _wo_ hat er das Bein +gebrochen?« + +»Wo? -- da hinten von dem Baume herunter,« sagte der Bauer, »seht Ihr +die einzelne Eiche dort an der Prairie, an der die Balken lehnen? +-- dort drüben links.« + +»Ja aber, was um Gottes Willen hatte er denn da oben zu thun?« frug Wald +erstaunt. + +»Ih nun, er hat eine neue Erfindung gemacht -- er hat _fliegen_ wollen, +und das ist noch nicht recht gegangen.« + +»Fliegen wollen, Gott der Gerechte, ich bin froh daß ich 'nen Karren +habe auf dem ich _fahren_ kann -- fliegen, und da ist er von oben +heruntergestürzt?« + +»Wie ein Mehlsack -- er hatte sich so ein Gestell gemacht wie ein Drachen +etwa, aber ohne Bindfaden unten d'ran,« sagte der Bauer, »woran man +sonst so ein Ding hält, daß es nicht wegfliegt; das war aber hier auch +nicht nöthig, denn es kam gleich von selber herunter, und ich hätte gern +gelacht, wenn's nur dem armen Teufel dabei nicht so schlecht gegangen +wäre -- es ist auch ein Deutscher.« + +»Hm, hm, hm,« sagte Wald, »was es doch für wunderliche Menschen auf der +Welt giebt, und macht er da ein Geschäft d'raus?« + +»Nein, er ist eigentlich Cigarrenmacher --« + +»Er heißt doch nicht Schultze?« rief Wald schnell. + +»Schultze heißt er allerdings -- am Ende kennt Ihr ihn gar.« + +»Du lieber Gott; wenn's der ist den ich meine, sind wir miteinander +über See herübergekommen, und er hatte da schon immer so einen kleinen +Sparren; wenn's ihm nur nicht gar am Ende im Oberstübchen fehlt. Kann +ich ihn einmal sehn?« + +»Jetzt schläft er, wie die Cathrine sagt,« meinte der Bauer, »und da er +die ganze Zeit über Schmerzen gehabt hat, wird's wohl besser sein wir +lassen ihn ruhig liegen, bis er von selber aufwacht.« + +»Und wie lange ist's her, daß er das Bein gebrochen?« frug der Pedlar. + +»Heute gerade elf Tage,« sagte der Bauer. + +»_Gerade_ elf, hm -- arme Teufel -- hat er denn Geld?« + +»Nun ein Bischen was wohl,« meinte der Bauer achselzuckend, »er kam hier +durch, und die Gegend gefiel ihm hier für das was er machen wollte, wie +er sagte.« + +»Er meinte, er könnte hier recht hübsch in der Prairie herumfliegen?« + +»Wahrscheinlich so -- und er bot mir ein und einen halben Dollar +wöchentlich, wenn ich ihn ein paar Monate beköstigen wollte, bis er mit +seiner Arbeit fertig wäre. Nu ja, viel zu verdienen war da nicht dabei, +aber ein Bischen baar Geld thut auch gut, und da's ein Deutscher war, +und sonst ein ordentlicher Mann schien, sagten meine Alte und ich ja. +Jetzt liegt er nun freilich da, und wir haben die Sorge und Noth mit +ihm, können ihn aber nun auch nicht im Stich lassen, bis er wieder +gesund ist und sich selber helfen mag.« + +»Das ist brav von Euch gehandelt,« sagte Wald, »hier in dem Amerika weiß +man nie wie Einer den Andern braucht; aber da kommt die Frau, nun kann +ich meine Sachen auspacken, daß wir noch fertig werden eh' die Sonne +unter ist; nachher wird's dunkel im Handumdrehen.« + +»Guten Tag miteinander,« sagte die Frau zu dem Pedlar tretend, und ihm +die Hand reichend, »na das ist recht daß endlich einmal Einer von Euch +sich hierher verliert, wir haben lange darauf gewartet. Was habt Ihr +denn da in Euerem Karren drin?« + +Wald säumte nicht seine Waaren anzupreisen, und die verschiedenen Kästen +und Schubfache herausziehend, legte er den Blicken der jetzt um ihn +herdrängenden Familie die Herrlichkeiten offen, die, aus den Städten des +Ostens hergeführt, die Herzen in den westlichen Prairieen entzücken +sollten. + +Viel Geld hatten die Leute nun zwar nicht an derlei Gut zu wenden, +Manches aber wurde wirklich nothwendig gebraucht und _mußte_ geschafft +werden, und ging der Mann auch einmal in die ziemlich fern liegende +Stadt, konnte er's doch nie im Leben so aussuchen wie die Frau, und die +Pedlar bleiben deshalb auch immer den Frauen willkommene Gäste. + +Eine Anzahl Kleinigkeiten war indessen ausgesucht und bezahlt worden, +und obgleich der Pedlar bat, die Frau möchte das Nachtquartier in Abzug +bringen, wollte diese doch davon Nichts hören. Sie hätten so Nichts +großes zu bieten, und für ein Nachtquartier dürften sie kein Geld +nehmen, das ginge nicht an -- »aber wie ist mir denn,« setzte sie hinzu, +den Pedlar dabei immer schärfer und aufmerksamer ansehend, »ich dächte +doch, wir hätten einander schon einmal gesehn?« + +»Wär wohl möglich,« lachte Wald, »ich zieh' nun schon ein paar Jahr lang +die Kreuz und Queer im Lande herum -- hierher bin ich aber doch noch +nicht gekommen.« + +»Es war auch nicht hier,« sagte die Frau, ihn immer stärker in's Auge +fassend, »es war unten noch am Wasser, gleich wie wir ankamen -- Jesus, +Heinrich, sieh mal, ist das nicht der Mann, der mir den halben Dollar +gab, den Kindern Milch dafür zu kaufen?« + +»Seid _Ihr_ die Leute, die da unten in New-Orleans an der Levée saßen +und kein Brod und keine Arbeit hatten?« frug aber nun Wald seinerseits +wirklich erstaunt, »alle Wetter, dann habt Ihr Euch aber tüchtig +herausgearbeitet in der kurzen Zeit.« + +»Siehst Du's, er ist's,« rief aber die Frau, rasch und herzlich Wald's +Hand ergreifend, »wenn nur ein Mensch wüßt' wie ich mich danach gesehnt +habe Euch wieder zu sehn, und Euch danken zu können.« + +»Ah, papperlapapp,« sagte Wald, abwehrend, »macht kein Aufhebens von der +Läpperei -- ich wollt' ich hätt' mehr thun können.« + +»Ich glaub's Euch,« sagte der Mann jetzt auch, dem Juden die Hand +reichend und derb drückend, »Ihr habt das Herz auf dem rechten Fleck, +gerade wo's hingehört.« + +»Ihr wißt aber gar nicht wie Ihr uns damals geholfen habt,« sagte, mit +Thränen in den Augen, die Frau, als sie an die schwere Zeit zurückdachte, +»wir anderen hätten uns helfen können, aber das Kleinste schrie nach +Milch, und ich hatte keinen Tropfen mehr für das arme Würmchen. Seht +jetzt den Jungen an, was für ein kräftiger Bengel das geworden ist; +wer weiß ob er sich jetzt dort so herumtummelte, wenn Ihr uns nicht +damals beigestanden. Lieber allmächtiger Gott, Du magst mir die Sünde +verzeihen, aber ich wäre lieber mit ihm in's Wasser gesprungen wie +nicht, so weh, so traurig war mir um's Herz, weil sich so gar Niemand +um uns kümmerte, und es _allen_ Menschen eben ganz gleichgültig zu +sein schien, ob wir da am Flußufer verdarben oder nicht. Euer Geschenk +brachte mir zuerst wieder, _mit_ der Hülfe, Hoffnung in's Herz, und von +dem Augenblick auch an schien's beinah, als ob es hätte besser werden +sollen.« + +»Auf gefundenem Gelde ruht ein Segen,« lächelte Wald. + +»Ich glaub's Euch nicht, daß Ihr es gefunden habt,« sagte die Frau, ihn +scharf ansehend. + +»Und mir hat's seit der Zeit immer schwer auf der Seele gelegen, Geld +genommen zu haben, was ich nicht _verdient_ hatte,« sagte der Mann, »es +war das erste Mal gewesen, und Gott sei Dank, daß wir jetzt im Stande +sind es mit tausend Dank zurückzuzahlen.« + +»Wie heißt zurückzahlen,« sagte Wald halb verlegen, halb lachend, »hab' +ich's mir doch schon selber wieder geholt -- zurückzahlen, was sagen Sie +zu _dem_ Mann; hab' mit ihm um sieben Dollar Geschäfte gemacht, und +werde den halben nicht dabei haben.« + +Wald war in der That auf keine Weise zu bewegen etwas, was er für einen +Nebenmenschen gethan, »bezahlt zu nehmen«, und der Bauer mußte ihm +jetzt erzählen wie es ihm hier so schnell geglückt. Ohne Mittel auf's +gerathewohl hin, und einen Theil seiner Sachen verkaufend nur die +Passage zu zahlen, war dieser mit seiner Familie nach Illinois gekommen +und hatte da ein kleines Stück Land zuerst gepachtet. Die Erndte, von +der er einen Theil abgeben mußte, war trefflich gerathen, und so langsam +fortarbeitend hatte er jetzt den kleinen Platz, mit der Zeit ihn in den +nächsten Jahren langsam abzuzahlen, käuflich übernommen. + +Wie sie noch so zusammen plauderten, und der Bauer nicht müde wurde dem +Krämer von den Vorzügen des Landes zu erzählen, kam noch ein Reiter die +Straße nieder die zum Hause führte, und hielt neben der Gruppe. + +»Hallo Wald! so fleißig und eifrig im Geschäft, hier mitten in der +Prairie?« rief diesen da die freundliche Stimme Georg Donners an. + +»Herr Donner, wahrhaftig!« sagte aber auch Wald, ihm die Hand auf das +Pferd entgegenstreckend, »woher des Wegs?« + +»Vom Norden herunter -- guten Abend Ihr Leute, wie weit ist's noch bis +zum nächsten Haus dahinein zu?« + +»Nach der Richtung hin liegt keins,« sagte der Mann, »bis Ihr nicht zum +nächsten Waldstreifen kommt, und der ist sieben englische Meilen von +hier entfernt. -- Dort wohnen Irische, aber eben kein freundliches Volk, +und je weniger man mit ihnen verkehrt, desto besser.« + +»Ja, ich bäte Euch gern, Leute, ob Ihr mich die Nacht hier behalten +wolltet,« sagte Georg, »aber Ihr habt schon Besuch, und in dem Häuschen +möcht' ich Euch auch nicht gern beschränken.« + +»Das thut Nichts,« sagte die Frau freundlich, »wir müssen uns +eben einrichten, und dürfen schon einen Landsmann nicht dicht vor +Sonnenuntergang von der Thür weisen.« + +»Ja und _den_ schon gar nicht,« rief Wald rasch, »denn erstens ist er +ein braver Kerl, und zweitens ein _Doktor_!« + +»Ein Doktor?« riefen die beiden Leute rasch, »ja das wär schon recht!« + +»Ist Jemand krank hier bei Euch?« frug Georg. + +»Ein Schiffskamerad von uns Beiden, die Nachtigall, Herr Donner, von der +Haidschnucke hat das Bein gebrochen, und liegt im Haus drin schon elf +Tage ohne ärztliche Hülfe.« + +»Aber so steigen Sie doch nur ab,« bat der Mann. + +»Du lieber Gott,« sagte Georg, aus dem Sattel springend, und den Zaum +über einen Zweig des nächsten Baumes werfend, »da ist's ja doch die +höchste Zeit daß irgend etwas für den armen Mann geschieht.« + +»Aber er schläft jetzt,« sagte das älteste Kind, »ich habe deshalb die +Kleinen aus dem Haus genommen, weil er so lange schon keine ordentliche +Ruhe gehabt hat.« + +»Ich will ihn nicht stören,« sagte Georg, »nur wenn er wacht geh' ich zu +ihm; aber ich möchte ihn wenigstens sehn -- liegt er in diesem Haus?« + +»Gleich links am Kamin auf dem kleinen Bett.« + +Georg schlich auf den Zehen in's Haus, aber wie er nur über die Schwelle +trat, hörte ihn der Kranke, drehte den Kopf nach ihm um, und streckte +ihm dann rasch und freudig die bleiche abgemagerte, zitternde Hand +entgegen. + +»Donner, Sie sendet mir Gott selber, und von jetzt glaub' ich an +Wunder!« sagte er, und die Stimme klang hohl und matt; »guter Himmel, +was habe ich ausgestanden -- wie führt Sie denn jetzt mein Schutzgeist +her zu _mir_?« + +Georg ließ sich aber auf keine weiteren Erklärungen und +Auseinandersetzungen ein, bis er nicht den Bruch untersucht hatte. Viel +war dabei schon in der langen Zeit, in der er uneingerichtet gelegen +hatte, verloren, und das rechte Schienbein, das bei dem Sturze, wie es +schien, schräg abgebrochen, noch ziemlich stark geschwollen. Er gab aber +die Hoffnung nicht auf noch Alles gut werden zu sehn, ging vor allen +Dingen mit der Axt hinaus an den kleinen Fluß, sich selber die passenden +Rindenstücken zu Schienen abzuschlagen, und richtete den Bruch erst +ordentlich ein, schiente und band ihn, und stellte dann mit Walds Hülfe, +der Manches dazu in seinem Karren mit sich führte, eine Art Schwinge +her, in der sie das Bein frei schwebend hängen konnten, was dem Kranken +große Erleichterung gab, und ein wieder Verschieben des Knochens +verhinderte. + +Indessen war es dunkel geworden, der Mann hatte die beiden Pferde seiner +Gäste in einen Verschlag gebracht und ihnen dort Mais eingeschüttet, +die Frau kochte emsig am Kamin das Abendbrod für ihre gern bewirtheten +Gäste, und Schultze mußte nun Georg und Wald, dem er ebenfalls herzlich +die Hand geschüttelt, erzählen, wie er zu dem unglückseligen Sturz +gekommen. -- Georg Donner hatte nämlich noch gar keine Ahnung, was er +hier für Unsinn getrieben. + +»Wie, um Gottes Willen kamen Sie zu dem Bruch, lieber Schultze,« frug er +ihn, als er neben dem Bette saß und seine Hand dabei dem kleinen jetzt +überglücklichen Mann, der sich schon der schwärzesten Verzweiflung +hingegeben, überließ. + +»Der Schwanz war zu kurz, lieber Herr Donner, ich hab' es mir gleich +gedacht; aber es hatte wahrhaftig keinen andern Grund, der Schwanz war +um dritthalb Fuß zu kurz.« + +»Aber von was in aller Welt reden Sie denn?« rief Georg, auf's Äußerste +erstaunt. + +»Nun von meinem Drachen -- ich sage Ihnen Herr Donner, wenn ich den +unglückseligen Fall nicht gethan hätte, flög ich jetzt im ganzen Lande +umher. Ich habe das Geheimniß gefunden, das uns wieder zu unserer alten +verlorenen Eigenschaft verhelfen soll.« + +»Aber bester Herr Schultze, was machen Sie für Streiche,« lachte Georg, +als ihm ihr Wirth jetzt ebenfalls mit kurzen Worten die ganze Geschichte +erklärt hatte, wie sich Herr Schultze mit unendlicher Mühe aus Schilf +und Rohrwerk und Seide ein breites Gestell gebaut, dieses dann oben an +dem Baum befestigte, und bei einer frischen Brise endlich, wo sich die +Fläche von selber an zu heben fing, oben darauf gestiegen wäre und die +Seile durchgeschnitten hätte, wonach der Drache, oder wie es sonst +heißen möchte, auf der einen Seite übergekippt wäre, Herrn Schultze +heruntergeworfen, und sich selber im nächsten Baume wieder gefangen +hätte. + +»Was ich für Streiche mache, bester Donner?« rief aber Schultze, »ich +schlage mein Leben für die Wissenschaft in die Schanze, _das_ mache ich. +Meine feste, innige Überzeugung ruht auf dem System, und ich weiß, daß +ich es durchsetze; was liegt daran, ob ich später noch einmal ein oder +beide Beine breche, ich werde doch in meinem Leben nur noch sehr wenig +gehn, denn nicht allein bin ich dahinter gekommen wie die Flug_kraft_ +am Besten herzustellen ist, nein ich bin auch im Stande, mein später +vervollkommtes Luftschiff in eine höhere oder tiefere Luftschicht zu +lenken und es dort zu _steuern_ -- was sagen Sie nun, Freundchen?« + +»Daß Sie, sobald Ihr _Bein_ wieder geheilt ist, mit _diesen_ Ideen +nächstens den _Hals_ brechen werden,« erwiederte Georg achselzuckend; +»was aber um des Himmels Willen hat Sie auf diese unglückselige, brodlose +Idee gebracht? -- was wollen Sie damit bezwecken, was _hilft_ es Ihnen, +wenn Sie wirklich eine Strecke durch die Luft fliegen und mit +unzerbrochenen, unverrenkten Gliedern wieder auf Gottes Erdboden +kommen?« + +»Das kann ich Ihnen nicht so auseinandersetzen, mein junger Freund,« +sagte aber Schultze, ernst und recht wehmüthig dabei mit dem Kopfe +schüttelnd, »das ist das Ziel, die Aufgabe meines Lebens, für die mich +Gott eigends geboren und in die Welt gesetzt. Ich fühle das auch in mir, +ja was noch mehr ist, ich fühle daß ich es durchsetzen werde, daß ich +bestimmt bin, der Menschheit eine neue Ära zu gründen, oder vielmehr +unsere jetzige Bahn zu dem alten Punkt zurückzuführen. Die Kraft und +Eigenschaft, die wir einst besessen, haben wir nicht _verloren_, sondern +nur auf eine Zeitlang _vergessen_. Es ist das Ei des Columbus; wenn +gefunden, wird die ganze Welt schreien: »ja das ist gar Nichts -- wenn +wir das _so_ gemacht hätten, hätten wir's auch gekonnt.« Die Sache ist +aber die, sie haben's nicht _so_ gemacht, und Schultzes Name, mein +lieber Freund, Benjamin Schultze wird unsterblich werden.« + +»Wenigstens bald zu den Unsterblichen gehören, wenn Sie in der Art +fortfahren,« lächelte Georg. »Ich will eine mögliche Ausführbarkeit der +Luftschifffahrt gar nicht etwa bestreiten; es sind in den letzten Jahren +andere Sachen möglich gemacht, die wir früher für eben so unmöglich +gehalten; aber ich fürchte, lieber Schultze, Sie haben das Zeug nicht +dazu etwas derartiges durchzuführen. Ihnen stehen keine bedeutende +Mittel zu Gebote, Sie haben auch, so viel ich weiß, keine mechanischen +Kenntnisse, Sie in der Ausführung eines solchen Plans zu unterstützen, +und der gute Willen genügt dazu nicht. Dieser Sturz sollte Ihnen deshalb +eine Warnung sein; Sie kommen dießmal noch hoffentlich mit ein paar +Monate Hinken davon -- daß es nicht später schlimmer wird.« + +Wald mußte jetzt erzählen, was er bis dahin getrieben, und that das mit +dem ihm eigenen, drolligen Humor. Er war mit etwa zwanzig Spanischen +Dollarn in der Tasche an Land gekommen und hatte dort gleich, nach +dem Beispiel seiner Glaubensgenossen, einen kleinen Handel mit Band, +Litzen, Nadeln etc., etc., etc. angefangen. Den war er bald im Stande +zu vermehren und kaufte jetzt, anstatt ein theueres Haus in der Stadt, +das er nicht hätte bezahlen können, und wo das Standgeld allein seinen +Nutzen halb aufgezehrt haben würde, ein kleines altes Flatboot an der +Landung, das er dort ruhig auf dem Schlamm liegen ließ, und zu einem +Laden herrichtete. Er mußte dort natürlich viel von den Mosquitos sowohl, +als dem schauerlichen Dunst der benachbarten Boote leiden, aber er +verdiente Geld, und blieb da so lange, bis er im Stande war, sich eine +ordentliche Quantität Waaren mit Wagen und Pferd zu kaufen, mit denen er +dann von New-Orleans fort zu Lande am Mississippi hinaufzog, bis ihn die +Fieberzeit dort wieder vertrieb, und er an Bord eines Dampfschiffes +ging, sich in Cincinnati mit seinem Karren an Land setzen zu lassen. Von +dort aus hatte er Indiana ziemlich durchstreift, vortreffliche Geschäfte +gemacht, und große Lust wieder dorthin zurückzukehren, und vielleicht +erst zum Spätherbst nach Illinois zu kommen, da die Fliegen den Tag über +das Pferd so belästigten, und Nachtreisen ihm bei seinem Geschäft doch +nichts nützen konnten. + +»Durch Indiana?« -- Georg fühlte wie sein Herz stärker an zu klopfen +fing, denn er dachte der Möglichkeit, der Krämer könne auch Lobensteins +besucht haben, von denen er über ein Jahr auch nicht die geringste Kunde +gehabt. Wald ließ ihn aber auch darüber nicht lange in Zweifel, und fing +an aus freien Stücken die ihrer früheren Reisegefährten aufzuzählen, die +er auf seinen Wanderungen angetroffen. + +Die ersten waren zwei von den drei Passagieren, die von dem Leuchtschiff +zu ihnen an Bord gekommen, die beiden dem Zuchthaus wahrscheinlich +entnommenen jungen Verbrecher, die ihre alte Gewohnheit hier nicht hatten +verleugnen können oder wollen, und bei einem Pferdediebstahl erwischt +waren. Die Eigenthümer schienen Lust gehabt zu haben sie gleich an Ort +und Stelle zu hängen, aber der Sheriff legte sich zu ihrem Glück noch +in's Mittel, und sie wurden (Wald kam gerade dazu sie abführen zu +sehen), nachdem die dortigen Ansiedler ihnen wenigstens erst eine +tüchtige Tracht Schläge mit einem schwanken Hickory verabreicht, in das +Staatsgefängniß abgeliefert. + +Dann hatte er ein paar von _seinen_ Landsleuten, auch +Zwischendeckspassagiere der Haidschnucke, im Lande, und ebenfalls als +Krämer oder Händler angetroffen. Löwenhaupt war Eigenthümer eines +Kleiderladens am Wasser unten, in Cincinnati, wollte sich aber von +seiner Frau scheiden lassen, weil sie ihn mishandelte. Rechheimer war +ebenfalls Pedlar geworden und die beiden Rechheimer Mädchen hatten sich, +die eine in Cincinnati, die andere in Vincennes, an ziemlich wohlhabende +Leute verheirathet. + +Der Polnische Jude mit seiner Holzharmonika war wieder nach New-Orleans +zurückgegangen, der Knabe aber so krank geworden, daß er nicht mehr +singen konnte -- und erst ganz kürzlich -- vor ein paar Tagen nur +-- hatte er ein ganzes Nest von Haidschnucken-Passagieren auf einer Farm +unweit Grahamstown in Indiana getroffen. + +»Und wie geht es Lobensteins?« rief Georg rasch. + +»Sie kennen den Platz?« + +»Ich habe dort gearbeitet,« erwiederte Georg ausweichend. + +»Thut mir leid um die Leute,« sagte Wald. + +»Wie so? -- was ist mit ihnen?« frug Georg rasch. + +»Nun, daß es ihnen so schlecht geht.« + +»Ist Jemand krank?« + +»Nicht daß ich wüßte -- nur so, meine ich.« + +»Aber der Professor hat doch die Farm?« + +»_Hatte_ sie,« sagte Wald. + +»Er hat sie verkauft?« rief Georg, rasch und erschreckt. + +»Noch nicht,« meinte der Pedlar, »doch heute oder morgen wird's wohl +dran gehn. Wie ich dort vorbei kam war's dicht daran.« + +»Aber wie ist das möglich,« sagte Georg, »die Erndte ist doch gewiß +dort wie hier gut ausgefallen, die Verbesserungen, die er auf der Farm +gemacht, müssen ihm wenigstens _etwas_ eingetragen haben, und so war der +Platz doch nicht verschuldet, ein solches Ende so rasch herbeizuführen.« + +»Wie die Geschichte ganz genau ist, weiß ich nicht,« sagte Wald, »so +viel aber ist gewiß, daß der Professor Vieh und manches Andere verkaufen +mußte, dem Weber, der sich bei ihm mit seiner Familie verdingt hatte, +seinen Jahrlohn zu geben. Außerdem hat er Unglück gehabt mit dem +einzigen Sohn, der sich auf der Jagd eine Ladung Schroth durch den Leib +geschossen.« + +»Großer Gott, Eduard,« rief Georg, entsetzt von seinem Sitz aufspringend. + +»Wie ich die Sache hörte,« fuhr Wald fort, »war der junge Mann mit einem +andern unserer Zwischendeckspassagiere -- dem langhaarigen Burschen, der +immer die Verse an Bord machte -- auf die Jagd gegangen, und weiß der +liebe Gott, was die beiden jungen Leute zusammen angefangen, aber der +junge Lobenstein, Eduard hieß er, glaub' ich, schoß sich, wie jener +Versemacher sagte, beim über einen Graben springen durch den Leib, und +starb ein paar Stunden darauf unter den furchtbarsten Schmerzen.« + +»Das ist ja entsetzlich,« stöhnte Georg. + +»Nicht so, als der Mensch vielleicht denken möchte,« meinte Wald ruhig, +»denn wie mir der Weber erzählte, war der junge Bengel zum Arbeiten nie +etwas nutz gewesen, und durch den Fall wurden sie auch, als reinen Gewinn, +den Literaten los, der sich auf dem ersten Dampfboot wieder nach +New-Orleans einschiffte.« + +»Aber wie um Gottes Willen konnte er so zurückkommen, _gezwungen_ zu +werden seine Farm verkaufen zu müssen?« frug Georg. + +»Wie? -- einfach genug,« meinte der Pedlar, »ich habe weitläufig darüber +mit dem Weber, einem ordentlichen, braven Menschen gesprochen, der die +Sache schon lange hat kommen sehn, aber Nichts ausrichten konnte gegen +den Starrkopf des Professors. Anstatt sein Feld ordentlich mit Mais oder +Waizen zu bepflanzen, Produkte, von denen er wußte, daß er sie wieder in +baar Geld verwandeln konnte, machte er Experimente, baute in eine Ecke +Runkelrüben und in die andere Ölsaat, verschwendete dabei ein Capital an +Arbeitslohn, für eine Bande müssiger, ungeschickter Gesellen, die ihren +Nutzen dabei fanden ihn in dem Glauben zu bestärken er könne Mühlen und +Gott weiß was sonst noch, bauen. Die Leute wollten dann allwöchentlich +ausgezahlt sein, und was nicht mehr länger verborgen bleiben konnte, kam +an's Tageslicht. Mit einem recht großen, tüchtigen Capital hätte der +Mann vielleicht Manches erreichen können, so aber reichten seine Mittel +nicht aus; Mühlen, Zuckerpressen, Backsteinmaschinen, Alles was er zu +gleicher Zeit begann, und was in einigen Jahren, wenn richtig geleitet, +gewiß einen hübschen Profit abgeworfen hätte, blieb mitten in der Arbeit +stehn, und zehrte, anstatt zu helfen, mit an dem übrigen Capital.« + +»Und ist der Weber noch bei ihm?« frug Georg. + +»Oh Gott bewahre,« sagte Wald, kopfschüttelnd, »der Professor hat ihn +bei Heller und Pfennig ausgezahlt, was er ihm und seiner Familie für +die Jahresarbeit schuldete, und seinen Contrakt ehrlich gehalten, damit +aber auch, wie es scheint, seine eigenen Kräfte total erschöpft, und +Brockfeld sitzt jetzt, etwa zwei Meilen diesseit von Lobensteins Farm, +auf einem eigenen Stück Land, in einem eigenen freundlichen Häuschen, +und es geht ihm und den Kindern und der alten Mutter _recht_ gut.« + +»Wie weit ist es bis dorthin?« frug Georg, fast unwillkürlich dabei von +seinem Stuhle aufspringend. + +»Nun heute Abend kommen Sie nicht mehr hin,« lachte Wald, »wenn Sie aber +ordentlich zureiten, mögen Sie in vier Tagen den Platz erreichen -- Sie +wissen ja wohl wo er liegt.« + +»Ach wenn Sie nur noch eine ganz kurze Zeit bei mir bleiben könnten, +bester Donner,« seufzte Schultze wehmüthig vor sich hin, »wie soll es +denn werden, wenn Sie fortgehn?« + +Georg beruhigte ihn übrigens hierüber, und versprach ihm, heute Abend +noch seine beiden Wirthsleute und Pfleger so zu unterrichten, daß sie +den jetzt gut eingerichteten und fest und sicher geschienten Bruch auch +allein behandeln könnten. Ruhe war das Einzige was er brauchte, und das +Hauptsächlichste dann nahrhafte Speisen, die sich die Leute nicht +getraut hatten ihm zu geben, damit sich sein Körper, was er so sehr +bedurfte, wieder kräftige und stärke. Sei es ihm möglich, wolle er +selber noch einmal in vierzehn Tagen etwa hierher zurückkehren. + + + + +Capitel 4. + +Georg und Marie. + + +Vier Tage später mit Sonnenuntergang erreichte Georg nach scharfem Ritt, +auf dem er sein Pferd nicht geschont, »Brockfelds Farm,« erfuhr aber hier, +wo man ihn auf das Herzlichste begrüßte, nur die Bestätigung dessen, was +ihm Wald schon in Illinois gesagt, daß es mit den Vermögensumständen +des Professors _recht_ traurig stehe, dieser nicht im Stande sei, seine +letzte Zahlung an den Wirth in Grahamstown, von dem er die Farm gekauft, +zu machen, und gesonnen sei, sie am nächsten Montag -- der erste +im Monat September, wo Gerichtssitzung in Hollowfield wäre -- zu +verauktioniren, wenn er sich nicht vorher mit dem Wirth selber über die +Rücknahme des Platzes einigen könnte. Dieser aber wollte jetzt freilich +nur entsetzlich wenig dafür geben, weil er behauptete, die Aussichten +für die Lage desselben hätten sich allerdings, und ganz wider Erwarten, +sehr verschlechtert. Noch immer war keine Hoffnung eine Eisenbahn +hierherzubringen, indeß die Cincinnati-Bahn schon beendet worden, und +was sollte er nun mit einer mitten im Wald liegenden Farm anfangen? + +Der Professor mochte jetzt wohl recht gut einsehn, daß er damals von dem +schlauen Wirth bei seinem Ankauf betrogen worden, und sich bös damit +übereilt habe; war das aber nicht seine eigene Schuld? Anstatt, wenn er +selber darin nicht Zeit gehabt Erfahrungen zu sammeln, wenigstens einen +unpartheiischen Sachkundigen dazuzunehmen, der die Verhältnisse des +Landes kannte, war er mit den beiden Deutschen hinübergeritten die, +so gut sie es mit ihm selber meinen mochten, doch nur im Stande sein +konnten einen _deutschen_ Maasstab an das Land zu legen; von allem +Anderen verstanden sie Nichts, und der pfiffige Amerikaner hatte nicht +gesäumt das zu benutzen. + +Die Summe, die der Professor dem Wirth in Grahamstown noch schuldete, +kannte der Weber nicht, und Georg hätte das Herz brechen mögen vor Weh +und Schmerz, wenn er der Zukunft dachte, der jetzt die Frauen +entgegensahen. + +Dem Weber ging es indeß recht gut hier auf seinem neuen Platz; er hatte +Zeit gehabt sich die Umgegend genau anzuschauen, und nach allen Seiten +hin etwa die Preise der verschiedenen Plätze zu erfahren. Dies kleine +#improvement# mit vierzig Acker vom Staat gekauften und fünf Acker +darunter urbar gemachtem Landes war da, durch das plötzliche Fortziehn +des Eigenthümers, unter dem Werth gegen baar Geld zu verkaufen gewesen; +die Gelegenheit hatte er benutzt, und befand sich wohl dabei. Die Leute +waren auch unendlich fleißig, griffen _Alle_ zu, und arbeiteten von früh +bis spät, sich ihre neue Heimath nicht allein wohnlich, sondern auch +einträglich zu machen. Der Viehstand besserte sich dabei ebenfalls, und +die Aussicht war da, daß sich ihr Vermögen von Jahr zu Jahr vermehren, +nicht zurückgehen werde, und sie ihre Auswanderung aus der Heimath, so +weh ihnen die im Anfang auch gethan, nicht zu bereuen brauchten. Auch +die alte Mutter, die noch am längsten an der Heimath gehangen, und +doch immer heimlich gestöhnt und geklagt, so gut es ihren Kindern auch +ging, und so sorglos sie in's Leben sehen durften, hatte sich endlich +hineingefunden in die neue Welt. Freilich, so warm und freundlich schien +die Sonne doch hier nicht wie in Deutschland, so kühl war der Schatten, +so lau die Luft nicht im Frühling, die Blumen rochen nicht so gut, die +Vögel sangen nicht so lieb, der Himmel war nicht so blau, die Wiese +nicht so grün, das Wasser nicht so süß, und einen Vergleich mit +Deutschland hielt »das Amerika« lange nicht aus. Aber -- sie mußte doch +zuletzt einsehn, daß es ihren Kindern gut hier ging; in Deutschland +hatten sie ihr Schwein verkaufen müssen, Steuern davon zu zahlen, hier +hielten sie schon vier Kühe und so viel Dutzend Schweine, wie sie zu +Hause Stück gehabt, und Hühner und Gänse daneben, hatten zwanzig Mal so +viel Land wie daheim, und wenn das Haus auch noch nicht so warm und +bequem war, der nächste Sommer würde das schon bessern. So saß sie denn +jetzt auch wieder wie vordem in ihrer Ecke im Haus, oder bei schönem +Wetter unter einem breitästigen Eichbaum vor der Thür im Schatten, wo +ihr der Sohn ein großes freundliches Asterbeet angelegt, ihre Augen an +dem Glanz der Herbstblumen zu letzen. So, mit dem Spinnrad vor sich, +wenn sie auch nur wenig spann, und das mehr aus alter Gewohnheit bei ihr +stand, legte sie oft die Hände in den Schooß und schaute schweigend und +still befriedigt die neben ihr spielenden Enkel an, die sich munter auf +dem Platz da umher tummelten, und amerikanischen Boden gerade so passend +zu ihren Spielen fanden, wie deutschen. + +Georg hatte aber keine Ruhe hier -- ihn drängte es mehr von dem Schicksal +einer Familie zu hören, deren Wohl ihm warm am Herzen lag, und mit +Tagesanbruch am anderen Morgen sattelte er sein Pferd, nahm freundlichen +Abschied von den Leuten, die ihn noch Alle gern vom Schiff und von der +Farm her hatten, und ritt in scharfem Trabe, Lobensteins Farm für jetzt +umgehend, dem kleinen Grahamstown zu, dort erst vor allen Dingen mit dem +Gläubiger des Professors zu sprechen, und zu sehen wie tief dieser +eigentlich in Schulden stecke. + +Etwa um zehn Uhr Morgens erreichte er den kleinen Platz, der noch gerade +so still und öde lag wie vor zwei Jahren, ja eher noch stiller, noch +verlassener, denn drei oder vier damals gebaute Häuser waren wirklich +von ihren Eigenthümern, da alle die großen Verheißungen nicht wahr +geworden, im Stich gelassen, und gaben dem Ort noch mehr ein wüstes, +trauriges Aussehn. Auch Ezra Ludkins hatte Lust auszuverkaufen, und +zu dem Zweck einen großen Anschlag unter seine Seejungfer befestigt, +welchem zufolge ihn dringende Familienverhältnisse nach Texas riefen, +und er Haus und Geschäft unter dem Werth losschlagen wolle. Es fand sich +aber kein Käufer, und Wind und Wetter bekamen es endlich satt, das +Papier da nutzlos hängen zu sehn, und rissen es herunter. + +Ezra Ludkins war übrigens zu Hause, hatte auch freie Zeit genug, denn er +schien der einzige Gast seines ganzen Hauses, das leer und öde stand und +mit den nackten Wänden und unbesetzten Tischen recht gut zu der ganzen +kleinen Stadt paßte, deren erstes Gebäude es gewesen. + +Amerika bietet viel solcher Beispiele; wo sich die Wahl für den Bau +einer Stadt als eine glückliche erwiesen, strömt die Bevölkerung ihr in +Masse zu, und einzelne Beispiele wie Cincinnati, Milwaukie, Buffalo +und hundert andere zeigen, welche Lebenskraft in dem Fall in dem +Volke liegt. Wo das aber nicht der Fall war, wo die Möglichkeit oder +Zweckmäßigkeit der Verbindungswege falsch berechnet worden, oder, wenn +die Stadt dicht am Ufer des Flusses lag, dieser vielleicht zufällig +den Grund zu versanden anfing, wenn auch für jetzt noch Wasser für die +größten Boote blieb, da war es vorbei mit der _Stadt_; nicht allein +keine neuen Ansiedler ließen sich dort nieder, nein auch die, die schon +ein Grundstück gekauft, und viele Hoffnungen früher auf den Platz +gesetzt hatten, suchten das so rasch als möglich wieder loszuwerden, und +ließen es lieber ganz im Stich, ehe sie weiter noch Geld und Zeit darauf +verwandt hätten ihr Glück hier zu versuchen; es gab andere Gelegenheit +dazu im weiten Land. + +Ezra Ludkins schien aber nichtsdestoweniger kaum geneigt, dem jungen Mann +den Stand der Verhältnisse zwischen ihm und dem Professor, auseinander +zu setzen; er mochte wohl Hoffnung haben, die für diese Gegend kostbaren +Meublen, wie die andern mitgebrachten Sachen, auf eine Auktion geworfen +zu sehn, und dann im Stande zu sein billig genug zu kaufen, da hier +Niemand Anders fast Gebrauch für solche Gegenstände hatte. Nur erst, als +Georg in ihn drang, und fest darauf bestand, er sei von dem Professor +selber abgeschickt worden, die noch bestehenden Rechnungen nachzusehn, +und so weit das möglich wäre, zu ordnen, entschloß er sich dazu sein +Buch herbeizuholen, und brachte eine Forderung an den Professor von +einhundert und dreißig Dollar. + +»Aber das Andere, was auf dem Haus noch steht,« drängte Georg. + +»Nun das ist _das_ hier,« sagte Ludkins mürrisch, »hol' der Henker einen +solchen Handel, denn wenn ich gewußt hätte, daß ich so lange auf mein +Geld warten mußte, wär's mir nicht eingefallen den Platz zu verkaufen +-- ich hätte zehn andere Käufer gehabt die das Geld baar niederzahlten. +Baar Geld ist stets noch einmal so viel werth, wie die beste Note.« + +»Wieviel ist aber die _ganze_ Summe, die Ihnen der Professor schuldig +ist?« frug Georg, jetzt ebenfalls ungeduldig werdend, »wenn Sie in +solcher Eile sind, antworten Sie mir wenigstens einfach auf meine +Frage.« + +»Nun die Antwort habe ich Dir auch einfach genug gegeben,« brummte +der Pensylvanier -- »wenn Du kein Deutsch verstehst, kann ich's nicht +helfen -- hundert und dreißig Dollar.« + +»Und das ist Alles?« rief Georg, wirklich kaum im Stande sein Erstaunen +zu verbergen. + +»Das ist Alles, wenn er's nur zahlt,« sagte der Pensylvanier. + +»Und an den früheren Eigenthümer der Farm hat er keine Verpflichtungen +weiter?« frug der junge Mann noch einmal vorsichtig. + +»Der bin ich; mein Junge hatte sie nur dem Namen nach; -- für hundert +und dreißig Dollar kann er meinetwegen dort wohnen bleiben, und alle +seine wahnsinnigen Experimente durchführen nach Herzenslust.« + +»Sein Sie so gut und schreiben Sie mir die Quittung,« sagte Georg ruhig. + +»Für die ganze Summe?« + +»Ja -- bis auf den heutigen Tag für Alles was Ihnen Mr. Lobenstein noch +schuldet.« + +»Das soll schnell genug geschehen sein,« brummte der Pensylvanier, ging +hinter seine #bar#, wo Dinte und Feder stand, und schrieb die Quittung +aus. Georg nahm indessen aus seinem Taschenbuch die Summe in guten +Indiana-Banknoten, die der Wirth jedoch erst höchst aufmerksam und +sorgfältig nachsah, endlich für richtig befand und den verlangten Schein +dem jungen Mann aushändigte. Eine Viertelstunde später saß Georg wieder +im Sattel, und galopirte rasch und mit einem recht freudigen Gefühl in +der Brust, den schmalen, schattigen Weg hinauf, der nach der »deutschen +Farm« führte. + +Wie hatte sich der Platz verändert, seit dem letzten Jahre; das +fröhliche regsame Leben was dort geherrscht, war verschwunden, das Haus, +in dem die Weberfamilie mit den Arbeitern gelebt, stand ganz leer, von +dem munter blökenden Vieh, das die Fenzen sonst umgeben, war fast +Nichts mehr übrig geblieben -- eine einzige Kuh und ein paar Schweine +ausgenommen -- da mit dessen Verkauf die nöthigsten Ausgaben hatten +gedeckt, die dringendsten Schulden bezahlt werden müssen, und der Platz +selber verrieth nur zu deutlich, wie keine ordnende Männerhand mehr ihm +vorstehe, selbst nur ihn so in Stand zu halten wie er war. + +Über die Fenz lagen ein paar der im Feld noch gelassenen alten +abgetrockneten Bäume umgestürzt, und die niedergebrochenen Riegel, mit +den unausgefüllten Lücken, verschwanden schon allmählich in dem Unkraut, +das über sie emporwucherte. Der Mais war gereift, aber noch zum Theil +-- was nicht hatte verkauft werden müssen -- im Felde gelassen, und die +nicht umgebrochenen Kolben, von Spechten und Krähen angepickt, begannen +anzufaulen. Der kleine Garten hinter dem Haus sah ebenfalls wüst und von +Unkraut überwuchert aus; die Frauen hatten nicht Zeit mehr gehabt, vor +dringenderen Arbeiten, die Blumen zu pflegen, die sie im Anfang gesäet, +und nur die paar Gemüsebeete, für das Nothwendigste was sie im Hause +brauchten, waren rein vom Unkraute gehalten, daß die Sonne es bescheinen +konnte. Selbst über den Weg hinüber lag ein umgestürzter Baum, und der +Pfad, den sich die Bewohner darum hingemacht, bewieß, wie er schon +längere Zeit gefallen sein mußte, ohne daß sich irgend Jemand die Mühe +genommen, ihn hinwegzuräumen. + +Es mochte Mittagszeit sein, als Georg den Platz erreichte; kein +menschliches Wesen war aber in dem breiten Hofraum zu sehn; nur der +aus dem Haus selber aufsteigende dünne Rauch, wie ein paar einzelne +scharrende Hühner, verriethen, daß der Ort bewohnt, und nicht ganz +verlassen sei, und mit klopfendem Herzen ritt er über die niedergeworfenen +Stangen der Einfriedigung hinweg bis fast an das Haus hinan, band dort +sein Pferd an und -- zögerte wieder, ob er den Fuß vorwärts setzen und +die Schwelle jetzt betreten sollte, die bald zu erreichen, er sein Pferd +fast zu Schanden geritten. Da schlug der Hund an, ein junger Brake, +den sich Eduard hatte zum Jagdhund dressiren wollen, und der jetzt auf +eigene Hand des Nachts Opossums und Waschbären in die Bäume jagte und +Stunden lang darunter vergebens heulte, Hülfe herbeizurufen. + +Am Fenster des kleinen Hauses wurde Jemand sichtbar, Georg konnte aber +nicht gleich erkennen wer es sei, so trübe war ihm das Auge geworden, +als er die trostlose Veränderung hier erkannte, und langsam schritt er +auf die Thüre zu, indeß der Hund, der ihn erkannte, an ihm hinaufsprang +und winselte und bellte. + +»Kennst Du mich noch Hektor?« sagte er, des freundlichen Thieres Kopf +streichelnd -- »hast Du mich nicht vergessen in der langen Zeit?« + +»Georg!« rief da eine, oh nur zu wohlbekannte, aber erschreckte Stimme +dicht vor ihm, und Marie, die aus der Küche unten getreten, zu sehn wer +da komme, brach todtenbleich in die Knie, und wäre zu Boden gesunken, +hätte sie Georg nicht in seinem Arme aufgefangen. + +»Oh Georg -- Georg ist wieder da!« rief da eine fröhliche Kinderstimme +und Camilla, die jüngste Tochter Lobensteins, von dem um ein Jahr älteren +Carl rasch gefolgt, sprang aus der Thür und flog auf den jungen Mann zu. +Auch Marie hatte sich jetzt wenigstens so weit gesammelt, wieder allein +stehn zu können, aber noch immer war kein Tropfen Blutes in ihr Gesicht +zurückgekehrt, doch lenkte der Neugekommene die Aufmerksamkeit der +Übrigen glücklich von ihr ab. + +»Herr Donner?« sagte der Professor, der jetzt ebenfalls in der Thür +erschien, und den jungen Mann halb erstaunt, halb verlegen erkannte +-- »aber bitte, kommen Sie näher -- bleiben Sie nicht draußen auf der +Diele stehn.« + +»Mein lieber -- lieber Herr Professor!« rief Georg, dem alten Herrn +entgegeneilend, und seine Hand herzlich drückend -- »wie freue ich mich, +Sie so wohl und munter wiederzufinden -- aber -- wo ist die Frau +Professorin?« + +»Sie ist nicht wohl,« sagte der Professor nach kurzer, aber ängstlicher +Pause -- »Sie wissen vielleicht noch nicht, wie schwer uns das Schicksal, +seit Sie uns verlassen, in meinen Sohne heimgesucht --« + +»Ich weiß es,« sagte Georg leise, und mit tiefem Mitgefühl. + +»Seit der Zeit kränkelt meine Frau,« fuhr der Professor langsam fort +-- »der Schlag damals traf sie zu schwer. Um sich zu zerstreuen und die +bösen Gedanken loszuwerden, arbeitete sie dabei mehr als ihr gut war, +und hütet nun jetzt schon seit vier Wochen ununterbrochen das Lager. +Anna war gerade hinüber gegangen nach ihr zu sehen. Aber komm Marie +-- setz einen Stuhl zum Tisch für Herrn Donner -- wenn Sie mit uns +vorlieb nehmen wollen, wir sind gerade bei Tisch, aber Schmalhans ist +heute Küchenmeister -- Sie haben es sehr unglücklich getroffen.« + +Georg -- selber nicht wissend, wie er das, was ihm auf dem Herzen lag, +beginnen sollte -- setzte sich mit zu Tisch -- die Mahlzeit bestand in +Kartoffeln mit Butter und einem sehr einfachen Amerikanischen Gericht, +Hominy -- gequollener und in Wasser abgekochter Mais. + +»Wenn Georg die letzte und vorletzte Woche gekommen wäre,« rief Camilla +dazwischen -- »hätte er auch nichts Anderes gefunden.« + +»Mögen Sie das Hominy?« frug der Professor verlegen lächelnd, und +versuchend die Aufmerksamkeit des jungen Mannes von dem Kinde abzuziehn +-- »_ich_ habe mich so daran gewöhnt, daß es ordentlich ein Leibgericht +von mir geworden ist.« + +»Wir Andern mögen es aber alle mit einander nicht,« sagte Camilla -- »es +schmeckt gerade wie Stroh.« + +Die Thür ging in diesem Augenblick auf, und Anna's Eintritt unterbrach +glücklicher Weise die naseweise Bemerkung des Kindes. Anna begrüßte den +jungen Mann auf das Herzlichste, und auch Marie wurde zutraulicher, und +gewann ihre ganze Fassung wieder, als sie sah, wie unbefangen sich die +Schwester mit dem frühern Hausgenossen unterhielt. Georg beseitigte +dabei auf sehr praktische Weise jede Verlegenheit, die der Professor +etwa hätte wegen dem Essen fühlen können, indem er, durch den scharfen +Ritt auch wirklich hungrig geworden, tapfer zulangte, und dem Hominy und +den Kartoffeln alle nur mögliche Ehre anthat. + +»Und wissen Sie, weshalb ich hierher zurückgekommen bin?« frug Georg +nach beendeter Mahlzeit, indem er lächelnd den Professor ansah, nur aber +einen ganz scheuen, flüchtigen Blick nach Marien hinüberzuwerfen wagte, +deren Auge er jedoch nicht begegnete. -- + +»Weshalb, weiß ich nicht,« sagte der Professor herzlich -- »aber es +freut mich, _daß_ Sie wiedergekommen sind, und mir wenigstens dadurch +beweisen, Sie tragen keinen Groll nach, wegen dem Vergangenen.« + +»Lieber Professor.« + +»Ich hätte selber schon an Sie geschrieben,« fuhr dieser jedoch +entschlossen fort, »konnte aber von keiner Seite auch nur die geringste +Nachricht bekommen, _wo_ Sie sich befänden; Sie waren auf einmal +verschollen und blieben es, von dem Augenblick an, wo Sie den Platz +verlassen, da Sie Herr von Hopfgarten damals, ein paar Stunden später, +vergeblich im ganzen Township suchen ließ.« + +»Herr von Hopfgarten?« + +»Ich erzähle Ihnen die Geschichte ein ander Mal -- aber -- sind Sie +_zufällig_ wieder in unsere Nähe gekommen, oder haben Sie uns noch nicht +ganz vergessen gehabt, und absichtlich aufgesucht?« + +»Ich bin vier Tage so scharf geritten, wie mein Pferd laufen konnte,« +lächelte Georg, tief dabei erröthend -- »nur um recht bald hier zu +sein.« + +»Das ist brav, das ist recht brav von Ihnen,« rief Anna freudig, und +Marie dankte es ihm dießmal mit einem lächelnden Blick. + +»Um aber kurz zu sein,« fuhr Georg zögernd und erröthend fort, »so -- so +möchte ich wieder hier in Arbeit treten, und -- und wenn Sie mir beweisen +wollen, daß auch Sie keinen Groll mehr gegen mich hegen, vielleicht +manches voreilig gesprochenen Wortes wegen -- so schicken Sie mich nicht +wieder fort, sondern behalten mich hier.« + +»Ach das ist brav, das ist schön,« rief Carl -- »da brauche ich und +Marie nicht mehr das schwere Holz aus dem Wald herbeizuschleppen.« Anna +und Marie aber sahen sich verlegen an und der Vater sagte, ohne die +Frage direkt zu beantworten und dann Georgs Arm nehmend, zu seinen +Töchtern: + +»Haltet den Kaffee bereit, Kinder, bis wir zurückkommen, ich muß Herrn +Donner doch einmal zeigen, wie weit wir mit unseren Arbeiten vorwärts +gelangt sind, seit er uns verlassen, und unterwegs können wir dann auch +alles Weitere viel besser und bequemer besprechen,« und ihn mit sich +die Treppe hinunterführend, traten sie in den Hof, wo Georg vor allen +Dingen sein Pferd absatteln, in den Stall einstellen und füttern mußte, +und dann mit dem Professor langsam den Weg hinabging, der an den Feldern +hinführte. + +»Lieber Donner,« sagte dieser hier zu ihm, und es war ihm angenehm, daß +er, neben ihm hingehend', nicht in sein Auge zu schauen brauchte -- »die +Zeiten, seit wir uns nicht gesehen, haben sich _sehr_ verändert, und +-- so gern ich Sie wieder auf meiner Farm beschäftigen möchte, ja so -- so +nöthig ich sogar Jemanden dazu brauchte -- bin ich nicht mehr -- durch +die dießjährigen niedrigen Getreidepreise noch außerdem gedrückt -- im +Stande Arbeiter zu halten und -- zu bezahlen.« + +»Aber bester Professor --« + +»Bitte, lassen Sie mich ausreden,« sagte dieser, fest entschlossen, die +einmal begonnene Sache nun auch durchzuführen -- »ehe wir von etwas +Anderem beginnen -- ehe ich Ihren freundlichen Antrag, wieder auf meiner +Farm eine bestimmte Beschäftigung zu nehmen, zurückweise, bin ich Ihnen, +mein lieber Donner, eine Ehrenerklärung schuldig, die mir -- thun Sie +mir die Liebe und unterbrechen Sie mich jetzt nicht -- die mir schon +lange schwer und drückend auf dem Herzen gelegen.« + +»Lieber Herr Professor --« + +»Ich bin damals nicht allein unfreundlich, nein, ich bin auch ungerecht +gegen Sie gewesen,« fuhr aber der Professor entschlossen fort, »und es +mag Ihnen einige Beruhigung oder Genugthuung gewähren, von mir ganz +offen das Geständniß zu hören, daß ich durch Schaden habe klug werden +und die Wahrheit dessen erleben müssen, was Sie gerade vertheidigten, +und gethan haben wollten.« + +»Oh wie gern wollt' ich Unrecht gehabt haben, bester Professor, wenn +nur --« + +»Sie haben _nicht_ Unrecht gehabt,« unterbrach ihn der Professor +rasch, »und selbst, was Sie mir an dem letzten Morgen über jenen faden +Dichterling sagten, hat sich furchtbar, viel furchtbarer freilich als +wir Beide damals ahnen konnten, bewährt. Ich habe schwer -- fast zu +schwer für meine Leichtgläubigkeit, mit der ich unreifen, oft vielleicht +selbst eigennützigen Plänen Glauben schenkte, büßen müssen, und wollte +es gern, wenn nicht -- wenn nicht meine arme Familie jetzt auch so +schwer darunter leiden müßte. Sie sehn, lieber Donner, ich bin offen und +aufrichtig gegen Sie, das mag Ihnen den besten Beweis liefern, daß ich +mein Unrecht gegen Sie bereue.« + +Georg war tief erschüttert; das Bekenntniß des sonst so strengen +abgeschlossenen Mannes, das gerade _ihn_ furchtbare Überwindung mußte +gekostet haben, machte einen unendlich wehmüthigen Eindruck auf ihn, und +er brauchte Minuten, sich selber erst wieder so weit zu sammeln, dem zu +erwidern. Der Professor war indessen an einer Stelle stehen geblieben, +wo ein dürrer Baum erst ganz kürzlich über die Fenz heruntergeschlagen +schien, und dieselbe zusammengebrochen hatte, was sich ein paar Schweine +zu Nutz gemacht, die drinne an einem Kürbiß herumbissen und, als sie +die Männer kommen hörten, grunzend in das Feld weiterhinein flüchteten. + +»Die Farm sieht arg verwildert aus,« sagte Georg endlich leise, eine +direkte Antwort auf das Geständniß vermeidend, »man sollte kaum glauben, +daß ein einziges Jahr eine solche Veränderung hervorbringen könnte.« + +»Seit dem Tode meines Sohnes,« sagte der alte Herr seufzend, »habe ich +selber an Allem die Lust verloren, und nichts thun noch arbeiten mögen; +selbst das Nothwendigste ist liegen geblieben, und der spätere Besitzer +der Farm mag nachholen, was ich versäumen mußte.« + +»Sie wollen fort von hier?« + +»Wir brauchen uns über das Hülfsverbum nicht zu täuschen, lieber +Donner,« sagte der Professor wehmüthig lächelnd, »ob ich _will_ oder +nicht -- ich _muß_!« + +»Und Ihre Familie?« sagte Donner halb vorwurfsvoll. + +»Sie haben recht,« seufzte der Mann, »es ist schwer für sie, geht aber +doch nicht anders an; ich will nach dem »fernen Westen«, wo man, wie ich +aus sicherer Quelle weiß, ein kleines #improvement# für fünfzig Dollar, +und vierzig Acker Land für denselben Preis bekommen kann. So viel wird +mir nach dem Verkauf meiner Sachen und Abzug aller Reisespesen übrig +bleiben, und wir müssen dort eben ein neues Leben beginnen.« + +»Und glauben Sie, daß Ihre Frauen das aushalten würden?« frug Georg ihn +ernst, »_kennen_ Sie das Leben im Westen, mit seinen Entbehrungen, +seinen Beschwerden, seinem Klima?« + +»Ich habe viel darüber gelesen,« sagte der Professor ausweichend. + +»Du lieber Gott,« seufzte der junge Mann, »wenn ich mir da die arme Frau +Professorin, die zarte Anna und selbst die kräftige Marie denken müßte +-- ich würde im Leben nicht wieder froh werden.« + +»Aber was _soll_ ich thun?« sagte der Professor, froh endlich einmal +Jemanden zu haben, mit dem er sich aussprechen, gegen den er sein Herz +erleichtern konnte, »Ihnen gegenüber brauch' ich kein Hehl daraus zu +machen, denn ich weiß, Sie nehmen Theil an unserem Schicksal, das sich +nicht allein durch eigene Schuld, sondern auch durch das Zusammentreffen +unglückseliger Umstände so traurig gestaltet hat. Ich bin nicht im +Stande das letzte Kaufgeld für die viel zu theuer bezahlte Farm, so +wenig das sein mag, aufzutreiben, der Bursche in Grahamstown, dem mein +Mobiliar in die Augen sticht, drängt mich mit der Zahlung, und auch +meine letzte Hoffnung, Herr von Hopfgarten, ist nicht mehr aufzufinden. +Ich habe mich nach ihm bei dem Wirth des St. Charles Hotels in New-Orleans +erkundigt, und wenn mir die Leute die Wahrheit geschrieben, so ist +Freund Hopfgarten vor kurzer Zeit nach Europa zurückgekehrt. Den Termin +länger hinauszuschieben bin ich ebenfalls nicht im Stande, und werde +schon nächste Woche gezwungen sein meine Farm und Mobiliar vielleicht +für den sechsten Theil dessen was sie mich selber gekostet hat, zu +verkaufen, und mit den Meinen dann von vorn anfangen zu müssen, ein +allerdings vollkommen neues Leben zu beginnen.« + +»Wenn Sie denn fest entschlossen sind,« rief da Georg, der klopfenden +Herzens, das Geständniß seiner Liebe zu Marie auf den Lippen, noch nicht +gewagt hatte damit herauszutreten, »wenn Sie die Wildniß wählen wollen +und müssen zu Ihrem Aufenthalt -- dann nehmen Sie mich mit und -- seien +Sie mir mehr als Freund dann, lieber Herr -- seien Sie mir _Vater_ +-- Vater im wahren Sinn des Worts. Lange Monden hin,« fuhr der junge Mann, +als ihn der Professor staunend ansah, leidenschaftlicher fort, »habe ich +die Qual der Ungewißheit, die Sehnsucht nach dem einen Wesen auf dieser +Welt, das meiner Seele Ziel geworden, mit mir herumgetragen -- ich darf +das nicht länger mehr -- geben Sie mir Marie zum Weibe, lassen Sie +_mich_ den verlorenen Sohn ersetzen, und nie, nie sollen Sie bereuen mir +so vertraut zu haben.« + +»Mein lieber, lieber Donner,« sagte der Professor, der sich noch immer +nicht von seiner Überraschung erholen konnte »Sie wollen Ihr Schicksal +an das einer Familie ketten, die sich -- die sich eben nicht im Glück +befindet -- und weiß Marie --« + +»Noch keine Sylbe -- noch habe ich selber nicht gewagt, ihr meine Liebe +zu gestehen,« rief Georg, »aber wenn mich nicht Alles täuschte, darf ich +hoffen.« + +Der Professor sah dem jungen Mann lange und fest in's Auge -- bis sich +sein eigener Blick in langsam aufsteigenden Thränen dunkelte, dann nahm +er Georgs Hand, drückte sie fest und herzlich, und zog ihn endlich leise +aber liebend an seine Brust. + +»Mein lieber, lieber Vater,« flüsterte Georg. + +»Mein lieber, lieber Sohn!« + +»Und nun zur Mutter!« rief da Georg, dem Lust und Freude das Herz bald +in der Brust zu sprengen drohte, »nun zur Mutter, ihr Sorge und Kummer, +und mit den beiden Menschenquälern auch die böse Krankheit zu nehmen, +die sie noch an's Lager fesselt. Wir gehen _nicht_ nach dem Westen Vater +-- wir bleiben _hier_, und die Fenzen werden wieder ausgebessert, das +Unkraut wird hinausgeworfen aus dem Felde, und die Mühle fertig gebaut, +dem Wirth in Grahamstown gerad zum Trotz und Ärgern.« + +Der Professor schüttelte traurig mit dem Kopf und sagte seufzend: + +»Das sind _Pläne_, mein junger Freund, wie sie die _Jugend_ eben +entschuldigt; das ruhige Alter findet sich nicht mehr so leicht mit +Unmöglichkeiten ab.« + +»Und wissen Sie denn Vater -- o daß ich Sie jetzt -- daß ich Sie +_endlich_ so nennen darf,« sagte Georg, seinen Arm ergreifend, und ihm +mit blitzenden Augen in's Antlitz sehend, »daß ich vom Glück begünstigt +in Michigan in das Haus eines reichen Mannes kam, bei ihm ein Viertel +Jahr in gutem Gehalt stand und ihm die beiden Kinder, die ihm schwer +erkrankten, rettete? -- wissen Sie, daß mich der Mann aus Dankbarkeit +in den Stand setzte, durch den zweckmäßigen Kauf einer Anzahl von +Bauplätzen in einer neu gegründeten Stadt, in den letzten drei Viertel +Jahren nur durch einen theilweisen Verkauf derselben Parcellen wieder, +fünfzehnhundert Dollar an baarem Gelde zu verdienen? -- Und kennen Sie +die Quittung hier von Grahamstown?« rief er unter vorquellenden Thränen +lachend aus, »kennen Sie den Autographen von Ezra Ludkins? -- Da behalten +Sie das Papier und lesen Sie es aufmerksam durch, hoffentlich ist Alles +in Ordnung und -- mag mich Marie nicht -- sagt sie _nein_ -- ja dann +soll mich mein Rappe noch heute Abend fort -- weit fort von hier tragen, +gleichviel wohin. -- Sagt sie aber ja -- oder lacht oder weint sie nur +-- oder thut sie gar Nichts -- und sieht sie mich nicht einmal an, dann +-- aber ich kann es wahrhaftig nicht länger mehr in der Ungewißheit +ertragen; kommen Sie nach Vater, so rasch Sie Ihre Füße tragen, und +voraus hol' ich mir mein Glück oder Leid aus Mariens Munde!« + +Und den Hut freundlich gegen den Professor schwenkend ließ er ihn an der +hinteren Fenz und am Holzrande zurück, und sprang in flüchtigen Sätzen +dem kaum verlassenen Hause wieder zu. + +Und dort? -- lieber Leser, das ist eine Sache, die nur immer zwei Leute +auf einmal in der Welt interessirt. Wie »Vielliebchen« aus _einem_ +Mandelkern hat der liebe Gott die Herzen, von denen immer zwei und zwei +für einander geschaffen sind, über die Welt wild und bunt hinausgestreut +-- selig die, die ihre Theile wieder zusammenfinden. + +Und Marie und Georg _waren_ selig; an dem Abend, neben dem Bett der +Mutter, der mit der frohen frischen Hoffnung auch wieder neuer Muth, +neue Kraft in das Herz gezogen, wie es Georg gehofft, saßen sie Hand +in Hand und plauderten und bauten mit der Schwester Pläne auf, die +Glücklichen, nach Herzenslust. Und der Vater ging dabei, die Hände auf +den Rücken gelegt, schmunzelnd auf und ab; in der Kinder jungem Leben +ging auch ihm ein neues frisches Dasein auf -- die trübe böse Zeit lag +dahinten, und wenn auch bittere Erfahrungen ihn geprüft, so waren es +doch eben Erfahrungen geworden, und _auf_ ihnen weiter schreitend, mit +einer jungen kräftigen Stütze jetzt an seiner Seite, konnt' er der +Zukunft wieder froh in's Auge schaun. + + + + +Capitel 5 + +Jimmy. + + +Die Fieberzeit, trotz ihren Schrecken von den Amerikanern scherzweis +»der gelbe Jack« genannt, war vorüber; der Oktober hatte, gleich von +Anfang an mit kalten und scharfen Nordwest-Winden einsetzend, die Seuche +seewärts geweht, und die Luft gereinigt, und vom Norden herunter kehrten +die geflüchteten Bewohner der gefährdeten Stadt in Schaaren zu ihren +Wohnsitzen zurück. + +Welch ein Unterschied zwischen dem New-Orleans jetzt, und dem, vier +Wochen früher. Welch Drängen und Treiben überall von frischem, fröhlichem, +kräftigem Volk, das herüber und hinüber drängt, kauft und verkauft, und +plaudert, lacht und singt. Welch Treiben und Leben an der Levée, wo Boot +nach Boot, Schiff nach Schiff anlegt, seine Waaren der neugeborenen +Stadt zuzuführen; welch Treiben und Leben in den Straßen, den kleinen +Adern des Verkehrs, in denen das warm pulsirende Herzblut herüber und +hinüber treibt, und nur vier Wochen Unterschied, wie sahen da die +Straßen aus? -- wie der Strom? -- wo war das Leben, das jetzt, dem +schäumenden Bache gleich, aus seinen Ufern quoll? + +Der Wanderer, der die Stadt in _der_ Zeit, im August und September, +betrat, und das lebendige Bild von ihr im Herzen, ein fröhlich +schaffendes, lebenslustiges Volk zu finden erwartete, steht entsetzt +und traut den Augen kaum. + +New-Orleans, des Südens Königin, der keine andere Stadt im weiten Reich +die Spitze bieten kann, scheint in _der_ Zeit ein weiter offener Sarg +-- die Straßen liegen todt und leer, der Fußtritt des einzelnen flüchtigen +Wanderers schallt hohl und unheimlich von den verschlossenen Häusern +wieder -- dort begegnet ihm ein anderer, eben so rasch, das Tuch am +Munde -- aber scheu weicht man sich aus und will aneinander vorüber -- da +zuckt der Fuß fast unwillkürlich -- es ist ein Freund, den man so lange +nicht gesehn, schon todt gewähnt -- einerlei, vorbei; die Krankheit +könnte in seiner Nähe weilen, sein Hauch vielleicht sie bringen, und mit +stummem, traurigem Nicken fliehen sich die Beiden. + +Wo ist dann der fröhliche Lärm der Dampfbootlandung, das Rasseln der +schwerbeladenen Güterkarren mit den trunkenen Irländern, das Singen und +Lachen der Neger. Dort fährt etwas über das Pflaster -- wie hohl das +in den leeren Straßen klingt -- es ist nur der Leichenwagen, der im +scharfen Trab hinausfährt, seine Doppellast abzuwerfen und neue, schon +lang bestellte Fuhre zu holen. Wo ist das rege geschäftige Treiben der +Läden -- die meisten sind geschlossen, wer soll jetzt kaufen, und der +Trauerflor an den Thüren dort und hier, und da und drüben, kündet die +Stelle, wo sich die Seuche mit den langen gelben, gierigen Krallen ihre +Opfer herausgeholt. + +Und jetzt? -- kaum ein Monat ist verflossen, daß diese Straßen wüst +und öde lagen, und der große Vernichter seine Erndte in der scheinbar +menschenleeren Stadt hielt; wo er mit schwülem Flügelschlag über die +Dächer strich, und rechts und links in boshafter Lust seinen Giftodem +einbließ in das, in jenes Haus -- und seht, wie das wieder drängt und +wogt, und lacht und singt und fröhlich ist, und die Todten in ihren +stillen Gräbern schon lange, lange vergessen hat. Lieber Gott, _Wochen_ +sind ja auch schon darüber hingegangen, und eine fast neue Bevölkerung +hat Besitz von dem Grund und Boden genommen, den die Seuche gelichtet +und verödet. + +Was damals freilich New-Orleans verlassen _konnte_, that es, und +die Wirths- und Gasthäuser standen öd' und leer, ja man vermied die +Schwellen derselben mit scheuer Angst, aus Furcht, gerade dort am +meisten Kranke zu treffen, und in dem Athemzug vielleicht den Tod schon +einzuziehen. So flohen auch »das deutsche Vaterland« sechs Wochen lang +die meisten »Boarder«, aber die dort Wohnenden _konnten_ nicht alle +fort. Viel arme Deutsche, die mit verspäteten Schiffen nach langer +Reise hier eingetroffen waren, fanden theils kein Boot mehr, das sie +mit fortnahm von hier, theils hatten sie kein Geld, die in der Zeit +entsetzlich hohe Passage zu bezahlen. Die Capitaine der wenigen dort +anlegenden Dampfer wußten recht gut, daß Alles, was jetzt die Stadt +verlassen konnte, ging, und rechneten fünf- und sechsfache Passagepreise, +sich selbst für die Gefahr bezahlt zu machen, der sie die Stirn boten. + +So lag eine ganze Schaar Baiern, ohne Mittel fortzukommen, in den +kleinen dumpfigen Hinterstuben des »deutschen Vaterlands«, und wie die +Seuche hereinbrach über die Stadt, suchte sie sich schon ihre ersten +Opfer aus der Schaar. + +Im »deutschen Vaterland« war aber indessen auch noch außerdem eine große +Veränderung vorgegangen, und Hedwig hatte das Haus nicht allein nicht +verlassen, sondern Franz seinem Vater frei und offen erklärt, daß er das +junge wackere Mädchen, sobald er nur erst einmal selbstständig dastehe, +wenn sie ihn haben möge, zum Weibe nehmen wolle. + +Den alten Mann fesselte in dieser Zeit ein Sturz, den er von der Treppe +gethan, an sein Lager, und Franz mußte überdieß indessen die Leitung der +ganzen Wirthschaft übernehmen. Mit _dem_ Plane seines Sohnes war er im +Anfang aber gar nicht einverstanden, hatte die und jene Einwendungen, +erklärte, er sei doch nicht ganz _so_ arm wie Franz zu glauben scheine +(und wie er ihm allerdings selber oft genug betheuert) und _sein_ Sohn +könne da wohl schon noch eine bessere Parthie machen, und sich seine +Frau aus einem anderen Hause -- und wenn es das größte Steingebäude in +der Stadt wäre -- holen. Da Franz aber, nicht gerade gleich auf eine +Einwilligung dringend, hartnäckig bei dem einmal gefaßten Entschlusse +blieb, gewöhnte er sich zuletzt an den Gedanken, und sah, wenn er dem +Sohne das auch nicht gestand, selbst seiner abnehmenden Kräfte wegen, +eher noch eine Stütze in dem fleißigen, wirthschaftlichen Mädchen. + +Nur der »verschwenderische Geist« des Sohnes, wie er es nannte, machte +ihm Sorge; er rief ihn deshalb auch oft an sein Bett, und beschwor ihn, +doch nur um Gottes Willen auf sein eignes Gut mehr zu achten, den +eigenen Nutzen mehr im Auge zu haben, denn wenn er selber einmal die +Augen schließe, und nicht mehr rathen, nicht mehr wehren könne, wie +bald seien dann die paar gesparten Thaler auch wieder fort, an der die +Undankbarkeit der Menschen schon lange arbeite und wühle und zehre. + +Franz hatte ein zu gutes Herz, dem Eigennutz mehr zu folgen als diesem, +und der Vater würde dem einzigen Sohne auch wirklich schon lange den +Willen gelassen, und die Wirthschaft ganz übergeben haben, hätte ihn +nicht Messerschmidt bis jetzt noch immer aus allen Kräften davon +abgehalten und gewarnt; wie dieser denn auch sein Möglichstes that, die +Heirath mit dem jungen Hamann und dem fremden »hergelaufenen« Mädchen +aus allen Kräften zu hintertreiben. + +Die Seuche unterbrach das Alles -- Niemand, der nicht mußte, verkehrte +mit dem Anderen; Messerschmidt selber betrat in dieser ganzen Zeit +das Haus nicht, Franz aber lernte gerade da den Werth des holden +anspruchslosen Kindes, mit seiner Aufopferung und Herzensgüte im reinsten +Lichte kennen. Hier war kein _Schein_ mehr, wo der Tod grinsend und +drohend an der Schwelle stand; hier war nicht mehr Verstellung denkbar, +»das Herz des reich geglaubten Wirthssohnes«, wie Messerschmidt dem +jungen Hamann oft und heimlich warnend zugeflüstert, zu fesseln; +unbekümmert um Alles, wo sie nur nützen konnte, ging Hedwig ihren +stillen Weg, und an den Krankenbetten stand sie oft ein Engel des +Trostes und der Hülfe. + +Schon seit Clara damals sich von ihrer Krankheit erholt, und selber im +Stande gewesen war durch weibliche Arbeiten ihren Unterhalt wenigstens +zu verdienen, hatte Hedwig Gehalt bezogen, den ihr der alte Hamann +selber, _trotz_ seinem Geiz, freiwillig erhöht, als er sich doch nicht +leugnen konnte, wie sie arbeitete und schaffte, und wie sie Alles ihm +zusammenhielt. Was sie aber an Geld bekommen, nahm die schwere Zeit auch +wieder fort, denn keine Woche verging, in der nicht hülflose Wittwen und +Waisen den Sarg des Gatten und Vaters hinausbegleitet zu seiner stillen +Ruhestätte, dann aber selber verlassen und allein in der fremden Welt +gestanden hätten, die ihnen eine Heimath werden sollte, und jetzt nur +Tod und Elend zeigte, wohin sie schauten. Für wie viele zahlte sie da +nicht das Passagegeld auf den einzelnen Dampfbooten, sie nur fort, einer +gesunden Gegend zuzubringen, ehe sie hier ihr Letztes verzehrt, und mehr +noch vielleicht von ihren Lieben begraben mußten; wie viele unterstützte +sie hier mit Rath und That, löste die schon versetzten Koffer für sie +ein, und zog sich scheu und schüchtern in ihr kleines Kämmerchen zurück, +wenn ihr die Leute nur dafür danken wollten, was sie gethan. + +Mit der gesunden Jahreszeit kehrte aber auch die gewöhnliche Arbeit +wieder für das deutsche Gasthaus; Schiff nach Schiff traf ein, alle mit +Auswanderern schwer beladen, und da sich nicht Alle gleich entschließen +konnten die eben betretene Stadt, die keine Spur der überstandenen Pest +mehr zeigte, gleich wieder zu verlassen, füllten sich die Gasthäuser, +wie das um diese Zeit fast stets der Fall ist, bis unter die Dächer mit +Fremden und ihren Gütern an. Dieß war auch immer die geschäftigste und +einträglichste Zeit für den alten Hamann gewesen, und jetzt saß er, in +sein Zimmer gebannt, regungslos fest auf seinem Stuhl, und durfte und +konnte nicht hinaus. + +Zuerst quälte und sorgte er sich denn auch ab dabei, und wollte es wohl +gar erzwingen, trotz allen Ärzten und Medicinen; endlich sah er aber +doch wohl ein daß es nicht ging, daß er sich Ruhe gönnen müsse, bis ihn +die Glieder wieder trügen, und die Hauptarbeitszeit wohl überhaupt für +ihn vorbei sei. Der Sohn drängte und bat dabei daß er nun endlich in +seine Verbindung mit Hedwig willigen möchte; es sei ein anderes Leben +wenn eine _Hausfrau_ in der Wirthschaft wäre, besonders _solche_ +Hausfrau, und er, der Vater selber, könne ruhiger sein, wo er nicht +_fremden_ Menschen nur sein Eigenthum anzuvertrauen habe. + +Der alte Hamann gab endlich seine Einwilligung, und Hedwig, die dem +jungen Mann von Herzen zugethan war, und mehr fast noch in dem Bewußtsein +nun freier handeln, noch mehr Gutes thun zu können, sich wohl und +glücklich fühlte, legte am Altar ihre Hand in die seine, und zog als +_Herrin_ in das Haus hinein, das sie in Noth und Sorge, als Dienerin +betreten. + +Franz schwelgte in der Zeit in einem Meer von Wonne, und wenn er auch +von seinem Vater -- der Termin dazu war auf den ersten December +festgesetzt worden -- die ganze unbeschränkte Führung des Hauses noch +nicht überkommen hatte, fühlte er sich doch zu glücklich im Besitz +seines braven, inniggeliebten Weibes, anderen Gedanken in dieser Zeit +noch Raum zu geben. Hedwig aber wirthschaftete nach wie vor, in stiller +anspruchsloser Weise -- wo sie helfen konnte, half sie gern, und das +»deutsche Vaterland,« früher der einträglichste Platz für alle Arten +diebischer Agenten, und die Höhle, in der hunderte von armen Einwanderern +ihr Alles verloren, und nackt in die Welt hinausgestoßen wurden, schien +ein Asyl der Hülfsbedürftigen zu werden, und erweckte deshalb auch +besonders in den Herzen einzelner, bei dem früheren Gewinn Betheiligter, +rege Besorgnisse. + +Unter diesen standen der Agent Messerschmidt, und Jimmy der Barkeeper +vorne an, denen Beiden die Hochzeit zwischen den jungen Leuten ein Dorn +im Fleisch geworden, und was sie nicht mehr hintertreiben konnten, +suchten sie wenigstens so viel als möglich zu stören. Franz wußte das, +vermochte aber noch nicht selber irgend etwas mit Beiden anzufangen, bis +er nicht die Wirthschaft allein in Händen hielt, und als unumschränkter +Herr darin gebieten konnte. Der Tag rückte jedoch mehr und mehr heran, +und als der November endlich verflossen war und der alte Hamann am 1sten +Morgens, wie schon früher verabredet, einen Advokaten zu sich in's +Zimmer kommen, und in dessen Gegenwart dem einzigen Sohne schon bei +seinen Lebzeiten Haus und Wirthschaft überschreiben ließ, war Franzes +_erstes_ Geschäft, hinunter in die Bar zu gehn und dem darüber +allerdings verdutzten Jimmy, wie ihr Contrakt zusammen lautete, mit +vierwöchentlicher »Warnung« auf den ersten Januar des nächsten Jahres zu +kündigen. + +»Jimmy,« sagte er, als er zu dem Burschen hinunter in den gerade +unbesetzten Schenkraum kam, »ich bin jetzt eben Herr hier im Haus +geworden, und da wir Beide nicht recht zusammenpassen, meine Frau mir +auch Manches von Euch erzählt hat was mir nicht gefällt, so ist's +besser, daß Ihr zu der zwischen Euch und meinem Vater abgemachten Zeit +das Haus verlaßt. Heute ist der erste December -- am ersten Januar könnt +Ihr eine andere Stelle antreten, und habt bis dahin Zeit Euch umzusehen; +wollt Ihr aber früher fort, hält Euch Niemand hier -- verstanden?« + +»Das war deutlich genug Mr. Hamann, #anyhow#,« sagte Jimmy, der dabei +wieder ganz in Gedanken an seiner Lieblingsbeschäftigung begann -- die +Finger zu knacken, »werde aber von Ihrer Güte wohl keinen Gebrauch +machen, _vor_ der bestimmten Zeit, da ich dann ebenfalls zu heirathen +gedenke. Sonderbar -- wollte Ihnen auch heute aufsagen.« + +»Desto besser, Jimmy,« sagte Franz, »dann haben wir Einer dem Andern +nicht weh gethan, und können und werden uns ziemlich gut ohne einander +behelfen.« + +»Jes,« sagte Jimmy, eine gleichgültige Miene dabei annehmend, »verdammt +gut, denk' ich mir so; -- werden eine _sehr_ schöne Wirthschaft hier +anrichten, Mr. Hamann _junior_.« + +»Jes, Jimmy -- denk' ich mir so,« lachte Franz leise vor sich hin, und +verließ dann, ohne sich weiter um den Menschen zu bekümmern, das Zimmer. + +»Denk' ich mir so -- Einfaltspinsel« -- knurrte der Barkeeper finster +und verdrießlich hinter seinem neuen Principale her -- »_Du_ wirst noch +Manches zu denken kriegen, mein Bursche, bis wir Beiden auseinander +sind, denk' _ich_ mir so. Und noch bist Du mich auch nicht los, und es +müßte doch mit dem Henker zugehn, wenn zwischen hier und da nicht noch +was auftauchen sollte, was der Sache eine andere Wendung gäbe. _Was_, +weiß ich freilich selber noch nicht, aber daß Jimmy eine sich etwa +bietende und ihm passende Gelegenheit nicht unbenutzt wird vorübergehn +lassen, darauf mein Juwel, könntest Du allenfalls Gift nehmen.« + +»Hallo Jimmy,« sagte da eine bekannte Stimme, und als sich der Barkeeper +rasch nach der Thür umdrehte, sah er den eben nur hereingesteckten, +etwas dicken Kopf des Agenten Julius Messerschmidt. + +»Ah -- Ihr kommt gerade recht Alterchen,« sagte Jimmy, in einer Art +Instinkt dabei hinter die Bar tretend und zwei Gläser umsetzend -- »was +trinkt Ihr?« + +»Immer Brandy Jimmy, im Winter,« sagte Messerschmidt jetzt ganz zur +Thüre hereinkommend, und den Kautabak, den er nach Amerikanischer Sitte +im Munde hielt, daraus entfernend, dem besprochenen Getränke Raum zu +geben; »immer Brandy, und im Sommer erst recht Brandy, denn da kühlt er; +besonders wenn er so gut ist wie der Hamann'sche.« + +»Ihr seid doch der Einzige der ihn lobt, weil Ihr ihn selbst geliefert +habt;« lachte Jimmy. + +»Unsinn, Jimmy -- baarer Unsinn -- an dem Brandy hab' ich mein Geld +verloren, und such' es nur dadurch wieder einzubringen, daß ich recht +viel davon trinke. _Der_ Brandy ist spottbillig mit sechs Cent das Glas, +und an der Levée verkaufen sie ihn aus demselben Faß für zwölf und einen +halben.« + +»Werden wohl ihre Gründe dafür haben,« meinte Jimmy, »aber was führt +_Euch_ gerade _heute_ Morgen her?« + +»Mich _gerade_ heute? -- ist heute ein besonderer Tag, Jimmy?« frug +Messerschmidt. + +»Hm, nicht das ich wüßte,« meinte Jimmy, der erst herauszubekommen +wünschte, was der Agent hatte, ehe er ihm von dem heute abgeschlossenen +Vertrag zwischen dem alten und jungen Hamann sagte. Er wußte recht gut, +wie Messerschmidt bei dem letzteren angeschrieben stand. + +»Nun also, Jimmy;« meinte Messerschmidt, »aber Ihr könnt mir wohl sagen, +wie's mit dem _Alten_ steht; ich möcht' ihm ein Anerbieten machen.« + +»Nicht zu sprechen,« sagte Jimmy trocken, »alle Geschäfte heute an die +junge Firma angewiesen.« + +»Hm -- mit dem _Jungen_ hab' ich gerade nicht gern viel zu thun,« +brummte der Agent langsam zwischen den Zähnen durch, »wenn aber der Alte +ja sagt, kann _der_ mir auch den Hobel ausblasen. Also den Alten kann +man nicht sprechen?« + +»Ertheilt Niemand Audienz.« + +»Und wo ist der Junge?« + +Jimmy mache eine entsprechende Bewegung mit dem über die Schulter +gestoßenen Daumen nach dem Hof hinaus. + +»Wollt Ihr ihn einmal rufen, Jimmy?« + +»Wenn's sein _muß_, ja,« sagte dieser. + +»Apropos Jimmy --« + +»Nun? -- was giebt's noch?« + +»Wißt Ihr, die Mecklenburger Bauern, die ich Euch gestern zugebracht --« + +»Nun? -- kein Geld?« + +»Kein Geld?« -- wiederholte der Agent, indem er die Lippen vorspitzte, +so weit er sie bringen konnte -- »oh Jimmy, wenn wir Beide das nur +hätten, was in den zwei grünen Koffern steckt -- nachher könnten wir +zufrieden sein.« + +»Nun, wird das Große eben nicht sein,« meinte Jimmy gleichgültig. + +»Das Große nicht sein? -- wenn _ich_ ihnen nicht hätte Amerikanisches +Gold für Dänisches geben müssen -- und das Säckchen voll, was da drin +stand -- und die goldenen Uhren und Ketten die daneben lagen. Die +Menschen müssen ein heidenmäßiges Geld haben, und das ist nur erst ein +_Theil_, denn das Meiste haben sie, wie sie sagen, zu Hause gelassen, +um mit dem erst einmal zu probiren, wie es hier eigentlich ist. +-- Jammerschade, daß sie keine Schwiegersöhne brauchen.« + +»Wir Beide wären ein paar kostbare Exemplare,« schmunzelte Jimmy. + +Die beiden liebenswürdigen Gesellen lachten noch zusammen als die Thür +aufging, und der junge Hamann wieder in's Zimmer trat. + +»Ah Franz, das ist mir lieb, daß Sie kommen,« sagte Messerschmidt in +seiner vertrauten Weise; »ich hatte eine Bitte an den Alten, aber da ich +höre, daß er noch auf der Kante liegt, können Sie mir auch den Gefallen +thun.« + +»Und das wäre?« sagte Franz, dem Mann ruhig in's Gesicht sehend. + +»Sie wissen, daß ich in letzter Zeit ein Bischen in Geldverlegenheit +gewesen bin,« sagte der Agent, »das verdammte Spielen, was ich schon so +oft verschworen, hat mich wieder einmal angeführt, und ich mußte sogar, +wogegen ich mich bis jetzt hartnäckig gesträubt, mein Quadroonmädchen, +das allerdings das letzte Jahr in einem fort gekränkelt und keinen +Dollar verdient hat, verkaufen. Ein deutscher Violinspieler hatte einen +Narren an ihr gefressen und mir die Dirne noch gut genug bezahlt; jetzt +hab' ich Niemand Anderem im Haus; Lohn möcht' ich auch nicht gern viel +zahlen --« + +»Bitte, kommen Sie zur Sache,« sagte Franz. + +»Nun die ist einfach genug,« meinte Messerschmidt -- »Sie haben da ganz +kürzlich ein paar arme, aber ganz hübsche Braunschweiger Mädchen in's +Haus genommen, die der jungen Frau glaub' ich, um ihren Boarding zu +bezahlen, mit in der Küche helfen -- bitte -- Sie brauchen sich deshalb +gar nicht zu entschuldigen --« setzte er rasch hinzu, als ob er etwas +Derartiges von dem jungen Hamann vermuthete -- »das versteht sich von +selber, und ist ganz in der Ordnung; aber ich möchte gern eine von +denen, die Jüngste hat mir am besten gefallen, zu mir in's Haus nehmen, +das zu besorgen, was ich eben zu besorgen habe; sollte sie dann etwa +noch eine Kleinigkeit im Hause schuldig sein, so könnten wir das ja am +nächsten _Geschäfte_ abrechnen.« + +»Ist sonst noch etwas, Herr Messerschmidt, was Sie vielleicht an das Haus +hier zu fordern haben?« sagte Franz ruhig. + +»Für den Augenblick Nichts; die letzte Sendung Mecklenburger hat mir Ihr +Alter ja gleich ausbezahlt; ich war damals besonders klamm.« + +»Also sind wir Ihnen weiter Nichts schuldig?« + +»Nicht einen Cent, bewahre, aber ich hoffe Ihnen morgen früh vielleicht +--« + +»Erlauben Sie mir Ihnen dann zu bemerken,« unterbrach ihn Franz ziemlich +kalt und trocken, »daß von jetzt an jede Geschäftsverbindung zwischen +uns aufgehört hat --« + +»Unsinn, Franz -- Sie wissen ja --« + +»Entschuldigen Sie, mein Name ist für _Sie_ Mr. Hamann; mein Vater hat +heute die Führung dieses Hauses in meine Hände gelegt, und ich ersuche +Sie, alle weiteren Bemühungen für mich zu unterlassen.« + +»Hoho« -- rief Messerschmidt dunkelroth im Gesicht werdend, und sich +hoch dabei aufrichtend -- »weht der Wind aus _der_ Richtung, und hat der +Alte richtig den dummen Streich, gemacht?« + +»Ich verbitte mir solche Bemerkungen, Herr Messerschmidt --« + +»Oh Herr -- ich werde Ihre Schwelle nicht mehr betreten --« + +»Ich bin davon überzeugt,« sagte Franz, vollkommen ruhig, »würde auch +sonst mich in die unangenehme Nothwendigkeit versehn, Sie +hinauszuwerfen.« + +»Herr Hamann!« rief der Agent drohend. + +»Herr Messerschmidt?« sagte Franz ihm ruhig aber fest und entschlossen +in's Auge sehend. + +»Es ist gut!« rief dieser, keineswegs gewillt dem jungen Mann +entgegenzutreten; »das ist mein Dank jetzt für die jahrelange Protektion +dieses Hauses, das aber jetzt _kein_ Gast mehr betreten soll, den _ich_ +daran verhindern kann.« + +»Sie werden zu spät zu Ihrem #Lunch#[4] kommen,« sagte Franz ziemlich +bedeutungsvoll auf die Thür zeigend. + +»Jimmy, Sie sind mein Zeuge, wie ich hier behandelt werde,« rief +Messerschmidt mit gekränktem Stolz, »Sie werden mir dafür Rede stehn +müssen, Herr Hamann.« + +»Sie werden wirklich zu spät zu Ihrem #Luncheon# kommen,« sagte der +junge Hamann, die Thüre jetzt selber öffnend und mit einer ungeduldigen, +nicht miszuverstehenden Bewegung hinausdeutend. + +»Guten Morgen Herr Hamann!« rief da der Agent, bebend vor Zorn, drückte +sich den Hut fest in die Stirn, und flog im nächsten Augenblick voll +und breit gegen die Gestalten zweier anderer Männer an, die eben im +Begriff waren, die beiden steinernen Stufen in das Schenkzimmer +hinaufzusteigen. + +»Hallo,« sagte der Erste von diesen, nur mit Mühe sein Gleichgewicht +bewahrend und dem Davonstürmenden erstaunt nachsehend, »der hat's +verdammt eilig -- das Gesicht sollt' ich auch kennen, ging der +freiwillig, oder _wurd'_ er gegangen?« + +Der junge Hamann warf einen flüchtigen Blick auf die neu Eintretenden +und drehte sich dann, ohne sich weiter mit ihnen einzulassen, rasch +herum und verließ das Zimmer. + +»Alle Wetter, Mr. Meier!« rief da der Barkeeper den früheren »Boarder« +erkennend -- »wo haben Sie die Zeit gesteckt -- man hat Sie ja mit +keinem Auge mehr gesehn.« + +»Geschäftsreisen, mein junger Freund, Geschäftsreisen,« sagte der +Passagier der Haidschnucke, indem er die Augenbrauen in die Höhe zog, +und mit den Achseln zuckte, »komme gerade von Milwaukie herunter, die +»balsamische Luft« des Südens einzuathmen. Aber weshalb war der Mann, +der da zur Thür hinaussprang und mich beinah über den Haufen warf, so in +Eile? -- irgend etwas Unangenehmes vorgefallen?« + +»Häusliche Scenen wie sie manchmal in einer Familie vorkommen,« lachte +Jimmy ausweichend -- »soll ich Gläser aufsetzen?« + +»Hm, ja -- aber nicht hierher,« sagte Meier -- »gebt uns ein paar Glas +rechten steifen kalten Punch -- lieber etwas reichlich Zucker und +Citrone, aber desto mehr Arrak -- dort in das Eßzimmer an den kleinen +Ecktisch -- wir haben 'was mit einander zu reden -- werft auch ein paar +Stück Eis hinein, und wenn Ihr noch zwei andere Gläser in Vorrath macht, +schadet's ebenfalls Nichts -- wir sind alle Beide durstig.« + +»Ich auch,« sagte Jimmy. + +»Gut mein Herz, macht Euch dann auch ein Glas zurecht; uns aber nicht +schlechter, verstanden? -- werdet ja wohl irgendwo so eine bestaubte +Flasche noch stecken haben.« + +Meier winkte dabei seinen Gefährten ihm zu folgen, und ging mit ihm in +das Nebenzimmer, wo ein paar deutsche Zeitungen auflagen, und sie, mit +diesen zwischen sich, ohne jedoch darin zu lesen, an einem kleinen Tisch +dicht am Fenster und der nächsten Wand, Platz nahmen. + +»Nun, was war's also Kamerad, was Du mir sagen wolltest,« frug hier +Meier seinen Gefährten -- »wir sind hier ungestört.« + +»Wißt Ihr, was aus Euerer Frau geworden ist?« frug der Andere, eine +kleine, gedrungene Gestalt mit struppigem, grau gesprenkelten Bart und +darüber unstät umhersuchenden kleinen grauen, stechenden Augen, sonst +aber in anständiger behäbiger Tracht. + +»Meiner _Frau_?« sagte Meier erstaunt, »wie kommt Ihr auf die? _lebt_ +sie denn noch?« + +»Ein zärtlicher Gatte, das muß wahr sein,« lachte Pelz -- auch +eigentlich ein alter Bekannter von uns, wenn auch jetzt in anderer +Schaale -- »sie war noch vor acht Tagen hier in New-Orleans.« + +»'S ist mir lieb daß Ihr sagt sie _war_« -- brummte Meier, »hol' der +Teufel das Weibervolk, das flennt und heult und wimmert und ist immer +eine Kette am Fuß, wo der Mann einmal einen raschen, entscheidenden +Schritt zu thun gedenkt. Wo ist sie hin?« + +»Zu Schiff fort.« + +»Zu Schiff?« rief Meier, rasch und erstaunt in seinem Stuhle auffahrend. + +»Mit einem deutschen Schiffe zurück,« bestätigte aber der Andere. + +»Nach _Deutschland_ zurück; ist sie denn toll? -- aber Ihr habt Euch +geirrt, Pelz, das kann sie nicht gewesen sein.« + +»Geirrt? -- ich werde die Frau nicht kennen;« sagte der Mann mürrisch +-- »sie sah noch dazu weit besser aus als an Bord, ging einfach und +reinlich gekleidet, und hatte 'was höllisch Ordentliches an sich; trug +auch keinen Schmuck mehr, weder am Hals noch in den Ohren, und kam mir +nur verdammt elend vor.« + +»Und hat sie _Euch_ gesehn?« + +»Ja; aber ob sie mich nicht gekannt hat, oder mich nicht kennen wollte,« +sagte Pelz, »weiß ich nicht. Sie sah mir ein paar Secunden starr in's +Gesicht, und ging dann still und ernst an mir vorüber auf's Schiff, das +etwa eine halbe Stunde später seine Taue einholte und, von einem Dampfer +in's Schlepptau genommen, den Strom hinunter qualmte.« + +»Glückliche Reise,« brummte Meier, sein Glas, das ihm in diesem +Augenblick Jimmy hereinbrachte, auf einen Zug leerend. + +»Danke,« sagte dieser etwas erstaunt, »aber woher wißt _Ihr_, daß ich +fort will?« + +»Ihr?« sagte Meier, mit einem halbspöttischen Lächeln den Barkeeper über +sein Glas ansehend, »nun dazu braucht man kein Prophet zu sein; Ihr habt +Euch ja, so lange wir hier sind, die Gelenke schon in einem fort zum +Marschiren eingerenkt.« + +»Hundeleben hier,« sagte Jimmy, der sich Meiers Einladung nach sein Glas +mit zum Tisch gebracht hatte, und jetzt daran nippte, »möchte hier nicht +länger _abgemalt_ sein.« + +»Wär auch Schade um die Farbe,« lachte Meier -- »aber was ist im Wind? +-- Skandal im Haus?« + +»Neue Wirthschaft!« sagte Jimmy mit einem vorsichtigen Blick nach der +Thür -- »_moralische_, verstanden? -- der Sohn hat die Haushälterin +_endlich_ geheirathet, und nun wird's _fromm_ im Hause hergehn. _Wie_ +das Geld verdient ist, kommt jetzt nicht mehr darauf an; obendrauf legt +man ein Gesangbuch.« + +»_Viel_ Geld hier verdient, sollt' ich denken,« sagte Meier, den Rest +seines Glases hinunterspülend und dieses dem Barkeeper zu neuer Füllung +hinreichend. + +»Ein Haufen,« versetzte dieser, aber wieder leise -- »der Alte muß oben +einen Kasten voll haben, Gott weiß wie groß.« + +»Kostet auch viel so eine Wirthschaft,« sagte Pelz, ruhig vor sich +niedersehend -- »wer das nicht weiß, glaubt's kaum -- das geht meist +Alles wieder d'rauf.« + +»Wie Ihr's versteht,« rief Jimmy, in Eifer gerathend, seine Behauptung +bezweifelt zu sehn; _ich_ weiß was da _hinauf_ gekommen ist, und daß +Nichts wieder herunter geht, denn Alles, was die Wirthschaft selber +kostet, wird aus der Kasse hier bestritten -- _so_ scharf geht's. Wenn +der alte Hamann in seinem Geldkasten oben nicht seine _Hunderttausend_ +liegen hat, will ich Holz hacken mein Lebelang.« + +»Noch ein Glas, Jimmy, bitte,« sagte Meier -- »mein Kamerad ist auch +fertig, und _Ihr_ trinkt so langsam, als ob's Wasser wäre, wir haben +Durst.« + +»Gleich,« sagte Jimmy, mit den Gläsern wieder zurück in die Bar gehend, +während die beiden Männer bedeutsame Blicke mitsammen wechselten. + +»Ich glaube, der Junge taugte dazu,« flüsterte Pelz leise und rasch. + +»Vielleicht -- vielleicht auch nicht,« sagte Meier, mit dem Kopf +schüttelnd -- »nur um Alles in der Welt vorsichtig.« + +»Nu versteht sich; aber _der_ weiß Hausgelegenheit --« + +»Pst -- er kommt.« + +»Da -- _der_ wird Euch noch besser schmecken,« sagte Jimmy, mit den +frisch gefüllten Gläsern hereinkommend, und die Lippen schon im Voraus +ableckend, »der ist famos.« + +»Ne zum Donnerwetter Jimmy, das sollte mir wirklich leid thun wenn Ihr +fort gingt,« sagte Meier -- »wo kriegt denn der Esel von Wirth auch +gleich wieder einen solchen Barkeeper her? Ihr kennt doch das Geschäft +von innen und außen.« + +»Sollt' es denken,« brummte Jimmy an seinem zweiten Glas vorsichtig +nippend. + +»Und das Haus und die Wirthschaft --« + +»Wie meine Tasche, jede Ecke, jeden Winkel drinne.« + +»Apropos Jimmy,« sagte Meier, seinen Punch dabei mit dem Löffel umrührend, +»ist noch Platz hier im Haus für uns Beide?« + +»Das wird schwer halten,« meinte der Barkeeper, die Augenbrauen in die +Höhe ziehend -- »so arg ist's noch beinah nicht gewesen wie heuer, mit +der Einwanderung.« + +»Oh das wird alle Jahr besser, Kamerad,« lachte der Alte dazwischen +-- »je hübscher sie's drüben in Deutschland treiben, desto mehr Leute +glauben, daß sie so ein Glück gar nicht verdienen. Wie bei einem vollen +Kelterfaß -- je mehr man oben drauf preßt, je mehr läuft über den Rand +fort, bis die Presse unten aufsitzt -- und dann kann man vielleicht +wieder frisch nachgießen.« + +»Und das _Beste_ läuft oben ab,« sagte Jimmy, nicht ohne einen gewissen +Humor die Beiden betrachtend. + +»Wenn man _uns drei_ hier ansieht,« bestätigte Pelz, »sollte man's +beinah glauben.« + +»#Don't flatter me, Mr. Mac Karthy# wie die Wittwe sagte,« meinte Jimmy +in einem breiten Schmunzeln. + +»Also es wird wohl noch Platz für uns werden, nicht wahr Jimmy?« nahm +Meier die vorige Frage wieder auf. + +»Platz? ja das weiß ich wahrhaftig nicht; wenn's _gestern_ gewesen wäre, +wo noch vernünftige Menschen im Hause regierten, ja, da wäre Platz +_gemacht_ worden, wenn keiner mehr da war; ob sich aber der gestrenge +Herr von _Heute_ dazu verstehen wird, ist eine andere Frage -- es könnte +Einer von dem Bauerpack dabei _incommodirt_ werden, und in der Hinsicht +werden jetzt furchtbar strenge Rücksichten genommen.« + +»Hm so? und erst seit heute Morgen?« + +»Heute ist die Geschichte an den jungen Hamann übergeben worden,« sagte +Jimmy leise, »und der Alte lebt von jetzt ab von seinen Interessen.« + +»Alle Wetter, da muß er sich einen hübschen Pfennig gespart haben,« +sagte Meier, dem Barkeeper mit dem linken Auge zuwinkend, »wenn _wir_ +das hätten, Jimmy, _wir_ legten's nicht hin, einen faulen Bauch bis an +sein Ende zu füttern, so viel weiß ich.« + +»Ne, das ist sicher,« sagte Jimmy, der plötzlich wieder an seinen Fingern +begann, »aber an unser Einen kommt so 'was auch nicht.« + +»Ih nu,« brummte Pelz, sich seinen kurzen Bart kratzend, »die +Mecklenburger z. B., die vor ein paar Tagen hier eingezogen, sind doch +auch nur ganz gewöhnliche Bauern, und _ich_ möcht' es nicht auf einmal +fortschleppen, was sie in ihren Koffern mit herumführen.« + +»Die Koffer sind mordmäßig schwer,« betheuerte Jimmy. + +»Jimmy, 's ist wahrhaftig Schade, daß Ihr hier Euere Fähigkeiten so +nutzlos verschwendet, Brandy und Bier einzuschenken,« meinte Meier, +nach kurzer Pause -- »ich wüßte eine famose Beschäftigung für Euch.« + +»Und die wäre?« frug der Barkeeper neugierig. + +»Wir sprechen ein andermal darüber,« erwiederte Meier ausweichend, +»wenn's nur einen Platz für uns im Hause gäbe.« + +»Ich denke, ich kann noch einen schaffen,« sagte Jimmy, sich die Sache +ein wenig überlegend -- »Ihr macht Euch doch natürlich Nichts draus in +_einem_ Bett zu schlafen?« + +»Keine Objektion in der Welt,« betheuerte Meier. + +»Und die Aussicht ist auch ziemlich gleichgültig?« + +»Total.« + +»Gut, gleich über den Mecklenburgern ist noch ein kleines Käfterchen mit +einem Bett drin, dicht unter dem Dach; sonst nicht viel Bequemlichkeiten +oben, aber famose frische Luft, wenn Ihr _das_ haben wollt, frag ich den +Schlaps, den jungen Herrn Hamann gar nicht, und schaff Euch hinauf. Aber +wo ist Euer Gepäck?« + +»Kommt in einer halben Stunde etwa mit der #dray#. -- Also sind wir +eingezogen?« + +»Denke so,« sagte Jimmy, die geleerten Gläser mit dem dazu gelegten +Geld mit fortnehmend nach der Bar. Ohne dann weiter seinen jungen Herrn +um Erlaubniß zu fragen, wieß er den beiden neuen Gästen ihr kleines +Kämmerchen an, es ihnen selber überlassend, ihr Gepäck hinaufzuschaffen, +und ging wieder in die Bar hinunter, wo er, die Hände auf dem Rücken, +mit raschen Schritten und in tiefen Gedanken auf- und ablief. Das +Gespräch mit den beiden Leuten hatte ihn auf allerlei Ideen gebracht, +und Jimmy brauchte einige Zeit, die gehörig zu verarbeiten. + + + + +Capitel 6. + +Kapellmeister Eltrich. + + +Das Paketschiff von Havre war angekommen, und von den verschiedenen +Passagieren desselben hatte sich Einer, der im St.-Charles-Hotel +abgestiegen, kaum Zeit genommen, seine Kleider zu wechseln und war dann, +jedenfalls dringende Geschäfte zu besorgen, ein paar Stunden lang Straße +auf und ab in der Stadt gefahren, bis er endlich am unteren Markt sein +Fuhrwerk ablohnte, und müde und erhitzt in eine der dort befindlichen +kleinen Eisbuden trat, sich abzukühlen und ein Glas Sherbet zu trinken. + +Die Passage da vorbei war sehr belebt, kleine Gruppen von Kaufleuten +standen überall zusammen, Geschäfte wurden entrirt und abgeschlossen, +Aufträge gegeben und genommen und selbst neben dem Glas Gefrorenen in +der Bude, das oft unbeachtet zusammenschmolz, hatten die Leute ihre +Brieftafeln vor sich liegen, und notirten und rechneten mitsammen, und +ordneten die Bestimmungsorte jener Wälle von verschiedenen Waaren, die +draußen an der Levée durch Tausende von Händen aufgehäuft, und zugleich +wieder durch andere fortgeführt wurden, ohne sich anscheinend zu +vermindern oder zu vermehren. + +Nur der eben angekommene Fremde hatte, wie es schien, mit Geschäften +Nichts zu thun; sein einziger Zweck war, sich auszuruhn und zu erholen, +und selbst das Leben und Treiben um ihn her interessirte ihn nicht, oder +war ihm bekannt, denn er nahm abwechselnd eine der verschiedenen, dort +liegenden Zeitungen zur Hand, flüchtig die Spalten überfliegend, oder +saß auch wohl, in Gedanken vor sich niederschauend da, nicht einmal die +Vorübergehenden beachtend. + +»Täuschen mich meine Augen nicht, oder habe ich das Vergnügen, Herrn von +Hopfgarten wieder einmal begrüßen zu können?« sagte in diesem Augenblick +eine feine, unserem alten Freund sehr wohl bekannte Stimme, der auch +rasch, aber zugleich erstaunt zu der breiten, korpulenten Gestalt des +vor ihm stehenden Mannes aufsah, und sich trotzdem auf das Gesicht +durchaus nicht besinnen konnte. + +»Ich weiß nicht« -- sagte er wirklich etwas verdutzt, von seinem Stuhle +aufstehend und die ganze Figur des Mannes, der jedenfalls seinen Namen +kannte, auf das Aufmerksamste betrachtend -- »Gestalt und Stimme erinnern +mich allerdings an einen früheren Reisegefährten, aber zu denen paßt das +Gesicht durchaus nicht.« + +»Ja, mein guter Herr von Hopfgarten,« sagte wieder die nur zu wohl +bekannte Stimme, während der Mann selber vergnügt dabei mit dem Kopfe +nickte -- »ich bin es auch eigentlich nicht mehr; ich habe mich geschält +und die Haut abgeworfen, wie eine Klapperschlange. Schöner bin ich +dadurch freilich nicht geworden, aber heiße doch noch immer Christian +Mehlmeier.« + +»Also sind Sie's _doch_!« rief Hopfgarten, ihm freundlich die Hand +entgegenstreckend, »aber um Gottes Willen, Mann, was ist mit Ihnen +vorgegangen? ich hätte Sie im Leben nicht wieder erkannt.« + +»Ja, das ist anderen Leuten auch so gegangen,« schmunzelte Mehlmeier +in seinen weichsten Tönen vor sich hin -- »sehn Sie sich einmal mein +Gesicht genauer an.« + +»Haben Sie die Blattern gehabt?« frug Hopfgarten mitleidig -- »es ist +voller Narben -- und die Augenbrauen fehlen ganz. Was in aller Welt +haben Sie mit sich angefangen?« + +»Es ist mir wie Berthold Schwarz gegangen,« sagte Herr Mehlmeier, mit +seinem vergnügtesten Gesicht -- »ich habe ebenfalls, freilich nach einem +vorgeschriebenen Recept, auf die Art wie er, das Pulver erfunden, war +jedenfalls über die unerwartete Explosion eben so erstaunt wie er. Sie +-- Sie erinnern sich vielleicht noch des -- des Geschäfts, was ich +damals betrieb, als Sie mich, hier ganz in der Nähe, dort am Markt +drüben, fanden?« + +»Sie verkauften Schwefelhölzer, wenn ich nicht irre --« + +»Ich stand wenigstens zu diesem Zweck an einem jener Pfeiler,« betätigte +Mehlmeier, »verkaufte übrigens ungemein wenig, und diente eigentlich, wenn +ich so recht an jene Zeit zurückdenke, nur dazu, etwa Vorübergehenden, +die mich um Feuer baten, ihre Cigarren anzuzünden. »Danke« sagten +dann die Leute und damit war die Sache abgemacht; _sie_ gingen ihren +Geschäften nach, und ich blieb an dem Pfeiler stehn, über das meinige +Betrachtungen anzustellen.« + +»Sie sehen jetzt weit besser, weit behäbiger in Ihrem Äußern aus,« sagte +Hopfgarten. + +»Das wäre noch immer kein großes Lob,« meinte Mehlmeier, »denn +_schlechter_ wie ich damals aussah, kann der Mensch nicht gut +anständiger Weise in der Welt herumlaufen. Hosen und Rock hielten +gewissermaßen nur aus Gefälligkeit für mich zusammen, und außerdem +durfte ich nicht einmal vor Dunkelwerden Abends von meinem Pfeiler, den +ich mit der Dämmerung in Besitz nahm, weggehn, meines hinteren Menschen +wegen. Da traf ich _Sie_ und den fremden Herrn, der mit Ihnen war, und +von der Stunde an, mein guter Herr von Hopfgarten änderte sich mein +Loos. Ich hatte damals schon lange bemerkt, daß die Leute, welche die +Streichhölzer fabricirten, einen recht hübschen Nutzen dabei machten, +während wir Verkäufer daran verhungern konnten; von zu Hause aus war +ich auch mit der Fabrikation vollkommen gut bekannt, das Material dazu +hätte ich hier billiger wie irgendwo gehabt, das Holz brauchte ich +nicht einmal zu kaufen, denn eine kleine Strecke von der Stadt entfernt, +konnte ich mir so viel davon selber nehmen, wie ich brauchte, aber -- ich +hatte kein Capital um damit zu beginnen, und meine täglichen Einnahmen +gelangten oft nicht einmal zu der Höhe, mich, worauf ich den ganzen Tag +hungerte, Abends satt zu essen. Ich mag beiläufig bemerken, daß ich der +Schrecken der verschiedenen kleinen Eßbuden geworden war, in die ich, +sobald sich meine Kasse in den Umständen befand, ein Abendessen zu +zahlen, hineinfiel. An jenem Tage nun gab mir jener fremde Herr für +eine unbedeutende Nachricht ein Stück Geld -- ein Goldstück. Herr von +Hopfgarten -- ich will nicht versuchen, Ihnen zu schildern, was ich an +dem Tage ausgestanden habe« -- sagte Mehlmeier; seine Stimme klang dabei +leise und heiser, indeß ihm ein paar große schwere Thränen, trotzdem, +daß er mit den Augen auf das Lebhafteste blinzte und sie zurückzudrücken +suchte, zwischen die Wimpern traten -- »es war _kein_ verdientes Geld, +ich mochte dagegen argumentieren, wie ich wollte,« setzte er dann nach +kurzer Pause hinzu, »und ich -- ich war zuletzt fest davon überzeugt, +daß ich die kleine Summe -- für mich damals ein Capital -- mehr meinen +zerissenen Hosen, als der Nachricht verdankte.« + +»Nein, lieber Herr Mehlmeier,« rief aber Hopfgarten rasch dazwischen +-- »die Kunde, die Sie uns gaben, hätte tausend solcher Stücke verdient +-- der alte Herr suchte sein _Kind_ und Sie zuerst brachten ihn auf die +rechte Spur.« + +»Es freut mich ungemein, wenn ich dem fremden Herrn nützlich gewesen +bin,« sagte Mehlmeier ruhig, »_das_ aber war meine damalige Ansicht von +der Sache und -- hat sich auch bis jetzt noch nicht verändern können. +-- Aber meine Lage änderte sich damals. Für zwei Dollar kaufte ich mir +ein blaues Überhemd, eine solche Hose, wie sie die Feuerleute und Matrosen +tragen, ein paar Schuh, einen Hut und ein Halstuch. Trotzdem behielt +ich noch genug übrig, mich einmal recht tüchtig satt zu essen und -- es +war vielleicht eine Schwäche, aber ich hatte eine unendliche Sehnsucht +danach -- ein Glas Bier zu trinken, und für die übrigen zwei Dollar +schaffte ich mir das nöthige Material an, auf _meine_ Art _gute_ +Streichhölzchen herzustellen. Mörser und sonstige Geräthschaften mußte +ich mir allerdings im Anfang noch borgen, aber das Alles machte ich, +jetzt einmal in anständigen Kleidern, wo ich mich wenigstens sehn lassen +konnte, möglich, und so klein die Quantität sein mußte, die ich mit +meinen geringen Mitteln zum ersten Mal fabricirte, so sehr sprach die +Qualität an. Wohin ich Proben brachte, bekam ich Bestellungen, von denen +ich im Anfang nur einen kleinen Theil ausführen konnte, mit jeder Woche +mehrte sich aber meine Einnahme, mit jeder Woche konnte ich größere +Mengen liefern, und war zuletzt sogar im Stande, mir erst einen, dann +zwei und mehre Arbeiter zu nehmen, dem immer steigenden Bedarf zu +begegnen. Gleich im Anfang, bei der Zusammenstellung einer Mischung, +passirte mir eines Abends das Unglück, daß mir die ganze Masse im +Mörser explodirte, und ich fand mich erst am andern Morgen in der +entgegengesetzten Ecke meines Zimmers wieder, da die Nachbarn weiter +keine Notiz von dem Knall und Qualm genommen. + +»Seit der Zeit befinde ich mich aber ausnehmend wohl; ich _boarde_ in +einem anständigen Französischen Kosthaus und beschäftige jetzt elf +Arbeiter, lauter arme deutsche Einwanderer, die ich mir abrichte und gut +bezahle, verdiene dabei ein recht hübsches Geld und beginne sogar schon +an Sparen und Zurücklegen zu denken, drohenden Alters wegen.« + +»Nun das freut mich wahrhaftig recht, recht herzlich von Ihnen zu +hören,« sagte Hopfgarten, dem fast die Thränen in die Augen gekommen +waren, bei der so anspruchslos und wirklich rührend vorgetragenen +Erzählung, indem er seinem alten Reisegefährten die Hand reichte und +derb und freundlich schüttelte; »es giebt wenig Leute, lieber Mehlmeier, +die so ernst und entschlossen und so brav und rechtschaffen dabei, einem +einmal gesteckten Ziele entgegenstreben, und ich wünschte in der That +recht von Herzen Ihnen irgend einen Dienst erweisen zu können, um Ihnen +zu zeigen, wie sehr ich Sie achte und schätze.« + +»Ich danke Ihnen recht herzlich, mein guter Herr von Hopfgarten, für die +freundlichen Worte,« sagte Mehlmeier, wirklich gerührt, »Sie thun mir +wohl -- und eine Bitte hätt' ich wirklich an Sie, wenn Sie dieselbe +erfüllen wollten.« + +»Von Herzen gern -- und was ist es?« + +»Sie kennen den Herrn, der -- der mir damals das Goldstück gab?« + +»Sehr gut -- ich komme jetzt gerade von dort her -- war nämlich in der +Zeit wieder in Deutschland --« + +»Sie waren in Deutschland?« frug Mehlmeier, rasch und erstaunt, »ja, hm +-- das ist eigentlich gar nichts so Wunderbares, denn man fährt jetzt +rasch genug herüber und hinüber, aber -- es ist doch ein eigenes, +sonderbares Gefühl, wenn man so von Deutschland sprechen hört, fortwährend +Schiffe sieht, die hinüber gehn und von dorther kommen, und -- so gern +man hinüber _möchte_, und auch _könnte_, was eben die Passage betrifft, +doch auf der weiten Gottes Welt da drüben, wo man doch eigentlich zu +Hause ist, Nichts weiter zu thun hat; Nichts wieder anfangen könnte, und +nun ganz allein aus dem Grunde hier bleiben muß.« + +»Aber mit was sollte ich Ihnen dienen?« + +»Ja,« sagte Mehlmeier rasch, »sehn Sie den Herrn -- wie war sein Name +gleich?« + +»Dollinger.« + +»Sehn Sie den Herrn Dollinger wieder?« + +»Hoffentlich bald, jedenfalls schreibe ich ihm in den nächsten Tagen.« + +Mehlmeier griff in die Tasche, nahm ein Amerikanisches Goldstück heraus +und sagte, es Herrn Hopfgarten hinreichend: + +»Dann thun Sie mir die große Liebe, mein bester Herr von Hopfgarten, und +geben Sie ihm das _Goldstück_ nicht allein zurück, sondern sagen dem +Herrn auch _wie_ Sie mich wieder gefunden haben, und daß ich das nur +allein als _sein_ Werk betrachten könne, ihm auch ewig dankbar dafür +sein würde.« + +»Aber mein bester Herr Mehlmeier,« rief Hopfgarten, das Goldstück +zurückweisend, »Herr Dollinger ist ein reicher, ein _sehr_ reicher Mann, +und ich weiß --« + +»Und wenn er ein Millionair wäre,« sagte Mehlmeier fest und bestimmt, +»es ist nicht der wenigen Thaler, es ist der Sache wegen, das Geld hat +mir auf der Seele gebrannt, und Sie erzeigen mir einen unendlich großen +Dienst, wenn Sie es dem rechtmäßigen Eigenthümer zurückerstatten. Es hat +mir genug genützt, und da jetzt die _Ursache_ verschwunden ist, der ich +es verdanke« -- und Mehlmeier warf einen wehmüthigen Blick an seinen +Beinen hinunter -- »so darf ich auch mit gutem Gewissen die Wirkung +zurückgeben. Sie thun mir einen _großen_ Gefallen mit der Erfüllung +meiner Bitte, mein lieber Herr von Hopfgarten.« + +»Sie sind ein wunderlicher Mensch,« sagte der kleine Mann freundlich, +das Goldstück dabei nehmend und einsteckend, »ich will es besorgen; aber +Herr Dollinger glaubt sich Ihnen nun einmal zu Dank verpflichtet, und +wird das auf andere Weise wieder gut machen wollen. Jedenfalls muß er +Ihnen die Quittung einsenden, daß _ich_ wenigstens das Geld richtig +abgeliefert habe, und ich möchte Sie deshalb um Ihre Adresse bitten.« + +»Das wird nicht nöthig sein,« sagte Herr Mehlmeier mit einem wehmüthigen +Blick. + +»Nein, nein; es muß Alles seine Ordnung haben,« rief Hopfgarten, »also +Ihre Adresse?« + +»Erlaube ich mir denn hier auf einem Exemplar meines Fabrikats zu +überreichen,« sagte Mehlmeier mit einer etwas linkischen und verlegnen +Verbeugung Hopfgarten ein kleines elegantes Etui mit Streichhölzchen, +auf denen seine genaue Firma angegeben stand, übergebend, »das sind +meine Visitenkarten,« setzte er lächelnd hinzu. + +»Vortreffliche Visitenkarten,« lachte Hopfgarten, sie betrachtend +und einsteckend; »aber apropos, mein lieber Herr Mehlmeier, Sie als +wandernder Adreßkalender sind vielleicht im Stande mir wieder eine +Auskunft zu geben. Können Sie mir vielleicht sagen, wo ich einen +gewissen Ledermann, einen Juristen, hier in der Stadt finde?« + +»Ledermann? -- Ledermann? -- nein, der Name ist mir gänzlich unbekannt,« +sagte Mehlmeier, sehr bestimmt mit dem Kopf nickend; Hopfgarten kannte +aber seine schwache Seite mit den verkehrten Gesticulationen, und wußte +was er meinte. + +»Er arbeitete früher in dem Bureau des Mr. Mac Culloch, des Staatsanwalts,« +setzte er dann hinzu, »der ist aber in diesem Augenblick verreist und +sein Bureau geschlossen, und von den Hausleuten wollte ihn Niemand +kennen.« + +»Ledermann?« sagte Mehlmeier, die Hände am Kinn, in tiefem Nachdenken. + +»Eine lange hagere Gestalt,« half Hopfgarten seinem Gedächtniß nach, +»ein dünnes, mageres Gesicht und blonde Haare.« + +»Hm, ich kenne einen Herrn _Fort_mann, der etwa auf diese Beschreibung +paßte.« + +»Donnerwetter, _Fort_mann!« rief Hopfgarten, sich vor den Kopf schlagend, +»jetzt hab' ich die Namen verwechselt -- Fortmann heißt er ja auch +-- Mehlmeier, Sie sind ein kapitaler Mann -- _wo_ find' ich den?« + +»Ja, wo Sie den _jetzt_ finden, wenn er nicht in seinem Bureau ist, +weiß ich allerdings auch nicht -- er müßte denn sonst vielleicht beim +Kapellmeister sein.« + +»Was für ein Kapellmeister? -- wo wohnt der?« + +»Kapellmeister Eltrich, gar nicht weit von hier.« + +»Eltrich? -- _unser_ Eltrich von der Haidschnucke? -- ich glaubte, der +sei ein Arbeiter an einem Dampf- oder Flatboot geworden.« + +»Allerdings, im Anfang, weil ihm seine sämmtlichen Sachen, selbst seine +Violine gestohlen worden; nachher aber hat er sich ganz tüchtig wieder +herausgearbeitet, und jetzt eine brillante Anstellung an der hiesigen +französischen Oper erhalten.« + +»Und dort ist Ledermann zuweilen?« + +»Herr Fortmann? ja, aber wir gehn hier nur diese Straße hinunter, und +ich kann Ihnen dann das Haus zeigen.« + +»Kommen Sie nicht mit hinauf?« + +»Es ist meine Arbeitszeit jetzt, mein bester Herr von Hopfgarten,« sagte +Mehlmeier, »und ich habe mich überdieß schon zu lange von meinen Leuten +entfernt -- jedenfalls hoffe ich Sie noch zu sehn ehe Sie New-Orleans +verlassen. Denken Sie sich lange hier aufzuhalten?« + +»Einige Tage -- doch noch eins, mein lieber Mehlmeier, so viele Menschen +sind Ihnen hier vorgekommen -- wissen Sie vielleicht zufällig, wo sich +-- Herr Henkel jetzt aufhält?« + +»Nein, das ist merkwürdig, _den_ Herrn habe ich auch mit keinem Auge +wieder gesehn, seit wir gelandet sind. Im Anfang ging einmal ein dumpfes +Gerücht, daß doch nicht Alles mit ihm so in Ordnung -- nicht eben Alles +Gold sei, aber ich weiß nicht, ich habe weiter Nichts darüber gehört und +-- wenn ich aufrichtig sein soll, mich nicht weiter darum bekümmert. +Sehn Sie dort? das ist die Wohnung Eltrichs -- das kleine freundliche +weiße Häuschen, mit den grünen Jalousieen, und dorthinein wohne _ich_. +Also mein lieber Herr von Hopfgarten, ich habe die Ehre mich Ihnen auf +das Freundlichste zu empfehlen.« + +Hopfgarten nahm herzlichen Abschied von ihm; der Mann hatte etwas rührend +Hartnäckiges in seinem ganzen Wesen, mit dem er dem Unglück die Spitze +geboten und sich, allen bösen Neigungen wacker dabei begegnend, an die +Oberfläche gearbeitet. + +Noch stand er in der Straße, unfern von Eltrichs Wohnung, und sah +dem rasch und geschäftig davongehenden Manne nach, als ein, in einen +abgetragenen blauen Frack geknöpftes Individuum an ihm vorüberging, +ihn scharf fixirte, und sich rasch gegen ihn wendend die rechte Hand +-- unter dem linken Arm trug er ein Cigarrenkistchen -- nach ihm +ausstreckte und rief. »Sieh da, sieh da Thimoteus, die Kraniche des +Ibikus -- Herr von Hopfgarten; eine höchst angenehme Erscheinung beim +Zeus, in diesem verdammten hausbackenen Land.« + +»Herr Steinert?« rief Hopfgarten erstaunt aus, »ich hätte Sie fast nicht +wieder erkannt -- wie geht es Ihnen?« + +Steinert zuckte die Achseln. + + »Durch Unglück mehr als durch Versehn, + Verlor Alcest im Handel sein Vermögen + +-- verwünschte Geschichte das hier, man darf seinem eigenen Bruder nicht +trauen, wenn man wirklich einen hier hat. Ich habe bittere Erfahrungen +gemacht, Herr von Hopfgarten -- bittere Erfahrungen und -- wenn weiter +Nichts -- Menschenkenntniß gesammelt, wie wohl kaum Einer vor mir. Ich +sage Ihnen, ich könnte eine Geographie des menschlichen Herzens, der +menschlichen Schwachheiten, Laster und Leidenschaften herausgeben.« + +Hopfgarten hatte sich indessen, so genau das geschehn konnte, ohne den +Mann durch ein zu scharfes Anschauen zu kränken, die vor ihm stehende +Gestalt betrachtet, und das Resultat fiel gerade nicht zu Steinerts +Vortheil aus. Sein Anzug, einst jedenfalls modern, war abgerissen, und +noch schlimmer, war schmutzig; eben so seine Wäsche. Nur den äußeren +Staat hatte er noch beibehalten; der große Siegelring saß auf einer +ungewaschenen Hand, und neben den Uhrberloquen zeigte das Tuch häßliche +farbige Flecke. Sein Gesicht sah dabei verwildert aus; die Augen lagen +ihm tief und durchschwärmte Nächte, wenn nicht Mangel kündend, in den +Höhlen, und flogen unruhig, ungeduldig, ohne auf irgend einem Punkte zu +haften, umher. + +»Und womit beschäftigen Sie sich jetzt,« sagte Hopfgarten endlich, dem +es unheimlich in der Nähe des Mannes wurde, »haben Sie irgend eine +Anstellung? irgend ein -- ein --« + +»Ein freies Leben führen wir,« unterbrach ihn aber Steinert, den rechten +Arm mit einer etwas theatralischen Bewegung zum Himmel hebend. »Ich +konnte mich erstlich nie dazu verstehen, zu irgend Jemand in ein +dienstliches Verhältniß zu treten -- der Gott, der Eisen wachsen +ließ, der wollte keine Knechte -- und dann bin ich wohl ein halb Jahr +vergebens herumgelaufen,« setzte er, wieder in eine natürlichere +Stellung zurückfallend, hinzu, »ohne irgend einen passenden Platz für +mich auftreiben zu können. Für jetzt habe ich übrigens eine famose +Quelle ächter Havanna-Cigarren entdeckt,« und er nahm bei den Worten +das Kästchen rasch unter seinem linken Arme vor, »die ich Ihnen mit +gutem Gewissen empfehlen kann, mein bester Herr von Hopfgarten. Famose +Cigarren, sage ich Ihnen, und zu einem Preis,« setzte er leise flüsternd, +und mit einem scheuen Blick umher, hinzu, indem er das Kästchen sehr +aufmerksam und ängstlich öffnete, »wie sie kein Mensch auf der Welt +liefern _könnte_, wenn sie eben nicht -- _geschmuggelt_ wären.« + +»Sie wissen ja, bester Herr Steinert, daß ich gar nicht rauche,« sagte +Hopfgarten freundlich, »ich bin auch wirklich in diesem Augenblick so +mit meiner Zeit --« + +»Sie rauchen gar nicht?« sagte Steinert etwas bestürzt, »aber Sie haben +doch gewiß Jemand, den Sie mit einem halben Tausend Regalias glücklich +machen würden.« + +»In der That Niemanden hier, mein bester Herr; es ist auch schon spät +geworden heute, und ich bin eben erst wieder angekommen.« + +»Ich sehe, Sie sind in Eile,« sagte der frühere Weinreisende rasch, +indem er das schon halb geleerte Kästchen -- was in Hopfgarten den +Verdacht aufsteigen ließ, daß er die Regalias auch im Einzelnen verwerthe +-- wieder an seinen früheren Platz zurückschob. »Ich will Sie nicht +länger aufhalten, aber -- ich dürfte Sie wohl um eine Gefälligkeit +bitten. Wir sind hier gerade in der Nähe und ich habe vergessen mein +Portemonnaie zu mir zu stecken -- bin jedoch einem Freund von mir da +drüben fünf Dollar schuldig. _Wären_ Sie wohl so freundlich, mir diese +kleine Summe auf ein paar Stunden zu leihen?« + +»Mit dem größten Vergnügen,« sagte Hopfgarten verlegen, und +unwillkürlich zugleich in seiner angeborenen Gutmüthigkeit in die +Westentasche fahrend, »ich weiß nur nicht --« + +»Philemon, der bei großen Schätzen ein edelmüthig Herz besaß,« recitirte +Steinert. + +»Wenn Ihnen für den Augenblick mit dieser Dollarnote gedient wäre.« + +»Sie sind sehr freundlich -- aber Sie erlauben mir, daß ich es mir +gleich notire; ich habe so vielerlei im Kopf, und morgen zahle ich es +Ihnen jedenfalls zurück. Welches Hotel?« + +»St. Charles --« + +»Ah, desto besser; dort dinire ich auch gewöhnlich -- Herr von +Hopfgarten »Haben« 1 Dollar.« + +Er hatte dabei eine rothe, ziemlich umfangreiche Brieftasche vorgenommen, +die Cigarrenkiste auf das linke emporgezogene und ziemlich geschickt +balancirte Knie gelegt, und notirte sich den Fall auf ein weißes Blatt. + +»Mein guter Herr Steinert, ich habe indessen das Vergnügen Ihnen einen +angenehmen Abend zu wünschen.« + +»Ah, guten Abend, lieber Hopfgarten, guten Abend,« rief Steinert, ihm, +immer noch in der vorigen Stellung, mit dem Bleistift freundlich +zuwinkend. + +Hopfgarten benutzte die Gelegenheit, Eltrichs Haus zu erreichen, und +stieg die wenigen Stufen vor der Hausthür, an deren Klingel er zog, +rasch hinan. + +Ein wunderhübsches, nur etwas kränklich aussehendes, beinah weißes +Mädchen, aber doch mit dem eigenen dunkeln Teint und fast blauschwarzen +Haar dieser Race, das die Quadroonin verrieth, öffnete ihm die Thür, +frug den Erstaunten in deutscher Sprache was er wünsche, und führte +ihn dann in das untere Zimmer, wo Hopfgarten zu seiner nicht geringen +Genugthuung -- denn Mehlmeier hatte ganz recht gehabt -- Herrn Ledermann +#alias# Fortmann, am Kaffeetisch bei Eltrichs traf, und von den dreien +auf das Herzlichste begrüßt wurde. Eltrichs kleine reizende Frau war +besonders glücklich den alten Reisegefährten, der sich schon an Bord von +allen Cajütspassagieren immer am freundlichsten gegen sie benommen, bei +sich zu sehn und bewirthen zu können, und verschwand gleich aus dem +Zimmer, aufzutragen, was nur, trotz Hopfgartens Protestiren, Küche und +Keller vermochte. + +Nach den ersten Begrüßungen aber lag Hopfgarten viel zu sehr daran zu +erfahren was er von Ledermann hinsichtlich seiner Nachspürungen nach +jenem Soldegg hören sollte. Eltrich wußte überdieß von der Sache, über +die Ledermann schon oft mit ihm gesprochen, und Hopfgarten erfuhr jetzt +daß von Soldegg selber allerdings nicht das Mindeste wieder gesehen +wäre, seit Herr von Hopfgarten die letzten Nachrichten von ihm mit +aus Milwaukie gebracht, daß aber ein Compagnon von ihm, jener Goodly, +unter einem falschen Namen in New-Orleans ertappt sei, und einen +Schlupfwinkel gestohlener Güter verrathen habe, in dem man auch einen +nicht unbeträchtlichen Theil von Herrn Dollingers Waaren gefunden hätte. +Nach allen verschiedenen Staaten, selbst nach Canada hinauf, war indeß +geschrieben worden, des Burschen habhaft zu werden, doch umsonst; +entweder war er untergegangen, oder lebte irgendwo, unter einem falschen +Namen, von seinem Raube, wo es freilich dem Zufall überlassen bleiben +mußte, ihn einmal auszuspüren und zu Tag zu bringen. + +Herr _Fort_mann, der übrigens Eltrich gegenüber sein Incognito nicht +beibehalten konnte, da Beide schon in Heilingen befreundet, wenigstens +bekannt gewesen waren, wünschte, wie sich wohl denken läßt, ebenfalls +etwas Neues von dort zu hören, das ihm Hopfgarten denn auch nicht +vorenthielt. Während Frau Eltrich nun dem Gast, der endlich eingestehn +mußte, daß er in aller Eile heute auf Amerikanischem Boden noch nicht +einmal zu Mittag gegessen, ein kleines Mahl mit Claret und Eis +herrichtete und ihn selber dabei, trotz allen Einwendungen, bediente, +mußte er erzählen, wie er es in Heilingen gefunden, wie es dort aussah, +was die Leute dort trieben und -- wie es vor allen Andern der Frau +Aktuar Ledermann ging, für die sich Frau Eltrich ganz speciell +interessirte. + +»Hm, ja,« sagte Hopfgarten lächelnd, und emsig dabei beschäftigt ein +kaltes gebratenes Huhn zu zertheilen, »gut -- sehr gut -- hat ihre +Trauer -- dieß Huhn ist wirklich delikat -- hat ihre Trauer abgelegt und +wohnt jetzt bei ihrem Bruder.« + +»Existirt der Lump auch noch?« frug Ledermann. + +»Wollte wieder ein Geschäft eröffnen,« fuhr Hopfgarten langsam fort, +»scheint aber doch nicht, nach den beiden vorher erfolgten Fällen, das +nöthige Vertrauen gefunden zu haben, und hat sich, auf dringendes +Anrathen des Herrn J. G. Weigel entschlossen, mit seiner Schwester --« + +»Den Teufel auch!« rief Ledermann von seinem Stuhl aufspringend, und in +jäher Angst den Schluß des Satzes errathend. + +»Mit seiner Schwester,« fuhr Hopfgarten ruhig fort, »nach Amerika +auszuwandern.« + +»Was für ein rührendes Wiederfinden das werden würde, Herr Ledermann,« +lachte diesen Frau Eltrich schelmisch an. + +»Man soll den Teufel nicht an die Wand malen,« rief aber der Aktuar +wirklich bestürzt -- »tollere Sachen sind schon vorgefallen, und _mir_ +bliebe nachher Nichts übrig, als mir eine Kugel vor den Kopf zu schießen. +-- Aber -- nicht wahr, lieber Herr von Hopfgarten, Sie machen nur Spaß? +das ist Ihr Ernst nicht. -- Meine Frau, ich meine die verwittwete Frau +Aktuar Ledermann, denkt nicht daran nach Amerika zu kommen?« + +»Ich gebe Ihnen meinen Ehrenwort, daß die Sache schon so gut wie +abgemacht war; das Ziel aber, soviel wie ich davon erfahren konnte, lag +nach den nördlichen Staaten, New-York oder Baltimore, wo Sie denn hier +allerdings nicht viel zu befürchten hätten; ich habe mich, wie Sie +sehen, genau nach Allem erkundigt.« + +»Der Henker traue,« rief Ledermann, unruhig im Zimmer auf- und abgehend, +»wenn die Frau erst einmal nicht mehr durch das ganze Weltmeer von mir +getrennt ist, findet sie mich auch wieder heraus, und wenn sie nur erst +einmal eine Ahnung davon bekömmt, daß ich noch lebe, bin ich verloren.« + +Eltrich und Hopfgarten lachten über die Angst des armen Teufels, der eine, +vielleicht noch jahrelang entfernte Gefahr schon jetzt heraufbeschwor, +sich selber zu quälen; Ledermann konnte aber den Gedanken nicht los +werden, und Hopfgarten ihn endlich nur dadurch beruhigen, daß er ihm +versicherte, der Schiffsakkord für seine Frau wäre erst für das nächste +Jahr abgeschlossen, bis wohin noch mancher Tropfen Wasser den Berg +hinunter fließe. Übrigens schien kein Mensch in ganz Heilingen, seiner +Betheuerung nach, eine Ahnung zu haben, daß der Aktuar _nicht_ ertrunken, +sondern nach Amerika geflüchtet sei. Der Körper war allerdings, trotz +hartnäckigem Suchen, _nicht_ gefunden worden, aber das _Spielen vor_her, +und die kalte, ruhige, sehr gut geheuchelte Verzweiflung _nach_her, +schienen bei den in solcher Art auch eben nicht mistrauischen Heilingern +keinen Zweifel mehr übrig gelassen zu haben. #Dr.# Hayde besonders +hatte die Gelegenheit gleich wahrgenommen, einen langen, allerdings +etwas schlecht stylisirten Artikel im Tageblatt zu schreiben, worin +er nachwieß, daß der Selbstmord nur eigentlich, trotz einzelner +Ausnahme-Fällen, ein durchaus _bürgerliches_ Laster sei, (und später +dafür von seiner Regierung den gelben Sperlings-Orden fünfter Klasse +erhielt;) die Sache war dadurch, wenn auch eben nicht bewiesen, doch +außer allen Zweifel gesetzt. Es dachte sich in der That Niemand die +Möglichkeit eines anderen Falles, und Therese Ledermann selber, wenn +ihr ja einmal ein solcher Gedanke dunkel und unbestimmt vor der Seele +aufgestiegen sein sollte, verwarf ihn eben so rasch wieder. Wo hätte +Ledermann den Muth herbekommen, sich ihrem Regiment auf eine solche +Weise zu entziehn. + +Herrn Hopfgarten lag aber auch jetzt daran zu erfahren, wie Eltrich, von +dem er doch durch Maulbeere gehört, daß er an einem Boote als Handlanger +arbeite, sich so rasch und glänzend heraufgeschwungen habe, und dieser, +seine kleine Frau dabei rasch zu sich nieder auf seinen Stuhl ziehend, +gab ihm gern Bescheid. + +Vor allen Dingen erzählt er ihm seine erste Landung, wie sie, durch das +viele Neue verwirrt, den Karren aus den Augen gelassen hätten, auf dem, +von einen Neger gezogen, ihre sämmtlichen Sachen, selbst sein Instrument, +gelegen. Der diebische Schwarze war damit durchgegangen, und nie wieder, +trotz allen Nachforschungen, aufzufinden gewesen. In der ungeheueren +Stadt, wo noch dazu weder über Kommende noch Gehende auch nur die +geringste ernstliche Controlle geführt wird, hätte nur der Zufall sie +auf die Spur des Diebes bringen können. + +Dort begann eine schwere Zeit, besonders für seine arme Frau, die, von +allem entblößt, mit dem Kinde der dringenden Noth entgegen ging. Noth +aber lehrt nicht allein beten, sondern mehr noch arbeiten, und fest +entschlossen, sich durch Nichts beugen zu lassen, sondern dem Schicksal +fest und trotzig die Stirn zu bieten, lief Eltrich, mit _ganz_ andern +Hoffnungen nach Amerika gekommen, und als andere Schritte fehl schlugen, +in der Stadt herum _Arbeit_ zu suchen; Arbeit wie sie vorkam, hart oder +leicht, nur Brod zu verdienen, für sich und die Seinen. Nach einiger +Anstrengung gelang ihm das auch -- er wurde zuerst auf einem Flatboot +zum Ausladen der Fracht engagirt, mit einem Dollar den Tag; wie das +beendet war, fand sich Arbeit auf einem anderen, und ihre Existenz war +wenigstens gesichert. + +Aber er brauchte mehr als das -- er mußte Geld verdienen, wieder eine +Violine, und zwar ein tüchtiges Instrument zu kaufen; er mußte Geld +verdienen, sich wieder anständige Tuch-Kleider anzuschaffen, in denen er +Besuche machen konnte, und seine Finger, die ihm später in seiner Kunst +sein Brod verdienen sollten, ruinirte er indessen mit Fässer rollen und +dem scharfen Tau der Winde. Unermüdlich aber, unverdrossen, schaffte +und arbeitete er dabei im gießenden Regen, wie in der brennenden Sonne, +und sparte jeden Cent, den sie nicht nothwendig zum Leben brauchten, +während sich die Frau ebenfalls Mühe gab Geld zu verdienen, und es +endlich möglich machte, erst von der Frau des Hausbesitzers, und dann +durch diese empfohlen, auch von einigen Nachbarn feine Wäsche zum +Waschen und Plätten zu bekommen. + +»Es war dabei eine recht traurige und entmuthigende Zeit für mich,« +erzählte Eltrich, »denn während ich meinem nächsten Ziel, mir wieder +ein Instrument und uns beiden anständige Kleider zu kaufen, wohl +entgegenrückte, sah ich doch um mich her eine Menge Leute meiner Kunst, +die mit ziemlichem Talent und guten Empfehlungsbriefen ausgerüstet, +ankamen, eine Weile sich schwimmend über Wasser hielten, und dann +spurlos verschwanden. Ich wußte dabei nicht, ob sie untergegangen, oder +nur von der Strömung mit fortgerissen waren, und mußte mir zu meiner +Beschämung gestehn, daß ich wahrscheinlich jetzt mit meiner Hände +Arbeit, als gewöhnlicher Tagelöhner, _mehr_ verdiente, wie es mir +möglich sein würde mit meiner Kunst zu erschwingen; nichts destoweniger +ließ ich den Muth nicht sinken. Dabei hatten wir Glück; meine Frau gab +unserer Wirthin, die sich überhaupt sehr freundlich gegen uns bewieß, +Clavierunterricht, da sie dorthin unseren Knaben mitnehmen konnte. Unser +Schicksal war dabei durch unsere Wirthsleute bekannt geworden, und ich +wurde von dem Eigenthümer unserer Wohnung eines Abends, wo ich gerade +von der Arbeit zu Hause kam, aufgefordert, in einer Gesellschaft, die er +gab, zu spielen. Ein Instrument sollte ich dort vorfinden, und leichte, +anständige Sommerkleider besaß ich schon, Dank unseren Ersparnissen; +aber meine Finger waren steif geworden, und nicht ein einziges Mal hatte +ich die ganze Zeit geübt. Die Sache ging mir, wie Sie wohl denken können, +im Kopf herum -- trotzdem nahm ich, mit einer mir selbst jetzt noch +unerklärlichen Keckheit, die Einladung an, und die Sehnsucht, wieder +einmal einen Bogen in der Hand zu fühlen, mochte wohl größtentheils die +Schuld dabei tragen. Dann aber war ich es auch meiner armen kleinen Frau +schuldig, Alles zu thun, was in meinen Kräften stand, unsere Lage zu +verbessern, und dadurch geschah vielleicht der erste Schritt. + +»Die Gesellschaft versammelte sich ziemlich zahlreich, und ich spielte, +zu Adelens Entsetzen, aber aus sehr natürlichen Gründen, spottschlecht. +Nichts destoweniger waren die Leute freundlich genug gegen mich -- sie +wußten ja, daß ich den Tag über Porkfässer gerollt und Maissäcke +geschleppt hatte; der Wirth aber überließ mir von da an die Violine +zum Üben, bis ich mir selber eine kaufen konnte, und -- veranstaltete +heimlich, aber in meinem Namen, ein Concert. Ich spielte, und es ging +nicht allein vortrefflich, sondern ich kam dadurch auch plötzlich und +eigentlich ganz unerwartet in den Besitz eines Capitals von hundert und +einigen achtzig Dollarn, mit denen ich allerdings jetzt ein neues Leben +beginnen konnte. Am nächsten Tage mußte ich freilich noch einmal Fässer +rollen -- ich hatte dem Mann versprochen gehabt zu kommen und hielt auch +Wort; aber es war das letzte Mal, und ich begann eine neue Existenz. +Allerdings stand ich nicht mehr allein und freundlos da, denn die +Amerikaner und Franzosen, mit denen wir bekannt geworden, und die +doch wohl fanden, daß wir Beide nicht in die Masse der gewöhnlichen +Einwanderer gehörten, nahmen sich unserer auf das Herzlichste an. Ich +sowohl, wie meine Frau, bekamen eine Menge Stunden zu geben, und Madame +Fleurette, unsere freundliche Wirthin, ließ es sich nicht nehmen, den +Knaben indessen bei sich zu behalten. Wieder gab ich jetzt mit meiner +Frau zusammen zwei Concerte, und während andere, weit größere Künstler +als ich, kaum die Kosten solcher Abende herausgeschlagen, traf ich Zeit +und Umstände so glücklich, daß ich das erste Mal einen Überschuß von +zwei-, das zweite Mal von dreihundert Dollar hatte. Ich bekam einen Ruf +in New-Orleans, und um kurz zu sein, zuletzt die Stelle am hiesigen +Französischen Theater, mit einem recht anständigen Gehalt, habe dabei +Stunden zu geben, so viel ich geben kann, und befinde mich jetzt mit +meiner kleinen Familie wohl und zufrieden.« + +Hopfgarten sprach seine innige Freude über das glückliche Gedeihen in +Eltrichs Verhältnissen aus, und erzählte jetzt auch wie er die beiden +früheren Freunde, Steinert und Mehlmeier, gefunden habe. + +»Herr Steinert ist ein Lump,« sagte da Eltrich, »und Mehlmeier, trotz +einigen Eigenheiten, die er an sich haben mag, ein Ehrenmann. Wie +Mehlmeier im Unglück war, und Steinert noch Leute fand, die ihm borgten, +hat er den armen Teufel nicht einmal mehr angesehn, und sich seiner +Bekanntschaft geschämt; ihn jetzt aber, wo sich Mehlmeier herausgearbeitet +hat, schon drei oder vier Mal angeborgt. Mehlmeier in seiner Gutmüthigkeit +läßt sich auch beschwatzen, er wird aber doch endlich einmal klug +werden, und aufhören sein Geld in diesen Schmutzbrunnen zu werfen.« + +»Wie der Trunk hier in Amerika die Leute ruiniren kann,« sagte Ledermann, +»davon habe ich in der kurzen Zeit meines Aufenthalts hier, schon mehre +recht traurige Beispiele gesehn. So traf ich heute Morgen erst wieder +einen alten Bekannten, und früher sehr wohlhabenden Mann aus oder bei +Heilingen, den Wirth des rothen Drachens dort, den ich in brillanten +Verhältnissen in Deutschland zurückließ.« + +»Lobsich? -- hier in New-Orleans? -- was ist mit dem?« rief Hopfgarten. + +»Kennen Sie ihn?« + +»Von Milwaukie her -- das ist ja derselbe Wirth, in dessen Hause ich +verhaftet wurde; aber was treibt er jetzt? hat er sein Gasthaus +aufgegeben?« + +»Seine Frau, die das Ganze zusammengehalten zu haben scheint, ist ihm +gestorben,« sagte Ledermann, »und der Mann hat dann wahrscheinlich durch +den Trunk -- denn er taumelte selbst hier, als ich ihn sah -- sein +Geschäft nach und nach ruinirt.« + +»Hat er Sie gesehn?« frug Hopfgarten lächelnd. + +»Brille und Bart haben mich sehr verändert,« erwiederte Ledermann etwas +verlegen; »ich kann darin ziemlich sicher sein; dennoch fühle ich mich +nicht wohl hier, und werde mich wahrscheinlich in nächster Zeit weiter +in das Innere zurückziehn; es kommen doch fast zu viel Bekannte +hierher.« + +Ledermann mußte jetzt Herrn von Hopfgarten erzählen, was er von den +hiesigen Verhältnissen seiner Bekannten wußte, und besonders interessirte +ihn dabei Hedwig Loßenwerders glückliche Verbindung, die sie in eine +angenehme und unabhängige Stellung gebracht hatte. Er trug auch Briefe +für Hedwig von Clara, wie die Hinterlassenschaft ihres Bruders bei +sich; ebenso die in den gelesensten deutschen Blättern veröffentlichte +Erklärung der Gerichte selber, nach denen der damals angeschuldigte, und +durch unglückliche Umstände zum Selbstmord getriebene Franz Loßenwerder +von jeder Schuld an dem ihm zur Last gelegten Diebstahl freigesprochen, +und sein Name von jedem auf ihm haftenden Makel gereinigt wurde. Herr +Dollinger selber hatte dann noch eine eigene Erklärung erlassen, und +überhaupt Alles gethan, was in seinen Kräften stand, wenigstens das +Andenken des armen unglücklichen Menschen von jedem bösen Leumund zu +befreien, und seinen ehrlichen Namen wieder herzustellen. Ein einfacher +Stein auf seinem Grabe erzählte ebenfalls in kurzen schlichten Worten +seine Leidensgeschichte, und was er unschuldig getragen -- guter Gott, +er war todt, und gedruckte, und in Stein gegrabene Worte konnten das +Unrecht nicht ungeschehen machen, das ein armes, treues Menschenherz in +Gram und Schmerz gebrochen. + +Wie froh, aber auch wie schmerzlich mußte die arme Hedwig eine solche +Nachricht bewegen, und Adele bat deshalb ihren Mann die junge Frau, +die sie schon auf dem Schiffe lieb gewonnen, und mit der sie auch in +New-Orleans öfter zusammengekommen, heute Abend _mit_ dem jungen Hamann +hierherzuholen, und ihr die Briefe hier zu übergeben. Eltrich verstand +sich gern dazu, und er und Hopfgarten beschlossen augenblicklich hinüber +nach Fayetteville zu fahren und die jungen Leute gleich mitzubringen. +Ledermann hatte noch einige Geschäfte zu besorgen, versprach aber auch +gegen Abend zurückzukommen und diesen in ihrer Gesellschaft zu +verbringen. + +Als Hopfgarten mit Eltrich wieder durch das Haus ging, öffnete ihnen das +junge Quadroon-Mädchen die Thür. + +»Wetter noch einmal, was ist das für ein liebes freundliches Gesicht,« +sagte Hopfgarten, als sie draußen auf der Straße waren, und dem nächsten +Omnibus zugingen, »doch mit Negerblut in den Adern.« + +»Es ist das erste gute Werk, das ich in Amerika habe thun können,« +lächelte Eltrich, »eine durch mich befreite Sclavin.« + +»Was?« rief Hopfgarten, sich rasch und erstaunt nach ihm umdrehend, »das +hab' ich ja gar nicht gewußt, daß Sie schon Zeit zu Entführungen gehabt +-- davon haben Sie mir ja kein Wort erzählt.« + +»Die Sache hat auch keineswegs einen solchen poetischen Hintergrund +-- ich habe sie, mit Hülfe meines früheren Wirthes, der mir die Hälfte +der Summe vorgestreckt, _gekauft_, und diese zweite Hälfte arbeitet sie +nun selber ab, so daß sie, mit den Geschenken, die sie bekommt, denn +alle meine Freunde nehmen Theil an ihr, schon wahrscheinlich in zwei +Jahren, vielleicht noch früher, vollkommen frei und ihre eigene Herrin +sein wird. Ich erzähle Ihnen die Geschichte ein ander Mal, denn hier +ist unser Omnibus, der uns hinüber nach Fayetteville nehmen soll.« + +Sie stiegen in den schon ziemlich gefüllten, auf Rädern gestellten +unförmlichen Kasten, der dazu diente, Passagiere von einem Ende der +Stadt zum andern zu befördern, und mußten eng zusammenrücken, da der +Bursche hinten am Schlag hinein beförderte, was eben Passage bezahlte, +gleichviel wie viel Platz der inwendige Raum bot. + +Dicht vor ihnen, auf der gegenüber befindlichen Bank, daß ihre Kniee +ineinanderpreßten, saß ein sehr anständig gekleideter Mann, der Hopfgarten +ungemein bekannt vorkam. Auch dieser fixirte ihn und Eltrich in der +schon einbrechenden Dämmerung ein paar Augenblicke, und dann dem +letztern die Hand entgegenstreckend sagte er freundlich: + +»Ich glaube, daß wir zum zweiten Male Reisegefährten sind -- Herr +Eltrich -- Herr von Hopfgarten -- nicht wahr?« + +»Leupold, wahrhaftig!« rief Eltrich, rasch und freundlich die +dargebotene Hand nehmend und schüttelnd, »wir haben uns nicht gesehn +seit wir das Schiff verlassen; wie geht es Ihnen?« + +»Körperlich _recht_ gut,« sagte Leupold, doch ein recht wehmüthiger Zug +um den Mund strafte ihn Lügen dabei, oder verbarg mehr als er sagen +wollte. + +»Sie sind hier in New-Orleans etablirt?« frug ihn Hopfgarten. + +»Ja, Herr Baron, und ich muß gestehen, ich habe viel Glück gehabt +-- wie man hier so im gemeinen Leben sagt -- in meiner Familie aber +destomehr Leid.« + +»Ist Ihre Mutter krank geworden?« frug Eltrich. + +»Sie starb vorigen Herbst am gelben Fieber;« erwiederte Leupold, »auch +ein Knabe, der vor zwei Jahren beide Eltern an der Seuche verloren, +und den ich an Kindesstatt zu mir genommen hatte, nur irgend Jemand zu +haben, den ich lieben konnte, der mich liebte. Sie sind Alle todt, und +ich arbeite jetzt eigentlich für weiter Nichts, als eben zu essen und zu +trinken.« + +»Doch sonst geht es Ihnen gut?« frug Hopfgarten. + +»Was pecuniäre Verhältnisse betrifft, allerdings. Wie das gelbe Fieber +dießmal nahte, floh Alles, was nur fortkommen konnte. Ich selber hatte +eine stille Hoffnung, daß mich Gott ebenfalls abrufen würde; ohne Zweck +und Ziel sich so allein in der Welt herumzutreiben wird Einem doch zuletzt +verleidet; ich wurde aber nicht einmal krank. Ich war bei, Gott weiß wie +vielen Leichen, fertigte Särge so viel ich mit vier bei mir ausharrenden +Gesellen fertigen konnte, und verdiente ungezähltes Geld in der Zeit +-- ich ginge auch gern zurück nach Deutschland, aber -- ich habe den Muth +nicht dazu -- ich werde die nächste gelbe Fieberzeit noch abwarten, und +sehen was da wird.« + +»Sie fühlen sich nicht wohl in Amerika?« sagte Hopfgarten mitleidig. + +»Wie soll man sich da wohl fühlen, wenn man Alles verloren hat, was +Einem noch lieb und theuer auf dieser Welt war, und für das nur einzig +und allein man arbeitete. Das Amerika ist ein recht guter Platz Geld zu +verdienen, wenn man fleißig ist, aber das ist auch Alles; ja wenn es +mir in Deutschland schlecht gegangen wäre. -- Aber ich will Ihnen nicht +die Ohren voll lamentiren -- überhaupt ist hier die Straße, wo ich +aussteigen muß. Es hat mich _herzlich_ gefreut Sie wieder einmal begrüßen +zu können!« + +Er reichte ihnen die Hand, schüttelte sie freundlich, und drängte sich +dann durch die ihm mürrisch Raum gebenden Passagiere der Thüre zu, den +Omnibus zu verlassen. + +»Dem armen Mann ist Amerika theuer zu stehn gekommen,« sagte Eltrich +traurig, »lieber Gott, wenn ich mich in seine Lage setze, kann ich mir +recht gut denken, wie furchtbar es ihm sein muß, jetzt so allein und +verlassen dazustehen. Was hilft ihm das Geld, das er verdient, wenn er +Niemanden hat, der es mit ihm theilt, für den er spart.« + +»Es ist seine eigene Schuld,« sagte aber Hopfgarten achselzuckend, +»er hat uns selbst erzählt, daß es ihm in Deutschland nicht schlecht +gegangen wäre; weshalb wandert er da aus? -- Das kommt von dem +thörichten Misvergnügtsein ohne Grund.« + +»Lieber Gott, es läßt sich da doch Manches zur Entschuldigung sagen,« +seufzte Eltrich, »wir könnten es auch den Trieb sich zu verbessern +nennen, den doch jeder Mensch in der Brust mit herum trägt -- warum ihm +den schlimmsten Namen geben? Thäten die daheim, deren _Pflicht_ es wäre, +für das wahre Glück der Völker zu sorgen, etwas mehr ihren Unterthanen +das Leben daheim erträglich zu machen, bedächten sie, daß das »Von Gottes +Gnaden« nicht nur auf _ein_ Haupt niedergeht und da ruhen bleibt, als +auf etwas ganz Besonderem -- wie oft nur auf etwas sehr Gewöhnlichem +-- sondern niederfällt, wie Thau und Regen auch auf die kleinste +unscheinbarste Wiesenblume. Stäke mit einem Wort einer Masse Menschen da +drüben nicht der verdammte Dünkel zu fest in der Stirne aus einem ganz +besonders feinen Porcellainteig geknetet und gebrannt zu sein, Tausende +würden nicht daran denken, die Heimath zu verlassen, sondern in einer +möglich bürgerlichen Existenz gern und freudig ausharren. Die Noth +treibt vielleicht nur zwei Dritttheile aller Auswanderer über das große +Wasser, der Ekel das andere -- und _das_ gerade thut Deutschland weh +-- unendlich weh, denn _was_ für wackere Kräfte sind ihm dadurch +verloren gegangen.« + +»Ja, die Geheimenräthe wandern nicht aus,« lachte Hopfgarten. + +»Nein, leider Gottes,« seufzte Eltrich, »_die_ liegen an zweifarbigen +Bändchen fest vor Anker. Der Deutsche theilt sich in seiner Unschuld in +Nähr-, Wehr- und Lehrstand -- daß er den _Zehr_stand gar nicht dabei +berücksichtigt. Wie war Ihnen zu Muthe, als Sie jetzt wieder nach +Deutschland zurückkamen?« + +»Wunderbar,« lachte der Gefragte, »unendlich wunderbar -- ich gebe Ihnen +mein Wort, es kam mir in einem fort so vor, als ob die Leute nur Comödie +spielten -- und sie thun's auch. Wenn man hier aus dem frischen, freien +Leben, das allerdings viele, unendlich viele Mängel und Schwächen hat, +aber dem Menschen doch seine freie, ihm von Gott zugesprochene Entwickelung +garantirt, wieder hinüber in das abgetheilte, angeblich _geordnete_ +Leben kommt, wo die Menschen wie in Gefachen, mit kleinen darauf +geklebten Zettelchen eingeschachtelt liegen, sieht wie die untersten, +bequemsten Gefache fortwährend herausgezogen und gebraucht werden, +während auf den oberen der dicke ehrwürdige Aktenstaub liegt, und dann +zurückdenkt, wie das Alles gar nicht nöthig ist, und wie es noch eine +andere Welt giebt, in der Gottes Creaturen frei und fröhlich aufathmen +dürfen; wenn man sieht, wie das dort kriecht und scharwenzelt, und auf +Kindereien sein höchstes Ziel setzt, wenn man einen Blick wieder auf +jenen Beamten-Wust wirft, der einem in das Kleinste zergliederten, +auf das peinlich kunstvollste hergestellten und berechneten Räderwerk +gleicht -- einfach einen Stein zu drehn und Brod zu mahlen, dann wundert +man sich wirklich, daß die eigentlichen Menschen nicht _Alle_ auswandern +und das ganze kunstvolle Beamtensystem, wie ein von Insekten +skelettirtes Blatt als Satz zurückbleibt.« + +»Und doch wollen Sie wieder nach Deutschland?« frug Eltrich. + +»Es ist ja das Vaterland,« sagte Hopfgarten herzlich, »der Himmel +ist doch nirgends so blau, die Erde nirgends so grün wie daheim. Sie +mögen mich auslachen, lieber Eltrich, aber wie ich im vorigen Herbst +zurückfuhr, und in der Nordsee die nackten Sanddünen, den Thurm von +Wanger-Ooge wieder sah, hab' ich geweint wie ein Kind -- es giebt doch +nur ein Deutschland.« + +»Ja, leicht können sie's nicht todtmachen,« rief Eltrich, »aber ich +kehre doch nicht dahin zurück.« + +»Verschwören Sie's nicht,« rief Hopfgarten; »es kommt doch eine Zeit, wo +es uns wieder hinüberzieht -- das Grab unserer Väter ist ein heiliger +Platz, wo wir mit beiden Händen anfassen müssen, wenn wir unser Herz +davon losreißen wollen. Mit dem Leben dort, was man die eigentliche Welt +da nennt, mag ich auch Nichts mehr zu thun haben, dafür bin ich schon zu +viel Amerikaner geworden; aber ich ziehe mich auf das Land zurück und +lebe mir und den Meinen. Denken Sie nie an unsern Frühling, wenn die +Lerche an zu wirbeln fängt, wenn die Birken keimen -- werden Sie das je +vergessen können?« + +»Ich will's versuchen,« sagte Eltrich seufzend, »aber hier ist unser +Halteplatz -- dort in der Straße liegt für jetzt unser »Deutsches +Vaterland«.« + +»Ein trauriger Ersatz,« lächelte Hopfgarten, als der Wagen hielt, und +sie, an ihrem Ziele angekommen, aussteigen mußten. + + + + +Capitel 7. + +Meier, Pelz & Co. + + +Es war indessen, bis sie die Straße erreichten, in welcher das »Deutsche +Vaterland« lag, schon vollständig dunkel geworden, denn der kurzen +Dämmerung in Amerika folgt rasch und fast plötzlich die Nacht. Dicht +vor der Thür des Gasthauses standen drei Leute in leisem, flüsternden +Gespräch, und als sich Eltrich im Vorübergehn nach ihnen umsah, glaubte +er bei zweien, auf die gerade das Licht der Gaslaterne fiel, bekannte +Gesichter zu erkennen, wenn er sich auch nicht gleich auf das Wo und +Wann einer Begegnung erinnern konnte. Die Männer wandten sich aber rasch +von ihnen ab, und gingen langsam in dasselbe Haus, doch nicht in das +Schenkzimmer, sondern in die kleine Hausthür, die mit der Treppe nach +oben in Verbindung stand. + +Natürlich achteten sie nicht weiter darauf, und öffneten gleich nachher +die Glasthür des unteren Schenkraumes, wo sie den jungen Hamann allein, +und mit verschränkten Armen und finster zusammengezogenen Brauen auf und +abgehend, fanden. Freundlich begrüßte er Eltrich, mit dessen kleiner +Familie er, wie seine Frau, schon manchmal zusammengekommen waren, und +hörte mit großer Theilnahme, wie jener schändliche Verdacht endlich auch +öffentlich von dem unglücklichen Bruder seiner Frau gewälzt sei, und +diese sich doch nun wieder froh und glücklich fühlen würde, mit solcher +Sorge vom Herzen. + +Die freundliche Einladung Eltrichs, den heutigen Abend mit Hedwig bei +ihnen zuzubringen, mußte er aber, wenigstens für sich selber, ablehnen, +wenn auch die Frau kein Hinderniß hatte, und unter Eltrichs Schutz die +Herren gern begleiten würde. + +»Ich habe heute einen schlimmen Ärger und bösen Auftritt im Haus gehabt,« +setzte er, sich entschuldigend, hinzu, »und meinen Barkeeper, einen +nichtsnutzigen, frechen Gesellen, den ich, wie ich fast fürchte, auf +verbotenen Wegen ertappte, zum Teufel jagen müssen.« + +»Ihren Jimmy?« rief Eltrich -- »Gott sei Dank, daß der Bursche fort ist; +wenn irgend Jemand auf der Welt, so hatte der eine böse, galgenwürdige +Physiognomie, und ich bin fest überzeugt, er strafte die auch nicht +Lügen.« + +»Was ich heute von ihm gesehn habe,« meinte Hamann, »widerspräche dem +wenigstens nicht, denn ich fand ihn über Tisch in dem Zimmer einiger +meiner »Boarder,« die, wie vermuthet wird, viel Geld bei sich haben, bei +einer sehr verdächtigen Untersuchung des einen Koffers, für dessen sehr +hübsche Arbeit er sich angeblich interessirte. Ich bin übrigens froh, +den Burschen, den ich sonst noch hätte einen vollen Monat behalten und +füttern müssen, auf solche Art so rasch losgeworden zu sein, nur muß ich +jetzt, bis ich mich morgen nach einer passenden Persönlichkeit dafür +umsehen kann, selber die Stelle verwalten. Sie thun mir übrigens einen +Gefallen,« setzte er dann hinzu, »wenn Sie selber zu meiner Frau hinauf +gingen und es ihr sagten; Sie werden sie jetzt warscheinlich in meines +Vaters Zimmer finden. Sie, Herr Eltrich, kennen ja den Weg. Meine Gäste +sind drin beim Abendbrod, und ich muß indessen hier in der Bar bleiben; +hab' ich aber heut Abend zugeschlossen, was heute früher als gewöhnlich +geschehen wird, komme ich noch selber zu Ihnen hinaus und hole Hedwig in +meinem kleinen Wagen ab.« + +Die Herren waren eben im Begriff, der Bitte Folge zu leisten, als die +Thür aufging und ein junger Mann hereinkam, Hopfgarten und Eltrich aber +kaum erblickte, als er auch schon mit einem lauten, etwas exaltirten +Freudenruf auf sie zusprang, ihre Hände ergriff, und wie es schien, sich +alle Gewalt anthun mußte, ihnen nicht auch um den Hals zu fallen. + +»Ach Herr von Hopfgarten -- ach Herr Kapellmeister -- welch glückliches +Zusammentreffen -- nein, ich kann Ihnen gar nicht sagen, _wie_ froh +ich bin, Sie endlich einmal wieder zu sehn. Wie geht es Ihnen? -- was +machen, was treiben Sie -- Herr Hamann, darauf müssen wir ein's trinken, +bitte meine Herren, was nehmen Sie -- ich habe ja überhaupt hier noch +eine kleine Kreide stehn --« + +»Herr Theobald!« rief Hopfgarten erstaunt aus, den Dichter dabei mit +einem flüchtigen Blick, eben nicht zu dessen Gunsten, von oben bis unten +messend -- »wie kommen Sie wieder nach New-Orleans?« + +»Ich? -- lieber Gott, wo kommt man nicht in diesem verwünschten Lande +hin!« rief Theobald mit einer gewissen Wehmuth aus -- + + »Treibt auf wildbewegtem Meere + Auch mein schwank-gebrecher Nachen, + Dräut mir auch der Wogen Schwere, + Soll's mich doch nicht muthlos machen -- + +»wo kommt man hier _nicht_ hin? -- sag' ich noch einmal -- Sie kennen ja +die alte Geschichte, bester Baron, »willst Du in meinem Himmel mit mir +leben -- #à la bonheur#, aber auf Erden sind alle Kämmerchen vermiethet« +-- Nichts wie Prosa, Nichts wie gemeine, hausbackene Wirklichkeit, in +der das dumme Volk auch nicht einmal eine Ahnung hat, daß ein höher +begabter Mensch auch noch mit etwas Anderem _arbeiten_ könnte, als mit +Spitzhacke und Schaufel. _Arbeiten_ schreien sie -- _arbeiten_, immer +nur arbeiten, und was der Geist dabei thut, rechnen sie nicht, das nennen +sie faullenzen. Aber zum Henker mit der Bande, wenn's uns hier nicht +länger gefällt, Herr von Hopfgarten, dann gehn wir nach Amerika! und +jetzt wollen wir trinken, Herr Hamann hat uns schon die Gläser +aufgestellt -- bitte, was nehmen Sie?« + +»Ich danke wirklich herzlich,« sagte Hopfgarten ablehnend -- Theobald +sah ihm gar nicht danach aus, als ob er so viele Sechs-Cent-Stücke +wegzuwerfen hätte, für Andere zu bezahlen, und zugleich ließ sein +ganzes, außergewöhnlich aufgeregtes Wesen auch noch überdieß darauf +schließen, daß er schon selber eigentlich mehr wie seine tägliche +Quantität getrunken habe -- »bitte, erzählen Sie mir lieber, wie es +Lobensteins geht, was sie thun und treiben und wie der Professor mit +seinen Arbeiten vorwärts rückt.« + +»Bah -- _so_ viel für den Professor,« rief Theobald mit einer wegwerfenden +Bewegung -- »ein Schwachkopf, der sich einbildet, von Landwirthschaft +und Poesie gleich viel zu verstehn, und wirklich gleich viel davon +versteht. Er ist ruinirt, und Eduard, der große Nimrod, hat sich auf der +Jagd todtgeschossen --« + +»Heiland der Welt,« rief Hopfgarten entsetzt aus, »das ist ja furchtbar, +und Sie erzählen das hier, als ob Sie die Leute nicht das Mindeste +angingen.« + +»Thun Sie auch nicht,« sagte Theobald ruhig -- »wenn Jemand +Verbindlichkeiten gegen den Anderen hat, so ist es der Professor gegen +_mich_; ich habe ihm meine Kräfte nicht allein, ich habe ihm auch meinen +Geist geliehen; aber die Rathschläge, die ich ihm gab, konnten ihn nur +noch eine Zeit lang über Wasser halten -- sein eignes Gewicht zog ihn in +die Tiefe.« + +»Und was ist aus ihnen geworden?« frug Hopfgarten. + +»Oh sie sind für jetzt wohl noch, so viel ich weiß, in Indiana,« sagte +Theobald, »der Professor wird jedoch jedenfalls gezwungen sein, seine +Farm zu verkaufen, weil er Schulden hat, die er nicht tilgen kann. Aber +kommen Sie, meine Herren, kommen Sie, der Brandy wird kalt.« + +Auch Eltrich suchte sich von der Einladung loszumachen, Theobald +drang aber auf das Ungestümste in sie, und da es in Amerika für eine +Beleidigung gilt, mit Jemand, von dem man eingeladen wird, nicht zu +trinken, traten die beiden Männer, um ihn nur loszuwerden, mit ihm an +den Schenktisch. + +Die Gläser waren gefüllt und Hopfgarten wie Eltrich hoben sie mit einem +höflichen Nicken gegen den jungen Mann, der mit einer hochtragischen +Bewegung, den Arm ausstreckend, rief: + +»Halt! nicht also dürfen wir, verehrte Gönner und Freunde, die edle +Gottesgabe unseren Kehlen zusenden. Der Geist verlangt Geist: + + So fließe denn dieser edle Trank, + Ein perlender Tropfen Himmelsthau, + Als Weiheopfer, als Gottes Dank, + Den schönen Augen der schönsten Frau. + Wie er zittert im Glase, wie funkelndes Blut -- + _Sie_, deren Bild uns im Herzen ruht, + Lebe hoch!« + +»Lebe hoch!« stimmte Eltrich gutmüthig mit ein, indem sie ihre Gläser +leerten. + +»Also Sie haben auch ein paar schöne Augen?« lachte der Kapellmeister, +»die Ihnen im Herzen ruhn? sollt' ich sie am Ende kennen? -- an Bord +ging einmal ein unbestimmtes Gerücht --« + +Theobald wandte den Kopf von ihm fort, und streckte den Arm abwehrend +aus: + + »Tief begraben hier drinnen da ruhet ihr Bild, + Da ruht mit dem Bild auch der Namen, + Ein düsterer Schleier decket das zu -- + _Ich_ bin zu dem Bild nur der Rahmen -- + +aber apropos« -- wandte er sich dann rascher und lebhafter plötzlich an +den Kapellmeister -- »ich habe ein paar prächtige Lieder für Sie zum +Komponiren, lieber Eltrich -- ich weiß, daß Sie in neuerer Zeit einige +Lieder von Heine und Freiligrath reizend in Musik gesetzt haben, das +sind aber natürlich nur immer gerade zufällig passende Sachen, die Sie +sich in Ermangelung eines Besseren heraussuchen mußten. In den meinigen +werden Sie _Deutschen_ Geist in Amerikanischer Hülle finden, etwas +Passendes, Zeitgemäßes, mit dem Sie, wie ich fest überzeugt bin, Ihre +Hörer entzücken können, und ich bin gern erbötig, Ihnen nicht allein +die Wahl zwischen einigen fünfzig vortrefflichen Sonetten zu gestatten, +sondern Ihnen auch das Stück der ausgewählten mit zwei Dollar zu +überlassen.« + +»Sie sind _sehr_ gütig, lieber Theobald,« sagte Eltrich, verlegen, wie +er das Anerbieten abweisen sollte, und doch auch wieder zu gutmüthig, +geradezu nein zu sagen. »Sie werden mir erlauben, daß ich die Sachen +einmal gelegentlich durchsehe, denn in der nächsten Zeit bin ich zu sehr +mit andern Sachen beschäftigt, an irgend eine Composition denken zu +können --« + +»Oh gewiß -- gewiß,« rief Theobald rasch -- »aber -- mit dem Lesen, +wissen Sie, ist es eine unangenehme Sache; ich weiß zu gut, wie ungern +Leute Manuscript lesen, und wie verschieden sich auch etwas im Manuscript +und Vortrag ausnimmt. Wie wäre es also, wenn Sie mir jetzt ein halbes +Stündchen gönnten, und ich Ihnen die Kleinigkeit --« er holte dabei ein +etwa daumenstarkes, sehr eng beschriebenes Manuscript aus der Tasche +-- »einmal hier flüchtig vorläse; es würde --« + +»Lieber Eltrich,« drängte Hopfgarten, »wir _müssen_ hinaufgehn, es wird +die höchste Zeit, wenn wir Frau Hamann noch heute Abend mit fortnehmen +wollen, und Sie wissen, ich habe _wichtige_ Sachen mit ihr zu besprechen.« + +»Sie haben recht,« rief Eltrich -- »wir müssen uns wahrhaftig heute +entschuldigen, Herr Theobald -- wenn Sie mir später das Manuscript +vielleicht einmal anvertrauen wollen, so würde ich --« + +»Ich werde mir selber das Vergnügen machen, es Ihnen in Ihrer eigenen +Wohnung vorzulesen,« sagte Theobald rasch entschlossen -- »zu welcher +Zeit trifft man Sie am Besten?« + +»Es ist jetzt _sehr_ unbestimmt,« sagte Eltrich, den ungeduldigen Winken +Hopfgartens nachgebend und seinen Hut nehmend -- »vielleicht einmal +Nachmittags -- also auf Wiedersehn, Herr Theobald --« + +»Auf Wiedersehn, lieber Kapellmeister -- auf Wiedersehn Herr von +Hopfgarten.« + +»Gott sei Dank, daß wir den schrecklichen Menschen los sind,« sagte +Hopfgarten, als sie durch den dunklen Gang, der im Hause hin zur nach +oben führenden Treppe gingen, »der wäre im Stande gewesen und hätte uns +die halbe Nacht seine faden Mondscheinergüße vorgelesen. Aber -- alle +Wetter, Eltrich -- hier ist's dunkel -- kennen Sie den Weg?« + +»Ja -- ich bin freilich nur erst einmal Abends hier oben gewesen, und da +dächt' ich, hätte eine Laterne auf der Treppe gebrannt; aber kommen Sie +nur -- hier ist das Geländer -- fassen Sie mich an -- so -- sehn Sie? +-- hier steigen wir hinauf, und nun weiß ich auch Bescheid, denn gleich +oben an der Treppe, zwei oder drei Schritt an der rechten Seite, ist die +Vorsaalthür, die zu dem alten Hamann führt.« + +»Es soll nicht besonders mit ihm gehn,« meinte Hopfgarten. + +»Ach der ist zäh,« sagte Eltrich, »der kann noch lange leben; sehn Sie, +da sind wir schon -- fallen Sie nicht wieder rückwärts hinunter, es geht +ganz häßlich steil ab. Daß die Leute hier auch keine Laterne brennen, +man könnte ja Hals und Beine dabei brechen. Hier hab' ich die Klingel!« +und den kurzen Griff fassend, zog er daran, daß die kleine Glocke +drinnen hell und klar ertönte. + +Alles todtenstill -- kein Laut antwortete. + +»Sie haben es nicht gehört -- ziehn Sie noch einmal,« sagte Hopfgarten. + +Eltrich klingelte noch einmal, stärker als vorher, und legte dann das +Ohr an die Thür, ob er nicht Schritte hören könne. + +»Hülfe!« tönte da ein wilder, markdurchschneidender Schrei zu ihm herüber +-- »Hülfe!« rief es noch einmal, aber mit schwacher, gedämpfter, doch +nichtsdestoweniger deutlicher Stimme, als ob eine Hand den rufenden Mund +zu schließen suchte. + +»Was ist das?« rief Eltrich; Hopfgarten hatte den Schrei aber ebenfalls +gehört, und ohne sich weiter zu besinnen, ohne irgend eine Frage zu +thun, oder ein Wort weiter zu verlieren, fühlte er nach der Thür, und +führte im nächsten Augenblick einen so gut gemeinten und kräftigen Tritt +gerade nach der, eben nicht übermäßig dicken Füllung, daß er diese +gleich mit dem ersten Stoß nach innen trat. Ein zweiter machte die +Bresche passirbar, und sich in wilder Hast, von Eltrich dicht gefolgt, +hindurchdrängend, fand er sich wenige Secunden später in dem inneren +Raum, den zu durchfliegen und der nächsten Stubenthür, aus der ein +Lichtstrahl drang, zuzuspringen, das Werk weiterer, nur weniger Secunden +war. + + * * * * * + +Es dämmerte, und am Ufer des Flusses gingen, nur die Fronte des einen +#square# haltend, zwei Männer in eifrigem, aber mit unterdrückter Stimme +geführten Gespräch, mit raschen Schritten auf und ab. Allem Anschein +nach erwarteten sie Jemanden, der sich ihnen auch endlich, nach einigem +Herüber- und Hinübersuchen, anschloß. + +»Nun, Jimmy, wie ist's?« frug der Eine von ihnen, Meier (der Andere war +sein Reisegefährte Pelz), den eben Gekommenen -- »wird's noch was heute +Abend?« + +»Jetzt oder nie,« flüsterte Jimmy mit leiser, ängstlicher Stimme, »denn +schon heut' Morgen war die Rede davon, daß sie den Alten am nächsten Tag +hinüberbetten wollten, wo die jungen Leute ihre Zimmer haben, damit er +dort mehr Pflege hätte; wenn das geschieht, kann kein Teufel mehr dazu.« + +»Und lohnt's wirklich?« frug Meier, noch immer mistrauisch. + +»_Lohnt's?_»wiederholte Jimmy ärgerlich -- »glaubt Ihr, daß _ich_ +meinen Hals an so eine Geschichte setzen würde, _wenn's_ nicht eben +was Außerordentliches wäre?« + +»Na, ob _Dein_ Hals das gerade ist,« brummte Meier. + +»Jetzt ist keine Zeit zu Albernheiten,« sagte aber Pelz mürrisch, »also +Ihr glaubt wirklich, daß wir mit dem einen Schlag _genug_ kriegen +können, Jimmy.« + +»Ich _glaube_ gar Nichts,« rief dieser rasch und eifrig, »ich _weiß_, +daß der Alte in dem einen kleinen, erbärmlichen Holzschrank, den er +nicht gegen einen eisernen vertauscht hat, um sich nicht in den Verdacht +zu bringen, daß er wirklich etwas Stehlenswerthes in seiner Wohnung +habe, für vielleicht hunderttausend Dollar Juwelen, Geld, Papier und +Aktien liegen hat, und mit einem einzigen Faustschlag kann man den +Deckel sprengen.« + +»Und der Alte?« + +»Ist in einer halben Stunde etwa, auf dreißig oder fünf und dreißig +Minuten allein, denn der junge Lümmel muß heute, weil ich nicht da bin, +in der Bar bleiben, und die Frau guckt nach der Kaffeekanne im Eßzimmer, +daß Niemand eine Tasse zu viel trinkt.« + +»Ich weiß nicht -- mir ist nicht recht wohl bei der Geschichte,« meinte +Meier -- »ja wenn ich selber den Grund und Boden, und die Winkel und +Schliche da kennte, wo man hinausfahren muß, wenn's Noth thut, dann wär' +mir's gerade recht; aber mich so von Jemand Anderem in ein ganz fremdes +Haus, denn in dem Theil sind wir doch noch nicht gewesen, hineinführen +zu lassen, das hat mir 'was verdammt Unbehagliches. Passirt 'was, so +drückt sich Jimmy sachte ab, und wir Andern sitzen drin.« + +»Aber ich bitt' Euch um Gottes Willen, was soll passiren?« rief Jimmy +-- »wir brauchen auf der Welt weiter Nichts zu thun, als die Treppe im +Haus hinaufzugehn; in der Tasche hab' ich den Schlüssel zur Thür -- die +schließen wir hinter uns zu, wer dann hinein will, muß klingeln, und die +Thür vom Alten, der in der Zeit mutterseelensallein ist, steht auf.« + +»Wenn's aber weiter Nichts wäre,« brummte Meier, »da hättet Du ja auch +die ganze Geschichte allein machen, und den Profit allein in die Tasche +stecken können.« + +»Das hätt' ich auch,« sagte Jimmy, halb verlegen, halb mürrisch, »aber +-- es ist mir so ein eignes, wunderliches Gefühl mit dem Alten. Mit +_einer_ Hand könnte man ihn zusammendrücken, und doch -- doch _fürcht'_ +ich mich vor ihm; sein Blick sieht Einem bis in die Kniekehlen hinunter, +und er schläft -- Ihr mögt mich auslachen, wie Ihr wollt -- mit einem +Auge offen.« + +»Vor dem Sohn fürchtest Du Dich nicht?« lachte Meier. + +»Daß ihn der gelbe Jack hole,« fluchte Jimmy -- »ich vergelte ihm die +heutige Behandlung, oder ich will im Leben keinen Brandy wieder trinken; +er soll's noch bereuen, mich auf diese Weise behandelt zu haben. Doch +jetzt kommt, denn wir haben keine Zeit mehr zu verlieren; mit dem +Schlage sieben gehen die Leute zu Tisch, und von da bis halb acht sind +wir sicher; länger keine Secunde.« + +»Und wenn Jemand, indeß wir drinnen sind, an die Thüre draußen kommt und +hinein will?« frug Meier. + +»Neben der Stube ist eine Schlafkammer,« sagte Jimmy, »und aus dieser +führt eine stets offen stehende Thür nach dem Gang hinaus, der in den +andern Theil des Hauses läuft -- aber es _kommt_ auch Niemand, zum +Donnerwetter noch einmal; und wenn auch, so wär's vielleicht der junge +Tölpel selber, und dazu seid Ihr zwei baumfeste Kerle, die dem wohl +einen Schlag über den Schädel geben können, daß er ein paar Secunden +ruhig ist. Erst einmal wieder unten auf der Straße, und in der +Menschenmenge, die dort noch auf- und niederströmt, ist eine Verfolgung +ganz unmöglich. Ja, wenn's nach zehn Uhr Abends wäre, da könnte uns eine +einzige Wachtmann-Rassel ein ganzes Viertel Nachtwächter über den Hals +ziehn.« + +Meier schien, von Pelz dabei noch heimlich bearbeitet, seine letzten +Bedenklichkeiten endlich, wenn nicht ganz überkommen, doch bei Seite +gestellt zu haben, und die drei Männer schritten jetzt raschen Ganges, +sich unterwegs das Weitere überlegend, ein Stück noch am Wasser, und +dann die Straße hinauf, die nach dem »Deutschen Vaterland« zuführte. + +Gerad um sieben kamen sie dort an; durch die mit Flaschen und Karaffen +besetzten Fenster des »Barrooms« konnten sie von außen ganz deutlich die +kleine Uhr im Innern erkennen, die drei Minuten über sieben zeigte. +Dennoch zögerten sie einen Augenblick, ganz sicher zu sein, daß sie +nicht zu früh kämen, und blieben indessen vor der Thür stehn. Daß der +junge Hamann allein in der »Bar« war, konnten sie von außen ebenfalls +deutlich erkennen; so weit stand die Sache günstig genug für sie, und +die Gäste waren jedenfalls schon drin bei Tisch. + +Zwei Männer kamen dicht an ihnen vorbei, und gingen auf die Thür des +Schenkzimmers zu; Meier und Pelz drehten sich nach ihnen um, wandten +sich aber auch fast unwillkürlich wieder ab, und schritten dem kleinen +Thorweg zu, der neben dem Schenkzimmer in das Haus führte. + +»Weißt Du, wer die Beiden waren?« flüsterte Meier Pelz zu. + +»Ja!« nickte dieser leise -- »ein paar alte Bekannte; das schadet Nichts +-- im Gegentheil, die halten den jungen Laffen da drin um so sicherer an +der Flasche fest, und in zehn Minuten können wir wieder unten sein.« + +Jimmy führte sie indessen, ohne weiter ein Wort mit ihnen zu wechseln, +rasch die schmale, hölzerne Treppe hinauf, an der oben ein Licht +brannte; an diesem zündete Pelz, wie schon vorher verabredet, seine +eigene kleine Blendlaterne an, und bließ es dann aus, und oben wollten +sie ihren Weg wieder fortsetzen, als sie leichte Schritte auf dem Gange +hörten und einen fremden Lichtschimmer bemerkten, der diesen herunter +und auf dieselbe Thür zukam, in der auch _ihr_ Ziel lag. + +»Höll und Teufel,« flüsterte Jimmy leise und ingrimmig vor sich hin +-- »das ist die Madame -- was zum Donnerwetter hat denn _die_ heute +Abend bei dem Alten zu suchen? -- Ruhig Leute, wir müssen hier einen +Augenblick warten; sie wird nicht lange bleiben.« + +Es war Hedwig, die mit dem Licht den schmalen Gang herüber kam, nach dem +Kranken zu sehn; sie öffnete mit einem Schlüssel, den sie bei sich trug, +die Thür, und sah sich dabei nach der ausgegangenen Lampe an der Treppe +um, unter der die drei Schurken kauerten, betrat jedoch, ohne diese zu +entzünden, den Vorsaal, und klinkte die Thür nur einfach hinter sich +in's Schloß. + +»So, jetzt sitzen wir hier auf der Treppe,« brummte Meier finster vor +sich hin, »und wenn Jemand heraufkömmt, findet er das ganze Nest.« + +»Das wär' weiter keine _Gefahr_,« flüsterte Jimmy zurück, »wir gingen +nur einfach die Treppe hinunter und kein Teufel wüßte in der Dunkelheit, +wer's gewesen ist.« + +»Und das Geld?« frug Pelz. + +»Wäre dann allerdings zum Henker,« fluchte Jimmy zwischen den +zusammengebissenen Zähnen durch, indem er wieder anfing, seine Finger +zu knacken. + +»Was zum Teufel machst du denn da?« rief ihn mit unterdrückter, doch +zorniger Stimme Meier dabei an, »willst Du das verdammte Knacken lassen, +das hört man ja durch's ganze Haus; das fehlte auch noch, daß wir Dich +als Sturmglocke dabei hätten. Übrigens seh' ich nicht ein, weshalb wir +zögern,« setzte er rasch hinzu, »ob die Madame da drin ist oder nicht, +wenn wir's mit weiter Niemand als dem Alten zu thun haben. Wir sind +unserer drei, und mit einer solchen Aussicht vor uns, daß _wir_ künftig +von unseren Interessen leben können und eben nur zuzulangen brauchen, +sollte uns _das_ wenigstens nicht abhalten.« + +»Nur um Gottes Willen kein Blut vergießen,« bat Jimmy, ängstlich werdend +-- »Ihr habt mir das schon vorher versprochen, denn _da_mit möchte ich +Nichts zu thun haben.« + +»Unsinn,« brummte Meier, »wer spricht denn davon? wir verlangen von +denen da drinnen weiter Nichts, als daß sie ein paar Minuten das Maul +halten, und dazu können wir sie schon bringen, ohne ihnen gleich den +Hals abzuschneiden.« + +»Wenn wir nur noch einen Moment warten,« ermahnte Jimmy noch einmal; +»sie _muß_ gleich wieder zurückkommen.« + +Die beiden Männer erwiederten Nichts darauf, sondern kauerten eine ganze +Weile, dem Rathe folgsam, auf der Treppe, gleich vorsichtig dabei nach +oben wie unten horchend, ob sich kein gefährliches Geräusch irgendwo +vernehmen lasse. Es blieb todtenstill, denn im Haus war Alles im +Eßzimmer versammelt, die Frau kam aber eben so wenig zurück, und Jimmy +selbst fühlte jetzt, daß es die höchste Zeit würde, ihr Vorhaben +auszuführen, wenn sie nicht die günstige Periode des Abendessens, und +damit Alles versäumen wollten. So als Pelz endlich erklärte, wenn Sie +nun nicht an's Werk gingen, wolle _er_ mit der Sache nichts weiter zu +thun haben, da er hier auf der Treppe nervös würde, stand er langsam +auf, bat die Männer noch einmal sich jeder Gewaltthätigkeit zu +enthalten, und stieg langsam, von ihnen dicht gefolgt, die wenigen +Stufen noch hinauf. + +Ihrem verabredeten Plane nach sollten sie, was sie auch jetzt thaten, so +geräuschlos als möglich die Vorsaalthür öffnen und mit dem Schlüssel, +den Jimmy bei sich führte, wieder hinter sich schließen, dann über den +Vorsaal schleichen, wo sie hatten vorsichtig an der Thür des Alten +anklopfen wollen, erst zu sehn ob dieser wache. Da aber das Erscheinen +der Frau diesen Angriffsplan jetzt geändert hatte, glitten sie nur, so +leise sie konnten, über den kleinen, dunklen, schmalen Vorplatz hin, +wobei ihnen Pelzes Blendlaterne leuchtete, Jimmy ergriff dann die +Thürklinke, und diese rasch und plötzlich öffnend, sprangen alle drei zu +gleicher Zeit, und ehe die im inneren Raum Befindlichen auch wirklich +nur einen Schrei der Überraschung ausstoßen konnten, auf sie zu. Pelz +warf sich dabei auf den Alten, der neben seinem Bett auf einem großen +Stuhle saß, während Meier Hedwig ergriff, sie an der Kehle faßte und ihr +mit augenblicklichem Tode drohte, wenn sie auch nur einen Laut von sich +gebe. + +Nicht so leichtes Spiel sollte Pelz haben, denn der alte Geizhals, stets +in Furcht bestohlen zu werden, hatte, ohne daß selbst Jimmy etwas davon +wußte, fortwährend ein paar geladene Pistolen neben sich auf demselben +Tisch, auf dem seine Arznei stand, mit einem seidenen Tuch bedeckt +liegen, und fast instinktartig nach diesen in demselben Moment +gegriffen, als er die Thüre seines Zimmers so plötzlich aufreißen sah. +Spannen und Abdrücken war auch wirklich nur das Werk eines einzigen +Augenblicks, und um Pelz wäre es, außer dem gefährlichen Knall des +Gewehres für die beiden Anderen, jedenfalls geschehen gewesen, hätte +die Pistole, die da schon Gott weiß wie lange geladen lag, nicht +versagt. Der alte Gauner erschrak aber doch nicht wenig über die +nahe Todesgefahr, und als Hamann, den Anspringenden mit dem linken +ausgestreckten Arm noch von sich drückend, nach der zweiten Waffe griff, +führte er mit einem ingrimmigen Fluch und einer in der Hand verborgenen +Kugel einen so gut gemeinten Schlag nach ihm, daß er ihn besinnungslos +zu Boden streckte. + +Jimmy indessen sprang, ohne sich weiter um die Übrigen zu bekümmern, +die er in guten Händen wußte, mit einem Satz nach dem alten hölzernen +Secretair, in dem des Wirthes Schätze lagen. Mit einem Stemmeisen, das +er bei sich führte, brach er diesen auch rasch und ohne Mühe auf, und +leerte den Inhalt der Gefache in einen zu dem Zweck mitgenommenen +Leinwandsack. + +Hedwig sah das Alles, wie in einer Art wachen Traumes; sie fühlte dabei, +wie die Hand des Mörders, dessen Gesicht sie trotzdem erkannte, auf ihr +lag, und vermochte keinen Laut auszustoßen, hätte sie der Bube selbst +frei und unberührt gelassen. Jimmy arbeitete indessen mit einer +fabelhaften Geschäftigkeit, und Pelz, der ihm der Sorge um den Alten +enthoben dabei half, schob in die eigenen Taschen, was er hineinbringen +konnte, als plötzlich draußen, scharf und hell, die kleine Klingel an +der Vorsaalthür ertönte. + +Wie ein Schlag fuhr der klare durchdringende Laut in aller Glieder +-- die Räuber schreckten, aufhorchend, empor, und selbst Meier ließ in +seinem Griff an Hedwig -- nur erst zu wissen, welcher Art die Gefahr +sei, die ihnen drohe, etwas nach. Hedwig aber, der dieser Laut wie neues +Leben durch die Adern schoß, warf mit plötzlicher Anstrengung den Arm, +dessen Finger ihre Kehle umspannt hielten, zurück, und stieß, unbekümmert +um jede Gefahr, die ihr selber drohen konnte, jenen wilden gellenden +Hülferuf aus. + +»Bestie!« knirrschte Meier zwischen den Zähnen durch, und suchte mit +seiner breiten Hand, der sie sich umsonst erwehrte, ihren Mund zu +decken. + +»Hülfe!« stöhnte Hedwig, und draußen brach und prasselte in dem +Augenblick die dünne Thür zusammen. + +»Herr Du mein Gott!« schrie Jimmy, in aller Angst den Leinwandsack +fallen lassend und nach der Kammerthür fahrend. Hier aber mußte er an +Meier vorbei, und dieser, der nicht gesonnen war allein in dem fremden +Haus im Stich gelassen zu werden, faßte ihn und hielt ihn, während Pelz +an den Beiden vorüberglitt und in die Kammerthür verschwand, am Kragen +fest. -- + +»Nicht ohne mich, Kamerad.« knurrte er dabei, »den Weg mußt Du mir +wenigstens zeigen, und daß _Du_ hier, mein Täubchen, uns nicht indessen +vor der Zeit das ganze Haus über den Hals schreist, nimm _das_ indessen,« +und sie loslassend führte er, während er sprach, einen gewiß gut +gemeinten Schlag mit der Faust nach der Stirn der jungen Frau, der +dieser wahrscheinlich verderblich geworden wäre, wenn sie nicht, die +Gefahr sehend, ihren Kopf unter seinen linken Arm geworfen, und sich +fest an ihn angeklammert hätte. + +»Hülfe, Hülfe!« schallte dabei ihr gellender Schrei, jetzt um das eigene +Leben ringend und Jimmy, den Moment benutzend, riß sich von Meiers Griff +los, und sprang ebenfalls in die Kammer, während dieser indeß umsonst +versuchte die Frau von sich abzuschütteln oder in den Schwung seines, +nach ihr schlagenden Arms zu bringen. Hedwig, ihre schwachen Kräfte zu +wilder verzweifelter Anstrengung getrieben, hielt ihn fest umklammert, +und Meier, endlich selbst zum Äußersten gebracht, riß ein Messer aus +seinen Gürtel, als die Stubenthür auf- und Hopfgarten in demselben +Moment auch in gänzlicher Verachtung der eben so rasch auf ihn +gerichteten Waffe, gegen den Mörder anflog. + +Mit dem linken Arm den nach ihm geführten Stoß, so gut das im Augenblick +ging, abwehrend, warf er sich mit dem ganzen Gewicht seines Körpers +so voll und gut gewillt gegen ihn, daß er den sonst viel stärkeren, +jetzt aber auch noch durch die Frau behinderten Mann zum Taumeln +brachte, und Meier fand sich, wenige Secunden später unter den ihn fest +niederhaltenden Armen Hopfgartens und Eltrichs, die er jedoch Beide mit +seinem Messer verwundet hatte, am Boden liegen, während aus dem ganzen +Haus schon die Leute, durch das Geschrei aufmerksam gemacht, herbei und +zur Hülfe strömten. + +»Hopfgarten,« stöhnte indeß der Räuber, in der Anstrengung seine Arme +wenigstens frei zu bekommen, und mit der Angst jetzt vor der gerechten +Strafe, »lassen Sie mich los -- ich -- ich weiß, wen Sie suchen -- ich +weiß -- ich weiß wo er steckt. Henkel ist hier in der Stadt -- aber +-- heut Abend noch oder morgen früh geht er fort von hier -- lassen +Sie mich frei, und ich sage Ihnen, wo Sie ihn finden können!« + +»Alle Wetter!« rief Hopfgarten überrascht, »da könnte man einen Wolf mit +dem andern fangen.« + +»Glauben Sie doch nicht was der Schurke sagt,« rief aber Eltrich, der +das warme Blut an seiner Schulter niederrieseln fühlte, »der Bursche ist +zum Galgen reif -- Hülfe -- Hülfe hierher.« + +Der Ruf galt einer neuen, verzweifelten Anstrengung des Räubers, aber +die Hinterthür, die in die Schlafkammer führte, und _nicht_ verschlossen +gewesen war, wurde in diesem Augenblick von den herbeistürmenden +Boarders, mit dem jungen Hamann an der Spitze, gesprengt, während von +der Straße herauf ebenfalls die Leute herbeisprangen. Wenige Minuten +später war das Zimmer mit Menschen gefüllt, und Hopfgarten und Eltrich, +den Gefangenen der Masse überlassend, konnten jetzt daran denken das +wild umhergestreute und gefährdete Eigenthum des alten Mannes in +Sicherheit zu bringen. Die indessen ohnmächtig gewordene Frau sahen sie +in dem Schutz ihres Gatten, und den noch immer am Boden ausgestreckten +alten Mann hatten unter der Zeit ein paar Nachbarn aufgehoben und auf +sein Bett getragen. + +Unter den Fremden waren übrigens auch zwei Constabler mitgekommen, +die sich als solche zu erkennen gaben, und Meier vor allen Dingen in +Gewahrsam nahmen. Andere, die von unten heraufkamen, hatten eine dunkle +Gestalt zum Haus hinauslaufen sehen, und Einige unter dem, nach dem Hof +zuführenden Kammerfenster eine goldene Uhr gefunden, die der Räuber dort +wahrscheinlich, nach einem verzweifelten, aber glücklich abgelaufenen +Sprung aus dem Fenster, verloren haben mußte. + +Nur erst als sich Hedwig, unter den zärtlichen Bemühungen ihres Gatten +wieder soweit erholte sprechen zu können, erfuhren sie, daß drei Männer: +der Gefangene, ein früherer Reisegefährte Pelz, und ihr heute +fortgeschickter Barkeeper, die Räuber gewesen seien. Hopfgarten, der +sich indessen mit dem alten Mann beschäftigt hatte, fand in diesem +Augenblick die Wunde an seinem Kopfe, und konnte nun keinen Augenblick +mehr zweifeln, daß er _todt_ sei. + +Die Verwirrung, die jetzt folgte, ist kaum zu beschreiben, Alles schrie +und drängte durcheinander, und Meier, mit auf dem Rücken festgeschnürten +Ellbogen konnte nur wirklich durch die Constabler vor der Wuth der +Bürger geschützt werden, die große Lust hatten, ihn gleich an Ort und +Stelle, als warnendes Beispiel aus dem Fenster hinauszuhängen. + +Jimmy mußte übrigens, da die wider Erwarten sehr starke Kammerthür +verschlossen gewesen, und erst von den zur Hülfe Eilenden durch +gemeinsames Dagegenwerfen gesprengt war, jedenfalls mit seinem anderen +Kameraden, Pelz, aus dem Fenster in den Hof hinunter entkommen sein, +denn aus der Thür hatte er nicht entziehen können. Die Constabler +kannten ihn aber, und versprachen dem jungen Hamann ihr Möglichstes +zu thun, ihm die Flucht aus der Stadt abzuschneiden, und ihn in den +unzähligen Diebeswinkeln, die New-Orleans hat, herauszustöbern. + +Der Gebundene sollte jetzt abgeführt werden, und Hopfgarten, die +erhaltene Wunde im Oberarm, durch dessen dickes Fleisch das Messer +gefahren war, gar nicht achtend, suchte ihn dahin zu bringen, ihm +Näheres über den Aufenthalt Henkels, von dem er behauptet, daß er darum +wisse, mitzutheilen. + +»Geht zum Teufel,« knurrte ihn aber der Gefangene an, »macht mit mir was +Ihr wollt, Ihr _habt_ mich einmal, doch verlangt dann nicht auch noch +_Gefälligkeiten_ von mir. Vorhin war's Zeit; wenn Sie nicht holzköpfig +gewesen wären, wüßten Sie jetzt was Sie wollen; nun könnt Ihr mir aber +die Zunge aus dem Halse reißen, ehe ich eine von Eueren Fragen +beantworte. Hole Euch Alle der Henker.« + +»Der wird Dich zeitig genug bekommen, mein Bursche,« sagte der eine +Constabler, ein Deutscher, indem er ihn vor sich her stieß. »Fort mit +Dir; was aus Dir herauszukriegen ist, werden wir schon kriegen, hab' +keine Furcht; mit solcher Art wissen wir schon umzugehen. Herr Hamann, +Sie werden gut thun sich die Zeugen, die Sie brauchen, zu notiren, daß +man sie finden kann; der Coroner mit dem Arzt wird wohl auch nicht lange +auf sich warten lassen. Einer von unseren Leuten mag indessen noch vor +der Hand unten im Haus bleiben, vielleicht ist doch noch etwas von Einem +der andern beiden Burschen aufzufinden. Jedenfalls müssen wir uns genau +überzeugen, wo die Herren heraufgekommen sind, und mit welcher Hülfe, +und ob sie nicht im Haus noch andere Helfershelfer haben.« + +Der Gefangene wurde jetzt fortgeführt, der Platz von den Fremden geräumt, +und Hamann, der Hopfgarten und Eltrich bat, ihn nur jetzt nicht zu +verlassen und bei ihm und seiner Frau zu bleiben, machte dann mit dem +rasch herbeigerufenen Arzt, der nachher auch die beiden Freunde zu +verbinden hatte, den freilich vergeblichen Versuch, seinen Vater in's +Leben zurückzurufen. Der Schlag mit der Schlingkugel, die noch in der +Stube auf dem Boden lag, hatte dem alten Mann den Schädel eingeschlagen +und augenblicklichen Tod herbeigeführt. + +Im Hof, wo die beiden anderen Verbrecher aus dem etwa sechzehn Fuß hohen +Fenster hinuntergesprungen sein mußten, war indessen auch nichts weiter +zu erkennen. Das Fenster stand offen, und ließ, mit der unten gefundenen +goldenen Uhr allerdings keinen Zweifel über die Art der Flucht; obgleich +aber der Hof nicht gepflastert, und der Boden ziemlich weich war, hatten +doch die seit der Zeit darauf herumgeschwärmten Menschen Alles derart +zertreten, daß es sich nicht mehr unterscheiden ließ wohin sich die +Beiden gewandt. Das Wahrscheinlichste blieb übrigens, daß sie durch den +schmalen Gang auf die Straße geflohen wären, und eine Verfolgung war +dorthin nicht mehr möglich. Nur um die nächste Ecke, und die Räuber +konnten in dem Menschengedränge der Straße ihren Weg ruhig und +unbeachtet fortsetzen. + +Der junge Hamann hatte indessen seine arme kleine Frau, deren zarte +Glieder der rauhen Behandlung des Buben fast erlegen waren, auf ihr +Zimmer gebracht, und sie dort der Pflege von ein paar im Hause wohnenden +Frauen, die sich freundlich dazu erboten, übergeben, wonach er wieder zu +dem Todtenbette seines Vaters zurückkehrte, und jetzt auch die beiden +Freunde bat, ernstlich nach ihren Wunden zu sehn, daß sich dieselben +nicht durch Vernachlässigung verschlimmerten. In der Aufregung aber, in +der noch Beide waren, dachten sie kaum an die Fleischrisse, ließen sich +jedoch von dem Arzt einen Verband darum legen und suchten dann wieder +den Sohn über den ihn betroffenen Verlust zu trösten. + +Der junge Hamann, mit der ersten wilden und aufreizenden Erregung +vorüber, saß, in sich zusammengeknickt, in der kleinen Kammer neben dem +Bett, auf dem der Ermordete lag, und starrte mit fest und krampfhaft auf +den Knieen zusammengefalteten Händen still und schweigend vor sich +nieder. + +»Lieber Herr Hamann,« sagte Hopfgarten, freundlich auf ihn zutretend +und seine Hand ergreifend, »geben Sie sich Ihrem Schmerze nicht also hin. +Es ist ein trauriges Geschick was Sie betroffen hat, aber es war Gottes +Wille, ohne den kein Sperling vom Dache fällt. Ich will Sie nicht etwa +trösten,« setzte er freundlich und teilnehmend hinzu, »Ihr Schmerz muß +sein Recht und seine Zeit haben -- ich weiß das gut genug, und gerade +die Zeit allein kann ihn lindern, zuletzt heilen -- aber man muß ihm +auch nicht in dem ersten Moment so ganz die Gewalt über sich lassen, +denn gerade dann ist er am gefährlichen, und füllt uns das ohnedieß +genug gequälte Herz mit bitterer Angst und Weh zum Überlaufen voll.« + +»Mein armer, armer Vater,« stöhnte Franz, »und auf so schmähliche, +schändliche Weise um sein Leben zu kommen, das ihm überdieß nur noch in +Spannen zugemessen war.« -- + +»Nun hoffentlich entgehen die Buben der gerechten Strafe nicht,« sagte +Eltrich; »der deutsche Constabler hatte alle Hoffnung Ihren sauberen +Barkeeper wenigstens abzufangen. Er behauptete die Schlupfwinkel genau +zu kennen, die jener frequentirt, und wir haben ihm auf die Seele +gebunden, kein Geld zu sparen, den Schurken aufzufinden, ehe er +vielleicht im Stande wäre New-Orleans zu verlassen.« + +Eine eigen, wunderliches Geräusch schallte in diesem Augenblick durch +das stille Zimmer, und Franz fuhr, wie von einem Blitz getroffen, von +seinem Stuhle auf. + +»Was haben Sie? -- was ist?« frug ihn Hopfgarten erstaunt. + +»Hörten Sie Nichts?« flüsterte Franz, mit geöffnetem Mund und +ausgerecktem Arm, ein regungsloses Bild der gespanntesten +Aufmerksamkeit. + +»Hörten? -- _was_?« rief Hopfgarten, sich ebenes überall in dem leeren +Raume umschauend. + +»Es war beinah, als ob Jemand mit den Fingern schnalzte,« sagte Eltrich. + +»Das war Jimmy!« schrie aber Franz, wild auffahrend, »ich will nicht +selig werden, wenn das nicht das Fingerknacken des Buben war. An die +Thüren, Herr von Hopfgarten -- um des Heilands Willen an die Thüren +-- der Bube ist hier noch im Zimmer versteckt!« + +»Aber wo?« rief dieser, den jungen Mann erstaunt ansehend. + +»Haben Sie dort in dem Kleiderschrank? -- haben Sie hier unter dem Bette +nachgesehn?« + +»Aber ich bitte Sie um Gottes Willen.« + +»Er ist hier, ich schwöre es Ihnen zu,« rief aber Franz, »ich kenne das +unselige Knacken, durch das sich der Bube jetzt verrathen hat,« und das +Licht vom Tisch aufgreifend, hatte er es kaum an die Erde gehalten, +unter das Bett zu leuchten, auf dem der Ermordete lag, als auch die +klägliche Stimme des dort versteckten, und also ertappten Barkeepers +jedem weiteren Zweifel der Männer ein Ende machte. + +»Ach mein bester, bester Herr Hamann,« flehte dieser mit winselnder, +kläglicher Stimme, »ich bitte Sie doch um tausend und tausend +Barmherzigkeits Willen, haben Sie Erbarmen mit einem unglücklichen, +verführten, zu Grunde gerichteten Menschen -- oh Jesus, oh Jesus, thun +Sie mir Nichts -- ich will ja vorkommen, ich will ja Alles gestehn, +Alles was ich weiß -- Alles herausgeben was ich habe -- thun Sie mir +nur Nichts.« + +»Giebt es etwas Erbärmlicheres auf der weiten Welt als _diesen_ +Menschen?« rief Franz, das Licht auf den Tisch zurückstellend, und mit +zusammengeschlagenen Armen jetzt, wo er seines Opfers gewiß war, ein +paar Schritte von dem Bette zurücktretend, dem Elenden Raum zu geben +vorzukommen. + +»So 'was ist mir aber in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen!« +rief Hopfgarten erstaunt aus, »der Mensch verdiente wahrhaftig allein +seiner Dummheit wegen begnadigt zu werden.« + +»Ach bester Herr, bitten Sie -- bitten Sie für mich!« schrie Jimmy, der +jetzt rasch vorgekrochen war, sich an das Wort klammernd, indem er gegen +Hopfgarten an auf den Knieen fortrutschte, und die Hände verzweifelnd +rang. »Ja ich _bin_ zu dumm, ich bin zu entsetzlich dumm, und habe mich +ja allein verführen lassen zu dem schlechten, nichtsnutzigen Streich +-- o Gnade, Gnade, Barmherzigkeit.« + +Hopfgarten, ohne alle Antwort, deutete nur auf die Leiche hin, und +Jimmy, der mit scheuem Blick der Richtung des Armes folgte, sah kaum +die furchtbare Lösung der Bewegung, als er auch mit einem wilden +Aufschrei des Entsetzens, »Herr Jesus -- mein Herr Jesus,« nach dem Bette +zufliegen wollte; Franz aber faßte ihn am Kragen und schleuderte ihn mit +unwiderstehlicher Kraft davon ab. + +»Zurück von da!« zürnte er dem winselnd Niederbrechenden zu, »feiger, +erbärmlicher Mörder -- rühre die Leiche nicht an!« + +»Ach Herr Hamann, Herr Hamann, ich bin unschuldig, ich bin unschuldig.« +schrie aber Jimmy, »ich bin ein Dieb, ein nichtsnutziger, erbärmlicher, +gemeiner Dieb, Herr Hamann, aber kein Mörder -- bei Allem was mir und +Ihnen heilig ist, schwöre ich es Ihnen zu, ich bin unschuldig an dem +Blut, ich weiß Nichts davon, ja Pelz und Meier haben es mir hoch und +theuer versprechen müssen, kein Blut zu vergießen.« + +Hopfgarten, der die Zerknirschung des Burschen zu benutzen wünschte, +forderte ihn jetzt auf Alles zu erzählen von Anfang an, wie es gekommen +und geschehn, und Jimmy, der mit der Leiche vor sich, eine furchtbare +Angst über sich kommen fühlte, beichtete mit gefalteten Händen, und nur +von einzelnen Ausrufungen um Erbarmen und Gnade unterbrochen, Alles +was er wußte, von dem Augenblick an, wo er sich mit seinen beiden +Helfershelfern besprochen, bis wo sie auf der Treppe Hedwig hatten in +das Zimmer gehn sehn, und in der Besorgniß, die Zeit nicht zu versäumen, +eingebrochen waren. Was in dem Zimmer selber geschehen sei, davon wollte +er keine Sylbe wissen, und schwur und winselte wieder, bei Allem was er +über und unter der Erde zu schwören fand -- und er sprach dießmal die +Wahrheit -- daß er nur Hals über Kopf gesucht habe Schmuck und Geld, was +in dem Secretair gelegen, in seinen Leinwandsack hineinzupacken. Pelz +und Meier hätten es übernommen gehabt, die beiden im Zimmer +befindlichen Personen indessen ruhig zu halten. + +Der junge Hamann bat jetzt Herrn Eltrich um die Gefälligkeit, den +Constabler heraufzuholen, indeß sie Beide den Burschen bewachen wollten; +Jimmy hörte aber kaum das für ihn furchtbare Wort, als er sich wieder +vor Franz auf die Erde warf, seine Knie umfaßte und um Gottes Willen +bat, ihn nur dieß eine Mal den Gerichten nicht zu übergeben; er wolle +»so 'was« ja in seinem ganzen Leben nicht wieder thun, und Alles +herausgeben, was er schon in seinem Koffer habe, ja für Herrn Hamann +arbeiten von früh bis spät, um Nichts wie die Kost -- _nur_ keinen +Constabler. Der junge Mann mußte sich mit Gewalt von dem Burschen frei +machen, und Eltrich fing schon fast an Mitleid mit ihm zu fühlen, aber +ein Blick auf die Leiche zerstörte das bald wieder, und seinen Hut +aufgreifend, verließ er rasch das Zimmer, den verlangten Constabler +herbeizubringen, der wenige Minuten später den zitternden, weinenden +Jimmy in Empfang nahm, und mit sich fortführte. + + + + +Capitel 8. + +Die Überraschung. + + +Hopfgarten verbrachte in körperlicher wie geistiger Hinsicht eine +peinliche Nacht. Die Wunde, so wenig gefährlich sie auch sein mochte, +war doch durch das ganze Fleisch des Oberarmes gedrungen, und schmerzte +ihn sehr, und dabei quälte ihn der Gedanke, den der Gefangene in ihm +wach gerufen, daß Henkel oder Soldegg, wie der Schuft nun auch hieß, +hier in New-Orleans und zwar im Begriff sein solle wieder abzureisen. +Zwar stellte er sich selber wieder und wieder vor, daß jenes Versprechen +des ertappten Räubers eben nur eine wilde leere Ausflucht gewesen sei, +Rettung zu finden vor dem Arm des Gerichts, und daß jener Meier so wenig +von Soldeggs Aufenthalt wisse, wie er selber. Und doch auch wieder +hatte eben die _Möglichkeit_ der Sache auch etwas Wahrscheinliches, daß +derartiges Gesindel, mochte es nun im gesellschaftlichen Leben stehen +auf welcher Stufe es wolle, wenn einmal im Verbrechen erst so weit +gediehen, auch gegenseitig Kenntniß von einander habe, und die +verschiedenen Schlupfwinkel und Wege kenne. + +Und wie nun, wenn jener schurkische Soldegg, den zu fassen und +unschädlich zu machen, hauptsächlich aber das Band zu lösen, das sein +unglückliches Weib noch an ihn fesselte, er allein zum zweiten Mal nach +Amerika gekommen, jetzt hier fast in Arms Bereich von ihm war, und ihm +vielleicht mit nächstem Morgen wieder hinaus in alle Weite entfloh? +-- wie dann, wenn jener Meier wirklich recht gehabt, und er nun auf den +zahllosen Dampf- und Segelschiffen, Fähren und Booten, die New-Orleans +von Tagesanbruch bis in die späte Nacht verließen, umsonst umherrannte +den Verbrecher zu finden. Und einmal entschlüpft, konnten dann nicht +Jahrelang dazu gehören, bis er wieder zufällig mit ihm zusammentraf? +-- ja war es nicht sogar möglich, daß der Bursche, müde der Gefahr, in +den Staaten doch einmal gefangen zu werden, mit seinem Raube hinüber +nach Frankreich oder England, oder hinunter nach Texas oder Mexico ging? + +Der Kopf wirbelte ihm von all dem Denken und Sinnen, und als er endlich +in einen wilden, unruhigen, fieberhaften Schlummer fiel, quälten ihn +tolle Träume noch mehr, als selbst das wachende Nachdenken es gethan. +Da fand er den Betrüger, wohin er trat, und überall äffte ihn die, +ihm unter den Händen wegschwindende Gestalt; zu Pferd wollte er ihn +verfolgen, und der Sattel rutschte ab -- das Pferd stürzte, riß sich +wieder auf und kam in Moorboden, in dem es stecken blieb; schießen +wollte er nach ihm, und sein Gewehr war nicht in Ordnung -- der Pfropfen +ging nicht in den Lauf hinunter, die Zündhütchen glitten ihm durch +die Finger, und als er endlich geladen hatte, versagte das Gewehr; zu +Schiff wollte er ihn verfolgen, und das flüchtige Dampfboot brauste und +schnaubte hinter dem kleinen Kahn her, in dem sich der Bube zu retten +suchte, da plötzlich rannten sie auf eine Sandbank; das Dampfboot saß +fest, peitschte vergebens mit seinen Rädern die schäumende Fluth und in +weiter Ferne verlor er den Kahn, der den hohnlachenden Verbrecher trug, +aus den Augen -- zu Wagen war er hinter ihm drein und die Stränge +rissen, ein Rad brach, die Pferde stürzten -- sie kamen nicht von der +Stelle, und vor sich -- immer dicht vor sich mußte er das Hohnlachen des +Buben hören. + +In Schweiß gebadet, und an allen Gliedern wie zerschlagen, wachte er +endlich mit Tagesgrauen etwa auf, und verließ, wenngleich ihm der linke +Arm arg geschwollen war und sehr weh that, doch augenblicklich sein Lager, +wusch sich und zog sich an und schrieb dann, trotz seiner Aufregung +und seinen körperlichen Schmerzen, einige Zeilen an den Professor +Lobenstein, in denen er ihm seine Rückkunft von Deutschland meldete und +ihn bat, sich, wenn er ihm in _irgend etwas_ dienen könne, ohne Rückhalt +und vertrauungsvoll an ihn zu wenden. Den Brief übrigens behielt er noch +in seiner Brieftasche, erst den heutigen Tag und seinen Erfolg +abzuwarten, um seine Adresse sicher angeben zu können. + +Die Sonne war indessen aufgegangen und er eilte jetzt, nach rasch +eingenommenem Frühstück, an die Dampfbootlandung hinunter, die dort +liegenden Boote zu besuchen und ihre Passagiere zu revidiren. Vergebens +aber kletterte er an Bord aller der Dampfer, deren Schornsteine rauchten, +in Cajüte wie Zwischendeck herum, kein bekanntes Gesicht traf er an, +und ob er sich gleich die Mühe nicht verdrießen ließ und _sämmtliche_ +Privat-Cajütenthüren, eine nach der anderen, öffnete und hineinsah, fand +er doch nicht den Gesuchten. + +Ein Paketschiff nach Liverpool lag zum Auslaufen fertig; er ging an Bord +-- von Soldegg keine Spur, und Ledermann, den er abgeholt, und der den +besonderen Auftrag bekommen hatte, die Fährboote zu überwachen, schien +eben so erfolglos gesucht zu haben. Meier hatte jedenfalls nur die Lüge +rasch ersonnen, seine eigene Haut in Sicherheit zu bringen. + +Um elf Uhr sollte nach Verabredung Ledermann, der von dem Staatsanwalt +einen neuen Verhaftsbefehl gegen den Verbrecher bekommen, Hopfgarten +wieder an der Dampfbootladung treffen, das Weitere dort zu berathen, und +dieser schoß indessen in fieberhafter Aufregung, mit dem schmerzenden +Arm in der Binde, hin und her an der Landung, nur erst einmal, und immer +vergebens, eine Spur des Gesuchten zu finden. + +Über den Strom herüber von »Algier,« dem andern Ufer, kam ein großer +Dampfer herüber und legte an der Landung an. Vorn am Boilerdeck trug er +wie gewöhnlich ein kleines Schild, das unter dem Namen den Ort seiner +Bestimmung und die Stunde der Abfahrt anzeigte. Es war der: + + _CHIKASAW_ + für Little Rock. + Abfahrt _zehn_ Uhr! + +Der Chikasaw hatte in Algier Fracht für Arkansas eingenommen und jetzt +an der New-Orleans-Landung noch einmal angelegt, etwaige Passagiere für +Arkansas, oder die dazwischenliegenden Plätze, die schon durch die +Zeitungen darauf aufmerksam gemacht waren, an Bord zu nehmen. Die Glocke +läutete dabei, rasche Abfahrt kündend, und der Rauch wirbelte dick und +schwarz in die reine klare Luft hinauf. + +»_Nach Little Rock!_« -- Hopfgarten gab es ordentlich einen Stich +durch's Herz, als er den Namen las. Wenn Soldegg wirklich heute +beabsichtigte, New-Orleans zu verlassen, so war Nichts wahrscheinlicher, +als daß er wieder nach dem Westen gehen würde. Jedenfalls lag hier die +Möglichkeit, ihn zu finden, und sich den Hut tief in die Stirn ziehend, +daß an Bord, oben von der Cajüte aus, Niemand sein Gesicht erkennen +konnte, schritt er rasch über die schmale Planke an Deck und stieg auf +das Boilerdeck hinauf, die dort versammelten Passagiere zu mustern. + +Henkel war nicht unter ihnen, aber noch die Möglichkeit nicht +ausgeschlossen, daß er vielleicht eben nur die wirkliche Abfahrt des +Bootes erwarten würde, an Bord zu gehn, und Hopfgarten beschloß, +jedenfalls, bis die Planken eingezogen würden, in der Cajüte zu bleiben. + +Unruhig hier auf- und abgehend, hielt er sich fortwährend in der Nähe +des Boilerdecks, von wo aus er einen freien Blick über die Levée und +Landung hatte, und besonders die Planke des Bootes selber im Auge +behielt, ohne selber auffallend sichtbar zu sein. Es konnte dieses +Niemand, ungesehn von ihm, betreten. + +Eine Menge Passagiere kamen, als die Glocke zum zweiten Mal läutete, +heran; Männer mit Koffern auf den Schultern und Hutschachteln in der +Hand, oder Reisesäcken unter dem Arm, Auswanderer von Deutschland, ihre +schweren, riesigen, hölzernen, buntbemalten Koffer zu zweien im Schweiß +ihres Angesichts, und in der Furcht zurückgelassen zu werden, über die +Levée schleifend -- die Frauen Kinder auf Rücken und Armen. Auch ein +Transport Altenburger Bauern, in ihrer Nationaltracht, schritt herunter +zum Boot, sich nach dem fernen Westen einzuschiffen, und die Amerikaner, +die fast alle Trachten der Welt zu sehn bekommen, und sich um keine groß +bekümmern, blieben stehn, sahen den Leuten nach, und lachten über die +wunderliche Kleidung. + +Jetzt kam ein ganzer Trupp braun gekleideter Männer, mit breiträndigen +Hüten und weißen Halsbinden, von zwei Güterkarren begleitet, die +ihr Gepäck führten, die Levée nieder und auf das Boot zu. Es waren +jedenfalls Geistliche, und Hopfgarten wandte sich an den neben ihm +stehenden Clerk oder Buchhalter des Bootes mit der Frage, ob er wisse, +wer die Herren wären, und wohin sie in solcher Menge gingen. + +»Ah blos Methodistenprediger,« lachte dieser -- »ein ganzer Schwarm, den +wir vor acht Tagen von Little Rock mit herunter gebracht haben. Es sind +meist Circuit-rider aus dem Westen, die hier zu einer protestantischen +Versammlung, wirksame Maasregeln gemeinschaftlich gegen den »Antichrist« +zu berathen, wie sie uns selber sagten, heruntergekommen sind, und jetzt +wieder auf ihre Posten zurückgehn. Es ist eine Vergnügungsreise für die +Herren, zu der sie vorher natürlich eine tüchtige »fromme Sammlung« +gemacht haben.« + +Die Geistlichen, elf an der Zahl, kamen indeß an Bord und die +Boilerdeckstreppe herauf in die Cajüte. Hopfgarten blieb an der Thür +stehn, und sah sie einzeln neben sich vorübergehn. Es waren meist +ausdruckslose Gesichter, einzelne aber auch mit verschmitzten Augen, und +scharfgeschnittenen Zügen; der Deutsche hatte jedoch kein Interesse an +ihnen, und wollte seine Aufmerksamkeit eben wieder der Levée zuwenden, +als Einer der Geistlichen ihn mit einem langsamen, salbungsvollen +Kopfnicken grüßte, und an ihm vorbei die Cajüte betrat. + +Hopfgarten sah ihn überrascht und verwundert an; der Mann trug allerdings +einen sehr anständigen, braunen, langen Rock von feinem Tuch, eine +schneeweiße Halsbinde, blank gewichste Stiefeln und einen breiträndigen, +schwarzen Filzhut, wie die Anderen, aber _das_ Gesicht war nicht zu +verkennen, und, wenn einmal gesehn, nicht wieder zu vergessen. + +»Herr Maulbeere!« rief Hopfgarten, in diesem Augenblick selbst Henkel +vergessend, »träume ich denn oder wach ich -- sind Sie es, oder sind Sie +es nicht?« + +»Mein lieber Herr von Hopfgarten,« sagte der Angeredete, dem wirklich +Verblüfften, mit einem milden Lächeln in dem glatt rasirten Gesicht, +die Hand reichend und feierlich schüttelnd, »es ist mir ein ungemein +wohlthuendes Gefühl, Sie nach so langer Trennung wieder einmal begrüßen +zu können -- ich habe in meinen Gebeten manches Mal recht freundlich +Ihrer gedacht.« + +Hopfgarten blinzte mit den Augen, trat sich auf den Fuß und suchte sich +im Anfang wirklich erst ordentlich gewaltsam davon zu überzeugen, daß er +nicht träume, und mit wachenden Augen den schmutzigen Scheerenschleifer +Maulbeere, den Schnapsprediger von der Haidschnucke, solcher Art +ausgekrochen und als Schmetterling -- als Braunes Ordensband -- der +Gedanke kam ihm unwillkürlich -- in der sonnigen Luft herumflattern zu +sehn. Aber Maulbeere lebte und athmete, that auch Nichts, das Erstaunen +des vor ihm Stehenden zu beseitigen, sondern schien sich eher an dessen +Überraschung zu weiden. + +»Aber wie, um Gottes Willen, kommen Sie in _diesen_ Rock, in _diese_ +Gesellschaft?« rief er endlich, jede weitere Höflichkeit bei Seite +setzend, aus -- »ja, wenn mir Jemand des Himmels Einsturz --« + +»Spotten Sie nicht, oder profaniren Sie nicht eine so heilige, ernste +Sache« -- unterbrach ihn aber Maulbeere schnell und fast ängstlich. »Daß +der Herr da oben« -- und er warf einen frommen Blick nach der Decke +hinauf, »_Wunder_ thut, brauche ich Ihnen, als gebildetem Mann, nicht +zu sagen. _Sein_ Geist hat mich erleuchtet -- Sein Hauch den Teufel +ausgeblasen, der in mir lebte und thätig war -- der Herr hat Gräuel an +den verkehrten Herzen, und Wohlgefallen an den Frommen -- der Gottlose +ist wie ein Wetter, das überhingeht, und nicht mehr ist, der Gerechte +aber bestehet ewiglich -- der Mund des Gerechten bringt Weisheit, +aber das Maul des Verkehrten wird ausgerottet -- rühme Dich nicht des +folgenden Tages, denn Du weißt nicht, was heute sich begeben mag.« + + [Illustration Capitel 8] + +»Aber wie ist es möglich gewesen, in der kurzen Zeit eine solche +Verwandlung --« + +»Der Herr ist Allen gnädig,« sagte Maulbeere, mit einem zweiten frommen +Blick die Hände faltend, »und erbarmet sich aller seiner Werke -- des +Herrn Geist stieg auf seinen Knecht nieder in der Nacht des Unglaubens, +da Alles finster war, und siehe da, ein feines Lämplein wurde +aufgestellt in dem Tummelplatz des Satans, und sein helles, goldenes +Licht trieb die Sünde aus dem gereinigten Gefäß!« + +Hopfgarten schüttelte immer noch, wie seinen Sinnen nicht recht trauend, +den Kopf. Die Gestalt vor ihm aber hatte Fleisch und Bein, und der +braune Rock so wenig, wie die schneeweiße, reine Binde ließen sich +wegleugnen. + +Die übrigen Geistlichen hatten sich indeß in der Cajüte versammelt, ein +paar Minuten leise mitsammen geflüstert, und Einer von ihnen kam jetzt +wieder der Thüre zu, wo die Beiden standen und sagte mit einem milden, +lächelnden Blick: + +»Der Bruder Mulberry wird freundlich von uns aufgefordert, an einem +stillen Dank, dem Höchsten für die glückliche Beendigung unserer frommen +Sendung zu bringen, Theil zu nehmen.« + +Maulbeere neigte langsam sein Haupt, und sich dann wieder zu Hopfgarten +wendend, sagte er: + +»Wir haben wohl das Vergnügen, mit Ihnen zusammen die Reise nach Little +Rock zu machen?« + +»Nein, bester Herr Maulbeere, das thut mir wahrhaftig leid,« erwiederte +dieser -- »ich bin nur an Bord gekommen, Jemand zu suchen.« + +»Das schmerzt mich in der That,« sagte Maulbeere, indem er in die Tasche +griff und ein kleines Paket Bücher und eine Visitenkarte herausnahm +-- »sollten Sie aber später einmal wieder in unser wildes, westliches +Land kommen, so wird es mich herzlich freuen, zu sehn, daß es Ihnen gut +geht -- diese Karte hier enthält meine Adresse -- und mich _glücklich_ +machen, zu hören, daß auch Sie den _wahren_ Frieden in Gott gefunden, +und die Bahn des Heils betretend, den breiten, ebenen Weg verlassen +haben, der hinab zu Sünde und Verdammniß führt. Gott sei mit Ihnen -- er +erleuchte Sie -- er neige sein Antlitz über Sie, und gebe Ihnen seinen +Frieden -- Amen!« + +Und mit einer halb segnenden, halb grüßenden Handbewegung gegen Herrn +von Hopfgarten, der Bücher und Karte fast unbewußt in der Hand behielt, +und dann ebenso in die Tasche steckte, drehte er sich langsam von ihm +ab, und schritt seinen Gefährten am andern Ende der Cajüte zu. + +Ein neuer Trupp Fremder zog in diesem Augenblick die Aufmerksamkeit +unseres Freundes auf sich, die Glocke läutete dabei zum dritten Male, +und das Boot machte Anstalt zur Abfahrt. Nirgends aber ließ sich eine +Gestalt erkennen, die der des Gesuchten auch nur im Entferntesten +geglichen hätte, obgleich Hopfgarten vollkommen darauf vorbereitet war, +das Gesicht Soldeggs durch Bart oder Brille vielleicht so viel als +möglich unkenntlich gemacht zu sehn. Mit dem Chikasaw beabsichtigte +dieser keinesfalls, den Strom hinaufzugehn, und er mußte zuletzt, als +die Planken und Taue eingeholt wurden und die Räder nach rückwärts an zu +arbeiten fingen, das Boot in den Strom hinauszuschieben, an Land +springen. + +Auf seiner Uhr war es jetzt halb elf Uhr, und er ging, die Ankunft +Ledermann's hier verabredeter Maßen zu erwarten, indessen ungeduldig an +der Levée auf und ab. Seine rechte Hand in die Tasche schiebend, fühlte +er dort die vorher in Gedanken eingesteckten, ihm von Maulbeere +übergebenen Schriften, und nahm sie heraus, zu sehn, was sie enthielten. + +Es waren natürlich Traktätchen. Das eine handelte über die Heiligkeit +des Sabbaths und die Gefahr der Sabbathschändung, mit einem +abschreckenden Beispiel, wie ein Knabe an einem Sonntag einmal den Fluß +befahren hatte und ertrunken war -- während Millionen Beispiele, +dasselbe Verbrechen jeden Sonntag verübend, glücklich abfuhren und eben +so landeten -- das andere über die Bibelvertheilung, und die übrigen +über das Missionswesen, und dessen dringende Nothwendigkeit; jedes am +Schlusse mit einer Bitte um die Unterstützung der frommen Männer, die in +die Wildniß, unter wilde Bestien und wildere Menschen zögen, und von +Wurzeln und Rinde lebten, das Evangelium zu predigen. Auf der Karte +stand: + + #The Reverend Zachäus Mulberry.# + #Little Rock. Arks.# + +Die Karte steckte Hopfgarten zum Andenken ein, die Bücher warf er fort. + +Und Ledermann kam noch immer nicht -- es war schon fast drei Viertel auf +elf, und Hopfgarten ging wie auf Kohlen, in Angst und Ungewißheit, den +Strahlen der heißen Sonne ausgesetzt, an der Landung auf und ab. + +»Gott der Gerechte, der Herr Baron,« redete ihn da plötzlich eine Stimme +an, und als er sich rasch danach umdrehte, stand ein Mann, augenscheinlich +ein Israelit, von dessen Gesicht Hopfgarten aber keine Ahnung hatte, in +einem dunklen, anständigen Rocke, mit einem kleinen Strohhute auf, vor +ihm, und machte ihm eine tiefe Verbeugung; der Mann mußte aber jedenfalls +sehn, daß ihn der Herr, den er angeredet hatte, nicht erkannte und er +fuhr lächelnd fort: + +»Gottes Wunder -- hob' ich mich denn gar so sehr verändert, daß so an +lieber Herr anen alten Raisegesellschafter sollte vergessen haben. +Kennen Sie den Veitel Kochmer nicht mehr?« + +»Veitel Kochmer? -- nein --« + +»Kennt den Veitel Kochmer nicht mehr;« lachte der Alte, mit dem Kopf +dabei schüttelnd -- »den Mann mit der Holzharmonika, dem Sie an +Concertchen zusammengebracht haben an Bord, als an guter und +freundlicher Herr.« + +»Veitel Kochmer,« rief Hopfgarten, sich jetzt des Namens entsinnend, +»ja Euch hätte ich allerdings nicht wieder erkannt -- Ihr seht ganz +anders aus -- tragt den langen Bart nicht mehr und den Kaftan -- es geht +Euch gut?« + +»Gott soll gedankt sein, ja.« + +»Und Euer Sohn --« + +»Mai Sohn? -- wie haißt mai Sohn --« sagte der Mann, ungeduldig den Kopf +schüttelnd -- »das Jüngelche, was ich bei mer hatte, mit die hibsche +Stimme -- wenn's ane bessere Lunge und a schlechtere Stimme gehabt +hätte, lebt es _noch_.« + +»Ihr habt ihn sich todt singen lassen,« sagte Hopfgarten ernst. + +»_Ich_ hab' ihn sich todt singen lassen? -- wie haißt? -- soll sich die +Lunge beim Magen beschweren -- der Eine arbeitet mit die Händcher, der +Andere mit die Lunge, aber Alle arbeiten mer um ze leben, ze essen un +ze trinken, und an Rock auf dem Leib ze haben -- hob ich en nich acht +Wochen gepflegt, als _ob_ er mai Sohn gewesen wäre, und stirbt er mer +nich zuletzt wie zum Possen? -- Soll mer Gott helfen, als ich nich hob' +Schaden gehabt an dem Jüngelche. -- Aber Herr Baron -- kennten wir zwei +Beide nich a klanes Geschäftche zesammen machen; hob' ich was ganz +Extraes von gute Staincher, vor solch einen fürnehmen Herrn, wie der +Herr Baron.« + +»Ich danke, lieber Kochmer, ich brauche Nichts in der Art,« sagte +Hopfgarten, wieder nach seiner Uhr sehend, »kann mich auch +augenblicklich gar nicht damit befassen -- haben Sie eine Uhr bei +sich?« + +»Ja wohl, Herr Baron -- werd' ich ka Ürche haben, un a Staatsürche is +es,« fuhr er fort, eine goldene Cylinderuhr aus der Tasche nehmend, +»geht se doch um drei Minuten besser wie die Sonne -- s' ist gerade +sieben Minuten über dreiviertel auf elf -- kennten wir _damit_ +vielleicht en Handelche machen?« + +»Ich danke wirklich -- ich habe selber eine ganz gute Uhr und brauche +keine, wollte auch nur sehen ob die meinige richtig ginge.« + +»Wenn Sie die Staincher emol sähen, würden Sie Appetit kriegen -- se +sain zum 'Reinbeißen,« fuhr aber Veitel, nicht so leicht abgewiesen, in +seinem Anpreisen der Juwelen fort, »hob ich die Musik doch jetzt ganz +an den Nagel gehängt un mich auf die Staincher gelegt. Wer die Sache +versteht ist's a solides, prächtiges Geschäftge hier in Amerika -- wenn +mer sai Zeit kann abpasse.« Und er nahm dabei ein kleines Etui aus +seiner Brusttasche, das er öffnete und dann, den Kopf schräg zur Seite +davon zurückhaltend, die Sonnenstrahlen auf die wirklich schönen Steine, +die in tausend Lichtern funkelten, wieder fallen ließ. + +Hopfgarten hatte indessen die Levée auf und abgesehn, den so sehnlich +Erwarteten endlich irgendwo zu erspähen, aber vergebens; Ledermann ließ +sich nirgends blicken und der Zeiger seiner Uhr, den er ungeduldig und +ununterbrochen fragte, schien nicht von der Stelle zu rücken. + +»Ich danke Euch Veitel -- ich brauche wirklich Nichts der Art,« sagte +er zerstreut, »trage weder Ringe noch Tuchnadeln, und muß hier im Lande +auf- und abreisen, wo man solche Sachen am allerwenigsten bei sich +führen kann.« + +»Aber so sehn Sie nur emol die Pracht an,« drängte Veitel. + +»Ja, sehr schön -- wirklich brillant,« sagte Hopfgarten, einen flüchtigen +Blick darauf werfend, und dann durch das Feuer derselben doch verlockt +sie aufmerksamer zu betrachten; »sehr schöne Steine in der That, aber +wie gesagt, Nichts für mich.« + +»Und _das_ Stainche hier vor a Tuchnadel -- ah?« sagte Veitel, vor +Hopfgartens Augen ein Türquis in der Sonne blitzen lassend. + +»Mensch, wo hast Du den Stein her?« rief aber Hopfgarten unwillkürlich +erschreckt aus, als sein Blick auf einen sehr schönen großen _dreieckigen_ +Türquis fiel, den Veitel zwischen den Fingern hin und her drehte. + +»Woher? -- Gottes Wunder!« rief der Jude erschreckt, »ehrlich gekauft, +soll mer Gott helfe.« + +»Ich sage ja Nichts dagegen, Veitel,« rief Hopfgarten rasch, ihn zu +beruhigen, »gewiß ist er ehrlich gekauft, aber von wem? ich kenne den +Stein -- habe wenigstens von ihm, oder einem ganz ähnlichen gehört, ich +möchte gern --« + +»Von wem? von em achtbaren, soliden Herrn, von em wahren Schentelmenn in +sein Handeln und Geschäftcher,« sagte Veitel, immer noch in der Meinung, +ein Verdacht ruhe auf ihm, »und wenn er nicht hait Morgen abgereist +wäre, kennten Se ihn selber fragen, Herr Baron -- ist en alter +Bekannter von Sie, noch vom Schiff her.« + +»Heute Morgen abgereist? -- wohin Veitel?« sagte Hopfgarten, der sich +krampfhaft mit der rechten Hand in die Seite griff, nur um ruhig zu +bleiben und seine Aufregung nicht zu verrathen, »wer war es denn +eigentlich -- der -- der Doktor Hückler?« + +»Gott soll bewahren, der Herr Henkel, und mit dem Schtiemer ist er fort +nach der Havanna.« + +»Mit dem Postdampfer nach Havanna?« rief Hopfgarten, jetzt wirklich +_nicht_ mehr im Stande sich zu mäßigen -- und der ist heute Morgen +fort?« + +»_Hait_ Morgen wird er fort sain,« sagte Veitel, »Gottes Wunder was is +jetzt dermehr?« + +»Ledermann!« schrie da Hopfgarten, Veitel gar nicht mehr beachtend, den +Freund an, der eben jetzt, so lang schon herbeigewünscht, gerade über +die Levée herüber und auf Herrn von Hopfgarten zukam, »wann, um Gottes +Willen, geht der Havanna Steamer?« + +»Die Cuba? -- um elf Uhr,« sagte dieser erstaunt. + +»Großer Gott -- es muß gleich schlagen -- so ist er noch nicht fort?« + +»Dort drüben können Sie ihn sehn,« sagte Ledermann, der von der hohen +Levée aus ein paar Momente mit den Augen in den Fluß hinein gesucht +hatte -- gerade zwischen den beiden ausgezackten Schornsteinen jenes +Bootes dort -- das große Dampfschiff, aus dem der Rauch so dick +aufsteigt.« + +»Henkel ist an Bord!« war Alles was Hopfgarten herausbringen konnte, +»großer Gott, daß wir nicht an das Havanna-Schiff gedacht.« + +»Gott der Gerechte!« rief Veitel, seine Steine einsteckend und in +Verwunderung die Hände zusammenschlagend, »was han Se uf amol vor a Eil; +wird der Herr Henkel doch wiederkommen in vier oder fünf Woche, wie er +mer hot gesagt.« + +»Noch ist es vielleicht Zeit,« rief aber Ledermann, der indeß rasch das +Terrain überschaut hatte; »_so_ pünktlich gehen die Dampfer nicht ab; +einzelne Passagiere zögern immer etwas länger am Ufer, oder der Capitain +kann auch seine Geschäfte nicht so rasch besorgen. Dort fährt ein Cab +-- gegenüber dem Dampfer nehmen wir ein Boot, und einmal von den Schiffen +frei, daß sie an Bord unser Tücherschwenken sehen können, und wir kommen +noch zur rechten Zeit.« + +»Veitel!« rief Hopfgarten, sich rasch nach diesem umdrehend, »kommt +morgen früh zu mir in das St. Charles Hotel -- verstanden? -- bringt +Euere Steine mit -- und nun fort Ledermann, fort!« und diesem voran +laufend winkte er schon von weitem dem kleinen einspannigen Cabriolet +zu, dessen Kutscher, Passagiere suchend, langsam die Levée an der +Dampfbootlandung hinabfuhr. Der Mann zügelte sein Pferd ein und +Hopfgarten bot ihm einen Dollar, wenn er sie so rasch das Pferd laufen +könne dem Havanna Steamer gegenüber die Straße niederführe. + +»Halt, dort geht ein Constable!« rief ihm aber Ledermann zu, »den nehmen +wir mit.« + +»Kann nicht drei Passagiere fahren, Sir,« sagte der Kutscher. + +»Du bekommst einen Dollar für jeden, wenn Du uns rasch an Ort und Stelle +bringst!« rief der Deutsche, dem Angst und Aufregung fast die Sprache zu +nehmen drohte. Ledermann lief indessen, so rasch ihn seine langen Füße +trugen, und sehr zum Ergötzen der ihm Begegnenden, der nächsten Straßenecke +zu, an der er einen ihm bekannten Constable erspäht hatte. Wenige Worte +genügten, diesen mit Allem bekannt zu machen was Noth that, und zwei +Minuten später galopirte das eben nicht sehr kräftige Pferd, von der +wacker geführten Peitsche seines Herrn getrieben, in flüchtigen Sätzen +die Straße nieder. Unterwegs unterrichtete der Constable diesen dabei, +dem großen Dampfschiff gegenüber, das sie jetzt deutlich erkennen +konnten, anzuhalten, wo er Miethboote wüßte. + +»Ay ay Sir!« sagte der Mann, und hieb stärker auf sein Pferd, »kommen +noch zurecht, wenn mein alter Jack nicht bis dahin zusammenbricht.« Das +Pferd hielt sich aber wacker, und plötzlich gegen die Levée anfahrend, +denn den Wasserrand konnten sie von da aus, des hochaufgeworfenen Dammes +wegen nicht sehen, hielt er an. + +»Boot Sir? -- Boot für den Steamer?« riefen ihnen hier schon vier, fünf +Bootsleute zu gleicher Zeit entgegen, die sich herbeidrängten, die +geglaubten Passagiere nach dem Dampfschiff zu bringen; dieses konnte +seines Tiefgangs wegen hier nicht dicht am Ufer anlanden, und mußte ein +Stück draußen im Strom vor Anker liegen; »höchste Zeit, Gentlemen, aber +wir bringen Sie hinüber.« + +»Fünf Dollar, wenn wir zur rechten Zeit kommen.« + +»Hier Sir! hier ist ein Boot das es thun kann!« schrie Einer Hopfgarten +am Arm ergreifend. + +»Mit dem alten Kasten kommst Du nicht vor Abend hinüber,« überschrie ihn +ein Anderer, »_meins_ ist der Clipper, Gentlemen, der über das Wasser +fliegt.« + +Der Constable hatte indessen von der Levée aus mit einem Kennerblick die +Boote rasch übersehen, und den beiden Fremden winkend ihm zu folgen, +sprang er in das, was ihm am tüchtigsten schien, hinein, und hinten an +das Steuer. Die beiden Bootsleute, die dazu gehörten, nahmen mit einem +Hohnlachen über die besiegten Gefährten ihre Sitze ein, und wenige +Sekunden später schoß das scharfe, wackere Boot, die gelbe Fluth zu +beiden Seiten in Schaum hinauswerfend, zischend und spritzend über den +breiten Strom dem Dampfer zu. + +»Wir kommen wahrhaftig zu spät!« rief Hopfgarten in Todesangst mit der +rechten Hand sein Tuch schwenkend, »dort pufft das Schiff schon seinen +Dampf aus, und die Räder fangen an zu arbeiten.« + +»Nur keine Furcht Sir,« sagte der eine der Bootsleute, der einen Blick +über seine Schulter weg nach dem näher und näher rückenden Fahrzeug +warf, »sie arbeiten nur gegen die Strömung langsam an, den Anker +heraufzuheben; die Kette ist noch unten.« + +»Er hat recht,« rief aber auch der Constable jetzt, »die Kette ist noch +aus und wir kommen zur rechten Zeit.« + +»Gott sei Dank,« sagte Hopfgarten leise, aber tief aufseufzend vor sich +hin, und von dem Augenblick an schien es, als ob jede Unruhe, jedes +Schwanken von ihm genommen sei. Ruhig ein Bein über das andere gelegt, +beobachtete er ihre Annäherung an das keuchende, gewaltige Dampfschiff, +und überflog mit seinem Blick nur manchmal rasch und forschend das +aufgebaute Quarterdeck des Fahrzeugs, zwischen den dort auf- und +abgehenden Passagieren den Gesuchten herauszufinden; aber er bemühte +sich nicht mehr sein Gesicht zu verbergen -- der Verbrecher konnte ihm +nicht mehr entgehen. + +An Bord traten jetzt ein paar Mann, das nahende Boot bemerkend, oben an +die noch aushängenden Fallreeps; der eine von diesen hielt ein dünnes +zusammengerolltes Tau in der Hand, und warf es dem einen der Bootsleute +zu, der es durch den Ring vorn zog und um die vordere Queerbank +schlug. Im nächsten Augenblick lag das kleine schwanke Boot, auf +den kurzen Wellen tanzend, die das Starbordrad schlug, dicht an die +steilaufsteigende Seitenwand des mächtigen Fahrzeugs an, und der +Constable rief hinan: + +»Ein Tau hier herunter, Boys, für den Gentleman; er hat einen kranken +Arm und kann sich nicht halten.« + +Wenige Secunden später war dem Rufe Folge geleistet; der Constable legte +das Seil um Herrn von Hopfgartens Mitte, und während die Matrosen oben +langsam anzogen und ihn dadurch stützten, lief derselbe rasch an der +steil niederhängenden Fallreepstreppe auf. + +»Danke -- danke herzlich,« sagte dieser, während sein Blick an dem +Quarterdeck hing; aber auch dort sah er nicht den, den er suchte, und +sich an den Steuermann des Schiffs wendend, der seine Leute eben gefragt +hatte, ob der Herren _Gepäck_ schon an Bord sei, bat er diesen ihm zu +sagen wo er den _Clerk_ der Cuba fände. + +»Dort oben, Sir -- an der Starbordtreppe; der mit dem Panama-Hut auf, +Sir, und dem kleinen Buch in der Hand.« + +»Sie wünschen Plätze in der Cajüte, Sir?« frug ihn dieser freundlich, +»der Steward soll Ihnen gleich Ihre #staterooms# anweisen.« + +»Bitte, mein Herr,« sagte Hopfgarten, dem seine beiden Begleiter auf dem +Fuße folgten, »können Sie mir nicht Auskunft geben, ob ein gewisser +_Soldegg_ an Bord ist?« + +»Soldegg? -- Soldegg?« sagte der Clerk nachdenkend sind dabei sein +kleines Buch öffnend, eine dort eingetragene Liste mit den Augen +überfliegend, »ist noch nicht notirt, Sir.« + +»Oder Henkel?« + +»Ebenfalls nicht,« lautete die Antwort, nach kurzer Pause. + +»Oder Holwich?« + +»Keiner der drei Herren; aber es sind einige Gentlemen erst in der +letzten halben Stunde an Bord gekommen, deren Namen ich noch nicht +eingeschrieben habe. Sie werden unterwegs Zeit genug bekommen deren +Bekanntschaft zu machen; soll ich Ihnen indessen --« + +»Bitte, mein Herr, mein Besuch ist anderer Art,« sagte Hopfgarten ruhig; +»ich habe einen Verhaftsbefehl mit gegen einen gefährlichen Verbrecher, +und ich glaube, ja ich weiß ihn an Bord.« + +»Oh wenn das ist,« lachte der Clerk, »dann hat der Herr auch vielleicht +einen andern Namen angegeben; nichts leichter als das. Wohl ein Constable, +der eine der Herren?« -- dieser nickte mit dem Kopf -- »#well#, dann +bemühen Sie sich nur gefälligst selber in die Cajüte hinunter, und sehn +Sie sich dort um; ich werde es indessen dem Capitain melden, und Ordre +geben, daß das Schiff nicht unterwegs geht.« + +Hopfgarten blieb einen Augenblick stehn, Athem zu holen, so preßte ihm +die Aufregung dieses Momentes Brust und Herz zusammen, äußerlich aber +war er vollkommen ruhig, und Ledermann und den Constable bittend, ihn +vorangehn zu lassen, und erst nach ein paar Minuten zu folgen, stieg er +mit festen, ruhigen Schritten die Quarterdeckstreppe hinauf, und die +breiten Mahagonystufen, die von da in die untere Cajüte führten, wieder +hinunter, und öffnete, von dem Steuermann begleitet, dem der Clerk ein +paar Worte über den Zweck dieses Besuches zugeflüstert, die Thür der +Cajüte, in der einige zwanzig Passagiere in den verschiedensten +Stellungen umhersaßen und standen, und ziemlich ruhig die nahe Abfahrt +des Dampfers, dessen Maschine schon unter ihnen arbeitete, zu erwarten +schienen. + +Aber Hopfgarten sah nur _Einen_ von allen diesen; auf dem mittleren +Sopha, das eine Bein behaglich über das andere gelegt, und neben sich +auf einem kleinen Tisch eine Flasche mit Rothwein und ein Gefäß mit +großen, klaren Eisstücken, ein Buch in der Hand, in dem er nachlässig +blätterte, lag _Henkel_ und schien so sorglos und unbekümmert die +Abfahrt des Bootes zu erwarten, so sicher seiner Umgebung zu sein, daß +er nicht einmal aufsah, als Hopfgarten langsam auf ihn zuging, bis +dieser neben seinem Tische stehn blieb und Henkel jetzt, mit einem +leisen Schrei der Überraschung emporfahrend, ganz plötzlich seinen alten +Reisegefährten neben sich erkannte. + +»Alle Wetter! Herr von Hopfgarten,« sagte er aber, sich rasch sammelnd; +»das ist ein prächtiges Zusammentreffen, und wir sind auf's Neue +Reisegefährten? -- Schade, daß Frau von Kaulitz nicht da ist, für den +dritten _Mann_.« + +»Wir bekommen noch Gesellschaft,« sagte Hopfgarten, sich ruhig umsehend +und den jetzt eben eintretenden Ledermann heranwinkend -- »Herr Henkel +oder Soldegg oder Holwich -- ich weiß nicht unter welchem Namen Sie +jetzt reisen -- ich habe ihnen hier einen alten Bekannten vorzustellen, +der eine weite Reise im Auftrag seiner Regierung gemacht hat, nur das +Vergnügen Ihrer werthen Begleitung zu haben.« + +»Was soll das? -- was wollen Sie von mir?« sagte Henkel finster, sich aber +doch leicht entfärbend, als er den Aktuar von Heilingen plötzlich hier +erkannte. Einen forschenden, unruhigen Blick warf er dabei in der Cajüte +umher, der indeß weiter Nichts Beunruhigendes bot, da der Steuermann an +die Bar getreten war, und der Constable, der Gruppe die Seite zudrehend, +eine Zeitung aufgenommen hatte, als ob er mit zu den Passagieren gehörte +-- »ich bin gerade nicht aufgelegt zu scherzen, sonst könnte ich Ihnen +vielleicht wieder meinen -- Zwillingsbruder schicken, sich mit dem +abzufinden.« + +»Herr Henkel,« sagte Ledermann ruhig -- »wir haben ein Boot unten +liegen, und ersuchen Sie, uns gutwillig und ohne weiteres Aufsehn zu +erregen, da hinein zu folgen, das Weitere werden wir an Land abmachen. +So viel genüge Ihnen zu wissen, daß wir autorisirt sind, in dieser Weise +zu handeln -- ich habe einen Verhaftsbefehl für Sie in der Tasche.« + +»Haho!« rief Soldegg aber, dem im Nu die ganze Größe der über ihn +hereinbrechenden Gefahr klar wurde -- »Herr von Hopfgarten will +sich revangiren -- hahaha -- aber die Herren haben sich verrechnet +-- _lebendig_ bekommen sie mich nicht -- und überdieß -- wer giebt +Ihnen das Recht, mich hier verhaften zu wollen?« Seine rechte Hand glitt +dabei rasch und verstohlen unter die Weste, die Bewegung aber war +dem Constable, der ihn indessen scharf und aufmerksam von der Seite +beobachtet hatte, nicht entgangen, und seinen Rock zurückwerfend, unter +dem er sein Polizeizeichen trug, ging er auf den wild und drohend zu ihm +aufblickenden Verbrecher zu und wollte, mit den Worten: »#You are my +prisoner!#«[5], die Hand auf dessen Schulter legen, als Henkel, unter +dem Arm fortgleitend, einen Schritt zurücksprang; mit der rechten aber +zu gleicher Zeit ein mächtiges, blitzendes Bowiemesser aus der Weste +riß, und mit wildem, höhnischen Lachen schrie: + +»Lebend nicht -- Bahn frei, oder, beim Teufel, ich hacke Pastetenfleisch +aus Euch!« Zu gleicher Zeit führte er einen Hieb nach dem Constable, dem +dieser nur durch ein jähes Zurseitespringen entgehn konnte, und warf +sich auf Hopfgarten, wieder die Klinge zum Hieb gehoben. Dieser aber, +ohne einen Zoll breit zu weichen, hatte eine gleiche Waffe gezogen, +und bereitete sich, den Schlag zu pariren, als der Steuermann, etwas +Ähnliches schon lange erwartend, ohne sich aber selber zwischen die +gehobenen Messer hineinzuwagen, einen Stuhl aufgriff und Henkel so +geschickt vor die Füße schleuderte, daß dieser im vollen Wurf darüber +hinflog. + +»Brav gemacht!« schrie der Constable, der indeß einen Revolver aus +seinem Gürtel gerissen hatte, Gewalt mit Gewalt zu begegnen -- »jetzt +bekommen wir den Burschen lebendig.« Und um den Stuhl flog er herum, +zwischen die Thür und den Gefangenen zu kommen, und diesem den Weg +abzuschneiden. Henkel aber, zum Äußersten getrieben und recht gut +wissend, was ihn erwartete, wenn er in die Hand der Feinde fiel, +schnellte im Nu, sein Messer noch fest im Griff haltend, vom Boden +wieder auf und sprang gegen die Thür an, von der fort die zufällig +dort herabkommenden Passagiere, vor der drohenden Gestalt mit der +geschwungenen Waffe scheu zur Seite stoben. + +»Halt!« schrie der Constable, »im Namen des Gesetzes!« + +Henkel hatte die Thür erreicht und stieß sie vor sich auf, als ein +scharfer Knall, und gleich darauf weißer Pulverrauch den Raum füllte +-- ein wilder Schrei und eine blutende, todtenbleiche Gestalt, der die +blanke Waffe entfiel und klirrend die Stufen zurückrollte, taumelte die +Treppe hinauf an Deck, zwischen die entsetzten Passagiere. + +»#You are my prisoner Sir!#« schrie der Constable, den Flüchtling +einholend und an der Schulter fassend. + +»#Ready for hell!#«[6] stöhnte dieser, ließ die Arme sinken, drehte sich +einmal im Kreise herum und brach, wo er stand, zusammen. + +»_Den_ Passagier könnt Ihr von der Liste streichen, Clerk,« sagte der +Steuermann ruhig zu diesem, als er an Deck kam -- »steht bei hier, +Jungen, und hebt den Cadaver einmal in's Boot hinunter, und zwei von +Euch waschen die Flecken hier weg und die Treppe rein. Marsch mit Euch +und ein Bischen schnell -- ist der Anker auf?« + +»Alles klar, Sir!« + +»Gut, in fünf Minuten müssen wir unterwegs sein -- die Herren mögen die +Geschichte dann selber an Land ausmachen.« + +Hopfgarten stand neben der Leiche und sah tief aufseufzend in die +bleichen Züge, in die stieren zu ihm aufgedrehten Augen -- aber er +sprach kein Wort; nur das Messer, das er noch offen in der Hand trug, +barg er wieder in der Scheide, und einen kleinen weißen Handschuh aus +seiner Brust nehmend, bog er sich nieder, und netzte das zarte +schneeige Leder mit dem quellenden Blut des Gerichteten. + +Zwei Matrosen faßten die Leiche jetzt auf und trugen sie zu der +Fallreepstreppe, wo Andere mit den Tauen standen und sie hinunter +ließen; der Constable hatte sich indessen vom Clerk das Gepäck, das +dem Gericht verfallen war, ausliefern lassen. + +»Hallo, da kommt noch ein Passagier!« rief der eine Bootsmann, als die +Seeleute die Leiche rasch nach unten viehrten -- »dacht' es mir beinah, +wie ich den Schuß hörte.« + +»Hast eine gute Nase, Kamerad,« rief Einer der Matrosen nieder, »das +aber da ist nur Ballast; schlagt die Taue los!« + +Die Koffer folgten dem Körper, und diesen die Passagiere -- oben läutete +die Glocke, die Räder rauschten und peitschten den gelben Schaum zu +wirbelnden Wellen auf -- stromauf arbeitete das gewaltige Schiff, einen +weiten Bogen beschreibend in der kochenden, zischenden Fluth, und +während es sich stromab wandte, und das flatternde Banner der Vereinigten +Staaten lustig im Winde wehte, ruderte das kleine Boot mit seiner +traurigen Last langsam dem Lande wieder zu. + + + + +Capitel 9. + +Das Haus im Walde. + + +Wieder keimten und sproßten die Blumen im lieben deutschen Vaterland; +die Wiesen hatten sich mit frischem Grün gedeckt, im Wald rauschte +und flüsterte der Wind gar so traulich und heimlich durch die jungen, +saftigen Blätter, und schaukelte die langen, duftenden Zweige der Birke, +und trug die wirbelnde Lerche hoch in die blaue, sonnige Luft hinein. + +Wie das draußen in den Feldern so regsam schaffte und arbeitete; wie +die Heerden so fröhlich blökten, die wieder hinaus durften in die warme, +sommerliche Flur; wie die Schwalben -- die lieben, lieben Schwalben +so froh durch den Äther strichen und die Störche, von den Kindern mit +scheuer Ehrfurcht betrachtet, klappernd und von ihren Reisen erzählend, +auf den Dächern standen, oder langsam über die feuchten Wiesenflächen +schritten, alte Jagdgründe zu revidiren. + +[Illustration: Capitel 9] + +Wie das zwitscherte und klang und sang und schmetterte in dem weiten, +lichtdurchflutheten Raum, und die Luft mit seinem Glanz und Jubel +füllte, jeder Ton ein Loblied dem Herrn, jedes grüne Blatt, jeder +duftende Kelch, jeder Thautropfen am schwankenden Halm, ein Dankesopfer +seiner Allmacht und Güte. Oh wie sich auch die Menschenbrust da so froh +und fröhlich hebt, und das Herz mit jauchzt und jubelt, und hinauf +möchte, höher und höher hinauf, der steigenden Lerche nach, die mit +zitterndem Flügelschlag, ein lebendiges Bild der Lust und Wonne, dort +oben steht und betet. Wie es da stammelnd danken und preisen möchte auch +in _seiner_ Weise, und nicht Worte, nicht Ausdruck findet für die +Seligkeit, die in ihm glüht und lebt, und seine Adern füllt, und deren +Wiederglanz nur in der Thräne zittert, die heiß und doch so lindernd da +in's Auge steigt. + +Der Winter war vorbei -- die Natur erwacht, und Gottes Odem wehte, +ein Segen, über das weite, wundervolle Land, Luft und Frieden in der +Menschen Herzen gießend -- aber nicht in alle. -- Den schmalen Pfad der, +das Dorf Waldenhayn umgehend, nach dem dunklen, die Hügel deckenden +Kieferwald hinaufführte, schritt eine schlanke, bleiche Frau, einsam und +allein; sie sah krank und hülfsbedürftig aus, und die bloßen, wegwunden +Füße ließen hie und da in den Spuren Blutflecken zurück, wo ein scharfer +Stein sie verletzt; der Straßenstaub deckte dabei ihr Gewand, und die +weiße, fast durchsichtige Hand klammerte sich fest und wie krampfhaft an +den rohen Eichenstock, der ihr zur Stütze diente. + +Neben ihr auf stieg wirbelnd die Lerche, und im Korn lockte das Rebhuhn +und die Wachtel; -- sie blieb stehn und horchte dem Laut, aber nicht vom +Boden nahm sie den Blick, schauderte zusammen, als ob selbst diese süßen +Töne nur furchtbare Erinnerungen für sie hätten, und schritt langem +weiter ihre stille Bahn, dem Walde zu. + +Nur einmal blieb sie noch stehn, und zitterte, und wäre fast in die Knie +gesunken, als vor ihr, bis jetzt von Birken- und Weidenbüschen verdeckt, +ein kleines, einsam gelegenes, ödes Häuschen, mit halb geöffneter Thür +und ausgebrochenen Fenstern sichtbar wurde; aber wie gewaltsam raffte +sie sich zusammen, faßte ihren Stab fester und schritt auf das niedere, +verlassene Gebäude zu. + +Als sie die Schwelle erreichte, läuteten unten die Glocken den +Nachmittagsgottesdienst aus, und als ob _die_ Töne sie mit furchtbarer, +unwiderstehlicher Gewalt getroffen, brach sie zusammen in die Knie, und +lag lange Minuten wie betend da. Dann erhob sie sich langsam wieder, +warf noch einen scheuen Blick über das, unten das kleine Thal füllende +Dorf, und verschwand dann in dem dunklen Raum der Hütte. + + * * * * * + +Unten im Dorf läuteten die Glocken den Nachmittagsgottesdienst aus, und +der würdige Pastor Donner, dessen Haar die letzten drei Winter doch um +ein Bedeutendes gebleicht, kam freundlich, rechts und links die noch vor +der Kirche stehenden Kinder und Gemeindemitglieder grüßend, die ihn, mit +dem Hut in der Hand, vorbeiließen, seiner kleinen Wohnung, dem duftigen, +schattigen Garten zu, wo ihn zu dieser Zeit der Nachmittagskaffee in der +blühenden Fliederlaube erwartete. Aber mehr als das harrte heute sein. + +»Vater -- lieber Vater!« jubelten ihm die Kinder entgegen, Blätter +Papier hoch und jauchzend empor haltend -- »Brief von Georg ist gekommen +-- Brief vom Bruder Georg; er kommt herüber in ein oder zwei Jahren mit +seiner _Frau_! -- er hat geheirathet, Vater -- Bruder Georg hat +geheirathet und es geht ihm gut!« + +Der Pastor blieb stehn, und als die Kinder auf ihn zugesprungen kamen +und ihm in ihrer frohen Kindeslust den Brief entgegen hielten, bog er +sich zu ihnen nieder und küßte sie, aber die Mutter folgte ihnen, und +barg ihr Haupt an des Gatten Brust. Sie hatte sprechen -- erzählen +-- mit den Kindern jubeln wollen, und kein Wort brachte sie jetzt vor +Thränen über die Lippen -- aber es waren _Freudenthränen_. + +»Georg hat geheirathet!« jubelte Fritz dabei, der jüngste Sohn, den +Brief in der Hand schwenkend, und um die Anderen herumspringend -- »ich +bin jetzt ein _Schwager_ geworden, und Du, Louise und Du Trinchen, Ihr +seid Schwägerinnen -- hurrah, Bruder Georg soll leben!« + +»Und es geht ihm gut?« flüsterte der Pastor, der Gattin an ihn gelehnte +Stirn wieder und wieder küssend. + +»Gut -- recht, recht gut, Gott sei ewig gelobt und gedankt,« schluchzte +die Frau -- »da, lies nur selbst -- ich habe vor Thränen nicht weiter +lesen können.« + +Auch Louise, die ältere Tochter, kam mit ihrem Bräutigam, einem jungen +Geistlichen aus Heilingen, dem Vater freudestrahlenden Auges entgegen, +und während die Glocken von dem alten Thurm noch klangen und tönten, +und den tiefen harmonischen Laut weit aus über das stille Dorf und an +die sonnbeschienenen Hänge der blühenden Hügel sandten, saßen die +glücklichen guten Menschen in der duftenden Laube, und horchten der +lieben, lieben Botschaft des fernen Bruders und Sohnes, der ihnen Grüße +und Küsse weit über das Meer herübergesandt, und ihre Herzen mit Glück +und Wonne und Dank, heißem Dank gegen den Höchsten erfüllt hatte. + +-- -- »Seit drei Tagen bin ich jetzt mit meiner Marie vermählt, +und der glücklichste Mensch unter der Sonne. In den angenehmsten +Familienverhältnissen dabei, hat sich unsere Farm, die mein Schwiegervater +schon im Begriff war um ein Spottgeld zu verschleudern, auf eine ganz +unerwartete und kaum geahnte Weise verwerthet, denn ich habe beim Graben +eines Brunnens, in der Nähe einer neu errichteten Mühle, selber ein +_Kohlen_lager entdeckt, das, wenn auch noch nicht für den Augenblick, +doch für die Zukunft einen bedeutenden Ertrag verspricht. Ein Amerikaner +hat mir schon für die Bearbeitung eine sehr bedeutende Summe baar geboten, +aber ich zögere noch sie anzunehmen. Dabei bin ich ganz gegen meinen +Willen, und durch einige glückliche Kuren in den Ruf eines geschickten +Arztes gekommen, und da sich unsere Gegend, durch die Unmasse der hier +eintreffenden Einwanderer, sehr belebt, bleibt mir schon gegenwärtig +kaum mehr Zeit, meinen ländlichen Arbeiten so obzuliegen, wie ich es +eigentlich wünschte -- -- -- --« + +-- »Noch eine andere Nachricht aus unserer Familie, die auch Euch +interessiren wird, habe ich Euch mitzutheilen. Meine Schwägerin Anna, +die ältere Schwester Mariens und ein sehr liebes, braves Mädchen, hat +ganz unerwarteter Weise einen Heirathsantrag aus Deutschland und zwar +aus Heilingen, von dem frühern Kürschnermeister Kellmann bekommen. +Kellmann ist, so weit ich ihn kenne, ein braver, rechtschaffener Mann +und Anna scheint ihm auch gut zu sein. Er hat geschrieben, wenn sie ihm +ein freundliches Ja schicke, wolle er ungesäumt herüberkommen -- ich +denke, wir werden ihn wohl nächstens hier sehn -- -- -- --« + +-- »Der Rosensenker von Mutters Strauch vor dem Fenster, den mir Louise +noch an jenem schmerzlichen Abend der Trennung gegeben, hat den +Ehrenplatz in unserm freundlichen Garten, und grünt und blüht, daß es +eine Lust und Freude ist, -- die einliegende Knospe hat er getragen. Oh, +wie mich der Blüthenstock an Euch erinnert; ich habe ihn so lieb, und +doch treten mir jedes Mal Thränen in die Augen, wenn ich ihn ansehe. +Meine Marie pflegt ihn selber; sie wird _Euch_ auch gefallen. Hat sich +das Geschäft mit dem Kohlenlager erst geordnet, und sich dasselbe so +einträglich erwiesen, wie ich es jetzt wirklich glauben muß, dann komme +ich mit ihr hinüber, Euch zu besuchen. Lieber Gott, es ist ja doch unser +Aller Wunsch, später einmal wieder nach Deutschland zurückkehren und +dort unsere Tage beschließen zu können. -- -- -- --« + +Unten am Brief in einer Nachschrift stand: + +-- »Über den Steffen, der bei uns der schwarze Steffen hieß, und von dem +ich Euch schon früher schrieb, wie ich mit ihm zusammengekommen, habe +ich nichts Näheres erfahren können. Auch seine Frau, die sich von ihm +getrennt hatte, ist aus dem kleinen Städtchen, wo sie die letzte Zeit +still und fleißig, und mit keinem Menschen verkehrend, gearbeitet hatte, +spurlos verschwunden; Amerika ist zu groß, solche Leute im Auge behalten +zu können. --« + +»Du guter, barmherziger Gott,« sagte die Frau Pastorin, seufzend die +Hände faltend, »ich begreife, wie schlechte Menschen einen Anderen +aus Geldgier oder Rache, oder sonst in böser, sündhafter Leidenschaft +_morden_ können, aber daß Eltern im Stande sein sollen, ihre _Kinder_ +auf solche Art zu verlassen, begreife ich _nicht_. Das unvernünftige +_Thier_ thut das ja nicht, sorgt für seine Jungen, und vertheidigt sie +in Gefahr, und der _Mensch_ soll schlechter sein, als das Thier?« + +»Für die Kinder war es ein Glück,« sagte der Pastor, seufzend mit dem +Kopfe nickend -- »_was_ hätten sie von solchen Eltern gelernt, _wie_ +wären sie von ihnen erzogen worden, und jetzt sind sie bei guten +Menschen untergebracht und versorgt.« + +Ein paar Knaben aus dem Dorfe kamen in diesem Augenblick athemlos an den +Garten gerannt, rissen die Mützen vom Kopfe, und schauten mit den roth +erhitzten, dicken, gutmüthigen, jetzt aber jedenfalls durch irgend etwas +sehr erregten Gesichtern durch die Gitterthür hinein, wo der Geistliche +saß. + +»Was wollt Ihr, Kinder?« sagte dieser freundlich, indem er von seinem +Sitze aufstand und auf sie zuging. + +»Oben am Berge spukt's!« rief aber der Eine von ihnen, in aller Eile +und Geschäftigkeit ganz den sonst gewiß nicht versäumten Gruß vergeßend +-- »am schwarzen Steffen seinem Hause geht's um!« + +»Am Hause des schwarzen Steffen?« rief Pastor Donner, erstaunt den Platz +gerade jetzt, wo sie sich selber damit beschäftigt, genannt zu hören +-- »wer hat Euch den Unsinn weiß gemacht?« + +»Ne, wahrhaftig,« rief der Andere betheuernd aus -- »Hollebens Liese und +Gutegrunds Annamarie haben den Geist von der »stolzen Jule« gesehn, der +oben herumgeflogen ist.« + +Nur mit Mühe bekam der jetzt aufmerksam werdende Geistliche heraus, daß +zwei Mädchen aus dem Dorfe oben am Wald auf dem kleinen, dem Haus gerade +gegenüber liegenden Hang gewesen waren, Blumen zu suchen, und an der, +von den Dorfbewohnern ängstlich gemiedenen Hütte des schwarzen Steffen +eine Gestalt gesehen hätten, von der sie erklärten, daß sie der Geist +der »stolzen Jule« sei. Sie habe keine Ruhe im Grabe, und ginge dort an +der Stelle um, wo sie ein Verbrechen begangen, für das wir in der sonst +so reichen deutschen Sprache nicht einmal einen Namen haben. Die Hütte +lag auch noch, gefürchtet und gescheut, unberührt so, wie man die Kinder +damals darin gefunden, und nur mit dem Bettzeug und dem besten +Hausgeräth herausgenommen hatte, und die Leute in den Spinnstuben +erzählten sich Abends schauerliche Geschichten von dem Ort. + +Pastor Donner schüttelte ungläubig den Kopf zu der Erzählung, Andere +aber aus dem Dorf kamen nach, und der Schultze, der von den jungen +Mädchen selber den Bericht gehört, den sie mit bleichen Wangen und +zitternden Lippen in's Dorf getragen, folgte den Übrigen, bestätigte dem +Herrn Pastor, was sich die Leute erzählten, und bat ihn, mit ihm hinauf +zu gehn nach dem alten Hause, das Gerücht zu widerlegen, das sonst leicht +mehr Nahrung gewann und von dem abergläubischen Volke ausgeschmückt +wurde, oder sich zu überzeugen, was Wahres an der Sache sei. + +Die Frau Pastorin wollte mit den Kindern ihren Mann begleiten, er bat +sie aber, zurückzubleiben, und schritt dann, seine Amtstracht ablegend +und Hut und Stock nehmend, an der Seite des Schultzen durch das Dorf +hin, den kleinen, mit Unkraut überwucherten und fast verwachsenen +Pfad hinauf, der zu dem, etwa eine kleine halbe Stunde von Waldenhayn +entfernten Gebäude führte. Eine Menge der Dorfbewohner schloß sich ihnen +unterwegs an, sie zu begleiten. + +Als sie den Platz erreichten, war Alles todtenstill; nur hie und da +zwitscherten die Vögel in den Zweigen, und auf dem alten Eichbaum neben +dem Haus saß ein Rabe, drehte, als er die Menschen auf sich zukommen +sah, den Kopf scheu nach rechts und links hinüber, und strich dann mit +seinem tief und unheimlich krächzenden »_krah -- krah_« -- von dem +Zweige ab, auf dem er gestanden, dem Holze zu! + +»Das war sie -- das war sie!« flüsterten die Frauen untereinander, +indeß sie sich näher zusammendrückten, und scheu nach dem schwarzen +Galgenvogel hinüberschauten, »jetzt werden sie Nichts mehr finden; die +ist fort, und in der Nacht kommt sie wieder und sitzt dort auf dem alten +Dach. Ich gehe nicht weiter mit -- ich auch nicht -- Gott soll mich +bewahren vor _der_ Stelle, die ewiglich verflucht ist.« rief eine andere +Frau. »Man sollte Feuer anlegen und das Nest von der Erde vertilgen,« +sagte Einer der Männer dann, »_ich_ wenigstens möchte nicht einmal einen +von den Balken in meinem Ofen brennen.« + +»Die Thür steht offen, daß sie immer recht bequem aus und ein können,« +flüsterte wieder eine Andere, »huh, wie mag's da drinnen um Mitternacht +zugehn -- der Schornstein sieht auch nicht umsonst so gelb und schweflig +aus, und unsere Annakathrine hat neulich die Irrlichter hier oben wie +toll herumtanzen sehen.« + +Die Leute aus dem Dorf blieben wirklich, als sie den kleinen freien +Platz vor dem Haus erreichten, scheu an dessen Grenze stehn, und nur +Pastor Donner schritt, von dem Schultzen begleitet, langsam dem Hause +selber zu. + +»Ich habe schon lange einmal heraufgehen wollen, zu sehn, wie der Platz +hier eigentlich aussieht,« sagte dieser endlich, »bin aber immer nicht +dazu gekommen. Hm, wie öde und unheimlich das hier ist -- es wundert +mich gar nicht, daß sich die Kinder davor fürchten, ist mir's doch +selber ein ganz eignes, unbehagliches Gefühl hier herzugehn -- es ist +fast, als ob man eine Richtstätte beträte.« + +»Wohl ist es so,« sagte Pastor Donner feierlich und mit halb unterdrückter +Stimme, als ob er selber sich scheue, an diesem Orte laut zu sprechen. +»Aber wir wollen hier nicht stehen bleiben; die Leute dort hinten +murmeln schon miteinander, und glauben sonst, daß wir selber uns +fürchten, das Haus zu betreten.« + +»Aber was sollen wir darin?« sagte der Schultze ausweichend, und es lag +ihm wirklich Nichts daran, dort hineinzugehen, »'was Lebendiges hält +sich hier oben nicht auf, sonst hätte der scheue Rabe da nicht im Baum +gesessen, und an Gespenster glauben wir doch alle Beide nicht.« + +»Ich bin einmal oben,« sagte der Geistliche mit seinen eigenen Gedanken +beschäftigt, denn vor seinen Augen schwebte in diesem Augenblick die +Scene auf dem Amerikanischen Dampfboot, die ihm in einem früheren Briefe +der Sohn beschrieben, »und möchte auch das Innere des Hauses sehn, das +ich seit jenem Tag, wo wir die armen, halb verhungerten Kinder hier oben +abholten, nicht betreten.« + +Langsam schritt er, von dem Schultzen nur widerstrebend gefolgt, +der Thüre zu, schob diese noch etwas weiter auf, mehr Licht und Luft +hineinzulassen, und betrat, durch den schmalen dunklen Gang gehend, +die frühere Stube des »schwarzen Steffen«. Dort aber schrak er selber +einen Schritt zurück, denn auf dem Boden vor ihm lag ausgestreckt und +regungslos eine menschliche, weibliche Gestalt. + +»Was giebt's? -- was ist?« rief der Schultze, der den unwillkürlich +ausgestoßenen Ruf des Erstaunens gehört, und auf der Stelle stehen +blieb, wo er gerade stand, während sich eine Anzahl Burschen aus dem +Dorfe näher herandrängten, die Frauen und Mädchen aber noch scheuer +zurückwichen, und sich schon halb zur Flucht wandten. + +Pastor Donner winkte aber dem Schultzen langsam und traurig näher zu +kommen, und als dieser die Schwelle betrat, deutete er nieder auf den +vor ihm ausgestreckten Körper der Unglücklichen, die Gram und Reue, und +der nagende Wurm im Herzen wieder herüber, zurückgetrieben hatte durch +das weite, wilde Land, über das weite Meer, an dem Ort, wo sie so +furchtbar sich vergangen -- _zu sterben_. + +Jetzt rasteten die blutigen, nackten Füße von der weiten Wanderschaft, +jetzt ruhte das arme Herz, das in Verzweiflung und Gram wohl manche +lange furchtbare Nacht _die_ Stunde hier herbeigesehnt, mit dem Kopf +auf den zerfallenen Kasten gestützt, der dem jüngsten Kind in früherer +Zeit zu seinem Bettchen gedient hatte, aus von seinem Leid und Weh. Der +Körper selber war abgefallen und mager, die Wangen hohl und dünn, aber +ein ruhiges, seliges Lächeln zog sich um die bleichen, kalten Lippen, +die der Tod für immer geschlossen. Was sie verübt, was sie gesündigt, +sie hatte schwer gelitten -- hatte tief bereut, und wie, als ob die +Kräfte ihr nur eben noch gehorcht, _die_ Stelle zu erreichen, war hier +der Tod, ein willkommener lieber Freund, zu ihr getreten, sie zu erlösen +von ihren Leid. + +Neugierig und muthig gemacht, durch das Verweilen der beiden Männer im +Haus, drängten die übrigen Dorfbewohner jetzt auch nach und nach heran, +und der Ruf. »die stolze Jule -- die stolze Jule liegt todt im Haus!« +füllte den kleinen Raum bald mit einem Theil der Schaar, die jedoch die +Leiche immer noch scheu und furchtsam umstanden. Über ihr aber faltete +Pastor Donner die Hände und sagte mit leiser, tiefbewegter Stimme: + +»Gott hat in seiner Vaterhuld sich Dein erbarmt, Du armes verirrtes Kind +-- Du hast schwer gesündigt -- schwer und furchtbar, aber auch viel, viel +gelitten, und Gram und Reue haben ihre Züge mit scharfen Furchen in Dein +Angesicht gegraben. Er sei Deiner armen Seele gnädig!« + +Und seinen Hut abnehmend, welchem Beispiele rasch und scheu alle Übrigen +folgten, betete er still und brünstig über der abgerufenen Sünderin. + + + + +Capitel 10. + +Der rothe Drachen bei Heilingen. + +Schluß. + + +Im rothen Drachen bei Heilingen herrschte heute ein reges, geschäftiges +Leben; Kellner liefen und stürzten durcheinander hin, Tische wurden +gerückt, Stühle getragen, Tischtücher ausgebreitet, und Körbe mit Flaschen +und Getränken angeschleppt, als ob ein Regiment damit versorgt werden +sollte. Im Garten, der mit einer Masse Kränze und Blumen und Guirlanden +geschmückt war, standen noch einzelne Arbeiter, die mit frischem Sand +bestreuten Gänge von den hineingefallenen Blättern und Zweigen des +Ausschmucks zu reinigen, und unter einem kleinen, erst kürzlich +aufgeschlagenen und ganz mit frischen Blumen besteckten und behangenen +Zelt, lagen eine Reihe breitbauchiger Bierfässer mit eingesteckten +gefälligen Hähnen, nur der Hand harrend, die sie aufdrehen würde, ihr +schäumendes, kräftiges Naß zu spenden. + +Den Pfad herunter, der von Zurschtel niederführte, kam ein Bettler an +einer Krücke daher gehinkt. Es war sonst eine breitschultrige, kräftige +Gestalt, aber mit eingefallenen Backen und hohlliegenden Augen, das +linke Bein ziemlich dick in alte zerlumpte Tücher und Lappen eingeschlagen, +und die linke Seite seines Gesichts ebenfalls mit einen schmutzigen Tuch +verbunden. + +Als er die Gartenthür erreichte, blieb er stehen, und sah hinein, betrat +aber den Garten selber nicht, und schaute still und aufmerksam nach dem +Haus hinüber. + +Den breiten Gang herunter, der von der Guirlanden geschmückten Hausthür +in gerader Linie nach dem Thore zu führte, schritt der Eigenthümer des +Grundstücks, Herr Kaspar Helker, nach seinen Arbeitern zu sehn. In die +Nähe des Bettlers gekommen, zog dieser den Hut ab, und sagte mit +bittender Höflichkeit: + +»Wären Sie wohl so gut, lieber Herr, mir zu sagen was heute hier los ist +im rothen Drachen, mit all den Kränzen und Blumen, und welches Fest Sie +feiern?« + +»Ja wohl Freund,« sagte Herr Kaspar Helker, den armen zerlumpten Teufel +dabei mit aufmerksamem, vielleicht nicht besonders befriedigtem Blick +betrachtend, »Herr von Hopfgarten feiert heute seine Vermählung mit des +reichen Dollinger jüngster Tochter, die früher, ich weiß nicht, ob Ihr +die Geschichte kennt, an einen, jetzt gestorbenen, Amerikaner verheirathet +war.« + +»Herr von Hopfgarten -- hm -- Herr von Hopfgarten -- der Name ist mir doch +gar bekannt; stammt er von hier?« + +»Nein, aus dem Mecklenburgischen. -- Kommt Ihr weit her? -- Ihr seht müde +und krank aus.« + +»Sehr weit -- bin aber wohl mehr hungrig und durstig, wie krank,« sagte +der Mann, mit einem scheuen Blick nach den Brod- und Kuchenkörben +hinüber. + +»So kommt herein und eßt und trinkt,« lud ihn der Wirth freundlich ein, +»und Ihr habt _mir_ nicht einmal dafür zu danken,« setzte er rasch +hinzu; »Herr von Hopfgarten hat strengen Befehl gegeben, Niemand heute, +wer es auch sei, ungespeist von dannen zu lassen. Es ist frei Bier und +Essen hier im Haus.« + +»Hm, da bin ich gerade zur rechten Zeit gekommen,« sagte der Mann, immer +aber noch zögernd den Garten zu betreten. + +»So kommt herein und setzt Euch gleich dort in eine von jenen kleinen +Lauben,« sagte der Wirth; »die werden heute nicht benutzt und Ihr -- Ihr +seht eben nicht appetitlich genug aus zwischen den andern Gästen zu +sitzen. Es soll Euch aber an Nichts fehlen,« fügte er rasch hinzu, »heh +Wilhelm! besorgen Sie mir einmal für den Alten dort in die Laube ein +Mittagsessen und Bier.« + +»Bier kann ich nicht gut vertragen -- wenigstens nicht gleich auf den +leeren Magen hinein -- gäben Sie mir einen Schnaps vorher?« + +»Auch den sollt Ihr haben -- heh Wilhelm -- ein Glas Kümmel -- aber ein +großes Glas, und dann dürft Ihr ihm Bier geben, was er trinken will.« + +»Danke,« sagte der Bettler, und hinkte an seiner Krücke in den Garten +hinein. An der Schwelle blieb er noch einmal stehn, und warf einen +scheuen Blick nach rechts und links, und wandte sich dann der kleinen +Laube zu, in deren Schatten er verschwand. + +»Dort kommen die Wagen!« rief da Einer der Kellner, der vor die Thür +getreten war, den Weg hinunter zu sehen, »hierher, Herr Helker -- sie +kommen!« + +Der Wirth sprang mit seinem Kellner der Thür zu, die Gäste zu empfangen, +und die Wagen rasselten unter dem fröhlichen Schmettern der Posthörner +lustig die Straße herunter. + +In dem vordersten saß Herr von Hopfgarten mit seiner jungen Frau, sein +gutmüthiges Gesicht ordentlich verklärt, seine Augen blitzend in Wonne +und Seligkeit, und auch in Claras liebe Züge war das frohe, süße Lächeln +zurückgekehrt, das ihrem Antlitz sonst einen so unwiderstehlichen Reiz +verliehen. Die düstere trübe Zeit lag hinter ihr, wie ein böser Traum, +und hell und freundlich glühte wieder das Sonnenlicht auf ihren Weg. + +Den zweiten Wagen füllte die Dollingersche Familie, der alte Herr mit +Frau, Tochter und Schwiegersohn, denn auch Sophie war im vorigen Herbst +an einen reichen Gutsbesitzer, aber ebenfalls einen alten Bekannten +von uns, verheirathet worden. Herr Baron von Benkendroff nämlich hatte +sich nach seiner Rückkehr von Amerika zufällig einige Zeit in Heilingen +aufgehalten, dort die schöne reiche Kaufmannstochter gesehn und kennen +gelernt, sich zu gleicher Zeit sterblich in sie verliebt und seine +Hochzeit, da ihn auch Sophie lieb gewonnen, gleich in demselben Monat +noch gefeiert. + +In den anderen Kutschen, aber alle von mit Blumen geschmückten +Postillionen gefahren, saßen die Hochzeitsgäste aus der Stadt, bunt +gemischte, aber fröhliche Menschen, und unter ihnen das gutmüthige +Gesicht unseres alten Freundes Kellmann, neben der scharfgeschnittenen +aber heute ebenfalls zufrieden lächelnden Physiognomie seines +unzertrennlichen Gesellschafters, des Apotheker Schollfeld. + +An der Gartenthür von dem Wirth und einer Schaar geschäftiger Kellner +empfangen, stiegen die jungen Eheleute aus, und begrüßten hier zuerst +ihre Gäste, und während das, hinter einer künstlichen Blumenhecke +aufgestellte Militair-Musikchor -- eine Überraschung Kellmanns +-- plötzlich mit schmetternden Trompeten in Mendelsohns herrlichen +Hochzeitsmarsch des Sommernachtstraums einfiel, und dem kleinen +glücklichen Hopfgarten vor Rührung auf einmal die großen hellen Thränen +in die Augen traten, setzte sich der Zug in Bewegung, dem Hause zu. + +Das Mahl ging vorüber, wie derartige Mahlzeiten gewöhnlich thun; eine +Menge Toaste wurden ausgebracht, und die glücklichen Menschen jubelten, +lachten und erzählten bis spät am Nachmittag, wo der Kaffee im Garten +selber servirt werden sollte, und die Gäste dann zusammen in das +Dollingersche Haus eingeladen waren, wo Herr Dollinger einen kleinen +Ball für den Abend arrangirt hatte. + +Im Garten, bei lustig tönenden Fanfaren, bildeten sich dann kleine +Gruppen, und Benkendroff, Kellmann und Schollfeld hatten sich nächst +dem Thor auf dem kleinen Vorbau, wo sie die wundervolle Aussicht nach +dem grünen herrlichen Thal und den fernen Bergen genießen konnten, +zusammengefunden ihre Cigarre zu rauchen. Nach einer Weile fand sich +auch Hopfgarten zu ihnen, sie zu bitten, sich bereit zu halten, da die +Wagen bald wieder vorfahren würden. + +»Wer uns das damals gesagt hätte, Hopfgarten,« rief Benkendroff, seine +Hand lächelnd auf des Freundes Schulter legend, »als wir auf der +Haidschnucke zusammen Whist spielten, oder selbst als wir in New-Orleans +von einander Abschied nahmen, daß wir _heute_ hier _so_ zusammenstehen +würden.« + +»Dem wär' ich schon damals vor Freude um den Hals gefallen, Benkendroff,« +sagte der kleine Mann mit leuchtenden Augen. + +»Es ist eine merkwürdige, mir aber höchst interessante Thatsache,« rief +da Herr Schollfeld, sich die Hände reibend, »daß _die_ Menschen, die +einmal in Amerika _gewesen_, und glücklich wieder, ein sehr seltener +Fall, zurückgekommen sind, sich am wohlsten fühlen. Und trotzdem, trotz +allen schlagenden Beweisen, will sich dieses unglückselige Menschenkind, +dieser frühere Kürschnermeister hier, nicht warnen lassen, sondern +ebenfalls mit einem Leichtsinn, den man kaum einem jungen Menschen von +achtzehn Jahren verzeihen würde, hinüber nach diesem gottvergessenen +Lande der Freiheit ziehn, und _das_ nennt er _sich zu Ruhe setzen_. Es +wäre mehr Verstand darin, wenn er hier Nachtwächter oder Briefträger +würde.« + +»Aber bester Herr Schollfeld,« sagte Hopfgarten, »Sie wissen ja, daß +er um seine jetzige Braut erst _dort_ angehalten hat, und von Fräulein +Lobenstein doch nicht verlangen kann herüber _zu ihm_ zu kommen; er muß +sie doch wenigstens _abholen_.« + +»Ich will auch noch gar nicht verschwören, daß ich drüben _bleibe_,« +sagte Kellmann ruhig, »mir aber jedenfalls die Verhältnisse dort +ordentlich ansehn. Meines künftigen Schwagers, Georg Donners, Beschreibung +des dortigen Landes lautet keineswegs entmuthigend; von anderer Seite +habe ich ebenfalls recht gute Berichte über das wirkliche Farmerleben +gehört, und kann ich mir dort mit meinem Capital, und von dem Rath +meiner guten Freunde unterstützt, eine ruhige, _glückliche_ Stellung +gründen, warum nicht? -- Freund Schollfeld müssen Sie aber viel zu gut +halten, mein lieber Herr von Hopfgarten; er ist als ein Antiamerikaner +hier schon bekannt.« + +»Und hab' ich nicht recht?« rief dieser hitzig, »hatt' ich nicht recht +auch mit jenem lebendigen Loblied Amerikas, jenem Weigel, der +Betrügereien halber landesflüchtig werden mußte.« + +»Das war ein einzelner Lump und kann nicht als Maasstab gelten,« sagte +Kellmann. + +»Lassen Sie das gut sein,« nahm Benkendroff hier des Apothekers Parthie, +»Herr Schollfeld hat sehr gediegene und vernünftige Ansichten über +Amerika, und Sie werden mir zugeben, daß _ich_ ebenfalls im Stande bin +ein Urtheil darüber zu fällen; ich kenne das Land aus Erfahrung, aus +eigener, persönlicher Anschauung.« + +Hopfgarten wechselte mit Kellmann einen gutmüthig lächelnden Blick, und +sagte, sich an diesen wendend: + +»Wie kommt es nur, daß Sie Fräulein Lobenstein, wenn Sie dieselbe schon +so lange geliebt haben, von hier fortziehen ließen, ohne ihr Ihr Herz zu +öffnen?« + +»Weil es ein wahnsinnig, unnatürlich verschämter Kürschnermeister war,« +rief Schollfeld, die Antwort für seinen Freund aufnehmend, »wie +Lobensteins hier fort waren, ging er herum wie ein begossener Pudel, +sprach mit Niemandem, trank nicht mehr, schnitt ein Gesicht, als ob er +Äpfelwein getrunken hätte, und wollte keinem Menschen Rede stehn, beinah +zwei Jahre lang. Endlich bekam ich's heraus, und da gestand er mir, daß +er -- sehn Sie sich den Menschen einmal an -- _keine Courage hätte_ den +Schritt zu wagen, obgleich er selber fast hoffe, Anna Lobenstein sei +ihm nicht ganz abgeneigt. Da hört denn doch Alles auf. Na ich nahm ihn +dann ordentlich in's Gebet, schon meiner selbst willen, denn es ist ja +langweilig mit einem solchen verliebten Kopfhänger umgehn zu müssen. +Er ließ sich auch endlich überzeugen, und ist mir nachher, wie er den +Zusagebrief erhielt, um den Hals gefallen, und hat mich »sein liebes +Schollfeldchen« genannt -- und so ein Mensch will nach Amerika.« + +Die Männer lachten über Schollfelds komischen Eifer und Hopfgarten +sagte, noch immer lächelnd. »Sie reden gerade als ob Amerika ein +_Unglück_ wäre.« + +»Ist es auch,« rief Schollfeld hitzig, »ist es auch, und der arme Teufel, +der Ledermann, sonst so ein netter, rechtschaffener Kerl, wußte wohl, +was er that. _Der_ hätte auch nach Amerika gehn können, aber was ich +ihm darüber die ganze Zeit vorgepredigt, hatte gute Früchte getragen; +er sprang lieber in's Wasser, Ruh zu haben, ehe er solch verzweifelten +Schritt that. Ist mir übrigens doch Leid um ihn, und ich hätte ihm etwas +Besseres gewünscht -- das verfluchte Spiel.« + +»Seine Frau ist noch in Heilingen?« sagte Hopfgarten. + +»Ja,« sagte Schollfeld mürrisch, »will aber wirklich dieses Frühjahr mit +ihrem Bruder auswandern. Das ist auch so ein Lump, hat zweimal Bankerott +gemacht, und nun natürlich nichts Gescheuteres zu thun, als daß er nach +Amerika geht. Solche Leute gehören auch dorthin, aber vernünftige und +rechtschaffene Menschen sollten besser wissen, was sie sich und ihren +Familien schuldig wären.« + +»Apropos, lieber Kellmann,« sagte Hopfgarten da plötzlich an diesen +gewandt, »erinnern Sie mich doch daran; ehe Sie fortgehn, möchte ich +Ihnen noch ein paar Zeilen an einen sehr lieben Freund von mir, einen +Herrn _Fortmann_ in New-Orleans, mitgeben; er kann Ihnen dort von Nutzen +sein.« + +»Ich danke Ihnen, ich werde es nicht vergessen -- Sie haben ja wohl +heute Briefe von dort bekommen?« + +»Ja -- eben von Fortmann. Das wird Sie auch interessiren; Sie wissen +doch, daß der arme, unglückliche Loßenwerder eine Schwester hatte?« + +»Lieber Gott,« sagte Kellmann, hinauf auf die Straße deutend, »an +_dieser_ Stelle trafen wir das arme Kind, Ledermann und ich, an jenem +Abend, wo sie hier allein und zu Fuß in die Stadt kam, und noch keine +Ahnung von der furchtbaren Nachricht hatte, die ihrer wartete. Es geht +ihr gut jetzt, wie Sie uns schon früher sagten.« + +»Besser jetzt wenigstens wieder -- Fortmann schreibt mir eben, daß außer +der bei dem Raubanfall erlittenen Mishandlung Schreck und Aufregung sie +so ergriffen hätten, sie lange Monate an ihr Lager zu fesseln. Hamann +hat auch deshalb besonders sein Geschäft aufgegeben, und sich weiter den +Strom hinauf in ein gesünderes Klima gezogen. Der Nachlaß seines Vaters +ergab übrigens, wie es scheint, ganz unerwarteter Weise, ein gar nicht +geahntes, höchst bedeutendes Vermögen, das der alte Geizhals von dem +Schweiß und Blut armer Auswanderer zusammengescharrt. An Aktien und +Papieren, Geld und Juwelen, ganze Säle voll Leinwand und anderen Sachen +gar nicht gerechnet, fanden sich weit über hunderttausend Dollar. Der +junge Hamann ist aber ein braver, rechtschaffener Kerl, der gern wieder, +wenigstens einen Theil dessen gut machen möchte, was sein Vater schlecht +gemacht, und Fortmann schreibt mir eben, daß er, besonders von seiner +Frau dazu angeregt der Stadt New-Orleans die volle Hälfte des ganzen +Vermögens zur Verfügung gestellt habe, wenn sie das andere Geld zuschießen +und ein großes Auswanderungshaus, das unter städtischer Aufsicht steht, +gründen wolle, wo der Einwanderer vor Betrug sicher sei, und der arme +hülfsbedürftige Arbeiter auf eine gewisse Zeit, seinen ersten Aufenthalt +zu decken, selbst unentgeldlich Obdach und Nahrung fände. Wenn es zu +Stande käme, wäre es ein Segen für Tausende, und New-Orleans, als +Theil der Staaten, erfüllte damit nur eine schon längst schwer auf ihm +gelegene Pflicht der Hafenstädte, Tausende von Unglücklichen, die nach +Amerika kamen, dem Lande ihre Kräfte zu weihen, vor Verderben und +Untergang, wenigstens vor grenzenloser Noth zu bewahren. Gott gebe +seinen Segen dazu.« + +»Wie wunderbar doch Gottes Wege sind,« sagte Kellmann, langsam mit dem +Kopf dazu schüttelnd; »das arme Kind, das wenige Jahre früher, ohne +einen Groschen, seine Nachtherberge zu zahlen, barfuß hier die Straße +wanderte, verfügt jetzt über Tausende, und sucht Schmerz und Elend zu +lindern, das sie selber ja so schwer aus ihrem eigenen Leben kennt.« + +»Da kommen die Damen,« sagte von Benkendroff, der sich für die Leute +nicht im mindesten interessirte, und indessen langsam seinen Kaffee +getrunken und seine Cigarre geraucht hatte, »Schwiegermama scheint +aufbrechen zu wollen, die Anordnungen zum Ball zu revidiren. Dort +rasseln auch schon die Wagen heran,« rief er seine Cigarre wegwerfend, +»also meine Herren, auf Wiedersehn heute Abend.« + +Die Kutschen kamen jetzt, unter dem fröhlichen Hörnerschmettern des +Postillions, um die Gartenwand gefahren und die erste hielt vor dem +Thor, in die Hopfgarten wieder, als Ehrenpaar den Zug anzuführen, seine +junge, lächelnde Frau hineinhob, und dann Platz an ihrer Seite nahm. +Langsam fuhr dann der Postillion voraus, bis sämmtliche Gäste ihre Sitze +eingenommen hatten, und der ganze Zug unter dem Hurrahgeschrei der +sämmtlichen Dorfbewohnerschaft, der ebenfalls für den Abend hier draußen +ein Fest bereitet worden, rasch die Straße nach Heilingen hinabrollte. + +Der Wirth hatte seine »innigsten Glückwünsche« sämmtlich angebracht, und +seine tiefen und freundlichen Bücklinge noch gemacht, bis der letzte +Wagen schon lange sein Grundstück passirt war, drehte sich dann mit +demselben freundlichen Gesicht um, gab einem der in die Lehre genommenen +jungen Kellner, der mit offenem Maule neben ihm stand, eine Ohrfeige, +und schickte den darüber auf's Äußerste Erstaunten an seine Arbeit, und +lief selber in das Haus zurück, das Wegräumen der nicht getrunkenen +Weine zu überwachen. + +Nur der Oberkellner blieb, sich vergnügt die Hände reibend, und mit +schmunzelnden, ein vortreffliches Trinkgeld verrathendem Antlitz noch +einen Augenblick in der Thüre stehn, bis auch die letzte Staubwolke auf +der Straße verschwunden war, und wandte sich eben, seinem Principal zu +folgen, als der alte Bettler, der bis dahin vollkommen unbeachtet in +der dichten Laube gesessen hatte, daraus hervor und auf ihn zu hinkte, +den Garten zu verlassen. + +»Nun, Alter, hat's geschmeckt?« sagte der Oberkellner mit einem +huldvollen Lächeln ihm zunickend -- »seid Ihr satt geworden?« + +»Vollkommen, Gott lohn' es Ihnen!« seufzte der Mann und strich sich mit +der Hand über das Gesicht -- »aber eine Frage hätt' ich noch, die Sie +mir wohl beantworten können. Jener Herr von Hopfgarten --« + +»Ja?« frug der Kellner, die Augen fest zusammenpressend, und sich wieder +aus Leibeskräften die Hände reibend -- »der eben fortfuhr?« + +»Ja, derselbe -- war der Herr auch schon einmal in Amerika?« + +»Der? -- nun ja, gewiß; auf der Hinreise hat er ja seine jetzige Frau, +die frühere Madame Henkel kennen lernen.« + +»Hm -- ja _Henkel_,« wiederholte der Mann leise vor sich hin. + +»Dort hat er auch,« fuhr der Kellner, seinem Ideenlauf folgend, der ihn +besonders interessiren mochte, fort -- »den früheren Wirth hier vom +rothen Drachen, den Lobsich, gefunden, der in Milwaukie ebenfalls einen +rothen Drachen errichtet hat. Bei Tisch erzählte er uns die Geschichte +-- hahahahaha -- es war zu komisch. Na adieu Alter -- glücklichen +Marsch,« und den Mann in der Thüre stehn lassend, ging er vor allen +Dingen in die Laube, wo jener gesessen, zu sehn, ob er auch weder Messer +noch Gabel mitgenommen und schoß dann, wieder wie vorher die Hände +reibend, als ob er sie in Feuer bringen wollte, nach dem Speisesaal +hinüber. + +Der Bettler drehte sich langsam ab von ihm. + +»'S ist mir doch 'was Unbedeutendes!« flüsterte er leise und tief +aufseufzend vor sich hin, und hinkte, während ihm eine große Thräne über +die eine offene Backe hinunter und in das Tuch lief, dem nicht mehr +fernen Heilingen zu. + + + + +FUSSNOTEN -- FOOTNOTES + + + 1: In Arkansas kann und darf kein Ansiedler wegen irgend welcher + Schulden gepfändet werden, wenn er nicht mehr hat, als ihm das + Gesetz an Eigenthum gestattet und für seine Existenz für nöthig + hält. Seine Wohnung, sein Bett, seine Büchse, sein Ackergeräth, + sein Pferd und zwei Kühe dürfen nicht angerührt werden, und + so gerecht und wohlthätig das Gesetz auch sein mag, läßt sich + denken daß es manchmal gemißbraucht wird, indem der Farmer sein + »überzähliges Vieh« nur auf kurze Zeit zu verleugnen und einem + andern Nachbar zuzusprechen braucht. + + 2: Ich frug einst in Arkansas die Frau, in deren Hause ich wohnte, eine + geborene Irländerin und sonst ganz vernünftige, brave Matrone, die + ebenfalls dieser Sekte angehörte, ohne jedoch selber jemals vom + »Geiste befallen zu werden,« ob sie denn wirklich glaube, daß die + in solchen Zustand verfallenden Menschen etwas Derartiges ohne + ihren freien Willen, ohne jede Absicht thäten, und also wirklich + begeistert würden? -- worauf sie mir antwortete: »Ja! -- ich habe + auch früher geglaubt, die Menschen verstellten sich, wenn ich mir + auch den Schaum auf den Lippen nicht erklären konnte; ich dachte + aber doch, der _Wille_ des Menschen vermöchte auch dieß zu + bewirken, und so sehr mich die Religion der Methodisten erfaßte + und zu sich hinzog, so sehr schreckte mich diese Begeisterung, die + ich für Heuchelei hielt, zurück. Da kam ich eines Abends auch aus + einer solchen Versammlung zu Hause, und war recht traurig, uneinig + mit mir selber; ich wußte nicht was ich thun, was lassen sollte, + und bat den lieben Gott noch unterwegs recht inbrünstig, er solle + mir ein Zeichen geben. Als ich mein Haus betrat hörte ich ein + Flattern und mit den Flügeln Schlagen; ich hatte ein paar kleine + zierlich gefleckte Hennen, die oft zu mir ins Haus (das Zimmer + ist in Arkansas gewöhnlich gleich das ganze Haus) kamen, und die + Brosamen aufsuchten. Ich sah mich danach um, und fand das eine von + den beiden Hühnern unter dem Bett, anscheinend in Krämpfen, mit + den Flügeln schlagend, mit den Beinen strampelnd, die Augen + verdrehend, gerade wie ich die Bewegungen bei den Begeisterten + gesehen hatte, und -- es gab mir ordentlich einen Stich in's Herz + -- mit Schaum am Schnabel. _Da_ war ich überzeugt; das Huhn -- ob + sich die Menschen verstellten -- das Huhn verstellte sich _nicht_; + _das_ war Natur; der Zustand _war_ also natürlich, er existirte, + und von dem Augenblick an beschloß ich zu dieser Sekte + überzutreten.« + + 3: Das Prairiehuhn ist ein Mittelding etwa zwischen dem wilden Truthahn + und Rebhuhn; es erreicht die Größe eines gewöhnlichen Haushuhns, hat + aber einen ziemlich langen Hals und befiederte Stender, den kurzen, + niedergekehrten Schwanz aber vom Rebhuhn. Das Fleisch ist nicht + besonders, ziemlich dunkel und leicht zäh; nur die Brust ist gut, + doch trocken zu essen. Sie finden sich in ungeheueren Mengen über + die ganzen Prairieen von Illinois, und schaaren sich im Winter + besonders zu Völkern von vielen hunderten zusammen. Aufgescheucht + gehen sie aber ziemlich weit, ehe sie wieder einfallen, und + verlangen einen tüchtigen Schuß und schweren Schroth, erlegt zu + werden. + + 4: Zweites Frühstück + + 5: Sie sind mein Gefangener. + + 6: Fertig für die Hölle! + + + + +TRANSCRIBER'S NOTE -- ZUR KENNTNISNAHME + +The original text is printed in Fraktur type, with Roman type being +used for foreign terms or quotations. The symbol # has been used to +highlight these in this plain text version. + +Das Original wurde in Fraktur gedruckt, während Antiqua für +fremdsprachliche Ausdrücke und Zitate diente. Diese wurden in +dieser Textfassung mit dem Symbol # hervorgehoben. + +Contemporary spellings have generally been retained even when +inconsistent. A small number of obvious typographical errors have been +corrected and some names regularised; missing punctuation has been +silently added. + +Zeitgenössische Schreibungen wurden generell beibehalten, auch wenn +gelegentlich mehrere Variaten auftauchen. Einige wenige orthografische +Fehler wurden korrigiert und Namen vereinheitlicht; fehlende +Zeichensetzung wurde ergänzt. + +The following additional change has been made: + +Die folgende zusätzliche Änderung wurde vorgenommen: + + das junge, ängstlich umherschauende das junge, ängstlich umherschauende + und ihrem Glück noch immer nicht und _seinem_ Glück noch immer + trauende Mädchen nicht trauende Mädchen + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 30289 *** |
