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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 19:53:29 -0700
committerRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 19:53:29 -0700
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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 30289 ***
+
+Note: Project Gutenberg also has an HTML version of this
+ file which includes the original illustrations.
+ See 30289-h.htm or 30289-h.zip:
+ (http://www.gutenberg.org/files/30289/30289-h/30289-h.htm)
+ or
+ (http://www.gutenberg.org/files/30289/30289-h.zip)
+
+
+
+
+
+NACH AMERIKA!
+
+Ein Volksbuch
+
+von
+
+FRIEDRICH GERSTÄCKER.
+
+Illustrirt von Carl Reinhardt.
+
+Sechster Band.
+
+
+
+
+
+
+
+Leipzig,
+Hermann Costenoble,
+Verlagsbuchhandlung
+
+Berlin,
+Rudolph Gaertner,
+Amelang'sche Sort.-Buchhandlung.
+
+1855.
+
+
+
+
+Inhalt des sechsten Bandes.
+
+ 1. Ein Sheriffsverkauf in Arkansas 1
+ 2. Maulbeere in der Betversammlung 31
+ 3. Der wandernde Krämer 63
+ 4. Georg und Marie 91
+ 5. Jimmy 112
+ 6. Kapellmeister Eltrich 136
+ 7. Meier, Pelz & Co. 169
+ 8. Die Überraschung 199
+ 9. Das Haus am Walde 226
+ 10. Der rothe Drachen bei Heilingen 239
+
+
+
+
+Capitel 1.
+
+Ein Sheriffsverkauf in Arkansas.
+
+
+Ein volles Jahr war nach den, im letzten Capitel beschriebenen Vorfällen
+verflossen; die heiße Sonne Amerikas hatte wiederum den Mais und Waizen
+gereift, und die Früchte und Beeren des Waldes mit süßem Saft gefüllt;
+durch die blaue sonnenreine Luft zog der weiße wehende Spinnenfaden seine
+stille Bahn, und legte sich einem duftigen Schleier gleich über die
+Wipfel des grünen Waldesdoms, in dessen Schatten die feisten Hirsche zu
+Rudeln zusammenstanden, und die jungen Truthühner in die Zweige hinauf
+flatterten, die ersten jungen Weinbeeren zu versuchen, die sich mit
+ihren Reben dort empor gerankt.
+
+Und wie das raschelte und rauschte im stillen Wald, wie sich das
+blitzende Sonnenlicht in den fallenden Tropfen spiegelte, die ein
+wohlthätiger Nachtregen über das grüne Laubmeer ausgegossen, und die
+jetzt leise klopfend auf die gelbe, noch vorjährige Blattdecke des Bodens
+niederschlugen. Und die Grille zirpte ihr regelmäßig melancholisch Lied,
+das wie das leise Schnarren einer in zeitrechten Schwingungen gehenden
+Uhr von allen Seiten tönte, nur manchmal durch den gellenden Schrei
+eines aufstiebenden Falken gestört, dem der blaue Heher im Busch
+spöttisch den Warnungsruf nachäffte.
+
+Wie das summte und schwirrte um Lianenblüthen und frisch aufkeimende
+Waldesblumen, von Bienen und Käfern, zwischen denen hin hie und
+da, wie ein verirrter Sonnenstrahl, ein blitzender gold und grün
+schimmernder Kolibri gedankenschnell fast herüber und hinüber surrte,
+über einem duftenden honigschweren Kelch einen Moment mit unsichtbaren,
+schattengleich fibrirenden Schwingen stand, und dann verschwunden war,
+daß ihm das Auge nicht folgen konnte, bis ihn sein Summen an dem
+nächsten Blüthenbusch verrieth.
+
+Wie die Natur in wundervoller Harmonie, besonders in der Jahreszeit,
+den ganzen Wald mit ihrer Pracht durchwirkt, und ineinandergreifend
+Jedes sich die Hände reicht zum schönen Ganzen; wie selbst der morsche
+umgestürzte Baum, von wilden blühenden Ranken umzogen, zum Bilde hier
+gehört und nicht fehlen dürfte; ja wär' ein einziger Zweig gebrochen
+von den tausenden, die überall dem Licht, der Luft die grünen Arme
+entgegenstrecken, die _Lücke_ würde fühlbar, und der fallende Tropfen
+selbst schmückt das Blatt das er verließ mit höherem Glanz, und wird zur
+Perle wo er niederfällt.
+
+Und doch _ein_ Miston in der Harmonie -- ein dunkler Fleck der da nicht
+hingehörte, der sich nicht wohl da fühlte und das Ganze störte -- ein
+nasses, schmutziges, verdrießlich unzufriedenes Menschenbild, mitten
+im Wald, im freien schönen wundervollen Wald -- Zachäus Maulbeere, vom
+Regen durchnäßt, kalt, hungrig, verirrt, festgefahren mit seinem Karren
+in einem Gewirr von Reben und Wurzeln, und in einer Laune, Milch nur
+durch bloßes Ansehn zu säuern.
+
+»Ein Gottvermaladeites Land das,« lästerte er, sich erschöpft auf einen
+umgefallenen Baum setzend und sein Taschentuch, das er in der Hand
+hielt, zusammenrollend und ausringend, »daß mich der Teufel plagen mußte
+nach diesem Gottvergessenen Staat zu gehn -- Bäume -- Bäume -- Nichts
+als Bäume in der Welt -- gerade in die Höh und gerade über den Weg.
+-- Schönes Vergnügen das, wo man sich erst sein Schnupftuch _ausringen_
+muß, daß man sich damit _abtrocknen_ kann -- _schwabben_ nannten sie's
+auf dem Schiff. Und jetzt sitz ich hier -- keine Ahnung wo bin -- keine
+Idee von einer Richtung -- ein Scheerenschleifer im Wald -- Maulbeere,
+Esel, was hast Du hier im Busch zu suchen, heh? -- war Dir zu wohl
+draußen zwischen den Ansiedlungen im Osten, zwischen dem Waizenbrod und
+Honig, eh? -- mußtest geschwind machen daß Du _hierher_ kamst, zwischen
+Maisbrod und Speck, oder gar die Nacht in den Wald hinein -- _Schöne_
+Nacht die ich da verlebt habe, beim heiligen Sebastian -- oben in dem
+verdammten Baum eingeklemmt gesessen, daß ich die Glieder nicht mehr
+rühren kann, und das Beest was da um mich her in den Bäumen geschrieen
+hat -- daß ich nicht gefressen bin ist ein reiner Zufall. -- Romantisch
+im Wald zu lagern eh? -- wenn ich nur wenigstens den verdammten
+langhaarigen Dichter die Nacht bei mir gehabt hätte, um an dem meinen
+Gift auszulassen -- aber zehn gegen eins, der Lump hat die ganze Nacht
+trocken und behaglich in einem warmen Bett geschlafen, und am andern
+Morgen lügt er dann wie ein Leichenstein, schreibt von »Gesicht im
+Thau baden« und »Windsbraut die Schläfe kühlen« -- na _Dir_ möcht' ich
+einmal die Schläfe kühlen Du -- Du Blattlaus, statt mit sechs, mit zwei
+schiefen Beinen. -- Und der Herr Schultze -- der selige Piepvogel mit
+einem Gesicht -- wenn man's auf einen Stock schnitt, könnte man einen
+Hund damit prügeln, dem hätte die Nacht kreuzwohl zu Muthe sein müssen
+-- hundemüde auf einem Ast zu sitzen mit dem Kopf unterm Flügel und mit
+der wohlthuenden Überzeugung beim ersten Einnicken herunter zu fallen
+und den Hals zu brechen.«
+
+»Das geschieht Dir aber recht, Zachäus, vollkommen recht, mein
+Herzchen -- was dumm ist muß geprügelt werden, und anstatt lieber
+den alten verdammten Karren, den ich es zum Sterben müde bin im Lande
+umherzuschieben, in den Mississippi hineinzufahren und umzudrehen,
+mußt Du auch noch Fährgeld dafür zahlen und damit herüberkommen, dann
+Wochenlang durch den heißen nassen Sumpf ziehn, um hier endlich an
+einem Platz, den die Nachkommen gar nicht finden können wenn sie Einem
+wirklich ein Monument setzen wollten, elendiglich und Gotteserbärmlich
+umzukommen.«
+
+Maulbeere drückte sich nach diesem Selbstgespräch den alten aufgeweichten
+Hut fester in die Stirn, stemmte beide Ellbogen auf die Knie, stützte
+den Kopf in die Hände und starrte finster und mit dicht zusammengezogenen
+Brauen eine ganze Weile vor sich nieder.
+
+Er sah auch traurig aus; -- den grünen Rock trug er noch immer. Das Wild
+im Wald wechselt seinen Pelz oder sein Fell mit der Jahreszeit, der
+Vogel hat seine Mauser, die Schlange streift ihre Haut ab, einer neuen
+Raum zu geben, und jede Kreatur leckt oder säubert dabei ihr Kleid,
+das ihr der Schöpfer gegeben, nach besten Kräften, streicht Federn
+oder Haare glatt und fühlt sich dann erst wohl, und behaglich wenn das
+geschehn. Nur Maulbeere kannte kein solches Bedürfniß; wie die Katze die
+Nässe scheut, haßte er, vor allen anderen Elementen, das Wasser; Niemand
+hatte je gesehen daß er sich wusch; wenn das an Bord geschehen war mußte
+er es in der Nacht gethan haben und selbst dann heimlich, von der Wacht
+an Deck unbemerkt. Den grünen Rock, jetzt an unzähligen Stellen geflickt
+und ausgebessert, trug er noch bis oben an die schwarze, matt glänzende
+Pferdehaarhalsbinde fest zugeknöpft, der alte Filz, der keine Façon mehr
+zu verlieren hatte, lag ihm mit seinem, an drei Seiten durch Bindfaden
+befestigten Deckel, weich und lappig geworden, dicht auf dem Scheitel,
+und die derben rindsledernen Schuhe, zu denen die durch Dornen unten
+ausgefranzten großkarirten baumwollenen Hosen niederhingen, schienen
+das einzig trag- und nutzbare am ganzen Menschen. Auch der blonde
+starre Bart hatte seit Wochen kein Rasirmesser gesehn, und das kurze
+semmelblonde struppige Haar hing ihm jetzt naß und in zusammenklebenden
+Streifen über Stirn und Schläfe, und ließ ihm einzelne durch den defekten
+Hutrand eingedrungene Tropfen über die fahlgrauen Backen, auf denen sie
+lange Schmutzstreifen bildeten, in die Halsbinde laufen.
+
+In der widrigen Feuchtigkeit hatte ihn auch sein trockener Humor
+verlassen, und Maulbeere saß neben seinem Karren wie ein wild gewordener,
+der Civilisation abtrünnig gewordener Scheerenschleifer, Haß und Groll
+gegen die ganze Welt -- die er überhaupt noch nie lieb gehabt -- im
+Herzen.
+
+Ein Schuß! -- Zachäus fuhr in die Höh, als ob _ihn_ die Kugel getroffen
+hätte, und horchte gespannt, nach welcher Richtung hin er das nächste
+Geräusch jetzt hören würde, als auch der Fall eines Körpers, nur wenige
+Secunden später, sein Ohr erreichte.
+
+»Hallo! _hupih_! -- hallo!« schrie er jetzt dorthin aus Leibeskräften,
+»he! hallo! hallo! hu -- _ih_ -- _ahoy_!«
+
+Das laute Anschlagen eines Hundes antwortete dem fremden Ton, dem gleich
+darauf der ermunternde Zuruf einer menschlichen Stimme folgte.
+
+»Existirt wirklich noch eine andere menschliche Kreatur in dieser
+gottvergessenen Mischung von Streu und Nutzholz,« brummte Maulbeere
+vor sich hin, »fehlte mir jetzt weiter gar Nichts, als daß es so eine
+verdammte Rothhaut wäre, die eben solchen Hunger hätte wie ich. Aber
+einerlei, lieber an einem warmen behaglichen Feuer gebraten werden, wie
+hier madennaß vor Frost und Bauchgrimmen umkommen; also noch einmal ein
+Nothsignal, die wilde Bestie auf meine Spur zu bringen.«
+
+Und wieder ließ er den Wald von seinem Geschrei ertönen, und nicht
+lange, so brach ein grau gestreifter, kräftig gebauter Hund durch die
+Büsche, gerad auf ihn zu, machte noch ein paar tüchtige Sätze gegen ihn
+an, und gab dann Standlaut.
+
+Maulbeere, der seine besonderen Gründe hatte den Hund nicht gegen sich
+aufzubringen, konnte unter diesen Verhältnissen nichts anderes thun
+als sich vollkommen ruhig verhalten; nicht lange aber, so brachen und
+knackten die Büsche und ein Jäger, die Büchse auf der Schulter, einen
+eben geschossenen Truthahn, Kopf und Ständer mit Bast zusammengebunden,
+wie eine Tasche umgehängt, trat aus den Büschen und kam, die wunderliche
+Gestalt mit dem Karren dabei nicht wenig erstaunt betrachtend, auf
+Maulbeere zu.
+
+»Hallo Fremder!« rief Jack Owen, denn es war Niemand anders als unser
+Arkansanischer Freund, »wie zum Henker seid Ihr mit _dem_ Fuhrwerk da in
+die Gründorn-Flat gerathen?«
+
+»Hineingerathen?« erwiederte Maulbeere, der in den zwei Jahren seines
+hiesigen Aufenthalts schon ziemlich fertig Englisch gelernt hatte,
+»fragt mich lieber wie ich wieder hinausgerathe -- hier in der Gegend
+wissen die Leute wohl gar nicht was ein _Weg_ ist?«
+
+»Oh doch,« lachte der Mann, der sich nicht satt sehen konnte an dem
+Fremden, »manchmal haben wir hier so schmale Dinger, die man, in
+Ermangelung besserer, Wege nennt. Aber wo kommt Ihr her? -- was habt
+Ihr da in der wunderlichen Maschine und wo wollt Ihr hin?«
+
+»Wenn Ihr mich gefragt hättet wie ich die Nacht geschlafen habe und
+ob ich etwas zu essen haben wollte, wäre mehr Sinn d'rin,« brummte
+Maulbeere verdrießlich. »Wie weit ist's bis zum nächsten Haus?«
+
+»Kaum eine Viertelstunde -- wenn Ihr _hier_ übernachtet habt, konntet
+Ihr die Hähne heut Morgen krähen hören -- wo habt Ihr geschlafen?«
+
+»Wenn's Euch interessirt,« knurrte Maulbeere, »und Ihr den Spuren
+nachgehen wollt, die ich mit dem verdammten Kasten hier aufgewühlt, dann
+kommt Ihr zuletzt zu einem Baum -- irgend ein weitläufiger Verwandter
+von diesen hier -- auf dem hab' ich gesessen!«
+
+»Oben im Baum?« lachte der Jäger.
+
+»Wenn ich _drunter_ gelegen hätte fändet Ihr einen Theil meiner
+Gliedmaßen vielleicht heute Morgen in dem Magen eines Panthers, und den
+anderen sauber verscharrt für eine zweite Mahlzeit, unter dem Laube.«
+
+»Unsinn Mann -- Ihr könnt hier ein Jahr lang unter einem Baum im Walde
+schlafen, und wenn Euch die Mosquitos und Holzböcke nicht auffressen,
+die Panther thun Euch Nichts.«
+
+»So? -- es hat wohl nicht Einer dicht bei mir auf einem anderen Baum
+gesessen, und mir die ganze Nacht eine schauerliche Geschichte
+vorgeheult, heh?«
+
+»Hahahahaha!« lachte Jack, »das wird eine Eule gewesen sein; in dieser
+Jahreszeit schläft sich's wundervoll im Wald.«
+
+»Eule,« brummte Maulbeere verächtlich zwischen den Zähnen durch,
+»wundervoll im Wald schlafen -- wer eine Leidenschaft dafür hat. Mir
+ist's lieber ich erfahre es erst am nächsten Morgen, wenn's in der Nacht
+geregnet hat.«
+
+»Alle Wetter ja,« rief Jack gutmüthig, »Ihr seid durch und durch naß
+-- es hat die Nacht wohl stark geregnet? und wir zu Hause haben nicht
+einmal viel davon gemerkt. Aber kommt, nehmt Euer Fuhrwerk und bringt
+es nur hier herüber mir nach.«
+
+»Wenn ich nicht fest damit säße hätte ich mich nicht hier häuslich
+niedergelassen,« erwiederte der Scheerenschleifer mürrisch -- »das
+Dornenwerk hält wie Ankertaue.«
+
+»Da wollen wir leicht Bahn hauen,« lachte Jack, sein langes schweres
+Jagd- oder Bowiemesser aus dem Gürtel nehmend, und die Dornen ringsum
+mit leichten Schlägen durchhauend, »so -- so -- so -- jetzt versucht's
+einmal, gleich da drüben wo die alte Eiche liegt geht ein schmaler Kuhpfad
+nach der Farm zu, dem können wir folgen bis wir in den Reitweg kommen,
+und dann habt Ihr freie Bahn -- gehts?«
+
+»Wenn ich Jemanden finde der dumm genug ist mir den Kasten abzukaufen,«
+sagte Maulbeere, das Tragband wieder einhenkend und den Versuch machend,
+»so gebe ich mein Geschäft auf und gehe unter die Millionaire -- hol der
+Teufel das Scheerenschleifen.«
+
+Jack sah ihm lachend zu, bis der Fremde nach drei vier Ansätzen den
+schweren eingesunkenen Karren nicht vorwärts brachte, dann ging er
+rasch auf einen jungen Papaobaum zu, von dem er die Rinde, so hoch er
+hinaufreichen konnte, mit seinem Messer abschlug und niederstreifte, ein
+Seil daraus drehte, und dieses vorn am Karren befestigend, sich selber
+vorspannte.
+
+»So -- nun noch einmal -- a hoy -- alle zusammen!«
+
+»Ahoy!« rief Maulbeere, und mit dem Ruck kam der Karren frei, der von
+den beiden Männern jetzt mit ziemlicher Leichtigkeit bis zu dem schmalen
+Pfad, und diesen hin bis in den Reitweg gezogen wurde, wo ihn Maulbeere
+allein fortbringen konnte.
+
+Unterwegs wurde der Scheerenschleifer, mit der Aussicht auf ein warmes
+Feuer und Essen, wie auf eine heiße Tasse Kaffee aber gesprächiger,
+erzählte dem Jäger welcher Art sein Geschäft sei, was er thue und
+treibe und wie er sein Brod erwerbe, und die ganzen Vereinigten Staaten
+schon durchzogen habe, bis er zuletzt, durch die vielen brillanten
+Schilderungen der westlichen Staaten verführt worden sei auch _hier_
+sein Glück zu versuchen, wo er sich jetzt die größte Mühe geben werde,
+so rasch als möglich wieder fortzukommen.
+
+Jack Owen amüsirte sich ungemein über die wunderliche mürrisch-drollige
+Ausdrucksweise des Mannes, dem er aber doch zu dessen Trost mittheilte,
+daß er sich hätte zu keiner glücklicheren Zeit in diese Gegend verirren
+können, als gerade heute, da sich fast das ganze County in der Nähe der
+Farm, der sie eben zusteuerten, zu einer sogenannten Camp-Meeting (eine
+fromme Zusammenkunft im Freien) versammelt sei, während zu gleicher Zeit
+von dem Gouvernement des Staates der öffentliche Verkauf des ganzen
+Platzes, in Folge eines alten Processes, anberaumt sei.
+
+Maulbeere horchte hoch auf -- von den Camp-Meetings des Westens hatte
+er schon so viel gehört, daß er selber gespannt war einer derselben
+beizuwohnen, und Leute die sich bei einer solchen Versammlung einfanden,
+führten auch stets Geld bei sich. Auf eine gute Einnahme in seinen
+verschiedenen Branchen durfte er jedenfalls rechnen, und wer weiß was
+da sonst noch für ihn auftauchte. Maulbeere war ganz der Mann dazu von
+solcher Gelegenheit den größtmöglichen Nutzen zu ziehn, und daß er sie
+nicht versäumen würde, fest entschlossen.
+
+Vor ihnen lag jetzt Olnitzkis alte Farm, von der er übrigens keine
+Ahnung hatte, daß Fräulein von Seebald, seine alte Reisegefährtin, mit
+ihr in so genauer Beziehung gestanden, und eine Masse Menschen lagerten
+um zahlreiche dort entzündete Feuer, kochten Kaffee, brieten Fleisch an
+der Gluth, und gaben dem sonst so stillen Platz ein eigenes lebendiges,
+fröhliches Aussehn -- und wie ernst doch war der Zweck der sie hier
+versammelt.
+
+Als Olnitzki damals von Jack Owen erschossen worden, galopirte Soldegg
+nach Little Rock zurück und -- klagte nicht etwa gegen die Farmer und
+Squatter von Arkansas, er war zu klug dazu, und wußte was ihm selber
+geschehen konnte in dem Fall, aber er verkaufte seine rechtsgültigen
+von Olnitzki selber gezeichneten Papiere, die den _Verkauf_ seiner Farm
+wie seines sämmtlichen Viehstands, mit Ausnahme eines einzigen Pferdes
+betrafen, an einen Advokaten in Little Rock, einen sonst schlauen und
+durchtriebenen, aber erst seit kurzer Zeit aus den östlichen Staaten
+hierhergekommenen Burschen, für den halben Werth gegen baar Geld, womit
+er Arkansas verließ.
+
+Der Advokat, ein gewisser Kowley, reiste ohne Weiteres nach Oaklandgrove
+hinüber, sein Eigenthum in Besitz zu nehmen, fand sich aber hierin
+getäuscht, erfuhr daß Olnitzkis Frau, die Einzige die nach den Begriffen
+der Nachbarn etwas zu sagen habe, Farm und Vieh einer Waise geschenkt
+habe, die der von Olnitzki erschossene Riley hinterlassen, die Nachbarn
+es übernommen hätten die Farm für diese zu bewirthschaften, bis sie den
+Besitz selber antreten könne, und daß keine Klaue und kein Huf von diesem
+Eigenthum ihre »#range#« verlassen solle, in andere Hände überzugehen.
+
+Mr. Kowley sah sich genöthigt unverrichteter Sache nach Little Rock
+zurückzureiten; aber keineswegs gesonnen sich »in seinem guten Recht«
+durch eine Bande gesetzloser Squatter, wie er sie nannte, stören zu
+lassen, machte er die Sache in Little Rock anhängig, und ein ordentlicher
+Proceß entstand, von dessen Kosten sich die Squatter schon durch das sie
+schützende Gesetz[1] freihielten, der aber doch, nachdem er sich über
+Jahr und Tag hingezogen, _gegen_ die Squatter entschieden und ein Termin
+zu gleicher Zeit anberaumt wurde, an dem die früher dem Polen Olnitzki
+gehörende und käuflich an Mr. John Kowley übergegangene Farm, mit den
+dazu gehörigen und in dem Verkaufsbrief einzeln aufgeführten Pferden,
+Rindern und Schweinen, öffentlich und an den Meistbietenden verkauft
+werden sollte.
+
+_Der_ Termin war heute, und zwei, gerade in jenem County befindliche
+Geistliche, sogenannte #circuit riders#, die von ihren Consistorien
+ausgeschickt werden die noch wenig bevölkerten Distrikte, in denen
+keine Kirchen sind, zu durchziehn und dort zu predigen, hatten sich
+entschlossen für den nächsten Tag eine schon längst beabsichtigte
+»Betversammlung im freien Walde« anzusagen, da der Gerichtstermin ja
+ohnedieß eine Menge Menschen herbeiziehen mußte. Ob gerade _diese_
+Gelegenheit eine sonst passende war kümmerte sie wenig, sobald nur viel
+Menschen dort zusammen kamen und die Beisteuer zu ihren milden Zwecken
+-- Kirchenbau, Missionswesen, Bibelvertheilung und Erhaltung der
+Geistlichen -- recht reichlich ausfiel.
+
+Jack Owens sonst so freundliches Gesicht nahm aber einen recht ernsten,
+finsteren Ausdruck an, als er den freien Platz betrat auf dem die
+Fremden versammelt waren, und unter diesen eine ziemlich große Zahl
+städtisch gekleideter Advokaten und Kaufleute von Little Rock, die
+theils Neugierde, theils wirkliche Lust zu kaufen hier heraus in den
+Wald getrieben, erkannte. Schweigend, und von seinem Begleiter dicht
+gefolgt, seine Büchse über der Schulter, seinen großen Hund hinter sich,
+ohne zu grüßen, ohne umzusehen, schritt er zwischen der Schaar durch
+und auf das Haus zu, in dessen Thür ein junges, bildhübsches vielleicht
+vierzehnjähriges Mädchen stand, und ihm freudig und herzlich beide Hände
+entgegenstreckte.
+
+»Oh Gott segne Euch Mr. Owen« rief ihm das etwas bleich und angegriffen
+aussehende Kind entgegen -- »wie froh, wie glücklich bin ich daß Sie
+endlich angekommen sind; ich hatte schon solche Angst Sie -- Sie
+würden --«
+
+»Doch nicht fortbleiben heute, Jenny?« lachte der Jäger, gutmüthig ihre
+zarten Wangen und das goldene Haar aus ihrer Stirn streichend -- »nein
+mein Kind, wir verlassen Dich nicht, darauf darfst Du bauen; dieß ist
+deine Heimath und soll es bleiben und wenn wir Alle unsere Heerden
+verkaufen müßten, sie Dir zu erhalten -- wohin es aber nicht kommen
+wird. Wie geht's Deiner Großmutter, Herz?«
+
+»Schlecht Mr. Owen, recht schlecht -- die vielen Menschen da draußen
+machen ihr Angst -- sie hat stärkeres Fieber heute gehabt, und ist vor
+einer halben Stunde etwa nur erst eingeschlafen.«
+
+»Hier hab' ich Dir 'was zu leben mitgebracht, Jenny« sagte der Jäger,
+dem Kinde lächelnd das Kinn emporhebend -- »ein junger Truthahn, aber
+feist wie Butter; die ißt Du ja so gern. Doch dem Mann da, -- ein
+Fremder der sich verirrt und die Nacht im Walde zugebracht hat -- mußt
+Du etwas zu essen machen und einen Platz an Deinem Feuer gönnen bis er
+sich getrocknet hat, wenn er sich nicht lieber draußen in die Sonne
+legt. Hast Du etwas für ihn?« --
+
+»Für Sie und ihn, Mr. Owen, der Kaffee ist fertig und steht am Feuer,
+ebenso das Brod, und der Speck ist in wenigen Minuten gebraten.«
+
+»Bravo mein Herz, dann können wir gleich zulangen; ich habe überdieß
+schon den ganzen Morgen durch den Wald gepirscht, solch einen Vogel für
+Dich zu suchen, und Dir dabei gleich den Scheerenschleifer gefangen, der
+die Nacht irgendwo im Wald aufgebäumt war aus Furcht vor Panthern und
+wilden Bestien. Kommen Sie herein, Mister, wie ist gleich ihr Name?
+-- Mowlbare -- wunderliches Wort das, aber ich denke Sie halten's wohl
+mit dem alten Sprichwort was wir hier im Walde haben -- einerlei _wie_
+man uns ruft, nur nicht zu spät zum Essen!«
+
+Maulbeere ließ sich nicht zweimal nöthigen -- seinen Karren draußen vor
+der Thür stehn lassend, nahm er den alten aufgeweichten Filz vom Kopf,
+strich sich die nassen struppigen Haare aus der Stirn, und machte Miene
+sich ohne Weiteres an den schon gedeckten Tisch zu setzen, auf den die
+Kleine eben die breitfüßige blecherne und dampfende Kaffeekanne stellte.
+
+»Wenn Sie sich erst waschen wollen, so steht draußen der Eimer und das
+Becken« sagte Jack, dem es vielleicht so vorkam, als ob ein wenig
+Seifenwasser der Physiognomie und den Händen des Fremden eben nicht
+schaden könne.
+
+»Danke« sagte aber der Scheerenschleifer in aller Ruhe -- »ich bin die
+Nacht gerade genug gewaschen, und habe mir das Wasser verleidet -- Kaffee
+ist mir lieber.«
+
+»Helft Euch selber dann« sagte Jenny freundlich, dem wunderlichen
+Fremden einen Stuhl zum Tisch rückend -- »Ihr seid herzlich willkommen
+zu Allem was wir haben.«
+
+Die beiden Männer setzten sich und aßen, und eine Weile wurde weiter
+Nichts gehört, als das Klappern der Messer, Gabeln und Tassen, von denen
+noch einige aus Olnitzkis Nachlaß übrig geblieben waren und über die
+sich Maulbeere allerdings den Kopf zerbrach, wie solch reich vergoldetes,
+weit anderen Verhältnissen angehörendes Geschirr hierher seinen Weg
+gefunden haben konnte. Er würde freilich noch weit mehr erstaunt gewesen
+sein, wenn er erfahren hätte daß die nämliche allerdings henkellose und
+oben ausgebrochene Tasse aus der er trank, mit ihm auf ein und demselben
+Schiffe von Deutschland erst herübergekommen wäre. Die Lebensmittel,
+besonders der heiße Kaffee nahmen jedoch seine Aufmerksamkeit viel zu
+sehr in Anspruch, sich für jetzt um irgend etwas anderes zu bekümmern,
+und wieder und wieder mußte Jenny die Tasse füllen.
+
+»Jenny« sagte da Jack nach langer Pause, in der seine Blicke ernst und
+sinnend über den kleinen Raum geschweift waren -- denn das vergoldete
+Geschirr hatte bei ihm ganz andere Erinnerungen wach gerufen, »wenn das
+Haus nachher zum Verkauf angekündigt ist, wirst Du mit bieten müssen,
+Herz.«
+
+»Ich, Mr. Owen?« sagte das arme Kind, wehmüthig lächelnd, »Du lieber
+Gott, mit was sollt ich wohl bieten; Sie wissen ja recht gut daß wir
+_Nichts_ haben auf der weiten Welt.«
+
+»Hast Du _gar_ kein Geld, Jenny?« sagte Jack, sie halb erstaunt aber
+recht freundlich anschauend -- »_gar_ Nichts, nicht ein ganz klein
+wenig?«
+
+»Ein ganz klein wenig, oh ja« lächelte das Mädchen gutmüthig -- »einen
+Viertel Dollar in Silber, den mir Großmutter schon vor langer langer
+Zeit gegeben.«
+
+»Nun siehst Du wohl, Schatz« lachte der Jäger, »daß Du reicher bist wie
+Du Dich machst? das ist vollkommen genug.«
+
+»_Ein_ Viertel Dollar, sagte ich Mr. Owen.«
+
+»Jawohl, und noch dazu in Silber.«
+
+»Aber was soll ich _damit_ anfangen?«
+
+»Nun die Farm und das Vieh kaufen -- ganz Arkansas kannst Du freilich
+nicht dafür bekommen.«
+
+Das Mädchen wandte sich langsam ab eine aufsteigende Thräne zu
+unterdrücken, denn der Scherz that ihr weh; Jack aber, der sie nicht
+kränken wollte, stand auf, ging zu ihr, legte seine Hand auf ihre
+Schulter und sagte freundlich --
+
+»Es _ist_ kein Scherz, Jenny, Du mußt gewiß mit bieten, ja noch mehr,
+Du mußt den Anfang machen. _Fürchtest_ Du Dich wenn ich dabei bin?«
+
+»Nein Mr. Owen« sagte das Mädchen herzlich -- »aber ich begreife nur
+nicht --«
+
+»Wirst das schon Alles noch erfahren -- welche Zeit haben wir jetzt?«
+
+»Bald elf Uhr, nach der Sonne.«
+
+»Alle Wetter, dann ist auch nicht mehr viel zu versäumen, um elf beginnt
+die Auktion -- wenn ich Dich rufe komm zu mir hinaus. Und Sie, Mr.
+Mowlbare können heut etwas Neues sehn in Arkansas, aber« -- setzte er
+ernster und fast wie drohend hinzu -- »wenn ich Ihnen zum Besten rathen
+soll, so bieten Sie nicht mit.«
+
+»Danke herzlich« sagte Maulbeere verbindlich -- »spüre für jetzt noch
+nicht die mindeste Lust mich in Arkansas niederzulassen -- aber hinaus
+darf man doch kommen?«
+
+»Gewiß, gewiß« lachte Jack wieder, »und werden treffliche Gesellschaft
+da finden;« und seine Büchse schulternd, während er dem Mädchen freundlich
+zunickte, verließ er rasch das Haus.
+
+Draußen kamen indessen Fremde auf Fremde, sammelten sich um die
+verschiedenen Feuer, wo sie einen Bekannten trafen, oder besahen auch
+wohl die aus dem Nachlaß von den Nachbarn selber herbeigebrachten
+Pferde, die dort ausgehobbelt -- d. h. mit zusammengebundenen Vorderfüßen
+-- an hingeworfenen Maiskolben knapperten, und munter den immer und
+immer wieder neuankommenden Reitern entgegenwieherten.
+
+Um den Sheriff, der von Little Rock selber herübergekommen war
+den Verkauf zu leiten, hatte sich dabei eine ziemliche Anzahl von
+»Stadtleuten« versammelt; der Platz ging jedenfalls für ein Spottgeld
+weg, denn der jetzige Eigenthümer Mr. Kowley, wollte ihn um jeden Preis
+los sein, und die Pferde allein, wackere prächtige Thiere, hatten einen
+guten Werth.
+
+Jack ging wieder zwischen den Gruppen durch, ohne sie auch nur eines
+Blicks zu würdigen, und hie und da flüsterte man wohl leise hinter
+ihm her, daß das der Mann sei, der den frühern Eigenthümer dieses
+Platzes erschossen. Vor eine Jury damals gestellt war er aber, da es in
+Selbstvertheidigung geschehen, frei gesprochen worden; Olnitzki hatte
+zuerst nach ihm geschossen, und der Wille allein wäre genügend gewesen,
+selbst ohne die, noch damals nicht geheilte Narbe von dessen Kugel. Die
+Leute von Little Rock hielten sich aber fern von dem Mann; sie wollten
+mit den Squattern dieses Distrikts, die den Ruf eines wilden unzähmbaren
+Volkes hatten, so wenig als möglich in Berührung kommen, und waren
+vollkommen zufrieden Niemand weiter von der Schaar zu sehn, wenn sie
+sich auch eigentlich darüber wunderten.
+
+»Gentlemen!« redete da der Sheriff die Versammlung an, »es wird etwa elf
+Uhr sein, und ich glaube wir können die Auktion beginnen, damit die
+Herren, die noch gesonnen sind heute nach Little Rock zurückzukehren,
+Zeit dazu behalten. Wir sind doch wahrscheinlich Alle versammelt, die an
+dem Kaufe Theil nehmen wollen und ich werde anfangen.«
+
+Jack Owen stand etwa zwanzig Schritt von ihm entfernt, als er diese
+Worte an die ihm Nächsten richtete, und nahm jetzt, ohne eine Sylbe
+darauf zu erwiedern, seine Büchse von der Schulter. Zugleich spannte er
+den Hahn, zielte einen Augenblick nach dem Wipfel einer der nächsten
+Eichen, und bei dem Krachen des Schusses stürzte ein Rothkehlchen, das
+sich dort oben im Gefühle völliger Sicherheit niedergelassen, gänzlich
+von einander geschossen herunter zu Boden.
+
+»Ein famoser Schuß!« riefen Einige der Stadtleute, die nicht recht
+wußten was sie aus dieser plötzlichen Schießübung mitten zwischen sich
+machen sollten -- »ein vortrefflicher Schuß!« Der Sheriff nur wandte
+sich mit eben keinem freundlichen Blick gegen den Schützen um, sagte
+aber Nichts und Jack, ohne die geringste Notiz von irgend Jemand Anderem
+zu nehmen, stieß seine Büchse vor sich auf den Boden nieder, reinigte
+sie, und lud sie wieder.
+
+Da brachen rings die Büsche, Rosse wieherten, Hunde schlugen an; überall
+raschelte und knackte es im Wald, und der Boden zitterte unter den
+schmetternden Hufen einer heranstürmenden Anzahl Pferde, nach denen
+sich die hier um die Feuer Versammelten kaum überrascht, ja erschreckt
+umsehen konnten, als auch schon einige dreißig kräftige wilde Gestalten,
+fast Alle in lederne oder wollene Jagdhemden und ausgefranzte Leggins
+gekleidet, ihre langen Büchsen über der linken Schulter, ihre Messer an
+der Seite, die Zügel ihrer Thiere locker in der rechten Hand, Einzelne
+im bloßen Kopf mit flatternden Haaren wie Indianer, Andere mit alten
+Filz- oder Strohhüten auf, über umliegende und dort umhergestreute Stämme
+wegsetzend, herankamen, und dicht um die Feuer her ihre schnaubenden
+Thiere parirten. So rasch und plötzlich und so mit einem Mal von allen
+Seiten war die Schaar der Backwoodsmen, sämmtlich Nachbarn hier und
+Squatter dieser Niederungen, herangekommen, daß der Schuß des Einen von
+ihnen jedenfalls das _Signal_ für Alle gewesen sein mußte, die schon
+lange darauf harrend im Hinterhalt gelegen. Aber Keiner von ihnen
+kümmerte sich um den Anderen, und handelten sie nach _einem_ Entschluß,
+so war der jedenfalls schon früher verabredet und besprochen, und
+bedurfte keines weitern Worts noch Winkes. Aber Alle warfen sich jetzt
+von den Pferden, hingen die Zügel der scharrenden, stampfenden Thiere an
+den nächsten schwingenden Zweig der ihnen zur Hand war, und traten dann,
+ihre Büchsen auf den Schultern und trotzig genug sich dabei im Kreise
+umsehend, mitten zwischen die Käufer hinein, so daß sie diese von allen
+Seiten umgaben und umstanden. Unter ihnen waren der alte Rosemore, Bill
+Jones, Sam Houston und überhaupt das ganze »#settlement#« oder die
+Nachbarschaft -- Keiner fehlte.
+
+Wenn Jemand in der ganzen Versammlung, so hatte aber der Sheriff von
+Little Rock diese »Demonstration«, für was er sie nicht ganz mit Unrecht
+hielt, in Zorn und Unwillen angesehn, ohne freilich dagegen einschreiten
+oder auch nur etwas dawider äußern zu können. Daß die Leute mit ihren
+Waffen kamen verstand sich von selbst, ein Backwoodsman geht nie ohne
+diese, nicht hundert Schritt von seiner Hütte ab, vielweniger eine
+Strecke durch den Wald, sei die Gelegenheit welche sie wolle, und das
+stille ernste Benehmen der Männer ließ ebenfalls auf keine Störung
+schließen; nichtsdestoweniger gefiel ihm das plötzliche Ankommen der
+Leute nicht, das auch auf die übrigen Käufer, die schon wußten daß
+der Verkauf nicht mit dem Willen der »Nachbarn« geschah, einen
+fatalen Eindruck gemacht. Dem Gesetz durften sie aber nicht mit Gewalt
+entgegentreten, und so oft sie dasselbe auch in ihre eigne Hand schon
+genommen, hüteten sie sich doch jedenfalls den Sheriff in seinem Amt zu
+hindern. So also auf einen der zahlreichen dort umherstehenden, kurz
+abgehauenen Baumstümpfe tretend, die Versammlung besser übersehn zu
+können, zeigte er dieser mit kurzen Worten an daß der Verkauf der Farm
+jetzt beginnen solle, die er, Zeit und Mühe zu ersparen, und nach dem
+bestimmt ausgesprochenen Willen des jetzigen Eigenthümers, Mr. Kowley
+aus Little Rock, gleich mit dem dazu gehörenden Vieh, Pferden, Rindern
+und Schweinen in _einem_ Gebot an den Meistbietenden losschlagen würden,
+wonach es dann dem Käufer überlassen bleibe, wenn er es für gut finden
+sollte, Pferde oder Vieh wieder besonders zu versteigern.
+
+»Ein Wort Mr. Sheriff!« sagte da plötzlich der alte Rosemore mit seiner
+tiefen, ruhigen Stimme, indem er ebenfalls den Kolben seiner Büchse auf
+einen andern Stumpf stemmte und hinaufstieg; »ich bin als Ältester hier
+unter uns, und von den Nachbarn beauftragt worden noch ein paar Worte an
+die Versammlung zu richten.«
+
+»Ich glaube nicht daß etwas derartiges nöthig sein wird« sagte der
+Sheriff -- aber von allen Seiten rief es »doch, doch! sprecht Sir -- was
+giebt's« und der Sheriff, sich die Unterlippe beißend, schwieg.
+
+»Ich bin gleich fertig« sagte der alte Mann freundlich, »denen nur die
+es noch nicht wissen, wollte ich hier blos einfach mittheilen daß Farm,
+Pferde und Vieh von dem früheren Besitzer, dem Polen Olnitzki, an einen
+anerkannten falschen Spieler und sonst gar verdächtigen Menschen, der es
+seit der Zeit nie wieder gewagt hat zwischen uns zu erscheinen, im
+_falschen_ Spiel, wie sich später herausgestellt hat, verloren wurden.«
+
+»Mr. Rosemore« -- unterbrach ihn der Sheriff.
+
+»Entschuldigen Sie mich, Sir, ich bin noch nicht zu Ende« sagte der alte
+Mann ernst und fuhr dann langsam fort, »die Frau wie wir Alle hier
+wissen, die jener Olnitzki schlimmer behandelt hat, als ein Indianer
+seine Squaw behandeln würde, stammte aus einer edlen und reichen Familie,
+und hatte mit _ihrem_ Geld, als sie nach Amerika kamen, Farm und
+Viehstand, von dem Olnitzki schon früher drei Viertheile durchgebracht,
+gekauft -- aber sie besaß keine Papiere darüber. Vor mehren Jahren hat
+ferner jener Olnitzki, den hier später seine Strafe erreichte, einen
+armen aber rechtlichen Mann im allerdings ordentlich abgehaltenen
+Zweikampf erschossen, weil dieser nicht ruhig zusehn wollte, wie er
+seine arme, kränkliche Frau mishandelte und _schlug_. Der Mann hieß
+Riley und hat eine alte kranke Frau, seine Großmutter, und eine jüngere
+Schwester ein Kind noch fast, hinterlassen, das dort in der Thür der
+Hütte steht. Diesem Kinde hat Olnitzki's Frau, als sie mit ihrer Schwester
+nach des Polen Tode uns verließ, die Farm mit dem sämmtlichen Viehstand
+geschenkt. Wir Nachbarn erklärten dabei, daß Olnitzki kein Recht gehabt
+habe die Farm, die seiner Frau gehörte zu _verspielen_, die Gerichte in
+Little Rock entschieden aber anders. Nach langem Streiten gewann jener
+Advokat, der von dem falschen Spieler Land und Vieh zu einem Spottpreis
+gekauft, den Prozeß, und der Herr Sheriff ist heute herübergekommen,
+Land und Viehstand an den Meistbietenden öffentlich zu versteigern.
+_Das_, Mitbürger, ist der Thatbestand der Sache, und wir Nachbarn«
+-- setzte er mit lauterer Stimme hinzu, »sind der Meinung daß das Kind
+die Farm, die ihm rechtmäßig schon gehört, erstehen wird.«
+
+»Das kommt auf die Gebote an, Sir!« rief der Sheriff heftig.
+
+»Ei versteht sich, Sir,« sagte der alte Rosemore -- »auf die Gebote, und
+ich bitte daß Sie beginnen. Jack Owen -- seid doch so gut und führt das
+arme Kind einmal hier zwischen die Herren herein -- es fürchtet sich
+sonst näher zu treten; Sie sind wohl so freundlich, Gentlemen, und
+machen ihm Platz!«
+
+»Oh ja wohl -- mit dem größten Vergnügen!« riefen die dem Haus zunächst
+Stehenden bereitwillig, und Jack Owen schritt langsam dem Hause zu, nahm
+Jenny, der er einige ermuthigende Worte zuflüsterte, an die Hand, und
+führte das junge zitternde Mädchen in den Kreis der Männer, die eine
+Gasse für sie öffneten.
+
+»Oh Bill!« rief während der kleinen Pause die jetzt entstand, Einer der
+Backwoodsmen, ein rauher, wild aussehender Bursche einem Andern über
+den ganzen Kreis hinüber zu -- »ich habe die Nacht einen schändlichen,
+nichtsnutzigen Traum gehabt -- mir träumte ein feiner Bursche mit einem
+Tuchrock an, hatte die Farm erstanden, und wie ich zu Haus ritt lag er
+im Gründorn Flat auf des Polen Grab, und hatte einen rothen, häßlichen
+Fleck mitten auf der Stirn.«
+
+»Ah Unsinn Jim!« lachte der Andere zurück, »_Dein_ Traum hinkt, denn ich
+habe geträumt _es hätte gar Niemand mitgeboten_!«
+
+»Gentlemen ich protestire hier feierlich gegen jede drohende Einwirkung
+auf den Verkauf dieses Gutes!« fiel hier der Sheriff hitzig ein, »oder
+ich sehe mich genöthigt mich unverrichteter Sache zurückzuziehn, und dem
+Staatsanwalt Anzeige solchen Benehmens zu machen.«
+
+»Thut Euere Pflicht Sheriff!« rief aber der alte Rosemore ruhig -- »es
+wird kein Mensch mehr ein Wort hineinreden -- daß sich ein paar junge
+Burschen ihre albernen Träume erzählen darf Euch nicht kümmern.«
+
+Der Sheriff zögerte noch einen Augenblick und berieth sich in leisem
+Flüstern mit den ihm nächst Stehenden was zu thun, ein späterer Termin
+würde aber ebenfalls zu keinem andern Resultat geführt haben, die Käufer
+hatten jedenfalls das Gesetz und seinen mächtigen Arm auf ihrer Seite,
+und nach kurzer Einleitung, in der er jetzt die Zahl der urbar gemachten
+Äcker, der Pferde, die von den Kauflustigen schon in Augenschein genommen,
+die Anzahl Kühe, Rinder und Schweine aufgezählt, eröffnete er die
+Auktion und lud die Anwesenden zu einem Anfangsgebot ein.
+
+Im ersten Augenblick herrschte tiefe Stille, das Zirpen der Grillen
+drang peinlich deutlich von den nächsten Bäumen herüber, und man konnte
+das _Athmen_ der Menge hören. Da bog sich Jack Owen freundlich zu dem
+jungen Mädchen nieder und flüsterte ihr ein paar ermuthigende Worte zu
+und Jenny, mit todtenbleichen Wangen und zitternden Lippen, aber klaren,
+blitzenden Augen, trat einen Schritt vor und sagte mit nicht lauter,
+aber doch bis selbst zu den entferntest Stehenden dringend:
+
+»Ich biete einen Viertel Dollar für das Ganze.«
+
+»Unsinn!« rief der Sheriff, in auflodernder Wuth mit dem Fuße stampfend,
+»wir haben hier kein Kinderspiel für müssige Leute -- ein Viertel
+Dollar, wo das Gebot in die Hunderte steigen muß, nur den halben Werth
+zu erreichen.«
+
+»Gebot ist Gebot!« rief es von anderer Seite, »der Verkauf hat begonnen
+-- thut Euere Pflicht Sheriff!«
+
+»Ich brauche mich von Niemanden an meine Pflicht mahnen zu lassen!«
+schrie dieser, leichenbleich vor innerem Grimm, dem er doch nicht Worte
+geben durfte, den Männern gegenüber.
+
+»Ein Viertel Dollar ist geboten,« sagte der alte Rosemore ruhig, »Jenny
+wird es wohl für den Preis bekommen.«
+
+»Wenn kein Gebot geschieht,« rief jetzt der Sheriff, mit Zornfunkelnden
+Augen, »hebe ich den Verkauf auf!«
+
+»Ein Gebot _ist_ geschehn!« schrie da Einer der jungen Backwoodsmen,
+derselbe, der vorher seinen Traum erzählt, und trotzig dabei mit der
+Büchse in den Kreis springend, »wir Männer von Arkansas sind eingeladen
+worden dem Verkauf heute beizuwohnen; der Verkauf hat begonnen, ein
+Gebot ist gemacht worden und ich frage Euch hier, die Ihr anwesend
+seid, ob etwas Unregelmäßiges in der Verhandlung stattgefunden?«
+
+»Nein -- Nichts!« schrie es von allen Seiten, »die Advokaten mögen uns
+Ihre Dintenklexer hier herüberschicken und uns die Farmen unter der Nase
+ausbieten lassen, wir können und wollen es ihnen nicht wehren, aber laß
+sie es wagen unsere Gebote nicht zu respektiren, und wenn es sich um
+einen einfachen Cent handelte, und bei Höll und Teufel wir schicken sie
+heim, daß ihre Haut keine Maishülsen mehr halten sollte.«
+
+»Ein Viertel Dollar ist geboten Gentlemen!« rief der alte Rosemore
+wieder so ruhig wie vorher, »Mr. Sheriff wollen Sie weiter fragen, oder
+glauben Sie daß der Preis genügt? es wird Mittagszeit, und wir, die wir
+noch zur #Campmeeting# zu reiten wünschen, möchten doch erst gern zu
+Hause etwas essen.«
+
+»Gentlemen!« rief aber der Sheriff auch, sich jetzt ermannend, »Sie
+werden dieses Scheingebot eines Kindes nicht gelten lassen. Das Gesetz
+und sein starker Arm _schützt_ Sie in jedem Gebot das Sie machen, und
+meinen eignen Hals will ich zum Pfande setzen daß der von Ihnen, der
+dieß Gut zu irgend einem Preis ersteht, auch in den rechtlichen Besitz
+desselben gelangen soll.«
+
+»Mein Traum wird doch wahr, Bill,« rief der Backwoodsman wieder über den
+Kreis hinüber.
+
+»Denkt nicht daran,« lachte der Andere, »der Sheriff hat ja seinen Hals
+verpfändet, und wird die Farm vielleicht selber kaufen wollen.«
+
+»Ein Viertel Dollar ist geboten,« begann zum dritten Mal der alte
+Rosemore, »wenn Ihr nicht selber jetzt die Auktion beginnt, Sheriff, dann
+thun _wir_ es -- überschreitet Euere Pflicht nicht, denn _wir_ sind hier
+herbestellt, und verlangen den Zuschlag für den Käufer.«
+
+»Auf ein solches Gebot schlag ich nicht zu!« schrie aber der Sheriff,
+jetzt außer sich vor Wuth, »wer will mich zwingen?«
+
+»Das Gesetz!« tobten ihm da die Backwoodsmen entgegen, »glaubt Ihr,
+daß Ihr uns hier zum Narren haben könnt, gerad' nach Gefallen, und
+herbestellen wenn es Euch freut, weil Euch ein Gebot nicht behagt? Die
+Farm ist angesetzt und feil gemacht; das Kind dort hat einen Viertel
+Dollar geboten und bietet Niemand mehr, und schlagt Ihr dann nicht zu,
+so straf uns Gott, wenn ein anderer Auktionator, ein anderer Käufer
+seinen Fuß wieder auf dieses Land setzen soll.«
+
+»Und Keiner bietet einen Cent mehr,« knirschte der Sheriff zwischen den
+Zähnen durch -- wagte aber selber kein höheres Gebot -- »Gentlemen ich
+wiederhole es hier nochmals -- das _Gesetz_ schützt Sie in jedem Gebote
+das Sie thun, und kein Bürger der Vereinigten Staaten _darf_ und wird
+sich dem widersetzen, denn die Folgen würden schwer und furchtbar auf
+sein eigenes Haupt zurückfallen. So beginne ich denn nochmals den
+Verkauf -- _zwei Bits_ sind geboten, und ich erwarte daß der zweite
+Bieter mit eben so viel hundert ganzen Dollarn nachfolgen wird -- _ich_
+-- das _Gesetz_ steht ein für sein gewahrtes Recht.«
+
+Alles schwieg -- der Amerikaner läßt selten lange auf sich warten, wo
+sich die Aussicht auf Gewinn für ihn bietet, aber die dunklen trotzigen
+Gestalten hier umher -- das Blut das schon unter diesen Bäumen geflossen,
+ohne daß selbst das Gesetz im Stande gewesen war es zu sühnen, die
+Drohung selbst, die versteckt, aber doch deutlich genug in dem erzählten
+Traum lag -- hie und da vielleicht auch mit dem Rechtlichkeitsgefühle
+Manches, der doch wohl einsah daß dem Kind -- wie das _Gesetz_ auch da
+geurtheilt -- die Farm gehören müsse -- Keiner bot.
+
+Wieder und wieder suchte sie der Sheriff nur erst zu _einem_ Gebot zu
+treiben, dem dann leicht andere folgen würden -- umsonst und endlich
+selber gereizt, und wüthender fast über die herübergekommenen Käufer als
+über die Squatter selbst rief er, während die »Nachbarn« ringsum lautlos
+standen, denn sie wußten jetzt daß sie gesiegt hatten -- mit bleichen
+Wangen und vor innerer Aufregung funkelnden Blicken:
+
+»Gut -- wenn Ihr Alle denn zu _feige_ seid Euer _Recht_ zu wahren,
+und der, der am meisten dabei interessirt ist, sein ausgelegtes Geld
+wenigstens für das Land wieder zu bekommen, sich gar nicht dabei blicken
+läßt, was kümmerts mich. Also,« und seine Hand hob sich dabei sie zum
+Zuschlag sinken zu lassen, »ein Viertel Dollar ist geboten -- ein
+Viertel Dollar zum ersten -- kein Gebot weiter? -- ein Viertel Dollar
+zum zweiten« -- eine Todtenstille herrschte, man konnte das Zwitschern
+der Vögel weit im Wald drinne, das Glucken und Kratzen der Hennen vor
+dem Hause hören -- »ein Viertel Dollar zum zweiten, und --« die Hand kam
+nieder, und mit der Bewegung das Wort: »_zum_ -- _Dritten_!«
+
+»Hurrah! Hurrah!« tobten und jubelten und jauchzten die wilden Gesellen
+um ihn her -- »piff, paff,« gingen die Freudenschüsse hoch in die Luft,
+und Jack Owen, in der linken Hand seine abgeschossene Büchse schwingend,
+griff mit dem rechten, eisernen Arm das junge, ängstlich umherschauende,
+und seinem Glück noch immer nicht trauende Mädchen vom Boden auf und
+trug es, unter dem Jubelruf der Menge, zwischen die Schaar der Nachbarn
+hinein. Alle Hände streckten sich nach ihr aus, den rauhen wilden Gesellen
+standen Thränen in den Augen, und im Triumphe wurde Jenny jetzt dem Hause
+zugetragen, als neue, rechtmäßige Besitzerin.
+
+
+
+
+Capitel 2.
+
+Maulbeere in der Betversammlung.
+
+
+Die Auktion war vorüber; Farm und Viehbestand gehörte dem jungen
+Mädchen, trotz jenem Jahrelang geführten Proceß, und all die Käufer,
+die hergekommen waren das Land, die Pferde zu erstehn, und sich das
+Alles nun mußten wie ein schönes Traumbild unter den Händen selbst
+wegschwinden sehen, standen im ersten Augenblick allerdings etwas
+verdutzt und unbehaglich da, und wußten nicht recht was für ein Gesicht
+sie dazu machen sollten. Daß die Backwoodsmen nämlich eine solche
+Drohung, wie sie der eine Bursche so schlau in seine Träume geflochten,
+wahr machen _könnten_, daran zweifelte nicht Einer von ihnen; des Polen
+Grab lag keine tausend Schritt von dort entfernt, ein blutig Zeichen,
+und ein Land kaufen das der Eigenthümer nie hätte wagen dürfen in Besitz
+zu nehmen, wär auch ein Geldverschleudern nur gewesen, wie der
+New-Yorker Advokat zu seinem Schaden jetzt erfahren.
+
+»Unter den Umständen durften wir gar nicht bieten,« sagte da der Eine
+von ihnen zu dem Andern, »der alte Mann hatte ganz recht -- man kann
+doch der kranken Frau und dem Kind das Haus nicht unter den Füßen
+wegkaufen, und sie in den Wald setzen? -- ich wenigstens möchte das
+nicht auf meinem Gewissen haben.«
+
+»Ich auch nicht,« rief ein Anderer, »die arme Kleine; was für ein
+hübsches Mädchen das einmal wird -- und wie bleich sie aussah.«
+
+»Mit Güte kann man bei mir Alles ausrichten,« sagte ein Dritter, »und
+ein gutes Wort findet einen guten Ort -- die Leute waren klug genug daß
+sie nicht wirklich drohten.«
+
+»Das wußten sie wohl daß ihnen das Nichts half,« rief der Erste wieder,
+»was hätten sie machen wollen wenn wir das Haus erstanden? aber so ist's
+besser und hundert Dollar sind mir nicht so lieb, als daß es die Kleine
+bekommen hat.«
+
+Maulbeere war ein stiller, aber höchst aufmerksamer Zuschauer des
+Ganzen gewesen, und so sehr ihn die höchst eigenthümliche Verhandlung
+interessirt, überlegte er doch eben, ob er nicht besser seinen eigenen
+Nutzen jetzt auch ein wenig wahren, und seinen Karren herbeischieben
+solle, der Versammlung mit wenigen eindringlichen Worten ihre eignen
+stumpfen Messer und sonstigen Bedürfnisse in's Gedächtniß zurückzurufen,
+als die Backwoodsmen plötzlich Alle wieder zu ihren Pferden gingen, die
+Zügel von den Zweigen warfen, in die Sättel sprangen und mit einem
+wilden _Hupih_, von den laut anschlagenden Hunden gefolgt, aber jetzt
+nach _einer_ Richtung hin, in den Wald hineinsprengten. Nur der alte
+Rosemore blieb mit Jack Owen zurück und ging mit diesem in das Haus, wo
+sie die Thüre hinter sich zumachten, und eine Zeitlang darin blieben.
+Nach einer ziemlich langen Weile kam Jack Owen allein zurück, und dem
+Scheerenschleifer freundlich auf die Schulter klopfend, sagte er
+lachend:
+
+»Nun wie hat Euch unsere Arkansas-Auktion gefallen?«
+
+»Gut,« erwiederte Maulbeere trocken, »und wenn Sie einmal wieder eine
+Farm für einen ähnlichen Preis wegzugeben haben --«
+
+»Dann wißt Ihr einen Käufer?« lachte der Jäger, »glaub' es wohl -- aber
+die Stadtherrn gehen auch nach ihren Pferden, so wollen wir denn den
+armen Thieren hier ebenfalls wieder ihre Freiheit geben; heut oder
+morgen werden sie doch nicht mehr gebraucht. Und dann Fremder, wenn es
+Euch recht ist, gehen wir zur #Camp meeting# hinüber, nicht weit von
+hier nach jener Richtung zu; wäre die Sache schon in Gang, könntet Ihr
+die Leute selbst hier jauchzen hören.«
+
+»_Jauchzen_ hören?« frug Zachäus verwundert.
+
+»Werdet's schon mit ansehn,« sagte der Jäger ruhig, den zum Verkauf
+hierher gebrachten und mit, durch den Viertel Dollar erstandenen Pferden
+die Hobbeln oder Stricke lösend, die ihre Vorderbeine zusammenhielten,
+daß die Thiere wieder frei zurück in den Wald, und ihren gewöhnlichen
+Weideplätzen zulaufen konnten, »und nun kommt, nehmt Eueren Karren, und
+folgt mir den Weg entlang, der hier an der Fenz hinunterführt, und wenn
+Ihr nicht _beten_ wollt dort, kann ich Euch Arbeit ziemlich gewiß
+versprechen.«
+
+ * * * * *
+
+Was für ein Leben das war hier mitten in dem sonst so stillen Wald;
+wie die verscheuchten Vögel ängstlich in den Zweigen herüber- und
+hinüberflogen, und zwitscherten und riefen; wie der Hirsch, der dort
+sonst seinen ungestörten Äsungsplatz hatte, als er heute langsam und
+vertraut wie immer auf seinen Wechsel herankam, rasch den schönen Kopf
+emporwarf, die von feindlichen Dünsten geschwängerte Luft einzog und
+schreckend zurück in seine Wildniß floh. Wie die Pferde so freudig
+wieherten und den Boden stampften, und der grüne Rasen ringsumher auf
+der kleinen Waldesblöße zertreten war, nach allen Seiten, und wie sich
+das drängte und schob und durcheinander wogte, von einer bunten
+fröhlichen Menschenmasse, die hier von allen Enden des County
+zusammengekommen.
+
+Ein Theil der Leute von Little Rock war ebenfalls dabei, die nämlich,
+die von der Auktion kommend, es vorgezogen hatten den heutigen Tag hier
+zu verbringen, und morgen früh zur Stadt zurückzukehren. Diese schienen
+aber am wenigsten vertreten, kamen auch nicht aus Religiosität hierher,
+sondern nur der leidigen Neugier wegen, und wurden von den Geistlichen
+am wenigsten gern gesehn. Nein, die Backwoodsmen und besonders deren
+Frauen und Töchter bildeten den Hauptkern der Versammlung; von allen
+Seiten strömten sie herbei, die Frauen fest im Sattel -- und wenn es
+auch kein Damensattel war -- ihre kleinen Bündel mit Kleidern vor sich
+auf dem Pferd, die Männer mit Büchse und Messer an der Seite wie immer.
+Und Lager wurden von Einzelnen aufgeschlagen rings im Wald, mit
+Rinden- oder Deckendach, während Andere dagegen ordentliche Zelte mit
+herüberbrachten, die sie allein für diesen Zweck bestimmt. Hier waren
+Männer an der Arbeit einen Baum zu fällen, und aus den abgeschlagenen
+Stücken rasch kurze Breter zu spalten zu einem sicheren Regenschutz,
+dort wurde Feuerholz geschlagen und herbeigeschleppt, oder Zweige wurden
+abgehauen, mit diesen ein flüchtiges Schutzdach gegen Sonne und Nässe
+herzustellen; aber überall herrschte Leben und Thätigkeit.
+
+Und wie die Feuer ringsum flammten und die Kessel brodelten, der blaue
+Rauch so luftig hinauf wirbelte in die grünen rauschenden Wipfel, und
+emsige Frauengestalten mit den großen, unförmlichen Bonnets auf dem Kopf
+-- gleichen Schutz gegen Sonne wie Küchenfeuer gewährend -- so fleißig
+an den Töpfen und Pfannen schafften und siedeten.
+
+Die Frauen hatten auch das meiste Interesse an solcher #Camp meeting#,
+und wenn der Mann daheim kaum daran gedacht hätte hinaus in den Wald zu
+gehn und die Pferde zu suchen, ließen sie ihm nicht Ruhe, und hatten
+tausend und tausend Gründe dafür weshalb sie, wenigstens dießmal, unter
+keiner Bedingung die fromme Versammlung versäumen dürften.
+
+Erstlich schadete den Pferden das Bischen Bewegung gar Nichts -- sie
+waren überdieß so lange nicht gebraucht, und #Marys colt# schon ganz
+lendenlahm geworden von all zu vieler Ruhe. Dann predigte zweitens,
+dieses Mal ganz gewiß der Ehrwürdige Mr. Sweetlip -- und was für eine
+süße Stimme der hatte, und wie weich und öhlich er Einem zum Herzen
+sprach -- wer hätte da ungerührt bleiben können.
+
+Und dann der andere Ehrwürdige Mr. Hottenbrocken, wie der es den Heiden
+und Ungläubigen sagte, wie der dem bösen Feind, #alias# Beelzebub zu
+Leibe rückte und ihn aus dem Felde schlug.
+
+Und dann hatten sie die Nachbarn in so ewig langer Zeit nicht gesehn
+-- lieber Gott, hier im Walde kam man ja mit Niemandem zusammen, und
+ob Bill Norton und Ann Sally wirklich versprochen wären, konnten sie ja
+auch nur dort erfahren.
+
+Und die beiden neuen Kleider, die sich Susanne in dem letzten halben
+Jahr selbst gewebt und genäht, wie hätte sie die anders zeigen oder
+tragen sollen; doch nicht im Haus etwa beim Spinnrad; und mußten sie
+nicht wenigstens einmal erst die »priesterliche Weihe« erhalten?
+
+Die armen Frauen der Wälder sind in dieser Hinsicht auch wirklich übel
+dran; in dem kleinsten unbedeutensten Städtchen, ja selbst in dem
+einzelnen Haus, das nur an einer begangenen Straße liegt, kann sich das
+junge Mädchen nett und geschmackvoll anziehn, und hat die Genugthuung,
+daß sie wenigstens gesehn, und auch bewundert wird, denn es sind
+oft liebe, bildschöne Gestalten, denen der schlanke Wuchs, die edle
+Gesichtsbildung und die, mit nur _sehr_ seltenen Ausnahmen fast
+untadelhafte Reinlichkeit einen eigenen Zauber verleiht; im Wald
+aber, im wirklichen Wald, von jeder Verbindung mit der Außenwelt
+abgeschnitten, wo sollen da die armen Mädchen und Frauen ihre Kleider
+zeigen, und zeigen _müssen_ sie dieselben; bei einem »Klötzeroll-Fest«
+oder »#Quilting frolic?#« wie selten kommt das vor, und wenn's
+geschieht, wie selten ist dann Tanz nachher -- einmal, zwei Mal im
+ganzen Jahr und das noch dazu im Sommer.
+
+Solche Gelegenheiten benutzen sie dann freilich auch auf's Beste, und
+welche es irgend von den jungen Mädchen kann, kommt nicht zu einem
+derartigen Fest ohne wenigstens noch _ein_ anderes Kleid, manchmal drei
+und vier mitzubringen, die während dem Tanz gewechselt werden können.
+
+Weit bessere Gelegenheit hierzu bietet aber jedenfalls eine #Camp
+meeting#, die nicht nur einen einzigen Abend und im günstigsten Fall
+eine Nacht durch dauert, wie ein solches Fest, sondern nicht selten
+gleich drei und vier Tage hintereinander weg, während die jungen Leute
+aus der _ganzen_ Nachbarschaft dabei Gelegenheit bekommen einander zu
+sehen, miteinander zu plaudern -- und mehr als das. Mancher Funke ist
+bei diesen Betversammlungen aus Auge und Herz herüber und hinübergeflogen,
+und hat gezündet für Lebenszeit -- wenigstens gebunden; überdieß mußten
+die jungen Männer dort still und ehrbar auftreten, durften nicht trinken,
+fluchen und schwören, und konnten oft nur mit Hülfe einer ihnen
+allerdings gewaltsam in's Herz geschütteten Religiosität den Pfad
+betreten, der zu der Liebe der Auserwählten führte.
+
+Mit einem Wort, es geht bunt zu bei solchen Betversammlungen, und wenn
+der Geist dann erst noch über die Schaaren kömmt, vergeht dem Fremden
+Hören oft und Sehn.
+
+Maulbeere fand für jetzt aber nicht das mindeste Außergewöhnliche; daß
+hier so viele Menschen auf einen Platz sich versammelt hatten, der sonst
+eine Wildniß war, fiel ihm nicht auf, weil er von einer Wildniß, trotz
+der letztverbrachten Nacht, überhaupt noch keinen rechten Begriff hatte.
+Die Lagerfeuer sahen ganz gemüthlich unter den grünen Bäumen aus, und
+die Menge der Gelagerten versprach ihm reichlichen Gewinn. Nur ein
+großes hölzernes Gerüst fiel ihm auf, das seitwärts von dem Platz, am
+Rande der kleinen Waldblöße, und noch im Schatten einer riesigen Eiche
+stand, und rechts und links ein paar kleine Einfriedigungen hatte, die
+mit Laub und duftenden Kräutern streuartig ausgeschüttet waren. Für das
+Vieh schienen sie aber nicht bestimmt, denn ringsumher lagen die Feuer,
+und die Pferde durften schon der Kinder wegen nicht in den inneren
+Kreis.
+
+Maulbeere dachte aber gar nicht daran sich über die Verwendung
+der Plätze den Kopf zu zerbrechen -- vielleicht dienten sie zu
+Schlafplätzen, vielleicht nicht, was kümmerte es ihn. Nach einem
+flüchtigen Überblick über die Vertheilung der verschiedenen Gruppen,
+schob er seinen Karren, ohne sich weiter um seinen bisherigen Führer
+zu kümmern, mitten in den Kreis hinein, begann plötzlich mit lauter
+gellender Stimme, aber natürlich in Englischer Sprache, seine Waaren,
+Künste und Eigenschaften anzupreisen, und hatte wenige Minuten später
+die Genugthuung, die große Hälfte der Versammlung ihn umdrängen zu sehn.
+Maulbeere war auch in der That für diese Waldbewohner ein Gegenstand;
+er war ein Charakter wie sie nicht oft dort herumgezogen, selbst unter
+den Yankee-Pedlars. Schon sein ganzes Äußere, die wirklich auffallende
+Ähnlichkeit mit einem Orang-Utang, die wunderbare Zungenfertigkeit
+des fremden Mannes, mit seinem trockenen Humor, der sie oft zu lautem
+Gelächter hinriß, das Alles war ihnen neu, und vielleicht selbst die
+Ungewißheit dabei, ob die jeden Augenblick erwarteten Geistlichen
+mit diesem Ausbruch lauter Fröhlichkeit einverstanden sein, oder ihn
+vielleicht gar verdammen würden, erhöhte den Reiz.
+
+Maulbeere hatte indessen schon sein Schleiferamt begonnen, und Messer
+wurden ihm so viele gebracht, daß er sich ihrer kaum erwehren konnte;
+auch Bestellungen bekam er genug, dorthin fünf, dorthinüber acht Meilen
+vielleicht, eine alte Scheere wieder in Stand zu setzen oder, als er
+sich auch hierin entwickelte, einem Fingerhut eine neue Decke anzulöthen.
+Er war unermüdlich dabei, grob gegen die Männer, die ihn auslachten,
+zärtlich gegen die Frauen und Mädchen, die über ihn kicherten, und sein
+Rad schwirrte und zischte, während seine Zunge noch viel rascher ging
+als das Rad.
+
+»_Der ehrwürdige Mr. Sweetlip!_« -- ein freudiges Gemurmel lief durch
+die ganze Versammlung, und die Frauen besonders, drängten jetzt rasch
+und eifrig fort von dem Scheerenschleifer, während ihre kleinen lieben
+Gesichter, die noch vor wenig Minuten so herzlich gelacht, und so fröhlich
+in die blaue herrliche Welt hinausgeschaut, einen gar ernsten, fast
+wehmüthigen Ausdruck annahmen. Alles schaarte sich um den frommen Mann,
+und Maulbeere blieb allein mit seinem Karren in der Mitte stehen.
+
+Mr. Sweetlip war die Freundlichkeit selber; er sprach mit Allen, hatte für
+jeden ein ermunterndes oder ermahnendes, ein freundlich tadelndes oder
+lobendes Wort; sprach von der Erndte und vom Wetter, von weggelaufenem
+Vieh und verirrten Schaafen -- in der geistigen Bedeutung des Wortes
+-- und seufzte dann oft recht schwer und traurig auf, wenn er der Sünde
+der Menschen gedachte, die in die Welt gekommen und leider nicht wieder
+hinauszubringen war. Mr. Sweetlip war eine wahre Seele von einem
+Menschen.
+
+Ernster und strenger, in finsterem Schweigen trat der andere Geistliche,
+Mr. Hottenbrocken auf, und wenn man die beiden mit einem Schwerte des
+Herrn hätte vergleichen können, so war Sweetlip der Rücken, Hottenbrocken
+aber die Schneide und Spitze in aller Schärfe und Härte edlen Stahls.
+
+ [Illustration: Capitel 2.]
+
+Wenn Sweetlip mit sanfter Zunge seinen Zuhörern allerdings ihre geistigen
+Wunden aufriß, aber Öl hineinträufelte, und es manchmal sogar für eine
+Sünde zu halten schien, selbst der Hölle sämmtliche gute Eigenschaften
+abzusprechen, so ging Hottenbrocken hinter ihm her und warf Essig und
+Pfeffer und Salz hinein, rüttelte die sanftschlafenden Sünder aus ihrem
+bewußtlosen Zustand auf, und beschrieb ihnen mit triumphirendem Lächeln
+und glühenden Farben einen furchtbaren Abgrund, an dem sie geschlummert
+haben sollten, und wenn sie den auch nicht gleich sahen, wurden sie doch
+ängstlich und verzagt, und streckten die Hand nach dem ehrwürdigen Manne
+aus, sie zu retten.
+
+Mr. Sweetlip hatte übrigens die »#meeting#« zu eröffnen und zu begrüßen,
+und stieg oder kletterte zu diesem Zweck auf das hohe, kanzelartige
+Gestell, das unter der Eiche errichtet worden. Von hier aus richtete
+er eine ziemlich lange Rede, ohne weiteren besonderen Inhalt, an die
+Versammlung, ermahnte sie, ihre Augen und Herzen und Hände zu Gott
+zu erheben und ihn zu bitten, daß er sie bei ihrer jetzigen freudigen
+Zusammenkunft erleuchten, die Guten stärken, und die verlorenen Schaafe
+zurück zu seiner Heerde führen möge, zu deren Bequemlichkeit hier, wie
+er mit klaren dürren Worten andeutete, die beiden Einpferchungen
+angebracht und mit weicher Streu gefüllt waren.
+
+Maulbeere glaubte wirklich im Anfang daß er mit dieser Sache Scherz
+treibe; der ernste, wehmüthige Mann sah aber nicht aus wie Scherz, und
+Thränen standen auch schon in vielen Augen seiner schönen Zuhörerinnen.
+Um sich dessen aber zu vergewissern, drückte er sich durch die
+Andächtigen, seinen Karren sich selber überlassend, langsam der Stelle
+zu, wo er seinen alten Freund Jack Owen finster und schweigend an einer
+Eiche lehnen und der Rede horchen sah.
+
+»Könnt Ihr mir sagen Freund« redete er diesen leise an, »was der fromme
+Herr da oben mit den beiden Pferchen meint, und ob die nur _bildlich_
+dastehn, oder in der »Hitze des Gesprächs« vielleicht wirklich gebraucht
+werden sollen? ich habe keine rechte Idee von etwas Derartigem, und
+möchte mich gern belehren.«
+
+»Es geht mir nicht viel besser, Fremder,« sagte der Backwoodsman
+seufzend -- »ich habe auch keine rechte Idee von dem Wesen und Treiben
+der Leute; soviel aber ist gewiß, daß sie die Fenzen oder Pferche, wie
+Ihr sie nennen wollt, heute oder morgen noch brauchen, wenn der Herr da
+oben die Gemeinde vorbereitet hat, und der andere lange Herr mit dem
+finsteren Gesicht erst in ordentlichen Schuß und Gang gekommen ist
+-- wenn nicht heute, morgen seht Ihr das gewiß!«
+
+»Und sind das so berühmte Prediger?« frug Maulbeere etwas erstaunt, denn
+das Äußere der Leute hatte auf ihn den Eindruck nicht gemacht --
+
+»Der sanfte Mann der jetzt da oben spricht« sagte Jack mit einem etwas
+bitteren Lächeln, »war noch im vorigen Jahr ein Schneider in Little
+Rock, als plötzlich _der Geist_ über ihn kam, wie sie es nennen, und er
+zu predigen anfing. Er hat eine »sanfte Gabe« wie die Frauen sagen, und
+wenn er nur anfängt zu reden, weinen sie schon vor lauter Rührung und
+Wehmuth. Der Andere ist ein Yankee, und war früher ein Pedlar, wie man
+bei uns die »wandernden Krämer« nennt -- betrog alle Welt mit seinen
+Yankee-Uhren und anderem Trödel den er zum Verkauf im Lande herumführte,
+und -- wurde auch auf einmal religiös, hielt einen Ausverkauf mit seinen
+Uhren, von denen die Frauen wie toll darauf waren, eine zu kaufen, um,
+wie sie meinten, dem Teufel zugleich eine Seele zu entreißen, und fing
+ebenfalls an zu predigen. Die Beiden sind jetzt die beliebtesten Redner,
+die wir hier zu hören bekommen, und haben die anderen Circuit-rider wenn
+nicht ganz weggebissen, doch so in den Schatten gedrängt, daß sie sich
+kaum noch sehn lassen. _Ihre_ Sammlungen fallen auch -- jedenfalls die
+Hauptsache -- immer am reichlichsten aus, und für ihre _milden Zwecke_
+nehmen sie Geld und Geldes Werth, Hirsch- und Racoonfelle, Talg und
+Honig und Bärenfett. Aber jetzt paßt auf« setzte er, mit dem Kopf nach
+der Kanzel winkend hinzu -- »jetzt kommt Herr Hottenbrocken d'ran -- es
+wird ein heißer Tag werden, denn er schneidet ein furchtbar finsteres
+Gesicht.«
+
+Jack schulterte, während er die letzten Worte sprach, seine Büchse,
+drehte sich ab von dem frommen Mann, und schritt langsam hinein in den
+Wald, während Mr. Hottenbrocken allerdings von der Kanzel zu donnern
+begann, und mit leuchtenden Augen und im Anfang zwar noch ziemlich
+ruhiger, dann aber immer wachsender Stimme den zitternden Zuhörern die
+Pforten aufriß die hinab in den Schlund der Hölle führten. Mit wilden
+Gesten und rollenden Augen deckte er dabei alle Schrecknisse auf, die
+dort unten der Ungläubigen, der Tauben die nicht hören, der Blinden die
+nicht sehen wollten, harrten, und seine Rede floß ihm glühend heiß von
+den in wilder Aufregung zitternden Lippen.
+
+Maulbeere, so sehr er sich sonst über derlei Sachen lustig machte, war
+aber plötzlich unendlich aufmerksam geworden, drängte sich, so weit
+sich das füglich thun ließ, nach vorn, kein Wort von der Predigt zu
+verlieren, und verrieth dabei eine Andacht, eine Freudigkeit, die
+sogar mehrmals die Blicke des Geistlichen selber auf ihn lenkte und
+wohlgefällig auf ihm weilen ließ. Der Eine war Schneider, der Andere
+Krämer gewesen, der _Geist_ genügte -- wenn der Geist kam mußte der
+Körper gehorchen! -- Die Predigt oben dauerte fort, Maulbeere hörte
+sie aber nicht mehr, sein äußeres Ohr war anscheinend offen, sein
+inneres lauschte dagegen einem Chaos von Speculationen, die sich in dem
+Gehirn des praktischen Scheerenschleifers entwickelten, und ihm seinen
+»Gedankenkasten« mit einer Unmasse von Plänen und Ideen füllten.
+
+So kam der Abend heran; dieser Tag war mehr eine Vorbereitung zu der
+morgenden _Schlacht_ gewesen, die Mr. Hottenbrocken dem Teufel und
+seinen Helfershelfern angekündigt hatte; seine »Krieger,« wie er die
+Frommen und Gläubigen nannte, waren gerüstet und geweiht worden zu dem
+schweren Kampf, und die nächste Sonne sollte ihre untergehenden Strahlen
+auf die Streiter werfen, die mit der Glorie des Herrn siegreich aus
+Kampf und Ringen hervorgegangen wären.
+
+Maulbeere verlangte mehr als das zu wissen, und Jack Owen schien ihm
+nicht der rechte Mann dazu, denn er hatte, soviel der Scheerenschleifer
+bis jetzt davon gemerkt, keine Freude an der ganzen Sache, war auch in
+der That nur herübergekommen, weil er die Frauen nicht zu Hause halten
+konnte, und nicht allein ziehn lassen _wollte_. Frauen sind überhaupt
+in den meisten Fällen weit besser zu Hause, als bei solchen Campmeetings
+aufgehoben.
+
+Unter den hierhergekommenen Andächtigen befand sich eine Familie,
+die Maulbeere's Aufmerksamkeit schon von allem Anfang durch das viele
+Kochgeschirr und die zahlreichen Proviantkisten auf sich gezogen, die
+sie bei sich führten. Der Mann, wie er sich indessen erkundigt hatte,
+war Kirchenältester, und ein großer Gönner Mr. Hottenbrockens, der
+oft acht und vierzehn Tage auf seiner Durchreise bei ihm blieb, und
+allabendlich in seiner Familie predigte. Diesem introducirte sich
+Maulbeere noch _vor_ dem Abendessen, enthüllte ihm den Eindruck, den
+die Predigt heute Nachmittag auf ihn gemacht hatte, und bat ihn um die
+Lebensgeschichte des langen Mannes, der eine so fabelhafte Rednergabe,
+mit solchem Feuereifer und solcher Gluth der Sprache vom lieben Herrgott
+und heiligen Geist empfangen habe.
+
+Der Kirchenälteste nahm ihn freundlich auf; Maulbeere mußte sich mit zu
+seinem Feuer setzen und mit ihnen essen, und erzählte ihnen dafür seine
+Lebensgeschichte mit einer Phantasie, die seinen alten Schiffsgefährten
+Theobald glücklich gemacht haben würde, und auch hier ihre Wirkung nicht
+verfehlte. Er erfuhr dafür Alles was er wissen wollte -- daß nämlich nicht
+etwa ein langes Studium erforderlich sei, mit begabter Zunge zu reden,
+sondern daß solche, die der heilige Geist als Begünstigte ausersehen,
+oft von den niedrigsten Handwerken, aus dem sündhaftesten Lebenswandel
+heraus, zu der hohen Würde eines Seelenhirten sich emporgeschwungen
+hätten, und Lichter geworden wären, ihren Mitbrüdern und Schwestern auf
+dem schmalen dornigen Pfad der Tugend voranzuleuchten. Nicht einmal ein
+Examen war dabei erforderlich; es bedurfte eben weiter Nichts, als der
+hohen natürlichen Begeisterung, die, für einen monatlichen Gehalt aus
+einer der frommen Stiftungen und Vereine, ihr leibliches Wohl vollkommen
+in die Schanze schlug, und die Arbeit aufnahm im Weinberge des Herrn.
+Schwer war freilich ihre Aufgabe dabei, sie hatten nicht allein gegen
+die sündhaften Ungläubigen, sondern auch gegen den Antichrist wie eine
+Menge anderer Sekten anzukämpfen, aber das Ziel war glorreich -- sie
+_mußten_ endlich siegen, der Herr war mit ihnen, und die Schlange
+blutete mit zertretenem Haupte unter ihren Hacken.
+
+Das etwa war der Sinn der Rede, die der Kirchenälteste dem mit der
+gespanntesten Aufmerksamkeit zuhorchenden Zachäus Maulbeere hielt, und
+wie dieser spät am Abend, wo sich die Mehrzahl der hier Gelagerten zur
+Ruhe begeben, seinen Karren zu seinem neuen Beschützer heranschob, und
+dann in das laut gehaltene Nachtgebet inbrünstig mit einstimmte, schien
+ein ganz anderer Geist in den sonst so rohen, profanen Menschen gefahren
+zu sein. Die Anderen hatten sich längst wieder erhoben, und er kniete
+immer noch eine Weile allein in still versunkenem Gebet, legte sich dann,
+in seine Decke gewickelt die er vorn an den Karren geschnallt mit sich
+führte, ohne mit irgend Jemandem ein Wort weiter zu wechseln, auf den
+ihm angewiesenen Platz unter ein weit gespanntes Leinwandzelt, und
+war bald sanft und ruhig -- ein etwas lautes Schnarchen abgerechnet
+-- eingeschlafen.
+
+Am anderen Morgen begannen die Predigten ungemein früh, und Maulbeere
+hätte heute keine Zeit bekommen seine Geschicklichkeit zu verwerthen,
+selbst wenn er es gewollt; er dachte aber gar nicht daran, saß gleich
+vom Morgengrauen in den vordersten Reihen der Gläubigen, und schien
+sich wirklich nur zufällig gerade zur Frühstückszeit an dem Feuer des
+Kirchenältesten wieder einzufinden. Dieser aber hatte seine innige
+Freude an dem Mann, der, wie er nicht ganz mit Unrecht meinte, innerlich
+und äußerlich einer ordentlichen Reorganisation bedürfe, und die nur
+allein durch das Wort Gottes erhalten könne. Übrigens sei es ein
+erfreuliches Zeichen auch unter den _Deutschen_, die sonst nicht in dem
+Rufe ständen, viel wirkliche Religiosität zu haben, Einzelne zu finden,
+die eine rühmliche Ausnahme davon machten.
+
+Zum Frühstück trat eine Pause ein, da die Geistlichen selber, zu
+ihrem heutigen harten Kampfe, einer Stärkung bedurften, und es war für
+Maulbeere ein rührendes Bild, und eine Quelle tiefen Nachdenkens, zu
+sehn, wie sich die _Brüder_, in Liebe und Freundschaft darum stritten,
+die ehrwürdigen Herren an _ihrem_ Frühstückstisch bewirthen zu dürfen,
+wo ihnen dann das Beste aufgetafelt wurde, was die Küche aus Wald und
+Strom und Farmhof nur zu liefern vermochte.
+
+Gleich nach dem Frühstück begann die Predigt wieder, die aber bis zum
+Mittagessen wenig Erquickliches bot; es war ein Mischmasch von den
+allergewöhnlichsten Phrasen, in der allergewöhnlichsten Art vorgetragen;
+entweder _konnten_ die Leute nichts Besseres liefern, oder sie versparten
+sich den vollen Eindruck auf den Nachmittag und Abend, wo die Zuhörer
+überhaupt mehr aufgeregt und für das Übernatürliche mehr empfänglich
+sind. Maulbeere nichtsdestoweniger hielt gewissenhaft aus; Manche seiner
+Nachbarn und Nachbarinnen, die auch entsetzlich in ihrer Andacht durch
+seinen alten grünen und wie glasirten Rock gestört worden waren,
+schliefen sanft; Maulbeere wachte, und verwandte kein Auge von dem
+Redenden.
+
+Mittag kam, und so sehr sich die Amerikaner vor einem unreinlichen
+Menschen scheuen, hatte Maulbeeres Andacht doch besonders die
+Aufmerksamkeit der Frauen auf sich gezogen; er war auch fremd hier, und
+konnte nicht ohne Nahrungsmittel gelassen werden. Maulbeere bekam drei
+Einladungen an verschiedene Feuer, die er alle drei annahm, und mit
+geschickter Zeiteintheilung auch verwerthete. Nach Tisch und einer
+kurzen Ruhezeit, mit der etwa drei Uhr Nachmittags heranrückte, begann
+die Predigt auf's Neue -- jetzt aber mit einem andern Geist.
+
+Der Reverend Mr. Sweetlip machte heute Nachmittag den Anfang, und die
+Versammlung, als ob die Leute schon eine Ahnung gehabt hätten, wie der
+Geist heute wirken würde, war zahlreicher als je; Maulbeere aber saß in
+den vordersten Reihen.
+
+Mit weicher, schmelzender Stimme begann der ehrwürdige Mr. Sweetlip
+seinen aufmerksam lauschenden Zuhörern die Orte auf dieser Erde zu
+schildern, wo den armen schwachen Menschen Verführung umlauere, ihn von
+der Bahn des Guten abzulocken; und dabei zeigte er ihnen den Lohn, den
+sie auf dieser Welt schon für ein gottgefälliges Leben, aber auch viel
+größer noch in einer anderen Welt, zu erwarten hätten: in dieser Welt
+durch ihr ruhiges, zufriedenes Gewissen, das ihnen die Brust mit einer
+unendlichen Wollust und Seligkeit fülle (und er selber führte sich dabei
+zum Beispiel auf, wie er, seit er sein Herz dem Himmel zugewandt, in
+einem wahren Meer von Wonne schwimme) und in jener, wo Gott und der
+Heiland ihnen ein beneidenswerthes Loos bereiten würde, so sie hier den
+sündigen irdischen Lüsten widerstünden, und ihre Augen nur nach dem
+richteten _was Gottes_ wäre. Auch hierbei ließ er sich in eine nähere
+und mehr bildliche Beschreibung dieser einstigen Seligkeit, wie er sie
+sich dachte, ein, und schilderte seinen Zuhörern mit immer glühender
+und lebendiger werdenden Farben das Paradies, wo sie von Ewigkeit zu
+Ewigkeit oben im Kreis der Engel in den Wolken sitzen, und Hallelujah
+singen würden.
+
+Maulbeere sah sich rasch nach seiner Nachbarin zur Linken um, denn diese
+fing plötzlich an zu stöhnen, schloß die Augen, warf den Kopf herüber
+und hinüber, und gebehrdete sich etwa so, als ob sie einen Anfall von
+Krämpfen erwartete. Der Scheerenschleifer dachte auch an seine kleine
+Hausapotheke die er in dem Karren mit sich führte, an Salmiakgeist
+und Hofmann'sche Tropfen, Einreibungen von Senfspiritus und andere
+entsetzliche Mittel; ehe er aber noch zu einem rechten Entschluß kommen
+konnte, begann seine Nachbarin zur Rechten ebenfalls, ähnliche Töne
+auszustoßen und überall vor und hinter ihm, und rechts und links, fing
+es an zu ächzen und zu stöhnen und die Ausrufe -- »#Oh Loooord -- glory
+-- glory -- happy -- happy -- blessed Jesus!#« wurden nach allen Seiten
+hin laut, und kamen in Gestalt von gewissermaßen gewaltsam ausgestoßenen
+Seufzern zu Tage. Nur erst mit dem Schluß der Predigt, die in einem
+langen Gebet endigte, beruhigten sich die Andächtigen, und die Frauen
+hielten ihre Taschentücher vor die Augen und weinten, als ob ihnen das
+größte Herzeleid in der Welt geschehen und nicht die einstige Seligkeit
+geschildert wäre.
+
+Lautloses Schweigen folgte, denn Mr. Hottenbrocken kletterte jetzt,
+nachdem er den ehrwürdigen Bruder Sweetlip heruntergelassen, auf
+die Kanzel, übersah mit einem, über die Massen schweifenden finster
+drohenden Blick die Versammlung, und rief plötzlich, zu voller Höhe
+aufgerichtet und den rechten Arm von sich streckend, mit donnernder
+Stimme:
+
+»Brüder und Schwestern -- Mitbürger -- Mitchristen -- Sünder
+-- _nichtswürdige, elende, erbärmliche Sünder_ -- der Tag der Rache
+ist nahe!«
+
+»Oh Loooooord!« schrie die eine Mitschwester an Maulbeeres Seite, der
+doch jetzt fand, daß diese verschiedenen Ausrufe keineswegs einem
+körperlichen Gebrechen, sondern eher einer geistigen Vervollkommnung,
+einer Empfänglichkeit des Herzens für das Höhere, zuzuschreiben sei.
+Mr. Hottenbrocken hatte indessen eine kleine Pause gemacht, als ob er
+seinen Zuhörern Zeit geben wollte, über diese Verkündigung nachzudenken,
+und begann nun, nachdem er vorher sein Taschentuch herausgenommen und
+sich vorsichtig geschneuzt hatte, mit einer Stimme und einem Ausdruck
+seine Predigt, als ob er in irgend einem gleichgültigen Gespräch etwa
+gesagt hätte -- »ich glaube wir werden diesen Nachmittag Regen
+bekommen.«
+
+»Der ehrwürdige Mr. Sweetlip, mein verehrter Bruder und fleißiger
+Mitarbeiter im Weinberg des Herrn, hat Euch, liebe Schwestern und
+Brüder, die Freuden des Elysiums geschildert; er hat Euch mit glühenden
+lebendigen Farben, wie den höheren heiligen Sphären abgelauscht, die
+Plätze der Seligen vorgeführt, wohin die _Guten_ einst kommen werden. Es
+_giebt_ einen solchen Platz, liebe Schwestern und Brüder, wie ich Euch
+wohl kaum noch zu sagen habe, denn Jeder von Euch weiß es -- es steht
+mit klaren einfachen Worten in der Bibel, und ist daher keine Kunst
+das zu wissen -- Jeder kann das wissen der nur lesen kann, oder einen
+Bekannten hat, von dem er weiß, daß er ihm keine Lügen erzählt, und der
+ihm die Geschichte vorliest. Also wir sind davon, als einer ausgemachten
+Thatsache, überzeugt, _daß_ es einen Platz giebt, wohin die Guten, die
+Gerechten vor dem Herrn kommen, und nicht allein unsere Phantasie,
+geliebte Brüder und Schwestern, verleiht diesem Platz die höhere Wonne,
+nein auch die heilige Schrift giebt uns ziemlich genaue Grundlagen über
+den etwaigen Zustand dort oben, wie ihn mein Bruder in Christo, Mr.
+Sweetlip geschildert hat -- Aber« -- rief er plötzlich, und unterbrach
+damit gewissermaßen seine bis dahin vollkommen ruhige und wie
+gesprächsweis gehaltene Rede -- »_aber_,« donnerte er noch einmal,
+mit jetzt tief und dröhnend schallender Stimme, »aber _wer_ sind die
+Gerechten? -- _wo_ sind sie? -- wie viele oder wie wenige sind es ihrer?
+-- Wehe, wehe, wehe, mein Auge streift umher, und keinen Frieden, kein
+Licht findet es, wohin es schweift -- mein Ohr lauscht auch dem leisesten
+Klang, und nur Weheklagen sind es, die es vernimmt!«
+
+»Oh Loooooord!« -- stöhnte Maulbeere's Nachbarin wieder.
+
+Lauter und lauter wurde jetzt die Stimme des Sprechers, mit der er
+jammerte daß er umsonst das Haupt eines Gerechten suche, es mit
+der ewigen Glorie zu decken -- sie wären _Alle_ Sünder, schlechte,
+miserabele, elende Sünder vor dem Herrn -- keiner, der bestehen würde
+vor seiner Gerechtigkeit, und nur wenn sie stürben, würden sie es den
+ersten Tag bequem haben, sie fortwährend bergunter führen, tief tief
+hinunter zu dem höllischen Abgrund, wo da ist Heulen und Zähneklappen,
+dann aber -- dann --
+
+»#Oh gracious Looooord!#« stöhnten die Stimmen rechts und links
+-- »#merci, merci -- merci!# Gnade! -- sei gut zu uns Herr, sei gut
+zu uns!« und hie und da standen Einzelne der Mitglieder auf, und
+taumelten mehr als sie gingen unter dem #glory#-, #glory#- und #happy#-,
+#happy#-Rufen in den einen kleinen Pferch, der zur Linken des Predigers
+stand, wo sie sich auf die Knie warfen, und laut und brünstig, nur von
+einzelnen Schreien unterbrochen, an zu beten fingen.
+
+Maulbeere wurde unruhig, er blickte um sich her und sah seine Nachbarn
+an, machte sogar ein paar Mal Miene aufzustehen, setzte sich aber immer
+wieder nieder. Das Gestöhne um ihn her wurde dabei immer toller, und je
+wilder und feuriger der Mann auf der Kanzel jetzt anfing mit rasselnder,
+dröhnender Stimme die Qualen der Verdammten zu schildern, und lauter und
+drohender der ganzen Schaar seiner Zuhörer ein ähnliches Schicksal zu
+prophezeihen, je mehr er mit den Armen warf und seine langen Glieder
+umherzuschlenkern begann, die Augen dabei verdrehte und mit der Stimme,
+vielleicht das Wimmern der Gepeinigten nachzuahmen, in ein Gekreisch
+und Gewinsel fiel, und dann wieder um Gnade, Gnade schrie für die
+Verdammten, um deren Glieder er schon die Lohe schlagen sähe, die im
+ewigen Feuer zuckten und sich krümmten und die Arme umsonst flehend,
+Hülfe suchend, herausstreckten aus dem knisternden Verderben, da
+erreichte der Aufruhr und Lärmen einen furchtbaren Grad. Die Leute
+sprangen und heulten auf ihren Sitzen, schlugen mit den Armen und Beinen
+um sich, und klammerten sich aneinander an, als ob sie schon jetzt
+fürchteten von dem höllischen Feind gefaßt, und nach seinen Regionen
+niedergeführt zu werden.
+
+In dem links gelegenen Pferch hatten sich indeß die »Böcke« mehr
+und mehr angesammelt -- es waren die, die sich als die größten,
+nichtswürdigsten Sünder erkannten -- und lagen hier auf den Knieen,
+rangen die Hände, heulten, schrieen, und gebehrdeten sich mit einen Wort
+wie Verrückte. Zwangsjacken wären auch in der That das einzige gewesen,
+was sie hätte halten können.
+
+Mr. Hottenbrocken oben auf seiner Kanzel aber fing an zu triumphiren.
+
+»_Da_ kommen sie!« schrie er mit ausgestrecktem Arm und Finger
+niederdeutend, auf die mehr und mehr dem Pferch Zudrängenden, (Männer
+und Frauen und Mädchen, Alles durcheinander) und sein Auge schoß Blitze,
+seine Gestalt hob sich höher und gewaltiger, und zog sich dann manchmal
+in sich selbst zusammen, als ob er noch unschlüssig sei, vielleicht
+mit einem Satz über die Barriere weg, mitten zwischen die Schaar
+hineinzuspringen -- »da drängen sie herbei, vom Teufel gepeitscht, der
+hinter ihnen mit ausgespreizten Krallen dreinspringt, den Einen oder
+Anderen noch von denen die ihm entfliehen wollen zurückzureißen in sein
+Reich der Verdammniß!«
+
+»#Oh L--o--o--o--o--o--rd -- merci -- merci!#« schrieen die Frauen
+wieder, die sich jetzt zwischen den Bänken anfingen ängstlich umzusehn,
+und sogar manchmal mistrauische Blicke auf den Scheerenschleifer warfen
+-- »habe Gnade mit uns, barmherziger Gott; rette uns, rette uns vor dem
+Teufel -- rette uns vor dem ewigen Feuer!«
+
+»Gnade?« schrie aber der Mann auf der Kanzel mit seiner Donnerstimme
+nieder in den Lärm und Aufruhr -- »Gnade wollt Ihr? -- Gnade für Euere
+_Sünden_? -- Gnade für Euern _Unglauben_? Gnade für Euere verderbten und
+verstockten Herzen? -- der Fluch _Gottes_ wird Euch treffen am jüngsten
+Gericht -- niederschmettern wird er Euch in den Staub, die Ihr Euch
+jetzt am stolzesten und höchsten wähnt -- niederschmettern in ewige
+Verdammniß und Nacht und Finsterniß und ewiges Feuer, wo Satan die Macht
+über Euch haben wird und die Kraft und die Gewalt; und _dort_ steht er!«
+schrie er plötzlich wild gellend auf, mit dem ausgestreckten Arm gegen
+den Wald hinauszeigend -- »dort grinst er herüber auf Euch und fletscht
+die gelben fürchterlichen Zähne! -- dort steht er und schüttelt sich vor
+Lachen und innerer grimmiger Lust, wie er die Heerde sieht, die er bald
+eintreiben kann in sein höllisches Reich, die Opfer sieht, die ihm
+verfallen sind durch ihre eigene Sünde und Lust und rettungslos,
+rettungslos verloren gehn!«
+
+»#Merci -- merci -- glory -- glory -- oh Looooord!#« schrie und stöhnte
+die Schaar wieder, und ein solches Wüthen und Drängen und Ächzen und
+Winzeln begann zwischen den Menschen, daß Maulbeere mistrauisch die
+Leute von der Seite ansah, und doch nicht herausbekommen konnte ob sie
+im Ernst waren, oder sich nur verstellten.
+
+Und trotzdem war der Paroxismus noch nicht zum höchsten Grade gestiegen.
+Der Geistliche auf der Kanzel hatte wieder eine Pause gemacht; es fehlten
+ihm Worte weitere Schrecken heraufzubeschwören, das Schlimmste was er
+hatte aufführen können war geschehn -- der Teufel stand mit gekrümmten
+Krallen hinter den Bäumen und lauerte auf seine Opfer; _der_ Schrecken
+mußte jetzt wirken und dann _die Möglichkeit_ der eingeschüchterten
+Schaar gezeigt werden, dem zu entgehn.
+
+»Fühlt Ihr Euere Gefahr? -- erkennt Ihr den Abgrund an dem Ihr steht?«
+rief der lange finstere Mann plötzlich wieder mit nicht sehr lauter,
+aber zu den entfernteren Stellen dringender, bohrender Stimme, »habt Ihr
+das schwarze Meer, mit seinen stürmenden rollenden Wogen gesehn, das
+über Euch hereinwälzen will, Euch in seine Tiefe zu ziehn? -- _fühlt_
+Ihr endlich Euere Nichtigkeit, Euere Erbärmlichkeit, Euere Sünde, die
+schwarz genug ist daß sie die Sonne verfinstern und der Engelein
+Gnadengebet ersticken könnte? -- _fühlt_ Ihr sie? wißt Ihr daß Ihr
+_verloren_ sein müßtet -- rettungslos, erbarmungslos für immer und ewig,
+wenn Ihr nur das bekämt was Ihr hier _verdient_? nur dem _gerechten_
+Richter gegenüber?«
+
+»#Oh Looooooo'od a massy!#« schrie eine dicke, vor Maulbeere sitzende
+Negerin jetzt mit gellendem Aufkreisch, und fiel von der Bank herunter
+auf der sie gesessen, als ob sie todtgeschossen wäre. Niemand bekümmerte
+sich aber um sie, und sie blieb eine Weile regungslos liegen, ohne ein
+Glied zu rühren.
+
+»Aber _noch_ ist es Zeit!« donnerte da plötzlich des Redenden Stimme,
+wie eine schmetternde Posaune Heil verheißend durch den Wald -- »_noch_
+ist die zwölfte Stunde nicht vorüber, noch hält der Engel der Gnade
+die Hand ausgestreckt nach den Strauchelnden -- _noch_ ist es Zeit
+Mitbrüder, Mitschwestern, der Himmel ist offen, das Licht des
+Heilands leuchtet Euch entgegen, das Wort der Verheißung kann noch
+Wahrheit werden -- _noch_ ist es Zeit Gentlemen -- Brüder, Schwestern,
+Reisegefährten!« schrie der Mann, der beinah in der Hitze der Rede in
+sein altes Geschäft, das Auktioniren, gefallen wäre und eben noch Raum
+fand wieder einzulenken -- »_noch_ ist es Zeit -- kommt, kommt, kommt zu
+dem Herrn -- kommt, kommt, kommt zu Jesus Christus -- kommt -- oh kommt
+in des Heilands Arme, der Euch rettet aus Noth, Tod und Verdammniß
+-- kommt!«
+
+»#Glory -- glory -- happy -- happy!#« brüllte und tobte da plötzlich die
+Masse -- »#blessed be de Looo'd# Dschisos!« schrie die dicke Negerin mit
+einem gewaltigen Ruck sich emporrichtend, daß sie gerade vor Maulbeere
+auf die Erde zu sitzen kam, und ihm starr in's Antlitz sah. Aber überall
+zu gleicher Zeit brach der langverhaltene Sturm jetzt donnernd los
+-- Männer und Frauen sprangen empor, rissen sich die Röcke vom Leib,
+die Tücher von den Schultern, rauften sich die Haare, schlugen sich die
+Brust, stöhnten, kreischten, schrieen, den dicken Schaum auf den Lippen,
+große Schweißtropfen auf der Stirn, und die Augen fast aus ihren Höhlen
+drängend.
+
+Es wäre überhaupt unmöglich dem Leser auch nur im Entferntesten
+eine solche Scene lebendig genug zu beschreiben, daß er sich selber
+hineindenken könnte; etwas Derartiges muß man selber gesehn und erlebt
+haben, und ist es dann vorbei, zweifelt man trotzdem wieder ob es
+wirklich geschehn sein _könne_, ob nicht ein toller Fiebertraum uns
+geneckt, und selbst der Erinnerung glauben wir nicht mehr, die uns
+solch wildes, tolles Zeug will aufbewahren. Nichts Geisterhafteres,
+Unnatürlicheres giebt es auf der weiten Gotteswelt, als diese Scenen, wo
+der heilige Geist von den schaumbedeckten Lippen wahnsinniger Schwärmer
+sprechen soll, und diese sich auf der Erde wälzen, die Fingernägel in
+den Boden einwühlen, den Rasen beißen und #glory, glory!# schreien, Ruhm
+dem Herrn in der Höhe!
+
+Viele mag es dabei geben, die einen solchen Zustand aus irgend einem
+Grunde heucheln; die sich eben nur stellen als ob der »Geist« über
+sie käme, mit den Armen und Beinen werfen, und solcher Art einen sehr
+billigen Ruf großer Religiosität erlangen, vielleicht Einlaß in manche
+Familie zu bekommen, deren Kreis ihnen sonst verschlossen geblieben
+wäre. Ebenso gewiß ist es aber auch, daß Viele, _sehr_ viele in
+Wirklichkeit und Wahrheit in diesen Zustand verfallen, daß sie nur
+durch die oft vollkommen sinnlose, nur mit einer gewissen Begeisterung
+und mit steigendem Affekt gesprochene Rede in einen halb bewußtlosen
+überspannten Zustand gerathen, in dem sie sich der Erde entrückt und von
+einem anderen, außer-, und jedenfalls überirdischen Wesen begeistert
+wähnen.[2] Fieberanfälle folgen nicht selten demselben, und die aufgeregte
+Einbildungskraft ist nachher jedenfalls sehr leicht im Stande das, wo
+sich etwa noch eine Lücke in ihren Gedanken und Bildern finden sollte,
+mit Leichtigkeit auszufüllen. Auf Jemandem aber, der einer solchen
+Versammlung mit kaltem, ruhigen Blute beiwohnt, macht sie unausweichlich
+den Eindruck eines Haufens wahnsinniger Menschen, die losgebrochen sind,
+und die kurze Zeit ihrer Freiheit geschwind benutzen, sich einmal recht
+tüchtig auszuschrein.
+
+In diesen Pferchen besonders, wohin die sich drängen, die den heiligen
+Geist über sich kommen fühlen, geht es zuweilen zu, daß man sich mit
+Ekel von einem solchen Bilde menschlicher Entwürdigung abwendet, und
+doch fühlen sich diese verblendeten Menschen auf dem Gipfel menschlicher
+Erhöhung, und werden natürlich darin von den Geistlichen, die den
+Erfolg ihrer Wirksamkeit nach den Köpfen ihrer geretteten _Schaafe_
+zählen, bestärkt.
+
+Ich weiß wirklich nicht, ob der Ausdruck »Schaaf« in _solchen_ Fällen
+hinlänglich und stark genug bezeichnend ist -- er genügt mir sehr häufig
+bei uns nicht einmal.
+
+»Glory! Glory! Hallelujah!« brüllte die Schaar, »heiliger Geist komm
+-- senke Dich auf uns herab, rette uns, hilf uns -- #glory, happy, happy,
+happy!#«
+
+»Uch!« schrie oder kreischte da plötzlich eine einzelne Stimme, so
+scharf und gellend durch die Mistöne um sie her, daß sich selbst von den
+augenblicklich Begeisterten Viele, halb dabei aus ihrer Rolle fallend,
+nach der Stelle umsahen, von wo der merkwürdig wilde, unheimliche Laut
+ertönte, und hier bot sich ihnen allerdings ein neues seltsames
+Schauspiel.
+
+Zachäus Maulbeere hatte der Geist ergriffen, und während die dicke
+Negerin, die sich wieder aufgerichtet, seine Knie umklammert hielt und
+abwechselnd Hülfe und Glory! schrie, stand Maulbeere auf der Bank, auf
+der er bisher gesessen, mit bloßem Kopf, an der Stirn noch die Spuren
+des niedergelaufenen Regenwassers von der vorigen Nacht, die Arme zum
+Himmel ausgestreckt, und das Gesicht ebenfalls dorthin erhoben, und
+tobte ärger als Einer der Anwesenden sein #happy -- happy -- happy# dem
+grünen Waldesdome entgegen.
+
+»Dort ist _noch_ ein Schaaf!« schrie der Geistliche von der Kanzel
+nieder, mit dem Arm auf den begeisterten Scheerenschleifer deutend, und
+mit funkelnden, fast wie beutelustigen Augen die Wirkung seiner Rede an
+dem Fremden beobachtend -- »dort ist ein verirrtes, abtrünniges Schaaf
+das zur Heerde zurückkehrt -- ein Lamm das sich in den Händen des Herrn
+vor den Krallen des Teufels bergen will -- eine Taube, die den Fängen
+des ewig nagenden Geyers zu entziehen sucht. -- Oh komm -- komm Lamm
+Gottes -- komm in den himmlischen Pferch -- komm in die Arme des
+Heilands, die sich liebend und sehnsüchtig nach Dir ausstrecken -- oh
+komm -- oh komm! --«
+
+»Ich bin ein arger Sünder gewesen!« schrie da Maulbeere, plötzlich seine
+Brust schlagend und einen vergeblichen Versuch machend sich von der
+dicken Schwarzen zu befreien -- »ein nichtswürdiger, verstockter Sünder
+-- eine Kerze des Satans, ein Pflegekind der Hölle -- der rothen,
+feurigen, flammenden Hölle.«
+
+»#Oh do--nt -- do--nt -- oh Loooood#« schrie die Schwarze dazwischen.
+
+»Aber ich fühle die Kraft in mir,« fuhr Maulbeere in seiner Begeisterung
+fort -- »Alles abzuwerfen was mich bis dahin gehalten (ausgenommen die
+Schwarze, die nicht von ihm ließ), ich fühle den _Geist_ kommen -- ja
+Brüder, ja Schwestern, ich fühle den Geist kommen, den heiligen, lieben,
+gesegneten Geist!«
+
+»#Oh glory -- glory -- glory -- happy -- happy!#«
+
+»Ich fühle, wie es in mir tobt und wühlt und brennt; _das_ ist das Feuer
+das die Sünde läutert, das ist der letzte Rest der Sünden die jetzt
+verkohlen und verfliegen -- ich komme -- ich komme -- _heih!_«
+
+Seine Worte arteten zuletzt in eine Art Geheul aus -- Augen schienen
+aus ihren Höhlen herauszudrängen, die struppigen Haare sahen in diesem
+Augenblick so aus als ob sie vor Entsetzen emporständen, und mit einer
+gewaltigen und wirklich verzweifelten Kraftanstrengung aus den ihn
+umklammernden Armen der Negerin sich herauswindend, und jetzt ebenfalls
+#glory, glory, happy, happy# rufend, arbeitete er sich nach dem schon
+vollgedrängten Pferch durch, kletterte über die Fenz, sprang mitten
+in den Haufen hinein, und verschwand dort in dem Gewühl und Zucken
+menschlicher Gliedmaßen, die sich auf dem bestreuten Boden wanden.
+
+
+
+
+Capitel 3.
+
+Der wandernde Krämer.
+
+
+Warm und freundlich schien die Sonne nieder auf die weiten grünen
+Prairieen von Illinois, die sich in ungeheueren Flächen, nur hie und da
+von einem dunklen Streifen hoher Eichen unterbrochen, nach Nord und Süd,
+nach Ost und Westen dehnten. Wie eine wogende See stand dabei das hohe,
+üppige Gras in der frischen Westbrise, die darüber hinstrich, und lichte,
+rasch über die Oberfläche laufende Wellen bildete, täuschend ähnlich
+einer ruhigen See, über die ein leiser Passat die leicht gekräußten,
+eben nur sich hebenden Wogen zieht.
+
+Wie Inseln darin, um die Täuschung noch größer zu machen, lagen einzelne
+kleine Farmen weit zerstreut, deren Maisfelder gleichfalls wogten und
+dem Wind sich neigten, und das grüne Wasser darstellen konnten in der
+Nähe des Landes, während die Prairieen schon eine dunklere, gelblichere
+Färbung angenommen. Daraus vor aber ragten die kleinen grauen Dächer der
+Blockhäuser, mit ihren blauen dünnen Rauchstreifen, die weit über die
+Fläche zogen; Felsen gleich, an denen sich die Brandung brach, während
+in den Wogen der Prairieen selber zahlreiche Heerden, nur mit Kopf und
+Rücken oft aus dem schwellenden Gras herausreichend, das seine Wellen an
+ihnen vorübertrieb, herumschwammen, oder die breiten gutmüthigen Köpfe
+witternd und schnüffelnd der frischen Luft entgegenhielten.
+
+Aber kein Fahrzeug strich auf dem weiten wasserähnlichen Grasspiegel
+einher; vergebens suchte das Auge nach einem lichten Segel, die Täuschung
+nicht größer zu machen, sondern mehr fast zur Bestätigung, daß dieß
+nicht Land- und Pflanzenwuchs, sondern wirklich schiffbares, wogendes
+Wasser sei.
+
+»Ein Kahn!« von den grünen Wellen getragen schwimmt, einen dunklen
+Streifen hinter sich herziehend, ein schmaler dunkler Kahn dahin, und
+ein einzelner Ruderer sitzt darin, still und regungslos sein Forttreiben
+Wind und Strömung überlassend. Mit Gewalt muß sich das Auge zuletzt
+zwingen in dem kleinen Kahn und Ruderer Mann und Pferd zu erkennen, die
+langsam einem schmalen, sich durch die Prairie ziehenden Wege folgen,
+und gerade auf die nächste, von einem kleinen Feld begrenzte Blockhütte
+zuhalten.
+
+Der Reiter aber war ein alter Bekannter von uns, Georg Donner, der,
+langsam seinen Weg verfolgend, die kleine Hütte endlich erreichte, und
+dort seinem Pferde kurze Rast zu gönnen beschloß. Die ganze Umgebung
+des Hauses ließ ihn auch auf Landsleute als Eigenthümer schließen, und
+den Zügel seines klugen wackeren Thiers abstreifend, band er ihm die
+Vorderfüße, nach Landesart zusammen, und ließ es sich sein Futter auf
+der weiten Wiese selber suchen. Da ging die Thür der Hütte auf, und ein
+junges, rothwangiges, kräftiges und auch recht hübsches Mädchen von etwa
+achtzehn Jahren trat auf die Schwelle, den Fremden neugierig betrachtend.
+
+»Grüß Euch Gott, Kind,« rief ihr dieser freundlich entgegen, »kann man
+ein Glas Milch hier bekommen? -- es ist warm heute und das Wasser in der
+Prairie schmeckt schlecht.«
+
+»Recht gern und so viel Ihr wollt -- grüß Euch Gott,« sagte das Mädchen,
+rasch in das Haus zurückgehend und bald mit einem großen, bis zum Rand
+gefüllten Blechmaas voll Milch wiederkehrend. »Ihr seid wohl von weit
+her unterwegs?« frug sie dann, als Georg das Gefäß dankend an die Lippen
+hob, und einen langen durstigen Zug daraus that.
+
+»Ich komme von Wisconsin herunter, wo ich ein Jahr mich aufgehalten,«
+sagte der junge Mann.
+
+»Von Wisconsin; da soll es auch recht gut sein -- wir haben viel Freunde
+drüben, die mit uns über See gekommen sind -- wir wollten auch erst
+dorthin, aber die Schwester wurde hier krank, und da dem Vater die
+Gegend gefiel, blieben wir da, und ließen die andern weiter ziehn.«
+
+»Und es geht Euch gut hier?«
+
+»Gott sei Dank, ja; wir haben ziemlich billig gekauft, und die Jahre nun,
+die wir hier sind, recht sparsam gelebt und recht fleißig gearbeitet,
+und da sieht man doch daß man vorwärts rückt.«
+
+»So kommt Ihr hier besser fort wie in Deutschland?«
+
+»Ei Gott ja, _viel_ besser; lieber Himmel dort fraßen die Steuern, was
+wir mit Mühe und Noth erzwingen konnten; wir schafften und schafften,
+daß uns das Blut unter den Nägeln vorkam, aber nur schlimmer wurd' es,
+nicht besser; wir _konnten_ nicht erschwingen was wir brauchten, und
+langsam aber sicher ging's bergunter. Hier ist's besser; arbeiten müssen
+wir freilich auch, beinah so viel wie in Deutschland, aber was wir
+einnehmen ist unser, wir brauchen Nichts davon abzugeben, haben keine
+groben Gerichtsleute die uns quälen, und keine Taxen und Steuern, die
+Einem das Mark aus den Knochen saugen. Auch das Land ist vortrefflich;
+was man pflanzt gedeiht, und wenn wir nur ein Bischen mehr an einem
+großen Fluß wohnten, daß wir Alles gleich verkaufen könnten was wir
+bauen, wär's noch viel besser. Die Leute sagen freilich, daß wir eine
+Eisenbahn hier vorbeibekommen, nachher wär's schon gut. Wo seid _Ihr_
+her, wenn man fragen darf?«
+
+»Aus Waldenhayn.«
+
+»Aus Waldenhayn -- Jesus, in unserer Gegend liegt auch ein Waldenhayn,
+aber s'ist doch wohl nicht das --«
+
+»Und welches ist das?« lächelte der junge Mann.
+
+»Krisheim -- und Bachstetten liegt auch nicht weit von dort, der Pfarrer
+von Bachstetten ist ein Bruder vom Waldenhayner Pfarr.«
+
+»_Der_ Waldenhayner Pfarr' ist mein Vater,« sagte Georg.
+
+»Und Ihr seid in Krisheim gewesen?« frug das Mädchen und hohe freudige
+Röthe goß sich ihr über Stirn und Schläfe.
+
+»Oft und oft; es sind ja nur höchstens vier Stunden von unserem Ort.«
+
+Das Mädchen sah dem jungen Mann fest und forschend dabei in die Augen,
+und dann drehte sie sich plötzlich ab, und die hellen klaren Thränen
+liefen ihr an den Wimpern nieder.
+
+»Ihr hängt wohl noch recht an daheim?« sagte Georg endlich leise und
+nach langer Pause, »möchtet Ihr wieder zurück?«
+
+»Ich weiß nicht,« flüsterte das Mädchen, immer noch von ihm abgewandt,
+»ich hatt' es schon beinah vergessen, und seit dem letzten Weihnacht
+wenig mehr daran gedacht -- wenn ich aber den Ort wieder nennen höre,
+und nun gar wieder Jemanden sehe, der selber dort war, selber eigentlich
+dorthin gehört, dann -- dann fängt's freilich wieder an zu stechen,
+und -- und es kommt mir dann manchmal doch wohl vor, als ob ich das
+alte, liebe Dorf im Leben nimmer vergessen könnte. -- Wenn ich an den
+Kirchthurm denke und -- und was daneben liegt -- und an die großen
+Linden -- nur an den Weg der dorthin führt, möcht ich mir die Augen aus
+dem Kopfe weinen. -- Aber der Vater darf's nicht merken,« setzte sie
+rasch hinzu, »sagt Ihm Nichts wenn er kommt. Es ist ihm gerade so wie
+uns zu Muthe, ich weiß es wohl, wenn er sich's auch nicht will merken
+lassen -- aber weinen kann er nicht, das geht ihm nicht von der Hand,
+und da wird er lieber grob, wenn er's auch nicht so böse meint und
+-- wenn man eigentlich weiß warum er's wird, möcht' man ihn nur um so
+lieber d'rum haben.«
+
+Georg war es, als er das Mädchen so plaudern, und selbst den Dialekt
+aus seiner eigenen Gegend dabei hörte, ebenfalls recht weich um's Herz
+geworden; ihm selber klang die Rede wie Glockentöne aus der Heimath, und
+er hätte den lieben Lauten stundenlang lauschen mögen, so wohl, so weh
+wurde ihm dabei in der Brust. Von der Fenz herüber tönte da das Knallen
+einer Peitsche, Stimmen wurden laut und der Bauer, mit seiner andern
+Tochter, Lisbeth, kam den Weg die Fenz entlang; der Mann hatte frischen
+Mais aus dem Felde in seinem kleinen Karren geholt, und das Mädchen,
+wie ein Knabe von etwa dreizehn Jahren, ihm dabei aufladen helfen. Die
+Leute sahen frisch und wohl aus mit ihren sonnverbrannten aber gesunden
+Gesichtern, und man merkte es ihnen an, daß sie die Arbeit freute die
+sie thaten. Sie luden auch den jungen Mann freundlich ein bei ihnen die
+Nacht zu bleiben und sich und sein Pferd auszuruhen, von dem langen
+Ritt in der Sonne. Georg aber hatte keine Ruh, es zog ihn nach Indiana
+hinüber, wo er wenigstens hören wollte wie es denen ging, an denen sein
+Herz, so weh ihm auch der Mann gethan, den er vor allen Anderen gern
+geliebt hätte, mit festen -- er fürchtete unzerreißbaren Banden hing,
+und je länger er sich fern gehalten von dem Platz, destomehr drängte und
+trieb es ihn jetzt, wo seines Pferdes Kopf der Richtung sich wieder
+zuwandte.
+
+Eine kleine Weile plauderte er noch mit den Leuten; es that ihm wohl
+hier zufriedene, glückliche Menschen zu sehn, die dem Lande ihr Brod
+sauer genug abverdienen mußten, die aber die Schultern ernst dagegen
+stemmten, gegen das Werk, und, wenn auch langsam vorrückten, doch eben
+sahen, _daß_ sie vorrückten, und sich glücklich dabei fühlten.
+
+»Die gebratenen Tauben fliegen uns hier nicht in den Mund,« sagte der
+Mann unter Anderem und im Laufe des Gesprächs lächelnd, »wie sie uns
+manchmal, als wir von Deutschland fortgingen, vorgehalten haben, daß wir
+so etwas erwarteten; aber wenn wir richtig zugreifen und unsere Knochen
+nicht schonen, dann können wir uns doch Tauben braten, und haben dann
+welche, und in Deutschland ging das eben _nicht_ mehr an. Das erste Jahr
+haben wir uns freilich tüchtig placken müssen, und sind bei anderen
+Leuten in Dienst gegangen, alle miteinander -- es war ein schweres Jahr,
+aber es ging vorüber, wir lernten auch das Land dabei kennen und die
+Arbeit, und nun hab' ich das kleine Grundstück hier gekauft. -- Ganz
+ist's freilich noch nicht bezahlt, aber in zwei Jahren hoffentlich ist's
+mein, und mit dem Vieh was ich indessen ziehe, und das den Werth der
+Farm erhöht, können wir der Zukunft ruhig und sorgenfrei entgegengehn.«
+
+Der Mann hatte hundert Preußische Thaler mit herübergebracht, und mit
+dem dazu was er und seine Familie das erste Jahr verdient, den Stamm
+gelegt, der ihm eine sorgenfreie Existenz geben konnte.
+
+Georg fing sein Pferd endlich wieder ein, band die Hobbeln ab, legte ihm
+den Zügel wieder an, und ritt nach freundlichem Abschied von den Leuten
+auf dem ausgeruhten Thiere rascher die etwas staubige Straße entlang,
+wo er, wie ihm der Hesse gesagt hatte, noch eine andere kleine deutsche
+Farm erreichen würde, die ebenfalls ziemlich armen, aber braven, fleißigen
+Deutschen gehörte. Es waren noch zwölf Englische Meilen bis dorthin, und
+kein Haus lag dazwischen, kein Baum -- unabsehbar mit dem wogenden Gras
+den Horizont begrenzend, dehnte sich die weite Prairie um ihn aus.
+
+Erst unfern dem Haus lief ein kleiner Steppenstrom dem Wabasch zu, an
+dessen Ufer dichte Büsche von Weiden, Eichen, Erlen, und einzelne
+Hickorybäume wuchsen, und dem Platz etwas unendlich freundlich Heimliches
+gaben. Prairiehühner[3] gab es dort ebenfalls in Menge; auch Kaninchen
+und die kleinen Rebhühner Nord-Amerikas -- ein Mittelding zwischen
+Rebhuhn und Wachtel.
+
+Die Ansiedlung, die hier stand, war noch ganz neu, das Land erst
+kürzlich urbar gemacht, aber mit einer prachtvollen Erndte wehenden
+Maises, die Blöcke zu der Hütte frisch gehauen, und sogar das von ihnen
+übrig gebliebene und dort zum Feuer gelassene Holz noch nicht ganz
+verbrannt. Ebenso bestand die Fenz aus ganz neu gespaltenen Riegeln, und
+selbst die Hühner, die vor dem Haus herumliefen, die Schweine, die dann
+und wann einmal einen vergeblichen Versuch machten, irgend wo eine Lücke
+in der Einfriedigung des Feldes zu entdecken und diesem einen Besuch
+abzustatten, die beiden Kühe, die zum Melken nach Hause gekommen waren,
+sahen aus, als ob sie dort noch nicht recht hingehörten, und keinen
+eigentlich bestimmten Platz hätten zu Aufenthalt und Wohnung. Weit
+eher hatten sich die Kinder eingerichtet, von denen drei vor dem Hause
+spielten und sich herumtummelten, und ein junges Mädchen von etwa vierzehn
+Jahren schien alle Hände voll zu thun zu haben, ihnen zu wehren und auf
+sie aufzupassen.
+
+Heute gab es freilich auch etwas Neues für sie, das die Einförmigkeit
+ihres Steppenlebens auf erfreuliche Weise unterbrach, denn vor dem Hause
+hielt ein kleiner Karren, ein sogenannter Pedlar-Wagen, mit allerlei
+bunten, wunderhübschen Sachen zum Verkauf, und der Mann hatte gesagt,
+daß er die Nacht da bleiben und jedenfalls warten würde bis Vater und
+Mutter vom Felde heim kämen, ihnen seine Waaren auszupacken, von denen
+sie Manches brauchen könnten. Indessen zeigte er ihnen aber allerlei,
+und gewann ihre Herzen noch überdieß durch ein paar kleine Spielereien,
+die er ihnen preisgab. Endlich kamen die beiden Leute von ihrer Arbeit
+zurück, und während die Frau nach den Kühen ging, diese zu melken, trat
+der Bauer zu dem Pedlar, und reichte ihm die Hand.
+
+»Guten Tag Landsmann -- Ihr seid doch ein Deutscher, wie?« --
+
+»Allerdings,« sagte der Pedlar, freundlich den Handdruck erwiedernd,
+»möcht's nicht verleugnen.«
+
+»Möcht' Euch auch schwer werden,« lachte der Bauer, »Euer Gesichtsschnitt
+würd' Euch verrathen; nicht wahr Ihr seid von »unsere Leut«, wie wir bei
+uns zu Lande sagen?«
+
+»Na, wie mer's so nimmt,« lachte Wald, denn es war unser alter
+Reisegefährte von der Haidschnucke, der hier seine Umstände als Pedlar
+schon so verbessert hatte, mit einem Güterkarren durch's Land fahren
+zu können, »wir _leben_ wie die Christen, und handeln wie die Christen
+-- der Mensch kann nicht mehr verlangen.«
+
+»Aber Ihr eßt kein Schweinefleisch,« lachte der Bauer.
+
+»Nu, was wär der mehr d'rum, wenn wir's _nicht_ thäten,« sagte Wald
+achselzuckend, »aber setzt mich 'mal auf die Probe, besonders wenn
+Bohnen dabei sind.«
+
+»Na, ein Mann ein Wort,« rief der Bauer, »das sollt Ihr heut' Abend
+haben, und Eueren Kasten könnt Ihr dann auch auskramen, wenn meine Alte
+mit Melken fertig ist; die hat schon die ganze Zeit lamentirt, daß sie
+kein Band und keinen Zwirn und keine Nadeln und Kämme und Gott weiß was
+hat; es ist in Ewigkeit kein Pedlar hier vorbeigekommen.«
+
+»Glück muß der Mensch haben,« sagte Wald vergnügt, »da komm ich wieder
+einmal gerade recht, und was die Frau braucht, steckt da Alles im Karren
+d'rin.«
+
+ [Illustration: Capitel 3]
+
+»Ja, glaub's schon, wenn nur da im Hause drin auch Alles stäk' um damit
+zu zahlen -- na, aber so viel wird schon da sein. Und nun Cathrine, wie
+ist's mit dem Kranken drin?« wandte er sich dann an das junge Mädchen
+das, indessen die Eltern im Felde arbeiteten, auf die Kinder hatte
+Achtung geben müssen.
+
+»Nun es geht wohl nicht gut Vater, er hat viel gestöhnt, ist aber vor
+einer Stunde etwa eingeschlafen und liegt jetzt ruhig.«
+
+»Habt Ihr Jemand krank in der Familie?« frug Wald, »ich habe kleine
+Hausmittel bei mir, vielleicht kann ich da helfen.«
+
+»Nein in der Familie nicht, Gott sei Dank,« sagte der Bauer, »aber ein
+Landsmann, ein Bischen ein verkehrter Kauz, der ein paar Wochen bei mir
+hier gewohnt, und hier versuchen wollte eine neue Erfindung zu machen,
+ist dabei gefallen und hat das Bein gebrochen. Da nun kein Arzt in der
+Umgegend zu haben ist, mußten wir es ihm selber zurechtrücken so gut es
+gehen wollte, und das, fürcht' ich, wird wohl nicht zum Besten geschehn
+sein. Wir können den armen Teufel aber nicht so verkommen lassen, und
+ich will lieber morgen nach Vandalia hinunterreiten und einen Doktor
+holen; es ist ein Bischen weit dazu, kann aber Nichts helfen.«
+
+»Wie ist denn das gekommen?« frug Wald, »und _wo_ hat er das Bein
+gebrochen?«
+
+»Wo? -- da hinten von dem Baume herunter,« sagte der Bauer, »seht Ihr
+die einzelne Eiche dort an der Prairie, an der die Balken lehnen?
+-- dort drüben links.«
+
+»Ja aber, was um Gottes Willen hatte er denn da oben zu thun?« frug Wald
+erstaunt.
+
+»Ih nun, er hat eine neue Erfindung gemacht -- er hat _fliegen_ wollen,
+und das ist noch nicht recht gegangen.«
+
+»Fliegen wollen, Gott der Gerechte, ich bin froh daß ich 'nen Karren
+habe auf dem ich _fahren_ kann -- fliegen, und da ist er von oben
+heruntergestürzt?«
+
+»Wie ein Mehlsack -- er hatte sich so ein Gestell gemacht wie ein Drachen
+etwa, aber ohne Bindfaden unten d'ran,« sagte der Bauer, »woran man
+sonst so ein Ding hält, daß es nicht wegfliegt; das war aber hier auch
+nicht nöthig, denn es kam gleich von selber herunter, und ich hätte gern
+gelacht, wenn's nur dem armen Teufel dabei nicht so schlecht gegangen
+wäre -- es ist auch ein Deutscher.«
+
+»Hm, hm, hm,« sagte Wald, »was es doch für wunderliche Menschen auf der
+Welt giebt, und macht er da ein Geschäft d'raus?«
+
+»Nein, er ist eigentlich Cigarrenmacher --«
+
+»Er heißt doch nicht Schultze?« rief Wald schnell.
+
+»Schultze heißt er allerdings -- am Ende kennt Ihr ihn gar.«
+
+»Du lieber Gott; wenn's der ist den ich meine, sind wir miteinander
+über See herübergekommen, und er hatte da schon immer so einen kleinen
+Sparren; wenn's ihm nur nicht gar am Ende im Oberstübchen fehlt. Kann
+ich ihn einmal sehn?«
+
+»Jetzt schläft er, wie die Cathrine sagt,« meinte der Bauer, »und da er
+die ganze Zeit über Schmerzen gehabt hat, wird's wohl besser sein wir
+lassen ihn ruhig liegen, bis er von selber aufwacht.«
+
+»Und wie lange ist's her, daß er das Bein gebrochen?« frug der Pedlar.
+
+»Heute gerade elf Tage,« sagte der Bauer.
+
+»_Gerade_ elf, hm -- arme Teufel -- hat er denn Geld?«
+
+»Nun ein Bischen was wohl,« meinte der Bauer achselzuckend, »er kam hier
+durch, und die Gegend gefiel ihm hier für das was er machen wollte, wie
+er sagte.«
+
+»Er meinte, er könnte hier recht hübsch in der Prairie herumfliegen?«
+
+»Wahrscheinlich so -- und er bot mir ein und einen halben Dollar
+wöchentlich, wenn ich ihn ein paar Monate beköstigen wollte, bis er mit
+seiner Arbeit fertig wäre. Nu ja, viel zu verdienen war da nicht dabei,
+aber ein Bischen baar Geld thut auch gut, und da's ein Deutscher war,
+und sonst ein ordentlicher Mann schien, sagten meine Alte und ich ja.
+Jetzt liegt er nun freilich da, und wir haben die Sorge und Noth mit
+ihm, können ihn aber nun auch nicht im Stich lassen, bis er wieder
+gesund ist und sich selber helfen mag.«
+
+»Das ist brav von Euch gehandelt,« sagte Wald, »hier in dem Amerika weiß
+man nie wie Einer den Andern braucht; aber da kommt die Frau, nun kann
+ich meine Sachen auspacken, daß wir noch fertig werden eh' die Sonne
+unter ist; nachher wird's dunkel im Handumdrehen.«
+
+»Guten Tag miteinander,« sagte die Frau zu dem Pedlar tretend, und ihm
+die Hand reichend, »na das ist recht daß endlich einmal Einer von Euch
+sich hierher verliert, wir haben lange darauf gewartet. Was habt Ihr
+denn da in Euerem Karren drin?«
+
+Wald säumte nicht seine Waaren anzupreisen, und die verschiedenen Kästen
+und Schubfache herausziehend, legte er den Blicken der jetzt um ihn
+herdrängenden Familie die Herrlichkeiten offen, die, aus den Städten des
+Ostens hergeführt, die Herzen in den westlichen Prairieen entzücken
+sollten.
+
+Viel Geld hatten die Leute nun zwar nicht an derlei Gut zu wenden,
+Manches aber wurde wirklich nothwendig gebraucht und _mußte_ geschafft
+werden, und ging der Mann auch einmal in die ziemlich fern liegende
+Stadt, konnte er's doch nie im Leben so aussuchen wie die Frau, und die
+Pedlar bleiben deshalb auch immer den Frauen willkommene Gäste.
+
+Eine Anzahl Kleinigkeiten war indessen ausgesucht und bezahlt worden,
+und obgleich der Pedlar bat, die Frau möchte das Nachtquartier in Abzug
+bringen, wollte diese doch davon Nichts hören. Sie hätten so Nichts
+großes zu bieten, und für ein Nachtquartier dürften sie kein Geld
+nehmen, das ginge nicht an -- »aber wie ist mir denn,« setzte sie hinzu,
+den Pedlar dabei immer schärfer und aufmerksamer ansehend, »ich dächte
+doch, wir hätten einander schon einmal gesehn?«
+
+»Wär wohl möglich,« lachte Wald, »ich zieh' nun schon ein paar Jahr lang
+die Kreuz und Queer im Lande herum -- hierher bin ich aber doch noch
+nicht gekommen.«
+
+»Es war auch nicht hier,« sagte die Frau, ihn immer stärker in's Auge
+fassend, »es war unten noch am Wasser, gleich wie wir ankamen -- Jesus,
+Heinrich, sieh mal, ist das nicht der Mann, der mir den halben Dollar
+gab, den Kindern Milch dafür zu kaufen?«
+
+»Seid _Ihr_ die Leute, die da unten in New-Orleans an der Levée saßen
+und kein Brod und keine Arbeit hatten?« frug aber nun Wald seinerseits
+wirklich erstaunt, »alle Wetter, dann habt Ihr Euch aber tüchtig
+herausgearbeitet in der kurzen Zeit.«
+
+»Siehst Du's, er ist's,« rief aber die Frau, rasch und herzlich Wald's
+Hand ergreifend, »wenn nur ein Mensch wüßt' wie ich mich danach gesehnt
+habe Euch wieder zu sehn, und Euch danken zu können.«
+
+»Ah, papperlapapp,« sagte Wald, abwehrend, »macht kein Aufhebens von der
+Läpperei -- ich wollt' ich hätt' mehr thun können.«
+
+»Ich glaub's Euch,« sagte der Mann jetzt auch, dem Juden die Hand
+reichend und derb drückend, »Ihr habt das Herz auf dem rechten Fleck,
+gerade wo's hingehört.«
+
+»Ihr wißt aber gar nicht wie Ihr uns damals geholfen habt,« sagte, mit
+Thränen in den Augen, die Frau, als sie an die schwere Zeit zurückdachte,
+»wir anderen hätten uns helfen können, aber das Kleinste schrie nach
+Milch, und ich hatte keinen Tropfen mehr für das arme Würmchen. Seht
+jetzt den Jungen an, was für ein kräftiger Bengel das geworden ist;
+wer weiß ob er sich jetzt dort so herumtummelte, wenn Ihr uns nicht
+damals beigestanden. Lieber allmächtiger Gott, Du magst mir die Sünde
+verzeihen, aber ich wäre lieber mit ihm in's Wasser gesprungen wie
+nicht, so weh, so traurig war mir um's Herz, weil sich so gar Niemand
+um uns kümmerte, und es _allen_ Menschen eben ganz gleichgültig zu
+sein schien, ob wir da am Flußufer verdarben oder nicht. Euer Geschenk
+brachte mir zuerst wieder, _mit_ der Hülfe, Hoffnung in's Herz, und von
+dem Augenblick auch an schien's beinah, als ob es hätte besser werden
+sollen.«
+
+»Auf gefundenem Gelde ruht ein Segen,« lächelte Wald.
+
+»Ich glaub's Euch nicht, daß Ihr es gefunden habt,« sagte die Frau, ihn
+scharf ansehend.
+
+»Und mir hat's seit der Zeit immer schwer auf der Seele gelegen, Geld
+genommen zu haben, was ich nicht _verdient_ hatte,« sagte der Mann, »es
+war das erste Mal gewesen, und Gott sei Dank, daß wir jetzt im Stande
+sind es mit tausend Dank zurückzuzahlen.«
+
+»Wie heißt zurückzahlen,« sagte Wald halb verlegen, halb lachend, »hab'
+ich's mir doch schon selber wieder geholt -- zurückzahlen, was sagen Sie
+zu _dem_ Mann; hab' mit ihm um sieben Dollar Geschäfte gemacht, und
+werde den halben nicht dabei haben.«
+
+Wald war in der That auf keine Weise zu bewegen etwas, was er für einen
+Nebenmenschen gethan, »bezahlt zu nehmen«, und der Bauer mußte ihm
+jetzt erzählen wie es ihm hier so schnell geglückt. Ohne Mittel auf's
+gerathewohl hin, und einen Theil seiner Sachen verkaufend nur die
+Passage zu zahlen, war dieser mit seiner Familie nach Illinois gekommen
+und hatte da ein kleines Stück Land zuerst gepachtet. Die Erndte, von
+der er einen Theil abgeben mußte, war trefflich gerathen, und so langsam
+fortarbeitend hatte er jetzt den kleinen Platz, mit der Zeit ihn in den
+nächsten Jahren langsam abzuzahlen, käuflich übernommen.
+
+Wie sie noch so zusammen plauderten, und der Bauer nicht müde wurde dem
+Krämer von den Vorzügen des Landes zu erzählen, kam noch ein Reiter die
+Straße nieder die zum Hause führte, und hielt neben der Gruppe.
+
+»Hallo Wald! so fleißig und eifrig im Geschäft, hier mitten in der
+Prairie?« rief diesen da die freundliche Stimme Georg Donners an.
+
+»Herr Donner, wahrhaftig!« sagte aber auch Wald, ihm die Hand auf das
+Pferd entgegenstreckend, »woher des Wegs?«
+
+»Vom Norden herunter -- guten Abend Ihr Leute, wie weit ist's noch bis
+zum nächsten Haus dahinein zu?«
+
+»Nach der Richtung hin liegt keins,« sagte der Mann, »bis Ihr nicht zum
+nächsten Waldstreifen kommt, und der ist sieben englische Meilen von
+hier entfernt. -- Dort wohnen Irische, aber eben kein freundliches Volk,
+und je weniger man mit ihnen verkehrt, desto besser.«
+
+»Ja, ich bäte Euch gern, Leute, ob Ihr mich die Nacht hier behalten
+wolltet,« sagte Georg, »aber Ihr habt schon Besuch, und in dem Häuschen
+möcht' ich Euch auch nicht gern beschränken.«
+
+»Das thut Nichts,« sagte die Frau freundlich, »wir müssen uns
+eben einrichten, und dürfen schon einen Landsmann nicht dicht vor
+Sonnenuntergang von der Thür weisen.«
+
+»Ja und _den_ schon gar nicht,« rief Wald rasch, »denn erstens ist er
+ein braver Kerl, und zweitens ein _Doktor_!«
+
+»Ein Doktor?« riefen die beiden Leute rasch, »ja das wär schon recht!«
+
+»Ist Jemand krank hier bei Euch?« frug Georg.
+
+»Ein Schiffskamerad von uns Beiden, die Nachtigall, Herr Donner, von der
+Haidschnucke hat das Bein gebrochen, und liegt im Haus drin schon elf
+Tage ohne ärztliche Hülfe.«
+
+»Aber so steigen Sie doch nur ab,« bat der Mann.
+
+»Du lieber Gott,« sagte Georg, aus dem Sattel springend, und den Zaum
+über einen Zweig des nächsten Baumes werfend, »da ist's ja doch die
+höchste Zeit daß irgend etwas für den armen Mann geschieht.«
+
+»Aber er schläft jetzt,« sagte das älteste Kind, »ich habe deshalb die
+Kleinen aus dem Haus genommen, weil er so lange schon keine ordentliche
+Ruhe gehabt hat.«
+
+»Ich will ihn nicht stören,« sagte Georg, »nur wenn er wacht geh' ich zu
+ihm; aber ich möchte ihn wenigstens sehn -- liegt er in diesem Haus?«
+
+»Gleich links am Kamin auf dem kleinen Bett.«
+
+Georg schlich auf den Zehen in's Haus, aber wie er nur über die Schwelle
+trat, hörte ihn der Kranke, drehte den Kopf nach ihm um, und streckte
+ihm dann rasch und freudig die bleiche abgemagerte, zitternde Hand
+entgegen.
+
+»Donner, Sie sendet mir Gott selber, und von jetzt glaub' ich an
+Wunder!« sagte er, und die Stimme klang hohl und matt; »guter Himmel,
+was habe ich ausgestanden -- wie führt Sie denn jetzt mein Schutzgeist
+her zu _mir_?«
+
+Georg ließ sich aber auf keine weiteren Erklärungen und
+Auseinandersetzungen ein, bis er nicht den Bruch untersucht hatte. Viel
+war dabei schon in der langen Zeit, in der er uneingerichtet gelegen
+hatte, verloren, und das rechte Schienbein, das bei dem Sturze, wie es
+schien, schräg abgebrochen, noch ziemlich stark geschwollen. Er gab aber
+die Hoffnung nicht auf noch Alles gut werden zu sehn, ging vor allen
+Dingen mit der Axt hinaus an den kleinen Fluß, sich selber die passenden
+Rindenstücken zu Schienen abzuschlagen, und richtete den Bruch erst
+ordentlich ein, schiente und band ihn, und stellte dann mit Walds Hülfe,
+der Manches dazu in seinem Karren mit sich führte, eine Art Schwinge
+her, in der sie das Bein frei schwebend hängen konnten, was dem Kranken
+große Erleichterung gab, und ein wieder Verschieben des Knochens
+verhinderte.
+
+Indessen war es dunkel geworden, der Mann hatte die beiden Pferde seiner
+Gäste in einen Verschlag gebracht und ihnen dort Mais eingeschüttet,
+die Frau kochte emsig am Kamin das Abendbrod für ihre gern bewirtheten
+Gäste, und Schultze mußte nun Georg und Wald, dem er ebenfalls herzlich
+die Hand geschüttelt, erzählen, wie er zu dem unglückseligen Sturz
+gekommen. -- Georg Donner hatte nämlich noch gar keine Ahnung, was er
+hier für Unsinn getrieben.
+
+»Wie, um Gottes Willen kamen Sie zu dem Bruch, lieber Schultze,« frug er
+ihn, als er neben dem Bette saß und seine Hand dabei dem kleinen jetzt
+überglücklichen Mann, der sich schon der schwärzesten Verzweiflung
+hingegeben, überließ.
+
+»Der Schwanz war zu kurz, lieber Herr Donner, ich hab' es mir gleich
+gedacht; aber es hatte wahrhaftig keinen andern Grund, der Schwanz war
+um dritthalb Fuß zu kurz.«
+
+»Aber von was in aller Welt reden Sie denn?« rief Georg, auf's Äußerste
+erstaunt.
+
+»Nun von meinem Drachen -- ich sage Ihnen Herr Donner, wenn ich den
+unglückseligen Fall nicht gethan hätte, flög ich jetzt im ganzen Lande
+umher. Ich habe das Geheimniß gefunden, das uns wieder zu unserer alten
+verlorenen Eigenschaft verhelfen soll.«
+
+»Aber bester Herr Schultze, was machen Sie für Streiche,« lachte Georg,
+als ihm ihr Wirth jetzt ebenfalls mit kurzen Worten die ganze Geschichte
+erklärt hatte, wie sich Herr Schultze mit unendlicher Mühe aus Schilf
+und Rohrwerk und Seide ein breites Gestell gebaut, dieses dann oben an
+dem Baum befestigte, und bei einer frischen Brise endlich, wo sich die
+Fläche von selber an zu heben fing, oben darauf gestiegen wäre und die
+Seile durchgeschnitten hätte, wonach der Drache, oder wie es sonst
+heißen möchte, auf der einen Seite übergekippt wäre, Herrn Schultze
+heruntergeworfen, und sich selber im nächsten Baume wieder gefangen
+hätte.
+
+»Was ich für Streiche mache, bester Donner?« rief aber Schultze, »ich
+schlage mein Leben für die Wissenschaft in die Schanze, _das_ mache ich.
+Meine feste, innige Überzeugung ruht auf dem System, und ich weiß, daß
+ich es durchsetze; was liegt daran, ob ich später noch einmal ein oder
+beide Beine breche, ich werde doch in meinem Leben nur noch sehr wenig
+gehn, denn nicht allein bin ich dahinter gekommen wie die Flug_kraft_
+am Besten herzustellen ist, nein ich bin auch im Stande, mein später
+vervollkommtes Luftschiff in eine höhere oder tiefere Luftschicht zu
+lenken und es dort zu _steuern_ -- was sagen Sie nun, Freundchen?«
+
+»Daß Sie, sobald Ihr _Bein_ wieder geheilt ist, mit _diesen_ Ideen
+nächstens den _Hals_ brechen werden,« erwiederte Georg achselzuckend;
+»was aber um des Himmels Willen hat Sie auf diese unglückselige, brodlose
+Idee gebracht? -- was wollen Sie damit bezwecken, was _hilft_ es Ihnen,
+wenn Sie wirklich eine Strecke durch die Luft fliegen und mit
+unzerbrochenen, unverrenkten Gliedern wieder auf Gottes Erdboden
+kommen?«
+
+»Das kann ich Ihnen nicht so auseinandersetzen, mein junger Freund,«
+sagte aber Schultze, ernst und recht wehmüthig dabei mit dem Kopfe
+schüttelnd, »das ist das Ziel, die Aufgabe meines Lebens, für die mich
+Gott eigends geboren und in die Welt gesetzt. Ich fühle das auch in mir,
+ja was noch mehr ist, ich fühle daß ich es durchsetzen werde, daß ich
+bestimmt bin, der Menschheit eine neue Ära zu gründen, oder vielmehr
+unsere jetzige Bahn zu dem alten Punkt zurückzuführen. Die Kraft und
+Eigenschaft, die wir einst besessen, haben wir nicht _verloren_, sondern
+nur auf eine Zeitlang _vergessen_. Es ist das Ei des Columbus; wenn
+gefunden, wird die ganze Welt schreien: »ja das ist gar Nichts -- wenn
+wir das _so_ gemacht hätten, hätten wir's auch gekonnt.« Die Sache ist
+aber die, sie haben's nicht _so_ gemacht, und Schultzes Name, mein
+lieber Freund, Benjamin Schultze wird unsterblich werden.«
+
+»Wenigstens bald zu den Unsterblichen gehören, wenn Sie in der Art
+fortfahren,« lächelte Georg. »Ich will eine mögliche Ausführbarkeit der
+Luftschifffahrt gar nicht etwa bestreiten; es sind in den letzten Jahren
+andere Sachen möglich gemacht, die wir früher für eben so unmöglich
+gehalten; aber ich fürchte, lieber Schultze, Sie haben das Zeug nicht
+dazu etwas derartiges durchzuführen. Ihnen stehen keine bedeutende
+Mittel zu Gebote, Sie haben auch, so viel ich weiß, keine mechanischen
+Kenntnisse, Sie in der Ausführung eines solchen Plans zu unterstützen,
+und der gute Willen genügt dazu nicht. Dieser Sturz sollte Ihnen deshalb
+eine Warnung sein; Sie kommen dießmal noch hoffentlich mit ein paar
+Monate Hinken davon -- daß es nicht später schlimmer wird.«
+
+Wald mußte jetzt erzählen, was er bis dahin getrieben, und that das mit
+dem ihm eigenen, drolligen Humor. Er war mit etwa zwanzig Spanischen
+Dollarn in der Tasche an Land gekommen und hatte dort gleich, nach
+dem Beispiel seiner Glaubensgenossen, einen kleinen Handel mit Band,
+Litzen, Nadeln etc., etc., etc. angefangen. Den war er bald im Stande
+zu vermehren und kaufte jetzt, anstatt ein theueres Haus in der Stadt,
+das er nicht hätte bezahlen können, und wo das Standgeld allein seinen
+Nutzen halb aufgezehrt haben würde, ein kleines altes Flatboot an der
+Landung, das er dort ruhig auf dem Schlamm liegen ließ, und zu einem
+Laden herrichtete. Er mußte dort natürlich viel von den Mosquitos sowohl,
+als dem schauerlichen Dunst der benachbarten Boote leiden, aber er
+verdiente Geld, und blieb da so lange, bis er im Stande war, sich eine
+ordentliche Quantität Waaren mit Wagen und Pferd zu kaufen, mit denen er
+dann von New-Orleans fort zu Lande am Mississippi hinaufzog, bis ihn die
+Fieberzeit dort wieder vertrieb, und er an Bord eines Dampfschiffes
+ging, sich in Cincinnati mit seinem Karren an Land setzen zu lassen. Von
+dort aus hatte er Indiana ziemlich durchstreift, vortreffliche Geschäfte
+gemacht, und große Lust wieder dorthin zurückzukehren, und vielleicht
+erst zum Spätherbst nach Illinois zu kommen, da die Fliegen den Tag über
+das Pferd so belästigten, und Nachtreisen ihm bei seinem Geschäft doch
+nichts nützen konnten.
+
+»Durch Indiana?« -- Georg fühlte wie sein Herz stärker an zu klopfen
+fing, denn er dachte der Möglichkeit, der Krämer könne auch Lobensteins
+besucht haben, von denen er über ein Jahr auch nicht die geringste Kunde
+gehabt. Wald ließ ihn aber auch darüber nicht lange in Zweifel, und fing
+an aus freien Stücken die ihrer früheren Reisegefährten aufzuzählen, die
+er auf seinen Wanderungen angetroffen.
+
+Die ersten waren zwei von den drei Passagieren, die von dem Leuchtschiff
+zu ihnen an Bord gekommen, die beiden dem Zuchthaus wahrscheinlich
+entnommenen jungen Verbrecher, die ihre alte Gewohnheit hier nicht hatten
+verleugnen können oder wollen, und bei einem Pferdediebstahl erwischt
+waren. Die Eigenthümer schienen Lust gehabt zu haben sie gleich an Ort
+und Stelle zu hängen, aber der Sheriff legte sich zu ihrem Glück noch
+in's Mittel, und sie wurden (Wald kam gerade dazu sie abführen zu
+sehen), nachdem die dortigen Ansiedler ihnen wenigstens erst eine
+tüchtige Tracht Schläge mit einem schwanken Hickory verabreicht, in das
+Staatsgefängniß abgeliefert.
+
+Dann hatte er ein paar von _seinen_ Landsleuten, auch
+Zwischendeckspassagiere der Haidschnucke, im Lande, und ebenfalls als
+Krämer oder Händler angetroffen. Löwenhaupt war Eigenthümer eines
+Kleiderladens am Wasser unten, in Cincinnati, wollte sich aber von
+seiner Frau scheiden lassen, weil sie ihn mishandelte. Rechheimer war
+ebenfalls Pedlar geworden und die beiden Rechheimer Mädchen hatten sich,
+die eine in Cincinnati, die andere in Vincennes, an ziemlich wohlhabende
+Leute verheirathet.
+
+Der Polnische Jude mit seiner Holzharmonika war wieder nach New-Orleans
+zurückgegangen, der Knabe aber so krank geworden, daß er nicht mehr
+singen konnte -- und erst ganz kürzlich -- vor ein paar Tagen nur
+-- hatte er ein ganzes Nest von Haidschnucken-Passagieren auf einer Farm
+unweit Grahamstown in Indiana getroffen.
+
+»Und wie geht es Lobensteins?« rief Georg rasch.
+
+»Sie kennen den Platz?«
+
+»Ich habe dort gearbeitet,« erwiederte Georg ausweichend.
+
+»Thut mir leid um die Leute,« sagte Wald.
+
+»Wie so? -- was ist mit ihnen?« frug Georg rasch.
+
+»Nun, daß es ihnen so schlecht geht.«
+
+»Ist Jemand krank?«
+
+»Nicht daß ich wüßte -- nur so, meine ich.«
+
+»Aber der Professor hat doch die Farm?«
+
+»_Hatte_ sie,« sagte Wald.
+
+»Er hat sie verkauft?« rief Georg, rasch und erschreckt.
+
+»Noch nicht,« meinte der Pedlar, »doch heute oder morgen wird's wohl
+dran gehn. Wie ich dort vorbei kam war's dicht daran.«
+
+»Aber wie ist das möglich,« sagte Georg, »die Erndte ist doch gewiß
+dort wie hier gut ausgefallen, die Verbesserungen, die er auf der Farm
+gemacht, müssen ihm wenigstens _etwas_ eingetragen haben, und so war der
+Platz doch nicht verschuldet, ein solches Ende so rasch herbeizuführen.«
+
+»Wie die Geschichte ganz genau ist, weiß ich nicht,« sagte Wald, »so
+viel aber ist gewiß, daß der Professor Vieh und manches Andere verkaufen
+mußte, dem Weber, der sich bei ihm mit seiner Familie verdingt hatte,
+seinen Jahrlohn zu geben. Außerdem hat er Unglück gehabt mit dem
+einzigen Sohn, der sich auf der Jagd eine Ladung Schroth durch den Leib
+geschossen.«
+
+»Großer Gott, Eduard,« rief Georg, entsetzt von seinem Sitz aufspringend.
+
+»Wie ich die Sache hörte,« fuhr Wald fort, »war der junge Mann mit einem
+andern unserer Zwischendeckspassagiere -- dem langhaarigen Burschen, der
+immer die Verse an Bord machte -- auf die Jagd gegangen, und weiß der
+liebe Gott, was die beiden jungen Leute zusammen angefangen, aber der
+junge Lobenstein, Eduard hieß er, glaub' ich, schoß sich, wie jener
+Versemacher sagte, beim über einen Graben springen durch den Leib, und
+starb ein paar Stunden darauf unter den furchtbarsten Schmerzen.«
+
+»Das ist ja entsetzlich,« stöhnte Georg.
+
+»Nicht so, als der Mensch vielleicht denken möchte,« meinte Wald ruhig,
+»denn wie mir der Weber erzählte, war der junge Bengel zum Arbeiten nie
+etwas nutz gewesen, und durch den Fall wurden sie auch, als reinen Gewinn,
+den Literaten los, der sich auf dem ersten Dampfboot wieder nach
+New-Orleans einschiffte.«
+
+»Aber wie um Gottes Willen konnte er so zurückkommen, _gezwungen_ zu
+werden seine Farm verkaufen zu müssen?« frug Georg.
+
+»Wie? -- einfach genug,« meinte der Pedlar, »ich habe weitläufig darüber
+mit dem Weber, einem ordentlichen, braven Menschen gesprochen, der die
+Sache schon lange hat kommen sehn, aber Nichts ausrichten konnte gegen
+den Starrkopf des Professors. Anstatt sein Feld ordentlich mit Mais oder
+Waizen zu bepflanzen, Produkte, von denen er wußte, daß er sie wieder in
+baar Geld verwandeln konnte, machte er Experimente, baute in eine Ecke
+Runkelrüben und in die andere Ölsaat, verschwendete dabei ein Capital an
+Arbeitslohn, für eine Bande müssiger, ungeschickter Gesellen, die ihren
+Nutzen dabei fanden ihn in dem Glauben zu bestärken er könne Mühlen und
+Gott weiß was sonst noch, bauen. Die Leute wollten dann allwöchentlich
+ausgezahlt sein, und was nicht mehr länger verborgen bleiben konnte, kam
+an's Tageslicht. Mit einem recht großen, tüchtigen Capital hätte der
+Mann vielleicht Manches erreichen können, so aber reichten seine Mittel
+nicht aus; Mühlen, Zuckerpressen, Backsteinmaschinen, Alles was er zu
+gleicher Zeit begann, und was in einigen Jahren, wenn richtig geleitet,
+gewiß einen hübschen Profit abgeworfen hätte, blieb mitten in der Arbeit
+stehn, und zehrte, anstatt zu helfen, mit an dem übrigen Capital.«
+
+»Und ist der Weber noch bei ihm?« frug Georg.
+
+»Oh Gott bewahre,« sagte Wald, kopfschüttelnd, »der Professor hat ihn
+bei Heller und Pfennig ausgezahlt, was er ihm und seiner Familie für
+die Jahresarbeit schuldete, und seinen Contrakt ehrlich gehalten, damit
+aber auch, wie es scheint, seine eigenen Kräfte total erschöpft, und
+Brockfeld sitzt jetzt, etwa zwei Meilen diesseit von Lobensteins Farm,
+auf einem eigenen Stück Land, in einem eigenen freundlichen Häuschen,
+und es geht ihm und den Kindern und der alten Mutter _recht_ gut.«
+
+»Wie weit ist es bis dorthin?« frug Georg, fast unwillkürlich dabei von
+seinem Stuhle aufspringend.
+
+»Nun heute Abend kommen Sie nicht mehr hin,« lachte Wald, »wenn Sie aber
+ordentlich zureiten, mögen Sie in vier Tagen den Platz erreichen -- Sie
+wissen ja wohl wo er liegt.«
+
+»Ach wenn Sie nur noch eine ganz kurze Zeit bei mir bleiben könnten,
+bester Donner,« seufzte Schultze wehmüthig vor sich hin, »wie soll es
+denn werden, wenn Sie fortgehn?«
+
+Georg beruhigte ihn übrigens hierüber, und versprach ihm, heute Abend
+noch seine beiden Wirthsleute und Pfleger so zu unterrichten, daß sie
+den jetzt gut eingerichteten und fest und sicher geschienten Bruch auch
+allein behandeln könnten. Ruhe war das Einzige was er brauchte, und das
+Hauptsächlichste dann nahrhafte Speisen, die sich die Leute nicht
+getraut hatten ihm zu geben, damit sich sein Körper, was er so sehr
+bedurfte, wieder kräftige und stärke. Sei es ihm möglich, wolle er
+selber noch einmal in vierzehn Tagen etwa hierher zurückkehren.
+
+
+
+
+Capitel 4.
+
+Georg und Marie.
+
+
+Vier Tage später mit Sonnenuntergang erreichte Georg nach scharfem Ritt,
+auf dem er sein Pferd nicht geschont, »Brockfelds Farm,« erfuhr aber hier,
+wo man ihn auf das Herzlichste begrüßte, nur die Bestätigung dessen, was
+ihm Wald schon in Illinois gesagt, daß es mit den Vermögensumständen
+des Professors _recht_ traurig stehe, dieser nicht im Stande sei, seine
+letzte Zahlung an den Wirth in Grahamstown, von dem er die Farm gekauft,
+zu machen, und gesonnen sei, sie am nächsten Montag -- der erste
+im Monat September, wo Gerichtssitzung in Hollowfield wäre -- zu
+verauktioniren, wenn er sich nicht vorher mit dem Wirth selber über die
+Rücknahme des Platzes einigen könnte. Dieser aber wollte jetzt freilich
+nur entsetzlich wenig dafür geben, weil er behauptete, die Aussichten
+für die Lage desselben hätten sich allerdings, und ganz wider Erwarten,
+sehr verschlechtert. Noch immer war keine Hoffnung eine Eisenbahn
+hierherzubringen, indeß die Cincinnati-Bahn schon beendet worden, und
+was sollte er nun mit einer mitten im Wald liegenden Farm anfangen?
+
+Der Professor mochte jetzt wohl recht gut einsehn, daß er damals von dem
+schlauen Wirth bei seinem Ankauf betrogen worden, und sich bös damit
+übereilt habe; war das aber nicht seine eigene Schuld? Anstatt, wenn er
+selber darin nicht Zeit gehabt Erfahrungen zu sammeln, wenigstens einen
+unpartheiischen Sachkundigen dazuzunehmen, der die Verhältnisse des
+Landes kannte, war er mit den beiden Deutschen hinübergeritten die,
+so gut sie es mit ihm selber meinen mochten, doch nur im Stande sein
+konnten einen _deutschen_ Maasstab an das Land zu legen; von allem
+Anderen verstanden sie Nichts, und der pfiffige Amerikaner hatte nicht
+gesäumt das zu benutzen.
+
+Die Summe, die der Professor dem Wirth in Grahamstown noch schuldete,
+kannte der Weber nicht, und Georg hätte das Herz brechen mögen vor Weh
+und Schmerz, wenn er der Zukunft dachte, der jetzt die Frauen
+entgegensahen.
+
+Dem Weber ging es indeß recht gut hier auf seinem neuen Platz; er hatte
+Zeit gehabt sich die Umgegend genau anzuschauen, und nach allen Seiten
+hin etwa die Preise der verschiedenen Plätze zu erfahren. Dies kleine
+#improvement# mit vierzig Acker vom Staat gekauften und fünf Acker
+darunter urbar gemachtem Landes war da, durch das plötzliche Fortziehn
+des Eigenthümers, unter dem Werth gegen baar Geld zu verkaufen gewesen;
+die Gelegenheit hatte er benutzt, und befand sich wohl dabei. Die Leute
+waren auch unendlich fleißig, griffen _Alle_ zu, und arbeiteten von früh
+bis spät, sich ihre neue Heimath nicht allein wohnlich, sondern auch
+einträglich zu machen. Der Viehstand besserte sich dabei ebenfalls, und
+die Aussicht war da, daß sich ihr Vermögen von Jahr zu Jahr vermehren,
+nicht zurückgehen werde, und sie ihre Auswanderung aus der Heimath, so
+weh ihnen die im Anfang auch gethan, nicht zu bereuen brauchten. Auch
+die alte Mutter, die noch am längsten an der Heimath gehangen, und
+doch immer heimlich gestöhnt und geklagt, so gut es ihren Kindern auch
+ging, und so sorglos sie in's Leben sehen durften, hatte sich endlich
+hineingefunden in die neue Welt. Freilich, so warm und freundlich schien
+die Sonne doch hier nicht wie in Deutschland, so kühl war der Schatten,
+so lau die Luft nicht im Frühling, die Blumen rochen nicht so gut, die
+Vögel sangen nicht so lieb, der Himmel war nicht so blau, die Wiese
+nicht so grün, das Wasser nicht so süß, und einen Vergleich mit
+Deutschland hielt »das Amerika« lange nicht aus. Aber -- sie mußte doch
+zuletzt einsehn, daß es ihren Kindern gut hier ging; in Deutschland
+hatten sie ihr Schwein verkaufen müssen, Steuern davon zu zahlen, hier
+hielten sie schon vier Kühe und so viel Dutzend Schweine, wie sie zu
+Hause Stück gehabt, und Hühner und Gänse daneben, hatten zwanzig Mal so
+viel Land wie daheim, und wenn das Haus auch noch nicht so warm und
+bequem war, der nächste Sommer würde das schon bessern. So saß sie denn
+jetzt auch wieder wie vordem in ihrer Ecke im Haus, oder bei schönem
+Wetter unter einem breitästigen Eichbaum vor der Thür im Schatten, wo
+ihr der Sohn ein großes freundliches Asterbeet angelegt, ihre Augen an
+dem Glanz der Herbstblumen zu letzen. So, mit dem Spinnrad vor sich,
+wenn sie auch nur wenig spann, und das mehr aus alter Gewohnheit bei ihr
+stand, legte sie oft die Hände in den Schooß und schaute schweigend und
+still befriedigt die neben ihr spielenden Enkel an, die sich munter auf
+dem Platz da umher tummelten, und amerikanischen Boden gerade so passend
+zu ihren Spielen fanden, wie deutschen.
+
+Georg hatte aber keine Ruhe hier -- ihn drängte es mehr von dem Schicksal
+einer Familie zu hören, deren Wohl ihm warm am Herzen lag, und mit
+Tagesanbruch am anderen Morgen sattelte er sein Pferd, nahm freundlichen
+Abschied von den Leuten, die ihn noch Alle gern vom Schiff und von der
+Farm her hatten, und ritt in scharfem Trabe, Lobensteins Farm für jetzt
+umgehend, dem kleinen Grahamstown zu, dort erst vor allen Dingen mit dem
+Gläubiger des Professors zu sprechen, und zu sehen wie tief dieser
+eigentlich in Schulden stecke.
+
+Etwa um zehn Uhr Morgens erreichte er den kleinen Platz, der noch gerade
+so still und öde lag wie vor zwei Jahren, ja eher noch stiller, noch
+verlassener, denn drei oder vier damals gebaute Häuser waren wirklich
+von ihren Eigenthümern, da alle die großen Verheißungen nicht wahr
+geworden, im Stich gelassen, und gaben dem Ort noch mehr ein wüstes,
+trauriges Aussehn. Auch Ezra Ludkins hatte Lust auszuverkaufen, und
+zu dem Zweck einen großen Anschlag unter seine Seejungfer befestigt,
+welchem zufolge ihn dringende Familienverhältnisse nach Texas riefen,
+und er Haus und Geschäft unter dem Werth losschlagen wolle. Es fand sich
+aber kein Käufer, und Wind und Wetter bekamen es endlich satt, das
+Papier da nutzlos hängen zu sehn, und rissen es herunter.
+
+Ezra Ludkins war übrigens zu Hause, hatte auch freie Zeit genug, denn er
+schien der einzige Gast seines ganzen Hauses, das leer und öde stand und
+mit den nackten Wänden und unbesetzten Tischen recht gut zu der ganzen
+kleinen Stadt paßte, deren erstes Gebäude es gewesen.
+
+Amerika bietet viel solcher Beispiele; wo sich die Wahl für den Bau
+einer Stadt als eine glückliche erwiesen, strömt die Bevölkerung ihr in
+Masse zu, und einzelne Beispiele wie Cincinnati, Milwaukie, Buffalo
+und hundert andere zeigen, welche Lebenskraft in dem Fall in dem
+Volke liegt. Wo das aber nicht der Fall war, wo die Möglichkeit oder
+Zweckmäßigkeit der Verbindungswege falsch berechnet worden, oder, wenn
+die Stadt dicht am Ufer des Flusses lag, dieser vielleicht zufällig
+den Grund zu versanden anfing, wenn auch für jetzt noch Wasser für die
+größten Boote blieb, da war es vorbei mit der _Stadt_; nicht allein
+keine neuen Ansiedler ließen sich dort nieder, nein auch die, die schon
+ein Grundstück gekauft, und viele Hoffnungen früher auf den Platz
+gesetzt hatten, suchten das so rasch als möglich wieder loszuwerden, und
+ließen es lieber ganz im Stich, ehe sie weiter noch Geld und Zeit darauf
+verwandt hätten ihr Glück hier zu versuchen; es gab andere Gelegenheit
+dazu im weiten Land.
+
+Ezra Ludkins schien aber nichtsdestoweniger kaum geneigt, dem jungen Mann
+den Stand der Verhältnisse zwischen ihm und dem Professor, auseinander
+zu setzen; er mochte wohl Hoffnung haben, die für diese Gegend kostbaren
+Meublen, wie die andern mitgebrachten Sachen, auf eine Auktion geworfen
+zu sehn, und dann im Stande zu sein billig genug zu kaufen, da hier
+Niemand Anders fast Gebrauch für solche Gegenstände hatte. Nur erst, als
+Georg in ihn drang, und fest darauf bestand, er sei von dem Professor
+selber abgeschickt worden, die noch bestehenden Rechnungen nachzusehn,
+und so weit das möglich wäre, zu ordnen, entschloß er sich dazu sein
+Buch herbeizuholen, und brachte eine Forderung an den Professor von
+einhundert und dreißig Dollar.
+
+»Aber das Andere, was auf dem Haus noch steht,« drängte Georg.
+
+»Nun das ist _das_ hier,« sagte Ludkins mürrisch, »hol' der Henker einen
+solchen Handel, denn wenn ich gewußt hätte, daß ich so lange auf mein
+Geld warten mußte, wär's mir nicht eingefallen den Platz zu verkaufen
+-- ich hätte zehn andere Käufer gehabt die das Geld baar niederzahlten.
+Baar Geld ist stets noch einmal so viel werth, wie die beste Note.«
+
+»Wieviel ist aber die _ganze_ Summe, die Ihnen der Professor schuldig
+ist?« frug Georg, jetzt ebenfalls ungeduldig werdend, »wenn Sie in
+solcher Eile sind, antworten Sie mir wenigstens einfach auf meine
+Frage.«
+
+»Nun die Antwort habe ich Dir auch einfach genug gegeben,« brummte
+der Pensylvanier -- »wenn Du kein Deutsch verstehst, kann ich's nicht
+helfen -- hundert und dreißig Dollar.«
+
+»Und das ist Alles?« rief Georg, wirklich kaum im Stande sein Erstaunen
+zu verbergen.
+
+»Das ist Alles, wenn er's nur zahlt,« sagte der Pensylvanier.
+
+»Und an den früheren Eigenthümer der Farm hat er keine Verpflichtungen
+weiter?« frug der junge Mann noch einmal vorsichtig.
+
+»Der bin ich; mein Junge hatte sie nur dem Namen nach; -- für hundert
+und dreißig Dollar kann er meinetwegen dort wohnen bleiben, und alle
+seine wahnsinnigen Experimente durchführen nach Herzenslust.«
+
+»Sein Sie so gut und schreiben Sie mir die Quittung,« sagte Georg ruhig.
+
+»Für die ganze Summe?«
+
+»Ja -- bis auf den heutigen Tag für Alles was Ihnen Mr. Lobenstein noch
+schuldet.«
+
+»Das soll schnell genug geschehen sein,« brummte der Pensylvanier, ging
+hinter seine #bar#, wo Dinte und Feder stand, und schrieb die Quittung
+aus. Georg nahm indessen aus seinem Taschenbuch die Summe in guten
+Indiana-Banknoten, die der Wirth jedoch erst höchst aufmerksam und
+sorgfältig nachsah, endlich für richtig befand und den verlangten Schein
+dem jungen Mann aushändigte. Eine Viertelstunde später saß Georg wieder
+im Sattel, und galopirte rasch und mit einem recht freudigen Gefühl in
+der Brust, den schmalen, schattigen Weg hinauf, der nach der »deutschen
+Farm« führte.
+
+Wie hatte sich der Platz verändert, seit dem letzten Jahre; das
+fröhliche regsame Leben was dort geherrscht, war verschwunden, das Haus,
+in dem die Weberfamilie mit den Arbeitern gelebt, stand ganz leer, von
+dem munter blökenden Vieh, das die Fenzen sonst umgeben, war fast
+Nichts mehr übrig geblieben -- eine einzige Kuh und ein paar Schweine
+ausgenommen -- da mit dessen Verkauf die nöthigsten Ausgaben hatten
+gedeckt, die dringendsten Schulden bezahlt werden müssen, und der Platz
+selber verrieth nur zu deutlich, wie keine ordnende Männerhand mehr ihm
+vorstehe, selbst nur ihn so in Stand zu halten wie er war.
+
+Über die Fenz lagen ein paar der im Feld noch gelassenen alten
+abgetrockneten Bäume umgestürzt, und die niedergebrochenen Riegel, mit
+den unausgefüllten Lücken, verschwanden schon allmählich in dem Unkraut,
+das über sie emporwucherte. Der Mais war gereift, aber noch zum Theil
+-- was nicht hatte verkauft werden müssen -- im Felde gelassen, und die
+nicht umgebrochenen Kolben, von Spechten und Krähen angepickt, begannen
+anzufaulen. Der kleine Garten hinter dem Haus sah ebenfalls wüst und von
+Unkraut überwuchert aus; die Frauen hatten nicht Zeit mehr gehabt, vor
+dringenderen Arbeiten, die Blumen zu pflegen, die sie im Anfang gesäet,
+und nur die paar Gemüsebeete, für das Nothwendigste was sie im Hause
+brauchten, waren rein vom Unkraute gehalten, daß die Sonne es bescheinen
+konnte. Selbst über den Weg hinüber lag ein umgestürzter Baum, und der
+Pfad, den sich die Bewohner darum hingemacht, bewieß, wie er schon
+längere Zeit gefallen sein mußte, ohne daß sich irgend Jemand die Mühe
+genommen, ihn hinwegzuräumen.
+
+Es mochte Mittagszeit sein, als Georg den Platz erreichte; kein
+menschliches Wesen war aber in dem breiten Hofraum zu sehn; nur der
+aus dem Haus selber aufsteigende dünne Rauch, wie ein paar einzelne
+scharrende Hühner, verriethen, daß der Ort bewohnt, und nicht ganz
+verlassen sei, und mit klopfendem Herzen ritt er über die niedergeworfenen
+Stangen der Einfriedigung hinweg bis fast an das Haus hinan, band dort
+sein Pferd an und -- zögerte wieder, ob er den Fuß vorwärts setzen und
+die Schwelle jetzt betreten sollte, die bald zu erreichen, er sein Pferd
+fast zu Schanden geritten. Da schlug der Hund an, ein junger Brake,
+den sich Eduard hatte zum Jagdhund dressiren wollen, und der jetzt auf
+eigene Hand des Nachts Opossums und Waschbären in die Bäume jagte und
+Stunden lang darunter vergebens heulte, Hülfe herbeizurufen.
+
+Am Fenster des kleinen Hauses wurde Jemand sichtbar, Georg konnte aber
+nicht gleich erkennen wer es sei, so trübe war ihm das Auge geworden,
+als er die trostlose Veränderung hier erkannte, und langsam schritt er
+auf die Thüre zu, indeß der Hund, der ihn erkannte, an ihm hinaufsprang
+und winselte und bellte.
+
+»Kennst Du mich noch Hektor?« sagte er, des freundlichen Thieres Kopf
+streichelnd -- »hast Du mich nicht vergessen in der langen Zeit?«
+
+»Georg!« rief da eine, oh nur zu wohlbekannte, aber erschreckte Stimme
+dicht vor ihm, und Marie, die aus der Küche unten getreten, zu sehn wer
+da komme, brach todtenbleich in die Knie, und wäre zu Boden gesunken,
+hätte sie Georg nicht in seinem Arme aufgefangen.
+
+»Oh Georg -- Georg ist wieder da!« rief da eine fröhliche Kinderstimme
+und Camilla, die jüngste Tochter Lobensteins, von dem um ein Jahr älteren
+Carl rasch gefolgt, sprang aus der Thür und flog auf den jungen Mann zu.
+Auch Marie hatte sich jetzt wenigstens so weit gesammelt, wieder allein
+stehn zu können, aber noch immer war kein Tropfen Blutes in ihr Gesicht
+zurückgekehrt, doch lenkte der Neugekommene die Aufmerksamkeit der
+Übrigen glücklich von ihr ab.
+
+»Herr Donner?« sagte der Professor, der jetzt ebenfalls in der Thür
+erschien, und den jungen Mann halb erstaunt, halb verlegen erkannte
+-- »aber bitte, kommen Sie näher -- bleiben Sie nicht draußen auf der
+Diele stehn.«
+
+»Mein lieber -- lieber Herr Professor!« rief Georg, dem alten Herrn
+entgegeneilend, und seine Hand herzlich drückend -- »wie freue ich mich,
+Sie so wohl und munter wiederzufinden -- aber -- wo ist die Frau
+Professorin?«
+
+»Sie ist nicht wohl,« sagte der Professor nach kurzer, aber ängstlicher
+Pause -- »Sie wissen vielleicht noch nicht, wie schwer uns das Schicksal,
+seit Sie uns verlassen, in meinen Sohne heimgesucht --«
+
+»Ich weiß es,« sagte Georg leise, und mit tiefem Mitgefühl.
+
+»Seit der Zeit kränkelt meine Frau,« fuhr der Professor langsam fort
+-- »der Schlag damals traf sie zu schwer. Um sich zu zerstreuen und die
+bösen Gedanken loszuwerden, arbeitete sie dabei mehr als ihr gut war,
+und hütet nun jetzt schon seit vier Wochen ununterbrochen das Lager.
+Anna war gerade hinüber gegangen nach ihr zu sehen. Aber komm Marie
+-- setz einen Stuhl zum Tisch für Herrn Donner -- wenn Sie mit uns
+vorlieb nehmen wollen, wir sind gerade bei Tisch, aber Schmalhans ist
+heute Küchenmeister -- Sie haben es sehr unglücklich getroffen.«
+
+Georg -- selber nicht wissend, wie er das, was ihm auf dem Herzen lag,
+beginnen sollte -- setzte sich mit zu Tisch -- die Mahlzeit bestand in
+Kartoffeln mit Butter und einem sehr einfachen Amerikanischen Gericht,
+Hominy -- gequollener und in Wasser abgekochter Mais.
+
+»Wenn Georg die letzte und vorletzte Woche gekommen wäre,« rief Camilla
+dazwischen -- »hätte er auch nichts Anderes gefunden.«
+
+»Mögen Sie das Hominy?« frug der Professor verlegen lächelnd, und
+versuchend die Aufmerksamkeit des jungen Mannes von dem Kinde abzuziehn
+-- »_ich_ habe mich so daran gewöhnt, daß es ordentlich ein Leibgericht
+von mir geworden ist.«
+
+»Wir Andern mögen es aber alle mit einander nicht,« sagte Camilla -- »es
+schmeckt gerade wie Stroh.«
+
+Die Thür ging in diesem Augenblick auf, und Anna's Eintritt unterbrach
+glücklicher Weise die naseweise Bemerkung des Kindes. Anna begrüßte den
+jungen Mann auf das Herzlichste, und auch Marie wurde zutraulicher, und
+gewann ihre ganze Fassung wieder, als sie sah, wie unbefangen sich die
+Schwester mit dem frühern Hausgenossen unterhielt. Georg beseitigte
+dabei auf sehr praktische Weise jede Verlegenheit, die der Professor
+etwa hätte wegen dem Essen fühlen können, indem er, durch den scharfen
+Ritt auch wirklich hungrig geworden, tapfer zulangte, und dem Hominy und
+den Kartoffeln alle nur mögliche Ehre anthat.
+
+»Und wissen Sie, weshalb ich hierher zurückgekommen bin?« frug Georg
+nach beendeter Mahlzeit, indem er lächelnd den Professor ansah, nur aber
+einen ganz scheuen, flüchtigen Blick nach Marien hinüberzuwerfen wagte,
+deren Auge er jedoch nicht begegnete. --
+
+»Weshalb, weiß ich nicht,« sagte der Professor herzlich -- »aber es
+freut mich, _daß_ Sie wiedergekommen sind, und mir wenigstens dadurch
+beweisen, Sie tragen keinen Groll nach, wegen dem Vergangenen.«
+
+»Lieber Professor.«
+
+»Ich hätte selber schon an Sie geschrieben,« fuhr dieser jedoch
+entschlossen fort, »konnte aber von keiner Seite auch nur die geringste
+Nachricht bekommen, _wo_ Sie sich befänden; Sie waren auf einmal
+verschollen und blieben es, von dem Augenblick an, wo Sie den Platz
+verlassen, da Sie Herr von Hopfgarten damals, ein paar Stunden später,
+vergeblich im ganzen Township suchen ließ.«
+
+»Herr von Hopfgarten?«
+
+»Ich erzähle Ihnen die Geschichte ein ander Mal -- aber -- sind Sie
+_zufällig_ wieder in unsere Nähe gekommen, oder haben Sie uns noch nicht
+ganz vergessen gehabt, und absichtlich aufgesucht?«
+
+»Ich bin vier Tage so scharf geritten, wie mein Pferd laufen konnte,«
+lächelte Georg, tief dabei erröthend -- »nur um recht bald hier zu
+sein.«
+
+»Das ist brav, das ist recht brav von Ihnen,« rief Anna freudig, und
+Marie dankte es ihm dießmal mit einem lächelnden Blick.
+
+»Um aber kurz zu sein,« fuhr Georg zögernd und erröthend fort, »so -- so
+möchte ich wieder hier in Arbeit treten, und -- und wenn Sie mir beweisen
+wollen, daß auch Sie keinen Groll mehr gegen mich hegen, vielleicht
+manches voreilig gesprochenen Wortes wegen -- so schicken Sie mich nicht
+wieder fort, sondern behalten mich hier.«
+
+»Ach das ist brav, das ist schön,« rief Carl -- »da brauche ich und
+Marie nicht mehr das schwere Holz aus dem Wald herbeizuschleppen.« Anna
+und Marie aber sahen sich verlegen an und der Vater sagte, ohne die
+Frage direkt zu beantworten und dann Georgs Arm nehmend, zu seinen
+Töchtern:
+
+»Haltet den Kaffee bereit, Kinder, bis wir zurückkommen, ich muß Herrn
+Donner doch einmal zeigen, wie weit wir mit unseren Arbeiten vorwärts
+gelangt sind, seit er uns verlassen, und unterwegs können wir dann auch
+alles Weitere viel besser und bequemer besprechen,« und ihn mit sich
+die Treppe hinunterführend, traten sie in den Hof, wo Georg vor allen
+Dingen sein Pferd absatteln, in den Stall einstellen und füttern mußte,
+und dann mit dem Professor langsam den Weg hinabging, der an den Feldern
+hinführte.
+
+»Lieber Donner,« sagte dieser hier zu ihm, und es war ihm angenehm, daß
+er, neben ihm hingehend', nicht in sein Auge zu schauen brauchte -- »die
+Zeiten, seit wir uns nicht gesehen, haben sich _sehr_ verändert, und
+-- so gern ich Sie wieder auf meiner Farm beschäftigen möchte, ja so -- so
+nöthig ich sogar Jemanden dazu brauchte -- bin ich nicht mehr -- durch
+die dießjährigen niedrigen Getreidepreise noch außerdem gedrückt -- im
+Stande Arbeiter zu halten und -- zu bezahlen.«
+
+»Aber bester Professor --«
+
+»Bitte, lassen Sie mich ausreden,« sagte dieser, fest entschlossen, die
+einmal begonnene Sache nun auch durchzuführen -- »ehe wir von etwas
+Anderem beginnen -- ehe ich Ihren freundlichen Antrag, wieder auf meiner
+Farm eine bestimmte Beschäftigung zu nehmen, zurückweise, bin ich Ihnen,
+mein lieber Donner, eine Ehrenerklärung schuldig, die mir -- thun Sie
+mir die Liebe und unterbrechen Sie mich jetzt nicht -- die mir schon
+lange schwer und drückend auf dem Herzen gelegen.«
+
+»Lieber Herr Professor --«
+
+»Ich bin damals nicht allein unfreundlich, nein, ich bin auch ungerecht
+gegen Sie gewesen,« fuhr aber der Professor entschlossen fort, »und es
+mag Ihnen einige Beruhigung oder Genugthuung gewähren, von mir ganz
+offen das Geständniß zu hören, daß ich durch Schaden habe klug werden
+und die Wahrheit dessen erleben müssen, was Sie gerade vertheidigten,
+und gethan haben wollten.«
+
+»Oh wie gern wollt' ich Unrecht gehabt haben, bester Professor, wenn
+nur --«
+
+»Sie haben _nicht_ Unrecht gehabt,« unterbrach ihn der Professor
+rasch, »und selbst, was Sie mir an dem letzten Morgen über jenen faden
+Dichterling sagten, hat sich furchtbar, viel furchtbarer freilich als
+wir Beide damals ahnen konnten, bewährt. Ich habe schwer -- fast zu
+schwer für meine Leichtgläubigkeit, mit der ich unreifen, oft vielleicht
+selbst eigennützigen Plänen Glauben schenkte, büßen müssen, und wollte
+es gern, wenn nicht -- wenn nicht meine arme Familie jetzt auch so
+schwer darunter leiden müßte. Sie sehn, lieber Donner, ich bin offen und
+aufrichtig gegen Sie, das mag Ihnen den besten Beweis liefern, daß ich
+mein Unrecht gegen Sie bereue.«
+
+Georg war tief erschüttert; das Bekenntniß des sonst so strengen
+abgeschlossenen Mannes, das gerade _ihn_ furchtbare Überwindung mußte
+gekostet haben, machte einen unendlich wehmüthigen Eindruck auf ihn, und
+er brauchte Minuten, sich selber erst wieder so weit zu sammeln, dem zu
+erwidern. Der Professor war indessen an einer Stelle stehen geblieben,
+wo ein dürrer Baum erst ganz kürzlich über die Fenz heruntergeschlagen
+schien, und dieselbe zusammengebrochen hatte, was sich ein paar Schweine
+zu Nutz gemacht, die drinne an einem Kürbiß herumbissen und, als sie
+die Männer kommen hörten, grunzend in das Feld weiterhinein flüchteten.
+
+»Die Farm sieht arg verwildert aus,« sagte Georg endlich leise, eine
+direkte Antwort auf das Geständniß vermeidend, »man sollte kaum glauben,
+daß ein einziges Jahr eine solche Veränderung hervorbringen könnte.«
+
+»Seit dem Tode meines Sohnes,« sagte der alte Herr seufzend, »habe ich
+selber an Allem die Lust verloren, und nichts thun noch arbeiten mögen;
+selbst das Nothwendigste ist liegen geblieben, und der spätere Besitzer
+der Farm mag nachholen, was ich versäumen mußte.«
+
+»Sie wollen fort von hier?«
+
+»Wir brauchen uns über das Hülfsverbum nicht zu täuschen, lieber
+Donner,« sagte der Professor wehmüthig lächelnd, »ob ich _will_ oder
+nicht -- ich _muß_!«
+
+»Und Ihre Familie?« sagte Donner halb vorwurfsvoll.
+
+»Sie haben recht,« seufzte der Mann, »es ist schwer für sie, geht aber
+doch nicht anders an; ich will nach dem »fernen Westen«, wo man, wie ich
+aus sicherer Quelle weiß, ein kleines #improvement# für fünfzig Dollar,
+und vierzig Acker Land für denselben Preis bekommen kann. So viel wird
+mir nach dem Verkauf meiner Sachen und Abzug aller Reisespesen übrig
+bleiben, und wir müssen dort eben ein neues Leben beginnen.«
+
+»Und glauben Sie, daß Ihre Frauen das aushalten würden?« frug Georg ihn
+ernst, »_kennen_ Sie das Leben im Westen, mit seinen Entbehrungen,
+seinen Beschwerden, seinem Klima?«
+
+»Ich habe viel darüber gelesen,« sagte der Professor ausweichend.
+
+»Du lieber Gott,« seufzte der junge Mann, »wenn ich mir da die arme Frau
+Professorin, die zarte Anna und selbst die kräftige Marie denken müßte
+-- ich würde im Leben nicht wieder froh werden.«
+
+»Aber was _soll_ ich thun?« sagte der Professor, froh endlich einmal
+Jemanden zu haben, mit dem er sich aussprechen, gegen den er sein Herz
+erleichtern konnte, »Ihnen gegenüber brauch' ich kein Hehl daraus zu
+machen, denn ich weiß, Sie nehmen Theil an unserem Schicksal, das sich
+nicht allein durch eigene Schuld, sondern auch durch das Zusammentreffen
+unglückseliger Umstände so traurig gestaltet hat. Ich bin nicht im
+Stande das letzte Kaufgeld für die viel zu theuer bezahlte Farm, so
+wenig das sein mag, aufzutreiben, der Bursche in Grahamstown, dem mein
+Mobiliar in die Augen sticht, drängt mich mit der Zahlung, und auch
+meine letzte Hoffnung, Herr von Hopfgarten, ist nicht mehr aufzufinden.
+Ich habe mich nach ihm bei dem Wirth des St. Charles Hotels in New-Orleans
+erkundigt, und wenn mir die Leute die Wahrheit geschrieben, so ist
+Freund Hopfgarten vor kurzer Zeit nach Europa zurückgekehrt. Den Termin
+länger hinauszuschieben bin ich ebenfalls nicht im Stande, und werde
+schon nächste Woche gezwungen sein meine Farm und Mobiliar vielleicht
+für den sechsten Theil dessen was sie mich selber gekostet hat, zu
+verkaufen, und mit den Meinen dann von vorn anfangen zu müssen, ein
+allerdings vollkommen neues Leben zu beginnen.«
+
+»Wenn Sie denn fest entschlossen sind,« rief da Georg, der klopfenden
+Herzens, das Geständniß seiner Liebe zu Marie auf den Lippen, noch nicht
+gewagt hatte damit herauszutreten, »wenn Sie die Wildniß wählen wollen
+und müssen zu Ihrem Aufenthalt -- dann nehmen Sie mich mit und -- seien
+Sie mir mehr als Freund dann, lieber Herr -- seien Sie mir _Vater_
+-- Vater im wahren Sinn des Worts. Lange Monden hin,« fuhr der junge Mann,
+als ihn der Professor staunend ansah, leidenschaftlicher fort, »habe ich
+die Qual der Ungewißheit, die Sehnsucht nach dem einen Wesen auf dieser
+Welt, das meiner Seele Ziel geworden, mit mir herumgetragen -- ich darf
+das nicht länger mehr -- geben Sie mir Marie zum Weibe, lassen Sie
+_mich_ den verlorenen Sohn ersetzen, und nie, nie sollen Sie bereuen mir
+so vertraut zu haben.«
+
+»Mein lieber, lieber Donner,« sagte der Professor, der sich noch immer
+nicht von seiner Überraschung erholen konnte »Sie wollen Ihr Schicksal
+an das einer Familie ketten, die sich -- die sich eben nicht im Glück
+befindet -- und weiß Marie --«
+
+»Noch keine Sylbe -- noch habe ich selber nicht gewagt, ihr meine Liebe
+zu gestehen,« rief Georg, »aber wenn mich nicht Alles täuschte, darf ich
+hoffen.«
+
+Der Professor sah dem jungen Mann lange und fest in's Auge -- bis sich
+sein eigener Blick in langsam aufsteigenden Thränen dunkelte, dann nahm
+er Georgs Hand, drückte sie fest und herzlich, und zog ihn endlich leise
+aber liebend an seine Brust.
+
+»Mein lieber, lieber Vater,« flüsterte Georg.
+
+»Mein lieber, lieber Sohn!«
+
+»Und nun zur Mutter!« rief da Georg, dem Lust und Freude das Herz bald
+in der Brust zu sprengen drohte, »nun zur Mutter, ihr Sorge und Kummer,
+und mit den beiden Menschenquälern auch die böse Krankheit zu nehmen,
+die sie noch an's Lager fesselt. Wir gehen _nicht_ nach dem Westen Vater
+-- wir bleiben _hier_, und die Fenzen werden wieder ausgebessert, das
+Unkraut wird hinausgeworfen aus dem Felde, und die Mühle fertig gebaut,
+dem Wirth in Grahamstown gerad zum Trotz und Ärgern.«
+
+Der Professor schüttelte traurig mit dem Kopf und sagte seufzend:
+
+»Das sind _Pläne_, mein junger Freund, wie sie die _Jugend_ eben
+entschuldigt; das ruhige Alter findet sich nicht mehr so leicht mit
+Unmöglichkeiten ab.«
+
+»Und wissen Sie denn Vater -- o daß ich Sie jetzt -- daß ich Sie
+_endlich_ so nennen darf,« sagte Georg, seinen Arm ergreifend, und ihm
+mit blitzenden Augen in's Antlitz sehend, »daß ich vom Glück begünstigt
+in Michigan in das Haus eines reichen Mannes kam, bei ihm ein Viertel
+Jahr in gutem Gehalt stand und ihm die beiden Kinder, die ihm schwer
+erkrankten, rettete? -- wissen Sie, daß mich der Mann aus Dankbarkeit
+in den Stand setzte, durch den zweckmäßigen Kauf einer Anzahl von
+Bauplätzen in einer neu gegründeten Stadt, in den letzten drei Viertel
+Jahren nur durch einen theilweisen Verkauf derselben Parcellen wieder,
+fünfzehnhundert Dollar an baarem Gelde zu verdienen? -- Und kennen Sie
+die Quittung hier von Grahamstown?« rief er unter vorquellenden Thränen
+lachend aus, »kennen Sie den Autographen von Ezra Ludkins? -- Da behalten
+Sie das Papier und lesen Sie es aufmerksam durch, hoffentlich ist Alles
+in Ordnung und -- mag mich Marie nicht -- sagt sie _nein_ -- ja dann
+soll mich mein Rappe noch heute Abend fort -- weit fort von hier tragen,
+gleichviel wohin. -- Sagt sie aber ja -- oder lacht oder weint sie nur
+-- oder thut sie gar Nichts -- und sieht sie mich nicht einmal an, dann
+-- aber ich kann es wahrhaftig nicht länger mehr in der Ungewißheit
+ertragen; kommen Sie nach Vater, so rasch Sie Ihre Füße tragen, und
+voraus hol' ich mir mein Glück oder Leid aus Mariens Munde!«
+
+Und den Hut freundlich gegen den Professor schwenkend ließ er ihn an der
+hinteren Fenz und am Holzrande zurück, und sprang in flüchtigen Sätzen
+dem kaum verlassenen Hause wieder zu.
+
+Und dort? -- lieber Leser, das ist eine Sache, die nur immer zwei Leute
+auf einmal in der Welt interessirt. Wie »Vielliebchen« aus _einem_
+Mandelkern hat der liebe Gott die Herzen, von denen immer zwei und zwei
+für einander geschaffen sind, über die Welt wild und bunt hinausgestreut
+-- selig die, die ihre Theile wieder zusammenfinden.
+
+Und Marie und Georg _waren_ selig; an dem Abend, neben dem Bett der
+Mutter, der mit der frohen frischen Hoffnung auch wieder neuer Muth,
+neue Kraft in das Herz gezogen, wie es Georg gehofft, saßen sie Hand
+in Hand und plauderten und bauten mit der Schwester Pläne auf, die
+Glücklichen, nach Herzenslust. Und der Vater ging dabei, die Hände auf
+den Rücken gelegt, schmunzelnd auf und ab; in der Kinder jungem Leben
+ging auch ihm ein neues frisches Dasein auf -- die trübe böse Zeit lag
+dahinten, und wenn auch bittere Erfahrungen ihn geprüft, so waren es
+doch eben Erfahrungen geworden, und _auf_ ihnen weiter schreitend, mit
+einer jungen kräftigen Stütze jetzt an seiner Seite, konnt' er der
+Zukunft wieder froh in's Auge schaun.
+
+
+
+
+Capitel 5
+
+Jimmy.
+
+
+Die Fieberzeit, trotz ihren Schrecken von den Amerikanern scherzweis
+»der gelbe Jack« genannt, war vorüber; der Oktober hatte, gleich von
+Anfang an mit kalten und scharfen Nordwest-Winden einsetzend, die Seuche
+seewärts geweht, und die Luft gereinigt, und vom Norden herunter kehrten
+die geflüchteten Bewohner der gefährdeten Stadt in Schaaren zu ihren
+Wohnsitzen zurück.
+
+Welch ein Unterschied zwischen dem New-Orleans jetzt, und dem, vier
+Wochen früher. Welch Drängen und Treiben überall von frischem, fröhlichem,
+kräftigem Volk, das herüber und hinüber drängt, kauft und verkauft, und
+plaudert, lacht und singt. Welch Treiben und Leben an der Levée, wo Boot
+nach Boot, Schiff nach Schiff anlegt, seine Waaren der neugeborenen
+Stadt zuzuführen; welch Treiben und Leben in den Straßen, den kleinen
+Adern des Verkehrs, in denen das warm pulsirende Herzblut herüber und
+hinüber treibt, und nur vier Wochen Unterschied, wie sahen da die
+Straßen aus? -- wie der Strom? -- wo war das Leben, das jetzt, dem
+schäumenden Bache gleich, aus seinen Ufern quoll?
+
+Der Wanderer, der die Stadt in _der_ Zeit, im August und September,
+betrat, und das lebendige Bild von ihr im Herzen, ein fröhlich
+schaffendes, lebenslustiges Volk zu finden erwartete, steht entsetzt
+und traut den Augen kaum.
+
+New-Orleans, des Südens Königin, der keine andere Stadt im weiten Reich
+die Spitze bieten kann, scheint in _der_ Zeit ein weiter offener Sarg
+-- die Straßen liegen todt und leer, der Fußtritt des einzelnen flüchtigen
+Wanderers schallt hohl und unheimlich von den verschlossenen Häusern
+wieder -- dort begegnet ihm ein anderer, eben so rasch, das Tuch am
+Munde -- aber scheu weicht man sich aus und will aneinander vorüber -- da
+zuckt der Fuß fast unwillkürlich -- es ist ein Freund, den man so lange
+nicht gesehn, schon todt gewähnt -- einerlei, vorbei; die Krankheit
+könnte in seiner Nähe weilen, sein Hauch vielleicht sie bringen, und mit
+stummem, traurigem Nicken fliehen sich die Beiden.
+
+Wo ist dann der fröhliche Lärm der Dampfbootlandung, das Rasseln der
+schwerbeladenen Güterkarren mit den trunkenen Irländern, das Singen und
+Lachen der Neger. Dort fährt etwas über das Pflaster -- wie hohl das
+in den leeren Straßen klingt -- es ist nur der Leichenwagen, der im
+scharfen Trab hinausfährt, seine Doppellast abzuwerfen und neue, schon
+lang bestellte Fuhre zu holen. Wo ist das rege geschäftige Treiben der
+Läden -- die meisten sind geschlossen, wer soll jetzt kaufen, und der
+Trauerflor an den Thüren dort und hier, und da und drüben, kündet die
+Stelle, wo sich die Seuche mit den langen gelben, gierigen Krallen ihre
+Opfer herausgeholt.
+
+Und jetzt? -- kaum ein Monat ist verflossen, daß diese Straßen wüst
+und öde lagen, und der große Vernichter seine Erndte in der scheinbar
+menschenleeren Stadt hielt; wo er mit schwülem Flügelschlag über die
+Dächer strich, und rechts und links in boshafter Lust seinen Giftodem
+einbließ in das, in jenes Haus -- und seht, wie das wieder drängt und
+wogt, und lacht und singt und fröhlich ist, und die Todten in ihren
+stillen Gräbern schon lange, lange vergessen hat. Lieber Gott, _Wochen_
+sind ja auch schon darüber hingegangen, und eine fast neue Bevölkerung
+hat Besitz von dem Grund und Boden genommen, den die Seuche gelichtet
+und verödet.
+
+Was damals freilich New-Orleans verlassen _konnte_, that es, und
+die Wirths- und Gasthäuser standen öd' und leer, ja man vermied die
+Schwellen derselben mit scheuer Angst, aus Furcht, gerade dort am
+meisten Kranke zu treffen, und in dem Athemzug vielleicht den Tod schon
+einzuziehen. So flohen auch »das deutsche Vaterland« sechs Wochen lang
+die meisten »Boarder«, aber die dort Wohnenden _konnten_ nicht alle
+fort. Viel arme Deutsche, die mit verspäteten Schiffen nach langer
+Reise hier eingetroffen waren, fanden theils kein Boot mehr, das sie
+mit fortnahm von hier, theils hatten sie kein Geld, die in der Zeit
+entsetzlich hohe Passage zu bezahlen. Die Capitaine der wenigen dort
+anlegenden Dampfer wußten recht gut, daß Alles, was jetzt die Stadt
+verlassen konnte, ging, und rechneten fünf- und sechsfache Passagepreise,
+sich selbst für die Gefahr bezahlt zu machen, der sie die Stirn boten.
+
+So lag eine ganze Schaar Baiern, ohne Mittel fortzukommen, in den
+kleinen dumpfigen Hinterstuben des »deutschen Vaterlands«, und wie die
+Seuche hereinbrach über die Stadt, suchte sie sich schon ihre ersten
+Opfer aus der Schaar.
+
+Im »deutschen Vaterland« war aber indessen auch noch außerdem eine große
+Veränderung vorgegangen, und Hedwig hatte das Haus nicht allein nicht
+verlassen, sondern Franz seinem Vater frei und offen erklärt, daß er das
+junge wackere Mädchen, sobald er nur erst einmal selbstständig dastehe,
+wenn sie ihn haben möge, zum Weibe nehmen wolle.
+
+Den alten Mann fesselte in dieser Zeit ein Sturz, den er von der Treppe
+gethan, an sein Lager, und Franz mußte überdieß indessen die Leitung der
+ganzen Wirthschaft übernehmen. Mit _dem_ Plane seines Sohnes war er im
+Anfang aber gar nicht einverstanden, hatte die und jene Einwendungen,
+erklärte, er sei doch nicht ganz _so_ arm wie Franz zu glauben scheine
+(und wie er ihm allerdings selber oft genug betheuert) und _sein_ Sohn
+könne da wohl schon noch eine bessere Parthie machen, und sich seine
+Frau aus einem anderen Hause -- und wenn es das größte Steingebäude in
+der Stadt wäre -- holen. Da Franz aber, nicht gerade gleich auf eine
+Einwilligung dringend, hartnäckig bei dem einmal gefaßten Entschlusse
+blieb, gewöhnte er sich zuletzt an den Gedanken, und sah, wenn er dem
+Sohne das auch nicht gestand, selbst seiner abnehmenden Kräfte wegen,
+eher noch eine Stütze in dem fleißigen, wirthschaftlichen Mädchen.
+
+Nur der »verschwenderische Geist« des Sohnes, wie er es nannte, machte
+ihm Sorge; er rief ihn deshalb auch oft an sein Bett, und beschwor ihn,
+doch nur um Gottes Willen auf sein eignes Gut mehr zu achten, den
+eigenen Nutzen mehr im Auge zu haben, denn wenn er selber einmal die
+Augen schließe, und nicht mehr rathen, nicht mehr wehren könne, wie
+bald seien dann die paar gesparten Thaler auch wieder fort, an der die
+Undankbarkeit der Menschen schon lange arbeite und wühle und zehre.
+
+Franz hatte ein zu gutes Herz, dem Eigennutz mehr zu folgen als diesem,
+und der Vater würde dem einzigen Sohne auch wirklich schon lange den
+Willen gelassen, und die Wirthschaft ganz übergeben haben, hätte ihn
+nicht Messerschmidt bis jetzt noch immer aus allen Kräften davon
+abgehalten und gewarnt; wie dieser denn auch sein Möglichstes that, die
+Heirath mit dem jungen Hamann und dem fremden »hergelaufenen« Mädchen
+aus allen Kräften zu hintertreiben.
+
+Die Seuche unterbrach das Alles -- Niemand, der nicht mußte, verkehrte
+mit dem Anderen; Messerschmidt selber betrat in dieser ganzen Zeit
+das Haus nicht, Franz aber lernte gerade da den Werth des holden
+anspruchslosen Kindes, mit seiner Aufopferung und Herzensgüte im reinsten
+Lichte kennen. Hier war kein _Schein_ mehr, wo der Tod grinsend und
+drohend an der Schwelle stand; hier war nicht mehr Verstellung denkbar,
+»das Herz des reich geglaubten Wirthssohnes«, wie Messerschmidt dem
+jungen Hamann oft und heimlich warnend zugeflüstert, zu fesseln;
+unbekümmert um Alles, wo sie nur nützen konnte, ging Hedwig ihren
+stillen Weg, und an den Krankenbetten stand sie oft ein Engel des
+Trostes und der Hülfe.
+
+Schon seit Clara damals sich von ihrer Krankheit erholt, und selber im
+Stande gewesen war durch weibliche Arbeiten ihren Unterhalt wenigstens
+zu verdienen, hatte Hedwig Gehalt bezogen, den ihr der alte Hamann
+selber, _trotz_ seinem Geiz, freiwillig erhöht, als er sich doch nicht
+leugnen konnte, wie sie arbeitete und schaffte, und wie sie Alles ihm
+zusammenhielt. Was sie aber an Geld bekommen, nahm die schwere Zeit auch
+wieder fort, denn keine Woche verging, in der nicht hülflose Wittwen und
+Waisen den Sarg des Gatten und Vaters hinausbegleitet zu seiner stillen
+Ruhestätte, dann aber selber verlassen und allein in der fremden Welt
+gestanden hätten, die ihnen eine Heimath werden sollte, und jetzt nur
+Tod und Elend zeigte, wohin sie schauten. Für wie viele zahlte sie da
+nicht das Passagegeld auf den einzelnen Dampfbooten, sie nur fort, einer
+gesunden Gegend zuzubringen, ehe sie hier ihr Letztes verzehrt, und mehr
+noch vielleicht von ihren Lieben begraben mußten; wie viele unterstützte
+sie hier mit Rath und That, löste die schon versetzten Koffer für sie
+ein, und zog sich scheu und schüchtern in ihr kleines Kämmerchen zurück,
+wenn ihr die Leute nur dafür danken wollten, was sie gethan.
+
+Mit der gesunden Jahreszeit kehrte aber auch die gewöhnliche Arbeit
+wieder für das deutsche Gasthaus; Schiff nach Schiff traf ein, alle mit
+Auswanderern schwer beladen, und da sich nicht Alle gleich entschließen
+konnten die eben betretene Stadt, die keine Spur der überstandenen Pest
+mehr zeigte, gleich wieder zu verlassen, füllten sich die Gasthäuser,
+wie das um diese Zeit fast stets der Fall ist, bis unter die Dächer mit
+Fremden und ihren Gütern an. Dieß war auch immer die geschäftigste und
+einträglichste Zeit für den alten Hamann gewesen, und jetzt saß er, in
+sein Zimmer gebannt, regungslos fest auf seinem Stuhl, und durfte und
+konnte nicht hinaus.
+
+Zuerst quälte und sorgte er sich denn auch ab dabei, und wollte es wohl
+gar erzwingen, trotz allen Ärzten und Medicinen; endlich sah er aber
+doch wohl ein daß es nicht ging, daß er sich Ruhe gönnen müsse, bis ihn
+die Glieder wieder trügen, und die Hauptarbeitszeit wohl überhaupt für
+ihn vorbei sei. Der Sohn drängte und bat dabei daß er nun endlich in
+seine Verbindung mit Hedwig willigen möchte; es sei ein anderes Leben
+wenn eine _Hausfrau_ in der Wirthschaft wäre, besonders _solche_
+Hausfrau, und er, der Vater selber, könne ruhiger sein, wo er nicht
+_fremden_ Menschen nur sein Eigenthum anzuvertrauen habe.
+
+Der alte Hamann gab endlich seine Einwilligung, und Hedwig, die dem
+jungen Mann von Herzen zugethan war, und mehr fast noch in dem Bewußtsein
+nun freier handeln, noch mehr Gutes thun zu können, sich wohl und
+glücklich fühlte, legte am Altar ihre Hand in die seine, und zog als
+_Herrin_ in das Haus hinein, das sie in Noth und Sorge, als Dienerin
+betreten.
+
+Franz schwelgte in der Zeit in einem Meer von Wonne, und wenn er auch
+von seinem Vater -- der Termin dazu war auf den ersten December
+festgesetzt worden -- die ganze unbeschränkte Führung des Hauses noch
+nicht überkommen hatte, fühlte er sich doch zu glücklich im Besitz
+seines braven, inniggeliebten Weibes, anderen Gedanken in dieser Zeit
+noch Raum zu geben. Hedwig aber wirthschaftete nach wie vor, in stiller
+anspruchsloser Weise -- wo sie helfen konnte, half sie gern, und das
+»deutsche Vaterland,« früher der einträglichste Platz für alle Arten
+diebischer Agenten, und die Höhle, in der hunderte von armen Einwanderern
+ihr Alles verloren, und nackt in die Welt hinausgestoßen wurden, schien
+ein Asyl der Hülfsbedürftigen zu werden, und erweckte deshalb auch
+besonders in den Herzen einzelner, bei dem früheren Gewinn Betheiligter,
+rege Besorgnisse.
+
+Unter diesen standen der Agent Messerschmidt, und Jimmy der Barkeeper
+vorne an, denen Beiden die Hochzeit zwischen den jungen Leuten ein Dorn
+im Fleisch geworden, und was sie nicht mehr hintertreiben konnten,
+suchten sie wenigstens so viel als möglich zu stören. Franz wußte das,
+vermochte aber noch nicht selber irgend etwas mit Beiden anzufangen, bis
+er nicht die Wirthschaft allein in Händen hielt, und als unumschränkter
+Herr darin gebieten konnte. Der Tag rückte jedoch mehr und mehr heran,
+und als der November endlich verflossen war und der alte Hamann am 1sten
+Morgens, wie schon früher verabredet, einen Advokaten zu sich in's
+Zimmer kommen, und in dessen Gegenwart dem einzigen Sohne schon bei
+seinen Lebzeiten Haus und Wirthschaft überschreiben ließ, war Franzes
+_erstes_ Geschäft, hinunter in die Bar zu gehn und dem darüber
+allerdings verdutzten Jimmy, wie ihr Contrakt zusammen lautete, mit
+vierwöchentlicher »Warnung« auf den ersten Januar des nächsten Jahres zu
+kündigen.
+
+»Jimmy,« sagte er, als er zu dem Burschen hinunter in den gerade
+unbesetzten Schenkraum kam, »ich bin jetzt eben Herr hier im Haus
+geworden, und da wir Beide nicht recht zusammenpassen, meine Frau mir
+auch Manches von Euch erzählt hat was mir nicht gefällt, so ist's
+besser, daß Ihr zu der zwischen Euch und meinem Vater abgemachten Zeit
+das Haus verlaßt. Heute ist der erste December -- am ersten Januar könnt
+Ihr eine andere Stelle antreten, und habt bis dahin Zeit Euch umzusehen;
+wollt Ihr aber früher fort, hält Euch Niemand hier -- verstanden?«
+
+»Das war deutlich genug Mr. Hamann, #anyhow#,« sagte Jimmy, der dabei
+wieder ganz in Gedanken an seiner Lieblingsbeschäftigung begann -- die
+Finger zu knacken, »werde aber von Ihrer Güte wohl keinen Gebrauch
+machen, _vor_ der bestimmten Zeit, da ich dann ebenfalls zu heirathen
+gedenke. Sonderbar -- wollte Ihnen auch heute aufsagen.«
+
+»Desto besser, Jimmy,« sagte Franz, »dann haben wir Einer dem Andern
+nicht weh gethan, und können und werden uns ziemlich gut ohne einander
+behelfen.«
+
+»Jes,« sagte Jimmy, eine gleichgültige Miene dabei annehmend, »verdammt
+gut, denk' ich mir so; -- werden eine _sehr_ schöne Wirthschaft hier
+anrichten, Mr. Hamann _junior_.«
+
+»Jes, Jimmy -- denk' ich mir so,« lachte Franz leise vor sich hin, und
+verließ dann, ohne sich weiter um den Menschen zu bekümmern, das Zimmer.
+
+»Denk' ich mir so -- Einfaltspinsel« -- knurrte der Barkeeper finster
+und verdrießlich hinter seinem neuen Principale her -- »_Du_ wirst noch
+Manches zu denken kriegen, mein Bursche, bis wir Beiden auseinander
+sind, denk' _ich_ mir so. Und noch bist Du mich auch nicht los, und es
+müßte doch mit dem Henker zugehn, wenn zwischen hier und da nicht noch
+was auftauchen sollte, was der Sache eine andere Wendung gäbe. _Was_,
+weiß ich freilich selber noch nicht, aber daß Jimmy eine sich etwa
+bietende und ihm passende Gelegenheit nicht unbenutzt wird vorübergehn
+lassen, darauf mein Juwel, könntest Du allenfalls Gift nehmen.«
+
+»Hallo Jimmy,« sagte da eine bekannte Stimme, und als sich der Barkeeper
+rasch nach der Thür umdrehte, sah er den eben nur hereingesteckten,
+etwas dicken Kopf des Agenten Julius Messerschmidt.
+
+»Ah -- Ihr kommt gerade recht Alterchen,« sagte Jimmy, in einer Art
+Instinkt dabei hinter die Bar tretend und zwei Gläser umsetzend -- »was
+trinkt Ihr?«
+
+»Immer Brandy Jimmy, im Winter,« sagte Messerschmidt jetzt ganz zur
+Thüre hereinkommend, und den Kautabak, den er nach Amerikanischer Sitte
+im Munde hielt, daraus entfernend, dem besprochenen Getränke Raum zu
+geben; »immer Brandy, und im Sommer erst recht Brandy, denn da kühlt er;
+besonders wenn er so gut ist wie der Hamann'sche.«
+
+»Ihr seid doch der Einzige der ihn lobt, weil Ihr ihn selbst geliefert
+habt;« lachte Jimmy.
+
+»Unsinn, Jimmy -- baarer Unsinn -- an dem Brandy hab' ich mein Geld
+verloren, und such' es nur dadurch wieder einzubringen, daß ich recht
+viel davon trinke. _Der_ Brandy ist spottbillig mit sechs Cent das Glas,
+und an der Levée verkaufen sie ihn aus demselben Faß für zwölf und einen
+halben.«
+
+»Werden wohl ihre Gründe dafür haben,« meinte Jimmy, »aber was führt
+_Euch_ gerade _heute_ Morgen her?«
+
+»Mich _gerade_ heute? -- ist heute ein besonderer Tag, Jimmy?« frug
+Messerschmidt.
+
+»Hm, nicht das ich wüßte,« meinte Jimmy, der erst herauszubekommen
+wünschte, was der Agent hatte, ehe er ihm von dem heute abgeschlossenen
+Vertrag zwischen dem alten und jungen Hamann sagte. Er wußte recht gut,
+wie Messerschmidt bei dem letzteren angeschrieben stand.
+
+»Nun also, Jimmy;« meinte Messerschmidt, »aber Ihr könnt mir wohl sagen,
+wie's mit dem _Alten_ steht; ich möcht' ihm ein Anerbieten machen.«
+
+»Nicht zu sprechen,« sagte Jimmy trocken, »alle Geschäfte heute an die
+junge Firma angewiesen.«
+
+»Hm -- mit dem _Jungen_ hab' ich gerade nicht gern viel zu thun,«
+brummte der Agent langsam zwischen den Zähnen durch, »wenn aber der Alte
+ja sagt, kann _der_ mir auch den Hobel ausblasen. Also den Alten kann
+man nicht sprechen?«
+
+»Ertheilt Niemand Audienz.«
+
+»Und wo ist der Junge?«
+
+Jimmy mache eine entsprechende Bewegung mit dem über die Schulter
+gestoßenen Daumen nach dem Hof hinaus.
+
+»Wollt Ihr ihn einmal rufen, Jimmy?«
+
+»Wenn's sein _muß_, ja,« sagte dieser.
+
+»Apropos Jimmy --«
+
+»Nun? -- was giebt's noch?«
+
+»Wißt Ihr, die Mecklenburger Bauern, die ich Euch gestern zugebracht --«
+
+»Nun? -- kein Geld?«
+
+»Kein Geld?« -- wiederholte der Agent, indem er die Lippen vorspitzte,
+so weit er sie bringen konnte -- »oh Jimmy, wenn wir Beide das nur
+hätten, was in den zwei grünen Koffern steckt -- nachher könnten wir
+zufrieden sein.«
+
+»Nun, wird das Große eben nicht sein,« meinte Jimmy gleichgültig.
+
+»Das Große nicht sein? -- wenn _ich_ ihnen nicht hätte Amerikanisches
+Gold für Dänisches geben müssen -- und das Säckchen voll, was da drin
+stand -- und die goldenen Uhren und Ketten die daneben lagen. Die
+Menschen müssen ein heidenmäßiges Geld haben, und das ist nur erst ein
+_Theil_, denn das Meiste haben sie, wie sie sagen, zu Hause gelassen,
+um mit dem erst einmal zu probiren, wie es hier eigentlich ist.
+-- Jammerschade, daß sie keine Schwiegersöhne brauchen.«
+
+»Wir Beide wären ein paar kostbare Exemplare,« schmunzelte Jimmy.
+
+Die beiden liebenswürdigen Gesellen lachten noch zusammen als die Thür
+aufging, und der junge Hamann wieder in's Zimmer trat.
+
+»Ah Franz, das ist mir lieb, daß Sie kommen,« sagte Messerschmidt in
+seiner vertrauten Weise; »ich hatte eine Bitte an den Alten, aber da ich
+höre, daß er noch auf der Kante liegt, können Sie mir auch den Gefallen
+thun.«
+
+»Und das wäre?« sagte Franz, dem Mann ruhig in's Gesicht sehend.
+
+»Sie wissen, daß ich in letzter Zeit ein Bischen in Geldverlegenheit
+gewesen bin,« sagte der Agent, »das verdammte Spielen, was ich schon so
+oft verschworen, hat mich wieder einmal angeführt, und ich mußte sogar,
+wogegen ich mich bis jetzt hartnäckig gesträubt, mein Quadroonmädchen,
+das allerdings das letzte Jahr in einem fort gekränkelt und keinen
+Dollar verdient hat, verkaufen. Ein deutscher Violinspieler hatte einen
+Narren an ihr gefressen und mir die Dirne noch gut genug bezahlt; jetzt
+hab' ich Niemand Anderem im Haus; Lohn möcht' ich auch nicht gern viel
+zahlen --«
+
+»Bitte, kommen Sie zur Sache,« sagte Franz.
+
+»Nun die ist einfach genug,« meinte Messerschmidt -- »Sie haben da ganz
+kürzlich ein paar arme, aber ganz hübsche Braunschweiger Mädchen in's
+Haus genommen, die der jungen Frau glaub' ich, um ihren Boarding zu
+bezahlen, mit in der Küche helfen -- bitte -- Sie brauchen sich deshalb
+gar nicht zu entschuldigen --« setzte er rasch hinzu, als ob er etwas
+Derartiges von dem jungen Hamann vermuthete -- »das versteht sich von
+selber, und ist ganz in der Ordnung; aber ich möchte gern eine von
+denen, die Jüngste hat mir am besten gefallen, zu mir in's Haus nehmen,
+das zu besorgen, was ich eben zu besorgen habe; sollte sie dann etwa
+noch eine Kleinigkeit im Hause schuldig sein, so könnten wir das ja am
+nächsten _Geschäfte_ abrechnen.«
+
+»Ist sonst noch etwas, Herr Messerschmidt, was Sie vielleicht an das Haus
+hier zu fordern haben?« sagte Franz ruhig.
+
+»Für den Augenblick Nichts; die letzte Sendung Mecklenburger hat mir Ihr
+Alter ja gleich ausbezahlt; ich war damals besonders klamm.«
+
+»Also sind wir Ihnen weiter Nichts schuldig?«
+
+»Nicht einen Cent, bewahre, aber ich hoffe Ihnen morgen früh vielleicht
+--«
+
+»Erlauben Sie mir Ihnen dann zu bemerken,« unterbrach ihn Franz ziemlich
+kalt und trocken, »daß von jetzt an jede Geschäftsverbindung zwischen
+uns aufgehört hat --«
+
+»Unsinn, Franz -- Sie wissen ja --«
+
+»Entschuldigen Sie, mein Name ist für _Sie_ Mr. Hamann; mein Vater hat
+heute die Führung dieses Hauses in meine Hände gelegt, und ich ersuche
+Sie, alle weiteren Bemühungen für mich zu unterlassen.«
+
+»Hoho« -- rief Messerschmidt dunkelroth im Gesicht werdend, und sich
+hoch dabei aufrichtend -- »weht der Wind aus _der_ Richtung, und hat der
+Alte richtig den dummen Streich, gemacht?«
+
+»Ich verbitte mir solche Bemerkungen, Herr Messerschmidt --«
+
+»Oh Herr -- ich werde Ihre Schwelle nicht mehr betreten --«
+
+»Ich bin davon überzeugt,« sagte Franz, vollkommen ruhig, »würde auch
+sonst mich in die unangenehme Nothwendigkeit versehn, Sie
+hinauszuwerfen.«
+
+»Herr Hamann!« rief der Agent drohend.
+
+»Herr Messerschmidt?« sagte Franz ihm ruhig aber fest und entschlossen
+in's Auge sehend.
+
+»Es ist gut!« rief dieser, keineswegs gewillt dem jungen Mann
+entgegenzutreten; »das ist mein Dank jetzt für die jahrelange Protektion
+dieses Hauses, das aber jetzt _kein_ Gast mehr betreten soll, den _ich_
+daran verhindern kann.«
+
+»Sie werden zu spät zu Ihrem #Lunch#[4] kommen,« sagte Franz ziemlich
+bedeutungsvoll auf die Thür zeigend.
+
+»Jimmy, Sie sind mein Zeuge, wie ich hier behandelt werde,« rief
+Messerschmidt mit gekränktem Stolz, »Sie werden mir dafür Rede stehn
+müssen, Herr Hamann.«
+
+»Sie werden wirklich zu spät zu Ihrem #Luncheon# kommen,« sagte der
+junge Hamann, die Thüre jetzt selber öffnend und mit einer ungeduldigen,
+nicht miszuverstehenden Bewegung hinausdeutend.
+
+»Guten Morgen Herr Hamann!« rief da der Agent, bebend vor Zorn, drückte
+sich den Hut fest in die Stirn, und flog im nächsten Augenblick voll
+und breit gegen die Gestalten zweier anderer Männer an, die eben im
+Begriff waren, die beiden steinernen Stufen in das Schenkzimmer
+hinaufzusteigen.
+
+»Hallo,« sagte der Erste von diesen, nur mit Mühe sein Gleichgewicht
+bewahrend und dem Davonstürmenden erstaunt nachsehend, »der hat's
+verdammt eilig -- das Gesicht sollt' ich auch kennen, ging der
+freiwillig, oder _wurd'_ er gegangen?«
+
+Der junge Hamann warf einen flüchtigen Blick auf die neu Eintretenden
+und drehte sich dann, ohne sich weiter mit ihnen einzulassen, rasch
+herum und verließ das Zimmer.
+
+»Alle Wetter, Mr. Meier!« rief da der Barkeeper den früheren »Boarder«
+erkennend -- »wo haben Sie die Zeit gesteckt -- man hat Sie ja mit
+keinem Auge mehr gesehn.«
+
+»Geschäftsreisen, mein junger Freund, Geschäftsreisen,« sagte der
+Passagier der Haidschnucke, indem er die Augenbrauen in die Höhe zog,
+und mit den Achseln zuckte, »komme gerade von Milwaukie herunter, die
+»balsamische Luft« des Südens einzuathmen. Aber weshalb war der Mann,
+der da zur Thür hinaussprang und mich beinah über den Haufen warf, so in
+Eile? -- irgend etwas Unangenehmes vorgefallen?«
+
+»Häusliche Scenen wie sie manchmal in einer Familie vorkommen,« lachte
+Jimmy ausweichend -- »soll ich Gläser aufsetzen?«
+
+»Hm, ja -- aber nicht hierher,« sagte Meier -- »gebt uns ein paar Glas
+rechten steifen kalten Punch -- lieber etwas reichlich Zucker und
+Citrone, aber desto mehr Arrak -- dort in das Eßzimmer an den kleinen
+Ecktisch -- wir haben 'was mit einander zu reden -- werft auch ein paar
+Stück Eis hinein, und wenn Ihr noch zwei andere Gläser in Vorrath macht,
+schadet's ebenfalls Nichts -- wir sind alle Beide durstig.«
+
+»Ich auch,« sagte Jimmy.
+
+»Gut mein Herz, macht Euch dann auch ein Glas zurecht; uns aber nicht
+schlechter, verstanden? -- werdet ja wohl irgendwo so eine bestaubte
+Flasche noch stecken haben.«
+
+Meier winkte dabei seinen Gefährten ihm zu folgen, und ging mit ihm in
+das Nebenzimmer, wo ein paar deutsche Zeitungen auflagen, und sie, mit
+diesen zwischen sich, ohne jedoch darin zu lesen, an einem kleinen Tisch
+dicht am Fenster und der nächsten Wand, Platz nahmen.
+
+»Nun, was war's also Kamerad, was Du mir sagen wolltest,« frug hier
+Meier seinen Gefährten -- »wir sind hier ungestört.«
+
+»Wißt Ihr, was aus Euerer Frau geworden ist?« frug der Andere, eine
+kleine, gedrungene Gestalt mit struppigem, grau gesprenkelten Bart und
+darüber unstät umhersuchenden kleinen grauen, stechenden Augen, sonst
+aber in anständiger behäbiger Tracht.
+
+»Meiner _Frau_?« sagte Meier erstaunt, »wie kommt Ihr auf die? _lebt_
+sie denn noch?«
+
+»Ein zärtlicher Gatte, das muß wahr sein,« lachte Pelz -- auch
+eigentlich ein alter Bekannter von uns, wenn auch jetzt in anderer
+Schaale -- »sie war noch vor acht Tagen hier in New-Orleans.«
+
+»'S ist mir lieb daß Ihr sagt sie _war_« -- brummte Meier, »hol' der
+Teufel das Weibervolk, das flennt und heult und wimmert und ist immer
+eine Kette am Fuß, wo der Mann einmal einen raschen, entscheidenden
+Schritt zu thun gedenkt. Wo ist sie hin?«
+
+»Zu Schiff fort.«
+
+»Zu Schiff?« rief Meier, rasch und erstaunt in seinem Stuhle auffahrend.
+
+»Mit einem deutschen Schiffe zurück,« bestätigte aber der Andere.
+
+»Nach _Deutschland_ zurück; ist sie denn toll? -- aber Ihr habt Euch
+geirrt, Pelz, das kann sie nicht gewesen sein.«
+
+»Geirrt? -- ich werde die Frau nicht kennen;« sagte der Mann mürrisch
+-- »sie sah noch dazu weit besser aus als an Bord, ging einfach und
+reinlich gekleidet, und hatte 'was höllisch Ordentliches an sich; trug
+auch keinen Schmuck mehr, weder am Hals noch in den Ohren, und kam mir
+nur verdammt elend vor.«
+
+»Und hat sie _Euch_ gesehn?«
+
+»Ja; aber ob sie mich nicht gekannt hat, oder mich nicht kennen wollte,«
+sagte Pelz, »weiß ich nicht. Sie sah mir ein paar Secunden starr in's
+Gesicht, und ging dann still und ernst an mir vorüber auf's Schiff, das
+etwa eine halbe Stunde später seine Taue einholte und, von einem Dampfer
+in's Schlepptau genommen, den Strom hinunter qualmte.«
+
+»Glückliche Reise,« brummte Meier, sein Glas, das ihm in diesem
+Augenblick Jimmy hereinbrachte, auf einen Zug leerend.
+
+»Danke,« sagte dieser etwas erstaunt, »aber woher wißt _Ihr_, daß ich
+fort will?«
+
+»Ihr?« sagte Meier, mit einem halbspöttischen Lächeln den Barkeeper über
+sein Glas ansehend, »nun dazu braucht man kein Prophet zu sein; Ihr habt
+Euch ja, so lange wir hier sind, die Gelenke schon in einem fort zum
+Marschiren eingerenkt.«
+
+»Hundeleben hier,« sagte Jimmy, der sich Meiers Einladung nach sein Glas
+mit zum Tisch gebracht hatte, und jetzt daran nippte, »möchte hier nicht
+länger _abgemalt_ sein.«
+
+»Wär auch Schade um die Farbe,« lachte Meier -- »aber was ist im Wind?
+-- Skandal im Haus?«
+
+»Neue Wirthschaft!« sagte Jimmy mit einem vorsichtigen Blick nach der
+Thür -- »_moralische_, verstanden? -- der Sohn hat die Haushälterin
+_endlich_ geheirathet, und nun wird's _fromm_ im Hause hergehn. _Wie_
+das Geld verdient ist, kommt jetzt nicht mehr darauf an; obendrauf legt
+man ein Gesangbuch.«
+
+»_Viel_ Geld hier verdient, sollt' ich denken,« sagte Meier, den Rest
+seines Glases hinunterspülend und dieses dem Barkeeper zu neuer Füllung
+hinreichend.
+
+»Ein Haufen,« versetzte dieser, aber wieder leise -- »der Alte muß oben
+einen Kasten voll haben, Gott weiß wie groß.«
+
+»Kostet auch viel so eine Wirthschaft,« sagte Pelz, ruhig vor sich
+niedersehend -- »wer das nicht weiß, glaubt's kaum -- das geht meist
+Alles wieder d'rauf.«
+
+»Wie Ihr's versteht,« rief Jimmy, in Eifer gerathend, seine Behauptung
+bezweifelt zu sehn; _ich_ weiß was da _hinauf_ gekommen ist, und daß
+Nichts wieder herunter geht, denn Alles, was die Wirthschaft selber
+kostet, wird aus der Kasse hier bestritten -- _so_ scharf geht's. Wenn
+der alte Hamann in seinem Geldkasten oben nicht seine _Hunderttausend_
+liegen hat, will ich Holz hacken mein Lebelang.«
+
+»Noch ein Glas, Jimmy, bitte,« sagte Meier -- »mein Kamerad ist auch
+fertig, und _Ihr_ trinkt so langsam, als ob's Wasser wäre, wir haben
+Durst.«
+
+»Gleich,« sagte Jimmy, mit den Gläsern wieder zurück in die Bar gehend,
+während die beiden Männer bedeutsame Blicke mitsammen wechselten.
+
+»Ich glaube, der Junge taugte dazu,« flüsterte Pelz leise und rasch.
+
+»Vielleicht -- vielleicht auch nicht,« sagte Meier, mit dem Kopf
+schüttelnd -- »nur um Alles in der Welt vorsichtig.«
+
+»Nu versteht sich; aber _der_ weiß Hausgelegenheit --«
+
+»Pst -- er kommt.«
+
+»Da -- _der_ wird Euch noch besser schmecken,« sagte Jimmy, mit den
+frisch gefüllten Gläsern hereinkommend, und die Lippen schon im Voraus
+ableckend, »der ist famos.«
+
+»Ne zum Donnerwetter Jimmy, das sollte mir wirklich leid thun wenn Ihr
+fort gingt,« sagte Meier -- »wo kriegt denn der Esel von Wirth auch
+gleich wieder einen solchen Barkeeper her? Ihr kennt doch das Geschäft
+von innen und außen.«
+
+»Sollt' es denken,« brummte Jimmy an seinem zweiten Glas vorsichtig
+nippend.
+
+»Und das Haus und die Wirthschaft --«
+
+»Wie meine Tasche, jede Ecke, jeden Winkel drinne.«
+
+»Apropos Jimmy,« sagte Meier, seinen Punch dabei mit dem Löffel umrührend,
+»ist noch Platz hier im Haus für uns Beide?«
+
+»Das wird schwer halten,« meinte der Barkeeper, die Augenbrauen in die
+Höhe ziehend -- »so arg ist's noch beinah nicht gewesen wie heuer, mit
+der Einwanderung.«
+
+»Oh das wird alle Jahr besser, Kamerad,« lachte der Alte dazwischen
+-- »je hübscher sie's drüben in Deutschland treiben, desto mehr Leute
+glauben, daß sie so ein Glück gar nicht verdienen. Wie bei einem vollen
+Kelterfaß -- je mehr man oben drauf preßt, je mehr läuft über den Rand
+fort, bis die Presse unten aufsitzt -- und dann kann man vielleicht
+wieder frisch nachgießen.«
+
+»Und das _Beste_ läuft oben ab,« sagte Jimmy, nicht ohne einen gewissen
+Humor die Beiden betrachtend.
+
+»Wenn man _uns drei_ hier ansieht,« bestätigte Pelz, »sollte man's
+beinah glauben.«
+
+»#Don't flatter me, Mr. Mac Karthy# wie die Wittwe sagte,« meinte Jimmy
+in einem breiten Schmunzeln.
+
+»Also es wird wohl noch Platz für uns werden, nicht wahr Jimmy?« nahm
+Meier die vorige Frage wieder auf.
+
+»Platz? ja das weiß ich wahrhaftig nicht; wenn's _gestern_ gewesen wäre,
+wo noch vernünftige Menschen im Hause regierten, ja, da wäre Platz
+_gemacht_ worden, wenn keiner mehr da war; ob sich aber der gestrenge
+Herr von _Heute_ dazu verstehen wird, ist eine andere Frage -- es könnte
+Einer von dem Bauerpack dabei _incommodirt_ werden, und in der Hinsicht
+werden jetzt furchtbar strenge Rücksichten genommen.«
+
+»Hm so? und erst seit heute Morgen?«
+
+»Heute ist die Geschichte an den jungen Hamann übergeben worden,« sagte
+Jimmy leise, »und der Alte lebt von jetzt ab von seinen Interessen.«
+
+»Alle Wetter, da muß er sich einen hübschen Pfennig gespart haben,«
+sagte Meier, dem Barkeeper mit dem linken Auge zuwinkend, »wenn _wir_
+das hätten, Jimmy, _wir_ legten's nicht hin, einen faulen Bauch bis an
+sein Ende zu füttern, so viel weiß ich.«
+
+»Ne, das ist sicher,« sagte Jimmy, der plötzlich wieder an seinen Fingern
+begann, »aber an unser Einen kommt so 'was auch nicht.«
+
+»Ih nu,« brummte Pelz, sich seinen kurzen Bart kratzend, »die
+Mecklenburger z. B., die vor ein paar Tagen hier eingezogen, sind doch
+auch nur ganz gewöhnliche Bauern, und _ich_ möcht' es nicht auf einmal
+fortschleppen, was sie in ihren Koffern mit herumführen.«
+
+»Die Koffer sind mordmäßig schwer,« betheuerte Jimmy.
+
+»Jimmy, 's ist wahrhaftig Schade, daß Ihr hier Euere Fähigkeiten so
+nutzlos verschwendet, Brandy und Bier einzuschenken,« meinte Meier,
+nach kurzer Pause -- »ich wüßte eine famose Beschäftigung für Euch.«
+
+»Und die wäre?« frug der Barkeeper neugierig.
+
+»Wir sprechen ein andermal darüber,« erwiederte Meier ausweichend,
+»wenn's nur einen Platz für uns im Hause gäbe.«
+
+»Ich denke, ich kann noch einen schaffen,« sagte Jimmy, sich die Sache
+ein wenig überlegend -- »Ihr macht Euch doch natürlich Nichts draus in
+_einem_ Bett zu schlafen?«
+
+»Keine Objektion in der Welt,« betheuerte Meier.
+
+»Und die Aussicht ist auch ziemlich gleichgültig?«
+
+»Total.«
+
+»Gut, gleich über den Mecklenburgern ist noch ein kleines Käfterchen mit
+einem Bett drin, dicht unter dem Dach; sonst nicht viel Bequemlichkeiten
+oben, aber famose frische Luft, wenn Ihr _das_ haben wollt, frag ich den
+Schlaps, den jungen Herrn Hamann gar nicht, und schaff Euch hinauf. Aber
+wo ist Euer Gepäck?«
+
+»Kommt in einer halben Stunde etwa mit der #dray#. -- Also sind wir
+eingezogen?«
+
+»Denke so,« sagte Jimmy, die geleerten Gläser mit dem dazu gelegten
+Geld mit fortnehmend nach der Bar. Ohne dann weiter seinen jungen Herrn
+um Erlaubniß zu fragen, wieß er den beiden neuen Gästen ihr kleines
+Kämmerchen an, es ihnen selber überlassend, ihr Gepäck hinaufzuschaffen,
+und ging wieder in die Bar hinunter, wo er, die Hände auf dem Rücken,
+mit raschen Schritten und in tiefen Gedanken auf- und ablief. Das
+Gespräch mit den beiden Leuten hatte ihn auf allerlei Ideen gebracht,
+und Jimmy brauchte einige Zeit, die gehörig zu verarbeiten.
+
+
+
+
+Capitel 6.
+
+Kapellmeister Eltrich.
+
+
+Das Paketschiff von Havre war angekommen, und von den verschiedenen
+Passagieren desselben hatte sich Einer, der im St.-Charles-Hotel
+abgestiegen, kaum Zeit genommen, seine Kleider zu wechseln und war dann,
+jedenfalls dringende Geschäfte zu besorgen, ein paar Stunden lang Straße
+auf und ab in der Stadt gefahren, bis er endlich am unteren Markt sein
+Fuhrwerk ablohnte, und müde und erhitzt in eine der dort befindlichen
+kleinen Eisbuden trat, sich abzukühlen und ein Glas Sherbet zu trinken.
+
+Die Passage da vorbei war sehr belebt, kleine Gruppen von Kaufleuten
+standen überall zusammen, Geschäfte wurden entrirt und abgeschlossen,
+Aufträge gegeben und genommen und selbst neben dem Glas Gefrorenen in
+der Bude, das oft unbeachtet zusammenschmolz, hatten die Leute ihre
+Brieftafeln vor sich liegen, und notirten und rechneten mitsammen, und
+ordneten die Bestimmungsorte jener Wälle von verschiedenen Waaren, die
+draußen an der Levée durch Tausende von Händen aufgehäuft, und zugleich
+wieder durch andere fortgeführt wurden, ohne sich anscheinend zu
+vermindern oder zu vermehren.
+
+Nur der eben angekommene Fremde hatte, wie es schien, mit Geschäften
+Nichts zu thun; sein einziger Zweck war, sich auszuruhn und zu erholen,
+und selbst das Leben und Treiben um ihn her interessirte ihn nicht, oder
+war ihm bekannt, denn er nahm abwechselnd eine der verschiedenen, dort
+liegenden Zeitungen zur Hand, flüchtig die Spalten überfliegend, oder
+saß auch wohl, in Gedanken vor sich niederschauend da, nicht einmal die
+Vorübergehenden beachtend.
+
+»Täuschen mich meine Augen nicht, oder habe ich das Vergnügen, Herrn von
+Hopfgarten wieder einmal begrüßen zu können?« sagte in diesem Augenblick
+eine feine, unserem alten Freund sehr wohl bekannte Stimme, der auch
+rasch, aber zugleich erstaunt zu der breiten, korpulenten Gestalt des
+vor ihm stehenden Mannes aufsah, und sich trotzdem auf das Gesicht
+durchaus nicht besinnen konnte.
+
+»Ich weiß nicht« -- sagte er wirklich etwas verdutzt, von seinem Stuhle
+aufstehend und die ganze Figur des Mannes, der jedenfalls seinen Namen
+kannte, auf das Aufmerksamste betrachtend -- »Gestalt und Stimme erinnern
+mich allerdings an einen früheren Reisegefährten, aber zu denen paßt das
+Gesicht durchaus nicht.«
+
+»Ja, mein guter Herr von Hopfgarten,« sagte wieder die nur zu wohl
+bekannte Stimme, während der Mann selber vergnügt dabei mit dem Kopfe
+nickte -- »ich bin es auch eigentlich nicht mehr; ich habe mich geschält
+und die Haut abgeworfen, wie eine Klapperschlange. Schöner bin ich
+dadurch freilich nicht geworden, aber heiße doch noch immer Christian
+Mehlmeier.«
+
+»Also sind Sie's _doch_!« rief Hopfgarten, ihm freundlich die Hand
+entgegenstreckend, »aber um Gottes Willen, Mann, was ist mit Ihnen
+vorgegangen? ich hätte Sie im Leben nicht wieder erkannt.«
+
+»Ja, das ist anderen Leuten auch so gegangen,« schmunzelte Mehlmeier
+in seinen weichsten Tönen vor sich hin -- »sehn Sie sich einmal mein
+Gesicht genauer an.«
+
+»Haben Sie die Blattern gehabt?« frug Hopfgarten mitleidig -- »es ist
+voller Narben -- und die Augenbrauen fehlen ganz. Was in aller Welt
+haben Sie mit sich angefangen?«
+
+»Es ist mir wie Berthold Schwarz gegangen,« sagte Herr Mehlmeier, mit
+seinem vergnügtesten Gesicht -- »ich habe ebenfalls, freilich nach einem
+vorgeschriebenen Recept, auf die Art wie er, das Pulver erfunden, war
+jedenfalls über die unerwartete Explosion eben so erstaunt wie er. Sie
+-- Sie erinnern sich vielleicht noch des -- des Geschäfts, was ich
+damals betrieb, als Sie mich, hier ganz in der Nähe, dort am Markt
+drüben, fanden?«
+
+»Sie verkauften Schwefelhölzer, wenn ich nicht irre --«
+
+»Ich stand wenigstens zu diesem Zweck an einem jener Pfeiler,« betätigte
+Mehlmeier, »verkaufte übrigens ungemein wenig, und diente eigentlich, wenn
+ich so recht an jene Zeit zurückdenke, nur dazu, etwa Vorübergehenden,
+die mich um Feuer baten, ihre Cigarren anzuzünden. »Danke« sagten
+dann die Leute und damit war die Sache abgemacht; _sie_ gingen ihren
+Geschäften nach, und ich blieb an dem Pfeiler stehn, über das meinige
+Betrachtungen anzustellen.«
+
+»Sie sehen jetzt weit besser, weit behäbiger in Ihrem Äußern aus,« sagte
+Hopfgarten.
+
+»Das wäre noch immer kein großes Lob,« meinte Mehlmeier, »denn
+_schlechter_ wie ich damals aussah, kann der Mensch nicht gut
+anständiger Weise in der Welt herumlaufen. Hosen und Rock hielten
+gewissermaßen nur aus Gefälligkeit für mich zusammen, und außerdem
+durfte ich nicht einmal vor Dunkelwerden Abends von meinem Pfeiler, den
+ich mit der Dämmerung in Besitz nahm, weggehn, meines hinteren Menschen
+wegen. Da traf ich _Sie_ und den fremden Herrn, der mit Ihnen war, und
+von der Stunde an, mein guter Herr von Hopfgarten änderte sich mein
+Loos. Ich hatte damals schon lange bemerkt, daß die Leute, welche die
+Streichhölzer fabricirten, einen recht hübschen Nutzen dabei machten,
+während wir Verkäufer daran verhungern konnten; von zu Hause aus war
+ich auch mit der Fabrikation vollkommen gut bekannt, das Material dazu
+hätte ich hier billiger wie irgendwo gehabt, das Holz brauchte ich
+nicht einmal zu kaufen, denn eine kleine Strecke von der Stadt entfernt,
+konnte ich mir so viel davon selber nehmen, wie ich brauchte, aber -- ich
+hatte kein Capital um damit zu beginnen, und meine täglichen Einnahmen
+gelangten oft nicht einmal zu der Höhe, mich, worauf ich den ganzen Tag
+hungerte, Abends satt zu essen. Ich mag beiläufig bemerken, daß ich der
+Schrecken der verschiedenen kleinen Eßbuden geworden war, in die ich,
+sobald sich meine Kasse in den Umständen befand, ein Abendessen zu
+zahlen, hineinfiel. An jenem Tage nun gab mir jener fremde Herr für
+eine unbedeutende Nachricht ein Stück Geld -- ein Goldstück. Herr von
+Hopfgarten -- ich will nicht versuchen, Ihnen zu schildern, was ich an
+dem Tage ausgestanden habe« -- sagte Mehlmeier; seine Stimme klang dabei
+leise und heiser, indeß ihm ein paar große schwere Thränen, trotzdem,
+daß er mit den Augen auf das Lebhafteste blinzte und sie zurückzudrücken
+suchte, zwischen die Wimpern traten -- »es war _kein_ verdientes Geld,
+ich mochte dagegen argumentieren, wie ich wollte,« setzte er dann nach
+kurzer Pause hinzu, »und ich -- ich war zuletzt fest davon überzeugt,
+daß ich die kleine Summe -- für mich damals ein Capital -- mehr meinen
+zerissenen Hosen, als der Nachricht verdankte.«
+
+»Nein, lieber Herr Mehlmeier,« rief aber Hopfgarten rasch dazwischen
+-- »die Kunde, die Sie uns gaben, hätte tausend solcher Stücke verdient
+-- der alte Herr suchte sein _Kind_ und Sie zuerst brachten ihn auf die
+rechte Spur.«
+
+»Es freut mich ungemein, wenn ich dem fremden Herrn nützlich gewesen
+bin,« sagte Mehlmeier ruhig, »_das_ aber war meine damalige Ansicht von
+der Sache und -- hat sich auch bis jetzt noch nicht verändern können.
+-- Aber meine Lage änderte sich damals. Für zwei Dollar kaufte ich mir
+ein blaues Überhemd, eine solche Hose, wie sie die Feuerleute und Matrosen
+tragen, ein paar Schuh, einen Hut und ein Halstuch. Trotzdem behielt
+ich noch genug übrig, mich einmal recht tüchtig satt zu essen und -- es
+war vielleicht eine Schwäche, aber ich hatte eine unendliche Sehnsucht
+danach -- ein Glas Bier zu trinken, und für die übrigen zwei Dollar
+schaffte ich mir das nöthige Material an, auf _meine_ Art _gute_
+Streichhölzchen herzustellen. Mörser und sonstige Geräthschaften mußte
+ich mir allerdings im Anfang noch borgen, aber das Alles machte ich,
+jetzt einmal in anständigen Kleidern, wo ich mich wenigstens sehn lassen
+konnte, möglich, und so klein die Quantität sein mußte, die ich mit
+meinen geringen Mitteln zum ersten Mal fabricirte, so sehr sprach die
+Qualität an. Wohin ich Proben brachte, bekam ich Bestellungen, von denen
+ich im Anfang nur einen kleinen Theil ausführen konnte, mit jeder Woche
+mehrte sich aber meine Einnahme, mit jeder Woche konnte ich größere
+Mengen liefern, und war zuletzt sogar im Stande, mir erst einen, dann
+zwei und mehre Arbeiter zu nehmen, dem immer steigenden Bedarf zu
+begegnen. Gleich im Anfang, bei der Zusammenstellung einer Mischung,
+passirte mir eines Abends das Unglück, daß mir die ganze Masse im
+Mörser explodirte, und ich fand mich erst am andern Morgen in der
+entgegengesetzten Ecke meines Zimmers wieder, da die Nachbarn weiter
+keine Notiz von dem Knall und Qualm genommen.
+
+»Seit der Zeit befinde ich mich aber ausnehmend wohl; ich _boarde_ in
+einem anständigen Französischen Kosthaus und beschäftige jetzt elf
+Arbeiter, lauter arme deutsche Einwanderer, die ich mir abrichte und gut
+bezahle, verdiene dabei ein recht hübsches Geld und beginne sogar schon
+an Sparen und Zurücklegen zu denken, drohenden Alters wegen.«
+
+»Nun das freut mich wahrhaftig recht, recht herzlich von Ihnen zu
+hören,« sagte Hopfgarten, dem fast die Thränen in die Augen gekommen
+waren, bei der so anspruchslos und wirklich rührend vorgetragenen
+Erzählung, indem er seinem alten Reisegefährten die Hand reichte und
+derb und freundlich schüttelte; »es giebt wenig Leute, lieber Mehlmeier,
+die so ernst und entschlossen und so brav und rechtschaffen dabei, einem
+einmal gesteckten Ziele entgegenstreben, und ich wünschte in der That
+recht von Herzen Ihnen irgend einen Dienst erweisen zu können, um Ihnen
+zu zeigen, wie sehr ich Sie achte und schätze.«
+
+»Ich danke Ihnen recht herzlich, mein guter Herr von Hopfgarten, für die
+freundlichen Worte,« sagte Mehlmeier, wirklich gerührt, »Sie thun mir
+wohl -- und eine Bitte hätt' ich wirklich an Sie, wenn Sie dieselbe
+erfüllen wollten.«
+
+»Von Herzen gern -- und was ist es?«
+
+»Sie kennen den Herrn, der -- der mir damals das Goldstück gab?«
+
+»Sehr gut -- ich komme jetzt gerade von dort her -- war nämlich in der
+Zeit wieder in Deutschland --«
+
+»Sie waren in Deutschland?« frug Mehlmeier, rasch und erstaunt, »ja, hm
+-- das ist eigentlich gar nichts so Wunderbares, denn man fährt jetzt
+rasch genug herüber und hinüber, aber -- es ist doch ein eigenes,
+sonderbares Gefühl, wenn man so von Deutschland sprechen hört, fortwährend
+Schiffe sieht, die hinüber gehn und von dorther kommen, und -- so gern
+man hinüber _möchte_, und auch _könnte_, was eben die Passage betrifft,
+doch auf der weiten Gottes Welt da drüben, wo man doch eigentlich zu
+Hause ist, Nichts weiter zu thun hat; Nichts wieder anfangen könnte, und
+nun ganz allein aus dem Grunde hier bleiben muß.«
+
+»Aber mit was sollte ich Ihnen dienen?«
+
+»Ja,« sagte Mehlmeier rasch, »sehn Sie den Herrn -- wie war sein Name
+gleich?«
+
+»Dollinger.«
+
+»Sehn Sie den Herrn Dollinger wieder?«
+
+»Hoffentlich bald, jedenfalls schreibe ich ihm in den nächsten Tagen.«
+
+Mehlmeier griff in die Tasche, nahm ein Amerikanisches Goldstück heraus
+und sagte, es Herrn Hopfgarten hinreichend:
+
+»Dann thun Sie mir die große Liebe, mein bester Herr von Hopfgarten, und
+geben Sie ihm das _Goldstück_ nicht allein zurück, sondern sagen dem
+Herrn auch _wie_ Sie mich wieder gefunden haben, und daß ich das nur
+allein als _sein_ Werk betrachten könne, ihm auch ewig dankbar dafür
+sein würde.«
+
+»Aber mein bester Herr Mehlmeier,« rief Hopfgarten, das Goldstück
+zurückweisend, »Herr Dollinger ist ein reicher, ein _sehr_ reicher Mann,
+und ich weiß --«
+
+»Und wenn er ein Millionair wäre,« sagte Mehlmeier fest und bestimmt,
+»es ist nicht der wenigen Thaler, es ist der Sache wegen, das Geld hat
+mir auf der Seele gebrannt, und Sie erzeigen mir einen unendlich großen
+Dienst, wenn Sie es dem rechtmäßigen Eigenthümer zurückerstatten. Es hat
+mir genug genützt, und da jetzt die _Ursache_ verschwunden ist, der ich
+es verdanke« -- und Mehlmeier warf einen wehmüthigen Blick an seinen
+Beinen hinunter -- »so darf ich auch mit gutem Gewissen die Wirkung
+zurückgeben. Sie thun mir einen _großen_ Gefallen mit der Erfüllung
+meiner Bitte, mein lieber Herr von Hopfgarten.«
+
+»Sie sind ein wunderlicher Mensch,« sagte der kleine Mann freundlich,
+das Goldstück dabei nehmend und einsteckend, »ich will es besorgen; aber
+Herr Dollinger glaubt sich Ihnen nun einmal zu Dank verpflichtet, und
+wird das auf andere Weise wieder gut machen wollen. Jedenfalls muß er
+Ihnen die Quittung einsenden, daß _ich_ wenigstens das Geld richtig
+abgeliefert habe, und ich möchte Sie deshalb um Ihre Adresse bitten.«
+
+»Das wird nicht nöthig sein,« sagte Herr Mehlmeier mit einem wehmüthigen
+Blick.
+
+»Nein, nein; es muß Alles seine Ordnung haben,« rief Hopfgarten, »also
+Ihre Adresse?«
+
+»Erlaube ich mir denn hier auf einem Exemplar meines Fabrikats zu
+überreichen,« sagte Mehlmeier mit einer etwas linkischen und verlegnen
+Verbeugung Hopfgarten ein kleines elegantes Etui mit Streichhölzchen,
+auf denen seine genaue Firma angegeben stand, übergebend, »das sind
+meine Visitenkarten,« setzte er lächelnd hinzu.
+
+»Vortreffliche Visitenkarten,« lachte Hopfgarten, sie betrachtend
+und einsteckend; »aber apropos, mein lieber Herr Mehlmeier, Sie als
+wandernder Adreßkalender sind vielleicht im Stande mir wieder eine
+Auskunft zu geben. Können Sie mir vielleicht sagen, wo ich einen
+gewissen Ledermann, einen Juristen, hier in der Stadt finde?«
+
+»Ledermann? -- Ledermann? -- nein, der Name ist mir gänzlich unbekannt,«
+sagte Mehlmeier, sehr bestimmt mit dem Kopf nickend; Hopfgarten kannte
+aber seine schwache Seite mit den verkehrten Gesticulationen, und wußte
+was er meinte.
+
+»Er arbeitete früher in dem Bureau des Mr. Mac Culloch, des Staatsanwalts,«
+setzte er dann hinzu, »der ist aber in diesem Augenblick verreist und
+sein Bureau geschlossen, und von den Hausleuten wollte ihn Niemand
+kennen.«
+
+»Ledermann?« sagte Mehlmeier, die Hände am Kinn, in tiefem Nachdenken.
+
+»Eine lange hagere Gestalt,« half Hopfgarten seinem Gedächtniß nach,
+»ein dünnes, mageres Gesicht und blonde Haare.«
+
+»Hm, ich kenne einen Herrn _Fort_mann, der etwa auf diese Beschreibung
+paßte.«
+
+»Donnerwetter, _Fort_mann!« rief Hopfgarten, sich vor den Kopf schlagend,
+»jetzt hab' ich die Namen verwechselt -- Fortmann heißt er ja auch
+-- Mehlmeier, Sie sind ein kapitaler Mann -- _wo_ find' ich den?«
+
+»Ja, wo Sie den _jetzt_ finden, wenn er nicht in seinem Bureau ist,
+weiß ich allerdings auch nicht -- er müßte denn sonst vielleicht beim
+Kapellmeister sein.«
+
+»Was für ein Kapellmeister? -- wo wohnt der?«
+
+»Kapellmeister Eltrich, gar nicht weit von hier.«
+
+»Eltrich? -- _unser_ Eltrich von der Haidschnucke? -- ich glaubte, der
+sei ein Arbeiter an einem Dampf- oder Flatboot geworden.«
+
+»Allerdings, im Anfang, weil ihm seine sämmtlichen Sachen, selbst seine
+Violine gestohlen worden; nachher aber hat er sich ganz tüchtig wieder
+herausgearbeitet, und jetzt eine brillante Anstellung an der hiesigen
+französischen Oper erhalten.«
+
+»Und dort ist Ledermann zuweilen?«
+
+»Herr Fortmann? ja, aber wir gehn hier nur diese Straße hinunter, und
+ich kann Ihnen dann das Haus zeigen.«
+
+»Kommen Sie nicht mit hinauf?«
+
+»Es ist meine Arbeitszeit jetzt, mein bester Herr von Hopfgarten,« sagte
+Mehlmeier, »und ich habe mich überdieß schon zu lange von meinen Leuten
+entfernt -- jedenfalls hoffe ich Sie noch zu sehn ehe Sie New-Orleans
+verlassen. Denken Sie sich lange hier aufzuhalten?«
+
+»Einige Tage -- doch noch eins, mein lieber Mehlmeier, so viele Menschen
+sind Ihnen hier vorgekommen -- wissen Sie vielleicht zufällig, wo sich
+-- Herr Henkel jetzt aufhält?«
+
+»Nein, das ist merkwürdig, _den_ Herrn habe ich auch mit keinem Auge
+wieder gesehn, seit wir gelandet sind. Im Anfang ging einmal ein dumpfes
+Gerücht, daß doch nicht Alles mit ihm so in Ordnung -- nicht eben Alles
+Gold sei, aber ich weiß nicht, ich habe weiter Nichts darüber gehört und
+-- wenn ich aufrichtig sein soll, mich nicht weiter darum bekümmert.
+Sehn Sie dort? das ist die Wohnung Eltrichs -- das kleine freundliche
+weiße Häuschen, mit den grünen Jalousieen, und dorthinein wohne _ich_.
+Also mein lieber Herr von Hopfgarten, ich habe die Ehre mich Ihnen auf
+das Freundlichste zu empfehlen.«
+
+Hopfgarten nahm herzlichen Abschied von ihm; der Mann hatte etwas rührend
+Hartnäckiges in seinem ganzen Wesen, mit dem er dem Unglück die Spitze
+geboten und sich, allen bösen Neigungen wacker dabei begegnend, an die
+Oberfläche gearbeitet.
+
+Noch stand er in der Straße, unfern von Eltrichs Wohnung, und sah
+dem rasch und geschäftig davongehenden Manne nach, als ein, in einen
+abgetragenen blauen Frack geknöpftes Individuum an ihm vorüberging,
+ihn scharf fixirte, und sich rasch gegen ihn wendend die rechte Hand
+-- unter dem linken Arm trug er ein Cigarrenkistchen -- nach ihm
+ausstreckte und rief. »Sieh da, sieh da Thimoteus, die Kraniche des
+Ibikus -- Herr von Hopfgarten; eine höchst angenehme Erscheinung beim
+Zeus, in diesem verdammten hausbackenen Land.«
+
+»Herr Steinert?« rief Hopfgarten erstaunt aus, »ich hätte Sie fast nicht
+wieder erkannt -- wie geht es Ihnen?«
+
+Steinert zuckte die Achseln.
+
+ »Durch Unglück mehr als durch Versehn,
+ Verlor Alcest im Handel sein Vermögen
+
+-- verwünschte Geschichte das hier, man darf seinem eigenen Bruder nicht
+trauen, wenn man wirklich einen hier hat. Ich habe bittere Erfahrungen
+gemacht, Herr von Hopfgarten -- bittere Erfahrungen und -- wenn weiter
+Nichts -- Menschenkenntniß gesammelt, wie wohl kaum Einer vor mir. Ich
+sage Ihnen, ich könnte eine Geographie des menschlichen Herzens, der
+menschlichen Schwachheiten, Laster und Leidenschaften herausgeben.«
+
+Hopfgarten hatte sich indessen, so genau das geschehn konnte, ohne den
+Mann durch ein zu scharfes Anschauen zu kränken, die vor ihm stehende
+Gestalt betrachtet, und das Resultat fiel gerade nicht zu Steinerts
+Vortheil aus. Sein Anzug, einst jedenfalls modern, war abgerissen, und
+noch schlimmer, war schmutzig; eben so seine Wäsche. Nur den äußeren
+Staat hatte er noch beibehalten; der große Siegelring saß auf einer
+ungewaschenen Hand, und neben den Uhrberloquen zeigte das Tuch häßliche
+farbige Flecke. Sein Gesicht sah dabei verwildert aus; die Augen lagen
+ihm tief und durchschwärmte Nächte, wenn nicht Mangel kündend, in den
+Höhlen, und flogen unruhig, ungeduldig, ohne auf irgend einem Punkte zu
+haften, umher.
+
+»Und womit beschäftigen Sie sich jetzt,« sagte Hopfgarten endlich, dem
+es unheimlich in der Nähe des Mannes wurde, »haben Sie irgend eine
+Anstellung? irgend ein -- ein --«
+
+»Ein freies Leben führen wir,« unterbrach ihn aber Steinert, den rechten
+Arm mit einer etwas theatralischen Bewegung zum Himmel hebend. »Ich
+konnte mich erstlich nie dazu verstehen, zu irgend Jemand in ein
+dienstliches Verhältniß zu treten -- der Gott, der Eisen wachsen
+ließ, der wollte keine Knechte -- und dann bin ich wohl ein halb Jahr
+vergebens herumgelaufen,« setzte er, wieder in eine natürlichere
+Stellung zurückfallend, hinzu, »ohne irgend einen passenden Platz für
+mich auftreiben zu können. Für jetzt habe ich übrigens eine famose
+Quelle ächter Havanna-Cigarren entdeckt,« und er nahm bei den Worten
+das Kästchen rasch unter seinem linken Arme vor, »die ich Ihnen mit
+gutem Gewissen empfehlen kann, mein bester Herr von Hopfgarten. Famose
+Cigarren, sage ich Ihnen, und zu einem Preis,« setzte er leise flüsternd,
+und mit einem scheuen Blick umher, hinzu, indem er das Kästchen sehr
+aufmerksam und ängstlich öffnete, »wie sie kein Mensch auf der Welt
+liefern _könnte_, wenn sie eben nicht -- _geschmuggelt_ wären.«
+
+»Sie wissen ja, bester Herr Steinert, daß ich gar nicht rauche,« sagte
+Hopfgarten freundlich, »ich bin auch wirklich in diesem Augenblick so
+mit meiner Zeit --«
+
+»Sie rauchen gar nicht?« sagte Steinert etwas bestürzt, »aber Sie haben
+doch gewiß Jemand, den Sie mit einem halben Tausend Regalias glücklich
+machen würden.«
+
+»In der That Niemanden hier, mein bester Herr; es ist auch schon spät
+geworden heute, und ich bin eben erst wieder angekommen.«
+
+»Ich sehe, Sie sind in Eile,« sagte der frühere Weinreisende rasch,
+indem er das schon halb geleerte Kästchen -- was in Hopfgarten den
+Verdacht aufsteigen ließ, daß er die Regalias auch im Einzelnen verwerthe
+-- wieder an seinen früheren Platz zurückschob. »Ich will Sie nicht
+länger aufhalten, aber -- ich dürfte Sie wohl um eine Gefälligkeit
+bitten. Wir sind hier gerade in der Nähe und ich habe vergessen mein
+Portemonnaie zu mir zu stecken -- bin jedoch einem Freund von mir da
+drüben fünf Dollar schuldig. _Wären_ Sie wohl so freundlich, mir diese
+kleine Summe auf ein paar Stunden zu leihen?«
+
+»Mit dem größten Vergnügen,« sagte Hopfgarten verlegen, und
+unwillkürlich zugleich in seiner angeborenen Gutmüthigkeit in die
+Westentasche fahrend, »ich weiß nur nicht --«
+
+»Philemon, der bei großen Schätzen ein edelmüthig Herz besaß,« recitirte
+Steinert.
+
+»Wenn Ihnen für den Augenblick mit dieser Dollarnote gedient wäre.«
+
+»Sie sind sehr freundlich -- aber Sie erlauben mir, daß ich es mir
+gleich notire; ich habe so vielerlei im Kopf, und morgen zahle ich es
+Ihnen jedenfalls zurück. Welches Hotel?«
+
+»St. Charles --«
+
+»Ah, desto besser; dort dinire ich auch gewöhnlich -- Herr von
+Hopfgarten »Haben« 1 Dollar.«
+
+Er hatte dabei eine rothe, ziemlich umfangreiche Brieftasche vorgenommen,
+die Cigarrenkiste auf das linke emporgezogene und ziemlich geschickt
+balancirte Knie gelegt, und notirte sich den Fall auf ein weißes Blatt.
+
+»Mein guter Herr Steinert, ich habe indessen das Vergnügen Ihnen einen
+angenehmen Abend zu wünschen.«
+
+»Ah, guten Abend, lieber Hopfgarten, guten Abend,« rief Steinert, ihm,
+immer noch in der vorigen Stellung, mit dem Bleistift freundlich
+zuwinkend.
+
+Hopfgarten benutzte die Gelegenheit, Eltrichs Haus zu erreichen, und
+stieg die wenigen Stufen vor der Hausthür, an deren Klingel er zog,
+rasch hinan.
+
+Ein wunderhübsches, nur etwas kränklich aussehendes, beinah weißes
+Mädchen, aber doch mit dem eigenen dunkeln Teint und fast blauschwarzen
+Haar dieser Race, das die Quadroonin verrieth, öffnete ihm die Thür,
+frug den Erstaunten in deutscher Sprache was er wünsche, und führte
+ihn dann in das untere Zimmer, wo Hopfgarten zu seiner nicht geringen
+Genugthuung -- denn Mehlmeier hatte ganz recht gehabt -- Herrn Ledermann
+#alias# Fortmann, am Kaffeetisch bei Eltrichs traf, und von den dreien
+auf das Herzlichste begrüßt wurde. Eltrichs kleine reizende Frau war
+besonders glücklich den alten Reisegefährten, der sich schon an Bord von
+allen Cajütspassagieren immer am freundlichsten gegen sie benommen, bei
+sich zu sehn und bewirthen zu können, und verschwand gleich aus dem
+Zimmer, aufzutragen, was nur, trotz Hopfgartens Protestiren, Küche und
+Keller vermochte.
+
+Nach den ersten Begrüßungen aber lag Hopfgarten viel zu sehr daran zu
+erfahren was er von Ledermann hinsichtlich seiner Nachspürungen nach
+jenem Soldegg hören sollte. Eltrich wußte überdieß von der Sache, über
+die Ledermann schon oft mit ihm gesprochen, und Hopfgarten erfuhr jetzt
+daß von Soldegg selber allerdings nicht das Mindeste wieder gesehen
+wäre, seit Herr von Hopfgarten die letzten Nachrichten von ihm mit
+aus Milwaukie gebracht, daß aber ein Compagnon von ihm, jener Goodly,
+unter einem falschen Namen in New-Orleans ertappt sei, und einen
+Schlupfwinkel gestohlener Güter verrathen habe, in dem man auch einen
+nicht unbeträchtlichen Theil von Herrn Dollingers Waaren gefunden hätte.
+Nach allen verschiedenen Staaten, selbst nach Canada hinauf, war indeß
+geschrieben worden, des Burschen habhaft zu werden, doch umsonst;
+entweder war er untergegangen, oder lebte irgendwo, unter einem falschen
+Namen, von seinem Raube, wo es freilich dem Zufall überlassen bleiben
+mußte, ihn einmal auszuspüren und zu Tag zu bringen.
+
+Herr _Fort_mann, der übrigens Eltrich gegenüber sein Incognito nicht
+beibehalten konnte, da Beide schon in Heilingen befreundet, wenigstens
+bekannt gewesen waren, wünschte, wie sich wohl denken läßt, ebenfalls
+etwas Neues von dort zu hören, das ihm Hopfgarten denn auch nicht
+vorenthielt. Während Frau Eltrich nun dem Gast, der endlich eingestehn
+mußte, daß er in aller Eile heute auf Amerikanischem Boden noch nicht
+einmal zu Mittag gegessen, ein kleines Mahl mit Claret und Eis
+herrichtete und ihn selber dabei, trotz allen Einwendungen, bediente,
+mußte er erzählen, wie er es in Heilingen gefunden, wie es dort aussah,
+was die Leute dort trieben und -- wie es vor allen Andern der Frau
+Aktuar Ledermann ging, für die sich Frau Eltrich ganz speciell
+interessirte.
+
+»Hm, ja,« sagte Hopfgarten lächelnd, und emsig dabei beschäftigt ein
+kaltes gebratenes Huhn zu zertheilen, »gut -- sehr gut -- hat ihre
+Trauer -- dieß Huhn ist wirklich delikat -- hat ihre Trauer abgelegt und
+wohnt jetzt bei ihrem Bruder.«
+
+»Existirt der Lump auch noch?« frug Ledermann.
+
+»Wollte wieder ein Geschäft eröffnen,« fuhr Hopfgarten langsam fort,
+»scheint aber doch nicht, nach den beiden vorher erfolgten Fällen, das
+nöthige Vertrauen gefunden zu haben, und hat sich, auf dringendes
+Anrathen des Herrn J. G. Weigel entschlossen, mit seiner Schwester --«
+
+»Den Teufel auch!« rief Ledermann von seinem Stuhl aufspringend, und in
+jäher Angst den Schluß des Satzes errathend.
+
+»Mit seiner Schwester,« fuhr Hopfgarten ruhig fort, »nach Amerika
+auszuwandern.«
+
+»Was für ein rührendes Wiederfinden das werden würde, Herr Ledermann,«
+lachte diesen Frau Eltrich schelmisch an.
+
+»Man soll den Teufel nicht an die Wand malen,« rief aber der Aktuar
+wirklich bestürzt -- »tollere Sachen sind schon vorgefallen, und _mir_
+bliebe nachher Nichts übrig, als mir eine Kugel vor den Kopf zu schießen.
+-- Aber -- nicht wahr, lieber Herr von Hopfgarten, Sie machen nur Spaß?
+das ist Ihr Ernst nicht. -- Meine Frau, ich meine die verwittwete Frau
+Aktuar Ledermann, denkt nicht daran nach Amerika zu kommen?«
+
+»Ich gebe Ihnen meinen Ehrenwort, daß die Sache schon so gut wie
+abgemacht war; das Ziel aber, soviel wie ich davon erfahren konnte, lag
+nach den nördlichen Staaten, New-York oder Baltimore, wo Sie denn hier
+allerdings nicht viel zu befürchten hätten; ich habe mich, wie Sie
+sehen, genau nach Allem erkundigt.«
+
+»Der Henker traue,« rief Ledermann, unruhig im Zimmer auf- und abgehend,
+»wenn die Frau erst einmal nicht mehr durch das ganze Weltmeer von mir
+getrennt ist, findet sie mich auch wieder heraus, und wenn sie nur erst
+einmal eine Ahnung davon bekömmt, daß ich noch lebe, bin ich verloren.«
+
+Eltrich und Hopfgarten lachten über die Angst des armen Teufels, der eine,
+vielleicht noch jahrelang entfernte Gefahr schon jetzt heraufbeschwor,
+sich selber zu quälen; Ledermann konnte aber den Gedanken nicht los
+werden, und Hopfgarten ihn endlich nur dadurch beruhigen, daß er ihm
+versicherte, der Schiffsakkord für seine Frau wäre erst für das nächste
+Jahr abgeschlossen, bis wohin noch mancher Tropfen Wasser den Berg
+hinunter fließe. Übrigens schien kein Mensch in ganz Heilingen, seiner
+Betheuerung nach, eine Ahnung zu haben, daß der Aktuar _nicht_ ertrunken,
+sondern nach Amerika geflüchtet sei. Der Körper war allerdings, trotz
+hartnäckigem Suchen, _nicht_ gefunden worden, aber das _Spielen vor_her,
+und die kalte, ruhige, sehr gut geheuchelte Verzweiflung _nach_her,
+schienen bei den in solcher Art auch eben nicht mistrauischen Heilingern
+keinen Zweifel mehr übrig gelassen zu haben. #Dr.# Hayde besonders
+hatte die Gelegenheit gleich wahrgenommen, einen langen, allerdings
+etwas schlecht stylisirten Artikel im Tageblatt zu schreiben, worin
+er nachwieß, daß der Selbstmord nur eigentlich, trotz einzelner
+Ausnahme-Fällen, ein durchaus _bürgerliches_ Laster sei, (und später
+dafür von seiner Regierung den gelben Sperlings-Orden fünfter Klasse
+erhielt;) die Sache war dadurch, wenn auch eben nicht bewiesen, doch
+außer allen Zweifel gesetzt. Es dachte sich in der That Niemand die
+Möglichkeit eines anderen Falles, und Therese Ledermann selber, wenn
+ihr ja einmal ein solcher Gedanke dunkel und unbestimmt vor der Seele
+aufgestiegen sein sollte, verwarf ihn eben so rasch wieder. Wo hätte
+Ledermann den Muth herbekommen, sich ihrem Regiment auf eine solche
+Weise zu entziehn.
+
+Herrn Hopfgarten lag aber auch jetzt daran zu erfahren, wie Eltrich, von
+dem er doch durch Maulbeere gehört, daß er an einem Boote als Handlanger
+arbeite, sich so rasch und glänzend heraufgeschwungen habe, und dieser,
+seine kleine Frau dabei rasch zu sich nieder auf seinen Stuhl ziehend,
+gab ihm gern Bescheid.
+
+Vor allen Dingen erzählt er ihm seine erste Landung, wie sie, durch das
+viele Neue verwirrt, den Karren aus den Augen gelassen hätten, auf dem,
+von einen Neger gezogen, ihre sämmtlichen Sachen, selbst sein Instrument,
+gelegen. Der diebische Schwarze war damit durchgegangen, und nie wieder,
+trotz allen Nachforschungen, aufzufinden gewesen. In der ungeheueren
+Stadt, wo noch dazu weder über Kommende noch Gehende auch nur die
+geringste ernstliche Controlle geführt wird, hätte nur der Zufall sie
+auf die Spur des Diebes bringen können.
+
+Dort begann eine schwere Zeit, besonders für seine arme Frau, die, von
+allem entblößt, mit dem Kinde der dringenden Noth entgegen ging. Noth
+aber lehrt nicht allein beten, sondern mehr noch arbeiten, und fest
+entschlossen, sich durch Nichts beugen zu lassen, sondern dem Schicksal
+fest und trotzig die Stirn zu bieten, lief Eltrich, mit _ganz_ andern
+Hoffnungen nach Amerika gekommen, und als andere Schritte fehl schlugen,
+in der Stadt herum _Arbeit_ zu suchen; Arbeit wie sie vorkam, hart oder
+leicht, nur Brod zu verdienen, für sich und die Seinen. Nach einiger
+Anstrengung gelang ihm das auch -- er wurde zuerst auf einem Flatboot
+zum Ausladen der Fracht engagirt, mit einem Dollar den Tag; wie das
+beendet war, fand sich Arbeit auf einem anderen, und ihre Existenz war
+wenigstens gesichert.
+
+Aber er brauchte mehr als das -- er mußte Geld verdienen, wieder eine
+Violine, und zwar ein tüchtiges Instrument zu kaufen; er mußte Geld
+verdienen, sich wieder anständige Tuch-Kleider anzuschaffen, in denen er
+Besuche machen konnte, und seine Finger, die ihm später in seiner Kunst
+sein Brod verdienen sollten, ruinirte er indessen mit Fässer rollen und
+dem scharfen Tau der Winde. Unermüdlich aber, unverdrossen, schaffte
+und arbeitete er dabei im gießenden Regen, wie in der brennenden Sonne,
+und sparte jeden Cent, den sie nicht nothwendig zum Leben brauchten,
+während sich die Frau ebenfalls Mühe gab Geld zu verdienen, und es
+endlich möglich machte, erst von der Frau des Hausbesitzers, und dann
+durch diese empfohlen, auch von einigen Nachbarn feine Wäsche zum
+Waschen und Plätten zu bekommen.
+
+»Es war dabei eine recht traurige und entmuthigende Zeit für mich,«
+erzählte Eltrich, »denn während ich meinem nächsten Ziel, mir wieder
+ein Instrument und uns beiden anständige Kleider zu kaufen, wohl
+entgegenrückte, sah ich doch um mich her eine Menge Leute meiner Kunst,
+die mit ziemlichem Talent und guten Empfehlungsbriefen ausgerüstet,
+ankamen, eine Weile sich schwimmend über Wasser hielten, und dann
+spurlos verschwanden. Ich wußte dabei nicht, ob sie untergegangen, oder
+nur von der Strömung mit fortgerissen waren, und mußte mir zu meiner
+Beschämung gestehn, daß ich wahrscheinlich jetzt mit meiner Hände
+Arbeit, als gewöhnlicher Tagelöhner, _mehr_ verdiente, wie es mir
+möglich sein würde mit meiner Kunst zu erschwingen; nichts destoweniger
+ließ ich den Muth nicht sinken. Dabei hatten wir Glück; meine Frau gab
+unserer Wirthin, die sich überhaupt sehr freundlich gegen uns bewieß,
+Clavierunterricht, da sie dorthin unseren Knaben mitnehmen konnte. Unser
+Schicksal war dabei durch unsere Wirthsleute bekannt geworden, und ich
+wurde von dem Eigenthümer unserer Wohnung eines Abends, wo ich gerade
+von der Arbeit zu Hause kam, aufgefordert, in einer Gesellschaft, die er
+gab, zu spielen. Ein Instrument sollte ich dort vorfinden, und leichte,
+anständige Sommerkleider besaß ich schon, Dank unseren Ersparnissen;
+aber meine Finger waren steif geworden, und nicht ein einziges Mal hatte
+ich die ganze Zeit geübt. Die Sache ging mir, wie Sie wohl denken können,
+im Kopf herum -- trotzdem nahm ich, mit einer mir selbst jetzt noch
+unerklärlichen Keckheit, die Einladung an, und die Sehnsucht, wieder
+einmal einen Bogen in der Hand zu fühlen, mochte wohl größtentheils die
+Schuld dabei tragen. Dann aber war ich es auch meiner armen kleinen Frau
+schuldig, Alles zu thun, was in meinen Kräften stand, unsere Lage zu
+verbessern, und dadurch geschah vielleicht der erste Schritt.
+
+»Die Gesellschaft versammelte sich ziemlich zahlreich, und ich spielte,
+zu Adelens Entsetzen, aber aus sehr natürlichen Gründen, spottschlecht.
+Nichts destoweniger waren die Leute freundlich genug gegen mich -- sie
+wußten ja, daß ich den Tag über Porkfässer gerollt und Maissäcke
+geschleppt hatte; der Wirth aber überließ mir von da an die Violine
+zum Üben, bis ich mir selber eine kaufen konnte, und -- veranstaltete
+heimlich, aber in meinem Namen, ein Concert. Ich spielte, und es ging
+nicht allein vortrefflich, sondern ich kam dadurch auch plötzlich und
+eigentlich ganz unerwartet in den Besitz eines Capitals von hundert und
+einigen achtzig Dollarn, mit denen ich allerdings jetzt ein neues Leben
+beginnen konnte. Am nächsten Tage mußte ich freilich noch einmal Fässer
+rollen -- ich hatte dem Mann versprochen gehabt zu kommen und hielt auch
+Wort; aber es war das letzte Mal, und ich begann eine neue Existenz.
+Allerdings stand ich nicht mehr allein und freundlos da, denn die
+Amerikaner und Franzosen, mit denen wir bekannt geworden, und die
+doch wohl fanden, daß wir Beide nicht in die Masse der gewöhnlichen
+Einwanderer gehörten, nahmen sich unserer auf das Herzlichste an. Ich
+sowohl, wie meine Frau, bekamen eine Menge Stunden zu geben, und Madame
+Fleurette, unsere freundliche Wirthin, ließ es sich nicht nehmen, den
+Knaben indessen bei sich zu behalten. Wieder gab ich jetzt mit meiner
+Frau zusammen zwei Concerte, und während andere, weit größere Künstler
+als ich, kaum die Kosten solcher Abende herausgeschlagen, traf ich Zeit
+und Umstände so glücklich, daß ich das erste Mal einen Überschuß von
+zwei-, das zweite Mal von dreihundert Dollar hatte. Ich bekam einen Ruf
+in New-Orleans, und um kurz zu sein, zuletzt die Stelle am hiesigen
+Französischen Theater, mit einem recht anständigen Gehalt, habe dabei
+Stunden zu geben, so viel ich geben kann, und befinde mich jetzt mit
+meiner kleinen Familie wohl und zufrieden.«
+
+Hopfgarten sprach seine innige Freude über das glückliche Gedeihen in
+Eltrichs Verhältnissen aus, und erzählte jetzt auch wie er die beiden
+früheren Freunde, Steinert und Mehlmeier, gefunden habe.
+
+»Herr Steinert ist ein Lump,« sagte da Eltrich, »und Mehlmeier, trotz
+einigen Eigenheiten, die er an sich haben mag, ein Ehrenmann. Wie
+Mehlmeier im Unglück war, und Steinert noch Leute fand, die ihm borgten,
+hat er den armen Teufel nicht einmal mehr angesehn, und sich seiner
+Bekanntschaft geschämt; ihn jetzt aber, wo sich Mehlmeier herausgearbeitet
+hat, schon drei oder vier Mal angeborgt. Mehlmeier in seiner Gutmüthigkeit
+läßt sich auch beschwatzen, er wird aber doch endlich einmal klug
+werden, und aufhören sein Geld in diesen Schmutzbrunnen zu werfen.«
+
+»Wie der Trunk hier in Amerika die Leute ruiniren kann,« sagte Ledermann,
+»davon habe ich in der kurzen Zeit meines Aufenthalts hier, schon mehre
+recht traurige Beispiele gesehn. So traf ich heute Morgen erst wieder
+einen alten Bekannten, und früher sehr wohlhabenden Mann aus oder bei
+Heilingen, den Wirth des rothen Drachens dort, den ich in brillanten
+Verhältnissen in Deutschland zurückließ.«
+
+»Lobsich? -- hier in New-Orleans? -- was ist mit dem?« rief Hopfgarten.
+
+»Kennen Sie ihn?«
+
+»Von Milwaukie her -- das ist ja derselbe Wirth, in dessen Hause ich
+verhaftet wurde; aber was treibt er jetzt? hat er sein Gasthaus
+aufgegeben?«
+
+»Seine Frau, die das Ganze zusammengehalten zu haben scheint, ist ihm
+gestorben,« sagte Ledermann, »und der Mann hat dann wahrscheinlich durch
+den Trunk -- denn er taumelte selbst hier, als ich ihn sah -- sein
+Geschäft nach und nach ruinirt.«
+
+»Hat er Sie gesehn?« frug Hopfgarten lächelnd.
+
+»Brille und Bart haben mich sehr verändert,« erwiederte Ledermann etwas
+verlegen; »ich kann darin ziemlich sicher sein; dennoch fühle ich mich
+nicht wohl hier, und werde mich wahrscheinlich in nächster Zeit weiter
+in das Innere zurückziehn; es kommen doch fast zu viel Bekannte
+hierher.«
+
+Ledermann mußte jetzt Herrn von Hopfgarten erzählen, was er von den
+hiesigen Verhältnissen seiner Bekannten wußte, und besonders interessirte
+ihn dabei Hedwig Loßenwerders glückliche Verbindung, die sie in eine
+angenehme und unabhängige Stellung gebracht hatte. Er trug auch Briefe
+für Hedwig von Clara, wie die Hinterlassenschaft ihres Bruders bei
+sich; ebenso die in den gelesensten deutschen Blättern veröffentlichte
+Erklärung der Gerichte selber, nach denen der damals angeschuldigte, und
+durch unglückliche Umstände zum Selbstmord getriebene Franz Loßenwerder
+von jeder Schuld an dem ihm zur Last gelegten Diebstahl freigesprochen,
+und sein Name von jedem auf ihm haftenden Makel gereinigt wurde. Herr
+Dollinger selber hatte dann noch eine eigene Erklärung erlassen, und
+überhaupt Alles gethan, was in seinen Kräften stand, wenigstens das
+Andenken des armen unglücklichen Menschen von jedem bösen Leumund zu
+befreien, und seinen ehrlichen Namen wieder herzustellen. Ein einfacher
+Stein auf seinem Grabe erzählte ebenfalls in kurzen schlichten Worten
+seine Leidensgeschichte, und was er unschuldig getragen -- guter Gott,
+er war todt, und gedruckte, und in Stein gegrabene Worte konnten das
+Unrecht nicht ungeschehen machen, das ein armes, treues Menschenherz in
+Gram und Schmerz gebrochen.
+
+Wie froh, aber auch wie schmerzlich mußte die arme Hedwig eine solche
+Nachricht bewegen, und Adele bat deshalb ihren Mann die junge Frau,
+die sie schon auf dem Schiffe lieb gewonnen, und mit der sie auch in
+New-Orleans öfter zusammengekommen, heute Abend _mit_ dem jungen Hamann
+hierherzuholen, und ihr die Briefe hier zu übergeben. Eltrich verstand
+sich gern dazu, und er und Hopfgarten beschlossen augenblicklich hinüber
+nach Fayetteville zu fahren und die jungen Leute gleich mitzubringen.
+Ledermann hatte noch einige Geschäfte zu besorgen, versprach aber auch
+gegen Abend zurückzukommen und diesen in ihrer Gesellschaft zu
+verbringen.
+
+Als Hopfgarten mit Eltrich wieder durch das Haus ging, öffnete ihnen das
+junge Quadroon-Mädchen die Thür.
+
+»Wetter noch einmal, was ist das für ein liebes freundliches Gesicht,«
+sagte Hopfgarten, als sie draußen auf der Straße waren, und dem nächsten
+Omnibus zugingen, »doch mit Negerblut in den Adern.«
+
+»Es ist das erste gute Werk, das ich in Amerika habe thun können,«
+lächelte Eltrich, »eine durch mich befreite Sclavin.«
+
+»Was?« rief Hopfgarten, sich rasch und erstaunt nach ihm umdrehend, »das
+hab' ich ja gar nicht gewußt, daß Sie schon Zeit zu Entführungen gehabt
+-- davon haben Sie mir ja kein Wort erzählt.«
+
+»Die Sache hat auch keineswegs einen solchen poetischen Hintergrund
+-- ich habe sie, mit Hülfe meines früheren Wirthes, der mir die Hälfte
+der Summe vorgestreckt, _gekauft_, und diese zweite Hälfte arbeitet sie
+nun selber ab, so daß sie, mit den Geschenken, die sie bekommt, denn
+alle meine Freunde nehmen Theil an ihr, schon wahrscheinlich in zwei
+Jahren, vielleicht noch früher, vollkommen frei und ihre eigene Herrin
+sein wird. Ich erzähle Ihnen die Geschichte ein ander Mal, denn hier
+ist unser Omnibus, der uns hinüber nach Fayetteville nehmen soll.«
+
+Sie stiegen in den schon ziemlich gefüllten, auf Rädern gestellten
+unförmlichen Kasten, der dazu diente, Passagiere von einem Ende der
+Stadt zum andern zu befördern, und mußten eng zusammenrücken, da der
+Bursche hinten am Schlag hinein beförderte, was eben Passage bezahlte,
+gleichviel wie viel Platz der inwendige Raum bot.
+
+Dicht vor ihnen, auf der gegenüber befindlichen Bank, daß ihre Kniee
+ineinanderpreßten, saß ein sehr anständig gekleideter Mann, der Hopfgarten
+ungemein bekannt vorkam. Auch dieser fixirte ihn und Eltrich in der
+schon einbrechenden Dämmerung ein paar Augenblicke, und dann dem
+letztern die Hand entgegenstreckend sagte er freundlich:
+
+»Ich glaube, daß wir zum zweiten Male Reisegefährten sind -- Herr
+Eltrich -- Herr von Hopfgarten -- nicht wahr?«
+
+»Leupold, wahrhaftig!« rief Eltrich, rasch und freundlich die
+dargebotene Hand nehmend und schüttelnd, »wir haben uns nicht gesehn
+seit wir das Schiff verlassen; wie geht es Ihnen?«
+
+»Körperlich _recht_ gut,« sagte Leupold, doch ein recht wehmüthiger Zug
+um den Mund strafte ihn Lügen dabei, oder verbarg mehr als er sagen
+wollte.
+
+»Sie sind hier in New-Orleans etablirt?« frug ihn Hopfgarten.
+
+»Ja, Herr Baron, und ich muß gestehen, ich habe viel Glück gehabt
+-- wie man hier so im gemeinen Leben sagt -- in meiner Familie aber
+destomehr Leid.«
+
+»Ist Ihre Mutter krank geworden?« frug Eltrich.
+
+»Sie starb vorigen Herbst am gelben Fieber;« erwiederte Leupold, »auch
+ein Knabe, der vor zwei Jahren beide Eltern an der Seuche verloren,
+und den ich an Kindesstatt zu mir genommen hatte, nur irgend Jemand zu
+haben, den ich lieben konnte, der mich liebte. Sie sind Alle todt, und
+ich arbeite jetzt eigentlich für weiter Nichts, als eben zu essen und zu
+trinken.«
+
+»Doch sonst geht es Ihnen gut?« frug Hopfgarten.
+
+»Was pecuniäre Verhältnisse betrifft, allerdings. Wie das gelbe Fieber
+dießmal nahte, floh Alles, was nur fortkommen konnte. Ich selber hatte
+eine stille Hoffnung, daß mich Gott ebenfalls abrufen würde; ohne Zweck
+und Ziel sich so allein in der Welt herumzutreiben wird Einem doch zuletzt
+verleidet; ich wurde aber nicht einmal krank. Ich war bei, Gott weiß wie
+vielen Leichen, fertigte Särge so viel ich mit vier bei mir ausharrenden
+Gesellen fertigen konnte, und verdiente ungezähltes Geld in der Zeit
+-- ich ginge auch gern zurück nach Deutschland, aber -- ich habe den Muth
+nicht dazu -- ich werde die nächste gelbe Fieberzeit noch abwarten, und
+sehen was da wird.«
+
+»Sie fühlen sich nicht wohl in Amerika?« sagte Hopfgarten mitleidig.
+
+»Wie soll man sich da wohl fühlen, wenn man Alles verloren hat, was
+Einem noch lieb und theuer auf dieser Welt war, und für das nur einzig
+und allein man arbeitete. Das Amerika ist ein recht guter Platz Geld zu
+verdienen, wenn man fleißig ist, aber das ist auch Alles; ja wenn es
+mir in Deutschland schlecht gegangen wäre. -- Aber ich will Ihnen nicht
+die Ohren voll lamentiren -- überhaupt ist hier die Straße, wo ich
+aussteigen muß. Es hat mich _herzlich_ gefreut Sie wieder einmal begrüßen
+zu können!«
+
+Er reichte ihnen die Hand, schüttelte sie freundlich, und drängte sich
+dann durch die ihm mürrisch Raum gebenden Passagiere der Thüre zu, den
+Omnibus zu verlassen.
+
+»Dem armen Mann ist Amerika theuer zu stehn gekommen,« sagte Eltrich
+traurig, »lieber Gott, wenn ich mich in seine Lage setze, kann ich mir
+recht gut denken, wie furchtbar es ihm sein muß, jetzt so allein und
+verlassen dazustehen. Was hilft ihm das Geld, das er verdient, wenn er
+Niemanden hat, der es mit ihm theilt, für den er spart.«
+
+»Es ist seine eigene Schuld,« sagte aber Hopfgarten achselzuckend,
+»er hat uns selbst erzählt, daß es ihm in Deutschland nicht schlecht
+gegangen wäre; weshalb wandert er da aus? -- Das kommt von dem
+thörichten Misvergnügtsein ohne Grund.«
+
+»Lieber Gott, es läßt sich da doch Manches zur Entschuldigung sagen,«
+seufzte Eltrich, »wir könnten es auch den Trieb sich zu verbessern
+nennen, den doch jeder Mensch in der Brust mit herum trägt -- warum ihm
+den schlimmsten Namen geben? Thäten die daheim, deren _Pflicht_ es wäre,
+für das wahre Glück der Völker zu sorgen, etwas mehr ihren Unterthanen
+das Leben daheim erträglich zu machen, bedächten sie, daß das »Von Gottes
+Gnaden« nicht nur auf _ein_ Haupt niedergeht und da ruhen bleibt, als
+auf etwas ganz Besonderem -- wie oft nur auf etwas sehr Gewöhnlichem
+-- sondern niederfällt, wie Thau und Regen auch auf die kleinste
+unscheinbarste Wiesenblume. Stäke mit einem Wort einer Masse Menschen da
+drüben nicht der verdammte Dünkel zu fest in der Stirne aus einem ganz
+besonders feinen Porcellainteig geknetet und gebrannt zu sein, Tausende
+würden nicht daran denken, die Heimath zu verlassen, sondern in einer
+möglich bürgerlichen Existenz gern und freudig ausharren. Die Noth
+treibt vielleicht nur zwei Dritttheile aller Auswanderer über das große
+Wasser, der Ekel das andere -- und _das_ gerade thut Deutschland weh
+-- unendlich weh, denn _was_ für wackere Kräfte sind ihm dadurch
+verloren gegangen.«
+
+»Ja, die Geheimenräthe wandern nicht aus,« lachte Hopfgarten.
+
+»Nein, leider Gottes,« seufzte Eltrich, »_die_ liegen an zweifarbigen
+Bändchen fest vor Anker. Der Deutsche theilt sich in seiner Unschuld in
+Nähr-, Wehr- und Lehrstand -- daß er den _Zehr_stand gar nicht dabei
+berücksichtigt. Wie war Ihnen zu Muthe, als Sie jetzt wieder nach
+Deutschland zurückkamen?«
+
+»Wunderbar,« lachte der Gefragte, »unendlich wunderbar -- ich gebe Ihnen
+mein Wort, es kam mir in einem fort so vor, als ob die Leute nur Comödie
+spielten -- und sie thun's auch. Wenn man hier aus dem frischen, freien
+Leben, das allerdings viele, unendlich viele Mängel und Schwächen hat,
+aber dem Menschen doch seine freie, ihm von Gott zugesprochene Entwickelung
+garantirt, wieder hinüber in das abgetheilte, angeblich _geordnete_
+Leben kommt, wo die Menschen wie in Gefachen, mit kleinen darauf
+geklebten Zettelchen eingeschachtelt liegen, sieht wie die untersten,
+bequemsten Gefache fortwährend herausgezogen und gebraucht werden,
+während auf den oberen der dicke ehrwürdige Aktenstaub liegt, und dann
+zurückdenkt, wie das Alles gar nicht nöthig ist, und wie es noch eine
+andere Welt giebt, in der Gottes Creaturen frei und fröhlich aufathmen
+dürfen; wenn man sieht, wie das dort kriecht und scharwenzelt, und auf
+Kindereien sein höchstes Ziel setzt, wenn man einen Blick wieder auf
+jenen Beamten-Wust wirft, der einem in das Kleinste zergliederten,
+auf das peinlich kunstvollste hergestellten und berechneten Räderwerk
+gleicht -- einfach einen Stein zu drehn und Brod zu mahlen, dann wundert
+man sich wirklich, daß die eigentlichen Menschen nicht _Alle_ auswandern
+und das ganze kunstvolle Beamtensystem, wie ein von Insekten
+skelettirtes Blatt als Satz zurückbleibt.«
+
+»Und doch wollen Sie wieder nach Deutschland?« frug Eltrich.
+
+»Es ist ja das Vaterland,« sagte Hopfgarten herzlich, »der Himmel
+ist doch nirgends so blau, die Erde nirgends so grün wie daheim. Sie
+mögen mich auslachen, lieber Eltrich, aber wie ich im vorigen Herbst
+zurückfuhr, und in der Nordsee die nackten Sanddünen, den Thurm von
+Wanger-Ooge wieder sah, hab' ich geweint wie ein Kind -- es giebt doch
+nur ein Deutschland.«
+
+»Ja, leicht können sie's nicht todtmachen,« rief Eltrich, »aber ich
+kehre doch nicht dahin zurück.«
+
+»Verschwören Sie's nicht,« rief Hopfgarten; »es kommt doch eine Zeit, wo
+es uns wieder hinüberzieht -- das Grab unserer Väter ist ein heiliger
+Platz, wo wir mit beiden Händen anfassen müssen, wenn wir unser Herz
+davon losreißen wollen. Mit dem Leben dort, was man die eigentliche Welt
+da nennt, mag ich auch Nichts mehr zu thun haben, dafür bin ich schon zu
+viel Amerikaner geworden; aber ich ziehe mich auf das Land zurück und
+lebe mir und den Meinen. Denken Sie nie an unsern Frühling, wenn die
+Lerche an zu wirbeln fängt, wenn die Birken keimen -- werden Sie das je
+vergessen können?«
+
+»Ich will's versuchen,« sagte Eltrich seufzend, »aber hier ist unser
+Halteplatz -- dort in der Straße liegt für jetzt unser »Deutsches
+Vaterland«.«
+
+»Ein trauriger Ersatz,« lächelte Hopfgarten, als der Wagen hielt, und
+sie, an ihrem Ziele angekommen, aussteigen mußten.
+
+
+
+
+Capitel 7.
+
+Meier, Pelz & Co.
+
+
+Es war indessen, bis sie die Straße erreichten, in welcher das »Deutsche
+Vaterland« lag, schon vollständig dunkel geworden, denn der kurzen
+Dämmerung in Amerika folgt rasch und fast plötzlich die Nacht. Dicht
+vor der Thür des Gasthauses standen drei Leute in leisem, flüsternden
+Gespräch, und als sich Eltrich im Vorübergehn nach ihnen umsah, glaubte
+er bei zweien, auf die gerade das Licht der Gaslaterne fiel, bekannte
+Gesichter zu erkennen, wenn er sich auch nicht gleich auf das Wo und
+Wann einer Begegnung erinnern konnte. Die Männer wandten sich aber rasch
+von ihnen ab, und gingen langsam in dasselbe Haus, doch nicht in das
+Schenkzimmer, sondern in die kleine Hausthür, die mit der Treppe nach
+oben in Verbindung stand.
+
+Natürlich achteten sie nicht weiter darauf, und öffneten gleich nachher
+die Glasthür des unteren Schenkraumes, wo sie den jungen Hamann allein,
+und mit verschränkten Armen und finster zusammengezogenen Brauen auf und
+abgehend, fanden. Freundlich begrüßte er Eltrich, mit dessen kleiner
+Familie er, wie seine Frau, schon manchmal zusammengekommen waren, und
+hörte mit großer Theilnahme, wie jener schändliche Verdacht endlich auch
+öffentlich von dem unglücklichen Bruder seiner Frau gewälzt sei, und
+diese sich doch nun wieder froh und glücklich fühlen würde, mit solcher
+Sorge vom Herzen.
+
+Die freundliche Einladung Eltrichs, den heutigen Abend mit Hedwig bei
+ihnen zuzubringen, mußte er aber, wenigstens für sich selber, ablehnen,
+wenn auch die Frau kein Hinderniß hatte, und unter Eltrichs Schutz die
+Herren gern begleiten würde.
+
+»Ich habe heute einen schlimmen Ärger und bösen Auftritt im Haus gehabt,«
+setzte er, sich entschuldigend, hinzu, »und meinen Barkeeper, einen
+nichtsnutzigen, frechen Gesellen, den ich, wie ich fast fürchte, auf
+verbotenen Wegen ertappte, zum Teufel jagen müssen.«
+
+»Ihren Jimmy?« rief Eltrich -- »Gott sei Dank, daß der Bursche fort ist;
+wenn irgend Jemand auf der Welt, so hatte der eine böse, galgenwürdige
+Physiognomie, und ich bin fest überzeugt, er strafte die auch nicht
+Lügen.«
+
+»Was ich heute von ihm gesehn habe,« meinte Hamann, »widerspräche dem
+wenigstens nicht, denn ich fand ihn über Tisch in dem Zimmer einiger
+meiner »Boarder,« die, wie vermuthet wird, viel Geld bei sich haben, bei
+einer sehr verdächtigen Untersuchung des einen Koffers, für dessen sehr
+hübsche Arbeit er sich angeblich interessirte. Ich bin übrigens froh,
+den Burschen, den ich sonst noch hätte einen vollen Monat behalten und
+füttern müssen, auf solche Art so rasch losgeworden zu sein, nur muß ich
+jetzt, bis ich mich morgen nach einer passenden Persönlichkeit dafür
+umsehen kann, selber die Stelle verwalten. Sie thun mir übrigens einen
+Gefallen,« setzte er dann hinzu, »wenn Sie selber zu meiner Frau hinauf
+gingen und es ihr sagten; Sie werden sie jetzt warscheinlich in meines
+Vaters Zimmer finden. Sie, Herr Eltrich, kennen ja den Weg. Meine Gäste
+sind drin beim Abendbrod, und ich muß indessen hier in der Bar bleiben;
+hab' ich aber heut Abend zugeschlossen, was heute früher als gewöhnlich
+geschehen wird, komme ich noch selber zu Ihnen hinaus und hole Hedwig in
+meinem kleinen Wagen ab.«
+
+Die Herren waren eben im Begriff, der Bitte Folge zu leisten, als die
+Thür aufging und ein junger Mann hereinkam, Hopfgarten und Eltrich aber
+kaum erblickte, als er auch schon mit einem lauten, etwas exaltirten
+Freudenruf auf sie zusprang, ihre Hände ergriff, und wie es schien, sich
+alle Gewalt anthun mußte, ihnen nicht auch um den Hals zu fallen.
+
+»Ach Herr von Hopfgarten -- ach Herr Kapellmeister -- welch glückliches
+Zusammentreffen -- nein, ich kann Ihnen gar nicht sagen, _wie_ froh
+ich bin, Sie endlich einmal wieder zu sehn. Wie geht es Ihnen? -- was
+machen, was treiben Sie -- Herr Hamann, darauf müssen wir ein's trinken,
+bitte meine Herren, was nehmen Sie -- ich habe ja überhaupt hier noch
+eine kleine Kreide stehn --«
+
+»Herr Theobald!« rief Hopfgarten erstaunt aus, den Dichter dabei mit
+einem flüchtigen Blick, eben nicht zu dessen Gunsten, von oben bis unten
+messend -- »wie kommen Sie wieder nach New-Orleans?«
+
+»Ich? -- lieber Gott, wo kommt man nicht in diesem verwünschten Lande
+hin!« rief Theobald mit einer gewissen Wehmuth aus --
+
+ »Treibt auf wildbewegtem Meere
+ Auch mein schwank-gebrecher Nachen,
+ Dräut mir auch der Wogen Schwere,
+ Soll's mich doch nicht muthlos machen --
+
+»wo kommt man hier _nicht_ hin? -- sag' ich noch einmal -- Sie kennen ja
+die alte Geschichte, bester Baron, »willst Du in meinem Himmel mit mir
+leben -- #à la bonheur#, aber auf Erden sind alle Kämmerchen vermiethet«
+-- Nichts wie Prosa, Nichts wie gemeine, hausbackene Wirklichkeit, in
+der das dumme Volk auch nicht einmal eine Ahnung hat, daß ein höher
+begabter Mensch auch noch mit etwas Anderem _arbeiten_ könnte, als mit
+Spitzhacke und Schaufel. _Arbeiten_ schreien sie -- _arbeiten_, immer
+nur arbeiten, und was der Geist dabei thut, rechnen sie nicht, das nennen
+sie faullenzen. Aber zum Henker mit der Bande, wenn's uns hier nicht
+länger gefällt, Herr von Hopfgarten, dann gehn wir nach Amerika! und
+jetzt wollen wir trinken, Herr Hamann hat uns schon die Gläser
+aufgestellt -- bitte, was nehmen Sie?«
+
+»Ich danke wirklich herzlich,« sagte Hopfgarten ablehnend -- Theobald
+sah ihm gar nicht danach aus, als ob er so viele Sechs-Cent-Stücke
+wegzuwerfen hätte, für Andere zu bezahlen, und zugleich ließ sein
+ganzes, außergewöhnlich aufgeregtes Wesen auch noch überdieß darauf
+schließen, daß er schon selber eigentlich mehr wie seine tägliche
+Quantität getrunken habe -- »bitte, erzählen Sie mir lieber, wie es
+Lobensteins geht, was sie thun und treiben und wie der Professor mit
+seinen Arbeiten vorwärts rückt.«
+
+»Bah -- _so_ viel für den Professor,« rief Theobald mit einer wegwerfenden
+Bewegung -- »ein Schwachkopf, der sich einbildet, von Landwirthschaft
+und Poesie gleich viel zu verstehn, und wirklich gleich viel davon
+versteht. Er ist ruinirt, und Eduard, der große Nimrod, hat sich auf der
+Jagd todtgeschossen --«
+
+»Heiland der Welt,« rief Hopfgarten entsetzt aus, »das ist ja furchtbar,
+und Sie erzählen das hier, als ob Sie die Leute nicht das Mindeste
+angingen.«
+
+»Thun Sie auch nicht,« sagte Theobald ruhig -- »wenn Jemand
+Verbindlichkeiten gegen den Anderen hat, so ist es der Professor gegen
+_mich_; ich habe ihm meine Kräfte nicht allein, ich habe ihm auch meinen
+Geist geliehen; aber die Rathschläge, die ich ihm gab, konnten ihn nur
+noch eine Zeit lang über Wasser halten -- sein eignes Gewicht zog ihn in
+die Tiefe.«
+
+»Und was ist aus ihnen geworden?« frug Hopfgarten.
+
+»Oh sie sind für jetzt wohl noch, so viel ich weiß, in Indiana,« sagte
+Theobald, »der Professor wird jedoch jedenfalls gezwungen sein, seine
+Farm zu verkaufen, weil er Schulden hat, die er nicht tilgen kann. Aber
+kommen Sie, meine Herren, kommen Sie, der Brandy wird kalt.«
+
+Auch Eltrich suchte sich von der Einladung loszumachen, Theobald
+drang aber auf das Ungestümste in sie, und da es in Amerika für eine
+Beleidigung gilt, mit Jemand, von dem man eingeladen wird, nicht zu
+trinken, traten die beiden Männer, um ihn nur loszuwerden, mit ihm an
+den Schenktisch.
+
+Die Gläser waren gefüllt und Hopfgarten wie Eltrich hoben sie mit einem
+höflichen Nicken gegen den jungen Mann, der mit einer hochtragischen
+Bewegung, den Arm ausstreckend, rief:
+
+»Halt! nicht also dürfen wir, verehrte Gönner und Freunde, die edle
+Gottesgabe unseren Kehlen zusenden. Der Geist verlangt Geist:
+
+ So fließe denn dieser edle Trank,
+ Ein perlender Tropfen Himmelsthau,
+ Als Weiheopfer, als Gottes Dank,
+ Den schönen Augen der schönsten Frau.
+ Wie er zittert im Glase, wie funkelndes Blut --
+ _Sie_, deren Bild uns im Herzen ruht,
+ Lebe hoch!«
+
+»Lebe hoch!« stimmte Eltrich gutmüthig mit ein, indem sie ihre Gläser
+leerten.
+
+»Also Sie haben auch ein paar schöne Augen?« lachte der Kapellmeister,
+»die Ihnen im Herzen ruhn? sollt' ich sie am Ende kennen? -- an Bord
+ging einmal ein unbestimmtes Gerücht --«
+
+Theobald wandte den Kopf von ihm fort, und streckte den Arm abwehrend
+aus:
+
+ »Tief begraben hier drinnen da ruhet ihr Bild,
+ Da ruht mit dem Bild auch der Namen,
+ Ein düsterer Schleier decket das zu --
+ _Ich_ bin zu dem Bild nur der Rahmen --
+
+aber apropos« -- wandte er sich dann rascher und lebhafter plötzlich an
+den Kapellmeister -- »ich habe ein paar prächtige Lieder für Sie zum
+Komponiren, lieber Eltrich -- ich weiß, daß Sie in neuerer Zeit einige
+Lieder von Heine und Freiligrath reizend in Musik gesetzt haben, das
+sind aber natürlich nur immer gerade zufällig passende Sachen, die Sie
+sich in Ermangelung eines Besseren heraussuchen mußten. In den meinigen
+werden Sie _Deutschen_ Geist in Amerikanischer Hülle finden, etwas
+Passendes, Zeitgemäßes, mit dem Sie, wie ich fest überzeugt bin, Ihre
+Hörer entzücken können, und ich bin gern erbötig, Ihnen nicht allein
+die Wahl zwischen einigen fünfzig vortrefflichen Sonetten zu gestatten,
+sondern Ihnen auch das Stück der ausgewählten mit zwei Dollar zu
+überlassen.«
+
+»Sie sind _sehr_ gütig, lieber Theobald,« sagte Eltrich, verlegen, wie
+er das Anerbieten abweisen sollte, und doch auch wieder zu gutmüthig,
+geradezu nein zu sagen. »Sie werden mir erlauben, daß ich die Sachen
+einmal gelegentlich durchsehe, denn in der nächsten Zeit bin ich zu sehr
+mit andern Sachen beschäftigt, an irgend eine Composition denken zu
+können --«
+
+»Oh gewiß -- gewiß,« rief Theobald rasch -- »aber -- mit dem Lesen,
+wissen Sie, ist es eine unangenehme Sache; ich weiß zu gut, wie ungern
+Leute Manuscript lesen, und wie verschieden sich auch etwas im Manuscript
+und Vortrag ausnimmt. Wie wäre es also, wenn Sie mir jetzt ein halbes
+Stündchen gönnten, und ich Ihnen die Kleinigkeit --« er holte dabei ein
+etwa daumenstarkes, sehr eng beschriebenes Manuscript aus der Tasche
+-- »einmal hier flüchtig vorläse; es würde --«
+
+»Lieber Eltrich,« drängte Hopfgarten, »wir _müssen_ hinaufgehn, es wird
+die höchste Zeit, wenn wir Frau Hamann noch heute Abend mit fortnehmen
+wollen, und Sie wissen, ich habe _wichtige_ Sachen mit ihr zu besprechen.«
+
+»Sie haben recht,« rief Eltrich -- »wir müssen uns wahrhaftig heute
+entschuldigen, Herr Theobald -- wenn Sie mir später das Manuscript
+vielleicht einmal anvertrauen wollen, so würde ich --«
+
+»Ich werde mir selber das Vergnügen machen, es Ihnen in Ihrer eigenen
+Wohnung vorzulesen,« sagte Theobald rasch entschlossen -- »zu welcher
+Zeit trifft man Sie am Besten?«
+
+»Es ist jetzt _sehr_ unbestimmt,« sagte Eltrich, den ungeduldigen Winken
+Hopfgartens nachgebend und seinen Hut nehmend -- »vielleicht einmal
+Nachmittags -- also auf Wiedersehn, Herr Theobald --«
+
+»Auf Wiedersehn, lieber Kapellmeister -- auf Wiedersehn Herr von
+Hopfgarten.«
+
+»Gott sei Dank, daß wir den schrecklichen Menschen los sind,« sagte
+Hopfgarten, als sie durch den dunklen Gang, der im Hause hin zur nach
+oben führenden Treppe gingen, »der wäre im Stande gewesen und hätte uns
+die halbe Nacht seine faden Mondscheinergüße vorgelesen. Aber -- alle
+Wetter, Eltrich -- hier ist's dunkel -- kennen Sie den Weg?«
+
+»Ja -- ich bin freilich nur erst einmal Abends hier oben gewesen, und da
+dächt' ich, hätte eine Laterne auf der Treppe gebrannt; aber kommen Sie
+nur -- hier ist das Geländer -- fassen Sie mich an -- so -- sehn Sie?
+-- hier steigen wir hinauf, und nun weiß ich auch Bescheid, denn gleich
+oben an der Treppe, zwei oder drei Schritt an der rechten Seite, ist die
+Vorsaalthür, die zu dem alten Hamann führt.«
+
+»Es soll nicht besonders mit ihm gehn,« meinte Hopfgarten.
+
+»Ach der ist zäh,« sagte Eltrich, »der kann noch lange leben; sehn Sie,
+da sind wir schon -- fallen Sie nicht wieder rückwärts hinunter, es geht
+ganz häßlich steil ab. Daß die Leute hier auch keine Laterne brennen,
+man könnte ja Hals und Beine dabei brechen. Hier hab' ich die Klingel!«
+und den kurzen Griff fassend, zog er daran, daß die kleine Glocke
+drinnen hell und klar ertönte.
+
+Alles todtenstill -- kein Laut antwortete.
+
+»Sie haben es nicht gehört -- ziehn Sie noch einmal,« sagte Hopfgarten.
+
+Eltrich klingelte noch einmal, stärker als vorher, und legte dann das
+Ohr an die Thür, ob er nicht Schritte hören könne.
+
+»Hülfe!« tönte da ein wilder, markdurchschneidender Schrei zu ihm herüber
+-- »Hülfe!« rief es noch einmal, aber mit schwacher, gedämpfter, doch
+nichtsdestoweniger deutlicher Stimme, als ob eine Hand den rufenden Mund
+zu schließen suchte.
+
+»Was ist das?« rief Eltrich; Hopfgarten hatte den Schrei aber ebenfalls
+gehört, und ohne sich weiter zu besinnen, ohne irgend eine Frage zu
+thun, oder ein Wort weiter zu verlieren, fühlte er nach der Thür, und
+führte im nächsten Augenblick einen so gut gemeinten und kräftigen Tritt
+gerade nach der, eben nicht übermäßig dicken Füllung, daß er diese
+gleich mit dem ersten Stoß nach innen trat. Ein zweiter machte die
+Bresche passirbar, und sich in wilder Hast, von Eltrich dicht gefolgt,
+hindurchdrängend, fand er sich wenige Secunden später in dem inneren
+Raum, den zu durchfliegen und der nächsten Stubenthür, aus der ein
+Lichtstrahl drang, zuzuspringen, das Werk weiterer, nur weniger Secunden
+war.
+
+ * * * * *
+
+Es dämmerte, und am Ufer des Flusses gingen, nur die Fronte des einen
+#square# haltend, zwei Männer in eifrigem, aber mit unterdrückter Stimme
+geführten Gespräch, mit raschen Schritten auf und ab. Allem Anschein
+nach erwarteten sie Jemanden, der sich ihnen auch endlich, nach einigem
+Herüber- und Hinübersuchen, anschloß.
+
+»Nun, Jimmy, wie ist's?« frug der Eine von ihnen, Meier (der Andere war
+sein Reisegefährte Pelz), den eben Gekommenen -- »wird's noch was heute
+Abend?«
+
+»Jetzt oder nie,« flüsterte Jimmy mit leiser, ängstlicher Stimme, »denn
+schon heut' Morgen war die Rede davon, daß sie den Alten am nächsten Tag
+hinüberbetten wollten, wo die jungen Leute ihre Zimmer haben, damit er
+dort mehr Pflege hätte; wenn das geschieht, kann kein Teufel mehr dazu.«
+
+»Und lohnt's wirklich?« frug Meier, noch immer mistrauisch.
+
+»_Lohnt's?_»wiederholte Jimmy ärgerlich -- »glaubt Ihr, daß _ich_
+meinen Hals an so eine Geschichte setzen würde, _wenn's_ nicht eben
+was Außerordentliches wäre?«
+
+»Na, ob _Dein_ Hals das gerade ist,« brummte Meier.
+
+»Jetzt ist keine Zeit zu Albernheiten,« sagte aber Pelz mürrisch, »also
+Ihr glaubt wirklich, daß wir mit dem einen Schlag _genug_ kriegen
+können, Jimmy.«
+
+»Ich _glaube_ gar Nichts,« rief dieser rasch und eifrig, »ich _weiß_,
+daß der Alte in dem einen kleinen, erbärmlichen Holzschrank, den er
+nicht gegen einen eisernen vertauscht hat, um sich nicht in den Verdacht
+zu bringen, daß er wirklich etwas Stehlenswerthes in seiner Wohnung
+habe, für vielleicht hunderttausend Dollar Juwelen, Geld, Papier und
+Aktien liegen hat, und mit einem einzigen Faustschlag kann man den
+Deckel sprengen.«
+
+»Und der Alte?«
+
+»Ist in einer halben Stunde etwa, auf dreißig oder fünf und dreißig
+Minuten allein, denn der junge Lümmel muß heute, weil ich nicht da bin,
+in der Bar bleiben, und die Frau guckt nach der Kaffeekanne im Eßzimmer,
+daß Niemand eine Tasse zu viel trinkt.«
+
+»Ich weiß nicht -- mir ist nicht recht wohl bei der Geschichte,« meinte
+Meier -- »ja wenn ich selber den Grund und Boden, und die Winkel und
+Schliche da kennte, wo man hinausfahren muß, wenn's Noth thut, dann wär'
+mir's gerade recht; aber mich so von Jemand Anderem in ein ganz fremdes
+Haus, denn in dem Theil sind wir doch noch nicht gewesen, hineinführen
+zu lassen, das hat mir 'was verdammt Unbehagliches. Passirt 'was, so
+drückt sich Jimmy sachte ab, und wir Andern sitzen drin.«
+
+»Aber ich bitt' Euch um Gottes Willen, was soll passiren?« rief Jimmy
+-- »wir brauchen auf der Welt weiter Nichts zu thun, als die Treppe im
+Haus hinaufzugehn; in der Tasche hab' ich den Schlüssel zur Thür -- die
+schließen wir hinter uns zu, wer dann hinein will, muß klingeln, und die
+Thür vom Alten, der in der Zeit mutterseelensallein ist, steht auf.«
+
+»Wenn's aber weiter Nichts wäre,« brummte Meier, »da hättet Du ja auch
+die ganze Geschichte allein machen, und den Profit allein in die Tasche
+stecken können.«
+
+»Das hätt' ich auch,« sagte Jimmy, halb verlegen, halb mürrisch, »aber
+-- es ist mir so ein eignes, wunderliches Gefühl mit dem Alten. Mit
+_einer_ Hand könnte man ihn zusammendrücken, und doch -- doch _fürcht'_
+ich mich vor ihm; sein Blick sieht Einem bis in die Kniekehlen hinunter,
+und er schläft -- Ihr mögt mich auslachen, wie Ihr wollt -- mit einem
+Auge offen.«
+
+»Vor dem Sohn fürchtest Du Dich nicht?« lachte Meier.
+
+»Daß ihn der gelbe Jack hole,« fluchte Jimmy -- »ich vergelte ihm die
+heutige Behandlung, oder ich will im Leben keinen Brandy wieder trinken;
+er soll's noch bereuen, mich auf diese Weise behandelt zu haben. Doch
+jetzt kommt, denn wir haben keine Zeit mehr zu verlieren; mit dem
+Schlage sieben gehen die Leute zu Tisch, und von da bis halb acht sind
+wir sicher; länger keine Secunde.«
+
+»Und wenn Jemand, indeß wir drinnen sind, an die Thüre draußen kommt und
+hinein will?« frug Meier.
+
+»Neben der Stube ist eine Schlafkammer,« sagte Jimmy, »und aus dieser
+führt eine stets offen stehende Thür nach dem Gang hinaus, der in den
+andern Theil des Hauses läuft -- aber es _kommt_ auch Niemand, zum
+Donnerwetter noch einmal; und wenn auch, so wär's vielleicht der junge
+Tölpel selber, und dazu seid Ihr zwei baumfeste Kerle, die dem wohl
+einen Schlag über den Schädel geben können, daß er ein paar Secunden
+ruhig ist. Erst einmal wieder unten auf der Straße, und in der
+Menschenmenge, die dort noch auf- und niederströmt, ist eine Verfolgung
+ganz unmöglich. Ja, wenn's nach zehn Uhr Abends wäre, da könnte uns eine
+einzige Wachtmann-Rassel ein ganzes Viertel Nachtwächter über den Hals
+ziehn.«
+
+Meier schien, von Pelz dabei noch heimlich bearbeitet, seine letzten
+Bedenklichkeiten endlich, wenn nicht ganz überkommen, doch bei Seite
+gestellt zu haben, und die drei Männer schritten jetzt raschen Ganges,
+sich unterwegs das Weitere überlegend, ein Stück noch am Wasser, und
+dann die Straße hinauf, die nach dem »Deutschen Vaterland« zuführte.
+
+Gerad um sieben kamen sie dort an; durch die mit Flaschen und Karaffen
+besetzten Fenster des »Barrooms« konnten sie von außen ganz deutlich die
+kleine Uhr im Innern erkennen, die drei Minuten über sieben zeigte.
+Dennoch zögerten sie einen Augenblick, ganz sicher zu sein, daß sie
+nicht zu früh kämen, und blieben indessen vor der Thür stehn. Daß der
+junge Hamann allein in der »Bar« war, konnten sie von außen ebenfalls
+deutlich erkennen; so weit stand die Sache günstig genug für sie, und
+die Gäste waren jedenfalls schon drin bei Tisch.
+
+Zwei Männer kamen dicht an ihnen vorbei, und gingen auf die Thür des
+Schenkzimmers zu; Meier und Pelz drehten sich nach ihnen um, wandten
+sich aber auch fast unwillkürlich wieder ab, und schritten dem kleinen
+Thorweg zu, der neben dem Schenkzimmer in das Haus führte.
+
+»Weißt Du, wer die Beiden waren?« flüsterte Meier Pelz zu.
+
+»Ja!« nickte dieser leise -- »ein paar alte Bekannte; das schadet Nichts
+-- im Gegentheil, die halten den jungen Laffen da drin um so sicherer an
+der Flasche fest, und in zehn Minuten können wir wieder unten sein.«
+
+Jimmy führte sie indessen, ohne weiter ein Wort mit ihnen zu wechseln,
+rasch die schmale, hölzerne Treppe hinauf, an der oben ein Licht
+brannte; an diesem zündete Pelz, wie schon vorher verabredet, seine
+eigene kleine Blendlaterne an, und bließ es dann aus, und oben wollten
+sie ihren Weg wieder fortsetzen, als sie leichte Schritte auf dem Gange
+hörten und einen fremden Lichtschimmer bemerkten, der diesen herunter
+und auf dieselbe Thür zukam, in der auch _ihr_ Ziel lag.
+
+»Höll und Teufel,« flüsterte Jimmy leise und ingrimmig vor sich hin
+-- »das ist die Madame -- was zum Donnerwetter hat denn _die_ heute
+Abend bei dem Alten zu suchen? -- Ruhig Leute, wir müssen hier einen
+Augenblick warten; sie wird nicht lange bleiben.«
+
+Es war Hedwig, die mit dem Licht den schmalen Gang herüber kam, nach dem
+Kranken zu sehn; sie öffnete mit einem Schlüssel, den sie bei sich trug,
+die Thür, und sah sich dabei nach der ausgegangenen Lampe an der Treppe
+um, unter der die drei Schurken kauerten, betrat jedoch, ohne diese zu
+entzünden, den Vorsaal, und klinkte die Thür nur einfach hinter sich
+in's Schloß.
+
+»So, jetzt sitzen wir hier auf der Treppe,« brummte Meier finster vor
+sich hin, »und wenn Jemand heraufkömmt, findet er das ganze Nest.«
+
+»Das wär' weiter keine _Gefahr_,« flüsterte Jimmy zurück, »wir gingen
+nur einfach die Treppe hinunter und kein Teufel wüßte in der Dunkelheit,
+wer's gewesen ist.«
+
+»Und das Geld?« frug Pelz.
+
+»Wäre dann allerdings zum Henker,« fluchte Jimmy zwischen den
+zusammengebissenen Zähnen durch, indem er wieder anfing, seine Finger
+zu knacken.
+
+»Was zum Teufel machst du denn da?« rief ihn mit unterdrückter, doch
+zorniger Stimme Meier dabei an, »willst Du das verdammte Knacken lassen,
+das hört man ja durch's ganze Haus; das fehlte auch noch, daß wir Dich
+als Sturmglocke dabei hätten. Übrigens seh' ich nicht ein, weshalb wir
+zögern,« setzte er rasch hinzu, »ob die Madame da drin ist oder nicht,
+wenn wir's mit weiter Niemand als dem Alten zu thun haben. Wir sind
+unserer drei, und mit einer solchen Aussicht vor uns, daß _wir_ künftig
+von unseren Interessen leben können und eben nur zuzulangen brauchen,
+sollte uns _das_ wenigstens nicht abhalten.«
+
+»Nur um Gottes Willen kein Blut vergießen,« bat Jimmy, ängstlich werdend
+-- »Ihr habt mir das schon vorher versprochen, denn _da_mit möchte ich
+Nichts zu thun haben.«
+
+»Unsinn,« brummte Meier, »wer spricht denn davon? wir verlangen von
+denen da drinnen weiter Nichts, als daß sie ein paar Minuten das Maul
+halten, und dazu können wir sie schon bringen, ohne ihnen gleich den
+Hals abzuschneiden.«
+
+»Wenn wir nur noch einen Moment warten,« ermahnte Jimmy noch einmal;
+»sie _muß_ gleich wieder zurückkommen.«
+
+Die beiden Männer erwiederten Nichts darauf, sondern kauerten eine ganze
+Weile, dem Rathe folgsam, auf der Treppe, gleich vorsichtig dabei nach
+oben wie unten horchend, ob sich kein gefährliches Geräusch irgendwo
+vernehmen lasse. Es blieb todtenstill, denn im Haus war Alles im
+Eßzimmer versammelt, die Frau kam aber eben so wenig zurück, und Jimmy
+selbst fühlte jetzt, daß es die höchste Zeit würde, ihr Vorhaben
+auszuführen, wenn sie nicht die günstige Periode des Abendessens, und
+damit Alles versäumen wollten. So als Pelz endlich erklärte, wenn Sie
+nun nicht an's Werk gingen, wolle _er_ mit der Sache nichts weiter zu
+thun haben, da er hier auf der Treppe nervös würde, stand er langsam
+auf, bat die Männer noch einmal sich jeder Gewaltthätigkeit zu
+enthalten, und stieg langsam, von ihnen dicht gefolgt, die wenigen
+Stufen noch hinauf.
+
+Ihrem verabredeten Plane nach sollten sie, was sie auch jetzt thaten, so
+geräuschlos als möglich die Vorsaalthür öffnen und mit dem Schlüssel,
+den Jimmy bei sich führte, wieder hinter sich schließen, dann über den
+Vorsaal schleichen, wo sie hatten vorsichtig an der Thür des Alten
+anklopfen wollen, erst zu sehn ob dieser wache. Da aber das Erscheinen
+der Frau diesen Angriffsplan jetzt geändert hatte, glitten sie nur, so
+leise sie konnten, über den kleinen, dunklen, schmalen Vorplatz hin,
+wobei ihnen Pelzes Blendlaterne leuchtete, Jimmy ergriff dann die
+Thürklinke, und diese rasch und plötzlich öffnend, sprangen alle drei zu
+gleicher Zeit, und ehe die im inneren Raum Befindlichen auch wirklich
+nur einen Schrei der Überraschung ausstoßen konnten, auf sie zu. Pelz
+warf sich dabei auf den Alten, der neben seinem Bett auf einem großen
+Stuhle saß, während Meier Hedwig ergriff, sie an der Kehle faßte und ihr
+mit augenblicklichem Tode drohte, wenn sie auch nur einen Laut von sich
+gebe.
+
+Nicht so leichtes Spiel sollte Pelz haben, denn der alte Geizhals, stets
+in Furcht bestohlen zu werden, hatte, ohne daß selbst Jimmy etwas davon
+wußte, fortwährend ein paar geladene Pistolen neben sich auf demselben
+Tisch, auf dem seine Arznei stand, mit einem seidenen Tuch bedeckt
+liegen, und fast instinktartig nach diesen in demselben Moment
+gegriffen, als er die Thüre seines Zimmers so plötzlich aufreißen sah.
+Spannen und Abdrücken war auch wirklich nur das Werk eines einzigen
+Augenblicks, und um Pelz wäre es, außer dem gefährlichen Knall des
+Gewehres für die beiden Anderen, jedenfalls geschehen gewesen, hätte
+die Pistole, die da schon Gott weiß wie lange geladen lag, nicht
+versagt. Der alte Gauner erschrak aber doch nicht wenig über die
+nahe Todesgefahr, und als Hamann, den Anspringenden mit dem linken
+ausgestreckten Arm noch von sich drückend, nach der zweiten Waffe griff,
+führte er mit einem ingrimmigen Fluch und einer in der Hand verborgenen
+Kugel einen so gut gemeinten Schlag nach ihm, daß er ihn besinnungslos
+zu Boden streckte.
+
+Jimmy indessen sprang, ohne sich weiter um die Übrigen zu bekümmern,
+die er in guten Händen wußte, mit einem Satz nach dem alten hölzernen
+Secretair, in dem des Wirthes Schätze lagen. Mit einem Stemmeisen, das
+er bei sich führte, brach er diesen auch rasch und ohne Mühe auf, und
+leerte den Inhalt der Gefache in einen zu dem Zweck mitgenommenen
+Leinwandsack.
+
+Hedwig sah das Alles, wie in einer Art wachen Traumes; sie fühlte dabei,
+wie die Hand des Mörders, dessen Gesicht sie trotzdem erkannte, auf ihr
+lag, und vermochte keinen Laut auszustoßen, hätte sie der Bube selbst
+frei und unberührt gelassen. Jimmy arbeitete indessen mit einer
+fabelhaften Geschäftigkeit, und Pelz, der ihm der Sorge um den Alten
+enthoben dabei half, schob in die eigenen Taschen, was er hineinbringen
+konnte, als plötzlich draußen, scharf und hell, die kleine Klingel an
+der Vorsaalthür ertönte.
+
+Wie ein Schlag fuhr der klare durchdringende Laut in aller Glieder
+-- die Räuber schreckten, aufhorchend, empor, und selbst Meier ließ in
+seinem Griff an Hedwig -- nur erst zu wissen, welcher Art die Gefahr
+sei, die ihnen drohe, etwas nach. Hedwig aber, der dieser Laut wie neues
+Leben durch die Adern schoß, warf mit plötzlicher Anstrengung den Arm,
+dessen Finger ihre Kehle umspannt hielten, zurück, und stieß, unbekümmert
+um jede Gefahr, die ihr selber drohen konnte, jenen wilden gellenden
+Hülferuf aus.
+
+»Bestie!« knirrschte Meier zwischen den Zähnen durch, und suchte mit
+seiner breiten Hand, der sie sich umsonst erwehrte, ihren Mund zu
+decken.
+
+»Hülfe!« stöhnte Hedwig, und draußen brach und prasselte in dem
+Augenblick die dünne Thür zusammen.
+
+»Herr Du mein Gott!« schrie Jimmy, in aller Angst den Leinwandsack
+fallen lassend und nach der Kammerthür fahrend. Hier aber mußte er an
+Meier vorbei, und dieser, der nicht gesonnen war allein in dem fremden
+Haus im Stich gelassen zu werden, faßte ihn und hielt ihn, während Pelz
+an den Beiden vorüberglitt und in die Kammerthür verschwand, am Kragen
+fest. --
+
+»Nicht ohne mich, Kamerad.« knurrte er dabei, »den Weg mußt Du mir
+wenigstens zeigen, und daß _Du_ hier, mein Täubchen, uns nicht indessen
+vor der Zeit das ganze Haus über den Hals schreist, nimm _das_ indessen,«
+und sie loslassend führte er, während er sprach, einen gewiß gut
+gemeinten Schlag mit der Faust nach der Stirn der jungen Frau, der
+dieser wahrscheinlich verderblich geworden wäre, wenn sie nicht, die
+Gefahr sehend, ihren Kopf unter seinen linken Arm geworfen, und sich
+fest an ihn angeklammert hätte.
+
+»Hülfe, Hülfe!« schallte dabei ihr gellender Schrei, jetzt um das eigene
+Leben ringend und Jimmy, den Moment benutzend, riß sich von Meiers Griff
+los, und sprang ebenfalls in die Kammer, während dieser indeß umsonst
+versuchte die Frau von sich abzuschütteln oder in den Schwung seines,
+nach ihr schlagenden Arms zu bringen. Hedwig, ihre schwachen Kräfte zu
+wilder verzweifelter Anstrengung getrieben, hielt ihn fest umklammert,
+und Meier, endlich selbst zum Äußersten gebracht, riß ein Messer aus
+seinen Gürtel, als die Stubenthür auf- und Hopfgarten in demselben
+Moment auch in gänzlicher Verachtung der eben so rasch auf ihn
+gerichteten Waffe, gegen den Mörder anflog.
+
+Mit dem linken Arm den nach ihm geführten Stoß, so gut das im Augenblick
+ging, abwehrend, warf er sich mit dem ganzen Gewicht seines Körpers
+so voll und gut gewillt gegen ihn, daß er den sonst viel stärkeren,
+jetzt aber auch noch durch die Frau behinderten Mann zum Taumeln
+brachte, und Meier fand sich, wenige Secunden später unter den ihn fest
+niederhaltenden Armen Hopfgartens und Eltrichs, die er jedoch Beide mit
+seinem Messer verwundet hatte, am Boden liegen, während aus dem ganzen
+Haus schon die Leute, durch das Geschrei aufmerksam gemacht, herbei und
+zur Hülfe strömten.
+
+»Hopfgarten,« stöhnte indeß der Räuber, in der Anstrengung seine Arme
+wenigstens frei zu bekommen, und mit der Angst jetzt vor der gerechten
+Strafe, »lassen Sie mich los -- ich -- ich weiß, wen Sie suchen -- ich
+weiß -- ich weiß wo er steckt. Henkel ist hier in der Stadt -- aber
+-- heut Abend noch oder morgen früh geht er fort von hier -- lassen
+Sie mich frei, und ich sage Ihnen, wo Sie ihn finden können!«
+
+»Alle Wetter!« rief Hopfgarten überrascht, »da könnte man einen Wolf mit
+dem andern fangen.«
+
+»Glauben Sie doch nicht was der Schurke sagt,« rief aber Eltrich, der
+das warme Blut an seiner Schulter niederrieseln fühlte, »der Bursche ist
+zum Galgen reif -- Hülfe -- Hülfe hierher.«
+
+Der Ruf galt einer neuen, verzweifelten Anstrengung des Räubers, aber
+die Hinterthür, die in die Schlafkammer führte, und _nicht_ verschlossen
+gewesen war, wurde in diesem Augenblick von den herbeistürmenden
+Boarders, mit dem jungen Hamann an der Spitze, gesprengt, während von
+der Straße herauf ebenfalls die Leute herbeisprangen. Wenige Minuten
+später war das Zimmer mit Menschen gefüllt, und Hopfgarten und Eltrich,
+den Gefangenen der Masse überlassend, konnten jetzt daran denken das
+wild umhergestreute und gefährdete Eigenthum des alten Mannes in
+Sicherheit zu bringen. Die indessen ohnmächtig gewordene Frau sahen sie
+in dem Schutz ihres Gatten, und den noch immer am Boden ausgestreckten
+alten Mann hatten unter der Zeit ein paar Nachbarn aufgehoben und auf
+sein Bett getragen.
+
+Unter den Fremden waren übrigens auch zwei Constabler mitgekommen,
+die sich als solche zu erkennen gaben, und Meier vor allen Dingen in
+Gewahrsam nahmen. Andere, die von unten heraufkamen, hatten eine dunkle
+Gestalt zum Haus hinauslaufen sehen, und Einige unter dem, nach dem Hof
+zuführenden Kammerfenster eine goldene Uhr gefunden, die der Räuber dort
+wahrscheinlich, nach einem verzweifelten, aber glücklich abgelaufenen
+Sprung aus dem Fenster, verloren haben mußte.
+
+Nur erst als sich Hedwig, unter den zärtlichen Bemühungen ihres Gatten
+wieder soweit erholte sprechen zu können, erfuhren sie, daß drei Männer:
+der Gefangene, ein früherer Reisegefährte Pelz, und ihr heute
+fortgeschickter Barkeeper, die Räuber gewesen seien. Hopfgarten, der
+sich indessen mit dem alten Mann beschäftigt hatte, fand in diesem
+Augenblick die Wunde an seinem Kopfe, und konnte nun keinen Augenblick
+mehr zweifeln, daß er _todt_ sei.
+
+Die Verwirrung, die jetzt folgte, ist kaum zu beschreiben, Alles schrie
+und drängte durcheinander, und Meier, mit auf dem Rücken festgeschnürten
+Ellbogen konnte nur wirklich durch die Constabler vor der Wuth der
+Bürger geschützt werden, die große Lust hatten, ihn gleich an Ort und
+Stelle, als warnendes Beispiel aus dem Fenster hinauszuhängen.
+
+Jimmy mußte übrigens, da die wider Erwarten sehr starke Kammerthür
+verschlossen gewesen, und erst von den zur Hülfe Eilenden durch
+gemeinsames Dagegenwerfen gesprengt war, jedenfalls mit seinem anderen
+Kameraden, Pelz, aus dem Fenster in den Hof hinunter entkommen sein,
+denn aus der Thür hatte er nicht entziehen können. Die Constabler
+kannten ihn aber, und versprachen dem jungen Hamann ihr Möglichstes
+zu thun, ihm die Flucht aus der Stadt abzuschneiden, und ihn in den
+unzähligen Diebeswinkeln, die New-Orleans hat, herauszustöbern.
+
+Der Gebundene sollte jetzt abgeführt werden, und Hopfgarten, die
+erhaltene Wunde im Oberarm, durch dessen dickes Fleisch das Messer
+gefahren war, gar nicht achtend, suchte ihn dahin zu bringen, ihm
+Näheres über den Aufenthalt Henkels, von dem er behauptet, daß er darum
+wisse, mitzutheilen.
+
+»Geht zum Teufel,« knurrte ihn aber der Gefangene an, »macht mit mir was
+Ihr wollt, Ihr _habt_ mich einmal, doch verlangt dann nicht auch noch
+_Gefälligkeiten_ von mir. Vorhin war's Zeit; wenn Sie nicht holzköpfig
+gewesen wären, wüßten Sie jetzt was Sie wollen; nun könnt Ihr mir aber
+die Zunge aus dem Halse reißen, ehe ich eine von Eueren Fragen
+beantworte. Hole Euch Alle der Henker.«
+
+»Der wird Dich zeitig genug bekommen, mein Bursche,« sagte der eine
+Constabler, ein Deutscher, indem er ihn vor sich her stieß. »Fort mit
+Dir; was aus Dir herauszukriegen ist, werden wir schon kriegen, hab'
+keine Furcht; mit solcher Art wissen wir schon umzugehen. Herr Hamann,
+Sie werden gut thun sich die Zeugen, die Sie brauchen, zu notiren, daß
+man sie finden kann; der Coroner mit dem Arzt wird wohl auch nicht lange
+auf sich warten lassen. Einer von unseren Leuten mag indessen noch vor
+der Hand unten im Haus bleiben, vielleicht ist doch noch etwas von Einem
+der andern beiden Burschen aufzufinden. Jedenfalls müssen wir uns genau
+überzeugen, wo die Herren heraufgekommen sind, und mit welcher Hülfe,
+und ob sie nicht im Haus noch andere Helfershelfer haben.«
+
+Der Gefangene wurde jetzt fortgeführt, der Platz von den Fremden geräumt,
+und Hamann, der Hopfgarten und Eltrich bat, ihn nur jetzt nicht zu
+verlassen und bei ihm und seiner Frau zu bleiben, machte dann mit dem
+rasch herbeigerufenen Arzt, der nachher auch die beiden Freunde zu
+verbinden hatte, den freilich vergeblichen Versuch, seinen Vater in's
+Leben zurückzurufen. Der Schlag mit der Schlingkugel, die noch in der
+Stube auf dem Boden lag, hatte dem alten Mann den Schädel eingeschlagen
+und augenblicklichen Tod herbeigeführt.
+
+Im Hof, wo die beiden anderen Verbrecher aus dem etwa sechzehn Fuß hohen
+Fenster hinuntergesprungen sein mußten, war indessen auch nichts weiter
+zu erkennen. Das Fenster stand offen, und ließ, mit der unten gefundenen
+goldenen Uhr allerdings keinen Zweifel über die Art der Flucht; obgleich
+aber der Hof nicht gepflastert, und der Boden ziemlich weich war, hatten
+doch die seit der Zeit darauf herumgeschwärmten Menschen Alles derart
+zertreten, daß es sich nicht mehr unterscheiden ließ wohin sich die
+Beiden gewandt. Das Wahrscheinlichste blieb übrigens, daß sie durch den
+schmalen Gang auf die Straße geflohen wären, und eine Verfolgung war
+dorthin nicht mehr möglich. Nur um die nächste Ecke, und die Räuber
+konnten in dem Menschengedränge der Straße ihren Weg ruhig und
+unbeachtet fortsetzen.
+
+Der junge Hamann hatte indessen seine arme kleine Frau, deren zarte
+Glieder der rauhen Behandlung des Buben fast erlegen waren, auf ihr
+Zimmer gebracht, und sie dort der Pflege von ein paar im Hause wohnenden
+Frauen, die sich freundlich dazu erboten, übergeben, wonach er wieder zu
+dem Todtenbette seines Vaters zurückkehrte, und jetzt auch die beiden
+Freunde bat, ernstlich nach ihren Wunden zu sehn, daß sich dieselben
+nicht durch Vernachlässigung verschlimmerten. In der Aufregung aber, in
+der noch Beide waren, dachten sie kaum an die Fleischrisse, ließen sich
+jedoch von dem Arzt einen Verband darum legen und suchten dann wieder
+den Sohn über den ihn betroffenen Verlust zu trösten.
+
+Der junge Hamann, mit der ersten wilden und aufreizenden Erregung
+vorüber, saß, in sich zusammengeknickt, in der kleinen Kammer neben dem
+Bett, auf dem der Ermordete lag, und starrte mit fest und krampfhaft auf
+den Knieen zusammengefalteten Händen still und schweigend vor sich
+nieder.
+
+»Lieber Herr Hamann,« sagte Hopfgarten, freundlich auf ihn zutretend
+und seine Hand ergreifend, »geben Sie sich Ihrem Schmerze nicht also hin.
+Es ist ein trauriges Geschick was Sie betroffen hat, aber es war Gottes
+Wille, ohne den kein Sperling vom Dache fällt. Ich will Sie nicht etwa
+trösten,« setzte er freundlich und teilnehmend hinzu, »Ihr Schmerz muß
+sein Recht und seine Zeit haben -- ich weiß das gut genug, und gerade
+die Zeit allein kann ihn lindern, zuletzt heilen -- aber man muß ihm
+auch nicht in dem ersten Moment so ganz die Gewalt über sich lassen,
+denn gerade dann ist er am gefährlichen, und füllt uns das ohnedieß
+genug gequälte Herz mit bitterer Angst und Weh zum Überlaufen voll.«
+
+»Mein armer, armer Vater,« stöhnte Franz, »und auf so schmähliche,
+schändliche Weise um sein Leben zu kommen, das ihm überdieß nur noch in
+Spannen zugemessen war.« --
+
+»Nun hoffentlich entgehen die Buben der gerechten Strafe nicht,« sagte
+Eltrich; »der deutsche Constabler hatte alle Hoffnung Ihren sauberen
+Barkeeper wenigstens abzufangen. Er behauptete die Schlupfwinkel genau
+zu kennen, die jener frequentirt, und wir haben ihm auf die Seele
+gebunden, kein Geld zu sparen, den Schurken aufzufinden, ehe er
+vielleicht im Stande wäre New-Orleans zu verlassen.«
+
+Eine eigen, wunderliches Geräusch schallte in diesem Augenblick durch
+das stille Zimmer, und Franz fuhr, wie von einem Blitz getroffen, von
+seinem Stuhle auf.
+
+»Was haben Sie? -- was ist?« frug ihn Hopfgarten erstaunt.
+
+»Hörten Sie Nichts?« flüsterte Franz, mit geöffnetem Mund und
+ausgerecktem Arm, ein regungsloses Bild der gespanntesten
+Aufmerksamkeit.
+
+»Hörten? -- _was_?« rief Hopfgarten, sich ebenes überall in dem leeren
+Raume umschauend.
+
+»Es war beinah, als ob Jemand mit den Fingern schnalzte,« sagte Eltrich.
+
+»Das war Jimmy!« schrie aber Franz, wild auffahrend, »ich will nicht
+selig werden, wenn das nicht das Fingerknacken des Buben war. An die
+Thüren, Herr von Hopfgarten -- um des Heilands Willen an die Thüren
+-- der Bube ist hier noch im Zimmer versteckt!«
+
+»Aber wo?« rief dieser, den jungen Mann erstaunt ansehend.
+
+»Haben Sie dort in dem Kleiderschrank? -- haben Sie hier unter dem Bette
+nachgesehn?«
+
+»Aber ich bitte Sie um Gottes Willen.«
+
+»Er ist hier, ich schwöre es Ihnen zu,« rief aber Franz, »ich kenne das
+unselige Knacken, durch das sich der Bube jetzt verrathen hat,« und das
+Licht vom Tisch aufgreifend, hatte er es kaum an die Erde gehalten,
+unter das Bett zu leuchten, auf dem der Ermordete lag, als auch die
+klägliche Stimme des dort versteckten, und also ertappten Barkeepers
+jedem weiteren Zweifel der Männer ein Ende machte.
+
+»Ach mein bester, bester Herr Hamann,« flehte dieser mit winselnder,
+kläglicher Stimme, »ich bitte Sie doch um tausend und tausend
+Barmherzigkeits Willen, haben Sie Erbarmen mit einem unglücklichen,
+verführten, zu Grunde gerichteten Menschen -- oh Jesus, oh Jesus, thun
+Sie mir Nichts -- ich will ja vorkommen, ich will ja Alles gestehn,
+Alles was ich weiß -- Alles herausgeben was ich habe -- thun Sie mir
+nur Nichts.«
+
+»Giebt es etwas Erbärmlicheres auf der weiten Welt als _diesen_
+Menschen?« rief Franz, das Licht auf den Tisch zurückstellend, und mit
+zusammengeschlagenen Armen jetzt, wo er seines Opfers gewiß war, ein
+paar Schritte von dem Bette zurücktretend, dem Elenden Raum zu geben
+vorzukommen.
+
+»So 'was ist mir aber in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen!«
+rief Hopfgarten erstaunt aus, »der Mensch verdiente wahrhaftig allein
+seiner Dummheit wegen begnadigt zu werden.«
+
+»Ach bester Herr, bitten Sie -- bitten Sie für mich!« schrie Jimmy, der
+jetzt rasch vorgekrochen war, sich an das Wort klammernd, indem er gegen
+Hopfgarten an auf den Knieen fortrutschte, und die Hände verzweifelnd
+rang. »Ja ich _bin_ zu dumm, ich bin zu entsetzlich dumm, und habe mich
+ja allein verführen lassen zu dem schlechten, nichtsnutzigen Streich
+-- o Gnade, Gnade, Barmherzigkeit.«
+
+Hopfgarten, ohne alle Antwort, deutete nur auf die Leiche hin, und
+Jimmy, der mit scheuem Blick der Richtung des Armes folgte, sah kaum
+die furchtbare Lösung der Bewegung, als er auch mit einem wilden
+Aufschrei des Entsetzens, »Herr Jesus -- mein Herr Jesus,« nach dem Bette
+zufliegen wollte; Franz aber faßte ihn am Kragen und schleuderte ihn mit
+unwiderstehlicher Kraft davon ab.
+
+»Zurück von da!« zürnte er dem winselnd Niederbrechenden zu, »feiger,
+erbärmlicher Mörder -- rühre die Leiche nicht an!«
+
+»Ach Herr Hamann, Herr Hamann, ich bin unschuldig, ich bin unschuldig.«
+schrie aber Jimmy, »ich bin ein Dieb, ein nichtsnutziger, erbärmlicher,
+gemeiner Dieb, Herr Hamann, aber kein Mörder -- bei Allem was mir und
+Ihnen heilig ist, schwöre ich es Ihnen zu, ich bin unschuldig an dem
+Blut, ich weiß Nichts davon, ja Pelz und Meier haben es mir hoch und
+theuer versprechen müssen, kein Blut zu vergießen.«
+
+Hopfgarten, der die Zerknirschung des Burschen zu benutzen wünschte,
+forderte ihn jetzt auf Alles zu erzählen von Anfang an, wie es gekommen
+und geschehn, und Jimmy, der mit der Leiche vor sich, eine furchtbare
+Angst über sich kommen fühlte, beichtete mit gefalteten Händen, und nur
+von einzelnen Ausrufungen um Erbarmen und Gnade unterbrochen, Alles
+was er wußte, von dem Augenblick an, wo er sich mit seinen beiden
+Helfershelfern besprochen, bis wo sie auf der Treppe Hedwig hatten in
+das Zimmer gehn sehn, und in der Besorgniß, die Zeit nicht zu versäumen,
+eingebrochen waren. Was in dem Zimmer selber geschehen sei, davon wollte
+er keine Sylbe wissen, und schwur und winselte wieder, bei Allem was er
+über und unter der Erde zu schwören fand -- und er sprach dießmal die
+Wahrheit -- daß er nur Hals über Kopf gesucht habe Schmuck und Geld, was
+in dem Secretair gelegen, in seinen Leinwandsack hineinzupacken. Pelz
+und Meier hätten es übernommen gehabt, die beiden im Zimmer
+befindlichen Personen indessen ruhig zu halten.
+
+Der junge Hamann bat jetzt Herrn Eltrich um die Gefälligkeit, den
+Constabler heraufzuholen, indeß sie Beide den Burschen bewachen wollten;
+Jimmy hörte aber kaum das für ihn furchtbare Wort, als er sich wieder
+vor Franz auf die Erde warf, seine Knie umfaßte und um Gottes Willen
+bat, ihn nur dieß eine Mal den Gerichten nicht zu übergeben; er wolle
+»so 'was« ja in seinem ganzen Leben nicht wieder thun, und Alles
+herausgeben, was er schon in seinem Koffer habe, ja für Herrn Hamann
+arbeiten von früh bis spät, um Nichts wie die Kost -- _nur_ keinen
+Constabler. Der junge Mann mußte sich mit Gewalt von dem Burschen frei
+machen, und Eltrich fing schon fast an Mitleid mit ihm zu fühlen, aber
+ein Blick auf die Leiche zerstörte das bald wieder, und seinen Hut
+aufgreifend, verließ er rasch das Zimmer, den verlangten Constabler
+herbeizubringen, der wenige Minuten später den zitternden, weinenden
+Jimmy in Empfang nahm, und mit sich fortführte.
+
+
+
+
+Capitel 8.
+
+Die Überraschung.
+
+
+Hopfgarten verbrachte in körperlicher wie geistiger Hinsicht eine
+peinliche Nacht. Die Wunde, so wenig gefährlich sie auch sein mochte,
+war doch durch das ganze Fleisch des Oberarmes gedrungen, und schmerzte
+ihn sehr, und dabei quälte ihn der Gedanke, den der Gefangene in ihm
+wach gerufen, daß Henkel oder Soldegg, wie der Schuft nun auch hieß,
+hier in New-Orleans und zwar im Begriff sein solle wieder abzureisen.
+Zwar stellte er sich selber wieder und wieder vor, daß jenes Versprechen
+des ertappten Räubers eben nur eine wilde leere Ausflucht gewesen sei,
+Rettung zu finden vor dem Arm des Gerichts, und daß jener Meier so wenig
+von Soldeggs Aufenthalt wisse, wie er selber. Und doch auch wieder
+hatte eben die _Möglichkeit_ der Sache auch etwas Wahrscheinliches, daß
+derartiges Gesindel, mochte es nun im gesellschaftlichen Leben stehen
+auf welcher Stufe es wolle, wenn einmal im Verbrechen erst so weit
+gediehen, auch gegenseitig Kenntniß von einander habe, und die
+verschiedenen Schlupfwinkel und Wege kenne.
+
+Und wie nun, wenn jener schurkische Soldegg, den zu fassen und
+unschädlich zu machen, hauptsächlich aber das Band zu lösen, das sein
+unglückliches Weib noch an ihn fesselte, er allein zum zweiten Mal nach
+Amerika gekommen, jetzt hier fast in Arms Bereich von ihm war, und ihm
+vielleicht mit nächstem Morgen wieder hinaus in alle Weite entfloh?
+-- wie dann, wenn jener Meier wirklich recht gehabt, und er nun auf den
+zahllosen Dampf- und Segelschiffen, Fähren und Booten, die New-Orleans
+von Tagesanbruch bis in die späte Nacht verließen, umsonst umherrannte
+den Verbrecher zu finden. Und einmal entschlüpft, konnten dann nicht
+Jahrelang dazu gehören, bis er wieder zufällig mit ihm zusammentraf?
+-- ja war es nicht sogar möglich, daß der Bursche, müde der Gefahr, in
+den Staaten doch einmal gefangen zu werden, mit seinem Raube hinüber
+nach Frankreich oder England, oder hinunter nach Texas oder Mexico ging?
+
+Der Kopf wirbelte ihm von all dem Denken und Sinnen, und als er endlich
+in einen wilden, unruhigen, fieberhaften Schlummer fiel, quälten ihn
+tolle Träume noch mehr, als selbst das wachende Nachdenken es gethan.
+Da fand er den Betrüger, wohin er trat, und überall äffte ihn die,
+ihm unter den Händen wegschwindende Gestalt; zu Pferd wollte er ihn
+verfolgen, und der Sattel rutschte ab -- das Pferd stürzte, riß sich
+wieder auf und kam in Moorboden, in dem es stecken blieb; schießen
+wollte er nach ihm, und sein Gewehr war nicht in Ordnung -- der Pfropfen
+ging nicht in den Lauf hinunter, die Zündhütchen glitten ihm durch
+die Finger, und als er endlich geladen hatte, versagte das Gewehr; zu
+Schiff wollte er ihn verfolgen, und das flüchtige Dampfboot brauste und
+schnaubte hinter dem kleinen Kahn her, in dem sich der Bube zu retten
+suchte, da plötzlich rannten sie auf eine Sandbank; das Dampfboot saß
+fest, peitschte vergebens mit seinen Rädern die schäumende Fluth und in
+weiter Ferne verlor er den Kahn, der den hohnlachenden Verbrecher trug,
+aus den Augen -- zu Wagen war er hinter ihm drein und die Stränge
+rissen, ein Rad brach, die Pferde stürzten -- sie kamen nicht von der
+Stelle, und vor sich -- immer dicht vor sich mußte er das Hohnlachen des
+Buben hören.
+
+In Schweiß gebadet, und an allen Gliedern wie zerschlagen, wachte er
+endlich mit Tagesgrauen etwa auf, und verließ, wenngleich ihm der linke
+Arm arg geschwollen war und sehr weh that, doch augenblicklich sein Lager,
+wusch sich und zog sich an und schrieb dann, trotz seiner Aufregung
+und seinen körperlichen Schmerzen, einige Zeilen an den Professor
+Lobenstein, in denen er ihm seine Rückkunft von Deutschland meldete und
+ihn bat, sich, wenn er ihm in _irgend etwas_ dienen könne, ohne Rückhalt
+und vertrauungsvoll an ihn zu wenden. Den Brief übrigens behielt er noch
+in seiner Brieftasche, erst den heutigen Tag und seinen Erfolg
+abzuwarten, um seine Adresse sicher angeben zu können.
+
+Die Sonne war indessen aufgegangen und er eilte jetzt, nach rasch
+eingenommenem Frühstück, an die Dampfbootlandung hinunter, die dort
+liegenden Boote zu besuchen und ihre Passagiere zu revidiren. Vergebens
+aber kletterte er an Bord aller der Dampfer, deren Schornsteine rauchten,
+in Cajüte wie Zwischendeck herum, kein bekanntes Gesicht traf er an,
+und ob er sich gleich die Mühe nicht verdrießen ließ und _sämmtliche_
+Privat-Cajütenthüren, eine nach der anderen, öffnete und hineinsah, fand
+er doch nicht den Gesuchten.
+
+Ein Paketschiff nach Liverpool lag zum Auslaufen fertig; er ging an Bord
+-- von Soldegg keine Spur, und Ledermann, den er abgeholt, und der den
+besonderen Auftrag bekommen hatte, die Fährboote zu überwachen, schien
+eben so erfolglos gesucht zu haben. Meier hatte jedenfalls nur die Lüge
+rasch ersonnen, seine eigene Haut in Sicherheit zu bringen.
+
+Um elf Uhr sollte nach Verabredung Ledermann, der von dem Staatsanwalt
+einen neuen Verhaftsbefehl gegen den Verbrecher bekommen, Hopfgarten
+wieder an der Dampfbootladung treffen, das Weitere dort zu berathen, und
+dieser schoß indessen in fieberhafter Aufregung, mit dem schmerzenden
+Arm in der Binde, hin und her an der Landung, nur erst einmal, und immer
+vergebens, eine Spur des Gesuchten zu finden.
+
+Über den Strom herüber von »Algier,« dem andern Ufer, kam ein großer
+Dampfer herüber und legte an der Landung an. Vorn am Boilerdeck trug er
+wie gewöhnlich ein kleines Schild, das unter dem Namen den Ort seiner
+Bestimmung und die Stunde der Abfahrt anzeigte. Es war der:
+
+ _CHIKASAW_
+ für Little Rock.
+ Abfahrt _zehn_ Uhr!
+
+Der Chikasaw hatte in Algier Fracht für Arkansas eingenommen und jetzt
+an der New-Orleans-Landung noch einmal angelegt, etwaige Passagiere für
+Arkansas, oder die dazwischenliegenden Plätze, die schon durch die
+Zeitungen darauf aufmerksam gemacht waren, an Bord zu nehmen. Die Glocke
+läutete dabei, rasche Abfahrt kündend, und der Rauch wirbelte dick und
+schwarz in die reine klare Luft hinauf.
+
+»_Nach Little Rock!_« -- Hopfgarten gab es ordentlich einen Stich
+durch's Herz, als er den Namen las. Wenn Soldegg wirklich heute
+beabsichtigte, New-Orleans zu verlassen, so war Nichts wahrscheinlicher,
+als daß er wieder nach dem Westen gehen würde. Jedenfalls lag hier die
+Möglichkeit, ihn zu finden, und sich den Hut tief in die Stirn ziehend,
+daß an Bord, oben von der Cajüte aus, Niemand sein Gesicht erkennen
+konnte, schritt er rasch über die schmale Planke an Deck und stieg auf
+das Boilerdeck hinauf, die dort versammelten Passagiere zu mustern.
+
+Henkel war nicht unter ihnen, aber noch die Möglichkeit nicht
+ausgeschlossen, daß er vielleicht eben nur die wirkliche Abfahrt des
+Bootes erwarten würde, an Bord zu gehn, und Hopfgarten beschloß,
+jedenfalls, bis die Planken eingezogen würden, in der Cajüte zu bleiben.
+
+Unruhig hier auf- und abgehend, hielt er sich fortwährend in der Nähe
+des Boilerdecks, von wo aus er einen freien Blick über die Levée und
+Landung hatte, und besonders die Planke des Bootes selber im Auge
+behielt, ohne selber auffallend sichtbar zu sein. Es konnte dieses
+Niemand, ungesehn von ihm, betreten.
+
+Eine Menge Passagiere kamen, als die Glocke zum zweiten Mal läutete,
+heran; Männer mit Koffern auf den Schultern und Hutschachteln in der
+Hand, oder Reisesäcken unter dem Arm, Auswanderer von Deutschland, ihre
+schweren, riesigen, hölzernen, buntbemalten Koffer zu zweien im Schweiß
+ihres Angesichts, und in der Furcht zurückgelassen zu werden, über die
+Levée schleifend -- die Frauen Kinder auf Rücken und Armen. Auch ein
+Transport Altenburger Bauern, in ihrer Nationaltracht, schritt herunter
+zum Boot, sich nach dem fernen Westen einzuschiffen, und die Amerikaner,
+die fast alle Trachten der Welt zu sehn bekommen, und sich um keine groß
+bekümmern, blieben stehn, sahen den Leuten nach, und lachten über die
+wunderliche Kleidung.
+
+Jetzt kam ein ganzer Trupp braun gekleideter Männer, mit breiträndigen
+Hüten und weißen Halsbinden, von zwei Güterkarren begleitet, die
+ihr Gepäck führten, die Levée nieder und auf das Boot zu. Es waren
+jedenfalls Geistliche, und Hopfgarten wandte sich an den neben ihm
+stehenden Clerk oder Buchhalter des Bootes mit der Frage, ob er wisse,
+wer die Herren wären, und wohin sie in solcher Menge gingen.
+
+»Ah blos Methodistenprediger,« lachte dieser -- »ein ganzer Schwarm, den
+wir vor acht Tagen von Little Rock mit herunter gebracht haben. Es sind
+meist Circuit-rider aus dem Westen, die hier zu einer protestantischen
+Versammlung, wirksame Maasregeln gemeinschaftlich gegen den »Antichrist«
+zu berathen, wie sie uns selber sagten, heruntergekommen sind, und jetzt
+wieder auf ihre Posten zurückgehn. Es ist eine Vergnügungsreise für die
+Herren, zu der sie vorher natürlich eine tüchtige »fromme Sammlung«
+gemacht haben.«
+
+Die Geistlichen, elf an der Zahl, kamen indeß an Bord und die
+Boilerdeckstreppe herauf in die Cajüte. Hopfgarten blieb an der Thür
+stehn, und sah sie einzeln neben sich vorübergehn. Es waren meist
+ausdruckslose Gesichter, einzelne aber auch mit verschmitzten Augen, und
+scharfgeschnittenen Zügen; der Deutsche hatte jedoch kein Interesse an
+ihnen, und wollte seine Aufmerksamkeit eben wieder der Levée zuwenden,
+als Einer der Geistlichen ihn mit einem langsamen, salbungsvollen
+Kopfnicken grüßte, und an ihm vorbei die Cajüte betrat.
+
+Hopfgarten sah ihn überrascht und verwundert an; der Mann trug allerdings
+einen sehr anständigen, braunen, langen Rock von feinem Tuch, eine
+schneeweiße Halsbinde, blank gewichste Stiefeln und einen breiträndigen,
+schwarzen Filzhut, wie die Anderen, aber _das_ Gesicht war nicht zu
+verkennen, und, wenn einmal gesehn, nicht wieder zu vergessen.
+
+»Herr Maulbeere!« rief Hopfgarten, in diesem Augenblick selbst Henkel
+vergessend, »träume ich denn oder wach ich -- sind Sie es, oder sind Sie
+es nicht?«
+
+»Mein lieber Herr von Hopfgarten,« sagte der Angeredete, dem wirklich
+Verblüfften, mit einem milden Lächeln in dem glatt rasirten Gesicht,
+die Hand reichend und feierlich schüttelnd, »es ist mir ein ungemein
+wohlthuendes Gefühl, Sie nach so langer Trennung wieder einmal begrüßen
+zu können -- ich habe in meinen Gebeten manches Mal recht freundlich
+Ihrer gedacht.«
+
+Hopfgarten blinzte mit den Augen, trat sich auf den Fuß und suchte sich
+im Anfang wirklich erst ordentlich gewaltsam davon zu überzeugen, daß er
+nicht träume, und mit wachenden Augen den schmutzigen Scheerenschleifer
+Maulbeere, den Schnapsprediger von der Haidschnucke, solcher Art
+ausgekrochen und als Schmetterling -- als Braunes Ordensband -- der
+Gedanke kam ihm unwillkürlich -- in der sonnigen Luft herumflattern zu
+sehn. Aber Maulbeere lebte und athmete, that auch Nichts, das Erstaunen
+des vor ihm Stehenden zu beseitigen, sondern schien sich eher an dessen
+Überraschung zu weiden.
+
+»Aber wie, um Gottes Willen, kommen Sie in _diesen_ Rock, in _diese_
+Gesellschaft?« rief er endlich, jede weitere Höflichkeit bei Seite
+setzend, aus -- »ja, wenn mir Jemand des Himmels Einsturz --«
+
+»Spotten Sie nicht, oder profaniren Sie nicht eine so heilige, ernste
+Sache« -- unterbrach ihn aber Maulbeere schnell und fast ängstlich. »Daß
+der Herr da oben« -- und er warf einen frommen Blick nach der Decke
+hinauf, »_Wunder_ thut, brauche ich Ihnen, als gebildetem Mann, nicht
+zu sagen. _Sein_ Geist hat mich erleuchtet -- Sein Hauch den Teufel
+ausgeblasen, der in mir lebte und thätig war -- der Herr hat Gräuel an
+den verkehrten Herzen, und Wohlgefallen an den Frommen -- der Gottlose
+ist wie ein Wetter, das überhingeht, und nicht mehr ist, der Gerechte
+aber bestehet ewiglich -- der Mund des Gerechten bringt Weisheit,
+aber das Maul des Verkehrten wird ausgerottet -- rühme Dich nicht des
+folgenden Tages, denn Du weißt nicht, was heute sich begeben mag.«
+
+ [Illustration Capitel 8]
+
+»Aber wie ist es möglich gewesen, in der kurzen Zeit eine solche
+Verwandlung --«
+
+»Der Herr ist Allen gnädig,« sagte Maulbeere, mit einem zweiten frommen
+Blick die Hände faltend, »und erbarmet sich aller seiner Werke -- des
+Herrn Geist stieg auf seinen Knecht nieder in der Nacht des Unglaubens,
+da Alles finster war, und siehe da, ein feines Lämplein wurde
+aufgestellt in dem Tummelplatz des Satans, und sein helles, goldenes
+Licht trieb die Sünde aus dem gereinigten Gefäß!«
+
+Hopfgarten schüttelte immer noch, wie seinen Sinnen nicht recht trauend,
+den Kopf. Die Gestalt vor ihm aber hatte Fleisch und Bein, und der
+braune Rock so wenig, wie die schneeweiße, reine Binde ließen sich
+wegleugnen.
+
+Die übrigen Geistlichen hatten sich indeß in der Cajüte versammelt, ein
+paar Minuten leise mitsammen geflüstert, und Einer von ihnen kam jetzt
+wieder der Thüre zu, wo die Beiden standen und sagte mit einem milden,
+lächelnden Blick:
+
+»Der Bruder Mulberry wird freundlich von uns aufgefordert, an einem
+stillen Dank, dem Höchsten für die glückliche Beendigung unserer frommen
+Sendung zu bringen, Theil zu nehmen.«
+
+Maulbeere neigte langsam sein Haupt, und sich dann wieder zu Hopfgarten
+wendend, sagte er:
+
+»Wir haben wohl das Vergnügen, mit Ihnen zusammen die Reise nach Little
+Rock zu machen?«
+
+»Nein, bester Herr Maulbeere, das thut mir wahrhaftig leid,« erwiederte
+dieser -- »ich bin nur an Bord gekommen, Jemand zu suchen.«
+
+»Das schmerzt mich in der That,« sagte Maulbeere, indem er in die Tasche
+griff und ein kleines Paket Bücher und eine Visitenkarte herausnahm
+-- »sollten Sie aber später einmal wieder in unser wildes, westliches
+Land kommen, so wird es mich herzlich freuen, zu sehn, daß es Ihnen gut
+geht -- diese Karte hier enthält meine Adresse -- und mich _glücklich_
+machen, zu hören, daß auch Sie den _wahren_ Frieden in Gott gefunden,
+und die Bahn des Heils betretend, den breiten, ebenen Weg verlassen
+haben, der hinab zu Sünde und Verdammniß führt. Gott sei mit Ihnen -- er
+erleuchte Sie -- er neige sein Antlitz über Sie, und gebe Ihnen seinen
+Frieden -- Amen!«
+
+Und mit einer halb segnenden, halb grüßenden Handbewegung gegen Herrn
+von Hopfgarten, der Bücher und Karte fast unbewußt in der Hand behielt,
+und dann ebenso in die Tasche steckte, drehte er sich langsam von ihm
+ab, und schritt seinen Gefährten am andern Ende der Cajüte zu.
+
+Ein neuer Trupp Fremder zog in diesem Augenblick die Aufmerksamkeit
+unseres Freundes auf sich, die Glocke läutete dabei zum dritten Male,
+und das Boot machte Anstalt zur Abfahrt. Nirgends aber ließ sich eine
+Gestalt erkennen, die der des Gesuchten auch nur im Entferntesten
+geglichen hätte, obgleich Hopfgarten vollkommen darauf vorbereitet war,
+das Gesicht Soldeggs durch Bart oder Brille vielleicht so viel als
+möglich unkenntlich gemacht zu sehn. Mit dem Chikasaw beabsichtigte
+dieser keinesfalls, den Strom hinaufzugehn, und er mußte zuletzt, als
+die Planken und Taue eingeholt wurden und die Räder nach rückwärts an zu
+arbeiten fingen, das Boot in den Strom hinauszuschieben, an Land
+springen.
+
+Auf seiner Uhr war es jetzt halb elf Uhr, und er ging, die Ankunft
+Ledermann's hier verabredeter Maßen zu erwarten, indessen ungeduldig an
+der Levée auf und ab. Seine rechte Hand in die Tasche schiebend, fühlte
+er dort die vorher in Gedanken eingesteckten, ihm von Maulbeere
+übergebenen Schriften, und nahm sie heraus, zu sehn, was sie enthielten.
+
+Es waren natürlich Traktätchen. Das eine handelte über die Heiligkeit
+des Sabbaths und die Gefahr der Sabbathschändung, mit einem
+abschreckenden Beispiel, wie ein Knabe an einem Sonntag einmal den Fluß
+befahren hatte und ertrunken war -- während Millionen Beispiele,
+dasselbe Verbrechen jeden Sonntag verübend, glücklich abfuhren und eben
+so landeten -- das andere über die Bibelvertheilung, und die übrigen
+über das Missionswesen, und dessen dringende Nothwendigkeit; jedes am
+Schlusse mit einer Bitte um die Unterstützung der frommen Männer, die in
+die Wildniß, unter wilde Bestien und wildere Menschen zögen, und von
+Wurzeln und Rinde lebten, das Evangelium zu predigen. Auf der Karte
+stand:
+
+ #The Reverend Zachäus Mulberry.#
+ #Little Rock. Arks.#
+
+Die Karte steckte Hopfgarten zum Andenken ein, die Bücher warf er fort.
+
+Und Ledermann kam noch immer nicht -- es war schon fast drei Viertel auf
+elf, und Hopfgarten ging wie auf Kohlen, in Angst und Ungewißheit, den
+Strahlen der heißen Sonne ausgesetzt, an der Landung auf und ab.
+
+»Gott der Gerechte, der Herr Baron,« redete ihn da plötzlich eine Stimme
+an, und als er sich rasch danach umdrehte, stand ein Mann, augenscheinlich
+ein Israelit, von dessen Gesicht Hopfgarten aber keine Ahnung hatte, in
+einem dunklen, anständigen Rocke, mit einem kleinen Strohhute auf, vor
+ihm, und machte ihm eine tiefe Verbeugung; der Mann mußte aber jedenfalls
+sehn, daß ihn der Herr, den er angeredet hatte, nicht erkannte und er
+fuhr lächelnd fort:
+
+»Gottes Wunder -- hob' ich mich denn gar so sehr verändert, daß so an
+lieber Herr anen alten Raisegesellschafter sollte vergessen haben.
+Kennen Sie den Veitel Kochmer nicht mehr?«
+
+»Veitel Kochmer? -- nein --«
+
+»Kennt den Veitel Kochmer nicht mehr;« lachte der Alte, mit dem Kopf
+dabei schüttelnd -- »den Mann mit der Holzharmonika, dem Sie an
+Concertchen zusammengebracht haben an Bord, als an guter und
+freundlicher Herr.«
+
+»Veitel Kochmer,« rief Hopfgarten, sich jetzt des Namens entsinnend,
+»ja Euch hätte ich allerdings nicht wieder erkannt -- Ihr seht ganz
+anders aus -- tragt den langen Bart nicht mehr und den Kaftan -- es geht
+Euch gut?«
+
+»Gott soll gedankt sein, ja.«
+
+»Und Euer Sohn --«
+
+»Mai Sohn? -- wie haißt mai Sohn --« sagte der Mann, ungeduldig den Kopf
+schüttelnd -- »das Jüngelche, was ich bei mer hatte, mit die hibsche
+Stimme -- wenn's ane bessere Lunge und a schlechtere Stimme gehabt
+hätte, lebt es _noch_.«
+
+»Ihr habt ihn sich todt singen lassen,« sagte Hopfgarten ernst.
+
+»_Ich_ hab' ihn sich todt singen lassen? -- wie haißt? -- soll sich die
+Lunge beim Magen beschweren -- der Eine arbeitet mit die Händcher, der
+Andere mit die Lunge, aber Alle arbeiten mer um ze leben, ze essen un
+ze trinken, und an Rock auf dem Leib ze haben -- hob ich en nich acht
+Wochen gepflegt, als _ob_ er mai Sohn gewesen wäre, und stirbt er mer
+nich zuletzt wie zum Possen? -- Soll mer Gott helfen, als ich nich hob'
+Schaden gehabt an dem Jüngelche. -- Aber Herr Baron -- kennten wir zwei
+Beide nich a klanes Geschäftche zesammen machen; hob' ich was ganz
+Extraes von gute Staincher, vor solch einen fürnehmen Herrn, wie der
+Herr Baron.«
+
+»Ich danke, lieber Kochmer, ich brauche Nichts in der Art,« sagte
+Hopfgarten, wieder nach seiner Uhr sehend, »kann mich auch
+augenblicklich gar nicht damit befassen -- haben Sie eine Uhr bei
+sich?«
+
+»Ja wohl, Herr Baron -- werd' ich ka Ürche haben, un a Staatsürche is
+es,« fuhr er fort, eine goldene Cylinderuhr aus der Tasche nehmend,
+»geht se doch um drei Minuten besser wie die Sonne -- s' ist gerade
+sieben Minuten über dreiviertel auf elf -- kennten wir _damit_
+vielleicht en Handelche machen?«
+
+»Ich danke wirklich -- ich habe selber eine ganz gute Uhr und brauche
+keine, wollte auch nur sehen ob die meinige richtig ginge.«
+
+»Wenn Sie die Staincher emol sähen, würden Sie Appetit kriegen -- se
+sain zum 'Reinbeißen,« fuhr aber Veitel, nicht so leicht abgewiesen, in
+seinem Anpreisen der Juwelen fort, »hob ich die Musik doch jetzt ganz
+an den Nagel gehängt un mich auf die Staincher gelegt. Wer die Sache
+versteht ist's a solides, prächtiges Geschäftge hier in Amerika -- wenn
+mer sai Zeit kann abpasse.« Und er nahm dabei ein kleines Etui aus
+seiner Brusttasche, das er öffnete und dann, den Kopf schräg zur Seite
+davon zurückhaltend, die Sonnenstrahlen auf die wirklich schönen Steine,
+die in tausend Lichtern funkelten, wieder fallen ließ.
+
+Hopfgarten hatte indessen die Levée auf und abgesehn, den so sehnlich
+Erwarteten endlich irgendwo zu erspähen, aber vergebens; Ledermann ließ
+sich nirgends blicken und der Zeiger seiner Uhr, den er ungeduldig und
+ununterbrochen fragte, schien nicht von der Stelle zu rücken.
+
+»Ich danke Euch Veitel -- ich brauche wirklich Nichts der Art,« sagte
+er zerstreut, »trage weder Ringe noch Tuchnadeln, und muß hier im Lande
+auf- und abreisen, wo man solche Sachen am allerwenigsten bei sich
+führen kann.«
+
+»Aber so sehn Sie nur emol die Pracht an,« drängte Veitel.
+
+»Ja, sehr schön -- wirklich brillant,« sagte Hopfgarten, einen flüchtigen
+Blick darauf werfend, und dann durch das Feuer derselben doch verlockt
+sie aufmerksamer zu betrachten; »sehr schöne Steine in der That, aber
+wie gesagt, Nichts für mich.«
+
+»Und _das_ Stainche hier vor a Tuchnadel -- ah?« sagte Veitel, vor
+Hopfgartens Augen ein Türquis in der Sonne blitzen lassend.
+
+»Mensch, wo hast Du den Stein her?« rief aber Hopfgarten unwillkürlich
+erschreckt aus, als sein Blick auf einen sehr schönen großen _dreieckigen_
+Türquis fiel, den Veitel zwischen den Fingern hin und her drehte.
+
+»Woher? -- Gottes Wunder!« rief der Jude erschreckt, »ehrlich gekauft,
+soll mer Gott helfe.«
+
+»Ich sage ja Nichts dagegen, Veitel,« rief Hopfgarten rasch, ihn zu
+beruhigen, »gewiß ist er ehrlich gekauft, aber von wem? ich kenne den
+Stein -- habe wenigstens von ihm, oder einem ganz ähnlichen gehört, ich
+möchte gern --«
+
+»Von wem? von em achtbaren, soliden Herrn, von em wahren Schentelmenn in
+sein Handeln und Geschäftcher,« sagte Veitel, immer noch in der Meinung,
+ein Verdacht ruhe auf ihm, »und wenn er nicht hait Morgen abgereist
+wäre, kennten Se ihn selber fragen, Herr Baron -- ist en alter
+Bekannter von Sie, noch vom Schiff her.«
+
+»Heute Morgen abgereist? -- wohin Veitel?« sagte Hopfgarten, der sich
+krampfhaft mit der rechten Hand in die Seite griff, nur um ruhig zu
+bleiben und seine Aufregung nicht zu verrathen, »wer war es denn
+eigentlich -- der -- der Doktor Hückler?«
+
+»Gott soll bewahren, der Herr Henkel, und mit dem Schtiemer ist er fort
+nach der Havanna.«
+
+»Mit dem Postdampfer nach Havanna?« rief Hopfgarten, jetzt wirklich
+_nicht_ mehr im Stande sich zu mäßigen -- und der ist heute Morgen
+fort?«
+
+»_Hait_ Morgen wird er fort sain,« sagte Veitel, »Gottes Wunder was is
+jetzt dermehr?«
+
+»Ledermann!« schrie da Hopfgarten, Veitel gar nicht mehr beachtend, den
+Freund an, der eben jetzt, so lang schon herbeigewünscht, gerade über
+die Levée herüber und auf Herrn von Hopfgarten zukam, »wann, um Gottes
+Willen, geht der Havanna Steamer?«
+
+»Die Cuba? -- um elf Uhr,« sagte dieser erstaunt.
+
+»Großer Gott -- es muß gleich schlagen -- so ist er noch nicht fort?«
+
+»Dort drüben können Sie ihn sehn,« sagte Ledermann, der von der hohen
+Levée aus ein paar Momente mit den Augen in den Fluß hinein gesucht
+hatte -- gerade zwischen den beiden ausgezackten Schornsteinen jenes
+Bootes dort -- das große Dampfschiff, aus dem der Rauch so dick
+aufsteigt.«
+
+»Henkel ist an Bord!« war Alles was Hopfgarten herausbringen konnte,
+»großer Gott, daß wir nicht an das Havanna-Schiff gedacht.«
+
+»Gott der Gerechte!« rief Veitel, seine Steine einsteckend und in
+Verwunderung die Hände zusammenschlagend, »was han Se uf amol vor a Eil;
+wird der Herr Henkel doch wiederkommen in vier oder fünf Woche, wie er
+mer hot gesagt.«
+
+»Noch ist es vielleicht Zeit,« rief aber Ledermann, der indeß rasch das
+Terrain überschaut hatte; »_so_ pünktlich gehen die Dampfer nicht ab;
+einzelne Passagiere zögern immer etwas länger am Ufer, oder der Capitain
+kann auch seine Geschäfte nicht so rasch besorgen. Dort fährt ein Cab
+-- gegenüber dem Dampfer nehmen wir ein Boot, und einmal von den Schiffen
+frei, daß sie an Bord unser Tücherschwenken sehen können, und wir kommen
+noch zur rechten Zeit.«
+
+»Veitel!« rief Hopfgarten, sich rasch nach diesem umdrehend, »kommt
+morgen früh zu mir in das St. Charles Hotel -- verstanden? -- bringt
+Euere Steine mit -- und nun fort Ledermann, fort!« und diesem voran
+laufend winkte er schon von weitem dem kleinen einspannigen Cabriolet
+zu, dessen Kutscher, Passagiere suchend, langsam die Levée an der
+Dampfbootlandung hinabfuhr. Der Mann zügelte sein Pferd ein und
+Hopfgarten bot ihm einen Dollar, wenn er sie so rasch das Pferd laufen
+könne dem Havanna Steamer gegenüber die Straße niederführe.
+
+»Halt, dort geht ein Constable!« rief ihm aber Ledermann zu, »den nehmen
+wir mit.«
+
+»Kann nicht drei Passagiere fahren, Sir,« sagte der Kutscher.
+
+»Du bekommst einen Dollar für jeden, wenn Du uns rasch an Ort und Stelle
+bringst!« rief der Deutsche, dem Angst und Aufregung fast die Sprache zu
+nehmen drohte. Ledermann lief indessen, so rasch ihn seine langen Füße
+trugen, und sehr zum Ergötzen der ihm Begegnenden, der nächsten Straßenecke
+zu, an der er einen ihm bekannten Constable erspäht hatte. Wenige Worte
+genügten, diesen mit Allem bekannt zu machen was Noth that, und zwei
+Minuten später galopirte das eben nicht sehr kräftige Pferd, von der
+wacker geführten Peitsche seines Herrn getrieben, in flüchtigen Sätzen
+die Straße nieder. Unterwegs unterrichtete der Constable diesen dabei,
+dem großen Dampfschiff gegenüber, das sie jetzt deutlich erkennen
+konnten, anzuhalten, wo er Miethboote wüßte.
+
+»Ay ay Sir!« sagte der Mann, und hieb stärker auf sein Pferd, »kommen
+noch zurecht, wenn mein alter Jack nicht bis dahin zusammenbricht.« Das
+Pferd hielt sich aber wacker, und plötzlich gegen die Levée anfahrend,
+denn den Wasserrand konnten sie von da aus, des hochaufgeworfenen Dammes
+wegen nicht sehen, hielt er an.
+
+»Boot Sir? -- Boot für den Steamer?« riefen ihnen hier schon vier, fünf
+Bootsleute zu gleicher Zeit entgegen, die sich herbeidrängten, die
+geglaubten Passagiere nach dem Dampfschiff zu bringen; dieses konnte
+seines Tiefgangs wegen hier nicht dicht am Ufer anlanden, und mußte ein
+Stück draußen im Strom vor Anker liegen; »höchste Zeit, Gentlemen, aber
+wir bringen Sie hinüber.«
+
+»Fünf Dollar, wenn wir zur rechten Zeit kommen.«
+
+»Hier Sir! hier ist ein Boot das es thun kann!« schrie Einer Hopfgarten
+am Arm ergreifend.
+
+»Mit dem alten Kasten kommst Du nicht vor Abend hinüber,« überschrie ihn
+ein Anderer, »_meins_ ist der Clipper, Gentlemen, der über das Wasser
+fliegt.«
+
+Der Constable hatte indessen von der Levée aus mit einem Kennerblick die
+Boote rasch übersehen, und den beiden Fremden winkend ihm zu folgen,
+sprang er in das, was ihm am tüchtigsten schien, hinein, und hinten an
+das Steuer. Die beiden Bootsleute, die dazu gehörten, nahmen mit einem
+Hohnlachen über die besiegten Gefährten ihre Sitze ein, und wenige
+Sekunden später schoß das scharfe, wackere Boot, die gelbe Fluth zu
+beiden Seiten in Schaum hinauswerfend, zischend und spritzend über den
+breiten Strom dem Dampfer zu.
+
+»Wir kommen wahrhaftig zu spät!« rief Hopfgarten in Todesangst mit der
+rechten Hand sein Tuch schwenkend, »dort pufft das Schiff schon seinen
+Dampf aus, und die Räder fangen an zu arbeiten.«
+
+»Nur keine Furcht Sir,« sagte der eine der Bootsleute, der einen Blick
+über seine Schulter weg nach dem näher und näher rückenden Fahrzeug
+warf, »sie arbeiten nur gegen die Strömung langsam an, den Anker
+heraufzuheben; die Kette ist noch unten.«
+
+»Er hat recht,« rief aber auch der Constable jetzt, »die Kette ist noch
+aus und wir kommen zur rechten Zeit.«
+
+»Gott sei Dank,« sagte Hopfgarten leise, aber tief aufseufzend vor sich
+hin, und von dem Augenblick an schien es, als ob jede Unruhe, jedes
+Schwanken von ihm genommen sei. Ruhig ein Bein über das andere gelegt,
+beobachtete er ihre Annäherung an das keuchende, gewaltige Dampfschiff,
+und überflog mit seinem Blick nur manchmal rasch und forschend das
+aufgebaute Quarterdeck des Fahrzeugs, zwischen den dort auf- und
+abgehenden Passagieren den Gesuchten herauszufinden; aber er bemühte
+sich nicht mehr sein Gesicht zu verbergen -- der Verbrecher konnte ihm
+nicht mehr entgehen.
+
+An Bord traten jetzt ein paar Mann, das nahende Boot bemerkend, oben an
+die noch aushängenden Fallreeps; der eine von diesen hielt ein dünnes
+zusammengerolltes Tau in der Hand, und warf es dem einen der Bootsleute
+zu, der es durch den Ring vorn zog und um die vordere Queerbank
+schlug. Im nächsten Augenblick lag das kleine schwanke Boot, auf
+den kurzen Wellen tanzend, die das Starbordrad schlug, dicht an die
+steilaufsteigende Seitenwand des mächtigen Fahrzeugs an, und der
+Constable rief hinan:
+
+»Ein Tau hier herunter, Boys, für den Gentleman; er hat einen kranken
+Arm und kann sich nicht halten.«
+
+Wenige Secunden später war dem Rufe Folge geleistet; der Constable legte
+das Seil um Herrn von Hopfgartens Mitte, und während die Matrosen oben
+langsam anzogen und ihn dadurch stützten, lief derselbe rasch an der
+steil niederhängenden Fallreepstreppe auf.
+
+»Danke -- danke herzlich,« sagte dieser, während sein Blick an dem
+Quarterdeck hing; aber auch dort sah er nicht den, den er suchte, und
+sich an den Steuermann des Schiffs wendend, der seine Leute eben gefragt
+hatte, ob der Herren _Gepäck_ schon an Bord sei, bat er diesen ihm zu
+sagen wo er den _Clerk_ der Cuba fände.
+
+»Dort oben, Sir -- an der Starbordtreppe; der mit dem Panama-Hut auf,
+Sir, und dem kleinen Buch in der Hand.«
+
+»Sie wünschen Plätze in der Cajüte, Sir?« frug ihn dieser freundlich,
+»der Steward soll Ihnen gleich Ihre #staterooms# anweisen.«
+
+»Bitte, mein Herr,« sagte Hopfgarten, dem seine beiden Begleiter auf dem
+Fuße folgten, »können Sie mir nicht Auskunft geben, ob ein gewisser
+_Soldegg_ an Bord ist?«
+
+»Soldegg? -- Soldegg?« sagte der Clerk nachdenkend sind dabei sein
+kleines Buch öffnend, eine dort eingetragene Liste mit den Augen
+überfliegend, »ist noch nicht notirt, Sir.«
+
+»Oder Henkel?«
+
+»Ebenfalls nicht,« lautete die Antwort, nach kurzer Pause.
+
+»Oder Holwich?«
+
+»Keiner der drei Herren; aber es sind einige Gentlemen erst in der
+letzten halben Stunde an Bord gekommen, deren Namen ich noch nicht
+eingeschrieben habe. Sie werden unterwegs Zeit genug bekommen deren
+Bekanntschaft zu machen; soll ich Ihnen indessen --«
+
+»Bitte, mein Herr, mein Besuch ist anderer Art,« sagte Hopfgarten ruhig;
+»ich habe einen Verhaftsbefehl mit gegen einen gefährlichen Verbrecher,
+und ich glaube, ja ich weiß ihn an Bord.«
+
+»Oh wenn das ist,« lachte der Clerk, »dann hat der Herr auch vielleicht
+einen andern Namen angegeben; nichts leichter als das. Wohl ein Constable,
+der eine der Herren?« -- dieser nickte mit dem Kopf -- »#well#, dann
+bemühen Sie sich nur gefälligst selber in die Cajüte hinunter, und sehn
+Sie sich dort um; ich werde es indessen dem Capitain melden, und Ordre
+geben, daß das Schiff nicht unterwegs geht.«
+
+Hopfgarten blieb einen Augenblick stehn, Athem zu holen, so preßte ihm
+die Aufregung dieses Momentes Brust und Herz zusammen, äußerlich aber
+war er vollkommen ruhig, und Ledermann und den Constable bittend, ihn
+vorangehn zu lassen, und erst nach ein paar Minuten zu folgen, stieg er
+mit festen, ruhigen Schritten die Quarterdeckstreppe hinauf, und die
+breiten Mahagonystufen, die von da in die untere Cajüte führten, wieder
+hinunter, und öffnete, von dem Steuermann begleitet, dem der Clerk ein
+paar Worte über den Zweck dieses Besuches zugeflüstert, die Thür der
+Cajüte, in der einige zwanzig Passagiere in den verschiedensten
+Stellungen umhersaßen und standen, und ziemlich ruhig die nahe Abfahrt
+des Dampfers, dessen Maschine schon unter ihnen arbeitete, zu erwarten
+schienen.
+
+Aber Hopfgarten sah nur _Einen_ von allen diesen; auf dem mittleren
+Sopha, das eine Bein behaglich über das andere gelegt, und neben sich
+auf einem kleinen Tisch eine Flasche mit Rothwein und ein Gefäß mit
+großen, klaren Eisstücken, ein Buch in der Hand, in dem er nachlässig
+blätterte, lag _Henkel_ und schien so sorglos und unbekümmert die
+Abfahrt des Bootes zu erwarten, so sicher seiner Umgebung zu sein, daß
+er nicht einmal aufsah, als Hopfgarten langsam auf ihn zuging, bis
+dieser neben seinem Tische stehn blieb und Henkel jetzt, mit einem
+leisen Schrei der Überraschung emporfahrend, ganz plötzlich seinen alten
+Reisegefährten neben sich erkannte.
+
+»Alle Wetter! Herr von Hopfgarten,« sagte er aber, sich rasch sammelnd;
+»das ist ein prächtiges Zusammentreffen, und wir sind auf's Neue
+Reisegefährten? -- Schade, daß Frau von Kaulitz nicht da ist, für den
+dritten _Mann_.«
+
+»Wir bekommen noch Gesellschaft,« sagte Hopfgarten, sich ruhig umsehend
+und den jetzt eben eintretenden Ledermann heranwinkend -- »Herr Henkel
+oder Soldegg oder Holwich -- ich weiß nicht unter welchem Namen Sie
+jetzt reisen -- ich habe ihnen hier einen alten Bekannten vorzustellen,
+der eine weite Reise im Auftrag seiner Regierung gemacht hat, nur das
+Vergnügen Ihrer werthen Begleitung zu haben.«
+
+»Was soll das? -- was wollen Sie von mir?« sagte Henkel finster, sich aber
+doch leicht entfärbend, als er den Aktuar von Heilingen plötzlich hier
+erkannte. Einen forschenden, unruhigen Blick warf er dabei in der Cajüte
+umher, der indeß weiter Nichts Beunruhigendes bot, da der Steuermann an
+die Bar getreten war, und der Constable, der Gruppe die Seite zudrehend,
+eine Zeitung aufgenommen hatte, als ob er mit zu den Passagieren gehörte
+-- »ich bin gerade nicht aufgelegt zu scherzen, sonst könnte ich Ihnen
+vielleicht wieder meinen -- Zwillingsbruder schicken, sich mit dem
+abzufinden.«
+
+»Herr Henkel,« sagte Ledermann ruhig -- »wir haben ein Boot unten
+liegen, und ersuchen Sie, uns gutwillig und ohne weiteres Aufsehn zu
+erregen, da hinein zu folgen, das Weitere werden wir an Land abmachen.
+So viel genüge Ihnen zu wissen, daß wir autorisirt sind, in dieser Weise
+zu handeln -- ich habe einen Verhaftsbefehl für Sie in der Tasche.«
+
+»Haho!« rief Soldegg aber, dem im Nu die ganze Größe der über ihn
+hereinbrechenden Gefahr klar wurde -- »Herr von Hopfgarten will
+sich revangiren -- hahaha -- aber die Herren haben sich verrechnet
+-- _lebendig_ bekommen sie mich nicht -- und überdieß -- wer giebt
+Ihnen das Recht, mich hier verhaften zu wollen?« Seine rechte Hand glitt
+dabei rasch und verstohlen unter die Weste, die Bewegung aber war
+dem Constable, der ihn indessen scharf und aufmerksam von der Seite
+beobachtet hatte, nicht entgangen, und seinen Rock zurückwerfend, unter
+dem er sein Polizeizeichen trug, ging er auf den wild und drohend zu ihm
+aufblickenden Verbrecher zu und wollte, mit den Worten: »#You are my
+prisoner!#«[5], die Hand auf dessen Schulter legen, als Henkel, unter
+dem Arm fortgleitend, einen Schritt zurücksprang; mit der rechten aber
+zu gleicher Zeit ein mächtiges, blitzendes Bowiemesser aus der Weste
+riß, und mit wildem, höhnischen Lachen schrie:
+
+»Lebend nicht -- Bahn frei, oder, beim Teufel, ich hacke Pastetenfleisch
+aus Euch!« Zu gleicher Zeit führte er einen Hieb nach dem Constable, dem
+dieser nur durch ein jähes Zurseitespringen entgehn konnte, und warf
+sich auf Hopfgarten, wieder die Klinge zum Hieb gehoben. Dieser aber,
+ohne einen Zoll breit zu weichen, hatte eine gleiche Waffe gezogen,
+und bereitete sich, den Schlag zu pariren, als der Steuermann, etwas
+Ähnliches schon lange erwartend, ohne sich aber selber zwischen die
+gehobenen Messer hineinzuwagen, einen Stuhl aufgriff und Henkel so
+geschickt vor die Füße schleuderte, daß dieser im vollen Wurf darüber
+hinflog.
+
+»Brav gemacht!« schrie der Constable, der indeß einen Revolver aus
+seinem Gürtel gerissen hatte, Gewalt mit Gewalt zu begegnen -- »jetzt
+bekommen wir den Burschen lebendig.« Und um den Stuhl flog er herum,
+zwischen die Thür und den Gefangenen zu kommen, und diesem den Weg
+abzuschneiden. Henkel aber, zum Äußersten getrieben und recht gut
+wissend, was ihn erwartete, wenn er in die Hand der Feinde fiel,
+schnellte im Nu, sein Messer noch fest im Griff haltend, vom Boden
+wieder auf und sprang gegen die Thür an, von der fort die zufällig
+dort herabkommenden Passagiere, vor der drohenden Gestalt mit der
+geschwungenen Waffe scheu zur Seite stoben.
+
+»Halt!« schrie der Constable, »im Namen des Gesetzes!«
+
+Henkel hatte die Thür erreicht und stieß sie vor sich auf, als ein
+scharfer Knall, und gleich darauf weißer Pulverrauch den Raum füllte
+-- ein wilder Schrei und eine blutende, todtenbleiche Gestalt, der die
+blanke Waffe entfiel und klirrend die Stufen zurückrollte, taumelte die
+Treppe hinauf an Deck, zwischen die entsetzten Passagiere.
+
+»#You are my prisoner Sir!#« schrie der Constable, den Flüchtling
+einholend und an der Schulter fassend.
+
+»#Ready for hell!#«[6] stöhnte dieser, ließ die Arme sinken, drehte sich
+einmal im Kreise herum und brach, wo er stand, zusammen.
+
+»_Den_ Passagier könnt Ihr von der Liste streichen, Clerk,« sagte der
+Steuermann ruhig zu diesem, als er an Deck kam -- »steht bei hier,
+Jungen, und hebt den Cadaver einmal in's Boot hinunter, und zwei von
+Euch waschen die Flecken hier weg und die Treppe rein. Marsch mit Euch
+und ein Bischen schnell -- ist der Anker auf?«
+
+»Alles klar, Sir!«
+
+»Gut, in fünf Minuten müssen wir unterwegs sein -- die Herren mögen die
+Geschichte dann selber an Land ausmachen.«
+
+Hopfgarten stand neben der Leiche und sah tief aufseufzend in die
+bleichen Züge, in die stieren zu ihm aufgedrehten Augen -- aber er
+sprach kein Wort; nur das Messer, das er noch offen in der Hand trug,
+barg er wieder in der Scheide, und einen kleinen weißen Handschuh aus
+seiner Brust nehmend, bog er sich nieder, und netzte das zarte
+schneeige Leder mit dem quellenden Blut des Gerichteten.
+
+Zwei Matrosen faßten die Leiche jetzt auf und trugen sie zu der
+Fallreepstreppe, wo Andere mit den Tauen standen und sie hinunter
+ließen; der Constable hatte sich indessen vom Clerk das Gepäck, das
+dem Gericht verfallen war, ausliefern lassen.
+
+»Hallo, da kommt noch ein Passagier!« rief der eine Bootsmann, als die
+Seeleute die Leiche rasch nach unten viehrten -- »dacht' es mir beinah,
+wie ich den Schuß hörte.«
+
+»Hast eine gute Nase, Kamerad,« rief Einer der Matrosen nieder, »das
+aber da ist nur Ballast; schlagt die Taue los!«
+
+Die Koffer folgten dem Körper, und diesen die Passagiere -- oben läutete
+die Glocke, die Räder rauschten und peitschten den gelben Schaum zu
+wirbelnden Wellen auf -- stromauf arbeitete das gewaltige Schiff, einen
+weiten Bogen beschreibend in der kochenden, zischenden Fluth, und
+während es sich stromab wandte, und das flatternde Banner der Vereinigten
+Staaten lustig im Winde wehte, ruderte das kleine Boot mit seiner
+traurigen Last langsam dem Lande wieder zu.
+
+
+
+
+Capitel 9.
+
+Das Haus im Walde.
+
+
+Wieder keimten und sproßten die Blumen im lieben deutschen Vaterland;
+die Wiesen hatten sich mit frischem Grün gedeckt, im Wald rauschte
+und flüsterte der Wind gar so traulich und heimlich durch die jungen,
+saftigen Blätter, und schaukelte die langen, duftenden Zweige der Birke,
+und trug die wirbelnde Lerche hoch in die blaue, sonnige Luft hinein.
+
+Wie das draußen in den Feldern so regsam schaffte und arbeitete; wie
+die Heerden so fröhlich blökten, die wieder hinaus durften in die warme,
+sommerliche Flur; wie die Schwalben -- die lieben, lieben Schwalben
+so froh durch den Äther strichen und die Störche, von den Kindern mit
+scheuer Ehrfurcht betrachtet, klappernd und von ihren Reisen erzählend,
+auf den Dächern standen, oder langsam über die feuchten Wiesenflächen
+schritten, alte Jagdgründe zu revidiren.
+
+[Illustration: Capitel 9]
+
+Wie das zwitscherte und klang und sang und schmetterte in dem weiten,
+lichtdurchflutheten Raum, und die Luft mit seinem Glanz und Jubel
+füllte, jeder Ton ein Loblied dem Herrn, jedes grüne Blatt, jeder
+duftende Kelch, jeder Thautropfen am schwankenden Halm, ein Dankesopfer
+seiner Allmacht und Güte. Oh wie sich auch die Menschenbrust da so froh
+und fröhlich hebt, und das Herz mit jauchzt und jubelt, und hinauf
+möchte, höher und höher hinauf, der steigenden Lerche nach, die mit
+zitterndem Flügelschlag, ein lebendiges Bild der Lust und Wonne, dort
+oben steht und betet. Wie es da stammelnd danken und preisen möchte auch
+in _seiner_ Weise, und nicht Worte, nicht Ausdruck findet für die
+Seligkeit, die in ihm glüht und lebt, und seine Adern füllt, und deren
+Wiederglanz nur in der Thräne zittert, die heiß und doch so lindernd da
+in's Auge steigt.
+
+Der Winter war vorbei -- die Natur erwacht, und Gottes Odem wehte,
+ein Segen, über das weite, wundervolle Land, Luft und Frieden in der
+Menschen Herzen gießend -- aber nicht in alle. -- Den schmalen Pfad der,
+das Dorf Waldenhayn umgehend, nach dem dunklen, die Hügel deckenden
+Kieferwald hinaufführte, schritt eine schlanke, bleiche Frau, einsam und
+allein; sie sah krank und hülfsbedürftig aus, und die bloßen, wegwunden
+Füße ließen hie und da in den Spuren Blutflecken zurück, wo ein scharfer
+Stein sie verletzt; der Straßenstaub deckte dabei ihr Gewand, und die
+weiße, fast durchsichtige Hand klammerte sich fest und wie krampfhaft an
+den rohen Eichenstock, der ihr zur Stütze diente.
+
+Neben ihr auf stieg wirbelnd die Lerche, und im Korn lockte das Rebhuhn
+und die Wachtel; -- sie blieb stehn und horchte dem Laut, aber nicht vom
+Boden nahm sie den Blick, schauderte zusammen, als ob selbst diese süßen
+Töne nur furchtbare Erinnerungen für sie hätten, und schritt langem
+weiter ihre stille Bahn, dem Walde zu.
+
+Nur einmal blieb sie noch stehn, und zitterte, und wäre fast in die Knie
+gesunken, als vor ihr, bis jetzt von Birken- und Weidenbüschen verdeckt,
+ein kleines, einsam gelegenes, ödes Häuschen, mit halb geöffneter Thür
+und ausgebrochenen Fenstern sichtbar wurde; aber wie gewaltsam raffte
+sie sich zusammen, faßte ihren Stab fester und schritt auf das niedere,
+verlassene Gebäude zu.
+
+Als sie die Schwelle erreichte, läuteten unten die Glocken den
+Nachmittagsgottesdienst aus, und als ob _die_ Töne sie mit furchtbarer,
+unwiderstehlicher Gewalt getroffen, brach sie zusammen in die Knie, und
+lag lange Minuten wie betend da. Dann erhob sie sich langsam wieder,
+warf noch einen scheuen Blick über das, unten das kleine Thal füllende
+Dorf, und verschwand dann in dem dunklen Raum der Hütte.
+
+ * * * * *
+
+Unten im Dorf läuteten die Glocken den Nachmittagsgottesdienst aus, und
+der würdige Pastor Donner, dessen Haar die letzten drei Winter doch um
+ein Bedeutendes gebleicht, kam freundlich, rechts und links die noch vor
+der Kirche stehenden Kinder und Gemeindemitglieder grüßend, die ihn, mit
+dem Hut in der Hand, vorbeiließen, seiner kleinen Wohnung, dem duftigen,
+schattigen Garten zu, wo ihn zu dieser Zeit der Nachmittagskaffee in der
+blühenden Fliederlaube erwartete. Aber mehr als das harrte heute sein.
+
+»Vater -- lieber Vater!« jubelten ihm die Kinder entgegen, Blätter
+Papier hoch und jauchzend empor haltend -- »Brief von Georg ist gekommen
+-- Brief vom Bruder Georg; er kommt herüber in ein oder zwei Jahren mit
+seiner _Frau_! -- er hat geheirathet, Vater -- Bruder Georg hat
+geheirathet und es geht ihm gut!«
+
+Der Pastor blieb stehn, und als die Kinder auf ihn zugesprungen kamen
+und ihm in ihrer frohen Kindeslust den Brief entgegen hielten, bog er
+sich zu ihnen nieder und küßte sie, aber die Mutter folgte ihnen, und
+barg ihr Haupt an des Gatten Brust. Sie hatte sprechen -- erzählen
+-- mit den Kindern jubeln wollen, und kein Wort brachte sie jetzt vor
+Thränen über die Lippen -- aber es waren _Freudenthränen_.
+
+»Georg hat geheirathet!« jubelte Fritz dabei, der jüngste Sohn, den
+Brief in der Hand schwenkend, und um die Anderen herumspringend -- »ich
+bin jetzt ein _Schwager_ geworden, und Du, Louise und Du Trinchen, Ihr
+seid Schwägerinnen -- hurrah, Bruder Georg soll leben!«
+
+»Und es geht ihm gut?« flüsterte der Pastor, der Gattin an ihn gelehnte
+Stirn wieder und wieder küssend.
+
+»Gut -- recht, recht gut, Gott sei ewig gelobt und gedankt,« schluchzte
+die Frau -- »da, lies nur selbst -- ich habe vor Thränen nicht weiter
+lesen können.«
+
+Auch Louise, die ältere Tochter, kam mit ihrem Bräutigam, einem jungen
+Geistlichen aus Heilingen, dem Vater freudestrahlenden Auges entgegen,
+und während die Glocken von dem alten Thurm noch klangen und tönten,
+und den tiefen harmonischen Laut weit aus über das stille Dorf und an
+die sonnbeschienenen Hänge der blühenden Hügel sandten, saßen die
+glücklichen guten Menschen in der duftenden Laube, und horchten der
+lieben, lieben Botschaft des fernen Bruders und Sohnes, der ihnen Grüße
+und Küsse weit über das Meer herübergesandt, und ihre Herzen mit Glück
+und Wonne und Dank, heißem Dank gegen den Höchsten erfüllt hatte.
+
+-- -- »Seit drei Tagen bin ich jetzt mit meiner Marie vermählt,
+und der glücklichste Mensch unter der Sonne. In den angenehmsten
+Familienverhältnissen dabei, hat sich unsere Farm, die mein Schwiegervater
+schon im Begriff war um ein Spottgeld zu verschleudern, auf eine ganz
+unerwartete und kaum geahnte Weise verwerthet, denn ich habe beim Graben
+eines Brunnens, in der Nähe einer neu errichteten Mühle, selber ein
+_Kohlen_lager entdeckt, das, wenn auch noch nicht für den Augenblick,
+doch für die Zukunft einen bedeutenden Ertrag verspricht. Ein Amerikaner
+hat mir schon für die Bearbeitung eine sehr bedeutende Summe baar geboten,
+aber ich zögere noch sie anzunehmen. Dabei bin ich ganz gegen meinen
+Willen, und durch einige glückliche Kuren in den Ruf eines geschickten
+Arztes gekommen, und da sich unsere Gegend, durch die Unmasse der hier
+eintreffenden Einwanderer, sehr belebt, bleibt mir schon gegenwärtig
+kaum mehr Zeit, meinen ländlichen Arbeiten so obzuliegen, wie ich es
+eigentlich wünschte -- -- -- --«
+
+-- »Noch eine andere Nachricht aus unserer Familie, die auch Euch
+interessiren wird, habe ich Euch mitzutheilen. Meine Schwägerin Anna,
+die ältere Schwester Mariens und ein sehr liebes, braves Mädchen, hat
+ganz unerwarteter Weise einen Heirathsantrag aus Deutschland und zwar
+aus Heilingen, von dem frühern Kürschnermeister Kellmann bekommen.
+Kellmann ist, so weit ich ihn kenne, ein braver, rechtschaffener Mann
+und Anna scheint ihm auch gut zu sein. Er hat geschrieben, wenn sie ihm
+ein freundliches Ja schicke, wolle er ungesäumt herüberkommen -- ich
+denke, wir werden ihn wohl nächstens hier sehn -- -- -- --«
+
+-- »Der Rosensenker von Mutters Strauch vor dem Fenster, den mir Louise
+noch an jenem schmerzlichen Abend der Trennung gegeben, hat den
+Ehrenplatz in unserm freundlichen Garten, und grünt und blüht, daß es
+eine Lust und Freude ist, -- die einliegende Knospe hat er getragen. Oh,
+wie mich der Blüthenstock an Euch erinnert; ich habe ihn so lieb, und
+doch treten mir jedes Mal Thränen in die Augen, wenn ich ihn ansehe.
+Meine Marie pflegt ihn selber; sie wird _Euch_ auch gefallen. Hat sich
+das Geschäft mit dem Kohlenlager erst geordnet, und sich dasselbe so
+einträglich erwiesen, wie ich es jetzt wirklich glauben muß, dann komme
+ich mit ihr hinüber, Euch zu besuchen. Lieber Gott, es ist ja doch unser
+Aller Wunsch, später einmal wieder nach Deutschland zurückkehren und
+dort unsere Tage beschließen zu können. -- -- -- --«
+
+Unten am Brief in einer Nachschrift stand:
+
+-- »Über den Steffen, der bei uns der schwarze Steffen hieß, und von dem
+ich Euch schon früher schrieb, wie ich mit ihm zusammengekommen, habe
+ich nichts Näheres erfahren können. Auch seine Frau, die sich von ihm
+getrennt hatte, ist aus dem kleinen Städtchen, wo sie die letzte Zeit
+still und fleißig, und mit keinem Menschen verkehrend, gearbeitet hatte,
+spurlos verschwunden; Amerika ist zu groß, solche Leute im Auge behalten
+zu können. --«
+
+»Du guter, barmherziger Gott,« sagte die Frau Pastorin, seufzend die
+Hände faltend, »ich begreife, wie schlechte Menschen einen Anderen
+aus Geldgier oder Rache, oder sonst in böser, sündhafter Leidenschaft
+_morden_ können, aber daß Eltern im Stande sein sollen, ihre _Kinder_
+auf solche Art zu verlassen, begreife ich _nicht_. Das unvernünftige
+_Thier_ thut das ja nicht, sorgt für seine Jungen, und vertheidigt sie
+in Gefahr, und der _Mensch_ soll schlechter sein, als das Thier?«
+
+»Für die Kinder war es ein Glück,« sagte der Pastor, seufzend mit dem
+Kopfe nickend -- »_was_ hätten sie von solchen Eltern gelernt, _wie_
+wären sie von ihnen erzogen worden, und jetzt sind sie bei guten
+Menschen untergebracht und versorgt.«
+
+Ein paar Knaben aus dem Dorfe kamen in diesem Augenblick athemlos an den
+Garten gerannt, rissen die Mützen vom Kopfe, und schauten mit den roth
+erhitzten, dicken, gutmüthigen, jetzt aber jedenfalls durch irgend etwas
+sehr erregten Gesichtern durch die Gitterthür hinein, wo der Geistliche
+saß.
+
+»Was wollt Ihr, Kinder?« sagte dieser freundlich, indem er von seinem
+Sitze aufstand und auf sie zuging.
+
+»Oben am Berge spukt's!« rief aber der Eine von ihnen, in aller Eile
+und Geschäftigkeit ganz den sonst gewiß nicht versäumten Gruß vergeßend
+-- »am schwarzen Steffen seinem Hause geht's um!«
+
+»Am Hause des schwarzen Steffen?« rief Pastor Donner, erstaunt den Platz
+gerade jetzt, wo sie sich selber damit beschäftigt, genannt zu hören
+-- »wer hat Euch den Unsinn weiß gemacht?«
+
+»Ne, wahrhaftig,« rief der Andere betheuernd aus -- »Hollebens Liese und
+Gutegrunds Annamarie haben den Geist von der »stolzen Jule« gesehn, der
+oben herumgeflogen ist.«
+
+Nur mit Mühe bekam der jetzt aufmerksam werdende Geistliche heraus, daß
+zwei Mädchen aus dem Dorfe oben am Wald auf dem kleinen, dem Haus gerade
+gegenüber liegenden Hang gewesen waren, Blumen zu suchen, und an der,
+von den Dorfbewohnern ängstlich gemiedenen Hütte des schwarzen Steffen
+eine Gestalt gesehen hätten, von der sie erklärten, daß sie der Geist
+der »stolzen Jule« sei. Sie habe keine Ruhe im Grabe, und ginge dort an
+der Stelle um, wo sie ein Verbrechen begangen, für das wir in der sonst
+so reichen deutschen Sprache nicht einmal einen Namen haben. Die Hütte
+lag auch noch, gefürchtet und gescheut, unberührt so, wie man die Kinder
+damals darin gefunden, und nur mit dem Bettzeug und dem besten
+Hausgeräth herausgenommen hatte, und die Leute in den Spinnstuben
+erzählten sich Abends schauerliche Geschichten von dem Ort.
+
+Pastor Donner schüttelte ungläubig den Kopf zu der Erzählung, Andere
+aber aus dem Dorf kamen nach, und der Schultze, der von den jungen
+Mädchen selber den Bericht gehört, den sie mit bleichen Wangen und
+zitternden Lippen in's Dorf getragen, folgte den Übrigen, bestätigte dem
+Herrn Pastor, was sich die Leute erzählten, und bat ihn, mit ihm hinauf
+zu gehn nach dem alten Hause, das Gerücht zu widerlegen, das sonst leicht
+mehr Nahrung gewann und von dem abergläubischen Volke ausgeschmückt
+wurde, oder sich zu überzeugen, was Wahres an der Sache sei.
+
+Die Frau Pastorin wollte mit den Kindern ihren Mann begleiten, er bat
+sie aber, zurückzubleiben, und schritt dann, seine Amtstracht ablegend
+und Hut und Stock nehmend, an der Seite des Schultzen durch das Dorf
+hin, den kleinen, mit Unkraut überwucherten und fast verwachsenen
+Pfad hinauf, der zu dem, etwa eine kleine halbe Stunde von Waldenhayn
+entfernten Gebäude führte. Eine Menge der Dorfbewohner schloß sich ihnen
+unterwegs an, sie zu begleiten.
+
+Als sie den Platz erreichten, war Alles todtenstill; nur hie und da
+zwitscherten die Vögel in den Zweigen, und auf dem alten Eichbaum neben
+dem Haus saß ein Rabe, drehte, als er die Menschen auf sich zukommen
+sah, den Kopf scheu nach rechts und links hinüber, und strich dann mit
+seinem tief und unheimlich krächzenden »_krah -- krah_« -- von dem
+Zweige ab, auf dem er gestanden, dem Holze zu!
+
+»Das war sie -- das war sie!« flüsterten die Frauen untereinander,
+indeß sie sich näher zusammendrückten, und scheu nach dem schwarzen
+Galgenvogel hinüberschauten, »jetzt werden sie Nichts mehr finden; die
+ist fort, und in der Nacht kommt sie wieder und sitzt dort auf dem alten
+Dach. Ich gehe nicht weiter mit -- ich auch nicht -- Gott soll mich
+bewahren vor _der_ Stelle, die ewiglich verflucht ist.« rief eine andere
+Frau. »Man sollte Feuer anlegen und das Nest von der Erde vertilgen,«
+sagte Einer der Männer dann, »_ich_ wenigstens möchte nicht einmal einen
+von den Balken in meinem Ofen brennen.«
+
+»Die Thür steht offen, daß sie immer recht bequem aus und ein können,«
+flüsterte wieder eine Andere, »huh, wie mag's da drinnen um Mitternacht
+zugehn -- der Schornstein sieht auch nicht umsonst so gelb und schweflig
+aus, und unsere Annakathrine hat neulich die Irrlichter hier oben wie
+toll herumtanzen sehen.«
+
+Die Leute aus dem Dorf blieben wirklich, als sie den kleinen freien
+Platz vor dem Haus erreichten, scheu an dessen Grenze stehn, und nur
+Pastor Donner schritt, von dem Schultzen begleitet, langsam dem Hause
+selber zu.
+
+»Ich habe schon lange einmal heraufgehen wollen, zu sehn, wie der Platz
+hier eigentlich aussieht,« sagte dieser endlich, »bin aber immer nicht
+dazu gekommen. Hm, wie öde und unheimlich das hier ist -- es wundert
+mich gar nicht, daß sich die Kinder davor fürchten, ist mir's doch
+selber ein ganz eignes, unbehagliches Gefühl hier herzugehn -- es ist
+fast, als ob man eine Richtstätte beträte.«
+
+»Wohl ist es so,« sagte Pastor Donner feierlich und mit halb unterdrückter
+Stimme, als ob er selber sich scheue, an diesem Orte laut zu sprechen.
+»Aber wir wollen hier nicht stehen bleiben; die Leute dort hinten
+murmeln schon miteinander, und glauben sonst, daß wir selber uns
+fürchten, das Haus zu betreten.«
+
+»Aber was sollen wir darin?« sagte der Schultze ausweichend, und es lag
+ihm wirklich Nichts daran, dort hineinzugehen, »'was Lebendiges hält
+sich hier oben nicht auf, sonst hätte der scheue Rabe da nicht im Baum
+gesessen, und an Gespenster glauben wir doch alle Beide nicht.«
+
+»Ich bin einmal oben,« sagte der Geistliche mit seinen eigenen Gedanken
+beschäftigt, denn vor seinen Augen schwebte in diesem Augenblick die
+Scene auf dem Amerikanischen Dampfboot, die ihm in einem früheren Briefe
+der Sohn beschrieben, »und möchte auch das Innere des Hauses sehn, das
+ich seit jenem Tag, wo wir die armen, halb verhungerten Kinder hier oben
+abholten, nicht betreten.«
+
+Langsam schritt er, von dem Schultzen nur widerstrebend gefolgt,
+der Thüre zu, schob diese noch etwas weiter auf, mehr Licht und Luft
+hineinzulassen, und betrat, durch den schmalen dunklen Gang gehend,
+die frühere Stube des »schwarzen Steffen«. Dort aber schrak er selber
+einen Schritt zurück, denn auf dem Boden vor ihm lag ausgestreckt und
+regungslos eine menschliche, weibliche Gestalt.
+
+»Was giebt's? -- was ist?« rief der Schultze, der den unwillkürlich
+ausgestoßenen Ruf des Erstaunens gehört, und auf der Stelle stehen
+blieb, wo er gerade stand, während sich eine Anzahl Burschen aus dem
+Dorfe näher herandrängten, die Frauen und Mädchen aber noch scheuer
+zurückwichen, und sich schon halb zur Flucht wandten.
+
+Pastor Donner winkte aber dem Schultzen langsam und traurig näher zu
+kommen, und als dieser die Schwelle betrat, deutete er nieder auf den
+vor ihm ausgestreckten Körper der Unglücklichen, die Gram und Reue, und
+der nagende Wurm im Herzen wieder herüber, zurückgetrieben hatte durch
+das weite, wilde Land, über das weite Meer, an dem Ort, wo sie so
+furchtbar sich vergangen -- _zu sterben_.
+
+Jetzt rasteten die blutigen, nackten Füße von der weiten Wanderschaft,
+jetzt ruhte das arme Herz, das in Verzweiflung und Gram wohl manche
+lange furchtbare Nacht _die_ Stunde hier herbeigesehnt, mit dem Kopf
+auf den zerfallenen Kasten gestützt, der dem jüngsten Kind in früherer
+Zeit zu seinem Bettchen gedient hatte, aus von seinem Leid und Weh. Der
+Körper selber war abgefallen und mager, die Wangen hohl und dünn, aber
+ein ruhiges, seliges Lächeln zog sich um die bleichen, kalten Lippen,
+die der Tod für immer geschlossen. Was sie verübt, was sie gesündigt,
+sie hatte schwer gelitten -- hatte tief bereut, und wie, als ob die
+Kräfte ihr nur eben noch gehorcht, _die_ Stelle zu erreichen, war hier
+der Tod, ein willkommener lieber Freund, zu ihr getreten, sie zu erlösen
+von ihren Leid.
+
+Neugierig und muthig gemacht, durch das Verweilen der beiden Männer im
+Haus, drängten die übrigen Dorfbewohner jetzt auch nach und nach heran,
+und der Ruf. »die stolze Jule -- die stolze Jule liegt todt im Haus!«
+füllte den kleinen Raum bald mit einem Theil der Schaar, die jedoch die
+Leiche immer noch scheu und furchtsam umstanden. Über ihr aber faltete
+Pastor Donner die Hände und sagte mit leiser, tiefbewegter Stimme:
+
+»Gott hat in seiner Vaterhuld sich Dein erbarmt, Du armes verirrtes Kind
+-- Du hast schwer gesündigt -- schwer und furchtbar, aber auch viel, viel
+gelitten, und Gram und Reue haben ihre Züge mit scharfen Furchen in Dein
+Angesicht gegraben. Er sei Deiner armen Seele gnädig!«
+
+Und seinen Hut abnehmend, welchem Beispiele rasch und scheu alle Übrigen
+folgten, betete er still und brünstig über der abgerufenen Sünderin.
+
+
+
+
+Capitel 10.
+
+Der rothe Drachen bei Heilingen.
+
+Schluß.
+
+
+Im rothen Drachen bei Heilingen herrschte heute ein reges, geschäftiges
+Leben; Kellner liefen und stürzten durcheinander hin, Tische wurden
+gerückt, Stühle getragen, Tischtücher ausgebreitet, und Körbe mit Flaschen
+und Getränken angeschleppt, als ob ein Regiment damit versorgt werden
+sollte. Im Garten, der mit einer Masse Kränze und Blumen und Guirlanden
+geschmückt war, standen noch einzelne Arbeiter, die mit frischem Sand
+bestreuten Gänge von den hineingefallenen Blättern und Zweigen des
+Ausschmucks zu reinigen, und unter einem kleinen, erst kürzlich
+aufgeschlagenen und ganz mit frischen Blumen besteckten und behangenen
+Zelt, lagen eine Reihe breitbauchiger Bierfässer mit eingesteckten
+gefälligen Hähnen, nur der Hand harrend, die sie aufdrehen würde, ihr
+schäumendes, kräftiges Naß zu spenden.
+
+Den Pfad herunter, der von Zurschtel niederführte, kam ein Bettler an
+einer Krücke daher gehinkt. Es war sonst eine breitschultrige, kräftige
+Gestalt, aber mit eingefallenen Backen und hohlliegenden Augen, das
+linke Bein ziemlich dick in alte zerlumpte Tücher und Lappen eingeschlagen,
+und die linke Seite seines Gesichts ebenfalls mit einen schmutzigen Tuch
+verbunden.
+
+Als er die Gartenthür erreichte, blieb er stehen, und sah hinein, betrat
+aber den Garten selber nicht, und schaute still und aufmerksam nach dem
+Haus hinüber.
+
+Den breiten Gang herunter, der von der Guirlanden geschmückten Hausthür
+in gerader Linie nach dem Thore zu führte, schritt der Eigenthümer des
+Grundstücks, Herr Kaspar Helker, nach seinen Arbeitern zu sehn. In die
+Nähe des Bettlers gekommen, zog dieser den Hut ab, und sagte mit
+bittender Höflichkeit:
+
+»Wären Sie wohl so gut, lieber Herr, mir zu sagen was heute hier los ist
+im rothen Drachen, mit all den Kränzen und Blumen, und welches Fest Sie
+feiern?«
+
+»Ja wohl Freund,« sagte Herr Kaspar Helker, den armen zerlumpten Teufel
+dabei mit aufmerksamem, vielleicht nicht besonders befriedigtem Blick
+betrachtend, »Herr von Hopfgarten feiert heute seine Vermählung mit des
+reichen Dollinger jüngster Tochter, die früher, ich weiß nicht, ob Ihr
+die Geschichte kennt, an einen, jetzt gestorbenen, Amerikaner verheirathet
+war.«
+
+»Herr von Hopfgarten -- hm -- Herr von Hopfgarten -- der Name ist mir doch
+gar bekannt; stammt er von hier?«
+
+»Nein, aus dem Mecklenburgischen. -- Kommt Ihr weit her? -- Ihr seht müde
+und krank aus.«
+
+»Sehr weit -- bin aber wohl mehr hungrig und durstig, wie krank,« sagte
+der Mann, mit einem scheuen Blick nach den Brod- und Kuchenkörben
+hinüber.
+
+»So kommt herein und eßt und trinkt,« lud ihn der Wirth freundlich ein,
+»und Ihr habt _mir_ nicht einmal dafür zu danken,« setzte er rasch
+hinzu; »Herr von Hopfgarten hat strengen Befehl gegeben, Niemand heute,
+wer es auch sei, ungespeist von dannen zu lassen. Es ist frei Bier und
+Essen hier im Haus.«
+
+»Hm, da bin ich gerade zur rechten Zeit gekommen,« sagte der Mann, immer
+aber noch zögernd den Garten zu betreten.
+
+»So kommt herein und setzt Euch gleich dort in eine von jenen kleinen
+Lauben,« sagte der Wirth; »die werden heute nicht benutzt und Ihr -- Ihr
+seht eben nicht appetitlich genug aus zwischen den andern Gästen zu
+sitzen. Es soll Euch aber an Nichts fehlen,« fügte er rasch hinzu, »heh
+Wilhelm! besorgen Sie mir einmal für den Alten dort in die Laube ein
+Mittagsessen und Bier.«
+
+»Bier kann ich nicht gut vertragen -- wenigstens nicht gleich auf den
+leeren Magen hinein -- gäben Sie mir einen Schnaps vorher?«
+
+»Auch den sollt Ihr haben -- heh Wilhelm -- ein Glas Kümmel -- aber ein
+großes Glas, und dann dürft Ihr ihm Bier geben, was er trinken will.«
+
+»Danke,« sagte der Bettler, und hinkte an seiner Krücke in den Garten
+hinein. An der Schwelle blieb er noch einmal stehn, und warf einen
+scheuen Blick nach rechts und links, und wandte sich dann der kleinen
+Laube zu, in deren Schatten er verschwand.
+
+»Dort kommen die Wagen!« rief da Einer der Kellner, der vor die Thür
+getreten war, den Weg hinunter zu sehen, »hierher, Herr Helker -- sie
+kommen!«
+
+Der Wirth sprang mit seinem Kellner der Thür zu, die Gäste zu empfangen,
+und die Wagen rasselten unter dem fröhlichen Schmettern der Posthörner
+lustig die Straße herunter.
+
+In dem vordersten saß Herr von Hopfgarten mit seiner jungen Frau, sein
+gutmüthiges Gesicht ordentlich verklärt, seine Augen blitzend in Wonne
+und Seligkeit, und auch in Claras liebe Züge war das frohe, süße Lächeln
+zurückgekehrt, das ihrem Antlitz sonst einen so unwiderstehlichen Reiz
+verliehen. Die düstere trübe Zeit lag hinter ihr, wie ein böser Traum,
+und hell und freundlich glühte wieder das Sonnenlicht auf ihren Weg.
+
+Den zweiten Wagen füllte die Dollingersche Familie, der alte Herr mit
+Frau, Tochter und Schwiegersohn, denn auch Sophie war im vorigen Herbst
+an einen reichen Gutsbesitzer, aber ebenfalls einen alten Bekannten
+von uns, verheirathet worden. Herr Baron von Benkendroff nämlich hatte
+sich nach seiner Rückkehr von Amerika zufällig einige Zeit in Heilingen
+aufgehalten, dort die schöne reiche Kaufmannstochter gesehn und kennen
+gelernt, sich zu gleicher Zeit sterblich in sie verliebt und seine
+Hochzeit, da ihn auch Sophie lieb gewonnen, gleich in demselben Monat
+noch gefeiert.
+
+In den anderen Kutschen, aber alle von mit Blumen geschmückten
+Postillionen gefahren, saßen die Hochzeitsgäste aus der Stadt, bunt
+gemischte, aber fröhliche Menschen, und unter ihnen das gutmüthige
+Gesicht unseres alten Freundes Kellmann, neben der scharfgeschnittenen
+aber heute ebenfalls zufrieden lächelnden Physiognomie seines
+unzertrennlichen Gesellschafters, des Apotheker Schollfeld.
+
+An der Gartenthür von dem Wirth und einer Schaar geschäftiger Kellner
+empfangen, stiegen die jungen Eheleute aus, und begrüßten hier zuerst
+ihre Gäste, und während das, hinter einer künstlichen Blumenhecke
+aufgestellte Militair-Musikchor -- eine Überraschung Kellmanns
+-- plötzlich mit schmetternden Trompeten in Mendelsohns herrlichen
+Hochzeitsmarsch des Sommernachtstraums einfiel, und dem kleinen
+glücklichen Hopfgarten vor Rührung auf einmal die großen hellen Thränen
+in die Augen traten, setzte sich der Zug in Bewegung, dem Hause zu.
+
+Das Mahl ging vorüber, wie derartige Mahlzeiten gewöhnlich thun; eine
+Menge Toaste wurden ausgebracht, und die glücklichen Menschen jubelten,
+lachten und erzählten bis spät am Nachmittag, wo der Kaffee im Garten
+selber servirt werden sollte, und die Gäste dann zusammen in das
+Dollingersche Haus eingeladen waren, wo Herr Dollinger einen kleinen
+Ball für den Abend arrangirt hatte.
+
+Im Garten, bei lustig tönenden Fanfaren, bildeten sich dann kleine
+Gruppen, und Benkendroff, Kellmann und Schollfeld hatten sich nächst
+dem Thor auf dem kleinen Vorbau, wo sie die wundervolle Aussicht nach
+dem grünen herrlichen Thal und den fernen Bergen genießen konnten,
+zusammengefunden ihre Cigarre zu rauchen. Nach einer Weile fand sich
+auch Hopfgarten zu ihnen, sie zu bitten, sich bereit zu halten, da die
+Wagen bald wieder vorfahren würden.
+
+»Wer uns das damals gesagt hätte, Hopfgarten,« rief Benkendroff, seine
+Hand lächelnd auf des Freundes Schulter legend, »als wir auf der
+Haidschnucke zusammen Whist spielten, oder selbst als wir in New-Orleans
+von einander Abschied nahmen, daß wir _heute_ hier _so_ zusammenstehen
+würden.«
+
+»Dem wär' ich schon damals vor Freude um den Hals gefallen, Benkendroff,«
+sagte der kleine Mann mit leuchtenden Augen.
+
+»Es ist eine merkwürdige, mir aber höchst interessante Thatsache,« rief
+da Herr Schollfeld, sich die Hände reibend, »daß _die_ Menschen, die
+einmal in Amerika _gewesen_, und glücklich wieder, ein sehr seltener
+Fall, zurückgekommen sind, sich am wohlsten fühlen. Und trotzdem, trotz
+allen schlagenden Beweisen, will sich dieses unglückselige Menschenkind,
+dieser frühere Kürschnermeister hier, nicht warnen lassen, sondern
+ebenfalls mit einem Leichtsinn, den man kaum einem jungen Menschen von
+achtzehn Jahren verzeihen würde, hinüber nach diesem gottvergessenen
+Lande der Freiheit ziehn, und _das_ nennt er _sich zu Ruhe setzen_. Es
+wäre mehr Verstand darin, wenn er hier Nachtwächter oder Briefträger
+würde.«
+
+»Aber bester Herr Schollfeld,« sagte Hopfgarten, »Sie wissen ja, daß
+er um seine jetzige Braut erst _dort_ angehalten hat, und von Fräulein
+Lobenstein doch nicht verlangen kann herüber _zu ihm_ zu kommen; er muß
+sie doch wenigstens _abholen_.«
+
+»Ich will auch noch gar nicht verschwören, daß ich drüben _bleibe_,«
+sagte Kellmann ruhig, »mir aber jedenfalls die Verhältnisse dort
+ordentlich ansehn. Meines künftigen Schwagers, Georg Donners, Beschreibung
+des dortigen Landes lautet keineswegs entmuthigend; von anderer Seite
+habe ich ebenfalls recht gute Berichte über das wirkliche Farmerleben
+gehört, und kann ich mir dort mit meinem Capital, und von dem Rath
+meiner guten Freunde unterstützt, eine ruhige, _glückliche_ Stellung
+gründen, warum nicht? -- Freund Schollfeld müssen Sie aber viel zu gut
+halten, mein lieber Herr von Hopfgarten; er ist als ein Antiamerikaner
+hier schon bekannt.«
+
+»Und hab' ich nicht recht?« rief dieser hitzig, »hatt' ich nicht recht
+auch mit jenem lebendigen Loblied Amerikas, jenem Weigel, der
+Betrügereien halber landesflüchtig werden mußte.«
+
+»Das war ein einzelner Lump und kann nicht als Maasstab gelten,« sagte
+Kellmann.
+
+»Lassen Sie das gut sein,« nahm Benkendroff hier des Apothekers Parthie,
+»Herr Schollfeld hat sehr gediegene und vernünftige Ansichten über
+Amerika, und Sie werden mir zugeben, daß _ich_ ebenfalls im Stande bin
+ein Urtheil darüber zu fällen; ich kenne das Land aus Erfahrung, aus
+eigener, persönlicher Anschauung.«
+
+Hopfgarten wechselte mit Kellmann einen gutmüthig lächelnden Blick, und
+sagte, sich an diesen wendend:
+
+»Wie kommt es nur, daß Sie Fräulein Lobenstein, wenn Sie dieselbe schon
+so lange geliebt haben, von hier fortziehen ließen, ohne ihr Ihr Herz zu
+öffnen?«
+
+»Weil es ein wahnsinnig, unnatürlich verschämter Kürschnermeister war,«
+rief Schollfeld, die Antwort für seinen Freund aufnehmend, »wie
+Lobensteins hier fort waren, ging er herum wie ein begossener Pudel,
+sprach mit Niemandem, trank nicht mehr, schnitt ein Gesicht, als ob er
+Äpfelwein getrunken hätte, und wollte keinem Menschen Rede stehn, beinah
+zwei Jahre lang. Endlich bekam ich's heraus, und da gestand er mir, daß
+er -- sehn Sie sich den Menschen einmal an -- _keine Courage hätte_ den
+Schritt zu wagen, obgleich er selber fast hoffe, Anna Lobenstein sei
+ihm nicht ganz abgeneigt. Da hört denn doch Alles auf. Na ich nahm ihn
+dann ordentlich in's Gebet, schon meiner selbst willen, denn es ist ja
+langweilig mit einem solchen verliebten Kopfhänger umgehn zu müssen.
+Er ließ sich auch endlich überzeugen, und ist mir nachher, wie er den
+Zusagebrief erhielt, um den Hals gefallen, und hat mich »sein liebes
+Schollfeldchen« genannt -- und so ein Mensch will nach Amerika.«
+
+Die Männer lachten über Schollfelds komischen Eifer und Hopfgarten
+sagte, noch immer lächelnd. »Sie reden gerade als ob Amerika ein
+_Unglück_ wäre.«
+
+»Ist es auch,« rief Schollfeld hitzig, »ist es auch, und der arme Teufel,
+der Ledermann, sonst so ein netter, rechtschaffener Kerl, wußte wohl,
+was er that. _Der_ hätte auch nach Amerika gehn können, aber was ich
+ihm darüber die ganze Zeit vorgepredigt, hatte gute Früchte getragen;
+er sprang lieber in's Wasser, Ruh zu haben, ehe er solch verzweifelten
+Schritt that. Ist mir übrigens doch Leid um ihn, und ich hätte ihm etwas
+Besseres gewünscht -- das verfluchte Spiel.«
+
+»Seine Frau ist noch in Heilingen?« sagte Hopfgarten.
+
+»Ja,« sagte Schollfeld mürrisch, »will aber wirklich dieses Frühjahr mit
+ihrem Bruder auswandern. Das ist auch so ein Lump, hat zweimal Bankerott
+gemacht, und nun natürlich nichts Gescheuteres zu thun, als daß er nach
+Amerika geht. Solche Leute gehören auch dorthin, aber vernünftige und
+rechtschaffene Menschen sollten besser wissen, was sie sich und ihren
+Familien schuldig wären.«
+
+»Apropos, lieber Kellmann,« sagte Hopfgarten da plötzlich an diesen
+gewandt, »erinnern Sie mich doch daran; ehe Sie fortgehn, möchte ich
+Ihnen noch ein paar Zeilen an einen sehr lieben Freund von mir, einen
+Herrn _Fortmann_ in New-Orleans, mitgeben; er kann Ihnen dort von Nutzen
+sein.«
+
+»Ich danke Ihnen, ich werde es nicht vergessen -- Sie haben ja wohl
+heute Briefe von dort bekommen?«
+
+»Ja -- eben von Fortmann. Das wird Sie auch interessiren; Sie wissen
+doch, daß der arme, unglückliche Loßenwerder eine Schwester hatte?«
+
+»Lieber Gott,« sagte Kellmann, hinauf auf die Straße deutend, »an
+_dieser_ Stelle trafen wir das arme Kind, Ledermann und ich, an jenem
+Abend, wo sie hier allein und zu Fuß in die Stadt kam, und noch keine
+Ahnung von der furchtbaren Nachricht hatte, die ihrer wartete. Es geht
+ihr gut jetzt, wie Sie uns schon früher sagten.«
+
+»Besser jetzt wenigstens wieder -- Fortmann schreibt mir eben, daß außer
+der bei dem Raubanfall erlittenen Mishandlung Schreck und Aufregung sie
+so ergriffen hätten, sie lange Monate an ihr Lager zu fesseln. Hamann
+hat auch deshalb besonders sein Geschäft aufgegeben, und sich weiter den
+Strom hinauf in ein gesünderes Klima gezogen. Der Nachlaß seines Vaters
+ergab übrigens, wie es scheint, ganz unerwarteter Weise, ein gar nicht
+geahntes, höchst bedeutendes Vermögen, das der alte Geizhals von dem
+Schweiß und Blut armer Auswanderer zusammengescharrt. An Aktien und
+Papieren, Geld und Juwelen, ganze Säle voll Leinwand und anderen Sachen
+gar nicht gerechnet, fanden sich weit über hunderttausend Dollar. Der
+junge Hamann ist aber ein braver, rechtschaffener Kerl, der gern wieder,
+wenigstens einen Theil dessen gut machen möchte, was sein Vater schlecht
+gemacht, und Fortmann schreibt mir eben, daß er, besonders von seiner
+Frau dazu angeregt der Stadt New-Orleans die volle Hälfte des ganzen
+Vermögens zur Verfügung gestellt habe, wenn sie das andere Geld zuschießen
+und ein großes Auswanderungshaus, das unter städtischer Aufsicht steht,
+gründen wolle, wo der Einwanderer vor Betrug sicher sei, und der arme
+hülfsbedürftige Arbeiter auf eine gewisse Zeit, seinen ersten Aufenthalt
+zu decken, selbst unentgeldlich Obdach und Nahrung fände. Wenn es zu
+Stande käme, wäre es ein Segen für Tausende, und New-Orleans, als
+Theil der Staaten, erfüllte damit nur eine schon längst schwer auf ihm
+gelegene Pflicht der Hafenstädte, Tausende von Unglücklichen, die nach
+Amerika kamen, dem Lande ihre Kräfte zu weihen, vor Verderben und
+Untergang, wenigstens vor grenzenloser Noth zu bewahren. Gott gebe
+seinen Segen dazu.«
+
+»Wie wunderbar doch Gottes Wege sind,« sagte Kellmann, langsam mit dem
+Kopf dazu schüttelnd; »das arme Kind, das wenige Jahre früher, ohne
+einen Groschen, seine Nachtherberge zu zahlen, barfuß hier die Straße
+wanderte, verfügt jetzt über Tausende, und sucht Schmerz und Elend zu
+lindern, das sie selber ja so schwer aus ihrem eigenen Leben kennt.«
+
+»Da kommen die Damen,« sagte von Benkendroff, der sich für die Leute
+nicht im mindesten interessirte, und indessen langsam seinen Kaffee
+getrunken und seine Cigarre geraucht hatte, »Schwiegermama scheint
+aufbrechen zu wollen, die Anordnungen zum Ball zu revidiren. Dort
+rasseln auch schon die Wagen heran,« rief er seine Cigarre wegwerfend,
+»also meine Herren, auf Wiedersehn heute Abend.«
+
+Die Kutschen kamen jetzt, unter dem fröhlichen Hörnerschmettern des
+Postillions, um die Gartenwand gefahren und die erste hielt vor dem
+Thor, in die Hopfgarten wieder, als Ehrenpaar den Zug anzuführen, seine
+junge, lächelnde Frau hineinhob, und dann Platz an ihrer Seite nahm.
+Langsam fuhr dann der Postillion voraus, bis sämmtliche Gäste ihre Sitze
+eingenommen hatten, und der ganze Zug unter dem Hurrahgeschrei der
+sämmtlichen Dorfbewohnerschaft, der ebenfalls für den Abend hier draußen
+ein Fest bereitet worden, rasch die Straße nach Heilingen hinabrollte.
+
+Der Wirth hatte seine »innigsten Glückwünsche« sämmtlich angebracht, und
+seine tiefen und freundlichen Bücklinge noch gemacht, bis der letzte
+Wagen schon lange sein Grundstück passirt war, drehte sich dann mit
+demselben freundlichen Gesicht um, gab einem der in die Lehre genommenen
+jungen Kellner, der mit offenem Maule neben ihm stand, eine Ohrfeige,
+und schickte den darüber auf's Äußerste Erstaunten an seine Arbeit, und
+lief selber in das Haus zurück, das Wegräumen der nicht getrunkenen
+Weine zu überwachen.
+
+Nur der Oberkellner blieb, sich vergnügt die Hände reibend, und mit
+schmunzelnden, ein vortreffliches Trinkgeld verrathendem Antlitz noch
+einen Augenblick in der Thüre stehn, bis auch die letzte Staubwolke auf
+der Straße verschwunden war, und wandte sich eben, seinem Principal zu
+folgen, als der alte Bettler, der bis dahin vollkommen unbeachtet in
+der dichten Laube gesessen hatte, daraus hervor und auf ihn zu hinkte,
+den Garten zu verlassen.
+
+»Nun, Alter, hat's geschmeckt?« sagte der Oberkellner mit einem
+huldvollen Lächeln ihm zunickend -- »seid Ihr satt geworden?«
+
+»Vollkommen, Gott lohn' es Ihnen!« seufzte der Mann und strich sich mit
+der Hand über das Gesicht -- »aber eine Frage hätt' ich noch, die Sie
+mir wohl beantworten können. Jener Herr von Hopfgarten --«
+
+»Ja?« frug der Kellner, die Augen fest zusammenpressend, und sich wieder
+aus Leibeskräften die Hände reibend -- »der eben fortfuhr?«
+
+»Ja, derselbe -- war der Herr auch schon einmal in Amerika?«
+
+»Der? -- nun ja, gewiß; auf der Hinreise hat er ja seine jetzige Frau,
+die frühere Madame Henkel kennen lernen.«
+
+»Hm -- ja _Henkel_,« wiederholte der Mann leise vor sich hin.
+
+»Dort hat er auch,« fuhr der Kellner, seinem Ideenlauf folgend, der ihn
+besonders interessiren mochte, fort -- »den früheren Wirth hier vom
+rothen Drachen, den Lobsich, gefunden, der in Milwaukie ebenfalls einen
+rothen Drachen errichtet hat. Bei Tisch erzählte er uns die Geschichte
+-- hahahahaha -- es war zu komisch. Na adieu Alter -- glücklichen
+Marsch,« und den Mann in der Thüre stehn lassend, ging er vor allen
+Dingen in die Laube, wo jener gesessen, zu sehn, ob er auch weder Messer
+noch Gabel mitgenommen und schoß dann, wieder wie vorher die Hände
+reibend, als ob er sie in Feuer bringen wollte, nach dem Speisesaal
+hinüber.
+
+Der Bettler drehte sich langsam ab von ihm.
+
+»'S ist mir doch 'was Unbedeutendes!« flüsterte er leise und tief
+aufseufzend vor sich hin, und hinkte, während ihm eine große Thräne über
+die eine offene Backe hinunter und in das Tuch lief, dem nicht mehr
+fernen Heilingen zu.
+
+
+
+
+FUSSNOTEN -- FOOTNOTES
+
+
+ 1: In Arkansas kann und darf kein Ansiedler wegen irgend welcher
+ Schulden gepfändet werden, wenn er nicht mehr hat, als ihm das
+ Gesetz an Eigenthum gestattet und für seine Existenz für nöthig
+ hält. Seine Wohnung, sein Bett, seine Büchse, sein Ackergeräth,
+ sein Pferd und zwei Kühe dürfen nicht angerührt werden, und
+ so gerecht und wohlthätig das Gesetz auch sein mag, läßt sich
+ denken daß es manchmal gemißbraucht wird, indem der Farmer sein
+ »überzähliges Vieh« nur auf kurze Zeit zu verleugnen und einem
+ andern Nachbar zuzusprechen braucht.
+
+ 2: Ich frug einst in Arkansas die Frau, in deren Hause ich wohnte, eine
+ geborene Irländerin und sonst ganz vernünftige, brave Matrone, die
+ ebenfalls dieser Sekte angehörte, ohne jedoch selber jemals vom
+ »Geiste befallen zu werden,« ob sie denn wirklich glaube, daß die
+ in solchen Zustand verfallenden Menschen etwas Derartiges ohne
+ ihren freien Willen, ohne jede Absicht thäten, und also wirklich
+ begeistert würden? -- worauf sie mir antwortete: »Ja! -- ich habe
+ auch früher geglaubt, die Menschen verstellten sich, wenn ich mir
+ auch den Schaum auf den Lippen nicht erklären konnte; ich dachte
+ aber doch, der _Wille_ des Menschen vermöchte auch dieß zu
+ bewirken, und so sehr mich die Religion der Methodisten erfaßte
+ und zu sich hinzog, so sehr schreckte mich diese Begeisterung, die
+ ich für Heuchelei hielt, zurück. Da kam ich eines Abends auch aus
+ einer solchen Versammlung zu Hause, und war recht traurig, uneinig
+ mit mir selber; ich wußte nicht was ich thun, was lassen sollte,
+ und bat den lieben Gott noch unterwegs recht inbrünstig, er solle
+ mir ein Zeichen geben. Als ich mein Haus betrat hörte ich ein
+ Flattern und mit den Flügeln Schlagen; ich hatte ein paar kleine
+ zierlich gefleckte Hennen, die oft zu mir ins Haus (das Zimmer
+ ist in Arkansas gewöhnlich gleich das ganze Haus) kamen, und die
+ Brosamen aufsuchten. Ich sah mich danach um, und fand das eine von
+ den beiden Hühnern unter dem Bett, anscheinend in Krämpfen, mit
+ den Flügeln schlagend, mit den Beinen strampelnd, die Augen
+ verdrehend, gerade wie ich die Bewegungen bei den Begeisterten
+ gesehen hatte, und -- es gab mir ordentlich einen Stich in's Herz
+ -- mit Schaum am Schnabel. _Da_ war ich überzeugt; das Huhn -- ob
+ sich die Menschen verstellten -- das Huhn verstellte sich _nicht_;
+ _das_ war Natur; der Zustand _war_ also natürlich, er existirte,
+ und von dem Augenblick an beschloß ich zu dieser Sekte
+ überzutreten.«
+
+ 3: Das Prairiehuhn ist ein Mittelding etwa zwischen dem wilden Truthahn
+ und Rebhuhn; es erreicht die Größe eines gewöhnlichen Haushuhns, hat
+ aber einen ziemlich langen Hals und befiederte Stender, den kurzen,
+ niedergekehrten Schwanz aber vom Rebhuhn. Das Fleisch ist nicht
+ besonders, ziemlich dunkel und leicht zäh; nur die Brust ist gut,
+ doch trocken zu essen. Sie finden sich in ungeheueren Mengen über
+ die ganzen Prairieen von Illinois, und schaaren sich im Winter
+ besonders zu Völkern von vielen hunderten zusammen. Aufgescheucht
+ gehen sie aber ziemlich weit, ehe sie wieder einfallen, und
+ verlangen einen tüchtigen Schuß und schweren Schroth, erlegt zu
+ werden.
+
+ 4: Zweites Frühstück
+
+ 5: Sie sind mein Gefangener.
+
+ 6: Fertig für die Hölle!
+
+
+
+
+TRANSCRIBER'S NOTE -- ZUR KENNTNISNAHME
+
+The original text is printed in Fraktur type, with Roman type being
+used for foreign terms or quotations. The symbol # has been used to
+highlight these in this plain text version.
+
+Das Original wurde in Fraktur gedruckt, während Antiqua für
+fremdsprachliche Ausdrücke und Zitate diente. Diese wurden in
+dieser Textfassung mit dem Symbol # hervorgehoben.
+
+Contemporary spellings have generally been retained even when
+inconsistent. A small number of obvious typographical errors have been
+corrected and some names regularised; missing punctuation has been
+silently added.
+
+Zeitgenössische Schreibungen wurden generell beibehalten, auch wenn
+gelegentlich mehrere Variaten auftauchen. Einige wenige orthografische
+Fehler wurden korrigiert und Namen vereinheitlicht; fehlende
+Zeichensetzung wurde ergänzt.
+
+The following additional change has been made:
+
+Die folgende zusätzliche Änderung wurde vorgenommen:
+
+ das junge, ängstlich umherschauende das junge, ängstlich umherschauende
+ und ihrem Glück noch immer nicht und _seinem_ Glück noch immer
+ trauende Mädchen nicht trauende Mädchen
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 30289 ***
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+<title>The Project Gutenberg eBook of Nach Amerika! Sechster Band, by Friedrich Gerstäcker</title>
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+<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 30289 ***</div>
+<h1>The Project Gutenberg eBook, Nach Amerika! Sechster Band, by Friedrich
+Gerstäcker, Illustrated by Carl Reinhardt</h1>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="full" />
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h1> Nach Amerika!</h1>
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Ein Volksbuch</h3>
+<h5>von</h5>
+<h2>Friedrich Gerst&auml;cker</h2>
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Illustrirt von Carl Reinhardt.</h3>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h3>Sechster Band.</h3>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<table border="0" style="background-color: #fdfdfd; margin: 0 auto" cellpadding="0" summary="PUBLISHERS">
+<tr>
+ <td align="center" valign="top">Leipzig,</td>
+ <td align="center" valign="top">&nbsp;</td>
+ <td align="center" valign="top">Berlin,</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td align="center" valign="top"><b>Hermann Costenoble</b>,</td>
+ <td align="center" valign="top">&nbsp;</td>
+ <td align="center" valign="top"><b>Rudolph Gaertner,</b></td>
+</tr>
+<tr>
+ <td align="center" valign="top"><small>Verlagsbuchhandlung.</small></td>
+ <td align="center" valign="top">&nbsp;</td>
+ <td align="center" valign="top"><small>Amelang'sche Sort.-Buchhandlung.</small></td>
+</tr>
+</table>
+<p>&nbsp;</p>
+<h4>1855.</h4>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="narrow" />
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Inhalt des sechsten Bandes.</h3>
+<p>&nbsp;</p>
+<div class="center">
+<table style="margin: 0 auto" cellpadding="1" summary="Inhalt_Contents">
+<tr><td align="right" valign="top">1.&nbsp;&nbsp;</td> <td align="left"><a href="#kap1">Ein Sheriffsverkauf in Arkansas</a></td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top">2.&nbsp;&nbsp;</td> <td align="left"><a href="#kap2">Maulbeere in der Betversammlung</a></td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top">3.&nbsp;&nbsp;</td> <td align="left"><a href="#kap3">Der wandernde Kr&auml;mer</a></td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top">4.&nbsp;&nbsp;</td> <td align="left"><a href="#kap4">Georg und Marie</a></td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top">5.&nbsp;&nbsp;</td> <td align="left"><a href="#kap5">Jimmy</a></td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top">6.&nbsp;&nbsp;</td> <td align="left"><a href="#kap6">Kapellmeister Eltrich</a></td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top">7.&nbsp;&nbsp;</td> <td align="left"><a href="#kap7">Meier, Pelz &amp; Co.</a></td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top">8.&nbsp;&nbsp;</td> <td align="left"><a href="#kap8">Die &Uuml;berraschung</a></td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top">9.&nbsp;&nbsp;</td> <td align="left"><a href="#kap9">Das Haus am Walde</a></td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top">10.&nbsp;&nbsp;</td> <td align="left"><a href="#kap10">Der rothe Drachen bei Heilingen</a></td></tr>
+</table>
+</div>
+<p>&nbsp;</p>
+
+
+<hr class="narrow" />
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<h2><a name="kap1" id="kap1"></a>Capitel 1.</h2>
+
+<h3>Ein Sheriffsverkauf in Arkansas.</h3>
+
+<p>Ein volles Jahr war nach den, im letzten Capitel beschriebenen
+Vorf&auml;llen verflossen; die hei&szlig;e Sonne Amerikas hatte
+wiederum den Mais und Waizen gereift, und die Fr&uuml;chte und
+Beeren des Waldes mit s&uuml;&szlig;em Saft gef&uuml;llt; durch die blaue
+sonnenreine Luft zog der wei&szlig;e wehende Spinnenfaden seine
+stille Bahn, und legte sich einem duftigen Schleier gleich &uuml;ber
+die Wipfel des gr&uuml;nen Waldesdoms, in dessen Schatten die
+feisten Hirsche zu Rudeln zusammenstanden, und die jungen
+Truth&uuml;hner in die Zweige hinauf flatterten, die ersten jungen
+Weinbeeren zu versuchen, die sich mit ihren Reben dort empor
+gerankt.</p>
+
+<p>Und wie das raschelte und rauschte im stillen Wald, wie
+sich das blitzende Sonnenlicht in den fallenden Tropfen spiegelte,
+die ein wohlth&auml;tiger Nachtregen &uuml;ber das gr&uuml;ne Laubmeer
+ausgegossen, und die jetzt leise klopfend auf die gelbe,
+noch vorj&auml;hrige Blattdecke des Bodens niederschlugen. Und
+die Grille zirpte ihr regelm&auml;&szlig;ig melancholisch Lied, das wie
+das leise Schnarren einer in zeitrechten Schwingungen gehenden
+Uhr von allen Seiten t&ouml;nte, nur manchmal durch den gellenden
+Schrei eines aufstiebenden Falken gest&ouml;rt, dem der blaue
+Heher im Busch sp&ouml;ttisch den Warnungsruf nach&auml;ffte.</p>
+
+<p>Wie das summte und schwirrte um Lianenbl&uuml;then und
+frisch aufkeimende Waldesblumen, von Bienen und K&auml;fern,
+zwischen denen hin hie und da, wie ein verirrter Sonnenstrahl,
+ein blitzender gold und gr&uuml;n schimmernder Kolibri gedankenschnell
+fast her&uuml;ber und hin&uuml;ber surrte, &uuml;ber einem duftenden
+honigschweren Kelch einen Moment mit unsichtbaren, schattengleich
+fibrirenden Schwingen stand, und dann verschwunden
+war, da&szlig; ihm das Auge nicht folgen konnte, bis ihn sein
+Summen an dem n&auml;chsten Bl&uuml;thenbusch verrieth.</p>
+
+<p>Wie die Natur in wundervoller Harmonie, besonders in
+der Jahreszeit, den ganzen Wald mit ihrer Pracht durchwirkt,
+und ineinandergreifend Jedes sich die H&auml;nde reicht zum sch&ouml;nen
+Ganzen; wie selbst der morsche umgest&uuml;rzte Baum, von wilden
+bl&uuml;henden Ranken umzogen, zum Bilde hier geh&ouml;rt und nicht
+fehlen d&uuml;rfte; ja w&auml;r' ein einziger Zweig gebrochen von den
+tausenden, die &uuml;berall dem Licht, der Luft die gr&uuml;nen Arme
+entgegenstrecken, die <span class="wide">L&uuml;cke</span> w&uuml;rde f&uuml;hlbar, und der fallende
+Tropfen selbst schm&uuml;ckt das Blatt das er verlie&szlig; mit h&ouml;herem
+Glanz, und wird zur Perle wo er niederf&auml;llt.</p>
+
+<p>Und doch <span class="wide">ein</span> Miston in der Harmonie &mdash; ein dunkler
+Fleck der da nicht hingeh&ouml;rte, der sich nicht wohl da f&uuml;hlte
+und das Ganze st&ouml;rte &mdash; ein nasses, schmutziges, verdrie&szlig;lich
+unzufriedenes Menschenbild, mitten im Wald, im freien sch&ouml;nen
+wundervollen Wald &mdash; Zach&auml;us Maulbeere, vom Regen
+durchn&auml;&szlig;t, kalt, hungrig, verirrt, festgefahren mit seinem Karren
+in einem Gewirr von Reben und Wurzeln, und in einer
+Laune, Milch nur durch blo&szlig;es Ansehn zu s&auml;uern.</p>
+
+<p>&raquo;Ein Gottvermaladeites Land das,&laquo; l&auml;sterte er, sich ersch&ouml;pft
+auf einen umgefallenen Baum setzend und sein Taschentuch,
+das er in der Hand hielt, zusammenrollend und ausringend,
+&raquo;da&szlig; mich der Teufel plagen mu&szlig;te nach diesem Gottvergessenen
+Staat zu gehn &mdash; B&auml;ume &mdash; B&auml;ume &mdash; Nichts
+als B&auml;ume in der Welt &mdash; gerade in die H&ouml;h und gerade &uuml;ber
+den Weg. &mdash; Sch&ouml;nes Vergn&uuml;gen das, wo man sich erst sein
+Schnupftuch <span class="wide">ausringen</span> mu&szlig;, da&szlig; man sich damit <span class="wide">abtrocknen</span>
+kann &mdash; <span class="wide">schwabben</span> nannten sie's auf dem Schiff. Und
+jetzt sitz ich hier &mdash; keine Ahnung wo bin &mdash; keine Idee von
+einer Richtung &mdash; ein Scheerenschleifer im Wald &mdash; Maulbeere,
+Esel, was hast Du hier im Busch zu suchen, heh? &mdash;
+war Dir zu wohl drau&szlig;en zwischen den Ansiedlungen im
+Osten, zwischen dem Waizenbrod und Honig, eh? &mdash; mu&szlig;test
+geschwind machen da&szlig; Du <span class="wide">hierher</span> kamst, zwischen Maisbrod
+und Speck, oder gar die Nacht in den Wald hinein &mdash; <span class="wide">Sch&ouml;ne</span>
+Nacht die ich da verlebt habe, beim heiligen Sebastian &mdash; oben
+in dem verdammten Baum eingeklemmt gesessen, da&szlig; ich die
+Glieder nicht mehr r&uuml;hren kann, und das Beest was da um
+mich her in den B&auml;umen geschrieen hat &mdash; da&szlig; ich nicht gefressen
+bin ist ein reiner Zufall. &mdash; Romantisch im Wald zu
+lagern eh? &mdash; wenn ich nur wenigstens den verdammten langhaarigen
+Dichter die Nacht bei mir gehabt h&auml;tte, um an dem
+meinen Gift auszulassen &mdash; aber zehn gegen eins, der Lump
+hat die ganze Nacht trocken und behaglich in einem warmen
+Bett geschlafen, und am andern Morgen l&uuml;gt er dann wie
+ein Leichenstein, schreibt von &raquo;Gesicht im Thau baden&laquo; und
+&raquo;Windsbraut die Schl&auml;fe k&uuml;hlen&laquo; &mdash; na <span class="wide">Dir</span> m&ouml;cht' ich einmal
+die Schl&auml;fe k&uuml;hlen Du &mdash; Du Blattlaus, statt mit sechs,
+mit zwei schiefen Beinen. &mdash; Und der Herr Schultze &mdash; der
+selige Piepvogel mit einem Gesicht &mdash; wenn man's auf einen
+Stock schnitt, k&ouml;nnte man einen Hund damit pr&uuml;geln, dem
+h&auml;tte die Nacht kreuzwohl zu Muthe sein m&uuml;ssen &mdash; hundem&uuml;de
+auf einem Ast zu sitzen mit dem Kopf unterm Fl&uuml;gel und
+mit der wohlthuenden &Uuml;berzeugung beim ersten Einnicken herunter
+zu fallen und den Hals zu brechen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das geschieht Dir aber recht, Zach&auml;us, vollkommen recht,
+mein Herzchen &mdash; was dumm ist mu&szlig; gepr&uuml;gelt werden, und
+anstatt lieber den alten verdammten Karren, den ich es zum
+Sterben m&uuml;de bin im Lande umherzuschieben, in den Mississippi
+hineinzufahren und umzudrehen, mu&szlig;t Du auch noch F&auml;hrgeld
+daf&uuml;r zahlen und damit her&uuml;berkommen, dann Wochenlang
+durch den hei&szlig;en nassen Sumpf ziehn, um hier endlich an einem
+Platz, den die Nachkommen gar nicht finden k&ouml;nnen wenn
+sie Einem wirklich ein Monument setzen wollten, elendiglich
+und Gotteserb&auml;rmlich umzukommen.&laquo;</p>
+
+<p>Maulbeere dr&uuml;ckte sich nach diesem Selbstgespr&auml;ch den alten
+aufgeweichten Hut fester in die Stirn, stemmte beide
+Ellbogen auf die Knie, st&uuml;tzte den Kopf in die H&auml;nde und starrte
+finster und mit dicht zusammengezogenen Brauen eine ganze
+Weile vor sich nieder.</p>
+
+<p>Er sah auch traurig aus; &mdash; den gr&uuml;nen Rock trug er
+noch immer. Das Wild im Wald wechselt seinen Pelz oder
+sein Fell mit der Jahreszeit, der Vogel hat seine Mauser, die
+Schlange streift ihre Haut ab, einer neuen Raum zu geben,
+und jede Kreatur leckt oder s&auml;ubert dabei ihr Kleid, das ihr
+der Sch&ouml;pfer gegeben, nach besten Kr&auml;ften, streicht Federn oder
+Haare glatt und f&uuml;hlt sich dann erst wohl, und behaglich wenn
+das geschehn. Nur Maulbeere kannte kein solches Bed&uuml;rfni&szlig;;
+wie die Katze die N&auml;sse scheut, ha&szlig;te er, vor allen anderen
+Elementen, das Wasser; Niemand hatte je gesehen da&szlig; er sich
+wusch; wenn das an Bord geschehen war mu&szlig;te er es in der
+Nacht gethan haben und selbst dann heimlich, von der Wacht
+an Deck unbemerkt. Den gr&uuml;nen Rock, jetzt an unz&auml;hligen
+Stellen geflickt und ausgebessert, trug er noch bis oben an
+die schwarze, matt gl&auml;nzende Pferdehaarhalsbinde fest zugekn&ouml;pft,
+der alte Filz, der keine Fa&ccedil;on mehr zu verlieren hatte,
+lag ihm mit seinem, an drei Seiten durch Bindfaden befestigten
+Deckel, weich und lappig geworden, dicht auf dem Scheitel,
+und die derben rindsledernen Schuhe, zu denen die durch
+Dornen unten ausgefranzten gro&szlig;karirten baumwollenen Hosen
+niederhingen, schienen das einzig trag- und nutzbare am ganzen
+Menschen. Auch der blonde starre Bart hatte seit Wochen
+kein Rasirmesser gesehn, und das kurze semmelblonde struppige
+Haar hing ihm jetzt na&szlig; und in zusammenklebenden Streifen
+&uuml;ber Stirn und Schl&auml;fe, und lie&szlig; ihm einzelne durch den defekten
+Hutrand eingedrungene Tropfen &uuml;ber die fahlgrauen
+Backen, auf denen sie lange Schmutzstreifen bildeten, in die
+Halsbinde laufen.</p>
+
+<p>In der widrigen Feuchtigkeit hatte ihn auch sein trockener
+Humor verlassen, und Maulbeere sa&szlig; neben seinem Karren
+wie ein wild gewordener, der Civilisation abtr&uuml;nnig gewordener
+Scheerenschleifer, Ha&szlig; und Groll gegen die ganze Welt
+&mdash; die er &uuml;berhaupt noch nie lieb gehabt &mdash; im Herzen.</p>
+
+<p>Ein Schu&szlig;! &mdash; Zach&auml;us fuhr in die H&ouml;h, als ob <span class="wide">ihn</span>
+die Kugel getroffen h&auml;tte, und horchte gespannt, nach welcher
+Richtung hin er das n&auml;chste Ger&auml;usch jetzt h&ouml;ren w&uuml;rde, als
+auch der Fall eines K&ouml;rpers, nur wenige Secunden sp&auml;ter,
+sein Ohr erreichte.</p>
+
+<p>&raquo;Hallo! <span class="wide">hupih!</span> &mdash; hallo!&laquo; schrie er jetzt dorthin aus
+Leibeskr&auml;ften, &raquo;he! hallo! hallo! hu &mdash; <span class="wide">ih</span> &mdash; <span class="wide">ahoy!</span>&laquo;</p>
+
+<p>Das laute Anschlagen eines Hundes antwortete dem fremden
+Ton, dem gleich darauf der ermunternde Zuruf einer
+menschlichen Stimme folgte.</p>
+
+<p>&raquo;Existirt wirklich noch eine andere menschliche Kreatur
+in dieser gottvergessenen Mischung von Streu und Nutzholz,&laquo;
+brummte Maulbeere vor sich hin, &raquo;fehlte mir jetzt weiter gar
+Nichts, als da&szlig; es so eine verdammte Rothhaut w&auml;re, die eben
+solchen Hunger h&auml;tte wie ich. Aber einerlei, lieber an einem
+warmen behaglichen Feuer gebraten werden, wie hier madenna&szlig;
+vor Frost und Bauchgrimmen umkommen; also noch
+einmal ein Nothsignal, die wilde Bestie auf meine Spur zu
+bringen.&laquo;</p>
+
+<p>Und wieder lie&szlig; er den Wald von seinem Geschrei ert&ouml;nen,
+und nicht lange, so brach ein grau gestreifter, kr&auml;ftig gebauter
+Hund durch die B&uuml;sche, gerad auf ihn zu, machte noch ein
+paar t&uuml;chtige S&auml;tze gegen ihn an, und gab dann Standlaut.</p>
+
+<p>Maulbeere, der seine besonderen Gr&uuml;nde hatte den Hund
+nicht gegen sich aufzubringen, konnte unter diesen Verh&auml;ltnissen
+nichts anderes thun als sich vollkommen ruhig verhalten;
+nicht lange aber, so brachen und knackten die B&uuml;sche und ein
+J&auml;ger, die B&uuml;chse auf der Schulter, einen eben geschossenen
+Truthahn, Kopf und St&auml;nder mit Bast zusammengebunden,
+wie eine Tasche umgeh&auml;ngt, trat aus den B&uuml;schen und
+kam, die wunderliche Gestalt mit dem Karren dabei nicht
+wenig erstaunt betrachtend, auf Maulbeere zu.</p>
+
+<p>&raquo;Hallo Fremder!&laquo; rief Jack Owen, denn es war Niemand
+anders als unser Arkansanischer Freund, &raquo;wie zum Henker
+seid Ihr mit <span class="wide">dem</span> Fuhrwerk da in die Gr&uuml;ndorn-Flat gerathen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hineingerathen?&laquo; erwiederte Maulbeere, der in den zwei
+Jahren seines hiesigen Aufenthalts schon ziemlich fertig Englisch
+gelernt hatte, &raquo;fragt mich lieber wie ich wieder hinausgerathe
+&mdash; hier in der Gegend wissen die Leute wohl gar nicht
+was ein <span class="wide">Weg</span> ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oh doch,&laquo; lachte der Mann, der sich nicht satt sehen
+konnte an dem Fremden, &raquo;manchmal haben wir hier so schmale
+Dinger, die man, in Ermangelung besserer, Wege nennt.
+Aber wo kommt Ihr her? &mdash; was habt Ihr da in der wunderlichen
+Maschine und wo wollt Ihr hin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Ihr mich gefragt h&auml;ttet wie ich die Nacht geschlafen
+habe und ob ich etwas zu essen haben wollte, w&auml;re mehr
+Sinn d'rin,&laquo; brummte Maulbeere verdrie&szlig;lich. &raquo;Wie weit ist's
+bis zum n&auml;chsten Haus?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kaum eine Viertelstunde &mdash; wenn Ihr <span class="wide">hier</span> &uuml;bernachtet
+habt, konntet Ihr die H&auml;hne heut Morgen kr&auml;hen h&ouml;ren &mdash;
+wo habt Ihr geschlafen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn's Euch interessirt,&laquo; knurrte Maulbeere, &raquo;und Ihr
+den Spuren nachgehen wollt, die ich mit dem verdammten
+Kasten hier aufgew&uuml;hlt, dann kommt Ihr zuletzt zu einem
+Baum &mdash; irgend ein weitl&auml;ufiger Verwandter von diesen hier
+&mdash; auf dem hab' ich gesessen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oben im Baum?&laquo; lachte der J&auml;ger.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn ich <span class="wide">drunter</span> gelegen h&auml;tte f&auml;ndet Ihr einen Theil
+meiner Gliedma&szlig;en vielleicht heute Morgen in dem Magen
+eines Panthers, und den anderen sauber verscharrt f&uuml;r eine
+zweite Mahlzeit, unter dem Laube.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unsinn Mann &mdash; Ihr k&ouml;nnt hier ein Jahr lang unter
+einem Baum im Walde schlafen, und wenn Euch die Mosquitos
+und Holzb&ouml;cke nicht auffressen, die Panther thun Euch
+Nichts.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So? &mdash; es hat wohl nicht Einer dicht bei mir auf einem
+anderen Baum gesessen, und mir die ganze Nacht eine schauerliche
+Geschichte vorgeheult, heh?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hahahahaha!&laquo; lachte Jack, &raquo;das wird eine Eule
+gewesen sein; in dieser Jahreszeit schl&auml;ft sich's wundervoll im
+Wald.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Eule,&laquo; brummte Maulbeere ver&auml;chtlich zwischen den
+Z&auml;hnen durch, &raquo;wundervoll im Wald schlafen &mdash; wer eine
+Leidenschaft daf&uuml;r hat. Mir ist's lieber ich erfahre es erst am
+n&auml;chsten Morgen, wenn's in der Nacht geregnet hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alle Wetter ja,&laquo; rief Jack gutm&uuml;thig, &raquo;Ihr seid durch
+und durch na&szlig; &mdash; es hat die Nacht wohl stark geregnet? und
+wir zu Hause haben nicht einmal viel davon gemerkt. Aber
+kommt, nehmt Euer Fuhrwerk und bringt es nur hier her&uuml;ber
+mir nach.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn ich nicht fest damit s&auml;&szlig;e h&auml;tte ich mich nicht hier
+h&auml;uslich niedergelassen,&laquo; erwiederte der Scheerenschleifer m&uuml;rrisch
+&mdash; &raquo;das Dornenwerk h&auml;lt wie Ankertaue.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da wollen wir leicht Bahn hauen,&laquo; lachte Jack, sein
+langes schweres Jagd- oder Bowiemesser aus dem G&uuml;rtel
+nehmend, und die Dornen ringsum mit leichten Schl&auml;gen
+durchhauend, &raquo;so &mdash; so &mdash; so &mdash; jetzt versucht's einmal, gleich
+da dr&uuml;ben wo die alte Eiche liegt geht ein schmaler Kuhpfad
+nach der Farm zu, dem k&ouml;nnen wir folgen bis wir in den
+Reitweg kommen, und dann habt Ihr freie Bahn &mdash; gehts?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn ich Jemanden finde der dumm genug ist mir den
+Kasten abzukaufen,&laquo; sagte Maulbeere, das Tragband wieder
+einhenkend und den Versuch machend, &raquo;so gebe ich mein Gesch&auml;ft
+auf und gehe unter die Millionaire &mdash; hol der Teufel
+das Scheerenschleifen.&laquo;</p>
+
+<p>Jack sah ihm lachend zu, bis der Fremde nach drei vier
+Ans&auml;tzen den schweren eingesunkenen Karren nicht vorw&auml;rts
+brachte, dann ging er rasch auf einen jungen Papaobaum zu,
+von dem er die Rinde, so hoch er hinaufreichen konnte, mit
+seinem Messer abschlug und niederstreifte, ein Seil daraus
+drehte, und dieses vorn am Karren befestigend, sich selber
+vorspannte.</p>
+
+<p>&raquo;So &mdash; nun noch einmal &mdash; a hoy &mdash; alle zusammen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ahoy!&laquo; rief Maulbeere, und mit dem Ruck kam der
+Karren frei, der von den beiden M&auml;nnern jetzt mit ziemlicher
+Leichtigkeit bis zu dem schmalen Pfad, und diesen hin bis in
+den Reitweg gezogen wurde, wo ihn Maulbeere allein fortbringen
+konnte.</p>
+
+<p>Unterwegs wurde der Scheerenschleifer, mit der Aussicht
+auf ein warmes Feuer und Essen, wie auf eine hei&szlig;e Tasse
+Kaffee aber gespr&auml;chiger, erz&auml;hlte dem J&auml;ger welcher Art sein
+Gesch&auml;ft sei, was er thue und treibe und wie er sein Brod
+erwerbe, und die ganzen Vereinigten Staaten schon durchzogen
+habe, bis er zuletzt, durch die vielen brillanten Schilderungen
+der westlichen Staaten verf&uuml;hrt worden sei auch <span class="wide">hier</span> sein
+Gl&uuml;ck zu versuchen, wo er sich jetzt die gr&ouml;&szlig;te M&uuml;he geben
+werde, so rasch als m&ouml;glich wieder fortzukommen.</p>
+
+<p>Jack Owen am&uuml;sirte sich ungemein &uuml;ber die wunderliche
+m&uuml;rrisch-drollige Ausdrucksweise des Mannes,
+dem er aber doch zu dessen Trost mittheilte, da&szlig; er sich
+h&auml;tte zu keiner gl&uuml;cklicheren Zeit in diese Gegend verirren
+k&ouml;nnen, als gerade heute, da sich fast das ganze County
+in der N&auml;he der Farm, der sie eben zusteuerten, zu einer
+sogenannten Camp-Meeting (eine fromme Zusammenkunft im
+Freien) versammelt sei, w&auml;hrend zu gleicher Zeit von dem Gouvernement
+des Staates der &ouml;ffentliche Verkauf des ganzen
+Platzes, in Folge eines alten Processes, anberaumt sei.</p>
+
+<p>Maulbeere horchte hoch auf &mdash; von den Camp-Meetings
+des Westens hatte er schon so viel geh&ouml;rt, da&szlig; er selber gespannt
+war einer derselben beizuwohnen, und Leute die sich bei
+einer solchen Versammlung einfanden, f&uuml;hrten auch stets Geld
+bei sich. Auf eine gute Einnahme in seinen verschiedenen Branchen
+durfte er jedenfalls rechnen, und wer wei&szlig; was da sonst noch
+f&uuml;r ihn auftauchte. Maulbeere war ganz der Mann dazu von
+solcher Gelegenheit den gr&ouml;&szlig;tm&ouml;glichen Nutzen zu ziehn, und
+da&szlig; er sie nicht vers&auml;umen w&uuml;rde, fest entschlossen.</p>
+
+<p>Vor ihnen lag jetzt Olnitzkis alte Farm, von der er &uuml;brigens
+keine Ahnung hatte, da&szlig; Fr&auml;ulein von Seebald, seine
+alte Reisegef&auml;hrtin, mit ihr in so genauer Beziehung gestanden,
+und eine Masse Menschen lagerten um zahlreiche dort entz&uuml;ndete
+Feuer, kochten Kaffee, brieten Fleisch an der Gluth, und
+gaben dem sonst so stillen Platz ein eigenes lebendiges, fr&ouml;hliches
+Aussehn &mdash; und wie ernst doch war der Zweck der sie
+hier versammelt.</p>
+
+<p>Als Olnitzki damals von Jack Owen erschossen worden,
+galopirte Soldegg nach Little Rock zur&uuml;ck und &mdash; klagte nicht
+etwa gegen die Farmer und Squatter von Arkansas, er war
+zu klug dazu, und wu&szlig;te was ihm selber geschehen konnte in
+dem Fall, aber er verkaufte seine rechtsg&uuml;ltigen von Olnitzki
+selber gezeichneten Papiere, die den <span class="wide">Verkauf</span> seiner Farm wie
+seines s&auml;mmtlichen Viehstands, mit Ausnahme eines einzigen
+Pferdes betrafen, an einen Advokaten in Little Rock, einen
+sonst schlauen und durchtriebenen, aber erst seit kurzer Zeit aus
+den &ouml;stlichen Staaten hierhergekommenen Burschen, f&uuml;r den halben
+Werth gegen baar Geld, womit er Arkansas verlie&szlig;.</p>
+
+<p>Der Advokat, ein gewisser Kowley, reiste ohne Weiteres
+nach Oaklandgrove hin&uuml;ber, sein Eigenthum in Besitz zu
+nehmen, fand sich aber hierin get&auml;uscht, erfuhr da&szlig; Olnitzkis
+Frau, die Einzige die nach den Begriffen der Nachbarn etwas
+zu sagen habe, Farm und Vieh einer Waise geschenkt habe, die
+der von Olnitzki erschossene Riley hinterlassen, die Nachbarn
+es &uuml;bernommen h&auml;tten die Farm f&uuml;r diese zu bewirthschaften,
+bis sie den Besitz selber antreten k&ouml;nne, und da&szlig; keine Klaue
+und kein Huf von diesem Eigenthum ihre <i>&raquo;range&laquo;</i> verlassen
+solle, in andere H&auml;nde &uuml;berzugehen.</p>
+
+<p>Mr. Kowley sah sich gen&ouml;thigt unverrichteter Sache nach
+Little Rock zur&uuml;ckzureiten; aber keineswegs gesonnen sich &raquo;in
+seinem guten Recht&laquo; durch eine Bande gesetzloser Squatter, wie
+er sie nannte, st&ouml;ren zu lassen, machte er die Sache in Little
+Rock anh&auml;ngig, und ein ordentlicher Proce&szlig; entstand, von dessen
+Kosten sich die Squatter schon durch das sie sch&uuml;tzende Gesetz<a name="fn_1r" id="fn_1r"></a><a href="#fn_1"><small><sup>1</sup></small></a>
+freihielten, der aber doch, nachdem er sich &uuml;ber Jahr und Tag
+hingezogen, <span class="wide">gegen</span> die Squatter entschieden und ein Termin
+zu gleicher Zeit anberaumt wurde, an dem die fr&uuml;her dem
+Polen Olnitzki geh&ouml;rende und k&auml;uflich an Mr. John Kowley
+&uuml;bergegangene Farm, mit den dazu geh&ouml;rigen und in dem Verkaufsbrief
+einzeln aufgef&uuml;hrten Pferden, Rindern und Schweinen,
+&ouml;ffentlich und an den Meistbietenden verkauft werden
+sollte.</p>
+
+<p><span class="wide">Der</span> Termin war heute, und zwei, gerade in jenem
+County befindliche Geistliche, sogenannte <i>circuit riders</i>, die
+von ihren Consistorien ausgeschickt werden die noch wenig bev&ouml;lkerten
+Distrikte, in denen keine Kirchen sind, zu durchziehn
+und dort zu predigen, hatten sich entschlossen f&uuml;r den n&auml;chsten
+Tag eine schon l&auml;ngst beabsichtigte &raquo;Betversammlung im freien
+Walde&laquo; anzusagen, da der Gerichtstermin ja ohnedie&szlig; eine
+Menge Menschen herbeiziehen mu&szlig;te. Ob gerade <span class="wide">diese</span> Gelegenheit
+eine sonst passende war k&uuml;mmerte sie wenig, sobald
+nur viel Menschen dort zusammen kamen und die Beisteuer zu
+ihren milden Zwecken &mdash; Kirchenbau, Missionswesen, Bibelvertheilung
+und Erhaltung der Geistlichen &mdash; recht reichlich
+ausfiel.</p>
+
+<p>Jack Owens sonst so freundliches Gesicht nahm aber
+einen recht ernsten, finsteren Ausdruck an, als er den freien
+Platz betrat auf dem die Fremden versammelt waren, und
+unter diesen eine ziemlich gro&szlig;e Zahl st&auml;dtisch gekleideter Advokaten
+und Kaufleute von Little Rock, die theils Neugierde,
+theils wirkliche Lust zu kaufen hier heraus in den Wald getrieben,
+erkannte. Schweigend, und von seinem Begleiter dicht
+gefolgt, seine B&uuml;chse &uuml;ber der Schulter, seinen gro&szlig;en Hund
+hinter sich, ohne zu gr&uuml;&szlig;en, ohne umzusehen, schritt er zwischen
+der Schaar durch und auf das Haus zu, in dessen Th&uuml;r ein
+junges, bildh&uuml;bsches vielleicht vierzehnj&auml;hriges M&auml;dchen stand,
+und ihm freudig und herzlich beide H&auml;nde entgegenstreckte.</p>
+
+<p>&raquo;Oh Gott segne Euch Mr. Owen&laquo; rief ihm das etwas
+bleich und angegriffen aussehende Kind entgegen &mdash; &raquo;wie
+froh, wie gl&uuml;cklich bin ich da&szlig; Sie endlich angekommen sind;
+ich hatte schon solche Angst Sie &mdash; Sie w&uuml;rden&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Doch nicht fortbleiben heute, Jenny?&laquo; lachte der J&auml;ger,
+gutm&uuml;thig ihre zarten Wangen und das goldene Haar aus
+ihrer Stirn streichend &mdash; &raquo;nein mein Kind, wir verlassen Dich
+nicht, darauf darfst Du bauen; die&szlig; ist deine Heimath und soll
+es bleiben und wenn wir Alle unsere Heerden verkaufen m&uuml;&szlig;ten,
+sie Dir zu erhalten &mdash; wohin es aber nicht kommen wird.
+Wie geht's Deiner Gro&szlig;mutter, Herz?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schlecht Mr. Owen, recht schlecht &mdash; die vielen Menschen
+da drau&szlig;en machen ihr Angst &mdash; sie hat st&auml;rkeres Fieber
+heute gehabt, und ist vor einer halben Stunde etwa nur erst
+eingeschlafen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hier hab' ich Dir 'was zu leben mitgebracht, Jenny&laquo;
+sagte der J&auml;ger, dem Kinde l&auml;chelnd das Kinn emporhebend &mdash;
+&raquo;ein junger Truthahn, aber feist wie Butter; die i&szlig;t Du ja
+so gern. Doch dem Mann da, &mdash; ein Fremder der sich verirrt
+und die Nacht im Walde zugebracht hat &mdash; mu&szlig;t Du etwas zu
+essen machen und einen Platz an Deinem Feuer g&ouml;nnen bis er
+sich getrocknet hat, wenn er sich nicht lieber drau&szlig;en in die
+Sonne legt. Hast Du etwas f&uuml;r ihn?&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;r Sie und ihn, Mr. Owen, der Kaffee ist fertig und
+steht am Feuer, ebenso das Brod, und der Speck ist in wenigen
+Minuten gebraten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bravo mein Herz, dann k&ouml;nnen wir gleich zulangen; ich
+habe &uuml;berdie&szlig; schon den ganzen Morgen durch den Wald gepirscht,
+solch einen Vogel f&uuml;r Dich zu suchen, und Dir dabei
+gleich den Scheerenschleifer gefangen, der die Nacht irgendwo
+im Wald aufgeb&auml;umt war aus Furcht vor Panthern und
+wilden Bestien. Kommen Sie herein, Mister, wie ist gleich
+ihr Name? &mdash; Mowlbare &mdash; wunderliches Wort das, aber
+ich denke Sie halten's wohl mit dem alten Sprichwort was
+wir hier im Walde haben &mdash; einerlei <span class="wide">wie</span> man uns ruft, nur
+nicht zu sp&auml;t zum Essen!&laquo;</p>
+
+<p>Maulbeere lie&szlig; sich nicht zweimal n&ouml;thigen &mdash; seinen
+Karren drau&szlig;en vor der Th&uuml;r stehn lassend, nahm er den alten
+aufgeweichten Filz vom Kopf, strich sich die nassen struppigen
+Haare aus der Stirn, und machte Miene sich ohne Weiteres
+an den schon gedeckten Tisch zu setzen, auf den die Kleine eben
+die breitf&uuml;&szlig;ige blecherne und dampfende Kaffeekanne stellte.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Sie sich erst waschen wollen, so steht drau&szlig;en der
+Eimer und das Becken&laquo; sagte Jack, dem es vielleicht so
+vorkam, als ob ein wenig Seifenwasser der Physiognomie und den
+H&auml;nden des Fremden eben nicht schaden k&ouml;nne.</p>
+
+<p>&raquo;Danke&laquo; sagte aber der Scheerenschleifer in aller Ruhe &mdash;
+&raquo;ich bin die Nacht gerade genug gewaschen, und habe mir das
+Wasser verleidet &mdash; Kaffee ist mir lieber.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Helft Euch selber dann&laquo; sagte Jenny freundlich, dem
+wunderlichen Fremden einen Stuhl zum Tisch r&uuml;ckend &mdash; &raquo;Ihr
+seid herzlich willkommen zu Allem was wir haben.&laquo;</p>
+
+<p>Die beiden M&auml;nner setzten sich und a&szlig;en, und eine Weile
+wurde weiter Nichts geh&ouml;rt, als das Klappern der Messer, Gabeln
+und Tassen, von denen noch einige aus Olnitzkis Nachla&szlig;
+&uuml;brig geblieben waren und &uuml;ber die sich Maulbeere allerdings
+den Kopf zerbrach, wie solch reich vergoldetes, weit anderen
+Verh&auml;ltnissen angeh&ouml;rendes Geschirr hierher seinen Weg gefunden
+haben konnte. Er w&uuml;rde freilich noch weit mehr erstaunt gewesen
+sein, wenn er erfahren h&auml;tte da&szlig; die n&auml;mliche allerdings henkellose
+und oben ausgebrochene Tasse aus der er trank, mit ihm
+auf ein und demselben Schiffe von Deutschland erst her&uuml;bergekommen
+w&auml;re. Die Lebensmittel, besonders der hei&szlig;e Kaffee
+nahmen jedoch seine Aufmerksamkeit viel zu sehr in Anspruch,
+sich f&uuml;r jetzt um irgend etwas anderes zu bek&uuml;mmern, und wieder
+und wieder mu&szlig;te Jenny die Tasse f&uuml;llen.</p>
+
+<p>&raquo;Jenny&laquo; sagte da Jack nach langer Pause, in der seine
+Blicke ernst und sinnend &uuml;ber den kleinen Raum geschweift
+waren &mdash; denn das vergoldete Geschirr hatte bei ihm ganz
+andere Erinnerungen wach gerufen, &raquo;wenn das Haus nachher
+zum Verkauf angek&uuml;ndigt ist, wirst Du mit bieten m&uuml;ssen, Herz.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich, Mr. Owen?&laquo; sagte das arme Kind, wehm&uuml;thig
+l&auml;chelnd, &raquo;Du lieber Gott, mit was sollt ich wohl bieten;
+Sie wissen ja recht gut da&szlig; wir <span class="wide">Nichts</span> haben auf der weiten
+Welt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast Du <span class="wide">gar</span> kein Geld, Jenny?&laquo; sagte Jack, sie halb
+erstaunt aber recht freundlich anschauend &mdash; &raquo;<span class="wide">gar</span> Nichts,
+nicht ein ganz klein wenig?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein ganz klein wenig, oh ja&laquo; l&auml;chelte das M&auml;dchen gutm&uuml;thig
+&mdash; &raquo;einen Viertel Dollar in Silber, den mir Gro&szlig;mutter
+schon vor langer langer Zeit gegeben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun siehst Du wohl, Schatz&laquo; lachte der J&auml;ger, &raquo;da&szlig;
+Du reicher bist wie Du Dich machst? das ist vollkommen
+genug.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Ein</span> Viertel Dollar, sagte ich Mr. Owen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jawohl, und noch dazu in Silber.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber was soll ich <span class="wide">damit</span> anfangen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun die Farm und das Vieh kaufen &mdash; ganz Arkansas
+kannst Du freilich nicht daf&uuml;r bekommen.&laquo;</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen wandte sich langsam ab eine aufsteigende
+Thr&auml;ne zu unterdr&uuml;cken, denn der Scherz that ihr weh; Jack
+aber, der sie nicht kr&auml;nken wollte, stand auf, ging zu ihr, legte
+seine Hand auf ihre Schulter und sagte freundlich&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Es <span class="wide">ist</span> kein Scherz, Jenny, Du mu&szlig;t gewi&szlig; mit bieten,
+ja noch mehr, Du mu&szlig;t den Anfang machen. <span class="wide">F&uuml;rchtest</span> Du
+Dich wenn ich dabei bin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein Mr. Owen&laquo; sagte das M&auml;dchen herzlich &mdash; &raquo;aber
+ich begreife nur nicht&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wirst das schon Alles noch erfahren &mdash; welche Zeit
+haben wir jetzt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bald elf Uhr, nach der Sonne.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alle Wetter, dann ist auch nicht mehr viel zu vers&auml;umen,
+um elf beginnt die Auktion &mdash; wenn ich Dich rufe komm zu
+mir hinaus. Und Sie, Mr. Mowlbare k&ouml;nnen heut etwas
+Neues sehn in Arkansas, aber&laquo;&nbsp;&mdash; setzte er ernster und fast
+wie drohend hinzu &mdash; &raquo;wenn ich Ihnen zum Besten rathen
+soll, so bieten Sie nicht mit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Danke herzlich&laquo; sagte Maulbeere verbindlich &mdash; &raquo;sp&uuml;re
+f&uuml;r jetzt noch nicht die mindeste Lust mich in Arkansas niederzulassen
+&mdash; aber hinaus darf man doch kommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig;, gewi&szlig;&laquo; lachte Jack wieder, &raquo;und werden treffliche
+Gesellschaft da finden;&laquo; und seine B&uuml;chse schulternd, w&auml;hrend
+er dem M&auml;dchen freundlich zunickte, verlie&szlig; er rasch das Haus.</p>
+
+<p>Drau&szlig;en kamen indessen Fremde auf Fremde, sammelten
+sich um die verschiedenen Feuer, wo sie einen Bekannten trafen,
+oder besahen auch wohl die aus dem Nachla&szlig; von den Nachbarn
+selber herbeigebrachten Pferde, die dort ausgehobbelt &mdash;
+d.&nbsp;h. mit zusammengebundenen Vorderf&uuml;&szlig;en &mdash; an hingeworfenen
+Maiskolben knapperten, und munter den immer und immer
+wieder neuankommenden Reitern entgegenwieherten.</p>
+
+<p>Um den Sheriff, der von Little Rock selber her&uuml;bergekommen
+war den Verkauf zu leiten, hatte sich dabei eine ziemliche
+Anzahl von &raquo;Stadtleuten&laquo; versammelt; der Platz ging
+jedenfalls f&uuml;r ein Spottgeld weg, denn der jetzige Eigenth&uuml;mer
+Mr. Kowley, wollte ihn um jeden Preis los sein, und die
+Pferde allein, wackere pr&auml;chtige Thiere, hatten einen guten
+Werth.</p>
+
+<p>Jack ging wieder zwischen den Gruppen durch, ohne sie
+auch nur eines Blicks zu w&uuml;rdigen, und hie und da fl&uuml;sterte
+man wohl leise hinter ihm her, da&szlig; das der Mann sei, der den
+fr&uuml;hern Eigenth&uuml;mer dieses Platzes erschossen. Vor eine Jury
+damals gestellt war er aber, da es in Selbstvertheidigung geschehen,
+frei gesprochen worden; Olnitzki hatte zuerst nach ihm
+geschossen, und der Wille allein w&auml;re gen&uuml;gend gewesen, selbst
+ohne die, noch damals nicht geheilte Narbe von dessen Kugel.
+Die Leute von Little Rock hielten sich aber fern von dem Mann;
+sie wollten mit den Squattern dieses Distrikts, die den Ruf
+eines wilden unz&auml;hmbaren Volkes hatten, so wenig als m&ouml;glich
+in Ber&uuml;hrung kommen, und waren vollkommen zufrieden
+Niemand weiter von der Schaar zu sehn, wenn sie sich auch
+eigentlich dar&uuml;ber wunderten.</p>
+
+<p>&raquo;Gentlemen!&laquo; redete da der Sheriff die Versammlung an,
+&raquo;es wird etwa elf Uhr sein, und ich glaube wir k&ouml;nnen die
+Auktion beginnen, damit die Herren, die noch gesonnen sind
+heute nach Little Rock zur&uuml;ckzukehren, Zeit dazu behalten. Wir
+sind doch wahrscheinlich Alle versammelt, die an dem Kaufe
+Theil nehmen wollen und ich werde anfangen.&laquo;</p>
+
+<p>Jack Owen stand etwa zwanzig Schritt von ihm entfernt,
+als er diese Worte an die ihm N&auml;chsten richtete, und
+nahm jetzt, ohne eine Sylbe darauf zu erwiedern, seine B&uuml;chse von
+der Schulter. Zugleich spannte er den Hahn, zielte einen Augenblick
+nach dem Wipfel einer der n&auml;chsten Eichen, und bei dem
+Krachen des Schusses st&uuml;rzte ein Rothkehlchen, das sich dort oben
+im Gef&uuml;hle v&ouml;lliger Sicherheit niedergelassen, g&auml;nzlich von einander
+geschossen herunter zu Boden.</p>
+
+<p>&raquo;Ein famoser Schu&szlig;!&laquo; riefen Einige der Stadtleute, die
+nicht recht wu&szlig;ten was sie aus dieser pl&ouml;tzlichen Schie&szlig;&uuml;bung
+mitten zwischen sich machen sollten &mdash; &raquo;ein vortrefflicher Schu&szlig;!&laquo;
+Der Sheriff nur wandte sich mit eben keinem freundlichen
+Blick gegen den Sch&uuml;tzen um, sagte aber Nichts und Jack,
+ohne die geringste Notiz von irgend Jemand Anderem zu nehmen,
+stie&szlig; seine B&uuml;chse vor sich auf den Boden nieder, reinigte
+sie, und lud sie wieder.</p>
+
+<p>Da brachen rings die B&uuml;sche, Rosse wieherten, Hunde
+schlugen an; &uuml;berall raschelte und knackte es im Wald, und
+der Boden zitterte unter den schmetternden Hufen einer heranst&uuml;rmenden
+Anzahl Pferde, nach denen sich die hier um die
+Feuer Versammelten kaum &uuml;berrascht, ja erschreckt umsehen
+konnten, als auch schon einige drei&szlig;ig kr&auml;ftige wilde Gestalten,
+fast Alle in lederne oder wollene Jagdhemden und ausgefranzte
+Leggins gekleidet, ihre langen B&uuml;chsen &uuml;ber der linken Schulter,
+ihre Messer an der Seite, die Z&uuml;gel ihrer Thiere locker in
+der rechten Hand, Einzelne im blo&szlig;en Kopf mit flatternden
+Haaren wie Indianer, Andere mit alten Filz- oder Strohh&uuml;ten
+auf, &uuml;ber umliegende und dort umhergestreute St&auml;mme wegsetzend,
+herankamen, und dicht um die Feuer her ihre schnaubenden
+Thiere parirten. So rasch und pl&ouml;tzlich und so mit einem
+Mal von allen Seiten war die Schaar der Backwoodsmen,
+s&auml;mmtlich Nachbarn hier und Squatter dieser Niederungen,
+herangekommen, da&szlig; der Schu&szlig; des Einen von ihnen jedenfalls
+das <span class="wide">Signal</span> f&uuml;r Alle gewesen sein mu&szlig;te, die schon lange
+darauf harrend im Hinterhalt gelegen. Aber Keiner von ihnen
+k&uuml;mmerte sich um den Anderen, und handelten sie nach <span class="wide">einem</span>
+Entschlu&szlig;, so war der jedenfalls schon fr&uuml;her verabredet und
+besprochen, und bedurfte keines weitern Worts noch Winkes.
+Aber Alle warfen sich jetzt von den Pferden, hingen die Z&uuml;gel
+der scharrenden, stampfenden Thiere an den n&auml;chsten schwingenden
+Zweig der ihnen zur Hand war, und traten dann, ihre
+B&uuml;chsen auf den Schultern und trotzig genug sich dabei im
+Kreise umsehend, mitten zwischen die K&auml;ufer hinein, so da&szlig; sie
+diese von allen Seiten umgaben und umstanden. Unter ihnen
+waren der alte Rosemore, Bill Jones, Sam Houston und
+&uuml;berhaupt das ganze <i>&raquo;settlement&laquo;</i> oder die Nachbarschaft &mdash;
+Keiner fehlte.</p>
+
+<p>Wenn Jemand in der ganzen Versammlung, so hatte aber
+der Sheriff von Little Rock diese &raquo;Demonstration&laquo;, f&uuml;r was er
+sie nicht ganz mit Unrecht hielt, in Zorn und Unwillen angesehn,
+ohne freilich dagegen einschreiten oder auch nur etwas
+dawider &auml;u&szlig;ern zu k&ouml;nnen. Da&szlig; die Leute mit ihren Waffen
+kamen verstand sich von selbst, ein Backwoodsman geht nie
+ohne diese, nicht hundert Schritt von seiner H&uuml;tte ab, vielweniger
+eine Strecke durch den Wald, sei die Gelegenheit welche
+sie wolle, und das stille ernste Benehmen der M&auml;nner lie&szlig; ebenfalls
+auf keine St&ouml;rung schlie&szlig;en; nichtsdestoweniger gefiel ihm
+das pl&ouml;tzliche Ankommen der Leute nicht, das auch auf die
+&uuml;brigen K&auml;ufer, die schon wu&szlig;ten da&szlig; der Verkauf nicht mit
+dem Willen der &raquo;Nachbarn&laquo; geschah, einen fatalen Eindruck
+gemacht. Dem Gesetz durften sie aber nicht mit Gewalt entgegentreten,
+und so oft sie dasselbe auch in ihre eigne Hand
+schon genommen, h&uuml;teten sie sich doch jedenfalls den Sheriff in
+seinem Amt zu hindern. So also auf einen der zahlreichen
+dort umherstehenden, kurz abgehauenen Baumst&uuml;mpfe tretend,
+die Versammlung besser &uuml;bersehn zu k&ouml;nnen, zeigte er dieser
+mit kurzen Worten an da&szlig; der Verkauf der Farm jetzt beginnen
+solle, die er, Zeit und M&uuml;he zu ersparen, und nach dem bestimmt
+ausgesprochenen Willen des jetzigen Eigenth&uuml;mers, Mr.
+Kowley aus Little Rock, gleich mit dem dazu geh&ouml;renden Vieh,
+Pferden, Rindern und Schweinen in <span class="wide">einem</span> Gebot an den
+Meistbietenden losschlagen w&uuml;rden, wonach es dann dem K&auml;ufer
+&uuml;berlassen bleibe, wenn er es f&uuml;r gut finden sollte, Pferde oder
+Vieh wieder besonders zu versteigern.</p>
+
+<p>&raquo;Ein Wort Mr. Sheriff!&laquo; sagte da pl&ouml;tzlich der alte Rosemore
+mit seiner tiefen, ruhigen Stimme, indem er ebenfalls den
+Kolben seiner B&uuml;chse auf einen andern Stumpf stemmte und
+hinaufstieg; &raquo;ich bin als &Auml;ltester hier unter uns, und von den
+Nachbarn beauftragt worden noch ein paar Worte an die Versammlung
+zu richten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube nicht da&szlig; etwas derartiges n&ouml;thig sein wird&laquo;
+sagte der Sheriff &mdash; aber von allen Seiten rief es &raquo;doch, doch!
+sprecht Sir &mdash; was giebt's&laquo; und der Sheriff, sich die Unterlippe
+bei&szlig;end, schwieg.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin gleich fertig&laquo; sagte der alte Mann freundlich,
+&raquo;denen nur die es noch nicht wissen, wollte ich hier blos
+einfach mittheilen da&szlig; Farm, Pferde und Vieh von dem fr&uuml;heren
+Besitzer, dem Polen Olnitzki, an einen anerkannten falschen
+Spieler und sonst gar verd&auml;chtigen Menschen, der es seit der
+Zeit nie wieder gewagt hat zwischen uns zu erscheinen, im
+<span class="wide">falschen</span> Spiel, wie sich sp&auml;ter herausgestellt hat, verloren
+wurden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mr. Rosemore&laquo;&nbsp;&mdash; unterbrach ihn der Sheriff.</p>
+
+<p>&raquo;Entschuldigen Sie mich, Sir, ich bin noch nicht zu Ende&laquo;
+sagte der alte Mann ernst und fuhr dann langsam fort,
+&raquo;die Frau wie wir Alle hier wissen, die jener Olnitzki schlimmer
+behandelt hat, als ein Indianer seine Squaw behandeln w&uuml;rde,
+stammte aus einer edlen und reichen Familie, und hatte mit
+<span class="wide">ihrem</span> Geld, als sie nach Amerika kamen, Farm und Viehstand,
+von dem Olnitzki schon fr&uuml;her drei Viertheile durchgebracht,
+gekauft &mdash; aber sie besa&szlig; keine Papiere dar&uuml;ber. Vor mehren
+Jahren hat ferner jener Olnitzki, den hier sp&auml;ter seine Strafe
+erreichte, einen armen aber rechtlichen Mann im allerdings
+ordentlich abgehaltenen Zweikampf erschossen, weil dieser nicht
+ruhig zusehn wollte, wie er seine arme, kr&auml;nkliche Frau mishandelte
+und <span class="wide">schlug.</span> Der Mann hie&szlig; Riley und hat eine
+alte kranke Frau, seine Gro&szlig;mutter, und eine j&uuml;ngere Schwester
+ein Kind noch fast, hinterlassen, das dort in der Th&uuml;r der
+H&uuml;tte steht. Diesem Kinde hat Olnitzki's Frau, als sie mit
+ihrer Schwester nach des Polen Tode uns verlie&szlig;, die Farm
+mit dem s&auml;mmtlichen Viehstand geschenkt. Wir Nachbarn erkl&auml;rten
+dabei, da&szlig; Olnitzki kein Recht gehabt habe die Farm,
+die seiner Frau geh&ouml;rte zu <span class="wide">verspielen,</span> die Gerichte in Little
+Rock entschieden aber anders. Nach langem Streiten gewann
+jener Advokat, der von dem falschen Spieler Land und Vieh
+zu einem Spottpreis gekauft, den Proze&szlig;, und der Herr Sheriff
+ist heute her&uuml;bergekommen, Land und Viehstand an den Meistbietenden
+&ouml;ffentlich zu versteigern. <span class="wide">Das,</span> Mitb&uuml;rger, ist der
+Thatbestand der Sache, und wir Nachbarn&laquo;&nbsp;&mdash; setzte er mit
+lauterer Stimme hinzu, &raquo;sind der Meinung da&szlig; das Kind die
+Farm, die ihm rechtm&auml;&szlig;ig schon geh&ouml;rt, erstehen wird.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das kommt auf die Gebote an, Sir!&laquo; rief der Sheriff
+heftig.</p>
+
+<p>&raquo;Ei versteht sich, Sir,&laquo; sagte der alte Rosemore &mdash; &raquo;auf
+die Gebote, und ich bitte da&szlig; Sie beginnen. Jack Owen &mdash; seid
+doch so gut und f&uuml;hrt das arme Kind einmal hier zwischen
+die Herren herein &mdash; es f&uuml;rchtet sich sonst n&auml;her zu treten;
+Sie sind wohl so freundlich, Gentlemen, und machen ihm
+Platz!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oh ja wohl &mdash; mit dem gr&ouml;&szlig;ten Vergn&uuml;gen!&laquo; riefen
+die dem Haus zun&auml;chst Stehenden bereitwillig, und Jack Owen
+schritt langsam dem Hause zu, nahm Jenny, der er einige ermuthigende
+Worte zufl&uuml;sterte, an die Hand, und f&uuml;hrte das
+junge zitternde M&auml;dchen in den Kreis der M&auml;nner, die eine
+Gasse f&uuml;r sie &ouml;ffneten.</p>
+
+<p>&raquo;Oh Bill!&laquo; rief w&auml;hrend der kleinen Pause die jetzt entstand,
+Einer der Backwoodsmen, ein rauher, wild aussehender
+Bursche einem Andern &uuml;ber den ganzen Kreis hin&uuml;ber zu &mdash; &raquo;ich
+habe die Nacht einen sch&auml;ndlichen, nichtsnutzigen Traum
+gehabt &mdash; mir tr&auml;umte ein feiner Bursche mit einem Tuchrock an,
+hatte die Farm erstanden, und wie ich zu Haus ritt lag er im
+Gr&uuml;ndorn Flat auf des Polen Grab, und hatte einen rothen,
+h&auml;&szlig;lichen Fleck mitten auf der Stirn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah Unsinn Jim!&laquo; lachte der Andere zur&uuml;ck, &raquo;<span class="wide">Dein</span>
+Traum hinkt, denn ich habe getr&auml;umt <span class="wide">es h&auml;tte gar Niemand
+mitgeboten!</span>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gentlemen ich protestire hier feierlich gegen jede drohende
+Einwirkung auf den Verkauf dieses Gutes!&laquo; fiel hier der Sheriff
+hitzig ein, &raquo;oder ich sehe mich gen&ouml;thigt mich unverrichteter
+Sache zur&uuml;ckzuziehn, und dem Staatsanwalt Anzeige solchen
+Benehmens zu machen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Thut Euere Pflicht Sheriff!&laquo; rief aber der alte Rosemore
+ruhig &mdash; &raquo;es wird kein Mensch mehr ein Wort hineinreden &mdash; da&szlig;
+sich ein paar junge Burschen ihre albernen Tr&auml;ume
+erz&auml;hlen darf Euch nicht k&uuml;mmern.&laquo;</p>
+
+<p>Der Sheriff z&ouml;gerte noch einen Augenblick und berieth sich
+in leisem Fl&uuml;stern mit den ihm n&auml;chst Stehenden was zu thun,
+ein sp&auml;terer Termin w&uuml;rde aber ebenfalls zu keinem andern
+Resultat gef&uuml;hrt haben, die K&auml;ufer hatten jedenfalls das Gesetz
+und seinen m&auml;chtigen Arm auf ihrer Seite, und nach kurzer
+Einleitung, in der er jetzt die Zahl der urbar gemachten &Auml;cker,
+der Pferde, die von den Kauflustigen schon in Augenschein genommen,
+die Anzahl K&uuml;he, Rinder und Schweine aufgez&auml;hlt,
+er&ouml;ffnete er die Auktion und lud die Anwesenden zu einem Anfangsgebot
+ein.</p>
+
+<p>Im ersten Augenblick herrschte tiefe Stille, das Zirpen
+der Grillen drang peinlich deutlich von den n&auml;chsten B&auml;umen
+her&uuml;ber, und man konnte das <span class="wide">Athmen</span> der Menge h&ouml;ren.
+Da bog sich Jack Owen freundlich zu dem jungen M&auml;dchen
+nieder und fl&uuml;sterte ihr ein paar ermuthigende Worte zu und
+Jenny, mit todtenbleichen Wangen und zitternden Lippen, aber
+klaren, blitzenden Augen, trat einen Schritt vor und sagte mit
+nicht lauter, aber doch bis selbst zu den entferntest Stehenden
+dringend:</p>
+
+<p>&raquo;Ich biete einen Viertel Dollar f&uuml;r das Ganze.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unsinn!&laquo; rief der Sheriff, in auflodernder Wuth mit
+dem Fu&szlig;e stampfend, &raquo;wir haben hier kein Kinderspiel f&uuml;r
+m&uuml;ssige Leute &mdash; ein Viertel Dollar, wo das Gebot in die
+Hunderte steigen mu&szlig;, nur den halben Werth zu erreichen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gebot ist Gebot!&laquo; rief es von anderer Seite, &raquo;der Verkauf
+hat begonnen &mdash; thut Euere Pflicht Sheriff!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich brauche mich von Niemanden an meine Pflicht mahnen
+zu lassen!&laquo; schrie dieser, leichenbleich vor innerem Grimm,
+dem er doch nicht Worte geben durfte, den M&auml;nnern gegen&uuml;ber.</p>
+
+<p>&raquo;Ein Viertel Dollar ist geboten,&laquo; sagte der alte Rosemore
+ruhig, &raquo;Jenny wird es wohl f&uuml;r den Preis bekommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn kein Gebot geschieht,&laquo; rief jetzt der Sheriff, mit
+Zornfunkelnden Augen, &raquo;hebe ich den Verkauf auf!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Gebot <span class="wide">ist</span> geschehn!&laquo; schrie da Einer der jungen
+Backwoodsmen, derselbe, der vorher seinen Traum erz&auml;hlt, und
+trotzig dabei mit der B&uuml;chse in den Kreis springend, &raquo;wir M&auml;nner
+von Arkansas sind eingeladen worden dem Verkauf heute beizuwohnen;
+der Verkauf hat begonnen, ein Gebot ist gemacht
+worden und ich frage Euch hier, die Ihr anwesend seid, ob
+etwas Unregelm&auml;&szlig;iges in der Verhandlung stattgefunden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein &mdash; Nichts!&laquo; schrie es von allen Seiten, &raquo;die Advokaten
+m&ouml;gen uns Ihre Dintenklexer hier her&uuml;berschicken und
+uns die Farmen unter der Nase ausbieten lassen, wir k&ouml;nnen
+und wollen es ihnen nicht wehren, aber la&szlig; sie es wagen unsere
+Gebote nicht zu respektiren, und wenn es sich um einen
+einfachen Cent handelte, und bei H&ouml;ll und Teufel wir schicken
+sie heim, da&szlig; ihre Haut keine Maish&uuml;lsen mehr halten sollte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Viertel Dollar ist geboten Gentlemen!&laquo; rief der
+alte Rosemore wieder so ruhig wie vorher, &raquo;Mr. Sheriff wollen
+Sie weiter fragen, oder glauben Sie da&szlig; der Preis
+gen&uuml;gt? es wird Mittagszeit, und wir, die wir noch zur
+<i>Campmeeting</i> zu reiten w&uuml;nschen, m&ouml;chten doch erst gern zu
+Hause etwas essen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gentlemen!&laquo; rief aber der Sheriff auch, sich jetzt ermannend,
+&raquo;Sie werden dieses Scheingebot eines Kindes nicht
+gelten lassen. Das Gesetz und sein starker Arm <span class="wide">sch&uuml;tzt</span> Sie
+in jedem Gebot das Sie machen, und meinen eignen Hals
+will ich zum Pfande setzen da&szlig; der von Ihnen, der die&szlig; Gut
+zu irgend einem Preis ersteht, auch in den rechtlichen Besitz
+desselben gelangen soll.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein Traum wird doch wahr, Bill,&laquo; rief der Backwoodsman
+wieder &uuml;ber den Kreis hin&uuml;ber.</p>
+
+<p>&raquo;Denkt nicht daran,&laquo; lachte der Andere, &raquo;der Sheriff
+hat ja seinen Hals verpf&auml;ndet, und wird die Farm vielleicht
+selber kaufen wollen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Viertel Dollar ist geboten,&laquo; begann zum dritten
+Mal der alte Rosemore, &raquo;wenn Ihr nicht selber jetzt die Auktion
+beginnt, Sheriff, dann thun <span class="wide">wir</span> es &mdash; &uuml;berschreitet Euere
+Pflicht nicht, denn <span class="wide">wir</span> sind hier herbestellt, und verlangen den
+Zuschlag f&uuml;r den K&auml;ufer.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auf ein solches Gebot schlag ich nicht zu!&laquo; schrie aber
+der Sheriff, jetzt au&szlig;er sich vor Wuth, &raquo;wer will mich
+zwingen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das Gesetz!&laquo; tobten ihm da die Backwoodsmen entgegen,
+&raquo;glaubt Ihr, da&szlig; Ihr uns hier zum Narren haben
+k&ouml;nnt, gerad' nach Gefallen, und herbestellen wenn es Euch
+freut, weil Euch ein Gebot nicht behagt? Die Farm ist angesetzt
+und feil gemacht; das Kind dort hat einen Viertel Dollar
+geboten und bietet Niemand mehr, und schlagt Ihr dann
+nicht zu, so straf uns Gott, wenn ein anderer Auktionator,
+ein anderer K&auml;ufer seinen Fu&szlig; wieder auf dieses Land setzen
+soll.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und Keiner bietet einen Cent mehr,&laquo; knirschte der Sheriff
+zwischen den Z&auml;hnen durch &mdash; wagte aber selber kein h&ouml;heres
+Gebot &mdash; &raquo;Gentlemen ich wiederhole es hier nochmals &mdash; das
+<span class="wide">Gesetz</span> sch&uuml;tzt Sie in jedem Gebote das Sie thun, und kein
+B&uuml;rger der Vereinigten Staaten <span class="wide">darf</span> und wird sich dem widersetzen,
+denn die Folgen w&uuml;rden schwer und furchtbar auf sein
+eigenes Haupt zur&uuml;ckfallen. So beginne ich denn nochmals
+den Verkauf &mdash; <span class="wide">zwei Bits</span> sind geboten, und ich erwarte
+da&szlig; der zweite Bieter mit eben so viel hundert ganzen
+Dollarn nachfolgen wird &mdash; <span class="wide">ich</span> &mdash; das <span class="wide">Gesetz</span> steht ein f&uuml;r
+sein gewahrtes Recht.&laquo;</p>
+
+<p>Alles schwieg &mdash; der Amerikaner l&auml;&szlig;t selten lange auf
+sich warten, wo sich die Aussicht auf Gewinn f&uuml;r ihn bietet,
+aber die dunklen trotzigen Gestalten hier umher &mdash; das Blut
+das schon unter diesen B&auml;umen geflossen, ohne da&szlig; selbst das
+Gesetz im Stande gewesen war es zu s&uuml;hnen, die Drohung
+selbst, die versteckt, aber doch deutlich genug in dem erz&auml;hlten
+Traum lag &mdash; hie und da vielleicht auch mit dem Rechtlichkeitsgef&uuml;hle
+Manches, der doch wohl einsah da&szlig; dem Kind &mdash; wie
+das <span class="wide">Gesetz</span> auch da geurtheilt &mdash; die Farm geh&ouml;ren m&uuml;sse &mdash;
+Keiner bot.</p>
+
+<p>Wieder und wieder suchte sie der Sheriff nur erst zu
+<span class="wide">einem</span> Gebot zu treiben, dem dann leicht andere folgen w&uuml;rden
+&mdash; umsonst und endlich selber gereizt, und w&uuml;thender fast
+&uuml;ber die her&uuml;bergekommenen K&auml;ufer als &uuml;ber die Squatter
+selbst rief er, w&auml;hrend die &raquo;Nachbarn&laquo; ringsum lautlos standen,
+denn sie wu&szlig;ten jetzt da&szlig; sie gesiegt hatten &mdash; mit bleichen
+Wangen und vor innerer Aufregung funkelnden Blicken:</p>
+
+<p>&raquo;Gut &mdash; wenn Ihr Alle denn zu <span class="wide">feige</span> seid Euer <span class="wide">Recht</span>
+zu wahren, und der, der am meisten dabei interessirt ist, sein
+ausgelegtes Geld wenigstens f&uuml;r das Land wieder zu bekommen,
+sich gar nicht dabei blicken l&auml;&szlig;t, was k&uuml;mmerts mich. Also,&laquo;
+und seine Hand hob sich dabei sie zum Zuschlag sinken zu lassen,
+&raquo;ein Viertel Dollar ist geboten &mdash; ein Viertel Dollar zum
+ersten &mdash; kein Gebot weiter? &mdash; ein Viertel Dollar zum zweiten&laquo;
+&mdash; eine Todtenstille herrschte, man konnte das Zwitschern
+der V&ouml;gel weit im Wald drinne, das Glucken und Kratzen
+der Hennen vor dem Hause h&ouml;ren &mdash; &raquo;ein Viertel Dollar zum
+zweiten, und &mdash;&laquo; die Hand kam nieder, und mit der Bewegung
+das Wort: &raquo;<span class="wide">zum</span> &mdash; <span class="wide">Dritten!</span>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hurrah! Hurrah!&laquo; tobten und jubelten und jauchzten
+die wilden Gesellen um ihn her &mdash; &raquo;piff, paff,&laquo; gingen die
+Freudensch&uuml;sse hoch in die Luft, und Jack Owen, in der linken
+Hand seine abgeschossene B&uuml;chse schwingend, griff mit dem
+rechten, eisernen Arm das junge, &auml;ngstlich umherschauende,
+und <ins title="original has ihrem">seinem</ins> Gl&uuml;ck noch immer nicht trauende M&auml;dchen vom
+Boden auf und trug es, unter dem Jubelruf der Menge, zwischen
+die Schaar der Nachbarn hinein. Alle H&auml;nde streckten
+sich nach ihr aus, den rauhen wilden Gesellen standen
+Thr&auml;nen in den Augen, und im Triumphe wurde Jenny jetzt
+dem Hause zugetragen, als neue, rechtm&auml;&szlig;ige Besitzerin.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<h2><a name="kap2" id="kap2"></a>Capitel 2.</h2>
+<h3>Maulbeere in der Betversammlung.</h3>
+
+<p>Die Auktion war vor&uuml;ber; Farm und Viehbestand geh&ouml;rte
+dem jungen M&auml;dchen, trotz jenem Jahrelang gef&uuml;hrten Proce&szlig;,
+und all die K&auml;ufer, die hergekommen waren das Land, die
+Pferde zu erstehn, und sich das Alles nun mu&szlig;ten wie ein
+sch&ouml;nes Traumbild unter den H&auml;nden selbst wegschwinden sehen,
+standen im ersten Augenblick allerdings etwas verdutzt und unbehaglich
+da, und wu&szlig;ten nicht recht was f&uuml;r ein Gesicht sie dazu
+machen sollten. Da&szlig; die Backwoodsmen n&auml;mlich eine solche
+Drohung, wie sie der eine Bursche so schlau in seine Tr&auml;ume
+geflochten, wahr machen <span class="wide">k&ouml;nnten,</span> daran zweifelte nicht Einer
+von ihnen; des Polen Grab lag keine tausend Schritt von
+dort entfernt, ein blutig Zeichen, und ein Land kaufen das der
+Eigenth&uuml;mer nie h&auml;tte wagen d&uuml;rfen in Besitz zu nehmen, w&auml;r
+auch ein Geldverschleudern nur gewesen, wie der New-Yorker
+Advokat zu seinem Schaden jetzt erfahren.</p>
+
+<p>&raquo;Unter den Umst&auml;nden durften wir gar nicht bieten,&laquo;
+sagte da der Eine von ihnen zu dem Andern, &raquo;der alte Mann
+hatte ganz recht &mdash; man kann doch der kranken Frau und dem
+Kind das Haus nicht unter den F&uuml;&szlig;en wegkaufen, und sie in
+den Wald setzen? &mdash; ich wenigstens m&ouml;chte das nicht auf meinem
+Gewissen haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich auch nicht,&laquo; rief ein Anderer, &raquo;die arme Kleine;
+was f&uuml;r ein h&uuml;bsches M&auml;dchen das einmal wird &mdash; und wie
+bleich sie aussah.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit G&uuml;te kann man bei mir Alles ausrichten,&laquo; sagte
+ein Dritter, &raquo;und ein gutes Wort findet einen guten Ort &mdash;
+die Leute waren klug genug da&szlig; sie nicht wirklich drohten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das wu&szlig;ten sie wohl da&szlig; ihnen das Nichts half,&laquo; rief
+der Erste wieder, &raquo;was h&auml;tten sie machen wollen wenn wir
+das Haus erstanden? aber so ist's besser und hundert Dollar
+sind mir nicht so lieb, als da&szlig; es die Kleine bekommen hat.&laquo;</p>
+
+<p>Maulbeere war ein stiller, aber h&ouml;chst aufmerksamer Zuschauer
+des Ganzen gewesen, und so sehr ihn die h&ouml;chst eigenth&uuml;mliche
+Verhandlung interessirt, &uuml;berlegte er doch eben, ob
+er nicht besser seinen eigenen Nutzen jetzt auch ein wenig wahren,
+und seinen Karren herbeischieben solle, der Versammlung
+mit wenigen eindringlichen Worten ihre eignen stumpfen Messer
+und sonstigen Bed&uuml;rfnisse in's Ged&auml;chtni&szlig; zur&uuml;ckzurufen,
+als die Backwoodsmen pl&ouml;tzlich Alle wieder zu ihren Pferden
+gingen, die Z&uuml;gel von den Zweigen warfen, in die S&auml;ttel
+sprangen und mit einem wilden <span class="wide">Hupih,</span> von den laut anschlagenden
+Hunden gefolgt, aber jetzt nach <span class="wide">einer</span> Richtung hin,
+in den Wald hineinsprengten. Nur der alte Rosemore blieb
+mit Jack Owen zur&uuml;ck und ging mit diesem in das Haus, wo
+sie die Th&uuml;re hinter sich zumachten, und eine Zeitlang darin
+blieben. Nach einer ziemlich langen Weile kam Jack Owen
+allein zur&uuml;ck, und dem Scheerenschleifer freundlich auf die
+Schulter klopfend, sagte er lachend:</p>
+
+<p>&raquo;Nun wie hat Euch unsere Arkansas-Auktion gefallen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut,&laquo; erwiederte Maulbeere trocken, &raquo;und wenn Sie
+einmal wieder eine Farm f&uuml;r einen &auml;hnlichen Preis wegzugeben
+haben &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann wi&szlig;t Ihr einen K&auml;ufer?&laquo; lachte der J&auml;ger, &raquo;glaub'
+es wohl &mdash; aber die Stadtherrn gehen auch nach ihren Pferden,
+so wollen wir denn den armen Thieren hier ebenfalls
+wieder ihre Freiheit geben; heut oder morgen werden sie doch
+nicht mehr gebraucht. Und dann Fremder, wenn es Euch
+recht ist, gehen wir zur <i>Camp meeting</i> hin&uuml;ber, nicht weit
+von hier nach jener Richtung zu; w&auml;re die Sache schon in
+Gang, k&ouml;nntet Ihr die Leute selbst hier jauchzen h&ouml;ren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Jauchzen</span> h&ouml;ren?&laquo; frug Zach&auml;us verwundert.</p>
+
+<p>&raquo;Werdet's schon mit ansehn,&laquo; sagte der J&auml;ger ruhig, den
+zum Verkauf hierher gebrachten und mit, durch den Viertel Dollar
+erstandenen Pferden die Hobbeln oder Stricke l&ouml;send, die ihre
+Vorderbeine zusammenhielten, da&szlig; die Thiere wieder frei zur&uuml;ck
+in den Wald, und ihren gew&ouml;hnlichen Weidepl&auml;tzen zulaufen
+konnten, &raquo;und nun kommt, nehmt Eueren Karren, und folgt
+mir den Weg entlang, der hier an der Fenz hinunterf&uuml;hrt,
+und wenn Ihr nicht <span class="wide">beten</span> wollt dort, kann ich Euch Arbeit
+ziemlich gewi&szlig; versprechen.&laquo;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="min" />
+<p>&nbsp;</p>
+<p>Was f&uuml;r ein Leben das war hier mitten in dem sonst so
+stillen Wald; wie die verscheuchten V&ouml;gel &auml;ngstlich in den
+Zweigen her&uuml;ber- und hin&uuml;berflogen, und zwitscherten und
+riefen; wie der Hirsch, der dort sonst seinen ungest&ouml;rten &Auml;sungsplatz
+hatte, als er heute langsam und vertraut wie immer auf
+seinen Wechsel herankam, rasch den sch&ouml;nen Kopf emporwarf,
+die von feindlichen D&uuml;nsten geschw&auml;ngerte Luft einzog und
+schreckend zur&uuml;ck in seine Wildni&szlig; floh. Wie die Pferde so
+freudig wieherten und den Boden stampften, und der gr&uuml;ne
+Rasen ringsumher auf der kleinen Waldesbl&ouml;&szlig;e zertreten war,
+nach allen Seiten, und wie sich das dr&auml;ngte und schob und
+durcheinander wogte, von einer bunten fr&ouml;hlichen Menschenmasse,
+die hier von allen Enden des County zusammengekommen.</p>
+
+<p>Ein Theil der Leute von Little Rock war ebenfalls dabei,
+die n&auml;mlich, die von der Auktion kommend, es vorgezogen hatten
+den heutigen Tag hier zu verbringen, und morgen fr&uuml;h
+zur Stadt zur&uuml;ckzukehren. Diese schienen aber am wenigsten
+vertreten, kamen auch nicht aus Religiosit&auml;t hierher, sondern
+nur der leidigen Neugier wegen, und wurden von den Geistlichen
+am wenigsten gern gesehn. Nein, die Backwoodsmen
+und besonders deren Frauen und T&ouml;chter bildeten den Hauptkern
+der Versammlung; von allen Seiten str&ouml;mten sie herbei, die
+Frauen fest im Sattel &mdash; und wenn es auch kein Damensattel
+war &mdash; ihre kleinen B&uuml;ndel mit Kleidern vor sich auf dem
+Pferd, die M&auml;nner mit B&uuml;chse und Messer an der Seite wie
+immer. Und Lager wurden von Einzelnen aufgeschlagen rings
+im Wald, mit Rinden- oder Deckendach, w&auml;hrend Andere
+dagegen ordentliche Zelte mit her&uuml;berbrachten, die sie allein f&uuml;r
+diesen Zweck bestimmt. Hier waren M&auml;nner an der Arbeit
+einen Baum zu f&auml;llen, und aus den abgeschlagenen St&uuml;cken
+rasch kurze Breter zu spalten zu einem sicheren Regenschutz,
+dort wurde Feuerholz geschlagen und herbeigeschleppt, oder
+Zweige wurden abgehauen, mit diesen ein fl&uuml;chtiges Schutzdach
+gegen Sonne und N&auml;sse herzustellen; aber &uuml;berall herrschte Leben
+und Th&auml;tigkeit.</p>
+
+<p>Und wie die Feuer ringsum flammten und die Kessel
+brodelten, der blaue Rauch so luftig hinauf wirbelte in die
+gr&uuml;nen rauschenden Wipfel, und emsige Frauengestalten mit
+den gro&szlig;en, unf&ouml;rmlichen Bonnets auf dem Kopf &mdash; gleichen
+Schutz gegen Sonne wie K&uuml;chenfeuer gew&auml;hrend &mdash; so flei&szlig;ig
+an den T&ouml;pfen und Pfannen schafften und siedeten.</p>
+
+<p>Die Frauen hatten auch das meiste Interesse an solcher
+<i>Camp meeting,</i> und wenn der Mann daheim kaum daran
+gedacht h&auml;tte hinaus in den Wald zu gehn und die Pferde zu
+suchen, lie&szlig;en sie ihm nicht Ruhe, und hatten tausend und
+tausend Gr&uuml;nde daf&uuml;r weshalb sie, wenigstens die&szlig;mal, unter
+keiner Bedingung die fromme Versammlung vers&auml;umen
+d&uuml;rften.</p>
+
+<p>Erstlich schadete den Pferden das Bischen Bewegung gar
+Nichts &mdash; sie waren &uuml;berdie&szlig; so lange nicht gebraucht, und
+<i>Marys colt</i> schon ganz lendenlahm geworden von all zu vieler
+Ruhe. Dann predigte zweitens, dieses Mal ganz gewi&szlig; der
+Ehrw&uuml;rdige Mr. Sweetlip &mdash; und was f&uuml;r eine s&uuml;&szlig;e Stimme
+der hatte, und wie weich und &ouml;hlich er Einem zum Herzen
+sprach &mdash; wer h&auml;tte da unger&uuml;hrt bleiben k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Und dann der andere Ehrw&uuml;rdige Mr. Hottenbrocken,
+wie der es den Heiden und Ungl&auml;ubigen sagte, wie der dem
+b&ouml;sen Feind, <i>alias</i> Beelzebub zu Leibe r&uuml;ckte und ihn aus dem
+Felde schlug.</p>
+
+<p>Und dann hatten sie die Nachbarn in so ewig langer Zeit
+nicht gesehn &mdash; lieber Gott, hier im Walde kam man ja mit
+Niemandem zusammen, und ob Bill Norton und Ann Sally
+wirklich versprochen w&auml;ren, konnten sie ja auch nur dort erfahren.</p>
+
+<p>Und die beiden neuen Kleider, die sich Susanne in dem
+letzten halben Jahr selbst gewebt und gen&auml;ht, wie h&auml;tte sie die
+anders zeigen oder tragen sollen; doch nicht im Haus etwa
+beim Spinnrad; und mu&szlig;ten sie nicht wenigstens einmal erst
+die &raquo;priesterliche Weihe&laquo; erhalten?</p>
+
+<p>Die armen Frauen der W&auml;lder sind in dieser Hinsicht
+auch wirklich &uuml;bel dran; in dem kleinsten unbedeutensten St&auml;dtchen,
+ja selbst in dem einzelnen Haus, das nur an einer begangenen
+Stra&szlig;e liegt, kann sich das junge M&auml;dchen nett und
+geschmackvoll anziehn, und hat die Genugthuung, da&szlig; sie wenigstens
+gesehn, und auch bewundert wird, denn es sind oft
+liebe, bildsch&ouml;ne Gestalten, denen der schlanke Wuchs, die edle
+Gesichtsbildung und die, mit nur <span class="wide">sehr</span> seltenen Ausnahmen
+fast untadelhafte Reinlichkeit einen eigenen Zauber verleiht;
+im Wald aber, im wirklichen Wald, von jeder Verbindung
+mit der Au&szlig;enwelt abgeschnitten, wo sollen da die armen
+M&auml;dchen und Frauen ihre Kleider zeigen, und zeigen <span class="wide">m&uuml;ssen</span>
+sie dieselben; bei einem &raquo;Kl&ouml;tzeroll-Fest&laquo; oder &raquo;<i>Quilting frolic?&laquo;</i>
+wie selten kommt das vor, und wenn's geschieht, wie selten
+ist dann Tanz nachher &mdash; einmal, zwei Mal im ganzen Jahr
+und das noch dazu im Sommer.</p>
+
+<p>Solche Gelegenheiten benutzen sie dann freilich auch auf's
+Beste, und welche es irgend von den jungen M&auml;dchen kann,
+kommt nicht zu einem derartigen Fest ohne wenigstens noch
+<span class="wide">ein</span> anderes Kleid, manchmal drei und vier mitzubringen, die
+w&auml;hrend dem Tanz gewechselt werden k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Weit bessere Gelegenheit hierzu bietet aber jedenfalls eine
+<i>Camp meeting</i>, die nicht nur einen einzigen Abend und im
+g&uuml;nstigsten Fall eine Nacht durch dauert, wie ein solches Fest,
+sondern nicht selten gleich drei und vier Tage hintereinander
+weg, w&auml;hrend die jungen Leute aus der <span class="wide">ganzen</span> Nachbarschaft
+dabei Gelegenheit bekommen einander zu sehen, miteinander zu
+plaudern &mdash; und mehr als das. Mancher Funke ist bei
+diesen Betversammlungen aus Auge und Herz her&uuml;ber und
+hin&uuml;bergeflogen, und hat gez&uuml;ndet f&uuml;r Lebenszeit &mdash; wenigstens
+gebunden; &uuml;berdie&szlig; mu&szlig;ten die jungen M&auml;nner dort still
+und ehrbar auftreten, durften nicht trinken, fluchen und schw&ouml;ren,
+und konnten oft nur mit H&uuml;lfe einer ihnen allerdings
+gewaltsam in's Herz gesch&uuml;tteten Religiosit&auml;t den Pfad betreten,
+der zu der Liebe der Auserw&auml;hlten f&uuml;hrte.</p>
+
+<p>Mit einem Wort, es geht bunt zu bei solchen Betversammlungen,
+und wenn der Geist dann erst noch &uuml;ber die
+Schaaren k&ouml;mmt, vergeht dem Fremden H&ouml;ren oft und Sehn.</p>
+
+<p>Maulbeere fand f&uuml;r jetzt aber nicht das mindeste Au&szlig;ergew&ouml;hnliche;
+da&szlig; hier so viele Menschen auf einen Platz sich
+versammelt hatten, der sonst eine Wildni&szlig; war, fiel ihm nicht
+auf, weil er von einer Wildni&szlig;, trotz der letztverbrachten Nacht,
+&uuml;berhaupt noch keinen rechten Begriff hatte. Die Lagerfeuer
+sahen ganz gem&uuml;thlich unter den gr&uuml;nen B&auml;umen aus, und
+die Menge der Gelagerten versprach ihm reichlichen Gewinn.
+Nur ein gro&szlig;es h&ouml;lzernes Ger&uuml;st fiel ihm auf, das seitw&auml;rts
+von dem Platz, am Rande der kleinen Waldbl&ouml;&szlig;e, und noch
+im Schatten einer riesigen Eiche stand, und rechts und links
+ein paar kleine Einfriedigungen hatte, die mit Laub und duftenden
+Kr&auml;utern streuartig ausgesch&uuml;ttet waren. F&uuml;r das Vieh
+schienen sie aber nicht bestimmt, denn ringsumher lagen die
+Feuer, und die Pferde durften schon der Kinder wegen nicht
+in den inneren Kreis.</p>
+
+<p>Maulbeere dachte aber gar nicht daran sich &uuml;ber die Verwendung
+der Pl&auml;tze den Kopf zu zerbrechen &mdash; vielleicht dienten
+sie zu Schlafpl&auml;tzen, vielleicht nicht, was k&uuml;mmerte es ihn.
+Nach einem fl&uuml;chtigen &Uuml;berblick &uuml;ber die Vertheilung der verschiedenen
+Gruppen, schob er seinen Karren, ohne sich weiter
+um seinen bisherigen F&uuml;hrer zu k&uuml;mmern, mitten in den Kreis
+hinein, begann pl&ouml;tzlich mit lauter gellender Stimme, aber
+nat&uuml;rlich in Englischer Sprache, seine Waaren, K&uuml;nste und
+Eigenschaften anzupreisen, und hatte wenige Minuten sp&auml;ter
+die Genugthuung, die gro&szlig;e H&auml;lfte der Versammlung ihn umdr&auml;ngen
+zu sehn. Maulbeere war auch in der That f&uuml;r diese
+Waldbewohner ein Gegenstand; er war ein Charakter wie sie
+nicht oft dort herumgezogen, selbst unter den Yankee-Pedlars.
+Schon sein ganzes &Auml;u&szlig;ere, die wirklich auffallende &Auml;hnlichkeit
+mit einem Orang-Utang, die wunderbare Zungenfertigkeit
+des fremden Mannes, mit seinem trockenen Humor, der sie
+oft zu lautem Gel&auml;chter hinri&szlig;, das Alles war ihnen neu, und
+vielleicht selbst die Ungewi&szlig;heit dabei, ob die jeden Augenblick
+erwarteten Geistlichen mit diesem Ausbruch lauter Fr&ouml;hlichkeit
+einverstanden sein, oder ihn vielleicht gar verdammen w&uuml;rden,
+erh&ouml;hte den Reiz.</p>
+
+<p>Maulbeere hatte indessen schon sein Schleiferamt begonnen,
+und Messer wurden ihm so viele gebracht, da&szlig; er sich
+ihrer kaum erwehren konnte; auch Bestellungen bekam er genug,
+dorthin f&uuml;nf, dorthin&uuml;ber acht Meilen vielleicht, eine alte
+Scheere wieder in Stand zu setzen oder, als er sich auch hierin
+entwickelte, einem Fingerhut eine neue Decke anzul&ouml;then. Er
+war unerm&uuml;dlich dabei, grob gegen die M&auml;nner, die ihn auslachten,
+z&auml;rtlich gegen die Frauen und M&auml;dchen, die &uuml;ber
+ihn kicherten, und sein Rad schwirrte und zischte, w&auml;hrend
+seine Zunge noch viel rascher ging als das Rad.</p>
+
+<p><span class="wide">&raquo;Der ehrw&uuml;rdige Mr. Sweetlip!&laquo;</span> &mdash; ein freudiges
+Gemurmel lief durch die ganze Versammlung, und die Frauen
+besonders, dr&auml;ngten jetzt rasch und eifrig fort von dem
+Scheerenschleifer, w&auml;hrend ihre kleinen lieben Gesichter, die noch
+vor wenig Minuten so herzlich gelacht, und so fr&ouml;hlich in die
+blaue herrliche Welt hinausgeschaut, einen gar ernsten, fast
+wehm&uuml;thigen Ausdruck annahmen. Alles schaarte sich um den
+frommen Mann, und Maulbeere blieb allein mit seinem Karren
+in der Mitte stehen.</p>
+
+<p>Mr. Sweetlip war die Freundlichkeit selber; er sprach mit
+Allen, hatte f&uuml;r jeden ein ermunterndes oder ermahnendes,
+ein freundlich tadelndes oder lobendes Wort; sprach von der
+Erndte und vom Wetter, von weggelaufenem Vieh und verirrten
+Schaafen &mdash; in der geistigen Bedeutung des Wortes &mdash; und
+seufzte dann oft recht schwer und traurig auf, wenn er
+der S&uuml;nde der Menschen gedachte, die in die Welt gekommen
+und leider nicht wieder hinauszubringen war. Mr. Sweetlip
+war eine wahre Seele von einem Menschen.</p>
+
+<p>Ernster und strenger, in finsterem Schweigen trat der andere
+Geistliche, Mr. Hottenbrocken auf, und wenn man die beiden
+mit einem Schwerte des Herrn h&auml;tte vergleichen k&ouml;nnen,
+so war Sweetlip der R&uuml;cken, Hottenbrocken aber die Schneide
+und Spitze in aller Sch&auml;rfe und H&auml;rte edlen Stahls.</p>
+
+<div class="center">
+<table style="margin: 0 auto" cellpadding="4" summary="Illustration Capitel 2">
+ <tr>
+ <td align="center">
+ <a href="images/img1r.jpg">
+ <img src="images/img1r.jpg" height="600"
+ alt="Illustration Capitel 2" /></a>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="center">
+ <span class="caption">Capitel 2.<br />
+ Click to <a href="images/img1.jpg">ENLARGE</a></span>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+</div>
+
+<p>Wenn Sweetlip mit sanfter Zunge seinen Zuh&ouml;rern allerdings
+ihre geistigen Wunden aufri&szlig;, aber &Ouml;l hineintr&auml;ufelte,
+und es manchmal sogar f&uuml;r eine S&uuml;nde zu halten schien, selbst
+der H&ouml;lle s&auml;mmtliche gute Eigenschaften abzusprechen, so ging
+Hottenbrocken hinter ihm her und warf Essig und Pfeffer und
+Salz hinein, r&uuml;ttelte die sanftschlafenden S&uuml;nder aus ihrem
+bewu&szlig;tlosen Zustand auf, und beschrieb ihnen mit triumphirendem
+L&auml;cheln und gl&uuml;henden Farben einen furchtbaren Abgrund,
+an dem sie geschlummert haben sollten, und wenn sie den auch
+nicht gleich sahen, wurden sie doch &auml;ngstlich und verzagt, und
+streckten die Hand nach dem ehrw&uuml;rdigen Manne aus, sie zu
+retten.</p>
+
+<p>Mr. Sweetlip hatte &uuml;brigens die &raquo;<i>meeting</i>&laquo; zu er&ouml;ffnen
+und zu begr&uuml;&szlig;en, und stieg oder kletterte zu diesem Zweck auf
+das hohe, kanzelartige Gestell, das unter der Eiche errichtet
+worden. Von hier aus richtete er eine ziemlich lange Rede, ohne
+weiteren besonderen Inhalt, an die Versammlung, ermahnte
+sie, ihre Augen und Herzen und H&auml;nde zu Gott zu erheben
+und ihn zu bitten, da&szlig; er sie bei ihrer jetzigen freudigen Zusammenkunft
+erleuchten, die Guten st&auml;rken, und die verlorenen
+Schaafe zur&uuml;ck zu seiner Heerde f&uuml;hren m&ouml;ge, zu deren Bequemlichkeit
+hier, wie er mit klaren d&uuml;rren Worten andeutete,
+die beiden Einpferchungen angebracht und mit weicher Streu
+gef&uuml;llt waren.</p>
+
+<p>Maulbeere glaubte wirklich im Anfang da&szlig; er mit dieser
+Sache Scherz treibe; der ernste, wehm&uuml;thige Mann sah aber
+nicht aus wie Scherz, und Thr&auml;nen standen auch schon in
+vielen Augen seiner sch&ouml;nen Zuh&ouml;rerinnen. Um sich dessen
+aber zu vergewissern, dr&uuml;ckte er sich durch die And&auml;chtigen, seinen
+Karren sich selber &uuml;berlassend, langsam der Stelle zu, wo
+er seinen alten Freund Jack Owen finster und schweigend an
+einer Eiche lehnen und der Rede horchen sah.</p>
+
+<p>&raquo;K&ouml;nnt Ihr mir sagen Freund&laquo; redete er diesen leise an,
+&raquo;was der fromme Herr da oben mit den beiden Pferchen meint,
+und ob die nur <span class="wide">bildlich</span> dastehn, oder in der &raquo;Hitze des Gespr&auml;chs&laquo;
+vielleicht wirklich gebraucht werden sollen? ich habe
+keine rechte Idee von etwas Derartigem, und m&ouml;chte mich gern
+belehren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es geht mir nicht viel besser, Fremder,&laquo; sagte der Backwoodsman
+seufzend &mdash; &raquo;ich habe auch keine rechte Idee von
+dem Wesen und Treiben der Leute; soviel aber ist gewi&szlig;, da&szlig;
+sie die Fenzen oder Pferche, wie Ihr sie nennen wollt, heute
+oder morgen noch brauchen, wenn der Herr da oben die Gemeinde
+vorbereitet hat, und der andere lange Herr mit dem finsteren
+Gesicht erst in ordentlichen Schu&szlig; und Gang gekommen
+ist &mdash; wenn nicht heute, morgen seht Ihr das gewi&szlig;!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und sind das so ber&uuml;hmte Prediger?&laquo; frug Maulbeere
+etwas erstaunt, denn das &Auml;u&szlig;ere der Leute hatte auf ihn den
+Eindruck nicht gemacht&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Der sanfte Mann der jetzt da oben spricht&laquo; sagte Jack
+mit einem etwas bitteren L&auml;cheln, &raquo;war noch im vorigen Jahr
+ein Schneider in Little Rock, als pl&ouml;tzlich <span class="wide">der Geist</span> &uuml;ber ihn
+kam, wie sie es nennen, und er zu predigen anfing. Er hat
+eine &raquo;sanfte Gabe&laquo; wie die Frauen sagen, und wenn er nur
+anf&auml;ngt zu reden, weinen sie schon vor lauter R&uuml;hrung und
+Wehmuth. Der Andere ist ein Yankee, und war fr&uuml;her ein
+Pedlar, wie man bei uns die &raquo;wandernden Kr&auml;mer&laquo; nennt &mdash;
+betrog alle Welt mit seinen Yankee-Uhren und anderem Tr&ouml;del
+den er zum Verkauf im Lande herumf&uuml;hrte, und &mdash; wurde
+auch auf einmal religi&ouml;s, hielt einen Ausverkauf mit seinen
+Uhren, von denen die Frauen wie toll darauf waren, eine zu
+kaufen, um, wie sie meinten, dem Teufel zugleich eine Seele
+zu entrei&szlig;en, und fing ebenfalls an zu predigen. Die Beiden
+sind jetzt die beliebtesten Redner, die wir hier zu h&ouml;ren bekommen,
+und haben die anderen Circuit-rider wenn nicht ganz
+weggebissen, doch so in den Schatten gedr&auml;ngt, da&szlig; sie sich
+kaum noch sehn lassen. <span class="wide">Ihre</span> Sammlungen fallen auch
+&mdash; jedenfalls die Hauptsache &mdash; immer am reichlichsten aus,
+und f&uuml;r ihre <span class="wide">milden Zwecke</span> nehmen sie Geld und Geldes
+Werth, Hirsch- und Racoonfelle, Talg und Honig und B&auml;renfett.
+Aber jetzt pa&szlig;t auf&laquo; setzte er, mit dem Kopf nach der
+Kanzel winkend hinzu &mdash; &raquo;jetzt kommt Herr Hottenbrocken
+d'ran &mdash; es wird ein hei&szlig;er Tag werden, denn er schneidet ein
+furchtbar finsteres Gesicht.&laquo;</p>
+
+<p>Jack schulterte, w&auml;hrend er die letzten Worte sprach, seine
+B&uuml;chse, drehte sich ab von dem frommen Mann, und schritt
+langsam hinein in den Wald, w&auml;hrend Mr. Hottenbrocken
+allerdings von der Kanzel zu donnern begann, und mit leuchtenden
+Augen und im Anfang zwar noch ziemlich ruhiger,
+dann aber immer wachsender Stimme den zitternden Zuh&ouml;rern
+die Pforten aufri&szlig; die hinab in den Schlund der H&ouml;lle f&uuml;hrten.
+Mit wilden Gesten und rollenden Augen deckte er dabei
+alle Schrecknisse auf, die dort unten der Ungl&auml;ubigen, der
+Tauben die nicht h&ouml;ren, der Blinden die nicht sehen wollten,
+harrten, und seine Rede flo&szlig; ihm gl&uuml;hend hei&szlig; von den in
+wilder Aufregung zitternden Lippen.</p>
+
+<p>Maulbeere, so sehr er sich sonst &uuml;ber derlei Sachen lustig
+machte, war aber pl&ouml;tzlich unendlich aufmerksam geworden,
+dr&auml;ngte sich, so weit sich das f&uuml;glich thun lie&szlig;, nach vorn, kein
+Wort von der Predigt zu verlieren, und verrieth dabei eine
+Andacht, eine Freudigkeit, die sogar mehrmals die Blicke des
+Geistlichen selber auf ihn lenkte und wohlgef&auml;llig auf ihm
+weilen lie&szlig;. Der Eine war Schneider, der Andere Kr&auml;mer
+gewesen, der <span class="wide">Geist</span> gen&uuml;gte &mdash; wenn der Geist kam mu&szlig;te der
+K&ouml;rper gehorchen! &mdash; Die Predigt oben dauerte fort, Maulbeere
+h&ouml;rte sie aber nicht mehr, sein &auml;u&szlig;eres Ohr war anscheinend
+offen, sein inneres lauschte dagegen einem Chaos von
+Speculationen, die sich in dem Gehirn des praktischen Scheerenschleifers
+entwickelten, und ihm seinen &raquo;Gedankenkasten&laquo; mit
+einer Unmasse von Pl&auml;nen und Ideen f&uuml;llten.</p>
+
+<p>So kam der Abend heran; dieser Tag war mehr eine
+Vorbereitung zu der morgenden <span class="wide">Schlacht</span> gewesen, die Mr.
+Hottenbrocken dem Teufel und seinen Helfershelfern angek&uuml;ndigt
+hatte; seine &raquo;Krieger,&laquo; wie er die Frommen und Gl&auml;ubigen
+nannte, waren ger&uuml;stet und geweiht worden zu dem schweren
+Kampf, und die n&auml;chste Sonne sollte ihre untergehenden Strahlen
+auf die Streiter werfen, die mit der Glorie des Herrn siegreich
+aus Kampf und Ringen hervorgegangen w&auml;ren.</p>
+
+<p>Maulbeere verlangte mehr als das zu wissen, und Jack
+Owen schien ihm nicht der rechte Mann dazu, denn er hatte,
+soviel der Scheerenschleifer bis jetzt davon gemerkt, keine Freude
+an der ganzen Sache, war auch in der That nur her&uuml;bergekommen,
+weil er die Frauen nicht zu Hause halten konnte,
+und nicht allein ziehn lassen <span class="wide">wollte.</span> Frauen sind &uuml;berhaupt
+in den meisten F&auml;llen weit besser zu Hause, als bei solchen
+Campmeetings aufgehoben.</p>
+
+<p>Unter den hierhergekommenen And&auml;chtigen befand sich eine
+Familie, die Maulbeere's Aufmerksamkeit schon von allem Anfang
+durch das viele Kochgeschirr und die zahlreichen Proviantkisten
+auf sich gezogen, die sie bei sich f&uuml;hrten. Der Mann,
+wie er sich indessen erkundigt hatte, war Kirchen&auml;ltester, und
+ein gro&szlig;er G&ouml;nner Mr. Hottenbrockens, der oft acht und vierzehn
+Tage auf seiner Durchreise bei ihm blieb, und allabendlich
+in seiner Familie predigte. Diesem introducirte sich Maulbeere
+noch <span class="wide">vor</span> dem Abendessen, enth&uuml;llte ihm den Eindruck,
+den die Predigt heute Nachmittag auf ihn gemacht hatte, und
+bat ihn um die Lebensgeschichte des langen Mannes, der eine
+so fabelhafte Rednergabe, mit solchem Feuereifer und solcher
+Gluth der Sprache vom lieben Herrgott und heiligen Geist
+empfangen habe.</p>
+
+<p>Der Kirchen&auml;lteste nahm ihn freundlich auf; Maulbeere
+mu&szlig;te sich mit zu seinem Feuer setzen und mit ihnen essen, und
+erz&auml;hlte ihnen daf&uuml;r seine Lebensgeschichte mit einer Phantasie,
+die seinen alten Schiffsgef&auml;hrten Theobald gl&uuml;cklich gemacht
+haben w&uuml;rde, und auch hier ihre Wirkung nicht verfehlte. Er
+erfuhr daf&uuml;r Alles was er wissen wollte &mdash; da&szlig; n&auml;mlich nicht
+etwa ein langes Studium erforderlich sei, mit begabter Zunge
+zu reden, sondern da&szlig; solche, die der heilige Geist als Beg&uuml;nstigte
+ausersehen, oft von den niedrigsten Handwerken, aus dem
+s&uuml;ndhaftesten Lebenswandel heraus, zu der hohen W&uuml;rde eines
+Seelenhirten sich emporgeschwungen h&auml;tten, und Lichter
+geworden w&auml;ren, ihren Mitbr&uuml;dern und Schwestern auf dem
+schmalen dornigen Pfad der Tugend voranzuleuchten. Nicht
+einmal ein Examen war dabei erforderlich; es bedurfte eben
+weiter Nichts, als der hohen nat&uuml;rlichen Begeisterung, die,
+f&uuml;r einen monatlichen Gehalt aus einer der frommen Stiftungen
+und Vereine, ihr leibliches Wohl vollkommen in die
+Schanze schlug, und die Arbeit aufnahm im Weinberge des
+Herrn. Schwer war freilich ihre Aufgabe dabei, sie hatten
+nicht allein gegen die s&uuml;ndhaften Ungl&auml;ubigen, sondern auch
+gegen den Antichrist wie eine Menge anderer Sekten anzuk&auml;mpfen,
+aber das Ziel war glorreich &mdash; sie <span class="wide">mu&szlig;ten</span> endlich
+siegen, der Herr war mit ihnen, und die Schlange blutete mit
+zertretenem Haupte unter ihren Hacken.</p>
+
+<p>Das etwa war der Sinn der Rede, die der Kirchen&auml;lteste
+dem mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhorchenden Zach&auml;us
+Maulbeere hielt, und wie dieser sp&auml;t am Abend, wo sich die
+Mehrzahl der hier Gelagerten zur Ruhe begeben, seinen Karren
+zu seinem neuen Besch&uuml;tzer heranschob, und dann in das laut
+gehaltene Nachtgebet inbr&uuml;nstig mit einstimmte, schien ein
+ganz anderer Geist in den sonst so rohen, profanen Menschen
+gefahren zu sein. Die Anderen hatten sich l&auml;ngst wieder erhoben,
+und er kniete immer noch eine Weile allein in still versunkenem
+Gebet, legte sich dann, in seine Decke gewickelt die er vorn an
+den Karren geschnallt mit sich f&uuml;hrte, ohne mit irgend Jemandem
+ein Wort weiter zu wechseln, auf den ihm angewiesenen
+Platz unter ein weit gespanntes Leinwandzelt, und war bald
+sanft und ruhig &mdash; ein etwas lautes Schnarchen abgerechnet
+&mdash; eingeschlafen.</p>
+
+<p>Am anderen Morgen begannen die Predigten ungemein
+fr&uuml;h, und Maulbeere h&auml;tte heute keine Zeit bekommen seine
+Geschicklichkeit zu verwerthen, selbst wenn er es gewollt; er
+dachte aber gar nicht daran, sa&szlig; gleich vom Morgengrauen in
+den vordersten Reihen der Gl&auml;ubigen, und schien sich wirklich
+nur zuf&auml;llig gerade zur Fr&uuml;hst&uuml;ckszeit an dem Feuer des Kirchen&auml;ltesten
+wieder einzufinden. Dieser aber hatte seine innige
+Freude an dem Mann, der, wie er nicht ganz mit Unrecht
+meinte, innerlich und &auml;u&szlig;erlich einer ordentlichen Reorganisation
+bed&uuml;rfe, und die nur allein durch das Wort Gottes erhalten
+k&ouml;nne. &Uuml;brigens sei es ein erfreuliches Zeichen auch
+unter den <span class="wide">Deutschen,</span> die sonst nicht in dem Rufe st&auml;nden,
+viel wirkliche Religiosit&auml;t zu haben, Einzelne zu finden, die
+eine r&uuml;hmliche Ausnahme davon machten.</p>
+
+<p>Zum Fr&uuml;hst&uuml;ck trat eine Pause ein, da die Geistlichen
+selber, zu ihrem heutigen harten Kampfe, einer St&auml;rkung bedurften,
+und es war f&uuml;r Maulbeere ein r&uuml;hrendes Bild, und
+eine Quelle tiefen Nachdenkens, zu sehn, wie sich die <span class="wide">Br&uuml;der,</span>
+in Liebe und Freundschaft darum stritten, die ehrw&uuml;rdigen
+Herren an <span class="wide">ihrem</span> Fr&uuml;hst&uuml;ckstisch bewirthen zu d&uuml;rfen, wo
+ihnen dann das Beste aufgetafelt wurde, was die K&uuml;che aus
+Wald und Strom und Farmhof nur zu liefern vermochte.</p>
+
+<p>Gleich nach dem Fr&uuml;hst&uuml;ck begann die Predigt wieder, die
+aber bis zum Mittagessen wenig Erquickliches bot; es war ein
+Mischmasch von den allergew&ouml;hnlichsten Phrasen, in der
+allergew&ouml;hnlichsten Art vorgetragen; entweder <span class="wide">konnten</span> die Leute
+nichts Besseres liefern, oder sie versparten sich den vollen Eindruck
+auf den Nachmittag und Abend, wo die Zuh&ouml;rer &uuml;berhaupt
+mehr aufgeregt und f&uuml;r das &Uuml;bernat&uuml;rliche mehr empf&auml;nglich
+sind. Maulbeere nichtsdestoweniger hielt gewissenhaft
+aus; Manche seiner Nachbarn und Nachbarinnen, die auch
+entsetzlich in ihrer Andacht durch seinen alten gr&uuml;nen und
+wie glasirten Rock gest&ouml;rt worden waren, schliefen sanft;
+Maulbeere wachte, und verwandte kein Auge von dem Redenden.</p>
+
+<p>Mittag kam, und so sehr sich die Amerikaner vor einem
+unreinlichen Menschen scheuen, hatte Maulbeeres Andacht
+doch besonders die Aufmerksamkeit der Frauen auf sich gezogen;
+er war auch fremd hier, und konnte nicht ohne Nahrungsmittel
+gelassen werden. Maulbeere bekam drei Einladungen
+an verschiedene Feuer, die er alle drei annahm, und
+mit geschickter Zeiteintheilung auch verwerthete. Nach Tisch
+und einer kurzen Ruhezeit, mit der etwa drei Uhr Nachmittags
+heranr&uuml;ckte, begann die Predigt auf's Neue &mdash; jetzt aber mit
+einem andern Geist.</p>
+
+<p>Der Reverend Mr. Sweetlip machte heute Nachmittag
+den Anfang, und die Versammlung, als ob die Leute schon
+eine Ahnung gehabt h&auml;tten, wie der Geist heute wirken w&uuml;rde,
+war zahlreicher als je; Maulbeere aber sa&szlig; in den vordersten
+Reihen.</p>
+
+<p>Mit weicher, schmelzender Stimme begann der ehrw&uuml;rdige
+Mr. Sweetlip seinen aufmerksam lauschenden Zuh&ouml;rern
+die Orte auf dieser Erde zu schildern, wo den armen schwachen
+Menschen Verf&uuml;hrung umlauere, ihn von der Bahn des Guten
+abzulocken; und dabei zeigte er ihnen den Lohn, den sie
+auf dieser Welt schon f&uuml;r ein gottgef&auml;lliges Leben, aber auch
+viel gr&ouml;&szlig;er noch in einer anderen Welt, zu erwarten h&auml;tten:
+in dieser Welt durch ihr ruhiges, zufriedenes Gewissen, das
+ihnen die Brust mit einer unendlichen Wollust und Seligkeit
+f&uuml;lle (und er selber f&uuml;hrte sich dabei zum Beispiel auf, wie er,
+seit er sein Herz dem Himmel zugewandt, in einem wahren
+Meer von Wonne schwimme) und in jener, wo Gott und der
+Heiland ihnen ein beneidenswerthes Loos bereiten w&uuml;rde, so
+sie hier den s&uuml;ndigen irdischen L&uuml;sten widerst&uuml;nden, und ihre
+Augen nur nach dem richteten <span class="wide">was Gottes</span> w&auml;re. Auch
+hierbei lie&szlig; er sich in eine n&auml;here und mehr bildliche Beschreibung
+dieser einstigen Seligkeit, wie er sie sich dachte, ein, und
+schilderte seinen Zuh&ouml;rern mit immer gl&uuml;hender und lebendiger
+werdenden Farben das Paradies, wo sie von Ewigkeit zu Ewigkeit
+oben im Kreis der Engel in den Wolken sitzen, und Hallelujah
+singen w&uuml;rden.</p>
+
+<p>Maulbeere sah sich rasch nach seiner Nachbarin zur Linken
+um, denn diese fing pl&ouml;tzlich an zu st&ouml;hnen, schlo&szlig; die Augen,
+warf den Kopf her&uuml;ber und hin&uuml;ber, und gebehrdete sich etwa
+so, als ob sie einen Anfall von Kr&auml;mpfen erwartete. Der
+Scheerenschleifer dachte auch an seine kleine Hausapotheke die
+er in dem Karren mit sich f&uuml;hrte, an Salmiakgeist und Hofmann'sche
+Tropfen, Einreibungen von Senfspiritus und andere
+entsetzliche Mittel; ehe er aber noch zu einem rechten Entschlu&szlig;
+kommen konnte, begann seine Nachbarin zur Rechten ebenfalls,
+&auml;hnliche T&ouml;ne auszusto&szlig;en und &uuml;berall vor und hinter ihm,
+und rechts und links, fing es an zu &auml;chzen und zu st&ouml;hnen und
+die Ausrufe &mdash; &raquo;<i>Oh Loooord &mdash; glory &mdash; glory &mdash; happy &mdash;
+happy &mdash; blessed Jesus!</i>&laquo; wurden nach allen Seiten hin
+laut, und kamen in Gestalt von gewisserma&szlig;en gewaltsam
+ausgesto&szlig;enen Seufzern zu Tage. Nur erst mit dem Schlu&szlig;
+der Predigt, die in einem langen Gebet endigte, beruhigten
+sich die And&auml;chtigen, und die Frauen hielten ihre Taschent&uuml;cher
+vor die Augen und weinten, als ob ihnen das gr&ouml;&szlig;te
+Herzeleid in der Welt geschehen und nicht die einstige Seligkeit
+geschildert w&auml;re.</p>
+
+<p>Lautloses Schweigen folgte, denn Mr. Hottenbrocken
+kletterte jetzt, nachdem er den ehrw&uuml;rdigen Bruder Sweetlip
+heruntergelassen, auf die Kanzel, &uuml;bersah mit einem, &uuml;ber
+die Massen schweifenden finster drohenden Blick die Versammlung,
+und rief pl&ouml;tzlich, zu voller H&ouml;he aufgerichtet und den
+rechten Arm von sich streckend, mit donnernder Stimme:</p>
+
+<p>&raquo;Br&uuml;der und Schwestern &mdash; Mitb&uuml;rger &mdash; Mitchristen &mdash;
+S&uuml;nder &mdash; <span class="wide">nichtsw&uuml;rdige, elende, erb&auml;rmliche S&uuml;nder</span>
+&mdash; der Tag der Rache ist nahe!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oh Loooooord!&laquo; schrie die eine Mitschwester an Maulbeeres
+Seite, der doch jetzt fand, da&szlig; diese verschiedenen Ausrufe
+keineswegs einem k&ouml;rperlichen Gebrechen, sondern eher
+einer geistigen Vervollkommnung, einer Empf&auml;nglichkeit des
+Herzens f&uuml;r das H&ouml;here, zuzuschreiben sei. Mr. Hottenbrocken
+hatte indessen eine kleine Pause gemacht, als ob er
+seinen Zuh&ouml;rern Zeit geben wollte, &uuml;ber diese Verk&uuml;ndigung
+nachzudenken, und begann nun, nachdem er vorher sein Taschentuch
+herausgenommen und sich vorsichtig geschneuzt hatte,
+mit einer Stimme und einem Ausdruck seine Predigt, als ob er
+in irgend einem gleichg&uuml;ltigen Gespr&auml;ch etwa gesagt h&auml;tte &mdash;
+&raquo;ich glaube wir werden diesen Nachmittag Regen bekommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der ehrw&uuml;rdige Mr. Sweetlip, mein verehrter Bruder
+und flei&szlig;iger Mitarbeiter im Weinberg des Herrn, hat Euch,
+liebe Schwestern und Br&uuml;der, die Freuden des Elysiums geschildert;
+er hat Euch mit gl&uuml;henden lebendigen Farben, wie
+den h&ouml;heren heiligen Sph&auml;ren abgelauscht, die Pl&auml;tze der Seligen
+vorgef&uuml;hrt, wohin die <span class="wide">Guten</span> einst kommen werden. Es
+<span class="wide">giebt</span> einen solchen Platz, liebe Schwestern und Br&uuml;der, wie
+ich Euch wohl kaum noch zu sagen habe, denn Jeder von Euch
+wei&szlig; es &mdash; es steht mit klaren einfachen Worten in der Bibel,
+und ist daher keine Kunst das zu wissen &mdash; Jeder kann das
+wissen der nur lesen kann, oder einen Bekannten hat, von dem
+er wei&szlig;, da&szlig; er ihm keine L&uuml;gen erz&auml;hlt, und der ihm die Geschichte
+vorliest. Also wir sind davon, als einer ausgemachten
+Thatsache, &uuml;berzeugt, <span class="wide">da&szlig;</span> es einen Platz giebt, wohin die Guten,
+die Gerechten vor dem Herrn kommen, und nicht allein
+unsere Phantasie, geliebte Br&uuml;der und Schwestern, verleiht
+diesem Platz die h&ouml;here Wonne, nein auch die heilige Schrift
+giebt uns ziemlich genaue Grundlagen &uuml;ber den etwaigen Zustand
+dort oben, wie ihn mein Bruder in Christo, Mr. Sweetlip
+geschildert hat &mdash; Aber&laquo;&nbsp;&mdash; rief er pl&ouml;tzlich, und unterbrach
+damit gewisserma&szlig;en seine bis dahin vollkommen ruhige
+und wie gespr&auml;chsweis gehaltene Rede &mdash; &raquo;<span class="wide">aber,</span>&laquo; donnerte
+er noch einmal, mit jetzt tief und dr&ouml;hnend schallender Stimme,
+&raquo;aber <span class="wide">wer</span> sind die Gerechten? &mdash; <span class="wide">wo</span> sind sie? &mdash; wie viele
+oder wie wenige sind es ihrer? &mdash; Wehe, wehe, wehe, mein
+Auge streift umher, und keinen Frieden, kein Licht findet es,
+wohin es schweift &mdash; mein Ohr lauscht auch dem leisesten
+Klang, und nur Weheklagen sind es, die es vernimmt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oh Loooooord!&laquo;&nbsp;&mdash; st&ouml;hnte Maulbeere's Nachbarin
+wieder.</p>
+
+<p>Lauter und lauter wurde jetzt die Stimme des Sprechers,
+mit der er jammerte da&szlig; er umsonst das Haupt eines Gerechten
+suche, es mit der ewigen Glorie zu decken &mdash; sie w&auml;ren
+<span class="wide">Alle</span> S&uuml;nder, schlechte, miserabele, elende S&uuml;nder vor dem
+Herrn &mdash; keiner, der bestehen w&uuml;rde vor seiner Gerechtigkeit,
+und nur wenn sie st&uuml;rben, w&uuml;rden sie es den ersten Tag bequem
+haben, sie fortw&auml;hrend bergunter f&uuml;hren, tief tief hinunter
+zu dem h&ouml;llischen Abgrund, wo da ist Heulen und Z&auml;hneklappen,
+dann aber &mdash; dann &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;<i>Oh gracious Looooord!</i>&laquo; st&ouml;hnten die Stimmen rechts
+und links &mdash; &raquo;<i>merci, merci &mdash; merci!</i> Gnade! &mdash; sei gut zu
+uns Herr, sei gut zu uns!&laquo; und hie und da standen Einzelne der
+Mitglieder auf, und taumelten mehr als sie gingen unter dem
+<i>glory-, glory-</i> und <i>happy-, happy-</i>Rufen in den einen kleinen
+Pferch, der zur Linken des Predigers stand, wo sie sich auf die
+Knie warfen, und laut und br&uuml;nstig, nur von einzelnen
+Schreien unterbrochen, an zu beten fingen.</p>
+
+<p>Maulbeere wurde unruhig, er blickte um sich her und
+sah seine Nachbarn an, machte sogar ein paar Mal Miene aufzustehen,
+setzte sich aber immer wieder nieder. Das Gest&ouml;hne
+um ihn her wurde dabei immer toller, und je wilder und feuriger
+der Mann auf der Kanzel jetzt anfing mit rasselnder,
+dr&ouml;hnender Stimme die Qualen der Verdammten zu schildern,
+und lauter und drohender der ganzen Schaar seiner Zuh&ouml;rer
+ein &auml;hnliches Schicksal zu prophezeihen, je mehr er mit den Armen
+warf und seine langen Glieder umherzuschlenkern begann,
+die Augen dabei verdrehte und mit der Stimme, vielleicht das
+Wimmern der Gepeinigten nachzuahmen, in ein Gekreisch und
+Gewinsel fiel, und dann wieder um Gnade, Gnade schrie f&uuml;r die
+Verdammten, um deren Glieder er schon die Lohe schlagen
+s&auml;he, die im ewigen Feuer zuckten und sich kr&uuml;mmten und die
+Arme umsonst flehend, H&uuml;lfe suchend, herausstreckten aus
+dem knisternden Verderben, da erreichte der Aufruhr und L&auml;rmen
+einen furchtbaren Grad. Die Leute sprangen und heulten
+auf ihren Sitzen, schlugen mit den Armen und Beinen
+um sich, und klammerten sich aneinander an, als ob sie schon
+jetzt f&uuml;rchteten von dem h&ouml;llischen Feind gefa&szlig;t, und nach seinen
+Regionen niedergef&uuml;hrt zu werden.</p>
+
+<p>In dem links gelegenen Pferch hatten sich inde&szlig; die
+&raquo;B&ouml;cke&laquo; mehr und mehr angesammelt &mdash; es waren die, die
+sich als die gr&ouml;&szlig;ten, nichtsw&uuml;rdigsten S&uuml;nder erkannten &mdash;
+und lagen hier auf den Knieen, rangen die H&auml;nde, heulten,
+schrieen, und gebehrdeten sich mit einen Wort wie Verr&uuml;ckte.
+Zwangsjacken w&auml;ren auch in der That das einzige gewesen, was
+sie h&auml;tte halten k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Mr. Hottenbrocken oben auf seiner Kanzel aber fing an
+zu triumphiren.</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Da</span> kommen sie!&laquo; schrie er mit ausgestrecktem Arm und
+Finger niederdeutend, auf die mehr und mehr dem Pferch Zudr&auml;ngenden,
+(M&auml;nner und Frauen und M&auml;dchen, Alles durcheinander)
+und sein Auge scho&szlig; Blitze, seine Gestalt hob sich
+h&ouml;her und gewaltiger, und zog sich dann manchmal in sich
+selbst zusammen, als ob er noch unschl&uuml;ssig sei, vielleicht mit
+einem Satz &uuml;ber die Barriere weg, mitten zwischen die Schaar
+hineinzuspringen &mdash; &raquo;da dr&auml;ngen sie herbei, vom Teufel gepeitscht,
+der hinter ihnen mit ausgespreizten Krallen dreinspringt,
+den Einen oder Anderen noch von denen die ihm
+entfliehen wollen zur&uuml;ckzurei&szlig;en in sein Reich der Verdammni&szlig;!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<i>Oh L&mdash;o&mdash;o&mdash;o&mdash;o&mdash;o&mdash;rd &mdash; merci &mdash; merci!</i>&laquo;
+schrieen die Frauen wieder, die sich jetzt zwischen den B&auml;nken
+anfingen &auml;ngstlich umzusehn, und sogar manchmal mistrauische
+Blicke auf den Scheerenschleifer warfen &mdash; &raquo;habe Gnade mit
+uns, barmherziger Gott; rette uns, rette uns vor dem Teufel
+&mdash; rette uns vor dem ewigen Feuer!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gnade?&laquo; schrie aber der Mann auf der Kanzel mit seiner
+Donnerstimme nieder in den L&auml;rm und Aufruhr &mdash; &raquo;Gnade
+wollt Ihr? &mdash; Gnade f&uuml;r Euere <span class="wide">S&uuml;nden?</span> &mdash; Gnade f&uuml;r
+Euern <span class="wide">Unglauben?</span> Gnade f&uuml;r Euere verderbten und verstockten
+Herzen? &mdash; der Fluch <span class="wide">Gottes</span> wird Euch treffen am
+j&uuml;ngsten Gericht &mdash; niederschmettern wird er Euch in den
+Staub, die Ihr Euch jetzt am stolzesten und h&ouml;chsten w&auml;hnt &mdash; niederschmettern
+in ewige Verdammni&szlig; und Nacht und Finsterni&szlig;
+und ewiges Feuer, wo Satan die Macht &uuml;ber Euch haben
+wird und die Kraft und die Gewalt; und <span class="wide">dort</span> steht er!&laquo; schrie
+er pl&ouml;tzlich wild gellend auf, mit dem ausgestreckten Arm gegen
+den Wald hinauszeigend &mdash; &raquo;dort grinst er her&uuml;ber auf Euch
+und fletscht die gelben f&uuml;rchterlichen Z&auml;hne! &mdash; dort steht er
+und sch&uuml;ttelt sich vor Lachen und innerer grimmiger Lust, wie
+er die Heerde sieht, die er bald eintreiben kann in sein h&ouml;llisches
+Reich, die Opfer sieht, die ihm verfallen sind durch ihre
+eigene S&uuml;nde und Lust und rettungslos, rettungslos verloren gehn!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<i>Merci &mdash; merci &mdash; glory &mdash; glory &mdash; oh Looooord!</i>&laquo;
+schrie und st&ouml;hnte die Schaar wieder, und ein solches W&uuml;then
+und Dr&auml;ngen und &Auml;chzen und Winzeln begann zwischen den
+Menschen, da&szlig; Maulbeere mistrauisch die Leute von der Seite
+ansah, und doch nicht herausbekommen konnte ob sie im Ernst
+waren, oder sich nur verstellten.</p>
+
+<p>Und trotzdem war der Paroxismus noch nicht zum h&ouml;chsten
+Grade gestiegen. Der Geistliche auf der Kanzel hatte
+wieder eine Pause gemacht; es fehlten ihm Worte weitere
+Schrecken heraufzubeschw&ouml;ren, das Schlimmste was er hatte
+auff&uuml;hren k&ouml;nnen war geschehn &mdash; der Teufel stand mit gekr&uuml;mmten
+Krallen hinter den B&auml;umen und lauerte auf seine
+Opfer; <span class="wide">der</span> Schrecken mu&szlig;te jetzt wirken und dann <span class="wide">die M&ouml;glichkeit</span>
+der eingesch&uuml;chterten Schaar gezeigt werden, dem zu
+entgehn.</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;hlt Ihr Euere Gefahr? &mdash; erkennt Ihr den Abgrund
+an dem Ihr steht?&laquo; rief der lange finstere Mann pl&ouml;tzlich wieder
+mit nicht sehr lauter, aber zu den entfernteren Stellen dringender,
+bohrender Stimme, &raquo;habt Ihr das schwarze Meer, mit
+seinen st&uuml;rmenden rollenden Wogen gesehn, das &uuml;ber Euch hereinw&auml;lzen
+will, Euch in seine Tiefe zu ziehn? &mdash; <span class="wide">f&uuml;hlt</span> Ihr
+endlich Euere Nichtigkeit, Euere Erb&auml;rmlichkeit, Euere S&uuml;nde,
+die schwarz genug ist da&szlig; sie die Sonne verfinstern und der
+Engelein Gnadengebet ersticken k&ouml;nnte? &mdash; <span class="wide">f&uuml;hlt</span> Ihr sie?
+wi&szlig;t Ihr da&szlig; Ihr <span class="wide">verloren</span> sein m&uuml;&szlig;tet &mdash; rettungslos, erbarmungslos
+f&uuml;r immer und ewig, wenn Ihr nur das bek&auml;mt
+was Ihr hier <span class="wide">verdient?</span> nur dem <span class="wide">gerechten</span> Richter
+gegen&uuml;ber?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<i>Oh Looooooo'od a massy!</i>&laquo; schrie eine dicke, vor Maulbeere
+sitzende Negerin jetzt mit gellendem Aufkreisch, und fiel
+von der Bank herunter auf der sie gesessen, als ob sie todtgeschossen
+w&auml;re. Niemand bek&uuml;mmerte sich aber um sie, und sie
+blieb eine Weile regungslos liegen, ohne ein Glied zu r&uuml;hren.</p>
+
+<p>&raquo;Aber <span class="wide">noch</span> ist es Zeit!&laquo; donnerte da pl&ouml;tzlich des Redenden
+Stimme, wie eine schmetternde Posaune Heil verhei&szlig;end
+durch den Wald &mdash; &raquo;<span class="wide">noch</span> ist die zw&ouml;lfte Stunde nicht vor&uuml;ber,
+noch h&auml;lt der Engel der Gnade die Hand ausgestreckt
+nach den Strauchelnden &mdash; <span class="wide">noch</span> ist es Zeit Mitbr&uuml;der, Mitschwestern,
+der Himmel ist offen, das Licht des Heilands leuchtet
+Euch entgegen, das Wort der Verhei&szlig;ung kann noch Wahrheit
+werden &mdash; <span class="wide">noch</span> ist es Zeit Gentlemen &mdash; Br&uuml;der, Schwestern,
+Reisegef&auml;hrten!&laquo; schrie der Mann, der beinah in der
+Hitze der Rede in sein altes Gesch&auml;ft, das Auktioniren,
+gefallen w&auml;re und eben noch Raum fand wieder einzulenken &mdash;
+&raquo;<span class="wide">noch</span> ist es Zeit &mdash; kommt, kommt, kommt zu dem Herrn &mdash;
+kommt, kommt, kommt zu Jesus Christus &mdash; kommt &mdash; oh
+kommt in des Heilands Arme, der Euch rettet aus Noth, Tod
+und Verdammni&szlig; &mdash; kommt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<i>Glory &mdash; glory &mdash; happy &mdash; happy!</i>&laquo; br&uuml;llte und
+tobte da pl&ouml;tzlich die Masse &mdash; &raquo;<i>blessed be de Looo'd</i> Dschisos!&laquo;
+schrie die dicke Negerin mit einem gewaltigen Ruck sich
+emporrichtend, da&szlig; sie gerade vor Maulbeere auf die Erde zu
+sitzen kam, und ihm starr in's Antlitz sah. Aber &uuml;berall zu
+gleicher Zeit brach der langverhaltene Sturm jetzt donnernd
+los &mdash; M&auml;nner und Frauen sprangen empor, rissen sich die
+R&ouml;cke vom Leib, die T&uuml;cher von den Schultern, rauften sich die
+Haare, schlugen sich die Brust, st&ouml;hnten, kreischten, schrieen,
+den dicken Schaum auf den Lippen, gro&szlig;e Schwei&szlig;tropfen auf
+der Stirn, und die Augen fast aus ihren H&ouml;hlen dr&auml;ngend.</p>
+
+<p>Es w&auml;re &uuml;berhaupt unm&ouml;glich dem Leser auch nur im
+Entferntesten eine solche Scene lebendig genug zu beschreiben,
+da&szlig; er sich selber hineindenken k&ouml;nnte; etwas Derartiges mu&szlig;
+man selber gesehn und erlebt haben, und ist es dann vorbei,
+zweifelt man trotzdem wieder ob es wirklich geschehn sein
+<span class="wide">k&ouml;nne,</span> ob nicht ein toller Fiebertraum uns geneckt, und selbst
+der Erinnerung glauben wir nicht mehr, die uns solch wildes,
+tolles Zeug will aufbewahren. Nichts Geisterhafteres, Unnat&uuml;rlicheres
+giebt es auf der weiten Gotteswelt, als diese
+Scenen, wo der heilige Geist von den schaumbedeckten Lippen
+wahnsinniger Schw&auml;rmer sprechen soll, und diese sich auf der
+Erde w&auml;lzen, die Fingern&auml;gel in den Boden einw&uuml;hlen, den
+Rasen bei&szlig;en und <i>glory, glory!</i> schreien, Ruhm dem Herrn
+in der H&ouml;he!</p>
+
+<p>Viele mag es dabei geben, die einen solchen Zustand aus
+irgend einem Grunde heucheln; die sich eben nur stellen als
+ob der &raquo;Geist&laquo; &uuml;ber sie k&auml;me, mit den Armen und Beinen
+werfen, und solcher Art einen sehr billigen Ruf gro&szlig;er Religiosit&auml;t
+erlangen, vielleicht Einla&szlig; in manche Familie zu bekommen,
+deren Kreis ihnen sonst verschlossen geblieben w&auml;re.
+Ebenso gewi&szlig; ist es aber auch, da&szlig; Viele, <span class="wide">sehr</span> viele in Wirklichkeit
+und Wahrheit in diesen Zustand verfallen, da&szlig; sie nur
+durch die oft vollkommen sinnlose, nur mit einer gewissen Begeisterung
+und mit steigendem Affekt gesprochene Rede in einen
+halb bewu&szlig;tlosen &uuml;berspannten Zustand gerathen, in dem sie sich
+der Erde entr&uuml;ckt und von einem anderen, au&szlig;er-, und jedenfalls
+&uuml;berirdischen Wesen begeistert w&auml;hnen.<a name="fn_2r" id="fn_2r"></a><a href="#fn_2"><small><sup>2</sup></small></a> Fieberanf&auml;lle folgen
+nicht selten demselben, und die aufgeregte Einbildungskraft ist
+nachher jedenfalls sehr leicht im Stande das, wo sich etwa noch
+eine L&uuml;cke in ihren Gedanken und Bildern finden sollte, mit
+Leichtigkeit auszuf&uuml;llen. Auf Jemandem aber, der einer solchen
+Versammlung mit kaltem, ruhigen Blute beiwohnt, macht sie
+unausweichlich den Eindruck eines Haufens wahnsinniger
+Menschen, die losgebrochen sind, und die kurze Zeit ihrer
+Freiheit geschwind benutzen, sich einmal recht t&uuml;chtig auszuschrein.</p>
+
+<p>In diesen Pferchen besonders, wohin die sich dr&auml;ngen, die
+den heiligen Geist &uuml;ber sich kommen f&uuml;hlen, geht es zuweilen
+zu, da&szlig; man sich mit Ekel von einem solchen Bilde menschlicher
+Entw&uuml;rdigung abwendet, und doch f&uuml;hlen sich diese verblendeten
+Menschen auf dem Gipfel menschlicher Erh&ouml;hung,
+und werden nat&uuml;rlich darin von den Geistlichen, die den
+Erfolg ihrer Wirksamkeit nach den K&ouml;pfen ihrer geretteten <span class="wide">Schaafe</span>
+z&auml;hlen, best&auml;rkt.</p>
+
+<p>Ich wei&szlig; wirklich nicht, ob der Ausdruck &raquo;Schaaf&laquo; in
+<span class="wide">solchen</span> F&auml;llen hinl&auml;nglich und stark genug bezeichnend ist &mdash;
+er gen&uuml;gt mir sehr h&auml;ufig bei uns nicht einmal.</p>
+
+<p>&raquo;Glory! Glory! Hallelujah!&laquo; br&uuml;llte die Schaar, &raquo;heiliger
+Geist komm &mdash; senke Dich auf uns herab, rette uns, hilf uns
+&mdash; <i>glory, happy, happy, happy!</i>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Uch!&laquo; schrie oder kreischte da pl&ouml;tzlich eine einzelne
+Stimme, so scharf und gellend durch die Mist&ouml;ne um sie her,
+da&szlig; sich selbst von den augenblicklich Begeisterten Viele, halb
+dabei aus ihrer Rolle fallend, nach der Stelle umsahen, von
+wo der merkw&uuml;rdig wilde, unheimliche Laut ert&ouml;nte, und hier
+bot sich ihnen allerdings ein neues seltsames Schauspiel.</p>
+
+<p>Zach&auml;us Maulbeere hatte der Geist ergriffen, und w&auml;hrend
+die dicke Negerin, die sich wieder aufgerichtet, seine Knie
+umklammert hielt und abwechselnd H&uuml;lfe und Glory! schrie,
+stand Maulbeere auf der Bank, auf der er bisher gesessen, mit
+blo&szlig;em Kopf, an der Stirn noch die Spuren des niedergelaufenen
+Regenwassers von der vorigen Nacht, die Arme
+zum Himmel ausgestreckt, und das Gesicht ebenfalls dorthin
+erhoben, und tobte &auml;rger als Einer der Anwesenden
+sein <i>happy &mdash; happy &mdash; happy</i> dem gr&uuml;nen Waldesdome
+entgegen.</p>
+
+<p>&raquo;Dort ist <span class="wide">noch</span> ein Schaaf!&laquo; schrie der Geistliche von
+der Kanzel nieder, mit dem Arm auf den begeisterten Scheerenschleifer
+deutend, und mit funkelnden, fast wie beutelustigen
+Augen die Wirkung seiner Rede an dem Fremden beobachtend
+&mdash; &raquo;dort ist ein verirrtes, abtr&uuml;nniges Schaaf das zur Heerde
+zur&uuml;ckkehrt &mdash; ein Lamm das sich in den H&auml;nden des Herrn
+vor den Krallen des Teufels bergen will &mdash; eine Taube, die
+den F&auml;ngen des ewig nagenden Geyers zu entziehen sucht. &mdash; Oh
+komm &mdash; komm Lamm Gottes &mdash; komm in den himmlischen
+Pferch &mdash; komm in die Arme des Heilands, die sich liebend
+und sehns&uuml;chtig nach Dir ausstrecken &mdash; oh komm &mdash; oh
+komm! &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin ein arger S&uuml;nder gewesen!&laquo; schrie da Maulbeere,
+pl&ouml;tzlich seine Brust schlagend und einen vergeblichen Versuch
+machend sich von der dicken Schwarzen zu befreien &mdash; &raquo;ein
+nichtsw&uuml;rdiger, verstockter S&uuml;nder &mdash; eine Kerze des Satans,
+ein Pflegekind der H&ouml;lle &mdash; der rothen, feurigen, flammenden
+H&ouml;lle.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<i>Oh do&mdash;nt &mdash; do&mdash;nt &mdash; oh Loooood</i>&laquo; schrie die
+Schwarze dazwischen.</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich f&uuml;hle die Kraft in mir,&laquo; fuhr Maulbeere in
+seiner Begeisterung fort &mdash; &raquo;Alles abzuwerfen was mich bis
+dahin gehalten (ausgenommen die Schwarze, die nicht von ihm
+lie&szlig;), ich f&uuml;hle den <span class="wide">Geist</span> kommen &mdash; ja Br&uuml;der, ja Schwestern,
+ich f&uuml;hle den Geist kommen, den heiligen, lieben, gesegneten Geist!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<i>Oh glory &mdash; glory &mdash; glory &mdash; happy &mdash; happy!</i>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich f&uuml;hle, wie es in mir tobt und w&uuml;hlt und brennt; <span class="wide">das</span>
+ist das Feuer das die S&uuml;nde l&auml;utert, das ist der letzte Rest der
+S&uuml;nden die jetzt verkohlen und verfliegen &mdash; ich komme &mdash; ich
+komme &mdash; <span class="wide">heih!</span>&laquo;</p>
+
+<p>Seine Worte arteten zuletzt in eine Art Geheul aus &mdash;
+Augen schienen aus ihren H&ouml;hlen herauszudr&auml;ngen, die
+struppigen Haare sahen in diesem Augenblick so aus als ob sie
+vor Entsetzen emporst&auml;nden, und mit einer gewaltigen und
+wirklich verzweifelten Kraftanstrengung aus den ihn umklammernden
+Armen der Negerin sich herauswindend, und jetzt ebenfalls
+<i>glory, glory, happy, happy</i> rufend, arbeitete er sich nach
+dem schon vollgedr&auml;ngten Pferch durch, kletterte &uuml;ber die Fenz,
+sprang mitten in den Haufen hinein, und verschwand dort in
+dem Gew&uuml;hl und Zucken menschlicher Gliedma&szlig;en, die sich auf
+dem bestreuten Boden wanden.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h2><a name="kap3" id="kap3"></a>Capitel 3.</h2>
+<h3>Der wandernde Kr&auml;mer.</h3>
+
+<p>Warm und freundlich schien die Sonne nieder auf die
+weiten gr&uuml;nen Prairieen von Illinois, die sich in ungeheueren
+Fl&auml;chen, nur hie und da von einem dunklen Streifen hoher
+Eichen unterbrochen, nach Nord und S&uuml;d, nach Ost und Westen
+dehnten. Wie eine wogende See stand dabei das hohe,
+&uuml;ppige Gras in der frischen Westbrise, die dar&uuml;ber hinstrich,
+und lichte, rasch &uuml;ber die Oberfl&auml;che laufende Wellen bildete,
+t&auml;uschend &auml;hnlich einer ruhigen See, &uuml;ber die ein leiser
+Passat die leicht gekr&auml;u&szlig;ten, eben nur sich hebenden Wogen
+zieht.</p>
+
+<p>Wie Inseln darin, um die T&auml;uschung noch gr&ouml;&szlig;er zu
+machen, lagen einzelne kleine Farmen weit zerstreut, deren
+Maisfelder gleichfalls wogten und dem Wind sich neigten,
+und das gr&uuml;ne Wasser darstellen konnten in der N&auml;he des Landes,
+w&auml;hrend die Prairieen schon eine dunklere, gelblichere
+F&auml;rbung angenommen. Daraus vor aber ragten die kleinen
+grauen D&auml;cher der Blockh&auml;user, mit ihren blauen d&uuml;nnen
+Rauchstreifen, die weit &uuml;ber die Fl&auml;che zogen; Felsen gleich, an
+denen sich die Brandung brach, w&auml;hrend in den Wogen der
+Prairieen selber zahlreiche Heerden, nur mit Kopf und R&uuml;cken
+oft aus dem schwellenden Gras herausreichend, das seine Wellen
+an ihnen vor&uuml;bertrieb, herumschwammen, oder die breiten
+gutm&uuml;thigen K&ouml;pfe witternd und schn&uuml;ffelnd der frischen Luft
+entgegenhielten.</p>
+
+<p>Aber kein Fahrzeug strich auf dem weiten wasser&auml;hnlichen
+Grasspiegel einher; vergebens suchte das Auge nach einem
+lichten Segel, die T&auml;uschung nicht gr&ouml;&szlig;er zu machen, sondern
+mehr fast zur Best&auml;tigung, da&szlig; die&szlig; nicht Land- und Pflanzenwuchs,
+sondern wirklich schiffbares, wogendes Wasser sei.</p>
+
+<p>&raquo;Ein Kahn!&laquo; von den gr&uuml;nen Wellen getragen schwimmt,
+einen dunklen Streifen hinter sich herziehend, ein schmaler
+dunkler Kahn dahin, und ein einzelner Ruderer sitzt darin, still
+und regungslos sein Forttreiben Wind und Str&ouml;mung &uuml;berlassend.
+Mit Gewalt mu&szlig; sich das Auge zuletzt zwingen in
+dem kleinen Kahn und Ruderer Mann und Pferd zu erkennen,
+die langsam einem schmalen, sich durch die Prairie ziehenden
+Wege folgen, und gerade auf die n&auml;chste, von einem kleinen
+Feld begrenzte Blockh&uuml;tte zuhalten.</p>
+
+<p>Der Reiter aber war ein alter Bekannter von uns, Georg
+Donner, der, langsam seinen Weg verfolgend, die kleine H&uuml;tte
+endlich erreichte, und dort seinem Pferde kurze Rast zu g&ouml;nnen
+beschlo&szlig;. Die ganze Umgebung des Hauses lie&szlig; ihn auch auf
+Landsleute als Eigenth&uuml;mer schlie&szlig;en, und den Z&uuml;gel seines
+klugen wackeren Thiers abstreifend, band er ihm die Vorderf&uuml;&szlig;e,
+nach Landesart zusammen, und lie&szlig; es sich sein Futter
+auf der weiten Wiese selber suchen. Da ging die Th&uuml;r der
+H&uuml;tte auf, und ein junges, rothwangiges, kr&auml;ftiges und auch
+recht h&uuml;bsches M&auml;dchen von etwa achtzehn Jahren trat auf die
+Schwelle, den Fremden neugierig betrachtend.</p>
+
+<p>&raquo;Gr&uuml;&szlig; Euch Gott, Kind,&laquo; rief ihr dieser freundlich entgegen,
+&raquo;kann man ein Glas Milch hier bekommen? &mdash; es
+ist warm heute und das Wasser in der Prairie schmeckt
+schlecht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Recht gern und so viel Ihr wollt &mdash; gr&uuml;&szlig; Euch Gott,&laquo;
+sagte das M&auml;dchen, rasch in das Haus zur&uuml;ckgehend und bald
+mit einem gro&szlig;en, bis zum Rand gef&uuml;llten Blechmaas voll
+Milch wiederkehrend. &raquo;Ihr seid wohl von weit her unterwegs?&laquo;
+frug sie dann, als Georg das Gef&auml;&szlig; dankend an die
+Lippen hob, und einen langen durstigen Zug daraus that.</p>
+
+<p>&raquo;Ich komme von Wisconsin herunter, wo ich ein Jahr
+mich aufgehalten,&laquo; sagte der junge Mann.</p>
+
+<p>&raquo;Von Wisconsin; da soll es auch recht gut sein &mdash; wir
+haben viel Freunde dr&uuml;ben, die mit uns &uuml;ber See gekommen
+sind &mdash; wir wollten auch erst dorthin, aber die Schwester wurde
+hier krank, und da dem Vater die Gegend gefiel, blieben wir
+da, und lie&szlig;en die andern weiter ziehn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und es geht Euch gut hier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gott sei Dank, ja; wir haben ziemlich billig gekauft,
+und die Jahre nun, die wir hier sind, recht sparsam gelebt und
+recht flei&szlig;ig gearbeitet, und da sieht man doch da&szlig; man vorw&auml;rts
+r&uuml;ckt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So kommt Ihr hier besser fort wie in Deutschland?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ei Gott ja, <span class="wide">viel</span> besser; lieber Himmel dort fra&szlig;en die
+Steuern, was wir mit M&uuml;he und Noth erzwingen konnten;
+wir schafften und schafften, da&szlig; uns das Blut unter den N&auml;geln
+vorkam, aber nur schlimmer wurd' es, nicht besser; wir
+<span class="wide">konnten</span> nicht erschwingen was wir brauchten, und langsam
+aber sicher ging's bergunter. Hier ist's besser; arbeiten m&uuml;ssen
+wir freilich auch, beinah so viel wie in Deutschland, aber was
+wir einnehmen ist unser, wir brauchen Nichts davon abzugeben,
+haben keine groben Gerichtsleute die uns qu&auml;len, und keine
+Taxen und Steuern, die Einem das Mark aus den Knochen
+saugen. Auch das Land ist vortrefflich; was man pflanzt
+gedeiht, und wenn wir nur ein Bischen mehr an einem gro&szlig;en
+Flu&szlig; wohnten, da&szlig; wir Alles gleich verkaufen k&ouml;nnten was wir
+bauen, w&auml;r's noch viel besser. Die Leute sagen freilich, da&szlig;
+wir eine Eisenbahn hier vorbeibekommen, nachher w&auml;r's schon
+gut. Wo seid <span class="wide">Ihr</span> her, wenn man fragen darf?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aus Waldenhayn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aus Waldenhayn &mdash; Jesus, in unserer Gegend liegt
+auch ein Waldenhayn, aber s'ist doch wohl nicht das&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und welches ist das?&laquo; l&auml;chelte der junge Mann.</p>
+
+<p>&raquo;Krisheim &mdash; und Bachstetten liegt auch nicht weit von
+dort, der Pfarrer von Bachstetten ist ein Bruder vom Waldenhayner
+Pfarr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Der</span> Waldenhayner Pfarr' ist mein Vater,&laquo; sagte Georg.</p>
+
+<p>&raquo;Und Ihr seid in Krisheim gewesen?&laquo; frug das M&auml;dchen
+und hohe freudige R&ouml;the go&szlig; sich ihr &uuml;ber Stirn und
+Schl&auml;fe.</p>
+
+<p>&raquo;Oft und oft; es sind ja nur h&ouml;chstens vier Stunden
+von unserem Ort.&laquo;</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen sah dem jungen Mann fest und forschend
+dabei in die Augen, und dann drehte sie sich pl&ouml;tzlich ab, und
+die hellen klaren Thr&auml;nen liefen ihr an den Wimpern nieder.</p>
+
+<p>&raquo;Ihr h&auml;ngt wohl noch recht an daheim?&laquo; sagte Georg
+endlich leise und nach langer Pause, &raquo;m&ouml;chtet Ihr wieder
+zur&uuml;ck?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; nicht,&laquo; fl&uuml;sterte das M&auml;dchen, immer noch
+von ihm abgewandt, &raquo;ich hatt' es schon beinah vergessen, und
+seit dem letzten Weihnacht wenig mehr daran gedacht &mdash; wenn
+ich aber den Ort wieder nennen h&ouml;re, und nun gar wieder
+Jemanden sehe, der selber dort war, selber eigentlich dorthin
+geh&ouml;rt, dann &mdash; dann f&auml;ngt's freilich wieder an zu stechen,
+und &mdash; und es kommt mir dann manchmal doch wohl vor,
+als ob ich das alte, liebe Dorf im Leben nimmer vergessen
+k&ouml;nnte. &mdash; Wenn ich an den Kirchthurm denke und &mdash; und
+was daneben liegt &mdash; und an die gro&szlig;en Linden &mdash; nur an
+den Weg der dorthin f&uuml;hrt, m&ouml;cht ich mir die Augen aus dem
+Kopfe weinen. &mdash; Aber der Vater darf's nicht merken,&laquo; setzte
+sie rasch hinzu, &raquo;sagt Ihm Nichts wenn er kommt. Es ist
+ihm gerade so wie uns zu Muthe, ich wei&szlig; es wohl, wenn
+er sich's auch nicht will merken lassen &mdash; aber weinen kann er
+nicht, das geht ihm nicht von der Hand, und da wird er
+lieber grob, wenn er's auch nicht so b&ouml;se meint und &mdash; wenn
+man eigentlich wei&szlig; warum er's wird, m&ouml;cht' man ihn nur
+um so lieber d'rum haben.&laquo;</p>
+
+<p>Georg war es, als er das M&auml;dchen so plaudern, und
+selbst den Dialekt aus seiner eigenen Gegend dabei h&ouml;rte,
+ebenfalls recht weich um's Herz geworden; ihm selber klang
+die Rede wie Glockent&ouml;ne aus der Heimath, und er h&auml;tte
+den lieben Lauten stundenlang lauschen m&ouml;gen, so wohl,
+so weh wurde ihm dabei in der Brust. Von der Fenz her&uuml;ber
+t&ouml;nte da das Knallen einer Peitsche, Stimmen wurden laut
+und der Bauer, mit seiner andern Tochter, Lisbeth, kam den
+Weg die Fenz entlang; der Mann hatte frischen Mais aus
+dem Felde in seinem kleinen Karren geholt, und das M&auml;dchen,
+wie ein Knabe von etwa dreizehn Jahren, ihm dabei aufladen
+helfen. Die Leute sahen frisch und wohl aus mit ihren sonnverbrannten
+aber gesunden Gesichtern, und man merkte es
+ihnen an, da&szlig; sie die Arbeit freute die sie thaten. Sie luden
+auch den jungen Mann freundlich ein bei ihnen die Nacht zu
+bleiben und sich und sein Pferd auszuruhen, von dem langen
+Ritt in der Sonne. Georg aber hatte keine Ruh, es zog ihn
+nach Indiana hin&uuml;ber, wo er wenigstens h&ouml;ren wollte wie es
+denen ging, an denen sein Herz, so weh ihm auch der Mann
+gethan, den er vor allen Anderen gern geliebt h&auml;tte, mit festen
+&mdash; er f&uuml;rchtete unzerrei&szlig;baren Banden hing, und je l&auml;nger er
+sich fern gehalten von dem Platz, destomehr dr&auml;ngte und trieb
+es ihn jetzt, wo seines Pferdes Kopf der Richtung sich wieder
+zuwandte.</p>
+
+<p>Eine kleine Weile plauderte er noch mit den Leuten; es
+that ihm wohl hier zufriedene, gl&uuml;ckliche Menschen zu sehn,
+die dem Lande ihr Brod sauer genug abverdienen mu&szlig;ten, die
+aber die Schultern ernst dagegen stemmten, gegen das Werk,
+und, wenn auch langsam vorr&uuml;ckten, doch eben sahen, <span class="wide">da&szlig;</span> sie
+vorr&uuml;ckten, und sich gl&uuml;cklich dabei f&uuml;hlten.</p>
+
+<p>&raquo;Die gebratenen Tauben fliegen uns hier nicht in den
+Mund,&laquo; sagte der Mann unter Anderem und im Laufe des
+Gespr&auml;chs l&auml;chelnd, &raquo;wie sie uns manchmal, als wir von
+Deutschland fortgingen, vorgehalten haben, da&szlig; wir so etwas
+erwarteten; aber wenn wir richtig zugreifen und unsere Knochen
+nicht schonen, dann k&ouml;nnen wir uns doch Tauben braten,
+und haben dann welche, und in Deutschland ging das eben
+<span class="wide">nicht</span> mehr an. Das erste Jahr haben wir uns freilich t&uuml;chtig
+placken m&uuml;ssen, und sind bei anderen Leuten in Dienst gegangen,
+alle miteinander &mdash; es war ein schweres Jahr, aber
+es ging vor&uuml;ber, wir lernten auch das Land dabei kennen und
+die Arbeit, und nun hab' ich das kleine Grundst&uuml;ck hier gekauft.
+&mdash; Ganz ist's freilich noch nicht bezahlt, aber in zwei
+Jahren hoffentlich ist's mein, und mit dem Vieh was ich
+indessen ziehe, und das den Werth der Farm erh&ouml;ht, k&ouml;nnen
+wir der Zukunft ruhig und sorgenfrei entgegengehn.&laquo;</p>
+
+<p>Der Mann hatte hundert Preu&szlig;ische Thaler mit her&uuml;bergebracht,
+und mit dem dazu was er und seine Familie das
+erste Jahr verdient, den Stamm gelegt, der ihm eine sorgenfreie
+Existenz geben konnte.</p>
+
+<p>Georg fing sein Pferd endlich wieder ein, band die
+Hobbeln ab, legte ihm den Z&uuml;gel wieder an, und ritt nach freundlichem
+Abschied von den Leuten auf dem ausgeruhten Thiere
+rascher die etwas staubige Stra&szlig;e entlang, wo er, wie ihm
+der Hesse gesagt hatte, noch eine andere kleine deutsche Farm
+erreichen w&uuml;rde, die ebenfalls ziemlich armen, aber braven, flei&szlig;igen
+Deutschen geh&ouml;rte. Es waren noch zw&ouml;lf Englische Meilen
+bis dorthin, und kein Haus lag dazwischen, kein Baum &mdash;
+unabsehbar mit dem wogenden Gras den Horizont begrenzend,
+dehnte sich die weite Prairie um ihn aus.</p>
+
+<p>Erst unfern dem Haus lief ein kleiner Steppenstrom dem
+Wabasch zu, an dessen Ufer dichte B&uuml;sche von Weiden, Eichen,
+Erlen, und einzelne Hickoryb&auml;ume wuchsen, und dem Platz
+etwas unendlich freundlich Heimliches gaben. Prairieh&uuml;hner<a name="fn_3r" id="fn_3r"></a><a href="#fn_3"><small><sup>3</sup></small></a>
+gab es dort ebenfalls in Menge; auch Kaninchen und die kleinen
+Rebh&uuml;hner Nord-Amerikas &mdash; ein Mittelding zwischen
+Rebhuhn und Wachtel.</p>
+
+<p>Die Ansiedlung, die hier stand, war noch ganz neu, das
+Land erst k&uuml;rzlich urbar gemacht, aber mit einer prachtvollen
+Erndte wehenden Maises, die Bl&ouml;cke zu der H&uuml;tte frisch gehauen,
+und sogar das von ihnen &uuml;brig gebliebene und dort zum
+Feuer gelassene Holz noch nicht ganz verbrannt. Ebenso bestand
+die Fenz aus ganz neu gespaltenen Riegeln, und selbst
+die H&uuml;hner, die vor dem Haus herumliefen, die Schweine,
+die dann und wann einmal einen vergeblichen Versuch machten,
+irgend wo eine L&uuml;cke in der Einfriedigung des Feldes zu
+entdecken und diesem einen Besuch abzustatten, die beiden K&uuml;he,
+die zum Melken nach Hause gekommen waren, sahen aus,
+als ob sie dort noch nicht recht hingeh&ouml;rten, und keinen eigentlich
+bestimmten Platz h&auml;tten zu Aufenthalt und Wohnung.
+Weit eher hatten sich die Kinder eingerichtet, von denen drei
+vor dem Hause spielten und sich herumtummelten, und ein
+junges M&auml;dchen von etwa vierzehn Jahren schien alle H&auml;nde
+voll zu thun zu haben, ihnen zu wehren und auf sie aufzupassen.</p>
+
+<p>Heute gab es freilich auch etwas Neues f&uuml;r sie, das die
+Einf&ouml;rmigkeit ihres Steppenlebens auf erfreuliche Weise unterbrach,
+denn vor dem Hause hielt ein kleiner Karren, ein sogenannter
+Pedlar-Wagen, mit allerlei bunten, wunderh&uuml;bschen
+Sachen zum Verkauf, und der Mann hatte gesagt, da&szlig; er die
+Nacht da bleiben und jedenfalls warten w&uuml;rde bis Vater und
+Mutter vom Felde heim k&auml;men, ihnen seine Waaren auszupacken,
+von denen sie Manches brauchen k&ouml;nnten. Indessen
+zeigte er ihnen aber allerlei, und gewann ihre Herzen noch
+&uuml;berdie&szlig; durch ein paar kleine Spielereien, die er ihnen preisgab.
+Endlich kamen die beiden Leute von ihrer Arbeit zur&uuml;ck,
+und w&auml;hrend die Frau nach den K&uuml;hen ging, diese zu melken,
+trat der Bauer zu dem Pedlar, und reichte ihm die Hand.</p>
+
+<p>&raquo;Guten Tag Landsmann &mdash; Ihr seid doch ein Deutscher,
+wie?&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Allerdings,&laquo; sagte der Pedlar, freundlich den Handdruck
+erwiedernd, &raquo;m&ouml;cht's nicht verleugnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;M&ouml;cht' Euch auch schwer werden,&laquo; lachte der Bauer,
+&raquo;Euer Gesichtsschnitt w&uuml;rd' Euch verrathen; nicht wahr Ihr
+seid von &raquo;unsere Leut&laquo;, wie wir bei uns zu Lande sagen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na, wie mer's so nimmt,&laquo; lachte Wald, denn es war
+unser alter Reisegef&auml;hrte von der Haidschnucke, der hier seine
+Umst&auml;nde als Pedlar schon so verbessert hatte, mit einem G&uuml;terkarren
+durch's Land fahren zu k&ouml;nnen, &raquo;wir <span class="wide">leben</span> wie die
+Christen, und handeln wie die Christen &mdash; der Mensch kann
+nicht mehr verlangen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Ihr e&szlig;t kein Schweinefleisch,&laquo; lachte der Bauer.</p>
+
+<p>&raquo;Nu, was w&auml;r der mehr d'rum, wenn wir's <span class="wide">nicht</span> th&auml;ten,&laquo;
+sagte Wald achselzuckend, &raquo;aber setzt mich 'mal auf die
+Probe, besonders wenn Bohnen dabei sind.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na, ein Mann ein Wort,&laquo; rief der Bauer, &raquo;das sollt
+Ihr heut' Abend haben, und Eueren Kasten k&ouml;nnt Ihr dann
+auch auskramen, wenn meine Alte mit Melken fertig ist; die
+hat schon die ganze Zeit lamentirt, da&szlig; sie kein Band und keinen
+Zwirn und keine Nadeln und K&auml;mme und Gott wei&szlig; was
+hat; es ist in Ewigkeit kein Pedlar hier vorbeigekommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gl&uuml;ck mu&szlig; der Mensch haben,&laquo; sagte Wald vergn&uuml;gt,
+&raquo;da komm ich wieder einmal gerade recht, und was die Frau
+braucht, steckt da Alles im Karren d'rin.&laquo;</p>
+
+<div class="center">
+<table style="margin: 0 auto" cellpadding="4" summary="Illustration Capitel 3">
+ <tr>
+ <td align="center">
+ <a href="images/img2r.jpg">
+ <img src="images/img2r.jpg" height="600"
+ alt="Illustration Capitel 3" /></a>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="center">
+ <span class="caption">Capitel 3.<br />
+ Click to <a href="images/img2.jpg">ENLARGE</a></span>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+</div>
+
+<p>&raquo;Ja, glaub's schon, wenn nur da im Hause drin auch
+Alles st&auml;k' um damit zu zahlen &mdash; na, aber so viel wird schon
+da sein. Und nun Cathrine, wie ist's mit dem Kranken drin?&laquo;
+wandte er sich dann an das junge M&auml;dchen das, indessen die
+Eltern im Felde arbeiteten, auf die Kinder hatte Achtung geben
+m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>&raquo;Nun es geht wohl nicht gut Vater, er hat viel gest&ouml;hnt,
+ist aber vor einer Stunde etwa eingeschlafen und liegt jetzt
+ruhig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Habt Ihr Jemand krank in der Familie?&laquo; frug Wald,
+&raquo;ich habe kleine Hausmittel bei mir, vielleicht kann ich da
+helfen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein in der Familie nicht, Gott sei Dank,&laquo; sagte der
+Bauer, &raquo;aber ein Landsmann, ein Bischen ein verkehrter
+Kauz, der ein paar Wochen bei mir hier gewohnt, und hier
+versuchen wollte eine neue Erfindung zu machen, ist dabei gefallen
+und hat das Bein gebrochen. Da nun kein Arzt in der
+Umgegend zu haben ist, mu&szlig;ten wir es ihm selber zurechtr&uuml;cken
+so gut es gehen wollte, und das, f&uuml;rcht' ich, wird wohl
+nicht zum Besten geschehn sein. Wir k&ouml;nnen den armen Teufel
+aber nicht so verkommen lassen, und ich will lieber morgen
+nach Vandalia hinunterreiten und einen Doktor holen; es ist
+ein Bischen weit dazu, kann aber Nichts helfen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie ist denn das gekommen?&laquo; frug Wald, &raquo;und <span class="wide">wo</span>
+hat er das Bein gebrochen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo? &mdash; da hinten von dem Baume herunter,&laquo; sagte
+der Bauer, &raquo;seht Ihr die einzelne Eiche dort an der Prairie,
+an der die Balken lehnen? &mdash; dort dr&uuml;ben links.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja aber, was um Gottes Willen hatte er denn da oben
+zu thun?&laquo; frug Wald erstaunt.</p>
+
+<p>&raquo;Ih nun, er hat eine neue Erfindung gemacht &mdash; er hat
+<span class="wide">fliegen</span> wollen, und das ist noch nicht recht gegangen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Fliegen wollen, Gott der Gerechte, ich bin froh da&szlig; ich
+'nen Karren habe auf dem ich <span class="wide">fahren</span> kann &mdash; fliegen, und
+da ist er von oben heruntergest&uuml;rzt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie ein Mehlsack &mdash; er hatte sich so ein Gestell gemacht
+wie ein Drachen etwa, aber ohne Bindfaden unten
+d'ran,&laquo; sagte der Bauer, &raquo;woran man sonst so ein Ding h&auml;lt,
+da&szlig; es nicht wegfliegt; das war aber hier auch nicht n&ouml;thig,
+denn es kam gleich von selber herunter, und ich h&auml;tte gern
+gelacht, wenn's nur dem armen Teufel dabei nicht so schlecht
+gegangen w&auml;re &mdash; es ist auch ein Deutscher.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm, hm, hm,&laquo; sagte Wald, &raquo;was es doch f&uuml;r wunderliche
+Menschen auf der Welt giebt, und macht er da ein
+Gesch&auml;ft d'raus?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, er ist eigentlich Cigarrenmacher &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er hei&szlig;t doch nicht Schultze?&laquo; rief Wald schnell.</p>
+
+<p>&raquo;Schultze hei&szlig;t er allerdings &mdash; am Ende kennt Ihr ihn
+gar.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du lieber Gott; wenn's der ist den ich meine, sind wir
+miteinander &uuml;ber See her&uuml;bergekommen, und er hatte da schon
+immer so einen kleinen Sparren; wenn's ihm nur nicht gar
+am Ende im Oberst&uuml;bchen fehlt. Kann ich ihn einmal sehn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt schl&auml;ft er, wie die Cathrine sagt,&laquo; meinte der
+Bauer, &raquo;und da er die ganze Zeit &uuml;ber Schmerzen gehabt hat,
+wird's wohl besser sein wir lassen ihn ruhig liegen, bis er von
+selber aufwacht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wie lange ist's her, da&szlig; er das Bein gebrochen?&laquo;
+frug der Pedlar.</p>
+
+<p>&raquo;Heute gerade elf Tage,&laquo; sagte der Bauer.</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Gerade</span> elf, hm &mdash; arme Teufel &mdash; hat er denn
+Geld?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun ein Bischen was wohl,&laquo; meinte der Bauer achselzuckend,
+&raquo;er kam hier durch, und die Gegend gefiel ihm hier
+f&uuml;r das was er machen wollte, wie er sagte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er meinte, er k&ouml;nnte hier recht h&uuml;bsch in der Prairie
+herumfliegen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wahrscheinlich so &mdash; und er bot mir ein und einen halben
+Dollar w&ouml;chentlich, wenn ich ihn ein paar Monate bek&ouml;stigen
+wollte, bis er mit seiner Arbeit fertig w&auml;re. Nu ja,
+viel zu verdienen war da nicht dabei, aber ein Bischen baar
+Geld thut auch gut, und da's ein Deutscher war, und sonst
+ein ordentlicher Mann schien, sagten meine Alte und ich ja.
+Jetzt liegt er nun freilich da, und wir haben die Sorge und
+Noth mit ihm, k&ouml;nnen ihn aber nun auch nicht im Stich lassen,
+bis er wieder gesund ist und sich selber helfen mag.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist brav von Euch gehandelt,&laquo; sagte Wald, &raquo;hier
+in dem Amerika wei&szlig; man nie wie Einer den Andern braucht;
+aber da kommt die Frau, nun kann ich meine Sachen auspacken,
+da&szlig; wir noch fertig werden eh' die Sonne unter ist;
+nachher wird's dunkel im Handumdrehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Guten Tag miteinander,&laquo; sagte die Frau zu dem Pedlar
+tretend, und ihm die Hand reichend, &raquo;na das ist recht da&szlig;
+endlich einmal Einer von Euch sich hierher verliert, wir haben
+lange darauf gewartet. Was habt Ihr denn da in Euerem
+Karren drin?&laquo;</p>
+
+<p>Wald s&auml;umte nicht seine Waaren anzupreisen, und die
+verschiedenen K&auml;sten und Schubfache herausziehend, legte er
+den Blicken der jetzt um ihn herdr&auml;ngenden Familie die Herrlichkeiten
+offen, die, aus den St&auml;dten des Ostens hergef&uuml;hrt,
+die Herzen in den westlichen Prairieen entz&uuml;cken sollten.</p>
+
+<p>Viel Geld hatten die Leute nun zwar nicht an derlei Gut
+zu wenden, Manches aber wurde wirklich nothwendig gebraucht
+und <span class="wide">mu&szlig;te</span> geschafft werden, und ging der Mann auch einmal
+in die ziemlich fern liegende Stadt, konnte er's doch nie
+im Leben so aussuchen wie die Frau, und die Pedlar bleiben
+deshalb auch immer den Frauen willkommene G&auml;ste.</p>
+
+<p>Eine Anzahl Kleinigkeiten war indessen ausgesucht und
+bezahlt worden, und obgleich der Pedlar bat, die Frau m&ouml;chte
+das Nachtquartier in Abzug bringen, wollte diese doch davon
+Nichts h&ouml;ren. Sie h&auml;tten so Nichts gro&szlig;es zu bieten, und
+f&uuml;r ein Nachtquartier d&uuml;rften sie kein Geld nehmen, das ginge
+nicht an &mdash; &raquo;aber wie ist mir denn,&laquo; setzte sie hinzu, den
+Pedlar dabei immer sch&auml;rfer und aufmerksamer ansehend,
+&raquo;ich d&auml;chte doch, wir h&auml;tten einander schon einmal gesehn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;W&auml;r wohl m&ouml;glich,&laquo; lachte Wald, &raquo;ich zieh' nun schon
+ein paar Jahr lang die Kreuz und Queer im Lande herum &mdash;
+hierher bin ich aber doch noch nicht gekommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es war auch nicht hier,&laquo; sagte die Frau, ihn immer
+st&auml;rker in's Auge fassend, &raquo;es war unten noch am Wasser,
+gleich wie wir ankamen &mdash; Jesus, Heinrich, sieh mal, ist das
+nicht der Mann, der mir den halben Dollar gab, den Kindern
+Milch daf&uuml;r zu kaufen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Seid <span class="wide">Ihr</span> die Leute, die da unten in New-Orleans an
+der Lev&eacute;e sa&szlig;en und kein Brod und keine Arbeit hatten?&laquo; frug
+aber nun Wald seinerseits wirklich erstaunt, &raquo;alle Wetter, dann
+habt Ihr Euch aber t&uuml;chtig herausgearbeitet in der kurzen
+Zeit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Siehst Du's, er ist's,&laquo; rief aber die Frau, rasch und herzlich
+Wald's Hand ergreifend, &raquo;wenn nur ein Mensch w&uuml;&szlig;t'
+wie ich mich danach gesehnt habe Euch wieder zu sehn, und
+Euch danken zu k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah, papperlapapp,&laquo; sagte Wald, abwehrend, &raquo;macht
+kein Aufhebens von der L&auml;pperei &mdash; ich wollt' ich h&auml;tt' mehr
+thun k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaub's Euch,&laquo; sagte der Mann jetzt auch, dem
+Juden die Hand reichend und derb dr&uuml;ckend, &raquo;Ihr habt das
+Herz auf dem rechten Fleck, gerade wo's hingeh&ouml;rt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr wi&szlig;t aber gar nicht wie Ihr uns damals geholfen
+habt,&laquo; sagte, mit Thr&auml;nen in den Augen, die Frau, als sie
+an die schwere Zeit zur&uuml;ckdachte, &raquo;wir anderen h&auml;tten uns
+helfen k&ouml;nnen, aber das Kleinste schrie nach Milch, und ich
+hatte keinen Tropfen mehr f&uuml;r das arme W&uuml;rmchen. Seht
+jetzt den Jungen an, was f&uuml;r ein kr&auml;ftiger Bengel das geworden
+ist; wer wei&szlig; ob er sich jetzt dort so herumtummelte, wenn
+Ihr uns nicht damals beigestanden. Lieber allm&auml;chtiger Gott,
+Du magst mir die S&uuml;nde verzeihen, aber ich w&auml;re lieber mit
+ihm in's Wasser gesprungen wie nicht, so weh, so traurig
+war mir um's Herz, weil sich so gar Niemand um uns k&uuml;mmerte,
+und es <span class="wide">allen</span> Menschen eben ganz gleichg&uuml;ltig zu sein
+schien, ob wir da am Flu&szlig;ufer verdarben oder nicht. Euer
+Geschenk brachte mir zuerst wieder, <span class="wide">mit</span> der H&uuml;lfe, Hoffnung
+in's Herz, und von dem Augenblick auch an schien's beinah,
+als ob es h&auml;tte besser werden sollen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auf gefundenem Gelde ruht ein Segen,&laquo; l&auml;chelte Wald.</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaub's Euch nicht, da&szlig; Ihr es gefunden habt,&laquo; sagte
+die Frau, ihn scharf ansehend.</p>
+
+<p>&raquo;Und mir hat's seit der Zeit immer schwer auf der Seele
+gelegen, Geld genommen zu haben, was ich nicht <span class="wide">verdient</span>
+hatte,&laquo; sagte der Mann, &raquo;es war das erste Mal gewesen, und
+Gott sei Dank, da&szlig; wir jetzt im Stande sind es mit tausend
+Dank zur&uuml;ckzuzahlen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie hei&szlig;t zur&uuml;ckzahlen,&laquo; sagte Wald halb verlegen, halb
+lachend, &raquo;hab' ich's mir doch schon selber wieder geholt &mdash; zur&uuml;ckzahlen,
+was sagen Sie zu <span class="wide">dem</span> Mann; hab' mit ihm um
+sieben Dollar Gesch&auml;fte gemacht, und werde den halben nicht
+dabei haben.&laquo;</p>
+
+<p>Wald war in der That auf keine Weise zu bewegen etwas,
+was er f&uuml;r einen Nebenmenschen gethan, &raquo;bezahlt zu nehmen&laquo;,
+und der Bauer mu&szlig;te ihm jetzt erz&auml;hlen wie es ihm hier so
+schnell gegl&uuml;ckt. Ohne Mittel auf's gerathewohl hin, und
+einen Theil seiner Sachen verkaufend nur die Passage zu zahlen,
+war dieser mit seiner Familie nach Illinois gekommen
+und hatte da ein kleines St&uuml;ck Land zuerst gepachtet. Die
+Erndte, von der er einen Theil abgeben mu&szlig;te, war trefflich
+gerathen, und so langsam fortarbeitend hatte er jetzt den kleinen
+Platz, mit der Zeit ihn in den n&auml;chsten Jahren langsam
+abzuzahlen, k&auml;uflich &uuml;bernommen.</p>
+
+<p>Wie sie noch so zusammen plauderten, und der Bauer
+nicht m&uuml;de wurde dem Kr&auml;mer von den Vorz&uuml;gen des Landes
+zu erz&auml;hlen, kam noch ein Reiter die Stra&szlig;e nieder die zum
+Hause f&uuml;hrte, und hielt neben der Gruppe.</p>
+
+<p>&raquo;Hallo Wald! so flei&szlig;ig und eifrig im Gesch&auml;ft, hier
+mitten in der Prairie?&laquo; rief diesen da die freundliche Stimme
+Georg Donners an.</p>
+
+<p>&raquo;Herr Donner, wahrhaftig!&laquo; sagte aber auch Wald, ihm
+die Hand auf das Pferd entgegenstreckend, &raquo;woher des
+Wegs?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vom Norden herunter &mdash; guten Abend Ihr Leute, wie
+weit ist's noch bis zum n&auml;chsten Haus dahinein zu?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nach der Richtung hin liegt keins,&laquo; sagte der Mann,
+&raquo;bis Ihr nicht zum n&auml;chsten Waldstreifen kommt, und der ist
+sieben englische Meilen von hier entfernt. &mdash; Dort wohnen Irische,
+aber eben kein freundliches Volk, und je weniger man
+mit ihnen verkehrt, desto besser.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich b&auml;te Euch gern, Leute, ob Ihr mich die Nacht
+hier behalten wolltet,&laquo; sagte Georg, &raquo;aber Ihr habt schon
+Besuch, und in dem H&auml;uschen m&ouml;cht' ich Euch auch nicht gern
+beschr&auml;nken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das thut Nichts,&laquo; sagte die Frau freundlich, &raquo;wir
+m&uuml;ssen uns eben einrichten, und d&uuml;rfen schon einen Landsmann
+nicht dicht vor Sonnenuntergang von der Th&uuml;r weisen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja und <span class="wide">den</span> schon gar nicht,&laquo; rief Wald rasch, &raquo;denn
+erstens ist er ein braver Kerl, und zweitens ein <span class="wide">Doktor!</span>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Doktor?&laquo; riefen die beiden Leute rasch, &raquo;ja das
+w&auml;r schon recht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist Jemand krank hier bei Euch?&laquo; frug Georg.</p>
+
+<p>&raquo;Ein Schiffskamerad von uns Beiden, die Nachtigall,
+Herr Donner, von der Haidschnucke hat das Bein gebrochen,
+und liegt im Haus drin schon elf Tage ohne &auml;rztliche H&uuml;lfe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber so steigen Sie doch nur ab,&laquo; bat der Mann.</p>
+
+<p>&raquo;Du lieber Gott,&laquo; sagte Georg, aus dem Sattel springend,
+und den Zaum &uuml;ber einen Zweig des n&auml;chsten Baumes
+werfend, &raquo;da ist's ja doch die h&ouml;chste Zeit da&szlig; irgend etwas
+f&uuml;r den armen Mann geschieht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber er schl&auml;ft jetzt,&laquo; sagte das &auml;lteste Kind, &raquo;ich habe
+deshalb die Kleinen aus dem Haus genommen, weil er so
+lange schon keine ordentliche Ruhe gehabt hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will ihn nicht st&ouml;ren,&laquo; sagte Georg, &raquo;nur wenn er
+wacht geh' ich zu ihm; aber ich m&ouml;chte ihn wenigstens sehn &mdash;
+liegt er in diesem Haus?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gleich links am Kamin auf dem kleinen Bett.&laquo;</p>
+
+<p>Georg schlich auf den Zehen in's Haus, aber wie er nur
+&uuml;ber die Schwelle trat, h&ouml;rte ihn der Kranke, drehte den Kopf
+nach ihm um, und streckte ihm dann rasch und freudig die bleiche
+abgemagerte, zitternde Hand entgegen.</p>
+
+<p>&raquo;Donner, Sie sendet mir Gott selber, und von jetzt glaub'
+ich an Wunder!&laquo; sagte er, und die Stimme klang hohl und
+matt; &raquo;guter Himmel, was habe ich ausgestanden &mdash; wie
+f&uuml;hrt Sie denn jetzt mein Schutzgeist her zu <span class="wide">mir?</span>&laquo;</p>
+
+<p>Georg lie&szlig; sich aber auf keine weiteren Erkl&auml;rungen und
+Auseinandersetzungen ein, bis er nicht den Bruch untersucht
+hatte. Viel war dabei schon in der langen Zeit, in der er
+uneingerichtet gelegen hatte, verloren, und das rechte Schienbein,
+das bei dem Sturze, wie es schien, schr&auml;g abgebrochen,
+noch ziemlich stark geschwollen. Er gab aber die Hoffnung
+nicht auf noch Alles gut werden zu sehn, ging vor allen Dingen
+mit der Axt hinaus an den kleinen Flu&szlig;, sich selber die
+passenden Rindenst&uuml;cken zu Schienen abzuschlagen, und richtete
+den Bruch erst ordentlich ein, schiente und band ihn, und stellte
+dann mit Walds H&uuml;lfe, der Manches dazu in seinem Karren
+mit sich f&uuml;hrte, eine Art Schwinge her, in der sie das Bein
+frei schwebend h&auml;ngen konnten, was dem Kranken gro&szlig;e Erleichterung
+gab, und ein wieder Verschieben des Knochens
+verhinderte.</p>
+
+<p>Indessen war es dunkel geworden, der Mann hatte die
+beiden Pferde seiner G&auml;ste in einen Verschlag gebracht und
+ihnen dort Mais eingesch&uuml;ttet, die Frau kochte emsig am Kamin
+das Abendbrod f&uuml;r ihre gern bewirtheten G&auml;ste, und
+Schultze mu&szlig;te nun Georg und Wald, dem er ebenfalls
+herzlich die Hand gesch&uuml;ttelt, erz&auml;hlen, wie er zu dem ungl&uuml;ckseligen
+Sturz gekommen. &mdash; Georg Donner hatte n&auml;mlich noch
+gar keine Ahnung, was er hier f&uuml;r Unsinn getrieben.</p>
+
+<p>&raquo;Wie, um Gottes Willen kamen Sie zu dem Bruch, lieber
+Schultze,&laquo; frug er ihn, als er neben dem Bette sa&szlig; und seine
+Hand dabei dem kleinen jetzt &uuml;bergl&uuml;cklichen Mann, der sich
+schon der schw&auml;rzesten Verzweiflung hingegeben, &uuml;berlie&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Der Schwanz war zu kurz, lieber Herr Donner, ich
+hab' es mir gleich gedacht; aber es hatte wahrhaftig keinen
+andern Grund, der Schwanz war um dritthalb Fu&szlig; zu kurz.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber von was in aller Welt reden Sie denn?&laquo; rief Georg,
+auf's &Auml;u&szlig;erste erstaunt.</p>
+
+<p>&raquo;Nun von meinem Drachen &mdash; ich sage Ihnen Herr Donner,
+wenn ich den ungl&uuml;ckseligen Fall nicht gethan h&auml;tte, fl&ouml;g
+ich jetzt im ganzen Lande umher. Ich habe das Geheimni&szlig;
+gefunden, das uns wieder zu unserer alten verlorenen Eigenschaft
+verhelfen soll.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber bester Herr Schultze, was machen Sie f&uuml;r Streiche,&laquo;
+lachte Georg, als ihm ihr Wirth jetzt ebenfalls mit kurzen
+Worten die ganze Geschichte erkl&auml;rt hatte, wie sich Herr Schultze
+mit unendlicher M&uuml;he aus Schilf und Rohrwerk und Seide
+ein breites Gestell gebaut, dieses dann oben an dem Baum
+befestigte, und bei einer frischen Brise endlich, wo sich die Fl&auml;che
+von selber an zu heben fing, oben darauf gestiegen w&auml;re und
+die Seile durchgeschnitten h&auml;tte, wonach der Drache, oder
+wie es sonst hei&szlig;en m&ouml;chte, auf der einen Seite &uuml;bergekippt
+w&auml;re, Herrn Schultze heruntergeworfen, und sich selber im
+n&auml;chsten Baume wieder gefangen h&auml;tte.</p>
+
+<p>&raquo;Was ich f&uuml;r Streiche mache, bester Donner?&laquo; rief aber
+Schultze, &raquo;ich schlage mein Leben f&uuml;r die Wissenschaft in die
+Schanze, <span class="wide">das</span> mache ich. Meine feste, innige &Uuml;berzeugung
+ruht auf dem System, und ich wei&szlig;, da&szlig; ich es durchsetze; was
+liegt daran, ob ich sp&auml;ter noch einmal ein oder beide Beine
+breche, ich werde doch in meinem Leben nur noch sehr wenig
+gehn, denn nicht allein bin ich dahinter gekommen wie die
+Flug<span class="wide">kraft</span> am Besten herzustellen ist, nein ich bin auch im
+Stande, mein sp&auml;ter vervollkommtes Luftschiff in eine h&ouml;here
+oder tiefere Luftschicht zu lenken und es dort zu <span class="wide">steuern</span> &mdash;
+was sagen Sie nun, Freundchen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; Sie, sobald Ihr <span class="wide">Bein</span> wieder geheilt ist, mit <span class="wide">diesen</span>
+Ideen n&auml;chstens den <span class="wide">Hals</span> brechen werden,&laquo; erwiederte Georg
+achselzuckend; &raquo;was aber um des Himmels Willen hat Sie
+auf diese ungl&uuml;ckselige, brodlose Idee gebracht? &mdash; was wollen
+Sie damit bezwecken, was <span class="wide">hilft</span> es Ihnen, wenn Sie wirklich
+eine Strecke durch die Luft fliegen und mit unzerbrochenen, unverrenkten
+Gliedern wieder auf Gottes Erdboden kommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das kann ich Ihnen nicht so auseinandersetzen, mein
+junger Freund,&laquo; sagte aber Schultze, ernst und recht wehm&uuml;thig
+dabei mit dem Kopfe sch&uuml;ttelnd, &raquo;das ist das Ziel, die Aufgabe
+meines Lebens, f&uuml;r die mich Gott eigends geboren und
+in die Welt gesetzt. Ich f&uuml;hle das auch in mir, ja was noch
+mehr ist, ich f&uuml;hle da&szlig; ich es durchsetzen werde, da&szlig; ich bestimmt
+bin, der Menschheit eine neue &Auml;ra zu gr&uuml;nden, oder
+vielmehr unsere jetzige Bahn zu dem alten Punkt zur&uuml;ckzuf&uuml;hren.
+Die Kraft und Eigenschaft, die wir einst besessen, haben
+wir nicht <span class="wide">verloren,</span> sondern nur auf eine Zeitlang <span class="wide">vergessen.</span>
+Es ist das Ei des Columbus; wenn gefunden, wird die
+ganze Welt schreien: &raquo;ja das ist gar Nichts &mdash; wenn wir das
+<span class="wide">so</span> gemacht h&auml;tten, h&auml;tten wir's auch gekonnt.&laquo; Die Sache ist
+aber die, sie haben's nicht <span class="wide">so</span> gemacht, und Schultzes Name,
+mein lieber Freund, Benjamin Schultze wird unsterblich
+werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenigstens bald zu den Unsterblichen geh&ouml;ren, wenn
+Sie in der Art fortfahren,&laquo; l&auml;chelte Georg. &raquo;Ich will eine
+m&ouml;gliche Ausf&uuml;hrbarkeit der Luftschifffahrt gar nicht etwa
+bestreiten; es sind in den letzten Jahren andere Sachen m&ouml;glich
+gemacht, die wir fr&uuml;her f&uuml;r eben so unm&ouml;glich gehalten; aber
+ich f&uuml;rchte, lieber Schultze, Sie haben das Zeug nicht dazu
+etwas derartiges durchzuf&uuml;hren. Ihnen stehen keine bedeutende
+Mittel zu Gebote, Sie haben auch, so viel ich wei&szlig;, keine
+mechanischen Kenntnisse, Sie in der Ausf&uuml;hrung eines solchen
+Plans zu unterst&uuml;tzen, und der gute Willen gen&uuml;gt dazu nicht.
+Dieser Sturz sollte Ihnen deshalb eine Warnung sein; Sie kommen
+die&szlig;mal noch hoffentlich mit ein paar Monate Hinken
+davon &mdash; da&szlig; es nicht sp&auml;ter schlimmer wird.&laquo;</p>
+
+<p>Wald mu&szlig;te jetzt erz&auml;hlen, was er bis dahin getrieben,
+und that das mit dem ihm eigenen, drolligen Humor. Er
+war mit etwa zwanzig Spanischen Dollarn in der Tasche an
+Land gekommen und hatte dort gleich, nach dem Beispiel seiner
+Glaubensgenossen, einen kleinen Handel mit Band, Litzen,
+Nadeln etc., etc., etc. angefangen. Den war er bald im Stande
+zu vermehren und kaufte jetzt, anstatt ein theueres Haus in der
+Stadt, das er nicht h&auml;tte bezahlen k&ouml;nnen, und wo das Standgeld
+allein seinen Nutzen halb aufgezehrt haben w&uuml;rde, ein
+kleines altes Flatboot an der Landung, das er dort ruhig auf
+dem Schlamm liegen lie&szlig;, und zu einem Laden herrichtete.
+Er mu&szlig;te dort nat&uuml;rlich viel von den Mosquitos sowohl, als
+dem schauerlichen Dunst der benachbarten Boote leiden, aber
+er verdiente Geld, und blieb da so lange, bis er im Stande
+war, sich eine ordentliche Quantit&auml;t Waaren mit Wagen und
+Pferd zu kaufen, mit denen er dann von New-Orleans fort zu
+Lande am Mississippi hinaufzog, bis ihn die Fieberzeit dort
+wieder vertrieb, und er an Bord eines Dampfschiffes ging,
+sich in Cincinnati mit seinem Karren an Land setzen zu lassen.
+Von dort aus hatte er Indiana ziemlich durchstreift, vortreffliche
+Gesch&auml;fte gemacht, und gro&szlig;e Lust wieder dorthin zur&uuml;ckzukehren,
+und vielleicht erst zum Sp&auml;therbst nach Illinois zu
+kommen, da die Fliegen den Tag &uuml;ber das Pferd so bel&auml;stigten,
+und Nachtreisen ihm bei seinem Gesch&auml;ft doch nichts
+n&uuml;tzen konnten.</p>
+
+<p>&raquo;Durch Indiana?&laquo;&nbsp;&mdash; Georg f&uuml;hlte wie sein Herz st&auml;rker
+an zu klopfen fing, denn er dachte der M&ouml;glichkeit, der
+Kr&auml;mer k&ouml;nne auch Lobensteins besucht haben, von denen er
+&uuml;ber ein Jahr auch nicht die geringste Kunde gehabt. Wald
+lie&szlig; ihn aber auch dar&uuml;ber nicht lange in Zweifel, und fing an
+aus freien St&uuml;cken die ihrer fr&uuml;heren Reisegef&auml;hrten aufzuz&auml;hlen,
+die er auf seinen Wanderungen angetroffen.</p>
+
+<p>Die ersten waren zwei von den drei Passagieren, die von
+dem Leuchtschiff zu ihnen an Bord gekommen, die beiden dem
+Zuchthaus wahrscheinlich entnommenen jungen Verbrecher, die
+ihre alte Gewohnheit hier nicht hatten verleugnen k&ouml;nnen oder
+wollen, und bei einem Pferdediebstahl erwischt waren. Die
+Eigenth&uuml;mer schienen Lust gehabt zu haben sie gleich an Ort
+und Stelle zu h&auml;ngen, aber der Sheriff legte sich zu ihrem
+Gl&uuml;ck noch in's Mittel, und sie wurden (Wald kam gerade
+dazu sie abf&uuml;hren zu sehen), nachdem die dortigen Ansiedler
+ihnen wenigstens erst eine t&uuml;chtige Tracht Schl&auml;ge mit einem
+schwanken Hickory verabreicht, in das Staatsgef&auml;ngni&szlig; abgeliefert.</p>
+
+<p>Dann hatte er ein paar von <span class="wide">seinen</span> Landsleuten, auch Zwischendeckspassagiere
+der Haidschnucke, im Lande, und ebenfalls
+als Kr&auml;mer oder H&auml;ndler angetroffen. L&ouml;wenhaupt war Eigenth&uuml;mer
+eines Kleiderladens am Wasser unten, in Cincinnati,
+wollte sich aber von seiner Frau scheiden lassen, weil sie
+ihn mishandelte. Rechheimer war ebenfalls Pedlar geworden
+und die beiden Rechheimer M&auml;dchen hatten sich, die eine in
+Cincinnati, die andere in Vincennes, an ziemlich wohlhabende
+Leute verheirathet.</p>
+
+<p>Der Polnische Jude mit seiner Holzharmonika war wieder
+nach New-Orleans zur&uuml;ckgegangen, der Knabe aber so
+krank geworden, da&szlig; er nicht mehr singen konnte &mdash; und erst
+ganz k&uuml;rzlich &mdash; vor ein paar Tagen nur &mdash; hatte er ein ganzes
+Nest von Haidschnucken-Passagieren auf einer Farm unweit
+Grahamstown in Indiana getroffen.</p>
+
+<p>&raquo;Und wie geht es Lobensteins?&laquo; rief Georg rasch.</p>
+
+<p>&raquo;Sie kennen den Platz?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe dort gearbeitet,&laquo; erwiederte Georg ausweichend.</p>
+
+<p>&raquo;Thut mir leid um die Leute,&laquo; sagte Wald.</p>
+
+<p>&raquo;Wie so? &mdash; was ist mit ihnen?&laquo; frug Georg rasch.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, da&szlig; es ihnen so schlecht geht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist Jemand krank?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht da&szlig; ich w&uuml;&szlig;te &mdash; nur so, meine ich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber der Professor hat doch die Farm?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Hatte</span> sie,&laquo; sagte Wald.</p>
+
+<p>&raquo;Er hat sie verkauft?&laquo; rief Georg, rasch und erschreckt.</p>
+
+<p>&raquo;Noch nicht,&laquo; meinte der Pedlar, &raquo;doch heute oder morgen
+wird's wohl dran gehn. Wie ich dort vorbei kam war's
+dicht daran.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber wie ist das m&ouml;glich,&laquo; sagte Georg, &raquo;die Erndte
+ist doch gewi&szlig; dort wie hier gut ausgefallen, die Verbesserungen,
+die er auf der Farm gemacht, m&uuml;ssen ihm wenigstens
+<span class="wide">etwas</span> eingetragen haben, und so war der Platz
+doch nicht verschuldet, ein solches Ende so rasch herbeizuf&uuml;hren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie die Geschichte ganz genau ist, wei&szlig; ich nicht,&laquo; sagte
+Wald, &raquo;so viel aber ist gewi&szlig;, da&szlig; der Professor Vieh und
+manches Andere verkaufen mu&szlig;te, dem Weber, der sich bei ihm
+mit seiner Familie verdingt hatte, seinen Jahrlohn zu geben.
+Au&szlig;erdem hat er Ungl&uuml;ck gehabt mit dem einzigen Sohn, der
+sich auf der Jagd eine Ladung Schroth durch den Leib geschossen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gro&szlig;er Gott, Eduard,&laquo; rief Georg, entsetzt von seinem
+Sitz aufspringend.</p>
+
+<p>&raquo;Wie ich die Sache h&ouml;rte,&laquo; fuhr Wald fort, &raquo;war der
+junge Mann mit einem andern unserer Zwischendeckspassagiere
+&mdash; dem langhaarigen Burschen, der immer die Verse an Bord
+machte &mdash; auf die Jagd gegangen, und wei&szlig; der liebe Gott,
+was die beiden jungen Leute zusammen angefangen, aber der
+junge Lobenstein, Eduard hie&szlig; er, glaub' ich, scho&szlig; sich, wie
+jener Versemacher sagte, beim &uuml;ber einen Graben springen
+durch den Leib, und starb ein paar Stunden darauf unter den
+furchtbarsten Schmerzen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist ja entsetzlich,&laquo; st&ouml;hnte Georg.</p>
+
+<p>&raquo;Nicht so, als der Mensch vielleicht denken m&ouml;chte,&laquo;
+meinte Wald ruhig, &raquo;denn wie mir der Weber erz&auml;hlte, war
+der junge Bengel zum Arbeiten nie etwas nutz gewesen, und
+durch den Fall wurden sie auch, als reinen Gewinn, den Literaten
+los, der sich auf dem ersten Dampfboot wieder nach
+New-Orleans einschiffte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber wie um Gottes Willen konnte er so zur&uuml;ckkommen,
+<span class="wide">gezwungen</span> zu werden seine Farm verkaufen zu m&uuml;ssen?&laquo;
+frug Georg.</p>
+
+<p>&raquo;Wie? &mdash; einfach genug,&laquo; meinte der Pedlar, &raquo;ich habe
+weitl&auml;ufig dar&uuml;ber mit dem Weber, einem ordentlichen, braven
+Menschen gesprochen, der die Sache schon lange hat kommen
+sehn, aber Nichts ausrichten konnte gegen den Starrkopf des
+Professors. Anstatt sein Feld ordentlich mit Mais oder Waizen
+zu bepflanzen, Produkte, von denen er wu&szlig;te, da&szlig; er sie
+wieder in baar Geld verwandeln konnte, machte er Experimente,
+baute in eine Ecke Runkelr&uuml;ben und in die andere &Ouml;lsaat,
+verschwendete dabei ein Capital an Arbeitslohn, f&uuml;r eine
+Bande m&uuml;ssiger, ungeschickter Gesellen, die ihren Nutzen dabei
+fanden ihn in dem Glauben zu best&auml;rken er k&ouml;nne M&uuml;hlen und
+Gott wei&szlig; was sonst noch, bauen. Die Leute wollten dann
+allw&ouml;chentlich ausgezahlt sein, und was nicht mehr l&auml;nger
+verborgen bleiben konnte, kam an's Tageslicht. Mit einem
+recht gro&szlig;en, t&uuml;chtigen Capital h&auml;tte der Mann vielleicht Manches
+erreichen k&ouml;nnen, so aber reichten seine Mittel nicht
+aus; M&uuml;hlen, Zuckerpressen, Backsteinmaschinen, Alles was
+er zu gleicher Zeit begann, und was in einigen Jahren, wenn
+richtig geleitet, gewi&szlig; einen h&uuml;bschen Profit abgeworfen h&auml;tte,
+blieb mitten in der Arbeit stehn, und zehrte, anstatt zu helfen,
+mit an dem &uuml;brigen Capital.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und ist der Weber noch bei ihm?&laquo; frug Georg.</p>
+
+<p>&raquo;Oh Gott bewahre,&laquo; sagte Wald, kopfsch&uuml;ttelnd, &raquo;der
+Professor hat ihn bei Heller und Pfennig ausgezahlt, was er
+ihm und seiner Familie f&uuml;r die Jahresarbeit schuldete, und
+seinen Contrakt ehrlich gehalten, damit aber auch, wie es
+scheint, seine eigenen Kr&auml;fte total ersch&ouml;pft, und Brockfeld sitzt
+jetzt, etwa zwei Meilen diesseit von Lobensteins Farm, auf
+einem eigenen St&uuml;ck Land, in einem eigenen freundlichen
+H&auml;uschen, und es geht ihm und den Kindern und der alten
+Mutter <span class="wide">recht</span> gut.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie weit ist es bis dorthin?&laquo; frug Georg, fast unwillk&uuml;rlich
+dabei von seinem Stuhle aufspringend.</p>
+
+<p>&raquo;Nun heute Abend kommen Sie nicht mehr hin,&laquo; lachte
+Wald, &raquo;wenn Sie aber ordentlich zureiten, m&ouml;gen Sie in
+vier Tagen den Platz erreichen &mdash; Sie wissen ja wohl wo er
+liegt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach wenn Sie nur noch eine ganz kurze Zeit bei mir
+bleiben k&ouml;nnten, bester Donner,&laquo; seufzte Schultze wehm&uuml;thig
+vor sich hin, &raquo;wie soll es denn werden, wenn Sie fortgehn?&laquo;</p>
+
+<p>Georg beruhigte ihn &uuml;brigens hier&uuml;ber, und versprach
+ihm, heute Abend noch seine beiden Wirthsleute und Pfleger
+so zu unterrichten, da&szlig; sie den jetzt gut eingerichteten und fest
+und sicher geschienten Bruch auch allein behandeln k&ouml;nnten.
+Ruhe war das Einzige was er brauchte, und das Haupts&auml;chlichste
+dann nahrhafte Speisen, die sich die Leute nicht getraut
+hatten ihm zu geben, damit sich sein K&ouml;rper, was er so sehr
+bedurfte, wieder kr&auml;ftige und st&auml;rke. Sei es ihm m&ouml;glich,
+wolle er selber noch einmal in vierzehn Tagen etwa hierher
+zur&uuml;ckkehren.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h2><a name="kap4" id="kap4"></a>Capitel 4.</h2>
+<h3>Georg und Marie.</h3>
+
+<p>Vier Tage sp&auml;ter mit Sonnenuntergang erreichte Georg
+nach scharfem Ritt, auf dem er sein Pferd nicht geschont,
+&raquo;Brockfelds Farm,&laquo; erfuhr aber hier, wo man ihn auf das
+Herzlichste begr&uuml;&szlig;te, nur die Best&auml;tigung dessen, was ihm Wald
+schon in Illinois gesagt, da&szlig; es mit den Verm&ouml;gensumst&auml;nden
+des Professors <span class="wide">recht</span> traurig stehe, dieser nicht im Stande sei,
+seine letzte Zahlung an den Wirth in Grahamstown, von dem
+er die Farm gekauft, zu machen, und gesonnen sei, sie am n&auml;chsten
+Montag &mdash; der erste im Monat September, wo Gerichtssitzung
+in Hollowfield w&auml;re &mdash; zu verauktioniren, wenn er sich
+nicht vorher mit dem Wirth selber &uuml;ber die R&uuml;cknahme des
+Platzes einigen k&ouml;nnte. Dieser aber wollte jetzt freilich nur
+entsetzlich wenig daf&uuml;r geben, weil er behauptete, die Aussichten
+f&uuml;r die Lage desselben h&auml;tten sich allerdings, und ganz wider
+Erwarten, sehr verschlechtert. Noch immer war keine Hoffnung
+eine Eisenbahn hierherzubringen, inde&szlig; die Cincinnati-Bahn
+schon beendet worden, und was sollte er nun mit einer mitten
+im Wald liegenden Farm anfangen?</p>
+
+<p>Der Professor mochte jetzt wohl recht gut einsehn, da&szlig; er
+damals von dem schlauen Wirth bei seinem Ankauf betrogen
+worden, und sich b&ouml;s damit &uuml;bereilt habe; war das aber nicht
+seine eigene Schuld? Anstatt, wenn er selber darin nicht Zeit
+gehabt Erfahrungen zu sammeln, wenigstens einen unpartheiischen
+Sachkundigen dazuzunehmen, der die Verh&auml;ltnisse
+des Landes kannte, war er mit den beiden Deutschen hin&uuml;bergeritten
+die, so gut sie es mit ihm selber meinen mochten, doch
+nur im Stande sein konnten einen <span class="wide">deutschen</span> Maasstab
+an das Land zu legen; von allem Anderen verstanden sie
+Nichts, und der pfiffige Amerikaner hatte nicht ges&auml;umt das
+zu benutzen.</p>
+
+<p>Die Summe, die der Professor dem Wirth in Grahamstown
+noch schuldete, kannte der Weber nicht, und Georg h&auml;tte
+das Herz brechen m&ouml;gen vor Weh und Schmerz, wenn er der
+Zukunft dachte, der jetzt die Frauen entgegensahen.</p>
+
+<p>Dem Weber ging es inde&szlig; recht gut hier auf seinem neuen
+Platz; er hatte Zeit gehabt sich die Umgegend genau anzuschauen,
+und nach allen Seiten hin etwa die Preise der verschiedenen
+Pl&auml;tze zu erfahren. Dies kleine <i>improvement</i> mit
+vierzig Acker vom Staat gekauften und f&uuml;nf Acker darunter
+urbar gemachtem Landes war da, durch das pl&ouml;tzliche Fortziehn
+des Eigenth&uuml;mers, unter dem Werth gegen baar Geld zu verkaufen
+gewesen; die Gelegenheit hatte er benutzt, und befand
+sich wohl dabei. Die Leute waren auch unendlich flei&szlig;ig,
+griffen <span class="wide">Alle</span> zu, und arbeiteten von fr&uuml;h bis sp&auml;t, sich ihre
+neue Heimath nicht allein wohnlich, sondern auch eintr&auml;glich
+zu machen. Der Viehstand besserte sich dabei ebenfalls, und
+die Aussicht war da, da&szlig; sich ihr Verm&ouml;gen von Jahr zu Jahr
+vermehren, nicht zur&uuml;ckgehen werde, und sie ihre Auswanderung
+aus der Heimath, so weh ihnen die im Anfang auch gethan,
+nicht zu bereuen brauchten. Auch die alte Mutter, die noch
+am l&auml;ngsten an der Heimath gehangen, und doch immer heimlich
+gest&ouml;hnt und geklagt, so gut es ihren Kindern auch ging,
+und so sorglos sie in's Leben sehen durften, hatte sich endlich
+hineingefunden in die neue Welt. Freilich, so warm und freundlich
+schien die Sonne doch hier nicht wie in Deutschland, so
+k&uuml;hl war der Schatten, so lau die Luft nicht im Fr&uuml;hling, die
+Blumen rochen nicht so gut, die V&ouml;gel sangen nicht so lieb,
+der Himmel war nicht so blau, die Wiese nicht so gr&uuml;n, das
+Wasser nicht so s&uuml;&szlig;, und einen Vergleich mit Deutschland hielt
+&raquo;das Amerika&laquo; lange nicht aus. Aber &mdash; sie mu&szlig;te doch zuletzt
+einsehn, da&szlig; es ihren Kindern gut hier ging; in Deutschland
+hatten sie ihr Schwein verkaufen m&uuml;ssen, Steuern davon
+zu zahlen, hier hielten sie schon vier K&uuml;he und so viel Dutzend
+Schweine, wie sie zu Hause St&uuml;ck gehabt, und H&uuml;hner und
+G&auml;nse daneben, hatten zwanzig Mal so viel Land wie daheim,
+und wenn das Haus auch noch nicht so warm und bequem
+war, der n&auml;chste Sommer w&uuml;rde das schon bessern. So sa&szlig;
+sie denn jetzt auch wieder wie vordem in ihrer Ecke im Haus,
+oder bei sch&ouml;nem Wetter unter einem breit&auml;stigen Eichbaum
+vor der Th&uuml;r im Schatten, wo ihr der Sohn ein gro&szlig;es freundliches
+Asterbeet angelegt, ihre Augen an dem Glanz der Herbstblumen
+zu letzen. So, mit dem Spinnrad vor sich, wenn sie
+auch nur wenig spann, und das mehr aus alter Gewohnheit
+bei ihr stand, legte sie oft die H&auml;nde in den Schoo&szlig; und schaute
+schweigend und still befriedigt die neben ihr spielenden Enkel
+an, die sich munter auf dem Platz da umher tummelten, und
+amerikanischen Boden gerade so passend zu ihren Spielen fanden,
+wie deutschen.</p>
+
+<p>Georg hatte aber keine Ruhe hier &mdash; ihn dr&auml;ngte es mehr
+von dem Schicksal einer Familie zu h&ouml;ren, deren Wohl ihm
+warm am Herzen lag, und mit Tagesanbruch am anderen
+Morgen sattelte er sein Pferd, nahm freundlichen Abschied von
+den Leuten, die ihn noch Alle gern vom Schiff und von der
+Farm her hatten, und ritt in scharfem Trabe, Lobensteins Farm
+f&uuml;r jetzt umgehend, dem kleinen Grahamstown zu, dort erst
+vor allen Dingen mit dem Gl&auml;ubiger des Professors zu
+sprechen, und zu sehen wie tief dieser eigentlich in Schulden
+stecke.</p>
+
+<p>Etwa um zehn Uhr Morgens erreichte er den kleinen
+Platz, der noch gerade so still und &ouml;de lag wie vor zwei Jahren,
+ja eher noch stiller, noch verlassener, denn drei oder vier
+damals gebaute H&auml;user waren wirklich von ihren Eigenth&uuml;mern,
+da alle die gro&szlig;en Verhei&szlig;ungen nicht wahr geworden,
+im Stich gelassen, und gaben dem Ort noch mehr ein w&uuml;stes,
+trauriges Aussehn. Auch Ezra Ludkins hatte Lust auszuverkaufen,
+und zu dem Zweck einen gro&szlig;en Anschlag unter seine
+Seejungfer befestigt, welchem zufolge ihn dringende Familienverh&auml;ltnisse
+nach Texas riefen, und er Haus und Gesch&auml;ft unter dem
+Werth losschlagen wolle. Es fand sich aber kein K&auml;ufer, und
+Wind und Wetter bekamen es endlich satt, das Papier da nutzlos
+h&auml;ngen zu sehn, und rissen es herunter.</p>
+
+<p>Ezra Ludkins war &uuml;brigens zu Hause, hatte auch freie
+Zeit genug, denn er schien der einzige Gast seines ganzen
+Hauses, das leer und &ouml;de stand und mit den nackten W&auml;nden
+und unbesetzten Tischen recht gut zu der ganzen kleinen Stadt
+pa&szlig;te, deren erstes Geb&auml;ude es gewesen.</p>
+
+<p>Amerika bietet viel solcher Beispiele; wo sich die Wahl
+f&uuml;r den Bau einer Stadt als eine gl&uuml;ckliche erwiesen, str&ouml;mt
+die Bev&ouml;lkerung ihr in Masse zu, und einzelne Beispiele wie
+Cincinnati, Milwaukie, Buffalo und hundert andere zeigen,
+welche Lebenskraft in dem Fall in dem Volke liegt. Wo das
+aber nicht der Fall war, wo die M&ouml;glichkeit oder Zweckm&auml;&szlig;igkeit
+der Verbindungswege falsch berechnet worden, oder, wenn
+die Stadt dicht am Ufer des Flusses lag, dieser vielleicht zuf&auml;llig
+den Grund zu versanden anfing, wenn auch f&uuml;r jetzt
+noch Wasser f&uuml;r die gr&ouml;&szlig;ten Boote blieb, da war es vorbei
+mit der <span class="wide">Stadt;</span> nicht allein keine neuen Ansiedler lie&szlig;en sich
+dort nieder, nein auch die, die schon ein Grundst&uuml;ck gekauft,
+und viele Hoffnungen fr&uuml;her auf den Platz gesetzt hatten, suchten
+das so rasch als m&ouml;glich wieder loszuwerden, und lie&szlig;en
+es lieber ganz im Stich, ehe sie weiter noch Geld und Zeit
+darauf verwandt h&auml;tten ihr Gl&uuml;ck hier zu versuchen; es gab
+andere Gelegenheit dazu im weiten Land.</p>
+
+<p>Ezra Ludkins schien aber nichtsdestoweniger kaum geneigt,
+dem jungen Mann den Stand der Verh&auml;ltnisse zwischen ihm
+und dem Professor, auseinander zu setzen; er mochte wohl Hoffnung
+haben, die f&uuml;r diese Gegend kostbaren Meublen, wie die
+andern mitgebrachten Sachen, auf eine Auktion geworfen zu
+sehn, und dann im Stande zu sein billig genug zu kaufen, da
+hier Niemand Anders fast Gebrauch f&uuml;r solche Gegenst&auml;nde hatte.
+Nur erst, als Georg in ihn drang, und fest darauf bestand, er
+sei von dem Professor selber abgeschickt worden, die noch bestehenden
+Rechnungen nachzusehn, und so weit das m&ouml;glich
+w&auml;re, zu ordnen, entschlo&szlig; er sich dazu sein Buch herbeizuholen,
+und brachte eine Forderung an den Professor von einhundert
+und drei&szlig;ig Dollar.</p>
+
+<p>&raquo;Aber das Andere, was auf dem Haus noch steht,&laquo;
+dr&auml;ngte Georg.</p>
+
+<p>&raquo;Nun das ist <span class="wide">das</span> hier,&laquo; sagte Ludkins m&uuml;rrisch, &raquo;hol'
+der Henker einen solchen Handel, denn wenn ich gewu&szlig;t h&auml;tte,
+da&szlig; ich so lange auf mein Geld warten mu&szlig;te, w&auml;r's mir
+nicht eingefallen den Platz zu verkaufen &mdash; ich h&auml;tte zehn
+andere K&auml;ufer gehabt die das Geld baar niederzahlten. Baar
+Geld ist stets noch einmal so viel werth, wie die beste Note.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wieviel ist aber die <span class="wide">ganze</span> Summe, die Ihnen der Professor
+schuldig ist?&laquo; frug Georg, jetzt ebenfalls ungeduldig
+werdend, &raquo;wenn Sie in solcher Eile sind, antworten Sie mir
+wenigstens einfach auf meine Frage.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun die Antwort habe ich Dir auch einfach genug gegeben,&laquo;
+brummte der Pensylvanier &mdash; &raquo;wenn Du kein Deutsch
+verstehst, kann ich's nicht helfen &mdash; hundert und drei&szlig;ig
+Dollar.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und das ist Alles?&laquo; rief Georg, wirklich kaum im Stande
+sein Erstaunen zu verbergen.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist Alles, wenn er's nur zahlt,&laquo; sagte der Pensylvanier.</p>
+
+<p>&raquo;Und an den fr&uuml;heren Eigenth&uuml;mer der Farm hat er keine
+Verpflichtungen weiter?&laquo; frug der junge Mann noch einmal
+vorsichtig.</p>
+
+<p>&raquo;Der bin ich; mein Junge hatte sie nur dem Namen nach; &mdash; f&uuml;r
+hundert und drei&szlig;ig Dollar kann er meinetwegen dort
+wohnen bleiben, und alle seine wahnsinnigen Experimente durchf&uuml;hren
+nach Herzenslust.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sein Sie so gut und schreiben Sie mir die Quittung,&laquo;
+sagte Georg ruhig.</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;r die ganze Summe?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja &mdash; bis auf den heutigen Tag f&uuml;r Alles was Ihnen
+Mr. Lobenstein noch schuldet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das soll schnell genug geschehen sein,&laquo; brummte der
+Pensylvanier, ging hinter seine <i>bar</i>, wo Dinte und Feder stand,
+und schrieb die Quittung aus. Georg nahm indessen aus seinem
+Taschenbuch die Summe in guten Indiana-Banknoten,
+die der Wirth jedoch erst h&ouml;chst aufmerksam und sorgf&auml;ltig nachsah,
+endlich f&uuml;r richtig befand und den verlangten Schein dem
+jungen Mann aush&auml;ndigte. Eine Viertelstunde sp&auml;ter sa&szlig;
+Georg wieder im Sattel, und galopirte rasch und mit einem
+recht freudigen Gef&uuml;hl in der Brust, den schmalen, schattigen
+Weg hinauf, der nach der &raquo;deutschen Farm&laquo; f&uuml;hrte.</p>
+
+<p>Wie hatte sich der Platz ver&auml;ndert, seit dem letzten Jahre;
+das fr&ouml;hliche regsame Leben was dort geherrscht, war verschwunden,
+das Haus, in dem die Weberfamilie mit den Arbeitern gelebt,
+stand ganz leer, von dem munter bl&ouml;kenden Vieh, das die
+Fenzen sonst umgeben, war fast Nichts mehr &uuml;brig geblieben &mdash; eine
+einzige Kuh und ein paar Schweine ausgenommen &mdash; da
+mit dessen Verkauf die n&ouml;thigsten Ausgaben hatten gedeckt, die
+dringendsten Schulden bezahlt werden m&uuml;ssen, und der Platz
+selber verrieth nur zu deutlich, wie keine ordnende M&auml;nnerhand
+mehr ihm vorstehe, selbst nur ihn so in Stand zu halten wie
+er war.</p>
+
+<p>&Uuml;ber die Fenz lagen ein paar der im Feld noch gelassenen
+alten abgetrockneten B&auml;ume umgest&uuml;rzt, und die niedergebrochenen
+Riegel, mit den unausgef&uuml;llten L&uuml;cken, verschwanden
+schon allm&auml;hlich in dem Unkraut, das &uuml;ber sie emporwucherte.
+Der Mais war gereift, aber noch zum Theil &mdash; was
+nicht hatte verkauft werden m&uuml;ssen &mdash; im Felde gelassen,
+und die nicht umgebrochenen Kolben, von Spechten und Kr&auml;hen
+angepickt, begannen anzufaulen. Der kleine Garten hinter dem
+Haus sah ebenfalls w&uuml;st und von Unkraut &uuml;berwuchert aus;
+die Frauen hatten nicht Zeit mehr gehabt, vor dringenderen
+Arbeiten, die Blumen zu pflegen, die sie im Anfang ges&auml;et, und
+nur die paar Gem&uuml;sebeete, f&uuml;r das Nothwendigste was sie im
+Hause brauchten, waren rein vom Unkraute gehalten, da&szlig; die
+Sonne es bescheinen konnte. Selbst &uuml;ber den Weg hin&uuml;ber
+lag ein umgest&uuml;rzter Baum, und der Pfad, den sich die Bewohner
+darum hingemacht, bewie&szlig;, wie er schon l&auml;ngere Zeit gefallen
+sein mu&szlig;te, ohne da&szlig; sich irgend Jemand die M&uuml;he genommen,
+ihn hinwegzur&auml;umen.</p>
+
+<p>Es mochte Mittagszeit sein, als Georg den Platz erreichte;
+kein menschliches Wesen war aber in dem breiten Hofraum zu
+sehn; nur der aus dem Haus selber aufsteigende d&uuml;nne Rauch,
+wie ein paar einzelne scharrende H&uuml;hner, verriethen, da&szlig; der Ort
+bewohnt, und nicht ganz verlassen sei, und mit klopfendem
+Herzen ritt er &uuml;ber die niedergeworfenen Stangen der Einfriedigung
+hinweg bis fast an das Haus hinan, band dort sein
+Pferd an und &mdash; z&ouml;gerte wieder, ob er den Fu&szlig; vorw&auml;rts setzen
+und die Schwelle jetzt betreten sollte, die bald zu erreichen, er
+sein Pferd fast zu Schanden geritten. Da schlug der Hund
+an, ein junger Brake, den sich Eduard hatte zum Jagdhund
+dressiren wollen, und der jetzt auf eigene Hand des Nachts
+Opossums und Waschb&auml;ren in die B&auml;ume jagte und Stunden
+lang darunter vergebens heulte, H&uuml;lfe herbeizurufen.</p>
+
+<p>Am Fenster des kleinen Hauses wurde Jemand sichtbar,
+Georg konnte aber nicht gleich erkennen wer es sei, so tr&uuml;be
+war ihm das Auge geworden, als er die trostlose Ver&auml;nderung
+hier erkannte, und langsam schritt er auf die Th&uuml;re zu, inde&szlig;
+der Hund, der ihn erkannte, an ihm hinaufsprang und winselte
+und bellte.</p>
+
+<p>&raquo;Kennst Du mich noch Hektor?&laquo; sagte er, des freundlichen
+Thieres Kopf streichelnd &mdash; &raquo;hast Du mich nicht vergessen in
+der langen Zeit?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Georg!&laquo; rief da eine, oh nur zu wohlbekannte, aber erschreckte
+Stimme dicht vor ihm, und Marie, die aus der K&uuml;che
+unten getreten, zu sehn wer da komme, brach todtenbleich in
+die Knie, und w&auml;re zu Boden gesunken, h&auml;tte sie Georg nicht
+in seinem Arme aufgefangen.</p>
+
+<p>&raquo;Oh Georg &mdash; Georg ist wieder da!&laquo; rief da eine fr&ouml;hliche
+Kinderstimme und Camilla, die j&uuml;ngste Tochter Lobensteins,
+von dem um ein Jahr &auml;lteren Carl rasch gefolgt, sprang
+aus der Th&uuml;r und flog auf den jungen Mann zu. Auch
+Marie hatte sich jetzt wenigstens so weit gesammelt, wieder
+allein stehn zu k&ouml;nnen, aber noch immer war kein Tropfen
+Blutes in ihr Gesicht zur&uuml;ckgekehrt, doch lenkte der Neugekommene
+die Aufmerksamkeit der &Uuml;brigen gl&uuml;cklich von ihr ab.</p>
+
+<p>&raquo;Herr Donner?&laquo; sagte der Professor, der jetzt ebenfalls
+in der Th&uuml;r erschien, und den jungen Mann halb erstaunt,
+halb verlegen erkannte &mdash; &raquo;aber bitte, kommen Sie n&auml;her &mdash; bleiben
+Sie nicht drau&szlig;en auf der Diele stehn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein lieber &mdash; lieber Herr Professor!&laquo; rief Georg, dem
+alten Herrn entgegeneilend, und seine Hand herzlich dr&uuml;ckend &mdash; &raquo;wie
+freue ich mich, Sie so wohl und munter wiederzufinden &mdash; aber &mdash; wo
+ist die Frau Professorin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie ist nicht wohl,&laquo; sagte der Professor nach kurzer,
+aber &auml;ngstlicher Pause &mdash; &raquo;Sie wissen vielleicht noch nicht, wie
+schwer uns das Schicksal, seit Sie uns verlassen, in meinen
+Sohne heimgesucht &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es,&laquo; sagte Georg leise, und mit tiefem Mitgef&uuml;hl.</p>
+
+<p>&raquo;Seit der Zeit kr&auml;nkelt meine Frau,&laquo; fuhr der Professor
+langsam fort &mdash; &raquo;der Schlag damals traf sie zu schwer. Um
+sich zu zerstreuen und die b&ouml;sen Gedanken loszuwerden, arbeitete
+sie dabei mehr als ihr gut war, und h&uuml;tet nun jetzt schon
+seit vier Wochen ununterbrochen das Lager. Anna war gerade
+hin&uuml;ber gegangen nach ihr zu sehen. Aber komm Marie &mdash; setz
+einen Stuhl zum Tisch f&uuml;r Herrn Donner &mdash; wenn Sie
+mit uns vorlieb nehmen wollen, wir sind gerade bei Tisch, aber
+Schmalhans ist heute K&uuml;chenmeister &mdash; Sie haben es sehr ungl&uuml;cklich
+getroffen.&laquo;</p>
+
+<p>Georg &mdash; selber nicht wissend, wie er das, was ihm auf
+dem Herzen lag, beginnen sollte &mdash; setzte sich mit zu Tisch &mdash; die
+Mahlzeit bestand in Kartoffeln mit Butter und einem sehr
+einfachen Amerikanischen Gericht, Hominy &mdash; gequollener und
+in Wasser abgekochter Mais.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Georg die letzte und vorletzte Woche gekommen
+w&auml;re,&laquo; rief Camilla dazwischen &mdash; &raquo;h&auml;tte er auch nichts Anderes
+gefunden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;M&ouml;gen Sie das Hominy?&laquo; frug der Professor verlegen
+l&auml;chelnd, und versuchend die Aufmerksamkeit des jungen Mannes
+von dem Kinde abzuziehn &mdash; &raquo;<span class="wide">ich</span> habe mich so daran
+gew&ouml;hnt, da&szlig; es ordentlich ein Leibgericht von mir geworden
+ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir Andern m&ouml;gen es aber alle mit einander nicht,&laquo;
+sagte Camilla &mdash; &raquo;es schmeckt gerade wie Stroh.&laquo;</p>
+
+<p>Die Th&uuml;r ging in diesem Augenblick auf, und Anna's
+Eintritt unterbrach gl&uuml;cklicher Weise die naseweise Bemerkung
+des Kindes. Anna begr&uuml;&szlig;te den jungen Mann auf das Herzlichste,
+und auch Marie wurde zutraulicher, und gewann ihre
+ganze Fassung wieder, als sie sah, wie unbefangen sich die
+Schwester mit dem fr&uuml;hern Hausgenossen unterhielt. Georg
+beseitigte dabei auf sehr praktische Weise jede Verlegenheit, die
+der Professor etwa h&auml;tte wegen dem Essen f&uuml;hlen k&ouml;nnen, indem
+er, durch den scharfen Ritt auch wirklich hungrig geworden,
+tapfer zulangte, und dem Hominy und den Kartoffeln alle
+nur m&ouml;gliche Ehre anthat.</p>
+
+<p>&raquo;Und wissen Sie, weshalb ich hierher zur&uuml;ckgekommen
+bin?&laquo; frug Georg nach beendeter Mahlzeit, indem er l&auml;chelnd
+den Professor ansah, nur aber einen ganz scheuen, fl&uuml;chtigen
+Blick nach Marien hin&uuml;berzuwerfen wagte, deren Auge er jedoch
+nicht begegnete.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Weshalb, wei&szlig; ich nicht,&laquo; sagte der Professor herzlich &mdash; &raquo;aber
+es freut mich, <span class="wide">da&szlig;</span> Sie wiedergekommen sind, und mir
+wenigstens dadurch beweisen, Sie tragen keinen Groll nach,
+wegen dem Vergangenen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Lieber Professor.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich h&auml;tte selber schon an Sie geschrieben,&laquo; fuhr dieser
+jedoch entschlossen fort, &raquo;konnte aber von keiner Seite auch nur
+die geringste Nachricht bekommen, <span class="wide">wo</span> Sie sich bef&auml;nden; Sie
+waren auf einmal verschollen und blieben es, von dem Augenblick
+an, wo Sie den Platz verlassen, da Sie Herr von Hopfgarten
+damals, ein paar Stunden sp&auml;ter, vergeblich im ganzen
+Township suchen lie&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr von Hopfgarten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich erz&auml;hle Ihnen die Geschichte ein ander Mal &mdash; aber
+&mdash; sind Sie <span class="wide">zuf&auml;llig</span> wieder in unsere N&auml;he gekommen, oder
+haben Sie uns noch nicht ganz vergessen gehabt, und absichtlich
+aufgesucht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin vier Tage so scharf geritten, wie mein Pferd
+laufen konnte,&laquo; l&auml;chelte Georg, tief dabei err&ouml;thend &mdash; &raquo;nur
+um recht bald hier zu sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist brav, das ist recht brav von Ihnen,&laquo; rief Anna
+freudig, und Marie dankte es ihm die&szlig;mal mit einem l&auml;chelnden
+Blick.</p>
+
+<p>&raquo;Um aber kurz zu sein,&laquo; fuhr Georg z&ouml;gernd und err&ouml;thend
+fort, &raquo;so &mdash; so m&ouml;chte ich wieder hier in Arbeit treten, und
+&mdash; und wenn Sie mir beweisen wollen, da&szlig; auch Sie keinen
+Groll mehr gegen mich hegen, vielleicht manches voreilig gesprochenen
+Wortes wegen &mdash; so schicken Sie mich nicht wieder
+fort, sondern behalten mich hier.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach das ist brav, das ist sch&ouml;n,&laquo; rief Carl &mdash; &raquo;da brauche
+ich und Marie nicht mehr das schwere Holz aus dem Wald
+herbeizuschleppen.&laquo; Anna und Marie aber sahen sich verlegen
+an und der Vater sagte, ohne die Frage direkt zu beantworten
+und dann Georgs Arm nehmend, zu seinen T&ouml;chtern:</p>
+
+<p>&raquo;Haltet den Kaffee bereit, Kinder, bis wir zur&uuml;ckkommen,
+ich mu&szlig; Herrn Donner doch einmal zeigen, wie weit wir mit
+unseren Arbeiten vorw&auml;rts gelangt sind, seit er uns verlassen,
+und unterwegs k&ouml;nnen wir dann auch alles Weitere viel besser
+und bequemer besprechen,&laquo; und ihn mit sich die Treppe
+hinunterf&uuml;hrend, traten sie in den Hof, wo Georg vor allen Dingen
+sein Pferd absatteln, in den Stall einstellen und f&uuml;ttern mu&szlig;te,
+und dann mit dem Professor langsam den Weg hinabging,
+der an den Feldern hinf&uuml;hrte.</p>
+
+<p>&raquo;Lieber Donner,&laquo; sagte dieser hier zu ihm, und es war
+ihm angenehm, da&szlig; er, neben ihm hingehend', nicht in sein
+Auge zu schauen brauchte &mdash; &raquo;die Zeiten, seit wir uns nicht
+gesehen, haben sich <span class="wide">sehr</span> ver&auml;ndert, und &mdash; so gern ich Sie
+wieder auf meiner Farm besch&auml;ftigen m&ouml;chte, ja so &mdash; so n&ouml;thig
+ich sogar Jemanden dazu brauchte &mdash; bin ich nicht mehr &mdash; durch
+die die&szlig;j&auml;hrigen niedrigen Getreidepreise noch au&szlig;erdem gedr&uuml;ckt
+&mdash; im Stande Arbeiter zu halten und &mdash; zu bezahlen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber bester Professor&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bitte, lassen Sie mich ausreden,&laquo; sagte dieser, fest
+entschlossen, die einmal begonnene Sache nun auch durchzuf&uuml;hren
+&mdash; &raquo;ehe wir von etwas Anderem beginnen &mdash; ehe ich
+Ihren freundlichen Antrag, wieder auf meiner Farm eine bestimmte
+Besch&auml;ftigung zu nehmen, zur&uuml;ckweise, bin ich Ihnen,
+mein lieber Donner, eine Ehrenerkl&auml;rung schuldig, die mir &mdash;
+thun Sie mir die Liebe und unterbrechen Sie mich jetzt nicht
+&mdash; die mir schon lange schwer und dr&uuml;ckend auf dem Herzen
+gelegen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Lieber Herr Professor&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin damals nicht allein unfreundlich, nein, ich bin
+auch ungerecht gegen Sie gewesen,&laquo; fuhr aber der Professor entschlossen
+fort, &raquo;und es mag Ihnen einige Beruhigung oder Genugthuung
+gew&auml;hren, von mir ganz offen das Gest&auml;ndni&szlig; zu
+h&ouml;ren, da&szlig; ich durch Schaden habe klug werden und die Wahrheit
+dessen erleben m&uuml;ssen, was Sie gerade vertheidigten, und
+gethan haben wollten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oh wie gern wollt' ich Unrecht gehabt haben, bester
+Professor, wenn nur &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben <span class="wide">nicht</span> Unrecht gehabt,&laquo; unterbrach ihn der
+Professor rasch, &raquo;und selbst, was Sie mir an dem letzten
+Morgen &uuml;ber jenen faden Dichterling sagten, hat sich furchtbar,
+viel furchtbarer freilich als wir Beide damals ahnen konnten,
+bew&auml;hrt. Ich habe schwer &mdash; fast zu schwer f&uuml;r meine
+Leichtgl&auml;ubigkeit, mit der ich unreifen, oft vielleicht selbst
+eigenn&uuml;tzigen Pl&auml;nen Glauben schenkte, b&uuml;&szlig;en m&uuml;ssen, und
+wollte es gern, wenn nicht &mdash; wenn nicht meine arme Familie
+jetzt auch so schwer darunter leiden m&uuml;&szlig;te. Sie sehn, lieber
+Donner, ich bin offen und aufrichtig gegen Sie, das mag
+Ihnen den besten Beweis liefern, da&szlig; ich mein Unrecht gegen
+Sie bereue.&laquo;</p>
+
+<p>Georg war tief ersch&uuml;ttert; das Bekenntni&szlig; des sonst so
+strengen abgeschlossenen Mannes, das gerade <span class="wide">ihn</span> furchtbare
+&Uuml;berwindung mu&szlig;te gekostet haben, machte einen unendlich
+wehm&uuml;thigen Eindruck auf ihn, und er brauchte Minuten, sich
+selber erst wieder so weit zu sammeln, dem zu erwidern. Der
+Professor war indessen an einer Stelle stehen geblieben, wo
+ein d&uuml;rrer Baum erst ganz k&uuml;rzlich &uuml;ber die Fenz heruntergeschlagen
+schien, und dieselbe zusammengebrochen hatte, was sich
+ein paar Schweine zu Nutz gemacht, die drinne an einem
+K&uuml;rbi&szlig; herumbissen und, als sie die M&auml;nner kommen h&ouml;rten,
+grunzend in das Feld weiterhinein fl&uuml;chteten.</p>
+
+<p>&raquo;Die Farm sieht arg verwildert aus,&laquo; sagte Georg endlich
+leise, eine direkte Antwort auf das Gest&auml;ndni&szlig; vermeidend,
+&raquo;man sollte kaum glauben, da&szlig; ein einziges Jahr eine solche
+Ver&auml;nderung hervorbringen k&ouml;nnte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Seit dem Tode meines Sohnes,&laquo; sagte der alte Herr
+seufzend, &raquo;habe ich selber an Allem die Lust verloren, und
+nichts thun noch arbeiten m&ouml;gen; selbst das Nothwendigste ist
+liegen geblieben, und der sp&auml;tere Besitzer der Farm mag nachholen,
+was ich vers&auml;umen mu&szlig;te.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie wollen fort von hier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir brauchen uns &uuml;ber das H&uuml;lfsverbum nicht zu t&auml;uschen,
+lieber Donner,&laquo; sagte der Professor wehm&uuml;thig l&auml;chelnd,
+&raquo;ob ich <span class="wide">will</span> oder nicht &mdash; ich <span class="wide">mu&szlig;!</span>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und Ihre Familie?&laquo; sagte Donner halb vorwurfsvoll.</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben recht,&laquo; seufzte der Mann, &raquo;es ist schwer f&uuml;r
+sie, geht aber doch nicht anders an; ich will nach dem &raquo;fernen
+Westen&laquo;, wo man, wie ich aus sicherer Quelle wei&szlig;, ein kleines
+<i>improvement</i> f&uuml;r f&uuml;nfzig Dollar, und vierzig Acker Land
+f&uuml;r denselben Preis bekommen kann. So viel wird mir nach
+dem Verkauf meiner Sachen und Abzug aller Reisespesen &uuml;brig
+bleiben, und wir m&uuml;ssen dort eben ein neues Leben beginnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und glauben Sie, da&szlig; Ihre Frauen das aushalten w&uuml;rden?&laquo;
+frug Georg ihn ernst, &raquo;<span class="wide">kennen</span> Sie das Leben im
+Westen, mit seinen Entbehrungen, seinen Beschwerden, seinem
+Klima?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe viel dar&uuml;ber gelesen,&laquo; sagte der Professor ausweichend.</p>
+
+<p>&raquo;Du lieber Gott,&laquo; seufzte der junge Mann, &raquo;wenn ich
+mir da die arme Frau Professorin, die zarte Anna und selbst
+die kr&auml;ftige Marie denken m&uuml;&szlig;te &mdash; ich w&uuml;rde im Leben nicht
+wieder froh werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber was <span class="wide">soll</span> ich thun?&laquo; sagte der Professor, froh
+endlich einmal Jemanden zu haben, mit dem er sich aussprechen,
+gegen den er sein Herz erleichtern konnte, &raquo;Ihnen gegen&uuml;ber
+brauch' ich kein Hehl daraus zu machen, denn ich wei&szlig;,
+Sie nehmen Theil an unserem Schicksal, das sich nicht allein
+durch eigene Schuld, sondern auch durch das Zusammentreffen
+ungl&uuml;ckseliger Umst&auml;nde so traurig gestaltet hat. Ich bin nicht
+im Stande das letzte Kaufgeld f&uuml;r die viel zu theuer bezahlte
+Farm, so wenig das sein mag, aufzutreiben, der Bursche in
+Grahamstown, dem mein Mobiliar in die Augen sticht, dr&auml;ngt
+mich mit der Zahlung, und auch meine letzte Hoffnung, Herr
+von Hopfgarten, ist nicht mehr aufzufinden. Ich habe mich
+nach ihm bei dem Wirth des St. Charles Hotels in New-Orleans
+erkundigt, und wenn mir die Leute die Wahrheit geschrieben,
+so ist Freund Hopfgarten vor kurzer Zeit nach Europa
+zur&uuml;ckgekehrt. Den Termin l&auml;nger hinauszuschieben bin ich
+ebenfalls nicht im Stande, und werde schon n&auml;chste Woche gezwungen
+sein meine Farm und Mobiliar vielleicht f&uuml;r den sechsten
+Theil dessen was sie mich selber gekostet hat, zu verkaufen, und
+mit den Meinen dann von vorn anfangen zu m&uuml;ssen, ein allerdings
+vollkommen neues Leben zu beginnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Sie denn fest entschlossen sind,&laquo; rief da Georg,
+der klopfenden Herzens, das Gest&auml;ndni&szlig; seiner Liebe zu Marie
+auf den Lippen, noch nicht gewagt hatte damit herauszutreten,
+&raquo;wenn Sie die Wildni&szlig; w&auml;hlen wollen und m&uuml;ssen zu Ihrem
+Aufenthalt &mdash; dann nehmen Sie mich mit und &mdash; seien Sie mir
+mehr als Freund dann, lieber Herr &mdash; seien Sie mir <span class="wide">Vater</span> &mdash; Vater
+im wahren Sinn des Worts. Lange Monden hin,&laquo;
+fuhr der junge Mann, als ihn der Professor staunend ansah,
+leidenschaftlicher fort, &raquo;habe ich die Qual der Ungewi&szlig;heit,
+die Sehnsucht nach dem einen Wesen auf dieser Welt, das
+meiner Seele Ziel geworden, mit mir herumgetragen &mdash; ich
+darf das nicht l&auml;nger mehr &mdash; geben Sie mir Marie zum
+Weibe, lassen Sie <span class="wide">mich</span> den verlorenen Sohn ersetzen, und
+nie, nie sollen Sie bereuen mir so vertraut zu haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein lieber, lieber Donner,&laquo; sagte der Professor, der
+sich noch immer nicht von seiner &Uuml;berraschung erholen konnte
+&raquo;Sie wollen Ihr Schicksal an das einer Familie ketten, die
+sich &mdash; die sich eben nicht im Gl&uuml;ck befindet &mdash; und wei&szlig;
+Marie&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Noch keine Sylbe &mdash; noch habe ich selber nicht gewagt,
+ihr meine Liebe zu gestehen,&laquo; rief Georg, &raquo;aber wenn mich
+nicht Alles t&auml;uschte, darf ich hoffen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Professor sah dem jungen Mann lange und fest in's
+Auge &mdash; bis sich sein eigener Blick in langsam aufsteigenden
+Thr&auml;nen dunkelte, dann nahm er Georgs Hand, dr&uuml;ckte sie
+fest und herzlich, und zog ihn endlich leise aber liebend an
+seine Brust.</p>
+
+<p>&raquo;Mein lieber, lieber Vater,&laquo; fl&uuml;sterte Georg.</p>
+
+<p>&raquo;Mein lieber, lieber Sohn!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und nun zur Mutter!&laquo; rief da Georg, dem Lust und
+Freude das Herz bald in der Brust zu sprengen drohte, &raquo;nun
+zur Mutter, ihr Sorge und Kummer, und mit den beiden
+Menschenqu&auml;lern auch die b&ouml;se Krankheit zu nehmen, die sie
+noch an's Lager fesselt. Wir gehen <span class="wide">nicht</span> nach dem Westen
+Vater &mdash; wir bleiben <span class="wide">hier,</span> und die Fenzen werden wieder
+ausgebessert, das Unkraut wird hinausgeworfen aus dem Felde,
+und die M&uuml;hle fertig gebaut, dem Wirth in Grahamstown
+gerad zum Trotz und &Auml;rgern.&laquo;</p>
+
+<p>Der Professor sch&uuml;ttelte traurig mit dem Kopf und sagte
+seufzend:</p>
+
+<p>&raquo;Das sind <span class="wide">Pl&auml;ne,</span> mein junger Freund, wie sie die <span class="wide">Jugend</span>
+eben entschuldigt; das ruhige Alter findet sich nicht mehr
+so leicht mit Unm&ouml;glichkeiten ab.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wissen Sie denn Vater &mdash; o da&szlig; ich Sie jetzt &mdash; da&szlig;
+ich Sie <span class="wide">endlich</span> so nennen darf,&laquo; sagte Georg, seinen Arm
+ergreifend, und ihm mit blitzenden Augen in's Antlitz sehend,
+&raquo;da&szlig; ich vom Gl&uuml;ck beg&uuml;nstigt in Michigan in das Haus eines
+reichen Mannes kam, bei ihm ein Viertel Jahr in gutem
+Gehalt stand und ihm die beiden Kinder, die ihm schwer erkrankten,
+rettete? &mdash; wissen Sie, da&szlig; mich der Mann aus
+Dankbarkeit in den Stand setzte, durch den zweckm&auml;&szlig;igen Kauf
+einer Anzahl von Baupl&auml;tzen in einer neu gegr&uuml;ndeten Stadt,
+in den letzten drei Viertel Jahren nur durch einen theilweisen
+Verkauf derselben Parcellen wieder, f&uuml;nfzehnhundert Dollar an
+baarem Gelde zu verdienen? &mdash; Und kennen Sie die Quittung
+hier von Grahamstown?&laquo; rief er unter vorquellenden Thr&auml;nen
+lachend aus, &raquo;kennen Sie den Autographen von Ezra Ludkins? &mdash; Da
+behalten Sie das Papier und lesen Sie es aufmerksam
+durch, hoffentlich ist Alles in Ordnung und &mdash; mag mich
+Marie nicht &mdash; sagt sie <span class="wide">nein</span> &mdash; ja dann soll mich mein Rappe
+noch heute Abend fort &mdash; weit fort von hier tragen, gleichviel
+wohin. &mdash; Sagt sie aber ja &mdash; oder lacht oder weint sie nur &mdash; oder
+thut sie gar Nichts &mdash; und sieht sie mich nicht einmal
+an, dann &mdash; aber ich kann es wahrhaftig nicht l&auml;nger mehr
+in der Ungewi&szlig;heit ertragen; kommen Sie nach Vater, so rasch
+Sie Ihre F&uuml;&szlig;e tragen, und voraus hol' ich mir mein Gl&uuml;ck
+oder Leid aus Mariens Munde!&laquo;</p>
+
+<p>Und den Hut freundlich gegen den Professor schwenkend
+lie&szlig; er ihn an der hinteren Fenz und am Holzrande zur&uuml;ck,
+und sprang in fl&uuml;chtigen S&auml;tzen dem kaum verlassenen Hause
+wieder zu.</p>
+
+<p>Und dort? &mdash; lieber Leser, das ist eine Sache, die nur
+immer zwei Leute auf einmal in der Welt interessirt. Wie
+&raquo;Vielliebchen&laquo; aus <span class="wide">einem</span> Mandelkern hat der liebe Gott die
+Herzen, von denen immer zwei und zwei f&uuml;r einander geschaffen
+sind, &uuml;ber die Welt wild und bunt hinausgestreut &mdash; selig
+die, die ihre Theile wieder zusammenfinden.</p>
+
+<p>Und Marie und Georg <span class="wide">waren</span> selig; an dem Abend,
+neben dem Bett der Mutter, der mit der frohen frischen Hoffnung
+auch wieder neuer Muth, neue Kraft in das Herz gezogen,
+wie es Georg gehofft, sa&szlig;en sie Hand in Hand und
+plauderten und bauten mit der Schwester Pl&auml;ne auf, die Gl&uuml;cklichen,
+nach Herzenslust. Und der Vater ging dabei, die H&auml;nde
+auf den R&uuml;cken gelegt, schmunzelnd auf und ab; in der Kinder
+jungem Leben ging auch ihm ein neues frisches Dasein auf &mdash; die
+tr&uuml;be b&ouml;se Zeit lag dahinten, und wenn auch bittere Erfahrungen
+ihn gepr&uuml;ft, so waren es doch eben Erfahrungen
+geworden, und <span class="wide">auf</span> ihnen weiter schreitend, mit einer jungen
+kr&auml;ftigen St&uuml;tze jetzt an seiner Seite, konnt' er der Zukunft
+wieder froh in's Auge schaun.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h2><a name="kap5" id="kap5"></a>Capitel 5</h2>
+<h3>Jimmy.</h3>
+
+<p>Die Fieberzeit, trotz ihren Schrecken von den Amerikanern
+scherzweis &raquo;der gelbe Jack&laquo; genannt, war vor&uuml;ber; der
+Oktober hatte, gleich von Anfang an mit kalten und scharfen
+Nordwest-Winden einsetzend, die Seuche seew&auml;rts geweht, und
+die Luft gereinigt, und vom Norden herunter kehrten die gefl&uuml;chteten
+Bewohner der gef&auml;hrdeten Stadt in Schaaren zu ihren
+Wohnsitzen zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Welch ein Unterschied zwischen dem New-Orleans jetzt,
+und dem, vier Wochen fr&uuml;her. Welch Dr&auml;ngen und Treiben
+&uuml;berall von frischem, fr&ouml;hlichem, kr&auml;ftigem Volk, das
+her&uuml;ber und hin&uuml;ber dr&auml;ngt, kauft und verkauft, und plaudert,
+lacht und singt. Welch Treiben und Leben an der Lev&eacute;e, wo
+Boot nach Boot, Schiff nach Schiff anlegt, seine Waaren der
+neugeborenen Stadt zuzuf&uuml;hren; welch Treiben und Leben in
+den Stra&szlig;en, den kleinen Adern des Verkehrs, in denen das
+warm pulsirende Herzblut her&uuml;ber und hin&uuml;ber treibt, und nur
+vier Wochen Unterschied, wie sahen da die Stra&szlig;en aus? &mdash; wie
+der Strom? &mdash; wo war das Leben, das jetzt, dem sch&auml;umenden
+Bache gleich, aus seinen Ufern quoll?</p>
+
+<p>Der Wanderer, der die Stadt in <span class="wide">der</span> Zeit, im August
+und September, betrat, und das lebendige Bild von ihr im
+Herzen, ein fr&ouml;hlich schaffendes, lebenslustiges Volk zu finden
+erwartete, steht entsetzt und traut den Augen kaum.</p>
+
+<p>New-Orleans, des S&uuml;dens K&ouml;nigin, der keine andere
+Stadt im weiten Reich die Spitze bieten kann, scheint in <span class="wide">der</span>
+Zeit ein weiter offener Sarg &mdash; die Stra&szlig;en liegen todt und
+leer, der Fu&szlig;tritt des einzelnen fl&uuml;chtigen Wanderers schallt
+hohl und unheimlich von den verschlossenen H&auml;usern wieder &mdash; dort
+begegnet ihm ein anderer, eben so rasch, das Tuch am
+Munde &mdash; aber scheu weicht man sich aus und will aneinander
+vor&uuml;ber &mdash; da zuckt der Fu&szlig; fast unwillk&uuml;rlich &mdash; es ist
+ein Freund, den man so lange nicht gesehn, schon todt gew&auml;hnt &mdash; einerlei,
+vorbei; die Krankheit k&ouml;nnte in seiner N&auml;he weilen,
+sein Hauch vielleicht sie bringen, und mit stummem, traurigem
+Nicken fliehen sich die Beiden.</p>
+
+<p>Wo ist dann der fr&ouml;hliche L&auml;rm der Dampfbootlandung,
+das Rasseln der schwerbeladenen G&uuml;terkarren mit den trunkenen
+Irl&auml;ndern, das Singen und Lachen der Neger. Dort
+f&auml;hrt etwas &uuml;ber das Pflaster &mdash; wie hohl das in den leeren
+Stra&szlig;en klingt &mdash; es ist nur der Leichenwagen, der im scharfen
+Trab hinausf&auml;hrt, seine Doppellast abzuwerfen und neue,
+schon lang bestellte Fuhre zu holen. Wo ist das rege gesch&auml;ftige
+Treiben der L&auml;den &mdash; die meisten sind geschlossen, wer
+soll jetzt kaufen, und der Trauerflor an den Th&uuml;ren dort und
+hier, und da und dr&uuml;ben, k&uuml;ndet die Stelle, wo sich die Seuche
+mit den langen gelben, gierigen Krallen ihre Opfer herausgeholt.</p>
+
+<p>Und jetzt? &mdash; kaum ein Monat ist verflossen, da&szlig; diese
+Stra&szlig;en w&uuml;st und &ouml;de lagen, und der gro&szlig;e Vernichter seine
+Erndte in der scheinbar menschenleeren Stadt hielt; wo er mit
+schw&uuml;lem Fl&uuml;gelschlag &uuml;ber die D&auml;cher strich, und rechts und
+links in boshafter Lust seinen Giftodem einblie&szlig; in das, in
+jenes Haus &mdash; und seht, wie das wieder dr&auml;ngt und wogt, und
+lacht und singt und fr&ouml;hlich ist, und die Todten in ihren stillen
+Gr&auml;bern schon lange, lange vergessen hat. Lieber Gott, <span class="wide">Wochen</span>
+sind ja auch schon dar&uuml;ber hingegangen, und eine fast
+neue Bev&ouml;lkerung hat Besitz von dem Grund und Boden genommen,
+den die Seuche gelichtet und ver&ouml;det.</p>
+
+<p>Was damals freilich New-Orleans verlassen <span class="wide">konnte,</span>
+that es, und die Wirths- und Gasth&auml;user standen &ouml;d' und
+leer, ja man vermied die Schwellen derselben mit scheuer Angst,
+aus Furcht, gerade dort am meisten Kranke zu treffen, und in
+dem Athemzug vielleicht den Tod schon einzuziehen. So flohen
+auch &raquo;das deutsche Vaterland&laquo; sechs Wochen lang die meisten
+&raquo;Boarder&laquo;, aber die dort Wohnenden <span class="wide">konnten</span> nicht alle fort.
+Viel arme Deutsche, die mit versp&auml;teten Schiffen nach langer
+Reise hier eingetroffen waren, fanden theils kein Boot mehr,
+das sie mit fortnahm von hier, theils hatten sie kein Geld, die
+in der Zeit entsetzlich hohe Passage zu bezahlen. Die
+Capitaine der wenigen dort anlegenden Dampfer wu&szlig;ten recht gut,
+da&szlig; Alles, was jetzt die Stadt verlassen konnte, ging, und
+rechneten f&uuml;nf- und sechsfache Passagepreise, sich selbst f&uuml;r die
+Gefahr bezahlt zu machen, der sie die Stirn boten.</p>
+
+<p>So lag eine ganze Schaar Baiern, ohne Mittel fortzukommen,
+in den kleinen dumpfigen Hinterstuben des &raquo;deutschen
+Vaterlands&laquo;, und wie die Seuche hereinbrach &uuml;ber die Stadt,
+suchte sie sich schon ihre ersten Opfer aus der Schaar.</p>
+
+<p>Im &raquo;deutschen Vaterland&laquo; war aber indessen auch noch
+au&szlig;erdem eine gro&szlig;e Ver&auml;nderung vorgegangen, und Hedwig
+hatte das Haus nicht allein nicht verlassen, sondern Franz
+seinem Vater frei und offen erkl&auml;rt, da&szlig; er das junge wackere
+M&auml;dchen, sobald er nur erst einmal selbstst&auml;ndig dastehe, wenn
+sie ihn haben m&ouml;ge, zum Weibe nehmen wolle.</p>
+
+<p>Den alten Mann fesselte in dieser Zeit ein Sturz, den er
+von der Treppe gethan, an sein Lager, und Franz mu&szlig;te &uuml;berdie&szlig;
+indessen die Leitung der ganzen Wirthschaft &uuml;bernehmen.
+Mit <span class="wide">dem</span> Plane seines Sohnes war er im Anfang aber gar
+nicht einverstanden, hatte die und jene Einwendungen, erkl&auml;rte,
+er sei doch nicht ganz <span class="wide">so</span> arm wie Franz zu glauben scheine
+(und wie er ihm allerdings selber oft genug betheuert) und
+<span class="wide">sein</span> Sohn k&ouml;nne da wohl schon noch eine bessere Parthie
+machen, und sich seine Frau aus einem anderen Hause &mdash; und
+wenn es das gr&ouml;&szlig;te Steingeb&auml;ude in der Stadt w&auml;re &mdash; holen.
+Da Franz aber, nicht gerade gleich auf eine Einwilligung
+dringend, hartn&auml;ckig bei dem einmal gefa&szlig;ten Entschlusse
+blieb, gew&ouml;hnte er sich zuletzt an den Gedanken, und
+sah, wenn er dem Sohne das auch nicht gestand, selbst seiner
+abnehmenden Kr&auml;fte wegen, eher noch eine St&uuml;tze in dem flei&szlig;igen,
+wirthschaftlichen M&auml;dchen.</p>
+
+<p>Nur der &raquo;verschwenderische Geist&laquo; des Sohnes, wie er es
+nannte, machte ihm Sorge; er rief ihn deshalb auch oft an
+sein Bett, und beschwor ihn, doch nur um Gottes Willen auf
+sein eignes Gut mehr zu achten, den eigenen Nutzen mehr im
+Auge zu haben, denn wenn er selber einmal die Augen schlie&szlig;e,
+und nicht mehr rathen, nicht mehr wehren k&ouml;nne, wie bald
+seien dann die paar gesparten Thaler auch wieder fort, an der
+die Undankbarkeit der Menschen schon lange arbeite und w&uuml;hle
+und zehre.</p>
+
+<p>Franz hatte ein zu gutes Herz, dem Eigennutz mehr zu
+folgen als diesem, und der Vater w&uuml;rde dem einzigen Sohne
+auch wirklich schon lange den Willen gelassen, und die Wirthschaft
+ganz &uuml;bergeben haben, h&auml;tte ihn nicht Messerschmidt bis
+jetzt noch immer aus allen Kr&auml;ften davon abgehalten und gewarnt;
+wie dieser denn auch sein M&ouml;glichstes that, die Heirath
+mit dem jungen Hamann und dem fremden &raquo;hergelaufenen&laquo;
+M&auml;dchen aus allen Kr&auml;ften zu hintertreiben.</p>
+
+<p>Die Seuche unterbrach das Alles &mdash; Niemand, der nicht
+mu&szlig;te, verkehrte mit dem Anderen; Messerschmidt selber betrat
+in dieser ganzen Zeit das Haus nicht, Franz aber lernte gerade
+da den Werth des holden anspruchlosen Kindes, mit seiner
+Aufopferung und Herzensg&uuml;te im reinsten Lichte kennen. Hier
+war kein <span class="wide">Schein</span> mehr, wo der Tod grinsend und drohend
+an der Schwelle stand; hier war nicht mehr Verstellung
+denkbar, &raquo;das Herz des reich geglaubten Wirthssohnes&laquo;, wie Messerschmidt
+dem jungen Hamann oft und heimlich warnend zugefl&uuml;stert,
+zu fesseln; unbek&uuml;mmert um Alles, wo sie nur n&uuml;tzen
+konnte, ging Hedwig ihren stillen Weg, und an den Krankenbetten
+stand sie oft ein Engel des Trostes und der H&uuml;lfe.</p>
+
+<p>Schon seit Clara damals sich von ihrer Krankheit erholt,
+und selber im Stande gewesen war durch weibliche Arbeiten
+ihren Unterhalt wenigstens zu verdienen, hatte Hedwig Gehalt
+bezogen, den ihr der alte Hamann selber, <span class="wide">trotz</span> seinem Geiz,
+freiwillig erh&ouml;ht, als er sich doch nicht leugnen konnte, wie sie
+arbeitete und schaffte, und wie sie Alles ihm zusammenhielt.
+Was sie aber an Geld bekommen, nahm die schwere Zeit auch
+wieder fort, denn keine Woche verging, in der nicht h&uuml;lflose
+Wittwen und Waisen den Sarg des Gatten und Vaters hinausbegleitet
+zu seiner stillen Ruhest&auml;tte, dann aber selber verlassen
+und allein in der fremden Welt gestanden h&auml;tten, die ihnen
+eine Heimath werden sollte, und jetzt nur Tod und Elend
+zeigte, wohin sie schauten. F&uuml;r wie viele zahlte sie da nicht
+das Passagegeld auf den einzelnen Dampfbooten, sie nur fort,
+einer gesunden Gegend zuzubringen, ehe sie hier ihr Letztes verzehrt,
+und mehr noch vielleicht von ihren Lieben begraben
+mu&szlig;ten; wie viele unterst&uuml;tzte sie hier mit Rath und That,
+l&ouml;ste die schon versetzten Koffer f&uuml;r sie ein, und zog sich scheu
+und sch&uuml;chtern in ihr kleines K&auml;mmerchen zur&uuml;ck, wenn ihr die
+Leute nur daf&uuml;r danken wollten, was sie gethan.</p>
+
+<p>Mit der gesunden Jahreszeit kehrte aber auch die gew&ouml;hnliche
+Arbeit wieder f&uuml;r das deutsche Gasthaus; Schiff nach
+Schiff traf ein, alle mit Auswanderern schwer beladen, und
+da sich nicht Alle gleich entschlie&szlig;en konnten die eben betretene
+Stadt, die keine Spur der &uuml;berstandenen Pest mehr zeigte,
+gleich wieder zu verlassen, f&uuml;llten sich die Gasth&auml;user, wie das
+um diese Zeit fast stets der Fall ist, bis unter die D&auml;cher mit
+Fremden und ihren G&uuml;tern an. Die&szlig; war auch immer die
+gesch&auml;ftigste und eintr&auml;glichste Zeit f&uuml;r den alten Hamann gewesen,
+und jetzt sa&szlig; er, in sein Zimmer gebannt, regungslos
+fest auf seinem Stuhl, und durfte und konnte nicht hinaus.</p>
+
+<p>Zuerst qu&auml;lte und sorgte er sich denn auch ab dabei, und
+wollte es wohl gar erzwingen, trotz allen &Auml;rzten und Medicinen;
+endlich sah er aber doch wohl ein da&szlig; es nicht ging,
+da&szlig; er sich Ruhe g&ouml;nnen m&uuml;sse, bis ihn die Glieder wieder
+tr&uuml;gen, und die Hauptarbeitszeit wohl &uuml;berhaupt f&uuml;r ihn vorbei
+sei. Der Sohn dr&auml;ngte und bat dabei da&szlig; er nun endlich
+in seine Verbindung mit Hedwig willigen m&ouml;chte; es sei ein
+anderes Leben wenn eine <span class="wide">Hausfrau</span> in der Wirthschaft w&auml;re,
+besonders <span class="wide">solche</span> Hausfrau, und er, der Vater selber, k&ouml;nne
+ruhiger sein, wo er nicht <span class="wide">fremden</span> Menschen nur sein Eigenthum
+anzuvertrauen habe.</p>
+
+<p>Der alte Hamann gab endlich seine Einwilligung, und
+Hedwig, die dem jungen Mann von Herzen zugethan war,
+und mehr fast noch in dem Bewu&szlig;tsein nun freier handeln,
+noch mehr Gutes thun zu k&ouml;nnen, sich wohl und gl&uuml;cklich
+f&uuml;hlte, legte am Altar ihre Hand in die seine, und zog als
+<span class="wide">Herrin</span> in das Haus hinein, das sie in Noth und Sorge, als
+Dienerin betreten.</p>
+
+<p>Franz schwelgte in der Zeit in einem Meer von Wonne,
+und wenn er auch von seinem Vater &mdash; der Termin dazu war
+auf den ersten December festgesetzt worden &mdash; die ganze unbeschr&auml;nkte
+F&uuml;hrung des Hauses noch nicht &uuml;berkommen hatte,
+f&uuml;hlte er sich doch zu gl&uuml;cklich im Besitz seines braven, inniggeliebten
+Weibes, anderen Gedanken in dieser Zeit noch Raum
+zu geben. Hedwig aber wirthschaftete nach wie vor, in stiller
+anspruchsloser Weise &mdash; wo sie helfen konnte, half sie gern,
+und das &raquo;deutsche Vaterland,&laquo; fr&uuml;her der eintr&auml;glichste Platz
+f&uuml;r alle Arten diebischer Agenten, und die H&ouml;hle, in der hunderte
+von armen Einwanderern ihr Alles verloren, und nackt
+in die Welt hinausgesto&szlig;en wurden, schien ein Asyl der H&uuml;lfsbed&uuml;rftigen
+zu werden, und erweckte deshalb auch besonders
+in den Herzen einzelner, bei dem fr&uuml;heren Gewinn Betheiligter,
+rege Besorgnisse.</p>
+
+<p>Unter diesen standen der Agent Messerschmidt, und Jimmy
+der Barkeeper vorne an, denen Beiden die Hochzeit zwischen
+den jungen Leuten ein Dorn im Fleisch geworden, und was
+sie nicht mehr hintertreiben konnten, suchten sie wenigstens so
+viel als m&ouml;glich zu st&ouml;ren. Franz wu&szlig;te das, vermochte aber
+noch nicht selber irgend etwas mit Beiden anzufangen, bis er
+nicht die Wirthschaft allein in H&auml;nden hielt, und als unumschr&auml;nkter
+Herr darin gebieten konnte. Der Tag r&uuml;ckte jedoch
+mehr und mehr heran, und als der November endlich verflossen
+war und der alte Hamann am 1sten Morgens, wie schon
+fr&uuml;her verabredet, einen Advokaten zu sich in's Zimmer kommen,
+und in dessen Gegenwart dem einzigen Sohne schon bei
+seinen Lebzeiten Haus und Wirthschaft &uuml;berschreiben lie&szlig;, war
+Franzes <span class="wide">erstes</span> Gesch&auml;ft, hinunter in die Bar zu gehn und dem
+dar&uuml;ber allerdings verdutzten Jimmy, wie ihr Contrakt zusammen
+lautete, mit vierw&ouml;chentlicher &raquo;Warnung&laquo; auf den ersten
+Januar des n&auml;chsten Jahres zu k&uuml;ndigen.</p>
+
+<p>&raquo;Jimmy,&laquo; sagte er, als er zu dem Burschen hinunter in
+den gerade unbesetzten Schenkraum kam, &raquo;ich bin jetzt eben
+Herr hier im Haus geworden, und da wir Beide nicht recht
+zusammenpassen, meine Frau mir auch Manches von Euch
+erz&auml;hlt hat was mir nicht gef&auml;llt, so ist's besser, da&szlig; Ihr zu
+der zwischen Euch und meinem Vater abgemachten Zeit das
+Haus verla&szlig;t. Heute ist der erste December &mdash; am ersten Januar
+k&ouml;nnt Ihr eine andere Stelle antreten, und habt bis
+dahin Zeit Euch umzusehen; wollt Ihr aber fr&uuml;her fort, h&auml;lt
+Euch Niemand hier &mdash; verstanden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das war deutlich genug Mr. Hamann, <i>anyhow</i>,&laquo; sagte
+Jimmy, der dabei wieder ganz in Gedanken an seiner Lieblingsbesch&auml;ftigung
+begann &mdash; die Finger zu knacken, &raquo;werde aber
+von Ihrer G&uuml;te wohl keinen Gebrauch machen, <span class="wide">vor</span> der bestimmten
+Zeit, da ich dann ebenfalls zu heirathen gedenke.
+Sonderbar &mdash; wollte Ihnen auch heute aufsagen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Desto besser, Jimmy,&laquo; sagte Franz, &raquo;dann haben wir
+Einer dem Andern nicht weh gethan, und k&ouml;nnen und werden
+uns ziemlich gut ohne einander behelfen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jes,&laquo; sagte Jimmy, eine gleichg&uuml;ltige Miene dabei annehmend,
+&raquo;verdammt gut, denk' ich mir so; &mdash; werden eine
+<span class="wide">sehr</span> sch&ouml;ne Wirthschaft hier anrichten, Mr. Hamann <span class="wide">junior.</span>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jes, Jimmy &mdash; denk' ich mir so,&laquo; lachte Franz leise vor
+sich hin, und verlie&szlig; dann, ohne sich weiter um den Menschen
+zu bek&uuml;mmern, das Zimmer.</p>
+
+<p>&raquo;Denk' ich mir so &mdash; Einfaltspinsel&laquo;&nbsp;&mdash; knurrte der
+Barkeeper finster und verdrie&szlig;lich hinter seinem neuen Principale
+her &mdash; &raquo;<span class="wide">Du</span> wirst noch Manches zu denken kriegen,
+mein Bursche, bis wir Beiden auseinander sind, denk' <span class="wide">ich</span> mir
+so. Und noch bist Du mich auch nicht los, und es m&uuml;&szlig;te
+doch mit dem Henker zugehn, wenn zwischen hier und da nicht
+noch was auftauchen sollte, was der Sache eine andere Wendung
+g&auml;be. <span class="wide">Was,</span> wei&szlig; ich freilich selber noch nicht, aber da&szlig;
+Jimmy eine sich etwa bietende und ihm passende Gelegenheit
+nicht unbenutzt wird vor&uuml;bergehn lassen, darauf mein Juwel,
+k&ouml;nntest Du allenfalls Gift nehmen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hallo Jimmy,&laquo; sagte da eine bekannte Stimme, und als
+sich der Barkeeper rasch nach der Th&uuml;r umdrehte, sah er den
+eben nur hereingesteckten, etwas dicken Kopf des Agenten Julius
+Messerschmidt.</p>
+
+<p>&raquo;Ah &mdash; Ihr kommt gerade recht Alterchen,&laquo; sagte Jimmy,
+in einer Art Instinkt dabei hinter die Bar tretend und zwei
+Gl&auml;ser umsetzend &mdash; &raquo;was trinkt Ihr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Immer Brandy Jimmy, im Winter,&laquo; sagte Messerschmidt
+jetzt ganz zur Th&uuml;re hereinkommend, und den Kautabak, den er
+nach Amerikanischer Sitte im Munde hielt, daraus entfernend,
+dem besprochenen Getr&auml;nke Raum zu geben; &raquo;immer Brandy,
+und im Sommer erst recht Brandy, denn da k&uuml;hlt er; besonders
+wenn er so gut ist wie der Hamann'sche.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr seid doch der Einzige der ihn lobt, weil Ihr ihn
+selbst geliefert habt;&laquo; lachte Jimmy.</p>
+
+<p>&raquo;Unsinn, Jimmy &mdash; baarer Unsinn &mdash; an dem Brandy
+hab' ich mein Geld verloren, und such' es nur dadurch wieder
+einzubringen, da&szlig; ich recht viel davon trinke. <span class="wide">Der</span> Brandy ist
+spottbillig mit sechs Cent das Glas, und an der Lev&eacute;e verkaufen
+sie ihn aus demselben Fa&szlig; f&uuml;r zw&ouml;lf und einen halben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Werden wohl ihre Gr&uuml;nde daf&uuml;r haben,&laquo; meinte Jimmy,
+&raquo;aber was f&uuml;hrt <span class="wide">Euch</span> gerade <span class="wide">heute</span> Morgen her?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mich <span class="wide">gerade</span> heute? &mdash; ist heute ein besonderer Tag,
+Jimmy?&laquo; frug Messerschmidt.</p>
+
+<p>&raquo;Hm, nicht das ich w&uuml;&szlig;te,&laquo; meinte Jimmy, der erst herauszubekommen
+w&uuml;nschte, was der Agent hatte, ehe er ihm von
+dem heute abgeschlossenen Vertrag zwischen dem alten und
+jungen Hamann sagte. Er wu&szlig;te recht gut, wie Messerschmidt
+bei dem letzteren angeschrieben stand.</p>
+
+<p>&raquo;Nun also, Jimmy;&laquo; meinte Messerschmidt, &raquo;aber Ihr
+k&ouml;nnt mir wohl sagen, wie's mit dem <span class="wide">Alten</span> steht; ich m&ouml;cht'
+ihm ein Anerbieten machen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht zu sprechen,&laquo; sagte Jimmy trocken, &raquo;alle Gesch&auml;fte
+heute an die junge Firma angewiesen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm &mdash; mit dem <span class="wide">Jungen</span> hab' ich gerade nicht gern viel
+zu thun,&laquo; brummte der Agent langsam zwischen den Z&auml;hnen
+durch, &raquo;wenn aber der Alte ja sagt, kann <span class="wide">der</span> mir auch den
+Hobel ausblasen. Also den Alten kann man nicht sprechen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ertheilt Niemand Audienz.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wo ist der Junge?&laquo;</p>
+
+<p>Jimmy mache eine entsprechende Bewegung mit dem
+&uuml;ber die Schulter gesto&szlig;enen Daumen nach dem Hof hinaus.</p>
+
+<p>&raquo;Wollt Ihr ihn einmal rufen, Jimmy?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn's sein <span class="wide">mu&szlig;,</span> ja,&laquo; sagte dieser.</p>
+
+<p>&raquo;Apropos Jimmy&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun? &mdash; was giebt's noch?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wi&szlig;t Ihr, die Mecklenburger Bauern, die ich Euch gestern
+zugebracht&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun? &mdash; kein Geld?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kein Geld?&laquo;&nbsp;&mdash; wiederholte der Agent, indem er die
+Lippen vorspitzte, so weit er sie bringen konnte &mdash; &raquo;oh Jimmy,
+wenn wir Beide das nur h&auml;tten, was in den zwei gr&uuml;nen
+Koffern steckt &mdash; nachher k&ouml;nnten wir zufrieden sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun, wird das Gro&szlig;e eben nicht sein,&laquo; meinte Jimmy
+gleichg&uuml;ltig.</p>
+
+<p>&raquo;Das Gro&szlig;e nicht sein? &mdash; wenn <span class="wide">ich</span> ihnen nicht h&auml;tte
+Amerikanisches Gold f&uuml;r D&auml;nisches geben m&uuml;ssen &mdash; und das
+S&auml;ckchen voll, was da drin stand &mdash; und die goldenen Uhren
+und Ketten die daneben lagen. Die Menschen m&uuml;ssen ein
+heidenm&auml;&szlig;iges Geld haben, und das ist nur erst ein <span class="wide">Theil,</span>
+denn das Meiste haben sie, wie sie sagen, zu Hause gelassen,
+um mit dem erst einmal zu probiren, wie es hier eigentlich
+ist. &mdash; Jammerschade, da&szlig; sie keine Schwiegers&ouml;hne
+brauchen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir Beide w&auml;ren ein paar kostbare Exemplare,&laquo; schmunzelte
+Jimmy.</p>
+
+<p>Die beiden liebensw&uuml;rdigen Gesellen lachten noch
+zusammen als die Th&uuml;r aufging, und der junge Hamann wieder
+in's Zimmer trat.</p>
+
+<p>&raquo;Ah Franz, das ist mir lieb, da&szlig; Sie kommen,&laquo; sagte
+Messerschmidt in seiner vertrauten Weise; &raquo;ich hatte eine Bitte
+an den Alten, aber da ich h&ouml;re, da&szlig; er noch auf der Kante
+liegt, k&ouml;nnen Sie mir auch den Gefallen thun.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und das w&auml;re?&laquo; sagte Franz, dem Mann ruhig in's
+Gesicht sehend.</p>
+
+<p>&raquo;Sie wissen, da&szlig; ich in letzter Zeit ein Bischen in Geldverlegenheit
+gewesen bin,&laquo; sagte der Agent, &raquo;das verdammte
+Spielen, was ich schon so oft verschworen, hat mich wieder
+einmal angef&uuml;hrt, und ich mu&szlig;te sogar, wogegen ich mich bis
+jetzt hartn&auml;ckig gestr&auml;ubt, mein Quadroonm&auml;dchen, das allerdings
+das letzte Jahr in einem fort gekr&auml;nkelt und keinen
+Dollar verdient hat, verkaufen. Ein deutscher Violinspieler
+hatte einen Narren an ihr gefressen und mir die Dirne noch
+gut genug bezahlt; jetzt hab' ich Niemand Anderem im Haus;
+Lohn m&ouml;cht' ich auch nicht gern viel zahlen&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bitte, kommen Sie zur Sache,&laquo; sagte Franz.</p>
+
+<p>&raquo;Nun die ist einfach genug,&laquo; meinte Messerschmidt &mdash; &raquo;Sie
+haben da ganz k&uuml;rzlich ein paar arme, aber ganz h&uuml;bsche Braunschweiger
+M&auml;dchen in's Haus genommen, die der jungen Frau
+glaub' ich, um ihren Boarding zu bezahlen, mit in der K&uuml;che
+helfen &mdash; bitte &mdash; Sie brauchen sich deshalb gar nicht zu entschuldigen
+&mdash;&laquo; setzte er rasch hinzu, als ob er etwas Derartiges
+von dem jungen Hamann vermuthete &mdash; &raquo;das versteht sich von
+selber, und ist ganz in der Ordnung; aber ich m&ouml;chte gern eine
+von denen, die J&uuml;ngste hat mir am besten gefallen, zu mir
+in's Haus nehmen, das zu besorgen, was ich eben zu besorgen
+habe; sollte sie dann etwa noch eine Kleinigkeit im Hause
+schuldig sein, so k&ouml;nnten wir das ja am n&auml;chsten <span class="wide">Gesch&auml;fte</span>
+abrechnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist sonst noch etwas, Herr Messerschmidt, was Sie vielleicht
+an das Haus hier zu fordern haben?&laquo; sagte Franz
+ruhig.</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;r den Augenblick Nichts; die letzte Sendung Mecklenburger
+hat mir Ihr Alter ja gleich ausbezahlt; ich war damals
+besonders klamm.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Also sind wir Ihnen weiter Nichts schuldig?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht einen Cent, bewahre, aber ich hoffe Ihnen morgen
+fr&uuml;h vielleicht&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Erlauben Sie mir Ihnen dann zu bemerken,&laquo; unterbrach
+ihn Franz ziemlich kalt und trocken, &raquo;da&szlig; von jetzt an jede
+Gesch&auml;ftsverbindung zwischen uns aufgeh&ouml;rt hat&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unsinn, Franz &mdash; Sie wissen ja&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Entschuldigen Sie, mein Name ist f&uuml;r <span class="wide">Sie</span> Mr. Hamann;
+mein Vater hat heute die F&uuml;hrung dieses Hauses in
+meine H&auml;nde gelegt, und ich ersuche Sie, alle weiteren Bem&uuml;hungen
+f&uuml;r mich zu unterlassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hoho&laquo;&nbsp;&mdash; rief Messerschmidt dunkelroth im Gesicht werdend,
+und sich hoch dabei aufrichtend &mdash; &raquo;weht der Wind aus
+<span class="wide">der</span> Richtung, und hat der Alte richtig den dummen Streich,
+gemacht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich verbitte mir solche Bemerkungen, Herr Messerschmidt&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oh Herr &mdash; ich werde Ihre Schwelle nicht mehr betreten&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin davon &uuml;berzeugt,&laquo; sagte Franz, vollkommen ruhig,
+&raquo;w&uuml;rde auch sonst mich in die unangenehme Nothwendigkeit
+versehn, Sie hinauszuwerfen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr Hamann!&laquo; rief der Agent drohend.</p>
+
+<p>&raquo;Herr Messerschmidt?&laquo; sagte Franz ihm ruhig aber fest
+und entschlossen in's Auge sehend.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist gut!&laquo; rief dieser, keineswegs gewillt dem jungen
+Mann entgegenzutreten; &raquo;das ist mein Dank jetzt f&uuml;r die jahrelange
+Protektion dieses Hauses, das aber jetzt <span class="wide">kein</span> Gast mehr
+betreten soll, den <span class="wide">ich</span> daran verhindern kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie werden zu sp&auml;t zu Ihrem <i>Lunch</i><a name="fn_4r" id="fn_4r"></a><a href="#fn_4"><small><sup>4</sup></small></a> kommen,&laquo; sagte
+Franz ziemlich bedeutungsvoll auf die Th&uuml;r zeigend.</p>
+
+<p>&raquo;Jimmy, Sie sind mein Zeuge, wie ich hier behandelt
+werde,&laquo; rief Messerschmidt mit gekr&auml;nktem Stolz, &raquo;Sie werden
+mir daf&uuml;r Rede stehn m&uuml;ssen, Herr Hamann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie werden wirklich zu sp&auml;t zu Ihrem <i>Luncheon</i> kommen,&laquo;
+sagte der junge Hamann, die Th&uuml;re jetzt selber &ouml;ffnend
+und mit einer ungeduldigen, nicht miszuverstehenden Bewegung
+hinausdeutend.</p>
+
+<p>&raquo;Guten Morgen Herr Hamann!&laquo; rief da der Agent,
+bebend vor Zorn, dr&uuml;ckte sich den Hut fest in die Stirn,
+und flog im n&auml;chsten Augenblick voll und breit gegen die Gestalten
+zweier anderer M&auml;nner an, die eben im Begriff waren, die
+beiden steinernen Stufen in das Schenkzimmer hinaufzusteigen.</p>
+
+<p>&raquo;Hallo,&laquo; sagte der Erste von diesen, nur mit M&uuml;he sein
+Gleichgewicht bewahrend und dem Davonst&uuml;rmenden erstaunt
+nachsehend, &raquo;der hat's verdammt eilig &mdash; das Gesicht sollt'
+ich auch kennen, ging der freiwillig, oder <span class="wide">wurd'</span> er gegangen?&laquo;</p>
+
+<p>Der junge Hamann warf einen fl&uuml;chtigen Blick auf die neu
+Eintretenden und drehte sich dann, ohne sich weiter mit ihnen
+einzulassen, rasch herum und verlie&szlig; das Zimmer.</p>
+
+<p>&raquo;Alle Wetter, Mr. Meier!&laquo; rief da der Barkeeper den
+fr&uuml;heren &raquo;Boarder&laquo; erkennend &mdash; &raquo;wo haben Sie die Zeit gesteckt
+&mdash; man hat Sie ja mit keinem Auge mehr gesehn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gesch&auml;ftsreisen, mein junger Freund, Gesch&auml;ftsreisen,&laquo;
+sagte der Passagier der Haidschnucke, indem er die Augenbrauen
+in die H&ouml;he zog, und mit den Achseln zuckte, &raquo;komme gerade
+von Milwaukie herunter, die &raquo;balsamische Luft&laquo; des S&uuml;dens
+einzuathmen. Aber weshalb war der Mann, der da zur Th&uuml;r
+hinaussprang und mich beinah &uuml;ber den Haufen warf, so in
+Eile? &mdash; irgend etwas Unangenehmes vorgefallen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;H&auml;usliche Scenen wie sie manchmal in einer Familie
+vorkommen,&laquo; lachte Jimmy ausweichend &mdash; &raquo;soll ich Gl&auml;ser
+aufsetzen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm, ja &mdash; aber nicht hierher,&laquo; sagte Meier &mdash; &raquo;gebt
+uns ein paar Glas rechten steifen kalten Punch &mdash; lieber etwas
+reichlich Zucker und Citrone, aber desto mehr Arrak &mdash; dort in
+das E&szlig;zimmer an den kleinen Ecktisch &mdash; wir haben 'was mit
+einander zu reden &mdash; werft auch ein paar St&uuml;ck Eis hinein,
+und wenn Ihr noch zwei andere Gl&auml;ser in Vorrath macht,
+schadet's ebenfalls Nichts &mdash; wir sind alle Beide durstig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich auch,&laquo; sagte Jimmy.</p>
+
+<p>&raquo;Gut mein Herz, macht Euch dann auch ein Glas zurecht;
+uns aber nicht schlechter, verstanden? &mdash; werdet ja wohl
+irgendwo so eine bestaubte Flasche noch stecken haben.&laquo;</p>
+
+<p>Meier winkte dabei seinen Gef&auml;hrten ihm zu folgen, und
+ging mit ihm in das Nebenzimmer, wo ein paar deutsche Zeitungen
+auflagen, und sie, mit diesen zwischen sich, ohne jedoch
+darin zu lesen, an einem kleinen Tisch dicht am Fenster und der
+n&auml;chsten Wand, Platz nahmen.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, was war's also Kamerad, was Du mir sagen wolltest,&laquo;
+frug hier Meier seinen Gef&auml;hrten &mdash; &raquo;wir sind hier ungest&ouml;rt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wi&szlig;t Ihr, was aus Euerer Frau geworden ist?&laquo; frug
+der Andere, eine kleine, gedrungene Gestalt mit struppigem,
+grau gesprenkelten Bart und dar&uuml;ber unst&auml;t umhersuchenden
+kleinen grauen, stechenden Augen, sonst aber in anst&auml;ndiger
+beh&auml;biger Tracht.</p>
+
+<p>&raquo;Meiner <span class="wide">Frau?</span>&laquo; sagte Meier erstaunt, &raquo;wie kommt Ihr
+auf die? <span class="wide">lebt</span> sie denn noch?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein z&auml;rtlicher Gatte, das mu&szlig; wahr sein,&laquo; lachte Pelz
+&mdash; auch eigentlich ein alter Bekannter von uns, wenn auch jetzt
+in anderer Schaale &mdash; &raquo;sie war noch vor acht Tagen hier
+in New-Orleans.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;'S ist mir lieb da&szlig; Ihr sagt sie <span class="wide">war</span>&laquo;&nbsp;&mdash; brummte
+Meier, &raquo;hol' der Teufel das Weibervolk, das flennt und heult
+und wimmert und ist immer eine Kette am Fu&szlig;, wo der Mann
+einmal einen raschen, entscheidenden Schritt zu thun gedenkt.
+Wo ist sie hin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zu Schiff fort.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zu Schiff?&laquo; rief Meier, rasch und erstaunt in seinem
+Stuhle auffahrend.</p>
+
+<p>&raquo;Mit einem deutschen Schiffe zur&uuml;ck,&laquo; best&auml;tigte aber der
+Andere.</p>
+
+<p>&raquo;Nach <span class="wide">Deutschland</span> zur&uuml;ck; ist sie denn toll? &mdash; aber
+Ihr habt Euch geirrt, Pelz, das kann sie nicht gewesen sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Geirrt? &mdash; ich werde die Frau nicht kennen;&laquo; sagte der
+Mann m&uuml;rrisch &mdash; &raquo;sie sah noch dazu weit besser aus als an
+Bord, ging einfach und reinlich gekleidet, und hatte 'was h&ouml;llisch
+Ordentliches an sich; trug auch keinen Schmuck mehr, weder
+am Hals noch in den Ohren, und kam mir nur verdammt
+elend vor.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und hat sie <span class="wide">Euch</span> gesehn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja; aber ob sie mich nicht gekannt hat, oder mich nicht
+kennen wollte,&laquo; sagte Pelz, &raquo;wei&szlig; ich nicht. Sie sah mir ein
+paar Secunden starr in's Gesicht, und ging dann still und ernst
+an mir vor&uuml;ber auf's Schiff, das etwa eine halbe Stunde
+sp&auml;ter seine Taue einholte und, von einem Dampfer in's
+Schlepptau genommen, den Strom hinunter qualmte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gl&uuml;ckliche Reise,&laquo; brummte Meier, sein Glas, das ihm
+in diesem Augenblick Jimmy hereinbrachte, auf einen Zug
+leerend.</p>
+
+<p>&raquo;Danke,&laquo; sagte dieser etwas erstaunt, &raquo;aber woher wi&szlig;t
+<span class="wide">Ihr,</span> da&szlig; ich fort will?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr?&laquo; sagte Meier, mit einem halbsp&ouml;ttischen L&auml;cheln
+den Barkeeper &uuml;ber sein Glas ansehend, &raquo;nun dazu braucht
+man kein Prophet zu sein; Ihr habt Euch ja, so lange wir
+hier sind, die Gelenke schon in einem fort zum Marschiren eingerenkt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hundeleben hier,&laquo; sagte Jimmy, der sich Meiers Einladung
+nach sein Glas mit zum Tisch gebracht hatte, und jetzt
+daran nippte, &raquo;m&ouml;chte hier nicht l&auml;nger <span class="wide">abgemalt</span> sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;W&auml;r auch Schade um die Farbe,&laquo; lachte Meier &mdash; &raquo;aber
+was ist im Wind? &mdash; Skandal im Haus?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Neue Wirthschaft!&laquo; sagte Jimmy mit einem vorsichtigen
+Blick nach der Th&uuml;r &mdash; &raquo;<span class="wide">moralische,</span> verstanden? &mdash; der
+Sohn hat die Haush&auml;lterin <span class="wide">endlich</span> geheirathet, und nun
+wird's <span class="wide">fromm</span> im Hause hergehn. <span class="wide">Wie</span> das Geld verdient
+ist, kommt jetzt nicht mehr darauf an; obendrauf legt man ein
+Gesangbuch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Viel</span> Geld hier verdient, sollt' ich denken,&laquo; sagte Meier,
+den Rest seines Glases hinuntersp&uuml;lend und dieses dem Barkeeper
+zu neuer F&uuml;llung hinreichend.</p>
+
+<p>&raquo;Ein Haufen,&laquo; versetzte dieser, aber wieder leise &mdash; &raquo;der
+Alte mu&szlig; oben einen Kasten voll haben, Gott wei&szlig; wie gro&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kostet auch viel so eine Wirthschaft,&laquo; sagte Pelz, ruhig
+vor sich niedersehend &mdash; &raquo;wer das nicht wei&szlig;, glaubt's kaum &mdash; das
+geht meist Alles wieder d'rauf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie Ihr's versteht,&laquo; rief Jimmy, in Eifer gerathend,
+seine Behauptung bezweifelt zu sehn; <span class="wide">ich</span> wei&szlig; was da <span class="wide">hinauf</span>
+gekommen ist, und da&szlig; Nichts wieder herunter geht, denn
+Alles, was die Wirthschaft selber kostet, wird aus der Kasse
+hier bestritten &mdash; <span class="wide">so</span> scharf geht's. Wenn der alte Hamann
+in seinem Geldkasten oben nicht seine <span class="wide">Hunderttausend</span>
+liegen hat, will ich Holz hacken mein Lebelang.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Noch ein Glas, Jimmy, bitte,&laquo; sagte Meier &mdash; &raquo;mein
+Kamerad ist auch fertig, und <span class="wide">Ihr</span> trinkt so langsam, als ob's
+Wasser w&auml;re, wir haben Durst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gleich,&laquo; sagte Jimmy, mit den Gl&auml;sern wieder zur&uuml;ck
+in die Bar gehend, w&auml;hrend die beiden M&auml;nner bedeutsame
+Blicke mitsammen wechselten.</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube, der Junge taugte dazu,&laquo; fl&uuml;sterte Pelz leise
+und rasch.</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht &mdash; vielleicht auch nicht,&laquo; sagte Meier, mit
+dem Kopf sch&uuml;ttelnd &mdash; &raquo;nur um Alles in der Welt vorsichtig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nu versteht sich; aber <span class="wide">der</span> wei&szlig; Hausgelegenheit&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Pst &mdash; er kommt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da &mdash; <span class="wide">der</span> wird Euch noch besser schmecken,&laquo; sagte
+Jimmy, mit den frisch gef&uuml;llten Gl&auml;sern hereinkommend, und
+die Lippen schon im Voraus ableckend, &raquo;der ist famos.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ne zum Donnerwetter Jimmy, das sollte mir wirklich
+leid thun wenn Ihr fort gingt,&laquo; sagte Meier &mdash; &raquo;wo kriegt
+denn der Esel von Wirth auch gleich wieder einen solchen
+Barkeeper her? Ihr kennt doch das Gesch&auml;ft von innen und
+au&szlig;en.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sollt' es denken,&laquo; brummte Jimmy an seinem zweiten
+Glas vorsichtig nippend.</p>
+
+<p>&raquo;Und das Haus und die Wirthschaft&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie meine Tasche, jede Ecke, jeden Winkel drinne.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Apropos Jimmy,&laquo; sagte Meier, seinen Punch dabei mit
+dem L&ouml;ffel umr&uuml;hrend, &raquo;ist noch Platz hier im Haus f&uuml;r uns
+Beide?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das wird schwer halten,&laquo; meinte der Barkeeper, die
+Augenbrauen in die H&ouml;he ziehend &mdash; &raquo;so arg ist's noch beinah
+nicht gewesen wie heuer, mit der Einwanderung.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oh das wird alle Jahr besser, Kamerad,&laquo; lachte der
+Alte dazwischen &mdash; &raquo;je h&uuml;bscher sie's dr&uuml;ben in Deutschland
+treiben, desto mehr Leute glauben, da&szlig; sie so ein Gl&uuml;ck gar
+nicht verdienen. Wie bei einem vollen Kelterfa&szlig; &mdash; je mehr
+man oben drauf pre&szlig;t, je mehr l&auml;uft &uuml;ber den Rand fort, bis
+die Presse unten aufsitzt &mdash; und dann kann man vielleicht wieder
+frisch nachgie&szlig;en.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und das <span class="wide">Beste</span> l&auml;uft oben ab,&laquo; sagte Jimmy, nicht ohne
+einen gewissen Humor die Beiden betrachtend.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn man <span class="wide">uns drei</span> hier ansieht,&laquo; best&auml;tigte Pelz,
+&raquo;sollte man's beinah glauben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<i>Don't flatter me, Mr. Mac Karthy</i> wie die Wittwe
+sagte,&laquo; meinte Jimmy in einem breiten Schmunzeln.</p>
+
+<p>&raquo;Also es wird wohl noch Platz f&uuml;r uns werden, nicht
+wahr Jimmy?&laquo; nahm Meier die vorige Frage wieder auf.</p>
+
+<p>&raquo;Platz? ja das wei&szlig; ich wahrhaftig nicht; wenn's <span class="wide">gestern</span>
+gewesen w&auml;re, wo noch vern&uuml;nftige Menschen im Hause regierten,
+ja, da w&auml;re Platz <span class="wide">gemacht</span> worden, wenn keiner mehr
+da war; ob sich aber der gestrenge Herr von <span class="wide">Heute</span> dazu verstehen
+wird, ist eine andere Frage &mdash; es k&ouml;nnte Einer von dem
+Bauerpack dabei <span class="wide">incommodirt</span> werden, und in der Hinsicht
+werden jetzt furchtbar strenge R&uuml;cksichten genommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm so? und erst seit heute Morgen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Heute ist die Geschichte an den jungen Hamann &uuml;bergeben
+worden,&laquo; sagte Jimmy leise, &raquo;und der Alte lebt von jetzt
+ab von seinen Interessen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alle Wetter, da mu&szlig; er sich einen h&uuml;bschen Pfennig gespart
+haben,&laquo; sagte Meier, dem Barkeeper mit dem linken
+Auge zuwinkend, &raquo;wenn <span class="wide">wir</span> das h&auml;tten, Jimmy, <span class="wide">wir</span> legten's
+nicht hin, einen faulen Bauch bis an sein Ende zu f&uuml;ttern, so
+viel wei&szlig; ich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ne, das ist sicher,&laquo; sagte Jimmy, der pl&ouml;tzlich wieder an
+seinen Fingern begann, &raquo;aber an unser Einen kommt so 'was
+auch nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ih nu,&laquo; brummte Pelz, sich seinen kurzen Bart kratzend,
+&raquo;die Mecklenburger z. B., die vor ein paar Tagen hier eingezogen,
+sind doch auch nur ganz gew&ouml;hnliche Bauern, und <span class="wide">ich</span>
+m&ouml;cht' es nicht auf einmal fortschleppen, was sie in ihren
+Koffern mit herumf&uuml;hren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Koffer sind mordm&auml;&szlig;ig schwer,&laquo; betheuerte Jimmy.</p>
+
+<p>&raquo;Jimmy, 's ist wahrhaftig Schade, da&szlig; Ihr hier Euere
+F&auml;higkeiten so nutzlos verschwendet, Brandy und Bier einzuschenken,&laquo;
+meinte Meier, nach kurzer Pause &mdash; &raquo;ich w&uuml;&szlig;te eine
+famose Besch&auml;ftigung f&uuml;r Euch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und die w&auml;re?&laquo; frug der Barkeeper neugierig.</p>
+
+<p>&raquo;Wir sprechen ein andermal dar&uuml;ber,&laquo; erwiederte
+Meier ausweichend, &raquo;wenn's nur einen Platz f&uuml;r uns im
+Hause g&auml;be.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich denke, ich kann noch einen schaffen,&laquo; sagte Jimmy,
+sich die Sache ein wenig &uuml;berlegend &mdash; &raquo;Ihr macht Euch doch
+nat&uuml;rlich Nichts draus in <span class="wide">einem</span> Bett zu schlafen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Keine Objektion in der Welt,&laquo; betheuerte Meier.</p>
+
+<p>&raquo;Und die Aussicht ist auch ziemlich gleichg&uuml;ltig?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Total.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut, gleich &uuml;ber den Mecklenburgern ist noch ein kleines
+K&auml;fterchen mit einem Bett drin, dicht unter dem Dach; sonst
+nicht viel Bequemlichkeiten oben, aber famose frische Luft,
+wenn Ihr <span class="wide">das</span> haben wollt, frag ich den Schlaps, den jungen
+Herrn Hamann gar nicht, und schaff Euch hinauf. Aber wo
+ist Euer Gep&auml;ck?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kommt in einer halben Stunde etwa mit der <i>dray</i>. &mdash;
+Also sind wir eingezogen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Denke so,&laquo; sagte Jimmy, die geleerten Gl&auml;ser mit
+dem dazu gelegten Geld mit fortnehmend nach der Bar.
+Ohne dann weiter seinen jungen Herrn um Erlaubni&szlig; zu
+fragen, wie&szlig; er den beiden neuen G&auml;sten ihr kleines K&auml;mmerchen
+an, es ihnen selber &uuml;berlassend, ihr Gep&auml;ck
+hinaufzuschaffen, und ging wieder in die Bar hinunter, wo
+er, die H&auml;nde auf dem R&uuml;cken, mit raschen Schritten und
+in tiefen Gedanken auf- und ablief. Das Gespr&auml;ch mit
+den beiden Leuten hatte ihn auf allerlei Ideen gebracht,
+und Jimmy brauchte einige Zeit, die geh&ouml;rig zu verarbeiten.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h2><a name="kap6" id="kap6"></a>Capitel 6.</h2>
+
+<h3>Kapellmeister Eltrich.</h3>
+
+<p>Das Paketschiff von Havre war angekommen, und von
+den verschiedenen Passagieren desselben hatte sich Einer, der im
+St.-Charles-Hotel abgestiegen, kaum Zeit genommen, seine
+Kleider zu wechseln und war dann, jedenfalls dringende Gesch&auml;fte
+zu besorgen, ein paar Stunden lang Stra&szlig;e auf und
+ab in der Stadt gefahren, bis er endlich am unteren Markt
+sein Fuhrwerk ablohnte, und m&uuml;de und erhitzt in eine der
+dort befindlichen kleinen Eisbuden trat, sich abzuk&uuml;hlen und
+ein Glas Sherbet zu trinken.</p>
+
+<p>Die Passage da vorbei war sehr belebt, kleine Gruppen
+von Kaufleuten standen &uuml;berall zusammen, Gesch&auml;fte wurden
+entrirt und abgeschlossen, Auftr&auml;ge gegeben und genommen und
+selbst neben dem Glas Gefrorenen in der Bude, das oft unbeachtet
+zusammenschmolz, hatten die Leute ihre Brieftafeln vor
+sich liegen, und notirten und rechneten mitsammen, und ordneten
+die Bestimmungsorte jener W&auml;lle von verschiedenen Waaren,
+die drau&szlig;en an der Lev&eacute;e durch Tausende von H&auml;nden
+aufgeh&auml;uft, und zugleich wieder durch andere fortgef&uuml;hrt wurden,
+ohne sich anscheinend zu vermindern oder zu vermehren.</p>
+
+<p>Nur der eben angekommene Fremde hatte, wie es schien, mit
+Gesch&auml;ften Nichts zu thun; sein einziger Zweck war, sich auszuruhn
+und zu erholen, und selbst das Leben und Treiben um
+ihn her interessirte ihn nicht, oder war ihm bekannt, denn er
+nahm abwechselnd eine der verschiedenen, dort liegenden Zeitungen
+zur Hand, fl&uuml;chtig die Spalten &uuml;berfliegend, oder sa&szlig;
+auch wohl, in Gedanken vor sich niederschauend da, nicht einmal
+die Vor&uuml;bergehenden beachtend.</p>
+
+<p>&raquo;T&auml;uschen mich meine Augen nicht, oder habe ich das Vergn&uuml;gen,
+Herrn von Hopfgarten wieder einmal begr&uuml;&szlig;en zu
+k&ouml;nnen?&laquo; sagte in diesem Augenblick eine feine, unserem alten
+Freund sehr wohl bekannte Stimme, der auch rasch, aber zugleich
+erstaunt zu der breiten, korpulenten Gestalt des vor ihm
+stehenden Mannes aufsah, und sich trotzdem auf das Gesicht
+durchaus nicht besinnen konnte.</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; nicht&laquo;&nbsp;&mdash; sagte er wirklich etwas verdutzt, von
+seinem Stuhle aufstehend und die ganze Figur des Mannes,
+der jedenfalls seinen Namen kannte, auf das Aufmerksamste
+betrachtend &mdash; &raquo;Gestalt und Stimme erinnern mich allerdings
+an einen fr&uuml;heren Reisegef&auml;hrten, aber zu denen pa&szlig;t das Gesicht
+durchaus nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, mein guter Herr von Hopfgarten,&laquo; sagte wieder die
+nur zu wohl bekannte Stimme, w&auml;hrend der Mann selber
+vergn&uuml;gt dabei mit dem Kopfe nickte &mdash; &raquo;ich bin es auch eigentlich
+nicht mehr; ich habe mich gesch&auml;lt und die Haut abgeworfen,
+wie eine Klapperschlange. Sch&ouml;ner bin ich dadurch
+freilich nicht geworden, aber hei&szlig;e doch noch immer Christian
+Mehlmeier.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Also sind Sie's <span class="wide">doch!</span>&laquo; rief Hopfgarten, ihm freundlich
+die Hand entgegenstreckend, &raquo;aber um Gottes Willen, Mann,
+was ist mit Ihnen vorgegangen? ich h&auml;tte Sie im Leben nicht
+wieder erkannt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, das ist anderen Leuten auch so gegangen,&laquo; schmunzelte
+Mehlmeier in seinen weichsten T&ouml;nen vor sich hin &mdash;
+&raquo;sehn Sie sich einmal mein Gesicht genauer an.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Haben Sie die Blattern gehabt?&laquo; frug Hopfgarten mitleidig
+&mdash; &raquo;es ist voller Narben &mdash; und die Augenbrauen fehlen
+ganz. Was in aller Welt haben Sie mit sich angefangen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist mir wie Berthold Schwarz gegangen,&laquo; sagte Herr
+Mehlmeier, mit seinem vergn&uuml;gtesten Gesicht &mdash; &raquo;ich habe
+ebenfalls, freilich nach einem vorgeschriebenen Recept, auf die
+Art wie er, das Pulver erfunden, war jedenfalls &uuml;ber die unerwartete
+Explosion eben so erstaunt wie er. Sie &mdash; Sie erinnern
+sich vielleicht noch des &mdash; des Gesch&auml;fts, was ich damals
+betrieb, als Sie mich, hier ganz in der N&auml;he, dort am
+Markt dr&uuml;ben, fanden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie verkauften Schwefelh&ouml;lzer, wenn ich nicht irre&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich stand wenigstens zu diesem Zweck an einem jener
+Pfeiler,&laquo; bet&auml;tigte Mehlmeier, &raquo;verkaufte &uuml;brigens ungemein
+wenig, und diente eigentlich, wenn ich so recht an jene Zeit
+zur&uuml;ckdenke, nur dazu, etwa Vor&uuml;bergehenden, die mich um
+Feuer baten, ihre Cigarren anzuz&uuml;nden. &raquo;Danke&laquo; sagten dann
+die Leute und damit war die Sache abgemacht; <span class="wide">sie</span> gingen
+ihren Gesch&auml;ften nach, und ich blieb an dem Pfeiler stehn, &uuml;ber
+das meinige Betrachtungen anzustellen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sehen jetzt weit besser, weit beh&auml;biger in Ihrem &Auml;u&szlig;ern
+aus,&laquo; sagte Hopfgarten.</p>
+
+<p>&raquo;Das w&auml;re noch immer kein gro&szlig;es Lob,&laquo; meinte Mehlmeier,
+&raquo;denn <span class="wide">schlechter</span> wie ich damals aussah, kann der
+Mensch nicht gut anst&auml;ndiger Weise in der Welt herumlaufen.
+Hosen und Rock hielten gewisserma&szlig;en nur aus Gef&auml;lligkeit
+f&uuml;r mich zusammen, und au&szlig;erdem durfte ich nicht einmal vor
+Dunkelwerden Abends von meinem Pfeiler, den ich mit der
+D&auml;mmerung in Besitz nahm, weggehn, meines hinteren Menschen
+wegen. Da traf ich <span class="wide">Sie</span> und den fremden Herrn, der
+mit Ihnen war, und von der Stunde an, mein guter Herr
+von Hopfgarten &auml;nderte sich mein Loos. Ich hatte damals
+schon lange bemerkt, da&szlig; die Leute, welche die Streichh&ouml;lzer
+fabricirten, einen recht h&uuml;bschen Nutzen dabei machten, w&auml;hrend
+wir Verk&auml;ufer daran verhungern konnten; von zu Hause aus
+war ich auch mit der Fabrikation vollkommen gut bekannt, das
+Material dazu h&auml;tte ich hier billiger wie irgendwo gehabt, das
+Holz brauchte ich nicht einmal zu kaufen, denn eine kleine
+Strecke von der Stadt entfernt, konnte ich mir so viel davon
+selber nehmen, wie ich brauchte, aber &mdash; ich hatte kein Capital
+um damit zu beginnen, und meine t&auml;glichen Einnahmen
+gelangten oft nicht einmal zu der H&ouml;he, mich, worauf ich den
+ganzen Tag hungerte, Abends satt zu essen. Ich mag beil&auml;ufig
+bemerken, da&szlig; ich der Schrecken der verschiedenen kleinen
+E&szlig;buden geworden war, in die ich, sobald sich meine Kasse in
+den Umst&auml;nden befand, ein Abendessen zu zahlen, hineinfiel.
+An jenem Tage nun gab mir jener fremde Herr f&uuml;r eine unbedeutende
+Nachricht ein St&uuml;ck Geld &mdash; ein Goldst&uuml;ck. Herr
+von Hopfgarten &mdash; ich will nicht versuchen, Ihnen zu schildern,
+was ich an dem Tage ausgestanden habe&laquo;&nbsp;&mdash; sagte Mehlmeier;
+seine Stimme klang dabei leise und heiser, inde&szlig; ihm
+ein paar gro&szlig;e schwere Thr&auml;nen, trotzdem, da&szlig; er mit den
+Augen auf das Lebhafteste blinzte und sie zur&uuml;ckzudr&uuml;cken suchte,
+zwischen die Wimpern traten &mdash; &raquo;es war <span class="wide">kein</span> verdientes
+Geld, ich mochte dagegen argumentieren, wie ich wollte,&laquo; setzte
+er dann nach kurzer Pause hinzu, &raquo;und ich &mdash; ich war zuletzt
+fest davon &uuml;berzeugt, da&szlig; ich die kleine Summe &mdash; f&uuml;r mich
+damals ein Capital &mdash; mehr meinen zerissenen Hosen, als der
+Nachricht verdankte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, lieber Herr Mehlmeier,&laquo; rief aber Hopfgarten
+rasch dazwischen &mdash; &raquo;die Kunde, die Sie uns gaben, h&auml;tte
+tausend solcher St&uuml;cke verdient &mdash; der alte Herr suchte sein
+<span class="wide">Kind</span> und Sie zuerst brachten ihn auf die rechte Spur.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es freut mich ungemein, wenn ich dem fremden Herrn
+n&uuml;tzlich gewesen bin,&laquo; sagte Mehlmeier ruhig, &raquo;<span class="wide">das</span> aber
+war meine damalige Ansicht von der Sache und &mdash; hat sich
+auch bis jetzt noch nicht ver&auml;ndern k&ouml;nnen. &mdash; Aber meine
+Lage &auml;nderte sich damals. F&uuml;r zwei Dollar kaufte ich mir
+ein blaues &Uuml;berhemd, eine solche Hose, wie sie die Feuerleute
+und Matrosen tragen, ein paar Schuh, einen Hut und ein
+Halstuch. Trotzdem behielt ich noch genug &uuml;brig, mich einmal
+recht t&uuml;chtig satt zu essen und &mdash; es war vielleicht eine
+Schw&auml;che, aber ich hatte eine unendliche Sehnsucht danach &mdash; ein
+Glas Bier zu trinken, und f&uuml;r die &uuml;brigen zwei Dollar
+schaffte ich mir das n&ouml;thige Material an, auf <span class="wide">meine</span> Art
+<span class="wide">gute</span> Streichh&ouml;lzchen herzustellen. M&ouml;rser und sonstige
+Ger&auml;thschaften mu&szlig;te ich mir allerdings im Anfang noch borgen,
+aber das Alles machte ich, jetzt einmal in anst&auml;ndigen Kleidern,
+wo ich mich wenigstens sehn lassen konnte, m&ouml;glich, und
+so klein die Quantit&auml;t sein mu&szlig;te, die ich mit meinen geringen
+Mitteln zum ersten Mal fabricirte, so sehr sprach die Qualit&auml;t
+an. Wohin ich Proben brachte, bekam ich Bestellungen, von
+denen ich im Anfang nur einen kleinen Theil ausf&uuml;hren konnte,
+mit jeder Woche mehrte sich aber meine Einnahme, mit jeder
+Woche konnte ich gr&ouml;&szlig;ere Mengen liefern, und war zuletzt sogar
+im Stande, mir erst einen, dann zwei und mehre Arbeiter
+zu nehmen, dem immer steigenden Bedarf zu begegnen. Gleich
+im Anfang, bei der Zusammenstellung einer Mischung, passirte
+mir eines Abends das Ungl&uuml;ck, da&szlig; mir die ganze Masse
+im M&ouml;rser explodirte, und ich fand mich erst am andern Morgen
+in der entgegengesetzten Ecke meines Zimmers wieder, da
+die Nachbarn weiter keine Notiz von dem Knall und Qualm
+genommen.</p>
+
+<p>&raquo;Seit der Zeit befinde ich mich aber ausnehmend wohl;
+ich <span class="wide">boarde</span> in einem anst&auml;ndigen Franz&ouml;sischen Kosthaus und
+besch&auml;ftige jetzt elf Arbeiter, lauter arme deutsche Einwanderer,
+die ich mir abrichte und gut bezahle, verdiene dabei ein recht
+h&uuml;bsches Geld und beginne sogar schon an Sparen und Zur&uuml;cklegen
+zu denken, drohenden Alters wegen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun das freut mich wahrhaftig recht, recht herzlich von
+Ihnen zu h&ouml;ren,&laquo; sagte Hopfgarten, dem fast die Thr&auml;nen in
+die Augen gekommen waren, bei der so anspruchslos und wirklich
+r&uuml;hrend vorgetragenen Erz&auml;hlung, indem er seinem alten
+Reisegef&auml;hrten die Hand reichte und derb und freundlich sch&uuml;ttelte;
+&raquo;es giebt wenig Leute, lieber Mehlmeier, die so ernst
+und entschlossen und so brav und rechtschaffen dabei, einem
+einmal gesteckten Ziele entgegenstreben, und ich w&uuml;nschte in
+der That recht von Herzen Ihnen irgend einen Dienst erweisen
+zu k&ouml;nnen, um Ihnen zu zeigen, wie sehr ich Sie achte
+und sch&auml;tze.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke Ihnen recht herzlich, mein guter Herr von Hopfgarten,
+f&uuml;r die freundlichen Worte,&laquo; sagte Mehlmeier, wirklich
+ger&uuml;hrt, &raquo;Sie thun mir wohl &mdash; und eine Bitte h&auml;tt' ich wirklich
+an Sie, wenn Sie dieselbe erf&uuml;llen wollten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von Herzen gern &mdash; und was ist es?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie kennen den Herrn, der &mdash; der mir damals das
+Goldst&uuml;ck gab?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehr gut &mdash; ich komme jetzt gerade von dort her &mdash; war
+n&auml;mlich in der Zeit wieder in Deutschland&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie waren in Deutschland?&laquo; frug Mehlmeier, rasch und
+erstaunt, &raquo;ja, hm &mdash; das ist eigentlich gar nichts so Wunderbares,
+denn man f&auml;hrt jetzt rasch genug her&uuml;ber und
+hin&uuml;ber, aber &mdash; es ist doch ein eigenes, sonderbares Gef&uuml;hl,
+wenn man so von Deutschland sprechen h&ouml;rt, fortw&auml;hrend
+Schiffe sieht, die hin&uuml;ber gehn und von dorther kommen, und &mdash; so
+gern man hin&uuml;ber <span class="wide">m&ouml;chte,</span> und auch <span class="wide">k&ouml;nnte,</span> was
+eben die Passage betrifft, doch auf der weiten Gottes Welt
+da dr&uuml;ben, wo man doch eigentlich zu Hause ist, Nichts weiter
+zu thun hat; Nichts wieder anfangen k&ouml;nnte, und nun ganz
+allein aus dem Grunde hier bleiben mu&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber mit was sollte ich Ihnen dienen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sagte Mehlmeier rasch, &raquo;sehn Sie den Herrn &mdash; wie war
+sein Name gleich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dollinger.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehn Sie den Herrn Dollinger wieder?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hoffentlich bald, jedenfalls schreibe ich ihm in den n&auml;chsten
+Tagen.&laquo;</p>
+
+<p>Mehlmeier griff in die Tasche, nahm ein Amerikanisches
+Goldst&uuml;ck heraus und sagte, es Herrn Hopfgarten hinreichend:</p>
+
+<p>&raquo;Dann thun Sie mir die gro&szlig;e Liebe, mein bester Herr von
+Hopfgarten, und geben Sie ihm das <span class="wide">Goldst&uuml;ck</span> nicht allein
+zur&uuml;ck, sondern sagen dem Herrn auch <span class="wide">wie</span> Sie mich wieder
+gefunden haben, und da&szlig; ich das nur allein als <span class="wide">sein</span> Werk
+betrachten k&ouml;nne, ihm auch ewig dankbar daf&uuml;r sein w&uuml;rde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber mein bester Herr Mehlmeier,&laquo; rief Hopfgarten,
+das Goldst&uuml;ck zur&uuml;ckweisend, &raquo;Herr Dollinger ist ein reicher,
+ein <span class="wide">sehr</span> reicher Mann, und ich wei&szlig;&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wenn er ein Millionair w&auml;re,&laquo; sagte Mehlmeier
+fest und bestimmt, &raquo;es ist nicht der wenigen Thaler, es ist der
+Sache wegen, das Geld hat mir auf der Seele gebrannt, und
+Sie erzeigen mir einen unendlich gro&szlig;en Dienst, wenn Sie
+es dem rechtm&auml;&szlig;igen Eigenth&uuml;mer zur&uuml;ckerstatten. Es hat mir
+genug gen&uuml;tzt, und da jetzt die <span class="wide">Ursache</span> verschwunden ist,
+der ich es verdanke&laquo;&nbsp;&mdash; und Mehlmeier warf einen wehm&uuml;thigen
+Blick an seinen Beinen hinunter &mdash; &raquo;so darf ich auch
+mit gutem Gewissen die Wirkung zur&uuml;ckgeben. Sie thun mir
+einen <span class="wide">gro&szlig;en</span> Gefallen mit der Erf&uuml;llung meiner Bitte, mein
+lieber Herr von Hopfgarten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind ein wunderlicher Mensch,&laquo; sagte der kleine
+Mann freundlich, das Goldst&uuml;ck dabei nehmend und einsteckend,
+&raquo;ich will es besorgen; aber Herr Dollinger glaubt sich Ihnen
+nun einmal zu Dank verpflichtet, und wird das auf andere
+Weise wieder gut machen wollen. Jedenfalls mu&szlig; er Ihnen
+die Quittung einsenden, da&szlig; <span class="wide">ich</span> wenigstens das Geld richtig
+abgeliefert habe, und ich m&ouml;chte Sie deshalb um Ihre Adresse
+bitten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das wird nicht n&ouml;thig sein,&laquo; sagte Herr Mehlmeier
+mit einem wehm&uuml;thigen Blick.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein; es mu&szlig; Alles seine Ordnung haben,&laquo; rief
+Hopfgarten, &raquo;also Ihre Adresse?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Erlaube ich mir denn hier auf einem Exemplar meines
+Fabrikats zu &uuml;berreichen,&laquo; sagte Mehlmeier mit einer
+etwas linkischen und verlegnen Verbeugung Hopfgarten
+ein kleines elegantes Etui mit Streichh&ouml;lzchen, auf denen
+seine genaue Firma angegeben stand, &uuml;bergebend, &raquo;das sind
+meine Visitenkarten,&laquo; setzte er l&auml;chelnd hinzu.</p>
+
+<p>&raquo;Vortreffliche Visitenkarten,&laquo; lachte Hopfgarten, sie betrachtend
+und einsteckend; &raquo;aber apropos, mein lieber Herr
+Mehlmeier, Sie als wandernder Adre&szlig;kalender sind vielleicht
+im Stande mir wieder eine Auskunft zu geben. K&ouml;nnen Sie
+mir vielleicht sagen, wo ich einen gewissen Ledermann, einen
+Juristen, hier in der Stadt finde?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ledermann? &mdash; Ledermann? &mdash; nein, der Name ist mir
+g&auml;nzlich unbekannt,&laquo; sagte Mehlmeier, sehr bestimmt mit dem
+Kopf nickend; Hopfgarten kannte aber seine schwache Seite mit
+den verkehrten Gesticulationen, und wu&szlig;te was er meinte.</p>
+
+<p>&raquo;Er arbeitete fr&uuml;her in dem Bureau des Mr. Mac Culloch,
+des Staatsanwalts,&laquo; setzte er dann hinzu, &raquo;der ist aber in diesem
+Augenblick verreist und sein Bureau geschlossen, und von
+den Hausleuten wollte ihn Niemand kennen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ledermann?&laquo; sagte Mehlmeier, die H&auml;nde am Kinn, in
+tiefem Nachdenken.</p>
+
+<p>&raquo;Eine lange hagere Gestalt,&laquo; half Hopfgarten seinem
+Ged&auml;chtni&szlig; nach, &raquo;ein d&uuml;nnes, mageres Gesicht und blonde
+Haare.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm, ich kenne einen Herrn <span class="wide">Fort</span>mann, der etwa auf
+diese Beschreibung pa&szlig;te.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Donnerwetter, <span class="wide">Fort</span>mann!&laquo; rief Hopfgarten, sich vor
+den Kopf schlagend, &raquo;jetzt hab' ich die Namen verwechselt &mdash; Fortmann
+hei&szlig;t er ja auch &mdash; Mehlmeier, Sie sind ein kapitaler
+Mann &mdash; <span class="wide">wo</span> find' ich den?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, wo Sie den <span class="wide">jetzt</span> finden, wenn er nicht in seinem
+Bureau ist, wei&szlig; ich allerdings auch nicht &mdash; er m&uuml;&szlig;te denn
+sonst vielleicht beim Kapellmeister sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was f&uuml;r ein Kapellmeister? &mdash; wo wohnt der?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kapellmeister Eltrich, gar nicht weit von hier.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Eltrich? &mdash; <span class="wide">unser</span> Eltrich von der Haidschnucke? &mdash; ich
+glaubte, der sei ein Arbeiter an einem Dampf- oder Flatboot
+geworden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allerdings, im Anfang, weil ihm seine s&auml;mmtlichen
+Sachen, selbst seine Violine gestohlen worden; nachher aber
+hat er sich ganz t&uuml;chtig wieder herausgearbeitet, und jetzt
+eine brillante Anstellung an der hiesigen franz&ouml;sischen Oper
+erhalten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und dort ist Ledermann zuweilen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr Fortmann? ja, aber wir gehn hier nur diese Stra&szlig;e
+hinunter, und ich kann Ihnen dann das Haus zeigen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kommen Sie nicht mit hinauf?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist meine Arbeitszeit jetzt, mein bester Herr von Hopfgarten,&laquo;
+sagte Mehlmeier, &raquo;und ich habe mich &uuml;berdie&szlig; schon
+zu lange von meinen Leuten entfernt &mdash; jedenfalls hoffe ich
+Sie noch zu sehn ehe Sie New-Orleans verlassen. Denken
+Sie sich lange hier aufzuhalten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Einige Tage &mdash; doch noch eins, mein lieber Mehlmeier,
+so viele Menschen sind Ihnen hier vorgekommen &mdash; wissen
+Sie vielleicht zuf&auml;llig, wo sich &mdash; Herr Henkel jetzt aufh&auml;lt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, das ist merkw&uuml;rdig, <span class="wide">den</span> Herrn habe ich auch mit
+keinem Auge wieder gesehn, seit wir gelandet sind. Im
+Anfang ging einmal ein dumpfes Ger&uuml;cht, da&szlig; doch nicht Alles
+mit ihm so in Ordnung &mdash; nicht eben Alles Gold sei, aber
+ich wei&szlig; nicht, ich habe weiter Nichts dar&uuml;ber geh&ouml;rt und &mdash; wenn
+ich aufrichtig sein soll, mich nicht weiter darum bek&uuml;mmert.
+Sehn Sie dort? das ist die Wohnung Eltrichs &mdash; das
+kleine freundliche wei&szlig;e H&auml;uschen, mit den gr&uuml;nen Jalousieen,
+und dorthinein wohne <span class="wide">ich.</span> Also mein lieber Herr von Hopfgarten,
+ich habe die Ehre mich Ihnen auf das Freundlichste
+zu empfehlen.&laquo;</p>
+
+<p>Hopfgarten nahm herzlichen Abschied von ihm; der Mann
+hatte etwas r&uuml;hrend Hartn&auml;ckiges in seinem ganzen Wesen,
+mit dem er dem Ungl&uuml;ck die Spitze geboten und sich, allen
+b&ouml;sen Neigungen wacker dabei begegnend, an die Oberfl&auml;che
+gearbeitet.</p>
+
+<p>Noch stand er in der Stra&szlig;e, unfern von Eltrichs Wohnung,
+und sah dem rasch und gesch&auml;ftig davongehenden Manne
+nach, als ein, in einen abgetragenen blauen Frack gekn&ouml;pftes
+Individuum an ihm vor&uuml;berging, ihn scharf fixirte, und sich
+rasch gegen ihn wendend die rechte Hand &mdash; unter dem linken
+Arm trug er ein Cigarrenkistchen &mdash; nach ihm ausstreckte und
+rief. &raquo;Sieh da, sieh da Thimoteus, die Kraniche des Ibikus &mdash; Herr
+von Hopfgarten; eine h&ouml;chst angenehme Erscheinung beim
+Zeus, in diesem verdammten hausbackenen Land.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr Steinert?&laquo; rief Hopfgarten erstaunt aus, &raquo;ich h&auml;tte
+Sie fast nicht wieder erkannt &mdash; wie geht es Ihnen?&laquo;</p>
+
+<p>Steinert zuckte die Achseln.</p>
+
+<div class="center">
+<table style="margin: 0 auto" cellpadding="1" summary="">
+<tr><td align="left" valign="top">&raquo;Durch Ungl&uuml;ck mehr als durch Versehn,</td></tr>
+<tr><td align="left" valign="top">&nbsp;&nbsp;Verlor Alcest im Handel sein Verm&ouml;gen</td></tr>
+</table>
+</div>
+
+<p class="noindent">&mdash; verw&uuml;nschte Geschichte das hier, man darf seinem eigenen Bruder
+nicht trauen, wenn man wirklich einen hier hat. Ich habe
+bittere Erfahrungen gemacht, Herr von Hopfgarten &mdash; bittere
+Erfahrungen und &mdash; wenn weiter Nichts &mdash; Menschenkenntni&szlig;
+gesammelt, wie wohl kaum Einer vor mir. Ich sage
+Ihnen, ich k&ouml;nnte eine Geographie des menschlichen Herzens,
+der menschlichen Schwachheiten, Laster und Leidenschaften
+herausgeben.&laquo;</p>
+
+<p>Hopfgarten hatte sich indessen, so genau das geschehn
+konnte, ohne den Mann durch ein zu scharfes Anschauen zu
+kr&auml;nken, die vor ihm stehende Gestalt betrachtet, und das Resultat
+fiel gerade nicht zu Steinerts Vortheil aus. Sein Anzug,
+einst jedenfalls modern, war abgerissen, und noch schlimmer,
+war schmutzig; eben so seine W&auml;sche. Nur den &auml;u&szlig;eren
+Staat hatte er noch beibehalten; der gro&szlig;e Siegelring sa&szlig; auf
+einer ungewaschenen Hand, und neben den Uhrberloquen zeigte
+das Tuch h&auml;&szlig;liche farbige Flecke. Sein Gesicht sah dabei verwildert
+aus; die Augen lagen ihm tief und durchschw&auml;rmte N&auml;chte,
+wenn nicht Mangel k&uuml;ndend, in den H&ouml;hlen, und flogen unruhig,
+ungeduldig, ohne auf irgend einem Punkte zu haften,
+umher.</p>
+
+<p>&raquo;Und womit besch&auml;ftigen Sie sich jetzt,&laquo; sagte Hopfgarten
+endlich, dem es unheimlich in der N&auml;he des Mannes
+wurde, &raquo;haben Sie irgend eine Anstellung? irgend ein &mdash; ein&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein freies Leben f&uuml;hren wir,&laquo; unterbrach ihn aber Steinert,
+den rechten Arm mit einer etwas theatralischen Bewegung
+zum Himmel hebend. &raquo;Ich konnte mich erstlich nie dazu
+verstehen, zu irgend Jemand in ein dienstliches Verh&auml;ltni&szlig; zu
+treten &mdash; der Gott, der Eisen wachsen lie&szlig;, der wollte keine
+Knechte &mdash; und dann bin ich wohl ein halb Jahr vergebens
+herumgelaufen,&laquo; setzte er, wieder in eine nat&uuml;rlichere Stellung
+zur&uuml;ckfallend, hinzu, &raquo;ohne irgend einen passenden Platz f&uuml;r
+mich auftreiben zu k&ouml;nnen. F&uuml;r jetzt habe ich &uuml;brigens eine
+famose Quelle &auml;chter Havanna-Cigarren entdeckt,&laquo; und er nahm
+bei den Worten das K&auml;stchen rasch unter seinem linken Arme vor,
+&raquo;die ich Ihnen mit gutem Gewissen empfehlen kann, mein bester
+Herr von Hopfgarten. Famose Cigarren, sage ich Ihnen, und
+zu einem Preis,&laquo; setzte er leise fl&uuml;sternd, und mit einem
+scheuen Blick umher, hinzu, indem er das K&auml;stchen sehr
+aufmerksam und &auml;ngstlich &ouml;ffnete, &raquo;wie sie kein Mensch auf
+der Welt liefern <span class="wide">k&ouml;nnte,</span> wenn sie eben nicht &mdash; <span class="wide">geschmuggelt</span>
+w&auml;ren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie wissen ja, bester Herr Steinert, da&szlig; ich gar nicht
+rauche,&laquo; sagte Hopfgarten freundlich, &raquo;ich bin auch wirklich
+in diesem Augenblick so mit meiner Zeit&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie rauchen gar nicht?&laquo; sagte Steinert etwas best&uuml;rzt,
+&raquo;aber Sie haben doch gewi&szlig; Jemand, den Sie mit einem halben
+Tausend Regalias gl&uuml;cklich machen w&uuml;rden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;In der That Niemanden hier, mein bester Herr; es ist
+auch schon sp&auml;t geworden heute, und ich bin eben erst wieder
+angekommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich sehe, Sie sind in Eile,&laquo; sagte der fr&uuml;here Weinreisende
+rasch, indem er das schon halb geleerte K&auml;stchen &mdash; was
+in Hopfgarten den Verdacht aufsteigen lie&szlig;, da&szlig; er die Regalias
+auch im Einzelnen verwerthe &mdash; wieder an seinen fr&uuml;heren
+Platz zur&uuml;ckschob. &raquo;Ich will Sie nicht l&auml;nger aufhalten, aber &mdash; ich
+d&uuml;rfte Sie wohl um eine Gef&auml;lligkeit bitten. Wir
+sind hier gerade in der N&auml;he und ich habe vergessen mein Portemonnaie
+zu mir zu stecken &mdash; bin jedoch einem Freund von mir
+da dr&uuml;ben f&uuml;nf Dollar schuldig. <span class="wide">W&auml;ren</span> Sie wohl so freundlich,
+mir diese kleine Summe auf ein paar Stunden zu leihen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit dem gr&ouml;&szlig;ten Vergn&uuml;gen,&laquo; sagte Hopfgarten verlegen,
+und unwillk&uuml;rlich zugleich in seiner angeborenen
+Gutm&uuml;thigkeit in die Westentasche fahrend, &raquo;ich wei&szlig; nur
+nicht&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Philemon, der bei gro&szlig;en Sch&auml;tzen ein edelm&uuml;thig Herz
+besa&szlig;,&laquo; recitirte Steinert.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Ihnen f&uuml;r den Augenblick mit dieser Dollarnote
+gedient w&auml;re.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind sehr freundlich &mdash; aber Sie erlauben mir,
+da&szlig; ich es mir gleich notire; ich habe so vielerlei im Kopf,
+und morgen zahle ich es Ihnen jedenfalls zur&uuml;ck. Welches
+Hotel?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;St. Charles&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah, desto besser; dort dinire ich auch gew&ouml;hnlich &mdash; Herr
+von Hopfgarten &raquo;Haben&laquo; 1 Dollar.&laquo;</p>
+
+<p>Er hatte dabei eine rothe, ziemlich umfangreiche Brieftasche
+vorgenommen, die Cigarrenkiste auf das linke
+emporgezogene und ziemlich geschickt balancirte Knie gelegt, und notirte
+sich den Fall auf ein wei&szlig;es Blatt.</p>
+
+<p>&raquo;Mein guter Herr Steinert, ich habe indessen das Vergn&uuml;gen
+Ihnen einen angenehmen Abend zu w&uuml;nschen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah, guten Abend, lieber Hopfgarten, guten Abend,&laquo;
+rief Steinert, ihm, immer noch in der vorigen Stellung, mit
+dem Bleistift freundlich zuwinkend.</p>
+
+<p>Hopfgarten benutzte die Gelegenheit, Eltrichs Haus zu
+erreichen, und stieg die wenigen Stufen vor der Hausth&uuml;r,
+an deren Klingel er zog, rasch hinan.</p>
+
+<p>Ein wunderh&uuml;bsches, nur etwas kr&auml;nklich aussehendes,
+beinah wei&szlig;es M&auml;dchen, aber doch mit dem eigenen dunkeln
+Teint und fast blauschwarzen Haar dieser Race, das die
+Quadroonin verrieth, &ouml;ffnete ihm die Th&uuml;r, frug den Erstaunten in
+deutscher Sprache was er w&uuml;nsche, und f&uuml;hrte ihn dann in das
+untere Zimmer, wo Hopfgarten zu seiner nicht geringen Genugthuung &mdash; denn
+Mehlmeier hatte ganz recht gehabt &mdash; Herrn
+Ledermann <i>alias</i> Fortmann, am Kaffeetisch bei Eltrichs
+traf, und von den dreien auf das Herzlichste begr&uuml;&szlig;t wurde.
+Eltrichs kleine reizende Frau war besonders gl&uuml;cklich den alten
+Reisegef&auml;hrten, der sich schon an Bord von allen Caj&uuml;tspassagieren
+immer am freundlichsten gegen sie benommen, bei sich
+zu sehn und bewirthen zu k&ouml;nnen, und verschwand gleich aus
+dem Zimmer, aufzutragen, was nur, trotz Hopfgartens Protestiren,
+K&uuml;che und Keller vermochte.</p>
+
+<p>Nach den ersten Begr&uuml;&szlig;ungen aber lag Hopfgarten viel
+zu sehr daran zu erfahren was er von Ledermann hinsichtlich
+seiner Nachsp&uuml;rungen nach jenem Soldegg h&ouml;ren sollte. Eltrich
+wu&szlig;te &uuml;berdie&szlig; von der Sache, &uuml;ber die Ledermann schon oft
+mit ihm gesprochen, und Hopfgarten erfuhr jetzt da&szlig; von Soldegg
+selber allerdings nicht das Mindeste wieder gesehen w&auml;re,
+seit Herr von Hopfgarten die letzten Nachrichten von ihm mit
+aus Milwaukie gebracht, da&szlig; aber ein Compagnon von ihm,
+jener Goodly, unter einem falschen Namen in New-Orleans
+ertappt sei, und einen Schlupfwinkel gestohlener G&uuml;ter verrathen
+habe, in dem man auch einen nicht unbetr&auml;chtlichen
+Theil von Herrn Dollingers Waaren gefunden h&auml;tte. Nach
+allen verschiedenen Staaten, selbst nach Canada hinauf, war
+inde&szlig; geschrieben worden, des Burschen habhaft zu werden,
+doch umsonst; entweder war er untergegangen, oder lebte
+irgendwo, unter einem falschen Namen, von seinem Raube,
+wo es freilich dem Zufall &uuml;berlassen bleiben mu&szlig;te, ihn einmal
+auszusp&uuml;ren und zu Tag zu bringen.</p>
+
+<p>Herr <span class="wide">Fort</span>mann, der &uuml;brigens Eltrich gegen&uuml;ber sein Incognito
+nicht beibehalten konnte, da Beide schon in Heilingen befreundet,
+wenigstens bekannt gewesen waren, w&uuml;nschte, wie sich wohl
+denken l&auml;&szlig;t, ebenfalls etwas Neues von dort zu h&ouml;ren, das ihm
+Hopfgarten denn auch nicht vorenthielt. W&auml;hrend Frau Eltrich
+nun dem Gast, der endlich eingestehn mu&szlig;te, da&szlig; er in aller Eile
+heute auf Amerikanischem Boden noch nicht einmal zu Mittag
+gegessen, ein kleines Mahl mit Claret und Eis herrichtete
+und ihn selber dabei, trotz allen Einwendungen, bediente,
+mu&szlig;te er erz&auml;hlen, wie er es in Heilingen gefunden, wie es
+dort aussah, was die Leute dort trieben und &mdash; wie es vor
+allen Andern der Frau Aktuar Ledermann ging, f&uuml;r die sich
+Frau Eltrich ganz speciell interessirte.</p>
+
+<p>&raquo;Hm, ja,&laquo; sagte Hopfgarten l&auml;chelnd, und emsig dabei
+besch&auml;ftigt ein kaltes gebratenes Huhn zu zertheilen, &raquo;gut &mdash; sehr
+gut &mdash; hat ihre Trauer &mdash; die&szlig; Huhn ist wirklich delikat &mdash; hat
+ihre Trauer abgelegt und wohnt jetzt bei ihrem
+Bruder.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Existirt der Lump auch noch?&laquo; frug Ledermann.</p>
+
+<p>&raquo;Wollte wieder ein Gesch&auml;ft er&ouml;ffnen,&laquo; fuhr Hopfgarten
+langsam fort, &raquo;scheint aber doch nicht, nach den beiden vorher
+erfolgten F&auml;llen, das n&ouml;thige Vertrauen gefunden zu haben,
+und hat sich, auf dringendes Anrathen des Herrn J. G. Weigel
+entschlossen, mit seiner Schwester&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Den Teufel auch!&laquo; rief Ledermann von seinem Stuhl
+aufspringend, und in j&auml;her Angst den Schlu&szlig; des Satzes errathend.</p>
+
+<p>&raquo;Mit seiner Schwester,&laquo; fuhr Hopfgarten ruhig fort,
+&raquo;nach Amerika auszuwandern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was f&uuml;r ein r&uuml;hrendes Wiederfinden das werden
+w&uuml;rde, Herr Ledermann,&laquo; lachte diesen Frau Eltrich schelmisch
+an.</p>
+
+<p>&raquo;Man soll den Teufel nicht an die Wand malen,&laquo; rief
+aber der Aktuar wirklich best&uuml;rzt &mdash; &raquo;tollere Sachen sind schon
+vorgefallen, und <span class="wide">mir</span> bliebe nachher Nichts &uuml;brig, als mir eine
+Kugel vor den Kopf zu schie&szlig;en. &mdash; Aber &mdash; nicht wahr, lieber
+Herr von Hopfgarten, Sie machen nur Spa&szlig;? das ist Ihr
+Ernst nicht. &mdash; Meine Frau, ich meine die verwittwete Frau
+Aktuar Ledermann, denkt nicht daran nach Amerika zu
+kommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich gebe Ihnen meinen Ehrenwort, da&szlig; die Sache schon
+so gut wie abgemacht war; das Ziel aber, soviel wie ich davon
+erfahren konnte, lag nach den n&ouml;rdlichen Staaten, New-York
+oder Baltimore, wo Sie denn hier allerdings nicht viel
+zu bef&uuml;rchten h&auml;tten; ich habe mich, wie Sie sehen, genau
+nach Allem erkundigt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Henker traue,&laquo; rief Ledermann, unruhig im Zimmer
+auf- und abgehend, &raquo;wenn die Frau erst einmal nicht
+mehr durch das ganze Weltmeer von mir getrennt ist, findet
+sie mich auch wieder heraus, und wenn sie nur erst einmal eine
+Ahnung davon bek&ouml;mmt, da&szlig; ich noch lebe, bin ich verloren.&laquo;</p>
+
+<p>Eltrich und Hopfgarten lachten &uuml;ber die Angst des armen
+Teufels, der eine, vielleicht noch jahrelang entfernte Gefahr
+schon jetzt heraufbeschwor, sich selber zu qu&auml;len; Ledermann
+konnte aber den Gedanken nicht los werden, und Hopfgarten
+ihn endlich nur dadurch beruhigen, da&szlig; er ihm versicherte, der
+Schiffsakkord f&uuml;r seine Frau w&auml;re erst f&uuml;r das n&auml;chste Jahr abgeschlossen,
+bis wohin noch mancher Tropfen Wasser den Berg
+hinunter flie&szlig;e. &Uuml;brigens schien kein Mensch in ganz Heilingen,
+seiner Betheuerung nach, eine Ahnung zu haben, da&szlig; der
+Aktuar <span class="wide">nicht</span> ertrunken, sondern nach Amerika gefl&uuml;chtet sei.
+Der K&ouml;rper war allerdings, trotz hartn&auml;ckigem Suchen, <span class="wide">nicht</span>
+gefunden worden, aber das <span class="wide">Spielen vor</span>her, und die kalte,
+ruhige, sehr gut geheuchelte Verzweiflung <span class="wide">nach</span>her, schienen bei
+den in solcher Art auch eben nicht mistrauischen Heilingern
+keinen Zweifel mehr &uuml;brig gelassen zu haben. <i>Dr.</i> Hayde besonders
+hatte die Gelegenheit gleich wahrgenommen, einen
+langen, allerdings etwas schlecht stylisirten Artikel im Tageblatt
+zu schreiben, worin er nachwie&szlig;, da&szlig; der Selbstmord nur
+eigentlich, trotz einzelner Ausnahme-F&auml;llen, ein durchaus
+<span class="wide">b&uuml;rgerliches</span> Laster sei, (und sp&auml;ter daf&uuml;r von seiner Regierung
+den gelben Sperlings-Orden f&uuml;nfter Klasse erhielt;)
+die Sache war dadurch, wenn auch eben nicht bewiesen, doch
+au&szlig;er allen Zweifel gesetzt. Es dachte sich in der That Niemand
+die M&ouml;glichkeit eines anderen Falles, und Therese
+Ledermann selber, wenn ihr ja einmal ein solcher Gedanke
+dunkel und unbestimmt vor der Seele aufgestiegen sein sollte,
+verwarf ihn eben so rasch wieder. Wo h&auml;tte Ledermann den
+Muth herbekommen, sich ihrem Regiment auf eine solche Weise
+zu entziehn.</p>
+
+<p>Herrn Hopfgarten lag aber auch jetzt daran zu erfahren,
+wie Eltrich, von dem er doch durch Maulbeere geh&ouml;rt, da&szlig; er
+an einem Boote als Handlanger arbeite, sich so rasch und
+gl&auml;nzend heraufgeschwungen habe, und dieser, seine kleine Frau
+dabei rasch zu sich nieder auf seinen Stuhl ziehend, gab ihm
+gern Bescheid.</p>
+
+<p>Vor allen Dingen erz&auml;hlt er ihm seine erste Landung,
+wie sie, durch das viele Neue verwirrt, den Karren aus den
+Augen gelassen h&auml;tten, auf dem, von einen Neger gezogen,
+ihre s&auml;mmtlichen Sachen, selbst sein Instrument, gelegen. Der
+diebische Schwarze war damit durchgegangen, und nie wieder,
+trotz allen Nachforschungen, aufzufinden gewesen. In der
+ungeheueren Stadt, wo noch dazu weder &uuml;ber Kommende noch
+Gehende auch nur die geringste ernstliche Controlle gef&uuml;hrt
+wird, h&auml;tte nur der Zufall sie auf die Spur des Diebes bringen
+k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Dort begann eine schwere Zeit, besonders f&uuml;r seine arme
+Frau, die, von allem entbl&ouml;&szlig;t, mit dem Kinde der dringenden
+Noth entgegen ging. Noth aber lehrt nicht allein beten, sondern
+mehr noch arbeiten, und fest entschlossen, sich durch Nichts
+beugen zu lassen, sondern dem Schicksal fest und trotzig die
+Stirn zu bieten, lief Eltrich, mit <span class="wide">ganz</span> andern Hoffnungen
+nach Amerika gekommen, und als andere Schritte fehl schlugen,
+in der Stadt herum <span class="wide">Arbeit</span> zu suchen; Arbeit wie sie
+vorkam, hart oder leicht, nur Brod zu verdienen, f&uuml;r sich und
+die Seinen. Nach einiger Anstrengung gelang ihm das auch &mdash; er
+wurde zuerst auf einem Flatboot zum Ausladen der
+Fracht engagirt, mit einem Dollar den Tag; wie das beendet
+war, fand sich Arbeit auf einem anderen, und ihre Existenz
+war wenigstens gesichert.</p>
+
+<p>Aber er brauchte mehr als das &mdash; er mu&szlig;te Geld verdienen,
+wieder eine Violine, und zwar ein t&uuml;chtiges Instrument
+zu kaufen; er mu&szlig;te Geld verdienen, sich wieder anst&auml;ndige
+Tuch-Kleider anzuschaffen, in denen er Besuche machen konnte,
+und seine Finger, die ihm sp&auml;ter in seiner Kunst sein Brod
+verdienen sollten, ruinirte er indessen mit F&auml;sser rollen und dem
+scharfen Tau der Winde. Unerm&uuml;dlich aber, unverdrossen,
+schaffte und arbeitete er dabei im gie&szlig;enden Regen, wie in der
+brennenden Sonne, und sparte jeden Cent, den sie nicht
+nothwendig zum Leben brauchten, w&auml;hrend sich die Frau ebenfalls
+M&uuml;he gab Geld zu verdienen, und es endlich m&ouml;glich machte,
+erst von der Frau des Hausbesitzers, und dann durch diese empfohlen,
+auch von einigen Nachbarn feine W&auml;sche zum Waschen
+und Pl&auml;tten zu bekommen.</p>
+
+<p>&raquo;Es war dabei eine recht traurige und entmuthigende
+Zeit f&uuml;r mich,&laquo; erz&auml;hlte Eltrich, &raquo;denn w&auml;hrend ich meinem
+n&auml;chsten Ziel, mir wieder ein Instrument und uns beiden anst&auml;ndige
+Kleider zu kaufen, wohl entgegenr&uuml;ckte, sah ich doch
+um mich her eine Menge Leute meiner Kunst, die mit ziemlichem
+Talent und guten Empfehlungsbriefen ausger&uuml;stet, ankamen,
+eine Weile sich schwimmend &uuml;ber Wasser hielten, und
+dann spurlos verschwanden. Ich wu&szlig;te dabei nicht, ob sie
+untergegangen, oder nur von der Str&ouml;mung mit fortgerissen
+waren, und mu&szlig;te mir zu meiner Besch&auml;mung gestehn, da&szlig;
+ich wahrscheinlich jetzt mit meiner H&auml;nde Arbeit, als gew&ouml;hnlicher
+Tagel&ouml;hner, <span class="wide">mehr</span> verdiente, wie es mir m&ouml;glich sein
+w&uuml;rde mit meiner Kunst zu erschwingen; nichts destoweniger
+lie&szlig; ich den Muth nicht sinken. Dabei hatten wir Gl&uuml;ck; meine
+Frau gab unserer Wirthin, die sich &uuml;berhaupt sehr freundlich
+gegen uns bewie&szlig;, Clavierunterricht, da sie dorthin unseren
+Knaben mitnehmen konnte. Unser Schicksal war dabei durch
+unsere Wirthsleute bekannt geworden, und ich wurde von
+dem Eigenth&uuml;mer unserer Wohnung eines Abends, wo ich
+gerade von der Arbeit zu Hause kam, aufgefordert, in einer
+Gesellschaft, die er gab, zu spielen. Ein Instrument sollte ich
+dort vorfinden, und leichte, anst&auml;ndige Sommerkleider besa&szlig;
+ich schon, Dank unseren Ersparnissen; aber meine Finger waren
+steif geworden, und nicht ein einziges Mal hatte ich die ganze
+Zeit ge&uuml;bt. Die Sache ging mir, wie Sie wohl denken k&ouml;nnen,
+im Kopf herum &mdash; trotzdem nahm ich, mit einer mir selbst
+jetzt noch unerkl&auml;rlichen Keckheit, die Einladung an, und die
+Sehnsucht, wieder einmal einen Bogen in der Hand zu f&uuml;hlen,
+mochte wohl gr&ouml;&szlig;tentheils die Schuld dabei tragen. Dann
+aber war ich es auch meiner armen kleinen Frau schuldig,
+Alles zu thun, was in meinen Kr&auml;ften stand, unsere Lage zu
+verbessern, und dadurch geschah vielleicht der erste Schritt.</p>
+
+<p>&raquo;Die Gesellschaft versammelte sich ziemlich zahlreich, und
+ich spielte, zu Adelens Entsetzen, aber aus sehr nat&uuml;rlichen
+Gr&uuml;nden, spottschlecht. Nichts destoweniger waren die Leute
+freundlich genug gegen mich &mdash; sie wu&szlig;ten ja, da&szlig; ich den
+Tag &uuml;ber Porkf&auml;sser gerollt und Maiss&auml;cke geschleppt hatte;
+der Wirth aber &uuml;berlie&szlig; mir von da an die Violine zum &Uuml;ben,
+bis ich mir selber eine kaufen konnte, und &mdash; veranstaltete
+heimlich, aber in meinem Namen, ein Concert. Ich spielte,
+und es ging nicht allein vortrefflich, sondern ich kam dadurch
+auch pl&ouml;tzlich und eigentlich ganz unerwartet in den Besitz
+eines Capitals von hundert und einigen achtzig Dollarn,
+mit denen ich allerdings jetzt ein neues Leben beginnen konnte.
+Am n&auml;chsten Tage mu&szlig;te ich freilich noch einmal F&auml;sser rollen
+&mdash; ich hatte dem Mann versprochen gehabt zu kommen und
+hielt auch Wort; aber es war das letzte Mal, und ich begann
+eine neue Existenz. Allerdings stand ich nicht mehr allein und
+freundlos da, denn die Amerikaner und Franzosen, mit denen wir
+bekannt geworden, und die doch wohl fanden, da&szlig; wir Beide
+nicht in die Masse der gew&ouml;hnlichen Einwanderer geh&ouml;rten,
+nahmen sich unserer auf das Herzlichste an. Ich sowohl, wie
+meine Frau, bekamen eine Menge Stunden zu geben, und Madame
+Fleurette, unsere freundliche Wirthin, lie&szlig; es sich nicht
+nehmen, den Knaben indessen bei sich zu behalten. Wieder
+gab ich jetzt mit meiner Frau zusammen zwei Concerte, und
+w&auml;hrend andere, weit gr&ouml;&szlig;ere K&uuml;nstler als ich, kaum die Kosten
+solcher Abende herausgeschlagen, traf ich Zeit und Umst&auml;nde
+so gl&uuml;cklich, da&szlig; ich das erste Mal einen &Uuml;berschu&szlig;
+von zwei-, das zweite Mal von dreihundert Dollar hatte.
+Ich bekam einen Ruf in New-Orleans, und um kurz zu sein,
+zuletzt die Stelle am hiesigen Franz&ouml;sischen Theater, mit einem
+recht anst&auml;ndigen Gehalt, habe dabei Stunden zu geben, so
+viel ich geben kann, und befinde mich jetzt mit meiner kleinen
+Familie wohl und zufrieden.&laquo;</p>
+
+<p>Hopfgarten sprach seine innige Freude &uuml;ber das gl&uuml;ckliche
+Gedeihen in Eltrichs Verh&auml;ltnissen aus, und erz&auml;hlte jetzt auch
+wie er die beiden fr&uuml;heren Freunde, Steinert und Mehlmeier,
+gefunden habe.</p>
+
+<p>&raquo;Herr Steinert ist ein Lump,&laquo; sagte da Eltrich, &raquo;und
+Mehlmeier, trotz einigen Eigenheiten, die er an sich haben
+mag, ein Ehrenmann. Wie Mehlmeier im Ungl&uuml;ck war, und
+Steinert noch Leute fand, die ihm borgten, hat er den armen
+Teufel nicht einmal mehr angesehn, und sich seiner Bekanntschaft
+gesch&auml;mt; ihn jetzt aber, wo sich Mehlmeier herausgearbeitet
+hat, schon drei oder vier Mal angeborgt. Mehlmeier
+in seiner Gutm&uuml;thigkeit l&auml;&szlig;t sich auch beschwatzen, er wird
+aber doch endlich einmal klug werden, und aufh&ouml;ren sein Geld
+in diesen Schmutzbrunnen zu werfen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie der Trunk hier in Amerika die Leute ruiniren kann,&laquo;
+sagte Ledermann, &raquo;davon habe ich in der kurzen Zeit meines
+Aufenthalts hier, schon mehre recht traurige Beispiele gesehn.
+So traf ich heute Morgen erst wieder einen alten Bekannten,
+und fr&uuml;her sehr wohlhabenden Mann aus oder bei Heilingen,
+den Wirth des rothen Drachens dort, den ich in brillanten
+Verh&auml;ltnissen in Deutschland zur&uuml;cklie&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Lobsich? &mdash; hier in New-Orleans? &mdash; was ist mit
+dem?&laquo; rief Hopfgarten.</p>
+
+<p>&raquo;Kennen Sie ihn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von Milwaukie her &mdash; das ist ja derselbe Wirth, in
+dessen Hause ich verhaftet wurde; aber was treibt er jetzt? hat
+er sein Gasthaus aufgegeben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Seine Frau, die das Ganze zusammengehalten zu haben
+scheint, ist ihm gestorben,&laquo; sagte Ledermann, &raquo;und der Mann
+hat dann wahrscheinlich durch den Trunk &mdash; denn er taumelte
+selbst hier, als ich ihn sah &mdash; sein Gesch&auml;ft nach und nach
+ruinirt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hat er Sie gesehn?&laquo; frug Hopfgarten l&auml;chelnd.</p>
+
+<p>&raquo;Brille und Bart haben mich sehr ver&auml;ndert,&laquo; erwiederte
+Ledermann etwas verlegen; &raquo;ich kann darin ziemlich sicher sein;
+dennoch f&uuml;hle ich mich nicht wohl hier, und werde mich wahrscheinlich
+in n&auml;chster Zeit weiter in das Innere zur&uuml;ckziehn;
+es kommen doch fast zu viel Bekannte hierher.&laquo;</p>
+
+<p>Ledermann mu&szlig;te jetzt Herrn von Hopfgarten erz&auml;hlen,
+was er von den hiesigen Verh&auml;ltnissen seiner Bekannten
+wu&szlig;te, und besonders interessirte ihn dabei Hedwig Lo&szlig;enwerders
+gl&uuml;ckliche Verbindung, die sie in eine angenehme und unabh&auml;ngige
+Stellung gebracht hatte. Er trug auch Briefe
+f&uuml;r Hedwig von Clara, wie die Hinterlassenschaft ihres Bruders
+bei sich; ebenso die in den gelesensten deutschen Bl&auml;ttern
+ver&ouml;ffentlichte Erkl&auml;rung der Gerichte selber, nach denen der
+damals angeschuldigte, und durch ungl&uuml;ckliche Umst&auml;nde zum
+Selbstmord getriebene Franz Lo&szlig;enwerder von jeder Schuld an
+dem ihm zur Last gelegten Diebstahl freigesprochen, und sein
+Name von jedem auf ihm haftenden Makel gereinigt wurde.
+Herr Dollinger selber hatte dann noch eine eigene Erkl&auml;rung
+erlassen, und &uuml;berhaupt Alles gethan, was in seinen Kr&auml;ften
+stand, wenigstens das Andenken des armen ungl&uuml;cklichen Menschen
+von jedem b&ouml;sen Leumund zu befreien, und seinen ehrlichen
+Namen wieder herzustellen. Ein einfacher Stein auf seinem
+Grabe erz&auml;hlte ebenfalls in kurzen schlichten Worten seine
+Leidensgeschichte, und was er unschuldig getragen &mdash; guter
+Gott, er war todt, und gedruckte, und in Stein gegrabene
+Worte konnten das Unrecht nicht ungeschehen machen, das
+ein armes, treues Menschenherz in Gram und Schmerz gebrochen.</p>
+
+<p>Wie froh, aber auch wie schmerzlich mu&szlig;te die arme
+Hedwig eine solche Nachricht bewegen, und Adele bat deshalb
+ihren Mann die junge Frau, die sie schon auf dem Schiffe lieb
+gewonnen, und mit der sie auch in New-Orleans &ouml;fter
+zusammengekommen, heute Abend <span class="wide">mit</span> dem jungen Hamann
+hierherzuholen, und ihr die Briefe hier zu &uuml;bergeben. Eltrich
+verstand sich gern dazu, und er und Hopfgarten beschlossen
+augenblicklich hin&uuml;ber nach Fayetteville zu fahren und die
+jungen Leute gleich mitzubringen. Ledermann hatte noch einige
+Gesch&auml;fte zu besorgen, versprach aber auch gegen Abend zur&uuml;ckzukommen
+und diesen in ihrer Gesellschaft zu verbringen.</p>
+
+<p>Als Hopfgarten mit Eltrich wieder durch das Haus ging,
+&ouml;ffnete ihnen das junge Quadroon-M&auml;dchen die Th&uuml;r.</p>
+
+<p>&raquo;Wetter noch einmal, was ist das f&uuml;r ein liebes freundliches
+Gesicht,&laquo; sagte Hopfgarten, als sie drau&szlig;en auf der
+Stra&szlig;e waren, und dem n&auml;chsten Omnibus zugingen, &raquo;doch
+mit Negerblut in den Adern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist das erste gute Werk, das ich in Amerika habe
+thun k&ouml;nnen,&laquo; l&auml;chelte Eltrich, &raquo;eine durch mich befreite
+Sclavin.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was?&laquo; rief Hopfgarten, sich rasch und erstaunt nach
+ihm umdrehend, &raquo;das hab' ich ja gar nicht gewu&szlig;t, da&szlig; Sie
+schon Zeit zu Entf&uuml;hrungen gehabt &mdash; davon haben Sie mir
+ja kein Wort erz&auml;hlt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Sache hat auch keineswegs einen solchen poetischen
+Hintergrund &mdash; ich habe sie, mit H&uuml;lfe meines fr&uuml;heren Wirthes,
+der mir die H&auml;lfte der Summe vorgestreckt, <span class="wide">gekauft,</span>
+und diese zweite H&auml;lfte arbeitet sie nun selber ab, so da&szlig; sie,
+mit den Geschenken, die sie bekommt, denn alle meine Freunde
+nehmen Theil an ihr, schon wahrscheinlich in zwei Jahren,
+vielleicht noch fr&uuml;her, vollkommen frei und ihre eigene Herrin
+sein wird. Ich erz&auml;hle Ihnen die Geschichte ein ander Mal,
+denn hier ist unser Omnibus, der uns hin&uuml;ber nach Fayetteville
+nehmen soll.&laquo;</p>
+
+<p>Sie stiegen in den schon ziemlich gef&uuml;llten, auf R&auml;dern
+gestellten unf&ouml;rmlichen Kasten, der dazu diente, Passagiere von
+einem Ende der Stadt zum andern zu bef&ouml;rdern, und mu&szlig;ten
+eng zusammenr&uuml;cken, da der Bursche hinten am Schlag hinein
+bef&ouml;rderte, was eben Passage bezahlte, gleichviel wie viel Platz
+der inwendige Raum bot.</p>
+
+<p>Dicht vor ihnen, auf der gegen&uuml;ber befindlichen Bank,
+da&szlig; ihre Kniee ineinanderpre&szlig;ten, sa&szlig; ein sehr anst&auml;ndig
+gekleideter Mann, der Hopfgarten ungemein bekannt vorkam.
+Auch dieser fixirte ihn und Eltrich in der schon einbrechenden
+D&auml;mmerung ein paar Augenblicke, und dann dem letztern die
+Hand entgegenstreckend sagte er freundlich:</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube, da&szlig; wir zum zweiten Male Reisegef&auml;hrten
+sind &mdash; Herr Eltrich &mdash; Herr von Hopfgarten &mdash; nicht wahr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Leupold, wahrhaftig!&laquo; rief Eltrich, rasch und freundlich
+die dargebotene Hand nehmend und sch&uuml;ttelnd, &raquo;wir haben
+uns nicht gesehn seit wir das Schiff verlassen; wie geht es
+Ihnen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;K&ouml;rperlich <span class="wide">recht</span> gut,&laquo; sagte Leupold, doch ein recht
+wehm&uuml;thiger Zug um den Mund strafte ihn L&uuml;gen dabei, oder
+verbarg mehr als er sagen wollte.</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind hier in New-Orleans etablirt?&laquo; frug ihn Hopfgarten.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Herr Baron, und ich mu&szlig; gestehen, ich habe viel
+Gl&uuml;ck gehabt &mdash; wie man hier so im gemeinen Leben sagt &mdash; in
+meiner Familie aber destomehr Leid.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist Ihre Mutter krank geworden?&laquo; frug Eltrich.</p>
+
+<p>&raquo;Sie starb vorigen Herbst am gelben Fieber;&laquo; erwiederte
+Leupold, &raquo;auch ein Knabe, der vor zwei Jahren beide Eltern
+an der Seuche verloren, und den ich an Kindesstatt zu mir
+genommen hatte, nur irgend Jemand zu haben, den ich lieben
+konnte, der mich liebte. Sie sind Alle todt, und ich arbeite jetzt
+eigentlich f&uuml;r weiter Nichts, als eben zu essen und zu trinken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Doch sonst geht es Ihnen gut?&laquo; frug Hopfgarten.</p>
+
+<p>&raquo;Was pecuni&auml;re Verh&auml;ltnisse betrifft, allerdings. Wie
+das gelbe Fieber die&szlig;mal nahte, floh Alles, was nur fortkommen
+konnte. Ich selber hatte eine stille Hoffnung, da&szlig; mich
+Gott ebenfalls abrufen w&uuml;rde; ohne Zweck und Ziel sich so
+allein in der Welt herumzutreiben wird Einem doch zuletzt
+verleidet; ich wurde aber nicht einmal krank. Ich war bei,
+Gott wei&szlig; wie vielen Leichen, fertigte S&auml;rge so viel ich
+mit vier bei mir ausharrenden Gesellen fertigen konnte, und
+verdiente ungez&auml;hltes Geld in der Zeit &mdash; ich ginge auch gern
+zur&uuml;ck nach Deutschland, aber &mdash; ich habe den Muth nicht
+dazu &mdash; ich werde die n&auml;chste gelbe Fieberzeit noch abwarten,
+und sehen was da wird.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie f&uuml;hlen sich nicht wohl in Amerika?&laquo; sagte Hopfgarten
+mitleidig.</p>
+
+<p>&raquo;Wie soll man sich da wohl f&uuml;hlen, wenn man Alles
+verloren hat, was Einem noch lieb und theuer auf dieser
+Welt war, und f&uuml;r das nur einzig und allein man arbeitete.
+Das Amerika ist ein recht guter Platz Geld zu verdienen, wenn
+man flei&szlig;ig ist, aber das ist auch Alles; ja wenn es mir in
+Deutschland schlecht gegangen w&auml;re. &mdash; Aber ich will Ihnen
+nicht die Ohren voll lamentiren &mdash; &uuml;berhaupt ist hier die
+Stra&szlig;e, wo ich aussteigen mu&szlig;. Es hat mich <span class="wide">herzlich</span> gefreut
+Sie wieder einmal begr&uuml;&szlig;en zu k&ouml;nnen!&laquo;</p>
+
+<p>Er reichte ihnen die Hand, sch&uuml;ttelte sie freundlich, und
+dr&auml;ngte sich dann durch die ihm m&uuml;rrisch Raum gebenden
+Passagiere der Th&uuml;re zu, den Omnibus zu verlassen.</p>
+
+<p>&raquo;Dem armen Mann ist Amerika theuer zu stehn gekommen,&laquo;
+sagte Eltrich traurig, &raquo;lieber Gott, wenn ich mich in seine
+Lage setze, kann ich mir recht gut denken, wie furchtbar es ihm
+sein mu&szlig;, jetzt so allein und verlassen dazustehen. Was hilft
+ihm das Geld, das er verdient, wenn er Niemanden hat, der
+es mit ihm theilt, f&uuml;r den er spart.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist seine eigene Schuld,&laquo; sagte aber Hopfgarten
+achselzuckend, &raquo;er hat uns selbst erz&auml;hlt, da&szlig; es ihm in Deutschland
+nicht schlecht gegangen w&auml;re; weshalb wandert er da
+aus? &mdash; Das kommt von dem th&ouml;richten Misvergn&uuml;gtsein
+ohne Grund.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Lieber Gott, es l&auml;&szlig;t sich da doch Manches zur Entschuldigung
+sagen,&laquo; seufzte Eltrich, &raquo;wir k&ouml;nnten es auch den
+Trieb sich zu verbessern nennen, den doch jeder Mensch in der
+Brust mit herum tr&auml;gt &mdash; warum ihm den schlimmsten Namen
+geben? Th&auml;ten die daheim, deren <span class="wide">Pflicht</span> es w&auml;re, f&uuml;r das
+wahre Gl&uuml;ck der V&ouml;lker zu sorgen, etwas mehr ihren Unterthanen
+das Leben daheim ertr&auml;glich zu machen, bed&auml;chten sie,
+da&szlig; das &raquo;Von Gottes Gnaden&laquo; nicht nur auf <span class="wide">ein</span> Haupt
+niedergeht und da ruhen bleibt, als auf etwas ganz Besonderem &mdash; wie
+oft nur auf etwas sehr Gew&ouml;hnlichem &mdash; sondern
+niederf&auml;llt, wie Thau und Regen auch auf die kleinste unscheinbarste
+Wiesenblume. St&auml;ke mit einem Wort einer Masse
+Menschen da dr&uuml;ben nicht der verdammte D&uuml;nkel zu fest in der
+Stirne aus einem ganz besonders feinen Porcellainteig geknetet
+und gebrannt zu sein, Tausende w&uuml;rden nicht daran denken,
+die Heimath zu verlassen, sondern in einer m&ouml;glich b&uuml;rgerlichen
+Existenz gern und freudig ausharren. Die Noth treibt vielleicht
+nur zwei Dritttheile aller Auswanderer &uuml;ber das gro&szlig;e
+Wasser, der Ekel das andere &mdash; und <span class="wide">das</span> gerade thut Deutschland
+weh &mdash; unendlich weh, denn <span class="wide">was</span> f&uuml;r wackere Kr&auml;fte
+sind ihm dadurch verloren gegangen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, die Geheimenr&auml;the wandern nicht aus,&laquo; lachte Hopfgarten.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, leider Gottes,&laquo; seufzte Eltrich, &raquo;<span class="wide">die</span> liegen an
+zweifarbigen B&auml;ndchen fest vor Anker. Der Deutsche theilt
+sich in seiner Unschuld in N&auml;hr-, Wehr- und Lehrstand &mdash; da&szlig;
+er den <span class="wide">Zehr</span>stand gar nicht dabei ber&uuml;cksichtigt. Wie war
+Ihnen zu Muthe, als Sie jetzt wieder nach Deutschland zur&uuml;ckkamen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wunderbar,&laquo; lachte der Gefragte, &raquo;unendlich wunderbar &mdash; ich
+gebe Ihnen mein Wort, es kam mir in einem fort
+so vor, als ob die Leute nur Com&ouml;die spielten &mdash; und sie
+thun's auch. Wenn man hier aus dem frischen, freien Leben,
+das allerdings viele, unendlich viele M&auml;ngel und Schw&auml;chen
+hat, aber dem Menschen doch seine freie, ihm von Gott zugesprochene
+Entwickelung garantirt, wieder hin&uuml;ber in das abgetheilte,
+angeblich <span class="wide">geordnete</span> Leben kommt, wo die Menschen
+wie in Gefachen, mit kleinen darauf geklebten Zettelchen eingeschachtelt
+liegen, sieht wie die untersten, bequemsten Gefache
+fortw&auml;hrend herausgezogen und gebraucht werden, w&auml;hrend
+auf den oberen der dicke ehrw&uuml;rdige Aktenstaub liegt, und dann
+zur&uuml;ckdenkt, wie das Alles gar nicht n&ouml;thig ist, und wie es
+noch eine andere Welt giebt, in der Gottes Creaturen frei und
+fr&ouml;hlich aufathmen d&uuml;rfen; wenn man sieht, wie das dort
+kriecht und scharwenzelt, und auf Kindereien sein h&ouml;chstes Ziel
+setzt, wenn man einen Blick wieder auf jenen Beamten-Wust
+wirft, der einem in das Kleinste zergliederten, auf das peinlich
+kunstvollste hergestellten und berechneten R&auml;derwerk gleicht &mdash; einfach
+einen Stein zu drehn und Brod zu mahlen, dann wundert
+man sich wirklich, da&szlig; die eigentlichen Menschen nicht
+<span class="wide">Alle</span> auswandern und das ganze kunstvolle Beamtensystem,
+wie ein von Insekten skelettirtes Blatt als Satz zur&uuml;ckbleibt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und doch wollen Sie wieder nach Deutschland?&laquo; frug
+Eltrich.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist ja das Vaterland,&laquo; sagte Hopfgarten herzlich,
+&raquo;der Himmel ist doch nirgends so blau, die Erde nirgends so
+gr&uuml;n wie daheim. Sie m&ouml;gen mich auslachen, lieber Eltrich,
+aber wie ich im vorigen Herbst zur&uuml;ckfuhr, und in der Nordsee
+die nackten Sandd&uuml;nen, den Thurm von Wanger-Ooge wieder
+sah, hab' ich geweint wie ein Kind &mdash; es giebt doch nur ein
+Deutschland.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, leicht k&ouml;nnen sie's nicht todtmachen,&laquo; rief Eltrich,
+&raquo;aber ich kehre doch nicht dahin zur&uuml;ck.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Verschw&ouml;ren Sie's nicht,&laquo; rief Hopfgarten; &raquo;es kommt
+doch eine Zeit, wo es uns wieder hin&uuml;berzieht &mdash; das Grab
+unserer V&auml;ter ist ein heiliger Platz, wo wir mit beiden H&auml;nden
+anfassen m&uuml;ssen, wenn wir unser Herz davon losrei&szlig;en
+wollen. Mit dem Leben dort, was man die eigentliche Welt
+da nennt, mag ich auch Nichts mehr zu thun haben, daf&uuml;r
+bin ich schon zu viel Amerikaner geworden; aber ich ziehe mich
+auf das Land zur&uuml;ck und lebe mir und den Meinen. Denken
+Sie nie an unsern Fr&uuml;hling, wenn die Lerche an zu wirbeln
+f&auml;ngt, wenn die Birken keimen &mdash; werden Sie das je vergessen k&ouml;nnen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will's versuchen,&laquo; sagte Eltrich seufzend, &raquo;aber hier
+ist unser Halteplatz &mdash; dort in der Stra&szlig;e liegt f&uuml;r jetzt unser
+&raquo;Deutsches Vaterland&laquo;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein trauriger Ersatz,&laquo; l&auml;chelte Hopfgarten, als der Wagen
+hielt, und sie, an ihrem Ziele angekommen, aussteigen
+mu&szlig;ten.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h2><a name="kap7" id="kap7"></a>Capitel 7.</h2>
+<h3>Meier, Pelz &amp; Co.</h3>
+
+<p>Es war indessen, bis sie die Stra&szlig;e erreichten, in welcher
+das &raquo;Deutsche Vaterland&laquo; lag, schon vollst&auml;ndig dunkel geworden,
+denn der kurzen D&auml;mmerung in Amerika folgt rasch
+und fast pl&ouml;tzlich die Nacht. Dicht vor der Th&uuml;r des Gasthauses
+standen drei Leute in leisem, fl&uuml;sternden Gespr&auml;ch, und
+als sich Eltrich im Vor&uuml;bergehn nach ihnen umsah, glaubte er
+bei zweien, auf die gerade das Licht der Gaslaterne fiel, bekannte
+Gesichter zu erkennen, wenn er sich auch nicht gleich
+auf das Wo und Wann einer Begegnung erinnern konnte.
+Die M&auml;nner wandten sich aber rasch von ihnen ab, und gingen
+langsam in dasselbe Haus, doch nicht in das Schenkzimmer,
+sondern in die kleine Hausth&uuml;r, die mit der Treppe nach oben
+in Verbindung stand.</p>
+
+<p>Nat&uuml;rlich achteten sie nicht weiter darauf, und &ouml;ffneten
+gleich nachher die Glasth&uuml;r des unteren Schenkraumes, wo
+sie den jungen Hamann allein, und mit verschr&auml;nkten Armen
+und finster zusammengezogenen Brauen auf und abgehend,
+fanden. Freundlich begr&uuml;&szlig;te er Eltrich, mit dessen kleiner
+Familie er, wie seine Frau, schon manchmal zusammengekommen
+waren, und h&ouml;rte mit gro&szlig;er Theilnahme, wie jener
+sch&auml;ndliche Verdacht endlich auch &ouml;ffentlich von dem ungl&uuml;cklichen
+Bruder seiner Frau gew&auml;lzt sei, und diese sich doch nun
+wieder froh und gl&uuml;cklich f&uuml;hlen w&uuml;rde, mit solcher Sorge vom
+Herzen.</p>
+
+<p>Die freundliche Einladung Eltrichs, den heutigen Abend
+mit Hedwig bei ihnen zuzubringen, mu&szlig;te er aber, wenigstens
+f&uuml;r sich selber, ablehnen, wenn auch die Frau kein Hinderni&szlig;
+hatte, und unter Eltrichs Schutz die Herren gern begleiten
+w&uuml;rde.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe heute einen schlimmen &Auml;rger und b&ouml;sen Auftritt
+im Haus gehabt,&laquo; setzte er, sich entschuldigend, hinzu,
+&raquo;und meinen Barkeeper, einen nichtsnutzigen, frechen Gesellen,
+den ich, wie ich fast f&uuml;rchte, auf verbotenen Wegen ertappte,
+zum Teufel jagen m&uuml;ssen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihren Jimmy?&laquo; rief Eltrich &mdash; &raquo;Gott sei Dank, da&szlig;
+der Bursche fort ist; wenn irgend Jemand auf der Welt,
+so hatte der eine b&ouml;se, galgenw&uuml;rdige Physiognomie, und ich
+bin fest &uuml;berzeugt, er strafte die auch nicht L&uuml;gen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was ich heute von ihm gesehn habe,&laquo; meinte Hamann,
+&raquo;widerspr&auml;che dem wenigstens nicht, denn ich fand ihn &uuml;ber
+Tisch in dem Zimmer einiger meiner &raquo;Boarder,&laquo; die, wie vermuthet
+wird, viel Geld bei sich haben, bei einer sehr verd&auml;chtigen
+Untersuchung des einen Koffers, f&uuml;r dessen sehr h&uuml;bsche
+Arbeit er sich angeblich interessirte. Ich bin &uuml;brigens froh,
+den Burschen, den ich sonst noch h&auml;tte einen vollen Monat behalten
+und f&uuml;ttern m&uuml;ssen, auf solche Art so rasch losgeworden
+zu sein, nur mu&szlig; ich jetzt, bis ich mich morgen nach einer
+passenden Pers&ouml;nlichkeit daf&uuml;r umsehen kann, selber die Stelle
+verwalten. Sie thun mir &uuml;brigens einen Gefallen,&laquo; setzte er
+dann hinzu, &raquo;wenn Sie selber zu meiner Frau hinauf gingen
+und es ihr sagten; Sie werden sie jetzt warscheinlich in meines
+Vaters Zimmer finden. Sie, Herr Eltrich, kennen ja den Weg.
+Meine G&auml;ste sind drin beim Abendbrod, und ich mu&szlig; indessen
+hier in der Bar bleiben; hab' ich aber heut Abend zugeschlossen,
+was heute fr&uuml;her als gew&ouml;hnlich geschehen wird, komme ich
+noch selber zu Ihnen hinaus und hole Hedwig in meinem
+kleinen Wagen ab.&laquo;</p>
+
+<p>Die Herren waren eben im Begriff, der Bitte Folge zu
+leisten, als die Th&uuml;r aufging und ein junger Mann hereinkam,
+Hopfgarten und Eltrich aber kaum erblickte, als er auch
+schon mit einem lauten, etwas exaltirten Freudenruf auf sie
+zusprang, ihre H&auml;nde ergriff, und wie es schien, sich alle Gewalt
+anthun mu&szlig;te, ihnen nicht auch um den Hals zu fallen.</p>
+
+<p>&raquo;Ach Herr von Hopfgarten &mdash; ach Herr Kapellmeister &mdash; welch
+gl&uuml;ckliches Zusammentreffen &mdash; nein, ich kann Ihnen
+gar nicht sagen, <span class="wide">wie</span> froh ich bin, Sie endlich einmal wieder
+zu sehn. Wie geht es Ihnen? &mdash; was machen, was treiben
+Sie &mdash; Herr Hamann, darauf m&uuml;ssen wir ein's trinken, bitte
+meine Herren, was nehmen Sie &mdash; ich habe ja &uuml;berhaupt hier
+noch eine kleine Kreide stehn &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr Theobald!&laquo; rief Hopfgarten erstaunt aus, den
+Dichter dabei mit einem fl&uuml;chtigen Blick, eben nicht zu dessen
+Gunsten, von oben bis unten messend &mdash; &raquo;wie kommen Sie
+wieder nach New-Orleans?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich? &mdash; lieber Gott, wo kommt man nicht in diesem
+verw&uuml;nschten Lande hin!&laquo; rief Theobald mit einer gewissen
+Wehmuth aus&nbsp;&mdash;</p>
+
+<div class="center">
+<table class="sm" style="margin: 0 auto" cellpadding="1" summary="">
+<tr><td align="left">&raquo;Treibt auf wildbewegtem Meere</td></tr>
+<tr><td align="left">&nbsp;&nbsp;Auch mein schwank-gebrecher Nachen,</td></tr>
+<tr><td align="left">&nbsp;&nbsp;Dr&auml;ut mir auch der Wogen Schwere,</td></tr>
+<tr><td align="left">&nbsp;&nbsp;Soll's mich doch nicht muthlos machen &mdash;</td></tr>
+</table>
+</div>
+
+<p class="noindent">&raquo;wo kommt man hier <span class="wide">nicht</span> hin? &mdash; sag' ich noch einmal &mdash; Sie
+kennen ja die alte Geschichte, bester Baron, &raquo;willst Du in
+meinem Himmel mit mir leben &mdash; <i>&agrave; la bonheur</i>, aber auf
+Erden sind alle K&auml;mmerchen vermiethet&laquo; &mdash; Nichts wie Prosa,
+Nichts wie gemeine, hausbackene Wirklichkeit, in der das dumme
+Volk auch nicht einmal eine Ahnung hat, da&szlig; ein h&ouml;her begabter
+Mensch auch noch mit etwas Anderem <span class="wide">arbeiten</span> k&ouml;nnte,
+als mit Spitzhacke und Schaufel. <span class="wide">Arbeiten</span> schreien
+sie &mdash; <span class="wide">arbeiten,</span> immer nur arbeiten, und was der Geist dabei thut,
+rechnen sie nicht, das nennen sie faullenzen. Aber zum Henker
+mit der Bande, wenn's uns hier nicht l&auml;nger gef&auml;llt, Herr von
+Hopfgarten, dann gehn wir nach Amerika! und jetzt wollen
+wir trinken, Herr Hamann hat uns schon die Gl&auml;ser aufgestellt &mdash; bitte,
+was nehmen Sie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke wirklich herzlich,&laquo; sagte Hopfgarten ablehnend &mdash; Theobald
+sah ihm gar nicht danach aus, als ob er so viele
+Sechs-Cent-St&uuml;cke wegzuwerfen h&auml;tte, f&uuml;r Andere zu bezahlen,
+und zugleich lie&szlig; sein ganzes, au&szlig;ergew&ouml;hnlich aufgeregtes
+Wesen auch noch &uuml;berdie&szlig; darauf schlie&szlig;en, da&szlig; er schon selber
+eigentlich mehr wie seine t&auml;gliche Quantit&auml;t getrunken habe &mdash; &raquo;bitte,
+erz&auml;hlen Sie mir lieber, wie es Lobensteins geht, was
+sie thun und treiben und wie der Professor mit seinen Arbeiten
+vorw&auml;rts r&uuml;ckt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bah &mdash; <span class="wide">so</span> viel f&uuml;r den Professor,&laquo; rief Theobald mit
+einer wegwerfenden Bewegung &mdash; &raquo;ein Schwachkopf, der sich
+einbildet, von Landwirthschaft und Poesie gleich viel zu verstehn,
+und wirklich gleich viel davon versteht. Er ist ruinirt,
+und Eduard, der gro&szlig;e Nimrod, hat sich auf der Jagd todtgeschossen&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Heiland der Welt,&laquo; rief Hopfgarten entsetzt aus, &raquo;das
+ist ja furchtbar, und Sie erz&auml;hlen das hier, als ob Sie die
+Leute nicht das Mindeste angingen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Thun Sie auch nicht,&laquo; sagte Theobald ruhig &mdash; &raquo;wenn
+Jemand Verbindlichkeiten gegen den Anderen hat, so ist es der
+Professor gegen <span class="wide">mich;</span> ich habe ihm meine Kr&auml;fte nicht allein,
+ich habe ihm auch meinen Geist geliehen; aber die Rathschl&auml;ge,
+die ich ihm gab, konnten ihn nur noch eine Zeit lang &uuml;ber
+Wasser halten &mdash; sein eignes Gewicht zog ihn in die Tiefe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und was ist aus ihnen geworden?&laquo; frug Hopfgarten.</p>
+
+<p>&raquo;Oh sie sind f&uuml;r jetzt wohl noch, so viel ich wei&szlig;, in Indiana,&laquo;
+sagte Theobald, &raquo;der Professor wird jedoch jedenfalls
+gezwungen sein, seine Farm zu verkaufen, weil er Schulden
+hat, die er nicht tilgen kann. Aber kommen Sie, meine
+Herren, kommen Sie, der Brandy wird kalt.&laquo;</p>
+
+<p>Auch Eltrich suchte sich von der Einladung loszumachen,
+Theobald drang aber auf das Ungest&uuml;mste in sie, und da es in
+Amerika f&uuml;r eine Beleidigung gilt, mit Jemand, von dem man
+eingeladen wird, nicht zu trinken, traten die beiden M&auml;nner,
+um ihn nur loszuwerden, mit ihm an den Schenktisch.</p>
+
+<p>Die Gl&auml;ser waren gef&uuml;llt und Hopfgarten wie Eltrich
+hoben sie mit einem h&ouml;flichen Nicken gegen den jungen Mann,
+der mit einer hochtragischen Bewegung, den Arm ausstreckend,
+rief:</p>
+
+<p>&raquo;Halt! nicht also d&uuml;rfen wir, verehrte G&ouml;nner und
+Freunde, die edle Gottesgabe unseren Kehlen zusenden. Der
+Geist verlangt Geist:</p>
+
+<div class="center">
+<table class="sm" style="margin: 0 auto" cellpadding="1" summary="">
+<tr><td align="left">So flie&szlig;e denn dieser edle Trank,</td></tr>
+<tr><td align="left">Ein perlender Tropfen Himmelsthau,</td></tr>
+<tr><td align="left">Als Weiheopfer, als Gottes Dank,</td></tr>
+<tr><td align="left">Den sch&ouml;nen Augen der sch&ouml;nsten Frau.</td></tr>
+<tr><td align="left">Wie er zittert im Glase, wie funkelndes Blut &mdash;</td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="wide">Sie,</span> deren Bild uns im Herzen ruht</td></tr>
+<tr><td align="center">Lebe hoch!&laquo;</td></tr>
+</table>
+</div>
+
+<p>&raquo;Lebe hoch!&laquo; stimmte Eltrich gutm&uuml;thig mit ein, indem
+sie ihre Gl&auml;ser leerten.</p>
+
+<p>&raquo;Also Sie haben auch ein paar sch&ouml;ne Augen?&laquo; lachte
+der Kapellmeister, &raquo;die Ihnen im Herzen ruhn? sollt' ich sie
+am Ende kennen? &mdash; an Bord ging einmal ein unbestimmtes
+Ger&uuml;cht&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Theobald wandte den Kopf von ihm fort, und streckte den
+Arm abwehrend aus:</p>
+
+<div class="center">
+<table class="sm" style="margin: 0 auto" cellpadding="1" summary="">
+<tr><td align="left">&raquo;Tief begraben hier drinnen da ruhet ihr Bild,</td></tr>
+<tr><td align="left">&nbsp;&nbsp;Da ruht mit dem Bild auch der Namen,</td></tr>
+<tr><td align="left">&nbsp;&nbsp;Ein d&uuml;sterer Schleier decket das zu &mdash;</td></tr>
+<tr><td align="left">&nbsp;&nbsp;<span class="wide">Ich</span> bin zu dem Bild nur der Rahmen &mdash;</td></tr>
+</table>
+</div>
+
+<p class="noindent">aber apropos&laquo;&nbsp;&mdash; wandte er sich dann rascher und lebhafter
+pl&ouml;tzlich an den Kapellmeister &mdash; &raquo;ich habe ein paar pr&auml;chtige
+Lieder f&uuml;r Sie zum Komponiren, lieber Eltrich &mdash; ich wei&szlig;,
+da&szlig; Sie in neuerer Zeit einige Lieder von Heine und Freiligrath
+reizend in Musik gesetzt haben, das sind aber nat&uuml;rlich
+nur immer gerade zuf&auml;llig passende Sachen, die Sie sich in
+Ermangelung eines Besseren heraussuchen mu&szlig;ten. In den
+meinigen werden Sie <span class="wide">Deutschen</span> Geist in Amerikanischer
+H&uuml;lle finden, etwas Passendes, Zeitgem&auml;&szlig;es, mit dem Sie,
+wie ich fest &uuml;berzeugt bin, Ihre H&ouml;rer entz&uuml;cken k&ouml;nnen, und
+ich bin gern erb&ouml;tig, Ihnen nicht allein die Wahl zwischen
+einigen f&uuml;nfzig vortrefflichen Sonetten zu gestatten, sondern
+Ihnen auch das St&uuml;ck der ausgew&auml;hlten mit zwei Dollar zu
+&uuml;berlassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind <span class="wide">sehr</span> g&uuml;tig, lieber Theobald,&laquo; sagte Eltrich,
+verlegen, wie er das Anerbieten abweisen sollte, und doch auch
+wieder zu gutm&uuml;thig, geradezu nein zu sagen. &raquo;Sie werden
+mir erlauben, da&szlig; ich die Sachen einmal gelegentlich durchsehe,
+denn in der n&auml;chsten Zeit bin ich zu sehr mit andern
+Sachen besch&auml;ftigt, an irgend eine Composition denken zu
+k&ouml;nnen&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oh gewi&szlig; &mdash; gewi&szlig;,&laquo; rief Theobald rasch &mdash; &raquo;aber &mdash; mit
+dem Lesen, wissen Sie, ist es eine unangenehme Sache; ich
+wei&szlig; zu gut, wie ungern Leute Manuscript lesen, und wie verschieden
+sich auch etwas im Manuscript und Vortrag ausnimmt.
+Wie w&auml;re es also, wenn Sie mir jetzt ein halbes
+St&uuml;ndchen g&ouml;nnten, und ich Ihnen die Kleinigkeit &mdash;&laquo; er
+holte dabei ein etwa daumenstarkes, sehr eng beschriebenes Manuscript
+aus der Tasche &mdash; einmal hier fl&uuml;chtig vorl&auml;se; es
+w&uuml;rde &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Lieber Eltrich,&laquo; dr&auml;ngte Hopfgarten, &raquo;wir <span class="wide">m&uuml;ssen</span> hinaufgehn,
+es wird die h&ouml;chste Zeit, wenn wir Frau Hamann
+noch heute Abend mit fortnehmen wollen, und Sie wissen, ich
+habe <span class="wide">wichtige</span> Sachen mit ihr zu besprechen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben recht,&laquo; rief Eltrich &mdash; &raquo;wir m&uuml;ssen uns
+wahrhaftig heute entschuldigen, Herr Theobald &mdash; wenn Sie
+mir sp&auml;ter das Manuscript vielleicht einmal anvertrauen wollen,
+so w&uuml;rde ich&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde mir selber das Vergn&uuml;gen machen, es Ihnen
+in Ihrer eigenen Wohnung vorzulesen,&laquo; sagte Theobald rasch
+entschlossen &mdash; &raquo;zu welcher Zeit trifft man Sie am Besten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist jetzt <span class="wide">sehr</span> unbestimmt,&laquo; sagte Eltrich, den ungeduldigen
+Winken Hopfgartens nachgebend und seinen Hut
+nehmend &mdash; &raquo;vielleicht einmal Nachmittags &mdash; also auf Wiedersehn,
+Herr Theobald &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auf Wiedersehn, lieber Kapellmeister &mdash; auf Wiedersehn
+Herr von Hopfgarten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gott sei Dank, da&szlig; wir den schrecklichen Menschen los
+sind,&laquo; sagte Hopfgarten, als sie durch den dunklen Gang, der
+im Hause hin zur nach oben f&uuml;hrenden Treppe gingen, &raquo;der
+w&auml;re im Stande gewesen und h&auml;tte uns die halbe Nacht seine
+faden Mondscheinerg&uuml;&szlig;e vorgelesen. Aber &mdash; alle Wetter,
+Eltrich &mdash; hier ist's dunkel &mdash; kennen Sie den Weg?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja &mdash; ich bin freilich nur erst einmal Abends hier oben
+gewesen, und da d&auml;cht' ich, h&auml;tte eine Laterne auf der Treppe
+gebrannt; aber kommen Sie nur &mdash; hier ist das Gel&auml;nder &mdash; fassen
+Sie mich an &mdash; so &mdash; sehn Sie? &mdash; hier steigen wir hinauf,
+und nun wei&szlig; ich auch Bescheid, denn gleich oben an der
+Treppe, zwei oder drei Schritt an der rechten Seite, ist die
+Vorsaalth&uuml;r, die zu dem alten Hamann f&uuml;hrt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es soll nicht besonders mit ihm gehn,&laquo; meinte Hopfgarten.</p>
+
+<p>&raquo;Ach der ist z&auml;h,&laquo; sagte Eltrich, &raquo;der kann noch lange
+leben; sehn Sie, da sind wir schon &mdash; fallen Sie nicht wieder
+r&uuml;ckw&auml;rts hinunter, es geht ganz h&auml;&szlig;lich steil ab. Da&szlig; die
+Leute hier auch keine Laterne brennen, man k&ouml;nnte ja Hals
+und Beine dabei brechen. Hier hab' ich die Klingel!&laquo; und
+den kurzen Griff fassend, zog er daran, da&szlig; die kleine Glocke
+drinnen hell und klar ert&ouml;nte.</p>
+
+<p>Alles todtenstill &mdash; kein Laut antwortete.</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben es nicht geh&ouml;rt &mdash; ziehn Sie noch einmal,&laquo;
+sagte Hopfgarten.</p>
+
+<p>Eltrich klingelte noch einmal, st&auml;rker als vorher, und
+legte dann das Ohr an die Th&uuml;r, ob er nicht Schritte h&ouml;ren
+k&ouml;nne.</p>
+
+<p>&raquo;H&uuml;lfe!&laquo; t&ouml;nte da ein wilder, markdurchschneidender
+Schrei zu ihm her&uuml;ber &mdash; &raquo;H&uuml;lfe!&laquo; rief es noch einmal, aber
+mit schwacher, ged&auml;mpfter, doch nichtsdestoweniger deutlicher
+Stimme, als ob eine Hand den rufenden Mund zu schlie&szlig;en
+suchte.</p>
+
+<p>&raquo;Was ist das?&laquo; rief Eltrich; Hopfgarten hatte den Schrei
+aber ebenfalls geh&ouml;rt, und ohne sich weiter zu besinnen, ohne
+irgend eine Frage zu thun, oder ein Wort weiter zu verlieren,
+f&uuml;hlte er nach der Th&uuml;r, und f&uuml;hrte im n&auml;chsten Augenblick
+einen so gut gemeinten und kr&auml;ftigen Tritt gerade nach der,
+eben nicht &uuml;berm&auml;&szlig;ig dicken F&uuml;llung, da&szlig; er diese gleich mit
+dem ersten Sto&szlig; nach innen trat. Ein zweiter machte die Bresche
+passirbar, und sich in wilder Hast, von Eltrich dicht gefolgt,
+hindurchdr&auml;ngend, fand er sich wenige Secunden sp&auml;ter in dem
+inneren Raum, den zu durchfliegen und der n&auml;chsten Stubenth&uuml;r,
+aus der ein Lichtstrahl drang, zuzuspringen, das Werk
+weiterer, nur weniger Secunden war.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="min" />
+<p>&nbsp;</p>
+<p>Es d&auml;mmerte, und am Ufer des Flusses gingen, nur die
+Fronte des einen <i>square</i> haltend, zwei M&auml;nner in eifrigem,
+aber mit unterdr&uuml;ckter Stimme gef&uuml;hrten Gespr&auml;ch, mit raschen
+Schritten auf und ab. Allem Anschein nach erwarteten sie
+Jemanden, der sich ihnen auch endlich, nach einigem Her&uuml;ber- und
+Hin&uuml;bersuchen, anschlo&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, Jimmy, wie ist's?&laquo; frug der Eine von ihnen,
+Meier (der Andere war sein Reisegef&auml;hrte Pelz), den eben Gekommenen &mdash; &raquo;wird's
+noch was heute Abend?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt oder nie,&laquo; fl&uuml;sterte Jimmy mit leiser, &auml;ngstlicher
+Stimme, &raquo;denn schon heut' Morgen war die Rede davon, da&szlig;
+sie den Alten am n&auml;chsten Tag hin&uuml;berbetten wollten, wo die
+jungen Leute ihre Zimmer haben, damit er dort mehr Pflege
+h&auml;tte; wenn das geschieht, kann kein Teufel mehr dazu.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und lohnt's wirklich?&laquo; frug Meier, noch immer mistrauisch.</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Lohnt's?</span>&raquo;wiederholte Jimmy &auml;rgerlich &mdash; &raquo;glaubt
+Ihr, da&szlig; <span class="wide">ich</span> meinen Hals an so eine Geschichte setzen w&uuml;rde,
+<span class="wide">wenn's</span> nicht eben was Au&szlig;erordentliches w&auml;re?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na, ob <span class="wide">Dein</span> Hals das gerade ist,&laquo; brummte Meier.</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt ist keine Zeit zu Albernheiten,&laquo; sagte aber Pelz
+m&uuml;rrisch, &raquo;also Ihr glaubt wirklich, da&szlig; wir mit dem einen
+Schlag <span class="wide">genug</span> kriegen k&ouml;nnen, Jimmy.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich <span class="wide">glaube</span> gar Nichts,&laquo; rief dieser rasch und eifrig,
+&raquo;ich <span class="wide">wei&szlig;,</span> da&szlig; der Alte in dem einen kleinen, erb&auml;rmlichen
+Holzschrank, den er nicht gegen einen eisernen vertauscht
+hat, um sich nicht in den Verdacht zu bringen, da&szlig; er wirklich
+etwas Stehlenswerthes in seiner Wohnung habe, f&uuml;r vielleicht
+hunderttausend Dollar Juwelen, Geld, Papier und Aktien liegen
+hat, und mit einem einzigen Faustschlag kann man den
+Deckel sprengen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und der Alte?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist in einer halben Stunde etwa, auf drei&szlig;ig oder f&uuml;nf
+und drei&szlig;ig Minuten allein, denn der junge L&uuml;mmel mu&szlig; heute,
+weil ich nicht da bin, in der Bar bleiben, und die Frau guckt
+nach der Kaffeekanne im E&szlig;zimmer, da&szlig; Niemand eine Tasse
+zu viel trinkt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; nicht &mdash; mir ist nicht recht wohl bei der Geschichte,&laquo;
+meinte Meier &mdash; &raquo;ja wenn ich selber den Grund und
+Boden, und die Winkel und Schliche da kennte, wo man hinausfahren
+mu&szlig;, wenn's Noth thut, dann w&auml;r' mir's gerade
+recht; aber mich so von Jemand Anderem in ein ganz fremdes
+Haus, denn in dem Theil sind wir doch noch nicht gewesen,
+hineinf&uuml;hren zu lassen, das hat mir 'was verdammt Unbehagliches.
+Passirt 'was, so dr&uuml;ckt sich Jimmy sachte ab, und wir
+Andern sitzen drin.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich bitt' Euch um Gottes Willen, was soll passiren?&laquo;
+rief Jimmy &mdash; &raquo;wir brauchen auf der Welt weiter
+Nichts zu thun, als die Treppe im Haus hinaufzugehn;
+in der Tasche hab' ich den Schl&uuml;ssel zur Th&uuml;r &mdash; die schlie&szlig;en
+wir hinter uns zu, wer dann hinein will, mu&szlig; klingeln, und
+die Th&uuml;r vom Alten, der in der Zeit mutterseelensallein ist,
+steht auf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn's aber weiter Nichts w&auml;re,&laquo; brummte Meier, &raquo;da
+h&auml;ttet Du ja auch die ganze Geschichte allein machen, und den
+Profit allein in die Tasche stecken k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das h&auml;tt' ich auch,&laquo; sagte Jimmy, halb verlegen, halb
+m&uuml;rrisch, &raquo;aber &mdash; es ist mir so ein eignes, wunderliches
+Gef&uuml;hl mit dem Alten. Mit <span class="wide">einer</span> Hand k&ouml;nnte man ihn
+zusammendr&uuml;cken, und doch &mdash; doch <span class="wide">f&uuml;rcht</span>' ich mich vor ihm;
+sein Blick sieht Einem bis in die Kniekehlen hinunter, und er
+schl&auml;ft &mdash; Ihr m&ouml;gt mich auslachen, wie Ihr wollt &mdash; mit
+einem Auge offen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vor dem Sohn f&uuml;rchtest Du Dich nicht?&laquo; lachte Meier.</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; ihn der gelbe Jack hole,&laquo; fluchte Jimmy &mdash; &raquo;ich
+vergelte ihm die heutige Behandlung, oder ich will im Leben
+keinen Brandy wieder trinken; er soll's noch bereuen, mich
+auf diese Weise behandelt zu haben. Doch jetzt kommt, denn
+wir haben keine Zeit mehr zu verlieren; mit dem Schlage sieben
+gehen die Leute zu Tisch, und von da bis halb acht sind
+wir sicher; l&auml;nger keine Secunde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wenn Jemand, inde&szlig; wir drinnen sind, an die
+Th&uuml;re drau&szlig;en kommt und hinein will?&laquo; frug Meier.</p>
+
+<p>&raquo;Neben der Stube ist eine Schlafkammer,&laquo; sagte Jimmy,
+&raquo;und aus dieser f&uuml;hrt eine stets offen stehende Th&uuml;r nach dem
+Gang hinaus, der in den andern Theil des Hauses l&auml;uft &mdash; aber
+es <span class="wide">kommt</span> auch Niemand, zum Donnerwetter noch einmal;
+und wenn auch, so w&auml;r's vielleicht der junge T&ouml;lpel selber,
+und dazu seid Ihr zwei baumfeste Kerle, die dem wohl
+einen Schlag &uuml;ber den Sch&auml;del geben k&ouml;nnen, da&szlig; er ein paar
+Secunden ruhig ist. Erst einmal wieder unten auf der Stra&szlig;e,
+und in der Menschenmenge, die dort noch auf- und niederstr&ouml;mt,
+ist eine Verfolgung ganz unm&ouml;glich. Ja, wenn's nach
+zehn Uhr Abends w&auml;re, da k&ouml;nnte uns eine einzige Wachtmann-Rassel
+ein ganzes Viertel Nachtw&auml;chter &uuml;ber den Hals
+ziehn.&laquo;</p>
+
+<p>Meier schien, von Pelz dabei noch heimlich bearbeitet,
+seine letzten Bedenklichkeiten endlich, wenn nicht ganz
+&uuml;berkommen, doch bei Seite gestellt zu haben, und die drei M&auml;nner
+schritten jetzt raschen Ganges, sich unterwegs das Weitere
+&uuml;berlegend, ein St&uuml;ck noch am Wasser, und dann die Stra&szlig;e
+hinauf, die nach dem &raquo;Deutschen Vaterland&laquo; zuf&uuml;hrte.</p>
+
+<p>Gerad um sieben kamen sie dort an; durch die mit Flaschen
+und Karaffen besetzten Fenster des &raquo;Barrooms&laquo; konnten
+sie von au&szlig;en ganz deutlich die kleine Uhr im Innern erkennen,
+die drei Minuten &uuml;ber sieben zeigte. Dennoch z&ouml;gerten
+sie einen Augenblick, ganz sicher zu sein, da&szlig; sie nicht zu fr&uuml;h
+k&auml;men, und blieben indessen vor der Th&uuml;r stehn. Da&szlig; der
+junge Hamann allein in der &raquo;Bar&laquo; war, konnten sie von
+au&szlig;en ebenfalls deutlich erkennen; so weit stand die Sache
+g&uuml;nstig genug f&uuml;r sie, und die G&auml;ste waren jedenfalls schon
+drin bei Tisch.</p>
+
+<p>Zwei M&auml;nner kamen dicht an ihnen vorbei, und gingen
+auf die Th&uuml;r des Schenkzimmers zu; Meier und Pelz drehten
+sich nach ihnen um, wandten sich aber auch fast unwillk&uuml;rlich
+wieder ab, und schritten dem kleinen Thorweg zu, der
+neben dem Schenkzimmer in das Haus f&uuml;hrte.</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;t Du, wer die Beiden waren?&laquo; fl&uuml;sterte Meier
+Pelz zu.</p>
+
+<p>&raquo;Ja!&laquo; nickte dieser leise &mdash; &raquo;ein paar alte Bekannte; das
+schadet Nichts &mdash; im Gegentheil, die halten den jungen
+Laffen da drin um so sicherer an der Flasche fest, und in zehn
+Minuten k&ouml;nnen wir wieder unten sein.&laquo;</p>
+
+<p>Jimmy f&uuml;hrte sie indessen, ohne weiter ein Wort mit
+ihnen zu wechseln, rasch die schmale, h&ouml;lzerne Treppe hinauf,
+an der oben ein Licht brannte; an diesem z&uuml;ndete Pelz, wie
+schon vorher verabredet, seine eigene kleine Blendlaterne an, und
+blie&szlig; es dann aus, und oben wollten sie ihren Weg wieder
+fortsetzen, als sie leichte Schritte auf dem Gange h&ouml;rten und
+einen fremden Lichtschimmer bemerkten, der diesen herunter und
+auf dieselbe Th&uuml;r zukam, in der auch <span class="wide">ihr</span> Ziel lag.</p>
+
+<p>&raquo;H&ouml;ll und Teufel,&laquo; fl&uuml;sterte Jimmy leise und ingrimmig
+vor sich hin &mdash; &raquo;das ist die Madame &mdash; was zum Donnerwetter
+hat denn <span class="wide">die</span> heute Abend bei dem Alten zu suchen? &mdash; Ruhig
+Leute, wir m&uuml;ssen hier einen Augenblick warten; sie wird
+nicht lange bleiben.&laquo;</p>
+
+<p>Es war Hedwig, die mit dem Licht den schmalen Gang
+her&uuml;ber kam, nach dem Kranken zu sehn; sie &ouml;ffnete mit einem
+Schl&uuml;ssel, den sie bei sich trug, die Th&uuml;r, und sah sich dabei
+nach der ausgegangenen Lampe an der Treppe um, unter der
+die drei Schurken kauerten, betrat jedoch, ohne diese zu entz&uuml;nden,
+den Vorsaal, und klinkte die Th&uuml;r nur einfach hinter
+sich in's Schlo&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;So, jetzt sitzen wir hier auf der Treppe,&laquo; brummte Meier
+finster vor sich hin, &raquo;und wenn Jemand heraufk&ouml;mmt, findet
+er das ganze Nest.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das w&auml;r' weiter keine <span class="wide">Gefahr,</span>&laquo; fl&uuml;sterte Jimmy zur&uuml;ck,
+&raquo;wir gingen nur einfach die Treppe hinunter und kein Teufel
+w&uuml;&szlig;te in der Dunkelheit, wer's gewesen ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und das Geld?&laquo; frug Pelz.</p>
+
+<p>&raquo;W&auml;re dann allerdings zum Henker,&laquo; fluchte Jimmy
+zwischen den zusammengebissenen Z&auml;hnen durch, indem er wieder
+anfing, seine Finger zu knacken.</p>
+
+<p>&raquo;Was zum Teufel machst du denn da?&laquo; rief ihn mit unterdr&uuml;ckter,
+doch zorniger Stimme Meier dabei an, &raquo;willst Du
+das verdammte Knacken lassen, das h&ouml;rt man ja durch's ganze
+Haus; das fehlte auch noch, da&szlig; wir Dich als Sturmglocke
+dabei h&auml;tten. &Uuml;brigens seh' ich nicht ein, weshalb wir
+z&ouml;gern,&laquo; setzte er rasch hinzu, &raquo;ob die Madame da drin ist oder
+nicht, wenn wir's mit weiter Niemand als dem Alten zu thun
+haben. Wir sind unserer drei, und mit einer solchen Aussicht
+vor uns, da&szlig; <span class="wide">wir</span> k&uuml;nftig von unseren Interessen leben k&ouml;nnen
+und eben nur zuzulangen brauchen, sollte uns <span class="wide">das</span> wenigstens
+nicht abhalten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur um Gottes Willen kein Blut vergie&szlig;en,&laquo; bat Jimmy,
+&auml;ngstlich werdend &mdash; &raquo;Ihr habt mir das schon vorher versprochen,
+denn <span class="wide">da</span>mit m&ouml;chte ich Nichts zu thun haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unsinn,&laquo; brummte Meier, &raquo;wer spricht denn davon?
+wir verlangen von denen da drinnen weiter Nichts, als da&szlig;
+sie ein paar Minuten das Maul halten, und dazu k&ouml;nnen wir
+sie schon bringen, ohne ihnen gleich den Hals abzuschneiden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn wir nur noch einen Moment warten,&laquo; ermahnte
+Jimmy noch einmal; &raquo;sie <span class="wide">mu&szlig;</span> gleich wieder zur&uuml;ckkommen.&laquo;</p>
+
+<p>Die beiden M&auml;nner erwiederten Nichts darauf, sondern
+kauerten eine ganze Weile, dem Rathe folgsam, auf der Treppe,
+gleich vorsichtig dabei nach oben wie unten horchend, ob sich
+kein gef&auml;hrliches Ger&auml;usch irgendwo vernehmen lasse. Es blieb
+todtenstill, denn im Haus war Alles im E&szlig;zimmer versammelt,
+die Frau kam aber eben so wenig zur&uuml;ck, und Jimmy selbst
+f&uuml;hlte jetzt, da&szlig; es die h&ouml;chste Zeit w&uuml;rde, ihr Vorhaben auszuf&uuml;hren,
+wenn sie nicht die g&uuml;nstige Periode des Abendessens,
+und damit Alles vers&auml;umen wollten. So als Pelz endlich erkl&auml;rte,
+wenn Sie nun nicht an's Werk gingen, wolle <span class="wide">er</span> mit
+der Sache nichts weiter zu thun haben, da er hier auf der
+Treppe nerv&ouml;s w&uuml;rde, stand er langsam auf, bat die M&auml;nner
+noch einmal sich jeder Gewaltth&auml;tigkeit zu enthalten, und stieg
+langsam, von ihnen dicht gefolgt, die wenigen Stufen noch
+hinauf.</p>
+
+<p>Ihrem verabredeten Plane nach sollten sie, was sie auch
+jetzt thaten, so ger&auml;uschlos als m&ouml;glich die Vorsaalth&uuml;r &ouml;ffnen
+und mit dem Schl&uuml;ssel, den Jimmy bei sich f&uuml;hrte, wieder
+hinter sich schlie&szlig;en, dann &uuml;ber den Vorsaal schleichen, wo sie
+hatten vorsichtig an der Th&uuml;r des Alten anklopfen wollen, erst
+zu sehn ob dieser wache. Da aber das Erscheinen der Frau
+diesen Angriffsplan jetzt ge&auml;ndert hatte, glitten sie nur, so leise
+sie konnten, &uuml;ber den kleinen, dunklen, schmalen Vorplatz hin,
+wobei ihnen Pelzes Blendlaterne leuchtete, Jimmy ergriff dann
+die Th&uuml;rklinke, und diese rasch und pl&ouml;tzlich &ouml;ffnend, sprangen
+alle drei zu gleicher Zeit, und ehe die im inneren Raum Befindlichen
+auch wirklich nur einen Schrei der &Uuml;berraschung
+aussto&szlig;en konnten, auf sie zu. Pelz warf sich dabei auf den
+Alten, der neben seinem Bett auf einem gro&szlig;en Stuhle sa&szlig;,
+w&auml;hrend Meier Hedwig ergriff, sie an der Kehle fa&szlig;te und
+ihr mit augenblicklichem Tode drohte, wenn sie auch nur einen
+Laut von sich gebe.</p>
+
+<p>Nicht so leichtes Spiel sollte Pelz haben, denn der alte
+Geizhals, stets in Furcht bestohlen zu werden, hatte, ohne da&szlig;
+selbst Jimmy etwas davon wu&szlig;te, fortw&auml;hrend ein paar geladene
+Pistolen neben sich auf demselben Tisch, auf dem seine
+Arznei stand, mit einem seidenen Tuch bedeckt liegen, und fast
+instinktartig nach diesen in demselben Moment gegriffen, als
+er die Th&uuml;re seines Zimmers so pl&ouml;tzlich aufrei&szlig;en sah. Spannen
+und Abdr&uuml;cken war auch wirklich nur das Werk eines einzigen
+Augenblicks, und um Pelz w&auml;re es, au&szlig;er dem gef&auml;hrlichen
+Knall des Gewehres f&uuml;r die beiden Anderen, jedenfalls
+geschehen gewesen, h&auml;tte die Pistole, die da schon Gott wei&szlig;
+wie lange geladen lag, nicht versagt. Der alte Gauner erschrak
+aber doch nicht wenig &uuml;ber die nahe Todesgefahr, und
+als Hamann, den Anspringenden mit dem linken ausgestreckten
+Arm noch von sich dr&uuml;ckend, nach der zweiten Waffe griff,
+f&uuml;hrte er mit einem ingrimmigen Fluch und einer in der Hand
+verborgenen Kugel einen so gut gemeinten Schlag nach ihm,
+da&szlig; er ihn besinnungslos zu Boden streckte.</p>
+
+<p>Jimmy indessen sprang, ohne sich weiter um die &Uuml;brigen
+zu bek&uuml;mmern, die er in guten H&auml;nden wu&szlig;te, mit einem Satz
+nach dem alten h&ouml;lzernen Secretair, in dem des Wirthes
+Sch&auml;tze lagen. Mit einem Stemmeisen, das er bei sich f&uuml;hrte,
+brach er diesen auch rasch und ohne M&uuml;he auf, und leerte den
+Inhalt der Gefache in einen zu dem Zweck mitgenommenen
+Leinwandsack.</p>
+
+<p>Hedwig sah das Alles, wie in einer Art wachen Traumes;
+sie f&uuml;hlte dabei, wie die Hand des M&ouml;rders, dessen
+Gesicht sie trotzdem erkannte, auf ihr lag, und vermochte keinen
+Laut auszusto&szlig;en, h&auml;tte sie der Bube selbst frei und unber&uuml;hrt
+gelassen. Jimmy arbeitete indessen mit einer fabelhaften Gesch&auml;ftigkeit,
+und Pelz, der ihm der Sorge um den Alten enthoben
+dabei half, schob in die eigenen Taschen, was er hineinbringen
+konnte, als pl&ouml;tzlich drau&szlig;en, scharf und hell, die
+kleine Klingel an der Vorsaalth&uuml;r ert&ouml;nte.</p>
+
+<p>Wie ein Schlag fuhr der klare durchdringende Laut in
+aller Glieder &mdash; die R&auml;uber schreckten, aufhorchend, empor,
+und selbst Meier lie&szlig; in seinem Griff an Hedwig &mdash; nur erst
+zu wissen, welcher Art die Gefahr sei, die ihnen drohe, etwas
+nach. Hedwig aber, der dieser Laut wie neues Leben durch
+die Adern scho&szlig;, warf mit pl&ouml;tzlicher Anstrengung den Arm,
+dessen Finger ihre Kehle umspannt hielten, zur&uuml;ck, und stie&szlig;,
+unbek&uuml;mmert um jede Gefahr, die ihr selber drohen konnte,
+jenen wilden gellenden H&uuml;lferuf aus.</p>
+
+<p>&raquo;Bestie!&laquo; knirrschte Meier zwischen den Z&auml;hnen durch,
+und suchte mit seiner breiten Hand, der sie sich umsonst erwehrte,
+ihren Mund zu decken.</p>
+
+<p>&raquo;H&uuml;lfe!&laquo; st&ouml;hnte Hedwig, und drau&szlig;en brach und prasselte
+in dem Augenblick die d&uuml;nne Th&uuml;r zusammen.</p>
+
+<p>&raquo;Herr Du mein Gott!&laquo; schrie Jimmy, in aller Angst den
+Leinwandsack fallen lassend und nach der Kammerth&uuml;r fahrend.
+Hier aber mu&szlig;te er an Meier vorbei, und dieser, der nicht gesonnen
+war allein in dem fremden Haus im Stich gelassen zu
+werden, fa&szlig;te ihn und hielt ihn, w&auml;hrend Pelz an den Beiden
+vor&uuml;berglitt und in die Kammerth&uuml;r verschwand, am Kragen
+fest.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht ohne mich, Kamerad.&laquo; knurrte er dabei, &raquo;den
+Weg mu&szlig;t Du mir wenigstens zeigen, und da&szlig; <span class="wide">Du</span> hier,
+mein T&auml;ubchen, uns nicht indessen vor der Zeit das ganze
+Haus &uuml;ber den Hals schreist, nimm <span class="wide">das</span> indessen,&laquo; und sie
+loslassend f&uuml;hrte er, w&auml;hrend er sprach, einen gewi&szlig; gut gemeinten
+Schlag mit der Faust nach der Stirn der jungen Frau,
+der dieser wahrscheinlich verderblich geworden w&auml;re, wenn sie
+nicht, die Gefahr sehend, ihren Kopf unter seinen linken Arm
+geworfen, und sich fest an ihn angeklammert h&auml;tte.</p>
+
+<p>&raquo;H&uuml;lfe, H&uuml;lfe!&laquo; schallte dabei ihr gellender Schrei, jetzt
+um das eigene Leben ringend und Jimmy, den Moment benutzend,
+ri&szlig; sich von Meiers Griff los, und sprang ebenfalls
+in die Kammer, w&auml;hrend dieser inde&szlig; umsonst versuchte die
+Frau von sich abzusch&uuml;tteln oder in den Schwung seines, nach
+ihr schlagenden Arms zu bringen. Hedwig, ihre schwachen
+Kr&auml;fte zu wilder verzweifelter Anstrengung getrieben, hielt ihn
+fest umklammert, und Meier, endlich selbst zum &Auml;u&szlig;ersten gebracht,
+ri&szlig; ein Messer aus seinen G&uuml;rtel, als die Stubenth&uuml;r
+auf- und Hopfgarten in demselben Moment auch in g&auml;nzlicher
+Verachtung der eben so rasch auf ihn gerichteten Waffe, gegen
+den M&ouml;rder anflog.</p>
+
+<p>Mit dem linken Arm den nach ihm gef&uuml;hrten Sto&szlig;, so
+gut das im Augenblick ging, abwehrend, warf er sich mit
+dem ganzen Gewicht seines K&ouml;rpers so voll und gut gewillt
+gegen ihn, da&szlig; er den sonst viel st&auml;rkeren, jetzt aber auch noch
+durch die Frau behinderten Mann zum Taumeln brachte, und
+Meier fand sich, wenige Secunden sp&auml;ter unter den ihn fest
+niederhaltenden Armen Hopfgartens und Eltrichs, die er jedoch
+Beide mit seinem Messer verwundet hatte, am Boden liegen,
+w&auml;hrend aus dem ganzen Haus schon die Leute, durch das
+Geschrei aufmerksam gemacht, herbei und zur H&uuml;lfe str&ouml;mten.</p>
+
+<p>&raquo;Hopfgarten,&laquo; st&ouml;hnte inde&szlig; der R&auml;uber, in der Anstrengung
+seine Arme wenigstens frei zu bekommen, und mit
+der Angst jetzt vor der gerechten Strafe, &raquo;lassen Sie mich
+los &mdash; ich &mdash; ich wei&szlig;, wen Sie suchen &mdash; ich wei&szlig; &mdash; ich wei&szlig;
+wo er steckt. Henkel ist hier in der Stadt &mdash; aber &mdash; heut
+Abend noch oder morgen fr&uuml;h geht er fort von hier &mdash; lassen
+Sie mich frei, und ich sage Ihnen, wo Sie ihn finden
+k&ouml;nnen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alle Wetter!&laquo; rief Hopfgarten &uuml;berrascht, &raquo;da k&ouml;nnte
+man einen Wolf mit dem andern fangen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Glauben Sie doch nicht was der Schurke sagt,&laquo; rief
+aber Eltrich, der das warme Blut an seiner Schulter niederrieseln
+f&uuml;hlte, &raquo;der Bursche ist zum Galgen reif &mdash; H&uuml;lfe &mdash; H&uuml;lfe hierher.&laquo;</p>
+
+<p>Der Ruf galt einer neuen, verzweifelten Anstrengung des
+R&auml;ubers, aber die Hinterth&uuml;r, die in die Schlafkammer f&uuml;hrte,
+und <span class="wide">nicht</span> verschlossen gewesen war, wurde in diesem Augenblick
+von den herbeist&uuml;rmenden Boarders, mit dem jungen
+Hamann an der Spitze, gesprengt, w&auml;hrend von der Stra&szlig;e
+herauf ebenfalls die Leute herbeisprangen. Wenige Minuten
+sp&auml;ter war das Zimmer mit Menschen gef&uuml;llt, und Hopfgarten
+und Eltrich, den Gefangenen der Masse &uuml;berlassend, konnten
+jetzt daran denken das wild umhergestreute und gef&auml;hrdete
+Eigenthum des alten Mannes in Sicherheit zu bringen. Die
+indessen ohnm&auml;chtig gewordene Frau sahen sie in dem Schutz
+ihres Gatten, und den noch immer am Boden ausgestreckten
+alten Mann hatten unter der Zeit ein paar Nachbarn aufgehoben
+und auf sein Bett getragen.</p>
+
+<p>Unter den Fremden waren &uuml;brigens auch zwei Constabler
+mitgekommen, die sich als solche zu erkennen gaben, und Meier
+vor allen Dingen in Gewahrsam nahmen. Andere, die von
+unten heraufkamen, hatten eine dunkle Gestalt zum Haus hinauslaufen
+sehen, und Einige unter dem, nach dem Hof zuf&uuml;hrenden
+Kammerfenster eine goldene Uhr gefunden, die der R&auml;uber
+dort wahrscheinlich, nach einem verzweifelten, aber gl&uuml;cklich
+abgelaufenen Sprung aus dem Fenster, verloren haben
+mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Nur erst als sich Hedwig, unter den z&auml;rtlichen Bem&uuml;hungen
+ihres Gatten wieder soweit erholte sprechen zu k&ouml;nnen,
+erfuhren sie, da&szlig; drei M&auml;nner: der Gefangene, ein fr&uuml;herer
+Reisegef&auml;hrte Pelz, und ihr heute fortgeschickter Barkeeper, die
+R&auml;uber gewesen seien. Hopfgarten, der sich indessen mit dem
+alten Mann besch&auml;ftigt hatte, fand in diesem Augenblick die
+Wunde an seinem Kopfe, und konnte nun keinen Augenblick
+mehr zweifeln, da&szlig; er <span class="wide">todt</span> sei.</p>
+
+<p>Die Verwirrung, die jetzt folgte, ist kaum zu beschreiben,
+Alles schrie und dr&auml;ngte durcheinander, und Meier, mit auf
+dem R&uuml;cken festgeschn&uuml;rten Ellbogen konnte nur wirklich durch
+die Constabler vor der Wuth der B&uuml;rger gesch&uuml;tzt werden, die
+gro&szlig;e Lust hatten, ihn gleich an Ort und Stelle, als warnendes
+Beispiel aus dem Fenster hinauszuh&auml;ngen.</p>
+
+<p>Jimmy mu&szlig;te &uuml;brigens, da die wider Erwarten sehr
+starke Kammerth&uuml;r verschlossen gewesen, und erst von den zur
+H&uuml;lfe Eilenden durch gemeinsames Dagegenwerfen gesprengt
+war, jedenfalls mit seinem anderen Kameraden, Pelz, aus dem
+Fenster in den Hof hinunter entkommen sein, denn aus der
+Th&uuml;r hatte er nicht entziehen k&ouml;nnen. Die Constabler kannten
+ihn aber, und versprachen dem jungen Hamann ihr M&ouml;glichstes
+zu thun, ihm die Flucht aus der Stadt abzuschneiden,
+und ihn in den unz&auml;hligen Diebeswinkeln, die New-Orleans
+hat, herauszust&ouml;bern.</p>
+
+<p>Der Gebundene sollte jetzt abgef&uuml;hrt werden, und Hopfgarten,
+die erhaltene Wunde im Oberarm, durch dessen dickes
+Fleisch das Messer gefahren war, gar nicht achtend, suchte ihn
+dahin zu bringen, ihm N&auml;heres &uuml;ber den Aufenthalt Henkels,
+von dem er behauptet, da&szlig; er darum wisse, mitzutheilen.</p>
+
+<p>&raquo;Geht zum Teufel,&laquo; knurrte ihn aber der Gefangene an,
+&raquo;macht mit mir was Ihr wollt, Ihr <span class="wide">habt</span> mich einmal, doch
+verlangt dann nicht auch noch <span class="wide">Gef&auml;lligkeiten</span> von mir.
+Vorhin war's Zeit; wenn Sie nicht holzk&ouml;pfig gewesen w&auml;ren,
+w&uuml;&szlig;ten Sie jetzt was Sie wollen; nun k&ouml;nnt Ihr mir aber
+die Zunge aus dem Halse rei&szlig;en, ehe ich eine von Eueren
+Fragen beantworte. Hole Euch Alle der Henker.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der wird Dich zeitig genug bekommen, mein Bursche,&laquo;
+sagte der eine Constabler, ein Deutscher, indem er ihn vor sich
+her stie&szlig;. &raquo;Fort mit Dir; was aus Dir herauszukriegen ist,
+werden wir schon kriegen, hab' keine Furcht; mit solcher Art
+wissen wir schon umzugehen. Herr Hamann, Sie werden
+gut thun sich die Zeugen, die Sie brauchen, zu notiren, da&szlig;
+man sie finden kann; der Coroner mit dem Arzt wird wohl
+auch nicht lange auf sich warten lassen. Einer von unseren
+Leuten mag indessen noch vor der Hand unten im Haus bleiben,
+vielleicht ist doch noch etwas von Einem der andern beiden
+Burschen aufzufinden. Jedenfalls m&uuml;ssen wir uns genau
+&uuml;berzeugen, wo die Herren heraufgekommen sind, und mit welcher
+H&uuml;lfe, und ob sie nicht im Haus noch andere Helfershelfer haben.&laquo;</p>
+
+<p>Der Gefangene wurde jetzt fortgef&uuml;hrt, der Platz von den
+Fremden ger&auml;umt, und Hamann, der Hopfgarten und Eltrich
+bat, ihn nur jetzt nicht zu verlassen und bei ihm und seiner
+Frau zu bleiben, machte dann mit dem rasch herbeigerufenen
+Arzt, der nachher auch die beiden Freunde zu verbinden hatte,
+den freilich vergeblichen Versuch, seinen Vater in's Leben zur&uuml;ckzurufen.
+Der Schlag mit der Schlingkugel, die noch in
+der Stube auf dem Boden lag, hatte dem alten Mann den
+Sch&auml;del eingeschlagen und augenblicklichen Tod herbeigef&uuml;hrt.</p>
+
+<p>Im Hof, wo die beiden anderen Verbrecher aus dem etwa
+sechzehn Fu&szlig; hohen Fenster hinuntergesprungen sein mu&szlig;ten,
+war indessen auch nichts weiter zu erkennen. Das Fenster stand
+offen, und lie&szlig;, mit der unten gefundenen goldenen Uhr allerdings
+keinen Zweifel &uuml;ber die Art der Flucht; obgleich aber der
+Hof nicht gepflastert, und der Boden ziemlich weich war, hatten
+doch die seit der Zeit darauf herumgeschw&auml;rmten Menschen
+Alles derart zertreten, da&szlig; es sich nicht mehr unterscheiden lie&szlig;
+wohin sich die Beiden gewandt. Das Wahrscheinlichste blieb
+&uuml;brigens, da&szlig; sie durch den schmalen Gang auf die Stra&szlig;e geflohen
+w&auml;ren, und eine Verfolgung war dorthin nicht mehr
+m&ouml;glich. Nur um die n&auml;chste Ecke, und die R&auml;uber konnten
+in dem Menschengedr&auml;nge der Stra&szlig;e ihren Weg ruhig und
+unbeachtet fortsetzen.</p>
+
+<p>Der junge Hamann hatte indessen seine arme kleine Frau,
+deren zarte Glieder der rauhen Behandlung des Buben fast
+erlegen waren, auf ihr Zimmer gebracht, und sie dort der
+Pflege von ein paar im Hause wohnenden Frauen, die sich
+freundlich dazu erboten, &uuml;bergeben, wonach er wieder zu dem
+Todtenbette seines Vaters zur&uuml;ckkehrte, und jetzt auch die beiden
+Freunde bat, ernstlich nach ihren Wunden zu sehn, da&szlig;
+sich dieselben nicht durch Vernachl&auml;ssigung verschlimmerten. In
+der Aufregung aber, in der noch Beide waren, dachten sie kaum
+an die Fleischrisse, lie&szlig;en sich jedoch von dem Arzt einen Verband
+darum legen und suchten dann wieder den Sohn &uuml;ber
+den ihn betroffenen Verlust zu tr&ouml;sten.</p>
+
+<p>Der junge Hamann, mit der ersten wilden und aufreizenden
+Erregung vor&uuml;ber, sa&szlig;, in sich zusammengeknickt, in
+der kleinen Kammer neben dem Bett, auf dem der Ermordete
+lag, und starrte mit fest und krampfhaft auf den Knieen zusammengefalteten
+H&auml;nden still und schweigend vor sich nieder.</p>
+
+<p>&raquo;Lieber Herr Hamann,&laquo; sagte Hopfgarten, freundlich
+auf ihn zutretend und seine Hand ergreifend, &raquo;geben Sie sich
+Ihrem Schmerze nicht also hin. Es ist ein trauriges Geschick
+was Sie betroffen hat, aber es war Gottes Wille, ohne den
+kein Sperling vom Dache f&auml;llt. Ich will Sie nicht etwa
+tr&ouml;sten,&laquo; setzte er freundlich und teilnehmend hinzu, &raquo;Ihr
+Schmerz mu&szlig; sein Recht und seine Zeit haben &mdash; ich wei&szlig;
+das gut genug, und gerade die Zeit allein kann ihn lindern,
+zuletzt heilen &mdash; aber man mu&szlig; ihm auch nicht in dem ersten
+Moment so ganz die Gewalt &uuml;ber sich lassen, denn gerade dann
+ist er am gef&auml;hrlichen, und f&uuml;llt uns das ohnedie&szlig; genug
+gequ&auml;lte Herz mit bitterer Angst und Weh zum &Uuml;berlaufen
+voll.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein armer, armer Vater,&laquo; st&ouml;hnte Franz, &raquo;und auf
+so schm&auml;hliche, sch&auml;ndliche Weise um sein Leben zu kommen,
+das ihm &uuml;berdie&szlig; nur noch in Spannen zugemessen war.&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Nun hoffentlich entgehen die Buben der gerechten Strafe
+nicht,&laquo; sagte Eltrich; &raquo;der deutsche Constabler hatte alle Hoffnung
+Ihren sauberen Barkeeper wenigstens abzufangen. Er
+behauptete die Schlupfwinkel genau zu kennen, die jener frequentirt,
+und wir haben ihm auf die Seele gebunden, kein
+Geld zu sparen, den Schurken aufzufinden, ehe er vielleicht im
+Stande w&auml;re New-Orleans zu verlassen.&laquo;</p>
+
+<p>Eine eigen, wunderliches Ger&auml;usch schallte in diesem Augenblick
+durch das stille Zimmer, und Franz fuhr, wie von
+einem Blitz getroffen, von seinem Stuhle auf.</p>
+
+<p>&raquo;Was haben Sie? &mdash; was ist?&laquo; frug ihn Hopfgarten
+erstaunt.</p>
+
+<p>&raquo;H&ouml;rten Sie Nichts?&laquo; fl&uuml;sterte Franz, mit ge&ouml;ffnetem
+Mund und ausgerecktem Arm, ein regungsloses Bild der
+gespanntesten Aufmerksamkeit.</p>
+
+<p>&raquo;H&ouml;rten? &mdash; <span class="wide">was?</span>&laquo; rief Hopfgarten, sich ebenes
+&uuml;berall in dem leeren Raume umschauend.</p>
+
+<p>&raquo;Es war beinah, als ob Jemand mit den Fingern
+schnalzte,&laquo; sagte Eltrich.</p>
+
+<p>&raquo;Das war Jimmy!&laquo; schrie aber Franz, wild auffahrend,
+&raquo;ich will nicht selig werden, wenn das nicht das Fingerknacken
+des Buben war. An die Th&uuml;ren, Herr von Hopfgarten &mdash; um
+des Heilands Willen an die Th&uuml;ren &mdash; der Bube ist hier
+noch im Zimmer versteckt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber wo?&laquo; rief dieser, den jungen Mann erstaunt ansehend.</p>
+
+<p>&raquo;Haben Sie dort in dem Kleiderschrank? &mdash; haben Sie
+hier unter dem Bette nachgesehn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich bitte Sie um Gottes Willen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er ist hier, ich schw&ouml;re es Ihnen zu,&laquo; rief aber Franz,
+&raquo;ich kenne das unselige Knacken, durch das sich der Bube jetzt
+verrathen hat,&laquo; und das Licht vom Tisch aufgreifend, hatte er
+es kaum an die Erde gehalten, unter das Bett zu leuchten,
+auf dem der Ermordete lag, als auch die kl&auml;gliche Stimme
+des dort versteckten, und also ertappten Barkeepers jedem weiteren
+Zweifel der M&auml;nner ein Ende machte.</p>
+
+<p>&raquo;Ach mein bester, bester Herr Hamann,&laquo; flehte dieser
+mit winselnder, kl&auml;glicher Stimme, &raquo;ich bitte Sie doch um
+tausend und tausend Barmherzigkeits Willen, haben Sie Erbarmen
+mit einem ungl&uuml;cklichen, verf&uuml;hrten, zu Grunde
+gerichteten Menschen &mdash; oh Jesus, oh Jesus, thun Sie mir
+Nichts &mdash; ich will ja vorkommen, ich will ja Alles gestehn,
+Alles was ich wei&szlig; &mdash; Alles herausgeben was ich habe &mdash; thun
+Sie mir nur Nichts.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Giebt es etwas Erb&auml;rmlicheres auf der weiten Welt als
+<span class="wide">diesen</span> Menschen?&laquo; rief Franz, das Licht auf den Tisch zur&uuml;ckstellend,
+und mit zusammengeschlagenen Armen jetzt, wo er
+seines Opfers gewi&szlig; war, ein paar Schritte von dem Bette
+zur&uuml;cktretend, dem Elenden Raum zu geben vorzukommen.</p>
+
+<p>&raquo;So 'was ist mir aber in meinem ganzen Leben noch nicht
+vorgekommen!&laquo; rief Hopfgarten erstaunt aus, &raquo;der Mensch
+verdiente wahrhaftig allein seiner Dummheit wegen begnadigt
+zu werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach bester Herr, bitten Sie &mdash; bitten Sie f&uuml;r mich!&laquo;
+schrie Jimmy, der jetzt rasch vorgekrochen war, sich an das
+Wort klammernd, indem er gegen Hopfgarten an auf den
+Knieen fortrutschte, und die H&auml;nde verzweifelnd rang. &raquo;Ja
+ich <span class="wide">bin</span> zu dumm, ich bin zu entsetzlich dumm, und habe mich
+ja allein verf&uuml;hren lassen zu dem schlechten, nichtsnutzigen
+Streich &mdash; o Gnade, Gnade, Barmherzigkeit.&laquo;</p>
+
+<p>Hopfgarten, ohne alle Antwort, deutete nur auf die
+Leiche hin, und Jimmy, der mit scheuem Blick der Richtung
+des Armes folgte, sah kaum die furchtbare L&ouml;sung der Bewegung,
+als er auch mit einem wilden Aufschrei des Entsetzens,
+&raquo;Herr Jesus &mdash; mein Herr Jesus,&laquo; nach dem Bette zufliegen
+wollte; Franz aber fa&szlig;te ihn am Kragen und schleuderte ihn
+mit unwiderstehlicher Kraft davon ab.</p>
+
+<p>&raquo;Zur&uuml;ck von da!&laquo; z&uuml;rnte er dem winselnd Niederbrechenden
+zu, &raquo;feiger, erb&auml;rmlicher M&ouml;rder &mdash; r&uuml;hre die Leiche
+nicht an!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach Herr Hamann, Herr Hamann, ich bin unschuldig,
+ich bin unschuldig.&laquo; schrie aber Jimmy, &raquo;ich bin ein Dieb,
+ein nichtsnutziger, erb&auml;rmlicher, gemeiner Dieb, Herr Hamann,
+aber kein M&ouml;rder &mdash; bei Allem was mir und Ihnen heilig ist,
+schw&ouml;re ich es Ihnen zu, ich bin unschuldig an dem Blut, ich
+wei&szlig; Nichts davon, ja Pelz und Meier haben es mir hoch
+und theuer versprechen m&uuml;ssen, kein Blut zu vergie&szlig;en.&laquo;</p>
+
+<p>Hopfgarten, der die Zerknirschung des Burschen zu benutzen
+w&uuml;nschte, forderte ihn jetzt auf Alles zu erz&auml;hlen von
+Anfang an, wie es gekommen und geschehn, und Jimmy, der
+mit der Leiche vor sich, eine furchtbare Angst &uuml;ber sich kommen
+f&uuml;hlte, beichtete mit gefalteten H&auml;nden, und nur von einzelnen
+Ausrufungen um Erbarmen und Gnade unterbrochen, Alles
+was er wu&szlig;te, von dem Augenblick an, wo er sich mit seinen
+beiden Helfershelfern besprochen, bis wo sie auf der Treppe
+Hedwig hatten in das Zimmer gehn sehn, und in der Besorgni&szlig;,
+die Zeit nicht zu vers&auml;umen, eingebrochen waren. Was
+in dem Zimmer selber geschehen sei, davon wollte er keine
+Sylbe wissen, und schwur und winselte wieder, bei Allem was
+er &uuml;ber und unter der Erde zu schw&ouml;ren fand &mdash; und er sprach
+die&szlig;mal die Wahrheit &mdash; da&szlig; er nur Hals &uuml;ber Kopf gesucht
+habe Schmuck und Geld, was in dem Secretair gelegen, in
+seinen Leinwandsack hineinzupacken. Pelz und Meier h&auml;tten
+es &uuml;bernommen gehabt, die beiden im Zimmer befindlichen
+Personen indessen ruhig zu halten.</p>
+
+<p>Der junge Hamann bat jetzt Herrn Eltrich um die Gef&auml;lligkeit,
+den Constabler heraufzuholen, inde&szlig; sie Beide den Burschen
+bewachen wollten; Jimmy h&ouml;rte aber kaum das f&uuml;r ihn
+furchtbare Wort, als er sich wieder vor Franz auf die Erde
+warf, seine Knie umfa&szlig;te und um Gottes Willen bat, ihn
+nur die&szlig; eine Mal den Gerichten nicht zu &uuml;bergeben; er wolle
+&raquo;so 'was&laquo; ja in seinem ganzen Leben nicht wieder thun, und
+Alles herausgeben, was er schon in seinem Koffer habe, ja
+f&uuml;r Herrn Hamann arbeiten von fr&uuml;h bis sp&auml;t, um Nichts
+wie die Kost &mdash; <span class="wide">nur</span> keinen Constabler. Der junge Mann
+mu&szlig;te sich mit Gewalt von dem Burschen frei machen, und
+Eltrich fing schon fast an Mitleid mit ihm zu f&uuml;hlen, aber
+ein Blick auf die Leiche zerst&ouml;rte das bald wieder, und seinen
+Hut aufgreifend, verlie&szlig; er rasch das Zimmer, den verlangten
+Constabler herbeizubringen, der wenige Minuten sp&auml;ter den
+zitternden, weinenden Jimmy in Empfang nahm, und mit sich
+fortf&uuml;hrte.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h2><a name="kap8" id="kap8"></a>Capitel 8.</h2>
+<h3>Die &Uuml;berraschung.</h3>
+
+<p>Hopfgarten verbrachte in k&ouml;rperlicher wie geistiger Hinsicht
+eine peinliche Nacht. Die Wunde, so wenig gef&auml;hrlich
+sie auch sein mochte, war doch durch das ganze Fleisch des
+Oberarmes gedrungen, und schmerzte ihn sehr, und dabei
+qu&auml;lte ihn der Gedanke, den der Gefangene in ihm wach gerufen,
+da&szlig; Henkel oder Soldegg, wie der Schuft nun auch
+hie&szlig;, hier in New-Orleans und zwar im Begriff sein solle
+wieder abzureisen. Zwar stellte er sich selber wieder und wieder
+vor, da&szlig; jenes Versprechen des ertappten R&auml;ubers eben
+nur eine wilde leere Ausflucht gewesen sei, Rettung zu finden
+vor dem Arm des Gerichts, und da&szlig; jener Meier so wenig
+von Soldeggs Aufenthalt wisse, wie er selber. Und doch auch
+wieder hatte eben die <span class="wide">M&ouml;glichkeit</span> der Sache auch etwas
+Wahrscheinliches, da&szlig; derartiges Gesindel, mochte es nun im
+gesellschaftlichen Leben stehen auf welcher Stufe es wolle, wenn
+einmal im Verbrechen erst so weit gediehen, auch gegenseitig
+Kenntni&szlig; von einander habe, und die verschiedenen Schlupfwinkel
+und Wege kenne.</p>
+
+<p>Und wie nun, wenn jener schurkische Soldegg, den zu
+fassen und unsch&auml;dlich zu machen, haupts&auml;chlich aber das Band
+zu l&ouml;sen, das sein ungl&uuml;ckliches Weib noch an ihn fesselte, er
+allein zum zweiten Mal nach Amerika gekommen, jetzt hier
+fast in Arms Bereich von ihm war, und ihm vielleicht mit
+n&auml;chstem Morgen wieder hinaus in alle Weite entfloh? &mdash;
+wie dann, wenn jener Meier wirklich recht gehabt, und er nun
+auf den zahllosen Dampf- und Segelschiffen, F&auml;hren und
+Booten, die New-Orleans von Tagesanbruch bis in die sp&auml;te
+Nacht verlie&szlig;en, umsonst umherrannte den Verbrecher zu finden.
+Und einmal entschl&uuml;pft, konnten dann nicht Jahrelang
+dazu geh&ouml;ren, bis er wieder zuf&auml;llig mit ihm zusammentraf?
+&mdash; ja war es nicht sogar m&ouml;glich, da&szlig; der Bursche, m&uuml;de
+der Gefahr, in den Staaten doch einmal gefangen zu werden,
+mit seinem Raube hin&uuml;ber nach Frankreich oder England, oder
+hinunter nach Texas oder Mexico ging?</p>
+
+<p>Der Kopf wirbelte ihm von all dem Denken und Sinnen,
+und als er endlich in einen wilden, unruhigen, fieberhaften
+Schlummer fiel, qu&auml;lten ihn tolle Tr&auml;ume noch mehr, als
+selbst das wachende Nachdenken es gethan. Da fand er den
+Betr&uuml;ger, wohin er trat, und &uuml;berall &auml;ffte ihn die, ihm unter
+den H&auml;nden wegschwindende Gestalt; zu Pferd wollte er ihn
+verfolgen, und der Sattel rutschte ab &mdash; das Pferd st&uuml;rzte,
+ri&szlig; sich wieder auf und kam in Moorboden, in dem es stecken
+blieb; schie&szlig;en wollte er nach ihm, und sein Gewehr war nicht
+in Ordnung &mdash; der Pfropfen ging nicht in den Lauf hinunter,
+die Z&uuml;ndh&uuml;tchen glitten ihm durch die Finger, und als er endlich
+geladen hatte, versagte das Gewehr; zu Schiff wollte er
+ihn verfolgen, und das fl&uuml;chtige Dampfboot brauste und
+schnaubte hinter dem kleinen Kahn her, in dem sich der Bube
+zu retten suchte, da pl&ouml;tzlich rannten sie auf eine Sandbank;
+das Dampfboot sa&szlig; fest, peitschte vergebens mit seinen R&auml;dern
+die sch&auml;umende Fluth und in weiter Ferne verlor er den Kahn,
+der den hohnlachenden Verbrecher trug, aus den Augen &mdash; zu
+Wagen war er hinter ihm drein und die Str&auml;nge rissen, ein
+Rad brach, die Pferde st&uuml;rzten &mdash; sie kamen nicht von der
+Stelle, und vor sich &mdash; immer dicht vor sich mu&szlig;te er das
+Hohnlachen des Buben h&ouml;ren.</p>
+
+<p>In Schwei&szlig; gebadet, und an allen Gliedern wie zerschlagen,
+wachte er endlich mit Tagesgrauen etwa auf, und
+verlie&szlig;, wenngleich ihm der linke Arm arg geschwollen war
+und sehr weh that, doch augenblicklich sein Lager, wusch sich
+und zog sich an und schrieb dann, trotz seiner Aufregung und
+seinen k&ouml;rperlichen Schmerzen, einige Zeilen an den Professor
+Lobenstein, in denen er ihm seine R&uuml;ckkunft von Deutschland
+meldete und ihn bat, sich, wenn er ihm in <span class="wide">irgend etwas</span>
+dienen k&ouml;nne, ohne R&uuml;ckhalt und vertrauungsvoll an ihn zu
+wenden. Den Brief &uuml;brigens behielt er noch in seiner Brieftasche,
+erst den heutigen Tag und seinen Erfolg abzuwarten,
+um seine Adresse sicher angeben zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Die Sonne war indessen aufgegangen und er eilte jetzt,
+nach rasch eingenommenem Fr&uuml;hst&uuml;ck, an die Dampfbootlandung
+hinunter, die dort liegenden Boote zu besuchen und ihre
+Passagiere zu revidiren. Vergebens aber kletterte er an Bord
+aller der Dampfer, deren Schornsteine rauchten, in Caj&uuml;te wie
+Zwischendeck herum, kein bekanntes Gesicht traf er an, und ob
+er sich gleich die M&uuml;he nicht verdrie&szlig;en lie&szlig; und <span class="wide">s&auml;mmtliche</span>
+Privat-Caj&uuml;tenth&uuml;ren, eine nach der anderen, &ouml;ffnete und hineinsah,
+fand er doch nicht den Gesuchten.</p>
+
+<p>Ein Paketschiff nach Liverpool lag zum Auslaufen fertig;
+er ging an Bord &mdash; von Soldegg keine Spur, und Ledermann,
+den er abgeholt, und der den besonderen Auftrag bekommen
+hatte, die F&auml;hrboote zu &uuml;berwachen, schien eben so erfolglos
+gesucht zu haben. Meier hatte jedenfalls nur die L&uuml;ge rasch
+ersonnen, seine eigene Haut in Sicherheit zu bringen.</p>
+
+<p>Um elf Uhr sollte nach Verabredung Ledermann, der von
+dem Staatsanwalt einen neuen Verhaftsbefehl gegen den Verbrecher
+bekommen, Hopfgarten wieder an der Dampfbootladung
+treffen, das Weitere dort zu berathen, und dieser scho&szlig; indessen in
+fieberhafter Aufregung, mit dem schmerzenden Arm in der Binde,
+hin und her an der Landung, nur erst einmal, und immer vergebens,
+eine Spur des Gesuchten zu finden.</p>
+
+<p>&Uuml;ber den Strom her&uuml;ber von &raquo;Algier,&laquo; dem andern
+Ufer, kam ein gro&szlig;er Dampfer her&uuml;ber und legte an der Landung
+an. Vorn am Boilerdeck trug er wie gew&ouml;hnlich ein
+kleines Schild, das unter dem Namen den Ort seiner Bestimmung
+und die Stunde der Abfahrt anzeigte. Es war der:</p>
+
+<div class="center">
+<table style="margin: 0 auto" cellpadding="1" summary="">
+<tr><td align="center" valign="top"><span class="wide"><b>Chikasaw</b></span></td></tr>
+<tr><td align="center" valign="top">f&uuml;r Little Rock.</td></tr>
+<tr><td align="center" valign="top">Abfahrt <span class="wide">zehn</span> Uhr!</td></tr>
+</table>
+</div>
+
+<p>Der Chikasaw hatte in Algier Fracht f&uuml;r Arkansas eingenommen
+und jetzt an der New-Orleans-Landung noch einmal
+angelegt, etwaige Passagiere f&uuml;r Arkansas, oder die
+dazwischenliegenden Pl&auml;tze, die schon durch die Zeitungen darauf
+aufmerksam gemacht waren, an Bord zu nehmen. Die Glocke
+l&auml;utete dabei, rasche Abfahrt k&uuml;ndend, und der Rauch wirbelte
+dick und schwarz in die reine klare Luft hinauf.</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Nach Little Rock!</span>&laquo;&nbsp;&mdash; Hopfgarten gab es ordentlich
+einen Stich durch's Herz, als er den Namen las. Wenn Soldegg
+wirklich heute beabsichtigte, New-Orleans zu verlassen,
+so war Nichts wahrscheinlicher, als da&szlig; er wieder nach dem
+Westen gehen w&uuml;rde. Jedenfalls lag hier die M&ouml;glichkeit, ihn
+zu finden, und sich den Hut tief in die Stirn ziehend, da&szlig; an
+Bord, oben von der Caj&uuml;te aus, Niemand sein Gesicht erkennen
+konnte, schritt er rasch &uuml;ber die schmale Planke an Deck
+und stieg auf das Boilerdeck hinauf, die dort versammelten
+Passagiere zu mustern.</p>
+
+<p>Henkel war nicht unter ihnen, aber noch die M&ouml;glichkeit
+nicht ausgeschlossen, da&szlig; er vielleicht eben nur die wirkliche
+Abfahrt des Bootes erwarten w&uuml;rde, an Bord zu gehn, und
+Hopfgarten beschlo&szlig;, jedenfalls, bis die Planken eingezogen
+w&uuml;rden, in der Caj&uuml;te zu bleiben.</p>
+
+<p>Unruhig hier auf- und abgehend, hielt er sich fortw&auml;hrend
+in der N&auml;he des Boilerdecks, von wo aus er einen freien Blick
+&uuml;ber die Lev&eacute;e und Landung hatte, und besonders die Planke
+des Bootes selber im Auge behielt, ohne selber auffallend sichtbar
+zu sein. Es konnte dieses Niemand, ungesehn von ihm,
+betreten.</p>
+
+<p>Eine Menge Passagiere kamen, als die Glocke zum zweiten
+Mal l&auml;utete, heran; M&auml;nner mit Koffern auf den Schultern
+und Hutschachteln in der Hand, oder Reises&auml;cken unter
+dem Arm, Auswanderer von Deutschland, ihre schweren, riesigen,
+h&ouml;lzernen, buntbemalten Koffer zu zweien im Schwei&szlig;
+ihres Angesichts, und in der Furcht zur&uuml;ckgelassen zu werden,
+&uuml;ber die Lev&eacute;e schleifend &mdash; die Frauen Kinder auf R&uuml;cken
+und Armen. Auch ein Transport Altenburger Bauern, in
+ihrer Nationaltracht, schritt herunter zum Boot, sich nach dem
+fernen Westen einzuschiffen, und die Amerikaner, die fast alle
+Trachten der Welt zu sehn bekommen, und sich um keine gro&szlig;
+bek&uuml;mmern, blieben stehn, sahen den Leuten nach, und lachten
+&uuml;ber die wunderliche Kleidung.</p>
+
+<p>Jetzt kam ein ganzer Trupp braun gekleideter M&auml;nner,
+mit breitr&auml;ndigen H&uuml;ten und wei&szlig;en Halsbinden, von zwei
+G&uuml;terkarren begleitet, die ihr Gep&auml;ck f&uuml;hrten, die Lev&eacute;e nieder
+und auf das Boot zu. Es waren jedenfalls Geistliche, und
+Hopfgarten wandte sich an den neben ihm stehenden Clerk oder
+Buchhalter des Bootes mit der Frage, ob er wisse, wer die
+Herren w&auml;ren, und wohin sie in solcher Menge gingen.</p>
+
+<p>&raquo;Ah blos Methodistenprediger,&laquo; lachte dieser &mdash; &raquo;ein
+ganzer Schwarm, den wir vor acht Tagen von Little Rock mit
+herunter gebracht haben. Es sind meist Circuit-rider aus dem
+Westen, die hier zu einer protestantischen Versammlung, wirksame
+Maasregeln gemeinschaftlich gegen den &raquo;Antichrist&laquo; zu
+berathen, wie sie uns selber sagten, heruntergekommen sind,
+und jetzt wieder auf ihre Posten zur&uuml;ckgehn. Es ist eine Vergn&uuml;gungsreise
+f&uuml;r die Herren, zu der sie vorher nat&uuml;rlich eine
+t&uuml;chtige &raquo;fromme Sammlung&laquo; gemacht haben.&laquo;</p>
+
+<p>Die Geistlichen, elf an der Zahl, kamen inde&szlig; an Bord
+und die Boilerdeckstreppe herauf in die Caj&uuml;te. Hopfgarten
+blieb an der Th&uuml;r stehn, und sah sie einzeln neben sich vor&uuml;bergehn.
+Es waren meist ausdruckslose Gesichter, einzelne aber
+auch mit verschmitzten Augen, und scharfgeschnittenen Z&uuml;gen;
+der Deutsche hatte jedoch kein Interesse an ihnen, und wollte
+seine Aufmerksamkeit eben wieder der Lev&eacute;e zuwenden, als Einer
+der Geistlichen ihn mit einem langsamen, salbungsvollen Kopfnicken
+gr&uuml;&szlig;te, und an ihm vorbei die Caj&uuml;te betrat.</p>
+
+<p>Hopfgarten sah ihn &uuml;berrascht und verwundert an; der
+Mann trug allerdings einen sehr anst&auml;ndigen, braunen, langen
+Rock von feinem Tuch, eine schneewei&szlig;e Halsbinde, blank gewichste
+Stiefeln und einen breitr&auml;ndigen, schwarzen Filzhut, wie
+die Anderen, aber <span class="wide">das</span> Gesicht war nicht zu verkennen, und,
+wenn einmal gesehn, nicht wieder zu vergessen.</p>
+
+<p>&raquo;Herr Maulbeere!&laquo; rief Hopfgarten, in diesem Augenblick
+selbst Henkel vergessend, &raquo;tr&auml;ume ich denn oder wach ich &mdash;
+sind Sie es, oder sind Sie es nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein lieber Herr von Hopfgarten,&laquo; sagte der Angeredete,
+dem wirklich Verbl&uuml;fften, mit einem milden L&auml;cheln in dem
+glatt rasirten Gesicht, die Hand reichend und feierlich sch&uuml;ttelnd,
+&raquo;es ist mir ein ungemein wohlthuendes Gef&uuml;hl, Sie nach so
+langer Trennung wieder einmal begr&uuml;&szlig;en zu k&ouml;nnen &mdash; ich
+habe in meinen Gebeten manches Mal recht freundlich Ihrer
+gedacht.&laquo;</p>
+
+<p>Hopfgarten blinzte mit den Augen, trat sich auf den Fu&szlig;
+und suchte sich im Anfang wirklich erst ordentlich gewaltsam
+davon zu &uuml;berzeugen, da&szlig; er nicht tr&auml;ume, und mit wachenden
+Augen den schmutzigen Scheerenschleifer Maulbeere, den
+Schnapsprediger von der Haidschnucke, solcher Art ausgekrochen
+und als Schmetterling &mdash; als Braunes Ordensband &mdash; der
+Gedanke kam ihm unwillk&uuml;rlich &mdash; in der sonnigen Luft herumflattern
+zu sehn. Aber Maulbeere lebte und athmete, that
+auch Nichts, das Erstaunen des vor ihm Stehenden zu beseitigen,
+sondern schien sich eher an dessen &Uuml;berraschung zu
+weiden.</p>
+
+<p>&raquo;Aber wie, um Gottes Willen, kommen Sie in <span class="wide">diesen</span>
+Rock, in <span class="wide">diese</span> Gesellschaft?&laquo; rief er endlich, jede weitere H&ouml;flichkeit
+bei Seite setzend, aus &mdash; &raquo;ja, wenn mir Jemand des
+Himmels Einsturz&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Spotten Sie nicht, oder profaniren Sie nicht eine so
+heilige, ernste Sache&laquo;&nbsp;&mdash; unterbrach ihn aber Maulbeere schnell
+und fast &auml;ngstlich. &raquo;Da&szlig; der Herr da oben&laquo;&nbsp;&mdash; und er warf
+einen frommen Blick nach der Decke hinauf, &raquo;<span class="wide">Wunder</span> thut,
+brauche ich Ihnen, als gebildetem Mann, nicht zu sagen. <span class="wide">Sein</span>
+Geist hat mich erleuchtet &mdash; Sein Hauch den Teufel ausgeblasen,
+der in mir lebte und th&auml;tig war &mdash; der Herr hat
+Gr&auml;uel an den verkehrten Herzen, und Wohlgefallen an den
+Frommen &mdash; der Gottlose ist wie ein Wetter, das &uuml;berhingeht,
+und nicht mehr ist, der Gerechte aber bestehet ewiglich &mdash; der
+Mund des Gerechten bringt Weisheit, aber das Maul des
+Verkehrten wird ausgerottet &mdash; r&uuml;hme Dich nicht des folgenden
+Tages, denn Du wei&szlig;t nicht, was heute sich begeben mag.&laquo;</p>
+
+<div class="center">
+<table style="margin: 0 auto" cellpadding="4" summary="Illustration Capitel 8">
+ <tr>
+ <td align="center">
+ <a href="images/img3r.jpg">
+ <img src="images/img3r.jpg" height="600"
+ alt="Illustration Capitel 8" /></a>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="center">
+ <span class="caption">Capitel 8.<br />
+ Click to <a href="images/img3.jpg">ENLARGE</a></span>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+</div>
+
+<p>&raquo;Aber wie ist es m&ouml;glich gewesen, in der kurzen Zeit eine
+solche Verwandlung&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Herr ist Allen gn&auml;dig,&laquo; sagte Maulbeere, mit einem
+zweiten frommen Blick die H&auml;nde faltend, &raquo;und erbarmet sich
+aller seiner Werke &mdash; des Herrn Geist stieg auf seinen Knecht
+nieder in der Nacht des Unglaubens, da Alles finster war,
+und siehe da, ein feines L&auml;mplein wurde aufgestellt in dem
+Tummelplatz des Satans, und sein helles, goldenes Licht trieb
+die S&uuml;nde aus dem gereinigten Gef&auml;&szlig;!&laquo;</p>
+
+<p>Hopfgarten sch&uuml;ttelte immer noch, wie seinen Sinnen
+nicht recht trauend, den Kopf. Die Gestalt vor ihm aber hatte
+Fleisch und Bein, und der braune Rock so wenig, wie die schneewei&szlig;e,
+reine Binde lie&szlig;en sich wegleugnen.</p>
+
+<p>Die &uuml;brigen Geistlichen hatten sich inde&szlig; in der Caj&uuml;te
+versammelt, ein paar Minuten leise mitsammen gefl&uuml;stert, und
+Einer von ihnen kam jetzt wieder der Th&uuml;re zu, wo die Beiden
+standen und sagte mit einem milden, l&auml;chelnden Blick:</p>
+
+<p>&raquo;Der Bruder Mulberry wird freundlich von uns aufgefordert,
+an einem stillen Dank, dem H&ouml;chsten f&uuml;r die gl&uuml;ckliche
+Beendigung unserer frommen Sendung zu bringen, Theil zu
+nehmen.&laquo;</p>
+
+<p>Maulbeere neigte langsam sein Haupt, und sich dann
+wieder zu Hopfgarten wendend, sagte er:</p>
+
+<p>&raquo;Wir haben wohl das Vergn&uuml;gen, mit Ihnen zusammen
+die Reise nach Little Rock zu machen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, bester Herr Maulbeere, das thut mir wahrhaftig
+leid,&laquo; erwiederte dieser &mdash; &raquo;ich bin nur an Bord gekommen,
+Jemand zu suchen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das schmerzt mich in der That,&laquo; sagte Maulbeere, indem
+er in die Tasche griff und ein kleines Paket B&uuml;cher und
+eine Visitenkarte herausnahm &mdash; &raquo;sollten Sie aber sp&auml;ter einmal
+wieder in unser wildes, westliches Land kommen, so wird
+es mich herzlich freuen, zu sehn, da&szlig; es Ihnen gut geht &mdash;
+diese Karte hier enth&auml;lt meine Adresse &mdash; und mich <span class="wide">gl&uuml;cklich</span>
+machen, zu h&ouml;ren, da&szlig; auch Sie den <span class="wide">wahren</span> Frieden in
+Gott gefunden, und die Bahn des Heils betretend, den breiten,
+ebenen Weg verlassen haben, der hinab zu S&uuml;nde und Verdammni&szlig;
+f&uuml;hrt. Gott sei mit Ihnen &mdash; er erleuchte Sie &mdash;
+er neige sein Antlitz &uuml;ber Sie, und gebe Ihnen seinen Frieden
+&mdash; Amen!&laquo;</p>
+
+<p>Und mit einer halb segnenden, halb gr&uuml;&szlig;enden Handbewegung
+gegen Herrn von Hopfgarten, der B&uuml;cher und Karte
+fast unbewu&szlig;t in der Hand behielt, und dann ebenso in die
+Tasche steckte, drehte er sich langsam von ihm ab, und schritt
+seinen Gef&auml;hrten am andern Ende der Caj&uuml;te zu.</p>
+
+<p>Ein neuer Trupp Fremder zog in diesem Augenblick die
+Aufmerksamkeit unseres Freundes auf sich, die Glocke l&auml;utete
+dabei zum dritten Male, und das Boot machte Anstalt zur
+Abfahrt. Nirgends aber lie&szlig; sich eine Gestalt erkennen, die
+der des Gesuchten auch nur im Entferntesten geglichen h&auml;tte,
+obgleich Hopfgarten vollkommen darauf vorbereitet war, das
+Gesicht Soldeggs durch Bart oder Brille vielleicht so viel als
+m&ouml;glich unkenntlich gemacht zu sehn. Mit dem Chikasaw beabsichtigte
+dieser keinesfalls, den Strom hinaufzugehn, und er
+mu&szlig;te zuletzt, als die Planken und Taue eingeholt wurden
+und die R&auml;der nach r&uuml;ckw&auml;rts an zu arbeiten fingen, das Boot
+in den Strom hinauszuschieben, an Land springen.</p>
+
+<p>Auf seiner Uhr war es jetzt halb elf Uhr, und er ging,
+die Ankunft Ledermann's hier verabredeter Ma&szlig;en zu erwarten,
+indessen ungeduldig an der Lev&eacute;e auf und ab. Seine rechte
+Hand in die Tasche schiebend, f&uuml;hlte er dort die vorher in Gedanken
+eingesteckten, ihm von Maulbeere &uuml;bergebenen Schriften,
+und nahm sie heraus, zu sehn, was sie enthielten.</p>
+
+<p>Es waren nat&uuml;rlich Trakt&auml;tchen. Das eine handelte &uuml;ber die
+Heiligkeit des Sabbaths und die Gefahr der Sabbathsch&auml;ndung,
+mit einem abschreckenden Beispiel, wie ein Knabe an einem
+Sonntag einmal den Flu&szlig; befahren hatte und ertrunken war &mdash;
+w&auml;hrend Millionen Beispiele, dasselbe Verbrechen jeden Sonntag
+ver&uuml;bend, gl&uuml;cklich abfuhren und eben so landeten &mdash; das
+andere &uuml;ber die Bibelvertheilung, und die &uuml;brigen &uuml;ber das
+Missionswesen, und dessen dringende Nothwendigkeit; jedes am
+Schlusse mit einer Bitte um die Unterst&uuml;tzung der frommen
+M&auml;nner, die in die Wildni&szlig;, unter wilde Bestien und wildere
+Menschen z&ouml;gen, und von Wurzeln und Rinde lebten, das Evangelium
+zu predigen. Auf der Karte stand:</p>
+
+<div class="center">
+<table style="margin: 0 auto" cellpadding="1" summary="">
+<tr><td align="center" valign="top"><i>The Reverend Zach&auml;us Mulberry.</i></td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top"><i>Little Rock. Arks.</i></td></tr>
+</table>
+</div>
+
+<p>Die Karte steckte Hopfgarten zum Andenken ein, die B&uuml;cher
+warf er fort.</p>
+
+<p>Und Ledermann kam noch immer nicht &mdash; es war schon
+fast drei Viertel auf elf, und Hopfgarten ging wie auf Kohlen,
+in Angst und Ungewi&szlig;heit, den Strahlen der hei&szlig;en Sonne
+ausgesetzt, an der Landung auf und ab.</p>
+
+<p>&raquo;Gott der Gerechte, der Herr Baron,&laquo; redete ihn da pl&ouml;tzlich
+eine Stimme an, und als er sich rasch danach umdrehte,
+stand ein Mann, augenscheinlich ein Israelit, von dessen Gesicht
+Hopfgarten aber keine Ahnung hatte, in einem dunklen,
+anst&auml;ndigen Rocke, mit einem kleinen Strohhute auf, vor ihm,
+und machte ihm eine tiefe Verbeugung; der Mann mu&szlig;te aber
+jedenfalls sehn, da&szlig; ihn der Herr, den er angeredet hatte, nicht
+erkannte und er fuhr l&auml;chelnd fort:</p>
+
+<p>&raquo;Gottes Wunder &mdash; hob' ich mich denn gar so sehr ver&auml;ndert,
+da&szlig; so an lieber Herr anen alten Raisegesellschafter
+sollte vergessen haben. Kennen Sie den Veitel Kochmer nicht
+mehr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Veitel Kochmer? &mdash; nein&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kennt den Veitel Kochmer nicht mehr;&laquo; lachte der Alte,
+mit dem Kopf dabei sch&uuml;ttelnd &mdash; &raquo;den Mann mit der Holzharmonika,
+dem Sie an Concertchen zusammengebracht haben
+an Bord, als an guter und freundlicher Herr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Veitel Kochmer,&laquo; rief Hopfgarten, sich jetzt des Namens
+entsinnend, &raquo;ja Euch h&auml;tte ich allerdings nicht wieder erkannt &mdash; Ihr
+seht ganz anders aus &mdash; tragt den langen Bart nicht
+mehr und den Kaftan &mdash; es geht Euch gut?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gott soll gedankt sein, ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und Euer Sohn&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mai Sohn? &mdash; wie hai&szlig;t mai Sohn &mdash;&laquo; sagte der
+Mann, ungeduldig den Kopf sch&uuml;ttelnd &mdash; &raquo;das J&uuml;ngelche,
+was ich bei mer hatte, mit die hibsche Stimme &mdash; wenn's
+ane bessere Lunge und a schlechtere Stimme gehabt h&auml;tte, lebt
+es <span class="wide">noch.</span>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr habt ihn sich todt singen lassen,&laquo; sagte Hopfgarten
+ernst.</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Ich</span> hab' ihn sich todt singen lassen? &mdash; wie hai&szlig;t? &mdash; soll
+sich die Lunge beim Magen beschweren &mdash; der Eine arbeitet
+mit die H&auml;ndcher, der Andere mit die Lunge, aber Alle arbeiten
+mer um ze leben, ze essen un ze trinken, und an Rock auf
+dem Leib ze haben &mdash; hob ich en nich acht Wochen gepflegt,
+als <span class="wide">ob</span> er mai Sohn gewesen w&auml;re, und stirbt er mer nich zuletzt
+wie zum Possen? &mdash; Soll mer Gott helfen, als ich nich
+hob' Schaden gehabt an dem J&uuml;ngelche. &mdash; Aber Herr Baron &mdash; kennten
+wir zwei Beide nich a klanes Gesch&auml;ftche zesammen
+machen; hob' ich was ganz Extraes von gute Staincher, vor
+solch einen f&uuml;rnehmen Herrn, wie der Herr Baron.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke, lieber Kochmer, ich brauche Nichts in der
+Art,&laquo; sagte Hopfgarten, wieder nach seiner Uhr sehend, &raquo;kann
+mich auch augenblicklich gar nicht damit befassen &mdash; haben Sie
+eine Uhr bei sich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja wohl, Herr Baron &mdash; werd' ich ka &Uuml;rche haben,
+un a Staats&uuml;rche is es,&laquo; fuhr er fort, eine goldene Cylinderuhr
+aus der Tasche nehmend, &raquo;geht se doch um drei Minuten
+besser wie die Sonne &mdash; s' ist gerade sieben Minuten
+&uuml;ber dreiviertel auf elf &mdash; kennten wir <span class="wide">damit</span> vielleicht en
+Handelche machen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke wirklich &mdash; ich habe selber eine ganz gute
+Uhr und brauche keine, wollte auch nur sehen ob die meinige
+richtig ginge.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Sie die Staincher emol s&auml;hen, w&uuml;rden Sie Appetit
+kriegen &mdash; se sain zum 'Reinbei&szlig;en,&laquo; fuhr aber Veitel,
+nicht so leicht abgewiesen, in seinem Anpreisen der Juwelen
+fort, &raquo;hob ich die Musik doch jetzt ganz an den Nagel geh&auml;ngt
+un mich auf die Staincher gelegt. Wer die Sache versteht
+ist's a solides, pr&auml;chtiges Gesch&auml;ftge hier in Amerika &mdash; wenn
+mer sai Zeit kann abpasse.&laquo; Und er nahm dabei ein kleines
+Etui aus seiner Brusttasche, das er &ouml;ffnete und dann, den
+Kopf schr&auml;g zur Seite davon zur&uuml;ckhaltend, die Sonnenstrahlen
+auf die wirklich sch&ouml;nen Steine, die in tausend Lichtern
+funkelten, wieder fallen lie&szlig;.</p>
+
+<p>Hopfgarten hatte indessen die Lev&eacute;e auf und abgesehn,
+den so sehnlich Erwarteten endlich irgendwo zu ersp&auml;hen, aber
+vergebens; Ledermann lie&szlig; sich nirgends blicken und der Zeiger
+seiner Uhr, den er ungeduldig und ununterbrochen fragte,
+schien nicht von der Stelle zu r&uuml;cken.</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke Euch Veitel &mdash; ich brauche wirklich Nichts
+der Art,&laquo; sagte er zerstreut, &raquo;trage weder Ringe noch
+Tuchnadeln, und mu&szlig; hier im Lande auf- und abreisen, wo man
+solche Sachen am allerwenigsten bei sich f&uuml;hren kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber so sehn Sie nur emol die Pracht an,&laquo; dr&auml;ngte
+Veitel.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, sehr sch&ouml;n &mdash; wirklich brillant,&laquo; sagte Hopfgarten,
+einen fl&uuml;chtigen Blick darauf werfend, und dann durch das
+Feuer derselben doch verlockt sie aufmerksamer zu betrachten;
+&raquo;sehr sch&ouml;ne Steine in der That, aber wie gesagt, Nichts f&uuml;r
+mich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und <span class="wide">das</span> Stainche hier vor a Tuchnadel &mdash; ah?&laquo; sagte
+Veitel, vor Hopfgartens Augen ein T&uuml;rquis in der Sonne
+blitzen lassend.</p>
+
+<p>&raquo;Mensch, wo hast Du den Stein her?&laquo; rief aber Hopfgarten
+unwillk&uuml;rlich erschreckt aus, als sein Blick auf einen
+sehr sch&ouml;nen gro&szlig;en <span class="wide">dreieckigen</span> T&uuml;rquis fiel, den Veitel
+zwischen den Fingern hin und her drehte.</p>
+
+<p>&raquo;Woher? &mdash; Gottes Wunder!&laquo; rief der Jude erschreckt,
+&raquo;ehrlich gekauft, soll mer Gott helfe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich sage ja Nichts dagegen, Veitel,&laquo; rief Hopfgarten
+rasch, ihn zu beruhigen, &raquo;gewi&szlig; ist er ehrlich gekauft, aber von
+wem? ich kenne den Stein &mdash; habe wenigstens von ihm, oder
+einem ganz &auml;hnlichen geh&ouml;rt, ich m&ouml;chte gern&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von wem? von em achtbaren, soliden Herrn, von em
+wahren Schentelmenn in sein Handeln und Gesch&auml;ftcher,&laquo; sagte
+Veitel, immer noch in der Meinung, ein Verdacht ruhe auf
+ihm, &raquo;und wenn er nicht hait Morgen abgereist w&auml;re, kennten
+Se ihn selber fragen, Herr Baron &mdash; ist en alter Bekannter
+von Sie, noch vom Schiff her.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Heute Morgen abgereist? &mdash; wohin Veitel?&laquo; sagte
+Hopfgarten, der sich krampfhaft mit der rechten Hand in die
+Seite griff, nur um ruhig zu bleiben und seine Aufregung
+nicht zu verrathen, &raquo;wer war es denn eigentlich &mdash; der &mdash; der
+Doktor H&uuml;ckler?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gott soll bewahren, der Herr Henkel, und mit dem
+Schtiemer ist er fort nach der Havanna.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit dem Postdampfer nach Havanna?&laquo; rief Hopfgarten,
+jetzt wirklich <span class="wide">nicht</span> mehr im Stande sich zu m&auml;&szlig;igen &mdash; und
+der ist heute Morgen fort?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Hait</span> Morgen wird er fort sain,&laquo; sagte Veitel, &raquo;Gottes
+Wunder was is jetzt dermehr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ledermann!&laquo; schrie da Hopfgarten, Veitel gar nicht
+mehr beachtend, den Freund an, der eben jetzt, so lang schon
+herbeigew&uuml;nscht, gerade &uuml;ber die Lev&eacute;e her&uuml;ber und auf Herrn
+von Hopfgarten zukam, &raquo;wann, um Gottes Willen, geht der
+Havanna Steamer?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Cuba? &mdash; um elf Uhr,&laquo; sagte dieser erstaunt.</p>
+
+<p>&raquo;Gro&szlig;er Gott &mdash; es mu&szlig; gleich schlagen &mdash; so ist er
+noch nicht fort?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dort dr&uuml;ben k&ouml;nnen Sie ihn sehn,&laquo; sagte Ledermann,
+der von der hohen Lev&eacute;e aus ein paar Momente mit den Augen
+in den Flu&szlig; hinein gesucht hatte &mdash; gerade zwischen den
+beiden ausgezackten Schornsteinen jenes Bootes dort &mdash; das
+gro&szlig;e Dampfschiff, aus dem der Rauch so dick aufsteigt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Henkel ist an Bord!&laquo; war Alles was Hopfgarten
+herausbringen konnte, &raquo;gro&szlig;er Gott, da&szlig; wir nicht an das
+Havanna-Schiff gedacht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gott der Gerechte!&laquo; rief Veitel, seine Steine einsteckend
+und in Verwunderung die H&auml;nde zusammenschlagend, &raquo;was
+han Se uf amol vor a Eil; wird der Herr Henkel doch wiederkommen
+in vier oder f&uuml;nf Woche, wie er mer hot gesagt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Noch ist es vielleicht Zeit,&laquo; rief aber Ledermann, der
+inde&szlig; rasch das Terrain &uuml;berschaut hatte; &raquo;<span class="wide">so</span> p&uuml;nktlich gehen
+die Dampfer nicht ab; einzelne Passagiere z&ouml;gern immer etwas
+l&auml;nger am Ufer, oder der Capitain kann auch seine Gesch&auml;fte
+nicht so rasch besorgen. Dort f&auml;hrt ein Cab &mdash; gegen&uuml;ber
+dem Dampfer nehmen wir ein Boot, und einmal von den
+Schiffen frei, da&szlig; sie an Bord unser T&uuml;cherschwenken sehen
+k&ouml;nnen, und wir kommen noch zur rechten Zeit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Veitel!&laquo; rief Hopfgarten, sich rasch nach diesem umdrehend,
+&raquo;kommt morgen fr&uuml;h zu mir in das St. Charles
+Hotel &mdash; verstanden? &mdash; bringt Euere Steine mit &mdash; und nun
+fort Ledermann, fort!&laquo; und diesem voran laufend winkte er
+schon von weitem dem kleinen einspannigen Cabriolet zu, dessen
+Kutscher, Passagiere suchend, langsam die Lev&eacute;e an der
+Dampfbootlandung hinabfuhr. Der Mann z&uuml;gelte sein Pferd
+ein und Hopfgarten bot ihm einen Dollar, wenn er sie so rasch
+das Pferd laufen k&ouml;nne dem Havanna Steamer gegen&uuml;ber
+die Stra&szlig;e niederf&uuml;hre.</p>
+
+<p>&raquo;Halt, dort geht ein Constable!&laquo; rief ihm aber Ledermann
+zu, &raquo;den nehmen wir mit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kann nicht drei Passagiere fahren, Sir,&laquo; sagte der
+Kutscher.</p>
+
+<p>&raquo;Du bekommst einen Dollar f&uuml;r jeden, wenn Du uns
+rasch an Ort und Stelle bringst!&laquo; rief der Deutsche, dem
+Angst und Aufregung fast die Sprache zu nehmen drohte. Ledermann
+lief indessen, so rasch ihn seine langen F&uuml;&szlig;e trugen, und
+sehr zum Erg&ouml;tzen der ihm Begegnenden, der n&auml;chsten Stra&szlig;enecke
+zu, an der er einen ihm bekannten Constable ersp&auml;ht hatte.
+Wenige Worte gen&uuml;gten, diesen mit Allem bekannt zu machen
+was Noth that, und zwei Minuten sp&auml;ter galopirte das eben
+nicht sehr kr&auml;ftige Pferd, von der wacker gef&uuml;hrten Peitsche
+seines Herrn getrieben, in fl&uuml;chtigen S&auml;tzen die Stra&szlig;e nieder.
+Unterwegs unterrichtete der Constable diesen dabei, dem gro&szlig;en
+Dampfschiff gegen&uuml;ber, das sie jetzt deutlich erkennen konnten,
+anzuhalten, wo er Miethboote w&uuml;&szlig;te.</p>
+
+<p>&raquo;Ay ay Sir!&laquo; sagte der Mann, und hieb st&auml;rker auf sein
+Pferd, &raquo;kommen noch zurecht, wenn mein alter Jack nicht bis
+dahin zusammenbricht.&laquo; Das Pferd hielt sich aber wacker,
+und pl&ouml;tzlich gegen die Lev&eacute;e anfahrend, denn den Wasserrand
+konnten sie von da aus, des hochaufgeworfenen Dammes wegen
+nicht sehen, hielt er an.</p>
+
+<p>&raquo;Boot Sir? &mdash; Boot f&uuml;r den Steamer?&laquo; riefen ihnen
+hier schon vier, f&uuml;nf Bootsleute zu gleicher Zeit entgegen, die
+sich herbeidr&auml;ngten, die geglaubten Passagiere nach dem Dampfschiff
+zu bringen; dieses konnte seines Tiefgangs wegen hier
+nicht dicht am Ufer anlanden, und mu&szlig;te ein St&uuml;ck drau&szlig;en
+im Strom vor Anker liegen; &raquo;h&ouml;chste Zeit, Gentlemen, aber
+wir bringen Sie hin&uuml;ber.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;nf Dollar, wenn wir zur rechten Zeit kommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hier Sir! hier ist ein Boot das es thun kann!&laquo; schrie
+Einer Hopfgarten am Arm ergreifend.</p>
+
+<p>&raquo;Mit dem alten Kasten kommst Du nicht vor Abend hin&uuml;ber,&laquo;
+&uuml;berschrie ihn ein Anderer, &raquo;<span class="wide">meins</span> ist der Clipper,
+Gentlemen, der &uuml;ber das Wasser fliegt.&laquo;</p>
+
+<p>Der Constable hatte indessen von der Lev&eacute;e aus mit einem
+Kennerblick die Boote rasch &uuml;bersehen, und den beiden
+Fremden winkend ihm zu folgen, sprang er in das, was ihm
+am t&uuml;chtigsten schien, hinein, und hinten an das Steuer. Die
+beiden Bootsleute, die dazu geh&ouml;rten, nahmen mit einem Hohnlachen
+&uuml;ber die besiegten Gef&auml;hrten ihre Sitze ein, und wenige
+Sekunden sp&auml;ter scho&szlig; das scharfe, wackere Boot, die gelbe
+Fluth zu beiden Seiten in Schaum hinauswerfend, zischend
+und spritzend &uuml;ber den breiten Strom dem Dampfer zu.</p>
+
+<p>&raquo;Wir kommen wahrhaftig zu sp&auml;t!&laquo; rief Hopfgarten in
+Todesangst mit der rechten Hand sein Tuch schwenkend, &raquo;dort
+pufft das Schiff schon seinen Dampf aus, und die R&auml;der fangen
+an zu arbeiten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur keine Furcht Sir,&laquo; sagte der eine der Bootsleute,
+der einen Blick &uuml;ber seine Schulter weg nach dem n&auml;her und
+n&auml;her r&uuml;ckenden Fahrzeug warf, &raquo;sie arbeiten nur gegen die
+Str&ouml;mung langsam an, den Anker heraufzuheben; die Kette
+ist noch unten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er hat recht,&laquo; rief aber auch der Constable jetzt, &raquo;die
+Kette ist noch aus und wir kommen zur rechten Zeit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gott sei Dank,&laquo; sagte Hopfgarten leise, aber tief aufseufzend
+vor sich hin, und von dem Augenblick an schien es,
+als ob jede Unruhe, jedes Schwanken von ihm genommen
+sei. Ruhig ein Bein &uuml;ber das andere gelegt, beobachtete er
+ihre Ann&auml;herung an das keuchende, gewaltige Dampfschiff,
+und &uuml;berflog mit seinem Blick nur manchmal rasch und forschend
+das aufgebaute Quarterdeck des Fahrzeugs, zwischen
+den dort auf- und abgehenden Passagieren den Gesuchten
+herauszufinden; aber er bem&uuml;hte sich nicht mehr sein Gesicht
+zu verbergen &mdash; der Verbrecher konnte ihm nicht mehr entgehen.</p>
+
+<p>An Bord traten jetzt ein paar Mann, das nahende Boot
+bemerkend, oben an die noch aush&auml;ngenden Fallreeps; der eine
+von diesen hielt ein d&uuml;nnes zusammengerolltes Tau in der
+Hand, und warf es dem einen der Bootsleute zu, der es durch
+den Ring vorn zog und um die vordere Queerbank schlug.
+Im n&auml;chsten Augenblick lag das kleine schwanke Boot, auf
+den kurzen Wellen tanzend, die das Starbordrad schlug, dicht
+an die steilaufsteigende Seitenwand des m&auml;chtigen Fahrzeugs
+an, und der Constable rief hinan:</p>
+
+<p>&raquo;Ein Tau hier herunter, Boys, f&uuml;r den Gentleman;
+er hat einen kranken Arm und kann sich nicht halten.&laquo;</p>
+
+<p>Wenige Secunden sp&auml;ter war dem Rufe Folge geleistet;
+der Constable legte das Seil um Herrn von Hopfgartens
+Mitte, und w&auml;hrend die Matrosen oben langsam anzogen
+und ihn dadurch st&uuml;tzten, lief derselbe rasch an der steil
+niederh&auml;ngenden Fallreepstreppe auf.</p>
+
+<p>&raquo;Danke &mdash; danke herzlich,&laquo; sagte dieser, w&auml;hrend sein
+Blick an dem Quarterdeck hing; aber auch dort sah er nicht
+den, den er suchte, und sich an den Steuermann des Schiffs
+wendend, der seine Leute eben gefragt hatte, ob der Herren
+<span class="wide">Gep&auml;ck</span> schon an Bord sei, bat er diesen ihm zu sagen wo er
+den <span class="wide">Clerk</span> der Cuba f&auml;nde.</p>
+
+<p>&raquo;Dort oben, Sir &mdash; an der Starbordtreppe; der mit
+dem Panama-Hut auf, Sir, und dem kleinen Buch in der
+Hand.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie w&uuml;nschen Pl&auml;tze in der Caj&uuml;te, Sir?&laquo; frug ihn
+dieser freundlich, &raquo;der Steward soll Ihnen gleich Ihre <i>staterooms</i>
+anweisen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bitte, mein Herr,&laquo; sagte Hopfgarten, dem seine beiden
+Begleiter auf dem Fu&szlig;e folgten, &raquo;k&ouml;nnen Sie mir nicht Auskunft
+geben, ob ein gewisser <span class="wide">Soldegg</span> an Bord ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Soldegg? &mdash; Soldegg?&laquo; sagte der Clerk nachdenkend
+sind dabei sein kleines Buch &ouml;ffnend, eine dort eingetragene
+Liste mit den Augen &uuml;berfliegend, &raquo;ist noch nicht notirt, Sir.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oder Henkel?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ebenfalls nicht,&laquo; lautete die Antwort, nach kurzer
+Pause.</p>
+
+<p>&raquo;Oder Holwich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Keiner der drei Herren; aber es sind einige Gentlemen
+erst in der letzten halben Stunde an Bord gekommen, deren
+Namen ich noch nicht eingeschrieben habe. Sie werden
+unterwegs Zeit genug bekommen deren Bekanntschaft zu machen;
+soll ich Ihnen indessen &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bitte, mein Herr, mein Besuch ist anderer Art,&laquo; sagte
+Hopfgarten ruhig; &raquo;ich habe einen Verhaftsbefehl mit gegen
+einen gef&auml;hrlichen Verbrecher, und ich glaube, ja ich wei&szlig; ihn
+an Bord.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oh wenn das ist,&laquo; lachte der Clerk, &raquo;dann hat der Herr
+auch vielleicht einen andern Namen angegeben; nichts leichter
+als das. Wohl ein Constable, der eine der Herren?&laquo;&nbsp;&mdash; dieser
+nickte mit dem Kopf &mdash; &raquo;<i>well</i>, dann bem&uuml;hen Sie sich nur
+gef&auml;lligst selber in die Caj&uuml;te hinunter, und sehn Sie sich
+dort um; ich werde es indessen dem Capitain melden, und Ordre
+geben, da&szlig; das Schiff nicht unterwegs geht.&laquo;</p>
+
+<p>Hopfgarten blieb einen Augenblick stehn, Athem zu holen,
+so pre&szlig;te ihm die Aufregung dieses Momentes Brust und Herz
+zusammen, &auml;u&szlig;erlich aber war er vollkommen ruhig, und Ledermann
+und den Constable bittend, ihn vorangehn zu lassen,
+und erst nach ein paar Minuten zu folgen, stieg er mit festen,
+ruhigen Schritten die Quarterdeckstreppe hinauf, und die breiten
+Mahagonystufen, die von da in die untere Caj&uuml;te f&uuml;hrten,
+wieder hinunter, und &ouml;ffnete, von dem Steuermann begleitet,
+dem der Clerk ein paar Worte &uuml;ber den Zweck dieses Besuches
+zugefl&uuml;stert, die Th&uuml;r der Caj&uuml;te, in der einige zwanzig Passagiere
+in den verschiedensten Stellungen umhersa&szlig;en und standen,
+und ziemlich ruhig die nahe Abfahrt des Dampfers,
+dessen Maschine schon unter ihnen arbeitete, zu erwarten
+schienen.</p>
+
+<p>Aber Hopfgarten sah nur <span class="wide">Einen</span> von allen diesen; auf
+dem mittleren Sopha, das eine Bein behaglich &uuml;ber das andere
+gelegt, und neben sich auf einem kleinen Tisch eine Flasche mit
+Rothwein und ein Gef&auml;&szlig; mit gro&szlig;en, klaren Eisst&uuml;cken, ein
+Buch in der Hand, in dem er nachl&auml;ssig bl&auml;tterte, lag <span class="wide">Henkel</span>
+und schien so sorglos und unbek&uuml;mmert die Abfahrt des Bootes
+zu erwarten, so sicher seiner Umgebung zu sein, da&szlig; er
+nicht einmal aufsah, als Hopfgarten langsam auf ihn zuging,
+bis dieser neben seinem Tische stehn blieb und Henkel jetzt, mit
+einem leisen Schrei der &Uuml;berraschung emporfahrend, ganz
+pl&ouml;tzlich seinen alten Reisegef&auml;hrten neben sich erkannte.</p>
+
+<p>&raquo;Alle Wetter! Herr von Hopfgarten,&laquo; sagte er aber, sich
+rasch sammelnd; &raquo;das ist ein pr&auml;chtiges Zusammentreffen, und
+wir sind auf's Neue Reisegef&auml;hrten? &mdash; Schade, da&szlig; Frau von
+Kaulitz nicht da ist, f&uuml;r den dritten <span class="wide">Mann.</span>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir bekommen noch Gesellschaft,&laquo; sagte Hopfgarten, sich
+ruhig umsehend und den jetzt eben eintretenden Ledermann heranwinkend &mdash; &raquo;Herr
+Henkel oder Soldegg oder Holwich &mdash; ich
+wei&szlig; nicht unter welchem Namen Sie jetzt reisen &mdash; ich
+habe ihnen hier einen alten Bekannten vorzustellen, der eine
+weite Reise im Auftrag seiner Regierung gemacht hat, nur das
+Vergn&uuml;gen Ihrer werthen Begleitung zu haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was soll das? &mdash; was wollen Sie von mir?&laquo; sagte
+Henkel finster, sich aber doch leicht entf&auml;rbend, als er den Aktuar
+von Heilingen pl&ouml;tzlich hier erkannte. Einen forschenden, unruhigen
+Blick warf er dabei in der Caj&uuml;te umher, der inde&szlig;
+weiter Nichts Beunruhigendes bot, da der Steuermann an die
+Bar getreten war, und der Constable, der Gruppe die Seite
+zudrehend, eine Zeitung aufgenommen hatte, als ob er mit zu
+den Passagieren geh&ouml;rte &mdash; &raquo;ich bin gerade nicht aufgelegt zu
+scherzen, sonst k&ouml;nnte ich Ihnen vielleicht wieder meinen &mdash; Zwillingsbruder
+schicken, sich mit dem abzufinden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr Henkel,&laquo; sagte Ledermann ruhig &mdash; &raquo;wir haben
+ein Boot unten liegen, und ersuchen Sie, uns gutwillig und
+ohne weiteres Aufsehn zu erregen, da hinein zu folgen, das
+Weitere werden wir an Land abmachen. So viel gen&uuml;ge
+Ihnen zu wissen, da&szlig; wir autorisirt sind, in dieser Weise zu
+handeln &mdash; ich habe einen Verhaftsbefehl f&uuml;r Sie in der
+Tasche.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Haho!&laquo; rief Soldegg aber, dem im Nu die ganze Gr&ouml;&szlig;e
+der &uuml;ber ihn hereinbrechenden Gefahr klar wurde &mdash; &raquo;Herr von
+Hopfgarten will sich revangiren &mdash; hahaha &mdash; aber die Herren
+haben sich verrechnet &mdash; <span class="wide">lebendig</span> bekommen sie mich nicht &mdash; und
+&uuml;berdie&szlig; &mdash; wer giebt Ihnen das Recht, mich hier verhaften
+zu wollen?&laquo; Seine rechte Hand glitt dabei rasch und
+verstohlen unter die Weste, die Bewegung aber war dem Constable,
+der ihn indessen scharf und aufmerksam von der Seite
+beobachtet hatte, nicht entgangen, und seinen Rock zur&uuml;ckwerfend,
+unter dem er sein Polizeizeichen trug, ging er auf den
+wild und drohend zu ihm aufblickenden Verbrecher zu und
+wollte, mit den Worten: &raquo;<i>You are my prisoner!</i>&laquo;<a name="fn_5r" id="fn_5r"></a><a href="#fn_5"><small><sup>5</sup></small></a>, die
+Hand auf dessen Schulter legen, als Henkel, unter dem Arm
+fortgleitend, einen Schritt zur&uuml;cksprang; mit der rechten aber
+zu gleicher Zeit ein m&auml;chtiges, blitzendes Bowiemesser aus der
+Weste ri&szlig;, und mit wildem, h&ouml;hnischen Lachen schrie:</p>
+
+<p>&raquo;Lebend nicht &mdash; Bahn frei, oder, beim Teufel, ich hacke
+Pastetenfleisch aus Euch!&laquo; Zu gleicher Zeit f&uuml;hrte er einen
+Hieb nach dem Constable, dem dieser nur durch ein j&auml;hes
+Zurseitespringen entgehn konnte, und warf sich auf Hopfgarten,
+wieder die Klinge zum Hieb gehoben. Dieser aber, ohne einen
+Zoll breit zu weichen, hatte eine gleiche Waffe gezogen, und
+bereitete sich, den Schlag zu pariren, als der Steuermann, etwas
+&Auml;hnliches schon lange erwartend, ohne sich aber selber
+zwischen die gehobenen Messer hineinzuwagen, einen Stuhl
+aufgriff und Henkel so geschickt vor die F&uuml;&szlig;e schleuderte, da&szlig;
+dieser im vollen Wurf dar&uuml;ber hinflog.</p>
+
+<p>&raquo;Brav gemacht!&laquo; schrie der Constable, der inde&szlig; einen
+Revolver aus seinem G&uuml;rtel gerissen hatte, Gewalt mit Gewalt
+zu begegnen &mdash; &raquo;jetzt bekommen wir den Burschen lebendig.&laquo;
+Und um den Stuhl flog er herum, zwischen die Th&uuml;r und
+den Gefangenen zu kommen, und diesem den Weg abzuschneiden.
+Henkel aber, zum &Auml;u&szlig;ersten getrieben und recht gut
+wissend, was ihn erwartete, wenn er in die Hand der Feinde
+fiel, schnellte im Nu, sein Messer noch fest im Griff haltend,
+vom Boden wieder auf und sprang gegen die Th&uuml;r an, von
+der fort die zuf&auml;llig dort herabkommenden Passagiere, vor der
+drohenden Gestalt mit der geschwungenen Waffe scheu zur Seite
+stoben.</p>
+
+<p>&raquo;Halt!&laquo; schrie der Constable, &raquo;im Namen des Gesetzes!&laquo;</p>
+
+<p>Henkel hatte die Th&uuml;r erreicht und stie&szlig; sie vor sich auf,
+als ein scharfer Knall, und gleich darauf wei&szlig;er Pulverrauch
+den Raum f&uuml;llte &mdash; ein wilder Schrei und eine blutende,
+todtenbleiche Gestalt, der die blanke Waffe entfiel und klirrend
+die Stufen zur&uuml;ckrollte, taumelte die Treppe hinauf an Deck,
+zwischen die entsetzten Passagiere.</p>
+
+<p>&raquo;<i>You are my prisoner Sir!</i>&laquo; schrie der Constable, den
+Fl&uuml;chtling einholend und an der Schulter fassend.</p>
+
+<p>&raquo;<i>Ready for hell!</i>&laquo;<a name="fn_6r" id="fn_6r"></a><a href="#fn_6"><small><sup>6</sup></small></a> st&ouml;hnte dieser, lie&szlig; die Arme sinken,
+drehte sich einmal im Kreise herum und brach, wo er stand,
+zusammen.</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Den</span> Passagier k&ouml;nnt Ihr von der Liste streichen, Clerk,&laquo;
+sagte der Steuermann ruhig zu diesem, als er an Deck kam &mdash; &raquo;steht
+bei hier, Jungen, und hebt den Cadaver einmal in's
+Boot hinunter, und zwei von Euch waschen die Flecken hier
+weg und die Treppe rein. Marsch mit Euch und ein Bischen
+schnell &mdash; ist der Anker auf?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alles klar, Sir!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut, in f&uuml;nf Minuten m&uuml;ssen wir unterwegs sein &mdash; die
+Herren m&ouml;gen die Geschichte dann selber an Land ausmachen.&laquo;</p>
+
+<p>Hopfgarten stand neben der Leiche und sah tief aufseufzend
+in die bleichen Z&uuml;ge, in die stieren zu ihm aufgedrehten Augen &mdash; aber
+er sprach kein Wort; nur das Messer, das er noch offen
+in der Hand trug, barg er wieder in der Scheide, und einen
+kleinen wei&szlig;en Handschuh aus seiner Brust nehmend, bog er
+sich nieder, und netzte das zarte schneeige Leder mit dem quellenden
+Blut des Gerichteten.</p>
+
+<p>Zwei Matrosen fa&szlig;ten die Leiche jetzt auf und trugen sie
+zu der Fallreepstreppe, wo Andere mit den Tauen standen und
+sie hinunter lie&szlig;en; der Constable hatte sich indessen vom Clerk
+das Gep&auml;ck, das dem Gericht verfallen war, ausliefern lassen.</p>
+
+<p>&raquo;Hallo, da kommt noch ein Passagier!&laquo; rief der eine
+Bootsmann, als die Seeleute die Leiche rasch nach unten
+viehrten &mdash; &raquo;dacht' es mir beinah, wie ich den Schu&szlig; h&ouml;rte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast eine gute Nase, Kamerad,&laquo; rief Einer der Matrosen
+nieder, &raquo;das aber da ist nur Ballast; schlagt die Taue los!&laquo;</p>
+
+<p>Die Koffer folgten dem K&ouml;rper, und diesen die Passagiere &mdash; oben
+l&auml;utete die Glocke, die R&auml;der rauschten und peitschten
+den gelben Schaum zu wirbelnden Wellen auf &mdash; stromauf
+arbeitete das gewaltige Schiff, einen weiten Bogen beschreibend
+in der kochenden, zischenden Fluth, und w&auml;hrend es sich stromab
+wandte, und das flatternde Banner der Vereinigten Staaten
+lustig im Winde wehte, ruderte das kleine Boot mit seiner
+traurigen Last langsam dem Lande wieder zu.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h2><a name="kap9" id="kap9"></a>Capitel 9.</h2>
+<h3>Das Haus im Walde.</h3>
+
+<p>Wieder keimten und spro&szlig;ten die Blumen im lieben
+deutschen Vaterland; die Wiesen hatten sich mit frischem Gr&uuml;n
+gedeckt, im Wald rauschte und fl&uuml;sterte der Wind gar so traulich
+und heimlich durch die jungen, saftigen Bl&auml;tter, und schaukelte
+die langen, duftenden Zweige der Birke, und trug die
+wirbelnde Lerche hoch in die blaue, sonnige Luft hinein.</p>
+
+<p>Wie das drau&szlig;en in den Feldern so regsam schaffte und
+arbeitete; wie die Heerden so fr&ouml;hlich bl&ouml;kten, die wieder hinaus
+durften in die warme, sommerliche Flur; wie die Schwalben &mdash; die
+lieben, lieben Schwalben so froh durch den &Auml;ther strichen
+und die St&ouml;rche, von den Kindern mit scheuer Ehrfurcht betrachtet,
+klappernd und von ihren Reisen erz&auml;hlend, auf den
+D&auml;chern standen, oder langsam &uuml;ber die feuchten Wiesenfl&auml;chen
+schritten, alte Jagdgr&uuml;nde zu revidiren.</p>
+
+<div class="center">
+<table style="margin: 0 auto" cellpadding="4" summary="Illustration Capitel 9">
+ <tr>
+ <td align="center">
+ <a href="images/img4r.jpg">
+ <img src="images/img4r.jpg" height="600"
+ alt="Illustration Capitel 9" /></a>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="center">
+ <span class="caption">Capitel 9.<br />
+ Click to <a href="images/img4.jpg">ENLARGE</a></span>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+</div>
+
+<p>Wie das zwitscherte und klang und sang und schmetterte
+in dem weiten, lichtdurchflutheten Raum, und die Luft mit
+seinem Glanz und Jubel f&uuml;llte, jeder Ton ein Loblied dem
+Herrn, jedes gr&uuml;ne Blatt, jeder duftende Kelch, jeder Thautropfen
+am schwankenden Halm, ein Dankesopfer seiner Allmacht
+und G&uuml;te. Oh wie sich auch die Menschenbrust da so
+froh und fr&ouml;hlich hebt, und das Herz mit jauchzt und jubelt,
+und hinauf m&ouml;chte, h&ouml;her und h&ouml;her hinauf, der steigenden
+Lerche nach, die mit zitterndem Fl&uuml;gelschlag, ein lebendiges
+Bild der Lust und Wonne, dort oben steht und betet. Wie es
+da stammelnd danken und preisen m&ouml;chte auch in <span class="wide">seiner</span>
+Weise, und nicht Worte, nicht Ausdruck findet f&uuml;r die Seligkeit,
+die in ihm gl&uuml;ht und lebt, und seine Adern f&uuml;llt, und
+deren Wiederglanz nur in der Thr&auml;ne zittert, die hei&szlig; und doch
+so lindernd da in's Auge steigt.</p>
+
+<p>Der Winter war vorbei &mdash; die Natur erwacht, und
+Gottes Odem wehte, ein Segen, &uuml;ber das weite, wundervolle
+Land, Luft und Frieden in der Menschen Herzen gie&szlig;end &mdash; aber
+nicht in alle. &mdash; Den schmalen Pfad der, das Dorf Waldenhayn
+umgehend, nach dem dunklen, die H&uuml;gel deckenden
+Kieferwald hinauff&uuml;hrte, schritt eine schlanke, bleiche Frau, einsam
+und allein; sie sah krank und h&uuml;lfsbed&uuml;rftig aus, und die
+blo&szlig;en, wegwunden F&uuml;&szlig;e lie&szlig;en hie und da in den Spuren
+Blutflecken zur&uuml;ck, wo ein scharfer Stein sie verletzt; der
+Stra&szlig;enstaub deckte dabei ihr Gewand, und die wei&szlig;e, fast
+durchsichtige Hand klammerte sich fest und wie krampfhaft an
+den rohen Eichenstock, der ihr zur St&uuml;tze diente.</p>
+
+<p>Neben ihr auf stieg wirbelnd die Lerche, und im Korn
+lockte das Rebhuhn und die Wachtel; &mdash; sie blieb stehn und
+horchte dem Laut, aber nicht vom Boden nahm sie den Blick,
+schauderte zusammen, als ob selbst diese s&uuml;&szlig;en T&ouml;ne nur furchtbare
+Erinnerungen f&uuml;r sie h&auml;tten, und schritt langem weiter
+ihre stille Bahn, dem Walde zu.</p>
+
+<p>Nur einmal blieb sie noch stehn, und zitterte, und w&auml;re
+fast in die Knie gesunken, als vor ihr, bis jetzt von Birken-
+und Weidenb&uuml;schen verdeckt, ein kleines, einsam gelegenes,
+&ouml;des H&auml;uschen, mit halb ge&ouml;ffneter Th&uuml;r und ausgebrochenen
+Fenstern sichtbar wurde; aber wie gewaltsam raffte sie sich zusammen,
+fa&szlig;te ihren Stab fester und schritt auf das niedere,
+verlassene Geb&auml;ude zu.</p>
+
+<p>Als sie die Schwelle erreichte, l&auml;uteten unten die Glocken
+den Nachmittagsgottesdienst aus, und als ob <span class="wide">die</span> T&ouml;ne sie mit
+furchtbarer, unwiderstehlicher Gewalt getroffen, brach sie zusammen
+in die Knie, und lag lange Minuten wie betend da.
+Dann erhob sie sich langsam wieder, warf noch einen scheuen
+Blick &uuml;ber das, unten das kleine Thal f&uuml;llende Dorf, und verschwand
+dann in dem dunklen Raum der H&uuml;tte.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="min" />
+<p>&nbsp;</p>
+<p>Unten im Dorf l&auml;uteten die Glocken den Nachmittagsgottesdienst
+aus, und der w&uuml;rdige Pastor Donner, dessen Haar
+die letzten drei Winter doch um ein Bedeutendes gebleicht, kam
+freundlich, rechts und links die noch vor der Kirche stehenden
+Kinder und Gemeindemitglieder gr&uuml;&szlig;end, die ihn, mit dem
+Hut in der Hand, vorbeilie&szlig;en, seiner kleinen Wohnung, dem
+duftigen, schattigen Garten zu, wo ihn zu dieser Zeit der
+Nachmittagskaffee in der bl&uuml;henden Fliederlaube erwartete. Aber
+mehr als das harrte heute sein.</p>
+
+<p>&raquo;Vater &mdash; lieber Vater!&laquo; jubelten ihm die Kinder entgegen,
+Bl&auml;tter Papier hoch und jauchzend empor haltend &mdash; &raquo;Brief
+von Georg ist gekommen &mdash; Brief vom Bruder Georg;
+er kommt her&uuml;ber in ein oder zwei Jahren mit seiner <span class="wide">Frau!</span> &mdash; er
+hat geheirathet, Vater &mdash; Bruder Georg hat geheirathet
+und es geht ihm gut!&laquo;</p>
+
+<p>Der Pastor blieb stehn, und als die Kinder auf ihn zugesprungen
+kamen und ihm in ihrer frohen Kindeslust den
+Brief entgegen hielten, bog er sich zu ihnen nieder und k&uuml;&szlig;te
+sie, aber die Mutter folgte ihnen, und barg ihr Haupt an des
+Gatten Brust. Sie hatte sprechen &mdash; erz&auml;hlen &mdash; mit den
+Kindern jubeln wollen, und kein Wort brachte sie jetzt vor
+Thr&auml;nen &uuml;ber die Lippen &mdash; aber es waren <span class="wide">Freudenthr&auml;nen.</span></p>
+
+<p>&raquo;Georg hat geheirathet!&laquo; jubelte Fritz dabei, der j&uuml;ngste
+Sohn, den Brief in der Hand schwenkend, und um die Anderen
+herumspringend &mdash; &raquo;ich bin jetzt ein <span class="wide">Schwager</span> geworden, und
+Du, Louise und Du Trinchen, Ihr seid Schw&auml;gerinnen &mdash; hurrah,
+Bruder Georg soll leben!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und es geht ihm gut?&laquo; fl&uuml;sterte der Pastor, der Gattin
+an ihn gelehnte Stirn wieder und wieder k&uuml;ssend.</p>
+
+<p>&raquo;Gut &mdash; recht, recht gut, Gott sei ewig gelobt und gedankt,&laquo;
+schluchzte die Frau &mdash; &raquo;da, lies nur selbst &mdash; ich habe
+vor Thr&auml;nen nicht weiter lesen k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>Auch Louise, die &auml;ltere Tochter, kam mit ihrem Br&auml;utigam,
+einem jungen Geistlichen aus Heilingen, dem Vater
+freudestrahlenden Auges entgegen, und w&auml;hrend die Glocken
+von dem alten Thurm noch klangen und t&ouml;nten, und den tiefen
+harmonischen Laut weit aus &uuml;ber das stille Dorf und an die
+sonnbeschienenen H&auml;nge der bl&uuml;henden H&uuml;gel sandten, sa&szlig;en die
+gl&uuml;cklichen guten Menschen in der duftenden Laube, und horchten
+der lieben, lieben Botschaft des fernen Bruders und Sohnes,
+der ihnen Gr&uuml;&szlig;e und K&uuml;sse weit &uuml;ber das Meer her&uuml;bergesandt,
+und ihre Herzen mit Gl&uuml;ck und Wonne und Dank,
+hei&szlig;em Dank gegen den H&ouml;chsten erf&uuml;llt hatte.</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &raquo;Seit drei Tagen bin ich jetzt mit meiner Marie
+verm&auml;hlt, und der gl&uuml;cklichste Mensch unter der Sonne. In
+den angenehmsten Familienverh&auml;ltnissen dabei, hat sich unsere
+Farm, die mein Schwiegervater schon im Begriff war um ein
+Spottgeld zu verschleudern, auf eine ganz unerwartete und kaum
+geahnte Weise verwerthet, denn ich habe beim Graben eines
+Brunnens, in der N&auml;he einer neu errichteten M&uuml;hle, selber ein
+<span class="wide">Kohlen</span>lager entdeckt, das, wenn auch noch nicht f&uuml;r den
+Augenblick, doch f&uuml;r die Zukunft einen bedeutenden Ertrag verspricht.
+Ein Amerikaner hat mir schon f&uuml;r die Bearbeitung
+eine sehr bedeutende Summe baar geboten, aber ich z&ouml;gere noch
+sie anzunehmen. Dabei bin ich ganz gegen meinen Willen,
+und durch einige gl&uuml;ckliche Kuren in den Ruf eines geschickten
+Arztes gekommen, und da sich unsere Gegend, durch die Unmasse
+der hier eintreffenden Einwanderer, sehr belebt, bleibt mir
+schon gegenw&auml;rtig kaum mehr Zeit, meinen l&auml;ndlichen Arbeiten
+so obzuliegen, wie ich es eigentlich w&uuml;nschte&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&mdash; &raquo;Noch eine andere Nachricht aus unserer Familie, die
+auch Euch interessiren wird, habe ich Euch mitzutheilen. Meine
+Schw&auml;gerin Anna, die &auml;ltere Schwester Mariens und ein sehr
+liebes, braves M&auml;dchen, hat ganz unerwarteter Weise einen
+Heirathsantrag aus Deutschland und zwar aus Heilingen, von
+dem fr&uuml;hern K&uuml;rschnermeister Kellmann bekommen. Kellmann
+ist, so weit ich ihn kenne, ein braver, rechtschaffener Mann und
+Anna scheint ihm auch gut zu sein. Er hat geschrieben, wenn
+sie ihm ein freundliches Ja schicke, wolle er unges&auml;umt
+her&uuml;berkommen &mdash; ich denke, wir werden ihn wohl n&auml;chstens hier
+sehn&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&mdash; &raquo;Der Rosensenker von Mutters Strauch vor dem
+Fenster, den mir Louise noch an jenem schmerzlichen Abend der
+Trennung gegeben, hat den Ehrenplatz in unserm freundlichen
+Garten, und gr&uuml;nt und bl&uuml;ht, da&szlig; es eine Lust und Freude ist, &mdash; die
+einliegende Knospe hat er getragen. Oh, wie mich
+der Bl&uuml;thenstock an Euch erinnert; ich habe ihn so lieb, und
+doch treten mir jedes Mal Thr&auml;nen in die Augen, wenn ich
+ihn ansehe. Meine Marie pflegt ihn selber; sie wird <span class="wide">Euch</span>
+auch gefallen. Hat sich das Gesch&auml;ft mit dem Kohlenlager
+erst geordnet, und sich dasselbe so eintr&auml;glich erwiesen, wie ich
+es jetzt wirklich glauben mu&szlig;, dann komme ich mit ihr hin&uuml;ber,
+Euch zu besuchen. Lieber Gott, es ist ja doch unser Aller
+Wunsch, sp&auml;ter einmal wieder nach Deutschland zur&uuml;ckkehren
+und dort unsere Tage beschlie&szlig;en zu k&ouml;nnen.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Unten am Brief in einer Nachschrift stand:</p>
+
+<p>&mdash; &raquo;&Uuml;ber den Steffen, der bei uns der schwarze Steffen
+hie&szlig;, und von dem ich Euch schon fr&uuml;her schrieb, wie ich mit
+ihm zusammengekommen, habe ich nichts N&auml;heres erfahren
+k&ouml;nnen. Auch seine Frau, die sich von ihm getrennt hatte, ist
+aus dem kleinen St&auml;dtchen, wo sie die letzte Zeit still und flei&szlig;ig,
+und mit keinem Menschen verkehrend, gearbeitet hatte, spurlos
+verschwunden; Amerika ist zu gro&szlig;, solche Leute im Auge behalten
+zu k&ouml;nnen.&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du guter, barmherziger Gott,&laquo; sagte die Frau Pastorin,
+seufzend die H&auml;nde faltend, &raquo;ich begreife, wie schlechte Menschen
+einen Anderen aus Geldgier oder Rache, oder sonst in
+b&ouml;ser, s&uuml;ndhafter Leidenschaft <span class="wide">morden</span> k&ouml;nnen, aber da&szlig; Eltern
+im Stande sein sollen, ihre <span class="wide">Kinder</span> auf solche Art zu verlassen,
+begreife ich <span class="wide">nicht.</span> Das unvern&uuml;nftige <span class="wide">Thier</span> thut das
+ja nicht, sorgt f&uuml;r seine Jungen, und vertheidigt sie in Gefahr,
+und der <span class="wide">Mensch</span> soll schlechter sein, als das Thier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;r die Kinder war es ein Gl&uuml;ck,&laquo; sagte der Pastor,
+seufzend mit dem Kopfe nickend &mdash; &raquo;<span class="wide">was</span> h&auml;tten sie von solchen
+Eltern gelernt, <span class="wide">wie</span> w&auml;ren sie von ihnen erzogen worden, und
+jetzt sind sie bei guten Menschen untergebracht und versorgt.&laquo;</p>
+
+<p>Ein paar Knaben aus dem Dorfe kamen in diesem Augenblick
+athemlos an den Garten gerannt, rissen die M&uuml;tzen
+vom Kopfe, und schauten mit den roth erhitzten, dicken, gutm&uuml;thigen,
+jetzt aber jedenfalls durch irgend etwas sehr erregten
+Gesichtern durch die Gitterth&uuml;r hinein, wo der Geistliche sa&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Was wollt Ihr, Kinder?&laquo; sagte dieser freundlich, indem
+er von seinem Sitze aufstand und auf sie zuging.</p>
+
+<p>&raquo;Oben am Berge spukt's!&laquo; rief aber der Eine von ihnen,
+in aller Eile und Gesch&auml;ftigkeit ganz den sonst gewi&szlig; nicht vers&auml;umten
+Gru&szlig; verge&szlig;end &mdash; &raquo;am schwarzen Steffen seinem
+Hause geht's um!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Am Hause des schwarzen Steffen?&laquo; rief Pastor Donner,
+erstaunt den Platz gerade jetzt, wo sie sich selber damit besch&auml;ftigt,
+genannt zu h&ouml;ren &mdash; &raquo;wer hat Euch den Unsinn
+wei&szlig; gemacht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ne, wahrhaftig,&laquo; rief der Andere betheuernd aus &mdash; &raquo;Hollebens
+Liese und Gutegrunds Annamarie haben den Geist
+von der &raquo;stolzen Jule&laquo; gesehn, der oben herumgeflogen ist.&laquo;</p>
+
+<p>Nur mit M&uuml;he bekam der jetzt aufmerksam werdende
+Geistliche heraus, da&szlig; zwei M&auml;dchen aus dem Dorfe oben am
+Wald auf dem kleinen, dem Haus gerade gegen&uuml;ber liegenden
+Hang gewesen waren, Blumen zu suchen, und an der, von den
+Dorfbewohnern &auml;ngstlich gemiedenen H&uuml;tte des schwarzen
+Steffen eine Gestalt gesehen h&auml;tten, von der sie erkl&auml;rten, da&szlig;
+sie der Geist der &raquo;stolzen Jule&laquo; sei. Sie habe keine Ruhe im
+Grabe, und ginge dort an der Stelle um, wo sie ein Verbrechen
+begangen, f&uuml;r das wir in der sonst so reichen deutschen
+Sprache nicht einmal einen Namen haben. Die H&uuml;tte lag
+auch noch, gef&uuml;rchtet und gescheut, unber&uuml;hrt so, wie man die
+Kinder damals darin gefunden, und nur mit dem Bettzeug und
+dem besten Hausger&auml;th herausgenommen hatte, und die Leute
+in den Spinnstuben erz&auml;hlten sich Abends schauerliche Geschichten
+von dem Ort.</p>
+
+<p>Pastor Donner sch&uuml;ttelte ungl&auml;ubig den Kopf zu der Erz&auml;hlung,
+Andere aber aus dem Dorf kamen nach, und der
+Schultze, der von den jungen M&auml;dchen selber den Bericht geh&ouml;rt,
+den sie mit bleichen Wangen und zitternden Lippen in's
+Dorf getragen, folgte den &Uuml;brigen, best&auml;tigte dem Herrn
+Pastor, was sich die Leute erz&auml;hlten, und bat ihn, mit ihm
+hinauf zu gehn nach dem alten Hause, das Ger&uuml;cht zu widerlegen,
+das sonst leicht mehr Nahrung gewann und von dem
+abergl&auml;ubischen Volke ausgeschm&uuml;ckt wurde, oder sich zu &uuml;berzeugen,
+was Wahres an der Sache sei.</p>
+
+<p>Die Frau Pastorin wollte mit den Kindern ihren Mann
+begleiten, er bat sie aber, zur&uuml;ckzubleiben, und schritt dann,
+seine Amtstracht ablegend und Hut und Stock nehmend, an
+der Seite des Schultzen durch das Dorf hin, den kleinen,
+mit Unkraut &uuml;berwucherten und fast verwachsenen Pfad hinauf,
+der zu dem, etwa eine kleine halbe Stunde von Waldenhayn
+entfernten Geb&auml;ude f&uuml;hrte. Eine Menge der Dorfbewohner
+schlo&szlig; sich ihnen unterwegs an, sie zu begleiten.</p>
+
+<p>Als sie den Platz erreichten, war Alles todtenstill; nur
+hie und da zwitscherten die V&ouml;gel in den Zweigen, und auf
+dem alten Eichbaum neben dem Haus sa&szlig; ein Rabe, drehte,
+als er die Menschen auf sich zukommen sah, den Kopf scheu
+nach rechts und links hin&uuml;ber, und strich dann mit seinem tief
+und unheimlich kr&auml;chzenden &raquo;<span class="wide">krah &mdash; krah</span>&laquo;&nbsp;&mdash; von dem
+Zweige ab, auf dem er gestanden, dem Holze zu!</p>
+
+<p>&raquo;Das war sie &mdash; das war sie!&laquo; fl&uuml;sterten die Frauen
+untereinander, inde&szlig; sie sich n&auml;her zusammendr&uuml;ckten, und
+scheu nach dem schwarzen Galgenvogel hin&uuml;berschauten, &raquo;jetzt
+werden sie Nichts mehr finden; die ist fort, und in der Nacht
+kommt sie wieder und sitzt dort auf dem alten Dach. Ich
+gehe nicht weiter mit &mdash; ich auch nicht &mdash; Gott soll mich bewahren
+vor <span class="wide">der</span> Stelle, die ewiglich verflucht ist.&laquo; rief eine
+andere Frau. &raquo;Man sollte Feuer anlegen und das Nest von
+der Erde vertilgen,&laquo; sagte Einer der M&auml;nner dann, &raquo;<span class="wide">ich</span> wenigstens
+m&ouml;chte nicht einmal einen von den Balken in meinem
+Ofen brennen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Th&uuml;r steht offen, da&szlig; sie immer recht bequem aus
+und ein k&ouml;nnen,&laquo; fl&uuml;sterte wieder eine Andere, &raquo;huh, wie mag's
+da drinnen um Mitternacht zugehn &mdash; der Schornstein sieht
+auch nicht umsonst so gelb und schweflig aus, und unsere
+Annakathrine hat neulich die Irrlichter hier oben wie toll
+herumtanzen sehen.&laquo;</p>
+
+<p>Die Leute aus dem Dorf blieben wirklich, als sie den
+kleinen freien Platz vor dem Haus erreichten, scheu an dessen
+Grenze stehn, und nur Pastor Donner schritt, von dem Schultzen
+begleitet, langsam dem Hause selber zu.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe schon lange einmal heraufgehen wollen, zu
+sehn, wie der Platz hier eigentlich aussieht,&laquo; sagte dieser endlich,
+&raquo;bin aber immer nicht dazu gekommen. Hm, wie &ouml;de
+und unheimlich das hier ist &mdash; es wundert mich gar nicht, da&szlig;
+sich die Kinder davor f&uuml;rchten, ist mir's doch selber ein ganz
+eignes, unbehagliches Gef&uuml;hl hier herzugehn &mdash; es ist fast, als
+ob man eine Richtst&auml;tte betr&auml;te.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohl ist es so,&laquo; sagte Pastor Donner feierlich und mit
+halb unterdr&uuml;ckter Stimme, als ob er selber sich scheue, an
+diesem Orte laut zu sprechen. &raquo;Aber wir wollen hier nicht
+stehen bleiben; die Leute dort hinten murmeln schon miteinander,
+und glauben sonst, da&szlig; wir selber uns f&uuml;rchten, das Haus
+zu betreten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber was sollen wir darin?&laquo; sagte der Schultze ausweichend,
+und es lag ihm wirklich Nichts daran, dort hineinzugehen,
+&raquo;'was Lebendiges h&auml;lt sich hier oben nicht auf, sonst h&auml;tte der
+scheue Rabe da nicht im Baum gesessen, und an Gespenster
+glauben wir doch alle Beide nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin einmal oben,&laquo; sagte der Geistliche mit seinen
+eigenen Gedanken besch&auml;ftigt, denn vor seinen Augen schwebte
+in diesem Augenblick die Scene auf dem Amerikanischen Dampfboot,
+die ihm in einem fr&uuml;heren Briefe der Sohn beschrieben,
+&raquo;und m&ouml;chte auch das Innere des Hauses sehn, das ich seit
+jenem Tag, wo wir die armen, halb verhungerten Kinder hier
+oben abholten, nicht betreten.&laquo;</p>
+
+<p>Langsam schritt er, von dem Schultzen nur widerstrebend
+gefolgt, der Th&uuml;re zu, schob diese noch etwas weiter
+auf, mehr Licht und Luft hineinzulassen, und betrat, durch den
+schmalen dunklen Gang gehend, die fr&uuml;here Stube des &raquo;schwarzen
+Steffen&laquo;. Dort aber schrak er selber einen Schritt zur&uuml;ck,
+denn auf dem Boden vor ihm lag ausgestreckt und regungslos
+eine menschliche, weibliche Gestalt.</p>
+
+<p>&raquo;Was giebt's? &mdash; was ist?&laquo; rief der Schultze, der den
+unwillk&uuml;rlich ausgesto&szlig;enen Ruf des Erstaunens geh&ouml;rt, und
+auf der Stelle stehen blieb, wo er gerade stand, w&auml;hrend sich
+eine Anzahl Burschen aus dem Dorfe n&auml;her herandr&auml;ngten,
+die Frauen und M&auml;dchen aber noch scheuer zur&uuml;ckwichen, und
+sich schon halb zur Flucht wandten.</p>
+
+<p>Pastor Donner winkte aber dem Schultzen langsam und
+traurig n&auml;her zu kommen, und als dieser die Schwelle betrat,
+deutete er nieder auf den vor ihm ausgestreckten K&ouml;rper der
+Ungl&uuml;cklichen, die Gram und Reue, und der nagende Wurm
+im Herzen wieder her&uuml;ber, zur&uuml;ckgetrieben hatte durch das
+weite, wilde Land, &uuml;ber das weite Meer, an dem Ort, wo sie
+so furchtbar sich vergangen &mdash; <span class="wide">zu sterben.</span></p>
+
+<p>Jetzt rasteten die blutigen, nackten F&uuml;&szlig;e von der weiten
+Wanderschaft, jetzt ruhte das arme Herz, das in Verzweiflung
+und Gram wohl manche lange furchtbare Nacht <span class="wide">die</span> Stunde
+hier herbeigesehnt, mit dem Kopf auf den zerfallenen Kasten
+gest&uuml;tzt, der dem j&uuml;ngsten Kind in fr&uuml;herer Zeit zu seinem Bettchen
+gedient hatte, aus von seinem Leid und Weh. Der
+K&ouml;rper selber war abgefallen und mager, die Wangen hohl
+und d&uuml;nn, aber ein ruhiges, seliges L&auml;cheln zog sich um die
+bleichen, kalten Lippen, die der Tod f&uuml;r immer geschlossen.
+Was sie ver&uuml;bt, was sie ges&uuml;ndigt, sie hatte schwer gelitten &mdash; hatte
+tief bereut, und wie, als ob die Kr&auml;fte ihr nur eben
+noch gehorcht, <span class="wide">die</span> Stelle zu erreichen, war hier der Tod, ein
+willkommener lieber Freund, zu ihr getreten, sie zu erl&ouml;sen von
+ihren Leid.</p>
+
+<p>Neugierig und muthig gemacht, durch das Verweilen der
+beiden M&auml;nner im Haus, dr&auml;ngten die &uuml;brigen Dorfbewohner
+jetzt auch nach und nach heran, und der Ruf. &raquo;die stolze Jule &mdash; die
+stolze Jule liegt todt im Haus!&laquo; f&uuml;llte den kleinen
+Raum bald mit einem Theil der Schaar, die jedoch die Leiche
+immer noch scheu und furchtsam umstanden. &Uuml;ber ihr aber
+faltete Pastor Donner die H&auml;nde und sagte mit leiser, tiefbewegter
+Stimme:</p>
+
+<p>&raquo;Gott hat in seiner Vaterhuld sich Dein erbarmt, Du
+armes verirrtes Kind &mdash; Du hast schwer ges&uuml;ndigt &mdash; schwer
+und furchtbar, aber auch viel, viel gelitten, und Gram und
+Reue haben ihre Z&uuml;ge mit scharfen Furchen in Dein Angesicht
+gegraben. Er sei Deiner armen Seele gn&auml;dig!&laquo;</p>
+
+<p>Und seinen Hut abnehmend, welchem Beispiele rasch und
+scheu alle &Uuml;brigen folgten, betete er still und br&uuml;nstig &uuml;ber
+der abgerufenen S&uuml;nderin.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h2><a name="kap10" id="kap10"></a>Capitel 10.</h2>
+<h3>Der rothe Drachen bei Heilingen.</h3>
+<h5>Schlu&szlig;.</h5>
+
+<p>Im rothen Drachen bei Heilingen herrschte heute ein
+reges, gesch&auml;ftiges Leben; Kellner liefen und st&uuml;rzten durcheinander
+hin, Tische wurden ger&uuml;ckt, St&uuml;hle getragen, Tischt&uuml;cher
+ausgebreitet, und K&ouml;rbe mit Flaschen und Getr&auml;nken
+angeschleppt, als ob ein Regiment damit versorgt werden sollte.
+Im Garten, der mit einer Masse Kr&auml;nze und Blumen und
+Guirlanden geschm&uuml;ckt war, standen noch einzelne Arbeiter, die
+mit frischem Sand bestreuten G&auml;nge von den hineingefallenen
+Bl&auml;ttern und Zweigen des Ausschmucks zu reinigen, und unter
+einem kleinen, erst k&uuml;rzlich aufgeschlagenen und ganz mit
+frischen Blumen besteckten und behangenen Zelt, lagen eine
+Reihe breitbauchiger Bierf&auml;sser mit eingesteckten gef&auml;lligen H&auml;hnen,
+nur der Hand harrend, die sie aufdrehen w&uuml;rde, ihr sch&auml;umendes,
+kr&auml;ftiges Na&szlig; zu spenden.</p>
+
+<p>Den Pfad herunter, der von Zurschtel niederf&uuml;hrte, kam
+ein Bettler an einer Kr&uuml;cke daher gehinkt. Es war sonst eine
+breitschultrige, kr&auml;ftige Gestalt, aber mit eingefallenen Backen
+und hohlliegenden Augen, das linke Bein ziemlich dick in
+alte zerlumpte T&uuml;cher und Lappen eingeschlagen, und die
+linke Seite seines Gesichts ebenfalls mit einen schmutzigen Tuch
+verbunden.</p>
+
+<p>Als er die Gartenth&uuml;r erreichte, blieb er stehen, und sah
+hinein, betrat aber den Garten selber nicht, und schaute still
+und aufmerksam nach dem Haus hin&uuml;ber.</p>
+
+<p>Den breiten Gang herunter, der von der Guirlanden geschm&uuml;ckten
+Hausth&uuml;r in gerader Linie nach dem Thore zu f&uuml;hrte,
+schritt der Eigenth&uuml;mer des Grundst&uuml;cks, Herr Kaspar Helker,
+nach seinen Arbeitern zu sehn. In die N&auml;he des Bettlers gekommen,
+zog dieser den Hut ab, und sagte mit bittender H&ouml;flichkeit:</p>
+
+<p>&raquo;W&auml;ren Sie wohl so gut, lieber Herr, mir zu sagen
+was heute hier los ist im rothen Drachen, mit all den Kr&auml;nzen
+und Blumen, und welches Fest Sie feiern?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja wohl Freund,&laquo; sagte Herr Kaspar Helker, den armen
+zerlumpten Teufel dabei mit aufmerksamem, vielleicht
+nicht besonders befriedigtem Blick betrachtend, &raquo;Herr von Hopfgarten
+feiert heute seine Verm&auml;hlung mit des reichen Dollinger
+j&uuml;ngster Tochter, die fr&uuml;her, ich wei&szlig; nicht, ob Ihr die Geschichte
+kennt, an einen, jetzt gestorbenen, Amerikaner verheirathet war.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr von Hopfgarten &mdash; hm &mdash; Herr von Hopfgarten &mdash; der
+Name ist mir doch gar bekannt; stammt er von hier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, aus dem Mecklenburgischen. &mdash; Kommt Ihr weit
+her? &mdash; Ihr seht m&uuml;de und krank aus.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehr weit &mdash; bin aber wohl mehr hungrig und durstig,
+wie krank,&laquo; sagte der Mann, mit einem scheuen Blick nach
+den Brod- und Kuchenk&ouml;rben hin&uuml;ber.</p>
+
+<p>&raquo;So kommt herein und e&szlig;t und trinkt,&laquo; lud ihn der
+Wirth freundlich ein, &raquo;und Ihr habt <span class="wide">mir</span> nicht einmal daf&uuml;r
+zu danken,&laquo; setzte er rasch hinzu; &raquo;Herr von Hopfgarten hat
+strengen Befehl gegeben, Niemand heute, wer es auch sei, ungespeist
+von dannen zu lassen. Es ist frei Bier und Essen hier
+im Haus.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm, da bin ich gerade zur rechten Zeit gekommen,&laquo;
+sagte der Mann, immer aber noch z&ouml;gernd den Garten zu betreten.</p>
+
+<p>&raquo;So kommt herein und setzt Euch gleich dort in eine von
+jenen kleinen Lauben,&laquo; sagte der Wirth; &raquo;die werden heute
+nicht benutzt und Ihr &mdash; Ihr seht eben nicht appetitlich genug
+aus zwischen den andern G&auml;sten zu sitzen. Es soll Euch aber
+an Nichts fehlen,&laquo; f&uuml;gte er rasch hinzu, &raquo;heh Wilhelm! besorgen
+Sie mir einmal f&uuml;r den Alten dort in die Laube ein
+Mittagsessen und Bier.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bier kann ich nicht gut vertragen &mdash; wenigstens nicht
+gleich auf den leeren Magen hinein &mdash; g&auml;ben Sie mir einen
+Schnaps vorher?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch den sollt Ihr haben &mdash; heh Wilhelm &mdash; ein Glas
+K&uuml;mmel &mdash; aber ein gro&szlig;es Glas, und dann d&uuml;rft Ihr ihm
+Bier geben, was er trinken will.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Danke,&laquo; sagte der Bettler, und hinkte an seiner Kr&uuml;cke
+in den Garten hinein. An der Schwelle blieb er noch einmal
+stehn, und warf einen scheuen Blick nach rechts und links, und
+wandte sich dann der kleinen Laube zu, in deren Schatten er
+verschwand.</p>
+
+<p>&raquo;Dort kommen die Wagen!&laquo; rief da Einer der Kellner,
+der vor die Th&uuml;r getreten war, den Weg hinunter zu sehen,
+&raquo;hierher, Herr Helker &mdash; sie kommen!&laquo;</p>
+
+<p>Der Wirth sprang mit seinem Kellner der Th&uuml;r zu,
+die G&auml;ste zu empfangen, und die Wagen rasselten unter dem
+fr&ouml;hlichen Schmettern der Posth&ouml;rner lustig die Stra&szlig;e herunter.</p>
+
+<p>In dem vordersten sa&szlig; Herr von Hopfgarten mit seiner
+jungen Frau, sein gutm&uuml;thiges Gesicht ordentlich verkl&auml;rt, seine
+Augen blitzend in Wonne und Seligkeit, und auch in Claras
+liebe Z&uuml;ge war das frohe, s&uuml;&szlig;e L&auml;cheln zur&uuml;ckgekehrt, das ihrem
+Antlitz sonst einen so unwiderstehlichen Reiz verliehen. Die
+d&uuml;stere tr&uuml;be Zeit lag hinter ihr, wie ein b&ouml;ser Traum, und
+hell und freundlich gl&uuml;hte wieder das Sonnenlicht auf ihren
+Weg.</p>
+
+<p>Den zweiten Wagen f&uuml;llte die Dollingersche Familie, der
+alte Herr mit Frau, Tochter und Schwiegersohn, denn auch
+Sophie war im vorigen Herbst an einen reichen Gutsbesitzer,
+aber ebenfalls einen alten Bekannten von uns, verheirathet
+worden. Herr Baron von Benkendroff n&auml;mlich hatte sich nach
+seiner R&uuml;ckkehr von Amerika zuf&auml;llig einige Zeit in Heilingen
+aufgehalten, dort die sch&ouml;ne reiche Kaufmannstochter gesehn
+und kennen gelernt, sich zu gleicher Zeit sterblich in sie verliebt
+und seine Hochzeit, da ihn auch Sophie lieb gewonnen, gleich
+in demselben Monat noch gefeiert.</p>
+
+<p>In den anderen Kutschen, aber alle von mit Blumen geschm&uuml;ckten
+Postillionen gefahren, sa&szlig;en die Hochzeitsg&auml;ste aus
+der Stadt, bunt gemischte, aber fr&ouml;hliche Menschen, und unter
+ihnen das gutm&uuml;thige Gesicht unseres alten Freundes Kellmann,
+neben der scharfgeschnittenen aber heute ebenfalls zufrieden
+l&auml;chelnden Physiognomie seines unzertrennlichen Gesellschafters,
+des Apotheker Schollfeld.</p>
+
+<p>An der Gartenth&uuml;r von dem Wirth und einer Schaar
+gesch&auml;ftiger Kellner empfangen, stiegen die jungen Eheleute
+aus, und begr&uuml;&szlig;ten hier zuerst ihre G&auml;ste, und w&auml;hrend das,
+hinter einer k&uuml;nstlichen Blumenhecke aufgestellte Militair-Musikchor &mdash; eine
+&Uuml;berraschung Kellmanns &mdash; pl&ouml;tzlich mit schmetternden
+Trompeten in Mendelsohns herrlichen Hochzeitsmarsch
+des Sommernachtstraums einfiel, und dem kleinen gl&uuml;cklichen
+Hopfgarten vor R&uuml;hrung auf einmal die gro&szlig;en hellen Thr&auml;nen
+in die Augen traten, setzte sich der Zug in Bewegung,
+dem Hause zu.</p>
+
+<p>Das Mahl ging vor&uuml;ber, wie derartige Mahlzeiten gew&ouml;hnlich
+thun; eine Menge Toaste wurden ausgebracht, und
+die gl&uuml;cklichen Menschen jubelten, lachten und erz&auml;hlten bis
+sp&auml;t am Nachmittag, wo der Kaffee im Garten selber servirt
+werden sollte, und die G&auml;ste dann zusammen in das Dollingersche
+Haus eingeladen waren, wo Herr Dollinger einen
+kleinen Ball f&uuml;r den Abend arrangirt hatte.</p>
+
+<p>Im Garten, bei lustig t&ouml;nenden Fanfaren, bildeten sich
+dann kleine Gruppen, und Benkendroff, Kellmann und Schollfeld
+hatten sich n&auml;chst dem Thor auf dem kleinen Vorbau, wo
+sie die wundervolle Aussicht nach dem gr&uuml;nen herrlichen Thal
+und den fernen Bergen genie&szlig;en konnten, zusammengefunden
+ihre Cigarre zu rauchen. Nach einer Weile fand sich auch
+Hopfgarten zu ihnen, sie zu bitten, sich bereit zu halten, da die
+Wagen bald wieder vorfahren w&uuml;rden.</p>
+
+<p>&raquo;Wer uns das damals gesagt h&auml;tte, Hopfgarten,&laquo; rief
+Benkendroff, seine Hand l&auml;chelnd auf des Freundes Schulter
+legend, &raquo;als wir auf der Haidschnucke zusammen Whist spielten,
+oder selbst als wir in New-Orleans von einander Abschied
+nahmen, da&szlig; wir <span class="wide">heute</span> hier <span class="wide">so</span> zusammenstehen
+w&uuml;rden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dem w&auml;r' ich schon damals vor Freude um den Hals
+gefallen, Benkendroff,&laquo; sagte der kleine Mann mit leuchtenden
+Augen.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist eine merkw&uuml;rdige, mir aber h&ouml;chst interessante
+Thatsache,&laquo; rief da Herr Schollfeld, sich die H&auml;nde reibend,
+&raquo;da&szlig; <span class="wide">die</span> Menschen, die einmal in Amerika <span class="wide">gewesen,</span> und
+gl&uuml;cklich wieder, ein sehr seltener Fall, zur&uuml;ckgekommen sind,
+sich am wohlsten f&uuml;hlen. Und trotzdem, trotz allen schlagenden
+Beweisen, will sich dieses ungl&uuml;ckselige Menschenkind, dieser
+fr&uuml;here K&uuml;rschnermeister hier, nicht warnen lassen, sondern
+ebenfalls mit einem Leichtsinn, den man kaum einem jungen
+Menschen von achtzehn Jahren verzeihen w&uuml;rde, hin&uuml;ber nach
+diesem gottvergessenen Lande der Freiheit ziehn, und <span class="wide">das</span>
+nennt er <span class="wide">sich zu Ruhe setzen.</span> Es w&auml;re mehr Verstand
+darin, wenn er hier Nachtw&auml;chter oder Brieftr&auml;ger w&uuml;rde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber bester Herr Schollfeld,&laquo; sagte Hopfgarten, &raquo;Sie
+wissen ja, da&szlig; er um seine jetzige Braut erst <span class="wide">dort</span> angehalten
+hat, und von Fr&auml;ulein Lobenstein doch nicht verlangen kann
+her&uuml;ber <span class="wide">zu ihm</span> zu kommen; er mu&szlig; sie doch wenigstens <span class="wide">abholen.</span>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will auch noch gar nicht verschw&ouml;ren, da&szlig; ich dr&uuml;ben
+<span class="wide">bleibe,</span>&laquo; sagte Kellmann ruhig, &raquo;mir aber jedenfalls die
+Verh&auml;ltnisse dort ordentlich ansehn. Meines k&uuml;nftigen Schwagers,
+Georg Donners, Beschreibung des dortigen Landes lautet
+keineswegs entmuthigend; von anderer Seite habe ich
+ebenfalls recht gute Berichte &uuml;ber das wirkliche Farmerleben
+geh&ouml;rt, und kann ich mir dort mit meinem Capital, und von
+dem Rath meiner guten Freunde unterst&uuml;tzt, eine ruhige, <span class="wide">gl&uuml;ckliche</span>
+Stellung gr&uuml;nden, warum nicht? &mdash; Freund Schollfeld
+m&uuml;ssen Sie aber viel zu gut halten, mein lieber Herr von
+Hopfgarten; er ist als ein Antiamerikaner hier schon bekannt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und hab' ich nicht recht?&laquo; rief dieser hitzig, &raquo;hatt' ich
+nicht recht auch mit jenem lebendigen Loblied Amerikas, jenem
+Weigel, der Betr&uuml;gereien halber landesfl&uuml;chtig werden
+mu&szlig;te.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das war ein einzelner Lump und kann nicht als Maasstab
+gelten,&laquo; sagte Kellmann.</p>
+
+<p>&raquo;Lassen Sie das gut sein,&laquo; nahm Benkendroff hier des
+Apothekers Parthie, &raquo;Herr Schollfeld hat sehr gediegene und
+vern&uuml;nftige Ansichten &uuml;ber Amerika, und Sie werden mir zugeben,
+da&szlig; <span class="wide">ich</span> ebenfalls im Stande bin ein Urtheil dar&uuml;ber zu
+f&auml;llen; ich kenne das Land aus Erfahrung, aus eigener, pers&ouml;nlicher
+Anschauung.&laquo;</p>
+
+<p>Hopfgarten wechselte mit Kellmann einen gutm&uuml;thig
+l&auml;chelnden Blick, und sagte, sich an diesen wendend:</p>
+
+<p>&raquo;Wie kommt es nur, da&szlig; Sie Fr&auml;ulein Lobenstein, wenn
+Sie dieselbe schon so lange geliebt haben, von hier fortziehen
+lie&szlig;en, ohne ihr Ihr Herz zu &ouml;ffnen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil es ein wahnsinnig, unnat&uuml;rlich versch&auml;mter K&uuml;rschnermeister
+war,&laquo; rief Schollfeld, die Antwort f&uuml;r seinen
+Freund aufnehmend, &raquo;wie Lobensteins hier fort waren,
+ging er herum wie ein begossener Pudel, sprach mit Niemandem,
+trank nicht mehr, schnitt ein Gesicht, als ob er
+&Auml;pfelwein getrunken h&auml;tte, und wollte keinem Menschen Rede
+stehn, beinah zwei Jahre lang. Endlich bekam ich's heraus,
+und da gestand er mir, da&szlig; er &mdash; sehn Sie sich den Menschen
+einmal an &mdash; <span class="wide">keine Courage h&auml;tte</span> den Schritt zu wagen,
+obgleich er selber fast hoffe, Anna Lobenstein sei ihm nicht ganz
+abgeneigt. Da h&ouml;rt denn doch Alles auf. Na ich nahm ihn
+dann ordentlich in's Gebet, schon meiner selbst willen, denn
+es ist ja langweilig mit einem solchen verliebten Kopfh&auml;nger
+umgehn zu m&uuml;ssen. Er lie&szlig; sich auch endlich &uuml;berzeugen,
+und ist mir nachher, wie er den Zusagebrief erhielt, um den
+Hals gefallen, und hat mich &raquo;sein liebes Schollfeldchen&laquo;
+genannt &mdash; und so ein Mensch will nach Amerika.&laquo;</p>
+
+<p>Die M&auml;nner lachten &uuml;ber Schollfelds komischen Eifer und
+Hopfgarten sagte, noch immer l&auml;chelnd. &raquo;Sie reden gerade als
+ob Amerika ein <span class="wide">Ungl&uuml;ck</span> w&auml;re.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist es auch,&laquo; rief Schollfeld hitzig, &raquo;ist es auch, und
+der arme Teufel, der Ledermann, sonst so ein netter, rechtschaffener
+Kerl, wu&szlig;te wohl, was er that. <span class="wide">Der</span> h&auml;tte auch nach
+Amerika gehn k&ouml;nnen, aber was ich ihm dar&uuml;ber die ganze
+Zeit vorgepredigt, hatte gute Fr&uuml;chte getragen; er sprang lieber
+in's Wasser, Ruh zu haben, ehe er solch verzweifelten Schritt
+that. Ist mir &uuml;brigens doch Leid um ihn, und ich h&auml;tte ihm
+etwas Besseres gew&uuml;nscht &mdash; das verfluchte Spiel.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Seine Frau ist noch in Heilingen?&laquo; sagte Hopfgarten.</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sagte Schollfeld m&uuml;rrisch, &raquo;will aber wirklich dieses
+Fr&uuml;hjahr mit ihrem Bruder auswandern. Das ist auch
+so ein Lump, hat zweimal Bankerott gemacht, und nun nat&uuml;rlich
+nichts Gescheuteres zu thun, als da&szlig; er nach Amerika
+geht. Solche Leute geh&ouml;ren auch dorthin, aber vern&uuml;nftige
+und rechtschaffene Menschen sollten besser wissen, was sie sich
+und ihren Familien schuldig w&auml;ren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Apropos, lieber Kellmann,&laquo; sagte Hopfgarten da pl&ouml;tzlich
+an diesen gewandt, &raquo;erinnern Sie mich doch daran; ehe
+Sie fortgehn, m&ouml;chte ich Ihnen noch ein paar Zeilen an einen
+sehr lieben Freund von mir, einen Herrn <span class="wide">Fortmann</span> in
+New-Orleans, mitgeben; er kann Ihnen dort von Nutzen
+sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke Ihnen, ich werde es nicht vergessen &mdash; Sie
+haben ja wohl heute Briefe von dort bekommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja &mdash; eben von Fortmann. Das wird Sie auch interessiren;
+Sie wissen doch, da&szlig; der arme, ungl&uuml;ckliche Lo&szlig;enwerder
+eine Schwester hatte?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Lieber Gott,&laquo; sagte Kellmann, hinauf auf die Stra&szlig;e
+deutend, &raquo;an <span class="wide">dieser</span> Stelle trafen wir das arme Kind,
+Ledermann und ich, an jenem Abend, wo sie hier allein und zu
+Fu&szlig; in die Stadt kam, und noch keine Ahnung von der furchtbaren
+Nachricht hatte, die ihrer wartete. Es geht ihr gut jetzt,
+wie Sie uns schon fr&uuml;her sagten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Besser jetzt wenigstens wieder &mdash; Fortmann schreibt mir
+eben, da&szlig; au&szlig;er der bei dem Raubanfall erlittenen Mishandlung
+Schreck und Aufregung sie so ergriffen h&auml;tten, sie lange
+Monate an ihr Lager zu fesseln. Hamann hat auch deshalb
+besonders sein Gesch&auml;ft aufgegeben, und sich weiter den Strom
+hinauf in ein ges&uuml;nderes Klima gezogen. Der Nachla&szlig; seines
+Vaters ergab &uuml;brigens, wie es scheint, ganz unerwarteter
+Weise, ein gar nicht geahntes, h&ouml;chst bedeutendes Verm&ouml;gen,
+das der alte Geizhals von dem Schwei&szlig; und Blut armer
+Auswanderer zusammengescharrt. An Aktien und Papieren,
+Geld und Juwelen, ganze S&auml;le voll Leinwand und anderen
+Sachen gar nicht gerechnet, fanden sich weit &uuml;ber hunderttausend
+Dollar. Der junge Hamann ist aber ein braver, rechtschaffener
+Kerl, der gern wieder, wenigstens einen Theil dessen
+gut machen m&ouml;chte, was sein Vater schlecht gemacht, und Fortmann
+schreibt mir eben, da&szlig; er, besonders von seiner Frau
+dazu angeregt der Stadt New-Orleans die volle H&auml;lfte des
+ganzen Verm&ouml;gens zur Verf&uuml;gung gestellt habe, wenn sie das
+andere Geld zuschie&szlig;en und ein gro&szlig;es Auswanderungshaus,
+das unter st&auml;dtischer Aufsicht steht, gr&uuml;nden wolle, wo der
+Einwanderer vor Betrug sicher sei, und der arme h&uuml;lfsbed&uuml;rftige
+Arbeiter auf eine gewisse Zeit, seinen ersten Aufenthalt zu
+decken, selbst unentgeldlich Obdach und Nahrung f&auml;nde. Wenn
+es zu Stande k&auml;me, w&auml;re es ein Segen f&uuml;r Tausende, und
+New-Orleans, als Theil der Staaten, erf&uuml;llte damit nur eine
+schon l&auml;ngst schwer auf ihm gelegene Pflicht der Hafenst&auml;dte,
+Tausende von Ungl&uuml;cklichen, die nach Amerika kamen, dem
+Lande ihre Kr&auml;fte zu weihen, vor Verderben und Untergang,
+wenigstens vor grenzenloser Noth zu bewahren. Gott gebe
+seinen Segen dazu.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie wunderbar doch Gottes Wege sind,&laquo; sagte Kellmann,
+langsam mit dem Kopf dazu sch&uuml;ttelnd; &raquo;das arme
+Kind, das wenige Jahre fr&uuml;her, ohne einen Groschen, seine
+Nachtherberge zu zahlen, barfu&szlig; hier die Stra&szlig;e wanderte,
+verf&uuml;gt jetzt &uuml;ber Tausende, und sucht Schmerz und Elend zu
+lindern, das sie selber ja so schwer aus ihrem eigenen Leben
+kennt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da kommen die Damen,&laquo; sagte von Benkendroff, der
+sich f&uuml;r die Leute nicht im mindesten interessirte, und indessen
+langsam seinen Kaffee getrunken und seine Cigarre geraucht
+hatte, &raquo;Schwiegermama scheint aufbrechen zu wollen, die Anordnungen
+zum Ball zu revidiren. Dort rasseln auch schon die
+Wagen heran,&laquo; rief er seine Cigarre wegwerfend, &raquo;also meine
+Herren, auf Wiedersehn heute Abend.&laquo;</p>
+
+<p>Die Kutschen kamen jetzt, unter dem fr&ouml;hlichen H&ouml;rnerschmettern
+des Postillions, um die Gartenwand gefahren und
+die erste hielt vor dem Thor, in die Hopfgarten wieder, als
+Ehrenpaar den Zug anzuf&uuml;hren, seine junge, l&auml;chelnde Frau
+hineinhob, und dann Platz an ihrer Seite nahm. Langsam
+fuhr dann der Postillion voraus, bis s&auml;mmtliche G&auml;ste ihre
+Sitze eingenommen hatten, und der ganze Zug unter dem Hurrahgeschrei
+der s&auml;mmtlichen Dorfbewohnerschaft, der ebenfalls f&uuml;r
+den Abend hier drau&szlig;en ein Fest bereitet worden, rasch die
+Stra&szlig;e nach Heilingen hinabrollte.</p>
+
+<p>Der Wirth hatte seine &raquo;innigsten Gl&uuml;ckw&uuml;nsche&laquo; s&auml;mmtlich
+angebracht, und seine tiefen und freundlichen B&uuml;cklinge
+noch gemacht, bis der letzte Wagen schon lange sein Grundst&uuml;ck
+passirt war, drehte sich dann mit demselben freundlichen Gesicht
+um, gab einem der in die Lehre genommenen jungen Kellner,
+der mit offenem Maule neben ihm stand, eine Ohrfeige,
+und schickte den dar&uuml;ber auf's &Auml;u&szlig;erste Erstaunten an seine
+Arbeit, und lief selber in das Haus zur&uuml;ck, das Wegr&auml;umen
+der nicht getrunkenen Weine zu &uuml;berwachen.</p>
+
+<p>Nur der Oberkellner blieb, sich vergn&uuml;gt die H&auml;nde reibend,
+und mit schmunzelnden, ein vortreffliches Trinkgeld verrathendem
+Antlitz noch einen Augenblick in der Th&uuml;re stehn,
+bis auch die letzte Staubwolke auf der Stra&szlig;e verschwunden
+war, und wandte sich eben, seinem Principal zu folgen, als
+der alte Bettler, der bis dahin vollkommen unbeachtet in der
+dichten Laube gesessen hatte, daraus hervor und auf ihn zu hinkte,
+den Garten zu verlassen.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, Alter, hat's geschmeckt?&laquo; sagte der Oberkellner
+mit einem huldvollen L&auml;cheln ihm zunickend &mdash; &raquo;seid Ihr
+satt geworden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vollkommen, Gott lohn' es Ihnen!&laquo; seufzte der Mann
+und strich sich mit der Hand &uuml;ber das Gesicht &mdash; &raquo;aber eine
+Frage h&auml;tt' ich noch, die Sie mir wohl beantworten k&ouml;nnen.
+Jener Herr von Hopfgarten&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja?&laquo; frug der Kellner, die Augen fest zusammenpressend,
+und sich wieder aus Leibeskr&auml;ften die H&auml;nde reibend &mdash; &raquo;der
+eben fortfuhr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, derselbe &mdash; war der Herr auch schon einmal in
+Amerika?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der? &mdash; nun ja, gewi&szlig;; auf der Hinreise hat er ja seine
+jetzige Frau, die fr&uuml;here Madame Henkel kennen lernen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm &mdash; ja <span class="wide">Henkel,</span>&laquo; wiederholte der Mann leise vor
+sich hin.</p>
+
+<p>&raquo;Dort hat er auch,&laquo; fuhr der Kellner, seinem Ideenlauf
+folgend, der ihn besonders interessiren mochte, fort &mdash; &raquo;den
+fr&uuml;heren Wirth hier vom rothen Drachen, den Lobsich, gefunden,
+der in Milwaukie ebenfalls einen rothen Drachen errichtet
+hat. Bei Tisch erz&auml;hlte er uns die Geschichte &mdash; hahahahaha &mdash; es
+war zu komisch. Na adieu Alter &mdash; gl&uuml;cklichen Marsch,&laquo;
+und den Mann in der Th&uuml;re stehn lassend, ging er vor allen
+Dingen in die Laube, wo jener gesessen, zu sehn, ob er auch
+weder Messer noch Gabel mitgenommen und scho&szlig; dann, wieder
+wie vorher die H&auml;nde reibend, als ob er sie in Feuer bringen
+wollte, nach dem Speisesaal hin&uuml;ber.</p>
+
+<p>Der Bettler drehte sich langsam ab von ihm.</p>
+
+<p>&raquo;'S ist mir doch 'was Unbedeutendes!&laquo; fl&uuml;sterte er leise
+und tief aufseufzend vor sich hin, und hinkte, w&auml;hrend ihm
+eine gro&szlig;e Thr&auml;ne &uuml;ber die eine offene Backe hinunter und in
+das Tuch lief, dem nicht mehr fernen Heilingen zu.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="narrow" />
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h3>FUSSNOTEN &mdash; FOOTNOTES</h3>
+
+<p class="noindent"><a name="fn_1" id="fn_1"></a><a href="#fn_1r">1</a>: In Arkansas kann und darf kein Ansiedler wegen irgend welcher
+Schulden gepf&auml;ndet werden, wenn er nicht mehr hat, als ihm das Gesetz
+an Eigenthum gestattet und f&uuml;r seine Existenz f&uuml;r n&ouml;thig h&auml;lt. Seine
+Wohnung, sein Bett, seine B&uuml;chse, sein Ackerger&auml;th, sein Pferd und zwei
+K&uuml;he d&uuml;rfen nicht anger&uuml;hrt werden, und so gerecht und wohlth&auml;tig das
+Gesetz auch sein mag, l&auml;&szlig;t sich denken da&szlig; es manchmal gemi&szlig;braucht
+wird, indem der Farmer sein &raquo;&uuml;berz&auml;hliges Vieh&laquo; nur auf kurze Zeit zu
+verleugnen und einem andern Nachbar zuzusprechen braucht.</p>
+
+<p class="noindent"><a name="fn_2" id="fn_2"></a><a href="#fn_2r">2</a>: Ich frug einst in Arkansas die Frau, in deren Hause ich wohnte,
+eine geborene Irl&auml;nderin und sonst ganz vern&uuml;nftige, brave Matrone, die
+ebenfalls dieser Sekte angeh&ouml;rte, ohne jedoch selber jemals vom &raquo;Geiste
+befallen zu werden,&laquo; ob sie denn wirklich glaube, da&szlig; die in solchen Zustand
+verfallenden Menschen etwas Derartiges ohne ihren freien Willen,
+ohne jede Absicht th&auml;ten, und also wirklich begeistert w&uuml;rden? &mdash; worauf
+sie mir antwortete: &raquo;Ja! &mdash; ich habe auch fr&uuml;her geglaubt, die Menschen
+verstellten sich, wenn ich mir auch den Schaum auf den Lippen nicht erkl&auml;ren
+konnte; ich dachte aber doch, der <span class="wide">Wille</span> des Menschen verm&ouml;chte
+auch die&szlig; zu bewirken, und so sehr mich die Religion der Methodisten
+erfa&szlig;te und zu sich hinzog, so sehr schreckte mich diese Begeisterung, die
+ich f&uuml;r Heuchelei hielt, zur&uuml;ck. Da kam ich eines Abends auch aus einer
+solchen Versammlung zu Hause, und war recht traurig, uneinig mit mir
+selber; ich wu&szlig;te nicht was ich thun, was lassen sollte, und bat den lieben
+Gott noch unterwegs recht inbr&uuml;nstig, er solle mir ein Zeichen geben.
+Als ich mein Haus betrat h&ouml;rte ich ein Flattern und mit den Fl&uuml;geln
+Schlagen; ich hatte ein paar kleine zierlich gefleckte Hennen, die oft zu
+mir ins Haus (das Zimmer ist in Arkansas gew&ouml;hnlich gleich das ganze
+Haus) kamen, und die Brosamen aufsuchten. Ich sah mich danach um,
+und fand das eine von den beiden H&uuml;hnern unter dem Bett, anscheinend
+in Kr&auml;mpfen, mit den Fl&uuml;geln schlagend, mit den Beinen strampelnd,
+die Augen verdrehend, gerade wie ich die Bewegungen bei den Begeisterten
+gesehen hatte, und &mdash; es gab mir ordentlich einen Stich in's Herz
+&mdash; mit Schaum am Schnabel. <span class="wide">Da</span> war ich &uuml;berzeugt; das Huhn &mdash;
+ob sich die Menschen verstellten &mdash; das Huhn verstellte sich <span class="wide">nicht;</span> <span class="wide">das</span>
+war Natur; der Zustand <span class="wide">war</span> also nat&uuml;rlich, er existirte, und von dem
+Augenblick an beschlo&szlig; ich zu dieser Sekte &uuml;berzutreten.&laquo;</p>
+
+<p class="noindent"><a name="fn_3" id="fn_3"></a><a href="#fn_3r">3</a>: Das Prairiehuhn ist ein Mittelding etwa zwischen dem wilden
+Truthahn und Rebhuhn; es erreicht die Gr&ouml;&szlig;e eines gew&ouml;hnlichen Haushuhns,
+hat aber einen ziemlich langen Hals und befiederte Stender, den
+kurzen, niedergekehrten Schwanz aber vom Rebhuhn. Das Fleisch ist
+nicht besonders, ziemlich dunkel und leicht z&auml;h; nur die Brust ist gut,
+doch trocken zu essen. Sie finden sich in ungeheueren Mengen &uuml;ber die
+ganzen Prairieen von Illinois, und schaaren sich im Winter besonders
+zu V&ouml;lkern von vielen hunderten zusammen. Aufgescheucht gehen sie
+aber ziemlich weit, ehe sie wieder einfallen, und verlangen einen t&uuml;chtigen
+Schu&szlig; und schweren Schroth, erlegt zu werden.</p>
+
+<p class="noindent"><a name="fn_4" id="fn_4"></a><a href="#fn_4r">4</a>: Zweites Fr&uuml;hst&uuml;ck</p>
+
+<p class="noindent"><a name="fn_5" id="fn_5"></a><a href="#fn_5r">5</a>: Sie sind mein Gefangener.</p>
+
+<p class="noindent"><a name="fn_6" id="fn_6"></a><a href="#fn_6r">6</a>: Fertig f&uuml;r die H&ouml;lle!</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="narrow" />
+<p>&nbsp;</p>
+
+<table class="small" border="0" style="background-color: #E6E6FA; margin: 0 auto" cellpadding="7" summary="NOTES">
+<tr>
+<td colspan="2">
+<div class="center">TRANSCRIBER'S NOTE &mdash; ZUR KENNTNISNAHME</div>
+</td>
+</tr>
+<tr>
+<td valign="top">
+<p class="noindent" style="background-color: #E6E6FA">
+Contemporary spellings have generally been retained even
+when inconsistent. A small number of obvious typographical errors have been
+corrected and some names regularised; missing punctuation has been silently added.<br /><br />
+
+The following additional change has been made; it can be identified
+in the body of the text by a grey dotted underline:</p></td>
+
+<td valign="top"><p class="noindent" style="background-color: #E6E6FA">
+Zeitgen&ouml;ssische Schreibungen wurden generell beibehalten,
+auch wenn gelegentlich mehrere Variaten auftauchen.
+Einige wenige orthografische Fehler wurden korrigiert und Namen vereinheitlicht;
+fehlende Zeichensetzung wurde erg&auml;nzt.<br /><br />
+
+Die folgende zus&auml;tzliche &Auml;nderung wurden vorgenommen
+und ist im Text grau unterstrichelt:</p></td>
+</tr>
+<tr>
+ <td valign="top">das junge, ängstlich umherschauende, und ihrem Glück noch immer
+nicht trauende Mädchen</td>
+ <td valign="top">das junge, ängstlich umherschauende, und <i>seinem</i> Glück noch immer
+nicht trauende Mädchen </td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<div>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 30289 ***</div>
+</body>
+</html>
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+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #30289 (https://www.gutenberg.org/ebooks/30289)
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+The Project Gutenberg eBook, Nach Amerika! Sechster Band, by Friedrich
+Gerstäcker, Illustrated by Carl Reinhardt
+
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+
+
+
+Title: Nach Amerika! Sechster Band
+ Ein Volksbuch
+
+
+Author: Friedrich Gerstäcker
+
+
+
+Release Date: October 19, 2009 [eBook #30289]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NACH AMERIKA! SECHSTER BAND***
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+
+E-text prepared by Delphine Lettau, Clive Pickton, and the Project
+Gutenberg Online Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net)
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+
+Note: Project Gutenberg also has an HTML version of this
+ file which includes the original illustrations.
+ See 30289-h.htm or 30289-h.zip:
+ (http://www.gutenberg.org/files/30289/30289-h/30289-h.htm)
+ or
+ (http://www.gutenberg.org/files/30289/30289-h.zip)
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+
+
+
+
+NACH AMERIKA!
+
+Ein Volksbuch
+
+von
+
+FRIEDRICH GERSTÄCKER.
+
+Illustrirt von Carl Reinhardt.
+
+Sechster Band.
+
+
+
+
+
+
+
+Leipzig,
+Hermann Costenoble,
+Verlagsbuchhandlung
+
+Berlin,
+Rudolph Gaertner,
+Amelang'sche Sort.-Buchhandlung.
+
+1855.
+
+
+
+
+Inhalt des sechsten Bandes.
+
+ 1. Ein Sheriffsverkauf in Arkansas 1
+ 2. Maulbeere in der Betversammlung 31
+ 3. Der wandernde Krämer 63
+ 4. Georg und Marie 91
+ 5. Jimmy 112
+ 6. Kapellmeister Eltrich 136
+ 7. Meier, Pelz & Co. 169
+ 8. Die Überraschung 199
+ 9. Das Haus am Walde 226
+ 10. Der rothe Drachen bei Heilingen 239
+
+
+
+
+Capitel 1.
+
+Ein Sheriffsverkauf in Arkansas.
+
+
+Ein volles Jahr war nach den, im letzten Capitel beschriebenen Vorfällen
+verflossen; die heiße Sonne Amerikas hatte wiederum den Mais und Waizen
+gereift, und die Früchte und Beeren des Waldes mit süßem Saft gefüllt;
+durch die blaue sonnenreine Luft zog der weiße wehende Spinnenfaden seine
+stille Bahn, und legte sich einem duftigen Schleier gleich über die
+Wipfel des grünen Waldesdoms, in dessen Schatten die feisten Hirsche zu
+Rudeln zusammenstanden, und die jungen Truthühner in die Zweige hinauf
+flatterten, die ersten jungen Weinbeeren zu versuchen, die sich mit
+ihren Reben dort empor gerankt.
+
+Und wie das raschelte und rauschte im stillen Wald, wie sich das
+blitzende Sonnenlicht in den fallenden Tropfen spiegelte, die ein
+wohlthätiger Nachtregen über das grüne Laubmeer ausgegossen, und die
+jetzt leise klopfend auf die gelbe, noch vorjährige Blattdecke des Bodens
+niederschlugen. Und die Grille zirpte ihr regelmäßig melancholisch Lied,
+das wie das leise Schnarren einer in zeitrechten Schwingungen gehenden
+Uhr von allen Seiten tönte, nur manchmal durch den gellenden Schrei
+eines aufstiebenden Falken gestört, dem der blaue Heher im Busch
+spöttisch den Warnungsruf nachäffte.
+
+Wie das summte und schwirrte um Lianenblüthen und frisch aufkeimende
+Waldesblumen, von Bienen und Käfern, zwischen denen hin hie und
+da, wie ein verirrter Sonnenstrahl, ein blitzender gold und grün
+schimmernder Kolibri gedankenschnell fast herüber und hinüber surrte,
+über einem duftenden honigschweren Kelch einen Moment mit unsichtbaren,
+schattengleich fibrirenden Schwingen stand, und dann verschwunden war,
+daß ihm das Auge nicht folgen konnte, bis ihn sein Summen an dem
+nächsten Blüthenbusch verrieth.
+
+Wie die Natur in wundervoller Harmonie, besonders in der Jahreszeit,
+den ganzen Wald mit ihrer Pracht durchwirkt, und ineinandergreifend
+Jedes sich die Hände reicht zum schönen Ganzen; wie selbst der morsche
+umgestürzte Baum, von wilden blühenden Ranken umzogen, zum Bilde hier
+gehört und nicht fehlen dürfte; ja wär' ein einziger Zweig gebrochen
+von den tausenden, die überall dem Licht, der Luft die grünen Arme
+entgegenstrecken, die _Lücke_ würde fühlbar, und der fallende Tropfen
+selbst schmückt das Blatt das er verließ mit höherem Glanz, und wird zur
+Perle wo er niederfällt.
+
+Und doch _ein_ Miston in der Harmonie -- ein dunkler Fleck der da nicht
+hingehörte, der sich nicht wohl da fühlte und das Ganze störte -- ein
+nasses, schmutziges, verdrießlich unzufriedenes Menschenbild, mitten
+im Wald, im freien schönen wundervollen Wald -- Zachäus Maulbeere, vom
+Regen durchnäßt, kalt, hungrig, verirrt, festgefahren mit seinem Karren
+in einem Gewirr von Reben und Wurzeln, und in einer Laune, Milch nur
+durch bloßes Ansehn zu säuern.
+
+»Ein Gottvermaladeites Land das,« lästerte er, sich erschöpft auf einen
+umgefallenen Baum setzend und sein Taschentuch, das er in der Hand
+hielt, zusammenrollend und ausringend, »daß mich der Teufel plagen mußte
+nach diesem Gottvergessenen Staat zu gehn -- Bäume -- Bäume -- Nichts
+als Bäume in der Welt -- gerade in die Höh und gerade über den Weg.
+-- Schönes Vergnügen das, wo man sich erst sein Schnupftuch _ausringen_
+muß, daß man sich damit _abtrocknen_ kann -- _schwabben_ nannten sie's
+auf dem Schiff. Und jetzt sitz ich hier -- keine Ahnung wo bin -- keine
+Idee von einer Richtung -- ein Scheerenschleifer im Wald -- Maulbeere,
+Esel, was hast Du hier im Busch zu suchen, heh? -- war Dir zu wohl
+draußen zwischen den Ansiedlungen im Osten, zwischen dem Waizenbrod und
+Honig, eh? -- mußtest geschwind machen daß Du _hierher_ kamst, zwischen
+Maisbrod und Speck, oder gar die Nacht in den Wald hinein -- _Schöne_
+Nacht die ich da verlebt habe, beim heiligen Sebastian -- oben in dem
+verdammten Baum eingeklemmt gesessen, daß ich die Glieder nicht mehr
+rühren kann, und das Beest was da um mich her in den Bäumen geschrieen
+hat -- daß ich nicht gefressen bin ist ein reiner Zufall. -- Romantisch
+im Wald zu lagern eh? -- wenn ich nur wenigstens den verdammten
+langhaarigen Dichter die Nacht bei mir gehabt hätte, um an dem meinen
+Gift auszulassen -- aber zehn gegen eins, der Lump hat die ganze Nacht
+trocken und behaglich in einem warmen Bett geschlafen, und am andern
+Morgen lügt er dann wie ein Leichenstein, schreibt von »Gesicht im
+Thau baden« und »Windsbraut die Schläfe kühlen« -- na _Dir_ möcht' ich
+einmal die Schläfe kühlen Du -- Du Blattlaus, statt mit sechs, mit zwei
+schiefen Beinen. -- Und der Herr Schultze -- der selige Piepvogel mit
+einem Gesicht -- wenn man's auf einen Stock schnitt, könnte man einen
+Hund damit prügeln, dem hätte die Nacht kreuzwohl zu Muthe sein müssen
+-- hundemüde auf einem Ast zu sitzen mit dem Kopf unterm Flügel und mit
+der wohlthuenden Überzeugung beim ersten Einnicken herunter zu fallen
+und den Hals zu brechen.«
+
+»Das geschieht Dir aber recht, Zachäus, vollkommen recht, mein
+Herzchen -- was dumm ist muß geprügelt werden, und anstatt lieber
+den alten verdammten Karren, den ich es zum Sterben müde bin im Lande
+umherzuschieben, in den Mississippi hineinzufahren und umzudrehen,
+mußt Du auch noch Fährgeld dafür zahlen und damit herüberkommen, dann
+Wochenlang durch den heißen nassen Sumpf ziehn, um hier endlich an
+einem Platz, den die Nachkommen gar nicht finden können wenn sie Einem
+wirklich ein Monument setzen wollten, elendiglich und Gotteserbärmlich
+umzukommen.«
+
+Maulbeere drückte sich nach diesem Selbstgespräch den alten aufgeweichten
+Hut fester in die Stirn, stemmte beide Ellbogen auf die Knie, stützte
+den Kopf in die Hände und starrte finster und mit dicht zusammengezogenen
+Brauen eine ganze Weile vor sich nieder.
+
+Er sah auch traurig aus; -- den grünen Rock trug er noch immer. Das Wild
+im Wald wechselt seinen Pelz oder sein Fell mit der Jahreszeit, der
+Vogel hat seine Mauser, die Schlange streift ihre Haut ab, einer neuen
+Raum zu geben, und jede Kreatur leckt oder säubert dabei ihr Kleid,
+das ihr der Schöpfer gegeben, nach besten Kräften, streicht Federn
+oder Haare glatt und fühlt sich dann erst wohl, und behaglich wenn das
+geschehn. Nur Maulbeere kannte kein solches Bedürfniß; wie die Katze die
+Nässe scheut, haßte er, vor allen anderen Elementen, das Wasser; Niemand
+hatte je gesehen daß er sich wusch; wenn das an Bord geschehen war mußte
+er es in der Nacht gethan haben und selbst dann heimlich, von der Wacht
+an Deck unbemerkt. Den grünen Rock, jetzt an unzähligen Stellen geflickt
+und ausgebessert, trug er noch bis oben an die schwarze, matt glänzende
+Pferdehaarhalsbinde fest zugeknöpft, der alte Filz, der keine Façon mehr
+zu verlieren hatte, lag ihm mit seinem, an drei Seiten durch Bindfaden
+befestigten Deckel, weich und lappig geworden, dicht auf dem Scheitel,
+und die derben rindsledernen Schuhe, zu denen die durch Dornen unten
+ausgefranzten großkarirten baumwollenen Hosen niederhingen, schienen
+das einzig trag- und nutzbare am ganzen Menschen. Auch der blonde
+starre Bart hatte seit Wochen kein Rasirmesser gesehn, und das kurze
+semmelblonde struppige Haar hing ihm jetzt naß und in zusammenklebenden
+Streifen über Stirn und Schläfe, und ließ ihm einzelne durch den defekten
+Hutrand eingedrungene Tropfen über die fahlgrauen Backen, auf denen sie
+lange Schmutzstreifen bildeten, in die Halsbinde laufen.
+
+In der widrigen Feuchtigkeit hatte ihn auch sein trockener Humor
+verlassen, und Maulbeere saß neben seinem Karren wie ein wild gewordener,
+der Civilisation abtrünnig gewordener Scheerenschleifer, Haß und Groll
+gegen die ganze Welt -- die er überhaupt noch nie lieb gehabt -- im
+Herzen.
+
+Ein Schuß! -- Zachäus fuhr in die Höh, als ob _ihn_ die Kugel getroffen
+hätte, und horchte gespannt, nach welcher Richtung hin er das nächste
+Geräusch jetzt hören würde, als auch der Fall eines Körpers, nur wenige
+Secunden später, sein Ohr erreichte.
+
+»Hallo! _hupih_! -- hallo!« schrie er jetzt dorthin aus Leibeskräften,
+»he! hallo! hallo! hu -- _ih_ -- _ahoy_!«
+
+Das laute Anschlagen eines Hundes antwortete dem fremden Ton, dem gleich
+darauf der ermunternde Zuruf einer menschlichen Stimme folgte.
+
+»Existirt wirklich noch eine andere menschliche Kreatur in dieser
+gottvergessenen Mischung von Streu und Nutzholz,« brummte Maulbeere
+vor sich hin, »fehlte mir jetzt weiter gar Nichts, als daß es so eine
+verdammte Rothhaut wäre, die eben solchen Hunger hätte wie ich. Aber
+einerlei, lieber an einem warmen behaglichen Feuer gebraten werden, wie
+hier madennaß vor Frost und Bauchgrimmen umkommen; also noch einmal ein
+Nothsignal, die wilde Bestie auf meine Spur zu bringen.«
+
+Und wieder ließ er den Wald von seinem Geschrei ertönen, und nicht
+lange, so brach ein grau gestreifter, kräftig gebauter Hund durch die
+Büsche, gerad auf ihn zu, machte noch ein paar tüchtige Sätze gegen ihn
+an, und gab dann Standlaut.
+
+Maulbeere, der seine besonderen Gründe hatte den Hund nicht gegen sich
+aufzubringen, konnte unter diesen Verhältnissen nichts anderes thun
+als sich vollkommen ruhig verhalten; nicht lange aber, so brachen und
+knackten die Büsche und ein Jäger, die Büchse auf der Schulter, einen
+eben geschossenen Truthahn, Kopf und Ständer mit Bast zusammengebunden,
+wie eine Tasche umgehängt, trat aus den Büschen und kam, die wunderliche
+Gestalt mit dem Karren dabei nicht wenig erstaunt betrachtend, auf
+Maulbeere zu.
+
+»Hallo Fremder!« rief Jack Owen, denn es war Niemand anders als unser
+Arkansanischer Freund, »wie zum Henker seid Ihr mit _dem_ Fuhrwerk da in
+die Gründorn-Flat gerathen?«
+
+»Hineingerathen?« erwiederte Maulbeere, der in den zwei Jahren seines
+hiesigen Aufenthalts schon ziemlich fertig Englisch gelernt hatte,
+»fragt mich lieber wie ich wieder hinausgerathe -- hier in der Gegend
+wissen die Leute wohl gar nicht was ein _Weg_ ist?«
+
+»Oh doch,« lachte der Mann, der sich nicht satt sehen konnte an dem
+Fremden, »manchmal haben wir hier so schmale Dinger, die man, in
+Ermangelung besserer, Wege nennt. Aber wo kommt Ihr her? -- was habt
+Ihr da in der wunderlichen Maschine und wo wollt Ihr hin?«
+
+»Wenn Ihr mich gefragt hättet wie ich die Nacht geschlafen habe und
+ob ich etwas zu essen haben wollte, wäre mehr Sinn d'rin,« brummte
+Maulbeere verdrießlich. »Wie weit ist's bis zum nächsten Haus?«
+
+»Kaum eine Viertelstunde -- wenn Ihr _hier_ übernachtet habt, konntet
+Ihr die Hähne heut Morgen krähen hören -- wo habt Ihr geschlafen?«
+
+»Wenn's Euch interessirt,« knurrte Maulbeere, »und Ihr den Spuren
+nachgehen wollt, die ich mit dem verdammten Kasten hier aufgewühlt, dann
+kommt Ihr zuletzt zu einem Baum -- irgend ein weitläufiger Verwandter
+von diesen hier -- auf dem hab' ich gesessen!«
+
+»Oben im Baum?« lachte der Jäger.
+
+»Wenn ich _drunter_ gelegen hätte fändet Ihr einen Theil meiner
+Gliedmaßen vielleicht heute Morgen in dem Magen eines Panthers, und den
+anderen sauber verscharrt für eine zweite Mahlzeit, unter dem Laube.«
+
+»Unsinn Mann -- Ihr könnt hier ein Jahr lang unter einem Baum im Walde
+schlafen, und wenn Euch die Mosquitos und Holzböcke nicht auffressen,
+die Panther thun Euch Nichts.«
+
+»So? -- es hat wohl nicht Einer dicht bei mir auf einem anderen Baum
+gesessen, und mir die ganze Nacht eine schauerliche Geschichte
+vorgeheult, heh?«
+
+»Hahahahaha!« lachte Jack, »das wird eine Eule gewesen sein; in dieser
+Jahreszeit schläft sich's wundervoll im Wald.«
+
+»Eule,« brummte Maulbeere verächtlich zwischen den Zähnen durch,
+»wundervoll im Wald schlafen -- wer eine Leidenschaft dafür hat. Mir
+ist's lieber ich erfahre es erst am nächsten Morgen, wenn's in der Nacht
+geregnet hat.«
+
+»Alle Wetter ja,« rief Jack gutmüthig, »Ihr seid durch und durch naß
+-- es hat die Nacht wohl stark geregnet? und wir zu Hause haben nicht
+einmal viel davon gemerkt. Aber kommt, nehmt Euer Fuhrwerk und bringt
+es nur hier herüber mir nach.«
+
+»Wenn ich nicht fest damit säße hätte ich mich nicht hier häuslich
+niedergelassen,« erwiederte der Scheerenschleifer mürrisch -- »das
+Dornenwerk hält wie Ankertaue.«
+
+»Da wollen wir leicht Bahn hauen,« lachte Jack, sein langes schweres
+Jagd- oder Bowiemesser aus dem Gürtel nehmend, und die Dornen ringsum
+mit leichten Schlägen durchhauend, »so -- so -- so -- jetzt versucht's
+einmal, gleich da drüben wo die alte Eiche liegt geht ein schmaler Kuhpfad
+nach der Farm zu, dem können wir folgen bis wir in den Reitweg kommen,
+und dann habt Ihr freie Bahn -- gehts?«
+
+»Wenn ich Jemanden finde der dumm genug ist mir den Kasten abzukaufen,«
+sagte Maulbeere, das Tragband wieder einhenkend und den Versuch machend,
+»so gebe ich mein Geschäft auf und gehe unter die Millionaire -- hol der
+Teufel das Scheerenschleifen.«
+
+Jack sah ihm lachend zu, bis der Fremde nach drei vier Ansätzen den
+schweren eingesunkenen Karren nicht vorwärts brachte, dann ging er
+rasch auf einen jungen Papaobaum zu, von dem er die Rinde, so hoch er
+hinaufreichen konnte, mit seinem Messer abschlug und niederstreifte, ein
+Seil daraus drehte, und dieses vorn am Karren befestigend, sich selber
+vorspannte.
+
+»So -- nun noch einmal -- a hoy -- alle zusammen!«
+
+»Ahoy!« rief Maulbeere, und mit dem Ruck kam der Karren frei, der von
+den beiden Männern jetzt mit ziemlicher Leichtigkeit bis zu dem schmalen
+Pfad, und diesen hin bis in den Reitweg gezogen wurde, wo ihn Maulbeere
+allein fortbringen konnte.
+
+Unterwegs wurde der Scheerenschleifer, mit der Aussicht auf ein warmes
+Feuer und Essen, wie auf eine heiße Tasse Kaffee aber gesprächiger,
+erzählte dem Jäger welcher Art sein Geschäft sei, was er thue und
+treibe und wie er sein Brod erwerbe, und die ganzen Vereinigten Staaten
+schon durchzogen habe, bis er zuletzt, durch die vielen brillanten
+Schilderungen der westlichen Staaten verführt worden sei auch _hier_
+sein Glück zu versuchen, wo er sich jetzt die größte Mühe geben werde,
+so rasch als möglich wieder fortzukommen.
+
+Jack Owen amüsirte sich ungemein über die wunderliche mürrisch-drollige
+Ausdrucksweise des Mannes, dem er aber doch zu dessen Trost mittheilte,
+daß er sich hätte zu keiner glücklicheren Zeit in diese Gegend verirren
+können, als gerade heute, da sich fast das ganze County in der Nähe der
+Farm, der sie eben zusteuerten, zu einer sogenannten Camp-Meeting (eine
+fromme Zusammenkunft im Freien) versammelt sei, während zu gleicher Zeit
+von dem Gouvernement des Staates der öffentliche Verkauf des ganzen
+Platzes, in Folge eines alten Processes, anberaumt sei.
+
+Maulbeere horchte hoch auf -- von den Camp-Meetings des Westens hatte
+er schon so viel gehört, daß er selber gespannt war einer derselben
+beizuwohnen, und Leute die sich bei einer solchen Versammlung einfanden,
+führten auch stets Geld bei sich. Auf eine gute Einnahme in seinen
+verschiedenen Branchen durfte er jedenfalls rechnen, und wer weiß was
+da sonst noch für ihn auftauchte. Maulbeere war ganz der Mann dazu von
+solcher Gelegenheit den größtmöglichen Nutzen zu ziehn, und daß er sie
+nicht versäumen würde, fest entschlossen.
+
+Vor ihnen lag jetzt Olnitzkis alte Farm, von der er übrigens keine
+Ahnung hatte, daß Fräulein von Seebald, seine alte Reisegefährtin, mit
+ihr in so genauer Beziehung gestanden, und eine Masse Menschen lagerten
+um zahlreiche dort entzündete Feuer, kochten Kaffee, brieten Fleisch an
+der Gluth, und gaben dem sonst so stillen Platz ein eigenes lebendiges,
+fröhliches Aussehn -- und wie ernst doch war der Zweck der sie hier
+versammelt.
+
+Als Olnitzki damals von Jack Owen erschossen worden, galopirte Soldegg
+nach Little Rock zurück und -- klagte nicht etwa gegen die Farmer und
+Squatter von Arkansas, er war zu klug dazu, und wußte was ihm selber
+geschehen konnte in dem Fall, aber er verkaufte seine rechtsgültigen
+von Olnitzki selber gezeichneten Papiere, die den _Verkauf_ seiner Farm
+wie seines sämmtlichen Viehstands, mit Ausnahme eines einzigen Pferdes
+betrafen, an einen Advokaten in Little Rock, einen sonst schlauen und
+durchtriebenen, aber erst seit kurzer Zeit aus den östlichen Staaten
+hierhergekommenen Burschen, für den halben Werth gegen baar Geld, womit
+er Arkansas verließ.
+
+Der Advokat, ein gewisser Kowley, reiste ohne Weiteres nach Oaklandgrove
+hinüber, sein Eigenthum in Besitz zu nehmen, fand sich aber hierin
+getäuscht, erfuhr daß Olnitzkis Frau, die Einzige die nach den Begriffen
+der Nachbarn etwas zu sagen habe, Farm und Vieh einer Waise geschenkt
+habe, die der von Olnitzki erschossene Riley hinterlassen, die Nachbarn
+es übernommen hätten die Farm für diese zu bewirthschaften, bis sie den
+Besitz selber antreten könne, und daß keine Klaue und kein Huf von diesem
+Eigenthum ihre »#range#« verlassen solle, in andere Hände überzugehen.
+
+Mr. Kowley sah sich genöthigt unverrichteter Sache nach Little Rock
+zurückzureiten; aber keineswegs gesonnen sich »in seinem guten Recht«
+durch eine Bande gesetzloser Squatter, wie er sie nannte, stören zu
+lassen, machte er die Sache in Little Rock anhängig, und ein ordentlicher
+Proceß entstand, von dessen Kosten sich die Squatter schon durch das sie
+schützende Gesetz[1] freihielten, der aber doch, nachdem er sich über
+Jahr und Tag hingezogen, _gegen_ die Squatter entschieden und ein Termin
+zu gleicher Zeit anberaumt wurde, an dem die früher dem Polen Olnitzki
+gehörende und käuflich an Mr. John Kowley übergegangene Farm, mit den
+dazu gehörigen und in dem Verkaufsbrief einzeln aufgeführten Pferden,
+Rindern und Schweinen, öffentlich und an den Meistbietenden verkauft
+werden sollte.
+
+_Der_ Termin war heute, und zwei, gerade in jenem County befindliche
+Geistliche, sogenannte #circuit riders#, die von ihren Consistorien
+ausgeschickt werden die noch wenig bevölkerten Distrikte, in denen
+keine Kirchen sind, zu durchziehn und dort zu predigen, hatten sich
+entschlossen für den nächsten Tag eine schon längst beabsichtigte
+»Betversammlung im freien Walde« anzusagen, da der Gerichtstermin ja
+ohnedieß eine Menge Menschen herbeiziehen mußte. Ob gerade _diese_
+Gelegenheit eine sonst passende war kümmerte sie wenig, sobald nur viel
+Menschen dort zusammen kamen und die Beisteuer zu ihren milden Zwecken
+-- Kirchenbau, Missionswesen, Bibelvertheilung und Erhaltung der
+Geistlichen -- recht reichlich ausfiel.
+
+Jack Owens sonst so freundliches Gesicht nahm aber einen recht ernsten,
+finsteren Ausdruck an, als er den freien Platz betrat auf dem die
+Fremden versammelt waren, und unter diesen eine ziemlich große Zahl
+städtisch gekleideter Advokaten und Kaufleute von Little Rock, die
+theils Neugierde, theils wirkliche Lust zu kaufen hier heraus in den
+Wald getrieben, erkannte. Schweigend, und von seinem Begleiter dicht
+gefolgt, seine Büchse über der Schulter, seinen großen Hund hinter sich,
+ohne zu grüßen, ohne umzusehen, schritt er zwischen der Schaar durch
+und auf das Haus zu, in dessen Thür ein junges, bildhübsches vielleicht
+vierzehnjähriges Mädchen stand, und ihm freudig und herzlich beide Hände
+entgegenstreckte.
+
+»Oh Gott segne Euch Mr. Owen« rief ihm das etwas bleich und angegriffen
+aussehende Kind entgegen -- »wie froh, wie glücklich bin ich daß Sie
+endlich angekommen sind; ich hatte schon solche Angst Sie -- Sie
+würden --«
+
+»Doch nicht fortbleiben heute, Jenny?« lachte der Jäger, gutmüthig ihre
+zarten Wangen und das goldene Haar aus ihrer Stirn streichend -- »nein
+mein Kind, wir verlassen Dich nicht, darauf darfst Du bauen; dieß ist
+deine Heimath und soll es bleiben und wenn wir Alle unsere Heerden
+verkaufen müßten, sie Dir zu erhalten -- wohin es aber nicht kommen
+wird. Wie geht's Deiner Großmutter, Herz?«
+
+»Schlecht Mr. Owen, recht schlecht -- die vielen Menschen da draußen
+machen ihr Angst -- sie hat stärkeres Fieber heute gehabt, und ist vor
+einer halben Stunde etwa nur erst eingeschlafen.«
+
+»Hier hab' ich Dir 'was zu leben mitgebracht, Jenny« sagte der Jäger,
+dem Kinde lächelnd das Kinn emporhebend -- »ein junger Truthahn, aber
+feist wie Butter; die ißt Du ja so gern. Doch dem Mann da, -- ein
+Fremder der sich verirrt und die Nacht im Walde zugebracht hat -- mußt
+Du etwas zu essen machen und einen Platz an Deinem Feuer gönnen bis er
+sich getrocknet hat, wenn er sich nicht lieber draußen in die Sonne
+legt. Hast Du etwas für ihn?« --
+
+»Für Sie und ihn, Mr. Owen, der Kaffee ist fertig und steht am Feuer,
+ebenso das Brod, und der Speck ist in wenigen Minuten gebraten.«
+
+»Bravo mein Herz, dann können wir gleich zulangen; ich habe überdieß
+schon den ganzen Morgen durch den Wald gepirscht, solch einen Vogel für
+Dich zu suchen, und Dir dabei gleich den Scheerenschleifer gefangen, der
+die Nacht irgendwo im Wald aufgebäumt war aus Furcht vor Panthern und
+wilden Bestien. Kommen Sie herein, Mister, wie ist gleich ihr Name?
+-- Mowlbare -- wunderliches Wort das, aber ich denke Sie halten's wohl
+mit dem alten Sprichwort was wir hier im Walde haben -- einerlei _wie_
+man uns ruft, nur nicht zu spät zum Essen!«
+
+Maulbeere ließ sich nicht zweimal nöthigen -- seinen Karren draußen vor
+der Thür stehn lassend, nahm er den alten aufgeweichten Filz vom Kopf,
+strich sich die nassen struppigen Haare aus der Stirn, und machte Miene
+sich ohne Weiteres an den schon gedeckten Tisch zu setzen, auf den die
+Kleine eben die breitfüßige blecherne und dampfende Kaffeekanne stellte.
+
+»Wenn Sie sich erst waschen wollen, so steht draußen der Eimer und das
+Becken« sagte Jack, dem es vielleicht so vorkam, als ob ein wenig
+Seifenwasser der Physiognomie und den Händen des Fremden eben nicht
+schaden könne.
+
+»Danke« sagte aber der Scheerenschleifer in aller Ruhe -- »ich bin die
+Nacht gerade genug gewaschen, und habe mir das Wasser verleidet -- Kaffee
+ist mir lieber.«
+
+»Helft Euch selber dann« sagte Jenny freundlich, dem wunderlichen
+Fremden einen Stuhl zum Tisch rückend -- »Ihr seid herzlich willkommen
+zu Allem was wir haben.«
+
+Die beiden Männer setzten sich und aßen, und eine Weile wurde weiter
+Nichts gehört, als das Klappern der Messer, Gabeln und Tassen, von denen
+noch einige aus Olnitzkis Nachlaß übrig geblieben waren und über die
+sich Maulbeere allerdings den Kopf zerbrach, wie solch reich vergoldetes,
+weit anderen Verhältnissen angehörendes Geschirr hierher seinen Weg
+gefunden haben konnte. Er würde freilich noch weit mehr erstaunt gewesen
+sein, wenn er erfahren hätte daß die nämliche allerdings henkellose und
+oben ausgebrochene Tasse aus der er trank, mit ihm auf ein und demselben
+Schiffe von Deutschland erst herübergekommen wäre. Die Lebensmittel,
+besonders der heiße Kaffee nahmen jedoch seine Aufmerksamkeit viel zu
+sehr in Anspruch, sich für jetzt um irgend etwas anderes zu bekümmern,
+und wieder und wieder mußte Jenny die Tasse füllen.
+
+»Jenny« sagte da Jack nach langer Pause, in der seine Blicke ernst und
+sinnend über den kleinen Raum geschweift waren -- denn das vergoldete
+Geschirr hatte bei ihm ganz andere Erinnerungen wach gerufen, »wenn das
+Haus nachher zum Verkauf angekündigt ist, wirst Du mit bieten müssen,
+Herz.«
+
+»Ich, Mr. Owen?« sagte das arme Kind, wehmüthig lächelnd, »Du lieber
+Gott, mit was sollt ich wohl bieten; Sie wissen ja recht gut daß wir
+_Nichts_ haben auf der weiten Welt.«
+
+»Hast Du _gar_ kein Geld, Jenny?« sagte Jack, sie halb erstaunt aber
+recht freundlich anschauend -- »_gar_ Nichts, nicht ein ganz klein
+wenig?«
+
+»Ein ganz klein wenig, oh ja« lächelte das Mädchen gutmüthig -- »einen
+Viertel Dollar in Silber, den mir Großmutter schon vor langer langer
+Zeit gegeben.«
+
+»Nun siehst Du wohl, Schatz« lachte der Jäger, »daß Du reicher bist wie
+Du Dich machst? das ist vollkommen genug.«
+
+»_Ein_ Viertel Dollar, sagte ich Mr. Owen.«
+
+»Jawohl, und noch dazu in Silber.«
+
+»Aber was soll ich _damit_ anfangen?«
+
+»Nun die Farm und das Vieh kaufen -- ganz Arkansas kannst Du freilich
+nicht dafür bekommen.«
+
+Das Mädchen wandte sich langsam ab eine aufsteigende Thräne zu
+unterdrücken, denn der Scherz that ihr weh; Jack aber, der sie nicht
+kränken wollte, stand auf, ging zu ihr, legte seine Hand auf ihre
+Schulter und sagte freundlich --
+
+»Es _ist_ kein Scherz, Jenny, Du mußt gewiß mit bieten, ja noch mehr,
+Du mußt den Anfang machen. _Fürchtest_ Du Dich wenn ich dabei bin?«
+
+»Nein Mr. Owen« sagte das Mädchen herzlich -- »aber ich begreife nur
+nicht --«
+
+»Wirst das schon Alles noch erfahren -- welche Zeit haben wir jetzt?«
+
+»Bald elf Uhr, nach der Sonne.«
+
+»Alle Wetter, dann ist auch nicht mehr viel zu versäumen, um elf beginnt
+die Auktion -- wenn ich Dich rufe komm zu mir hinaus. Und Sie, Mr.
+Mowlbare können heut etwas Neues sehn in Arkansas, aber« -- setzte er
+ernster und fast wie drohend hinzu -- »wenn ich Ihnen zum Besten rathen
+soll, so bieten Sie nicht mit.«
+
+»Danke herzlich« sagte Maulbeere verbindlich -- »spüre für jetzt noch
+nicht die mindeste Lust mich in Arkansas niederzulassen -- aber hinaus
+darf man doch kommen?«
+
+»Gewiß, gewiß« lachte Jack wieder, »und werden treffliche Gesellschaft
+da finden;« und seine Büchse schulternd, während er dem Mädchen freundlich
+zunickte, verließ er rasch das Haus.
+
+Draußen kamen indessen Fremde auf Fremde, sammelten sich um die
+verschiedenen Feuer, wo sie einen Bekannten trafen, oder besahen auch
+wohl die aus dem Nachlaß von den Nachbarn selber herbeigebrachten
+Pferde, die dort ausgehobbelt -- d. h. mit zusammengebundenen Vorderfüßen
+-- an hingeworfenen Maiskolben knapperten, und munter den immer und
+immer wieder neuankommenden Reitern entgegenwieherten.
+
+Um den Sheriff, der von Little Rock selber herübergekommen war
+den Verkauf zu leiten, hatte sich dabei eine ziemliche Anzahl von
+»Stadtleuten« versammelt; der Platz ging jedenfalls für ein Spottgeld
+weg, denn der jetzige Eigenthümer Mr. Kowley, wollte ihn um jeden Preis
+los sein, und die Pferde allein, wackere prächtige Thiere, hatten einen
+guten Werth.
+
+Jack ging wieder zwischen den Gruppen durch, ohne sie auch nur eines
+Blicks zu würdigen, und hie und da flüsterte man wohl leise hinter
+ihm her, daß das der Mann sei, der den frühern Eigenthümer dieses
+Platzes erschossen. Vor eine Jury damals gestellt war er aber, da es in
+Selbstvertheidigung geschehen, frei gesprochen worden; Olnitzki hatte
+zuerst nach ihm geschossen, und der Wille allein wäre genügend gewesen,
+selbst ohne die, noch damals nicht geheilte Narbe von dessen Kugel. Die
+Leute von Little Rock hielten sich aber fern von dem Mann; sie wollten
+mit den Squattern dieses Distrikts, die den Ruf eines wilden unzähmbaren
+Volkes hatten, so wenig als möglich in Berührung kommen, und waren
+vollkommen zufrieden Niemand weiter von der Schaar zu sehn, wenn sie
+sich auch eigentlich darüber wunderten.
+
+»Gentlemen!« redete da der Sheriff die Versammlung an, »es wird etwa elf
+Uhr sein, und ich glaube wir können die Auktion beginnen, damit die
+Herren, die noch gesonnen sind heute nach Little Rock zurückzukehren,
+Zeit dazu behalten. Wir sind doch wahrscheinlich Alle versammelt, die an
+dem Kaufe Theil nehmen wollen und ich werde anfangen.«
+
+Jack Owen stand etwa zwanzig Schritt von ihm entfernt, als er diese
+Worte an die ihm Nächsten richtete, und nahm jetzt, ohne eine Sylbe
+darauf zu erwiedern, seine Büchse von der Schulter. Zugleich spannte er
+den Hahn, zielte einen Augenblick nach dem Wipfel einer der nächsten
+Eichen, und bei dem Krachen des Schusses stürzte ein Rothkehlchen, das
+sich dort oben im Gefühle völliger Sicherheit niedergelassen, gänzlich
+von einander geschossen herunter zu Boden.
+
+»Ein famoser Schuß!« riefen Einige der Stadtleute, die nicht recht
+wußten was sie aus dieser plötzlichen Schießübung mitten zwischen sich
+machen sollten -- »ein vortrefflicher Schuß!« Der Sheriff nur wandte
+sich mit eben keinem freundlichen Blick gegen den Schützen um, sagte
+aber Nichts und Jack, ohne die geringste Notiz von irgend Jemand Anderem
+zu nehmen, stieß seine Büchse vor sich auf den Boden nieder, reinigte
+sie, und lud sie wieder.
+
+Da brachen rings die Büsche, Rosse wieherten, Hunde schlugen an; überall
+raschelte und knackte es im Wald, und der Boden zitterte unter den
+schmetternden Hufen einer heranstürmenden Anzahl Pferde, nach denen
+sich die hier um die Feuer Versammelten kaum überrascht, ja erschreckt
+umsehen konnten, als auch schon einige dreißig kräftige wilde Gestalten,
+fast Alle in lederne oder wollene Jagdhemden und ausgefranzte Leggins
+gekleidet, ihre langen Büchsen über der linken Schulter, ihre Messer an
+der Seite, die Zügel ihrer Thiere locker in der rechten Hand, Einzelne
+im bloßen Kopf mit flatternden Haaren wie Indianer, Andere mit alten
+Filz- oder Strohhüten auf, über umliegende und dort umhergestreute Stämme
+wegsetzend, herankamen, und dicht um die Feuer her ihre schnaubenden
+Thiere parirten. So rasch und plötzlich und so mit einem Mal von allen
+Seiten war die Schaar der Backwoodsmen, sämmtlich Nachbarn hier und
+Squatter dieser Niederungen, herangekommen, daß der Schuß des Einen von
+ihnen jedenfalls das _Signal_ für Alle gewesen sein mußte, die schon
+lange darauf harrend im Hinterhalt gelegen. Aber Keiner von ihnen
+kümmerte sich um den Anderen, und handelten sie nach _einem_ Entschluß,
+so war der jedenfalls schon früher verabredet und besprochen, und
+bedurfte keines weitern Worts noch Winkes. Aber Alle warfen sich jetzt
+von den Pferden, hingen die Zügel der scharrenden, stampfenden Thiere an
+den nächsten schwingenden Zweig der ihnen zur Hand war, und traten dann,
+ihre Büchsen auf den Schultern und trotzig genug sich dabei im Kreise
+umsehend, mitten zwischen die Käufer hinein, so daß sie diese von allen
+Seiten umgaben und umstanden. Unter ihnen waren der alte Rosemore, Bill
+Jones, Sam Houston und überhaupt das ganze »#settlement#« oder die
+Nachbarschaft -- Keiner fehlte.
+
+Wenn Jemand in der ganzen Versammlung, so hatte aber der Sheriff von
+Little Rock diese »Demonstration«, für was er sie nicht ganz mit Unrecht
+hielt, in Zorn und Unwillen angesehn, ohne freilich dagegen einschreiten
+oder auch nur etwas dawider äußern zu können. Daß die Leute mit ihren
+Waffen kamen verstand sich von selbst, ein Backwoodsman geht nie ohne
+diese, nicht hundert Schritt von seiner Hütte ab, vielweniger eine
+Strecke durch den Wald, sei die Gelegenheit welche sie wolle, und das
+stille ernste Benehmen der Männer ließ ebenfalls auf keine Störung
+schließen; nichtsdestoweniger gefiel ihm das plötzliche Ankommen der
+Leute nicht, das auch auf die übrigen Käufer, die schon wußten daß
+der Verkauf nicht mit dem Willen der »Nachbarn« geschah, einen
+fatalen Eindruck gemacht. Dem Gesetz durften sie aber nicht mit Gewalt
+entgegentreten, und so oft sie dasselbe auch in ihre eigne Hand schon
+genommen, hüteten sie sich doch jedenfalls den Sheriff in seinem Amt zu
+hindern. So also auf einen der zahlreichen dort umherstehenden, kurz
+abgehauenen Baumstümpfe tretend, die Versammlung besser übersehn zu
+können, zeigte er dieser mit kurzen Worten an daß der Verkauf der Farm
+jetzt beginnen solle, die er, Zeit und Mühe zu ersparen, und nach dem
+bestimmt ausgesprochenen Willen des jetzigen Eigenthümers, Mr. Kowley
+aus Little Rock, gleich mit dem dazu gehörenden Vieh, Pferden, Rindern
+und Schweinen in _einem_ Gebot an den Meistbietenden losschlagen würden,
+wonach es dann dem Käufer überlassen bleibe, wenn er es für gut finden
+sollte, Pferde oder Vieh wieder besonders zu versteigern.
+
+»Ein Wort Mr. Sheriff!« sagte da plötzlich der alte Rosemore mit seiner
+tiefen, ruhigen Stimme, indem er ebenfalls den Kolben seiner Büchse auf
+einen andern Stumpf stemmte und hinaufstieg; »ich bin als Ältester hier
+unter uns, und von den Nachbarn beauftragt worden noch ein paar Worte an
+die Versammlung zu richten.«
+
+»Ich glaube nicht daß etwas derartiges nöthig sein wird« sagte der
+Sheriff -- aber von allen Seiten rief es »doch, doch! sprecht Sir -- was
+giebt's« und der Sheriff, sich die Unterlippe beißend, schwieg.
+
+»Ich bin gleich fertig« sagte der alte Mann freundlich, »denen nur die
+es noch nicht wissen, wollte ich hier blos einfach mittheilen daß Farm,
+Pferde und Vieh von dem früheren Besitzer, dem Polen Olnitzki, an einen
+anerkannten falschen Spieler und sonst gar verdächtigen Menschen, der es
+seit der Zeit nie wieder gewagt hat zwischen uns zu erscheinen, im
+_falschen_ Spiel, wie sich später herausgestellt hat, verloren wurden.«
+
+»Mr. Rosemore« -- unterbrach ihn der Sheriff.
+
+»Entschuldigen Sie mich, Sir, ich bin noch nicht zu Ende« sagte der alte
+Mann ernst und fuhr dann langsam fort, »die Frau wie wir Alle hier
+wissen, die jener Olnitzki schlimmer behandelt hat, als ein Indianer
+seine Squaw behandeln würde, stammte aus einer edlen und reichen Familie,
+und hatte mit _ihrem_ Geld, als sie nach Amerika kamen, Farm und
+Viehstand, von dem Olnitzki schon früher drei Viertheile durchgebracht,
+gekauft -- aber sie besaß keine Papiere darüber. Vor mehren Jahren hat
+ferner jener Olnitzki, den hier später seine Strafe erreichte, einen
+armen aber rechtlichen Mann im allerdings ordentlich abgehaltenen
+Zweikampf erschossen, weil dieser nicht ruhig zusehn wollte, wie er
+seine arme, kränkliche Frau mishandelte und _schlug_. Der Mann hieß
+Riley und hat eine alte kranke Frau, seine Großmutter, und eine jüngere
+Schwester ein Kind noch fast, hinterlassen, das dort in der Thür der
+Hütte steht. Diesem Kinde hat Olnitzki's Frau, als sie mit ihrer Schwester
+nach des Polen Tode uns verließ, die Farm mit dem sämmtlichen Viehstand
+geschenkt. Wir Nachbarn erklärten dabei, daß Olnitzki kein Recht gehabt
+habe die Farm, die seiner Frau gehörte zu _verspielen_, die Gerichte in
+Little Rock entschieden aber anders. Nach langem Streiten gewann jener
+Advokat, der von dem falschen Spieler Land und Vieh zu einem Spottpreis
+gekauft, den Prozeß, und der Herr Sheriff ist heute herübergekommen,
+Land und Viehstand an den Meistbietenden öffentlich zu versteigern.
+_Das_, Mitbürger, ist der Thatbestand der Sache, und wir Nachbarn«
+-- setzte er mit lauterer Stimme hinzu, »sind der Meinung daß das Kind
+die Farm, die ihm rechtmäßig schon gehört, erstehen wird.«
+
+»Das kommt auf die Gebote an, Sir!« rief der Sheriff heftig.
+
+»Ei versteht sich, Sir,« sagte der alte Rosemore -- »auf die Gebote, und
+ich bitte daß Sie beginnen. Jack Owen -- seid doch so gut und führt das
+arme Kind einmal hier zwischen die Herren herein -- es fürchtet sich
+sonst näher zu treten; Sie sind wohl so freundlich, Gentlemen, und
+machen ihm Platz!«
+
+»Oh ja wohl -- mit dem größten Vergnügen!« riefen die dem Haus zunächst
+Stehenden bereitwillig, und Jack Owen schritt langsam dem Hause zu, nahm
+Jenny, der er einige ermuthigende Worte zuflüsterte, an die Hand, und
+führte das junge zitternde Mädchen in den Kreis der Männer, die eine
+Gasse für sie öffneten.
+
+»Oh Bill!« rief während der kleinen Pause die jetzt entstand, Einer der
+Backwoodsmen, ein rauher, wild aussehender Bursche einem Andern über
+den ganzen Kreis hinüber zu -- »ich habe die Nacht einen schändlichen,
+nichtsnutzigen Traum gehabt -- mir träumte ein feiner Bursche mit einem
+Tuchrock an, hatte die Farm erstanden, und wie ich zu Haus ritt lag er
+im Gründorn Flat auf des Polen Grab, und hatte einen rothen, häßlichen
+Fleck mitten auf der Stirn.«
+
+»Ah Unsinn Jim!« lachte der Andere zurück, »_Dein_ Traum hinkt, denn ich
+habe geträumt _es hätte gar Niemand mitgeboten_!«
+
+»Gentlemen ich protestire hier feierlich gegen jede drohende Einwirkung
+auf den Verkauf dieses Gutes!« fiel hier der Sheriff hitzig ein, »oder
+ich sehe mich genöthigt mich unverrichteter Sache zurückzuziehn, und dem
+Staatsanwalt Anzeige solchen Benehmens zu machen.«
+
+»Thut Euere Pflicht Sheriff!« rief aber der alte Rosemore ruhig -- »es
+wird kein Mensch mehr ein Wort hineinreden -- daß sich ein paar junge
+Burschen ihre albernen Träume erzählen darf Euch nicht kümmern.«
+
+Der Sheriff zögerte noch einen Augenblick und berieth sich in leisem
+Flüstern mit den ihm nächst Stehenden was zu thun, ein späterer Termin
+würde aber ebenfalls zu keinem andern Resultat geführt haben, die Käufer
+hatten jedenfalls das Gesetz und seinen mächtigen Arm auf ihrer Seite,
+und nach kurzer Einleitung, in der er jetzt die Zahl der urbar gemachten
+Äcker, der Pferde, die von den Kauflustigen schon in Augenschein genommen,
+die Anzahl Kühe, Rinder und Schweine aufgezählt, eröffnete er die
+Auktion und lud die Anwesenden zu einem Anfangsgebot ein.
+
+Im ersten Augenblick herrschte tiefe Stille, das Zirpen der Grillen
+drang peinlich deutlich von den nächsten Bäumen herüber, und man konnte
+das _Athmen_ der Menge hören. Da bog sich Jack Owen freundlich zu dem
+jungen Mädchen nieder und flüsterte ihr ein paar ermuthigende Worte zu
+und Jenny, mit todtenbleichen Wangen und zitternden Lippen, aber klaren,
+blitzenden Augen, trat einen Schritt vor und sagte mit nicht lauter,
+aber doch bis selbst zu den entferntest Stehenden dringend:
+
+»Ich biete einen Viertel Dollar für das Ganze.«
+
+»Unsinn!« rief der Sheriff, in auflodernder Wuth mit dem Fuße stampfend,
+»wir haben hier kein Kinderspiel für müssige Leute -- ein Viertel
+Dollar, wo das Gebot in die Hunderte steigen muß, nur den halben Werth
+zu erreichen.«
+
+»Gebot ist Gebot!« rief es von anderer Seite, »der Verkauf hat begonnen
+-- thut Euere Pflicht Sheriff!«
+
+»Ich brauche mich von Niemanden an meine Pflicht mahnen zu lassen!«
+schrie dieser, leichenbleich vor innerem Grimm, dem er doch nicht Worte
+geben durfte, den Männern gegenüber.
+
+»Ein Viertel Dollar ist geboten,« sagte der alte Rosemore ruhig, »Jenny
+wird es wohl für den Preis bekommen.«
+
+»Wenn kein Gebot geschieht,« rief jetzt der Sheriff, mit Zornfunkelnden
+Augen, »hebe ich den Verkauf auf!«
+
+»Ein Gebot _ist_ geschehn!« schrie da Einer der jungen Backwoodsmen,
+derselbe, der vorher seinen Traum erzählt, und trotzig dabei mit der
+Büchse in den Kreis springend, »wir Männer von Arkansas sind eingeladen
+worden dem Verkauf heute beizuwohnen; der Verkauf hat begonnen, ein
+Gebot ist gemacht worden und ich frage Euch hier, die Ihr anwesend
+seid, ob etwas Unregelmäßiges in der Verhandlung stattgefunden?«
+
+»Nein -- Nichts!« schrie es von allen Seiten, »die Advokaten mögen uns
+Ihre Dintenklexer hier herüberschicken und uns die Farmen unter der Nase
+ausbieten lassen, wir können und wollen es ihnen nicht wehren, aber laß
+sie es wagen unsere Gebote nicht zu respektiren, und wenn es sich um
+einen einfachen Cent handelte, und bei Höll und Teufel wir schicken sie
+heim, daß ihre Haut keine Maishülsen mehr halten sollte.«
+
+»Ein Viertel Dollar ist geboten Gentlemen!« rief der alte Rosemore
+wieder so ruhig wie vorher, »Mr. Sheriff wollen Sie weiter fragen, oder
+glauben Sie daß der Preis genügt? es wird Mittagszeit, und wir, die wir
+noch zur #Campmeeting# zu reiten wünschen, möchten doch erst gern zu
+Hause etwas essen.«
+
+»Gentlemen!« rief aber der Sheriff auch, sich jetzt ermannend, »Sie
+werden dieses Scheingebot eines Kindes nicht gelten lassen. Das Gesetz
+und sein starker Arm _schützt_ Sie in jedem Gebot das Sie machen, und
+meinen eignen Hals will ich zum Pfande setzen daß der von Ihnen, der
+dieß Gut zu irgend einem Preis ersteht, auch in den rechtlichen Besitz
+desselben gelangen soll.«
+
+»Mein Traum wird doch wahr, Bill,« rief der Backwoodsman wieder über den
+Kreis hinüber.
+
+»Denkt nicht daran,« lachte der Andere, »der Sheriff hat ja seinen Hals
+verpfändet, und wird die Farm vielleicht selber kaufen wollen.«
+
+»Ein Viertel Dollar ist geboten,« begann zum dritten Mal der alte
+Rosemore, »wenn Ihr nicht selber jetzt die Auktion beginnt, Sheriff, dann
+thun _wir_ es -- überschreitet Euere Pflicht nicht, denn _wir_ sind hier
+herbestellt, und verlangen den Zuschlag für den Käufer.«
+
+»Auf ein solches Gebot schlag ich nicht zu!« schrie aber der Sheriff,
+jetzt außer sich vor Wuth, »wer will mich zwingen?«
+
+»Das Gesetz!« tobten ihm da die Backwoodsmen entgegen, »glaubt Ihr,
+daß Ihr uns hier zum Narren haben könnt, gerad' nach Gefallen, und
+herbestellen wenn es Euch freut, weil Euch ein Gebot nicht behagt? Die
+Farm ist angesetzt und feil gemacht; das Kind dort hat einen Viertel
+Dollar geboten und bietet Niemand mehr, und schlagt Ihr dann nicht zu,
+so straf uns Gott, wenn ein anderer Auktionator, ein anderer Käufer
+seinen Fuß wieder auf dieses Land setzen soll.«
+
+»Und Keiner bietet einen Cent mehr,« knirschte der Sheriff zwischen den
+Zähnen durch -- wagte aber selber kein höheres Gebot -- »Gentlemen ich
+wiederhole es hier nochmals -- das _Gesetz_ schützt Sie in jedem Gebote
+das Sie thun, und kein Bürger der Vereinigten Staaten _darf_ und wird
+sich dem widersetzen, denn die Folgen würden schwer und furchtbar auf
+sein eigenes Haupt zurückfallen. So beginne ich denn nochmals den
+Verkauf -- _zwei Bits_ sind geboten, und ich erwarte daß der zweite
+Bieter mit eben so viel hundert ganzen Dollarn nachfolgen wird -- _ich_
+-- das _Gesetz_ steht ein für sein gewahrtes Recht.«
+
+Alles schwieg -- der Amerikaner läßt selten lange auf sich warten, wo
+sich die Aussicht auf Gewinn für ihn bietet, aber die dunklen trotzigen
+Gestalten hier umher -- das Blut das schon unter diesen Bäumen geflossen,
+ohne daß selbst das Gesetz im Stande gewesen war es zu sühnen, die
+Drohung selbst, die versteckt, aber doch deutlich genug in dem erzählten
+Traum lag -- hie und da vielleicht auch mit dem Rechtlichkeitsgefühle
+Manches, der doch wohl einsah daß dem Kind -- wie das _Gesetz_ auch da
+geurtheilt -- die Farm gehören müsse -- Keiner bot.
+
+Wieder und wieder suchte sie der Sheriff nur erst zu _einem_ Gebot zu
+treiben, dem dann leicht andere folgen würden -- umsonst und endlich
+selber gereizt, und wüthender fast über die herübergekommenen Käufer als
+über die Squatter selbst rief er, während die »Nachbarn« ringsum lautlos
+standen, denn sie wußten jetzt daß sie gesiegt hatten -- mit bleichen
+Wangen und vor innerer Aufregung funkelnden Blicken:
+
+»Gut -- wenn Ihr Alle denn zu _feige_ seid Euer _Recht_ zu wahren,
+und der, der am meisten dabei interessirt ist, sein ausgelegtes Geld
+wenigstens für das Land wieder zu bekommen, sich gar nicht dabei blicken
+läßt, was kümmerts mich. Also,« und seine Hand hob sich dabei sie zum
+Zuschlag sinken zu lassen, »ein Viertel Dollar ist geboten -- ein
+Viertel Dollar zum ersten -- kein Gebot weiter? -- ein Viertel Dollar
+zum zweiten« -- eine Todtenstille herrschte, man konnte das Zwitschern
+der Vögel weit im Wald drinne, das Glucken und Kratzen der Hennen vor
+dem Hause hören -- »ein Viertel Dollar zum zweiten, und --« die Hand kam
+nieder, und mit der Bewegung das Wort: »_zum_ -- _Dritten_!«
+
+»Hurrah! Hurrah!« tobten und jubelten und jauchzten die wilden Gesellen
+um ihn her -- »piff, paff,« gingen die Freudenschüsse hoch in die Luft,
+und Jack Owen, in der linken Hand seine abgeschossene Büchse schwingend,
+griff mit dem rechten, eisernen Arm das junge, ängstlich umherschauende,
+und seinem Glück noch immer nicht trauende Mädchen vom Boden auf und
+trug es, unter dem Jubelruf der Menge, zwischen die Schaar der Nachbarn
+hinein. Alle Hände streckten sich nach ihr aus, den rauhen wilden Gesellen
+standen Thränen in den Augen, und im Triumphe wurde Jenny jetzt dem Hause
+zugetragen, als neue, rechtmäßige Besitzerin.
+
+
+
+
+Capitel 2.
+
+Maulbeere in der Betversammlung.
+
+
+Die Auktion war vorüber; Farm und Viehbestand gehörte dem jungen
+Mädchen, trotz jenem Jahrelang geführten Proceß, und all die Käufer,
+die hergekommen waren das Land, die Pferde zu erstehn, und sich das
+Alles nun mußten wie ein schönes Traumbild unter den Händen selbst
+wegschwinden sehen, standen im ersten Augenblick allerdings etwas
+verdutzt und unbehaglich da, und wußten nicht recht was für ein Gesicht
+sie dazu machen sollten. Daß die Backwoodsmen nämlich eine solche
+Drohung, wie sie der eine Bursche so schlau in seine Träume geflochten,
+wahr machen _könnten_, daran zweifelte nicht Einer von ihnen; des Polen
+Grab lag keine tausend Schritt von dort entfernt, ein blutig Zeichen,
+und ein Land kaufen das der Eigenthümer nie hätte wagen dürfen in Besitz
+zu nehmen, wär auch ein Geldverschleudern nur gewesen, wie der
+New-Yorker Advokat zu seinem Schaden jetzt erfahren.
+
+»Unter den Umständen durften wir gar nicht bieten,« sagte da der Eine
+von ihnen zu dem Andern, »der alte Mann hatte ganz recht -- man kann
+doch der kranken Frau und dem Kind das Haus nicht unter den Füßen
+wegkaufen, und sie in den Wald setzen? -- ich wenigstens möchte das
+nicht auf meinem Gewissen haben.«
+
+»Ich auch nicht,« rief ein Anderer, »die arme Kleine; was für ein
+hübsches Mädchen das einmal wird -- und wie bleich sie aussah.«
+
+»Mit Güte kann man bei mir Alles ausrichten,« sagte ein Dritter, »und
+ein gutes Wort findet einen guten Ort -- die Leute waren klug genug daß
+sie nicht wirklich drohten.«
+
+»Das wußten sie wohl daß ihnen das Nichts half,« rief der Erste wieder,
+»was hätten sie machen wollen wenn wir das Haus erstanden? aber so ist's
+besser und hundert Dollar sind mir nicht so lieb, als daß es die Kleine
+bekommen hat.«
+
+Maulbeere war ein stiller, aber höchst aufmerksamer Zuschauer des
+Ganzen gewesen, und so sehr ihn die höchst eigenthümliche Verhandlung
+interessirt, überlegte er doch eben, ob er nicht besser seinen eigenen
+Nutzen jetzt auch ein wenig wahren, und seinen Karren herbeischieben
+solle, der Versammlung mit wenigen eindringlichen Worten ihre eignen
+stumpfen Messer und sonstigen Bedürfnisse in's Gedächtniß zurückzurufen,
+als die Backwoodsmen plötzlich Alle wieder zu ihren Pferden gingen, die
+Zügel von den Zweigen warfen, in die Sättel sprangen und mit einem
+wilden _Hupih_, von den laut anschlagenden Hunden gefolgt, aber jetzt
+nach _einer_ Richtung hin, in den Wald hineinsprengten. Nur der alte
+Rosemore blieb mit Jack Owen zurück und ging mit diesem in das Haus, wo
+sie die Thüre hinter sich zumachten, und eine Zeitlang darin blieben.
+Nach einer ziemlich langen Weile kam Jack Owen allein zurück, und dem
+Scheerenschleifer freundlich auf die Schulter klopfend, sagte er
+lachend:
+
+»Nun wie hat Euch unsere Arkansas-Auktion gefallen?«
+
+»Gut,« erwiederte Maulbeere trocken, »und wenn Sie einmal wieder eine
+Farm für einen ähnlichen Preis wegzugeben haben --«
+
+»Dann wißt Ihr einen Käufer?« lachte der Jäger, »glaub' es wohl -- aber
+die Stadtherrn gehen auch nach ihren Pferden, so wollen wir denn den
+armen Thieren hier ebenfalls wieder ihre Freiheit geben; heut oder
+morgen werden sie doch nicht mehr gebraucht. Und dann Fremder, wenn es
+Euch recht ist, gehen wir zur #Camp meeting# hinüber, nicht weit von
+hier nach jener Richtung zu; wäre die Sache schon in Gang, könntet Ihr
+die Leute selbst hier jauchzen hören.«
+
+»_Jauchzen_ hören?« frug Zachäus verwundert.
+
+»Werdet's schon mit ansehn,« sagte der Jäger ruhig, den zum Verkauf
+hierher gebrachten und mit, durch den Viertel Dollar erstandenen Pferden
+die Hobbeln oder Stricke lösend, die ihre Vorderbeine zusammenhielten,
+daß die Thiere wieder frei zurück in den Wald, und ihren gewöhnlichen
+Weideplätzen zulaufen konnten, »und nun kommt, nehmt Eueren Karren, und
+folgt mir den Weg entlang, der hier an der Fenz hinunterführt, und wenn
+Ihr nicht _beten_ wollt dort, kann ich Euch Arbeit ziemlich gewiß
+versprechen.«
+
+ * * * * *
+
+Was für ein Leben das war hier mitten in dem sonst so stillen Wald;
+wie die verscheuchten Vögel ängstlich in den Zweigen herüber- und
+hinüberflogen, und zwitscherten und riefen; wie der Hirsch, der dort
+sonst seinen ungestörten Äsungsplatz hatte, als er heute langsam und
+vertraut wie immer auf seinen Wechsel herankam, rasch den schönen Kopf
+emporwarf, die von feindlichen Dünsten geschwängerte Luft einzog und
+schreckend zurück in seine Wildniß floh. Wie die Pferde so freudig
+wieherten und den Boden stampften, und der grüne Rasen ringsumher auf
+der kleinen Waldesblöße zertreten war, nach allen Seiten, und wie sich
+das drängte und schob und durcheinander wogte, von einer bunten
+fröhlichen Menschenmasse, die hier von allen Enden des County
+zusammengekommen.
+
+Ein Theil der Leute von Little Rock war ebenfalls dabei, die nämlich,
+die von der Auktion kommend, es vorgezogen hatten den heutigen Tag hier
+zu verbringen, und morgen früh zur Stadt zurückzukehren. Diese schienen
+aber am wenigsten vertreten, kamen auch nicht aus Religiosität hierher,
+sondern nur der leidigen Neugier wegen, und wurden von den Geistlichen
+am wenigsten gern gesehn. Nein, die Backwoodsmen und besonders deren
+Frauen und Töchter bildeten den Hauptkern der Versammlung; von allen
+Seiten strömten sie herbei, die Frauen fest im Sattel -- und wenn es
+auch kein Damensattel war -- ihre kleinen Bündel mit Kleidern vor sich
+auf dem Pferd, die Männer mit Büchse und Messer an der Seite wie immer.
+Und Lager wurden von Einzelnen aufgeschlagen rings im Wald, mit
+Rinden- oder Deckendach, während Andere dagegen ordentliche Zelte mit
+herüberbrachten, die sie allein für diesen Zweck bestimmt. Hier waren
+Männer an der Arbeit einen Baum zu fällen, und aus den abgeschlagenen
+Stücken rasch kurze Breter zu spalten zu einem sicheren Regenschutz,
+dort wurde Feuerholz geschlagen und herbeigeschleppt, oder Zweige wurden
+abgehauen, mit diesen ein flüchtiges Schutzdach gegen Sonne und Nässe
+herzustellen; aber überall herrschte Leben und Thätigkeit.
+
+Und wie die Feuer ringsum flammten und die Kessel brodelten, der blaue
+Rauch so luftig hinauf wirbelte in die grünen rauschenden Wipfel, und
+emsige Frauengestalten mit den großen, unförmlichen Bonnets auf dem Kopf
+-- gleichen Schutz gegen Sonne wie Küchenfeuer gewährend -- so fleißig
+an den Töpfen und Pfannen schafften und siedeten.
+
+Die Frauen hatten auch das meiste Interesse an solcher #Camp meeting#,
+und wenn der Mann daheim kaum daran gedacht hätte hinaus in den Wald zu
+gehn und die Pferde zu suchen, ließen sie ihm nicht Ruhe, und hatten
+tausend und tausend Gründe dafür weshalb sie, wenigstens dießmal, unter
+keiner Bedingung die fromme Versammlung versäumen dürften.
+
+Erstlich schadete den Pferden das Bischen Bewegung gar Nichts -- sie
+waren überdieß so lange nicht gebraucht, und #Marys colt# schon ganz
+lendenlahm geworden von all zu vieler Ruhe. Dann predigte zweitens,
+dieses Mal ganz gewiß der Ehrwürdige Mr. Sweetlip -- und was für eine
+süße Stimme der hatte, und wie weich und öhlich er Einem zum Herzen
+sprach -- wer hätte da ungerührt bleiben können.
+
+Und dann der andere Ehrwürdige Mr. Hottenbrocken, wie der es den Heiden
+und Ungläubigen sagte, wie der dem bösen Feind, #alias# Beelzebub zu
+Leibe rückte und ihn aus dem Felde schlug.
+
+Und dann hatten sie die Nachbarn in so ewig langer Zeit nicht gesehn
+-- lieber Gott, hier im Walde kam man ja mit Niemandem zusammen, und
+ob Bill Norton und Ann Sally wirklich versprochen wären, konnten sie ja
+auch nur dort erfahren.
+
+Und die beiden neuen Kleider, die sich Susanne in dem letzten halben
+Jahr selbst gewebt und genäht, wie hätte sie die anders zeigen oder
+tragen sollen; doch nicht im Haus etwa beim Spinnrad; und mußten sie
+nicht wenigstens einmal erst die »priesterliche Weihe« erhalten?
+
+Die armen Frauen der Wälder sind in dieser Hinsicht auch wirklich übel
+dran; in dem kleinsten unbedeutensten Städtchen, ja selbst in dem
+einzelnen Haus, das nur an einer begangenen Straße liegt, kann sich das
+junge Mädchen nett und geschmackvoll anziehn, und hat die Genugthuung,
+daß sie wenigstens gesehn, und auch bewundert wird, denn es sind
+oft liebe, bildschöne Gestalten, denen der schlanke Wuchs, die edle
+Gesichtsbildung und die, mit nur _sehr_ seltenen Ausnahmen fast
+untadelhafte Reinlichkeit einen eigenen Zauber verleiht; im Wald
+aber, im wirklichen Wald, von jeder Verbindung mit der Außenwelt
+abgeschnitten, wo sollen da die armen Mädchen und Frauen ihre Kleider
+zeigen, und zeigen _müssen_ sie dieselben; bei einem »Klötzeroll-Fest«
+oder »#Quilting frolic?#« wie selten kommt das vor, und wenn's
+geschieht, wie selten ist dann Tanz nachher -- einmal, zwei Mal im
+ganzen Jahr und das noch dazu im Sommer.
+
+Solche Gelegenheiten benutzen sie dann freilich auch auf's Beste, und
+welche es irgend von den jungen Mädchen kann, kommt nicht zu einem
+derartigen Fest ohne wenigstens noch _ein_ anderes Kleid, manchmal drei
+und vier mitzubringen, die während dem Tanz gewechselt werden können.
+
+Weit bessere Gelegenheit hierzu bietet aber jedenfalls eine #Camp
+meeting#, die nicht nur einen einzigen Abend und im günstigsten Fall
+eine Nacht durch dauert, wie ein solches Fest, sondern nicht selten
+gleich drei und vier Tage hintereinander weg, während die jungen Leute
+aus der _ganzen_ Nachbarschaft dabei Gelegenheit bekommen einander zu
+sehen, miteinander zu plaudern -- und mehr als das. Mancher Funke ist
+bei diesen Betversammlungen aus Auge und Herz herüber und hinübergeflogen,
+und hat gezündet für Lebenszeit -- wenigstens gebunden; überdieß mußten
+die jungen Männer dort still und ehrbar auftreten, durften nicht trinken,
+fluchen und schwören, und konnten oft nur mit Hülfe einer ihnen
+allerdings gewaltsam in's Herz geschütteten Religiosität den Pfad
+betreten, der zu der Liebe der Auserwählten führte.
+
+Mit einem Wort, es geht bunt zu bei solchen Betversammlungen, und wenn
+der Geist dann erst noch über die Schaaren kömmt, vergeht dem Fremden
+Hören oft und Sehn.
+
+Maulbeere fand für jetzt aber nicht das mindeste Außergewöhnliche; daß
+hier so viele Menschen auf einen Platz sich versammelt hatten, der sonst
+eine Wildniß war, fiel ihm nicht auf, weil er von einer Wildniß, trotz
+der letztverbrachten Nacht, überhaupt noch keinen rechten Begriff hatte.
+Die Lagerfeuer sahen ganz gemüthlich unter den grünen Bäumen aus, und
+die Menge der Gelagerten versprach ihm reichlichen Gewinn. Nur ein
+großes hölzernes Gerüst fiel ihm auf, das seitwärts von dem Platz, am
+Rande der kleinen Waldblöße, und noch im Schatten einer riesigen Eiche
+stand, und rechts und links ein paar kleine Einfriedigungen hatte, die
+mit Laub und duftenden Kräutern streuartig ausgeschüttet waren. Für das
+Vieh schienen sie aber nicht bestimmt, denn ringsumher lagen die Feuer,
+und die Pferde durften schon der Kinder wegen nicht in den inneren
+Kreis.
+
+Maulbeere dachte aber gar nicht daran sich über die Verwendung
+der Plätze den Kopf zu zerbrechen -- vielleicht dienten sie zu
+Schlafplätzen, vielleicht nicht, was kümmerte es ihn. Nach einem
+flüchtigen Überblick über die Vertheilung der verschiedenen Gruppen,
+schob er seinen Karren, ohne sich weiter um seinen bisherigen Führer
+zu kümmern, mitten in den Kreis hinein, begann plötzlich mit lauter
+gellender Stimme, aber natürlich in Englischer Sprache, seine Waaren,
+Künste und Eigenschaften anzupreisen, und hatte wenige Minuten später
+die Genugthuung, die große Hälfte der Versammlung ihn umdrängen zu sehn.
+Maulbeere war auch in der That für diese Waldbewohner ein Gegenstand;
+er war ein Charakter wie sie nicht oft dort herumgezogen, selbst unter
+den Yankee-Pedlars. Schon sein ganzes Äußere, die wirklich auffallende
+Ähnlichkeit mit einem Orang-Utang, die wunderbare Zungenfertigkeit
+des fremden Mannes, mit seinem trockenen Humor, der sie oft zu lautem
+Gelächter hinriß, das Alles war ihnen neu, und vielleicht selbst die
+Ungewißheit dabei, ob die jeden Augenblick erwarteten Geistlichen
+mit diesem Ausbruch lauter Fröhlichkeit einverstanden sein, oder ihn
+vielleicht gar verdammen würden, erhöhte den Reiz.
+
+Maulbeere hatte indessen schon sein Schleiferamt begonnen, und Messer
+wurden ihm so viele gebracht, daß er sich ihrer kaum erwehren konnte;
+auch Bestellungen bekam er genug, dorthin fünf, dorthinüber acht Meilen
+vielleicht, eine alte Scheere wieder in Stand zu setzen oder, als er
+sich auch hierin entwickelte, einem Fingerhut eine neue Decke anzulöthen.
+Er war unermüdlich dabei, grob gegen die Männer, die ihn auslachten,
+zärtlich gegen die Frauen und Mädchen, die über ihn kicherten, und sein
+Rad schwirrte und zischte, während seine Zunge noch viel rascher ging
+als das Rad.
+
+»_Der ehrwürdige Mr. Sweetlip!_« -- ein freudiges Gemurmel lief durch
+die ganze Versammlung, und die Frauen besonders, drängten jetzt rasch
+und eifrig fort von dem Scheerenschleifer, während ihre kleinen lieben
+Gesichter, die noch vor wenig Minuten so herzlich gelacht, und so fröhlich
+in die blaue herrliche Welt hinausgeschaut, einen gar ernsten, fast
+wehmüthigen Ausdruck annahmen. Alles schaarte sich um den frommen Mann,
+und Maulbeere blieb allein mit seinem Karren in der Mitte stehen.
+
+Mr. Sweetlip war die Freundlichkeit selber; er sprach mit Allen, hatte für
+jeden ein ermunterndes oder ermahnendes, ein freundlich tadelndes oder
+lobendes Wort; sprach von der Erndte und vom Wetter, von weggelaufenem
+Vieh und verirrten Schaafen -- in der geistigen Bedeutung des Wortes
+-- und seufzte dann oft recht schwer und traurig auf, wenn er der Sünde
+der Menschen gedachte, die in die Welt gekommen und leider nicht wieder
+hinauszubringen war. Mr. Sweetlip war eine wahre Seele von einem
+Menschen.
+
+Ernster und strenger, in finsterem Schweigen trat der andere Geistliche,
+Mr. Hottenbrocken auf, und wenn man die beiden mit einem Schwerte des
+Herrn hätte vergleichen können, so war Sweetlip der Rücken, Hottenbrocken
+aber die Schneide und Spitze in aller Schärfe und Härte edlen Stahls.
+
+ [Illustration: Capitel 2.]
+
+Wenn Sweetlip mit sanfter Zunge seinen Zuhörern allerdings ihre geistigen
+Wunden aufriß, aber Öl hineinträufelte, und es manchmal sogar für eine
+Sünde zu halten schien, selbst der Hölle sämmtliche gute Eigenschaften
+abzusprechen, so ging Hottenbrocken hinter ihm her und warf Essig und
+Pfeffer und Salz hinein, rüttelte die sanftschlafenden Sünder aus ihrem
+bewußtlosen Zustand auf, und beschrieb ihnen mit triumphirendem Lächeln
+und glühenden Farben einen furchtbaren Abgrund, an dem sie geschlummert
+haben sollten, und wenn sie den auch nicht gleich sahen, wurden sie doch
+ängstlich und verzagt, und streckten die Hand nach dem ehrwürdigen Manne
+aus, sie zu retten.
+
+Mr. Sweetlip hatte übrigens die »#meeting#« zu eröffnen und zu begrüßen,
+und stieg oder kletterte zu diesem Zweck auf das hohe, kanzelartige
+Gestell, das unter der Eiche errichtet worden. Von hier aus richtete
+er eine ziemlich lange Rede, ohne weiteren besonderen Inhalt, an die
+Versammlung, ermahnte sie, ihre Augen und Herzen und Hände zu Gott
+zu erheben und ihn zu bitten, daß er sie bei ihrer jetzigen freudigen
+Zusammenkunft erleuchten, die Guten stärken, und die verlorenen Schaafe
+zurück zu seiner Heerde führen möge, zu deren Bequemlichkeit hier, wie
+er mit klaren dürren Worten andeutete, die beiden Einpferchungen
+angebracht und mit weicher Streu gefüllt waren.
+
+Maulbeere glaubte wirklich im Anfang daß er mit dieser Sache Scherz
+treibe; der ernste, wehmüthige Mann sah aber nicht aus wie Scherz, und
+Thränen standen auch schon in vielen Augen seiner schönen Zuhörerinnen.
+Um sich dessen aber zu vergewissern, drückte er sich durch die
+Andächtigen, seinen Karren sich selber überlassend, langsam der Stelle
+zu, wo er seinen alten Freund Jack Owen finster und schweigend an einer
+Eiche lehnen und der Rede horchen sah.
+
+»Könnt Ihr mir sagen Freund« redete er diesen leise an, »was der fromme
+Herr da oben mit den beiden Pferchen meint, und ob die nur _bildlich_
+dastehn, oder in der »Hitze des Gesprächs« vielleicht wirklich gebraucht
+werden sollen? ich habe keine rechte Idee von etwas Derartigem, und
+möchte mich gern belehren.«
+
+»Es geht mir nicht viel besser, Fremder,« sagte der Backwoodsman
+seufzend -- »ich habe auch keine rechte Idee von dem Wesen und Treiben
+der Leute; soviel aber ist gewiß, daß sie die Fenzen oder Pferche, wie
+Ihr sie nennen wollt, heute oder morgen noch brauchen, wenn der Herr da
+oben die Gemeinde vorbereitet hat, und der andere lange Herr mit dem
+finsteren Gesicht erst in ordentlichen Schuß und Gang gekommen ist
+-- wenn nicht heute, morgen seht Ihr das gewiß!«
+
+»Und sind das so berühmte Prediger?« frug Maulbeere etwas erstaunt, denn
+das Äußere der Leute hatte auf ihn den Eindruck nicht gemacht --
+
+»Der sanfte Mann der jetzt da oben spricht« sagte Jack mit einem etwas
+bitteren Lächeln, »war noch im vorigen Jahr ein Schneider in Little
+Rock, als plötzlich _der Geist_ über ihn kam, wie sie es nennen, und er
+zu predigen anfing. Er hat eine »sanfte Gabe« wie die Frauen sagen, und
+wenn er nur anfängt zu reden, weinen sie schon vor lauter Rührung und
+Wehmuth. Der Andere ist ein Yankee, und war früher ein Pedlar, wie man
+bei uns die »wandernden Krämer« nennt -- betrog alle Welt mit seinen
+Yankee-Uhren und anderem Trödel den er zum Verkauf im Lande herumführte,
+und -- wurde auch auf einmal religiös, hielt einen Ausverkauf mit seinen
+Uhren, von denen die Frauen wie toll darauf waren, eine zu kaufen, um,
+wie sie meinten, dem Teufel zugleich eine Seele zu entreißen, und fing
+ebenfalls an zu predigen. Die Beiden sind jetzt die beliebtesten Redner,
+die wir hier zu hören bekommen, und haben die anderen Circuit-rider wenn
+nicht ganz weggebissen, doch so in den Schatten gedrängt, daß sie sich
+kaum noch sehn lassen. _Ihre_ Sammlungen fallen auch -- jedenfalls die
+Hauptsache -- immer am reichlichsten aus, und für ihre _milden Zwecke_
+nehmen sie Geld und Geldes Werth, Hirsch- und Racoonfelle, Talg und
+Honig und Bärenfett. Aber jetzt paßt auf« setzte er, mit dem Kopf nach
+der Kanzel winkend hinzu -- »jetzt kommt Herr Hottenbrocken d'ran -- es
+wird ein heißer Tag werden, denn er schneidet ein furchtbar finsteres
+Gesicht.«
+
+Jack schulterte, während er die letzten Worte sprach, seine Büchse,
+drehte sich ab von dem frommen Mann, und schritt langsam hinein in den
+Wald, während Mr. Hottenbrocken allerdings von der Kanzel zu donnern
+begann, und mit leuchtenden Augen und im Anfang zwar noch ziemlich
+ruhiger, dann aber immer wachsender Stimme den zitternden Zuhörern die
+Pforten aufriß die hinab in den Schlund der Hölle führten. Mit wilden
+Gesten und rollenden Augen deckte er dabei alle Schrecknisse auf, die
+dort unten der Ungläubigen, der Tauben die nicht hören, der Blinden die
+nicht sehen wollten, harrten, und seine Rede floß ihm glühend heiß von
+den in wilder Aufregung zitternden Lippen.
+
+Maulbeere, so sehr er sich sonst über derlei Sachen lustig machte, war
+aber plötzlich unendlich aufmerksam geworden, drängte sich, so weit
+sich das füglich thun ließ, nach vorn, kein Wort von der Predigt zu
+verlieren, und verrieth dabei eine Andacht, eine Freudigkeit, die
+sogar mehrmals die Blicke des Geistlichen selber auf ihn lenkte und
+wohlgefällig auf ihm weilen ließ. Der Eine war Schneider, der Andere
+Krämer gewesen, der _Geist_ genügte -- wenn der Geist kam mußte der
+Körper gehorchen! -- Die Predigt oben dauerte fort, Maulbeere hörte
+sie aber nicht mehr, sein äußeres Ohr war anscheinend offen, sein
+inneres lauschte dagegen einem Chaos von Speculationen, die sich in dem
+Gehirn des praktischen Scheerenschleifers entwickelten, und ihm seinen
+»Gedankenkasten« mit einer Unmasse von Plänen und Ideen füllten.
+
+So kam der Abend heran; dieser Tag war mehr eine Vorbereitung zu der
+morgenden _Schlacht_ gewesen, die Mr. Hottenbrocken dem Teufel und
+seinen Helfershelfern angekündigt hatte; seine »Krieger,« wie er die
+Frommen und Gläubigen nannte, waren gerüstet und geweiht worden zu dem
+schweren Kampf, und die nächste Sonne sollte ihre untergehenden Strahlen
+auf die Streiter werfen, die mit der Glorie des Herrn siegreich aus
+Kampf und Ringen hervorgegangen wären.
+
+Maulbeere verlangte mehr als das zu wissen, und Jack Owen schien ihm
+nicht der rechte Mann dazu, denn er hatte, soviel der Scheerenschleifer
+bis jetzt davon gemerkt, keine Freude an der ganzen Sache, war auch in
+der That nur herübergekommen, weil er die Frauen nicht zu Hause halten
+konnte, und nicht allein ziehn lassen _wollte_. Frauen sind überhaupt
+in den meisten Fällen weit besser zu Hause, als bei solchen Campmeetings
+aufgehoben.
+
+Unter den hierhergekommenen Andächtigen befand sich eine Familie,
+die Maulbeere's Aufmerksamkeit schon von allem Anfang durch das viele
+Kochgeschirr und die zahlreichen Proviantkisten auf sich gezogen, die
+sie bei sich führten. Der Mann, wie er sich indessen erkundigt hatte,
+war Kirchenältester, und ein großer Gönner Mr. Hottenbrockens, der
+oft acht und vierzehn Tage auf seiner Durchreise bei ihm blieb, und
+allabendlich in seiner Familie predigte. Diesem introducirte sich
+Maulbeere noch _vor_ dem Abendessen, enthüllte ihm den Eindruck, den
+die Predigt heute Nachmittag auf ihn gemacht hatte, und bat ihn um die
+Lebensgeschichte des langen Mannes, der eine so fabelhafte Rednergabe,
+mit solchem Feuereifer und solcher Gluth der Sprache vom lieben Herrgott
+und heiligen Geist empfangen habe.
+
+Der Kirchenälteste nahm ihn freundlich auf; Maulbeere mußte sich mit zu
+seinem Feuer setzen und mit ihnen essen, und erzählte ihnen dafür seine
+Lebensgeschichte mit einer Phantasie, die seinen alten Schiffsgefährten
+Theobald glücklich gemacht haben würde, und auch hier ihre Wirkung nicht
+verfehlte. Er erfuhr dafür Alles was er wissen wollte -- daß nämlich nicht
+etwa ein langes Studium erforderlich sei, mit begabter Zunge zu reden,
+sondern daß solche, die der heilige Geist als Begünstigte ausersehen,
+oft von den niedrigsten Handwerken, aus dem sündhaftesten Lebenswandel
+heraus, zu der hohen Würde eines Seelenhirten sich emporgeschwungen
+hätten, und Lichter geworden wären, ihren Mitbrüdern und Schwestern auf
+dem schmalen dornigen Pfad der Tugend voranzuleuchten. Nicht einmal ein
+Examen war dabei erforderlich; es bedurfte eben weiter Nichts, als der
+hohen natürlichen Begeisterung, die, für einen monatlichen Gehalt aus
+einer der frommen Stiftungen und Vereine, ihr leibliches Wohl vollkommen
+in die Schanze schlug, und die Arbeit aufnahm im Weinberge des Herrn.
+Schwer war freilich ihre Aufgabe dabei, sie hatten nicht allein gegen
+die sündhaften Ungläubigen, sondern auch gegen den Antichrist wie eine
+Menge anderer Sekten anzukämpfen, aber das Ziel war glorreich -- sie
+_mußten_ endlich siegen, der Herr war mit ihnen, und die Schlange
+blutete mit zertretenem Haupte unter ihren Hacken.
+
+Das etwa war der Sinn der Rede, die der Kirchenälteste dem mit der
+gespanntesten Aufmerksamkeit zuhorchenden Zachäus Maulbeere hielt, und
+wie dieser spät am Abend, wo sich die Mehrzahl der hier Gelagerten zur
+Ruhe begeben, seinen Karren zu seinem neuen Beschützer heranschob, und
+dann in das laut gehaltene Nachtgebet inbrünstig mit einstimmte, schien
+ein ganz anderer Geist in den sonst so rohen, profanen Menschen gefahren
+zu sein. Die Anderen hatten sich längst wieder erhoben, und er kniete
+immer noch eine Weile allein in still versunkenem Gebet, legte sich dann,
+in seine Decke gewickelt die er vorn an den Karren geschnallt mit sich
+führte, ohne mit irgend Jemandem ein Wort weiter zu wechseln, auf den
+ihm angewiesenen Platz unter ein weit gespanntes Leinwandzelt, und
+war bald sanft und ruhig -- ein etwas lautes Schnarchen abgerechnet
+-- eingeschlafen.
+
+Am anderen Morgen begannen die Predigten ungemein früh, und Maulbeere
+hätte heute keine Zeit bekommen seine Geschicklichkeit zu verwerthen,
+selbst wenn er es gewollt; er dachte aber gar nicht daran, saß gleich
+vom Morgengrauen in den vordersten Reihen der Gläubigen, und schien
+sich wirklich nur zufällig gerade zur Frühstückszeit an dem Feuer des
+Kirchenältesten wieder einzufinden. Dieser aber hatte seine innige
+Freude an dem Mann, der, wie er nicht ganz mit Unrecht meinte, innerlich
+und äußerlich einer ordentlichen Reorganisation bedürfe, und die nur
+allein durch das Wort Gottes erhalten könne. Übrigens sei es ein
+erfreuliches Zeichen auch unter den _Deutschen_, die sonst nicht in dem
+Rufe ständen, viel wirkliche Religiosität zu haben, Einzelne zu finden,
+die eine rühmliche Ausnahme davon machten.
+
+Zum Frühstück trat eine Pause ein, da die Geistlichen selber, zu
+ihrem heutigen harten Kampfe, einer Stärkung bedurften, und es war für
+Maulbeere ein rührendes Bild, und eine Quelle tiefen Nachdenkens, zu
+sehn, wie sich die _Brüder_, in Liebe und Freundschaft darum stritten,
+die ehrwürdigen Herren an _ihrem_ Frühstückstisch bewirthen zu dürfen,
+wo ihnen dann das Beste aufgetafelt wurde, was die Küche aus Wald und
+Strom und Farmhof nur zu liefern vermochte.
+
+Gleich nach dem Frühstück begann die Predigt wieder, die aber bis zum
+Mittagessen wenig Erquickliches bot; es war ein Mischmasch von den
+allergewöhnlichsten Phrasen, in der allergewöhnlichsten Art vorgetragen;
+entweder _konnten_ die Leute nichts Besseres liefern, oder sie versparten
+sich den vollen Eindruck auf den Nachmittag und Abend, wo die Zuhörer
+überhaupt mehr aufgeregt und für das Übernatürliche mehr empfänglich
+sind. Maulbeere nichtsdestoweniger hielt gewissenhaft aus; Manche seiner
+Nachbarn und Nachbarinnen, die auch entsetzlich in ihrer Andacht durch
+seinen alten grünen und wie glasirten Rock gestört worden waren,
+schliefen sanft; Maulbeere wachte, und verwandte kein Auge von dem
+Redenden.
+
+Mittag kam, und so sehr sich die Amerikaner vor einem unreinlichen
+Menschen scheuen, hatte Maulbeeres Andacht doch besonders die
+Aufmerksamkeit der Frauen auf sich gezogen; er war auch fremd hier, und
+konnte nicht ohne Nahrungsmittel gelassen werden. Maulbeere bekam drei
+Einladungen an verschiedene Feuer, die er alle drei annahm, und mit
+geschickter Zeiteintheilung auch verwerthete. Nach Tisch und einer
+kurzen Ruhezeit, mit der etwa drei Uhr Nachmittags heranrückte, begann
+die Predigt auf's Neue -- jetzt aber mit einem andern Geist.
+
+Der Reverend Mr. Sweetlip machte heute Nachmittag den Anfang, und die
+Versammlung, als ob die Leute schon eine Ahnung gehabt hätten, wie der
+Geist heute wirken würde, war zahlreicher als je; Maulbeere aber saß in
+den vordersten Reihen.
+
+Mit weicher, schmelzender Stimme begann der ehrwürdige Mr. Sweetlip
+seinen aufmerksam lauschenden Zuhörern die Orte auf dieser Erde zu
+schildern, wo den armen schwachen Menschen Verführung umlauere, ihn von
+der Bahn des Guten abzulocken; und dabei zeigte er ihnen den Lohn, den
+sie auf dieser Welt schon für ein gottgefälliges Leben, aber auch viel
+größer noch in einer anderen Welt, zu erwarten hätten: in dieser Welt
+durch ihr ruhiges, zufriedenes Gewissen, das ihnen die Brust mit einer
+unendlichen Wollust und Seligkeit fülle (und er selber führte sich dabei
+zum Beispiel auf, wie er, seit er sein Herz dem Himmel zugewandt, in
+einem wahren Meer von Wonne schwimme) und in jener, wo Gott und der
+Heiland ihnen ein beneidenswerthes Loos bereiten würde, so sie hier den
+sündigen irdischen Lüsten widerstünden, und ihre Augen nur nach dem
+richteten _was Gottes_ wäre. Auch hierbei ließ er sich in eine nähere
+und mehr bildliche Beschreibung dieser einstigen Seligkeit, wie er sie
+sich dachte, ein, und schilderte seinen Zuhörern mit immer glühender
+und lebendiger werdenden Farben das Paradies, wo sie von Ewigkeit zu
+Ewigkeit oben im Kreis der Engel in den Wolken sitzen, und Hallelujah
+singen würden.
+
+Maulbeere sah sich rasch nach seiner Nachbarin zur Linken um, denn diese
+fing plötzlich an zu stöhnen, schloß die Augen, warf den Kopf herüber
+und hinüber, und gebehrdete sich etwa so, als ob sie einen Anfall von
+Krämpfen erwartete. Der Scheerenschleifer dachte auch an seine kleine
+Hausapotheke die er in dem Karren mit sich führte, an Salmiakgeist
+und Hofmann'sche Tropfen, Einreibungen von Senfspiritus und andere
+entsetzliche Mittel; ehe er aber noch zu einem rechten Entschluß kommen
+konnte, begann seine Nachbarin zur Rechten ebenfalls, ähnliche Töne
+auszustoßen und überall vor und hinter ihm, und rechts und links, fing
+es an zu ächzen und zu stöhnen und die Ausrufe -- »#Oh Loooord -- glory
+-- glory -- happy -- happy -- blessed Jesus!#« wurden nach allen Seiten
+hin laut, und kamen in Gestalt von gewissermaßen gewaltsam ausgestoßenen
+Seufzern zu Tage. Nur erst mit dem Schluß der Predigt, die in einem
+langen Gebet endigte, beruhigten sich die Andächtigen, und die Frauen
+hielten ihre Taschentücher vor die Augen und weinten, als ob ihnen das
+größte Herzeleid in der Welt geschehen und nicht die einstige Seligkeit
+geschildert wäre.
+
+Lautloses Schweigen folgte, denn Mr. Hottenbrocken kletterte jetzt,
+nachdem er den ehrwürdigen Bruder Sweetlip heruntergelassen, auf
+die Kanzel, übersah mit einem, über die Massen schweifenden finster
+drohenden Blick die Versammlung, und rief plötzlich, zu voller Höhe
+aufgerichtet und den rechten Arm von sich streckend, mit donnernder
+Stimme:
+
+»Brüder und Schwestern -- Mitbürger -- Mitchristen -- Sünder
+-- _nichtswürdige, elende, erbärmliche Sünder_ -- der Tag der Rache
+ist nahe!«
+
+»Oh Loooooord!« schrie die eine Mitschwester an Maulbeeres Seite, der
+doch jetzt fand, daß diese verschiedenen Ausrufe keineswegs einem
+körperlichen Gebrechen, sondern eher einer geistigen Vervollkommnung,
+einer Empfänglichkeit des Herzens für das Höhere, zuzuschreiben sei.
+Mr. Hottenbrocken hatte indessen eine kleine Pause gemacht, als ob er
+seinen Zuhörern Zeit geben wollte, über diese Verkündigung nachzudenken,
+und begann nun, nachdem er vorher sein Taschentuch herausgenommen und
+sich vorsichtig geschneuzt hatte, mit einer Stimme und einem Ausdruck
+seine Predigt, als ob er in irgend einem gleichgültigen Gespräch etwa
+gesagt hätte -- »ich glaube wir werden diesen Nachmittag Regen
+bekommen.«
+
+»Der ehrwürdige Mr. Sweetlip, mein verehrter Bruder und fleißiger
+Mitarbeiter im Weinberg des Herrn, hat Euch, liebe Schwestern und
+Brüder, die Freuden des Elysiums geschildert; er hat Euch mit glühenden
+lebendigen Farben, wie den höheren heiligen Sphären abgelauscht, die
+Plätze der Seligen vorgeführt, wohin die _Guten_ einst kommen werden. Es
+_giebt_ einen solchen Platz, liebe Schwestern und Brüder, wie ich Euch
+wohl kaum noch zu sagen habe, denn Jeder von Euch weiß es -- es steht
+mit klaren einfachen Worten in der Bibel, und ist daher keine Kunst
+das zu wissen -- Jeder kann das wissen der nur lesen kann, oder einen
+Bekannten hat, von dem er weiß, daß er ihm keine Lügen erzählt, und der
+ihm die Geschichte vorliest. Also wir sind davon, als einer ausgemachten
+Thatsache, überzeugt, _daß_ es einen Platz giebt, wohin die Guten, die
+Gerechten vor dem Herrn kommen, und nicht allein unsere Phantasie,
+geliebte Brüder und Schwestern, verleiht diesem Platz die höhere Wonne,
+nein auch die heilige Schrift giebt uns ziemlich genaue Grundlagen über
+den etwaigen Zustand dort oben, wie ihn mein Bruder in Christo, Mr.
+Sweetlip geschildert hat -- Aber« -- rief er plötzlich, und unterbrach
+damit gewissermaßen seine bis dahin vollkommen ruhige und wie
+gesprächsweis gehaltene Rede -- »_aber_,« donnerte er noch einmal,
+mit jetzt tief und dröhnend schallender Stimme, »aber _wer_ sind die
+Gerechten? -- _wo_ sind sie? -- wie viele oder wie wenige sind es ihrer?
+-- Wehe, wehe, wehe, mein Auge streift umher, und keinen Frieden, kein
+Licht findet es, wohin es schweift -- mein Ohr lauscht auch dem leisesten
+Klang, und nur Weheklagen sind es, die es vernimmt!«
+
+»Oh Loooooord!« -- stöhnte Maulbeere's Nachbarin wieder.
+
+Lauter und lauter wurde jetzt die Stimme des Sprechers, mit der er
+jammerte daß er umsonst das Haupt eines Gerechten suche, es mit
+der ewigen Glorie zu decken -- sie wären _Alle_ Sünder, schlechte,
+miserabele, elende Sünder vor dem Herrn -- keiner, der bestehen würde
+vor seiner Gerechtigkeit, und nur wenn sie stürben, würden sie es den
+ersten Tag bequem haben, sie fortwährend bergunter führen, tief tief
+hinunter zu dem höllischen Abgrund, wo da ist Heulen und Zähneklappen,
+dann aber -- dann --
+
+»#Oh gracious Looooord!#« stöhnten die Stimmen rechts und links
+-- »#merci, merci -- merci!# Gnade! -- sei gut zu uns Herr, sei gut
+zu uns!« und hie und da standen Einzelne der Mitglieder auf, und
+taumelten mehr als sie gingen unter dem #glory#-, #glory#- und #happy#-,
+#happy#-Rufen in den einen kleinen Pferch, der zur Linken des Predigers
+stand, wo sie sich auf die Knie warfen, und laut und brünstig, nur von
+einzelnen Schreien unterbrochen, an zu beten fingen.
+
+Maulbeere wurde unruhig, er blickte um sich her und sah seine Nachbarn
+an, machte sogar ein paar Mal Miene aufzustehen, setzte sich aber immer
+wieder nieder. Das Gestöhne um ihn her wurde dabei immer toller, und je
+wilder und feuriger der Mann auf der Kanzel jetzt anfing mit rasselnder,
+dröhnender Stimme die Qualen der Verdammten zu schildern, und lauter und
+drohender der ganzen Schaar seiner Zuhörer ein ähnliches Schicksal zu
+prophezeihen, je mehr er mit den Armen warf und seine langen Glieder
+umherzuschlenkern begann, die Augen dabei verdrehte und mit der Stimme,
+vielleicht das Wimmern der Gepeinigten nachzuahmen, in ein Gekreisch
+und Gewinsel fiel, und dann wieder um Gnade, Gnade schrie für die
+Verdammten, um deren Glieder er schon die Lohe schlagen sähe, die im
+ewigen Feuer zuckten und sich krümmten und die Arme umsonst flehend,
+Hülfe suchend, herausstreckten aus dem knisternden Verderben, da
+erreichte der Aufruhr und Lärmen einen furchtbaren Grad. Die Leute
+sprangen und heulten auf ihren Sitzen, schlugen mit den Armen und Beinen
+um sich, und klammerten sich aneinander an, als ob sie schon jetzt
+fürchteten von dem höllischen Feind gefaßt, und nach seinen Regionen
+niedergeführt zu werden.
+
+In dem links gelegenen Pferch hatten sich indeß die »Böcke« mehr
+und mehr angesammelt -- es waren die, die sich als die größten,
+nichtswürdigsten Sünder erkannten -- und lagen hier auf den Knieen,
+rangen die Hände, heulten, schrieen, und gebehrdeten sich mit einen Wort
+wie Verrückte. Zwangsjacken wären auch in der That das einzige gewesen,
+was sie hätte halten können.
+
+Mr. Hottenbrocken oben auf seiner Kanzel aber fing an zu triumphiren.
+
+»_Da_ kommen sie!« schrie er mit ausgestrecktem Arm und Finger
+niederdeutend, auf die mehr und mehr dem Pferch Zudrängenden, (Männer
+und Frauen und Mädchen, Alles durcheinander) und sein Auge schoß Blitze,
+seine Gestalt hob sich höher und gewaltiger, und zog sich dann manchmal
+in sich selbst zusammen, als ob er noch unschlüssig sei, vielleicht
+mit einem Satz über die Barriere weg, mitten zwischen die Schaar
+hineinzuspringen -- »da drängen sie herbei, vom Teufel gepeitscht, der
+hinter ihnen mit ausgespreizten Krallen dreinspringt, den Einen oder
+Anderen noch von denen die ihm entfliehen wollen zurückzureißen in sein
+Reich der Verdammniß!«
+
+»#Oh L--o--o--o--o--o--rd -- merci -- merci!#« schrieen die Frauen
+wieder, die sich jetzt zwischen den Bänken anfingen ängstlich umzusehn,
+und sogar manchmal mistrauische Blicke auf den Scheerenschleifer warfen
+-- »habe Gnade mit uns, barmherziger Gott; rette uns, rette uns vor dem
+Teufel -- rette uns vor dem ewigen Feuer!«
+
+»Gnade?« schrie aber der Mann auf der Kanzel mit seiner Donnerstimme
+nieder in den Lärm und Aufruhr -- »Gnade wollt Ihr? -- Gnade für Euere
+_Sünden_? -- Gnade für Euern _Unglauben_? Gnade für Euere verderbten und
+verstockten Herzen? -- der Fluch _Gottes_ wird Euch treffen am jüngsten
+Gericht -- niederschmettern wird er Euch in den Staub, die Ihr Euch
+jetzt am stolzesten und höchsten wähnt -- niederschmettern in ewige
+Verdammniß und Nacht und Finsterniß und ewiges Feuer, wo Satan die Macht
+über Euch haben wird und die Kraft und die Gewalt; und _dort_ steht er!«
+schrie er plötzlich wild gellend auf, mit dem ausgestreckten Arm gegen
+den Wald hinauszeigend -- »dort grinst er herüber auf Euch und fletscht
+die gelben fürchterlichen Zähne! -- dort steht er und schüttelt sich vor
+Lachen und innerer grimmiger Lust, wie er die Heerde sieht, die er bald
+eintreiben kann in sein höllisches Reich, die Opfer sieht, die ihm
+verfallen sind durch ihre eigene Sünde und Lust und rettungslos,
+rettungslos verloren gehn!«
+
+»#Merci -- merci -- glory -- glory -- oh Looooord!#« schrie und stöhnte
+die Schaar wieder, und ein solches Wüthen und Drängen und Ächzen und
+Winzeln begann zwischen den Menschen, daß Maulbeere mistrauisch die
+Leute von der Seite ansah, und doch nicht herausbekommen konnte ob sie
+im Ernst waren, oder sich nur verstellten.
+
+Und trotzdem war der Paroxismus noch nicht zum höchsten Grade gestiegen.
+Der Geistliche auf der Kanzel hatte wieder eine Pause gemacht; es fehlten
+ihm Worte weitere Schrecken heraufzubeschwören, das Schlimmste was er
+hatte aufführen können war geschehn -- der Teufel stand mit gekrümmten
+Krallen hinter den Bäumen und lauerte auf seine Opfer; _der_ Schrecken
+mußte jetzt wirken und dann _die Möglichkeit_ der eingeschüchterten
+Schaar gezeigt werden, dem zu entgehn.
+
+»Fühlt Ihr Euere Gefahr? -- erkennt Ihr den Abgrund an dem Ihr steht?«
+rief der lange finstere Mann plötzlich wieder mit nicht sehr lauter,
+aber zu den entfernteren Stellen dringender, bohrender Stimme, »habt Ihr
+das schwarze Meer, mit seinen stürmenden rollenden Wogen gesehn, das
+über Euch hereinwälzen will, Euch in seine Tiefe zu ziehn? -- _fühlt_
+Ihr endlich Euere Nichtigkeit, Euere Erbärmlichkeit, Euere Sünde, die
+schwarz genug ist daß sie die Sonne verfinstern und der Engelein
+Gnadengebet ersticken könnte? -- _fühlt_ Ihr sie? wißt Ihr daß Ihr
+_verloren_ sein müßtet -- rettungslos, erbarmungslos für immer und ewig,
+wenn Ihr nur das bekämt was Ihr hier _verdient_? nur dem _gerechten_
+Richter gegenüber?«
+
+»#Oh Looooooo'od a massy!#« schrie eine dicke, vor Maulbeere sitzende
+Negerin jetzt mit gellendem Aufkreisch, und fiel von der Bank herunter
+auf der sie gesessen, als ob sie todtgeschossen wäre. Niemand bekümmerte
+sich aber um sie, und sie blieb eine Weile regungslos liegen, ohne ein
+Glied zu rühren.
+
+»Aber _noch_ ist es Zeit!« donnerte da plötzlich des Redenden Stimme,
+wie eine schmetternde Posaune Heil verheißend durch den Wald -- »_noch_
+ist die zwölfte Stunde nicht vorüber, noch hält der Engel der Gnade
+die Hand ausgestreckt nach den Strauchelnden -- _noch_ ist es Zeit
+Mitbrüder, Mitschwestern, der Himmel ist offen, das Licht des
+Heilands leuchtet Euch entgegen, das Wort der Verheißung kann noch
+Wahrheit werden -- _noch_ ist es Zeit Gentlemen -- Brüder, Schwestern,
+Reisegefährten!« schrie der Mann, der beinah in der Hitze der Rede in
+sein altes Geschäft, das Auktioniren, gefallen wäre und eben noch Raum
+fand wieder einzulenken -- »_noch_ ist es Zeit -- kommt, kommt, kommt zu
+dem Herrn -- kommt, kommt, kommt zu Jesus Christus -- kommt -- oh kommt
+in des Heilands Arme, der Euch rettet aus Noth, Tod und Verdammniß
+-- kommt!«
+
+»#Glory -- glory -- happy -- happy!#« brüllte und tobte da plötzlich die
+Masse -- »#blessed be de Looo'd# Dschisos!« schrie die dicke Negerin mit
+einem gewaltigen Ruck sich emporrichtend, daß sie gerade vor Maulbeere
+auf die Erde zu sitzen kam, und ihm starr in's Antlitz sah. Aber überall
+zu gleicher Zeit brach der langverhaltene Sturm jetzt donnernd los
+-- Männer und Frauen sprangen empor, rissen sich die Röcke vom Leib,
+die Tücher von den Schultern, rauften sich die Haare, schlugen sich die
+Brust, stöhnten, kreischten, schrieen, den dicken Schaum auf den Lippen,
+große Schweißtropfen auf der Stirn, und die Augen fast aus ihren Höhlen
+drängend.
+
+Es wäre überhaupt unmöglich dem Leser auch nur im Entferntesten
+eine solche Scene lebendig genug zu beschreiben, daß er sich selber
+hineindenken könnte; etwas Derartiges muß man selber gesehn und erlebt
+haben, und ist es dann vorbei, zweifelt man trotzdem wieder ob es
+wirklich geschehn sein _könne_, ob nicht ein toller Fiebertraum uns
+geneckt, und selbst der Erinnerung glauben wir nicht mehr, die uns
+solch wildes, tolles Zeug will aufbewahren. Nichts Geisterhafteres,
+Unnatürlicheres giebt es auf der weiten Gotteswelt, als diese Scenen, wo
+der heilige Geist von den schaumbedeckten Lippen wahnsinniger Schwärmer
+sprechen soll, und diese sich auf der Erde wälzen, die Fingernägel in
+den Boden einwühlen, den Rasen beißen und #glory, glory!# schreien, Ruhm
+dem Herrn in der Höhe!
+
+Viele mag es dabei geben, die einen solchen Zustand aus irgend einem
+Grunde heucheln; die sich eben nur stellen als ob der »Geist« über
+sie käme, mit den Armen und Beinen werfen, und solcher Art einen sehr
+billigen Ruf großer Religiosität erlangen, vielleicht Einlaß in manche
+Familie zu bekommen, deren Kreis ihnen sonst verschlossen geblieben
+wäre. Ebenso gewiß ist es aber auch, daß Viele, _sehr_ viele in
+Wirklichkeit und Wahrheit in diesen Zustand verfallen, daß sie nur
+durch die oft vollkommen sinnlose, nur mit einer gewissen Begeisterung
+und mit steigendem Affekt gesprochene Rede in einen halb bewußtlosen
+überspannten Zustand gerathen, in dem sie sich der Erde entrückt und von
+einem anderen, außer-, und jedenfalls überirdischen Wesen begeistert
+wähnen.[2] Fieberanfälle folgen nicht selten demselben, und die aufgeregte
+Einbildungskraft ist nachher jedenfalls sehr leicht im Stande das, wo
+sich etwa noch eine Lücke in ihren Gedanken und Bildern finden sollte,
+mit Leichtigkeit auszufüllen. Auf Jemandem aber, der einer solchen
+Versammlung mit kaltem, ruhigen Blute beiwohnt, macht sie unausweichlich
+den Eindruck eines Haufens wahnsinniger Menschen, die losgebrochen sind,
+und die kurze Zeit ihrer Freiheit geschwind benutzen, sich einmal recht
+tüchtig auszuschrein.
+
+In diesen Pferchen besonders, wohin die sich drängen, die den heiligen
+Geist über sich kommen fühlen, geht es zuweilen zu, daß man sich mit
+Ekel von einem solchen Bilde menschlicher Entwürdigung abwendet, und
+doch fühlen sich diese verblendeten Menschen auf dem Gipfel menschlicher
+Erhöhung, und werden natürlich darin von den Geistlichen, die den
+Erfolg ihrer Wirksamkeit nach den Köpfen ihrer geretteten _Schaafe_
+zählen, bestärkt.
+
+Ich weiß wirklich nicht, ob der Ausdruck »Schaaf« in _solchen_ Fällen
+hinlänglich und stark genug bezeichnend ist -- er genügt mir sehr häufig
+bei uns nicht einmal.
+
+»Glory! Glory! Hallelujah!« brüllte die Schaar, »heiliger Geist komm
+-- senke Dich auf uns herab, rette uns, hilf uns -- #glory, happy, happy,
+happy!#«
+
+»Uch!« schrie oder kreischte da plötzlich eine einzelne Stimme, so
+scharf und gellend durch die Mistöne um sie her, daß sich selbst von den
+augenblicklich Begeisterten Viele, halb dabei aus ihrer Rolle fallend,
+nach der Stelle umsahen, von wo der merkwürdig wilde, unheimliche Laut
+ertönte, und hier bot sich ihnen allerdings ein neues seltsames
+Schauspiel.
+
+Zachäus Maulbeere hatte der Geist ergriffen, und während die dicke
+Negerin, die sich wieder aufgerichtet, seine Knie umklammert hielt und
+abwechselnd Hülfe und Glory! schrie, stand Maulbeere auf der Bank, auf
+der er bisher gesessen, mit bloßem Kopf, an der Stirn noch die Spuren
+des niedergelaufenen Regenwassers von der vorigen Nacht, die Arme zum
+Himmel ausgestreckt, und das Gesicht ebenfalls dorthin erhoben, und
+tobte ärger als Einer der Anwesenden sein #happy -- happy -- happy# dem
+grünen Waldesdome entgegen.
+
+»Dort ist _noch_ ein Schaaf!« schrie der Geistliche von der Kanzel
+nieder, mit dem Arm auf den begeisterten Scheerenschleifer deutend, und
+mit funkelnden, fast wie beutelustigen Augen die Wirkung seiner Rede an
+dem Fremden beobachtend -- »dort ist ein verirrtes, abtrünniges Schaaf
+das zur Heerde zurückkehrt -- ein Lamm das sich in den Händen des Herrn
+vor den Krallen des Teufels bergen will -- eine Taube, die den Fängen
+des ewig nagenden Geyers zu entziehen sucht. -- Oh komm -- komm Lamm
+Gottes -- komm in den himmlischen Pferch -- komm in die Arme des
+Heilands, die sich liebend und sehnsüchtig nach Dir ausstrecken -- oh
+komm -- oh komm! --«
+
+»Ich bin ein arger Sünder gewesen!« schrie da Maulbeere, plötzlich seine
+Brust schlagend und einen vergeblichen Versuch machend sich von der
+dicken Schwarzen zu befreien -- »ein nichtswürdiger, verstockter Sünder
+-- eine Kerze des Satans, ein Pflegekind der Hölle -- der rothen,
+feurigen, flammenden Hölle.«
+
+»#Oh do--nt -- do--nt -- oh Loooood#« schrie die Schwarze dazwischen.
+
+»Aber ich fühle die Kraft in mir,« fuhr Maulbeere in seiner Begeisterung
+fort -- »Alles abzuwerfen was mich bis dahin gehalten (ausgenommen die
+Schwarze, die nicht von ihm ließ), ich fühle den _Geist_ kommen -- ja
+Brüder, ja Schwestern, ich fühle den Geist kommen, den heiligen, lieben,
+gesegneten Geist!«
+
+»#Oh glory -- glory -- glory -- happy -- happy!#«
+
+»Ich fühle, wie es in mir tobt und wühlt und brennt; _das_ ist das Feuer
+das die Sünde läutert, das ist der letzte Rest der Sünden die jetzt
+verkohlen und verfliegen -- ich komme -- ich komme -- _heih!_«
+
+Seine Worte arteten zuletzt in eine Art Geheul aus -- Augen schienen
+aus ihren Höhlen herauszudrängen, die struppigen Haare sahen in diesem
+Augenblick so aus als ob sie vor Entsetzen emporständen, und mit einer
+gewaltigen und wirklich verzweifelten Kraftanstrengung aus den ihn
+umklammernden Armen der Negerin sich herauswindend, und jetzt ebenfalls
+#glory, glory, happy, happy# rufend, arbeitete er sich nach dem schon
+vollgedrängten Pferch durch, kletterte über die Fenz, sprang mitten
+in den Haufen hinein, und verschwand dort in dem Gewühl und Zucken
+menschlicher Gliedmaßen, die sich auf dem bestreuten Boden wanden.
+
+
+
+
+Capitel 3.
+
+Der wandernde Krämer.
+
+
+Warm und freundlich schien die Sonne nieder auf die weiten grünen
+Prairieen von Illinois, die sich in ungeheueren Flächen, nur hie und da
+von einem dunklen Streifen hoher Eichen unterbrochen, nach Nord und Süd,
+nach Ost und Westen dehnten. Wie eine wogende See stand dabei das hohe,
+üppige Gras in der frischen Westbrise, die darüber hinstrich, und lichte,
+rasch über die Oberfläche laufende Wellen bildete, täuschend ähnlich
+einer ruhigen See, über die ein leiser Passat die leicht gekräußten,
+eben nur sich hebenden Wogen zieht.
+
+Wie Inseln darin, um die Täuschung noch größer zu machen, lagen einzelne
+kleine Farmen weit zerstreut, deren Maisfelder gleichfalls wogten und
+dem Wind sich neigten, und das grüne Wasser darstellen konnten in der
+Nähe des Landes, während die Prairieen schon eine dunklere, gelblichere
+Färbung angenommen. Daraus vor aber ragten die kleinen grauen Dächer der
+Blockhäuser, mit ihren blauen dünnen Rauchstreifen, die weit über die
+Fläche zogen; Felsen gleich, an denen sich die Brandung brach, während
+in den Wogen der Prairieen selber zahlreiche Heerden, nur mit Kopf und
+Rücken oft aus dem schwellenden Gras herausreichend, das seine Wellen an
+ihnen vorübertrieb, herumschwammen, oder die breiten gutmüthigen Köpfe
+witternd und schnüffelnd der frischen Luft entgegenhielten.
+
+Aber kein Fahrzeug strich auf dem weiten wasserähnlichen Grasspiegel
+einher; vergebens suchte das Auge nach einem lichten Segel, die Täuschung
+nicht größer zu machen, sondern mehr fast zur Bestätigung, daß dieß
+nicht Land- und Pflanzenwuchs, sondern wirklich schiffbares, wogendes
+Wasser sei.
+
+»Ein Kahn!« von den grünen Wellen getragen schwimmt, einen dunklen
+Streifen hinter sich herziehend, ein schmaler dunkler Kahn dahin, und
+ein einzelner Ruderer sitzt darin, still und regungslos sein Forttreiben
+Wind und Strömung überlassend. Mit Gewalt muß sich das Auge zuletzt
+zwingen in dem kleinen Kahn und Ruderer Mann und Pferd zu erkennen, die
+langsam einem schmalen, sich durch die Prairie ziehenden Wege folgen,
+und gerade auf die nächste, von einem kleinen Feld begrenzte Blockhütte
+zuhalten.
+
+Der Reiter aber war ein alter Bekannter von uns, Georg Donner, der,
+langsam seinen Weg verfolgend, die kleine Hütte endlich erreichte, und
+dort seinem Pferde kurze Rast zu gönnen beschloß. Die ganze Umgebung
+des Hauses ließ ihn auch auf Landsleute als Eigenthümer schließen, und
+den Zügel seines klugen wackeren Thiers abstreifend, band er ihm die
+Vorderfüße, nach Landesart zusammen, und ließ es sich sein Futter auf
+der weiten Wiese selber suchen. Da ging die Thür der Hütte auf, und ein
+junges, rothwangiges, kräftiges und auch recht hübsches Mädchen von etwa
+achtzehn Jahren trat auf die Schwelle, den Fremden neugierig betrachtend.
+
+»Grüß Euch Gott, Kind,« rief ihr dieser freundlich entgegen, »kann man
+ein Glas Milch hier bekommen? -- es ist warm heute und das Wasser in der
+Prairie schmeckt schlecht.«
+
+»Recht gern und so viel Ihr wollt -- grüß Euch Gott,« sagte das Mädchen,
+rasch in das Haus zurückgehend und bald mit einem großen, bis zum Rand
+gefüllten Blechmaas voll Milch wiederkehrend. »Ihr seid wohl von weit
+her unterwegs?« frug sie dann, als Georg das Gefäß dankend an die Lippen
+hob, und einen langen durstigen Zug daraus that.
+
+»Ich komme von Wisconsin herunter, wo ich ein Jahr mich aufgehalten,«
+sagte der junge Mann.
+
+»Von Wisconsin; da soll es auch recht gut sein -- wir haben viel Freunde
+drüben, die mit uns über See gekommen sind -- wir wollten auch erst
+dorthin, aber die Schwester wurde hier krank, und da dem Vater die
+Gegend gefiel, blieben wir da, und ließen die andern weiter ziehn.«
+
+»Und es geht Euch gut hier?«
+
+»Gott sei Dank, ja; wir haben ziemlich billig gekauft, und die Jahre nun,
+die wir hier sind, recht sparsam gelebt und recht fleißig gearbeitet,
+und da sieht man doch daß man vorwärts rückt.«
+
+»So kommt Ihr hier besser fort wie in Deutschland?«
+
+»Ei Gott ja, _viel_ besser; lieber Himmel dort fraßen die Steuern, was
+wir mit Mühe und Noth erzwingen konnten; wir schafften und schafften,
+daß uns das Blut unter den Nägeln vorkam, aber nur schlimmer wurd' es,
+nicht besser; wir _konnten_ nicht erschwingen was wir brauchten, und
+langsam aber sicher ging's bergunter. Hier ist's besser; arbeiten müssen
+wir freilich auch, beinah so viel wie in Deutschland, aber was wir
+einnehmen ist unser, wir brauchen Nichts davon abzugeben, haben keine
+groben Gerichtsleute die uns quälen, und keine Taxen und Steuern, die
+Einem das Mark aus den Knochen saugen. Auch das Land ist vortrefflich;
+was man pflanzt gedeiht, und wenn wir nur ein Bischen mehr an einem
+großen Fluß wohnten, daß wir Alles gleich verkaufen könnten was wir
+bauen, wär's noch viel besser. Die Leute sagen freilich, daß wir eine
+Eisenbahn hier vorbeibekommen, nachher wär's schon gut. Wo seid _Ihr_
+her, wenn man fragen darf?«
+
+»Aus Waldenhayn.«
+
+»Aus Waldenhayn -- Jesus, in unserer Gegend liegt auch ein Waldenhayn,
+aber s'ist doch wohl nicht das --«
+
+»Und welches ist das?« lächelte der junge Mann.
+
+»Krisheim -- und Bachstetten liegt auch nicht weit von dort, der Pfarrer
+von Bachstetten ist ein Bruder vom Waldenhayner Pfarr.«
+
+»_Der_ Waldenhayner Pfarr' ist mein Vater,« sagte Georg.
+
+»Und Ihr seid in Krisheim gewesen?« frug das Mädchen und hohe freudige
+Röthe goß sich ihr über Stirn und Schläfe.
+
+»Oft und oft; es sind ja nur höchstens vier Stunden von unserem Ort.«
+
+Das Mädchen sah dem jungen Mann fest und forschend dabei in die Augen,
+und dann drehte sie sich plötzlich ab, und die hellen klaren Thränen
+liefen ihr an den Wimpern nieder.
+
+»Ihr hängt wohl noch recht an daheim?« sagte Georg endlich leise und
+nach langer Pause, »möchtet Ihr wieder zurück?«
+
+»Ich weiß nicht,« flüsterte das Mädchen, immer noch von ihm abgewandt,
+»ich hatt' es schon beinah vergessen, und seit dem letzten Weihnacht
+wenig mehr daran gedacht -- wenn ich aber den Ort wieder nennen höre,
+und nun gar wieder Jemanden sehe, der selber dort war, selber eigentlich
+dorthin gehört, dann -- dann fängt's freilich wieder an zu stechen,
+und -- und es kommt mir dann manchmal doch wohl vor, als ob ich das
+alte, liebe Dorf im Leben nimmer vergessen könnte. -- Wenn ich an den
+Kirchthurm denke und -- und was daneben liegt -- und an die großen
+Linden -- nur an den Weg der dorthin führt, möcht ich mir die Augen aus
+dem Kopfe weinen. -- Aber der Vater darf's nicht merken,« setzte sie
+rasch hinzu, »sagt Ihm Nichts wenn er kommt. Es ist ihm gerade so wie
+uns zu Muthe, ich weiß es wohl, wenn er sich's auch nicht will merken
+lassen -- aber weinen kann er nicht, das geht ihm nicht von der Hand,
+und da wird er lieber grob, wenn er's auch nicht so böse meint und
+-- wenn man eigentlich weiß warum er's wird, möcht' man ihn nur um so
+lieber d'rum haben.«
+
+Georg war es, als er das Mädchen so plaudern, und selbst den Dialekt
+aus seiner eigenen Gegend dabei hörte, ebenfalls recht weich um's Herz
+geworden; ihm selber klang die Rede wie Glockentöne aus der Heimath, und
+er hätte den lieben Lauten stundenlang lauschen mögen, so wohl, so weh
+wurde ihm dabei in der Brust. Von der Fenz herüber tönte da das Knallen
+einer Peitsche, Stimmen wurden laut und der Bauer, mit seiner andern
+Tochter, Lisbeth, kam den Weg die Fenz entlang; der Mann hatte frischen
+Mais aus dem Felde in seinem kleinen Karren geholt, und das Mädchen,
+wie ein Knabe von etwa dreizehn Jahren, ihm dabei aufladen helfen. Die
+Leute sahen frisch und wohl aus mit ihren sonnverbrannten aber gesunden
+Gesichtern, und man merkte es ihnen an, daß sie die Arbeit freute die
+sie thaten. Sie luden auch den jungen Mann freundlich ein bei ihnen die
+Nacht zu bleiben und sich und sein Pferd auszuruhen, von dem langen
+Ritt in der Sonne. Georg aber hatte keine Ruh, es zog ihn nach Indiana
+hinüber, wo er wenigstens hören wollte wie es denen ging, an denen sein
+Herz, so weh ihm auch der Mann gethan, den er vor allen Anderen gern
+geliebt hätte, mit festen -- er fürchtete unzerreißbaren Banden hing,
+und je länger er sich fern gehalten von dem Platz, destomehr drängte und
+trieb es ihn jetzt, wo seines Pferdes Kopf der Richtung sich wieder
+zuwandte.
+
+Eine kleine Weile plauderte er noch mit den Leuten; es that ihm wohl
+hier zufriedene, glückliche Menschen zu sehn, die dem Lande ihr Brod
+sauer genug abverdienen mußten, die aber die Schultern ernst dagegen
+stemmten, gegen das Werk, und, wenn auch langsam vorrückten, doch eben
+sahen, _daß_ sie vorrückten, und sich glücklich dabei fühlten.
+
+»Die gebratenen Tauben fliegen uns hier nicht in den Mund,« sagte der
+Mann unter Anderem und im Laufe des Gesprächs lächelnd, »wie sie uns
+manchmal, als wir von Deutschland fortgingen, vorgehalten haben, daß wir
+so etwas erwarteten; aber wenn wir richtig zugreifen und unsere Knochen
+nicht schonen, dann können wir uns doch Tauben braten, und haben dann
+welche, und in Deutschland ging das eben _nicht_ mehr an. Das erste Jahr
+haben wir uns freilich tüchtig placken müssen, und sind bei anderen
+Leuten in Dienst gegangen, alle miteinander -- es war ein schweres Jahr,
+aber es ging vorüber, wir lernten auch das Land dabei kennen und die
+Arbeit, und nun hab' ich das kleine Grundstück hier gekauft. -- Ganz
+ist's freilich noch nicht bezahlt, aber in zwei Jahren hoffentlich ist's
+mein, und mit dem Vieh was ich indessen ziehe, und das den Werth der
+Farm erhöht, können wir der Zukunft ruhig und sorgenfrei entgegengehn.«
+
+Der Mann hatte hundert Preußische Thaler mit herübergebracht, und mit
+dem dazu was er und seine Familie das erste Jahr verdient, den Stamm
+gelegt, der ihm eine sorgenfreie Existenz geben konnte.
+
+Georg fing sein Pferd endlich wieder ein, band die Hobbeln ab, legte ihm
+den Zügel wieder an, und ritt nach freundlichem Abschied von den Leuten
+auf dem ausgeruhten Thiere rascher die etwas staubige Straße entlang,
+wo er, wie ihm der Hesse gesagt hatte, noch eine andere kleine deutsche
+Farm erreichen würde, die ebenfalls ziemlich armen, aber braven, fleißigen
+Deutschen gehörte. Es waren noch zwölf Englische Meilen bis dorthin, und
+kein Haus lag dazwischen, kein Baum -- unabsehbar mit dem wogenden Gras
+den Horizont begrenzend, dehnte sich die weite Prairie um ihn aus.
+
+Erst unfern dem Haus lief ein kleiner Steppenstrom dem Wabasch zu, an
+dessen Ufer dichte Büsche von Weiden, Eichen, Erlen, und einzelne
+Hickorybäume wuchsen, und dem Platz etwas unendlich freundlich Heimliches
+gaben. Prairiehühner[3] gab es dort ebenfalls in Menge; auch Kaninchen
+und die kleinen Rebhühner Nord-Amerikas -- ein Mittelding zwischen
+Rebhuhn und Wachtel.
+
+Die Ansiedlung, die hier stand, war noch ganz neu, das Land erst
+kürzlich urbar gemacht, aber mit einer prachtvollen Erndte wehenden
+Maises, die Blöcke zu der Hütte frisch gehauen, und sogar das von ihnen
+übrig gebliebene und dort zum Feuer gelassene Holz noch nicht ganz
+verbrannt. Ebenso bestand die Fenz aus ganz neu gespaltenen Riegeln, und
+selbst die Hühner, die vor dem Haus herumliefen, die Schweine, die dann
+und wann einmal einen vergeblichen Versuch machten, irgend wo eine Lücke
+in der Einfriedigung des Feldes zu entdecken und diesem einen Besuch
+abzustatten, die beiden Kühe, die zum Melken nach Hause gekommen waren,
+sahen aus, als ob sie dort noch nicht recht hingehörten, und keinen
+eigentlich bestimmten Platz hätten zu Aufenthalt und Wohnung. Weit
+eher hatten sich die Kinder eingerichtet, von denen drei vor dem Hause
+spielten und sich herumtummelten, und ein junges Mädchen von etwa vierzehn
+Jahren schien alle Hände voll zu thun zu haben, ihnen zu wehren und auf
+sie aufzupassen.
+
+Heute gab es freilich auch etwas Neues für sie, das die Einförmigkeit
+ihres Steppenlebens auf erfreuliche Weise unterbrach, denn vor dem Hause
+hielt ein kleiner Karren, ein sogenannter Pedlar-Wagen, mit allerlei
+bunten, wunderhübschen Sachen zum Verkauf, und der Mann hatte gesagt,
+daß er die Nacht da bleiben und jedenfalls warten würde bis Vater und
+Mutter vom Felde heim kämen, ihnen seine Waaren auszupacken, von denen
+sie Manches brauchen könnten. Indessen zeigte er ihnen aber allerlei,
+und gewann ihre Herzen noch überdieß durch ein paar kleine Spielereien,
+die er ihnen preisgab. Endlich kamen die beiden Leute von ihrer Arbeit
+zurück, und während die Frau nach den Kühen ging, diese zu melken, trat
+der Bauer zu dem Pedlar, und reichte ihm die Hand.
+
+»Guten Tag Landsmann -- Ihr seid doch ein Deutscher, wie?« --
+
+»Allerdings,« sagte der Pedlar, freundlich den Handdruck erwiedernd,
+»möcht's nicht verleugnen.«
+
+»Möcht' Euch auch schwer werden,« lachte der Bauer, »Euer Gesichtsschnitt
+würd' Euch verrathen; nicht wahr Ihr seid von »unsere Leut«, wie wir bei
+uns zu Lande sagen?«
+
+»Na, wie mer's so nimmt,« lachte Wald, denn es war unser alter
+Reisegefährte von der Haidschnucke, der hier seine Umstände als Pedlar
+schon so verbessert hatte, mit einem Güterkarren durch's Land fahren
+zu können, »wir _leben_ wie die Christen, und handeln wie die Christen
+-- der Mensch kann nicht mehr verlangen.«
+
+»Aber Ihr eßt kein Schweinefleisch,« lachte der Bauer.
+
+»Nu, was wär der mehr d'rum, wenn wir's _nicht_ thäten,« sagte Wald
+achselzuckend, »aber setzt mich 'mal auf die Probe, besonders wenn
+Bohnen dabei sind.«
+
+»Na, ein Mann ein Wort,« rief der Bauer, »das sollt Ihr heut' Abend
+haben, und Eueren Kasten könnt Ihr dann auch auskramen, wenn meine Alte
+mit Melken fertig ist; die hat schon die ganze Zeit lamentirt, daß sie
+kein Band und keinen Zwirn und keine Nadeln und Kämme und Gott weiß was
+hat; es ist in Ewigkeit kein Pedlar hier vorbeigekommen.«
+
+»Glück muß der Mensch haben,« sagte Wald vergnügt, »da komm ich wieder
+einmal gerade recht, und was die Frau braucht, steckt da Alles im Karren
+d'rin.«
+
+ [Illustration: Capitel 3]
+
+»Ja, glaub's schon, wenn nur da im Hause drin auch Alles stäk' um damit
+zu zahlen -- na, aber so viel wird schon da sein. Und nun Cathrine, wie
+ist's mit dem Kranken drin?« wandte er sich dann an das junge Mädchen
+das, indessen die Eltern im Felde arbeiteten, auf die Kinder hatte
+Achtung geben müssen.
+
+»Nun es geht wohl nicht gut Vater, er hat viel gestöhnt, ist aber vor
+einer Stunde etwa eingeschlafen und liegt jetzt ruhig.«
+
+»Habt Ihr Jemand krank in der Familie?« frug Wald, »ich habe kleine
+Hausmittel bei mir, vielleicht kann ich da helfen.«
+
+»Nein in der Familie nicht, Gott sei Dank,« sagte der Bauer, »aber ein
+Landsmann, ein Bischen ein verkehrter Kauz, der ein paar Wochen bei mir
+hier gewohnt, und hier versuchen wollte eine neue Erfindung zu machen,
+ist dabei gefallen und hat das Bein gebrochen. Da nun kein Arzt in der
+Umgegend zu haben ist, mußten wir es ihm selber zurechtrücken so gut es
+gehen wollte, und das, fürcht' ich, wird wohl nicht zum Besten geschehn
+sein. Wir können den armen Teufel aber nicht so verkommen lassen, und
+ich will lieber morgen nach Vandalia hinunterreiten und einen Doktor
+holen; es ist ein Bischen weit dazu, kann aber Nichts helfen.«
+
+»Wie ist denn das gekommen?« frug Wald, »und _wo_ hat er das Bein
+gebrochen?«
+
+»Wo? -- da hinten von dem Baume herunter,« sagte der Bauer, »seht Ihr
+die einzelne Eiche dort an der Prairie, an der die Balken lehnen?
+-- dort drüben links.«
+
+»Ja aber, was um Gottes Willen hatte er denn da oben zu thun?« frug Wald
+erstaunt.
+
+»Ih nun, er hat eine neue Erfindung gemacht -- er hat _fliegen_ wollen,
+und das ist noch nicht recht gegangen.«
+
+»Fliegen wollen, Gott der Gerechte, ich bin froh daß ich 'nen Karren
+habe auf dem ich _fahren_ kann -- fliegen, und da ist er von oben
+heruntergestürzt?«
+
+»Wie ein Mehlsack -- er hatte sich so ein Gestell gemacht wie ein Drachen
+etwa, aber ohne Bindfaden unten d'ran,« sagte der Bauer, »woran man
+sonst so ein Ding hält, daß es nicht wegfliegt; das war aber hier auch
+nicht nöthig, denn es kam gleich von selber herunter, und ich hätte gern
+gelacht, wenn's nur dem armen Teufel dabei nicht so schlecht gegangen
+wäre -- es ist auch ein Deutscher.«
+
+»Hm, hm, hm,« sagte Wald, »was es doch für wunderliche Menschen auf der
+Welt giebt, und macht er da ein Geschäft d'raus?«
+
+»Nein, er ist eigentlich Cigarrenmacher --«
+
+»Er heißt doch nicht Schultze?« rief Wald schnell.
+
+»Schultze heißt er allerdings -- am Ende kennt Ihr ihn gar.«
+
+»Du lieber Gott; wenn's der ist den ich meine, sind wir miteinander
+über See herübergekommen, und er hatte da schon immer so einen kleinen
+Sparren; wenn's ihm nur nicht gar am Ende im Oberstübchen fehlt. Kann
+ich ihn einmal sehn?«
+
+»Jetzt schläft er, wie die Cathrine sagt,« meinte der Bauer, »und da er
+die ganze Zeit über Schmerzen gehabt hat, wird's wohl besser sein wir
+lassen ihn ruhig liegen, bis er von selber aufwacht.«
+
+»Und wie lange ist's her, daß er das Bein gebrochen?« frug der Pedlar.
+
+»Heute gerade elf Tage,« sagte der Bauer.
+
+»_Gerade_ elf, hm -- arme Teufel -- hat er denn Geld?«
+
+»Nun ein Bischen was wohl,« meinte der Bauer achselzuckend, »er kam hier
+durch, und die Gegend gefiel ihm hier für das was er machen wollte, wie
+er sagte.«
+
+»Er meinte, er könnte hier recht hübsch in der Prairie herumfliegen?«
+
+»Wahrscheinlich so -- und er bot mir ein und einen halben Dollar
+wöchentlich, wenn ich ihn ein paar Monate beköstigen wollte, bis er mit
+seiner Arbeit fertig wäre. Nu ja, viel zu verdienen war da nicht dabei,
+aber ein Bischen baar Geld thut auch gut, und da's ein Deutscher war,
+und sonst ein ordentlicher Mann schien, sagten meine Alte und ich ja.
+Jetzt liegt er nun freilich da, und wir haben die Sorge und Noth mit
+ihm, können ihn aber nun auch nicht im Stich lassen, bis er wieder
+gesund ist und sich selber helfen mag.«
+
+»Das ist brav von Euch gehandelt,« sagte Wald, »hier in dem Amerika weiß
+man nie wie Einer den Andern braucht; aber da kommt die Frau, nun kann
+ich meine Sachen auspacken, daß wir noch fertig werden eh' die Sonne
+unter ist; nachher wird's dunkel im Handumdrehen.«
+
+»Guten Tag miteinander,« sagte die Frau zu dem Pedlar tretend, und ihm
+die Hand reichend, »na das ist recht daß endlich einmal Einer von Euch
+sich hierher verliert, wir haben lange darauf gewartet. Was habt Ihr
+denn da in Euerem Karren drin?«
+
+Wald säumte nicht seine Waaren anzupreisen, und die verschiedenen Kästen
+und Schubfache herausziehend, legte er den Blicken der jetzt um ihn
+herdrängenden Familie die Herrlichkeiten offen, die, aus den Städten des
+Ostens hergeführt, die Herzen in den westlichen Prairieen entzücken
+sollten.
+
+Viel Geld hatten die Leute nun zwar nicht an derlei Gut zu wenden,
+Manches aber wurde wirklich nothwendig gebraucht und _mußte_ geschafft
+werden, und ging der Mann auch einmal in die ziemlich fern liegende
+Stadt, konnte er's doch nie im Leben so aussuchen wie die Frau, und die
+Pedlar bleiben deshalb auch immer den Frauen willkommene Gäste.
+
+Eine Anzahl Kleinigkeiten war indessen ausgesucht und bezahlt worden,
+und obgleich der Pedlar bat, die Frau möchte das Nachtquartier in Abzug
+bringen, wollte diese doch davon Nichts hören. Sie hätten so Nichts
+großes zu bieten, und für ein Nachtquartier dürften sie kein Geld
+nehmen, das ginge nicht an -- »aber wie ist mir denn,« setzte sie hinzu,
+den Pedlar dabei immer schärfer und aufmerksamer ansehend, »ich dächte
+doch, wir hätten einander schon einmal gesehn?«
+
+»Wär wohl möglich,« lachte Wald, »ich zieh' nun schon ein paar Jahr lang
+die Kreuz und Queer im Lande herum -- hierher bin ich aber doch noch
+nicht gekommen.«
+
+»Es war auch nicht hier,« sagte die Frau, ihn immer stärker in's Auge
+fassend, »es war unten noch am Wasser, gleich wie wir ankamen -- Jesus,
+Heinrich, sieh mal, ist das nicht der Mann, der mir den halben Dollar
+gab, den Kindern Milch dafür zu kaufen?«
+
+»Seid _Ihr_ die Leute, die da unten in New-Orleans an der Levée saßen
+und kein Brod und keine Arbeit hatten?« frug aber nun Wald seinerseits
+wirklich erstaunt, »alle Wetter, dann habt Ihr Euch aber tüchtig
+herausgearbeitet in der kurzen Zeit.«
+
+»Siehst Du's, er ist's,« rief aber die Frau, rasch und herzlich Wald's
+Hand ergreifend, »wenn nur ein Mensch wüßt' wie ich mich danach gesehnt
+habe Euch wieder zu sehn, und Euch danken zu können.«
+
+»Ah, papperlapapp,« sagte Wald, abwehrend, »macht kein Aufhebens von der
+Läpperei -- ich wollt' ich hätt' mehr thun können.«
+
+»Ich glaub's Euch,« sagte der Mann jetzt auch, dem Juden die Hand
+reichend und derb drückend, »Ihr habt das Herz auf dem rechten Fleck,
+gerade wo's hingehört.«
+
+»Ihr wißt aber gar nicht wie Ihr uns damals geholfen habt,« sagte, mit
+Thränen in den Augen, die Frau, als sie an die schwere Zeit zurückdachte,
+»wir anderen hätten uns helfen können, aber das Kleinste schrie nach
+Milch, und ich hatte keinen Tropfen mehr für das arme Würmchen. Seht
+jetzt den Jungen an, was für ein kräftiger Bengel das geworden ist;
+wer weiß ob er sich jetzt dort so herumtummelte, wenn Ihr uns nicht
+damals beigestanden. Lieber allmächtiger Gott, Du magst mir die Sünde
+verzeihen, aber ich wäre lieber mit ihm in's Wasser gesprungen wie
+nicht, so weh, so traurig war mir um's Herz, weil sich so gar Niemand
+um uns kümmerte, und es _allen_ Menschen eben ganz gleichgültig zu
+sein schien, ob wir da am Flußufer verdarben oder nicht. Euer Geschenk
+brachte mir zuerst wieder, _mit_ der Hülfe, Hoffnung in's Herz, und von
+dem Augenblick auch an schien's beinah, als ob es hätte besser werden
+sollen.«
+
+»Auf gefundenem Gelde ruht ein Segen,« lächelte Wald.
+
+»Ich glaub's Euch nicht, daß Ihr es gefunden habt,« sagte die Frau, ihn
+scharf ansehend.
+
+»Und mir hat's seit der Zeit immer schwer auf der Seele gelegen, Geld
+genommen zu haben, was ich nicht _verdient_ hatte,« sagte der Mann, »es
+war das erste Mal gewesen, und Gott sei Dank, daß wir jetzt im Stande
+sind es mit tausend Dank zurückzuzahlen.«
+
+»Wie heißt zurückzahlen,« sagte Wald halb verlegen, halb lachend, »hab'
+ich's mir doch schon selber wieder geholt -- zurückzahlen, was sagen Sie
+zu _dem_ Mann; hab' mit ihm um sieben Dollar Geschäfte gemacht, und
+werde den halben nicht dabei haben.«
+
+Wald war in der That auf keine Weise zu bewegen etwas, was er für einen
+Nebenmenschen gethan, »bezahlt zu nehmen«, und der Bauer mußte ihm
+jetzt erzählen wie es ihm hier so schnell geglückt. Ohne Mittel auf's
+gerathewohl hin, und einen Theil seiner Sachen verkaufend nur die
+Passage zu zahlen, war dieser mit seiner Familie nach Illinois gekommen
+und hatte da ein kleines Stück Land zuerst gepachtet. Die Erndte, von
+der er einen Theil abgeben mußte, war trefflich gerathen, und so langsam
+fortarbeitend hatte er jetzt den kleinen Platz, mit der Zeit ihn in den
+nächsten Jahren langsam abzuzahlen, käuflich übernommen.
+
+Wie sie noch so zusammen plauderten, und der Bauer nicht müde wurde dem
+Krämer von den Vorzügen des Landes zu erzählen, kam noch ein Reiter die
+Straße nieder die zum Hause führte, und hielt neben der Gruppe.
+
+»Hallo Wald! so fleißig und eifrig im Geschäft, hier mitten in der
+Prairie?« rief diesen da die freundliche Stimme Georg Donners an.
+
+»Herr Donner, wahrhaftig!« sagte aber auch Wald, ihm die Hand auf das
+Pferd entgegenstreckend, »woher des Wegs?«
+
+»Vom Norden herunter -- guten Abend Ihr Leute, wie weit ist's noch bis
+zum nächsten Haus dahinein zu?«
+
+»Nach der Richtung hin liegt keins,« sagte der Mann, »bis Ihr nicht zum
+nächsten Waldstreifen kommt, und der ist sieben englische Meilen von
+hier entfernt. -- Dort wohnen Irische, aber eben kein freundliches Volk,
+und je weniger man mit ihnen verkehrt, desto besser.«
+
+»Ja, ich bäte Euch gern, Leute, ob Ihr mich die Nacht hier behalten
+wolltet,« sagte Georg, »aber Ihr habt schon Besuch, und in dem Häuschen
+möcht' ich Euch auch nicht gern beschränken.«
+
+»Das thut Nichts,« sagte die Frau freundlich, »wir müssen uns
+eben einrichten, und dürfen schon einen Landsmann nicht dicht vor
+Sonnenuntergang von der Thür weisen.«
+
+»Ja und _den_ schon gar nicht,« rief Wald rasch, »denn erstens ist er
+ein braver Kerl, und zweitens ein _Doktor_!«
+
+»Ein Doktor?« riefen die beiden Leute rasch, »ja das wär schon recht!«
+
+»Ist Jemand krank hier bei Euch?« frug Georg.
+
+»Ein Schiffskamerad von uns Beiden, die Nachtigall, Herr Donner, von der
+Haidschnucke hat das Bein gebrochen, und liegt im Haus drin schon elf
+Tage ohne ärztliche Hülfe.«
+
+»Aber so steigen Sie doch nur ab,« bat der Mann.
+
+»Du lieber Gott,« sagte Georg, aus dem Sattel springend, und den Zaum
+über einen Zweig des nächsten Baumes werfend, »da ist's ja doch die
+höchste Zeit daß irgend etwas für den armen Mann geschieht.«
+
+»Aber er schläft jetzt,« sagte das älteste Kind, »ich habe deshalb die
+Kleinen aus dem Haus genommen, weil er so lange schon keine ordentliche
+Ruhe gehabt hat.«
+
+»Ich will ihn nicht stören,« sagte Georg, »nur wenn er wacht geh' ich zu
+ihm; aber ich möchte ihn wenigstens sehn -- liegt er in diesem Haus?«
+
+»Gleich links am Kamin auf dem kleinen Bett.«
+
+Georg schlich auf den Zehen in's Haus, aber wie er nur über die Schwelle
+trat, hörte ihn der Kranke, drehte den Kopf nach ihm um, und streckte
+ihm dann rasch und freudig die bleiche abgemagerte, zitternde Hand
+entgegen.
+
+»Donner, Sie sendet mir Gott selber, und von jetzt glaub' ich an
+Wunder!« sagte er, und die Stimme klang hohl und matt; »guter Himmel,
+was habe ich ausgestanden -- wie führt Sie denn jetzt mein Schutzgeist
+her zu _mir_?«
+
+Georg ließ sich aber auf keine weiteren Erklärungen und
+Auseinandersetzungen ein, bis er nicht den Bruch untersucht hatte. Viel
+war dabei schon in der langen Zeit, in der er uneingerichtet gelegen
+hatte, verloren, und das rechte Schienbein, das bei dem Sturze, wie es
+schien, schräg abgebrochen, noch ziemlich stark geschwollen. Er gab aber
+die Hoffnung nicht auf noch Alles gut werden zu sehn, ging vor allen
+Dingen mit der Axt hinaus an den kleinen Fluß, sich selber die passenden
+Rindenstücken zu Schienen abzuschlagen, und richtete den Bruch erst
+ordentlich ein, schiente und band ihn, und stellte dann mit Walds Hülfe,
+der Manches dazu in seinem Karren mit sich führte, eine Art Schwinge
+her, in der sie das Bein frei schwebend hängen konnten, was dem Kranken
+große Erleichterung gab, und ein wieder Verschieben des Knochens
+verhinderte.
+
+Indessen war es dunkel geworden, der Mann hatte die beiden Pferde seiner
+Gäste in einen Verschlag gebracht und ihnen dort Mais eingeschüttet,
+die Frau kochte emsig am Kamin das Abendbrod für ihre gern bewirtheten
+Gäste, und Schultze mußte nun Georg und Wald, dem er ebenfalls herzlich
+die Hand geschüttelt, erzählen, wie er zu dem unglückseligen Sturz
+gekommen. -- Georg Donner hatte nämlich noch gar keine Ahnung, was er
+hier für Unsinn getrieben.
+
+»Wie, um Gottes Willen kamen Sie zu dem Bruch, lieber Schultze,« frug er
+ihn, als er neben dem Bette saß und seine Hand dabei dem kleinen jetzt
+überglücklichen Mann, der sich schon der schwärzesten Verzweiflung
+hingegeben, überließ.
+
+»Der Schwanz war zu kurz, lieber Herr Donner, ich hab' es mir gleich
+gedacht; aber es hatte wahrhaftig keinen andern Grund, der Schwanz war
+um dritthalb Fuß zu kurz.«
+
+»Aber von was in aller Welt reden Sie denn?« rief Georg, auf's Äußerste
+erstaunt.
+
+»Nun von meinem Drachen -- ich sage Ihnen Herr Donner, wenn ich den
+unglückseligen Fall nicht gethan hätte, flög ich jetzt im ganzen Lande
+umher. Ich habe das Geheimniß gefunden, das uns wieder zu unserer alten
+verlorenen Eigenschaft verhelfen soll.«
+
+»Aber bester Herr Schultze, was machen Sie für Streiche,« lachte Georg,
+als ihm ihr Wirth jetzt ebenfalls mit kurzen Worten die ganze Geschichte
+erklärt hatte, wie sich Herr Schultze mit unendlicher Mühe aus Schilf
+und Rohrwerk und Seide ein breites Gestell gebaut, dieses dann oben an
+dem Baum befestigte, und bei einer frischen Brise endlich, wo sich die
+Fläche von selber an zu heben fing, oben darauf gestiegen wäre und die
+Seile durchgeschnitten hätte, wonach der Drache, oder wie es sonst
+heißen möchte, auf der einen Seite übergekippt wäre, Herrn Schultze
+heruntergeworfen, und sich selber im nächsten Baume wieder gefangen
+hätte.
+
+»Was ich für Streiche mache, bester Donner?« rief aber Schultze, »ich
+schlage mein Leben für die Wissenschaft in die Schanze, _das_ mache ich.
+Meine feste, innige Überzeugung ruht auf dem System, und ich weiß, daß
+ich es durchsetze; was liegt daran, ob ich später noch einmal ein oder
+beide Beine breche, ich werde doch in meinem Leben nur noch sehr wenig
+gehn, denn nicht allein bin ich dahinter gekommen wie die Flug_kraft_
+am Besten herzustellen ist, nein ich bin auch im Stande, mein später
+vervollkommtes Luftschiff in eine höhere oder tiefere Luftschicht zu
+lenken und es dort zu _steuern_ -- was sagen Sie nun, Freundchen?«
+
+»Daß Sie, sobald Ihr _Bein_ wieder geheilt ist, mit _diesen_ Ideen
+nächstens den _Hals_ brechen werden,« erwiederte Georg achselzuckend;
+»was aber um des Himmels Willen hat Sie auf diese unglückselige, brodlose
+Idee gebracht? -- was wollen Sie damit bezwecken, was _hilft_ es Ihnen,
+wenn Sie wirklich eine Strecke durch die Luft fliegen und mit
+unzerbrochenen, unverrenkten Gliedern wieder auf Gottes Erdboden
+kommen?«
+
+»Das kann ich Ihnen nicht so auseinandersetzen, mein junger Freund,«
+sagte aber Schultze, ernst und recht wehmüthig dabei mit dem Kopfe
+schüttelnd, »das ist das Ziel, die Aufgabe meines Lebens, für die mich
+Gott eigends geboren und in die Welt gesetzt. Ich fühle das auch in mir,
+ja was noch mehr ist, ich fühle daß ich es durchsetzen werde, daß ich
+bestimmt bin, der Menschheit eine neue Ära zu gründen, oder vielmehr
+unsere jetzige Bahn zu dem alten Punkt zurückzuführen. Die Kraft und
+Eigenschaft, die wir einst besessen, haben wir nicht _verloren_, sondern
+nur auf eine Zeitlang _vergessen_. Es ist das Ei des Columbus; wenn
+gefunden, wird die ganze Welt schreien: »ja das ist gar Nichts -- wenn
+wir das _so_ gemacht hätten, hätten wir's auch gekonnt.« Die Sache ist
+aber die, sie haben's nicht _so_ gemacht, und Schultzes Name, mein
+lieber Freund, Benjamin Schultze wird unsterblich werden.«
+
+»Wenigstens bald zu den Unsterblichen gehören, wenn Sie in der Art
+fortfahren,« lächelte Georg. »Ich will eine mögliche Ausführbarkeit der
+Luftschifffahrt gar nicht etwa bestreiten; es sind in den letzten Jahren
+andere Sachen möglich gemacht, die wir früher für eben so unmöglich
+gehalten; aber ich fürchte, lieber Schultze, Sie haben das Zeug nicht
+dazu etwas derartiges durchzuführen. Ihnen stehen keine bedeutende
+Mittel zu Gebote, Sie haben auch, so viel ich weiß, keine mechanischen
+Kenntnisse, Sie in der Ausführung eines solchen Plans zu unterstützen,
+und der gute Willen genügt dazu nicht. Dieser Sturz sollte Ihnen deshalb
+eine Warnung sein; Sie kommen dießmal noch hoffentlich mit ein paar
+Monate Hinken davon -- daß es nicht später schlimmer wird.«
+
+Wald mußte jetzt erzählen, was er bis dahin getrieben, und that das mit
+dem ihm eigenen, drolligen Humor. Er war mit etwa zwanzig Spanischen
+Dollarn in der Tasche an Land gekommen und hatte dort gleich, nach
+dem Beispiel seiner Glaubensgenossen, einen kleinen Handel mit Band,
+Litzen, Nadeln etc., etc., etc. angefangen. Den war er bald im Stande
+zu vermehren und kaufte jetzt, anstatt ein theueres Haus in der Stadt,
+das er nicht hätte bezahlen können, und wo das Standgeld allein seinen
+Nutzen halb aufgezehrt haben würde, ein kleines altes Flatboot an der
+Landung, das er dort ruhig auf dem Schlamm liegen ließ, und zu einem
+Laden herrichtete. Er mußte dort natürlich viel von den Mosquitos sowohl,
+als dem schauerlichen Dunst der benachbarten Boote leiden, aber er
+verdiente Geld, und blieb da so lange, bis er im Stande war, sich eine
+ordentliche Quantität Waaren mit Wagen und Pferd zu kaufen, mit denen er
+dann von New-Orleans fort zu Lande am Mississippi hinaufzog, bis ihn die
+Fieberzeit dort wieder vertrieb, und er an Bord eines Dampfschiffes
+ging, sich in Cincinnati mit seinem Karren an Land setzen zu lassen. Von
+dort aus hatte er Indiana ziemlich durchstreift, vortreffliche Geschäfte
+gemacht, und große Lust wieder dorthin zurückzukehren, und vielleicht
+erst zum Spätherbst nach Illinois zu kommen, da die Fliegen den Tag über
+das Pferd so belästigten, und Nachtreisen ihm bei seinem Geschäft doch
+nichts nützen konnten.
+
+»Durch Indiana?« -- Georg fühlte wie sein Herz stärker an zu klopfen
+fing, denn er dachte der Möglichkeit, der Krämer könne auch Lobensteins
+besucht haben, von denen er über ein Jahr auch nicht die geringste Kunde
+gehabt. Wald ließ ihn aber auch darüber nicht lange in Zweifel, und fing
+an aus freien Stücken die ihrer früheren Reisegefährten aufzuzählen, die
+er auf seinen Wanderungen angetroffen.
+
+Die ersten waren zwei von den drei Passagieren, die von dem Leuchtschiff
+zu ihnen an Bord gekommen, die beiden dem Zuchthaus wahrscheinlich
+entnommenen jungen Verbrecher, die ihre alte Gewohnheit hier nicht hatten
+verleugnen können oder wollen, und bei einem Pferdediebstahl erwischt
+waren. Die Eigenthümer schienen Lust gehabt zu haben sie gleich an Ort
+und Stelle zu hängen, aber der Sheriff legte sich zu ihrem Glück noch
+in's Mittel, und sie wurden (Wald kam gerade dazu sie abführen zu
+sehen), nachdem die dortigen Ansiedler ihnen wenigstens erst eine
+tüchtige Tracht Schläge mit einem schwanken Hickory verabreicht, in das
+Staatsgefängniß abgeliefert.
+
+Dann hatte er ein paar von _seinen_ Landsleuten, auch
+Zwischendeckspassagiere der Haidschnucke, im Lande, und ebenfalls als
+Krämer oder Händler angetroffen. Löwenhaupt war Eigenthümer eines
+Kleiderladens am Wasser unten, in Cincinnati, wollte sich aber von
+seiner Frau scheiden lassen, weil sie ihn mishandelte. Rechheimer war
+ebenfalls Pedlar geworden und die beiden Rechheimer Mädchen hatten sich,
+die eine in Cincinnati, die andere in Vincennes, an ziemlich wohlhabende
+Leute verheirathet.
+
+Der Polnische Jude mit seiner Holzharmonika war wieder nach New-Orleans
+zurückgegangen, der Knabe aber so krank geworden, daß er nicht mehr
+singen konnte -- und erst ganz kürzlich -- vor ein paar Tagen nur
+-- hatte er ein ganzes Nest von Haidschnucken-Passagieren auf einer Farm
+unweit Grahamstown in Indiana getroffen.
+
+»Und wie geht es Lobensteins?« rief Georg rasch.
+
+»Sie kennen den Platz?«
+
+»Ich habe dort gearbeitet,« erwiederte Georg ausweichend.
+
+»Thut mir leid um die Leute,« sagte Wald.
+
+»Wie so? -- was ist mit ihnen?« frug Georg rasch.
+
+»Nun, daß es ihnen so schlecht geht.«
+
+»Ist Jemand krank?«
+
+»Nicht daß ich wüßte -- nur so, meine ich.«
+
+»Aber der Professor hat doch die Farm?«
+
+»_Hatte_ sie,« sagte Wald.
+
+»Er hat sie verkauft?« rief Georg, rasch und erschreckt.
+
+»Noch nicht,« meinte der Pedlar, »doch heute oder morgen wird's wohl
+dran gehn. Wie ich dort vorbei kam war's dicht daran.«
+
+»Aber wie ist das möglich,« sagte Georg, »die Erndte ist doch gewiß
+dort wie hier gut ausgefallen, die Verbesserungen, die er auf der Farm
+gemacht, müssen ihm wenigstens _etwas_ eingetragen haben, und so war der
+Platz doch nicht verschuldet, ein solches Ende so rasch herbeizuführen.«
+
+»Wie die Geschichte ganz genau ist, weiß ich nicht,« sagte Wald, »so
+viel aber ist gewiß, daß der Professor Vieh und manches Andere verkaufen
+mußte, dem Weber, der sich bei ihm mit seiner Familie verdingt hatte,
+seinen Jahrlohn zu geben. Außerdem hat er Unglück gehabt mit dem
+einzigen Sohn, der sich auf der Jagd eine Ladung Schroth durch den Leib
+geschossen.«
+
+»Großer Gott, Eduard,« rief Georg, entsetzt von seinem Sitz aufspringend.
+
+»Wie ich die Sache hörte,« fuhr Wald fort, »war der junge Mann mit einem
+andern unserer Zwischendeckspassagiere -- dem langhaarigen Burschen, der
+immer die Verse an Bord machte -- auf die Jagd gegangen, und weiß der
+liebe Gott, was die beiden jungen Leute zusammen angefangen, aber der
+junge Lobenstein, Eduard hieß er, glaub' ich, schoß sich, wie jener
+Versemacher sagte, beim über einen Graben springen durch den Leib, und
+starb ein paar Stunden darauf unter den furchtbarsten Schmerzen.«
+
+»Das ist ja entsetzlich,« stöhnte Georg.
+
+»Nicht so, als der Mensch vielleicht denken möchte,« meinte Wald ruhig,
+»denn wie mir der Weber erzählte, war der junge Bengel zum Arbeiten nie
+etwas nutz gewesen, und durch den Fall wurden sie auch, als reinen Gewinn,
+den Literaten los, der sich auf dem ersten Dampfboot wieder nach
+New-Orleans einschiffte.«
+
+»Aber wie um Gottes Willen konnte er so zurückkommen, _gezwungen_ zu
+werden seine Farm verkaufen zu müssen?« frug Georg.
+
+»Wie? -- einfach genug,« meinte der Pedlar, »ich habe weitläufig darüber
+mit dem Weber, einem ordentlichen, braven Menschen gesprochen, der die
+Sache schon lange hat kommen sehn, aber Nichts ausrichten konnte gegen
+den Starrkopf des Professors. Anstatt sein Feld ordentlich mit Mais oder
+Waizen zu bepflanzen, Produkte, von denen er wußte, daß er sie wieder in
+baar Geld verwandeln konnte, machte er Experimente, baute in eine Ecke
+Runkelrüben und in die andere Ölsaat, verschwendete dabei ein Capital an
+Arbeitslohn, für eine Bande müssiger, ungeschickter Gesellen, die ihren
+Nutzen dabei fanden ihn in dem Glauben zu bestärken er könne Mühlen und
+Gott weiß was sonst noch, bauen. Die Leute wollten dann allwöchentlich
+ausgezahlt sein, und was nicht mehr länger verborgen bleiben konnte, kam
+an's Tageslicht. Mit einem recht großen, tüchtigen Capital hätte der
+Mann vielleicht Manches erreichen können, so aber reichten seine Mittel
+nicht aus; Mühlen, Zuckerpressen, Backsteinmaschinen, Alles was er zu
+gleicher Zeit begann, und was in einigen Jahren, wenn richtig geleitet,
+gewiß einen hübschen Profit abgeworfen hätte, blieb mitten in der Arbeit
+stehn, und zehrte, anstatt zu helfen, mit an dem übrigen Capital.«
+
+»Und ist der Weber noch bei ihm?« frug Georg.
+
+»Oh Gott bewahre,« sagte Wald, kopfschüttelnd, »der Professor hat ihn
+bei Heller und Pfennig ausgezahlt, was er ihm und seiner Familie für
+die Jahresarbeit schuldete, und seinen Contrakt ehrlich gehalten, damit
+aber auch, wie es scheint, seine eigenen Kräfte total erschöpft, und
+Brockfeld sitzt jetzt, etwa zwei Meilen diesseit von Lobensteins Farm,
+auf einem eigenen Stück Land, in einem eigenen freundlichen Häuschen,
+und es geht ihm und den Kindern und der alten Mutter _recht_ gut.«
+
+»Wie weit ist es bis dorthin?« frug Georg, fast unwillkürlich dabei von
+seinem Stuhle aufspringend.
+
+»Nun heute Abend kommen Sie nicht mehr hin,« lachte Wald, »wenn Sie aber
+ordentlich zureiten, mögen Sie in vier Tagen den Platz erreichen -- Sie
+wissen ja wohl wo er liegt.«
+
+»Ach wenn Sie nur noch eine ganz kurze Zeit bei mir bleiben könnten,
+bester Donner,« seufzte Schultze wehmüthig vor sich hin, »wie soll es
+denn werden, wenn Sie fortgehn?«
+
+Georg beruhigte ihn übrigens hierüber, und versprach ihm, heute Abend
+noch seine beiden Wirthsleute und Pfleger so zu unterrichten, daß sie
+den jetzt gut eingerichteten und fest und sicher geschienten Bruch auch
+allein behandeln könnten. Ruhe war das Einzige was er brauchte, und das
+Hauptsächlichste dann nahrhafte Speisen, die sich die Leute nicht
+getraut hatten ihm zu geben, damit sich sein Körper, was er so sehr
+bedurfte, wieder kräftige und stärke. Sei es ihm möglich, wolle er
+selber noch einmal in vierzehn Tagen etwa hierher zurückkehren.
+
+
+
+
+Capitel 4.
+
+Georg und Marie.
+
+
+Vier Tage später mit Sonnenuntergang erreichte Georg nach scharfem Ritt,
+auf dem er sein Pferd nicht geschont, »Brockfelds Farm,« erfuhr aber hier,
+wo man ihn auf das Herzlichste begrüßte, nur die Bestätigung dessen, was
+ihm Wald schon in Illinois gesagt, daß es mit den Vermögensumständen
+des Professors _recht_ traurig stehe, dieser nicht im Stande sei, seine
+letzte Zahlung an den Wirth in Grahamstown, von dem er die Farm gekauft,
+zu machen, und gesonnen sei, sie am nächsten Montag -- der erste
+im Monat September, wo Gerichtssitzung in Hollowfield wäre -- zu
+verauktioniren, wenn er sich nicht vorher mit dem Wirth selber über die
+Rücknahme des Platzes einigen könnte. Dieser aber wollte jetzt freilich
+nur entsetzlich wenig dafür geben, weil er behauptete, die Aussichten
+für die Lage desselben hätten sich allerdings, und ganz wider Erwarten,
+sehr verschlechtert. Noch immer war keine Hoffnung eine Eisenbahn
+hierherzubringen, indeß die Cincinnati-Bahn schon beendet worden, und
+was sollte er nun mit einer mitten im Wald liegenden Farm anfangen?
+
+Der Professor mochte jetzt wohl recht gut einsehn, daß er damals von dem
+schlauen Wirth bei seinem Ankauf betrogen worden, und sich bös damit
+übereilt habe; war das aber nicht seine eigene Schuld? Anstatt, wenn er
+selber darin nicht Zeit gehabt Erfahrungen zu sammeln, wenigstens einen
+unpartheiischen Sachkundigen dazuzunehmen, der die Verhältnisse des
+Landes kannte, war er mit den beiden Deutschen hinübergeritten die,
+so gut sie es mit ihm selber meinen mochten, doch nur im Stande sein
+konnten einen _deutschen_ Maasstab an das Land zu legen; von allem
+Anderen verstanden sie Nichts, und der pfiffige Amerikaner hatte nicht
+gesäumt das zu benutzen.
+
+Die Summe, die der Professor dem Wirth in Grahamstown noch schuldete,
+kannte der Weber nicht, und Georg hätte das Herz brechen mögen vor Weh
+und Schmerz, wenn er der Zukunft dachte, der jetzt die Frauen
+entgegensahen.
+
+Dem Weber ging es indeß recht gut hier auf seinem neuen Platz; er hatte
+Zeit gehabt sich die Umgegend genau anzuschauen, und nach allen Seiten
+hin etwa die Preise der verschiedenen Plätze zu erfahren. Dies kleine
+#improvement# mit vierzig Acker vom Staat gekauften und fünf Acker
+darunter urbar gemachtem Landes war da, durch das plötzliche Fortziehn
+des Eigenthümers, unter dem Werth gegen baar Geld zu verkaufen gewesen;
+die Gelegenheit hatte er benutzt, und befand sich wohl dabei. Die Leute
+waren auch unendlich fleißig, griffen _Alle_ zu, und arbeiteten von früh
+bis spät, sich ihre neue Heimath nicht allein wohnlich, sondern auch
+einträglich zu machen. Der Viehstand besserte sich dabei ebenfalls, und
+die Aussicht war da, daß sich ihr Vermögen von Jahr zu Jahr vermehren,
+nicht zurückgehen werde, und sie ihre Auswanderung aus der Heimath, so
+weh ihnen die im Anfang auch gethan, nicht zu bereuen brauchten. Auch
+die alte Mutter, die noch am längsten an der Heimath gehangen, und
+doch immer heimlich gestöhnt und geklagt, so gut es ihren Kindern auch
+ging, und so sorglos sie in's Leben sehen durften, hatte sich endlich
+hineingefunden in die neue Welt. Freilich, so warm und freundlich schien
+die Sonne doch hier nicht wie in Deutschland, so kühl war der Schatten,
+so lau die Luft nicht im Frühling, die Blumen rochen nicht so gut, die
+Vögel sangen nicht so lieb, der Himmel war nicht so blau, die Wiese
+nicht so grün, das Wasser nicht so süß, und einen Vergleich mit
+Deutschland hielt »das Amerika« lange nicht aus. Aber -- sie mußte doch
+zuletzt einsehn, daß es ihren Kindern gut hier ging; in Deutschland
+hatten sie ihr Schwein verkaufen müssen, Steuern davon zu zahlen, hier
+hielten sie schon vier Kühe und so viel Dutzend Schweine, wie sie zu
+Hause Stück gehabt, und Hühner und Gänse daneben, hatten zwanzig Mal so
+viel Land wie daheim, und wenn das Haus auch noch nicht so warm und
+bequem war, der nächste Sommer würde das schon bessern. So saß sie denn
+jetzt auch wieder wie vordem in ihrer Ecke im Haus, oder bei schönem
+Wetter unter einem breitästigen Eichbaum vor der Thür im Schatten, wo
+ihr der Sohn ein großes freundliches Asterbeet angelegt, ihre Augen an
+dem Glanz der Herbstblumen zu letzen. So, mit dem Spinnrad vor sich,
+wenn sie auch nur wenig spann, und das mehr aus alter Gewohnheit bei ihr
+stand, legte sie oft die Hände in den Schooß und schaute schweigend und
+still befriedigt die neben ihr spielenden Enkel an, die sich munter auf
+dem Platz da umher tummelten, und amerikanischen Boden gerade so passend
+zu ihren Spielen fanden, wie deutschen.
+
+Georg hatte aber keine Ruhe hier -- ihn drängte es mehr von dem Schicksal
+einer Familie zu hören, deren Wohl ihm warm am Herzen lag, und mit
+Tagesanbruch am anderen Morgen sattelte er sein Pferd, nahm freundlichen
+Abschied von den Leuten, die ihn noch Alle gern vom Schiff und von der
+Farm her hatten, und ritt in scharfem Trabe, Lobensteins Farm für jetzt
+umgehend, dem kleinen Grahamstown zu, dort erst vor allen Dingen mit dem
+Gläubiger des Professors zu sprechen, und zu sehen wie tief dieser
+eigentlich in Schulden stecke.
+
+Etwa um zehn Uhr Morgens erreichte er den kleinen Platz, der noch gerade
+so still und öde lag wie vor zwei Jahren, ja eher noch stiller, noch
+verlassener, denn drei oder vier damals gebaute Häuser waren wirklich
+von ihren Eigenthümern, da alle die großen Verheißungen nicht wahr
+geworden, im Stich gelassen, und gaben dem Ort noch mehr ein wüstes,
+trauriges Aussehn. Auch Ezra Ludkins hatte Lust auszuverkaufen, und
+zu dem Zweck einen großen Anschlag unter seine Seejungfer befestigt,
+welchem zufolge ihn dringende Familienverhältnisse nach Texas riefen,
+und er Haus und Geschäft unter dem Werth losschlagen wolle. Es fand sich
+aber kein Käufer, und Wind und Wetter bekamen es endlich satt, das
+Papier da nutzlos hängen zu sehn, und rissen es herunter.
+
+Ezra Ludkins war übrigens zu Hause, hatte auch freie Zeit genug, denn er
+schien der einzige Gast seines ganzen Hauses, das leer und öde stand und
+mit den nackten Wänden und unbesetzten Tischen recht gut zu der ganzen
+kleinen Stadt paßte, deren erstes Gebäude es gewesen.
+
+Amerika bietet viel solcher Beispiele; wo sich die Wahl für den Bau
+einer Stadt als eine glückliche erwiesen, strömt die Bevölkerung ihr in
+Masse zu, und einzelne Beispiele wie Cincinnati, Milwaukie, Buffalo
+und hundert andere zeigen, welche Lebenskraft in dem Fall in dem
+Volke liegt. Wo das aber nicht der Fall war, wo die Möglichkeit oder
+Zweckmäßigkeit der Verbindungswege falsch berechnet worden, oder, wenn
+die Stadt dicht am Ufer des Flusses lag, dieser vielleicht zufällig
+den Grund zu versanden anfing, wenn auch für jetzt noch Wasser für die
+größten Boote blieb, da war es vorbei mit der _Stadt_; nicht allein
+keine neuen Ansiedler ließen sich dort nieder, nein auch die, die schon
+ein Grundstück gekauft, und viele Hoffnungen früher auf den Platz
+gesetzt hatten, suchten das so rasch als möglich wieder loszuwerden, und
+ließen es lieber ganz im Stich, ehe sie weiter noch Geld und Zeit darauf
+verwandt hätten ihr Glück hier zu versuchen; es gab andere Gelegenheit
+dazu im weiten Land.
+
+Ezra Ludkins schien aber nichtsdestoweniger kaum geneigt, dem jungen Mann
+den Stand der Verhältnisse zwischen ihm und dem Professor, auseinander
+zu setzen; er mochte wohl Hoffnung haben, die für diese Gegend kostbaren
+Meublen, wie die andern mitgebrachten Sachen, auf eine Auktion geworfen
+zu sehn, und dann im Stande zu sein billig genug zu kaufen, da hier
+Niemand Anders fast Gebrauch für solche Gegenstände hatte. Nur erst, als
+Georg in ihn drang, und fest darauf bestand, er sei von dem Professor
+selber abgeschickt worden, die noch bestehenden Rechnungen nachzusehn,
+und so weit das möglich wäre, zu ordnen, entschloß er sich dazu sein
+Buch herbeizuholen, und brachte eine Forderung an den Professor von
+einhundert und dreißig Dollar.
+
+»Aber das Andere, was auf dem Haus noch steht,« drängte Georg.
+
+»Nun das ist _das_ hier,« sagte Ludkins mürrisch, »hol' der Henker einen
+solchen Handel, denn wenn ich gewußt hätte, daß ich so lange auf mein
+Geld warten mußte, wär's mir nicht eingefallen den Platz zu verkaufen
+-- ich hätte zehn andere Käufer gehabt die das Geld baar niederzahlten.
+Baar Geld ist stets noch einmal so viel werth, wie die beste Note.«
+
+»Wieviel ist aber die _ganze_ Summe, die Ihnen der Professor schuldig
+ist?« frug Georg, jetzt ebenfalls ungeduldig werdend, »wenn Sie in
+solcher Eile sind, antworten Sie mir wenigstens einfach auf meine
+Frage.«
+
+»Nun die Antwort habe ich Dir auch einfach genug gegeben,« brummte
+der Pensylvanier -- »wenn Du kein Deutsch verstehst, kann ich's nicht
+helfen -- hundert und dreißig Dollar.«
+
+»Und das ist Alles?« rief Georg, wirklich kaum im Stande sein Erstaunen
+zu verbergen.
+
+»Das ist Alles, wenn er's nur zahlt,« sagte der Pensylvanier.
+
+»Und an den früheren Eigenthümer der Farm hat er keine Verpflichtungen
+weiter?« frug der junge Mann noch einmal vorsichtig.
+
+»Der bin ich; mein Junge hatte sie nur dem Namen nach; -- für hundert
+und dreißig Dollar kann er meinetwegen dort wohnen bleiben, und alle
+seine wahnsinnigen Experimente durchführen nach Herzenslust.«
+
+»Sein Sie so gut und schreiben Sie mir die Quittung,« sagte Georg ruhig.
+
+»Für die ganze Summe?«
+
+»Ja -- bis auf den heutigen Tag für Alles was Ihnen Mr. Lobenstein noch
+schuldet.«
+
+»Das soll schnell genug geschehen sein,« brummte der Pensylvanier, ging
+hinter seine #bar#, wo Dinte und Feder stand, und schrieb die Quittung
+aus. Georg nahm indessen aus seinem Taschenbuch die Summe in guten
+Indiana-Banknoten, die der Wirth jedoch erst höchst aufmerksam und
+sorgfältig nachsah, endlich für richtig befand und den verlangten Schein
+dem jungen Mann aushändigte. Eine Viertelstunde später saß Georg wieder
+im Sattel, und galopirte rasch und mit einem recht freudigen Gefühl in
+der Brust, den schmalen, schattigen Weg hinauf, der nach der »deutschen
+Farm« führte.
+
+Wie hatte sich der Platz verändert, seit dem letzten Jahre; das
+fröhliche regsame Leben was dort geherrscht, war verschwunden, das Haus,
+in dem die Weberfamilie mit den Arbeitern gelebt, stand ganz leer, von
+dem munter blökenden Vieh, das die Fenzen sonst umgeben, war fast
+Nichts mehr übrig geblieben -- eine einzige Kuh und ein paar Schweine
+ausgenommen -- da mit dessen Verkauf die nöthigsten Ausgaben hatten
+gedeckt, die dringendsten Schulden bezahlt werden müssen, und der Platz
+selber verrieth nur zu deutlich, wie keine ordnende Männerhand mehr ihm
+vorstehe, selbst nur ihn so in Stand zu halten wie er war.
+
+Über die Fenz lagen ein paar der im Feld noch gelassenen alten
+abgetrockneten Bäume umgestürzt, und die niedergebrochenen Riegel, mit
+den unausgefüllten Lücken, verschwanden schon allmählich in dem Unkraut,
+das über sie emporwucherte. Der Mais war gereift, aber noch zum Theil
+-- was nicht hatte verkauft werden müssen -- im Felde gelassen, und die
+nicht umgebrochenen Kolben, von Spechten und Krähen angepickt, begannen
+anzufaulen. Der kleine Garten hinter dem Haus sah ebenfalls wüst und von
+Unkraut überwuchert aus; die Frauen hatten nicht Zeit mehr gehabt, vor
+dringenderen Arbeiten, die Blumen zu pflegen, die sie im Anfang gesäet,
+und nur die paar Gemüsebeete, für das Nothwendigste was sie im Hause
+brauchten, waren rein vom Unkraute gehalten, daß die Sonne es bescheinen
+konnte. Selbst über den Weg hinüber lag ein umgestürzter Baum, und der
+Pfad, den sich die Bewohner darum hingemacht, bewieß, wie er schon
+längere Zeit gefallen sein mußte, ohne daß sich irgend Jemand die Mühe
+genommen, ihn hinwegzuräumen.
+
+Es mochte Mittagszeit sein, als Georg den Platz erreichte; kein
+menschliches Wesen war aber in dem breiten Hofraum zu sehn; nur der
+aus dem Haus selber aufsteigende dünne Rauch, wie ein paar einzelne
+scharrende Hühner, verriethen, daß der Ort bewohnt, und nicht ganz
+verlassen sei, und mit klopfendem Herzen ritt er über die niedergeworfenen
+Stangen der Einfriedigung hinweg bis fast an das Haus hinan, band dort
+sein Pferd an und -- zögerte wieder, ob er den Fuß vorwärts setzen und
+die Schwelle jetzt betreten sollte, die bald zu erreichen, er sein Pferd
+fast zu Schanden geritten. Da schlug der Hund an, ein junger Brake,
+den sich Eduard hatte zum Jagdhund dressiren wollen, und der jetzt auf
+eigene Hand des Nachts Opossums und Waschbären in die Bäume jagte und
+Stunden lang darunter vergebens heulte, Hülfe herbeizurufen.
+
+Am Fenster des kleinen Hauses wurde Jemand sichtbar, Georg konnte aber
+nicht gleich erkennen wer es sei, so trübe war ihm das Auge geworden,
+als er die trostlose Veränderung hier erkannte, und langsam schritt er
+auf die Thüre zu, indeß der Hund, der ihn erkannte, an ihm hinaufsprang
+und winselte und bellte.
+
+»Kennst Du mich noch Hektor?« sagte er, des freundlichen Thieres Kopf
+streichelnd -- »hast Du mich nicht vergessen in der langen Zeit?«
+
+»Georg!« rief da eine, oh nur zu wohlbekannte, aber erschreckte Stimme
+dicht vor ihm, und Marie, die aus der Küche unten getreten, zu sehn wer
+da komme, brach todtenbleich in die Knie, und wäre zu Boden gesunken,
+hätte sie Georg nicht in seinem Arme aufgefangen.
+
+»Oh Georg -- Georg ist wieder da!« rief da eine fröhliche Kinderstimme
+und Camilla, die jüngste Tochter Lobensteins, von dem um ein Jahr älteren
+Carl rasch gefolgt, sprang aus der Thür und flog auf den jungen Mann zu.
+Auch Marie hatte sich jetzt wenigstens so weit gesammelt, wieder allein
+stehn zu können, aber noch immer war kein Tropfen Blutes in ihr Gesicht
+zurückgekehrt, doch lenkte der Neugekommene die Aufmerksamkeit der
+Übrigen glücklich von ihr ab.
+
+»Herr Donner?« sagte der Professor, der jetzt ebenfalls in der Thür
+erschien, und den jungen Mann halb erstaunt, halb verlegen erkannte
+-- »aber bitte, kommen Sie näher -- bleiben Sie nicht draußen auf der
+Diele stehn.«
+
+»Mein lieber -- lieber Herr Professor!« rief Georg, dem alten Herrn
+entgegeneilend, und seine Hand herzlich drückend -- »wie freue ich mich,
+Sie so wohl und munter wiederzufinden -- aber -- wo ist die Frau
+Professorin?«
+
+»Sie ist nicht wohl,« sagte der Professor nach kurzer, aber ängstlicher
+Pause -- »Sie wissen vielleicht noch nicht, wie schwer uns das Schicksal,
+seit Sie uns verlassen, in meinen Sohne heimgesucht --«
+
+»Ich weiß es,« sagte Georg leise, und mit tiefem Mitgefühl.
+
+»Seit der Zeit kränkelt meine Frau,« fuhr der Professor langsam fort
+-- »der Schlag damals traf sie zu schwer. Um sich zu zerstreuen und die
+bösen Gedanken loszuwerden, arbeitete sie dabei mehr als ihr gut war,
+und hütet nun jetzt schon seit vier Wochen ununterbrochen das Lager.
+Anna war gerade hinüber gegangen nach ihr zu sehen. Aber komm Marie
+-- setz einen Stuhl zum Tisch für Herrn Donner -- wenn Sie mit uns
+vorlieb nehmen wollen, wir sind gerade bei Tisch, aber Schmalhans ist
+heute Küchenmeister -- Sie haben es sehr unglücklich getroffen.«
+
+Georg -- selber nicht wissend, wie er das, was ihm auf dem Herzen lag,
+beginnen sollte -- setzte sich mit zu Tisch -- die Mahlzeit bestand in
+Kartoffeln mit Butter und einem sehr einfachen Amerikanischen Gericht,
+Hominy -- gequollener und in Wasser abgekochter Mais.
+
+»Wenn Georg die letzte und vorletzte Woche gekommen wäre,« rief Camilla
+dazwischen -- »hätte er auch nichts Anderes gefunden.«
+
+»Mögen Sie das Hominy?« frug der Professor verlegen lächelnd, und
+versuchend die Aufmerksamkeit des jungen Mannes von dem Kinde abzuziehn
+-- »_ich_ habe mich so daran gewöhnt, daß es ordentlich ein Leibgericht
+von mir geworden ist.«
+
+»Wir Andern mögen es aber alle mit einander nicht,« sagte Camilla -- »es
+schmeckt gerade wie Stroh.«
+
+Die Thür ging in diesem Augenblick auf, und Anna's Eintritt unterbrach
+glücklicher Weise die naseweise Bemerkung des Kindes. Anna begrüßte den
+jungen Mann auf das Herzlichste, und auch Marie wurde zutraulicher, und
+gewann ihre ganze Fassung wieder, als sie sah, wie unbefangen sich die
+Schwester mit dem frühern Hausgenossen unterhielt. Georg beseitigte
+dabei auf sehr praktische Weise jede Verlegenheit, die der Professor
+etwa hätte wegen dem Essen fühlen können, indem er, durch den scharfen
+Ritt auch wirklich hungrig geworden, tapfer zulangte, und dem Hominy und
+den Kartoffeln alle nur mögliche Ehre anthat.
+
+»Und wissen Sie, weshalb ich hierher zurückgekommen bin?« frug Georg
+nach beendeter Mahlzeit, indem er lächelnd den Professor ansah, nur aber
+einen ganz scheuen, flüchtigen Blick nach Marien hinüberzuwerfen wagte,
+deren Auge er jedoch nicht begegnete. --
+
+»Weshalb, weiß ich nicht,« sagte der Professor herzlich -- »aber es
+freut mich, _daß_ Sie wiedergekommen sind, und mir wenigstens dadurch
+beweisen, Sie tragen keinen Groll nach, wegen dem Vergangenen.«
+
+»Lieber Professor.«
+
+»Ich hätte selber schon an Sie geschrieben,« fuhr dieser jedoch
+entschlossen fort, »konnte aber von keiner Seite auch nur die geringste
+Nachricht bekommen, _wo_ Sie sich befänden; Sie waren auf einmal
+verschollen und blieben es, von dem Augenblick an, wo Sie den Platz
+verlassen, da Sie Herr von Hopfgarten damals, ein paar Stunden später,
+vergeblich im ganzen Township suchen ließ.«
+
+»Herr von Hopfgarten?«
+
+»Ich erzähle Ihnen die Geschichte ein ander Mal -- aber -- sind Sie
+_zufällig_ wieder in unsere Nähe gekommen, oder haben Sie uns noch nicht
+ganz vergessen gehabt, und absichtlich aufgesucht?«
+
+»Ich bin vier Tage so scharf geritten, wie mein Pferd laufen konnte,«
+lächelte Georg, tief dabei erröthend -- »nur um recht bald hier zu
+sein.«
+
+»Das ist brav, das ist recht brav von Ihnen,« rief Anna freudig, und
+Marie dankte es ihm dießmal mit einem lächelnden Blick.
+
+»Um aber kurz zu sein,« fuhr Georg zögernd und erröthend fort, »so -- so
+möchte ich wieder hier in Arbeit treten, und -- und wenn Sie mir beweisen
+wollen, daß auch Sie keinen Groll mehr gegen mich hegen, vielleicht
+manches voreilig gesprochenen Wortes wegen -- so schicken Sie mich nicht
+wieder fort, sondern behalten mich hier.«
+
+»Ach das ist brav, das ist schön,« rief Carl -- »da brauche ich und
+Marie nicht mehr das schwere Holz aus dem Wald herbeizuschleppen.« Anna
+und Marie aber sahen sich verlegen an und der Vater sagte, ohne die
+Frage direkt zu beantworten und dann Georgs Arm nehmend, zu seinen
+Töchtern:
+
+»Haltet den Kaffee bereit, Kinder, bis wir zurückkommen, ich muß Herrn
+Donner doch einmal zeigen, wie weit wir mit unseren Arbeiten vorwärts
+gelangt sind, seit er uns verlassen, und unterwegs können wir dann auch
+alles Weitere viel besser und bequemer besprechen,« und ihn mit sich
+die Treppe hinunterführend, traten sie in den Hof, wo Georg vor allen
+Dingen sein Pferd absatteln, in den Stall einstellen und füttern mußte,
+und dann mit dem Professor langsam den Weg hinabging, der an den Feldern
+hinführte.
+
+»Lieber Donner,« sagte dieser hier zu ihm, und es war ihm angenehm, daß
+er, neben ihm hingehend', nicht in sein Auge zu schauen brauchte -- »die
+Zeiten, seit wir uns nicht gesehen, haben sich _sehr_ verändert, und
+-- so gern ich Sie wieder auf meiner Farm beschäftigen möchte, ja so -- so
+nöthig ich sogar Jemanden dazu brauchte -- bin ich nicht mehr -- durch
+die dießjährigen niedrigen Getreidepreise noch außerdem gedrückt -- im
+Stande Arbeiter zu halten und -- zu bezahlen.«
+
+»Aber bester Professor --«
+
+»Bitte, lassen Sie mich ausreden,« sagte dieser, fest entschlossen, die
+einmal begonnene Sache nun auch durchzuführen -- »ehe wir von etwas
+Anderem beginnen -- ehe ich Ihren freundlichen Antrag, wieder auf meiner
+Farm eine bestimmte Beschäftigung zu nehmen, zurückweise, bin ich Ihnen,
+mein lieber Donner, eine Ehrenerklärung schuldig, die mir -- thun Sie
+mir die Liebe und unterbrechen Sie mich jetzt nicht -- die mir schon
+lange schwer und drückend auf dem Herzen gelegen.«
+
+»Lieber Herr Professor --«
+
+»Ich bin damals nicht allein unfreundlich, nein, ich bin auch ungerecht
+gegen Sie gewesen,« fuhr aber der Professor entschlossen fort, »und es
+mag Ihnen einige Beruhigung oder Genugthuung gewähren, von mir ganz
+offen das Geständniß zu hören, daß ich durch Schaden habe klug werden
+und die Wahrheit dessen erleben müssen, was Sie gerade vertheidigten,
+und gethan haben wollten.«
+
+»Oh wie gern wollt' ich Unrecht gehabt haben, bester Professor, wenn
+nur --«
+
+»Sie haben _nicht_ Unrecht gehabt,« unterbrach ihn der Professor
+rasch, »und selbst, was Sie mir an dem letzten Morgen über jenen faden
+Dichterling sagten, hat sich furchtbar, viel furchtbarer freilich als
+wir Beide damals ahnen konnten, bewährt. Ich habe schwer -- fast zu
+schwer für meine Leichtgläubigkeit, mit der ich unreifen, oft vielleicht
+selbst eigennützigen Plänen Glauben schenkte, büßen müssen, und wollte
+es gern, wenn nicht -- wenn nicht meine arme Familie jetzt auch so
+schwer darunter leiden müßte. Sie sehn, lieber Donner, ich bin offen und
+aufrichtig gegen Sie, das mag Ihnen den besten Beweis liefern, daß ich
+mein Unrecht gegen Sie bereue.«
+
+Georg war tief erschüttert; das Bekenntniß des sonst so strengen
+abgeschlossenen Mannes, das gerade _ihn_ furchtbare Überwindung mußte
+gekostet haben, machte einen unendlich wehmüthigen Eindruck auf ihn, und
+er brauchte Minuten, sich selber erst wieder so weit zu sammeln, dem zu
+erwidern. Der Professor war indessen an einer Stelle stehen geblieben,
+wo ein dürrer Baum erst ganz kürzlich über die Fenz heruntergeschlagen
+schien, und dieselbe zusammengebrochen hatte, was sich ein paar Schweine
+zu Nutz gemacht, die drinne an einem Kürbiß herumbissen und, als sie
+die Männer kommen hörten, grunzend in das Feld weiterhinein flüchteten.
+
+»Die Farm sieht arg verwildert aus,« sagte Georg endlich leise, eine
+direkte Antwort auf das Geständniß vermeidend, »man sollte kaum glauben,
+daß ein einziges Jahr eine solche Veränderung hervorbringen könnte.«
+
+»Seit dem Tode meines Sohnes,« sagte der alte Herr seufzend, »habe ich
+selber an Allem die Lust verloren, und nichts thun noch arbeiten mögen;
+selbst das Nothwendigste ist liegen geblieben, und der spätere Besitzer
+der Farm mag nachholen, was ich versäumen mußte.«
+
+»Sie wollen fort von hier?«
+
+»Wir brauchen uns über das Hülfsverbum nicht zu täuschen, lieber
+Donner,« sagte der Professor wehmüthig lächelnd, »ob ich _will_ oder
+nicht -- ich _muß_!«
+
+»Und Ihre Familie?« sagte Donner halb vorwurfsvoll.
+
+»Sie haben recht,« seufzte der Mann, »es ist schwer für sie, geht aber
+doch nicht anders an; ich will nach dem »fernen Westen«, wo man, wie ich
+aus sicherer Quelle weiß, ein kleines #improvement# für fünfzig Dollar,
+und vierzig Acker Land für denselben Preis bekommen kann. So viel wird
+mir nach dem Verkauf meiner Sachen und Abzug aller Reisespesen übrig
+bleiben, und wir müssen dort eben ein neues Leben beginnen.«
+
+»Und glauben Sie, daß Ihre Frauen das aushalten würden?« frug Georg ihn
+ernst, »_kennen_ Sie das Leben im Westen, mit seinen Entbehrungen,
+seinen Beschwerden, seinem Klima?«
+
+»Ich habe viel darüber gelesen,« sagte der Professor ausweichend.
+
+»Du lieber Gott,« seufzte der junge Mann, »wenn ich mir da die arme Frau
+Professorin, die zarte Anna und selbst die kräftige Marie denken müßte
+-- ich würde im Leben nicht wieder froh werden.«
+
+»Aber was _soll_ ich thun?« sagte der Professor, froh endlich einmal
+Jemanden zu haben, mit dem er sich aussprechen, gegen den er sein Herz
+erleichtern konnte, »Ihnen gegenüber brauch' ich kein Hehl daraus zu
+machen, denn ich weiß, Sie nehmen Theil an unserem Schicksal, das sich
+nicht allein durch eigene Schuld, sondern auch durch das Zusammentreffen
+unglückseliger Umstände so traurig gestaltet hat. Ich bin nicht im
+Stande das letzte Kaufgeld für die viel zu theuer bezahlte Farm, so
+wenig das sein mag, aufzutreiben, der Bursche in Grahamstown, dem mein
+Mobiliar in die Augen sticht, drängt mich mit der Zahlung, und auch
+meine letzte Hoffnung, Herr von Hopfgarten, ist nicht mehr aufzufinden.
+Ich habe mich nach ihm bei dem Wirth des St. Charles Hotels in New-Orleans
+erkundigt, und wenn mir die Leute die Wahrheit geschrieben, so ist
+Freund Hopfgarten vor kurzer Zeit nach Europa zurückgekehrt. Den Termin
+länger hinauszuschieben bin ich ebenfalls nicht im Stande, und werde
+schon nächste Woche gezwungen sein meine Farm und Mobiliar vielleicht
+für den sechsten Theil dessen was sie mich selber gekostet hat, zu
+verkaufen, und mit den Meinen dann von vorn anfangen zu müssen, ein
+allerdings vollkommen neues Leben zu beginnen.«
+
+»Wenn Sie denn fest entschlossen sind,« rief da Georg, der klopfenden
+Herzens, das Geständniß seiner Liebe zu Marie auf den Lippen, noch nicht
+gewagt hatte damit herauszutreten, »wenn Sie die Wildniß wählen wollen
+und müssen zu Ihrem Aufenthalt -- dann nehmen Sie mich mit und -- seien
+Sie mir mehr als Freund dann, lieber Herr -- seien Sie mir _Vater_
+-- Vater im wahren Sinn des Worts. Lange Monden hin,« fuhr der junge Mann,
+als ihn der Professor staunend ansah, leidenschaftlicher fort, »habe ich
+die Qual der Ungewißheit, die Sehnsucht nach dem einen Wesen auf dieser
+Welt, das meiner Seele Ziel geworden, mit mir herumgetragen -- ich darf
+das nicht länger mehr -- geben Sie mir Marie zum Weibe, lassen Sie
+_mich_ den verlorenen Sohn ersetzen, und nie, nie sollen Sie bereuen mir
+so vertraut zu haben.«
+
+»Mein lieber, lieber Donner,« sagte der Professor, der sich noch immer
+nicht von seiner Überraschung erholen konnte »Sie wollen Ihr Schicksal
+an das einer Familie ketten, die sich -- die sich eben nicht im Glück
+befindet -- und weiß Marie --«
+
+»Noch keine Sylbe -- noch habe ich selber nicht gewagt, ihr meine Liebe
+zu gestehen,« rief Georg, »aber wenn mich nicht Alles täuschte, darf ich
+hoffen.«
+
+Der Professor sah dem jungen Mann lange und fest in's Auge -- bis sich
+sein eigener Blick in langsam aufsteigenden Thränen dunkelte, dann nahm
+er Georgs Hand, drückte sie fest und herzlich, und zog ihn endlich leise
+aber liebend an seine Brust.
+
+»Mein lieber, lieber Vater,« flüsterte Georg.
+
+»Mein lieber, lieber Sohn!«
+
+»Und nun zur Mutter!« rief da Georg, dem Lust und Freude das Herz bald
+in der Brust zu sprengen drohte, »nun zur Mutter, ihr Sorge und Kummer,
+und mit den beiden Menschenquälern auch die böse Krankheit zu nehmen,
+die sie noch an's Lager fesselt. Wir gehen _nicht_ nach dem Westen Vater
+-- wir bleiben _hier_, und die Fenzen werden wieder ausgebessert, das
+Unkraut wird hinausgeworfen aus dem Felde, und die Mühle fertig gebaut,
+dem Wirth in Grahamstown gerad zum Trotz und Ärgern.«
+
+Der Professor schüttelte traurig mit dem Kopf und sagte seufzend:
+
+»Das sind _Pläne_, mein junger Freund, wie sie die _Jugend_ eben
+entschuldigt; das ruhige Alter findet sich nicht mehr so leicht mit
+Unmöglichkeiten ab.«
+
+»Und wissen Sie denn Vater -- o daß ich Sie jetzt -- daß ich Sie
+_endlich_ so nennen darf,« sagte Georg, seinen Arm ergreifend, und ihm
+mit blitzenden Augen in's Antlitz sehend, »daß ich vom Glück begünstigt
+in Michigan in das Haus eines reichen Mannes kam, bei ihm ein Viertel
+Jahr in gutem Gehalt stand und ihm die beiden Kinder, die ihm schwer
+erkrankten, rettete? -- wissen Sie, daß mich der Mann aus Dankbarkeit
+in den Stand setzte, durch den zweckmäßigen Kauf einer Anzahl von
+Bauplätzen in einer neu gegründeten Stadt, in den letzten drei Viertel
+Jahren nur durch einen theilweisen Verkauf derselben Parcellen wieder,
+fünfzehnhundert Dollar an baarem Gelde zu verdienen? -- Und kennen Sie
+die Quittung hier von Grahamstown?« rief er unter vorquellenden Thränen
+lachend aus, »kennen Sie den Autographen von Ezra Ludkins? -- Da behalten
+Sie das Papier und lesen Sie es aufmerksam durch, hoffentlich ist Alles
+in Ordnung und -- mag mich Marie nicht -- sagt sie _nein_ -- ja dann
+soll mich mein Rappe noch heute Abend fort -- weit fort von hier tragen,
+gleichviel wohin. -- Sagt sie aber ja -- oder lacht oder weint sie nur
+-- oder thut sie gar Nichts -- und sieht sie mich nicht einmal an, dann
+-- aber ich kann es wahrhaftig nicht länger mehr in der Ungewißheit
+ertragen; kommen Sie nach Vater, so rasch Sie Ihre Füße tragen, und
+voraus hol' ich mir mein Glück oder Leid aus Mariens Munde!«
+
+Und den Hut freundlich gegen den Professor schwenkend ließ er ihn an der
+hinteren Fenz und am Holzrande zurück, und sprang in flüchtigen Sätzen
+dem kaum verlassenen Hause wieder zu.
+
+Und dort? -- lieber Leser, das ist eine Sache, die nur immer zwei Leute
+auf einmal in der Welt interessirt. Wie »Vielliebchen« aus _einem_
+Mandelkern hat der liebe Gott die Herzen, von denen immer zwei und zwei
+für einander geschaffen sind, über die Welt wild und bunt hinausgestreut
+-- selig die, die ihre Theile wieder zusammenfinden.
+
+Und Marie und Georg _waren_ selig; an dem Abend, neben dem Bett der
+Mutter, der mit der frohen frischen Hoffnung auch wieder neuer Muth,
+neue Kraft in das Herz gezogen, wie es Georg gehofft, saßen sie Hand
+in Hand und plauderten und bauten mit der Schwester Pläne auf, die
+Glücklichen, nach Herzenslust. Und der Vater ging dabei, die Hände auf
+den Rücken gelegt, schmunzelnd auf und ab; in der Kinder jungem Leben
+ging auch ihm ein neues frisches Dasein auf -- die trübe böse Zeit lag
+dahinten, und wenn auch bittere Erfahrungen ihn geprüft, so waren es
+doch eben Erfahrungen geworden, und _auf_ ihnen weiter schreitend, mit
+einer jungen kräftigen Stütze jetzt an seiner Seite, konnt' er der
+Zukunft wieder froh in's Auge schaun.
+
+
+
+
+Capitel 5
+
+Jimmy.
+
+
+Die Fieberzeit, trotz ihren Schrecken von den Amerikanern scherzweis
+»der gelbe Jack« genannt, war vorüber; der Oktober hatte, gleich von
+Anfang an mit kalten und scharfen Nordwest-Winden einsetzend, die Seuche
+seewärts geweht, und die Luft gereinigt, und vom Norden herunter kehrten
+die geflüchteten Bewohner der gefährdeten Stadt in Schaaren zu ihren
+Wohnsitzen zurück.
+
+Welch ein Unterschied zwischen dem New-Orleans jetzt, und dem, vier
+Wochen früher. Welch Drängen und Treiben überall von frischem, fröhlichem,
+kräftigem Volk, das herüber und hinüber drängt, kauft und verkauft, und
+plaudert, lacht und singt. Welch Treiben und Leben an der Levée, wo Boot
+nach Boot, Schiff nach Schiff anlegt, seine Waaren der neugeborenen
+Stadt zuzuführen; welch Treiben und Leben in den Straßen, den kleinen
+Adern des Verkehrs, in denen das warm pulsirende Herzblut herüber und
+hinüber treibt, und nur vier Wochen Unterschied, wie sahen da die
+Straßen aus? -- wie der Strom? -- wo war das Leben, das jetzt, dem
+schäumenden Bache gleich, aus seinen Ufern quoll?
+
+Der Wanderer, der die Stadt in _der_ Zeit, im August und September,
+betrat, und das lebendige Bild von ihr im Herzen, ein fröhlich
+schaffendes, lebenslustiges Volk zu finden erwartete, steht entsetzt
+und traut den Augen kaum.
+
+New-Orleans, des Südens Königin, der keine andere Stadt im weiten Reich
+die Spitze bieten kann, scheint in _der_ Zeit ein weiter offener Sarg
+-- die Straßen liegen todt und leer, der Fußtritt des einzelnen flüchtigen
+Wanderers schallt hohl und unheimlich von den verschlossenen Häusern
+wieder -- dort begegnet ihm ein anderer, eben so rasch, das Tuch am
+Munde -- aber scheu weicht man sich aus und will aneinander vorüber -- da
+zuckt der Fuß fast unwillkürlich -- es ist ein Freund, den man so lange
+nicht gesehn, schon todt gewähnt -- einerlei, vorbei; die Krankheit
+könnte in seiner Nähe weilen, sein Hauch vielleicht sie bringen, und mit
+stummem, traurigem Nicken fliehen sich die Beiden.
+
+Wo ist dann der fröhliche Lärm der Dampfbootlandung, das Rasseln der
+schwerbeladenen Güterkarren mit den trunkenen Irländern, das Singen und
+Lachen der Neger. Dort fährt etwas über das Pflaster -- wie hohl das
+in den leeren Straßen klingt -- es ist nur der Leichenwagen, der im
+scharfen Trab hinausfährt, seine Doppellast abzuwerfen und neue, schon
+lang bestellte Fuhre zu holen. Wo ist das rege geschäftige Treiben der
+Läden -- die meisten sind geschlossen, wer soll jetzt kaufen, und der
+Trauerflor an den Thüren dort und hier, und da und drüben, kündet die
+Stelle, wo sich die Seuche mit den langen gelben, gierigen Krallen ihre
+Opfer herausgeholt.
+
+Und jetzt? -- kaum ein Monat ist verflossen, daß diese Straßen wüst
+und öde lagen, und der große Vernichter seine Erndte in der scheinbar
+menschenleeren Stadt hielt; wo er mit schwülem Flügelschlag über die
+Dächer strich, und rechts und links in boshafter Lust seinen Giftodem
+einbließ in das, in jenes Haus -- und seht, wie das wieder drängt und
+wogt, und lacht und singt und fröhlich ist, und die Todten in ihren
+stillen Gräbern schon lange, lange vergessen hat. Lieber Gott, _Wochen_
+sind ja auch schon darüber hingegangen, und eine fast neue Bevölkerung
+hat Besitz von dem Grund und Boden genommen, den die Seuche gelichtet
+und verödet.
+
+Was damals freilich New-Orleans verlassen _konnte_, that es, und
+die Wirths- und Gasthäuser standen öd' und leer, ja man vermied die
+Schwellen derselben mit scheuer Angst, aus Furcht, gerade dort am
+meisten Kranke zu treffen, und in dem Athemzug vielleicht den Tod schon
+einzuziehen. So flohen auch »das deutsche Vaterland« sechs Wochen lang
+die meisten »Boarder«, aber die dort Wohnenden _konnten_ nicht alle
+fort. Viel arme Deutsche, die mit verspäteten Schiffen nach langer
+Reise hier eingetroffen waren, fanden theils kein Boot mehr, das sie
+mit fortnahm von hier, theils hatten sie kein Geld, die in der Zeit
+entsetzlich hohe Passage zu bezahlen. Die Capitaine der wenigen dort
+anlegenden Dampfer wußten recht gut, daß Alles, was jetzt die Stadt
+verlassen konnte, ging, und rechneten fünf- und sechsfache Passagepreise,
+sich selbst für die Gefahr bezahlt zu machen, der sie die Stirn boten.
+
+So lag eine ganze Schaar Baiern, ohne Mittel fortzukommen, in den
+kleinen dumpfigen Hinterstuben des »deutschen Vaterlands«, und wie die
+Seuche hereinbrach über die Stadt, suchte sie sich schon ihre ersten
+Opfer aus der Schaar.
+
+Im »deutschen Vaterland« war aber indessen auch noch außerdem eine große
+Veränderung vorgegangen, und Hedwig hatte das Haus nicht allein nicht
+verlassen, sondern Franz seinem Vater frei und offen erklärt, daß er das
+junge wackere Mädchen, sobald er nur erst einmal selbstständig dastehe,
+wenn sie ihn haben möge, zum Weibe nehmen wolle.
+
+Den alten Mann fesselte in dieser Zeit ein Sturz, den er von der Treppe
+gethan, an sein Lager, und Franz mußte überdieß indessen die Leitung der
+ganzen Wirthschaft übernehmen. Mit _dem_ Plane seines Sohnes war er im
+Anfang aber gar nicht einverstanden, hatte die und jene Einwendungen,
+erklärte, er sei doch nicht ganz _so_ arm wie Franz zu glauben scheine
+(und wie er ihm allerdings selber oft genug betheuert) und _sein_ Sohn
+könne da wohl schon noch eine bessere Parthie machen, und sich seine
+Frau aus einem anderen Hause -- und wenn es das größte Steingebäude in
+der Stadt wäre -- holen. Da Franz aber, nicht gerade gleich auf eine
+Einwilligung dringend, hartnäckig bei dem einmal gefaßten Entschlusse
+blieb, gewöhnte er sich zuletzt an den Gedanken, und sah, wenn er dem
+Sohne das auch nicht gestand, selbst seiner abnehmenden Kräfte wegen,
+eher noch eine Stütze in dem fleißigen, wirthschaftlichen Mädchen.
+
+Nur der »verschwenderische Geist« des Sohnes, wie er es nannte, machte
+ihm Sorge; er rief ihn deshalb auch oft an sein Bett, und beschwor ihn,
+doch nur um Gottes Willen auf sein eignes Gut mehr zu achten, den
+eigenen Nutzen mehr im Auge zu haben, denn wenn er selber einmal die
+Augen schließe, und nicht mehr rathen, nicht mehr wehren könne, wie
+bald seien dann die paar gesparten Thaler auch wieder fort, an der die
+Undankbarkeit der Menschen schon lange arbeite und wühle und zehre.
+
+Franz hatte ein zu gutes Herz, dem Eigennutz mehr zu folgen als diesem,
+und der Vater würde dem einzigen Sohne auch wirklich schon lange den
+Willen gelassen, und die Wirthschaft ganz übergeben haben, hätte ihn
+nicht Messerschmidt bis jetzt noch immer aus allen Kräften davon
+abgehalten und gewarnt; wie dieser denn auch sein Möglichstes that, die
+Heirath mit dem jungen Hamann und dem fremden »hergelaufenen« Mädchen
+aus allen Kräften zu hintertreiben.
+
+Die Seuche unterbrach das Alles -- Niemand, der nicht mußte, verkehrte
+mit dem Anderen; Messerschmidt selber betrat in dieser ganzen Zeit
+das Haus nicht, Franz aber lernte gerade da den Werth des holden
+anspruchslosen Kindes, mit seiner Aufopferung und Herzensgüte im reinsten
+Lichte kennen. Hier war kein _Schein_ mehr, wo der Tod grinsend und
+drohend an der Schwelle stand; hier war nicht mehr Verstellung denkbar,
+»das Herz des reich geglaubten Wirthssohnes«, wie Messerschmidt dem
+jungen Hamann oft und heimlich warnend zugeflüstert, zu fesseln;
+unbekümmert um Alles, wo sie nur nützen konnte, ging Hedwig ihren
+stillen Weg, und an den Krankenbetten stand sie oft ein Engel des
+Trostes und der Hülfe.
+
+Schon seit Clara damals sich von ihrer Krankheit erholt, und selber im
+Stande gewesen war durch weibliche Arbeiten ihren Unterhalt wenigstens
+zu verdienen, hatte Hedwig Gehalt bezogen, den ihr der alte Hamann
+selber, _trotz_ seinem Geiz, freiwillig erhöht, als er sich doch nicht
+leugnen konnte, wie sie arbeitete und schaffte, und wie sie Alles ihm
+zusammenhielt. Was sie aber an Geld bekommen, nahm die schwere Zeit auch
+wieder fort, denn keine Woche verging, in der nicht hülflose Wittwen und
+Waisen den Sarg des Gatten und Vaters hinausbegleitet zu seiner stillen
+Ruhestätte, dann aber selber verlassen und allein in der fremden Welt
+gestanden hätten, die ihnen eine Heimath werden sollte, und jetzt nur
+Tod und Elend zeigte, wohin sie schauten. Für wie viele zahlte sie da
+nicht das Passagegeld auf den einzelnen Dampfbooten, sie nur fort, einer
+gesunden Gegend zuzubringen, ehe sie hier ihr Letztes verzehrt, und mehr
+noch vielleicht von ihren Lieben begraben mußten; wie viele unterstützte
+sie hier mit Rath und That, löste die schon versetzten Koffer für sie
+ein, und zog sich scheu und schüchtern in ihr kleines Kämmerchen zurück,
+wenn ihr die Leute nur dafür danken wollten, was sie gethan.
+
+Mit der gesunden Jahreszeit kehrte aber auch die gewöhnliche Arbeit
+wieder für das deutsche Gasthaus; Schiff nach Schiff traf ein, alle mit
+Auswanderern schwer beladen, und da sich nicht Alle gleich entschließen
+konnten die eben betretene Stadt, die keine Spur der überstandenen Pest
+mehr zeigte, gleich wieder zu verlassen, füllten sich die Gasthäuser,
+wie das um diese Zeit fast stets der Fall ist, bis unter die Dächer mit
+Fremden und ihren Gütern an. Dieß war auch immer die geschäftigste und
+einträglichste Zeit für den alten Hamann gewesen, und jetzt saß er, in
+sein Zimmer gebannt, regungslos fest auf seinem Stuhl, und durfte und
+konnte nicht hinaus.
+
+Zuerst quälte und sorgte er sich denn auch ab dabei, und wollte es wohl
+gar erzwingen, trotz allen Ärzten und Medicinen; endlich sah er aber
+doch wohl ein daß es nicht ging, daß er sich Ruhe gönnen müsse, bis ihn
+die Glieder wieder trügen, und die Hauptarbeitszeit wohl überhaupt für
+ihn vorbei sei. Der Sohn drängte und bat dabei daß er nun endlich in
+seine Verbindung mit Hedwig willigen möchte; es sei ein anderes Leben
+wenn eine _Hausfrau_ in der Wirthschaft wäre, besonders _solche_
+Hausfrau, und er, der Vater selber, könne ruhiger sein, wo er nicht
+_fremden_ Menschen nur sein Eigenthum anzuvertrauen habe.
+
+Der alte Hamann gab endlich seine Einwilligung, und Hedwig, die dem
+jungen Mann von Herzen zugethan war, und mehr fast noch in dem Bewußtsein
+nun freier handeln, noch mehr Gutes thun zu können, sich wohl und
+glücklich fühlte, legte am Altar ihre Hand in die seine, und zog als
+_Herrin_ in das Haus hinein, das sie in Noth und Sorge, als Dienerin
+betreten.
+
+Franz schwelgte in der Zeit in einem Meer von Wonne, und wenn er auch
+von seinem Vater -- der Termin dazu war auf den ersten December
+festgesetzt worden -- die ganze unbeschränkte Führung des Hauses noch
+nicht überkommen hatte, fühlte er sich doch zu glücklich im Besitz
+seines braven, inniggeliebten Weibes, anderen Gedanken in dieser Zeit
+noch Raum zu geben. Hedwig aber wirthschaftete nach wie vor, in stiller
+anspruchsloser Weise -- wo sie helfen konnte, half sie gern, und das
+»deutsche Vaterland,« früher der einträglichste Platz für alle Arten
+diebischer Agenten, und die Höhle, in der hunderte von armen Einwanderern
+ihr Alles verloren, und nackt in die Welt hinausgestoßen wurden, schien
+ein Asyl der Hülfsbedürftigen zu werden, und erweckte deshalb auch
+besonders in den Herzen einzelner, bei dem früheren Gewinn Betheiligter,
+rege Besorgnisse.
+
+Unter diesen standen der Agent Messerschmidt, und Jimmy der Barkeeper
+vorne an, denen Beiden die Hochzeit zwischen den jungen Leuten ein Dorn
+im Fleisch geworden, und was sie nicht mehr hintertreiben konnten,
+suchten sie wenigstens so viel als möglich zu stören. Franz wußte das,
+vermochte aber noch nicht selber irgend etwas mit Beiden anzufangen, bis
+er nicht die Wirthschaft allein in Händen hielt, und als unumschränkter
+Herr darin gebieten konnte. Der Tag rückte jedoch mehr und mehr heran,
+und als der November endlich verflossen war und der alte Hamann am 1sten
+Morgens, wie schon früher verabredet, einen Advokaten zu sich in's
+Zimmer kommen, und in dessen Gegenwart dem einzigen Sohne schon bei
+seinen Lebzeiten Haus und Wirthschaft überschreiben ließ, war Franzes
+_erstes_ Geschäft, hinunter in die Bar zu gehn und dem darüber
+allerdings verdutzten Jimmy, wie ihr Contrakt zusammen lautete, mit
+vierwöchentlicher »Warnung« auf den ersten Januar des nächsten Jahres zu
+kündigen.
+
+»Jimmy,« sagte er, als er zu dem Burschen hinunter in den gerade
+unbesetzten Schenkraum kam, »ich bin jetzt eben Herr hier im Haus
+geworden, und da wir Beide nicht recht zusammenpassen, meine Frau mir
+auch Manches von Euch erzählt hat was mir nicht gefällt, so ist's
+besser, daß Ihr zu der zwischen Euch und meinem Vater abgemachten Zeit
+das Haus verlaßt. Heute ist der erste December -- am ersten Januar könnt
+Ihr eine andere Stelle antreten, und habt bis dahin Zeit Euch umzusehen;
+wollt Ihr aber früher fort, hält Euch Niemand hier -- verstanden?«
+
+»Das war deutlich genug Mr. Hamann, #anyhow#,« sagte Jimmy, der dabei
+wieder ganz in Gedanken an seiner Lieblingsbeschäftigung begann -- die
+Finger zu knacken, »werde aber von Ihrer Güte wohl keinen Gebrauch
+machen, _vor_ der bestimmten Zeit, da ich dann ebenfalls zu heirathen
+gedenke. Sonderbar -- wollte Ihnen auch heute aufsagen.«
+
+»Desto besser, Jimmy,« sagte Franz, »dann haben wir Einer dem Andern
+nicht weh gethan, und können und werden uns ziemlich gut ohne einander
+behelfen.«
+
+»Jes,« sagte Jimmy, eine gleichgültige Miene dabei annehmend, »verdammt
+gut, denk' ich mir so; -- werden eine _sehr_ schöne Wirthschaft hier
+anrichten, Mr. Hamann _junior_.«
+
+»Jes, Jimmy -- denk' ich mir so,« lachte Franz leise vor sich hin, und
+verließ dann, ohne sich weiter um den Menschen zu bekümmern, das Zimmer.
+
+»Denk' ich mir so -- Einfaltspinsel« -- knurrte der Barkeeper finster
+und verdrießlich hinter seinem neuen Principale her -- »_Du_ wirst noch
+Manches zu denken kriegen, mein Bursche, bis wir Beiden auseinander
+sind, denk' _ich_ mir so. Und noch bist Du mich auch nicht los, und es
+müßte doch mit dem Henker zugehn, wenn zwischen hier und da nicht noch
+was auftauchen sollte, was der Sache eine andere Wendung gäbe. _Was_,
+weiß ich freilich selber noch nicht, aber daß Jimmy eine sich etwa
+bietende und ihm passende Gelegenheit nicht unbenutzt wird vorübergehn
+lassen, darauf mein Juwel, könntest Du allenfalls Gift nehmen.«
+
+»Hallo Jimmy,« sagte da eine bekannte Stimme, und als sich der Barkeeper
+rasch nach der Thür umdrehte, sah er den eben nur hereingesteckten,
+etwas dicken Kopf des Agenten Julius Messerschmidt.
+
+»Ah -- Ihr kommt gerade recht Alterchen,« sagte Jimmy, in einer Art
+Instinkt dabei hinter die Bar tretend und zwei Gläser umsetzend -- »was
+trinkt Ihr?«
+
+»Immer Brandy Jimmy, im Winter,« sagte Messerschmidt jetzt ganz zur
+Thüre hereinkommend, und den Kautabak, den er nach Amerikanischer Sitte
+im Munde hielt, daraus entfernend, dem besprochenen Getränke Raum zu
+geben; »immer Brandy, und im Sommer erst recht Brandy, denn da kühlt er;
+besonders wenn er so gut ist wie der Hamann'sche.«
+
+»Ihr seid doch der Einzige der ihn lobt, weil Ihr ihn selbst geliefert
+habt;« lachte Jimmy.
+
+»Unsinn, Jimmy -- baarer Unsinn -- an dem Brandy hab' ich mein Geld
+verloren, und such' es nur dadurch wieder einzubringen, daß ich recht
+viel davon trinke. _Der_ Brandy ist spottbillig mit sechs Cent das Glas,
+und an der Levée verkaufen sie ihn aus demselben Faß für zwölf und einen
+halben.«
+
+»Werden wohl ihre Gründe dafür haben,« meinte Jimmy, »aber was führt
+_Euch_ gerade _heute_ Morgen her?«
+
+»Mich _gerade_ heute? -- ist heute ein besonderer Tag, Jimmy?« frug
+Messerschmidt.
+
+»Hm, nicht das ich wüßte,« meinte Jimmy, der erst herauszubekommen
+wünschte, was der Agent hatte, ehe er ihm von dem heute abgeschlossenen
+Vertrag zwischen dem alten und jungen Hamann sagte. Er wußte recht gut,
+wie Messerschmidt bei dem letzteren angeschrieben stand.
+
+»Nun also, Jimmy;« meinte Messerschmidt, »aber Ihr könnt mir wohl sagen,
+wie's mit dem _Alten_ steht; ich möcht' ihm ein Anerbieten machen.«
+
+»Nicht zu sprechen,« sagte Jimmy trocken, »alle Geschäfte heute an die
+junge Firma angewiesen.«
+
+»Hm -- mit dem _Jungen_ hab' ich gerade nicht gern viel zu thun,«
+brummte der Agent langsam zwischen den Zähnen durch, »wenn aber der Alte
+ja sagt, kann _der_ mir auch den Hobel ausblasen. Also den Alten kann
+man nicht sprechen?«
+
+»Ertheilt Niemand Audienz.«
+
+»Und wo ist der Junge?«
+
+Jimmy mache eine entsprechende Bewegung mit dem über die Schulter
+gestoßenen Daumen nach dem Hof hinaus.
+
+»Wollt Ihr ihn einmal rufen, Jimmy?«
+
+»Wenn's sein _muß_, ja,« sagte dieser.
+
+»Apropos Jimmy --«
+
+»Nun? -- was giebt's noch?«
+
+»Wißt Ihr, die Mecklenburger Bauern, die ich Euch gestern zugebracht --«
+
+»Nun? -- kein Geld?«
+
+»Kein Geld?« -- wiederholte der Agent, indem er die Lippen vorspitzte,
+so weit er sie bringen konnte -- »oh Jimmy, wenn wir Beide das nur
+hätten, was in den zwei grünen Koffern steckt -- nachher könnten wir
+zufrieden sein.«
+
+»Nun, wird das Große eben nicht sein,« meinte Jimmy gleichgültig.
+
+»Das Große nicht sein? -- wenn _ich_ ihnen nicht hätte Amerikanisches
+Gold für Dänisches geben müssen -- und das Säckchen voll, was da drin
+stand -- und die goldenen Uhren und Ketten die daneben lagen. Die
+Menschen müssen ein heidenmäßiges Geld haben, und das ist nur erst ein
+_Theil_, denn das Meiste haben sie, wie sie sagen, zu Hause gelassen,
+um mit dem erst einmal zu probiren, wie es hier eigentlich ist.
+-- Jammerschade, daß sie keine Schwiegersöhne brauchen.«
+
+»Wir Beide wären ein paar kostbare Exemplare,« schmunzelte Jimmy.
+
+Die beiden liebenswürdigen Gesellen lachten noch zusammen als die Thür
+aufging, und der junge Hamann wieder in's Zimmer trat.
+
+»Ah Franz, das ist mir lieb, daß Sie kommen,« sagte Messerschmidt in
+seiner vertrauten Weise; »ich hatte eine Bitte an den Alten, aber da ich
+höre, daß er noch auf der Kante liegt, können Sie mir auch den Gefallen
+thun.«
+
+»Und das wäre?« sagte Franz, dem Mann ruhig in's Gesicht sehend.
+
+»Sie wissen, daß ich in letzter Zeit ein Bischen in Geldverlegenheit
+gewesen bin,« sagte der Agent, »das verdammte Spielen, was ich schon so
+oft verschworen, hat mich wieder einmal angeführt, und ich mußte sogar,
+wogegen ich mich bis jetzt hartnäckig gesträubt, mein Quadroonmädchen,
+das allerdings das letzte Jahr in einem fort gekränkelt und keinen
+Dollar verdient hat, verkaufen. Ein deutscher Violinspieler hatte einen
+Narren an ihr gefressen und mir die Dirne noch gut genug bezahlt; jetzt
+hab' ich Niemand Anderem im Haus; Lohn möcht' ich auch nicht gern viel
+zahlen --«
+
+»Bitte, kommen Sie zur Sache,« sagte Franz.
+
+»Nun die ist einfach genug,« meinte Messerschmidt -- »Sie haben da ganz
+kürzlich ein paar arme, aber ganz hübsche Braunschweiger Mädchen in's
+Haus genommen, die der jungen Frau glaub' ich, um ihren Boarding zu
+bezahlen, mit in der Küche helfen -- bitte -- Sie brauchen sich deshalb
+gar nicht zu entschuldigen --« setzte er rasch hinzu, als ob er etwas
+Derartiges von dem jungen Hamann vermuthete -- »das versteht sich von
+selber, und ist ganz in der Ordnung; aber ich möchte gern eine von
+denen, die Jüngste hat mir am besten gefallen, zu mir in's Haus nehmen,
+das zu besorgen, was ich eben zu besorgen habe; sollte sie dann etwa
+noch eine Kleinigkeit im Hause schuldig sein, so könnten wir das ja am
+nächsten _Geschäfte_ abrechnen.«
+
+»Ist sonst noch etwas, Herr Messerschmidt, was Sie vielleicht an das Haus
+hier zu fordern haben?« sagte Franz ruhig.
+
+»Für den Augenblick Nichts; die letzte Sendung Mecklenburger hat mir Ihr
+Alter ja gleich ausbezahlt; ich war damals besonders klamm.«
+
+»Also sind wir Ihnen weiter Nichts schuldig?«
+
+»Nicht einen Cent, bewahre, aber ich hoffe Ihnen morgen früh vielleicht
+--«
+
+»Erlauben Sie mir Ihnen dann zu bemerken,« unterbrach ihn Franz ziemlich
+kalt und trocken, »daß von jetzt an jede Geschäftsverbindung zwischen
+uns aufgehört hat --«
+
+»Unsinn, Franz -- Sie wissen ja --«
+
+»Entschuldigen Sie, mein Name ist für _Sie_ Mr. Hamann; mein Vater hat
+heute die Führung dieses Hauses in meine Hände gelegt, und ich ersuche
+Sie, alle weiteren Bemühungen für mich zu unterlassen.«
+
+»Hoho« -- rief Messerschmidt dunkelroth im Gesicht werdend, und sich
+hoch dabei aufrichtend -- »weht der Wind aus _der_ Richtung, und hat der
+Alte richtig den dummen Streich, gemacht?«
+
+»Ich verbitte mir solche Bemerkungen, Herr Messerschmidt --«
+
+»Oh Herr -- ich werde Ihre Schwelle nicht mehr betreten --«
+
+»Ich bin davon überzeugt,« sagte Franz, vollkommen ruhig, »würde auch
+sonst mich in die unangenehme Nothwendigkeit versehn, Sie
+hinauszuwerfen.«
+
+»Herr Hamann!« rief der Agent drohend.
+
+»Herr Messerschmidt?« sagte Franz ihm ruhig aber fest und entschlossen
+in's Auge sehend.
+
+»Es ist gut!« rief dieser, keineswegs gewillt dem jungen Mann
+entgegenzutreten; »das ist mein Dank jetzt für die jahrelange Protektion
+dieses Hauses, das aber jetzt _kein_ Gast mehr betreten soll, den _ich_
+daran verhindern kann.«
+
+»Sie werden zu spät zu Ihrem #Lunch#[4] kommen,« sagte Franz ziemlich
+bedeutungsvoll auf die Thür zeigend.
+
+»Jimmy, Sie sind mein Zeuge, wie ich hier behandelt werde,« rief
+Messerschmidt mit gekränktem Stolz, »Sie werden mir dafür Rede stehn
+müssen, Herr Hamann.«
+
+»Sie werden wirklich zu spät zu Ihrem #Luncheon# kommen,« sagte der
+junge Hamann, die Thüre jetzt selber öffnend und mit einer ungeduldigen,
+nicht miszuverstehenden Bewegung hinausdeutend.
+
+»Guten Morgen Herr Hamann!« rief da der Agent, bebend vor Zorn, drückte
+sich den Hut fest in die Stirn, und flog im nächsten Augenblick voll
+und breit gegen die Gestalten zweier anderer Männer an, die eben im
+Begriff waren, die beiden steinernen Stufen in das Schenkzimmer
+hinaufzusteigen.
+
+»Hallo,« sagte der Erste von diesen, nur mit Mühe sein Gleichgewicht
+bewahrend und dem Davonstürmenden erstaunt nachsehend, »der hat's
+verdammt eilig -- das Gesicht sollt' ich auch kennen, ging der
+freiwillig, oder _wurd'_ er gegangen?«
+
+Der junge Hamann warf einen flüchtigen Blick auf die neu Eintretenden
+und drehte sich dann, ohne sich weiter mit ihnen einzulassen, rasch
+herum und verließ das Zimmer.
+
+»Alle Wetter, Mr. Meier!« rief da der Barkeeper den früheren »Boarder«
+erkennend -- »wo haben Sie die Zeit gesteckt -- man hat Sie ja mit
+keinem Auge mehr gesehn.«
+
+»Geschäftsreisen, mein junger Freund, Geschäftsreisen,« sagte der
+Passagier der Haidschnucke, indem er die Augenbrauen in die Höhe zog,
+und mit den Achseln zuckte, »komme gerade von Milwaukie herunter, die
+»balsamische Luft« des Südens einzuathmen. Aber weshalb war der Mann,
+der da zur Thür hinaussprang und mich beinah über den Haufen warf, so in
+Eile? -- irgend etwas Unangenehmes vorgefallen?«
+
+»Häusliche Scenen wie sie manchmal in einer Familie vorkommen,« lachte
+Jimmy ausweichend -- »soll ich Gläser aufsetzen?«
+
+»Hm, ja -- aber nicht hierher,« sagte Meier -- »gebt uns ein paar Glas
+rechten steifen kalten Punch -- lieber etwas reichlich Zucker und
+Citrone, aber desto mehr Arrak -- dort in das Eßzimmer an den kleinen
+Ecktisch -- wir haben 'was mit einander zu reden -- werft auch ein paar
+Stück Eis hinein, und wenn Ihr noch zwei andere Gläser in Vorrath macht,
+schadet's ebenfalls Nichts -- wir sind alle Beide durstig.«
+
+»Ich auch,« sagte Jimmy.
+
+»Gut mein Herz, macht Euch dann auch ein Glas zurecht; uns aber nicht
+schlechter, verstanden? -- werdet ja wohl irgendwo so eine bestaubte
+Flasche noch stecken haben.«
+
+Meier winkte dabei seinen Gefährten ihm zu folgen, und ging mit ihm in
+das Nebenzimmer, wo ein paar deutsche Zeitungen auflagen, und sie, mit
+diesen zwischen sich, ohne jedoch darin zu lesen, an einem kleinen Tisch
+dicht am Fenster und der nächsten Wand, Platz nahmen.
+
+»Nun, was war's also Kamerad, was Du mir sagen wolltest,« frug hier
+Meier seinen Gefährten -- »wir sind hier ungestört.«
+
+»Wißt Ihr, was aus Euerer Frau geworden ist?« frug der Andere, eine
+kleine, gedrungene Gestalt mit struppigem, grau gesprenkelten Bart und
+darüber unstät umhersuchenden kleinen grauen, stechenden Augen, sonst
+aber in anständiger behäbiger Tracht.
+
+»Meiner _Frau_?« sagte Meier erstaunt, »wie kommt Ihr auf die? _lebt_
+sie denn noch?«
+
+»Ein zärtlicher Gatte, das muß wahr sein,« lachte Pelz -- auch
+eigentlich ein alter Bekannter von uns, wenn auch jetzt in anderer
+Schaale -- »sie war noch vor acht Tagen hier in New-Orleans.«
+
+»'S ist mir lieb daß Ihr sagt sie _war_« -- brummte Meier, »hol' der
+Teufel das Weibervolk, das flennt und heult und wimmert und ist immer
+eine Kette am Fuß, wo der Mann einmal einen raschen, entscheidenden
+Schritt zu thun gedenkt. Wo ist sie hin?«
+
+»Zu Schiff fort.«
+
+»Zu Schiff?« rief Meier, rasch und erstaunt in seinem Stuhle auffahrend.
+
+»Mit einem deutschen Schiffe zurück,« bestätigte aber der Andere.
+
+»Nach _Deutschland_ zurück; ist sie denn toll? -- aber Ihr habt Euch
+geirrt, Pelz, das kann sie nicht gewesen sein.«
+
+»Geirrt? -- ich werde die Frau nicht kennen;« sagte der Mann mürrisch
+-- »sie sah noch dazu weit besser aus als an Bord, ging einfach und
+reinlich gekleidet, und hatte 'was höllisch Ordentliches an sich; trug
+auch keinen Schmuck mehr, weder am Hals noch in den Ohren, und kam mir
+nur verdammt elend vor.«
+
+»Und hat sie _Euch_ gesehn?«
+
+»Ja; aber ob sie mich nicht gekannt hat, oder mich nicht kennen wollte,«
+sagte Pelz, »weiß ich nicht. Sie sah mir ein paar Secunden starr in's
+Gesicht, und ging dann still und ernst an mir vorüber auf's Schiff, das
+etwa eine halbe Stunde später seine Taue einholte und, von einem Dampfer
+in's Schlepptau genommen, den Strom hinunter qualmte.«
+
+»Glückliche Reise,« brummte Meier, sein Glas, das ihm in diesem
+Augenblick Jimmy hereinbrachte, auf einen Zug leerend.
+
+»Danke,« sagte dieser etwas erstaunt, »aber woher wißt _Ihr_, daß ich
+fort will?«
+
+»Ihr?« sagte Meier, mit einem halbspöttischen Lächeln den Barkeeper über
+sein Glas ansehend, »nun dazu braucht man kein Prophet zu sein; Ihr habt
+Euch ja, so lange wir hier sind, die Gelenke schon in einem fort zum
+Marschiren eingerenkt.«
+
+»Hundeleben hier,« sagte Jimmy, der sich Meiers Einladung nach sein Glas
+mit zum Tisch gebracht hatte, und jetzt daran nippte, »möchte hier nicht
+länger _abgemalt_ sein.«
+
+»Wär auch Schade um die Farbe,« lachte Meier -- »aber was ist im Wind?
+-- Skandal im Haus?«
+
+»Neue Wirthschaft!« sagte Jimmy mit einem vorsichtigen Blick nach der
+Thür -- »_moralische_, verstanden? -- der Sohn hat die Haushälterin
+_endlich_ geheirathet, und nun wird's _fromm_ im Hause hergehn. _Wie_
+das Geld verdient ist, kommt jetzt nicht mehr darauf an; obendrauf legt
+man ein Gesangbuch.«
+
+»_Viel_ Geld hier verdient, sollt' ich denken,« sagte Meier, den Rest
+seines Glases hinunterspülend und dieses dem Barkeeper zu neuer Füllung
+hinreichend.
+
+»Ein Haufen,« versetzte dieser, aber wieder leise -- »der Alte muß oben
+einen Kasten voll haben, Gott weiß wie groß.«
+
+»Kostet auch viel so eine Wirthschaft,« sagte Pelz, ruhig vor sich
+niedersehend -- »wer das nicht weiß, glaubt's kaum -- das geht meist
+Alles wieder d'rauf.«
+
+»Wie Ihr's versteht,« rief Jimmy, in Eifer gerathend, seine Behauptung
+bezweifelt zu sehn; _ich_ weiß was da _hinauf_ gekommen ist, und daß
+Nichts wieder herunter geht, denn Alles, was die Wirthschaft selber
+kostet, wird aus der Kasse hier bestritten -- _so_ scharf geht's. Wenn
+der alte Hamann in seinem Geldkasten oben nicht seine _Hunderttausend_
+liegen hat, will ich Holz hacken mein Lebelang.«
+
+»Noch ein Glas, Jimmy, bitte,« sagte Meier -- »mein Kamerad ist auch
+fertig, und _Ihr_ trinkt so langsam, als ob's Wasser wäre, wir haben
+Durst.«
+
+»Gleich,« sagte Jimmy, mit den Gläsern wieder zurück in die Bar gehend,
+während die beiden Männer bedeutsame Blicke mitsammen wechselten.
+
+»Ich glaube, der Junge taugte dazu,« flüsterte Pelz leise und rasch.
+
+»Vielleicht -- vielleicht auch nicht,« sagte Meier, mit dem Kopf
+schüttelnd -- »nur um Alles in der Welt vorsichtig.«
+
+»Nu versteht sich; aber _der_ weiß Hausgelegenheit --«
+
+»Pst -- er kommt.«
+
+»Da -- _der_ wird Euch noch besser schmecken,« sagte Jimmy, mit den
+frisch gefüllten Gläsern hereinkommend, und die Lippen schon im Voraus
+ableckend, »der ist famos.«
+
+»Ne zum Donnerwetter Jimmy, das sollte mir wirklich leid thun wenn Ihr
+fort gingt,« sagte Meier -- »wo kriegt denn der Esel von Wirth auch
+gleich wieder einen solchen Barkeeper her? Ihr kennt doch das Geschäft
+von innen und außen.«
+
+»Sollt' es denken,« brummte Jimmy an seinem zweiten Glas vorsichtig
+nippend.
+
+»Und das Haus und die Wirthschaft --«
+
+»Wie meine Tasche, jede Ecke, jeden Winkel drinne.«
+
+»Apropos Jimmy,« sagte Meier, seinen Punch dabei mit dem Löffel umrührend,
+»ist noch Platz hier im Haus für uns Beide?«
+
+»Das wird schwer halten,« meinte der Barkeeper, die Augenbrauen in die
+Höhe ziehend -- »so arg ist's noch beinah nicht gewesen wie heuer, mit
+der Einwanderung.«
+
+»Oh das wird alle Jahr besser, Kamerad,« lachte der Alte dazwischen
+-- »je hübscher sie's drüben in Deutschland treiben, desto mehr Leute
+glauben, daß sie so ein Glück gar nicht verdienen. Wie bei einem vollen
+Kelterfaß -- je mehr man oben drauf preßt, je mehr läuft über den Rand
+fort, bis die Presse unten aufsitzt -- und dann kann man vielleicht
+wieder frisch nachgießen.«
+
+»Und das _Beste_ läuft oben ab,« sagte Jimmy, nicht ohne einen gewissen
+Humor die Beiden betrachtend.
+
+»Wenn man _uns drei_ hier ansieht,« bestätigte Pelz, »sollte man's
+beinah glauben.«
+
+»#Don't flatter me, Mr. Mac Karthy# wie die Wittwe sagte,« meinte Jimmy
+in einem breiten Schmunzeln.
+
+»Also es wird wohl noch Platz für uns werden, nicht wahr Jimmy?« nahm
+Meier die vorige Frage wieder auf.
+
+»Platz? ja das weiß ich wahrhaftig nicht; wenn's _gestern_ gewesen wäre,
+wo noch vernünftige Menschen im Hause regierten, ja, da wäre Platz
+_gemacht_ worden, wenn keiner mehr da war; ob sich aber der gestrenge
+Herr von _Heute_ dazu verstehen wird, ist eine andere Frage -- es könnte
+Einer von dem Bauerpack dabei _incommodirt_ werden, und in der Hinsicht
+werden jetzt furchtbar strenge Rücksichten genommen.«
+
+»Hm so? und erst seit heute Morgen?«
+
+»Heute ist die Geschichte an den jungen Hamann übergeben worden,« sagte
+Jimmy leise, »und der Alte lebt von jetzt ab von seinen Interessen.«
+
+»Alle Wetter, da muß er sich einen hübschen Pfennig gespart haben,«
+sagte Meier, dem Barkeeper mit dem linken Auge zuwinkend, »wenn _wir_
+das hätten, Jimmy, _wir_ legten's nicht hin, einen faulen Bauch bis an
+sein Ende zu füttern, so viel weiß ich.«
+
+»Ne, das ist sicher,« sagte Jimmy, der plötzlich wieder an seinen Fingern
+begann, »aber an unser Einen kommt so 'was auch nicht.«
+
+»Ih nu,« brummte Pelz, sich seinen kurzen Bart kratzend, »die
+Mecklenburger z. B., die vor ein paar Tagen hier eingezogen, sind doch
+auch nur ganz gewöhnliche Bauern, und _ich_ möcht' es nicht auf einmal
+fortschleppen, was sie in ihren Koffern mit herumführen.«
+
+»Die Koffer sind mordmäßig schwer,« betheuerte Jimmy.
+
+»Jimmy, 's ist wahrhaftig Schade, daß Ihr hier Euere Fähigkeiten so
+nutzlos verschwendet, Brandy und Bier einzuschenken,« meinte Meier,
+nach kurzer Pause -- »ich wüßte eine famose Beschäftigung für Euch.«
+
+»Und die wäre?« frug der Barkeeper neugierig.
+
+»Wir sprechen ein andermal darüber,« erwiederte Meier ausweichend,
+»wenn's nur einen Platz für uns im Hause gäbe.«
+
+»Ich denke, ich kann noch einen schaffen,« sagte Jimmy, sich die Sache
+ein wenig überlegend -- »Ihr macht Euch doch natürlich Nichts draus in
+_einem_ Bett zu schlafen?«
+
+»Keine Objektion in der Welt,« betheuerte Meier.
+
+»Und die Aussicht ist auch ziemlich gleichgültig?«
+
+»Total.«
+
+»Gut, gleich über den Mecklenburgern ist noch ein kleines Käfterchen mit
+einem Bett drin, dicht unter dem Dach; sonst nicht viel Bequemlichkeiten
+oben, aber famose frische Luft, wenn Ihr _das_ haben wollt, frag ich den
+Schlaps, den jungen Herrn Hamann gar nicht, und schaff Euch hinauf. Aber
+wo ist Euer Gepäck?«
+
+»Kommt in einer halben Stunde etwa mit der #dray#. -- Also sind wir
+eingezogen?«
+
+»Denke so,« sagte Jimmy, die geleerten Gläser mit dem dazu gelegten
+Geld mit fortnehmend nach der Bar. Ohne dann weiter seinen jungen Herrn
+um Erlaubniß zu fragen, wieß er den beiden neuen Gästen ihr kleines
+Kämmerchen an, es ihnen selber überlassend, ihr Gepäck hinaufzuschaffen,
+und ging wieder in die Bar hinunter, wo er, die Hände auf dem Rücken,
+mit raschen Schritten und in tiefen Gedanken auf- und ablief. Das
+Gespräch mit den beiden Leuten hatte ihn auf allerlei Ideen gebracht,
+und Jimmy brauchte einige Zeit, die gehörig zu verarbeiten.
+
+
+
+
+Capitel 6.
+
+Kapellmeister Eltrich.
+
+
+Das Paketschiff von Havre war angekommen, und von den verschiedenen
+Passagieren desselben hatte sich Einer, der im St.-Charles-Hotel
+abgestiegen, kaum Zeit genommen, seine Kleider zu wechseln und war dann,
+jedenfalls dringende Geschäfte zu besorgen, ein paar Stunden lang Straße
+auf und ab in der Stadt gefahren, bis er endlich am unteren Markt sein
+Fuhrwerk ablohnte, und müde und erhitzt in eine der dort befindlichen
+kleinen Eisbuden trat, sich abzukühlen und ein Glas Sherbet zu trinken.
+
+Die Passage da vorbei war sehr belebt, kleine Gruppen von Kaufleuten
+standen überall zusammen, Geschäfte wurden entrirt und abgeschlossen,
+Aufträge gegeben und genommen und selbst neben dem Glas Gefrorenen in
+der Bude, das oft unbeachtet zusammenschmolz, hatten die Leute ihre
+Brieftafeln vor sich liegen, und notirten und rechneten mitsammen, und
+ordneten die Bestimmungsorte jener Wälle von verschiedenen Waaren, die
+draußen an der Levée durch Tausende von Händen aufgehäuft, und zugleich
+wieder durch andere fortgeführt wurden, ohne sich anscheinend zu
+vermindern oder zu vermehren.
+
+Nur der eben angekommene Fremde hatte, wie es schien, mit Geschäften
+Nichts zu thun; sein einziger Zweck war, sich auszuruhn und zu erholen,
+und selbst das Leben und Treiben um ihn her interessirte ihn nicht, oder
+war ihm bekannt, denn er nahm abwechselnd eine der verschiedenen, dort
+liegenden Zeitungen zur Hand, flüchtig die Spalten überfliegend, oder
+saß auch wohl, in Gedanken vor sich niederschauend da, nicht einmal die
+Vorübergehenden beachtend.
+
+»Täuschen mich meine Augen nicht, oder habe ich das Vergnügen, Herrn von
+Hopfgarten wieder einmal begrüßen zu können?« sagte in diesem Augenblick
+eine feine, unserem alten Freund sehr wohl bekannte Stimme, der auch
+rasch, aber zugleich erstaunt zu der breiten, korpulenten Gestalt des
+vor ihm stehenden Mannes aufsah, und sich trotzdem auf das Gesicht
+durchaus nicht besinnen konnte.
+
+»Ich weiß nicht« -- sagte er wirklich etwas verdutzt, von seinem Stuhle
+aufstehend und die ganze Figur des Mannes, der jedenfalls seinen Namen
+kannte, auf das Aufmerksamste betrachtend -- »Gestalt und Stimme erinnern
+mich allerdings an einen früheren Reisegefährten, aber zu denen paßt das
+Gesicht durchaus nicht.«
+
+»Ja, mein guter Herr von Hopfgarten,« sagte wieder die nur zu wohl
+bekannte Stimme, während der Mann selber vergnügt dabei mit dem Kopfe
+nickte -- »ich bin es auch eigentlich nicht mehr; ich habe mich geschält
+und die Haut abgeworfen, wie eine Klapperschlange. Schöner bin ich
+dadurch freilich nicht geworden, aber heiße doch noch immer Christian
+Mehlmeier.«
+
+»Also sind Sie's _doch_!« rief Hopfgarten, ihm freundlich die Hand
+entgegenstreckend, »aber um Gottes Willen, Mann, was ist mit Ihnen
+vorgegangen? ich hätte Sie im Leben nicht wieder erkannt.«
+
+»Ja, das ist anderen Leuten auch so gegangen,« schmunzelte Mehlmeier
+in seinen weichsten Tönen vor sich hin -- »sehn Sie sich einmal mein
+Gesicht genauer an.«
+
+»Haben Sie die Blattern gehabt?« frug Hopfgarten mitleidig -- »es ist
+voller Narben -- und die Augenbrauen fehlen ganz. Was in aller Welt
+haben Sie mit sich angefangen?«
+
+»Es ist mir wie Berthold Schwarz gegangen,« sagte Herr Mehlmeier, mit
+seinem vergnügtesten Gesicht -- »ich habe ebenfalls, freilich nach einem
+vorgeschriebenen Recept, auf die Art wie er, das Pulver erfunden, war
+jedenfalls über die unerwartete Explosion eben so erstaunt wie er. Sie
+-- Sie erinnern sich vielleicht noch des -- des Geschäfts, was ich
+damals betrieb, als Sie mich, hier ganz in der Nähe, dort am Markt
+drüben, fanden?«
+
+»Sie verkauften Schwefelhölzer, wenn ich nicht irre --«
+
+»Ich stand wenigstens zu diesem Zweck an einem jener Pfeiler,« betätigte
+Mehlmeier, »verkaufte übrigens ungemein wenig, und diente eigentlich, wenn
+ich so recht an jene Zeit zurückdenke, nur dazu, etwa Vorübergehenden,
+die mich um Feuer baten, ihre Cigarren anzuzünden. »Danke« sagten
+dann die Leute und damit war die Sache abgemacht; _sie_ gingen ihren
+Geschäften nach, und ich blieb an dem Pfeiler stehn, über das meinige
+Betrachtungen anzustellen.«
+
+»Sie sehen jetzt weit besser, weit behäbiger in Ihrem Äußern aus,« sagte
+Hopfgarten.
+
+»Das wäre noch immer kein großes Lob,« meinte Mehlmeier, »denn
+_schlechter_ wie ich damals aussah, kann der Mensch nicht gut
+anständiger Weise in der Welt herumlaufen. Hosen und Rock hielten
+gewissermaßen nur aus Gefälligkeit für mich zusammen, und außerdem
+durfte ich nicht einmal vor Dunkelwerden Abends von meinem Pfeiler, den
+ich mit der Dämmerung in Besitz nahm, weggehn, meines hinteren Menschen
+wegen. Da traf ich _Sie_ und den fremden Herrn, der mit Ihnen war, und
+von der Stunde an, mein guter Herr von Hopfgarten änderte sich mein
+Loos. Ich hatte damals schon lange bemerkt, daß die Leute, welche die
+Streichhölzer fabricirten, einen recht hübschen Nutzen dabei machten,
+während wir Verkäufer daran verhungern konnten; von zu Hause aus war
+ich auch mit der Fabrikation vollkommen gut bekannt, das Material dazu
+hätte ich hier billiger wie irgendwo gehabt, das Holz brauchte ich
+nicht einmal zu kaufen, denn eine kleine Strecke von der Stadt entfernt,
+konnte ich mir so viel davon selber nehmen, wie ich brauchte, aber -- ich
+hatte kein Capital um damit zu beginnen, und meine täglichen Einnahmen
+gelangten oft nicht einmal zu der Höhe, mich, worauf ich den ganzen Tag
+hungerte, Abends satt zu essen. Ich mag beiläufig bemerken, daß ich der
+Schrecken der verschiedenen kleinen Eßbuden geworden war, in die ich,
+sobald sich meine Kasse in den Umständen befand, ein Abendessen zu
+zahlen, hineinfiel. An jenem Tage nun gab mir jener fremde Herr für
+eine unbedeutende Nachricht ein Stück Geld -- ein Goldstück. Herr von
+Hopfgarten -- ich will nicht versuchen, Ihnen zu schildern, was ich an
+dem Tage ausgestanden habe« -- sagte Mehlmeier; seine Stimme klang dabei
+leise und heiser, indeß ihm ein paar große schwere Thränen, trotzdem,
+daß er mit den Augen auf das Lebhafteste blinzte und sie zurückzudrücken
+suchte, zwischen die Wimpern traten -- »es war _kein_ verdientes Geld,
+ich mochte dagegen argumentieren, wie ich wollte,« setzte er dann nach
+kurzer Pause hinzu, »und ich -- ich war zuletzt fest davon überzeugt,
+daß ich die kleine Summe -- für mich damals ein Capital -- mehr meinen
+zerissenen Hosen, als der Nachricht verdankte.«
+
+»Nein, lieber Herr Mehlmeier,« rief aber Hopfgarten rasch dazwischen
+-- »die Kunde, die Sie uns gaben, hätte tausend solcher Stücke verdient
+-- der alte Herr suchte sein _Kind_ und Sie zuerst brachten ihn auf die
+rechte Spur.«
+
+»Es freut mich ungemein, wenn ich dem fremden Herrn nützlich gewesen
+bin,« sagte Mehlmeier ruhig, »_das_ aber war meine damalige Ansicht von
+der Sache und -- hat sich auch bis jetzt noch nicht verändern können.
+-- Aber meine Lage änderte sich damals. Für zwei Dollar kaufte ich mir
+ein blaues Überhemd, eine solche Hose, wie sie die Feuerleute und Matrosen
+tragen, ein paar Schuh, einen Hut und ein Halstuch. Trotzdem behielt
+ich noch genug übrig, mich einmal recht tüchtig satt zu essen und -- es
+war vielleicht eine Schwäche, aber ich hatte eine unendliche Sehnsucht
+danach -- ein Glas Bier zu trinken, und für die übrigen zwei Dollar
+schaffte ich mir das nöthige Material an, auf _meine_ Art _gute_
+Streichhölzchen herzustellen. Mörser und sonstige Geräthschaften mußte
+ich mir allerdings im Anfang noch borgen, aber das Alles machte ich,
+jetzt einmal in anständigen Kleidern, wo ich mich wenigstens sehn lassen
+konnte, möglich, und so klein die Quantität sein mußte, die ich mit
+meinen geringen Mitteln zum ersten Mal fabricirte, so sehr sprach die
+Qualität an. Wohin ich Proben brachte, bekam ich Bestellungen, von denen
+ich im Anfang nur einen kleinen Theil ausführen konnte, mit jeder Woche
+mehrte sich aber meine Einnahme, mit jeder Woche konnte ich größere
+Mengen liefern, und war zuletzt sogar im Stande, mir erst einen, dann
+zwei und mehre Arbeiter zu nehmen, dem immer steigenden Bedarf zu
+begegnen. Gleich im Anfang, bei der Zusammenstellung einer Mischung,
+passirte mir eines Abends das Unglück, daß mir die ganze Masse im
+Mörser explodirte, und ich fand mich erst am andern Morgen in der
+entgegengesetzten Ecke meines Zimmers wieder, da die Nachbarn weiter
+keine Notiz von dem Knall und Qualm genommen.
+
+»Seit der Zeit befinde ich mich aber ausnehmend wohl; ich _boarde_ in
+einem anständigen Französischen Kosthaus und beschäftige jetzt elf
+Arbeiter, lauter arme deutsche Einwanderer, die ich mir abrichte und gut
+bezahle, verdiene dabei ein recht hübsches Geld und beginne sogar schon
+an Sparen und Zurücklegen zu denken, drohenden Alters wegen.«
+
+»Nun das freut mich wahrhaftig recht, recht herzlich von Ihnen zu
+hören,« sagte Hopfgarten, dem fast die Thränen in die Augen gekommen
+waren, bei der so anspruchslos und wirklich rührend vorgetragenen
+Erzählung, indem er seinem alten Reisegefährten die Hand reichte und
+derb und freundlich schüttelte; »es giebt wenig Leute, lieber Mehlmeier,
+die so ernst und entschlossen und so brav und rechtschaffen dabei, einem
+einmal gesteckten Ziele entgegenstreben, und ich wünschte in der That
+recht von Herzen Ihnen irgend einen Dienst erweisen zu können, um Ihnen
+zu zeigen, wie sehr ich Sie achte und schätze.«
+
+»Ich danke Ihnen recht herzlich, mein guter Herr von Hopfgarten, für die
+freundlichen Worte,« sagte Mehlmeier, wirklich gerührt, »Sie thun mir
+wohl -- und eine Bitte hätt' ich wirklich an Sie, wenn Sie dieselbe
+erfüllen wollten.«
+
+»Von Herzen gern -- und was ist es?«
+
+»Sie kennen den Herrn, der -- der mir damals das Goldstück gab?«
+
+»Sehr gut -- ich komme jetzt gerade von dort her -- war nämlich in der
+Zeit wieder in Deutschland --«
+
+»Sie waren in Deutschland?« frug Mehlmeier, rasch und erstaunt, »ja, hm
+-- das ist eigentlich gar nichts so Wunderbares, denn man fährt jetzt
+rasch genug herüber und hinüber, aber -- es ist doch ein eigenes,
+sonderbares Gefühl, wenn man so von Deutschland sprechen hört, fortwährend
+Schiffe sieht, die hinüber gehn und von dorther kommen, und -- so gern
+man hinüber _möchte_, und auch _könnte_, was eben die Passage betrifft,
+doch auf der weiten Gottes Welt da drüben, wo man doch eigentlich zu
+Hause ist, Nichts weiter zu thun hat; Nichts wieder anfangen könnte, und
+nun ganz allein aus dem Grunde hier bleiben muß.«
+
+»Aber mit was sollte ich Ihnen dienen?«
+
+»Ja,« sagte Mehlmeier rasch, »sehn Sie den Herrn -- wie war sein Name
+gleich?«
+
+»Dollinger.«
+
+»Sehn Sie den Herrn Dollinger wieder?«
+
+»Hoffentlich bald, jedenfalls schreibe ich ihm in den nächsten Tagen.«
+
+Mehlmeier griff in die Tasche, nahm ein Amerikanisches Goldstück heraus
+und sagte, es Herrn Hopfgarten hinreichend:
+
+»Dann thun Sie mir die große Liebe, mein bester Herr von Hopfgarten, und
+geben Sie ihm das _Goldstück_ nicht allein zurück, sondern sagen dem
+Herrn auch _wie_ Sie mich wieder gefunden haben, und daß ich das nur
+allein als _sein_ Werk betrachten könne, ihm auch ewig dankbar dafür
+sein würde.«
+
+»Aber mein bester Herr Mehlmeier,« rief Hopfgarten, das Goldstück
+zurückweisend, »Herr Dollinger ist ein reicher, ein _sehr_ reicher Mann,
+und ich weiß --«
+
+»Und wenn er ein Millionair wäre,« sagte Mehlmeier fest und bestimmt,
+»es ist nicht der wenigen Thaler, es ist der Sache wegen, das Geld hat
+mir auf der Seele gebrannt, und Sie erzeigen mir einen unendlich großen
+Dienst, wenn Sie es dem rechtmäßigen Eigenthümer zurückerstatten. Es hat
+mir genug genützt, und da jetzt die _Ursache_ verschwunden ist, der ich
+es verdanke« -- und Mehlmeier warf einen wehmüthigen Blick an seinen
+Beinen hinunter -- »so darf ich auch mit gutem Gewissen die Wirkung
+zurückgeben. Sie thun mir einen _großen_ Gefallen mit der Erfüllung
+meiner Bitte, mein lieber Herr von Hopfgarten.«
+
+»Sie sind ein wunderlicher Mensch,« sagte der kleine Mann freundlich,
+das Goldstück dabei nehmend und einsteckend, »ich will es besorgen; aber
+Herr Dollinger glaubt sich Ihnen nun einmal zu Dank verpflichtet, und
+wird das auf andere Weise wieder gut machen wollen. Jedenfalls muß er
+Ihnen die Quittung einsenden, daß _ich_ wenigstens das Geld richtig
+abgeliefert habe, und ich möchte Sie deshalb um Ihre Adresse bitten.«
+
+»Das wird nicht nöthig sein,« sagte Herr Mehlmeier mit einem wehmüthigen
+Blick.
+
+»Nein, nein; es muß Alles seine Ordnung haben,« rief Hopfgarten, »also
+Ihre Adresse?«
+
+»Erlaube ich mir denn hier auf einem Exemplar meines Fabrikats zu
+überreichen,« sagte Mehlmeier mit einer etwas linkischen und verlegnen
+Verbeugung Hopfgarten ein kleines elegantes Etui mit Streichhölzchen,
+auf denen seine genaue Firma angegeben stand, übergebend, »das sind
+meine Visitenkarten,« setzte er lächelnd hinzu.
+
+»Vortreffliche Visitenkarten,« lachte Hopfgarten, sie betrachtend
+und einsteckend; »aber apropos, mein lieber Herr Mehlmeier, Sie als
+wandernder Adreßkalender sind vielleicht im Stande mir wieder eine
+Auskunft zu geben. Können Sie mir vielleicht sagen, wo ich einen
+gewissen Ledermann, einen Juristen, hier in der Stadt finde?«
+
+»Ledermann? -- Ledermann? -- nein, der Name ist mir gänzlich unbekannt,«
+sagte Mehlmeier, sehr bestimmt mit dem Kopf nickend; Hopfgarten kannte
+aber seine schwache Seite mit den verkehrten Gesticulationen, und wußte
+was er meinte.
+
+»Er arbeitete früher in dem Bureau des Mr. Mac Culloch, des Staatsanwalts,«
+setzte er dann hinzu, »der ist aber in diesem Augenblick verreist und
+sein Bureau geschlossen, und von den Hausleuten wollte ihn Niemand
+kennen.«
+
+»Ledermann?« sagte Mehlmeier, die Hände am Kinn, in tiefem Nachdenken.
+
+»Eine lange hagere Gestalt,« half Hopfgarten seinem Gedächtniß nach,
+»ein dünnes, mageres Gesicht und blonde Haare.«
+
+»Hm, ich kenne einen Herrn _Fort_mann, der etwa auf diese Beschreibung
+paßte.«
+
+»Donnerwetter, _Fort_mann!« rief Hopfgarten, sich vor den Kopf schlagend,
+»jetzt hab' ich die Namen verwechselt -- Fortmann heißt er ja auch
+-- Mehlmeier, Sie sind ein kapitaler Mann -- _wo_ find' ich den?«
+
+»Ja, wo Sie den _jetzt_ finden, wenn er nicht in seinem Bureau ist,
+weiß ich allerdings auch nicht -- er müßte denn sonst vielleicht beim
+Kapellmeister sein.«
+
+»Was für ein Kapellmeister? -- wo wohnt der?«
+
+»Kapellmeister Eltrich, gar nicht weit von hier.«
+
+»Eltrich? -- _unser_ Eltrich von der Haidschnucke? -- ich glaubte, der
+sei ein Arbeiter an einem Dampf- oder Flatboot geworden.«
+
+»Allerdings, im Anfang, weil ihm seine sämmtlichen Sachen, selbst seine
+Violine gestohlen worden; nachher aber hat er sich ganz tüchtig wieder
+herausgearbeitet, und jetzt eine brillante Anstellung an der hiesigen
+französischen Oper erhalten.«
+
+»Und dort ist Ledermann zuweilen?«
+
+»Herr Fortmann? ja, aber wir gehn hier nur diese Straße hinunter, und
+ich kann Ihnen dann das Haus zeigen.«
+
+»Kommen Sie nicht mit hinauf?«
+
+»Es ist meine Arbeitszeit jetzt, mein bester Herr von Hopfgarten,« sagte
+Mehlmeier, »und ich habe mich überdieß schon zu lange von meinen Leuten
+entfernt -- jedenfalls hoffe ich Sie noch zu sehn ehe Sie New-Orleans
+verlassen. Denken Sie sich lange hier aufzuhalten?«
+
+»Einige Tage -- doch noch eins, mein lieber Mehlmeier, so viele Menschen
+sind Ihnen hier vorgekommen -- wissen Sie vielleicht zufällig, wo sich
+-- Herr Henkel jetzt aufhält?«
+
+»Nein, das ist merkwürdig, _den_ Herrn habe ich auch mit keinem Auge
+wieder gesehn, seit wir gelandet sind. Im Anfang ging einmal ein dumpfes
+Gerücht, daß doch nicht Alles mit ihm so in Ordnung -- nicht eben Alles
+Gold sei, aber ich weiß nicht, ich habe weiter Nichts darüber gehört und
+-- wenn ich aufrichtig sein soll, mich nicht weiter darum bekümmert.
+Sehn Sie dort? das ist die Wohnung Eltrichs -- das kleine freundliche
+weiße Häuschen, mit den grünen Jalousieen, und dorthinein wohne _ich_.
+Also mein lieber Herr von Hopfgarten, ich habe die Ehre mich Ihnen auf
+das Freundlichste zu empfehlen.«
+
+Hopfgarten nahm herzlichen Abschied von ihm; der Mann hatte etwas rührend
+Hartnäckiges in seinem ganzen Wesen, mit dem er dem Unglück die Spitze
+geboten und sich, allen bösen Neigungen wacker dabei begegnend, an die
+Oberfläche gearbeitet.
+
+Noch stand er in der Straße, unfern von Eltrichs Wohnung, und sah
+dem rasch und geschäftig davongehenden Manne nach, als ein, in einen
+abgetragenen blauen Frack geknöpftes Individuum an ihm vorüberging,
+ihn scharf fixirte, und sich rasch gegen ihn wendend die rechte Hand
+-- unter dem linken Arm trug er ein Cigarrenkistchen -- nach ihm
+ausstreckte und rief. »Sieh da, sieh da Thimoteus, die Kraniche des
+Ibikus -- Herr von Hopfgarten; eine höchst angenehme Erscheinung beim
+Zeus, in diesem verdammten hausbackenen Land.«
+
+»Herr Steinert?« rief Hopfgarten erstaunt aus, »ich hätte Sie fast nicht
+wieder erkannt -- wie geht es Ihnen?«
+
+Steinert zuckte die Achseln.
+
+ »Durch Unglück mehr als durch Versehn,
+ Verlor Alcest im Handel sein Vermögen
+
+-- verwünschte Geschichte das hier, man darf seinem eigenen Bruder nicht
+trauen, wenn man wirklich einen hier hat. Ich habe bittere Erfahrungen
+gemacht, Herr von Hopfgarten -- bittere Erfahrungen und -- wenn weiter
+Nichts -- Menschenkenntniß gesammelt, wie wohl kaum Einer vor mir. Ich
+sage Ihnen, ich könnte eine Geographie des menschlichen Herzens, der
+menschlichen Schwachheiten, Laster und Leidenschaften herausgeben.«
+
+Hopfgarten hatte sich indessen, so genau das geschehn konnte, ohne den
+Mann durch ein zu scharfes Anschauen zu kränken, die vor ihm stehende
+Gestalt betrachtet, und das Resultat fiel gerade nicht zu Steinerts
+Vortheil aus. Sein Anzug, einst jedenfalls modern, war abgerissen, und
+noch schlimmer, war schmutzig; eben so seine Wäsche. Nur den äußeren
+Staat hatte er noch beibehalten; der große Siegelring saß auf einer
+ungewaschenen Hand, und neben den Uhrberloquen zeigte das Tuch häßliche
+farbige Flecke. Sein Gesicht sah dabei verwildert aus; die Augen lagen
+ihm tief und durchschwärmte Nächte, wenn nicht Mangel kündend, in den
+Höhlen, und flogen unruhig, ungeduldig, ohne auf irgend einem Punkte zu
+haften, umher.
+
+»Und womit beschäftigen Sie sich jetzt,« sagte Hopfgarten endlich, dem
+es unheimlich in der Nähe des Mannes wurde, »haben Sie irgend eine
+Anstellung? irgend ein -- ein --«
+
+»Ein freies Leben führen wir,« unterbrach ihn aber Steinert, den rechten
+Arm mit einer etwas theatralischen Bewegung zum Himmel hebend. »Ich
+konnte mich erstlich nie dazu verstehen, zu irgend Jemand in ein
+dienstliches Verhältniß zu treten -- der Gott, der Eisen wachsen
+ließ, der wollte keine Knechte -- und dann bin ich wohl ein halb Jahr
+vergebens herumgelaufen,« setzte er, wieder in eine natürlichere
+Stellung zurückfallend, hinzu, »ohne irgend einen passenden Platz für
+mich auftreiben zu können. Für jetzt habe ich übrigens eine famose
+Quelle ächter Havanna-Cigarren entdeckt,« und er nahm bei den Worten
+das Kästchen rasch unter seinem linken Arme vor, »die ich Ihnen mit
+gutem Gewissen empfehlen kann, mein bester Herr von Hopfgarten. Famose
+Cigarren, sage ich Ihnen, und zu einem Preis,« setzte er leise flüsternd,
+und mit einem scheuen Blick umher, hinzu, indem er das Kästchen sehr
+aufmerksam und ängstlich öffnete, »wie sie kein Mensch auf der Welt
+liefern _könnte_, wenn sie eben nicht -- _geschmuggelt_ wären.«
+
+»Sie wissen ja, bester Herr Steinert, daß ich gar nicht rauche,« sagte
+Hopfgarten freundlich, »ich bin auch wirklich in diesem Augenblick so
+mit meiner Zeit --«
+
+»Sie rauchen gar nicht?« sagte Steinert etwas bestürzt, »aber Sie haben
+doch gewiß Jemand, den Sie mit einem halben Tausend Regalias glücklich
+machen würden.«
+
+»In der That Niemanden hier, mein bester Herr; es ist auch schon spät
+geworden heute, und ich bin eben erst wieder angekommen.«
+
+»Ich sehe, Sie sind in Eile,« sagte der frühere Weinreisende rasch,
+indem er das schon halb geleerte Kästchen -- was in Hopfgarten den
+Verdacht aufsteigen ließ, daß er die Regalias auch im Einzelnen verwerthe
+-- wieder an seinen früheren Platz zurückschob. »Ich will Sie nicht
+länger aufhalten, aber -- ich dürfte Sie wohl um eine Gefälligkeit
+bitten. Wir sind hier gerade in der Nähe und ich habe vergessen mein
+Portemonnaie zu mir zu stecken -- bin jedoch einem Freund von mir da
+drüben fünf Dollar schuldig. _Wären_ Sie wohl so freundlich, mir diese
+kleine Summe auf ein paar Stunden zu leihen?«
+
+»Mit dem größten Vergnügen,« sagte Hopfgarten verlegen, und
+unwillkürlich zugleich in seiner angeborenen Gutmüthigkeit in die
+Westentasche fahrend, »ich weiß nur nicht --«
+
+»Philemon, der bei großen Schätzen ein edelmüthig Herz besaß,« recitirte
+Steinert.
+
+»Wenn Ihnen für den Augenblick mit dieser Dollarnote gedient wäre.«
+
+»Sie sind sehr freundlich -- aber Sie erlauben mir, daß ich es mir
+gleich notire; ich habe so vielerlei im Kopf, und morgen zahle ich es
+Ihnen jedenfalls zurück. Welches Hotel?«
+
+»St. Charles --«
+
+»Ah, desto besser; dort dinire ich auch gewöhnlich -- Herr von
+Hopfgarten »Haben« 1 Dollar.«
+
+Er hatte dabei eine rothe, ziemlich umfangreiche Brieftasche vorgenommen,
+die Cigarrenkiste auf das linke emporgezogene und ziemlich geschickt
+balancirte Knie gelegt, und notirte sich den Fall auf ein weißes Blatt.
+
+»Mein guter Herr Steinert, ich habe indessen das Vergnügen Ihnen einen
+angenehmen Abend zu wünschen.«
+
+»Ah, guten Abend, lieber Hopfgarten, guten Abend,« rief Steinert, ihm,
+immer noch in der vorigen Stellung, mit dem Bleistift freundlich
+zuwinkend.
+
+Hopfgarten benutzte die Gelegenheit, Eltrichs Haus zu erreichen, und
+stieg die wenigen Stufen vor der Hausthür, an deren Klingel er zog,
+rasch hinan.
+
+Ein wunderhübsches, nur etwas kränklich aussehendes, beinah weißes
+Mädchen, aber doch mit dem eigenen dunkeln Teint und fast blauschwarzen
+Haar dieser Race, das die Quadroonin verrieth, öffnete ihm die Thür,
+frug den Erstaunten in deutscher Sprache was er wünsche, und führte
+ihn dann in das untere Zimmer, wo Hopfgarten zu seiner nicht geringen
+Genugthuung -- denn Mehlmeier hatte ganz recht gehabt -- Herrn Ledermann
+#alias# Fortmann, am Kaffeetisch bei Eltrichs traf, und von den dreien
+auf das Herzlichste begrüßt wurde. Eltrichs kleine reizende Frau war
+besonders glücklich den alten Reisegefährten, der sich schon an Bord von
+allen Cajütspassagieren immer am freundlichsten gegen sie benommen, bei
+sich zu sehn und bewirthen zu können, und verschwand gleich aus dem
+Zimmer, aufzutragen, was nur, trotz Hopfgartens Protestiren, Küche und
+Keller vermochte.
+
+Nach den ersten Begrüßungen aber lag Hopfgarten viel zu sehr daran zu
+erfahren was er von Ledermann hinsichtlich seiner Nachspürungen nach
+jenem Soldegg hören sollte. Eltrich wußte überdieß von der Sache, über
+die Ledermann schon oft mit ihm gesprochen, und Hopfgarten erfuhr jetzt
+daß von Soldegg selber allerdings nicht das Mindeste wieder gesehen
+wäre, seit Herr von Hopfgarten die letzten Nachrichten von ihm mit
+aus Milwaukie gebracht, daß aber ein Compagnon von ihm, jener Goodly,
+unter einem falschen Namen in New-Orleans ertappt sei, und einen
+Schlupfwinkel gestohlener Güter verrathen habe, in dem man auch einen
+nicht unbeträchtlichen Theil von Herrn Dollingers Waaren gefunden hätte.
+Nach allen verschiedenen Staaten, selbst nach Canada hinauf, war indeß
+geschrieben worden, des Burschen habhaft zu werden, doch umsonst;
+entweder war er untergegangen, oder lebte irgendwo, unter einem falschen
+Namen, von seinem Raube, wo es freilich dem Zufall überlassen bleiben
+mußte, ihn einmal auszuspüren und zu Tag zu bringen.
+
+Herr _Fort_mann, der übrigens Eltrich gegenüber sein Incognito nicht
+beibehalten konnte, da Beide schon in Heilingen befreundet, wenigstens
+bekannt gewesen waren, wünschte, wie sich wohl denken läßt, ebenfalls
+etwas Neues von dort zu hören, das ihm Hopfgarten denn auch nicht
+vorenthielt. Während Frau Eltrich nun dem Gast, der endlich eingestehn
+mußte, daß er in aller Eile heute auf Amerikanischem Boden noch nicht
+einmal zu Mittag gegessen, ein kleines Mahl mit Claret und Eis
+herrichtete und ihn selber dabei, trotz allen Einwendungen, bediente,
+mußte er erzählen, wie er es in Heilingen gefunden, wie es dort aussah,
+was die Leute dort trieben und -- wie es vor allen Andern der Frau
+Aktuar Ledermann ging, für die sich Frau Eltrich ganz speciell
+interessirte.
+
+»Hm, ja,« sagte Hopfgarten lächelnd, und emsig dabei beschäftigt ein
+kaltes gebratenes Huhn zu zertheilen, »gut -- sehr gut -- hat ihre
+Trauer -- dieß Huhn ist wirklich delikat -- hat ihre Trauer abgelegt und
+wohnt jetzt bei ihrem Bruder.«
+
+»Existirt der Lump auch noch?« frug Ledermann.
+
+»Wollte wieder ein Geschäft eröffnen,« fuhr Hopfgarten langsam fort,
+»scheint aber doch nicht, nach den beiden vorher erfolgten Fällen, das
+nöthige Vertrauen gefunden zu haben, und hat sich, auf dringendes
+Anrathen des Herrn J. G. Weigel entschlossen, mit seiner Schwester --«
+
+»Den Teufel auch!« rief Ledermann von seinem Stuhl aufspringend, und in
+jäher Angst den Schluß des Satzes errathend.
+
+»Mit seiner Schwester,« fuhr Hopfgarten ruhig fort, »nach Amerika
+auszuwandern.«
+
+»Was für ein rührendes Wiederfinden das werden würde, Herr Ledermann,«
+lachte diesen Frau Eltrich schelmisch an.
+
+»Man soll den Teufel nicht an die Wand malen,« rief aber der Aktuar
+wirklich bestürzt -- »tollere Sachen sind schon vorgefallen, und _mir_
+bliebe nachher Nichts übrig, als mir eine Kugel vor den Kopf zu schießen.
+-- Aber -- nicht wahr, lieber Herr von Hopfgarten, Sie machen nur Spaß?
+das ist Ihr Ernst nicht. -- Meine Frau, ich meine die verwittwete Frau
+Aktuar Ledermann, denkt nicht daran nach Amerika zu kommen?«
+
+»Ich gebe Ihnen meinen Ehrenwort, daß die Sache schon so gut wie
+abgemacht war; das Ziel aber, soviel wie ich davon erfahren konnte, lag
+nach den nördlichen Staaten, New-York oder Baltimore, wo Sie denn hier
+allerdings nicht viel zu befürchten hätten; ich habe mich, wie Sie
+sehen, genau nach Allem erkundigt.«
+
+»Der Henker traue,« rief Ledermann, unruhig im Zimmer auf- und abgehend,
+»wenn die Frau erst einmal nicht mehr durch das ganze Weltmeer von mir
+getrennt ist, findet sie mich auch wieder heraus, und wenn sie nur erst
+einmal eine Ahnung davon bekömmt, daß ich noch lebe, bin ich verloren.«
+
+Eltrich und Hopfgarten lachten über die Angst des armen Teufels, der eine,
+vielleicht noch jahrelang entfernte Gefahr schon jetzt heraufbeschwor,
+sich selber zu quälen; Ledermann konnte aber den Gedanken nicht los
+werden, und Hopfgarten ihn endlich nur dadurch beruhigen, daß er ihm
+versicherte, der Schiffsakkord für seine Frau wäre erst für das nächste
+Jahr abgeschlossen, bis wohin noch mancher Tropfen Wasser den Berg
+hinunter fließe. Übrigens schien kein Mensch in ganz Heilingen, seiner
+Betheuerung nach, eine Ahnung zu haben, daß der Aktuar _nicht_ ertrunken,
+sondern nach Amerika geflüchtet sei. Der Körper war allerdings, trotz
+hartnäckigem Suchen, _nicht_ gefunden worden, aber das _Spielen vor_her,
+und die kalte, ruhige, sehr gut geheuchelte Verzweiflung _nach_her,
+schienen bei den in solcher Art auch eben nicht mistrauischen Heilingern
+keinen Zweifel mehr übrig gelassen zu haben. #Dr.# Hayde besonders
+hatte die Gelegenheit gleich wahrgenommen, einen langen, allerdings
+etwas schlecht stylisirten Artikel im Tageblatt zu schreiben, worin
+er nachwieß, daß der Selbstmord nur eigentlich, trotz einzelner
+Ausnahme-Fällen, ein durchaus _bürgerliches_ Laster sei, (und später
+dafür von seiner Regierung den gelben Sperlings-Orden fünfter Klasse
+erhielt;) die Sache war dadurch, wenn auch eben nicht bewiesen, doch
+außer allen Zweifel gesetzt. Es dachte sich in der That Niemand die
+Möglichkeit eines anderen Falles, und Therese Ledermann selber, wenn
+ihr ja einmal ein solcher Gedanke dunkel und unbestimmt vor der Seele
+aufgestiegen sein sollte, verwarf ihn eben so rasch wieder. Wo hätte
+Ledermann den Muth herbekommen, sich ihrem Regiment auf eine solche
+Weise zu entziehn.
+
+Herrn Hopfgarten lag aber auch jetzt daran zu erfahren, wie Eltrich, von
+dem er doch durch Maulbeere gehört, daß er an einem Boote als Handlanger
+arbeite, sich so rasch und glänzend heraufgeschwungen habe, und dieser,
+seine kleine Frau dabei rasch zu sich nieder auf seinen Stuhl ziehend,
+gab ihm gern Bescheid.
+
+Vor allen Dingen erzählt er ihm seine erste Landung, wie sie, durch das
+viele Neue verwirrt, den Karren aus den Augen gelassen hätten, auf dem,
+von einen Neger gezogen, ihre sämmtlichen Sachen, selbst sein Instrument,
+gelegen. Der diebische Schwarze war damit durchgegangen, und nie wieder,
+trotz allen Nachforschungen, aufzufinden gewesen. In der ungeheueren
+Stadt, wo noch dazu weder über Kommende noch Gehende auch nur die
+geringste ernstliche Controlle geführt wird, hätte nur der Zufall sie
+auf die Spur des Diebes bringen können.
+
+Dort begann eine schwere Zeit, besonders für seine arme Frau, die, von
+allem entblößt, mit dem Kinde der dringenden Noth entgegen ging. Noth
+aber lehrt nicht allein beten, sondern mehr noch arbeiten, und fest
+entschlossen, sich durch Nichts beugen zu lassen, sondern dem Schicksal
+fest und trotzig die Stirn zu bieten, lief Eltrich, mit _ganz_ andern
+Hoffnungen nach Amerika gekommen, und als andere Schritte fehl schlugen,
+in der Stadt herum _Arbeit_ zu suchen; Arbeit wie sie vorkam, hart oder
+leicht, nur Brod zu verdienen, für sich und die Seinen. Nach einiger
+Anstrengung gelang ihm das auch -- er wurde zuerst auf einem Flatboot
+zum Ausladen der Fracht engagirt, mit einem Dollar den Tag; wie das
+beendet war, fand sich Arbeit auf einem anderen, und ihre Existenz war
+wenigstens gesichert.
+
+Aber er brauchte mehr als das -- er mußte Geld verdienen, wieder eine
+Violine, und zwar ein tüchtiges Instrument zu kaufen; er mußte Geld
+verdienen, sich wieder anständige Tuch-Kleider anzuschaffen, in denen er
+Besuche machen konnte, und seine Finger, die ihm später in seiner Kunst
+sein Brod verdienen sollten, ruinirte er indessen mit Fässer rollen und
+dem scharfen Tau der Winde. Unermüdlich aber, unverdrossen, schaffte
+und arbeitete er dabei im gießenden Regen, wie in der brennenden Sonne,
+und sparte jeden Cent, den sie nicht nothwendig zum Leben brauchten,
+während sich die Frau ebenfalls Mühe gab Geld zu verdienen, und es
+endlich möglich machte, erst von der Frau des Hausbesitzers, und dann
+durch diese empfohlen, auch von einigen Nachbarn feine Wäsche zum
+Waschen und Plätten zu bekommen.
+
+»Es war dabei eine recht traurige und entmuthigende Zeit für mich,«
+erzählte Eltrich, »denn während ich meinem nächsten Ziel, mir wieder
+ein Instrument und uns beiden anständige Kleider zu kaufen, wohl
+entgegenrückte, sah ich doch um mich her eine Menge Leute meiner Kunst,
+die mit ziemlichem Talent und guten Empfehlungsbriefen ausgerüstet,
+ankamen, eine Weile sich schwimmend über Wasser hielten, und dann
+spurlos verschwanden. Ich wußte dabei nicht, ob sie untergegangen, oder
+nur von der Strömung mit fortgerissen waren, und mußte mir zu meiner
+Beschämung gestehn, daß ich wahrscheinlich jetzt mit meiner Hände
+Arbeit, als gewöhnlicher Tagelöhner, _mehr_ verdiente, wie es mir
+möglich sein würde mit meiner Kunst zu erschwingen; nichts destoweniger
+ließ ich den Muth nicht sinken. Dabei hatten wir Glück; meine Frau gab
+unserer Wirthin, die sich überhaupt sehr freundlich gegen uns bewieß,
+Clavierunterricht, da sie dorthin unseren Knaben mitnehmen konnte. Unser
+Schicksal war dabei durch unsere Wirthsleute bekannt geworden, und ich
+wurde von dem Eigenthümer unserer Wohnung eines Abends, wo ich gerade
+von der Arbeit zu Hause kam, aufgefordert, in einer Gesellschaft, die er
+gab, zu spielen. Ein Instrument sollte ich dort vorfinden, und leichte,
+anständige Sommerkleider besaß ich schon, Dank unseren Ersparnissen;
+aber meine Finger waren steif geworden, und nicht ein einziges Mal hatte
+ich die ganze Zeit geübt. Die Sache ging mir, wie Sie wohl denken können,
+im Kopf herum -- trotzdem nahm ich, mit einer mir selbst jetzt noch
+unerklärlichen Keckheit, die Einladung an, und die Sehnsucht, wieder
+einmal einen Bogen in der Hand zu fühlen, mochte wohl größtentheils die
+Schuld dabei tragen. Dann aber war ich es auch meiner armen kleinen Frau
+schuldig, Alles zu thun, was in meinen Kräften stand, unsere Lage zu
+verbessern, und dadurch geschah vielleicht der erste Schritt.
+
+»Die Gesellschaft versammelte sich ziemlich zahlreich, und ich spielte,
+zu Adelens Entsetzen, aber aus sehr natürlichen Gründen, spottschlecht.
+Nichts destoweniger waren die Leute freundlich genug gegen mich -- sie
+wußten ja, daß ich den Tag über Porkfässer gerollt und Maissäcke
+geschleppt hatte; der Wirth aber überließ mir von da an die Violine
+zum Üben, bis ich mir selber eine kaufen konnte, und -- veranstaltete
+heimlich, aber in meinem Namen, ein Concert. Ich spielte, und es ging
+nicht allein vortrefflich, sondern ich kam dadurch auch plötzlich und
+eigentlich ganz unerwartet in den Besitz eines Capitals von hundert und
+einigen achtzig Dollarn, mit denen ich allerdings jetzt ein neues Leben
+beginnen konnte. Am nächsten Tage mußte ich freilich noch einmal Fässer
+rollen -- ich hatte dem Mann versprochen gehabt zu kommen und hielt auch
+Wort; aber es war das letzte Mal, und ich begann eine neue Existenz.
+Allerdings stand ich nicht mehr allein und freundlos da, denn die
+Amerikaner und Franzosen, mit denen wir bekannt geworden, und die
+doch wohl fanden, daß wir Beide nicht in die Masse der gewöhnlichen
+Einwanderer gehörten, nahmen sich unserer auf das Herzlichste an. Ich
+sowohl, wie meine Frau, bekamen eine Menge Stunden zu geben, und Madame
+Fleurette, unsere freundliche Wirthin, ließ es sich nicht nehmen, den
+Knaben indessen bei sich zu behalten. Wieder gab ich jetzt mit meiner
+Frau zusammen zwei Concerte, und während andere, weit größere Künstler
+als ich, kaum die Kosten solcher Abende herausgeschlagen, traf ich Zeit
+und Umstände so glücklich, daß ich das erste Mal einen Überschuß von
+zwei-, das zweite Mal von dreihundert Dollar hatte. Ich bekam einen Ruf
+in New-Orleans, und um kurz zu sein, zuletzt die Stelle am hiesigen
+Französischen Theater, mit einem recht anständigen Gehalt, habe dabei
+Stunden zu geben, so viel ich geben kann, und befinde mich jetzt mit
+meiner kleinen Familie wohl und zufrieden.«
+
+Hopfgarten sprach seine innige Freude über das glückliche Gedeihen in
+Eltrichs Verhältnissen aus, und erzählte jetzt auch wie er die beiden
+früheren Freunde, Steinert und Mehlmeier, gefunden habe.
+
+»Herr Steinert ist ein Lump,« sagte da Eltrich, »und Mehlmeier, trotz
+einigen Eigenheiten, die er an sich haben mag, ein Ehrenmann. Wie
+Mehlmeier im Unglück war, und Steinert noch Leute fand, die ihm borgten,
+hat er den armen Teufel nicht einmal mehr angesehn, und sich seiner
+Bekanntschaft geschämt; ihn jetzt aber, wo sich Mehlmeier herausgearbeitet
+hat, schon drei oder vier Mal angeborgt. Mehlmeier in seiner Gutmüthigkeit
+läßt sich auch beschwatzen, er wird aber doch endlich einmal klug
+werden, und aufhören sein Geld in diesen Schmutzbrunnen zu werfen.«
+
+»Wie der Trunk hier in Amerika die Leute ruiniren kann,« sagte Ledermann,
+»davon habe ich in der kurzen Zeit meines Aufenthalts hier, schon mehre
+recht traurige Beispiele gesehn. So traf ich heute Morgen erst wieder
+einen alten Bekannten, und früher sehr wohlhabenden Mann aus oder bei
+Heilingen, den Wirth des rothen Drachens dort, den ich in brillanten
+Verhältnissen in Deutschland zurückließ.«
+
+»Lobsich? -- hier in New-Orleans? -- was ist mit dem?« rief Hopfgarten.
+
+»Kennen Sie ihn?«
+
+»Von Milwaukie her -- das ist ja derselbe Wirth, in dessen Hause ich
+verhaftet wurde; aber was treibt er jetzt? hat er sein Gasthaus
+aufgegeben?«
+
+»Seine Frau, die das Ganze zusammengehalten zu haben scheint, ist ihm
+gestorben,« sagte Ledermann, »und der Mann hat dann wahrscheinlich durch
+den Trunk -- denn er taumelte selbst hier, als ich ihn sah -- sein
+Geschäft nach und nach ruinirt.«
+
+»Hat er Sie gesehn?« frug Hopfgarten lächelnd.
+
+»Brille und Bart haben mich sehr verändert,« erwiederte Ledermann etwas
+verlegen; »ich kann darin ziemlich sicher sein; dennoch fühle ich mich
+nicht wohl hier, und werde mich wahrscheinlich in nächster Zeit weiter
+in das Innere zurückziehn; es kommen doch fast zu viel Bekannte
+hierher.«
+
+Ledermann mußte jetzt Herrn von Hopfgarten erzählen, was er von den
+hiesigen Verhältnissen seiner Bekannten wußte, und besonders interessirte
+ihn dabei Hedwig Loßenwerders glückliche Verbindung, die sie in eine
+angenehme und unabhängige Stellung gebracht hatte. Er trug auch Briefe
+für Hedwig von Clara, wie die Hinterlassenschaft ihres Bruders bei
+sich; ebenso die in den gelesensten deutschen Blättern veröffentlichte
+Erklärung der Gerichte selber, nach denen der damals angeschuldigte, und
+durch unglückliche Umstände zum Selbstmord getriebene Franz Loßenwerder
+von jeder Schuld an dem ihm zur Last gelegten Diebstahl freigesprochen,
+und sein Name von jedem auf ihm haftenden Makel gereinigt wurde. Herr
+Dollinger selber hatte dann noch eine eigene Erklärung erlassen, und
+überhaupt Alles gethan, was in seinen Kräften stand, wenigstens das
+Andenken des armen unglücklichen Menschen von jedem bösen Leumund zu
+befreien, und seinen ehrlichen Namen wieder herzustellen. Ein einfacher
+Stein auf seinem Grabe erzählte ebenfalls in kurzen schlichten Worten
+seine Leidensgeschichte, und was er unschuldig getragen -- guter Gott,
+er war todt, und gedruckte, und in Stein gegrabene Worte konnten das
+Unrecht nicht ungeschehen machen, das ein armes, treues Menschenherz in
+Gram und Schmerz gebrochen.
+
+Wie froh, aber auch wie schmerzlich mußte die arme Hedwig eine solche
+Nachricht bewegen, und Adele bat deshalb ihren Mann die junge Frau,
+die sie schon auf dem Schiffe lieb gewonnen, und mit der sie auch in
+New-Orleans öfter zusammengekommen, heute Abend _mit_ dem jungen Hamann
+hierherzuholen, und ihr die Briefe hier zu übergeben. Eltrich verstand
+sich gern dazu, und er und Hopfgarten beschlossen augenblicklich hinüber
+nach Fayetteville zu fahren und die jungen Leute gleich mitzubringen.
+Ledermann hatte noch einige Geschäfte zu besorgen, versprach aber auch
+gegen Abend zurückzukommen und diesen in ihrer Gesellschaft zu
+verbringen.
+
+Als Hopfgarten mit Eltrich wieder durch das Haus ging, öffnete ihnen das
+junge Quadroon-Mädchen die Thür.
+
+»Wetter noch einmal, was ist das für ein liebes freundliches Gesicht,«
+sagte Hopfgarten, als sie draußen auf der Straße waren, und dem nächsten
+Omnibus zugingen, »doch mit Negerblut in den Adern.«
+
+»Es ist das erste gute Werk, das ich in Amerika habe thun können,«
+lächelte Eltrich, »eine durch mich befreite Sclavin.«
+
+»Was?« rief Hopfgarten, sich rasch und erstaunt nach ihm umdrehend, »das
+hab' ich ja gar nicht gewußt, daß Sie schon Zeit zu Entführungen gehabt
+-- davon haben Sie mir ja kein Wort erzählt.«
+
+»Die Sache hat auch keineswegs einen solchen poetischen Hintergrund
+-- ich habe sie, mit Hülfe meines früheren Wirthes, der mir die Hälfte
+der Summe vorgestreckt, _gekauft_, und diese zweite Hälfte arbeitet sie
+nun selber ab, so daß sie, mit den Geschenken, die sie bekommt, denn
+alle meine Freunde nehmen Theil an ihr, schon wahrscheinlich in zwei
+Jahren, vielleicht noch früher, vollkommen frei und ihre eigene Herrin
+sein wird. Ich erzähle Ihnen die Geschichte ein ander Mal, denn hier
+ist unser Omnibus, der uns hinüber nach Fayetteville nehmen soll.«
+
+Sie stiegen in den schon ziemlich gefüllten, auf Rädern gestellten
+unförmlichen Kasten, der dazu diente, Passagiere von einem Ende der
+Stadt zum andern zu befördern, und mußten eng zusammenrücken, da der
+Bursche hinten am Schlag hinein beförderte, was eben Passage bezahlte,
+gleichviel wie viel Platz der inwendige Raum bot.
+
+Dicht vor ihnen, auf der gegenüber befindlichen Bank, daß ihre Kniee
+ineinanderpreßten, saß ein sehr anständig gekleideter Mann, der Hopfgarten
+ungemein bekannt vorkam. Auch dieser fixirte ihn und Eltrich in der
+schon einbrechenden Dämmerung ein paar Augenblicke, und dann dem
+letztern die Hand entgegenstreckend sagte er freundlich:
+
+»Ich glaube, daß wir zum zweiten Male Reisegefährten sind -- Herr
+Eltrich -- Herr von Hopfgarten -- nicht wahr?«
+
+»Leupold, wahrhaftig!« rief Eltrich, rasch und freundlich die
+dargebotene Hand nehmend und schüttelnd, »wir haben uns nicht gesehn
+seit wir das Schiff verlassen; wie geht es Ihnen?«
+
+»Körperlich _recht_ gut,« sagte Leupold, doch ein recht wehmüthiger Zug
+um den Mund strafte ihn Lügen dabei, oder verbarg mehr als er sagen
+wollte.
+
+»Sie sind hier in New-Orleans etablirt?« frug ihn Hopfgarten.
+
+»Ja, Herr Baron, und ich muß gestehen, ich habe viel Glück gehabt
+-- wie man hier so im gemeinen Leben sagt -- in meiner Familie aber
+destomehr Leid.«
+
+»Ist Ihre Mutter krank geworden?« frug Eltrich.
+
+»Sie starb vorigen Herbst am gelben Fieber;« erwiederte Leupold, »auch
+ein Knabe, der vor zwei Jahren beide Eltern an der Seuche verloren,
+und den ich an Kindesstatt zu mir genommen hatte, nur irgend Jemand zu
+haben, den ich lieben konnte, der mich liebte. Sie sind Alle todt, und
+ich arbeite jetzt eigentlich für weiter Nichts, als eben zu essen und zu
+trinken.«
+
+»Doch sonst geht es Ihnen gut?« frug Hopfgarten.
+
+»Was pecuniäre Verhältnisse betrifft, allerdings. Wie das gelbe Fieber
+dießmal nahte, floh Alles, was nur fortkommen konnte. Ich selber hatte
+eine stille Hoffnung, daß mich Gott ebenfalls abrufen würde; ohne Zweck
+und Ziel sich so allein in der Welt herumzutreiben wird Einem doch zuletzt
+verleidet; ich wurde aber nicht einmal krank. Ich war bei, Gott weiß wie
+vielen Leichen, fertigte Särge so viel ich mit vier bei mir ausharrenden
+Gesellen fertigen konnte, und verdiente ungezähltes Geld in der Zeit
+-- ich ginge auch gern zurück nach Deutschland, aber -- ich habe den Muth
+nicht dazu -- ich werde die nächste gelbe Fieberzeit noch abwarten, und
+sehen was da wird.«
+
+»Sie fühlen sich nicht wohl in Amerika?« sagte Hopfgarten mitleidig.
+
+»Wie soll man sich da wohl fühlen, wenn man Alles verloren hat, was
+Einem noch lieb und theuer auf dieser Welt war, und für das nur einzig
+und allein man arbeitete. Das Amerika ist ein recht guter Platz Geld zu
+verdienen, wenn man fleißig ist, aber das ist auch Alles; ja wenn es
+mir in Deutschland schlecht gegangen wäre. -- Aber ich will Ihnen nicht
+die Ohren voll lamentiren -- überhaupt ist hier die Straße, wo ich
+aussteigen muß. Es hat mich _herzlich_ gefreut Sie wieder einmal begrüßen
+zu können!«
+
+Er reichte ihnen die Hand, schüttelte sie freundlich, und drängte sich
+dann durch die ihm mürrisch Raum gebenden Passagiere der Thüre zu, den
+Omnibus zu verlassen.
+
+»Dem armen Mann ist Amerika theuer zu stehn gekommen,« sagte Eltrich
+traurig, »lieber Gott, wenn ich mich in seine Lage setze, kann ich mir
+recht gut denken, wie furchtbar es ihm sein muß, jetzt so allein und
+verlassen dazustehen. Was hilft ihm das Geld, das er verdient, wenn er
+Niemanden hat, der es mit ihm theilt, für den er spart.«
+
+»Es ist seine eigene Schuld,« sagte aber Hopfgarten achselzuckend,
+»er hat uns selbst erzählt, daß es ihm in Deutschland nicht schlecht
+gegangen wäre; weshalb wandert er da aus? -- Das kommt von dem
+thörichten Misvergnügtsein ohne Grund.«
+
+»Lieber Gott, es läßt sich da doch Manches zur Entschuldigung sagen,«
+seufzte Eltrich, »wir könnten es auch den Trieb sich zu verbessern
+nennen, den doch jeder Mensch in der Brust mit herum trägt -- warum ihm
+den schlimmsten Namen geben? Thäten die daheim, deren _Pflicht_ es wäre,
+für das wahre Glück der Völker zu sorgen, etwas mehr ihren Unterthanen
+das Leben daheim erträglich zu machen, bedächten sie, daß das »Von Gottes
+Gnaden« nicht nur auf _ein_ Haupt niedergeht und da ruhen bleibt, als
+auf etwas ganz Besonderem -- wie oft nur auf etwas sehr Gewöhnlichem
+-- sondern niederfällt, wie Thau und Regen auch auf die kleinste
+unscheinbarste Wiesenblume. Stäke mit einem Wort einer Masse Menschen da
+drüben nicht der verdammte Dünkel zu fest in der Stirne aus einem ganz
+besonders feinen Porcellainteig geknetet und gebrannt zu sein, Tausende
+würden nicht daran denken, die Heimath zu verlassen, sondern in einer
+möglich bürgerlichen Existenz gern und freudig ausharren. Die Noth
+treibt vielleicht nur zwei Dritttheile aller Auswanderer über das große
+Wasser, der Ekel das andere -- und _das_ gerade thut Deutschland weh
+-- unendlich weh, denn _was_ für wackere Kräfte sind ihm dadurch
+verloren gegangen.«
+
+»Ja, die Geheimenräthe wandern nicht aus,« lachte Hopfgarten.
+
+»Nein, leider Gottes,« seufzte Eltrich, »_die_ liegen an zweifarbigen
+Bändchen fest vor Anker. Der Deutsche theilt sich in seiner Unschuld in
+Nähr-, Wehr- und Lehrstand -- daß er den _Zehr_stand gar nicht dabei
+berücksichtigt. Wie war Ihnen zu Muthe, als Sie jetzt wieder nach
+Deutschland zurückkamen?«
+
+»Wunderbar,« lachte der Gefragte, »unendlich wunderbar -- ich gebe Ihnen
+mein Wort, es kam mir in einem fort so vor, als ob die Leute nur Comödie
+spielten -- und sie thun's auch. Wenn man hier aus dem frischen, freien
+Leben, das allerdings viele, unendlich viele Mängel und Schwächen hat,
+aber dem Menschen doch seine freie, ihm von Gott zugesprochene Entwickelung
+garantirt, wieder hinüber in das abgetheilte, angeblich _geordnete_
+Leben kommt, wo die Menschen wie in Gefachen, mit kleinen darauf
+geklebten Zettelchen eingeschachtelt liegen, sieht wie die untersten,
+bequemsten Gefache fortwährend herausgezogen und gebraucht werden,
+während auf den oberen der dicke ehrwürdige Aktenstaub liegt, und dann
+zurückdenkt, wie das Alles gar nicht nöthig ist, und wie es noch eine
+andere Welt giebt, in der Gottes Creaturen frei und fröhlich aufathmen
+dürfen; wenn man sieht, wie das dort kriecht und scharwenzelt, und auf
+Kindereien sein höchstes Ziel setzt, wenn man einen Blick wieder auf
+jenen Beamten-Wust wirft, der einem in das Kleinste zergliederten,
+auf das peinlich kunstvollste hergestellten und berechneten Räderwerk
+gleicht -- einfach einen Stein zu drehn und Brod zu mahlen, dann wundert
+man sich wirklich, daß die eigentlichen Menschen nicht _Alle_ auswandern
+und das ganze kunstvolle Beamtensystem, wie ein von Insekten
+skelettirtes Blatt als Satz zurückbleibt.«
+
+»Und doch wollen Sie wieder nach Deutschland?« frug Eltrich.
+
+»Es ist ja das Vaterland,« sagte Hopfgarten herzlich, »der Himmel
+ist doch nirgends so blau, die Erde nirgends so grün wie daheim. Sie
+mögen mich auslachen, lieber Eltrich, aber wie ich im vorigen Herbst
+zurückfuhr, und in der Nordsee die nackten Sanddünen, den Thurm von
+Wanger-Ooge wieder sah, hab' ich geweint wie ein Kind -- es giebt doch
+nur ein Deutschland.«
+
+»Ja, leicht können sie's nicht todtmachen,« rief Eltrich, »aber ich
+kehre doch nicht dahin zurück.«
+
+»Verschwören Sie's nicht,« rief Hopfgarten; »es kommt doch eine Zeit, wo
+es uns wieder hinüberzieht -- das Grab unserer Väter ist ein heiliger
+Platz, wo wir mit beiden Händen anfassen müssen, wenn wir unser Herz
+davon losreißen wollen. Mit dem Leben dort, was man die eigentliche Welt
+da nennt, mag ich auch Nichts mehr zu thun haben, dafür bin ich schon zu
+viel Amerikaner geworden; aber ich ziehe mich auf das Land zurück und
+lebe mir und den Meinen. Denken Sie nie an unsern Frühling, wenn die
+Lerche an zu wirbeln fängt, wenn die Birken keimen -- werden Sie das je
+vergessen können?«
+
+»Ich will's versuchen,« sagte Eltrich seufzend, »aber hier ist unser
+Halteplatz -- dort in der Straße liegt für jetzt unser »Deutsches
+Vaterland«.«
+
+»Ein trauriger Ersatz,« lächelte Hopfgarten, als der Wagen hielt, und
+sie, an ihrem Ziele angekommen, aussteigen mußten.
+
+
+
+
+Capitel 7.
+
+Meier, Pelz & Co.
+
+
+Es war indessen, bis sie die Straße erreichten, in welcher das »Deutsche
+Vaterland« lag, schon vollständig dunkel geworden, denn der kurzen
+Dämmerung in Amerika folgt rasch und fast plötzlich die Nacht. Dicht
+vor der Thür des Gasthauses standen drei Leute in leisem, flüsternden
+Gespräch, und als sich Eltrich im Vorübergehn nach ihnen umsah, glaubte
+er bei zweien, auf die gerade das Licht der Gaslaterne fiel, bekannte
+Gesichter zu erkennen, wenn er sich auch nicht gleich auf das Wo und
+Wann einer Begegnung erinnern konnte. Die Männer wandten sich aber rasch
+von ihnen ab, und gingen langsam in dasselbe Haus, doch nicht in das
+Schenkzimmer, sondern in die kleine Hausthür, die mit der Treppe nach
+oben in Verbindung stand.
+
+Natürlich achteten sie nicht weiter darauf, und öffneten gleich nachher
+die Glasthür des unteren Schenkraumes, wo sie den jungen Hamann allein,
+und mit verschränkten Armen und finster zusammengezogenen Brauen auf und
+abgehend, fanden. Freundlich begrüßte er Eltrich, mit dessen kleiner
+Familie er, wie seine Frau, schon manchmal zusammengekommen waren, und
+hörte mit großer Theilnahme, wie jener schändliche Verdacht endlich auch
+öffentlich von dem unglücklichen Bruder seiner Frau gewälzt sei, und
+diese sich doch nun wieder froh und glücklich fühlen würde, mit solcher
+Sorge vom Herzen.
+
+Die freundliche Einladung Eltrichs, den heutigen Abend mit Hedwig bei
+ihnen zuzubringen, mußte er aber, wenigstens für sich selber, ablehnen,
+wenn auch die Frau kein Hinderniß hatte, und unter Eltrichs Schutz die
+Herren gern begleiten würde.
+
+»Ich habe heute einen schlimmen Ärger und bösen Auftritt im Haus gehabt,«
+setzte er, sich entschuldigend, hinzu, »und meinen Barkeeper, einen
+nichtsnutzigen, frechen Gesellen, den ich, wie ich fast fürchte, auf
+verbotenen Wegen ertappte, zum Teufel jagen müssen.«
+
+»Ihren Jimmy?« rief Eltrich -- »Gott sei Dank, daß der Bursche fort ist;
+wenn irgend Jemand auf der Welt, so hatte der eine böse, galgenwürdige
+Physiognomie, und ich bin fest überzeugt, er strafte die auch nicht
+Lügen.«
+
+»Was ich heute von ihm gesehn habe,« meinte Hamann, »widerspräche dem
+wenigstens nicht, denn ich fand ihn über Tisch in dem Zimmer einiger
+meiner »Boarder,« die, wie vermuthet wird, viel Geld bei sich haben, bei
+einer sehr verdächtigen Untersuchung des einen Koffers, für dessen sehr
+hübsche Arbeit er sich angeblich interessirte. Ich bin übrigens froh,
+den Burschen, den ich sonst noch hätte einen vollen Monat behalten und
+füttern müssen, auf solche Art so rasch losgeworden zu sein, nur muß ich
+jetzt, bis ich mich morgen nach einer passenden Persönlichkeit dafür
+umsehen kann, selber die Stelle verwalten. Sie thun mir übrigens einen
+Gefallen,« setzte er dann hinzu, »wenn Sie selber zu meiner Frau hinauf
+gingen und es ihr sagten; Sie werden sie jetzt warscheinlich in meines
+Vaters Zimmer finden. Sie, Herr Eltrich, kennen ja den Weg. Meine Gäste
+sind drin beim Abendbrod, und ich muß indessen hier in der Bar bleiben;
+hab' ich aber heut Abend zugeschlossen, was heute früher als gewöhnlich
+geschehen wird, komme ich noch selber zu Ihnen hinaus und hole Hedwig in
+meinem kleinen Wagen ab.«
+
+Die Herren waren eben im Begriff, der Bitte Folge zu leisten, als die
+Thür aufging und ein junger Mann hereinkam, Hopfgarten und Eltrich aber
+kaum erblickte, als er auch schon mit einem lauten, etwas exaltirten
+Freudenruf auf sie zusprang, ihre Hände ergriff, und wie es schien, sich
+alle Gewalt anthun mußte, ihnen nicht auch um den Hals zu fallen.
+
+»Ach Herr von Hopfgarten -- ach Herr Kapellmeister -- welch glückliches
+Zusammentreffen -- nein, ich kann Ihnen gar nicht sagen, _wie_ froh
+ich bin, Sie endlich einmal wieder zu sehn. Wie geht es Ihnen? -- was
+machen, was treiben Sie -- Herr Hamann, darauf müssen wir ein's trinken,
+bitte meine Herren, was nehmen Sie -- ich habe ja überhaupt hier noch
+eine kleine Kreide stehn --«
+
+»Herr Theobald!« rief Hopfgarten erstaunt aus, den Dichter dabei mit
+einem flüchtigen Blick, eben nicht zu dessen Gunsten, von oben bis unten
+messend -- »wie kommen Sie wieder nach New-Orleans?«
+
+»Ich? -- lieber Gott, wo kommt man nicht in diesem verwünschten Lande
+hin!« rief Theobald mit einer gewissen Wehmuth aus --
+
+ »Treibt auf wildbewegtem Meere
+ Auch mein schwank-gebrecher Nachen,
+ Dräut mir auch der Wogen Schwere,
+ Soll's mich doch nicht muthlos machen --
+
+»wo kommt man hier _nicht_ hin? -- sag' ich noch einmal -- Sie kennen ja
+die alte Geschichte, bester Baron, »willst Du in meinem Himmel mit mir
+leben -- #à la bonheur#, aber auf Erden sind alle Kämmerchen vermiethet«
+-- Nichts wie Prosa, Nichts wie gemeine, hausbackene Wirklichkeit, in
+der das dumme Volk auch nicht einmal eine Ahnung hat, daß ein höher
+begabter Mensch auch noch mit etwas Anderem _arbeiten_ könnte, als mit
+Spitzhacke und Schaufel. _Arbeiten_ schreien sie -- _arbeiten_, immer
+nur arbeiten, und was der Geist dabei thut, rechnen sie nicht, das nennen
+sie faullenzen. Aber zum Henker mit der Bande, wenn's uns hier nicht
+länger gefällt, Herr von Hopfgarten, dann gehn wir nach Amerika! und
+jetzt wollen wir trinken, Herr Hamann hat uns schon die Gläser
+aufgestellt -- bitte, was nehmen Sie?«
+
+»Ich danke wirklich herzlich,« sagte Hopfgarten ablehnend -- Theobald
+sah ihm gar nicht danach aus, als ob er so viele Sechs-Cent-Stücke
+wegzuwerfen hätte, für Andere zu bezahlen, und zugleich ließ sein
+ganzes, außergewöhnlich aufgeregtes Wesen auch noch überdieß darauf
+schließen, daß er schon selber eigentlich mehr wie seine tägliche
+Quantität getrunken habe -- »bitte, erzählen Sie mir lieber, wie es
+Lobensteins geht, was sie thun und treiben und wie der Professor mit
+seinen Arbeiten vorwärts rückt.«
+
+»Bah -- _so_ viel für den Professor,« rief Theobald mit einer wegwerfenden
+Bewegung -- »ein Schwachkopf, der sich einbildet, von Landwirthschaft
+und Poesie gleich viel zu verstehn, und wirklich gleich viel davon
+versteht. Er ist ruinirt, und Eduard, der große Nimrod, hat sich auf der
+Jagd todtgeschossen --«
+
+»Heiland der Welt,« rief Hopfgarten entsetzt aus, »das ist ja furchtbar,
+und Sie erzählen das hier, als ob Sie die Leute nicht das Mindeste
+angingen.«
+
+»Thun Sie auch nicht,« sagte Theobald ruhig -- »wenn Jemand
+Verbindlichkeiten gegen den Anderen hat, so ist es der Professor gegen
+_mich_; ich habe ihm meine Kräfte nicht allein, ich habe ihm auch meinen
+Geist geliehen; aber die Rathschläge, die ich ihm gab, konnten ihn nur
+noch eine Zeit lang über Wasser halten -- sein eignes Gewicht zog ihn in
+die Tiefe.«
+
+»Und was ist aus ihnen geworden?« frug Hopfgarten.
+
+»Oh sie sind für jetzt wohl noch, so viel ich weiß, in Indiana,« sagte
+Theobald, »der Professor wird jedoch jedenfalls gezwungen sein, seine
+Farm zu verkaufen, weil er Schulden hat, die er nicht tilgen kann. Aber
+kommen Sie, meine Herren, kommen Sie, der Brandy wird kalt.«
+
+Auch Eltrich suchte sich von der Einladung loszumachen, Theobald
+drang aber auf das Ungestümste in sie, und da es in Amerika für eine
+Beleidigung gilt, mit Jemand, von dem man eingeladen wird, nicht zu
+trinken, traten die beiden Männer, um ihn nur loszuwerden, mit ihm an
+den Schenktisch.
+
+Die Gläser waren gefüllt und Hopfgarten wie Eltrich hoben sie mit einem
+höflichen Nicken gegen den jungen Mann, der mit einer hochtragischen
+Bewegung, den Arm ausstreckend, rief:
+
+»Halt! nicht also dürfen wir, verehrte Gönner und Freunde, die edle
+Gottesgabe unseren Kehlen zusenden. Der Geist verlangt Geist:
+
+ So fließe denn dieser edle Trank,
+ Ein perlender Tropfen Himmelsthau,
+ Als Weiheopfer, als Gottes Dank,
+ Den schönen Augen der schönsten Frau.
+ Wie er zittert im Glase, wie funkelndes Blut --
+ _Sie_, deren Bild uns im Herzen ruht,
+ Lebe hoch!«
+
+»Lebe hoch!« stimmte Eltrich gutmüthig mit ein, indem sie ihre Gläser
+leerten.
+
+»Also Sie haben auch ein paar schöne Augen?« lachte der Kapellmeister,
+»die Ihnen im Herzen ruhn? sollt' ich sie am Ende kennen? -- an Bord
+ging einmal ein unbestimmtes Gerücht --«
+
+Theobald wandte den Kopf von ihm fort, und streckte den Arm abwehrend
+aus:
+
+ »Tief begraben hier drinnen da ruhet ihr Bild,
+ Da ruht mit dem Bild auch der Namen,
+ Ein düsterer Schleier decket das zu --
+ _Ich_ bin zu dem Bild nur der Rahmen --
+
+aber apropos« -- wandte er sich dann rascher und lebhafter plötzlich an
+den Kapellmeister -- »ich habe ein paar prächtige Lieder für Sie zum
+Komponiren, lieber Eltrich -- ich weiß, daß Sie in neuerer Zeit einige
+Lieder von Heine und Freiligrath reizend in Musik gesetzt haben, das
+sind aber natürlich nur immer gerade zufällig passende Sachen, die Sie
+sich in Ermangelung eines Besseren heraussuchen mußten. In den meinigen
+werden Sie _Deutschen_ Geist in Amerikanischer Hülle finden, etwas
+Passendes, Zeitgemäßes, mit dem Sie, wie ich fest überzeugt bin, Ihre
+Hörer entzücken können, und ich bin gern erbötig, Ihnen nicht allein
+die Wahl zwischen einigen fünfzig vortrefflichen Sonetten zu gestatten,
+sondern Ihnen auch das Stück der ausgewählten mit zwei Dollar zu
+überlassen.«
+
+»Sie sind _sehr_ gütig, lieber Theobald,« sagte Eltrich, verlegen, wie
+er das Anerbieten abweisen sollte, und doch auch wieder zu gutmüthig,
+geradezu nein zu sagen. »Sie werden mir erlauben, daß ich die Sachen
+einmal gelegentlich durchsehe, denn in der nächsten Zeit bin ich zu sehr
+mit andern Sachen beschäftigt, an irgend eine Composition denken zu
+können --«
+
+»Oh gewiß -- gewiß,« rief Theobald rasch -- »aber -- mit dem Lesen,
+wissen Sie, ist es eine unangenehme Sache; ich weiß zu gut, wie ungern
+Leute Manuscript lesen, und wie verschieden sich auch etwas im Manuscript
+und Vortrag ausnimmt. Wie wäre es also, wenn Sie mir jetzt ein halbes
+Stündchen gönnten, und ich Ihnen die Kleinigkeit --« er holte dabei ein
+etwa daumenstarkes, sehr eng beschriebenes Manuscript aus der Tasche
+-- »einmal hier flüchtig vorläse; es würde --«
+
+»Lieber Eltrich,« drängte Hopfgarten, »wir _müssen_ hinaufgehn, es wird
+die höchste Zeit, wenn wir Frau Hamann noch heute Abend mit fortnehmen
+wollen, und Sie wissen, ich habe _wichtige_ Sachen mit ihr zu besprechen.«
+
+»Sie haben recht,« rief Eltrich -- »wir müssen uns wahrhaftig heute
+entschuldigen, Herr Theobald -- wenn Sie mir später das Manuscript
+vielleicht einmal anvertrauen wollen, so würde ich --«
+
+»Ich werde mir selber das Vergnügen machen, es Ihnen in Ihrer eigenen
+Wohnung vorzulesen,« sagte Theobald rasch entschlossen -- »zu welcher
+Zeit trifft man Sie am Besten?«
+
+»Es ist jetzt _sehr_ unbestimmt,« sagte Eltrich, den ungeduldigen Winken
+Hopfgartens nachgebend und seinen Hut nehmend -- »vielleicht einmal
+Nachmittags -- also auf Wiedersehn, Herr Theobald --«
+
+»Auf Wiedersehn, lieber Kapellmeister -- auf Wiedersehn Herr von
+Hopfgarten.«
+
+»Gott sei Dank, daß wir den schrecklichen Menschen los sind,« sagte
+Hopfgarten, als sie durch den dunklen Gang, der im Hause hin zur nach
+oben führenden Treppe gingen, »der wäre im Stande gewesen und hätte uns
+die halbe Nacht seine faden Mondscheinergüße vorgelesen. Aber -- alle
+Wetter, Eltrich -- hier ist's dunkel -- kennen Sie den Weg?«
+
+»Ja -- ich bin freilich nur erst einmal Abends hier oben gewesen, und da
+dächt' ich, hätte eine Laterne auf der Treppe gebrannt; aber kommen Sie
+nur -- hier ist das Geländer -- fassen Sie mich an -- so -- sehn Sie?
+-- hier steigen wir hinauf, und nun weiß ich auch Bescheid, denn gleich
+oben an der Treppe, zwei oder drei Schritt an der rechten Seite, ist die
+Vorsaalthür, die zu dem alten Hamann führt.«
+
+»Es soll nicht besonders mit ihm gehn,« meinte Hopfgarten.
+
+»Ach der ist zäh,« sagte Eltrich, »der kann noch lange leben; sehn Sie,
+da sind wir schon -- fallen Sie nicht wieder rückwärts hinunter, es geht
+ganz häßlich steil ab. Daß die Leute hier auch keine Laterne brennen,
+man könnte ja Hals und Beine dabei brechen. Hier hab' ich die Klingel!«
+und den kurzen Griff fassend, zog er daran, daß die kleine Glocke
+drinnen hell und klar ertönte.
+
+Alles todtenstill -- kein Laut antwortete.
+
+»Sie haben es nicht gehört -- ziehn Sie noch einmal,« sagte Hopfgarten.
+
+Eltrich klingelte noch einmal, stärker als vorher, und legte dann das
+Ohr an die Thür, ob er nicht Schritte hören könne.
+
+»Hülfe!« tönte da ein wilder, markdurchschneidender Schrei zu ihm herüber
+-- »Hülfe!« rief es noch einmal, aber mit schwacher, gedämpfter, doch
+nichtsdestoweniger deutlicher Stimme, als ob eine Hand den rufenden Mund
+zu schließen suchte.
+
+»Was ist das?« rief Eltrich; Hopfgarten hatte den Schrei aber ebenfalls
+gehört, und ohne sich weiter zu besinnen, ohne irgend eine Frage zu
+thun, oder ein Wort weiter zu verlieren, fühlte er nach der Thür, und
+führte im nächsten Augenblick einen so gut gemeinten und kräftigen Tritt
+gerade nach der, eben nicht übermäßig dicken Füllung, daß er diese
+gleich mit dem ersten Stoß nach innen trat. Ein zweiter machte die
+Bresche passirbar, und sich in wilder Hast, von Eltrich dicht gefolgt,
+hindurchdrängend, fand er sich wenige Secunden später in dem inneren
+Raum, den zu durchfliegen und der nächsten Stubenthür, aus der ein
+Lichtstrahl drang, zuzuspringen, das Werk weiterer, nur weniger Secunden
+war.
+
+ * * * * *
+
+Es dämmerte, und am Ufer des Flusses gingen, nur die Fronte des einen
+#square# haltend, zwei Männer in eifrigem, aber mit unterdrückter Stimme
+geführten Gespräch, mit raschen Schritten auf und ab. Allem Anschein
+nach erwarteten sie Jemanden, der sich ihnen auch endlich, nach einigem
+Herüber- und Hinübersuchen, anschloß.
+
+»Nun, Jimmy, wie ist's?« frug der Eine von ihnen, Meier (der Andere war
+sein Reisegefährte Pelz), den eben Gekommenen -- »wird's noch was heute
+Abend?«
+
+»Jetzt oder nie,« flüsterte Jimmy mit leiser, ängstlicher Stimme, »denn
+schon heut' Morgen war die Rede davon, daß sie den Alten am nächsten Tag
+hinüberbetten wollten, wo die jungen Leute ihre Zimmer haben, damit er
+dort mehr Pflege hätte; wenn das geschieht, kann kein Teufel mehr dazu.«
+
+»Und lohnt's wirklich?« frug Meier, noch immer mistrauisch.
+
+»_Lohnt's?_»wiederholte Jimmy ärgerlich -- »glaubt Ihr, daß _ich_
+meinen Hals an so eine Geschichte setzen würde, _wenn's_ nicht eben
+was Außerordentliches wäre?«
+
+»Na, ob _Dein_ Hals das gerade ist,« brummte Meier.
+
+»Jetzt ist keine Zeit zu Albernheiten,« sagte aber Pelz mürrisch, »also
+Ihr glaubt wirklich, daß wir mit dem einen Schlag _genug_ kriegen
+können, Jimmy.«
+
+»Ich _glaube_ gar Nichts,« rief dieser rasch und eifrig, »ich _weiß_,
+daß der Alte in dem einen kleinen, erbärmlichen Holzschrank, den er
+nicht gegen einen eisernen vertauscht hat, um sich nicht in den Verdacht
+zu bringen, daß er wirklich etwas Stehlenswerthes in seiner Wohnung
+habe, für vielleicht hunderttausend Dollar Juwelen, Geld, Papier und
+Aktien liegen hat, und mit einem einzigen Faustschlag kann man den
+Deckel sprengen.«
+
+»Und der Alte?«
+
+»Ist in einer halben Stunde etwa, auf dreißig oder fünf und dreißig
+Minuten allein, denn der junge Lümmel muß heute, weil ich nicht da bin,
+in der Bar bleiben, und die Frau guckt nach der Kaffeekanne im Eßzimmer,
+daß Niemand eine Tasse zu viel trinkt.«
+
+»Ich weiß nicht -- mir ist nicht recht wohl bei der Geschichte,« meinte
+Meier -- »ja wenn ich selber den Grund und Boden, und die Winkel und
+Schliche da kennte, wo man hinausfahren muß, wenn's Noth thut, dann wär'
+mir's gerade recht; aber mich so von Jemand Anderem in ein ganz fremdes
+Haus, denn in dem Theil sind wir doch noch nicht gewesen, hineinführen
+zu lassen, das hat mir 'was verdammt Unbehagliches. Passirt 'was, so
+drückt sich Jimmy sachte ab, und wir Andern sitzen drin.«
+
+»Aber ich bitt' Euch um Gottes Willen, was soll passiren?« rief Jimmy
+-- »wir brauchen auf der Welt weiter Nichts zu thun, als die Treppe im
+Haus hinaufzugehn; in der Tasche hab' ich den Schlüssel zur Thür -- die
+schließen wir hinter uns zu, wer dann hinein will, muß klingeln, und die
+Thür vom Alten, der in der Zeit mutterseelensallein ist, steht auf.«
+
+»Wenn's aber weiter Nichts wäre,« brummte Meier, »da hättet Du ja auch
+die ganze Geschichte allein machen, und den Profit allein in die Tasche
+stecken können.«
+
+»Das hätt' ich auch,« sagte Jimmy, halb verlegen, halb mürrisch, »aber
+-- es ist mir so ein eignes, wunderliches Gefühl mit dem Alten. Mit
+_einer_ Hand könnte man ihn zusammendrücken, und doch -- doch _fürcht'_
+ich mich vor ihm; sein Blick sieht Einem bis in die Kniekehlen hinunter,
+und er schläft -- Ihr mögt mich auslachen, wie Ihr wollt -- mit einem
+Auge offen.«
+
+»Vor dem Sohn fürchtest Du Dich nicht?« lachte Meier.
+
+»Daß ihn der gelbe Jack hole,« fluchte Jimmy -- »ich vergelte ihm die
+heutige Behandlung, oder ich will im Leben keinen Brandy wieder trinken;
+er soll's noch bereuen, mich auf diese Weise behandelt zu haben. Doch
+jetzt kommt, denn wir haben keine Zeit mehr zu verlieren; mit dem
+Schlage sieben gehen die Leute zu Tisch, und von da bis halb acht sind
+wir sicher; länger keine Secunde.«
+
+»Und wenn Jemand, indeß wir drinnen sind, an die Thüre draußen kommt und
+hinein will?« frug Meier.
+
+»Neben der Stube ist eine Schlafkammer,« sagte Jimmy, »und aus dieser
+führt eine stets offen stehende Thür nach dem Gang hinaus, der in den
+andern Theil des Hauses läuft -- aber es _kommt_ auch Niemand, zum
+Donnerwetter noch einmal; und wenn auch, so wär's vielleicht der junge
+Tölpel selber, und dazu seid Ihr zwei baumfeste Kerle, die dem wohl
+einen Schlag über den Schädel geben können, daß er ein paar Secunden
+ruhig ist. Erst einmal wieder unten auf der Straße, und in der
+Menschenmenge, die dort noch auf- und niederströmt, ist eine Verfolgung
+ganz unmöglich. Ja, wenn's nach zehn Uhr Abends wäre, da könnte uns eine
+einzige Wachtmann-Rassel ein ganzes Viertel Nachtwächter über den Hals
+ziehn.«
+
+Meier schien, von Pelz dabei noch heimlich bearbeitet, seine letzten
+Bedenklichkeiten endlich, wenn nicht ganz überkommen, doch bei Seite
+gestellt zu haben, und die drei Männer schritten jetzt raschen Ganges,
+sich unterwegs das Weitere überlegend, ein Stück noch am Wasser, und
+dann die Straße hinauf, die nach dem »Deutschen Vaterland« zuführte.
+
+Gerad um sieben kamen sie dort an; durch die mit Flaschen und Karaffen
+besetzten Fenster des »Barrooms« konnten sie von außen ganz deutlich die
+kleine Uhr im Innern erkennen, die drei Minuten über sieben zeigte.
+Dennoch zögerten sie einen Augenblick, ganz sicher zu sein, daß sie
+nicht zu früh kämen, und blieben indessen vor der Thür stehn. Daß der
+junge Hamann allein in der »Bar« war, konnten sie von außen ebenfalls
+deutlich erkennen; so weit stand die Sache günstig genug für sie, und
+die Gäste waren jedenfalls schon drin bei Tisch.
+
+Zwei Männer kamen dicht an ihnen vorbei, und gingen auf die Thür des
+Schenkzimmers zu; Meier und Pelz drehten sich nach ihnen um, wandten
+sich aber auch fast unwillkürlich wieder ab, und schritten dem kleinen
+Thorweg zu, der neben dem Schenkzimmer in das Haus führte.
+
+»Weißt Du, wer die Beiden waren?« flüsterte Meier Pelz zu.
+
+»Ja!« nickte dieser leise -- »ein paar alte Bekannte; das schadet Nichts
+-- im Gegentheil, die halten den jungen Laffen da drin um so sicherer an
+der Flasche fest, und in zehn Minuten können wir wieder unten sein.«
+
+Jimmy führte sie indessen, ohne weiter ein Wort mit ihnen zu wechseln,
+rasch die schmale, hölzerne Treppe hinauf, an der oben ein Licht
+brannte; an diesem zündete Pelz, wie schon vorher verabredet, seine
+eigene kleine Blendlaterne an, und bließ es dann aus, und oben wollten
+sie ihren Weg wieder fortsetzen, als sie leichte Schritte auf dem Gange
+hörten und einen fremden Lichtschimmer bemerkten, der diesen herunter
+und auf dieselbe Thür zukam, in der auch _ihr_ Ziel lag.
+
+»Höll und Teufel,« flüsterte Jimmy leise und ingrimmig vor sich hin
+-- »das ist die Madame -- was zum Donnerwetter hat denn _die_ heute
+Abend bei dem Alten zu suchen? -- Ruhig Leute, wir müssen hier einen
+Augenblick warten; sie wird nicht lange bleiben.«
+
+Es war Hedwig, die mit dem Licht den schmalen Gang herüber kam, nach dem
+Kranken zu sehn; sie öffnete mit einem Schlüssel, den sie bei sich trug,
+die Thür, und sah sich dabei nach der ausgegangenen Lampe an der Treppe
+um, unter der die drei Schurken kauerten, betrat jedoch, ohne diese zu
+entzünden, den Vorsaal, und klinkte die Thür nur einfach hinter sich
+in's Schloß.
+
+»So, jetzt sitzen wir hier auf der Treppe,« brummte Meier finster vor
+sich hin, »und wenn Jemand heraufkömmt, findet er das ganze Nest.«
+
+»Das wär' weiter keine _Gefahr_,« flüsterte Jimmy zurück, »wir gingen
+nur einfach die Treppe hinunter und kein Teufel wüßte in der Dunkelheit,
+wer's gewesen ist.«
+
+»Und das Geld?« frug Pelz.
+
+»Wäre dann allerdings zum Henker,« fluchte Jimmy zwischen den
+zusammengebissenen Zähnen durch, indem er wieder anfing, seine Finger
+zu knacken.
+
+»Was zum Teufel machst du denn da?« rief ihn mit unterdrückter, doch
+zorniger Stimme Meier dabei an, »willst Du das verdammte Knacken lassen,
+das hört man ja durch's ganze Haus; das fehlte auch noch, daß wir Dich
+als Sturmglocke dabei hätten. Übrigens seh' ich nicht ein, weshalb wir
+zögern,« setzte er rasch hinzu, »ob die Madame da drin ist oder nicht,
+wenn wir's mit weiter Niemand als dem Alten zu thun haben. Wir sind
+unserer drei, und mit einer solchen Aussicht vor uns, daß _wir_ künftig
+von unseren Interessen leben können und eben nur zuzulangen brauchen,
+sollte uns _das_ wenigstens nicht abhalten.«
+
+»Nur um Gottes Willen kein Blut vergießen,« bat Jimmy, ängstlich werdend
+-- »Ihr habt mir das schon vorher versprochen, denn _da_mit möchte ich
+Nichts zu thun haben.«
+
+»Unsinn,« brummte Meier, »wer spricht denn davon? wir verlangen von
+denen da drinnen weiter Nichts, als daß sie ein paar Minuten das Maul
+halten, und dazu können wir sie schon bringen, ohne ihnen gleich den
+Hals abzuschneiden.«
+
+»Wenn wir nur noch einen Moment warten,« ermahnte Jimmy noch einmal;
+»sie _muß_ gleich wieder zurückkommen.«
+
+Die beiden Männer erwiederten Nichts darauf, sondern kauerten eine ganze
+Weile, dem Rathe folgsam, auf der Treppe, gleich vorsichtig dabei nach
+oben wie unten horchend, ob sich kein gefährliches Geräusch irgendwo
+vernehmen lasse. Es blieb todtenstill, denn im Haus war Alles im
+Eßzimmer versammelt, die Frau kam aber eben so wenig zurück, und Jimmy
+selbst fühlte jetzt, daß es die höchste Zeit würde, ihr Vorhaben
+auszuführen, wenn sie nicht die günstige Periode des Abendessens, und
+damit Alles versäumen wollten. So als Pelz endlich erklärte, wenn Sie
+nun nicht an's Werk gingen, wolle _er_ mit der Sache nichts weiter zu
+thun haben, da er hier auf der Treppe nervös würde, stand er langsam
+auf, bat die Männer noch einmal sich jeder Gewaltthätigkeit zu
+enthalten, und stieg langsam, von ihnen dicht gefolgt, die wenigen
+Stufen noch hinauf.
+
+Ihrem verabredeten Plane nach sollten sie, was sie auch jetzt thaten, so
+geräuschlos als möglich die Vorsaalthür öffnen und mit dem Schlüssel,
+den Jimmy bei sich führte, wieder hinter sich schließen, dann über den
+Vorsaal schleichen, wo sie hatten vorsichtig an der Thür des Alten
+anklopfen wollen, erst zu sehn ob dieser wache. Da aber das Erscheinen
+der Frau diesen Angriffsplan jetzt geändert hatte, glitten sie nur, so
+leise sie konnten, über den kleinen, dunklen, schmalen Vorplatz hin,
+wobei ihnen Pelzes Blendlaterne leuchtete, Jimmy ergriff dann die
+Thürklinke, und diese rasch und plötzlich öffnend, sprangen alle drei zu
+gleicher Zeit, und ehe die im inneren Raum Befindlichen auch wirklich
+nur einen Schrei der Überraschung ausstoßen konnten, auf sie zu. Pelz
+warf sich dabei auf den Alten, der neben seinem Bett auf einem großen
+Stuhle saß, während Meier Hedwig ergriff, sie an der Kehle faßte und ihr
+mit augenblicklichem Tode drohte, wenn sie auch nur einen Laut von sich
+gebe.
+
+Nicht so leichtes Spiel sollte Pelz haben, denn der alte Geizhals, stets
+in Furcht bestohlen zu werden, hatte, ohne daß selbst Jimmy etwas davon
+wußte, fortwährend ein paar geladene Pistolen neben sich auf demselben
+Tisch, auf dem seine Arznei stand, mit einem seidenen Tuch bedeckt
+liegen, und fast instinktartig nach diesen in demselben Moment
+gegriffen, als er die Thüre seines Zimmers so plötzlich aufreißen sah.
+Spannen und Abdrücken war auch wirklich nur das Werk eines einzigen
+Augenblicks, und um Pelz wäre es, außer dem gefährlichen Knall des
+Gewehres für die beiden Anderen, jedenfalls geschehen gewesen, hätte
+die Pistole, die da schon Gott weiß wie lange geladen lag, nicht
+versagt. Der alte Gauner erschrak aber doch nicht wenig über die
+nahe Todesgefahr, und als Hamann, den Anspringenden mit dem linken
+ausgestreckten Arm noch von sich drückend, nach der zweiten Waffe griff,
+führte er mit einem ingrimmigen Fluch und einer in der Hand verborgenen
+Kugel einen so gut gemeinten Schlag nach ihm, daß er ihn besinnungslos
+zu Boden streckte.
+
+Jimmy indessen sprang, ohne sich weiter um die Übrigen zu bekümmern,
+die er in guten Händen wußte, mit einem Satz nach dem alten hölzernen
+Secretair, in dem des Wirthes Schätze lagen. Mit einem Stemmeisen, das
+er bei sich führte, brach er diesen auch rasch und ohne Mühe auf, und
+leerte den Inhalt der Gefache in einen zu dem Zweck mitgenommenen
+Leinwandsack.
+
+Hedwig sah das Alles, wie in einer Art wachen Traumes; sie fühlte dabei,
+wie die Hand des Mörders, dessen Gesicht sie trotzdem erkannte, auf ihr
+lag, und vermochte keinen Laut auszustoßen, hätte sie der Bube selbst
+frei und unberührt gelassen. Jimmy arbeitete indessen mit einer
+fabelhaften Geschäftigkeit, und Pelz, der ihm der Sorge um den Alten
+enthoben dabei half, schob in die eigenen Taschen, was er hineinbringen
+konnte, als plötzlich draußen, scharf und hell, die kleine Klingel an
+der Vorsaalthür ertönte.
+
+Wie ein Schlag fuhr der klare durchdringende Laut in aller Glieder
+-- die Räuber schreckten, aufhorchend, empor, und selbst Meier ließ in
+seinem Griff an Hedwig -- nur erst zu wissen, welcher Art die Gefahr
+sei, die ihnen drohe, etwas nach. Hedwig aber, der dieser Laut wie neues
+Leben durch die Adern schoß, warf mit plötzlicher Anstrengung den Arm,
+dessen Finger ihre Kehle umspannt hielten, zurück, und stieß, unbekümmert
+um jede Gefahr, die ihr selber drohen konnte, jenen wilden gellenden
+Hülferuf aus.
+
+»Bestie!« knirrschte Meier zwischen den Zähnen durch, und suchte mit
+seiner breiten Hand, der sie sich umsonst erwehrte, ihren Mund zu
+decken.
+
+»Hülfe!« stöhnte Hedwig, und draußen brach und prasselte in dem
+Augenblick die dünne Thür zusammen.
+
+»Herr Du mein Gott!« schrie Jimmy, in aller Angst den Leinwandsack
+fallen lassend und nach der Kammerthür fahrend. Hier aber mußte er an
+Meier vorbei, und dieser, der nicht gesonnen war allein in dem fremden
+Haus im Stich gelassen zu werden, faßte ihn und hielt ihn, während Pelz
+an den Beiden vorüberglitt und in die Kammerthür verschwand, am Kragen
+fest. --
+
+»Nicht ohne mich, Kamerad.« knurrte er dabei, »den Weg mußt Du mir
+wenigstens zeigen, und daß _Du_ hier, mein Täubchen, uns nicht indessen
+vor der Zeit das ganze Haus über den Hals schreist, nimm _das_ indessen,«
+und sie loslassend führte er, während er sprach, einen gewiß gut
+gemeinten Schlag mit der Faust nach der Stirn der jungen Frau, der
+dieser wahrscheinlich verderblich geworden wäre, wenn sie nicht, die
+Gefahr sehend, ihren Kopf unter seinen linken Arm geworfen, und sich
+fest an ihn angeklammert hätte.
+
+»Hülfe, Hülfe!« schallte dabei ihr gellender Schrei, jetzt um das eigene
+Leben ringend und Jimmy, den Moment benutzend, riß sich von Meiers Griff
+los, und sprang ebenfalls in die Kammer, während dieser indeß umsonst
+versuchte die Frau von sich abzuschütteln oder in den Schwung seines,
+nach ihr schlagenden Arms zu bringen. Hedwig, ihre schwachen Kräfte zu
+wilder verzweifelter Anstrengung getrieben, hielt ihn fest umklammert,
+und Meier, endlich selbst zum Äußersten gebracht, riß ein Messer aus
+seinen Gürtel, als die Stubenthür auf- und Hopfgarten in demselben
+Moment auch in gänzlicher Verachtung der eben so rasch auf ihn
+gerichteten Waffe, gegen den Mörder anflog.
+
+Mit dem linken Arm den nach ihm geführten Stoß, so gut das im Augenblick
+ging, abwehrend, warf er sich mit dem ganzen Gewicht seines Körpers
+so voll und gut gewillt gegen ihn, daß er den sonst viel stärkeren,
+jetzt aber auch noch durch die Frau behinderten Mann zum Taumeln
+brachte, und Meier fand sich, wenige Secunden später unter den ihn fest
+niederhaltenden Armen Hopfgartens und Eltrichs, die er jedoch Beide mit
+seinem Messer verwundet hatte, am Boden liegen, während aus dem ganzen
+Haus schon die Leute, durch das Geschrei aufmerksam gemacht, herbei und
+zur Hülfe strömten.
+
+»Hopfgarten,« stöhnte indeß der Räuber, in der Anstrengung seine Arme
+wenigstens frei zu bekommen, und mit der Angst jetzt vor der gerechten
+Strafe, »lassen Sie mich los -- ich -- ich weiß, wen Sie suchen -- ich
+weiß -- ich weiß wo er steckt. Henkel ist hier in der Stadt -- aber
+-- heut Abend noch oder morgen früh geht er fort von hier -- lassen
+Sie mich frei, und ich sage Ihnen, wo Sie ihn finden können!«
+
+»Alle Wetter!« rief Hopfgarten überrascht, »da könnte man einen Wolf mit
+dem andern fangen.«
+
+»Glauben Sie doch nicht was der Schurke sagt,« rief aber Eltrich, der
+das warme Blut an seiner Schulter niederrieseln fühlte, »der Bursche ist
+zum Galgen reif -- Hülfe -- Hülfe hierher.«
+
+Der Ruf galt einer neuen, verzweifelten Anstrengung des Räubers, aber
+die Hinterthür, die in die Schlafkammer führte, und _nicht_ verschlossen
+gewesen war, wurde in diesem Augenblick von den herbeistürmenden
+Boarders, mit dem jungen Hamann an der Spitze, gesprengt, während von
+der Straße herauf ebenfalls die Leute herbeisprangen. Wenige Minuten
+später war das Zimmer mit Menschen gefüllt, und Hopfgarten und Eltrich,
+den Gefangenen der Masse überlassend, konnten jetzt daran denken das
+wild umhergestreute und gefährdete Eigenthum des alten Mannes in
+Sicherheit zu bringen. Die indessen ohnmächtig gewordene Frau sahen sie
+in dem Schutz ihres Gatten, und den noch immer am Boden ausgestreckten
+alten Mann hatten unter der Zeit ein paar Nachbarn aufgehoben und auf
+sein Bett getragen.
+
+Unter den Fremden waren übrigens auch zwei Constabler mitgekommen,
+die sich als solche zu erkennen gaben, und Meier vor allen Dingen in
+Gewahrsam nahmen. Andere, die von unten heraufkamen, hatten eine dunkle
+Gestalt zum Haus hinauslaufen sehen, und Einige unter dem, nach dem Hof
+zuführenden Kammerfenster eine goldene Uhr gefunden, die der Räuber dort
+wahrscheinlich, nach einem verzweifelten, aber glücklich abgelaufenen
+Sprung aus dem Fenster, verloren haben mußte.
+
+Nur erst als sich Hedwig, unter den zärtlichen Bemühungen ihres Gatten
+wieder soweit erholte sprechen zu können, erfuhren sie, daß drei Männer:
+der Gefangene, ein früherer Reisegefährte Pelz, und ihr heute
+fortgeschickter Barkeeper, die Räuber gewesen seien. Hopfgarten, der
+sich indessen mit dem alten Mann beschäftigt hatte, fand in diesem
+Augenblick die Wunde an seinem Kopfe, und konnte nun keinen Augenblick
+mehr zweifeln, daß er _todt_ sei.
+
+Die Verwirrung, die jetzt folgte, ist kaum zu beschreiben, Alles schrie
+und drängte durcheinander, und Meier, mit auf dem Rücken festgeschnürten
+Ellbogen konnte nur wirklich durch die Constabler vor der Wuth der
+Bürger geschützt werden, die große Lust hatten, ihn gleich an Ort und
+Stelle, als warnendes Beispiel aus dem Fenster hinauszuhängen.
+
+Jimmy mußte übrigens, da die wider Erwarten sehr starke Kammerthür
+verschlossen gewesen, und erst von den zur Hülfe Eilenden durch
+gemeinsames Dagegenwerfen gesprengt war, jedenfalls mit seinem anderen
+Kameraden, Pelz, aus dem Fenster in den Hof hinunter entkommen sein,
+denn aus der Thür hatte er nicht entziehen können. Die Constabler
+kannten ihn aber, und versprachen dem jungen Hamann ihr Möglichstes
+zu thun, ihm die Flucht aus der Stadt abzuschneiden, und ihn in den
+unzähligen Diebeswinkeln, die New-Orleans hat, herauszustöbern.
+
+Der Gebundene sollte jetzt abgeführt werden, und Hopfgarten, die
+erhaltene Wunde im Oberarm, durch dessen dickes Fleisch das Messer
+gefahren war, gar nicht achtend, suchte ihn dahin zu bringen, ihm
+Näheres über den Aufenthalt Henkels, von dem er behauptet, daß er darum
+wisse, mitzutheilen.
+
+»Geht zum Teufel,« knurrte ihn aber der Gefangene an, »macht mit mir was
+Ihr wollt, Ihr _habt_ mich einmal, doch verlangt dann nicht auch noch
+_Gefälligkeiten_ von mir. Vorhin war's Zeit; wenn Sie nicht holzköpfig
+gewesen wären, wüßten Sie jetzt was Sie wollen; nun könnt Ihr mir aber
+die Zunge aus dem Halse reißen, ehe ich eine von Eueren Fragen
+beantworte. Hole Euch Alle der Henker.«
+
+»Der wird Dich zeitig genug bekommen, mein Bursche,« sagte der eine
+Constabler, ein Deutscher, indem er ihn vor sich her stieß. »Fort mit
+Dir; was aus Dir herauszukriegen ist, werden wir schon kriegen, hab'
+keine Furcht; mit solcher Art wissen wir schon umzugehen. Herr Hamann,
+Sie werden gut thun sich die Zeugen, die Sie brauchen, zu notiren, daß
+man sie finden kann; der Coroner mit dem Arzt wird wohl auch nicht lange
+auf sich warten lassen. Einer von unseren Leuten mag indessen noch vor
+der Hand unten im Haus bleiben, vielleicht ist doch noch etwas von Einem
+der andern beiden Burschen aufzufinden. Jedenfalls müssen wir uns genau
+überzeugen, wo die Herren heraufgekommen sind, und mit welcher Hülfe,
+und ob sie nicht im Haus noch andere Helfershelfer haben.«
+
+Der Gefangene wurde jetzt fortgeführt, der Platz von den Fremden geräumt,
+und Hamann, der Hopfgarten und Eltrich bat, ihn nur jetzt nicht zu
+verlassen und bei ihm und seiner Frau zu bleiben, machte dann mit dem
+rasch herbeigerufenen Arzt, der nachher auch die beiden Freunde zu
+verbinden hatte, den freilich vergeblichen Versuch, seinen Vater in's
+Leben zurückzurufen. Der Schlag mit der Schlingkugel, die noch in der
+Stube auf dem Boden lag, hatte dem alten Mann den Schädel eingeschlagen
+und augenblicklichen Tod herbeigeführt.
+
+Im Hof, wo die beiden anderen Verbrecher aus dem etwa sechzehn Fuß hohen
+Fenster hinuntergesprungen sein mußten, war indessen auch nichts weiter
+zu erkennen. Das Fenster stand offen, und ließ, mit der unten gefundenen
+goldenen Uhr allerdings keinen Zweifel über die Art der Flucht; obgleich
+aber der Hof nicht gepflastert, und der Boden ziemlich weich war, hatten
+doch die seit der Zeit darauf herumgeschwärmten Menschen Alles derart
+zertreten, daß es sich nicht mehr unterscheiden ließ wohin sich die
+Beiden gewandt. Das Wahrscheinlichste blieb übrigens, daß sie durch den
+schmalen Gang auf die Straße geflohen wären, und eine Verfolgung war
+dorthin nicht mehr möglich. Nur um die nächste Ecke, und die Räuber
+konnten in dem Menschengedränge der Straße ihren Weg ruhig und
+unbeachtet fortsetzen.
+
+Der junge Hamann hatte indessen seine arme kleine Frau, deren zarte
+Glieder der rauhen Behandlung des Buben fast erlegen waren, auf ihr
+Zimmer gebracht, und sie dort der Pflege von ein paar im Hause wohnenden
+Frauen, die sich freundlich dazu erboten, übergeben, wonach er wieder zu
+dem Todtenbette seines Vaters zurückkehrte, und jetzt auch die beiden
+Freunde bat, ernstlich nach ihren Wunden zu sehn, daß sich dieselben
+nicht durch Vernachlässigung verschlimmerten. In der Aufregung aber, in
+der noch Beide waren, dachten sie kaum an die Fleischrisse, ließen sich
+jedoch von dem Arzt einen Verband darum legen und suchten dann wieder
+den Sohn über den ihn betroffenen Verlust zu trösten.
+
+Der junge Hamann, mit der ersten wilden und aufreizenden Erregung
+vorüber, saß, in sich zusammengeknickt, in der kleinen Kammer neben dem
+Bett, auf dem der Ermordete lag, und starrte mit fest und krampfhaft auf
+den Knieen zusammengefalteten Händen still und schweigend vor sich
+nieder.
+
+»Lieber Herr Hamann,« sagte Hopfgarten, freundlich auf ihn zutretend
+und seine Hand ergreifend, »geben Sie sich Ihrem Schmerze nicht also hin.
+Es ist ein trauriges Geschick was Sie betroffen hat, aber es war Gottes
+Wille, ohne den kein Sperling vom Dache fällt. Ich will Sie nicht etwa
+trösten,« setzte er freundlich und teilnehmend hinzu, »Ihr Schmerz muß
+sein Recht und seine Zeit haben -- ich weiß das gut genug, und gerade
+die Zeit allein kann ihn lindern, zuletzt heilen -- aber man muß ihm
+auch nicht in dem ersten Moment so ganz die Gewalt über sich lassen,
+denn gerade dann ist er am gefährlichen, und füllt uns das ohnedieß
+genug gequälte Herz mit bitterer Angst und Weh zum Überlaufen voll.«
+
+»Mein armer, armer Vater,« stöhnte Franz, »und auf so schmähliche,
+schändliche Weise um sein Leben zu kommen, das ihm überdieß nur noch in
+Spannen zugemessen war.« --
+
+»Nun hoffentlich entgehen die Buben der gerechten Strafe nicht,« sagte
+Eltrich; »der deutsche Constabler hatte alle Hoffnung Ihren sauberen
+Barkeeper wenigstens abzufangen. Er behauptete die Schlupfwinkel genau
+zu kennen, die jener frequentirt, und wir haben ihm auf die Seele
+gebunden, kein Geld zu sparen, den Schurken aufzufinden, ehe er
+vielleicht im Stande wäre New-Orleans zu verlassen.«
+
+Eine eigen, wunderliches Geräusch schallte in diesem Augenblick durch
+das stille Zimmer, und Franz fuhr, wie von einem Blitz getroffen, von
+seinem Stuhle auf.
+
+»Was haben Sie? -- was ist?« frug ihn Hopfgarten erstaunt.
+
+»Hörten Sie Nichts?« flüsterte Franz, mit geöffnetem Mund und
+ausgerecktem Arm, ein regungsloses Bild der gespanntesten
+Aufmerksamkeit.
+
+»Hörten? -- _was_?« rief Hopfgarten, sich ebenes überall in dem leeren
+Raume umschauend.
+
+»Es war beinah, als ob Jemand mit den Fingern schnalzte,« sagte Eltrich.
+
+»Das war Jimmy!« schrie aber Franz, wild auffahrend, »ich will nicht
+selig werden, wenn das nicht das Fingerknacken des Buben war. An die
+Thüren, Herr von Hopfgarten -- um des Heilands Willen an die Thüren
+-- der Bube ist hier noch im Zimmer versteckt!«
+
+»Aber wo?« rief dieser, den jungen Mann erstaunt ansehend.
+
+»Haben Sie dort in dem Kleiderschrank? -- haben Sie hier unter dem Bette
+nachgesehn?«
+
+»Aber ich bitte Sie um Gottes Willen.«
+
+»Er ist hier, ich schwöre es Ihnen zu,« rief aber Franz, »ich kenne das
+unselige Knacken, durch das sich der Bube jetzt verrathen hat,« und das
+Licht vom Tisch aufgreifend, hatte er es kaum an die Erde gehalten,
+unter das Bett zu leuchten, auf dem der Ermordete lag, als auch die
+klägliche Stimme des dort versteckten, und also ertappten Barkeepers
+jedem weiteren Zweifel der Männer ein Ende machte.
+
+»Ach mein bester, bester Herr Hamann,« flehte dieser mit winselnder,
+kläglicher Stimme, »ich bitte Sie doch um tausend und tausend
+Barmherzigkeits Willen, haben Sie Erbarmen mit einem unglücklichen,
+verführten, zu Grunde gerichteten Menschen -- oh Jesus, oh Jesus, thun
+Sie mir Nichts -- ich will ja vorkommen, ich will ja Alles gestehn,
+Alles was ich weiß -- Alles herausgeben was ich habe -- thun Sie mir
+nur Nichts.«
+
+»Giebt es etwas Erbärmlicheres auf der weiten Welt als _diesen_
+Menschen?« rief Franz, das Licht auf den Tisch zurückstellend, und mit
+zusammengeschlagenen Armen jetzt, wo er seines Opfers gewiß war, ein
+paar Schritte von dem Bette zurücktretend, dem Elenden Raum zu geben
+vorzukommen.
+
+»So 'was ist mir aber in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen!«
+rief Hopfgarten erstaunt aus, »der Mensch verdiente wahrhaftig allein
+seiner Dummheit wegen begnadigt zu werden.«
+
+»Ach bester Herr, bitten Sie -- bitten Sie für mich!« schrie Jimmy, der
+jetzt rasch vorgekrochen war, sich an das Wort klammernd, indem er gegen
+Hopfgarten an auf den Knieen fortrutschte, und die Hände verzweifelnd
+rang. »Ja ich _bin_ zu dumm, ich bin zu entsetzlich dumm, und habe mich
+ja allein verführen lassen zu dem schlechten, nichtsnutzigen Streich
+-- o Gnade, Gnade, Barmherzigkeit.«
+
+Hopfgarten, ohne alle Antwort, deutete nur auf die Leiche hin, und
+Jimmy, der mit scheuem Blick der Richtung des Armes folgte, sah kaum
+die furchtbare Lösung der Bewegung, als er auch mit einem wilden
+Aufschrei des Entsetzens, »Herr Jesus -- mein Herr Jesus,« nach dem Bette
+zufliegen wollte; Franz aber faßte ihn am Kragen und schleuderte ihn mit
+unwiderstehlicher Kraft davon ab.
+
+»Zurück von da!« zürnte er dem winselnd Niederbrechenden zu, »feiger,
+erbärmlicher Mörder -- rühre die Leiche nicht an!«
+
+»Ach Herr Hamann, Herr Hamann, ich bin unschuldig, ich bin unschuldig.«
+schrie aber Jimmy, »ich bin ein Dieb, ein nichtsnutziger, erbärmlicher,
+gemeiner Dieb, Herr Hamann, aber kein Mörder -- bei Allem was mir und
+Ihnen heilig ist, schwöre ich es Ihnen zu, ich bin unschuldig an dem
+Blut, ich weiß Nichts davon, ja Pelz und Meier haben es mir hoch und
+theuer versprechen müssen, kein Blut zu vergießen.«
+
+Hopfgarten, der die Zerknirschung des Burschen zu benutzen wünschte,
+forderte ihn jetzt auf Alles zu erzählen von Anfang an, wie es gekommen
+und geschehn, und Jimmy, der mit der Leiche vor sich, eine furchtbare
+Angst über sich kommen fühlte, beichtete mit gefalteten Händen, und nur
+von einzelnen Ausrufungen um Erbarmen und Gnade unterbrochen, Alles
+was er wußte, von dem Augenblick an, wo er sich mit seinen beiden
+Helfershelfern besprochen, bis wo sie auf der Treppe Hedwig hatten in
+das Zimmer gehn sehn, und in der Besorgniß, die Zeit nicht zu versäumen,
+eingebrochen waren. Was in dem Zimmer selber geschehen sei, davon wollte
+er keine Sylbe wissen, und schwur und winselte wieder, bei Allem was er
+über und unter der Erde zu schwören fand -- und er sprach dießmal die
+Wahrheit -- daß er nur Hals über Kopf gesucht habe Schmuck und Geld, was
+in dem Secretair gelegen, in seinen Leinwandsack hineinzupacken. Pelz
+und Meier hätten es übernommen gehabt, die beiden im Zimmer
+befindlichen Personen indessen ruhig zu halten.
+
+Der junge Hamann bat jetzt Herrn Eltrich um die Gefälligkeit, den
+Constabler heraufzuholen, indeß sie Beide den Burschen bewachen wollten;
+Jimmy hörte aber kaum das für ihn furchtbare Wort, als er sich wieder
+vor Franz auf die Erde warf, seine Knie umfaßte und um Gottes Willen
+bat, ihn nur dieß eine Mal den Gerichten nicht zu übergeben; er wolle
+»so 'was« ja in seinem ganzen Leben nicht wieder thun, und Alles
+herausgeben, was er schon in seinem Koffer habe, ja für Herrn Hamann
+arbeiten von früh bis spät, um Nichts wie die Kost -- _nur_ keinen
+Constabler. Der junge Mann mußte sich mit Gewalt von dem Burschen frei
+machen, und Eltrich fing schon fast an Mitleid mit ihm zu fühlen, aber
+ein Blick auf die Leiche zerstörte das bald wieder, und seinen Hut
+aufgreifend, verließ er rasch das Zimmer, den verlangten Constabler
+herbeizubringen, der wenige Minuten später den zitternden, weinenden
+Jimmy in Empfang nahm, und mit sich fortführte.
+
+
+
+
+Capitel 8.
+
+Die Überraschung.
+
+
+Hopfgarten verbrachte in körperlicher wie geistiger Hinsicht eine
+peinliche Nacht. Die Wunde, so wenig gefährlich sie auch sein mochte,
+war doch durch das ganze Fleisch des Oberarmes gedrungen, und schmerzte
+ihn sehr, und dabei quälte ihn der Gedanke, den der Gefangene in ihm
+wach gerufen, daß Henkel oder Soldegg, wie der Schuft nun auch hieß,
+hier in New-Orleans und zwar im Begriff sein solle wieder abzureisen.
+Zwar stellte er sich selber wieder und wieder vor, daß jenes Versprechen
+des ertappten Räubers eben nur eine wilde leere Ausflucht gewesen sei,
+Rettung zu finden vor dem Arm des Gerichts, und daß jener Meier so wenig
+von Soldeggs Aufenthalt wisse, wie er selber. Und doch auch wieder
+hatte eben die _Möglichkeit_ der Sache auch etwas Wahrscheinliches, daß
+derartiges Gesindel, mochte es nun im gesellschaftlichen Leben stehen
+auf welcher Stufe es wolle, wenn einmal im Verbrechen erst so weit
+gediehen, auch gegenseitig Kenntniß von einander habe, und die
+verschiedenen Schlupfwinkel und Wege kenne.
+
+Und wie nun, wenn jener schurkische Soldegg, den zu fassen und
+unschädlich zu machen, hauptsächlich aber das Band zu lösen, das sein
+unglückliches Weib noch an ihn fesselte, er allein zum zweiten Mal nach
+Amerika gekommen, jetzt hier fast in Arms Bereich von ihm war, und ihm
+vielleicht mit nächstem Morgen wieder hinaus in alle Weite entfloh?
+-- wie dann, wenn jener Meier wirklich recht gehabt, und er nun auf den
+zahllosen Dampf- und Segelschiffen, Fähren und Booten, die New-Orleans
+von Tagesanbruch bis in die späte Nacht verließen, umsonst umherrannte
+den Verbrecher zu finden. Und einmal entschlüpft, konnten dann nicht
+Jahrelang dazu gehören, bis er wieder zufällig mit ihm zusammentraf?
+-- ja war es nicht sogar möglich, daß der Bursche, müde der Gefahr, in
+den Staaten doch einmal gefangen zu werden, mit seinem Raube hinüber
+nach Frankreich oder England, oder hinunter nach Texas oder Mexico ging?
+
+Der Kopf wirbelte ihm von all dem Denken und Sinnen, und als er endlich
+in einen wilden, unruhigen, fieberhaften Schlummer fiel, quälten ihn
+tolle Träume noch mehr, als selbst das wachende Nachdenken es gethan.
+Da fand er den Betrüger, wohin er trat, und überall äffte ihn die,
+ihm unter den Händen wegschwindende Gestalt; zu Pferd wollte er ihn
+verfolgen, und der Sattel rutschte ab -- das Pferd stürzte, riß sich
+wieder auf und kam in Moorboden, in dem es stecken blieb; schießen
+wollte er nach ihm, und sein Gewehr war nicht in Ordnung -- der Pfropfen
+ging nicht in den Lauf hinunter, die Zündhütchen glitten ihm durch
+die Finger, und als er endlich geladen hatte, versagte das Gewehr; zu
+Schiff wollte er ihn verfolgen, und das flüchtige Dampfboot brauste und
+schnaubte hinter dem kleinen Kahn her, in dem sich der Bube zu retten
+suchte, da plötzlich rannten sie auf eine Sandbank; das Dampfboot saß
+fest, peitschte vergebens mit seinen Rädern die schäumende Fluth und in
+weiter Ferne verlor er den Kahn, der den hohnlachenden Verbrecher trug,
+aus den Augen -- zu Wagen war er hinter ihm drein und die Stränge
+rissen, ein Rad brach, die Pferde stürzten -- sie kamen nicht von der
+Stelle, und vor sich -- immer dicht vor sich mußte er das Hohnlachen des
+Buben hören.
+
+In Schweiß gebadet, und an allen Gliedern wie zerschlagen, wachte er
+endlich mit Tagesgrauen etwa auf, und verließ, wenngleich ihm der linke
+Arm arg geschwollen war und sehr weh that, doch augenblicklich sein Lager,
+wusch sich und zog sich an und schrieb dann, trotz seiner Aufregung
+und seinen körperlichen Schmerzen, einige Zeilen an den Professor
+Lobenstein, in denen er ihm seine Rückkunft von Deutschland meldete und
+ihn bat, sich, wenn er ihm in _irgend etwas_ dienen könne, ohne Rückhalt
+und vertrauungsvoll an ihn zu wenden. Den Brief übrigens behielt er noch
+in seiner Brieftasche, erst den heutigen Tag und seinen Erfolg
+abzuwarten, um seine Adresse sicher angeben zu können.
+
+Die Sonne war indessen aufgegangen und er eilte jetzt, nach rasch
+eingenommenem Frühstück, an die Dampfbootlandung hinunter, die dort
+liegenden Boote zu besuchen und ihre Passagiere zu revidiren. Vergebens
+aber kletterte er an Bord aller der Dampfer, deren Schornsteine rauchten,
+in Cajüte wie Zwischendeck herum, kein bekanntes Gesicht traf er an,
+und ob er sich gleich die Mühe nicht verdrießen ließ und _sämmtliche_
+Privat-Cajütenthüren, eine nach der anderen, öffnete und hineinsah, fand
+er doch nicht den Gesuchten.
+
+Ein Paketschiff nach Liverpool lag zum Auslaufen fertig; er ging an Bord
+-- von Soldegg keine Spur, und Ledermann, den er abgeholt, und der den
+besonderen Auftrag bekommen hatte, die Fährboote zu überwachen, schien
+eben so erfolglos gesucht zu haben. Meier hatte jedenfalls nur die Lüge
+rasch ersonnen, seine eigene Haut in Sicherheit zu bringen.
+
+Um elf Uhr sollte nach Verabredung Ledermann, der von dem Staatsanwalt
+einen neuen Verhaftsbefehl gegen den Verbrecher bekommen, Hopfgarten
+wieder an der Dampfbootladung treffen, das Weitere dort zu berathen, und
+dieser schoß indessen in fieberhafter Aufregung, mit dem schmerzenden
+Arm in der Binde, hin und her an der Landung, nur erst einmal, und immer
+vergebens, eine Spur des Gesuchten zu finden.
+
+Über den Strom herüber von »Algier,« dem andern Ufer, kam ein großer
+Dampfer herüber und legte an der Landung an. Vorn am Boilerdeck trug er
+wie gewöhnlich ein kleines Schild, das unter dem Namen den Ort seiner
+Bestimmung und die Stunde der Abfahrt anzeigte. Es war der:
+
+ _CHIKASAW_
+ für Little Rock.
+ Abfahrt _zehn_ Uhr!
+
+Der Chikasaw hatte in Algier Fracht für Arkansas eingenommen und jetzt
+an der New-Orleans-Landung noch einmal angelegt, etwaige Passagiere für
+Arkansas, oder die dazwischenliegenden Plätze, die schon durch die
+Zeitungen darauf aufmerksam gemacht waren, an Bord zu nehmen. Die Glocke
+läutete dabei, rasche Abfahrt kündend, und der Rauch wirbelte dick und
+schwarz in die reine klare Luft hinauf.
+
+»_Nach Little Rock!_« -- Hopfgarten gab es ordentlich einen Stich
+durch's Herz, als er den Namen las. Wenn Soldegg wirklich heute
+beabsichtigte, New-Orleans zu verlassen, so war Nichts wahrscheinlicher,
+als daß er wieder nach dem Westen gehen würde. Jedenfalls lag hier die
+Möglichkeit, ihn zu finden, und sich den Hut tief in die Stirn ziehend,
+daß an Bord, oben von der Cajüte aus, Niemand sein Gesicht erkennen
+konnte, schritt er rasch über die schmale Planke an Deck und stieg auf
+das Boilerdeck hinauf, die dort versammelten Passagiere zu mustern.
+
+Henkel war nicht unter ihnen, aber noch die Möglichkeit nicht
+ausgeschlossen, daß er vielleicht eben nur die wirkliche Abfahrt des
+Bootes erwarten würde, an Bord zu gehn, und Hopfgarten beschloß,
+jedenfalls, bis die Planken eingezogen würden, in der Cajüte zu bleiben.
+
+Unruhig hier auf- und abgehend, hielt er sich fortwährend in der Nähe
+des Boilerdecks, von wo aus er einen freien Blick über die Levée und
+Landung hatte, und besonders die Planke des Bootes selber im Auge
+behielt, ohne selber auffallend sichtbar zu sein. Es konnte dieses
+Niemand, ungesehn von ihm, betreten.
+
+Eine Menge Passagiere kamen, als die Glocke zum zweiten Mal läutete,
+heran; Männer mit Koffern auf den Schultern und Hutschachteln in der
+Hand, oder Reisesäcken unter dem Arm, Auswanderer von Deutschland, ihre
+schweren, riesigen, hölzernen, buntbemalten Koffer zu zweien im Schweiß
+ihres Angesichts, und in der Furcht zurückgelassen zu werden, über die
+Levée schleifend -- die Frauen Kinder auf Rücken und Armen. Auch ein
+Transport Altenburger Bauern, in ihrer Nationaltracht, schritt herunter
+zum Boot, sich nach dem fernen Westen einzuschiffen, und die Amerikaner,
+die fast alle Trachten der Welt zu sehn bekommen, und sich um keine groß
+bekümmern, blieben stehn, sahen den Leuten nach, und lachten über die
+wunderliche Kleidung.
+
+Jetzt kam ein ganzer Trupp braun gekleideter Männer, mit breiträndigen
+Hüten und weißen Halsbinden, von zwei Güterkarren begleitet, die
+ihr Gepäck führten, die Levée nieder und auf das Boot zu. Es waren
+jedenfalls Geistliche, und Hopfgarten wandte sich an den neben ihm
+stehenden Clerk oder Buchhalter des Bootes mit der Frage, ob er wisse,
+wer die Herren wären, und wohin sie in solcher Menge gingen.
+
+»Ah blos Methodistenprediger,« lachte dieser -- »ein ganzer Schwarm, den
+wir vor acht Tagen von Little Rock mit herunter gebracht haben. Es sind
+meist Circuit-rider aus dem Westen, die hier zu einer protestantischen
+Versammlung, wirksame Maasregeln gemeinschaftlich gegen den »Antichrist«
+zu berathen, wie sie uns selber sagten, heruntergekommen sind, und jetzt
+wieder auf ihre Posten zurückgehn. Es ist eine Vergnügungsreise für die
+Herren, zu der sie vorher natürlich eine tüchtige »fromme Sammlung«
+gemacht haben.«
+
+Die Geistlichen, elf an der Zahl, kamen indeß an Bord und die
+Boilerdeckstreppe herauf in die Cajüte. Hopfgarten blieb an der Thür
+stehn, und sah sie einzeln neben sich vorübergehn. Es waren meist
+ausdruckslose Gesichter, einzelne aber auch mit verschmitzten Augen, und
+scharfgeschnittenen Zügen; der Deutsche hatte jedoch kein Interesse an
+ihnen, und wollte seine Aufmerksamkeit eben wieder der Levée zuwenden,
+als Einer der Geistlichen ihn mit einem langsamen, salbungsvollen
+Kopfnicken grüßte, und an ihm vorbei die Cajüte betrat.
+
+Hopfgarten sah ihn überrascht und verwundert an; der Mann trug allerdings
+einen sehr anständigen, braunen, langen Rock von feinem Tuch, eine
+schneeweiße Halsbinde, blank gewichste Stiefeln und einen breiträndigen,
+schwarzen Filzhut, wie die Anderen, aber _das_ Gesicht war nicht zu
+verkennen, und, wenn einmal gesehn, nicht wieder zu vergessen.
+
+»Herr Maulbeere!« rief Hopfgarten, in diesem Augenblick selbst Henkel
+vergessend, »träume ich denn oder wach ich -- sind Sie es, oder sind Sie
+es nicht?«
+
+»Mein lieber Herr von Hopfgarten,« sagte der Angeredete, dem wirklich
+Verblüfften, mit einem milden Lächeln in dem glatt rasirten Gesicht,
+die Hand reichend und feierlich schüttelnd, »es ist mir ein ungemein
+wohlthuendes Gefühl, Sie nach so langer Trennung wieder einmal begrüßen
+zu können -- ich habe in meinen Gebeten manches Mal recht freundlich
+Ihrer gedacht.«
+
+Hopfgarten blinzte mit den Augen, trat sich auf den Fuß und suchte sich
+im Anfang wirklich erst ordentlich gewaltsam davon zu überzeugen, daß er
+nicht träume, und mit wachenden Augen den schmutzigen Scheerenschleifer
+Maulbeere, den Schnapsprediger von der Haidschnucke, solcher Art
+ausgekrochen und als Schmetterling -- als Braunes Ordensband -- der
+Gedanke kam ihm unwillkürlich -- in der sonnigen Luft herumflattern zu
+sehn. Aber Maulbeere lebte und athmete, that auch Nichts, das Erstaunen
+des vor ihm Stehenden zu beseitigen, sondern schien sich eher an dessen
+Überraschung zu weiden.
+
+»Aber wie, um Gottes Willen, kommen Sie in _diesen_ Rock, in _diese_
+Gesellschaft?« rief er endlich, jede weitere Höflichkeit bei Seite
+setzend, aus -- »ja, wenn mir Jemand des Himmels Einsturz --«
+
+»Spotten Sie nicht, oder profaniren Sie nicht eine so heilige, ernste
+Sache« -- unterbrach ihn aber Maulbeere schnell und fast ängstlich. »Daß
+der Herr da oben« -- und er warf einen frommen Blick nach der Decke
+hinauf, »_Wunder_ thut, brauche ich Ihnen, als gebildetem Mann, nicht
+zu sagen. _Sein_ Geist hat mich erleuchtet -- Sein Hauch den Teufel
+ausgeblasen, der in mir lebte und thätig war -- der Herr hat Gräuel an
+den verkehrten Herzen, und Wohlgefallen an den Frommen -- der Gottlose
+ist wie ein Wetter, das überhingeht, und nicht mehr ist, der Gerechte
+aber bestehet ewiglich -- der Mund des Gerechten bringt Weisheit,
+aber das Maul des Verkehrten wird ausgerottet -- rühme Dich nicht des
+folgenden Tages, denn Du weißt nicht, was heute sich begeben mag.«
+
+ [Illustration Capitel 8]
+
+»Aber wie ist es möglich gewesen, in der kurzen Zeit eine solche
+Verwandlung --«
+
+»Der Herr ist Allen gnädig,« sagte Maulbeere, mit einem zweiten frommen
+Blick die Hände faltend, »und erbarmet sich aller seiner Werke -- des
+Herrn Geist stieg auf seinen Knecht nieder in der Nacht des Unglaubens,
+da Alles finster war, und siehe da, ein feines Lämplein wurde
+aufgestellt in dem Tummelplatz des Satans, und sein helles, goldenes
+Licht trieb die Sünde aus dem gereinigten Gefäß!«
+
+Hopfgarten schüttelte immer noch, wie seinen Sinnen nicht recht trauend,
+den Kopf. Die Gestalt vor ihm aber hatte Fleisch und Bein, und der
+braune Rock so wenig, wie die schneeweiße, reine Binde ließen sich
+wegleugnen.
+
+Die übrigen Geistlichen hatten sich indeß in der Cajüte versammelt, ein
+paar Minuten leise mitsammen geflüstert, und Einer von ihnen kam jetzt
+wieder der Thüre zu, wo die Beiden standen und sagte mit einem milden,
+lächelnden Blick:
+
+»Der Bruder Mulberry wird freundlich von uns aufgefordert, an einem
+stillen Dank, dem Höchsten für die glückliche Beendigung unserer frommen
+Sendung zu bringen, Theil zu nehmen.«
+
+Maulbeere neigte langsam sein Haupt, und sich dann wieder zu Hopfgarten
+wendend, sagte er:
+
+»Wir haben wohl das Vergnügen, mit Ihnen zusammen die Reise nach Little
+Rock zu machen?«
+
+»Nein, bester Herr Maulbeere, das thut mir wahrhaftig leid,« erwiederte
+dieser -- »ich bin nur an Bord gekommen, Jemand zu suchen.«
+
+»Das schmerzt mich in der That,« sagte Maulbeere, indem er in die Tasche
+griff und ein kleines Paket Bücher und eine Visitenkarte herausnahm
+-- »sollten Sie aber später einmal wieder in unser wildes, westliches
+Land kommen, so wird es mich herzlich freuen, zu sehn, daß es Ihnen gut
+geht -- diese Karte hier enthält meine Adresse -- und mich _glücklich_
+machen, zu hören, daß auch Sie den _wahren_ Frieden in Gott gefunden,
+und die Bahn des Heils betretend, den breiten, ebenen Weg verlassen
+haben, der hinab zu Sünde und Verdammniß führt. Gott sei mit Ihnen -- er
+erleuchte Sie -- er neige sein Antlitz über Sie, und gebe Ihnen seinen
+Frieden -- Amen!«
+
+Und mit einer halb segnenden, halb grüßenden Handbewegung gegen Herrn
+von Hopfgarten, der Bücher und Karte fast unbewußt in der Hand behielt,
+und dann ebenso in die Tasche steckte, drehte er sich langsam von ihm
+ab, und schritt seinen Gefährten am andern Ende der Cajüte zu.
+
+Ein neuer Trupp Fremder zog in diesem Augenblick die Aufmerksamkeit
+unseres Freundes auf sich, die Glocke läutete dabei zum dritten Male,
+und das Boot machte Anstalt zur Abfahrt. Nirgends aber ließ sich eine
+Gestalt erkennen, die der des Gesuchten auch nur im Entferntesten
+geglichen hätte, obgleich Hopfgarten vollkommen darauf vorbereitet war,
+das Gesicht Soldeggs durch Bart oder Brille vielleicht so viel als
+möglich unkenntlich gemacht zu sehn. Mit dem Chikasaw beabsichtigte
+dieser keinesfalls, den Strom hinaufzugehn, und er mußte zuletzt, als
+die Planken und Taue eingeholt wurden und die Räder nach rückwärts an zu
+arbeiten fingen, das Boot in den Strom hinauszuschieben, an Land
+springen.
+
+Auf seiner Uhr war es jetzt halb elf Uhr, und er ging, die Ankunft
+Ledermann's hier verabredeter Maßen zu erwarten, indessen ungeduldig an
+der Levée auf und ab. Seine rechte Hand in die Tasche schiebend, fühlte
+er dort die vorher in Gedanken eingesteckten, ihm von Maulbeere
+übergebenen Schriften, und nahm sie heraus, zu sehn, was sie enthielten.
+
+Es waren natürlich Traktätchen. Das eine handelte über die Heiligkeit
+des Sabbaths und die Gefahr der Sabbathschändung, mit einem
+abschreckenden Beispiel, wie ein Knabe an einem Sonntag einmal den Fluß
+befahren hatte und ertrunken war -- während Millionen Beispiele,
+dasselbe Verbrechen jeden Sonntag verübend, glücklich abfuhren und eben
+so landeten -- das andere über die Bibelvertheilung, und die übrigen
+über das Missionswesen, und dessen dringende Nothwendigkeit; jedes am
+Schlusse mit einer Bitte um die Unterstützung der frommen Männer, die in
+die Wildniß, unter wilde Bestien und wildere Menschen zögen, und von
+Wurzeln und Rinde lebten, das Evangelium zu predigen. Auf der Karte
+stand:
+
+ #The Reverend Zachäus Mulberry.#
+ #Little Rock. Arks.#
+
+Die Karte steckte Hopfgarten zum Andenken ein, die Bücher warf er fort.
+
+Und Ledermann kam noch immer nicht -- es war schon fast drei Viertel auf
+elf, und Hopfgarten ging wie auf Kohlen, in Angst und Ungewißheit, den
+Strahlen der heißen Sonne ausgesetzt, an der Landung auf und ab.
+
+»Gott der Gerechte, der Herr Baron,« redete ihn da plötzlich eine Stimme
+an, und als er sich rasch danach umdrehte, stand ein Mann, augenscheinlich
+ein Israelit, von dessen Gesicht Hopfgarten aber keine Ahnung hatte, in
+einem dunklen, anständigen Rocke, mit einem kleinen Strohhute auf, vor
+ihm, und machte ihm eine tiefe Verbeugung; der Mann mußte aber jedenfalls
+sehn, daß ihn der Herr, den er angeredet hatte, nicht erkannte und er
+fuhr lächelnd fort:
+
+»Gottes Wunder -- hob' ich mich denn gar so sehr verändert, daß so an
+lieber Herr anen alten Raisegesellschafter sollte vergessen haben.
+Kennen Sie den Veitel Kochmer nicht mehr?«
+
+»Veitel Kochmer? -- nein --«
+
+»Kennt den Veitel Kochmer nicht mehr;« lachte der Alte, mit dem Kopf
+dabei schüttelnd -- »den Mann mit der Holzharmonika, dem Sie an
+Concertchen zusammengebracht haben an Bord, als an guter und
+freundlicher Herr.«
+
+»Veitel Kochmer,« rief Hopfgarten, sich jetzt des Namens entsinnend,
+»ja Euch hätte ich allerdings nicht wieder erkannt -- Ihr seht ganz
+anders aus -- tragt den langen Bart nicht mehr und den Kaftan -- es geht
+Euch gut?«
+
+»Gott soll gedankt sein, ja.«
+
+»Und Euer Sohn --«
+
+»Mai Sohn? -- wie haißt mai Sohn --« sagte der Mann, ungeduldig den Kopf
+schüttelnd -- »das Jüngelche, was ich bei mer hatte, mit die hibsche
+Stimme -- wenn's ane bessere Lunge und a schlechtere Stimme gehabt
+hätte, lebt es _noch_.«
+
+»Ihr habt ihn sich todt singen lassen,« sagte Hopfgarten ernst.
+
+»_Ich_ hab' ihn sich todt singen lassen? -- wie haißt? -- soll sich die
+Lunge beim Magen beschweren -- der Eine arbeitet mit die Händcher, der
+Andere mit die Lunge, aber Alle arbeiten mer um ze leben, ze essen un
+ze trinken, und an Rock auf dem Leib ze haben -- hob ich en nich acht
+Wochen gepflegt, als _ob_ er mai Sohn gewesen wäre, und stirbt er mer
+nich zuletzt wie zum Possen? -- Soll mer Gott helfen, als ich nich hob'
+Schaden gehabt an dem Jüngelche. -- Aber Herr Baron -- kennten wir zwei
+Beide nich a klanes Geschäftche zesammen machen; hob' ich was ganz
+Extraes von gute Staincher, vor solch einen fürnehmen Herrn, wie der
+Herr Baron.«
+
+»Ich danke, lieber Kochmer, ich brauche Nichts in der Art,« sagte
+Hopfgarten, wieder nach seiner Uhr sehend, »kann mich auch
+augenblicklich gar nicht damit befassen -- haben Sie eine Uhr bei
+sich?«
+
+»Ja wohl, Herr Baron -- werd' ich ka Ürche haben, un a Staatsürche is
+es,« fuhr er fort, eine goldene Cylinderuhr aus der Tasche nehmend,
+»geht se doch um drei Minuten besser wie die Sonne -- s' ist gerade
+sieben Minuten über dreiviertel auf elf -- kennten wir _damit_
+vielleicht en Handelche machen?«
+
+»Ich danke wirklich -- ich habe selber eine ganz gute Uhr und brauche
+keine, wollte auch nur sehen ob die meinige richtig ginge.«
+
+»Wenn Sie die Staincher emol sähen, würden Sie Appetit kriegen -- se
+sain zum 'Reinbeißen,« fuhr aber Veitel, nicht so leicht abgewiesen, in
+seinem Anpreisen der Juwelen fort, »hob ich die Musik doch jetzt ganz
+an den Nagel gehängt un mich auf die Staincher gelegt. Wer die Sache
+versteht ist's a solides, prächtiges Geschäftge hier in Amerika -- wenn
+mer sai Zeit kann abpasse.« Und er nahm dabei ein kleines Etui aus
+seiner Brusttasche, das er öffnete und dann, den Kopf schräg zur Seite
+davon zurückhaltend, die Sonnenstrahlen auf die wirklich schönen Steine,
+die in tausend Lichtern funkelten, wieder fallen ließ.
+
+Hopfgarten hatte indessen die Levée auf und abgesehn, den so sehnlich
+Erwarteten endlich irgendwo zu erspähen, aber vergebens; Ledermann ließ
+sich nirgends blicken und der Zeiger seiner Uhr, den er ungeduldig und
+ununterbrochen fragte, schien nicht von der Stelle zu rücken.
+
+»Ich danke Euch Veitel -- ich brauche wirklich Nichts der Art,« sagte
+er zerstreut, »trage weder Ringe noch Tuchnadeln, und muß hier im Lande
+auf- und abreisen, wo man solche Sachen am allerwenigsten bei sich
+führen kann.«
+
+»Aber so sehn Sie nur emol die Pracht an,« drängte Veitel.
+
+»Ja, sehr schön -- wirklich brillant,« sagte Hopfgarten, einen flüchtigen
+Blick darauf werfend, und dann durch das Feuer derselben doch verlockt
+sie aufmerksamer zu betrachten; »sehr schöne Steine in der That, aber
+wie gesagt, Nichts für mich.«
+
+»Und _das_ Stainche hier vor a Tuchnadel -- ah?« sagte Veitel, vor
+Hopfgartens Augen ein Türquis in der Sonne blitzen lassend.
+
+»Mensch, wo hast Du den Stein her?« rief aber Hopfgarten unwillkürlich
+erschreckt aus, als sein Blick auf einen sehr schönen großen _dreieckigen_
+Türquis fiel, den Veitel zwischen den Fingern hin und her drehte.
+
+»Woher? -- Gottes Wunder!« rief der Jude erschreckt, »ehrlich gekauft,
+soll mer Gott helfe.«
+
+»Ich sage ja Nichts dagegen, Veitel,« rief Hopfgarten rasch, ihn zu
+beruhigen, »gewiß ist er ehrlich gekauft, aber von wem? ich kenne den
+Stein -- habe wenigstens von ihm, oder einem ganz ähnlichen gehört, ich
+möchte gern --«
+
+»Von wem? von em achtbaren, soliden Herrn, von em wahren Schentelmenn in
+sein Handeln und Geschäftcher,« sagte Veitel, immer noch in der Meinung,
+ein Verdacht ruhe auf ihm, »und wenn er nicht hait Morgen abgereist
+wäre, kennten Se ihn selber fragen, Herr Baron -- ist en alter
+Bekannter von Sie, noch vom Schiff her.«
+
+»Heute Morgen abgereist? -- wohin Veitel?« sagte Hopfgarten, der sich
+krampfhaft mit der rechten Hand in die Seite griff, nur um ruhig zu
+bleiben und seine Aufregung nicht zu verrathen, »wer war es denn
+eigentlich -- der -- der Doktor Hückler?«
+
+»Gott soll bewahren, der Herr Henkel, und mit dem Schtiemer ist er fort
+nach der Havanna.«
+
+»Mit dem Postdampfer nach Havanna?« rief Hopfgarten, jetzt wirklich
+_nicht_ mehr im Stande sich zu mäßigen -- und der ist heute Morgen
+fort?«
+
+»_Hait_ Morgen wird er fort sain,« sagte Veitel, »Gottes Wunder was is
+jetzt dermehr?«
+
+»Ledermann!« schrie da Hopfgarten, Veitel gar nicht mehr beachtend, den
+Freund an, der eben jetzt, so lang schon herbeigewünscht, gerade über
+die Levée herüber und auf Herrn von Hopfgarten zukam, »wann, um Gottes
+Willen, geht der Havanna Steamer?«
+
+»Die Cuba? -- um elf Uhr,« sagte dieser erstaunt.
+
+»Großer Gott -- es muß gleich schlagen -- so ist er noch nicht fort?«
+
+»Dort drüben können Sie ihn sehn,« sagte Ledermann, der von der hohen
+Levée aus ein paar Momente mit den Augen in den Fluß hinein gesucht
+hatte -- gerade zwischen den beiden ausgezackten Schornsteinen jenes
+Bootes dort -- das große Dampfschiff, aus dem der Rauch so dick
+aufsteigt.«
+
+»Henkel ist an Bord!« war Alles was Hopfgarten herausbringen konnte,
+»großer Gott, daß wir nicht an das Havanna-Schiff gedacht.«
+
+»Gott der Gerechte!« rief Veitel, seine Steine einsteckend und in
+Verwunderung die Hände zusammenschlagend, »was han Se uf amol vor a Eil;
+wird der Herr Henkel doch wiederkommen in vier oder fünf Woche, wie er
+mer hot gesagt.«
+
+»Noch ist es vielleicht Zeit,« rief aber Ledermann, der indeß rasch das
+Terrain überschaut hatte; »_so_ pünktlich gehen die Dampfer nicht ab;
+einzelne Passagiere zögern immer etwas länger am Ufer, oder der Capitain
+kann auch seine Geschäfte nicht so rasch besorgen. Dort fährt ein Cab
+-- gegenüber dem Dampfer nehmen wir ein Boot, und einmal von den Schiffen
+frei, daß sie an Bord unser Tücherschwenken sehen können, und wir kommen
+noch zur rechten Zeit.«
+
+»Veitel!« rief Hopfgarten, sich rasch nach diesem umdrehend, »kommt
+morgen früh zu mir in das St. Charles Hotel -- verstanden? -- bringt
+Euere Steine mit -- und nun fort Ledermann, fort!« und diesem voran
+laufend winkte er schon von weitem dem kleinen einspannigen Cabriolet
+zu, dessen Kutscher, Passagiere suchend, langsam die Levée an der
+Dampfbootlandung hinabfuhr. Der Mann zügelte sein Pferd ein und
+Hopfgarten bot ihm einen Dollar, wenn er sie so rasch das Pferd laufen
+könne dem Havanna Steamer gegenüber die Straße niederführe.
+
+»Halt, dort geht ein Constable!« rief ihm aber Ledermann zu, »den nehmen
+wir mit.«
+
+»Kann nicht drei Passagiere fahren, Sir,« sagte der Kutscher.
+
+»Du bekommst einen Dollar für jeden, wenn Du uns rasch an Ort und Stelle
+bringst!« rief der Deutsche, dem Angst und Aufregung fast die Sprache zu
+nehmen drohte. Ledermann lief indessen, so rasch ihn seine langen Füße
+trugen, und sehr zum Ergötzen der ihm Begegnenden, der nächsten Straßenecke
+zu, an der er einen ihm bekannten Constable erspäht hatte. Wenige Worte
+genügten, diesen mit Allem bekannt zu machen was Noth that, und zwei
+Minuten später galopirte das eben nicht sehr kräftige Pferd, von der
+wacker geführten Peitsche seines Herrn getrieben, in flüchtigen Sätzen
+die Straße nieder. Unterwegs unterrichtete der Constable diesen dabei,
+dem großen Dampfschiff gegenüber, das sie jetzt deutlich erkennen
+konnten, anzuhalten, wo er Miethboote wüßte.
+
+»Ay ay Sir!« sagte der Mann, und hieb stärker auf sein Pferd, »kommen
+noch zurecht, wenn mein alter Jack nicht bis dahin zusammenbricht.« Das
+Pferd hielt sich aber wacker, und plötzlich gegen die Levée anfahrend,
+denn den Wasserrand konnten sie von da aus, des hochaufgeworfenen Dammes
+wegen nicht sehen, hielt er an.
+
+»Boot Sir? -- Boot für den Steamer?« riefen ihnen hier schon vier, fünf
+Bootsleute zu gleicher Zeit entgegen, die sich herbeidrängten, die
+geglaubten Passagiere nach dem Dampfschiff zu bringen; dieses konnte
+seines Tiefgangs wegen hier nicht dicht am Ufer anlanden, und mußte ein
+Stück draußen im Strom vor Anker liegen; »höchste Zeit, Gentlemen, aber
+wir bringen Sie hinüber.«
+
+»Fünf Dollar, wenn wir zur rechten Zeit kommen.«
+
+»Hier Sir! hier ist ein Boot das es thun kann!« schrie Einer Hopfgarten
+am Arm ergreifend.
+
+»Mit dem alten Kasten kommst Du nicht vor Abend hinüber,« überschrie ihn
+ein Anderer, »_meins_ ist der Clipper, Gentlemen, der über das Wasser
+fliegt.«
+
+Der Constable hatte indessen von der Levée aus mit einem Kennerblick die
+Boote rasch übersehen, und den beiden Fremden winkend ihm zu folgen,
+sprang er in das, was ihm am tüchtigsten schien, hinein, und hinten an
+das Steuer. Die beiden Bootsleute, die dazu gehörten, nahmen mit einem
+Hohnlachen über die besiegten Gefährten ihre Sitze ein, und wenige
+Sekunden später schoß das scharfe, wackere Boot, die gelbe Fluth zu
+beiden Seiten in Schaum hinauswerfend, zischend und spritzend über den
+breiten Strom dem Dampfer zu.
+
+»Wir kommen wahrhaftig zu spät!« rief Hopfgarten in Todesangst mit der
+rechten Hand sein Tuch schwenkend, »dort pufft das Schiff schon seinen
+Dampf aus, und die Räder fangen an zu arbeiten.«
+
+»Nur keine Furcht Sir,« sagte der eine der Bootsleute, der einen Blick
+über seine Schulter weg nach dem näher und näher rückenden Fahrzeug
+warf, »sie arbeiten nur gegen die Strömung langsam an, den Anker
+heraufzuheben; die Kette ist noch unten.«
+
+»Er hat recht,« rief aber auch der Constable jetzt, »die Kette ist noch
+aus und wir kommen zur rechten Zeit.«
+
+»Gott sei Dank,« sagte Hopfgarten leise, aber tief aufseufzend vor sich
+hin, und von dem Augenblick an schien es, als ob jede Unruhe, jedes
+Schwanken von ihm genommen sei. Ruhig ein Bein über das andere gelegt,
+beobachtete er ihre Annäherung an das keuchende, gewaltige Dampfschiff,
+und überflog mit seinem Blick nur manchmal rasch und forschend das
+aufgebaute Quarterdeck des Fahrzeugs, zwischen den dort auf- und
+abgehenden Passagieren den Gesuchten herauszufinden; aber er bemühte
+sich nicht mehr sein Gesicht zu verbergen -- der Verbrecher konnte ihm
+nicht mehr entgehen.
+
+An Bord traten jetzt ein paar Mann, das nahende Boot bemerkend, oben an
+die noch aushängenden Fallreeps; der eine von diesen hielt ein dünnes
+zusammengerolltes Tau in der Hand, und warf es dem einen der Bootsleute
+zu, der es durch den Ring vorn zog und um die vordere Queerbank
+schlug. Im nächsten Augenblick lag das kleine schwanke Boot, auf
+den kurzen Wellen tanzend, die das Starbordrad schlug, dicht an die
+steilaufsteigende Seitenwand des mächtigen Fahrzeugs an, und der
+Constable rief hinan:
+
+»Ein Tau hier herunter, Boys, für den Gentleman; er hat einen kranken
+Arm und kann sich nicht halten.«
+
+Wenige Secunden später war dem Rufe Folge geleistet; der Constable legte
+das Seil um Herrn von Hopfgartens Mitte, und während die Matrosen oben
+langsam anzogen und ihn dadurch stützten, lief derselbe rasch an der
+steil niederhängenden Fallreepstreppe auf.
+
+»Danke -- danke herzlich,« sagte dieser, während sein Blick an dem
+Quarterdeck hing; aber auch dort sah er nicht den, den er suchte, und
+sich an den Steuermann des Schiffs wendend, der seine Leute eben gefragt
+hatte, ob der Herren _Gepäck_ schon an Bord sei, bat er diesen ihm zu
+sagen wo er den _Clerk_ der Cuba fände.
+
+»Dort oben, Sir -- an der Starbordtreppe; der mit dem Panama-Hut auf,
+Sir, und dem kleinen Buch in der Hand.«
+
+»Sie wünschen Plätze in der Cajüte, Sir?« frug ihn dieser freundlich,
+»der Steward soll Ihnen gleich Ihre #staterooms# anweisen.«
+
+»Bitte, mein Herr,« sagte Hopfgarten, dem seine beiden Begleiter auf dem
+Fuße folgten, »können Sie mir nicht Auskunft geben, ob ein gewisser
+_Soldegg_ an Bord ist?«
+
+»Soldegg? -- Soldegg?« sagte der Clerk nachdenkend sind dabei sein
+kleines Buch öffnend, eine dort eingetragene Liste mit den Augen
+überfliegend, »ist noch nicht notirt, Sir.«
+
+»Oder Henkel?«
+
+»Ebenfalls nicht,« lautete die Antwort, nach kurzer Pause.
+
+»Oder Holwich?«
+
+»Keiner der drei Herren; aber es sind einige Gentlemen erst in der
+letzten halben Stunde an Bord gekommen, deren Namen ich noch nicht
+eingeschrieben habe. Sie werden unterwegs Zeit genug bekommen deren
+Bekanntschaft zu machen; soll ich Ihnen indessen --«
+
+»Bitte, mein Herr, mein Besuch ist anderer Art,« sagte Hopfgarten ruhig;
+»ich habe einen Verhaftsbefehl mit gegen einen gefährlichen Verbrecher,
+und ich glaube, ja ich weiß ihn an Bord.«
+
+»Oh wenn das ist,« lachte der Clerk, »dann hat der Herr auch vielleicht
+einen andern Namen angegeben; nichts leichter als das. Wohl ein Constable,
+der eine der Herren?« -- dieser nickte mit dem Kopf -- »#well#, dann
+bemühen Sie sich nur gefälligst selber in die Cajüte hinunter, und sehn
+Sie sich dort um; ich werde es indessen dem Capitain melden, und Ordre
+geben, daß das Schiff nicht unterwegs geht.«
+
+Hopfgarten blieb einen Augenblick stehn, Athem zu holen, so preßte ihm
+die Aufregung dieses Momentes Brust und Herz zusammen, äußerlich aber
+war er vollkommen ruhig, und Ledermann und den Constable bittend, ihn
+vorangehn zu lassen, und erst nach ein paar Minuten zu folgen, stieg er
+mit festen, ruhigen Schritten die Quarterdeckstreppe hinauf, und die
+breiten Mahagonystufen, die von da in die untere Cajüte führten, wieder
+hinunter, und öffnete, von dem Steuermann begleitet, dem der Clerk ein
+paar Worte über den Zweck dieses Besuches zugeflüstert, die Thür der
+Cajüte, in der einige zwanzig Passagiere in den verschiedensten
+Stellungen umhersaßen und standen, und ziemlich ruhig die nahe Abfahrt
+des Dampfers, dessen Maschine schon unter ihnen arbeitete, zu erwarten
+schienen.
+
+Aber Hopfgarten sah nur _Einen_ von allen diesen; auf dem mittleren
+Sopha, das eine Bein behaglich über das andere gelegt, und neben sich
+auf einem kleinen Tisch eine Flasche mit Rothwein und ein Gefäß mit
+großen, klaren Eisstücken, ein Buch in der Hand, in dem er nachlässig
+blätterte, lag _Henkel_ und schien so sorglos und unbekümmert die
+Abfahrt des Bootes zu erwarten, so sicher seiner Umgebung zu sein, daß
+er nicht einmal aufsah, als Hopfgarten langsam auf ihn zuging, bis
+dieser neben seinem Tische stehn blieb und Henkel jetzt, mit einem
+leisen Schrei der Überraschung emporfahrend, ganz plötzlich seinen alten
+Reisegefährten neben sich erkannte.
+
+»Alle Wetter! Herr von Hopfgarten,« sagte er aber, sich rasch sammelnd;
+»das ist ein prächtiges Zusammentreffen, und wir sind auf's Neue
+Reisegefährten? -- Schade, daß Frau von Kaulitz nicht da ist, für den
+dritten _Mann_.«
+
+»Wir bekommen noch Gesellschaft,« sagte Hopfgarten, sich ruhig umsehend
+und den jetzt eben eintretenden Ledermann heranwinkend -- »Herr Henkel
+oder Soldegg oder Holwich -- ich weiß nicht unter welchem Namen Sie
+jetzt reisen -- ich habe ihnen hier einen alten Bekannten vorzustellen,
+der eine weite Reise im Auftrag seiner Regierung gemacht hat, nur das
+Vergnügen Ihrer werthen Begleitung zu haben.«
+
+»Was soll das? -- was wollen Sie von mir?« sagte Henkel finster, sich aber
+doch leicht entfärbend, als er den Aktuar von Heilingen plötzlich hier
+erkannte. Einen forschenden, unruhigen Blick warf er dabei in der Cajüte
+umher, der indeß weiter Nichts Beunruhigendes bot, da der Steuermann an
+die Bar getreten war, und der Constable, der Gruppe die Seite zudrehend,
+eine Zeitung aufgenommen hatte, als ob er mit zu den Passagieren gehörte
+-- »ich bin gerade nicht aufgelegt zu scherzen, sonst könnte ich Ihnen
+vielleicht wieder meinen -- Zwillingsbruder schicken, sich mit dem
+abzufinden.«
+
+»Herr Henkel,« sagte Ledermann ruhig -- »wir haben ein Boot unten
+liegen, und ersuchen Sie, uns gutwillig und ohne weiteres Aufsehn zu
+erregen, da hinein zu folgen, das Weitere werden wir an Land abmachen.
+So viel genüge Ihnen zu wissen, daß wir autorisirt sind, in dieser Weise
+zu handeln -- ich habe einen Verhaftsbefehl für Sie in der Tasche.«
+
+»Haho!« rief Soldegg aber, dem im Nu die ganze Größe der über ihn
+hereinbrechenden Gefahr klar wurde -- »Herr von Hopfgarten will
+sich revangiren -- hahaha -- aber die Herren haben sich verrechnet
+-- _lebendig_ bekommen sie mich nicht -- und überdieß -- wer giebt
+Ihnen das Recht, mich hier verhaften zu wollen?« Seine rechte Hand glitt
+dabei rasch und verstohlen unter die Weste, die Bewegung aber war
+dem Constable, der ihn indessen scharf und aufmerksam von der Seite
+beobachtet hatte, nicht entgangen, und seinen Rock zurückwerfend, unter
+dem er sein Polizeizeichen trug, ging er auf den wild und drohend zu ihm
+aufblickenden Verbrecher zu und wollte, mit den Worten: »#You are my
+prisoner!#«[5], die Hand auf dessen Schulter legen, als Henkel, unter
+dem Arm fortgleitend, einen Schritt zurücksprang; mit der rechten aber
+zu gleicher Zeit ein mächtiges, blitzendes Bowiemesser aus der Weste
+riß, und mit wildem, höhnischen Lachen schrie:
+
+»Lebend nicht -- Bahn frei, oder, beim Teufel, ich hacke Pastetenfleisch
+aus Euch!« Zu gleicher Zeit führte er einen Hieb nach dem Constable, dem
+dieser nur durch ein jähes Zurseitespringen entgehn konnte, und warf
+sich auf Hopfgarten, wieder die Klinge zum Hieb gehoben. Dieser aber,
+ohne einen Zoll breit zu weichen, hatte eine gleiche Waffe gezogen,
+und bereitete sich, den Schlag zu pariren, als der Steuermann, etwas
+Ähnliches schon lange erwartend, ohne sich aber selber zwischen die
+gehobenen Messer hineinzuwagen, einen Stuhl aufgriff und Henkel so
+geschickt vor die Füße schleuderte, daß dieser im vollen Wurf darüber
+hinflog.
+
+»Brav gemacht!« schrie der Constable, der indeß einen Revolver aus
+seinem Gürtel gerissen hatte, Gewalt mit Gewalt zu begegnen -- »jetzt
+bekommen wir den Burschen lebendig.« Und um den Stuhl flog er herum,
+zwischen die Thür und den Gefangenen zu kommen, und diesem den Weg
+abzuschneiden. Henkel aber, zum Äußersten getrieben und recht gut
+wissend, was ihn erwartete, wenn er in die Hand der Feinde fiel,
+schnellte im Nu, sein Messer noch fest im Griff haltend, vom Boden
+wieder auf und sprang gegen die Thür an, von der fort die zufällig
+dort herabkommenden Passagiere, vor der drohenden Gestalt mit der
+geschwungenen Waffe scheu zur Seite stoben.
+
+»Halt!« schrie der Constable, »im Namen des Gesetzes!«
+
+Henkel hatte die Thür erreicht und stieß sie vor sich auf, als ein
+scharfer Knall, und gleich darauf weißer Pulverrauch den Raum füllte
+-- ein wilder Schrei und eine blutende, todtenbleiche Gestalt, der die
+blanke Waffe entfiel und klirrend die Stufen zurückrollte, taumelte die
+Treppe hinauf an Deck, zwischen die entsetzten Passagiere.
+
+»#You are my prisoner Sir!#« schrie der Constable, den Flüchtling
+einholend und an der Schulter fassend.
+
+»#Ready for hell!#«[6] stöhnte dieser, ließ die Arme sinken, drehte sich
+einmal im Kreise herum und brach, wo er stand, zusammen.
+
+»_Den_ Passagier könnt Ihr von der Liste streichen, Clerk,« sagte der
+Steuermann ruhig zu diesem, als er an Deck kam -- »steht bei hier,
+Jungen, und hebt den Cadaver einmal in's Boot hinunter, und zwei von
+Euch waschen die Flecken hier weg und die Treppe rein. Marsch mit Euch
+und ein Bischen schnell -- ist der Anker auf?«
+
+»Alles klar, Sir!«
+
+»Gut, in fünf Minuten müssen wir unterwegs sein -- die Herren mögen die
+Geschichte dann selber an Land ausmachen.«
+
+Hopfgarten stand neben der Leiche und sah tief aufseufzend in die
+bleichen Züge, in die stieren zu ihm aufgedrehten Augen -- aber er
+sprach kein Wort; nur das Messer, das er noch offen in der Hand trug,
+barg er wieder in der Scheide, und einen kleinen weißen Handschuh aus
+seiner Brust nehmend, bog er sich nieder, und netzte das zarte
+schneeige Leder mit dem quellenden Blut des Gerichteten.
+
+Zwei Matrosen faßten die Leiche jetzt auf und trugen sie zu der
+Fallreepstreppe, wo Andere mit den Tauen standen und sie hinunter
+ließen; der Constable hatte sich indessen vom Clerk das Gepäck, das
+dem Gericht verfallen war, ausliefern lassen.
+
+»Hallo, da kommt noch ein Passagier!« rief der eine Bootsmann, als die
+Seeleute die Leiche rasch nach unten viehrten -- »dacht' es mir beinah,
+wie ich den Schuß hörte.«
+
+»Hast eine gute Nase, Kamerad,« rief Einer der Matrosen nieder, »das
+aber da ist nur Ballast; schlagt die Taue los!«
+
+Die Koffer folgten dem Körper, und diesen die Passagiere -- oben läutete
+die Glocke, die Räder rauschten und peitschten den gelben Schaum zu
+wirbelnden Wellen auf -- stromauf arbeitete das gewaltige Schiff, einen
+weiten Bogen beschreibend in der kochenden, zischenden Fluth, und
+während es sich stromab wandte, und das flatternde Banner der Vereinigten
+Staaten lustig im Winde wehte, ruderte das kleine Boot mit seiner
+traurigen Last langsam dem Lande wieder zu.
+
+
+
+
+Capitel 9.
+
+Das Haus im Walde.
+
+
+Wieder keimten und sproßten die Blumen im lieben deutschen Vaterland;
+die Wiesen hatten sich mit frischem Grün gedeckt, im Wald rauschte
+und flüsterte der Wind gar so traulich und heimlich durch die jungen,
+saftigen Blätter, und schaukelte die langen, duftenden Zweige der Birke,
+und trug die wirbelnde Lerche hoch in die blaue, sonnige Luft hinein.
+
+Wie das draußen in den Feldern so regsam schaffte und arbeitete; wie
+die Heerden so fröhlich blökten, die wieder hinaus durften in die warme,
+sommerliche Flur; wie die Schwalben -- die lieben, lieben Schwalben
+so froh durch den Äther strichen und die Störche, von den Kindern mit
+scheuer Ehrfurcht betrachtet, klappernd und von ihren Reisen erzählend,
+auf den Dächern standen, oder langsam über die feuchten Wiesenflächen
+schritten, alte Jagdgründe zu revidiren.
+
+[Illustration: Capitel 9]
+
+Wie das zwitscherte und klang und sang und schmetterte in dem weiten,
+lichtdurchflutheten Raum, und die Luft mit seinem Glanz und Jubel
+füllte, jeder Ton ein Loblied dem Herrn, jedes grüne Blatt, jeder
+duftende Kelch, jeder Thautropfen am schwankenden Halm, ein Dankesopfer
+seiner Allmacht und Güte. Oh wie sich auch die Menschenbrust da so froh
+und fröhlich hebt, und das Herz mit jauchzt und jubelt, und hinauf
+möchte, höher und höher hinauf, der steigenden Lerche nach, die mit
+zitterndem Flügelschlag, ein lebendiges Bild der Lust und Wonne, dort
+oben steht und betet. Wie es da stammelnd danken und preisen möchte auch
+in _seiner_ Weise, und nicht Worte, nicht Ausdruck findet für die
+Seligkeit, die in ihm glüht und lebt, und seine Adern füllt, und deren
+Wiederglanz nur in der Thräne zittert, die heiß und doch so lindernd da
+in's Auge steigt.
+
+Der Winter war vorbei -- die Natur erwacht, und Gottes Odem wehte,
+ein Segen, über das weite, wundervolle Land, Luft und Frieden in der
+Menschen Herzen gießend -- aber nicht in alle. -- Den schmalen Pfad der,
+das Dorf Waldenhayn umgehend, nach dem dunklen, die Hügel deckenden
+Kieferwald hinaufführte, schritt eine schlanke, bleiche Frau, einsam und
+allein; sie sah krank und hülfsbedürftig aus, und die bloßen, wegwunden
+Füße ließen hie und da in den Spuren Blutflecken zurück, wo ein scharfer
+Stein sie verletzt; der Straßenstaub deckte dabei ihr Gewand, und die
+weiße, fast durchsichtige Hand klammerte sich fest und wie krampfhaft an
+den rohen Eichenstock, der ihr zur Stütze diente.
+
+Neben ihr auf stieg wirbelnd die Lerche, und im Korn lockte das Rebhuhn
+und die Wachtel; -- sie blieb stehn und horchte dem Laut, aber nicht vom
+Boden nahm sie den Blick, schauderte zusammen, als ob selbst diese süßen
+Töne nur furchtbare Erinnerungen für sie hätten, und schritt langem
+weiter ihre stille Bahn, dem Walde zu.
+
+Nur einmal blieb sie noch stehn, und zitterte, und wäre fast in die Knie
+gesunken, als vor ihr, bis jetzt von Birken- und Weidenbüschen verdeckt,
+ein kleines, einsam gelegenes, ödes Häuschen, mit halb geöffneter Thür
+und ausgebrochenen Fenstern sichtbar wurde; aber wie gewaltsam raffte
+sie sich zusammen, faßte ihren Stab fester und schritt auf das niedere,
+verlassene Gebäude zu.
+
+Als sie die Schwelle erreichte, läuteten unten die Glocken den
+Nachmittagsgottesdienst aus, und als ob _die_ Töne sie mit furchtbarer,
+unwiderstehlicher Gewalt getroffen, brach sie zusammen in die Knie, und
+lag lange Minuten wie betend da. Dann erhob sie sich langsam wieder,
+warf noch einen scheuen Blick über das, unten das kleine Thal füllende
+Dorf, und verschwand dann in dem dunklen Raum der Hütte.
+
+ * * * * *
+
+Unten im Dorf läuteten die Glocken den Nachmittagsgottesdienst aus, und
+der würdige Pastor Donner, dessen Haar die letzten drei Winter doch um
+ein Bedeutendes gebleicht, kam freundlich, rechts und links die noch vor
+der Kirche stehenden Kinder und Gemeindemitglieder grüßend, die ihn, mit
+dem Hut in der Hand, vorbeiließen, seiner kleinen Wohnung, dem duftigen,
+schattigen Garten zu, wo ihn zu dieser Zeit der Nachmittagskaffee in der
+blühenden Fliederlaube erwartete. Aber mehr als das harrte heute sein.
+
+»Vater -- lieber Vater!« jubelten ihm die Kinder entgegen, Blätter
+Papier hoch und jauchzend empor haltend -- »Brief von Georg ist gekommen
+-- Brief vom Bruder Georg; er kommt herüber in ein oder zwei Jahren mit
+seiner _Frau_! -- er hat geheirathet, Vater -- Bruder Georg hat
+geheirathet und es geht ihm gut!«
+
+Der Pastor blieb stehn, und als die Kinder auf ihn zugesprungen kamen
+und ihm in ihrer frohen Kindeslust den Brief entgegen hielten, bog er
+sich zu ihnen nieder und küßte sie, aber die Mutter folgte ihnen, und
+barg ihr Haupt an des Gatten Brust. Sie hatte sprechen -- erzählen
+-- mit den Kindern jubeln wollen, und kein Wort brachte sie jetzt vor
+Thränen über die Lippen -- aber es waren _Freudenthränen_.
+
+»Georg hat geheirathet!« jubelte Fritz dabei, der jüngste Sohn, den
+Brief in der Hand schwenkend, und um die Anderen herumspringend -- »ich
+bin jetzt ein _Schwager_ geworden, und Du, Louise und Du Trinchen, Ihr
+seid Schwägerinnen -- hurrah, Bruder Georg soll leben!«
+
+»Und es geht ihm gut?« flüsterte der Pastor, der Gattin an ihn gelehnte
+Stirn wieder und wieder küssend.
+
+»Gut -- recht, recht gut, Gott sei ewig gelobt und gedankt,« schluchzte
+die Frau -- »da, lies nur selbst -- ich habe vor Thränen nicht weiter
+lesen können.«
+
+Auch Louise, die ältere Tochter, kam mit ihrem Bräutigam, einem jungen
+Geistlichen aus Heilingen, dem Vater freudestrahlenden Auges entgegen,
+und während die Glocken von dem alten Thurm noch klangen und tönten,
+und den tiefen harmonischen Laut weit aus über das stille Dorf und an
+die sonnbeschienenen Hänge der blühenden Hügel sandten, saßen die
+glücklichen guten Menschen in der duftenden Laube, und horchten der
+lieben, lieben Botschaft des fernen Bruders und Sohnes, der ihnen Grüße
+und Küsse weit über das Meer herübergesandt, und ihre Herzen mit Glück
+und Wonne und Dank, heißem Dank gegen den Höchsten erfüllt hatte.
+
+-- -- »Seit drei Tagen bin ich jetzt mit meiner Marie vermählt,
+und der glücklichste Mensch unter der Sonne. In den angenehmsten
+Familienverhältnissen dabei, hat sich unsere Farm, die mein Schwiegervater
+schon im Begriff war um ein Spottgeld zu verschleudern, auf eine ganz
+unerwartete und kaum geahnte Weise verwerthet, denn ich habe beim Graben
+eines Brunnens, in der Nähe einer neu errichteten Mühle, selber ein
+_Kohlen_lager entdeckt, das, wenn auch noch nicht für den Augenblick,
+doch für die Zukunft einen bedeutenden Ertrag verspricht. Ein Amerikaner
+hat mir schon für die Bearbeitung eine sehr bedeutende Summe baar geboten,
+aber ich zögere noch sie anzunehmen. Dabei bin ich ganz gegen meinen
+Willen, und durch einige glückliche Kuren in den Ruf eines geschickten
+Arztes gekommen, und da sich unsere Gegend, durch die Unmasse der hier
+eintreffenden Einwanderer, sehr belebt, bleibt mir schon gegenwärtig
+kaum mehr Zeit, meinen ländlichen Arbeiten so obzuliegen, wie ich es
+eigentlich wünschte -- -- -- --«
+
+-- »Noch eine andere Nachricht aus unserer Familie, die auch Euch
+interessiren wird, habe ich Euch mitzutheilen. Meine Schwägerin Anna,
+die ältere Schwester Mariens und ein sehr liebes, braves Mädchen, hat
+ganz unerwarteter Weise einen Heirathsantrag aus Deutschland und zwar
+aus Heilingen, von dem frühern Kürschnermeister Kellmann bekommen.
+Kellmann ist, so weit ich ihn kenne, ein braver, rechtschaffener Mann
+und Anna scheint ihm auch gut zu sein. Er hat geschrieben, wenn sie ihm
+ein freundliches Ja schicke, wolle er ungesäumt herüberkommen -- ich
+denke, wir werden ihn wohl nächstens hier sehn -- -- -- --«
+
+-- »Der Rosensenker von Mutters Strauch vor dem Fenster, den mir Louise
+noch an jenem schmerzlichen Abend der Trennung gegeben, hat den
+Ehrenplatz in unserm freundlichen Garten, und grünt und blüht, daß es
+eine Lust und Freude ist, -- die einliegende Knospe hat er getragen. Oh,
+wie mich der Blüthenstock an Euch erinnert; ich habe ihn so lieb, und
+doch treten mir jedes Mal Thränen in die Augen, wenn ich ihn ansehe.
+Meine Marie pflegt ihn selber; sie wird _Euch_ auch gefallen. Hat sich
+das Geschäft mit dem Kohlenlager erst geordnet, und sich dasselbe so
+einträglich erwiesen, wie ich es jetzt wirklich glauben muß, dann komme
+ich mit ihr hinüber, Euch zu besuchen. Lieber Gott, es ist ja doch unser
+Aller Wunsch, später einmal wieder nach Deutschland zurückkehren und
+dort unsere Tage beschließen zu können. -- -- -- --«
+
+Unten am Brief in einer Nachschrift stand:
+
+-- »Über den Steffen, der bei uns der schwarze Steffen hieß, und von dem
+ich Euch schon früher schrieb, wie ich mit ihm zusammengekommen, habe
+ich nichts Näheres erfahren können. Auch seine Frau, die sich von ihm
+getrennt hatte, ist aus dem kleinen Städtchen, wo sie die letzte Zeit
+still und fleißig, und mit keinem Menschen verkehrend, gearbeitet hatte,
+spurlos verschwunden; Amerika ist zu groß, solche Leute im Auge behalten
+zu können. --«
+
+»Du guter, barmherziger Gott,« sagte die Frau Pastorin, seufzend die
+Hände faltend, »ich begreife, wie schlechte Menschen einen Anderen
+aus Geldgier oder Rache, oder sonst in böser, sündhafter Leidenschaft
+_morden_ können, aber daß Eltern im Stande sein sollen, ihre _Kinder_
+auf solche Art zu verlassen, begreife ich _nicht_. Das unvernünftige
+_Thier_ thut das ja nicht, sorgt für seine Jungen, und vertheidigt sie
+in Gefahr, und der _Mensch_ soll schlechter sein, als das Thier?«
+
+»Für die Kinder war es ein Glück,« sagte der Pastor, seufzend mit dem
+Kopfe nickend -- »_was_ hätten sie von solchen Eltern gelernt, _wie_
+wären sie von ihnen erzogen worden, und jetzt sind sie bei guten
+Menschen untergebracht und versorgt.«
+
+Ein paar Knaben aus dem Dorfe kamen in diesem Augenblick athemlos an den
+Garten gerannt, rissen die Mützen vom Kopfe, und schauten mit den roth
+erhitzten, dicken, gutmüthigen, jetzt aber jedenfalls durch irgend etwas
+sehr erregten Gesichtern durch die Gitterthür hinein, wo der Geistliche
+saß.
+
+»Was wollt Ihr, Kinder?« sagte dieser freundlich, indem er von seinem
+Sitze aufstand und auf sie zuging.
+
+»Oben am Berge spukt's!« rief aber der Eine von ihnen, in aller Eile
+und Geschäftigkeit ganz den sonst gewiß nicht versäumten Gruß vergeßend
+-- »am schwarzen Steffen seinem Hause geht's um!«
+
+»Am Hause des schwarzen Steffen?« rief Pastor Donner, erstaunt den Platz
+gerade jetzt, wo sie sich selber damit beschäftigt, genannt zu hören
+-- »wer hat Euch den Unsinn weiß gemacht?«
+
+»Ne, wahrhaftig,« rief der Andere betheuernd aus -- »Hollebens Liese und
+Gutegrunds Annamarie haben den Geist von der »stolzen Jule« gesehn, der
+oben herumgeflogen ist.«
+
+Nur mit Mühe bekam der jetzt aufmerksam werdende Geistliche heraus, daß
+zwei Mädchen aus dem Dorfe oben am Wald auf dem kleinen, dem Haus gerade
+gegenüber liegenden Hang gewesen waren, Blumen zu suchen, und an der,
+von den Dorfbewohnern ängstlich gemiedenen Hütte des schwarzen Steffen
+eine Gestalt gesehen hätten, von der sie erklärten, daß sie der Geist
+der »stolzen Jule« sei. Sie habe keine Ruhe im Grabe, und ginge dort an
+der Stelle um, wo sie ein Verbrechen begangen, für das wir in der sonst
+so reichen deutschen Sprache nicht einmal einen Namen haben. Die Hütte
+lag auch noch, gefürchtet und gescheut, unberührt so, wie man die Kinder
+damals darin gefunden, und nur mit dem Bettzeug und dem besten
+Hausgeräth herausgenommen hatte, und die Leute in den Spinnstuben
+erzählten sich Abends schauerliche Geschichten von dem Ort.
+
+Pastor Donner schüttelte ungläubig den Kopf zu der Erzählung, Andere
+aber aus dem Dorf kamen nach, und der Schultze, der von den jungen
+Mädchen selber den Bericht gehört, den sie mit bleichen Wangen und
+zitternden Lippen in's Dorf getragen, folgte den Übrigen, bestätigte dem
+Herrn Pastor, was sich die Leute erzählten, und bat ihn, mit ihm hinauf
+zu gehn nach dem alten Hause, das Gerücht zu widerlegen, das sonst leicht
+mehr Nahrung gewann und von dem abergläubischen Volke ausgeschmückt
+wurde, oder sich zu überzeugen, was Wahres an der Sache sei.
+
+Die Frau Pastorin wollte mit den Kindern ihren Mann begleiten, er bat
+sie aber, zurückzubleiben, und schritt dann, seine Amtstracht ablegend
+und Hut und Stock nehmend, an der Seite des Schultzen durch das Dorf
+hin, den kleinen, mit Unkraut überwucherten und fast verwachsenen
+Pfad hinauf, der zu dem, etwa eine kleine halbe Stunde von Waldenhayn
+entfernten Gebäude führte. Eine Menge der Dorfbewohner schloß sich ihnen
+unterwegs an, sie zu begleiten.
+
+Als sie den Platz erreichten, war Alles todtenstill; nur hie und da
+zwitscherten die Vögel in den Zweigen, und auf dem alten Eichbaum neben
+dem Haus saß ein Rabe, drehte, als er die Menschen auf sich zukommen
+sah, den Kopf scheu nach rechts und links hinüber, und strich dann mit
+seinem tief und unheimlich krächzenden »_krah -- krah_« -- von dem
+Zweige ab, auf dem er gestanden, dem Holze zu!
+
+»Das war sie -- das war sie!« flüsterten die Frauen untereinander,
+indeß sie sich näher zusammendrückten, und scheu nach dem schwarzen
+Galgenvogel hinüberschauten, »jetzt werden sie Nichts mehr finden; die
+ist fort, und in der Nacht kommt sie wieder und sitzt dort auf dem alten
+Dach. Ich gehe nicht weiter mit -- ich auch nicht -- Gott soll mich
+bewahren vor _der_ Stelle, die ewiglich verflucht ist.« rief eine andere
+Frau. »Man sollte Feuer anlegen und das Nest von der Erde vertilgen,«
+sagte Einer der Männer dann, »_ich_ wenigstens möchte nicht einmal einen
+von den Balken in meinem Ofen brennen.«
+
+»Die Thür steht offen, daß sie immer recht bequem aus und ein können,«
+flüsterte wieder eine Andere, »huh, wie mag's da drinnen um Mitternacht
+zugehn -- der Schornstein sieht auch nicht umsonst so gelb und schweflig
+aus, und unsere Annakathrine hat neulich die Irrlichter hier oben wie
+toll herumtanzen sehen.«
+
+Die Leute aus dem Dorf blieben wirklich, als sie den kleinen freien
+Platz vor dem Haus erreichten, scheu an dessen Grenze stehn, und nur
+Pastor Donner schritt, von dem Schultzen begleitet, langsam dem Hause
+selber zu.
+
+»Ich habe schon lange einmal heraufgehen wollen, zu sehn, wie der Platz
+hier eigentlich aussieht,« sagte dieser endlich, »bin aber immer nicht
+dazu gekommen. Hm, wie öde und unheimlich das hier ist -- es wundert
+mich gar nicht, daß sich die Kinder davor fürchten, ist mir's doch
+selber ein ganz eignes, unbehagliches Gefühl hier herzugehn -- es ist
+fast, als ob man eine Richtstätte beträte.«
+
+»Wohl ist es so,« sagte Pastor Donner feierlich und mit halb unterdrückter
+Stimme, als ob er selber sich scheue, an diesem Orte laut zu sprechen.
+»Aber wir wollen hier nicht stehen bleiben; die Leute dort hinten
+murmeln schon miteinander, und glauben sonst, daß wir selber uns
+fürchten, das Haus zu betreten.«
+
+»Aber was sollen wir darin?« sagte der Schultze ausweichend, und es lag
+ihm wirklich Nichts daran, dort hineinzugehen, »'was Lebendiges hält
+sich hier oben nicht auf, sonst hätte der scheue Rabe da nicht im Baum
+gesessen, und an Gespenster glauben wir doch alle Beide nicht.«
+
+»Ich bin einmal oben,« sagte der Geistliche mit seinen eigenen Gedanken
+beschäftigt, denn vor seinen Augen schwebte in diesem Augenblick die
+Scene auf dem Amerikanischen Dampfboot, die ihm in einem früheren Briefe
+der Sohn beschrieben, »und möchte auch das Innere des Hauses sehn, das
+ich seit jenem Tag, wo wir die armen, halb verhungerten Kinder hier oben
+abholten, nicht betreten.«
+
+Langsam schritt er, von dem Schultzen nur widerstrebend gefolgt,
+der Thüre zu, schob diese noch etwas weiter auf, mehr Licht und Luft
+hineinzulassen, und betrat, durch den schmalen dunklen Gang gehend,
+die frühere Stube des »schwarzen Steffen«. Dort aber schrak er selber
+einen Schritt zurück, denn auf dem Boden vor ihm lag ausgestreckt und
+regungslos eine menschliche, weibliche Gestalt.
+
+»Was giebt's? -- was ist?« rief der Schultze, der den unwillkürlich
+ausgestoßenen Ruf des Erstaunens gehört, und auf der Stelle stehen
+blieb, wo er gerade stand, während sich eine Anzahl Burschen aus dem
+Dorfe näher herandrängten, die Frauen und Mädchen aber noch scheuer
+zurückwichen, und sich schon halb zur Flucht wandten.
+
+Pastor Donner winkte aber dem Schultzen langsam und traurig näher zu
+kommen, und als dieser die Schwelle betrat, deutete er nieder auf den
+vor ihm ausgestreckten Körper der Unglücklichen, die Gram und Reue, und
+der nagende Wurm im Herzen wieder herüber, zurückgetrieben hatte durch
+das weite, wilde Land, über das weite Meer, an dem Ort, wo sie so
+furchtbar sich vergangen -- _zu sterben_.
+
+Jetzt rasteten die blutigen, nackten Füße von der weiten Wanderschaft,
+jetzt ruhte das arme Herz, das in Verzweiflung und Gram wohl manche
+lange furchtbare Nacht _die_ Stunde hier herbeigesehnt, mit dem Kopf
+auf den zerfallenen Kasten gestützt, der dem jüngsten Kind in früherer
+Zeit zu seinem Bettchen gedient hatte, aus von seinem Leid und Weh. Der
+Körper selber war abgefallen und mager, die Wangen hohl und dünn, aber
+ein ruhiges, seliges Lächeln zog sich um die bleichen, kalten Lippen,
+die der Tod für immer geschlossen. Was sie verübt, was sie gesündigt,
+sie hatte schwer gelitten -- hatte tief bereut, und wie, als ob die
+Kräfte ihr nur eben noch gehorcht, _die_ Stelle zu erreichen, war hier
+der Tod, ein willkommener lieber Freund, zu ihr getreten, sie zu erlösen
+von ihren Leid.
+
+Neugierig und muthig gemacht, durch das Verweilen der beiden Männer im
+Haus, drängten die übrigen Dorfbewohner jetzt auch nach und nach heran,
+und der Ruf. »die stolze Jule -- die stolze Jule liegt todt im Haus!«
+füllte den kleinen Raum bald mit einem Theil der Schaar, die jedoch die
+Leiche immer noch scheu und furchtsam umstanden. Über ihr aber faltete
+Pastor Donner die Hände und sagte mit leiser, tiefbewegter Stimme:
+
+»Gott hat in seiner Vaterhuld sich Dein erbarmt, Du armes verirrtes Kind
+-- Du hast schwer gesündigt -- schwer und furchtbar, aber auch viel, viel
+gelitten, und Gram und Reue haben ihre Züge mit scharfen Furchen in Dein
+Angesicht gegraben. Er sei Deiner armen Seele gnädig!«
+
+Und seinen Hut abnehmend, welchem Beispiele rasch und scheu alle Übrigen
+folgten, betete er still und brünstig über der abgerufenen Sünderin.
+
+
+
+
+Capitel 10.
+
+Der rothe Drachen bei Heilingen.
+
+Schluß.
+
+
+Im rothen Drachen bei Heilingen herrschte heute ein reges, geschäftiges
+Leben; Kellner liefen und stürzten durcheinander hin, Tische wurden
+gerückt, Stühle getragen, Tischtücher ausgebreitet, und Körbe mit Flaschen
+und Getränken angeschleppt, als ob ein Regiment damit versorgt werden
+sollte. Im Garten, der mit einer Masse Kränze und Blumen und Guirlanden
+geschmückt war, standen noch einzelne Arbeiter, die mit frischem Sand
+bestreuten Gänge von den hineingefallenen Blättern und Zweigen des
+Ausschmucks zu reinigen, und unter einem kleinen, erst kürzlich
+aufgeschlagenen und ganz mit frischen Blumen besteckten und behangenen
+Zelt, lagen eine Reihe breitbauchiger Bierfässer mit eingesteckten
+gefälligen Hähnen, nur der Hand harrend, die sie aufdrehen würde, ihr
+schäumendes, kräftiges Naß zu spenden.
+
+Den Pfad herunter, der von Zurschtel niederführte, kam ein Bettler an
+einer Krücke daher gehinkt. Es war sonst eine breitschultrige, kräftige
+Gestalt, aber mit eingefallenen Backen und hohlliegenden Augen, das
+linke Bein ziemlich dick in alte zerlumpte Tücher und Lappen eingeschlagen,
+und die linke Seite seines Gesichts ebenfalls mit einen schmutzigen Tuch
+verbunden.
+
+Als er die Gartenthür erreichte, blieb er stehen, und sah hinein, betrat
+aber den Garten selber nicht, und schaute still und aufmerksam nach dem
+Haus hinüber.
+
+Den breiten Gang herunter, der von der Guirlanden geschmückten Hausthür
+in gerader Linie nach dem Thore zu führte, schritt der Eigenthümer des
+Grundstücks, Herr Kaspar Helker, nach seinen Arbeitern zu sehn. In die
+Nähe des Bettlers gekommen, zog dieser den Hut ab, und sagte mit
+bittender Höflichkeit:
+
+»Wären Sie wohl so gut, lieber Herr, mir zu sagen was heute hier los ist
+im rothen Drachen, mit all den Kränzen und Blumen, und welches Fest Sie
+feiern?«
+
+»Ja wohl Freund,« sagte Herr Kaspar Helker, den armen zerlumpten Teufel
+dabei mit aufmerksamem, vielleicht nicht besonders befriedigtem Blick
+betrachtend, »Herr von Hopfgarten feiert heute seine Vermählung mit des
+reichen Dollinger jüngster Tochter, die früher, ich weiß nicht, ob Ihr
+die Geschichte kennt, an einen, jetzt gestorbenen, Amerikaner verheirathet
+war.«
+
+»Herr von Hopfgarten -- hm -- Herr von Hopfgarten -- der Name ist mir doch
+gar bekannt; stammt er von hier?«
+
+»Nein, aus dem Mecklenburgischen. -- Kommt Ihr weit her? -- Ihr seht müde
+und krank aus.«
+
+»Sehr weit -- bin aber wohl mehr hungrig und durstig, wie krank,« sagte
+der Mann, mit einem scheuen Blick nach den Brod- und Kuchenkörben
+hinüber.
+
+»So kommt herein und eßt und trinkt,« lud ihn der Wirth freundlich ein,
+»und Ihr habt _mir_ nicht einmal dafür zu danken,« setzte er rasch
+hinzu; »Herr von Hopfgarten hat strengen Befehl gegeben, Niemand heute,
+wer es auch sei, ungespeist von dannen zu lassen. Es ist frei Bier und
+Essen hier im Haus.«
+
+»Hm, da bin ich gerade zur rechten Zeit gekommen,« sagte der Mann, immer
+aber noch zögernd den Garten zu betreten.
+
+»So kommt herein und setzt Euch gleich dort in eine von jenen kleinen
+Lauben,« sagte der Wirth; »die werden heute nicht benutzt und Ihr -- Ihr
+seht eben nicht appetitlich genug aus zwischen den andern Gästen zu
+sitzen. Es soll Euch aber an Nichts fehlen,« fügte er rasch hinzu, »heh
+Wilhelm! besorgen Sie mir einmal für den Alten dort in die Laube ein
+Mittagsessen und Bier.«
+
+»Bier kann ich nicht gut vertragen -- wenigstens nicht gleich auf den
+leeren Magen hinein -- gäben Sie mir einen Schnaps vorher?«
+
+»Auch den sollt Ihr haben -- heh Wilhelm -- ein Glas Kümmel -- aber ein
+großes Glas, und dann dürft Ihr ihm Bier geben, was er trinken will.«
+
+»Danke,« sagte der Bettler, und hinkte an seiner Krücke in den Garten
+hinein. An der Schwelle blieb er noch einmal stehn, und warf einen
+scheuen Blick nach rechts und links, und wandte sich dann der kleinen
+Laube zu, in deren Schatten er verschwand.
+
+»Dort kommen die Wagen!« rief da Einer der Kellner, der vor die Thür
+getreten war, den Weg hinunter zu sehen, »hierher, Herr Helker -- sie
+kommen!«
+
+Der Wirth sprang mit seinem Kellner der Thür zu, die Gäste zu empfangen,
+und die Wagen rasselten unter dem fröhlichen Schmettern der Posthörner
+lustig die Straße herunter.
+
+In dem vordersten saß Herr von Hopfgarten mit seiner jungen Frau, sein
+gutmüthiges Gesicht ordentlich verklärt, seine Augen blitzend in Wonne
+und Seligkeit, und auch in Claras liebe Züge war das frohe, süße Lächeln
+zurückgekehrt, das ihrem Antlitz sonst einen so unwiderstehlichen Reiz
+verliehen. Die düstere trübe Zeit lag hinter ihr, wie ein böser Traum,
+und hell und freundlich glühte wieder das Sonnenlicht auf ihren Weg.
+
+Den zweiten Wagen füllte die Dollingersche Familie, der alte Herr mit
+Frau, Tochter und Schwiegersohn, denn auch Sophie war im vorigen Herbst
+an einen reichen Gutsbesitzer, aber ebenfalls einen alten Bekannten
+von uns, verheirathet worden. Herr Baron von Benkendroff nämlich hatte
+sich nach seiner Rückkehr von Amerika zufällig einige Zeit in Heilingen
+aufgehalten, dort die schöne reiche Kaufmannstochter gesehn und kennen
+gelernt, sich zu gleicher Zeit sterblich in sie verliebt und seine
+Hochzeit, da ihn auch Sophie lieb gewonnen, gleich in demselben Monat
+noch gefeiert.
+
+In den anderen Kutschen, aber alle von mit Blumen geschmückten
+Postillionen gefahren, saßen die Hochzeitsgäste aus der Stadt, bunt
+gemischte, aber fröhliche Menschen, und unter ihnen das gutmüthige
+Gesicht unseres alten Freundes Kellmann, neben der scharfgeschnittenen
+aber heute ebenfalls zufrieden lächelnden Physiognomie seines
+unzertrennlichen Gesellschafters, des Apotheker Schollfeld.
+
+An der Gartenthür von dem Wirth und einer Schaar geschäftiger Kellner
+empfangen, stiegen die jungen Eheleute aus, und begrüßten hier zuerst
+ihre Gäste, und während das, hinter einer künstlichen Blumenhecke
+aufgestellte Militair-Musikchor -- eine Überraschung Kellmanns
+-- plötzlich mit schmetternden Trompeten in Mendelsohns herrlichen
+Hochzeitsmarsch des Sommernachtstraums einfiel, und dem kleinen
+glücklichen Hopfgarten vor Rührung auf einmal die großen hellen Thränen
+in die Augen traten, setzte sich der Zug in Bewegung, dem Hause zu.
+
+Das Mahl ging vorüber, wie derartige Mahlzeiten gewöhnlich thun; eine
+Menge Toaste wurden ausgebracht, und die glücklichen Menschen jubelten,
+lachten und erzählten bis spät am Nachmittag, wo der Kaffee im Garten
+selber servirt werden sollte, und die Gäste dann zusammen in das
+Dollingersche Haus eingeladen waren, wo Herr Dollinger einen kleinen
+Ball für den Abend arrangirt hatte.
+
+Im Garten, bei lustig tönenden Fanfaren, bildeten sich dann kleine
+Gruppen, und Benkendroff, Kellmann und Schollfeld hatten sich nächst
+dem Thor auf dem kleinen Vorbau, wo sie die wundervolle Aussicht nach
+dem grünen herrlichen Thal und den fernen Bergen genießen konnten,
+zusammengefunden ihre Cigarre zu rauchen. Nach einer Weile fand sich
+auch Hopfgarten zu ihnen, sie zu bitten, sich bereit zu halten, da die
+Wagen bald wieder vorfahren würden.
+
+»Wer uns das damals gesagt hätte, Hopfgarten,« rief Benkendroff, seine
+Hand lächelnd auf des Freundes Schulter legend, »als wir auf der
+Haidschnucke zusammen Whist spielten, oder selbst als wir in New-Orleans
+von einander Abschied nahmen, daß wir _heute_ hier _so_ zusammenstehen
+würden.«
+
+»Dem wär' ich schon damals vor Freude um den Hals gefallen, Benkendroff,«
+sagte der kleine Mann mit leuchtenden Augen.
+
+»Es ist eine merkwürdige, mir aber höchst interessante Thatsache,« rief
+da Herr Schollfeld, sich die Hände reibend, »daß _die_ Menschen, die
+einmal in Amerika _gewesen_, und glücklich wieder, ein sehr seltener
+Fall, zurückgekommen sind, sich am wohlsten fühlen. Und trotzdem, trotz
+allen schlagenden Beweisen, will sich dieses unglückselige Menschenkind,
+dieser frühere Kürschnermeister hier, nicht warnen lassen, sondern
+ebenfalls mit einem Leichtsinn, den man kaum einem jungen Menschen von
+achtzehn Jahren verzeihen würde, hinüber nach diesem gottvergessenen
+Lande der Freiheit ziehn, und _das_ nennt er _sich zu Ruhe setzen_. Es
+wäre mehr Verstand darin, wenn er hier Nachtwächter oder Briefträger
+würde.«
+
+»Aber bester Herr Schollfeld,« sagte Hopfgarten, »Sie wissen ja, daß
+er um seine jetzige Braut erst _dort_ angehalten hat, und von Fräulein
+Lobenstein doch nicht verlangen kann herüber _zu ihm_ zu kommen; er muß
+sie doch wenigstens _abholen_.«
+
+»Ich will auch noch gar nicht verschwören, daß ich drüben _bleibe_,«
+sagte Kellmann ruhig, »mir aber jedenfalls die Verhältnisse dort
+ordentlich ansehn. Meines künftigen Schwagers, Georg Donners, Beschreibung
+des dortigen Landes lautet keineswegs entmuthigend; von anderer Seite
+habe ich ebenfalls recht gute Berichte über das wirkliche Farmerleben
+gehört, und kann ich mir dort mit meinem Capital, und von dem Rath
+meiner guten Freunde unterstützt, eine ruhige, _glückliche_ Stellung
+gründen, warum nicht? -- Freund Schollfeld müssen Sie aber viel zu gut
+halten, mein lieber Herr von Hopfgarten; er ist als ein Antiamerikaner
+hier schon bekannt.«
+
+»Und hab' ich nicht recht?« rief dieser hitzig, »hatt' ich nicht recht
+auch mit jenem lebendigen Loblied Amerikas, jenem Weigel, der
+Betrügereien halber landesflüchtig werden mußte.«
+
+»Das war ein einzelner Lump und kann nicht als Maasstab gelten,« sagte
+Kellmann.
+
+»Lassen Sie das gut sein,« nahm Benkendroff hier des Apothekers Parthie,
+»Herr Schollfeld hat sehr gediegene und vernünftige Ansichten über
+Amerika, und Sie werden mir zugeben, daß _ich_ ebenfalls im Stande bin
+ein Urtheil darüber zu fällen; ich kenne das Land aus Erfahrung, aus
+eigener, persönlicher Anschauung.«
+
+Hopfgarten wechselte mit Kellmann einen gutmüthig lächelnden Blick, und
+sagte, sich an diesen wendend:
+
+»Wie kommt es nur, daß Sie Fräulein Lobenstein, wenn Sie dieselbe schon
+so lange geliebt haben, von hier fortziehen ließen, ohne ihr Ihr Herz zu
+öffnen?«
+
+»Weil es ein wahnsinnig, unnatürlich verschämter Kürschnermeister war,«
+rief Schollfeld, die Antwort für seinen Freund aufnehmend, »wie
+Lobensteins hier fort waren, ging er herum wie ein begossener Pudel,
+sprach mit Niemandem, trank nicht mehr, schnitt ein Gesicht, als ob er
+Äpfelwein getrunken hätte, und wollte keinem Menschen Rede stehn, beinah
+zwei Jahre lang. Endlich bekam ich's heraus, und da gestand er mir, daß
+er -- sehn Sie sich den Menschen einmal an -- _keine Courage hätte_ den
+Schritt zu wagen, obgleich er selber fast hoffe, Anna Lobenstein sei
+ihm nicht ganz abgeneigt. Da hört denn doch Alles auf. Na ich nahm ihn
+dann ordentlich in's Gebet, schon meiner selbst willen, denn es ist ja
+langweilig mit einem solchen verliebten Kopfhänger umgehn zu müssen.
+Er ließ sich auch endlich überzeugen, und ist mir nachher, wie er den
+Zusagebrief erhielt, um den Hals gefallen, und hat mich »sein liebes
+Schollfeldchen« genannt -- und so ein Mensch will nach Amerika.«
+
+Die Männer lachten über Schollfelds komischen Eifer und Hopfgarten
+sagte, noch immer lächelnd. »Sie reden gerade als ob Amerika ein
+_Unglück_ wäre.«
+
+»Ist es auch,« rief Schollfeld hitzig, »ist es auch, und der arme Teufel,
+der Ledermann, sonst so ein netter, rechtschaffener Kerl, wußte wohl,
+was er that. _Der_ hätte auch nach Amerika gehn können, aber was ich
+ihm darüber die ganze Zeit vorgepredigt, hatte gute Früchte getragen;
+er sprang lieber in's Wasser, Ruh zu haben, ehe er solch verzweifelten
+Schritt that. Ist mir übrigens doch Leid um ihn, und ich hätte ihm etwas
+Besseres gewünscht -- das verfluchte Spiel.«
+
+»Seine Frau ist noch in Heilingen?« sagte Hopfgarten.
+
+»Ja,« sagte Schollfeld mürrisch, »will aber wirklich dieses Frühjahr mit
+ihrem Bruder auswandern. Das ist auch so ein Lump, hat zweimal Bankerott
+gemacht, und nun natürlich nichts Gescheuteres zu thun, als daß er nach
+Amerika geht. Solche Leute gehören auch dorthin, aber vernünftige und
+rechtschaffene Menschen sollten besser wissen, was sie sich und ihren
+Familien schuldig wären.«
+
+»Apropos, lieber Kellmann,« sagte Hopfgarten da plötzlich an diesen
+gewandt, »erinnern Sie mich doch daran; ehe Sie fortgehn, möchte ich
+Ihnen noch ein paar Zeilen an einen sehr lieben Freund von mir, einen
+Herrn _Fortmann_ in New-Orleans, mitgeben; er kann Ihnen dort von Nutzen
+sein.«
+
+»Ich danke Ihnen, ich werde es nicht vergessen -- Sie haben ja wohl
+heute Briefe von dort bekommen?«
+
+»Ja -- eben von Fortmann. Das wird Sie auch interessiren; Sie wissen
+doch, daß der arme, unglückliche Loßenwerder eine Schwester hatte?«
+
+»Lieber Gott,« sagte Kellmann, hinauf auf die Straße deutend, »an
+_dieser_ Stelle trafen wir das arme Kind, Ledermann und ich, an jenem
+Abend, wo sie hier allein und zu Fuß in die Stadt kam, und noch keine
+Ahnung von der furchtbaren Nachricht hatte, die ihrer wartete. Es geht
+ihr gut jetzt, wie Sie uns schon früher sagten.«
+
+»Besser jetzt wenigstens wieder -- Fortmann schreibt mir eben, daß außer
+der bei dem Raubanfall erlittenen Mishandlung Schreck und Aufregung sie
+so ergriffen hätten, sie lange Monate an ihr Lager zu fesseln. Hamann
+hat auch deshalb besonders sein Geschäft aufgegeben, und sich weiter den
+Strom hinauf in ein gesünderes Klima gezogen. Der Nachlaß seines Vaters
+ergab übrigens, wie es scheint, ganz unerwarteter Weise, ein gar nicht
+geahntes, höchst bedeutendes Vermögen, das der alte Geizhals von dem
+Schweiß und Blut armer Auswanderer zusammengescharrt. An Aktien und
+Papieren, Geld und Juwelen, ganze Säle voll Leinwand und anderen Sachen
+gar nicht gerechnet, fanden sich weit über hunderttausend Dollar. Der
+junge Hamann ist aber ein braver, rechtschaffener Kerl, der gern wieder,
+wenigstens einen Theil dessen gut machen möchte, was sein Vater schlecht
+gemacht, und Fortmann schreibt mir eben, daß er, besonders von seiner
+Frau dazu angeregt der Stadt New-Orleans die volle Hälfte des ganzen
+Vermögens zur Verfügung gestellt habe, wenn sie das andere Geld zuschießen
+und ein großes Auswanderungshaus, das unter städtischer Aufsicht steht,
+gründen wolle, wo der Einwanderer vor Betrug sicher sei, und der arme
+hülfsbedürftige Arbeiter auf eine gewisse Zeit, seinen ersten Aufenthalt
+zu decken, selbst unentgeldlich Obdach und Nahrung fände. Wenn es zu
+Stande käme, wäre es ein Segen für Tausende, und New-Orleans, als
+Theil der Staaten, erfüllte damit nur eine schon längst schwer auf ihm
+gelegene Pflicht der Hafenstädte, Tausende von Unglücklichen, die nach
+Amerika kamen, dem Lande ihre Kräfte zu weihen, vor Verderben und
+Untergang, wenigstens vor grenzenloser Noth zu bewahren. Gott gebe
+seinen Segen dazu.«
+
+»Wie wunderbar doch Gottes Wege sind,« sagte Kellmann, langsam mit dem
+Kopf dazu schüttelnd; »das arme Kind, das wenige Jahre früher, ohne
+einen Groschen, seine Nachtherberge zu zahlen, barfuß hier die Straße
+wanderte, verfügt jetzt über Tausende, und sucht Schmerz und Elend zu
+lindern, das sie selber ja so schwer aus ihrem eigenen Leben kennt.«
+
+»Da kommen die Damen,« sagte von Benkendroff, der sich für die Leute
+nicht im mindesten interessirte, und indessen langsam seinen Kaffee
+getrunken und seine Cigarre geraucht hatte, »Schwiegermama scheint
+aufbrechen zu wollen, die Anordnungen zum Ball zu revidiren. Dort
+rasseln auch schon die Wagen heran,« rief er seine Cigarre wegwerfend,
+»also meine Herren, auf Wiedersehn heute Abend.«
+
+Die Kutschen kamen jetzt, unter dem fröhlichen Hörnerschmettern des
+Postillions, um die Gartenwand gefahren und die erste hielt vor dem
+Thor, in die Hopfgarten wieder, als Ehrenpaar den Zug anzuführen, seine
+junge, lächelnde Frau hineinhob, und dann Platz an ihrer Seite nahm.
+Langsam fuhr dann der Postillion voraus, bis sämmtliche Gäste ihre Sitze
+eingenommen hatten, und der ganze Zug unter dem Hurrahgeschrei der
+sämmtlichen Dorfbewohnerschaft, der ebenfalls für den Abend hier draußen
+ein Fest bereitet worden, rasch die Straße nach Heilingen hinabrollte.
+
+Der Wirth hatte seine »innigsten Glückwünsche« sämmtlich angebracht, und
+seine tiefen und freundlichen Bücklinge noch gemacht, bis der letzte
+Wagen schon lange sein Grundstück passirt war, drehte sich dann mit
+demselben freundlichen Gesicht um, gab einem der in die Lehre genommenen
+jungen Kellner, der mit offenem Maule neben ihm stand, eine Ohrfeige,
+und schickte den darüber auf's Äußerste Erstaunten an seine Arbeit, und
+lief selber in das Haus zurück, das Wegräumen der nicht getrunkenen
+Weine zu überwachen.
+
+Nur der Oberkellner blieb, sich vergnügt die Hände reibend, und mit
+schmunzelnden, ein vortreffliches Trinkgeld verrathendem Antlitz noch
+einen Augenblick in der Thüre stehn, bis auch die letzte Staubwolke auf
+der Straße verschwunden war, und wandte sich eben, seinem Principal zu
+folgen, als der alte Bettler, der bis dahin vollkommen unbeachtet in
+der dichten Laube gesessen hatte, daraus hervor und auf ihn zu hinkte,
+den Garten zu verlassen.
+
+»Nun, Alter, hat's geschmeckt?« sagte der Oberkellner mit einem
+huldvollen Lächeln ihm zunickend -- »seid Ihr satt geworden?«
+
+»Vollkommen, Gott lohn' es Ihnen!« seufzte der Mann und strich sich mit
+der Hand über das Gesicht -- »aber eine Frage hätt' ich noch, die Sie
+mir wohl beantworten können. Jener Herr von Hopfgarten --«
+
+»Ja?« frug der Kellner, die Augen fest zusammenpressend, und sich wieder
+aus Leibeskräften die Hände reibend -- »der eben fortfuhr?«
+
+»Ja, derselbe -- war der Herr auch schon einmal in Amerika?«
+
+»Der? -- nun ja, gewiß; auf der Hinreise hat er ja seine jetzige Frau,
+die frühere Madame Henkel kennen lernen.«
+
+»Hm -- ja _Henkel_,« wiederholte der Mann leise vor sich hin.
+
+»Dort hat er auch,« fuhr der Kellner, seinem Ideenlauf folgend, der ihn
+besonders interessiren mochte, fort -- »den früheren Wirth hier vom
+rothen Drachen, den Lobsich, gefunden, der in Milwaukie ebenfalls einen
+rothen Drachen errichtet hat. Bei Tisch erzählte er uns die Geschichte
+-- hahahahaha -- es war zu komisch. Na adieu Alter -- glücklichen
+Marsch,« und den Mann in der Thüre stehn lassend, ging er vor allen
+Dingen in die Laube, wo jener gesessen, zu sehn, ob er auch weder Messer
+noch Gabel mitgenommen und schoß dann, wieder wie vorher die Hände
+reibend, als ob er sie in Feuer bringen wollte, nach dem Speisesaal
+hinüber.
+
+Der Bettler drehte sich langsam ab von ihm.
+
+»'S ist mir doch 'was Unbedeutendes!« flüsterte er leise und tief
+aufseufzend vor sich hin, und hinkte, während ihm eine große Thräne über
+die eine offene Backe hinunter und in das Tuch lief, dem nicht mehr
+fernen Heilingen zu.
+
+
+
+
+FUSSNOTEN -- FOOTNOTES
+
+
+ 1: In Arkansas kann und darf kein Ansiedler wegen irgend welcher
+ Schulden gepfändet werden, wenn er nicht mehr hat, als ihm das
+ Gesetz an Eigenthum gestattet und für seine Existenz für nöthig
+ hält. Seine Wohnung, sein Bett, seine Büchse, sein Ackergeräth,
+ sein Pferd und zwei Kühe dürfen nicht angerührt werden, und
+ so gerecht und wohlthätig das Gesetz auch sein mag, läßt sich
+ denken daß es manchmal gemißbraucht wird, indem der Farmer sein
+ »überzähliges Vieh« nur auf kurze Zeit zu verleugnen und einem
+ andern Nachbar zuzusprechen braucht.
+
+ 2: Ich frug einst in Arkansas die Frau, in deren Hause ich wohnte, eine
+ geborene Irländerin und sonst ganz vernünftige, brave Matrone, die
+ ebenfalls dieser Sekte angehörte, ohne jedoch selber jemals vom
+ »Geiste befallen zu werden,« ob sie denn wirklich glaube, daß die
+ in solchen Zustand verfallenden Menschen etwas Derartiges ohne
+ ihren freien Willen, ohne jede Absicht thäten, und also wirklich
+ begeistert würden? -- worauf sie mir antwortete: »Ja! -- ich habe
+ auch früher geglaubt, die Menschen verstellten sich, wenn ich mir
+ auch den Schaum auf den Lippen nicht erklären konnte; ich dachte
+ aber doch, der _Wille_ des Menschen vermöchte auch dieß zu
+ bewirken, und so sehr mich die Religion der Methodisten erfaßte
+ und zu sich hinzog, so sehr schreckte mich diese Begeisterung, die
+ ich für Heuchelei hielt, zurück. Da kam ich eines Abends auch aus
+ einer solchen Versammlung zu Hause, und war recht traurig, uneinig
+ mit mir selber; ich wußte nicht was ich thun, was lassen sollte,
+ und bat den lieben Gott noch unterwegs recht inbrünstig, er solle
+ mir ein Zeichen geben. Als ich mein Haus betrat hörte ich ein
+ Flattern und mit den Flügeln Schlagen; ich hatte ein paar kleine
+ zierlich gefleckte Hennen, die oft zu mir ins Haus (das Zimmer
+ ist in Arkansas gewöhnlich gleich das ganze Haus) kamen, und die
+ Brosamen aufsuchten. Ich sah mich danach um, und fand das eine von
+ den beiden Hühnern unter dem Bett, anscheinend in Krämpfen, mit
+ den Flügeln schlagend, mit den Beinen strampelnd, die Augen
+ verdrehend, gerade wie ich die Bewegungen bei den Begeisterten
+ gesehen hatte, und -- es gab mir ordentlich einen Stich in's Herz
+ -- mit Schaum am Schnabel. _Da_ war ich überzeugt; das Huhn -- ob
+ sich die Menschen verstellten -- das Huhn verstellte sich _nicht_;
+ _das_ war Natur; der Zustand _war_ also natürlich, er existirte,
+ und von dem Augenblick an beschloß ich zu dieser Sekte
+ überzutreten.«
+
+ 3: Das Prairiehuhn ist ein Mittelding etwa zwischen dem wilden Truthahn
+ und Rebhuhn; es erreicht die Größe eines gewöhnlichen Haushuhns, hat
+ aber einen ziemlich langen Hals und befiederte Stender, den kurzen,
+ niedergekehrten Schwanz aber vom Rebhuhn. Das Fleisch ist nicht
+ besonders, ziemlich dunkel und leicht zäh; nur die Brust ist gut,
+ doch trocken zu essen. Sie finden sich in ungeheueren Mengen über
+ die ganzen Prairieen von Illinois, und schaaren sich im Winter
+ besonders zu Völkern von vielen hunderten zusammen. Aufgescheucht
+ gehen sie aber ziemlich weit, ehe sie wieder einfallen, und
+ verlangen einen tüchtigen Schuß und schweren Schroth, erlegt zu
+ werden.
+
+ 4: Zweites Frühstück
+
+ 5: Sie sind mein Gefangener.
+
+ 6: Fertig für die Hölle!
+
+
+
+
+TRANSCRIBER'S NOTE -- ZUR KENNTNISNAHME
+
+The original text is printed in Fraktur type, with Roman type being
+used for foreign terms or quotations. The symbol # has been used to
+highlight these in this plain text version.
+
+Das Original wurde in Fraktur gedruckt, während Antiqua für
+fremdsprachliche Ausdrücke und Zitate diente. Diese wurden in
+dieser Textfassung mit dem Symbol # hervorgehoben.
+
+Contemporary spellings have generally been retained even when
+inconsistent. A small number of obvious typographical errors have been
+corrected and some names regularised; missing punctuation has been
+silently added.
+
+Zeitgenössische Schreibungen wurden generell beibehalten, auch wenn
+gelegentlich mehrere Variaten auftauchen. Einige wenige orthografische
+Fehler wurden korrigiert und Namen vereinheitlicht; fehlende
+Zeichensetzung wurde ergänzt.
+
+The following additional change has been made:
+
+Die folgende zusätzliche Änderung wurde vorgenommen:
+
+ das junge, ängstlich umherschauende das junge, ängstlich umherschauende
+ und ihrem Glück noch immer nicht und _seinem_ Glück noch immer
+ trauende Mädchen nicht trauende Mädchen
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NACH AMERIKA! SECHSTER BAND***
+
+
+******* This file should be named 30289-8.txt or 30289-8.zip *******
+
+
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+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+even without complying with the full terms of this agreement. See
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
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+
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+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
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+<h1>The Project Gutenberg eBook, Nach Amerika! Sechster Band, by Friedrich
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
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+with this eBook or online at <a href = "http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></pre>
+<p>Title: Nach Amerika! Sechster Band</p>
+<p> Ein Volksbuch</p>
+<p>Author: Friedrich Gerstäcker</p>
+<p>Release Date: October 19, 2009 [eBook #30289]</p>
+<p>Language: German</p>
+<p>Character set encoding: ISO-8859-1</p>
+<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NACH AMERIKA! SECHSTER BAND***</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>E-text prepared by Delphine Lettau, Clive Pickton,<br />
+ and the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team<br />
+ (http://www.pgdp.net)</h3>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="full" />
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h1> Nach Amerika!</h1>
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Ein Volksbuch</h3>
+<h5>von</h5>
+<h2>Friedrich Gerst&auml;cker</h2>
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Illustrirt von Carl Reinhardt.</h3>
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+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<table border="0" style="background-color: #fdfdfd; margin: 0 auto" cellpadding="0" summary="PUBLISHERS">
+<tr>
+ <td align="center" valign="top">Leipzig,</td>
+ <td align="center" valign="top">&nbsp;</td>
+ <td align="center" valign="top">Berlin,</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td align="center" valign="top"><b>Hermann Costenoble</b>,</td>
+ <td align="center" valign="top">&nbsp;</td>
+ <td align="center" valign="top"><b>Rudolph Gaertner,</b></td>
+</tr>
+<tr>
+ <td align="center" valign="top"><small>Verlagsbuchhandlung.</small></td>
+ <td align="center" valign="top">&nbsp;</td>
+ <td align="center" valign="top"><small>Amelang'sche Sort.-Buchhandlung.</small></td>
+</tr>
+</table>
+<p>&nbsp;</p>
+<h4>1855.</h4>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="narrow" />
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<h3>Inhalt des sechsten Bandes.</h3>
+<p>&nbsp;</p>
+<div class="center">
+<table style="margin: 0 auto" cellpadding="1" summary="Inhalt_Contents">
+<tr><td align="right" valign="top">1.&nbsp;&nbsp;</td> <td align="left"><a href="#kap1">Ein Sheriffsverkauf in Arkansas</a></td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top">2.&nbsp;&nbsp;</td> <td align="left"><a href="#kap2">Maulbeere in der Betversammlung</a></td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top">3.&nbsp;&nbsp;</td> <td align="left"><a href="#kap3">Der wandernde Kr&auml;mer</a></td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top">4.&nbsp;&nbsp;</td> <td align="left"><a href="#kap4">Georg und Marie</a></td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top">5.&nbsp;&nbsp;</td> <td align="left"><a href="#kap5">Jimmy</a></td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top">6.&nbsp;&nbsp;</td> <td align="left"><a href="#kap6">Kapellmeister Eltrich</a></td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top">7.&nbsp;&nbsp;</td> <td align="left"><a href="#kap7">Meier, Pelz &amp; Co.</a></td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top">8.&nbsp;&nbsp;</td> <td align="left"><a href="#kap8">Die &Uuml;berraschung</a></td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top">9.&nbsp;&nbsp;</td> <td align="left"><a href="#kap9">Das Haus am Walde</a></td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top">10.&nbsp;&nbsp;</td> <td align="left"><a href="#kap10">Der rothe Drachen bei Heilingen</a></td></tr>
+</table>
+</div>
+<p>&nbsp;</p>
+
+
+<hr class="narrow" />
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<h2><a name="kap1" id="kap1"></a>Capitel 1.</h2>
+
+<h3>Ein Sheriffsverkauf in Arkansas.</h3>
+
+<p>Ein volles Jahr war nach den, im letzten Capitel beschriebenen
+Vorf&auml;llen verflossen; die hei&szlig;e Sonne Amerikas hatte
+wiederum den Mais und Waizen gereift, und die Fr&uuml;chte und
+Beeren des Waldes mit s&uuml;&szlig;em Saft gef&uuml;llt; durch die blaue
+sonnenreine Luft zog der wei&szlig;e wehende Spinnenfaden seine
+stille Bahn, und legte sich einem duftigen Schleier gleich &uuml;ber
+die Wipfel des gr&uuml;nen Waldesdoms, in dessen Schatten die
+feisten Hirsche zu Rudeln zusammenstanden, und die jungen
+Truth&uuml;hner in die Zweige hinauf flatterten, die ersten jungen
+Weinbeeren zu versuchen, die sich mit ihren Reben dort empor
+gerankt.</p>
+
+<p>Und wie das raschelte und rauschte im stillen Wald, wie
+sich das blitzende Sonnenlicht in den fallenden Tropfen spiegelte,
+die ein wohlth&auml;tiger Nachtregen &uuml;ber das gr&uuml;ne Laubmeer
+ausgegossen, und die jetzt leise klopfend auf die gelbe,
+noch vorj&auml;hrige Blattdecke des Bodens niederschlugen. Und
+die Grille zirpte ihr regelm&auml;&szlig;ig melancholisch Lied, das wie
+das leise Schnarren einer in zeitrechten Schwingungen gehenden
+Uhr von allen Seiten t&ouml;nte, nur manchmal durch den gellenden
+Schrei eines aufstiebenden Falken gest&ouml;rt, dem der blaue
+Heher im Busch sp&ouml;ttisch den Warnungsruf nach&auml;ffte.</p>
+
+<p>Wie das summte und schwirrte um Lianenbl&uuml;then und
+frisch aufkeimende Waldesblumen, von Bienen und K&auml;fern,
+zwischen denen hin hie und da, wie ein verirrter Sonnenstrahl,
+ein blitzender gold und gr&uuml;n schimmernder Kolibri gedankenschnell
+fast her&uuml;ber und hin&uuml;ber surrte, &uuml;ber einem duftenden
+honigschweren Kelch einen Moment mit unsichtbaren, schattengleich
+fibrirenden Schwingen stand, und dann verschwunden
+war, da&szlig; ihm das Auge nicht folgen konnte, bis ihn sein
+Summen an dem n&auml;chsten Bl&uuml;thenbusch verrieth.</p>
+
+<p>Wie die Natur in wundervoller Harmonie, besonders in
+der Jahreszeit, den ganzen Wald mit ihrer Pracht durchwirkt,
+und ineinandergreifend Jedes sich die H&auml;nde reicht zum sch&ouml;nen
+Ganzen; wie selbst der morsche umgest&uuml;rzte Baum, von wilden
+bl&uuml;henden Ranken umzogen, zum Bilde hier geh&ouml;rt und nicht
+fehlen d&uuml;rfte; ja w&auml;r' ein einziger Zweig gebrochen von den
+tausenden, die &uuml;berall dem Licht, der Luft die gr&uuml;nen Arme
+entgegenstrecken, die <span class="wide">L&uuml;cke</span> w&uuml;rde f&uuml;hlbar, und der fallende
+Tropfen selbst schm&uuml;ckt das Blatt das er verlie&szlig; mit h&ouml;herem
+Glanz, und wird zur Perle wo er niederf&auml;llt.</p>
+
+<p>Und doch <span class="wide">ein</span> Miston in der Harmonie &mdash; ein dunkler
+Fleck der da nicht hingeh&ouml;rte, der sich nicht wohl da f&uuml;hlte
+und das Ganze st&ouml;rte &mdash; ein nasses, schmutziges, verdrie&szlig;lich
+unzufriedenes Menschenbild, mitten im Wald, im freien sch&ouml;nen
+wundervollen Wald &mdash; Zach&auml;us Maulbeere, vom Regen
+durchn&auml;&szlig;t, kalt, hungrig, verirrt, festgefahren mit seinem Karren
+in einem Gewirr von Reben und Wurzeln, und in einer
+Laune, Milch nur durch blo&szlig;es Ansehn zu s&auml;uern.</p>
+
+<p>&raquo;Ein Gottvermaladeites Land das,&laquo; l&auml;sterte er, sich ersch&ouml;pft
+auf einen umgefallenen Baum setzend und sein Taschentuch,
+das er in der Hand hielt, zusammenrollend und ausringend,
+&raquo;da&szlig; mich der Teufel plagen mu&szlig;te nach diesem Gottvergessenen
+Staat zu gehn &mdash; B&auml;ume &mdash; B&auml;ume &mdash; Nichts
+als B&auml;ume in der Welt &mdash; gerade in die H&ouml;h und gerade &uuml;ber
+den Weg. &mdash; Sch&ouml;nes Vergn&uuml;gen das, wo man sich erst sein
+Schnupftuch <span class="wide">ausringen</span> mu&szlig;, da&szlig; man sich damit <span class="wide">abtrocknen</span>
+kann &mdash; <span class="wide">schwabben</span> nannten sie's auf dem Schiff. Und
+jetzt sitz ich hier &mdash; keine Ahnung wo bin &mdash; keine Idee von
+einer Richtung &mdash; ein Scheerenschleifer im Wald &mdash; Maulbeere,
+Esel, was hast Du hier im Busch zu suchen, heh? &mdash;
+war Dir zu wohl drau&szlig;en zwischen den Ansiedlungen im
+Osten, zwischen dem Waizenbrod und Honig, eh? &mdash; mu&szlig;test
+geschwind machen da&szlig; Du <span class="wide">hierher</span> kamst, zwischen Maisbrod
+und Speck, oder gar die Nacht in den Wald hinein &mdash; <span class="wide">Sch&ouml;ne</span>
+Nacht die ich da verlebt habe, beim heiligen Sebastian &mdash; oben
+in dem verdammten Baum eingeklemmt gesessen, da&szlig; ich die
+Glieder nicht mehr r&uuml;hren kann, und das Beest was da um
+mich her in den B&auml;umen geschrieen hat &mdash; da&szlig; ich nicht gefressen
+bin ist ein reiner Zufall. &mdash; Romantisch im Wald zu
+lagern eh? &mdash; wenn ich nur wenigstens den verdammten langhaarigen
+Dichter die Nacht bei mir gehabt h&auml;tte, um an dem
+meinen Gift auszulassen &mdash; aber zehn gegen eins, der Lump
+hat die ganze Nacht trocken und behaglich in einem warmen
+Bett geschlafen, und am andern Morgen l&uuml;gt er dann wie
+ein Leichenstein, schreibt von &raquo;Gesicht im Thau baden&laquo; und
+&raquo;Windsbraut die Schl&auml;fe k&uuml;hlen&laquo; &mdash; na <span class="wide">Dir</span> m&ouml;cht' ich einmal
+die Schl&auml;fe k&uuml;hlen Du &mdash; Du Blattlaus, statt mit sechs,
+mit zwei schiefen Beinen. &mdash; Und der Herr Schultze &mdash; der
+selige Piepvogel mit einem Gesicht &mdash; wenn man's auf einen
+Stock schnitt, k&ouml;nnte man einen Hund damit pr&uuml;geln, dem
+h&auml;tte die Nacht kreuzwohl zu Muthe sein m&uuml;ssen &mdash; hundem&uuml;de
+auf einem Ast zu sitzen mit dem Kopf unterm Fl&uuml;gel und
+mit der wohlthuenden &Uuml;berzeugung beim ersten Einnicken herunter
+zu fallen und den Hals zu brechen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das geschieht Dir aber recht, Zach&auml;us, vollkommen recht,
+mein Herzchen &mdash; was dumm ist mu&szlig; gepr&uuml;gelt werden, und
+anstatt lieber den alten verdammten Karren, den ich es zum
+Sterben m&uuml;de bin im Lande umherzuschieben, in den Mississippi
+hineinzufahren und umzudrehen, mu&szlig;t Du auch noch F&auml;hrgeld
+daf&uuml;r zahlen und damit her&uuml;berkommen, dann Wochenlang
+durch den hei&szlig;en nassen Sumpf ziehn, um hier endlich an einem
+Platz, den die Nachkommen gar nicht finden k&ouml;nnen wenn
+sie Einem wirklich ein Monument setzen wollten, elendiglich
+und Gotteserb&auml;rmlich umzukommen.&laquo;</p>
+
+<p>Maulbeere dr&uuml;ckte sich nach diesem Selbstgespr&auml;ch den alten
+aufgeweichten Hut fester in die Stirn, stemmte beide
+Ellbogen auf die Knie, st&uuml;tzte den Kopf in die H&auml;nde und starrte
+finster und mit dicht zusammengezogenen Brauen eine ganze
+Weile vor sich nieder.</p>
+
+<p>Er sah auch traurig aus; &mdash; den gr&uuml;nen Rock trug er
+noch immer. Das Wild im Wald wechselt seinen Pelz oder
+sein Fell mit der Jahreszeit, der Vogel hat seine Mauser, die
+Schlange streift ihre Haut ab, einer neuen Raum zu geben,
+und jede Kreatur leckt oder s&auml;ubert dabei ihr Kleid, das ihr
+der Sch&ouml;pfer gegeben, nach besten Kr&auml;ften, streicht Federn oder
+Haare glatt und f&uuml;hlt sich dann erst wohl, und behaglich wenn
+das geschehn. Nur Maulbeere kannte kein solches Bed&uuml;rfni&szlig;;
+wie die Katze die N&auml;sse scheut, ha&szlig;te er, vor allen anderen
+Elementen, das Wasser; Niemand hatte je gesehen da&szlig; er sich
+wusch; wenn das an Bord geschehen war mu&szlig;te er es in der
+Nacht gethan haben und selbst dann heimlich, von der Wacht
+an Deck unbemerkt. Den gr&uuml;nen Rock, jetzt an unz&auml;hligen
+Stellen geflickt und ausgebessert, trug er noch bis oben an
+die schwarze, matt gl&auml;nzende Pferdehaarhalsbinde fest zugekn&ouml;pft,
+der alte Filz, der keine Fa&ccedil;on mehr zu verlieren hatte,
+lag ihm mit seinem, an drei Seiten durch Bindfaden befestigten
+Deckel, weich und lappig geworden, dicht auf dem Scheitel,
+und die derben rindsledernen Schuhe, zu denen die durch
+Dornen unten ausgefranzten gro&szlig;karirten baumwollenen Hosen
+niederhingen, schienen das einzig trag- und nutzbare am ganzen
+Menschen. Auch der blonde starre Bart hatte seit Wochen
+kein Rasirmesser gesehn, und das kurze semmelblonde struppige
+Haar hing ihm jetzt na&szlig; und in zusammenklebenden Streifen
+&uuml;ber Stirn und Schl&auml;fe, und lie&szlig; ihm einzelne durch den defekten
+Hutrand eingedrungene Tropfen &uuml;ber die fahlgrauen
+Backen, auf denen sie lange Schmutzstreifen bildeten, in die
+Halsbinde laufen.</p>
+
+<p>In der widrigen Feuchtigkeit hatte ihn auch sein trockener
+Humor verlassen, und Maulbeere sa&szlig; neben seinem Karren
+wie ein wild gewordener, der Civilisation abtr&uuml;nnig gewordener
+Scheerenschleifer, Ha&szlig; und Groll gegen die ganze Welt
+&mdash; die er &uuml;berhaupt noch nie lieb gehabt &mdash; im Herzen.</p>
+
+<p>Ein Schu&szlig;! &mdash; Zach&auml;us fuhr in die H&ouml;h, als ob <span class="wide">ihn</span>
+die Kugel getroffen h&auml;tte, und horchte gespannt, nach welcher
+Richtung hin er das n&auml;chste Ger&auml;usch jetzt h&ouml;ren w&uuml;rde, als
+auch der Fall eines K&ouml;rpers, nur wenige Secunden sp&auml;ter,
+sein Ohr erreichte.</p>
+
+<p>&raquo;Hallo! <span class="wide">hupih!</span> &mdash; hallo!&laquo; schrie er jetzt dorthin aus
+Leibeskr&auml;ften, &raquo;he! hallo! hallo! hu &mdash; <span class="wide">ih</span> &mdash; <span class="wide">ahoy!</span>&laquo;</p>
+
+<p>Das laute Anschlagen eines Hundes antwortete dem fremden
+Ton, dem gleich darauf der ermunternde Zuruf einer
+menschlichen Stimme folgte.</p>
+
+<p>&raquo;Existirt wirklich noch eine andere menschliche Kreatur
+in dieser gottvergessenen Mischung von Streu und Nutzholz,&laquo;
+brummte Maulbeere vor sich hin, &raquo;fehlte mir jetzt weiter gar
+Nichts, als da&szlig; es so eine verdammte Rothhaut w&auml;re, die eben
+solchen Hunger h&auml;tte wie ich. Aber einerlei, lieber an einem
+warmen behaglichen Feuer gebraten werden, wie hier madenna&szlig;
+vor Frost und Bauchgrimmen umkommen; also noch
+einmal ein Nothsignal, die wilde Bestie auf meine Spur zu
+bringen.&laquo;</p>
+
+<p>Und wieder lie&szlig; er den Wald von seinem Geschrei ert&ouml;nen,
+und nicht lange, so brach ein grau gestreifter, kr&auml;ftig gebauter
+Hund durch die B&uuml;sche, gerad auf ihn zu, machte noch ein
+paar t&uuml;chtige S&auml;tze gegen ihn an, und gab dann Standlaut.</p>
+
+<p>Maulbeere, der seine besonderen Gr&uuml;nde hatte den Hund
+nicht gegen sich aufzubringen, konnte unter diesen Verh&auml;ltnissen
+nichts anderes thun als sich vollkommen ruhig verhalten;
+nicht lange aber, so brachen und knackten die B&uuml;sche und ein
+J&auml;ger, die B&uuml;chse auf der Schulter, einen eben geschossenen
+Truthahn, Kopf und St&auml;nder mit Bast zusammengebunden,
+wie eine Tasche umgeh&auml;ngt, trat aus den B&uuml;schen und
+kam, die wunderliche Gestalt mit dem Karren dabei nicht
+wenig erstaunt betrachtend, auf Maulbeere zu.</p>
+
+<p>&raquo;Hallo Fremder!&laquo; rief Jack Owen, denn es war Niemand
+anders als unser Arkansanischer Freund, &raquo;wie zum Henker
+seid Ihr mit <span class="wide">dem</span> Fuhrwerk da in die Gr&uuml;ndorn-Flat gerathen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hineingerathen?&laquo; erwiederte Maulbeere, der in den zwei
+Jahren seines hiesigen Aufenthalts schon ziemlich fertig Englisch
+gelernt hatte, &raquo;fragt mich lieber wie ich wieder hinausgerathe
+&mdash; hier in der Gegend wissen die Leute wohl gar nicht
+was ein <span class="wide">Weg</span> ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oh doch,&laquo; lachte der Mann, der sich nicht satt sehen
+konnte an dem Fremden, &raquo;manchmal haben wir hier so schmale
+Dinger, die man, in Ermangelung besserer, Wege nennt.
+Aber wo kommt Ihr her? &mdash; was habt Ihr da in der wunderlichen
+Maschine und wo wollt Ihr hin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Ihr mich gefragt h&auml;ttet wie ich die Nacht geschlafen
+habe und ob ich etwas zu essen haben wollte, w&auml;re mehr
+Sinn d'rin,&laquo; brummte Maulbeere verdrie&szlig;lich. &raquo;Wie weit ist's
+bis zum n&auml;chsten Haus?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kaum eine Viertelstunde &mdash; wenn Ihr <span class="wide">hier</span> &uuml;bernachtet
+habt, konntet Ihr die H&auml;hne heut Morgen kr&auml;hen h&ouml;ren &mdash;
+wo habt Ihr geschlafen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn's Euch interessirt,&laquo; knurrte Maulbeere, &raquo;und Ihr
+den Spuren nachgehen wollt, die ich mit dem verdammten
+Kasten hier aufgew&uuml;hlt, dann kommt Ihr zuletzt zu einem
+Baum &mdash; irgend ein weitl&auml;ufiger Verwandter von diesen hier
+&mdash; auf dem hab' ich gesessen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oben im Baum?&laquo; lachte der J&auml;ger.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn ich <span class="wide">drunter</span> gelegen h&auml;tte f&auml;ndet Ihr einen Theil
+meiner Gliedma&szlig;en vielleicht heute Morgen in dem Magen
+eines Panthers, und den anderen sauber verscharrt f&uuml;r eine
+zweite Mahlzeit, unter dem Laube.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unsinn Mann &mdash; Ihr k&ouml;nnt hier ein Jahr lang unter
+einem Baum im Walde schlafen, und wenn Euch die Mosquitos
+und Holzb&ouml;cke nicht auffressen, die Panther thun Euch
+Nichts.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So? &mdash; es hat wohl nicht Einer dicht bei mir auf einem
+anderen Baum gesessen, und mir die ganze Nacht eine schauerliche
+Geschichte vorgeheult, heh?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hahahahaha!&laquo; lachte Jack, &raquo;das wird eine Eule
+gewesen sein; in dieser Jahreszeit schl&auml;ft sich's wundervoll im
+Wald.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Eule,&laquo; brummte Maulbeere ver&auml;chtlich zwischen den
+Z&auml;hnen durch, &raquo;wundervoll im Wald schlafen &mdash; wer eine
+Leidenschaft daf&uuml;r hat. Mir ist's lieber ich erfahre es erst am
+n&auml;chsten Morgen, wenn's in der Nacht geregnet hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alle Wetter ja,&laquo; rief Jack gutm&uuml;thig, &raquo;Ihr seid durch
+und durch na&szlig; &mdash; es hat die Nacht wohl stark geregnet? und
+wir zu Hause haben nicht einmal viel davon gemerkt. Aber
+kommt, nehmt Euer Fuhrwerk und bringt es nur hier her&uuml;ber
+mir nach.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn ich nicht fest damit s&auml;&szlig;e h&auml;tte ich mich nicht hier
+h&auml;uslich niedergelassen,&laquo; erwiederte der Scheerenschleifer m&uuml;rrisch
+&mdash; &raquo;das Dornenwerk h&auml;lt wie Ankertaue.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da wollen wir leicht Bahn hauen,&laquo; lachte Jack, sein
+langes schweres Jagd- oder Bowiemesser aus dem G&uuml;rtel
+nehmend, und die Dornen ringsum mit leichten Schl&auml;gen
+durchhauend, &raquo;so &mdash; so &mdash; so &mdash; jetzt versucht's einmal, gleich
+da dr&uuml;ben wo die alte Eiche liegt geht ein schmaler Kuhpfad
+nach der Farm zu, dem k&ouml;nnen wir folgen bis wir in den
+Reitweg kommen, und dann habt Ihr freie Bahn &mdash; gehts?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn ich Jemanden finde der dumm genug ist mir den
+Kasten abzukaufen,&laquo; sagte Maulbeere, das Tragband wieder
+einhenkend und den Versuch machend, &raquo;so gebe ich mein Gesch&auml;ft
+auf und gehe unter die Millionaire &mdash; hol der Teufel
+das Scheerenschleifen.&laquo;</p>
+
+<p>Jack sah ihm lachend zu, bis der Fremde nach drei vier
+Ans&auml;tzen den schweren eingesunkenen Karren nicht vorw&auml;rts
+brachte, dann ging er rasch auf einen jungen Papaobaum zu,
+von dem er die Rinde, so hoch er hinaufreichen konnte, mit
+seinem Messer abschlug und niederstreifte, ein Seil daraus
+drehte, und dieses vorn am Karren befestigend, sich selber
+vorspannte.</p>
+
+<p>&raquo;So &mdash; nun noch einmal &mdash; a hoy &mdash; alle zusammen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ahoy!&laquo; rief Maulbeere, und mit dem Ruck kam der
+Karren frei, der von den beiden M&auml;nnern jetzt mit ziemlicher
+Leichtigkeit bis zu dem schmalen Pfad, und diesen hin bis in
+den Reitweg gezogen wurde, wo ihn Maulbeere allein fortbringen
+konnte.</p>
+
+<p>Unterwegs wurde der Scheerenschleifer, mit der Aussicht
+auf ein warmes Feuer und Essen, wie auf eine hei&szlig;e Tasse
+Kaffee aber gespr&auml;chiger, erz&auml;hlte dem J&auml;ger welcher Art sein
+Gesch&auml;ft sei, was er thue und treibe und wie er sein Brod
+erwerbe, und die ganzen Vereinigten Staaten schon durchzogen
+habe, bis er zuletzt, durch die vielen brillanten Schilderungen
+der westlichen Staaten verf&uuml;hrt worden sei auch <span class="wide">hier</span> sein
+Gl&uuml;ck zu versuchen, wo er sich jetzt die gr&ouml;&szlig;te M&uuml;he geben
+werde, so rasch als m&ouml;glich wieder fortzukommen.</p>
+
+<p>Jack Owen am&uuml;sirte sich ungemein &uuml;ber die wunderliche
+m&uuml;rrisch-drollige Ausdrucksweise des Mannes,
+dem er aber doch zu dessen Trost mittheilte, da&szlig; er sich
+h&auml;tte zu keiner gl&uuml;cklicheren Zeit in diese Gegend verirren
+k&ouml;nnen, als gerade heute, da sich fast das ganze County
+in der N&auml;he der Farm, der sie eben zusteuerten, zu einer
+sogenannten Camp-Meeting (eine fromme Zusammenkunft im
+Freien) versammelt sei, w&auml;hrend zu gleicher Zeit von dem Gouvernement
+des Staates der &ouml;ffentliche Verkauf des ganzen
+Platzes, in Folge eines alten Processes, anberaumt sei.</p>
+
+<p>Maulbeere horchte hoch auf &mdash; von den Camp-Meetings
+des Westens hatte er schon so viel geh&ouml;rt, da&szlig; er selber gespannt
+war einer derselben beizuwohnen, und Leute die sich bei
+einer solchen Versammlung einfanden, f&uuml;hrten auch stets Geld
+bei sich. Auf eine gute Einnahme in seinen verschiedenen Branchen
+durfte er jedenfalls rechnen, und wer wei&szlig; was da sonst noch
+f&uuml;r ihn auftauchte. Maulbeere war ganz der Mann dazu von
+solcher Gelegenheit den gr&ouml;&szlig;tm&ouml;glichen Nutzen zu ziehn, und
+da&szlig; er sie nicht vers&auml;umen w&uuml;rde, fest entschlossen.</p>
+
+<p>Vor ihnen lag jetzt Olnitzkis alte Farm, von der er &uuml;brigens
+keine Ahnung hatte, da&szlig; Fr&auml;ulein von Seebald, seine
+alte Reisegef&auml;hrtin, mit ihr in so genauer Beziehung gestanden,
+und eine Masse Menschen lagerten um zahlreiche dort entz&uuml;ndete
+Feuer, kochten Kaffee, brieten Fleisch an der Gluth, und
+gaben dem sonst so stillen Platz ein eigenes lebendiges, fr&ouml;hliches
+Aussehn &mdash; und wie ernst doch war der Zweck der sie
+hier versammelt.</p>
+
+<p>Als Olnitzki damals von Jack Owen erschossen worden,
+galopirte Soldegg nach Little Rock zur&uuml;ck und &mdash; klagte nicht
+etwa gegen die Farmer und Squatter von Arkansas, er war
+zu klug dazu, und wu&szlig;te was ihm selber geschehen konnte in
+dem Fall, aber er verkaufte seine rechtsg&uuml;ltigen von Olnitzki
+selber gezeichneten Papiere, die den <span class="wide">Verkauf</span> seiner Farm wie
+seines s&auml;mmtlichen Viehstands, mit Ausnahme eines einzigen
+Pferdes betrafen, an einen Advokaten in Little Rock, einen
+sonst schlauen und durchtriebenen, aber erst seit kurzer Zeit aus
+den &ouml;stlichen Staaten hierhergekommenen Burschen, f&uuml;r den halben
+Werth gegen baar Geld, womit er Arkansas verlie&szlig;.</p>
+
+<p>Der Advokat, ein gewisser Kowley, reiste ohne Weiteres
+nach Oaklandgrove hin&uuml;ber, sein Eigenthum in Besitz zu
+nehmen, fand sich aber hierin get&auml;uscht, erfuhr da&szlig; Olnitzkis
+Frau, die Einzige die nach den Begriffen der Nachbarn etwas
+zu sagen habe, Farm und Vieh einer Waise geschenkt habe, die
+der von Olnitzki erschossene Riley hinterlassen, die Nachbarn
+es &uuml;bernommen h&auml;tten die Farm f&uuml;r diese zu bewirthschaften,
+bis sie den Besitz selber antreten k&ouml;nne, und da&szlig; keine Klaue
+und kein Huf von diesem Eigenthum ihre <i>&raquo;range&laquo;</i> verlassen
+solle, in andere H&auml;nde &uuml;berzugehen.</p>
+
+<p>Mr. Kowley sah sich gen&ouml;thigt unverrichteter Sache nach
+Little Rock zur&uuml;ckzureiten; aber keineswegs gesonnen sich &raquo;in
+seinem guten Recht&laquo; durch eine Bande gesetzloser Squatter, wie
+er sie nannte, st&ouml;ren zu lassen, machte er die Sache in Little
+Rock anh&auml;ngig, und ein ordentlicher Proce&szlig; entstand, von dessen
+Kosten sich die Squatter schon durch das sie sch&uuml;tzende Gesetz<a name="fn_1r" id="fn_1r"></a><a href="#fn_1"><small><sup>1</sup></small></a>
+freihielten, der aber doch, nachdem er sich &uuml;ber Jahr und Tag
+hingezogen, <span class="wide">gegen</span> die Squatter entschieden und ein Termin
+zu gleicher Zeit anberaumt wurde, an dem die fr&uuml;her dem
+Polen Olnitzki geh&ouml;rende und k&auml;uflich an Mr. John Kowley
+&uuml;bergegangene Farm, mit den dazu geh&ouml;rigen und in dem Verkaufsbrief
+einzeln aufgef&uuml;hrten Pferden, Rindern und Schweinen,
+&ouml;ffentlich und an den Meistbietenden verkauft werden
+sollte.</p>
+
+<p><span class="wide">Der</span> Termin war heute, und zwei, gerade in jenem
+County befindliche Geistliche, sogenannte <i>circuit riders</i>, die
+von ihren Consistorien ausgeschickt werden die noch wenig bev&ouml;lkerten
+Distrikte, in denen keine Kirchen sind, zu durchziehn
+und dort zu predigen, hatten sich entschlossen f&uuml;r den n&auml;chsten
+Tag eine schon l&auml;ngst beabsichtigte &raquo;Betversammlung im freien
+Walde&laquo; anzusagen, da der Gerichtstermin ja ohnedie&szlig; eine
+Menge Menschen herbeiziehen mu&szlig;te. Ob gerade <span class="wide">diese</span> Gelegenheit
+eine sonst passende war k&uuml;mmerte sie wenig, sobald
+nur viel Menschen dort zusammen kamen und die Beisteuer zu
+ihren milden Zwecken &mdash; Kirchenbau, Missionswesen, Bibelvertheilung
+und Erhaltung der Geistlichen &mdash; recht reichlich
+ausfiel.</p>
+
+<p>Jack Owens sonst so freundliches Gesicht nahm aber
+einen recht ernsten, finsteren Ausdruck an, als er den freien
+Platz betrat auf dem die Fremden versammelt waren, und
+unter diesen eine ziemlich gro&szlig;e Zahl st&auml;dtisch gekleideter Advokaten
+und Kaufleute von Little Rock, die theils Neugierde,
+theils wirkliche Lust zu kaufen hier heraus in den Wald getrieben,
+erkannte. Schweigend, und von seinem Begleiter dicht
+gefolgt, seine B&uuml;chse &uuml;ber der Schulter, seinen gro&szlig;en Hund
+hinter sich, ohne zu gr&uuml;&szlig;en, ohne umzusehen, schritt er zwischen
+der Schaar durch und auf das Haus zu, in dessen Th&uuml;r ein
+junges, bildh&uuml;bsches vielleicht vierzehnj&auml;hriges M&auml;dchen stand,
+und ihm freudig und herzlich beide H&auml;nde entgegenstreckte.</p>
+
+<p>&raquo;Oh Gott segne Euch Mr. Owen&laquo; rief ihm das etwas
+bleich und angegriffen aussehende Kind entgegen &mdash; &raquo;wie
+froh, wie gl&uuml;cklich bin ich da&szlig; Sie endlich angekommen sind;
+ich hatte schon solche Angst Sie &mdash; Sie w&uuml;rden&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Doch nicht fortbleiben heute, Jenny?&laquo; lachte der J&auml;ger,
+gutm&uuml;thig ihre zarten Wangen und das goldene Haar aus
+ihrer Stirn streichend &mdash; &raquo;nein mein Kind, wir verlassen Dich
+nicht, darauf darfst Du bauen; die&szlig; ist deine Heimath und soll
+es bleiben und wenn wir Alle unsere Heerden verkaufen m&uuml;&szlig;ten,
+sie Dir zu erhalten &mdash; wohin es aber nicht kommen wird.
+Wie geht's Deiner Gro&szlig;mutter, Herz?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Schlecht Mr. Owen, recht schlecht &mdash; die vielen Menschen
+da drau&szlig;en machen ihr Angst &mdash; sie hat st&auml;rkeres Fieber
+heute gehabt, und ist vor einer halben Stunde etwa nur erst
+eingeschlafen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hier hab' ich Dir 'was zu leben mitgebracht, Jenny&laquo;
+sagte der J&auml;ger, dem Kinde l&auml;chelnd das Kinn emporhebend &mdash;
+&raquo;ein junger Truthahn, aber feist wie Butter; die i&szlig;t Du ja
+so gern. Doch dem Mann da, &mdash; ein Fremder der sich verirrt
+und die Nacht im Walde zugebracht hat &mdash; mu&szlig;t Du etwas zu
+essen machen und einen Platz an Deinem Feuer g&ouml;nnen bis er
+sich getrocknet hat, wenn er sich nicht lieber drau&szlig;en in die
+Sonne legt. Hast Du etwas f&uuml;r ihn?&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;r Sie und ihn, Mr. Owen, der Kaffee ist fertig und
+steht am Feuer, ebenso das Brod, und der Speck ist in wenigen
+Minuten gebraten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bravo mein Herz, dann k&ouml;nnen wir gleich zulangen; ich
+habe &uuml;berdie&szlig; schon den ganzen Morgen durch den Wald gepirscht,
+solch einen Vogel f&uuml;r Dich zu suchen, und Dir dabei
+gleich den Scheerenschleifer gefangen, der die Nacht irgendwo
+im Wald aufgeb&auml;umt war aus Furcht vor Panthern und
+wilden Bestien. Kommen Sie herein, Mister, wie ist gleich
+ihr Name? &mdash; Mowlbare &mdash; wunderliches Wort das, aber
+ich denke Sie halten's wohl mit dem alten Sprichwort was
+wir hier im Walde haben &mdash; einerlei <span class="wide">wie</span> man uns ruft, nur
+nicht zu sp&auml;t zum Essen!&laquo;</p>
+
+<p>Maulbeere lie&szlig; sich nicht zweimal n&ouml;thigen &mdash; seinen
+Karren drau&szlig;en vor der Th&uuml;r stehn lassend, nahm er den alten
+aufgeweichten Filz vom Kopf, strich sich die nassen struppigen
+Haare aus der Stirn, und machte Miene sich ohne Weiteres
+an den schon gedeckten Tisch zu setzen, auf den die Kleine eben
+die breitf&uuml;&szlig;ige blecherne und dampfende Kaffeekanne stellte.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Sie sich erst waschen wollen, so steht drau&szlig;en der
+Eimer und das Becken&laquo; sagte Jack, dem es vielleicht so
+vorkam, als ob ein wenig Seifenwasser der Physiognomie und den
+H&auml;nden des Fremden eben nicht schaden k&ouml;nne.</p>
+
+<p>&raquo;Danke&laquo; sagte aber der Scheerenschleifer in aller Ruhe &mdash;
+&raquo;ich bin die Nacht gerade genug gewaschen, und habe mir das
+Wasser verleidet &mdash; Kaffee ist mir lieber.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Helft Euch selber dann&laquo; sagte Jenny freundlich, dem
+wunderlichen Fremden einen Stuhl zum Tisch r&uuml;ckend &mdash; &raquo;Ihr
+seid herzlich willkommen zu Allem was wir haben.&laquo;</p>
+
+<p>Die beiden M&auml;nner setzten sich und a&szlig;en, und eine Weile
+wurde weiter Nichts geh&ouml;rt, als das Klappern der Messer, Gabeln
+und Tassen, von denen noch einige aus Olnitzkis Nachla&szlig;
+&uuml;brig geblieben waren und &uuml;ber die sich Maulbeere allerdings
+den Kopf zerbrach, wie solch reich vergoldetes, weit anderen
+Verh&auml;ltnissen angeh&ouml;rendes Geschirr hierher seinen Weg gefunden
+haben konnte. Er w&uuml;rde freilich noch weit mehr erstaunt gewesen
+sein, wenn er erfahren h&auml;tte da&szlig; die n&auml;mliche allerdings henkellose
+und oben ausgebrochene Tasse aus der er trank, mit ihm
+auf ein und demselben Schiffe von Deutschland erst her&uuml;bergekommen
+w&auml;re. Die Lebensmittel, besonders der hei&szlig;e Kaffee
+nahmen jedoch seine Aufmerksamkeit viel zu sehr in Anspruch,
+sich f&uuml;r jetzt um irgend etwas anderes zu bek&uuml;mmern, und wieder
+und wieder mu&szlig;te Jenny die Tasse f&uuml;llen.</p>
+
+<p>&raquo;Jenny&laquo; sagte da Jack nach langer Pause, in der seine
+Blicke ernst und sinnend &uuml;ber den kleinen Raum geschweift
+waren &mdash; denn das vergoldete Geschirr hatte bei ihm ganz
+andere Erinnerungen wach gerufen, &raquo;wenn das Haus nachher
+zum Verkauf angek&uuml;ndigt ist, wirst Du mit bieten m&uuml;ssen, Herz.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich, Mr. Owen?&laquo; sagte das arme Kind, wehm&uuml;thig
+l&auml;chelnd, &raquo;Du lieber Gott, mit was sollt ich wohl bieten;
+Sie wissen ja recht gut da&szlig; wir <span class="wide">Nichts</span> haben auf der weiten
+Welt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast Du <span class="wide">gar</span> kein Geld, Jenny?&laquo; sagte Jack, sie halb
+erstaunt aber recht freundlich anschauend &mdash; &raquo;<span class="wide">gar</span> Nichts,
+nicht ein ganz klein wenig?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein ganz klein wenig, oh ja&laquo; l&auml;chelte das M&auml;dchen gutm&uuml;thig
+&mdash; &raquo;einen Viertel Dollar in Silber, den mir Gro&szlig;mutter
+schon vor langer langer Zeit gegeben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun siehst Du wohl, Schatz&laquo; lachte der J&auml;ger, &raquo;da&szlig;
+Du reicher bist wie Du Dich machst? das ist vollkommen
+genug.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Ein</span> Viertel Dollar, sagte ich Mr. Owen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jawohl, und noch dazu in Silber.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber was soll ich <span class="wide">damit</span> anfangen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun die Farm und das Vieh kaufen &mdash; ganz Arkansas
+kannst Du freilich nicht daf&uuml;r bekommen.&laquo;</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen wandte sich langsam ab eine aufsteigende
+Thr&auml;ne zu unterdr&uuml;cken, denn der Scherz that ihr weh; Jack
+aber, der sie nicht kr&auml;nken wollte, stand auf, ging zu ihr, legte
+seine Hand auf ihre Schulter und sagte freundlich&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Es <span class="wide">ist</span> kein Scherz, Jenny, Du mu&szlig;t gewi&szlig; mit bieten,
+ja noch mehr, Du mu&szlig;t den Anfang machen. <span class="wide">F&uuml;rchtest</span> Du
+Dich wenn ich dabei bin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein Mr. Owen&laquo; sagte das M&auml;dchen herzlich &mdash; &raquo;aber
+ich begreife nur nicht&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wirst das schon Alles noch erfahren &mdash; welche Zeit
+haben wir jetzt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bald elf Uhr, nach der Sonne.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alle Wetter, dann ist auch nicht mehr viel zu vers&auml;umen,
+um elf beginnt die Auktion &mdash; wenn ich Dich rufe komm zu
+mir hinaus. Und Sie, Mr. Mowlbare k&ouml;nnen heut etwas
+Neues sehn in Arkansas, aber&laquo;&nbsp;&mdash; setzte er ernster und fast
+wie drohend hinzu &mdash; &raquo;wenn ich Ihnen zum Besten rathen
+soll, so bieten Sie nicht mit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Danke herzlich&laquo; sagte Maulbeere verbindlich &mdash; &raquo;sp&uuml;re
+f&uuml;r jetzt noch nicht die mindeste Lust mich in Arkansas niederzulassen
+&mdash; aber hinaus darf man doch kommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gewi&szlig;, gewi&szlig;&laquo; lachte Jack wieder, &raquo;und werden treffliche
+Gesellschaft da finden;&laquo; und seine B&uuml;chse schulternd, w&auml;hrend
+er dem M&auml;dchen freundlich zunickte, verlie&szlig; er rasch das Haus.</p>
+
+<p>Drau&szlig;en kamen indessen Fremde auf Fremde, sammelten
+sich um die verschiedenen Feuer, wo sie einen Bekannten trafen,
+oder besahen auch wohl die aus dem Nachla&szlig; von den Nachbarn
+selber herbeigebrachten Pferde, die dort ausgehobbelt &mdash;
+d.&nbsp;h. mit zusammengebundenen Vorderf&uuml;&szlig;en &mdash; an hingeworfenen
+Maiskolben knapperten, und munter den immer und immer
+wieder neuankommenden Reitern entgegenwieherten.</p>
+
+<p>Um den Sheriff, der von Little Rock selber her&uuml;bergekommen
+war den Verkauf zu leiten, hatte sich dabei eine ziemliche
+Anzahl von &raquo;Stadtleuten&laquo; versammelt; der Platz ging
+jedenfalls f&uuml;r ein Spottgeld weg, denn der jetzige Eigenth&uuml;mer
+Mr. Kowley, wollte ihn um jeden Preis los sein, und die
+Pferde allein, wackere pr&auml;chtige Thiere, hatten einen guten
+Werth.</p>
+
+<p>Jack ging wieder zwischen den Gruppen durch, ohne sie
+auch nur eines Blicks zu w&uuml;rdigen, und hie und da fl&uuml;sterte
+man wohl leise hinter ihm her, da&szlig; das der Mann sei, der den
+fr&uuml;hern Eigenth&uuml;mer dieses Platzes erschossen. Vor eine Jury
+damals gestellt war er aber, da es in Selbstvertheidigung geschehen,
+frei gesprochen worden; Olnitzki hatte zuerst nach ihm
+geschossen, und der Wille allein w&auml;re gen&uuml;gend gewesen, selbst
+ohne die, noch damals nicht geheilte Narbe von dessen Kugel.
+Die Leute von Little Rock hielten sich aber fern von dem Mann;
+sie wollten mit den Squattern dieses Distrikts, die den Ruf
+eines wilden unz&auml;hmbaren Volkes hatten, so wenig als m&ouml;glich
+in Ber&uuml;hrung kommen, und waren vollkommen zufrieden
+Niemand weiter von der Schaar zu sehn, wenn sie sich auch
+eigentlich dar&uuml;ber wunderten.</p>
+
+<p>&raquo;Gentlemen!&laquo; redete da der Sheriff die Versammlung an,
+&raquo;es wird etwa elf Uhr sein, und ich glaube wir k&ouml;nnen die
+Auktion beginnen, damit die Herren, die noch gesonnen sind
+heute nach Little Rock zur&uuml;ckzukehren, Zeit dazu behalten. Wir
+sind doch wahrscheinlich Alle versammelt, die an dem Kaufe
+Theil nehmen wollen und ich werde anfangen.&laquo;</p>
+
+<p>Jack Owen stand etwa zwanzig Schritt von ihm entfernt,
+als er diese Worte an die ihm N&auml;chsten richtete, und
+nahm jetzt, ohne eine Sylbe darauf zu erwiedern, seine B&uuml;chse von
+der Schulter. Zugleich spannte er den Hahn, zielte einen Augenblick
+nach dem Wipfel einer der n&auml;chsten Eichen, und bei dem
+Krachen des Schusses st&uuml;rzte ein Rothkehlchen, das sich dort oben
+im Gef&uuml;hle v&ouml;lliger Sicherheit niedergelassen, g&auml;nzlich von einander
+geschossen herunter zu Boden.</p>
+
+<p>&raquo;Ein famoser Schu&szlig;!&laquo; riefen Einige der Stadtleute, die
+nicht recht wu&szlig;ten was sie aus dieser pl&ouml;tzlichen Schie&szlig;&uuml;bung
+mitten zwischen sich machen sollten &mdash; &raquo;ein vortrefflicher Schu&szlig;!&laquo;
+Der Sheriff nur wandte sich mit eben keinem freundlichen
+Blick gegen den Sch&uuml;tzen um, sagte aber Nichts und Jack,
+ohne die geringste Notiz von irgend Jemand Anderem zu nehmen,
+stie&szlig; seine B&uuml;chse vor sich auf den Boden nieder, reinigte
+sie, und lud sie wieder.</p>
+
+<p>Da brachen rings die B&uuml;sche, Rosse wieherten, Hunde
+schlugen an; &uuml;berall raschelte und knackte es im Wald, und
+der Boden zitterte unter den schmetternden Hufen einer heranst&uuml;rmenden
+Anzahl Pferde, nach denen sich die hier um die
+Feuer Versammelten kaum &uuml;berrascht, ja erschreckt umsehen
+konnten, als auch schon einige drei&szlig;ig kr&auml;ftige wilde Gestalten,
+fast Alle in lederne oder wollene Jagdhemden und ausgefranzte
+Leggins gekleidet, ihre langen B&uuml;chsen &uuml;ber der linken Schulter,
+ihre Messer an der Seite, die Z&uuml;gel ihrer Thiere locker in
+der rechten Hand, Einzelne im blo&szlig;en Kopf mit flatternden
+Haaren wie Indianer, Andere mit alten Filz- oder Strohh&uuml;ten
+auf, &uuml;ber umliegende und dort umhergestreute St&auml;mme wegsetzend,
+herankamen, und dicht um die Feuer her ihre schnaubenden
+Thiere parirten. So rasch und pl&ouml;tzlich und so mit einem
+Mal von allen Seiten war die Schaar der Backwoodsmen,
+s&auml;mmtlich Nachbarn hier und Squatter dieser Niederungen,
+herangekommen, da&szlig; der Schu&szlig; des Einen von ihnen jedenfalls
+das <span class="wide">Signal</span> f&uuml;r Alle gewesen sein mu&szlig;te, die schon lange
+darauf harrend im Hinterhalt gelegen. Aber Keiner von ihnen
+k&uuml;mmerte sich um den Anderen, und handelten sie nach <span class="wide">einem</span>
+Entschlu&szlig;, so war der jedenfalls schon fr&uuml;her verabredet und
+besprochen, und bedurfte keines weitern Worts noch Winkes.
+Aber Alle warfen sich jetzt von den Pferden, hingen die Z&uuml;gel
+der scharrenden, stampfenden Thiere an den n&auml;chsten schwingenden
+Zweig der ihnen zur Hand war, und traten dann, ihre
+B&uuml;chsen auf den Schultern und trotzig genug sich dabei im
+Kreise umsehend, mitten zwischen die K&auml;ufer hinein, so da&szlig; sie
+diese von allen Seiten umgaben und umstanden. Unter ihnen
+waren der alte Rosemore, Bill Jones, Sam Houston und
+&uuml;berhaupt das ganze <i>&raquo;settlement&laquo;</i> oder die Nachbarschaft &mdash;
+Keiner fehlte.</p>
+
+<p>Wenn Jemand in der ganzen Versammlung, so hatte aber
+der Sheriff von Little Rock diese &raquo;Demonstration&laquo;, f&uuml;r was er
+sie nicht ganz mit Unrecht hielt, in Zorn und Unwillen angesehn,
+ohne freilich dagegen einschreiten oder auch nur etwas
+dawider &auml;u&szlig;ern zu k&ouml;nnen. Da&szlig; die Leute mit ihren Waffen
+kamen verstand sich von selbst, ein Backwoodsman geht nie
+ohne diese, nicht hundert Schritt von seiner H&uuml;tte ab, vielweniger
+eine Strecke durch den Wald, sei die Gelegenheit welche
+sie wolle, und das stille ernste Benehmen der M&auml;nner lie&szlig; ebenfalls
+auf keine St&ouml;rung schlie&szlig;en; nichtsdestoweniger gefiel ihm
+das pl&ouml;tzliche Ankommen der Leute nicht, das auch auf die
+&uuml;brigen K&auml;ufer, die schon wu&szlig;ten da&szlig; der Verkauf nicht mit
+dem Willen der &raquo;Nachbarn&laquo; geschah, einen fatalen Eindruck
+gemacht. Dem Gesetz durften sie aber nicht mit Gewalt entgegentreten,
+und so oft sie dasselbe auch in ihre eigne Hand
+schon genommen, h&uuml;teten sie sich doch jedenfalls den Sheriff in
+seinem Amt zu hindern. So also auf einen der zahlreichen
+dort umherstehenden, kurz abgehauenen Baumst&uuml;mpfe tretend,
+die Versammlung besser &uuml;bersehn zu k&ouml;nnen, zeigte er dieser
+mit kurzen Worten an da&szlig; der Verkauf der Farm jetzt beginnen
+solle, die er, Zeit und M&uuml;he zu ersparen, und nach dem bestimmt
+ausgesprochenen Willen des jetzigen Eigenth&uuml;mers, Mr.
+Kowley aus Little Rock, gleich mit dem dazu geh&ouml;renden Vieh,
+Pferden, Rindern und Schweinen in <span class="wide">einem</span> Gebot an den
+Meistbietenden losschlagen w&uuml;rden, wonach es dann dem K&auml;ufer
+&uuml;berlassen bleibe, wenn er es f&uuml;r gut finden sollte, Pferde oder
+Vieh wieder besonders zu versteigern.</p>
+
+<p>&raquo;Ein Wort Mr. Sheriff!&laquo; sagte da pl&ouml;tzlich der alte Rosemore
+mit seiner tiefen, ruhigen Stimme, indem er ebenfalls den
+Kolben seiner B&uuml;chse auf einen andern Stumpf stemmte und
+hinaufstieg; &raquo;ich bin als &Auml;ltester hier unter uns, und von den
+Nachbarn beauftragt worden noch ein paar Worte an die Versammlung
+zu richten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube nicht da&szlig; etwas derartiges n&ouml;thig sein wird&laquo;
+sagte der Sheriff &mdash; aber von allen Seiten rief es &raquo;doch, doch!
+sprecht Sir &mdash; was giebt's&laquo; und der Sheriff, sich die Unterlippe
+bei&szlig;end, schwieg.</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin gleich fertig&laquo; sagte der alte Mann freundlich,
+&raquo;denen nur die es noch nicht wissen, wollte ich hier blos
+einfach mittheilen da&szlig; Farm, Pferde und Vieh von dem fr&uuml;heren
+Besitzer, dem Polen Olnitzki, an einen anerkannten falschen
+Spieler und sonst gar verd&auml;chtigen Menschen, der es seit der
+Zeit nie wieder gewagt hat zwischen uns zu erscheinen, im
+<span class="wide">falschen</span> Spiel, wie sich sp&auml;ter herausgestellt hat, verloren
+wurden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mr. Rosemore&laquo;&nbsp;&mdash; unterbrach ihn der Sheriff.</p>
+
+<p>&raquo;Entschuldigen Sie mich, Sir, ich bin noch nicht zu Ende&laquo;
+sagte der alte Mann ernst und fuhr dann langsam fort,
+&raquo;die Frau wie wir Alle hier wissen, die jener Olnitzki schlimmer
+behandelt hat, als ein Indianer seine Squaw behandeln w&uuml;rde,
+stammte aus einer edlen und reichen Familie, und hatte mit
+<span class="wide">ihrem</span> Geld, als sie nach Amerika kamen, Farm und Viehstand,
+von dem Olnitzki schon fr&uuml;her drei Viertheile durchgebracht,
+gekauft &mdash; aber sie besa&szlig; keine Papiere dar&uuml;ber. Vor mehren
+Jahren hat ferner jener Olnitzki, den hier sp&auml;ter seine Strafe
+erreichte, einen armen aber rechtlichen Mann im allerdings
+ordentlich abgehaltenen Zweikampf erschossen, weil dieser nicht
+ruhig zusehn wollte, wie er seine arme, kr&auml;nkliche Frau mishandelte
+und <span class="wide">schlug.</span> Der Mann hie&szlig; Riley und hat eine
+alte kranke Frau, seine Gro&szlig;mutter, und eine j&uuml;ngere Schwester
+ein Kind noch fast, hinterlassen, das dort in der Th&uuml;r der
+H&uuml;tte steht. Diesem Kinde hat Olnitzki's Frau, als sie mit
+ihrer Schwester nach des Polen Tode uns verlie&szlig;, die Farm
+mit dem s&auml;mmtlichen Viehstand geschenkt. Wir Nachbarn erkl&auml;rten
+dabei, da&szlig; Olnitzki kein Recht gehabt habe die Farm,
+die seiner Frau geh&ouml;rte zu <span class="wide">verspielen,</span> die Gerichte in Little
+Rock entschieden aber anders. Nach langem Streiten gewann
+jener Advokat, der von dem falschen Spieler Land und Vieh
+zu einem Spottpreis gekauft, den Proze&szlig;, und der Herr Sheriff
+ist heute her&uuml;bergekommen, Land und Viehstand an den Meistbietenden
+&ouml;ffentlich zu versteigern. <span class="wide">Das,</span> Mitb&uuml;rger, ist der
+Thatbestand der Sache, und wir Nachbarn&laquo;&nbsp;&mdash; setzte er mit
+lauterer Stimme hinzu, &raquo;sind der Meinung da&szlig; das Kind die
+Farm, die ihm rechtm&auml;&szlig;ig schon geh&ouml;rt, erstehen wird.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das kommt auf die Gebote an, Sir!&laquo; rief der Sheriff
+heftig.</p>
+
+<p>&raquo;Ei versteht sich, Sir,&laquo; sagte der alte Rosemore &mdash; &raquo;auf
+die Gebote, und ich bitte da&szlig; Sie beginnen. Jack Owen &mdash; seid
+doch so gut und f&uuml;hrt das arme Kind einmal hier zwischen
+die Herren herein &mdash; es f&uuml;rchtet sich sonst n&auml;her zu treten;
+Sie sind wohl so freundlich, Gentlemen, und machen ihm
+Platz!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oh ja wohl &mdash; mit dem gr&ouml;&szlig;ten Vergn&uuml;gen!&laquo; riefen
+die dem Haus zun&auml;chst Stehenden bereitwillig, und Jack Owen
+schritt langsam dem Hause zu, nahm Jenny, der er einige ermuthigende
+Worte zufl&uuml;sterte, an die Hand, und f&uuml;hrte das
+junge zitternde M&auml;dchen in den Kreis der M&auml;nner, die eine
+Gasse f&uuml;r sie &ouml;ffneten.</p>
+
+<p>&raquo;Oh Bill!&laquo; rief w&auml;hrend der kleinen Pause die jetzt entstand,
+Einer der Backwoodsmen, ein rauher, wild aussehender
+Bursche einem Andern &uuml;ber den ganzen Kreis hin&uuml;ber zu &mdash; &raquo;ich
+habe die Nacht einen sch&auml;ndlichen, nichtsnutzigen Traum
+gehabt &mdash; mir tr&auml;umte ein feiner Bursche mit einem Tuchrock an,
+hatte die Farm erstanden, und wie ich zu Haus ritt lag er im
+Gr&uuml;ndorn Flat auf des Polen Grab, und hatte einen rothen,
+h&auml;&szlig;lichen Fleck mitten auf der Stirn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah Unsinn Jim!&laquo; lachte der Andere zur&uuml;ck, &raquo;<span class="wide">Dein</span>
+Traum hinkt, denn ich habe getr&auml;umt <span class="wide">es h&auml;tte gar Niemand
+mitgeboten!</span>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gentlemen ich protestire hier feierlich gegen jede drohende
+Einwirkung auf den Verkauf dieses Gutes!&laquo; fiel hier der Sheriff
+hitzig ein, &raquo;oder ich sehe mich gen&ouml;thigt mich unverrichteter
+Sache zur&uuml;ckzuziehn, und dem Staatsanwalt Anzeige solchen
+Benehmens zu machen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Thut Euere Pflicht Sheriff!&laquo; rief aber der alte Rosemore
+ruhig &mdash; &raquo;es wird kein Mensch mehr ein Wort hineinreden &mdash; da&szlig;
+sich ein paar junge Burschen ihre albernen Tr&auml;ume
+erz&auml;hlen darf Euch nicht k&uuml;mmern.&laquo;</p>
+
+<p>Der Sheriff z&ouml;gerte noch einen Augenblick und berieth sich
+in leisem Fl&uuml;stern mit den ihm n&auml;chst Stehenden was zu thun,
+ein sp&auml;terer Termin w&uuml;rde aber ebenfalls zu keinem andern
+Resultat gef&uuml;hrt haben, die K&auml;ufer hatten jedenfalls das Gesetz
+und seinen m&auml;chtigen Arm auf ihrer Seite, und nach kurzer
+Einleitung, in der er jetzt die Zahl der urbar gemachten &Auml;cker,
+der Pferde, die von den Kauflustigen schon in Augenschein genommen,
+die Anzahl K&uuml;he, Rinder und Schweine aufgez&auml;hlt,
+er&ouml;ffnete er die Auktion und lud die Anwesenden zu einem Anfangsgebot
+ein.</p>
+
+<p>Im ersten Augenblick herrschte tiefe Stille, das Zirpen
+der Grillen drang peinlich deutlich von den n&auml;chsten B&auml;umen
+her&uuml;ber, und man konnte das <span class="wide">Athmen</span> der Menge h&ouml;ren.
+Da bog sich Jack Owen freundlich zu dem jungen M&auml;dchen
+nieder und fl&uuml;sterte ihr ein paar ermuthigende Worte zu und
+Jenny, mit todtenbleichen Wangen und zitternden Lippen, aber
+klaren, blitzenden Augen, trat einen Schritt vor und sagte mit
+nicht lauter, aber doch bis selbst zu den entferntest Stehenden
+dringend:</p>
+
+<p>&raquo;Ich biete einen Viertel Dollar f&uuml;r das Ganze.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unsinn!&laquo; rief der Sheriff, in auflodernder Wuth mit
+dem Fu&szlig;e stampfend, &raquo;wir haben hier kein Kinderspiel f&uuml;r
+m&uuml;ssige Leute &mdash; ein Viertel Dollar, wo das Gebot in die
+Hunderte steigen mu&szlig;, nur den halben Werth zu erreichen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gebot ist Gebot!&laquo; rief es von anderer Seite, &raquo;der Verkauf
+hat begonnen &mdash; thut Euere Pflicht Sheriff!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich brauche mich von Niemanden an meine Pflicht mahnen
+zu lassen!&laquo; schrie dieser, leichenbleich vor innerem Grimm,
+dem er doch nicht Worte geben durfte, den M&auml;nnern gegen&uuml;ber.</p>
+
+<p>&raquo;Ein Viertel Dollar ist geboten,&laquo; sagte der alte Rosemore
+ruhig, &raquo;Jenny wird es wohl f&uuml;r den Preis bekommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn kein Gebot geschieht,&laquo; rief jetzt der Sheriff, mit
+Zornfunkelnden Augen, &raquo;hebe ich den Verkauf auf!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Gebot <span class="wide">ist</span> geschehn!&laquo; schrie da Einer der jungen
+Backwoodsmen, derselbe, der vorher seinen Traum erz&auml;hlt, und
+trotzig dabei mit der B&uuml;chse in den Kreis springend, &raquo;wir M&auml;nner
+von Arkansas sind eingeladen worden dem Verkauf heute beizuwohnen;
+der Verkauf hat begonnen, ein Gebot ist gemacht
+worden und ich frage Euch hier, die Ihr anwesend seid, ob
+etwas Unregelm&auml;&szlig;iges in der Verhandlung stattgefunden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein &mdash; Nichts!&laquo; schrie es von allen Seiten, &raquo;die Advokaten
+m&ouml;gen uns Ihre Dintenklexer hier her&uuml;berschicken und
+uns die Farmen unter der Nase ausbieten lassen, wir k&ouml;nnen
+und wollen es ihnen nicht wehren, aber la&szlig; sie es wagen unsere
+Gebote nicht zu respektiren, und wenn es sich um einen
+einfachen Cent handelte, und bei H&ouml;ll und Teufel wir schicken
+sie heim, da&szlig; ihre Haut keine Maish&uuml;lsen mehr halten sollte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Viertel Dollar ist geboten Gentlemen!&laquo; rief der
+alte Rosemore wieder so ruhig wie vorher, &raquo;Mr. Sheriff wollen
+Sie weiter fragen, oder glauben Sie da&szlig; der Preis
+gen&uuml;gt? es wird Mittagszeit, und wir, die wir noch zur
+<i>Campmeeting</i> zu reiten w&uuml;nschen, m&ouml;chten doch erst gern zu
+Hause etwas essen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gentlemen!&laquo; rief aber der Sheriff auch, sich jetzt ermannend,
+&raquo;Sie werden dieses Scheingebot eines Kindes nicht
+gelten lassen. Das Gesetz und sein starker Arm <span class="wide">sch&uuml;tzt</span> Sie
+in jedem Gebot das Sie machen, und meinen eignen Hals
+will ich zum Pfande setzen da&szlig; der von Ihnen, der die&szlig; Gut
+zu irgend einem Preis ersteht, auch in den rechtlichen Besitz
+desselben gelangen soll.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein Traum wird doch wahr, Bill,&laquo; rief der Backwoodsman
+wieder &uuml;ber den Kreis hin&uuml;ber.</p>
+
+<p>&raquo;Denkt nicht daran,&laquo; lachte der Andere, &raquo;der Sheriff
+hat ja seinen Hals verpf&auml;ndet, und wird die Farm vielleicht
+selber kaufen wollen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Viertel Dollar ist geboten,&laquo; begann zum dritten
+Mal der alte Rosemore, &raquo;wenn Ihr nicht selber jetzt die Auktion
+beginnt, Sheriff, dann thun <span class="wide">wir</span> es &mdash; &uuml;berschreitet Euere
+Pflicht nicht, denn <span class="wide">wir</span> sind hier herbestellt, und verlangen den
+Zuschlag f&uuml;r den K&auml;ufer.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auf ein solches Gebot schlag ich nicht zu!&laquo; schrie aber
+der Sheriff, jetzt au&szlig;er sich vor Wuth, &raquo;wer will mich
+zwingen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das Gesetz!&laquo; tobten ihm da die Backwoodsmen entgegen,
+&raquo;glaubt Ihr, da&szlig; Ihr uns hier zum Narren haben
+k&ouml;nnt, gerad' nach Gefallen, und herbestellen wenn es Euch
+freut, weil Euch ein Gebot nicht behagt? Die Farm ist angesetzt
+und feil gemacht; das Kind dort hat einen Viertel Dollar
+geboten und bietet Niemand mehr, und schlagt Ihr dann
+nicht zu, so straf uns Gott, wenn ein anderer Auktionator,
+ein anderer K&auml;ufer seinen Fu&szlig; wieder auf dieses Land setzen
+soll.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und Keiner bietet einen Cent mehr,&laquo; knirschte der Sheriff
+zwischen den Z&auml;hnen durch &mdash; wagte aber selber kein h&ouml;heres
+Gebot &mdash; &raquo;Gentlemen ich wiederhole es hier nochmals &mdash; das
+<span class="wide">Gesetz</span> sch&uuml;tzt Sie in jedem Gebote das Sie thun, und kein
+B&uuml;rger der Vereinigten Staaten <span class="wide">darf</span> und wird sich dem widersetzen,
+denn die Folgen w&uuml;rden schwer und furchtbar auf sein
+eigenes Haupt zur&uuml;ckfallen. So beginne ich denn nochmals
+den Verkauf &mdash; <span class="wide">zwei Bits</span> sind geboten, und ich erwarte
+da&szlig; der zweite Bieter mit eben so viel hundert ganzen
+Dollarn nachfolgen wird &mdash; <span class="wide">ich</span> &mdash; das <span class="wide">Gesetz</span> steht ein f&uuml;r
+sein gewahrtes Recht.&laquo;</p>
+
+<p>Alles schwieg &mdash; der Amerikaner l&auml;&szlig;t selten lange auf
+sich warten, wo sich die Aussicht auf Gewinn f&uuml;r ihn bietet,
+aber die dunklen trotzigen Gestalten hier umher &mdash; das Blut
+das schon unter diesen B&auml;umen geflossen, ohne da&szlig; selbst das
+Gesetz im Stande gewesen war es zu s&uuml;hnen, die Drohung
+selbst, die versteckt, aber doch deutlich genug in dem erz&auml;hlten
+Traum lag &mdash; hie und da vielleicht auch mit dem Rechtlichkeitsgef&uuml;hle
+Manches, der doch wohl einsah da&szlig; dem Kind &mdash; wie
+das <span class="wide">Gesetz</span> auch da geurtheilt &mdash; die Farm geh&ouml;ren m&uuml;sse &mdash;
+Keiner bot.</p>
+
+<p>Wieder und wieder suchte sie der Sheriff nur erst zu
+<span class="wide">einem</span> Gebot zu treiben, dem dann leicht andere folgen w&uuml;rden
+&mdash; umsonst und endlich selber gereizt, und w&uuml;thender fast
+&uuml;ber die her&uuml;bergekommenen K&auml;ufer als &uuml;ber die Squatter
+selbst rief er, w&auml;hrend die &raquo;Nachbarn&laquo; ringsum lautlos standen,
+denn sie wu&szlig;ten jetzt da&szlig; sie gesiegt hatten &mdash; mit bleichen
+Wangen und vor innerer Aufregung funkelnden Blicken:</p>
+
+<p>&raquo;Gut &mdash; wenn Ihr Alle denn zu <span class="wide">feige</span> seid Euer <span class="wide">Recht</span>
+zu wahren, und der, der am meisten dabei interessirt ist, sein
+ausgelegtes Geld wenigstens f&uuml;r das Land wieder zu bekommen,
+sich gar nicht dabei blicken l&auml;&szlig;t, was k&uuml;mmerts mich. Also,&laquo;
+und seine Hand hob sich dabei sie zum Zuschlag sinken zu lassen,
+&raquo;ein Viertel Dollar ist geboten &mdash; ein Viertel Dollar zum
+ersten &mdash; kein Gebot weiter? &mdash; ein Viertel Dollar zum zweiten&laquo;
+&mdash; eine Todtenstille herrschte, man konnte das Zwitschern
+der V&ouml;gel weit im Wald drinne, das Glucken und Kratzen
+der Hennen vor dem Hause h&ouml;ren &mdash; &raquo;ein Viertel Dollar zum
+zweiten, und &mdash;&laquo; die Hand kam nieder, und mit der Bewegung
+das Wort: &raquo;<span class="wide">zum</span> &mdash; <span class="wide">Dritten!</span>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hurrah! Hurrah!&laquo; tobten und jubelten und jauchzten
+die wilden Gesellen um ihn her &mdash; &raquo;piff, paff,&laquo; gingen die
+Freudensch&uuml;sse hoch in die Luft, und Jack Owen, in der linken
+Hand seine abgeschossene B&uuml;chse schwingend, griff mit dem
+rechten, eisernen Arm das junge, &auml;ngstlich umherschauende,
+und <ins title="original has ihrem">seinem</ins> Gl&uuml;ck noch immer nicht trauende M&auml;dchen vom
+Boden auf und trug es, unter dem Jubelruf der Menge, zwischen
+die Schaar der Nachbarn hinein. Alle H&auml;nde streckten
+sich nach ihr aus, den rauhen wilden Gesellen standen
+Thr&auml;nen in den Augen, und im Triumphe wurde Jenny jetzt
+dem Hause zugetragen, als neue, rechtm&auml;&szlig;ige Besitzerin.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<h2><a name="kap2" id="kap2"></a>Capitel 2.</h2>
+<h3>Maulbeere in der Betversammlung.</h3>
+
+<p>Die Auktion war vor&uuml;ber; Farm und Viehbestand geh&ouml;rte
+dem jungen M&auml;dchen, trotz jenem Jahrelang gef&uuml;hrten Proce&szlig;,
+und all die K&auml;ufer, die hergekommen waren das Land, die
+Pferde zu erstehn, und sich das Alles nun mu&szlig;ten wie ein
+sch&ouml;nes Traumbild unter den H&auml;nden selbst wegschwinden sehen,
+standen im ersten Augenblick allerdings etwas verdutzt und unbehaglich
+da, und wu&szlig;ten nicht recht was f&uuml;r ein Gesicht sie dazu
+machen sollten. Da&szlig; die Backwoodsmen n&auml;mlich eine solche
+Drohung, wie sie der eine Bursche so schlau in seine Tr&auml;ume
+geflochten, wahr machen <span class="wide">k&ouml;nnten,</span> daran zweifelte nicht Einer
+von ihnen; des Polen Grab lag keine tausend Schritt von
+dort entfernt, ein blutig Zeichen, und ein Land kaufen das der
+Eigenth&uuml;mer nie h&auml;tte wagen d&uuml;rfen in Besitz zu nehmen, w&auml;r
+auch ein Geldverschleudern nur gewesen, wie der New-Yorker
+Advokat zu seinem Schaden jetzt erfahren.</p>
+
+<p>&raquo;Unter den Umst&auml;nden durften wir gar nicht bieten,&laquo;
+sagte da der Eine von ihnen zu dem Andern, &raquo;der alte Mann
+hatte ganz recht &mdash; man kann doch der kranken Frau und dem
+Kind das Haus nicht unter den F&uuml;&szlig;en wegkaufen, und sie in
+den Wald setzen? &mdash; ich wenigstens m&ouml;chte das nicht auf meinem
+Gewissen haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich auch nicht,&laquo; rief ein Anderer, &raquo;die arme Kleine;
+was f&uuml;r ein h&uuml;bsches M&auml;dchen das einmal wird &mdash; und wie
+bleich sie aussah.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit G&uuml;te kann man bei mir Alles ausrichten,&laquo; sagte
+ein Dritter, &raquo;und ein gutes Wort findet einen guten Ort &mdash;
+die Leute waren klug genug da&szlig; sie nicht wirklich drohten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das wu&szlig;ten sie wohl da&szlig; ihnen das Nichts half,&laquo; rief
+der Erste wieder, &raquo;was h&auml;tten sie machen wollen wenn wir
+das Haus erstanden? aber so ist's besser und hundert Dollar
+sind mir nicht so lieb, als da&szlig; es die Kleine bekommen hat.&laquo;</p>
+
+<p>Maulbeere war ein stiller, aber h&ouml;chst aufmerksamer Zuschauer
+des Ganzen gewesen, und so sehr ihn die h&ouml;chst eigenth&uuml;mliche
+Verhandlung interessirt, &uuml;berlegte er doch eben, ob
+er nicht besser seinen eigenen Nutzen jetzt auch ein wenig wahren,
+und seinen Karren herbeischieben solle, der Versammlung
+mit wenigen eindringlichen Worten ihre eignen stumpfen Messer
+und sonstigen Bed&uuml;rfnisse in's Ged&auml;chtni&szlig; zur&uuml;ckzurufen,
+als die Backwoodsmen pl&ouml;tzlich Alle wieder zu ihren Pferden
+gingen, die Z&uuml;gel von den Zweigen warfen, in die S&auml;ttel
+sprangen und mit einem wilden <span class="wide">Hupih,</span> von den laut anschlagenden
+Hunden gefolgt, aber jetzt nach <span class="wide">einer</span> Richtung hin,
+in den Wald hineinsprengten. Nur der alte Rosemore blieb
+mit Jack Owen zur&uuml;ck und ging mit diesem in das Haus, wo
+sie die Th&uuml;re hinter sich zumachten, und eine Zeitlang darin
+blieben. Nach einer ziemlich langen Weile kam Jack Owen
+allein zur&uuml;ck, und dem Scheerenschleifer freundlich auf die
+Schulter klopfend, sagte er lachend:</p>
+
+<p>&raquo;Nun wie hat Euch unsere Arkansas-Auktion gefallen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut,&laquo; erwiederte Maulbeere trocken, &raquo;und wenn Sie
+einmal wieder eine Farm f&uuml;r einen &auml;hnlichen Preis wegzugeben
+haben &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dann wi&szlig;t Ihr einen K&auml;ufer?&laquo; lachte der J&auml;ger, &raquo;glaub'
+es wohl &mdash; aber die Stadtherrn gehen auch nach ihren Pferden,
+so wollen wir denn den armen Thieren hier ebenfalls
+wieder ihre Freiheit geben; heut oder morgen werden sie doch
+nicht mehr gebraucht. Und dann Fremder, wenn es Euch
+recht ist, gehen wir zur <i>Camp meeting</i> hin&uuml;ber, nicht weit
+von hier nach jener Richtung zu; w&auml;re die Sache schon in
+Gang, k&ouml;nntet Ihr die Leute selbst hier jauchzen h&ouml;ren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Jauchzen</span> h&ouml;ren?&laquo; frug Zach&auml;us verwundert.</p>
+
+<p>&raquo;Werdet's schon mit ansehn,&laquo; sagte der J&auml;ger ruhig, den
+zum Verkauf hierher gebrachten und mit, durch den Viertel Dollar
+erstandenen Pferden die Hobbeln oder Stricke l&ouml;send, die ihre
+Vorderbeine zusammenhielten, da&szlig; die Thiere wieder frei zur&uuml;ck
+in den Wald, und ihren gew&ouml;hnlichen Weidepl&auml;tzen zulaufen
+konnten, &raquo;und nun kommt, nehmt Eueren Karren, und folgt
+mir den Weg entlang, der hier an der Fenz hinunterf&uuml;hrt,
+und wenn Ihr nicht <span class="wide">beten</span> wollt dort, kann ich Euch Arbeit
+ziemlich gewi&szlig; versprechen.&laquo;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="min" />
+<p>&nbsp;</p>
+<p>Was f&uuml;r ein Leben das war hier mitten in dem sonst so
+stillen Wald; wie die verscheuchten V&ouml;gel &auml;ngstlich in den
+Zweigen her&uuml;ber- und hin&uuml;berflogen, und zwitscherten und
+riefen; wie der Hirsch, der dort sonst seinen ungest&ouml;rten &Auml;sungsplatz
+hatte, als er heute langsam und vertraut wie immer auf
+seinen Wechsel herankam, rasch den sch&ouml;nen Kopf emporwarf,
+die von feindlichen D&uuml;nsten geschw&auml;ngerte Luft einzog und
+schreckend zur&uuml;ck in seine Wildni&szlig; floh. Wie die Pferde so
+freudig wieherten und den Boden stampften, und der gr&uuml;ne
+Rasen ringsumher auf der kleinen Waldesbl&ouml;&szlig;e zertreten war,
+nach allen Seiten, und wie sich das dr&auml;ngte und schob und
+durcheinander wogte, von einer bunten fr&ouml;hlichen Menschenmasse,
+die hier von allen Enden des County zusammengekommen.</p>
+
+<p>Ein Theil der Leute von Little Rock war ebenfalls dabei,
+die n&auml;mlich, die von der Auktion kommend, es vorgezogen hatten
+den heutigen Tag hier zu verbringen, und morgen fr&uuml;h
+zur Stadt zur&uuml;ckzukehren. Diese schienen aber am wenigsten
+vertreten, kamen auch nicht aus Religiosit&auml;t hierher, sondern
+nur der leidigen Neugier wegen, und wurden von den Geistlichen
+am wenigsten gern gesehn. Nein, die Backwoodsmen
+und besonders deren Frauen und T&ouml;chter bildeten den Hauptkern
+der Versammlung; von allen Seiten str&ouml;mten sie herbei, die
+Frauen fest im Sattel &mdash; und wenn es auch kein Damensattel
+war &mdash; ihre kleinen B&uuml;ndel mit Kleidern vor sich auf dem
+Pferd, die M&auml;nner mit B&uuml;chse und Messer an der Seite wie
+immer. Und Lager wurden von Einzelnen aufgeschlagen rings
+im Wald, mit Rinden- oder Deckendach, w&auml;hrend Andere
+dagegen ordentliche Zelte mit her&uuml;berbrachten, die sie allein f&uuml;r
+diesen Zweck bestimmt. Hier waren M&auml;nner an der Arbeit
+einen Baum zu f&auml;llen, und aus den abgeschlagenen St&uuml;cken
+rasch kurze Breter zu spalten zu einem sicheren Regenschutz,
+dort wurde Feuerholz geschlagen und herbeigeschleppt, oder
+Zweige wurden abgehauen, mit diesen ein fl&uuml;chtiges Schutzdach
+gegen Sonne und N&auml;sse herzustellen; aber &uuml;berall herrschte Leben
+und Th&auml;tigkeit.</p>
+
+<p>Und wie die Feuer ringsum flammten und die Kessel
+brodelten, der blaue Rauch so luftig hinauf wirbelte in die
+gr&uuml;nen rauschenden Wipfel, und emsige Frauengestalten mit
+den gro&szlig;en, unf&ouml;rmlichen Bonnets auf dem Kopf &mdash; gleichen
+Schutz gegen Sonne wie K&uuml;chenfeuer gew&auml;hrend &mdash; so flei&szlig;ig
+an den T&ouml;pfen und Pfannen schafften und siedeten.</p>
+
+<p>Die Frauen hatten auch das meiste Interesse an solcher
+<i>Camp meeting,</i> und wenn der Mann daheim kaum daran
+gedacht h&auml;tte hinaus in den Wald zu gehn und die Pferde zu
+suchen, lie&szlig;en sie ihm nicht Ruhe, und hatten tausend und
+tausend Gr&uuml;nde daf&uuml;r weshalb sie, wenigstens die&szlig;mal, unter
+keiner Bedingung die fromme Versammlung vers&auml;umen
+d&uuml;rften.</p>
+
+<p>Erstlich schadete den Pferden das Bischen Bewegung gar
+Nichts &mdash; sie waren &uuml;berdie&szlig; so lange nicht gebraucht, und
+<i>Marys colt</i> schon ganz lendenlahm geworden von all zu vieler
+Ruhe. Dann predigte zweitens, dieses Mal ganz gewi&szlig; der
+Ehrw&uuml;rdige Mr. Sweetlip &mdash; und was f&uuml;r eine s&uuml;&szlig;e Stimme
+der hatte, und wie weich und &ouml;hlich er Einem zum Herzen
+sprach &mdash; wer h&auml;tte da unger&uuml;hrt bleiben k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Und dann der andere Ehrw&uuml;rdige Mr. Hottenbrocken,
+wie der es den Heiden und Ungl&auml;ubigen sagte, wie der dem
+b&ouml;sen Feind, <i>alias</i> Beelzebub zu Leibe r&uuml;ckte und ihn aus dem
+Felde schlug.</p>
+
+<p>Und dann hatten sie die Nachbarn in so ewig langer Zeit
+nicht gesehn &mdash; lieber Gott, hier im Walde kam man ja mit
+Niemandem zusammen, und ob Bill Norton und Ann Sally
+wirklich versprochen w&auml;ren, konnten sie ja auch nur dort erfahren.</p>
+
+<p>Und die beiden neuen Kleider, die sich Susanne in dem
+letzten halben Jahr selbst gewebt und gen&auml;ht, wie h&auml;tte sie die
+anders zeigen oder tragen sollen; doch nicht im Haus etwa
+beim Spinnrad; und mu&szlig;ten sie nicht wenigstens einmal erst
+die &raquo;priesterliche Weihe&laquo; erhalten?</p>
+
+<p>Die armen Frauen der W&auml;lder sind in dieser Hinsicht
+auch wirklich &uuml;bel dran; in dem kleinsten unbedeutensten St&auml;dtchen,
+ja selbst in dem einzelnen Haus, das nur an einer begangenen
+Stra&szlig;e liegt, kann sich das junge M&auml;dchen nett und
+geschmackvoll anziehn, und hat die Genugthuung, da&szlig; sie wenigstens
+gesehn, und auch bewundert wird, denn es sind oft
+liebe, bildsch&ouml;ne Gestalten, denen der schlanke Wuchs, die edle
+Gesichtsbildung und die, mit nur <span class="wide">sehr</span> seltenen Ausnahmen
+fast untadelhafte Reinlichkeit einen eigenen Zauber verleiht;
+im Wald aber, im wirklichen Wald, von jeder Verbindung
+mit der Au&szlig;enwelt abgeschnitten, wo sollen da die armen
+M&auml;dchen und Frauen ihre Kleider zeigen, und zeigen <span class="wide">m&uuml;ssen</span>
+sie dieselben; bei einem &raquo;Kl&ouml;tzeroll-Fest&laquo; oder &raquo;<i>Quilting frolic?&laquo;</i>
+wie selten kommt das vor, und wenn's geschieht, wie selten
+ist dann Tanz nachher &mdash; einmal, zwei Mal im ganzen Jahr
+und das noch dazu im Sommer.</p>
+
+<p>Solche Gelegenheiten benutzen sie dann freilich auch auf's
+Beste, und welche es irgend von den jungen M&auml;dchen kann,
+kommt nicht zu einem derartigen Fest ohne wenigstens noch
+<span class="wide">ein</span> anderes Kleid, manchmal drei und vier mitzubringen, die
+w&auml;hrend dem Tanz gewechselt werden k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Weit bessere Gelegenheit hierzu bietet aber jedenfalls eine
+<i>Camp meeting</i>, die nicht nur einen einzigen Abend und im
+g&uuml;nstigsten Fall eine Nacht durch dauert, wie ein solches Fest,
+sondern nicht selten gleich drei und vier Tage hintereinander
+weg, w&auml;hrend die jungen Leute aus der <span class="wide">ganzen</span> Nachbarschaft
+dabei Gelegenheit bekommen einander zu sehen, miteinander zu
+plaudern &mdash; und mehr als das. Mancher Funke ist bei
+diesen Betversammlungen aus Auge und Herz her&uuml;ber und
+hin&uuml;bergeflogen, und hat gez&uuml;ndet f&uuml;r Lebenszeit &mdash; wenigstens
+gebunden; &uuml;berdie&szlig; mu&szlig;ten die jungen M&auml;nner dort still
+und ehrbar auftreten, durften nicht trinken, fluchen und schw&ouml;ren,
+und konnten oft nur mit H&uuml;lfe einer ihnen allerdings
+gewaltsam in's Herz gesch&uuml;tteten Religiosit&auml;t den Pfad betreten,
+der zu der Liebe der Auserw&auml;hlten f&uuml;hrte.</p>
+
+<p>Mit einem Wort, es geht bunt zu bei solchen Betversammlungen,
+und wenn der Geist dann erst noch &uuml;ber die
+Schaaren k&ouml;mmt, vergeht dem Fremden H&ouml;ren oft und Sehn.</p>
+
+<p>Maulbeere fand f&uuml;r jetzt aber nicht das mindeste Au&szlig;ergew&ouml;hnliche;
+da&szlig; hier so viele Menschen auf einen Platz sich
+versammelt hatten, der sonst eine Wildni&szlig; war, fiel ihm nicht
+auf, weil er von einer Wildni&szlig;, trotz der letztverbrachten Nacht,
+&uuml;berhaupt noch keinen rechten Begriff hatte. Die Lagerfeuer
+sahen ganz gem&uuml;thlich unter den gr&uuml;nen B&auml;umen aus, und
+die Menge der Gelagerten versprach ihm reichlichen Gewinn.
+Nur ein gro&szlig;es h&ouml;lzernes Ger&uuml;st fiel ihm auf, das seitw&auml;rts
+von dem Platz, am Rande der kleinen Waldbl&ouml;&szlig;e, und noch
+im Schatten einer riesigen Eiche stand, und rechts und links
+ein paar kleine Einfriedigungen hatte, die mit Laub und duftenden
+Kr&auml;utern streuartig ausgesch&uuml;ttet waren. F&uuml;r das Vieh
+schienen sie aber nicht bestimmt, denn ringsumher lagen die
+Feuer, und die Pferde durften schon der Kinder wegen nicht
+in den inneren Kreis.</p>
+
+<p>Maulbeere dachte aber gar nicht daran sich &uuml;ber die Verwendung
+der Pl&auml;tze den Kopf zu zerbrechen &mdash; vielleicht dienten
+sie zu Schlafpl&auml;tzen, vielleicht nicht, was k&uuml;mmerte es ihn.
+Nach einem fl&uuml;chtigen &Uuml;berblick &uuml;ber die Vertheilung der verschiedenen
+Gruppen, schob er seinen Karren, ohne sich weiter
+um seinen bisherigen F&uuml;hrer zu k&uuml;mmern, mitten in den Kreis
+hinein, begann pl&ouml;tzlich mit lauter gellender Stimme, aber
+nat&uuml;rlich in Englischer Sprache, seine Waaren, K&uuml;nste und
+Eigenschaften anzupreisen, und hatte wenige Minuten sp&auml;ter
+die Genugthuung, die gro&szlig;e H&auml;lfte der Versammlung ihn umdr&auml;ngen
+zu sehn. Maulbeere war auch in der That f&uuml;r diese
+Waldbewohner ein Gegenstand; er war ein Charakter wie sie
+nicht oft dort herumgezogen, selbst unter den Yankee-Pedlars.
+Schon sein ganzes &Auml;u&szlig;ere, die wirklich auffallende &Auml;hnlichkeit
+mit einem Orang-Utang, die wunderbare Zungenfertigkeit
+des fremden Mannes, mit seinem trockenen Humor, der sie
+oft zu lautem Gel&auml;chter hinri&szlig;, das Alles war ihnen neu, und
+vielleicht selbst die Ungewi&szlig;heit dabei, ob die jeden Augenblick
+erwarteten Geistlichen mit diesem Ausbruch lauter Fr&ouml;hlichkeit
+einverstanden sein, oder ihn vielleicht gar verdammen w&uuml;rden,
+erh&ouml;hte den Reiz.</p>
+
+<p>Maulbeere hatte indessen schon sein Schleiferamt begonnen,
+und Messer wurden ihm so viele gebracht, da&szlig; er sich
+ihrer kaum erwehren konnte; auch Bestellungen bekam er genug,
+dorthin f&uuml;nf, dorthin&uuml;ber acht Meilen vielleicht, eine alte
+Scheere wieder in Stand zu setzen oder, als er sich auch hierin
+entwickelte, einem Fingerhut eine neue Decke anzul&ouml;then. Er
+war unerm&uuml;dlich dabei, grob gegen die M&auml;nner, die ihn auslachten,
+z&auml;rtlich gegen die Frauen und M&auml;dchen, die &uuml;ber
+ihn kicherten, und sein Rad schwirrte und zischte, w&auml;hrend
+seine Zunge noch viel rascher ging als das Rad.</p>
+
+<p><span class="wide">&raquo;Der ehrw&uuml;rdige Mr. Sweetlip!&laquo;</span> &mdash; ein freudiges
+Gemurmel lief durch die ganze Versammlung, und die Frauen
+besonders, dr&auml;ngten jetzt rasch und eifrig fort von dem
+Scheerenschleifer, w&auml;hrend ihre kleinen lieben Gesichter, die noch
+vor wenig Minuten so herzlich gelacht, und so fr&ouml;hlich in die
+blaue herrliche Welt hinausgeschaut, einen gar ernsten, fast
+wehm&uuml;thigen Ausdruck annahmen. Alles schaarte sich um den
+frommen Mann, und Maulbeere blieb allein mit seinem Karren
+in der Mitte stehen.</p>
+
+<p>Mr. Sweetlip war die Freundlichkeit selber; er sprach mit
+Allen, hatte f&uuml;r jeden ein ermunterndes oder ermahnendes,
+ein freundlich tadelndes oder lobendes Wort; sprach von der
+Erndte und vom Wetter, von weggelaufenem Vieh und verirrten
+Schaafen &mdash; in der geistigen Bedeutung des Wortes &mdash; und
+seufzte dann oft recht schwer und traurig auf, wenn er
+der S&uuml;nde der Menschen gedachte, die in die Welt gekommen
+und leider nicht wieder hinauszubringen war. Mr. Sweetlip
+war eine wahre Seele von einem Menschen.</p>
+
+<p>Ernster und strenger, in finsterem Schweigen trat der andere
+Geistliche, Mr. Hottenbrocken auf, und wenn man die beiden
+mit einem Schwerte des Herrn h&auml;tte vergleichen k&ouml;nnen,
+so war Sweetlip der R&uuml;cken, Hottenbrocken aber die Schneide
+und Spitze in aller Sch&auml;rfe und H&auml;rte edlen Stahls.</p>
+
+<div class="center">
+<table style="margin: 0 auto" cellpadding="4" summary="Illustration Capitel 2">
+ <tr>
+ <td align="center">
+ <a href="images/img1r.jpg">
+ <img src="images/img1r.jpg" height="600"
+ alt="Illustration Capitel 2" /></a>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="center">
+ <span class="caption">Capitel 2.<br />
+ Click to <a href="images/img1.jpg">ENLARGE</a></span>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+</div>
+
+<p>Wenn Sweetlip mit sanfter Zunge seinen Zuh&ouml;rern allerdings
+ihre geistigen Wunden aufri&szlig;, aber &Ouml;l hineintr&auml;ufelte,
+und es manchmal sogar f&uuml;r eine S&uuml;nde zu halten schien, selbst
+der H&ouml;lle s&auml;mmtliche gute Eigenschaften abzusprechen, so ging
+Hottenbrocken hinter ihm her und warf Essig und Pfeffer und
+Salz hinein, r&uuml;ttelte die sanftschlafenden S&uuml;nder aus ihrem
+bewu&szlig;tlosen Zustand auf, und beschrieb ihnen mit triumphirendem
+L&auml;cheln und gl&uuml;henden Farben einen furchtbaren Abgrund,
+an dem sie geschlummert haben sollten, und wenn sie den auch
+nicht gleich sahen, wurden sie doch &auml;ngstlich und verzagt, und
+streckten die Hand nach dem ehrw&uuml;rdigen Manne aus, sie zu
+retten.</p>
+
+<p>Mr. Sweetlip hatte &uuml;brigens die &raquo;<i>meeting</i>&laquo; zu er&ouml;ffnen
+und zu begr&uuml;&szlig;en, und stieg oder kletterte zu diesem Zweck auf
+das hohe, kanzelartige Gestell, das unter der Eiche errichtet
+worden. Von hier aus richtete er eine ziemlich lange Rede, ohne
+weiteren besonderen Inhalt, an die Versammlung, ermahnte
+sie, ihre Augen und Herzen und H&auml;nde zu Gott zu erheben
+und ihn zu bitten, da&szlig; er sie bei ihrer jetzigen freudigen Zusammenkunft
+erleuchten, die Guten st&auml;rken, und die verlorenen
+Schaafe zur&uuml;ck zu seiner Heerde f&uuml;hren m&ouml;ge, zu deren Bequemlichkeit
+hier, wie er mit klaren d&uuml;rren Worten andeutete,
+die beiden Einpferchungen angebracht und mit weicher Streu
+gef&uuml;llt waren.</p>
+
+<p>Maulbeere glaubte wirklich im Anfang da&szlig; er mit dieser
+Sache Scherz treibe; der ernste, wehm&uuml;thige Mann sah aber
+nicht aus wie Scherz, und Thr&auml;nen standen auch schon in
+vielen Augen seiner sch&ouml;nen Zuh&ouml;rerinnen. Um sich dessen
+aber zu vergewissern, dr&uuml;ckte er sich durch die And&auml;chtigen, seinen
+Karren sich selber &uuml;berlassend, langsam der Stelle zu, wo
+er seinen alten Freund Jack Owen finster und schweigend an
+einer Eiche lehnen und der Rede horchen sah.</p>
+
+<p>&raquo;K&ouml;nnt Ihr mir sagen Freund&laquo; redete er diesen leise an,
+&raquo;was der fromme Herr da oben mit den beiden Pferchen meint,
+und ob die nur <span class="wide">bildlich</span> dastehn, oder in der &raquo;Hitze des Gespr&auml;chs&laquo;
+vielleicht wirklich gebraucht werden sollen? ich habe
+keine rechte Idee von etwas Derartigem, und m&ouml;chte mich gern
+belehren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es geht mir nicht viel besser, Fremder,&laquo; sagte der Backwoodsman
+seufzend &mdash; &raquo;ich habe auch keine rechte Idee von
+dem Wesen und Treiben der Leute; soviel aber ist gewi&szlig;, da&szlig;
+sie die Fenzen oder Pferche, wie Ihr sie nennen wollt, heute
+oder morgen noch brauchen, wenn der Herr da oben die Gemeinde
+vorbereitet hat, und der andere lange Herr mit dem finsteren
+Gesicht erst in ordentlichen Schu&szlig; und Gang gekommen
+ist &mdash; wenn nicht heute, morgen seht Ihr das gewi&szlig;!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und sind das so ber&uuml;hmte Prediger?&laquo; frug Maulbeere
+etwas erstaunt, denn das &Auml;u&szlig;ere der Leute hatte auf ihn den
+Eindruck nicht gemacht&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Der sanfte Mann der jetzt da oben spricht&laquo; sagte Jack
+mit einem etwas bitteren L&auml;cheln, &raquo;war noch im vorigen Jahr
+ein Schneider in Little Rock, als pl&ouml;tzlich <span class="wide">der Geist</span> &uuml;ber ihn
+kam, wie sie es nennen, und er zu predigen anfing. Er hat
+eine &raquo;sanfte Gabe&laquo; wie die Frauen sagen, und wenn er nur
+anf&auml;ngt zu reden, weinen sie schon vor lauter R&uuml;hrung und
+Wehmuth. Der Andere ist ein Yankee, und war fr&uuml;her ein
+Pedlar, wie man bei uns die &raquo;wandernden Kr&auml;mer&laquo; nennt &mdash;
+betrog alle Welt mit seinen Yankee-Uhren und anderem Tr&ouml;del
+den er zum Verkauf im Lande herumf&uuml;hrte, und &mdash; wurde
+auch auf einmal religi&ouml;s, hielt einen Ausverkauf mit seinen
+Uhren, von denen die Frauen wie toll darauf waren, eine zu
+kaufen, um, wie sie meinten, dem Teufel zugleich eine Seele
+zu entrei&szlig;en, und fing ebenfalls an zu predigen. Die Beiden
+sind jetzt die beliebtesten Redner, die wir hier zu h&ouml;ren bekommen,
+und haben die anderen Circuit-rider wenn nicht ganz
+weggebissen, doch so in den Schatten gedr&auml;ngt, da&szlig; sie sich
+kaum noch sehn lassen. <span class="wide">Ihre</span> Sammlungen fallen auch
+&mdash; jedenfalls die Hauptsache &mdash; immer am reichlichsten aus,
+und f&uuml;r ihre <span class="wide">milden Zwecke</span> nehmen sie Geld und Geldes
+Werth, Hirsch- und Racoonfelle, Talg und Honig und B&auml;renfett.
+Aber jetzt pa&szlig;t auf&laquo; setzte er, mit dem Kopf nach der
+Kanzel winkend hinzu &mdash; &raquo;jetzt kommt Herr Hottenbrocken
+d'ran &mdash; es wird ein hei&szlig;er Tag werden, denn er schneidet ein
+furchtbar finsteres Gesicht.&laquo;</p>
+
+<p>Jack schulterte, w&auml;hrend er die letzten Worte sprach, seine
+B&uuml;chse, drehte sich ab von dem frommen Mann, und schritt
+langsam hinein in den Wald, w&auml;hrend Mr. Hottenbrocken
+allerdings von der Kanzel zu donnern begann, und mit leuchtenden
+Augen und im Anfang zwar noch ziemlich ruhiger,
+dann aber immer wachsender Stimme den zitternden Zuh&ouml;rern
+die Pforten aufri&szlig; die hinab in den Schlund der H&ouml;lle f&uuml;hrten.
+Mit wilden Gesten und rollenden Augen deckte er dabei
+alle Schrecknisse auf, die dort unten der Ungl&auml;ubigen, der
+Tauben die nicht h&ouml;ren, der Blinden die nicht sehen wollten,
+harrten, und seine Rede flo&szlig; ihm gl&uuml;hend hei&szlig; von den in
+wilder Aufregung zitternden Lippen.</p>
+
+<p>Maulbeere, so sehr er sich sonst &uuml;ber derlei Sachen lustig
+machte, war aber pl&ouml;tzlich unendlich aufmerksam geworden,
+dr&auml;ngte sich, so weit sich das f&uuml;glich thun lie&szlig;, nach vorn, kein
+Wort von der Predigt zu verlieren, und verrieth dabei eine
+Andacht, eine Freudigkeit, die sogar mehrmals die Blicke des
+Geistlichen selber auf ihn lenkte und wohlgef&auml;llig auf ihm
+weilen lie&szlig;. Der Eine war Schneider, der Andere Kr&auml;mer
+gewesen, der <span class="wide">Geist</span> gen&uuml;gte &mdash; wenn der Geist kam mu&szlig;te der
+K&ouml;rper gehorchen! &mdash; Die Predigt oben dauerte fort, Maulbeere
+h&ouml;rte sie aber nicht mehr, sein &auml;u&szlig;eres Ohr war anscheinend
+offen, sein inneres lauschte dagegen einem Chaos von
+Speculationen, die sich in dem Gehirn des praktischen Scheerenschleifers
+entwickelten, und ihm seinen &raquo;Gedankenkasten&laquo; mit
+einer Unmasse von Pl&auml;nen und Ideen f&uuml;llten.</p>
+
+<p>So kam der Abend heran; dieser Tag war mehr eine
+Vorbereitung zu der morgenden <span class="wide">Schlacht</span> gewesen, die Mr.
+Hottenbrocken dem Teufel und seinen Helfershelfern angek&uuml;ndigt
+hatte; seine &raquo;Krieger,&laquo; wie er die Frommen und Gl&auml;ubigen
+nannte, waren ger&uuml;stet und geweiht worden zu dem schweren
+Kampf, und die n&auml;chste Sonne sollte ihre untergehenden Strahlen
+auf die Streiter werfen, die mit der Glorie des Herrn siegreich
+aus Kampf und Ringen hervorgegangen w&auml;ren.</p>
+
+<p>Maulbeere verlangte mehr als das zu wissen, und Jack
+Owen schien ihm nicht der rechte Mann dazu, denn er hatte,
+soviel der Scheerenschleifer bis jetzt davon gemerkt, keine Freude
+an der ganzen Sache, war auch in der That nur her&uuml;bergekommen,
+weil er die Frauen nicht zu Hause halten konnte,
+und nicht allein ziehn lassen <span class="wide">wollte.</span> Frauen sind &uuml;berhaupt
+in den meisten F&auml;llen weit besser zu Hause, als bei solchen
+Campmeetings aufgehoben.</p>
+
+<p>Unter den hierhergekommenen And&auml;chtigen befand sich eine
+Familie, die Maulbeere's Aufmerksamkeit schon von allem Anfang
+durch das viele Kochgeschirr und die zahlreichen Proviantkisten
+auf sich gezogen, die sie bei sich f&uuml;hrten. Der Mann,
+wie er sich indessen erkundigt hatte, war Kirchen&auml;ltester, und
+ein gro&szlig;er G&ouml;nner Mr. Hottenbrockens, der oft acht und vierzehn
+Tage auf seiner Durchreise bei ihm blieb, und allabendlich
+in seiner Familie predigte. Diesem introducirte sich Maulbeere
+noch <span class="wide">vor</span> dem Abendessen, enth&uuml;llte ihm den Eindruck,
+den die Predigt heute Nachmittag auf ihn gemacht hatte, und
+bat ihn um die Lebensgeschichte des langen Mannes, der eine
+so fabelhafte Rednergabe, mit solchem Feuereifer und solcher
+Gluth der Sprache vom lieben Herrgott und heiligen Geist
+empfangen habe.</p>
+
+<p>Der Kirchen&auml;lteste nahm ihn freundlich auf; Maulbeere
+mu&szlig;te sich mit zu seinem Feuer setzen und mit ihnen essen, und
+erz&auml;hlte ihnen daf&uuml;r seine Lebensgeschichte mit einer Phantasie,
+die seinen alten Schiffsgef&auml;hrten Theobald gl&uuml;cklich gemacht
+haben w&uuml;rde, und auch hier ihre Wirkung nicht verfehlte. Er
+erfuhr daf&uuml;r Alles was er wissen wollte &mdash; da&szlig; n&auml;mlich nicht
+etwa ein langes Studium erforderlich sei, mit begabter Zunge
+zu reden, sondern da&szlig; solche, die der heilige Geist als Beg&uuml;nstigte
+ausersehen, oft von den niedrigsten Handwerken, aus dem
+s&uuml;ndhaftesten Lebenswandel heraus, zu der hohen W&uuml;rde eines
+Seelenhirten sich emporgeschwungen h&auml;tten, und Lichter
+geworden w&auml;ren, ihren Mitbr&uuml;dern und Schwestern auf dem
+schmalen dornigen Pfad der Tugend voranzuleuchten. Nicht
+einmal ein Examen war dabei erforderlich; es bedurfte eben
+weiter Nichts, als der hohen nat&uuml;rlichen Begeisterung, die,
+f&uuml;r einen monatlichen Gehalt aus einer der frommen Stiftungen
+und Vereine, ihr leibliches Wohl vollkommen in die
+Schanze schlug, und die Arbeit aufnahm im Weinberge des
+Herrn. Schwer war freilich ihre Aufgabe dabei, sie hatten
+nicht allein gegen die s&uuml;ndhaften Ungl&auml;ubigen, sondern auch
+gegen den Antichrist wie eine Menge anderer Sekten anzuk&auml;mpfen,
+aber das Ziel war glorreich &mdash; sie <span class="wide">mu&szlig;ten</span> endlich
+siegen, der Herr war mit ihnen, und die Schlange blutete mit
+zertretenem Haupte unter ihren Hacken.</p>
+
+<p>Das etwa war der Sinn der Rede, die der Kirchen&auml;lteste
+dem mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhorchenden Zach&auml;us
+Maulbeere hielt, und wie dieser sp&auml;t am Abend, wo sich die
+Mehrzahl der hier Gelagerten zur Ruhe begeben, seinen Karren
+zu seinem neuen Besch&uuml;tzer heranschob, und dann in das laut
+gehaltene Nachtgebet inbr&uuml;nstig mit einstimmte, schien ein
+ganz anderer Geist in den sonst so rohen, profanen Menschen
+gefahren zu sein. Die Anderen hatten sich l&auml;ngst wieder erhoben,
+und er kniete immer noch eine Weile allein in still versunkenem
+Gebet, legte sich dann, in seine Decke gewickelt die er vorn an
+den Karren geschnallt mit sich f&uuml;hrte, ohne mit irgend Jemandem
+ein Wort weiter zu wechseln, auf den ihm angewiesenen
+Platz unter ein weit gespanntes Leinwandzelt, und war bald
+sanft und ruhig &mdash; ein etwas lautes Schnarchen abgerechnet
+&mdash; eingeschlafen.</p>
+
+<p>Am anderen Morgen begannen die Predigten ungemein
+fr&uuml;h, und Maulbeere h&auml;tte heute keine Zeit bekommen seine
+Geschicklichkeit zu verwerthen, selbst wenn er es gewollt; er
+dachte aber gar nicht daran, sa&szlig; gleich vom Morgengrauen in
+den vordersten Reihen der Gl&auml;ubigen, und schien sich wirklich
+nur zuf&auml;llig gerade zur Fr&uuml;hst&uuml;ckszeit an dem Feuer des Kirchen&auml;ltesten
+wieder einzufinden. Dieser aber hatte seine innige
+Freude an dem Mann, der, wie er nicht ganz mit Unrecht
+meinte, innerlich und &auml;u&szlig;erlich einer ordentlichen Reorganisation
+bed&uuml;rfe, und die nur allein durch das Wort Gottes erhalten
+k&ouml;nne. &Uuml;brigens sei es ein erfreuliches Zeichen auch
+unter den <span class="wide">Deutschen,</span> die sonst nicht in dem Rufe st&auml;nden,
+viel wirkliche Religiosit&auml;t zu haben, Einzelne zu finden, die
+eine r&uuml;hmliche Ausnahme davon machten.</p>
+
+<p>Zum Fr&uuml;hst&uuml;ck trat eine Pause ein, da die Geistlichen
+selber, zu ihrem heutigen harten Kampfe, einer St&auml;rkung bedurften,
+und es war f&uuml;r Maulbeere ein r&uuml;hrendes Bild, und
+eine Quelle tiefen Nachdenkens, zu sehn, wie sich die <span class="wide">Br&uuml;der,</span>
+in Liebe und Freundschaft darum stritten, die ehrw&uuml;rdigen
+Herren an <span class="wide">ihrem</span> Fr&uuml;hst&uuml;ckstisch bewirthen zu d&uuml;rfen, wo
+ihnen dann das Beste aufgetafelt wurde, was die K&uuml;che aus
+Wald und Strom und Farmhof nur zu liefern vermochte.</p>
+
+<p>Gleich nach dem Fr&uuml;hst&uuml;ck begann die Predigt wieder, die
+aber bis zum Mittagessen wenig Erquickliches bot; es war ein
+Mischmasch von den allergew&ouml;hnlichsten Phrasen, in der
+allergew&ouml;hnlichsten Art vorgetragen; entweder <span class="wide">konnten</span> die Leute
+nichts Besseres liefern, oder sie versparten sich den vollen Eindruck
+auf den Nachmittag und Abend, wo die Zuh&ouml;rer &uuml;berhaupt
+mehr aufgeregt und f&uuml;r das &Uuml;bernat&uuml;rliche mehr empf&auml;nglich
+sind. Maulbeere nichtsdestoweniger hielt gewissenhaft
+aus; Manche seiner Nachbarn und Nachbarinnen, die auch
+entsetzlich in ihrer Andacht durch seinen alten gr&uuml;nen und
+wie glasirten Rock gest&ouml;rt worden waren, schliefen sanft;
+Maulbeere wachte, und verwandte kein Auge von dem Redenden.</p>
+
+<p>Mittag kam, und so sehr sich die Amerikaner vor einem
+unreinlichen Menschen scheuen, hatte Maulbeeres Andacht
+doch besonders die Aufmerksamkeit der Frauen auf sich gezogen;
+er war auch fremd hier, und konnte nicht ohne Nahrungsmittel
+gelassen werden. Maulbeere bekam drei Einladungen
+an verschiedene Feuer, die er alle drei annahm, und
+mit geschickter Zeiteintheilung auch verwerthete. Nach Tisch
+und einer kurzen Ruhezeit, mit der etwa drei Uhr Nachmittags
+heranr&uuml;ckte, begann die Predigt auf's Neue &mdash; jetzt aber mit
+einem andern Geist.</p>
+
+<p>Der Reverend Mr. Sweetlip machte heute Nachmittag
+den Anfang, und die Versammlung, als ob die Leute schon
+eine Ahnung gehabt h&auml;tten, wie der Geist heute wirken w&uuml;rde,
+war zahlreicher als je; Maulbeere aber sa&szlig; in den vordersten
+Reihen.</p>
+
+<p>Mit weicher, schmelzender Stimme begann der ehrw&uuml;rdige
+Mr. Sweetlip seinen aufmerksam lauschenden Zuh&ouml;rern
+die Orte auf dieser Erde zu schildern, wo den armen schwachen
+Menschen Verf&uuml;hrung umlauere, ihn von der Bahn des Guten
+abzulocken; und dabei zeigte er ihnen den Lohn, den sie
+auf dieser Welt schon f&uuml;r ein gottgef&auml;lliges Leben, aber auch
+viel gr&ouml;&szlig;er noch in einer anderen Welt, zu erwarten h&auml;tten:
+in dieser Welt durch ihr ruhiges, zufriedenes Gewissen, das
+ihnen die Brust mit einer unendlichen Wollust und Seligkeit
+f&uuml;lle (und er selber f&uuml;hrte sich dabei zum Beispiel auf, wie er,
+seit er sein Herz dem Himmel zugewandt, in einem wahren
+Meer von Wonne schwimme) und in jener, wo Gott und der
+Heiland ihnen ein beneidenswerthes Loos bereiten w&uuml;rde, so
+sie hier den s&uuml;ndigen irdischen L&uuml;sten widerst&uuml;nden, und ihre
+Augen nur nach dem richteten <span class="wide">was Gottes</span> w&auml;re. Auch
+hierbei lie&szlig; er sich in eine n&auml;here und mehr bildliche Beschreibung
+dieser einstigen Seligkeit, wie er sie sich dachte, ein, und
+schilderte seinen Zuh&ouml;rern mit immer gl&uuml;hender und lebendiger
+werdenden Farben das Paradies, wo sie von Ewigkeit zu Ewigkeit
+oben im Kreis der Engel in den Wolken sitzen, und Hallelujah
+singen w&uuml;rden.</p>
+
+<p>Maulbeere sah sich rasch nach seiner Nachbarin zur Linken
+um, denn diese fing pl&ouml;tzlich an zu st&ouml;hnen, schlo&szlig; die Augen,
+warf den Kopf her&uuml;ber und hin&uuml;ber, und gebehrdete sich etwa
+so, als ob sie einen Anfall von Kr&auml;mpfen erwartete. Der
+Scheerenschleifer dachte auch an seine kleine Hausapotheke die
+er in dem Karren mit sich f&uuml;hrte, an Salmiakgeist und Hofmann'sche
+Tropfen, Einreibungen von Senfspiritus und andere
+entsetzliche Mittel; ehe er aber noch zu einem rechten Entschlu&szlig;
+kommen konnte, begann seine Nachbarin zur Rechten ebenfalls,
+&auml;hnliche T&ouml;ne auszusto&szlig;en und &uuml;berall vor und hinter ihm,
+und rechts und links, fing es an zu &auml;chzen und zu st&ouml;hnen und
+die Ausrufe &mdash; &raquo;<i>Oh Loooord &mdash; glory &mdash; glory &mdash; happy &mdash;
+happy &mdash; blessed Jesus!</i>&laquo; wurden nach allen Seiten hin
+laut, und kamen in Gestalt von gewisserma&szlig;en gewaltsam
+ausgesto&szlig;enen Seufzern zu Tage. Nur erst mit dem Schlu&szlig;
+der Predigt, die in einem langen Gebet endigte, beruhigten
+sich die And&auml;chtigen, und die Frauen hielten ihre Taschent&uuml;cher
+vor die Augen und weinten, als ob ihnen das gr&ouml;&szlig;te
+Herzeleid in der Welt geschehen und nicht die einstige Seligkeit
+geschildert w&auml;re.</p>
+
+<p>Lautloses Schweigen folgte, denn Mr. Hottenbrocken
+kletterte jetzt, nachdem er den ehrw&uuml;rdigen Bruder Sweetlip
+heruntergelassen, auf die Kanzel, &uuml;bersah mit einem, &uuml;ber
+die Massen schweifenden finster drohenden Blick die Versammlung,
+und rief pl&ouml;tzlich, zu voller H&ouml;he aufgerichtet und den
+rechten Arm von sich streckend, mit donnernder Stimme:</p>
+
+<p>&raquo;Br&uuml;der und Schwestern &mdash; Mitb&uuml;rger &mdash; Mitchristen &mdash;
+S&uuml;nder &mdash; <span class="wide">nichtsw&uuml;rdige, elende, erb&auml;rmliche S&uuml;nder</span>
+&mdash; der Tag der Rache ist nahe!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oh Loooooord!&laquo; schrie die eine Mitschwester an Maulbeeres
+Seite, der doch jetzt fand, da&szlig; diese verschiedenen Ausrufe
+keineswegs einem k&ouml;rperlichen Gebrechen, sondern eher
+einer geistigen Vervollkommnung, einer Empf&auml;nglichkeit des
+Herzens f&uuml;r das H&ouml;here, zuzuschreiben sei. Mr. Hottenbrocken
+hatte indessen eine kleine Pause gemacht, als ob er
+seinen Zuh&ouml;rern Zeit geben wollte, &uuml;ber diese Verk&uuml;ndigung
+nachzudenken, und begann nun, nachdem er vorher sein Taschentuch
+herausgenommen und sich vorsichtig geschneuzt hatte,
+mit einer Stimme und einem Ausdruck seine Predigt, als ob er
+in irgend einem gleichg&uuml;ltigen Gespr&auml;ch etwa gesagt h&auml;tte &mdash;
+&raquo;ich glaube wir werden diesen Nachmittag Regen bekommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der ehrw&uuml;rdige Mr. Sweetlip, mein verehrter Bruder
+und flei&szlig;iger Mitarbeiter im Weinberg des Herrn, hat Euch,
+liebe Schwestern und Br&uuml;der, die Freuden des Elysiums geschildert;
+er hat Euch mit gl&uuml;henden lebendigen Farben, wie
+den h&ouml;heren heiligen Sph&auml;ren abgelauscht, die Pl&auml;tze der Seligen
+vorgef&uuml;hrt, wohin die <span class="wide">Guten</span> einst kommen werden. Es
+<span class="wide">giebt</span> einen solchen Platz, liebe Schwestern und Br&uuml;der, wie
+ich Euch wohl kaum noch zu sagen habe, denn Jeder von Euch
+wei&szlig; es &mdash; es steht mit klaren einfachen Worten in der Bibel,
+und ist daher keine Kunst das zu wissen &mdash; Jeder kann das
+wissen der nur lesen kann, oder einen Bekannten hat, von dem
+er wei&szlig;, da&szlig; er ihm keine L&uuml;gen erz&auml;hlt, und der ihm die Geschichte
+vorliest. Also wir sind davon, als einer ausgemachten
+Thatsache, &uuml;berzeugt, <span class="wide">da&szlig;</span> es einen Platz giebt, wohin die Guten,
+die Gerechten vor dem Herrn kommen, und nicht allein
+unsere Phantasie, geliebte Br&uuml;der und Schwestern, verleiht
+diesem Platz die h&ouml;here Wonne, nein auch die heilige Schrift
+giebt uns ziemlich genaue Grundlagen &uuml;ber den etwaigen Zustand
+dort oben, wie ihn mein Bruder in Christo, Mr. Sweetlip
+geschildert hat &mdash; Aber&laquo;&nbsp;&mdash; rief er pl&ouml;tzlich, und unterbrach
+damit gewisserma&szlig;en seine bis dahin vollkommen ruhige
+und wie gespr&auml;chsweis gehaltene Rede &mdash; &raquo;<span class="wide">aber,</span>&laquo; donnerte
+er noch einmal, mit jetzt tief und dr&ouml;hnend schallender Stimme,
+&raquo;aber <span class="wide">wer</span> sind die Gerechten? &mdash; <span class="wide">wo</span> sind sie? &mdash; wie viele
+oder wie wenige sind es ihrer? &mdash; Wehe, wehe, wehe, mein
+Auge streift umher, und keinen Frieden, kein Licht findet es,
+wohin es schweift &mdash; mein Ohr lauscht auch dem leisesten
+Klang, und nur Weheklagen sind es, die es vernimmt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oh Loooooord!&laquo;&nbsp;&mdash; st&ouml;hnte Maulbeere's Nachbarin
+wieder.</p>
+
+<p>Lauter und lauter wurde jetzt die Stimme des Sprechers,
+mit der er jammerte da&szlig; er umsonst das Haupt eines Gerechten
+suche, es mit der ewigen Glorie zu decken &mdash; sie w&auml;ren
+<span class="wide">Alle</span> S&uuml;nder, schlechte, miserabele, elende S&uuml;nder vor dem
+Herrn &mdash; keiner, der bestehen w&uuml;rde vor seiner Gerechtigkeit,
+und nur wenn sie st&uuml;rben, w&uuml;rden sie es den ersten Tag bequem
+haben, sie fortw&auml;hrend bergunter f&uuml;hren, tief tief hinunter
+zu dem h&ouml;llischen Abgrund, wo da ist Heulen und Z&auml;hneklappen,
+dann aber &mdash; dann &mdash;</p>
+
+<p>&raquo;<i>Oh gracious Looooord!</i>&laquo; st&ouml;hnten die Stimmen rechts
+und links &mdash; &raquo;<i>merci, merci &mdash; merci!</i> Gnade! &mdash; sei gut zu
+uns Herr, sei gut zu uns!&laquo; und hie und da standen Einzelne der
+Mitglieder auf, und taumelten mehr als sie gingen unter dem
+<i>glory-, glory-</i> und <i>happy-, happy-</i>Rufen in den einen kleinen
+Pferch, der zur Linken des Predigers stand, wo sie sich auf die
+Knie warfen, und laut und br&uuml;nstig, nur von einzelnen
+Schreien unterbrochen, an zu beten fingen.</p>
+
+<p>Maulbeere wurde unruhig, er blickte um sich her und
+sah seine Nachbarn an, machte sogar ein paar Mal Miene aufzustehen,
+setzte sich aber immer wieder nieder. Das Gest&ouml;hne
+um ihn her wurde dabei immer toller, und je wilder und feuriger
+der Mann auf der Kanzel jetzt anfing mit rasselnder,
+dr&ouml;hnender Stimme die Qualen der Verdammten zu schildern,
+und lauter und drohender der ganzen Schaar seiner Zuh&ouml;rer
+ein &auml;hnliches Schicksal zu prophezeihen, je mehr er mit den Armen
+warf und seine langen Glieder umherzuschlenkern begann,
+die Augen dabei verdrehte und mit der Stimme, vielleicht das
+Wimmern der Gepeinigten nachzuahmen, in ein Gekreisch und
+Gewinsel fiel, und dann wieder um Gnade, Gnade schrie f&uuml;r die
+Verdammten, um deren Glieder er schon die Lohe schlagen
+s&auml;he, die im ewigen Feuer zuckten und sich kr&uuml;mmten und die
+Arme umsonst flehend, H&uuml;lfe suchend, herausstreckten aus
+dem knisternden Verderben, da erreichte der Aufruhr und L&auml;rmen
+einen furchtbaren Grad. Die Leute sprangen und heulten
+auf ihren Sitzen, schlugen mit den Armen und Beinen
+um sich, und klammerten sich aneinander an, als ob sie schon
+jetzt f&uuml;rchteten von dem h&ouml;llischen Feind gefa&szlig;t, und nach seinen
+Regionen niedergef&uuml;hrt zu werden.</p>
+
+<p>In dem links gelegenen Pferch hatten sich inde&szlig; die
+&raquo;B&ouml;cke&laquo; mehr und mehr angesammelt &mdash; es waren die, die
+sich als die gr&ouml;&szlig;ten, nichtsw&uuml;rdigsten S&uuml;nder erkannten &mdash;
+und lagen hier auf den Knieen, rangen die H&auml;nde, heulten,
+schrieen, und gebehrdeten sich mit einen Wort wie Verr&uuml;ckte.
+Zwangsjacken w&auml;ren auch in der That das einzige gewesen, was
+sie h&auml;tte halten k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Mr. Hottenbrocken oben auf seiner Kanzel aber fing an
+zu triumphiren.</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Da</span> kommen sie!&laquo; schrie er mit ausgestrecktem Arm und
+Finger niederdeutend, auf die mehr und mehr dem Pferch Zudr&auml;ngenden,
+(M&auml;nner und Frauen und M&auml;dchen, Alles durcheinander)
+und sein Auge scho&szlig; Blitze, seine Gestalt hob sich
+h&ouml;her und gewaltiger, und zog sich dann manchmal in sich
+selbst zusammen, als ob er noch unschl&uuml;ssig sei, vielleicht mit
+einem Satz &uuml;ber die Barriere weg, mitten zwischen die Schaar
+hineinzuspringen &mdash; &raquo;da dr&auml;ngen sie herbei, vom Teufel gepeitscht,
+der hinter ihnen mit ausgespreizten Krallen dreinspringt,
+den Einen oder Anderen noch von denen die ihm
+entfliehen wollen zur&uuml;ckzurei&szlig;en in sein Reich der Verdammni&szlig;!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<i>Oh L&mdash;o&mdash;o&mdash;o&mdash;o&mdash;o&mdash;rd &mdash; merci &mdash; merci!</i>&laquo;
+schrieen die Frauen wieder, die sich jetzt zwischen den B&auml;nken
+anfingen &auml;ngstlich umzusehn, und sogar manchmal mistrauische
+Blicke auf den Scheerenschleifer warfen &mdash; &raquo;habe Gnade mit
+uns, barmherziger Gott; rette uns, rette uns vor dem Teufel
+&mdash; rette uns vor dem ewigen Feuer!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gnade?&laquo; schrie aber der Mann auf der Kanzel mit seiner
+Donnerstimme nieder in den L&auml;rm und Aufruhr &mdash; &raquo;Gnade
+wollt Ihr? &mdash; Gnade f&uuml;r Euere <span class="wide">S&uuml;nden?</span> &mdash; Gnade f&uuml;r
+Euern <span class="wide">Unglauben?</span> Gnade f&uuml;r Euere verderbten und verstockten
+Herzen? &mdash; der Fluch <span class="wide">Gottes</span> wird Euch treffen am
+j&uuml;ngsten Gericht &mdash; niederschmettern wird er Euch in den
+Staub, die Ihr Euch jetzt am stolzesten und h&ouml;chsten w&auml;hnt &mdash; niederschmettern
+in ewige Verdammni&szlig; und Nacht und Finsterni&szlig;
+und ewiges Feuer, wo Satan die Macht &uuml;ber Euch haben
+wird und die Kraft und die Gewalt; und <span class="wide">dort</span> steht er!&laquo; schrie
+er pl&ouml;tzlich wild gellend auf, mit dem ausgestreckten Arm gegen
+den Wald hinauszeigend &mdash; &raquo;dort grinst er her&uuml;ber auf Euch
+und fletscht die gelben f&uuml;rchterlichen Z&auml;hne! &mdash; dort steht er
+und sch&uuml;ttelt sich vor Lachen und innerer grimmiger Lust, wie
+er die Heerde sieht, die er bald eintreiben kann in sein h&ouml;llisches
+Reich, die Opfer sieht, die ihm verfallen sind durch ihre
+eigene S&uuml;nde und Lust und rettungslos, rettungslos verloren gehn!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<i>Merci &mdash; merci &mdash; glory &mdash; glory &mdash; oh Looooord!</i>&laquo;
+schrie und st&ouml;hnte die Schaar wieder, und ein solches W&uuml;then
+und Dr&auml;ngen und &Auml;chzen und Winzeln begann zwischen den
+Menschen, da&szlig; Maulbeere mistrauisch die Leute von der Seite
+ansah, und doch nicht herausbekommen konnte ob sie im Ernst
+waren, oder sich nur verstellten.</p>
+
+<p>Und trotzdem war der Paroxismus noch nicht zum h&ouml;chsten
+Grade gestiegen. Der Geistliche auf der Kanzel hatte
+wieder eine Pause gemacht; es fehlten ihm Worte weitere
+Schrecken heraufzubeschw&ouml;ren, das Schlimmste was er hatte
+auff&uuml;hren k&ouml;nnen war geschehn &mdash; der Teufel stand mit gekr&uuml;mmten
+Krallen hinter den B&auml;umen und lauerte auf seine
+Opfer; <span class="wide">der</span> Schrecken mu&szlig;te jetzt wirken und dann <span class="wide">die M&ouml;glichkeit</span>
+der eingesch&uuml;chterten Schaar gezeigt werden, dem zu
+entgehn.</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;hlt Ihr Euere Gefahr? &mdash; erkennt Ihr den Abgrund
+an dem Ihr steht?&laquo; rief der lange finstere Mann pl&ouml;tzlich wieder
+mit nicht sehr lauter, aber zu den entfernteren Stellen dringender,
+bohrender Stimme, &raquo;habt Ihr das schwarze Meer, mit
+seinen st&uuml;rmenden rollenden Wogen gesehn, das &uuml;ber Euch hereinw&auml;lzen
+will, Euch in seine Tiefe zu ziehn? &mdash; <span class="wide">f&uuml;hlt</span> Ihr
+endlich Euere Nichtigkeit, Euere Erb&auml;rmlichkeit, Euere S&uuml;nde,
+die schwarz genug ist da&szlig; sie die Sonne verfinstern und der
+Engelein Gnadengebet ersticken k&ouml;nnte? &mdash; <span class="wide">f&uuml;hlt</span> Ihr sie?
+wi&szlig;t Ihr da&szlig; Ihr <span class="wide">verloren</span> sein m&uuml;&szlig;tet &mdash; rettungslos, erbarmungslos
+f&uuml;r immer und ewig, wenn Ihr nur das bek&auml;mt
+was Ihr hier <span class="wide">verdient?</span> nur dem <span class="wide">gerechten</span> Richter
+gegen&uuml;ber?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<i>Oh Looooooo'od a massy!</i>&laquo; schrie eine dicke, vor Maulbeere
+sitzende Negerin jetzt mit gellendem Aufkreisch, und fiel
+von der Bank herunter auf der sie gesessen, als ob sie todtgeschossen
+w&auml;re. Niemand bek&uuml;mmerte sich aber um sie, und sie
+blieb eine Weile regungslos liegen, ohne ein Glied zu r&uuml;hren.</p>
+
+<p>&raquo;Aber <span class="wide">noch</span> ist es Zeit!&laquo; donnerte da pl&ouml;tzlich des Redenden
+Stimme, wie eine schmetternde Posaune Heil verhei&szlig;end
+durch den Wald &mdash; &raquo;<span class="wide">noch</span> ist die zw&ouml;lfte Stunde nicht vor&uuml;ber,
+noch h&auml;lt der Engel der Gnade die Hand ausgestreckt
+nach den Strauchelnden &mdash; <span class="wide">noch</span> ist es Zeit Mitbr&uuml;der, Mitschwestern,
+der Himmel ist offen, das Licht des Heilands leuchtet
+Euch entgegen, das Wort der Verhei&szlig;ung kann noch Wahrheit
+werden &mdash; <span class="wide">noch</span> ist es Zeit Gentlemen &mdash; Br&uuml;der, Schwestern,
+Reisegef&auml;hrten!&laquo; schrie der Mann, der beinah in der
+Hitze der Rede in sein altes Gesch&auml;ft, das Auktioniren,
+gefallen w&auml;re und eben noch Raum fand wieder einzulenken &mdash;
+&raquo;<span class="wide">noch</span> ist es Zeit &mdash; kommt, kommt, kommt zu dem Herrn &mdash;
+kommt, kommt, kommt zu Jesus Christus &mdash; kommt &mdash; oh
+kommt in des Heilands Arme, der Euch rettet aus Noth, Tod
+und Verdammni&szlig; &mdash; kommt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<i>Glory &mdash; glory &mdash; happy &mdash; happy!</i>&laquo; br&uuml;llte und
+tobte da pl&ouml;tzlich die Masse &mdash; &raquo;<i>blessed be de Looo'd</i> Dschisos!&laquo;
+schrie die dicke Negerin mit einem gewaltigen Ruck sich
+emporrichtend, da&szlig; sie gerade vor Maulbeere auf die Erde zu
+sitzen kam, und ihm starr in's Antlitz sah. Aber &uuml;berall zu
+gleicher Zeit brach der langverhaltene Sturm jetzt donnernd
+los &mdash; M&auml;nner und Frauen sprangen empor, rissen sich die
+R&ouml;cke vom Leib, die T&uuml;cher von den Schultern, rauften sich die
+Haare, schlugen sich die Brust, st&ouml;hnten, kreischten, schrieen,
+den dicken Schaum auf den Lippen, gro&szlig;e Schwei&szlig;tropfen auf
+der Stirn, und die Augen fast aus ihren H&ouml;hlen dr&auml;ngend.</p>
+
+<p>Es w&auml;re &uuml;berhaupt unm&ouml;glich dem Leser auch nur im
+Entferntesten eine solche Scene lebendig genug zu beschreiben,
+da&szlig; er sich selber hineindenken k&ouml;nnte; etwas Derartiges mu&szlig;
+man selber gesehn und erlebt haben, und ist es dann vorbei,
+zweifelt man trotzdem wieder ob es wirklich geschehn sein
+<span class="wide">k&ouml;nne,</span> ob nicht ein toller Fiebertraum uns geneckt, und selbst
+der Erinnerung glauben wir nicht mehr, die uns solch wildes,
+tolles Zeug will aufbewahren. Nichts Geisterhafteres, Unnat&uuml;rlicheres
+giebt es auf der weiten Gotteswelt, als diese
+Scenen, wo der heilige Geist von den schaumbedeckten Lippen
+wahnsinniger Schw&auml;rmer sprechen soll, und diese sich auf der
+Erde w&auml;lzen, die Fingern&auml;gel in den Boden einw&uuml;hlen, den
+Rasen bei&szlig;en und <i>glory, glory!</i> schreien, Ruhm dem Herrn
+in der H&ouml;he!</p>
+
+<p>Viele mag es dabei geben, die einen solchen Zustand aus
+irgend einem Grunde heucheln; die sich eben nur stellen als
+ob der &raquo;Geist&laquo; &uuml;ber sie k&auml;me, mit den Armen und Beinen
+werfen, und solcher Art einen sehr billigen Ruf gro&szlig;er Religiosit&auml;t
+erlangen, vielleicht Einla&szlig; in manche Familie zu bekommen,
+deren Kreis ihnen sonst verschlossen geblieben w&auml;re.
+Ebenso gewi&szlig; ist es aber auch, da&szlig; Viele, <span class="wide">sehr</span> viele in Wirklichkeit
+und Wahrheit in diesen Zustand verfallen, da&szlig; sie nur
+durch die oft vollkommen sinnlose, nur mit einer gewissen Begeisterung
+und mit steigendem Affekt gesprochene Rede in einen
+halb bewu&szlig;tlosen &uuml;berspannten Zustand gerathen, in dem sie sich
+der Erde entr&uuml;ckt und von einem anderen, au&szlig;er-, und jedenfalls
+&uuml;berirdischen Wesen begeistert w&auml;hnen.<a name="fn_2r" id="fn_2r"></a><a href="#fn_2"><small><sup>2</sup></small></a> Fieberanf&auml;lle folgen
+nicht selten demselben, und die aufgeregte Einbildungskraft ist
+nachher jedenfalls sehr leicht im Stande das, wo sich etwa noch
+eine L&uuml;cke in ihren Gedanken und Bildern finden sollte, mit
+Leichtigkeit auszuf&uuml;llen. Auf Jemandem aber, der einer solchen
+Versammlung mit kaltem, ruhigen Blute beiwohnt, macht sie
+unausweichlich den Eindruck eines Haufens wahnsinniger
+Menschen, die losgebrochen sind, und die kurze Zeit ihrer
+Freiheit geschwind benutzen, sich einmal recht t&uuml;chtig auszuschrein.</p>
+
+<p>In diesen Pferchen besonders, wohin die sich dr&auml;ngen, die
+den heiligen Geist &uuml;ber sich kommen f&uuml;hlen, geht es zuweilen
+zu, da&szlig; man sich mit Ekel von einem solchen Bilde menschlicher
+Entw&uuml;rdigung abwendet, und doch f&uuml;hlen sich diese verblendeten
+Menschen auf dem Gipfel menschlicher Erh&ouml;hung,
+und werden nat&uuml;rlich darin von den Geistlichen, die den
+Erfolg ihrer Wirksamkeit nach den K&ouml;pfen ihrer geretteten <span class="wide">Schaafe</span>
+z&auml;hlen, best&auml;rkt.</p>
+
+<p>Ich wei&szlig; wirklich nicht, ob der Ausdruck &raquo;Schaaf&laquo; in
+<span class="wide">solchen</span> F&auml;llen hinl&auml;nglich und stark genug bezeichnend ist &mdash;
+er gen&uuml;gt mir sehr h&auml;ufig bei uns nicht einmal.</p>
+
+<p>&raquo;Glory! Glory! Hallelujah!&laquo; br&uuml;llte die Schaar, &raquo;heiliger
+Geist komm &mdash; senke Dich auf uns herab, rette uns, hilf uns
+&mdash; <i>glory, happy, happy, happy!</i>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Uch!&laquo; schrie oder kreischte da pl&ouml;tzlich eine einzelne
+Stimme, so scharf und gellend durch die Mist&ouml;ne um sie her,
+da&szlig; sich selbst von den augenblicklich Begeisterten Viele, halb
+dabei aus ihrer Rolle fallend, nach der Stelle umsahen, von
+wo der merkw&uuml;rdig wilde, unheimliche Laut ert&ouml;nte, und hier
+bot sich ihnen allerdings ein neues seltsames Schauspiel.</p>
+
+<p>Zach&auml;us Maulbeere hatte der Geist ergriffen, und w&auml;hrend
+die dicke Negerin, die sich wieder aufgerichtet, seine Knie
+umklammert hielt und abwechselnd H&uuml;lfe und Glory! schrie,
+stand Maulbeere auf der Bank, auf der er bisher gesessen, mit
+blo&szlig;em Kopf, an der Stirn noch die Spuren des niedergelaufenen
+Regenwassers von der vorigen Nacht, die Arme
+zum Himmel ausgestreckt, und das Gesicht ebenfalls dorthin
+erhoben, und tobte &auml;rger als Einer der Anwesenden
+sein <i>happy &mdash; happy &mdash; happy</i> dem gr&uuml;nen Waldesdome
+entgegen.</p>
+
+<p>&raquo;Dort ist <span class="wide">noch</span> ein Schaaf!&laquo; schrie der Geistliche von
+der Kanzel nieder, mit dem Arm auf den begeisterten Scheerenschleifer
+deutend, und mit funkelnden, fast wie beutelustigen
+Augen die Wirkung seiner Rede an dem Fremden beobachtend
+&mdash; &raquo;dort ist ein verirrtes, abtr&uuml;nniges Schaaf das zur Heerde
+zur&uuml;ckkehrt &mdash; ein Lamm das sich in den H&auml;nden des Herrn
+vor den Krallen des Teufels bergen will &mdash; eine Taube, die
+den F&auml;ngen des ewig nagenden Geyers zu entziehen sucht. &mdash; Oh
+komm &mdash; komm Lamm Gottes &mdash; komm in den himmlischen
+Pferch &mdash; komm in die Arme des Heilands, die sich liebend
+und sehns&uuml;chtig nach Dir ausstrecken &mdash; oh komm &mdash; oh
+komm! &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin ein arger S&uuml;nder gewesen!&laquo; schrie da Maulbeere,
+pl&ouml;tzlich seine Brust schlagend und einen vergeblichen Versuch
+machend sich von der dicken Schwarzen zu befreien &mdash; &raquo;ein
+nichtsw&uuml;rdiger, verstockter S&uuml;nder &mdash; eine Kerze des Satans,
+ein Pflegekind der H&ouml;lle &mdash; der rothen, feurigen, flammenden
+H&ouml;lle.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<i>Oh do&mdash;nt &mdash; do&mdash;nt &mdash; oh Loooood</i>&laquo; schrie die
+Schwarze dazwischen.</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich f&uuml;hle die Kraft in mir,&laquo; fuhr Maulbeere in
+seiner Begeisterung fort &mdash; &raquo;Alles abzuwerfen was mich bis
+dahin gehalten (ausgenommen die Schwarze, die nicht von ihm
+lie&szlig;), ich f&uuml;hle den <span class="wide">Geist</span> kommen &mdash; ja Br&uuml;der, ja Schwestern,
+ich f&uuml;hle den Geist kommen, den heiligen, lieben, gesegneten Geist!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<i>Oh glory &mdash; glory &mdash; glory &mdash; happy &mdash; happy!</i>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich f&uuml;hle, wie es in mir tobt und w&uuml;hlt und brennt; <span class="wide">das</span>
+ist das Feuer das die S&uuml;nde l&auml;utert, das ist der letzte Rest der
+S&uuml;nden die jetzt verkohlen und verfliegen &mdash; ich komme &mdash; ich
+komme &mdash; <span class="wide">heih!</span>&laquo;</p>
+
+<p>Seine Worte arteten zuletzt in eine Art Geheul aus &mdash;
+Augen schienen aus ihren H&ouml;hlen herauszudr&auml;ngen, die
+struppigen Haare sahen in diesem Augenblick so aus als ob sie
+vor Entsetzen emporst&auml;nden, und mit einer gewaltigen und
+wirklich verzweifelten Kraftanstrengung aus den ihn umklammernden
+Armen der Negerin sich herauswindend, und jetzt ebenfalls
+<i>glory, glory, happy, happy</i> rufend, arbeitete er sich nach
+dem schon vollgedr&auml;ngten Pferch durch, kletterte &uuml;ber die Fenz,
+sprang mitten in den Haufen hinein, und verschwand dort in
+dem Gew&uuml;hl und Zucken menschlicher Gliedma&szlig;en, die sich auf
+dem bestreuten Boden wanden.</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h2><a name="kap3" id="kap3"></a>Capitel 3.</h2>
+<h3>Der wandernde Kr&auml;mer.</h3>
+
+<p>Warm und freundlich schien die Sonne nieder auf die
+weiten gr&uuml;nen Prairieen von Illinois, die sich in ungeheueren
+Fl&auml;chen, nur hie und da von einem dunklen Streifen hoher
+Eichen unterbrochen, nach Nord und S&uuml;d, nach Ost und Westen
+dehnten. Wie eine wogende See stand dabei das hohe,
+&uuml;ppige Gras in der frischen Westbrise, die dar&uuml;ber hinstrich,
+und lichte, rasch &uuml;ber die Oberfl&auml;che laufende Wellen bildete,
+t&auml;uschend &auml;hnlich einer ruhigen See, &uuml;ber die ein leiser
+Passat die leicht gekr&auml;u&szlig;ten, eben nur sich hebenden Wogen
+zieht.</p>
+
+<p>Wie Inseln darin, um die T&auml;uschung noch gr&ouml;&szlig;er zu
+machen, lagen einzelne kleine Farmen weit zerstreut, deren
+Maisfelder gleichfalls wogten und dem Wind sich neigten,
+und das gr&uuml;ne Wasser darstellen konnten in der N&auml;he des Landes,
+w&auml;hrend die Prairieen schon eine dunklere, gelblichere
+F&auml;rbung angenommen. Daraus vor aber ragten die kleinen
+grauen D&auml;cher der Blockh&auml;user, mit ihren blauen d&uuml;nnen
+Rauchstreifen, die weit &uuml;ber die Fl&auml;che zogen; Felsen gleich, an
+denen sich die Brandung brach, w&auml;hrend in den Wogen der
+Prairieen selber zahlreiche Heerden, nur mit Kopf und R&uuml;cken
+oft aus dem schwellenden Gras herausreichend, das seine Wellen
+an ihnen vor&uuml;bertrieb, herumschwammen, oder die breiten
+gutm&uuml;thigen K&ouml;pfe witternd und schn&uuml;ffelnd der frischen Luft
+entgegenhielten.</p>
+
+<p>Aber kein Fahrzeug strich auf dem weiten wasser&auml;hnlichen
+Grasspiegel einher; vergebens suchte das Auge nach einem
+lichten Segel, die T&auml;uschung nicht gr&ouml;&szlig;er zu machen, sondern
+mehr fast zur Best&auml;tigung, da&szlig; die&szlig; nicht Land- und Pflanzenwuchs,
+sondern wirklich schiffbares, wogendes Wasser sei.</p>
+
+<p>&raquo;Ein Kahn!&laquo; von den gr&uuml;nen Wellen getragen schwimmt,
+einen dunklen Streifen hinter sich herziehend, ein schmaler
+dunkler Kahn dahin, und ein einzelner Ruderer sitzt darin, still
+und regungslos sein Forttreiben Wind und Str&ouml;mung &uuml;berlassend.
+Mit Gewalt mu&szlig; sich das Auge zuletzt zwingen in
+dem kleinen Kahn und Ruderer Mann und Pferd zu erkennen,
+die langsam einem schmalen, sich durch die Prairie ziehenden
+Wege folgen, und gerade auf die n&auml;chste, von einem kleinen
+Feld begrenzte Blockh&uuml;tte zuhalten.</p>
+
+<p>Der Reiter aber war ein alter Bekannter von uns, Georg
+Donner, der, langsam seinen Weg verfolgend, die kleine H&uuml;tte
+endlich erreichte, und dort seinem Pferde kurze Rast zu g&ouml;nnen
+beschlo&szlig;. Die ganze Umgebung des Hauses lie&szlig; ihn auch auf
+Landsleute als Eigenth&uuml;mer schlie&szlig;en, und den Z&uuml;gel seines
+klugen wackeren Thiers abstreifend, band er ihm die Vorderf&uuml;&szlig;e,
+nach Landesart zusammen, und lie&szlig; es sich sein Futter
+auf der weiten Wiese selber suchen. Da ging die Th&uuml;r der
+H&uuml;tte auf, und ein junges, rothwangiges, kr&auml;ftiges und auch
+recht h&uuml;bsches M&auml;dchen von etwa achtzehn Jahren trat auf die
+Schwelle, den Fremden neugierig betrachtend.</p>
+
+<p>&raquo;Gr&uuml;&szlig; Euch Gott, Kind,&laquo; rief ihr dieser freundlich entgegen,
+&raquo;kann man ein Glas Milch hier bekommen? &mdash; es
+ist warm heute und das Wasser in der Prairie schmeckt
+schlecht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Recht gern und so viel Ihr wollt &mdash; gr&uuml;&szlig; Euch Gott,&laquo;
+sagte das M&auml;dchen, rasch in das Haus zur&uuml;ckgehend und bald
+mit einem gro&szlig;en, bis zum Rand gef&uuml;llten Blechmaas voll
+Milch wiederkehrend. &raquo;Ihr seid wohl von weit her unterwegs?&laquo;
+frug sie dann, als Georg das Gef&auml;&szlig; dankend an die
+Lippen hob, und einen langen durstigen Zug daraus that.</p>
+
+<p>&raquo;Ich komme von Wisconsin herunter, wo ich ein Jahr
+mich aufgehalten,&laquo; sagte der junge Mann.</p>
+
+<p>&raquo;Von Wisconsin; da soll es auch recht gut sein &mdash; wir
+haben viel Freunde dr&uuml;ben, die mit uns &uuml;ber See gekommen
+sind &mdash; wir wollten auch erst dorthin, aber die Schwester wurde
+hier krank, und da dem Vater die Gegend gefiel, blieben wir
+da, und lie&szlig;en die andern weiter ziehn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und es geht Euch gut hier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gott sei Dank, ja; wir haben ziemlich billig gekauft,
+und die Jahre nun, die wir hier sind, recht sparsam gelebt und
+recht flei&szlig;ig gearbeitet, und da sieht man doch da&szlig; man vorw&auml;rts
+r&uuml;ckt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;So kommt Ihr hier besser fort wie in Deutschland?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ei Gott ja, <span class="wide">viel</span> besser; lieber Himmel dort fra&szlig;en die
+Steuern, was wir mit M&uuml;he und Noth erzwingen konnten;
+wir schafften und schafften, da&szlig; uns das Blut unter den N&auml;geln
+vorkam, aber nur schlimmer wurd' es, nicht besser; wir
+<span class="wide">konnten</span> nicht erschwingen was wir brauchten, und langsam
+aber sicher ging's bergunter. Hier ist's besser; arbeiten m&uuml;ssen
+wir freilich auch, beinah so viel wie in Deutschland, aber was
+wir einnehmen ist unser, wir brauchen Nichts davon abzugeben,
+haben keine groben Gerichtsleute die uns qu&auml;len, und keine
+Taxen und Steuern, die Einem das Mark aus den Knochen
+saugen. Auch das Land ist vortrefflich; was man pflanzt
+gedeiht, und wenn wir nur ein Bischen mehr an einem gro&szlig;en
+Flu&szlig; wohnten, da&szlig; wir Alles gleich verkaufen k&ouml;nnten was wir
+bauen, w&auml;r's noch viel besser. Die Leute sagen freilich, da&szlig;
+wir eine Eisenbahn hier vorbeibekommen, nachher w&auml;r's schon
+gut. Wo seid <span class="wide">Ihr</span> her, wenn man fragen darf?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aus Waldenhayn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aus Waldenhayn &mdash; Jesus, in unserer Gegend liegt
+auch ein Waldenhayn, aber s'ist doch wohl nicht das&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und welches ist das?&laquo; l&auml;chelte der junge Mann.</p>
+
+<p>&raquo;Krisheim &mdash; und Bachstetten liegt auch nicht weit von
+dort, der Pfarrer von Bachstetten ist ein Bruder vom Waldenhayner
+Pfarr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Der</span> Waldenhayner Pfarr' ist mein Vater,&laquo; sagte Georg.</p>
+
+<p>&raquo;Und Ihr seid in Krisheim gewesen?&laquo; frug das M&auml;dchen
+und hohe freudige R&ouml;the go&szlig; sich ihr &uuml;ber Stirn und
+Schl&auml;fe.</p>
+
+<p>&raquo;Oft und oft; es sind ja nur h&ouml;chstens vier Stunden
+von unserem Ort.&laquo;</p>
+
+<p>Das M&auml;dchen sah dem jungen Mann fest und forschend
+dabei in die Augen, und dann drehte sie sich pl&ouml;tzlich ab, und
+die hellen klaren Thr&auml;nen liefen ihr an den Wimpern nieder.</p>
+
+<p>&raquo;Ihr h&auml;ngt wohl noch recht an daheim?&laquo; sagte Georg
+endlich leise und nach langer Pause, &raquo;m&ouml;chtet Ihr wieder
+zur&uuml;ck?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; nicht,&laquo; fl&uuml;sterte das M&auml;dchen, immer noch
+von ihm abgewandt, &raquo;ich hatt' es schon beinah vergessen, und
+seit dem letzten Weihnacht wenig mehr daran gedacht &mdash; wenn
+ich aber den Ort wieder nennen h&ouml;re, und nun gar wieder
+Jemanden sehe, der selber dort war, selber eigentlich dorthin
+geh&ouml;rt, dann &mdash; dann f&auml;ngt's freilich wieder an zu stechen,
+und &mdash; und es kommt mir dann manchmal doch wohl vor,
+als ob ich das alte, liebe Dorf im Leben nimmer vergessen
+k&ouml;nnte. &mdash; Wenn ich an den Kirchthurm denke und &mdash; und
+was daneben liegt &mdash; und an die gro&szlig;en Linden &mdash; nur an
+den Weg der dorthin f&uuml;hrt, m&ouml;cht ich mir die Augen aus dem
+Kopfe weinen. &mdash; Aber der Vater darf's nicht merken,&laquo; setzte
+sie rasch hinzu, &raquo;sagt Ihm Nichts wenn er kommt. Es ist
+ihm gerade so wie uns zu Muthe, ich wei&szlig; es wohl, wenn
+er sich's auch nicht will merken lassen &mdash; aber weinen kann er
+nicht, das geht ihm nicht von der Hand, und da wird er
+lieber grob, wenn er's auch nicht so b&ouml;se meint und &mdash; wenn
+man eigentlich wei&szlig; warum er's wird, m&ouml;cht' man ihn nur
+um so lieber d'rum haben.&laquo;</p>
+
+<p>Georg war es, als er das M&auml;dchen so plaudern, und
+selbst den Dialekt aus seiner eigenen Gegend dabei h&ouml;rte,
+ebenfalls recht weich um's Herz geworden; ihm selber klang
+die Rede wie Glockent&ouml;ne aus der Heimath, und er h&auml;tte
+den lieben Lauten stundenlang lauschen m&ouml;gen, so wohl,
+so weh wurde ihm dabei in der Brust. Von der Fenz her&uuml;ber
+t&ouml;nte da das Knallen einer Peitsche, Stimmen wurden laut
+und der Bauer, mit seiner andern Tochter, Lisbeth, kam den
+Weg die Fenz entlang; der Mann hatte frischen Mais aus
+dem Felde in seinem kleinen Karren geholt, und das M&auml;dchen,
+wie ein Knabe von etwa dreizehn Jahren, ihm dabei aufladen
+helfen. Die Leute sahen frisch und wohl aus mit ihren sonnverbrannten
+aber gesunden Gesichtern, und man merkte es
+ihnen an, da&szlig; sie die Arbeit freute die sie thaten. Sie luden
+auch den jungen Mann freundlich ein bei ihnen die Nacht zu
+bleiben und sich und sein Pferd auszuruhen, von dem langen
+Ritt in der Sonne. Georg aber hatte keine Ruh, es zog ihn
+nach Indiana hin&uuml;ber, wo er wenigstens h&ouml;ren wollte wie es
+denen ging, an denen sein Herz, so weh ihm auch der Mann
+gethan, den er vor allen Anderen gern geliebt h&auml;tte, mit festen
+&mdash; er f&uuml;rchtete unzerrei&szlig;baren Banden hing, und je l&auml;nger er
+sich fern gehalten von dem Platz, destomehr dr&auml;ngte und trieb
+es ihn jetzt, wo seines Pferdes Kopf der Richtung sich wieder
+zuwandte.</p>
+
+<p>Eine kleine Weile plauderte er noch mit den Leuten; es
+that ihm wohl hier zufriedene, gl&uuml;ckliche Menschen zu sehn,
+die dem Lande ihr Brod sauer genug abverdienen mu&szlig;ten, die
+aber die Schultern ernst dagegen stemmten, gegen das Werk,
+und, wenn auch langsam vorr&uuml;ckten, doch eben sahen, <span class="wide">da&szlig;</span> sie
+vorr&uuml;ckten, und sich gl&uuml;cklich dabei f&uuml;hlten.</p>
+
+<p>&raquo;Die gebratenen Tauben fliegen uns hier nicht in den
+Mund,&laquo; sagte der Mann unter Anderem und im Laufe des
+Gespr&auml;chs l&auml;chelnd, &raquo;wie sie uns manchmal, als wir von
+Deutschland fortgingen, vorgehalten haben, da&szlig; wir so etwas
+erwarteten; aber wenn wir richtig zugreifen und unsere Knochen
+nicht schonen, dann k&ouml;nnen wir uns doch Tauben braten,
+und haben dann welche, und in Deutschland ging das eben
+<span class="wide">nicht</span> mehr an. Das erste Jahr haben wir uns freilich t&uuml;chtig
+placken m&uuml;ssen, und sind bei anderen Leuten in Dienst gegangen,
+alle miteinander &mdash; es war ein schweres Jahr, aber
+es ging vor&uuml;ber, wir lernten auch das Land dabei kennen und
+die Arbeit, und nun hab' ich das kleine Grundst&uuml;ck hier gekauft.
+&mdash; Ganz ist's freilich noch nicht bezahlt, aber in zwei
+Jahren hoffentlich ist's mein, und mit dem Vieh was ich
+indessen ziehe, und das den Werth der Farm erh&ouml;ht, k&ouml;nnen
+wir der Zukunft ruhig und sorgenfrei entgegengehn.&laquo;</p>
+
+<p>Der Mann hatte hundert Preu&szlig;ische Thaler mit her&uuml;bergebracht,
+und mit dem dazu was er und seine Familie das
+erste Jahr verdient, den Stamm gelegt, der ihm eine sorgenfreie
+Existenz geben konnte.</p>
+
+<p>Georg fing sein Pferd endlich wieder ein, band die
+Hobbeln ab, legte ihm den Z&uuml;gel wieder an, und ritt nach freundlichem
+Abschied von den Leuten auf dem ausgeruhten Thiere
+rascher die etwas staubige Stra&szlig;e entlang, wo er, wie ihm
+der Hesse gesagt hatte, noch eine andere kleine deutsche Farm
+erreichen w&uuml;rde, die ebenfalls ziemlich armen, aber braven, flei&szlig;igen
+Deutschen geh&ouml;rte. Es waren noch zw&ouml;lf Englische Meilen
+bis dorthin, und kein Haus lag dazwischen, kein Baum &mdash;
+unabsehbar mit dem wogenden Gras den Horizont begrenzend,
+dehnte sich die weite Prairie um ihn aus.</p>
+
+<p>Erst unfern dem Haus lief ein kleiner Steppenstrom dem
+Wabasch zu, an dessen Ufer dichte B&uuml;sche von Weiden, Eichen,
+Erlen, und einzelne Hickoryb&auml;ume wuchsen, und dem Platz
+etwas unendlich freundlich Heimliches gaben. Prairieh&uuml;hner<a name="fn_3r" id="fn_3r"></a><a href="#fn_3"><small><sup>3</sup></small></a>
+gab es dort ebenfalls in Menge; auch Kaninchen und die kleinen
+Rebh&uuml;hner Nord-Amerikas &mdash; ein Mittelding zwischen
+Rebhuhn und Wachtel.</p>
+
+<p>Die Ansiedlung, die hier stand, war noch ganz neu, das
+Land erst k&uuml;rzlich urbar gemacht, aber mit einer prachtvollen
+Erndte wehenden Maises, die Bl&ouml;cke zu der H&uuml;tte frisch gehauen,
+und sogar das von ihnen &uuml;brig gebliebene und dort zum
+Feuer gelassene Holz noch nicht ganz verbrannt. Ebenso bestand
+die Fenz aus ganz neu gespaltenen Riegeln, und selbst
+die H&uuml;hner, die vor dem Haus herumliefen, die Schweine,
+die dann und wann einmal einen vergeblichen Versuch machten,
+irgend wo eine L&uuml;cke in der Einfriedigung des Feldes zu
+entdecken und diesem einen Besuch abzustatten, die beiden K&uuml;he,
+die zum Melken nach Hause gekommen waren, sahen aus,
+als ob sie dort noch nicht recht hingeh&ouml;rten, und keinen eigentlich
+bestimmten Platz h&auml;tten zu Aufenthalt und Wohnung.
+Weit eher hatten sich die Kinder eingerichtet, von denen drei
+vor dem Hause spielten und sich herumtummelten, und ein
+junges M&auml;dchen von etwa vierzehn Jahren schien alle H&auml;nde
+voll zu thun zu haben, ihnen zu wehren und auf sie aufzupassen.</p>
+
+<p>Heute gab es freilich auch etwas Neues f&uuml;r sie, das die
+Einf&ouml;rmigkeit ihres Steppenlebens auf erfreuliche Weise unterbrach,
+denn vor dem Hause hielt ein kleiner Karren, ein sogenannter
+Pedlar-Wagen, mit allerlei bunten, wunderh&uuml;bschen
+Sachen zum Verkauf, und der Mann hatte gesagt, da&szlig; er die
+Nacht da bleiben und jedenfalls warten w&uuml;rde bis Vater und
+Mutter vom Felde heim k&auml;men, ihnen seine Waaren auszupacken,
+von denen sie Manches brauchen k&ouml;nnten. Indessen
+zeigte er ihnen aber allerlei, und gewann ihre Herzen noch
+&uuml;berdie&szlig; durch ein paar kleine Spielereien, die er ihnen preisgab.
+Endlich kamen die beiden Leute von ihrer Arbeit zur&uuml;ck,
+und w&auml;hrend die Frau nach den K&uuml;hen ging, diese zu melken,
+trat der Bauer zu dem Pedlar, und reichte ihm die Hand.</p>
+
+<p>&raquo;Guten Tag Landsmann &mdash; Ihr seid doch ein Deutscher,
+wie?&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Allerdings,&laquo; sagte der Pedlar, freundlich den Handdruck
+erwiedernd, &raquo;m&ouml;cht's nicht verleugnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;M&ouml;cht' Euch auch schwer werden,&laquo; lachte der Bauer,
+&raquo;Euer Gesichtsschnitt w&uuml;rd' Euch verrathen; nicht wahr Ihr
+seid von &raquo;unsere Leut&laquo;, wie wir bei uns zu Lande sagen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na, wie mer's so nimmt,&laquo; lachte Wald, denn es war
+unser alter Reisegef&auml;hrte von der Haidschnucke, der hier seine
+Umst&auml;nde als Pedlar schon so verbessert hatte, mit einem G&uuml;terkarren
+durch's Land fahren zu k&ouml;nnen, &raquo;wir <span class="wide">leben</span> wie die
+Christen, und handeln wie die Christen &mdash; der Mensch kann
+nicht mehr verlangen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber Ihr e&szlig;t kein Schweinefleisch,&laquo; lachte der Bauer.</p>
+
+<p>&raquo;Nu, was w&auml;r der mehr d'rum, wenn wir's <span class="wide">nicht</span> th&auml;ten,&laquo;
+sagte Wald achselzuckend, &raquo;aber setzt mich 'mal auf die
+Probe, besonders wenn Bohnen dabei sind.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na, ein Mann ein Wort,&laquo; rief der Bauer, &raquo;das sollt
+Ihr heut' Abend haben, und Eueren Kasten k&ouml;nnt Ihr dann
+auch auskramen, wenn meine Alte mit Melken fertig ist; die
+hat schon die ganze Zeit lamentirt, da&szlig; sie kein Band und keinen
+Zwirn und keine Nadeln und K&auml;mme und Gott wei&szlig; was
+hat; es ist in Ewigkeit kein Pedlar hier vorbeigekommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gl&uuml;ck mu&szlig; der Mensch haben,&laquo; sagte Wald vergn&uuml;gt,
+&raquo;da komm ich wieder einmal gerade recht, und was die Frau
+braucht, steckt da Alles im Karren d'rin.&laquo;</p>
+
+<div class="center">
+<table style="margin: 0 auto" cellpadding="4" summary="Illustration Capitel 3">
+ <tr>
+ <td align="center">
+ <a href="images/img2r.jpg">
+ <img src="images/img2r.jpg" height="600"
+ alt="Illustration Capitel 3" /></a>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="center">
+ <span class="caption">Capitel 3.<br />
+ Click to <a href="images/img2.jpg">ENLARGE</a></span>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+</div>
+
+<p>&raquo;Ja, glaub's schon, wenn nur da im Hause drin auch
+Alles st&auml;k' um damit zu zahlen &mdash; na, aber so viel wird schon
+da sein. Und nun Cathrine, wie ist's mit dem Kranken drin?&laquo;
+wandte er sich dann an das junge M&auml;dchen das, indessen die
+Eltern im Felde arbeiteten, auf die Kinder hatte Achtung geben
+m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>&raquo;Nun es geht wohl nicht gut Vater, er hat viel gest&ouml;hnt,
+ist aber vor einer Stunde etwa eingeschlafen und liegt jetzt
+ruhig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Habt Ihr Jemand krank in der Familie?&laquo; frug Wald,
+&raquo;ich habe kleine Hausmittel bei mir, vielleicht kann ich da
+helfen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein in der Familie nicht, Gott sei Dank,&laquo; sagte der
+Bauer, &raquo;aber ein Landsmann, ein Bischen ein verkehrter
+Kauz, der ein paar Wochen bei mir hier gewohnt, und hier
+versuchen wollte eine neue Erfindung zu machen, ist dabei gefallen
+und hat das Bein gebrochen. Da nun kein Arzt in der
+Umgegend zu haben ist, mu&szlig;ten wir es ihm selber zurechtr&uuml;cken
+so gut es gehen wollte, und das, f&uuml;rcht' ich, wird wohl
+nicht zum Besten geschehn sein. Wir k&ouml;nnen den armen Teufel
+aber nicht so verkommen lassen, und ich will lieber morgen
+nach Vandalia hinunterreiten und einen Doktor holen; es ist
+ein Bischen weit dazu, kann aber Nichts helfen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie ist denn das gekommen?&laquo; frug Wald, &raquo;und <span class="wide">wo</span>
+hat er das Bein gebrochen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wo? &mdash; da hinten von dem Baume herunter,&laquo; sagte
+der Bauer, &raquo;seht Ihr die einzelne Eiche dort an der Prairie,
+an der die Balken lehnen? &mdash; dort dr&uuml;ben links.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja aber, was um Gottes Willen hatte er denn da oben
+zu thun?&laquo; frug Wald erstaunt.</p>
+
+<p>&raquo;Ih nun, er hat eine neue Erfindung gemacht &mdash; er hat
+<span class="wide">fliegen</span> wollen, und das ist noch nicht recht gegangen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Fliegen wollen, Gott der Gerechte, ich bin froh da&szlig; ich
+'nen Karren habe auf dem ich <span class="wide">fahren</span> kann &mdash; fliegen, und
+da ist er von oben heruntergest&uuml;rzt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie ein Mehlsack &mdash; er hatte sich so ein Gestell gemacht
+wie ein Drachen etwa, aber ohne Bindfaden unten
+d'ran,&laquo; sagte der Bauer, &raquo;woran man sonst so ein Ding h&auml;lt,
+da&szlig; es nicht wegfliegt; das war aber hier auch nicht n&ouml;thig,
+denn es kam gleich von selber herunter, und ich h&auml;tte gern
+gelacht, wenn's nur dem armen Teufel dabei nicht so schlecht
+gegangen w&auml;re &mdash; es ist auch ein Deutscher.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm, hm, hm,&laquo; sagte Wald, &raquo;was es doch f&uuml;r wunderliche
+Menschen auf der Welt giebt, und macht er da ein
+Gesch&auml;ft d'raus?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, er ist eigentlich Cigarrenmacher &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er hei&szlig;t doch nicht Schultze?&laquo; rief Wald schnell.</p>
+
+<p>&raquo;Schultze hei&szlig;t er allerdings &mdash; am Ende kennt Ihr ihn
+gar.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du lieber Gott; wenn's der ist den ich meine, sind wir
+miteinander &uuml;ber See her&uuml;bergekommen, und er hatte da schon
+immer so einen kleinen Sparren; wenn's ihm nur nicht gar
+am Ende im Oberst&uuml;bchen fehlt. Kann ich ihn einmal sehn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt schl&auml;ft er, wie die Cathrine sagt,&laquo; meinte der
+Bauer, &raquo;und da er die ganze Zeit &uuml;ber Schmerzen gehabt hat,
+wird's wohl besser sein wir lassen ihn ruhig liegen, bis er von
+selber aufwacht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wie lange ist's her, da&szlig; er das Bein gebrochen?&laquo;
+frug der Pedlar.</p>
+
+<p>&raquo;Heute gerade elf Tage,&laquo; sagte der Bauer.</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Gerade</span> elf, hm &mdash; arme Teufel &mdash; hat er denn
+Geld?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun ein Bischen was wohl,&laquo; meinte der Bauer achselzuckend,
+&raquo;er kam hier durch, und die Gegend gefiel ihm hier
+f&uuml;r das was er machen wollte, wie er sagte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er meinte, er k&ouml;nnte hier recht h&uuml;bsch in der Prairie
+herumfliegen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wahrscheinlich so &mdash; und er bot mir ein und einen halben
+Dollar w&ouml;chentlich, wenn ich ihn ein paar Monate bek&ouml;stigen
+wollte, bis er mit seiner Arbeit fertig w&auml;re. Nu ja,
+viel zu verdienen war da nicht dabei, aber ein Bischen baar
+Geld thut auch gut, und da's ein Deutscher war, und sonst
+ein ordentlicher Mann schien, sagten meine Alte und ich ja.
+Jetzt liegt er nun freilich da, und wir haben die Sorge und
+Noth mit ihm, k&ouml;nnen ihn aber nun auch nicht im Stich lassen,
+bis er wieder gesund ist und sich selber helfen mag.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist brav von Euch gehandelt,&laquo; sagte Wald, &raquo;hier
+in dem Amerika wei&szlig; man nie wie Einer den Andern braucht;
+aber da kommt die Frau, nun kann ich meine Sachen auspacken,
+da&szlig; wir noch fertig werden eh' die Sonne unter ist;
+nachher wird's dunkel im Handumdrehen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Guten Tag miteinander,&laquo; sagte die Frau zu dem Pedlar
+tretend, und ihm die Hand reichend, &raquo;na das ist recht da&szlig;
+endlich einmal Einer von Euch sich hierher verliert, wir haben
+lange darauf gewartet. Was habt Ihr denn da in Euerem
+Karren drin?&laquo;</p>
+
+<p>Wald s&auml;umte nicht seine Waaren anzupreisen, und die
+verschiedenen K&auml;sten und Schubfache herausziehend, legte er
+den Blicken der jetzt um ihn herdr&auml;ngenden Familie die Herrlichkeiten
+offen, die, aus den St&auml;dten des Ostens hergef&uuml;hrt,
+die Herzen in den westlichen Prairieen entz&uuml;cken sollten.</p>
+
+<p>Viel Geld hatten die Leute nun zwar nicht an derlei Gut
+zu wenden, Manches aber wurde wirklich nothwendig gebraucht
+und <span class="wide">mu&szlig;te</span> geschafft werden, und ging der Mann auch einmal
+in die ziemlich fern liegende Stadt, konnte er's doch nie
+im Leben so aussuchen wie die Frau, und die Pedlar bleiben
+deshalb auch immer den Frauen willkommene G&auml;ste.</p>
+
+<p>Eine Anzahl Kleinigkeiten war indessen ausgesucht und
+bezahlt worden, und obgleich der Pedlar bat, die Frau m&ouml;chte
+das Nachtquartier in Abzug bringen, wollte diese doch davon
+Nichts h&ouml;ren. Sie h&auml;tten so Nichts gro&szlig;es zu bieten, und
+f&uuml;r ein Nachtquartier d&uuml;rften sie kein Geld nehmen, das ginge
+nicht an &mdash; &raquo;aber wie ist mir denn,&laquo; setzte sie hinzu, den
+Pedlar dabei immer sch&auml;rfer und aufmerksamer ansehend,
+&raquo;ich d&auml;chte doch, wir h&auml;tten einander schon einmal gesehn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;W&auml;r wohl m&ouml;glich,&laquo; lachte Wald, &raquo;ich zieh' nun schon
+ein paar Jahr lang die Kreuz und Queer im Lande herum &mdash;
+hierher bin ich aber doch noch nicht gekommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es war auch nicht hier,&laquo; sagte die Frau, ihn immer
+st&auml;rker in's Auge fassend, &raquo;es war unten noch am Wasser,
+gleich wie wir ankamen &mdash; Jesus, Heinrich, sieh mal, ist das
+nicht der Mann, der mir den halben Dollar gab, den Kindern
+Milch daf&uuml;r zu kaufen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Seid <span class="wide">Ihr</span> die Leute, die da unten in New-Orleans an
+der Lev&eacute;e sa&szlig;en und kein Brod und keine Arbeit hatten?&laquo; frug
+aber nun Wald seinerseits wirklich erstaunt, &raquo;alle Wetter, dann
+habt Ihr Euch aber t&uuml;chtig herausgearbeitet in der kurzen
+Zeit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Siehst Du's, er ist's,&laquo; rief aber die Frau, rasch und herzlich
+Wald's Hand ergreifend, &raquo;wenn nur ein Mensch w&uuml;&szlig;t'
+wie ich mich danach gesehnt habe Euch wieder zu sehn, und
+Euch danken zu k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah, papperlapapp,&laquo; sagte Wald, abwehrend, &raquo;macht
+kein Aufhebens von der L&auml;pperei &mdash; ich wollt' ich h&auml;tt' mehr
+thun k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaub's Euch,&laquo; sagte der Mann jetzt auch, dem
+Juden die Hand reichend und derb dr&uuml;ckend, &raquo;Ihr habt das
+Herz auf dem rechten Fleck, gerade wo's hingeh&ouml;rt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr wi&szlig;t aber gar nicht wie Ihr uns damals geholfen
+habt,&laquo; sagte, mit Thr&auml;nen in den Augen, die Frau, als sie
+an die schwere Zeit zur&uuml;ckdachte, &raquo;wir anderen h&auml;tten uns
+helfen k&ouml;nnen, aber das Kleinste schrie nach Milch, und ich
+hatte keinen Tropfen mehr f&uuml;r das arme W&uuml;rmchen. Seht
+jetzt den Jungen an, was f&uuml;r ein kr&auml;ftiger Bengel das geworden
+ist; wer wei&szlig; ob er sich jetzt dort so herumtummelte, wenn
+Ihr uns nicht damals beigestanden. Lieber allm&auml;chtiger Gott,
+Du magst mir die S&uuml;nde verzeihen, aber ich w&auml;re lieber mit
+ihm in's Wasser gesprungen wie nicht, so weh, so traurig
+war mir um's Herz, weil sich so gar Niemand um uns k&uuml;mmerte,
+und es <span class="wide">allen</span> Menschen eben ganz gleichg&uuml;ltig zu sein
+schien, ob wir da am Flu&szlig;ufer verdarben oder nicht. Euer
+Geschenk brachte mir zuerst wieder, <span class="wide">mit</span> der H&uuml;lfe, Hoffnung
+in's Herz, und von dem Augenblick auch an schien's beinah,
+als ob es h&auml;tte besser werden sollen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auf gefundenem Gelde ruht ein Segen,&laquo; l&auml;chelte Wald.</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaub's Euch nicht, da&szlig; Ihr es gefunden habt,&laquo; sagte
+die Frau, ihn scharf ansehend.</p>
+
+<p>&raquo;Und mir hat's seit der Zeit immer schwer auf der Seele
+gelegen, Geld genommen zu haben, was ich nicht <span class="wide">verdient</span>
+hatte,&laquo; sagte der Mann, &raquo;es war das erste Mal gewesen, und
+Gott sei Dank, da&szlig; wir jetzt im Stande sind es mit tausend
+Dank zur&uuml;ckzuzahlen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie hei&szlig;t zur&uuml;ckzahlen,&laquo; sagte Wald halb verlegen, halb
+lachend, &raquo;hab' ich's mir doch schon selber wieder geholt &mdash; zur&uuml;ckzahlen,
+was sagen Sie zu <span class="wide">dem</span> Mann; hab' mit ihm um
+sieben Dollar Gesch&auml;fte gemacht, und werde den halben nicht
+dabei haben.&laquo;</p>
+
+<p>Wald war in der That auf keine Weise zu bewegen etwas,
+was er f&uuml;r einen Nebenmenschen gethan, &raquo;bezahlt zu nehmen&laquo;,
+und der Bauer mu&szlig;te ihm jetzt erz&auml;hlen wie es ihm hier so
+schnell gegl&uuml;ckt. Ohne Mittel auf's gerathewohl hin, und
+einen Theil seiner Sachen verkaufend nur die Passage zu zahlen,
+war dieser mit seiner Familie nach Illinois gekommen
+und hatte da ein kleines St&uuml;ck Land zuerst gepachtet. Die
+Erndte, von der er einen Theil abgeben mu&szlig;te, war trefflich
+gerathen, und so langsam fortarbeitend hatte er jetzt den kleinen
+Platz, mit der Zeit ihn in den n&auml;chsten Jahren langsam
+abzuzahlen, k&auml;uflich &uuml;bernommen.</p>
+
+<p>Wie sie noch so zusammen plauderten, und der Bauer
+nicht m&uuml;de wurde dem Kr&auml;mer von den Vorz&uuml;gen des Landes
+zu erz&auml;hlen, kam noch ein Reiter die Stra&szlig;e nieder die zum
+Hause f&uuml;hrte, und hielt neben der Gruppe.</p>
+
+<p>&raquo;Hallo Wald! so flei&szlig;ig und eifrig im Gesch&auml;ft, hier
+mitten in der Prairie?&laquo; rief diesen da die freundliche Stimme
+Georg Donners an.</p>
+
+<p>&raquo;Herr Donner, wahrhaftig!&laquo; sagte aber auch Wald, ihm
+die Hand auf das Pferd entgegenstreckend, &raquo;woher des
+Wegs?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vom Norden herunter &mdash; guten Abend Ihr Leute, wie
+weit ist's noch bis zum n&auml;chsten Haus dahinein zu?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nach der Richtung hin liegt keins,&laquo; sagte der Mann,
+&raquo;bis Ihr nicht zum n&auml;chsten Waldstreifen kommt, und der ist
+sieben englische Meilen von hier entfernt. &mdash; Dort wohnen Irische,
+aber eben kein freundliches Volk, und je weniger man
+mit ihnen verkehrt, desto besser.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, ich b&auml;te Euch gern, Leute, ob Ihr mich die Nacht
+hier behalten wolltet,&laquo; sagte Georg, &raquo;aber Ihr habt schon
+Besuch, und in dem H&auml;uschen m&ouml;cht' ich Euch auch nicht gern
+beschr&auml;nken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das thut Nichts,&laquo; sagte die Frau freundlich, &raquo;wir
+m&uuml;ssen uns eben einrichten, und d&uuml;rfen schon einen Landsmann
+nicht dicht vor Sonnenuntergang von der Th&uuml;r weisen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja und <span class="wide">den</span> schon gar nicht,&laquo; rief Wald rasch, &raquo;denn
+erstens ist er ein braver Kerl, und zweitens ein <span class="wide">Doktor!</span>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein Doktor?&laquo; riefen die beiden Leute rasch, &raquo;ja das
+w&auml;r schon recht!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist Jemand krank hier bei Euch?&laquo; frug Georg.</p>
+
+<p>&raquo;Ein Schiffskamerad von uns Beiden, die Nachtigall,
+Herr Donner, von der Haidschnucke hat das Bein gebrochen,
+und liegt im Haus drin schon elf Tage ohne &auml;rztliche H&uuml;lfe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber so steigen Sie doch nur ab,&laquo; bat der Mann.</p>
+
+<p>&raquo;Du lieber Gott,&laquo; sagte Georg, aus dem Sattel springend,
+und den Zaum &uuml;ber einen Zweig des n&auml;chsten Baumes
+werfend, &raquo;da ist's ja doch die h&ouml;chste Zeit da&szlig; irgend etwas
+f&uuml;r den armen Mann geschieht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber er schl&auml;ft jetzt,&laquo; sagte das &auml;lteste Kind, &raquo;ich habe
+deshalb die Kleinen aus dem Haus genommen, weil er so
+lange schon keine ordentliche Ruhe gehabt hat.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will ihn nicht st&ouml;ren,&laquo; sagte Georg, &raquo;nur wenn er
+wacht geh' ich zu ihm; aber ich m&ouml;chte ihn wenigstens sehn &mdash;
+liegt er in diesem Haus?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gleich links am Kamin auf dem kleinen Bett.&laquo;</p>
+
+<p>Georg schlich auf den Zehen in's Haus, aber wie er nur
+&uuml;ber die Schwelle trat, h&ouml;rte ihn der Kranke, drehte den Kopf
+nach ihm um, und streckte ihm dann rasch und freudig die bleiche
+abgemagerte, zitternde Hand entgegen.</p>
+
+<p>&raquo;Donner, Sie sendet mir Gott selber, und von jetzt glaub'
+ich an Wunder!&laquo; sagte er, und die Stimme klang hohl und
+matt; &raquo;guter Himmel, was habe ich ausgestanden &mdash; wie
+f&uuml;hrt Sie denn jetzt mein Schutzgeist her zu <span class="wide">mir?</span>&laquo;</p>
+
+<p>Georg lie&szlig; sich aber auf keine weiteren Erkl&auml;rungen und
+Auseinandersetzungen ein, bis er nicht den Bruch untersucht
+hatte. Viel war dabei schon in der langen Zeit, in der er
+uneingerichtet gelegen hatte, verloren, und das rechte Schienbein,
+das bei dem Sturze, wie es schien, schr&auml;g abgebrochen,
+noch ziemlich stark geschwollen. Er gab aber die Hoffnung
+nicht auf noch Alles gut werden zu sehn, ging vor allen Dingen
+mit der Axt hinaus an den kleinen Flu&szlig;, sich selber die
+passenden Rindenst&uuml;cken zu Schienen abzuschlagen, und richtete
+den Bruch erst ordentlich ein, schiente und band ihn, und stellte
+dann mit Walds H&uuml;lfe, der Manches dazu in seinem Karren
+mit sich f&uuml;hrte, eine Art Schwinge her, in der sie das Bein
+frei schwebend h&auml;ngen konnten, was dem Kranken gro&szlig;e Erleichterung
+gab, und ein wieder Verschieben des Knochens
+verhinderte.</p>
+
+<p>Indessen war es dunkel geworden, der Mann hatte die
+beiden Pferde seiner G&auml;ste in einen Verschlag gebracht und
+ihnen dort Mais eingesch&uuml;ttet, die Frau kochte emsig am Kamin
+das Abendbrod f&uuml;r ihre gern bewirtheten G&auml;ste, und
+Schultze mu&szlig;te nun Georg und Wald, dem er ebenfalls
+herzlich die Hand gesch&uuml;ttelt, erz&auml;hlen, wie er zu dem ungl&uuml;ckseligen
+Sturz gekommen. &mdash; Georg Donner hatte n&auml;mlich noch
+gar keine Ahnung, was er hier f&uuml;r Unsinn getrieben.</p>
+
+<p>&raquo;Wie, um Gottes Willen kamen Sie zu dem Bruch, lieber
+Schultze,&laquo; frug er ihn, als er neben dem Bette sa&szlig; und seine
+Hand dabei dem kleinen jetzt &uuml;bergl&uuml;cklichen Mann, der sich
+schon der schw&auml;rzesten Verzweiflung hingegeben, &uuml;berlie&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Der Schwanz war zu kurz, lieber Herr Donner, ich
+hab' es mir gleich gedacht; aber es hatte wahrhaftig keinen
+andern Grund, der Schwanz war um dritthalb Fu&szlig; zu kurz.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber von was in aller Welt reden Sie denn?&laquo; rief Georg,
+auf's &Auml;u&szlig;erste erstaunt.</p>
+
+<p>&raquo;Nun von meinem Drachen &mdash; ich sage Ihnen Herr Donner,
+wenn ich den ungl&uuml;ckseligen Fall nicht gethan h&auml;tte, fl&ouml;g
+ich jetzt im ganzen Lande umher. Ich habe das Geheimni&szlig;
+gefunden, das uns wieder zu unserer alten verlorenen Eigenschaft
+verhelfen soll.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber bester Herr Schultze, was machen Sie f&uuml;r Streiche,&laquo;
+lachte Georg, als ihm ihr Wirth jetzt ebenfalls mit kurzen
+Worten die ganze Geschichte erkl&auml;rt hatte, wie sich Herr Schultze
+mit unendlicher M&uuml;he aus Schilf und Rohrwerk und Seide
+ein breites Gestell gebaut, dieses dann oben an dem Baum
+befestigte, und bei einer frischen Brise endlich, wo sich die Fl&auml;che
+von selber an zu heben fing, oben darauf gestiegen w&auml;re und
+die Seile durchgeschnitten h&auml;tte, wonach der Drache, oder
+wie es sonst hei&szlig;en m&ouml;chte, auf der einen Seite &uuml;bergekippt
+w&auml;re, Herrn Schultze heruntergeworfen, und sich selber im
+n&auml;chsten Baume wieder gefangen h&auml;tte.</p>
+
+<p>&raquo;Was ich f&uuml;r Streiche mache, bester Donner?&laquo; rief aber
+Schultze, &raquo;ich schlage mein Leben f&uuml;r die Wissenschaft in die
+Schanze, <span class="wide">das</span> mache ich. Meine feste, innige &Uuml;berzeugung
+ruht auf dem System, und ich wei&szlig;, da&szlig; ich es durchsetze; was
+liegt daran, ob ich sp&auml;ter noch einmal ein oder beide Beine
+breche, ich werde doch in meinem Leben nur noch sehr wenig
+gehn, denn nicht allein bin ich dahinter gekommen wie die
+Flug<span class="wide">kraft</span> am Besten herzustellen ist, nein ich bin auch im
+Stande, mein sp&auml;ter vervollkommtes Luftschiff in eine h&ouml;here
+oder tiefere Luftschicht zu lenken und es dort zu <span class="wide">steuern</span> &mdash;
+was sagen Sie nun, Freundchen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; Sie, sobald Ihr <span class="wide">Bein</span> wieder geheilt ist, mit <span class="wide">diesen</span>
+Ideen n&auml;chstens den <span class="wide">Hals</span> brechen werden,&laquo; erwiederte Georg
+achselzuckend; &raquo;was aber um des Himmels Willen hat Sie
+auf diese ungl&uuml;ckselige, brodlose Idee gebracht? &mdash; was wollen
+Sie damit bezwecken, was <span class="wide">hilft</span> es Ihnen, wenn Sie wirklich
+eine Strecke durch die Luft fliegen und mit unzerbrochenen, unverrenkten
+Gliedern wieder auf Gottes Erdboden kommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das kann ich Ihnen nicht so auseinandersetzen, mein
+junger Freund,&laquo; sagte aber Schultze, ernst und recht wehm&uuml;thig
+dabei mit dem Kopfe sch&uuml;ttelnd, &raquo;das ist das Ziel, die Aufgabe
+meines Lebens, f&uuml;r die mich Gott eigends geboren und
+in die Welt gesetzt. Ich f&uuml;hle das auch in mir, ja was noch
+mehr ist, ich f&uuml;hle da&szlig; ich es durchsetzen werde, da&szlig; ich bestimmt
+bin, der Menschheit eine neue &Auml;ra zu gr&uuml;nden, oder
+vielmehr unsere jetzige Bahn zu dem alten Punkt zur&uuml;ckzuf&uuml;hren.
+Die Kraft und Eigenschaft, die wir einst besessen, haben
+wir nicht <span class="wide">verloren,</span> sondern nur auf eine Zeitlang <span class="wide">vergessen.</span>
+Es ist das Ei des Columbus; wenn gefunden, wird die
+ganze Welt schreien: &raquo;ja das ist gar Nichts &mdash; wenn wir das
+<span class="wide">so</span> gemacht h&auml;tten, h&auml;tten wir's auch gekonnt.&laquo; Die Sache ist
+aber die, sie haben's nicht <span class="wide">so</span> gemacht, und Schultzes Name,
+mein lieber Freund, Benjamin Schultze wird unsterblich
+werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenigstens bald zu den Unsterblichen geh&ouml;ren, wenn
+Sie in der Art fortfahren,&laquo; l&auml;chelte Georg. &raquo;Ich will eine
+m&ouml;gliche Ausf&uuml;hrbarkeit der Luftschifffahrt gar nicht etwa
+bestreiten; es sind in den letzten Jahren andere Sachen m&ouml;glich
+gemacht, die wir fr&uuml;her f&uuml;r eben so unm&ouml;glich gehalten; aber
+ich f&uuml;rchte, lieber Schultze, Sie haben das Zeug nicht dazu
+etwas derartiges durchzuf&uuml;hren. Ihnen stehen keine bedeutende
+Mittel zu Gebote, Sie haben auch, so viel ich wei&szlig;, keine
+mechanischen Kenntnisse, Sie in der Ausf&uuml;hrung eines solchen
+Plans zu unterst&uuml;tzen, und der gute Willen gen&uuml;gt dazu nicht.
+Dieser Sturz sollte Ihnen deshalb eine Warnung sein; Sie kommen
+die&szlig;mal noch hoffentlich mit ein paar Monate Hinken
+davon &mdash; da&szlig; es nicht sp&auml;ter schlimmer wird.&laquo;</p>
+
+<p>Wald mu&szlig;te jetzt erz&auml;hlen, was er bis dahin getrieben,
+und that das mit dem ihm eigenen, drolligen Humor. Er
+war mit etwa zwanzig Spanischen Dollarn in der Tasche an
+Land gekommen und hatte dort gleich, nach dem Beispiel seiner
+Glaubensgenossen, einen kleinen Handel mit Band, Litzen,
+Nadeln etc., etc., etc. angefangen. Den war er bald im Stande
+zu vermehren und kaufte jetzt, anstatt ein theueres Haus in der
+Stadt, das er nicht h&auml;tte bezahlen k&ouml;nnen, und wo das Standgeld
+allein seinen Nutzen halb aufgezehrt haben w&uuml;rde, ein
+kleines altes Flatboot an der Landung, das er dort ruhig auf
+dem Schlamm liegen lie&szlig;, und zu einem Laden herrichtete.
+Er mu&szlig;te dort nat&uuml;rlich viel von den Mosquitos sowohl, als
+dem schauerlichen Dunst der benachbarten Boote leiden, aber
+er verdiente Geld, und blieb da so lange, bis er im Stande
+war, sich eine ordentliche Quantit&auml;t Waaren mit Wagen und
+Pferd zu kaufen, mit denen er dann von New-Orleans fort zu
+Lande am Mississippi hinaufzog, bis ihn die Fieberzeit dort
+wieder vertrieb, und er an Bord eines Dampfschiffes ging,
+sich in Cincinnati mit seinem Karren an Land setzen zu lassen.
+Von dort aus hatte er Indiana ziemlich durchstreift, vortreffliche
+Gesch&auml;fte gemacht, und gro&szlig;e Lust wieder dorthin zur&uuml;ckzukehren,
+und vielleicht erst zum Sp&auml;therbst nach Illinois zu
+kommen, da die Fliegen den Tag &uuml;ber das Pferd so bel&auml;stigten,
+und Nachtreisen ihm bei seinem Gesch&auml;ft doch nichts
+n&uuml;tzen konnten.</p>
+
+<p>&raquo;Durch Indiana?&laquo;&nbsp;&mdash; Georg f&uuml;hlte wie sein Herz st&auml;rker
+an zu klopfen fing, denn er dachte der M&ouml;glichkeit, der
+Kr&auml;mer k&ouml;nne auch Lobensteins besucht haben, von denen er
+&uuml;ber ein Jahr auch nicht die geringste Kunde gehabt. Wald
+lie&szlig; ihn aber auch dar&uuml;ber nicht lange in Zweifel, und fing an
+aus freien St&uuml;cken die ihrer fr&uuml;heren Reisegef&auml;hrten aufzuz&auml;hlen,
+die er auf seinen Wanderungen angetroffen.</p>
+
+<p>Die ersten waren zwei von den drei Passagieren, die von
+dem Leuchtschiff zu ihnen an Bord gekommen, die beiden dem
+Zuchthaus wahrscheinlich entnommenen jungen Verbrecher, die
+ihre alte Gewohnheit hier nicht hatten verleugnen k&ouml;nnen oder
+wollen, und bei einem Pferdediebstahl erwischt waren. Die
+Eigenth&uuml;mer schienen Lust gehabt zu haben sie gleich an Ort
+und Stelle zu h&auml;ngen, aber der Sheriff legte sich zu ihrem
+Gl&uuml;ck noch in's Mittel, und sie wurden (Wald kam gerade
+dazu sie abf&uuml;hren zu sehen), nachdem die dortigen Ansiedler
+ihnen wenigstens erst eine t&uuml;chtige Tracht Schl&auml;ge mit einem
+schwanken Hickory verabreicht, in das Staatsgef&auml;ngni&szlig; abgeliefert.</p>
+
+<p>Dann hatte er ein paar von <span class="wide">seinen</span> Landsleuten, auch Zwischendeckspassagiere
+der Haidschnucke, im Lande, und ebenfalls
+als Kr&auml;mer oder H&auml;ndler angetroffen. L&ouml;wenhaupt war Eigenth&uuml;mer
+eines Kleiderladens am Wasser unten, in Cincinnati,
+wollte sich aber von seiner Frau scheiden lassen, weil sie
+ihn mishandelte. Rechheimer war ebenfalls Pedlar geworden
+und die beiden Rechheimer M&auml;dchen hatten sich, die eine in
+Cincinnati, die andere in Vincennes, an ziemlich wohlhabende
+Leute verheirathet.</p>
+
+<p>Der Polnische Jude mit seiner Holzharmonika war wieder
+nach New-Orleans zur&uuml;ckgegangen, der Knabe aber so
+krank geworden, da&szlig; er nicht mehr singen konnte &mdash; und erst
+ganz k&uuml;rzlich &mdash; vor ein paar Tagen nur &mdash; hatte er ein ganzes
+Nest von Haidschnucken-Passagieren auf einer Farm unweit
+Grahamstown in Indiana getroffen.</p>
+
+<p>&raquo;Und wie geht es Lobensteins?&laquo; rief Georg rasch.</p>
+
+<p>&raquo;Sie kennen den Platz?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe dort gearbeitet,&laquo; erwiederte Georg ausweichend.</p>
+
+<p>&raquo;Thut mir leid um die Leute,&laquo; sagte Wald.</p>
+
+<p>&raquo;Wie so? &mdash; was ist mit ihnen?&laquo; frug Georg rasch.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, da&szlig; es ihnen so schlecht geht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist Jemand krank?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht da&szlig; ich w&uuml;&szlig;te &mdash; nur so, meine ich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber der Professor hat doch die Farm?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Hatte</span> sie,&laquo; sagte Wald.</p>
+
+<p>&raquo;Er hat sie verkauft?&laquo; rief Georg, rasch und erschreckt.</p>
+
+<p>&raquo;Noch nicht,&laquo; meinte der Pedlar, &raquo;doch heute oder morgen
+wird's wohl dran gehn. Wie ich dort vorbei kam war's
+dicht daran.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber wie ist das m&ouml;glich,&laquo; sagte Georg, &raquo;die Erndte
+ist doch gewi&szlig; dort wie hier gut ausgefallen, die Verbesserungen,
+die er auf der Farm gemacht, m&uuml;ssen ihm wenigstens
+<span class="wide">etwas</span> eingetragen haben, und so war der Platz
+doch nicht verschuldet, ein solches Ende so rasch herbeizuf&uuml;hren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie die Geschichte ganz genau ist, wei&szlig; ich nicht,&laquo; sagte
+Wald, &raquo;so viel aber ist gewi&szlig;, da&szlig; der Professor Vieh und
+manches Andere verkaufen mu&szlig;te, dem Weber, der sich bei ihm
+mit seiner Familie verdingt hatte, seinen Jahrlohn zu geben.
+Au&szlig;erdem hat er Ungl&uuml;ck gehabt mit dem einzigen Sohn, der
+sich auf der Jagd eine Ladung Schroth durch den Leib geschossen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gro&szlig;er Gott, Eduard,&laquo; rief Georg, entsetzt von seinem
+Sitz aufspringend.</p>
+
+<p>&raquo;Wie ich die Sache h&ouml;rte,&laquo; fuhr Wald fort, &raquo;war der
+junge Mann mit einem andern unserer Zwischendeckspassagiere
+&mdash; dem langhaarigen Burschen, der immer die Verse an Bord
+machte &mdash; auf die Jagd gegangen, und wei&szlig; der liebe Gott,
+was die beiden jungen Leute zusammen angefangen, aber der
+junge Lobenstein, Eduard hie&szlig; er, glaub' ich, scho&szlig; sich, wie
+jener Versemacher sagte, beim &uuml;ber einen Graben springen
+durch den Leib, und starb ein paar Stunden darauf unter den
+furchtbarsten Schmerzen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist ja entsetzlich,&laquo; st&ouml;hnte Georg.</p>
+
+<p>&raquo;Nicht so, als der Mensch vielleicht denken m&ouml;chte,&laquo;
+meinte Wald ruhig, &raquo;denn wie mir der Weber erz&auml;hlte, war
+der junge Bengel zum Arbeiten nie etwas nutz gewesen, und
+durch den Fall wurden sie auch, als reinen Gewinn, den Literaten
+los, der sich auf dem ersten Dampfboot wieder nach
+New-Orleans einschiffte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber wie um Gottes Willen konnte er so zur&uuml;ckkommen,
+<span class="wide">gezwungen</span> zu werden seine Farm verkaufen zu m&uuml;ssen?&laquo;
+frug Georg.</p>
+
+<p>&raquo;Wie? &mdash; einfach genug,&laquo; meinte der Pedlar, &raquo;ich habe
+weitl&auml;ufig dar&uuml;ber mit dem Weber, einem ordentlichen, braven
+Menschen gesprochen, der die Sache schon lange hat kommen
+sehn, aber Nichts ausrichten konnte gegen den Starrkopf des
+Professors. Anstatt sein Feld ordentlich mit Mais oder Waizen
+zu bepflanzen, Produkte, von denen er wu&szlig;te, da&szlig; er sie
+wieder in baar Geld verwandeln konnte, machte er Experimente,
+baute in eine Ecke Runkelr&uuml;ben und in die andere &Ouml;lsaat,
+verschwendete dabei ein Capital an Arbeitslohn, f&uuml;r eine
+Bande m&uuml;ssiger, ungeschickter Gesellen, die ihren Nutzen dabei
+fanden ihn in dem Glauben zu best&auml;rken er k&ouml;nne M&uuml;hlen und
+Gott wei&szlig; was sonst noch, bauen. Die Leute wollten dann
+allw&ouml;chentlich ausgezahlt sein, und was nicht mehr l&auml;nger
+verborgen bleiben konnte, kam an's Tageslicht. Mit einem
+recht gro&szlig;en, t&uuml;chtigen Capital h&auml;tte der Mann vielleicht Manches
+erreichen k&ouml;nnen, so aber reichten seine Mittel nicht
+aus; M&uuml;hlen, Zuckerpressen, Backsteinmaschinen, Alles was
+er zu gleicher Zeit begann, und was in einigen Jahren, wenn
+richtig geleitet, gewi&szlig; einen h&uuml;bschen Profit abgeworfen h&auml;tte,
+blieb mitten in der Arbeit stehn, und zehrte, anstatt zu helfen,
+mit an dem &uuml;brigen Capital.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und ist der Weber noch bei ihm?&laquo; frug Georg.</p>
+
+<p>&raquo;Oh Gott bewahre,&laquo; sagte Wald, kopfsch&uuml;ttelnd, &raquo;der
+Professor hat ihn bei Heller und Pfennig ausgezahlt, was er
+ihm und seiner Familie f&uuml;r die Jahresarbeit schuldete, und
+seinen Contrakt ehrlich gehalten, damit aber auch, wie es
+scheint, seine eigenen Kr&auml;fte total ersch&ouml;pft, und Brockfeld sitzt
+jetzt, etwa zwei Meilen diesseit von Lobensteins Farm, auf
+einem eigenen St&uuml;ck Land, in einem eigenen freundlichen
+H&auml;uschen, und es geht ihm und den Kindern und der alten
+Mutter <span class="wide">recht</span> gut.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie weit ist es bis dorthin?&laquo; frug Georg, fast unwillk&uuml;rlich
+dabei von seinem Stuhle aufspringend.</p>
+
+<p>&raquo;Nun heute Abend kommen Sie nicht mehr hin,&laquo; lachte
+Wald, &raquo;wenn Sie aber ordentlich zureiten, m&ouml;gen Sie in
+vier Tagen den Platz erreichen &mdash; Sie wissen ja wohl wo er
+liegt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach wenn Sie nur noch eine ganz kurze Zeit bei mir
+bleiben k&ouml;nnten, bester Donner,&laquo; seufzte Schultze wehm&uuml;thig
+vor sich hin, &raquo;wie soll es denn werden, wenn Sie fortgehn?&laquo;</p>
+
+<p>Georg beruhigte ihn &uuml;brigens hier&uuml;ber, und versprach
+ihm, heute Abend noch seine beiden Wirthsleute und Pfleger
+so zu unterrichten, da&szlig; sie den jetzt gut eingerichteten und fest
+und sicher geschienten Bruch auch allein behandeln k&ouml;nnten.
+Ruhe war das Einzige was er brauchte, und das Haupts&auml;chlichste
+dann nahrhafte Speisen, die sich die Leute nicht getraut
+hatten ihm zu geben, damit sich sein K&ouml;rper, was er so sehr
+bedurfte, wieder kr&auml;ftige und st&auml;rke. Sei es ihm m&ouml;glich,
+wolle er selber noch einmal in vierzehn Tagen etwa hierher
+zur&uuml;ckkehren.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h2><a name="kap4" id="kap4"></a>Capitel 4.</h2>
+<h3>Georg und Marie.</h3>
+
+<p>Vier Tage sp&auml;ter mit Sonnenuntergang erreichte Georg
+nach scharfem Ritt, auf dem er sein Pferd nicht geschont,
+&raquo;Brockfelds Farm,&laquo; erfuhr aber hier, wo man ihn auf das
+Herzlichste begr&uuml;&szlig;te, nur die Best&auml;tigung dessen, was ihm Wald
+schon in Illinois gesagt, da&szlig; es mit den Verm&ouml;gensumst&auml;nden
+des Professors <span class="wide">recht</span> traurig stehe, dieser nicht im Stande sei,
+seine letzte Zahlung an den Wirth in Grahamstown, von dem
+er die Farm gekauft, zu machen, und gesonnen sei, sie am n&auml;chsten
+Montag &mdash; der erste im Monat September, wo Gerichtssitzung
+in Hollowfield w&auml;re &mdash; zu verauktioniren, wenn er sich
+nicht vorher mit dem Wirth selber &uuml;ber die R&uuml;cknahme des
+Platzes einigen k&ouml;nnte. Dieser aber wollte jetzt freilich nur
+entsetzlich wenig daf&uuml;r geben, weil er behauptete, die Aussichten
+f&uuml;r die Lage desselben h&auml;tten sich allerdings, und ganz wider
+Erwarten, sehr verschlechtert. Noch immer war keine Hoffnung
+eine Eisenbahn hierherzubringen, inde&szlig; die Cincinnati-Bahn
+schon beendet worden, und was sollte er nun mit einer mitten
+im Wald liegenden Farm anfangen?</p>
+
+<p>Der Professor mochte jetzt wohl recht gut einsehn, da&szlig; er
+damals von dem schlauen Wirth bei seinem Ankauf betrogen
+worden, und sich b&ouml;s damit &uuml;bereilt habe; war das aber nicht
+seine eigene Schuld? Anstatt, wenn er selber darin nicht Zeit
+gehabt Erfahrungen zu sammeln, wenigstens einen unpartheiischen
+Sachkundigen dazuzunehmen, der die Verh&auml;ltnisse
+des Landes kannte, war er mit den beiden Deutschen hin&uuml;bergeritten
+die, so gut sie es mit ihm selber meinen mochten, doch
+nur im Stande sein konnten einen <span class="wide">deutschen</span> Maasstab
+an das Land zu legen; von allem Anderen verstanden sie
+Nichts, und der pfiffige Amerikaner hatte nicht ges&auml;umt das
+zu benutzen.</p>
+
+<p>Die Summe, die der Professor dem Wirth in Grahamstown
+noch schuldete, kannte der Weber nicht, und Georg h&auml;tte
+das Herz brechen m&ouml;gen vor Weh und Schmerz, wenn er der
+Zukunft dachte, der jetzt die Frauen entgegensahen.</p>
+
+<p>Dem Weber ging es inde&szlig; recht gut hier auf seinem neuen
+Platz; er hatte Zeit gehabt sich die Umgegend genau anzuschauen,
+und nach allen Seiten hin etwa die Preise der verschiedenen
+Pl&auml;tze zu erfahren. Dies kleine <i>improvement</i> mit
+vierzig Acker vom Staat gekauften und f&uuml;nf Acker darunter
+urbar gemachtem Landes war da, durch das pl&ouml;tzliche Fortziehn
+des Eigenth&uuml;mers, unter dem Werth gegen baar Geld zu verkaufen
+gewesen; die Gelegenheit hatte er benutzt, und befand
+sich wohl dabei. Die Leute waren auch unendlich flei&szlig;ig,
+griffen <span class="wide">Alle</span> zu, und arbeiteten von fr&uuml;h bis sp&auml;t, sich ihre
+neue Heimath nicht allein wohnlich, sondern auch eintr&auml;glich
+zu machen. Der Viehstand besserte sich dabei ebenfalls, und
+die Aussicht war da, da&szlig; sich ihr Verm&ouml;gen von Jahr zu Jahr
+vermehren, nicht zur&uuml;ckgehen werde, und sie ihre Auswanderung
+aus der Heimath, so weh ihnen die im Anfang auch gethan,
+nicht zu bereuen brauchten. Auch die alte Mutter, die noch
+am l&auml;ngsten an der Heimath gehangen, und doch immer heimlich
+gest&ouml;hnt und geklagt, so gut es ihren Kindern auch ging,
+und so sorglos sie in's Leben sehen durften, hatte sich endlich
+hineingefunden in die neue Welt. Freilich, so warm und freundlich
+schien die Sonne doch hier nicht wie in Deutschland, so
+k&uuml;hl war der Schatten, so lau die Luft nicht im Fr&uuml;hling, die
+Blumen rochen nicht so gut, die V&ouml;gel sangen nicht so lieb,
+der Himmel war nicht so blau, die Wiese nicht so gr&uuml;n, das
+Wasser nicht so s&uuml;&szlig;, und einen Vergleich mit Deutschland hielt
+&raquo;das Amerika&laquo; lange nicht aus. Aber &mdash; sie mu&szlig;te doch zuletzt
+einsehn, da&szlig; es ihren Kindern gut hier ging; in Deutschland
+hatten sie ihr Schwein verkaufen m&uuml;ssen, Steuern davon
+zu zahlen, hier hielten sie schon vier K&uuml;he und so viel Dutzend
+Schweine, wie sie zu Hause St&uuml;ck gehabt, und H&uuml;hner und
+G&auml;nse daneben, hatten zwanzig Mal so viel Land wie daheim,
+und wenn das Haus auch noch nicht so warm und bequem
+war, der n&auml;chste Sommer w&uuml;rde das schon bessern. So sa&szlig;
+sie denn jetzt auch wieder wie vordem in ihrer Ecke im Haus,
+oder bei sch&ouml;nem Wetter unter einem breit&auml;stigen Eichbaum
+vor der Th&uuml;r im Schatten, wo ihr der Sohn ein gro&szlig;es freundliches
+Asterbeet angelegt, ihre Augen an dem Glanz der Herbstblumen
+zu letzen. So, mit dem Spinnrad vor sich, wenn sie
+auch nur wenig spann, und das mehr aus alter Gewohnheit
+bei ihr stand, legte sie oft die H&auml;nde in den Schoo&szlig; und schaute
+schweigend und still befriedigt die neben ihr spielenden Enkel
+an, die sich munter auf dem Platz da umher tummelten, und
+amerikanischen Boden gerade so passend zu ihren Spielen fanden,
+wie deutschen.</p>
+
+<p>Georg hatte aber keine Ruhe hier &mdash; ihn dr&auml;ngte es mehr
+von dem Schicksal einer Familie zu h&ouml;ren, deren Wohl ihm
+warm am Herzen lag, und mit Tagesanbruch am anderen
+Morgen sattelte er sein Pferd, nahm freundlichen Abschied von
+den Leuten, die ihn noch Alle gern vom Schiff und von der
+Farm her hatten, und ritt in scharfem Trabe, Lobensteins Farm
+f&uuml;r jetzt umgehend, dem kleinen Grahamstown zu, dort erst
+vor allen Dingen mit dem Gl&auml;ubiger des Professors zu
+sprechen, und zu sehen wie tief dieser eigentlich in Schulden
+stecke.</p>
+
+<p>Etwa um zehn Uhr Morgens erreichte er den kleinen
+Platz, der noch gerade so still und &ouml;de lag wie vor zwei Jahren,
+ja eher noch stiller, noch verlassener, denn drei oder vier
+damals gebaute H&auml;user waren wirklich von ihren Eigenth&uuml;mern,
+da alle die gro&szlig;en Verhei&szlig;ungen nicht wahr geworden,
+im Stich gelassen, und gaben dem Ort noch mehr ein w&uuml;stes,
+trauriges Aussehn. Auch Ezra Ludkins hatte Lust auszuverkaufen,
+und zu dem Zweck einen gro&szlig;en Anschlag unter seine
+Seejungfer befestigt, welchem zufolge ihn dringende Familienverh&auml;ltnisse
+nach Texas riefen, und er Haus und Gesch&auml;ft unter dem
+Werth losschlagen wolle. Es fand sich aber kein K&auml;ufer, und
+Wind und Wetter bekamen es endlich satt, das Papier da nutzlos
+h&auml;ngen zu sehn, und rissen es herunter.</p>
+
+<p>Ezra Ludkins war &uuml;brigens zu Hause, hatte auch freie
+Zeit genug, denn er schien der einzige Gast seines ganzen
+Hauses, das leer und &ouml;de stand und mit den nackten W&auml;nden
+und unbesetzten Tischen recht gut zu der ganzen kleinen Stadt
+pa&szlig;te, deren erstes Geb&auml;ude es gewesen.</p>
+
+<p>Amerika bietet viel solcher Beispiele; wo sich die Wahl
+f&uuml;r den Bau einer Stadt als eine gl&uuml;ckliche erwiesen, str&ouml;mt
+die Bev&ouml;lkerung ihr in Masse zu, und einzelne Beispiele wie
+Cincinnati, Milwaukie, Buffalo und hundert andere zeigen,
+welche Lebenskraft in dem Fall in dem Volke liegt. Wo das
+aber nicht der Fall war, wo die M&ouml;glichkeit oder Zweckm&auml;&szlig;igkeit
+der Verbindungswege falsch berechnet worden, oder, wenn
+die Stadt dicht am Ufer des Flusses lag, dieser vielleicht zuf&auml;llig
+den Grund zu versanden anfing, wenn auch f&uuml;r jetzt
+noch Wasser f&uuml;r die gr&ouml;&szlig;ten Boote blieb, da war es vorbei
+mit der <span class="wide">Stadt;</span> nicht allein keine neuen Ansiedler lie&szlig;en sich
+dort nieder, nein auch die, die schon ein Grundst&uuml;ck gekauft,
+und viele Hoffnungen fr&uuml;her auf den Platz gesetzt hatten, suchten
+das so rasch als m&ouml;glich wieder loszuwerden, und lie&szlig;en
+es lieber ganz im Stich, ehe sie weiter noch Geld und Zeit
+darauf verwandt h&auml;tten ihr Gl&uuml;ck hier zu versuchen; es gab
+andere Gelegenheit dazu im weiten Land.</p>
+
+<p>Ezra Ludkins schien aber nichtsdestoweniger kaum geneigt,
+dem jungen Mann den Stand der Verh&auml;ltnisse zwischen ihm
+und dem Professor, auseinander zu setzen; er mochte wohl Hoffnung
+haben, die f&uuml;r diese Gegend kostbaren Meublen, wie die
+andern mitgebrachten Sachen, auf eine Auktion geworfen zu
+sehn, und dann im Stande zu sein billig genug zu kaufen, da
+hier Niemand Anders fast Gebrauch f&uuml;r solche Gegenst&auml;nde hatte.
+Nur erst, als Georg in ihn drang, und fest darauf bestand, er
+sei von dem Professor selber abgeschickt worden, die noch bestehenden
+Rechnungen nachzusehn, und so weit das m&ouml;glich
+w&auml;re, zu ordnen, entschlo&szlig; er sich dazu sein Buch herbeizuholen,
+und brachte eine Forderung an den Professor von einhundert
+und drei&szlig;ig Dollar.</p>
+
+<p>&raquo;Aber das Andere, was auf dem Haus noch steht,&laquo;
+dr&auml;ngte Georg.</p>
+
+<p>&raquo;Nun das ist <span class="wide">das</span> hier,&laquo; sagte Ludkins m&uuml;rrisch, &raquo;hol'
+der Henker einen solchen Handel, denn wenn ich gewu&szlig;t h&auml;tte,
+da&szlig; ich so lange auf mein Geld warten mu&szlig;te, w&auml;r's mir
+nicht eingefallen den Platz zu verkaufen &mdash; ich h&auml;tte zehn
+andere K&auml;ufer gehabt die das Geld baar niederzahlten. Baar
+Geld ist stets noch einmal so viel werth, wie die beste Note.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wieviel ist aber die <span class="wide">ganze</span> Summe, die Ihnen der Professor
+schuldig ist?&laquo; frug Georg, jetzt ebenfalls ungeduldig
+werdend, &raquo;wenn Sie in solcher Eile sind, antworten Sie mir
+wenigstens einfach auf meine Frage.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun die Antwort habe ich Dir auch einfach genug gegeben,&laquo;
+brummte der Pensylvanier &mdash; &raquo;wenn Du kein Deutsch
+verstehst, kann ich's nicht helfen &mdash; hundert und drei&szlig;ig
+Dollar.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und das ist Alles?&laquo; rief Georg, wirklich kaum im Stande
+sein Erstaunen zu verbergen.</p>
+
+<p>&raquo;Das ist Alles, wenn er's nur zahlt,&laquo; sagte der Pensylvanier.</p>
+
+<p>&raquo;Und an den fr&uuml;heren Eigenth&uuml;mer der Farm hat er keine
+Verpflichtungen weiter?&laquo; frug der junge Mann noch einmal
+vorsichtig.</p>
+
+<p>&raquo;Der bin ich; mein Junge hatte sie nur dem Namen nach; &mdash; f&uuml;r
+hundert und drei&szlig;ig Dollar kann er meinetwegen dort
+wohnen bleiben, und alle seine wahnsinnigen Experimente durchf&uuml;hren
+nach Herzenslust.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sein Sie so gut und schreiben Sie mir die Quittung,&laquo;
+sagte Georg ruhig.</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;r die ganze Summe?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja &mdash; bis auf den heutigen Tag f&uuml;r Alles was Ihnen
+Mr. Lobenstein noch schuldet.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das soll schnell genug geschehen sein,&laquo; brummte der
+Pensylvanier, ging hinter seine <i>bar</i>, wo Dinte und Feder stand,
+und schrieb die Quittung aus. Georg nahm indessen aus seinem
+Taschenbuch die Summe in guten Indiana-Banknoten,
+die der Wirth jedoch erst h&ouml;chst aufmerksam und sorgf&auml;ltig nachsah,
+endlich f&uuml;r richtig befand und den verlangten Schein dem
+jungen Mann aush&auml;ndigte. Eine Viertelstunde sp&auml;ter sa&szlig;
+Georg wieder im Sattel, und galopirte rasch und mit einem
+recht freudigen Gef&uuml;hl in der Brust, den schmalen, schattigen
+Weg hinauf, der nach der &raquo;deutschen Farm&laquo; f&uuml;hrte.</p>
+
+<p>Wie hatte sich der Platz ver&auml;ndert, seit dem letzten Jahre;
+das fr&ouml;hliche regsame Leben was dort geherrscht, war verschwunden,
+das Haus, in dem die Weberfamilie mit den Arbeitern gelebt,
+stand ganz leer, von dem munter bl&ouml;kenden Vieh, das die
+Fenzen sonst umgeben, war fast Nichts mehr &uuml;brig geblieben &mdash; eine
+einzige Kuh und ein paar Schweine ausgenommen &mdash; da
+mit dessen Verkauf die n&ouml;thigsten Ausgaben hatten gedeckt, die
+dringendsten Schulden bezahlt werden m&uuml;ssen, und der Platz
+selber verrieth nur zu deutlich, wie keine ordnende M&auml;nnerhand
+mehr ihm vorstehe, selbst nur ihn so in Stand zu halten wie
+er war.</p>
+
+<p>&Uuml;ber die Fenz lagen ein paar der im Feld noch gelassenen
+alten abgetrockneten B&auml;ume umgest&uuml;rzt, und die niedergebrochenen
+Riegel, mit den unausgef&uuml;llten L&uuml;cken, verschwanden
+schon allm&auml;hlich in dem Unkraut, das &uuml;ber sie emporwucherte.
+Der Mais war gereift, aber noch zum Theil &mdash; was
+nicht hatte verkauft werden m&uuml;ssen &mdash; im Felde gelassen,
+und die nicht umgebrochenen Kolben, von Spechten und Kr&auml;hen
+angepickt, begannen anzufaulen. Der kleine Garten hinter dem
+Haus sah ebenfalls w&uuml;st und von Unkraut &uuml;berwuchert aus;
+die Frauen hatten nicht Zeit mehr gehabt, vor dringenderen
+Arbeiten, die Blumen zu pflegen, die sie im Anfang ges&auml;et, und
+nur die paar Gem&uuml;sebeete, f&uuml;r das Nothwendigste was sie im
+Hause brauchten, waren rein vom Unkraute gehalten, da&szlig; die
+Sonne es bescheinen konnte. Selbst &uuml;ber den Weg hin&uuml;ber
+lag ein umgest&uuml;rzter Baum, und der Pfad, den sich die Bewohner
+darum hingemacht, bewie&szlig;, wie er schon l&auml;ngere Zeit gefallen
+sein mu&szlig;te, ohne da&szlig; sich irgend Jemand die M&uuml;he genommen,
+ihn hinwegzur&auml;umen.</p>
+
+<p>Es mochte Mittagszeit sein, als Georg den Platz erreichte;
+kein menschliches Wesen war aber in dem breiten Hofraum zu
+sehn; nur der aus dem Haus selber aufsteigende d&uuml;nne Rauch,
+wie ein paar einzelne scharrende H&uuml;hner, verriethen, da&szlig; der Ort
+bewohnt, und nicht ganz verlassen sei, und mit klopfendem
+Herzen ritt er &uuml;ber die niedergeworfenen Stangen der Einfriedigung
+hinweg bis fast an das Haus hinan, band dort sein
+Pferd an und &mdash; z&ouml;gerte wieder, ob er den Fu&szlig; vorw&auml;rts setzen
+und die Schwelle jetzt betreten sollte, die bald zu erreichen, er
+sein Pferd fast zu Schanden geritten. Da schlug der Hund
+an, ein junger Brake, den sich Eduard hatte zum Jagdhund
+dressiren wollen, und der jetzt auf eigene Hand des Nachts
+Opossums und Waschb&auml;ren in die B&auml;ume jagte und Stunden
+lang darunter vergebens heulte, H&uuml;lfe herbeizurufen.</p>
+
+<p>Am Fenster des kleinen Hauses wurde Jemand sichtbar,
+Georg konnte aber nicht gleich erkennen wer es sei, so tr&uuml;be
+war ihm das Auge geworden, als er die trostlose Ver&auml;nderung
+hier erkannte, und langsam schritt er auf die Th&uuml;re zu, inde&szlig;
+der Hund, der ihn erkannte, an ihm hinaufsprang und winselte
+und bellte.</p>
+
+<p>&raquo;Kennst Du mich noch Hektor?&laquo; sagte er, des freundlichen
+Thieres Kopf streichelnd &mdash; &raquo;hast Du mich nicht vergessen in
+der langen Zeit?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Georg!&laquo; rief da eine, oh nur zu wohlbekannte, aber erschreckte
+Stimme dicht vor ihm, und Marie, die aus der K&uuml;che
+unten getreten, zu sehn wer da komme, brach todtenbleich in
+die Knie, und w&auml;re zu Boden gesunken, h&auml;tte sie Georg nicht
+in seinem Arme aufgefangen.</p>
+
+<p>&raquo;Oh Georg &mdash; Georg ist wieder da!&laquo; rief da eine fr&ouml;hliche
+Kinderstimme und Camilla, die j&uuml;ngste Tochter Lobensteins,
+von dem um ein Jahr &auml;lteren Carl rasch gefolgt, sprang
+aus der Th&uuml;r und flog auf den jungen Mann zu. Auch
+Marie hatte sich jetzt wenigstens so weit gesammelt, wieder
+allein stehn zu k&ouml;nnen, aber noch immer war kein Tropfen
+Blutes in ihr Gesicht zur&uuml;ckgekehrt, doch lenkte der Neugekommene
+die Aufmerksamkeit der &Uuml;brigen gl&uuml;cklich von ihr ab.</p>
+
+<p>&raquo;Herr Donner?&laquo; sagte der Professor, der jetzt ebenfalls
+in der Th&uuml;r erschien, und den jungen Mann halb erstaunt,
+halb verlegen erkannte &mdash; &raquo;aber bitte, kommen Sie n&auml;her &mdash; bleiben
+Sie nicht drau&szlig;en auf der Diele stehn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein lieber &mdash; lieber Herr Professor!&laquo; rief Georg, dem
+alten Herrn entgegeneilend, und seine Hand herzlich dr&uuml;ckend &mdash; &raquo;wie
+freue ich mich, Sie so wohl und munter wiederzufinden &mdash; aber &mdash; wo
+ist die Frau Professorin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie ist nicht wohl,&laquo; sagte der Professor nach kurzer,
+aber &auml;ngstlicher Pause &mdash; &raquo;Sie wissen vielleicht noch nicht, wie
+schwer uns das Schicksal, seit Sie uns verlassen, in meinen
+Sohne heimgesucht &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; es,&laquo; sagte Georg leise, und mit tiefem Mitgef&uuml;hl.</p>
+
+<p>&raquo;Seit der Zeit kr&auml;nkelt meine Frau,&laquo; fuhr der Professor
+langsam fort &mdash; &raquo;der Schlag damals traf sie zu schwer. Um
+sich zu zerstreuen und die b&ouml;sen Gedanken loszuwerden, arbeitete
+sie dabei mehr als ihr gut war, und h&uuml;tet nun jetzt schon
+seit vier Wochen ununterbrochen das Lager. Anna war gerade
+hin&uuml;ber gegangen nach ihr zu sehen. Aber komm Marie &mdash; setz
+einen Stuhl zum Tisch f&uuml;r Herrn Donner &mdash; wenn Sie
+mit uns vorlieb nehmen wollen, wir sind gerade bei Tisch, aber
+Schmalhans ist heute K&uuml;chenmeister &mdash; Sie haben es sehr ungl&uuml;cklich
+getroffen.&laquo;</p>
+
+<p>Georg &mdash; selber nicht wissend, wie er das, was ihm auf
+dem Herzen lag, beginnen sollte &mdash; setzte sich mit zu Tisch &mdash; die
+Mahlzeit bestand in Kartoffeln mit Butter und einem sehr
+einfachen Amerikanischen Gericht, Hominy &mdash; gequollener und
+in Wasser abgekochter Mais.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Georg die letzte und vorletzte Woche gekommen
+w&auml;re,&laquo; rief Camilla dazwischen &mdash; &raquo;h&auml;tte er auch nichts Anderes
+gefunden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;M&ouml;gen Sie das Hominy?&laquo; frug der Professor verlegen
+l&auml;chelnd, und versuchend die Aufmerksamkeit des jungen Mannes
+von dem Kinde abzuziehn &mdash; &raquo;<span class="wide">ich</span> habe mich so daran
+gew&ouml;hnt, da&szlig; es ordentlich ein Leibgericht von mir geworden
+ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir Andern m&ouml;gen es aber alle mit einander nicht,&laquo;
+sagte Camilla &mdash; &raquo;es schmeckt gerade wie Stroh.&laquo;</p>
+
+<p>Die Th&uuml;r ging in diesem Augenblick auf, und Anna's
+Eintritt unterbrach gl&uuml;cklicher Weise die naseweise Bemerkung
+des Kindes. Anna begr&uuml;&szlig;te den jungen Mann auf das Herzlichste,
+und auch Marie wurde zutraulicher, und gewann ihre
+ganze Fassung wieder, als sie sah, wie unbefangen sich die
+Schwester mit dem fr&uuml;hern Hausgenossen unterhielt. Georg
+beseitigte dabei auf sehr praktische Weise jede Verlegenheit, die
+der Professor etwa h&auml;tte wegen dem Essen f&uuml;hlen k&ouml;nnen, indem
+er, durch den scharfen Ritt auch wirklich hungrig geworden,
+tapfer zulangte, und dem Hominy und den Kartoffeln alle
+nur m&ouml;gliche Ehre anthat.</p>
+
+<p>&raquo;Und wissen Sie, weshalb ich hierher zur&uuml;ckgekommen
+bin?&laquo; frug Georg nach beendeter Mahlzeit, indem er l&auml;chelnd
+den Professor ansah, nur aber einen ganz scheuen, fl&uuml;chtigen
+Blick nach Marien hin&uuml;berzuwerfen wagte, deren Auge er jedoch
+nicht begegnete.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Weshalb, wei&szlig; ich nicht,&laquo; sagte der Professor herzlich &mdash; &raquo;aber
+es freut mich, <span class="wide">da&szlig;</span> Sie wiedergekommen sind, und mir
+wenigstens dadurch beweisen, Sie tragen keinen Groll nach,
+wegen dem Vergangenen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Lieber Professor.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich h&auml;tte selber schon an Sie geschrieben,&laquo; fuhr dieser
+jedoch entschlossen fort, &raquo;konnte aber von keiner Seite auch nur
+die geringste Nachricht bekommen, <span class="wide">wo</span> Sie sich bef&auml;nden; Sie
+waren auf einmal verschollen und blieben es, von dem Augenblick
+an, wo Sie den Platz verlassen, da Sie Herr von Hopfgarten
+damals, ein paar Stunden sp&auml;ter, vergeblich im ganzen
+Township suchen lie&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr von Hopfgarten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich erz&auml;hle Ihnen die Geschichte ein ander Mal &mdash; aber
+&mdash; sind Sie <span class="wide">zuf&auml;llig</span> wieder in unsere N&auml;he gekommen, oder
+haben Sie uns noch nicht ganz vergessen gehabt, und absichtlich
+aufgesucht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin vier Tage so scharf geritten, wie mein Pferd
+laufen konnte,&laquo; l&auml;chelte Georg, tief dabei err&ouml;thend &mdash; &raquo;nur
+um recht bald hier zu sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das ist brav, das ist recht brav von Ihnen,&laquo; rief Anna
+freudig, und Marie dankte es ihm die&szlig;mal mit einem l&auml;chelnden
+Blick.</p>
+
+<p>&raquo;Um aber kurz zu sein,&laquo; fuhr Georg z&ouml;gernd und err&ouml;thend
+fort, &raquo;so &mdash; so m&ouml;chte ich wieder hier in Arbeit treten, und
+&mdash; und wenn Sie mir beweisen wollen, da&szlig; auch Sie keinen
+Groll mehr gegen mich hegen, vielleicht manches voreilig gesprochenen
+Wortes wegen &mdash; so schicken Sie mich nicht wieder
+fort, sondern behalten mich hier.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach das ist brav, das ist sch&ouml;n,&laquo; rief Carl &mdash; &raquo;da brauche
+ich und Marie nicht mehr das schwere Holz aus dem Wald
+herbeizuschleppen.&laquo; Anna und Marie aber sahen sich verlegen
+an und der Vater sagte, ohne die Frage direkt zu beantworten
+und dann Georgs Arm nehmend, zu seinen T&ouml;chtern:</p>
+
+<p>&raquo;Haltet den Kaffee bereit, Kinder, bis wir zur&uuml;ckkommen,
+ich mu&szlig; Herrn Donner doch einmal zeigen, wie weit wir mit
+unseren Arbeiten vorw&auml;rts gelangt sind, seit er uns verlassen,
+und unterwegs k&ouml;nnen wir dann auch alles Weitere viel besser
+und bequemer besprechen,&laquo; und ihn mit sich die Treppe
+hinunterf&uuml;hrend, traten sie in den Hof, wo Georg vor allen Dingen
+sein Pferd absatteln, in den Stall einstellen und f&uuml;ttern mu&szlig;te,
+und dann mit dem Professor langsam den Weg hinabging,
+der an den Feldern hinf&uuml;hrte.</p>
+
+<p>&raquo;Lieber Donner,&laquo; sagte dieser hier zu ihm, und es war
+ihm angenehm, da&szlig; er, neben ihm hingehend', nicht in sein
+Auge zu schauen brauchte &mdash; &raquo;die Zeiten, seit wir uns nicht
+gesehen, haben sich <span class="wide">sehr</span> ver&auml;ndert, und &mdash; so gern ich Sie
+wieder auf meiner Farm besch&auml;ftigen m&ouml;chte, ja so &mdash; so n&ouml;thig
+ich sogar Jemanden dazu brauchte &mdash; bin ich nicht mehr &mdash; durch
+die die&szlig;j&auml;hrigen niedrigen Getreidepreise noch au&szlig;erdem gedr&uuml;ckt
+&mdash; im Stande Arbeiter zu halten und &mdash; zu bezahlen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber bester Professor&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bitte, lassen Sie mich ausreden,&laquo; sagte dieser, fest
+entschlossen, die einmal begonnene Sache nun auch durchzuf&uuml;hren
+&mdash; &raquo;ehe wir von etwas Anderem beginnen &mdash; ehe ich
+Ihren freundlichen Antrag, wieder auf meiner Farm eine bestimmte
+Besch&auml;ftigung zu nehmen, zur&uuml;ckweise, bin ich Ihnen,
+mein lieber Donner, eine Ehrenerkl&auml;rung schuldig, die mir &mdash;
+thun Sie mir die Liebe und unterbrechen Sie mich jetzt nicht
+&mdash; die mir schon lange schwer und dr&uuml;ckend auf dem Herzen
+gelegen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Lieber Herr Professor&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin damals nicht allein unfreundlich, nein, ich bin
+auch ungerecht gegen Sie gewesen,&laquo; fuhr aber der Professor entschlossen
+fort, &raquo;und es mag Ihnen einige Beruhigung oder Genugthuung
+gew&auml;hren, von mir ganz offen das Gest&auml;ndni&szlig; zu
+h&ouml;ren, da&szlig; ich durch Schaden habe klug werden und die Wahrheit
+dessen erleben m&uuml;ssen, was Sie gerade vertheidigten, und
+gethan haben wollten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oh wie gern wollt' ich Unrecht gehabt haben, bester
+Professor, wenn nur &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben <span class="wide">nicht</span> Unrecht gehabt,&laquo; unterbrach ihn der
+Professor rasch, &raquo;und selbst, was Sie mir an dem letzten
+Morgen &uuml;ber jenen faden Dichterling sagten, hat sich furchtbar,
+viel furchtbarer freilich als wir Beide damals ahnen konnten,
+bew&auml;hrt. Ich habe schwer &mdash; fast zu schwer f&uuml;r meine
+Leichtgl&auml;ubigkeit, mit der ich unreifen, oft vielleicht selbst
+eigenn&uuml;tzigen Pl&auml;nen Glauben schenkte, b&uuml;&szlig;en m&uuml;ssen, und
+wollte es gern, wenn nicht &mdash; wenn nicht meine arme Familie
+jetzt auch so schwer darunter leiden m&uuml;&szlig;te. Sie sehn, lieber
+Donner, ich bin offen und aufrichtig gegen Sie, das mag
+Ihnen den besten Beweis liefern, da&szlig; ich mein Unrecht gegen
+Sie bereue.&laquo;</p>
+
+<p>Georg war tief ersch&uuml;ttert; das Bekenntni&szlig; des sonst so
+strengen abgeschlossenen Mannes, das gerade <span class="wide">ihn</span> furchtbare
+&Uuml;berwindung mu&szlig;te gekostet haben, machte einen unendlich
+wehm&uuml;thigen Eindruck auf ihn, und er brauchte Minuten, sich
+selber erst wieder so weit zu sammeln, dem zu erwidern. Der
+Professor war indessen an einer Stelle stehen geblieben, wo
+ein d&uuml;rrer Baum erst ganz k&uuml;rzlich &uuml;ber die Fenz heruntergeschlagen
+schien, und dieselbe zusammengebrochen hatte, was sich
+ein paar Schweine zu Nutz gemacht, die drinne an einem
+K&uuml;rbi&szlig; herumbissen und, als sie die M&auml;nner kommen h&ouml;rten,
+grunzend in das Feld weiterhinein fl&uuml;chteten.</p>
+
+<p>&raquo;Die Farm sieht arg verwildert aus,&laquo; sagte Georg endlich
+leise, eine direkte Antwort auf das Gest&auml;ndni&szlig; vermeidend,
+&raquo;man sollte kaum glauben, da&szlig; ein einziges Jahr eine solche
+Ver&auml;nderung hervorbringen k&ouml;nnte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Seit dem Tode meines Sohnes,&laquo; sagte der alte Herr
+seufzend, &raquo;habe ich selber an Allem die Lust verloren, und
+nichts thun noch arbeiten m&ouml;gen; selbst das Nothwendigste ist
+liegen geblieben, und der sp&auml;tere Besitzer der Farm mag nachholen,
+was ich vers&auml;umen mu&szlig;te.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie wollen fort von hier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir brauchen uns &uuml;ber das H&uuml;lfsverbum nicht zu t&auml;uschen,
+lieber Donner,&laquo; sagte der Professor wehm&uuml;thig l&auml;chelnd,
+&raquo;ob ich <span class="wide">will</span> oder nicht &mdash; ich <span class="wide">mu&szlig;!</span>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und Ihre Familie?&laquo; sagte Donner halb vorwurfsvoll.</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben recht,&laquo; seufzte der Mann, &raquo;es ist schwer f&uuml;r
+sie, geht aber doch nicht anders an; ich will nach dem &raquo;fernen
+Westen&laquo;, wo man, wie ich aus sicherer Quelle wei&szlig;, ein kleines
+<i>improvement</i> f&uuml;r f&uuml;nfzig Dollar, und vierzig Acker Land
+f&uuml;r denselben Preis bekommen kann. So viel wird mir nach
+dem Verkauf meiner Sachen und Abzug aller Reisespesen &uuml;brig
+bleiben, und wir m&uuml;ssen dort eben ein neues Leben beginnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und glauben Sie, da&szlig; Ihre Frauen das aushalten w&uuml;rden?&laquo;
+frug Georg ihn ernst, &raquo;<span class="wide">kennen</span> Sie das Leben im
+Westen, mit seinen Entbehrungen, seinen Beschwerden, seinem
+Klima?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe viel dar&uuml;ber gelesen,&laquo; sagte der Professor ausweichend.</p>
+
+<p>&raquo;Du lieber Gott,&laquo; seufzte der junge Mann, &raquo;wenn ich
+mir da die arme Frau Professorin, die zarte Anna und selbst
+die kr&auml;ftige Marie denken m&uuml;&szlig;te &mdash; ich w&uuml;rde im Leben nicht
+wieder froh werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber was <span class="wide">soll</span> ich thun?&laquo; sagte der Professor, froh
+endlich einmal Jemanden zu haben, mit dem er sich aussprechen,
+gegen den er sein Herz erleichtern konnte, &raquo;Ihnen gegen&uuml;ber
+brauch' ich kein Hehl daraus zu machen, denn ich wei&szlig;,
+Sie nehmen Theil an unserem Schicksal, das sich nicht allein
+durch eigene Schuld, sondern auch durch das Zusammentreffen
+ungl&uuml;ckseliger Umst&auml;nde so traurig gestaltet hat. Ich bin nicht
+im Stande das letzte Kaufgeld f&uuml;r die viel zu theuer bezahlte
+Farm, so wenig das sein mag, aufzutreiben, der Bursche in
+Grahamstown, dem mein Mobiliar in die Augen sticht, dr&auml;ngt
+mich mit der Zahlung, und auch meine letzte Hoffnung, Herr
+von Hopfgarten, ist nicht mehr aufzufinden. Ich habe mich
+nach ihm bei dem Wirth des St. Charles Hotels in New-Orleans
+erkundigt, und wenn mir die Leute die Wahrheit geschrieben,
+so ist Freund Hopfgarten vor kurzer Zeit nach Europa
+zur&uuml;ckgekehrt. Den Termin l&auml;nger hinauszuschieben bin ich
+ebenfalls nicht im Stande, und werde schon n&auml;chste Woche gezwungen
+sein meine Farm und Mobiliar vielleicht f&uuml;r den sechsten
+Theil dessen was sie mich selber gekostet hat, zu verkaufen, und
+mit den Meinen dann von vorn anfangen zu m&uuml;ssen, ein allerdings
+vollkommen neues Leben zu beginnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Sie denn fest entschlossen sind,&laquo; rief da Georg,
+der klopfenden Herzens, das Gest&auml;ndni&szlig; seiner Liebe zu Marie
+auf den Lippen, noch nicht gewagt hatte damit herauszutreten,
+&raquo;wenn Sie die Wildni&szlig; w&auml;hlen wollen und m&uuml;ssen zu Ihrem
+Aufenthalt &mdash; dann nehmen Sie mich mit und &mdash; seien Sie mir
+mehr als Freund dann, lieber Herr &mdash; seien Sie mir <span class="wide">Vater</span> &mdash; Vater
+im wahren Sinn des Worts. Lange Monden hin,&laquo;
+fuhr der junge Mann, als ihn der Professor staunend ansah,
+leidenschaftlicher fort, &raquo;habe ich die Qual der Ungewi&szlig;heit,
+die Sehnsucht nach dem einen Wesen auf dieser Welt, das
+meiner Seele Ziel geworden, mit mir herumgetragen &mdash; ich
+darf das nicht l&auml;nger mehr &mdash; geben Sie mir Marie zum
+Weibe, lassen Sie <span class="wide">mich</span> den verlorenen Sohn ersetzen, und
+nie, nie sollen Sie bereuen mir so vertraut zu haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein lieber, lieber Donner,&laquo; sagte der Professor, der
+sich noch immer nicht von seiner &Uuml;berraschung erholen konnte
+&raquo;Sie wollen Ihr Schicksal an das einer Familie ketten, die
+sich &mdash; die sich eben nicht im Gl&uuml;ck befindet &mdash; und wei&szlig;
+Marie&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Noch keine Sylbe &mdash; noch habe ich selber nicht gewagt,
+ihr meine Liebe zu gestehen,&laquo; rief Georg, &raquo;aber wenn mich
+nicht Alles t&auml;uschte, darf ich hoffen.&laquo;</p>
+
+<p>Der Professor sah dem jungen Mann lange und fest in's
+Auge &mdash; bis sich sein eigener Blick in langsam aufsteigenden
+Thr&auml;nen dunkelte, dann nahm er Georgs Hand, dr&uuml;ckte sie
+fest und herzlich, und zog ihn endlich leise aber liebend an
+seine Brust.</p>
+
+<p>&raquo;Mein lieber, lieber Vater,&laquo; fl&uuml;sterte Georg.</p>
+
+<p>&raquo;Mein lieber, lieber Sohn!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und nun zur Mutter!&laquo; rief da Georg, dem Lust und
+Freude das Herz bald in der Brust zu sprengen drohte, &raquo;nun
+zur Mutter, ihr Sorge und Kummer, und mit den beiden
+Menschenqu&auml;lern auch die b&ouml;se Krankheit zu nehmen, die sie
+noch an's Lager fesselt. Wir gehen <span class="wide">nicht</span> nach dem Westen
+Vater &mdash; wir bleiben <span class="wide">hier,</span> und die Fenzen werden wieder
+ausgebessert, das Unkraut wird hinausgeworfen aus dem Felde,
+und die M&uuml;hle fertig gebaut, dem Wirth in Grahamstown
+gerad zum Trotz und &Auml;rgern.&laquo;</p>
+
+<p>Der Professor sch&uuml;ttelte traurig mit dem Kopf und sagte
+seufzend:</p>
+
+<p>&raquo;Das sind <span class="wide">Pl&auml;ne,</span> mein junger Freund, wie sie die <span class="wide">Jugend</span>
+eben entschuldigt; das ruhige Alter findet sich nicht mehr
+so leicht mit Unm&ouml;glichkeiten ab.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wissen Sie denn Vater &mdash; o da&szlig; ich Sie jetzt &mdash; da&szlig;
+ich Sie <span class="wide">endlich</span> so nennen darf,&laquo; sagte Georg, seinen Arm
+ergreifend, und ihm mit blitzenden Augen in's Antlitz sehend,
+&raquo;da&szlig; ich vom Gl&uuml;ck beg&uuml;nstigt in Michigan in das Haus eines
+reichen Mannes kam, bei ihm ein Viertel Jahr in gutem
+Gehalt stand und ihm die beiden Kinder, die ihm schwer erkrankten,
+rettete? &mdash; wissen Sie, da&szlig; mich der Mann aus
+Dankbarkeit in den Stand setzte, durch den zweckm&auml;&szlig;igen Kauf
+einer Anzahl von Baupl&auml;tzen in einer neu gegr&uuml;ndeten Stadt,
+in den letzten drei Viertel Jahren nur durch einen theilweisen
+Verkauf derselben Parcellen wieder, f&uuml;nfzehnhundert Dollar an
+baarem Gelde zu verdienen? &mdash; Und kennen Sie die Quittung
+hier von Grahamstown?&laquo; rief er unter vorquellenden Thr&auml;nen
+lachend aus, &raquo;kennen Sie den Autographen von Ezra Ludkins? &mdash; Da
+behalten Sie das Papier und lesen Sie es aufmerksam
+durch, hoffentlich ist Alles in Ordnung und &mdash; mag mich
+Marie nicht &mdash; sagt sie <span class="wide">nein</span> &mdash; ja dann soll mich mein Rappe
+noch heute Abend fort &mdash; weit fort von hier tragen, gleichviel
+wohin. &mdash; Sagt sie aber ja &mdash; oder lacht oder weint sie nur &mdash; oder
+thut sie gar Nichts &mdash; und sieht sie mich nicht einmal
+an, dann &mdash; aber ich kann es wahrhaftig nicht l&auml;nger mehr
+in der Ungewi&szlig;heit ertragen; kommen Sie nach Vater, so rasch
+Sie Ihre F&uuml;&szlig;e tragen, und voraus hol' ich mir mein Gl&uuml;ck
+oder Leid aus Mariens Munde!&laquo;</p>
+
+<p>Und den Hut freundlich gegen den Professor schwenkend
+lie&szlig; er ihn an der hinteren Fenz und am Holzrande zur&uuml;ck,
+und sprang in fl&uuml;chtigen S&auml;tzen dem kaum verlassenen Hause
+wieder zu.</p>
+
+<p>Und dort? &mdash; lieber Leser, das ist eine Sache, die nur
+immer zwei Leute auf einmal in der Welt interessirt. Wie
+&raquo;Vielliebchen&laquo; aus <span class="wide">einem</span> Mandelkern hat der liebe Gott die
+Herzen, von denen immer zwei und zwei f&uuml;r einander geschaffen
+sind, &uuml;ber die Welt wild und bunt hinausgestreut &mdash; selig
+die, die ihre Theile wieder zusammenfinden.</p>
+
+<p>Und Marie und Georg <span class="wide">waren</span> selig; an dem Abend,
+neben dem Bett der Mutter, der mit der frohen frischen Hoffnung
+auch wieder neuer Muth, neue Kraft in das Herz gezogen,
+wie es Georg gehofft, sa&szlig;en sie Hand in Hand und
+plauderten und bauten mit der Schwester Pl&auml;ne auf, die Gl&uuml;cklichen,
+nach Herzenslust. Und der Vater ging dabei, die H&auml;nde
+auf den R&uuml;cken gelegt, schmunzelnd auf und ab; in der Kinder
+jungem Leben ging auch ihm ein neues frisches Dasein auf &mdash; die
+tr&uuml;be b&ouml;se Zeit lag dahinten, und wenn auch bittere Erfahrungen
+ihn gepr&uuml;ft, so waren es doch eben Erfahrungen
+geworden, und <span class="wide">auf</span> ihnen weiter schreitend, mit einer jungen
+kr&auml;ftigen St&uuml;tze jetzt an seiner Seite, konnt' er der Zukunft
+wieder froh in's Auge schaun.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h2><a name="kap5" id="kap5"></a>Capitel 5</h2>
+<h3>Jimmy.</h3>
+
+<p>Die Fieberzeit, trotz ihren Schrecken von den Amerikanern
+scherzweis &raquo;der gelbe Jack&laquo; genannt, war vor&uuml;ber; der
+Oktober hatte, gleich von Anfang an mit kalten und scharfen
+Nordwest-Winden einsetzend, die Seuche seew&auml;rts geweht, und
+die Luft gereinigt, und vom Norden herunter kehrten die gefl&uuml;chteten
+Bewohner der gef&auml;hrdeten Stadt in Schaaren zu ihren
+Wohnsitzen zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Welch ein Unterschied zwischen dem New-Orleans jetzt,
+und dem, vier Wochen fr&uuml;her. Welch Dr&auml;ngen und Treiben
+&uuml;berall von frischem, fr&ouml;hlichem, kr&auml;ftigem Volk, das
+her&uuml;ber und hin&uuml;ber dr&auml;ngt, kauft und verkauft, und plaudert,
+lacht und singt. Welch Treiben und Leben an der Lev&eacute;e, wo
+Boot nach Boot, Schiff nach Schiff anlegt, seine Waaren der
+neugeborenen Stadt zuzuf&uuml;hren; welch Treiben und Leben in
+den Stra&szlig;en, den kleinen Adern des Verkehrs, in denen das
+warm pulsirende Herzblut her&uuml;ber und hin&uuml;ber treibt, und nur
+vier Wochen Unterschied, wie sahen da die Stra&szlig;en aus? &mdash; wie
+der Strom? &mdash; wo war das Leben, das jetzt, dem sch&auml;umenden
+Bache gleich, aus seinen Ufern quoll?</p>
+
+<p>Der Wanderer, der die Stadt in <span class="wide">der</span> Zeit, im August
+und September, betrat, und das lebendige Bild von ihr im
+Herzen, ein fr&ouml;hlich schaffendes, lebenslustiges Volk zu finden
+erwartete, steht entsetzt und traut den Augen kaum.</p>
+
+<p>New-Orleans, des S&uuml;dens K&ouml;nigin, der keine andere
+Stadt im weiten Reich die Spitze bieten kann, scheint in <span class="wide">der</span>
+Zeit ein weiter offener Sarg &mdash; die Stra&szlig;en liegen todt und
+leer, der Fu&szlig;tritt des einzelnen fl&uuml;chtigen Wanderers schallt
+hohl und unheimlich von den verschlossenen H&auml;usern wieder &mdash; dort
+begegnet ihm ein anderer, eben so rasch, das Tuch am
+Munde &mdash; aber scheu weicht man sich aus und will aneinander
+vor&uuml;ber &mdash; da zuckt der Fu&szlig; fast unwillk&uuml;rlich &mdash; es ist
+ein Freund, den man so lange nicht gesehn, schon todt gew&auml;hnt &mdash; einerlei,
+vorbei; die Krankheit k&ouml;nnte in seiner N&auml;he weilen,
+sein Hauch vielleicht sie bringen, und mit stummem, traurigem
+Nicken fliehen sich die Beiden.</p>
+
+<p>Wo ist dann der fr&ouml;hliche L&auml;rm der Dampfbootlandung,
+das Rasseln der schwerbeladenen G&uuml;terkarren mit den trunkenen
+Irl&auml;ndern, das Singen und Lachen der Neger. Dort
+f&auml;hrt etwas &uuml;ber das Pflaster &mdash; wie hohl das in den leeren
+Stra&szlig;en klingt &mdash; es ist nur der Leichenwagen, der im scharfen
+Trab hinausf&auml;hrt, seine Doppellast abzuwerfen und neue,
+schon lang bestellte Fuhre zu holen. Wo ist das rege gesch&auml;ftige
+Treiben der L&auml;den &mdash; die meisten sind geschlossen, wer
+soll jetzt kaufen, und der Trauerflor an den Th&uuml;ren dort und
+hier, und da und dr&uuml;ben, k&uuml;ndet die Stelle, wo sich die Seuche
+mit den langen gelben, gierigen Krallen ihre Opfer herausgeholt.</p>
+
+<p>Und jetzt? &mdash; kaum ein Monat ist verflossen, da&szlig; diese
+Stra&szlig;en w&uuml;st und &ouml;de lagen, und der gro&szlig;e Vernichter seine
+Erndte in der scheinbar menschenleeren Stadt hielt; wo er mit
+schw&uuml;lem Fl&uuml;gelschlag &uuml;ber die D&auml;cher strich, und rechts und
+links in boshafter Lust seinen Giftodem einblie&szlig; in das, in
+jenes Haus &mdash; und seht, wie das wieder dr&auml;ngt und wogt, und
+lacht und singt und fr&ouml;hlich ist, und die Todten in ihren stillen
+Gr&auml;bern schon lange, lange vergessen hat. Lieber Gott, <span class="wide">Wochen</span>
+sind ja auch schon dar&uuml;ber hingegangen, und eine fast
+neue Bev&ouml;lkerung hat Besitz von dem Grund und Boden genommen,
+den die Seuche gelichtet und ver&ouml;det.</p>
+
+<p>Was damals freilich New-Orleans verlassen <span class="wide">konnte,</span>
+that es, und die Wirths- und Gasth&auml;user standen &ouml;d' und
+leer, ja man vermied die Schwellen derselben mit scheuer Angst,
+aus Furcht, gerade dort am meisten Kranke zu treffen, und in
+dem Athemzug vielleicht den Tod schon einzuziehen. So flohen
+auch &raquo;das deutsche Vaterland&laquo; sechs Wochen lang die meisten
+&raquo;Boarder&laquo;, aber die dort Wohnenden <span class="wide">konnten</span> nicht alle fort.
+Viel arme Deutsche, die mit versp&auml;teten Schiffen nach langer
+Reise hier eingetroffen waren, fanden theils kein Boot mehr,
+das sie mit fortnahm von hier, theils hatten sie kein Geld, die
+in der Zeit entsetzlich hohe Passage zu bezahlen. Die
+Capitaine der wenigen dort anlegenden Dampfer wu&szlig;ten recht gut,
+da&szlig; Alles, was jetzt die Stadt verlassen konnte, ging, und
+rechneten f&uuml;nf- und sechsfache Passagepreise, sich selbst f&uuml;r die
+Gefahr bezahlt zu machen, der sie die Stirn boten.</p>
+
+<p>So lag eine ganze Schaar Baiern, ohne Mittel fortzukommen,
+in den kleinen dumpfigen Hinterstuben des &raquo;deutschen
+Vaterlands&laquo;, und wie die Seuche hereinbrach &uuml;ber die Stadt,
+suchte sie sich schon ihre ersten Opfer aus der Schaar.</p>
+
+<p>Im &raquo;deutschen Vaterland&laquo; war aber indessen auch noch
+au&szlig;erdem eine gro&szlig;e Ver&auml;nderung vorgegangen, und Hedwig
+hatte das Haus nicht allein nicht verlassen, sondern Franz
+seinem Vater frei und offen erkl&auml;rt, da&szlig; er das junge wackere
+M&auml;dchen, sobald er nur erst einmal selbstst&auml;ndig dastehe, wenn
+sie ihn haben m&ouml;ge, zum Weibe nehmen wolle.</p>
+
+<p>Den alten Mann fesselte in dieser Zeit ein Sturz, den er
+von der Treppe gethan, an sein Lager, und Franz mu&szlig;te &uuml;berdie&szlig;
+indessen die Leitung der ganzen Wirthschaft &uuml;bernehmen.
+Mit <span class="wide">dem</span> Plane seines Sohnes war er im Anfang aber gar
+nicht einverstanden, hatte die und jene Einwendungen, erkl&auml;rte,
+er sei doch nicht ganz <span class="wide">so</span> arm wie Franz zu glauben scheine
+(und wie er ihm allerdings selber oft genug betheuert) und
+<span class="wide">sein</span> Sohn k&ouml;nne da wohl schon noch eine bessere Parthie
+machen, und sich seine Frau aus einem anderen Hause &mdash; und
+wenn es das gr&ouml;&szlig;te Steingeb&auml;ude in der Stadt w&auml;re &mdash; holen.
+Da Franz aber, nicht gerade gleich auf eine Einwilligung
+dringend, hartn&auml;ckig bei dem einmal gefa&szlig;ten Entschlusse
+blieb, gew&ouml;hnte er sich zuletzt an den Gedanken, und
+sah, wenn er dem Sohne das auch nicht gestand, selbst seiner
+abnehmenden Kr&auml;fte wegen, eher noch eine St&uuml;tze in dem flei&szlig;igen,
+wirthschaftlichen M&auml;dchen.</p>
+
+<p>Nur der &raquo;verschwenderische Geist&laquo; des Sohnes, wie er es
+nannte, machte ihm Sorge; er rief ihn deshalb auch oft an
+sein Bett, und beschwor ihn, doch nur um Gottes Willen auf
+sein eignes Gut mehr zu achten, den eigenen Nutzen mehr im
+Auge zu haben, denn wenn er selber einmal die Augen schlie&szlig;e,
+und nicht mehr rathen, nicht mehr wehren k&ouml;nne, wie bald
+seien dann die paar gesparten Thaler auch wieder fort, an der
+die Undankbarkeit der Menschen schon lange arbeite und w&uuml;hle
+und zehre.</p>
+
+<p>Franz hatte ein zu gutes Herz, dem Eigennutz mehr zu
+folgen als diesem, und der Vater w&uuml;rde dem einzigen Sohne
+auch wirklich schon lange den Willen gelassen, und die Wirthschaft
+ganz &uuml;bergeben haben, h&auml;tte ihn nicht Messerschmidt bis
+jetzt noch immer aus allen Kr&auml;ften davon abgehalten und gewarnt;
+wie dieser denn auch sein M&ouml;glichstes that, die Heirath
+mit dem jungen Hamann und dem fremden &raquo;hergelaufenen&laquo;
+M&auml;dchen aus allen Kr&auml;ften zu hintertreiben.</p>
+
+<p>Die Seuche unterbrach das Alles &mdash; Niemand, der nicht
+mu&szlig;te, verkehrte mit dem Anderen; Messerschmidt selber betrat
+in dieser ganzen Zeit das Haus nicht, Franz aber lernte gerade
+da den Werth des holden anspruchlosen Kindes, mit seiner
+Aufopferung und Herzensg&uuml;te im reinsten Lichte kennen. Hier
+war kein <span class="wide">Schein</span> mehr, wo der Tod grinsend und drohend
+an der Schwelle stand; hier war nicht mehr Verstellung
+denkbar, &raquo;das Herz des reich geglaubten Wirthssohnes&laquo;, wie Messerschmidt
+dem jungen Hamann oft und heimlich warnend zugefl&uuml;stert,
+zu fesseln; unbek&uuml;mmert um Alles, wo sie nur n&uuml;tzen
+konnte, ging Hedwig ihren stillen Weg, und an den Krankenbetten
+stand sie oft ein Engel des Trostes und der H&uuml;lfe.</p>
+
+<p>Schon seit Clara damals sich von ihrer Krankheit erholt,
+und selber im Stande gewesen war durch weibliche Arbeiten
+ihren Unterhalt wenigstens zu verdienen, hatte Hedwig Gehalt
+bezogen, den ihr der alte Hamann selber, <span class="wide">trotz</span> seinem Geiz,
+freiwillig erh&ouml;ht, als er sich doch nicht leugnen konnte, wie sie
+arbeitete und schaffte, und wie sie Alles ihm zusammenhielt.
+Was sie aber an Geld bekommen, nahm die schwere Zeit auch
+wieder fort, denn keine Woche verging, in der nicht h&uuml;lflose
+Wittwen und Waisen den Sarg des Gatten und Vaters hinausbegleitet
+zu seiner stillen Ruhest&auml;tte, dann aber selber verlassen
+und allein in der fremden Welt gestanden h&auml;tten, die ihnen
+eine Heimath werden sollte, und jetzt nur Tod und Elend
+zeigte, wohin sie schauten. F&uuml;r wie viele zahlte sie da nicht
+das Passagegeld auf den einzelnen Dampfbooten, sie nur fort,
+einer gesunden Gegend zuzubringen, ehe sie hier ihr Letztes verzehrt,
+und mehr noch vielleicht von ihren Lieben begraben
+mu&szlig;ten; wie viele unterst&uuml;tzte sie hier mit Rath und That,
+l&ouml;ste die schon versetzten Koffer f&uuml;r sie ein, und zog sich scheu
+und sch&uuml;chtern in ihr kleines K&auml;mmerchen zur&uuml;ck, wenn ihr die
+Leute nur daf&uuml;r danken wollten, was sie gethan.</p>
+
+<p>Mit der gesunden Jahreszeit kehrte aber auch die gew&ouml;hnliche
+Arbeit wieder f&uuml;r das deutsche Gasthaus; Schiff nach
+Schiff traf ein, alle mit Auswanderern schwer beladen, und
+da sich nicht Alle gleich entschlie&szlig;en konnten die eben betretene
+Stadt, die keine Spur der &uuml;berstandenen Pest mehr zeigte,
+gleich wieder zu verlassen, f&uuml;llten sich die Gasth&auml;user, wie das
+um diese Zeit fast stets der Fall ist, bis unter die D&auml;cher mit
+Fremden und ihren G&uuml;tern an. Die&szlig; war auch immer die
+gesch&auml;ftigste und eintr&auml;glichste Zeit f&uuml;r den alten Hamann gewesen,
+und jetzt sa&szlig; er, in sein Zimmer gebannt, regungslos
+fest auf seinem Stuhl, und durfte und konnte nicht hinaus.</p>
+
+<p>Zuerst qu&auml;lte und sorgte er sich denn auch ab dabei, und
+wollte es wohl gar erzwingen, trotz allen &Auml;rzten und Medicinen;
+endlich sah er aber doch wohl ein da&szlig; es nicht ging,
+da&szlig; er sich Ruhe g&ouml;nnen m&uuml;sse, bis ihn die Glieder wieder
+tr&uuml;gen, und die Hauptarbeitszeit wohl &uuml;berhaupt f&uuml;r ihn vorbei
+sei. Der Sohn dr&auml;ngte und bat dabei da&szlig; er nun endlich
+in seine Verbindung mit Hedwig willigen m&ouml;chte; es sei ein
+anderes Leben wenn eine <span class="wide">Hausfrau</span> in der Wirthschaft w&auml;re,
+besonders <span class="wide">solche</span> Hausfrau, und er, der Vater selber, k&ouml;nne
+ruhiger sein, wo er nicht <span class="wide">fremden</span> Menschen nur sein Eigenthum
+anzuvertrauen habe.</p>
+
+<p>Der alte Hamann gab endlich seine Einwilligung, und
+Hedwig, die dem jungen Mann von Herzen zugethan war,
+und mehr fast noch in dem Bewu&szlig;tsein nun freier handeln,
+noch mehr Gutes thun zu k&ouml;nnen, sich wohl und gl&uuml;cklich
+f&uuml;hlte, legte am Altar ihre Hand in die seine, und zog als
+<span class="wide">Herrin</span> in das Haus hinein, das sie in Noth und Sorge, als
+Dienerin betreten.</p>
+
+<p>Franz schwelgte in der Zeit in einem Meer von Wonne,
+und wenn er auch von seinem Vater &mdash; der Termin dazu war
+auf den ersten December festgesetzt worden &mdash; die ganze unbeschr&auml;nkte
+F&uuml;hrung des Hauses noch nicht &uuml;berkommen hatte,
+f&uuml;hlte er sich doch zu gl&uuml;cklich im Besitz seines braven, inniggeliebten
+Weibes, anderen Gedanken in dieser Zeit noch Raum
+zu geben. Hedwig aber wirthschaftete nach wie vor, in stiller
+anspruchsloser Weise &mdash; wo sie helfen konnte, half sie gern,
+und das &raquo;deutsche Vaterland,&laquo; fr&uuml;her der eintr&auml;glichste Platz
+f&uuml;r alle Arten diebischer Agenten, und die H&ouml;hle, in der hunderte
+von armen Einwanderern ihr Alles verloren, und nackt
+in die Welt hinausgesto&szlig;en wurden, schien ein Asyl der H&uuml;lfsbed&uuml;rftigen
+zu werden, und erweckte deshalb auch besonders
+in den Herzen einzelner, bei dem fr&uuml;heren Gewinn Betheiligter,
+rege Besorgnisse.</p>
+
+<p>Unter diesen standen der Agent Messerschmidt, und Jimmy
+der Barkeeper vorne an, denen Beiden die Hochzeit zwischen
+den jungen Leuten ein Dorn im Fleisch geworden, und was
+sie nicht mehr hintertreiben konnten, suchten sie wenigstens so
+viel als m&ouml;glich zu st&ouml;ren. Franz wu&szlig;te das, vermochte aber
+noch nicht selber irgend etwas mit Beiden anzufangen, bis er
+nicht die Wirthschaft allein in H&auml;nden hielt, und als unumschr&auml;nkter
+Herr darin gebieten konnte. Der Tag r&uuml;ckte jedoch
+mehr und mehr heran, und als der November endlich verflossen
+war und der alte Hamann am 1sten Morgens, wie schon
+fr&uuml;her verabredet, einen Advokaten zu sich in's Zimmer kommen,
+und in dessen Gegenwart dem einzigen Sohne schon bei
+seinen Lebzeiten Haus und Wirthschaft &uuml;berschreiben lie&szlig;, war
+Franzes <span class="wide">erstes</span> Gesch&auml;ft, hinunter in die Bar zu gehn und dem
+dar&uuml;ber allerdings verdutzten Jimmy, wie ihr Contrakt zusammen
+lautete, mit vierw&ouml;chentlicher &raquo;Warnung&laquo; auf den ersten
+Januar des n&auml;chsten Jahres zu k&uuml;ndigen.</p>
+
+<p>&raquo;Jimmy,&laquo; sagte er, als er zu dem Burschen hinunter in
+den gerade unbesetzten Schenkraum kam, &raquo;ich bin jetzt eben
+Herr hier im Haus geworden, und da wir Beide nicht recht
+zusammenpassen, meine Frau mir auch Manches von Euch
+erz&auml;hlt hat was mir nicht gef&auml;llt, so ist's besser, da&szlig; Ihr zu
+der zwischen Euch und meinem Vater abgemachten Zeit das
+Haus verla&szlig;t. Heute ist der erste December &mdash; am ersten Januar
+k&ouml;nnt Ihr eine andere Stelle antreten, und habt bis
+dahin Zeit Euch umzusehen; wollt Ihr aber fr&uuml;her fort, h&auml;lt
+Euch Niemand hier &mdash; verstanden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das war deutlich genug Mr. Hamann, <i>anyhow</i>,&laquo; sagte
+Jimmy, der dabei wieder ganz in Gedanken an seiner Lieblingsbesch&auml;ftigung
+begann &mdash; die Finger zu knacken, &raquo;werde aber
+von Ihrer G&uuml;te wohl keinen Gebrauch machen, <span class="wide">vor</span> der bestimmten
+Zeit, da ich dann ebenfalls zu heirathen gedenke.
+Sonderbar &mdash; wollte Ihnen auch heute aufsagen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Desto besser, Jimmy,&laquo; sagte Franz, &raquo;dann haben wir
+Einer dem Andern nicht weh gethan, und k&ouml;nnen und werden
+uns ziemlich gut ohne einander behelfen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jes,&laquo; sagte Jimmy, eine gleichg&uuml;ltige Miene dabei annehmend,
+&raquo;verdammt gut, denk' ich mir so; &mdash; werden eine
+<span class="wide">sehr</span> sch&ouml;ne Wirthschaft hier anrichten, Mr. Hamann <span class="wide">junior.</span>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jes, Jimmy &mdash; denk' ich mir so,&laquo; lachte Franz leise vor
+sich hin, und verlie&szlig; dann, ohne sich weiter um den Menschen
+zu bek&uuml;mmern, das Zimmer.</p>
+
+<p>&raquo;Denk' ich mir so &mdash; Einfaltspinsel&laquo;&nbsp;&mdash; knurrte der
+Barkeeper finster und verdrie&szlig;lich hinter seinem neuen Principale
+her &mdash; &raquo;<span class="wide">Du</span> wirst noch Manches zu denken kriegen,
+mein Bursche, bis wir Beiden auseinander sind, denk' <span class="wide">ich</span> mir
+so. Und noch bist Du mich auch nicht los, und es m&uuml;&szlig;te
+doch mit dem Henker zugehn, wenn zwischen hier und da nicht
+noch was auftauchen sollte, was der Sache eine andere Wendung
+g&auml;be. <span class="wide">Was,</span> wei&szlig; ich freilich selber noch nicht, aber da&szlig;
+Jimmy eine sich etwa bietende und ihm passende Gelegenheit
+nicht unbenutzt wird vor&uuml;bergehn lassen, darauf mein Juwel,
+k&ouml;nntest Du allenfalls Gift nehmen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hallo Jimmy,&laquo; sagte da eine bekannte Stimme, und als
+sich der Barkeeper rasch nach der Th&uuml;r umdrehte, sah er den
+eben nur hereingesteckten, etwas dicken Kopf des Agenten Julius
+Messerschmidt.</p>
+
+<p>&raquo;Ah &mdash; Ihr kommt gerade recht Alterchen,&laquo; sagte Jimmy,
+in einer Art Instinkt dabei hinter die Bar tretend und zwei
+Gl&auml;ser umsetzend &mdash; &raquo;was trinkt Ihr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Immer Brandy Jimmy, im Winter,&laquo; sagte Messerschmidt
+jetzt ganz zur Th&uuml;re hereinkommend, und den Kautabak, den er
+nach Amerikanischer Sitte im Munde hielt, daraus entfernend,
+dem besprochenen Getr&auml;nke Raum zu geben; &raquo;immer Brandy,
+und im Sommer erst recht Brandy, denn da k&uuml;hlt er; besonders
+wenn er so gut ist wie der Hamann'sche.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr seid doch der Einzige der ihn lobt, weil Ihr ihn
+selbst geliefert habt;&laquo; lachte Jimmy.</p>
+
+<p>&raquo;Unsinn, Jimmy &mdash; baarer Unsinn &mdash; an dem Brandy
+hab' ich mein Geld verloren, und such' es nur dadurch wieder
+einzubringen, da&szlig; ich recht viel davon trinke. <span class="wide">Der</span> Brandy ist
+spottbillig mit sechs Cent das Glas, und an der Lev&eacute;e verkaufen
+sie ihn aus demselben Fa&szlig; f&uuml;r zw&ouml;lf und einen halben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Werden wohl ihre Gr&uuml;nde daf&uuml;r haben,&laquo; meinte Jimmy,
+&raquo;aber was f&uuml;hrt <span class="wide">Euch</span> gerade <span class="wide">heute</span> Morgen her?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mich <span class="wide">gerade</span> heute? &mdash; ist heute ein besonderer Tag,
+Jimmy?&laquo; frug Messerschmidt.</p>
+
+<p>&raquo;Hm, nicht das ich w&uuml;&szlig;te,&laquo; meinte Jimmy, der erst herauszubekommen
+w&uuml;nschte, was der Agent hatte, ehe er ihm von
+dem heute abgeschlossenen Vertrag zwischen dem alten und
+jungen Hamann sagte. Er wu&szlig;te recht gut, wie Messerschmidt
+bei dem letzteren angeschrieben stand.</p>
+
+<p>&raquo;Nun also, Jimmy;&laquo; meinte Messerschmidt, &raquo;aber Ihr
+k&ouml;nnt mir wohl sagen, wie's mit dem <span class="wide">Alten</span> steht; ich m&ouml;cht'
+ihm ein Anerbieten machen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht zu sprechen,&laquo; sagte Jimmy trocken, &raquo;alle Gesch&auml;fte
+heute an die junge Firma angewiesen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm &mdash; mit dem <span class="wide">Jungen</span> hab' ich gerade nicht gern viel
+zu thun,&laquo; brummte der Agent langsam zwischen den Z&auml;hnen
+durch, &raquo;wenn aber der Alte ja sagt, kann <span class="wide">der</span> mir auch den
+Hobel ausblasen. Also den Alten kann man nicht sprechen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ertheilt Niemand Audienz.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wo ist der Junge?&laquo;</p>
+
+<p>Jimmy mache eine entsprechende Bewegung mit dem
+&uuml;ber die Schulter gesto&szlig;enen Daumen nach dem Hof hinaus.</p>
+
+<p>&raquo;Wollt Ihr ihn einmal rufen, Jimmy?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn's sein <span class="wide">mu&szlig;,</span> ja,&laquo; sagte dieser.</p>
+
+<p>&raquo;Apropos Jimmy&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun? &mdash; was giebt's noch?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wi&szlig;t Ihr, die Mecklenburger Bauern, die ich Euch gestern
+zugebracht&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun? &mdash; kein Geld?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kein Geld?&laquo;&nbsp;&mdash; wiederholte der Agent, indem er die
+Lippen vorspitzte, so weit er sie bringen konnte &mdash; &raquo;oh Jimmy,
+wenn wir Beide das nur h&auml;tten, was in den zwei gr&uuml;nen
+Koffern steckt &mdash; nachher k&ouml;nnten wir zufrieden sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun, wird das Gro&szlig;e eben nicht sein,&laquo; meinte Jimmy
+gleichg&uuml;ltig.</p>
+
+<p>&raquo;Das Gro&szlig;e nicht sein? &mdash; wenn <span class="wide">ich</span> ihnen nicht h&auml;tte
+Amerikanisches Gold f&uuml;r D&auml;nisches geben m&uuml;ssen &mdash; und das
+S&auml;ckchen voll, was da drin stand &mdash; und die goldenen Uhren
+und Ketten die daneben lagen. Die Menschen m&uuml;ssen ein
+heidenm&auml;&szlig;iges Geld haben, und das ist nur erst ein <span class="wide">Theil,</span>
+denn das Meiste haben sie, wie sie sagen, zu Hause gelassen,
+um mit dem erst einmal zu probiren, wie es hier eigentlich
+ist. &mdash; Jammerschade, da&szlig; sie keine Schwiegers&ouml;hne
+brauchen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir Beide w&auml;ren ein paar kostbare Exemplare,&laquo; schmunzelte
+Jimmy.</p>
+
+<p>Die beiden liebensw&uuml;rdigen Gesellen lachten noch
+zusammen als die Th&uuml;r aufging, und der junge Hamann wieder
+in's Zimmer trat.</p>
+
+<p>&raquo;Ah Franz, das ist mir lieb, da&szlig; Sie kommen,&laquo; sagte
+Messerschmidt in seiner vertrauten Weise; &raquo;ich hatte eine Bitte
+an den Alten, aber da ich h&ouml;re, da&szlig; er noch auf der Kante
+liegt, k&ouml;nnen Sie mir auch den Gefallen thun.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und das w&auml;re?&laquo; sagte Franz, dem Mann ruhig in's
+Gesicht sehend.</p>
+
+<p>&raquo;Sie wissen, da&szlig; ich in letzter Zeit ein Bischen in Geldverlegenheit
+gewesen bin,&laquo; sagte der Agent, &raquo;das verdammte
+Spielen, was ich schon so oft verschworen, hat mich wieder
+einmal angef&uuml;hrt, und ich mu&szlig;te sogar, wogegen ich mich bis
+jetzt hartn&auml;ckig gestr&auml;ubt, mein Quadroonm&auml;dchen, das allerdings
+das letzte Jahr in einem fort gekr&auml;nkelt und keinen
+Dollar verdient hat, verkaufen. Ein deutscher Violinspieler
+hatte einen Narren an ihr gefressen und mir die Dirne noch
+gut genug bezahlt; jetzt hab' ich Niemand Anderem im Haus;
+Lohn m&ouml;cht' ich auch nicht gern viel zahlen&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bitte, kommen Sie zur Sache,&laquo; sagte Franz.</p>
+
+<p>&raquo;Nun die ist einfach genug,&laquo; meinte Messerschmidt &mdash; &raquo;Sie
+haben da ganz k&uuml;rzlich ein paar arme, aber ganz h&uuml;bsche Braunschweiger
+M&auml;dchen in's Haus genommen, die der jungen Frau
+glaub' ich, um ihren Boarding zu bezahlen, mit in der K&uuml;che
+helfen &mdash; bitte &mdash; Sie brauchen sich deshalb gar nicht zu entschuldigen
+&mdash;&laquo; setzte er rasch hinzu, als ob er etwas Derartiges
+von dem jungen Hamann vermuthete &mdash; &raquo;das versteht sich von
+selber, und ist ganz in der Ordnung; aber ich m&ouml;chte gern eine
+von denen, die J&uuml;ngste hat mir am besten gefallen, zu mir
+in's Haus nehmen, das zu besorgen, was ich eben zu besorgen
+habe; sollte sie dann etwa noch eine Kleinigkeit im Hause
+schuldig sein, so k&ouml;nnten wir das ja am n&auml;chsten <span class="wide">Gesch&auml;fte</span>
+abrechnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist sonst noch etwas, Herr Messerschmidt, was Sie vielleicht
+an das Haus hier zu fordern haben?&laquo; sagte Franz
+ruhig.</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;r den Augenblick Nichts; die letzte Sendung Mecklenburger
+hat mir Ihr Alter ja gleich ausbezahlt; ich war damals
+besonders klamm.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Also sind wir Ihnen weiter Nichts schuldig?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht einen Cent, bewahre, aber ich hoffe Ihnen morgen
+fr&uuml;h vielleicht&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Erlauben Sie mir Ihnen dann zu bemerken,&laquo; unterbrach
+ihn Franz ziemlich kalt und trocken, &raquo;da&szlig; von jetzt an jede
+Gesch&auml;ftsverbindung zwischen uns aufgeh&ouml;rt hat&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unsinn, Franz &mdash; Sie wissen ja&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Entschuldigen Sie, mein Name ist f&uuml;r <span class="wide">Sie</span> Mr. Hamann;
+mein Vater hat heute die F&uuml;hrung dieses Hauses in
+meine H&auml;nde gelegt, und ich ersuche Sie, alle weiteren Bem&uuml;hungen
+f&uuml;r mich zu unterlassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hoho&laquo;&nbsp;&mdash; rief Messerschmidt dunkelroth im Gesicht werdend,
+und sich hoch dabei aufrichtend &mdash; &raquo;weht der Wind aus
+<span class="wide">der</span> Richtung, und hat der Alte richtig den dummen Streich,
+gemacht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich verbitte mir solche Bemerkungen, Herr Messerschmidt&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oh Herr &mdash; ich werde Ihre Schwelle nicht mehr betreten&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin davon &uuml;berzeugt,&laquo; sagte Franz, vollkommen ruhig,
+&raquo;w&uuml;rde auch sonst mich in die unangenehme Nothwendigkeit
+versehn, Sie hinauszuwerfen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr Hamann!&laquo; rief der Agent drohend.</p>
+
+<p>&raquo;Herr Messerschmidt?&laquo; sagte Franz ihm ruhig aber fest
+und entschlossen in's Auge sehend.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist gut!&laquo; rief dieser, keineswegs gewillt dem jungen
+Mann entgegenzutreten; &raquo;das ist mein Dank jetzt f&uuml;r die jahrelange
+Protektion dieses Hauses, das aber jetzt <span class="wide">kein</span> Gast mehr
+betreten soll, den <span class="wide">ich</span> daran verhindern kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie werden zu sp&auml;t zu Ihrem <i>Lunch</i><a name="fn_4r" id="fn_4r"></a><a href="#fn_4"><small><sup>4</sup></small></a> kommen,&laquo; sagte
+Franz ziemlich bedeutungsvoll auf die Th&uuml;r zeigend.</p>
+
+<p>&raquo;Jimmy, Sie sind mein Zeuge, wie ich hier behandelt
+werde,&laquo; rief Messerschmidt mit gekr&auml;nktem Stolz, &raquo;Sie werden
+mir daf&uuml;r Rede stehn m&uuml;ssen, Herr Hamann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie werden wirklich zu sp&auml;t zu Ihrem <i>Luncheon</i> kommen,&laquo;
+sagte der junge Hamann, die Th&uuml;re jetzt selber &ouml;ffnend
+und mit einer ungeduldigen, nicht miszuverstehenden Bewegung
+hinausdeutend.</p>
+
+<p>&raquo;Guten Morgen Herr Hamann!&laquo; rief da der Agent,
+bebend vor Zorn, dr&uuml;ckte sich den Hut fest in die Stirn,
+und flog im n&auml;chsten Augenblick voll und breit gegen die Gestalten
+zweier anderer M&auml;nner an, die eben im Begriff waren, die
+beiden steinernen Stufen in das Schenkzimmer hinaufzusteigen.</p>
+
+<p>&raquo;Hallo,&laquo; sagte der Erste von diesen, nur mit M&uuml;he sein
+Gleichgewicht bewahrend und dem Davonst&uuml;rmenden erstaunt
+nachsehend, &raquo;der hat's verdammt eilig &mdash; das Gesicht sollt'
+ich auch kennen, ging der freiwillig, oder <span class="wide">wurd'</span> er gegangen?&laquo;</p>
+
+<p>Der junge Hamann warf einen fl&uuml;chtigen Blick auf die neu
+Eintretenden und drehte sich dann, ohne sich weiter mit ihnen
+einzulassen, rasch herum und verlie&szlig; das Zimmer.</p>
+
+<p>&raquo;Alle Wetter, Mr. Meier!&laquo; rief da der Barkeeper den
+fr&uuml;heren &raquo;Boarder&laquo; erkennend &mdash; &raquo;wo haben Sie die Zeit gesteckt
+&mdash; man hat Sie ja mit keinem Auge mehr gesehn.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gesch&auml;ftsreisen, mein junger Freund, Gesch&auml;ftsreisen,&laquo;
+sagte der Passagier der Haidschnucke, indem er die Augenbrauen
+in die H&ouml;he zog, und mit den Achseln zuckte, &raquo;komme gerade
+von Milwaukie herunter, die &raquo;balsamische Luft&laquo; des S&uuml;dens
+einzuathmen. Aber weshalb war der Mann, der da zur Th&uuml;r
+hinaussprang und mich beinah &uuml;ber den Haufen warf, so in
+Eile? &mdash; irgend etwas Unangenehmes vorgefallen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;H&auml;usliche Scenen wie sie manchmal in einer Familie
+vorkommen,&laquo; lachte Jimmy ausweichend &mdash; &raquo;soll ich Gl&auml;ser
+aufsetzen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm, ja &mdash; aber nicht hierher,&laquo; sagte Meier &mdash; &raquo;gebt
+uns ein paar Glas rechten steifen kalten Punch &mdash; lieber etwas
+reichlich Zucker und Citrone, aber desto mehr Arrak &mdash; dort in
+das E&szlig;zimmer an den kleinen Ecktisch &mdash; wir haben 'was mit
+einander zu reden &mdash; werft auch ein paar St&uuml;ck Eis hinein,
+und wenn Ihr noch zwei andere Gl&auml;ser in Vorrath macht,
+schadet's ebenfalls Nichts &mdash; wir sind alle Beide durstig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich auch,&laquo; sagte Jimmy.</p>
+
+<p>&raquo;Gut mein Herz, macht Euch dann auch ein Glas zurecht;
+uns aber nicht schlechter, verstanden? &mdash; werdet ja wohl
+irgendwo so eine bestaubte Flasche noch stecken haben.&laquo;</p>
+
+<p>Meier winkte dabei seinen Gef&auml;hrten ihm zu folgen, und
+ging mit ihm in das Nebenzimmer, wo ein paar deutsche Zeitungen
+auflagen, und sie, mit diesen zwischen sich, ohne jedoch
+darin zu lesen, an einem kleinen Tisch dicht am Fenster und der
+n&auml;chsten Wand, Platz nahmen.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, was war's also Kamerad, was Du mir sagen wolltest,&laquo;
+frug hier Meier seinen Gef&auml;hrten &mdash; &raquo;wir sind hier ungest&ouml;rt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wi&szlig;t Ihr, was aus Euerer Frau geworden ist?&laquo; frug
+der Andere, eine kleine, gedrungene Gestalt mit struppigem,
+grau gesprenkelten Bart und dar&uuml;ber unst&auml;t umhersuchenden
+kleinen grauen, stechenden Augen, sonst aber in anst&auml;ndiger
+beh&auml;biger Tracht.</p>
+
+<p>&raquo;Meiner <span class="wide">Frau?</span>&laquo; sagte Meier erstaunt, &raquo;wie kommt Ihr
+auf die? <span class="wide">lebt</span> sie denn noch?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein z&auml;rtlicher Gatte, das mu&szlig; wahr sein,&laquo; lachte Pelz
+&mdash; auch eigentlich ein alter Bekannter von uns, wenn auch jetzt
+in anderer Schaale &mdash; &raquo;sie war noch vor acht Tagen hier
+in New-Orleans.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;'S ist mir lieb da&szlig; Ihr sagt sie <span class="wide">war</span>&laquo;&nbsp;&mdash; brummte
+Meier, &raquo;hol' der Teufel das Weibervolk, das flennt und heult
+und wimmert und ist immer eine Kette am Fu&szlig;, wo der Mann
+einmal einen raschen, entscheidenden Schritt zu thun gedenkt.
+Wo ist sie hin?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zu Schiff fort.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Zu Schiff?&laquo; rief Meier, rasch und erstaunt in seinem
+Stuhle auffahrend.</p>
+
+<p>&raquo;Mit einem deutschen Schiffe zur&uuml;ck,&laquo; best&auml;tigte aber der
+Andere.</p>
+
+<p>&raquo;Nach <span class="wide">Deutschland</span> zur&uuml;ck; ist sie denn toll? &mdash; aber
+Ihr habt Euch geirrt, Pelz, das kann sie nicht gewesen sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Geirrt? &mdash; ich werde die Frau nicht kennen;&laquo; sagte der
+Mann m&uuml;rrisch &mdash; &raquo;sie sah noch dazu weit besser aus als an
+Bord, ging einfach und reinlich gekleidet, und hatte 'was h&ouml;llisch
+Ordentliches an sich; trug auch keinen Schmuck mehr, weder
+am Hals noch in den Ohren, und kam mir nur verdammt
+elend vor.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und hat sie <span class="wide">Euch</span> gesehn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja; aber ob sie mich nicht gekannt hat, oder mich nicht
+kennen wollte,&laquo; sagte Pelz, &raquo;wei&szlig; ich nicht. Sie sah mir ein
+paar Secunden starr in's Gesicht, und ging dann still und ernst
+an mir vor&uuml;ber auf's Schiff, das etwa eine halbe Stunde
+sp&auml;ter seine Taue einholte und, von einem Dampfer in's
+Schlepptau genommen, den Strom hinunter qualmte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gl&uuml;ckliche Reise,&laquo; brummte Meier, sein Glas, das ihm
+in diesem Augenblick Jimmy hereinbrachte, auf einen Zug
+leerend.</p>
+
+<p>&raquo;Danke,&laquo; sagte dieser etwas erstaunt, &raquo;aber woher wi&szlig;t
+<span class="wide">Ihr,</span> da&szlig; ich fort will?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr?&laquo; sagte Meier, mit einem halbsp&ouml;ttischen L&auml;cheln
+den Barkeeper &uuml;ber sein Glas ansehend, &raquo;nun dazu braucht
+man kein Prophet zu sein; Ihr habt Euch ja, so lange wir
+hier sind, die Gelenke schon in einem fort zum Marschiren eingerenkt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hundeleben hier,&laquo; sagte Jimmy, der sich Meiers Einladung
+nach sein Glas mit zum Tisch gebracht hatte, und jetzt
+daran nippte, &raquo;m&ouml;chte hier nicht l&auml;nger <span class="wide">abgemalt</span> sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;W&auml;r auch Schade um die Farbe,&laquo; lachte Meier &mdash; &raquo;aber
+was ist im Wind? &mdash; Skandal im Haus?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Neue Wirthschaft!&laquo; sagte Jimmy mit einem vorsichtigen
+Blick nach der Th&uuml;r &mdash; &raquo;<span class="wide">moralische,</span> verstanden? &mdash; der
+Sohn hat die Haush&auml;lterin <span class="wide">endlich</span> geheirathet, und nun
+wird's <span class="wide">fromm</span> im Hause hergehn. <span class="wide">Wie</span> das Geld verdient
+ist, kommt jetzt nicht mehr darauf an; obendrauf legt man ein
+Gesangbuch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Viel</span> Geld hier verdient, sollt' ich denken,&laquo; sagte Meier,
+den Rest seines Glases hinuntersp&uuml;lend und dieses dem Barkeeper
+zu neuer F&uuml;llung hinreichend.</p>
+
+<p>&raquo;Ein Haufen,&laquo; versetzte dieser, aber wieder leise &mdash; &raquo;der
+Alte mu&szlig; oben einen Kasten voll haben, Gott wei&szlig; wie gro&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kostet auch viel so eine Wirthschaft,&laquo; sagte Pelz, ruhig
+vor sich niedersehend &mdash; &raquo;wer das nicht wei&szlig;, glaubt's kaum &mdash; das
+geht meist Alles wieder d'rauf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie Ihr's versteht,&laquo; rief Jimmy, in Eifer gerathend,
+seine Behauptung bezweifelt zu sehn; <span class="wide">ich</span> wei&szlig; was da <span class="wide">hinauf</span>
+gekommen ist, und da&szlig; Nichts wieder herunter geht, denn
+Alles, was die Wirthschaft selber kostet, wird aus der Kasse
+hier bestritten &mdash; <span class="wide">so</span> scharf geht's. Wenn der alte Hamann
+in seinem Geldkasten oben nicht seine <span class="wide">Hunderttausend</span>
+liegen hat, will ich Holz hacken mein Lebelang.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Noch ein Glas, Jimmy, bitte,&laquo; sagte Meier &mdash; &raquo;mein
+Kamerad ist auch fertig, und <span class="wide">Ihr</span> trinkt so langsam, als ob's
+Wasser w&auml;re, wir haben Durst.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gleich,&laquo; sagte Jimmy, mit den Gl&auml;sern wieder zur&uuml;ck
+in die Bar gehend, w&auml;hrend die beiden M&auml;nner bedeutsame
+Blicke mitsammen wechselten.</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube, der Junge taugte dazu,&laquo; fl&uuml;sterte Pelz leise
+und rasch.</p>
+
+<p>&raquo;Vielleicht &mdash; vielleicht auch nicht,&laquo; sagte Meier, mit
+dem Kopf sch&uuml;ttelnd &mdash; &raquo;nur um Alles in der Welt vorsichtig.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nu versteht sich; aber <span class="wide">der</span> wei&szlig; Hausgelegenheit&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Pst &mdash; er kommt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da &mdash; <span class="wide">der</span> wird Euch noch besser schmecken,&laquo; sagte
+Jimmy, mit den frisch gef&uuml;llten Gl&auml;sern hereinkommend, und
+die Lippen schon im Voraus ableckend, &raquo;der ist famos.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ne zum Donnerwetter Jimmy, das sollte mir wirklich
+leid thun wenn Ihr fort gingt,&laquo; sagte Meier &mdash; &raquo;wo kriegt
+denn der Esel von Wirth auch gleich wieder einen solchen
+Barkeeper her? Ihr kennt doch das Gesch&auml;ft von innen und
+au&szlig;en.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sollt' es denken,&laquo; brummte Jimmy an seinem zweiten
+Glas vorsichtig nippend.</p>
+
+<p>&raquo;Und das Haus und die Wirthschaft&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie meine Tasche, jede Ecke, jeden Winkel drinne.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Apropos Jimmy,&laquo; sagte Meier, seinen Punch dabei mit
+dem L&ouml;ffel umr&uuml;hrend, &raquo;ist noch Platz hier im Haus f&uuml;r uns
+Beide?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das wird schwer halten,&laquo; meinte der Barkeeper, die
+Augenbrauen in die H&ouml;he ziehend &mdash; &raquo;so arg ist's noch beinah
+nicht gewesen wie heuer, mit der Einwanderung.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oh das wird alle Jahr besser, Kamerad,&laquo; lachte der
+Alte dazwischen &mdash; &raquo;je h&uuml;bscher sie's dr&uuml;ben in Deutschland
+treiben, desto mehr Leute glauben, da&szlig; sie so ein Gl&uuml;ck gar
+nicht verdienen. Wie bei einem vollen Kelterfa&szlig; &mdash; je mehr
+man oben drauf pre&szlig;t, je mehr l&auml;uft &uuml;ber den Rand fort, bis
+die Presse unten aufsitzt &mdash; und dann kann man vielleicht wieder
+frisch nachgie&szlig;en.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und das <span class="wide">Beste</span> l&auml;uft oben ab,&laquo; sagte Jimmy, nicht ohne
+einen gewissen Humor die Beiden betrachtend.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn man <span class="wide">uns drei</span> hier ansieht,&laquo; best&auml;tigte Pelz,
+&raquo;sollte man's beinah glauben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<i>Don't flatter me, Mr. Mac Karthy</i> wie die Wittwe
+sagte,&laquo; meinte Jimmy in einem breiten Schmunzeln.</p>
+
+<p>&raquo;Also es wird wohl noch Platz f&uuml;r uns werden, nicht
+wahr Jimmy?&laquo; nahm Meier die vorige Frage wieder auf.</p>
+
+<p>&raquo;Platz? ja das wei&szlig; ich wahrhaftig nicht; wenn's <span class="wide">gestern</span>
+gewesen w&auml;re, wo noch vern&uuml;nftige Menschen im Hause regierten,
+ja, da w&auml;re Platz <span class="wide">gemacht</span> worden, wenn keiner mehr
+da war; ob sich aber der gestrenge Herr von <span class="wide">Heute</span> dazu verstehen
+wird, ist eine andere Frage &mdash; es k&ouml;nnte Einer von dem
+Bauerpack dabei <span class="wide">incommodirt</span> werden, und in der Hinsicht
+werden jetzt furchtbar strenge R&uuml;cksichten genommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm so? und erst seit heute Morgen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Heute ist die Geschichte an den jungen Hamann &uuml;bergeben
+worden,&laquo; sagte Jimmy leise, &raquo;und der Alte lebt von jetzt
+ab von seinen Interessen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alle Wetter, da mu&szlig; er sich einen h&uuml;bschen Pfennig gespart
+haben,&laquo; sagte Meier, dem Barkeeper mit dem linken
+Auge zuwinkend, &raquo;wenn <span class="wide">wir</span> das h&auml;tten, Jimmy, <span class="wide">wir</span> legten's
+nicht hin, einen faulen Bauch bis an sein Ende zu f&uuml;ttern, so
+viel wei&szlig; ich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ne, das ist sicher,&laquo; sagte Jimmy, der pl&ouml;tzlich wieder an
+seinen Fingern begann, &raquo;aber an unser Einen kommt so 'was
+auch nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ih nu,&laquo; brummte Pelz, sich seinen kurzen Bart kratzend,
+&raquo;die Mecklenburger z. B., die vor ein paar Tagen hier eingezogen,
+sind doch auch nur ganz gew&ouml;hnliche Bauern, und <span class="wide">ich</span>
+m&ouml;cht' es nicht auf einmal fortschleppen, was sie in ihren
+Koffern mit herumf&uuml;hren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Koffer sind mordm&auml;&szlig;ig schwer,&laquo; betheuerte Jimmy.</p>
+
+<p>&raquo;Jimmy, 's ist wahrhaftig Schade, da&szlig; Ihr hier Euere
+F&auml;higkeiten so nutzlos verschwendet, Brandy und Bier einzuschenken,&laquo;
+meinte Meier, nach kurzer Pause &mdash; &raquo;ich w&uuml;&szlig;te eine
+famose Besch&auml;ftigung f&uuml;r Euch.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und die w&auml;re?&laquo; frug der Barkeeper neugierig.</p>
+
+<p>&raquo;Wir sprechen ein andermal dar&uuml;ber,&laquo; erwiederte
+Meier ausweichend, &raquo;wenn's nur einen Platz f&uuml;r uns im
+Hause g&auml;be.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich denke, ich kann noch einen schaffen,&laquo; sagte Jimmy,
+sich die Sache ein wenig &uuml;berlegend &mdash; &raquo;Ihr macht Euch doch
+nat&uuml;rlich Nichts draus in <span class="wide">einem</span> Bett zu schlafen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Keine Objektion in der Welt,&laquo; betheuerte Meier.</p>
+
+<p>&raquo;Und die Aussicht ist auch ziemlich gleichg&uuml;ltig?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Total.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut, gleich &uuml;ber den Mecklenburgern ist noch ein kleines
+K&auml;fterchen mit einem Bett drin, dicht unter dem Dach; sonst
+nicht viel Bequemlichkeiten oben, aber famose frische Luft,
+wenn Ihr <span class="wide">das</span> haben wollt, frag ich den Schlaps, den jungen
+Herrn Hamann gar nicht, und schaff Euch hinauf. Aber wo
+ist Euer Gep&auml;ck?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kommt in einer halben Stunde etwa mit der <i>dray</i>. &mdash;
+Also sind wir eingezogen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Denke so,&laquo; sagte Jimmy, die geleerten Gl&auml;ser mit
+dem dazu gelegten Geld mit fortnehmend nach der Bar.
+Ohne dann weiter seinen jungen Herrn um Erlaubni&szlig; zu
+fragen, wie&szlig; er den beiden neuen G&auml;sten ihr kleines K&auml;mmerchen
+an, es ihnen selber &uuml;berlassend, ihr Gep&auml;ck
+hinaufzuschaffen, und ging wieder in die Bar hinunter, wo
+er, die H&auml;nde auf dem R&uuml;cken, mit raschen Schritten und
+in tiefen Gedanken auf- und ablief. Das Gespr&auml;ch mit
+den beiden Leuten hatte ihn auf allerlei Ideen gebracht,
+und Jimmy brauchte einige Zeit, die geh&ouml;rig zu verarbeiten.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h2><a name="kap6" id="kap6"></a>Capitel 6.</h2>
+
+<h3>Kapellmeister Eltrich.</h3>
+
+<p>Das Paketschiff von Havre war angekommen, und von
+den verschiedenen Passagieren desselben hatte sich Einer, der im
+St.-Charles-Hotel abgestiegen, kaum Zeit genommen, seine
+Kleider zu wechseln und war dann, jedenfalls dringende Gesch&auml;fte
+zu besorgen, ein paar Stunden lang Stra&szlig;e auf und
+ab in der Stadt gefahren, bis er endlich am unteren Markt
+sein Fuhrwerk ablohnte, und m&uuml;de und erhitzt in eine der
+dort befindlichen kleinen Eisbuden trat, sich abzuk&uuml;hlen und
+ein Glas Sherbet zu trinken.</p>
+
+<p>Die Passage da vorbei war sehr belebt, kleine Gruppen
+von Kaufleuten standen &uuml;berall zusammen, Gesch&auml;fte wurden
+entrirt und abgeschlossen, Auftr&auml;ge gegeben und genommen und
+selbst neben dem Glas Gefrorenen in der Bude, das oft unbeachtet
+zusammenschmolz, hatten die Leute ihre Brieftafeln vor
+sich liegen, und notirten und rechneten mitsammen, und ordneten
+die Bestimmungsorte jener W&auml;lle von verschiedenen Waaren,
+die drau&szlig;en an der Lev&eacute;e durch Tausende von H&auml;nden
+aufgeh&auml;uft, und zugleich wieder durch andere fortgef&uuml;hrt wurden,
+ohne sich anscheinend zu vermindern oder zu vermehren.</p>
+
+<p>Nur der eben angekommene Fremde hatte, wie es schien, mit
+Gesch&auml;ften Nichts zu thun; sein einziger Zweck war, sich auszuruhn
+und zu erholen, und selbst das Leben und Treiben um
+ihn her interessirte ihn nicht, oder war ihm bekannt, denn er
+nahm abwechselnd eine der verschiedenen, dort liegenden Zeitungen
+zur Hand, fl&uuml;chtig die Spalten &uuml;berfliegend, oder sa&szlig;
+auch wohl, in Gedanken vor sich niederschauend da, nicht einmal
+die Vor&uuml;bergehenden beachtend.</p>
+
+<p>&raquo;T&auml;uschen mich meine Augen nicht, oder habe ich das Vergn&uuml;gen,
+Herrn von Hopfgarten wieder einmal begr&uuml;&szlig;en zu
+k&ouml;nnen?&laquo; sagte in diesem Augenblick eine feine, unserem alten
+Freund sehr wohl bekannte Stimme, der auch rasch, aber zugleich
+erstaunt zu der breiten, korpulenten Gestalt des vor ihm
+stehenden Mannes aufsah, und sich trotzdem auf das Gesicht
+durchaus nicht besinnen konnte.</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; nicht&laquo;&nbsp;&mdash; sagte er wirklich etwas verdutzt, von
+seinem Stuhle aufstehend und die ganze Figur des Mannes,
+der jedenfalls seinen Namen kannte, auf das Aufmerksamste
+betrachtend &mdash; &raquo;Gestalt und Stimme erinnern mich allerdings
+an einen fr&uuml;heren Reisegef&auml;hrten, aber zu denen pa&szlig;t das Gesicht
+durchaus nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, mein guter Herr von Hopfgarten,&laquo; sagte wieder die
+nur zu wohl bekannte Stimme, w&auml;hrend der Mann selber
+vergn&uuml;gt dabei mit dem Kopfe nickte &mdash; &raquo;ich bin es auch eigentlich
+nicht mehr; ich habe mich gesch&auml;lt und die Haut abgeworfen,
+wie eine Klapperschlange. Sch&ouml;ner bin ich dadurch
+freilich nicht geworden, aber hei&szlig;e doch noch immer Christian
+Mehlmeier.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Also sind Sie's <span class="wide">doch!</span>&laquo; rief Hopfgarten, ihm freundlich
+die Hand entgegenstreckend, &raquo;aber um Gottes Willen, Mann,
+was ist mit Ihnen vorgegangen? ich h&auml;tte Sie im Leben nicht
+wieder erkannt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, das ist anderen Leuten auch so gegangen,&laquo; schmunzelte
+Mehlmeier in seinen weichsten T&ouml;nen vor sich hin &mdash;
+&raquo;sehn Sie sich einmal mein Gesicht genauer an.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Haben Sie die Blattern gehabt?&laquo; frug Hopfgarten mitleidig
+&mdash; &raquo;es ist voller Narben &mdash; und die Augenbrauen fehlen
+ganz. Was in aller Welt haben Sie mit sich angefangen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist mir wie Berthold Schwarz gegangen,&laquo; sagte Herr
+Mehlmeier, mit seinem vergn&uuml;gtesten Gesicht &mdash; &raquo;ich habe
+ebenfalls, freilich nach einem vorgeschriebenen Recept, auf die
+Art wie er, das Pulver erfunden, war jedenfalls &uuml;ber die unerwartete
+Explosion eben so erstaunt wie er. Sie &mdash; Sie erinnern
+sich vielleicht noch des &mdash; des Gesch&auml;fts, was ich damals
+betrieb, als Sie mich, hier ganz in der N&auml;he, dort am
+Markt dr&uuml;ben, fanden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie verkauften Schwefelh&ouml;lzer, wenn ich nicht irre&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich stand wenigstens zu diesem Zweck an einem jener
+Pfeiler,&laquo; bet&auml;tigte Mehlmeier, &raquo;verkaufte &uuml;brigens ungemein
+wenig, und diente eigentlich, wenn ich so recht an jene Zeit
+zur&uuml;ckdenke, nur dazu, etwa Vor&uuml;bergehenden, die mich um
+Feuer baten, ihre Cigarren anzuz&uuml;nden. &raquo;Danke&laquo; sagten dann
+die Leute und damit war die Sache abgemacht; <span class="wide">sie</span> gingen
+ihren Gesch&auml;ften nach, und ich blieb an dem Pfeiler stehn, &uuml;ber
+das meinige Betrachtungen anzustellen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sehen jetzt weit besser, weit beh&auml;biger in Ihrem &Auml;u&szlig;ern
+aus,&laquo; sagte Hopfgarten.</p>
+
+<p>&raquo;Das w&auml;re noch immer kein gro&szlig;es Lob,&laquo; meinte Mehlmeier,
+&raquo;denn <span class="wide">schlechter</span> wie ich damals aussah, kann der
+Mensch nicht gut anst&auml;ndiger Weise in der Welt herumlaufen.
+Hosen und Rock hielten gewisserma&szlig;en nur aus Gef&auml;lligkeit
+f&uuml;r mich zusammen, und au&szlig;erdem durfte ich nicht einmal vor
+Dunkelwerden Abends von meinem Pfeiler, den ich mit der
+D&auml;mmerung in Besitz nahm, weggehn, meines hinteren Menschen
+wegen. Da traf ich <span class="wide">Sie</span> und den fremden Herrn, der
+mit Ihnen war, und von der Stunde an, mein guter Herr
+von Hopfgarten &auml;nderte sich mein Loos. Ich hatte damals
+schon lange bemerkt, da&szlig; die Leute, welche die Streichh&ouml;lzer
+fabricirten, einen recht h&uuml;bschen Nutzen dabei machten, w&auml;hrend
+wir Verk&auml;ufer daran verhungern konnten; von zu Hause aus
+war ich auch mit der Fabrikation vollkommen gut bekannt, das
+Material dazu h&auml;tte ich hier billiger wie irgendwo gehabt, das
+Holz brauchte ich nicht einmal zu kaufen, denn eine kleine
+Strecke von der Stadt entfernt, konnte ich mir so viel davon
+selber nehmen, wie ich brauchte, aber &mdash; ich hatte kein Capital
+um damit zu beginnen, und meine t&auml;glichen Einnahmen
+gelangten oft nicht einmal zu der H&ouml;he, mich, worauf ich den
+ganzen Tag hungerte, Abends satt zu essen. Ich mag beil&auml;ufig
+bemerken, da&szlig; ich der Schrecken der verschiedenen kleinen
+E&szlig;buden geworden war, in die ich, sobald sich meine Kasse in
+den Umst&auml;nden befand, ein Abendessen zu zahlen, hineinfiel.
+An jenem Tage nun gab mir jener fremde Herr f&uuml;r eine unbedeutende
+Nachricht ein St&uuml;ck Geld &mdash; ein Goldst&uuml;ck. Herr
+von Hopfgarten &mdash; ich will nicht versuchen, Ihnen zu schildern,
+was ich an dem Tage ausgestanden habe&laquo;&nbsp;&mdash; sagte Mehlmeier;
+seine Stimme klang dabei leise und heiser, inde&szlig; ihm
+ein paar gro&szlig;e schwere Thr&auml;nen, trotzdem, da&szlig; er mit den
+Augen auf das Lebhafteste blinzte und sie zur&uuml;ckzudr&uuml;cken suchte,
+zwischen die Wimpern traten &mdash; &raquo;es war <span class="wide">kein</span> verdientes
+Geld, ich mochte dagegen argumentieren, wie ich wollte,&laquo; setzte
+er dann nach kurzer Pause hinzu, &raquo;und ich &mdash; ich war zuletzt
+fest davon &uuml;berzeugt, da&szlig; ich die kleine Summe &mdash; f&uuml;r mich
+damals ein Capital &mdash; mehr meinen zerissenen Hosen, als der
+Nachricht verdankte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, lieber Herr Mehlmeier,&laquo; rief aber Hopfgarten
+rasch dazwischen &mdash; &raquo;die Kunde, die Sie uns gaben, h&auml;tte
+tausend solcher St&uuml;cke verdient &mdash; der alte Herr suchte sein
+<span class="wide">Kind</span> und Sie zuerst brachten ihn auf die rechte Spur.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es freut mich ungemein, wenn ich dem fremden Herrn
+n&uuml;tzlich gewesen bin,&laquo; sagte Mehlmeier ruhig, &raquo;<span class="wide">das</span> aber
+war meine damalige Ansicht von der Sache und &mdash; hat sich
+auch bis jetzt noch nicht ver&auml;ndern k&ouml;nnen. &mdash; Aber meine
+Lage &auml;nderte sich damals. F&uuml;r zwei Dollar kaufte ich mir
+ein blaues &Uuml;berhemd, eine solche Hose, wie sie die Feuerleute
+und Matrosen tragen, ein paar Schuh, einen Hut und ein
+Halstuch. Trotzdem behielt ich noch genug &uuml;brig, mich einmal
+recht t&uuml;chtig satt zu essen und &mdash; es war vielleicht eine
+Schw&auml;che, aber ich hatte eine unendliche Sehnsucht danach &mdash; ein
+Glas Bier zu trinken, und f&uuml;r die &uuml;brigen zwei Dollar
+schaffte ich mir das n&ouml;thige Material an, auf <span class="wide">meine</span> Art
+<span class="wide">gute</span> Streichh&ouml;lzchen herzustellen. M&ouml;rser und sonstige
+Ger&auml;thschaften mu&szlig;te ich mir allerdings im Anfang noch borgen,
+aber das Alles machte ich, jetzt einmal in anst&auml;ndigen Kleidern,
+wo ich mich wenigstens sehn lassen konnte, m&ouml;glich, und
+so klein die Quantit&auml;t sein mu&szlig;te, die ich mit meinen geringen
+Mitteln zum ersten Mal fabricirte, so sehr sprach die Qualit&auml;t
+an. Wohin ich Proben brachte, bekam ich Bestellungen, von
+denen ich im Anfang nur einen kleinen Theil ausf&uuml;hren konnte,
+mit jeder Woche mehrte sich aber meine Einnahme, mit jeder
+Woche konnte ich gr&ouml;&szlig;ere Mengen liefern, und war zuletzt sogar
+im Stande, mir erst einen, dann zwei und mehre Arbeiter
+zu nehmen, dem immer steigenden Bedarf zu begegnen. Gleich
+im Anfang, bei der Zusammenstellung einer Mischung, passirte
+mir eines Abends das Ungl&uuml;ck, da&szlig; mir die ganze Masse
+im M&ouml;rser explodirte, und ich fand mich erst am andern Morgen
+in der entgegengesetzten Ecke meines Zimmers wieder, da
+die Nachbarn weiter keine Notiz von dem Knall und Qualm
+genommen.</p>
+
+<p>&raquo;Seit der Zeit befinde ich mich aber ausnehmend wohl;
+ich <span class="wide">boarde</span> in einem anst&auml;ndigen Franz&ouml;sischen Kosthaus und
+besch&auml;ftige jetzt elf Arbeiter, lauter arme deutsche Einwanderer,
+die ich mir abrichte und gut bezahle, verdiene dabei ein recht
+h&uuml;bsches Geld und beginne sogar schon an Sparen und Zur&uuml;cklegen
+zu denken, drohenden Alters wegen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nun das freut mich wahrhaftig recht, recht herzlich von
+Ihnen zu h&ouml;ren,&laquo; sagte Hopfgarten, dem fast die Thr&auml;nen in
+die Augen gekommen waren, bei der so anspruchslos und wirklich
+r&uuml;hrend vorgetragenen Erz&auml;hlung, indem er seinem alten
+Reisegef&auml;hrten die Hand reichte und derb und freundlich sch&uuml;ttelte;
+&raquo;es giebt wenig Leute, lieber Mehlmeier, die so ernst
+und entschlossen und so brav und rechtschaffen dabei, einem
+einmal gesteckten Ziele entgegenstreben, und ich w&uuml;nschte in
+der That recht von Herzen Ihnen irgend einen Dienst erweisen
+zu k&ouml;nnen, um Ihnen zu zeigen, wie sehr ich Sie achte
+und sch&auml;tze.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke Ihnen recht herzlich, mein guter Herr von Hopfgarten,
+f&uuml;r die freundlichen Worte,&laquo; sagte Mehlmeier, wirklich
+ger&uuml;hrt, &raquo;Sie thun mir wohl &mdash; und eine Bitte h&auml;tt' ich wirklich
+an Sie, wenn Sie dieselbe erf&uuml;llen wollten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von Herzen gern &mdash; und was ist es?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie kennen den Herrn, der &mdash; der mir damals das
+Goldst&uuml;ck gab?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehr gut &mdash; ich komme jetzt gerade von dort her &mdash; war
+n&auml;mlich in der Zeit wieder in Deutschland&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie waren in Deutschland?&laquo; frug Mehlmeier, rasch und
+erstaunt, &raquo;ja, hm &mdash; das ist eigentlich gar nichts so Wunderbares,
+denn man f&auml;hrt jetzt rasch genug her&uuml;ber und
+hin&uuml;ber, aber &mdash; es ist doch ein eigenes, sonderbares Gef&uuml;hl,
+wenn man so von Deutschland sprechen h&ouml;rt, fortw&auml;hrend
+Schiffe sieht, die hin&uuml;ber gehn und von dorther kommen, und &mdash; so
+gern man hin&uuml;ber <span class="wide">m&ouml;chte,</span> und auch <span class="wide">k&ouml;nnte,</span> was
+eben die Passage betrifft, doch auf der weiten Gottes Welt
+da dr&uuml;ben, wo man doch eigentlich zu Hause ist, Nichts weiter
+zu thun hat; Nichts wieder anfangen k&ouml;nnte, und nun ganz
+allein aus dem Grunde hier bleiben mu&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber mit was sollte ich Ihnen dienen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sagte Mehlmeier rasch, &raquo;sehn Sie den Herrn &mdash; wie war
+sein Name gleich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dollinger.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehn Sie den Herrn Dollinger wieder?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hoffentlich bald, jedenfalls schreibe ich ihm in den n&auml;chsten
+Tagen.&laquo;</p>
+
+<p>Mehlmeier griff in die Tasche, nahm ein Amerikanisches
+Goldst&uuml;ck heraus und sagte, es Herrn Hopfgarten hinreichend:</p>
+
+<p>&raquo;Dann thun Sie mir die gro&szlig;e Liebe, mein bester Herr von
+Hopfgarten, und geben Sie ihm das <span class="wide">Goldst&uuml;ck</span> nicht allein
+zur&uuml;ck, sondern sagen dem Herrn auch <span class="wide">wie</span> Sie mich wieder
+gefunden haben, und da&szlig; ich das nur allein als <span class="wide">sein</span> Werk
+betrachten k&ouml;nne, ihm auch ewig dankbar daf&uuml;r sein w&uuml;rde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber mein bester Herr Mehlmeier,&laquo; rief Hopfgarten,
+das Goldst&uuml;ck zur&uuml;ckweisend, &raquo;Herr Dollinger ist ein reicher,
+ein <span class="wide">sehr</span> reicher Mann, und ich wei&szlig;&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wenn er ein Millionair w&auml;re,&laquo; sagte Mehlmeier
+fest und bestimmt, &raquo;es ist nicht der wenigen Thaler, es ist der
+Sache wegen, das Geld hat mir auf der Seele gebrannt, und
+Sie erzeigen mir einen unendlich gro&szlig;en Dienst, wenn Sie
+es dem rechtm&auml;&szlig;igen Eigenth&uuml;mer zur&uuml;ckerstatten. Es hat mir
+genug gen&uuml;tzt, und da jetzt die <span class="wide">Ursache</span> verschwunden ist,
+der ich es verdanke&laquo;&nbsp;&mdash; und Mehlmeier warf einen wehm&uuml;thigen
+Blick an seinen Beinen hinunter &mdash; &raquo;so darf ich auch
+mit gutem Gewissen die Wirkung zur&uuml;ckgeben. Sie thun mir
+einen <span class="wide">gro&szlig;en</span> Gefallen mit der Erf&uuml;llung meiner Bitte, mein
+lieber Herr von Hopfgarten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind ein wunderlicher Mensch,&laquo; sagte der kleine
+Mann freundlich, das Goldst&uuml;ck dabei nehmend und einsteckend,
+&raquo;ich will es besorgen; aber Herr Dollinger glaubt sich Ihnen
+nun einmal zu Dank verpflichtet, und wird das auf andere
+Weise wieder gut machen wollen. Jedenfalls mu&szlig; er Ihnen
+die Quittung einsenden, da&szlig; <span class="wide">ich</span> wenigstens das Geld richtig
+abgeliefert habe, und ich m&ouml;chte Sie deshalb um Ihre Adresse
+bitten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das wird nicht n&ouml;thig sein,&laquo; sagte Herr Mehlmeier
+mit einem wehm&uuml;thigen Blick.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, nein; es mu&szlig; Alles seine Ordnung haben,&laquo; rief
+Hopfgarten, &raquo;also Ihre Adresse?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Erlaube ich mir denn hier auf einem Exemplar meines
+Fabrikats zu &uuml;berreichen,&laquo; sagte Mehlmeier mit einer
+etwas linkischen und verlegnen Verbeugung Hopfgarten
+ein kleines elegantes Etui mit Streichh&ouml;lzchen, auf denen
+seine genaue Firma angegeben stand, &uuml;bergebend, &raquo;das sind
+meine Visitenkarten,&laquo; setzte er l&auml;chelnd hinzu.</p>
+
+<p>&raquo;Vortreffliche Visitenkarten,&laquo; lachte Hopfgarten, sie betrachtend
+und einsteckend; &raquo;aber apropos, mein lieber Herr
+Mehlmeier, Sie als wandernder Adre&szlig;kalender sind vielleicht
+im Stande mir wieder eine Auskunft zu geben. K&ouml;nnen Sie
+mir vielleicht sagen, wo ich einen gewissen Ledermann, einen
+Juristen, hier in der Stadt finde?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ledermann? &mdash; Ledermann? &mdash; nein, der Name ist mir
+g&auml;nzlich unbekannt,&laquo; sagte Mehlmeier, sehr bestimmt mit dem
+Kopf nickend; Hopfgarten kannte aber seine schwache Seite mit
+den verkehrten Gesticulationen, und wu&szlig;te was er meinte.</p>
+
+<p>&raquo;Er arbeitete fr&uuml;her in dem Bureau des Mr. Mac Culloch,
+des Staatsanwalts,&laquo; setzte er dann hinzu, &raquo;der ist aber in diesem
+Augenblick verreist und sein Bureau geschlossen, und von
+den Hausleuten wollte ihn Niemand kennen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ledermann?&laquo; sagte Mehlmeier, die H&auml;nde am Kinn, in
+tiefem Nachdenken.</p>
+
+<p>&raquo;Eine lange hagere Gestalt,&laquo; half Hopfgarten seinem
+Ged&auml;chtni&szlig; nach, &raquo;ein d&uuml;nnes, mageres Gesicht und blonde
+Haare.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm, ich kenne einen Herrn <span class="wide">Fort</span>mann, der etwa auf
+diese Beschreibung pa&szlig;te.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Donnerwetter, <span class="wide">Fort</span>mann!&laquo; rief Hopfgarten, sich vor
+den Kopf schlagend, &raquo;jetzt hab' ich die Namen verwechselt &mdash; Fortmann
+hei&szlig;t er ja auch &mdash; Mehlmeier, Sie sind ein kapitaler
+Mann &mdash; <span class="wide">wo</span> find' ich den?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, wo Sie den <span class="wide">jetzt</span> finden, wenn er nicht in seinem
+Bureau ist, wei&szlig; ich allerdings auch nicht &mdash; er m&uuml;&szlig;te denn
+sonst vielleicht beim Kapellmeister sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was f&uuml;r ein Kapellmeister? &mdash; wo wohnt der?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kapellmeister Eltrich, gar nicht weit von hier.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Eltrich? &mdash; <span class="wide">unser</span> Eltrich von der Haidschnucke? &mdash; ich
+glaubte, der sei ein Arbeiter an einem Dampf- oder Flatboot
+geworden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Allerdings, im Anfang, weil ihm seine s&auml;mmtlichen
+Sachen, selbst seine Violine gestohlen worden; nachher aber
+hat er sich ganz t&uuml;chtig wieder herausgearbeitet, und jetzt
+eine brillante Anstellung an der hiesigen franz&ouml;sischen Oper
+erhalten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und dort ist Ledermann zuweilen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr Fortmann? ja, aber wir gehn hier nur diese Stra&szlig;e
+hinunter, und ich kann Ihnen dann das Haus zeigen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kommen Sie nicht mit hinauf?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist meine Arbeitszeit jetzt, mein bester Herr von Hopfgarten,&laquo;
+sagte Mehlmeier, &raquo;und ich habe mich &uuml;berdie&szlig; schon
+zu lange von meinen Leuten entfernt &mdash; jedenfalls hoffe ich
+Sie noch zu sehn ehe Sie New-Orleans verlassen. Denken
+Sie sich lange hier aufzuhalten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Einige Tage &mdash; doch noch eins, mein lieber Mehlmeier,
+so viele Menschen sind Ihnen hier vorgekommen &mdash; wissen
+Sie vielleicht zuf&auml;llig, wo sich &mdash; Herr Henkel jetzt aufh&auml;lt?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, das ist merkw&uuml;rdig, <span class="wide">den</span> Herrn habe ich auch mit
+keinem Auge wieder gesehn, seit wir gelandet sind. Im
+Anfang ging einmal ein dumpfes Ger&uuml;cht, da&szlig; doch nicht Alles
+mit ihm so in Ordnung &mdash; nicht eben Alles Gold sei, aber
+ich wei&szlig; nicht, ich habe weiter Nichts dar&uuml;ber geh&ouml;rt und &mdash; wenn
+ich aufrichtig sein soll, mich nicht weiter darum bek&uuml;mmert.
+Sehn Sie dort? das ist die Wohnung Eltrichs &mdash; das
+kleine freundliche wei&szlig;e H&auml;uschen, mit den gr&uuml;nen Jalousieen,
+und dorthinein wohne <span class="wide">ich.</span> Also mein lieber Herr von Hopfgarten,
+ich habe die Ehre mich Ihnen auf das Freundlichste
+zu empfehlen.&laquo;</p>
+
+<p>Hopfgarten nahm herzlichen Abschied von ihm; der Mann
+hatte etwas r&uuml;hrend Hartn&auml;ckiges in seinem ganzen Wesen,
+mit dem er dem Ungl&uuml;ck die Spitze geboten und sich, allen
+b&ouml;sen Neigungen wacker dabei begegnend, an die Oberfl&auml;che
+gearbeitet.</p>
+
+<p>Noch stand er in der Stra&szlig;e, unfern von Eltrichs Wohnung,
+und sah dem rasch und gesch&auml;ftig davongehenden Manne
+nach, als ein, in einen abgetragenen blauen Frack gekn&ouml;pftes
+Individuum an ihm vor&uuml;berging, ihn scharf fixirte, und sich
+rasch gegen ihn wendend die rechte Hand &mdash; unter dem linken
+Arm trug er ein Cigarrenkistchen &mdash; nach ihm ausstreckte und
+rief. &raquo;Sieh da, sieh da Thimoteus, die Kraniche des Ibikus &mdash; Herr
+von Hopfgarten; eine h&ouml;chst angenehme Erscheinung beim
+Zeus, in diesem verdammten hausbackenen Land.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr Steinert?&laquo; rief Hopfgarten erstaunt aus, &raquo;ich h&auml;tte
+Sie fast nicht wieder erkannt &mdash; wie geht es Ihnen?&laquo;</p>
+
+<p>Steinert zuckte die Achseln.</p>
+
+<div class="center">
+<table style="margin: 0 auto" cellpadding="1" summary="">
+<tr><td align="left" valign="top">&raquo;Durch Ungl&uuml;ck mehr als durch Versehn,</td></tr>
+<tr><td align="left" valign="top">&nbsp;&nbsp;Verlor Alcest im Handel sein Verm&ouml;gen</td></tr>
+</table>
+</div>
+
+<p class="noindent">&mdash; verw&uuml;nschte Geschichte das hier, man darf seinem eigenen Bruder
+nicht trauen, wenn man wirklich einen hier hat. Ich habe
+bittere Erfahrungen gemacht, Herr von Hopfgarten &mdash; bittere
+Erfahrungen und &mdash; wenn weiter Nichts &mdash; Menschenkenntni&szlig;
+gesammelt, wie wohl kaum Einer vor mir. Ich sage
+Ihnen, ich k&ouml;nnte eine Geographie des menschlichen Herzens,
+der menschlichen Schwachheiten, Laster und Leidenschaften
+herausgeben.&laquo;</p>
+
+<p>Hopfgarten hatte sich indessen, so genau das geschehn
+konnte, ohne den Mann durch ein zu scharfes Anschauen zu
+kr&auml;nken, die vor ihm stehende Gestalt betrachtet, und das Resultat
+fiel gerade nicht zu Steinerts Vortheil aus. Sein Anzug,
+einst jedenfalls modern, war abgerissen, und noch schlimmer,
+war schmutzig; eben so seine W&auml;sche. Nur den &auml;u&szlig;eren
+Staat hatte er noch beibehalten; der gro&szlig;e Siegelring sa&szlig; auf
+einer ungewaschenen Hand, und neben den Uhrberloquen zeigte
+das Tuch h&auml;&szlig;liche farbige Flecke. Sein Gesicht sah dabei verwildert
+aus; die Augen lagen ihm tief und durchschw&auml;rmte N&auml;chte,
+wenn nicht Mangel k&uuml;ndend, in den H&ouml;hlen, und flogen unruhig,
+ungeduldig, ohne auf irgend einem Punkte zu haften,
+umher.</p>
+
+<p>&raquo;Und womit besch&auml;ftigen Sie sich jetzt,&laquo; sagte Hopfgarten
+endlich, dem es unheimlich in der N&auml;he des Mannes
+wurde, &raquo;haben Sie irgend eine Anstellung? irgend ein &mdash; ein&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein freies Leben f&uuml;hren wir,&laquo; unterbrach ihn aber Steinert,
+den rechten Arm mit einer etwas theatralischen Bewegung
+zum Himmel hebend. &raquo;Ich konnte mich erstlich nie dazu
+verstehen, zu irgend Jemand in ein dienstliches Verh&auml;ltni&szlig; zu
+treten &mdash; der Gott, der Eisen wachsen lie&szlig;, der wollte keine
+Knechte &mdash; und dann bin ich wohl ein halb Jahr vergebens
+herumgelaufen,&laquo; setzte er, wieder in eine nat&uuml;rlichere Stellung
+zur&uuml;ckfallend, hinzu, &raquo;ohne irgend einen passenden Platz f&uuml;r
+mich auftreiben zu k&ouml;nnen. F&uuml;r jetzt habe ich &uuml;brigens eine
+famose Quelle &auml;chter Havanna-Cigarren entdeckt,&laquo; und er nahm
+bei den Worten das K&auml;stchen rasch unter seinem linken Arme vor,
+&raquo;die ich Ihnen mit gutem Gewissen empfehlen kann, mein bester
+Herr von Hopfgarten. Famose Cigarren, sage ich Ihnen, und
+zu einem Preis,&laquo; setzte er leise fl&uuml;sternd, und mit einem
+scheuen Blick umher, hinzu, indem er das K&auml;stchen sehr
+aufmerksam und &auml;ngstlich &ouml;ffnete, &raquo;wie sie kein Mensch auf
+der Welt liefern <span class="wide">k&ouml;nnte,</span> wenn sie eben nicht &mdash; <span class="wide">geschmuggelt</span>
+w&auml;ren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie wissen ja, bester Herr Steinert, da&szlig; ich gar nicht
+rauche,&laquo; sagte Hopfgarten freundlich, &raquo;ich bin auch wirklich
+in diesem Augenblick so mit meiner Zeit&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie rauchen gar nicht?&laquo; sagte Steinert etwas best&uuml;rzt,
+&raquo;aber Sie haben doch gewi&szlig; Jemand, den Sie mit einem halben
+Tausend Regalias gl&uuml;cklich machen w&uuml;rden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;In der That Niemanden hier, mein bester Herr; es ist
+auch schon sp&auml;t geworden heute, und ich bin eben erst wieder
+angekommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich sehe, Sie sind in Eile,&laquo; sagte der fr&uuml;here Weinreisende
+rasch, indem er das schon halb geleerte K&auml;stchen &mdash; was
+in Hopfgarten den Verdacht aufsteigen lie&szlig;, da&szlig; er die Regalias
+auch im Einzelnen verwerthe &mdash; wieder an seinen fr&uuml;heren
+Platz zur&uuml;ckschob. &raquo;Ich will Sie nicht l&auml;nger aufhalten, aber &mdash; ich
+d&uuml;rfte Sie wohl um eine Gef&auml;lligkeit bitten. Wir
+sind hier gerade in der N&auml;he und ich habe vergessen mein Portemonnaie
+zu mir zu stecken &mdash; bin jedoch einem Freund von mir
+da dr&uuml;ben f&uuml;nf Dollar schuldig. <span class="wide">W&auml;ren</span> Sie wohl so freundlich,
+mir diese kleine Summe auf ein paar Stunden zu leihen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit dem gr&ouml;&szlig;ten Vergn&uuml;gen,&laquo; sagte Hopfgarten verlegen,
+und unwillk&uuml;rlich zugleich in seiner angeborenen
+Gutm&uuml;thigkeit in die Westentasche fahrend, &raquo;ich wei&szlig; nur
+nicht&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Philemon, der bei gro&szlig;en Sch&auml;tzen ein edelm&uuml;thig Herz
+besa&szlig;,&laquo; recitirte Steinert.</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Ihnen f&uuml;r den Augenblick mit dieser Dollarnote
+gedient w&auml;re.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind sehr freundlich &mdash; aber Sie erlauben mir,
+da&szlig; ich es mir gleich notire; ich habe so vielerlei im Kopf,
+und morgen zahle ich es Ihnen jedenfalls zur&uuml;ck. Welches
+Hotel?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;St. Charles&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah, desto besser; dort dinire ich auch gew&ouml;hnlich &mdash; Herr
+von Hopfgarten &raquo;Haben&laquo; 1 Dollar.&laquo;</p>
+
+<p>Er hatte dabei eine rothe, ziemlich umfangreiche Brieftasche
+vorgenommen, die Cigarrenkiste auf das linke
+emporgezogene und ziemlich geschickt balancirte Knie gelegt, und notirte
+sich den Fall auf ein wei&szlig;es Blatt.</p>
+
+<p>&raquo;Mein guter Herr Steinert, ich habe indessen das Vergn&uuml;gen
+Ihnen einen angenehmen Abend zu w&uuml;nschen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ah, guten Abend, lieber Hopfgarten, guten Abend,&laquo;
+rief Steinert, ihm, immer noch in der vorigen Stellung, mit
+dem Bleistift freundlich zuwinkend.</p>
+
+<p>Hopfgarten benutzte die Gelegenheit, Eltrichs Haus zu
+erreichen, und stieg die wenigen Stufen vor der Hausth&uuml;r,
+an deren Klingel er zog, rasch hinan.</p>
+
+<p>Ein wunderh&uuml;bsches, nur etwas kr&auml;nklich aussehendes,
+beinah wei&szlig;es M&auml;dchen, aber doch mit dem eigenen dunkeln
+Teint und fast blauschwarzen Haar dieser Race, das die
+Quadroonin verrieth, &ouml;ffnete ihm die Th&uuml;r, frug den Erstaunten in
+deutscher Sprache was er w&uuml;nsche, und f&uuml;hrte ihn dann in das
+untere Zimmer, wo Hopfgarten zu seiner nicht geringen Genugthuung &mdash; denn
+Mehlmeier hatte ganz recht gehabt &mdash; Herrn
+Ledermann <i>alias</i> Fortmann, am Kaffeetisch bei Eltrichs
+traf, und von den dreien auf das Herzlichste begr&uuml;&szlig;t wurde.
+Eltrichs kleine reizende Frau war besonders gl&uuml;cklich den alten
+Reisegef&auml;hrten, der sich schon an Bord von allen Caj&uuml;tspassagieren
+immer am freundlichsten gegen sie benommen, bei sich
+zu sehn und bewirthen zu k&ouml;nnen, und verschwand gleich aus
+dem Zimmer, aufzutragen, was nur, trotz Hopfgartens Protestiren,
+K&uuml;che und Keller vermochte.</p>
+
+<p>Nach den ersten Begr&uuml;&szlig;ungen aber lag Hopfgarten viel
+zu sehr daran zu erfahren was er von Ledermann hinsichtlich
+seiner Nachsp&uuml;rungen nach jenem Soldegg h&ouml;ren sollte. Eltrich
+wu&szlig;te &uuml;berdie&szlig; von der Sache, &uuml;ber die Ledermann schon oft
+mit ihm gesprochen, und Hopfgarten erfuhr jetzt da&szlig; von Soldegg
+selber allerdings nicht das Mindeste wieder gesehen w&auml;re,
+seit Herr von Hopfgarten die letzten Nachrichten von ihm mit
+aus Milwaukie gebracht, da&szlig; aber ein Compagnon von ihm,
+jener Goodly, unter einem falschen Namen in New-Orleans
+ertappt sei, und einen Schlupfwinkel gestohlener G&uuml;ter verrathen
+habe, in dem man auch einen nicht unbetr&auml;chtlichen
+Theil von Herrn Dollingers Waaren gefunden h&auml;tte. Nach
+allen verschiedenen Staaten, selbst nach Canada hinauf, war
+inde&szlig; geschrieben worden, des Burschen habhaft zu werden,
+doch umsonst; entweder war er untergegangen, oder lebte
+irgendwo, unter einem falschen Namen, von seinem Raube,
+wo es freilich dem Zufall &uuml;berlassen bleiben mu&szlig;te, ihn einmal
+auszusp&uuml;ren und zu Tag zu bringen.</p>
+
+<p>Herr <span class="wide">Fort</span>mann, der &uuml;brigens Eltrich gegen&uuml;ber sein Incognito
+nicht beibehalten konnte, da Beide schon in Heilingen befreundet,
+wenigstens bekannt gewesen waren, w&uuml;nschte, wie sich wohl
+denken l&auml;&szlig;t, ebenfalls etwas Neues von dort zu h&ouml;ren, das ihm
+Hopfgarten denn auch nicht vorenthielt. W&auml;hrend Frau Eltrich
+nun dem Gast, der endlich eingestehn mu&szlig;te, da&szlig; er in aller Eile
+heute auf Amerikanischem Boden noch nicht einmal zu Mittag
+gegessen, ein kleines Mahl mit Claret und Eis herrichtete
+und ihn selber dabei, trotz allen Einwendungen, bediente,
+mu&szlig;te er erz&auml;hlen, wie er es in Heilingen gefunden, wie es
+dort aussah, was die Leute dort trieben und &mdash; wie es vor
+allen Andern der Frau Aktuar Ledermann ging, f&uuml;r die sich
+Frau Eltrich ganz speciell interessirte.</p>
+
+<p>&raquo;Hm, ja,&laquo; sagte Hopfgarten l&auml;chelnd, und emsig dabei
+besch&auml;ftigt ein kaltes gebratenes Huhn zu zertheilen, &raquo;gut &mdash; sehr
+gut &mdash; hat ihre Trauer &mdash; die&szlig; Huhn ist wirklich delikat &mdash; hat
+ihre Trauer abgelegt und wohnt jetzt bei ihrem
+Bruder.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Existirt der Lump auch noch?&laquo; frug Ledermann.</p>
+
+<p>&raquo;Wollte wieder ein Gesch&auml;ft er&ouml;ffnen,&laquo; fuhr Hopfgarten
+langsam fort, &raquo;scheint aber doch nicht, nach den beiden vorher
+erfolgten F&auml;llen, das n&ouml;thige Vertrauen gefunden zu haben,
+und hat sich, auf dringendes Anrathen des Herrn J. G. Weigel
+entschlossen, mit seiner Schwester&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Den Teufel auch!&laquo; rief Ledermann von seinem Stuhl
+aufspringend, und in j&auml;her Angst den Schlu&szlig; des Satzes errathend.</p>
+
+<p>&raquo;Mit seiner Schwester,&laquo; fuhr Hopfgarten ruhig fort,
+&raquo;nach Amerika auszuwandern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was f&uuml;r ein r&uuml;hrendes Wiederfinden das werden
+w&uuml;rde, Herr Ledermann,&laquo; lachte diesen Frau Eltrich schelmisch
+an.</p>
+
+<p>&raquo;Man soll den Teufel nicht an die Wand malen,&laquo; rief
+aber der Aktuar wirklich best&uuml;rzt &mdash; &raquo;tollere Sachen sind schon
+vorgefallen, und <span class="wide">mir</span> bliebe nachher Nichts &uuml;brig, als mir eine
+Kugel vor den Kopf zu schie&szlig;en. &mdash; Aber &mdash; nicht wahr, lieber
+Herr von Hopfgarten, Sie machen nur Spa&szlig;? das ist Ihr
+Ernst nicht. &mdash; Meine Frau, ich meine die verwittwete Frau
+Aktuar Ledermann, denkt nicht daran nach Amerika zu
+kommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich gebe Ihnen meinen Ehrenwort, da&szlig; die Sache schon
+so gut wie abgemacht war; das Ziel aber, soviel wie ich davon
+erfahren konnte, lag nach den n&ouml;rdlichen Staaten, New-York
+oder Baltimore, wo Sie denn hier allerdings nicht viel
+zu bef&uuml;rchten h&auml;tten; ich habe mich, wie Sie sehen, genau
+nach Allem erkundigt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Henker traue,&laquo; rief Ledermann, unruhig im Zimmer
+auf- und abgehend, &raquo;wenn die Frau erst einmal nicht
+mehr durch das ganze Weltmeer von mir getrennt ist, findet
+sie mich auch wieder heraus, und wenn sie nur erst einmal eine
+Ahnung davon bek&ouml;mmt, da&szlig; ich noch lebe, bin ich verloren.&laquo;</p>
+
+<p>Eltrich und Hopfgarten lachten &uuml;ber die Angst des armen
+Teufels, der eine, vielleicht noch jahrelang entfernte Gefahr
+schon jetzt heraufbeschwor, sich selber zu qu&auml;len; Ledermann
+konnte aber den Gedanken nicht los werden, und Hopfgarten
+ihn endlich nur dadurch beruhigen, da&szlig; er ihm versicherte, der
+Schiffsakkord f&uuml;r seine Frau w&auml;re erst f&uuml;r das n&auml;chste Jahr abgeschlossen,
+bis wohin noch mancher Tropfen Wasser den Berg
+hinunter flie&szlig;e. &Uuml;brigens schien kein Mensch in ganz Heilingen,
+seiner Betheuerung nach, eine Ahnung zu haben, da&szlig; der
+Aktuar <span class="wide">nicht</span> ertrunken, sondern nach Amerika gefl&uuml;chtet sei.
+Der K&ouml;rper war allerdings, trotz hartn&auml;ckigem Suchen, <span class="wide">nicht</span>
+gefunden worden, aber das <span class="wide">Spielen vor</span>her, und die kalte,
+ruhige, sehr gut geheuchelte Verzweiflung <span class="wide">nach</span>her, schienen bei
+den in solcher Art auch eben nicht mistrauischen Heilingern
+keinen Zweifel mehr &uuml;brig gelassen zu haben. <i>Dr.</i> Hayde besonders
+hatte die Gelegenheit gleich wahrgenommen, einen
+langen, allerdings etwas schlecht stylisirten Artikel im Tageblatt
+zu schreiben, worin er nachwie&szlig;, da&szlig; der Selbstmord nur
+eigentlich, trotz einzelner Ausnahme-F&auml;llen, ein durchaus
+<span class="wide">b&uuml;rgerliches</span> Laster sei, (und sp&auml;ter daf&uuml;r von seiner Regierung
+den gelben Sperlings-Orden f&uuml;nfter Klasse erhielt;)
+die Sache war dadurch, wenn auch eben nicht bewiesen, doch
+au&szlig;er allen Zweifel gesetzt. Es dachte sich in der That Niemand
+die M&ouml;glichkeit eines anderen Falles, und Therese
+Ledermann selber, wenn ihr ja einmal ein solcher Gedanke
+dunkel und unbestimmt vor der Seele aufgestiegen sein sollte,
+verwarf ihn eben so rasch wieder. Wo h&auml;tte Ledermann den
+Muth herbekommen, sich ihrem Regiment auf eine solche Weise
+zu entziehn.</p>
+
+<p>Herrn Hopfgarten lag aber auch jetzt daran zu erfahren,
+wie Eltrich, von dem er doch durch Maulbeere geh&ouml;rt, da&szlig; er
+an einem Boote als Handlanger arbeite, sich so rasch und
+gl&auml;nzend heraufgeschwungen habe, und dieser, seine kleine Frau
+dabei rasch zu sich nieder auf seinen Stuhl ziehend, gab ihm
+gern Bescheid.</p>
+
+<p>Vor allen Dingen erz&auml;hlt er ihm seine erste Landung,
+wie sie, durch das viele Neue verwirrt, den Karren aus den
+Augen gelassen h&auml;tten, auf dem, von einen Neger gezogen,
+ihre s&auml;mmtlichen Sachen, selbst sein Instrument, gelegen. Der
+diebische Schwarze war damit durchgegangen, und nie wieder,
+trotz allen Nachforschungen, aufzufinden gewesen. In der
+ungeheueren Stadt, wo noch dazu weder &uuml;ber Kommende noch
+Gehende auch nur die geringste ernstliche Controlle gef&uuml;hrt
+wird, h&auml;tte nur der Zufall sie auf die Spur des Diebes bringen
+k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Dort begann eine schwere Zeit, besonders f&uuml;r seine arme
+Frau, die, von allem entbl&ouml;&szlig;t, mit dem Kinde der dringenden
+Noth entgegen ging. Noth aber lehrt nicht allein beten, sondern
+mehr noch arbeiten, und fest entschlossen, sich durch Nichts
+beugen zu lassen, sondern dem Schicksal fest und trotzig die
+Stirn zu bieten, lief Eltrich, mit <span class="wide">ganz</span> andern Hoffnungen
+nach Amerika gekommen, und als andere Schritte fehl schlugen,
+in der Stadt herum <span class="wide">Arbeit</span> zu suchen; Arbeit wie sie
+vorkam, hart oder leicht, nur Brod zu verdienen, f&uuml;r sich und
+die Seinen. Nach einiger Anstrengung gelang ihm das auch &mdash; er
+wurde zuerst auf einem Flatboot zum Ausladen der
+Fracht engagirt, mit einem Dollar den Tag; wie das beendet
+war, fand sich Arbeit auf einem anderen, und ihre Existenz
+war wenigstens gesichert.</p>
+
+<p>Aber er brauchte mehr als das &mdash; er mu&szlig;te Geld verdienen,
+wieder eine Violine, und zwar ein t&uuml;chtiges Instrument
+zu kaufen; er mu&szlig;te Geld verdienen, sich wieder anst&auml;ndige
+Tuch-Kleider anzuschaffen, in denen er Besuche machen konnte,
+und seine Finger, die ihm sp&auml;ter in seiner Kunst sein Brod
+verdienen sollten, ruinirte er indessen mit F&auml;sser rollen und dem
+scharfen Tau der Winde. Unerm&uuml;dlich aber, unverdrossen,
+schaffte und arbeitete er dabei im gie&szlig;enden Regen, wie in der
+brennenden Sonne, und sparte jeden Cent, den sie nicht
+nothwendig zum Leben brauchten, w&auml;hrend sich die Frau ebenfalls
+M&uuml;he gab Geld zu verdienen, und es endlich m&ouml;glich machte,
+erst von der Frau des Hausbesitzers, und dann durch diese empfohlen,
+auch von einigen Nachbarn feine W&auml;sche zum Waschen
+und Pl&auml;tten zu bekommen.</p>
+
+<p>&raquo;Es war dabei eine recht traurige und entmuthigende
+Zeit f&uuml;r mich,&laquo; erz&auml;hlte Eltrich, &raquo;denn w&auml;hrend ich meinem
+n&auml;chsten Ziel, mir wieder ein Instrument und uns beiden anst&auml;ndige
+Kleider zu kaufen, wohl entgegenr&uuml;ckte, sah ich doch
+um mich her eine Menge Leute meiner Kunst, die mit ziemlichem
+Talent und guten Empfehlungsbriefen ausger&uuml;stet, ankamen,
+eine Weile sich schwimmend &uuml;ber Wasser hielten, und
+dann spurlos verschwanden. Ich wu&szlig;te dabei nicht, ob sie
+untergegangen, oder nur von der Str&ouml;mung mit fortgerissen
+waren, und mu&szlig;te mir zu meiner Besch&auml;mung gestehn, da&szlig;
+ich wahrscheinlich jetzt mit meiner H&auml;nde Arbeit, als gew&ouml;hnlicher
+Tagel&ouml;hner, <span class="wide">mehr</span> verdiente, wie es mir m&ouml;glich sein
+w&uuml;rde mit meiner Kunst zu erschwingen; nichts destoweniger
+lie&szlig; ich den Muth nicht sinken. Dabei hatten wir Gl&uuml;ck; meine
+Frau gab unserer Wirthin, die sich &uuml;berhaupt sehr freundlich
+gegen uns bewie&szlig;, Clavierunterricht, da sie dorthin unseren
+Knaben mitnehmen konnte. Unser Schicksal war dabei durch
+unsere Wirthsleute bekannt geworden, und ich wurde von
+dem Eigenth&uuml;mer unserer Wohnung eines Abends, wo ich
+gerade von der Arbeit zu Hause kam, aufgefordert, in einer
+Gesellschaft, die er gab, zu spielen. Ein Instrument sollte ich
+dort vorfinden, und leichte, anst&auml;ndige Sommerkleider besa&szlig;
+ich schon, Dank unseren Ersparnissen; aber meine Finger waren
+steif geworden, und nicht ein einziges Mal hatte ich die ganze
+Zeit ge&uuml;bt. Die Sache ging mir, wie Sie wohl denken k&ouml;nnen,
+im Kopf herum &mdash; trotzdem nahm ich, mit einer mir selbst
+jetzt noch unerkl&auml;rlichen Keckheit, die Einladung an, und die
+Sehnsucht, wieder einmal einen Bogen in der Hand zu f&uuml;hlen,
+mochte wohl gr&ouml;&szlig;tentheils die Schuld dabei tragen. Dann
+aber war ich es auch meiner armen kleinen Frau schuldig,
+Alles zu thun, was in meinen Kr&auml;ften stand, unsere Lage zu
+verbessern, und dadurch geschah vielleicht der erste Schritt.</p>
+
+<p>&raquo;Die Gesellschaft versammelte sich ziemlich zahlreich, und
+ich spielte, zu Adelens Entsetzen, aber aus sehr nat&uuml;rlichen
+Gr&uuml;nden, spottschlecht. Nichts destoweniger waren die Leute
+freundlich genug gegen mich &mdash; sie wu&szlig;ten ja, da&szlig; ich den
+Tag &uuml;ber Porkf&auml;sser gerollt und Maiss&auml;cke geschleppt hatte;
+der Wirth aber &uuml;berlie&szlig; mir von da an die Violine zum &Uuml;ben,
+bis ich mir selber eine kaufen konnte, und &mdash; veranstaltete
+heimlich, aber in meinem Namen, ein Concert. Ich spielte,
+und es ging nicht allein vortrefflich, sondern ich kam dadurch
+auch pl&ouml;tzlich und eigentlich ganz unerwartet in den Besitz
+eines Capitals von hundert und einigen achtzig Dollarn,
+mit denen ich allerdings jetzt ein neues Leben beginnen konnte.
+Am n&auml;chsten Tage mu&szlig;te ich freilich noch einmal F&auml;sser rollen
+&mdash; ich hatte dem Mann versprochen gehabt zu kommen und
+hielt auch Wort; aber es war das letzte Mal, und ich begann
+eine neue Existenz. Allerdings stand ich nicht mehr allein und
+freundlos da, denn die Amerikaner und Franzosen, mit denen wir
+bekannt geworden, und die doch wohl fanden, da&szlig; wir Beide
+nicht in die Masse der gew&ouml;hnlichen Einwanderer geh&ouml;rten,
+nahmen sich unserer auf das Herzlichste an. Ich sowohl, wie
+meine Frau, bekamen eine Menge Stunden zu geben, und Madame
+Fleurette, unsere freundliche Wirthin, lie&szlig; es sich nicht
+nehmen, den Knaben indessen bei sich zu behalten. Wieder
+gab ich jetzt mit meiner Frau zusammen zwei Concerte, und
+w&auml;hrend andere, weit gr&ouml;&szlig;ere K&uuml;nstler als ich, kaum die Kosten
+solcher Abende herausgeschlagen, traf ich Zeit und Umst&auml;nde
+so gl&uuml;cklich, da&szlig; ich das erste Mal einen &Uuml;berschu&szlig;
+von zwei-, das zweite Mal von dreihundert Dollar hatte.
+Ich bekam einen Ruf in New-Orleans, und um kurz zu sein,
+zuletzt die Stelle am hiesigen Franz&ouml;sischen Theater, mit einem
+recht anst&auml;ndigen Gehalt, habe dabei Stunden zu geben, so
+viel ich geben kann, und befinde mich jetzt mit meiner kleinen
+Familie wohl und zufrieden.&laquo;</p>
+
+<p>Hopfgarten sprach seine innige Freude &uuml;ber das gl&uuml;ckliche
+Gedeihen in Eltrichs Verh&auml;ltnissen aus, und erz&auml;hlte jetzt auch
+wie er die beiden fr&uuml;heren Freunde, Steinert und Mehlmeier,
+gefunden habe.</p>
+
+<p>&raquo;Herr Steinert ist ein Lump,&laquo; sagte da Eltrich, &raquo;und
+Mehlmeier, trotz einigen Eigenheiten, die er an sich haben
+mag, ein Ehrenmann. Wie Mehlmeier im Ungl&uuml;ck war, und
+Steinert noch Leute fand, die ihm borgten, hat er den armen
+Teufel nicht einmal mehr angesehn, und sich seiner Bekanntschaft
+gesch&auml;mt; ihn jetzt aber, wo sich Mehlmeier herausgearbeitet
+hat, schon drei oder vier Mal angeborgt. Mehlmeier
+in seiner Gutm&uuml;thigkeit l&auml;&szlig;t sich auch beschwatzen, er wird
+aber doch endlich einmal klug werden, und aufh&ouml;ren sein Geld
+in diesen Schmutzbrunnen zu werfen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie der Trunk hier in Amerika die Leute ruiniren kann,&laquo;
+sagte Ledermann, &raquo;davon habe ich in der kurzen Zeit meines
+Aufenthalts hier, schon mehre recht traurige Beispiele gesehn.
+So traf ich heute Morgen erst wieder einen alten Bekannten,
+und fr&uuml;her sehr wohlhabenden Mann aus oder bei Heilingen,
+den Wirth des rothen Drachens dort, den ich in brillanten
+Verh&auml;ltnissen in Deutschland zur&uuml;cklie&szlig;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Lobsich? &mdash; hier in New-Orleans? &mdash; was ist mit
+dem?&laquo; rief Hopfgarten.</p>
+
+<p>&raquo;Kennen Sie ihn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von Milwaukie her &mdash; das ist ja derselbe Wirth, in
+dessen Hause ich verhaftet wurde; aber was treibt er jetzt? hat
+er sein Gasthaus aufgegeben?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Seine Frau, die das Ganze zusammengehalten zu haben
+scheint, ist ihm gestorben,&laquo; sagte Ledermann, &raquo;und der Mann
+hat dann wahrscheinlich durch den Trunk &mdash; denn er taumelte
+selbst hier, als ich ihn sah &mdash; sein Gesch&auml;ft nach und nach
+ruinirt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hat er Sie gesehn?&laquo; frug Hopfgarten l&auml;chelnd.</p>
+
+<p>&raquo;Brille und Bart haben mich sehr ver&auml;ndert,&laquo; erwiederte
+Ledermann etwas verlegen; &raquo;ich kann darin ziemlich sicher sein;
+dennoch f&uuml;hle ich mich nicht wohl hier, und werde mich wahrscheinlich
+in n&auml;chster Zeit weiter in das Innere zur&uuml;ckziehn;
+es kommen doch fast zu viel Bekannte hierher.&laquo;</p>
+
+<p>Ledermann mu&szlig;te jetzt Herrn von Hopfgarten erz&auml;hlen,
+was er von den hiesigen Verh&auml;ltnissen seiner Bekannten
+wu&szlig;te, und besonders interessirte ihn dabei Hedwig Lo&szlig;enwerders
+gl&uuml;ckliche Verbindung, die sie in eine angenehme und unabh&auml;ngige
+Stellung gebracht hatte. Er trug auch Briefe
+f&uuml;r Hedwig von Clara, wie die Hinterlassenschaft ihres Bruders
+bei sich; ebenso die in den gelesensten deutschen Bl&auml;ttern
+ver&ouml;ffentlichte Erkl&auml;rung der Gerichte selber, nach denen der
+damals angeschuldigte, und durch ungl&uuml;ckliche Umst&auml;nde zum
+Selbstmord getriebene Franz Lo&szlig;enwerder von jeder Schuld an
+dem ihm zur Last gelegten Diebstahl freigesprochen, und sein
+Name von jedem auf ihm haftenden Makel gereinigt wurde.
+Herr Dollinger selber hatte dann noch eine eigene Erkl&auml;rung
+erlassen, und &uuml;berhaupt Alles gethan, was in seinen Kr&auml;ften
+stand, wenigstens das Andenken des armen ungl&uuml;cklichen Menschen
+von jedem b&ouml;sen Leumund zu befreien, und seinen ehrlichen
+Namen wieder herzustellen. Ein einfacher Stein auf seinem
+Grabe erz&auml;hlte ebenfalls in kurzen schlichten Worten seine
+Leidensgeschichte, und was er unschuldig getragen &mdash; guter
+Gott, er war todt, und gedruckte, und in Stein gegrabene
+Worte konnten das Unrecht nicht ungeschehen machen, das
+ein armes, treues Menschenherz in Gram und Schmerz gebrochen.</p>
+
+<p>Wie froh, aber auch wie schmerzlich mu&szlig;te die arme
+Hedwig eine solche Nachricht bewegen, und Adele bat deshalb
+ihren Mann die junge Frau, die sie schon auf dem Schiffe lieb
+gewonnen, und mit der sie auch in New-Orleans &ouml;fter
+zusammengekommen, heute Abend <span class="wide">mit</span> dem jungen Hamann
+hierherzuholen, und ihr die Briefe hier zu &uuml;bergeben. Eltrich
+verstand sich gern dazu, und er und Hopfgarten beschlossen
+augenblicklich hin&uuml;ber nach Fayetteville zu fahren und die
+jungen Leute gleich mitzubringen. Ledermann hatte noch einige
+Gesch&auml;fte zu besorgen, versprach aber auch gegen Abend zur&uuml;ckzukommen
+und diesen in ihrer Gesellschaft zu verbringen.</p>
+
+<p>Als Hopfgarten mit Eltrich wieder durch das Haus ging,
+&ouml;ffnete ihnen das junge Quadroon-M&auml;dchen die Th&uuml;r.</p>
+
+<p>&raquo;Wetter noch einmal, was ist das f&uuml;r ein liebes freundliches
+Gesicht,&laquo; sagte Hopfgarten, als sie drau&szlig;en auf der
+Stra&szlig;e waren, und dem n&auml;chsten Omnibus zugingen, &raquo;doch
+mit Negerblut in den Adern.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist das erste gute Werk, das ich in Amerika habe
+thun k&ouml;nnen,&laquo; l&auml;chelte Eltrich, &raquo;eine durch mich befreite
+Sclavin.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was?&laquo; rief Hopfgarten, sich rasch und erstaunt nach
+ihm umdrehend, &raquo;das hab' ich ja gar nicht gewu&szlig;t, da&szlig; Sie
+schon Zeit zu Entf&uuml;hrungen gehabt &mdash; davon haben Sie mir
+ja kein Wort erz&auml;hlt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Sache hat auch keineswegs einen solchen poetischen
+Hintergrund &mdash; ich habe sie, mit H&uuml;lfe meines fr&uuml;heren Wirthes,
+der mir die H&auml;lfte der Summe vorgestreckt, <span class="wide">gekauft,</span>
+und diese zweite H&auml;lfte arbeitet sie nun selber ab, so da&szlig; sie,
+mit den Geschenken, die sie bekommt, denn alle meine Freunde
+nehmen Theil an ihr, schon wahrscheinlich in zwei Jahren,
+vielleicht noch fr&uuml;her, vollkommen frei und ihre eigene Herrin
+sein wird. Ich erz&auml;hle Ihnen die Geschichte ein ander Mal,
+denn hier ist unser Omnibus, der uns hin&uuml;ber nach Fayetteville
+nehmen soll.&laquo;</p>
+
+<p>Sie stiegen in den schon ziemlich gef&uuml;llten, auf R&auml;dern
+gestellten unf&ouml;rmlichen Kasten, der dazu diente, Passagiere von
+einem Ende der Stadt zum andern zu bef&ouml;rdern, und mu&szlig;ten
+eng zusammenr&uuml;cken, da der Bursche hinten am Schlag hinein
+bef&ouml;rderte, was eben Passage bezahlte, gleichviel wie viel Platz
+der inwendige Raum bot.</p>
+
+<p>Dicht vor ihnen, auf der gegen&uuml;ber befindlichen Bank,
+da&szlig; ihre Kniee ineinanderpre&szlig;ten, sa&szlig; ein sehr anst&auml;ndig
+gekleideter Mann, der Hopfgarten ungemein bekannt vorkam.
+Auch dieser fixirte ihn und Eltrich in der schon einbrechenden
+D&auml;mmerung ein paar Augenblicke, und dann dem letztern die
+Hand entgegenstreckend sagte er freundlich:</p>
+
+<p>&raquo;Ich glaube, da&szlig; wir zum zweiten Male Reisegef&auml;hrten
+sind &mdash; Herr Eltrich &mdash; Herr von Hopfgarten &mdash; nicht wahr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Leupold, wahrhaftig!&laquo; rief Eltrich, rasch und freundlich
+die dargebotene Hand nehmend und sch&uuml;ttelnd, &raquo;wir haben
+uns nicht gesehn seit wir das Schiff verlassen; wie geht es
+Ihnen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;K&ouml;rperlich <span class="wide">recht</span> gut,&laquo; sagte Leupold, doch ein recht
+wehm&uuml;thiger Zug um den Mund strafte ihn L&uuml;gen dabei, oder
+verbarg mehr als er sagen wollte.</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind hier in New-Orleans etablirt?&laquo; frug ihn Hopfgarten.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, Herr Baron, und ich mu&szlig; gestehen, ich habe viel
+Gl&uuml;ck gehabt &mdash; wie man hier so im gemeinen Leben sagt &mdash; in
+meiner Familie aber destomehr Leid.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist Ihre Mutter krank geworden?&laquo; frug Eltrich.</p>
+
+<p>&raquo;Sie starb vorigen Herbst am gelben Fieber;&laquo; erwiederte
+Leupold, &raquo;auch ein Knabe, der vor zwei Jahren beide Eltern
+an der Seuche verloren, und den ich an Kindesstatt zu mir
+genommen hatte, nur irgend Jemand zu haben, den ich lieben
+konnte, der mich liebte. Sie sind Alle todt, und ich arbeite jetzt
+eigentlich f&uuml;r weiter Nichts, als eben zu essen und zu trinken.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Doch sonst geht es Ihnen gut?&laquo; frug Hopfgarten.</p>
+
+<p>&raquo;Was pecuni&auml;re Verh&auml;ltnisse betrifft, allerdings. Wie
+das gelbe Fieber die&szlig;mal nahte, floh Alles, was nur fortkommen
+konnte. Ich selber hatte eine stille Hoffnung, da&szlig; mich
+Gott ebenfalls abrufen w&uuml;rde; ohne Zweck und Ziel sich so
+allein in der Welt herumzutreiben wird Einem doch zuletzt
+verleidet; ich wurde aber nicht einmal krank. Ich war bei,
+Gott wei&szlig; wie vielen Leichen, fertigte S&auml;rge so viel ich
+mit vier bei mir ausharrenden Gesellen fertigen konnte, und
+verdiente ungez&auml;hltes Geld in der Zeit &mdash; ich ginge auch gern
+zur&uuml;ck nach Deutschland, aber &mdash; ich habe den Muth nicht
+dazu &mdash; ich werde die n&auml;chste gelbe Fieberzeit noch abwarten,
+und sehen was da wird.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie f&uuml;hlen sich nicht wohl in Amerika?&laquo; sagte Hopfgarten
+mitleidig.</p>
+
+<p>&raquo;Wie soll man sich da wohl f&uuml;hlen, wenn man Alles
+verloren hat, was Einem noch lieb und theuer auf dieser
+Welt war, und f&uuml;r das nur einzig und allein man arbeitete.
+Das Amerika ist ein recht guter Platz Geld zu verdienen, wenn
+man flei&szlig;ig ist, aber das ist auch Alles; ja wenn es mir in
+Deutschland schlecht gegangen w&auml;re. &mdash; Aber ich will Ihnen
+nicht die Ohren voll lamentiren &mdash; &uuml;berhaupt ist hier die
+Stra&szlig;e, wo ich aussteigen mu&szlig;. Es hat mich <span class="wide">herzlich</span> gefreut
+Sie wieder einmal begr&uuml;&szlig;en zu k&ouml;nnen!&laquo;</p>
+
+<p>Er reichte ihnen die Hand, sch&uuml;ttelte sie freundlich, und
+dr&auml;ngte sich dann durch die ihm m&uuml;rrisch Raum gebenden
+Passagiere der Th&uuml;re zu, den Omnibus zu verlassen.</p>
+
+<p>&raquo;Dem armen Mann ist Amerika theuer zu stehn gekommen,&laquo;
+sagte Eltrich traurig, &raquo;lieber Gott, wenn ich mich in seine
+Lage setze, kann ich mir recht gut denken, wie furchtbar es ihm
+sein mu&szlig;, jetzt so allein und verlassen dazustehen. Was hilft
+ihm das Geld, das er verdient, wenn er Niemanden hat, der
+es mit ihm theilt, f&uuml;r den er spart.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist seine eigene Schuld,&laquo; sagte aber Hopfgarten
+achselzuckend, &raquo;er hat uns selbst erz&auml;hlt, da&szlig; es ihm in Deutschland
+nicht schlecht gegangen w&auml;re; weshalb wandert er da
+aus? &mdash; Das kommt von dem th&ouml;richten Misvergn&uuml;gtsein
+ohne Grund.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Lieber Gott, es l&auml;&szlig;t sich da doch Manches zur Entschuldigung
+sagen,&laquo; seufzte Eltrich, &raquo;wir k&ouml;nnten es auch den
+Trieb sich zu verbessern nennen, den doch jeder Mensch in der
+Brust mit herum tr&auml;gt &mdash; warum ihm den schlimmsten Namen
+geben? Th&auml;ten die daheim, deren <span class="wide">Pflicht</span> es w&auml;re, f&uuml;r das
+wahre Gl&uuml;ck der V&ouml;lker zu sorgen, etwas mehr ihren Unterthanen
+das Leben daheim ertr&auml;glich zu machen, bed&auml;chten sie,
+da&szlig; das &raquo;Von Gottes Gnaden&laquo; nicht nur auf <span class="wide">ein</span> Haupt
+niedergeht und da ruhen bleibt, als auf etwas ganz Besonderem &mdash; wie
+oft nur auf etwas sehr Gew&ouml;hnlichem &mdash; sondern
+niederf&auml;llt, wie Thau und Regen auch auf die kleinste unscheinbarste
+Wiesenblume. St&auml;ke mit einem Wort einer Masse
+Menschen da dr&uuml;ben nicht der verdammte D&uuml;nkel zu fest in der
+Stirne aus einem ganz besonders feinen Porcellainteig geknetet
+und gebrannt zu sein, Tausende w&uuml;rden nicht daran denken,
+die Heimath zu verlassen, sondern in einer m&ouml;glich b&uuml;rgerlichen
+Existenz gern und freudig ausharren. Die Noth treibt vielleicht
+nur zwei Dritttheile aller Auswanderer &uuml;ber das gro&szlig;e
+Wasser, der Ekel das andere &mdash; und <span class="wide">das</span> gerade thut Deutschland
+weh &mdash; unendlich weh, denn <span class="wide">was</span> f&uuml;r wackere Kr&auml;fte
+sind ihm dadurch verloren gegangen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, die Geheimenr&auml;the wandern nicht aus,&laquo; lachte Hopfgarten.</p>
+
+<p>&raquo;Nein, leider Gottes,&laquo; seufzte Eltrich, &raquo;<span class="wide">die</span> liegen an
+zweifarbigen B&auml;ndchen fest vor Anker. Der Deutsche theilt
+sich in seiner Unschuld in N&auml;hr-, Wehr- und Lehrstand &mdash; da&szlig;
+er den <span class="wide">Zehr</span>stand gar nicht dabei ber&uuml;cksichtigt. Wie war
+Ihnen zu Muthe, als Sie jetzt wieder nach Deutschland zur&uuml;ckkamen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wunderbar,&laquo; lachte der Gefragte, &raquo;unendlich wunderbar &mdash; ich
+gebe Ihnen mein Wort, es kam mir in einem fort
+so vor, als ob die Leute nur Com&ouml;die spielten &mdash; und sie
+thun's auch. Wenn man hier aus dem frischen, freien Leben,
+das allerdings viele, unendlich viele M&auml;ngel und Schw&auml;chen
+hat, aber dem Menschen doch seine freie, ihm von Gott zugesprochene
+Entwickelung garantirt, wieder hin&uuml;ber in das abgetheilte,
+angeblich <span class="wide">geordnete</span> Leben kommt, wo die Menschen
+wie in Gefachen, mit kleinen darauf geklebten Zettelchen eingeschachtelt
+liegen, sieht wie die untersten, bequemsten Gefache
+fortw&auml;hrend herausgezogen und gebraucht werden, w&auml;hrend
+auf den oberen der dicke ehrw&uuml;rdige Aktenstaub liegt, und dann
+zur&uuml;ckdenkt, wie das Alles gar nicht n&ouml;thig ist, und wie es
+noch eine andere Welt giebt, in der Gottes Creaturen frei und
+fr&ouml;hlich aufathmen d&uuml;rfen; wenn man sieht, wie das dort
+kriecht und scharwenzelt, und auf Kindereien sein h&ouml;chstes Ziel
+setzt, wenn man einen Blick wieder auf jenen Beamten-Wust
+wirft, der einem in das Kleinste zergliederten, auf das peinlich
+kunstvollste hergestellten und berechneten R&auml;derwerk gleicht &mdash; einfach
+einen Stein zu drehn und Brod zu mahlen, dann wundert
+man sich wirklich, da&szlig; die eigentlichen Menschen nicht
+<span class="wide">Alle</span> auswandern und das ganze kunstvolle Beamtensystem,
+wie ein von Insekten skelettirtes Blatt als Satz zur&uuml;ckbleibt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und doch wollen Sie wieder nach Deutschland?&laquo; frug
+Eltrich.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist ja das Vaterland,&laquo; sagte Hopfgarten herzlich,
+&raquo;der Himmel ist doch nirgends so blau, die Erde nirgends so
+gr&uuml;n wie daheim. Sie m&ouml;gen mich auslachen, lieber Eltrich,
+aber wie ich im vorigen Herbst zur&uuml;ckfuhr, und in der Nordsee
+die nackten Sandd&uuml;nen, den Thurm von Wanger-Ooge wieder
+sah, hab' ich geweint wie ein Kind &mdash; es giebt doch nur ein
+Deutschland.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, leicht k&ouml;nnen sie's nicht todtmachen,&laquo; rief Eltrich,
+&raquo;aber ich kehre doch nicht dahin zur&uuml;ck.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Verschw&ouml;ren Sie's nicht,&laquo; rief Hopfgarten; &raquo;es kommt
+doch eine Zeit, wo es uns wieder hin&uuml;berzieht &mdash; das Grab
+unserer V&auml;ter ist ein heiliger Platz, wo wir mit beiden H&auml;nden
+anfassen m&uuml;ssen, wenn wir unser Herz davon losrei&szlig;en
+wollen. Mit dem Leben dort, was man die eigentliche Welt
+da nennt, mag ich auch Nichts mehr zu thun haben, daf&uuml;r
+bin ich schon zu viel Amerikaner geworden; aber ich ziehe mich
+auf das Land zur&uuml;ck und lebe mir und den Meinen. Denken
+Sie nie an unsern Fr&uuml;hling, wenn die Lerche an zu wirbeln
+f&auml;ngt, wenn die Birken keimen &mdash; werden Sie das je vergessen k&ouml;nnen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will's versuchen,&laquo; sagte Eltrich seufzend, &raquo;aber hier
+ist unser Halteplatz &mdash; dort in der Stra&szlig;e liegt f&uuml;r jetzt unser
+&raquo;Deutsches Vaterland&laquo;.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ein trauriger Ersatz,&laquo; l&auml;chelte Hopfgarten, als der Wagen
+hielt, und sie, an ihrem Ziele angekommen, aussteigen
+mu&szlig;ten.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h2><a name="kap7" id="kap7"></a>Capitel 7.</h2>
+<h3>Meier, Pelz &amp; Co.</h3>
+
+<p>Es war indessen, bis sie die Stra&szlig;e erreichten, in welcher
+das &raquo;Deutsche Vaterland&laquo; lag, schon vollst&auml;ndig dunkel geworden,
+denn der kurzen D&auml;mmerung in Amerika folgt rasch
+und fast pl&ouml;tzlich die Nacht. Dicht vor der Th&uuml;r des Gasthauses
+standen drei Leute in leisem, fl&uuml;sternden Gespr&auml;ch, und
+als sich Eltrich im Vor&uuml;bergehn nach ihnen umsah, glaubte er
+bei zweien, auf die gerade das Licht der Gaslaterne fiel, bekannte
+Gesichter zu erkennen, wenn er sich auch nicht gleich
+auf das Wo und Wann einer Begegnung erinnern konnte.
+Die M&auml;nner wandten sich aber rasch von ihnen ab, und gingen
+langsam in dasselbe Haus, doch nicht in das Schenkzimmer,
+sondern in die kleine Hausth&uuml;r, die mit der Treppe nach oben
+in Verbindung stand.</p>
+
+<p>Nat&uuml;rlich achteten sie nicht weiter darauf, und &ouml;ffneten
+gleich nachher die Glasth&uuml;r des unteren Schenkraumes, wo
+sie den jungen Hamann allein, und mit verschr&auml;nkten Armen
+und finster zusammengezogenen Brauen auf und abgehend,
+fanden. Freundlich begr&uuml;&szlig;te er Eltrich, mit dessen kleiner
+Familie er, wie seine Frau, schon manchmal zusammengekommen
+waren, und h&ouml;rte mit gro&szlig;er Theilnahme, wie jener
+sch&auml;ndliche Verdacht endlich auch &ouml;ffentlich von dem ungl&uuml;cklichen
+Bruder seiner Frau gew&auml;lzt sei, und diese sich doch nun
+wieder froh und gl&uuml;cklich f&uuml;hlen w&uuml;rde, mit solcher Sorge vom
+Herzen.</p>
+
+<p>Die freundliche Einladung Eltrichs, den heutigen Abend
+mit Hedwig bei ihnen zuzubringen, mu&szlig;te er aber, wenigstens
+f&uuml;r sich selber, ablehnen, wenn auch die Frau kein Hinderni&szlig;
+hatte, und unter Eltrichs Schutz die Herren gern begleiten
+w&uuml;rde.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe heute einen schlimmen &Auml;rger und b&ouml;sen Auftritt
+im Haus gehabt,&laquo; setzte er, sich entschuldigend, hinzu,
+&raquo;und meinen Barkeeper, einen nichtsnutzigen, frechen Gesellen,
+den ich, wie ich fast f&uuml;rchte, auf verbotenen Wegen ertappte,
+zum Teufel jagen m&uuml;ssen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihren Jimmy?&laquo; rief Eltrich &mdash; &raquo;Gott sei Dank, da&szlig;
+der Bursche fort ist; wenn irgend Jemand auf der Welt,
+so hatte der eine b&ouml;se, galgenw&uuml;rdige Physiognomie, und ich
+bin fest &uuml;berzeugt, er strafte die auch nicht L&uuml;gen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was ich heute von ihm gesehn habe,&laquo; meinte Hamann,
+&raquo;widerspr&auml;che dem wenigstens nicht, denn ich fand ihn &uuml;ber
+Tisch in dem Zimmer einiger meiner &raquo;Boarder,&laquo; die, wie vermuthet
+wird, viel Geld bei sich haben, bei einer sehr verd&auml;chtigen
+Untersuchung des einen Koffers, f&uuml;r dessen sehr h&uuml;bsche
+Arbeit er sich angeblich interessirte. Ich bin &uuml;brigens froh,
+den Burschen, den ich sonst noch h&auml;tte einen vollen Monat behalten
+und f&uuml;ttern m&uuml;ssen, auf solche Art so rasch losgeworden
+zu sein, nur mu&szlig; ich jetzt, bis ich mich morgen nach einer
+passenden Pers&ouml;nlichkeit daf&uuml;r umsehen kann, selber die Stelle
+verwalten. Sie thun mir &uuml;brigens einen Gefallen,&laquo; setzte er
+dann hinzu, &raquo;wenn Sie selber zu meiner Frau hinauf gingen
+und es ihr sagten; Sie werden sie jetzt warscheinlich in meines
+Vaters Zimmer finden. Sie, Herr Eltrich, kennen ja den Weg.
+Meine G&auml;ste sind drin beim Abendbrod, und ich mu&szlig; indessen
+hier in der Bar bleiben; hab' ich aber heut Abend zugeschlossen,
+was heute fr&uuml;her als gew&ouml;hnlich geschehen wird, komme ich
+noch selber zu Ihnen hinaus und hole Hedwig in meinem
+kleinen Wagen ab.&laquo;</p>
+
+<p>Die Herren waren eben im Begriff, der Bitte Folge zu
+leisten, als die Th&uuml;r aufging und ein junger Mann hereinkam,
+Hopfgarten und Eltrich aber kaum erblickte, als er auch
+schon mit einem lauten, etwas exaltirten Freudenruf auf sie
+zusprang, ihre H&auml;nde ergriff, und wie es schien, sich alle Gewalt
+anthun mu&szlig;te, ihnen nicht auch um den Hals zu fallen.</p>
+
+<p>&raquo;Ach Herr von Hopfgarten &mdash; ach Herr Kapellmeister &mdash; welch
+gl&uuml;ckliches Zusammentreffen &mdash; nein, ich kann Ihnen
+gar nicht sagen, <span class="wide">wie</span> froh ich bin, Sie endlich einmal wieder
+zu sehn. Wie geht es Ihnen? &mdash; was machen, was treiben
+Sie &mdash; Herr Hamann, darauf m&uuml;ssen wir ein's trinken, bitte
+meine Herren, was nehmen Sie &mdash; ich habe ja &uuml;berhaupt hier
+noch eine kleine Kreide stehn &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr Theobald!&laquo; rief Hopfgarten erstaunt aus, den
+Dichter dabei mit einem fl&uuml;chtigen Blick, eben nicht zu dessen
+Gunsten, von oben bis unten messend &mdash; &raquo;wie kommen Sie
+wieder nach New-Orleans?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich? &mdash; lieber Gott, wo kommt man nicht in diesem
+verw&uuml;nschten Lande hin!&laquo; rief Theobald mit einer gewissen
+Wehmuth aus&nbsp;&mdash;</p>
+
+<div class="center">
+<table class="sm" style="margin: 0 auto" cellpadding="1" summary="">
+<tr><td align="left">&raquo;Treibt auf wildbewegtem Meere</td></tr>
+<tr><td align="left">&nbsp;&nbsp;Auch mein schwank-gebrecher Nachen,</td></tr>
+<tr><td align="left">&nbsp;&nbsp;Dr&auml;ut mir auch der Wogen Schwere,</td></tr>
+<tr><td align="left">&nbsp;&nbsp;Soll's mich doch nicht muthlos machen &mdash;</td></tr>
+</table>
+</div>
+
+<p class="noindent">&raquo;wo kommt man hier <span class="wide">nicht</span> hin? &mdash; sag' ich noch einmal &mdash; Sie
+kennen ja die alte Geschichte, bester Baron, &raquo;willst Du in
+meinem Himmel mit mir leben &mdash; <i>&agrave; la bonheur</i>, aber auf
+Erden sind alle K&auml;mmerchen vermiethet&laquo; &mdash; Nichts wie Prosa,
+Nichts wie gemeine, hausbackene Wirklichkeit, in der das dumme
+Volk auch nicht einmal eine Ahnung hat, da&szlig; ein h&ouml;her begabter
+Mensch auch noch mit etwas Anderem <span class="wide">arbeiten</span> k&ouml;nnte,
+als mit Spitzhacke und Schaufel. <span class="wide">Arbeiten</span> schreien
+sie &mdash; <span class="wide">arbeiten,</span> immer nur arbeiten, und was der Geist dabei thut,
+rechnen sie nicht, das nennen sie faullenzen. Aber zum Henker
+mit der Bande, wenn's uns hier nicht l&auml;nger gef&auml;llt, Herr von
+Hopfgarten, dann gehn wir nach Amerika! und jetzt wollen
+wir trinken, Herr Hamann hat uns schon die Gl&auml;ser aufgestellt &mdash; bitte,
+was nehmen Sie?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke wirklich herzlich,&laquo; sagte Hopfgarten ablehnend &mdash; Theobald
+sah ihm gar nicht danach aus, als ob er so viele
+Sechs-Cent-St&uuml;cke wegzuwerfen h&auml;tte, f&uuml;r Andere zu bezahlen,
+und zugleich lie&szlig; sein ganzes, au&szlig;ergew&ouml;hnlich aufgeregtes
+Wesen auch noch &uuml;berdie&szlig; darauf schlie&szlig;en, da&szlig; er schon selber
+eigentlich mehr wie seine t&auml;gliche Quantit&auml;t getrunken habe &mdash; &raquo;bitte,
+erz&auml;hlen Sie mir lieber, wie es Lobensteins geht, was
+sie thun und treiben und wie der Professor mit seinen Arbeiten
+vorw&auml;rts r&uuml;ckt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bah &mdash; <span class="wide">so</span> viel f&uuml;r den Professor,&laquo; rief Theobald mit
+einer wegwerfenden Bewegung &mdash; &raquo;ein Schwachkopf, der sich
+einbildet, von Landwirthschaft und Poesie gleich viel zu verstehn,
+und wirklich gleich viel davon versteht. Er ist ruinirt,
+und Eduard, der gro&szlig;e Nimrod, hat sich auf der Jagd todtgeschossen&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Heiland der Welt,&laquo; rief Hopfgarten entsetzt aus, &raquo;das
+ist ja furchtbar, und Sie erz&auml;hlen das hier, als ob Sie die
+Leute nicht das Mindeste angingen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Thun Sie auch nicht,&laquo; sagte Theobald ruhig &mdash; &raquo;wenn
+Jemand Verbindlichkeiten gegen den Anderen hat, so ist es der
+Professor gegen <span class="wide">mich;</span> ich habe ihm meine Kr&auml;fte nicht allein,
+ich habe ihm auch meinen Geist geliehen; aber die Rathschl&auml;ge,
+die ich ihm gab, konnten ihn nur noch eine Zeit lang &uuml;ber
+Wasser halten &mdash; sein eignes Gewicht zog ihn in die Tiefe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und was ist aus ihnen geworden?&laquo; frug Hopfgarten.</p>
+
+<p>&raquo;Oh sie sind f&uuml;r jetzt wohl noch, so viel ich wei&szlig;, in Indiana,&laquo;
+sagte Theobald, &raquo;der Professor wird jedoch jedenfalls
+gezwungen sein, seine Farm zu verkaufen, weil er Schulden
+hat, die er nicht tilgen kann. Aber kommen Sie, meine
+Herren, kommen Sie, der Brandy wird kalt.&laquo;</p>
+
+<p>Auch Eltrich suchte sich von der Einladung loszumachen,
+Theobald drang aber auf das Ungest&uuml;mste in sie, und da es in
+Amerika f&uuml;r eine Beleidigung gilt, mit Jemand, von dem man
+eingeladen wird, nicht zu trinken, traten die beiden M&auml;nner,
+um ihn nur loszuwerden, mit ihm an den Schenktisch.</p>
+
+<p>Die Gl&auml;ser waren gef&uuml;llt und Hopfgarten wie Eltrich
+hoben sie mit einem h&ouml;flichen Nicken gegen den jungen Mann,
+der mit einer hochtragischen Bewegung, den Arm ausstreckend,
+rief:</p>
+
+<p>&raquo;Halt! nicht also d&uuml;rfen wir, verehrte G&ouml;nner und
+Freunde, die edle Gottesgabe unseren Kehlen zusenden. Der
+Geist verlangt Geist:</p>
+
+<div class="center">
+<table class="sm" style="margin: 0 auto" cellpadding="1" summary="">
+<tr><td align="left">So flie&szlig;e denn dieser edle Trank,</td></tr>
+<tr><td align="left">Ein perlender Tropfen Himmelsthau,</td></tr>
+<tr><td align="left">Als Weiheopfer, als Gottes Dank,</td></tr>
+<tr><td align="left">Den sch&ouml;nen Augen der sch&ouml;nsten Frau.</td></tr>
+<tr><td align="left">Wie er zittert im Glase, wie funkelndes Blut &mdash;</td></tr>
+<tr><td align="left"><span class="wide">Sie,</span> deren Bild uns im Herzen ruht</td></tr>
+<tr><td align="center">Lebe hoch!&laquo;</td></tr>
+</table>
+</div>
+
+<p>&raquo;Lebe hoch!&laquo; stimmte Eltrich gutm&uuml;thig mit ein, indem
+sie ihre Gl&auml;ser leerten.</p>
+
+<p>&raquo;Also Sie haben auch ein paar sch&ouml;ne Augen?&laquo; lachte
+der Kapellmeister, &raquo;die Ihnen im Herzen ruhn? sollt' ich sie
+am Ende kennen? &mdash; an Bord ging einmal ein unbestimmtes
+Ger&uuml;cht&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Theobald wandte den Kopf von ihm fort, und streckte den
+Arm abwehrend aus:</p>
+
+<div class="center">
+<table class="sm" style="margin: 0 auto" cellpadding="1" summary="">
+<tr><td align="left">&raquo;Tief begraben hier drinnen da ruhet ihr Bild,</td></tr>
+<tr><td align="left">&nbsp;&nbsp;Da ruht mit dem Bild auch der Namen,</td></tr>
+<tr><td align="left">&nbsp;&nbsp;Ein d&uuml;sterer Schleier decket das zu &mdash;</td></tr>
+<tr><td align="left">&nbsp;&nbsp;<span class="wide">Ich</span> bin zu dem Bild nur der Rahmen &mdash;</td></tr>
+</table>
+</div>
+
+<p class="noindent">aber apropos&laquo;&nbsp;&mdash; wandte er sich dann rascher und lebhafter
+pl&ouml;tzlich an den Kapellmeister &mdash; &raquo;ich habe ein paar pr&auml;chtige
+Lieder f&uuml;r Sie zum Komponiren, lieber Eltrich &mdash; ich wei&szlig;,
+da&szlig; Sie in neuerer Zeit einige Lieder von Heine und Freiligrath
+reizend in Musik gesetzt haben, das sind aber nat&uuml;rlich
+nur immer gerade zuf&auml;llig passende Sachen, die Sie sich in
+Ermangelung eines Besseren heraussuchen mu&szlig;ten. In den
+meinigen werden Sie <span class="wide">Deutschen</span> Geist in Amerikanischer
+H&uuml;lle finden, etwas Passendes, Zeitgem&auml;&szlig;es, mit dem Sie,
+wie ich fest &uuml;berzeugt bin, Ihre H&ouml;rer entz&uuml;cken k&ouml;nnen, und
+ich bin gern erb&ouml;tig, Ihnen nicht allein die Wahl zwischen
+einigen f&uuml;nfzig vortrefflichen Sonetten zu gestatten, sondern
+Ihnen auch das St&uuml;ck der ausgew&auml;hlten mit zwei Dollar zu
+&uuml;berlassen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie sind <span class="wide">sehr</span> g&uuml;tig, lieber Theobald,&laquo; sagte Eltrich,
+verlegen, wie er das Anerbieten abweisen sollte, und doch auch
+wieder zu gutm&uuml;thig, geradezu nein zu sagen. &raquo;Sie werden
+mir erlauben, da&szlig; ich die Sachen einmal gelegentlich durchsehe,
+denn in der n&auml;chsten Zeit bin ich zu sehr mit andern
+Sachen besch&auml;ftigt, an irgend eine Composition denken zu
+k&ouml;nnen&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oh gewi&szlig; &mdash; gewi&szlig;,&laquo; rief Theobald rasch &mdash; &raquo;aber &mdash; mit
+dem Lesen, wissen Sie, ist es eine unangenehme Sache; ich
+wei&szlig; zu gut, wie ungern Leute Manuscript lesen, und wie verschieden
+sich auch etwas im Manuscript und Vortrag ausnimmt.
+Wie w&auml;re es also, wenn Sie mir jetzt ein halbes
+St&uuml;ndchen g&ouml;nnten, und ich Ihnen die Kleinigkeit &mdash;&laquo; er
+holte dabei ein etwa daumenstarkes, sehr eng beschriebenes Manuscript
+aus der Tasche &mdash; einmal hier fl&uuml;chtig vorl&auml;se; es
+w&uuml;rde &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Lieber Eltrich,&laquo; dr&auml;ngte Hopfgarten, &raquo;wir <span class="wide">m&uuml;ssen</span> hinaufgehn,
+es wird die h&ouml;chste Zeit, wenn wir Frau Hamann
+noch heute Abend mit fortnehmen wollen, und Sie wissen, ich
+habe <span class="wide">wichtige</span> Sachen mit ihr zu besprechen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben recht,&laquo; rief Eltrich &mdash; &raquo;wir m&uuml;ssen uns
+wahrhaftig heute entschuldigen, Herr Theobald &mdash; wenn Sie
+mir sp&auml;ter das Manuscript vielleicht einmal anvertrauen wollen,
+so w&uuml;rde ich&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich werde mir selber das Vergn&uuml;gen machen, es Ihnen
+in Ihrer eigenen Wohnung vorzulesen,&laquo; sagte Theobald rasch
+entschlossen &mdash; &raquo;zu welcher Zeit trifft man Sie am Besten?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es ist jetzt <span class="wide">sehr</span> unbestimmt,&laquo; sagte Eltrich, den ungeduldigen
+Winken Hopfgartens nachgebend und seinen Hut
+nehmend &mdash; &raquo;vielleicht einmal Nachmittags &mdash; also auf Wiedersehn,
+Herr Theobald &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auf Wiedersehn, lieber Kapellmeister &mdash; auf Wiedersehn
+Herr von Hopfgarten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gott sei Dank, da&szlig; wir den schrecklichen Menschen los
+sind,&laquo; sagte Hopfgarten, als sie durch den dunklen Gang, der
+im Hause hin zur nach oben f&uuml;hrenden Treppe gingen, &raquo;der
+w&auml;re im Stande gewesen und h&auml;tte uns die halbe Nacht seine
+faden Mondscheinerg&uuml;&szlig;e vorgelesen. Aber &mdash; alle Wetter,
+Eltrich &mdash; hier ist's dunkel &mdash; kennen Sie den Weg?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja &mdash; ich bin freilich nur erst einmal Abends hier oben
+gewesen, und da d&auml;cht' ich, h&auml;tte eine Laterne auf der Treppe
+gebrannt; aber kommen Sie nur &mdash; hier ist das Gel&auml;nder &mdash; fassen
+Sie mich an &mdash; so &mdash; sehn Sie? &mdash; hier steigen wir hinauf,
+und nun wei&szlig; ich auch Bescheid, denn gleich oben an der
+Treppe, zwei oder drei Schritt an der rechten Seite, ist die
+Vorsaalth&uuml;r, die zu dem alten Hamann f&uuml;hrt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Es soll nicht besonders mit ihm gehn,&laquo; meinte Hopfgarten.</p>
+
+<p>&raquo;Ach der ist z&auml;h,&laquo; sagte Eltrich, &raquo;der kann noch lange
+leben; sehn Sie, da sind wir schon &mdash; fallen Sie nicht wieder
+r&uuml;ckw&auml;rts hinunter, es geht ganz h&auml;&szlig;lich steil ab. Da&szlig; die
+Leute hier auch keine Laterne brennen, man k&ouml;nnte ja Hals
+und Beine dabei brechen. Hier hab' ich die Klingel!&laquo; und
+den kurzen Griff fassend, zog er daran, da&szlig; die kleine Glocke
+drinnen hell und klar ert&ouml;nte.</p>
+
+<p>Alles todtenstill &mdash; kein Laut antwortete.</p>
+
+<p>&raquo;Sie haben es nicht geh&ouml;rt &mdash; ziehn Sie noch einmal,&laquo;
+sagte Hopfgarten.</p>
+
+<p>Eltrich klingelte noch einmal, st&auml;rker als vorher, und
+legte dann das Ohr an die Th&uuml;r, ob er nicht Schritte h&ouml;ren
+k&ouml;nne.</p>
+
+<p>&raquo;H&uuml;lfe!&laquo; t&ouml;nte da ein wilder, markdurchschneidender
+Schrei zu ihm her&uuml;ber &mdash; &raquo;H&uuml;lfe!&laquo; rief es noch einmal, aber
+mit schwacher, ged&auml;mpfter, doch nichtsdestoweniger deutlicher
+Stimme, als ob eine Hand den rufenden Mund zu schlie&szlig;en
+suchte.</p>
+
+<p>&raquo;Was ist das?&laquo; rief Eltrich; Hopfgarten hatte den Schrei
+aber ebenfalls geh&ouml;rt, und ohne sich weiter zu besinnen, ohne
+irgend eine Frage zu thun, oder ein Wort weiter zu verlieren,
+f&uuml;hlte er nach der Th&uuml;r, und f&uuml;hrte im n&auml;chsten Augenblick
+einen so gut gemeinten und kr&auml;ftigen Tritt gerade nach der,
+eben nicht &uuml;berm&auml;&szlig;ig dicken F&uuml;llung, da&szlig; er diese gleich mit
+dem ersten Sto&szlig; nach innen trat. Ein zweiter machte die Bresche
+passirbar, und sich in wilder Hast, von Eltrich dicht gefolgt,
+hindurchdr&auml;ngend, fand er sich wenige Secunden sp&auml;ter in dem
+inneren Raum, den zu durchfliegen und der n&auml;chsten Stubenth&uuml;r,
+aus der ein Lichtstrahl drang, zuzuspringen, das Werk
+weiterer, nur weniger Secunden war.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="min" />
+<p>&nbsp;</p>
+<p>Es d&auml;mmerte, und am Ufer des Flusses gingen, nur die
+Fronte des einen <i>square</i> haltend, zwei M&auml;nner in eifrigem,
+aber mit unterdr&uuml;ckter Stimme gef&uuml;hrten Gespr&auml;ch, mit raschen
+Schritten auf und ab. Allem Anschein nach erwarteten sie
+Jemanden, der sich ihnen auch endlich, nach einigem Her&uuml;ber- und
+Hin&uuml;bersuchen, anschlo&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, Jimmy, wie ist's?&laquo; frug der Eine von ihnen,
+Meier (der Andere war sein Reisegef&auml;hrte Pelz), den eben Gekommenen &mdash; &raquo;wird's
+noch was heute Abend?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt oder nie,&laquo; fl&uuml;sterte Jimmy mit leiser, &auml;ngstlicher
+Stimme, &raquo;denn schon heut' Morgen war die Rede davon, da&szlig;
+sie den Alten am n&auml;chsten Tag hin&uuml;berbetten wollten, wo die
+jungen Leute ihre Zimmer haben, damit er dort mehr Pflege
+h&auml;tte; wenn das geschieht, kann kein Teufel mehr dazu.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und lohnt's wirklich?&laquo; frug Meier, noch immer mistrauisch.</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Lohnt's?</span>&raquo;wiederholte Jimmy &auml;rgerlich &mdash; &raquo;glaubt
+Ihr, da&szlig; <span class="wide">ich</span> meinen Hals an so eine Geschichte setzen w&uuml;rde,
+<span class="wide">wenn's</span> nicht eben was Au&szlig;erordentliches w&auml;re?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Na, ob <span class="wide">Dein</span> Hals das gerade ist,&laquo; brummte Meier.</p>
+
+<p>&raquo;Jetzt ist keine Zeit zu Albernheiten,&laquo; sagte aber Pelz
+m&uuml;rrisch, &raquo;also Ihr glaubt wirklich, da&szlig; wir mit dem einen
+Schlag <span class="wide">genug</span> kriegen k&ouml;nnen, Jimmy.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich <span class="wide">glaube</span> gar Nichts,&laquo; rief dieser rasch und eifrig,
+&raquo;ich <span class="wide">wei&szlig;,</span> da&szlig; der Alte in dem einen kleinen, erb&auml;rmlichen
+Holzschrank, den er nicht gegen einen eisernen vertauscht
+hat, um sich nicht in den Verdacht zu bringen, da&szlig; er wirklich
+etwas Stehlenswerthes in seiner Wohnung habe, f&uuml;r vielleicht
+hunderttausend Dollar Juwelen, Geld, Papier und Aktien liegen
+hat, und mit einem einzigen Faustschlag kann man den
+Deckel sprengen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und der Alte?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist in einer halben Stunde etwa, auf drei&szlig;ig oder f&uuml;nf
+und drei&szlig;ig Minuten allein, denn der junge L&uuml;mmel mu&szlig; heute,
+weil ich nicht da bin, in der Bar bleiben, und die Frau guckt
+nach der Kaffeekanne im E&szlig;zimmer, da&szlig; Niemand eine Tasse
+zu viel trinkt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich wei&szlig; nicht &mdash; mir ist nicht recht wohl bei der Geschichte,&laquo;
+meinte Meier &mdash; &raquo;ja wenn ich selber den Grund und
+Boden, und die Winkel und Schliche da kennte, wo man hinausfahren
+mu&szlig;, wenn's Noth thut, dann w&auml;r' mir's gerade
+recht; aber mich so von Jemand Anderem in ein ganz fremdes
+Haus, denn in dem Theil sind wir doch noch nicht gewesen,
+hineinf&uuml;hren zu lassen, das hat mir 'was verdammt Unbehagliches.
+Passirt 'was, so dr&uuml;ckt sich Jimmy sachte ab, und wir
+Andern sitzen drin.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich bitt' Euch um Gottes Willen, was soll passiren?&laquo;
+rief Jimmy &mdash; &raquo;wir brauchen auf der Welt weiter
+Nichts zu thun, als die Treppe im Haus hinaufzugehn;
+in der Tasche hab' ich den Schl&uuml;ssel zur Th&uuml;r &mdash; die schlie&szlig;en
+wir hinter uns zu, wer dann hinein will, mu&szlig; klingeln, und
+die Th&uuml;r vom Alten, der in der Zeit mutterseelensallein ist,
+steht auf.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn's aber weiter Nichts w&auml;re,&laquo; brummte Meier, &raquo;da
+h&auml;ttet Du ja auch die ganze Geschichte allein machen, und den
+Profit allein in die Tasche stecken k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das h&auml;tt' ich auch,&laquo; sagte Jimmy, halb verlegen, halb
+m&uuml;rrisch, &raquo;aber &mdash; es ist mir so ein eignes, wunderliches
+Gef&uuml;hl mit dem Alten. Mit <span class="wide">einer</span> Hand k&ouml;nnte man ihn
+zusammendr&uuml;cken, und doch &mdash; doch <span class="wide">f&uuml;rcht</span>' ich mich vor ihm;
+sein Blick sieht Einem bis in die Kniekehlen hinunter, und er
+schl&auml;ft &mdash; Ihr m&ouml;gt mich auslachen, wie Ihr wollt &mdash; mit
+einem Auge offen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vor dem Sohn f&uuml;rchtest Du Dich nicht?&laquo; lachte Meier.</p>
+
+<p>&raquo;Da&szlig; ihn der gelbe Jack hole,&laquo; fluchte Jimmy &mdash; &raquo;ich
+vergelte ihm die heutige Behandlung, oder ich will im Leben
+keinen Brandy wieder trinken; er soll's noch bereuen, mich
+auf diese Weise behandelt zu haben. Doch jetzt kommt, denn
+wir haben keine Zeit mehr zu verlieren; mit dem Schlage sieben
+gehen die Leute zu Tisch, und von da bis halb acht sind
+wir sicher; l&auml;nger keine Secunde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und wenn Jemand, inde&szlig; wir drinnen sind, an die
+Th&uuml;re drau&szlig;en kommt und hinein will?&laquo; frug Meier.</p>
+
+<p>&raquo;Neben der Stube ist eine Schlafkammer,&laquo; sagte Jimmy,
+&raquo;und aus dieser f&uuml;hrt eine stets offen stehende Th&uuml;r nach dem
+Gang hinaus, der in den andern Theil des Hauses l&auml;uft &mdash; aber
+es <span class="wide">kommt</span> auch Niemand, zum Donnerwetter noch einmal;
+und wenn auch, so w&auml;r's vielleicht der junge T&ouml;lpel selber,
+und dazu seid Ihr zwei baumfeste Kerle, die dem wohl
+einen Schlag &uuml;ber den Sch&auml;del geben k&ouml;nnen, da&szlig; er ein paar
+Secunden ruhig ist. Erst einmal wieder unten auf der Stra&szlig;e,
+und in der Menschenmenge, die dort noch auf- und niederstr&ouml;mt,
+ist eine Verfolgung ganz unm&ouml;glich. Ja, wenn's nach
+zehn Uhr Abends w&auml;re, da k&ouml;nnte uns eine einzige Wachtmann-Rassel
+ein ganzes Viertel Nachtw&auml;chter &uuml;ber den Hals
+ziehn.&laquo;</p>
+
+<p>Meier schien, von Pelz dabei noch heimlich bearbeitet,
+seine letzten Bedenklichkeiten endlich, wenn nicht ganz
+&uuml;berkommen, doch bei Seite gestellt zu haben, und die drei M&auml;nner
+schritten jetzt raschen Ganges, sich unterwegs das Weitere
+&uuml;berlegend, ein St&uuml;ck noch am Wasser, und dann die Stra&szlig;e
+hinauf, die nach dem &raquo;Deutschen Vaterland&laquo; zuf&uuml;hrte.</p>
+
+<p>Gerad um sieben kamen sie dort an; durch die mit Flaschen
+und Karaffen besetzten Fenster des &raquo;Barrooms&laquo; konnten
+sie von au&szlig;en ganz deutlich die kleine Uhr im Innern erkennen,
+die drei Minuten &uuml;ber sieben zeigte. Dennoch z&ouml;gerten
+sie einen Augenblick, ganz sicher zu sein, da&szlig; sie nicht zu fr&uuml;h
+k&auml;men, und blieben indessen vor der Th&uuml;r stehn. Da&szlig; der
+junge Hamann allein in der &raquo;Bar&laquo; war, konnten sie von
+au&szlig;en ebenfalls deutlich erkennen; so weit stand die Sache
+g&uuml;nstig genug f&uuml;r sie, und die G&auml;ste waren jedenfalls schon
+drin bei Tisch.</p>
+
+<p>Zwei M&auml;nner kamen dicht an ihnen vorbei, und gingen
+auf die Th&uuml;r des Schenkzimmers zu; Meier und Pelz drehten
+sich nach ihnen um, wandten sich aber auch fast unwillk&uuml;rlich
+wieder ab, und schritten dem kleinen Thorweg zu, der
+neben dem Schenkzimmer in das Haus f&uuml;hrte.</p>
+
+<p>&raquo;Wei&szlig;t Du, wer die Beiden waren?&laquo; fl&uuml;sterte Meier
+Pelz zu.</p>
+
+<p>&raquo;Ja!&laquo; nickte dieser leise &mdash; &raquo;ein paar alte Bekannte; das
+schadet Nichts &mdash; im Gegentheil, die halten den jungen
+Laffen da drin um so sicherer an der Flasche fest, und in zehn
+Minuten k&ouml;nnen wir wieder unten sein.&laquo;</p>
+
+<p>Jimmy f&uuml;hrte sie indessen, ohne weiter ein Wort mit
+ihnen zu wechseln, rasch die schmale, h&ouml;lzerne Treppe hinauf,
+an der oben ein Licht brannte; an diesem z&uuml;ndete Pelz, wie
+schon vorher verabredet, seine eigene kleine Blendlaterne an, und
+blie&szlig; es dann aus, und oben wollten sie ihren Weg wieder
+fortsetzen, als sie leichte Schritte auf dem Gange h&ouml;rten und
+einen fremden Lichtschimmer bemerkten, der diesen herunter und
+auf dieselbe Th&uuml;r zukam, in der auch <span class="wide">ihr</span> Ziel lag.</p>
+
+<p>&raquo;H&ouml;ll und Teufel,&laquo; fl&uuml;sterte Jimmy leise und ingrimmig
+vor sich hin &mdash; &raquo;das ist die Madame &mdash; was zum Donnerwetter
+hat denn <span class="wide">die</span> heute Abend bei dem Alten zu suchen? &mdash; Ruhig
+Leute, wir m&uuml;ssen hier einen Augenblick warten; sie wird
+nicht lange bleiben.&laquo;</p>
+
+<p>Es war Hedwig, die mit dem Licht den schmalen Gang
+her&uuml;ber kam, nach dem Kranken zu sehn; sie &ouml;ffnete mit einem
+Schl&uuml;ssel, den sie bei sich trug, die Th&uuml;r, und sah sich dabei
+nach der ausgegangenen Lampe an der Treppe um, unter der
+die drei Schurken kauerten, betrat jedoch, ohne diese zu entz&uuml;nden,
+den Vorsaal, und klinkte die Th&uuml;r nur einfach hinter
+sich in's Schlo&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;So, jetzt sitzen wir hier auf der Treppe,&laquo; brummte Meier
+finster vor sich hin, &raquo;und wenn Jemand heraufk&ouml;mmt, findet
+er das ganze Nest.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das w&auml;r' weiter keine <span class="wide">Gefahr,</span>&laquo; fl&uuml;sterte Jimmy zur&uuml;ck,
+&raquo;wir gingen nur einfach die Treppe hinunter und kein Teufel
+w&uuml;&szlig;te in der Dunkelheit, wer's gewesen ist.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und das Geld?&laquo; frug Pelz.</p>
+
+<p>&raquo;W&auml;re dann allerdings zum Henker,&laquo; fluchte Jimmy
+zwischen den zusammengebissenen Z&auml;hnen durch, indem er wieder
+anfing, seine Finger zu knacken.</p>
+
+<p>&raquo;Was zum Teufel machst du denn da?&laquo; rief ihn mit unterdr&uuml;ckter,
+doch zorniger Stimme Meier dabei an, &raquo;willst Du
+das verdammte Knacken lassen, das h&ouml;rt man ja durch's ganze
+Haus; das fehlte auch noch, da&szlig; wir Dich als Sturmglocke
+dabei h&auml;tten. &Uuml;brigens seh' ich nicht ein, weshalb wir
+z&ouml;gern,&laquo; setzte er rasch hinzu, &raquo;ob die Madame da drin ist oder
+nicht, wenn wir's mit weiter Niemand als dem Alten zu thun
+haben. Wir sind unserer drei, und mit einer solchen Aussicht
+vor uns, da&szlig; <span class="wide">wir</span> k&uuml;nftig von unseren Interessen leben k&ouml;nnen
+und eben nur zuzulangen brauchen, sollte uns <span class="wide">das</span> wenigstens
+nicht abhalten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur um Gottes Willen kein Blut vergie&szlig;en,&laquo; bat Jimmy,
+&auml;ngstlich werdend &mdash; &raquo;Ihr habt mir das schon vorher versprochen,
+denn <span class="wide">da</span>mit m&ouml;chte ich Nichts zu thun haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Unsinn,&laquo; brummte Meier, &raquo;wer spricht denn davon?
+wir verlangen von denen da drinnen weiter Nichts, als da&szlig;
+sie ein paar Minuten das Maul halten, und dazu k&ouml;nnen wir
+sie schon bringen, ohne ihnen gleich den Hals abzuschneiden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn wir nur noch einen Moment warten,&laquo; ermahnte
+Jimmy noch einmal; &raquo;sie <span class="wide">mu&szlig;</span> gleich wieder zur&uuml;ckkommen.&laquo;</p>
+
+<p>Die beiden M&auml;nner erwiederten Nichts darauf, sondern
+kauerten eine ganze Weile, dem Rathe folgsam, auf der Treppe,
+gleich vorsichtig dabei nach oben wie unten horchend, ob sich
+kein gef&auml;hrliches Ger&auml;usch irgendwo vernehmen lasse. Es blieb
+todtenstill, denn im Haus war Alles im E&szlig;zimmer versammelt,
+die Frau kam aber eben so wenig zur&uuml;ck, und Jimmy selbst
+f&uuml;hlte jetzt, da&szlig; es die h&ouml;chste Zeit w&uuml;rde, ihr Vorhaben auszuf&uuml;hren,
+wenn sie nicht die g&uuml;nstige Periode des Abendessens,
+und damit Alles vers&auml;umen wollten. So als Pelz endlich erkl&auml;rte,
+wenn Sie nun nicht an's Werk gingen, wolle <span class="wide">er</span> mit
+der Sache nichts weiter zu thun haben, da er hier auf der
+Treppe nerv&ouml;s w&uuml;rde, stand er langsam auf, bat die M&auml;nner
+noch einmal sich jeder Gewaltth&auml;tigkeit zu enthalten, und stieg
+langsam, von ihnen dicht gefolgt, die wenigen Stufen noch
+hinauf.</p>
+
+<p>Ihrem verabredeten Plane nach sollten sie, was sie auch
+jetzt thaten, so ger&auml;uschlos als m&ouml;glich die Vorsaalth&uuml;r &ouml;ffnen
+und mit dem Schl&uuml;ssel, den Jimmy bei sich f&uuml;hrte, wieder
+hinter sich schlie&szlig;en, dann &uuml;ber den Vorsaal schleichen, wo sie
+hatten vorsichtig an der Th&uuml;r des Alten anklopfen wollen, erst
+zu sehn ob dieser wache. Da aber das Erscheinen der Frau
+diesen Angriffsplan jetzt ge&auml;ndert hatte, glitten sie nur, so leise
+sie konnten, &uuml;ber den kleinen, dunklen, schmalen Vorplatz hin,
+wobei ihnen Pelzes Blendlaterne leuchtete, Jimmy ergriff dann
+die Th&uuml;rklinke, und diese rasch und pl&ouml;tzlich &ouml;ffnend, sprangen
+alle drei zu gleicher Zeit, und ehe die im inneren Raum Befindlichen
+auch wirklich nur einen Schrei der &Uuml;berraschung
+aussto&szlig;en konnten, auf sie zu. Pelz warf sich dabei auf den
+Alten, der neben seinem Bett auf einem gro&szlig;en Stuhle sa&szlig;,
+w&auml;hrend Meier Hedwig ergriff, sie an der Kehle fa&szlig;te und
+ihr mit augenblicklichem Tode drohte, wenn sie auch nur einen
+Laut von sich gebe.</p>
+
+<p>Nicht so leichtes Spiel sollte Pelz haben, denn der alte
+Geizhals, stets in Furcht bestohlen zu werden, hatte, ohne da&szlig;
+selbst Jimmy etwas davon wu&szlig;te, fortw&auml;hrend ein paar geladene
+Pistolen neben sich auf demselben Tisch, auf dem seine
+Arznei stand, mit einem seidenen Tuch bedeckt liegen, und fast
+instinktartig nach diesen in demselben Moment gegriffen, als
+er die Th&uuml;re seines Zimmers so pl&ouml;tzlich aufrei&szlig;en sah. Spannen
+und Abdr&uuml;cken war auch wirklich nur das Werk eines einzigen
+Augenblicks, und um Pelz w&auml;re es, au&szlig;er dem gef&auml;hrlichen
+Knall des Gewehres f&uuml;r die beiden Anderen, jedenfalls
+geschehen gewesen, h&auml;tte die Pistole, die da schon Gott wei&szlig;
+wie lange geladen lag, nicht versagt. Der alte Gauner erschrak
+aber doch nicht wenig &uuml;ber die nahe Todesgefahr, und
+als Hamann, den Anspringenden mit dem linken ausgestreckten
+Arm noch von sich dr&uuml;ckend, nach der zweiten Waffe griff,
+f&uuml;hrte er mit einem ingrimmigen Fluch und einer in der Hand
+verborgenen Kugel einen so gut gemeinten Schlag nach ihm,
+da&szlig; er ihn besinnungslos zu Boden streckte.</p>
+
+<p>Jimmy indessen sprang, ohne sich weiter um die &Uuml;brigen
+zu bek&uuml;mmern, die er in guten H&auml;nden wu&szlig;te, mit einem Satz
+nach dem alten h&ouml;lzernen Secretair, in dem des Wirthes
+Sch&auml;tze lagen. Mit einem Stemmeisen, das er bei sich f&uuml;hrte,
+brach er diesen auch rasch und ohne M&uuml;he auf, und leerte den
+Inhalt der Gefache in einen zu dem Zweck mitgenommenen
+Leinwandsack.</p>
+
+<p>Hedwig sah das Alles, wie in einer Art wachen Traumes;
+sie f&uuml;hlte dabei, wie die Hand des M&ouml;rders, dessen
+Gesicht sie trotzdem erkannte, auf ihr lag, und vermochte keinen
+Laut auszusto&szlig;en, h&auml;tte sie der Bube selbst frei und unber&uuml;hrt
+gelassen. Jimmy arbeitete indessen mit einer fabelhaften Gesch&auml;ftigkeit,
+und Pelz, der ihm der Sorge um den Alten enthoben
+dabei half, schob in die eigenen Taschen, was er hineinbringen
+konnte, als pl&ouml;tzlich drau&szlig;en, scharf und hell, die
+kleine Klingel an der Vorsaalth&uuml;r ert&ouml;nte.</p>
+
+<p>Wie ein Schlag fuhr der klare durchdringende Laut in
+aller Glieder &mdash; die R&auml;uber schreckten, aufhorchend, empor,
+und selbst Meier lie&szlig; in seinem Griff an Hedwig &mdash; nur erst
+zu wissen, welcher Art die Gefahr sei, die ihnen drohe, etwas
+nach. Hedwig aber, der dieser Laut wie neues Leben durch
+die Adern scho&szlig;, warf mit pl&ouml;tzlicher Anstrengung den Arm,
+dessen Finger ihre Kehle umspannt hielten, zur&uuml;ck, und stie&szlig;,
+unbek&uuml;mmert um jede Gefahr, die ihr selber drohen konnte,
+jenen wilden gellenden H&uuml;lferuf aus.</p>
+
+<p>&raquo;Bestie!&laquo; knirrschte Meier zwischen den Z&auml;hnen durch,
+und suchte mit seiner breiten Hand, der sie sich umsonst erwehrte,
+ihren Mund zu decken.</p>
+
+<p>&raquo;H&uuml;lfe!&laquo; st&ouml;hnte Hedwig, und drau&szlig;en brach und prasselte
+in dem Augenblick die d&uuml;nne Th&uuml;r zusammen.</p>
+
+<p>&raquo;Herr Du mein Gott!&laquo; schrie Jimmy, in aller Angst den
+Leinwandsack fallen lassend und nach der Kammerth&uuml;r fahrend.
+Hier aber mu&szlig;te er an Meier vorbei, und dieser, der nicht gesonnen
+war allein in dem fremden Haus im Stich gelassen zu
+werden, fa&szlig;te ihn und hielt ihn, w&auml;hrend Pelz an den Beiden
+vor&uuml;berglitt und in die Kammerth&uuml;r verschwand, am Kragen
+fest.&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Nicht ohne mich, Kamerad.&laquo; knurrte er dabei, &raquo;den
+Weg mu&szlig;t Du mir wenigstens zeigen, und da&szlig; <span class="wide">Du</span> hier,
+mein T&auml;ubchen, uns nicht indessen vor der Zeit das ganze
+Haus &uuml;ber den Hals schreist, nimm <span class="wide">das</span> indessen,&laquo; und sie
+loslassend f&uuml;hrte er, w&auml;hrend er sprach, einen gewi&szlig; gut gemeinten
+Schlag mit der Faust nach der Stirn der jungen Frau,
+der dieser wahrscheinlich verderblich geworden w&auml;re, wenn sie
+nicht, die Gefahr sehend, ihren Kopf unter seinen linken Arm
+geworfen, und sich fest an ihn angeklammert h&auml;tte.</p>
+
+<p>&raquo;H&uuml;lfe, H&uuml;lfe!&laquo; schallte dabei ihr gellender Schrei, jetzt
+um das eigene Leben ringend und Jimmy, den Moment benutzend,
+ri&szlig; sich von Meiers Griff los, und sprang ebenfalls
+in die Kammer, w&auml;hrend dieser inde&szlig; umsonst versuchte die
+Frau von sich abzusch&uuml;tteln oder in den Schwung seines, nach
+ihr schlagenden Arms zu bringen. Hedwig, ihre schwachen
+Kr&auml;fte zu wilder verzweifelter Anstrengung getrieben, hielt ihn
+fest umklammert, und Meier, endlich selbst zum &Auml;u&szlig;ersten gebracht,
+ri&szlig; ein Messer aus seinen G&uuml;rtel, als die Stubenth&uuml;r
+auf- und Hopfgarten in demselben Moment auch in g&auml;nzlicher
+Verachtung der eben so rasch auf ihn gerichteten Waffe, gegen
+den M&ouml;rder anflog.</p>
+
+<p>Mit dem linken Arm den nach ihm gef&uuml;hrten Sto&szlig;, so
+gut das im Augenblick ging, abwehrend, warf er sich mit
+dem ganzen Gewicht seines K&ouml;rpers so voll und gut gewillt
+gegen ihn, da&szlig; er den sonst viel st&auml;rkeren, jetzt aber auch noch
+durch die Frau behinderten Mann zum Taumeln brachte, und
+Meier fand sich, wenige Secunden sp&auml;ter unter den ihn fest
+niederhaltenden Armen Hopfgartens und Eltrichs, die er jedoch
+Beide mit seinem Messer verwundet hatte, am Boden liegen,
+w&auml;hrend aus dem ganzen Haus schon die Leute, durch das
+Geschrei aufmerksam gemacht, herbei und zur H&uuml;lfe str&ouml;mten.</p>
+
+<p>&raquo;Hopfgarten,&laquo; st&ouml;hnte inde&szlig; der R&auml;uber, in der Anstrengung
+seine Arme wenigstens frei zu bekommen, und mit
+der Angst jetzt vor der gerechten Strafe, &raquo;lassen Sie mich
+los &mdash; ich &mdash; ich wei&szlig;, wen Sie suchen &mdash; ich wei&szlig; &mdash; ich wei&szlig;
+wo er steckt. Henkel ist hier in der Stadt &mdash; aber &mdash; heut
+Abend noch oder morgen fr&uuml;h geht er fort von hier &mdash; lassen
+Sie mich frei, und ich sage Ihnen, wo Sie ihn finden
+k&ouml;nnen!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alle Wetter!&laquo; rief Hopfgarten &uuml;berrascht, &raquo;da k&ouml;nnte
+man einen Wolf mit dem andern fangen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Glauben Sie doch nicht was der Schurke sagt,&laquo; rief
+aber Eltrich, der das warme Blut an seiner Schulter niederrieseln
+f&uuml;hlte, &raquo;der Bursche ist zum Galgen reif &mdash; H&uuml;lfe &mdash; H&uuml;lfe hierher.&laquo;</p>
+
+<p>Der Ruf galt einer neuen, verzweifelten Anstrengung des
+R&auml;ubers, aber die Hinterth&uuml;r, die in die Schlafkammer f&uuml;hrte,
+und <span class="wide">nicht</span> verschlossen gewesen war, wurde in diesem Augenblick
+von den herbeist&uuml;rmenden Boarders, mit dem jungen
+Hamann an der Spitze, gesprengt, w&auml;hrend von der Stra&szlig;e
+herauf ebenfalls die Leute herbeisprangen. Wenige Minuten
+sp&auml;ter war das Zimmer mit Menschen gef&uuml;llt, und Hopfgarten
+und Eltrich, den Gefangenen der Masse &uuml;berlassend, konnten
+jetzt daran denken das wild umhergestreute und gef&auml;hrdete
+Eigenthum des alten Mannes in Sicherheit zu bringen. Die
+indessen ohnm&auml;chtig gewordene Frau sahen sie in dem Schutz
+ihres Gatten, und den noch immer am Boden ausgestreckten
+alten Mann hatten unter der Zeit ein paar Nachbarn aufgehoben
+und auf sein Bett getragen.</p>
+
+<p>Unter den Fremden waren &uuml;brigens auch zwei Constabler
+mitgekommen, die sich als solche zu erkennen gaben, und Meier
+vor allen Dingen in Gewahrsam nahmen. Andere, die von
+unten heraufkamen, hatten eine dunkle Gestalt zum Haus hinauslaufen
+sehen, und Einige unter dem, nach dem Hof zuf&uuml;hrenden
+Kammerfenster eine goldene Uhr gefunden, die der R&auml;uber
+dort wahrscheinlich, nach einem verzweifelten, aber gl&uuml;cklich
+abgelaufenen Sprung aus dem Fenster, verloren haben
+mu&szlig;te.</p>
+
+<p>Nur erst als sich Hedwig, unter den z&auml;rtlichen Bem&uuml;hungen
+ihres Gatten wieder soweit erholte sprechen zu k&ouml;nnen,
+erfuhren sie, da&szlig; drei M&auml;nner: der Gefangene, ein fr&uuml;herer
+Reisegef&auml;hrte Pelz, und ihr heute fortgeschickter Barkeeper, die
+R&auml;uber gewesen seien. Hopfgarten, der sich indessen mit dem
+alten Mann besch&auml;ftigt hatte, fand in diesem Augenblick die
+Wunde an seinem Kopfe, und konnte nun keinen Augenblick
+mehr zweifeln, da&szlig; er <span class="wide">todt</span> sei.</p>
+
+<p>Die Verwirrung, die jetzt folgte, ist kaum zu beschreiben,
+Alles schrie und dr&auml;ngte durcheinander, und Meier, mit auf
+dem R&uuml;cken festgeschn&uuml;rten Ellbogen konnte nur wirklich durch
+die Constabler vor der Wuth der B&uuml;rger gesch&uuml;tzt werden, die
+gro&szlig;e Lust hatten, ihn gleich an Ort und Stelle, als warnendes
+Beispiel aus dem Fenster hinauszuh&auml;ngen.</p>
+
+<p>Jimmy mu&szlig;te &uuml;brigens, da die wider Erwarten sehr
+starke Kammerth&uuml;r verschlossen gewesen, und erst von den zur
+H&uuml;lfe Eilenden durch gemeinsames Dagegenwerfen gesprengt
+war, jedenfalls mit seinem anderen Kameraden, Pelz, aus dem
+Fenster in den Hof hinunter entkommen sein, denn aus der
+Th&uuml;r hatte er nicht entziehen k&ouml;nnen. Die Constabler kannten
+ihn aber, und versprachen dem jungen Hamann ihr M&ouml;glichstes
+zu thun, ihm die Flucht aus der Stadt abzuschneiden,
+und ihn in den unz&auml;hligen Diebeswinkeln, die New-Orleans
+hat, herauszust&ouml;bern.</p>
+
+<p>Der Gebundene sollte jetzt abgef&uuml;hrt werden, und Hopfgarten,
+die erhaltene Wunde im Oberarm, durch dessen dickes
+Fleisch das Messer gefahren war, gar nicht achtend, suchte ihn
+dahin zu bringen, ihm N&auml;heres &uuml;ber den Aufenthalt Henkels,
+von dem er behauptet, da&szlig; er darum wisse, mitzutheilen.</p>
+
+<p>&raquo;Geht zum Teufel,&laquo; knurrte ihn aber der Gefangene an,
+&raquo;macht mit mir was Ihr wollt, Ihr <span class="wide">habt</span> mich einmal, doch
+verlangt dann nicht auch noch <span class="wide">Gef&auml;lligkeiten</span> von mir.
+Vorhin war's Zeit; wenn Sie nicht holzk&ouml;pfig gewesen w&auml;ren,
+w&uuml;&szlig;ten Sie jetzt was Sie wollen; nun k&ouml;nnt Ihr mir aber
+die Zunge aus dem Halse rei&szlig;en, ehe ich eine von Eueren
+Fragen beantworte. Hole Euch Alle der Henker.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der wird Dich zeitig genug bekommen, mein Bursche,&laquo;
+sagte der eine Constabler, ein Deutscher, indem er ihn vor sich
+her stie&szlig;. &raquo;Fort mit Dir; was aus Dir herauszukriegen ist,
+werden wir schon kriegen, hab' keine Furcht; mit solcher Art
+wissen wir schon umzugehen. Herr Hamann, Sie werden
+gut thun sich die Zeugen, die Sie brauchen, zu notiren, da&szlig;
+man sie finden kann; der Coroner mit dem Arzt wird wohl
+auch nicht lange auf sich warten lassen. Einer von unseren
+Leuten mag indessen noch vor der Hand unten im Haus bleiben,
+vielleicht ist doch noch etwas von Einem der andern beiden
+Burschen aufzufinden. Jedenfalls m&uuml;ssen wir uns genau
+&uuml;berzeugen, wo die Herren heraufgekommen sind, und mit welcher
+H&uuml;lfe, und ob sie nicht im Haus noch andere Helfershelfer haben.&laquo;</p>
+
+<p>Der Gefangene wurde jetzt fortgef&uuml;hrt, der Platz von den
+Fremden ger&auml;umt, und Hamann, der Hopfgarten und Eltrich
+bat, ihn nur jetzt nicht zu verlassen und bei ihm und seiner
+Frau zu bleiben, machte dann mit dem rasch herbeigerufenen
+Arzt, der nachher auch die beiden Freunde zu verbinden hatte,
+den freilich vergeblichen Versuch, seinen Vater in's Leben zur&uuml;ckzurufen.
+Der Schlag mit der Schlingkugel, die noch in
+der Stube auf dem Boden lag, hatte dem alten Mann den
+Sch&auml;del eingeschlagen und augenblicklichen Tod herbeigef&uuml;hrt.</p>
+
+<p>Im Hof, wo die beiden anderen Verbrecher aus dem etwa
+sechzehn Fu&szlig; hohen Fenster hinuntergesprungen sein mu&szlig;ten,
+war indessen auch nichts weiter zu erkennen. Das Fenster stand
+offen, und lie&szlig;, mit der unten gefundenen goldenen Uhr allerdings
+keinen Zweifel &uuml;ber die Art der Flucht; obgleich aber der
+Hof nicht gepflastert, und der Boden ziemlich weich war, hatten
+doch die seit der Zeit darauf herumgeschw&auml;rmten Menschen
+Alles derart zertreten, da&szlig; es sich nicht mehr unterscheiden lie&szlig;
+wohin sich die Beiden gewandt. Das Wahrscheinlichste blieb
+&uuml;brigens, da&szlig; sie durch den schmalen Gang auf die Stra&szlig;e geflohen
+w&auml;ren, und eine Verfolgung war dorthin nicht mehr
+m&ouml;glich. Nur um die n&auml;chste Ecke, und die R&auml;uber konnten
+in dem Menschengedr&auml;nge der Stra&szlig;e ihren Weg ruhig und
+unbeachtet fortsetzen.</p>
+
+<p>Der junge Hamann hatte indessen seine arme kleine Frau,
+deren zarte Glieder der rauhen Behandlung des Buben fast
+erlegen waren, auf ihr Zimmer gebracht, und sie dort der
+Pflege von ein paar im Hause wohnenden Frauen, die sich
+freundlich dazu erboten, &uuml;bergeben, wonach er wieder zu dem
+Todtenbette seines Vaters zur&uuml;ckkehrte, und jetzt auch die beiden
+Freunde bat, ernstlich nach ihren Wunden zu sehn, da&szlig;
+sich dieselben nicht durch Vernachl&auml;ssigung verschlimmerten. In
+der Aufregung aber, in der noch Beide waren, dachten sie kaum
+an die Fleischrisse, lie&szlig;en sich jedoch von dem Arzt einen Verband
+darum legen und suchten dann wieder den Sohn &uuml;ber
+den ihn betroffenen Verlust zu tr&ouml;sten.</p>
+
+<p>Der junge Hamann, mit der ersten wilden und aufreizenden
+Erregung vor&uuml;ber, sa&szlig;, in sich zusammengeknickt, in
+der kleinen Kammer neben dem Bett, auf dem der Ermordete
+lag, und starrte mit fest und krampfhaft auf den Knieen zusammengefalteten
+H&auml;nden still und schweigend vor sich nieder.</p>
+
+<p>&raquo;Lieber Herr Hamann,&laquo; sagte Hopfgarten, freundlich
+auf ihn zutretend und seine Hand ergreifend, &raquo;geben Sie sich
+Ihrem Schmerze nicht also hin. Es ist ein trauriges Geschick
+was Sie betroffen hat, aber es war Gottes Wille, ohne den
+kein Sperling vom Dache f&auml;llt. Ich will Sie nicht etwa
+tr&ouml;sten,&laquo; setzte er freundlich und teilnehmend hinzu, &raquo;Ihr
+Schmerz mu&szlig; sein Recht und seine Zeit haben &mdash; ich wei&szlig;
+das gut genug, und gerade die Zeit allein kann ihn lindern,
+zuletzt heilen &mdash; aber man mu&szlig; ihm auch nicht in dem ersten
+Moment so ganz die Gewalt &uuml;ber sich lassen, denn gerade dann
+ist er am gef&auml;hrlichen, und f&uuml;llt uns das ohnedie&szlig; genug
+gequ&auml;lte Herz mit bitterer Angst und Weh zum &Uuml;berlaufen
+voll.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein armer, armer Vater,&laquo; st&ouml;hnte Franz, &raquo;und auf
+so schm&auml;hliche, sch&auml;ndliche Weise um sein Leben zu kommen,
+das ihm &uuml;berdie&szlig; nur noch in Spannen zugemessen war.&laquo;&nbsp;&mdash;</p>
+
+<p>&raquo;Nun hoffentlich entgehen die Buben der gerechten Strafe
+nicht,&laquo; sagte Eltrich; &raquo;der deutsche Constabler hatte alle Hoffnung
+Ihren sauberen Barkeeper wenigstens abzufangen. Er
+behauptete die Schlupfwinkel genau zu kennen, die jener frequentirt,
+und wir haben ihm auf die Seele gebunden, kein
+Geld zu sparen, den Schurken aufzufinden, ehe er vielleicht im
+Stande w&auml;re New-Orleans zu verlassen.&laquo;</p>
+
+<p>Eine eigen, wunderliches Ger&auml;usch schallte in diesem Augenblick
+durch das stille Zimmer, und Franz fuhr, wie von
+einem Blitz getroffen, von seinem Stuhle auf.</p>
+
+<p>&raquo;Was haben Sie? &mdash; was ist?&laquo; frug ihn Hopfgarten
+erstaunt.</p>
+
+<p>&raquo;H&ouml;rten Sie Nichts?&laquo; fl&uuml;sterte Franz, mit ge&ouml;ffnetem
+Mund und ausgerecktem Arm, ein regungsloses Bild der
+gespanntesten Aufmerksamkeit.</p>
+
+<p>&raquo;H&ouml;rten? &mdash; <span class="wide">was?</span>&laquo; rief Hopfgarten, sich ebenes
+&uuml;berall in dem leeren Raume umschauend.</p>
+
+<p>&raquo;Es war beinah, als ob Jemand mit den Fingern
+schnalzte,&laquo; sagte Eltrich.</p>
+
+<p>&raquo;Das war Jimmy!&laquo; schrie aber Franz, wild auffahrend,
+&raquo;ich will nicht selig werden, wenn das nicht das Fingerknacken
+des Buben war. An die Th&uuml;ren, Herr von Hopfgarten &mdash; um
+des Heilands Willen an die Th&uuml;ren &mdash; der Bube ist hier
+noch im Zimmer versteckt!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber wo?&laquo; rief dieser, den jungen Mann erstaunt ansehend.</p>
+
+<p>&raquo;Haben Sie dort in dem Kleiderschrank? &mdash; haben Sie
+hier unter dem Bette nachgesehn?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber ich bitte Sie um Gottes Willen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er ist hier, ich schw&ouml;re es Ihnen zu,&laquo; rief aber Franz,
+&raquo;ich kenne das unselige Knacken, durch das sich der Bube jetzt
+verrathen hat,&laquo; und das Licht vom Tisch aufgreifend, hatte er
+es kaum an die Erde gehalten, unter das Bett zu leuchten,
+auf dem der Ermordete lag, als auch die kl&auml;gliche Stimme
+des dort versteckten, und also ertappten Barkeepers jedem weiteren
+Zweifel der M&auml;nner ein Ende machte.</p>
+
+<p>&raquo;Ach mein bester, bester Herr Hamann,&laquo; flehte dieser
+mit winselnder, kl&auml;glicher Stimme, &raquo;ich bitte Sie doch um
+tausend und tausend Barmherzigkeits Willen, haben Sie Erbarmen
+mit einem ungl&uuml;cklichen, verf&uuml;hrten, zu Grunde
+gerichteten Menschen &mdash; oh Jesus, oh Jesus, thun Sie mir
+Nichts &mdash; ich will ja vorkommen, ich will ja Alles gestehn,
+Alles was ich wei&szlig; &mdash; Alles herausgeben was ich habe &mdash; thun
+Sie mir nur Nichts.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Giebt es etwas Erb&auml;rmlicheres auf der weiten Welt als
+<span class="wide">diesen</span> Menschen?&laquo; rief Franz, das Licht auf den Tisch zur&uuml;ckstellend,
+und mit zusammengeschlagenen Armen jetzt, wo er
+seines Opfers gewi&szlig; war, ein paar Schritte von dem Bette
+zur&uuml;cktretend, dem Elenden Raum zu geben vorzukommen.</p>
+
+<p>&raquo;So 'was ist mir aber in meinem ganzen Leben noch nicht
+vorgekommen!&laquo; rief Hopfgarten erstaunt aus, &raquo;der Mensch
+verdiente wahrhaftig allein seiner Dummheit wegen begnadigt
+zu werden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach bester Herr, bitten Sie &mdash; bitten Sie f&uuml;r mich!&laquo;
+schrie Jimmy, der jetzt rasch vorgekrochen war, sich an das
+Wort klammernd, indem er gegen Hopfgarten an auf den
+Knieen fortrutschte, und die H&auml;nde verzweifelnd rang. &raquo;Ja
+ich <span class="wide">bin</span> zu dumm, ich bin zu entsetzlich dumm, und habe mich
+ja allein verf&uuml;hren lassen zu dem schlechten, nichtsnutzigen
+Streich &mdash; o Gnade, Gnade, Barmherzigkeit.&laquo;</p>
+
+<p>Hopfgarten, ohne alle Antwort, deutete nur auf die
+Leiche hin, und Jimmy, der mit scheuem Blick der Richtung
+des Armes folgte, sah kaum die furchtbare L&ouml;sung der Bewegung,
+als er auch mit einem wilden Aufschrei des Entsetzens,
+&raquo;Herr Jesus &mdash; mein Herr Jesus,&laquo; nach dem Bette zufliegen
+wollte; Franz aber fa&szlig;te ihn am Kragen und schleuderte ihn
+mit unwiderstehlicher Kraft davon ab.</p>
+
+<p>&raquo;Zur&uuml;ck von da!&laquo; z&uuml;rnte er dem winselnd Niederbrechenden
+zu, &raquo;feiger, erb&auml;rmlicher M&ouml;rder &mdash; r&uuml;hre die Leiche
+nicht an!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ach Herr Hamann, Herr Hamann, ich bin unschuldig,
+ich bin unschuldig.&laquo; schrie aber Jimmy, &raquo;ich bin ein Dieb,
+ein nichtsnutziger, erb&auml;rmlicher, gemeiner Dieb, Herr Hamann,
+aber kein M&ouml;rder &mdash; bei Allem was mir und Ihnen heilig ist,
+schw&ouml;re ich es Ihnen zu, ich bin unschuldig an dem Blut, ich
+wei&szlig; Nichts davon, ja Pelz und Meier haben es mir hoch
+und theuer versprechen m&uuml;ssen, kein Blut zu vergie&szlig;en.&laquo;</p>
+
+<p>Hopfgarten, der die Zerknirschung des Burschen zu benutzen
+w&uuml;nschte, forderte ihn jetzt auf Alles zu erz&auml;hlen von
+Anfang an, wie es gekommen und geschehn, und Jimmy, der
+mit der Leiche vor sich, eine furchtbare Angst &uuml;ber sich kommen
+f&uuml;hlte, beichtete mit gefalteten H&auml;nden, und nur von einzelnen
+Ausrufungen um Erbarmen und Gnade unterbrochen, Alles
+was er wu&szlig;te, von dem Augenblick an, wo er sich mit seinen
+beiden Helfershelfern besprochen, bis wo sie auf der Treppe
+Hedwig hatten in das Zimmer gehn sehn, und in der Besorgni&szlig;,
+die Zeit nicht zu vers&auml;umen, eingebrochen waren. Was
+in dem Zimmer selber geschehen sei, davon wollte er keine
+Sylbe wissen, und schwur und winselte wieder, bei Allem was
+er &uuml;ber und unter der Erde zu schw&ouml;ren fand &mdash; und er sprach
+die&szlig;mal die Wahrheit &mdash; da&szlig; er nur Hals &uuml;ber Kopf gesucht
+habe Schmuck und Geld, was in dem Secretair gelegen, in
+seinen Leinwandsack hineinzupacken. Pelz und Meier h&auml;tten
+es &uuml;bernommen gehabt, die beiden im Zimmer befindlichen
+Personen indessen ruhig zu halten.</p>
+
+<p>Der junge Hamann bat jetzt Herrn Eltrich um die Gef&auml;lligkeit,
+den Constabler heraufzuholen, inde&szlig; sie Beide den Burschen
+bewachen wollten; Jimmy h&ouml;rte aber kaum das f&uuml;r ihn
+furchtbare Wort, als er sich wieder vor Franz auf die Erde
+warf, seine Knie umfa&szlig;te und um Gottes Willen bat, ihn
+nur die&szlig; eine Mal den Gerichten nicht zu &uuml;bergeben; er wolle
+&raquo;so 'was&laquo; ja in seinem ganzen Leben nicht wieder thun, und
+Alles herausgeben, was er schon in seinem Koffer habe, ja
+f&uuml;r Herrn Hamann arbeiten von fr&uuml;h bis sp&auml;t, um Nichts
+wie die Kost &mdash; <span class="wide">nur</span> keinen Constabler. Der junge Mann
+mu&szlig;te sich mit Gewalt von dem Burschen frei machen, und
+Eltrich fing schon fast an Mitleid mit ihm zu f&uuml;hlen, aber
+ein Blick auf die Leiche zerst&ouml;rte das bald wieder, und seinen
+Hut aufgreifend, verlie&szlig; er rasch das Zimmer, den verlangten
+Constabler herbeizubringen, der wenige Minuten sp&auml;ter den
+zitternden, weinenden Jimmy in Empfang nahm, und mit sich
+fortf&uuml;hrte.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h2><a name="kap8" id="kap8"></a>Capitel 8.</h2>
+<h3>Die &Uuml;berraschung.</h3>
+
+<p>Hopfgarten verbrachte in k&ouml;rperlicher wie geistiger Hinsicht
+eine peinliche Nacht. Die Wunde, so wenig gef&auml;hrlich
+sie auch sein mochte, war doch durch das ganze Fleisch des
+Oberarmes gedrungen, und schmerzte ihn sehr, und dabei
+qu&auml;lte ihn der Gedanke, den der Gefangene in ihm wach gerufen,
+da&szlig; Henkel oder Soldegg, wie der Schuft nun auch
+hie&szlig;, hier in New-Orleans und zwar im Begriff sein solle
+wieder abzureisen. Zwar stellte er sich selber wieder und wieder
+vor, da&szlig; jenes Versprechen des ertappten R&auml;ubers eben
+nur eine wilde leere Ausflucht gewesen sei, Rettung zu finden
+vor dem Arm des Gerichts, und da&szlig; jener Meier so wenig
+von Soldeggs Aufenthalt wisse, wie er selber. Und doch auch
+wieder hatte eben die <span class="wide">M&ouml;glichkeit</span> der Sache auch etwas
+Wahrscheinliches, da&szlig; derartiges Gesindel, mochte es nun im
+gesellschaftlichen Leben stehen auf welcher Stufe es wolle, wenn
+einmal im Verbrechen erst so weit gediehen, auch gegenseitig
+Kenntni&szlig; von einander habe, und die verschiedenen Schlupfwinkel
+und Wege kenne.</p>
+
+<p>Und wie nun, wenn jener schurkische Soldegg, den zu
+fassen und unsch&auml;dlich zu machen, haupts&auml;chlich aber das Band
+zu l&ouml;sen, das sein ungl&uuml;ckliches Weib noch an ihn fesselte, er
+allein zum zweiten Mal nach Amerika gekommen, jetzt hier
+fast in Arms Bereich von ihm war, und ihm vielleicht mit
+n&auml;chstem Morgen wieder hinaus in alle Weite entfloh? &mdash;
+wie dann, wenn jener Meier wirklich recht gehabt, und er nun
+auf den zahllosen Dampf- und Segelschiffen, F&auml;hren und
+Booten, die New-Orleans von Tagesanbruch bis in die sp&auml;te
+Nacht verlie&szlig;en, umsonst umherrannte den Verbrecher zu finden.
+Und einmal entschl&uuml;pft, konnten dann nicht Jahrelang
+dazu geh&ouml;ren, bis er wieder zuf&auml;llig mit ihm zusammentraf?
+&mdash; ja war es nicht sogar m&ouml;glich, da&szlig; der Bursche, m&uuml;de
+der Gefahr, in den Staaten doch einmal gefangen zu werden,
+mit seinem Raube hin&uuml;ber nach Frankreich oder England, oder
+hinunter nach Texas oder Mexico ging?</p>
+
+<p>Der Kopf wirbelte ihm von all dem Denken und Sinnen,
+und als er endlich in einen wilden, unruhigen, fieberhaften
+Schlummer fiel, qu&auml;lten ihn tolle Tr&auml;ume noch mehr, als
+selbst das wachende Nachdenken es gethan. Da fand er den
+Betr&uuml;ger, wohin er trat, und &uuml;berall &auml;ffte ihn die, ihm unter
+den H&auml;nden wegschwindende Gestalt; zu Pferd wollte er ihn
+verfolgen, und der Sattel rutschte ab &mdash; das Pferd st&uuml;rzte,
+ri&szlig; sich wieder auf und kam in Moorboden, in dem es stecken
+blieb; schie&szlig;en wollte er nach ihm, und sein Gewehr war nicht
+in Ordnung &mdash; der Pfropfen ging nicht in den Lauf hinunter,
+die Z&uuml;ndh&uuml;tchen glitten ihm durch die Finger, und als er endlich
+geladen hatte, versagte das Gewehr; zu Schiff wollte er
+ihn verfolgen, und das fl&uuml;chtige Dampfboot brauste und
+schnaubte hinter dem kleinen Kahn her, in dem sich der Bube
+zu retten suchte, da pl&ouml;tzlich rannten sie auf eine Sandbank;
+das Dampfboot sa&szlig; fest, peitschte vergebens mit seinen R&auml;dern
+die sch&auml;umende Fluth und in weiter Ferne verlor er den Kahn,
+der den hohnlachenden Verbrecher trug, aus den Augen &mdash; zu
+Wagen war er hinter ihm drein und die Str&auml;nge rissen, ein
+Rad brach, die Pferde st&uuml;rzten &mdash; sie kamen nicht von der
+Stelle, und vor sich &mdash; immer dicht vor sich mu&szlig;te er das
+Hohnlachen des Buben h&ouml;ren.</p>
+
+<p>In Schwei&szlig; gebadet, und an allen Gliedern wie zerschlagen,
+wachte er endlich mit Tagesgrauen etwa auf, und
+verlie&szlig;, wenngleich ihm der linke Arm arg geschwollen war
+und sehr weh that, doch augenblicklich sein Lager, wusch sich
+und zog sich an und schrieb dann, trotz seiner Aufregung und
+seinen k&ouml;rperlichen Schmerzen, einige Zeilen an den Professor
+Lobenstein, in denen er ihm seine R&uuml;ckkunft von Deutschland
+meldete und ihn bat, sich, wenn er ihm in <span class="wide">irgend etwas</span>
+dienen k&ouml;nne, ohne R&uuml;ckhalt und vertrauungsvoll an ihn zu
+wenden. Den Brief &uuml;brigens behielt er noch in seiner Brieftasche,
+erst den heutigen Tag und seinen Erfolg abzuwarten,
+um seine Adresse sicher angeben zu k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Die Sonne war indessen aufgegangen und er eilte jetzt,
+nach rasch eingenommenem Fr&uuml;hst&uuml;ck, an die Dampfbootlandung
+hinunter, die dort liegenden Boote zu besuchen und ihre
+Passagiere zu revidiren. Vergebens aber kletterte er an Bord
+aller der Dampfer, deren Schornsteine rauchten, in Caj&uuml;te wie
+Zwischendeck herum, kein bekanntes Gesicht traf er an, und ob
+er sich gleich die M&uuml;he nicht verdrie&szlig;en lie&szlig; und <span class="wide">s&auml;mmtliche</span>
+Privat-Caj&uuml;tenth&uuml;ren, eine nach der anderen, &ouml;ffnete und hineinsah,
+fand er doch nicht den Gesuchten.</p>
+
+<p>Ein Paketschiff nach Liverpool lag zum Auslaufen fertig;
+er ging an Bord &mdash; von Soldegg keine Spur, und Ledermann,
+den er abgeholt, und der den besonderen Auftrag bekommen
+hatte, die F&auml;hrboote zu &uuml;berwachen, schien eben so erfolglos
+gesucht zu haben. Meier hatte jedenfalls nur die L&uuml;ge rasch
+ersonnen, seine eigene Haut in Sicherheit zu bringen.</p>
+
+<p>Um elf Uhr sollte nach Verabredung Ledermann, der von
+dem Staatsanwalt einen neuen Verhaftsbefehl gegen den Verbrecher
+bekommen, Hopfgarten wieder an der Dampfbootladung
+treffen, das Weitere dort zu berathen, und dieser scho&szlig; indessen in
+fieberhafter Aufregung, mit dem schmerzenden Arm in der Binde,
+hin und her an der Landung, nur erst einmal, und immer vergebens,
+eine Spur des Gesuchten zu finden.</p>
+
+<p>&Uuml;ber den Strom her&uuml;ber von &raquo;Algier,&laquo; dem andern
+Ufer, kam ein gro&szlig;er Dampfer her&uuml;ber und legte an der Landung
+an. Vorn am Boilerdeck trug er wie gew&ouml;hnlich ein
+kleines Schild, das unter dem Namen den Ort seiner Bestimmung
+und die Stunde der Abfahrt anzeigte. Es war der:</p>
+
+<div class="center">
+<table style="margin: 0 auto" cellpadding="1" summary="">
+<tr><td align="center" valign="top"><span class="wide"><b>Chikasaw</b></span></td></tr>
+<tr><td align="center" valign="top">f&uuml;r Little Rock.</td></tr>
+<tr><td align="center" valign="top">Abfahrt <span class="wide">zehn</span> Uhr!</td></tr>
+</table>
+</div>
+
+<p>Der Chikasaw hatte in Algier Fracht f&uuml;r Arkansas eingenommen
+und jetzt an der New-Orleans-Landung noch einmal
+angelegt, etwaige Passagiere f&uuml;r Arkansas, oder die
+dazwischenliegenden Pl&auml;tze, die schon durch die Zeitungen darauf
+aufmerksam gemacht waren, an Bord zu nehmen. Die Glocke
+l&auml;utete dabei, rasche Abfahrt k&uuml;ndend, und der Rauch wirbelte
+dick und schwarz in die reine klare Luft hinauf.</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Nach Little Rock!</span>&laquo;&nbsp;&mdash; Hopfgarten gab es ordentlich
+einen Stich durch's Herz, als er den Namen las. Wenn Soldegg
+wirklich heute beabsichtigte, New-Orleans zu verlassen,
+so war Nichts wahrscheinlicher, als da&szlig; er wieder nach dem
+Westen gehen w&uuml;rde. Jedenfalls lag hier die M&ouml;glichkeit, ihn
+zu finden, und sich den Hut tief in die Stirn ziehend, da&szlig; an
+Bord, oben von der Caj&uuml;te aus, Niemand sein Gesicht erkennen
+konnte, schritt er rasch &uuml;ber die schmale Planke an Deck
+und stieg auf das Boilerdeck hinauf, die dort versammelten
+Passagiere zu mustern.</p>
+
+<p>Henkel war nicht unter ihnen, aber noch die M&ouml;glichkeit
+nicht ausgeschlossen, da&szlig; er vielleicht eben nur die wirkliche
+Abfahrt des Bootes erwarten w&uuml;rde, an Bord zu gehn, und
+Hopfgarten beschlo&szlig;, jedenfalls, bis die Planken eingezogen
+w&uuml;rden, in der Caj&uuml;te zu bleiben.</p>
+
+<p>Unruhig hier auf- und abgehend, hielt er sich fortw&auml;hrend
+in der N&auml;he des Boilerdecks, von wo aus er einen freien Blick
+&uuml;ber die Lev&eacute;e und Landung hatte, und besonders die Planke
+des Bootes selber im Auge behielt, ohne selber auffallend sichtbar
+zu sein. Es konnte dieses Niemand, ungesehn von ihm,
+betreten.</p>
+
+<p>Eine Menge Passagiere kamen, als die Glocke zum zweiten
+Mal l&auml;utete, heran; M&auml;nner mit Koffern auf den Schultern
+und Hutschachteln in der Hand, oder Reises&auml;cken unter
+dem Arm, Auswanderer von Deutschland, ihre schweren, riesigen,
+h&ouml;lzernen, buntbemalten Koffer zu zweien im Schwei&szlig;
+ihres Angesichts, und in der Furcht zur&uuml;ckgelassen zu werden,
+&uuml;ber die Lev&eacute;e schleifend &mdash; die Frauen Kinder auf R&uuml;cken
+und Armen. Auch ein Transport Altenburger Bauern, in
+ihrer Nationaltracht, schritt herunter zum Boot, sich nach dem
+fernen Westen einzuschiffen, und die Amerikaner, die fast alle
+Trachten der Welt zu sehn bekommen, und sich um keine gro&szlig;
+bek&uuml;mmern, blieben stehn, sahen den Leuten nach, und lachten
+&uuml;ber die wunderliche Kleidung.</p>
+
+<p>Jetzt kam ein ganzer Trupp braun gekleideter M&auml;nner,
+mit breitr&auml;ndigen H&uuml;ten und wei&szlig;en Halsbinden, von zwei
+G&uuml;terkarren begleitet, die ihr Gep&auml;ck f&uuml;hrten, die Lev&eacute;e nieder
+und auf das Boot zu. Es waren jedenfalls Geistliche, und
+Hopfgarten wandte sich an den neben ihm stehenden Clerk oder
+Buchhalter des Bootes mit der Frage, ob er wisse, wer die
+Herren w&auml;ren, und wohin sie in solcher Menge gingen.</p>
+
+<p>&raquo;Ah blos Methodistenprediger,&laquo; lachte dieser &mdash; &raquo;ein
+ganzer Schwarm, den wir vor acht Tagen von Little Rock mit
+herunter gebracht haben. Es sind meist Circuit-rider aus dem
+Westen, die hier zu einer protestantischen Versammlung, wirksame
+Maasregeln gemeinschaftlich gegen den &raquo;Antichrist&laquo; zu
+berathen, wie sie uns selber sagten, heruntergekommen sind,
+und jetzt wieder auf ihre Posten zur&uuml;ckgehn. Es ist eine Vergn&uuml;gungsreise
+f&uuml;r die Herren, zu der sie vorher nat&uuml;rlich eine
+t&uuml;chtige &raquo;fromme Sammlung&laquo; gemacht haben.&laquo;</p>
+
+<p>Die Geistlichen, elf an der Zahl, kamen inde&szlig; an Bord
+und die Boilerdeckstreppe herauf in die Caj&uuml;te. Hopfgarten
+blieb an der Th&uuml;r stehn, und sah sie einzeln neben sich vor&uuml;bergehn.
+Es waren meist ausdruckslose Gesichter, einzelne aber
+auch mit verschmitzten Augen, und scharfgeschnittenen Z&uuml;gen;
+der Deutsche hatte jedoch kein Interesse an ihnen, und wollte
+seine Aufmerksamkeit eben wieder der Lev&eacute;e zuwenden, als Einer
+der Geistlichen ihn mit einem langsamen, salbungsvollen Kopfnicken
+gr&uuml;&szlig;te, und an ihm vorbei die Caj&uuml;te betrat.</p>
+
+<p>Hopfgarten sah ihn &uuml;berrascht und verwundert an; der
+Mann trug allerdings einen sehr anst&auml;ndigen, braunen, langen
+Rock von feinem Tuch, eine schneewei&szlig;e Halsbinde, blank gewichste
+Stiefeln und einen breitr&auml;ndigen, schwarzen Filzhut, wie
+die Anderen, aber <span class="wide">das</span> Gesicht war nicht zu verkennen, und,
+wenn einmal gesehn, nicht wieder zu vergessen.</p>
+
+<p>&raquo;Herr Maulbeere!&laquo; rief Hopfgarten, in diesem Augenblick
+selbst Henkel vergessend, &raquo;tr&auml;ume ich denn oder wach ich &mdash;
+sind Sie es, oder sind Sie es nicht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mein lieber Herr von Hopfgarten,&laquo; sagte der Angeredete,
+dem wirklich Verbl&uuml;fften, mit einem milden L&auml;cheln in dem
+glatt rasirten Gesicht, die Hand reichend und feierlich sch&uuml;ttelnd,
+&raquo;es ist mir ein ungemein wohlthuendes Gef&uuml;hl, Sie nach so
+langer Trennung wieder einmal begr&uuml;&szlig;en zu k&ouml;nnen &mdash; ich
+habe in meinen Gebeten manches Mal recht freundlich Ihrer
+gedacht.&laquo;</p>
+
+<p>Hopfgarten blinzte mit den Augen, trat sich auf den Fu&szlig;
+und suchte sich im Anfang wirklich erst ordentlich gewaltsam
+davon zu &uuml;berzeugen, da&szlig; er nicht tr&auml;ume, und mit wachenden
+Augen den schmutzigen Scheerenschleifer Maulbeere, den
+Schnapsprediger von der Haidschnucke, solcher Art ausgekrochen
+und als Schmetterling &mdash; als Braunes Ordensband &mdash; der
+Gedanke kam ihm unwillk&uuml;rlich &mdash; in der sonnigen Luft herumflattern
+zu sehn. Aber Maulbeere lebte und athmete, that
+auch Nichts, das Erstaunen des vor ihm Stehenden zu beseitigen,
+sondern schien sich eher an dessen &Uuml;berraschung zu
+weiden.</p>
+
+<p>&raquo;Aber wie, um Gottes Willen, kommen Sie in <span class="wide">diesen</span>
+Rock, in <span class="wide">diese</span> Gesellschaft?&laquo; rief er endlich, jede weitere H&ouml;flichkeit
+bei Seite setzend, aus &mdash; &raquo;ja, wenn mir Jemand des
+Himmels Einsturz&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Spotten Sie nicht, oder profaniren Sie nicht eine so
+heilige, ernste Sache&laquo;&nbsp;&mdash; unterbrach ihn aber Maulbeere schnell
+und fast &auml;ngstlich. &raquo;Da&szlig; der Herr da oben&laquo;&nbsp;&mdash; und er warf
+einen frommen Blick nach der Decke hinauf, &raquo;<span class="wide">Wunder</span> thut,
+brauche ich Ihnen, als gebildetem Mann, nicht zu sagen. <span class="wide">Sein</span>
+Geist hat mich erleuchtet &mdash; Sein Hauch den Teufel ausgeblasen,
+der in mir lebte und th&auml;tig war &mdash; der Herr hat
+Gr&auml;uel an den verkehrten Herzen, und Wohlgefallen an den
+Frommen &mdash; der Gottlose ist wie ein Wetter, das &uuml;berhingeht,
+und nicht mehr ist, der Gerechte aber bestehet ewiglich &mdash; der
+Mund des Gerechten bringt Weisheit, aber das Maul des
+Verkehrten wird ausgerottet &mdash; r&uuml;hme Dich nicht des folgenden
+Tages, denn Du wei&szlig;t nicht, was heute sich begeben mag.&laquo;</p>
+
+<div class="center">
+<table style="margin: 0 auto" cellpadding="4" summary="Illustration Capitel 8">
+ <tr>
+ <td align="center">
+ <a href="images/img3r.jpg">
+ <img src="images/img3r.jpg" height="600"
+ alt="Illustration Capitel 8" /></a>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="center">
+ <span class="caption">Capitel 8.<br />
+ Click to <a href="images/img3.jpg">ENLARGE</a></span>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+</div>
+
+<p>&raquo;Aber wie ist es m&ouml;glich gewesen, in der kurzen Zeit eine
+solche Verwandlung&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der Herr ist Allen gn&auml;dig,&laquo; sagte Maulbeere, mit einem
+zweiten frommen Blick die H&auml;nde faltend, &raquo;und erbarmet sich
+aller seiner Werke &mdash; des Herrn Geist stieg auf seinen Knecht
+nieder in der Nacht des Unglaubens, da Alles finster war,
+und siehe da, ein feines L&auml;mplein wurde aufgestellt in dem
+Tummelplatz des Satans, und sein helles, goldenes Licht trieb
+die S&uuml;nde aus dem gereinigten Gef&auml;&szlig;!&laquo;</p>
+
+<p>Hopfgarten sch&uuml;ttelte immer noch, wie seinen Sinnen
+nicht recht trauend, den Kopf. Die Gestalt vor ihm aber hatte
+Fleisch und Bein, und der braune Rock so wenig, wie die schneewei&szlig;e,
+reine Binde lie&szlig;en sich wegleugnen.</p>
+
+<p>Die &uuml;brigen Geistlichen hatten sich inde&szlig; in der Caj&uuml;te
+versammelt, ein paar Minuten leise mitsammen gefl&uuml;stert, und
+Einer von ihnen kam jetzt wieder der Th&uuml;re zu, wo die Beiden
+standen und sagte mit einem milden, l&auml;chelnden Blick:</p>
+
+<p>&raquo;Der Bruder Mulberry wird freundlich von uns aufgefordert,
+an einem stillen Dank, dem H&ouml;chsten f&uuml;r die gl&uuml;ckliche
+Beendigung unserer frommen Sendung zu bringen, Theil zu
+nehmen.&laquo;</p>
+
+<p>Maulbeere neigte langsam sein Haupt, und sich dann
+wieder zu Hopfgarten wendend, sagte er:</p>
+
+<p>&raquo;Wir haben wohl das Vergn&uuml;gen, mit Ihnen zusammen
+die Reise nach Little Rock zu machen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, bester Herr Maulbeere, das thut mir wahrhaftig
+leid,&laquo; erwiederte dieser &mdash; &raquo;ich bin nur an Bord gekommen,
+Jemand zu suchen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das schmerzt mich in der That,&laquo; sagte Maulbeere, indem
+er in die Tasche griff und ein kleines Paket B&uuml;cher und
+eine Visitenkarte herausnahm &mdash; &raquo;sollten Sie aber sp&auml;ter einmal
+wieder in unser wildes, westliches Land kommen, so wird
+es mich herzlich freuen, zu sehn, da&szlig; es Ihnen gut geht &mdash;
+diese Karte hier enth&auml;lt meine Adresse &mdash; und mich <span class="wide">gl&uuml;cklich</span>
+machen, zu h&ouml;ren, da&szlig; auch Sie den <span class="wide">wahren</span> Frieden in
+Gott gefunden, und die Bahn des Heils betretend, den breiten,
+ebenen Weg verlassen haben, der hinab zu S&uuml;nde und Verdammni&szlig;
+f&uuml;hrt. Gott sei mit Ihnen &mdash; er erleuchte Sie &mdash;
+er neige sein Antlitz &uuml;ber Sie, und gebe Ihnen seinen Frieden
+&mdash; Amen!&laquo;</p>
+
+<p>Und mit einer halb segnenden, halb gr&uuml;&szlig;enden Handbewegung
+gegen Herrn von Hopfgarten, der B&uuml;cher und Karte
+fast unbewu&szlig;t in der Hand behielt, und dann ebenso in die
+Tasche steckte, drehte er sich langsam von ihm ab, und schritt
+seinen Gef&auml;hrten am andern Ende der Caj&uuml;te zu.</p>
+
+<p>Ein neuer Trupp Fremder zog in diesem Augenblick die
+Aufmerksamkeit unseres Freundes auf sich, die Glocke l&auml;utete
+dabei zum dritten Male, und das Boot machte Anstalt zur
+Abfahrt. Nirgends aber lie&szlig; sich eine Gestalt erkennen, die
+der des Gesuchten auch nur im Entferntesten geglichen h&auml;tte,
+obgleich Hopfgarten vollkommen darauf vorbereitet war, das
+Gesicht Soldeggs durch Bart oder Brille vielleicht so viel als
+m&ouml;glich unkenntlich gemacht zu sehn. Mit dem Chikasaw beabsichtigte
+dieser keinesfalls, den Strom hinaufzugehn, und er
+mu&szlig;te zuletzt, als die Planken und Taue eingeholt wurden
+und die R&auml;der nach r&uuml;ckw&auml;rts an zu arbeiten fingen, das Boot
+in den Strom hinauszuschieben, an Land springen.</p>
+
+<p>Auf seiner Uhr war es jetzt halb elf Uhr, und er ging,
+die Ankunft Ledermann's hier verabredeter Ma&szlig;en zu erwarten,
+indessen ungeduldig an der Lev&eacute;e auf und ab. Seine rechte
+Hand in die Tasche schiebend, f&uuml;hlte er dort die vorher in Gedanken
+eingesteckten, ihm von Maulbeere &uuml;bergebenen Schriften,
+und nahm sie heraus, zu sehn, was sie enthielten.</p>
+
+<p>Es waren nat&uuml;rlich Trakt&auml;tchen. Das eine handelte &uuml;ber die
+Heiligkeit des Sabbaths und die Gefahr der Sabbathsch&auml;ndung,
+mit einem abschreckenden Beispiel, wie ein Knabe an einem
+Sonntag einmal den Flu&szlig; befahren hatte und ertrunken war &mdash;
+w&auml;hrend Millionen Beispiele, dasselbe Verbrechen jeden Sonntag
+ver&uuml;bend, gl&uuml;cklich abfuhren und eben so landeten &mdash; das
+andere &uuml;ber die Bibelvertheilung, und die &uuml;brigen &uuml;ber das
+Missionswesen, und dessen dringende Nothwendigkeit; jedes am
+Schlusse mit einer Bitte um die Unterst&uuml;tzung der frommen
+M&auml;nner, die in die Wildni&szlig;, unter wilde Bestien und wildere
+Menschen z&ouml;gen, und von Wurzeln und Rinde lebten, das Evangelium
+zu predigen. Auf der Karte stand:</p>
+
+<div class="center">
+<table style="margin: 0 auto" cellpadding="1" summary="">
+<tr><td align="center" valign="top"><i>The Reverend Zach&auml;us Mulberry.</i></td></tr>
+<tr><td align="right" valign="top"><i>Little Rock. Arks.</i></td></tr>
+</table>
+</div>
+
+<p>Die Karte steckte Hopfgarten zum Andenken ein, die B&uuml;cher
+warf er fort.</p>
+
+<p>Und Ledermann kam noch immer nicht &mdash; es war schon
+fast drei Viertel auf elf, und Hopfgarten ging wie auf Kohlen,
+in Angst und Ungewi&szlig;heit, den Strahlen der hei&szlig;en Sonne
+ausgesetzt, an der Landung auf und ab.</p>
+
+<p>&raquo;Gott der Gerechte, der Herr Baron,&laquo; redete ihn da pl&ouml;tzlich
+eine Stimme an, und als er sich rasch danach umdrehte,
+stand ein Mann, augenscheinlich ein Israelit, von dessen Gesicht
+Hopfgarten aber keine Ahnung hatte, in einem dunklen,
+anst&auml;ndigen Rocke, mit einem kleinen Strohhute auf, vor ihm,
+und machte ihm eine tiefe Verbeugung; der Mann mu&szlig;te aber
+jedenfalls sehn, da&szlig; ihn der Herr, den er angeredet hatte, nicht
+erkannte und er fuhr l&auml;chelnd fort:</p>
+
+<p>&raquo;Gottes Wunder &mdash; hob' ich mich denn gar so sehr ver&auml;ndert,
+da&szlig; so an lieber Herr anen alten Raisegesellschafter
+sollte vergessen haben. Kennen Sie den Veitel Kochmer nicht
+mehr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Veitel Kochmer? &mdash; nein&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kennt den Veitel Kochmer nicht mehr;&laquo; lachte der Alte,
+mit dem Kopf dabei sch&uuml;ttelnd &mdash; &raquo;den Mann mit der Holzharmonika,
+dem Sie an Concertchen zusammengebracht haben
+an Bord, als an guter und freundlicher Herr.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Veitel Kochmer,&laquo; rief Hopfgarten, sich jetzt des Namens
+entsinnend, &raquo;ja Euch h&auml;tte ich allerdings nicht wieder erkannt &mdash; Ihr
+seht ganz anders aus &mdash; tragt den langen Bart nicht
+mehr und den Kaftan &mdash; es geht Euch gut?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gott soll gedankt sein, ja.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und Euer Sohn&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mai Sohn? &mdash; wie hai&szlig;t mai Sohn &mdash;&laquo; sagte der
+Mann, ungeduldig den Kopf sch&uuml;ttelnd &mdash; &raquo;das J&uuml;ngelche,
+was ich bei mer hatte, mit die hibsche Stimme &mdash; wenn's
+ane bessere Lunge und a schlechtere Stimme gehabt h&auml;tte, lebt
+es <span class="wide">noch.</span>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ihr habt ihn sich todt singen lassen,&laquo; sagte Hopfgarten
+ernst.</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Ich</span> hab' ihn sich todt singen lassen? &mdash; wie hai&szlig;t? &mdash; soll
+sich die Lunge beim Magen beschweren &mdash; der Eine arbeitet
+mit die H&auml;ndcher, der Andere mit die Lunge, aber Alle arbeiten
+mer um ze leben, ze essen un ze trinken, und an Rock auf
+dem Leib ze haben &mdash; hob ich en nich acht Wochen gepflegt,
+als <span class="wide">ob</span> er mai Sohn gewesen w&auml;re, und stirbt er mer nich zuletzt
+wie zum Possen? &mdash; Soll mer Gott helfen, als ich nich
+hob' Schaden gehabt an dem J&uuml;ngelche. &mdash; Aber Herr Baron &mdash; kennten
+wir zwei Beide nich a klanes Gesch&auml;ftche zesammen
+machen; hob' ich was ganz Extraes von gute Staincher, vor
+solch einen f&uuml;rnehmen Herrn, wie der Herr Baron.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke, lieber Kochmer, ich brauche Nichts in der
+Art,&laquo; sagte Hopfgarten, wieder nach seiner Uhr sehend, &raquo;kann
+mich auch augenblicklich gar nicht damit befassen &mdash; haben Sie
+eine Uhr bei sich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja wohl, Herr Baron &mdash; werd' ich ka &Uuml;rche haben,
+un a Staats&uuml;rche is es,&laquo; fuhr er fort, eine goldene Cylinderuhr
+aus der Tasche nehmend, &raquo;geht se doch um drei Minuten
+besser wie die Sonne &mdash; s' ist gerade sieben Minuten
+&uuml;ber dreiviertel auf elf &mdash; kennten wir <span class="wide">damit</span> vielleicht en
+Handelche machen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke wirklich &mdash; ich habe selber eine ganz gute
+Uhr und brauche keine, wollte auch nur sehen ob die meinige
+richtig ginge.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wenn Sie die Staincher emol s&auml;hen, w&uuml;rden Sie Appetit
+kriegen &mdash; se sain zum 'Reinbei&szlig;en,&laquo; fuhr aber Veitel,
+nicht so leicht abgewiesen, in seinem Anpreisen der Juwelen
+fort, &raquo;hob ich die Musik doch jetzt ganz an den Nagel geh&auml;ngt
+un mich auf die Staincher gelegt. Wer die Sache versteht
+ist's a solides, pr&auml;chtiges Gesch&auml;ftge hier in Amerika &mdash; wenn
+mer sai Zeit kann abpasse.&laquo; Und er nahm dabei ein kleines
+Etui aus seiner Brusttasche, das er &ouml;ffnete und dann, den
+Kopf schr&auml;g zur Seite davon zur&uuml;ckhaltend, die Sonnenstrahlen
+auf die wirklich sch&ouml;nen Steine, die in tausend Lichtern
+funkelten, wieder fallen lie&szlig;.</p>
+
+<p>Hopfgarten hatte indessen die Lev&eacute;e auf und abgesehn,
+den so sehnlich Erwarteten endlich irgendwo zu ersp&auml;hen, aber
+vergebens; Ledermann lie&szlig; sich nirgends blicken und der Zeiger
+seiner Uhr, den er ungeduldig und ununterbrochen fragte,
+schien nicht von der Stelle zu r&uuml;cken.</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke Euch Veitel &mdash; ich brauche wirklich Nichts
+der Art,&laquo; sagte er zerstreut, &raquo;trage weder Ringe noch
+Tuchnadeln, und mu&szlig; hier im Lande auf- und abreisen, wo man
+solche Sachen am allerwenigsten bei sich f&uuml;hren kann.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber so sehn Sie nur emol die Pracht an,&laquo; dr&auml;ngte
+Veitel.</p>
+
+<p>&raquo;Ja, sehr sch&ouml;n &mdash; wirklich brillant,&laquo; sagte Hopfgarten,
+einen fl&uuml;chtigen Blick darauf werfend, und dann durch das
+Feuer derselben doch verlockt sie aufmerksamer zu betrachten;
+&raquo;sehr sch&ouml;ne Steine in der That, aber wie gesagt, Nichts f&uuml;r
+mich.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und <span class="wide">das</span> Stainche hier vor a Tuchnadel &mdash; ah?&laquo; sagte
+Veitel, vor Hopfgartens Augen ein T&uuml;rquis in der Sonne
+blitzen lassend.</p>
+
+<p>&raquo;Mensch, wo hast Du den Stein her?&laquo; rief aber Hopfgarten
+unwillk&uuml;rlich erschreckt aus, als sein Blick auf einen
+sehr sch&ouml;nen gro&szlig;en <span class="wide">dreieckigen</span> T&uuml;rquis fiel, den Veitel
+zwischen den Fingern hin und her drehte.</p>
+
+<p>&raquo;Woher? &mdash; Gottes Wunder!&laquo; rief der Jude erschreckt,
+&raquo;ehrlich gekauft, soll mer Gott helfe.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich sage ja Nichts dagegen, Veitel,&laquo; rief Hopfgarten
+rasch, ihn zu beruhigen, &raquo;gewi&szlig; ist er ehrlich gekauft, aber von
+wem? ich kenne den Stein &mdash; habe wenigstens von ihm, oder
+einem ganz &auml;hnlichen geh&ouml;rt, ich m&ouml;chte gern&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Von wem? von em achtbaren, soliden Herrn, von em
+wahren Schentelmenn in sein Handeln und Gesch&auml;ftcher,&laquo; sagte
+Veitel, immer noch in der Meinung, ein Verdacht ruhe auf
+ihm, &raquo;und wenn er nicht hait Morgen abgereist w&auml;re, kennten
+Se ihn selber fragen, Herr Baron &mdash; ist en alter Bekannter
+von Sie, noch vom Schiff her.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Heute Morgen abgereist? &mdash; wohin Veitel?&laquo; sagte
+Hopfgarten, der sich krampfhaft mit der rechten Hand in die
+Seite griff, nur um ruhig zu bleiben und seine Aufregung
+nicht zu verrathen, &raquo;wer war es denn eigentlich &mdash; der &mdash; der
+Doktor H&uuml;ckler?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gott soll bewahren, der Herr Henkel, und mit dem
+Schtiemer ist er fort nach der Havanna.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Mit dem Postdampfer nach Havanna?&laquo; rief Hopfgarten,
+jetzt wirklich <span class="wide">nicht</span> mehr im Stande sich zu m&auml;&szlig;igen &mdash; und
+der ist heute Morgen fort?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Hait</span> Morgen wird er fort sain,&laquo; sagte Veitel, &raquo;Gottes
+Wunder was is jetzt dermehr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ledermann!&laquo; schrie da Hopfgarten, Veitel gar nicht
+mehr beachtend, den Freund an, der eben jetzt, so lang schon
+herbeigew&uuml;nscht, gerade &uuml;ber die Lev&eacute;e her&uuml;ber und auf Herrn
+von Hopfgarten zukam, &raquo;wann, um Gottes Willen, geht der
+Havanna Steamer?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Cuba? &mdash; um elf Uhr,&laquo; sagte dieser erstaunt.</p>
+
+<p>&raquo;Gro&szlig;er Gott &mdash; es mu&szlig; gleich schlagen &mdash; so ist er
+noch nicht fort?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dort dr&uuml;ben k&ouml;nnen Sie ihn sehn,&laquo; sagte Ledermann,
+der von der hohen Lev&eacute;e aus ein paar Momente mit den Augen
+in den Flu&szlig; hinein gesucht hatte &mdash; gerade zwischen den
+beiden ausgezackten Schornsteinen jenes Bootes dort &mdash; das
+gro&szlig;e Dampfschiff, aus dem der Rauch so dick aufsteigt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Henkel ist an Bord!&laquo; war Alles was Hopfgarten
+herausbringen konnte, &raquo;gro&szlig;er Gott, da&szlig; wir nicht an das
+Havanna-Schiff gedacht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gott der Gerechte!&laquo; rief Veitel, seine Steine einsteckend
+und in Verwunderung die H&auml;nde zusammenschlagend, &raquo;was
+han Se uf amol vor a Eil; wird der Herr Henkel doch wiederkommen
+in vier oder f&uuml;nf Woche, wie er mer hot gesagt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Noch ist es vielleicht Zeit,&laquo; rief aber Ledermann, der
+inde&szlig; rasch das Terrain &uuml;berschaut hatte; &raquo;<span class="wide">so</span> p&uuml;nktlich gehen
+die Dampfer nicht ab; einzelne Passagiere z&ouml;gern immer etwas
+l&auml;nger am Ufer, oder der Capitain kann auch seine Gesch&auml;fte
+nicht so rasch besorgen. Dort f&auml;hrt ein Cab &mdash; gegen&uuml;ber
+dem Dampfer nehmen wir ein Boot, und einmal von den
+Schiffen frei, da&szlig; sie an Bord unser T&uuml;cherschwenken sehen
+k&ouml;nnen, und wir kommen noch zur rechten Zeit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Veitel!&laquo; rief Hopfgarten, sich rasch nach diesem umdrehend,
+&raquo;kommt morgen fr&uuml;h zu mir in das St. Charles
+Hotel &mdash; verstanden? &mdash; bringt Euere Steine mit &mdash; und nun
+fort Ledermann, fort!&laquo; und diesem voran laufend winkte er
+schon von weitem dem kleinen einspannigen Cabriolet zu, dessen
+Kutscher, Passagiere suchend, langsam die Lev&eacute;e an der
+Dampfbootlandung hinabfuhr. Der Mann z&uuml;gelte sein Pferd
+ein und Hopfgarten bot ihm einen Dollar, wenn er sie so rasch
+das Pferd laufen k&ouml;nne dem Havanna Steamer gegen&uuml;ber
+die Stra&szlig;e niederf&uuml;hre.</p>
+
+<p>&raquo;Halt, dort geht ein Constable!&laquo; rief ihm aber Ledermann
+zu, &raquo;den nehmen wir mit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Kann nicht drei Passagiere fahren, Sir,&laquo; sagte der
+Kutscher.</p>
+
+<p>&raquo;Du bekommst einen Dollar f&uuml;r jeden, wenn Du uns
+rasch an Ort und Stelle bringst!&laquo; rief der Deutsche, dem
+Angst und Aufregung fast die Sprache zu nehmen drohte. Ledermann
+lief indessen, so rasch ihn seine langen F&uuml;&szlig;e trugen, und
+sehr zum Erg&ouml;tzen der ihm Begegnenden, der n&auml;chsten Stra&szlig;enecke
+zu, an der er einen ihm bekannten Constable ersp&auml;ht hatte.
+Wenige Worte gen&uuml;gten, diesen mit Allem bekannt zu machen
+was Noth that, und zwei Minuten sp&auml;ter galopirte das eben
+nicht sehr kr&auml;ftige Pferd, von der wacker gef&uuml;hrten Peitsche
+seines Herrn getrieben, in fl&uuml;chtigen S&auml;tzen die Stra&szlig;e nieder.
+Unterwegs unterrichtete der Constable diesen dabei, dem gro&szlig;en
+Dampfschiff gegen&uuml;ber, das sie jetzt deutlich erkennen konnten,
+anzuhalten, wo er Miethboote w&uuml;&szlig;te.</p>
+
+<p>&raquo;Ay ay Sir!&laquo; sagte der Mann, und hieb st&auml;rker auf sein
+Pferd, &raquo;kommen noch zurecht, wenn mein alter Jack nicht bis
+dahin zusammenbricht.&laquo; Das Pferd hielt sich aber wacker,
+und pl&ouml;tzlich gegen die Lev&eacute;e anfahrend, denn den Wasserrand
+konnten sie von da aus, des hochaufgeworfenen Dammes wegen
+nicht sehen, hielt er an.</p>
+
+<p>&raquo;Boot Sir? &mdash; Boot f&uuml;r den Steamer?&laquo; riefen ihnen
+hier schon vier, f&uuml;nf Bootsleute zu gleicher Zeit entgegen, die
+sich herbeidr&auml;ngten, die geglaubten Passagiere nach dem Dampfschiff
+zu bringen; dieses konnte seines Tiefgangs wegen hier
+nicht dicht am Ufer anlanden, und mu&szlig;te ein St&uuml;ck drau&szlig;en
+im Strom vor Anker liegen; &raquo;h&ouml;chste Zeit, Gentlemen, aber
+wir bringen Sie hin&uuml;ber.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;nf Dollar, wenn wir zur rechten Zeit kommen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hier Sir! hier ist ein Boot das es thun kann!&laquo; schrie
+Einer Hopfgarten am Arm ergreifend.</p>
+
+<p>&raquo;Mit dem alten Kasten kommst Du nicht vor Abend hin&uuml;ber,&laquo;
+&uuml;berschrie ihn ein Anderer, &raquo;<span class="wide">meins</span> ist der Clipper,
+Gentlemen, der &uuml;ber das Wasser fliegt.&laquo;</p>
+
+<p>Der Constable hatte indessen von der Lev&eacute;e aus mit einem
+Kennerblick die Boote rasch &uuml;bersehen, und den beiden
+Fremden winkend ihm zu folgen, sprang er in das, was ihm
+am t&uuml;chtigsten schien, hinein, und hinten an das Steuer. Die
+beiden Bootsleute, die dazu geh&ouml;rten, nahmen mit einem Hohnlachen
+&uuml;ber die besiegten Gef&auml;hrten ihre Sitze ein, und wenige
+Sekunden sp&auml;ter scho&szlig; das scharfe, wackere Boot, die gelbe
+Fluth zu beiden Seiten in Schaum hinauswerfend, zischend
+und spritzend &uuml;ber den breiten Strom dem Dampfer zu.</p>
+
+<p>&raquo;Wir kommen wahrhaftig zu sp&auml;t!&laquo; rief Hopfgarten in
+Todesangst mit der rechten Hand sein Tuch schwenkend, &raquo;dort
+pufft das Schiff schon seinen Dampf aus, und die R&auml;der fangen
+an zu arbeiten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nur keine Furcht Sir,&laquo; sagte der eine der Bootsleute,
+der einen Blick &uuml;ber seine Schulter weg nach dem n&auml;her und
+n&auml;her r&uuml;ckenden Fahrzeug warf, &raquo;sie arbeiten nur gegen die
+Str&ouml;mung langsam an, den Anker heraufzuheben; die Kette
+ist noch unten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Er hat recht,&laquo; rief aber auch der Constable jetzt, &raquo;die
+Kette ist noch aus und wir kommen zur rechten Zeit.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gott sei Dank,&laquo; sagte Hopfgarten leise, aber tief aufseufzend
+vor sich hin, und von dem Augenblick an schien es,
+als ob jede Unruhe, jedes Schwanken von ihm genommen
+sei. Ruhig ein Bein &uuml;ber das andere gelegt, beobachtete er
+ihre Ann&auml;herung an das keuchende, gewaltige Dampfschiff,
+und &uuml;berflog mit seinem Blick nur manchmal rasch und forschend
+das aufgebaute Quarterdeck des Fahrzeugs, zwischen
+den dort auf- und abgehenden Passagieren den Gesuchten
+herauszufinden; aber er bem&uuml;hte sich nicht mehr sein Gesicht
+zu verbergen &mdash; der Verbrecher konnte ihm nicht mehr entgehen.</p>
+
+<p>An Bord traten jetzt ein paar Mann, das nahende Boot
+bemerkend, oben an die noch aush&auml;ngenden Fallreeps; der eine
+von diesen hielt ein d&uuml;nnes zusammengerolltes Tau in der
+Hand, und warf es dem einen der Bootsleute zu, der es durch
+den Ring vorn zog und um die vordere Queerbank schlug.
+Im n&auml;chsten Augenblick lag das kleine schwanke Boot, auf
+den kurzen Wellen tanzend, die das Starbordrad schlug, dicht
+an die steilaufsteigende Seitenwand des m&auml;chtigen Fahrzeugs
+an, und der Constable rief hinan:</p>
+
+<p>&raquo;Ein Tau hier herunter, Boys, f&uuml;r den Gentleman;
+er hat einen kranken Arm und kann sich nicht halten.&laquo;</p>
+
+<p>Wenige Secunden sp&auml;ter war dem Rufe Folge geleistet;
+der Constable legte das Seil um Herrn von Hopfgartens
+Mitte, und w&auml;hrend die Matrosen oben langsam anzogen
+und ihn dadurch st&uuml;tzten, lief derselbe rasch an der steil
+niederh&auml;ngenden Fallreepstreppe auf.</p>
+
+<p>&raquo;Danke &mdash; danke herzlich,&laquo; sagte dieser, w&auml;hrend sein
+Blick an dem Quarterdeck hing; aber auch dort sah er nicht
+den, den er suchte, und sich an den Steuermann des Schiffs
+wendend, der seine Leute eben gefragt hatte, ob der Herren
+<span class="wide">Gep&auml;ck</span> schon an Bord sei, bat er diesen ihm zu sagen wo er
+den <span class="wide">Clerk</span> der Cuba f&auml;nde.</p>
+
+<p>&raquo;Dort oben, Sir &mdash; an der Starbordtreppe; der mit
+dem Panama-Hut auf, Sir, und dem kleinen Buch in der
+Hand.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sie w&uuml;nschen Pl&auml;tze in der Caj&uuml;te, Sir?&laquo; frug ihn
+dieser freundlich, &raquo;der Steward soll Ihnen gleich Ihre <i>staterooms</i>
+anweisen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bitte, mein Herr,&laquo; sagte Hopfgarten, dem seine beiden
+Begleiter auf dem Fu&szlig;e folgten, &raquo;k&ouml;nnen Sie mir nicht Auskunft
+geben, ob ein gewisser <span class="wide">Soldegg</span> an Bord ist?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Soldegg? &mdash; Soldegg?&laquo; sagte der Clerk nachdenkend
+sind dabei sein kleines Buch &ouml;ffnend, eine dort eingetragene
+Liste mit den Augen &uuml;berfliegend, &raquo;ist noch nicht notirt, Sir.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oder Henkel?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ebenfalls nicht,&laquo; lautete die Antwort, nach kurzer
+Pause.</p>
+
+<p>&raquo;Oder Holwich?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Keiner der drei Herren; aber es sind einige Gentlemen
+erst in der letzten halben Stunde an Bord gekommen, deren
+Namen ich noch nicht eingeschrieben habe. Sie werden
+unterwegs Zeit genug bekommen deren Bekanntschaft zu machen;
+soll ich Ihnen indessen &mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bitte, mein Herr, mein Besuch ist anderer Art,&laquo; sagte
+Hopfgarten ruhig; &raquo;ich habe einen Verhaftsbefehl mit gegen
+einen gef&auml;hrlichen Verbrecher, und ich glaube, ja ich wei&szlig; ihn
+an Bord.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Oh wenn das ist,&laquo; lachte der Clerk, &raquo;dann hat der Herr
+auch vielleicht einen andern Namen angegeben; nichts leichter
+als das. Wohl ein Constable, der eine der Herren?&laquo;&nbsp;&mdash; dieser
+nickte mit dem Kopf &mdash; &raquo;<i>well</i>, dann bem&uuml;hen Sie sich nur
+gef&auml;lligst selber in die Caj&uuml;te hinunter, und sehn Sie sich
+dort um; ich werde es indessen dem Capitain melden, und Ordre
+geben, da&szlig; das Schiff nicht unterwegs geht.&laquo;</p>
+
+<p>Hopfgarten blieb einen Augenblick stehn, Athem zu holen,
+so pre&szlig;te ihm die Aufregung dieses Momentes Brust und Herz
+zusammen, &auml;u&szlig;erlich aber war er vollkommen ruhig, und Ledermann
+und den Constable bittend, ihn vorangehn zu lassen,
+und erst nach ein paar Minuten zu folgen, stieg er mit festen,
+ruhigen Schritten die Quarterdeckstreppe hinauf, und die breiten
+Mahagonystufen, die von da in die untere Caj&uuml;te f&uuml;hrten,
+wieder hinunter, und &ouml;ffnete, von dem Steuermann begleitet,
+dem der Clerk ein paar Worte &uuml;ber den Zweck dieses Besuches
+zugefl&uuml;stert, die Th&uuml;r der Caj&uuml;te, in der einige zwanzig Passagiere
+in den verschiedensten Stellungen umhersa&szlig;en und standen,
+und ziemlich ruhig die nahe Abfahrt des Dampfers,
+dessen Maschine schon unter ihnen arbeitete, zu erwarten
+schienen.</p>
+
+<p>Aber Hopfgarten sah nur <span class="wide">Einen</span> von allen diesen; auf
+dem mittleren Sopha, das eine Bein behaglich &uuml;ber das andere
+gelegt, und neben sich auf einem kleinen Tisch eine Flasche mit
+Rothwein und ein Gef&auml;&szlig; mit gro&szlig;en, klaren Eisst&uuml;cken, ein
+Buch in der Hand, in dem er nachl&auml;ssig bl&auml;tterte, lag <span class="wide">Henkel</span>
+und schien so sorglos und unbek&uuml;mmert die Abfahrt des Bootes
+zu erwarten, so sicher seiner Umgebung zu sein, da&szlig; er
+nicht einmal aufsah, als Hopfgarten langsam auf ihn zuging,
+bis dieser neben seinem Tische stehn blieb und Henkel jetzt, mit
+einem leisen Schrei der &Uuml;berraschung emporfahrend, ganz
+pl&ouml;tzlich seinen alten Reisegef&auml;hrten neben sich erkannte.</p>
+
+<p>&raquo;Alle Wetter! Herr von Hopfgarten,&laquo; sagte er aber, sich
+rasch sammelnd; &raquo;das ist ein pr&auml;chtiges Zusammentreffen, und
+wir sind auf's Neue Reisegef&auml;hrten? &mdash; Schade, da&szlig; Frau von
+Kaulitz nicht da ist, f&uuml;r den dritten <span class="wide">Mann.</span>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wir bekommen noch Gesellschaft,&laquo; sagte Hopfgarten, sich
+ruhig umsehend und den jetzt eben eintretenden Ledermann heranwinkend &mdash; &raquo;Herr
+Henkel oder Soldegg oder Holwich &mdash; ich
+wei&szlig; nicht unter welchem Namen Sie jetzt reisen &mdash; ich
+habe ihnen hier einen alten Bekannten vorzustellen, der eine
+weite Reise im Auftrag seiner Regierung gemacht hat, nur das
+Vergn&uuml;gen Ihrer werthen Begleitung zu haben.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Was soll das? &mdash; was wollen Sie von mir?&laquo; sagte
+Henkel finster, sich aber doch leicht entf&auml;rbend, als er den Aktuar
+von Heilingen pl&ouml;tzlich hier erkannte. Einen forschenden, unruhigen
+Blick warf er dabei in der Caj&uuml;te umher, der inde&szlig;
+weiter Nichts Beunruhigendes bot, da der Steuermann an die
+Bar getreten war, und der Constable, der Gruppe die Seite
+zudrehend, eine Zeitung aufgenommen hatte, als ob er mit zu
+den Passagieren geh&ouml;rte &mdash; &raquo;ich bin gerade nicht aufgelegt zu
+scherzen, sonst k&ouml;nnte ich Ihnen vielleicht wieder meinen &mdash; Zwillingsbruder
+schicken, sich mit dem abzufinden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr Henkel,&laquo; sagte Ledermann ruhig &mdash; &raquo;wir haben
+ein Boot unten liegen, und ersuchen Sie, uns gutwillig und
+ohne weiteres Aufsehn zu erregen, da hinein zu folgen, das
+Weitere werden wir an Land abmachen. So viel gen&uuml;ge
+Ihnen zu wissen, da&szlig; wir autorisirt sind, in dieser Weise zu
+handeln &mdash; ich habe einen Verhaftsbefehl f&uuml;r Sie in der
+Tasche.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Haho!&laquo; rief Soldegg aber, dem im Nu die ganze Gr&ouml;&szlig;e
+der &uuml;ber ihn hereinbrechenden Gefahr klar wurde &mdash; &raquo;Herr von
+Hopfgarten will sich revangiren &mdash; hahaha &mdash; aber die Herren
+haben sich verrechnet &mdash; <span class="wide">lebendig</span> bekommen sie mich nicht &mdash; und
+&uuml;berdie&szlig; &mdash; wer giebt Ihnen das Recht, mich hier verhaften
+zu wollen?&laquo; Seine rechte Hand glitt dabei rasch und
+verstohlen unter die Weste, die Bewegung aber war dem Constable,
+der ihn indessen scharf und aufmerksam von der Seite
+beobachtet hatte, nicht entgangen, und seinen Rock zur&uuml;ckwerfend,
+unter dem er sein Polizeizeichen trug, ging er auf den
+wild und drohend zu ihm aufblickenden Verbrecher zu und
+wollte, mit den Worten: &raquo;<i>You are my prisoner!</i>&laquo;<a name="fn_5r" id="fn_5r"></a><a href="#fn_5"><small><sup>5</sup></small></a>, die
+Hand auf dessen Schulter legen, als Henkel, unter dem Arm
+fortgleitend, einen Schritt zur&uuml;cksprang; mit der rechten aber
+zu gleicher Zeit ein m&auml;chtiges, blitzendes Bowiemesser aus der
+Weste ri&szlig;, und mit wildem, h&ouml;hnischen Lachen schrie:</p>
+
+<p>&raquo;Lebend nicht &mdash; Bahn frei, oder, beim Teufel, ich hacke
+Pastetenfleisch aus Euch!&laquo; Zu gleicher Zeit f&uuml;hrte er einen
+Hieb nach dem Constable, dem dieser nur durch ein j&auml;hes
+Zurseitespringen entgehn konnte, und warf sich auf Hopfgarten,
+wieder die Klinge zum Hieb gehoben. Dieser aber, ohne einen
+Zoll breit zu weichen, hatte eine gleiche Waffe gezogen, und
+bereitete sich, den Schlag zu pariren, als der Steuermann, etwas
+&Auml;hnliches schon lange erwartend, ohne sich aber selber
+zwischen die gehobenen Messer hineinzuwagen, einen Stuhl
+aufgriff und Henkel so geschickt vor die F&uuml;&szlig;e schleuderte, da&szlig;
+dieser im vollen Wurf dar&uuml;ber hinflog.</p>
+
+<p>&raquo;Brav gemacht!&laquo; schrie der Constable, der inde&szlig; einen
+Revolver aus seinem G&uuml;rtel gerissen hatte, Gewalt mit Gewalt
+zu begegnen &mdash; &raquo;jetzt bekommen wir den Burschen lebendig.&laquo;
+Und um den Stuhl flog er herum, zwischen die Th&uuml;r und
+den Gefangenen zu kommen, und diesem den Weg abzuschneiden.
+Henkel aber, zum &Auml;u&szlig;ersten getrieben und recht gut
+wissend, was ihn erwartete, wenn er in die Hand der Feinde
+fiel, schnellte im Nu, sein Messer noch fest im Griff haltend,
+vom Boden wieder auf und sprang gegen die Th&uuml;r an, von
+der fort die zuf&auml;llig dort herabkommenden Passagiere, vor der
+drohenden Gestalt mit der geschwungenen Waffe scheu zur Seite
+stoben.</p>
+
+<p>&raquo;Halt!&laquo; schrie der Constable, &raquo;im Namen des Gesetzes!&laquo;</p>
+
+<p>Henkel hatte die Th&uuml;r erreicht und stie&szlig; sie vor sich auf,
+als ein scharfer Knall, und gleich darauf wei&szlig;er Pulverrauch
+den Raum f&uuml;llte &mdash; ein wilder Schrei und eine blutende,
+todtenbleiche Gestalt, der die blanke Waffe entfiel und klirrend
+die Stufen zur&uuml;ckrollte, taumelte die Treppe hinauf an Deck,
+zwischen die entsetzten Passagiere.</p>
+
+<p>&raquo;<i>You are my prisoner Sir!</i>&laquo; schrie der Constable, den
+Fl&uuml;chtling einholend und an der Schulter fassend.</p>
+
+<p>&raquo;<i>Ready for hell!</i>&laquo;<a name="fn_6r" id="fn_6r"></a><a href="#fn_6"><small><sup>6</sup></small></a> st&ouml;hnte dieser, lie&szlig; die Arme sinken,
+drehte sich einmal im Kreise herum und brach, wo er stand,
+zusammen.</p>
+
+<p>&raquo;<span class="wide">Den</span> Passagier k&ouml;nnt Ihr von der Liste streichen, Clerk,&laquo;
+sagte der Steuermann ruhig zu diesem, als er an Deck kam &mdash; &raquo;steht
+bei hier, Jungen, und hebt den Cadaver einmal in's
+Boot hinunter, und zwei von Euch waschen die Flecken hier
+weg und die Treppe rein. Marsch mit Euch und ein Bischen
+schnell &mdash; ist der Anker auf?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Alles klar, Sir!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Gut, in f&uuml;nf Minuten m&uuml;ssen wir unterwegs sein &mdash; die
+Herren m&ouml;gen die Geschichte dann selber an Land ausmachen.&laquo;</p>
+
+<p>Hopfgarten stand neben der Leiche und sah tief aufseufzend
+in die bleichen Z&uuml;ge, in die stieren zu ihm aufgedrehten Augen &mdash; aber
+er sprach kein Wort; nur das Messer, das er noch offen
+in der Hand trug, barg er wieder in der Scheide, und einen
+kleinen wei&szlig;en Handschuh aus seiner Brust nehmend, bog er
+sich nieder, und netzte das zarte schneeige Leder mit dem quellenden
+Blut des Gerichteten.</p>
+
+<p>Zwei Matrosen fa&szlig;ten die Leiche jetzt auf und trugen sie
+zu der Fallreepstreppe, wo Andere mit den Tauen standen und
+sie hinunter lie&szlig;en; der Constable hatte sich indessen vom Clerk
+das Gep&auml;ck, das dem Gericht verfallen war, ausliefern lassen.</p>
+
+<p>&raquo;Hallo, da kommt noch ein Passagier!&laquo; rief der eine
+Bootsmann, als die Seeleute die Leiche rasch nach unten
+viehrten &mdash; &raquo;dacht' es mir beinah, wie ich den Schu&szlig; h&ouml;rte.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hast eine gute Nase, Kamerad,&laquo; rief Einer der Matrosen
+nieder, &raquo;das aber da ist nur Ballast; schlagt die Taue los!&laquo;</p>
+
+<p>Die Koffer folgten dem K&ouml;rper, und diesen die Passagiere &mdash; oben
+l&auml;utete die Glocke, die R&auml;der rauschten und peitschten
+den gelben Schaum zu wirbelnden Wellen auf &mdash; stromauf
+arbeitete das gewaltige Schiff, einen weiten Bogen beschreibend
+in der kochenden, zischenden Fluth, und w&auml;hrend es sich stromab
+wandte, und das flatternde Banner der Vereinigten Staaten
+lustig im Winde wehte, ruderte das kleine Boot mit seiner
+traurigen Last langsam dem Lande wieder zu.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h2><a name="kap9" id="kap9"></a>Capitel 9.</h2>
+<h3>Das Haus im Walde.</h3>
+
+<p>Wieder keimten und spro&szlig;ten die Blumen im lieben
+deutschen Vaterland; die Wiesen hatten sich mit frischem Gr&uuml;n
+gedeckt, im Wald rauschte und fl&uuml;sterte der Wind gar so traulich
+und heimlich durch die jungen, saftigen Bl&auml;tter, und schaukelte
+die langen, duftenden Zweige der Birke, und trug die
+wirbelnde Lerche hoch in die blaue, sonnige Luft hinein.</p>
+
+<p>Wie das drau&szlig;en in den Feldern so regsam schaffte und
+arbeitete; wie die Heerden so fr&ouml;hlich bl&ouml;kten, die wieder hinaus
+durften in die warme, sommerliche Flur; wie die Schwalben &mdash; die
+lieben, lieben Schwalben so froh durch den &Auml;ther strichen
+und die St&ouml;rche, von den Kindern mit scheuer Ehrfurcht betrachtet,
+klappernd und von ihren Reisen erz&auml;hlend, auf den
+D&auml;chern standen, oder langsam &uuml;ber die feuchten Wiesenfl&auml;chen
+schritten, alte Jagdgr&uuml;nde zu revidiren.</p>
+
+<div class="center">
+<table style="margin: 0 auto" cellpadding="4" summary="Illustration Capitel 9">
+ <tr>
+ <td align="center">
+ <a href="images/img4r.jpg">
+ <img src="images/img4r.jpg" height="600"
+ alt="Illustration Capitel 9" /></a>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="center">
+ <span class="caption">Capitel 9.<br />
+ Click to <a href="images/img4.jpg">ENLARGE</a></span>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+</div>
+
+<p>Wie das zwitscherte und klang und sang und schmetterte
+in dem weiten, lichtdurchflutheten Raum, und die Luft mit
+seinem Glanz und Jubel f&uuml;llte, jeder Ton ein Loblied dem
+Herrn, jedes gr&uuml;ne Blatt, jeder duftende Kelch, jeder Thautropfen
+am schwankenden Halm, ein Dankesopfer seiner Allmacht
+und G&uuml;te. Oh wie sich auch die Menschenbrust da so
+froh und fr&ouml;hlich hebt, und das Herz mit jauchzt und jubelt,
+und hinauf m&ouml;chte, h&ouml;her und h&ouml;her hinauf, der steigenden
+Lerche nach, die mit zitterndem Fl&uuml;gelschlag, ein lebendiges
+Bild der Lust und Wonne, dort oben steht und betet. Wie es
+da stammelnd danken und preisen m&ouml;chte auch in <span class="wide">seiner</span>
+Weise, und nicht Worte, nicht Ausdruck findet f&uuml;r die Seligkeit,
+die in ihm gl&uuml;ht und lebt, und seine Adern f&uuml;llt, und
+deren Wiederglanz nur in der Thr&auml;ne zittert, die hei&szlig; und doch
+so lindernd da in's Auge steigt.</p>
+
+<p>Der Winter war vorbei &mdash; die Natur erwacht, und
+Gottes Odem wehte, ein Segen, &uuml;ber das weite, wundervolle
+Land, Luft und Frieden in der Menschen Herzen gie&szlig;end &mdash; aber
+nicht in alle. &mdash; Den schmalen Pfad der, das Dorf Waldenhayn
+umgehend, nach dem dunklen, die H&uuml;gel deckenden
+Kieferwald hinauff&uuml;hrte, schritt eine schlanke, bleiche Frau, einsam
+und allein; sie sah krank und h&uuml;lfsbed&uuml;rftig aus, und die
+blo&szlig;en, wegwunden F&uuml;&szlig;e lie&szlig;en hie und da in den Spuren
+Blutflecken zur&uuml;ck, wo ein scharfer Stein sie verletzt; der
+Stra&szlig;enstaub deckte dabei ihr Gewand, und die wei&szlig;e, fast
+durchsichtige Hand klammerte sich fest und wie krampfhaft an
+den rohen Eichenstock, der ihr zur St&uuml;tze diente.</p>
+
+<p>Neben ihr auf stieg wirbelnd die Lerche, und im Korn
+lockte das Rebhuhn und die Wachtel; &mdash; sie blieb stehn und
+horchte dem Laut, aber nicht vom Boden nahm sie den Blick,
+schauderte zusammen, als ob selbst diese s&uuml;&szlig;en T&ouml;ne nur furchtbare
+Erinnerungen f&uuml;r sie h&auml;tten, und schritt langem weiter
+ihre stille Bahn, dem Walde zu.</p>
+
+<p>Nur einmal blieb sie noch stehn, und zitterte, und w&auml;re
+fast in die Knie gesunken, als vor ihr, bis jetzt von Birken-
+und Weidenb&uuml;schen verdeckt, ein kleines, einsam gelegenes,
+&ouml;des H&auml;uschen, mit halb ge&ouml;ffneter Th&uuml;r und ausgebrochenen
+Fenstern sichtbar wurde; aber wie gewaltsam raffte sie sich zusammen,
+fa&szlig;te ihren Stab fester und schritt auf das niedere,
+verlassene Geb&auml;ude zu.</p>
+
+<p>Als sie die Schwelle erreichte, l&auml;uteten unten die Glocken
+den Nachmittagsgottesdienst aus, und als ob <span class="wide">die</span> T&ouml;ne sie mit
+furchtbarer, unwiderstehlicher Gewalt getroffen, brach sie zusammen
+in die Knie, und lag lange Minuten wie betend da.
+Dann erhob sie sich langsam wieder, warf noch einen scheuen
+Blick &uuml;ber das, unten das kleine Thal f&uuml;llende Dorf, und verschwand
+dann in dem dunklen Raum der H&uuml;tte.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="min" />
+<p>&nbsp;</p>
+<p>Unten im Dorf l&auml;uteten die Glocken den Nachmittagsgottesdienst
+aus, und der w&uuml;rdige Pastor Donner, dessen Haar
+die letzten drei Winter doch um ein Bedeutendes gebleicht, kam
+freundlich, rechts und links die noch vor der Kirche stehenden
+Kinder und Gemeindemitglieder gr&uuml;&szlig;end, die ihn, mit dem
+Hut in der Hand, vorbeilie&szlig;en, seiner kleinen Wohnung, dem
+duftigen, schattigen Garten zu, wo ihn zu dieser Zeit der
+Nachmittagskaffee in der bl&uuml;henden Fliederlaube erwartete. Aber
+mehr als das harrte heute sein.</p>
+
+<p>&raquo;Vater &mdash; lieber Vater!&laquo; jubelten ihm die Kinder entgegen,
+Bl&auml;tter Papier hoch und jauchzend empor haltend &mdash; &raquo;Brief
+von Georg ist gekommen &mdash; Brief vom Bruder Georg;
+er kommt her&uuml;ber in ein oder zwei Jahren mit seiner <span class="wide">Frau!</span> &mdash; er
+hat geheirathet, Vater &mdash; Bruder Georg hat geheirathet
+und es geht ihm gut!&laquo;</p>
+
+<p>Der Pastor blieb stehn, und als die Kinder auf ihn zugesprungen
+kamen und ihm in ihrer frohen Kindeslust den
+Brief entgegen hielten, bog er sich zu ihnen nieder und k&uuml;&szlig;te
+sie, aber die Mutter folgte ihnen, und barg ihr Haupt an des
+Gatten Brust. Sie hatte sprechen &mdash; erz&auml;hlen &mdash; mit den
+Kindern jubeln wollen, und kein Wort brachte sie jetzt vor
+Thr&auml;nen &uuml;ber die Lippen &mdash; aber es waren <span class="wide">Freudenthr&auml;nen.</span></p>
+
+<p>&raquo;Georg hat geheirathet!&laquo; jubelte Fritz dabei, der j&uuml;ngste
+Sohn, den Brief in der Hand schwenkend, und um die Anderen
+herumspringend &mdash; &raquo;ich bin jetzt ein <span class="wide">Schwager</span> geworden, und
+Du, Louise und Du Trinchen, Ihr seid Schw&auml;gerinnen &mdash; hurrah,
+Bruder Georg soll leben!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und es geht ihm gut?&laquo; fl&uuml;sterte der Pastor, der Gattin
+an ihn gelehnte Stirn wieder und wieder k&uuml;ssend.</p>
+
+<p>&raquo;Gut &mdash; recht, recht gut, Gott sei ewig gelobt und gedankt,&laquo;
+schluchzte die Frau &mdash; &raquo;da, lies nur selbst &mdash; ich habe
+vor Thr&auml;nen nicht weiter lesen k&ouml;nnen.&laquo;</p>
+
+<p>Auch Louise, die &auml;ltere Tochter, kam mit ihrem Br&auml;utigam,
+einem jungen Geistlichen aus Heilingen, dem Vater
+freudestrahlenden Auges entgegen, und w&auml;hrend die Glocken
+von dem alten Thurm noch klangen und t&ouml;nten, und den tiefen
+harmonischen Laut weit aus &uuml;ber das stille Dorf und an die
+sonnbeschienenen H&auml;nge der bl&uuml;henden H&uuml;gel sandten, sa&szlig;en die
+gl&uuml;cklichen guten Menschen in der duftenden Laube, und horchten
+der lieben, lieben Botschaft des fernen Bruders und Sohnes,
+der ihnen Gr&uuml;&szlig;e und K&uuml;sse weit &uuml;ber das Meer her&uuml;bergesandt,
+und ihre Herzen mit Gl&uuml;ck und Wonne und Dank,
+hei&szlig;em Dank gegen den H&ouml;chsten erf&uuml;llt hatte.</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &raquo;Seit drei Tagen bin ich jetzt mit meiner Marie
+verm&auml;hlt, und der gl&uuml;cklichste Mensch unter der Sonne. In
+den angenehmsten Familienverh&auml;ltnissen dabei, hat sich unsere
+Farm, die mein Schwiegervater schon im Begriff war um ein
+Spottgeld zu verschleudern, auf eine ganz unerwartete und kaum
+geahnte Weise verwerthet, denn ich habe beim Graben eines
+Brunnens, in der N&auml;he einer neu errichteten M&uuml;hle, selber ein
+<span class="wide">Kohlen</span>lager entdeckt, das, wenn auch noch nicht f&uuml;r den
+Augenblick, doch f&uuml;r die Zukunft einen bedeutenden Ertrag verspricht.
+Ein Amerikaner hat mir schon f&uuml;r die Bearbeitung
+eine sehr bedeutende Summe baar geboten, aber ich z&ouml;gere noch
+sie anzunehmen. Dabei bin ich ganz gegen meinen Willen,
+und durch einige gl&uuml;ckliche Kuren in den Ruf eines geschickten
+Arztes gekommen, und da sich unsere Gegend, durch die Unmasse
+der hier eintreffenden Einwanderer, sehr belebt, bleibt mir
+schon gegenw&auml;rtig kaum mehr Zeit, meinen l&auml;ndlichen Arbeiten
+so obzuliegen, wie ich es eigentlich w&uuml;nschte&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&mdash; &raquo;Noch eine andere Nachricht aus unserer Familie, die
+auch Euch interessiren wird, habe ich Euch mitzutheilen. Meine
+Schw&auml;gerin Anna, die &auml;ltere Schwester Mariens und ein sehr
+liebes, braves M&auml;dchen, hat ganz unerwarteter Weise einen
+Heirathsantrag aus Deutschland und zwar aus Heilingen, von
+dem fr&uuml;hern K&uuml;rschnermeister Kellmann bekommen. Kellmann
+ist, so weit ich ihn kenne, ein braver, rechtschaffener Mann und
+Anna scheint ihm auch gut zu sein. Er hat geschrieben, wenn
+sie ihm ein freundliches Ja schicke, wolle er unges&auml;umt
+her&uuml;berkommen &mdash; ich denke, wir werden ihn wohl n&auml;chstens hier
+sehn&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&mdash; &raquo;Der Rosensenker von Mutters Strauch vor dem
+Fenster, den mir Louise noch an jenem schmerzlichen Abend der
+Trennung gegeben, hat den Ehrenplatz in unserm freundlichen
+Garten, und gr&uuml;nt und bl&uuml;ht, da&szlig; es eine Lust und Freude ist, &mdash; die
+einliegende Knospe hat er getragen. Oh, wie mich
+der Bl&uuml;thenstock an Euch erinnert; ich habe ihn so lieb, und
+doch treten mir jedes Mal Thr&auml;nen in die Augen, wenn ich
+ihn ansehe. Meine Marie pflegt ihn selber; sie wird <span class="wide">Euch</span>
+auch gefallen. Hat sich das Gesch&auml;ft mit dem Kohlenlager
+erst geordnet, und sich dasselbe so eintr&auml;glich erwiesen, wie ich
+es jetzt wirklich glauben mu&szlig;, dann komme ich mit ihr hin&uuml;ber,
+Euch zu besuchen. Lieber Gott, es ist ja doch unser Aller
+Wunsch, sp&auml;ter einmal wieder nach Deutschland zur&uuml;ckkehren
+und dort unsere Tage beschlie&szlig;en zu k&ouml;nnen.&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>Unten am Brief in einer Nachschrift stand:</p>
+
+<p>&mdash; &raquo;&Uuml;ber den Steffen, der bei uns der schwarze Steffen
+hie&szlig;, und von dem ich Euch schon fr&uuml;her schrieb, wie ich mit
+ihm zusammengekommen, habe ich nichts N&auml;heres erfahren
+k&ouml;nnen. Auch seine Frau, die sich von ihm getrennt hatte, ist
+aus dem kleinen St&auml;dtchen, wo sie die letzte Zeit still und flei&szlig;ig,
+und mit keinem Menschen verkehrend, gearbeitet hatte, spurlos
+verschwunden; Amerika ist zu gro&szlig;, solche Leute im Auge behalten
+zu k&ouml;nnen.&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Du guter, barmherziger Gott,&laquo; sagte die Frau Pastorin,
+seufzend die H&auml;nde faltend, &raquo;ich begreife, wie schlechte Menschen
+einen Anderen aus Geldgier oder Rache, oder sonst in
+b&ouml;ser, s&uuml;ndhafter Leidenschaft <span class="wide">morden</span> k&ouml;nnen, aber da&szlig; Eltern
+im Stande sein sollen, ihre <span class="wide">Kinder</span> auf solche Art zu verlassen,
+begreife ich <span class="wide">nicht.</span> Das unvern&uuml;nftige <span class="wide">Thier</span> thut das
+ja nicht, sorgt f&uuml;r seine Jungen, und vertheidigt sie in Gefahr,
+und der <span class="wide">Mensch</span> soll schlechter sein, als das Thier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;F&uuml;r die Kinder war es ein Gl&uuml;ck,&laquo; sagte der Pastor,
+seufzend mit dem Kopfe nickend &mdash; &raquo;<span class="wide">was</span> h&auml;tten sie von solchen
+Eltern gelernt, <span class="wide">wie</span> w&auml;ren sie von ihnen erzogen worden, und
+jetzt sind sie bei guten Menschen untergebracht und versorgt.&laquo;</p>
+
+<p>Ein paar Knaben aus dem Dorfe kamen in diesem Augenblick
+athemlos an den Garten gerannt, rissen die M&uuml;tzen
+vom Kopfe, und schauten mit den roth erhitzten, dicken, gutm&uuml;thigen,
+jetzt aber jedenfalls durch irgend etwas sehr erregten
+Gesichtern durch die Gitterth&uuml;r hinein, wo der Geistliche sa&szlig;.</p>
+
+<p>&raquo;Was wollt Ihr, Kinder?&laquo; sagte dieser freundlich, indem
+er von seinem Sitze aufstand und auf sie zuging.</p>
+
+<p>&raquo;Oben am Berge spukt's!&laquo; rief aber der Eine von ihnen,
+in aller Eile und Gesch&auml;ftigkeit ganz den sonst gewi&szlig; nicht vers&auml;umten
+Gru&szlig; verge&szlig;end &mdash; &raquo;am schwarzen Steffen seinem
+Hause geht's um!&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Am Hause des schwarzen Steffen?&laquo; rief Pastor Donner,
+erstaunt den Platz gerade jetzt, wo sie sich selber damit besch&auml;ftigt,
+genannt zu h&ouml;ren &mdash; &raquo;wer hat Euch den Unsinn
+wei&szlig; gemacht?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ne, wahrhaftig,&laquo; rief der Andere betheuernd aus &mdash; &raquo;Hollebens
+Liese und Gutegrunds Annamarie haben den Geist
+von der &raquo;stolzen Jule&laquo; gesehn, der oben herumgeflogen ist.&laquo;</p>
+
+<p>Nur mit M&uuml;he bekam der jetzt aufmerksam werdende
+Geistliche heraus, da&szlig; zwei M&auml;dchen aus dem Dorfe oben am
+Wald auf dem kleinen, dem Haus gerade gegen&uuml;ber liegenden
+Hang gewesen waren, Blumen zu suchen, und an der, von den
+Dorfbewohnern &auml;ngstlich gemiedenen H&uuml;tte des schwarzen
+Steffen eine Gestalt gesehen h&auml;tten, von der sie erkl&auml;rten, da&szlig;
+sie der Geist der &raquo;stolzen Jule&laquo; sei. Sie habe keine Ruhe im
+Grabe, und ginge dort an der Stelle um, wo sie ein Verbrechen
+begangen, f&uuml;r das wir in der sonst so reichen deutschen
+Sprache nicht einmal einen Namen haben. Die H&uuml;tte lag
+auch noch, gef&uuml;rchtet und gescheut, unber&uuml;hrt so, wie man die
+Kinder damals darin gefunden, und nur mit dem Bettzeug und
+dem besten Hausger&auml;th herausgenommen hatte, und die Leute
+in den Spinnstuben erz&auml;hlten sich Abends schauerliche Geschichten
+von dem Ort.</p>
+
+<p>Pastor Donner sch&uuml;ttelte ungl&auml;ubig den Kopf zu der Erz&auml;hlung,
+Andere aber aus dem Dorf kamen nach, und der
+Schultze, der von den jungen M&auml;dchen selber den Bericht geh&ouml;rt,
+den sie mit bleichen Wangen und zitternden Lippen in's
+Dorf getragen, folgte den &Uuml;brigen, best&auml;tigte dem Herrn
+Pastor, was sich die Leute erz&auml;hlten, und bat ihn, mit ihm
+hinauf zu gehn nach dem alten Hause, das Ger&uuml;cht zu widerlegen,
+das sonst leicht mehr Nahrung gewann und von dem
+abergl&auml;ubischen Volke ausgeschm&uuml;ckt wurde, oder sich zu &uuml;berzeugen,
+was Wahres an der Sache sei.</p>
+
+<p>Die Frau Pastorin wollte mit den Kindern ihren Mann
+begleiten, er bat sie aber, zur&uuml;ckzubleiben, und schritt dann,
+seine Amtstracht ablegend und Hut und Stock nehmend, an
+der Seite des Schultzen durch das Dorf hin, den kleinen,
+mit Unkraut &uuml;berwucherten und fast verwachsenen Pfad hinauf,
+der zu dem, etwa eine kleine halbe Stunde von Waldenhayn
+entfernten Geb&auml;ude f&uuml;hrte. Eine Menge der Dorfbewohner
+schlo&szlig; sich ihnen unterwegs an, sie zu begleiten.</p>
+
+<p>Als sie den Platz erreichten, war Alles todtenstill; nur
+hie und da zwitscherten die V&ouml;gel in den Zweigen, und auf
+dem alten Eichbaum neben dem Haus sa&szlig; ein Rabe, drehte,
+als er die Menschen auf sich zukommen sah, den Kopf scheu
+nach rechts und links hin&uuml;ber, und strich dann mit seinem tief
+und unheimlich kr&auml;chzenden &raquo;<span class="wide">krah &mdash; krah</span>&laquo;&nbsp;&mdash; von dem
+Zweige ab, auf dem er gestanden, dem Holze zu!</p>
+
+<p>&raquo;Das war sie &mdash; das war sie!&laquo; fl&uuml;sterten die Frauen
+untereinander, inde&szlig; sie sich n&auml;her zusammendr&uuml;ckten, und
+scheu nach dem schwarzen Galgenvogel hin&uuml;berschauten, &raquo;jetzt
+werden sie Nichts mehr finden; die ist fort, und in der Nacht
+kommt sie wieder und sitzt dort auf dem alten Dach. Ich
+gehe nicht weiter mit &mdash; ich auch nicht &mdash; Gott soll mich bewahren
+vor <span class="wide">der</span> Stelle, die ewiglich verflucht ist.&laquo; rief eine
+andere Frau. &raquo;Man sollte Feuer anlegen und das Nest von
+der Erde vertilgen,&laquo; sagte Einer der M&auml;nner dann, &raquo;<span class="wide">ich</span> wenigstens
+m&ouml;chte nicht einmal einen von den Balken in meinem
+Ofen brennen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Die Th&uuml;r steht offen, da&szlig; sie immer recht bequem aus
+und ein k&ouml;nnen,&laquo; fl&uuml;sterte wieder eine Andere, &raquo;huh, wie mag's
+da drinnen um Mitternacht zugehn &mdash; der Schornstein sieht
+auch nicht umsonst so gelb und schweflig aus, und unsere
+Annakathrine hat neulich die Irrlichter hier oben wie toll
+herumtanzen sehen.&laquo;</p>
+
+<p>Die Leute aus dem Dorf blieben wirklich, als sie den
+kleinen freien Platz vor dem Haus erreichten, scheu an dessen
+Grenze stehn, und nur Pastor Donner schritt, von dem Schultzen
+begleitet, langsam dem Hause selber zu.</p>
+
+<p>&raquo;Ich habe schon lange einmal heraufgehen wollen, zu
+sehn, wie der Platz hier eigentlich aussieht,&laquo; sagte dieser endlich,
+&raquo;bin aber immer nicht dazu gekommen. Hm, wie &ouml;de
+und unheimlich das hier ist &mdash; es wundert mich gar nicht, da&szlig;
+sich die Kinder davor f&uuml;rchten, ist mir's doch selber ein ganz
+eignes, unbehagliches Gef&uuml;hl hier herzugehn &mdash; es ist fast, als
+ob man eine Richtst&auml;tte betr&auml;te.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wohl ist es so,&laquo; sagte Pastor Donner feierlich und mit
+halb unterdr&uuml;ckter Stimme, als ob er selber sich scheue, an
+diesem Orte laut zu sprechen. &raquo;Aber wir wollen hier nicht
+stehen bleiben; die Leute dort hinten murmeln schon miteinander,
+und glauben sonst, da&szlig; wir selber uns f&uuml;rchten, das Haus
+zu betreten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber was sollen wir darin?&laquo; sagte der Schultze ausweichend,
+und es lag ihm wirklich Nichts daran, dort hineinzugehen,
+&raquo;'was Lebendiges h&auml;lt sich hier oben nicht auf, sonst h&auml;tte der
+scheue Rabe da nicht im Baum gesessen, und an Gespenster
+glauben wir doch alle Beide nicht.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich bin einmal oben,&laquo; sagte der Geistliche mit seinen
+eigenen Gedanken besch&auml;ftigt, denn vor seinen Augen schwebte
+in diesem Augenblick die Scene auf dem Amerikanischen Dampfboot,
+die ihm in einem fr&uuml;heren Briefe der Sohn beschrieben,
+&raquo;und m&ouml;chte auch das Innere des Hauses sehn, das ich seit
+jenem Tag, wo wir die armen, halb verhungerten Kinder hier
+oben abholten, nicht betreten.&laquo;</p>
+
+<p>Langsam schritt er, von dem Schultzen nur widerstrebend
+gefolgt, der Th&uuml;re zu, schob diese noch etwas weiter
+auf, mehr Licht und Luft hineinzulassen, und betrat, durch den
+schmalen dunklen Gang gehend, die fr&uuml;here Stube des &raquo;schwarzen
+Steffen&laquo;. Dort aber schrak er selber einen Schritt zur&uuml;ck,
+denn auf dem Boden vor ihm lag ausgestreckt und regungslos
+eine menschliche, weibliche Gestalt.</p>
+
+<p>&raquo;Was giebt's? &mdash; was ist?&laquo; rief der Schultze, der den
+unwillk&uuml;rlich ausgesto&szlig;enen Ruf des Erstaunens geh&ouml;rt, und
+auf der Stelle stehen blieb, wo er gerade stand, w&auml;hrend sich
+eine Anzahl Burschen aus dem Dorfe n&auml;her herandr&auml;ngten,
+die Frauen und M&auml;dchen aber noch scheuer zur&uuml;ckwichen, und
+sich schon halb zur Flucht wandten.</p>
+
+<p>Pastor Donner winkte aber dem Schultzen langsam und
+traurig n&auml;her zu kommen, und als dieser die Schwelle betrat,
+deutete er nieder auf den vor ihm ausgestreckten K&ouml;rper der
+Ungl&uuml;cklichen, die Gram und Reue, und der nagende Wurm
+im Herzen wieder her&uuml;ber, zur&uuml;ckgetrieben hatte durch das
+weite, wilde Land, &uuml;ber das weite Meer, an dem Ort, wo sie
+so furchtbar sich vergangen &mdash; <span class="wide">zu sterben.</span></p>
+
+<p>Jetzt rasteten die blutigen, nackten F&uuml;&szlig;e von der weiten
+Wanderschaft, jetzt ruhte das arme Herz, das in Verzweiflung
+und Gram wohl manche lange furchtbare Nacht <span class="wide">die</span> Stunde
+hier herbeigesehnt, mit dem Kopf auf den zerfallenen Kasten
+gest&uuml;tzt, der dem j&uuml;ngsten Kind in fr&uuml;herer Zeit zu seinem Bettchen
+gedient hatte, aus von seinem Leid und Weh. Der
+K&ouml;rper selber war abgefallen und mager, die Wangen hohl
+und d&uuml;nn, aber ein ruhiges, seliges L&auml;cheln zog sich um die
+bleichen, kalten Lippen, die der Tod f&uuml;r immer geschlossen.
+Was sie ver&uuml;bt, was sie ges&uuml;ndigt, sie hatte schwer gelitten &mdash; hatte
+tief bereut, und wie, als ob die Kr&auml;fte ihr nur eben
+noch gehorcht, <span class="wide">die</span> Stelle zu erreichen, war hier der Tod, ein
+willkommener lieber Freund, zu ihr getreten, sie zu erl&ouml;sen von
+ihren Leid.</p>
+
+<p>Neugierig und muthig gemacht, durch das Verweilen der
+beiden M&auml;nner im Haus, dr&auml;ngten die &uuml;brigen Dorfbewohner
+jetzt auch nach und nach heran, und der Ruf. &raquo;die stolze Jule &mdash; die
+stolze Jule liegt todt im Haus!&laquo; f&uuml;llte den kleinen
+Raum bald mit einem Theil der Schaar, die jedoch die Leiche
+immer noch scheu und furchtsam umstanden. &Uuml;ber ihr aber
+faltete Pastor Donner die H&auml;nde und sagte mit leiser, tiefbewegter
+Stimme:</p>
+
+<p>&raquo;Gott hat in seiner Vaterhuld sich Dein erbarmt, Du
+armes verirrtes Kind &mdash; Du hast schwer ges&uuml;ndigt &mdash; schwer
+und furchtbar, aber auch viel, viel gelitten, und Gram und
+Reue haben ihre Z&uuml;ge mit scharfen Furchen in Dein Angesicht
+gegraben. Er sei Deiner armen Seele gn&auml;dig!&laquo;</p>
+
+<p>Und seinen Hut abnehmend, welchem Beispiele rasch und
+scheu alle &Uuml;brigen folgten, betete er still und br&uuml;nstig &uuml;ber
+der abgerufenen S&uuml;nderin.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h2><a name="kap10" id="kap10"></a>Capitel 10.</h2>
+<h3>Der rothe Drachen bei Heilingen.</h3>
+<h5>Schlu&szlig;.</h5>
+
+<p>Im rothen Drachen bei Heilingen herrschte heute ein
+reges, gesch&auml;ftiges Leben; Kellner liefen und st&uuml;rzten durcheinander
+hin, Tische wurden ger&uuml;ckt, St&uuml;hle getragen, Tischt&uuml;cher
+ausgebreitet, und K&ouml;rbe mit Flaschen und Getr&auml;nken
+angeschleppt, als ob ein Regiment damit versorgt werden sollte.
+Im Garten, der mit einer Masse Kr&auml;nze und Blumen und
+Guirlanden geschm&uuml;ckt war, standen noch einzelne Arbeiter, die
+mit frischem Sand bestreuten G&auml;nge von den hineingefallenen
+Bl&auml;ttern und Zweigen des Ausschmucks zu reinigen, und unter
+einem kleinen, erst k&uuml;rzlich aufgeschlagenen und ganz mit
+frischen Blumen besteckten und behangenen Zelt, lagen eine
+Reihe breitbauchiger Bierf&auml;sser mit eingesteckten gef&auml;lligen H&auml;hnen,
+nur der Hand harrend, die sie aufdrehen w&uuml;rde, ihr sch&auml;umendes,
+kr&auml;ftiges Na&szlig; zu spenden.</p>
+
+<p>Den Pfad herunter, der von Zurschtel niederf&uuml;hrte, kam
+ein Bettler an einer Kr&uuml;cke daher gehinkt. Es war sonst eine
+breitschultrige, kr&auml;ftige Gestalt, aber mit eingefallenen Backen
+und hohlliegenden Augen, das linke Bein ziemlich dick in
+alte zerlumpte T&uuml;cher und Lappen eingeschlagen, und die
+linke Seite seines Gesichts ebenfalls mit einen schmutzigen Tuch
+verbunden.</p>
+
+<p>Als er die Gartenth&uuml;r erreichte, blieb er stehen, und sah
+hinein, betrat aber den Garten selber nicht, und schaute still
+und aufmerksam nach dem Haus hin&uuml;ber.</p>
+
+<p>Den breiten Gang herunter, der von der Guirlanden geschm&uuml;ckten
+Hausth&uuml;r in gerader Linie nach dem Thore zu f&uuml;hrte,
+schritt der Eigenth&uuml;mer des Grundst&uuml;cks, Herr Kaspar Helker,
+nach seinen Arbeitern zu sehn. In die N&auml;he des Bettlers gekommen,
+zog dieser den Hut ab, und sagte mit bittender H&ouml;flichkeit:</p>
+
+<p>&raquo;W&auml;ren Sie wohl so gut, lieber Herr, mir zu sagen
+was heute hier los ist im rothen Drachen, mit all den Kr&auml;nzen
+und Blumen, und welches Fest Sie feiern?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja wohl Freund,&laquo; sagte Herr Kaspar Helker, den armen
+zerlumpten Teufel dabei mit aufmerksamem, vielleicht
+nicht besonders befriedigtem Blick betrachtend, &raquo;Herr von Hopfgarten
+feiert heute seine Verm&auml;hlung mit des reichen Dollinger
+j&uuml;ngster Tochter, die fr&uuml;her, ich wei&szlig; nicht, ob Ihr die Geschichte
+kennt, an einen, jetzt gestorbenen, Amerikaner verheirathet war.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Herr von Hopfgarten &mdash; hm &mdash; Herr von Hopfgarten &mdash; der
+Name ist mir doch gar bekannt; stammt er von hier?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Nein, aus dem Mecklenburgischen. &mdash; Kommt Ihr weit
+her? &mdash; Ihr seht m&uuml;de und krank aus.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Sehr weit &mdash; bin aber wohl mehr hungrig und durstig,
+wie krank,&laquo; sagte der Mann, mit einem scheuen Blick nach
+den Brod- und Kuchenk&ouml;rben hin&uuml;ber.</p>
+
+<p>&raquo;So kommt herein und e&szlig;t und trinkt,&laquo; lud ihn der
+Wirth freundlich ein, &raquo;und Ihr habt <span class="wide">mir</span> nicht einmal daf&uuml;r
+zu danken,&laquo; setzte er rasch hinzu; &raquo;Herr von Hopfgarten hat
+strengen Befehl gegeben, Niemand heute, wer es auch sei, ungespeist
+von dannen zu lassen. Es ist frei Bier und Essen hier
+im Haus.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm, da bin ich gerade zur rechten Zeit gekommen,&laquo;
+sagte der Mann, immer aber noch z&ouml;gernd den Garten zu betreten.</p>
+
+<p>&raquo;So kommt herein und setzt Euch gleich dort in eine von
+jenen kleinen Lauben,&laquo; sagte der Wirth; &raquo;die werden heute
+nicht benutzt und Ihr &mdash; Ihr seht eben nicht appetitlich genug
+aus zwischen den andern G&auml;sten zu sitzen. Es soll Euch aber
+an Nichts fehlen,&laquo; f&uuml;gte er rasch hinzu, &raquo;heh Wilhelm! besorgen
+Sie mir einmal f&uuml;r den Alten dort in die Laube ein
+Mittagsessen und Bier.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Bier kann ich nicht gut vertragen &mdash; wenigstens nicht
+gleich auf den leeren Magen hinein &mdash; g&auml;ben Sie mir einen
+Schnaps vorher?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Auch den sollt Ihr haben &mdash; heh Wilhelm &mdash; ein Glas
+K&uuml;mmel &mdash; aber ein gro&szlig;es Glas, und dann d&uuml;rft Ihr ihm
+Bier geben, was er trinken will.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Danke,&laquo; sagte der Bettler, und hinkte an seiner Kr&uuml;cke
+in den Garten hinein. An der Schwelle blieb er noch einmal
+stehn, und warf einen scheuen Blick nach rechts und links, und
+wandte sich dann der kleinen Laube zu, in deren Schatten er
+verschwand.</p>
+
+<p>&raquo;Dort kommen die Wagen!&laquo; rief da Einer der Kellner,
+der vor die Th&uuml;r getreten war, den Weg hinunter zu sehen,
+&raquo;hierher, Herr Helker &mdash; sie kommen!&laquo;</p>
+
+<p>Der Wirth sprang mit seinem Kellner der Th&uuml;r zu,
+die G&auml;ste zu empfangen, und die Wagen rasselten unter dem
+fr&ouml;hlichen Schmettern der Posth&ouml;rner lustig die Stra&szlig;e herunter.</p>
+
+<p>In dem vordersten sa&szlig; Herr von Hopfgarten mit seiner
+jungen Frau, sein gutm&uuml;thiges Gesicht ordentlich verkl&auml;rt, seine
+Augen blitzend in Wonne und Seligkeit, und auch in Claras
+liebe Z&uuml;ge war das frohe, s&uuml;&szlig;e L&auml;cheln zur&uuml;ckgekehrt, das ihrem
+Antlitz sonst einen so unwiderstehlichen Reiz verliehen. Die
+d&uuml;stere tr&uuml;be Zeit lag hinter ihr, wie ein b&ouml;ser Traum, und
+hell und freundlich gl&uuml;hte wieder das Sonnenlicht auf ihren
+Weg.</p>
+
+<p>Den zweiten Wagen f&uuml;llte die Dollingersche Familie, der
+alte Herr mit Frau, Tochter und Schwiegersohn, denn auch
+Sophie war im vorigen Herbst an einen reichen Gutsbesitzer,
+aber ebenfalls einen alten Bekannten von uns, verheirathet
+worden. Herr Baron von Benkendroff n&auml;mlich hatte sich nach
+seiner R&uuml;ckkehr von Amerika zuf&auml;llig einige Zeit in Heilingen
+aufgehalten, dort die sch&ouml;ne reiche Kaufmannstochter gesehn
+und kennen gelernt, sich zu gleicher Zeit sterblich in sie verliebt
+und seine Hochzeit, da ihn auch Sophie lieb gewonnen, gleich
+in demselben Monat noch gefeiert.</p>
+
+<p>In den anderen Kutschen, aber alle von mit Blumen geschm&uuml;ckten
+Postillionen gefahren, sa&szlig;en die Hochzeitsg&auml;ste aus
+der Stadt, bunt gemischte, aber fr&ouml;hliche Menschen, und unter
+ihnen das gutm&uuml;thige Gesicht unseres alten Freundes Kellmann,
+neben der scharfgeschnittenen aber heute ebenfalls zufrieden
+l&auml;chelnden Physiognomie seines unzertrennlichen Gesellschafters,
+des Apotheker Schollfeld.</p>
+
+<p>An der Gartenth&uuml;r von dem Wirth und einer Schaar
+gesch&auml;ftiger Kellner empfangen, stiegen die jungen Eheleute
+aus, und begr&uuml;&szlig;ten hier zuerst ihre G&auml;ste, und w&auml;hrend das,
+hinter einer k&uuml;nstlichen Blumenhecke aufgestellte Militair-Musikchor &mdash; eine
+&Uuml;berraschung Kellmanns &mdash; pl&ouml;tzlich mit schmetternden
+Trompeten in Mendelsohns herrlichen Hochzeitsmarsch
+des Sommernachtstraums einfiel, und dem kleinen gl&uuml;cklichen
+Hopfgarten vor R&uuml;hrung auf einmal die gro&szlig;en hellen Thr&auml;nen
+in die Augen traten, setzte sich der Zug in Bewegung,
+dem Hause zu.</p>
+
+<p>Das Mahl ging vor&uuml;ber, wie derartige Mahlzeiten gew&ouml;hnlich
+thun; eine Menge Toaste wurden ausgebracht, und
+die gl&uuml;cklichen Menschen jubelten, lachten und erz&auml;hlten bis
+sp&auml;t am Nachmittag, wo der Kaffee im Garten selber servirt
+werden sollte, und die G&auml;ste dann zusammen in das Dollingersche
+Haus eingeladen waren, wo Herr Dollinger einen
+kleinen Ball f&uuml;r den Abend arrangirt hatte.</p>
+
+<p>Im Garten, bei lustig t&ouml;nenden Fanfaren, bildeten sich
+dann kleine Gruppen, und Benkendroff, Kellmann und Schollfeld
+hatten sich n&auml;chst dem Thor auf dem kleinen Vorbau, wo
+sie die wundervolle Aussicht nach dem gr&uuml;nen herrlichen Thal
+und den fernen Bergen genie&szlig;en konnten, zusammengefunden
+ihre Cigarre zu rauchen. Nach einer Weile fand sich auch
+Hopfgarten zu ihnen, sie zu bitten, sich bereit zu halten, da die
+Wagen bald wieder vorfahren w&uuml;rden.</p>
+
+<p>&raquo;Wer uns das damals gesagt h&auml;tte, Hopfgarten,&laquo; rief
+Benkendroff, seine Hand l&auml;chelnd auf des Freundes Schulter
+legend, &raquo;als wir auf der Haidschnucke zusammen Whist spielten,
+oder selbst als wir in New-Orleans von einander Abschied
+nahmen, da&szlig; wir <span class="wide">heute</span> hier <span class="wide">so</span> zusammenstehen
+w&uuml;rden.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Dem w&auml;r' ich schon damals vor Freude um den Hals
+gefallen, Benkendroff,&laquo; sagte der kleine Mann mit leuchtenden
+Augen.</p>
+
+<p>&raquo;Es ist eine merkw&uuml;rdige, mir aber h&ouml;chst interessante
+Thatsache,&laquo; rief da Herr Schollfeld, sich die H&auml;nde reibend,
+&raquo;da&szlig; <span class="wide">die</span> Menschen, die einmal in Amerika <span class="wide">gewesen,</span> und
+gl&uuml;cklich wieder, ein sehr seltener Fall, zur&uuml;ckgekommen sind,
+sich am wohlsten f&uuml;hlen. Und trotzdem, trotz allen schlagenden
+Beweisen, will sich dieses ungl&uuml;ckselige Menschenkind, dieser
+fr&uuml;here K&uuml;rschnermeister hier, nicht warnen lassen, sondern
+ebenfalls mit einem Leichtsinn, den man kaum einem jungen
+Menschen von achtzehn Jahren verzeihen w&uuml;rde, hin&uuml;ber nach
+diesem gottvergessenen Lande der Freiheit ziehn, und <span class="wide">das</span>
+nennt er <span class="wide">sich zu Ruhe setzen.</span> Es w&auml;re mehr Verstand
+darin, wenn er hier Nachtw&auml;chter oder Brieftr&auml;ger w&uuml;rde.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Aber bester Herr Schollfeld,&laquo; sagte Hopfgarten, &raquo;Sie
+wissen ja, da&szlig; er um seine jetzige Braut erst <span class="wide">dort</span> angehalten
+hat, und von Fr&auml;ulein Lobenstein doch nicht verlangen kann
+her&uuml;ber <span class="wide">zu ihm</span> zu kommen; er mu&szlig; sie doch wenigstens <span class="wide">abholen.</span>&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich will auch noch gar nicht verschw&ouml;ren, da&szlig; ich dr&uuml;ben
+<span class="wide">bleibe,</span>&laquo; sagte Kellmann ruhig, &raquo;mir aber jedenfalls die
+Verh&auml;ltnisse dort ordentlich ansehn. Meines k&uuml;nftigen Schwagers,
+Georg Donners, Beschreibung des dortigen Landes lautet
+keineswegs entmuthigend; von anderer Seite habe ich
+ebenfalls recht gute Berichte &uuml;ber das wirkliche Farmerleben
+geh&ouml;rt, und kann ich mir dort mit meinem Capital, und von
+dem Rath meiner guten Freunde unterst&uuml;tzt, eine ruhige, <span class="wide">gl&uuml;ckliche</span>
+Stellung gr&uuml;nden, warum nicht? &mdash; Freund Schollfeld
+m&uuml;ssen Sie aber viel zu gut halten, mein lieber Herr von
+Hopfgarten; er ist als ein Antiamerikaner hier schon bekannt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Und hab' ich nicht recht?&laquo; rief dieser hitzig, &raquo;hatt' ich
+nicht recht auch mit jenem lebendigen Loblied Amerikas, jenem
+Weigel, der Betr&uuml;gereien halber landesfl&uuml;chtig werden
+mu&szlig;te.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Das war ein einzelner Lump und kann nicht als Maasstab
+gelten,&laquo; sagte Kellmann.</p>
+
+<p>&raquo;Lassen Sie das gut sein,&laquo; nahm Benkendroff hier des
+Apothekers Parthie, &raquo;Herr Schollfeld hat sehr gediegene und
+vern&uuml;nftige Ansichten &uuml;ber Amerika, und Sie werden mir zugeben,
+da&szlig; <span class="wide">ich</span> ebenfalls im Stande bin ein Urtheil dar&uuml;ber zu
+f&auml;llen; ich kenne das Land aus Erfahrung, aus eigener, pers&ouml;nlicher
+Anschauung.&laquo;</p>
+
+<p>Hopfgarten wechselte mit Kellmann einen gutm&uuml;thig
+l&auml;chelnden Blick, und sagte, sich an diesen wendend:</p>
+
+<p>&raquo;Wie kommt es nur, da&szlig; Sie Fr&auml;ulein Lobenstein, wenn
+Sie dieselbe schon so lange geliebt haben, von hier fortziehen
+lie&szlig;en, ohne ihr Ihr Herz zu &ouml;ffnen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Weil es ein wahnsinnig, unnat&uuml;rlich versch&auml;mter K&uuml;rschnermeister
+war,&laquo; rief Schollfeld, die Antwort f&uuml;r seinen
+Freund aufnehmend, &raquo;wie Lobensteins hier fort waren,
+ging er herum wie ein begossener Pudel, sprach mit Niemandem,
+trank nicht mehr, schnitt ein Gesicht, als ob er
+&Auml;pfelwein getrunken h&auml;tte, und wollte keinem Menschen Rede
+stehn, beinah zwei Jahre lang. Endlich bekam ich's heraus,
+und da gestand er mir, da&szlig; er &mdash; sehn Sie sich den Menschen
+einmal an &mdash; <span class="wide">keine Courage h&auml;tte</span> den Schritt zu wagen,
+obgleich er selber fast hoffe, Anna Lobenstein sei ihm nicht ganz
+abgeneigt. Da h&ouml;rt denn doch Alles auf. Na ich nahm ihn
+dann ordentlich in's Gebet, schon meiner selbst willen, denn
+es ist ja langweilig mit einem solchen verliebten Kopfh&auml;nger
+umgehn zu m&uuml;ssen. Er lie&szlig; sich auch endlich &uuml;berzeugen,
+und ist mir nachher, wie er den Zusagebrief erhielt, um den
+Hals gefallen, und hat mich &raquo;sein liebes Schollfeldchen&laquo;
+genannt &mdash; und so ein Mensch will nach Amerika.&laquo;</p>
+
+<p>Die M&auml;nner lachten &uuml;ber Schollfelds komischen Eifer und
+Hopfgarten sagte, noch immer l&auml;chelnd. &raquo;Sie reden gerade als
+ob Amerika ein <span class="wide">Ungl&uuml;ck</span> w&auml;re.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ist es auch,&laquo; rief Schollfeld hitzig, &raquo;ist es auch, und
+der arme Teufel, der Ledermann, sonst so ein netter, rechtschaffener
+Kerl, wu&szlig;te wohl, was er that. <span class="wide">Der</span> h&auml;tte auch nach
+Amerika gehn k&ouml;nnen, aber was ich ihm dar&uuml;ber die ganze
+Zeit vorgepredigt, hatte gute Fr&uuml;chte getragen; er sprang lieber
+in's Wasser, Ruh zu haben, ehe er solch verzweifelten Schritt
+that. Ist mir &uuml;brigens doch Leid um ihn, und ich h&auml;tte ihm
+etwas Besseres gew&uuml;nscht &mdash; das verfluchte Spiel.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Seine Frau ist noch in Heilingen?&laquo; sagte Hopfgarten.</p>
+
+<p>&raquo;Ja,&laquo; sagte Schollfeld m&uuml;rrisch, &raquo;will aber wirklich dieses
+Fr&uuml;hjahr mit ihrem Bruder auswandern. Das ist auch
+so ein Lump, hat zweimal Bankerott gemacht, und nun nat&uuml;rlich
+nichts Gescheuteres zu thun, als da&szlig; er nach Amerika
+geht. Solche Leute geh&ouml;ren auch dorthin, aber vern&uuml;nftige
+und rechtschaffene Menschen sollten besser wissen, was sie sich
+und ihren Familien schuldig w&auml;ren.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Apropos, lieber Kellmann,&laquo; sagte Hopfgarten da pl&ouml;tzlich
+an diesen gewandt, &raquo;erinnern Sie mich doch daran; ehe
+Sie fortgehn, m&ouml;chte ich Ihnen noch ein paar Zeilen an einen
+sehr lieben Freund von mir, einen Herrn <span class="wide">Fortmann</span> in
+New-Orleans, mitgeben; er kann Ihnen dort von Nutzen
+sein.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ich danke Ihnen, ich werde es nicht vergessen &mdash; Sie
+haben ja wohl heute Briefe von dort bekommen?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja &mdash; eben von Fortmann. Das wird Sie auch interessiren;
+Sie wissen doch, da&szlig; der arme, ungl&uuml;ckliche Lo&szlig;enwerder
+eine Schwester hatte?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Lieber Gott,&laquo; sagte Kellmann, hinauf auf die Stra&szlig;e
+deutend, &raquo;an <span class="wide">dieser</span> Stelle trafen wir das arme Kind,
+Ledermann und ich, an jenem Abend, wo sie hier allein und zu
+Fu&szlig; in die Stadt kam, und noch keine Ahnung von der furchtbaren
+Nachricht hatte, die ihrer wartete. Es geht ihr gut jetzt,
+wie Sie uns schon fr&uuml;her sagten.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Besser jetzt wenigstens wieder &mdash; Fortmann schreibt mir
+eben, da&szlig; au&szlig;er der bei dem Raubanfall erlittenen Mishandlung
+Schreck und Aufregung sie so ergriffen h&auml;tten, sie lange
+Monate an ihr Lager zu fesseln. Hamann hat auch deshalb
+besonders sein Gesch&auml;ft aufgegeben, und sich weiter den Strom
+hinauf in ein ges&uuml;nderes Klima gezogen. Der Nachla&szlig; seines
+Vaters ergab &uuml;brigens, wie es scheint, ganz unerwarteter
+Weise, ein gar nicht geahntes, h&ouml;chst bedeutendes Verm&ouml;gen,
+das der alte Geizhals von dem Schwei&szlig; und Blut armer
+Auswanderer zusammengescharrt. An Aktien und Papieren,
+Geld und Juwelen, ganze S&auml;le voll Leinwand und anderen
+Sachen gar nicht gerechnet, fanden sich weit &uuml;ber hunderttausend
+Dollar. Der junge Hamann ist aber ein braver, rechtschaffener
+Kerl, der gern wieder, wenigstens einen Theil dessen
+gut machen m&ouml;chte, was sein Vater schlecht gemacht, und Fortmann
+schreibt mir eben, da&szlig; er, besonders von seiner Frau
+dazu angeregt der Stadt New-Orleans die volle H&auml;lfte des
+ganzen Verm&ouml;gens zur Verf&uuml;gung gestellt habe, wenn sie das
+andere Geld zuschie&szlig;en und ein gro&szlig;es Auswanderungshaus,
+das unter st&auml;dtischer Aufsicht steht, gr&uuml;nden wolle, wo der
+Einwanderer vor Betrug sicher sei, und der arme h&uuml;lfsbed&uuml;rftige
+Arbeiter auf eine gewisse Zeit, seinen ersten Aufenthalt zu
+decken, selbst unentgeldlich Obdach und Nahrung f&auml;nde. Wenn
+es zu Stande k&auml;me, w&auml;re es ein Segen f&uuml;r Tausende, und
+New-Orleans, als Theil der Staaten, erf&uuml;llte damit nur eine
+schon l&auml;ngst schwer auf ihm gelegene Pflicht der Hafenst&auml;dte,
+Tausende von Ungl&uuml;cklichen, die nach Amerika kamen, dem
+Lande ihre Kr&auml;fte zu weihen, vor Verderben und Untergang,
+wenigstens vor grenzenloser Noth zu bewahren. Gott gebe
+seinen Segen dazu.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Wie wunderbar doch Gottes Wege sind,&laquo; sagte Kellmann,
+langsam mit dem Kopf dazu sch&uuml;ttelnd; &raquo;das arme
+Kind, das wenige Jahre fr&uuml;her, ohne einen Groschen, seine
+Nachtherberge zu zahlen, barfu&szlig; hier die Stra&szlig;e wanderte,
+verf&uuml;gt jetzt &uuml;ber Tausende, und sucht Schmerz und Elend zu
+lindern, das sie selber ja so schwer aus ihrem eigenen Leben
+kennt.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Da kommen die Damen,&laquo; sagte von Benkendroff, der
+sich f&uuml;r die Leute nicht im mindesten interessirte, und indessen
+langsam seinen Kaffee getrunken und seine Cigarre geraucht
+hatte, &raquo;Schwiegermama scheint aufbrechen zu wollen, die Anordnungen
+zum Ball zu revidiren. Dort rasseln auch schon die
+Wagen heran,&laquo; rief er seine Cigarre wegwerfend, &raquo;also meine
+Herren, auf Wiedersehn heute Abend.&laquo;</p>
+
+<p>Die Kutschen kamen jetzt, unter dem fr&ouml;hlichen H&ouml;rnerschmettern
+des Postillions, um die Gartenwand gefahren und
+die erste hielt vor dem Thor, in die Hopfgarten wieder, als
+Ehrenpaar den Zug anzuf&uuml;hren, seine junge, l&auml;chelnde Frau
+hineinhob, und dann Platz an ihrer Seite nahm. Langsam
+fuhr dann der Postillion voraus, bis s&auml;mmtliche G&auml;ste ihre
+Sitze eingenommen hatten, und der ganze Zug unter dem Hurrahgeschrei
+der s&auml;mmtlichen Dorfbewohnerschaft, der ebenfalls f&uuml;r
+den Abend hier drau&szlig;en ein Fest bereitet worden, rasch die
+Stra&szlig;e nach Heilingen hinabrollte.</p>
+
+<p>Der Wirth hatte seine &raquo;innigsten Gl&uuml;ckw&uuml;nsche&laquo; s&auml;mmtlich
+angebracht, und seine tiefen und freundlichen B&uuml;cklinge
+noch gemacht, bis der letzte Wagen schon lange sein Grundst&uuml;ck
+passirt war, drehte sich dann mit demselben freundlichen Gesicht
+um, gab einem der in die Lehre genommenen jungen Kellner,
+der mit offenem Maule neben ihm stand, eine Ohrfeige,
+und schickte den dar&uuml;ber auf's &Auml;u&szlig;erste Erstaunten an seine
+Arbeit, und lief selber in das Haus zur&uuml;ck, das Wegr&auml;umen
+der nicht getrunkenen Weine zu &uuml;berwachen.</p>
+
+<p>Nur der Oberkellner blieb, sich vergn&uuml;gt die H&auml;nde reibend,
+und mit schmunzelnden, ein vortreffliches Trinkgeld verrathendem
+Antlitz noch einen Augenblick in der Th&uuml;re stehn,
+bis auch die letzte Staubwolke auf der Stra&szlig;e verschwunden
+war, und wandte sich eben, seinem Principal zu folgen, als
+der alte Bettler, der bis dahin vollkommen unbeachtet in der
+dichten Laube gesessen hatte, daraus hervor und auf ihn zu hinkte,
+den Garten zu verlassen.</p>
+
+<p>&raquo;Nun, Alter, hat's geschmeckt?&laquo; sagte der Oberkellner
+mit einem huldvollen L&auml;cheln ihm zunickend &mdash; &raquo;seid Ihr
+satt geworden?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Vollkommen, Gott lohn' es Ihnen!&laquo; seufzte der Mann
+und strich sich mit der Hand &uuml;ber das Gesicht &mdash; &raquo;aber eine
+Frage h&auml;tt' ich noch, die Sie mir wohl beantworten k&ouml;nnen.
+Jener Herr von Hopfgarten&nbsp;&mdash;&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja?&laquo; frug der Kellner, die Augen fest zusammenpressend,
+und sich wieder aus Leibeskr&auml;ften die H&auml;nde reibend &mdash; &raquo;der
+eben fortfuhr?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Ja, derselbe &mdash; war der Herr auch schon einmal in
+Amerika?&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Der? &mdash; nun ja, gewi&szlig;; auf der Hinreise hat er ja seine
+jetzige Frau, die fr&uuml;here Madame Henkel kennen lernen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Hm &mdash; ja <span class="wide">Henkel,</span>&laquo; wiederholte der Mann leise vor
+sich hin.</p>
+
+<p>&raquo;Dort hat er auch,&laquo; fuhr der Kellner, seinem Ideenlauf
+folgend, der ihn besonders interessiren mochte, fort &mdash; &raquo;den
+fr&uuml;heren Wirth hier vom rothen Drachen, den Lobsich, gefunden,
+der in Milwaukie ebenfalls einen rothen Drachen errichtet
+hat. Bei Tisch erz&auml;hlte er uns die Geschichte &mdash; hahahahaha &mdash; es
+war zu komisch. Na adieu Alter &mdash; gl&uuml;cklichen Marsch,&laquo;
+und den Mann in der Th&uuml;re stehn lassend, ging er vor allen
+Dingen in die Laube, wo jener gesessen, zu sehn, ob er auch
+weder Messer noch Gabel mitgenommen und scho&szlig; dann, wieder
+wie vorher die H&auml;nde reibend, als ob er sie in Feuer bringen
+wollte, nach dem Speisesaal hin&uuml;ber.</p>
+
+<p>Der Bettler drehte sich langsam ab von ihm.</p>
+
+<p>&raquo;'S ist mir doch 'was Unbedeutendes!&laquo; fl&uuml;sterte er leise
+und tief aufseufzend vor sich hin, und hinkte, w&auml;hrend ihm
+eine gro&szlig;e Thr&auml;ne &uuml;ber die eine offene Backe hinunter und in
+das Tuch lief, dem nicht mehr fernen Heilingen zu.</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="narrow" />
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h3>FUSSNOTEN &mdash; FOOTNOTES</h3>
+
+<p class="noindent"><a name="fn_1" id="fn_1"></a><a href="#fn_1r">1</a>: In Arkansas kann und darf kein Ansiedler wegen irgend welcher
+Schulden gepf&auml;ndet werden, wenn er nicht mehr hat, als ihm das Gesetz
+an Eigenthum gestattet und f&uuml;r seine Existenz f&uuml;r n&ouml;thig h&auml;lt. Seine
+Wohnung, sein Bett, seine B&uuml;chse, sein Ackerger&auml;th, sein Pferd und zwei
+K&uuml;he d&uuml;rfen nicht anger&uuml;hrt werden, und so gerecht und wohlth&auml;tig das
+Gesetz auch sein mag, l&auml;&szlig;t sich denken da&szlig; es manchmal gemi&szlig;braucht
+wird, indem der Farmer sein &raquo;&uuml;berz&auml;hliges Vieh&laquo; nur auf kurze Zeit zu
+verleugnen und einem andern Nachbar zuzusprechen braucht.</p>
+
+<p class="noindent"><a name="fn_2" id="fn_2"></a><a href="#fn_2r">2</a>: Ich frug einst in Arkansas die Frau, in deren Hause ich wohnte,
+eine geborene Irl&auml;nderin und sonst ganz vern&uuml;nftige, brave Matrone, die
+ebenfalls dieser Sekte angeh&ouml;rte, ohne jedoch selber jemals vom &raquo;Geiste
+befallen zu werden,&laquo; ob sie denn wirklich glaube, da&szlig; die in solchen Zustand
+verfallenden Menschen etwas Derartiges ohne ihren freien Willen,
+ohne jede Absicht th&auml;ten, und also wirklich begeistert w&uuml;rden? &mdash; worauf
+sie mir antwortete: &raquo;Ja! &mdash; ich habe auch fr&uuml;her geglaubt, die Menschen
+verstellten sich, wenn ich mir auch den Schaum auf den Lippen nicht erkl&auml;ren
+konnte; ich dachte aber doch, der <span class="wide">Wille</span> des Menschen verm&ouml;chte
+auch die&szlig; zu bewirken, und so sehr mich die Religion der Methodisten
+erfa&szlig;te und zu sich hinzog, so sehr schreckte mich diese Begeisterung, die
+ich f&uuml;r Heuchelei hielt, zur&uuml;ck. Da kam ich eines Abends auch aus einer
+solchen Versammlung zu Hause, und war recht traurig, uneinig mit mir
+selber; ich wu&szlig;te nicht was ich thun, was lassen sollte, und bat den lieben
+Gott noch unterwegs recht inbr&uuml;nstig, er solle mir ein Zeichen geben.
+Als ich mein Haus betrat h&ouml;rte ich ein Flattern und mit den Fl&uuml;geln
+Schlagen; ich hatte ein paar kleine zierlich gefleckte Hennen, die oft zu
+mir ins Haus (das Zimmer ist in Arkansas gew&ouml;hnlich gleich das ganze
+Haus) kamen, und die Brosamen aufsuchten. Ich sah mich danach um,
+und fand das eine von den beiden H&uuml;hnern unter dem Bett, anscheinend
+in Kr&auml;mpfen, mit den Fl&uuml;geln schlagend, mit den Beinen strampelnd,
+die Augen verdrehend, gerade wie ich die Bewegungen bei den Begeisterten
+gesehen hatte, und &mdash; es gab mir ordentlich einen Stich in's Herz
+&mdash; mit Schaum am Schnabel. <span class="wide">Da</span> war ich &uuml;berzeugt; das Huhn &mdash;
+ob sich die Menschen verstellten &mdash; das Huhn verstellte sich <span class="wide">nicht;</span> <span class="wide">das</span>
+war Natur; der Zustand <span class="wide">war</span> also nat&uuml;rlich, er existirte, und von dem
+Augenblick an beschlo&szlig; ich zu dieser Sekte &uuml;berzutreten.&laquo;</p>
+
+<p class="noindent"><a name="fn_3" id="fn_3"></a><a href="#fn_3r">3</a>: Das Prairiehuhn ist ein Mittelding etwa zwischen dem wilden
+Truthahn und Rebhuhn; es erreicht die Gr&ouml;&szlig;e eines gew&ouml;hnlichen Haushuhns,
+hat aber einen ziemlich langen Hals und befiederte Stender, den
+kurzen, niedergekehrten Schwanz aber vom Rebhuhn. Das Fleisch ist
+nicht besonders, ziemlich dunkel und leicht z&auml;h; nur die Brust ist gut,
+doch trocken zu essen. Sie finden sich in ungeheueren Mengen &uuml;ber die
+ganzen Prairieen von Illinois, und schaaren sich im Winter besonders
+zu V&ouml;lkern von vielen hunderten zusammen. Aufgescheucht gehen sie
+aber ziemlich weit, ehe sie wieder einfallen, und verlangen einen t&uuml;chtigen
+Schu&szlig; und schweren Schroth, erlegt zu werden.</p>
+
+<p class="noindent"><a name="fn_4" id="fn_4"></a><a href="#fn_4r">4</a>: Zweites Fr&uuml;hst&uuml;ck</p>
+
+<p class="noindent"><a name="fn_5" id="fn_5"></a><a href="#fn_5r">5</a>: Sie sind mein Gefangener.</p>
+
+<p class="noindent"><a name="fn_6" id="fn_6"></a><a href="#fn_6r">6</a>: Fertig f&uuml;r die H&ouml;lle!</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="narrow" />
+<p>&nbsp;</p>
+
+<table class="small" border="0" style="background-color: #E6E6FA; margin: 0 auto" cellpadding="7" summary="NOTES">
+<tr>
+<td colspan="2">
+<div class="center">TRANSCRIBER'S NOTE &mdash; ZUR KENNTNISNAHME</div>
+</td>
+</tr>
+<tr>
+<td valign="top">
+<p class="noindent" style="background-color: #E6E6FA">
+Contemporary spellings have generally been retained even
+when inconsistent. A small number of obvious typographical errors have been
+corrected and some names regularised; missing punctuation has been silently added.<br /><br />
+
+The following additional change has been made; it can be identified
+in the body of the text by a grey dotted underline:</p></td>
+
+<td valign="top"><p class="noindent" style="background-color: #E6E6FA">
+Zeitgen&ouml;ssische Schreibungen wurden generell beibehalten,
+auch wenn gelegentlich mehrere Variaten auftauchen.
+Einige wenige orthografische Fehler wurden korrigiert und Namen vereinheitlicht;
+fehlende Zeichensetzung wurde erg&auml;nzt.<br /><br />
+
+Die folgende zus&auml;tzliche &Auml;nderung wurden vorgenommen
+und ist im Text grau unterstrichelt:</p></td>
+</tr>
+<tr>
+ <td valign="top">das junge, ängstlich umherschauende, und ihrem Glück noch immer
+nicht trauende Mädchen</td>
+ <td valign="top">das junge, ängstlich umherschauende, und <i>seinem</i> Glück noch immer
+nicht trauende Mädchen </td>
+</tr>
+</table>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<hr class="full" />
+<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NACH AMERIKA! SECHSTER BAND***</p>
+<p>******* This file should be named 30289-h.txt or 30289-h.zip *******</p>
+<p>This and all associated files of various formats will be found in:<br />
+<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/3/0/2/8/30289">http://www.gutenberg.org/3/0/2/8/30289</a></p>
+<p>Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.</p>
+
+<p>Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.</p>
+
+
+
+<pre>
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
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+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
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+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
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+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
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+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
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+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
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+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
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+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
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+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
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+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
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+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
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+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
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+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
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+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
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+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
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+Foundation as set forth in Section 3 below.
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+1.F.
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+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS,' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
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+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
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+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
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+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://www.gutenberg.org/about/contact
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
+eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
+compressed (zipped), HTML and others.
+
+Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over
+the old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+<a href="http://www.gutenberg.org">http://www.gutenberg.org</a>
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000,
+are filed in directories based on their release date. If you want to
+download any of these eBooks directly, rather than using the regular
+search system you may utilize the following addresses and just
+download by the etext year.
+
+<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/etext06/">http://www.gutenberg.org/dirs/etext06/</a>
+
+ (Or /etext 05, 04, 03, 02, 01, 00, 99,
+ 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90)
+
+EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are
+filed in a different way. The year of a release date is no longer part
+of the directory path. The path is based on the etext number (which is
+identical to the filename). The path to the file is made up of single
+digits corresponding to all but the last digit in the filename. For
+example an eBook of filename 10234 would be found at:
+
+http://www.gutenberg.org/dirs/1/0/2/3/10234
+
+or filename 24689 would be found at:
+http://www.gutenberg.org/dirs/2/4/6/8/24689
+
+An alternative method of locating eBooks:
+<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/GUTINDEX.ALL">http://www.gutenberg.org/dirs/GUTINDEX.ALL</a>
+
+*** END: FULL LICENSE ***
+</pre>
+</body>
+</html>
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