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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 30289 ***
+
+Note: Project Gutenberg also has an HTML version of this
+ file which includes the original illustrations.
+ See 30289-h.htm or 30289-h.zip:
+ (http://www.gutenberg.org/files/30289/30289-h/30289-h.htm)
+ or
+ (http://www.gutenberg.org/files/30289/30289-h.zip)
+
+
+
+
+
+NACH AMERIKA!
+
+Ein Volksbuch
+
+von
+
+FRIEDRICH GERSTÄCKER.
+
+Illustrirt von Carl Reinhardt.
+
+Sechster Band.
+
+
+
+
+
+
+
+Leipzig,
+Hermann Costenoble,
+Verlagsbuchhandlung
+
+Berlin,
+Rudolph Gaertner,
+Amelang'sche Sort.-Buchhandlung.
+
+1855.
+
+
+
+
+Inhalt des sechsten Bandes.
+
+ 1. Ein Sheriffsverkauf in Arkansas 1
+ 2. Maulbeere in der Betversammlung 31
+ 3. Der wandernde Krämer 63
+ 4. Georg und Marie 91
+ 5. Jimmy 112
+ 6. Kapellmeister Eltrich 136
+ 7. Meier, Pelz & Co. 169
+ 8. Die Überraschung 199
+ 9. Das Haus am Walde 226
+ 10. Der rothe Drachen bei Heilingen 239
+
+
+
+
+Capitel 1.
+
+Ein Sheriffsverkauf in Arkansas.
+
+
+Ein volles Jahr war nach den, im letzten Capitel beschriebenen Vorfällen
+verflossen; die heiße Sonne Amerikas hatte wiederum den Mais und Waizen
+gereift, und die Früchte und Beeren des Waldes mit süßem Saft gefüllt;
+durch die blaue sonnenreine Luft zog der weiße wehende Spinnenfaden seine
+stille Bahn, und legte sich einem duftigen Schleier gleich über die
+Wipfel des grünen Waldesdoms, in dessen Schatten die feisten Hirsche zu
+Rudeln zusammenstanden, und die jungen Truthühner in die Zweige hinauf
+flatterten, die ersten jungen Weinbeeren zu versuchen, die sich mit
+ihren Reben dort empor gerankt.
+
+Und wie das raschelte und rauschte im stillen Wald, wie sich das
+blitzende Sonnenlicht in den fallenden Tropfen spiegelte, die ein
+wohlthätiger Nachtregen über das grüne Laubmeer ausgegossen, und die
+jetzt leise klopfend auf die gelbe, noch vorjährige Blattdecke des Bodens
+niederschlugen. Und die Grille zirpte ihr regelmäßig melancholisch Lied,
+das wie das leise Schnarren einer in zeitrechten Schwingungen gehenden
+Uhr von allen Seiten tönte, nur manchmal durch den gellenden Schrei
+eines aufstiebenden Falken gestört, dem der blaue Heher im Busch
+spöttisch den Warnungsruf nachäffte.
+
+Wie das summte und schwirrte um Lianenblüthen und frisch aufkeimende
+Waldesblumen, von Bienen und Käfern, zwischen denen hin hie und
+da, wie ein verirrter Sonnenstrahl, ein blitzender gold und grün
+schimmernder Kolibri gedankenschnell fast herüber und hinüber surrte,
+über einem duftenden honigschweren Kelch einen Moment mit unsichtbaren,
+schattengleich fibrirenden Schwingen stand, und dann verschwunden war,
+daß ihm das Auge nicht folgen konnte, bis ihn sein Summen an dem
+nächsten Blüthenbusch verrieth.
+
+Wie die Natur in wundervoller Harmonie, besonders in der Jahreszeit,
+den ganzen Wald mit ihrer Pracht durchwirkt, und ineinandergreifend
+Jedes sich die Hände reicht zum schönen Ganzen; wie selbst der morsche
+umgestürzte Baum, von wilden blühenden Ranken umzogen, zum Bilde hier
+gehört und nicht fehlen dürfte; ja wär' ein einziger Zweig gebrochen
+von den tausenden, die überall dem Licht, der Luft die grünen Arme
+entgegenstrecken, die _Lücke_ würde fühlbar, und der fallende Tropfen
+selbst schmückt das Blatt das er verließ mit höherem Glanz, und wird zur
+Perle wo er niederfällt.
+
+Und doch _ein_ Miston in der Harmonie -- ein dunkler Fleck der da nicht
+hingehörte, der sich nicht wohl da fühlte und das Ganze störte -- ein
+nasses, schmutziges, verdrießlich unzufriedenes Menschenbild, mitten
+im Wald, im freien schönen wundervollen Wald -- Zachäus Maulbeere, vom
+Regen durchnäßt, kalt, hungrig, verirrt, festgefahren mit seinem Karren
+in einem Gewirr von Reben und Wurzeln, und in einer Laune, Milch nur
+durch bloßes Ansehn zu säuern.
+
+»Ein Gottvermaladeites Land das,« lästerte er, sich erschöpft auf einen
+umgefallenen Baum setzend und sein Taschentuch, das er in der Hand
+hielt, zusammenrollend und ausringend, »daß mich der Teufel plagen mußte
+nach diesem Gottvergessenen Staat zu gehn -- Bäume -- Bäume -- Nichts
+als Bäume in der Welt -- gerade in die Höh und gerade über den Weg.
+-- Schönes Vergnügen das, wo man sich erst sein Schnupftuch _ausringen_
+muß, daß man sich damit _abtrocknen_ kann -- _schwabben_ nannten sie's
+auf dem Schiff. Und jetzt sitz ich hier -- keine Ahnung wo bin -- keine
+Idee von einer Richtung -- ein Scheerenschleifer im Wald -- Maulbeere,
+Esel, was hast Du hier im Busch zu suchen, heh? -- war Dir zu wohl
+draußen zwischen den Ansiedlungen im Osten, zwischen dem Waizenbrod und
+Honig, eh? -- mußtest geschwind machen daß Du _hierher_ kamst, zwischen
+Maisbrod und Speck, oder gar die Nacht in den Wald hinein -- _Schöne_
+Nacht die ich da verlebt habe, beim heiligen Sebastian -- oben in dem
+verdammten Baum eingeklemmt gesessen, daß ich die Glieder nicht mehr
+rühren kann, und das Beest was da um mich her in den Bäumen geschrieen
+hat -- daß ich nicht gefressen bin ist ein reiner Zufall. -- Romantisch
+im Wald zu lagern eh? -- wenn ich nur wenigstens den verdammten
+langhaarigen Dichter die Nacht bei mir gehabt hätte, um an dem meinen
+Gift auszulassen -- aber zehn gegen eins, der Lump hat die ganze Nacht
+trocken und behaglich in einem warmen Bett geschlafen, und am andern
+Morgen lügt er dann wie ein Leichenstein, schreibt von »Gesicht im
+Thau baden« und »Windsbraut die Schläfe kühlen« -- na _Dir_ möcht' ich
+einmal die Schläfe kühlen Du -- Du Blattlaus, statt mit sechs, mit zwei
+schiefen Beinen. -- Und der Herr Schultze -- der selige Piepvogel mit
+einem Gesicht -- wenn man's auf einen Stock schnitt, könnte man einen
+Hund damit prügeln, dem hätte die Nacht kreuzwohl zu Muthe sein müssen
+-- hundemüde auf einem Ast zu sitzen mit dem Kopf unterm Flügel und mit
+der wohlthuenden Überzeugung beim ersten Einnicken herunter zu fallen
+und den Hals zu brechen.«
+
+»Das geschieht Dir aber recht, Zachäus, vollkommen recht, mein
+Herzchen -- was dumm ist muß geprügelt werden, und anstatt lieber
+den alten verdammten Karren, den ich es zum Sterben müde bin im Lande
+umherzuschieben, in den Mississippi hineinzufahren und umzudrehen,
+mußt Du auch noch Fährgeld dafür zahlen und damit herüberkommen, dann
+Wochenlang durch den heißen nassen Sumpf ziehn, um hier endlich an
+einem Platz, den die Nachkommen gar nicht finden können wenn sie Einem
+wirklich ein Monument setzen wollten, elendiglich und Gotteserbärmlich
+umzukommen.«
+
+Maulbeere drückte sich nach diesem Selbstgespräch den alten aufgeweichten
+Hut fester in die Stirn, stemmte beide Ellbogen auf die Knie, stützte
+den Kopf in die Hände und starrte finster und mit dicht zusammengezogenen
+Brauen eine ganze Weile vor sich nieder.
+
+Er sah auch traurig aus; -- den grünen Rock trug er noch immer. Das Wild
+im Wald wechselt seinen Pelz oder sein Fell mit der Jahreszeit, der
+Vogel hat seine Mauser, die Schlange streift ihre Haut ab, einer neuen
+Raum zu geben, und jede Kreatur leckt oder säubert dabei ihr Kleid,
+das ihr der Schöpfer gegeben, nach besten Kräften, streicht Federn
+oder Haare glatt und fühlt sich dann erst wohl, und behaglich wenn das
+geschehn. Nur Maulbeere kannte kein solches Bedürfniß; wie die Katze die
+Nässe scheut, haßte er, vor allen anderen Elementen, das Wasser; Niemand
+hatte je gesehen daß er sich wusch; wenn das an Bord geschehen war mußte
+er es in der Nacht gethan haben und selbst dann heimlich, von der Wacht
+an Deck unbemerkt. Den grünen Rock, jetzt an unzähligen Stellen geflickt
+und ausgebessert, trug er noch bis oben an die schwarze, matt glänzende
+Pferdehaarhalsbinde fest zugeknöpft, der alte Filz, der keine Façon mehr
+zu verlieren hatte, lag ihm mit seinem, an drei Seiten durch Bindfaden
+befestigten Deckel, weich und lappig geworden, dicht auf dem Scheitel,
+und die derben rindsledernen Schuhe, zu denen die durch Dornen unten
+ausgefranzten großkarirten baumwollenen Hosen niederhingen, schienen
+das einzig trag- und nutzbare am ganzen Menschen. Auch der blonde
+starre Bart hatte seit Wochen kein Rasirmesser gesehn, und das kurze
+semmelblonde struppige Haar hing ihm jetzt naß und in zusammenklebenden
+Streifen über Stirn und Schläfe, und ließ ihm einzelne durch den defekten
+Hutrand eingedrungene Tropfen über die fahlgrauen Backen, auf denen sie
+lange Schmutzstreifen bildeten, in die Halsbinde laufen.
+
+In der widrigen Feuchtigkeit hatte ihn auch sein trockener Humor
+verlassen, und Maulbeere saß neben seinem Karren wie ein wild gewordener,
+der Civilisation abtrünnig gewordener Scheerenschleifer, Haß und Groll
+gegen die ganze Welt -- die er überhaupt noch nie lieb gehabt -- im
+Herzen.
+
+Ein Schuß! -- Zachäus fuhr in die Höh, als ob _ihn_ die Kugel getroffen
+hätte, und horchte gespannt, nach welcher Richtung hin er das nächste
+Geräusch jetzt hören würde, als auch der Fall eines Körpers, nur wenige
+Secunden später, sein Ohr erreichte.
+
+»Hallo! _hupih_! -- hallo!« schrie er jetzt dorthin aus Leibeskräften,
+»he! hallo! hallo! hu -- _ih_ -- _ahoy_!«
+
+Das laute Anschlagen eines Hundes antwortete dem fremden Ton, dem gleich
+darauf der ermunternde Zuruf einer menschlichen Stimme folgte.
+
+»Existirt wirklich noch eine andere menschliche Kreatur in dieser
+gottvergessenen Mischung von Streu und Nutzholz,« brummte Maulbeere
+vor sich hin, »fehlte mir jetzt weiter gar Nichts, als daß es so eine
+verdammte Rothhaut wäre, die eben solchen Hunger hätte wie ich. Aber
+einerlei, lieber an einem warmen behaglichen Feuer gebraten werden, wie
+hier madennaß vor Frost und Bauchgrimmen umkommen; also noch einmal ein
+Nothsignal, die wilde Bestie auf meine Spur zu bringen.«
+
+Und wieder ließ er den Wald von seinem Geschrei ertönen, und nicht
+lange, so brach ein grau gestreifter, kräftig gebauter Hund durch die
+Büsche, gerad auf ihn zu, machte noch ein paar tüchtige Sätze gegen ihn
+an, und gab dann Standlaut.
+
+Maulbeere, der seine besonderen Gründe hatte den Hund nicht gegen sich
+aufzubringen, konnte unter diesen Verhältnissen nichts anderes thun
+als sich vollkommen ruhig verhalten; nicht lange aber, so brachen und
+knackten die Büsche und ein Jäger, die Büchse auf der Schulter, einen
+eben geschossenen Truthahn, Kopf und Ständer mit Bast zusammengebunden,
+wie eine Tasche umgehängt, trat aus den Büschen und kam, die wunderliche
+Gestalt mit dem Karren dabei nicht wenig erstaunt betrachtend, auf
+Maulbeere zu.
+
+»Hallo Fremder!« rief Jack Owen, denn es war Niemand anders als unser
+Arkansanischer Freund, »wie zum Henker seid Ihr mit _dem_ Fuhrwerk da in
+die Gründorn-Flat gerathen?«
+
+»Hineingerathen?« erwiederte Maulbeere, der in den zwei Jahren seines
+hiesigen Aufenthalts schon ziemlich fertig Englisch gelernt hatte,
+»fragt mich lieber wie ich wieder hinausgerathe -- hier in der Gegend
+wissen die Leute wohl gar nicht was ein _Weg_ ist?«
+
+»Oh doch,« lachte der Mann, der sich nicht satt sehen konnte an dem
+Fremden, »manchmal haben wir hier so schmale Dinger, die man, in
+Ermangelung besserer, Wege nennt. Aber wo kommt Ihr her? -- was habt
+Ihr da in der wunderlichen Maschine und wo wollt Ihr hin?«
+
+»Wenn Ihr mich gefragt hättet wie ich die Nacht geschlafen habe und
+ob ich etwas zu essen haben wollte, wäre mehr Sinn d'rin,« brummte
+Maulbeere verdrießlich. »Wie weit ist's bis zum nächsten Haus?«
+
+»Kaum eine Viertelstunde -- wenn Ihr _hier_ übernachtet habt, konntet
+Ihr die Hähne heut Morgen krähen hören -- wo habt Ihr geschlafen?«
+
+»Wenn's Euch interessirt,« knurrte Maulbeere, »und Ihr den Spuren
+nachgehen wollt, die ich mit dem verdammten Kasten hier aufgewühlt, dann
+kommt Ihr zuletzt zu einem Baum -- irgend ein weitläufiger Verwandter
+von diesen hier -- auf dem hab' ich gesessen!«
+
+»Oben im Baum?« lachte der Jäger.
+
+»Wenn ich _drunter_ gelegen hätte fändet Ihr einen Theil meiner
+Gliedmaßen vielleicht heute Morgen in dem Magen eines Panthers, und den
+anderen sauber verscharrt für eine zweite Mahlzeit, unter dem Laube.«
+
+»Unsinn Mann -- Ihr könnt hier ein Jahr lang unter einem Baum im Walde
+schlafen, und wenn Euch die Mosquitos und Holzböcke nicht auffressen,
+die Panther thun Euch Nichts.«
+
+»So? -- es hat wohl nicht Einer dicht bei mir auf einem anderen Baum
+gesessen, und mir die ganze Nacht eine schauerliche Geschichte
+vorgeheult, heh?«
+
+»Hahahahaha!« lachte Jack, »das wird eine Eule gewesen sein; in dieser
+Jahreszeit schläft sich's wundervoll im Wald.«
+
+»Eule,« brummte Maulbeere verächtlich zwischen den Zähnen durch,
+»wundervoll im Wald schlafen -- wer eine Leidenschaft dafür hat. Mir
+ist's lieber ich erfahre es erst am nächsten Morgen, wenn's in der Nacht
+geregnet hat.«
+
+»Alle Wetter ja,« rief Jack gutmüthig, »Ihr seid durch und durch naß
+-- es hat die Nacht wohl stark geregnet? und wir zu Hause haben nicht
+einmal viel davon gemerkt. Aber kommt, nehmt Euer Fuhrwerk und bringt
+es nur hier herüber mir nach.«
+
+»Wenn ich nicht fest damit säße hätte ich mich nicht hier häuslich
+niedergelassen,« erwiederte der Scheerenschleifer mürrisch -- »das
+Dornenwerk hält wie Ankertaue.«
+
+»Da wollen wir leicht Bahn hauen,« lachte Jack, sein langes schweres
+Jagd- oder Bowiemesser aus dem Gürtel nehmend, und die Dornen ringsum
+mit leichten Schlägen durchhauend, »so -- so -- so -- jetzt versucht's
+einmal, gleich da drüben wo die alte Eiche liegt geht ein schmaler Kuhpfad
+nach der Farm zu, dem können wir folgen bis wir in den Reitweg kommen,
+und dann habt Ihr freie Bahn -- gehts?«
+
+»Wenn ich Jemanden finde der dumm genug ist mir den Kasten abzukaufen,«
+sagte Maulbeere, das Tragband wieder einhenkend und den Versuch machend,
+»so gebe ich mein Geschäft auf und gehe unter die Millionaire -- hol der
+Teufel das Scheerenschleifen.«
+
+Jack sah ihm lachend zu, bis der Fremde nach drei vier Ansätzen den
+schweren eingesunkenen Karren nicht vorwärts brachte, dann ging er
+rasch auf einen jungen Papaobaum zu, von dem er die Rinde, so hoch er
+hinaufreichen konnte, mit seinem Messer abschlug und niederstreifte, ein
+Seil daraus drehte, und dieses vorn am Karren befestigend, sich selber
+vorspannte.
+
+»So -- nun noch einmal -- a hoy -- alle zusammen!«
+
+»Ahoy!« rief Maulbeere, und mit dem Ruck kam der Karren frei, der von
+den beiden Männern jetzt mit ziemlicher Leichtigkeit bis zu dem schmalen
+Pfad, und diesen hin bis in den Reitweg gezogen wurde, wo ihn Maulbeere
+allein fortbringen konnte.
+
+Unterwegs wurde der Scheerenschleifer, mit der Aussicht auf ein warmes
+Feuer und Essen, wie auf eine heiße Tasse Kaffee aber gesprächiger,
+erzählte dem Jäger welcher Art sein Geschäft sei, was er thue und
+treibe und wie er sein Brod erwerbe, und die ganzen Vereinigten Staaten
+schon durchzogen habe, bis er zuletzt, durch die vielen brillanten
+Schilderungen der westlichen Staaten verführt worden sei auch _hier_
+sein Glück zu versuchen, wo er sich jetzt die größte Mühe geben werde,
+so rasch als möglich wieder fortzukommen.
+
+Jack Owen amüsirte sich ungemein über die wunderliche mürrisch-drollige
+Ausdrucksweise des Mannes, dem er aber doch zu dessen Trost mittheilte,
+daß er sich hätte zu keiner glücklicheren Zeit in diese Gegend verirren
+können, als gerade heute, da sich fast das ganze County in der Nähe der
+Farm, der sie eben zusteuerten, zu einer sogenannten Camp-Meeting (eine
+fromme Zusammenkunft im Freien) versammelt sei, während zu gleicher Zeit
+von dem Gouvernement des Staates der öffentliche Verkauf des ganzen
+Platzes, in Folge eines alten Processes, anberaumt sei.
+
+Maulbeere horchte hoch auf -- von den Camp-Meetings des Westens hatte
+er schon so viel gehört, daß er selber gespannt war einer derselben
+beizuwohnen, und Leute die sich bei einer solchen Versammlung einfanden,
+führten auch stets Geld bei sich. Auf eine gute Einnahme in seinen
+verschiedenen Branchen durfte er jedenfalls rechnen, und wer weiß was
+da sonst noch für ihn auftauchte. Maulbeere war ganz der Mann dazu von
+solcher Gelegenheit den größtmöglichen Nutzen zu ziehn, und daß er sie
+nicht versäumen würde, fest entschlossen.
+
+Vor ihnen lag jetzt Olnitzkis alte Farm, von der er übrigens keine
+Ahnung hatte, daß Fräulein von Seebald, seine alte Reisegefährtin, mit
+ihr in so genauer Beziehung gestanden, und eine Masse Menschen lagerten
+um zahlreiche dort entzündete Feuer, kochten Kaffee, brieten Fleisch an
+der Gluth, und gaben dem sonst so stillen Platz ein eigenes lebendiges,
+fröhliches Aussehn -- und wie ernst doch war der Zweck der sie hier
+versammelt.
+
+Als Olnitzki damals von Jack Owen erschossen worden, galopirte Soldegg
+nach Little Rock zurück und -- klagte nicht etwa gegen die Farmer und
+Squatter von Arkansas, er war zu klug dazu, und wußte was ihm selber
+geschehen konnte in dem Fall, aber er verkaufte seine rechtsgültigen
+von Olnitzki selber gezeichneten Papiere, die den _Verkauf_ seiner Farm
+wie seines sämmtlichen Viehstands, mit Ausnahme eines einzigen Pferdes
+betrafen, an einen Advokaten in Little Rock, einen sonst schlauen und
+durchtriebenen, aber erst seit kurzer Zeit aus den östlichen Staaten
+hierhergekommenen Burschen, für den halben Werth gegen baar Geld, womit
+er Arkansas verließ.
+
+Der Advokat, ein gewisser Kowley, reiste ohne Weiteres nach Oaklandgrove
+hinüber, sein Eigenthum in Besitz zu nehmen, fand sich aber hierin
+getäuscht, erfuhr daß Olnitzkis Frau, die Einzige die nach den Begriffen
+der Nachbarn etwas zu sagen habe, Farm und Vieh einer Waise geschenkt
+habe, die der von Olnitzki erschossene Riley hinterlassen, die Nachbarn
+es übernommen hätten die Farm für diese zu bewirthschaften, bis sie den
+Besitz selber antreten könne, und daß keine Klaue und kein Huf von diesem
+Eigenthum ihre »#range#« verlassen solle, in andere Hände überzugehen.
+
+Mr. Kowley sah sich genöthigt unverrichteter Sache nach Little Rock
+zurückzureiten; aber keineswegs gesonnen sich »in seinem guten Recht«
+durch eine Bande gesetzloser Squatter, wie er sie nannte, stören zu
+lassen, machte er die Sache in Little Rock anhängig, und ein ordentlicher
+Proceß entstand, von dessen Kosten sich die Squatter schon durch das sie
+schützende Gesetz[1] freihielten, der aber doch, nachdem er sich über
+Jahr und Tag hingezogen, _gegen_ die Squatter entschieden und ein Termin
+zu gleicher Zeit anberaumt wurde, an dem die früher dem Polen Olnitzki
+gehörende und käuflich an Mr. John Kowley übergegangene Farm, mit den
+dazu gehörigen und in dem Verkaufsbrief einzeln aufgeführten Pferden,
+Rindern und Schweinen, öffentlich und an den Meistbietenden verkauft
+werden sollte.
+
+_Der_ Termin war heute, und zwei, gerade in jenem County befindliche
+Geistliche, sogenannte #circuit riders#, die von ihren Consistorien
+ausgeschickt werden die noch wenig bevölkerten Distrikte, in denen
+keine Kirchen sind, zu durchziehn und dort zu predigen, hatten sich
+entschlossen für den nächsten Tag eine schon längst beabsichtigte
+»Betversammlung im freien Walde« anzusagen, da der Gerichtstermin ja
+ohnedieß eine Menge Menschen herbeiziehen mußte. Ob gerade _diese_
+Gelegenheit eine sonst passende war kümmerte sie wenig, sobald nur viel
+Menschen dort zusammen kamen und die Beisteuer zu ihren milden Zwecken
+-- Kirchenbau, Missionswesen, Bibelvertheilung und Erhaltung der
+Geistlichen -- recht reichlich ausfiel.
+
+Jack Owens sonst so freundliches Gesicht nahm aber einen recht ernsten,
+finsteren Ausdruck an, als er den freien Platz betrat auf dem die
+Fremden versammelt waren, und unter diesen eine ziemlich große Zahl
+städtisch gekleideter Advokaten und Kaufleute von Little Rock, die
+theils Neugierde, theils wirkliche Lust zu kaufen hier heraus in den
+Wald getrieben, erkannte. Schweigend, und von seinem Begleiter dicht
+gefolgt, seine Büchse über der Schulter, seinen großen Hund hinter sich,
+ohne zu grüßen, ohne umzusehen, schritt er zwischen der Schaar durch
+und auf das Haus zu, in dessen Thür ein junges, bildhübsches vielleicht
+vierzehnjähriges Mädchen stand, und ihm freudig und herzlich beide Hände
+entgegenstreckte.
+
+»Oh Gott segne Euch Mr. Owen« rief ihm das etwas bleich und angegriffen
+aussehende Kind entgegen -- »wie froh, wie glücklich bin ich daß Sie
+endlich angekommen sind; ich hatte schon solche Angst Sie -- Sie
+würden --«
+
+»Doch nicht fortbleiben heute, Jenny?« lachte der Jäger, gutmüthig ihre
+zarten Wangen und das goldene Haar aus ihrer Stirn streichend -- »nein
+mein Kind, wir verlassen Dich nicht, darauf darfst Du bauen; dieß ist
+deine Heimath und soll es bleiben und wenn wir Alle unsere Heerden
+verkaufen müßten, sie Dir zu erhalten -- wohin es aber nicht kommen
+wird. Wie geht's Deiner Großmutter, Herz?«
+
+»Schlecht Mr. Owen, recht schlecht -- die vielen Menschen da draußen
+machen ihr Angst -- sie hat stärkeres Fieber heute gehabt, und ist vor
+einer halben Stunde etwa nur erst eingeschlafen.«
+
+»Hier hab' ich Dir 'was zu leben mitgebracht, Jenny« sagte der Jäger,
+dem Kinde lächelnd das Kinn emporhebend -- »ein junger Truthahn, aber
+feist wie Butter; die ißt Du ja so gern. Doch dem Mann da, -- ein
+Fremder der sich verirrt und die Nacht im Walde zugebracht hat -- mußt
+Du etwas zu essen machen und einen Platz an Deinem Feuer gönnen bis er
+sich getrocknet hat, wenn er sich nicht lieber draußen in die Sonne
+legt. Hast Du etwas für ihn?« --
+
+»Für Sie und ihn, Mr. Owen, der Kaffee ist fertig und steht am Feuer,
+ebenso das Brod, und der Speck ist in wenigen Minuten gebraten.«
+
+»Bravo mein Herz, dann können wir gleich zulangen; ich habe überdieß
+schon den ganzen Morgen durch den Wald gepirscht, solch einen Vogel für
+Dich zu suchen, und Dir dabei gleich den Scheerenschleifer gefangen, der
+die Nacht irgendwo im Wald aufgebäumt war aus Furcht vor Panthern und
+wilden Bestien. Kommen Sie herein, Mister, wie ist gleich ihr Name?
+-- Mowlbare -- wunderliches Wort das, aber ich denke Sie halten's wohl
+mit dem alten Sprichwort was wir hier im Walde haben -- einerlei _wie_
+man uns ruft, nur nicht zu spät zum Essen!«
+
+Maulbeere ließ sich nicht zweimal nöthigen -- seinen Karren draußen vor
+der Thür stehn lassend, nahm er den alten aufgeweichten Filz vom Kopf,
+strich sich die nassen struppigen Haare aus der Stirn, und machte Miene
+sich ohne Weiteres an den schon gedeckten Tisch zu setzen, auf den die
+Kleine eben die breitfüßige blecherne und dampfende Kaffeekanne stellte.
+
+»Wenn Sie sich erst waschen wollen, so steht draußen der Eimer und das
+Becken« sagte Jack, dem es vielleicht so vorkam, als ob ein wenig
+Seifenwasser der Physiognomie und den Händen des Fremden eben nicht
+schaden könne.
+
+»Danke« sagte aber der Scheerenschleifer in aller Ruhe -- »ich bin die
+Nacht gerade genug gewaschen, und habe mir das Wasser verleidet -- Kaffee
+ist mir lieber.«
+
+»Helft Euch selber dann« sagte Jenny freundlich, dem wunderlichen
+Fremden einen Stuhl zum Tisch rückend -- »Ihr seid herzlich willkommen
+zu Allem was wir haben.«
+
+Die beiden Männer setzten sich und aßen, und eine Weile wurde weiter
+Nichts gehört, als das Klappern der Messer, Gabeln und Tassen, von denen
+noch einige aus Olnitzkis Nachlaß übrig geblieben waren und über die
+sich Maulbeere allerdings den Kopf zerbrach, wie solch reich vergoldetes,
+weit anderen Verhältnissen angehörendes Geschirr hierher seinen Weg
+gefunden haben konnte. Er würde freilich noch weit mehr erstaunt gewesen
+sein, wenn er erfahren hätte daß die nämliche allerdings henkellose und
+oben ausgebrochene Tasse aus der er trank, mit ihm auf ein und demselben
+Schiffe von Deutschland erst herübergekommen wäre. Die Lebensmittel,
+besonders der heiße Kaffee nahmen jedoch seine Aufmerksamkeit viel zu
+sehr in Anspruch, sich für jetzt um irgend etwas anderes zu bekümmern,
+und wieder und wieder mußte Jenny die Tasse füllen.
+
+»Jenny« sagte da Jack nach langer Pause, in der seine Blicke ernst und
+sinnend über den kleinen Raum geschweift waren -- denn das vergoldete
+Geschirr hatte bei ihm ganz andere Erinnerungen wach gerufen, »wenn das
+Haus nachher zum Verkauf angekündigt ist, wirst Du mit bieten müssen,
+Herz.«
+
+»Ich, Mr. Owen?« sagte das arme Kind, wehmüthig lächelnd, »Du lieber
+Gott, mit was sollt ich wohl bieten; Sie wissen ja recht gut daß wir
+_Nichts_ haben auf der weiten Welt.«
+
+»Hast Du _gar_ kein Geld, Jenny?« sagte Jack, sie halb erstaunt aber
+recht freundlich anschauend -- »_gar_ Nichts, nicht ein ganz klein
+wenig?«
+
+»Ein ganz klein wenig, oh ja« lächelte das Mädchen gutmüthig -- »einen
+Viertel Dollar in Silber, den mir Großmutter schon vor langer langer
+Zeit gegeben.«
+
+»Nun siehst Du wohl, Schatz« lachte der Jäger, »daß Du reicher bist wie
+Du Dich machst? das ist vollkommen genug.«
+
+»_Ein_ Viertel Dollar, sagte ich Mr. Owen.«
+
+»Jawohl, und noch dazu in Silber.«
+
+»Aber was soll ich _damit_ anfangen?«
+
+»Nun die Farm und das Vieh kaufen -- ganz Arkansas kannst Du freilich
+nicht dafür bekommen.«
+
+Das Mädchen wandte sich langsam ab eine aufsteigende Thräne zu
+unterdrücken, denn der Scherz that ihr weh; Jack aber, der sie nicht
+kränken wollte, stand auf, ging zu ihr, legte seine Hand auf ihre
+Schulter und sagte freundlich --
+
+»Es _ist_ kein Scherz, Jenny, Du mußt gewiß mit bieten, ja noch mehr,
+Du mußt den Anfang machen. _Fürchtest_ Du Dich wenn ich dabei bin?«
+
+»Nein Mr. Owen« sagte das Mädchen herzlich -- »aber ich begreife nur
+nicht --«
+
+»Wirst das schon Alles noch erfahren -- welche Zeit haben wir jetzt?«
+
+»Bald elf Uhr, nach der Sonne.«
+
+»Alle Wetter, dann ist auch nicht mehr viel zu versäumen, um elf beginnt
+die Auktion -- wenn ich Dich rufe komm zu mir hinaus. Und Sie, Mr.
+Mowlbare können heut etwas Neues sehn in Arkansas, aber« -- setzte er
+ernster und fast wie drohend hinzu -- »wenn ich Ihnen zum Besten rathen
+soll, so bieten Sie nicht mit.«
+
+»Danke herzlich« sagte Maulbeere verbindlich -- »spüre für jetzt noch
+nicht die mindeste Lust mich in Arkansas niederzulassen -- aber hinaus
+darf man doch kommen?«
+
+»Gewiß, gewiß« lachte Jack wieder, »und werden treffliche Gesellschaft
+da finden;« und seine Büchse schulternd, während er dem Mädchen freundlich
+zunickte, verließ er rasch das Haus.
+
+Draußen kamen indessen Fremde auf Fremde, sammelten sich um die
+verschiedenen Feuer, wo sie einen Bekannten trafen, oder besahen auch
+wohl die aus dem Nachlaß von den Nachbarn selber herbeigebrachten
+Pferde, die dort ausgehobbelt -- d. h. mit zusammengebundenen Vorderfüßen
+-- an hingeworfenen Maiskolben knapperten, und munter den immer und
+immer wieder neuankommenden Reitern entgegenwieherten.
+
+Um den Sheriff, der von Little Rock selber herübergekommen war
+den Verkauf zu leiten, hatte sich dabei eine ziemliche Anzahl von
+»Stadtleuten« versammelt; der Platz ging jedenfalls für ein Spottgeld
+weg, denn der jetzige Eigenthümer Mr. Kowley, wollte ihn um jeden Preis
+los sein, und die Pferde allein, wackere prächtige Thiere, hatten einen
+guten Werth.
+
+Jack ging wieder zwischen den Gruppen durch, ohne sie auch nur eines
+Blicks zu würdigen, und hie und da flüsterte man wohl leise hinter
+ihm her, daß das der Mann sei, der den frühern Eigenthümer dieses
+Platzes erschossen. Vor eine Jury damals gestellt war er aber, da es in
+Selbstvertheidigung geschehen, frei gesprochen worden; Olnitzki hatte
+zuerst nach ihm geschossen, und der Wille allein wäre genügend gewesen,
+selbst ohne die, noch damals nicht geheilte Narbe von dessen Kugel. Die
+Leute von Little Rock hielten sich aber fern von dem Mann; sie wollten
+mit den Squattern dieses Distrikts, die den Ruf eines wilden unzähmbaren
+Volkes hatten, so wenig als möglich in Berührung kommen, und waren
+vollkommen zufrieden Niemand weiter von der Schaar zu sehn, wenn sie
+sich auch eigentlich darüber wunderten.
+
+»Gentlemen!« redete da der Sheriff die Versammlung an, »es wird etwa elf
+Uhr sein, und ich glaube wir können die Auktion beginnen, damit die
+Herren, die noch gesonnen sind heute nach Little Rock zurückzukehren,
+Zeit dazu behalten. Wir sind doch wahrscheinlich Alle versammelt, die an
+dem Kaufe Theil nehmen wollen und ich werde anfangen.«
+
+Jack Owen stand etwa zwanzig Schritt von ihm entfernt, als er diese
+Worte an die ihm Nächsten richtete, und nahm jetzt, ohne eine Sylbe
+darauf zu erwiedern, seine Büchse von der Schulter. Zugleich spannte er
+den Hahn, zielte einen Augenblick nach dem Wipfel einer der nächsten
+Eichen, und bei dem Krachen des Schusses stürzte ein Rothkehlchen, das
+sich dort oben im Gefühle völliger Sicherheit niedergelassen, gänzlich
+von einander geschossen herunter zu Boden.
+
+»Ein famoser Schuß!« riefen Einige der Stadtleute, die nicht recht
+wußten was sie aus dieser plötzlichen Schießübung mitten zwischen sich
+machen sollten -- »ein vortrefflicher Schuß!« Der Sheriff nur wandte
+sich mit eben keinem freundlichen Blick gegen den Schützen um, sagte
+aber Nichts und Jack, ohne die geringste Notiz von irgend Jemand Anderem
+zu nehmen, stieß seine Büchse vor sich auf den Boden nieder, reinigte
+sie, und lud sie wieder.
+
+Da brachen rings die Büsche, Rosse wieherten, Hunde schlugen an; überall
+raschelte und knackte es im Wald, und der Boden zitterte unter den
+schmetternden Hufen einer heranstürmenden Anzahl Pferde, nach denen
+sich die hier um die Feuer Versammelten kaum überrascht, ja erschreckt
+umsehen konnten, als auch schon einige dreißig kräftige wilde Gestalten,
+fast Alle in lederne oder wollene Jagdhemden und ausgefranzte Leggins
+gekleidet, ihre langen Büchsen über der linken Schulter, ihre Messer an
+der Seite, die Zügel ihrer Thiere locker in der rechten Hand, Einzelne
+im bloßen Kopf mit flatternden Haaren wie Indianer, Andere mit alten
+Filz- oder Strohhüten auf, über umliegende und dort umhergestreute Stämme
+wegsetzend, herankamen, und dicht um die Feuer her ihre schnaubenden
+Thiere parirten. So rasch und plötzlich und so mit einem Mal von allen
+Seiten war die Schaar der Backwoodsmen, sämmtlich Nachbarn hier und
+Squatter dieser Niederungen, herangekommen, daß der Schuß des Einen von
+ihnen jedenfalls das _Signal_ für Alle gewesen sein mußte, die schon
+lange darauf harrend im Hinterhalt gelegen. Aber Keiner von ihnen
+kümmerte sich um den Anderen, und handelten sie nach _einem_ Entschluß,
+so war der jedenfalls schon früher verabredet und besprochen, und
+bedurfte keines weitern Worts noch Winkes. Aber Alle warfen sich jetzt
+von den Pferden, hingen die Zügel der scharrenden, stampfenden Thiere an
+den nächsten schwingenden Zweig der ihnen zur Hand war, und traten dann,
+ihre Büchsen auf den Schultern und trotzig genug sich dabei im Kreise
+umsehend, mitten zwischen die Käufer hinein, so daß sie diese von allen
+Seiten umgaben und umstanden. Unter ihnen waren der alte Rosemore, Bill
+Jones, Sam Houston und überhaupt das ganze »#settlement#« oder die
+Nachbarschaft -- Keiner fehlte.
+
+Wenn Jemand in der ganzen Versammlung, so hatte aber der Sheriff von
+Little Rock diese »Demonstration«, für was er sie nicht ganz mit Unrecht
+hielt, in Zorn und Unwillen angesehn, ohne freilich dagegen einschreiten
+oder auch nur etwas dawider äußern zu können. Daß die Leute mit ihren
+Waffen kamen verstand sich von selbst, ein Backwoodsman geht nie ohne
+diese, nicht hundert Schritt von seiner Hütte ab, vielweniger eine
+Strecke durch den Wald, sei die Gelegenheit welche sie wolle, und das
+stille ernste Benehmen der Männer ließ ebenfalls auf keine Störung
+schließen; nichtsdestoweniger gefiel ihm das plötzliche Ankommen der
+Leute nicht, das auch auf die übrigen Käufer, die schon wußten daß
+der Verkauf nicht mit dem Willen der »Nachbarn« geschah, einen
+fatalen Eindruck gemacht. Dem Gesetz durften sie aber nicht mit Gewalt
+entgegentreten, und so oft sie dasselbe auch in ihre eigne Hand schon
+genommen, hüteten sie sich doch jedenfalls den Sheriff in seinem Amt zu
+hindern. So also auf einen der zahlreichen dort umherstehenden, kurz
+abgehauenen Baumstümpfe tretend, die Versammlung besser übersehn zu
+können, zeigte er dieser mit kurzen Worten an daß der Verkauf der Farm
+jetzt beginnen solle, die er, Zeit und Mühe zu ersparen, und nach dem
+bestimmt ausgesprochenen Willen des jetzigen Eigenthümers, Mr. Kowley
+aus Little Rock, gleich mit dem dazu gehörenden Vieh, Pferden, Rindern
+und Schweinen in _einem_ Gebot an den Meistbietenden losschlagen würden,
+wonach es dann dem Käufer überlassen bleibe, wenn er es für gut finden
+sollte, Pferde oder Vieh wieder besonders zu versteigern.
+
+»Ein Wort Mr. Sheriff!« sagte da plötzlich der alte Rosemore mit seiner
+tiefen, ruhigen Stimme, indem er ebenfalls den Kolben seiner Büchse auf
+einen andern Stumpf stemmte und hinaufstieg; »ich bin als Ältester hier
+unter uns, und von den Nachbarn beauftragt worden noch ein paar Worte an
+die Versammlung zu richten.«
+
+»Ich glaube nicht daß etwas derartiges nöthig sein wird« sagte der
+Sheriff -- aber von allen Seiten rief es »doch, doch! sprecht Sir -- was
+giebt's« und der Sheriff, sich die Unterlippe beißend, schwieg.
+
+»Ich bin gleich fertig« sagte der alte Mann freundlich, »denen nur die
+es noch nicht wissen, wollte ich hier blos einfach mittheilen daß Farm,
+Pferde und Vieh von dem früheren Besitzer, dem Polen Olnitzki, an einen
+anerkannten falschen Spieler und sonst gar verdächtigen Menschen, der es
+seit der Zeit nie wieder gewagt hat zwischen uns zu erscheinen, im
+_falschen_ Spiel, wie sich später herausgestellt hat, verloren wurden.«
+
+»Mr. Rosemore« -- unterbrach ihn der Sheriff.
+
+»Entschuldigen Sie mich, Sir, ich bin noch nicht zu Ende« sagte der alte
+Mann ernst und fuhr dann langsam fort, »die Frau wie wir Alle hier
+wissen, die jener Olnitzki schlimmer behandelt hat, als ein Indianer
+seine Squaw behandeln würde, stammte aus einer edlen und reichen Familie,
+und hatte mit _ihrem_ Geld, als sie nach Amerika kamen, Farm und
+Viehstand, von dem Olnitzki schon früher drei Viertheile durchgebracht,
+gekauft -- aber sie besaß keine Papiere darüber. Vor mehren Jahren hat
+ferner jener Olnitzki, den hier später seine Strafe erreichte, einen
+armen aber rechtlichen Mann im allerdings ordentlich abgehaltenen
+Zweikampf erschossen, weil dieser nicht ruhig zusehn wollte, wie er
+seine arme, kränkliche Frau mishandelte und _schlug_. Der Mann hieß
+Riley und hat eine alte kranke Frau, seine Großmutter, und eine jüngere
+Schwester ein Kind noch fast, hinterlassen, das dort in der Thür der
+Hütte steht. Diesem Kinde hat Olnitzki's Frau, als sie mit ihrer Schwester
+nach des Polen Tode uns verließ, die Farm mit dem sämmtlichen Viehstand
+geschenkt. Wir Nachbarn erklärten dabei, daß Olnitzki kein Recht gehabt
+habe die Farm, die seiner Frau gehörte zu _verspielen_, die Gerichte in
+Little Rock entschieden aber anders. Nach langem Streiten gewann jener
+Advokat, der von dem falschen Spieler Land und Vieh zu einem Spottpreis
+gekauft, den Prozeß, und der Herr Sheriff ist heute herübergekommen,
+Land und Viehstand an den Meistbietenden öffentlich zu versteigern.
+_Das_, Mitbürger, ist der Thatbestand der Sache, und wir Nachbarn«
+-- setzte er mit lauterer Stimme hinzu, »sind der Meinung daß das Kind
+die Farm, die ihm rechtmäßig schon gehört, erstehen wird.«
+
+»Das kommt auf die Gebote an, Sir!« rief der Sheriff heftig.
+
+»Ei versteht sich, Sir,« sagte der alte Rosemore -- »auf die Gebote, und
+ich bitte daß Sie beginnen. Jack Owen -- seid doch so gut und führt das
+arme Kind einmal hier zwischen die Herren herein -- es fürchtet sich
+sonst näher zu treten; Sie sind wohl so freundlich, Gentlemen, und
+machen ihm Platz!«
+
+»Oh ja wohl -- mit dem größten Vergnügen!« riefen die dem Haus zunächst
+Stehenden bereitwillig, und Jack Owen schritt langsam dem Hause zu, nahm
+Jenny, der er einige ermuthigende Worte zuflüsterte, an die Hand, und
+führte das junge zitternde Mädchen in den Kreis der Männer, die eine
+Gasse für sie öffneten.
+
+»Oh Bill!« rief während der kleinen Pause die jetzt entstand, Einer der
+Backwoodsmen, ein rauher, wild aussehender Bursche einem Andern über
+den ganzen Kreis hinüber zu -- »ich habe die Nacht einen schändlichen,
+nichtsnutzigen Traum gehabt -- mir träumte ein feiner Bursche mit einem
+Tuchrock an, hatte die Farm erstanden, und wie ich zu Haus ritt lag er
+im Gründorn Flat auf des Polen Grab, und hatte einen rothen, häßlichen
+Fleck mitten auf der Stirn.«
+
+»Ah Unsinn Jim!« lachte der Andere zurück, »_Dein_ Traum hinkt, denn ich
+habe geträumt _es hätte gar Niemand mitgeboten_!«
+
+»Gentlemen ich protestire hier feierlich gegen jede drohende Einwirkung
+auf den Verkauf dieses Gutes!« fiel hier der Sheriff hitzig ein, »oder
+ich sehe mich genöthigt mich unverrichteter Sache zurückzuziehn, und dem
+Staatsanwalt Anzeige solchen Benehmens zu machen.«
+
+»Thut Euere Pflicht Sheriff!« rief aber der alte Rosemore ruhig -- »es
+wird kein Mensch mehr ein Wort hineinreden -- daß sich ein paar junge
+Burschen ihre albernen Träume erzählen darf Euch nicht kümmern.«
+
+Der Sheriff zögerte noch einen Augenblick und berieth sich in leisem
+Flüstern mit den ihm nächst Stehenden was zu thun, ein späterer Termin
+würde aber ebenfalls zu keinem andern Resultat geführt haben, die Käufer
+hatten jedenfalls das Gesetz und seinen mächtigen Arm auf ihrer Seite,
+und nach kurzer Einleitung, in der er jetzt die Zahl der urbar gemachten
+Äcker, der Pferde, die von den Kauflustigen schon in Augenschein genommen,
+die Anzahl Kühe, Rinder und Schweine aufgezählt, eröffnete er die
+Auktion und lud die Anwesenden zu einem Anfangsgebot ein.
+
+Im ersten Augenblick herrschte tiefe Stille, das Zirpen der Grillen
+drang peinlich deutlich von den nächsten Bäumen herüber, und man konnte
+das _Athmen_ der Menge hören. Da bog sich Jack Owen freundlich zu dem
+jungen Mädchen nieder und flüsterte ihr ein paar ermuthigende Worte zu
+und Jenny, mit todtenbleichen Wangen und zitternden Lippen, aber klaren,
+blitzenden Augen, trat einen Schritt vor und sagte mit nicht lauter,
+aber doch bis selbst zu den entferntest Stehenden dringend:
+
+»Ich biete einen Viertel Dollar für das Ganze.«
+
+»Unsinn!« rief der Sheriff, in auflodernder Wuth mit dem Fuße stampfend,
+»wir haben hier kein Kinderspiel für müssige Leute -- ein Viertel
+Dollar, wo das Gebot in die Hunderte steigen muß, nur den halben Werth
+zu erreichen.«
+
+»Gebot ist Gebot!« rief es von anderer Seite, »der Verkauf hat begonnen
+-- thut Euere Pflicht Sheriff!«
+
+»Ich brauche mich von Niemanden an meine Pflicht mahnen zu lassen!«
+schrie dieser, leichenbleich vor innerem Grimm, dem er doch nicht Worte
+geben durfte, den Männern gegenüber.
+
+»Ein Viertel Dollar ist geboten,« sagte der alte Rosemore ruhig, »Jenny
+wird es wohl für den Preis bekommen.«
+
+»Wenn kein Gebot geschieht,« rief jetzt der Sheriff, mit Zornfunkelnden
+Augen, »hebe ich den Verkauf auf!«
+
+»Ein Gebot _ist_ geschehn!« schrie da Einer der jungen Backwoodsmen,
+derselbe, der vorher seinen Traum erzählt, und trotzig dabei mit der
+Büchse in den Kreis springend, »wir Männer von Arkansas sind eingeladen
+worden dem Verkauf heute beizuwohnen; der Verkauf hat begonnen, ein
+Gebot ist gemacht worden und ich frage Euch hier, die Ihr anwesend
+seid, ob etwas Unregelmäßiges in der Verhandlung stattgefunden?«
+
+»Nein -- Nichts!« schrie es von allen Seiten, »die Advokaten mögen uns
+Ihre Dintenklexer hier herüberschicken und uns die Farmen unter der Nase
+ausbieten lassen, wir können und wollen es ihnen nicht wehren, aber laß
+sie es wagen unsere Gebote nicht zu respektiren, und wenn es sich um
+einen einfachen Cent handelte, und bei Höll und Teufel wir schicken sie
+heim, daß ihre Haut keine Maishülsen mehr halten sollte.«
+
+»Ein Viertel Dollar ist geboten Gentlemen!« rief der alte Rosemore
+wieder so ruhig wie vorher, »Mr. Sheriff wollen Sie weiter fragen, oder
+glauben Sie daß der Preis genügt? es wird Mittagszeit, und wir, die wir
+noch zur #Campmeeting# zu reiten wünschen, möchten doch erst gern zu
+Hause etwas essen.«
+
+»Gentlemen!« rief aber der Sheriff auch, sich jetzt ermannend, »Sie
+werden dieses Scheingebot eines Kindes nicht gelten lassen. Das Gesetz
+und sein starker Arm _schützt_ Sie in jedem Gebot das Sie machen, und
+meinen eignen Hals will ich zum Pfande setzen daß der von Ihnen, der
+dieß Gut zu irgend einem Preis ersteht, auch in den rechtlichen Besitz
+desselben gelangen soll.«
+
+»Mein Traum wird doch wahr, Bill,« rief der Backwoodsman wieder über den
+Kreis hinüber.
+
+»Denkt nicht daran,« lachte der Andere, »der Sheriff hat ja seinen Hals
+verpfändet, und wird die Farm vielleicht selber kaufen wollen.«
+
+»Ein Viertel Dollar ist geboten,« begann zum dritten Mal der alte
+Rosemore, »wenn Ihr nicht selber jetzt die Auktion beginnt, Sheriff, dann
+thun _wir_ es -- überschreitet Euere Pflicht nicht, denn _wir_ sind hier
+herbestellt, und verlangen den Zuschlag für den Käufer.«
+
+»Auf ein solches Gebot schlag ich nicht zu!« schrie aber der Sheriff,
+jetzt außer sich vor Wuth, »wer will mich zwingen?«
+
+»Das Gesetz!« tobten ihm da die Backwoodsmen entgegen, »glaubt Ihr,
+daß Ihr uns hier zum Narren haben könnt, gerad' nach Gefallen, und
+herbestellen wenn es Euch freut, weil Euch ein Gebot nicht behagt? Die
+Farm ist angesetzt und feil gemacht; das Kind dort hat einen Viertel
+Dollar geboten und bietet Niemand mehr, und schlagt Ihr dann nicht zu,
+so straf uns Gott, wenn ein anderer Auktionator, ein anderer Käufer
+seinen Fuß wieder auf dieses Land setzen soll.«
+
+»Und Keiner bietet einen Cent mehr,« knirschte der Sheriff zwischen den
+Zähnen durch -- wagte aber selber kein höheres Gebot -- »Gentlemen ich
+wiederhole es hier nochmals -- das _Gesetz_ schützt Sie in jedem Gebote
+das Sie thun, und kein Bürger der Vereinigten Staaten _darf_ und wird
+sich dem widersetzen, denn die Folgen würden schwer und furchtbar auf
+sein eigenes Haupt zurückfallen. So beginne ich denn nochmals den
+Verkauf -- _zwei Bits_ sind geboten, und ich erwarte daß der zweite
+Bieter mit eben so viel hundert ganzen Dollarn nachfolgen wird -- _ich_
+-- das _Gesetz_ steht ein für sein gewahrtes Recht.«
+
+Alles schwieg -- der Amerikaner läßt selten lange auf sich warten, wo
+sich die Aussicht auf Gewinn für ihn bietet, aber die dunklen trotzigen
+Gestalten hier umher -- das Blut das schon unter diesen Bäumen geflossen,
+ohne daß selbst das Gesetz im Stande gewesen war es zu sühnen, die
+Drohung selbst, die versteckt, aber doch deutlich genug in dem erzählten
+Traum lag -- hie und da vielleicht auch mit dem Rechtlichkeitsgefühle
+Manches, der doch wohl einsah daß dem Kind -- wie das _Gesetz_ auch da
+geurtheilt -- die Farm gehören müsse -- Keiner bot.
+
+Wieder und wieder suchte sie der Sheriff nur erst zu _einem_ Gebot zu
+treiben, dem dann leicht andere folgen würden -- umsonst und endlich
+selber gereizt, und wüthender fast über die herübergekommenen Käufer als
+über die Squatter selbst rief er, während die »Nachbarn« ringsum lautlos
+standen, denn sie wußten jetzt daß sie gesiegt hatten -- mit bleichen
+Wangen und vor innerer Aufregung funkelnden Blicken:
+
+»Gut -- wenn Ihr Alle denn zu _feige_ seid Euer _Recht_ zu wahren,
+und der, der am meisten dabei interessirt ist, sein ausgelegtes Geld
+wenigstens für das Land wieder zu bekommen, sich gar nicht dabei blicken
+läßt, was kümmerts mich. Also,« und seine Hand hob sich dabei sie zum
+Zuschlag sinken zu lassen, »ein Viertel Dollar ist geboten -- ein
+Viertel Dollar zum ersten -- kein Gebot weiter? -- ein Viertel Dollar
+zum zweiten« -- eine Todtenstille herrschte, man konnte das Zwitschern
+der Vögel weit im Wald drinne, das Glucken und Kratzen der Hennen vor
+dem Hause hören -- »ein Viertel Dollar zum zweiten, und --« die Hand kam
+nieder, und mit der Bewegung das Wort: »_zum_ -- _Dritten_!«
+
+»Hurrah! Hurrah!« tobten und jubelten und jauchzten die wilden Gesellen
+um ihn her -- »piff, paff,« gingen die Freudenschüsse hoch in die Luft,
+und Jack Owen, in der linken Hand seine abgeschossene Büchse schwingend,
+griff mit dem rechten, eisernen Arm das junge, ängstlich umherschauende,
+und seinem Glück noch immer nicht trauende Mädchen vom Boden auf und
+trug es, unter dem Jubelruf der Menge, zwischen die Schaar der Nachbarn
+hinein. Alle Hände streckten sich nach ihr aus, den rauhen wilden Gesellen
+standen Thränen in den Augen, und im Triumphe wurde Jenny jetzt dem Hause
+zugetragen, als neue, rechtmäßige Besitzerin.
+
+
+
+
+Capitel 2.
+
+Maulbeere in der Betversammlung.
+
+
+Die Auktion war vorüber; Farm und Viehbestand gehörte dem jungen
+Mädchen, trotz jenem Jahrelang geführten Proceß, und all die Käufer,
+die hergekommen waren das Land, die Pferde zu erstehn, und sich das
+Alles nun mußten wie ein schönes Traumbild unter den Händen selbst
+wegschwinden sehen, standen im ersten Augenblick allerdings etwas
+verdutzt und unbehaglich da, und wußten nicht recht was für ein Gesicht
+sie dazu machen sollten. Daß die Backwoodsmen nämlich eine solche
+Drohung, wie sie der eine Bursche so schlau in seine Träume geflochten,
+wahr machen _könnten_, daran zweifelte nicht Einer von ihnen; des Polen
+Grab lag keine tausend Schritt von dort entfernt, ein blutig Zeichen,
+und ein Land kaufen das der Eigenthümer nie hätte wagen dürfen in Besitz
+zu nehmen, wär auch ein Geldverschleudern nur gewesen, wie der
+New-Yorker Advokat zu seinem Schaden jetzt erfahren.
+
+»Unter den Umständen durften wir gar nicht bieten,« sagte da der Eine
+von ihnen zu dem Andern, »der alte Mann hatte ganz recht -- man kann
+doch der kranken Frau und dem Kind das Haus nicht unter den Füßen
+wegkaufen, und sie in den Wald setzen? -- ich wenigstens möchte das
+nicht auf meinem Gewissen haben.«
+
+»Ich auch nicht,« rief ein Anderer, »die arme Kleine; was für ein
+hübsches Mädchen das einmal wird -- und wie bleich sie aussah.«
+
+»Mit Güte kann man bei mir Alles ausrichten,« sagte ein Dritter, »und
+ein gutes Wort findet einen guten Ort -- die Leute waren klug genug daß
+sie nicht wirklich drohten.«
+
+»Das wußten sie wohl daß ihnen das Nichts half,« rief der Erste wieder,
+»was hätten sie machen wollen wenn wir das Haus erstanden? aber so ist's
+besser und hundert Dollar sind mir nicht so lieb, als daß es die Kleine
+bekommen hat.«
+
+Maulbeere war ein stiller, aber höchst aufmerksamer Zuschauer des
+Ganzen gewesen, und so sehr ihn die höchst eigenthümliche Verhandlung
+interessirt, überlegte er doch eben, ob er nicht besser seinen eigenen
+Nutzen jetzt auch ein wenig wahren, und seinen Karren herbeischieben
+solle, der Versammlung mit wenigen eindringlichen Worten ihre eignen
+stumpfen Messer und sonstigen Bedürfnisse in's Gedächtniß zurückzurufen,
+als die Backwoodsmen plötzlich Alle wieder zu ihren Pferden gingen, die
+Zügel von den Zweigen warfen, in die Sättel sprangen und mit einem
+wilden _Hupih_, von den laut anschlagenden Hunden gefolgt, aber jetzt
+nach _einer_ Richtung hin, in den Wald hineinsprengten. Nur der alte
+Rosemore blieb mit Jack Owen zurück und ging mit diesem in das Haus, wo
+sie die Thüre hinter sich zumachten, und eine Zeitlang darin blieben.
+Nach einer ziemlich langen Weile kam Jack Owen allein zurück, und dem
+Scheerenschleifer freundlich auf die Schulter klopfend, sagte er
+lachend:
+
+»Nun wie hat Euch unsere Arkansas-Auktion gefallen?«
+
+»Gut,« erwiederte Maulbeere trocken, »und wenn Sie einmal wieder eine
+Farm für einen ähnlichen Preis wegzugeben haben --«
+
+»Dann wißt Ihr einen Käufer?« lachte der Jäger, »glaub' es wohl -- aber
+die Stadtherrn gehen auch nach ihren Pferden, so wollen wir denn den
+armen Thieren hier ebenfalls wieder ihre Freiheit geben; heut oder
+morgen werden sie doch nicht mehr gebraucht. Und dann Fremder, wenn es
+Euch recht ist, gehen wir zur #Camp meeting# hinüber, nicht weit von
+hier nach jener Richtung zu; wäre die Sache schon in Gang, könntet Ihr
+die Leute selbst hier jauchzen hören.«
+
+»_Jauchzen_ hören?« frug Zachäus verwundert.
+
+»Werdet's schon mit ansehn,« sagte der Jäger ruhig, den zum Verkauf
+hierher gebrachten und mit, durch den Viertel Dollar erstandenen Pferden
+die Hobbeln oder Stricke lösend, die ihre Vorderbeine zusammenhielten,
+daß die Thiere wieder frei zurück in den Wald, und ihren gewöhnlichen
+Weideplätzen zulaufen konnten, »und nun kommt, nehmt Eueren Karren, und
+folgt mir den Weg entlang, der hier an der Fenz hinunterführt, und wenn
+Ihr nicht _beten_ wollt dort, kann ich Euch Arbeit ziemlich gewiß
+versprechen.«
+
+ * * * * *
+
+Was für ein Leben das war hier mitten in dem sonst so stillen Wald;
+wie die verscheuchten Vögel ängstlich in den Zweigen herüber- und
+hinüberflogen, und zwitscherten und riefen; wie der Hirsch, der dort
+sonst seinen ungestörten Äsungsplatz hatte, als er heute langsam und
+vertraut wie immer auf seinen Wechsel herankam, rasch den schönen Kopf
+emporwarf, die von feindlichen Dünsten geschwängerte Luft einzog und
+schreckend zurück in seine Wildniß floh. Wie die Pferde so freudig
+wieherten und den Boden stampften, und der grüne Rasen ringsumher auf
+der kleinen Waldesblöße zertreten war, nach allen Seiten, und wie sich
+das drängte und schob und durcheinander wogte, von einer bunten
+fröhlichen Menschenmasse, die hier von allen Enden des County
+zusammengekommen.
+
+Ein Theil der Leute von Little Rock war ebenfalls dabei, die nämlich,
+die von der Auktion kommend, es vorgezogen hatten den heutigen Tag hier
+zu verbringen, und morgen früh zur Stadt zurückzukehren. Diese schienen
+aber am wenigsten vertreten, kamen auch nicht aus Religiosität hierher,
+sondern nur der leidigen Neugier wegen, und wurden von den Geistlichen
+am wenigsten gern gesehn. Nein, die Backwoodsmen und besonders deren
+Frauen und Töchter bildeten den Hauptkern der Versammlung; von allen
+Seiten strömten sie herbei, die Frauen fest im Sattel -- und wenn es
+auch kein Damensattel war -- ihre kleinen Bündel mit Kleidern vor sich
+auf dem Pferd, die Männer mit Büchse und Messer an der Seite wie immer.
+Und Lager wurden von Einzelnen aufgeschlagen rings im Wald, mit
+Rinden- oder Deckendach, während Andere dagegen ordentliche Zelte mit
+herüberbrachten, die sie allein für diesen Zweck bestimmt. Hier waren
+Männer an der Arbeit einen Baum zu fällen, und aus den abgeschlagenen
+Stücken rasch kurze Breter zu spalten zu einem sicheren Regenschutz,
+dort wurde Feuerholz geschlagen und herbeigeschleppt, oder Zweige wurden
+abgehauen, mit diesen ein flüchtiges Schutzdach gegen Sonne und Nässe
+herzustellen; aber überall herrschte Leben und Thätigkeit.
+
+Und wie die Feuer ringsum flammten und die Kessel brodelten, der blaue
+Rauch so luftig hinauf wirbelte in die grünen rauschenden Wipfel, und
+emsige Frauengestalten mit den großen, unförmlichen Bonnets auf dem Kopf
+-- gleichen Schutz gegen Sonne wie Küchenfeuer gewährend -- so fleißig
+an den Töpfen und Pfannen schafften und siedeten.
+
+Die Frauen hatten auch das meiste Interesse an solcher #Camp meeting#,
+und wenn der Mann daheim kaum daran gedacht hätte hinaus in den Wald zu
+gehn und die Pferde zu suchen, ließen sie ihm nicht Ruhe, und hatten
+tausend und tausend Gründe dafür weshalb sie, wenigstens dießmal, unter
+keiner Bedingung die fromme Versammlung versäumen dürften.
+
+Erstlich schadete den Pferden das Bischen Bewegung gar Nichts -- sie
+waren überdieß so lange nicht gebraucht, und #Marys colt# schon ganz
+lendenlahm geworden von all zu vieler Ruhe. Dann predigte zweitens,
+dieses Mal ganz gewiß der Ehrwürdige Mr. Sweetlip -- und was für eine
+süße Stimme der hatte, und wie weich und öhlich er Einem zum Herzen
+sprach -- wer hätte da ungerührt bleiben können.
+
+Und dann der andere Ehrwürdige Mr. Hottenbrocken, wie der es den Heiden
+und Ungläubigen sagte, wie der dem bösen Feind, #alias# Beelzebub zu
+Leibe rückte und ihn aus dem Felde schlug.
+
+Und dann hatten sie die Nachbarn in so ewig langer Zeit nicht gesehn
+-- lieber Gott, hier im Walde kam man ja mit Niemandem zusammen, und
+ob Bill Norton und Ann Sally wirklich versprochen wären, konnten sie ja
+auch nur dort erfahren.
+
+Und die beiden neuen Kleider, die sich Susanne in dem letzten halben
+Jahr selbst gewebt und genäht, wie hätte sie die anders zeigen oder
+tragen sollen; doch nicht im Haus etwa beim Spinnrad; und mußten sie
+nicht wenigstens einmal erst die »priesterliche Weihe« erhalten?
+
+Die armen Frauen der Wälder sind in dieser Hinsicht auch wirklich übel
+dran; in dem kleinsten unbedeutensten Städtchen, ja selbst in dem
+einzelnen Haus, das nur an einer begangenen Straße liegt, kann sich das
+junge Mädchen nett und geschmackvoll anziehn, und hat die Genugthuung,
+daß sie wenigstens gesehn, und auch bewundert wird, denn es sind
+oft liebe, bildschöne Gestalten, denen der schlanke Wuchs, die edle
+Gesichtsbildung und die, mit nur _sehr_ seltenen Ausnahmen fast
+untadelhafte Reinlichkeit einen eigenen Zauber verleiht; im Wald
+aber, im wirklichen Wald, von jeder Verbindung mit der Außenwelt
+abgeschnitten, wo sollen da die armen Mädchen und Frauen ihre Kleider
+zeigen, und zeigen _müssen_ sie dieselben; bei einem »Klötzeroll-Fest«
+oder »#Quilting frolic?#« wie selten kommt das vor, und wenn's
+geschieht, wie selten ist dann Tanz nachher -- einmal, zwei Mal im
+ganzen Jahr und das noch dazu im Sommer.
+
+Solche Gelegenheiten benutzen sie dann freilich auch auf's Beste, und
+welche es irgend von den jungen Mädchen kann, kommt nicht zu einem
+derartigen Fest ohne wenigstens noch _ein_ anderes Kleid, manchmal drei
+und vier mitzubringen, die während dem Tanz gewechselt werden können.
+
+Weit bessere Gelegenheit hierzu bietet aber jedenfalls eine #Camp
+meeting#, die nicht nur einen einzigen Abend und im günstigsten Fall
+eine Nacht durch dauert, wie ein solches Fest, sondern nicht selten
+gleich drei und vier Tage hintereinander weg, während die jungen Leute
+aus der _ganzen_ Nachbarschaft dabei Gelegenheit bekommen einander zu
+sehen, miteinander zu plaudern -- und mehr als das. Mancher Funke ist
+bei diesen Betversammlungen aus Auge und Herz herüber und hinübergeflogen,
+und hat gezündet für Lebenszeit -- wenigstens gebunden; überdieß mußten
+die jungen Männer dort still und ehrbar auftreten, durften nicht trinken,
+fluchen und schwören, und konnten oft nur mit Hülfe einer ihnen
+allerdings gewaltsam in's Herz geschütteten Religiosität den Pfad
+betreten, der zu der Liebe der Auserwählten führte.
+
+Mit einem Wort, es geht bunt zu bei solchen Betversammlungen, und wenn
+der Geist dann erst noch über die Schaaren kömmt, vergeht dem Fremden
+Hören oft und Sehn.
+
+Maulbeere fand für jetzt aber nicht das mindeste Außergewöhnliche; daß
+hier so viele Menschen auf einen Platz sich versammelt hatten, der sonst
+eine Wildniß war, fiel ihm nicht auf, weil er von einer Wildniß, trotz
+der letztverbrachten Nacht, überhaupt noch keinen rechten Begriff hatte.
+Die Lagerfeuer sahen ganz gemüthlich unter den grünen Bäumen aus, und
+die Menge der Gelagerten versprach ihm reichlichen Gewinn. Nur ein
+großes hölzernes Gerüst fiel ihm auf, das seitwärts von dem Platz, am
+Rande der kleinen Waldblöße, und noch im Schatten einer riesigen Eiche
+stand, und rechts und links ein paar kleine Einfriedigungen hatte, die
+mit Laub und duftenden Kräutern streuartig ausgeschüttet waren. Für das
+Vieh schienen sie aber nicht bestimmt, denn ringsumher lagen die Feuer,
+und die Pferde durften schon der Kinder wegen nicht in den inneren
+Kreis.
+
+Maulbeere dachte aber gar nicht daran sich über die Verwendung
+der Plätze den Kopf zu zerbrechen -- vielleicht dienten sie zu
+Schlafplätzen, vielleicht nicht, was kümmerte es ihn. Nach einem
+flüchtigen Überblick über die Vertheilung der verschiedenen Gruppen,
+schob er seinen Karren, ohne sich weiter um seinen bisherigen Führer
+zu kümmern, mitten in den Kreis hinein, begann plötzlich mit lauter
+gellender Stimme, aber natürlich in Englischer Sprache, seine Waaren,
+Künste und Eigenschaften anzupreisen, und hatte wenige Minuten später
+die Genugthuung, die große Hälfte der Versammlung ihn umdrängen zu sehn.
+Maulbeere war auch in der That für diese Waldbewohner ein Gegenstand;
+er war ein Charakter wie sie nicht oft dort herumgezogen, selbst unter
+den Yankee-Pedlars. Schon sein ganzes Äußere, die wirklich auffallende
+Ähnlichkeit mit einem Orang-Utang, die wunderbare Zungenfertigkeit
+des fremden Mannes, mit seinem trockenen Humor, der sie oft zu lautem
+Gelächter hinriß, das Alles war ihnen neu, und vielleicht selbst die
+Ungewißheit dabei, ob die jeden Augenblick erwarteten Geistlichen
+mit diesem Ausbruch lauter Fröhlichkeit einverstanden sein, oder ihn
+vielleicht gar verdammen würden, erhöhte den Reiz.
+
+Maulbeere hatte indessen schon sein Schleiferamt begonnen, und Messer
+wurden ihm so viele gebracht, daß er sich ihrer kaum erwehren konnte;
+auch Bestellungen bekam er genug, dorthin fünf, dorthinüber acht Meilen
+vielleicht, eine alte Scheere wieder in Stand zu setzen oder, als er
+sich auch hierin entwickelte, einem Fingerhut eine neue Decke anzulöthen.
+Er war unermüdlich dabei, grob gegen die Männer, die ihn auslachten,
+zärtlich gegen die Frauen und Mädchen, die über ihn kicherten, und sein
+Rad schwirrte und zischte, während seine Zunge noch viel rascher ging
+als das Rad.
+
+»_Der ehrwürdige Mr. Sweetlip!_« -- ein freudiges Gemurmel lief durch
+die ganze Versammlung, und die Frauen besonders, drängten jetzt rasch
+und eifrig fort von dem Scheerenschleifer, während ihre kleinen lieben
+Gesichter, die noch vor wenig Minuten so herzlich gelacht, und so fröhlich
+in die blaue herrliche Welt hinausgeschaut, einen gar ernsten, fast
+wehmüthigen Ausdruck annahmen. Alles schaarte sich um den frommen Mann,
+und Maulbeere blieb allein mit seinem Karren in der Mitte stehen.
+
+Mr. Sweetlip war die Freundlichkeit selber; er sprach mit Allen, hatte für
+jeden ein ermunterndes oder ermahnendes, ein freundlich tadelndes oder
+lobendes Wort; sprach von der Erndte und vom Wetter, von weggelaufenem
+Vieh und verirrten Schaafen -- in der geistigen Bedeutung des Wortes
+-- und seufzte dann oft recht schwer und traurig auf, wenn er der Sünde
+der Menschen gedachte, die in die Welt gekommen und leider nicht wieder
+hinauszubringen war. Mr. Sweetlip war eine wahre Seele von einem
+Menschen.
+
+Ernster und strenger, in finsterem Schweigen trat der andere Geistliche,
+Mr. Hottenbrocken auf, und wenn man die beiden mit einem Schwerte des
+Herrn hätte vergleichen können, so war Sweetlip der Rücken, Hottenbrocken
+aber die Schneide und Spitze in aller Schärfe und Härte edlen Stahls.
+
+ [Illustration: Capitel 2.]
+
+Wenn Sweetlip mit sanfter Zunge seinen Zuhörern allerdings ihre geistigen
+Wunden aufriß, aber Öl hineinträufelte, und es manchmal sogar für eine
+Sünde zu halten schien, selbst der Hölle sämmtliche gute Eigenschaften
+abzusprechen, so ging Hottenbrocken hinter ihm her und warf Essig und
+Pfeffer und Salz hinein, rüttelte die sanftschlafenden Sünder aus ihrem
+bewußtlosen Zustand auf, und beschrieb ihnen mit triumphirendem Lächeln
+und glühenden Farben einen furchtbaren Abgrund, an dem sie geschlummert
+haben sollten, und wenn sie den auch nicht gleich sahen, wurden sie doch
+ängstlich und verzagt, und streckten die Hand nach dem ehrwürdigen Manne
+aus, sie zu retten.
+
+Mr. Sweetlip hatte übrigens die »#meeting#« zu eröffnen und zu begrüßen,
+und stieg oder kletterte zu diesem Zweck auf das hohe, kanzelartige
+Gestell, das unter der Eiche errichtet worden. Von hier aus richtete
+er eine ziemlich lange Rede, ohne weiteren besonderen Inhalt, an die
+Versammlung, ermahnte sie, ihre Augen und Herzen und Hände zu Gott
+zu erheben und ihn zu bitten, daß er sie bei ihrer jetzigen freudigen
+Zusammenkunft erleuchten, die Guten stärken, und die verlorenen Schaafe
+zurück zu seiner Heerde führen möge, zu deren Bequemlichkeit hier, wie
+er mit klaren dürren Worten andeutete, die beiden Einpferchungen
+angebracht und mit weicher Streu gefüllt waren.
+
+Maulbeere glaubte wirklich im Anfang daß er mit dieser Sache Scherz
+treibe; der ernste, wehmüthige Mann sah aber nicht aus wie Scherz, und
+Thränen standen auch schon in vielen Augen seiner schönen Zuhörerinnen.
+Um sich dessen aber zu vergewissern, drückte er sich durch die
+Andächtigen, seinen Karren sich selber überlassend, langsam der Stelle
+zu, wo er seinen alten Freund Jack Owen finster und schweigend an einer
+Eiche lehnen und der Rede horchen sah.
+
+»Könnt Ihr mir sagen Freund« redete er diesen leise an, »was der fromme
+Herr da oben mit den beiden Pferchen meint, und ob die nur _bildlich_
+dastehn, oder in der »Hitze des Gesprächs« vielleicht wirklich gebraucht
+werden sollen? ich habe keine rechte Idee von etwas Derartigem, und
+möchte mich gern belehren.«
+
+»Es geht mir nicht viel besser, Fremder,« sagte der Backwoodsman
+seufzend -- »ich habe auch keine rechte Idee von dem Wesen und Treiben
+der Leute; soviel aber ist gewiß, daß sie die Fenzen oder Pferche, wie
+Ihr sie nennen wollt, heute oder morgen noch brauchen, wenn der Herr da
+oben die Gemeinde vorbereitet hat, und der andere lange Herr mit dem
+finsteren Gesicht erst in ordentlichen Schuß und Gang gekommen ist
+-- wenn nicht heute, morgen seht Ihr das gewiß!«
+
+»Und sind das so berühmte Prediger?« frug Maulbeere etwas erstaunt, denn
+das Äußere der Leute hatte auf ihn den Eindruck nicht gemacht --
+
+»Der sanfte Mann der jetzt da oben spricht« sagte Jack mit einem etwas
+bitteren Lächeln, »war noch im vorigen Jahr ein Schneider in Little
+Rock, als plötzlich _der Geist_ über ihn kam, wie sie es nennen, und er
+zu predigen anfing. Er hat eine »sanfte Gabe« wie die Frauen sagen, und
+wenn er nur anfängt zu reden, weinen sie schon vor lauter Rührung und
+Wehmuth. Der Andere ist ein Yankee, und war früher ein Pedlar, wie man
+bei uns die »wandernden Krämer« nennt -- betrog alle Welt mit seinen
+Yankee-Uhren und anderem Trödel den er zum Verkauf im Lande herumführte,
+und -- wurde auch auf einmal religiös, hielt einen Ausverkauf mit seinen
+Uhren, von denen die Frauen wie toll darauf waren, eine zu kaufen, um,
+wie sie meinten, dem Teufel zugleich eine Seele zu entreißen, und fing
+ebenfalls an zu predigen. Die Beiden sind jetzt die beliebtesten Redner,
+die wir hier zu hören bekommen, und haben die anderen Circuit-rider wenn
+nicht ganz weggebissen, doch so in den Schatten gedrängt, daß sie sich
+kaum noch sehn lassen. _Ihre_ Sammlungen fallen auch -- jedenfalls die
+Hauptsache -- immer am reichlichsten aus, und für ihre _milden Zwecke_
+nehmen sie Geld und Geldes Werth, Hirsch- und Racoonfelle, Talg und
+Honig und Bärenfett. Aber jetzt paßt auf« setzte er, mit dem Kopf nach
+der Kanzel winkend hinzu -- »jetzt kommt Herr Hottenbrocken d'ran -- es
+wird ein heißer Tag werden, denn er schneidet ein furchtbar finsteres
+Gesicht.«
+
+Jack schulterte, während er die letzten Worte sprach, seine Büchse,
+drehte sich ab von dem frommen Mann, und schritt langsam hinein in den
+Wald, während Mr. Hottenbrocken allerdings von der Kanzel zu donnern
+begann, und mit leuchtenden Augen und im Anfang zwar noch ziemlich
+ruhiger, dann aber immer wachsender Stimme den zitternden Zuhörern die
+Pforten aufriß die hinab in den Schlund der Hölle führten. Mit wilden
+Gesten und rollenden Augen deckte er dabei alle Schrecknisse auf, die
+dort unten der Ungläubigen, der Tauben die nicht hören, der Blinden die
+nicht sehen wollten, harrten, und seine Rede floß ihm glühend heiß von
+den in wilder Aufregung zitternden Lippen.
+
+Maulbeere, so sehr er sich sonst über derlei Sachen lustig machte, war
+aber plötzlich unendlich aufmerksam geworden, drängte sich, so weit
+sich das füglich thun ließ, nach vorn, kein Wort von der Predigt zu
+verlieren, und verrieth dabei eine Andacht, eine Freudigkeit, die
+sogar mehrmals die Blicke des Geistlichen selber auf ihn lenkte und
+wohlgefällig auf ihm weilen ließ. Der Eine war Schneider, der Andere
+Krämer gewesen, der _Geist_ genügte -- wenn der Geist kam mußte der
+Körper gehorchen! -- Die Predigt oben dauerte fort, Maulbeere hörte
+sie aber nicht mehr, sein äußeres Ohr war anscheinend offen, sein
+inneres lauschte dagegen einem Chaos von Speculationen, die sich in dem
+Gehirn des praktischen Scheerenschleifers entwickelten, und ihm seinen
+»Gedankenkasten« mit einer Unmasse von Plänen und Ideen füllten.
+
+So kam der Abend heran; dieser Tag war mehr eine Vorbereitung zu der
+morgenden _Schlacht_ gewesen, die Mr. Hottenbrocken dem Teufel und
+seinen Helfershelfern angekündigt hatte; seine »Krieger,« wie er die
+Frommen und Gläubigen nannte, waren gerüstet und geweiht worden zu dem
+schweren Kampf, und die nächste Sonne sollte ihre untergehenden Strahlen
+auf die Streiter werfen, die mit der Glorie des Herrn siegreich aus
+Kampf und Ringen hervorgegangen wären.
+
+Maulbeere verlangte mehr als das zu wissen, und Jack Owen schien ihm
+nicht der rechte Mann dazu, denn er hatte, soviel der Scheerenschleifer
+bis jetzt davon gemerkt, keine Freude an der ganzen Sache, war auch in
+der That nur herübergekommen, weil er die Frauen nicht zu Hause halten
+konnte, und nicht allein ziehn lassen _wollte_. Frauen sind überhaupt
+in den meisten Fällen weit besser zu Hause, als bei solchen Campmeetings
+aufgehoben.
+
+Unter den hierhergekommenen Andächtigen befand sich eine Familie,
+die Maulbeere's Aufmerksamkeit schon von allem Anfang durch das viele
+Kochgeschirr und die zahlreichen Proviantkisten auf sich gezogen, die
+sie bei sich führten. Der Mann, wie er sich indessen erkundigt hatte,
+war Kirchenältester, und ein großer Gönner Mr. Hottenbrockens, der
+oft acht und vierzehn Tage auf seiner Durchreise bei ihm blieb, und
+allabendlich in seiner Familie predigte. Diesem introducirte sich
+Maulbeere noch _vor_ dem Abendessen, enthüllte ihm den Eindruck, den
+die Predigt heute Nachmittag auf ihn gemacht hatte, und bat ihn um die
+Lebensgeschichte des langen Mannes, der eine so fabelhafte Rednergabe,
+mit solchem Feuereifer und solcher Gluth der Sprache vom lieben Herrgott
+und heiligen Geist empfangen habe.
+
+Der Kirchenälteste nahm ihn freundlich auf; Maulbeere mußte sich mit zu
+seinem Feuer setzen und mit ihnen essen, und erzählte ihnen dafür seine
+Lebensgeschichte mit einer Phantasie, die seinen alten Schiffsgefährten
+Theobald glücklich gemacht haben würde, und auch hier ihre Wirkung nicht
+verfehlte. Er erfuhr dafür Alles was er wissen wollte -- daß nämlich nicht
+etwa ein langes Studium erforderlich sei, mit begabter Zunge zu reden,
+sondern daß solche, die der heilige Geist als Begünstigte ausersehen,
+oft von den niedrigsten Handwerken, aus dem sündhaftesten Lebenswandel
+heraus, zu der hohen Würde eines Seelenhirten sich emporgeschwungen
+hätten, und Lichter geworden wären, ihren Mitbrüdern und Schwestern auf
+dem schmalen dornigen Pfad der Tugend voranzuleuchten. Nicht einmal ein
+Examen war dabei erforderlich; es bedurfte eben weiter Nichts, als der
+hohen natürlichen Begeisterung, die, für einen monatlichen Gehalt aus
+einer der frommen Stiftungen und Vereine, ihr leibliches Wohl vollkommen
+in die Schanze schlug, und die Arbeit aufnahm im Weinberge des Herrn.
+Schwer war freilich ihre Aufgabe dabei, sie hatten nicht allein gegen
+die sündhaften Ungläubigen, sondern auch gegen den Antichrist wie eine
+Menge anderer Sekten anzukämpfen, aber das Ziel war glorreich -- sie
+_mußten_ endlich siegen, der Herr war mit ihnen, und die Schlange
+blutete mit zertretenem Haupte unter ihren Hacken.
+
+Das etwa war der Sinn der Rede, die der Kirchenälteste dem mit der
+gespanntesten Aufmerksamkeit zuhorchenden Zachäus Maulbeere hielt, und
+wie dieser spät am Abend, wo sich die Mehrzahl der hier Gelagerten zur
+Ruhe begeben, seinen Karren zu seinem neuen Beschützer heranschob, und
+dann in das laut gehaltene Nachtgebet inbrünstig mit einstimmte, schien
+ein ganz anderer Geist in den sonst so rohen, profanen Menschen gefahren
+zu sein. Die Anderen hatten sich längst wieder erhoben, und er kniete
+immer noch eine Weile allein in still versunkenem Gebet, legte sich dann,
+in seine Decke gewickelt die er vorn an den Karren geschnallt mit sich
+führte, ohne mit irgend Jemandem ein Wort weiter zu wechseln, auf den
+ihm angewiesenen Platz unter ein weit gespanntes Leinwandzelt, und
+war bald sanft und ruhig -- ein etwas lautes Schnarchen abgerechnet
+-- eingeschlafen.
+
+Am anderen Morgen begannen die Predigten ungemein früh, und Maulbeere
+hätte heute keine Zeit bekommen seine Geschicklichkeit zu verwerthen,
+selbst wenn er es gewollt; er dachte aber gar nicht daran, saß gleich
+vom Morgengrauen in den vordersten Reihen der Gläubigen, und schien
+sich wirklich nur zufällig gerade zur Frühstückszeit an dem Feuer des
+Kirchenältesten wieder einzufinden. Dieser aber hatte seine innige
+Freude an dem Mann, der, wie er nicht ganz mit Unrecht meinte, innerlich
+und äußerlich einer ordentlichen Reorganisation bedürfe, und die nur
+allein durch das Wort Gottes erhalten könne. Übrigens sei es ein
+erfreuliches Zeichen auch unter den _Deutschen_, die sonst nicht in dem
+Rufe ständen, viel wirkliche Religiosität zu haben, Einzelne zu finden,
+die eine rühmliche Ausnahme davon machten.
+
+Zum Frühstück trat eine Pause ein, da die Geistlichen selber, zu
+ihrem heutigen harten Kampfe, einer Stärkung bedurften, und es war für
+Maulbeere ein rührendes Bild, und eine Quelle tiefen Nachdenkens, zu
+sehn, wie sich die _Brüder_, in Liebe und Freundschaft darum stritten,
+die ehrwürdigen Herren an _ihrem_ Frühstückstisch bewirthen zu dürfen,
+wo ihnen dann das Beste aufgetafelt wurde, was die Küche aus Wald und
+Strom und Farmhof nur zu liefern vermochte.
+
+Gleich nach dem Frühstück begann die Predigt wieder, die aber bis zum
+Mittagessen wenig Erquickliches bot; es war ein Mischmasch von den
+allergewöhnlichsten Phrasen, in der allergewöhnlichsten Art vorgetragen;
+entweder _konnten_ die Leute nichts Besseres liefern, oder sie versparten
+sich den vollen Eindruck auf den Nachmittag und Abend, wo die Zuhörer
+überhaupt mehr aufgeregt und für das Übernatürliche mehr empfänglich
+sind. Maulbeere nichtsdestoweniger hielt gewissenhaft aus; Manche seiner
+Nachbarn und Nachbarinnen, die auch entsetzlich in ihrer Andacht durch
+seinen alten grünen und wie glasirten Rock gestört worden waren,
+schliefen sanft; Maulbeere wachte, und verwandte kein Auge von dem
+Redenden.
+
+Mittag kam, und so sehr sich die Amerikaner vor einem unreinlichen
+Menschen scheuen, hatte Maulbeeres Andacht doch besonders die
+Aufmerksamkeit der Frauen auf sich gezogen; er war auch fremd hier, und
+konnte nicht ohne Nahrungsmittel gelassen werden. Maulbeere bekam drei
+Einladungen an verschiedene Feuer, die er alle drei annahm, und mit
+geschickter Zeiteintheilung auch verwerthete. Nach Tisch und einer
+kurzen Ruhezeit, mit der etwa drei Uhr Nachmittags heranrückte, begann
+die Predigt auf's Neue -- jetzt aber mit einem andern Geist.
+
+Der Reverend Mr. Sweetlip machte heute Nachmittag den Anfang, und die
+Versammlung, als ob die Leute schon eine Ahnung gehabt hätten, wie der
+Geist heute wirken würde, war zahlreicher als je; Maulbeere aber saß in
+den vordersten Reihen.
+
+Mit weicher, schmelzender Stimme begann der ehrwürdige Mr. Sweetlip
+seinen aufmerksam lauschenden Zuhörern die Orte auf dieser Erde zu
+schildern, wo den armen schwachen Menschen Verführung umlauere, ihn von
+der Bahn des Guten abzulocken; und dabei zeigte er ihnen den Lohn, den
+sie auf dieser Welt schon für ein gottgefälliges Leben, aber auch viel
+größer noch in einer anderen Welt, zu erwarten hätten: in dieser Welt
+durch ihr ruhiges, zufriedenes Gewissen, das ihnen die Brust mit einer
+unendlichen Wollust und Seligkeit fülle (und er selber führte sich dabei
+zum Beispiel auf, wie er, seit er sein Herz dem Himmel zugewandt, in
+einem wahren Meer von Wonne schwimme) und in jener, wo Gott und der
+Heiland ihnen ein beneidenswerthes Loos bereiten würde, so sie hier den
+sündigen irdischen Lüsten widerstünden, und ihre Augen nur nach dem
+richteten _was Gottes_ wäre. Auch hierbei ließ er sich in eine nähere
+und mehr bildliche Beschreibung dieser einstigen Seligkeit, wie er sie
+sich dachte, ein, und schilderte seinen Zuhörern mit immer glühender
+und lebendiger werdenden Farben das Paradies, wo sie von Ewigkeit zu
+Ewigkeit oben im Kreis der Engel in den Wolken sitzen, und Hallelujah
+singen würden.
+
+Maulbeere sah sich rasch nach seiner Nachbarin zur Linken um, denn diese
+fing plötzlich an zu stöhnen, schloß die Augen, warf den Kopf herüber
+und hinüber, und gebehrdete sich etwa so, als ob sie einen Anfall von
+Krämpfen erwartete. Der Scheerenschleifer dachte auch an seine kleine
+Hausapotheke die er in dem Karren mit sich führte, an Salmiakgeist
+und Hofmann'sche Tropfen, Einreibungen von Senfspiritus und andere
+entsetzliche Mittel; ehe er aber noch zu einem rechten Entschluß kommen
+konnte, begann seine Nachbarin zur Rechten ebenfalls, ähnliche Töne
+auszustoßen und überall vor und hinter ihm, und rechts und links, fing
+es an zu ächzen und zu stöhnen und die Ausrufe -- »#Oh Loooord -- glory
+-- glory -- happy -- happy -- blessed Jesus!#« wurden nach allen Seiten
+hin laut, und kamen in Gestalt von gewissermaßen gewaltsam ausgestoßenen
+Seufzern zu Tage. Nur erst mit dem Schluß der Predigt, die in einem
+langen Gebet endigte, beruhigten sich die Andächtigen, und die Frauen
+hielten ihre Taschentücher vor die Augen und weinten, als ob ihnen das
+größte Herzeleid in der Welt geschehen und nicht die einstige Seligkeit
+geschildert wäre.
+
+Lautloses Schweigen folgte, denn Mr. Hottenbrocken kletterte jetzt,
+nachdem er den ehrwürdigen Bruder Sweetlip heruntergelassen, auf
+die Kanzel, übersah mit einem, über die Massen schweifenden finster
+drohenden Blick die Versammlung, und rief plötzlich, zu voller Höhe
+aufgerichtet und den rechten Arm von sich streckend, mit donnernder
+Stimme:
+
+»Brüder und Schwestern -- Mitbürger -- Mitchristen -- Sünder
+-- _nichtswürdige, elende, erbärmliche Sünder_ -- der Tag der Rache
+ist nahe!«
+
+»Oh Loooooord!« schrie die eine Mitschwester an Maulbeeres Seite, der
+doch jetzt fand, daß diese verschiedenen Ausrufe keineswegs einem
+körperlichen Gebrechen, sondern eher einer geistigen Vervollkommnung,
+einer Empfänglichkeit des Herzens für das Höhere, zuzuschreiben sei.
+Mr. Hottenbrocken hatte indessen eine kleine Pause gemacht, als ob er
+seinen Zuhörern Zeit geben wollte, über diese Verkündigung nachzudenken,
+und begann nun, nachdem er vorher sein Taschentuch herausgenommen und
+sich vorsichtig geschneuzt hatte, mit einer Stimme und einem Ausdruck
+seine Predigt, als ob er in irgend einem gleichgültigen Gespräch etwa
+gesagt hätte -- »ich glaube wir werden diesen Nachmittag Regen
+bekommen.«
+
+»Der ehrwürdige Mr. Sweetlip, mein verehrter Bruder und fleißiger
+Mitarbeiter im Weinberg des Herrn, hat Euch, liebe Schwestern und
+Brüder, die Freuden des Elysiums geschildert; er hat Euch mit glühenden
+lebendigen Farben, wie den höheren heiligen Sphären abgelauscht, die
+Plätze der Seligen vorgeführt, wohin die _Guten_ einst kommen werden. Es
+_giebt_ einen solchen Platz, liebe Schwestern und Brüder, wie ich Euch
+wohl kaum noch zu sagen habe, denn Jeder von Euch weiß es -- es steht
+mit klaren einfachen Worten in der Bibel, und ist daher keine Kunst
+das zu wissen -- Jeder kann das wissen der nur lesen kann, oder einen
+Bekannten hat, von dem er weiß, daß er ihm keine Lügen erzählt, und der
+ihm die Geschichte vorliest. Also wir sind davon, als einer ausgemachten
+Thatsache, überzeugt, _daß_ es einen Platz giebt, wohin die Guten, die
+Gerechten vor dem Herrn kommen, und nicht allein unsere Phantasie,
+geliebte Brüder und Schwestern, verleiht diesem Platz die höhere Wonne,
+nein auch die heilige Schrift giebt uns ziemlich genaue Grundlagen über
+den etwaigen Zustand dort oben, wie ihn mein Bruder in Christo, Mr.
+Sweetlip geschildert hat -- Aber« -- rief er plötzlich, und unterbrach
+damit gewissermaßen seine bis dahin vollkommen ruhige und wie
+gesprächsweis gehaltene Rede -- »_aber_,« donnerte er noch einmal,
+mit jetzt tief und dröhnend schallender Stimme, »aber _wer_ sind die
+Gerechten? -- _wo_ sind sie? -- wie viele oder wie wenige sind es ihrer?
+-- Wehe, wehe, wehe, mein Auge streift umher, und keinen Frieden, kein
+Licht findet es, wohin es schweift -- mein Ohr lauscht auch dem leisesten
+Klang, und nur Weheklagen sind es, die es vernimmt!«
+
+»Oh Loooooord!« -- stöhnte Maulbeere's Nachbarin wieder.
+
+Lauter und lauter wurde jetzt die Stimme des Sprechers, mit der er
+jammerte daß er umsonst das Haupt eines Gerechten suche, es mit
+der ewigen Glorie zu decken -- sie wären _Alle_ Sünder, schlechte,
+miserabele, elende Sünder vor dem Herrn -- keiner, der bestehen würde
+vor seiner Gerechtigkeit, und nur wenn sie stürben, würden sie es den
+ersten Tag bequem haben, sie fortwährend bergunter führen, tief tief
+hinunter zu dem höllischen Abgrund, wo da ist Heulen und Zähneklappen,
+dann aber -- dann --
+
+»#Oh gracious Looooord!#« stöhnten die Stimmen rechts und links
+-- »#merci, merci -- merci!# Gnade! -- sei gut zu uns Herr, sei gut
+zu uns!« und hie und da standen Einzelne der Mitglieder auf, und
+taumelten mehr als sie gingen unter dem #glory#-, #glory#- und #happy#-,
+#happy#-Rufen in den einen kleinen Pferch, der zur Linken des Predigers
+stand, wo sie sich auf die Knie warfen, und laut und brünstig, nur von
+einzelnen Schreien unterbrochen, an zu beten fingen.
+
+Maulbeere wurde unruhig, er blickte um sich her und sah seine Nachbarn
+an, machte sogar ein paar Mal Miene aufzustehen, setzte sich aber immer
+wieder nieder. Das Gestöhne um ihn her wurde dabei immer toller, und je
+wilder und feuriger der Mann auf der Kanzel jetzt anfing mit rasselnder,
+dröhnender Stimme die Qualen der Verdammten zu schildern, und lauter und
+drohender der ganzen Schaar seiner Zuhörer ein ähnliches Schicksal zu
+prophezeihen, je mehr er mit den Armen warf und seine langen Glieder
+umherzuschlenkern begann, die Augen dabei verdrehte und mit der Stimme,
+vielleicht das Wimmern der Gepeinigten nachzuahmen, in ein Gekreisch
+und Gewinsel fiel, und dann wieder um Gnade, Gnade schrie für die
+Verdammten, um deren Glieder er schon die Lohe schlagen sähe, die im
+ewigen Feuer zuckten und sich krümmten und die Arme umsonst flehend,
+Hülfe suchend, herausstreckten aus dem knisternden Verderben, da
+erreichte der Aufruhr und Lärmen einen furchtbaren Grad. Die Leute
+sprangen und heulten auf ihren Sitzen, schlugen mit den Armen und Beinen
+um sich, und klammerten sich aneinander an, als ob sie schon jetzt
+fürchteten von dem höllischen Feind gefaßt, und nach seinen Regionen
+niedergeführt zu werden.
+
+In dem links gelegenen Pferch hatten sich indeß die »Böcke« mehr
+und mehr angesammelt -- es waren die, die sich als die größten,
+nichtswürdigsten Sünder erkannten -- und lagen hier auf den Knieen,
+rangen die Hände, heulten, schrieen, und gebehrdeten sich mit einen Wort
+wie Verrückte. Zwangsjacken wären auch in der That das einzige gewesen,
+was sie hätte halten können.
+
+Mr. Hottenbrocken oben auf seiner Kanzel aber fing an zu triumphiren.
+
+»_Da_ kommen sie!« schrie er mit ausgestrecktem Arm und Finger
+niederdeutend, auf die mehr und mehr dem Pferch Zudrängenden, (Männer
+und Frauen und Mädchen, Alles durcheinander) und sein Auge schoß Blitze,
+seine Gestalt hob sich höher und gewaltiger, und zog sich dann manchmal
+in sich selbst zusammen, als ob er noch unschlüssig sei, vielleicht
+mit einem Satz über die Barriere weg, mitten zwischen die Schaar
+hineinzuspringen -- »da drängen sie herbei, vom Teufel gepeitscht, der
+hinter ihnen mit ausgespreizten Krallen dreinspringt, den Einen oder
+Anderen noch von denen die ihm entfliehen wollen zurückzureißen in sein
+Reich der Verdammniß!«
+
+»#Oh L--o--o--o--o--o--rd -- merci -- merci!#« schrieen die Frauen
+wieder, die sich jetzt zwischen den Bänken anfingen ängstlich umzusehn,
+und sogar manchmal mistrauische Blicke auf den Scheerenschleifer warfen
+-- »habe Gnade mit uns, barmherziger Gott; rette uns, rette uns vor dem
+Teufel -- rette uns vor dem ewigen Feuer!«
+
+»Gnade?« schrie aber der Mann auf der Kanzel mit seiner Donnerstimme
+nieder in den Lärm und Aufruhr -- »Gnade wollt Ihr? -- Gnade für Euere
+_Sünden_? -- Gnade für Euern _Unglauben_? Gnade für Euere verderbten und
+verstockten Herzen? -- der Fluch _Gottes_ wird Euch treffen am jüngsten
+Gericht -- niederschmettern wird er Euch in den Staub, die Ihr Euch
+jetzt am stolzesten und höchsten wähnt -- niederschmettern in ewige
+Verdammniß und Nacht und Finsterniß und ewiges Feuer, wo Satan die Macht
+über Euch haben wird und die Kraft und die Gewalt; und _dort_ steht er!«
+schrie er plötzlich wild gellend auf, mit dem ausgestreckten Arm gegen
+den Wald hinauszeigend -- »dort grinst er herüber auf Euch und fletscht
+die gelben fürchterlichen Zähne! -- dort steht er und schüttelt sich vor
+Lachen und innerer grimmiger Lust, wie er die Heerde sieht, die er bald
+eintreiben kann in sein höllisches Reich, die Opfer sieht, die ihm
+verfallen sind durch ihre eigene Sünde und Lust und rettungslos,
+rettungslos verloren gehn!«
+
+»#Merci -- merci -- glory -- glory -- oh Looooord!#« schrie und stöhnte
+die Schaar wieder, und ein solches Wüthen und Drängen und Ächzen und
+Winzeln begann zwischen den Menschen, daß Maulbeere mistrauisch die
+Leute von der Seite ansah, und doch nicht herausbekommen konnte ob sie
+im Ernst waren, oder sich nur verstellten.
+
+Und trotzdem war der Paroxismus noch nicht zum höchsten Grade gestiegen.
+Der Geistliche auf der Kanzel hatte wieder eine Pause gemacht; es fehlten
+ihm Worte weitere Schrecken heraufzubeschwören, das Schlimmste was er
+hatte aufführen können war geschehn -- der Teufel stand mit gekrümmten
+Krallen hinter den Bäumen und lauerte auf seine Opfer; _der_ Schrecken
+mußte jetzt wirken und dann _die Möglichkeit_ der eingeschüchterten
+Schaar gezeigt werden, dem zu entgehn.
+
+»Fühlt Ihr Euere Gefahr? -- erkennt Ihr den Abgrund an dem Ihr steht?«
+rief der lange finstere Mann plötzlich wieder mit nicht sehr lauter,
+aber zu den entfernteren Stellen dringender, bohrender Stimme, »habt Ihr
+das schwarze Meer, mit seinen stürmenden rollenden Wogen gesehn, das
+über Euch hereinwälzen will, Euch in seine Tiefe zu ziehn? -- _fühlt_
+Ihr endlich Euere Nichtigkeit, Euere Erbärmlichkeit, Euere Sünde, die
+schwarz genug ist daß sie die Sonne verfinstern und der Engelein
+Gnadengebet ersticken könnte? -- _fühlt_ Ihr sie? wißt Ihr daß Ihr
+_verloren_ sein müßtet -- rettungslos, erbarmungslos für immer und ewig,
+wenn Ihr nur das bekämt was Ihr hier _verdient_? nur dem _gerechten_
+Richter gegenüber?«
+
+»#Oh Looooooo'od a massy!#« schrie eine dicke, vor Maulbeere sitzende
+Negerin jetzt mit gellendem Aufkreisch, und fiel von der Bank herunter
+auf der sie gesessen, als ob sie todtgeschossen wäre. Niemand bekümmerte
+sich aber um sie, und sie blieb eine Weile regungslos liegen, ohne ein
+Glied zu rühren.
+
+»Aber _noch_ ist es Zeit!« donnerte da plötzlich des Redenden Stimme,
+wie eine schmetternde Posaune Heil verheißend durch den Wald -- »_noch_
+ist die zwölfte Stunde nicht vorüber, noch hält der Engel der Gnade
+die Hand ausgestreckt nach den Strauchelnden -- _noch_ ist es Zeit
+Mitbrüder, Mitschwestern, der Himmel ist offen, das Licht des
+Heilands leuchtet Euch entgegen, das Wort der Verheißung kann noch
+Wahrheit werden -- _noch_ ist es Zeit Gentlemen -- Brüder, Schwestern,
+Reisegefährten!« schrie der Mann, der beinah in der Hitze der Rede in
+sein altes Geschäft, das Auktioniren, gefallen wäre und eben noch Raum
+fand wieder einzulenken -- »_noch_ ist es Zeit -- kommt, kommt, kommt zu
+dem Herrn -- kommt, kommt, kommt zu Jesus Christus -- kommt -- oh kommt
+in des Heilands Arme, der Euch rettet aus Noth, Tod und Verdammniß
+-- kommt!«
+
+»#Glory -- glory -- happy -- happy!#« brüllte und tobte da plötzlich die
+Masse -- »#blessed be de Looo'd# Dschisos!« schrie die dicke Negerin mit
+einem gewaltigen Ruck sich emporrichtend, daß sie gerade vor Maulbeere
+auf die Erde zu sitzen kam, und ihm starr in's Antlitz sah. Aber überall
+zu gleicher Zeit brach der langverhaltene Sturm jetzt donnernd los
+-- Männer und Frauen sprangen empor, rissen sich die Röcke vom Leib,
+die Tücher von den Schultern, rauften sich die Haare, schlugen sich die
+Brust, stöhnten, kreischten, schrieen, den dicken Schaum auf den Lippen,
+große Schweißtropfen auf der Stirn, und die Augen fast aus ihren Höhlen
+drängend.
+
+Es wäre überhaupt unmöglich dem Leser auch nur im Entferntesten
+eine solche Scene lebendig genug zu beschreiben, daß er sich selber
+hineindenken könnte; etwas Derartiges muß man selber gesehn und erlebt
+haben, und ist es dann vorbei, zweifelt man trotzdem wieder ob es
+wirklich geschehn sein _könne_, ob nicht ein toller Fiebertraum uns
+geneckt, und selbst der Erinnerung glauben wir nicht mehr, die uns
+solch wildes, tolles Zeug will aufbewahren. Nichts Geisterhafteres,
+Unnatürlicheres giebt es auf der weiten Gotteswelt, als diese Scenen, wo
+der heilige Geist von den schaumbedeckten Lippen wahnsinniger Schwärmer
+sprechen soll, und diese sich auf der Erde wälzen, die Fingernägel in
+den Boden einwühlen, den Rasen beißen und #glory, glory!# schreien, Ruhm
+dem Herrn in der Höhe!
+
+Viele mag es dabei geben, die einen solchen Zustand aus irgend einem
+Grunde heucheln; die sich eben nur stellen als ob der »Geist« über
+sie käme, mit den Armen und Beinen werfen, und solcher Art einen sehr
+billigen Ruf großer Religiosität erlangen, vielleicht Einlaß in manche
+Familie zu bekommen, deren Kreis ihnen sonst verschlossen geblieben
+wäre. Ebenso gewiß ist es aber auch, daß Viele, _sehr_ viele in
+Wirklichkeit und Wahrheit in diesen Zustand verfallen, daß sie nur
+durch die oft vollkommen sinnlose, nur mit einer gewissen Begeisterung
+und mit steigendem Affekt gesprochene Rede in einen halb bewußtlosen
+überspannten Zustand gerathen, in dem sie sich der Erde entrückt und von
+einem anderen, außer-, und jedenfalls überirdischen Wesen begeistert
+wähnen.[2] Fieberanfälle folgen nicht selten demselben, und die aufgeregte
+Einbildungskraft ist nachher jedenfalls sehr leicht im Stande das, wo
+sich etwa noch eine Lücke in ihren Gedanken und Bildern finden sollte,
+mit Leichtigkeit auszufüllen. Auf Jemandem aber, der einer solchen
+Versammlung mit kaltem, ruhigen Blute beiwohnt, macht sie unausweichlich
+den Eindruck eines Haufens wahnsinniger Menschen, die losgebrochen sind,
+und die kurze Zeit ihrer Freiheit geschwind benutzen, sich einmal recht
+tüchtig auszuschrein.
+
+In diesen Pferchen besonders, wohin die sich drängen, die den heiligen
+Geist über sich kommen fühlen, geht es zuweilen zu, daß man sich mit
+Ekel von einem solchen Bilde menschlicher Entwürdigung abwendet, und
+doch fühlen sich diese verblendeten Menschen auf dem Gipfel menschlicher
+Erhöhung, und werden natürlich darin von den Geistlichen, die den
+Erfolg ihrer Wirksamkeit nach den Köpfen ihrer geretteten _Schaafe_
+zählen, bestärkt.
+
+Ich weiß wirklich nicht, ob der Ausdruck »Schaaf« in _solchen_ Fällen
+hinlänglich und stark genug bezeichnend ist -- er genügt mir sehr häufig
+bei uns nicht einmal.
+
+»Glory! Glory! Hallelujah!« brüllte die Schaar, »heiliger Geist komm
+-- senke Dich auf uns herab, rette uns, hilf uns -- #glory, happy, happy,
+happy!#«
+
+»Uch!« schrie oder kreischte da plötzlich eine einzelne Stimme, so
+scharf und gellend durch die Mistöne um sie her, daß sich selbst von den
+augenblicklich Begeisterten Viele, halb dabei aus ihrer Rolle fallend,
+nach der Stelle umsahen, von wo der merkwürdig wilde, unheimliche Laut
+ertönte, und hier bot sich ihnen allerdings ein neues seltsames
+Schauspiel.
+
+Zachäus Maulbeere hatte der Geist ergriffen, und während die dicke
+Negerin, die sich wieder aufgerichtet, seine Knie umklammert hielt und
+abwechselnd Hülfe und Glory! schrie, stand Maulbeere auf der Bank, auf
+der er bisher gesessen, mit bloßem Kopf, an der Stirn noch die Spuren
+des niedergelaufenen Regenwassers von der vorigen Nacht, die Arme zum
+Himmel ausgestreckt, und das Gesicht ebenfalls dorthin erhoben, und
+tobte ärger als Einer der Anwesenden sein #happy -- happy -- happy# dem
+grünen Waldesdome entgegen.
+
+»Dort ist _noch_ ein Schaaf!« schrie der Geistliche von der Kanzel
+nieder, mit dem Arm auf den begeisterten Scheerenschleifer deutend, und
+mit funkelnden, fast wie beutelustigen Augen die Wirkung seiner Rede an
+dem Fremden beobachtend -- »dort ist ein verirrtes, abtrünniges Schaaf
+das zur Heerde zurückkehrt -- ein Lamm das sich in den Händen des Herrn
+vor den Krallen des Teufels bergen will -- eine Taube, die den Fängen
+des ewig nagenden Geyers zu entziehen sucht. -- Oh komm -- komm Lamm
+Gottes -- komm in den himmlischen Pferch -- komm in die Arme des
+Heilands, die sich liebend und sehnsüchtig nach Dir ausstrecken -- oh
+komm -- oh komm! --«
+
+»Ich bin ein arger Sünder gewesen!« schrie da Maulbeere, plötzlich seine
+Brust schlagend und einen vergeblichen Versuch machend sich von der
+dicken Schwarzen zu befreien -- »ein nichtswürdiger, verstockter Sünder
+-- eine Kerze des Satans, ein Pflegekind der Hölle -- der rothen,
+feurigen, flammenden Hölle.«
+
+»#Oh do--nt -- do--nt -- oh Loooood#« schrie die Schwarze dazwischen.
+
+»Aber ich fühle die Kraft in mir,« fuhr Maulbeere in seiner Begeisterung
+fort -- »Alles abzuwerfen was mich bis dahin gehalten (ausgenommen die
+Schwarze, die nicht von ihm ließ), ich fühle den _Geist_ kommen -- ja
+Brüder, ja Schwestern, ich fühle den Geist kommen, den heiligen, lieben,
+gesegneten Geist!«
+
+»#Oh glory -- glory -- glory -- happy -- happy!#«
+
+»Ich fühle, wie es in mir tobt und wühlt und brennt; _das_ ist das Feuer
+das die Sünde läutert, das ist der letzte Rest der Sünden die jetzt
+verkohlen und verfliegen -- ich komme -- ich komme -- _heih!_«
+
+Seine Worte arteten zuletzt in eine Art Geheul aus -- Augen schienen
+aus ihren Höhlen herauszudrängen, die struppigen Haare sahen in diesem
+Augenblick so aus als ob sie vor Entsetzen emporständen, und mit einer
+gewaltigen und wirklich verzweifelten Kraftanstrengung aus den ihn
+umklammernden Armen der Negerin sich herauswindend, und jetzt ebenfalls
+#glory, glory, happy, happy# rufend, arbeitete er sich nach dem schon
+vollgedrängten Pferch durch, kletterte über die Fenz, sprang mitten
+in den Haufen hinein, und verschwand dort in dem Gewühl und Zucken
+menschlicher Gliedmaßen, die sich auf dem bestreuten Boden wanden.
+
+
+
+
+Capitel 3.
+
+Der wandernde Krämer.
+
+
+Warm und freundlich schien die Sonne nieder auf die weiten grünen
+Prairieen von Illinois, die sich in ungeheueren Flächen, nur hie und da
+von einem dunklen Streifen hoher Eichen unterbrochen, nach Nord und Süd,
+nach Ost und Westen dehnten. Wie eine wogende See stand dabei das hohe,
+üppige Gras in der frischen Westbrise, die darüber hinstrich, und lichte,
+rasch über die Oberfläche laufende Wellen bildete, täuschend ähnlich
+einer ruhigen See, über die ein leiser Passat die leicht gekräußten,
+eben nur sich hebenden Wogen zieht.
+
+Wie Inseln darin, um die Täuschung noch größer zu machen, lagen einzelne
+kleine Farmen weit zerstreut, deren Maisfelder gleichfalls wogten und
+dem Wind sich neigten, und das grüne Wasser darstellen konnten in der
+Nähe des Landes, während die Prairieen schon eine dunklere, gelblichere
+Färbung angenommen. Daraus vor aber ragten die kleinen grauen Dächer der
+Blockhäuser, mit ihren blauen dünnen Rauchstreifen, die weit über die
+Fläche zogen; Felsen gleich, an denen sich die Brandung brach, während
+in den Wogen der Prairieen selber zahlreiche Heerden, nur mit Kopf und
+Rücken oft aus dem schwellenden Gras herausreichend, das seine Wellen an
+ihnen vorübertrieb, herumschwammen, oder die breiten gutmüthigen Köpfe
+witternd und schnüffelnd der frischen Luft entgegenhielten.
+
+Aber kein Fahrzeug strich auf dem weiten wasserähnlichen Grasspiegel
+einher; vergebens suchte das Auge nach einem lichten Segel, die Täuschung
+nicht größer zu machen, sondern mehr fast zur Bestätigung, daß dieß
+nicht Land- und Pflanzenwuchs, sondern wirklich schiffbares, wogendes
+Wasser sei.
+
+»Ein Kahn!« von den grünen Wellen getragen schwimmt, einen dunklen
+Streifen hinter sich herziehend, ein schmaler dunkler Kahn dahin, und
+ein einzelner Ruderer sitzt darin, still und regungslos sein Forttreiben
+Wind und Strömung überlassend. Mit Gewalt muß sich das Auge zuletzt
+zwingen in dem kleinen Kahn und Ruderer Mann und Pferd zu erkennen, die
+langsam einem schmalen, sich durch die Prairie ziehenden Wege folgen,
+und gerade auf die nächste, von einem kleinen Feld begrenzte Blockhütte
+zuhalten.
+
+Der Reiter aber war ein alter Bekannter von uns, Georg Donner, der,
+langsam seinen Weg verfolgend, die kleine Hütte endlich erreichte, und
+dort seinem Pferde kurze Rast zu gönnen beschloß. Die ganze Umgebung
+des Hauses ließ ihn auch auf Landsleute als Eigenthümer schließen, und
+den Zügel seines klugen wackeren Thiers abstreifend, band er ihm die
+Vorderfüße, nach Landesart zusammen, und ließ es sich sein Futter auf
+der weiten Wiese selber suchen. Da ging die Thür der Hütte auf, und ein
+junges, rothwangiges, kräftiges und auch recht hübsches Mädchen von etwa
+achtzehn Jahren trat auf die Schwelle, den Fremden neugierig betrachtend.
+
+»Grüß Euch Gott, Kind,« rief ihr dieser freundlich entgegen, »kann man
+ein Glas Milch hier bekommen? -- es ist warm heute und das Wasser in der
+Prairie schmeckt schlecht.«
+
+»Recht gern und so viel Ihr wollt -- grüß Euch Gott,« sagte das Mädchen,
+rasch in das Haus zurückgehend und bald mit einem großen, bis zum Rand
+gefüllten Blechmaas voll Milch wiederkehrend. »Ihr seid wohl von weit
+her unterwegs?« frug sie dann, als Georg das Gefäß dankend an die Lippen
+hob, und einen langen durstigen Zug daraus that.
+
+»Ich komme von Wisconsin herunter, wo ich ein Jahr mich aufgehalten,«
+sagte der junge Mann.
+
+»Von Wisconsin; da soll es auch recht gut sein -- wir haben viel Freunde
+drüben, die mit uns über See gekommen sind -- wir wollten auch erst
+dorthin, aber die Schwester wurde hier krank, und da dem Vater die
+Gegend gefiel, blieben wir da, und ließen die andern weiter ziehn.«
+
+»Und es geht Euch gut hier?«
+
+»Gott sei Dank, ja; wir haben ziemlich billig gekauft, und die Jahre nun,
+die wir hier sind, recht sparsam gelebt und recht fleißig gearbeitet,
+und da sieht man doch daß man vorwärts rückt.«
+
+»So kommt Ihr hier besser fort wie in Deutschland?«
+
+»Ei Gott ja, _viel_ besser; lieber Himmel dort fraßen die Steuern, was
+wir mit Mühe und Noth erzwingen konnten; wir schafften und schafften,
+daß uns das Blut unter den Nägeln vorkam, aber nur schlimmer wurd' es,
+nicht besser; wir _konnten_ nicht erschwingen was wir brauchten, und
+langsam aber sicher ging's bergunter. Hier ist's besser; arbeiten müssen
+wir freilich auch, beinah so viel wie in Deutschland, aber was wir
+einnehmen ist unser, wir brauchen Nichts davon abzugeben, haben keine
+groben Gerichtsleute die uns quälen, und keine Taxen und Steuern, die
+Einem das Mark aus den Knochen saugen. Auch das Land ist vortrefflich;
+was man pflanzt gedeiht, und wenn wir nur ein Bischen mehr an einem
+großen Fluß wohnten, daß wir Alles gleich verkaufen könnten was wir
+bauen, wär's noch viel besser. Die Leute sagen freilich, daß wir eine
+Eisenbahn hier vorbeibekommen, nachher wär's schon gut. Wo seid _Ihr_
+her, wenn man fragen darf?«
+
+»Aus Waldenhayn.«
+
+»Aus Waldenhayn -- Jesus, in unserer Gegend liegt auch ein Waldenhayn,
+aber s'ist doch wohl nicht das --«
+
+»Und welches ist das?« lächelte der junge Mann.
+
+»Krisheim -- und Bachstetten liegt auch nicht weit von dort, der Pfarrer
+von Bachstetten ist ein Bruder vom Waldenhayner Pfarr.«
+
+»_Der_ Waldenhayner Pfarr' ist mein Vater,« sagte Georg.
+
+»Und Ihr seid in Krisheim gewesen?« frug das Mädchen und hohe freudige
+Röthe goß sich ihr über Stirn und Schläfe.
+
+»Oft und oft; es sind ja nur höchstens vier Stunden von unserem Ort.«
+
+Das Mädchen sah dem jungen Mann fest und forschend dabei in die Augen,
+und dann drehte sie sich plötzlich ab, und die hellen klaren Thränen
+liefen ihr an den Wimpern nieder.
+
+»Ihr hängt wohl noch recht an daheim?« sagte Georg endlich leise und
+nach langer Pause, »möchtet Ihr wieder zurück?«
+
+»Ich weiß nicht,« flüsterte das Mädchen, immer noch von ihm abgewandt,
+»ich hatt' es schon beinah vergessen, und seit dem letzten Weihnacht
+wenig mehr daran gedacht -- wenn ich aber den Ort wieder nennen höre,
+und nun gar wieder Jemanden sehe, der selber dort war, selber eigentlich
+dorthin gehört, dann -- dann fängt's freilich wieder an zu stechen,
+und -- und es kommt mir dann manchmal doch wohl vor, als ob ich das
+alte, liebe Dorf im Leben nimmer vergessen könnte. -- Wenn ich an den
+Kirchthurm denke und -- und was daneben liegt -- und an die großen
+Linden -- nur an den Weg der dorthin führt, möcht ich mir die Augen aus
+dem Kopfe weinen. -- Aber der Vater darf's nicht merken,« setzte sie
+rasch hinzu, »sagt Ihm Nichts wenn er kommt. Es ist ihm gerade so wie
+uns zu Muthe, ich weiß es wohl, wenn er sich's auch nicht will merken
+lassen -- aber weinen kann er nicht, das geht ihm nicht von der Hand,
+und da wird er lieber grob, wenn er's auch nicht so böse meint und
+-- wenn man eigentlich weiß warum er's wird, möcht' man ihn nur um so
+lieber d'rum haben.«
+
+Georg war es, als er das Mädchen so plaudern, und selbst den Dialekt
+aus seiner eigenen Gegend dabei hörte, ebenfalls recht weich um's Herz
+geworden; ihm selber klang die Rede wie Glockentöne aus der Heimath, und
+er hätte den lieben Lauten stundenlang lauschen mögen, so wohl, so weh
+wurde ihm dabei in der Brust. Von der Fenz herüber tönte da das Knallen
+einer Peitsche, Stimmen wurden laut und der Bauer, mit seiner andern
+Tochter, Lisbeth, kam den Weg die Fenz entlang; der Mann hatte frischen
+Mais aus dem Felde in seinem kleinen Karren geholt, und das Mädchen,
+wie ein Knabe von etwa dreizehn Jahren, ihm dabei aufladen helfen. Die
+Leute sahen frisch und wohl aus mit ihren sonnverbrannten aber gesunden
+Gesichtern, und man merkte es ihnen an, daß sie die Arbeit freute die
+sie thaten. Sie luden auch den jungen Mann freundlich ein bei ihnen die
+Nacht zu bleiben und sich und sein Pferd auszuruhen, von dem langen
+Ritt in der Sonne. Georg aber hatte keine Ruh, es zog ihn nach Indiana
+hinüber, wo er wenigstens hören wollte wie es denen ging, an denen sein
+Herz, so weh ihm auch der Mann gethan, den er vor allen Anderen gern
+geliebt hätte, mit festen -- er fürchtete unzerreißbaren Banden hing,
+und je länger er sich fern gehalten von dem Platz, destomehr drängte und
+trieb es ihn jetzt, wo seines Pferdes Kopf der Richtung sich wieder
+zuwandte.
+
+Eine kleine Weile plauderte er noch mit den Leuten; es that ihm wohl
+hier zufriedene, glückliche Menschen zu sehn, die dem Lande ihr Brod
+sauer genug abverdienen mußten, die aber die Schultern ernst dagegen
+stemmten, gegen das Werk, und, wenn auch langsam vorrückten, doch eben
+sahen, _daß_ sie vorrückten, und sich glücklich dabei fühlten.
+
+»Die gebratenen Tauben fliegen uns hier nicht in den Mund,« sagte der
+Mann unter Anderem und im Laufe des Gesprächs lächelnd, »wie sie uns
+manchmal, als wir von Deutschland fortgingen, vorgehalten haben, daß wir
+so etwas erwarteten; aber wenn wir richtig zugreifen und unsere Knochen
+nicht schonen, dann können wir uns doch Tauben braten, und haben dann
+welche, und in Deutschland ging das eben _nicht_ mehr an. Das erste Jahr
+haben wir uns freilich tüchtig placken müssen, und sind bei anderen
+Leuten in Dienst gegangen, alle miteinander -- es war ein schweres Jahr,
+aber es ging vorüber, wir lernten auch das Land dabei kennen und die
+Arbeit, und nun hab' ich das kleine Grundstück hier gekauft. -- Ganz
+ist's freilich noch nicht bezahlt, aber in zwei Jahren hoffentlich ist's
+mein, und mit dem Vieh was ich indessen ziehe, und das den Werth der
+Farm erhöht, können wir der Zukunft ruhig und sorgenfrei entgegengehn.«
+
+Der Mann hatte hundert Preußische Thaler mit herübergebracht, und mit
+dem dazu was er und seine Familie das erste Jahr verdient, den Stamm
+gelegt, der ihm eine sorgenfreie Existenz geben konnte.
+
+Georg fing sein Pferd endlich wieder ein, band die Hobbeln ab, legte ihm
+den Zügel wieder an, und ritt nach freundlichem Abschied von den Leuten
+auf dem ausgeruhten Thiere rascher die etwas staubige Straße entlang,
+wo er, wie ihm der Hesse gesagt hatte, noch eine andere kleine deutsche
+Farm erreichen würde, die ebenfalls ziemlich armen, aber braven, fleißigen
+Deutschen gehörte. Es waren noch zwölf Englische Meilen bis dorthin, und
+kein Haus lag dazwischen, kein Baum -- unabsehbar mit dem wogenden Gras
+den Horizont begrenzend, dehnte sich die weite Prairie um ihn aus.
+
+Erst unfern dem Haus lief ein kleiner Steppenstrom dem Wabasch zu, an
+dessen Ufer dichte Büsche von Weiden, Eichen, Erlen, und einzelne
+Hickorybäume wuchsen, und dem Platz etwas unendlich freundlich Heimliches
+gaben. Prairiehühner[3] gab es dort ebenfalls in Menge; auch Kaninchen
+und die kleinen Rebhühner Nord-Amerikas -- ein Mittelding zwischen
+Rebhuhn und Wachtel.
+
+Die Ansiedlung, die hier stand, war noch ganz neu, das Land erst
+kürzlich urbar gemacht, aber mit einer prachtvollen Erndte wehenden
+Maises, die Blöcke zu der Hütte frisch gehauen, und sogar das von ihnen
+übrig gebliebene und dort zum Feuer gelassene Holz noch nicht ganz
+verbrannt. Ebenso bestand die Fenz aus ganz neu gespaltenen Riegeln, und
+selbst die Hühner, die vor dem Haus herumliefen, die Schweine, die dann
+und wann einmal einen vergeblichen Versuch machten, irgend wo eine Lücke
+in der Einfriedigung des Feldes zu entdecken und diesem einen Besuch
+abzustatten, die beiden Kühe, die zum Melken nach Hause gekommen waren,
+sahen aus, als ob sie dort noch nicht recht hingehörten, und keinen
+eigentlich bestimmten Platz hätten zu Aufenthalt und Wohnung. Weit
+eher hatten sich die Kinder eingerichtet, von denen drei vor dem Hause
+spielten und sich herumtummelten, und ein junges Mädchen von etwa vierzehn
+Jahren schien alle Hände voll zu thun zu haben, ihnen zu wehren und auf
+sie aufzupassen.
+
+Heute gab es freilich auch etwas Neues für sie, das die Einförmigkeit
+ihres Steppenlebens auf erfreuliche Weise unterbrach, denn vor dem Hause
+hielt ein kleiner Karren, ein sogenannter Pedlar-Wagen, mit allerlei
+bunten, wunderhübschen Sachen zum Verkauf, und der Mann hatte gesagt,
+daß er die Nacht da bleiben und jedenfalls warten würde bis Vater und
+Mutter vom Felde heim kämen, ihnen seine Waaren auszupacken, von denen
+sie Manches brauchen könnten. Indessen zeigte er ihnen aber allerlei,
+und gewann ihre Herzen noch überdieß durch ein paar kleine Spielereien,
+die er ihnen preisgab. Endlich kamen die beiden Leute von ihrer Arbeit
+zurück, und während die Frau nach den Kühen ging, diese zu melken, trat
+der Bauer zu dem Pedlar, und reichte ihm die Hand.
+
+»Guten Tag Landsmann -- Ihr seid doch ein Deutscher, wie?« --
+
+»Allerdings,« sagte der Pedlar, freundlich den Handdruck erwiedernd,
+»möcht's nicht verleugnen.«
+
+»Möcht' Euch auch schwer werden,« lachte der Bauer, »Euer Gesichtsschnitt
+würd' Euch verrathen; nicht wahr Ihr seid von »unsere Leut«, wie wir bei
+uns zu Lande sagen?«
+
+»Na, wie mer's so nimmt,« lachte Wald, denn es war unser alter
+Reisegefährte von der Haidschnucke, der hier seine Umstände als Pedlar
+schon so verbessert hatte, mit einem Güterkarren durch's Land fahren
+zu können, »wir _leben_ wie die Christen, und handeln wie die Christen
+-- der Mensch kann nicht mehr verlangen.«
+
+»Aber Ihr eßt kein Schweinefleisch,« lachte der Bauer.
+
+»Nu, was wär der mehr d'rum, wenn wir's _nicht_ thäten,« sagte Wald
+achselzuckend, »aber setzt mich 'mal auf die Probe, besonders wenn
+Bohnen dabei sind.«
+
+»Na, ein Mann ein Wort,« rief der Bauer, »das sollt Ihr heut' Abend
+haben, und Eueren Kasten könnt Ihr dann auch auskramen, wenn meine Alte
+mit Melken fertig ist; die hat schon die ganze Zeit lamentirt, daß sie
+kein Band und keinen Zwirn und keine Nadeln und Kämme und Gott weiß was
+hat; es ist in Ewigkeit kein Pedlar hier vorbeigekommen.«
+
+»Glück muß der Mensch haben,« sagte Wald vergnügt, »da komm ich wieder
+einmal gerade recht, und was die Frau braucht, steckt da Alles im Karren
+d'rin.«
+
+ [Illustration: Capitel 3]
+
+»Ja, glaub's schon, wenn nur da im Hause drin auch Alles stäk' um damit
+zu zahlen -- na, aber so viel wird schon da sein. Und nun Cathrine, wie
+ist's mit dem Kranken drin?« wandte er sich dann an das junge Mädchen
+das, indessen die Eltern im Felde arbeiteten, auf die Kinder hatte
+Achtung geben müssen.
+
+»Nun es geht wohl nicht gut Vater, er hat viel gestöhnt, ist aber vor
+einer Stunde etwa eingeschlafen und liegt jetzt ruhig.«
+
+»Habt Ihr Jemand krank in der Familie?« frug Wald, »ich habe kleine
+Hausmittel bei mir, vielleicht kann ich da helfen.«
+
+»Nein in der Familie nicht, Gott sei Dank,« sagte der Bauer, »aber ein
+Landsmann, ein Bischen ein verkehrter Kauz, der ein paar Wochen bei mir
+hier gewohnt, und hier versuchen wollte eine neue Erfindung zu machen,
+ist dabei gefallen und hat das Bein gebrochen. Da nun kein Arzt in der
+Umgegend zu haben ist, mußten wir es ihm selber zurechtrücken so gut es
+gehen wollte, und das, fürcht' ich, wird wohl nicht zum Besten geschehn
+sein. Wir können den armen Teufel aber nicht so verkommen lassen, und
+ich will lieber morgen nach Vandalia hinunterreiten und einen Doktor
+holen; es ist ein Bischen weit dazu, kann aber Nichts helfen.«
+
+»Wie ist denn das gekommen?« frug Wald, »und _wo_ hat er das Bein
+gebrochen?«
+
+»Wo? -- da hinten von dem Baume herunter,« sagte der Bauer, »seht Ihr
+die einzelne Eiche dort an der Prairie, an der die Balken lehnen?
+-- dort drüben links.«
+
+»Ja aber, was um Gottes Willen hatte er denn da oben zu thun?« frug Wald
+erstaunt.
+
+»Ih nun, er hat eine neue Erfindung gemacht -- er hat _fliegen_ wollen,
+und das ist noch nicht recht gegangen.«
+
+»Fliegen wollen, Gott der Gerechte, ich bin froh daß ich 'nen Karren
+habe auf dem ich _fahren_ kann -- fliegen, und da ist er von oben
+heruntergestürzt?«
+
+»Wie ein Mehlsack -- er hatte sich so ein Gestell gemacht wie ein Drachen
+etwa, aber ohne Bindfaden unten d'ran,« sagte der Bauer, »woran man
+sonst so ein Ding hält, daß es nicht wegfliegt; das war aber hier auch
+nicht nöthig, denn es kam gleich von selber herunter, und ich hätte gern
+gelacht, wenn's nur dem armen Teufel dabei nicht so schlecht gegangen
+wäre -- es ist auch ein Deutscher.«
+
+»Hm, hm, hm,« sagte Wald, »was es doch für wunderliche Menschen auf der
+Welt giebt, und macht er da ein Geschäft d'raus?«
+
+»Nein, er ist eigentlich Cigarrenmacher --«
+
+»Er heißt doch nicht Schultze?« rief Wald schnell.
+
+»Schultze heißt er allerdings -- am Ende kennt Ihr ihn gar.«
+
+»Du lieber Gott; wenn's der ist den ich meine, sind wir miteinander
+über See herübergekommen, und er hatte da schon immer so einen kleinen
+Sparren; wenn's ihm nur nicht gar am Ende im Oberstübchen fehlt. Kann
+ich ihn einmal sehn?«
+
+»Jetzt schläft er, wie die Cathrine sagt,« meinte der Bauer, »und da er
+die ganze Zeit über Schmerzen gehabt hat, wird's wohl besser sein wir
+lassen ihn ruhig liegen, bis er von selber aufwacht.«
+
+»Und wie lange ist's her, daß er das Bein gebrochen?« frug der Pedlar.
+
+»Heute gerade elf Tage,« sagte der Bauer.
+
+»_Gerade_ elf, hm -- arme Teufel -- hat er denn Geld?«
+
+»Nun ein Bischen was wohl,« meinte der Bauer achselzuckend, »er kam hier
+durch, und die Gegend gefiel ihm hier für das was er machen wollte, wie
+er sagte.«
+
+»Er meinte, er könnte hier recht hübsch in der Prairie herumfliegen?«
+
+»Wahrscheinlich so -- und er bot mir ein und einen halben Dollar
+wöchentlich, wenn ich ihn ein paar Monate beköstigen wollte, bis er mit
+seiner Arbeit fertig wäre. Nu ja, viel zu verdienen war da nicht dabei,
+aber ein Bischen baar Geld thut auch gut, und da's ein Deutscher war,
+und sonst ein ordentlicher Mann schien, sagten meine Alte und ich ja.
+Jetzt liegt er nun freilich da, und wir haben die Sorge und Noth mit
+ihm, können ihn aber nun auch nicht im Stich lassen, bis er wieder
+gesund ist und sich selber helfen mag.«
+
+»Das ist brav von Euch gehandelt,« sagte Wald, »hier in dem Amerika weiß
+man nie wie Einer den Andern braucht; aber da kommt die Frau, nun kann
+ich meine Sachen auspacken, daß wir noch fertig werden eh' die Sonne
+unter ist; nachher wird's dunkel im Handumdrehen.«
+
+»Guten Tag miteinander,« sagte die Frau zu dem Pedlar tretend, und ihm
+die Hand reichend, »na das ist recht daß endlich einmal Einer von Euch
+sich hierher verliert, wir haben lange darauf gewartet. Was habt Ihr
+denn da in Euerem Karren drin?«
+
+Wald säumte nicht seine Waaren anzupreisen, und die verschiedenen Kästen
+und Schubfache herausziehend, legte er den Blicken der jetzt um ihn
+herdrängenden Familie die Herrlichkeiten offen, die, aus den Städten des
+Ostens hergeführt, die Herzen in den westlichen Prairieen entzücken
+sollten.
+
+Viel Geld hatten die Leute nun zwar nicht an derlei Gut zu wenden,
+Manches aber wurde wirklich nothwendig gebraucht und _mußte_ geschafft
+werden, und ging der Mann auch einmal in die ziemlich fern liegende
+Stadt, konnte er's doch nie im Leben so aussuchen wie die Frau, und die
+Pedlar bleiben deshalb auch immer den Frauen willkommene Gäste.
+
+Eine Anzahl Kleinigkeiten war indessen ausgesucht und bezahlt worden,
+und obgleich der Pedlar bat, die Frau möchte das Nachtquartier in Abzug
+bringen, wollte diese doch davon Nichts hören. Sie hätten so Nichts
+großes zu bieten, und für ein Nachtquartier dürften sie kein Geld
+nehmen, das ginge nicht an -- »aber wie ist mir denn,« setzte sie hinzu,
+den Pedlar dabei immer schärfer und aufmerksamer ansehend, »ich dächte
+doch, wir hätten einander schon einmal gesehn?«
+
+»Wär wohl möglich,« lachte Wald, »ich zieh' nun schon ein paar Jahr lang
+die Kreuz und Queer im Lande herum -- hierher bin ich aber doch noch
+nicht gekommen.«
+
+»Es war auch nicht hier,« sagte die Frau, ihn immer stärker in's Auge
+fassend, »es war unten noch am Wasser, gleich wie wir ankamen -- Jesus,
+Heinrich, sieh mal, ist das nicht der Mann, der mir den halben Dollar
+gab, den Kindern Milch dafür zu kaufen?«
+
+»Seid _Ihr_ die Leute, die da unten in New-Orleans an der Levée saßen
+und kein Brod und keine Arbeit hatten?« frug aber nun Wald seinerseits
+wirklich erstaunt, »alle Wetter, dann habt Ihr Euch aber tüchtig
+herausgearbeitet in der kurzen Zeit.«
+
+»Siehst Du's, er ist's,« rief aber die Frau, rasch und herzlich Wald's
+Hand ergreifend, »wenn nur ein Mensch wüßt' wie ich mich danach gesehnt
+habe Euch wieder zu sehn, und Euch danken zu können.«
+
+»Ah, papperlapapp,« sagte Wald, abwehrend, »macht kein Aufhebens von der
+Läpperei -- ich wollt' ich hätt' mehr thun können.«
+
+»Ich glaub's Euch,« sagte der Mann jetzt auch, dem Juden die Hand
+reichend und derb drückend, »Ihr habt das Herz auf dem rechten Fleck,
+gerade wo's hingehört.«
+
+»Ihr wißt aber gar nicht wie Ihr uns damals geholfen habt,« sagte, mit
+Thränen in den Augen, die Frau, als sie an die schwere Zeit zurückdachte,
+»wir anderen hätten uns helfen können, aber das Kleinste schrie nach
+Milch, und ich hatte keinen Tropfen mehr für das arme Würmchen. Seht
+jetzt den Jungen an, was für ein kräftiger Bengel das geworden ist;
+wer weiß ob er sich jetzt dort so herumtummelte, wenn Ihr uns nicht
+damals beigestanden. Lieber allmächtiger Gott, Du magst mir die Sünde
+verzeihen, aber ich wäre lieber mit ihm in's Wasser gesprungen wie
+nicht, so weh, so traurig war mir um's Herz, weil sich so gar Niemand
+um uns kümmerte, und es _allen_ Menschen eben ganz gleichgültig zu
+sein schien, ob wir da am Flußufer verdarben oder nicht. Euer Geschenk
+brachte mir zuerst wieder, _mit_ der Hülfe, Hoffnung in's Herz, und von
+dem Augenblick auch an schien's beinah, als ob es hätte besser werden
+sollen.«
+
+»Auf gefundenem Gelde ruht ein Segen,« lächelte Wald.
+
+»Ich glaub's Euch nicht, daß Ihr es gefunden habt,« sagte die Frau, ihn
+scharf ansehend.
+
+»Und mir hat's seit der Zeit immer schwer auf der Seele gelegen, Geld
+genommen zu haben, was ich nicht _verdient_ hatte,« sagte der Mann, »es
+war das erste Mal gewesen, und Gott sei Dank, daß wir jetzt im Stande
+sind es mit tausend Dank zurückzuzahlen.«
+
+»Wie heißt zurückzahlen,« sagte Wald halb verlegen, halb lachend, »hab'
+ich's mir doch schon selber wieder geholt -- zurückzahlen, was sagen Sie
+zu _dem_ Mann; hab' mit ihm um sieben Dollar Geschäfte gemacht, und
+werde den halben nicht dabei haben.«
+
+Wald war in der That auf keine Weise zu bewegen etwas, was er für einen
+Nebenmenschen gethan, »bezahlt zu nehmen«, und der Bauer mußte ihm
+jetzt erzählen wie es ihm hier so schnell geglückt. Ohne Mittel auf's
+gerathewohl hin, und einen Theil seiner Sachen verkaufend nur die
+Passage zu zahlen, war dieser mit seiner Familie nach Illinois gekommen
+und hatte da ein kleines Stück Land zuerst gepachtet. Die Erndte, von
+der er einen Theil abgeben mußte, war trefflich gerathen, und so langsam
+fortarbeitend hatte er jetzt den kleinen Platz, mit der Zeit ihn in den
+nächsten Jahren langsam abzuzahlen, käuflich übernommen.
+
+Wie sie noch so zusammen plauderten, und der Bauer nicht müde wurde dem
+Krämer von den Vorzügen des Landes zu erzählen, kam noch ein Reiter die
+Straße nieder die zum Hause führte, und hielt neben der Gruppe.
+
+»Hallo Wald! so fleißig und eifrig im Geschäft, hier mitten in der
+Prairie?« rief diesen da die freundliche Stimme Georg Donners an.
+
+»Herr Donner, wahrhaftig!« sagte aber auch Wald, ihm die Hand auf das
+Pferd entgegenstreckend, »woher des Wegs?«
+
+»Vom Norden herunter -- guten Abend Ihr Leute, wie weit ist's noch bis
+zum nächsten Haus dahinein zu?«
+
+»Nach der Richtung hin liegt keins,« sagte der Mann, »bis Ihr nicht zum
+nächsten Waldstreifen kommt, und der ist sieben englische Meilen von
+hier entfernt. -- Dort wohnen Irische, aber eben kein freundliches Volk,
+und je weniger man mit ihnen verkehrt, desto besser.«
+
+»Ja, ich bäte Euch gern, Leute, ob Ihr mich die Nacht hier behalten
+wolltet,« sagte Georg, »aber Ihr habt schon Besuch, und in dem Häuschen
+möcht' ich Euch auch nicht gern beschränken.«
+
+»Das thut Nichts,« sagte die Frau freundlich, »wir müssen uns
+eben einrichten, und dürfen schon einen Landsmann nicht dicht vor
+Sonnenuntergang von der Thür weisen.«
+
+»Ja und _den_ schon gar nicht,« rief Wald rasch, »denn erstens ist er
+ein braver Kerl, und zweitens ein _Doktor_!«
+
+»Ein Doktor?« riefen die beiden Leute rasch, »ja das wär schon recht!«
+
+»Ist Jemand krank hier bei Euch?« frug Georg.
+
+»Ein Schiffskamerad von uns Beiden, die Nachtigall, Herr Donner, von der
+Haidschnucke hat das Bein gebrochen, und liegt im Haus drin schon elf
+Tage ohne ärztliche Hülfe.«
+
+»Aber so steigen Sie doch nur ab,« bat der Mann.
+
+»Du lieber Gott,« sagte Georg, aus dem Sattel springend, und den Zaum
+über einen Zweig des nächsten Baumes werfend, »da ist's ja doch die
+höchste Zeit daß irgend etwas für den armen Mann geschieht.«
+
+»Aber er schläft jetzt,« sagte das älteste Kind, »ich habe deshalb die
+Kleinen aus dem Haus genommen, weil er so lange schon keine ordentliche
+Ruhe gehabt hat.«
+
+»Ich will ihn nicht stören,« sagte Georg, »nur wenn er wacht geh' ich zu
+ihm; aber ich möchte ihn wenigstens sehn -- liegt er in diesem Haus?«
+
+»Gleich links am Kamin auf dem kleinen Bett.«
+
+Georg schlich auf den Zehen in's Haus, aber wie er nur über die Schwelle
+trat, hörte ihn der Kranke, drehte den Kopf nach ihm um, und streckte
+ihm dann rasch und freudig die bleiche abgemagerte, zitternde Hand
+entgegen.
+
+»Donner, Sie sendet mir Gott selber, und von jetzt glaub' ich an
+Wunder!« sagte er, und die Stimme klang hohl und matt; »guter Himmel,
+was habe ich ausgestanden -- wie führt Sie denn jetzt mein Schutzgeist
+her zu _mir_?«
+
+Georg ließ sich aber auf keine weiteren Erklärungen und
+Auseinandersetzungen ein, bis er nicht den Bruch untersucht hatte. Viel
+war dabei schon in der langen Zeit, in der er uneingerichtet gelegen
+hatte, verloren, und das rechte Schienbein, das bei dem Sturze, wie es
+schien, schräg abgebrochen, noch ziemlich stark geschwollen. Er gab aber
+die Hoffnung nicht auf noch Alles gut werden zu sehn, ging vor allen
+Dingen mit der Axt hinaus an den kleinen Fluß, sich selber die passenden
+Rindenstücken zu Schienen abzuschlagen, und richtete den Bruch erst
+ordentlich ein, schiente und band ihn, und stellte dann mit Walds Hülfe,
+der Manches dazu in seinem Karren mit sich führte, eine Art Schwinge
+her, in der sie das Bein frei schwebend hängen konnten, was dem Kranken
+große Erleichterung gab, und ein wieder Verschieben des Knochens
+verhinderte.
+
+Indessen war es dunkel geworden, der Mann hatte die beiden Pferde seiner
+Gäste in einen Verschlag gebracht und ihnen dort Mais eingeschüttet,
+die Frau kochte emsig am Kamin das Abendbrod für ihre gern bewirtheten
+Gäste, und Schultze mußte nun Georg und Wald, dem er ebenfalls herzlich
+die Hand geschüttelt, erzählen, wie er zu dem unglückseligen Sturz
+gekommen. -- Georg Donner hatte nämlich noch gar keine Ahnung, was er
+hier für Unsinn getrieben.
+
+»Wie, um Gottes Willen kamen Sie zu dem Bruch, lieber Schultze,« frug er
+ihn, als er neben dem Bette saß und seine Hand dabei dem kleinen jetzt
+überglücklichen Mann, der sich schon der schwärzesten Verzweiflung
+hingegeben, überließ.
+
+»Der Schwanz war zu kurz, lieber Herr Donner, ich hab' es mir gleich
+gedacht; aber es hatte wahrhaftig keinen andern Grund, der Schwanz war
+um dritthalb Fuß zu kurz.«
+
+»Aber von was in aller Welt reden Sie denn?« rief Georg, auf's Äußerste
+erstaunt.
+
+»Nun von meinem Drachen -- ich sage Ihnen Herr Donner, wenn ich den
+unglückseligen Fall nicht gethan hätte, flög ich jetzt im ganzen Lande
+umher. Ich habe das Geheimniß gefunden, das uns wieder zu unserer alten
+verlorenen Eigenschaft verhelfen soll.«
+
+»Aber bester Herr Schultze, was machen Sie für Streiche,« lachte Georg,
+als ihm ihr Wirth jetzt ebenfalls mit kurzen Worten die ganze Geschichte
+erklärt hatte, wie sich Herr Schultze mit unendlicher Mühe aus Schilf
+und Rohrwerk und Seide ein breites Gestell gebaut, dieses dann oben an
+dem Baum befestigte, und bei einer frischen Brise endlich, wo sich die
+Fläche von selber an zu heben fing, oben darauf gestiegen wäre und die
+Seile durchgeschnitten hätte, wonach der Drache, oder wie es sonst
+heißen möchte, auf der einen Seite übergekippt wäre, Herrn Schultze
+heruntergeworfen, und sich selber im nächsten Baume wieder gefangen
+hätte.
+
+»Was ich für Streiche mache, bester Donner?« rief aber Schultze, »ich
+schlage mein Leben für die Wissenschaft in die Schanze, _das_ mache ich.
+Meine feste, innige Überzeugung ruht auf dem System, und ich weiß, daß
+ich es durchsetze; was liegt daran, ob ich später noch einmal ein oder
+beide Beine breche, ich werde doch in meinem Leben nur noch sehr wenig
+gehn, denn nicht allein bin ich dahinter gekommen wie die Flug_kraft_
+am Besten herzustellen ist, nein ich bin auch im Stande, mein später
+vervollkommtes Luftschiff in eine höhere oder tiefere Luftschicht zu
+lenken und es dort zu _steuern_ -- was sagen Sie nun, Freundchen?«
+
+»Daß Sie, sobald Ihr _Bein_ wieder geheilt ist, mit _diesen_ Ideen
+nächstens den _Hals_ brechen werden,« erwiederte Georg achselzuckend;
+»was aber um des Himmels Willen hat Sie auf diese unglückselige, brodlose
+Idee gebracht? -- was wollen Sie damit bezwecken, was _hilft_ es Ihnen,
+wenn Sie wirklich eine Strecke durch die Luft fliegen und mit
+unzerbrochenen, unverrenkten Gliedern wieder auf Gottes Erdboden
+kommen?«
+
+»Das kann ich Ihnen nicht so auseinandersetzen, mein junger Freund,«
+sagte aber Schultze, ernst und recht wehmüthig dabei mit dem Kopfe
+schüttelnd, »das ist das Ziel, die Aufgabe meines Lebens, für die mich
+Gott eigends geboren und in die Welt gesetzt. Ich fühle das auch in mir,
+ja was noch mehr ist, ich fühle daß ich es durchsetzen werde, daß ich
+bestimmt bin, der Menschheit eine neue Ära zu gründen, oder vielmehr
+unsere jetzige Bahn zu dem alten Punkt zurückzuführen. Die Kraft und
+Eigenschaft, die wir einst besessen, haben wir nicht _verloren_, sondern
+nur auf eine Zeitlang _vergessen_. Es ist das Ei des Columbus; wenn
+gefunden, wird die ganze Welt schreien: »ja das ist gar Nichts -- wenn
+wir das _so_ gemacht hätten, hätten wir's auch gekonnt.« Die Sache ist
+aber die, sie haben's nicht _so_ gemacht, und Schultzes Name, mein
+lieber Freund, Benjamin Schultze wird unsterblich werden.«
+
+»Wenigstens bald zu den Unsterblichen gehören, wenn Sie in der Art
+fortfahren,« lächelte Georg. »Ich will eine mögliche Ausführbarkeit der
+Luftschifffahrt gar nicht etwa bestreiten; es sind in den letzten Jahren
+andere Sachen möglich gemacht, die wir früher für eben so unmöglich
+gehalten; aber ich fürchte, lieber Schultze, Sie haben das Zeug nicht
+dazu etwas derartiges durchzuführen. Ihnen stehen keine bedeutende
+Mittel zu Gebote, Sie haben auch, so viel ich weiß, keine mechanischen
+Kenntnisse, Sie in der Ausführung eines solchen Plans zu unterstützen,
+und der gute Willen genügt dazu nicht. Dieser Sturz sollte Ihnen deshalb
+eine Warnung sein; Sie kommen dießmal noch hoffentlich mit ein paar
+Monate Hinken davon -- daß es nicht später schlimmer wird.«
+
+Wald mußte jetzt erzählen, was er bis dahin getrieben, und that das mit
+dem ihm eigenen, drolligen Humor. Er war mit etwa zwanzig Spanischen
+Dollarn in der Tasche an Land gekommen und hatte dort gleich, nach
+dem Beispiel seiner Glaubensgenossen, einen kleinen Handel mit Band,
+Litzen, Nadeln etc., etc., etc. angefangen. Den war er bald im Stande
+zu vermehren und kaufte jetzt, anstatt ein theueres Haus in der Stadt,
+das er nicht hätte bezahlen können, und wo das Standgeld allein seinen
+Nutzen halb aufgezehrt haben würde, ein kleines altes Flatboot an der
+Landung, das er dort ruhig auf dem Schlamm liegen ließ, und zu einem
+Laden herrichtete. Er mußte dort natürlich viel von den Mosquitos sowohl,
+als dem schauerlichen Dunst der benachbarten Boote leiden, aber er
+verdiente Geld, und blieb da so lange, bis er im Stande war, sich eine
+ordentliche Quantität Waaren mit Wagen und Pferd zu kaufen, mit denen er
+dann von New-Orleans fort zu Lande am Mississippi hinaufzog, bis ihn die
+Fieberzeit dort wieder vertrieb, und er an Bord eines Dampfschiffes
+ging, sich in Cincinnati mit seinem Karren an Land setzen zu lassen. Von
+dort aus hatte er Indiana ziemlich durchstreift, vortreffliche Geschäfte
+gemacht, und große Lust wieder dorthin zurückzukehren, und vielleicht
+erst zum Spätherbst nach Illinois zu kommen, da die Fliegen den Tag über
+das Pferd so belästigten, und Nachtreisen ihm bei seinem Geschäft doch
+nichts nützen konnten.
+
+»Durch Indiana?« -- Georg fühlte wie sein Herz stärker an zu klopfen
+fing, denn er dachte der Möglichkeit, der Krämer könne auch Lobensteins
+besucht haben, von denen er über ein Jahr auch nicht die geringste Kunde
+gehabt. Wald ließ ihn aber auch darüber nicht lange in Zweifel, und fing
+an aus freien Stücken die ihrer früheren Reisegefährten aufzuzählen, die
+er auf seinen Wanderungen angetroffen.
+
+Die ersten waren zwei von den drei Passagieren, die von dem Leuchtschiff
+zu ihnen an Bord gekommen, die beiden dem Zuchthaus wahrscheinlich
+entnommenen jungen Verbrecher, die ihre alte Gewohnheit hier nicht hatten
+verleugnen können oder wollen, und bei einem Pferdediebstahl erwischt
+waren. Die Eigenthümer schienen Lust gehabt zu haben sie gleich an Ort
+und Stelle zu hängen, aber der Sheriff legte sich zu ihrem Glück noch
+in's Mittel, und sie wurden (Wald kam gerade dazu sie abführen zu
+sehen), nachdem die dortigen Ansiedler ihnen wenigstens erst eine
+tüchtige Tracht Schläge mit einem schwanken Hickory verabreicht, in das
+Staatsgefängniß abgeliefert.
+
+Dann hatte er ein paar von _seinen_ Landsleuten, auch
+Zwischendeckspassagiere der Haidschnucke, im Lande, und ebenfalls als
+Krämer oder Händler angetroffen. Löwenhaupt war Eigenthümer eines
+Kleiderladens am Wasser unten, in Cincinnati, wollte sich aber von
+seiner Frau scheiden lassen, weil sie ihn mishandelte. Rechheimer war
+ebenfalls Pedlar geworden und die beiden Rechheimer Mädchen hatten sich,
+die eine in Cincinnati, die andere in Vincennes, an ziemlich wohlhabende
+Leute verheirathet.
+
+Der Polnische Jude mit seiner Holzharmonika war wieder nach New-Orleans
+zurückgegangen, der Knabe aber so krank geworden, daß er nicht mehr
+singen konnte -- und erst ganz kürzlich -- vor ein paar Tagen nur
+-- hatte er ein ganzes Nest von Haidschnucken-Passagieren auf einer Farm
+unweit Grahamstown in Indiana getroffen.
+
+»Und wie geht es Lobensteins?« rief Georg rasch.
+
+»Sie kennen den Platz?«
+
+»Ich habe dort gearbeitet,« erwiederte Georg ausweichend.
+
+»Thut mir leid um die Leute,« sagte Wald.
+
+»Wie so? -- was ist mit ihnen?« frug Georg rasch.
+
+»Nun, daß es ihnen so schlecht geht.«
+
+»Ist Jemand krank?«
+
+»Nicht daß ich wüßte -- nur so, meine ich.«
+
+»Aber der Professor hat doch die Farm?«
+
+»_Hatte_ sie,« sagte Wald.
+
+»Er hat sie verkauft?« rief Georg, rasch und erschreckt.
+
+»Noch nicht,« meinte der Pedlar, »doch heute oder morgen wird's wohl
+dran gehn. Wie ich dort vorbei kam war's dicht daran.«
+
+»Aber wie ist das möglich,« sagte Georg, »die Erndte ist doch gewiß
+dort wie hier gut ausgefallen, die Verbesserungen, die er auf der Farm
+gemacht, müssen ihm wenigstens _etwas_ eingetragen haben, und so war der
+Platz doch nicht verschuldet, ein solches Ende so rasch herbeizuführen.«
+
+»Wie die Geschichte ganz genau ist, weiß ich nicht,« sagte Wald, »so
+viel aber ist gewiß, daß der Professor Vieh und manches Andere verkaufen
+mußte, dem Weber, der sich bei ihm mit seiner Familie verdingt hatte,
+seinen Jahrlohn zu geben. Außerdem hat er Unglück gehabt mit dem
+einzigen Sohn, der sich auf der Jagd eine Ladung Schroth durch den Leib
+geschossen.«
+
+»Großer Gott, Eduard,« rief Georg, entsetzt von seinem Sitz aufspringend.
+
+»Wie ich die Sache hörte,« fuhr Wald fort, »war der junge Mann mit einem
+andern unserer Zwischendeckspassagiere -- dem langhaarigen Burschen, der
+immer die Verse an Bord machte -- auf die Jagd gegangen, und weiß der
+liebe Gott, was die beiden jungen Leute zusammen angefangen, aber der
+junge Lobenstein, Eduard hieß er, glaub' ich, schoß sich, wie jener
+Versemacher sagte, beim über einen Graben springen durch den Leib, und
+starb ein paar Stunden darauf unter den furchtbarsten Schmerzen.«
+
+»Das ist ja entsetzlich,« stöhnte Georg.
+
+»Nicht so, als der Mensch vielleicht denken möchte,« meinte Wald ruhig,
+»denn wie mir der Weber erzählte, war der junge Bengel zum Arbeiten nie
+etwas nutz gewesen, und durch den Fall wurden sie auch, als reinen Gewinn,
+den Literaten los, der sich auf dem ersten Dampfboot wieder nach
+New-Orleans einschiffte.«
+
+»Aber wie um Gottes Willen konnte er so zurückkommen, _gezwungen_ zu
+werden seine Farm verkaufen zu müssen?« frug Georg.
+
+»Wie? -- einfach genug,« meinte der Pedlar, »ich habe weitläufig darüber
+mit dem Weber, einem ordentlichen, braven Menschen gesprochen, der die
+Sache schon lange hat kommen sehn, aber Nichts ausrichten konnte gegen
+den Starrkopf des Professors. Anstatt sein Feld ordentlich mit Mais oder
+Waizen zu bepflanzen, Produkte, von denen er wußte, daß er sie wieder in
+baar Geld verwandeln konnte, machte er Experimente, baute in eine Ecke
+Runkelrüben und in die andere Ölsaat, verschwendete dabei ein Capital an
+Arbeitslohn, für eine Bande müssiger, ungeschickter Gesellen, die ihren
+Nutzen dabei fanden ihn in dem Glauben zu bestärken er könne Mühlen und
+Gott weiß was sonst noch, bauen. Die Leute wollten dann allwöchentlich
+ausgezahlt sein, und was nicht mehr länger verborgen bleiben konnte, kam
+an's Tageslicht. Mit einem recht großen, tüchtigen Capital hätte der
+Mann vielleicht Manches erreichen können, so aber reichten seine Mittel
+nicht aus; Mühlen, Zuckerpressen, Backsteinmaschinen, Alles was er zu
+gleicher Zeit begann, und was in einigen Jahren, wenn richtig geleitet,
+gewiß einen hübschen Profit abgeworfen hätte, blieb mitten in der Arbeit
+stehn, und zehrte, anstatt zu helfen, mit an dem übrigen Capital.«
+
+»Und ist der Weber noch bei ihm?« frug Georg.
+
+»Oh Gott bewahre,« sagte Wald, kopfschüttelnd, »der Professor hat ihn
+bei Heller und Pfennig ausgezahlt, was er ihm und seiner Familie für
+die Jahresarbeit schuldete, und seinen Contrakt ehrlich gehalten, damit
+aber auch, wie es scheint, seine eigenen Kräfte total erschöpft, und
+Brockfeld sitzt jetzt, etwa zwei Meilen diesseit von Lobensteins Farm,
+auf einem eigenen Stück Land, in einem eigenen freundlichen Häuschen,
+und es geht ihm und den Kindern und der alten Mutter _recht_ gut.«
+
+»Wie weit ist es bis dorthin?« frug Georg, fast unwillkürlich dabei von
+seinem Stuhle aufspringend.
+
+»Nun heute Abend kommen Sie nicht mehr hin,« lachte Wald, »wenn Sie aber
+ordentlich zureiten, mögen Sie in vier Tagen den Platz erreichen -- Sie
+wissen ja wohl wo er liegt.«
+
+»Ach wenn Sie nur noch eine ganz kurze Zeit bei mir bleiben könnten,
+bester Donner,« seufzte Schultze wehmüthig vor sich hin, »wie soll es
+denn werden, wenn Sie fortgehn?«
+
+Georg beruhigte ihn übrigens hierüber, und versprach ihm, heute Abend
+noch seine beiden Wirthsleute und Pfleger so zu unterrichten, daß sie
+den jetzt gut eingerichteten und fest und sicher geschienten Bruch auch
+allein behandeln könnten. Ruhe war das Einzige was er brauchte, und das
+Hauptsächlichste dann nahrhafte Speisen, die sich die Leute nicht
+getraut hatten ihm zu geben, damit sich sein Körper, was er so sehr
+bedurfte, wieder kräftige und stärke. Sei es ihm möglich, wolle er
+selber noch einmal in vierzehn Tagen etwa hierher zurückkehren.
+
+
+
+
+Capitel 4.
+
+Georg und Marie.
+
+
+Vier Tage später mit Sonnenuntergang erreichte Georg nach scharfem Ritt,
+auf dem er sein Pferd nicht geschont, »Brockfelds Farm,« erfuhr aber hier,
+wo man ihn auf das Herzlichste begrüßte, nur die Bestätigung dessen, was
+ihm Wald schon in Illinois gesagt, daß es mit den Vermögensumständen
+des Professors _recht_ traurig stehe, dieser nicht im Stande sei, seine
+letzte Zahlung an den Wirth in Grahamstown, von dem er die Farm gekauft,
+zu machen, und gesonnen sei, sie am nächsten Montag -- der erste
+im Monat September, wo Gerichtssitzung in Hollowfield wäre -- zu
+verauktioniren, wenn er sich nicht vorher mit dem Wirth selber über die
+Rücknahme des Platzes einigen könnte. Dieser aber wollte jetzt freilich
+nur entsetzlich wenig dafür geben, weil er behauptete, die Aussichten
+für die Lage desselben hätten sich allerdings, und ganz wider Erwarten,
+sehr verschlechtert. Noch immer war keine Hoffnung eine Eisenbahn
+hierherzubringen, indeß die Cincinnati-Bahn schon beendet worden, und
+was sollte er nun mit einer mitten im Wald liegenden Farm anfangen?
+
+Der Professor mochte jetzt wohl recht gut einsehn, daß er damals von dem
+schlauen Wirth bei seinem Ankauf betrogen worden, und sich bös damit
+übereilt habe; war das aber nicht seine eigene Schuld? Anstatt, wenn er
+selber darin nicht Zeit gehabt Erfahrungen zu sammeln, wenigstens einen
+unpartheiischen Sachkundigen dazuzunehmen, der die Verhältnisse des
+Landes kannte, war er mit den beiden Deutschen hinübergeritten die,
+so gut sie es mit ihm selber meinen mochten, doch nur im Stande sein
+konnten einen _deutschen_ Maasstab an das Land zu legen; von allem
+Anderen verstanden sie Nichts, und der pfiffige Amerikaner hatte nicht
+gesäumt das zu benutzen.
+
+Die Summe, die der Professor dem Wirth in Grahamstown noch schuldete,
+kannte der Weber nicht, und Georg hätte das Herz brechen mögen vor Weh
+und Schmerz, wenn er der Zukunft dachte, der jetzt die Frauen
+entgegensahen.
+
+Dem Weber ging es indeß recht gut hier auf seinem neuen Platz; er hatte
+Zeit gehabt sich die Umgegend genau anzuschauen, und nach allen Seiten
+hin etwa die Preise der verschiedenen Plätze zu erfahren. Dies kleine
+#improvement# mit vierzig Acker vom Staat gekauften und fünf Acker
+darunter urbar gemachtem Landes war da, durch das plötzliche Fortziehn
+des Eigenthümers, unter dem Werth gegen baar Geld zu verkaufen gewesen;
+die Gelegenheit hatte er benutzt, und befand sich wohl dabei. Die Leute
+waren auch unendlich fleißig, griffen _Alle_ zu, und arbeiteten von früh
+bis spät, sich ihre neue Heimath nicht allein wohnlich, sondern auch
+einträglich zu machen. Der Viehstand besserte sich dabei ebenfalls, und
+die Aussicht war da, daß sich ihr Vermögen von Jahr zu Jahr vermehren,
+nicht zurückgehen werde, und sie ihre Auswanderung aus der Heimath, so
+weh ihnen die im Anfang auch gethan, nicht zu bereuen brauchten. Auch
+die alte Mutter, die noch am längsten an der Heimath gehangen, und
+doch immer heimlich gestöhnt und geklagt, so gut es ihren Kindern auch
+ging, und so sorglos sie in's Leben sehen durften, hatte sich endlich
+hineingefunden in die neue Welt. Freilich, so warm und freundlich schien
+die Sonne doch hier nicht wie in Deutschland, so kühl war der Schatten,
+so lau die Luft nicht im Frühling, die Blumen rochen nicht so gut, die
+Vögel sangen nicht so lieb, der Himmel war nicht so blau, die Wiese
+nicht so grün, das Wasser nicht so süß, und einen Vergleich mit
+Deutschland hielt »das Amerika« lange nicht aus. Aber -- sie mußte doch
+zuletzt einsehn, daß es ihren Kindern gut hier ging; in Deutschland
+hatten sie ihr Schwein verkaufen müssen, Steuern davon zu zahlen, hier
+hielten sie schon vier Kühe und so viel Dutzend Schweine, wie sie zu
+Hause Stück gehabt, und Hühner und Gänse daneben, hatten zwanzig Mal so
+viel Land wie daheim, und wenn das Haus auch noch nicht so warm und
+bequem war, der nächste Sommer würde das schon bessern. So saß sie denn
+jetzt auch wieder wie vordem in ihrer Ecke im Haus, oder bei schönem
+Wetter unter einem breitästigen Eichbaum vor der Thür im Schatten, wo
+ihr der Sohn ein großes freundliches Asterbeet angelegt, ihre Augen an
+dem Glanz der Herbstblumen zu letzen. So, mit dem Spinnrad vor sich,
+wenn sie auch nur wenig spann, und das mehr aus alter Gewohnheit bei ihr
+stand, legte sie oft die Hände in den Schooß und schaute schweigend und
+still befriedigt die neben ihr spielenden Enkel an, die sich munter auf
+dem Platz da umher tummelten, und amerikanischen Boden gerade so passend
+zu ihren Spielen fanden, wie deutschen.
+
+Georg hatte aber keine Ruhe hier -- ihn drängte es mehr von dem Schicksal
+einer Familie zu hören, deren Wohl ihm warm am Herzen lag, und mit
+Tagesanbruch am anderen Morgen sattelte er sein Pferd, nahm freundlichen
+Abschied von den Leuten, die ihn noch Alle gern vom Schiff und von der
+Farm her hatten, und ritt in scharfem Trabe, Lobensteins Farm für jetzt
+umgehend, dem kleinen Grahamstown zu, dort erst vor allen Dingen mit dem
+Gläubiger des Professors zu sprechen, und zu sehen wie tief dieser
+eigentlich in Schulden stecke.
+
+Etwa um zehn Uhr Morgens erreichte er den kleinen Platz, der noch gerade
+so still und öde lag wie vor zwei Jahren, ja eher noch stiller, noch
+verlassener, denn drei oder vier damals gebaute Häuser waren wirklich
+von ihren Eigenthümern, da alle die großen Verheißungen nicht wahr
+geworden, im Stich gelassen, und gaben dem Ort noch mehr ein wüstes,
+trauriges Aussehn. Auch Ezra Ludkins hatte Lust auszuverkaufen, und
+zu dem Zweck einen großen Anschlag unter seine Seejungfer befestigt,
+welchem zufolge ihn dringende Familienverhältnisse nach Texas riefen,
+und er Haus und Geschäft unter dem Werth losschlagen wolle. Es fand sich
+aber kein Käufer, und Wind und Wetter bekamen es endlich satt, das
+Papier da nutzlos hängen zu sehn, und rissen es herunter.
+
+Ezra Ludkins war übrigens zu Hause, hatte auch freie Zeit genug, denn er
+schien der einzige Gast seines ganzen Hauses, das leer und öde stand und
+mit den nackten Wänden und unbesetzten Tischen recht gut zu der ganzen
+kleinen Stadt paßte, deren erstes Gebäude es gewesen.
+
+Amerika bietet viel solcher Beispiele; wo sich die Wahl für den Bau
+einer Stadt als eine glückliche erwiesen, strömt die Bevölkerung ihr in
+Masse zu, und einzelne Beispiele wie Cincinnati, Milwaukie, Buffalo
+und hundert andere zeigen, welche Lebenskraft in dem Fall in dem
+Volke liegt. Wo das aber nicht der Fall war, wo die Möglichkeit oder
+Zweckmäßigkeit der Verbindungswege falsch berechnet worden, oder, wenn
+die Stadt dicht am Ufer des Flusses lag, dieser vielleicht zufällig
+den Grund zu versanden anfing, wenn auch für jetzt noch Wasser für die
+größten Boote blieb, da war es vorbei mit der _Stadt_; nicht allein
+keine neuen Ansiedler ließen sich dort nieder, nein auch die, die schon
+ein Grundstück gekauft, und viele Hoffnungen früher auf den Platz
+gesetzt hatten, suchten das so rasch als möglich wieder loszuwerden, und
+ließen es lieber ganz im Stich, ehe sie weiter noch Geld und Zeit darauf
+verwandt hätten ihr Glück hier zu versuchen; es gab andere Gelegenheit
+dazu im weiten Land.
+
+Ezra Ludkins schien aber nichtsdestoweniger kaum geneigt, dem jungen Mann
+den Stand der Verhältnisse zwischen ihm und dem Professor, auseinander
+zu setzen; er mochte wohl Hoffnung haben, die für diese Gegend kostbaren
+Meublen, wie die andern mitgebrachten Sachen, auf eine Auktion geworfen
+zu sehn, und dann im Stande zu sein billig genug zu kaufen, da hier
+Niemand Anders fast Gebrauch für solche Gegenstände hatte. Nur erst, als
+Georg in ihn drang, und fest darauf bestand, er sei von dem Professor
+selber abgeschickt worden, die noch bestehenden Rechnungen nachzusehn,
+und so weit das möglich wäre, zu ordnen, entschloß er sich dazu sein
+Buch herbeizuholen, und brachte eine Forderung an den Professor von
+einhundert und dreißig Dollar.
+
+»Aber das Andere, was auf dem Haus noch steht,« drängte Georg.
+
+»Nun das ist _das_ hier,« sagte Ludkins mürrisch, »hol' der Henker einen
+solchen Handel, denn wenn ich gewußt hätte, daß ich so lange auf mein
+Geld warten mußte, wär's mir nicht eingefallen den Platz zu verkaufen
+-- ich hätte zehn andere Käufer gehabt die das Geld baar niederzahlten.
+Baar Geld ist stets noch einmal so viel werth, wie die beste Note.«
+
+»Wieviel ist aber die _ganze_ Summe, die Ihnen der Professor schuldig
+ist?« frug Georg, jetzt ebenfalls ungeduldig werdend, »wenn Sie in
+solcher Eile sind, antworten Sie mir wenigstens einfach auf meine
+Frage.«
+
+»Nun die Antwort habe ich Dir auch einfach genug gegeben,« brummte
+der Pensylvanier -- »wenn Du kein Deutsch verstehst, kann ich's nicht
+helfen -- hundert und dreißig Dollar.«
+
+»Und das ist Alles?« rief Georg, wirklich kaum im Stande sein Erstaunen
+zu verbergen.
+
+»Das ist Alles, wenn er's nur zahlt,« sagte der Pensylvanier.
+
+»Und an den früheren Eigenthümer der Farm hat er keine Verpflichtungen
+weiter?« frug der junge Mann noch einmal vorsichtig.
+
+»Der bin ich; mein Junge hatte sie nur dem Namen nach; -- für hundert
+und dreißig Dollar kann er meinetwegen dort wohnen bleiben, und alle
+seine wahnsinnigen Experimente durchführen nach Herzenslust.«
+
+»Sein Sie so gut und schreiben Sie mir die Quittung,« sagte Georg ruhig.
+
+»Für die ganze Summe?«
+
+»Ja -- bis auf den heutigen Tag für Alles was Ihnen Mr. Lobenstein noch
+schuldet.«
+
+»Das soll schnell genug geschehen sein,« brummte der Pensylvanier, ging
+hinter seine #bar#, wo Dinte und Feder stand, und schrieb die Quittung
+aus. Georg nahm indessen aus seinem Taschenbuch die Summe in guten
+Indiana-Banknoten, die der Wirth jedoch erst höchst aufmerksam und
+sorgfältig nachsah, endlich für richtig befand und den verlangten Schein
+dem jungen Mann aushändigte. Eine Viertelstunde später saß Georg wieder
+im Sattel, und galopirte rasch und mit einem recht freudigen Gefühl in
+der Brust, den schmalen, schattigen Weg hinauf, der nach der »deutschen
+Farm« führte.
+
+Wie hatte sich der Platz verändert, seit dem letzten Jahre; das
+fröhliche regsame Leben was dort geherrscht, war verschwunden, das Haus,
+in dem die Weberfamilie mit den Arbeitern gelebt, stand ganz leer, von
+dem munter blökenden Vieh, das die Fenzen sonst umgeben, war fast
+Nichts mehr übrig geblieben -- eine einzige Kuh und ein paar Schweine
+ausgenommen -- da mit dessen Verkauf die nöthigsten Ausgaben hatten
+gedeckt, die dringendsten Schulden bezahlt werden müssen, und der Platz
+selber verrieth nur zu deutlich, wie keine ordnende Männerhand mehr ihm
+vorstehe, selbst nur ihn so in Stand zu halten wie er war.
+
+Über die Fenz lagen ein paar der im Feld noch gelassenen alten
+abgetrockneten Bäume umgestürzt, und die niedergebrochenen Riegel, mit
+den unausgefüllten Lücken, verschwanden schon allmählich in dem Unkraut,
+das über sie emporwucherte. Der Mais war gereift, aber noch zum Theil
+-- was nicht hatte verkauft werden müssen -- im Felde gelassen, und die
+nicht umgebrochenen Kolben, von Spechten und Krähen angepickt, begannen
+anzufaulen. Der kleine Garten hinter dem Haus sah ebenfalls wüst und von
+Unkraut überwuchert aus; die Frauen hatten nicht Zeit mehr gehabt, vor
+dringenderen Arbeiten, die Blumen zu pflegen, die sie im Anfang gesäet,
+und nur die paar Gemüsebeete, für das Nothwendigste was sie im Hause
+brauchten, waren rein vom Unkraute gehalten, daß die Sonne es bescheinen
+konnte. Selbst über den Weg hinüber lag ein umgestürzter Baum, und der
+Pfad, den sich die Bewohner darum hingemacht, bewieß, wie er schon
+längere Zeit gefallen sein mußte, ohne daß sich irgend Jemand die Mühe
+genommen, ihn hinwegzuräumen.
+
+Es mochte Mittagszeit sein, als Georg den Platz erreichte; kein
+menschliches Wesen war aber in dem breiten Hofraum zu sehn; nur der
+aus dem Haus selber aufsteigende dünne Rauch, wie ein paar einzelne
+scharrende Hühner, verriethen, daß der Ort bewohnt, und nicht ganz
+verlassen sei, und mit klopfendem Herzen ritt er über die niedergeworfenen
+Stangen der Einfriedigung hinweg bis fast an das Haus hinan, band dort
+sein Pferd an und -- zögerte wieder, ob er den Fuß vorwärts setzen und
+die Schwelle jetzt betreten sollte, die bald zu erreichen, er sein Pferd
+fast zu Schanden geritten. Da schlug der Hund an, ein junger Brake,
+den sich Eduard hatte zum Jagdhund dressiren wollen, und der jetzt auf
+eigene Hand des Nachts Opossums und Waschbären in die Bäume jagte und
+Stunden lang darunter vergebens heulte, Hülfe herbeizurufen.
+
+Am Fenster des kleinen Hauses wurde Jemand sichtbar, Georg konnte aber
+nicht gleich erkennen wer es sei, so trübe war ihm das Auge geworden,
+als er die trostlose Veränderung hier erkannte, und langsam schritt er
+auf die Thüre zu, indeß der Hund, der ihn erkannte, an ihm hinaufsprang
+und winselte und bellte.
+
+»Kennst Du mich noch Hektor?« sagte er, des freundlichen Thieres Kopf
+streichelnd -- »hast Du mich nicht vergessen in der langen Zeit?«
+
+»Georg!« rief da eine, oh nur zu wohlbekannte, aber erschreckte Stimme
+dicht vor ihm, und Marie, die aus der Küche unten getreten, zu sehn wer
+da komme, brach todtenbleich in die Knie, und wäre zu Boden gesunken,
+hätte sie Georg nicht in seinem Arme aufgefangen.
+
+»Oh Georg -- Georg ist wieder da!« rief da eine fröhliche Kinderstimme
+und Camilla, die jüngste Tochter Lobensteins, von dem um ein Jahr älteren
+Carl rasch gefolgt, sprang aus der Thür und flog auf den jungen Mann zu.
+Auch Marie hatte sich jetzt wenigstens so weit gesammelt, wieder allein
+stehn zu können, aber noch immer war kein Tropfen Blutes in ihr Gesicht
+zurückgekehrt, doch lenkte der Neugekommene die Aufmerksamkeit der
+Übrigen glücklich von ihr ab.
+
+»Herr Donner?« sagte der Professor, der jetzt ebenfalls in der Thür
+erschien, und den jungen Mann halb erstaunt, halb verlegen erkannte
+-- »aber bitte, kommen Sie näher -- bleiben Sie nicht draußen auf der
+Diele stehn.«
+
+»Mein lieber -- lieber Herr Professor!« rief Georg, dem alten Herrn
+entgegeneilend, und seine Hand herzlich drückend -- »wie freue ich mich,
+Sie so wohl und munter wiederzufinden -- aber -- wo ist die Frau
+Professorin?«
+
+»Sie ist nicht wohl,« sagte der Professor nach kurzer, aber ängstlicher
+Pause -- »Sie wissen vielleicht noch nicht, wie schwer uns das Schicksal,
+seit Sie uns verlassen, in meinen Sohne heimgesucht --«
+
+»Ich weiß es,« sagte Georg leise, und mit tiefem Mitgefühl.
+
+»Seit der Zeit kränkelt meine Frau,« fuhr der Professor langsam fort
+-- »der Schlag damals traf sie zu schwer. Um sich zu zerstreuen und die
+bösen Gedanken loszuwerden, arbeitete sie dabei mehr als ihr gut war,
+und hütet nun jetzt schon seit vier Wochen ununterbrochen das Lager.
+Anna war gerade hinüber gegangen nach ihr zu sehen. Aber komm Marie
+-- setz einen Stuhl zum Tisch für Herrn Donner -- wenn Sie mit uns
+vorlieb nehmen wollen, wir sind gerade bei Tisch, aber Schmalhans ist
+heute Küchenmeister -- Sie haben es sehr unglücklich getroffen.«
+
+Georg -- selber nicht wissend, wie er das, was ihm auf dem Herzen lag,
+beginnen sollte -- setzte sich mit zu Tisch -- die Mahlzeit bestand in
+Kartoffeln mit Butter und einem sehr einfachen Amerikanischen Gericht,
+Hominy -- gequollener und in Wasser abgekochter Mais.
+
+»Wenn Georg die letzte und vorletzte Woche gekommen wäre,« rief Camilla
+dazwischen -- »hätte er auch nichts Anderes gefunden.«
+
+»Mögen Sie das Hominy?« frug der Professor verlegen lächelnd, und
+versuchend die Aufmerksamkeit des jungen Mannes von dem Kinde abzuziehn
+-- »_ich_ habe mich so daran gewöhnt, daß es ordentlich ein Leibgericht
+von mir geworden ist.«
+
+»Wir Andern mögen es aber alle mit einander nicht,« sagte Camilla -- »es
+schmeckt gerade wie Stroh.«
+
+Die Thür ging in diesem Augenblick auf, und Anna's Eintritt unterbrach
+glücklicher Weise die naseweise Bemerkung des Kindes. Anna begrüßte den
+jungen Mann auf das Herzlichste, und auch Marie wurde zutraulicher, und
+gewann ihre ganze Fassung wieder, als sie sah, wie unbefangen sich die
+Schwester mit dem frühern Hausgenossen unterhielt. Georg beseitigte
+dabei auf sehr praktische Weise jede Verlegenheit, die der Professor
+etwa hätte wegen dem Essen fühlen können, indem er, durch den scharfen
+Ritt auch wirklich hungrig geworden, tapfer zulangte, und dem Hominy und
+den Kartoffeln alle nur mögliche Ehre anthat.
+
+»Und wissen Sie, weshalb ich hierher zurückgekommen bin?« frug Georg
+nach beendeter Mahlzeit, indem er lächelnd den Professor ansah, nur aber
+einen ganz scheuen, flüchtigen Blick nach Marien hinüberzuwerfen wagte,
+deren Auge er jedoch nicht begegnete. --
+
+»Weshalb, weiß ich nicht,« sagte der Professor herzlich -- »aber es
+freut mich, _daß_ Sie wiedergekommen sind, und mir wenigstens dadurch
+beweisen, Sie tragen keinen Groll nach, wegen dem Vergangenen.«
+
+»Lieber Professor.«
+
+»Ich hätte selber schon an Sie geschrieben,« fuhr dieser jedoch
+entschlossen fort, »konnte aber von keiner Seite auch nur die geringste
+Nachricht bekommen, _wo_ Sie sich befänden; Sie waren auf einmal
+verschollen und blieben es, von dem Augenblick an, wo Sie den Platz
+verlassen, da Sie Herr von Hopfgarten damals, ein paar Stunden später,
+vergeblich im ganzen Township suchen ließ.«
+
+»Herr von Hopfgarten?«
+
+»Ich erzähle Ihnen die Geschichte ein ander Mal -- aber -- sind Sie
+_zufällig_ wieder in unsere Nähe gekommen, oder haben Sie uns noch nicht
+ganz vergessen gehabt, und absichtlich aufgesucht?«
+
+»Ich bin vier Tage so scharf geritten, wie mein Pferd laufen konnte,«
+lächelte Georg, tief dabei erröthend -- »nur um recht bald hier zu
+sein.«
+
+»Das ist brav, das ist recht brav von Ihnen,« rief Anna freudig, und
+Marie dankte es ihm dießmal mit einem lächelnden Blick.
+
+»Um aber kurz zu sein,« fuhr Georg zögernd und erröthend fort, »so -- so
+möchte ich wieder hier in Arbeit treten, und -- und wenn Sie mir beweisen
+wollen, daß auch Sie keinen Groll mehr gegen mich hegen, vielleicht
+manches voreilig gesprochenen Wortes wegen -- so schicken Sie mich nicht
+wieder fort, sondern behalten mich hier.«
+
+»Ach das ist brav, das ist schön,« rief Carl -- »da brauche ich und
+Marie nicht mehr das schwere Holz aus dem Wald herbeizuschleppen.« Anna
+und Marie aber sahen sich verlegen an und der Vater sagte, ohne die
+Frage direkt zu beantworten und dann Georgs Arm nehmend, zu seinen
+Töchtern:
+
+»Haltet den Kaffee bereit, Kinder, bis wir zurückkommen, ich muß Herrn
+Donner doch einmal zeigen, wie weit wir mit unseren Arbeiten vorwärts
+gelangt sind, seit er uns verlassen, und unterwegs können wir dann auch
+alles Weitere viel besser und bequemer besprechen,« und ihn mit sich
+die Treppe hinunterführend, traten sie in den Hof, wo Georg vor allen
+Dingen sein Pferd absatteln, in den Stall einstellen und füttern mußte,
+und dann mit dem Professor langsam den Weg hinabging, der an den Feldern
+hinführte.
+
+»Lieber Donner,« sagte dieser hier zu ihm, und es war ihm angenehm, daß
+er, neben ihm hingehend', nicht in sein Auge zu schauen brauchte -- »die
+Zeiten, seit wir uns nicht gesehen, haben sich _sehr_ verändert, und
+-- so gern ich Sie wieder auf meiner Farm beschäftigen möchte, ja so -- so
+nöthig ich sogar Jemanden dazu brauchte -- bin ich nicht mehr -- durch
+die dießjährigen niedrigen Getreidepreise noch außerdem gedrückt -- im
+Stande Arbeiter zu halten und -- zu bezahlen.«
+
+»Aber bester Professor --«
+
+»Bitte, lassen Sie mich ausreden,« sagte dieser, fest entschlossen, die
+einmal begonnene Sache nun auch durchzuführen -- »ehe wir von etwas
+Anderem beginnen -- ehe ich Ihren freundlichen Antrag, wieder auf meiner
+Farm eine bestimmte Beschäftigung zu nehmen, zurückweise, bin ich Ihnen,
+mein lieber Donner, eine Ehrenerklärung schuldig, die mir -- thun Sie
+mir die Liebe und unterbrechen Sie mich jetzt nicht -- die mir schon
+lange schwer und drückend auf dem Herzen gelegen.«
+
+»Lieber Herr Professor --«
+
+»Ich bin damals nicht allein unfreundlich, nein, ich bin auch ungerecht
+gegen Sie gewesen,« fuhr aber der Professor entschlossen fort, »und es
+mag Ihnen einige Beruhigung oder Genugthuung gewähren, von mir ganz
+offen das Geständniß zu hören, daß ich durch Schaden habe klug werden
+und die Wahrheit dessen erleben müssen, was Sie gerade vertheidigten,
+und gethan haben wollten.«
+
+»Oh wie gern wollt' ich Unrecht gehabt haben, bester Professor, wenn
+nur --«
+
+»Sie haben _nicht_ Unrecht gehabt,« unterbrach ihn der Professor
+rasch, »und selbst, was Sie mir an dem letzten Morgen über jenen faden
+Dichterling sagten, hat sich furchtbar, viel furchtbarer freilich als
+wir Beide damals ahnen konnten, bewährt. Ich habe schwer -- fast zu
+schwer für meine Leichtgläubigkeit, mit der ich unreifen, oft vielleicht
+selbst eigennützigen Plänen Glauben schenkte, büßen müssen, und wollte
+es gern, wenn nicht -- wenn nicht meine arme Familie jetzt auch so
+schwer darunter leiden müßte. Sie sehn, lieber Donner, ich bin offen und
+aufrichtig gegen Sie, das mag Ihnen den besten Beweis liefern, daß ich
+mein Unrecht gegen Sie bereue.«
+
+Georg war tief erschüttert; das Bekenntniß des sonst so strengen
+abgeschlossenen Mannes, das gerade _ihn_ furchtbare Überwindung mußte
+gekostet haben, machte einen unendlich wehmüthigen Eindruck auf ihn, und
+er brauchte Minuten, sich selber erst wieder so weit zu sammeln, dem zu
+erwidern. Der Professor war indessen an einer Stelle stehen geblieben,
+wo ein dürrer Baum erst ganz kürzlich über die Fenz heruntergeschlagen
+schien, und dieselbe zusammengebrochen hatte, was sich ein paar Schweine
+zu Nutz gemacht, die drinne an einem Kürbiß herumbissen und, als sie
+die Männer kommen hörten, grunzend in das Feld weiterhinein flüchteten.
+
+»Die Farm sieht arg verwildert aus,« sagte Georg endlich leise, eine
+direkte Antwort auf das Geständniß vermeidend, »man sollte kaum glauben,
+daß ein einziges Jahr eine solche Veränderung hervorbringen könnte.«
+
+»Seit dem Tode meines Sohnes,« sagte der alte Herr seufzend, »habe ich
+selber an Allem die Lust verloren, und nichts thun noch arbeiten mögen;
+selbst das Nothwendigste ist liegen geblieben, und der spätere Besitzer
+der Farm mag nachholen, was ich versäumen mußte.«
+
+»Sie wollen fort von hier?«
+
+»Wir brauchen uns über das Hülfsverbum nicht zu täuschen, lieber
+Donner,« sagte der Professor wehmüthig lächelnd, »ob ich _will_ oder
+nicht -- ich _muß_!«
+
+»Und Ihre Familie?« sagte Donner halb vorwurfsvoll.
+
+»Sie haben recht,« seufzte der Mann, »es ist schwer für sie, geht aber
+doch nicht anders an; ich will nach dem »fernen Westen«, wo man, wie ich
+aus sicherer Quelle weiß, ein kleines #improvement# für fünfzig Dollar,
+und vierzig Acker Land für denselben Preis bekommen kann. So viel wird
+mir nach dem Verkauf meiner Sachen und Abzug aller Reisespesen übrig
+bleiben, und wir müssen dort eben ein neues Leben beginnen.«
+
+»Und glauben Sie, daß Ihre Frauen das aushalten würden?« frug Georg ihn
+ernst, »_kennen_ Sie das Leben im Westen, mit seinen Entbehrungen,
+seinen Beschwerden, seinem Klima?«
+
+»Ich habe viel darüber gelesen,« sagte der Professor ausweichend.
+
+»Du lieber Gott,« seufzte der junge Mann, »wenn ich mir da die arme Frau
+Professorin, die zarte Anna und selbst die kräftige Marie denken müßte
+-- ich würde im Leben nicht wieder froh werden.«
+
+»Aber was _soll_ ich thun?« sagte der Professor, froh endlich einmal
+Jemanden zu haben, mit dem er sich aussprechen, gegen den er sein Herz
+erleichtern konnte, »Ihnen gegenüber brauch' ich kein Hehl daraus zu
+machen, denn ich weiß, Sie nehmen Theil an unserem Schicksal, das sich
+nicht allein durch eigene Schuld, sondern auch durch das Zusammentreffen
+unglückseliger Umstände so traurig gestaltet hat. Ich bin nicht im
+Stande das letzte Kaufgeld für die viel zu theuer bezahlte Farm, so
+wenig das sein mag, aufzutreiben, der Bursche in Grahamstown, dem mein
+Mobiliar in die Augen sticht, drängt mich mit der Zahlung, und auch
+meine letzte Hoffnung, Herr von Hopfgarten, ist nicht mehr aufzufinden.
+Ich habe mich nach ihm bei dem Wirth des St. Charles Hotels in New-Orleans
+erkundigt, und wenn mir die Leute die Wahrheit geschrieben, so ist
+Freund Hopfgarten vor kurzer Zeit nach Europa zurückgekehrt. Den Termin
+länger hinauszuschieben bin ich ebenfalls nicht im Stande, und werde
+schon nächste Woche gezwungen sein meine Farm und Mobiliar vielleicht
+für den sechsten Theil dessen was sie mich selber gekostet hat, zu
+verkaufen, und mit den Meinen dann von vorn anfangen zu müssen, ein
+allerdings vollkommen neues Leben zu beginnen.«
+
+»Wenn Sie denn fest entschlossen sind,« rief da Georg, der klopfenden
+Herzens, das Geständniß seiner Liebe zu Marie auf den Lippen, noch nicht
+gewagt hatte damit herauszutreten, »wenn Sie die Wildniß wählen wollen
+und müssen zu Ihrem Aufenthalt -- dann nehmen Sie mich mit und -- seien
+Sie mir mehr als Freund dann, lieber Herr -- seien Sie mir _Vater_
+-- Vater im wahren Sinn des Worts. Lange Monden hin,« fuhr der junge Mann,
+als ihn der Professor staunend ansah, leidenschaftlicher fort, »habe ich
+die Qual der Ungewißheit, die Sehnsucht nach dem einen Wesen auf dieser
+Welt, das meiner Seele Ziel geworden, mit mir herumgetragen -- ich darf
+das nicht länger mehr -- geben Sie mir Marie zum Weibe, lassen Sie
+_mich_ den verlorenen Sohn ersetzen, und nie, nie sollen Sie bereuen mir
+so vertraut zu haben.«
+
+»Mein lieber, lieber Donner,« sagte der Professor, der sich noch immer
+nicht von seiner Überraschung erholen konnte »Sie wollen Ihr Schicksal
+an das einer Familie ketten, die sich -- die sich eben nicht im Glück
+befindet -- und weiß Marie --«
+
+»Noch keine Sylbe -- noch habe ich selber nicht gewagt, ihr meine Liebe
+zu gestehen,« rief Georg, »aber wenn mich nicht Alles täuschte, darf ich
+hoffen.«
+
+Der Professor sah dem jungen Mann lange und fest in's Auge -- bis sich
+sein eigener Blick in langsam aufsteigenden Thränen dunkelte, dann nahm
+er Georgs Hand, drückte sie fest und herzlich, und zog ihn endlich leise
+aber liebend an seine Brust.
+
+»Mein lieber, lieber Vater,« flüsterte Georg.
+
+»Mein lieber, lieber Sohn!«
+
+»Und nun zur Mutter!« rief da Georg, dem Lust und Freude das Herz bald
+in der Brust zu sprengen drohte, »nun zur Mutter, ihr Sorge und Kummer,
+und mit den beiden Menschenquälern auch die böse Krankheit zu nehmen,
+die sie noch an's Lager fesselt. Wir gehen _nicht_ nach dem Westen Vater
+-- wir bleiben _hier_, und die Fenzen werden wieder ausgebessert, das
+Unkraut wird hinausgeworfen aus dem Felde, und die Mühle fertig gebaut,
+dem Wirth in Grahamstown gerad zum Trotz und Ärgern.«
+
+Der Professor schüttelte traurig mit dem Kopf und sagte seufzend:
+
+»Das sind _Pläne_, mein junger Freund, wie sie die _Jugend_ eben
+entschuldigt; das ruhige Alter findet sich nicht mehr so leicht mit
+Unmöglichkeiten ab.«
+
+»Und wissen Sie denn Vater -- o daß ich Sie jetzt -- daß ich Sie
+_endlich_ so nennen darf,« sagte Georg, seinen Arm ergreifend, und ihm
+mit blitzenden Augen in's Antlitz sehend, »daß ich vom Glück begünstigt
+in Michigan in das Haus eines reichen Mannes kam, bei ihm ein Viertel
+Jahr in gutem Gehalt stand und ihm die beiden Kinder, die ihm schwer
+erkrankten, rettete? -- wissen Sie, daß mich der Mann aus Dankbarkeit
+in den Stand setzte, durch den zweckmäßigen Kauf einer Anzahl von
+Bauplätzen in einer neu gegründeten Stadt, in den letzten drei Viertel
+Jahren nur durch einen theilweisen Verkauf derselben Parcellen wieder,
+fünfzehnhundert Dollar an baarem Gelde zu verdienen? -- Und kennen Sie
+die Quittung hier von Grahamstown?« rief er unter vorquellenden Thränen
+lachend aus, »kennen Sie den Autographen von Ezra Ludkins? -- Da behalten
+Sie das Papier und lesen Sie es aufmerksam durch, hoffentlich ist Alles
+in Ordnung und -- mag mich Marie nicht -- sagt sie _nein_ -- ja dann
+soll mich mein Rappe noch heute Abend fort -- weit fort von hier tragen,
+gleichviel wohin. -- Sagt sie aber ja -- oder lacht oder weint sie nur
+-- oder thut sie gar Nichts -- und sieht sie mich nicht einmal an, dann
+-- aber ich kann es wahrhaftig nicht länger mehr in der Ungewißheit
+ertragen; kommen Sie nach Vater, so rasch Sie Ihre Füße tragen, und
+voraus hol' ich mir mein Glück oder Leid aus Mariens Munde!«
+
+Und den Hut freundlich gegen den Professor schwenkend ließ er ihn an der
+hinteren Fenz und am Holzrande zurück, und sprang in flüchtigen Sätzen
+dem kaum verlassenen Hause wieder zu.
+
+Und dort? -- lieber Leser, das ist eine Sache, die nur immer zwei Leute
+auf einmal in der Welt interessirt. Wie »Vielliebchen« aus _einem_
+Mandelkern hat der liebe Gott die Herzen, von denen immer zwei und zwei
+für einander geschaffen sind, über die Welt wild und bunt hinausgestreut
+-- selig die, die ihre Theile wieder zusammenfinden.
+
+Und Marie und Georg _waren_ selig; an dem Abend, neben dem Bett der
+Mutter, der mit der frohen frischen Hoffnung auch wieder neuer Muth,
+neue Kraft in das Herz gezogen, wie es Georg gehofft, saßen sie Hand
+in Hand und plauderten und bauten mit der Schwester Pläne auf, die
+Glücklichen, nach Herzenslust. Und der Vater ging dabei, die Hände auf
+den Rücken gelegt, schmunzelnd auf und ab; in der Kinder jungem Leben
+ging auch ihm ein neues frisches Dasein auf -- die trübe böse Zeit lag
+dahinten, und wenn auch bittere Erfahrungen ihn geprüft, so waren es
+doch eben Erfahrungen geworden, und _auf_ ihnen weiter schreitend, mit
+einer jungen kräftigen Stütze jetzt an seiner Seite, konnt' er der
+Zukunft wieder froh in's Auge schaun.
+
+
+
+
+Capitel 5
+
+Jimmy.
+
+
+Die Fieberzeit, trotz ihren Schrecken von den Amerikanern scherzweis
+»der gelbe Jack« genannt, war vorüber; der Oktober hatte, gleich von
+Anfang an mit kalten und scharfen Nordwest-Winden einsetzend, die Seuche
+seewärts geweht, und die Luft gereinigt, und vom Norden herunter kehrten
+die geflüchteten Bewohner der gefährdeten Stadt in Schaaren zu ihren
+Wohnsitzen zurück.
+
+Welch ein Unterschied zwischen dem New-Orleans jetzt, und dem, vier
+Wochen früher. Welch Drängen und Treiben überall von frischem, fröhlichem,
+kräftigem Volk, das herüber und hinüber drängt, kauft und verkauft, und
+plaudert, lacht und singt. Welch Treiben und Leben an der Levée, wo Boot
+nach Boot, Schiff nach Schiff anlegt, seine Waaren der neugeborenen
+Stadt zuzuführen; welch Treiben und Leben in den Straßen, den kleinen
+Adern des Verkehrs, in denen das warm pulsirende Herzblut herüber und
+hinüber treibt, und nur vier Wochen Unterschied, wie sahen da die
+Straßen aus? -- wie der Strom? -- wo war das Leben, das jetzt, dem
+schäumenden Bache gleich, aus seinen Ufern quoll?
+
+Der Wanderer, der die Stadt in _der_ Zeit, im August und September,
+betrat, und das lebendige Bild von ihr im Herzen, ein fröhlich
+schaffendes, lebenslustiges Volk zu finden erwartete, steht entsetzt
+und traut den Augen kaum.
+
+New-Orleans, des Südens Königin, der keine andere Stadt im weiten Reich
+die Spitze bieten kann, scheint in _der_ Zeit ein weiter offener Sarg
+-- die Straßen liegen todt und leer, der Fußtritt des einzelnen flüchtigen
+Wanderers schallt hohl und unheimlich von den verschlossenen Häusern
+wieder -- dort begegnet ihm ein anderer, eben so rasch, das Tuch am
+Munde -- aber scheu weicht man sich aus und will aneinander vorüber -- da
+zuckt der Fuß fast unwillkürlich -- es ist ein Freund, den man so lange
+nicht gesehn, schon todt gewähnt -- einerlei, vorbei; die Krankheit
+könnte in seiner Nähe weilen, sein Hauch vielleicht sie bringen, und mit
+stummem, traurigem Nicken fliehen sich die Beiden.
+
+Wo ist dann der fröhliche Lärm der Dampfbootlandung, das Rasseln der
+schwerbeladenen Güterkarren mit den trunkenen Irländern, das Singen und
+Lachen der Neger. Dort fährt etwas über das Pflaster -- wie hohl das
+in den leeren Straßen klingt -- es ist nur der Leichenwagen, der im
+scharfen Trab hinausfährt, seine Doppellast abzuwerfen und neue, schon
+lang bestellte Fuhre zu holen. Wo ist das rege geschäftige Treiben der
+Läden -- die meisten sind geschlossen, wer soll jetzt kaufen, und der
+Trauerflor an den Thüren dort und hier, und da und drüben, kündet die
+Stelle, wo sich die Seuche mit den langen gelben, gierigen Krallen ihre
+Opfer herausgeholt.
+
+Und jetzt? -- kaum ein Monat ist verflossen, daß diese Straßen wüst
+und öde lagen, und der große Vernichter seine Erndte in der scheinbar
+menschenleeren Stadt hielt; wo er mit schwülem Flügelschlag über die
+Dächer strich, und rechts und links in boshafter Lust seinen Giftodem
+einbließ in das, in jenes Haus -- und seht, wie das wieder drängt und
+wogt, und lacht und singt und fröhlich ist, und die Todten in ihren
+stillen Gräbern schon lange, lange vergessen hat. Lieber Gott, _Wochen_
+sind ja auch schon darüber hingegangen, und eine fast neue Bevölkerung
+hat Besitz von dem Grund und Boden genommen, den die Seuche gelichtet
+und verödet.
+
+Was damals freilich New-Orleans verlassen _konnte_, that es, und
+die Wirths- und Gasthäuser standen öd' und leer, ja man vermied die
+Schwellen derselben mit scheuer Angst, aus Furcht, gerade dort am
+meisten Kranke zu treffen, und in dem Athemzug vielleicht den Tod schon
+einzuziehen. So flohen auch »das deutsche Vaterland« sechs Wochen lang
+die meisten »Boarder«, aber die dort Wohnenden _konnten_ nicht alle
+fort. Viel arme Deutsche, die mit verspäteten Schiffen nach langer
+Reise hier eingetroffen waren, fanden theils kein Boot mehr, das sie
+mit fortnahm von hier, theils hatten sie kein Geld, die in der Zeit
+entsetzlich hohe Passage zu bezahlen. Die Capitaine der wenigen dort
+anlegenden Dampfer wußten recht gut, daß Alles, was jetzt die Stadt
+verlassen konnte, ging, und rechneten fünf- und sechsfache Passagepreise,
+sich selbst für die Gefahr bezahlt zu machen, der sie die Stirn boten.
+
+So lag eine ganze Schaar Baiern, ohne Mittel fortzukommen, in den
+kleinen dumpfigen Hinterstuben des »deutschen Vaterlands«, und wie die
+Seuche hereinbrach über die Stadt, suchte sie sich schon ihre ersten
+Opfer aus der Schaar.
+
+Im »deutschen Vaterland« war aber indessen auch noch außerdem eine große
+Veränderung vorgegangen, und Hedwig hatte das Haus nicht allein nicht
+verlassen, sondern Franz seinem Vater frei und offen erklärt, daß er das
+junge wackere Mädchen, sobald er nur erst einmal selbstständig dastehe,
+wenn sie ihn haben möge, zum Weibe nehmen wolle.
+
+Den alten Mann fesselte in dieser Zeit ein Sturz, den er von der Treppe
+gethan, an sein Lager, und Franz mußte überdieß indessen die Leitung der
+ganzen Wirthschaft übernehmen. Mit _dem_ Plane seines Sohnes war er im
+Anfang aber gar nicht einverstanden, hatte die und jene Einwendungen,
+erklärte, er sei doch nicht ganz _so_ arm wie Franz zu glauben scheine
+(und wie er ihm allerdings selber oft genug betheuert) und _sein_ Sohn
+könne da wohl schon noch eine bessere Parthie machen, und sich seine
+Frau aus einem anderen Hause -- und wenn es das größte Steingebäude in
+der Stadt wäre -- holen. Da Franz aber, nicht gerade gleich auf eine
+Einwilligung dringend, hartnäckig bei dem einmal gefaßten Entschlusse
+blieb, gewöhnte er sich zuletzt an den Gedanken, und sah, wenn er dem
+Sohne das auch nicht gestand, selbst seiner abnehmenden Kräfte wegen,
+eher noch eine Stütze in dem fleißigen, wirthschaftlichen Mädchen.
+
+Nur der »verschwenderische Geist« des Sohnes, wie er es nannte, machte
+ihm Sorge; er rief ihn deshalb auch oft an sein Bett, und beschwor ihn,
+doch nur um Gottes Willen auf sein eignes Gut mehr zu achten, den
+eigenen Nutzen mehr im Auge zu haben, denn wenn er selber einmal die
+Augen schließe, und nicht mehr rathen, nicht mehr wehren könne, wie
+bald seien dann die paar gesparten Thaler auch wieder fort, an der die
+Undankbarkeit der Menschen schon lange arbeite und wühle und zehre.
+
+Franz hatte ein zu gutes Herz, dem Eigennutz mehr zu folgen als diesem,
+und der Vater würde dem einzigen Sohne auch wirklich schon lange den
+Willen gelassen, und die Wirthschaft ganz übergeben haben, hätte ihn
+nicht Messerschmidt bis jetzt noch immer aus allen Kräften davon
+abgehalten und gewarnt; wie dieser denn auch sein Möglichstes that, die
+Heirath mit dem jungen Hamann und dem fremden »hergelaufenen« Mädchen
+aus allen Kräften zu hintertreiben.
+
+Die Seuche unterbrach das Alles -- Niemand, der nicht mußte, verkehrte
+mit dem Anderen; Messerschmidt selber betrat in dieser ganzen Zeit
+das Haus nicht, Franz aber lernte gerade da den Werth des holden
+anspruchslosen Kindes, mit seiner Aufopferung und Herzensgüte im reinsten
+Lichte kennen. Hier war kein _Schein_ mehr, wo der Tod grinsend und
+drohend an der Schwelle stand; hier war nicht mehr Verstellung denkbar,
+»das Herz des reich geglaubten Wirthssohnes«, wie Messerschmidt dem
+jungen Hamann oft und heimlich warnend zugeflüstert, zu fesseln;
+unbekümmert um Alles, wo sie nur nützen konnte, ging Hedwig ihren
+stillen Weg, und an den Krankenbetten stand sie oft ein Engel des
+Trostes und der Hülfe.
+
+Schon seit Clara damals sich von ihrer Krankheit erholt, und selber im
+Stande gewesen war durch weibliche Arbeiten ihren Unterhalt wenigstens
+zu verdienen, hatte Hedwig Gehalt bezogen, den ihr der alte Hamann
+selber, _trotz_ seinem Geiz, freiwillig erhöht, als er sich doch nicht
+leugnen konnte, wie sie arbeitete und schaffte, und wie sie Alles ihm
+zusammenhielt. Was sie aber an Geld bekommen, nahm die schwere Zeit auch
+wieder fort, denn keine Woche verging, in der nicht hülflose Wittwen und
+Waisen den Sarg des Gatten und Vaters hinausbegleitet zu seiner stillen
+Ruhestätte, dann aber selber verlassen und allein in der fremden Welt
+gestanden hätten, die ihnen eine Heimath werden sollte, und jetzt nur
+Tod und Elend zeigte, wohin sie schauten. Für wie viele zahlte sie da
+nicht das Passagegeld auf den einzelnen Dampfbooten, sie nur fort, einer
+gesunden Gegend zuzubringen, ehe sie hier ihr Letztes verzehrt, und mehr
+noch vielleicht von ihren Lieben begraben mußten; wie viele unterstützte
+sie hier mit Rath und That, löste die schon versetzten Koffer für sie
+ein, und zog sich scheu und schüchtern in ihr kleines Kämmerchen zurück,
+wenn ihr die Leute nur dafür danken wollten, was sie gethan.
+
+Mit der gesunden Jahreszeit kehrte aber auch die gewöhnliche Arbeit
+wieder für das deutsche Gasthaus; Schiff nach Schiff traf ein, alle mit
+Auswanderern schwer beladen, und da sich nicht Alle gleich entschließen
+konnten die eben betretene Stadt, die keine Spur der überstandenen Pest
+mehr zeigte, gleich wieder zu verlassen, füllten sich die Gasthäuser,
+wie das um diese Zeit fast stets der Fall ist, bis unter die Dächer mit
+Fremden und ihren Gütern an. Dieß war auch immer die geschäftigste und
+einträglichste Zeit für den alten Hamann gewesen, und jetzt saß er, in
+sein Zimmer gebannt, regungslos fest auf seinem Stuhl, und durfte und
+konnte nicht hinaus.
+
+Zuerst quälte und sorgte er sich denn auch ab dabei, und wollte es wohl
+gar erzwingen, trotz allen Ärzten und Medicinen; endlich sah er aber
+doch wohl ein daß es nicht ging, daß er sich Ruhe gönnen müsse, bis ihn
+die Glieder wieder trügen, und die Hauptarbeitszeit wohl überhaupt für
+ihn vorbei sei. Der Sohn drängte und bat dabei daß er nun endlich in
+seine Verbindung mit Hedwig willigen möchte; es sei ein anderes Leben
+wenn eine _Hausfrau_ in der Wirthschaft wäre, besonders _solche_
+Hausfrau, und er, der Vater selber, könne ruhiger sein, wo er nicht
+_fremden_ Menschen nur sein Eigenthum anzuvertrauen habe.
+
+Der alte Hamann gab endlich seine Einwilligung, und Hedwig, die dem
+jungen Mann von Herzen zugethan war, und mehr fast noch in dem Bewußtsein
+nun freier handeln, noch mehr Gutes thun zu können, sich wohl und
+glücklich fühlte, legte am Altar ihre Hand in die seine, und zog als
+_Herrin_ in das Haus hinein, das sie in Noth und Sorge, als Dienerin
+betreten.
+
+Franz schwelgte in der Zeit in einem Meer von Wonne, und wenn er auch
+von seinem Vater -- der Termin dazu war auf den ersten December
+festgesetzt worden -- die ganze unbeschränkte Führung des Hauses noch
+nicht überkommen hatte, fühlte er sich doch zu glücklich im Besitz
+seines braven, inniggeliebten Weibes, anderen Gedanken in dieser Zeit
+noch Raum zu geben. Hedwig aber wirthschaftete nach wie vor, in stiller
+anspruchsloser Weise -- wo sie helfen konnte, half sie gern, und das
+»deutsche Vaterland,« früher der einträglichste Platz für alle Arten
+diebischer Agenten, und die Höhle, in der hunderte von armen Einwanderern
+ihr Alles verloren, und nackt in die Welt hinausgestoßen wurden, schien
+ein Asyl der Hülfsbedürftigen zu werden, und erweckte deshalb auch
+besonders in den Herzen einzelner, bei dem früheren Gewinn Betheiligter,
+rege Besorgnisse.
+
+Unter diesen standen der Agent Messerschmidt, und Jimmy der Barkeeper
+vorne an, denen Beiden die Hochzeit zwischen den jungen Leuten ein Dorn
+im Fleisch geworden, und was sie nicht mehr hintertreiben konnten,
+suchten sie wenigstens so viel als möglich zu stören. Franz wußte das,
+vermochte aber noch nicht selber irgend etwas mit Beiden anzufangen, bis
+er nicht die Wirthschaft allein in Händen hielt, und als unumschränkter
+Herr darin gebieten konnte. Der Tag rückte jedoch mehr und mehr heran,
+und als der November endlich verflossen war und der alte Hamann am 1sten
+Morgens, wie schon früher verabredet, einen Advokaten zu sich in's
+Zimmer kommen, und in dessen Gegenwart dem einzigen Sohne schon bei
+seinen Lebzeiten Haus und Wirthschaft überschreiben ließ, war Franzes
+_erstes_ Geschäft, hinunter in die Bar zu gehn und dem darüber
+allerdings verdutzten Jimmy, wie ihr Contrakt zusammen lautete, mit
+vierwöchentlicher »Warnung« auf den ersten Januar des nächsten Jahres zu
+kündigen.
+
+»Jimmy,« sagte er, als er zu dem Burschen hinunter in den gerade
+unbesetzten Schenkraum kam, »ich bin jetzt eben Herr hier im Haus
+geworden, und da wir Beide nicht recht zusammenpassen, meine Frau mir
+auch Manches von Euch erzählt hat was mir nicht gefällt, so ist's
+besser, daß Ihr zu der zwischen Euch und meinem Vater abgemachten Zeit
+das Haus verlaßt. Heute ist der erste December -- am ersten Januar könnt
+Ihr eine andere Stelle antreten, und habt bis dahin Zeit Euch umzusehen;
+wollt Ihr aber früher fort, hält Euch Niemand hier -- verstanden?«
+
+»Das war deutlich genug Mr. Hamann, #anyhow#,« sagte Jimmy, der dabei
+wieder ganz in Gedanken an seiner Lieblingsbeschäftigung begann -- die
+Finger zu knacken, »werde aber von Ihrer Güte wohl keinen Gebrauch
+machen, _vor_ der bestimmten Zeit, da ich dann ebenfalls zu heirathen
+gedenke. Sonderbar -- wollte Ihnen auch heute aufsagen.«
+
+»Desto besser, Jimmy,« sagte Franz, »dann haben wir Einer dem Andern
+nicht weh gethan, und können und werden uns ziemlich gut ohne einander
+behelfen.«
+
+»Jes,« sagte Jimmy, eine gleichgültige Miene dabei annehmend, »verdammt
+gut, denk' ich mir so; -- werden eine _sehr_ schöne Wirthschaft hier
+anrichten, Mr. Hamann _junior_.«
+
+»Jes, Jimmy -- denk' ich mir so,« lachte Franz leise vor sich hin, und
+verließ dann, ohne sich weiter um den Menschen zu bekümmern, das Zimmer.
+
+»Denk' ich mir so -- Einfaltspinsel« -- knurrte der Barkeeper finster
+und verdrießlich hinter seinem neuen Principale her -- »_Du_ wirst noch
+Manches zu denken kriegen, mein Bursche, bis wir Beiden auseinander
+sind, denk' _ich_ mir so. Und noch bist Du mich auch nicht los, und es
+müßte doch mit dem Henker zugehn, wenn zwischen hier und da nicht noch
+was auftauchen sollte, was der Sache eine andere Wendung gäbe. _Was_,
+weiß ich freilich selber noch nicht, aber daß Jimmy eine sich etwa
+bietende und ihm passende Gelegenheit nicht unbenutzt wird vorübergehn
+lassen, darauf mein Juwel, könntest Du allenfalls Gift nehmen.«
+
+»Hallo Jimmy,« sagte da eine bekannte Stimme, und als sich der Barkeeper
+rasch nach der Thür umdrehte, sah er den eben nur hereingesteckten,
+etwas dicken Kopf des Agenten Julius Messerschmidt.
+
+»Ah -- Ihr kommt gerade recht Alterchen,« sagte Jimmy, in einer Art
+Instinkt dabei hinter die Bar tretend und zwei Gläser umsetzend -- »was
+trinkt Ihr?«
+
+»Immer Brandy Jimmy, im Winter,« sagte Messerschmidt jetzt ganz zur
+Thüre hereinkommend, und den Kautabak, den er nach Amerikanischer Sitte
+im Munde hielt, daraus entfernend, dem besprochenen Getränke Raum zu
+geben; »immer Brandy, und im Sommer erst recht Brandy, denn da kühlt er;
+besonders wenn er so gut ist wie der Hamann'sche.«
+
+»Ihr seid doch der Einzige der ihn lobt, weil Ihr ihn selbst geliefert
+habt;« lachte Jimmy.
+
+»Unsinn, Jimmy -- baarer Unsinn -- an dem Brandy hab' ich mein Geld
+verloren, und such' es nur dadurch wieder einzubringen, daß ich recht
+viel davon trinke. _Der_ Brandy ist spottbillig mit sechs Cent das Glas,
+und an der Levée verkaufen sie ihn aus demselben Faß für zwölf und einen
+halben.«
+
+»Werden wohl ihre Gründe dafür haben,« meinte Jimmy, »aber was führt
+_Euch_ gerade _heute_ Morgen her?«
+
+»Mich _gerade_ heute? -- ist heute ein besonderer Tag, Jimmy?« frug
+Messerschmidt.
+
+»Hm, nicht das ich wüßte,« meinte Jimmy, der erst herauszubekommen
+wünschte, was der Agent hatte, ehe er ihm von dem heute abgeschlossenen
+Vertrag zwischen dem alten und jungen Hamann sagte. Er wußte recht gut,
+wie Messerschmidt bei dem letzteren angeschrieben stand.
+
+»Nun also, Jimmy;« meinte Messerschmidt, »aber Ihr könnt mir wohl sagen,
+wie's mit dem _Alten_ steht; ich möcht' ihm ein Anerbieten machen.«
+
+»Nicht zu sprechen,« sagte Jimmy trocken, »alle Geschäfte heute an die
+junge Firma angewiesen.«
+
+»Hm -- mit dem _Jungen_ hab' ich gerade nicht gern viel zu thun,«
+brummte der Agent langsam zwischen den Zähnen durch, »wenn aber der Alte
+ja sagt, kann _der_ mir auch den Hobel ausblasen. Also den Alten kann
+man nicht sprechen?«
+
+»Ertheilt Niemand Audienz.«
+
+»Und wo ist der Junge?«
+
+Jimmy mache eine entsprechende Bewegung mit dem über die Schulter
+gestoßenen Daumen nach dem Hof hinaus.
+
+»Wollt Ihr ihn einmal rufen, Jimmy?«
+
+»Wenn's sein _muß_, ja,« sagte dieser.
+
+»Apropos Jimmy --«
+
+»Nun? -- was giebt's noch?«
+
+»Wißt Ihr, die Mecklenburger Bauern, die ich Euch gestern zugebracht --«
+
+»Nun? -- kein Geld?«
+
+»Kein Geld?« -- wiederholte der Agent, indem er die Lippen vorspitzte,
+so weit er sie bringen konnte -- »oh Jimmy, wenn wir Beide das nur
+hätten, was in den zwei grünen Koffern steckt -- nachher könnten wir
+zufrieden sein.«
+
+»Nun, wird das Große eben nicht sein,« meinte Jimmy gleichgültig.
+
+»Das Große nicht sein? -- wenn _ich_ ihnen nicht hätte Amerikanisches
+Gold für Dänisches geben müssen -- und das Säckchen voll, was da drin
+stand -- und die goldenen Uhren und Ketten die daneben lagen. Die
+Menschen müssen ein heidenmäßiges Geld haben, und das ist nur erst ein
+_Theil_, denn das Meiste haben sie, wie sie sagen, zu Hause gelassen,
+um mit dem erst einmal zu probiren, wie es hier eigentlich ist.
+-- Jammerschade, daß sie keine Schwiegersöhne brauchen.«
+
+»Wir Beide wären ein paar kostbare Exemplare,« schmunzelte Jimmy.
+
+Die beiden liebenswürdigen Gesellen lachten noch zusammen als die Thür
+aufging, und der junge Hamann wieder in's Zimmer trat.
+
+»Ah Franz, das ist mir lieb, daß Sie kommen,« sagte Messerschmidt in
+seiner vertrauten Weise; »ich hatte eine Bitte an den Alten, aber da ich
+höre, daß er noch auf der Kante liegt, können Sie mir auch den Gefallen
+thun.«
+
+»Und das wäre?« sagte Franz, dem Mann ruhig in's Gesicht sehend.
+
+»Sie wissen, daß ich in letzter Zeit ein Bischen in Geldverlegenheit
+gewesen bin,« sagte der Agent, »das verdammte Spielen, was ich schon so
+oft verschworen, hat mich wieder einmal angeführt, und ich mußte sogar,
+wogegen ich mich bis jetzt hartnäckig gesträubt, mein Quadroonmädchen,
+das allerdings das letzte Jahr in einem fort gekränkelt und keinen
+Dollar verdient hat, verkaufen. Ein deutscher Violinspieler hatte einen
+Narren an ihr gefressen und mir die Dirne noch gut genug bezahlt; jetzt
+hab' ich Niemand Anderem im Haus; Lohn möcht' ich auch nicht gern viel
+zahlen --«
+
+»Bitte, kommen Sie zur Sache,« sagte Franz.
+
+»Nun die ist einfach genug,« meinte Messerschmidt -- »Sie haben da ganz
+kürzlich ein paar arme, aber ganz hübsche Braunschweiger Mädchen in's
+Haus genommen, die der jungen Frau glaub' ich, um ihren Boarding zu
+bezahlen, mit in der Küche helfen -- bitte -- Sie brauchen sich deshalb
+gar nicht zu entschuldigen --« setzte er rasch hinzu, als ob er etwas
+Derartiges von dem jungen Hamann vermuthete -- »das versteht sich von
+selber, und ist ganz in der Ordnung; aber ich möchte gern eine von
+denen, die Jüngste hat mir am besten gefallen, zu mir in's Haus nehmen,
+das zu besorgen, was ich eben zu besorgen habe; sollte sie dann etwa
+noch eine Kleinigkeit im Hause schuldig sein, so könnten wir das ja am
+nächsten _Geschäfte_ abrechnen.«
+
+»Ist sonst noch etwas, Herr Messerschmidt, was Sie vielleicht an das Haus
+hier zu fordern haben?« sagte Franz ruhig.
+
+»Für den Augenblick Nichts; die letzte Sendung Mecklenburger hat mir Ihr
+Alter ja gleich ausbezahlt; ich war damals besonders klamm.«
+
+»Also sind wir Ihnen weiter Nichts schuldig?«
+
+»Nicht einen Cent, bewahre, aber ich hoffe Ihnen morgen früh vielleicht
+--«
+
+»Erlauben Sie mir Ihnen dann zu bemerken,« unterbrach ihn Franz ziemlich
+kalt und trocken, »daß von jetzt an jede Geschäftsverbindung zwischen
+uns aufgehört hat --«
+
+»Unsinn, Franz -- Sie wissen ja --«
+
+»Entschuldigen Sie, mein Name ist für _Sie_ Mr. Hamann; mein Vater hat
+heute die Führung dieses Hauses in meine Hände gelegt, und ich ersuche
+Sie, alle weiteren Bemühungen für mich zu unterlassen.«
+
+»Hoho« -- rief Messerschmidt dunkelroth im Gesicht werdend, und sich
+hoch dabei aufrichtend -- »weht der Wind aus _der_ Richtung, und hat der
+Alte richtig den dummen Streich, gemacht?«
+
+»Ich verbitte mir solche Bemerkungen, Herr Messerschmidt --«
+
+»Oh Herr -- ich werde Ihre Schwelle nicht mehr betreten --«
+
+»Ich bin davon überzeugt,« sagte Franz, vollkommen ruhig, »würde auch
+sonst mich in die unangenehme Nothwendigkeit versehn, Sie
+hinauszuwerfen.«
+
+»Herr Hamann!« rief der Agent drohend.
+
+»Herr Messerschmidt?« sagte Franz ihm ruhig aber fest und entschlossen
+in's Auge sehend.
+
+»Es ist gut!« rief dieser, keineswegs gewillt dem jungen Mann
+entgegenzutreten; »das ist mein Dank jetzt für die jahrelange Protektion
+dieses Hauses, das aber jetzt _kein_ Gast mehr betreten soll, den _ich_
+daran verhindern kann.«
+
+»Sie werden zu spät zu Ihrem #Lunch#[4] kommen,« sagte Franz ziemlich
+bedeutungsvoll auf die Thür zeigend.
+
+»Jimmy, Sie sind mein Zeuge, wie ich hier behandelt werde,« rief
+Messerschmidt mit gekränktem Stolz, »Sie werden mir dafür Rede stehn
+müssen, Herr Hamann.«
+
+»Sie werden wirklich zu spät zu Ihrem #Luncheon# kommen,« sagte der
+junge Hamann, die Thüre jetzt selber öffnend und mit einer ungeduldigen,
+nicht miszuverstehenden Bewegung hinausdeutend.
+
+»Guten Morgen Herr Hamann!« rief da der Agent, bebend vor Zorn, drückte
+sich den Hut fest in die Stirn, und flog im nächsten Augenblick voll
+und breit gegen die Gestalten zweier anderer Männer an, die eben im
+Begriff waren, die beiden steinernen Stufen in das Schenkzimmer
+hinaufzusteigen.
+
+»Hallo,« sagte der Erste von diesen, nur mit Mühe sein Gleichgewicht
+bewahrend und dem Davonstürmenden erstaunt nachsehend, »der hat's
+verdammt eilig -- das Gesicht sollt' ich auch kennen, ging der
+freiwillig, oder _wurd'_ er gegangen?«
+
+Der junge Hamann warf einen flüchtigen Blick auf die neu Eintretenden
+und drehte sich dann, ohne sich weiter mit ihnen einzulassen, rasch
+herum und verließ das Zimmer.
+
+»Alle Wetter, Mr. Meier!« rief da der Barkeeper den früheren »Boarder«
+erkennend -- »wo haben Sie die Zeit gesteckt -- man hat Sie ja mit
+keinem Auge mehr gesehn.«
+
+»Geschäftsreisen, mein junger Freund, Geschäftsreisen,« sagte der
+Passagier der Haidschnucke, indem er die Augenbrauen in die Höhe zog,
+und mit den Achseln zuckte, »komme gerade von Milwaukie herunter, die
+»balsamische Luft« des Südens einzuathmen. Aber weshalb war der Mann,
+der da zur Thür hinaussprang und mich beinah über den Haufen warf, so in
+Eile? -- irgend etwas Unangenehmes vorgefallen?«
+
+»Häusliche Scenen wie sie manchmal in einer Familie vorkommen,« lachte
+Jimmy ausweichend -- »soll ich Gläser aufsetzen?«
+
+»Hm, ja -- aber nicht hierher,« sagte Meier -- »gebt uns ein paar Glas
+rechten steifen kalten Punch -- lieber etwas reichlich Zucker und
+Citrone, aber desto mehr Arrak -- dort in das Eßzimmer an den kleinen
+Ecktisch -- wir haben 'was mit einander zu reden -- werft auch ein paar
+Stück Eis hinein, und wenn Ihr noch zwei andere Gläser in Vorrath macht,
+schadet's ebenfalls Nichts -- wir sind alle Beide durstig.«
+
+»Ich auch,« sagte Jimmy.
+
+»Gut mein Herz, macht Euch dann auch ein Glas zurecht; uns aber nicht
+schlechter, verstanden? -- werdet ja wohl irgendwo so eine bestaubte
+Flasche noch stecken haben.«
+
+Meier winkte dabei seinen Gefährten ihm zu folgen, und ging mit ihm in
+das Nebenzimmer, wo ein paar deutsche Zeitungen auflagen, und sie, mit
+diesen zwischen sich, ohne jedoch darin zu lesen, an einem kleinen Tisch
+dicht am Fenster und der nächsten Wand, Platz nahmen.
+
+»Nun, was war's also Kamerad, was Du mir sagen wolltest,« frug hier
+Meier seinen Gefährten -- »wir sind hier ungestört.«
+
+»Wißt Ihr, was aus Euerer Frau geworden ist?« frug der Andere, eine
+kleine, gedrungene Gestalt mit struppigem, grau gesprenkelten Bart und
+darüber unstät umhersuchenden kleinen grauen, stechenden Augen, sonst
+aber in anständiger behäbiger Tracht.
+
+»Meiner _Frau_?« sagte Meier erstaunt, »wie kommt Ihr auf die? _lebt_
+sie denn noch?«
+
+»Ein zärtlicher Gatte, das muß wahr sein,« lachte Pelz -- auch
+eigentlich ein alter Bekannter von uns, wenn auch jetzt in anderer
+Schaale -- »sie war noch vor acht Tagen hier in New-Orleans.«
+
+»'S ist mir lieb daß Ihr sagt sie _war_« -- brummte Meier, »hol' der
+Teufel das Weibervolk, das flennt und heult und wimmert und ist immer
+eine Kette am Fuß, wo der Mann einmal einen raschen, entscheidenden
+Schritt zu thun gedenkt. Wo ist sie hin?«
+
+»Zu Schiff fort.«
+
+»Zu Schiff?« rief Meier, rasch und erstaunt in seinem Stuhle auffahrend.
+
+»Mit einem deutschen Schiffe zurück,« bestätigte aber der Andere.
+
+»Nach _Deutschland_ zurück; ist sie denn toll? -- aber Ihr habt Euch
+geirrt, Pelz, das kann sie nicht gewesen sein.«
+
+»Geirrt? -- ich werde die Frau nicht kennen;« sagte der Mann mürrisch
+-- »sie sah noch dazu weit besser aus als an Bord, ging einfach und
+reinlich gekleidet, und hatte 'was höllisch Ordentliches an sich; trug
+auch keinen Schmuck mehr, weder am Hals noch in den Ohren, und kam mir
+nur verdammt elend vor.«
+
+»Und hat sie _Euch_ gesehn?«
+
+»Ja; aber ob sie mich nicht gekannt hat, oder mich nicht kennen wollte,«
+sagte Pelz, »weiß ich nicht. Sie sah mir ein paar Secunden starr in's
+Gesicht, und ging dann still und ernst an mir vorüber auf's Schiff, das
+etwa eine halbe Stunde später seine Taue einholte und, von einem Dampfer
+in's Schlepptau genommen, den Strom hinunter qualmte.«
+
+»Glückliche Reise,« brummte Meier, sein Glas, das ihm in diesem
+Augenblick Jimmy hereinbrachte, auf einen Zug leerend.
+
+»Danke,« sagte dieser etwas erstaunt, »aber woher wißt _Ihr_, daß ich
+fort will?«
+
+»Ihr?« sagte Meier, mit einem halbspöttischen Lächeln den Barkeeper über
+sein Glas ansehend, »nun dazu braucht man kein Prophet zu sein; Ihr habt
+Euch ja, so lange wir hier sind, die Gelenke schon in einem fort zum
+Marschiren eingerenkt.«
+
+»Hundeleben hier,« sagte Jimmy, der sich Meiers Einladung nach sein Glas
+mit zum Tisch gebracht hatte, und jetzt daran nippte, »möchte hier nicht
+länger _abgemalt_ sein.«
+
+»Wär auch Schade um die Farbe,« lachte Meier -- »aber was ist im Wind?
+-- Skandal im Haus?«
+
+»Neue Wirthschaft!« sagte Jimmy mit einem vorsichtigen Blick nach der
+Thür -- »_moralische_, verstanden? -- der Sohn hat die Haushälterin
+_endlich_ geheirathet, und nun wird's _fromm_ im Hause hergehn. _Wie_
+das Geld verdient ist, kommt jetzt nicht mehr darauf an; obendrauf legt
+man ein Gesangbuch.«
+
+»_Viel_ Geld hier verdient, sollt' ich denken,« sagte Meier, den Rest
+seines Glases hinunterspülend und dieses dem Barkeeper zu neuer Füllung
+hinreichend.
+
+»Ein Haufen,« versetzte dieser, aber wieder leise -- »der Alte muß oben
+einen Kasten voll haben, Gott weiß wie groß.«
+
+»Kostet auch viel so eine Wirthschaft,« sagte Pelz, ruhig vor sich
+niedersehend -- »wer das nicht weiß, glaubt's kaum -- das geht meist
+Alles wieder d'rauf.«
+
+»Wie Ihr's versteht,« rief Jimmy, in Eifer gerathend, seine Behauptung
+bezweifelt zu sehn; _ich_ weiß was da _hinauf_ gekommen ist, und daß
+Nichts wieder herunter geht, denn Alles, was die Wirthschaft selber
+kostet, wird aus der Kasse hier bestritten -- _so_ scharf geht's. Wenn
+der alte Hamann in seinem Geldkasten oben nicht seine _Hunderttausend_
+liegen hat, will ich Holz hacken mein Lebelang.«
+
+»Noch ein Glas, Jimmy, bitte,« sagte Meier -- »mein Kamerad ist auch
+fertig, und _Ihr_ trinkt so langsam, als ob's Wasser wäre, wir haben
+Durst.«
+
+»Gleich,« sagte Jimmy, mit den Gläsern wieder zurück in die Bar gehend,
+während die beiden Männer bedeutsame Blicke mitsammen wechselten.
+
+»Ich glaube, der Junge taugte dazu,« flüsterte Pelz leise und rasch.
+
+»Vielleicht -- vielleicht auch nicht,« sagte Meier, mit dem Kopf
+schüttelnd -- »nur um Alles in der Welt vorsichtig.«
+
+»Nu versteht sich; aber _der_ weiß Hausgelegenheit --«
+
+»Pst -- er kommt.«
+
+»Da -- _der_ wird Euch noch besser schmecken,« sagte Jimmy, mit den
+frisch gefüllten Gläsern hereinkommend, und die Lippen schon im Voraus
+ableckend, »der ist famos.«
+
+»Ne zum Donnerwetter Jimmy, das sollte mir wirklich leid thun wenn Ihr
+fort gingt,« sagte Meier -- »wo kriegt denn der Esel von Wirth auch
+gleich wieder einen solchen Barkeeper her? Ihr kennt doch das Geschäft
+von innen und außen.«
+
+»Sollt' es denken,« brummte Jimmy an seinem zweiten Glas vorsichtig
+nippend.
+
+»Und das Haus und die Wirthschaft --«
+
+»Wie meine Tasche, jede Ecke, jeden Winkel drinne.«
+
+»Apropos Jimmy,« sagte Meier, seinen Punch dabei mit dem Löffel umrührend,
+»ist noch Platz hier im Haus für uns Beide?«
+
+»Das wird schwer halten,« meinte der Barkeeper, die Augenbrauen in die
+Höhe ziehend -- »so arg ist's noch beinah nicht gewesen wie heuer, mit
+der Einwanderung.«
+
+»Oh das wird alle Jahr besser, Kamerad,« lachte der Alte dazwischen
+-- »je hübscher sie's drüben in Deutschland treiben, desto mehr Leute
+glauben, daß sie so ein Glück gar nicht verdienen. Wie bei einem vollen
+Kelterfaß -- je mehr man oben drauf preßt, je mehr läuft über den Rand
+fort, bis die Presse unten aufsitzt -- und dann kann man vielleicht
+wieder frisch nachgießen.«
+
+»Und das _Beste_ läuft oben ab,« sagte Jimmy, nicht ohne einen gewissen
+Humor die Beiden betrachtend.
+
+»Wenn man _uns drei_ hier ansieht,« bestätigte Pelz, »sollte man's
+beinah glauben.«
+
+»#Don't flatter me, Mr. Mac Karthy# wie die Wittwe sagte,« meinte Jimmy
+in einem breiten Schmunzeln.
+
+»Also es wird wohl noch Platz für uns werden, nicht wahr Jimmy?« nahm
+Meier die vorige Frage wieder auf.
+
+»Platz? ja das weiß ich wahrhaftig nicht; wenn's _gestern_ gewesen wäre,
+wo noch vernünftige Menschen im Hause regierten, ja, da wäre Platz
+_gemacht_ worden, wenn keiner mehr da war; ob sich aber der gestrenge
+Herr von _Heute_ dazu verstehen wird, ist eine andere Frage -- es könnte
+Einer von dem Bauerpack dabei _incommodirt_ werden, und in der Hinsicht
+werden jetzt furchtbar strenge Rücksichten genommen.«
+
+»Hm so? und erst seit heute Morgen?«
+
+»Heute ist die Geschichte an den jungen Hamann übergeben worden,« sagte
+Jimmy leise, »und der Alte lebt von jetzt ab von seinen Interessen.«
+
+»Alle Wetter, da muß er sich einen hübschen Pfennig gespart haben,«
+sagte Meier, dem Barkeeper mit dem linken Auge zuwinkend, »wenn _wir_
+das hätten, Jimmy, _wir_ legten's nicht hin, einen faulen Bauch bis an
+sein Ende zu füttern, so viel weiß ich.«
+
+»Ne, das ist sicher,« sagte Jimmy, der plötzlich wieder an seinen Fingern
+begann, »aber an unser Einen kommt so 'was auch nicht.«
+
+»Ih nu,« brummte Pelz, sich seinen kurzen Bart kratzend, »die
+Mecklenburger z. B., die vor ein paar Tagen hier eingezogen, sind doch
+auch nur ganz gewöhnliche Bauern, und _ich_ möcht' es nicht auf einmal
+fortschleppen, was sie in ihren Koffern mit herumführen.«
+
+»Die Koffer sind mordmäßig schwer,« betheuerte Jimmy.
+
+»Jimmy, 's ist wahrhaftig Schade, daß Ihr hier Euere Fähigkeiten so
+nutzlos verschwendet, Brandy und Bier einzuschenken,« meinte Meier,
+nach kurzer Pause -- »ich wüßte eine famose Beschäftigung für Euch.«
+
+»Und die wäre?« frug der Barkeeper neugierig.
+
+»Wir sprechen ein andermal darüber,« erwiederte Meier ausweichend,
+»wenn's nur einen Platz für uns im Hause gäbe.«
+
+»Ich denke, ich kann noch einen schaffen,« sagte Jimmy, sich die Sache
+ein wenig überlegend -- »Ihr macht Euch doch natürlich Nichts draus in
+_einem_ Bett zu schlafen?«
+
+»Keine Objektion in der Welt,« betheuerte Meier.
+
+»Und die Aussicht ist auch ziemlich gleichgültig?«
+
+»Total.«
+
+»Gut, gleich über den Mecklenburgern ist noch ein kleines Käfterchen mit
+einem Bett drin, dicht unter dem Dach; sonst nicht viel Bequemlichkeiten
+oben, aber famose frische Luft, wenn Ihr _das_ haben wollt, frag ich den
+Schlaps, den jungen Herrn Hamann gar nicht, und schaff Euch hinauf. Aber
+wo ist Euer Gepäck?«
+
+»Kommt in einer halben Stunde etwa mit der #dray#. -- Also sind wir
+eingezogen?«
+
+»Denke so,« sagte Jimmy, die geleerten Gläser mit dem dazu gelegten
+Geld mit fortnehmend nach der Bar. Ohne dann weiter seinen jungen Herrn
+um Erlaubniß zu fragen, wieß er den beiden neuen Gästen ihr kleines
+Kämmerchen an, es ihnen selber überlassend, ihr Gepäck hinaufzuschaffen,
+und ging wieder in die Bar hinunter, wo er, die Hände auf dem Rücken,
+mit raschen Schritten und in tiefen Gedanken auf- und ablief. Das
+Gespräch mit den beiden Leuten hatte ihn auf allerlei Ideen gebracht,
+und Jimmy brauchte einige Zeit, die gehörig zu verarbeiten.
+
+
+
+
+Capitel 6.
+
+Kapellmeister Eltrich.
+
+
+Das Paketschiff von Havre war angekommen, und von den verschiedenen
+Passagieren desselben hatte sich Einer, der im St.-Charles-Hotel
+abgestiegen, kaum Zeit genommen, seine Kleider zu wechseln und war dann,
+jedenfalls dringende Geschäfte zu besorgen, ein paar Stunden lang Straße
+auf und ab in der Stadt gefahren, bis er endlich am unteren Markt sein
+Fuhrwerk ablohnte, und müde und erhitzt in eine der dort befindlichen
+kleinen Eisbuden trat, sich abzukühlen und ein Glas Sherbet zu trinken.
+
+Die Passage da vorbei war sehr belebt, kleine Gruppen von Kaufleuten
+standen überall zusammen, Geschäfte wurden entrirt und abgeschlossen,
+Aufträge gegeben und genommen und selbst neben dem Glas Gefrorenen in
+der Bude, das oft unbeachtet zusammenschmolz, hatten die Leute ihre
+Brieftafeln vor sich liegen, und notirten und rechneten mitsammen, und
+ordneten die Bestimmungsorte jener Wälle von verschiedenen Waaren, die
+draußen an der Levée durch Tausende von Händen aufgehäuft, und zugleich
+wieder durch andere fortgeführt wurden, ohne sich anscheinend zu
+vermindern oder zu vermehren.
+
+Nur der eben angekommene Fremde hatte, wie es schien, mit Geschäften
+Nichts zu thun; sein einziger Zweck war, sich auszuruhn und zu erholen,
+und selbst das Leben und Treiben um ihn her interessirte ihn nicht, oder
+war ihm bekannt, denn er nahm abwechselnd eine der verschiedenen, dort
+liegenden Zeitungen zur Hand, flüchtig die Spalten überfliegend, oder
+saß auch wohl, in Gedanken vor sich niederschauend da, nicht einmal die
+Vorübergehenden beachtend.
+
+»Täuschen mich meine Augen nicht, oder habe ich das Vergnügen, Herrn von
+Hopfgarten wieder einmal begrüßen zu können?« sagte in diesem Augenblick
+eine feine, unserem alten Freund sehr wohl bekannte Stimme, der auch
+rasch, aber zugleich erstaunt zu der breiten, korpulenten Gestalt des
+vor ihm stehenden Mannes aufsah, und sich trotzdem auf das Gesicht
+durchaus nicht besinnen konnte.
+
+»Ich weiß nicht« -- sagte er wirklich etwas verdutzt, von seinem Stuhle
+aufstehend und die ganze Figur des Mannes, der jedenfalls seinen Namen
+kannte, auf das Aufmerksamste betrachtend -- »Gestalt und Stimme erinnern
+mich allerdings an einen früheren Reisegefährten, aber zu denen paßt das
+Gesicht durchaus nicht.«
+
+»Ja, mein guter Herr von Hopfgarten,« sagte wieder die nur zu wohl
+bekannte Stimme, während der Mann selber vergnügt dabei mit dem Kopfe
+nickte -- »ich bin es auch eigentlich nicht mehr; ich habe mich geschält
+und die Haut abgeworfen, wie eine Klapperschlange. Schöner bin ich
+dadurch freilich nicht geworden, aber heiße doch noch immer Christian
+Mehlmeier.«
+
+»Also sind Sie's _doch_!« rief Hopfgarten, ihm freundlich die Hand
+entgegenstreckend, »aber um Gottes Willen, Mann, was ist mit Ihnen
+vorgegangen? ich hätte Sie im Leben nicht wieder erkannt.«
+
+»Ja, das ist anderen Leuten auch so gegangen,« schmunzelte Mehlmeier
+in seinen weichsten Tönen vor sich hin -- »sehn Sie sich einmal mein
+Gesicht genauer an.«
+
+»Haben Sie die Blattern gehabt?« frug Hopfgarten mitleidig -- »es ist
+voller Narben -- und die Augenbrauen fehlen ganz. Was in aller Welt
+haben Sie mit sich angefangen?«
+
+»Es ist mir wie Berthold Schwarz gegangen,« sagte Herr Mehlmeier, mit
+seinem vergnügtesten Gesicht -- »ich habe ebenfalls, freilich nach einem
+vorgeschriebenen Recept, auf die Art wie er, das Pulver erfunden, war
+jedenfalls über die unerwartete Explosion eben so erstaunt wie er. Sie
+-- Sie erinnern sich vielleicht noch des -- des Geschäfts, was ich
+damals betrieb, als Sie mich, hier ganz in der Nähe, dort am Markt
+drüben, fanden?«
+
+»Sie verkauften Schwefelhölzer, wenn ich nicht irre --«
+
+»Ich stand wenigstens zu diesem Zweck an einem jener Pfeiler,« betätigte
+Mehlmeier, »verkaufte übrigens ungemein wenig, und diente eigentlich, wenn
+ich so recht an jene Zeit zurückdenke, nur dazu, etwa Vorübergehenden,
+die mich um Feuer baten, ihre Cigarren anzuzünden. »Danke« sagten
+dann die Leute und damit war die Sache abgemacht; _sie_ gingen ihren
+Geschäften nach, und ich blieb an dem Pfeiler stehn, über das meinige
+Betrachtungen anzustellen.«
+
+»Sie sehen jetzt weit besser, weit behäbiger in Ihrem Äußern aus,« sagte
+Hopfgarten.
+
+»Das wäre noch immer kein großes Lob,« meinte Mehlmeier, »denn
+_schlechter_ wie ich damals aussah, kann der Mensch nicht gut
+anständiger Weise in der Welt herumlaufen. Hosen und Rock hielten
+gewissermaßen nur aus Gefälligkeit für mich zusammen, und außerdem
+durfte ich nicht einmal vor Dunkelwerden Abends von meinem Pfeiler, den
+ich mit der Dämmerung in Besitz nahm, weggehn, meines hinteren Menschen
+wegen. Da traf ich _Sie_ und den fremden Herrn, der mit Ihnen war, und
+von der Stunde an, mein guter Herr von Hopfgarten änderte sich mein
+Loos. Ich hatte damals schon lange bemerkt, daß die Leute, welche die
+Streichhölzer fabricirten, einen recht hübschen Nutzen dabei machten,
+während wir Verkäufer daran verhungern konnten; von zu Hause aus war
+ich auch mit der Fabrikation vollkommen gut bekannt, das Material dazu
+hätte ich hier billiger wie irgendwo gehabt, das Holz brauchte ich
+nicht einmal zu kaufen, denn eine kleine Strecke von der Stadt entfernt,
+konnte ich mir so viel davon selber nehmen, wie ich brauchte, aber -- ich
+hatte kein Capital um damit zu beginnen, und meine täglichen Einnahmen
+gelangten oft nicht einmal zu der Höhe, mich, worauf ich den ganzen Tag
+hungerte, Abends satt zu essen. Ich mag beiläufig bemerken, daß ich der
+Schrecken der verschiedenen kleinen Eßbuden geworden war, in die ich,
+sobald sich meine Kasse in den Umständen befand, ein Abendessen zu
+zahlen, hineinfiel. An jenem Tage nun gab mir jener fremde Herr für
+eine unbedeutende Nachricht ein Stück Geld -- ein Goldstück. Herr von
+Hopfgarten -- ich will nicht versuchen, Ihnen zu schildern, was ich an
+dem Tage ausgestanden habe« -- sagte Mehlmeier; seine Stimme klang dabei
+leise und heiser, indeß ihm ein paar große schwere Thränen, trotzdem,
+daß er mit den Augen auf das Lebhafteste blinzte und sie zurückzudrücken
+suchte, zwischen die Wimpern traten -- »es war _kein_ verdientes Geld,
+ich mochte dagegen argumentieren, wie ich wollte,« setzte er dann nach
+kurzer Pause hinzu, »und ich -- ich war zuletzt fest davon überzeugt,
+daß ich die kleine Summe -- für mich damals ein Capital -- mehr meinen
+zerissenen Hosen, als der Nachricht verdankte.«
+
+»Nein, lieber Herr Mehlmeier,« rief aber Hopfgarten rasch dazwischen
+-- »die Kunde, die Sie uns gaben, hätte tausend solcher Stücke verdient
+-- der alte Herr suchte sein _Kind_ und Sie zuerst brachten ihn auf die
+rechte Spur.«
+
+»Es freut mich ungemein, wenn ich dem fremden Herrn nützlich gewesen
+bin,« sagte Mehlmeier ruhig, »_das_ aber war meine damalige Ansicht von
+der Sache und -- hat sich auch bis jetzt noch nicht verändern können.
+-- Aber meine Lage änderte sich damals. Für zwei Dollar kaufte ich mir
+ein blaues Überhemd, eine solche Hose, wie sie die Feuerleute und Matrosen
+tragen, ein paar Schuh, einen Hut und ein Halstuch. Trotzdem behielt
+ich noch genug übrig, mich einmal recht tüchtig satt zu essen und -- es
+war vielleicht eine Schwäche, aber ich hatte eine unendliche Sehnsucht
+danach -- ein Glas Bier zu trinken, und für die übrigen zwei Dollar
+schaffte ich mir das nöthige Material an, auf _meine_ Art _gute_
+Streichhölzchen herzustellen. Mörser und sonstige Geräthschaften mußte
+ich mir allerdings im Anfang noch borgen, aber das Alles machte ich,
+jetzt einmal in anständigen Kleidern, wo ich mich wenigstens sehn lassen
+konnte, möglich, und so klein die Quantität sein mußte, die ich mit
+meinen geringen Mitteln zum ersten Mal fabricirte, so sehr sprach die
+Qualität an. Wohin ich Proben brachte, bekam ich Bestellungen, von denen
+ich im Anfang nur einen kleinen Theil ausführen konnte, mit jeder Woche
+mehrte sich aber meine Einnahme, mit jeder Woche konnte ich größere
+Mengen liefern, und war zuletzt sogar im Stande, mir erst einen, dann
+zwei und mehre Arbeiter zu nehmen, dem immer steigenden Bedarf zu
+begegnen. Gleich im Anfang, bei der Zusammenstellung einer Mischung,
+passirte mir eines Abends das Unglück, daß mir die ganze Masse im
+Mörser explodirte, und ich fand mich erst am andern Morgen in der
+entgegengesetzten Ecke meines Zimmers wieder, da die Nachbarn weiter
+keine Notiz von dem Knall und Qualm genommen.
+
+»Seit der Zeit befinde ich mich aber ausnehmend wohl; ich _boarde_ in
+einem anständigen Französischen Kosthaus und beschäftige jetzt elf
+Arbeiter, lauter arme deutsche Einwanderer, die ich mir abrichte und gut
+bezahle, verdiene dabei ein recht hübsches Geld und beginne sogar schon
+an Sparen und Zurücklegen zu denken, drohenden Alters wegen.«
+
+»Nun das freut mich wahrhaftig recht, recht herzlich von Ihnen zu
+hören,« sagte Hopfgarten, dem fast die Thränen in die Augen gekommen
+waren, bei der so anspruchslos und wirklich rührend vorgetragenen
+Erzählung, indem er seinem alten Reisegefährten die Hand reichte und
+derb und freundlich schüttelte; »es giebt wenig Leute, lieber Mehlmeier,
+die so ernst und entschlossen und so brav und rechtschaffen dabei, einem
+einmal gesteckten Ziele entgegenstreben, und ich wünschte in der That
+recht von Herzen Ihnen irgend einen Dienst erweisen zu können, um Ihnen
+zu zeigen, wie sehr ich Sie achte und schätze.«
+
+»Ich danke Ihnen recht herzlich, mein guter Herr von Hopfgarten, für die
+freundlichen Worte,« sagte Mehlmeier, wirklich gerührt, »Sie thun mir
+wohl -- und eine Bitte hätt' ich wirklich an Sie, wenn Sie dieselbe
+erfüllen wollten.«
+
+»Von Herzen gern -- und was ist es?«
+
+»Sie kennen den Herrn, der -- der mir damals das Goldstück gab?«
+
+»Sehr gut -- ich komme jetzt gerade von dort her -- war nämlich in der
+Zeit wieder in Deutschland --«
+
+»Sie waren in Deutschland?« frug Mehlmeier, rasch und erstaunt, »ja, hm
+-- das ist eigentlich gar nichts so Wunderbares, denn man fährt jetzt
+rasch genug herüber und hinüber, aber -- es ist doch ein eigenes,
+sonderbares Gefühl, wenn man so von Deutschland sprechen hört, fortwährend
+Schiffe sieht, die hinüber gehn und von dorther kommen, und -- so gern
+man hinüber _möchte_, und auch _könnte_, was eben die Passage betrifft,
+doch auf der weiten Gottes Welt da drüben, wo man doch eigentlich zu
+Hause ist, Nichts weiter zu thun hat; Nichts wieder anfangen könnte, und
+nun ganz allein aus dem Grunde hier bleiben muß.«
+
+»Aber mit was sollte ich Ihnen dienen?«
+
+»Ja,« sagte Mehlmeier rasch, »sehn Sie den Herrn -- wie war sein Name
+gleich?«
+
+»Dollinger.«
+
+»Sehn Sie den Herrn Dollinger wieder?«
+
+»Hoffentlich bald, jedenfalls schreibe ich ihm in den nächsten Tagen.«
+
+Mehlmeier griff in die Tasche, nahm ein Amerikanisches Goldstück heraus
+und sagte, es Herrn Hopfgarten hinreichend:
+
+»Dann thun Sie mir die große Liebe, mein bester Herr von Hopfgarten, und
+geben Sie ihm das _Goldstück_ nicht allein zurück, sondern sagen dem
+Herrn auch _wie_ Sie mich wieder gefunden haben, und daß ich das nur
+allein als _sein_ Werk betrachten könne, ihm auch ewig dankbar dafür
+sein würde.«
+
+»Aber mein bester Herr Mehlmeier,« rief Hopfgarten, das Goldstück
+zurückweisend, »Herr Dollinger ist ein reicher, ein _sehr_ reicher Mann,
+und ich weiß --«
+
+»Und wenn er ein Millionair wäre,« sagte Mehlmeier fest und bestimmt,
+»es ist nicht der wenigen Thaler, es ist der Sache wegen, das Geld hat
+mir auf der Seele gebrannt, und Sie erzeigen mir einen unendlich großen
+Dienst, wenn Sie es dem rechtmäßigen Eigenthümer zurückerstatten. Es hat
+mir genug genützt, und da jetzt die _Ursache_ verschwunden ist, der ich
+es verdanke« -- und Mehlmeier warf einen wehmüthigen Blick an seinen
+Beinen hinunter -- »so darf ich auch mit gutem Gewissen die Wirkung
+zurückgeben. Sie thun mir einen _großen_ Gefallen mit der Erfüllung
+meiner Bitte, mein lieber Herr von Hopfgarten.«
+
+»Sie sind ein wunderlicher Mensch,« sagte der kleine Mann freundlich,
+das Goldstück dabei nehmend und einsteckend, »ich will es besorgen; aber
+Herr Dollinger glaubt sich Ihnen nun einmal zu Dank verpflichtet, und
+wird das auf andere Weise wieder gut machen wollen. Jedenfalls muß er
+Ihnen die Quittung einsenden, daß _ich_ wenigstens das Geld richtig
+abgeliefert habe, und ich möchte Sie deshalb um Ihre Adresse bitten.«
+
+»Das wird nicht nöthig sein,« sagte Herr Mehlmeier mit einem wehmüthigen
+Blick.
+
+»Nein, nein; es muß Alles seine Ordnung haben,« rief Hopfgarten, »also
+Ihre Adresse?«
+
+»Erlaube ich mir denn hier auf einem Exemplar meines Fabrikats zu
+überreichen,« sagte Mehlmeier mit einer etwas linkischen und verlegnen
+Verbeugung Hopfgarten ein kleines elegantes Etui mit Streichhölzchen,
+auf denen seine genaue Firma angegeben stand, übergebend, »das sind
+meine Visitenkarten,« setzte er lächelnd hinzu.
+
+»Vortreffliche Visitenkarten,« lachte Hopfgarten, sie betrachtend
+und einsteckend; »aber apropos, mein lieber Herr Mehlmeier, Sie als
+wandernder Adreßkalender sind vielleicht im Stande mir wieder eine
+Auskunft zu geben. Können Sie mir vielleicht sagen, wo ich einen
+gewissen Ledermann, einen Juristen, hier in der Stadt finde?«
+
+»Ledermann? -- Ledermann? -- nein, der Name ist mir gänzlich unbekannt,«
+sagte Mehlmeier, sehr bestimmt mit dem Kopf nickend; Hopfgarten kannte
+aber seine schwache Seite mit den verkehrten Gesticulationen, und wußte
+was er meinte.
+
+»Er arbeitete früher in dem Bureau des Mr. Mac Culloch, des Staatsanwalts,«
+setzte er dann hinzu, »der ist aber in diesem Augenblick verreist und
+sein Bureau geschlossen, und von den Hausleuten wollte ihn Niemand
+kennen.«
+
+»Ledermann?« sagte Mehlmeier, die Hände am Kinn, in tiefem Nachdenken.
+
+»Eine lange hagere Gestalt,« half Hopfgarten seinem Gedächtniß nach,
+»ein dünnes, mageres Gesicht und blonde Haare.«
+
+»Hm, ich kenne einen Herrn _Fort_mann, der etwa auf diese Beschreibung
+paßte.«
+
+»Donnerwetter, _Fort_mann!« rief Hopfgarten, sich vor den Kopf schlagend,
+»jetzt hab' ich die Namen verwechselt -- Fortmann heißt er ja auch
+-- Mehlmeier, Sie sind ein kapitaler Mann -- _wo_ find' ich den?«
+
+»Ja, wo Sie den _jetzt_ finden, wenn er nicht in seinem Bureau ist,
+weiß ich allerdings auch nicht -- er müßte denn sonst vielleicht beim
+Kapellmeister sein.«
+
+»Was für ein Kapellmeister? -- wo wohnt der?«
+
+»Kapellmeister Eltrich, gar nicht weit von hier.«
+
+»Eltrich? -- _unser_ Eltrich von der Haidschnucke? -- ich glaubte, der
+sei ein Arbeiter an einem Dampf- oder Flatboot geworden.«
+
+»Allerdings, im Anfang, weil ihm seine sämmtlichen Sachen, selbst seine
+Violine gestohlen worden; nachher aber hat er sich ganz tüchtig wieder
+herausgearbeitet, und jetzt eine brillante Anstellung an der hiesigen
+französischen Oper erhalten.«
+
+»Und dort ist Ledermann zuweilen?«
+
+»Herr Fortmann? ja, aber wir gehn hier nur diese Straße hinunter, und
+ich kann Ihnen dann das Haus zeigen.«
+
+»Kommen Sie nicht mit hinauf?«
+
+»Es ist meine Arbeitszeit jetzt, mein bester Herr von Hopfgarten,« sagte
+Mehlmeier, »und ich habe mich überdieß schon zu lange von meinen Leuten
+entfernt -- jedenfalls hoffe ich Sie noch zu sehn ehe Sie New-Orleans
+verlassen. Denken Sie sich lange hier aufzuhalten?«
+
+»Einige Tage -- doch noch eins, mein lieber Mehlmeier, so viele Menschen
+sind Ihnen hier vorgekommen -- wissen Sie vielleicht zufällig, wo sich
+-- Herr Henkel jetzt aufhält?«
+
+»Nein, das ist merkwürdig, _den_ Herrn habe ich auch mit keinem Auge
+wieder gesehn, seit wir gelandet sind. Im Anfang ging einmal ein dumpfes
+Gerücht, daß doch nicht Alles mit ihm so in Ordnung -- nicht eben Alles
+Gold sei, aber ich weiß nicht, ich habe weiter Nichts darüber gehört und
+-- wenn ich aufrichtig sein soll, mich nicht weiter darum bekümmert.
+Sehn Sie dort? das ist die Wohnung Eltrichs -- das kleine freundliche
+weiße Häuschen, mit den grünen Jalousieen, und dorthinein wohne _ich_.
+Also mein lieber Herr von Hopfgarten, ich habe die Ehre mich Ihnen auf
+das Freundlichste zu empfehlen.«
+
+Hopfgarten nahm herzlichen Abschied von ihm; der Mann hatte etwas rührend
+Hartnäckiges in seinem ganzen Wesen, mit dem er dem Unglück die Spitze
+geboten und sich, allen bösen Neigungen wacker dabei begegnend, an die
+Oberfläche gearbeitet.
+
+Noch stand er in der Straße, unfern von Eltrichs Wohnung, und sah
+dem rasch und geschäftig davongehenden Manne nach, als ein, in einen
+abgetragenen blauen Frack geknöpftes Individuum an ihm vorüberging,
+ihn scharf fixirte, und sich rasch gegen ihn wendend die rechte Hand
+-- unter dem linken Arm trug er ein Cigarrenkistchen -- nach ihm
+ausstreckte und rief. »Sieh da, sieh da Thimoteus, die Kraniche des
+Ibikus -- Herr von Hopfgarten; eine höchst angenehme Erscheinung beim
+Zeus, in diesem verdammten hausbackenen Land.«
+
+»Herr Steinert?« rief Hopfgarten erstaunt aus, »ich hätte Sie fast nicht
+wieder erkannt -- wie geht es Ihnen?«
+
+Steinert zuckte die Achseln.
+
+ »Durch Unglück mehr als durch Versehn,
+ Verlor Alcest im Handel sein Vermögen
+
+-- verwünschte Geschichte das hier, man darf seinem eigenen Bruder nicht
+trauen, wenn man wirklich einen hier hat. Ich habe bittere Erfahrungen
+gemacht, Herr von Hopfgarten -- bittere Erfahrungen und -- wenn weiter
+Nichts -- Menschenkenntniß gesammelt, wie wohl kaum Einer vor mir. Ich
+sage Ihnen, ich könnte eine Geographie des menschlichen Herzens, der
+menschlichen Schwachheiten, Laster und Leidenschaften herausgeben.«
+
+Hopfgarten hatte sich indessen, so genau das geschehn konnte, ohne den
+Mann durch ein zu scharfes Anschauen zu kränken, die vor ihm stehende
+Gestalt betrachtet, und das Resultat fiel gerade nicht zu Steinerts
+Vortheil aus. Sein Anzug, einst jedenfalls modern, war abgerissen, und
+noch schlimmer, war schmutzig; eben so seine Wäsche. Nur den äußeren
+Staat hatte er noch beibehalten; der große Siegelring saß auf einer
+ungewaschenen Hand, und neben den Uhrberloquen zeigte das Tuch häßliche
+farbige Flecke. Sein Gesicht sah dabei verwildert aus; die Augen lagen
+ihm tief und durchschwärmte Nächte, wenn nicht Mangel kündend, in den
+Höhlen, und flogen unruhig, ungeduldig, ohne auf irgend einem Punkte zu
+haften, umher.
+
+»Und womit beschäftigen Sie sich jetzt,« sagte Hopfgarten endlich, dem
+es unheimlich in der Nähe des Mannes wurde, »haben Sie irgend eine
+Anstellung? irgend ein -- ein --«
+
+»Ein freies Leben führen wir,« unterbrach ihn aber Steinert, den rechten
+Arm mit einer etwas theatralischen Bewegung zum Himmel hebend. »Ich
+konnte mich erstlich nie dazu verstehen, zu irgend Jemand in ein
+dienstliches Verhältniß zu treten -- der Gott, der Eisen wachsen
+ließ, der wollte keine Knechte -- und dann bin ich wohl ein halb Jahr
+vergebens herumgelaufen,« setzte er, wieder in eine natürlichere
+Stellung zurückfallend, hinzu, »ohne irgend einen passenden Platz für
+mich auftreiben zu können. Für jetzt habe ich übrigens eine famose
+Quelle ächter Havanna-Cigarren entdeckt,« und er nahm bei den Worten
+das Kästchen rasch unter seinem linken Arme vor, »die ich Ihnen mit
+gutem Gewissen empfehlen kann, mein bester Herr von Hopfgarten. Famose
+Cigarren, sage ich Ihnen, und zu einem Preis,« setzte er leise flüsternd,
+und mit einem scheuen Blick umher, hinzu, indem er das Kästchen sehr
+aufmerksam und ängstlich öffnete, »wie sie kein Mensch auf der Welt
+liefern _könnte_, wenn sie eben nicht -- _geschmuggelt_ wären.«
+
+»Sie wissen ja, bester Herr Steinert, daß ich gar nicht rauche,« sagte
+Hopfgarten freundlich, »ich bin auch wirklich in diesem Augenblick so
+mit meiner Zeit --«
+
+»Sie rauchen gar nicht?« sagte Steinert etwas bestürzt, »aber Sie haben
+doch gewiß Jemand, den Sie mit einem halben Tausend Regalias glücklich
+machen würden.«
+
+»In der That Niemanden hier, mein bester Herr; es ist auch schon spät
+geworden heute, und ich bin eben erst wieder angekommen.«
+
+»Ich sehe, Sie sind in Eile,« sagte der frühere Weinreisende rasch,
+indem er das schon halb geleerte Kästchen -- was in Hopfgarten den
+Verdacht aufsteigen ließ, daß er die Regalias auch im Einzelnen verwerthe
+-- wieder an seinen früheren Platz zurückschob. »Ich will Sie nicht
+länger aufhalten, aber -- ich dürfte Sie wohl um eine Gefälligkeit
+bitten. Wir sind hier gerade in der Nähe und ich habe vergessen mein
+Portemonnaie zu mir zu stecken -- bin jedoch einem Freund von mir da
+drüben fünf Dollar schuldig. _Wären_ Sie wohl so freundlich, mir diese
+kleine Summe auf ein paar Stunden zu leihen?«
+
+»Mit dem größten Vergnügen,« sagte Hopfgarten verlegen, und
+unwillkürlich zugleich in seiner angeborenen Gutmüthigkeit in die
+Westentasche fahrend, »ich weiß nur nicht --«
+
+»Philemon, der bei großen Schätzen ein edelmüthig Herz besaß,« recitirte
+Steinert.
+
+»Wenn Ihnen für den Augenblick mit dieser Dollarnote gedient wäre.«
+
+»Sie sind sehr freundlich -- aber Sie erlauben mir, daß ich es mir
+gleich notire; ich habe so vielerlei im Kopf, und morgen zahle ich es
+Ihnen jedenfalls zurück. Welches Hotel?«
+
+»St. Charles --«
+
+»Ah, desto besser; dort dinire ich auch gewöhnlich -- Herr von
+Hopfgarten »Haben« 1 Dollar.«
+
+Er hatte dabei eine rothe, ziemlich umfangreiche Brieftasche vorgenommen,
+die Cigarrenkiste auf das linke emporgezogene und ziemlich geschickt
+balancirte Knie gelegt, und notirte sich den Fall auf ein weißes Blatt.
+
+»Mein guter Herr Steinert, ich habe indessen das Vergnügen Ihnen einen
+angenehmen Abend zu wünschen.«
+
+»Ah, guten Abend, lieber Hopfgarten, guten Abend,« rief Steinert, ihm,
+immer noch in der vorigen Stellung, mit dem Bleistift freundlich
+zuwinkend.
+
+Hopfgarten benutzte die Gelegenheit, Eltrichs Haus zu erreichen, und
+stieg die wenigen Stufen vor der Hausthür, an deren Klingel er zog,
+rasch hinan.
+
+Ein wunderhübsches, nur etwas kränklich aussehendes, beinah weißes
+Mädchen, aber doch mit dem eigenen dunkeln Teint und fast blauschwarzen
+Haar dieser Race, das die Quadroonin verrieth, öffnete ihm die Thür,
+frug den Erstaunten in deutscher Sprache was er wünsche, und führte
+ihn dann in das untere Zimmer, wo Hopfgarten zu seiner nicht geringen
+Genugthuung -- denn Mehlmeier hatte ganz recht gehabt -- Herrn Ledermann
+#alias# Fortmann, am Kaffeetisch bei Eltrichs traf, und von den dreien
+auf das Herzlichste begrüßt wurde. Eltrichs kleine reizende Frau war
+besonders glücklich den alten Reisegefährten, der sich schon an Bord von
+allen Cajütspassagieren immer am freundlichsten gegen sie benommen, bei
+sich zu sehn und bewirthen zu können, und verschwand gleich aus dem
+Zimmer, aufzutragen, was nur, trotz Hopfgartens Protestiren, Küche und
+Keller vermochte.
+
+Nach den ersten Begrüßungen aber lag Hopfgarten viel zu sehr daran zu
+erfahren was er von Ledermann hinsichtlich seiner Nachspürungen nach
+jenem Soldegg hören sollte. Eltrich wußte überdieß von der Sache, über
+die Ledermann schon oft mit ihm gesprochen, und Hopfgarten erfuhr jetzt
+daß von Soldegg selber allerdings nicht das Mindeste wieder gesehen
+wäre, seit Herr von Hopfgarten die letzten Nachrichten von ihm mit
+aus Milwaukie gebracht, daß aber ein Compagnon von ihm, jener Goodly,
+unter einem falschen Namen in New-Orleans ertappt sei, und einen
+Schlupfwinkel gestohlener Güter verrathen habe, in dem man auch einen
+nicht unbeträchtlichen Theil von Herrn Dollingers Waaren gefunden hätte.
+Nach allen verschiedenen Staaten, selbst nach Canada hinauf, war indeß
+geschrieben worden, des Burschen habhaft zu werden, doch umsonst;
+entweder war er untergegangen, oder lebte irgendwo, unter einem falschen
+Namen, von seinem Raube, wo es freilich dem Zufall überlassen bleiben
+mußte, ihn einmal auszuspüren und zu Tag zu bringen.
+
+Herr _Fort_mann, der übrigens Eltrich gegenüber sein Incognito nicht
+beibehalten konnte, da Beide schon in Heilingen befreundet, wenigstens
+bekannt gewesen waren, wünschte, wie sich wohl denken läßt, ebenfalls
+etwas Neues von dort zu hören, das ihm Hopfgarten denn auch nicht
+vorenthielt. Während Frau Eltrich nun dem Gast, der endlich eingestehn
+mußte, daß er in aller Eile heute auf Amerikanischem Boden noch nicht
+einmal zu Mittag gegessen, ein kleines Mahl mit Claret und Eis
+herrichtete und ihn selber dabei, trotz allen Einwendungen, bediente,
+mußte er erzählen, wie er es in Heilingen gefunden, wie es dort aussah,
+was die Leute dort trieben und -- wie es vor allen Andern der Frau
+Aktuar Ledermann ging, für die sich Frau Eltrich ganz speciell
+interessirte.
+
+»Hm, ja,« sagte Hopfgarten lächelnd, und emsig dabei beschäftigt ein
+kaltes gebratenes Huhn zu zertheilen, »gut -- sehr gut -- hat ihre
+Trauer -- dieß Huhn ist wirklich delikat -- hat ihre Trauer abgelegt und
+wohnt jetzt bei ihrem Bruder.«
+
+»Existirt der Lump auch noch?« frug Ledermann.
+
+»Wollte wieder ein Geschäft eröffnen,« fuhr Hopfgarten langsam fort,
+»scheint aber doch nicht, nach den beiden vorher erfolgten Fällen, das
+nöthige Vertrauen gefunden zu haben, und hat sich, auf dringendes
+Anrathen des Herrn J. G. Weigel entschlossen, mit seiner Schwester --«
+
+»Den Teufel auch!« rief Ledermann von seinem Stuhl aufspringend, und in
+jäher Angst den Schluß des Satzes errathend.
+
+»Mit seiner Schwester,« fuhr Hopfgarten ruhig fort, »nach Amerika
+auszuwandern.«
+
+»Was für ein rührendes Wiederfinden das werden würde, Herr Ledermann,«
+lachte diesen Frau Eltrich schelmisch an.
+
+»Man soll den Teufel nicht an die Wand malen,« rief aber der Aktuar
+wirklich bestürzt -- »tollere Sachen sind schon vorgefallen, und _mir_
+bliebe nachher Nichts übrig, als mir eine Kugel vor den Kopf zu schießen.
+-- Aber -- nicht wahr, lieber Herr von Hopfgarten, Sie machen nur Spaß?
+das ist Ihr Ernst nicht. -- Meine Frau, ich meine die verwittwete Frau
+Aktuar Ledermann, denkt nicht daran nach Amerika zu kommen?«
+
+»Ich gebe Ihnen meinen Ehrenwort, daß die Sache schon so gut wie
+abgemacht war; das Ziel aber, soviel wie ich davon erfahren konnte, lag
+nach den nördlichen Staaten, New-York oder Baltimore, wo Sie denn hier
+allerdings nicht viel zu befürchten hätten; ich habe mich, wie Sie
+sehen, genau nach Allem erkundigt.«
+
+»Der Henker traue,« rief Ledermann, unruhig im Zimmer auf- und abgehend,
+»wenn die Frau erst einmal nicht mehr durch das ganze Weltmeer von mir
+getrennt ist, findet sie mich auch wieder heraus, und wenn sie nur erst
+einmal eine Ahnung davon bekömmt, daß ich noch lebe, bin ich verloren.«
+
+Eltrich und Hopfgarten lachten über die Angst des armen Teufels, der eine,
+vielleicht noch jahrelang entfernte Gefahr schon jetzt heraufbeschwor,
+sich selber zu quälen; Ledermann konnte aber den Gedanken nicht los
+werden, und Hopfgarten ihn endlich nur dadurch beruhigen, daß er ihm
+versicherte, der Schiffsakkord für seine Frau wäre erst für das nächste
+Jahr abgeschlossen, bis wohin noch mancher Tropfen Wasser den Berg
+hinunter fließe. Übrigens schien kein Mensch in ganz Heilingen, seiner
+Betheuerung nach, eine Ahnung zu haben, daß der Aktuar _nicht_ ertrunken,
+sondern nach Amerika geflüchtet sei. Der Körper war allerdings, trotz
+hartnäckigem Suchen, _nicht_ gefunden worden, aber das _Spielen vor_her,
+und die kalte, ruhige, sehr gut geheuchelte Verzweiflung _nach_her,
+schienen bei den in solcher Art auch eben nicht mistrauischen Heilingern
+keinen Zweifel mehr übrig gelassen zu haben. #Dr.# Hayde besonders
+hatte die Gelegenheit gleich wahrgenommen, einen langen, allerdings
+etwas schlecht stylisirten Artikel im Tageblatt zu schreiben, worin
+er nachwieß, daß der Selbstmord nur eigentlich, trotz einzelner
+Ausnahme-Fällen, ein durchaus _bürgerliches_ Laster sei, (und später
+dafür von seiner Regierung den gelben Sperlings-Orden fünfter Klasse
+erhielt;) die Sache war dadurch, wenn auch eben nicht bewiesen, doch
+außer allen Zweifel gesetzt. Es dachte sich in der That Niemand die
+Möglichkeit eines anderen Falles, und Therese Ledermann selber, wenn
+ihr ja einmal ein solcher Gedanke dunkel und unbestimmt vor der Seele
+aufgestiegen sein sollte, verwarf ihn eben so rasch wieder. Wo hätte
+Ledermann den Muth herbekommen, sich ihrem Regiment auf eine solche
+Weise zu entziehn.
+
+Herrn Hopfgarten lag aber auch jetzt daran zu erfahren, wie Eltrich, von
+dem er doch durch Maulbeere gehört, daß er an einem Boote als Handlanger
+arbeite, sich so rasch und glänzend heraufgeschwungen habe, und dieser,
+seine kleine Frau dabei rasch zu sich nieder auf seinen Stuhl ziehend,
+gab ihm gern Bescheid.
+
+Vor allen Dingen erzählt er ihm seine erste Landung, wie sie, durch das
+viele Neue verwirrt, den Karren aus den Augen gelassen hätten, auf dem,
+von einen Neger gezogen, ihre sämmtlichen Sachen, selbst sein Instrument,
+gelegen. Der diebische Schwarze war damit durchgegangen, und nie wieder,
+trotz allen Nachforschungen, aufzufinden gewesen. In der ungeheueren
+Stadt, wo noch dazu weder über Kommende noch Gehende auch nur die
+geringste ernstliche Controlle geführt wird, hätte nur der Zufall sie
+auf die Spur des Diebes bringen können.
+
+Dort begann eine schwere Zeit, besonders für seine arme Frau, die, von
+allem entblößt, mit dem Kinde der dringenden Noth entgegen ging. Noth
+aber lehrt nicht allein beten, sondern mehr noch arbeiten, und fest
+entschlossen, sich durch Nichts beugen zu lassen, sondern dem Schicksal
+fest und trotzig die Stirn zu bieten, lief Eltrich, mit _ganz_ andern
+Hoffnungen nach Amerika gekommen, und als andere Schritte fehl schlugen,
+in der Stadt herum _Arbeit_ zu suchen; Arbeit wie sie vorkam, hart oder
+leicht, nur Brod zu verdienen, für sich und die Seinen. Nach einiger
+Anstrengung gelang ihm das auch -- er wurde zuerst auf einem Flatboot
+zum Ausladen der Fracht engagirt, mit einem Dollar den Tag; wie das
+beendet war, fand sich Arbeit auf einem anderen, und ihre Existenz war
+wenigstens gesichert.
+
+Aber er brauchte mehr als das -- er mußte Geld verdienen, wieder eine
+Violine, und zwar ein tüchtiges Instrument zu kaufen; er mußte Geld
+verdienen, sich wieder anständige Tuch-Kleider anzuschaffen, in denen er
+Besuche machen konnte, und seine Finger, die ihm später in seiner Kunst
+sein Brod verdienen sollten, ruinirte er indessen mit Fässer rollen und
+dem scharfen Tau der Winde. Unermüdlich aber, unverdrossen, schaffte
+und arbeitete er dabei im gießenden Regen, wie in der brennenden Sonne,
+und sparte jeden Cent, den sie nicht nothwendig zum Leben brauchten,
+während sich die Frau ebenfalls Mühe gab Geld zu verdienen, und es
+endlich möglich machte, erst von der Frau des Hausbesitzers, und dann
+durch diese empfohlen, auch von einigen Nachbarn feine Wäsche zum
+Waschen und Plätten zu bekommen.
+
+»Es war dabei eine recht traurige und entmuthigende Zeit für mich,«
+erzählte Eltrich, »denn während ich meinem nächsten Ziel, mir wieder
+ein Instrument und uns beiden anständige Kleider zu kaufen, wohl
+entgegenrückte, sah ich doch um mich her eine Menge Leute meiner Kunst,
+die mit ziemlichem Talent und guten Empfehlungsbriefen ausgerüstet,
+ankamen, eine Weile sich schwimmend über Wasser hielten, und dann
+spurlos verschwanden. Ich wußte dabei nicht, ob sie untergegangen, oder
+nur von der Strömung mit fortgerissen waren, und mußte mir zu meiner
+Beschämung gestehn, daß ich wahrscheinlich jetzt mit meiner Hände
+Arbeit, als gewöhnlicher Tagelöhner, _mehr_ verdiente, wie es mir
+möglich sein würde mit meiner Kunst zu erschwingen; nichts destoweniger
+ließ ich den Muth nicht sinken. Dabei hatten wir Glück; meine Frau gab
+unserer Wirthin, die sich überhaupt sehr freundlich gegen uns bewieß,
+Clavierunterricht, da sie dorthin unseren Knaben mitnehmen konnte. Unser
+Schicksal war dabei durch unsere Wirthsleute bekannt geworden, und ich
+wurde von dem Eigenthümer unserer Wohnung eines Abends, wo ich gerade
+von der Arbeit zu Hause kam, aufgefordert, in einer Gesellschaft, die er
+gab, zu spielen. Ein Instrument sollte ich dort vorfinden, und leichte,
+anständige Sommerkleider besaß ich schon, Dank unseren Ersparnissen;
+aber meine Finger waren steif geworden, und nicht ein einziges Mal hatte
+ich die ganze Zeit geübt. Die Sache ging mir, wie Sie wohl denken können,
+im Kopf herum -- trotzdem nahm ich, mit einer mir selbst jetzt noch
+unerklärlichen Keckheit, die Einladung an, und die Sehnsucht, wieder
+einmal einen Bogen in der Hand zu fühlen, mochte wohl größtentheils die
+Schuld dabei tragen. Dann aber war ich es auch meiner armen kleinen Frau
+schuldig, Alles zu thun, was in meinen Kräften stand, unsere Lage zu
+verbessern, und dadurch geschah vielleicht der erste Schritt.
+
+»Die Gesellschaft versammelte sich ziemlich zahlreich, und ich spielte,
+zu Adelens Entsetzen, aber aus sehr natürlichen Gründen, spottschlecht.
+Nichts destoweniger waren die Leute freundlich genug gegen mich -- sie
+wußten ja, daß ich den Tag über Porkfässer gerollt und Maissäcke
+geschleppt hatte; der Wirth aber überließ mir von da an die Violine
+zum Üben, bis ich mir selber eine kaufen konnte, und -- veranstaltete
+heimlich, aber in meinem Namen, ein Concert. Ich spielte, und es ging
+nicht allein vortrefflich, sondern ich kam dadurch auch plötzlich und
+eigentlich ganz unerwartet in den Besitz eines Capitals von hundert und
+einigen achtzig Dollarn, mit denen ich allerdings jetzt ein neues Leben
+beginnen konnte. Am nächsten Tage mußte ich freilich noch einmal Fässer
+rollen -- ich hatte dem Mann versprochen gehabt zu kommen und hielt auch
+Wort; aber es war das letzte Mal, und ich begann eine neue Existenz.
+Allerdings stand ich nicht mehr allein und freundlos da, denn die
+Amerikaner und Franzosen, mit denen wir bekannt geworden, und die
+doch wohl fanden, daß wir Beide nicht in die Masse der gewöhnlichen
+Einwanderer gehörten, nahmen sich unserer auf das Herzlichste an. Ich
+sowohl, wie meine Frau, bekamen eine Menge Stunden zu geben, und Madame
+Fleurette, unsere freundliche Wirthin, ließ es sich nicht nehmen, den
+Knaben indessen bei sich zu behalten. Wieder gab ich jetzt mit meiner
+Frau zusammen zwei Concerte, und während andere, weit größere Künstler
+als ich, kaum die Kosten solcher Abende herausgeschlagen, traf ich Zeit
+und Umstände so glücklich, daß ich das erste Mal einen Überschuß von
+zwei-, das zweite Mal von dreihundert Dollar hatte. Ich bekam einen Ruf
+in New-Orleans, und um kurz zu sein, zuletzt die Stelle am hiesigen
+Französischen Theater, mit einem recht anständigen Gehalt, habe dabei
+Stunden zu geben, so viel ich geben kann, und befinde mich jetzt mit
+meiner kleinen Familie wohl und zufrieden.«
+
+Hopfgarten sprach seine innige Freude über das glückliche Gedeihen in
+Eltrichs Verhältnissen aus, und erzählte jetzt auch wie er die beiden
+früheren Freunde, Steinert und Mehlmeier, gefunden habe.
+
+»Herr Steinert ist ein Lump,« sagte da Eltrich, »und Mehlmeier, trotz
+einigen Eigenheiten, die er an sich haben mag, ein Ehrenmann. Wie
+Mehlmeier im Unglück war, und Steinert noch Leute fand, die ihm borgten,
+hat er den armen Teufel nicht einmal mehr angesehn, und sich seiner
+Bekanntschaft geschämt; ihn jetzt aber, wo sich Mehlmeier herausgearbeitet
+hat, schon drei oder vier Mal angeborgt. Mehlmeier in seiner Gutmüthigkeit
+läßt sich auch beschwatzen, er wird aber doch endlich einmal klug
+werden, und aufhören sein Geld in diesen Schmutzbrunnen zu werfen.«
+
+»Wie der Trunk hier in Amerika die Leute ruiniren kann,« sagte Ledermann,
+»davon habe ich in der kurzen Zeit meines Aufenthalts hier, schon mehre
+recht traurige Beispiele gesehn. So traf ich heute Morgen erst wieder
+einen alten Bekannten, und früher sehr wohlhabenden Mann aus oder bei
+Heilingen, den Wirth des rothen Drachens dort, den ich in brillanten
+Verhältnissen in Deutschland zurückließ.«
+
+»Lobsich? -- hier in New-Orleans? -- was ist mit dem?« rief Hopfgarten.
+
+»Kennen Sie ihn?«
+
+»Von Milwaukie her -- das ist ja derselbe Wirth, in dessen Hause ich
+verhaftet wurde; aber was treibt er jetzt? hat er sein Gasthaus
+aufgegeben?«
+
+»Seine Frau, die das Ganze zusammengehalten zu haben scheint, ist ihm
+gestorben,« sagte Ledermann, »und der Mann hat dann wahrscheinlich durch
+den Trunk -- denn er taumelte selbst hier, als ich ihn sah -- sein
+Geschäft nach und nach ruinirt.«
+
+»Hat er Sie gesehn?« frug Hopfgarten lächelnd.
+
+»Brille und Bart haben mich sehr verändert,« erwiederte Ledermann etwas
+verlegen; »ich kann darin ziemlich sicher sein; dennoch fühle ich mich
+nicht wohl hier, und werde mich wahrscheinlich in nächster Zeit weiter
+in das Innere zurückziehn; es kommen doch fast zu viel Bekannte
+hierher.«
+
+Ledermann mußte jetzt Herrn von Hopfgarten erzählen, was er von den
+hiesigen Verhältnissen seiner Bekannten wußte, und besonders interessirte
+ihn dabei Hedwig Loßenwerders glückliche Verbindung, die sie in eine
+angenehme und unabhängige Stellung gebracht hatte. Er trug auch Briefe
+für Hedwig von Clara, wie die Hinterlassenschaft ihres Bruders bei
+sich; ebenso die in den gelesensten deutschen Blättern veröffentlichte
+Erklärung der Gerichte selber, nach denen der damals angeschuldigte, und
+durch unglückliche Umstände zum Selbstmord getriebene Franz Loßenwerder
+von jeder Schuld an dem ihm zur Last gelegten Diebstahl freigesprochen,
+und sein Name von jedem auf ihm haftenden Makel gereinigt wurde. Herr
+Dollinger selber hatte dann noch eine eigene Erklärung erlassen, und
+überhaupt Alles gethan, was in seinen Kräften stand, wenigstens das
+Andenken des armen unglücklichen Menschen von jedem bösen Leumund zu
+befreien, und seinen ehrlichen Namen wieder herzustellen. Ein einfacher
+Stein auf seinem Grabe erzählte ebenfalls in kurzen schlichten Worten
+seine Leidensgeschichte, und was er unschuldig getragen -- guter Gott,
+er war todt, und gedruckte, und in Stein gegrabene Worte konnten das
+Unrecht nicht ungeschehen machen, das ein armes, treues Menschenherz in
+Gram und Schmerz gebrochen.
+
+Wie froh, aber auch wie schmerzlich mußte die arme Hedwig eine solche
+Nachricht bewegen, und Adele bat deshalb ihren Mann die junge Frau,
+die sie schon auf dem Schiffe lieb gewonnen, und mit der sie auch in
+New-Orleans öfter zusammengekommen, heute Abend _mit_ dem jungen Hamann
+hierherzuholen, und ihr die Briefe hier zu übergeben. Eltrich verstand
+sich gern dazu, und er und Hopfgarten beschlossen augenblicklich hinüber
+nach Fayetteville zu fahren und die jungen Leute gleich mitzubringen.
+Ledermann hatte noch einige Geschäfte zu besorgen, versprach aber auch
+gegen Abend zurückzukommen und diesen in ihrer Gesellschaft zu
+verbringen.
+
+Als Hopfgarten mit Eltrich wieder durch das Haus ging, öffnete ihnen das
+junge Quadroon-Mädchen die Thür.
+
+»Wetter noch einmal, was ist das für ein liebes freundliches Gesicht,«
+sagte Hopfgarten, als sie draußen auf der Straße waren, und dem nächsten
+Omnibus zugingen, »doch mit Negerblut in den Adern.«
+
+»Es ist das erste gute Werk, das ich in Amerika habe thun können,«
+lächelte Eltrich, »eine durch mich befreite Sclavin.«
+
+»Was?« rief Hopfgarten, sich rasch und erstaunt nach ihm umdrehend, »das
+hab' ich ja gar nicht gewußt, daß Sie schon Zeit zu Entführungen gehabt
+-- davon haben Sie mir ja kein Wort erzählt.«
+
+»Die Sache hat auch keineswegs einen solchen poetischen Hintergrund
+-- ich habe sie, mit Hülfe meines früheren Wirthes, der mir die Hälfte
+der Summe vorgestreckt, _gekauft_, und diese zweite Hälfte arbeitet sie
+nun selber ab, so daß sie, mit den Geschenken, die sie bekommt, denn
+alle meine Freunde nehmen Theil an ihr, schon wahrscheinlich in zwei
+Jahren, vielleicht noch früher, vollkommen frei und ihre eigene Herrin
+sein wird. Ich erzähle Ihnen die Geschichte ein ander Mal, denn hier
+ist unser Omnibus, der uns hinüber nach Fayetteville nehmen soll.«
+
+Sie stiegen in den schon ziemlich gefüllten, auf Rädern gestellten
+unförmlichen Kasten, der dazu diente, Passagiere von einem Ende der
+Stadt zum andern zu befördern, und mußten eng zusammenrücken, da der
+Bursche hinten am Schlag hinein beförderte, was eben Passage bezahlte,
+gleichviel wie viel Platz der inwendige Raum bot.
+
+Dicht vor ihnen, auf der gegenüber befindlichen Bank, daß ihre Kniee
+ineinanderpreßten, saß ein sehr anständig gekleideter Mann, der Hopfgarten
+ungemein bekannt vorkam. Auch dieser fixirte ihn und Eltrich in der
+schon einbrechenden Dämmerung ein paar Augenblicke, und dann dem
+letztern die Hand entgegenstreckend sagte er freundlich:
+
+»Ich glaube, daß wir zum zweiten Male Reisegefährten sind -- Herr
+Eltrich -- Herr von Hopfgarten -- nicht wahr?«
+
+»Leupold, wahrhaftig!« rief Eltrich, rasch und freundlich die
+dargebotene Hand nehmend und schüttelnd, »wir haben uns nicht gesehn
+seit wir das Schiff verlassen; wie geht es Ihnen?«
+
+»Körperlich _recht_ gut,« sagte Leupold, doch ein recht wehmüthiger Zug
+um den Mund strafte ihn Lügen dabei, oder verbarg mehr als er sagen
+wollte.
+
+»Sie sind hier in New-Orleans etablirt?« frug ihn Hopfgarten.
+
+»Ja, Herr Baron, und ich muß gestehen, ich habe viel Glück gehabt
+-- wie man hier so im gemeinen Leben sagt -- in meiner Familie aber
+destomehr Leid.«
+
+»Ist Ihre Mutter krank geworden?« frug Eltrich.
+
+»Sie starb vorigen Herbst am gelben Fieber;« erwiederte Leupold, »auch
+ein Knabe, der vor zwei Jahren beide Eltern an der Seuche verloren,
+und den ich an Kindesstatt zu mir genommen hatte, nur irgend Jemand zu
+haben, den ich lieben konnte, der mich liebte. Sie sind Alle todt, und
+ich arbeite jetzt eigentlich für weiter Nichts, als eben zu essen und zu
+trinken.«
+
+»Doch sonst geht es Ihnen gut?« frug Hopfgarten.
+
+»Was pecuniäre Verhältnisse betrifft, allerdings. Wie das gelbe Fieber
+dießmal nahte, floh Alles, was nur fortkommen konnte. Ich selber hatte
+eine stille Hoffnung, daß mich Gott ebenfalls abrufen würde; ohne Zweck
+und Ziel sich so allein in der Welt herumzutreiben wird Einem doch zuletzt
+verleidet; ich wurde aber nicht einmal krank. Ich war bei, Gott weiß wie
+vielen Leichen, fertigte Särge so viel ich mit vier bei mir ausharrenden
+Gesellen fertigen konnte, und verdiente ungezähltes Geld in der Zeit
+-- ich ginge auch gern zurück nach Deutschland, aber -- ich habe den Muth
+nicht dazu -- ich werde die nächste gelbe Fieberzeit noch abwarten, und
+sehen was da wird.«
+
+»Sie fühlen sich nicht wohl in Amerika?« sagte Hopfgarten mitleidig.
+
+»Wie soll man sich da wohl fühlen, wenn man Alles verloren hat, was
+Einem noch lieb und theuer auf dieser Welt war, und für das nur einzig
+und allein man arbeitete. Das Amerika ist ein recht guter Platz Geld zu
+verdienen, wenn man fleißig ist, aber das ist auch Alles; ja wenn es
+mir in Deutschland schlecht gegangen wäre. -- Aber ich will Ihnen nicht
+die Ohren voll lamentiren -- überhaupt ist hier die Straße, wo ich
+aussteigen muß. Es hat mich _herzlich_ gefreut Sie wieder einmal begrüßen
+zu können!«
+
+Er reichte ihnen die Hand, schüttelte sie freundlich, und drängte sich
+dann durch die ihm mürrisch Raum gebenden Passagiere der Thüre zu, den
+Omnibus zu verlassen.
+
+»Dem armen Mann ist Amerika theuer zu stehn gekommen,« sagte Eltrich
+traurig, »lieber Gott, wenn ich mich in seine Lage setze, kann ich mir
+recht gut denken, wie furchtbar es ihm sein muß, jetzt so allein und
+verlassen dazustehen. Was hilft ihm das Geld, das er verdient, wenn er
+Niemanden hat, der es mit ihm theilt, für den er spart.«
+
+»Es ist seine eigene Schuld,« sagte aber Hopfgarten achselzuckend,
+»er hat uns selbst erzählt, daß es ihm in Deutschland nicht schlecht
+gegangen wäre; weshalb wandert er da aus? -- Das kommt von dem
+thörichten Misvergnügtsein ohne Grund.«
+
+»Lieber Gott, es läßt sich da doch Manches zur Entschuldigung sagen,«
+seufzte Eltrich, »wir könnten es auch den Trieb sich zu verbessern
+nennen, den doch jeder Mensch in der Brust mit herum trägt -- warum ihm
+den schlimmsten Namen geben? Thäten die daheim, deren _Pflicht_ es wäre,
+für das wahre Glück der Völker zu sorgen, etwas mehr ihren Unterthanen
+das Leben daheim erträglich zu machen, bedächten sie, daß das »Von Gottes
+Gnaden« nicht nur auf _ein_ Haupt niedergeht und da ruhen bleibt, als
+auf etwas ganz Besonderem -- wie oft nur auf etwas sehr Gewöhnlichem
+-- sondern niederfällt, wie Thau und Regen auch auf die kleinste
+unscheinbarste Wiesenblume. Stäke mit einem Wort einer Masse Menschen da
+drüben nicht der verdammte Dünkel zu fest in der Stirne aus einem ganz
+besonders feinen Porcellainteig geknetet und gebrannt zu sein, Tausende
+würden nicht daran denken, die Heimath zu verlassen, sondern in einer
+möglich bürgerlichen Existenz gern und freudig ausharren. Die Noth
+treibt vielleicht nur zwei Dritttheile aller Auswanderer über das große
+Wasser, der Ekel das andere -- und _das_ gerade thut Deutschland weh
+-- unendlich weh, denn _was_ für wackere Kräfte sind ihm dadurch
+verloren gegangen.«
+
+»Ja, die Geheimenräthe wandern nicht aus,« lachte Hopfgarten.
+
+»Nein, leider Gottes,« seufzte Eltrich, »_die_ liegen an zweifarbigen
+Bändchen fest vor Anker. Der Deutsche theilt sich in seiner Unschuld in
+Nähr-, Wehr- und Lehrstand -- daß er den _Zehr_stand gar nicht dabei
+berücksichtigt. Wie war Ihnen zu Muthe, als Sie jetzt wieder nach
+Deutschland zurückkamen?«
+
+»Wunderbar,« lachte der Gefragte, »unendlich wunderbar -- ich gebe Ihnen
+mein Wort, es kam mir in einem fort so vor, als ob die Leute nur Comödie
+spielten -- und sie thun's auch. Wenn man hier aus dem frischen, freien
+Leben, das allerdings viele, unendlich viele Mängel und Schwächen hat,
+aber dem Menschen doch seine freie, ihm von Gott zugesprochene Entwickelung
+garantirt, wieder hinüber in das abgetheilte, angeblich _geordnete_
+Leben kommt, wo die Menschen wie in Gefachen, mit kleinen darauf
+geklebten Zettelchen eingeschachtelt liegen, sieht wie die untersten,
+bequemsten Gefache fortwährend herausgezogen und gebraucht werden,
+während auf den oberen der dicke ehrwürdige Aktenstaub liegt, und dann
+zurückdenkt, wie das Alles gar nicht nöthig ist, und wie es noch eine
+andere Welt giebt, in der Gottes Creaturen frei und fröhlich aufathmen
+dürfen; wenn man sieht, wie das dort kriecht und scharwenzelt, und auf
+Kindereien sein höchstes Ziel setzt, wenn man einen Blick wieder auf
+jenen Beamten-Wust wirft, der einem in das Kleinste zergliederten,
+auf das peinlich kunstvollste hergestellten und berechneten Räderwerk
+gleicht -- einfach einen Stein zu drehn und Brod zu mahlen, dann wundert
+man sich wirklich, daß die eigentlichen Menschen nicht _Alle_ auswandern
+und das ganze kunstvolle Beamtensystem, wie ein von Insekten
+skelettirtes Blatt als Satz zurückbleibt.«
+
+»Und doch wollen Sie wieder nach Deutschland?« frug Eltrich.
+
+»Es ist ja das Vaterland,« sagte Hopfgarten herzlich, »der Himmel
+ist doch nirgends so blau, die Erde nirgends so grün wie daheim. Sie
+mögen mich auslachen, lieber Eltrich, aber wie ich im vorigen Herbst
+zurückfuhr, und in der Nordsee die nackten Sanddünen, den Thurm von
+Wanger-Ooge wieder sah, hab' ich geweint wie ein Kind -- es giebt doch
+nur ein Deutschland.«
+
+»Ja, leicht können sie's nicht todtmachen,« rief Eltrich, »aber ich
+kehre doch nicht dahin zurück.«
+
+»Verschwören Sie's nicht,« rief Hopfgarten; »es kommt doch eine Zeit, wo
+es uns wieder hinüberzieht -- das Grab unserer Väter ist ein heiliger
+Platz, wo wir mit beiden Händen anfassen müssen, wenn wir unser Herz
+davon losreißen wollen. Mit dem Leben dort, was man die eigentliche Welt
+da nennt, mag ich auch Nichts mehr zu thun haben, dafür bin ich schon zu
+viel Amerikaner geworden; aber ich ziehe mich auf das Land zurück und
+lebe mir und den Meinen. Denken Sie nie an unsern Frühling, wenn die
+Lerche an zu wirbeln fängt, wenn die Birken keimen -- werden Sie das je
+vergessen können?«
+
+»Ich will's versuchen,« sagte Eltrich seufzend, »aber hier ist unser
+Halteplatz -- dort in der Straße liegt für jetzt unser »Deutsches
+Vaterland«.«
+
+»Ein trauriger Ersatz,« lächelte Hopfgarten, als der Wagen hielt, und
+sie, an ihrem Ziele angekommen, aussteigen mußten.
+
+
+
+
+Capitel 7.
+
+Meier, Pelz & Co.
+
+
+Es war indessen, bis sie die Straße erreichten, in welcher das »Deutsche
+Vaterland« lag, schon vollständig dunkel geworden, denn der kurzen
+Dämmerung in Amerika folgt rasch und fast plötzlich die Nacht. Dicht
+vor der Thür des Gasthauses standen drei Leute in leisem, flüsternden
+Gespräch, und als sich Eltrich im Vorübergehn nach ihnen umsah, glaubte
+er bei zweien, auf die gerade das Licht der Gaslaterne fiel, bekannte
+Gesichter zu erkennen, wenn er sich auch nicht gleich auf das Wo und
+Wann einer Begegnung erinnern konnte. Die Männer wandten sich aber rasch
+von ihnen ab, und gingen langsam in dasselbe Haus, doch nicht in das
+Schenkzimmer, sondern in die kleine Hausthür, die mit der Treppe nach
+oben in Verbindung stand.
+
+Natürlich achteten sie nicht weiter darauf, und öffneten gleich nachher
+die Glasthür des unteren Schenkraumes, wo sie den jungen Hamann allein,
+und mit verschränkten Armen und finster zusammengezogenen Brauen auf und
+abgehend, fanden. Freundlich begrüßte er Eltrich, mit dessen kleiner
+Familie er, wie seine Frau, schon manchmal zusammengekommen waren, und
+hörte mit großer Theilnahme, wie jener schändliche Verdacht endlich auch
+öffentlich von dem unglücklichen Bruder seiner Frau gewälzt sei, und
+diese sich doch nun wieder froh und glücklich fühlen würde, mit solcher
+Sorge vom Herzen.
+
+Die freundliche Einladung Eltrichs, den heutigen Abend mit Hedwig bei
+ihnen zuzubringen, mußte er aber, wenigstens für sich selber, ablehnen,
+wenn auch die Frau kein Hinderniß hatte, und unter Eltrichs Schutz die
+Herren gern begleiten würde.
+
+»Ich habe heute einen schlimmen Ärger und bösen Auftritt im Haus gehabt,«
+setzte er, sich entschuldigend, hinzu, »und meinen Barkeeper, einen
+nichtsnutzigen, frechen Gesellen, den ich, wie ich fast fürchte, auf
+verbotenen Wegen ertappte, zum Teufel jagen müssen.«
+
+»Ihren Jimmy?« rief Eltrich -- »Gott sei Dank, daß der Bursche fort ist;
+wenn irgend Jemand auf der Welt, so hatte der eine böse, galgenwürdige
+Physiognomie, und ich bin fest überzeugt, er strafte die auch nicht
+Lügen.«
+
+»Was ich heute von ihm gesehn habe,« meinte Hamann, »widerspräche dem
+wenigstens nicht, denn ich fand ihn über Tisch in dem Zimmer einiger
+meiner »Boarder,« die, wie vermuthet wird, viel Geld bei sich haben, bei
+einer sehr verdächtigen Untersuchung des einen Koffers, für dessen sehr
+hübsche Arbeit er sich angeblich interessirte. Ich bin übrigens froh,
+den Burschen, den ich sonst noch hätte einen vollen Monat behalten und
+füttern müssen, auf solche Art so rasch losgeworden zu sein, nur muß ich
+jetzt, bis ich mich morgen nach einer passenden Persönlichkeit dafür
+umsehen kann, selber die Stelle verwalten. Sie thun mir übrigens einen
+Gefallen,« setzte er dann hinzu, »wenn Sie selber zu meiner Frau hinauf
+gingen und es ihr sagten; Sie werden sie jetzt warscheinlich in meines
+Vaters Zimmer finden. Sie, Herr Eltrich, kennen ja den Weg. Meine Gäste
+sind drin beim Abendbrod, und ich muß indessen hier in der Bar bleiben;
+hab' ich aber heut Abend zugeschlossen, was heute früher als gewöhnlich
+geschehen wird, komme ich noch selber zu Ihnen hinaus und hole Hedwig in
+meinem kleinen Wagen ab.«
+
+Die Herren waren eben im Begriff, der Bitte Folge zu leisten, als die
+Thür aufging und ein junger Mann hereinkam, Hopfgarten und Eltrich aber
+kaum erblickte, als er auch schon mit einem lauten, etwas exaltirten
+Freudenruf auf sie zusprang, ihre Hände ergriff, und wie es schien, sich
+alle Gewalt anthun mußte, ihnen nicht auch um den Hals zu fallen.
+
+»Ach Herr von Hopfgarten -- ach Herr Kapellmeister -- welch glückliches
+Zusammentreffen -- nein, ich kann Ihnen gar nicht sagen, _wie_ froh
+ich bin, Sie endlich einmal wieder zu sehn. Wie geht es Ihnen? -- was
+machen, was treiben Sie -- Herr Hamann, darauf müssen wir ein's trinken,
+bitte meine Herren, was nehmen Sie -- ich habe ja überhaupt hier noch
+eine kleine Kreide stehn --«
+
+»Herr Theobald!« rief Hopfgarten erstaunt aus, den Dichter dabei mit
+einem flüchtigen Blick, eben nicht zu dessen Gunsten, von oben bis unten
+messend -- »wie kommen Sie wieder nach New-Orleans?«
+
+»Ich? -- lieber Gott, wo kommt man nicht in diesem verwünschten Lande
+hin!« rief Theobald mit einer gewissen Wehmuth aus --
+
+ »Treibt auf wildbewegtem Meere
+ Auch mein schwank-gebrecher Nachen,
+ Dräut mir auch der Wogen Schwere,
+ Soll's mich doch nicht muthlos machen --
+
+»wo kommt man hier _nicht_ hin? -- sag' ich noch einmal -- Sie kennen ja
+die alte Geschichte, bester Baron, »willst Du in meinem Himmel mit mir
+leben -- #à la bonheur#, aber auf Erden sind alle Kämmerchen vermiethet«
+-- Nichts wie Prosa, Nichts wie gemeine, hausbackene Wirklichkeit, in
+der das dumme Volk auch nicht einmal eine Ahnung hat, daß ein höher
+begabter Mensch auch noch mit etwas Anderem _arbeiten_ könnte, als mit
+Spitzhacke und Schaufel. _Arbeiten_ schreien sie -- _arbeiten_, immer
+nur arbeiten, und was der Geist dabei thut, rechnen sie nicht, das nennen
+sie faullenzen. Aber zum Henker mit der Bande, wenn's uns hier nicht
+länger gefällt, Herr von Hopfgarten, dann gehn wir nach Amerika! und
+jetzt wollen wir trinken, Herr Hamann hat uns schon die Gläser
+aufgestellt -- bitte, was nehmen Sie?«
+
+»Ich danke wirklich herzlich,« sagte Hopfgarten ablehnend -- Theobald
+sah ihm gar nicht danach aus, als ob er so viele Sechs-Cent-Stücke
+wegzuwerfen hätte, für Andere zu bezahlen, und zugleich ließ sein
+ganzes, außergewöhnlich aufgeregtes Wesen auch noch überdieß darauf
+schließen, daß er schon selber eigentlich mehr wie seine tägliche
+Quantität getrunken habe -- »bitte, erzählen Sie mir lieber, wie es
+Lobensteins geht, was sie thun und treiben und wie der Professor mit
+seinen Arbeiten vorwärts rückt.«
+
+»Bah -- _so_ viel für den Professor,« rief Theobald mit einer wegwerfenden
+Bewegung -- »ein Schwachkopf, der sich einbildet, von Landwirthschaft
+und Poesie gleich viel zu verstehn, und wirklich gleich viel davon
+versteht. Er ist ruinirt, und Eduard, der große Nimrod, hat sich auf der
+Jagd todtgeschossen --«
+
+»Heiland der Welt,« rief Hopfgarten entsetzt aus, »das ist ja furchtbar,
+und Sie erzählen das hier, als ob Sie die Leute nicht das Mindeste
+angingen.«
+
+»Thun Sie auch nicht,« sagte Theobald ruhig -- »wenn Jemand
+Verbindlichkeiten gegen den Anderen hat, so ist es der Professor gegen
+_mich_; ich habe ihm meine Kräfte nicht allein, ich habe ihm auch meinen
+Geist geliehen; aber die Rathschläge, die ich ihm gab, konnten ihn nur
+noch eine Zeit lang über Wasser halten -- sein eignes Gewicht zog ihn in
+die Tiefe.«
+
+»Und was ist aus ihnen geworden?« frug Hopfgarten.
+
+»Oh sie sind für jetzt wohl noch, so viel ich weiß, in Indiana,« sagte
+Theobald, »der Professor wird jedoch jedenfalls gezwungen sein, seine
+Farm zu verkaufen, weil er Schulden hat, die er nicht tilgen kann. Aber
+kommen Sie, meine Herren, kommen Sie, der Brandy wird kalt.«
+
+Auch Eltrich suchte sich von der Einladung loszumachen, Theobald
+drang aber auf das Ungestümste in sie, und da es in Amerika für eine
+Beleidigung gilt, mit Jemand, von dem man eingeladen wird, nicht zu
+trinken, traten die beiden Männer, um ihn nur loszuwerden, mit ihm an
+den Schenktisch.
+
+Die Gläser waren gefüllt und Hopfgarten wie Eltrich hoben sie mit einem
+höflichen Nicken gegen den jungen Mann, der mit einer hochtragischen
+Bewegung, den Arm ausstreckend, rief:
+
+»Halt! nicht also dürfen wir, verehrte Gönner und Freunde, die edle
+Gottesgabe unseren Kehlen zusenden. Der Geist verlangt Geist:
+
+ So fließe denn dieser edle Trank,
+ Ein perlender Tropfen Himmelsthau,
+ Als Weiheopfer, als Gottes Dank,
+ Den schönen Augen der schönsten Frau.
+ Wie er zittert im Glase, wie funkelndes Blut --
+ _Sie_, deren Bild uns im Herzen ruht,
+ Lebe hoch!«
+
+»Lebe hoch!« stimmte Eltrich gutmüthig mit ein, indem sie ihre Gläser
+leerten.
+
+»Also Sie haben auch ein paar schöne Augen?« lachte der Kapellmeister,
+»die Ihnen im Herzen ruhn? sollt' ich sie am Ende kennen? -- an Bord
+ging einmal ein unbestimmtes Gerücht --«
+
+Theobald wandte den Kopf von ihm fort, und streckte den Arm abwehrend
+aus:
+
+ »Tief begraben hier drinnen da ruhet ihr Bild,
+ Da ruht mit dem Bild auch der Namen,
+ Ein düsterer Schleier decket das zu --
+ _Ich_ bin zu dem Bild nur der Rahmen --
+
+aber apropos« -- wandte er sich dann rascher und lebhafter plötzlich an
+den Kapellmeister -- »ich habe ein paar prächtige Lieder für Sie zum
+Komponiren, lieber Eltrich -- ich weiß, daß Sie in neuerer Zeit einige
+Lieder von Heine und Freiligrath reizend in Musik gesetzt haben, das
+sind aber natürlich nur immer gerade zufällig passende Sachen, die Sie
+sich in Ermangelung eines Besseren heraussuchen mußten. In den meinigen
+werden Sie _Deutschen_ Geist in Amerikanischer Hülle finden, etwas
+Passendes, Zeitgemäßes, mit dem Sie, wie ich fest überzeugt bin, Ihre
+Hörer entzücken können, und ich bin gern erbötig, Ihnen nicht allein
+die Wahl zwischen einigen fünfzig vortrefflichen Sonetten zu gestatten,
+sondern Ihnen auch das Stück der ausgewählten mit zwei Dollar zu
+überlassen.«
+
+»Sie sind _sehr_ gütig, lieber Theobald,« sagte Eltrich, verlegen, wie
+er das Anerbieten abweisen sollte, und doch auch wieder zu gutmüthig,
+geradezu nein zu sagen. »Sie werden mir erlauben, daß ich die Sachen
+einmal gelegentlich durchsehe, denn in der nächsten Zeit bin ich zu sehr
+mit andern Sachen beschäftigt, an irgend eine Composition denken zu
+können --«
+
+»Oh gewiß -- gewiß,« rief Theobald rasch -- »aber -- mit dem Lesen,
+wissen Sie, ist es eine unangenehme Sache; ich weiß zu gut, wie ungern
+Leute Manuscript lesen, und wie verschieden sich auch etwas im Manuscript
+und Vortrag ausnimmt. Wie wäre es also, wenn Sie mir jetzt ein halbes
+Stündchen gönnten, und ich Ihnen die Kleinigkeit --« er holte dabei ein
+etwa daumenstarkes, sehr eng beschriebenes Manuscript aus der Tasche
+-- »einmal hier flüchtig vorläse; es würde --«
+
+»Lieber Eltrich,« drängte Hopfgarten, »wir _müssen_ hinaufgehn, es wird
+die höchste Zeit, wenn wir Frau Hamann noch heute Abend mit fortnehmen
+wollen, und Sie wissen, ich habe _wichtige_ Sachen mit ihr zu besprechen.«
+
+»Sie haben recht,« rief Eltrich -- »wir müssen uns wahrhaftig heute
+entschuldigen, Herr Theobald -- wenn Sie mir später das Manuscript
+vielleicht einmal anvertrauen wollen, so würde ich --«
+
+»Ich werde mir selber das Vergnügen machen, es Ihnen in Ihrer eigenen
+Wohnung vorzulesen,« sagte Theobald rasch entschlossen -- »zu welcher
+Zeit trifft man Sie am Besten?«
+
+»Es ist jetzt _sehr_ unbestimmt,« sagte Eltrich, den ungeduldigen Winken
+Hopfgartens nachgebend und seinen Hut nehmend -- »vielleicht einmal
+Nachmittags -- also auf Wiedersehn, Herr Theobald --«
+
+»Auf Wiedersehn, lieber Kapellmeister -- auf Wiedersehn Herr von
+Hopfgarten.«
+
+»Gott sei Dank, daß wir den schrecklichen Menschen los sind,« sagte
+Hopfgarten, als sie durch den dunklen Gang, der im Hause hin zur nach
+oben führenden Treppe gingen, »der wäre im Stande gewesen und hätte uns
+die halbe Nacht seine faden Mondscheinergüße vorgelesen. Aber -- alle
+Wetter, Eltrich -- hier ist's dunkel -- kennen Sie den Weg?«
+
+»Ja -- ich bin freilich nur erst einmal Abends hier oben gewesen, und da
+dächt' ich, hätte eine Laterne auf der Treppe gebrannt; aber kommen Sie
+nur -- hier ist das Geländer -- fassen Sie mich an -- so -- sehn Sie?
+-- hier steigen wir hinauf, und nun weiß ich auch Bescheid, denn gleich
+oben an der Treppe, zwei oder drei Schritt an der rechten Seite, ist die
+Vorsaalthür, die zu dem alten Hamann führt.«
+
+»Es soll nicht besonders mit ihm gehn,« meinte Hopfgarten.
+
+»Ach der ist zäh,« sagte Eltrich, »der kann noch lange leben; sehn Sie,
+da sind wir schon -- fallen Sie nicht wieder rückwärts hinunter, es geht
+ganz häßlich steil ab. Daß die Leute hier auch keine Laterne brennen,
+man könnte ja Hals und Beine dabei brechen. Hier hab' ich die Klingel!«
+und den kurzen Griff fassend, zog er daran, daß die kleine Glocke
+drinnen hell und klar ertönte.
+
+Alles todtenstill -- kein Laut antwortete.
+
+»Sie haben es nicht gehört -- ziehn Sie noch einmal,« sagte Hopfgarten.
+
+Eltrich klingelte noch einmal, stärker als vorher, und legte dann das
+Ohr an die Thür, ob er nicht Schritte hören könne.
+
+»Hülfe!« tönte da ein wilder, markdurchschneidender Schrei zu ihm herüber
+-- »Hülfe!« rief es noch einmal, aber mit schwacher, gedämpfter, doch
+nichtsdestoweniger deutlicher Stimme, als ob eine Hand den rufenden Mund
+zu schließen suchte.
+
+»Was ist das?« rief Eltrich; Hopfgarten hatte den Schrei aber ebenfalls
+gehört, und ohne sich weiter zu besinnen, ohne irgend eine Frage zu
+thun, oder ein Wort weiter zu verlieren, fühlte er nach der Thür, und
+führte im nächsten Augenblick einen so gut gemeinten und kräftigen Tritt
+gerade nach der, eben nicht übermäßig dicken Füllung, daß er diese
+gleich mit dem ersten Stoß nach innen trat. Ein zweiter machte die
+Bresche passirbar, und sich in wilder Hast, von Eltrich dicht gefolgt,
+hindurchdrängend, fand er sich wenige Secunden später in dem inneren
+Raum, den zu durchfliegen und der nächsten Stubenthür, aus der ein
+Lichtstrahl drang, zuzuspringen, das Werk weiterer, nur weniger Secunden
+war.
+
+ * * * * *
+
+Es dämmerte, und am Ufer des Flusses gingen, nur die Fronte des einen
+#square# haltend, zwei Männer in eifrigem, aber mit unterdrückter Stimme
+geführten Gespräch, mit raschen Schritten auf und ab. Allem Anschein
+nach erwarteten sie Jemanden, der sich ihnen auch endlich, nach einigem
+Herüber- und Hinübersuchen, anschloß.
+
+»Nun, Jimmy, wie ist's?« frug der Eine von ihnen, Meier (der Andere war
+sein Reisegefährte Pelz), den eben Gekommenen -- »wird's noch was heute
+Abend?«
+
+»Jetzt oder nie,« flüsterte Jimmy mit leiser, ängstlicher Stimme, »denn
+schon heut' Morgen war die Rede davon, daß sie den Alten am nächsten Tag
+hinüberbetten wollten, wo die jungen Leute ihre Zimmer haben, damit er
+dort mehr Pflege hätte; wenn das geschieht, kann kein Teufel mehr dazu.«
+
+»Und lohnt's wirklich?« frug Meier, noch immer mistrauisch.
+
+»_Lohnt's?_»wiederholte Jimmy ärgerlich -- »glaubt Ihr, daß _ich_
+meinen Hals an so eine Geschichte setzen würde, _wenn's_ nicht eben
+was Außerordentliches wäre?«
+
+»Na, ob _Dein_ Hals das gerade ist,« brummte Meier.
+
+»Jetzt ist keine Zeit zu Albernheiten,« sagte aber Pelz mürrisch, »also
+Ihr glaubt wirklich, daß wir mit dem einen Schlag _genug_ kriegen
+können, Jimmy.«
+
+»Ich _glaube_ gar Nichts,« rief dieser rasch und eifrig, »ich _weiß_,
+daß der Alte in dem einen kleinen, erbärmlichen Holzschrank, den er
+nicht gegen einen eisernen vertauscht hat, um sich nicht in den Verdacht
+zu bringen, daß er wirklich etwas Stehlenswerthes in seiner Wohnung
+habe, für vielleicht hunderttausend Dollar Juwelen, Geld, Papier und
+Aktien liegen hat, und mit einem einzigen Faustschlag kann man den
+Deckel sprengen.«
+
+»Und der Alte?«
+
+»Ist in einer halben Stunde etwa, auf dreißig oder fünf und dreißig
+Minuten allein, denn der junge Lümmel muß heute, weil ich nicht da bin,
+in der Bar bleiben, und die Frau guckt nach der Kaffeekanne im Eßzimmer,
+daß Niemand eine Tasse zu viel trinkt.«
+
+»Ich weiß nicht -- mir ist nicht recht wohl bei der Geschichte,« meinte
+Meier -- »ja wenn ich selber den Grund und Boden, und die Winkel und
+Schliche da kennte, wo man hinausfahren muß, wenn's Noth thut, dann wär'
+mir's gerade recht; aber mich so von Jemand Anderem in ein ganz fremdes
+Haus, denn in dem Theil sind wir doch noch nicht gewesen, hineinführen
+zu lassen, das hat mir 'was verdammt Unbehagliches. Passirt 'was, so
+drückt sich Jimmy sachte ab, und wir Andern sitzen drin.«
+
+»Aber ich bitt' Euch um Gottes Willen, was soll passiren?« rief Jimmy
+-- »wir brauchen auf der Welt weiter Nichts zu thun, als die Treppe im
+Haus hinaufzugehn; in der Tasche hab' ich den Schlüssel zur Thür -- die
+schließen wir hinter uns zu, wer dann hinein will, muß klingeln, und die
+Thür vom Alten, der in der Zeit mutterseelensallein ist, steht auf.«
+
+»Wenn's aber weiter Nichts wäre,« brummte Meier, »da hättet Du ja auch
+die ganze Geschichte allein machen, und den Profit allein in die Tasche
+stecken können.«
+
+»Das hätt' ich auch,« sagte Jimmy, halb verlegen, halb mürrisch, »aber
+-- es ist mir so ein eignes, wunderliches Gefühl mit dem Alten. Mit
+_einer_ Hand könnte man ihn zusammendrücken, und doch -- doch _fürcht'_
+ich mich vor ihm; sein Blick sieht Einem bis in die Kniekehlen hinunter,
+und er schläft -- Ihr mögt mich auslachen, wie Ihr wollt -- mit einem
+Auge offen.«
+
+»Vor dem Sohn fürchtest Du Dich nicht?« lachte Meier.
+
+»Daß ihn der gelbe Jack hole,« fluchte Jimmy -- »ich vergelte ihm die
+heutige Behandlung, oder ich will im Leben keinen Brandy wieder trinken;
+er soll's noch bereuen, mich auf diese Weise behandelt zu haben. Doch
+jetzt kommt, denn wir haben keine Zeit mehr zu verlieren; mit dem
+Schlage sieben gehen die Leute zu Tisch, und von da bis halb acht sind
+wir sicher; länger keine Secunde.«
+
+»Und wenn Jemand, indeß wir drinnen sind, an die Thüre draußen kommt und
+hinein will?« frug Meier.
+
+»Neben der Stube ist eine Schlafkammer,« sagte Jimmy, »und aus dieser
+führt eine stets offen stehende Thür nach dem Gang hinaus, der in den
+andern Theil des Hauses läuft -- aber es _kommt_ auch Niemand, zum
+Donnerwetter noch einmal; und wenn auch, so wär's vielleicht der junge
+Tölpel selber, und dazu seid Ihr zwei baumfeste Kerle, die dem wohl
+einen Schlag über den Schädel geben können, daß er ein paar Secunden
+ruhig ist. Erst einmal wieder unten auf der Straße, und in der
+Menschenmenge, die dort noch auf- und niederströmt, ist eine Verfolgung
+ganz unmöglich. Ja, wenn's nach zehn Uhr Abends wäre, da könnte uns eine
+einzige Wachtmann-Rassel ein ganzes Viertel Nachtwächter über den Hals
+ziehn.«
+
+Meier schien, von Pelz dabei noch heimlich bearbeitet, seine letzten
+Bedenklichkeiten endlich, wenn nicht ganz überkommen, doch bei Seite
+gestellt zu haben, und die drei Männer schritten jetzt raschen Ganges,
+sich unterwegs das Weitere überlegend, ein Stück noch am Wasser, und
+dann die Straße hinauf, die nach dem »Deutschen Vaterland« zuführte.
+
+Gerad um sieben kamen sie dort an; durch die mit Flaschen und Karaffen
+besetzten Fenster des »Barrooms« konnten sie von außen ganz deutlich die
+kleine Uhr im Innern erkennen, die drei Minuten über sieben zeigte.
+Dennoch zögerten sie einen Augenblick, ganz sicher zu sein, daß sie
+nicht zu früh kämen, und blieben indessen vor der Thür stehn. Daß der
+junge Hamann allein in der »Bar« war, konnten sie von außen ebenfalls
+deutlich erkennen; so weit stand die Sache günstig genug für sie, und
+die Gäste waren jedenfalls schon drin bei Tisch.
+
+Zwei Männer kamen dicht an ihnen vorbei, und gingen auf die Thür des
+Schenkzimmers zu; Meier und Pelz drehten sich nach ihnen um, wandten
+sich aber auch fast unwillkürlich wieder ab, und schritten dem kleinen
+Thorweg zu, der neben dem Schenkzimmer in das Haus führte.
+
+»Weißt Du, wer die Beiden waren?« flüsterte Meier Pelz zu.
+
+»Ja!« nickte dieser leise -- »ein paar alte Bekannte; das schadet Nichts
+-- im Gegentheil, die halten den jungen Laffen da drin um so sicherer an
+der Flasche fest, und in zehn Minuten können wir wieder unten sein.«
+
+Jimmy führte sie indessen, ohne weiter ein Wort mit ihnen zu wechseln,
+rasch die schmale, hölzerne Treppe hinauf, an der oben ein Licht
+brannte; an diesem zündete Pelz, wie schon vorher verabredet, seine
+eigene kleine Blendlaterne an, und bließ es dann aus, und oben wollten
+sie ihren Weg wieder fortsetzen, als sie leichte Schritte auf dem Gange
+hörten und einen fremden Lichtschimmer bemerkten, der diesen herunter
+und auf dieselbe Thür zukam, in der auch _ihr_ Ziel lag.
+
+»Höll und Teufel,« flüsterte Jimmy leise und ingrimmig vor sich hin
+-- »das ist die Madame -- was zum Donnerwetter hat denn _die_ heute
+Abend bei dem Alten zu suchen? -- Ruhig Leute, wir müssen hier einen
+Augenblick warten; sie wird nicht lange bleiben.«
+
+Es war Hedwig, die mit dem Licht den schmalen Gang herüber kam, nach dem
+Kranken zu sehn; sie öffnete mit einem Schlüssel, den sie bei sich trug,
+die Thür, und sah sich dabei nach der ausgegangenen Lampe an der Treppe
+um, unter der die drei Schurken kauerten, betrat jedoch, ohne diese zu
+entzünden, den Vorsaal, und klinkte die Thür nur einfach hinter sich
+in's Schloß.
+
+»So, jetzt sitzen wir hier auf der Treppe,« brummte Meier finster vor
+sich hin, »und wenn Jemand heraufkömmt, findet er das ganze Nest.«
+
+»Das wär' weiter keine _Gefahr_,« flüsterte Jimmy zurück, »wir gingen
+nur einfach die Treppe hinunter und kein Teufel wüßte in der Dunkelheit,
+wer's gewesen ist.«
+
+»Und das Geld?« frug Pelz.
+
+»Wäre dann allerdings zum Henker,« fluchte Jimmy zwischen den
+zusammengebissenen Zähnen durch, indem er wieder anfing, seine Finger
+zu knacken.
+
+»Was zum Teufel machst du denn da?« rief ihn mit unterdrückter, doch
+zorniger Stimme Meier dabei an, »willst Du das verdammte Knacken lassen,
+das hört man ja durch's ganze Haus; das fehlte auch noch, daß wir Dich
+als Sturmglocke dabei hätten. Übrigens seh' ich nicht ein, weshalb wir
+zögern,« setzte er rasch hinzu, »ob die Madame da drin ist oder nicht,
+wenn wir's mit weiter Niemand als dem Alten zu thun haben. Wir sind
+unserer drei, und mit einer solchen Aussicht vor uns, daß _wir_ künftig
+von unseren Interessen leben können und eben nur zuzulangen brauchen,
+sollte uns _das_ wenigstens nicht abhalten.«
+
+»Nur um Gottes Willen kein Blut vergießen,« bat Jimmy, ängstlich werdend
+-- »Ihr habt mir das schon vorher versprochen, denn _da_mit möchte ich
+Nichts zu thun haben.«
+
+»Unsinn,« brummte Meier, »wer spricht denn davon? wir verlangen von
+denen da drinnen weiter Nichts, als daß sie ein paar Minuten das Maul
+halten, und dazu können wir sie schon bringen, ohne ihnen gleich den
+Hals abzuschneiden.«
+
+»Wenn wir nur noch einen Moment warten,« ermahnte Jimmy noch einmal;
+»sie _muß_ gleich wieder zurückkommen.«
+
+Die beiden Männer erwiederten Nichts darauf, sondern kauerten eine ganze
+Weile, dem Rathe folgsam, auf der Treppe, gleich vorsichtig dabei nach
+oben wie unten horchend, ob sich kein gefährliches Geräusch irgendwo
+vernehmen lasse. Es blieb todtenstill, denn im Haus war Alles im
+Eßzimmer versammelt, die Frau kam aber eben so wenig zurück, und Jimmy
+selbst fühlte jetzt, daß es die höchste Zeit würde, ihr Vorhaben
+auszuführen, wenn sie nicht die günstige Periode des Abendessens, und
+damit Alles versäumen wollten. So als Pelz endlich erklärte, wenn Sie
+nun nicht an's Werk gingen, wolle _er_ mit der Sache nichts weiter zu
+thun haben, da er hier auf der Treppe nervös würde, stand er langsam
+auf, bat die Männer noch einmal sich jeder Gewaltthätigkeit zu
+enthalten, und stieg langsam, von ihnen dicht gefolgt, die wenigen
+Stufen noch hinauf.
+
+Ihrem verabredeten Plane nach sollten sie, was sie auch jetzt thaten, so
+geräuschlos als möglich die Vorsaalthür öffnen und mit dem Schlüssel,
+den Jimmy bei sich führte, wieder hinter sich schließen, dann über den
+Vorsaal schleichen, wo sie hatten vorsichtig an der Thür des Alten
+anklopfen wollen, erst zu sehn ob dieser wache. Da aber das Erscheinen
+der Frau diesen Angriffsplan jetzt geändert hatte, glitten sie nur, so
+leise sie konnten, über den kleinen, dunklen, schmalen Vorplatz hin,
+wobei ihnen Pelzes Blendlaterne leuchtete, Jimmy ergriff dann die
+Thürklinke, und diese rasch und plötzlich öffnend, sprangen alle drei zu
+gleicher Zeit, und ehe die im inneren Raum Befindlichen auch wirklich
+nur einen Schrei der Überraschung ausstoßen konnten, auf sie zu. Pelz
+warf sich dabei auf den Alten, der neben seinem Bett auf einem großen
+Stuhle saß, während Meier Hedwig ergriff, sie an der Kehle faßte und ihr
+mit augenblicklichem Tode drohte, wenn sie auch nur einen Laut von sich
+gebe.
+
+Nicht so leichtes Spiel sollte Pelz haben, denn der alte Geizhals, stets
+in Furcht bestohlen zu werden, hatte, ohne daß selbst Jimmy etwas davon
+wußte, fortwährend ein paar geladene Pistolen neben sich auf demselben
+Tisch, auf dem seine Arznei stand, mit einem seidenen Tuch bedeckt
+liegen, und fast instinktartig nach diesen in demselben Moment
+gegriffen, als er die Thüre seines Zimmers so plötzlich aufreißen sah.
+Spannen und Abdrücken war auch wirklich nur das Werk eines einzigen
+Augenblicks, und um Pelz wäre es, außer dem gefährlichen Knall des
+Gewehres für die beiden Anderen, jedenfalls geschehen gewesen, hätte
+die Pistole, die da schon Gott weiß wie lange geladen lag, nicht
+versagt. Der alte Gauner erschrak aber doch nicht wenig über die
+nahe Todesgefahr, und als Hamann, den Anspringenden mit dem linken
+ausgestreckten Arm noch von sich drückend, nach der zweiten Waffe griff,
+führte er mit einem ingrimmigen Fluch und einer in der Hand verborgenen
+Kugel einen so gut gemeinten Schlag nach ihm, daß er ihn besinnungslos
+zu Boden streckte.
+
+Jimmy indessen sprang, ohne sich weiter um die Übrigen zu bekümmern,
+die er in guten Händen wußte, mit einem Satz nach dem alten hölzernen
+Secretair, in dem des Wirthes Schätze lagen. Mit einem Stemmeisen, das
+er bei sich führte, brach er diesen auch rasch und ohne Mühe auf, und
+leerte den Inhalt der Gefache in einen zu dem Zweck mitgenommenen
+Leinwandsack.
+
+Hedwig sah das Alles, wie in einer Art wachen Traumes; sie fühlte dabei,
+wie die Hand des Mörders, dessen Gesicht sie trotzdem erkannte, auf ihr
+lag, und vermochte keinen Laut auszustoßen, hätte sie der Bube selbst
+frei und unberührt gelassen. Jimmy arbeitete indessen mit einer
+fabelhaften Geschäftigkeit, und Pelz, der ihm der Sorge um den Alten
+enthoben dabei half, schob in die eigenen Taschen, was er hineinbringen
+konnte, als plötzlich draußen, scharf und hell, die kleine Klingel an
+der Vorsaalthür ertönte.
+
+Wie ein Schlag fuhr der klare durchdringende Laut in aller Glieder
+-- die Räuber schreckten, aufhorchend, empor, und selbst Meier ließ in
+seinem Griff an Hedwig -- nur erst zu wissen, welcher Art die Gefahr
+sei, die ihnen drohe, etwas nach. Hedwig aber, der dieser Laut wie neues
+Leben durch die Adern schoß, warf mit plötzlicher Anstrengung den Arm,
+dessen Finger ihre Kehle umspannt hielten, zurück, und stieß, unbekümmert
+um jede Gefahr, die ihr selber drohen konnte, jenen wilden gellenden
+Hülferuf aus.
+
+»Bestie!« knirrschte Meier zwischen den Zähnen durch, und suchte mit
+seiner breiten Hand, der sie sich umsonst erwehrte, ihren Mund zu
+decken.
+
+»Hülfe!« stöhnte Hedwig, und draußen brach und prasselte in dem
+Augenblick die dünne Thür zusammen.
+
+»Herr Du mein Gott!« schrie Jimmy, in aller Angst den Leinwandsack
+fallen lassend und nach der Kammerthür fahrend. Hier aber mußte er an
+Meier vorbei, und dieser, der nicht gesonnen war allein in dem fremden
+Haus im Stich gelassen zu werden, faßte ihn und hielt ihn, während Pelz
+an den Beiden vorüberglitt und in die Kammerthür verschwand, am Kragen
+fest. --
+
+»Nicht ohne mich, Kamerad.« knurrte er dabei, »den Weg mußt Du mir
+wenigstens zeigen, und daß _Du_ hier, mein Täubchen, uns nicht indessen
+vor der Zeit das ganze Haus über den Hals schreist, nimm _das_ indessen,«
+und sie loslassend führte er, während er sprach, einen gewiß gut
+gemeinten Schlag mit der Faust nach der Stirn der jungen Frau, der
+dieser wahrscheinlich verderblich geworden wäre, wenn sie nicht, die
+Gefahr sehend, ihren Kopf unter seinen linken Arm geworfen, und sich
+fest an ihn angeklammert hätte.
+
+»Hülfe, Hülfe!« schallte dabei ihr gellender Schrei, jetzt um das eigene
+Leben ringend und Jimmy, den Moment benutzend, riß sich von Meiers Griff
+los, und sprang ebenfalls in die Kammer, während dieser indeß umsonst
+versuchte die Frau von sich abzuschütteln oder in den Schwung seines,
+nach ihr schlagenden Arms zu bringen. Hedwig, ihre schwachen Kräfte zu
+wilder verzweifelter Anstrengung getrieben, hielt ihn fest umklammert,
+und Meier, endlich selbst zum Äußersten gebracht, riß ein Messer aus
+seinen Gürtel, als die Stubenthür auf- und Hopfgarten in demselben
+Moment auch in gänzlicher Verachtung der eben so rasch auf ihn
+gerichteten Waffe, gegen den Mörder anflog.
+
+Mit dem linken Arm den nach ihm geführten Stoß, so gut das im Augenblick
+ging, abwehrend, warf er sich mit dem ganzen Gewicht seines Körpers
+so voll und gut gewillt gegen ihn, daß er den sonst viel stärkeren,
+jetzt aber auch noch durch die Frau behinderten Mann zum Taumeln
+brachte, und Meier fand sich, wenige Secunden später unter den ihn fest
+niederhaltenden Armen Hopfgartens und Eltrichs, die er jedoch Beide mit
+seinem Messer verwundet hatte, am Boden liegen, während aus dem ganzen
+Haus schon die Leute, durch das Geschrei aufmerksam gemacht, herbei und
+zur Hülfe strömten.
+
+»Hopfgarten,« stöhnte indeß der Räuber, in der Anstrengung seine Arme
+wenigstens frei zu bekommen, und mit der Angst jetzt vor der gerechten
+Strafe, »lassen Sie mich los -- ich -- ich weiß, wen Sie suchen -- ich
+weiß -- ich weiß wo er steckt. Henkel ist hier in der Stadt -- aber
+-- heut Abend noch oder morgen früh geht er fort von hier -- lassen
+Sie mich frei, und ich sage Ihnen, wo Sie ihn finden können!«
+
+»Alle Wetter!« rief Hopfgarten überrascht, »da könnte man einen Wolf mit
+dem andern fangen.«
+
+»Glauben Sie doch nicht was der Schurke sagt,« rief aber Eltrich, der
+das warme Blut an seiner Schulter niederrieseln fühlte, »der Bursche ist
+zum Galgen reif -- Hülfe -- Hülfe hierher.«
+
+Der Ruf galt einer neuen, verzweifelten Anstrengung des Räubers, aber
+die Hinterthür, die in die Schlafkammer führte, und _nicht_ verschlossen
+gewesen war, wurde in diesem Augenblick von den herbeistürmenden
+Boarders, mit dem jungen Hamann an der Spitze, gesprengt, während von
+der Straße herauf ebenfalls die Leute herbeisprangen. Wenige Minuten
+später war das Zimmer mit Menschen gefüllt, und Hopfgarten und Eltrich,
+den Gefangenen der Masse überlassend, konnten jetzt daran denken das
+wild umhergestreute und gefährdete Eigenthum des alten Mannes in
+Sicherheit zu bringen. Die indessen ohnmächtig gewordene Frau sahen sie
+in dem Schutz ihres Gatten, und den noch immer am Boden ausgestreckten
+alten Mann hatten unter der Zeit ein paar Nachbarn aufgehoben und auf
+sein Bett getragen.
+
+Unter den Fremden waren übrigens auch zwei Constabler mitgekommen,
+die sich als solche zu erkennen gaben, und Meier vor allen Dingen in
+Gewahrsam nahmen. Andere, die von unten heraufkamen, hatten eine dunkle
+Gestalt zum Haus hinauslaufen sehen, und Einige unter dem, nach dem Hof
+zuführenden Kammerfenster eine goldene Uhr gefunden, die der Räuber dort
+wahrscheinlich, nach einem verzweifelten, aber glücklich abgelaufenen
+Sprung aus dem Fenster, verloren haben mußte.
+
+Nur erst als sich Hedwig, unter den zärtlichen Bemühungen ihres Gatten
+wieder soweit erholte sprechen zu können, erfuhren sie, daß drei Männer:
+der Gefangene, ein früherer Reisegefährte Pelz, und ihr heute
+fortgeschickter Barkeeper, die Räuber gewesen seien. Hopfgarten, der
+sich indessen mit dem alten Mann beschäftigt hatte, fand in diesem
+Augenblick die Wunde an seinem Kopfe, und konnte nun keinen Augenblick
+mehr zweifeln, daß er _todt_ sei.
+
+Die Verwirrung, die jetzt folgte, ist kaum zu beschreiben, Alles schrie
+und drängte durcheinander, und Meier, mit auf dem Rücken festgeschnürten
+Ellbogen konnte nur wirklich durch die Constabler vor der Wuth der
+Bürger geschützt werden, die große Lust hatten, ihn gleich an Ort und
+Stelle, als warnendes Beispiel aus dem Fenster hinauszuhängen.
+
+Jimmy mußte übrigens, da die wider Erwarten sehr starke Kammerthür
+verschlossen gewesen, und erst von den zur Hülfe Eilenden durch
+gemeinsames Dagegenwerfen gesprengt war, jedenfalls mit seinem anderen
+Kameraden, Pelz, aus dem Fenster in den Hof hinunter entkommen sein,
+denn aus der Thür hatte er nicht entziehen können. Die Constabler
+kannten ihn aber, und versprachen dem jungen Hamann ihr Möglichstes
+zu thun, ihm die Flucht aus der Stadt abzuschneiden, und ihn in den
+unzähligen Diebeswinkeln, die New-Orleans hat, herauszustöbern.
+
+Der Gebundene sollte jetzt abgeführt werden, und Hopfgarten, die
+erhaltene Wunde im Oberarm, durch dessen dickes Fleisch das Messer
+gefahren war, gar nicht achtend, suchte ihn dahin zu bringen, ihm
+Näheres über den Aufenthalt Henkels, von dem er behauptet, daß er darum
+wisse, mitzutheilen.
+
+»Geht zum Teufel,« knurrte ihn aber der Gefangene an, »macht mit mir was
+Ihr wollt, Ihr _habt_ mich einmal, doch verlangt dann nicht auch noch
+_Gefälligkeiten_ von mir. Vorhin war's Zeit; wenn Sie nicht holzköpfig
+gewesen wären, wüßten Sie jetzt was Sie wollen; nun könnt Ihr mir aber
+die Zunge aus dem Halse reißen, ehe ich eine von Eueren Fragen
+beantworte. Hole Euch Alle der Henker.«
+
+»Der wird Dich zeitig genug bekommen, mein Bursche,« sagte der eine
+Constabler, ein Deutscher, indem er ihn vor sich her stieß. »Fort mit
+Dir; was aus Dir herauszukriegen ist, werden wir schon kriegen, hab'
+keine Furcht; mit solcher Art wissen wir schon umzugehen. Herr Hamann,
+Sie werden gut thun sich die Zeugen, die Sie brauchen, zu notiren, daß
+man sie finden kann; der Coroner mit dem Arzt wird wohl auch nicht lange
+auf sich warten lassen. Einer von unseren Leuten mag indessen noch vor
+der Hand unten im Haus bleiben, vielleicht ist doch noch etwas von Einem
+der andern beiden Burschen aufzufinden. Jedenfalls müssen wir uns genau
+überzeugen, wo die Herren heraufgekommen sind, und mit welcher Hülfe,
+und ob sie nicht im Haus noch andere Helfershelfer haben.«
+
+Der Gefangene wurde jetzt fortgeführt, der Platz von den Fremden geräumt,
+und Hamann, der Hopfgarten und Eltrich bat, ihn nur jetzt nicht zu
+verlassen und bei ihm und seiner Frau zu bleiben, machte dann mit dem
+rasch herbeigerufenen Arzt, der nachher auch die beiden Freunde zu
+verbinden hatte, den freilich vergeblichen Versuch, seinen Vater in's
+Leben zurückzurufen. Der Schlag mit der Schlingkugel, die noch in der
+Stube auf dem Boden lag, hatte dem alten Mann den Schädel eingeschlagen
+und augenblicklichen Tod herbeigeführt.
+
+Im Hof, wo die beiden anderen Verbrecher aus dem etwa sechzehn Fuß hohen
+Fenster hinuntergesprungen sein mußten, war indessen auch nichts weiter
+zu erkennen. Das Fenster stand offen, und ließ, mit der unten gefundenen
+goldenen Uhr allerdings keinen Zweifel über die Art der Flucht; obgleich
+aber der Hof nicht gepflastert, und der Boden ziemlich weich war, hatten
+doch die seit der Zeit darauf herumgeschwärmten Menschen Alles derart
+zertreten, daß es sich nicht mehr unterscheiden ließ wohin sich die
+Beiden gewandt. Das Wahrscheinlichste blieb übrigens, daß sie durch den
+schmalen Gang auf die Straße geflohen wären, und eine Verfolgung war
+dorthin nicht mehr möglich. Nur um die nächste Ecke, und die Räuber
+konnten in dem Menschengedränge der Straße ihren Weg ruhig und
+unbeachtet fortsetzen.
+
+Der junge Hamann hatte indessen seine arme kleine Frau, deren zarte
+Glieder der rauhen Behandlung des Buben fast erlegen waren, auf ihr
+Zimmer gebracht, und sie dort der Pflege von ein paar im Hause wohnenden
+Frauen, die sich freundlich dazu erboten, übergeben, wonach er wieder zu
+dem Todtenbette seines Vaters zurückkehrte, und jetzt auch die beiden
+Freunde bat, ernstlich nach ihren Wunden zu sehn, daß sich dieselben
+nicht durch Vernachlässigung verschlimmerten. In der Aufregung aber, in
+der noch Beide waren, dachten sie kaum an die Fleischrisse, ließen sich
+jedoch von dem Arzt einen Verband darum legen und suchten dann wieder
+den Sohn über den ihn betroffenen Verlust zu trösten.
+
+Der junge Hamann, mit der ersten wilden und aufreizenden Erregung
+vorüber, saß, in sich zusammengeknickt, in der kleinen Kammer neben dem
+Bett, auf dem der Ermordete lag, und starrte mit fest und krampfhaft auf
+den Knieen zusammengefalteten Händen still und schweigend vor sich
+nieder.
+
+»Lieber Herr Hamann,« sagte Hopfgarten, freundlich auf ihn zutretend
+und seine Hand ergreifend, »geben Sie sich Ihrem Schmerze nicht also hin.
+Es ist ein trauriges Geschick was Sie betroffen hat, aber es war Gottes
+Wille, ohne den kein Sperling vom Dache fällt. Ich will Sie nicht etwa
+trösten,« setzte er freundlich und teilnehmend hinzu, »Ihr Schmerz muß
+sein Recht und seine Zeit haben -- ich weiß das gut genug, und gerade
+die Zeit allein kann ihn lindern, zuletzt heilen -- aber man muß ihm
+auch nicht in dem ersten Moment so ganz die Gewalt über sich lassen,
+denn gerade dann ist er am gefährlichen, und füllt uns das ohnedieß
+genug gequälte Herz mit bitterer Angst und Weh zum Überlaufen voll.«
+
+»Mein armer, armer Vater,« stöhnte Franz, »und auf so schmähliche,
+schändliche Weise um sein Leben zu kommen, das ihm überdieß nur noch in
+Spannen zugemessen war.« --
+
+»Nun hoffentlich entgehen die Buben der gerechten Strafe nicht,« sagte
+Eltrich; »der deutsche Constabler hatte alle Hoffnung Ihren sauberen
+Barkeeper wenigstens abzufangen. Er behauptete die Schlupfwinkel genau
+zu kennen, die jener frequentirt, und wir haben ihm auf die Seele
+gebunden, kein Geld zu sparen, den Schurken aufzufinden, ehe er
+vielleicht im Stande wäre New-Orleans zu verlassen.«
+
+Eine eigen, wunderliches Geräusch schallte in diesem Augenblick durch
+das stille Zimmer, und Franz fuhr, wie von einem Blitz getroffen, von
+seinem Stuhle auf.
+
+»Was haben Sie? -- was ist?« frug ihn Hopfgarten erstaunt.
+
+»Hörten Sie Nichts?« flüsterte Franz, mit geöffnetem Mund und
+ausgerecktem Arm, ein regungsloses Bild der gespanntesten
+Aufmerksamkeit.
+
+»Hörten? -- _was_?« rief Hopfgarten, sich ebenes überall in dem leeren
+Raume umschauend.
+
+»Es war beinah, als ob Jemand mit den Fingern schnalzte,« sagte Eltrich.
+
+»Das war Jimmy!« schrie aber Franz, wild auffahrend, »ich will nicht
+selig werden, wenn das nicht das Fingerknacken des Buben war. An die
+Thüren, Herr von Hopfgarten -- um des Heilands Willen an die Thüren
+-- der Bube ist hier noch im Zimmer versteckt!«
+
+»Aber wo?« rief dieser, den jungen Mann erstaunt ansehend.
+
+»Haben Sie dort in dem Kleiderschrank? -- haben Sie hier unter dem Bette
+nachgesehn?«
+
+»Aber ich bitte Sie um Gottes Willen.«
+
+»Er ist hier, ich schwöre es Ihnen zu,« rief aber Franz, »ich kenne das
+unselige Knacken, durch das sich der Bube jetzt verrathen hat,« und das
+Licht vom Tisch aufgreifend, hatte er es kaum an die Erde gehalten,
+unter das Bett zu leuchten, auf dem der Ermordete lag, als auch die
+klägliche Stimme des dort versteckten, und also ertappten Barkeepers
+jedem weiteren Zweifel der Männer ein Ende machte.
+
+»Ach mein bester, bester Herr Hamann,« flehte dieser mit winselnder,
+kläglicher Stimme, »ich bitte Sie doch um tausend und tausend
+Barmherzigkeits Willen, haben Sie Erbarmen mit einem unglücklichen,
+verführten, zu Grunde gerichteten Menschen -- oh Jesus, oh Jesus, thun
+Sie mir Nichts -- ich will ja vorkommen, ich will ja Alles gestehn,
+Alles was ich weiß -- Alles herausgeben was ich habe -- thun Sie mir
+nur Nichts.«
+
+»Giebt es etwas Erbärmlicheres auf der weiten Welt als _diesen_
+Menschen?« rief Franz, das Licht auf den Tisch zurückstellend, und mit
+zusammengeschlagenen Armen jetzt, wo er seines Opfers gewiß war, ein
+paar Schritte von dem Bette zurücktretend, dem Elenden Raum zu geben
+vorzukommen.
+
+»So 'was ist mir aber in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen!«
+rief Hopfgarten erstaunt aus, »der Mensch verdiente wahrhaftig allein
+seiner Dummheit wegen begnadigt zu werden.«
+
+»Ach bester Herr, bitten Sie -- bitten Sie für mich!« schrie Jimmy, der
+jetzt rasch vorgekrochen war, sich an das Wort klammernd, indem er gegen
+Hopfgarten an auf den Knieen fortrutschte, und die Hände verzweifelnd
+rang. »Ja ich _bin_ zu dumm, ich bin zu entsetzlich dumm, und habe mich
+ja allein verführen lassen zu dem schlechten, nichtsnutzigen Streich
+-- o Gnade, Gnade, Barmherzigkeit.«
+
+Hopfgarten, ohne alle Antwort, deutete nur auf die Leiche hin, und
+Jimmy, der mit scheuem Blick der Richtung des Armes folgte, sah kaum
+die furchtbare Lösung der Bewegung, als er auch mit einem wilden
+Aufschrei des Entsetzens, »Herr Jesus -- mein Herr Jesus,« nach dem Bette
+zufliegen wollte; Franz aber faßte ihn am Kragen und schleuderte ihn mit
+unwiderstehlicher Kraft davon ab.
+
+»Zurück von da!« zürnte er dem winselnd Niederbrechenden zu, »feiger,
+erbärmlicher Mörder -- rühre die Leiche nicht an!«
+
+»Ach Herr Hamann, Herr Hamann, ich bin unschuldig, ich bin unschuldig.«
+schrie aber Jimmy, »ich bin ein Dieb, ein nichtsnutziger, erbärmlicher,
+gemeiner Dieb, Herr Hamann, aber kein Mörder -- bei Allem was mir und
+Ihnen heilig ist, schwöre ich es Ihnen zu, ich bin unschuldig an dem
+Blut, ich weiß Nichts davon, ja Pelz und Meier haben es mir hoch und
+theuer versprechen müssen, kein Blut zu vergießen.«
+
+Hopfgarten, der die Zerknirschung des Burschen zu benutzen wünschte,
+forderte ihn jetzt auf Alles zu erzählen von Anfang an, wie es gekommen
+und geschehn, und Jimmy, der mit der Leiche vor sich, eine furchtbare
+Angst über sich kommen fühlte, beichtete mit gefalteten Händen, und nur
+von einzelnen Ausrufungen um Erbarmen und Gnade unterbrochen, Alles
+was er wußte, von dem Augenblick an, wo er sich mit seinen beiden
+Helfershelfern besprochen, bis wo sie auf der Treppe Hedwig hatten in
+das Zimmer gehn sehn, und in der Besorgniß, die Zeit nicht zu versäumen,
+eingebrochen waren. Was in dem Zimmer selber geschehen sei, davon wollte
+er keine Sylbe wissen, und schwur und winselte wieder, bei Allem was er
+über und unter der Erde zu schwören fand -- und er sprach dießmal die
+Wahrheit -- daß er nur Hals über Kopf gesucht habe Schmuck und Geld, was
+in dem Secretair gelegen, in seinen Leinwandsack hineinzupacken. Pelz
+und Meier hätten es übernommen gehabt, die beiden im Zimmer
+befindlichen Personen indessen ruhig zu halten.
+
+Der junge Hamann bat jetzt Herrn Eltrich um die Gefälligkeit, den
+Constabler heraufzuholen, indeß sie Beide den Burschen bewachen wollten;
+Jimmy hörte aber kaum das für ihn furchtbare Wort, als er sich wieder
+vor Franz auf die Erde warf, seine Knie umfaßte und um Gottes Willen
+bat, ihn nur dieß eine Mal den Gerichten nicht zu übergeben; er wolle
+»so 'was« ja in seinem ganzen Leben nicht wieder thun, und Alles
+herausgeben, was er schon in seinem Koffer habe, ja für Herrn Hamann
+arbeiten von früh bis spät, um Nichts wie die Kost -- _nur_ keinen
+Constabler. Der junge Mann mußte sich mit Gewalt von dem Burschen frei
+machen, und Eltrich fing schon fast an Mitleid mit ihm zu fühlen, aber
+ein Blick auf die Leiche zerstörte das bald wieder, und seinen Hut
+aufgreifend, verließ er rasch das Zimmer, den verlangten Constabler
+herbeizubringen, der wenige Minuten später den zitternden, weinenden
+Jimmy in Empfang nahm, und mit sich fortführte.
+
+
+
+
+Capitel 8.
+
+Die Überraschung.
+
+
+Hopfgarten verbrachte in körperlicher wie geistiger Hinsicht eine
+peinliche Nacht. Die Wunde, so wenig gefährlich sie auch sein mochte,
+war doch durch das ganze Fleisch des Oberarmes gedrungen, und schmerzte
+ihn sehr, und dabei quälte ihn der Gedanke, den der Gefangene in ihm
+wach gerufen, daß Henkel oder Soldegg, wie der Schuft nun auch hieß,
+hier in New-Orleans und zwar im Begriff sein solle wieder abzureisen.
+Zwar stellte er sich selber wieder und wieder vor, daß jenes Versprechen
+des ertappten Räubers eben nur eine wilde leere Ausflucht gewesen sei,
+Rettung zu finden vor dem Arm des Gerichts, und daß jener Meier so wenig
+von Soldeggs Aufenthalt wisse, wie er selber. Und doch auch wieder
+hatte eben die _Möglichkeit_ der Sache auch etwas Wahrscheinliches, daß
+derartiges Gesindel, mochte es nun im gesellschaftlichen Leben stehen
+auf welcher Stufe es wolle, wenn einmal im Verbrechen erst so weit
+gediehen, auch gegenseitig Kenntniß von einander habe, und die
+verschiedenen Schlupfwinkel und Wege kenne.
+
+Und wie nun, wenn jener schurkische Soldegg, den zu fassen und
+unschädlich zu machen, hauptsächlich aber das Band zu lösen, das sein
+unglückliches Weib noch an ihn fesselte, er allein zum zweiten Mal nach
+Amerika gekommen, jetzt hier fast in Arms Bereich von ihm war, und ihm
+vielleicht mit nächstem Morgen wieder hinaus in alle Weite entfloh?
+-- wie dann, wenn jener Meier wirklich recht gehabt, und er nun auf den
+zahllosen Dampf- und Segelschiffen, Fähren und Booten, die New-Orleans
+von Tagesanbruch bis in die späte Nacht verließen, umsonst umherrannte
+den Verbrecher zu finden. Und einmal entschlüpft, konnten dann nicht
+Jahrelang dazu gehören, bis er wieder zufällig mit ihm zusammentraf?
+-- ja war es nicht sogar möglich, daß der Bursche, müde der Gefahr, in
+den Staaten doch einmal gefangen zu werden, mit seinem Raube hinüber
+nach Frankreich oder England, oder hinunter nach Texas oder Mexico ging?
+
+Der Kopf wirbelte ihm von all dem Denken und Sinnen, und als er endlich
+in einen wilden, unruhigen, fieberhaften Schlummer fiel, quälten ihn
+tolle Träume noch mehr, als selbst das wachende Nachdenken es gethan.
+Da fand er den Betrüger, wohin er trat, und überall äffte ihn die,
+ihm unter den Händen wegschwindende Gestalt; zu Pferd wollte er ihn
+verfolgen, und der Sattel rutschte ab -- das Pferd stürzte, riß sich
+wieder auf und kam in Moorboden, in dem es stecken blieb; schießen
+wollte er nach ihm, und sein Gewehr war nicht in Ordnung -- der Pfropfen
+ging nicht in den Lauf hinunter, die Zündhütchen glitten ihm durch
+die Finger, und als er endlich geladen hatte, versagte das Gewehr; zu
+Schiff wollte er ihn verfolgen, und das flüchtige Dampfboot brauste und
+schnaubte hinter dem kleinen Kahn her, in dem sich der Bube zu retten
+suchte, da plötzlich rannten sie auf eine Sandbank; das Dampfboot saß
+fest, peitschte vergebens mit seinen Rädern die schäumende Fluth und in
+weiter Ferne verlor er den Kahn, der den hohnlachenden Verbrecher trug,
+aus den Augen -- zu Wagen war er hinter ihm drein und die Stränge
+rissen, ein Rad brach, die Pferde stürzten -- sie kamen nicht von der
+Stelle, und vor sich -- immer dicht vor sich mußte er das Hohnlachen des
+Buben hören.
+
+In Schweiß gebadet, und an allen Gliedern wie zerschlagen, wachte er
+endlich mit Tagesgrauen etwa auf, und verließ, wenngleich ihm der linke
+Arm arg geschwollen war und sehr weh that, doch augenblicklich sein Lager,
+wusch sich und zog sich an und schrieb dann, trotz seiner Aufregung
+und seinen körperlichen Schmerzen, einige Zeilen an den Professor
+Lobenstein, in denen er ihm seine Rückkunft von Deutschland meldete und
+ihn bat, sich, wenn er ihm in _irgend etwas_ dienen könne, ohne Rückhalt
+und vertrauungsvoll an ihn zu wenden. Den Brief übrigens behielt er noch
+in seiner Brieftasche, erst den heutigen Tag und seinen Erfolg
+abzuwarten, um seine Adresse sicher angeben zu können.
+
+Die Sonne war indessen aufgegangen und er eilte jetzt, nach rasch
+eingenommenem Frühstück, an die Dampfbootlandung hinunter, die dort
+liegenden Boote zu besuchen und ihre Passagiere zu revidiren. Vergebens
+aber kletterte er an Bord aller der Dampfer, deren Schornsteine rauchten,
+in Cajüte wie Zwischendeck herum, kein bekanntes Gesicht traf er an,
+und ob er sich gleich die Mühe nicht verdrießen ließ und _sämmtliche_
+Privat-Cajütenthüren, eine nach der anderen, öffnete und hineinsah, fand
+er doch nicht den Gesuchten.
+
+Ein Paketschiff nach Liverpool lag zum Auslaufen fertig; er ging an Bord
+-- von Soldegg keine Spur, und Ledermann, den er abgeholt, und der den
+besonderen Auftrag bekommen hatte, die Fährboote zu überwachen, schien
+eben so erfolglos gesucht zu haben. Meier hatte jedenfalls nur die Lüge
+rasch ersonnen, seine eigene Haut in Sicherheit zu bringen.
+
+Um elf Uhr sollte nach Verabredung Ledermann, der von dem Staatsanwalt
+einen neuen Verhaftsbefehl gegen den Verbrecher bekommen, Hopfgarten
+wieder an der Dampfbootladung treffen, das Weitere dort zu berathen, und
+dieser schoß indessen in fieberhafter Aufregung, mit dem schmerzenden
+Arm in der Binde, hin und her an der Landung, nur erst einmal, und immer
+vergebens, eine Spur des Gesuchten zu finden.
+
+Über den Strom herüber von »Algier,« dem andern Ufer, kam ein großer
+Dampfer herüber und legte an der Landung an. Vorn am Boilerdeck trug er
+wie gewöhnlich ein kleines Schild, das unter dem Namen den Ort seiner
+Bestimmung und die Stunde der Abfahrt anzeigte. Es war der:
+
+ _CHIKASAW_
+ für Little Rock.
+ Abfahrt _zehn_ Uhr!
+
+Der Chikasaw hatte in Algier Fracht für Arkansas eingenommen und jetzt
+an der New-Orleans-Landung noch einmal angelegt, etwaige Passagiere für
+Arkansas, oder die dazwischenliegenden Plätze, die schon durch die
+Zeitungen darauf aufmerksam gemacht waren, an Bord zu nehmen. Die Glocke
+läutete dabei, rasche Abfahrt kündend, und der Rauch wirbelte dick und
+schwarz in die reine klare Luft hinauf.
+
+»_Nach Little Rock!_« -- Hopfgarten gab es ordentlich einen Stich
+durch's Herz, als er den Namen las. Wenn Soldegg wirklich heute
+beabsichtigte, New-Orleans zu verlassen, so war Nichts wahrscheinlicher,
+als daß er wieder nach dem Westen gehen würde. Jedenfalls lag hier die
+Möglichkeit, ihn zu finden, und sich den Hut tief in die Stirn ziehend,
+daß an Bord, oben von der Cajüte aus, Niemand sein Gesicht erkennen
+konnte, schritt er rasch über die schmale Planke an Deck und stieg auf
+das Boilerdeck hinauf, die dort versammelten Passagiere zu mustern.
+
+Henkel war nicht unter ihnen, aber noch die Möglichkeit nicht
+ausgeschlossen, daß er vielleicht eben nur die wirkliche Abfahrt des
+Bootes erwarten würde, an Bord zu gehn, und Hopfgarten beschloß,
+jedenfalls, bis die Planken eingezogen würden, in der Cajüte zu bleiben.
+
+Unruhig hier auf- und abgehend, hielt er sich fortwährend in der Nähe
+des Boilerdecks, von wo aus er einen freien Blick über die Levée und
+Landung hatte, und besonders die Planke des Bootes selber im Auge
+behielt, ohne selber auffallend sichtbar zu sein. Es konnte dieses
+Niemand, ungesehn von ihm, betreten.
+
+Eine Menge Passagiere kamen, als die Glocke zum zweiten Mal läutete,
+heran; Männer mit Koffern auf den Schultern und Hutschachteln in der
+Hand, oder Reisesäcken unter dem Arm, Auswanderer von Deutschland, ihre
+schweren, riesigen, hölzernen, buntbemalten Koffer zu zweien im Schweiß
+ihres Angesichts, und in der Furcht zurückgelassen zu werden, über die
+Levée schleifend -- die Frauen Kinder auf Rücken und Armen. Auch ein
+Transport Altenburger Bauern, in ihrer Nationaltracht, schritt herunter
+zum Boot, sich nach dem fernen Westen einzuschiffen, und die Amerikaner,
+die fast alle Trachten der Welt zu sehn bekommen, und sich um keine groß
+bekümmern, blieben stehn, sahen den Leuten nach, und lachten über die
+wunderliche Kleidung.
+
+Jetzt kam ein ganzer Trupp braun gekleideter Männer, mit breiträndigen
+Hüten und weißen Halsbinden, von zwei Güterkarren begleitet, die
+ihr Gepäck führten, die Levée nieder und auf das Boot zu. Es waren
+jedenfalls Geistliche, und Hopfgarten wandte sich an den neben ihm
+stehenden Clerk oder Buchhalter des Bootes mit der Frage, ob er wisse,
+wer die Herren wären, und wohin sie in solcher Menge gingen.
+
+»Ah blos Methodistenprediger,« lachte dieser -- »ein ganzer Schwarm, den
+wir vor acht Tagen von Little Rock mit herunter gebracht haben. Es sind
+meist Circuit-rider aus dem Westen, die hier zu einer protestantischen
+Versammlung, wirksame Maasregeln gemeinschaftlich gegen den »Antichrist«
+zu berathen, wie sie uns selber sagten, heruntergekommen sind, und jetzt
+wieder auf ihre Posten zurückgehn. Es ist eine Vergnügungsreise für die
+Herren, zu der sie vorher natürlich eine tüchtige »fromme Sammlung«
+gemacht haben.«
+
+Die Geistlichen, elf an der Zahl, kamen indeß an Bord und die
+Boilerdeckstreppe herauf in die Cajüte. Hopfgarten blieb an der Thür
+stehn, und sah sie einzeln neben sich vorübergehn. Es waren meist
+ausdruckslose Gesichter, einzelne aber auch mit verschmitzten Augen, und
+scharfgeschnittenen Zügen; der Deutsche hatte jedoch kein Interesse an
+ihnen, und wollte seine Aufmerksamkeit eben wieder der Levée zuwenden,
+als Einer der Geistlichen ihn mit einem langsamen, salbungsvollen
+Kopfnicken grüßte, und an ihm vorbei die Cajüte betrat.
+
+Hopfgarten sah ihn überrascht und verwundert an; der Mann trug allerdings
+einen sehr anständigen, braunen, langen Rock von feinem Tuch, eine
+schneeweiße Halsbinde, blank gewichste Stiefeln und einen breiträndigen,
+schwarzen Filzhut, wie die Anderen, aber _das_ Gesicht war nicht zu
+verkennen, und, wenn einmal gesehn, nicht wieder zu vergessen.
+
+»Herr Maulbeere!« rief Hopfgarten, in diesem Augenblick selbst Henkel
+vergessend, »träume ich denn oder wach ich -- sind Sie es, oder sind Sie
+es nicht?«
+
+»Mein lieber Herr von Hopfgarten,« sagte der Angeredete, dem wirklich
+Verblüfften, mit einem milden Lächeln in dem glatt rasirten Gesicht,
+die Hand reichend und feierlich schüttelnd, »es ist mir ein ungemein
+wohlthuendes Gefühl, Sie nach so langer Trennung wieder einmal begrüßen
+zu können -- ich habe in meinen Gebeten manches Mal recht freundlich
+Ihrer gedacht.«
+
+Hopfgarten blinzte mit den Augen, trat sich auf den Fuß und suchte sich
+im Anfang wirklich erst ordentlich gewaltsam davon zu überzeugen, daß er
+nicht träume, und mit wachenden Augen den schmutzigen Scheerenschleifer
+Maulbeere, den Schnapsprediger von der Haidschnucke, solcher Art
+ausgekrochen und als Schmetterling -- als Braunes Ordensband -- der
+Gedanke kam ihm unwillkürlich -- in der sonnigen Luft herumflattern zu
+sehn. Aber Maulbeere lebte und athmete, that auch Nichts, das Erstaunen
+des vor ihm Stehenden zu beseitigen, sondern schien sich eher an dessen
+Überraschung zu weiden.
+
+»Aber wie, um Gottes Willen, kommen Sie in _diesen_ Rock, in _diese_
+Gesellschaft?« rief er endlich, jede weitere Höflichkeit bei Seite
+setzend, aus -- »ja, wenn mir Jemand des Himmels Einsturz --«
+
+»Spotten Sie nicht, oder profaniren Sie nicht eine so heilige, ernste
+Sache« -- unterbrach ihn aber Maulbeere schnell und fast ängstlich. »Daß
+der Herr da oben« -- und er warf einen frommen Blick nach der Decke
+hinauf, »_Wunder_ thut, brauche ich Ihnen, als gebildetem Mann, nicht
+zu sagen. _Sein_ Geist hat mich erleuchtet -- Sein Hauch den Teufel
+ausgeblasen, der in mir lebte und thätig war -- der Herr hat Gräuel an
+den verkehrten Herzen, und Wohlgefallen an den Frommen -- der Gottlose
+ist wie ein Wetter, das überhingeht, und nicht mehr ist, der Gerechte
+aber bestehet ewiglich -- der Mund des Gerechten bringt Weisheit,
+aber das Maul des Verkehrten wird ausgerottet -- rühme Dich nicht des
+folgenden Tages, denn Du weißt nicht, was heute sich begeben mag.«
+
+ [Illustration Capitel 8]
+
+»Aber wie ist es möglich gewesen, in der kurzen Zeit eine solche
+Verwandlung --«
+
+»Der Herr ist Allen gnädig,« sagte Maulbeere, mit einem zweiten frommen
+Blick die Hände faltend, »und erbarmet sich aller seiner Werke -- des
+Herrn Geist stieg auf seinen Knecht nieder in der Nacht des Unglaubens,
+da Alles finster war, und siehe da, ein feines Lämplein wurde
+aufgestellt in dem Tummelplatz des Satans, und sein helles, goldenes
+Licht trieb die Sünde aus dem gereinigten Gefäß!«
+
+Hopfgarten schüttelte immer noch, wie seinen Sinnen nicht recht trauend,
+den Kopf. Die Gestalt vor ihm aber hatte Fleisch und Bein, und der
+braune Rock so wenig, wie die schneeweiße, reine Binde ließen sich
+wegleugnen.
+
+Die übrigen Geistlichen hatten sich indeß in der Cajüte versammelt, ein
+paar Minuten leise mitsammen geflüstert, und Einer von ihnen kam jetzt
+wieder der Thüre zu, wo die Beiden standen und sagte mit einem milden,
+lächelnden Blick:
+
+»Der Bruder Mulberry wird freundlich von uns aufgefordert, an einem
+stillen Dank, dem Höchsten für die glückliche Beendigung unserer frommen
+Sendung zu bringen, Theil zu nehmen.«
+
+Maulbeere neigte langsam sein Haupt, und sich dann wieder zu Hopfgarten
+wendend, sagte er:
+
+»Wir haben wohl das Vergnügen, mit Ihnen zusammen die Reise nach Little
+Rock zu machen?«
+
+»Nein, bester Herr Maulbeere, das thut mir wahrhaftig leid,« erwiederte
+dieser -- »ich bin nur an Bord gekommen, Jemand zu suchen.«
+
+»Das schmerzt mich in der That,« sagte Maulbeere, indem er in die Tasche
+griff und ein kleines Paket Bücher und eine Visitenkarte herausnahm
+-- »sollten Sie aber später einmal wieder in unser wildes, westliches
+Land kommen, so wird es mich herzlich freuen, zu sehn, daß es Ihnen gut
+geht -- diese Karte hier enthält meine Adresse -- und mich _glücklich_
+machen, zu hören, daß auch Sie den _wahren_ Frieden in Gott gefunden,
+und die Bahn des Heils betretend, den breiten, ebenen Weg verlassen
+haben, der hinab zu Sünde und Verdammniß führt. Gott sei mit Ihnen -- er
+erleuchte Sie -- er neige sein Antlitz über Sie, und gebe Ihnen seinen
+Frieden -- Amen!«
+
+Und mit einer halb segnenden, halb grüßenden Handbewegung gegen Herrn
+von Hopfgarten, der Bücher und Karte fast unbewußt in der Hand behielt,
+und dann ebenso in die Tasche steckte, drehte er sich langsam von ihm
+ab, und schritt seinen Gefährten am andern Ende der Cajüte zu.
+
+Ein neuer Trupp Fremder zog in diesem Augenblick die Aufmerksamkeit
+unseres Freundes auf sich, die Glocke läutete dabei zum dritten Male,
+und das Boot machte Anstalt zur Abfahrt. Nirgends aber ließ sich eine
+Gestalt erkennen, die der des Gesuchten auch nur im Entferntesten
+geglichen hätte, obgleich Hopfgarten vollkommen darauf vorbereitet war,
+das Gesicht Soldeggs durch Bart oder Brille vielleicht so viel als
+möglich unkenntlich gemacht zu sehn. Mit dem Chikasaw beabsichtigte
+dieser keinesfalls, den Strom hinaufzugehn, und er mußte zuletzt, als
+die Planken und Taue eingeholt wurden und die Räder nach rückwärts an zu
+arbeiten fingen, das Boot in den Strom hinauszuschieben, an Land
+springen.
+
+Auf seiner Uhr war es jetzt halb elf Uhr, und er ging, die Ankunft
+Ledermann's hier verabredeter Maßen zu erwarten, indessen ungeduldig an
+der Levée auf und ab. Seine rechte Hand in die Tasche schiebend, fühlte
+er dort die vorher in Gedanken eingesteckten, ihm von Maulbeere
+übergebenen Schriften, und nahm sie heraus, zu sehn, was sie enthielten.
+
+Es waren natürlich Traktätchen. Das eine handelte über die Heiligkeit
+des Sabbaths und die Gefahr der Sabbathschändung, mit einem
+abschreckenden Beispiel, wie ein Knabe an einem Sonntag einmal den Fluß
+befahren hatte und ertrunken war -- während Millionen Beispiele,
+dasselbe Verbrechen jeden Sonntag verübend, glücklich abfuhren und eben
+so landeten -- das andere über die Bibelvertheilung, und die übrigen
+über das Missionswesen, und dessen dringende Nothwendigkeit; jedes am
+Schlusse mit einer Bitte um die Unterstützung der frommen Männer, die in
+die Wildniß, unter wilde Bestien und wildere Menschen zögen, und von
+Wurzeln und Rinde lebten, das Evangelium zu predigen. Auf der Karte
+stand:
+
+ #The Reverend Zachäus Mulberry.#
+ #Little Rock. Arks.#
+
+Die Karte steckte Hopfgarten zum Andenken ein, die Bücher warf er fort.
+
+Und Ledermann kam noch immer nicht -- es war schon fast drei Viertel auf
+elf, und Hopfgarten ging wie auf Kohlen, in Angst und Ungewißheit, den
+Strahlen der heißen Sonne ausgesetzt, an der Landung auf und ab.
+
+»Gott der Gerechte, der Herr Baron,« redete ihn da plötzlich eine Stimme
+an, und als er sich rasch danach umdrehte, stand ein Mann, augenscheinlich
+ein Israelit, von dessen Gesicht Hopfgarten aber keine Ahnung hatte, in
+einem dunklen, anständigen Rocke, mit einem kleinen Strohhute auf, vor
+ihm, und machte ihm eine tiefe Verbeugung; der Mann mußte aber jedenfalls
+sehn, daß ihn der Herr, den er angeredet hatte, nicht erkannte und er
+fuhr lächelnd fort:
+
+»Gottes Wunder -- hob' ich mich denn gar so sehr verändert, daß so an
+lieber Herr anen alten Raisegesellschafter sollte vergessen haben.
+Kennen Sie den Veitel Kochmer nicht mehr?«
+
+»Veitel Kochmer? -- nein --«
+
+»Kennt den Veitel Kochmer nicht mehr;« lachte der Alte, mit dem Kopf
+dabei schüttelnd -- »den Mann mit der Holzharmonika, dem Sie an
+Concertchen zusammengebracht haben an Bord, als an guter und
+freundlicher Herr.«
+
+»Veitel Kochmer,« rief Hopfgarten, sich jetzt des Namens entsinnend,
+»ja Euch hätte ich allerdings nicht wieder erkannt -- Ihr seht ganz
+anders aus -- tragt den langen Bart nicht mehr und den Kaftan -- es geht
+Euch gut?«
+
+»Gott soll gedankt sein, ja.«
+
+»Und Euer Sohn --«
+
+»Mai Sohn? -- wie haißt mai Sohn --« sagte der Mann, ungeduldig den Kopf
+schüttelnd -- »das Jüngelche, was ich bei mer hatte, mit die hibsche
+Stimme -- wenn's ane bessere Lunge und a schlechtere Stimme gehabt
+hätte, lebt es _noch_.«
+
+»Ihr habt ihn sich todt singen lassen,« sagte Hopfgarten ernst.
+
+»_Ich_ hab' ihn sich todt singen lassen? -- wie haißt? -- soll sich die
+Lunge beim Magen beschweren -- der Eine arbeitet mit die Händcher, der
+Andere mit die Lunge, aber Alle arbeiten mer um ze leben, ze essen un
+ze trinken, und an Rock auf dem Leib ze haben -- hob ich en nich acht
+Wochen gepflegt, als _ob_ er mai Sohn gewesen wäre, und stirbt er mer
+nich zuletzt wie zum Possen? -- Soll mer Gott helfen, als ich nich hob'
+Schaden gehabt an dem Jüngelche. -- Aber Herr Baron -- kennten wir zwei
+Beide nich a klanes Geschäftche zesammen machen; hob' ich was ganz
+Extraes von gute Staincher, vor solch einen fürnehmen Herrn, wie der
+Herr Baron.«
+
+»Ich danke, lieber Kochmer, ich brauche Nichts in der Art,« sagte
+Hopfgarten, wieder nach seiner Uhr sehend, »kann mich auch
+augenblicklich gar nicht damit befassen -- haben Sie eine Uhr bei
+sich?«
+
+»Ja wohl, Herr Baron -- werd' ich ka Ürche haben, un a Staatsürche is
+es,« fuhr er fort, eine goldene Cylinderuhr aus der Tasche nehmend,
+»geht se doch um drei Minuten besser wie die Sonne -- s' ist gerade
+sieben Minuten über dreiviertel auf elf -- kennten wir _damit_
+vielleicht en Handelche machen?«
+
+»Ich danke wirklich -- ich habe selber eine ganz gute Uhr und brauche
+keine, wollte auch nur sehen ob die meinige richtig ginge.«
+
+»Wenn Sie die Staincher emol sähen, würden Sie Appetit kriegen -- se
+sain zum 'Reinbeißen,« fuhr aber Veitel, nicht so leicht abgewiesen, in
+seinem Anpreisen der Juwelen fort, »hob ich die Musik doch jetzt ganz
+an den Nagel gehängt un mich auf die Staincher gelegt. Wer die Sache
+versteht ist's a solides, prächtiges Geschäftge hier in Amerika -- wenn
+mer sai Zeit kann abpasse.« Und er nahm dabei ein kleines Etui aus
+seiner Brusttasche, das er öffnete und dann, den Kopf schräg zur Seite
+davon zurückhaltend, die Sonnenstrahlen auf die wirklich schönen Steine,
+die in tausend Lichtern funkelten, wieder fallen ließ.
+
+Hopfgarten hatte indessen die Levée auf und abgesehn, den so sehnlich
+Erwarteten endlich irgendwo zu erspähen, aber vergebens; Ledermann ließ
+sich nirgends blicken und der Zeiger seiner Uhr, den er ungeduldig und
+ununterbrochen fragte, schien nicht von der Stelle zu rücken.
+
+»Ich danke Euch Veitel -- ich brauche wirklich Nichts der Art,« sagte
+er zerstreut, »trage weder Ringe noch Tuchnadeln, und muß hier im Lande
+auf- und abreisen, wo man solche Sachen am allerwenigsten bei sich
+führen kann.«
+
+»Aber so sehn Sie nur emol die Pracht an,« drängte Veitel.
+
+»Ja, sehr schön -- wirklich brillant,« sagte Hopfgarten, einen flüchtigen
+Blick darauf werfend, und dann durch das Feuer derselben doch verlockt
+sie aufmerksamer zu betrachten; »sehr schöne Steine in der That, aber
+wie gesagt, Nichts für mich.«
+
+»Und _das_ Stainche hier vor a Tuchnadel -- ah?« sagte Veitel, vor
+Hopfgartens Augen ein Türquis in der Sonne blitzen lassend.
+
+»Mensch, wo hast Du den Stein her?« rief aber Hopfgarten unwillkürlich
+erschreckt aus, als sein Blick auf einen sehr schönen großen _dreieckigen_
+Türquis fiel, den Veitel zwischen den Fingern hin und her drehte.
+
+»Woher? -- Gottes Wunder!« rief der Jude erschreckt, »ehrlich gekauft,
+soll mer Gott helfe.«
+
+»Ich sage ja Nichts dagegen, Veitel,« rief Hopfgarten rasch, ihn zu
+beruhigen, »gewiß ist er ehrlich gekauft, aber von wem? ich kenne den
+Stein -- habe wenigstens von ihm, oder einem ganz ähnlichen gehört, ich
+möchte gern --«
+
+»Von wem? von em achtbaren, soliden Herrn, von em wahren Schentelmenn in
+sein Handeln und Geschäftcher,« sagte Veitel, immer noch in der Meinung,
+ein Verdacht ruhe auf ihm, »und wenn er nicht hait Morgen abgereist
+wäre, kennten Se ihn selber fragen, Herr Baron -- ist en alter
+Bekannter von Sie, noch vom Schiff her.«
+
+»Heute Morgen abgereist? -- wohin Veitel?« sagte Hopfgarten, der sich
+krampfhaft mit der rechten Hand in die Seite griff, nur um ruhig zu
+bleiben und seine Aufregung nicht zu verrathen, »wer war es denn
+eigentlich -- der -- der Doktor Hückler?«
+
+»Gott soll bewahren, der Herr Henkel, und mit dem Schtiemer ist er fort
+nach der Havanna.«
+
+»Mit dem Postdampfer nach Havanna?« rief Hopfgarten, jetzt wirklich
+_nicht_ mehr im Stande sich zu mäßigen -- und der ist heute Morgen
+fort?«
+
+»_Hait_ Morgen wird er fort sain,« sagte Veitel, »Gottes Wunder was is
+jetzt dermehr?«
+
+»Ledermann!« schrie da Hopfgarten, Veitel gar nicht mehr beachtend, den
+Freund an, der eben jetzt, so lang schon herbeigewünscht, gerade über
+die Levée herüber und auf Herrn von Hopfgarten zukam, »wann, um Gottes
+Willen, geht der Havanna Steamer?«
+
+»Die Cuba? -- um elf Uhr,« sagte dieser erstaunt.
+
+»Großer Gott -- es muß gleich schlagen -- so ist er noch nicht fort?«
+
+»Dort drüben können Sie ihn sehn,« sagte Ledermann, der von der hohen
+Levée aus ein paar Momente mit den Augen in den Fluß hinein gesucht
+hatte -- gerade zwischen den beiden ausgezackten Schornsteinen jenes
+Bootes dort -- das große Dampfschiff, aus dem der Rauch so dick
+aufsteigt.«
+
+»Henkel ist an Bord!« war Alles was Hopfgarten herausbringen konnte,
+»großer Gott, daß wir nicht an das Havanna-Schiff gedacht.«
+
+»Gott der Gerechte!« rief Veitel, seine Steine einsteckend und in
+Verwunderung die Hände zusammenschlagend, »was han Se uf amol vor a Eil;
+wird der Herr Henkel doch wiederkommen in vier oder fünf Woche, wie er
+mer hot gesagt.«
+
+»Noch ist es vielleicht Zeit,« rief aber Ledermann, der indeß rasch das
+Terrain überschaut hatte; »_so_ pünktlich gehen die Dampfer nicht ab;
+einzelne Passagiere zögern immer etwas länger am Ufer, oder der Capitain
+kann auch seine Geschäfte nicht so rasch besorgen. Dort fährt ein Cab
+-- gegenüber dem Dampfer nehmen wir ein Boot, und einmal von den Schiffen
+frei, daß sie an Bord unser Tücherschwenken sehen können, und wir kommen
+noch zur rechten Zeit.«
+
+»Veitel!« rief Hopfgarten, sich rasch nach diesem umdrehend, »kommt
+morgen früh zu mir in das St. Charles Hotel -- verstanden? -- bringt
+Euere Steine mit -- und nun fort Ledermann, fort!« und diesem voran
+laufend winkte er schon von weitem dem kleinen einspannigen Cabriolet
+zu, dessen Kutscher, Passagiere suchend, langsam die Levée an der
+Dampfbootlandung hinabfuhr. Der Mann zügelte sein Pferd ein und
+Hopfgarten bot ihm einen Dollar, wenn er sie so rasch das Pferd laufen
+könne dem Havanna Steamer gegenüber die Straße niederführe.
+
+»Halt, dort geht ein Constable!« rief ihm aber Ledermann zu, »den nehmen
+wir mit.«
+
+»Kann nicht drei Passagiere fahren, Sir,« sagte der Kutscher.
+
+»Du bekommst einen Dollar für jeden, wenn Du uns rasch an Ort und Stelle
+bringst!« rief der Deutsche, dem Angst und Aufregung fast die Sprache zu
+nehmen drohte. Ledermann lief indessen, so rasch ihn seine langen Füße
+trugen, und sehr zum Ergötzen der ihm Begegnenden, der nächsten Straßenecke
+zu, an der er einen ihm bekannten Constable erspäht hatte. Wenige Worte
+genügten, diesen mit Allem bekannt zu machen was Noth that, und zwei
+Minuten später galopirte das eben nicht sehr kräftige Pferd, von der
+wacker geführten Peitsche seines Herrn getrieben, in flüchtigen Sätzen
+die Straße nieder. Unterwegs unterrichtete der Constable diesen dabei,
+dem großen Dampfschiff gegenüber, das sie jetzt deutlich erkennen
+konnten, anzuhalten, wo er Miethboote wüßte.
+
+»Ay ay Sir!« sagte der Mann, und hieb stärker auf sein Pferd, »kommen
+noch zurecht, wenn mein alter Jack nicht bis dahin zusammenbricht.« Das
+Pferd hielt sich aber wacker, und plötzlich gegen die Levée anfahrend,
+denn den Wasserrand konnten sie von da aus, des hochaufgeworfenen Dammes
+wegen nicht sehen, hielt er an.
+
+»Boot Sir? -- Boot für den Steamer?« riefen ihnen hier schon vier, fünf
+Bootsleute zu gleicher Zeit entgegen, die sich herbeidrängten, die
+geglaubten Passagiere nach dem Dampfschiff zu bringen; dieses konnte
+seines Tiefgangs wegen hier nicht dicht am Ufer anlanden, und mußte ein
+Stück draußen im Strom vor Anker liegen; »höchste Zeit, Gentlemen, aber
+wir bringen Sie hinüber.«
+
+»Fünf Dollar, wenn wir zur rechten Zeit kommen.«
+
+»Hier Sir! hier ist ein Boot das es thun kann!« schrie Einer Hopfgarten
+am Arm ergreifend.
+
+»Mit dem alten Kasten kommst Du nicht vor Abend hinüber,« überschrie ihn
+ein Anderer, »_meins_ ist der Clipper, Gentlemen, der über das Wasser
+fliegt.«
+
+Der Constable hatte indessen von der Levée aus mit einem Kennerblick die
+Boote rasch übersehen, und den beiden Fremden winkend ihm zu folgen,
+sprang er in das, was ihm am tüchtigsten schien, hinein, und hinten an
+das Steuer. Die beiden Bootsleute, die dazu gehörten, nahmen mit einem
+Hohnlachen über die besiegten Gefährten ihre Sitze ein, und wenige
+Sekunden später schoß das scharfe, wackere Boot, die gelbe Fluth zu
+beiden Seiten in Schaum hinauswerfend, zischend und spritzend über den
+breiten Strom dem Dampfer zu.
+
+»Wir kommen wahrhaftig zu spät!« rief Hopfgarten in Todesangst mit der
+rechten Hand sein Tuch schwenkend, »dort pufft das Schiff schon seinen
+Dampf aus, und die Räder fangen an zu arbeiten.«
+
+»Nur keine Furcht Sir,« sagte der eine der Bootsleute, der einen Blick
+über seine Schulter weg nach dem näher und näher rückenden Fahrzeug
+warf, »sie arbeiten nur gegen die Strömung langsam an, den Anker
+heraufzuheben; die Kette ist noch unten.«
+
+»Er hat recht,« rief aber auch der Constable jetzt, »die Kette ist noch
+aus und wir kommen zur rechten Zeit.«
+
+»Gott sei Dank,« sagte Hopfgarten leise, aber tief aufseufzend vor sich
+hin, und von dem Augenblick an schien es, als ob jede Unruhe, jedes
+Schwanken von ihm genommen sei. Ruhig ein Bein über das andere gelegt,
+beobachtete er ihre Annäherung an das keuchende, gewaltige Dampfschiff,
+und überflog mit seinem Blick nur manchmal rasch und forschend das
+aufgebaute Quarterdeck des Fahrzeugs, zwischen den dort auf- und
+abgehenden Passagieren den Gesuchten herauszufinden; aber er bemühte
+sich nicht mehr sein Gesicht zu verbergen -- der Verbrecher konnte ihm
+nicht mehr entgehen.
+
+An Bord traten jetzt ein paar Mann, das nahende Boot bemerkend, oben an
+die noch aushängenden Fallreeps; der eine von diesen hielt ein dünnes
+zusammengerolltes Tau in der Hand, und warf es dem einen der Bootsleute
+zu, der es durch den Ring vorn zog und um die vordere Queerbank
+schlug. Im nächsten Augenblick lag das kleine schwanke Boot, auf
+den kurzen Wellen tanzend, die das Starbordrad schlug, dicht an die
+steilaufsteigende Seitenwand des mächtigen Fahrzeugs an, und der
+Constable rief hinan:
+
+»Ein Tau hier herunter, Boys, für den Gentleman; er hat einen kranken
+Arm und kann sich nicht halten.«
+
+Wenige Secunden später war dem Rufe Folge geleistet; der Constable legte
+das Seil um Herrn von Hopfgartens Mitte, und während die Matrosen oben
+langsam anzogen und ihn dadurch stützten, lief derselbe rasch an der
+steil niederhängenden Fallreepstreppe auf.
+
+»Danke -- danke herzlich,« sagte dieser, während sein Blick an dem
+Quarterdeck hing; aber auch dort sah er nicht den, den er suchte, und
+sich an den Steuermann des Schiffs wendend, der seine Leute eben gefragt
+hatte, ob der Herren _Gepäck_ schon an Bord sei, bat er diesen ihm zu
+sagen wo er den _Clerk_ der Cuba fände.
+
+»Dort oben, Sir -- an der Starbordtreppe; der mit dem Panama-Hut auf,
+Sir, und dem kleinen Buch in der Hand.«
+
+»Sie wünschen Plätze in der Cajüte, Sir?« frug ihn dieser freundlich,
+»der Steward soll Ihnen gleich Ihre #staterooms# anweisen.«
+
+»Bitte, mein Herr,« sagte Hopfgarten, dem seine beiden Begleiter auf dem
+Fuße folgten, »können Sie mir nicht Auskunft geben, ob ein gewisser
+_Soldegg_ an Bord ist?«
+
+»Soldegg? -- Soldegg?« sagte der Clerk nachdenkend sind dabei sein
+kleines Buch öffnend, eine dort eingetragene Liste mit den Augen
+überfliegend, »ist noch nicht notirt, Sir.«
+
+»Oder Henkel?«
+
+»Ebenfalls nicht,« lautete die Antwort, nach kurzer Pause.
+
+»Oder Holwich?«
+
+»Keiner der drei Herren; aber es sind einige Gentlemen erst in der
+letzten halben Stunde an Bord gekommen, deren Namen ich noch nicht
+eingeschrieben habe. Sie werden unterwegs Zeit genug bekommen deren
+Bekanntschaft zu machen; soll ich Ihnen indessen --«
+
+»Bitte, mein Herr, mein Besuch ist anderer Art,« sagte Hopfgarten ruhig;
+»ich habe einen Verhaftsbefehl mit gegen einen gefährlichen Verbrecher,
+und ich glaube, ja ich weiß ihn an Bord.«
+
+»Oh wenn das ist,« lachte der Clerk, »dann hat der Herr auch vielleicht
+einen andern Namen angegeben; nichts leichter als das. Wohl ein Constable,
+der eine der Herren?« -- dieser nickte mit dem Kopf -- »#well#, dann
+bemühen Sie sich nur gefälligst selber in die Cajüte hinunter, und sehn
+Sie sich dort um; ich werde es indessen dem Capitain melden, und Ordre
+geben, daß das Schiff nicht unterwegs geht.«
+
+Hopfgarten blieb einen Augenblick stehn, Athem zu holen, so preßte ihm
+die Aufregung dieses Momentes Brust und Herz zusammen, äußerlich aber
+war er vollkommen ruhig, und Ledermann und den Constable bittend, ihn
+vorangehn zu lassen, und erst nach ein paar Minuten zu folgen, stieg er
+mit festen, ruhigen Schritten die Quarterdeckstreppe hinauf, und die
+breiten Mahagonystufen, die von da in die untere Cajüte führten, wieder
+hinunter, und öffnete, von dem Steuermann begleitet, dem der Clerk ein
+paar Worte über den Zweck dieses Besuches zugeflüstert, die Thür der
+Cajüte, in der einige zwanzig Passagiere in den verschiedensten
+Stellungen umhersaßen und standen, und ziemlich ruhig die nahe Abfahrt
+des Dampfers, dessen Maschine schon unter ihnen arbeitete, zu erwarten
+schienen.
+
+Aber Hopfgarten sah nur _Einen_ von allen diesen; auf dem mittleren
+Sopha, das eine Bein behaglich über das andere gelegt, und neben sich
+auf einem kleinen Tisch eine Flasche mit Rothwein und ein Gefäß mit
+großen, klaren Eisstücken, ein Buch in der Hand, in dem er nachlässig
+blätterte, lag _Henkel_ und schien so sorglos und unbekümmert die
+Abfahrt des Bootes zu erwarten, so sicher seiner Umgebung zu sein, daß
+er nicht einmal aufsah, als Hopfgarten langsam auf ihn zuging, bis
+dieser neben seinem Tische stehn blieb und Henkel jetzt, mit einem
+leisen Schrei der Überraschung emporfahrend, ganz plötzlich seinen alten
+Reisegefährten neben sich erkannte.
+
+»Alle Wetter! Herr von Hopfgarten,« sagte er aber, sich rasch sammelnd;
+»das ist ein prächtiges Zusammentreffen, und wir sind auf's Neue
+Reisegefährten? -- Schade, daß Frau von Kaulitz nicht da ist, für den
+dritten _Mann_.«
+
+»Wir bekommen noch Gesellschaft,« sagte Hopfgarten, sich ruhig umsehend
+und den jetzt eben eintretenden Ledermann heranwinkend -- »Herr Henkel
+oder Soldegg oder Holwich -- ich weiß nicht unter welchem Namen Sie
+jetzt reisen -- ich habe ihnen hier einen alten Bekannten vorzustellen,
+der eine weite Reise im Auftrag seiner Regierung gemacht hat, nur das
+Vergnügen Ihrer werthen Begleitung zu haben.«
+
+»Was soll das? -- was wollen Sie von mir?« sagte Henkel finster, sich aber
+doch leicht entfärbend, als er den Aktuar von Heilingen plötzlich hier
+erkannte. Einen forschenden, unruhigen Blick warf er dabei in der Cajüte
+umher, der indeß weiter Nichts Beunruhigendes bot, da der Steuermann an
+die Bar getreten war, und der Constable, der Gruppe die Seite zudrehend,
+eine Zeitung aufgenommen hatte, als ob er mit zu den Passagieren gehörte
+-- »ich bin gerade nicht aufgelegt zu scherzen, sonst könnte ich Ihnen
+vielleicht wieder meinen -- Zwillingsbruder schicken, sich mit dem
+abzufinden.«
+
+»Herr Henkel,« sagte Ledermann ruhig -- »wir haben ein Boot unten
+liegen, und ersuchen Sie, uns gutwillig und ohne weiteres Aufsehn zu
+erregen, da hinein zu folgen, das Weitere werden wir an Land abmachen.
+So viel genüge Ihnen zu wissen, daß wir autorisirt sind, in dieser Weise
+zu handeln -- ich habe einen Verhaftsbefehl für Sie in der Tasche.«
+
+»Haho!« rief Soldegg aber, dem im Nu die ganze Größe der über ihn
+hereinbrechenden Gefahr klar wurde -- »Herr von Hopfgarten will
+sich revangiren -- hahaha -- aber die Herren haben sich verrechnet
+-- _lebendig_ bekommen sie mich nicht -- und überdieß -- wer giebt
+Ihnen das Recht, mich hier verhaften zu wollen?« Seine rechte Hand glitt
+dabei rasch und verstohlen unter die Weste, die Bewegung aber war
+dem Constable, der ihn indessen scharf und aufmerksam von der Seite
+beobachtet hatte, nicht entgangen, und seinen Rock zurückwerfend, unter
+dem er sein Polizeizeichen trug, ging er auf den wild und drohend zu ihm
+aufblickenden Verbrecher zu und wollte, mit den Worten: »#You are my
+prisoner!#«[5], die Hand auf dessen Schulter legen, als Henkel, unter
+dem Arm fortgleitend, einen Schritt zurücksprang; mit der rechten aber
+zu gleicher Zeit ein mächtiges, blitzendes Bowiemesser aus der Weste
+riß, und mit wildem, höhnischen Lachen schrie:
+
+»Lebend nicht -- Bahn frei, oder, beim Teufel, ich hacke Pastetenfleisch
+aus Euch!« Zu gleicher Zeit führte er einen Hieb nach dem Constable, dem
+dieser nur durch ein jähes Zurseitespringen entgehn konnte, und warf
+sich auf Hopfgarten, wieder die Klinge zum Hieb gehoben. Dieser aber,
+ohne einen Zoll breit zu weichen, hatte eine gleiche Waffe gezogen,
+und bereitete sich, den Schlag zu pariren, als der Steuermann, etwas
+Ähnliches schon lange erwartend, ohne sich aber selber zwischen die
+gehobenen Messer hineinzuwagen, einen Stuhl aufgriff und Henkel so
+geschickt vor die Füße schleuderte, daß dieser im vollen Wurf darüber
+hinflog.
+
+»Brav gemacht!« schrie der Constable, der indeß einen Revolver aus
+seinem Gürtel gerissen hatte, Gewalt mit Gewalt zu begegnen -- »jetzt
+bekommen wir den Burschen lebendig.« Und um den Stuhl flog er herum,
+zwischen die Thür und den Gefangenen zu kommen, und diesem den Weg
+abzuschneiden. Henkel aber, zum Äußersten getrieben und recht gut
+wissend, was ihn erwartete, wenn er in die Hand der Feinde fiel,
+schnellte im Nu, sein Messer noch fest im Griff haltend, vom Boden
+wieder auf und sprang gegen die Thür an, von der fort die zufällig
+dort herabkommenden Passagiere, vor der drohenden Gestalt mit der
+geschwungenen Waffe scheu zur Seite stoben.
+
+»Halt!« schrie der Constable, »im Namen des Gesetzes!«
+
+Henkel hatte die Thür erreicht und stieß sie vor sich auf, als ein
+scharfer Knall, und gleich darauf weißer Pulverrauch den Raum füllte
+-- ein wilder Schrei und eine blutende, todtenbleiche Gestalt, der die
+blanke Waffe entfiel und klirrend die Stufen zurückrollte, taumelte die
+Treppe hinauf an Deck, zwischen die entsetzten Passagiere.
+
+»#You are my prisoner Sir!#« schrie der Constable, den Flüchtling
+einholend und an der Schulter fassend.
+
+»#Ready for hell!#«[6] stöhnte dieser, ließ die Arme sinken, drehte sich
+einmal im Kreise herum und brach, wo er stand, zusammen.
+
+»_Den_ Passagier könnt Ihr von der Liste streichen, Clerk,« sagte der
+Steuermann ruhig zu diesem, als er an Deck kam -- »steht bei hier,
+Jungen, und hebt den Cadaver einmal in's Boot hinunter, und zwei von
+Euch waschen die Flecken hier weg und die Treppe rein. Marsch mit Euch
+und ein Bischen schnell -- ist der Anker auf?«
+
+»Alles klar, Sir!«
+
+»Gut, in fünf Minuten müssen wir unterwegs sein -- die Herren mögen die
+Geschichte dann selber an Land ausmachen.«
+
+Hopfgarten stand neben der Leiche und sah tief aufseufzend in die
+bleichen Züge, in die stieren zu ihm aufgedrehten Augen -- aber er
+sprach kein Wort; nur das Messer, das er noch offen in der Hand trug,
+barg er wieder in der Scheide, und einen kleinen weißen Handschuh aus
+seiner Brust nehmend, bog er sich nieder, und netzte das zarte
+schneeige Leder mit dem quellenden Blut des Gerichteten.
+
+Zwei Matrosen faßten die Leiche jetzt auf und trugen sie zu der
+Fallreepstreppe, wo Andere mit den Tauen standen und sie hinunter
+ließen; der Constable hatte sich indessen vom Clerk das Gepäck, das
+dem Gericht verfallen war, ausliefern lassen.
+
+»Hallo, da kommt noch ein Passagier!« rief der eine Bootsmann, als die
+Seeleute die Leiche rasch nach unten viehrten -- »dacht' es mir beinah,
+wie ich den Schuß hörte.«
+
+»Hast eine gute Nase, Kamerad,« rief Einer der Matrosen nieder, »das
+aber da ist nur Ballast; schlagt die Taue los!«
+
+Die Koffer folgten dem Körper, und diesen die Passagiere -- oben läutete
+die Glocke, die Räder rauschten und peitschten den gelben Schaum zu
+wirbelnden Wellen auf -- stromauf arbeitete das gewaltige Schiff, einen
+weiten Bogen beschreibend in der kochenden, zischenden Fluth, und
+während es sich stromab wandte, und das flatternde Banner der Vereinigten
+Staaten lustig im Winde wehte, ruderte das kleine Boot mit seiner
+traurigen Last langsam dem Lande wieder zu.
+
+
+
+
+Capitel 9.
+
+Das Haus im Walde.
+
+
+Wieder keimten und sproßten die Blumen im lieben deutschen Vaterland;
+die Wiesen hatten sich mit frischem Grün gedeckt, im Wald rauschte
+und flüsterte der Wind gar so traulich und heimlich durch die jungen,
+saftigen Blätter, und schaukelte die langen, duftenden Zweige der Birke,
+und trug die wirbelnde Lerche hoch in die blaue, sonnige Luft hinein.
+
+Wie das draußen in den Feldern so regsam schaffte und arbeitete; wie
+die Heerden so fröhlich blökten, die wieder hinaus durften in die warme,
+sommerliche Flur; wie die Schwalben -- die lieben, lieben Schwalben
+so froh durch den Äther strichen und die Störche, von den Kindern mit
+scheuer Ehrfurcht betrachtet, klappernd und von ihren Reisen erzählend,
+auf den Dächern standen, oder langsam über die feuchten Wiesenflächen
+schritten, alte Jagdgründe zu revidiren.
+
+[Illustration: Capitel 9]
+
+Wie das zwitscherte und klang und sang und schmetterte in dem weiten,
+lichtdurchflutheten Raum, und die Luft mit seinem Glanz und Jubel
+füllte, jeder Ton ein Loblied dem Herrn, jedes grüne Blatt, jeder
+duftende Kelch, jeder Thautropfen am schwankenden Halm, ein Dankesopfer
+seiner Allmacht und Güte. Oh wie sich auch die Menschenbrust da so froh
+und fröhlich hebt, und das Herz mit jauchzt und jubelt, und hinauf
+möchte, höher und höher hinauf, der steigenden Lerche nach, die mit
+zitterndem Flügelschlag, ein lebendiges Bild der Lust und Wonne, dort
+oben steht und betet. Wie es da stammelnd danken und preisen möchte auch
+in _seiner_ Weise, und nicht Worte, nicht Ausdruck findet für die
+Seligkeit, die in ihm glüht und lebt, und seine Adern füllt, und deren
+Wiederglanz nur in der Thräne zittert, die heiß und doch so lindernd da
+in's Auge steigt.
+
+Der Winter war vorbei -- die Natur erwacht, und Gottes Odem wehte,
+ein Segen, über das weite, wundervolle Land, Luft und Frieden in der
+Menschen Herzen gießend -- aber nicht in alle. -- Den schmalen Pfad der,
+das Dorf Waldenhayn umgehend, nach dem dunklen, die Hügel deckenden
+Kieferwald hinaufführte, schritt eine schlanke, bleiche Frau, einsam und
+allein; sie sah krank und hülfsbedürftig aus, und die bloßen, wegwunden
+Füße ließen hie und da in den Spuren Blutflecken zurück, wo ein scharfer
+Stein sie verletzt; der Straßenstaub deckte dabei ihr Gewand, und die
+weiße, fast durchsichtige Hand klammerte sich fest und wie krampfhaft an
+den rohen Eichenstock, der ihr zur Stütze diente.
+
+Neben ihr auf stieg wirbelnd die Lerche, und im Korn lockte das Rebhuhn
+und die Wachtel; -- sie blieb stehn und horchte dem Laut, aber nicht vom
+Boden nahm sie den Blick, schauderte zusammen, als ob selbst diese süßen
+Töne nur furchtbare Erinnerungen für sie hätten, und schritt langem
+weiter ihre stille Bahn, dem Walde zu.
+
+Nur einmal blieb sie noch stehn, und zitterte, und wäre fast in die Knie
+gesunken, als vor ihr, bis jetzt von Birken- und Weidenbüschen verdeckt,
+ein kleines, einsam gelegenes, ödes Häuschen, mit halb geöffneter Thür
+und ausgebrochenen Fenstern sichtbar wurde; aber wie gewaltsam raffte
+sie sich zusammen, faßte ihren Stab fester und schritt auf das niedere,
+verlassene Gebäude zu.
+
+Als sie die Schwelle erreichte, läuteten unten die Glocken den
+Nachmittagsgottesdienst aus, und als ob _die_ Töne sie mit furchtbarer,
+unwiderstehlicher Gewalt getroffen, brach sie zusammen in die Knie, und
+lag lange Minuten wie betend da. Dann erhob sie sich langsam wieder,
+warf noch einen scheuen Blick über das, unten das kleine Thal füllende
+Dorf, und verschwand dann in dem dunklen Raum der Hütte.
+
+ * * * * *
+
+Unten im Dorf läuteten die Glocken den Nachmittagsgottesdienst aus, und
+der würdige Pastor Donner, dessen Haar die letzten drei Winter doch um
+ein Bedeutendes gebleicht, kam freundlich, rechts und links die noch vor
+der Kirche stehenden Kinder und Gemeindemitglieder grüßend, die ihn, mit
+dem Hut in der Hand, vorbeiließen, seiner kleinen Wohnung, dem duftigen,
+schattigen Garten zu, wo ihn zu dieser Zeit der Nachmittagskaffee in der
+blühenden Fliederlaube erwartete. Aber mehr als das harrte heute sein.
+
+»Vater -- lieber Vater!« jubelten ihm die Kinder entgegen, Blätter
+Papier hoch und jauchzend empor haltend -- »Brief von Georg ist gekommen
+-- Brief vom Bruder Georg; er kommt herüber in ein oder zwei Jahren mit
+seiner _Frau_! -- er hat geheirathet, Vater -- Bruder Georg hat
+geheirathet und es geht ihm gut!«
+
+Der Pastor blieb stehn, und als die Kinder auf ihn zugesprungen kamen
+und ihm in ihrer frohen Kindeslust den Brief entgegen hielten, bog er
+sich zu ihnen nieder und küßte sie, aber die Mutter folgte ihnen, und
+barg ihr Haupt an des Gatten Brust. Sie hatte sprechen -- erzählen
+-- mit den Kindern jubeln wollen, und kein Wort brachte sie jetzt vor
+Thränen über die Lippen -- aber es waren _Freudenthränen_.
+
+»Georg hat geheirathet!« jubelte Fritz dabei, der jüngste Sohn, den
+Brief in der Hand schwenkend, und um die Anderen herumspringend -- »ich
+bin jetzt ein _Schwager_ geworden, und Du, Louise und Du Trinchen, Ihr
+seid Schwägerinnen -- hurrah, Bruder Georg soll leben!«
+
+»Und es geht ihm gut?« flüsterte der Pastor, der Gattin an ihn gelehnte
+Stirn wieder und wieder küssend.
+
+»Gut -- recht, recht gut, Gott sei ewig gelobt und gedankt,« schluchzte
+die Frau -- »da, lies nur selbst -- ich habe vor Thränen nicht weiter
+lesen können.«
+
+Auch Louise, die ältere Tochter, kam mit ihrem Bräutigam, einem jungen
+Geistlichen aus Heilingen, dem Vater freudestrahlenden Auges entgegen,
+und während die Glocken von dem alten Thurm noch klangen und tönten,
+und den tiefen harmonischen Laut weit aus über das stille Dorf und an
+die sonnbeschienenen Hänge der blühenden Hügel sandten, saßen die
+glücklichen guten Menschen in der duftenden Laube, und horchten der
+lieben, lieben Botschaft des fernen Bruders und Sohnes, der ihnen Grüße
+und Küsse weit über das Meer herübergesandt, und ihre Herzen mit Glück
+und Wonne und Dank, heißem Dank gegen den Höchsten erfüllt hatte.
+
+-- -- »Seit drei Tagen bin ich jetzt mit meiner Marie vermählt,
+und der glücklichste Mensch unter der Sonne. In den angenehmsten
+Familienverhältnissen dabei, hat sich unsere Farm, die mein Schwiegervater
+schon im Begriff war um ein Spottgeld zu verschleudern, auf eine ganz
+unerwartete und kaum geahnte Weise verwerthet, denn ich habe beim Graben
+eines Brunnens, in der Nähe einer neu errichteten Mühle, selber ein
+_Kohlen_lager entdeckt, das, wenn auch noch nicht für den Augenblick,
+doch für die Zukunft einen bedeutenden Ertrag verspricht. Ein Amerikaner
+hat mir schon für die Bearbeitung eine sehr bedeutende Summe baar geboten,
+aber ich zögere noch sie anzunehmen. Dabei bin ich ganz gegen meinen
+Willen, und durch einige glückliche Kuren in den Ruf eines geschickten
+Arztes gekommen, und da sich unsere Gegend, durch die Unmasse der hier
+eintreffenden Einwanderer, sehr belebt, bleibt mir schon gegenwärtig
+kaum mehr Zeit, meinen ländlichen Arbeiten so obzuliegen, wie ich es
+eigentlich wünschte -- -- -- --«
+
+-- »Noch eine andere Nachricht aus unserer Familie, die auch Euch
+interessiren wird, habe ich Euch mitzutheilen. Meine Schwägerin Anna,
+die ältere Schwester Mariens und ein sehr liebes, braves Mädchen, hat
+ganz unerwarteter Weise einen Heirathsantrag aus Deutschland und zwar
+aus Heilingen, von dem frühern Kürschnermeister Kellmann bekommen.
+Kellmann ist, so weit ich ihn kenne, ein braver, rechtschaffener Mann
+und Anna scheint ihm auch gut zu sein. Er hat geschrieben, wenn sie ihm
+ein freundliches Ja schicke, wolle er ungesäumt herüberkommen -- ich
+denke, wir werden ihn wohl nächstens hier sehn -- -- -- --«
+
+-- »Der Rosensenker von Mutters Strauch vor dem Fenster, den mir Louise
+noch an jenem schmerzlichen Abend der Trennung gegeben, hat den
+Ehrenplatz in unserm freundlichen Garten, und grünt und blüht, daß es
+eine Lust und Freude ist, -- die einliegende Knospe hat er getragen. Oh,
+wie mich der Blüthenstock an Euch erinnert; ich habe ihn so lieb, und
+doch treten mir jedes Mal Thränen in die Augen, wenn ich ihn ansehe.
+Meine Marie pflegt ihn selber; sie wird _Euch_ auch gefallen. Hat sich
+das Geschäft mit dem Kohlenlager erst geordnet, und sich dasselbe so
+einträglich erwiesen, wie ich es jetzt wirklich glauben muß, dann komme
+ich mit ihr hinüber, Euch zu besuchen. Lieber Gott, es ist ja doch unser
+Aller Wunsch, später einmal wieder nach Deutschland zurückkehren und
+dort unsere Tage beschließen zu können. -- -- -- --«
+
+Unten am Brief in einer Nachschrift stand:
+
+-- »Über den Steffen, der bei uns der schwarze Steffen hieß, und von dem
+ich Euch schon früher schrieb, wie ich mit ihm zusammengekommen, habe
+ich nichts Näheres erfahren können. Auch seine Frau, die sich von ihm
+getrennt hatte, ist aus dem kleinen Städtchen, wo sie die letzte Zeit
+still und fleißig, und mit keinem Menschen verkehrend, gearbeitet hatte,
+spurlos verschwunden; Amerika ist zu groß, solche Leute im Auge behalten
+zu können. --«
+
+»Du guter, barmherziger Gott,« sagte die Frau Pastorin, seufzend die
+Hände faltend, »ich begreife, wie schlechte Menschen einen Anderen
+aus Geldgier oder Rache, oder sonst in böser, sündhafter Leidenschaft
+_morden_ können, aber daß Eltern im Stande sein sollen, ihre _Kinder_
+auf solche Art zu verlassen, begreife ich _nicht_. Das unvernünftige
+_Thier_ thut das ja nicht, sorgt für seine Jungen, und vertheidigt sie
+in Gefahr, und der _Mensch_ soll schlechter sein, als das Thier?«
+
+»Für die Kinder war es ein Glück,« sagte der Pastor, seufzend mit dem
+Kopfe nickend -- »_was_ hätten sie von solchen Eltern gelernt, _wie_
+wären sie von ihnen erzogen worden, und jetzt sind sie bei guten
+Menschen untergebracht und versorgt.«
+
+Ein paar Knaben aus dem Dorfe kamen in diesem Augenblick athemlos an den
+Garten gerannt, rissen die Mützen vom Kopfe, und schauten mit den roth
+erhitzten, dicken, gutmüthigen, jetzt aber jedenfalls durch irgend etwas
+sehr erregten Gesichtern durch die Gitterthür hinein, wo der Geistliche
+saß.
+
+»Was wollt Ihr, Kinder?« sagte dieser freundlich, indem er von seinem
+Sitze aufstand und auf sie zuging.
+
+»Oben am Berge spukt's!« rief aber der Eine von ihnen, in aller Eile
+und Geschäftigkeit ganz den sonst gewiß nicht versäumten Gruß vergeßend
+-- »am schwarzen Steffen seinem Hause geht's um!«
+
+»Am Hause des schwarzen Steffen?« rief Pastor Donner, erstaunt den Platz
+gerade jetzt, wo sie sich selber damit beschäftigt, genannt zu hören
+-- »wer hat Euch den Unsinn weiß gemacht?«
+
+»Ne, wahrhaftig,« rief der Andere betheuernd aus -- »Hollebens Liese und
+Gutegrunds Annamarie haben den Geist von der »stolzen Jule« gesehn, der
+oben herumgeflogen ist.«
+
+Nur mit Mühe bekam der jetzt aufmerksam werdende Geistliche heraus, daß
+zwei Mädchen aus dem Dorfe oben am Wald auf dem kleinen, dem Haus gerade
+gegenüber liegenden Hang gewesen waren, Blumen zu suchen, und an der,
+von den Dorfbewohnern ängstlich gemiedenen Hütte des schwarzen Steffen
+eine Gestalt gesehen hätten, von der sie erklärten, daß sie der Geist
+der »stolzen Jule« sei. Sie habe keine Ruhe im Grabe, und ginge dort an
+der Stelle um, wo sie ein Verbrechen begangen, für das wir in der sonst
+so reichen deutschen Sprache nicht einmal einen Namen haben. Die Hütte
+lag auch noch, gefürchtet und gescheut, unberührt so, wie man die Kinder
+damals darin gefunden, und nur mit dem Bettzeug und dem besten
+Hausgeräth herausgenommen hatte, und die Leute in den Spinnstuben
+erzählten sich Abends schauerliche Geschichten von dem Ort.
+
+Pastor Donner schüttelte ungläubig den Kopf zu der Erzählung, Andere
+aber aus dem Dorf kamen nach, und der Schultze, der von den jungen
+Mädchen selber den Bericht gehört, den sie mit bleichen Wangen und
+zitternden Lippen in's Dorf getragen, folgte den Übrigen, bestätigte dem
+Herrn Pastor, was sich die Leute erzählten, und bat ihn, mit ihm hinauf
+zu gehn nach dem alten Hause, das Gerücht zu widerlegen, das sonst leicht
+mehr Nahrung gewann und von dem abergläubischen Volke ausgeschmückt
+wurde, oder sich zu überzeugen, was Wahres an der Sache sei.
+
+Die Frau Pastorin wollte mit den Kindern ihren Mann begleiten, er bat
+sie aber, zurückzubleiben, und schritt dann, seine Amtstracht ablegend
+und Hut und Stock nehmend, an der Seite des Schultzen durch das Dorf
+hin, den kleinen, mit Unkraut überwucherten und fast verwachsenen
+Pfad hinauf, der zu dem, etwa eine kleine halbe Stunde von Waldenhayn
+entfernten Gebäude führte. Eine Menge der Dorfbewohner schloß sich ihnen
+unterwegs an, sie zu begleiten.
+
+Als sie den Platz erreichten, war Alles todtenstill; nur hie und da
+zwitscherten die Vögel in den Zweigen, und auf dem alten Eichbaum neben
+dem Haus saß ein Rabe, drehte, als er die Menschen auf sich zukommen
+sah, den Kopf scheu nach rechts und links hinüber, und strich dann mit
+seinem tief und unheimlich krächzenden »_krah -- krah_« -- von dem
+Zweige ab, auf dem er gestanden, dem Holze zu!
+
+»Das war sie -- das war sie!« flüsterten die Frauen untereinander,
+indeß sie sich näher zusammendrückten, und scheu nach dem schwarzen
+Galgenvogel hinüberschauten, »jetzt werden sie Nichts mehr finden; die
+ist fort, und in der Nacht kommt sie wieder und sitzt dort auf dem alten
+Dach. Ich gehe nicht weiter mit -- ich auch nicht -- Gott soll mich
+bewahren vor _der_ Stelle, die ewiglich verflucht ist.« rief eine andere
+Frau. »Man sollte Feuer anlegen und das Nest von der Erde vertilgen,«
+sagte Einer der Männer dann, »_ich_ wenigstens möchte nicht einmal einen
+von den Balken in meinem Ofen brennen.«
+
+»Die Thür steht offen, daß sie immer recht bequem aus und ein können,«
+flüsterte wieder eine Andere, »huh, wie mag's da drinnen um Mitternacht
+zugehn -- der Schornstein sieht auch nicht umsonst so gelb und schweflig
+aus, und unsere Annakathrine hat neulich die Irrlichter hier oben wie
+toll herumtanzen sehen.«
+
+Die Leute aus dem Dorf blieben wirklich, als sie den kleinen freien
+Platz vor dem Haus erreichten, scheu an dessen Grenze stehn, und nur
+Pastor Donner schritt, von dem Schultzen begleitet, langsam dem Hause
+selber zu.
+
+»Ich habe schon lange einmal heraufgehen wollen, zu sehn, wie der Platz
+hier eigentlich aussieht,« sagte dieser endlich, »bin aber immer nicht
+dazu gekommen. Hm, wie öde und unheimlich das hier ist -- es wundert
+mich gar nicht, daß sich die Kinder davor fürchten, ist mir's doch
+selber ein ganz eignes, unbehagliches Gefühl hier herzugehn -- es ist
+fast, als ob man eine Richtstätte beträte.«
+
+»Wohl ist es so,« sagte Pastor Donner feierlich und mit halb unterdrückter
+Stimme, als ob er selber sich scheue, an diesem Orte laut zu sprechen.
+»Aber wir wollen hier nicht stehen bleiben; die Leute dort hinten
+murmeln schon miteinander, und glauben sonst, daß wir selber uns
+fürchten, das Haus zu betreten.«
+
+»Aber was sollen wir darin?« sagte der Schultze ausweichend, und es lag
+ihm wirklich Nichts daran, dort hineinzugehen, »'was Lebendiges hält
+sich hier oben nicht auf, sonst hätte der scheue Rabe da nicht im Baum
+gesessen, und an Gespenster glauben wir doch alle Beide nicht.«
+
+»Ich bin einmal oben,« sagte der Geistliche mit seinen eigenen Gedanken
+beschäftigt, denn vor seinen Augen schwebte in diesem Augenblick die
+Scene auf dem Amerikanischen Dampfboot, die ihm in einem früheren Briefe
+der Sohn beschrieben, »und möchte auch das Innere des Hauses sehn, das
+ich seit jenem Tag, wo wir die armen, halb verhungerten Kinder hier oben
+abholten, nicht betreten.«
+
+Langsam schritt er, von dem Schultzen nur widerstrebend gefolgt,
+der Thüre zu, schob diese noch etwas weiter auf, mehr Licht und Luft
+hineinzulassen, und betrat, durch den schmalen dunklen Gang gehend,
+die frühere Stube des »schwarzen Steffen«. Dort aber schrak er selber
+einen Schritt zurück, denn auf dem Boden vor ihm lag ausgestreckt und
+regungslos eine menschliche, weibliche Gestalt.
+
+»Was giebt's? -- was ist?« rief der Schultze, der den unwillkürlich
+ausgestoßenen Ruf des Erstaunens gehört, und auf der Stelle stehen
+blieb, wo er gerade stand, während sich eine Anzahl Burschen aus dem
+Dorfe näher herandrängten, die Frauen und Mädchen aber noch scheuer
+zurückwichen, und sich schon halb zur Flucht wandten.
+
+Pastor Donner winkte aber dem Schultzen langsam und traurig näher zu
+kommen, und als dieser die Schwelle betrat, deutete er nieder auf den
+vor ihm ausgestreckten Körper der Unglücklichen, die Gram und Reue, und
+der nagende Wurm im Herzen wieder herüber, zurückgetrieben hatte durch
+das weite, wilde Land, über das weite Meer, an dem Ort, wo sie so
+furchtbar sich vergangen -- _zu sterben_.
+
+Jetzt rasteten die blutigen, nackten Füße von der weiten Wanderschaft,
+jetzt ruhte das arme Herz, das in Verzweiflung und Gram wohl manche
+lange furchtbare Nacht _die_ Stunde hier herbeigesehnt, mit dem Kopf
+auf den zerfallenen Kasten gestützt, der dem jüngsten Kind in früherer
+Zeit zu seinem Bettchen gedient hatte, aus von seinem Leid und Weh. Der
+Körper selber war abgefallen und mager, die Wangen hohl und dünn, aber
+ein ruhiges, seliges Lächeln zog sich um die bleichen, kalten Lippen,
+die der Tod für immer geschlossen. Was sie verübt, was sie gesündigt,
+sie hatte schwer gelitten -- hatte tief bereut, und wie, als ob die
+Kräfte ihr nur eben noch gehorcht, _die_ Stelle zu erreichen, war hier
+der Tod, ein willkommener lieber Freund, zu ihr getreten, sie zu erlösen
+von ihren Leid.
+
+Neugierig und muthig gemacht, durch das Verweilen der beiden Männer im
+Haus, drängten die übrigen Dorfbewohner jetzt auch nach und nach heran,
+und der Ruf. »die stolze Jule -- die stolze Jule liegt todt im Haus!«
+füllte den kleinen Raum bald mit einem Theil der Schaar, die jedoch die
+Leiche immer noch scheu und furchtsam umstanden. Über ihr aber faltete
+Pastor Donner die Hände und sagte mit leiser, tiefbewegter Stimme:
+
+»Gott hat in seiner Vaterhuld sich Dein erbarmt, Du armes verirrtes Kind
+-- Du hast schwer gesündigt -- schwer und furchtbar, aber auch viel, viel
+gelitten, und Gram und Reue haben ihre Züge mit scharfen Furchen in Dein
+Angesicht gegraben. Er sei Deiner armen Seele gnädig!«
+
+Und seinen Hut abnehmend, welchem Beispiele rasch und scheu alle Übrigen
+folgten, betete er still und brünstig über der abgerufenen Sünderin.
+
+
+
+
+Capitel 10.
+
+Der rothe Drachen bei Heilingen.
+
+Schluß.
+
+
+Im rothen Drachen bei Heilingen herrschte heute ein reges, geschäftiges
+Leben; Kellner liefen und stürzten durcheinander hin, Tische wurden
+gerückt, Stühle getragen, Tischtücher ausgebreitet, und Körbe mit Flaschen
+und Getränken angeschleppt, als ob ein Regiment damit versorgt werden
+sollte. Im Garten, der mit einer Masse Kränze und Blumen und Guirlanden
+geschmückt war, standen noch einzelne Arbeiter, die mit frischem Sand
+bestreuten Gänge von den hineingefallenen Blättern und Zweigen des
+Ausschmucks zu reinigen, und unter einem kleinen, erst kürzlich
+aufgeschlagenen und ganz mit frischen Blumen besteckten und behangenen
+Zelt, lagen eine Reihe breitbauchiger Bierfässer mit eingesteckten
+gefälligen Hähnen, nur der Hand harrend, die sie aufdrehen würde, ihr
+schäumendes, kräftiges Naß zu spenden.
+
+Den Pfad herunter, der von Zurschtel niederführte, kam ein Bettler an
+einer Krücke daher gehinkt. Es war sonst eine breitschultrige, kräftige
+Gestalt, aber mit eingefallenen Backen und hohlliegenden Augen, das
+linke Bein ziemlich dick in alte zerlumpte Tücher und Lappen eingeschlagen,
+und die linke Seite seines Gesichts ebenfalls mit einen schmutzigen Tuch
+verbunden.
+
+Als er die Gartenthür erreichte, blieb er stehen, und sah hinein, betrat
+aber den Garten selber nicht, und schaute still und aufmerksam nach dem
+Haus hinüber.
+
+Den breiten Gang herunter, der von der Guirlanden geschmückten Hausthür
+in gerader Linie nach dem Thore zu führte, schritt der Eigenthümer des
+Grundstücks, Herr Kaspar Helker, nach seinen Arbeitern zu sehn. In die
+Nähe des Bettlers gekommen, zog dieser den Hut ab, und sagte mit
+bittender Höflichkeit:
+
+»Wären Sie wohl so gut, lieber Herr, mir zu sagen was heute hier los ist
+im rothen Drachen, mit all den Kränzen und Blumen, und welches Fest Sie
+feiern?«
+
+»Ja wohl Freund,« sagte Herr Kaspar Helker, den armen zerlumpten Teufel
+dabei mit aufmerksamem, vielleicht nicht besonders befriedigtem Blick
+betrachtend, »Herr von Hopfgarten feiert heute seine Vermählung mit des
+reichen Dollinger jüngster Tochter, die früher, ich weiß nicht, ob Ihr
+die Geschichte kennt, an einen, jetzt gestorbenen, Amerikaner verheirathet
+war.«
+
+»Herr von Hopfgarten -- hm -- Herr von Hopfgarten -- der Name ist mir doch
+gar bekannt; stammt er von hier?«
+
+»Nein, aus dem Mecklenburgischen. -- Kommt Ihr weit her? -- Ihr seht müde
+und krank aus.«
+
+»Sehr weit -- bin aber wohl mehr hungrig und durstig, wie krank,« sagte
+der Mann, mit einem scheuen Blick nach den Brod- und Kuchenkörben
+hinüber.
+
+»So kommt herein und eßt und trinkt,« lud ihn der Wirth freundlich ein,
+»und Ihr habt _mir_ nicht einmal dafür zu danken,« setzte er rasch
+hinzu; »Herr von Hopfgarten hat strengen Befehl gegeben, Niemand heute,
+wer es auch sei, ungespeist von dannen zu lassen. Es ist frei Bier und
+Essen hier im Haus.«
+
+»Hm, da bin ich gerade zur rechten Zeit gekommen,« sagte der Mann, immer
+aber noch zögernd den Garten zu betreten.
+
+»So kommt herein und setzt Euch gleich dort in eine von jenen kleinen
+Lauben,« sagte der Wirth; »die werden heute nicht benutzt und Ihr -- Ihr
+seht eben nicht appetitlich genug aus zwischen den andern Gästen zu
+sitzen. Es soll Euch aber an Nichts fehlen,« fügte er rasch hinzu, »heh
+Wilhelm! besorgen Sie mir einmal für den Alten dort in die Laube ein
+Mittagsessen und Bier.«
+
+»Bier kann ich nicht gut vertragen -- wenigstens nicht gleich auf den
+leeren Magen hinein -- gäben Sie mir einen Schnaps vorher?«
+
+»Auch den sollt Ihr haben -- heh Wilhelm -- ein Glas Kümmel -- aber ein
+großes Glas, und dann dürft Ihr ihm Bier geben, was er trinken will.«
+
+»Danke,« sagte der Bettler, und hinkte an seiner Krücke in den Garten
+hinein. An der Schwelle blieb er noch einmal stehn, und warf einen
+scheuen Blick nach rechts und links, und wandte sich dann der kleinen
+Laube zu, in deren Schatten er verschwand.
+
+»Dort kommen die Wagen!« rief da Einer der Kellner, der vor die Thür
+getreten war, den Weg hinunter zu sehen, »hierher, Herr Helker -- sie
+kommen!«
+
+Der Wirth sprang mit seinem Kellner der Thür zu, die Gäste zu empfangen,
+und die Wagen rasselten unter dem fröhlichen Schmettern der Posthörner
+lustig die Straße herunter.
+
+In dem vordersten saß Herr von Hopfgarten mit seiner jungen Frau, sein
+gutmüthiges Gesicht ordentlich verklärt, seine Augen blitzend in Wonne
+und Seligkeit, und auch in Claras liebe Züge war das frohe, süße Lächeln
+zurückgekehrt, das ihrem Antlitz sonst einen so unwiderstehlichen Reiz
+verliehen. Die düstere trübe Zeit lag hinter ihr, wie ein böser Traum,
+und hell und freundlich glühte wieder das Sonnenlicht auf ihren Weg.
+
+Den zweiten Wagen füllte die Dollingersche Familie, der alte Herr mit
+Frau, Tochter und Schwiegersohn, denn auch Sophie war im vorigen Herbst
+an einen reichen Gutsbesitzer, aber ebenfalls einen alten Bekannten
+von uns, verheirathet worden. Herr Baron von Benkendroff nämlich hatte
+sich nach seiner Rückkehr von Amerika zufällig einige Zeit in Heilingen
+aufgehalten, dort die schöne reiche Kaufmannstochter gesehn und kennen
+gelernt, sich zu gleicher Zeit sterblich in sie verliebt und seine
+Hochzeit, da ihn auch Sophie lieb gewonnen, gleich in demselben Monat
+noch gefeiert.
+
+In den anderen Kutschen, aber alle von mit Blumen geschmückten
+Postillionen gefahren, saßen die Hochzeitsgäste aus der Stadt, bunt
+gemischte, aber fröhliche Menschen, und unter ihnen das gutmüthige
+Gesicht unseres alten Freundes Kellmann, neben der scharfgeschnittenen
+aber heute ebenfalls zufrieden lächelnden Physiognomie seines
+unzertrennlichen Gesellschafters, des Apotheker Schollfeld.
+
+An der Gartenthür von dem Wirth und einer Schaar geschäftiger Kellner
+empfangen, stiegen die jungen Eheleute aus, und begrüßten hier zuerst
+ihre Gäste, und während das, hinter einer künstlichen Blumenhecke
+aufgestellte Militair-Musikchor -- eine Überraschung Kellmanns
+-- plötzlich mit schmetternden Trompeten in Mendelsohns herrlichen
+Hochzeitsmarsch des Sommernachtstraums einfiel, und dem kleinen
+glücklichen Hopfgarten vor Rührung auf einmal die großen hellen Thränen
+in die Augen traten, setzte sich der Zug in Bewegung, dem Hause zu.
+
+Das Mahl ging vorüber, wie derartige Mahlzeiten gewöhnlich thun; eine
+Menge Toaste wurden ausgebracht, und die glücklichen Menschen jubelten,
+lachten und erzählten bis spät am Nachmittag, wo der Kaffee im Garten
+selber servirt werden sollte, und die Gäste dann zusammen in das
+Dollingersche Haus eingeladen waren, wo Herr Dollinger einen kleinen
+Ball für den Abend arrangirt hatte.
+
+Im Garten, bei lustig tönenden Fanfaren, bildeten sich dann kleine
+Gruppen, und Benkendroff, Kellmann und Schollfeld hatten sich nächst
+dem Thor auf dem kleinen Vorbau, wo sie die wundervolle Aussicht nach
+dem grünen herrlichen Thal und den fernen Bergen genießen konnten,
+zusammengefunden ihre Cigarre zu rauchen. Nach einer Weile fand sich
+auch Hopfgarten zu ihnen, sie zu bitten, sich bereit zu halten, da die
+Wagen bald wieder vorfahren würden.
+
+»Wer uns das damals gesagt hätte, Hopfgarten,« rief Benkendroff, seine
+Hand lächelnd auf des Freundes Schulter legend, »als wir auf der
+Haidschnucke zusammen Whist spielten, oder selbst als wir in New-Orleans
+von einander Abschied nahmen, daß wir _heute_ hier _so_ zusammenstehen
+würden.«
+
+»Dem wär' ich schon damals vor Freude um den Hals gefallen, Benkendroff,«
+sagte der kleine Mann mit leuchtenden Augen.
+
+»Es ist eine merkwürdige, mir aber höchst interessante Thatsache,« rief
+da Herr Schollfeld, sich die Hände reibend, »daß _die_ Menschen, die
+einmal in Amerika _gewesen_, und glücklich wieder, ein sehr seltener
+Fall, zurückgekommen sind, sich am wohlsten fühlen. Und trotzdem, trotz
+allen schlagenden Beweisen, will sich dieses unglückselige Menschenkind,
+dieser frühere Kürschnermeister hier, nicht warnen lassen, sondern
+ebenfalls mit einem Leichtsinn, den man kaum einem jungen Menschen von
+achtzehn Jahren verzeihen würde, hinüber nach diesem gottvergessenen
+Lande der Freiheit ziehn, und _das_ nennt er _sich zu Ruhe setzen_. Es
+wäre mehr Verstand darin, wenn er hier Nachtwächter oder Briefträger
+würde.«
+
+»Aber bester Herr Schollfeld,« sagte Hopfgarten, »Sie wissen ja, daß
+er um seine jetzige Braut erst _dort_ angehalten hat, und von Fräulein
+Lobenstein doch nicht verlangen kann herüber _zu ihm_ zu kommen; er muß
+sie doch wenigstens _abholen_.«
+
+»Ich will auch noch gar nicht verschwören, daß ich drüben _bleibe_,«
+sagte Kellmann ruhig, »mir aber jedenfalls die Verhältnisse dort
+ordentlich ansehn. Meines künftigen Schwagers, Georg Donners, Beschreibung
+des dortigen Landes lautet keineswegs entmuthigend; von anderer Seite
+habe ich ebenfalls recht gute Berichte über das wirkliche Farmerleben
+gehört, und kann ich mir dort mit meinem Capital, und von dem Rath
+meiner guten Freunde unterstützt, eine ruhige, _glückliche_ Stellung
+gründen, warum nicht? -- Freund Schollfeld müssen Sie aber viel zu gut
+halten, mein lieber Herr von Hopfgarten; er ist als ein Antiamerikaner
+hier schon bekannt.«
+
+»Und hab' ich nicht recht?« rief dieser hitzig, »hatt' ich nicht recht
+auch mit jenem lebendigen Loblied Amerikas, jenem Weigel, der
+Betrügereien halber landesflüchtig werden mußte.«
+
+»Das war ein einzelner Lump und kann nicht als Maasstab gelten,« sagte
+Kellmann.
+
+»Lassen Sie das gut sein,« nahm Benkendroff hier des Apothekers Parthie,
+»Herr Schollfeld hat sehr gediegene und vernünftige Ansichten über
+Amerika, und Sie werden mir zugeben, daß _ich_ ebenfalls im Stande bin
+ein Urtheil darüber zu fällen; ich kenne das Land aus Erfahrung, aus
+eigener, persönlicher Anschauung.«
+
+Hopfgarten wechselte mit Kellmann einen gutmüthig lächelnden Blick, und
+sagte, sich an diesen wendend:
+
+»Wie kommt es nur, daß Sie Fräulein Lobenstein, wenn Sie dieselbe schon
+so lange geliebt haben, von hier fortziehen ließen, ohne ihr Ihr Herz zu
+öffnen?«
+
+»Weil es ein wahnsinnig, unnatürlich verschämter Kürschnermeister war,«
+rief Schollfeld, die Antwort für seinen Freund aufnehmend, »wie
+Lobensteins hier fort waren, ging er herum wie ein begossener Pudel,
+sprach mit Niemandem, trank nicht mehr, schnitt ein Gesicht, als ob er
+Äpfelwein getrunken hätte, und wollte keinem Menschen Rede stehn, beinah
+zwei Jahre lang. Endlich bekam ich's heraus, und da gestand er mir, daß
+er -- sehn Sie sich den Menschen einmal an -- _keine Courage hätte_ den
+Schritt zu wagen, obgleich er selber fast hoffe, Anna Lobenstein sei
+ihm nicht ganz abgeneigt. Da hört denn doch Alles auf. Na ich nahm ihn
+dann ordentlich in's Gebet, schon meiner selbst willen, denn es ist ja
+langweilig mit einem solchen verliebten Kopfhänger umgehn zu müssen.
+Er ließ sich auch endlich überzeugen, und ist mir nachher, wie er den
+Zusagebrief erhielt, um den Hals gefallen, und hat mich »sein liebes
+Schollfeldchen« genannt -- und so ein Mensch will nach Amerika.«
+
+Die Männer lachten über Schollfelds komischen Eifer und Hopfgarten
+sagte, noch immer lächelnd. »Sie reden gerade als ob Amerika ein
+_Unglück_ wäre.«
+
+»Ist es auch,« rief Schollfeld hitzig, »ist es auch, und der arme Teufel,
+der Ledermann, sonst so ein netter, rechtschaffener Kerl, wußte wohl,
+was er that. _Der_ hätte auch nach Amerika gehn können, aber was ich
+ihm darüber die ganze Zeit vorgepredigt, hatte gute Früchte getragen;
+er sprang lieber in's Wasser, Ruh zu haben, ehe er solch verzweifelten
+Schritt that. Ist mir übrigens doch Leid um ihn, und ich hätte ihm etwas
+Besseres gewünscht -- das verfluchte Spiel.«
+
+»Seine Frau ist noch in Heilingen?« sagte Hopfgarten.
+
+»Ja,« sagte Schollfeld mürrisch, »will aber wirklich dieses Frühjahr mit
+ihrem Bruder auswandern. Das ist auch so ein Lump, hat zweimal Bankerott
+gemacht, und nun natürlich nichts Gescheuteres zu thun, als daß er nach
+Amerika geht. Solche Leute gehören auch dorthin, aber vernünftige und
+rechtschaffene Menschen sollten besser wissen, was sie sich und ihren
+Familien schuldig wären.«
+
+»Apropos, lieber Kellmann,« sagte Hopfgarten da plötzlich an diesen
+gewandt, »erinnern Sie mich doch daran; ehe Sie fortgehn, möchte ich
+Ihnen noch ein paar Zeilen an einen sehr lieben Freund von mir, einen
+Herrn _Fortmann_ in New-Orleans, mitgeben; er kann Ihnen dort von Nutzen
+sein.«
+
+»Ich danke Ihnen, ich werde es nicht vergessen -- Sie haben ja wohl
+heute Briefe von dort bekommen?«
+
+»Ja -- eben von Fortmann. Das wird Sie auch interessiren; Sie wissen
+doch, daß der arme, unglückliche Loßenwerder eine Schwester hatte?«
+
+»Lieber Gott,« sagte Kellmann, hinauf auf die Straße deutend, »an
+_dieser_ Stelle trafen wir das arme Kind, Ledermann und ich, an jenem
+Abend, wo sie hier allein und zu Fuß in die Stadt kam, und noch keine
+Ahnung von der furchtbaren Nachricht hatte, die ihrer wartete. Es geht
+ihr gut jetzt, wie Sie uns schon früher sagten.«
+
+»Besser jetzt wenigstens wieder -- Fortmann schreibt mir eben, daß außer
+der bei dem Raubanfall erlittenen Mishandlung Schreck und Aufregung sie
+so ergriffen hätten, sie lange Monate an ihr Lager zu fesseln. Hamann
+hat auch deshalb besonders sein Geschäft aufgegeben, und sich weiter den
+Strom hinauf in ein gesünderes Klima gezogen. Der Nachlaß seines Vaters
+ergab übrigens, wie es scheint, ganz unerwarteter Weise, ein gar nicht
+geahntes, höchst bedeutendes Vermögen, das der alte Geizhals von dem
+Schweiß und Blut armer Auswanderer zusammengescharrt. An Aktien und
+Papieren, Geld und Juwelen, ganze Säle voll Leinwand und anderen Sachen
+gar nicht gerechnet, fanden sich weit über hunderttausend Dollar. Der
+junge Hamann ist aber ein braver, rechtschaffener Kerl, der gern wieder,
+wenigstens einen Theil dessen gut machen möchte, was sein Vater schlecht
+gemacht, und Fortmann schreibt mir eben, daß er, besonders von seiner
+Frau dazu angeregt der Stadt New-Orleans die volle Hälfte des ganzen
+Vermögens zur Verfügung gestellt habe, wenn sie das andere Geld zuschießen
+und ein großes Auswanderungshaus, das unter städtischer Aufsicht steht,
+gründen wolle, wo der Einwanderer vor Betrug sicher sei, und der arme
+hülfsbedürftige Arbeiter auf eine gewisse Zeit, seinen ersten Aufenthalt
+zu decken, selbst unentgeldlich Obdach und Nahrung fände. Wenn es zu
+Stande käme, wäre es ein Segen für Tausende, und New-Orleans, als
+Theil der Staaten, erfüllte damit nur eine schon längst schwer auf ihm
+gelegene Pflicht der Hafenstädte, Tausende von Unglücklichen, die nach
+Amerika kamen, dem Lande ihre Kräfte zu weihen, vor Verderben und
+Untergang, wenigstens vor grenzenloser Noth zu bewahren. Gott gebe
+seinen Segen dazu.«
+
+»Wie wunderbar doch Gottes Wege sind,« sagte Kellmann, langsam mit dem
+Kopf dazu schüttelnd; »das arme Kind, das wenige Jahre früher, ohne
+einen Groschen, seine Nachtherberge zu zahlen, barfuß hier die Straße
+wanderte, verfügt jetzt über Tausende, und sucht Schmerz und Elend zu
+lindern, das sie selber ja so schwer aus ihrem eigenen Leben kennt.«
+
+»Da kommen die Damen,« sagte von Benkendroff, der sich für die Leute
+nicht im mindesten interessirte, und indessen langsam seinen Kaffee
+getrunken und seine Cigarre geraucht hatte, »Schwiegermama scheint
+aufbrechen zu wollen, die Anordnungen zum Ball zu revidiren. Dort
+rasseln auch schon die Wagen heran,« rief er seine Cigarre wegwerfend,
+»also meine Herren, auf Wiedersehn heute Abend.«
+
+Die Kutschen kamen jetzt, unter dem fröhlichen Hörnerschmettern des
+Postillions, um die Gartenwand gefahren und die erste hielt vor dem
+Thor, in die Hopfgarten wieder, als Ehrenpaar den Zug anzuführen, seine
+junge, lächelnde Frau hineinhob, und dann Platz an ihrer Seite nahm.
+Langsam fuhr dann der Postillion voraus, bis sämmtliche Gäste ihre Sitze
+eingenommen hatten, und der ganze Zug unter dem Hurrahgeschrei der
+sämmtlichen Dorfbewohnerschaft, der ebenfalls für den Abend hier draußen
+ein Fest bereitet worden, rasch die Straße nach Heilingen hinabrollte.
+
+Der Wirth hatte seine »innigsten Glückwünsche« sämmtlich angebracht, und
+seine tiefen und freundlichen Bücklinge noch gemacht, bis der letzte
+Wagen schon lange sein Grundstück passirt war, drehte sich dann mit
+demselben freundlichen Gesicht um, gab einem der in die Lehre genommenen
+jungen Kellner, der mit offenem Maule neben ihm stand, eine Ohrfeige,
+und schickte den darüber auf's Äußerste Erstaunten an seine Arbeit, und
+lief selber in das Haus zurück, das Wegräumen der nicht getrunkenen
+Weine zu überwachen.
+
+Nur der Oberkellner blieb, sich vergnügt die Hände reibend, und mit
+schmunzelnden, ein vortreffliches Trinkgeld verrathendem Antlitz noch
+einen Augenblick in der Thüre stehn, bis auch die letzte Staubwolke auf
+der Straße verschwunden war, und wandte sich eben, seinem Principal zu
+folgen, als der alte Bettler, der bis dahin vollkommen unbeachtet in
+der dichten Laube gesessen hatte, daraus hervor und auf ihn zu hinkte,
+den Garten zu verlassen.
+
+»Nun, Alter, hat's geschmeckt?« sagte der Oberkellner mit einem
+huldvollen Lächeln ihm zunickend -- »seid Ihr satt geworden?«
+
+»Vollkommen, Gott lohn' es Ihnen!« seufzte der Mann und strich sich mit
+der Hand über das Gesicht -- »aber eine Frage hätt' ich noch, die Sie
+mir wohl beantworten können. Jener Herr von Hopfgarten --«
+
+»Ja?« frug der Kellner, die Augen fest zusammenpressend, und sich wieder
+aus Leibeskräften die Hände reibend -- »der eben fortfuhr?«
+
+»Ja, derselbe -- war der Herr auch schon einmal in Amerika?«
+
+»Der? -- nun ja, gewiß; auf der Hinreise hat er ja seine jetzige Frau,
+die frühere Madame Henkel kennen lernen.«
+
+»Hm -- ja _Henkel_,« wiederholte der Mann leise vor sich hin.
+
+»Dort hat er auch,« fuhr der Kellner, seinem Ideenlauf folgend, der ihn
+besonders interessiren mochte, fort -- »den früheren Wirth hier vom
+rothen Drachen, den Lobsich, gefunden, der in Milwaukie ebenfalls einen
+rothen Drachen errichtet hat. Bei Tisch erzählte er uns die Geschichte
+-- hahahahaha -- es war zu komisch. Na adieu Alter -- glücklichen
+Marsch,« und den Mann in der Thüre stehn lassend, ging er vor allen
+Dingen in die Laube, wo jener gesessen, zu sehn, ob er auch weder Messer
+noch Gabel mitgenommen und schoß dann, wieder wie vorher die Hände
+reibend, als ob er sie in Feuer bringen wollte, nach dem Speisesaal
+hinüber.
+
+Der Bettler drehte sich langsam ab von ihm.
+
+»'S ist mir doch 'was Unbedeutendes!« flüsterte er leise und tief
+aufseufzend vor sich hin, und hinkte, während ihm eine große Thräne über
+die eine offene Backe hinunter und in das Tuch lief, dem nicht mehr
+fernen Heilingen zu.
+
+
+
+
+FUSSNOTEN -- FOOTNOTES
+
+
+ 1: In Arkansas kann und darf kein Ansiedler wegen irgend welcher
+ Schulden gepfändet werden, wenn er nicht mehr hat, als ihm das
+ Gesetz an Eigenthum gestattet und für seine Existenz für nöthig
+ hält. Seine Wohnung, sein Bett, seine Büchse, sein Ackergeräth,
+ sein Pferd und zwei Kühe dürfen nicht angerührt werden, und
+ so gerecht und wohlthätig das Gesetz auch sein mag, läßt sich
+ denken daß es manchmal gemißbraucht wird, indem der Farmer sein
+ »überzähliges Vieh« nur auf kurze Zeit zu verleugnen und einem
+ andern Nachbar zuzusprechen braucht.
+
+ 2: Ich frug einst in Arkansas die Frau, in deren Hause ich wohnte, eine
+ geborene Irländerin und sonst ganz vernünftige, brave Matrone, die
+ ebenfalls dieser Sekte angehörte, ohne jedoch selber jemals vom
+ »Geiste befallen zu werden,« ob sie denn wirklich glaube, daß die
+ in solchen Zustand verfallenden Menschen etwas Derartiges ohne
+ ihren freien Willen, ohne jede Absicht thäten, und also wirklich
+ begeistert würden? -- worauf sie mir antwortete: »Ja! -- ich habe
+ auch früher geglaubt, die Menschen verstellten sich, wenn ich mir
+ auch den Schaum auf den Lippen nicht erklären konnte; ich dachte
+ aber doch, der _Wille_ des Menschen vermöchte auch dieß zu
+ bewirken, und so sehr mich die Religion der Methodisten erfaßte
+ und zu sich hinzog, so sehr schreckte mich diese Begeisterung, die
+ ich für Heuchelei hielt, zurück. Da kam ich eines Abends auch aus
+ einer solchen Versammlung zu Hause, und war recht traurig, uneinig
+ mit mir selber; ich wußte nicht was ich thun, was lassen sollte,
+ und bat den lieben Gott noch unterwegs recht inbrünstig, er solle
+ mir ein Zeichen geben. Als ich mein Haus betrat hörte ich ein
+ Flattern und mit den Flügeln Schlagen; ich hatte ein paar kleine
+ zierlich gefleckte Hennen, die oft zu mir ins Haus (das Zimmer
+ ist in Arkansas gewöhnlich gleich das ganze Haus) kamen, und die
+ Brosamen aufsuchten. Ich sah mich danach um, und fand das eine von
+ den beiden Hühnern unter dem Bett, anscheinend in Krämpfen, mit
+ den Flügeln schlagend, mit den Beinen strampelnd, die Augen
+ verdrehend, gerade wie ich die Bewegungen bei den Begeisterten
+ gesehen hatte, und -- es gab mir ordentlich einen Stich in's Herz
+ -- mit Schaum am Schnabel. _Da_ war ich überzeugt; das Huhn -- ob
+ sich die Menschen verstellten -- das Huhn verstellte sich _nicht_;
+ _das_ war Natur; der Zustand _war_ also natürlich, er existirte,
+ und von dem Augenblick an beschloß ich zu dieser Sekte
+ überzutreten.«
+
+ 3: Das Prairiehuhn ist ein Mittelding etwa zwischen dem wilden Truthahn
+ und Rebhuhn; es erreicht die Größe eines gewöhnlichen Haushuhns, hat
+ aber einen ziemlich langen Hals und befiederte Stender, den kurzen,
+ niedergekehrten Schwanz aber vom Rebhuhn. Das Fleisch ist nicht
+ besonders, ziemlich dunkel und leicht zäh; nur die Brust ist gut,
+ doch trocken zu essen. Sie finden sich in ungeheueren Mengen über
+ die ganzen Prairieen von Illinois, und schaaren sich im Winter
+ besonders zu Völkern von vielen hunderten zusammen. Aufgescheucht
+ gehen sie aber ziemlich weit, ehe sie wieder einfallen, und
+ verlangen einen tüchtigen Schuß und schweren Schroth, erlegt zu
+ werden.
+
+ 4: Zweites Frühstück
+
+ 5: Sie sind mein Gefangener.
+
+ 6: Fertig für die Hölle!
+
+
+
+
+TRANSCRIBER'S NOTE -- ZUR KENNTNISNAHME
+
+The original text is printed in Fraktur type, with Roman type being
+used for foreign terms or quotations. The symbol # has been used to
+highlight these in this plain text version.
+
+Das Original wurde in Fraktur gedruckt, während Antiqua für
+fremdsprachliche Ausdrücke und Zitate diente. Diese wurden in
+dieser Textfassung mit dem Symbol # hervorgehoben.
+
+Contemporary spellings have generally been retained even when
+inconsistent. A small number of obvious typographical errors have been
+corrected and some names regularised; missing punctuation has been
+silently added.
+
+Zeitgenössische Schreibungen wurden generell beibehalten, auch wenn
+gelegentlich mehrere Variaten auftauchen. Einige wenige orthografische
+Fehler wurden korrigiert und Namen vereinheitlicht; fehlende
+Zeichensetzung wurde ergänzt.
+
+The following additional change has been made:
+
+Die folgende zusätzliche Änderung wurde vorgenommen:
+
+ das junge, ängstlich umherschauende das junge, ängstlich umherschauende
+ und ihrem Glück noch immer nicht und _seinem_ Glück noch immer
+ trauende Mädchen nicht trauende Mädchen
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 30289 ***