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diff --git a/30281-0.txt b/30281-0.txt new file mode 100644 index 0000000..ca6be7b --- /dev/null +++ b/30281-0.txt @@ -0,0 +1,9792 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 30281 *** + + 16. bis 20. Tausend + + + + + Leonhard Frank + Die Räuberbande + Roman + + + 1922 + Im Insel-Verlag zu Leipzig + + Copyright 1914 by Insel-Verlag in Leipzig + + Lisa Ertel gewidmet + + + + +Erstes Kapitel + + +Plötzlich rollten die Fuhrwerke unhörbar auf dem holprigen Pflaster, die +Bürger gestikulierten, ihre Lippen bewegten sich -- man hörte keinen +Laut; Luft und Häuser zitterten, denn die dreißig Kirchturmglocken von +Würzburg läuteten dröhnend zusammen zum Samstagabendgottesdienst. Und +aus allen heraus tönte gewaltig und weittragend die große Glocke des +Domes, behauptete sich bis zuletzt und verklang. + +Die Unterhaltungen der Bürger und die Tritte einer Abteilung verstaubter +Infanteristen, die über die alte Brücke marschierten, wurden wieder +hörbar. + +Über der Stadt lag Abendsonnenschein. + +Ein roter Wolkenballen hing über der grauen Festung auf dem Gipfel, und +im steil abfallenden königlichen Weinberg blitzten die Kopftücher der +Winzerinnen -- die Weinernte hatte begonnen. + +Es roch nach Wasser, Teer und Weihrauch. + +Ein paar Knaben, die lachend und schreiend »Nachlauferles« spielten, um +die zwölf mächtigen Brückenheiligen aus Sandstein herum, vom heiligen +Kilian zu Totnan, und von da zu Pipinus, standen erschrocken still und +versteckten sich hinter Sankt Colonatus, denn Herr Mager, der +Volksschullehrer und Tyrann vieler Generationen Knaben, schritt über die +Brücke. + +Bei jedem Schritt schob er die rechte Schulter vor und stieß mit +Vehemenz seinen Spazierstock aus Weichselholz, an dem ein Riemchen hing, +aufs Pflaster. Erzürnt sah er sich um, seine kleinen Apfelbäckchen +spannten sich. Er hatte einen der Knaben erkannt. Die schlichen betreten +davon. Ihr morgiger Sonntag war verhängt von der Schulstunde des +Montags. + +Der Lehrer war gefürchtet. + +Seine Technik im Strafen war aufs feinste ausgebildet. Keiner traf so +sicher wie er mit dem Rohrstock die Fingerspitzen, immer genau dieselbe +Stelle, daß die Fingerspitzen schwollen und blau anliefen. Unverhofft +mit dem Rohrstock auf den Handrücken zu schlagen, liebte er. Und zöbelte +er einen Jungen, so faßte er die feinsten Härchen an der Schläfe. +Benötigte er einen neuen Rohrstock, dann mußte der Junge, welcher Prügel +zu bekommen hatte, selbst eine Anzahl Stöcke zur Auswahl beim Kaufmann +holen. Herr Mager untersuchte lange und sorgfältig, beroch die Stöcke, +hieb sie durch die Luft und horchte auf das Pfeifen, wählte den dünnsten +und zähesten, präparierte ihn erst, indem er das Ende spaltete, und der +gewollte Erfolg war, daß der Stock beim Schlagen Blutblasen in die +Fingerspitzen zwickte. + +Die Furcht der Knaben umgab Herrn Mager wie eine Wolke, sein Leben lang. +Und es kam vor, daß vierzigjährige Männer, frühere Schüler von ihm, +erschrocken zur Seite wichen, wenn sie ihn des Weges kommen sahen. + +Am letzten Tage, wenn er seine Schüler aus der Volksschule entlassen +mußte, gab er ihnen die Angst mit auf den Lebensweg: »Wir sind noch +nicht fertig miteinander«, sprach er und lächelte. »In der +Fortbildungsschule habe ich euch wieder, und wer von euch zu den +>Neunern< einrückt, den bekomme ich noch einmal als Rekrut. Denn auch da +unterrichte ich.« Und dann erst war die Klasse entlassen. + +Herr Mager blieb auf der Brücke stehen und sah auf die beleuchtete Uhr +vom »Spitäle«, einer kleinen Kirche im Mainviertel, deren Vorderfront +gegen den Brückenberg steht. + +Nach zwei Jahre langen Verhandlungen und vielem Streit war von den +Würzburger Stadtvätern der Jahresetat von zwanzig Mark für die +Nachtbeleuchtung der Uhr bewilligt worden. + +Heute zum ersten Male leuchtete das Ziffernblatt. Sogar schon am Tage, +denn die Sonne war noch nicht unter. + +Herr Mager freute sich. Er hatte für Beleuchtung gestimmt. Er war für +den Fortschritt. + +Ein Fischer mit violett angelaufener Stülpnase und rotem +Schnurrbart, der erst bei den Mundwinkeln begann und zwei buschigen +Eichhornschwänzchen glich, stand vor dem »Spitäle« und ein alter +Polizeiwachtmeister mit kurzen Säbelbeinen. + +»A richtje Uhr muß beleucht sei! Das sag i!« rief der Fischer und +schnitt mit einer Handbewegung jede Erwiderung ab. »Was nützt uns denn a +ubeleuchte Uhr! Bei der Nacht sin alle Menschen schwarz . . . Jau, so a +Gaudi, zwä Jahre brauche sie dazu.« Er steckte die Hände in seine +gestrickte, blaue Wolljacke, wandte sich weg und sah, die Unterlippe +grimmig vorgeschoben, den Brückenberg hinauf. + +Auf die Kirche zu kam mühsam atmend ein großmächtiger Pfarrer, dessen +ausgeprägte Rückenverlängerung sich stark hin und her bewegte, denn er +hatte Plattfüße. Ein kleines Mädchen sprang zu ihm hin: »Gelobt sei +Jesus Christus«, knickste und gab ihm die Hand. + +»In Ewigkeit. Amen.« Der Pfarrer schlug das Kreuz und hielt Herrn Mager +seine Horndose hin. Herr Mager nahm eine Prise, tat, als schnupfe er, +und ließ den Tabak in seine Tasche fallen. + +»Gestern nacht ham mir die Sakramentslumpe an dreipfündige Hecht aus +mein neue Sandschiff g'stohle, mitsamt'n Blechkaste«, rief der rote +Fischer. »Wenn i so 'n Malefizhamml erwisch, dem dreh i . . . rrracks! +die Gurgl um.« Er hielt dem Wachtmeister die Faust unter die Nase. Die +Adern an seinem Halse schwollen. + +Das silberne Klingeln der Ministranten tönte aus der Kirche. Herr Mager +beugte das Knie und hob erbleichend die Arme, taumelte gegen die +Kirchenmauer: ein durchgegangenes Pferd war auf ihn zu galoppiert, stieg +vor ihm in die Höhe und raste den Brückenberg hinauf. + +Der Wachtmeister riß die Waffe heraus und rannte, den Säbel hocherhoben, +dem Pferde in großem Abstand über die Brücke nach. + +Eine graue Dogge mit heraushängender Zunge überholte ihn und sprang +freudig bellend am Pferde empor, das hinter einem hochbeladenen Heuwagen +stehen geblieben war und Heu herauszupfte. Dogge und Pferd gehörten +einem Besitzer. + +Bürger umringten den erhitzten Polizeiwachtmeister. Der Heuwagenkutscher +trat auch hinzu, tätschelte dem durchgegangenen Pferde den Hals. Es hob +den Schwanz -- die Bürger traten zurück. Und wieder zusammen. + +Die Dogge umraste den Heuwagen und die Bürger, die das heufressende +Pferd umstanden und ihre Pfeifen stopften. Man unterhielt sich weiter. + +Drei Brückenheilige entfernt stand ein Knabe, das Gesicht zum Himmel +gerichtet, ließ eine Leberwurst in den Mund gleiten und zog die leere +Haut langsam wieder heraus in die Höhe. + +Ein kleiner Student, die grüne Mütze im Nacken, schritt mit winzigen +Schrittchen sehr schnell an ihm vorbei und blickte streng aufwärts zur +Festung, deren viele Fenster glühten, vom letzten Sonnenschein +getroffen, als müßten unvermittelt die Flammen heraus in den abendlichen +Himmel schlagen. + +Erschrocken, als habe er unverhofft Sägemehl anstatt Wurstfülle in den +Mund bekommen, standen die Kinnbacken des Knaben still. Voller Grauen +starrte er auf seine zweite Leberwurst, trat hinter den heiligen Kilian +und steckte den Finger in den Mund. Befriedigt blickte er auf den +Mageninhalt. + +Die über seinem Zeigefinger hängende zweite Leberwurst wie eine +gefährliche Giftschlange vor sich hertragend, ging er langsam weiter, +den Knaben entgegen, die vor Herrn Mager geflüchtet waren. + +»Winnetou, da kommt der Duckmäuser mit einer Leberwurst«, sagte einer +der Knaben, und sein Mund blieb offen, rund und schwarz wie ein +Mauseloch. + +»Wo denn, Rote Wolke? Wo denn?« + +»Dort, beim heiligen Kilian.« + +»Laßt ihn, der bildet sich sonst noch ein, wir verkehrten mit ihm.« + +»Wenn er doch eine Wurst hat.« + +»Wer gibt mir was für die Wurst?« fragte der Duckmäuser zaghaft. + +Nachdenklich blickten die Knaben auf die Leberwurst über dem +Zeigefinger. Winnetou bot nach langem Besinnen einen Pfennig, zog aber +die Hand, mißtrauisch geworden, sofort wieder zurück, als er die Wurst +wirklich so billig bekommen sollte. »Gelt, es ist etwas nit richtig mit +der Wurst?« + +»Sie ist ganz frisch, vom Metzger Fritz. Die andere hab ich schon +gegessen.« + +»Sag erst: Auf Ehr und Seligkeit; sonst glaub ich's nit.« + +»Auf Ehr und Seligkeit, die Wurst ist frisch.« + +»Winnetou, jetzt kannst sie kaufen«, riet man ihm. + +Winnetou kaufte die Leberwurst, richtete das Gesicht zum Himmel und +wollte sie in den Mund gleiten lassen. + +»Halt! Fasttag!« schrie der Duckmäuser und lachte. »Fasttag ist heute. +Sonst hätte ich meine Wurst selber gegessen.« + +Bestürzt streckte Winnetou die Wurst zurück. + +Aber der Duckmäuser nahm sie nicht. + +»Eine Wurst hast du doch schon gegessen? Dann hast du eine Todsünde +begangen«, sagte Winnetou langsam, in tiefem Entsetzen. + +Winnetous Familie war streng katholisch. In seinem uralten Vaterhause +brannten die ewigen Lichtchen Tag und Nacht vor den Betpulten. + +»Gegessen hab ich sie, aber wenn du willst, kann ich dir zeigen, wo sie +jetzt ist. Beim heiligen Kilian liegt sie.« + +Betroffen blickte Winnetou den Duckmäuser an, hing die Leberwurst +resolut über die große Zehe des heiligen Kilian. Und stürzte sich auf +seinen Gegner. + +Der Bürgerkreis öffnete sich. Der Polizeiwachtmeister führte das Pferd +heraus und sprang energisch von ihm weg zum Knabenknäuel. + +Die Dogge holte die Wurst vom heiligen Kilian herunter. Das Pferd sah +sich um, stieg mit dem Hinterteil in die Höhe und galoppierte, von der +Dogge umrast, in mutwilligen Sprüngen über die Brücke heim. + +Die Knaben waren geflüchtet. Der Polizeiwachtmeister stand plötzlich in +einer schwarzen Rauchwolke und schimpfte hustend zum Dampfschlepper +hinunter, es sei verboten, bei der Brücke Rauch abzulassen. + +Der Schlepper glitt mit gekapptem Schlot langsam durch den Brückenbogen. +Der Wachtmeister stieß seinen Säbel in die Scheide und sah sich barsch +um. Die Brücke war leer. + + * * * * * + +In der Werkstatt des Mechanikers Tritt drückten sich die Lehrjungen +ängstlich herum und sahen auf die Uhr. Der Geselle war schon lange +fortgegangen, die Werkstatt war peinlich sauber aufgeräumt, die drei +kleinen Drehbänke blinkten, auf dem Fußboden hätte man essen können. + +Aber der Meister war noch immer nicht gekommen, um die Erlaubnis zum +Fortgehen zu geben. + +»Oldshatterhand«, der jüngste der Lehrlinge, stand Wache, um die anderen +benachrichtigen zu können, wenn der Meister ankam. Interessiert holte er +aus der Tasche seines Mechanikerkittels eine kleine Feile und feilte an +seinen schwarzen Fingernägeln herum. Dann suchte er weiter in der +Tasche, zog einen Klumpen ölige Putzwolle heraus, aus der sich eine +Pflaume und ein rundes Handspiegelchen schälten. Die Pflaume steckte er +in den Mund; das Spiegelchen rieb er heftig am Schenkel sauber und +reflektierte damit die Sonne einer Köchin ins Gesicht, die im vierten +Stock aus dem Fenster sah. + +Erschrocken stürzte er von der Schmiede in die Werkstatt. Der Meister, +ein Mann mit gepflegtem rotem Spitzbart und kalten, grünlichen Augen, +schritt durch den Hof, mit seiner dreizehnjährigen Tochter am Arm. + +Der älteste Lehrling rieb heftiger an einem Stück Werkzeug, das er schon +seit einer Stunde rieb, immer wieder mit Öl einstrich und rieb, und sah +manchmal von unten herauf nach dem Meister, der jetzt an einer der +Drehbänke lehnte und in der Zeitung las. Es war sehr still, man hörte +nur das Reiben. + +Der Meister sah langsam auf und starr auf den Reibenden, der den Kopf +senkte. Die anderen Lehrbuben standen atemlos in den Ecken. + +Oldshatterhand verrückte die schon geradeliegenden funkelnden Zangen, +Hämmer und Pinzetten auf der Werkbank um Millimeter. + +Der Meister schritt auf ihn zu und sah, den Mund schiefgezogen, auf ihn +hinunter. + +Gebannt ließen Oldshatterhands Hände ab vom Werkzeug. + +»Was soll denn das!« + +»Ich le . . . leg das We . . . Werkzeug gr . . . gr . . . grad.« + +»Ist das eine Arbeit? . . . Stotterndes Kamel!« Der Meister hatte seinen +Blick in Oldshatterhands vergrößerte Augen eingehackt. »Was bist du?« + +Oldshatterhand wurde blutrot. + +»Was bist du!« + +»Ein st . . . stotterndes Ka . . . Ka . . . Kamel.« + +»Was reibst du denn! Schafskopf!« schrie unvermittelt der Meister den +ältesten Lehrjungen an und biß auf seine Unterlippe. »Geht doch zum +Teufel! . . . Eselsbande!« + +Das Mädchen schmiegte sich an ihren Vater an und lächelte höhnisch. Die +Jungen entfernten sich lautlos. + +Oldshatterhand ging durch die Kaiserstraße. Vor einer Feinbäckerei blieb +er stehen, sah die Kuchen an und schloß manchmal die Augen, um besser +riechen zu können; denn von unten aus dem Keller, wo der Backofen war, +stieg durch das eiserne Gitter der warme, süße Kuchenduft. + +Oldshatterhand hatte es schlecht getroffen im Leben. Sein Vater war ein +armer Mann. Und vom Schultyrannen Mager war Oldshatterhand zum Tyrannen +Tritt geraten. + +Nach einem letzten lüsternen Blick auf die Kuchen machte er sich auf den +Heimweg. + +Vor ihm ging langsam ein Fremder und betrachtete die alten Häuschen. Er +hatte einen Gummimantel an. Oldshatterhand blickte auf ihn, ging +unauffällig um ihn herum, und immer wenn der Fremde stehen blieb, blieb +auch Oldshatterhand stehen, sah auf das Häuschen, auf den Fremden +zurück. Seine Wünsche glitten aus der verhaßten Gegenwart in die +Zukunft. Seine Sehnsucht ließ ihn zum Fremden werden. + +»Bitte schön, wo ist die Domstraße?« fragte der Fremde einen Bürger und +ging in der angezeigten Richtung fort. + +Auf den Zehenspitzen balancierend, bewegte Oldshatterhand den Oberkörper +hin und her, um den Fremden so lange wie möglich sehen zu können. + +Ein Mann mit einem Fensterflügel auf der Schulter kam auf ihn zu. + +»Sie . . . Sie!« + +Der Mann blieb stehen. + +»Kö . . . können Sie mir nicht sagen, wo die Domstraße ist? . . . Ich +bin fre . . . fre . . . fremd in Würzburg.« + +Verblüfft sah der Mann Oldshatterhand an. »Du bist doch der Sohn vom +Schreiner Vierkant . . . Du Lausbub! Dir geb ich . . .« Er hob die Hand. +Oldshatterhand wich zurück und sah zwischen Lachen und Weinen dem Manne +nach. + +Beim Julius-Echter-Denkmal holte er seine Mutter ein, eine kleine, dicke +Frau mit nachdenklichem Gesicht, worin die klugen, guten Augen über Last +und Sorgen und Auswegen nachsannen. Unvermittelt konnten die Furchen der +Sorge in ihrem Gesicht sich in Linien der Güte verwandeln. + +Sie schleppte einen großen Henkelkorb, dessen Deckel klaffte, so daß die +Kleider, die der Korb barg, zu sehen waren. »Sechs Mark waren diesmal +drauf. Und siebenundzwanzig Pfennig Zinsen hat er mir abgenommen . . . +Fünf Mark muß ich dem Vater geben, für Vesper- und Ausgehgeld, bleiben +mir von seinem Lohn drei Mark für die ganze Woche. Und damit soll ich +Essen für vier Kinder und einen Mann auf den Tisch stellen . . . Die +Hausmiete ist auch schon fällig. Wenn ich nur einmal nimmer leben tät.« + +Oldshatterhand schwieg eine Weile und fragte dann, was es heute abend +gäbe. + +»Für'n Vater hab ich a Täuble«, sagte die Mutter und stellte ihren Korb +ab. »Er ißt's doch so gern . . . Ja no, er muß ja die ganze Woche hart +arbeiten . . . Und wir, wir trinken halt unsern Kaffee. Trägst mir e +bißle helf? . . . Siehst, das ist für dich.« Sie holte aus dem Korb ein +Stückchen Kuchen und legte Oldshatterhand die Hand auf die Schulter. Ihr +Gesicht wurde tiefrot, sie lachte, daß ihre Schultern schütterten, und +konnte sich gar nicht beruhigen, weil sie ihren Sohn mit Kuchen +überrascht hatte. + +Mutter und Sohn faßten den Henkel: der Korb schwebte zwischen den beiden +nahe dem Boden die Domstraße hinunter und über die alte Brücke. + +»Mutter, schau mal die Wolke an über der Festung. Sie sieht aus wie +Rom.« + +Die Mutter lachte in sich hinein. »Was bist du für einer . . . Wie +Rooom!« + + * * * * * + +Es war elf Uhr nachts. + +Der vierzehnjährige Buchbinderlehrling und Hauptmann der Räuberbande, +Sohn der vermögenden Gastwirtswitwe Benommen, stand nackt in seiner +Dachkammer am offenen Fenster und hielt in jeder Faust ein Bügeleisen. +An einem Strick, der um seine Lenden gebunden war, hing vorne ein +handgroßes, zinnoberrotes Tüchlein. Sein weißer Körper war vom Mondlicht +getroffen. Hinten in der Kammer war tiefschwarze Nacht. + +Von der Bierkneipe unten im Hause, die der ältere Bruder des Hauptmanns +betrieb, klang der Gesang der Soldaten herauf: + + »Ich wollte sie verführen, + Dazu hat sie kein Mut.« + +Der Hauptmann, genannt der bleiche Kapitän, fing an zu üben: er reckte +den Brustkasten heraus, sog ihn voll mit Luft und zog die ausgebreiteten +Arme mit den Bügeleisen kraftvoll zum Körper, schnellte sie auseinander, +zog sie an, und so fort. Dabei blickte er, den Kopf zurückgezogen, daß +sich ein spärliches Doppelkinn bildete, die Unterlippe vorgeschoben, +hinunter auf das Spiel seiner Armmuskeln. + +Unten wurde, von Mädchenlachen begleitet, die Wirtschaftstür zugeknallt, +und eine Wolke Bierdunst schlug in des Hauptmanns Kammer. + +Ein Schakalruf ertönte in die Nachtstille. »U . . . u!« klang es düster, +»U . . . u!« + +Der bleiche Kapitän horchte, fuhr in Hose und Rock und schlich, die +Schnürstiefel in der Hand, strümpfig die Treppe hinunter. + +Vor dem Hause, unter der Gaslaterne, stand ein Junge, elegant auf sein +dünnes Spazierstöckchen gestützt, das sich fast zum Halbkreis bog: der +Schreiberlehrling des Rechtsanwalts Karfunkelstein. + +Die zwei Knaben schlichen dicht an den altersschiefen Häuschen eine enge +Gasse aufwärts, die bis an den Fuß des dunklen Schloßberges führte. Auf +dem steilen Bergrasen standen mächtige, alte Linden, durch die sich ein +Sandweg hinauf zur Festung zog. Achtzehnhundertsechsundsechzig war die +Festung von den Preußen genommen und geschleift worden. Seitdem lag eine +Kompagnie Trainsoldaten im Schloß, und am äußersten Rand des Berges, bei +einem Auslughäuschen, stand eine alte Kanone, die abgefeuert wurde, um +Bürger und Feuerwehr zu alarmieren, wenn unten in der Stadt Würzburg ein +Brand ausbrach. + +Die Knaben standen im schwarzen Schatten, den die Linden warfen. Es war +vollkommen still. Der Schreiber sah sich ängstlich um. »Horch . . . +hörst du nichts?« + +»Da herauf kommt kein Mensch um diese Zeit«, sagte der bleiche Kapitän, +sah sich auch um und zog die Schuhe an. + +»Es ist eigentlich gar nicht unheimlich . . . Wenn man nur keine Angst +hat.« + +»Das ist schon wahr . . . Schau, in der Elefantengaß gibt's Gummiabsätz. +Das Paar nur zehn Pfennig. Da hab ich mir fünfzehn Paar kauft.« +Sitzlings streckte der bleiche Kapitän das Bein zum Schreiber in die +Höhe. »Die andern vierzehn Paar hat mei Mutter glei' wieder +zurückgetragen und hat g'sagt, die brauchet ich nit . . . Ich trau mich +gar nimmer an dem G'schäft vorbei. Als ob man in seinem Leben nit +fünfzehn Paar Gummiabsätzli aufbrauchen könnt. Es ist wirklich ganz +unglaublich.« + +»Das hätt ich mir nit g'fall laß.« + +»Gott, was willst denn mach.« Er stülpte die dicken Negerlippen mürrisch +nach außen. »No, lang dauert's ja nimmer. Die wenn wüßt, was wir vorham +. . . Heiliger Gott!« + +»Mei Vater hat heut zu mir g'sagt, wenn ich noch einmal mit +Oldshatterhand und mit dir und den andern verkehre, könnte ich was +erleben . . . Grün und blau wollt er mir ihn schlagen. Er weiß aber ganz +genau, daß ich mir das nit g'fall laß.« + +»Ja no.« + +»Das eine weiß ich«, sprach der Schreiber hochdeutsch, »so saudumm würde +ich nicht sein, wenn ich Vater wäre.« + +»Gott, die ham ja keine Ahnung. Aber Augen werden die noch machen.« Der +bleiche Kapitän erhob sich und trat prüfend von einem Fuße auf den +andern. »Es ist wahrhaftig so, wie wenn man überhaupt keine Schuh +anhätt. Ich versteh absolut nit, warum mei Mutter mir die andern +vierzehn Paar wieder zurückgetragen hat.« + +»So sind sie halt. Da kannst wirklich nix mach. Gehn wir jetzt.« + +»Ja, aber leis.« + +Sie stiegen den Schloßberg hinauf, bis vor das eisenbeschlagene, +wuchtige Bohlentor, durch das man in die Festung gelangt. Um diese Zeit +war das Tor geschlossen. + +Gebückt schlichen sie auf dem Bergrücken nach links, bis an den Rand +vor, von wo aus man tief unten die Stadt liegen sieht, hoben wie auf +Kommando die Arme, schüttelten die Fäuste, riefen: »Weh dir!« zur Stadt +hinunter und sprangen in den Festungsgraben. + +Von allen Seiten kamen jetzt kleine, dunkle Gestalten den Schloßberg +heraufgeschlichen, bis an den Rand vor, riefen: »Weh dir!« und sprangen, +den bequemen Weg verachtend, die hohe Mauer hinunter in den +Festungsgraben. + +Die Räuberbande, eine Schar vierzehnjähriger Lehrjungen, war versammelt. + +Es war eine wunderbar klare Mondnacht im Herbst. + +Oben stand dunkel das Schloß. Tief unten lagen die alte Brücke, die +Häuser und krummen Gassen von Würzburg. Die dreißig Kirchtürme bebten im +Mondlicht. Der Main, der die Stadt in zwei Teile trennt, glänzte. Jeder +Stern stand klar und scharf am grünlichen Himmel. Die ganze alte Stadt +war aus purem Silber. + +Die Räuber saßen im Kreis im Festungsgraben und rauchten ernst die +Friedenspfeife: ein langes Stück Schilf, derart viel im Graben wuchs. + +Knapp vorbei am Räuberkreis, der noch im Mondlicht saß, fiel der +tiefschwarze Schlagschatten, den die Schloßmauer warf. + +Ein Vogel erwachte und flatterte im Brombeerbusch. Die Räuber saßen +reglos und starrten auf das Lagerfeuer, das in ihrer Mitte flackerte. + +Oben auf dem Feuer brannte und rauchte ein gerahmter Straminhaussegen, +auf dem »Bet' und arbeit', so hilft Gott allzeit« gestickt war. Die +Worte rollten sich zusammen, und Gott und Arbeit gingen in Flammen auf. +Winnetou hatte den Haussegen daheim gestohlen. + +Er verschluckte den ätzenden Speichel, den auszuspucken als Schande +galt, und sprach: »In Südamerika sind die Indianer klein, falsch und +furchtsam.« + +»Südamerika!« sagte verächtlich der bleiche Kapitän. + +»Und arbeiten sogar für die Weißen. Ich habe nachgesehen.« + +»Das neue große Sandschiff vom roten Fischer ist nur mit einem Tau +festgemacht, unterm Brückenbogen. Im Frühjahr, wenn das Hochwasser +kommt, müßten wir halt mit seinem Schiff hier abfahren. Nur ein paar +Tage den Main hinunter, in den Rhein, dann ein Stück den Rhein hinunter +und dann zu Fuß nach Hamburg. Da können wir ganz gut in vierzehn Tagen +sein!« rief die Rote Wolke, ein Waisenjunge, der bei seiner alten Tante +die Gärtnerei erlernte. Er vertrug sich schlecht mit der Tante; denn er +deklamierte, nachdem er einmal bei einer Vereinstheatervorstellung +mitgewirkt hatte, den ganzen Tag, während er Kartoffeln hackte oder +Leichenkränze band. »Am ewigen Meer . . . da können wir in vierzehn +Tagen sein.« Sein Mund stand offen, rund und schwarz wie ein Mauseloch. + +»Und dann?« fragte der Schreiber und zog lächelnd die Augenbrauen in die +Höhe. + +»Dann! Was heißt das -- dann?« rief der bleiche Kapitän. »Dann machen +wir eben ein Segelschiff los und segeln ganz ruhig über den großen +Teich.« + +»Segelschiff los? Und die Matrosen, die darauf schlafen, und die Wachen? +He? Vielleicht steht sogar der Kapitän selbst die ganze Nacht am Steuer +und blickt hinaus aufs Meer, damit sein Schiff nicht gekapert wird. +Diese Sachen hab ich schon oft genug gelesen.« + +Winnetou hielt seine Hand in die Flammen und blickte, die Zähne +zusammengebissen, über die Räuber weg. Langsam zog er die geschwärzte +Hand zurück. + +»Das werden wir schon sehen. Wir sind zwölf Männer«, rief verächtlich +der Hauptmann. »Oder weißt du nicht, Schreiber, was ein Enterhaken ist? +Das -- mein Lieber, das geht im Handumdrehen.« + +Winnetou hielt die schmerzende Hand senkrecht. »Die Hauptsache ist, daß +sich in einer einzigen Nacht in allen Urwäldern und Prärien des wilden +Westens bei absolut allen Indianerstämmen die Schreckensbotschaft +verbreitet, aber wie ein Lauffeuer, daß wir angekommen sind . . . Auf +unsere ersten Taten kommt's an. Die müssen gewaltig sein und furchtbar.« + +»Die Weiber werden natürlich verschont«, schloß der bleiche Kapitän und +stülpte die Negerlippen nach außen. + +»Immer werden die Weiber verschont. Unsere Kontoristin darf auch immer +eine halbe Stunde früher fortgehn«, sagte der Schreiber. »Gestern hab +ich zum erstenmal Diktat schreiben dürfen. Das macht gewöhnlich nur +unser Bureauvorsteher.« + +»Gott, Diktaaat . . . Beim Lumpenhändler Ei gibt's kolossale alte +Revolver. Die können wir drüben gut brauchen.« + +»Meinst, daß man davon ein paar aushängen kann?« + +»Ich glaub, das wird schwer gehn. Aber wen man damit trifft, der is +total tot.« + +Winnetou nahm ein glühendes Holzstückchen in die Hand, preßte sie zur +Faust -- und zählte leise für sich bis neun, schleuderte das +schwarzgewordene Holz ins Feuer zurück und erzählte gequält: »Ins +Zuchthaus käme ich noch, hat der Kaplan vorige Woche zu meiner Mutter +gesagt . . . Weil ich in der Religionsstund ein bißchen von der +Schultinte für mein Füllfederhalter mitgenommen hab. Jetzt sperren sie +mich daheim jeden Tag drei Stunden in die Holzlage . . . Ich! . . . +Ich!« Er sprang auf, drückte die Fäuste an die Wangen, Zorn und Scham +wechselten auf seinem Gesicht. »Ich halt's nimmer aus!« + +»Ins Zuchthaus? . . . Das wär doch ganz fein, wenn wir ins Zuchthaus +kämen«, sagte der Schreiber erstaunt. + +Verwirrt sah Winnetou den Schreiber an, ließ sich langsam nieder und +blieb reglos hocken. + +»Nun ja . . . warum denn nicht.« Der Schreiber sah fragend im Kreise +herum. + +Niemand antwortete. Die Räuber sahen ins flackernde Feuer. +Oldshatterhand sah auf die fernen Berge, die im Mondlicht schwammen. +Eine Sternschnuppe fiel in den Weltenraum. Oldshatterhand wanderte einem +Gedanken nach, über alle Länder, drückte den Oberkörper einige Male +angestrengt vor und zurück und begann stark stotternd: »Die Erde ka +. . . ka . . . kann ja gar keine Ku . . . Kugel sein, denn wenn man +immer weiter geht, müßte man herunterfallen, oder mit dem Ko . . . Kopf +nach unten stehen und in die Lu . . . Lu . . . Luft hinunterstürzen +. . . Da habt ihr's, unten ist doch keine Lu . . . Luft, nur oben.« Und +er deutete hinauf, wo Stern an Stern am tiefblauen Himmel stand. »Der +Lehrer Ma . . . Mager versteht nichts. Oder wenigstens nicht viel. Die +Erde ist keine Ku . . . Kugel. Sie ist flach. Nur viele Bu . . . Buckel +hat sie.« + +»Natürlich, und wenn man noch so weit geht, nach Rußland, nach China, +immer ist der Himmel oben«, sagte der Schreiber und zuckte mit den +Schultern. + +»Da!« rief Oldshatterhand und stand schnell auf. Die Räuber blickten +empor zu ihm. »Denkt euch halt eine Ke . . . eine Ke . . . eine Ke +. . . Kegelkugel -- wenn darauf ein ga . . . ganz kleiner Mensch, nur so +groß wie der Däumling, nach einer Richtung immer, immer weiterläuft, muß +er doch zu . . . muß er doch zu . . . zuletzt herunterfallen. Aaalso +kann die Erde auch keine Ku . . . Kugel sein. Das ist doch ganz klar. Ma +. . . ma . . . meint ihr nit?« + +»Das weiß man halt nit recht.« + +Wieder lösten sich Sternschnuppen an mehreren Himmelsstellen und +schwebten langsam und lautlos zu den im Mondlicht bebenden Bergen +nieder. Vom funkelnden Nachthimmel gehalten, hing der Erdball, und als +einzige Bewohner schien der Räuberkreis auf seiner stillsten und letzten +Höhe zu sitzen. + +Ungeduldig hob Winnetou den feinen Knabenkopf, in dem die großen Augen +schwarz wie heißer Asphalt glänzten. »Ach, Unsinn ist alles, was der +Mager da von einer Kugel faselt . . . Wenn wir aber Würzburg +einäschern«, fuhr er heftig fort, »ehe wir von hier abfahren, und du +meinst, dann müßten wir das Herz der Stadt anzünden, so wäre das der +Vierröhrenbrunnen, denn der ist in der Mitte. Aber der brennt doch nit.« + +»Und das Petroooleum? Ha! Wenn nur drüben auch alles so glatt ginge. Da +werden einfach hundert Fässer Petroleum ins Brunnenbassin gefüllt -- ich +sitze nebenan im Hirschen, tue, wie wenn ich Kaffee tränke, und brenne +die Zündschnur an. Es ist eine dunkle Nacht, und ehe du dich versiehst, +schlägt eine kirchturmhohe Flamme in den Himmel hinauf . . . Die erfaßt +gleich das Rathaus und den Platz, und, o Gott, bis die da droben ihre +Kanönle abfeuern, brennt die ganze Stadt . . . derweil wir schon längst +in unserm Schiff den Main hinunterfahren. Ha!« schloß der bleiche +Kapitän und spreizte die knochigen Finger, seine hellen Perlmutteraugen +glänzten, »da müßte halt mein Bruder in Amerika dabei sein. Dann ginge +sicher alles glatt.« + +»Das erste, was wir drüben tun, ist, daß wir deinen Bruder aufsuchen.« + +»No, allemal.« + +Der bleiche Kapitän hatte einen Bruder, der vor ein paar Jahren als +Ingenieur nach Amerika gegangen war. Der einzige Mensch, dem sich der +bleiche Kapitän nicht ganz ebenbürtig fühlte, und auf den er bei jeder +Gelegenheit hinwies, als auf ein nicht erreichbares Ziel. + +Ehe der Amerikaner abgereist war, hatte er am Bahnhof zum bleichen +Kapitän gesagt: »Ich komme wieder, dann reiße ich die alte Brücke ab und +baue dafür eine hundert Meter hohe Hängebrücke hin, aus +Eisenkonstruktion. Da werden die Würzburgerli Maul und Augen aufreißen.« + +Alle Räuber hatten die gleiche Vorstellung von dem Amerikaner -- sie +sahen ihn, weit, weit von hier, kühn und wortkarg gewaltige Taten +vollbringen; sie sahen ihn am reißenden Mississippi stehen, nur mit +einer Zeichenrolle in der Hand: er blickt auf die Zeichnung und streckt +den Finger aus -- da stürzen seine siebentausend Leute sich auf +Eisenschienen und Träger, und alsbald steht ein gigantischer +Brückenbogen im Mississippi. + +Wortkarg besteigt der Amerikaner den Mustang und reitet durch die +Wildnis zurück zu seinem Blockhaus. + +»Die Schule geht in Flammen auf«, sagte der Schreiber und hob die Arme. +»Und Lehrer Mager verbrennt zu nichts. Hi!« + +»Nein, Schreiber, über den wird endlich einmal Gericht gehalten. Der +wird ganz einfach gefesselt und in den Festungsgraben geschleppt. Da +wird er ausgezogen und an einen Baumstamm gebunden . . . An den wilden +Birnbaum dort. Dann wird er gemartert, sieben Stunden lang. Überhaupt +die ganze Brandnacht durch. Aber . . . wir lassen ihn am Leben. Wir +hetzen ihn lieber nackt durch die brennende Stadt.« + +»Letzthin bin ich mit Sa . . . Seidel zum Lehrer gegangen, um die korri +. . . um die korri . . . korrigierten Schulhefte abzuholen. Seidel hat +einen A . . . A . . . Apfel kriegt, ich eine Ohrfeige, waaa . . . weil +so viel Fehler in mein Aufsatz waren. Und die Hefte hab ich auch nit +helf tr . . . tr . . . trag dürf.« + +»Warum gehst du auch mit dem Seidel zum Mager. Der ist doch sein +Liebling. G'schieht dir ganz recht.« + +»Ich wollt halt auch einmal die He . . . die He . . . Hefte trag . . . +Dann weiß ich aber noch einen, de . . . de . . . der gemartert werden +muß. Meee . . . Meee . . . Mechaniker Tr . . . Tr . . . Tr . . . Tritt!« +schrie Oldshatterhand wütend. + +»Und die anständigen Leute, es gibt ja sowieso nur ein paar in +Würzburg«, sagte sinnend der bleiche Kapitän, »die werden vorher durch +Briefe aufgefordert, ihre Kostbarkeiten zusammenzuraffen und mit Weib +und Kind aus der Stadt zu fliehen . . . Alles was recht ist.« + +»Zum Beispiel dem Rat Häberlein schreiben wir vorher einen Brief. Der +hat mich gestern abend sein Garten gießen lassen.« + +»Am Silbersee müssen wir unser Blockhaus bauen. Der liegt inmitten von +Prärien und Urwäldern«, sagte die Rote Wolke und deutete weit hinaus. + +»Einmal kann ich ja meiner Schwester z . . . zwei Pa . . . Pa . . . +Papageienflügel schicken? Für ihren H . . . Hut«, sagte Oldshatterhand. +»Grü . . . grüne vielleicht.« + +»Wenn sie nicht umgekommen ist in der Brandnacht.« + +»Die, die . . . muß einen Brief bekommen!« rief Oldshatterhand +erschrocken und gab die Friedenspfeife weiter. + +»Wer von uns seine Familie schonen will, kann ja einen Brief schreiben, +ich tu's nit«, sagte der bleiche Kapitän, tat die drei vorgeschriebenen +Züge aus der Friedenspfeife und sagte monoton in tiefem Baß: +»Falkenauge«, reichte das qualmende Schilfrohr seinem Nachbarn, stand +auf und übte mit einem Sandowmuskelspanner. + +Falkenauge blickte mit dem einen Auge aufs glimmende Schilfrohr, während +das andere gespenstisch und interesselos nach rechts blickte. Es war ein +Glasauge. + +Eine Kirchturmuhr begann zu schlagen, eine entfernte geiferte dünn und +schnell dazwischen, andere mit tiefen Tönen setzten ein; der +Zusammenklang währte eine Weile. Da hub die Domuhr voll und dunkel an zu +schlagen: töm . . . töm . . . töm . . . zwölf Schläge in die tiefe +Nachtstille. + +»Nach den Sta . . . tatata . . . tuten mü . . . ssen wir jetzt den +heutigen Ra . . . Raubzug beginnen. Oldshatterhand haaa . . . t ge +. . . sp . . . sprochen.« + +Der Schreiber unterdrückte das Lachen. Winnetou gab ihm einen +Rippenstoß. Oldshatterhand errötete und heftete seine wutfunkelnden +Augen auf den Schreiber. + +Da erschien auf dem Bergrücken plötzlich eine große, dunkle Gestalt, die +sich lautlos reckte und schnell wieder zusammenduckte, als ein Räuber +den Kopf hob. + +»Mit Gott denn!« rief der bleiche Kapitän. + +Die Räuber sprangen auf und tanzten, schwerfällig von einem Fuße auf den +anderen hüpfend, im Kreis um das Lagerfeuer herum und sangen gedämpft +und monoton dazu: + + »Tsching tschang, tsching tschang, bumbetewitschki, + Nang kang killewi, nang kang killewi, + Tsching tschang, tsching tschang, bumbetewitschki, + Nang kang killewi wau.« + +Der bleiche Kapitän reckte die Hand in den Nachthimmel -- die Räuber +standen in ihrer momentanen Stellung still. Die Hand des bleichen +Kapitäns sank, und die Räuber stürzten, den bequemen Weg, der aus dem +Graben führte, verachtend, zur Mauer, krabbelten hinauf, schlichen vor +bis zum Bergrand und riefen: »Weh dir!« zur Stadt hinunter. + +Die Gestalt war hinter einem Baumstamm verschwunden. + +Die Knaben standen jetzt auf einem Felsenvorsprung, der, +gebüschbewachsen und zerklüftet, dreißig Meter senkrecht in die Tiefe +fiel, bis in den Hof einer Malzfabrik, in deren haushohen Schlot die +Räuber oben hineinsehen konnten. + +Ein Diebabhalter, fächerartig auseinanderstehende, altersmorsche Latten, +die aus dem Felsenabhang hinaus in die Luft ragten, versperrte den Weg +in die königlichen Weinberge. + +Der bleiche Kapitän rutschte auf dem Bauche ein Stück den Felsenabhang +hinunter, erfaßte die Latten, schwang ein paarmal wie ein +Kirchenglockenschwengel über der Tiefe hin und her -- und stand in den +königlichen Weinbergen. + +Die anderen folgten und waren nach einer Weile alle glücklich drüben, +außer Oldshatterhand, der zitternd am Felsenabhang klebte, denn seine +freie Hand reichte nicht bis zum Diebabhalter. Er wagte nicht, sich zu +rühren. + +Der bleiche Kapitän beugte sich, auf dem Bauche liegend und von den +anderen gehalten, über den Felsenabhang hinaus, streckte Oldshatterhand +die Hand hinüber und riß ihn frei durch die Luft zu sich. + +Der Diebabhalter brach und stürzte in die Tiefe. + +Der Schreiber grinste: »Hohaho! Oldshatterhand.« + +»Still!« rief der bleiche Kapitän und sah zürnend im Kreise herum. + +Falkenauges gläserner Ersatz funkelte im Mondlicht. + +Oben lag die mondbeschienene Festung. Vom Fuße der Festung weg, bis zu +den ersten Häuschen der Stadt, fiel der königliche Weinberg steil ab, +aus dessen Trauben der berühmte Leistenwein gekeltert und in Bocksbeutel +abgezogen wird. + +»Jeder hat sich unter seinen Weinstock zu setzen und so viel zu fressen, +wie er kann«, befahl der bleiche Kapitän. »Und dann erst steckt jeder so +viel Trauben ein, wie möglich, für unsere Vorratskammer.« + +Die Räuber schwärmten aus und wählten jeder seinen Weinstock. + +Der Mond stand jetzt voll am Himmel über der schlafenden Stadt. Die +Domuhr schlug eins. + +Es raschelte im Weinberg. Kleine, dunkle Gestalten krochen herum. +Oldshatterhand hockte in Kniebeuge und horchte, atemlos vor Angst. Ohne +hinzusehen, griff er seitwärts in den Weinstock und steckte eine Beere +in den Mund. Da glaubte er, die anderen seien schon fort, rutschte +erschrocken den steilen Weinberg hinab und prallte gegen Winnetou. »Wenn +jetzt jemand kommt!« + +Winnetou richtete sich hoch auf und sah zur alten Brücke hinunter, auf +der einzelne, verkürzte, zusammengedrückte Menschen traumhaft taumelten, +und sagte laut: »Wenn jetzt einer kommt, dann bleibe ich so stehen, daß +er mich sieht.« + +»Duck dich doch«, flüsterte Oldshatterhand entsetzt. + +»Daß ihr mir fei tüchtig Trauben einsteckt«, erklang die Stimme des +bleichen Kapitäns laut von seitwärts. + +Oldshatterhand war zusammengefahren und riß empfindungslos, ohne noch an +etwas zu denken, hastig Trauben vom Stock und stopfte sie in die +Taschen. + +Winnetou stieg den Weinberg hinauf und verschwand im Schatten der +Festungsmauer. + +»Mit dem Messer mußt du abschneiden«, schimpfte der bleiche Kapitän +Oldshatterhand, »sonst werden sie ja ganz verdrückt.« + +Mit zitternden Händen suchte Oldshatterhand nach seinem Messer. + +Plötzlich stieß er einen gellenden Schrei aus -- über ihm stieg eine +klare hohe Stichflamme aus dem Weinberg in den Nachthimmel. Entsetzt +blickten die Räuber zur Flamme hin. Der bleiche Kapitän kroch auf sie +zu, und die Räuber hörten ihn sagen: »Herrgott, was ist denn das für +eine Dummheit! Sollen wir vielleicht alle miteinander erwischt werden. +Das sieht man doch von der Stadt drunten.« + +Die Räuber waren hinzugelaufen. Die Flamme beleuchtete Winnetous +Gesicht. »Und wenn sie's sehen! Sie sollen's ja sehen!« schrie er und +trat in Raserei den brennenden Weinstock nieder. + +Die Wildheit Winnetous hatte die Räuber stumm gemacht. Seine Lippen +zuckten. Die Tränen schaukelten an seinen Wimpern. + +»Also, machen wir lieber, daß wir fortkommen . . . Wenn ihr alle genug +habt«, sagte der bleiche Kapitän. Die Domuhr schlug dunkel zwei. »Wie +ein Mensch so was tun kann, nur damit er erwischt wird, das versteh ich +wahrhaftig nit.« + +Vollbepackt schlichen die Räuber aus dem Weinberg und gelangten, jetzt +auf einem ganz ungefährlichen Weg, den sie herwärts verachtet hatten, +zurück in den Festungsgraben. Voran der bleiche Kapitän mit einem +Waschkorb voll Trauben, den er schon am Tage vorher leer in den Weinberg +geschmuggelt hatte. + +»Pst! Da war gerad jemand gestanden«, flüsterte Falkenauge. + +»Wo? . . . Wo denn!« + +»Jetzt is er weg.« + +»Ach, der sieht die ganze Zeit mit sein eine Aug Sachen, die gar nit da +sind«, sagte der Schreiber. + +Da drückte Falkenauge sein Glasauge heraus, hielt es dem Schreiber hin +und rief frohlockend: »Mach das einmal nach!« + +Ärgerlich sah der Schreiber zur Seite. + +Falkenauge setzte seinen Ersatz wieder ein und blickte im Kreise herum. + +Die Räuber hoben einen Steinquader aus der Mauer des Festungsgrabens -- +ein großes, schwarzes Loch wurde sichtbar. Der Anfang eines +unterirdischen Ganges. + +Der bleiche Kapitän zündete eine Pechfackel an, die im Gange lag, und +ging voran. Fledermäuse klebten an der Decke, flatterten auf, prallten +gegen die Räuber, und huschten ins Freie. + +Viele Seitengänge führten vom Hauptgang weg. Über jeden Seitengang hatte +der bleiche Kapitän ein Täfelchen unter Glas angebracht und mit +Druckschrift darauf geschrieben, wohin der Gang führte. Auf einem +Täfelchen war zu lesen: + +Mördergang! Führt unter die ganze Stadt durch, in den Hinrichtungshof +des Justizgebäudes. Vorsicht! + +Auf einem anderen Täfelchen stand: + +Gang der lebendig eingemauerten Nonnen. Führt eine Stunde weit ins +Nonnenkloster Himmelspforten. + +Auf dem dritten Täfelchen: + +Gang des Mittelalters. Führt hinunter bis in die Mitte des Flusses, zur +Wasserfalle, die von Ratten wimmelt. In diesen Gang hat im vierzehnten +Jahrhundert der Bischof von Würzburg falsche Priester gestoßen, die in +die Wasserfalle gerieten, bis zum Nabel im Wasser standen und lebendigen +Leibes von den Ratten aufgefressen wurden. Es wird gebeten, diesen Gang +nur bei Lebensgefahr zu betreten. + +Der Hauptmann. + +Die Räuber tasteten sich den Hauptgang vor, bis zu einem weißen +Mullvorhang, den Oldshatterhand seiner Mutter vom Waschseil gestohlen +hatte. Das einzige, was er hatte beisteuern können. Der bleiche Kapitän +zog den Vorhang zur Seite und ließ seine Leute eintreten, in einen +quadratischen Raum, in dem, von den Räubern aus den Felsen +herausgehauen, Steinbänke waren. + +Das war »das Zimmer«. + +Die Rote Wolke zündete die Petroleumlampe an, welche von der niederen +Decke herunterhing, und schimpfte: »Die ist wieder nicht geputzt +worden.« + +Die großen und reifgelben Trauben wurden sorgsam auf die Holzregale +gelegt, die an den Mauern angebracht waren, und auf denen schon +vielerlei Vorrat aufgestapelt lag: Zigarren in jeder Form und Qualität, +von den Räubern den verschiedenen Vätern gestohlen, lagen, mit +Zigaretten untermischt, in einer Handschuhschachtel beisammen. Daneben +lagen: ein großer, geräucherter Schwartenmagen, Äpfel, Birnen und Eier, +in Reihen geordnet, ein Stoß Stearinkerzen, zwölf Paar von den Räubern +eigenhändig genähte Sandalen aus dickem Rindleder, welches Falkenauge in +dem Ledergeschäft, wo er zum Kaufmann ausgebildet werden sollte, +mitgenommen hatte. Er trug sich mit dem Gedanken, von den ersten zwölf +Büffeln, die er im wilden Westen erlegen würde, die Häute an seinen Chef +zu senden, zum Ersatz. + +Die Sandalen waren neu und wurden niemals getragen, aber täglich mit +Schweinefett eingerieben, auf daß sie nicht knarrten, wenn man in der +Prärie die Rothaut beschliche. + +Ein leeres Bierfaß stand in der Ecke und ein volles darauf, vom bleichen +Kapitän aus dem Keller seines Bruders mitgenommen. Die Biergläser, +sorgfältig gespült, mit blitzenden Zinndeckeln, hingen darüber auf einem +Zapfenbrett. Der schwarze Erdboden war festgestampft und mit zertrennten +Kartoffelsäcken belegt. Besen und Schaufel und zwölf Vogelstutzen hingen +an der Mauer. + +Es herrschte musterhafte Ordnung im »Zimmer«. + +Auf einem großen Büchergestell standen, Rücken an Rücken, alle Räuber-, +Indianer- und Seegeschichten, die es überhaupt gibt: Der Bayrische +Hiesl oder Der Herr der böhmischen Wälder, Gesamtausgabe in +zweihundertunddreizehn gelben Heftchen à zehn Pfennige, mit einem +Pechdraht verschnürt. Räuberhauptmann Rinaldini, in ebenfalls +zweihundertunddreizehn Heftchen à zehn Pfennige. Um sieben Millionen +oder Der Schurke von Zanzibar. Das Gespensterschiff von Hauff. Und alle +Indianergeschichten, die der Herr Buchbinder Männlein, der Meister des +bleichen Kapitäns, in seinem Laden führte, standen wohlgeordnet im +gepreßt vollen Bücherregal. + +Auf einem kleinen Eckbrett lag für sich allein ein dünnes +Reclambändchen: »Die Räuber. Drama in fünf Aufzügen von Friedrich von +Schiller.« Das Hausbuch der Bande. + +Ein alter, großer Revolver lag unter einer Glasvitrine, die früher das +Kruzifix im Schlafzimmer der Witwe Benommen vor Staub geschützt hatte. + +Ein mit Totenköpfen verziertes Plakat hing an der Wand. »Heimlicher +Versammlungsort der Räuberbande von Würzburg« stand darauf. + +Die Räuber saßen und lagen auf den Bänken. + +»Rechnungsführer, bitte die neuen Einkünfte zu registrieren«, sagte der +bleiche Kapitän und stülpte die Lippen nach außen. + +Der Schreiber schloß ein Schränkchen auf und nahm Tinte und Feder und +ein Büchlein heraus. + +Oldshatterhand kicherte. Er freute sich immer, wenn der Rechnungsführer +an seine Schande erinnert wurde, ein Schreiber zu sein. Was dieser +jedoch mit grimmigem, etwas leidvollem Humor ertrug. »Was bin ich? Ein +Schreiber bin ich, ein Schrieb«, sagte er, »ein Federfuchser, hohaho!« +Und dabei errötete er stets tief. + +»Wieviel soll ich registrieren, Hauptmann?« fragte er und sah auf die +Trauben. + +»Nun . . . sagen wir viereinhalb Zentner.« + +»Viereinhalb Zentner Weintrauben aus den königlichen Weinbergen. +Jahrgang achtzehnhundertneunundneunzig«, notierte der Schreiber. Und +deutete auf eine farbige Eidechse aus der Nymphenburger +Porzellanmanufaktur. »Und diese Eidechse? . . . Gekauft?« + +»Mitgenommen«, gab der bleiche Kapitän an. »Schreib auf: ein Kunstwerk, +in Form einer Eidechse.« + +»Und das da, Hauptmann?« + +». . . Wer hat da gelacht!« brüllte erzürnt der bleiche Kapitän. ». . . +Wenn noch einmal einer lacht, so wird er ausgeschlossen . . . Da wird +ganz einfach ballotiert, mit schwarzen und weißen Kugeln. Und dann ist +er draußen. Dann kann er sehen, wo er hinkommt. Glaubt ihr vielleicht, +wir sind zum Spaß da! . . . Schreib auf: Ein weißer Stallhase, lebend, +gekauft beim Jud Meyerheim, um fünfunddreißig Pfennige.« + +Der Stallhase saß auf dem Bücherregal und schnupperte mit der Oberlippe. + +Gelacht hatte die Kriechende Schlange. »Der macht uns ja alles voll«, +sagte er, fuhr aber schnell fort: »Morgen ist ein Schnelläufer auf dem +Sanderrasen. Er läuft im Trikot.« + +»Da wird hingegangen«, erwiderte der Hauptmann, »wenn ihr wollt«, setzte +er, noch erbost, hinzu. »Morgen mache ich einen Käfig für >Das heilige +Tier<. So heißt von heute an der Stallhase.« + +Oldshatterhand schritt zum Tisch, der in der Mitte stand, stellte eine +Rattenfalle darauf und ging, ohne gesprochen zu haben, zurück an seinen +Platz. + +Der bleiche Kapitän wandte den Kopf nach ihm hin: ». . . Gekauft?« + +». . . Eigentlich geschenkt bekommen, vom Schmied Gottlieb.« + +Der Schreiber notierte die Rattenfalle und den dreipfündigen Hecht, den +die Rote Wolke mitsamt dem Blechkasten aus dem neuen Sandschiff des +roten Fischers geholt hatte, und schloß das Büchlein wieder in den +Schrank. + +Der große Fisch schnalzte heftig im Kasten. + +Der bleiche Kapitän schlug mit einem Holzklöpfel den Hahn ins Bierfaß. +Das donnerte im unterirdischen Gang, wie wenn Felsen gesprengt würden. +Er schenkte die zwölf Gläser voll, zündete zwölf Kerzen an, stellte sie +auf die Regale und verlöschte die Petroleumlampe. + +Die Räuber saßen um den Tisch herum, tranken und rauchten. + +»O Felli«, sagte Winnetou. Das hieß: Ich bitte ums Wort. + +»Sprich«, erwiderte der bleiche Kapitän. + +»Würzburg steht in Flammen . . . brennt nieder und ist dem Erdboden +gleichgemacht. Alle Einwohner sind umgekommen. Alle! Auf uns, die einzig +Überlebenden, fällt natürlich der Verdacht. Darum sage ich: wir müssen +ungeheure Vorräte aufstapeln im Zimmer, um uns vier Wochen lang hier +verbergen zu können. Bis die Regierung glaubt, wir seien mitverbrannt. +Nicht der geringste Verdacht fällt auf uns, denn es weiß ja niemand, daß +wir noch leben . . . Dann schicken wir unsere Kundschafter aus und +erfahren alles, was in der zerstörten Stadt vorgeht . . . Und wenn wir +uns dann, als Bauernweiber verkleidet, aus dem Staub gemacht haben, sind +wir verschollen auf ewig.« + +Die Räuber saßen vor Begeisterung erstarrt. Winnetou schwieg und lehnte +sich zurück. Die Kerzenflammen standen unbeweglich. Die bleichen +Gesichter hingen wie kleine, dunstige Monde im Zigarrendampf. + +»Wir müssen nur immer fest zusammenhalten!« rief Oldshatterhand erregt. +»Oh, im wilden Westen . . . Ihr werdet's schon sehen . . . Wenn einer +von uns in Würzburg bleiben will . . ., um vielleicht eine Frau zu +heiraten, dann soll er's lieber gleich sagen.« + +Der bleiche Kapitän drückte Oldshatterhand mit einem Blick in die Ecke: +»Wie du glauben kannst, daß einer von uns so ein dreckiger Feigling ist, +das versteh ich ganz einfach nit.« + +Plötzlich sprang wie aus dem Hinterhalt der König der Luft in die Mitte +und rief: »Ich, der König der Luft, lese jetzt vor: das +hundertundsiebenundneunzigste Kapitel aus >Die bleiche Gräfin oder Der +Mord im Walde<. Da sind wir's letztemal stehen geblieben.« Der König der +Luft war Lehrling in einer Drahtgitterfabrik, sehr ehrgeizig und ein +scharfer Rivale des bleichen Kapitäns; er sprang von immer höheren +Mauern herunter, um seinen Ruhm zu steigern und eines Tages die +Hauptmannschaft an sich zu reißen. Er war dünnlippig, braunhäutig und +hatte ein Indianerprofil. + +»Wollen wir nicht lieber das Räuberlied singen?« fragte Oldshatterhand. + +Da knöpfte der König der Luft energisch den untersten Knopf seines +Röckchens zu, reckte das gelbe Heftchen zur Decke und rief: »Die bleiche +Gräfin!« + +»Räuberlied!« brüllten die anderen. + +»Also, also Räuber --, also Räuber -- Räuberlied!« rief schnell und sich +überstürzend der König der Luft und stand im Ausfall, die Faust geballt. +Der Rockknopf sprang ab, sein Hals schoß wagerecht vor, und das Gesicht +stand senkrecht. Er mahlte mit den Zähnen und preßte die Lippen schief +zusammen. Seine tiefe Stirnfalte entstand. So hub er an zu singen, und +die Räuber hörten zu. + + »Stehlen, morden, huren, balgen, + Heißt bei uns nur die Zeit zerstreun. + Morgen hangen wir am Galgen, + Drum laßt uns heute lustig sein. + Stehlen, morden, huren, balgen. Ha!« + +Falkenauge sang, das natürliche Auge weit aufgerissen, während das +gläserne tot und interesselos in die Ecke blickte. Der bleiche Kapitän +sang gewaltsam in tiefem Baß und sehr falsch. Und die Lippen der +Kriechenden Schlange waren beim Singen mit Speichelbläschen dicht +besetzt. Die Rote Wolke stellte die Fußspitze nach rückwärts und agierte +pathetisch. Jeder der Räuber sang eine Strophe. Zuletzt kam +Oldshatterhand, der sich sehr frei fühlte, denn beim Singen stotterte er +nicht. Um über seine Kleinheit wegzutäuschen, balancierte er auf den +Zehenspitzen. Er sang mit feiner Mädchenstimme. + +Das Bierfaß war leer. Die Kriechende Schlange lag müde zusammengerollt +in der Ecke, und der Kopf des schlafenden Oldshatterhand lehnte gegen +die Schulter der Roten Wolke. + +»O Felli«, sagte müde Winnetou. + +»Sprich.« + +»Es ist Zeit, Hauptmann.« + +»Auf morgen denn«, sagte leise der bleiche Kapitän, und sein Kopf sank +auf die Brust. + +Die Räuber erhoben sich mühsam, verlöschten die Kerzen, zündeten die +Pechfackel an und stellten gähnend ihre Rockkragen auf. + +Das Wasser im Fischkasten gluckste. + +Da schlug der betrunkene Schreiber auf den Tisch, daß der weiße Hase, +aus dem Schlafe geschreckt, vom Regal sprang und ängstlich im »Zimmer« +herumhüpfte. Mit einem Ruck riß er sich den Halskragen auf, den rosa +Schlips herunter und brüllte noch einmal seine Strophe: + + »Das Wehgeheul geschlagener Väter, + Der bangen Mütter Klaggezeter, + Das Winseln der verlaßnen Braut + Ist Schmaus für meine Trommelhaut.« + +Die Räuber hatten das »Zimmer« verlassen, den Verschlußstein wieder +sorgfältig eingefügt und standen auf dem Bergrücken beisammen. + +Der erste Morgenschein lag über der Landschaft. Das Gras war taunaß. Auf +einem Busch saß eine Amsel und pfiff, und ein Eichhörnchen hing still an +einem Lindenstamm, mit einer Haselnuß im Maul, blickte auf die Knaben +und huschte in einer Spirale um den Stamm herum und hinauf ins +raschelnde Laub. + +Die Stadt im Tale war in dicken Nebel eingepackt; nur die dreißig +Kirchtürme stachen durch den Nebel und schwarz in den morgenklaren +Himmel hinein. Im Osten hinter der Stadt stand eine zartrosa Wolkenwand. + +»Da liegt ein Hobel«, sagte Falkenauge erschrocken, hob ihn auf, beäugte +ihn ganz nahe, roch daran und zeigte ihn still und vielsagend der +Räuberrunde. + +»An der Stelle sind wir heut abend die Mauer hinuntergesprungen; da war +der Hobel noch nit dort gelegen.« + +»Wie kommt er überhaupt daher.« + +»Ein schöner Hobel ist es ja.« + +»Was ham wir davon!« riefen ein paar gleichzeitig. + +»Wenn uns jemand ausspioniert hat -- no, dann geht's uns krumm.« + +Der Schreck war den frierenden Räubern in die Glieder gefahren. Die +übernächtigen Augen waren fragend und gespannt aufeinander gerichtet. + +»Dann sind wir verloren!« rief die Rote Wolke pathetisch. + +Der bleiche Kapitän schob den Hobel kaltblütig zwischen Rock und Weste. +»Was heißt denn das . . . verloooren!« + +Die Rote Wolke stellte die Fußspitze rückwärts und hob die Hand. »Es +wird heißen: Im Herbst des Jahres achtzehnhundertneunundneunzig stattete +die gefürchtete Räuberbande von Würzburg den königlichen Weinbergen +ihren Besuch ab . . . In dunkler Nacht.« + +»Blödsinn! Uns erwischen sie nit so schnell. Jetzt gehn wir einmal +heim«, riet der bleiche Kapitän. »Den Hobel nehm ich mit, für unsre +Vorratskammer.« + +Auseinanderstrahlend schlichen die Räuber auf allen Wegen den Schloßberg +hinunter. + +Oldshatterhand konnte ungesehen in die Küche schlüpfen, wo er auf einem +alten Kanapee seine Schlafstätte hatte. Gespannt beobachtete er seine um +zwei Jahre ältere Schwester, ein skrofulöses Nähmädchen, die auch in der +Küche schlief. Unruhig träumend warf sie sich im Bett hin und her; ihre +bläulichen Lippen bewegten sich, und die schmale Hand hing bis zum Boden +hinunter. + +Oldshatterhand legte eine etwas verdrückte Traube für die Schwester auf +den Stuhl, schlich zum Küchenschrank, trank Milch aus dem irdenen Topf +und goß Wasser nach, genau so viel, wie er Milch getrunken hatte. Die +Augen auf die Schlafende gerichtet, entkleidete er sich ganz leise und +ließ sich mit größter Vorsicht langsam aufs knarrende Kanapee nieder. + +Der König der Luft traf seinen Vater, einen alten Handlungsreisenden mit +faserigem, grauem Bart, dabei an, wie er seine Sachen ordnete. Der Alte +sah sich um nach seinem Sohn und fuhr still fort, seine Warenproben ins +Köfferchen zu packen. Er war ein verhärmter Mann. + +Der Schreiber hatte, bevor er daheim fortgegangen war, die +Wohnungsglocke festgebunden, um nicht gehört zu werden. Wohlgemut +tänzelte er durch seine Gasse, fuchtelte mit dem Stöckchen in der Luft +umher und sang leise: »Das Wehgeheul geschlagner Väter, hohaho! Der +bangen Mütter Klaggezeter«, öffnete die Wohnungstür -- da läutete die +Glocke durchs Haus. Herr Widerschein, ein Schuster, hatte sie +losgebunden und wartete auf seinen Sohn, mit dem Knieriemen in der Hand. +Wortlos nahm er den Schreiber in Empfang und legte ihn über. + +Das dünne Stöckchen lag daneben, und der Schreiber ruderte mit Armen und +Beinen. + +Winnetou ging, ohne sich in acht zu nehmen, zu Hause durch den +hallenden, dunklen Gang. Vor dem roten ewigen Lichtchen unter der in der +Mauer eingelassenen Mutter Gottes blieb er stehen, den Arm an die Mauer +gelegt, den Kopf auf die Hand. So stand er lange und dachte an gar +nichts. Plötzlich empfand er den Zwang, das ewige Licht zu verlöschen, +so daß tiefstes Dunkel um ihn her wurde. Langsam trat er in sein Zimmer. + +Der bleiche Kapitän hatte die Treppe verschmäht und war am Blitzableiter +hinaufgekrabbelt und durchs Fenster in seine Kammer gestiegen. + +Die Sonne war aufgegangen und traf die Krone des Kastanienbaums im +Wirtschaftsgarten. + +Nackt stand der bleiche Kapitän am Fenster, band erst das rote Tüchlein +vor und übte noch eine Weile ernst und sachlich mit den zwei Bügeleisen. + + * * * * * + +Am Sonntagnachmittag schritt der rote Fischer in seiner schulheftblauen +Wolljacke, Kopf und Unterlippe grimmig vorgeschoben, energisch auf die +»Altrenommierte Weinstube zu den drei Kronen« los. Gleich darauf klang +sein Schimpfen bis auf die Straße heraus. + +Geputzte Weiblein mit großen Gesangbüchern und Rosenkränzen, einzeln, +paarweise und in Reihen, gingen in der Richtung nach der Burkarter +Kirche. Die Sonne schien. Glocken läuteten. + +Oldshatterhand saß in der Schloßgasse vor dem einstöckigen Häuschen des +Schusters Widerschein auf einem Handwagen, ließ die Beine baumeln und +blickte hinauf zu den ganz mit Geranienstöcken verstellten kleinen +Fenstern. Manchmal pfiff er vorsichtig, kaum hörbar, den Bandenpfiff: +»Nieder mit der Tyrannei«, und machte leise: »Pst«, worauf die rot- und +weißgefleckte Katze, die zwischen den Blumenstöcken in der Sonne hockte, +den Kopf drehte und die Augen auf Oldshatterhand heftete. + +Sonst blieb alles unverändert. + +Die Familie Widerschein saß beim Kaffee. »Di di di di quiridi«, +trillerte der Kanarienvogel. + +»Pst«, machte Oldshatterhand. + +Die Hand des Schreibers erschien, senkrecht gestellt, zwischen den +Blumenstöcken, drehte sich verneinend einige Male im Handgelenk und +winkte dann heftig weg, die Gasse hinunter. Der Schreiber hatte keinen +Ausgang heute. + +Auf den Zehenspitzen verließ Oldshatterhand die Schloßgasse, begab sich +zur Bande, die vor dem Friseurlädchen des Herrn Adam Rein versammelt +war, und erstattete Bericht. + +Der bleiche Kapitän besprach sich eben mit seinen Leuten, ob er es wagen +solle, sich rasieren zu lassen. Wenn er gegen die Sonne stand, flimmerte +ein zarter Flaum goldig auf seiner Oberlippe. + +Entschlossen trat er ein. + +»Haarschneiden -- Herr Benommen?« + +»Nein . . . Heute nur rasieren.« + +»Wie die Zeit vergeht! Ihren Vater rasierte ich dreißig Jahre lang, und +noch Ihren Großvater. Und jetzt sind Sie auch schon so weit. Ja, man +wird alt«, sagte Herr Rein und ließ lächelnd das Messer über die sanfte +Haut des Hauptmanns gleiten. + +Strahlend kam der bleiche Kapitän zurück und fragte seine Leute +unwirsch, ob er gut rasiert sei und ob ihn denn der Rein nicht +geschnitten habe. + +Der Vater Oldshatterhands schritt vorüber, im peinlich sauber +gebürsteten Sonntagsanzug und mit glänzend gewichsten Stiefeln. Die +Räuber grüßten verlegen. Herr Vierkant legte seinen Zeigefinger an den +Hutrand und lächelte. Sonntags war Herr Vierkant immer in bester Laune. +Ein feines Stäubchen von seinem Ärmel schnellend, schritt er weiter. + +Die Bande eilte hinaus zum Sanderrasen. + +Ein schneidender Pfiff ertönte: »Nieder mit der Tyrannei«, und heftiges +Keuchen. Sein dünnes Stöckchen über dem Haupte schwingend, kam der +Schreiber nachgerast. + +Beim Pferdemetzger Rücken blieben sie stehen. Auf das Ladenschild war +der dampfsprühende Kopf eines Rennpferdes gemalt. + +Der Duckmäuser stand vor dem Laden, biß in sein Stück Pferdewurst und +betrachtete dabei die Würste im Schaufenster. + +Der König der Luft wieherte wie ein Pferd und schlug aus. Der Duckmäuser +hörte auf zu kauen. + +»Herrgott, wie man Pferdemetzger werden kann«, sagte der Schreiber. +»Begreift ihr das? Sein ganzes Leben lang von allen Menschen so +verachtet sein. Ich sag euch, das ist fast so, wie mit den Juden, die +kleine Christenkinder schlachten und das Blut in die Mazze verbacken.« + +»Der Jud Meierheim soll's getan haben.« + +»Schwindel! Das weiß ich ganz genau, daß das überhaupt niemals ein Jud +getan hat . . . du Rindvieh!« + +»I . . . i hahaha!« wieherte der König der Luft. + +Der Duckmäuser legte seine Wurst auf den Mauervorsprung. + +»Ein Pfeeerdemetzger . . . was soll man jetzt dazu sagen«, rief der +Schreiber und erschrak, denn er hatte Herrn Metzgermeister Rücken +bemerkt, dessen mächtiger Oberkörper in den kleinen Fensterausschnitt +über dem Laden gepreßt war. Auf die kolossalen Unterarme gestützt, +blinzelte Herr Rücken über die Bande weg in den Himmel und ließ das +Grauen der Räuber auf sich wirken. + +»Ohaho! Pferdewurst? Ich fresse so viel ihr wollt. Jawohl!« sagte +überzeugend der Schreiber. + +Zögernd griff der Duckmäuser wieder nach seiner Wurst. + +Der Sanderrasenplatz war von alten Bäumen umstanden. Wenn nicht Soldaten +darauf exerzierten, legten die Bürgersfrauen die Wäsche zum Bleichen +auf. Diesen Sonntag produzierte sich ein Schnelläufer auf dem Rasen. + +Um den Platz herum zog sich ein schwarzer Saum erwartungsvoller Menschen +-- ein weißes Kleid hier und da, der Farbfleck einer Bluse. + +In der Mitte auf einem Stuhle stand ein Mann in rotem Trikot, einen Fuß +rückwärts gestellt. Mit großer Geste rief er: »Drei Mark demjenigen aus +dem hochverehrlichen Publikum, der eine Stunde mit mir läuft, ohne daß +ich ihn überhole.« Er hatte kurze Beine mit gewaltig hervortretenden +Schenkelmuskeln und einen aufwärts gebürsteten, schwarzen Schnurrbart. + +Eine kleine, dürre Frau, mit verhärmtem Gesicht, stand neben dem Stuhl. +Sie war des Schnelläufers Mutter und hielt einen zerknüllten Zinnteller +in der Hand. + +Der bleiche Kapitän sah seine Leute an. + +»Hohaho! Das machst du, Hauptmann.« + +Dem bleichen Kapitän bebten die Lippen, und ein verlorenes Lächeln +zuckte über sein Gesicht. + +Da trat er in den Raum. + +Und schoß gleich hundert Meter vor, während der Schnelläufer hinter ihm +hertrabte mit zur Brust hochgenommenen Armen, daß sich die Ellbogen vor- +und zurückbewegten, gleichmäßig, wie die Kolben einer Dampfmaschine. + +Nach einer Weile war der Hauptmann, mit mächtigen Sprüngen +vornüberstürzend, schon fast eine Runde voraus, angetrieben durch die +begeisterten Draufrufe seiner Bande. + +»Der Malefizhundsknoche verdient sich wahrhafti die drei Mark!« rief der +rote Fischer. + +Eine Welle der Erregung lief am Menschensaum entlang. + +Die Mutter des Schnelläufers hielt unterdessen den Zuschauern ihren +Zinnteller gleichgültig hin und ging gleichgültig weiter, mit stumpfen +Augen, wenn man nicht gab. + +Der Hauptmann keuchte, etwas langsamer geworden, an seinen Leuten +vorüber, winkte ihren Draufrufen ab, sah sich nach seinem Rivalen um. +Und war weg. + +Der Abstand verringerte sich merklich, der Hauptmann wurde immer +langsamer; der Schnelläufer, stets im gleichen Tempo, holte auf und +überholte, unter knallendem Gelächter des Publikums und besessenem +Draufgebrüll der Bande, den bleichen Kapitän, der nach einer weiteren +Runde vollkommen erschöpft aufgab. + +Geräuschlos verließen die Räuber den Kampfplatz. + +Der Mann im roten Trikot lief weiter in der Sonne am schwarzen +Menschensaum entlang. + +Dem bleichen Kapitän rollten die Schweißtropfen am Gesicht hinunter. +Ohne Atem stieß er hervor: »Der Schnelläufer hat beschummelt! Einen +kleineren Kreis hat er gemacht! Wie wär denn sonst das möglich.« + +»Da gehn wir ganz einfach zurück und machen Krach.« + +»Ach, laß ihn. Ich pfeif ja auf seine drei Mark.« + +»Aber eine halbe Stunde hast du's doch ausgehalten«, sagte der +Schreiber, mit der Uhr in der Hand. + +»No wart nur, bis er wieder einmal läuft.« + +»Ich schlag vor, daß wir jetzt zum Bäcker Schlauch gehen. Da gibt's +warmen Käsekuchen. Es ist genau vier Uhr, seht. Da kommt er grad aus dem +Backofen raus.« + +»Ich hab kein Geld«, sagte Oldshatterhand. + +»Aber ich!« rief der Schreiber. »Siebzig Pfennig. Weil ich heut früh für +mein Vater Schuh fortgetrage hab, und da hab ich siebzig Pfennig mehr +für die Reparatur verlangt.« + +»Wenn das dein Vater erfährt . . . mei Lieber.« + +»Er erfährt's aber nit. O Gott, das mach ich schon seit Jahr und Tag so. +Die Kundschaft frägt mein Vater nit, weil sie's jetzt schon gewöhnt ist, +daß bei mein Vater die Reparaturen so teuer sind.« + +Der Bäckermeister und Weinwirt Schlauch war ein frommer Mann, fett und +bleich. + +Die Räuber blieben auf der Straße vor der Bäckereiauslage stehen. Der +Schreiber kaufte für sich und die andern sieben Stück Käsekuchen, welche +Herr Schlauch durch das Verkaufsfensterchen den Räubern hinausreichte. +Oldshatterhand ließ sich auf sein Stück noch Zucker nachstreuen. + +Da spuckte der Schreiber einen Bissen wieder aus, sah die Räuber an und +sagte: »Der Kuchen schmeckt nach Petroleum . . . Herr Schlauch, der +Kuchen schmeckt ja nach Petroleum.« + +Alle reichten unter Protest die halbgegessenen Stücke durchs Fenster +Herrn Schlauch wieder hinein, der sich ängstlich nach seinen +weintrinkenden Gästen umsah und entsetzt den Kuchen beroch. »Petroleum? +. . . Ja, was wär denn das.« + +»Versuchen Sie ihn nur selber.« + +»Wo schmeckt denn der Käsekuchen nach Petroleum«, sagte Herr Schlauch +erstaunt, weiter mit der Zunge prüfend. + +»Tatsächlich, er schmeckt danach, das merkt man doch gleich!« sagte der +bleiche Kapitän überzeugend und verzog das Gesicht. »Wahrscheinlich ist +die Petroleumkanne daneben gestanden.« + +»Wa wa wa wa wa!« schrie der Bäcker aufgeregt. »Das gibt's nit!« Und +schob die angebissenen Stücke auf dem Tische herum. + +»Also wenn ich Ihnen sag, er schmeckt nach Petroleum . . . Sie müssen +uns neuen Kuchen geben. Wir ham doch bezahlt . . . Schneiden Sie halt +einmal den andern Platz an.« + +Zitternd reichte der Bäcker noch einmal sieben Stücke zum Fensterchen +hinaus. + +Oldshatterhand ließ sich wieder Zucker nachstreuen. Die Räuber bissen in +den Kuchen . . . »Wahrhaftig! der schmeckt auch nach Petroleum«, sagte +der Schreiber nach einer Weile. + +Der Bäcker wurde dunkelrot. + +»Ich schmeck nix«, sagte der König der Luft mit vollem Munde und +schluckte hastig. + +»Du bist halt ein Rindvieh«, flüsterte der Schreiber . . . »Also, Herr +Schlauch, das gibt's doch nit, daß Käsekuchen nach Petroleum schmecken +darf . . . da müssen Sie uns doch recht geben.« + +Sie reichten auch diese halbgegessenen Stücke zum Fenster hinein. Der +Bäcker beroch sie, legte sie hier- und dorthin, türmte sie aufeinander +und sagte endlich zu seiner Frau: »Da, versuch du einmal den Kuchen.« + +»Jag die Lausbube weg . . . Der Kuchen schmeckt doch nit nach +Petroleum.« + +Der Bäcker knallte das Verkaufsfensterchen zu. + +»Machen Sie auf!« Der Schreiber schlug an die Scheibe . . . »Da gehn wir +ganz einfach in den Laden.« + +»Ich nit. Mein Vater sitzt drin«, sagte Oldshatterhand bedauernd und +verschwand. + +Die Räuber schoben sich drängend durch die Tür, in den Laden hinein. + +»Wir wollen ja auch nicht so sein, aber wenn man doch bezahlt«, begann +der Schreiber. »Jesus, wenn sowas bekannt wird!« + +Die Wirtin hatte den Atem verloren, blickte, unnatürlich reglos, das +dichte Räubergrüppchen an, während ihr Mann sich zum Regal umwandte, die +Ränder der unangeschnittenen, großen Kuchen ratlos beroch und dabei +heimlich seine still genießenden Gäste beobachtete. + +»Heiliger Gott, wenn das die Leut erfahre täten«, sagte der Schreiber +sehr laut in die Richtung, wo die Gäste saßen. + +Der bleiche Kapitän drängte sich vor. »Genau betrachtet, müssen Sie uns +unser Geld zurückgeben, natürlich.« + +Und während Wirtin und Wirt erlöst und eilig nach der Kasse griffen, +verglich der Kapitän: »Wenn mei Mutter in ihrer Wirtschaft stinkenden +Schwartenmagen verkauft, muß sie'n a zurücknehm. So was ist doch ganz +klar. Ich versteh Sie wirklich nit.« + +»Also und, also da hinten hockt er«, flüsterte plötzlich der König der +Luft, der Herrn Lehrer Mager entdeckt hatte. »Also und, ich geh.« + +Winnetou war mit Oldshatterhand gegangen. + +Vor einigen Wochen hatte Oldshatterhand einen Zwetschgenkern in die Erde +gelegt, auf daß ein Bäumchen daraus werde. Er und Winnetou mußten lange +suchen, bis sie die Stelle wiederfanden. Endlich sah Oldshatterhand ein +streichholzgroßes, zartes Stengelchen, an dem drei herzförmige Blättchen +waren, und rief: »Das ist mein junger Zwetschgenbaum!« + +Sie knieten nieder. Um sie herum lagen zerbrochene Töpfe, zerknüllte, +nicht mehr brauchbare Blecheimer, Flaschen, Gipsbrocken, stinkende +Gemüseabfälle. Es war der Schuttablagerungsplatz vor der Stadt. +Oldshatterhands Lieblingsaufenthalt. Ein mit grünem Schlamm überzogenes +Altwasser, in dem es Feuersalamander gab, war auch da, von +Haselnußsträuchern umstanden. + +Oldshatterhand drückte das Stengelchen mit dem Zeigefinger vorsichtig +zur Seite und ließ es zurückschnellen. »Es hat schon ziemlich viel +Kraft.« + +Sie setzten sich, die Beine auseinandergespreizt und die Fußsohlen +gegeneinander gestemmt, so daß das Stengelchen in der Mitte war. + +»Wie lange braucht's, bis was dranhängt«, sagte Winnetou bedauernd und +drückte das Stengelchen auch zur Seite. + +Oldshatterhand sah es schon als Baum: »Alles, was er trägt, gehört mir +und dir. Er wächst schnell, hier ist der Boden gut.« + +»Es braucht auch viel Sonne und Regen.« + +Oldshatterhand sah zum bewölkten Himmel empor und wieder auf das +Stengelchen; er empfand einen Druck über dem Herzen, weil er so klein +bei dem kleinen Pflänzchen saß und die Zeit ihm unüberwindbar schien; +seine Sehnsucht machte einen Sprung, und er sagte: »Wenn ich dann einmal +zurückkehre, als . . . wenn ich dann einmal als ein Fremder zurückkehre +. . . in einem Gummimantel, dann ist es schon ein großer Baum geworden, +der gestützt werden muß.« + +»Wir könnten's eigentlich jetzt schon stützen, meinst nit?« fragte +Winnetou und nahm ein Streichholz aus der Schachtel. Sie steckten das +Streichholz zum Stengelchen in die Erde und banden es daran fest. Aber +der Druck wich nicht aus Oldshatterhands Brust. Auch Winnetou sah +nachdenklich drein. Beide dachten jetzt nicht an das Pflänzchen, sondern +in die Zukunft. Das Pflänzchen blieb klein zurück. + +Winnetou riß sich zuerst los und sah wieder auf das Pflänzchen. »Wollen +wir? . . . Was meinst du? . . . Das düngt«, sagte er und war auf einmal +fröhlich. Oldshatterhand sah Winnetou erst entsetzt an. + +»Wirklich, das düngt«, beschwichtigte Winnetou. + +»Du glaubst, man kann das tun? . . . Schaden kann's ihm eigentlich nit«, +sagte Oldshatterhand gedankenvoll, und ein Lächeln entstand in seinem +Gesicht. + +Sie standen auf. Die zwei Strahlen kreuzten sich; sie traten zurück, und +die Strahlen trafen das erzitternde Pflänzchen. + +Dann gingen sie zur Salamanderpfütze. Darauf schwamm ein breites, +verfaulendes Brett. Andere Holzstücke benützten sie zum Abstoßen und +fuhren mit dem Brett auf dem Wasser herum, bis die Nacht hereinbrach, +worauf sie erhitzt nach Hause eilten. + + + + +Zweites Kapitel + + +Das war plötzlich gekommen. Gleichalterige vierzehnjährige Lehrjungen +hatten aus der Kneipe der Witwe Benommen heraus über die Räuberbande +gelacht, die geschlossen vorbeigegangen war. Der Schreiber machte den +Vorschlag, auch in die Kneipe zu gehen, was bis jetzt für verächtlich +und der Räuber unwürdig gegolten hatte, jedoch einem schon lange +zurückgedrängten Wunsche entgegengekommen war. Seitdem hatten die Räuber +viele Stunden in den Kneipen verbracht, und es galt für eine Ehre, +betrunken zu sein. Des Schreibers Ansehen wuchs, denn er war mit ganzer +Seele dabei und immer betrunken. Die Zusammenkünfte im »Zimmer« wurden +zum Entsetzen Oldshatterhands nicht mehr ganz regelmäßig eingehalten. + +Die Räuber lagen auf dem Schloßbergrasen in der Sonne und warteten auf +den bleichen Kapitän. Winnetou kaute nachdenklich Gras. + +Der bleiche Kapitän stieg langsam den Schloßberg hinauf; er hatte ein +schmutziges Karl May-Buch ohne Einbanddecke in der Hand. Eine Weile +blickte er schweigend und gespannt auf die Räuber hinunter. »Was glaubt +ihr, daß passiert ist? Das hätt ich niemals gedacht . . . Winnetou ist +erschossen worden.« + +»Oh, halt doch's Maul!« + +»Da hockt er ja«, sagte der Schreiber lachend und deutete auf Winnetou. + +»Ich meine doch den wirklichen Winnetou in den Karl May-Büchern«, rief +der bleiche Kapitän wütend. + +»Winnetou ist tot?« fragte Winnetou leise. »Das ist nicht möglich. Wie +soll denn das passiert sein.« + +»No, ein paar hundert . . . ich glaub so an fünfhundert Siouxindianer +gegen Winnetou allein! Er ist halt überrascht worden, in einer Höhle, +die nur einen Ausgang hatte . . . Von sechzig bis siebzig Pfeilen ist er +tödlich getroffen worden, weil die Feigling nur immerzu in die Höhle +geschossen ham. Hinein hat sich ja keiner getraut.« + +»Ja, aber wo war denn Oldshatterhand derweil? . . . Wie konnt er denn in +so einem Augenblick nit da sein?« fragte Winnetou erregt. + +Oldshatterhands Augen und die aller anderen Räuber waren auf den +bleichen Kapitän geheftet. + +»Das ist's ja! Der war grad gefangen. Er hat aber schon sowas geahnt und +hat sich befreit vom Marterpfahl . . . Und dann hat er eine ganz +unglaubliche Leistung vollbracht, sag ich euch . . . Tag und Nacht ist +er in einem fort geritten . . . Er ist überhaupt schon nimmer geritten, +sondern geflogen auf seinem >Rih<. Und ist halt doch grad um ein paar +Augenblick zu spät kommen. In Oldshatterhands eigenen Armen ist Winnetou +ein paar Minuten danach gestorben . . . Die letzten Worte Winnetous müßt +ihr les' . . . Ich mag ja gar nix sag . . . Und dann heißt's: Hundertmal +hast du mir das Leben gerettet, mein roter Bruder Winnetou, und jetzt +muß ich zu spät kommen . . . Oldshatterhand hat sogar geweint.« + +Die Räuber saßen stumm, mit glänzenden Augen, die den wilden Westen +sahen, die Höhle, in der Winnetou verschieden war. + +Oldshatterhand sah eine endlose Reihe wildbemalter Siouxindianer durch +die sonnenfunkelnde Prärie galoppieren -- aber am äußersten Ende, da, wo +Prärie und Himmel sich berührten, stand die Räuberbande, ein kleiner, +schwarzer Punkt -- schußbereit. + +»Da kann man jetzt nix mehr mach«, sagte der bleiche Kapitän und reckte +sich auf. »Aber fürchterliche Rache hat er geschworen.« + +»Leih mir das Buch bis morgen«, bat Winnetou. + +»Das geht auf kein Fall. Ich hab's selber noch nit ausgelesen«, wehrte +der bleiche Kapitän ab. + +»Morgen früh geb ich dir's wieder zurück.« + +»Morgen früh muß ich's ja schon abliefern, sonst muß ich vier Pfennig +mehr Leihgebühr bezahl . . . Höchstens müßt du's gleich les . . . Wir +gehn jetzt in die Weinwirtschaft >Zum Lochfischer<. Kommst halt nach, +wennst's ausgelesen hast.« + +Winnetou griff nach dem Buch. + +Die Räuber stiegen den Schloßberg hinunter. Die Sonne war untergegangen. + +Der Schreiber trug unter jedem Arm einen hohen Röhrenstiefel, die Herr +Widerschein vorgeschuht hatte. Bei dem Hause des säbelbeinigen +Polizeiwachtmeisters blieb er stehen. »Ich muß erst die Stiefel vom +Wachtmeister nauf trag. Wartet halt auf mich. Ich bin gleich wieder da +. . . Geh mit«, sagte er zum König der Luft. + +»Hn!« + +»Der frißt dich doch nit.« + +»Also hopp! Also wenn du meinst.« + +»Glaubst du, daß von den Siouxfeiglingen noch ein paar übrig sind, bis +wir nüberkommen?« fragte der König der Luft auf der Treppe. + +Der Schreiber schubste die Röhrenstiefel höher zur Achselhöhle. »Das ist +fraglich . . . Mein Lieber, wenn Oldshatterhand einmal blutige Rache +geschworen hat, dann wird sicher höchstens einer von den Sioux +übrigbleiben . . . Du weißt ja, wie das bei Karl May immer war.« + +». . . Verlangst du mehr für die Stiefel?« + +»Sei doch still.« + +Der Wachtmeister öffnete selbst die Tür. Er hatte sich's bequem gemacht. +Sein Uniformrock hing über dem Stuhle, die meterlange Pfeife lehnte in +der Kanapee-Ecke. Der blaue Tabakrauch stieg vom Mundstück weich in die +Höhe zum säbelschwingenden Türken zu Pferd, der goldgerahmt über dem +Kanapee hing. + +»Grüß Gott, Herr Wachtmeister. Mein Vater hat gesagt, drei Mark neunzig +kosten die Stiefel.« + +Der König der Luft war bei der Tür stehen geblieben und schnalzte nervös +mit den Daumen. + +»Schon fertig?« Der Wachtmeister trat aus dem Pantoffel, stieg in die +lange Röhre hinein und zog und zerrte an den Stulpen. Sein Gesicht lief +blaurot an. Dabei preßte er hervor: »Drei . . . Mark . . . neunzig?« + +»Ja, soviel kosten sie, hat mein Vater gesagt.« Der König der Luft +blickte starr vor sich hin. + +Der Wachtmeister ging, am einen Fuß den Pantoffel, am andern den +Röhrenstiefel, im Zimmer auf und ab und blickte prüfend zur Decke, +schlenkerte das bestiefelte Bein, beugte sich hinab, drückte mit dem +Daumen auf das Oberleder. »Die sind wieder fest beisammen . . . Richt +einen schönen Gruß aus an deinen Vater«, sagte er und zog den +Geldbeutel. + +»Jetzt muß ich erst die drei Mark vierzig heimtrag«, sagte der Schreiber +auf der Treppe. »Die fünfzig Pfennig mehr schaden dem nix . . . Er is ja +Junggesell. Der hat sogar Geld auf der Sparkasse.« + +»Warum hast denn nit noch zwanzig Pfennig mehr verlangt.« + +»Was glaubst denn, da wär er drauf komme.« + +»Hättst halt sag soll, dei Vater hätt dir aufgetragen, die Füß vom +Wachtmeister seien zu groß . . . da brauchet man mehr Leder.« + +»Ich hab doch heut schon vier Paar Stiefel fortgetragen . . . Im ganzen +hab ich eine Mark siebzig dran verdient.« + +»Hn!« + +»Eine Mark siebzig.« + +»Eigentlich ein ganz schöner Verdienst.« + +»Geb halt das Geld erst später dein Vater«, drängte der bleiche Kapitän +vor dem Hause. ». . . Du mußt von vorne anfangen, dann siehst du selber, +daß eine Rettung absolut nit möglich war«, sagte er zu Winnetou, der +stehend las. »Also, jetzt gehen wir zum >Lochfischer< . . . Komm aber, +wennst's ausgelesen hast!« rief er Winnetou nach, der »Ja, ja, sicher!« +rief und weiterlesend langsam in der Richtung seiner Wohnung ging. + +Vor seiner Haustür schob Winnetou das Buch zwischen Hemd und Brust und +wollte in sein Zimmer schleichen. + +Die Mutter öffnete die Tür der guten Stube und rief streng: »Da komm mal +her!« Sie war eine hagere Frau mit dunklen Augen. Ein silberner Christus +baumelte an ihrer Brust. + +Der junge Kaplan, mit gesundroten Flecken unter den hervorstehenden +Backenknochen, saß, wie immer in seiner freien Zeit, auf dem Kanapee +neben der blassen, schönen Schwester Winnetous. Kaffee, Kuchen, Likör +standen auf dem Tisch. + +»Wo hast du das Buch!« rief die Mutter. Winnetou blickte verwirrt auf +die Heiligenbilder, die an allen Wänden hingen. + +»Weißt du nicht, was man zu tun hat, wenn man eintritt!« + +Winnetou ging zum Weihwasserkessel bei der Tür, tauchte die Finger ein +und schlug das Kreuz. + +»Nun?« + +Zögernd ging er zum Kaplan und gab ihm die Hand. »Gelobt sei Jesus +Christus.« + +»In Ewigkeit, Amen . . . Was ist es denn für ein Buch?« fragte der +Kaplan und nippte vom Likör. + +». . . Wirst du dem Herrn Kaplan Antwort geben! . . . Hochwürden +verzeihen.« Sie tastete Winnetou ab und zog das Buch hervor. + +Der Kaplan blätterte im Buch und las vor: »Oldshatterhands Eisenfaust +hatte die Rothaut getroffen. Ohne einen Laut von sich zu geben, sank der +rote Mann tot zu Boden.« + +Winnetous blasse Schwester sah still vor sich hin. + +»Solche Lektüre darf man Kindern nicht in die Hände geben, Frau +Steinbrecher . . . Denken Sie an die entwendete Schultinte.« + +Frau Steinbrecher wurde blutrot. »Von wem hast du das Buch!« + +»Vom bleichen . . . von Oskar Benommen.« + +Die Mutter legte das Buch neben die Mutter Gottes auf die gehäkelte +Decke, welche über die polierte Kommode gebreitet war. »Morgen gehe ich +mit dem Buch zu Frau Benommen . . . Vorwärts!« + +Winnetou sah seine Mutter entsetzt an. + +»Wird's bald!« + +Langsam ging er zur Kommode, nahm aus der Schublade ein Lineal aus +Eichenholz und reichte es der Mutter. Scham verdunkelte Winnetou den +Blick; das Blut war ihm hinter die Augen getreten, als er die Hand +vorstreckte. + +»Jetzt komm!« rief die Mutter nach der Züchtigung und führte ihn am Arm +hinaus, hinauf in sein Zimmer. Ihr Gesicht war weiß, die Augen schwarz +geworden. Plötzlich schlug sie Winnetou ins Gesicht und verließ wortlos +das Zimmer. Die Tür verschloß sie. + +Der Kaplan spielte mit den weißen Fingern von Winnetous Schwester, die +zart errötend ihm die Hand überließ. + +Als die Mutter eintrat, nippte er vom Likör. + +Winnetou saß auf dem Bett, seine Scham hatte sich zu Entsetzen +gesteigert. Zugleich empfand er so heftigen Abscheu gegen die Mutter, +daß er abwehrend die Hände ausstreckte. Die nicht abgewischten Tränen +trockneten. Die Gesichtshaut spannte. + +Winnetou schlief ein und träumte sofort, daß der Kaplan in fliegender +Soutane hinter ihm her durch den Klostergarten stürze, die langen Hände +nach ihm ausgestreckt. Die Mutter stand erhöht und deutete: »Dort +. . . dort.« + +Mit einem entsetzensvollen Schrei erwachte er. Die Mutter war +eingetreten. Sie stellte den Teller mit Wurstbrot auf den Tisch und +verließ, ohne gesprochen zu haben, das Zimmer wieder. + +Winnetou hörte, wie sie zuschloß, und richtete sich automatisch auf. Er +hatte die Empfindungsfähigkeit vollkommen eingebüßt, die erst allmählich +sich wieder einstellte, in Form von Schwindelgefühl und Verlorenheit. +Ohne etwas zu sehen, waren seine Augen auf den alten Stahlstich +gerichtet, der Christus am Kreuz vorstellte. Der Christus hatte +altersgelbe Flecken und Streifen; er war beim letzten Umzug oben auf dem +Wagen gelegen und eingeregnet worden. + +Flüchtig dachte Winnetou daran, daß die beim »Lochfischer« versammelten +Räuber auf ihn warteten, und blieb reglos hocken. + +Es war Nacht geworden. Winnetou stand auf vom Bett, trat ans Fenster und +sah, daß der Kaplan Arm in Arm mit der Schwester im Garten spazieren +ging. + +Er wartete, bis das Paar zwischen den Büschen verschwunden war, stieg +aufs Fenstersims und kletterte am Weinstock hinunter, der die ganze +Südwand des Hauses bedeckte. + +Die Räuber hatten sich beim »Lochfischer« um einen langen Tisch +herumgesetzt. + +Die Stube war drei Tische und einen Kachelofen groß und so niedrig, daß +der rote Fischer, der eben eintrat, mit seinem Haupthaar das +pfeildurchstoßene rote Stuckherz der Mutter Gottes an der Decke +streifte. + +Er setzte sich an den Tisch zum Wirt und zur Wirtin, die auf dem Schoße +ihren alten Schnauz und über ihm die gefalteten Hände liegen hatte. + +Am dritten Tische saß Herr Spenglermeister Hieronymus Griebe und aß +bedächtig eine Portion gebackene kleine Fische, deren Köpfchen er immer +seinem Sohne, dem Duckmäuser, auf den Teller legte. + +Die Räuber sahen mit unverhohlener Verachtung auf den gleichaltrigen +Duckmäuser, einen großen, kräftigen, immer hungrigen Burschen, blond, +mit Pickeln im Gesicht, der täglich in die Kirche lief, fleißig ins +Geschäft, mit anderen Jungen nicht verkehren durfte und stark stotterte. +Er wagte nicht, die Räuber anzusehen, die er fürchtete und haßte, weil +sie ihm den Namen »Duckmäuser« gegeben hatten. + +Herr Hieronymus Griebe gab seinem Sohne jetzt gleich drei Fischköpfchen +auf einmal, die sofort in des Duckmäusers Mund verschwanden. + +Die von allen Mitgliedern der Räuberbande aus gehöriger Entfernung +verehrte blonde Kellnerin mit den sanften Augen stellte freundlich die +frischgefüllten Weingläser auf den Tisch und sagte singend: »Nooo, seid +ihr auch wieder einmal da.« + +Die Räuber lächelten befangen. + +»Heiland der Welt! Das Fischsterbe! Der ganze Mee schwimmt voll +verreckte Fisch. Heiliger Kilian! I wenn wüßt, wer mir's Wasser so +versaut.« + +Der Wirt zwinkerte mit dem einen Auge dem Fischer zu und zuckte +verächtlich mit dem Kopf einmal zur Seite: »No, wo wird's herkumme, d'r +Michl läßt halt 'n ganze Drääk vo seiner Färberei ins Wasser läff.« Er +drückte mit den Händen seinen schweren Körper in die Höhe und trat zu +den Räubern. »Was wird's sei, d'r Drääk vo d'r Färberei is.« + +»No, da soll aber doch weeß d'r Teufl was alles neischlag! Läßt der +Hammel sei Farbsoß wied'r ins Wasser läff? Wied'r?« + +»Jau«, winkte der Wirt ab, »die alte G'schicht . . . Grüß Gott, meine +Herrn.« Die Hände auf die Stuhllehne gestützt, sah er lächelnd auf die +Räuber hinunter. Verächtlich zuckte er noch einmal mit dem Kopf +seitwärts zum Fischer hin: »Die alte G'schicht! . . . No, Herr Vierkant, +wo is denn der Vater. Der hat sich a scho lang nimmer bei mir seh lass.« + +Oldshatterhand schüttelte verlegen den Kopf. »Ich weiß nit, wo er is.« + +»Ein guter Tropfen«, sagte der bleiche Kapitän, zwang sich, gleichgültig +zu trinken, und stülpte die nassen Lippen nach außen. + +Der Wirt lächelte. »No, Herr Widerschein.« Er legte dem Schreiber die +Hand auf die Schulter. + +»Mei Vater is daheim und arbeit, weil er so viel zu tun hat«, sagte der +Schreiber sehr schnell. + +»So, so . . . No, lasse Sie sich's nur schmeck, mitnander . . . Gretl! +'n Herrn Widerschein sei Glas is leer«, sagte der Wirt und ging nach +hinten zu seinem Schanktisch. + +Die verlegenen Räuber wagten nicht, einander anzusehen. »Beim +>Lochfischer< müssen wir Stammgäst werden«, sagte der bleiche Kapitän. +Alle stimmen freudig zu. Plötzlich verstummt, blickten sie zur Tür. Ein +eleganter Handlungsreisender aus Berlin war eingetreten; er schlug die +Hacken zusammen gegen die Wirtin, gegen den Fischer, gegen Herrn +Hieronymus Griebe, gegen den Räubertisch und fragte: »Hören Sie mal, +kann man hier Fische bekommen? Gibt es hier Fische? Frische Fische?« + +Der rote Fischer wandte sich schwerfällig um, sah den Berliner an, +deutete auf einen Stuhl: »No, da setze Sie sich nur erst amal, Fisch +kriege Sie dann scho, soviel Sie brauche«, und wandte sich zurück zum +Tisch. + +Der Schreiber deutete auf die Schuhe des Berliners. »Die hab ich ihm +erst heut früh gebracht. Sohle und Absätz aufrichten«, flüsterte er. +»Der Herr kommt jedes Jahr einmal nach Würzburg, und da läßt er sei +Schuh bei mein Vater mach.« + +Der Berliner stand noch, auf gespreizten Beinen, die Hände in den +Hüften, und betrachtete das rote Herz der Mutter Gottes an der Decke, +sah sich erstaunt um, rief dem Wirt erfreut zu: »Enormjemütlich!« und +las laut den gerahmten Spruch an der Wand: + + »Ob ich morgen leben werde, + Weiß ich freilich nicht, + Daß ich aber, wenn ich lebe, + Trinken werde, das ist ganz gewiß.« + +Der Wirt lächelte. Die Wirtin setzte ihre Brille auf die Nasenspitze und +begann an einem roten Strumpf zu stricken. + +Der Wirt stellte Wein auf den Tisch für den Berliner, der sich zwischen +den Fischer und die dicke Wirtin setzte und einen Karpfen bestellte. +»Isterfrisch?« + +»He?« + +»Ist der Fisch frisch?« + +»No, wenn Sie 'n so frisch in Bauch nei kriege, wie er is, bekommt er +Ihne schlecht«, sagte der Wirt und hielt dem Berliner einen zappelnden +Karpfen unter die Nase. + +»Was glaubt denn deer«, sagte der Schreiber laut. + +»Bei euch in Berlin scheine die Fisch für gewöhnli zu stinke«, meinte +der Fischer. + +»Kolossaler Irrtum! Berlin steht in hygienischer Hinsicht tadellos da. +Größter Seifenverbrauch usw.« + +»No, was wolle Sie denn dann. Glaube Sie, wir wisse nit, was Säfe is? +Säfe könne Sie bei uns in jedn Kolonialwarelädele käff.« + +Der Glasermeister Johann Jakob Streberle kam, ein noch sehr junger Mann, +der erst kürzlich von seinem verstorbenen Vater die Glaserei geerbt +hatte, und setzte sich an den Tisch dazu. Der Schnauz kläffte ihn wütend +an. »Was hat denn der Verrecker«, rief Johann Jakob Streberle und +lachte, wobei »zs-zs«-Laute ertönten und Speichel zwischen seinen +glänzenden Zahnreihen durchspritzte, denn er hielt sie beim Lachen +geschlossen. »Da, schau sie an, die Lausbube. Wie wir so klein warn, sin +wir schö derhem gebliebe. Nit amal 's Geld hätte mir g'habt. Besuffe sin +sie a no.« + +Der Wirt trommelte nervös auf der Tischplatte. + +»No, was mi angeht«, antwortete der Fischer, »i hab's grad so gemacht +. . . Laßt sie doch sauf. Ihr Alter wird ne scho 'n Arsch aushaue, +wenn's nöti is. -- I glaub als, dir hockt er halt wieder, Streberle, +weil's mit der Brautschau Wasser war.« + +»No, allemal!« rief der Schreiber. + +»O Gott, Brautschau! Mädli, Mädli mit Geld krieg i, so viel i will«, +sagte der Glasermeister speichelspritzend. + +Die Räuber verhielten sich ganz still. Ihre Wangen waren gerötet: der +Schreiber hatte einen Liter Most bezahlt. Oldshatterhand klimperte leise +auf der Gitarre. »Doch! Jetzt singen wir«, flüsterte er. »Hopp!« + +»Gretl, _noch_ ein Maß«, sagte der Schreiber. Sein Gesicht glühte. + +»Ooo, Herr Widerschein, Sie sind einer«, sang das blonde Mädchen. + +»Diese Jungens! Diese Jungens! Trinken wie die alten Deutschen, immer +noch eins. Bringen Sie den Jungens einen Liter Wein auf meine Rechnung«, +sagte der Berliner. + +»O Gott, Mädli, Mädli mit Geld, so viel i will!« + +»Einfach weil's Wasser war mit der Brautschau«, sagte plötzlich der +Schreiber, stand schaukelnd auf und sang, die Melodie von »In einem +kühlen Grunde« unterlegend, immer nur den Namen des unbeliebten +Glasermeisters: + + »Johann Ja--a--kob Streeeberle, + Johann Stre--e--berlee -- -- --« + +die ganze Melodie durch. Der Schreiber war vollkommen betrunken. Der +Fischer verschluckte sich vor Lachen. Johann Jakob Streberle spritzte, +gezwungen lachend, Speichel zwischen seinen geschlossenen Zahnreihen +durch und blickte wütend zu den Räubern hin. + +»No, jetz is aber genug«, sagte der Wirt und lächelte vergnügt. + +Das Mädchen brachte den Räubern den Wein des Berliners. Oldshatterhand +beugte sich auf die Tischplatte, zischte verhalten: »Also hopp! . . . +Los!« Und fing mit verzweifeltem Mute allein an zu singen mit hoher +Mädchenstimme: »Nieder mit der Tyrannei!« Worauf die anderen sofort +einsetzten, daß der Berliner seine Gabel fallen ließ: + + »Hoch leb die Anarchie! + Es lebe der Achtstundentag, + Die Ruh, die Republik!« + +Johann Jakob Streberle schüttelte mißbilligend den Kopf. »Bezahle Sie +doch dene Lausbube nit a no Wein, sonst mache sie nur Dummheite . . . +Die ham sowieso scho genug auf'n Kerbholz . . . Ja, ja, wartet nur, +Bürschli«, schloß er geheimnisvoll. + +»Was wolle denn Sie von uns«, rief der Schreiber. + +»Was ich von euch will? . . . Oh, das werdet ihr schon no sehn.« + +»Was der will . . . Sie können uns gar nix anhab.« + +Da umklammerte der bleiche Kapitän den Arm des Schreibers. »Pst! Sei +still!« flüsterte er und duckte das Gesicht auf die Tischplatte. »Wißt +ihr, was auf dem Hobel steht?« + +»Auf was für'n Hobel?« + +»Aha! Hat's euch scho?« rief Johann Jakob Streberle, weil alle Räuber +das Gesicht horchend auf die Tischplatte duckten. + +»No, auf dem Hobel, den wir letzthin auf'n Schloßberg g'funde ham. J. J. +St. steht darauf«, flüsterte der bleiche Kapitän. »Der Hobel gehört dem +Streberle; der Kerl hat uns sicher nachg'schnüffelt.« + +Die Oberkörper der Räuber richteten sich auf. Alle blickten zum +Glasermeister hin. + +»Gelt, ihr wißt scho, daß nit alles sauber is. I will aber gar nix +g'sagt hab.« + +»Sie wisse nix . . . gar nix«, sagte der Schreiber. + +»Wenn wir ihm sein Hobel wiedergebe, hält er vielleicht sei Maul«, +flüsterte der bleiche Kapitän. + +Der Glasermeister schnellte in die Höhe. »Sooo . . . _ihr_ habt mein +Hobel! Mein Hobel habt ihr a no!« Er sprang an den Räubertisch. + +»Wolle Sie was von uns!« Der Schreiber war in die Höhe gefahren. Der +Schnauz kläffte. Alle Räuber standen. + +Da trat Winnetou ein. + +Der bleiche Kapitän klärte Winnetou hastig auf. + +»Sie ham uns also ausspioniert . . . Alle sind gemein . . . Wissen Sie, +was Sie sind? . . . Ein gemeiner Spion sind Sie«, sagte Winnetou laut +und setzte sich. + +Der Glasermeister hob die Faust. Der Wirt sprang dazwischen. »Ruh jetzt! +. . . Macht euer Sach wo anders aus. Und Sie, Sie lasse die junge Leute +in Ruh.« + +»Ihr Gauner!« Er versuchte den Wirt zur Seite zu drängen. Hoheitsvoll +sah der Wirt den Glasermeister an. »Setzen Sie sich auf Ihren Platz +. . . Dort ist Ihr Platz!« sprach er hochdeutsch. + +»No ja, aber hat's denn scho so was gebe. Jetzt sagen Sie selber . . . +Wir Männer -- -- --« + +Aber der Wirt ließ sich auf nichts ein. + +Auch die Räuber setzten sich. + +Herr Hieronymus Griebe trank schnell sein Glas aus, hielt es gegen das +Licht und reichte es seinem Sohn, der das leere Glas eine Weile +senkrecht zwischen die zur Decke gerichteten Lippen hielt und energisch +sog. Herr Griebe zupfte seinem Sohn den Anzug zurecht und verließ mit +ihm eilig die Weinstube. + +»I wer mir mei Gäst vertreib lasse.« + +»No, jetzt sage Sie selber.« + +»Streberle, i will gar nix wiss.« + +»Großartig! Ist das nicht der Junge vom Schuhmachermeister Widerschein«, +fragte der Berliner den Fischer. + +»Das is 'n Widerschein seiner.« + +»Ich lasse mir nämlich immer meine Schuhe von Herrn Widerschein +reparieren . . . Bedeutend billiger als in Berlin.« + +»Ja, Berliiiiiiin!« + +»Ist aber hier in Würzburg auch nicht mehr so billig wie früher . . . +Vier Mark für Sohlen und Absätze erhöhen.« Der Berliner nahm sein Glas +in die Hand. + +»Was? . . . Erhööööhen?« + +»Flecke auf die Absätze.« + +»Ah so! No, i zahl beim Widerschein alleweil no zwä Mark und dreißig +Pfennig für Sohle und Absätz. Seit zwanzig Jahr.« + +Der Schreiber horchte gespannt. + +»Aber hörn Sie mal!« Der Berliner stellte das Glas zurück, ohne +getrunken zu haben. »Da muß ich doch morgen gleich einmal zum Meister +gehen . . . Gleiche Preise für alle! Das ist mein leitendes Prinzip +. . . Ich bin Reisender.« + +»Mei Fisch kriegt a jeder ums selbe Geld . . . Wer bezahlt, kann Fisch +hab.« + +»Hörn Sie mal, junger Mann, sagen Sie Ihrem Vater, ich käme morgen zu +ihm . . . Es ist ja nur eine prinzipielle Sache bei mir.« + +Die Räuber blickten vom Berliner zum Schreiber, der nervös auf dem +Stuhle herumrutschte. »Es kann sei, daß mei Vater morgen gar nit daheim +is. Weil er Schuh nach Höchberg trägt.« + +»Wissen Sie, in Berlin herrscht das Prinzip: Reelle Arbeit -- reelle +Preise. Daher der Aufschwung. Das ist auch meine Weltanschauung.« + +»Ja no, das Solide is no alleweil das beste.« + +»I geh jetzt a bißle ins Eckertsgärtle zum Kegeln«, sagte Johann Jakob +Streberle und erhob sich. + +»'n Streberle dürfen wir heut nimmer aus die Auge lass. Wir müsse doch +rauskrieg, was er vor hat«, sagte der bleiche Kapitän, als der +Glasermeister gegangen war. + +»Solide -- reell . . . das hatte Deutschlands Aufschwung zur Folge, seit +dem Kriege siebzig/einundsiebzig.« + +»Wie heut erinner i mi no. Damals, wir Bayern vor Paris . . . Wir sind +in einem Dorf gelege -- --« + +»Hör'n Sie mal!« unterbrach der Berliner: »Die Preußen -- -- -- -- --« + + * * * * * + +Auf der Straße sahen die Räuber in einer Schmiede Feuer auf der Esse +lodern. Der geschwärzte Schmiedegesell, der unverhofft eine dringende +Reparatur hatte ausführen müssen, trat eben aus der Werkstatt und sah in +den Himmel hinauf nach dem Wetter. Der betrunkene Schreiber lallte: »Mir +ist jetzt alles gleich«, trat auf den Schmied zu, starrte ihm in die +Augen und rief streng: »Wissen Sie nicht, daß es verboten ist, am +heiligen Sonntag zu arbeiten!« + +»Gehst weg! Knirps! Sonst fängst eine«, rief erbost der Schmied. + +»Hau mal her!« + +Der Schmied hieb ihm eine kräftige Ohrfeige herunter. + +»Hau no mal her!!« + +Er hieb ihm wieder eine herunter. + +»Hau no mal her, wennst Kurasch hast!!!« + +Der Schmied gab dem Schreiber noch eine fürchterliche Maulschelle und +ging in seine Werkstatt zurück. + +Die Räuber gingen die Straße vor bis zum »Spitäle«. Alle waren etwas +angetrunken, bis auf Winnetou, der einige Schritte seitwärts +nachdenklich nebenher ging. + +Die Räuber sahen auf das beleuchtete Ziffernblatt, zogen ihre +Taschenuhren und verglichen die Zeit. Es war gegen zehn Uhr. + +»Ich hab's euch ja g'sagt, es war ein Mann dagestanden. Ich hab'n genau +g'sehn.« Falkenauge drehte sich aufgeregt im Kreis der Räuber herum und +deutete zur Festung. + +»Hast halt auch amal was g'sehn«, sagte der ernüchterte Schreiber. + +»Ja, also los! Wir müssen jetzt ins Eckertsgärtle!« rief der bleiche +Kapitän. »Ich werde dem Streberle sagen: wenn Sie's Maul halte, kriege +Sie Ihren Hobel wieder. Denn das wär ja . . . wenn der uns anzeiget +. . . ich weiß ja gar nit, was da wär.« + +Mit jedem Schritt, den die Räuber den Brückenberg hinaufgingen, wuchsen +die Sandsteinheiligen der Brücke und die Kirchtürme höher in den +Sternenhimmel, bis zuletzt die ganze Stadt vor ihnen lag. + +»Wollen wir nicht lieber ins >Zimmer<«, fragte Oldshatterhand. »Wir +zünden die zwölf Kerzen an, das ist doch schöner.« + +»Hohaho!« rief der Schreiber. »Oldshatterhand hat Angst, in die +Wirtschaft zu gehen.« + +»Angst? Was hat denn eine Wirtschaft mit den Indianern zu tun?« + +»Haben denn Kerzen was mit den Indianern zu tun?« + +»Kerzen? -- Kerzen haben was mit Indianern zu tun.« + +»Also der spinnt!« Der König der Luft, der beim Fortgehen in der Küche +den Knochen einer Kalbshaxe mitgenommen hatte, kletterte am heiligen +Kilian hinauf und gab ihm den Knochen in die Faust, in der früher einmal +ein Kreuz gesteckt war. Wochenlang hielt, das Gesicht ekstatisch +himmelwärts gerichtet, der heilige Kilian die Kalbshaxe in der Faust, +und neben ihm streckte der heilige Totnan, den Versucher abwehrend, +erhaben die Hände gegen den Knochen aus. + +Der König der Luft kletterte wieder herunter, bis auf das +Brückengeländer, und fing an, mit großer Vorsicht darauf zu laufen; die +Räuber folgten seinem Beispiel: mit den Armen balancierend, liefen sie, +eine lange, dunkle Reihe, langsam auf dem schmalen Steingeländer über +die ganze Brücke, warfen die Arme wildschreiend in die Höhe und sprangen +wieder auf das Pflaster. + +Oldshatterhand war stehen geblieben und wandte sich um zur Festung. +Plötzlich schwang auch er sich auf das Geländer, schloß die Augen -- und +rannte los, im Galopp. Die Bürger standen entsetzt, atemlos; die Räuber +geduckt, sprungbereit, und wagten, vor Angst, Oldshatterhand würde in +die Tiefe fallen, keinen Warnlaut von sich zu geben, bis Oldshatterhand +bei ihnen angelangt war und herunter in Sicherheit sprang. + +Die Räuber waren bleich, wie wenn Oldshatterhand vom Tode zurück zu +ihnen gekommen wäre; und in Oldshatterhands Innern drohte auch jetzt +noch, da die Gefahr schon überstanden war, das Unbekannte, das ihn schon +öfter gezwungen hatte, Lebensgefahr aufzusuchen. + +Die Wirkung dieser Tat auf die Räuber war eine von Schauern begleitete +Ergriffenheit. + +Klein und flammend schritt Oldshatterhand in ihrer Mitte. + +Die Räuber waren von den anderen Knaben gefürchtet und verkehrten seit +Jahren nicht mit ihnen. Sie waren eine kompakte Masse, mit der Streit +anzufangen ein Knabe sich hüten mußte. Die Furcht spielte sogar ein +wenig, zu einer Art ärgerlichem Respekt geworden, zu den Erwachsenen +hinüber, die manchen gefährlichen Streich der Bande erfahren oder +mitangesehen hatten. Ihr Ansehen machte die Räuber frech und ließ sie +gefährlicher erscheinen, als sie waren. Das galt nur für die +Einheimischen. Deshalb hatten die Räuber auch aus reinem +Nichtbegreifenkönnen untätig zugesehen, wie der neuzugereiste Schmied +den Schreiber verprügelt hatte, als wäre dieser nur ein halbwüchsiger, +frecher Bursche, und nicht Mitglied einer gefürchteten Vereinigung. + +Erst jetzt bemerkten die Räuber, daß Winnetou zurückgeblieben war, und +warteten beim Vierröhrenbrunnen auf ihn. + +Winnetou stand reglos auf der Brücke hinter einem Heiligen und starrte +zum Fluß hinunter; im fließenden Wasser sah er die gute Stube, die +Mutter, wie sie ihn vor dem Kaplan prügelte, und empfand haßerfüllt den +Drang, sich hinunter in die gute Stube im Wasser und auf den Kaplan zu +stürzen. Er preßte die Fäuste an die Schläfen, sein Oberkörper beugte +sich übers Geländer, die Füße verloren den Boden. Schon schwebend, +drückte er sich mit den Knien im letzten Augenblick wieder zurück und +schaukelte mit einem gellenden Schrei gegen den Heiligen. Langsam ging +er den Räubern nach. + +Der bleiche Kapitän erinnerte daran, daß man erst zum Stadttheater gehen +und die Rote Wolke abholen müsse, der als Statist mitwirkte in »Wilhelm +Tell«, und schloß ärgerlich: »Wenn man amal sei Leut braucht, dann muß +man sie erst in der ganzen Stadt zammtromml.« + +Die Räuber standen vor dem Bühnenausgang, blickten auf die erregt +Gestikulierenden und auf die vor Erregung stillen jungen Leute, die aus +dem Hauptausgang strömten, und, stumm geworden, auf das elegante Paar, +das in die einzige Droschke stieg. + +Im dunklen Bühnenausgang erschien die Rote Wolke und blieb +zurückweichend stehen. »Und frei erklär ich alle meine Knechte!« rief er +und breitete die Arme aus. ». . . Vorhang.« Sein Mund blieb offen, rund +und schwarz. + +»Du, der Streberle hat uns ausspioniert und will uns verrat.« Alle +redeten auf ihn ein. + +»Ja, es ist ohne Beispiel, wie sie's treiben!« + +»Was ist ohne Beispiel?« + +»Wie sie's treiben!« + +»Jetzt halt doch's Maul!« + +»Theater! Theater! . . . Diese Pracht!« + +»Also Wolke, ich sag dir, der Hobel is noch das Einzige, was uns retten +kann.« + +»Im Volk mitgemacht . . . Fünfundzwanzig Pfennig hab ich kriegt . . . +Aufruhr! Mut! Freiheit!« + +»Ach, laßt ihn . . . Wir wern scho fertig mit dem Streberle. Wir müssen +nur zusammenhalten.« + +»Wir halten zusammen!« rief die Rote Wolke begeistert. + +Die Knaben waren sehr erregt und zu allem möglichen bereit, als sie in +dem vor der Stadt liegenden Wirtschaftsgarten, dem »Eckertsgärtle«, +anlangten, was gleich dadurch zum Ausdruck kam, daß der bleiche Kapitän +für alle zusammen eine »Liesl« Bier bestellte, einen hohen Krug, der +zwei Liter faßt, und aus dem nur mit Hilfe _einer_ Hand zu trinken die +Ehre verlangte. + +Johann Jakob Streberle beobachtete die Räuber verärgert und lächelte +manchmal schadenfroh, während er mit einem Trainsoldaten sprach, zu dem +er sagte, er solle die Lausbuben auffordern, mitzukegeln, weil sonst +kein Spiel zustande käme. + +Mit aller Energie die Erregung zurückdrängend, die bei Beginn des +Preiskegelns die Räuber erfaßt hatte, griffen sie gleichgültig immer +nach der schwersten und größten Kugel. Vor allem Oldshatterhand, der vor +jedem Schub dem bleichen Kapitän, der Roten Wolke, der Kriechenden +Schlange zuflüsterte: »Ich muß einen Preis holen. Einen muß ich holen. +Vielleicht den ersten!« Er hatte seine letzten zwanzig Pfennige +eingesetzt. + +»Der andere kommt!« rief der Glasermeister der Kriechenden Schlange zu. + +»Das brauche Sie doch bloß zu sagen.« + +»Ich hab's ja g'sagt.« + +Der König der Luft ließ sich beim Schieben in tiefe Kniebeuge nieder, +rief: »Weg da! Weg da! Weg da!« auch wenn ihm niemand im Wege stand, +mahlte mit den Zähnen, schockte die Kugel nervös in den Händen herum, +schleuderte sie hinaus -- und schoß in die Höhe auf die Zehenspitzen. +Die tiefe Stirnfalte war da. Mit schiefgezogenem Mund rief er jedesmal: +»Die Dreckbahn fällt nach links ab«, wenn er nichts getroffen hatte. + +Der bleiche Kapitän holte die große Kugel mit _einer_ Hand aus dem +Kasten, hüstelte gegen den Glasermeister hin in tiefem Baß und jagte die +Kugel hinaus. Johann Jakob Streberle dagegen nahm sehr kleine Kugeln, +zielte genau und traf immer. Speichel spritzte zwischen seinen +glänzenden, geschlossenen Zahnreihen durch. + +Die andern Mitspieler, der Trainsoldat, ein paar Infanteristen und der +Schmied Gottlieb, der Oldshatterhand die Rattenfalle geschenkt hatte, +waren von der innigen, begeisterten und am Ende auch noch zu den Preisen +führenden Hingabe der Räuber an das Spiel schon nervös geworden. Sie +schimpften, wenn Falkenauge immer wieder das Anschubbrett absuchte, ein +Sandkörnchen davon aufpickte und, wenn die Kugel abgelaufen war, auf den +Zehenspitzen stehend, die Arme ausgebreitet, die Finger gespreizt, in +höchster Spannung jede Drehung der Kugel mitzumachen schien, wobei sein +weitaufgerissenes Auge der Kugel nachstarrte, während sein Glasauge +interesselos und tot irgendeinen Mitspieler ansah. + +Die Räuber pürschten sich immer näher an die ersten Preise heran; die +Begeisterung wuchs, und die geröteten Gesichter zuckten in dem von +Hitze, Bierdunst und Zigarrenrauch erfüllten Raum umher. Die +Angelegenheit mit Johann Jakob Streberle hatten sie halb und halb +vergessen. Nur der besorgte bleiche Kapitän nicht, der auf den +Glasermeister zutrat und schon den Mund öffnete, um zu sagen, daß er den +Hobel auszuliefern gedenke. + +Da tat Oldshatterhand einen Schub, der von Johann Jakob Streberle, den +Soldaten und vom Schmied Gottlieb für ungültig, dagegen von den Räubern +unter empörten Ausrufen einstimmig für gültig erklärt wurde. + +Oldshatterhand, bange um seine eingesetzten zwanzig Pfennige, rief dem +Schmied erregt zu: »Sie lügen ganz einfach. Das wissen Sie ganz genau. +Sie Lügenbeutel!« + +Und während Johann Jakob Streberle durch einen wohlgezielten Schub mit +einer nur faustgroßen Kugel sich den ersten Preis sicherte und damit das +Spiel beendete, griff Schmied Gottlieb, ein zwei Meter hoher Mann, +vollblütig und herzkrank, sehr gutmütig, immer betrunken und ein +ausgezeichneter, gesuchter Hufschmied, nach Oldshatterhand -- die +Räuberbande stürzte auf den Schmied, und die Soldaten auf die Räuber. +Der Wirt und sein Hausknecht kamen gesprungen und verschwanden im +Menschenknäuel. + +Keuchen, erhobene Maßkrüge, Schreie -- Scherben. Der Schreiber wankte. +Falkenauge griff sich ins Gesicht -- und griff ins Loch; durch einen +Faustschlag, zum Glück nicht auf sein natürliches Auge, war sein +gläsernes Auge herausgesprungen und kollerte ein Stück die Kegelbahn +hinaus. + +Ein Schutzmann kam. Der Glasermeister redete anklagend auf ihn ein. Die +Bande flüchtete. Oldshatterhand, mit schneebleichem Gesicht, rannte, vom +Schmied Gottlieb verfolgt, immerzu im Kreise um die Kastanienbäume des +Wirtschaftsgartens herum und konnte endlich durch die Tür huschen, +hinaus zu seinen wartenden Kameraden. + +Winnetou war während der ganzen Prügelei teilnahmslos auf dem Stuhle +sitzen geblieben. Und als er die verblüfften Blicke der +Zurückgebliebenen auf sich gerichtet sah, erhob er sich langsam und ging +hinaus zu den Räubern. + +Sie gingen ein Stück die Straße hinunter. Der Schutzmann trat aus dem +Garten und ging in der entgegengesetzten Richtung fort, worauf sich die +Räuber wieder vor der Gartentür einfanden. + +Da stellte es sich heraus, daß das erst kürzlich um sieben Mark +gekaufte, kleine, grüne Plüschhütchen des bleichen Kapitäns auf dem +Kampfplatze geblieben war. Das allgemeine stumme Bedauern um das +Plüschhütchen verwandelte sich in stummes Staunen, als der Schreiber +sich erbot, hineinzugehen und das Hütchen zu holen. + +»Bring auch mein Auge mit«, bat Falkenauge. + +Still und gütig, mit unbeweglich hängenden Armen, ging der Schreiber +langsam durch den Garten, hinein in die Kegelbahn -- und wurde +schrecklich zugerichtet. Nur auf das Plüschhütchen erpicht, hatte er +danach gegriffen, ohne sich zu wehren die furchtbaren Prügel +entgegengenommen, und war ergeben und zerschlagen zurückgegangen, +traurig an der Bande vorbei und die Straße hinauf zur neuen Brücke, +während die andern noch in den Garten hineinschimpften und ihre +gewonnenen Preise verlangten. + +Nach einer Weile kam der Schutzmann wieder in Sicht, und die Räuber +verschwanden. + +Auf der Brücke saß der Schreiber auf dem Pflaster, mit dem Rücken gegen +das Geländer gelehnt und den Kopf auf die Brust gesenkt. Speichel lief +aus dem Munde heraus, Blut am Kopfe herunter und tropfte auf das +zerknüllte Vorhemd. Das kleine, grüne Plüschhütchen lag neben ihm; des +Schreibers Hand ruhte darauf. + +»Und unser Preis ham wir auch nit«, sagte der bleiche Kapitän. + +Der Schreiber fuhr aus seinen Gedanken auf. »Nur fünfzig Pfennig übern +Preis . . . Deshalb braucht doch des Klatschmaul nit zu mein Vater +laufe. Ich kann's ihm ja zurückgeb, wenn er's will.« + +»Hättst dei Maul nit so gewetzt«, rief der König der Luft Oldshatterhand +zu, »dann hätten wir jetzt unser Preis.« + +»Wenn doch der Schub gültig war, du Damian!« + +»Darauf kommt's ganz allein an«, sagte der Schreiber mit dunkler Stimme, +stand mühsam auf und spuckte blutigen Speichel hinunter in den Main. +»Der Schub war gültig.« + +»Und das ist die Hauptsache!« rief der bleiche Kapitän. »Das wär noch +schöner, wenn wir uns von diesen Kommißbrotfressern was g'fall ließeten. +Wenn doch der Schub gültig war.« + +Der Schreiber deutete auf sein blutiges Vorhemd und sagte unheilvoll: +»Der Trainsoldat war's.« + +Nachdem der bleiche Kapitän vergebens versucht hatte, seinen Leuten das +Passieren des Kasernenhofes zu ermöglichen, indem er den Wachtposten +kalt und gemessen fragte: »Heute hat doch Leutnant von Platen +Kasernendienst?« und der zufällig nicht dumme Soldat die schon in den +Kasernenhof eingedrungenen Räuber wieder zurückgetrieben hatte, +erreichten sie, nun zu einem großen Umweg gezwungen, mit dem +Glockenschlage zwei, die Kneipe der Witwe Benommen. + + »Horch, wer zieht so still und leise + Den Tugelafluß hinauf, den Tugelafluß hinauf. + Ach, es sind die armen Briten, + Die so manchen Stoß erlitten. + Bald vermindert sich ihr Lauf, bald vermindert sich ihr Lauf. + Plötzlich bleibt die Truppe stehen, + Denn der Feind ist anmarschiert, ja der Feind, er ist schon da. + Seht sie kämpfen, seht sie streiten, + Durch des Feindes Mitte reiten + Jetzt die Buren mit Hurra, jetzt die Buren mit Hurra!« + +klang das Burenlied, von Sandschöpfern und Fischern gesungen, aus der +Kneipe. + +»Leih mir zwölf Pfennig«, bat Oldshatterhand den bleichen Kapitän. + +»Ich hab ja selber nimmer genug.« Er lieh ihm aber sogar vierzehn +Pfennige und sagte: »Die zwei gibst Trinkgeld.« + +In der Mitte der niedrigen Stube, die tiefer als die Straße lag, denn +fünf Stufen führten hinunter, stand ein langer Tisch, um den herum die +Gäste saßen. Unter kreuzweise übereinander genagelten großen Fahnen in +den Farben der Buren standen auf zwei Postamenten die Gipsbüsten des +Präsidenten Tom Krüger und des Generals Botha; die ganze Stube war mit +Fähnchen in den Burenfarben geschmückt, und jeder Gast hatte ein +Exemplar des Burenliedes vor sich liegen, das Benommen, der Wirt, hatte +drucken lassen, mit der Aufschrift: Schlachtenlied. Gesungen im +Burenlager der Restauration Benommen. Auf diese Weise hielt er die +Begeisterung der Mainviertler für die Buren wach und machte während des +ganzen Krieges ein gutes Geschäft. + +Die Räuber, von den Gästen dieser Wirtschaft wie immer mit Respekt +empfangen, setzten sich um den runden Tisch herum, neben der Schenke. + +In stummer Hochachtung blickten die Gäste auf das blutige Vorhemd des +Schreibers, der beide Ellbogen auf den Tisch stützte und, seine Freude +über das verdiente Aufsehen zurückdrängend, düster vor sich hin sah. +Falkenauge saß neben ihm. Die leere Augenhöhle war vom Faustschlag blau +unterlaufen. Das abgenutzte alte Spielwerkschränkchen über ihm an der +Wand spielte, viele Töne auslassend: + + Sah' ein Knab ein Röslein stehn -- -- -- + +Des bleichen Kapitäns Bruder, Benommen der Wirt, ein untersetzter Mann, +mit fast ganz geschlossenen, eitrigen, roten Augenlidern und +Goldblättchen in den Ohren, stand, Bauch und Unterlippe verächtlich +vorgeschoben, neben seiner Mutter hinter dem Schanktisch und verfolgte +jede Bewegung der auffallend schönen Kellnerin, eines jungen Mädchens +mit gesundbleichem Gesicht und braunen Augen, während die Witwe +Benommen, klein und zäh, unzählbare Falten und Fältchen im ledergelben +Gesicht, die dürren Hände vor dem Leib gefaltet hielt und verbissen die +Leidenschaft ihres Sohnes für seine Kellnerin beobachtete. Noch hatte +sie das Regiment nicht aus den Händen gegeben. Der Sohn hatte die +altbewährte Wirtschaft einstweilen nur in Pacht bekommen. Daß er sie in +eigene Führung bekam, hing davon ab, ob er die Kellnerin aufgab, deren +Kündigung die Alte schon durchgesetzt hatte. + +Mit schmiegsamen Bewegungen, den Leib etwas vorgeschoben, bediente die +schöne Kellnerin einen Gast, der seinen Arm um ihre Taille legte. Sie +entwand sich ihm weich, lachte lautlos und schlug ihre milden Augen +gegen den Wirt auf, der aus der Schenke zum Gast trat und mit dem Finger +zur Türe wies: »In meiner Wirtschaft wird nicht mit der Kellnerin +poussiert! Merk dir das!« + +Der bleiche Kapitän saß zurückgelehnt und beobachtete diesen Vorgang mit +übertrieben gleichgültiger Miene. + +Mit schriller Stimme schrie die Witwe Benommen der Kellnerin zu: »Gehen +Sie doch gleich in die Fischergaß, wo Sie hingehören.« + +Aus dem weißen Gesicht der Kellnerin verschwand das Lachen. Sie gab dem +Gast auf dessen Mark heraus und nahm die zwei Pfennige Trinkgeld +entgegen, wobei ein unwillkürliches Danklächeln wieder ihr Gesicht +verschönte. + +Im Mainviertel, gegenüber einer sehr hohen alten Gartenmauer, klebten +drei niedere Häuschen aneinander, über deren Haustüren metergroße, +schwarze Nummern gemalt waren: Nr. 7, 11 und 13. Es waren ganz kleine, +altersschiefe, graue Häuschen mit bemoosten Dächern. Trat man aber ein +-- da war alles rosa. Und starkes Parfüm und Frauenlachen schlug einem +entgegen. Das war die Fischergasse. Und die neueste Errungenschaft der +Stadt Würzburg, was den Fortschritt anlangt. Ganz plötzlich waren die +ahnungslosen Bürger mit dieser hygienischen Neueinrichtung beschenkt +worden, worauf ein hitziger Kampf der Pfarrerschaft von den Kanzeln +herunter entbrannt war und die Bewohner der vorderen Fischergasse sich +empört gegen die Schande gewehrt und von den Stadtvätern einen anderen +Namen für ihre Gasse verlangt hatten. Nach jahrelangem Kampf und starker +Frequentierung verschwanden die hygienischen Anstältchen ebenso +plötzlich wieder, wie sie gekommen waren. Und danach standen die +Häuschen leer, denn es fand sich kein Mensch, der sie hätte bewohnen +mögen. Nach jedem Vierteljahr wurde der Kaufpreis heruntergesetzt, bis +zuletzt alle drei Häuschen zusammen für sechshundert Mark angeboten +wurden. Aber nicht einmal geschenkt wollte sie jemand haben. + +Doch das kam erst später. Zurzeit waren sie noch von rosa Ampeln +beleuchtet, und der Inhaber der drei Häuschen saß bei den für die Buren +begeisterten Sandschöpfern und Fischern in der Kneipe der Witwe +Benommen. + +Der bleiche Kapitän blies den Schaum vom Bier, trank und sog den Schaum +von der Oberlippe wie ein schnurrbärtiger Alter. »Gott, daran kann ja +gar kein Zweifel sein, daß die Buren den Krieg gewinnen.« + +»Wo das Recht ist, ist der Sieg«, sagte die Rote Wolke und hob die Hand. + +Der Schreiber sagte ernst: »Ex!« trank sein Glas leer und reichte es +gleichgültig der Kellnerin, die ein Lächeln über das sachliche Gebaren +der Räuber nicht unterdrücken konnte. + +Der Gast, dem verboten worden war, sein Gefallen an der Kellnerin zu +äußern, stand beim Wirt und legte ihm die Hand auf die Schulter. + +»In meiner Wirtschaft gibt's das einfach nit«, sagte unwirsch der Wirt +und schnitt ein Stück Schwartenmagen ab. + +»Ja, in _deiner_ Wirtschaft«, sagte die Witwe Benommen hämisch. »Was +willst du denn, wenn sich das schlampige Menschle doch von jed'n +rumschmier läßt.« + +»Also Mutter! Jetzt bist still! Ich brauch dei Wirtschaft nit. Aber kurz +und klein schlag ich dir alles, wennst jetzt nit Ruh gibst.« + +Wütend blickte die Alte auf die Kellnerin und rührte sich nicht. + +»Geh doch nauf und leg dich schlafen. Die Nachtruh tut dir besser. Ich +kann mich ja nit rühr in der Schenk.« + +Die Witwe Benommen zog sich, die Tür zuknallend, in die dunkle Küche +zurück, von wo aus sie durch das Fensterchen die weiteren Vorgänge in +ihrer Wirtschaft beobachtete. + +Ein Trainsoldat trat ein. Der Schreiber riß die Augen auf. »Das ist er!« +Alle Räuber wandten sich nach dem Soldaten um, welcher der Kellnerin die +Hand reichte. »Der war's«, flüsterte der Schreiber und deutete auf sein +blutiges Vorhemd. + +Der Inhaber der fortschrittlichen Neueinrichtung, ein schlanker, +überelegant gekleideter Sachse, sagte zum Wirt: »Stellen Sie mal ein +kleines Fäßchen Bier für meine Freunde auf den Tisch. Ja.« Er hielt sich +zu den vorurteilslosen Fischern und Sandschöpfern und kam ihnen, auch +aus wirklicher Begeisterung für ihre rauhen bayerischen Sitten, +entgegen, indem er zu Lackschuhen und tadellos elegantem Anzug keinen +Hemdkragen trug. + +Der Wirt brachte das Bierfaß und zapfte es an. Der zarte Sachse bürstete +unausgesetzt mit einem goldenen Bürstchen intensiv an seinem gepflegten, +weichen, langen, aschblonden, sehr schmalen Ziegenbart entlang, der das +Stärkhemd in zwei Teile schnitt. Heftig bürstend, zog er den Bart +wagrecht vor, wobei sein Mund sich in Eiform öffnete und die blitzenden +Brillanthemdknöpfe sichtbar wurden, schlug mit der kleinen Faust auf den +Tisch und rief: »Das wäre ja noch schöner. Nur immer feste ran. Gsuffa! +Ja.« Strahlend stand er auf, mit ihm alle anderen, reckte den Maßkrug +zur Decke, trank. Und bürstete sofort wieder intensiv am aschblonden, +schmalen Bart entlang. + +Die Freundschaft der Räuber hatte er bis jetzt vergebens gesucht. Er war +ihnen zu zart, zu elegant, und seiner Begeisterung für bayerische Sitten +trauten sie nicht. Selbst das viele Freibier konnte keine Wirkung auf +sie ausüben. + +Die abgearbeiteten Sandschöpfer und Fischer jedoch konnten ihre +Sympathie dem Freibier spendenden Sachsen nicht versagen, da er auch +sonst sich liebenswürdig zu ihnen benahm. Aber oft sah der eine oder der +andere verlegen zu den verächtlich blickenden Räubern hin, deren +Wohlwollen die Gäste dieser Kneipe sich auch nicht zu verscherzen +wünschten. + +»Lone! bring uns auch drei Liesl Bier!« rief der Schreiber plötzlich der +Kellnerin zu. + +»Kannst sie denn bezahl?« fragte erstaunt der bleiche Kapitän. + +»Das Geld für die Schuh vom Wachtmeister hab ich jetzt sowieso scho +angerissen.« + +»Mein Lieber, was machst denn da jetzt?« + +»Ich geh halt heim . . . und halt's aus. Da kann man jetzt nix mehr mach +. . . Wenn nur wenigstens den Berliner der Teufel holet.« + +Die Alte stand schon wieder reglos in der Schenke neben ihrem Sohn. + +Die Blicke der Räuber waren auf den Trainsoldaten geheftet, und als er +die Hand der schönen Kellnerin streichelte, stülpte der bleiche Kapitän +drohend die Lippen nach außen, während sein Bruder, mit einem stummen +Wutblick auf das Mädchen, eine Biermarke auf den Schanktisch schmiß, und +die Witwe Benommen hämisch das Gesicht verzog. + +Der zarte Sachse stand auf und brachte das Spielwerk in Gang. Es +rasselte im Schränkchen, knackte ein paarmal und begann, aus +Altersschwäche manche Worte unterschlagend, zu spielen: + + Ein Knabe hatte ein Mädchen lieb. + Sie flohen heimlich von Hause fort, + Es wußt's weder Vater noch Mutter. + +Es war still geworden in der Stube. Alle horchten, als säßen sie in +einem Symphoniekonzert. Die Kellnerin stand wider die Mauer gelehnt und +blickte in unbegreiflicher Rührung zum Spielwerk hin, das nach heiserem +Rasseln fortfuhr: + + Sie sind gewandert hin und her, + Sie haben gehabt weder Glück noch Stern, + Sie sind verdorben, gestorben. + +»In der Küche is no e bißle Brate von Mittag. Magst du's nit? Und trink +e Gläsle Wein dazu. Das tut dir doch gut«, sagte der Wirt zu seiner +Mutter. + +Der zarte Sachse deutete auf das Spielwerk und sagte: »Das war von +Heinrich Heine, ja. Diese Töne greifen mir ans Herze . . . Meine Mutter +hat's auch immer gesungen, als ich noch 'n kleener Junge war.« + +»Der kann leicht sei Maul vollnehm«, sagte der Schreiber und beugte sich +zu den Räubern. »Wenn man eine Million verdient im Jahr.« + +»So viel wird's aber vielleicht nit sein. Überhaupt, wie ist denn das +eigentlich, dahinten in der Fischergaß?« + +»So genau weiß man das nit . . . Das ist halt die Fischergaß.« + +Am Fenster saß allein ein Kohlenführer und weinte. Manchmal wischte er +sich mit dem Handrücken übers Gesicht, das ganz von Ruß und Tränen +verschmiert war. + +Da trat sein Bruder, ein Sandschöpfer mit nur fingerbreiter Stirne und +böse blickenden Augen, in die Wirtsstube und hob die Hände: »Daa bist +du? Dei Frau heult sich daheim die Augen aus.« + +Der Kohlenführer schluchzte auf und rief heulend immerzu: »Mei eigener +Bruder! Mei eigener Bruder!« + +»Es is nit wahr«, sagte der Eingetretene. »Also, wenn i dir sag. I bin +doch dei Bruder.« + +»Ein trauriger Lump bist! Mei Frau hat's mir ja selber ei'g'stande. +Gestern die ganze Nacht warst du bei ihr!« brüllte der Kohlenführer +plötzlich laut. + +Der Sandschöpfer blickte, die Augen fast ganz geschlossen, erschrocken +auf seinen Bruder: »Also, wenn i dir sag! Frag sie selber. I wer doch +nit mit mein eigene Bruder seiner Frau . . . Sie is doch mei Schwägerin. +Also . . . also sowas tät i doch nit. Das glaubst du doch nit von mir +. . . Mit der eigene Schwägerin.« + +Der Kohlenführer hob den Kopf. »Du sagst, es is nit wahr?« + +»Also schau. Es is kein Wort davon wahr. Wenn i dir sag! . . . Mir +trinke a Maß Bier mitnander«, schloß beruhigend der Sandschöpfer. »Lone! +a Maß Bier für mich und mein Bruder.« + +Vom Sachsen wurde das Burenlied angestimmt, und die erleichterten Brüder +sangen kräftig mit: + + »Ihrem todeskühnen Ringen kann man nicht das Lob entziehen, + Denn sie fechten toll und kühn -- -- --« + +Die Alte war schlafen gegangen. + +»Setze Sie sich und esse Sie was«, sagte der Wirt zu seiner Kellnerin +und lächelte. + +Der Trainsoldat schnallte seinen Säbel um und ging fort. + +»Jetzt!« rief der bleiche Kapitän. + +Die Räuber legten eilig das Geld auf den Tisch und stürmten zur +Wirtsstube hinaus. Der Schreiber, müde und bleich, als Letzter. + +Vor dem »Spitäle« stand der Soldat, summte: »Als die Römer frech +geworden«, und stieß dazu mit seinem langen Säbel den Takt aufs +Pflaster. + +Es war schon fast hell. Die Sandsteinheiligen der Brücke standen dunkel +gegen den Himmel. + +Der bleiche Kapitän wünschte, daß seine Leute zurückblieben, ging allein +auf den Soldaten zu und sagte: »Sie sind doch der . . . von der +Kegelbahn! He? . . . Zu fünft über einen einzelnen herfallen, das könnt +ihr . . . He?« + +Der Soldat legte die Hand an den Griff seines Säbels. + +»Laß nur dei Brotmesserle stecke. Das rat ich dir im Guten.« Und +plötzlich zuckte die Hand des bleichen Kapitäns nach dem Griff; er riß +den Säbel aus der Scheide und raste, von der ganzen Bande gefolgt, mit +hocherhobenem Säbel davon, die Felsengasse hinauf, auf den dunklen +Schloßberg. So schnell war das gegangen, daß die Bande, ehe der Soldat +das Geschehene begriffen hatte, schon weg war. + +Ohne seinen Säbel mußte er heim in die Kaserne. + +Noch in derselben Nacht gingen die Räuber durch den unterirdischen Gang +ins »Zimmer« und brachten den Säbel zu ihren anderen Waffen, wo er +seitdem verblieben ist. + +»Dieser Streich hätte von meinem Bruder in Amerika sein können«, sagte +der bleiche Kapitän. + +Sie stiegen den Schloßberg hinunter und blieben bei der letzten Linde +stehen, wo ihre Wege sich trennten. + +Neben dem geistesabwesend vor sich hinstarrenden Winnetou stand frierend +und grünbleich Oldshatterhand. »Was hat das alles, was wir heut gemacht +ham, eigentlich für einen Wert«, sagte er, und rief, plötzlich zornig, +weil er den Widerstand der Räuber fühlte: »Für uns hat das gar keinen +Wert! sag ich . . . Für uns nit!« + +»No und der Säbel?« + +»Ich geh jetzt heim«, sagte der Schreiber. »Es is einfacher, wenn ich +gleich heim geh.« + +Der Trupp setzte sich zögernd in Bewegung und verschwand in der +Schloßgasse. + +Winnetou war am Lindenstamm lehnen geblieben. Langsam stieg er den +Schloßberg wieder hinauf, ging unter Grauenschauern durch den +sammetschwarzen unterirdischen Gang ins »Zimmer« und zündete eine Kerze +an. + +Die Kerze in der Hand, starrte er die Mauer an, sah den Kaplan und die +Schwester auf dem Kanapee, die Mutter, wie sie ihn schlug, und verzog +die Lippen zu einem schadenfrohen Lächeln bei der Vorstellung, wie +ungeheuer die Mutter erschrecken würde, wenn sie ihn erschossen ins Haus +gebracht bekäme. Er sah, wie die Mutter jammernd über seine Leiche fiel, +und sagte plötzlich haßerfüllt: »So, da hast du's jetzt. Geschieht dir +ganz recht. Ganz recht.« Schleichend näherte er sich der Glasvitrine und +blickte auf den alten Revolver, der durch die Brechungen des runden +Glases verdreifacht unter der Vitrine lag. + +Als er die Vitrine abhob, lag nur ein Revolver, alt und rostig, vor ihm. + +Mit zitternden Fingern prüfte er, ob der Revolver geladen war, setzte +die Mündung auf die Mitte seiner Brust, wo der Druck saß, und hatte, +kurz bevor er abdrückte, das bestimmte Empfinden, die Mutter sitze in +seiner Brust und verursache ihm diesen Druck, so daß er mitten durch die +Mutter schießen würde. »Hopp!« schrie er gellend und drückte ab. Es +knackte. Winnetou stürzte zu Boden und riß die verlöschende Kerze mit. +Der alte Revolver hatte versagt. Schweiß brach rapid aus. Unter +strömenden Tränen und ungeheurem Wohlgefühl am ganzen Körper wich die +Spannung; der Körper bäumte und wand sich; der Mund biß in den Boden. + +Schwindlig vor Erschöpfung stand Winnetou im dunklen »Zimmer« und atmete +keuchend mit offenem Munde den Schrecken aus, tappte zur Felsenbank und +schlief augenblicklich ein. + + + + +Drittes Kapitel + + +Spätherbstwinde rissen die letzten Blätter von den Schloßberglinden und +Dachziegel von den Häusern, wovon einer dem Spenglermeister Herrn +Hieronymus Griebe auf die Schulter fiel, so daß er ein paar Wochen lang +seinen Arm nicht heben konnte. + +Die königlichen Weinberge lagen zerzaust und bereift. Wagen, mit +dickbauchigen Fässern beladen, schwankten durch die Gassen, standen vor +den Weinstuben; schwarze Schläuche liefen davon weg in die Keller, und +die geschmückten Pferde stampften und pusteten die Streu aus den +vorgehängten Futterkästen, von Spatzen frech umhüpft. Die ganze +Stadt roch scharf nach Most. Der seitdem berühmt gewordene +Achtzehnhundertneunundneunziger war heimgebracht worden. Angetrunkene +torkelten durch die Gassen; des Fischers violette Stülpnase war +schwärzlich angelaufen. + +Alles war heiter und zufrieden; aber die Räuber, vollzählig versammelt, +saßen auf der Anklagebank. + +Der Glasermeister Johann Jakob Streberle hatte wegen des Raubzuges in +die königlichen Weinberge Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet. + +Fragte ihn jemand, weshalb er das getan habe, dann sträubte sich sein +inzwischen gewachsenes blondes Schnurrbärtchen, und speichelspritzend +lachte er: »Dene Früchtli ham mir's amal besorgt.« + +Erschwerter Raub an königlichem Gut, lautete des Staatsanwalts +Klagestellung. Er hatte sich persönlich davon überzeugt, daß es sehr +erschwert, ja lebensgefährlich war, um den Diebabhalter herum in die +königlichen Weinberge zu gelangen. + +Die Gerichtsstube war niedrig. Die Richter saßen breit hinter der +Barriere, daneben saß der Staatsanwalt, ihm gegenüber der Verteidiger, +Rechtsanwalt Karfunkelstein -- des Schreibers Chef --, alle in schwarzen +Talaren. Neben Herrn Karfunkelstein, auf der langen Bank, saßen die +Räuber, in ihren Sonntagsanzügen. Hinter ihnen, dicht gedrängt, die +Zuschauer; darunter die erregten Väter ihrer Söhne. Ganz im +Vordergrunde, die dürren Hände vor dem Bauch gefaltet, mit müden +Augenlidern, den Kopf leidend schulterwärts geneigt, saß die Witwe +Benommen und blickte trübe auf den bleichen Kapitän. Und neben ihr, die +Mundwinkel verbittert zurückgezogen, daß sich kleine Apfelbäckchen +bildeten, saß kerzengerade Herr Lehrer Mager. + +Der Richter, ein großer Mann mit braunem Reiterschnurrbart und geröteter +starker Nase, blickte schon eine Weile unverwandt mit seinen guten Augen +streng von einem Räuber zum andern. »Oskar Benommen, du sollst ja der +Anführer von dem netten Geschichtchen gewesen sein. Erzähle uns jetzt, +wie war die Sache.« + +Die Witwe Benommen schoß in die Höhe. »Der da, der kleine Vierkant, Herr +Richter, der ist der Verführer von meinem Sohn. So klein er ist, so +frech und verdorben ist er . . . der Teufel.« + +Der Schnurrbart des großmächtigen Richters zuckte. Und während +Oldshatterhand, bleich geworden, auf der Bank herumrutschte, brüllte der +Richter: »Das Maul gehalten! Und du, infamer Halunke, stehe jetzt auf +und rede.« + +Der bleiche Kapitän stülpte die Lippen nach außen. Das war alles. Es war +still. + +»Den Kopf reißen wir dir nicht herunter«, lenkte der Richter ein. + +Da spreizte der bleiche Kapitän die langen, knochigen Finger an den +senkrecht hängenden Armen und sagte, nicht im Baß, sondern mit seiner +natürlichen, sehr hohen Stimme und sehr schnell: »Ja also, wir war'n +halt droben in unserm Festungsgraben um unser Lagerfeuer herumgesessen +und da hat's zwölf Uhr geschlagen und da sind wir in den Weinberg und +ham unsere Trauben gegessen . . . und ham uns auch ein paar mitgenommen, +und später sind wir heimgegangen.« + +»Unser Lagerfeuer! Unser Festungsgraben! Unser Weinberg! Unser! Unser! +Unser! . . . Nun, und wo sind denn die paar Trauben hingekommen? die ihr +noch mitgenommen habt.« + +»Ja die . . . also die . . . die ham wir auch gegessen.« + +Im Zuschauerraum war es ganz still. + +»Michael Vierkant! Wo sind die Trauben hingekommen?« + +Oldshatterhand ließ sich von der für ihn zu hohen Bank heruntergleiten +und ging ganz langsam bis knapp vor das Richterpult. + +Der bleiche Kapitän warf einen flehenden Blick auf ihn, den +Oldshatterhand aber nicht bemerkte. Er sah, die Hand dargereicht, zum +Richter in die Höhe, sagte fein und leise: »Zuletzt waren keine Trauben +mehr da«, und schrak furchtbar zusammen, als der Richter brüllte: +»Kleiner Schuft! weißt du nicht, daß die Trauben unserem Prinzregenten +gehören! Und daß der Prinzregent in Würzburg geboren ist! Und ihr Gauner +stehlt ihm seine Trauben! . . . So ein winziger Frosch, stiehlst dem +König seine Trauben.« + +Der Richter hatte Oldshatterhand am wehesten Punkt getroffen. Die Lippen +zitterten ihm. Erregt stieß er hervor: »Ich wachse noch!« + +Es gelang dem Richter, ernst zu bleiben. »Setze dich. Und merke dir das, +wenn du den Prinzregenten kennen würdest, dann würdest du seinen +Weinberg in Ruhe lassen.« + +»Ich kenn unseren Prinzregenten. Weil ich ihm einmal einen Blumenstrauß +gegeben hab. Damals, wie die neue Brücke eingeweiht worden ist. Ich hab +ja sogar meinen Hut dabei verloren, so ein Gedräng war.« + +»Und meinst deshalb, du kannst ihm seine Trauben stehlen? . . . Jetzt +hört mich einmal an. Wenn ihr nicht gesteht, wo ihr die Trauben +versteckt habt, sperre ich euch ein, bis ihr alt und grau seid . . . +Hans Lux! Wo sind die Trauben hingekommen.« + +Die tiefe Falte war da. Der Hals schoß wagerecht vor; der König der Luft +mahlte mit den Zähnen und schnalzte nervös mit den Daumen, wobei seine +Fäuste fest an die Schenkel angepreßt blieben. + +»Was habt ihr dann gemacht? Ihr seid aus dem Weinberg zurückgestiegen, +und . . .?« + +»Und ham sie gegessen«, flüchtete der König der Luft eilig über die +Traubenaffäre weg und fuhr fort: »Also, aber also und, dann wollte ich +das hundertsiebenundneunzigste Kapitel aus >Die bleiche Gräfin oder Der +Mord im Walde< vorlesen. Aber also . . . also und . . . also aber, +Oldshatterhand wollte, daß wir das Räuberlied singen.« + +»Was ist das? Oldshatterhand?« + +»No, Michl, also Michl Vierkant.« + +»Und was für ein Räuberlied wolltet ihr denn singen?« + +»Also no! also natürlich, >Stehlen, morden, huren, balgen, heißt für uns +nur die Zeit zerstreun, morgen hängen wir am Galgen< -- -- --« + +»Aha. Darum laßt uns heute lustig sein. Wie?« + +»Ja. Von Friedrich von Schiller.« + +»Nun, und dann?« + +»Hn?« + +»Was habt ihr dann gemacht?« + +»Dann haben wir registriert.« + +»Wie?« + +»Also registriert! Halt! Also nein. Schon vorher ham wir registriert.« + +»Was habt ihr registriert?« + +». . . Also halt so. Also und alles.« + +»Zum Teufel, also was denn!« + +»Also halt einen Stallhasen.« + +»Einen Stallhasen? Ein Kaninchen?« + +». . . Gekauft! lebendig.« + +»Und was war weiter?« + +»Hell war's!« + +»Malefizhalunk! Was hast du dann weiter gemacht?« + +»Sonst nichts. Heim zu meiner Großmutter bin ich gange.« + +»Und hast du wenigstens eine Tracht Prügel bekommen?« + +Die tiefe Falte verschwand. Der Kopf richtete sich auf. Der König der +Luft hatte gelächelt. »Nein, also und, sie hat mich ja nit g'hört. Also +weil sie taub is.« + +»Was?« + +»Taub.« + +»Georg Bang!« + +Der König der Luft setzte sich und flüsterte erregt der Roten Wolke zu: +»Also das glaubt er nit, daß sie taub is.« Der Roten Wolke Mund stand +empört offen. + +»Georg Bang!« + +Falkenauge schnellte in die Höhe, wie er es von der Schule her gewöhnt +war. Sein neues Glasauge glänzte in reinstem Weiß und Kobaltblau, +während sein natürliches graubraun war. + +»Nein. Hans Widerschein, komm einmal du erst her.« + +Der Schreiber, der schon bei vielen Gerichtsverhandlungen für Herrn +Karfunkelstein tätig gewesen war, schritt frei zum Richterpult. + +»Herr Mager, bei Ihnen waren ja alle diese Knaben in der Volksschule. +Vielleicht können Sie uns eine Handhabe geben, wie etwas aus ihnen +herauszubringen ist.« + +Herr Mager stand wie ein Spazierstock. »Vorerst muß ich bemerken, Herr +Amtsrichter, daß ich diese Buben auch jetzt noch abends in der +Fortbildungsschule habe, und sie auch als Rekruten wiederbekomme. Und +dann: es war mir nie möglich, mit ihnen fertig zu werden, ohne sie +empfindlich zu strafen. Mit der ganzen Härte, die mir zustand! Drittens +habe ich manchem von diesen schon in der Volksschule prophezeit, daß er +einmal im Zuchthaus enden werde. Viertens, diese zwölf Schüler steckten +immer zusammen. Ein Beweis dafür ist, daß sich von diesen Zwölfen +niemals einer gemeldet hat, niemals! wenn ich rief: Wer meldet sich?« + +»Wie meinen Sie das, Herr Mager?« + +»Herr Amtsrichter, wenn ein Knabe eine exemplarische Züchtigung verdient +hat, rufe ich: Wer meldet sich? Es melden sich dann immer welche +freiwillig, die ihren Mitschüler während der Züchtigung auf dem Stuhle +festhalten.« + +»Nun . . . ich danke, Herr Mager«, sagte der Richter und erholte sich +langsam von seinem Staunen. + +Der Richter frug weiter, einmal den, unverhofft einen anderen, brüllte +und war jovial. Es half ihm alles nichts. Die Räuber hatten dem bleichen +Kapitän vor der Verhandlung einen langen Eid schwören müssen, das +»Zimmer« nicht zu verraten, von dessen Existenz kein anderer Knabe, kein +Mensch in Würzburg wußte. + +Oldshatterhand hatte vor Jahren einmal in »Der tote Mann im Keller oder +Verfolgt über alle Länder und Meere« von verborgenen Falltüren gelesen, +daraufhin die Festungsmauern abgeklopft und war furchtbar erschrocken, +als eine Stelle hohl geklungen hatte. Er und der bleiche Kapitän hatten +so lange gebohrt, gekratzt, gelockert, bis ihnen der Verschlußstein des +unterirdischen Ganges zu Füßen gefallen war. + +»Andreas Steinbrecher, komme du einmal her zu mir und denke an deine +Mutter. Sie ist eine ehrenwerte Frau.« + +Jede Verantwortung ablehnend, blickte Frau Steinbrecher kalt auf +Winnetou, ihren Sohn. + +»Bekenne aufrichtig, wo sind die Trauben hingekommen?« + +»Ich nehme keine Trauben mehr«, sagte Winnetou. Und es klang wie ein +Schwur. + +Resigniert sagte der Richter zu seinen Beisitzern: »Ich denke, wir +können dem Herrn Staatsanwalt das Schlußwort geben . . . Theobald +Kletterer!« Er sah noch einmal in seine Aktenmappe und fragte mild und +freundlich: + +»Du bist eine Doppelwaise?« + +»Ja!« + +»Du wirst mich doch nicht belügen.« + +»Nein!« + +»Nun, so erzähle du mir, erzähle, wie war die Sache?« + +Der Mund der Roten Wolke stand offen, rund und schwarz wie ein +Mauseloch, worin die Zahnstummeln standen, dunkelbraun wie +Schokoladepyramidchen. Er stellte eine Fußspitze rückwärts, reckte sich +auf und hob die Hand. »Das Lagerfeuer flackerte. Der Mooond beleuchtete +die alte Stadt.« + +»Wo sind die Trauben hingekommen?« + +»Der Hunger war groß zu jener Zeit. Und keine Beere blieb übrig.« + +Der Richter klappte sein Lineal aufs Pult und machte eine abschließende +Handbewegung zum Staatsanwalt hin. »Setzt euch. Auch du, Hans +Widerschein.« + +»Jawohl, Herr Amtsrichter«, sagte der enttäuschte Schreiber, der stehen +geblieben war, weil er auch gerne etwas gesprochen hätte. Zögernd ging +er zurück auf seinen Platz. + +Der Staatsanwalt beantragte nach ein paar formell einleitenden Worten, +die Räuber freizusprechen und sie der Schule zur Bestrafung zu +überweisen. + +Die Witwe Benommen hatte, als der Staatsanwalt angefangen hatte zu +sprechen, ihren faltigen Totenkopf aufgestellt, als er fertig war, ihn +wieder sanft schulterwärts geneigt und sah jetzt trübe auf den bleichen +Kapitän, wie wenn er zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt worden wäre. + +Da erhob sich der Verteidiger, Rechtsanwalt Karfunkelstein, ein kleiner +Mann. Bei dem Anfangswort jeden Satzes heftig mit dem Zeigefinger vor +sich auf den Boden stechend, als ob dort alles abzulesen wäre, und ohne +jemals den Blick von dieser Stelle zu erheben, hub er an zu reden, eine +lange Rede: »Hoher Gerichtshof! Gehen Sie mit mir die ganze Strafsache +durch. Von Anfang bis zu Ende. Darum bitte ich Sie. Dann kann es +nimmermehr geschehen, ja es darf und es wird nicht eintreten, daß Sie zu +einer harten Verurteilung der Angeklagten kommen.« + +Der Richter sah verblüfft auf Herrn Karfunkelstein, welcher fortfuhr: +»Sehen Sie die Angeklagten an. Jung sind sie. Sehr jung. Knaben sind +sie. Kinder sind sie. Ganz von vorne wollen wir anfangen. Jeden +Angeklagten für sich ansehen. Nehmen wir den ersten.« + +Der Richter warf hilflos grimmige Blicke im Gerichtszimmer umher, sah +zur Decke, schnupfte wütend und klopfte mit dem senkrecht gestellten +Bleistift den Radetzkymarsch auf das Pult. + +»Sehen wir uns unparteiisch das Alter des Hans Lux an.« + +Und während der König der Luft den Oberkörper senkrecht hielt, den +langen Hals wagrecht, mit den Zähnen mahlte und mit dunkelglühenden +Augen auf seinen Verteidiger starrte, rief dieser, mit sich +überschlagender Stimme: »Bände! spricht das schon allein. Bände! . . . +Sehen wir seine Großmutter an. Taub ist die arme alte Frau. Ziehen wir +nun eine Parallele zwischen dem Hans Lux und dem Oskar Benommen, und +erwägen, daß des ersteren Großmutter taub, Witwe hingegen des letzteren +Mutter ist . . .« + +Der Verteidiger sprach weiter, über jeden Angeklagten für sich, wog sie +gegeneinander ab, sprach über Hunger, Not und Elend, berührte, wie er +eindringlich bemerkte, den Richtern zuliebe die Nachwirkungen der +Kinderkrankheiten auf die Angeklagten nur flüchtig, um bei der +Vererbungstheorie eingehend zu verweilen, fuhr fort mit dem +außerordentlichen Einfluß der Blutarmut auf die Angeklagten, und langte +nach einer Stunde bei der Hauptstütze seiner Verteidigung an, der +Schundliteratur. + +Während Richter und Staatsanwalt in ratloser Verzweiflung ihre +Taschenuhren zogen und ängstliche Naturen unter den Zuschauern +befürchteten, die Richter würden ihren Zorn über den seiner +verantwortungsvollen Mission bewußten Verteidiger an den Jungen +auslassen und sie zu einer fürchterlichen Strafe verurteilen, war Herr +Karfunkelstein endlich bei der ungeheueren Gefahr des Justizirrtums an +sich angekommen. Und erst nachdem er mit einer dringenden Mahnung zu +väterlicher Güte und Einsicht geschlossen und die Richter gebeten hatte, +durch ein möglichst mildes Urteil mächtige Felsblöcke aus dem weiteren +Lebensweg der Angeklagten zu wälzen, konnten die Richter ins +Beratungszimmer gehen, nach fünf Sekunden zurückkehren und die Räuber +freisprechen, um sie Herrn Mager zur Bestrafung anzuempfehlen. Worauf +tiefe Seufzer der Erleichterung durch das Gerichtszimmer schwirrten, +während Herr Karfunkelstein strahlend die Hände seiner Klienten +schüttelte, die mit Freude und Stolz acht Tage abgesessen hätten, nun +aber in stummer Verzweiflung saßen, denn am nächsten Tage war +Schulstunde. + + * * * * * + +Oldshatterhand hatte von seinem Vater nach der Verhandlung Prügel +bekommen und saß gegen neun Uhr abends in der Wirtschaft »Zur schönen +Mainaussicht« auf dem schwarzen, versessenen Lederkanapee. Hin und +wieder blickte er auf die blonde Wirtstochter, die etwas verächtlich +lächelnd auf ihn zurücksah. + +»Trag dem Vater ein Hörnchen hin, zu sein Kaffee«, sagte sie zu ihrem +Bruder, der Kriechenden Schlange. + +»Der soll sich's selber hol«, erwiderte die Kriechende Schlange und +lachte zu Oldshatterhand hinüber. + +Der bleiche Kapitän, die Rote Wolke und der Schreiber gingen auf der +Kaimauer entlang, schwenkten, ohne sich erst zu verständigen, plötzlich +nach links ab und kletterten an der sieben Meter hohen Mauer hinauf, die +den Garten der »Schönen Mainaussicht« umschloß, traten in die Wirtsstube +und setzten sich wortlos zu Oldshatterhand aufs Kanapee. + +Aus dem Nebensaal erklangen die Töne der Ziehharmonika. »Auf zur +Quadrille!« rief eine nasale Männerstimme, und zu gleicher Zeit +verschwand die zimmerbreite, auf Rollen laufende Schiebetüre in der +Wand. Man sah durch eine lange Gasse Tanzpärchen durch, an deren Anfang +ein großer Mann im Gehrock stand, dessen hakennasiges Gesicht einem +gelben Papagei glich. Mit eleganten Verbeugungen nahm er von den Herren +die zehn Pfennige Tanzgeld entgegen, während die Wirtstochter, ein +blutarmes, bleiches Mädchen mit eingefallener Brust, im Saal herumging +und eine Stearinkerze zerschnitt, zur Glättung des Bodens. + +Der Mann mit dem Papageiengesicht, er war Buchbinder und Tanzlehrer, +schwindsüchtig und hieß Gipfelmann, hob die Hand. Die Ziehharmonika +wurde auseinandergezogen und unter rhythmischem Händeklatschen des Herrn +Gipfelmann stellten die Tanzenden die letzten Figuren der Quadrille, von +drei im großen Saale glücklich verteilten Gasflammen spärlich +beleuchtet. Junge Sandschöpfer, Handwerker, Soldaten und die Mädchen +verbeugten sich ernst und tief und legten beim Rundtanz die Wangen +aneinander. + +Neben dem Ziehharmonikaspieler, einem immer lächelnden Zwerg, breiter +als hoch, saß fröstelnd zusammengekauert die Frau des Tanzlehrers, die +sehr der Witwe Benommen glich. Sie löste immer wieder ihre in die Ärmel +geschobenen Hände und griff lächelnd zum Schnapsgläschen, wobei sie +jedesmal schrill rief: »Ja, des muß i hab! Mei Schnäpsle muß i hab. Nur +e Gläsle«, um dann ihre Hände sofort wieder fröstelnd in die Ärmel zu +schieben. Sie war auch schwindsüchtig und immer etwas angetrunken. »Tanz +doch e bißle«, sagte sie lustig zu ihrem hohlwangigen Sohn, der mit +offenem Munde mühsam atmend bei ihr saß, manchmal tief aus der Brust +heraus in sein zinnoberrotes Taschentuch hustete, auf dem man das Blut +nicht sah, und sich dann zurücklehnte, weiß wie Mehl, mit blauen Lippen. + +Ein paar Tage später, an einem Mittwoch, starb er. + +»Im Grunewald, im Grunewald ist Holzauktion, ist Holzauktion«, spielte +der Zwerg in schnellem Mazurkatakt. + +Die brustkranke Wirtstochter trat auf den Sohn des Tanzlehrers zu und +lächelte. »Spiel e bißle langsamer«, sagte sie bittend zum Zwerg, der +sich verbindlich verneigte, »wir wolle a tanz«, und zog lachend den +Kranken vom Stuhl empor. Langsam, ganz vorsichtig, tanzten sie Walzer, +angestoßen und überholt von einem kräftigen, kurzbeinigen Fischer, der +mit seinem Mädchen mazurkastampfend im Saal herumraste und dem Zwerg +fortwährend zuschrie: »Spiel schneller! Spiel schneller!« + +Die Mutter der Kriechenden Schlange, die mächtige, geschminkte Wirtin +mit zarter, heftpflasterrosa Haut und vom Korsett in die Höhe gehaltenem +überquellendem Busen, fragte freundlich lächelnd die vier Räuber: +»Tanzen Sie nicht, meine Herren?« und warf, ohne Antwort abzuwarten, +einen bösen Blick auf ihren kleinen Mann, der einen fettigen Fes auf dem +Kopfe hatte, über seine Kaffeetasse gebeugt saß, ein Hörnchen eintauchte +und es so lange weichen ließ, daß ihm dann der Kaffee zu den Mundwinkeln +heraus, am Schnurrbart herunter und zurück in die Tasse lief. + +»Schämst dich nit, alte Sau!« rief die Wirtin ihrem Manne zu, und der +Kriechenden Schlange: »Nehm ihm die Tasse weg und trag sie in die Küch.« + +Die Kriechende Schlange sah seine Mutter frech und unbekümmert an, blieb +am Schanktisch lehnen und sagte höhnisch: »Was geht's mich an. Laß 'n +rumpantsch.« + +»Tanzen Sie doch auch, meine Herren«, animierte die Wirtin. Ihr Mund +wurde klein vor Freundlichkeit. + +Der bleiche Kapitän stülpte verächtlich die Lippen nach außen. »Wir wern +da im Kreis rumhüpfe.« + +Die Kriechende Schlange platzte mit dem Lachen heraus. + +»Gehst weg! Bankert!« schrie die Mutter ihm zu. + +»Da bleib ich«, sagte die Kriechende Schlange ruhig und lümmelte sich +auf den Schanktisch. + +Die Wirtstochter, jetzt mit rosig überhauchten Wangen, kam +hereingelaufen zu ihrem Vater und stand, die Ellbogen auf den Tisch +gestützt und die Hände um das eirunde Gesicht gelegt. »Schau, er kommt +ja wieder. Der Frau Benommen ihr Caro war auch einmal vierzehn Tage +verschwunden. Sie hat's in die Zeitung setz laß, und da hat ihn ein +Bauer aus Versbach zurückgebracht. An einem Kälberstrick. Nur sei Hals +war e bißle vom Strick geränft.« + +»I hab scho e Tinktürle kauft, daß wenn er vielleicht die Krätze hat, +oder sowas. Und schau . . . den neue Kamm.« Der Wirt zog einen großen +Hundekamm aus seiner Brusttasche, wobei er vorsichtig zu seiner Frau +hinsah. + +»Steck 'n ein. Sie braucht 'n ja nit zu sehn.« + +»Zsssssss«, ertönte es von draußen. Johann Jakob Streberle trat ein und +der zarte Sachse, der ein junges Mädchen, das sich verschämt am +Türpfosten wand, hereinzog. Sie trug noch kurze Röcke, eine blaue +Seidenschleife im offenen, rötlichen Haar, und ihr geschwungener Mund +war tiefrot. Ihr Vater war Viehhändler gewesen, hatte sein Vermögen +verloren, sich auf dem Schloßberg an eine alte Linde gehängt und sein +Kind als mittellose Waise zurückgelassen, worauf der Inhaber der +hygienischen Anstältchen sich ihrer angenommen hatte. + +Die Räuber blickten verhalten auf Johann Jakob Streberle, dessen +lachender Mund sich schloß, als er die vier still und eng beieinander +auf dem Kanapee sitzen sah. + +»Dreihundertsiebenundsechzig Fenster mitsamt die Rahmen, die ganze +Glaserarbeit vom neue Krankenhaus is mir zug'schlage worn, weil i's +Fenster um zwä Mark billiger mach als alle andern«, rief er, steckte die +Hände in die Hosentaschen und streckte den Bauch vor. »Das muß mer halt +versteh.« + +Wütendes Schimpfen näherte sich; der rote Fischer erschien unter der +Tür, in das Fell eines Bernhardinerhundes gehüllt, dessen präparierten +Kopf mit grünen Glasaugen und aufgerissenem Maul er sich übers Haupt +gestülpt hatte. + +Die mächtige Wirtin, die eben ein Zuckerplätzchen in den Mund steckte, +sah hämisch lächelnd auf ihren kleinen Mann, der interessiert zum +Fischer trat, das Fell streichelte und plötzlich unter der Bräune seines +Gesichtes erbleichte, denn er hatte seinen eigenen Hund an der Zeichnung +erkannt. Die Wirtin hatte den Hund schlachten lassen, um zu der +gewünschten Bettvorlage zu kommen. Der Fischer lachte breit. + +»Hast mein Hund umgebracht?« stotterte der Wirt, »mein Sultan.« + +Die Wirtin sah den Fischer an. Die beiden hatten ein offen +eingestandenes Verhältnis miteinander; auch der rasch alt gewordene Wirt +wußte es, konnte aber nichts dagegen ausrichten. + +Plötzlich riß der kleine Mann das Hundefell an sich und rannte +aufheulend hinaus. Der Fischer sah ihm verblüfft nach, wandte sich um +und rief erstaunt: »Was denn?« Die Wirtin klappte befriedigt ein Messer +auf den Schanktisch. + +Johann Jakob Streberle sah in den Tanzsaal, wo die erhitzten Paare +umherwandelten und sich mit Taschentüchern Wind machten. Er trat ein +paar Schritte auf die Wirtstochter zu, die lächelnd an ihm vorbei im +Saal herumging und wieder eine Stearinkerze zerschnitt. Der Boden +glänzte schon. + +Das schöne, kleine Waisenmädchen saß neben dem Sachsen und nippte von +einem grünen Likör, worauf jedesmal ihre Zungenspitze erschien und die +Lippen entlang leckte. Fragend sah sie zu ihrem Beschützer auf, der +seinen aschblonden Bart wagerecht nach vorne zog und dabei lächelnd auf +das Mädchen hinunterblickte. + +An einem Tisch saß allein ein Gymnasiast mit vielen Pickeln im Gesicht, +aus dem die starke Nase fast wagerecht vorschoß, und sah verlangend in +den Tanzsaal hinein. Immer, wenn er wieder seine goldene Uhr hervorzog, +wurden die Räuber still und blickten lüstern auf die Uhr. + +Die zweite Schwester der Kriechenden Schlange, ein vierzehnjähriges +Mädchen, schon mit dem Ansatz zu einem weichen Busen, Sommersprossen auf +der zarten Haut, ging quer durch die Wirtsstube und zur Tür hinaus. + +Die Kriechende Schlange trat zu den Räubern und flüsterte: »Geht mit +naus . . . Wir machen was mit meiner Schwester.« + +»Ich geh nit mit«, sagte Oldshatterhand sofort. Der bleiche Kapitän und +die Rote Wolke sahen verständnislos drein. + +»Also, ich geh mit«, sagte der Schreiber, zwängte sich zwischen Tisch +und Kanapee durch und ging mit der Kriechenden Schlange hinaus in den +Garten. + +»Was machen denn die mit seiner Schwester?« fragte der bleiche Kapitän +Oldshatterhand. + +»Die . . . die machen was.« + +»Was denn! . . . Das ist ganz einfach eine Geheimniskrämerei!« + +»Ich weiß ja selber nit . . . aber machen tun sie was.« + +»Der freie Mensch steh Red und Antwort.« + +»Das wird wieder ein schöner Blödsinn sei«, schloß der bleiche Kapitän +das Gespräch ab. + +Das Mädchen stand im nächtlichen Wirtschaftsgarten klein unterm +Kastanienbaum, der bis in den Sternenhimmel reichte. + +Als die zwei Knaben auf sie zutraten, kicherte sie und senkte den Kopf. + +»Erst ich«, sagte die Kriechende Schlange zum Schreiber. »Paß du auf +derweil, ob niemand kommt.« + +Das Mädchen lief voraus in den dunklen Holzschuppen, in dem Hacken, +Schaufeln und anderes Handwerkszeug herumstand. + +Der Schreiber ging zwischen Kastanienbaum und Schuppen spähend auf und +ab. + +Als nach einer Weile die Kriechende Schlange allein zurückkam, flüsterte +er: »Geh du jetzt nei zu ihr . . . Geh doch nei!« Er schob ihn vom Stamm +weg. »Ich paß ja auf derweil . . . Oh, du hast Angst«, flüsterte er und +deutete, den Oberkörper abgebeugt, höhnisch auf den Schreiber, der +langsam auf den Schuppen zuging und in ihm verschwand. + +Die Kriechende Schlange schlich zum Schuppen, spähte horchend hinein. +Und preßte sich die Schenkel vor lautlosem Lachen. + +Speichel lief dem Schreiber von den Mundwinkeln hinunter, als er aus dem +Schuppen trat; sein Haar war verwühlt. + +»Der kann ja nix«, sagte das Mädchen und lief davon. + +Den Oberkörper abgebeugt, deutete die Kriechende Schlange auf den +Schreiber: »Oooooo!« + +»Was willst denn!« rief der Schreiber erzürnt. + +»Weil ich's g'sehn hab . . . Weißt was, wenn ihr amal alle im >Zimmer< +seid, bring ich mei Schwester mit.« + +»Bring halt die andere auch mit.« + +». . . Die eine langt . . . Die langt für uns alle.« + +Als die Knaben die Schritte eines Gastes hörten, gingen sie in die +Wirtsstube zurück, wo der Schreiber sich wieder aufs Kanapee setzte. + +Oldshatterhand, dessen Mund gerade über die Tischplatte reichte, zog +einen langen Dolch, den zu tragen verboten war, aus der Hintertasche und +schnitt die Spitze einer großen Zigarre ab. »Leih mir zwölf Pfennig«, +bat er den bleichen Kapitän. »Ich hab nix mehr und möcht noch a Glas +Bier trink.« + +»Du bist mir noch vierzehn Pfennig vons letztemal schuldig. Ich hab +selber nix.« + +Leise ging der Gymnasiast zur Tür hinaus und kam, vom säbelbeinigen +Wachtmeister begleitet, gleich wieder zurück. »Dieser ist's.« + +»Komm mal da her zu mir.« + +Der bleich gewordene Oldshatterhand -- er hatte beim Eintritt des +Wachtmeisters sein Dolchmesser schnell zwischen Kanapeesitz und Lehne +gesteckt -- ließ geringschätzig die Lippen hängen und fragte angstbleich +und frech: »Was wollen Sie denn von mir?« + +»Gehst raus! Malefizlausbub!« + +Der Wachtmeister befühlte Oldshatterhands Taschen von außen. »Wo hast's +denn?« + +»Ich weiß ja gar nit, was Sie wollen.« + +»Einen ganz langen Dolch hat er«, rief der Gymnasiast. + +»Jetzt leerst glei dei Tasche aus.« + +»Da, greifen Sie nur selber nei.« + +Von Zuschauern umringt -- alle Tanzschüler waren ins Wirtszimmer +gekommen -- zog der Wachtmeister, während der bleiche Kapitän, vom +Schreiber gedeckt, den Dolch immer tiefer ins Kanapee stieß, unter +größter Stille aus der Hosentasche Oldshatterhands eine lange, geknickte +Hahnenfeder, drei Zigarrenstummel, ein aufspringendes Blechkästchen, in +dem Angelwürmer sich ringelten, einen Himbeerapfel, eine Handvoll alte +Briefmarken, ein Flötchen und eine Meerschaumspitze, mit einem +Segelschiff darauf, in welcher der Wachtmeister, als er durchsah, eine +farbige Alpenlandschaft mit weidenden Kühen erblickte. Ein zartrosa +Würmchen schlängelte sich aus dem schwarzen Loch der Meerschaumspitze +heraus und um den Zeigefinger des Wachtmeisters herum, der die Spitze +erschrocken von sich schleuderte, so daß sie zerbrach. + +»Habt ihr's Messer g'sehe?« + +»Ach, er hat ja kein Messer«, sagte die Wirtin begütigend. + +»Und wenn er scho ens hat«, rief der Fischer. »Jau, so a Gaudi.« + +Aber Johann Jakob Streberle deutete auf Oldshatterhand: »I hab's g'sehe! +Also muß a da sei.« + +Ratlos griff der Wachtmeister Oldshatterhand auch noch in die +Westentasche und zog siebzehn Pfennige heraus. »Das hab ich zammg'spart, +weil ich meiner Mutter eine Küchenlampe kauf will, zu ihrn Geburtstag!« +rief Oldshatterhand und blickte in furchtbarster Verlegenheit den +bleichen Kapitän an. + +»Was verlangst denn dann von mir Geld, wenn du selber hast!« + +»Du glaubst's nit . . . Kannst ja selber mei Mutter frag, ob sie die +Küchenlampe nit braucht.« + +Nachdem der Wachtmeister noch unter Tisch und Kanapee gekrochen war, +ging er, der zerbrochenen Meerschaumspitze wegen, schnell weg. + +». . . Es ist wirklich so, wie ich g'sagt hab.« + +»Das häst gleich sag müss . . . Heimlichs Geld! . . . Ich tät mich +schäm.« + +»Aber du mach dich dünn jetzt«, zischte Oldshatterhand wütend. + +Der Gymnasiast hatte sein schwarzes Schildmützchen schon gepackt und +schlich zur Tür hinaus. + +Die Räuber machten sich sofort an die Verfolgung. + +Jedoch der Gymnasiast hatte einen Vorsprung, Angst und lange Beine. + +Am Wachtmeister vorbei jagten die Räuber der fliehenden, dunklen Gestalt +nach, über die alte Brücke, durch krumme Gassen, aber stets im selben +Abstand. Der Gymnasiast schien zu fliegen. In der Büttnersgasse prallte +er wider seine Haustür, daß er in die Knie sank, sprang die Treppe +hinauf und streckte den Räubern aus dem erleuchteten Fenster des ersten +Stockes schon die Zunge lang heraus, als sie unten vor dem Hause erst +ankamen. + +Der Himbeerapfel schwirrte durch die Luft und schien dem Gymnasiasten +direkt in den Mund geflogen zu sein; denn noch einen Augenblick war der +Apfel auf dem Gesicht zu sehen und die in maßlosem Schrecken +aufgerissenen Augen. Der Kopf verschwand, die Räuber hörten einen +dumpfen Fall und das Klirren von zerbrechendem Glas. Dann war es still. + +Ein paar Stunden später kletterten die Räuber, da das Haustor schon +versperrt, aber im Wirtschaftszimmer der »Schönen Mainaussicht« noch +Licht war, an der Mauer hinauf, schlichen durch den dunklen Garten und +sahen, als sie durchs Fenster spähten, den Fischer mit der Wirtin +zusammen auf dem Kanapee. Oldshatterhand schrak entsetzt zurück und +flüsterte voller Grauen: »Fort! Fort! Ich geh fort.« + +Plötzlich schlüpfte die Kriechende Schlange unterm Kanapee vor und +deutete boshaft auf die beiden. + +Seine Mutter und ihr Liebhaber fuhren wüst schimpfend in die Höhe. Die +Kriechende Schlange stürzte in die Küche, die Räuber durch den Garten +davon. + +Am Morgen zogen ein paar Sandschöpfer den kleinen Wirt tot aus dem Main. +Das nasse Hundefell hielten die Hände des Toten fest umklammert. + + * * * * * + +Aus dem Schulsaale nebenan klang schon das singende, monotone Lesen der +ganzen Klasse, aber über den siebzig regungslos sitzenden Schülern des +Herrn Mager hing noch drückende Stille. + +Herr Mager saß hinter dem Katheder und schälte sich einen Borsdorfer +Apfel, teilte ihn in Schnitzchen, kernte sie sorgfältig aus und aß sie +zusammen mit einer mürben Kaisersemmel langsam auf, was er vor Beginn +jeder Schulstunde tat. + +Der bleiche Kapitän, Falkenauge, Oldshatterhand und der Duckmäuser saßen +in der ersten Bank; in der letzten Bank saßen der König der Luft, die +Rote Wolke und der Schreiber. Die andern Mitglieder der Räuberbande +waren unter den übrigen Schülern verstreut. + +Winnetou lag fiebernd zu Hause im Bett. + +Vom hellen Gaslicht beleuchtet, glänzten die von der Seife +aufgeriebenen, roten Gesichter der Lehrjungen, und die noch nassen Haare +standen spitz und steif in die Höhe, so daß die Köpfe einer in Reihen +geordneten Igelschar glichen. + +Herr Mager hielt streng auf Reinlichkeit. + +Eine tiefe Männerstimme erklang nebenan, dann eine Knabenstimme, und es +schien, als würden die Worte im Keller gesprochen. + +Herr Mager rieb sein Taschenmesser trocken, hielt die Klinge gegen das +Licht, rieb noch eine Weile, und erhob sich plötzlich, strich wie in +Gedanken mit der Hand im Kreis über seinen rundgestutzten, rötlichen +Vollbart zur polierten Glatze und zurück zum Bart, wo die Hand haften +blieb, und lächelte. Herr Mager lächelte die Schüler der ersten Bank an. + +Herr Mager hatte eine sonderbare Art, die Hände zu reiben. Er rieb +jetzt, wie immer, wenn er vergnügt war, mit dem Zeigefinger das +erhabene, blaue Aderngeflecht seines gichtigen Handrückens, sah auf die +Uhr und schritt zur Schultafel. »Der berühmte Maler Albrecht Dürer hatte +einen Widersacher, welcher behauptete, der größere Künstler zu sein«, +sagte Herr Mager, legte die Hand in die Hüfte und sah, immer noch +lächelnd, die Räuberbank an. »Die zwei Maler einigten sich dahin, daß +jeder eine Zeichnung machen solle, und wessen Arbeit die bessere sei, +der solle in Zukunft als der Größte gelten . . . Der eine zeichnete Tag +und Nacht, ein halbes Jahr lang, und brachte seine auf das sorgfältigste +ausgeführte Arbeit vor das Preisgericht. Als Albrecht Dürer eintrat, +ohne eine Zeichenrolle zu haben, fragten die Preisrichter ärgerlich, wo +denn seine Arbeit sei. Da schlug Albrecht Dürer seinen weiten Mantel +zurück, zeichnete mit einem feingespitzten Bleistift in einem Zug einen +großen Kreis auf einen Karton und machte einen Punkt in die Mitte. Alles +aus freier Hand. Als die Preisrichter aber nachmaßen, stimmte der Kreis +wie mit dem Zirkel gezogen . . . Von da an galt Albrecht Dürer als der +größte Künstler«, schloß Herr Mager, versuchte, mit der Kreide einen +Kreis auf die Schultafel zu ziehen und stieß energisch einen Punkt +hinein. »Wie ich noch so jung war wie ihr, da konnte ich das noch viel +besser«, sagte er, weil der Kreis etwas bucklig ausgefallen war. »Das +sollt ihr bis zur nächsten Schulstunde üben . . . Katekeßmoß!!!« + +Siebzig Katechismusse klappten auf die Bankpulte. + +Da stand Falkenauge auf. »Herr Lehrer, ich muß einmal hinaus.« + +Er kam nicht wieder. Auf ganz sichere Prügel _warten_, das ließen seine +Nerven nicht zu. + +Falkenauge war nicht feige. Vergangenen Winter war er augenblicklich von +der Kaimauer hinunter in den mit Treibeis gehenden Main gesprungen, um +einen Säugling zu retten, den das Kindermädchen mitsamt dem Wickelkissen +ins Wasser hatte fallen lassen. Ausdauernd war er dem mit den +Eisschollen flußabwärts schaukelnden Wickelkissen nachgeschwommen, hatte +es erfaßt und es glücklich an Land gebracht. Sein Auge war ihm bei einer +Schlacht mit fünf Gymnasiasten ausgeschlagen worden, die er allein +herausgefordert hatte. Jedoch das von Herrn Mager ersonnene Raffinement +-- die sicheren Prügel hinauszuschieben, war für Falkenauges Mut zu +viel. + +Herr Mager schickte Seidel hinaus, seinen besten Schüler, der aber nach +einer Weile allein zurückkam und staunend sagte: »Herr Lehrer, er ist +nicht mehr da.« + +Herr Mager zog die Mundwinkel in die Bäckchen zurück. »Michael Vierkant! +Raus!« + +Oldshatterhand legte sich über den Stuhl. Seidel preßte ihm den Kopf +nach unten, und Oldshatterhand schnalzte unter dem pfeifenden Rohrstock +des Herrn Mager. + +Für die andern Räuber existierte unterdessen nur die eine bange Frage: +wer kommt nach Oldshatterhand daran? + +Einer nach dem anderen wurde übergelegt. Und bei jedem sagte Herr Mager +atemlos: »So! Heute diese sechs, das nächste Mal wieder sechs, bis die +vierundzwanzig voll sind. Tut mir leid, daß ich nicht zwölf auf einmal +geben darf.« + +Die Augen der Mitschüler standen weit offen und glänzten. Das kleine +Gesicht des Herrn Mager war jetzt schon weinrot. + +Seidel konnte den sich wütend wehrenden Schreiber nicht allein bändigen. +»Wer meldet sich?« rief Herr Mager. + +Vier sprangen zum Stuhl. Der Duckmäuser war zusammengezuckt, jedoch +sitzen geblieben. + +Speichel lief dem Schreiber zum Munde heraus. Wie in höchstem Entzücken +brüllte er in allen Tonlagen: »Ah! Ah! Ah! Ah!« und schleuderte die +Beine derart umher, daß Herr Mager sich mit dem Rohrstock auf den +Handrücken traf. Voller Wut schrie er: »Michael Vierkant! Raus! Halte +ihn!« + +Oldshatterhand rührte sich nicht. + +Herr Mager stürzte sich auf ihn und stieß ihn bis zum Stuhl. »Halte +ihn!« + +Er rührte sich nicht. Plötzlich sagte er leise: »Herr Lehrer . . . ich +halte ihn nicht.« Und selbst seine Lippen waren weiß geworden. + +Verblüfft stierte Herr Mager Oldshatterhand an und hieb ihm plötzlich +mit dem Rohrstock quer über das Gesicht, immerzu. Nicht die Hand hob +Oldshatterhand zur Abwehr. Nebel vor den Augen, brach er zusammen, stand +gleich wieder auf und ging ganz langsam zurück zur Bank. Auf seinem +Gesicht schwollen die blutunterlaufenen Striemen. + +»Hans Lux! Raus!« + +Die tiefe Falte war da. Sein Hals schoß wagerecht vor. Die vier Helfer +standen bereit. Der König der Luft faßte den Stuhl bei der Lehne, rückte +ihn umständlich zurecht, visierte, legte sich darüber, rutschte eine +Weile hin und her, bis er in die richtige Lage gekommen war, und nahm +die Prügel entgegen. + +Die nach ihm ausgestreckten Arme der vier Helfer waren herabgesunken. + +Man schleicht von hinten an einen Kameraden heran, stellt ihm die +gespreizten Finger auf den Kopf, daß sich die Nägel schmerzhaft in die +Kopfhaut eindrücken, ruft: »Pä, Krähenfuß!« und streckte die Zunge lang +heraus, wenn er zusammenzuckt. Ein ähnliches Gefühl hatte Oldshatterhand +auf dem Heimweg von der Schule. Wie wenn eine dunkle, gespreizte Hand +sein Herz umkrallte. »Pä, Krähenfuß«, flüsterte er, schauerte zusammen +und hatte einen säuerlichen Geschmack auf der Zunge, als ob er Blut +speie. »Jetzt müssen wir fort. In den wilden Westen. Anzünden! Die ganze +Stadt! Hoo! Fort, fort!« Und plötzlich lachte er ein irrsinniges Lachen. +»Hi! hihiha!« + +Die Räuber hatten ihm nicht geantwortet. Der Duckmäuser ging ein paar +Schritte seitwärts nebenher und sah staunend ununterbrochen auf +Oldshatterhand. + +Sie waren bis zur alten Brücke gekommen. Oldshatterhand ging ein Stück +hinter den anderen und sann darüber nach, weshalb seine Freunde ihm +nicht geantwortet hatten. Vielleicht, weil gerade ein Liebespaar +vorbeigegangen war? Umschlungen -- dachte er. Hatte das Gefühl, als +tropfe in seinem Innern immerzu Blut, unaufhaltsam, und bekam Angst. + +Dicker Nebel hatte die Stadt genommen, so daß kein Brückenheiliger, kein +Licht zu sehen war. Plötzlich bekam Oldshatterhand einen knallenden +Schlag ins Gesicht, daß er Feuerflächen aufblitzen sah, und hörte eine +Stimme rufen: »Rechts gehen!« Er sah, nur einen Augenblick, eine Uniform +und eine goldene Unteroffizierslitze; und sofort wieder nur noch Nebel. + +Falkenauge saß auf einem Eckstein vor dem »Spitäle«, die Ellbogen auf +die Knie, den Kopf in die Hände gestützt, und blickte in wehmütigem Neid +trübe auf die ankommenden Räuber, welche die erste Portion Prügel hinter +sich hatten. + +Falkenauge wagte nicht, nach Hause, nicht ins Geschäft zu gehen; einige +Nächte schlief er in einem Kehrichtwagen, der unbenutzt unterm +Brückenbogen stand, bis der säbelbeinige Wachtmeister ihn fand und Herrn +Mager zuführte. + + + + +Viertes Kapitel + + +Die Bierkeller waren mit Maineis gefüllt worden; jetzt blühte der +Holunder und der Flieder im Festungsgraben, und die Hügel rund um +Würzburg herum waren weiß von der Obstbaumblüte, so daß nur wenig +saftiggrüne Stellen sichtbar blieben. + +Die Räuber waren von Herrn Mager mit dem Hinweis auf die Rekrutenzeit +aus der Fortbildungsschule entlassen worden. Alle konnten jetzt mit +einiger Berechtigung bei Herrn Rein eintreten und sich rasieren lassen, +außer Oldshatterhand, der seit seinem zwölften Jahre keinen Finger breit +gewachsen war, wie ein Schulknabe aussah und seinen Kameraden nur bis +zur Brust reichte. + +Das war ein großer Schmerz für ihn, der ihn reizbar und streitsüchtig +machte; unvermittelt konnte er, allen voran, die Räuber zu gefährlichen +Unternehmungen mitreißen, um dann plötzlich, von einer Minute zur +anderen, ohne erkennbaren Grund bedrückt zu werden, was immer viele Tage +lang anhielt, an denen er sich durch unwesentliche Kleinigkeiten +schmerzlich verletzt fühlte und maßlose Zornausbrüche bekam. + +Und noch ein großes Leid drückte Oldshatterhand. Brachte er den wilden +Westen zur Sprache, dann sagten die Räuber: »Ja. Bald. Wart doch.« + +Keiner glaubte mehr ganz daran. Aber noch gestand es keiner dem anderen +offen ein. Wie mit einer Kugel spielten sie mit ihrer Jugendsehnsucht, +parodierten sie schon leise, und waren bereit, beim ersten Anlaß den +ganzen wilden Westen unter Gelächter abrollen zu lassen. + +Und da Oldshatterhand immer wieder drängte: »Jetzt müssen wir fort, die +Prärie steht hoch, vielleicht sind blutige Kämpfe ausgebrochen, das +Kriegsbeil ist ausgegraben, man braucht uns drüben, was sollen wir noch +hier«, bekam er von den verärgerten Räubern zu hören: er solle doch +einstweilen vorausgehen, wenn's ihm so pressiere, sie kämen schon nach. +So daß Oldshatterhand mit Sehnsucht im Herzen gequält stillschwieg und +teilnahmslos und verbittert den Zirkusvorstellungen beiwohnte, welche +die Räuberbande jetzt jeden Abend auf dem Schloßberg gab. Kurz vorher +war ein Zirkus in Würzburg gewesen. + +Alle leisteten ihr Bestes; denn unter den Zuschauern saßen auch einige +Mädchen auf dem Rasen. Und das war der Anfang vom Verfall der +Räuberbande: sie liebten es neuerdings, Publikum um sich zu haben. + +Und der Erfolg war groß. Hoch an einem Lindenast war ein Trapez +angebracht. Der König der Luft, in enganliegenden Unterhosen und +giftgrünem Trikotleibchen, ganz einem Zirkuskünstler ähnlich, saß auf +dem Trapez und mahlte mit den Zähnen. + +Hinter den Linden, im Geäst, hing die untersinkende Sonnenscheibe, und +die Gestalten der Räuber warfen lange Schatten auf den abendgrünen +Schloßbergrasen. + +Der bleiche Kapitän stand abseits, die Lippen verächtlich nach außen +gestülpt, und sah zu, wie der König der Luft in gewaltigem Bogen in den +Himmel sauste, das Trapez losließ und, einen wilden Schrei ausstoßend, +sich hoch in der Luft überschlug -- und auf den Beinen stand. + +»Das ist nix. Davon kriegt man keine Kraft«, sagte der bleiche Kapitän +zum Schreiber, der als Clown ein hellrosa Kleid seiner Schwester +anhatte. Aber ein Mädchen mit zwei braunen Zöpfen sagte: »Der kann +direkt zum Zirkus gehen.« Worauf der Schreiber sofort die gefährlichsten +Sprünge machte und Purzelbäume schlug: vor dem Mädchen mit den braunen +Zöpfen. + +Um seinen schwindenden Ruhm wieder zu festigen, stemmte der bleiche +Kapitän einen schweren Steinquader hoch, was ihm keiner nachmachen +konnte. Als jedoch der König der Luft aus gewaltiger Höhe frei +hinaussprang, das schwingende Trapez haschte, kühn wieder fahren ließ, +um den Lindenast wieder zu haschen, ihn aber verfehlte, und unter einem +einzigen Schrei aller Zuschauer herunterstürzte auf den Rasen und +stöhnend seine Fußfesseln hielt -- da schien die künftige +Hauptmannschaft ihm sicher zu sein, denn der König der Luft hatte das +Bein gebrochen. + +In Grausen und Bewunderung standen alle um ihn herum. + +Der Duckmäuser schlich vorüber; er wagte nicht aufzusehen. + +Die Sonne war unter. Die Leuchtkäferchen glühten aus der Dämmerung. Der +Rasen roch. + +Neben dem Vorstellungsplatz war die Soldatenreitbahn, von einem breiten, +tiefen Graben umgeben und einer Balkenbarriere. Im lockeren Sand der +Reitbahn stand ein dürres Soldatenpferd und wieherte. + +Der bleiche Kapitän faßte einen verzweifelten Entschluß: ohne vorher +etwas davon zu sagen, sprang er mit einem fünf Meter langen Satz über +den Graben und die Barriere, in den Sand der Reitbahn, kletterte auf das +wütend ausschlagende Pferd und raste, sich mit Armen und Beinen +anklammernd, in der Bahn herum. + +Die Bewunderung der Zuschauer hatte sich ihm zugekehrt. + +Der bleiche Kapitän hing, unfreiwillig auf den Hals gebeugt, wie ein +Indianer auf dem Gaul. + +Da brüllten die Räuber wie besessen: »Halt! Halt! Ein Feldwebel!« + +Der Feldwebel, zornrot, stürzte mit erhobener Reitpeitsche dem +scheuenden Pferde nach; der Hauptmann flog in großem Bogen herunter in +den Sand, stürmte, vom Feldwebel verfolgt, heraus aus der Reitbahn, und +mit Zuschauern und Mädchen den Schloßberg und die Felsengasse hinunter. + +Des bleichen Kapitäns Ruhm und Hauptmannschaft war wieder gesichert. +Keuchend rief er: »Wenn das mein Bruder in Amerika miterlebt hätte.« + +Der König der Luft saß allein, stöhnend unter der Linde. + +Oldshatterhand stieg den Schloßberg wieder hinauf und setzte sich auf +den Sockel des Bildwerks: Christus hing am Kreuz in kaum noch +erkennbaren Körperformen, so oft war er im Laufe der Jahrhunderte mit +Ölfarbe angestrichen und mit Blutstropfen geschmückt worden. Auf dem +Bildwerk stand: + + An diesem Ort is Alois Würz + Mit sein Heuwage umg'stürzt. + War glei tot, mitsamt die Roß. + War ein frummer Mann, + Drum is er auf der Stell + In sein Heuwage in Himmel nei g'fahrn, + Was mer vo seine Roß nit sag kann. + +Über der Stadt hing Rauch und Dunst. Es war schon fast dunkel. Eine +Kirchenglocke läutete. Oldshatterhand war bedrückt; er spannte alle +Muskeln an und hielt den Atem zurück, bis die Luft »pfa!« aus seinem +Munde fuhr. Es wurde ihm aber nicht leichter davon. + +Aus dem Dunkel zwischen den Linden schimmerte Wäsche hervor, die zum +Trocknen aufgehängt war, blähte sich auf zu großen, weißen +Menschenbäuchen. Oldshatterhand spähte angestrengt hin und fürchtete +sich, blieb aber sitzen auf dem Sockel und horchte auf den unerklärbaren +Ton, der jetzt aus der Luft über der Stadt kam. Ein schauriges Stöhnen, +wie wenn das Leiden aller Tiere und Menschen in ihm klänge. + +Hinter einer Bodenerhebung erschien der Kopf des Duckmäusers, der zu +Oldshatterhand hinblickte und vorsichtig, unhörbar auf ihn zukroch. + +Langsam näherte sich der Duckmäuser, hatte erst Minuten später die nur +zehn Schritt weite Entfernung hinter sich gebracht, und setzte sich +unbemerkt auf den Sockel neben Oldshatterhand. + +Es war jetzt ganz dunkel geworden. + +Eine Weile saß der Duckmäuser reglos und hielt den Atem an, um sich +nicht zu verraten. Plötzlich sagte er: »Wa . . . weil . . .« + +»Oh . . . O Gott!« schrie Oldshatterhand auf und fiel vom Sockel +herunter, zwang sich aber sofort zur Gleichgültigkeit, als er den +Duckmäuser erkannte, und drängte seine Verwunderung darüber zurück, daß +dieser es gewagt hatte, sich neben ihn zu setzen; der verachtete +Duckmäuser, mit dem die Räuber seit Jahren kein Wort gesprochen hatten. + +»Mi . . . mich hat was ge . . . gestochen, dr . . . drum bin ich +erschrocken«, stotterte Oldshatterhand geringschätzig. + +»Wa . . . weil ich auch zs . . . zs . . . zu den Indi . . . Indianern +will, hab ich das A . . . das Anschleichen geübt an den Fa . . . Fa +. . . Feind«, beendete der Duckmäuser seinen Satz. + +»-- -- -- -- Duuuu? zs . . . zu den Indianern?« Oldshatterhand war +furchtbar verwundert und empört. Und als er sah, wie der Duckmäuser den +Kopf vorstreckte, blutrot wurde und drückte, um reden zu können, dachte +Oldshatterhand voller Scham: ich darf nicht stottern, ich darf nicht +stottern, jetzt darf ich nicht stottern, und setzte leicht +auszusprechende Worte vor: »O also nein, da mußt du aushalten können, da +. . . daß man dir vergiftete Hölzchen in den Ba . . . Bauch steckt, und +die werden angezündet. O ja also nein, ich halt das aus. Fü . . . +fünfzig brennende Hölzchen im Bauch. Und wenn ich ge . . . geblendet +wer, da . . . das macht mir gar nichts aus.« + +»Züüü . . . Züüü . . . Züüü . . . Zündhölzchen meinst du?« + +»O ja, und ich fresse Giftschlangen wie Ku . . . Kuchen.« + +»We . . . wenn man den Fa . . . Feind so beschleichen ka . . . kann, +. . . da . . . daaaas ist die Hauptsache; dann br . . . dann br . . . +brauche ich ihm nur noch ein Messer ins Herz zs . . . zs . . . zu +stoßen.« + +»Pä! Ist das ritterlich?« + +»Ich bin Mi . . . Mi . . . Mi . . . Ministrant. Und fürs A . . . +Abendläuten kr . . . krieg ich mooonatlich f . . . fünfundsiebzig Pf +. . . Pfennig.« + +Oldshatterhand wurde wütend. Er hatte sich, ebenso wie die Kriechende +Schlange und die Rote Wolke, auch ums Läuten beworben, der +fünfundsiebzig Pfennige wegen. Man hatte ihn aber nicht brauchen können, +weil er zu klein war. »Ha! Ich wer doch dene Pf . . . Pfaffe nit läuten. +Ist das vielleicht männlich? Aber wenn du zu den Indianern willst, mußt +du mi . . . mindestens eine halbe Stunde lang unter Wasser schwimmen +können, aber mit o . . . offenen Augen, wenn oben ein Ka . . . Kanoe mit +Indianern vorbeifährt.« + +»F . . . ffff . . . . . . . . fünfundsiebzig Pfennig mooonatlich krieg +ich.« + +Da trat der Spenglermeister, Herr Hieronymus Griebe, aus dem Dunkel, und +seine Hand, die eben das Kreuz schlagen wollte vor dem frommen Bildwerk, +blieb erschrocken abwehrend ausgestreckt, als er die zwei Gestalten auf +dem Sockel sitzen sah. + +Der Duckmäuser schnellte in die Höhe. + +Wortlos nahm Herr Hieronymus Griebe seinen ihn fast um einen Kopf +überragenden Sohn bei der Hand und führte ihn weg von Oldshatterhand, +der sitzen blieb und den beiden verächtlich nachsah, bis das Dunkel sie +genommen hatte. + + * * * * * + +Die schöne Schwester Winnetous hatte ein Kind bekommen. Die ganze Stadt +wußte, daß der Kaplan der Vater war. + +Einige Wochen darauf bekam der Kaplan die beste Pfarre in der Umgebung +Würzburgs, und das Mädchen wurde seine Haushälterin. Vor dieser Tatsache +verstummte das Gerede. + +Aber die Mutter war vor Schrecken und Scham erkrankt; eine +Lungenentzündung war dazugekommen. Sie lag im Sterben. + +Wortlos und streng deutete sie auf den Sessel neben ihrem Bett. Winnetou +setzte sich und sah steif geradeaus. + +Schritte näherten sich. Der großmächtige Geistliche im Ornat, der +Kirchendiener und die Ministranten traten ins Zimmer. Winnetou stand +auf. + +Der Duckmäuser reichte das Weihrauchfaß und sah sich wichtig nach +Winnetou um. + +Die Kranke bekam die heiligen Sterbesakramente. Der Geistliche und die +Ministranten knieten nieder am Bett und beteten. Da kniete auch Winnetou +nieder. + +Der Kirchendiener erhob sich zuerst, griff dem Geistlichen von hinten +unter die Arme und half ihm wieder auf die Beine. + +Als Winnetou allein war mit der Mutter, setzte er sich in den Sessel, +wie vorher. + +Automatisch wandte er nach einer Weile den Kopf zur Sterbenden hin, sah +das weiße Gesicht an, das von einer plissierten, gestärkten Krause +umrahmt war, und beugte sich plötzlich mit einem Ruck staunend vor: es +schien ihm, als sei die Mutter um viele Jahre jünger geworden. Die +Falten der Strenge waren vollkommen weg. Anstatt ihrer sah Winnetou +stilles, gläubiges Glück im Gesicht der Mutter, das schmal und sanft +geworden war. Eine nie empfundene Weichheit ergriff ihn und die +Sehnsucht, daß es immer so bleiben möge. Da sprang ihm die Angst in die +Brust -- die Mutter werde, wenn sie die Augen aufschlage, wieder streng +auf den Sessel deuten. Er ließ den Blick nicht von ihr, klagte ohne +Worte unglücklich in sich hinein, weil er diese sicher nie mehr +wiederkehrenden sanften Minuten der Mutter auch in Angst vor ihr +verbringe, und ließ sich plötzlich aufschluchzend über sie fallen, denn +die Sterbende hatte die Augen geöffnet und ihm in ungeheurer Güte +langsam übers Haar gestrichen. + +Mit rauhen Tönen tief aus der Brust heraus weinte Winnetou, sein Körper +zuckte, ein kaum erträgliches Glück entstand in ihm; da begann er zum +Weinen leise zu singen, und hatte das bestimmte Gefühl, daß wenn er +aufhöre, leise zu singen, er nicht mehr weinen könne, und dann nicht +mehr glücklich sein würde. + +Während Winnetou den durch die lebenslange Lieblosigkeit seiner Mutter +verursachten Druck aus sich herausweinte, fühlte er, wie die Sterbende +ihm half, durch ununterbrochenes sanftes Streicheln, das allmählich +schwächer wurde, bis die Hand kraftlos aufs Bett fiel. Der Bauch der +Sterbenden bäumte sich hoch auf und schleuderte Winnetou ans Fußende des +Bettes. + +Tränenüberströmt blickte Winnetou auf die Mutter, ging hinaus und +meldete der Köchin unter schluckendem Lachen und Weinen, daß die Mutter +tot sei. + +Entsetzt starrte die Köchin Winnetou an, weil er glücklich lächelte, und +rannte ins Sterbezimmer. + +Winnetou trat aus dem Hause und ging schnell und ohne Ziel stadtwärts. + +Neben ihm humpelte mühsam eine kleine, dicke Alte mit Krückstöcken auf +die Haltestelle der Trambahn zu, wandte sich um nach dem schnell sich +nähernden Wagen, den Krückstock verzweifelt schüttelnd, und schrie +immerzu: + +»Ich komm nimmer hin! Heilige Maria! ich komm nimmer zurecht.« + +Winnetou sah die Alte an -- zur Elektrischen zurück, und stellte sich +zwischen die Schienen. + +Der Führer läutete. + +Winnetou tat als hörte er nicht, und ging, um den Führer zum +Langsamfahren zu zwingen, ganz gemächlich im Geleise, auf die +Haltestelle zu. Die Alte humpelte, sich beeilend, weiter. + +Der wütende Führer läutete ununterbrochen. Die entsetzten Fahrgäste +stießen Warnrufe aus. In voller Fahrt kam der Wagen angerast. Winnetou +wandte den Kopf, erbleichte und ging langsam im Geleise weiter. Im +letzten Augenblicke zog der Führer die Bremsen, daß die Schienen +rauchten, und Winnetou sprang seitwärts. + +Zitternd vor Schreck und Empörung, stieg der Führer aus dem Wagen, um +nachzusehen, ob Winnetou verletzt war. + +Die Alte hatte den Wagen erreicht und stieg ein. + +Führer und Fahrgäste schimpften Winnetou nach, der, den Mund verzogen, +als sei ihm schweres Unrecht geschehen, zurücksah. + +Ein weißhaariger Alter, der im Stocke des Eckhauses mit der Tabakspfeife +am Fenster saß, stand mühsam auf und schüttelte wütend die Faust +hinunter zu Winnetou, der in die Seitengasse einbog. + +Der Schreiber und der bleiche Kapitän kamen ihm entgegen. »Geh mit, wir +schießen«, sagte der Hauptmann, zog seinen Rockflügel zur Seite und +zeigte Winnetou einen neuen Zimmerstutzen. »Wir gehn zu Falkenauge und +schießen in seiner Kammer . . . Geh mit.« + +». . . Ich geh nimmer mit . . . Ich geh wo anders hin«, sagte Winnetou +und ging auch gleich weg, in der Richtung zur Kirche. + +Verdutzt blickten sie ihm nach. + +Das Hochamt hatte schon begonnen. Winnetou schlug das Kreuz und setzte +sich. Und als er die lateinischen Worte des Priesters und das ferne +Klingeln der Ministranten im mächtigen Kirchenschiff hörte, stellten +sich die Glücksschauer des Aufgelöstseins, die er im Sterbezimmer der +Mutter empfunden hatte, wieder ein. + +Müdigkeit befiel ihn; er schlief ein. + +Der brausende Orgelklang weckte ihn auf. Da fühlte Winnetou +unvermittelt, daß Frömmigkeit und Gottesglaube sich mit seinen +Räuberidealen nicht deckten. + +Still trat er aus dem Portal und blieb an der Grundmauer der Kirche +lehnen, als er den Schreiber und den Hauptmann, die ihm nachspioniert +hatten, langsam die Straße hinunter sich entfernen sah. + +Winnetou blickte den kleiner und kleiner werdenden Räubern nach, bis sie +zu Punkten wurden und endlich nicht mehr zu sehen waren, und trat wieder +in die Kirche ein. + +Die zwei Räuber klopften an die Zimmertür von Falkenauges Mutter, und +als niemand antwortete, stiegen sie hinauf in die dürftig möblierte +Dachkammer Falkenauges, der noch im Geschäft war. + +Auf dem Nachtkästchen neben dem Bett stand ein Glas voll klaren Wassers, +worin ein Glasauge lag. An der Wand hing eine Tabakspfeife unter dem +heiligen Joseph. In einem engen Käfig sprang ein Eichhörnchen aufs +Stäbchen und herunter, ruhelos und unaufhörlich. Falkenauge hatte es auf +den Schloßberglinden gefangen. + +Dem Fenster gegenüber war eine blinde Hausmauer, auf der ein Spatz saß. + +Der bleiche Kapitän zielte lange und drückte endlich ab. Der Spatz blieb +sitzen und pickte sich wie vorher ins aufgepluderte Gefieder. + +Und als sie beratschlagten, ob der Spatz getroffen sei, stieg er in die +blaue Luft. + +»Die Kugel macht einen Bogen, weil die Entfernung zu groß ist . . . Wie +wär denn das sonst möglich«, sagte der bleiche Kapitän und sah sich nach +einem näheren Ziel um. »Halt einmal die Karte«, sagte er und nahm das +Herzaß von Falkenauges Kartenspiel. + +»Und wenn du mir den Finger wegschießt?« + +»Ich wer doch no das Kärtle treffe.« + +Der Schreiber stellte sich seitwärts vom Fenster, streckte den Arm aus, +hielt die Karte an der äußersten Spitze. »Ziel lieber ein bißchen mehr +rechts . . . Es is mir lieber, du triffst nix, als daß du mei Hand +triffst.« + +Der bleiche Kapitän zielte lange und genau in die Mitte der Karte und +durchlöcherte sie. + +Der Schreiber atmete wieder. »Jetzt halt du die Karte.« + +Der bleiche Kapitän hielt die Karte nicht spitzig, sondern umrahmte sie +mit seiner Hand und stülpte die Lippen nach außen. »Schieß.« + +Der Schreiber erschrak, spannte alle Muskeln an, zielte kurz und +durchlöcherte die Karte. Verächtlich ließ der bleiche Kapitän sie +fallen. »Ich laß mir das Glas runterschieß, vom Kopf . . . Das wär mir +auch noch was«, sagte der Hauptmann und stellte das Glas, worin das Auge +lag, sich auf den Scheitel. Das Blut verließ sichtbar sein Gesicht. + +-- -- -- Das Glas zersprang; das Auge kollerte unters Bett. Der +Schreiber kroch ihm nach und holte es hervor. + +». . . Ich halt das Aug mit zwei Fingern«, rief er in heller +Begeisterung. + +»Das kannst du ruhig riskier.« + +». . . Haaargott . . . Getroffen!« Das Auge war durchs Fenster +hinausgeflogen. + +»Das is doch ganz klar.« Der bleiche Kapitän zuckte die Schultern. + +Jetzt erst bemerkte der Schreiber, daß sein Fingernagel fort war, und +das Blut ihm einen schmalen Reif ums Handgelenk gezogen hatte. + +»Zeig amal . . . Der wird scho wieder nachwachse . . . vielleicht. A +schöns Armreifle.« + +»Ein guter Schuß war's doch«, sagte der Schreiber und hielt, das Gesicht +schmerzverzerrt, die Hand hoch. »Aber das Aug ist futsch.« + +Da kam der Vernichtungstrieb über die Räuber. Sie schossen durch den +Fußboden, zerschossen den gemalten Engel an der Decke, die +Tapetenblumen, durchlöcherten den heiligen Joseph. Der Schreiber zielte +auf den Wasserkrug; das Wasser platschte auf den Boden und rann unter +der Tür hinaus. Sie schossen blindlings, wohin immer sie trafen; das +Fenster zerschellte; das Federbett hatte unzählige kleine Brandlöcher. +Das Eichhörnchen raste im engen Käfig herum, hockte manchmal +mäuschenstill, die klugen Augen ängstlich auf die Räuber gerichtet, und +raste weiter. Die Kammer stand voll Pulverdampf. Die Räuber glühten. Sie +zerrten die Bettstücke heraus und schmissen sie in die Wasserlache am +Boden, lehnten die Matratze ans Fenster, rissen den Tisch um, das +Bettgestell auseinander und schlichen die Treppe hinunter, aus dem +Hause. + +Gegen acht Uhr abends standen sie vor dem »Spitäle«. + +Falkenauge kam von zuhause, und als er sie erblickte, steckte er die +Hände in die Rocktaschen und schlenderte vorüber. + +Sie lachten ihm nach. Falkenauge wandte sich um, lächelte geringschätzig +und verlegen und ging weiter. Von dem Tage an verkehrte er nicht mehr +mit den Räubern. + +»Herrgott, das schönste Ziel ham wir ganz vergessen.« + +»Welches denn?« fragte der bleiche Kapitän. + +»Das Eichhörnchen.« + +Sie schlugen den Weg nach Dürrbach ein, wohin sie seit einiger Zeit +jeden Tag nach Feierabend im Gewaltmarsch von einer Stunde eilten, und +mehr federweißen Most tranken, als sie vertragen konnten, weil sie von +den zwei Wirtstöchtern bedient und von den erzürnten, eifersüchtigen +Bauernburschen belauert wurden. Das endigte oft mit einer Prügelei, +wodurch die zwei Räuber sich veranlaßt fühlten, in der nächsten Nacht +wieder im Dorfwirtshaus zu sitzen. + +Falkenauge ergab sich mit Leidenschaft dem Angelsport; er angelte Tag +und Nacht. Der König der Luft lag im Juliusspital, wegen seines +gebrochenen Beines. Die Rote Wolke las klassische Dramen und liebte ein +junges, schönes Lehrerstöchterchen. Einige gründeten einen Rauchklub, +mit hektographierten Statuten, und hielten jeden Sonnabend großes +Wettrauchen ab, in der Kneipe der Witwe Benommen. Der Schreiber legte +Wert auf elegante Kleidung und pflegte sein Schnurrbärtchen. Er war der +einzige, der schon eines hatte. Als Herr Rein den Schreiber das erstemal +rasierte, mit Respekt und voller Hochachtung, denn des Schreibers Vater +war ein Mann mit starkem Bartwuchs, und es war zu hoffen, daß auch der +Sohn eine gute Kundschaft werden würde, sagte er: »Herr Widerschein, +blicken Sie in den Spiegel, da sehen Sie sich widerscheinen.« Vor +vierzig Jahren hatte Herr Rein dasselbe zu des Schreibers Vater gesagt, +als der noch ein Jüngling gewesen war. Und er hatte den Witz nicht +vergessen. + +Der vereinsamte Oldshatterhand grub nach Blei in den alten Schießgräben +der Festung, schmolz es im »Zimmer« zusammen, um, ehe er fortginge, +Bleikugeln daraus zu gießen, für den wilden Westen. Jeden Abend saß er +im »Zimmer« und las Indianergeschichten. Eine Landkarte von Amerika hing +jetzt darinnen, auf der die Gegenden, Seen, Prärien und Urwälder, die er +als Westmann aufsuchen wollte, mit Blaustift unterstrichen waren. + +Selten hörte er die nahenden Schritte eines Räubers im unterirdischen +Gange. An vielen Abenden zeichnete er stundenlang das »Heilige Tier« ab. +Mit der Zeit bekam er überhaupt keinen Besuch mehr im »Zimmer«. + +Durch die allmählich schärfer hervorgetretenen Charakterzüge und +Interessen der einzelnen Mitglieder hatte die Räuberbande sich +aufgelöst. + +Ein Ereignis vereinigte am Sonntag nach Pfingsten einen Teil der Bande +zum letzten Male zu einem gemeinsamen Unternehmen. + +Die Pflastersteine im Mainviertel waren mit Schilf zugedeckt und die +Häuschen bis zum ersten Stock hinauf mit Buchenlaub beschlagen. Die +Bürger waren festlich gekleidet. Die Sonne schien. Alle Glocken +läuteten. Weißgekleidete kleine Mädchen, die an rosa, grünen, blauen +Nackenbändern Blumenkörbchen trugen, geputzte Frauen, Männer in langen +Gehröcken und mit sehr hohen Zylindern strömten in der Richtung zur +Kirche, um sich dem Zug der Walleute anzureihen. + +Beim Weinwirt und Bäckermeister Schlauch war die erste Station. Die +Bäckereiauslage war in einen Altar mit Betpult, Kruzifix und brennenden +Kerzen umgewandelt und mit Laub geschmückt worden, mit Blumen in +himmelblauen Glasvasen aus der guten Stube. + +Vor vielen Häuschen, an denen die Walleute vorbeiziehen sollten, waren +solche Altäre hergerichtet. + +Oldshatterhand, der Schreiber, die Rote Wolke und die, welche den +Rauchklub gegründet hatten, standen vor dem »Spitäle« beisammen, in +ihren Sonntagsanzügen. + +»Das werdet ihr gleich spannen, daß er mitwallt. Ich selber hab Winnetou +mit einer Kerze in die Kirche gehen sehen«, sagte der bleiche Kapitän. + +Auf der Festung puffte ein weißes Wölkchen in die blaue Luft -- ein +Kanonenschuß donnerte rollend zur geschmückten Stadt hinunter: der Zug +der Walleute näherte sich, von der Burkarter Kirche kommend. + +Der rote Fischer, Herr Mager, Glasermeister Johann Jakob Streberle, +Schuster Widerschein, Benommen der Wirt, Herr Hieronymus Griebe, alle in +Gehröcken und mit Zylindern, brennende Kerzen in den Händen, schritten +im langsamen Wallfahrtsgang durch die Menschen zu beiden Seiten der +Straße und sangen aus dicken Gesangbüchern heraus; zusammen mit den +Kindern, die dünn, mit den Mönchen, die tief sangen, und mit den alten +Weibern, deren Stimmen sich überschlugen, begleitet von der heftig und +getragen blasenden Blechmusikkapelle. + +Voran schritt ein alter Mann, der ein hohes Kreuz trug, an dem der +silberne Christus hing. Hinter ihm kam der kleine, dicke Bischof im +Ornat, vor dem Gesicht die Monstranz, vor der alle Menschen das Kreuz +schlugen und niederknieten, nachdem die meisten erst ihr Sacktuch auf +die Erde gebreitet hatten. + +Der Vorbeter, ein hinkender Flickschneider, dessen linkes Bein zu kurz +war, schwenkte sich auf seinem normalen Beine herum zu den Walleuten und +rief langgezogen: »Lob und Dank sei ohne End!« Und während das Gemurmel +der Nachbetenden erklang, schwang er sich wieder herum und hinkte weiter +voran, sprang plötzlich mit einem Satz auf Oldshatterhand los, +»Sakramentslausbub!« schlug ihm das Strohhütchen vom Kopfe, hinkte +wieder in die Reihe und fuhr fort, vorzubeten: »Dem allerheiligsten +Sakrament.« + +Oldshatterhand hatte den Hut nicht abgenommen vor dem Bischof unter dem +Himmel. Der Himmel wurde an vier Stangen vom Duckmäuser, von Winnetou +und noch zwei Jünglingen getragen. + +Oldshatterhands Wange glühte von dem Schlag; die Räuber waren verblüfft. +Aber da war nichts zu machen. + +»Da is er!« rief der bleiche Kapitän und deutete auf Winnetou, der den +Kopf senkte, als er bei den Räubern vorüberging. + +Der Schreiber schüttelte den Kopf: »Herrgott, wer hätt das vom Winnetou +gedacht.« + +Verstummt sahen die Räuber ihm nach. + +Die Walleute zogen vorüber, und aus Glockenläuten, Blechmusik und +Böllerschüssen stachen die Altweiberstimmen heraus und hinauf in den +sonnigen Himmel: »O Maria hilf!« + +Der Vorbeter war ein reicher Mann und besaß ein großes Haus mit vielen +Fensterscheiben, denn der fromme Schneider war hauptsächlich Pfarrdiener +und eifriger Kirchgänger und hatte sich für das Kleiderflicken Gesellen +angestellt; sein Geschäft blühte. + +Am Abend schimpfte der rote Fischer in den »Drei Kronen«: »Ke enzigs +Pfund Fisch verkäff ich's ganze Jahr, wenn i nit mitwall!« Seine +Halsadern schwollen. + +>Und welcher gute Bürger würde mir seine Schuhe zum Besohlen geben, wenn +ich nicht ein frommer, gottgefälliger Schuster wäre<, dachte sich Herr +Widerschein und reichte sein leeres Glas der Kellnerin. Er war ein +stiller, arbeitsamer Mann und hatte sechs Kinder zu ernähren. + +Bevor es dunkelte, kehrten die Frauen, genau die Breite ihrer Häuser +einhaltend, das zertretene Schilf weg, gossen Kringel mit der Gießkanne +und kehrten sauber nach. Hier war gekehrt -- dort lag noch ein genaues +Quadrat Schilf. Aber um neun Uhr waren die Gassen blitzblank. So wollten +es die Würzburger Stadtväter. + +Die Räuber, jeder mit einem faustgroßen Stein in der Tasche, +schlenderten gleichgültig am Wachtmeister vor dem »Spitäle« vorbei und +bogen in die Felsengasse ein, welche von der vielfenstrigen Vorderfront +des Hauses vom frommen Flickschneider abgeschlossen war. + +Der bleiche Kapitän verteilte die Fenster sorgfältig an seine Leute, +beschwor sie, genau zu zielen, kommandierte leise und hob die Hand -- +die Fensterscheiben klirrten. + +Die Räuber flüchteten durch die dunklen Gassen. + +Der Oberkörper des Schneiders schoß, wie der Teufel im Hans +Kasperl-Theater, aus dem Fenster. + +Da unten war alles still. + +Diese eingeschlagenen Fensterscheiben waren für die Räuber der Abschluß +ihrer ersten Jugend. + +In der folgenden Woche sprachen alle Einwohner des Mainviertels von ein +und derselben Sache: Herrn Glasermeister Johann Jakob Streberle war ein +Unglück passiert. Alle dreihundertsiebenundsechzig Fenster für das neue +Krankenhaus hatte er um einen Zentimeter zu schmal gemacht; die Fenster +waren unbrauchbar; er mußte eine hohe Konventionalstrafe bezahlen und +machte Bankerott. + +Ein paar Wochen lief er traurig in Würzburg herum, lachte nicht mehr; +als Gehilfe Arbeit zu nehmen, ließ sein Meisterstolz nicht zu, und eines +Tages war er verschwunden. + + * * * * * + +Der bleiche Kapitän, der Schreiber und Oldshatterhand standen am Fluß +beisammen. Falkenauge kam geschritten, energisch. + +Quer über seinen Rücken hatte er etwas hängen in einem braunen +Segeltuchfutteral. Es sah aus wie ein Gewehr. + +»Wo warst du?« + +»Auf der Jagd!« rief Falkenauge, schwang sein Fischnetz und schritt +weiter. + +»Also, wenn ich dir sag, man kann's jeden Tag fünf-, sechsmal tun, so +oft's überhaupt geht. Es schadet einem gar nichts; man bleibt genau so +stark und gesund wie man war«, sagte der Schreiber zum bleichen Kapitän +und schloß: »Ich hätt ja selber nit geglaubt, daß es sowas gibt auf der +Welt. Das is ja ganz kolossal.« + +Der Schreiber hatte rotumränderte Augen und eingefallene, graue Wangen. + +»Wie is denn das? . . . Wie tut man's denn?« fragte Oldshatterhand. + +»Für dich is das nichts«, sagte der Schreiber und lächelte dem bleichen +Kapitän zu. »Da bist du vielleicht noch zu klein dazu. Morgen kann ich +dir's ja amal zeig.« + +Die drei gingen weiter, am Flußufer hin, hinunter zur Sandinsel, und +saßen dann beisammen an einem kleinen See, der von überhängenden +Weidenbüschen umsäumt war. + +Es war ein warmer Abend; Bachstelzen hüpften lautlos und graziös am +Seeufer hin und Raben flatterten immer wieder auf und flogen »aa aa« +schreiend über das Weidenland. + +Die rosa Abendwolken wurden von der Dämmerung genommen und am tiefblauen +Himmel traten die Sterne hervor. + +»Jetzt sagt halt amal, wann gehn wir denn eigentlich fort?« fragte +Oldshatterhand leise und wand sich einen Weidenzweig schmerzhaft ums +Handgelenk. + +»Auf, nach Amerika!« rief lachend der Schreiber. »Hohaho! +Oldshatterhand!« + +Der bleiche Kapitän grinste. + +»Nun sagen wir nächste Woche«, sprach der Schreiber ernst. + +»Jawohl. Nächste Woche. Jawohl.« + +»Also! Also ja!« rief Oldshatterhand freudig. »Oder gehen wir doch +lieber jetzt gleich fort! Immerzu da nunter, den Sandweg, bis nach +Frankfurt. Dann kommen wir an den Rhein und nach Hamburg . . . da sind +Schiffe.« Er drehte den Weidenzweig an seinem Handgelenk fester zu. +»Meerschiffe -- -- --« + +Der bleiche Kapitän blätterte im Katalog einer Schirmfabrik. »Weißt du +was . . . es gibt überhaupt keine Indianer mehr.« + +»Nein, nicht eine einzige Rothaut gibt's mehr.« + +»He? Millionen gibt's! He! was wären denn sonst die, von denen in unsern +Büchern steht? He?« + +»No ja, ein paar gibt's ja noch«, gab der bleiche Kapitän zu. »Aber ich +hab neulich in der Zeitung gelese, daß die andern alle schon ausgerottet +sind.« + +»Oldshatterhand, Oldshatterhand, ein wenig klein bist du für Amerika.« + +»Aber ich hab Mut! . . . Und darauf kommt's ganz allein an.« + +»Nun, dann hopp! Auf, in den wilden Westen!« + +Da schnellte Oldshatterhand in die Höhe. »Ihr geht also nit mit! Ihr +Feigling . . . habt die ganze Jahr her nur geloge?« + +»Ich will dir einmal was sagen, jetzt hab ich drei Jahr Lehrzeit +ausgehalten, gestern hab ich mein erste Lohn kriegt, fünfzehn Mark, und +das krieg ich jetzt jede Woche . . . Wär ich da nicht ein Rindvieh, wenn +ich jetzt fortlaufen tät?« + +»No allemal«, sagte der Schreiber. »Ich krieg jetzt auch vierzig Mark im +Monat. Dreißig muß ich meiner Mutter geb; aber zehn Mark darf ich +behalt. Das is doch jetzt alles ganz anders«, schloß er nachdenklich. + +»Von mein nächste Wochenlohn kauf ich mir den Nadelschirm.« Der bleiche +Kapitän zeigte den Schirm im Katalog. »Acht Mark kost er. Hast scho amal +sowas g'hört? . . . Acht Mark für'n Schirm!« Er lachte krachend und +konnte sich lange nicht beruhigen. »Er is aber auch so dünn wie ein +Federhalter, und der Stoff is fast von Seide.« + +Es war jetzt tiefe Nacht geworden. + +Oldshatterhand wandte sich um und ging, ohne Adieu zu sagen, langsam +fort. Und nach einer Weile rollten ihm die Tränen an den Wangen +hinunter. + +Ein Floß glitt lautlos an ihm vorbei, den Main abwärts. Vorne saß der +Flößer und spielte leise die Ziehharmonika. Irgendwo in der Ferne sang +ein Mädchen. + + * * * * * + +»Schloßfallenfeuer!!« rief Meister Tritt Oldshatterhand zu, der bis ins +Herz hinein erbebte. + +Schleudere einen Bindfaden in die Höhe und klettere daran hinauf in den +Himmel -- hätte das Herr Tritt gerufen, Oldshatterhand wäre mit weniger +Bangen an die Arbeit gegangen. + +Noch niemals war eine Schloßfalle von Herrn Tritt geschmiedet worden +ohne Angst und Beben des Lehrjungen, der dazu helfen mußte, und ohne die +starren Blicke der grünlichen Augen des Meisters, denen kurze, heftige +Schläge ins Gesicht folgten. Jedoch nicht die Ohrfeigen waren das Arge, +sondern der Zeitraum zwischen Blick und Schlag, von dem man nicht wußte, +wann er kam, und dem auszuweichen unmöglich war, denn der grüne Blick +hielt fest. + +Die elektrischen Türschlösser des Herrn Tritt waren berühmt in Würzburg. +Und das kam von den Schloßfallen, die Herr Tritt stets selbst aus dem +allerbesten Stahl im klarsten Feuer herausschmiedete, eigenhändig mit +nur neuen Feilen zuarbeitete, schmirgelte, wog, schliff, um sie in das +neue elektrische Türschloß des Herrn Metzgermeister Rücken oder des +Herrn Trompeter Wohlleben einzupassen. + +Wegen seiner elektrischen Türschlösser hatte Herr Tritt schon einige +Male bankerott gemacht, weil er an einem ein Vierteljahr arbeitete, und +der Preis ein solcher war, daß er es in einer Woche hätte anfertigen +müssen. Jedoch, als hätte der liebe Gott selbst seine Freude an den +mimosenhaften Schloßfallen, fiel der Tod der jeweiligen Ehefrau des +Herrn Tritt immer mit einem Bankerott zusammen, so daß Herr Tritt seine +Kunstwerke weiterhin schaffen konnte, indem er immer wieder eine Frau +mit Vermögen erkor, was ihm nicht schwer fiel, denn er war ein schöner +Mann und zweiter Dampfspritzenführer bei der freiwilligen Feuerwehr. + +Oldshatterhand kehrte die alte Asche von der Esse, blies die Stäubchen +aus den Ecken, holte die frischen Kohlen einzeln aus dem Kasten, wählte +sorgfältig harzfreies Tannenholz aus und schürte ein klares Feuer an. +Erschrocken griff er in die Flammen und holte einen Strohhalm heraus, +der das Feuer schmutzig hätte machen können, rückte den Handhammer für +den Meister zurecht, die Feuerzangen, den Vorschlaghammer für sich, +fummelte mit seinem Ärmel den Ambos, bis er glänzte, und wartete. + +Unversehens aber blickte er auf die andere Seite des Lebens hinüber, +lange; sein Mund stand offen. Da riß er sich zusammen, flog in die +Werkstatt -- und stellte sich dem Meister: »Ich will fort von Ihnen! +. . . Ich halt's nimmer aus.« + +Zuerst kam der erstarrte Blick. Dann der kurze, knallende Schlag ins +Gesicht. Dann stieß Herr Tritt seinen Lehrjungen hinaus auf das +Pflaster. Die andern Lehrjungen standen atemlos, und der Gehilfe bog +sich vor Lachen, daß sein Kopf auf die Werkbank schlug und ihm die +Brille von der Nase fiel. + +Der Meister arbeitete weiter; er war eben dabei, an einer der blitzenden +Drehbänke eine kleine Eisenschraube für das elektrische Türschloß zu +drehen, wobei der älteste Lehrjunge helfen mußte, indem er mit dem Fuße +die Drehbank trat, unter verhaltenem Atem, denn er mußte sein ganzes +Gefühl, seine ganze Seele ins Treten legen, als spiele er Piano. + +Der Meister nahm den Handstichel weg vom Bolzen und starrte in die Augen +des Lehrjungen, der, vom Blick des Meisters festgehalten, mit zitterndem +Fuße weitertrat, bis der Schlag kam. Der Meister wandte sich wieder +seiner Arbeit zu. Der Eisenspan schlängelte sich am Stichel in die Höhe. + +Und nachdem das Eisenschräubchen fertig war, wich die Spannung vom +schweißnassen Lehrjungen, als habe er vor einem Prüfungskollegium ein +Klavierstück glücklich zu Ende gespielt, während der Meister, als habe +er es komponiert, ausgefüllt und aufrecht zum Feuer schritt, um die +Schloßfalle zu schmieden. + +Oldshatterhand eilte sofort hinauf auf den Schloßberg und durch den +unterirdischen Gang ins »Zimmer«. Hastig, als habe er keine Zeit zu +verlieren, nahm er den alten Revolver unter der Glasvitrine zu sich, +zündete knieend ein Heftchenbündel an: »Die bleiche Gräfin oder Der Mord +im Walde« und damit die ganze Bibliothek. + +Er sah noch, wie die Flammen an den Büchern emporleckten und hinauf zur +Decke schlugen. Der Qualm trieb ihn ins Freie. + +Lautlos pufften blaue Rauchwolken aus dem Gang. + +Da hörte er ein aufrührerisches Krachen -- eine mächtige Rauch- und +Staubwolke schoß aus dem Gang heraus und zum Himmel hinauf. + +Der unterirdische Gang war eingestürzt und das »Zimmer« verschüttet auf +immer. Atemlos stand Oldshatterhand im Festungsgraben. + +Von dieser Stunde an war er aus Würzburg verschwunden. + +In der Stadt ging das Gerücht, in dem eine Stunde weit vom »Zimmer« +entfernten Nonnenkloster »Himmelspforten« sei in der Zelle der Oberin +hinter dem Schrank Rauch aufgestiegen. + + + + +Fünftes Kapitel + + +Oldshatterhand, auf dem Wege nach Amerika, schritt auf der Landstraße +hin. + +Im Tale lag Würzburg. Er sah zurück. Nicht um die verhaßte Stadt noch +einmal zu sehen, die im grauen Dunst lag, denn ein feiner, gerader Regen +ging nieder; er wandte sich nur so um, wie er sich auch einmal nach +links wandte, nach rechts, in den Himmel sah, auf einen Baumstamm, einem +Vogel nach, mit leerem Blick, ohne etwas dabei zu denken und zu wollen. + +Manchmal blieb er auch stehen und sah lange in den Straßengraben, ging +weiter, leer im Herzen, empfindungslos, bis auf den Druck in der Mitte +unter dem Brustbein. + +-- -- -- Da sah er einen Mann auf einem Kilometerstein sitzen -- und +blieb erbebend stehen: vorher war der Stein leer gewesen, und jetzt saß +ein Mensch darauf. + +War er nebenan aus dem dunklen Tannenwald getreten? Aus dem Erdboden +gekommen? In der Luft heran oder -- -- -- aus der Zukunft zurück in die +Gegenwart zu Oldshatterhand geeilt? + +Nie hatte er so einen Menschen gesehen. + +Aber es war nichts Besonderes an dem Mann, welcher jetzt, schlank +werdend, aufstand und zu Oldshatterhand trat, der sich kühl berührt +fühlte, wie von einem Gespenst. + +Der Fremde trug einen Gummimantel. Er war dreißig Jahre alt, hatte einen +dünnlippigen Mund im scharfen Gesicht und an den Schläfen unter den +braunen Haaren schon graue. + +»Wollen wir ein Stück zusammen gehen?« + +»Ja . . . Aber wohin gehen Sie denn? In welcher Richtung?« + +»Jetzt gehe ich eine Weile mit Ihnen -- dann gehe ich wieder vorwärts +. . . Sie wollen in die nächste große Stadt wandern, Arbeit suchen und +Geld verdienen«, schloß der Fremde mehr sagend als fragend. Und +Oldshatterhand schwebte plötzlich in einer roten Schamwolke. Er hatte +geglaubt, daß er jedem Menschen mitteilen könne, was er vorhabe, und nun +konnte er es gleich dem Ersten nicht sagen. + +Wirr vor Verlegenheit, rief er: »Ich heiße Michael Vierkant!« Und sein +zerlesenes Indianerbuch fiel ihm auf die Landstraße. + +Lächelnd hob der Fremde das Heftchen auf und fragte, ob er es ein wenig +ansehen dürfe, las den ersten Satz auf der Decke: »Tom machte sich auf +in den wilden Westen und war fest entschlossen, so vielen Weißen wie +möglich das Lebenslicht auszublasen«, und gab es Oldshatterhand zurück. + +»Hi! hihiha!« lachte Oldshatterhand wieder das kurze, irrsinnige Lachen +wie damals auf dem Heimwege von der Schule. »Das ist vielleicht alles +dumm und nicht wahr, was da drin steht.« + +Da sagte der Fremde nachdenklich: »Ja, Sehnsucht ist -- weil Qual ist +. . . Vor vielen Jahren ging ich wie du, diese selbe Straße, bis zu dem +Berg, der meiner Jugend den Blick verstellte, und mich hinter ihm ein +ersehntes, wunderbares Land erträumen ließ. Da sah ich hinunter in ein +blaues Tal, aus dem der Lärm der Arbeit klang -- und stieg hinunter.« + +Oldshatterhand blickte zum Fremden in die Höhe und der Fremde zärtlich +und gerührt auf Oldshatterhand hinunter. + +Daß er nun plötzlich nicht mehr nach dem wilden Westen wollte, erfüllte +Oldshatterhand mit fassungslosem Staunen, dem ein Ausruhen folgte. +Entlastet schritt er neben dem Fremden her, in sonderbarem, tiefem +Vertrauen zu ihm. »Ich will auch arbeiten«, sagte er ganz still. »Ich +bin nicht so schwach, wie ich aussehe.« + +»Nein . . . Sie sind nicht schwach«, sagte der Fremde, mit einem +unbegreiflichen Lächeln. + +Wie lautlos vom Himmel gefallen, lag plötzlich die Sonne auf der +Landstraße, die jetzt aus Mattgold war, und die Apfelbaumreihen legten +ein bewegtes Schattenmuster darauf. + +Zwei Hasen setzten vor den beiden über den tiefen Graben und flohen, die +Ohren zurückgelegt, hintereinander her, gestreckt die schnurgerade, +endlose Straße hinaus. + +»Was arbeiten denn Sie jetzt?« fragte Oldshatterhand ruhig und vertraut, +denn er hatte die Empfindung, mit seinem älteren Ich zu reden. + +»Ich . . . denke darüber nach, warum eine junge Blüte vom Baume fallen +muß, bevor sie zur Frucht wird, während neben ihr eine andere +ungehindert zur Frucht reifen darf . . . Darüber denke ich nach, +unaufhörlich. Das ist meine Arbeit. -- Jetzt muß ich wieder +vorwärtsgehen -- -- --« + +Mit einem kurzen Pfiff durchschnitt ein Vogel die Luft, auf die beiden +zu, und stieg vor ihnen hinauf in den Himmel. + +Da hatte der Fremde seine Arme um den Hals Oldshatterhands geschlagen +und ihn geküßt. + +Dann eilte er unhörbar quer über Feld, wurde immer kleiner und kleiner, +und Oldshatterhand blickte ihm nach bis der Fremde unversehens +verschwunden war, als wäre er zu Luft geworden. + +Nach einer Weile sah Oldshatterhand seitwärts inmitten von Kornfeldern +ein großes Gehöft liegen, und einen Herrn in Röhrenstiefeln auf sich +zukommen. Der hatte eine goldene Brille mit funkelnden Gläsern auf der +spitzen Nase und ein doppelläufiges Jagdgewehr am Riemen an der Schulter +hängen. + +»Hast du Zeit? Wohin willst du denn?« + +»Ich gehe nach Frankfurt am Main und suche Arbeit.« + +»Wenn du Lust hast, kannst du sechs Mark verdienen und dein Essen. Du +mußt dafür in meinem Keller eine Woche lang Kartoffeln sortieren.« + +»Ja!« sagte Oldshatterhand, und ging mit dem Mann. + + * * * * * + +Die Transmissionen im großen Arbeitssaal der Dresdener Fahrradfabrik +schnurrten und sangen, die breiten Treibriemen klatschten -- klipp klapp +klipp --, Hämmer klopften, Drehbänke und Bohrmaschinen rasselten und +surrten, die Feilen rauschten; und alles klang Oldshatterhand zusammen +in »Auf, in den Kampf! To . . . re . . . ro«, denn er hatte, ehe er von +Frankfurt nach Dresden gefahren war, Carmen gehört, und seitdem, wo er +ging und stand, Stellen daraus gesummt und gesungen. Nie vorher war er +in der Oper gewesen. + +Er versuchte, »Nun danket alle Gott« unterzulegen, oder »Wem Gott will +rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt«, aber beugte er +sich auch nur einen Augenblick aufmerksamer über seine Arbeit, so +spielte der Fabriksaal wieder »Auf, in den Kampf! To . . . re . . . ro!« +Den ganzen Tag »Auf, in den Kampf!« + +Ein klagend beginnender, durch Not und Qual durch -- und in die Höhe +jagender und, als reichte der Atem nicht mehr, in maßlosem, wildem +Schmerz jäh abbrechender Pfiff heulte durch den Fabriksaal. + +Hämmer und Feilen polterten auf die Werkbänke. Schweißgeschwärzte Männer +richteten sich auf. Die Treibriemen sangen leiser, klatschten langsamer, +verklangen und hingen reglos. Es war still, wie in der Nacht, wenn man +plötzlich aus einem wilden, geräuschvollen Traum erwacht: die +Vesperpause war gekommen. + +Oldshatterhand hatte seinen Schraubstock beim Fenster neben einem +schlottrigen Mann mit tief eingefallenen Wangen und grünen Schatten +unter den Augen, der jetzt an der Werkbank saß, seine Butterbrote +säuberlich in Streifen schnitt und sie bedächtig in den Mund schob, +wobei er ihn weit aufriß, um die langen Butterbrotstreifen ohne +anzustoßen auf einmal unterzubringen. + +Bei jedem Brotstreifen zwinkerte er Oldshatterhand zu und dann vergnügt +zu einem Honigglas vor sich auf dem Fenstersims, in dem sich ein langer, +in vielen Falten gelegter weißer Bandwurm befand, und sagte: »Jetzt esse +ich meine Bemmchen alleine.« + +Verzweifelt wandte Oldshatterhand sich weg. Er brachte keinen Bissen +hinunter. + +Da heulte wieder der in Wut und Qual jäh endende Pfiff den Arbeitern +durch die Gehirne. Wie Lebewesen begannen die Maschinen zu laufen; die +noch kauenden Arbeiter reckten sich gähnend und griffen langsam zu +Hämmern und Feilen. Oldshatterhand klang wieder »Auf, in den Kampf!« ins +Ohr. + +Der Pfiff, der um sechs Uhr Feierabend verkündete und von einer anderen +Dampfpfeife abgegeben wurde, klang ganz anders, klang wie der +langgezogene Flötenton eines Singvogels und endete abgebrochen +schluchzend. + +Die zwölfhundert Arbeiter quollen durch das Fabriktor ins Freie, mit +Mienen der Erleichterung und Freude, denn es war Sonnabend und Zahltag. + +Oldshatterhand ging nachdenklich am Bretterzaun entlang. Daumen und +Zeigefinger spielten mit dem verdienten Geld in der Westentasche. Er +umkreiste wieder seine Sehnsucht, die ihn das ganze Jahr, seitdem er aus +Würzburg hinausgewandert war, nicht mehr verlassen hatte. Die Sehnsucht +-- _Etwas_ zu werden. Er wollte _Etwas_ werden. Nicht gerade Minister +oder Bürgermeister; aber doch etwas, das ihm die Achtung der Menschen +einbringen mußte. Doktor, sagte er sich, könne er kaum werden, denn er +brauche nur an seine Schuljahre zurückzudenken; an Herrn Mager, um zu +wissen, daß er dazu viel zu dumm sei. Immer wenn er dem Gedanken +nachhing, daß er etwas werden müsse, flackerten die Demütigungen seiner +Jugend ihm aus den Augen, dann war er oft stundenlang niedergedrückt, +aber manches Mal fühlte er sich auch angespornt. Es müsse etwas sein, +was eine demütigende, untergeordnete Stellung ausschloß. + +Einige Tage vorher war er auf der Straße bei einem Geometer stehen +geblieben und hatte zugesehen, wie der Mann ohne viel Worte seine +Arbeiter mit Stangen und Bandmaß hantieren ließ. Da hatte Oldshatterhand +in einem Blitz der Erinnerung Benommen, den Amerikaner, am Mississippi +stehen sehen, mit ihm den Geometer verglichen, und hatte einige Tage +lang überlegt, ob er nicht Geometer werden könne. In einen Taumel der +Begeisterung hatte ihn der José im Frankfurter Opernhaus versetzt, und +der Gedanke, ein Künstler zu werden, hatte ihn seitdem nicht mehr +verlassen. Nicht gerade Schauspieler oder Sänger; irgendein Künstler -- +hier müsse für ihn die Möglichkeit sein, _Etwas_ zu werden. + +Wann immer Oldshatterhand einem gutgekleideten Menschen begegnete, der +ruhig seines Weges ging und dessen Gesicht von Demütigungen nicht +gezeichnet war, folgte er ihm, dachte sich glühend in ihn hinein, bis er +selbst zu dem vor ihm Gehenden wurde, worauf er seine Wunschphantasie +klettern ließ. In Frankfurt am Main, wo er auch eine Zeitlang Liftjunge +gewesen war, in einem Hotel in der Fahrgasse, hatte keiner der Gäste aus +den sehnsüchtigen Augen des Liftjungen herausgelesen, daß dieser im +Geiste -- als Fremder mit dem Fremden im Lift in die Höhe stieg. + +Oldshatterhand war langsam weitergegangen. Er sah zurück in den +unerreichbar weit entfernten, verwilderten Garten, in dem seine +Jugendträume und seine Sehnsucht weiterlebten, umschlossen von einer +grauen, türlosen Mauer, die sich ihm nur öffnen konnte, wenn er _Etwas_ +geworden war. + +Da blieb er betroffen stehen, vor einem Jüngling, dessen Gesicht +unbeweglich, wachsbleich und unter den trüben Augen schwarzviolett war. +Das Hemd stand vorne offen und bot den grausig abgemagerten Körper dar, +die schweißfeuchten Schulterknochen und Rippen. Ganz vorsichtig, als +fürchte er auseinanderzufallen, ging der Jüngling langsam am Bretterzaun +der Glasfabrik hin, in der er beschäftigt war. + +Ein paar Arbeiter sahen sich um nach dem bestürzten Oldshatterhand. + +Der lief schnell weg. Und stand: starrte beklommen auf die grauenhaften +Gestalten, die teilnahmslos und stier am Zaun entlangschlichen. Kinder, +Alte, Mädchen, steif, aus Wachs, blutleer, in Lumpen: eine anklagende +Reihe, auf ein paar Stunden von den glühenden Kesseln der Glasfabrik +entlassen. + +»Ja, was denn! Ja, was denn! Darf denn das sein?« flüsterte er, ging +fassungslos weiter, begann plötzlich zu rennen. + +Da tat sich eine weiße Wunderstraße auf, asphaltiert, von größter +Sauberkeit. Lauter gleichhohe Häuser, weiß, mit flachen Dächern. Breit +wie ein Traum war die Straße. + +Immer wenn Hufschlag ertönte, wandte Oldshatterhand sich um, weil er +Reiter vermutete, aber immer hing an den ausgreifenden Pferden auch eine +Equipage daran, die lautlos auf dem glasglatten Asphalt rollte, die +linealgerade, endlose Straße hinaus. Querstraßen, wunderschön, breit und +lang, durchschnitten seine Straße. + +Er bog in eine Seitengasse ein, und noch einmal in eine zweite. Die war +eng, feucht; Obst- und Gemüseabfälle, Zeitungsfetzen und Lumpen lagen, +und halbnackte, schmutzige Kinder hockten auf dem Pflaster umher, und es +roch nach Abort. + +In dieser Gasse wohnte Oldshatterhand. + +Er stieg hinauf, bis unters Dach. Die Tochter seiner Hausfrau öffnete +ihm und lief schnell ins Wohnzimmer zurück. Sie hatte ein +orientalisch-weiches, gelbes Gesicht und fast nichts an. »Kommen Sie +doch näher, Herr Vierkant.« + +Links neben ihr, auf der gewesenen Nähmaschine, lag ein Haufen duftender +Tabak, rechts -- ein Berg Zigarettenhülsen. »Siebenhundert Stück muß ich +heute noch fertigkriegen«, sagte sie, flink mit Stopfholz und Schere +hantierend. »Hier, diese ist nicht ganz gelungen . . . diese und diese +auch nicht.« + +Er nahm die Zigaretten entgegen und versah sich dabei in des +Mädchens sehr volle Schultern und Brüste, denn das Hemd war ihr +heruntergeglitten. Ihr großer Mund blieb geöffnet. + +Der Bräutigam des Mädchens, ein elegant gekleideter Maurer ohne +Hemdkragen, mit roten Bartstoppeln, trat ein, sah auf seine halbnackte +Braut, auf Oldshatterhand und stand, mit dem Blick fensterwärts. Er war +ärgerlich. + +Das Mädchen arbeitete emsig weiter. »Wie viel?« + +»Fünfzig Mark. Nächste Woche sechzig«, sagte er mürrisch. + +Ein Freudenschimmer lief über ihr Gesicht. »Davon kannst du dreißig +zurücklegen . . . Wenn der Verdienst so weitergeht, können wir +Weihnachten heiraten.« + +Oldshatterhand ging in seine Kammer. Die war schmal wie ein Gang. Vier +Betten, hintereinander, standen darin und sonst nichts. In einem schlief +ein Viehtreiber -- sein fettiger Ziegenhainer lehnte in der Ecke --, im +andern der Bräutigam, im dritten der vierzigjährige verblödete Sohn des +Hauses, der nur lallen konnte und manchmal Wutanfälle bekam, wobei er +sich nackt auszog und mit einem Küchenmesser auf seine Mutter losging. +Er saß auf dem Bett und verzehrte sein Abendbrot, eine armlange rohe +Gurke mit Salz. + +Beim Fenster schlief Oldshatterhand, heute zum ersten Male, denn früh +hatte er sich erst eingemietet. + +Gegen Morgen träumte er: eine Schar Mäuse husche unaufhörlich an seinem +Körper entlang, um ihn herum. Er wachte auf, fühlte vielfüßiges +Gekrabbel, griff unter die Bettdecke und griff ein flaches Tierchen, das +ihm jedoch, über seinen Handrücken rennend, gleich wieder entwischte. + +Das Bettlaken war mit vielen kleinen Blutflecken punktiert: zerdrückte +Wanzen. + +Er rief die Wirtin und kündigte. »Im Bett sind Wanzen.« + +»Ach nee.« + +»Unheimlich viel.« + +»Die beißen Ihnen doch nich.« + +»Sie haben mich gebissen.« + +»Aber die fressen Ihnen doch nich.« + +»Fressen?« + +»Tun se nich. Da ist der Kaffee.« + +»Erst komm ich!« rief der Viehtreiber. + +»Und dann ich!« der Bräutigam. »So war's ausgemacht.« + +Oldshatterhand wartete, bis die beiden die einzige Kaffeeschale benutzt +hatten und er daran kam. »Also, ich ziehe aus, wegen der Wanzen.« + +»Wanzen!« schrie die Wirtin. Und Viehtreiber und Bräutigam erhoben sich +drohend. + +»Und . . . die Kaffeetasse hat keinen Henkel mehr«, stotterte der +ratlose Oldshatterhand. + +Da zog der Idiot das Hemd aus; sein Augenweiß wurde blutrot. Das Messer +unter den Nabel an den haarigen Bauch gehalten, mit der Spitze nach +vorne, berannte er seine Mutter, die, mit einem rätselhaften Blick auf +ihren Sohn, aus der Kammer sich in Sicherheit brachte. + +Viehtreiber und Bräutigam lachten und schmissen den nackten Idioten auf +des Viehtreibers Bett, wo er hocken blieb und den Brocken Brot, den er +im Bett fand, in den Mund steckte. + +Oldshatterhand stand schon bei der Flurtür, mit seinem +Segeltuchköfferchen in der Hand, und ärgerte sich, weil er für die ganze +Woche vorausbezahlt hatte, eine Mark fünfzig Pfennige, und nichts +zurückbekam. Da trat die Braut im Hemd aus dem Dunkel und drückte den +mageren Oldshatterhand in ihren weichen Körper hinein. »Schreibe mir, wo +du wohnst.« + +Die Kammertür wurde vom Bräutigam geöffnet. Das Mädchen huschte ins +Wohnzimmer. + + * * * * * + +Schon um sechs Uhr war der große Tanzsaal taghell erleuchtet und dicht +besetzt: von Köchinnen und Ladenmädchen in hellen Sommerkleidern, von +Handwerkern, eleganten Kommis; und die Unteroffiziere, groß, schlank, in +knapp sitzenden Uniformen mit goldglitzernden Litzen und an die Wangen +angepreßten Schnurrbärten waren von Leutnants kaum zu unterscheiden, +wenn sie mit vornehmer Verbeugung die Hacken zusammennahmen und, den Arm +ausgestreckt, den Kopf im Nacken, mit ihren Damen im Schleifwalzer +dahinglitten. + +Vergoldete Stuckamoretten und posaunenblasende Schleiernymphen schwebten +plastisch an der Decke, aus den Wänden heraus und aus allen Winkeln und +Nischen hervor. + +Die Blasmusik schmetterte zum Tanze an und brach ab. + +Die Herren engagierten und stellten sich in die Reihe. + +Oldshatterhand riß sich zusammen und schritt auf eine sehr kleine, runde +Köchin in rosa Mullkleid los, die übrig geblieben war, stand wie ein +Stock, nur den Kopf geneigt, und sagte: »Wenn ich bitten darf.« + +Sie seufzte vor Freude tief auf. Ihr dickes, sommersprossiges Gesicht +war lackrot. Staketenzaunsteif stand ihr Korsett; darin lag weich der +kolossale Busen, weit hinten saß der Kopf, und mitten auf dem Scheitel +klebte, in Form eines spitzen Kinderkreisels zusammengedreht das +Haarzöpfchen. + +Die Blasmusik setzte ein, und ein großer, prächtiger Unteroffizier mit +glänzenden Lackstiefeln schwebte goldglitzernd mit seiner schönen Dame +als Erster quer durch den Saal. + +Seit einem halben Jahr, solange er in Dresden war, tanzte Oldshatterhand +mit aller Leidenschaft jeden Sonntag, wenn das Geld reichte, bis in den +frühen Morgen hinein. Seine Wangen waren fahl und seine blauen Augen +ungewöhnlich groß geworden. Oft schmerzte ihn die Brust; er wuchs rapid, +was eine günstige Veränderung seiner Sprechorgane zur Folge zu haben +schien, denn er stotterte nicht mehr. + +Am Arm geleitete er seine Dame zum Tisch zurück und stand steif. +»Gestatten Sie vielleicht, daß ich mich zu Ihnen setze? . . . Ich würde +mich sehr freuen.« + +Sie wischte sich mit dem Handrücken die trüben Schweißperlen von der +Stirne. »Bitte, wenn's Ihnen so gräßlich freuen tut.« + +»Darf ich Ihnen mein Taschentuch anbieten, mein Fräulein?« + +Von ihr zusammengeknäuelt, verschwand Oldshatterhands Taschentuch +vollkommen in der Riesenhand; sie wischte sich übers Gesicht, über den +Mund weg, daß die Unterlippe weit mit hinuntergezogen wurde und die +breite, feuchte, zartrosa Fläche des Lippeninnern sichtbar wurde, und +fragte zwinkernd, ob er immer so galant sei. + +Er verbeugte sich stumm. Oldshatterhand hatte ein hellgelbes Röckchen +an, dessen Ärmel ihm viel zu kurz waren und dem er auch sonst stark +entwachsen war. Seine braunen Haare über der hohen Stirne standen zu +Berge. Die langen, feingliedrigen Finger unter dem Tisch ineinander +verkrampft, fragte er: »Würden Sie mir erlauben, daß ich Sie nach Hause +begleite, mein Fräulein?« Und tief erschrocken setzte er hinzu: »Sie +dürfen nicht denken . . . ich wollte Sie nicht beleidigen.« + +Sie hielt Oldshatterhands Taschentuch vor den Mund und lugte darüber +hinaus auf ihn. »Heute geht's nicht. Ich schlafe ja heute nacht im +Zimmer meiner Gnädigen. Sie ist eben nicht ganz gesund . . . Heute +nicht. So ist es eben.« + +Er starrte die Köchin an und lachte »Hi! hihiha!« plötzlich sein +irrsinniges Lachen. + +»Auf zur Damenwahl!« rief der Tanzordner. Und die Köchin verneigte sich +vor Oldshatterhand. + +Tags darauf, es war noch ein Feiertag, blieb Oldshatterhand auf dem Wege +zum Tanzsaal vor dem Museum stehen. Ein Diener in Livree stand da. Wagen +hielten vor dem Hause, Fremde stiegen aus und gingen hinein. + +Oldshatterhand ging auch hinein. Und auf den Zehenspitzen staunend durch +die kühlen Säle. + +Nach kurzer Zeit mußte er sich erschöpft auf eine Polsterbank setzen. +Erregt dachte er an seine Zeichnung, die er im »Zimmer« nach dem +»Heiligen Tier« gemacht hatte, und verglich sie mit den Kunstwerken an +den Wänden. Wirre Gedanken und Vorstellungen zogen durch sein heißes +Gehirn, bis er, aus Angst, jemand habe ihm seine Gedanken vom Gesicht +abgelesen, zusammenschrak. Mit gleichgültiger Miene sah er sich +vorsichtig um. + +Von nun an eilte er täglich nach Feierabend ins Museum und konnte gerade +noch zwanzig Minuten lang die Bilder ansehen. + +Er sparte jeden Pfennig und sammelte sein Geld in einem Zugbeutel, den +er Tag und Nacht auf der Brust bei sich trug. Als er genug zu haben +glaubte, ging er nicht mehr auf die Arbeit, nur noch ins Museum und sah +stundenlang den Malern zu, wie sie kopierten. Sie kannten ihn schon und +lächelten, wenn er kam. + +Immer, wenn er eintrat, betrachtete er zuerst eine kleine Landschaft, +und wieder, ehe er das Museum verließ. Es war eine hügelige Landschaft +mit Felderstreifen, grün und braun; ein paar blühende Apfelbäume +dazwischen und darüber ein Gewitterhimmel, durch den die Sonne brach. Er +liebte diese Landschaft; sie erinnerte ihn an die unterfränkischen +Hügel. + +Um fünfzig Pfennige kaufte er sich einen Farbkasten mit Pinsel, und +malte von seinem Dachfenster aus die Ansicht von Dresden. + +Darüber verging ihm der Winter. + + * * * * * + +Es war ein so heißer Sommer, daß selbst ganz alte Würzburger +Bürgersleute, die das Wasser jahrelang gerne entbehrt hatten, sich +entschlossen, ein Bad im Main zu nehmen. Und die Kinder plätscherten den +ganzen Tag über im Wasser herum. + +Der bleiche Kapitän ging von seiner Buchbinderwerkstatt nach Hause zum +Mittagessen. Das kleine, grüne Plüschhütchen verwegen auf einem Ohr, daß +die andere blonde Kopfhälfte freiblieb, eilte er, die Lippen mürrisch +nach außen gestülpt, mit langen Schritten dicht an den Häusern entlang, +daß sein Ärmel die Mauern streifte, und schien mit den Fingerspitzen, +mit denen er bei jedem Schritt die Hausmauern berührte, den Weg hinter +sich zu schieben. + +Hastig aß er sein Mittagbrot, sprang hinauf in seine Dachkammer und übte +alle seine neu angeschafften Hanteln durch. + +Von drei Pfund an aufwärts, bis zu einer zweihundertachtzigpfündigen +Scheibenhantel, lagen in der Kammer des bleichen Kapitäns in Reihen +geordnet die Gewichte, daß sich die Balken bogen und die Decke unter der +Kammer einzustürzen drohte. + +Der bleiche Kapitän hatte ein Buch gelesen: »Wie werde ich Athlet«. + +Und von dem Tage an war er von Grund auf verändert, rauchte nicht mehr, +trank nicht mehr, redete nur noch das Nötigste -- er stemmte. Die Folge +davon war ein schwerer Konflikt mit seinem Bruder, Benommen dem Wirt, +der dunkel ahnte, daß er die Räuber als Kundschaft verlieren würde, wenn +es ihnen einfiele, auch Athleten zu werden. + +Der bleiche Kapitän hob die Hanteln wieder auf das Gestell, denn die +Mittagstunde war vorüber. Tief aufatmend, spannte er einen Zentimeter um +seinen Brustkasten herum, notierte das Maß, kontrollierte den Muskel des +Oberarms und konnte mit Freude feststellen, daß der Muskel seit einer +Woche um eineinhalb Millimeter stärker geworden war. Nachdem er noch +Unterarm- und Schenkelmuskel gemessen hatte, eilte er, ohne den Blick zu +erheben, dicht an den Häusern entlang, seiner Arbeitsstätte zu. + +Auf der Domstraße traf er den Schreiber dabei an, wie er tief das +Mädchen mit den braunen Zöpfen grüßte. + +Der Schreiber ging gebeugt und hatte kreisrunde Flecken auf den +eingefallenen Wangen. + +»Das, was du damals gesagt hast, was man jeden Tag tun dürfe, so oft man +nur wolle . . ., das ist das Gefährlichste, was es überhaupt gibt auf +der Welt«, sagte der bleiche Kapitän. »Und was gar die Mädli anbelangt, +mein Lieber, da sag ich dir: wenn du e Mädle nur ansiehst, dann kannst +schon nimmer stemm -- so schwächt dich das. Grüß Gott.« Das war des +bleichen Kapitäns letzter längerer Satz auf Jahre hinaus. + +Die Räuber kamen gar nicht mehr zusammen. + +Die Rote Wolke sang den ganzen Tag »Nach der Heimat möcht ich wieder, +nach dem teuren Heimatort«, denn er war Mitglied des Jünglingvereins +»Frischer Bursch« geworden, der auch Theatervorstellungen gab. Das +Stiftungsfest des Vereins stand nahe bevor, das Einweihungslied war +wochenlang geprobt worden, und die Rote Wolke sang den ersten Tenor. Der +König der Luft war eifriger Turner und trug sich mit der Idee, zusammen +mit einigen jungen Anhängern, die Hanteln jonglieren und auf den Händen +laufen konnten, eine Varietévorstellung zu geben, in einem Dorfe bei +Würzburg. Falkenauge war aktives Mitglied der Angelgesellschaft +»Walfisch« geworden. + +Jeder ging seine eigenen Wege. Groß jedoch war die Bewunderung der +Räuber, als sie vernahmen, daß der bleiche Kapitän einen Preis errungen +hatte beim Vereinsstemmen des Athletenklubs »Muskel«, dessen Mitglied er +war. + + * * * * * + +Die kleine, dicke Frau Vierkant stand seit einer Stunde in der +Würzburger Bahnhofshalle und sah hinunter in den Perrondurchgang. Hin +und wieder wischte sie sich über die Augen, und ein Lächeln des Glückes +entstand in ihrem verhärmten Gesicht. + +Als der Zug einlief, verschwand das Lächeln; in höchster Spannung der +Erwartung und des Zweifels blickte sie hinunter in den Durchgang, durch +den jetzt die angekommenen Reisenden eilten. Darunter ein schlanker +junger Mann in hochmodernem, blauen Anzug und mit einer schwarz-weiß +gestreiften Krawatte, die sich weit heraus wölbte; sein dünnes +Spazierstöckchen mit blitzender Zinnkrücke hielt er unterm Arm, denn er +zog eben braune Glacéhandschuhe über. + +Mit einer Verbeugung nahm er seinen steifen Hut ab vor Frau Vierkant, +streckte ihr die Hand hin und lächelte. + +Sie reichte ihm zögernd die ihre. Und warf plötzlich die Arme über den +Kopf. + +Jetzt erst hatte sie ihren Sohn Oldshatterhand erkannt; er war um mehr +als einen Kopf größer geworden. + +»Einen Gummimantel hast du dir gekauft?« fragte die Mutter erstaunt. + + + + +Sechstes Kapitel + + +Alle Räuber waren zu Ehren des heimgekehrten Oldshatterhand in der +Dachkammer des bleichen Kapitäns versammelt. + +Winnetou fehlte. + +Die, welche den Rauchklub gegründet hatten, mußten ihre Pfeifen vor das +Fenster legen, denn der bleiche Kapitän sagte: »Rauch ist Gift . . . für +einen Athleten.« + +Die Räuber saßen auf dem Bett. In der Ecke lehnte elegant +Oldshatterhand. »Wie werde ich Athlet« lag aufgeschlagen auf dem Tisch. + +»Hast feine Mädli kenne gelernt, überall wo du warst«, fragte der fahle +Schreiber. + +Oldshatterhand wippte sich los von der Wand. »In Frankfurt . . . Da +gibt's eine Gasse. Die Rosengasse. Die ist so eng, daß man nebeneinander +gar nicht durchgehen kann. Die Häuser sind ganz grau . . . und dunkel +und unheimlich . . . Aber vor den Haustüren, so auf den Stufen, sitzen +Mädchen, die Arme um die Knie geschlagen . . . seht, so sitzen sie, in +rosaseidenen, in violetten Hängekleidern und manche in ganz roter Seide +. . . Und wenn du durch die Gasse gehst, sehen sie dich an, lächeln sie +dich an, rufen sie dich . . . und so halt.« + +»Bist neigange mit so'n Mädle?« + +»Hi! hihiha!« + +»Dann is aus mit der Kraft«, sagte still der bleiche Kapitän. »Das kann +man an dir merk.« + +»Ich mach ja gar nix mit Mädli.« + +»Wie . . . du's machst, is ganz gleich. Wenn du überhaupt nur an sowas +denkst, is dei Kraft scho beim Teufl.« Der bleiche Kapitän griff dem +Schreiber an den Oberarm. »Zieh mal dei Röckle aus.« Schob dem Schreiber +noch den Hemdärmel zur Schulter, befühlte das dünne Ärmchen und ließ es +verächtlich sinken. »Oh, macht nur so weiter.« + +»Gestern hab ich 'n Hecht gefange«, sagte Falkenauge. »Von anderthalb +Pfund.« + +»Kriegst vielleicht davo Kraft?« + +»He?« + +»Kraft! sag ich. Kraft is die Hauptsach auf der Welt! Jetzt will ich +euch amal was zeig. Schaut amal alle zum Fenster naus.« + +»So, jetzt.« + +Einem weißen Riesenfrosch gleich, hockte der bleiche Kapitän nackt über +seine Scheibenhantel zusammengekauert. Die Räuber hörten, wie er den +Brustkasten voll Luft sog. Da schnellte der Körper in die Strecke: die +zentnerschwere Hantel berührte die Kammerdecke. Der Kopf lag tief im +Nacken. Eine Jünglingsstatue aus Silber, stand reglos der bleiche +Kapitän, vom kalten Mondlicht getroffen. Das handgroße, zinnoberrote +Tüchlein war vorgebunden. + +Die Hantel knallte auf den Fußboden zurück. Ein dumpfes Krachen tönte +von unten herauf: die Decke der Wirtsstube war auf die Köpfe der Gäste +gefallen. + +Die Räuber umringten ihren Hauptmann und befühlten staunend seinen +Körper. Der war hart wie Elfenbein. + +Das Kreischen der Witwe Benommen näherte sich; sie riß die Tür auf und +prallte zurück vor ihrem nackten Sohn. Mürrisch stülpte er seine +Unterlippe hin. Die Tür knallte ins Schloß. + +Der bleiche Kapitän rückte das zinnoberrote Tüchlein, das sich +verschoben hatte, wieder in die Mitte und sagte hochdeutsch: »Jetzt +mache ich euch einen Vorschlag. Wir gründen einen Athletenklub . . . auf +intelligenter Basis.« + +»Was ist das? Basis?« + +». . . Basis ist schon richtig«, sagte der bleiche Kapitän und legte die +Faust auf »Wie werde ich Athlet«. »Den Namen hab ich schon. Wir nennen +uns >Klub für intelligente Leibeszucht<. Jeden Abend kommen wir in +meiner Kammer zusammen und stemmen . . . natürlich nackt. Das ist von +wegen der Transpiration . . . Und das eine möcht ich euch noch sag: +hütet euch vor den Weibern und . . . vor dem andern, nun ja, ihr wißt +schon, was ich mein'.« + +»Aber ich hab ja Singprobe abends«, rief die Rote Wolke. + +»Kriegst amend davo Kraft?« + +»Kraft . . . Nein. Überhaupt, was soll das heißen: >Nach der Heimat +möcht ich wieder<. Wenn ich mir's genau überleg . . . ich war ja noch +gar nie aus Würzburg draußen.« + +»Gott, die mache sich ja lächerlich mit ihrem blödsinnigen Geplärr. Aber +wenn ich Muskel hab, da weiß ich doch, was ich hab«, sagte der bleiche +Kapitän und griff zum Zentimeter, nahm die Maße von den Brustkästen und +den Arm- und Schenkelmuskeln der begeisterten Räuber, die sich hastig +entkleideten, und registrierte alles genau in sein Büchlein. + +Der »Klub für intelligente Leibeszucht« war gegründet. + +»Jetzt trinken wir ein paar Glas Bier unten bei dein Bruder.« + +Verächtlich lächelnd blickte der bleiche Kapitän den Schreiber an. »Wenn +du ein Athlet werden willst, darfst du keinen Alkohol trinken. Höchstens +manchmal, aber nur einen Schluck. Rohes Hackfleisch mit Ei, oder +Beefsteak mußt freß, soviel du kannst.« + +Die Räuber gingen hinunter in die Wirtsstube und saßen wieder auf dem +alten Lederkanapee am runden Tisch neben der Schenke. Jeder hatte einen +Teller rohes Fleisch, mit Ei vermengt, vor sich. + +Verstimmt blickte Benommen der Wirt nach den Milchgläsern auf dem +Athletentisch. + +Die schöne Kellnerin war immer noch da. Ihr Leib trat stark vor. Voller +Freude sah sie auf die wiedervereinigten Räuber. + +Das Gepolter in der Kegelbahn endete plötzlich. Ein schwarzhaariger +Bursche schlich mit nach innen gerichteten Fußspitzen lautlos durch die +Wirtsstube. Sein abgemagertes Gesicht war fleckig und ockergelb, und +seine dunklen Augen glühten fiebrig. Erst kürzlich war er aus Hamburg, +dem Ziel aller Würzburger Knaben, krank zurückgekehrt. Er setzte sich +ans Fenster zu einem helläugigen, blonden Jüngling. + +Der Kranke begleitete mit der Gitarre und sang die zweite Stimme, kaum +hörbar und hohl aus dem Halse heraus, der andere die erste Stimme, rein +und voller Hingabe. Es wurde ganz still in der Stube. + +»Auf, Matrosen ohe!« sangen die beiden. + +»Auf die wogende See.« + +»Oo . . . heee!« sang der Zurückgekehrte dunkel und düster . . . + + »Schwarze Gedanken sie wanken und fliehn, + Geschwind, wie der Sturm und Wind.« + + * * * * * + +An einem schönen Sommernachmittag stieg Oldshatterhand mit seiner +Schwester und deren Freundin, Lenchen Leisegang, die vielen hundert +Staffeln hinauf zum Würzburger »Käppele«, an der Leidensgeschichte +Christi vorbei, welche, von der Gefangennahme bis zur Kreuzigung, in +vierzehn Stationen plastisch dargestellt, Sinnbild und Ausklang der +frommen, gotischen Stadt Würzburg im Tale ist. + +Bürger, Bauern aus der Umgegend, alte Weiber, Rosenkränze in die dürren +Hände verschlungen, knieten auf den Stufen und bewegten die Lippen im +Gebet. Viele Kranke waren darunter, Katarrhalische, Schwindsüchtige, +welche Gesundheit erbeteten. Und kleine Kinder, die den Herrgott um +Vergebung ihrer Sünden baten. + +Früh um drei Uhr hatten sie das erste Vaterunser auf der untersten Stufe +gebetet, waren knieend auf die zweite Stufe geklettert, auch diese +abbetend, und weiter, Stufe für Stufe, bis zur ersten Station, wo drei +Vaterunser gebetet werden mußten. Immer auf den Knien rutschend, beteten +sie Stufe um Stufe, Station nach Station hinter sich, bis gegen Abend +das ersehnte Ziel, der Gipfel, wo Christus am hohen Kreuze hängt, +endlich erreicht war und sie ohnmachtnahe am Kreuzesfuß zusammensanken. + +Jedoch die frommen Mönche waren barmherzige Samariter, hatten eine +Hausapotheke und halfen den Büßern wieder auf die Beine, damit sie dem +Hochamt in der kleinen Kuppelkirche doch noch beiwohnen konnten. Und man +sah nur verklärte Gesichter, denn die Büßer wußten, daß für den langen, +bitterschweren Betgang auf den Knien durch Staub und Hitze der liebe +Gott im Himmel ihre Bitte um Hilfe erfüllen werde. + +Die beiden Geschwister und das Mädchen stiegen an den betenden Gläubigen +vorbei, bis zum Marienfuß. Das Mädchen probierte ihren Fuß in die +Höhlung, von der es hieß, daß die heilige Maria hier einen Augenblick +gerastet habe, worauf ihr Fuß in den harten Stein wie in Butter +eingesunken sei. + +Die Schwester wies auf ein knieendes, uraltes Bauernweiblein, das sich +vorsichtig umsah und, eine Stufe unterschlagend, gleich auf die nächste +Stufe rutschte. + +Die drei verhielten sich reglos und beobachteten, daß die Bäuerin den +Vaterunserdiebstahl vor der siebenten Station -- ein nackter, muskulöser +Landsknecht mit Speer und Schamtuch preßt dem verschimpfierten Jesus die +Dornenkrone aufs Haupt -- unter größter Vorsicht wieder beging. + +Lenchen Leisegang lächelte Oldshatterhand zu. Sie war vögelchenzart, +aschblond und hatte ihr schönes, hellgelbes Sonntagskleid an. + +>Ich möchte einmal ganz allein mit ihr auf einer Bank im Abendgarten +sitzen<, dachte Oldshatterhand. + +Unter Glockenläuten kamen sie auf dem »Käppele« an. Rund um die Kirche +herum klebten die Verkaufsbuden, wo Kerzen zu haben waren, nicht dicker +und länger als ein Kinderfinger, bis zu Kerzen, so dick wie ein +Männerschenkel und zwei Meter hoch. Diese waren mit blutenden +Muttergottesherzen aus Papier geschmückt. Wer Geld genug hatte, konnte +eine solche Prächtige erhandeln und sie der Kirche opfern. + +Es gab alle Sorten Rosenkränze, Limonade, Spieldosen, +Weihrauchpyramidchen, Wachsstöcke, Nürnberger Lebkuchen, Christusse, +Amulette, heilige Josephsringe aus Zinn für zehn Pfennige. Auch ein +Schnäpschen war zu haben. + +Ein Knabe deutete hinunter ins blaue Tal, durch das der sonnengoldene +Main zog. Langbärtige Mönche mit klappenden Sandalen schritten durch die +verstaubte Menge. + +Aus der gedrängt vollen Kirche tönte das silberne Klingeln der +Ministranten. Alle Menschen fielen auf die Knie; das Gebetsgemurmel +erklang. + +Die Kerzenweiber schlugen das Kreuz mit der einen Hand, mit der linken +nahmen sie den Kaufpreis entgegen und stritten sich verzweifelt mit den +Bauern herum, welche die billigen Kerzen nicht kaufen wollten, für die +teueren, dafür aber wahrscheinlich auch mehr Gottessegen eintragenden +prächtigen Riesenkerzen nur den halben Preis boten, stundenlang +feilschten, um sie dann befriedigt der heiligen Mutter darzubringen. + +Die zwei Mädchen und Oldshatterhand standen vor einer Bude, wo an +Schnüren kleine Arme hingen, Beine, Herzen, Ohren, Hände -- aus Wachs, +die man kaufen und seinem Schutzheiligen opfern mußte, damit das kranke +Bein, das Ohr, das Herz gesund werde. + +»Soll ich mir ein Wachsärmchen kaufen?« fragte die Schwester. Sie hatte +einen vom Knochenfraß steif gebliebenen Arm. »Es könnte ja nix schad. +Vielleicht hilft's.« + +»Ich glaub nit, daß es was hilft«, meinte Oldshatterhand. + +Da trat die Menge, »Gelobt sei Jesus Christus« murmelnd, zur Seite: +neben einem hohen Mönch kam Winnetou geschritten in der weißen +Ministrantenstola, das qualmende Weihrauchfaß schwingend. + +Erfreut wollte Oldshatterhand ihn anrufen, und schwieg betroffen, denn +Winnetou senkte den Kopf und ging vorüber. + +Die Mönche auf dem Käppele hatten einen Bernhardinerhund. Der lief jeden +Tag ohne Begleiter die vielen hundert Stufen hinunter und noch eine +halbe Stunde weit durchs Maintal zum Weinwirt und Bäckermeister +Schlauch, der erst kürzlich eine Mutter Gottes aus Gips gestiftet hatte, +und holte einen Sack voll Morgensemmeln für die Mönche. Man erzählte +sich, der Hund habe schon sieben Menschen das Leben gerettet. Es war ein +großes, schönes Tier, dem ein Auge fehlte. + +Der Wunsch, Wärter und Pfleger dieses von den Mönchen geliebten und +verehrten Tieres zu werden, war nur der äußerliche Anlaß für Winnetou +gewesen, sich den Mönchen zu nähern, nachdem die unverhoffte Güte der +Mutter in ihrer Sterbestunde ihn gottesfürchtig gemacht hatte. Von der +Mystik des Klosters angezogen und gefesselt, hatte er späterhin auch +manche Nacht bei den stillen Mönchen verbracht. Oft durfte er jetzt +schon den kränkelnden Bruder Anastasius vertreten, in der kühlen Zelle +hinter dem Barmherzigkeitsfenster sitzen und den armen Kindern aus der +Stadt das durch ein Vaterunser erbetete Stück Klosteranisbrot reichen. +Die Kinder kannten ihn schon, denn Winnetou schnitt tief in den Brotlaib +hinein. Auch machte er sich nichts wissen, wenn sie am selben Tage zwei- +oder gar dreimal kamen. Und war ein Lutherischer unter den Bittenden, +der das katholische Vaterunser nur so ein bißchen mitbrummen konnte, +dann ließ er auch das gelten. + +Winnetous dunkle Augen im edlen Jünglingsgesicht waren von tiefer Bräune +umschattet. Auf der Oberlippe hatte er vereinzeltstehende, lange, +schwarze Haare. Seit einiger Zeit lebte er ganz bei den Mönchen. Einen +Beruf hatte er nicht. + +Die drei verließen den Kirchplatz und schritten durch einen Hohlweg, an +Weinbergen vorbei. + +Die Schwester hatte sich doch ein Wachsärmchen gekauft und es am +Opferaltar aufgehängt. Vielleicht würde sich die Wunde an ihrem steifen +Arm wenigstens schließen, meinte sie. + +Die Wunde war wieder aufgebrochen vor einigen Jahren, als Herr Mager, +der damals Lehrer der Mädchenklasse gewesen war, der Schwester mit dem +Rohrstock sechs heftige Schläge auf die Hand gegeben hatte, obwohl er +von dem kranken Arm unterrichtet gewesen war. + +Man hatte ihm daraufhin die Mädchenklasse genommen und seinem nie +ruhenden Rohrstock die Knabenklasse ausgeliefert. Aber die Wunde am Arm +der Schwester war seither offen geblieben, obgleich die Frau Vierkant +auf den Rat einer weisen Alten hin, ein Knochenstückchen, das bei der +nötig gewordenen Operation aus dem Ellbogengelenk herausgeschnitten +werden mußte, einem Straßenhund zu fressen gegeben hatte. + +»Wird der Hund nur krank von dem Knochen, dann schließt sich wenigstens +die Wunde«, hatte die weise Frau gesagt; »stirbt er aber an dem Knochen, +dann wird der steife Arm wieder beweglich, wie jeder andere.« + +Der Hund hatte das schlechte Knöchlein gefressen, war aber ganz gesund +geblieben. + +Versonnen schritt die Schwester weiter. + +Neben Lenchen Leisegang, die sich an einem Stacheldrahtzaun ein Loch in +ihr Sonntagskleid gerissen hatte und bekümmert dreinsah. + +»Das können Sie wieder schön zustopfen«, tröstete Oldshatterhand. Und +nach einer Weile: »Man muß eine Fußreise machen . . . um die ganze Welt, +und alle Stacheldrahtzäune, die es überhaupt gibt, zerstören. Eine Zange +mitnehmen, die Drähte durchzwicken und die Zäune auf die Seite schaffen +. . ., daß sich kein Mensch mehr einen Triangel ins Kleid reißen kann. +Stacheldrahtzäune sind doch hundsgemein und hinterlistig!« + +Ein Bauer ging vorbei mit einem quiekenden Ferkel im Arm. Seine Bäuerin +stolperte betend hinter ihm drein. Ein paar barfüßige Jungen, auf der +Flucht vor dem Feldhüter, rannten die Bäuerin fast um. Ein ganz Kleiner +warf die gestohlenen Äpfel weg, zog einen Dorn aus der Fußsohle und +hinkte heulend weiter. + +Auf der Berghöhe erschien der Feldhüter und sein kleiner, weißer +Spitzhund. »Haben Sie gesehen, wo die verdammten Lausbuben naus sind?« + +»Da hinaus!« zeigte Oldshatterhand in die falsche Richtung. + +Sie stiegen wieder stadtwärts, durch die Annaschlucht hinunter, einer +noch vor wenigen Jahren verwildert gewesenen Felsenbergschlucht, durch +die eine starke Quelle ins Tal hinabgestürzt war. Der Würzburger +Verschönerungsverein hatte nach langem Ringen mit der störrischen Natur +aus dem Ganzen ein Idyll geschaffen: kleine trübe Seechen mit zwei +Dutzend Goldfischchen bevölkert; Brückchen aus krummen Birkenästen, noch +mit der weißen Rinde, überspannten die gezähmte Quelle; +Birkenholz-Aussichtshäuschen, Birkenholz-Aussichtsbänke, Wegweiser, +Gedenk-, Erinnerungs- und viele Warnungstafeln aus Birkenholz +verschönten die Landschaft. + +Sie saßen auf einer Birkenholzbank, auf der zu lesen war: »Gestiftet von +Herrn Kilian Nikodemus Anastasius Pimpf, Stadtpfarrer in Würzburg.« + +»Ihr paßt gut zueinander«, sagte die Schwester zur Freundin, die +verwirrt aufstand und vorausging. + +»Es is halt e dummes Mädle. Sieht sie einer nur an auf der Straß, dann +möcht sie glei durchs Pflaster in Erdbode neifahr . . . Und du . . . du +bist auch ein dummer Kerl. Die ganze Zeit, solang du fort warst von +Würzburg, ham wir jed'n Tag von dir gesprochen. Und noch ehe sie dich +gesehen hat, war sie schon so verliebt in dich . . . Aber so verliebt! +Wenn du jetzt nit so dumm wärst . . .« + +»Ich bin ja gar nit so dumm . . . Hi! hihiha!« + +Da sah Oldshatterhand eine mächtige, blutrote Wolke, auf der ein +silberner Engel stand, und sagte es der Schwester. Auch daß die Wolke +mit dem stillstehenden Engel jetzt fortschwebe. + +Im Tannenwald im Tale stand Lenchen Leisegang hell vor einem +Haselnußstrauch. Der Wald roch stark, und die Stämme, von der Abendsonne +beschienen, leuchteten rot. + +»Henkeln Sie ein bei mir«, sagte Oldshatterhand und verbeugte sich. + +Sie tat es, mit einem prüfenden Blick auf die Schwester. ». . . Da!« Und +stieß ihm ihren Feldblumenstrauß in die Hand. + +So gingen sie nach Hause. + + * * * * * + +»Greif amal her!« brachte der König der Luft vor Kraftanstrengung gerade +noch heraus und ließ Falkenauge seinen Oberarmmuskel befühlen. »Wie is +er?« + +». . . Kolossal hart! Und meiner?« Falkenauge stand im Ausfall. Der +König der Luft griff ihm an den Oberarmmuskel und sah dabei prüfend in +den Himmel. »Also, wie Felsen! Also und wahrhaftig! Also aber gehen +wir.« + +Sie schlenderten durch die vordere Fischergasse. Im Garten »Zur schönen +Mainaussicht« standen flüsternde Weiber und stillgewordene Kinder um +einen aufgebahrten Sarg herum. + +Die zwei drängten sich durch und wurden auch still. + +Blütenweiß lag die blonde Wirtstochter im Sarg. Nur ihr Mund war rot und +lächelte hold, wie wenn sie im Traum eine Kerze zerschnitte, um für die +Tanzenden den Boden zu glätten. + +Die Abendsonne warf rosigen Schein über sie, und die Vögel pfiffen im +Kastanienbaum, unter dem das Fell des Bernhardinerhundes ausgebreitet +war. Es hatte große enthaarte Stellen. + +Die Kriechende Schlange saß auf dem Baume, im Laub versteckt, und zielte +mit einer stacheligen Kastanie einer Alten auf den Scheitel, traf aber +seiner toten Schwester ins Gesicht, so daß drei Blutströpfchen auf der +Wange der Toten hervortraten. Speichelbläschen zwischen den Lippen, +beobachtete er, wie es um den Sarg herum ganz still wurde. + +Der rote Fischer ging grimmig an den Weibern vorbei in die Wirtsstube. +Der blonde Sachse und das kleine, schöne Waisenmädchen saßen schon +drinnen und tranken grünen Likör. + +Diese drei waren seit langer Zeit die einzigen Gäste, denn die »Schöne +Mainaussicht« war in Verruf geraten: der Pfarrer hatte von der Kanzel +herunter seine Pfarrkinder gewarnt vor dieser Wirtschaft. + +Der Fischer vernachlässigte den Fischfang; Tag und Nacht saß er bei der +Wirtin. Niemand kaufte Fische von ihm -- er hatte vergessen, am +Gründonnerstag mitzuwallen. + +Die Wirtin stand hinter dem Schanktisch und drückte ein Zuckerplätzchen +in ihr verquollenes Gesicht, in dem der Mund gar nicht mehr zu sehen +war. + +»Da stehn sie um Sarg rum wie die Maulaffe! Jag sie doch zum Teufl!« +schimpfte der Fischer und hob die Arme. »Heilige Maria und Joseph! so a +Gaudi. Wer tot is, den beißt ke Floh mehr. Grad komm i vom Pfarrer; er +hat g'sagt: ich will mir das Ganze noch einmal vom kirchlichen +Standpunkt aus überlegen . . . Will der damische Hundsknoche dem tote +Mädle ke christlichs Begräbnis geb. No, i hab 'n mei Meinung +mitgeteilt.« + +»Aber wunderschön liegt sie im Sarge. Das greift mir direkt an das +Herze«, sagte der Sachse. + +»Jau, Herze!« + +Die Wirtin lief hinaus zum Sarg und versuchte noch einmal, die Hände der +Toten zu falten. Die Hände waren aber schon steif. + +Die Kriechende Schlange kletterte schnell und ungesehen vom Baum +herunter, schlich in die Wirtsstube, hinter den Schanktisch, und stahl +aus der Geldschublade eine Handvoll Nickelstücke. + +Die Wirtin verjagte den Spatz, der immer wieder vom Kastanienbaum +herunter auf das Hundefell plumpste und, mit ein paar Haaren im +Schnabel, auf den Baum zurückflog, wo er sich sein Nest baute. Sie griff +ins Fell, hatte die Hand voll Haare, schüttelte den Kopf und ging zurück +in die Wirtsstube, während die tuschelnden Weiber die Köpfe +zusammensteckten und auf die Tote deuteten, die jetzt zerfallen aussah +im kalten Licht, denn die Sonne war untergesunken. + +»Sie war heut scho dreimal bei unserm Herrn Pfarrer,« sagte eine Alte, +»aber er kommt nit.« Die Alte flüsterte der anderen noch etwas ins Ohr. + +Da näherten sich scharrende Schritte und rasselnder Atem. Der +großmächtige Pfarrer im Ornat kam die Treppe herauf, mit den +Ministranten und dem hinkenden Flickschneider. + +Der Duckmäuser reichte das wolkende Weihrauchfaß. Der Pfarrer schwang es +über die Tote. »Vor der Pforte der Hölle bewahre ihre Seele. Dominus +vobiscum. Et cum spiritu tuo.« + +Die Weiber waren auf die Knie gesunken. + +Unter der Wirtschaftstür stand der rote Fischer, die Mütze vor der +Brust. + + * * * * * + +Mit seinem Malgerät und einem angefangenen Bild eilte Oldshatterhand am +Mainufer entlang, bis zu dem Weidenbusch am kleinen See, wo er damals +zum Schreiber und zum bleichen Kapitän gesagt hatte: >Ihr geht also nit +mit! Ihr Feigling, habt die ganze Jahr her nur geloge?< + +Die Sonne stand hoch überm Wald, der die Weinberge umsäumt. Der Fluß +glitt breit dahin. Es roch nach Wiese, Wasser und Weide, im ganzen Tal +war kein Mensch, und der kleine See lag klar und blau, wie ein Auge der +Erde. + +Oldshatterhands Blick flog vom Weidenbusch zum Bild; er hatte kein +Blättchen vergessen. Malte mit Sorgfalt und Begeisterung den goldigen +Rücken einer Hummel fertig, die gekrümmt an einem Zweige hing. + +Aber nur mit großer Angst wagte er an der sitzenden Gestalt etwas zu +verändern, die er unter den Busch gemalt hatte -- ein Mädchen, zum Baden +bereit, dem das blonde Haar aufgelöst in den Schoß fiel. + +Hoch am Himmel über dem Fluß zog ein Fischreiher gemessen seine Kreise, +sauste unvermittelt mit ein paar Flügelschlägen davon; schnell hat ihn +die blaue Ferne genommen. + +Als Oldshatterhand nach einer kurzen Weile aufs neue den Blick erhob, +hing der Reiher schon wieder still, aus Gold, am blauen Himmel über dem +Flusse. + +»Hi! hihiha!« lachte Oldshatterhand sein kurzes, irrsinniges Lachen und +malte in gotischer Druckschrift den Namen des blonden Mädchens unter das +fertige Bild: »Helene, in ewiger Verehrung«, übermalte das Wort +Verehrung wieder und schrieb anstatt dessen, »In ewiger Liebe«. + +»Oo . . . ha hööö . . . ö!« klang es langgezogen vom Fluß her. »Höö +. . . ö!« warf das Echo zurück: drei barfüßige Schiffszieher mit nackten +Oberkörpern, hintereinander gespannt und schräg gegen den Boden +gestemmt, kamen am Ufer herauf. Auf dem äußersten Ende des Lastschiffes, +das sich wie von selbst den Fluß langsam aufwärts bewegte, stand ein +kleiner, weißer Spitz und bellte. Das klang aus der Ferne wie das Quaken +eines Frosches. + +Abends um acht Uhr stand Oldshatterhand in der Eichhornstraße und +wartete auf Lenchen Leisegang. Wie jeden Tag seit zwei Monaten. + +Ein warmer Regen ging nieder und schlug Männchen in den Lachen, in denen +sich das Licht der Laternen brach. + +Gegenüber, unter einem beleuchteten Muttergottesbildwerk, stand ein +dicker Infanterieoffizier, der auf die sehr schöne, vollbusige Schwester +des Glasermeisters Johann Jakob Streberle wartete. Sie war auch Näherin +und im selben Geschäft wie Lenchen Leisegang. + +Oldshatterhand hatte seinen Gummimantel an. + +Er ging auf und ab und freute sich. Das Bild hielt er unter dem Mantel +versteckt. + +Plötzlich, wie wenn jemand »da!« sagt und die Gesellschaft aufhorcht, +wurde es still -- der Regen hatte geendet. + +Lenchen Leisegang erschien unter der Haustür, blickte mürrisch in den +Himmel, lächelnd auf Oldshatterhand und stieg auf den Zehenspitzen durch +die Regenlachen über die Straße. + +Eine Abteilung Soldaten kam marschiert. »Augen rechts!« brüllte der +Sergeant. Die Gemeinen hieben in die Regenlachen ein, daß der Dreck hoch +aufspritzte und der eifrig abwinkende Offizier ängstlich seinen Mantel +zusammennahm, während das schöne Fräulein Streberle mit wiegender +Hüftbewegung auf ihn zuschritt. + +Wo die Anlagen beginnen und die Laternen enden, verbeugte sich +Oldshatterhand und sagte: »Bitte, henkeln Sie ein bei mir.« + +»Jetzt sowas«, erwiderte sie und tat es. + +Da gab er ihr das Bild. Sein Herz klopfte rasend. »Es ist nichts +Besonderes. Nichts. Ich hab's halt so gemalt«, sagte er gleichgültig. + +»In eeewiger Liebe!« rief sie, laut lachend vor Verlegenheit. »In +eeewiger Liebe.« + +Vor der Haustür hielten sie sich bei den Händen und blickten zu Boden. + +»Wäre es möglich, daß Sie mir einen Kuß geben?« + +»Jetzt sowas«, sagte sie und trat ins Haus. + +Er ging ganz langsam weg. + +»Auf Wiedersehn!« rief sie und warf ihm eine Kußhand nach. + +Er lief die dunkle Straße hinunter. Da zwang ihn ein unbekanntes Gefühl, +stehen zu bleiben: er sah den weißen Körper des Mädchens, und der +Wunsch, der bis jetzt nur in Träumen ihn bedrängt hatte, diesen kleinen +Körper mit der Hand zu liebkosen, stieg zum ersten Male bewußt in ihm +auf. Plötzlich verlor er die Empfindungsfähigkeit so vollkommen, wie +wenn sein Körper blutleer geworden wäre, sah gleichzeitig die Hurengasse +von Frankfurt. Und brüllte: »Gemein! Ich bin gemein!« + +Im Zimmer bei der Frau Vierkant saß die kolossale Braut des +Schlossergesellen Faulbank steif auf dem Kanapee, als Oldshatterhand +eintrat. + +Draußen sangen Wind und Regen. Die Frau Vierkant mahlte Kaffee. +Oldshatterhand begann an dem Bildnis zu arbeiten, welches er, als sein +Hochzeitsgeschenk, von der Braut anfertigte. + +»Frau Vierkant, ich sag Ihne, ich hab eine solche Angst davor. Ich hab's +ihm schon g'sagt . . . ich tu's nit. Nie! Lieber heirat ich nit.« + +»No, jetzt so dumm.« Die Frau Vierkant lachte. »Jetzt geht ihr acht Jahr +mitnander. Dumms Mädle.« + +»Ich tu's nit. Nie! Nie!« Die Braut riß die Augen auf. »Muß denn das +sein?« + +»Sie müssen stillsitzen«, sagte Oldshatterhand und punktierte mit der +nadelscharfen Bleistiftspitze die unzähligen schwarzen Poren auf sein +Blatt, mit peinlichster Genauigkeit. Bis die Braut, neugierig, was +Oldshatterhand da steche, sich über die Zeichnung beugte und ärgerlich +rief: »Jetzt so ein frecher Kerl! Das laß ich mir fei nit g'fall.« + +»Ich muß doch alles zeichnen, was da is«, verteidigte sich +Oldshatterhand, und schattierte aufs sorgfältigste den großen Pickel am +linken Augenlid der Braut fertig, trank schnell seine Kaffeetasse leer +und eilte zur Übungsstunde in den »Klub für intelligente Leibeszucht«. + +Sein Gehirn hatte gar nicht aufgenommen, vor was die Schlosserbraut sich +so sehr fürchtete. Nur die Worte hatte er gehört, aber vor Grauen, +diesen Gefühlen gegenüber, den Worten ihren Sinn nicht gegeben. Viele +Monate lang litt er unter dem Glauben, gemein zu sein. + +Die Räuber waren schon in der Kammer des bleichen Kapitäns versammelt. +Alle waren nackt, und jeder hatte ein handgroßes, zinnoberrotes Tüchlein +vorgebunden. + +Eine Nachtigall schlug im Kastanienbaum. Der Schreiber warf einen +Dachziegel nach ihr. Sie störte bei der Arbeit. + +Einer lag auf dem Bauche und drückte so den Körper auf und ab; der +andere tat dasselbe rücklings. Der König der Luft kreiste zwei kleine +Hanteln und mahlte mit den Zähnen. Die Rote Wolke stand auf den Händen, +die Fußspitzen bei der Kammerdecke; das Blut lief ihm in den Kopf, er +atmete schwer. Der bleiche Kapitän, mit der Uhr in der Hand, +kontrollierte die Zeit. + +Der Schreiber stöhnte. + +»Still!« rief der bleiche Kapitän wütend. + +Die Nachtigall schlug wieder im Kastanienbaum. + +Schweigend übten die Räuber weiter. Alle waren mager und begeistert, und +alle stellten sich möglichst immer so, daß die Hinterteile nicht zu +sehen waren, denn die waren nicht mit roten Tüchlein verhängt. + +Der bleiche Kapitän sprach nur das Allernotwendigste. Ja, nein, und grüß +Gott. Seine Wangen waren schmal und seine Brust war kolossal breit +geworden. Er sah gefährlich aus, wenn er, die Arme athletenhaft im Bogen +haltend, die Unterlippe vorgeschoben, ganz nahe an den Häusern +hinstrich, das grüne Plüschhütchen verwegen auf dem Ohr. + +»Hanna! Hanna!« rief eine Männerstimme im Wirtschaftsgarten, »Bier! +Bier!« und sogleich ertönte das keifende Schimpfen der Witwe Benommen +mit der schönen Kellnerin. + +Der bleiche Kapitän kontrollierte die Maße der Räuber und notierte alles +ins Büchlein. + +Es stellte sich heraus, daß des Schreibers Oberarm um drei Millimeter an +Umfang zugenommen hatte. + +Am andern Morgen ging der Schreiber, voller Verachtung gegen Eleganz und +Mädchen, die Arme athletenhaft vom Körper weghaltend, den Hut auf einem +Ohr, ohne Halskragen ins Bureau. + +»Herr Widerschein . . . das geht nicht«, sagte Herr Karfunkelstein, »Sie +sind doch kein Stromer. So laufen die Tagediebe herum, die Strizzi, die +Vierröhrenbrunnensteher . . . Herr Widerschein, einmal habe ich Sie +herausgerissen durch meine Verteidigung. Wenn Sie wieder in eine Patsche +kommen, gelingt es mir vielleicht nicht noch einmal . . . Einen Kragen +müssen Sie anhaben im Bureau.« + +Da erschien der Schreiber wieder mit einem Halskragen, den er jedoch, +wenn er das Bureau verließ, in die Tasche steckte, um, den Hut verwegen +auf dem Ohr, die Arme athletenhaft vom Körper weghaltend, den Heimweg +anzutreten. + + * * * * * + +Oldshatterhand stand im Schatten des heiligen Totnan auf der alten +Brücke und malte das sonnige Bild vor sich -- das alte Rathaus und die +Domstraße mit dem Dom, der sie abschließt. + +Schon eine Weile sah ihm ein feingekleideter Herr mit am Kinn +ausrasiertem, langem, weißem Bart bei der Arbeit zu. Er hatte ein +Monokel vor dem Auge. + +»Wollen Sie mir das Bildchen abgeben?« fragte der Fremde freundlich. + +Oldshatterhand zitterten die Knie. Schwindlig vor Scham, beugte er sich +über seine Arbeit und brachte kein Wort hervor. + +»Ich möchte das Bildchen gerne haben, zum Andenken an Würzburg.« + +»Ich geb's Ihnen!« + +»Und wieviel soll das Bildchen kosten?« + +»Kosten?« -- -- -- + +Ein Bierwagen polterte während der langen Pause vorüber; der Kutscher +beugte sich vor, um das Bild sehen zu können. + +»Vielleicht . . . eine Mark?« + +Der alte Herr lächelte, nahm aus seiner Brieftasche eine Visitenkarte +und ein Scheckformular und füllte es aus. »Nehmen Sie das. Und malen Sie +fest weiter. Das schöne Bildchen senden Sie mir ins Hotel Kronprinz, +bitte.« + +Vorsichtig sah Oldshatterhand sich um, ob niemand den Bilderhandel +beobachtet hatte, und blickte dann dem Fremden nach, solange er ihn +sehen konnte. + +Als man ihm in der Bankfiliale drei Zwanzigmarkstücke gab, sah er wie +ein Irrsinniger den Beamten an und konnte kein Glied rühren. + +Sofort ging er in ein Papiergeschäft. »Packen Sie dieses Kunstwerk +vorsichtig ein und bringen Sie es ins Hotel Kronprinz. Sie wissen doch +-- das vornehme Hotel am Residenzplatz. Dort geben Sie es ab, für +Freiherrn von Habenberg. Mit einer Empfehlung von Michael Vierkant +. . . Das bin ich. Sie müssen sehr vorsichtig sein, das Kunstwerk hat +einen Wert von sechzig Mark.« + +Geblendet von seinem Glück stand er auf der Straße. Die Vorstellungen +seines künftigen Künstlerruhmes jagten, übergipfelten einander, bis ins +Ungemessene. + +Mit einer Zigarrenschachtel unterm Arm stieg er den Schloßberg hinauf +und begann in den alten Schießgräben der Festung nach Blei zu graben, um +gleich noch etwas dazu zu verdienen: die Idee, Geld zusammenzuraffen, um +Künstler werden zu können, hatte in Oldshatterhand feste Form gewonnen. + +Das Bleigraben war verboten, obgleich nur sehr wenig da zu finden war, +denn vor vielleicht fünfzig Jahren war das letztemal hier geschossen +worden, und viele Generationen Knaben hatten sich seither am Blei +bereichert. + +Er hatte aber doch schon ein paar Pfund plattgedrückte Flintenkugeln +gefunden, als plötzlich ein Infanterieoffizier hinter einem +Brombeerbusch hervortrat. »Was machen Sie da!« + +»Ich . . . grabe Angelwürmer.« Er hielt dem Offizier einen langen Wurm +zur Ansicht hin. Der Offizier legte grüßend die Hand an die Mütze und +ging weiter. + +Er selbst hatte vor zwanzig Jahren als Gymnasiast in den Schießgräben +Blei gesucht und es verkauft beim Lumpenhändler Ei, der auch +Oldshatterhands Abnehmer war und elf Pfennige für das Pfund gab, einen +Pfennig mehr als alle anderen Händler, und nie fragte, woher das Blei +kam. + +Herr Lumpenhändler Ei war ein vorurteilsloser Mann und reich. Und sein +Sohn war Korpsstudent bei der feudalsten Würzburger Verbindung. + +Am selben Abend sagte Lenchen Leisegang, als sie in den dunklen Anlagen +Oldshatterhands Arm genommen hatte: »Mein Vater soll einen Hilfsdiener +bekommen, weil er schon alt ist und nicht mehr alles allein tun kann +. . . Wenn Sie wollen, bitte ich ihn, er möge Sie nehmen.« Herr +Leisegang war seit fünfundzwanzig Jahren Klinikdiener im Würzburger +Juliusspital. + +Oldshatterhand war sehr verlegen, sagte aber zu. + +». . . Sechzig Mark monatlich bekommen Sie und viele Trinkgelder.« + +Entrüstet zog er seinen Arm aus dem ihren. »Ich nehme keine +Trinkgelder!« + +Da fühlte er ihre Lippen auf den seinen und sah ihr betroffen nach, wie +sie durch die dunkle Anlage davonsprang. + + * * * * * + +Oldshatterhand stand im Laboratorium der Klinik neben einem +quittengelben Japaner. »Die Japanerinnen sind aber nicht schön. Gefallen +Ihnen die deutschen Mädchen nicht auch unheimlich viel besser?« + +Die Lippen des Japaners öffneten sich zu einem lautlosen Lächeln, so +weit, daß seine festen Zahnreihen, zwischen denen stets eine Zigarette +hing, und noch die zartrosa Zahnfleischbogen sichtbar wurden. »Mir +gefallen die japanischen Mädchen viel besser«, sagte er und goß aus +einem Meßzylinder Urin durch die Filter. + +Seit einem Jahre untersuchte der Japaner geräuschlos und mit größter +Geduld die Urine des ganzen Spitals, rauchte unzählige Zigaretten dabei +und wurde von dem berühmten Kliniker, Geheimrat von Leube, sehr +geschätzt. Oldshatterhand schleppte für ihn bereitwilligst die +Untersuchungsstoffe zusammen. »Es gibt aber doch kein einziges blondes +Mädchen in Japan. Und deshalb verstehe ich nicht -- -- --. Warum sind +die Japaner eigentlich alle so kohlschwarz?« + +»Weil schon die Säuglinge jede Woche rasiert werden. Der ganze Kopf. Das +macht schwarze Haare. Der ist am schönsten, der ganz schwarz ist.« + +Neben dem Japaner arbeitete ein Türke mit aufgeschwemmtem Gesicht. +Oldshatterhand sah ihm eine Weile zu. »In der Türkei kann einer hundert +Frauen haben?« + +Der Türke lächelte. + +»Und Treue gibt's in der Türkei überhaupt nicht?« + +»Treue?« fragte der Türke und stieß einen Ballon voll Alkohol um. Er +brachte nie etwas zustande, begann viel und beendete nichts. Aber +Geheimrat von Leube liebte es, daß Ausländer in seinem Laboratorium +arbeiteten. + +Oldshatterhand wischte den verschütteten Alkohol auf. »Wenn aber jede +Frau zehn Kinder bekommt, dann ist so ein Türke Vater von tausend +Kindern? . . . Tausend Kinder in einer Familie?« + +Der Türke lachte, daß seine Hängewangen zuckten. »Deshalb haben auch +fast alle Türken nur eine Frau. Nur wer ganz viel Geld hat, kann auch +mehr Frauen haben . . . Die Frauen sind kostbar und haben es gut bei uns +. . . Nicht so wie die deutschen Frauen.« + +Herr Leisegang schritt durch das Laboratorium und blickte streng umher. +Herr Leisegang war klein und hatte ein Holzbein, so daß man ihn schon +von weitem kommen hörte. + +Die Doktoren schielten ängstlich nach ihm hin und beugten sich +interessiert über ihre Arbeiten. Oldshatterhand spülte eifrig +Reagenzgläser. + +Herr Leisegang war der Tyrann des ganzen Spitals. Der Herr Geheimrat +hätte lieber seine Assistenzärzte weggeschickt, als seinen treuen und +geschickten Diener entlassen. + +Oldshatterhand wurde es ungemütlich zumute bei dem Gedanken, Herr +Leisegang könne erfahren, wer seine Tochter täglich nach Hause +begleitete, denn es war im ganzen Spital bekannt, daß Herr Leisegang +sich entschlossen hatte, sein Lenchen mit einem Assistenzarzt zu +verheiraten. Daß dieser dann Geheimrat werden würde, dafür wollte Herr +Leisegang schon sorgen. + +Oldshatterhand mußte eine Kiste, die aus Rußland angekommen war, für +Herrn Leisegang öffnen. Eine große Kiste, vielfach verschnürt und +versiegelt. Obenauf lag Holzwolle, dann kam Heu, dann ein +Leinwandbündel, in dem, dick von Watte umpolstert, ein kleines +Fläschchen lag. -- Eine russische Fürstin hatte ihren Urin an den +berühmten Kliniker zur Untersuchung gesandt. + +»Weg mit dem Mist! Her mit dem Stoff!« rief Herr Leisegang. »Da will ich +doch aber gleich einmal sehen! . . . Von einer Fürstin?« Er roch in das +Fläschchen, hielt es gegen das Licht und goß eine Probe vom Inhalt ins +Reagenzglas. »-- -- -- Eiweiß hat die Fürstin nicht.« Er nahm noch eine +Probe in ein zweites Reagenzglas. »-- -- -- Jetzt sowas! . . . Belästigt +das Weibsbild unsern Herrn Geheimrat . . . Zucker hat sie auch nicht. +Glaubt, weil sie eine Fürstin ist. Da muß ich aber doch gleich dem Herrn +Geheimrat das Resultat mitteilen.« Erbost stelzte Herr Leisegang aus dem +Laboratorium. + +Der Herr Geheimrat schien anderer Meinung gewesen zu sein: eine Woche +später traf die Fürstin in Würzburg ein, mit großem Gefolge. Sie war +siebenundachtzig Jahre alt und mußte getragen werden. + +Oldshatterhand bemühte sich um den weißen Foxterrier, der in einen engen +Käfig eingesperrt war. Man hatte ihn mit Veitstanzgift geimpft. Seit +Wochen drehte er sich im Kreis, schnell und unaufhörlich. Ein +irrsinniger, weißer Kreis. + +Der Türke wollte eine Blutarbeit beginnen. Oldshatterhand ging ins +Schlachthaus, um frisches Schweine- und Ochsenblut zu holen. + +Die Schweineschlachthalle war nicht groß. Oldshatterhand stand neben dem +Kessel, in dem das siedende Wasser dampfte. + +Eine Partie Schweine wurde über die Schwelle hereingetrieben; sie +tappten ängstlich grunzend, die Schnauze suchend am Boden. Die bei den +Türpfosten stehenden Metzgerburschen ließen die schon erhobenen +Holzklöpfel auf die Schweinestirnen niedersausen; es krachte, wie wenn +ein Hund Knochen zerbeißt. Erstaunt anklagendes, aus voller Kraft +kommendes Schreien durchschnitt Oldshatterhands Gehör, und ebbte +kläglich ab. Die Tiere taumelten, fielen, und noch lebenzuckend, von +zwei Metzgerburschen geschwungen, platschten sie in den Kessel, hinein +in das siedende Wasser. Nur so, noch auf der Schwelle vom Leben zum +Tode, lassen sich die harten Schweineborsten leicht abschaben. + +Die Leichen heraus aus dem Kessel, ein leise zischender Schnitt durch +die ganze Gurgel, und das dampfende Blut sprudelte in den Meßzylinder, +den der bebende Oldshatterhand bereit hielt. So wollte es der Türke. +Frisches Blut. + +Als Oldshatterhand sich bewegte, schien es ihm, als habe er Schuhe aus +Blei an den Füßen. Ziehend ging er hinaus und hinüber: in die +Ochsenschlachthalle. Groß, hoch, aus Eisenkonstruktion. + +Schlachtstand an Schlachtstand. Blutdampf erfüllte die Halle. Schreien, +Fluchen, Rindergebrüll, hastende Metzger, welche Häute, Gedärme, tote +Kälber schleppten. + +»Ich möchte frisches Ochsenblut«, sagte Oldshatterhand zu einem jungen +Metzgerburschen, und sah ihm noch fragend und fremd ins blutverschmierte +Gesicht, als er die Kriechende Schlange schon erkannt hatte. ». . . Bist +du jetzt Metzger?« + +»Nein, Büffeljäger!« brüllte die kraftstrotzende Kriechende Schlange und +hieb sein Messer in einen Ochsenschenkel. + +Verwirrt sah sich Oldshatterhand in der dampfenden Schlachthalle um, +blöde auf die Kriechende Schlange zurück. + +»Was schaust denn wie die Kuh wenn's donnert!« + +». . . Blut soll ich holen.« + +»Kannst 'n Faß voll hab!« + +Die Kriechende Schlange und drei Metzgerburschen, Blutkörperchen in den +verschwitzten Gesichtern, die Hemdärmel bis zu den Schultern +aufgekrempelt, fesselten flink wie Teufel den Ochsen. + +Die Schußvorrichtung über die Stirn geschnallt, ein leichter Schlag +darauf mit dem Hammer, ein schwacher Laut, wie wenn ein Stein ins Wasser +klatscht -- der Ochse stand -- schneller als ein Gedanke brach er +zusammen. Die Kugel war ihm durchs Hirn gejagt, hinein in den Körper, +durch das Herz. + +Die Knie auf den Kopf, das Messer bis zum Heft in den Hals, ein +Rißschnitt, und das Blut brach dick wie ein junger Baumstamm aus, +überschwemmte den Schlachtstand, floß durch die Rinnen ab in den Kanal, +durch den Kanal in den Main, wo Angler neben Angler steht und die Fische +aus dem blutgefärbten Wasser schnellen. + +Einer schnitt die Gelenke durch, ein anderer zog die Haut ab, die +Kriechende Schlange schlitzte den Bauch auf, riß die dampfenden Gedärme +heraus und stieß sie mit dem Fuß zur Seite. + +Eisenhaken in die Vorderstumpfe, zu viert hoben sie fluchend den Ochsen. +Da hing er, violette Adern über dem blutrünstigen Fleisch, die Augen +verglast, den blauen Schlachtstempel auf dem Schenkel, in der Reihe +neben den anderen. Drei Minuten hatte das Ganze gedauert. + +Oldshatterhand sah erbittert die Kriechende Schlange an, der einem Kalb +einen Tritt in die Weichen gab, daß es im Blut ausglitschte und in die +Knie sank. Er wollte etwas rufen, schwieg aber betroffen und blickte auf +den zierlich-kleinen Herrn mit kühlbleichem Gesicht und glänzend +schwarzem Spitzbart. Der Herr hatte einen schwarzen Anzug an, tadellos +weiße Wäsche und trug eine goldene Brille auf der leicht gebogenen Nase. +Der Schächter. In der Hand das meterlange, blitzende Messer, flach, +breit, ohne Spitze, blickte er still auf die Metzgerburschen, die einen +wild aufbrüllenden Ochsen fesselten, der am Boden lag. + +»Fertig?« + +Ruhig kniete er zum Kopf, den die Kriechende Schlange messergerecht +gedreht hielt, das Maul und die angespannte Gurgel nach oben, legte das +Messer an -- ohne noch zu schneiden --, da klaffte der Hals; das Messer +war bis zum Nacken durchgedrungen, das Blut überschwemmte den +Schlachtstand. + +Der Ochse stampfte, schleuderte die drei auf ihm knienden Metzger hin +und her, stieß unbeschreibliche Stöhntöne aus, wobei immer neues Blut +ausbrach, zuckte, zitterte, wohl fünf Minuten lang, und verröchelte. + +Die Kriechende Schlange stach ihm die Augen aus; ein Zittern lief durch +den ganzen Körper; der Ochse hob noch einmal schief den Kopf, und ließ +ihn verendend sinken. Die Metzger brüllten vor Lachen, weil die +Kriechende Schlange die Ochsenaugen an die Wand schmetterte, daß sie +kleben blieben und von der Wand herunter auf die Metzger stierten. + +»Wa . . . wa . . . warum quä . . . quält ihr denn den Ochsen so?« fragte +Oldshatterhand, vor Grauen wieder stotternd. + +»'n Ochsen? . . . quääälen? Du spinnst ja«, sagte die Kriechende +Schlange lachend. »Und dann, das ist doch das jüdische Gesetz.« + +»Aber warum hast du denn die A . . . Augen rausgestochen . . . die A +. . . Augen dort an der Wand . . . an der Wand . . . Er hat . . . hat ja +noch gelebt.« + +»A . . . A . . . A . . . Augen!« rief die Kriechende Schlange lachend, +warf sich die blutrünstige Ochsenhaut über die Schulter und ließ +Oldshatterhand stehen. Die Metzger schlugen sich auf die Schenkel vor +Vergnügen. + +Der zierliche Schächter war schon zum nächsten Ochsen gegangen, der für +ihn bereit lag. + +Ein kleines, weiß gekleidetes Mädchen, mit einem Lämmchen aus Holz im +Arm, trippelte zwischen den hastenden Metzgerburschen durch zu seinem +Vater, dem Schächter. Der strich ihm übers Haar, küßte sein Kind, drehte +es um und schob es weg. + +Oldshatterhand drückte sich zur Seite; schwankende Ochsen mit +angststierenden, wissenden Augen wurden hereingeführt, hereingezogen, +brüllten dumpfklagend -- nicht laut --, die schäumenden Mäuler in die +Höhe gereckt. + +Hinein in den Schlachtstand, gefesselt -- drei Minuten später hingen sie +ausgenommen, abgehäutet, die Stümpfe von sich streckend, die blauen +Zungen bläkend, in der Reihe neben den anderen. + +Oldshatterhand floh durch den Blutdampf hinaus -- da schien die Sonne. +Die Spatzen flatterten und schrien. + +Er blieb stehen. Und dachte zurück -- wie oft er am Schlachthaus +vorbeigegangen war, Tiergebrüll gehört hatte, Metzgerwagen voll blutiger +Schweine herausfahren und Ochsen hineinbringen gesehen hatte. Große +Schafherden, zusammengedrängt. »Man geht vorüber.« + +Er begann zu rennen, durch die verschneiten Anlagen, blieb stehen, den +unbeschreiblichen Ton des Verröchelns im Ohr, und schmetterte plötzlich +die Blutgläser in den Schnee. Gierig fraß der Schnee das Blut. Es sah +aus, als wäre hier ein Mensch ermordet worden. + +Die Hände in den Rocktaschen, die Schultern hochgezogen, ging er zurück +ins Laboratorium. »Ich bringe kein Blut.« + +»Ich muß aber Blut haben.« + +»Häää! Ich bringe kein Blut,« wiederholte er hämisch, und brüllte noch +einmal, voller Wut Gesicht an Gesicht zum Türken tretend: »Kein Blut!« +wandte sich stracks um und ging weg. Durch den trichterförmigen Hörsaal; +da stand Herr Leisegang und drehte die Kurbel des Sauerstoffapparates, +während ein Kranker, in der blau-weiß gestreiften Spitalskleidung, den +Schlauch in den Mund hielt und mächtig ein- und ausatmete. + +»Jessas! Jessas! Jessas!« rief Herr Leisegang und nahm den Schlauch +selbst in den Mund. »Wie kann man sich so viechdumm anstellen. Jetzt +drehen Sie einmal.« + +In der Ecke standen die Frauen von der Hautkrankenabteilung für das +Kolleg des Herrn Doktor Edelmut bereit und lachten. + +»Ihr lacht? Ihr habt's nötig! Jetzt sowas!« rief Herr Leisegang, und der +glatzköpfige Herr Doktor Edelmut blickte empört zu den Mädchen hin. + +Oldshatterhand war erschrocken stehen geblieben. Unter den an Schminke +gewöhnten, jetzt entschminkten, fleckigen und mit Geschwüren besetzten +Gesichtern sah er das des kleinen, schönen Waisenmädchens, dessen sich +der Inhaber der drei Häuschen angenommen hatte. Ihr feingeschwungener +Mund war auch jetzt tiefrot. Die Lippen bildeten eine lasterhafte, +wissende Mundlinie. + +Seit sechs Wochen war das Kind Tag und Nacht mit den hautkranken Frauen +zusammen auf der Abteilung. Sie blickte Oldshatterhand ungeniert +lächelnd in die Augen. Er drückte sich an den Frauen vorbei, hinaus auf +den Gang. + +Da standen drei Prüfungskandidaten in Gehröcken, mit weißen Binden, und +flüsterten miteinander, wie in einem Sterbezimmer. + +»Herr Vierkant, ist der Geheimrat guter Laune?« stotterte ein Großer, +Dicker. »Hat er heute schon gelacht?« + +Die drei Studenten umringten Oldshatterhand, der plötzlich mit seltsamem +Pathos rief: »Er hat gelacht! . . . Aber wir sind gemein! Ich sage, wir +alle sind gemein! Alle! Er hat gelacht.« + +Die Studenten sahen entsetzt auf ihn. Selbst seine Lippen waren erblaßt. + +»Er hat gelacht?« flüsterte betroffen der Dicke. + +Da riß Herr Leisegang die Tür auf: »Meine Herren! der Herr Geheimrat +erwartet Sie«, und hinkte energisch voran. + +Unaufgefordert ging Oldshatterhand am nächsten Tage ins Schlachthaus, +hielt den Meßzylinder unter das noch zuckende Tier und brachte das Blut +dem Türken. Der reichte ihm eine Mark. + +»Ich nehme kein Geld dafür!« + +Als Oldshatterhand am Abend das Haus des bleichen Kapitäns betrat, stand +die Wirtschaftstür offen; er sah die hochschwangere, schöne Kellnerin, +weiß wie ihre Schürze an der Wand lehnen und sah, wie der Wirt, die +kranken Augen wütend aufgerissen, das Bierfaß vom Schenktisch weg auf +den Tisch in der Mitte der Wirtsstube schleuderte, daß die Platte +zersplitterte und das Bier im Bogen zur Decke schoß. Die Witwe Benommen +stand reglos, die Lippen eingekniffen, die dürren Hände vor dem Bauch +gefaltet, in der Schenke. Der bleiche Kapitän stand in der Ecke, beide +Hände in den Hüften. Gäste waren keine in der Stube. + + * * * * * + +An einem Abend im Mai gingen die Räuber am Mainufer entlang, auf die +Sandinsel zu, wo die Weiden um die kleinen Seen stehen. + +Plötzlich stockte die erregte Unterhaltung. Zwischen den Weiden hervor +kamen Mädchen, paarweise hintereinander wandelnd. Sie waren mit Rosen +und Nelken geschmückt. Still geworden, zog der Zug der Mädchen am Zuge +der Jünglinge vorüber und verschwand in den Weiden. Und gleich darauf +ertönte aus dem Dunkel das helle Mädchengelächter. Die Räuber standen +und horchten. Und ohne daß einer dazu aufforderte, kehrten sie +geschlossen um und standen einige Minuten später am Eingang der +Fischergasse, wo die Ampeln rosigen Schein auf das Pflaster +herauswarfen. + +»Wollen wir einmal durchgehen, durch die Fischergasse?« fragte +Falkenauge endlich zögernd, weil die Räuber immer noch schweigend +standen, eng zusammengedrängt, und in die Gasse hineinsahen. + +»Ich geh nit mit durch«, sagte die Rote Wolke sofort und trat ein paar +Schritte zurück. + +Verlegen lächelnd sahen sie auf den Schreiber, der die Brust vorstreckte +und sagte: »Ich geh allein durch, wenn ihr keine Schneid habt.« + +Die Linke in die Hüfte gestemmt, mit der Rechten sein dünnes Stöckchen +im Kreise herumwirbelnd, ging der Schreiber mit gleichgültigem Gesicht +sehr schnell durch die Gasse. + +Die Räuber sahen ihm entgegen, als er stöckchenwirbelnd wieder durch die +Gasse zu ihnen zurückkehrte. »Das wär mir aber auch noch was«, sagte er +heiser, und redete so lange, bis sich alle, zu einem dunklen Grüppchen +zusammengedrängt, durch die Gasse schoben, an den rosabeleuchteten +Häuschen vorbei, aus denen kein Laut kam. + +Sie gingen zur Übungsstunde zum bleichen Kapitän, der nicht dabei +gewesen war. + +In der Nacht lehnte Oldshatterhand allein an der Mauer, gegenüber den +drei Häuschen, und starrte intensiv horchend auf die rosa +Fensterausschnitte, preßte die Hand aufs Herz. Und trat ein. + +Eine dunkle Alte öffnete ihm die Zimmertür. Zuerst sah er nur den +Nickelglanz des Büfetts, und dann, durch den Zigarettendampf hindurch, +drei Frauen in hellen Hängekleidern vom Kanapee aufstehen. Sie redeten +noch weiter miteinander. Oldshatterhand hörte nichts; er sah Farben vor +seinen Augen kreisen, abwechselnd giftgrün und dunkelrot. Die Frauen +präsentierten sich und sahen verlegen einander an, weil Oldshatterhand +sich nicht rührte und nicht sprach. + +Die Älteste, deren mächtiger Busen in einen vielfarbig glitzernden +Schuppenpanzer eingezwängt war, bewegte sich wie eine Mannequin vor +Oldshatterhand und schnalzte dazu mit den Fingern. + +Eine Rötlichblonde mit aufgeworfenem Schmollmund, die auf dem Kanapee +sitzen geblieben war, fing Oldshatterhands rettungsuchenden Blick auf, +erhob sich und fragte lächelnd: »Willst du mich? Kleiner«, zog ihn, als +er nicht antwortete, zur Tür hinaus und führte ihn in den ersten Stock +hinauf. + +In ein ganz kleines Zimmerchen, in dem sich nichts als ein geöffnetes +weißes Bett und eine Ottomane mit einer türkischen Decke befand. Die +rosa Ampel an der niederen Decke erleuchtete das Zimmerchen schwach. + +Das Mädchen ließ das Hängekleid fallen, und stand nackt vor +Oldshatterhand. Gleichgültig ordnete sie mit beiden Händen etwas an +ihren Haaren. Oldshatterhand sah auf die Haare in ihren Armhöhlen. Sein +ganzer Körper zitterte vor Schwäche und übergroßer Angsterregung. + +»Komm, gib das Geld. Wieviel gibst du mir? . . . Fünf Mark?« + +Er gab ihr das Geldstück. + +Sie legte sich auf die Ottomane, stellte ein Bein auf und winkte ihn zu +sich. + +Langsam ging er zu ihr hin, sah auf sie hinunter. + +Und als sie ihn angriff, mußte sie lachen. »Greife halt her . . . Komm, +greif her.« Sie nahm seine Hand und zog sie zu ihrem Körper . . . mußte +noch öfter lachen, tätschelte ihm die Wange und sagte endlich: »Da mußt +du halt wieder fortgehen. Hast halt zu viel getrunken.« + + + + +Siebentes Kapitel + + +Benommen, der Amerikaner, war zurückgekommen. Ohne seine Familie vorher +benachrichtigt zu haben. + +Vorgebeugt saß er auf dem Stuhl vor der Witwe Benommen und ließ die +langen, dürren Arme und Hände zwischen seinen Beinen baumeln. + +Als seine Mutter ihn fragte, warum er nicht vorher geschrieben habe, +sagte er apathisch: »Ich hatte keine Briefmarke.« Und rief plötzlich in +unbegreiflicher Begeisterung: »Was denkst du! Das ist anders, da draußen +in der Welt!« + +Ganz abgerissen saß er vor der Mutter. Der Kohlenstaub lag noch auf +seinem armseligen Anzug. Er hatte die Heimreise im Hochsommer als +Hilfsheizer im Schiffsbauch mitgemacht. Und das schien ihn vollends +zerstört zu haben. Blickte er einen an, wobei er die Kaumuskeln bewegte +und die dünnen Lippen zusammenpreßte, dann konnte man die Entbehrungen +seines langjährigen Aufenthaltes in Amerika von seinem völlig +zerfallenen Gesicht deutlich ablesen. + +Nie hatte er in seinem Fach als Ingenieur Stellung finden können. Als +Schiffsauslader, Gelegenheitsarbeiter, Zeitungsverkäufer und zuletzt als +Bäckergehilfe hatte er sich durchgeschlagen. + +Die Blicke des ganzen Mainviertels waren auf die Familie Benommen +gerichtet zu dieser Zeit. + +Und die Familie Benommen war ehrgeizig. + +Benommen der Wirt, dessen vom Vater ererbter Ehrgeiz es war, großspurig +hinter dem Schanktisch zu stehen, Unterlippe und Bauch verächtlich +vorgeschoben, und so und nicht anders sein Bier auszuschenken, fühlte +sich schwer getroffen, da in seiner Familie etwas passiert war, das +diese selbstbewußte Art, Bier zu schenken, nicht mehr ganz berechtigt +erscheinen lassen konnte. + +Und die Witwe Benommen, eine vermögende, gefürchtete und ob ihrer +strengen Prinzipien hochgeachtete Bürgersfrau, empfand dadurch, daß ihr +Sohn, der Stolz der Familie Benommen, zerrüttet und abgerissen wie ein +Landstreicher in die Heimat zurückgekehrt war, ihr altes Geschäft, ihren +toten Mann und ihre grauen Haare besudelt. + +Aber wie einen Schuß mitten in seinen Charakter hinein empfand der +bleiche Kapitän die beschämende Rückkehr des Amerikaners. Eine Woche vor +dem Erscheinen des Amerikaners war er abends unbemerkt hinter einem +Weidenbusch gestanden. Die Räuber saßen am kleinen See. Der Zug der +Mädchen zog vorüber. Die Schöne mit den braunen Zöpfen warf einen +Rosenstrauß mitten in den Räuberkreis hinein, die Räuber sprangen auf +und den fliehenden Mädchen nach. Allen voran der Schreiber. Und nach +einer Weile sah der bleiche Kapitän Mädchen und Jünglinge vereinigt im +Dunkel der Weiden verschwinden. Ein paar Stunden später saßen die Räuber +in der Kneipe der Witwe Benommen und waren schon betrunken, als der +bleiche Kapitän eintrat und wie ein Pfosten stand. »Ihr habt keinen +Charakter!« stieß er hervor. + +»Nun, und du?« lachte der total betrunkene Schreiber mutig. + +». . . Ich? Ich hab Charakter! . . . Ich allein von euch allen hab +Charakter!« Und damit ging er, schloß die Tür leise und mit Kraft, und +lehnte von dem Tage an alle Annäherungsversuche der Räuber schroff ab. +Eilte, wie in den letzten zwei Jahren, nahe an den Häusern entlang, +sprach mit keinem Menschen und stemmte wie ein Besessener. + +Der bleiche Kapitän hatte bedingungslos an den Amerikaner geglaubt und +war deshalb noch schroffer gegen ihn, als Mutter und Bruder. + +So etwas kann vorkommen, urteilen die wenigen Loyalen, nicht jeder hat +Glück in Amerika. + +»Jau, so a Gaudi! Die Alte soll ihm a Paar neue Schuh käff und 'n Anzug +ameß laß, dann is die G'schicht erledigt!« schrie der rote Fischer. + +In jeder Familie könne so etwas vorkommen, aber nicht in der Familie +Benommen, urteilten die Mutter und die zwei Brüder. + +So war der Amerikaner seitens seiner Familie von Härte, Kälte und +schweigender Verachtung umgeben. + +Die Räuber jedoch fühlten sich unbewußt durch das Unglück des +Amerikaners rehabilitiert. -- Ihr Jugendsehnsuchtland hatte sich +schlecht benommen, war entlarvt, da nicht einmal der große Amerikaner zu +seinem Rechte gekommen war. Ein guter, breiter, fester Boden wuchs den +Räubern unter die Füße. + +Bald war der Amerikaner neu gekleidet und fiel in der ersten Zeit +niemand besonders auf. Doch späterhin wurde sein Benehmen immer +seltsamer, was aber anfangs nur die Familie Benommen bemerkte, denn der +Amerikaner durfte wenig ausgehen. + +Gegenüber dem Hause der Witwe Benommen stand das Jahrhunderte alte, +einstöckige Häuschen des Spenglermeisters Hieronymus Griebe. Der +Amerikaner stand am Fenster und sah darauf hinunter, vom Frühkaffee bis +Mittagläuten, ohne sich zu rühren, und sagte, als seine Mutter die +Suppenschüssel auf den Tisch stellte, er wolle das alte Häuschen +wegreißen und einen sechzig Stock hohen Wolkenkratzer dafür hinbauen. +Daran werde er etwas über fünf Millionen verdienen; das habe er heute +morgen ausgerechnet. Worauf die Witwe Benommen in verächtlicher Wut +stillschweigend die Suppenteller füllte. Der Ingenieur aber begann +sofort, die Pläne zu zeichnen. + +Erst als er gegen Abend mit Pickel und Schaufel an der Mauer des +Spenglerhäuschens den Erdboden aufriß, um, wie er sagte, zu untersuchen, +ob der Grund felsig genug sei für einen Wolkenkratzer, wogegen sich Herr +Hieronymus Griebe zwar betroffen, aber auch energisch wehrte, erfuhren +die Mainviertler von des Amerikaners sonderbarem Wesen. + +Er war bartlos und mager. Saß er mit dem bleichen Kapitän zusammen in +einer Wirtschaft, dann verhielt er sich meistens ganz still, aber seine +Augen schienen etwas Grauenvolles zu sehen, und manchmal rief er ganz +unerwartet, und verächtlich lächelnd: »Ha! Hinaus in die Welt!« mitten +in die Unterhaltung hinein, worauf der bleiche Kapitän augenblicklich +aufstand und mit dem Ingenieur die Wirtschaft verließ. Und es schien den +Zurückbleibenden, daß er den Amerikaner überhaupt nur deshalb mitbringe, +um zu demonstrieren, daß gar nichts Auffälliges an ihm sei. + +Der bleiche Kapitän litt an seinem Stolze. Streng befahl er seinem +Bruder, nichts zu reden, wenn er ihn mitnehme, und überhaupt keine +verrückten Sachen zu machen, sonst könne er ihn einmal kennen lernen. +Was aber ohne jeden Erfolg blieb -- der Amerikaner benahm sich immer +auffälliger. Die Wut des ehrgeizigen Kapitäns steigerte sich, und nur +seine grenzenlose Verachtung hielt ihn noch ab, den Amerikaner zu +schlagen. + +Betroffen stand Oldshatterhand still, als er in der Nacht den Amerikaner +am dunklen Flußufer sah. Der Ingenieur hielt eine lange Papierrolle im +Arm, saß in tiefer Kniebeuge und machte so, beidfüßig abspringend, genau +abgemessene Sprünge nach links, nach rechts und vorwärts, am Ufer +entlang. + +Oldshatterhand quälte der Gedanke: gegen das, was den Amerikaner zwingt, +diese grausigen Sprünge zu machen, ist man so machtlos wie gegen das +Erdbeben. Und plötzlich hatte er die Vision eines Bebens -- die Erde +spaltete sich, riß dunkle Riesenmäuler auf, die kleinen Menschen mußten +Sprünge machen, aber die Mäuler mehrten sich, wurden breiter und zwangen +die Fliehenden, immer tollere Rettungssprünge zu machen. Und weil das so +komisch aussah, lachte Oldshatterhand sein kurzes, irrsinniges Lachen. +In sich hineinkichernd, trat er zum Amerikaner. + +Der blieb in Kniebeuge hocken. »Sie müssen erst einmal hinaus in die +Welt . . . La Plata! Brasilien! Ha! . . . Wohin ich jetzt bald gehe. +Überall hin. Brasilien! . . . Ihnen will ich's zeigen, kommen Sie.« + +»Hi! hihiha!« + +Der Amerikaner packte Oldshatterhand am Arm, zog ihn unter eine Laterne +und rollte das große Papier auf. + +Darauf war eine gigantische Brücke gezeichnet. Eisenkonstruktion: Eine +riesenhafte nackte Frau lag rücklings darunter und ihre +auseinandergespreizten aufgestellten mächtigen Beine bildeten die +Pfeiler. Nackte, dicke Weiber, in lasterhaften Stellungen, stürzten von +oben herab; andere wurden von einem über die Brücke jagenden +Eisenbahnzug zermalmt. + +»Dort!« schrie wild der Amerikaner und deutete auf die alte Mainbrücke +mit den zwölf schwarzragenden Sandsteinheiligen, »die reiße ich weg! +. . . Herunter mit den Heiligen! _Meine_ Brücke baue ich hin! Morgen +fange ich an. Der größte Brückenbauer der Welt bin _ich_! Weißt du das?« + +»Ja! Ja!« heulte Oldshatterhand auf und die Tränen brachen ihm aus den +Augen. »Hi! hihiha!« lachte Oldshatterhand, und der Amerikaner brüllte +vor Begeisterung. Da wehrte Oldshatterhand wimmernd ab, griff ins Leere +und stürzte bewußtlos zusammen. + +Der Amerikaner setzte sich neben ihn auf den Erdboden, das Kinn auf die +Knie gestützt. »Du paßt nicht hinaus in die Welt. Du nicht . . . Du paßt +nicht hinaus in die Welt«, sagte er und lächelte immerzu. + +Noch am selbigen Abend traf der säbelbeinige Polizeiwachtmeister den +Amerikaner dabei an, wie er keuchend am Fuße des Brückenbogens mit den +Händen die Erde herauswühlte. Schimpfend packte er den Amerikaner am +Rockkragen, und mit gezogenem Säbel führte er den sich wütend Wehrenden +zur Wache. + +Am andern Tage brachte Benommen der Wirt den Amerikaner in die +Kreisirrenanstalt, und zwar in die erste Klasse, wo jeder Tag zwanzig +Mark kostete. So hatte es die Witwe Benommen gewollt und auch +durchgesetzt, obgleich der Wirt sich energisch gegen die erste Klasse +gewehrt und seiner Mutter schlagend vorgerechnet hatte, daß, wenn der +Kranke nur noch neun Jahre lebe, das gesamte Vermögen der Familie +Benommen beim Teufel sei. »Mein Heiner soll's gut haben«, hatte die +Mutter geantwortet. + +Der Amerikaner starb vier Wochen nach seiner Einlieferung in die +Irrenanstalt. + +Von dem Tage an, da der Amerikaner in die Irrenanstalt gebracht worden +war, hatte sich der bleiche Kapitän in einer für die Räuber ganz +unbegreiflichen Weise verändert. Unvermittelt war er leichtlebig und +liebenswürdig geworden. Und die Räuber fühlten sich befreit, wie nach +Schluß der Schulstunde. + +Oldshatterhand, der Schreiber und die Rote Wolke begegneten dem bleichen +Kapitän auf dem Schloßberg, und wunderten sich und wurden verlegen, denn +diesmal ging der Hauptmann nicht vorüber, sondern trat auf sie zu, +streckte ihnen freundlich die Hand hin und lächelte heiter. »Nun, was +macht ihr? . . . Prachtvolles Wetter heute. Herrgott dividomini, aber +eine Hitz! Ich mein', ich müßt ein Faß Bier allein aussaufen.« Er lachte +schallend. + +Der Schreiber errötete vor Staunen, aber die Freude, daß der bleiche +Kapitän überhaupt wieder mit ihm sprach, ergriff ihn so sehr, daß er im +reinsten Hochdeutsch sprach: »Eine ungeheure Hitze. Da hast du recht, +Oskar.« + +»Herrgott, wie ich mich fühl, einen Baum könnt ich ausreiß.« Er haschte +einen Lindenast, schwang sich hinauf, und schüttelte voller Freude die +alte Linde. + +Sie gingen gleich Bier trinken. Der bleiche Kapitän bezahlte einen Liter +nach dem andern und setzte seinen Stolz darein, den Krug mit einem Zug +immer bis zur Hälfte zu leeren. »Weiß der Teufel, so eine Hitz!« rief er +und sog den Schaum von der Oberlippe, wie ein schnurrbärtiger Alter. + +»Trinkst du jetzt wieder?« fragte der Schreiber. + +»Gott, natürlich. Warum denn nit?« + +Die Rote Wolke stellte die Fußspitze zurück, hob die Hand -- aber das +Shakespearesche Trinkzitat fiel ihm nicht ein. Sein Mund blieb +begeistert offen stehen. + +Der bleiche Kapitän war ganz verändert. Nie mehr eilte er barsch an den +Häusern entlang, sondern schritt in der Mitte der Straße, schwenkte sein +Plüschhütchen, wenn er einem Bekannten begegnete, unterhielt sich gerne, +lachte krachend und benahm sich ganz wie jeder andere junge, fröhliche +Mensch, der keine Sorgen hat und einen gesunden Körper. Deshalb stemmte +er jedoch nicht weniger eifrig als vorher. Er ließ auch späterhin die +Krüge auf seine Rechnung füllen und tat, wie wenn er lange und viel +trinke, trank aber nur einen kleinen Schluck, hieb den Krug auf den +Tisch zurück und brüllte: »Sauft!« + +Doch nur anfangs war seine Lustigkeit so übertrieben. Späterhin fand er +feine Übergänge und war plötzlich kein Mensch mehr, dessen barsche +Verschlossenheit und sonderbares Wesen jemand auf den Gedanken hätte +bringen können -- der bleiche Kapitän sei ebenso nicht ganz richtig im +Kopf wie Benommen der Amerikaner. + +Bald verschwand seine Angst, daß man auch ihn für irrsinnig halten +könne, vollkommen; die Anfälle von krampfhafter Lustigkeit blieben ganz +aus. Verschlossen und sonderbar gab sich der bleiche Kapitän auch nicht +mehr. Er war ein nicht zu stiller und nicht zu ausgelassener junger Mann +geworden, mit kleinen Sorgen, wie sie jeder andere Mensch in seinem +Alter und seinen Verhältnissen hat, und fühlte sich wohl, wie nie vorher +in seinem Leben. + +Der bleiche Kapitän verschwand in der Masse, unterschied sich durch +nichts mehr von ihr. + +In dieser Zeit -- er war zwanzig Jahre alt geworden -- begann er die +kleine, dicke Tochter des Weinwirts und Bäckermeisters Schlauch zu +umkreisen. Sie hatte ein rundes Vollmondgesicht, mehlweiß, und +Negerlippen, wie der bleiche Kapitän. + +Fräulein Schlauch saß hinter dem Auslagefenster und verkaufte Brotlaibe, +lächelte, wenn er vorbeiging, und er lächelte zurück. Das war der +Anfang. + +Und die Witwe Benommen sah ruhig zu. Sie hatte die Vermögensverhältnisse +der Familie Schlauch studiert und war befriedigt. Vor ein paar Jahren +hatte Herr Schlauch sein altes Häuschen wegreißen lassen und an dessen +Stelle ein neues Backsteinhaus gebaut, das leider nur drei Meter breit, +dafür aber vier Stock hoch war, so daß es, zwischen den zwei niederen, +aber wuchtigen Patrizierhäusern in die Höhe schießend, ganz gut für ein +zierliches Wolkenkratzerchen gelten konnte. Erst kürzlich hatte Herr +Schlauch der Kirche drei männerschenkeldicke Prachtkerzen gestiftet. +Sein Geschäft ging ausgezeichnet. Alles das und noch mehr wußte die +Witwe Benommen und war befriedigt. + +Ganz unverwundet war Benommen der Wirt an der Schande vorbeigeglitten, +die der Amerikaner über die Familie gebracht hatte, und das kam von der +ersten Klasse. Nach wie vor durfte er ruhig, Bauch und Unterlippe +verächtlich vorgeschoben, sein Bier ausschenken, denn wenn es ihm +passend erschien, konnte er von der ersten Klasse sprechen, wo jeder Tag +zwanzig Mark kostet. + +Die Witwe Benommen schien infolge des Unglücks weicher und menschlicher +geworden zu sein; sie lächelte der schönen Kellnerin hin und wieder +freundlich zu, was zwar noch recht selten vorkam, jedoch mit Freude und +Dankbarkeit entgegengenommen wurde, um so mehr, als die Kellnerin einen +Sohn geboren hatte. Der Enkel hatte die verächtlich nach außen +gestülpten Benommenschen Lippen. + +Die Sache stand jetzt so, daß der Wirt seiner schönen Kellnerin manchmal +die Hand auf die Schulter legte, in Gegenwart der Mutter, und +aufmunternd sagte: »No, Hanna, wie geht's Ihne denn? Esse Sie doch was.« +So daß der schandebringende Amerikaner alles in allem eigentlich günstig +und entladend auf die ganze Familie gewirkt hatte. + +Durch ein neues Ereignis geriet die traurige Begebenheit schnell in den +Hintergrund. Zum fassungslosen Schrecken des Vorstandes vom Verein +Christlicher Junger Männer und zum Staunen der Räuber war eines Tages +der Duckmäuser aus Würzburg verschwunden. + +Jahrelang wußte niemand, wo er war. + + * * * * * + +Herr Leisegang hatte sein Holzbein abgeschnallt und es neben sich auf +den Stuhl gelegt. Seine Frau stellte eine große Schüssel voll Sauerkraut +vor ihn hin, das mit schon zurechtgeschnittenen Schweinefleischbissen +garniert war. + +»Das Fleisch ist natürlich wieder zu fett«, sagte Herr Leisegang, nahm +sein Holzbein in beide Hände und klopfte damit wütend auf den Tisch. Bis +seine Frau hereinkam. »Wo ist meine Desinfektionsvase!« + +Frau Leisegang drehte die Augen verzweifelt zur Zimmerdecke und brachte +eine Blumenvase aus grünem Kristallglas. Herr Leisegang schnellte das +Asbestdeckelchen herunter und tauchte Messer und Gabel in die +desinfizierende Flüssigkeit. Dann erst begann er zu essen. + +Im Haushalt des Herrn Leisegang wurde alles desinfiziert. Auch die +Geldstücke. + +Frau Leisegang setzte sich wieder in die Küche und arbeitete an einer +Lumpendecke. Sie arbeitete schon ein paar Jahre daran, denn die Decke +mußte sehr groß werden, um das zweischläfrige Ehebett im Schlafzimmer +schmücken zu können, und es fehlte immer an Fleckchen, weil man warten +mußte, bis neue Abfälle gesammelt waren. Herr Leisegang hatte sich so +eine vielfarbige Decke gewünscht. + +Seine Frau nähte schon eine halbe Stunde, ohne gestört zu werden, worauf +sie endlich verwundert hinein zu ihrem Mann ging. Der saß in seinem +Lehnsessel wie vorher und sah geradeaus, sonderbar friedlich, so daß +auch Frau Leisegang froh lächelte, weil es so schön still in der Stube +war. Aber plötzlich stieß sie einen sich überschlagenden Kehlton aus. +Herr Leisegang war tot. Die Sauerkrautschüssel war noch warm, jedoch +leer. + +Frau Leisegang stand vor ihrem Mann und sann darüber nach, weshalb er +so friedlich aussehe. So zufrieden, wie sie ihn in ihrer +siebenunddreißigjährigen Ehe niemals gesehen hatte. Sein Holzbein hatte +Herr Leisegang quer vor sich auf den Tisch gelegt. + +Ein neuer Diener kam in die Klinik und der brauchte keine Hilfe. + + * * * * * + +Oldshatterhand war jetzt viel mit der Roten Wolke zusammen, nachdem er +vergebens versucht hatte, die Freundschaft mit Winnetou zu erneuern, der +täglich zu den Mönchen aufs »Käppele« ging. + +Er half der Roten Wolke Rüben stecken, Salat pflanzen und zeichnete in +der Vesperpause Blumen ab, während die Rote Wolke Rollen studierte. +»Schauspielkunst ist eine göttliche Kunst. Was täten die großen Dichter +Schiller und Goethe mit ihren Tragödien, wenn's keine Schauspieler +gäbe.« Das wiederholte die Rote Wolke täglich. + +An einem Abend hatte er wieder in »Wilhelm Tell« im Stadttheater +statiert, die ganze Nacht den Wilhelm Tell studiert. Früh um fünf Uhr +stand er auf dem Kartoffelacker, von der eben aufgehenden Sonne +beschienen. »Durch diese hohle Gasse muß er kommen«, rief er und wies +mit der Hacke die tiefe Ackerfurche entlang, an deren anderem Ende seine +alte Tante kniete, schwitzend mit den Händen grub und den Kopf +schüttelte über ihren Neffen, der begeistert die Furche entlang rief: +»Es führt kein anderer Weg nach Küßnacht. Hier vollend' ich's, die +Gelegenheit ist günstig.« + +Und nach einem Spaziergang mit der schönen Lehrerstochter, seiner +Liebsten, schrieb die Rote Wolke an den berühmten Schauspieler Konrad +Drauer in München und fragte an, ob er ihn besuchen und ihm etwas +vorspielen dürfe. + +Am Abend des selbigen Tages saß der rote Fischer auf der Kaimauer, mit +den Beinen wasserwärts, den Kopf in beide Hände gestützt, und sah +traurig hinunter in den Fluß. + +Als Oldshatterhand ihn fragte, ob er das Schiff ein bißchen nehmen +dürfe, nickte der Fischer nur, ohne aufzusehen. Und als Oldshatterhand +auf der Ruderbank saß, rief der Fischer plötzlich: »Brauch' i denn no'n +Schelch! . . . I brauch ken'n Schelch mehr . . . Häng'n nachher drübe am +Stadtufer a.« + +». . . Warum denn am Stadtufer?« + +»Weil i 'n dann rüberfahr muß . . . Auf die Weis' komm i wenigstens +wieder amal in mein Schelch.« + +Die Rote Wolke und seine Liebste gingen auf der Kaimauer -- flußabwärts. +Die Lehrerstochter hatte ein sanftgerundetes, pfirsichfarbenes Gesicht. +Sie trug einen schwankenden Florentinerhut und sah lieblich und naiv +aus. + +Der Schreiber und seine Liebste gingen auf der Kaimauer -- flußaufwärts. +Das Mädchen mit den braunen Zöpfen sah ängstlich und verwirrt drein. Der +Schreiber hatte ein erhitztes Gesicht. Sie kamen von der dunklen +Sandinsel, wo die Weiden stehen. + +Beim roten Fischer trafen die zwei Paare zusammen. + +»Ich rudere euch ein wenig herum«, sagte Oldshatterhand, der im +schaukelnden Schelch saß. + +Sie stiegen ein. Und Oldshatterhand ruderte in die Mitte des Flusses. +Der rote Fischer hatte den Kopf nicht erhoben. + +Der Schelch war schmal und sehr lang. Der Schreiber und seine Liebste +befanden sich halbliegend an dem einen äußersten geschnäbelten Ende, das +zweite Liebespaar lag eng beieinander am entgegengesetzten. +Oldshatterhand saß genau in der Mitte und ruderte langsam. + +Es war dunkel geworden. Hier und dort leuchteten kleine Laternchen an +den ruhenden Schiffen; das Singen der Kinder, die am Ufer spielten, +klang herüber; ein Fischer ließ langsam und lautlos sein Netz ins Wasser +sinken. + +»Kunst ist heilig«, sagte die Rote Wolke gedämpft. + +Oldshatterhand horchte auf die melodische Stimme des Mädchens. »Wir +werden Romeo und Julia zusammen spielen«, sagte sie und sah der Roten +Wolke sanft in die Augen. + +»Julia!« erwiderte die Rote Wolke verhaltend. + +»Und du bist Romeo.« + +»Da ist doch nix dabei«, flüsterte der Schreiber heftig. »Ich weiß nit, +warum du so eine Furcht davor hast.« + +Das Mädchen rückte ängstlich weg vom Schreiber. Oldshatterhand sah ihr +erschrockenes, weißes Gesicht aus der Dunkelheit schimmern und dachte an +Lenchen Leisegang. + +»Ach, wie schön wäre es, immer so weiter zu fahren . . . immerzu«, hörte +Oldshatterhand hinter sich das Mädchen flüstern. + +»Mit der Geliebten dahinzugleiten. Ooooooo!« + +Und sah vor sich den Schreiber heftiger die Liebste bedrängen, die +hastig sich ihm entzog, daß das Schiff gefährlich zu schaukeln begann. + +»Daß wir heiraten, will sie . . . Ich soll heiraten«, sagte +Oldshatterhand leise vor sich hin und ließ in Gedanken an Lenchen +Leisegang die Ruder los. »Ich will doch . . . ich muß doch erst etwas +werden. Vielleicht berühmt.« + +Der Schelch trieb langsam flußabwärts. Ein Fisch schnellte aus dem +Wasser und fiel zurück. + +Hinter sich hörte er die Rote Wolke sagen: »Die Kunst. Die Kunst . . . +Tempel.« + +»Das dürfen alle wissen, sieh, ich liebe dich«, sagte das +Lehrerstöchterchen. + +»Rudre ans Ufer!« schrie der Schreiber wütend. Das Mädchen saß von ihm +abgerückt steif auf dem Querbrettchen. + +Oldshatterhand ruderte zum Stadtufer hinüber und machte den Schelch +fest. + +Sie stiegen aus. Der Schreiber wirbelte sein dünnes Stöckchen im Kreise +herum; das Mädchen ging mit gesenktem Kopfe einige Schritte seitwärts +neben ihm her. + +»Auf der grünen Wiese hab ich sie gefragt, ob sie sich auch ließe!« +schrie ein Bursche den zwei Liebespaaren zu. Er saß auf der Wasserschale +des Vierröhrenbrunnens, zusammen mit noch einem halben Dutzend Burschen, +die der Arbeit aus dem Wege gingen und der Schrecken und Auswuchs der +Stadt waren. Die Würzburger »Strizzi«, von denen jeder sein im Griffe +festes, langes Messer in der Hintertasche trug. Sie lebten +beschäftigungslos in den Tag und in die Jahre hinein, stahlen, wo sie +ohne Anstrengung konnten, und ließen keinen Menschen am Brunnen +vorübergehen, ohne eine Bemerkung zu machen. Verlorene Existenzen, die +alle schon gesessen hatten. + +»Laß sie doch«, sagte Oldshatterhand schnell und zog den Schreiber weg, +der wütend stehen geblieben war, weil ihm einer der Burschen nachrief: +»Hast dei Menschle zünfti zammg'haut!« Die weiteren Bemerkungen gingen +unter im Gelächter. Alle pfiffen durch die Finger. Der Schutzmann trat +von einem Bein auf das andere und ab in eine Seitengasse. + +»Ich muß jetzt jemand abhol«, sagte Oldshatterhand auf der Brücke und +sah bedrückt auf die Liebespaare, die nun beide einträchtig vor ihm +gingen. + +Und als Oldshatterhand sich auf dem Wege zu Lenchen Leisegang befand, +blieb er plötzlich stehen, wandte sich um und ging langsam nach Hause. + +Beim Vierröhrenbrunnen trat die Kriechende Schlange auf ihn zu. »Weil +ich im Schlachthaus A . . . A . . . A . . . Auge g'sagt hab, brauchst no +lang nit zornig zu sein.« + +»Du darfst mir nachmachen, soviel du willst«, sagte Oldshatterhand und +lächelte ruhig die Kriechende Schlange an. Nach einer Pause fuhr er +nachdenklich fort: »Ich glaube, es geht halt nicht anders, als daß es +auch solche Menschen gibt, wie du einer bist . . . Verstehst du das?« + +». . . Nein, das versteh ich nit.« + +». . . Ich glaub, du bist ganz unschuldig dran . . . kannst nix dafür. +Verstehst du?« + +»Ich weiß nit, was du da redst.« + +»Ja, es ist sicher so«, sagte Oldshatterhand nachdenklich und ging. + +Die Kriechende Schlange zog eine Dose hervor. + +»Laß mi amal schnupf!« rief einer der »Vierröhrenbrunnensteher«. + +»Wer ist denn das?« fragte ein anderer. + +»Metzger ist er . . . Da geh doch her.« + +Die Kriechende Schlange setzte sich zu den Burschen auf die +Brunnenschale und hielt die Tabaksdose herum. + +Und Oldshatterhand dachte darüber nach, weshalb er während des kurzen +Gespräches mit der Kriechenden Schlange das Gefühl gehabt hatte, nicht +er spreche, sondern der rätselhafte Fremde, der ihn auf der Höhe bei +Würzburg geküßt hatte. + + * * * * * + +Wenn man von Aschaffenburg, Mathias Grünewalds, des größten deutschen +Malers Geburtsstadt, den Main aufwärts wandert, zweigt die Straße scharf +vom Fluß ab und führt in den dunklen Spessart hinein. Stundenlang +wandert man durch den Eichenwald, hat auf einer Höhe das unabsehbare +gewellte Waldmeer vor sich liegen, sieht stille Waldtäler, von +Forellenbächen durchzogen, und es begegnet einem stundenlang kein +Mensch. Ein Hirsch tritt auf die Waldlichtung heraus, hebt das Geweih +und bricht weg, sobald er den Wanderer erblickt. Rehe äsen auf den +Abhängen. Amseln singen. Spechte hämmern. Große dunkle Klöße bewegen +sich am Waldboden, vom aufgewühlten, dunklen Waldboden kaum zu +unterscheiden -- plötzlich bricht das Wildsaurudel krachend durch das +Gebüsch davon, daß die Erde zittert; und einen Atemzug lang schweigen +alle Vögel. Eine Amsel beginnt wieder zu pfeifen, und sie scheint das +einzige Lebewesen zu sein, so groß kann unvermittelt die Stille dieses +Hochwaldes sein. + +In dieser Einsamkeit, abseits der Straße, steht ein zerfallendes, graues +Haus. Türen und Fensterscheiben fehlen, lange Gräser spielen auf dem +Dache. + +Die wenigen Bewohner des Spessarts erzählen noch heute von einem Wirt, +dem vor langen Jahren das Haus gehört hatte -- er habe die Reisenden, +die bei ihm einkehrten, ermordet und beraubt und sei dafür in Würzburg +am »Letzten Hieb« gehängt worden. + +In diesem Hause wohnten einen ganzen Sommer lang der Kunstmaler +Franziskus Grünwiesler und sein Freund Oldshatterhand. + +»Dieses Haus gehört niemand«, hatte Franziskus Grünwieslers weißbärtiger +Onkel gesagt, welcher Bürgermeister des nächsten, drei Wegestunden vom +grauen Haus entfernt liegenden Spessartdorfes war. »Und es wagt sich +auch keiner in die Nähe.« + +Franziskus Grünwiesler malte den ganzen Tag. Er war ein zufriedener, +bedürfnisloser Mensch. Er half Oldshatterhand über Stimmungsstürze weg, +von denen dieser oft und plötzlich heimgesucht wurde, gab ihm +unaufdringlich maltechnische Ratschläge und teilte mit Oldshatterhand +das Wenige, das er selbst besaß. + +Oldshatterhand arbeitete den ganzen Sommer lang sehr wenig; die +technischen Schwierigkeiten hinderten ihn immer wieder, das zu schaffen, +was er ersehnte. Das Resultat waren Tage der Verzweiflung nach Minuten +übergroßer Begeisterung. + +Er las viel in der Romantikerbibliothek, die Grünwiesler gehörte, und +oft ging er in aller Frühe zum Gänsehirten, der die Gänse von allen +Ortschaften des Spessarts hütete, schon sechzig Jahre lang. Eine Herde +von tausend Gänsen und mehr. Einmal im Jahre trieb der Hirt die Gänse +heim, wenn sie fett waren. Dann bekam er junge, magere mit in den Wald. +Der Hirt war ein achtzigjähriger, bartloser Zwerg mit einem gewaltigen +Buckel. Mittags teilte er sein Essen mit Oldshatterhand, Schwarzbrot und +geräucherten Speck; die tausend Gänse steckten die Köpfe nach rückwärts +ins Gefieder und schliefen, und der Zwerg begann, selbsterfundene +Geschichten zu erzählen, über die Oldshatterhand oft lachen mußte, daß +es von Stamm zu Stamm krachte und die Gänse hier und dort blitzschnell +die Köpfe hoben, ein wenig schnatterten und weiterschliefen. + +Ein Mädchen war eines Tages ins graue Haus gekommen und hatte um +Unterkunft gebeten für die Nacht. Sie sagte nicht, woher sie kam und +wohin sie wolle. Es fragte sie auch niemand. Sie blieb. + +Franziskus Grünwiesler grundierte seine Malleinwand selbst. Er hatte +einen großen Vorrat Rohleinwand liegen. Das Mädchen hatte nichts +anzuziehen. »Das ist die weichste«, sagte Grünwiesler und schleuderte +eine Rolle Leinwand auf, die wie Seide glänzte. + +Abends hatte sie das schnell geschneiderte Kleid aus Rohleinwand schon +an. + +Grünwiesler trug sich mit der Idee, Blumen auf das Kleid zu malen. +»Blaue Herbstzeitlosen würden sich vielleicht ganz gut machen«, sagte er +zu Oldshatterhand und zeigte auf die blauen Glockenblumen, die schon +hier und dort zwischen den abgefallenen Blättern hervorsahen. »Und eine +einzige große Lilie, vorne herauf.« + +Oldshatterhand sah das Mädchen am Waldsee liegen, im Moos. Und schlich +nach einer Weile wieder fort, denn ihr Rohleinwandkleid hing über einem +Eichenast. + +Den ganzen Tag lag das Mädchen nackt am Waldsee. Sie arbeitete gar +nichts. Sie ruhte nur. Es schien, als müßte sie viele Jahre lang +ausruhen, von den vergangenen Jahren. Nur ihr eigenes Zimmer hielt sie +sauber. Für die beiden im Haus tat sie nichts. + +»Ihr schenkt ja auch niemand etwas«, sagte Oldshatterhand zu +Grünwiesler. »Das Haus gehört ja niemand . . . Nicht einmal Türen +hat's.« + +Vom Wald trat man ins Haus und auf der anderen Seite wieder hinaus in +den Wald. Und saß man auf dem flachen, dickbemoosten Dache, auf dem die +langen Gräser spielten und sogar drei Maulwurfshügel schwollen, dann +schien es, als säße man auf dem Waldboden, so war das Haus mit dem Wald +verwachsen. + +»Wie wär's, wenn ich ihr Zimmer mit kleinen Engeln ausmalen würde, sie +bleibt ja doch auf immer da«, sagte Grünwiesler vor dem Schlafengehen. + +»Wenn sie's erlaubt«, erwiderte Oldshatterhand; er hatte einen eleganten +Schaukelstuhl gezimmert und ihn ihr ins Zimmer gestellt, während sie am +Waldsee gelegen war. Und der Zwerg brachte ihr ein Säckchen voll +Bucheckern. Die schmeckten nach Nuß und Olive. + +Das Mädchen hatte feste, schmale Hüften. Ihr Kleid hatte sie noch einmal +umgeändert, den Halsausschnitt rund und den Rock sehr eng gemacht. So +sah Oldshatterhand sie zum Waldsee gehen und wäre gerne mit ihr +gegangen, blieb aber zögernd stehen und ging zum Hirten. + +Grünwiesler saß schon seit dem frühen Morgen malend im Waldtal. An ihm +vorbei plätscherte ein Bach in vielen Windungen durch die Wiese. + +Der Landbriefträger trat aus dem Walde heraus und zu Grünwiesler, +verglich, auf seinen Knotenstock gestützt, eine Weile Bild und Motiv und +reichte Grünwiesler einen Brief. »Von wem mag jetzt der sein«, fragte +der Briefträger. »Da ist ja gleich was drauf gemalt.« + +Grünwiesler errötete -- er selbst war aufs Kuvert gezeichnet, vor +Oldshatterhand auf den Knien liegend, mit anbetender Gebärde. + +»No, von wem is jetzt der Brief?« + +»Von meinem Freund Immermann.« + +»Der is gewiß auch so ein Maler?« + +Da Grünwiesler nicht antwortete, sagte der Briefträger: »No, dann grüß +Ihne Gott«, und ging. + +Versteht sich doch von selbst -- angenehm sei es ihm gerade nicht, daß +Grünwiesler mit Oldshatterhand verkehre, der ein ungebildeter, ja, für +Grünwiesler, direkt gefährlicher Mensch sei -- schrieb Immermann. Ob +Grünwiesler denn wirklich so naiv sei und glaube, daß dieser +Emporkömmling ihn nicht ganz einfach nur ausnütze. Das Bürschchen könne +man nicht nur so mir nichts dir nichts nehmen, wie es sich gebe. +Nebenbei wisse man ja auch, aus was für einer Familie Oldshatterhand +komme. Auf keinen Fall natürlich dulde er, daß in seinem Kreise +Oldshatterhand verkehre. Und als Freund könne er von Grünwiesler so viel +Einsicht verlangen. »Nicht, daß mir besonders viel daran liegt,« schloß +der Brief, »im Gegenteil, aber immerhin wundert es mich, daß du mit +diesem Vierkant den Sommer im Spessart verbracht hast, anstatt mit mir. +Wenn dir an meinem Kreise noch etwas gelegen ist, dann komme. Ich male +Studien auf dem Schleehof bei Würzburg.« + +Grünwiesler schob die Lippen nachdenklich vor, steckte den Brief in die +Brusttasche, packte sein Malgerät zusammen und trat sofort den Heimweg +an. + +Im Hause gingen sie einige Stunden lang aneinander vorbei. + +»Wie ist das?« fragte Oldshatterhand endlich und stellte sein +angefangenes Bild auf die Staffelei. + +»Die Perspektive stimmt nicht, wie gewöhnlich bei dir.« + +»Dann erklär mir's doch, woran's liegt.« + +»Ja, stimmt eben nicht . . . Wenn du von oben siehst, verkürzen sich die +Linien. Das bringst du halt noch nicht heraus.« + +»Du kannst nichts erklären!« schrie Oldshatterhand erregt. »Erklär doch! +Erklär doch!« + +Schnell eingeschüchtert, trat Grünwiesler wieder vor das Bild. + +Oldshatterhand schüttelte zornig die Hände gegen sein Bild hin. »Zeig +mir doch! Herrgott, kannst du mir denn nicht zeigen, wieso das falsch +ist!« + +Grünwiesler wollte mit der Zeichenkohle das Bild korrigieren. + +»Laß! Hineinarbeiten sollst du doch nicht! Zeigen! Zeigen!« + +»Ich hab dir's doch schon so oft gezeigt, das mit der Perspektive«, +sagte Grünwiesler ängstlich und stotterte verwirrt: »Es gibt auch noch +eine Luftperspektive und eine Farbenperspektive . . . Ich zeig dir's +schon.« + +»Ach was! Aber wie . . . Aber wie du mir's zeigst! . . . Daß es kein +Mensch verstehen kann. Du bist . . . du bist wirklich saudumm!« + +Ganz unvermittelt schlug Grünwieslers Gutmütigkeit in rachsüchtige Wut +über, die an Irresein grenzte; er verlor den Atem, ein dünner, +pfeifender Ton entfloh seinem Munde; aber wie schon oft in diesem +Sommer, wenn Oldshatterhand machtlos den technischen Schwierigkeiten +gegenübergestanden und über alles Maß hinaus ungerecht geworden war, +drehte die Wut Grünwieslers sich nach innen, und in Angst vor seinem +aufbrausenden Schüler sagte er stockend: »Quäl mich nicht . . . Warum +quälst du mich. Es braucht halt alles seine Zeit.« Nur ein gefährliches +Flimmern war in seinen Augen zurückgeblieben, wie Irre es haben, die +jahrelang sich kujonieren lassen und eines Tages in einem +Rachsuchtsanfall den Wärter erdrosseln. + +Das Mädchen ging vorüber und in ihr Zimmer. + +Oldshatterhand wurde sofort ruhig. »Ich packe es schon noch«, sagte er +und lächelte Grünwiesler an. »Für mich ist nichts zu schwer . . . Soll +ich Tee eingießen?« + +»Oh, das wär lieb von dir«, sagte Grünwiesler erleichtert, sah vor sich +hin, in die Ecke, auf Oldshatterhand. ». . . Du, ich hab einen Brief +bekommen von Immermann.« + +»Was schreibt denn der?« fragte Oldshatterhand mit gemachter +Gleichgültigkeit und setzte die Teekanne wieder ab, ohne eingegossen zu +haben. + +». . . Nichts Besonderes . . . Den Tee hast du fein gemacht . . . Ich +geh übrigens diese Woche noch zu ihm.« + +»Dein Bild ist doch nicht fertig . . . Und überhaupt.« + +»Nein«, sagte Grünwiesler und schob die Lippen schief lächelnd vor, +wodurch beim rechten Mundwinkel ein kleines, schwarzes Löchlein +entstand, als ob die Oberlippe zu breit wäre. »Aber ich muß ihn wieder +einmal sehen . . . Er ist ein sehr bedeutender Mensch.« + +»Pf!« machte Oldshatterhand verächtlich. ». . . Zeig mir einmal den +Brief.« + +»Den Brief? . . . Ich hab ihn zerrissen . . . Weißt, in den Bach hab ich +ihn geworfen.« + +»Du hast den Brief noch!« fuhr Oldshatterhand auf. ». . . Immermann hat +wieder schlecht über mich geschrieben.« + +»Nei . . . n«, sagte Grünwiesler langgezogen, wie wenn er das Mißtrauen +Oldshatterhands bedauerte. + +»Sei nur still! . . . Ich weiß schon.« + +». . . Ich will dir einmal was sagen: Immermann spricht über niemand +etwas Schlechtes . . . Nur was wahr ist, sagt er . . . oder was er denkt +. . . So ist Immermann nicht.« + +»Du lügst! Ich seh dir's an.« + +»Wiesooooo?« erwiderte er traurig singend. + +»Du lügst einfach!« + +Da blickte Grünwiesler Oldshatterhand fest in die Augen. »Wenn du's +wissen willst . . . Immermann hat sogar nur Gutes über dich geschrieben +. . . Schenk mir noch einen Tee ein!« rief er kameradschaftlich. »Den +hast du fein gemacht.« + +Oldshatterhand schob die Teekanne Grünwiesler hin. »Ich kenn den +Immermann schon . . . Der will unter uns der Erste sein . . . Der +Hauptmann . . . Eifersüchtig ist er auf mich, weil du nicht mit ihm bist +und ich nicht nach seiner Pfeife tanze . . . Aber dem werd ich's noch +zeigen, wer mehr ist. Ich werde der Größte von allen!« + +»Also, jetzt sind wir wieder gut miteinander«, sagte Grünwiesler +fröhlich und streckte Oldshatterhand die Rechte hin. »Singen wir jetzt +ein Lied?« + +Sie sangen zweistimmig. Und am Schluß sagte Grünwiesler: »Zu dem Lied +malt Immermann eine Bilderserie. Zu jeder Strophe ein Bild. Die werden +sicher wunderbar . . . So ein Tee ist halt doch was Feines.« Er sah +Oldshatterhand in die Augen. + +Als sie schon am Boden auf den Matratzen lagen, dachte Oldshatterhand in +steigender Begeisterung seinen zukünftigen Ruhm herbei. »Was Immermann +malt, das ist nichts. Man muß groß werden. Wie . . . Grünewald! Sonst +hat's keinen Sinn.« + +»Mnja«, sagte Grünwiesler im Halbschlaf. + +»Du glaubst's nicht? Ich werde alles haben«, rief er frohlockend. »Alle +werden zu mir kommen.« Und als er die tiefen Atemzüge des Schlafenden +hörte, dachte er allein weiter. + + * * * * * + +Franziskus Grünwiesler und Oldshatterhand waren von früh bis nacht durch +den Spessart gewandert und noch einen ganzen Tag lang, in der Richtung +nach Würzburg. + +Sie standen auf einer Höhe und sahen zurück. Grünwiesler kniff die Augen +zusammen und deckte mit der Hand den Vordergrund weg. Seine Nase rollte +sich aufwärts und bekam Runzeln, vor saugendem Sehen. + +Der Main zog seinen weiten Bogen um den Spessart herum und teilte ihm +Dörfer und Burgruinen zu; die untersinkende, schwungradgroße Sonne +berührte die Baumkronen und verwandelte den herbstlichen Laubwald in ein +schweres Goldgebilde, worin die Tannenschläge gleich fernen +Frühlingshoffnungen ruhten. + +Wie ein tiefdurchlebtes Jahr lag der Wald vor den beiden, und darüber +die Atmosphäre spielte wunderbar in zarten Farben. + +»Komm, gehn wir«, sagte Grünwiesler, streckte fröhlich die Brust heraus +und wandte sich zur entgegengesetzten Richtung, wo die sonnenlose +Landschaft in tiefer, blauer Abendstille lag. + +Als sei ihm, durch die Augen hinein, in seinem Leben schon viel zu viel +in die Seele gekommen, sah Oldshatterhand gequält zur Seite und hatte +den Wunsch, niederzusitzen und zu warten bis alle schwere, unerklärliche +Traurigkeit in ihm sich löse. Eine steile Falte, von der Nasenwurzel bis +zum Haaransatz, bildete sich auf seiner Stirne. »Wenn ich jetzt rasend +zornig sein könnte.« Grünwiesler sah erschrocken auf. »Ich könnte ja +hinterher abbitten . . . Ich möchte wissen, woher überhaupt die Tränen +kommen. Sie sind plötzlich da, rollen herunter, und immer neue rollen +nach . . . Fünf Jahre lang hab ich nicht geweint.« Er sah Grünwiesler +an, der seinen Kopf schulterwärts geneigt hielt und auf Oldshatterhand +blickte, wie ein Kanarienvogel auf das Salatblatt. + +»Wo sind die Tränen, die ich nicht geweint hab? Das ist doch +unbegreiflich. Irgendwo müssen doch die vielen nicht geweinten Tränen +sein . . . Vielleicht verdunkeln sie alles in einem . . . Ach!« atmete +er tief aus und lachte plötzlich, lang und laut, in großer Befreiung. + +Froh geworden, schritt er neben Grünwiesler auf der weißen Landstraße +hin, an deren ferner Biegung das zinnoberrote Dach eines neuen +Bauernhäuschens in der Sonne glühte. + +Als sie bei dem kleinen Neubau angekommen waren, der ganz anders aussah, +als beide ihn sich aus der Ferne vorgestellt hatten, sagte +Oldshatterhand: »Jetzt ist das Mädchen ganz allein im Haus.« Und was +wird sie im Winter machen, dachte er, wenn Schnee liegt und wenn's kalt +ist. »Es ist ja kein Ofen im Haus.« + +»Nein«, sagte Grünwiesler nachdenklich, »Türen hat das Haus nicht.« + + * * * * * + +Auf der Höhe von Würzburg liegt ein großer Gutshof. Der rothaarige +Kunstmaler Christinus Immermann, Sohn des verstorbenen Häusermaklers +Fürchtegott Immermann, saß neben dem Misthaufen, streute Brotkrumen +unter die Hühner und zeichnete sie in den verschiedensten Stellungen ab. +Die meisten Brocken schnappte der Hahn weg, der herrisch zwischen seine +Hühner fuhr und, wenn ein Huhn ihm zuvorgekommen war, sich hoheitsvoll +aufrichtete, als ob er diesen Brocken gar nicht gewollt hätte. Ein +junges, rabenschwarzes Fohlen, nicht höher als ein großer Hund, wälzte +sich in der Sonne am Boden, streckte die dünnen Beine in den Himmel, +stand plötzlich und rannte mit komischen Sprüngen zum Hoftor hinaus, +durch das der junge, jockeiähnliche Gutsherr hereinkam, begleitet von +einem kleinen Herrn in Röhrenstiefeln und Jagdjoppe. + +»Herr Tierarzt Amrhein«, stellte der Gutsbesitzer vor. »Und das ist mein +lieber Freund Immermann.« + +Immermann legte dem Gutsbesitzer die Hand auf die Schulter. Das Fohlen +kam hereingerast, stoppte, stieg in die Höhe, drehte sich auf den +Hinterbeinen und tollte wieder hinaus. Die große, üppige Hausmagd mit +verklebten Augen schüttete aus einem Eimer Wasser in großem Bogen auf +den Düngerhaufen, sah schüchtern den Maler an, der die Lippen verzog und +tat, wie wenn er die Magd nicht sähe. Zögernd ging sie zurück ins Haus. +Sie war schwanger. + +»Lassen Sie den Eber heraus!« rief der Gutsbesitzer ihr nach. »Bringen +Sie reines, warmes Wasser. Und der Knecht soll kommen.« + +Oldshatterhand und Grünwiesler kamen in den Hof zu Immermann. +Grünwiesler sah den Maler mit dem bittenden Kanarienvogelblick an und +errötete unaufhörlich. Oldshatterhand ärgerte sich über den +geringschätzigen Gesichtsausdruck von Immermann. + +»Wie geht's mit deiner Gesundheit?« fragte Grünwiesler ängstlich. + +»Wie es einem Herzkranken gehen kann.« + +Immermann hatte bläuliche Lippen. Grünwiesler sah betrübt drein. +Oldshatterhand war wütend, weil er glaubte, Immermann prahle nur mit +seiner Herzkrankheit. + +Der Maler schüttelte Grünwiesler die Hand. + +Oldshatterhand hielt die seine auch hin. Immermann sah ihn an, zuckte +die Schultern und reichte ihm nur den Zeigefinger, den Oldshatterhand, +überrumpelt und verwirrt, schüttelte, worauf Immermann die Lippen +verzog. + +Mit dem Gefühl des Ausgeschlossenseins sah Oldshatterhand den Maler +hilflos an, und als der Maler sich gleichgültig von ihm weg Grünwiesler +zudrehte, dachte Oldshatterhand, ich hätte kaltlächelnd sagen sollen -- +einer ist mir zu wenig, geben Sie mir die anderen vier Finger auch dazu. +Oldshatterhand legte die Hand in die Hüfte und lächelte ironisch: Einen +Finger? Wer wird so geizig sein! -- Viele schlagfertige Erwiderungen +fielen ihm ein; er hatte ganz vergessen, daß es jetzt zu spät war, und +als er sich dessen bewußt wurde, saß der Haß in seinen Augen. Immermann +hatte Oldshatterhand die Gedanken vom Gesicht abgelesen und quittierte +mit ironischem Lippenverziehen. + +»Meinen Brief hast du bekommen? . . . Wirklich, es freut mich, daß du da +bist«, sagte er und drehte Oldshatterhand ostentativ den Rücken zu. +Grünwiesler sah beglückt auf. Sie sprachen über eine Hühnerstudie, ohne +sich um Oldshatterhand zu kümmern, der grußlos fortgehen wollte und sich +haßte, weil er stehen blieb. + +Die blonde Gutsherrin erschien am Parterrefenster und sah interessiert +auf die Gruppe, die um den Eber herumstand. Knecht und Magd hielten ihn +fest; der kleine Arzt besah ein blitzendes Messerchen. + +Der Eber stieß einen langanhaltenden, schneidenden Ton aus. Der Arzt +stand auf, lachte und warf etwas Blutiges auf den Misthaufen, das der +Jagdhund beroch, aber nicht fraß. Alle Hühner stürzten darauf los, +bildeten, auf- und übereinandersteigend, einen flatternden Kreis und +verließen interesselos den Düngerhaufen wieder. + +Die Gutsherrin sah, langsam errötend, Immermann an, der die Lippen +verzog, wie vorher bei der Dienstmagd. Der jetzt beruhigt grunzende Eber +wurde in den Stall geschoben. + +Der Gutsbesitzer trat zu Immermann, der ihm die Hand auf die Schulter +legte. Die blonde Frau trat vorsichtig leise vom Fenster zurück und sah +dabei auf Immermann. Sie hatte schwarze Augenbrauen über den blauen +Augen. + +»In einem Monat können wir ihn schlachten, das heißt, ein _Er_ ist das +ja jetzt eigentlich nicht mehr. Bis dahin ist sein Fleisch eßbar. Sie +sind eingeladen«, sagte der Gutsbesitzer zu Immermann. + +Die Magd eilte vorbei und sah verlegen auf Immermann. Die Gutsherrin +trat wieder vor ans Fenster und fragte ihren Mann: »Nun? ist der +Tierarzt denn noch nicht da?« + +»Ach, das ist ja schon lange vorüber.« + +Immermann verzog die Lippen. + +Der Gutshof lag nah am Tannenwald. Die zwei Maler und Oldshatterhand +gingen am Saum entlang. Oldshatterhand war bedrückt. Warum bin ich +ungerecht, da er doch wirklich herzkrank ist, sagte er zu sich. Ich bin +gemein. + +Grünwiesler erzählte begeistert von dem Mädchen, das ins Spessarthaus +gekommen war. + +»Eine Tippelschickse!« sagte Immermann kurz. Grünwiesler schwieg +betroffen. + +Und Oldshatterhand hatte das Empfinden, als hätte man ihm ins Herz +gezwickt. Gleich darauf aber fühlte er sich sehr erleichtert. Er prahlt +vielleicht doch nur mit seiner Herzkrankheit, dachte er, und wunderte +sich, daß er nicht mehr bedrückt war, obwohl Immermann weiter schlecht +von dem Mädchen sprach. + +»Diese Weiber haben keine Ausweispapiere.« + +»Ausweispapiere! Man braucht keine!« sagte Oldshatterhand laut. + +»Und wenn du dir etwas geholt hättest bei der Schickse? Was dann?« sagte +Immermann zu Grünwiesler, als ob Oldshatterhand gar nicht da wäre. + +Oldshatterhand wurde wütend, wollte das Mädchen verteidigen und brachte +kein Wort hervor. + +Immermann verzog die Lippen. »Da habe ich es schon etwas ungefährlicher. +Die eine ist schwanger, und die Gutsherrin -- -- -- gefällt sie dir?« Er +lächelte Grünwiesler breit an. »Ich habe übrigens wieder ein +Märchengedicht geschrieben . . . Weißt du, ich glaube, ich bin +Romantiker.« + +»Sie sind ein gemeiner Dreckkerl!« schrie Oldshatterhand plötzlich. ». . +. Und mit Ihrer Herzkrankheit scheinen Sie doch nur zu prahlen.« +Flammend wandte er sich um und schlug allein den Weg nach Würzburg ein. +Grünwiesler neigte den Kopf schulterwärts und sah ihm erstaunt mit +seinem Kanarienvogelblick nach. + +»Du siehst, mit so einem plebejischen Lausejungen kann man nicht +verkehren«, sagte Immermann gleichgültig, seinen Zorn verbergend. + +»Das seh ich jetzt selbst ein . . . Aber es kann einem leid tun. Wir +haben schöne Stunden miteinander verlebt.« + +»Meinethalben . . . Du kannst ja tun, was du willst.« + +»Nein, nein!« rief Grünwiesler ängstlich. ». . . Ich meinte ja nur so +. . . Ich hätt nur gern erst noch seinen Akt gezeichnet. Er hat einen +wunderschönen Akt . . . Aber gequält hat er mich ja auch.« + +»Weil du ein gutmütiger . . . fast hätte ich gesagt -- Tölpel bist. Bei +sich lacht er natürlich über dich, nachdem er dich ausgenützt hat.« + +». . . Du meinst, er hält mich für einen Tölpel?« + +»Was denn?« + +»Schluß! Dann aber Schluß!« schrie Grünwiesler in plötzlicher höchster +Wut. + +»Talent hat er ja . . . Gott, Talent haben viele. Aber daß ein Subjekt +mit dieser Gesinnung nicht in unsern Kreis gehört, das wirst doch auch +du einsehen.« + +»Christinus . . . mir ist jetzt alles klar. Den ganzen Sommer hat er von +mir gelebt, hat mich ausgenützt. Aber ich kenn ihn jetzt.« + +»Verstehst du, wenn ich mir einen Kreis lieber Menschen gebildet habe, +dann lasse ich so jemand eben nicht herein . . . Gott, wir wollen ganz +einfach nicht. Und damit fertig . . . Aber, lassen wir uns doch die +Stimmung nicht länger verderben.« + +»Du hast recht.« + +»Gehen wir ein bißchen tiefer in den Wald hinein, dann rezitiere ich dir +mein neues lyrisches Gedicht.« + +»Oh, das wäre wunderbar«, sagte Grünwiesler und legte Immermann die Hand +auf die Schulter. So verschwanden sie zwischen den Tannenstämmen. + +»Ich werde das Gedicht auch malen . . . Ein zartes Mägdlein kommt drin +vor, einsames Waldesrauschen und ein romantischer Ritter . . . Siehst du +das Bild?« + +»Oh, das ist wunderbar.« + +Sie setzten sich ins Moos. Ein Specht hämmerte neben ihnen am +Tannenstamm. »Pst . . . dort«, flüsterte Grünwiesler. + +Immermann begann sein Gedicht herzusagen, zuerst flüsternd, dann lauter. +Entzückt horchte er auf seine Stimme und mußte aufstehen. Die Arme +ausgebreitet, sprach er stark und hingegeben die letzte Strophe. + +Grünwiesler lauschte; die Worte wurden ihm zu Bildern. Gepackt sah er zu +Immermann empor. + +»Siehst du die Kompositionen?« + +»Oh, sie sind wunderbar . . . Zu so etwas fehlt's mir an Phantasie«, +sagte er traurig. + +»Tom der Reimer saß am Bach!« rief Immermann begeistert. + +Viele Wege und Pfade, die zu den Weinbergen oder daran vorbei führten, +waren schon gesperrt, denn die Trauben begannen gelb zu werden. +Oldshatterhand sah auf das kleine, graue Männlein, das reglos am +Waldsaum stand. Es hatte ein Messinghorn an der Seite hängen. + +»Ist das wahr«, fragte er den Weinbergshüter, »daß Sie den Buben, die +sich ein paar Trauben holen, Pfeffer und Salz in die Waden schießen?« + +Der Alte zwinkerte ihm pfiffig zu und klopfte auf sein Messinghorn. +»Früher han i's ton. Jetzet blas i. Dann bricht glei's ganze Dorf auf +und umstellt 'n Wenger.[1] Jetzet erwisch'n wir die Bub'n immer.« + +[Fußnote 1: Weinberg.] + +»Ach nein!« rief Oldshatterhand erschrocken und ging weiter, bis zum +Gemüsegarten der Roten Wolke, der etwas abseits vom Gärtnerhäuschen lag +und von einer gerade beschnittenen, dichten Buchsbaumhecke eingezäunt +war. + +Hinter der Hecke blieb er stehen, blickte in den Garten und horchte. + +Das junge, schöne Lehrerstöchterchen stand bei der Roten Wolke und einem +rotbäckigen Jüngling. Der sagte: »Bis übermorgen könnt ihr die zwei +Hauptrollen studiert haben von meinem Stück«, und reichte der Roten +Wolke sein Manuskript. + +»Des Stadttürmers Klärchen und der Zigeunerhauptmann. Tragödie in fünf +Akten«, las die Rote Wolke vor. + +Der Wald warf seinen langen, abendlichen Schatten bis zum Ziehbrunnen +des Gemüsegartens. Die Rote Wolke schlug das Manuskript auf, begann die +Brunnenkurbel zu drehen, stellte die Fußspitze zurück und rezitierte: + + »Entflieh mit mir, Klärchen! + Durch Sturm und Nacht, ha! reiten wir.« + +Die Brunnenkette knarrte, der Kübel erschien. + +Die Lehrerstochter schüttete das Wasser in die Gießkanne und goß das +Blaukrautbeet, sah den Dichter an, die Rote Wolke und sagte verschämt: +»Es lebe die Kunst und die Liebe.« + + + + +Achtes Kapitel + + +Im Oberlichtsaal der Königlichen Akademie der bildenden Künste in +München waren an den Wänden die Arbeiten der jungen Maler aufgehängt, +die sich der Aufnahmeprüfung unterzogen hatten. Kein Mensch war im Saal; +nur die Prüfungsarbeit, ein flachgequetschter Negerkopf mit grellem +Augenweiß, grinste in ein paar hundert Exemplaren in die Leere. + +Der alte Pedell mit grauem Petrusbart öffnete die Flügeltüren und ließ +die Prüfungskandidaten eintreten, eine Schar Jünglinge, meist in kurzen +Sammethosen und mit langen Haaren. Sie sollten selbst sehen, ob sie +aufgenommen waren. Ein Kreis auf der Arbeit bedeutete -- Prüfung +bestanden, ein Kreuz -- durchgefallen. + +Ein junger Maler mit scharfem Kardinalgesicht lief allen voran bis in +die Saalmitte. Sein Blick irrte suchend herum, wobei sein Körper hin und +her zuckte, wie wenn er einen scharfen Kampf mit einem gefährlichen +Gegner zu bestehen hätte. Plötzlich stürzte er zu seinem Negerkopf. + +Die andern quollen, zusammengedrängt, ängstlich durch die Tür und +strahlten auseinander. Keiner konnte seine Arbeit gleich finden, weil +auf den ersten Anblick hin die still grinsenden Negerköpfe voneinander +nicht zu unterscheiden waren. + +Verklärte Gesichter. Freudige Ausrufe. Augen, die fassungslos, empört +oder traurig auf die Kreuze blickten. + +Oldshatterhand, der am Türpfosten stehen geblieben war, ging jetzt, mit +gleichgültigem Gesicht, an den Arbeiten entlang, sagte zu jemand: »Diese +Arbeit ist sehr gut, sehr gut«, blickte sich gelangweilt um, ob ihn +niemand beobachte. Plötzlich schnellte er vorwärts und stand verzaubert +vor seinem Negerkopf, lachte einem Engländer mit eckigem Schädel ins +Gesicht und deutete auf den Kreis, der seinen Neger zierte. + +Oldshatterhand war in die Königliche Akademie der bildenden Künste +aufgenommen worden. + +Glücklich eilte er nach Hause, stieß seine Kammertür auf und prallte +zurück, denn er hatte vergessen, wie kompliziert der Eintritt in die +Kammer war. Die durch die Möbel verstellte Kammertür war nur zu einem +schmalen Spalt zu öffnen. Vorsichtig versuchte er es noch einmal, +zwängte sich durch, wobei er aufs Bett steigen mußte, schlängelte sich, +wieder vom Bett heruntersteigend, um die Türkante herum und konnte die +Tür jetzt schließen, sich aufs Bett setzen und saß damit zugleich auch +vor dem Tisch. Darauf lag ein Brief von der Mutter. Die Mutter schrieb +-- Lenchen Leisegang habe ein Verhältnis angefangen mit einem +Artillerie-Sergeanten. »So?« sagte Oldshatterhand, »so?« und sein +Gaumen wurde trocken. »Artillerie-Sergeant? . . . Für einen +Artillerie-Sergeanten ist sie doch viel zu zierlich!« Seine Augen lasen +weiter. Der berühmte Maler Franz Lenbach sei ja jetzt gestorben, schrieb +die Mutter. Sie glaube fest, daß er, Oldshatterhand, an des Verstorbenen +Stelle treten werde. Der Herr Lenbach sei auch nur als Maurerlehrling zu +Fuß in München eingewandert und sei doch der größte Maler geworden. + +Im Hofe heulte der Herbstwind, knallte einen Fensterflügel auf und warf +ein Mädchenlachen in Oldshatterhands Kammer, welcher mit Kraft und Trotz +Lenchen Leisegang hinter sich schob und der glänzenden Zukunft nachsann, +die seine Mutter ihm prophezeit hatte. Dazu verzehrte er ein Stückchen +Limburger Käse. + +Der Wind heulte in die Höhe, zerriß das Mädchenlachen und die +Phonographentöne, die sich jedoch hartnäckig gegen den Wind behaupteten, +der jäh abbrach, aus dem Hofloch entfloh und, sich selber nachjagend, +pfeifend in der Ferne verklang. + +Oldshatterhand stieg aufs Bett, klinkte die Tür auf, zwängte sich durch +und hinaus. Und ging in die Schackgalerie. + +Die Bilder von Schwind, Feuerbach, Böcklin gefielen ihm zwar sehr gut, +aber er hatte doch noch ganz anderes erwartet. Vor der Venus von +Giorgione, einer Kopie von Lenbach, blieb er lange stehen und freute +sich, daß er hier als Erwachsener sein und eine nackte Frau ansehen +durfte, ohne daß dies ihm jemand verwehren konnte. Er sah nur die +schöne, nackte Frau, den Busen, den runden Leib. Und mußte den Blick +senken, weil er an Stelle der Venus unversehens die Rötlichblonde sah, +die in der Fischergasse nackt vor ihm auf der Ottomane gelegen war. +Traumhaft wechselte diese Erscheinung mit dem Mädchen aus dem Spessart. +Und unter flutendem Wohlgefühl am ganzen Körper flossen ihm die drei +Frauen in eine zusammen. + +Geflüster war um ihn her. Ein Maler mit doppelsohligen Schuhen machte +manchmal ein paar Schritte. Das knallte wie in einem Kellergewölbe. +»Lenbätsch«, sagte im Vorbeigehen ein Engländer zu seiner Begleiterin. + +Eine Malerin mit Sandalen ging sehr schnell von Bild zu Bild; ihre +Brüste schwankten im korsettlosen Kleid. Vor jedem Bild hob sie die Hand +zu den Augen, nickte oder schüttelte den Kopf und ging weiter. + +Ihre heißen Augen mit Wimpern, die bis über die schwarzen, +zusammengewachsenen Brauen in die Höhe schlugen, bildeten einen +sinnlichen Kontrast zu ihrem sanften Madonnengesicht und dem sehr +kleinen Mund, rund und rot wie eine Kirsche. + +Vor Oldshatterhand blieb sie stehen. Er blickte sie geistesabwesend an, +weil er den Zwiespalt noch nicht gelöst hatte, den sein Kunstgewissen +ihm verursachte: ob seine sinnlichen Gefühle vor der Venus von Giorgione +berechtigt seien oder gemein. + +»Ja, das ist schön«, sagte die Malerin und sah ihm tief in die Augen. Er +nickte eifrig. Ohne Übergang begann sie zu erzählen: von ihrem freien +Leben, von Christus und Nietzsche, als den einzigen Menschen. Denen +fühle sie sich verwandt, sie müsse auch leiden für die Menschheit. +Sprach weiter von ihrer Familie und schloß damit, daß ihre Mutter ein +kleines, dummes, bürgerliches Mädchen sei und ihr Vater ein +charakterloser Schwächling. »Kommen Sie mit in mein Atelier. _Sie_ +verstehen mich. Das fühle ich. In Ihnen habe ich einen Menschen +gefunden! Einen Menschen!« Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn +hinaus. + +Das Atelier war groß. Kastanien lagen am Boden umher. Kastanienketten +hingen an den Wänden, die mit Rupfen bespannt waren. Eine mit Rupfen +überzogene Seifenkiste gab eine Kommode ab. Auch die Ottomane, das +einzige Möbelstück, war mit Rupfen überzogen. Oldshatterhand setzte sich +darauf. Ohne erkennbaren Grund lachte die Malerin, voll und tief aus der +Brust heraus. + +Sie bog und wand sich vor Lachen, zog dabei ihr Rupfenkleid über den +Kopf und stand vor Oldshatterhand in einem semmelgelben, blaugeblumten +Überwurf aus dünner Seide, der ihr nicht bis zu den Knien reichte. + +Oldshatterhand sah zu ihr hin, wußte nicht, warum sie lachte, und fragte +ratlos: »Tragen Sie kein Hemd?« + +Unvermittelt wurde sie tiefernst, trat dicht vor den sitzenden +Oldshatterhand, schlug den Überwurf vorne auseinander und drückte +Oldshatterhands Kopf an ihren bloßen Leib. + +Automatisch legte er die Arme um ihren nackten Rücken herum, atmete, und +sein Mund küßte. Plötzlich sah er die alte Brücke von Würzburg mit den +zwölf Heiligen, drückte den Mädchenleib weg von sich, starrte auf +Würzburg und glaubte den Geruch der Felsengasse zu riechen, empfand +Ekelgefühl und stand auf. + +In rätselhafter, tiefer Traurigkeit blickte das Mädchen ihn an und hielt +den Überwurf vorne zusammen. + +Oldshatterhand war zur Tür geflüchtet. »Ich muß nach Hause. Meine Wirtin +und ich wollen zusammen die Möbel umstellen in meiner Kammer, weil's ein +wenig eng da ist.« + +Da ging eine sonderbare Veränderung mit dem Mädchen vor; es war, als ob +ein nackter Mensch vom heißen Sommer plötzlich in den Winter träte und +angespannt und aufgereckt den Temperaturwechsel ertrüge. Sie trat zur +Wand, hing sich eine Kastanienkette um den Hals und sagte, scharf +pausierend: »Ich! . . . Christus! . . . Hölderlin! . . . und Nietzsche +. . . Uns trifft die unsichtbare Faust der Welt . . . immerdar.« + +Grauen erfüllte Oldshatterhand; erschüttert sah er das Mädchen an. + +Da lachte sie wieder das gesund klingende Lachen, daß ihr kräftiger +Körper unter der Seide zuckte; und Oldshatterhand lächelte, lachte, +lachte laut, in großer Befreiung, wie damals auf der Spessarthöhe. Und +plötzlich erinnerte er sich einer Szene aus seiner Jugend -- sah sich +und andere Kinder im Kreise auf dem Schloßbergrasen sitzen und um die +Wette krachende Äpfel essen. + +Während der folgenden Tage dachte Oldshatterhand immer wieder an das +Mädchen im Spessart, sah sie zum Waldsee gehen; aber sie hatte nicht das +Kleid aus Rohleinwand an, das Franziskus Grünwiesler mit blauen +Herbstzeitlosen hatte bemalen wollen, sondern einen blaugeblumten +Überwurf aus semmelgelber Seide, der ihr nicht bis zu den Knien reichte. + +In der Nacht träumte er: das Spessartmädchen stand mitten auf dem +Waldsee; der Mond sank vom Himmel herunter und lag auf ihrem Scheitel. +Sie hielt den Überwurf vorne auseinander und sank langsam und senkrecht +ins Wasser, immer tiefer, bis nur noch der Überwurf auf dem See lag. Die +Mondscheibe schwebte wieder in die Höhe. + +Am Morgen ging er sofort zur Malerin, klopfte vergebens an ihre Tür und +fragte beim Weggehen die Portiersfrau, die den Hausflur kehrte, nach dem +Mädchen. Die Frau sah auf: Die sei doch gestern ins Irrenhaus gebracht +worden. Und kehrte weiter. Oldshatterhand blieb stehen, sah ihr zu und +dachte angestrengt die Szene im Atelier zurück. »Daran bin ich nicht +schuld . . . Das kann doch nicht sein«, sagte er für sich. Und die Frau +meinte, die Schuhe könne Oldshatterhand schon abputzen, bevor er ein +Haus beträte. + +Langsam ging er fort. »Ich muß die Möbel ja wirklich umstellen. Das Bett +wird sonst schmutzig . . . Ich hab sie nicht angelogen.« Er blieb +stehen. »Sonst wär ich doch nicht wiedergekommen.« + +Als er nach Hause kam, stellte er mit Hilfe seiner Wirtin die Möbel um, +so daß er beim Eintritt in die Kammer nur unterm Tisch durchkriechen +mußte. Das Bett stand jetzt am Fenster, was wieder den Nachteil hatte, +daß Oldshatterhand nachts fror, denn der Winter war plötzlich gekommen, +und das Fenster schloß schlecht. Die Kammer mit Frühstück kostete +wöchentlich eine Mark fünfzig Pfennig. + +Bald waren die Wände der Kammer mit Studienköpfen Oldshatterhands +tapeziert. Sonst stand nur das Bett und der Tisch darin, auf dem, neben +der alten, großen Pistole aus dem »Zimmer«, ein Totenschädel stand, der +ungeheuer zu lachen schien, weil ihm die vorderen Zähne fehlten. Auch +von allen Wänden herunter lachte der oft abgezeichnete Schädel, so daß, +wenn Oldshatterhand in hellen Nächten erwachte, die Kammer von lautlosem +Gelächter erfüllt war. + +Kartoffelklöße, zwanzig Stück auf einmal, sandte die Frau Vierkant +regelmäßig ihrem Sohn. Die brauchte er nur in kochendes Wasser zu legen +und konnte sich noch einen Mitesser einladen, denn ein Kloß war so groß +wie ein Säuglingskopf. Die Schwester legte manchmal einen Taler bei. +Aber von den neunzig Mark, die Oldshatterhand sich als Klinikdiener und +von jenem Bildverkauf in Würzburg erspart hatte, waren ihm doch nur noch +vierzig Mark geblieben. Und seine Wangen waren in den fünf Münchener +Monaten schmal geworden. Er war jedoch überzeugt, daß er bei großer +Sparsamkeit fertig studieren könne mit dem Gelde, und hatte, aus Angst, +etwas hergeben zu müssen, auch seiner Mutter nichts davon gesagt. + +Da eine junge Studentin, die zum Kloßessen gekommen war, sich beim +Unterm-Tisch-Durchkrabbeln eine Beule an die Stirn gestoßen hatte, und +er den Besuch dieser Dame noch öfter erwarten konnte, nahm er das zum +Anlaß, die zu teure Wohnung zu kündigen, um sich eine billigere und +vielleicht etwas komfortablere zu mieten. + +Die zwei Goldstücke in seinem Zugbeutel wollte er nicht wechseln lassen. +Da ihm aber die Schwester wieder einen Taler in Aussicht gestellt hatte, +rief er die Wirtin und sagte: »Ich ziehe aus. Bezahlen kann ich Sie erst +am Montag. Aber ich lasse Ihnen alle meine Studien zum Pfand.« Er zeigte +im Kreise herum und blickte die Frau voller Staunen an, weil sie +wegwerfend sagte: »Entweder Sie bezahlen, oder Ihr Köfferchen bleibt +hier. Auf die Bilder pfeif ich. Die sind keine fünf Pfennig wert.« + +Da blieb er wohnen, söhnte sich auch wieder aus mit der Wirtin, die ja +doch nichts verstand. Und auch die junge Studentin ließ sich durch den +komplizierten Eintritt in die Kammer nicht abschrecken, wiederzukommen. + + * * * * * + +Oldshatterhand stand wieder vor dem kleinen Künstlercafé und sah gierig +hinein. Alles darinnen schien ihm wunderschön zu sein. Die Polsterbänke +waren mit rotem Sammet überzogen, die Messinglüster funkelten. + +Am Fenster saßen zwei alte Künstler leblos einander gegenüber und +starrten auf das Schachbrett. Neben den beiden stand der kleine +Zeichenlehrer, auf dem Kopfe die hohe Pelzmütze, die dem Kellner, der +mit der Kognakflasche steif gebeugt vor ihm stand, nur bis zur Uhrkette +reichte. Der Zeichenlehrer trank Kognak aus einem Wasserglas. Sein +Pelzmantel ließ nur die Schuhspitzen sehen. Oldshatterhand hörte das +hohle Lachen des Zeichenlehrers: »Ho! ho! ho!«, der das leere Wasserglas +aufs neue zum Kellner emporhielt. + +Oldshatterhand staunte die jungen Künstler an, die kühn in das Café +eintraten, und erschrak, weil er einen Augenblick lang daran gedacht +hatte, es auch zu wagen, in das Café zu gehen, wo die berühmten Leute +sitzen. Er befürchtete, daß vielleicht der Besitzer auf ihn zutreten und +sagen würde: bitte, was wollen denn Sie hier; oder den Kellnern winken +würde, um ihn unauffällig wieder hinausführen zu lassen. + +Traurig ging er langsam weiter. Große Schneeflocken fielen und wurden +sofort vom Straßenschmutz gefressen. + +Vor dem Fenster des zweiten Raumes blieb er wieder stehen. Mitten aus +dem Gästegewühl heraus fühlte er die Augen eines Mannes mit scharfem +Gesicht auf sich gerichtet und empfand Erinnerungsqual, wie wenn ihm ein +Wort entfallen wäre. Da nickte ihm der Mann zu, und Oldshatterhand hatte +wieder das Gefühl, als berühre ihn ein Gespenst: er erkannte den +rätselhaften Fremden, der auf der Höhe von Würzburg zu ihm gesagt hatte +-- ich denke darüber nach, warum eine junge Blüte vom Baume fallen muß, +noch bevor sie zur Frucht wird, während neben ihr eine andere zur Frucht +reifen darf. Den Fremden, auf dessen unbegreiflichen Einfluß hin er +plötzlich nicht mehr nach dem wilden Westen gewollt hatte. + +Willenlos, wie wenn sein Wille in dem Fremden, der im Café saß, +verkörpert wäre, trat Oldshatterhand ein. Und die Wirkung auf ihn war so +beängstigend und grausig, daß er in der Mitte, neben dem stellenweise +glühenden Ofen, stehen blieb. Als wäre, von einem verborgenen +elektrischen Kraftzentrum aus, ein Leitungsdraht an jeden einzelnen Gast +angeschlossen, zuckten die phantastisch gekleideten Menschen abgehackt +und heftig, fuhren von den Polsterbänken aus den halb liegenden +Stellungen empor, warfen die Arme in die Höhe, die Köpfe in den Nacken +und wieder vor, spreizten die Finger und stießen dazu, wie hundert +verschiedenartige Tiere durcheinanderschreiend, krächzende, zischende, +fremdsprachige Laute aus, die Oldshatterhand nicht verstand, fanden +dazwischen Zeit, blitzschnell die Zigarette in den Mund zu stecken, um +sofort wieder weiter zu schreien, die Arme seitwärts, zu Boden, zur +Decke zu stoßen. Andere neben ihnen saßen, die Köpfe aufgestützt, reglos +und blickten düster vor sich hin. + +Der dürftig gekleidete Oldshatterhand trat auf den Fremden zu, der einer +blonden Dame zum Abschied die Hand küßte. + +»Michael Vierkant«, stellte der Fremde vor. Oldshatterhand schlug die +Augen fragend auf zu der schönen Dame, weil sie auch ihm die Hand zum +Kusse reichte. + +»Und Sie wissen ja selbst«, beendete die Dame das Gespräch, »daß es +gefährlich ist, sein Leben lang konsequent in einer Linie zu gehen. Denn +nebenher und kreuz und quer laufen Millionen Wege des Lebens, und an +manchen Überschneidungen lauern für den Immerkonsequenten der Irrsinn +und der Untergang. Aber leben Sie wohl, bis dahin«, schloß sie scherzend +und ging. + +Oldshatterhand setzte sich und sah umher. + +Am Nebentische schüttete ein Maler ein Tellerchen voll +Preiselbeerkompott in sein Glas Milch, rührte das Ganze um und hielt es +gegen das Licht. Es glich in der Farbe genau seiner mit unzähligen +violetten Äderchen besetzten, käsigen Gesichtshaut. Er goß die +Preiselbeermilch in den Magen. + +»Was meinte die Dame mit den Millionen Wegen des Lebens?« fragte +Oldshatterhand den Fremden, der ihn gerührt ansah, wie man eine +Jugendphotographie von sich betrachtet. + +»Die Dame meint, man müsse Kompromisse machen im Leben, sonst komme man +unter die Räder.« + +Oldshatterhand errötete heftig und schnell und fühlte sich gedemütigt, +weil er nicht wußte, was das Wort Kompromiß bedeutet. Danach zu fragen, +brachte er nicht über sich. + +»Ein Schuster hat im vornehmsten Viertel sein Geschäft«, erklärte der +Fremde; »die Herrschaften, die feinen Damen, die da wohnen, wollen nur +elegante, ganz leichte Schuhe. Aber der Schuster sagt ihnen immer +wieder: ich mache nur feste Stiefel mit Doppelsohlen, nur die halten +etwas aus, -- bleibt konsequent und macht lieber bankerott, als leichte +Schuhe.« + +»Ah da!« rief Oldshatterhand und sprach mit den Händen mit. »Mechaniker +Tritt arbeitet ein Vierteljahr lang an einem seiner elektrischen +Türschlösser, auf die er stolz ist. Der Bezahlung nach müßte er so ein +Schloß aber in einer Woche fertig haben.« + +»Und macht natürlich bankerott. Ja, daß man das nicht solle, meinte die +Dame.« + +»Ja . . . aber der Herr Tritt heiratet ja dann immer wieder eine Frau +mit Geld.« + +»Und macht seine elektrischen Türschlösser weiter!« + +»Ja.« + +»Das ist ein Lebenskünstler.« + +»Der Herr Tritt ist aber gar kein . . . Lebenskünstler, sondern ein +hundsgemeiner Lump.« + +»So ein ganz klein bißchen gemein ist jeder Lebenskünstler. Und wer +keiner ist, wird an sein Kreuz genagelt. . . . Es gibt unendlich viele, +verschiedenartige Kreuze, und an allen hängen Menschen daran.« + +Da erbleichte Oldshatterhand bis in die Lippen; zurückweichend sah er +den Fremden an, denn er glaubte, sich selbst lachen zu hören. Der Fremde +hatte das irrsinnige Lachen Oldshatterhands gelacht. Und ganz nahe +hergebeugt, mit dem langen Zeigefinger deutend, flüsterte er jetzt: +»Aber es gibt ein Kreuz in grauer, teuflischer Einsamkeit. An diesem +furchtbaren Kreuz hängt _der_ krummgenagelte Mensch, der nicht mehr +rachsüchtig sein, sich nicht mehr wehren kann und will, weil er weiß, +daß alle, die ihm Böses antun, daß auch der brutalste Mörder nur ein +armer Mensch und ohne Schuld ist. Weil man ja auch ihn so lange +gepeinigt, gedemütigt, geschlagen hat, bis er ein bösartiges, +gefährliches Tier wurde . . . Der Mensch, der das weiß und danach +handelt, der hängt an dem schaurigsten Kreuz, auf dem schaurigsten, +einsamsten Gipfel. Denn ihn quälen alle, weil sie fühlen, daß er nicht +zurückschlägt.« + +»Das ist Jesus Christus«, sagte Oldshatterhand ganz langsam. + +»Höre einmal, du.« Der Fremde faßte Oldshatterhand an die Schulter; +seine Stirne wurde tiefrot und sprang vor. »Es gibt viele Christusse.« + +». . . Nur einen hat's gegeben.« + +»Nein, nein! Immer leben Christusse, aber man kennt sie nicht. Will sie +nicht kennen!« Die Stirne des Fremden wurde sichtbar weiß; er richtete +sich auf. »Ober, sehen Sie nach, ob der Brief jetzt gekommen ist.« Der +Kellner eckte von Tisch zu Tisch. + +»Laaaa«, sang ein Gast laut und langgezogen und breitete dabei langsam +die Arme aus. »G-Dur, verstehen Sie«, schloß er brüllend. + +Der zuckerkranke Wirt saß reglos an seinem Platz neben dem Büfett. Nur +manchmal gab er dem Ober mit dem Augenlid ein Zeichen. So saß er seit +dreißig Jahren. Sein Gesicht war aus Wachs, und die schwarze Haut unter +seinen Augen sank faltenbildend übereinander. + +Gäste wechselten die Plätze und besuchten sich. Ein Trupp neuer Gäste +schob sich durchs Lokal. + +Hälse reckten sich, alle nach einer Ecke hin, Adamsäpfel stachen hervor; +fächerartig schob sich eine Anzahl Gäste auf einen langen Italiener zu, +der eine Zeichnung hochhielt. + +Auch der Wirt wandte langsam wie eine Jahresuhr den Kopf und sah wieder +vor sich hin. + +»Ich kannte zwei Maler.« Der Fremde saß bequem zurückgelehnt. »Beide +waren ganz arm, sehr begabt und ungeheuer kunstbegeistert . . . Der eine +hat sich in Paris erschossen . . . Der andere malt jetzt Postkarten in +Berlin -- Schweinchen, die ein Auto lenken, und Feldhasen mit +Stulpenstiefeln, Säbel und Helm, die vor einem Postenhäuschen stehen und +das Gewehr präsentieren vor einem loyal dankenden Feldhasen in +Generalsuniform . . . Dieser Maler lebt zufrieden, es geht ihm gut, denn +er verdient mit seinen Postkarten genug Geld . . . Ganz selten wird ein +Mensch geboren, der sein Leben lang nie einen Kompromiß schließt.« + +»Ich werde niemals Schweinchen malen, die ein Auto lenken.« + +»Nein, Sie nicht«, sagte der Fremde im selben Tonfall, in dem er damals +auf der Höhe von Würzburg gesagt hatte: nein, Sie sind nicht schwach. + +»Da erschieße ich mich lieber auch.« Oldshatterhand warf den Kopf in den +Nacken. »Das glauben Sie nicht? . . . Da kennen Sie mich nicht«, schloß +er geringschätzig. + +»Doch, ich kenne . . . mich.« + +». . . Und dann, überhaupt, ich räche mich.« Oldshatterhands +zusammengepreßte Lippen wurden ein Strich. »Der Lehrer Mager hat mich +einmal ins Gesicht geschlagen mit dem Rohrstock, immerzu, bis ich am +Boden lag. Weil ich meinen Schulfreund nicht auf dem Stuhl festgehalten +habe. Bis ich am Boden lag. Wenn er jetzt da wäre, der Lehrer . . . hier +an dem Tisch wenn er säße.« + +». . . Vielleicht ist der Lehrer so, lebt so, geht so in dieser Stadt +herum, weil es die Atmosphäre der Stadt anders nicht zuläßt . . . Der +Katholizismus, die Klöster, Mönche und Priester, die engen Kurven der +Gassen mit den feuchten Schatten, die gotischen Kirchen, die hohen, +grauen Mauern, aus denen unvermittelt gotische Fratzenbildwerke +springen, all dies zusammen wirkt auf den Menschen von Jugend an . . . +So eine Stadt bringt Böse hervor, die schon als siebenjährige Kinder +Sünden beichten mußten, Verblödete, religiös Irrsinnige, Ehrgeizige, +bucklig Geborene, heimliche Mörder, Krüppel, Asketen, Kinderschänder +. . . auch Künstler. Und Menschen wie den Lehrer Mager . . . Daß der +Herr Mager von Ihnen verlangt, Sie sollen Ihren Freund zur Züchtigung +auf dem Stuhl festhalten, ist, wie Sie sagen, gemein.« + +»>Gemein< habe ich nicht gesagt.« + +»Nun gut, aber es ist so . . . Und doch haben vielleicht nur die Stadt, +die Mitmenschen, die Bestimmungen der Schulbehörde den Herrn Mager zu so +einem harten Lumpen gemacht, zu einer Strafmaschine. Er rächt sich +dafür, daß ihm das Leben die Seele verkrampft und verdunkelt hat, an +seinen Schülern . . . Er selbst ist ausgeliefert, hilflos und ganz +unschuldig.« + +»Glauben Sie?« fragte Oldshatterhand tief betroffen. + +»Halt!« brüllte da der Fremde entsetzt. »Nein nein nein! Rächen Sie +sich! Wehren Sie sich! Prügeln Sie! Mit dem Rohrstock ins Gesicht! Bis +er am Boden liegt!« Der Fremde beobachtete Oldshatterhand angstvoll und +scharf, und als er sah, daß dessen Mund wieder hart wurde, schloß er, er +lachte sogar, und es klang überzeugend: »Das braucht Sie gar nicht zu +kümmern, was ich da vom Leben und von der Stadt gesagt habe . . . Das +habe ich nur so gesagt. Ein Gespräch. Man muß sich natürlich wehren, den +Herrn Mager beim Rockknopf nehmen und sagen: Herr Mager, Sie sind ein +Lump! Ein Lump sind Sie!« Der Fremde sah Oldshatterhand fest an und +lange, und als Oldshatterhand endlich nickte, nickte der Fremde auch. + +»Die furchtbare Tragik des modernen Menschen . . . ist das möblierte +Zimmer!« rief ein junger Herr, der allein Billard spielte, hartstimmig +einem anderen zu. Er trug eine Lodenpelerine, nur mit dem obersten Knopf +gehalten und über die Schultern zurückgeschlagen, so daß sie ihm lang +und schmal am Rücken hinunterhing, wie ein Prinzenmantel. Oldshatterhand +sah ihm schon eine Weile interessiert zu und fragte endlich, warum der +Herr seine Pelerine nicht abnehme beim Spiel. + +»So spielt er schon vier Monate lang, täglich, den ganzen Winter. Er hat +ein Loch in der Hose.« + +»Ein Loch? . . . Wissen Sie, ich werde dem Herrn Mager doch lieber +. . . nur aus dem Wege gehen, wenn ich ihn wieder einmal sehe auf der +alten Brücke.« + +»Sooo?« fragte der Fremde und sah erbleichend und starr auf +Oldshatterhand, wie auf sein Schicksal. + +»Ja, da steht er immer und sieht auf das beleuchtete Ziffernblatt.« + + * * * * * + +Im Café hatte Oldshatterhand mit einem neuartigen Genuß und +unterdrücktem Staunen den Gedanken des Fremden ganz leicht folgen +können; jetzt, da er durch das Schneewasser nach Hause watete, verstand +er nichts mehr von dem, was der Fremde gesagt hatte. So sehr er sich +anstrengte, ohne Partner konnte er nicht denken. Das kam ihm sonderbar +und unbegreiflich vor. Die ganze Atmosphäre des Cafés lastete +unerträglich schwer auf ihm, wie früher eine Hausaufgabe komplizierter +Rechnungen, von denen er von vornherein gewußt hatte, daß er sie nicht +lösen könne, und die er nach einer Angstnacht am andern Morgen ungelöst +dem Herrn Mager in der Schule vorlegen mußte, um dafür Hohn und Hiebe zu +bekommen. Aber trotz der unausbleiblichen Demütigungen, denen er seiner +Unbildung wegen sich ausgesetzt fühlte, wußte er, daß er das Café wieder +aufsuchen müsse, so gewiß wie die Nacht dem Tage folgt. Mit seinen +Nerven hatte er das Unbekannte gefühlt, das ihn, den Unwissenden, +trennte von den Menschen, die in diesem Café verkehrten. Als könne er +das Unbekannte mit einer körperlichen Kraftanstrengung überwältigen, +wollte er sofort zurückgehen und sich mit Brust und Fäusten dagegen +stemmen. Da nistete sich ihm unversehens der Zweifel an seiner Fähigkeit +ins Gehirn. -- Ich bin dumm. Ich bin nichts. Der Lehrer Mager hat mich +in der Schule monatelang gar nicht aufgerufen, hat zu der ganzen Klasse +gesagt: von mir komme doch nichts. Der Mechaniker Tritt hat mich +geprügelt. Der Vater hat mich täglich geprügelt. Der Schreiber hat über +mich gelacht. Der bleiche Kapitän hat zehnmal mehr Charakter als ich. +Immer waren alle kräftiger und geachteter als ich. Immer und überall war +ich hintendran. Wie habe ich nur denken können, daß aus so einem +schwächlichen, verachteten, verprügelten, durch und durch lächerlichen +Kerl ein Künstler werden könne. + +Ein Schlucken zerrte in seiner Kehle. Aber seine Augen blieben trocken. + +Vor einem Schaufenster, hinter dem Ölgemälde hingen, blieb er stehen, +sah gedankenlos auf das große Bild in der Mitte, das eine Kreuzabnahme +darstellte, wurde interessierter, beugte sich vor und packte plötzlich +den Herrn neben sich am Ärmel. »Das linke Bein ist viel zu lang. Sehen +Sie? Sehr verzeichnet.« Auf das betaute Fenster zeichnete er mit dem +Finger -- Schenkel, Knie und Wade. »So muß das sein! So!« + +»Sie sind Maler. Sie müssen das wissen. Jetzt sehe ich den Fehler auch.« + +»Nicht wahr!« Vorsichtig reckte Oldshatterhand sich auf, um zu +kontrollieren, ob er größer sei als der Herr. + +Der Herr war kleiner. + +Erleichtert schritt Oldshatterhand weiter, sah einer vornehmen Dame ins +Gesicht und zog tief den Hut. Seine Augen glänzten. Er kannte die Dame +gar nicht. + +Sofort wollte er das Bild für die Preisaufgabe der Akademie beginnen. +»Märchen« war als Thema gegeben. Die mannshohe Leinwand stand schon in +der Kammer. + +Er trat ein und prallte zurück: auf dem Bett saß ein Soldat, in +Luftschifferuniform, und sah auf die Frauenakte an den Wänden. + +»Aber also und, also, das hast alles du gemalt?« + +»Alles ich . . . Und du? du bist Soldat?« + +»Ja also und, ich hab mich freiwillig zum Luftschifferbataillon +gemeldet«, sagte der König der Luft. »Hab aber immer noch keinen Ballon +zu sehen bekommen. Also was sagst du dazu? Und in diesen vier Wochen ham +sie mich überhaupt noch gar nit aus der Kasern herausgelassen . . . Also +weißt du, die vom zweiten Jahrgang sagen, mit hinauffliegen, das gibt's +überhaupt nit. Höchstens einen Strick dürfe man halten, von einem +lumpigen Fesselballon, so groß wie ein Waschkessel. Also so eine +Saubande. Wegen so einem Blödsinn hab ich mich nit freiwillig dazu +gemeldet . . . Aber also und, jetzt muß ich gleich gehen, zurück in die +Kasern. Sonst krieg ich Arrest.« Er kroch unterm Tisch durch. »Am +Sonntag über acht Tag hab ich Ausgang. Falkenauge, der bleiche Kapitän, +der Schreiber und alle anderen lassen dich grüßen. Und übernächsten +Sonntag kommen sie alle nach München, weil der bleiche Kapitän ein +Preisstemmen mitmacht in Nürnberg. Und also dann kommen sie auch nach +München und besuchen dich. Und also auch mich.« Der König der Luft +deutete auf einen Mädchenakt. »Lassen die sich so ohne Kleider anguck?« + +»Ja.« + +»Also da verreckst! . . . So ein Bild möcht ich auch hab.« + +Oldshatterhand gab ihm die Zeichnung. + +». . . Also ganz nackt. Ja aber also und, jetzt muß ich schleunigst +gehn. Also grüß Gott. Am Sonntag. Sie kommen alle zu dir her. Und also +ich komm auch daher.« + +»Nun, und wenn der Mann vor dem Kunstladen größer gewesen wäre als ich? +Es ist doch ganz gleich, ob ein Mensch einen Meter und siebzig oder +einen Meter und sechzig groß ist. Auf diese Größe kommts doch gar nicht +an . . . Wie einem doch alles Schwere aus der Kindheit nachläuft! +Vielleicht das ganze Leben lang. Und man bekommts nicht los. Mancher +bekommts nie los.« + +Auf dem Tisch lag ein Brief von Franziskus Grünwiesler. Grünwiesler +klagte, daß er in dem kleinen Pfaffennest, in Lohr am Main, hocken +müsse, bei seiner Tante, weil die ihm zwar Essen und Wohnung gebe, aber +kein Geld mehr. Obwohl er doch so dringend wie irgendeiner nach München +gehöre, um Akt zu zeichnen und die alten Meister in den Galerien zu +studieren. Gerade jetzt, da er eine große Komposition begonnen habe, die +er ohne Modell, das in dem Nest ohne Revolution nicht zu haben sei, +nicht beendigen könne. So komme er nicht vorwärts. Er sei ganz +verzweifelt. Die Tante befinde sich mit Haut und Haaren in den Klauen +der Pfaffen. Den ganzen Tag über hocke einer bei ihr, wenn sie nicht +ihrerseits bei den Pfaffen oder in der Kirche sei. Er träume von +Tonsuren und von Kutten, die durch der Tante Garten schlichen. Sie habe +ihr Vermögen dem Kloster vermacht. Er, Grünwiesler, solle nur +sechstausend Mark in Obligationen bekommen, nach dem Tode der Tante. +Aber dann nütze ihm das Geld auch nichts mehr. + +Grünwiesler schien den Brief nicht gleich abgesandt zu haben, denn der +Brief hatte einen mit Bleistift geschriebenen Nachsatz. »-- Ich habe die +für mich bestimmten sechstausend Mark in Obligationen, die in der Truhe +der Tante lagen, an mich genommen. Lebe in schrecklicher Angst, denn ich +bin überzeugt, meine Tante zeigt mich an, wenn sie entdeckt was ich +getan habe. Ich bitte dich, bitte dich dringend, gib mir einen Rat. Was +soll ich tun? Sende mir deine Photographie, ich will das Gesicht eines +Freundes sehen. Dein lebenslänglicher Freund, Franziskus Grünwiesler. + +Sende mir diesen Brief umgehend zurück.« Dieser Satz war auch mit +Bleistift geschrieben und dreimal unterstrichen. + +Grünwiesler hatte mit Oldshatterhand sein Geld geteilt, hatte ihm +gezeigt, daß blau und gelb grün gibt, ihm mit unendlicher Geduld die +technischen Schwierigkeiten überwinden helfen und es Oldshatterhand +ermöglicht, aus den alten Verhältnissen herauszukommen, so daß er +vorwärts kommen konnte, wenn ihm die Ausdauer nicht fehlte. + +Durch die Erlebnisse dieses Tages und durch Grünwieslers Brief sehr +erregt, schrieb Oldshatterhand einen langen, wirren Brief voller Hingabe +und Begeisterung und schloß: »Stelle dich vor deine Tante hin, mit dem +Revolver in der Hand. Gestehe ihr alles und sage: Wenn du mich anzeigst, +erschieße ich mich vor deinen Augen.« + +Er trug den Brief sofort zur Post. + +Mit dem Gefühl, sein Körper strebe, wachse, eilte er in seine Kammer +zurück und begann das Bild für die Preisaufgabe. Der Entwurf wurde eine +düstere, dunkle Gasse, mit unwirklicher Helligkeit darin. + +Der Brief Grünwieslers lag noch auf dem Tisch. Oldshatterhand hatte +vergessen, ihn zurückzusenden. + + * * * * * + +Oldshatterhand stand auf dem Perron des Münchener Hauptbahnhofs und +blickte hinaus in die blaue Helle, wo wie ein schwarzer Wurm der +Nürnberger Zug gekrochen kam, in dem die Räuber saßen. + +Die Freundin Oldshatterhands, in einem unter der Brust gefaßten weißen +Pikeekleid, lachte verwundert, weil die Erregung Oldshatterhands sich +auch ihr mitteilte. Sie hatte japanische Augen, einen kopfgroßen +Rosenstrauß vor der Brust und hieß Sofie Meinhalt. + +Die schwitzende Lokomotive stand. Der Dampf zischte aus. »Tyrannei! Acht +. . . Stunden . . . Tag . . . Die Ruh, die Republik!« endete der Gesang +der Räuber. + +»Hohaho!« rief der Schreiber aus dem Coupéfenster, und der bleiche +Kapitän streckte seinen silbernen Preisbecher heraus. »Den +siebenunddreißigsten Preis hab ich!« Die Fremden lächelten. + +Mit Ränzchen bepackt, sprangen sie auf den Perron, und wurden ganz +still, als ihnen die schöne Freundin Oldshatterhands die Hand reichte. + +Auch die Räuber hatten zwei Mädchen mitgebracht: die Liebste des +Schreibers, und Käthchen Schlauch, die Braut des bleichen Kapitäns. Ihr +Hut war flach wie ein Korbdeckel und mit künstlichen Tannenzapfen +geschmückt. Die Liebste des Schreibers trug ihre braunen Zöpfe dreimal +um den Kopf herumgelegt. Ihre Augen standen etwas vor. + +»Donnerwetter! Das ist ein Bahnhof.« Falkenauge sah empor zur +Eisenkonstruktion. Alle standen und staunten empor. + +Auf dem Bahnhofsplatz nickten die beiden Mädchen einander zu, und jede +zog einen zerknüllten Schleier hervor. + +»Und wenn's jemand in Würzburg erfährt, daß ihr diese Fetzen getragen +habt, dann ist der Teufel los, und die ganze Stadt sieht euch über die +Nase an«, schimpfte der bleiche Kapitän und stülpte die Lippen nach +außen. + +»Da geh mal her, Käthl«, rief der Schreiber und band dem +grimassenschneidenden Fräulein Schlauch den Schleier fest am +Tannenzapfenhut. »So, Käthl, jetzt bist du eine feine Dame.« + +»Die wollen ins Hofbräuhaus«, schmollte des Schreibers Liebste, »ich +will aber erst ins Kaufhaus. Und Hutgeschäfte will ich sehen, alle +Hutgeschäfte.« Und mit einem Blick von unten herauf zu Sofie Meinhalt +schloß sie: »Ich bin doch Modistin.« + +Sie standen noch immer auf dem Platz. »Wo ist denn die große +Hofbäckerei? Mein Vater hat gesagt, die müßte ich ansehen.« + +»Das is jetzt Nebensache«, sagte der bleiche Kapitän zu seiner Braut. +»Aber daß hier die Leute genau so herumlaufen wie in Würzburg, das +wundert mich. Ich hab gemeint, hier in München hätten sie alle +Volkstrachten an . . . so Gebirglerstrachten. Seht einmal die, die hat +einen alten Kartoffelsack an.« Die Malerin in Sandalen und +Rupfenreformkleid ging, Brust voran, mit Männerschritten weiter. Ihr +langer, giftgrüner Schleier flatterte hinterher. Die Mädchen kicherten. +Alle sahen ihr nach. + +»Hoppla!« Im letzten Augenblick hatte der strahlende Oldshatterhand die +Rote Wolke vor dem Auto zurückgerissen. + +Die Mädchen durften vorankriechen, hinein in die Kammer Oldshatterhands. + +An der Wand hingen zwei lebensgroße Akte, ein Männer- und ein Frauenakt. +Die Mädchen sahen zum Fenster hinaus, in die Ecken, zu Boden, von unten +herauf auf die Räuber, die verlegen nach der nackten Frau schielten. + +»Liesl, bist du auch so schön wie die«, sagte der Schreiber in die +Stille. Die Modistin wandte sich zornig um und kroch aufheulend zur Tür +hinaus. Sofie Meinhalt ging ihr sofort nach, und gleich darauf drückte +sich auch Fräulein Schlauch zur Tür hinaus. + +»Warum hältst du aber auch dei Maul nit. Du weißt doch, wie Mädli sind.« + +»Hohaho!« Der Schreiber war verlegen. + +Des bleichen Kapitäns Lippen rollten wieder freundlich nach innen. »Aber +das hätt ich in meinem ganzen Leben nit geglaubt, daß du solche Sachen +malen kannst.« + +Falkenauge besah sich ganz nahe das Bein der Frau. + +»Mit Kohle gezeichnet, was?« fragte die Rote Wolke. »Hast du's fixiert?« + +»Ja.« + +»Das hab ich mir gedacht.« + +Die Räuber standen still um den Frauenakt herum. Sofie Meinhalt trat +ein. »Ihr müßt jetzt hinausgehen. Die Mädchen wollen sich waschen.« Die +Modistin wischte sich lächelnd die Tränen von den Augen. + +Die Räuber gingen den Gang vor bis zum Fenster und saßen auf den +Treppenstufen beisammen wie im Festungsgraben. + +»Warum ist denn die Kriechende Schlange nicht mitgekommen?« fragte +Oldshatterhand. + +»Die Kriechende Schlange? . . . Mein Lieber, mit dem kannst nimmer +verkehr. Was glaubst denn! Der steht am Vierröhrenbrunnen. Weißt . . . +ein Vierröhrenbrunnensteher.« + +»Ooooh!« sagte Oldshatterhand betroffen. Er redete den ganzen Tag fast +nichts mehr. + +Von unten stürmte jemand herauf, stieß die Kammertür auf und prallte +zurück vor den durchdringenden Mädchenschreien. »Also und hoppla! +. . . Also so eine Dummheit!« Der König der Luft ging nach vorne und +begrüßte die Räuber. Sein Kopf schoß vor. Die tiefe Falte war da. »Also +wie lang brauchen denn die Schneegäns noch. Bis zwölf Uhr hab ich nur +Ausgang. Also da verreckst . . . waschen! am hellen Tag. Was sagt ihr +dazu?« + +Auf der Straße ging Sofie Meinhalt voraus, Arm in Arm mit den Mädchen. +Nach dem Essen wollten die Räuber Kaffee trinken. + +Oldshatterhand führte sie in das kleine Künstlercafé. Fräulein Schlauch +hatte ihren Schleier wieder vorgebunden. + +Beim Eintritt zuckte der König der Luft vor einem eiligst abwinkenden +Infanterieleutnant zusammen und marschierte stramm an ihm vorbei, die +genagelten Kanonenstiefel auf das Linoleum knallend. Die Gäste fuhren +erschrocken auf. + +Wie in eine Schaubude schoben sich die Räuber im Trupp in das Café, +saßen still zusammengedrängt beim Fenster und blickten eine Weile +betroffen auf die sonderbaren Gestalten. Da mußte Sofie Meinhalt +lächeln, worauf alle Räuber in ein brüllendes Gelächter ausbrachen, daß +die Gäste fragend und entsetzt in die Höhe schnellten, während der König +der Luft die Räuber drohend anfunkelte und, das Kinn zur Tischplatte +geduckt, zum Offizier hinwies, der jedoch ruhig in seiner Zeitung +weiterlas. + +Der einsame Billardspieler, mit der Lodenpelerine lang und schmal am +Rücken, sandte kalte Blicke zum Räubertisch. + +Die Modistin sah mit runden Augen auf eine junge Malerin, die nebenan +auf der Polsterbank halb lag und durch die Nase rauchte. + +Wortlos reichte Fräulein Schlauch eine zierliche Münchener Semmel dem +bleichen Kapitän, der staunend den Kopf schüttelte und sie verächtlich +wieder zurücklegte ins Körbchen. »Davon verzehr ich dreißig Stück und +weiß dann noch nit amal, ob ich nur geträumt hab.« + +Der Fremde trat ein, begrüßte Oldshatterhand, der seine Freunde +vorstellte; zuerst die Mädchen, die aufstanden. Der Fremde setzte sich +an den Tisch dazu. + +Sprachlos geworden blickten die Räuber auf ein weißblondes Mädchen in +einem Kamelhaarsweater, barfüßig in Sandalen, das auf die Malerin zukam, +gefolgt von einem zwei Meter langen, ungeheuer dünnen Jüngling in einem +Mantel aus braunem Kanapeestoff. Der Mantel fiel ihm bis zu den Füßen +und war vorne mit einer Sicherheitsnadel zugesteckt. Der Lange hielt die +schmalen Schultern so hoch gezogen, daß sie im langen Lockenhaar +verschwanden, und trug eine große Rundgläserbrille mit Kautschuk gefaßt. +Neben dem König der Luft fiel er apathisch auf die Polsterbank. + +»Liebe beschmutzt nie! Ich kann meinen Körper geben, wem ich will«, rief +erregt das weißblonde Mädchen. »Mein Vater ist ein Trottel!« + +Die Räuber stupsten einander. Des Schreibers Gesicht lief blaurot an. +Seine Augen glotzten vor Anstrengung. Er hielt die Faust auf den Mund +gepreßt, pfutzte. Und lachte endlich krachend los. + +Der Pelerinenherr warf einen kurzen Blick auf den Schreiber, sah erst +interessiert dem Totlaufen der Billardkugel zu, und richtete sich streng +auf. »Bitte sehr! Sie sind hier nicht in einer Menagerie!« + +Der bleiche Kapitän stülpte die Lippen nach außen. + +»Also und, wart bis der Leutnant fort is.« + +»Ich weiß ja nit, wie Sie darüber denken«, wandte sich der bleiche +Kapitän an den Fremden, »aber wenn das Knochengerüst dort schreit: +Menagerie! -- da sagen Sie einmal selbst, ob ich diesem Gespenst nit das +Kreuz einschlagen soll. Überhaupt, wenn bei uns a Mädle sagt: >mein +Vater ist ein Trottel<, kriegt sie eine Maulschelle.« + +Der Pelerinenherr nahm den Billardstock quer vor den Leib und wandte +sich seinen Freunden zu: »Wissen Sie, daß es in Süddeutschland gärt? Im +Westen. Der Osten rührt sich. Das Rheinland . . . Eine geheime +Verbindung. Keiner weiß von der Existenz des anderen. Aber fluidisch +kennen sie sich alle. Ich habe die imponderablen Fäden in der Hand! +Ich!« + +Die Blonde machte mit den Händen hastige Klaviergriffe; ihre Augen +öffneten sich starr. »Ich denke in Oktaven -- ganz schnell! ganz +schnell! bis zurück, da ich ein Kind war . . . Jetzt sehe ich meine +Mutter durch den Sommergarten gehen«, flüsterte sie, »und mein weißes +Kleidchen von der Wäscheleine nehmen . . . Da war ich drei Jahre alt.« +Sie wachte auf. Der Lange strich ihr beruhigend-zärtlich über die Hände. + +Der Leutnant verließ das Café. + +»Also und, aber jetzt geben wir dem ein wenig Menagerie.« + +Da bot der Fremde dem König der Luft eine Zigarre an. »Sind Sie schon +oft mit hinaufgeflogen?« + +»Hn? . . . Also und, das hab ich auch geglaubt.« Er stand auf, streckte +das Bein wagerecht aus und begann den Kanonenstiefel zu kreisen. »Also +seit fünf Wochen Fußdrehen . . . Oder Ausschwärmen. Man rennt, was man +kann, bis der Unteroffizier schreit . . . Halt! Dann steht man und gafft +die Kasernenhofmauern an . . . Oder Kopfrollen.« Der König der Luft +rollte den Kopf. Die Zähne mahlten. Die tiefe Falte war da. + +»Also und, aber das Essen ist ausgezeichnet. Sooo ein Trumm Fleisch. Und +Kartoffeln, soviel man will . . . Alles was recht ist . . . Aber also +und, was machen wir denn jetzt mit dem da, von wegen der Menagerie?« +Alle blickten auf den Billardspieler. + +»Wenn wir noch rechtzeitig in den Zirkus kommen wollen, müssen wir aber +sofort gehen«, sagte der Fremde und stand auf. + +Nach der Zirkusvorstellung wurden Fräulein Schlauch und die Liebste des +Schreibers in ein Hotel gebracht. Die Räuber verabschiedeten sich vor +der Tür: sie schliefen in einem anderen Hotel. + +Am folgenden Morgen kam der bleiche Kapitän, kurz bevor der Zug nach +Würzburg abging, allein zu Oldshatterhand. Er war verlegen. »Weißt du +denn eigentlich, daß ich der siebzehnte Meisterschaftsathlet von +Unterfranken bin?« + +»Wie meinst du das? Siebzehnter?« + +»Nun, ich bin eben der siebzehnstärkste Mann von Unterfranken und +Aschaffenburg.« Er entkleidete sich. + +Oldshatterhand betrachtete als Maler den bleichen Kapitän. Die Beine +waren ein wenig zu lang, ein wenig zu dünn, und ein wenig O-geformt, und +schienen den kolossalen Oberkörper, weiß und hart wie Elfenbein, kaum +tragen zu können. + +Mit dem Gefühl, er sei in diesem Augenblick nicht mehr Oldshatterhand -- +sondern der Fremde, sagte Oldshatterhand bestimmt und mit einem +neuartigen Lächeln im Gesicht: »Du mußt der erststärkste Mann von +Unterfranken werden«, und empfand erschauernd die Distanz zwischen dem +nackten Jüngling und sich. + +Nach einigen Wochen kam ein begeisterter Brief aus Würzburg. Der bleiche +Kapitän war der fünfzehnte Meisterschaftsathlet von Unterfranken und +Aschaffenburg geworden. + +Die Rote Wolke war nicht mit den Räubern in die Heimatstadt +zurückgereist. Aufgeregt stand er bei Oldshatterhand in der Kammer und +rezitierte den Faustmonolog. Denn noch am selbigen Tage wollte er zu +Konrad Drauer gehen und ihm vorsprechen. + +Die Rote Wolke stapfte durch den verschneiten Englischen Garten. Seine +Lippen bewegten sich. Er blieb stehen, rezitierte laut und agierte mit +den Armen. Freude und Entschlossenheit erfüllte ihn, da er seine +Jugendjahre so gut zum Lernen der klassischen Dramen benutzt hatte. + +»Der Herr Hofschauspieler ist jetzt nicht zu sprechen.« + +»Ich habe schon an ihn geschrieben! Sagen Sie nur, Theobald Kletterer +ist da.« + +»Aber Sie haben doch die Equipage vom Herrn Hofschauspieler vor dem +Hause stehen sehen. Er kann jetzt keinen Besuch empfangen. Hat keine +Zeit.« + +»Soooo . . . Hofschauspieler ist der große Künstler . . . Ich bin extra +von Würzburg mit hierhergefahren. Es ist eine Entscheidung fürs ganze +Leben.« Er hob die Arme. + +Der Diener lächelte, kam gleich wieder zurück und ließ die Rote Wolke +eintreten. + +»Herr Hofschauspieler, mein Name ist Theobald Kletterer. Theobald +Kletterer aus Würzburg.« + +»Ja, und?« Konrad Drauer stand in den Frack eingezwängt, hob die +Augenbrauen und sah auf die Uhr. + +»Die Schauspielkunst ist eine göttliche Kunst. Sie gottbegnadeter +Künstler dürfen ihr dienen. Der göttlichsten Muse . . .« + +»Sie sind Gärtner? Nicht wahr?« + +»Ja . . . Ich will Ihnen den Faustmonolog vorsprechen, Herr +Hofschauspieler. Sie sollen mir sagen, ob man es besser machen kann als +ich.« Hingegeben stieß er die Arme nach rückwärts und begann. + +»Halt! Sind Sie aus Bamberg? Dort war ich auch einmal . . . vor +fünfunddreißig Jahren. Sie sprechen genau so wie der Bürgermeister von +Bamberg.« + +Die Rote Wolke ließ die Arme sinken. »Ich bin aus Würzburg.« Und begann +von neuem. + +Konrad Drauer schnitt die Spitze einer schwarzen Zigarre ab und faßte +die Rote Wolke am Rockknopf. »Sie sind zu klein für die Bühne. Viel zu +klein.« + +Der Mund stand offen, rund und schwarz. + +»Aber Sie sind Gärtner. Wieviel verdienen Sie denn als Gärtner?« + +»Meine Tante hat eine Gärtnerei und ein kleines Häuschen, das ich einmal +erben soll.« + +»Erben Sie! Erben Sie, mein Lieber! Glauben Sie mir, das ist +ausgezeichnet . . . Sie sind Gärtner. Bleiben Sie Gärtner. Sie haben Ihr +Auskommen. Hunderte Schauspieler, Tausende! hungern, verkommen. Es ist +ein Elend . . . Aber jetzt muß ich gehen. Ich bin zum Dejeuner +eingeladen. Grüß Sie Gott, Herr Kletterer. Keine Zeit mehr. Grüß Gott.« + +Die Rote Wolke wanderte zurück durch den Schnee, zog die Uhr. Und begann +zu rennen. In zwanzig Minuten ging ein Zug ab nach Würzburg. Es regnete +stärker, mit Frühjahrshagel vermischt. + +Er rannte durch die Regenseen der Kauffingerstraße, daß der +Schneeschmutz spritzte, und konnte gerade noch ins Coupé steigen, worauf +der Zug sich in Bewegung setzte. Und die Rote Wolke wußte nicht, ob der +salzige Geschmack auf der Zunge vom Regen, vom Schweiß oder von Tränen +kam. + + + + +Neuntes Kapitel + + +Oldshatterhand und der Fremde standen in der Höhe auf dem Kirchplatz von +Basel und sahen hinunter auf die Stadt und den Rhein. + +Ein langer, schmaler Schelch mit dem Schiffer schoß sehr schnell, vom +schmutzig-gelben Hochwasser stark abgetrieben, über den reißenden Strom. + +»Der Rhein ist gar nicht so kitschig, wie ihn Dichter und Maler den +Deutschen dargestellt haben«, sagte der Fremde in Gedanken. + +»Hier steht man genau so und sieht hinunter, wie auf dem Würzburger +>Käppele<. Nur ist dort alles kleiner. Der Rhein sieht gefährlich aus.« + +»Der Main ist lieblich,« sagte der Fremde. Er hatte Oldshatterhand zu +einer Italienreise eingeladen. + +Sie wandten sich um. Die alten Kastanien auf dem Kirchplatz hatten schon +braune, harzglänzende Knospen. Zusammengesunkener Altschnee lag noch in +den Ecken. Das Gebirge lag weißglühend unter der Sonne. + +Sie traten in die Kirche und kamen mitten in die Predigt hinein. + +»Gott ist überall!« rief der Pastor und schlug auf die Kanzel. »Gehet +hinaus in die Natur, und ihr werdet Gott schauen. Im Wald, in den +Wiesen, im Bach, in den Blümlein, im Gestein.« Seine Stimme war leiser +und weich geworden und schwoll jetzt wieder an: »Aber auch zu mir müßt +ihr kommen! Denn ich kann euch mit Gottes Hilfe den Bach und Wiesen +zeigen und Blumen, auch wenn draußen alles schläft unterm Schnee . . . +Kommet! In der Natur ist Gott!« Der Pastor schlug die Bibel auf. + +»In Würzburg reden die Priester anders in den Kirchen,« sagte +Oldshatterhand staunend, als sie wieder auf dem Kirchplatz standen. +»Ganz, ganz anders . . . Der Pastor hat schöne Dinge gesagt.« + +In den verschneiten sonnigen Tälern hing noch der Morgendunst. Den +beiden im D-Zug sprangen die Telegraphenstangen und schwarzen +Häuserflächen entgegen. Die Gebirgsketten der Alpen standen still. + +»Das Meer!« rief Oldshatterhand und schnellte mit einem Satz zum +Fenster. + +»Nein, das ist nur ein See.« + +»Nicht das Meer?« So ein großes Wasser hatte Oldshatterhand noch nicht +gesehen. + +Ganz langsam rückten die Berge näher. Die Täler wurden enger. Vom +Wagenfenster weg stieg die nasse Felswand senkrecht empor. + +Der Zug fuhr vom Schneetal ins Dunkel, hinein in die Nacht. Die Luft im +Tunnel war muffig vom alten Rauch. Dieser Tunnel kam Oldshatterhand +unwahrscheinlich lang vor, viel länger als die vorherigen. Da wurde es +heller -- und hell, und der Zug sauste mitten in den Frühling hinein. +Kein Schnee mehr. Blumen standen im Geleisegraben, und an den +dunkelfelsigen Abhängen blühten die Pfirsichbäumchen rosa. Rückwärts +stieg das weiße Gebirgsmassiv in die Höhe, und höher, und verschwand im +weißen Himmel. + +Oldshatterhand errötete immer wieder, weil er des unverhofften Frühlings +wegen froh war und seine Freude nicht verbergen konnte, und sah auf die +fremden, italienischen Häuschen, mit flachen Dächern, bemoost und +zerfallend. + +Plötzlich stand ein Mann mit einem Stelzfuß unter der Durchgangstür und +sang den Gästen der zweiten und dritten Klasse zur Gitarre. Er geriet in +Schweiß und sammelte dann. + +»Auf der Messe in Würzburg war jedes Jahr ein verunglückter +Bergwerksknappe und ließ ein kleines Kohlenbergwerkchen sehen. Der sah +genau so aus wie dieser Mann . . . Er hatte auch einen Stelzfuß und +sammelte. Sprach aber selten ein Wort.« + +Der Zug hatte gehalten und begann wieder zu fahren. Kleine Italiener, +Knaben und Mädchen, rannten barfuß auf dem mit Schuttsteinen bedeckten +Bahndamm neben dem Zug her und warfen Blumensträußchen durch die +Coupéfenster, in der Erwartung, ein Geldstück dafür zu erhaschen. + +Der Zug fuhr schneller, die Kinder rannten schneller, achteten die von +den spitzen Steinen verursachten Schmerzen nicht, und schleuderten ihre +Blumensträußchen, schon ohne Hoffnung, dem schwarzen Zug an die Seite. +Da flog ein Geldstück hinaus; alle stürzten sich darauf und bildeten +einen bewegten Haufen Hosen, brauner Fäuste und Füße, als der Zug schon +verschwunden war. + +Vereinzelte Vorstadthäuser von Genua flogen vorbei. + +»Was ist das?« + +»Das Meer.« + +»Das Meer?« Betroffen blickte Oldshatterhand auf den drohenden, grünen +Wasserstreifen, der so schmal war, daß er manchmal von den flatternden +Hemden und Windeln, die aus den Fenstern hingen, verdeckt wurde. Die +schmale und doch unabsehbare Weite des Wasserstreifens machte +Oldshatterhand stumm. Der Zug fuhr langsamer weiter. + +Da standen im Hafen unzählige Schiffsmasten gereckt und gespreizt in die +Luft, und das Meer wurde Oldshatterhand zum Meer. + +Hoch oben trotzte das Fort, und von ihm weg den Berg hinunter, bis zum +schiffgefüllten Hafen, lag in der Sonne die mächtige, weiße Stadt Genua. + +Ein barfüßiger Italienerjunge mit einem Pack Zeitungen unterm Arm +schritt auf dem Perron am staubigen Zug entlang und sang: »Co . . . rri +. . . ere Della Sera. Corriere Della Sera. Corriere Della Sera.« + +»Das klingt wie ein schönes Lied«, sagte Oldshatterhand und lächelte, +weil ein Dutzend Gepäckträger kindlich vorgebeugt standen und mit dem +Zeigefinger auf ihre Brust deuteten: »Si Signore? Si Signore? . . .« + +Sie fuhren in einer offenen Droschke, überdacht von einem rot und weiß +gestreiften Riesensonnenschirm, durch die vom Korso belebte Hauptstraße, +bis zu einem der alten Paläste. + +Als sie das hohe Bogenportal betraten, wo die von der Decke hängende +große Ampel schon brannte, obwohl es noch hell war, reichte der Portier +dem Fremden ein Telegramm. + +»Ich muß noch heute weiterreisen. Tief hinunter nach Spanien. Zu meinem +Freund.« + +Außer der alten Frau mit dem Schlüsselbund, dem Koch und dem Portier war +Oldshatterhand allein im stillen Palast. Er bewohnte einen gewaltigen +Salon, und an dem vergoldeten, zwei Meter breiten Himmelbett im +Schlafzimmer hingen schwere Portieren. Manchmal hörte er den +Schlüsselbund klingen und verklingen. + +Im Garten auf das Meer hinaus blühten die Magnolienbäume. Und die +Sirenen erklangen unaufhörlich im nahen Hafen. + +Oldshatterhand dürfe im Palast wohnen, solange er Lust habe. Den ganzen +Sommer über, auch wenn der Fremde nicht mehr zurückkehren könne. + +Am dritten Tage saß Oldshatterhand wieder auf der Taurolle im sonnigen +Hafen. Neben ihm saß wieder reglos der alte Neger mit den weißen +Wollhaaren an der Brust und sah mit seinen Sammetaugen aufs Meer hinaus, +in der Richtung nach Afrika. Oldshatterhand gab ihm eine Zigarette. + +Die kleinen Schleppdampfer tuteten und schossen zwischen den +Schiffskolossen durch, kreuz und quer und unaufhörlich und schnell wie +Wasserinsekten. + +Eine Schar Auswanderer hockte auf Bündeln und Bettstücken. Die Männer +warteten und rauchten. Einer zielte immer wieder mit Tabaksaft auf eine +Orangenschale, die im schmutzigen Hafenwasser schaukelte. Seine junge +Frau ließ ihr Kind trinken, und der weißhaarige Großvater döste vor sich +hin. Elegante Fremde, von Gepäckträgern mit schönen gelben Koffern +gefolgt, hasteten zum Schiff. Drei chinesische Matrosen in weißen +Leinenanzügen und mit schwarzen Zöpfen kamen Arm in Arm aus der +Hafenkneipe und schaukelten auf der Holzbrücke, welche die Kaimauer mit +dem Schiffskoloß verband. + +Oldshatterhand blieb sitzen, bis die Brücke eingezogen wurde. Die +Auswanderer, in einen bunten Saum von Not und Hoffnung zusammengedrängt, +blickten vom untersten Stock des Schiffes hinunter in den Hafen auf die +Zurückbleibenden. + +Ein kleiner Wasserschießer war verbunden worden mit dem Schiffskoloß, +der schwerfällig zu schaukeln begann und von der Kaimauer wegbrach, als +das Tau sich straffte. Der kleine Wasserschießer ereiferte sich, +geiferte, zischte und schrie und schleppte den Koloß, der sich kaum +sichtbar vorwärts bewegte, zwischen den verankerten Meerriesen durch, +während die Auswanderer reglos standen und auf das allmählich +entgleitende Hafenbild zurückblickten, bis sie nichts mehr unterscheiden +konnten. + +Der Hafen sah ihm ganz verändert entgegen, als Oldshatterhand seine +Augen endlich von den fernen Rauchfladen des ausgefahrenen Dampfers +losriß und neben sich auf die Stelle blickte, wo das Schiff gelegen +hatte. Da war jetzt eine weite Wasserfläche, ein großes dunkles Loch +zwischen den verankerten Kolossen, und Zeitungsfetzen, Obstabfälle, ein +Weidenkorb schaukelten auf der schmutzigen, zerrissenen Schaumhaut. Der +alte Neger saß noch immer reglos und starrte nach Afrika. + +Oldshatterhand saß zusammengesunken neben ihm. Wie in seiner Kinderzeit +hatte ihn unvermittelt schwere Traurigkeit befallen, deren Ursache er +nicht kannte. Etwas Unbekanntes zog ihn zur Kaimauer hin, schloß ihm die +Augen, wie damals, als er im Galopp auf dem Geländer über die alte +Brücke in Würzburg gesprungen war. Seine Knie wurden schwach vor +Todesangst, denn er empfand den unerklärlichen Zwang, sich wehrlos ins +schwarze Hafenwasser sinken zu lassen. Stöhnend bog er den Oberkörper +vom Wasser weg und schwankte zurück. + +Die Alte mit dem Schlüsselbund kam lautlos in den Salon, lächelte und +gab Oldshatterhand einen Brief. »Una lettera, Signore.« Sie zündete die +drei Kerzen im Standleuchter an, lächelte und ging. + +Franziskus Grünwiesler schrieb -- er habe sich nach Oldshatterhands Rat +vor seine Tante hingestellt, mit dem Revolver in der Hand, und gesagt: +Wenn du mich anzeigst, erschieße ich mich. Da habe sie ihn abreisen +lassen, ihn aber so hinterhältig böse angeblickt, daß er mehr denn je in +Angst sei und ständig in der fürchterlichen Erwartung lebe, plötzlich +verhaftet zu werden. Oldshatterhand solle um der treuen Freundschaft +willen, die sie miteinander verbinde, gleich nach München zurückkommen, +damit er sich endlich mit einem Menschen aussprechen und beraten könne, +was zu tun sei. Er möchte am liebsten von den sechstausend Mark ein +altes Häuschen kaufen, irgendwo in der Welt, und dort auf immer mit +Oldshatterhand zusammen leben und arbeiten. Eine feste Adresse habe er +nicht, aus Angst, von der Polizei gesucht und gefunden zu werden. +Oldshatterhand solle in die Alte Pinakothek kommen, dort kopiere er den +ganzen Tag. »Ich bitte Dich, verbrenne diesen Brief sofort.« Dieser Satz +war unterstrichen. + +»Erschieße ich mich . . . _vor deinen Augen_, habe ich geschrieben«, +sagte Oldshatterhand langsam. Und zu dem Druck, der während des Lesens +immer beklemmender sich ihm aufs Herz gelegt hatte, kam die Reue. Die +aber den Druck löste, weil sie ihn die vergangenen Ereignisse noch +einmal überblicken ließ. Er horchte in sich hinein, wurde ruhiger und +sagte im stillen zu sich und Grünwiesler: »Schließlich darf eben doch +kein Mensch, wer er auch sei, einem andern etwas wegnehmen.« + +Aber schon während er packte, entschwand ihm das klare Bewußtsein wieder +-- weshalb ein Mensch dem anderen nichts wegnehmen dürfe, unversehens +wie ein Traum, von dem einem beim Erwachen nur ein paar Fetzen ohne +jeden Sinn und Zusammenhang geblieben sind. + +Noch am selbigen Tage fuhr er ab von Genua, wo er den ganzen Sommer lang +hatte bleiben wollen. + +Und als er den Rhythmus des Zuges zusammen mit dem Klopfen seines +Herzens empfand, wanderte sein Ehrgeiz auf die andere Seite des Lebens +hinüber, und er schloß seinen Wachtraum mit dem Gedanken: es kommt eben +auf den Menschen an. Qualität und Kraft entscheidet. Napoleon schritt +über hunderttausend Leichen weg auf sein Ziel los. »Und ich bin +vielleicht noch größer als Napoleon!« rief er in steigender Begeisterung +und legte beide Hände in die Hüften. + +»Niente Napoleone«, erwiderte ein alter Italiener und deutete auf ein +graues Schloß, »una castello Genova.« + +Oldshatterhand dachte daran, daß der bleiche Kapitän gesagt hatte: Kraft +ist die Hauptsache auf der Welt! und lächelte bei dem Gedanken -- daß +des bleichen Kapitäns Kraft und seine Kraft zweierlei seien. + +Der Rest von den neunzig Mark, die Oldshatterhand sich als Klinikdiener +erspart hatte, um, wie er glaubte, damit ein berühmter Maler werden zu +können, hatte gerade noch für die Rückfahrkarte gereicht. + +Er fuhr die ganze Nacht durch und kam gegen Mittag in München an. Da lag +Neuschnee. Und auf der Fahrstraße spritzte das schmutzige Schneewasser +hoch, als Oldshatterhand sie überquerte. Aber er hatte Italien in seinen +Augen, und wenn er sie schloß, konnte er auf der Taurolle neben dem +alten Neger sitzen, roch er die Sonne, den Teer und den Wassergeruch des +Hafens von Genua. + +Seine Kammer war noch nicht vermietet; er packte aus und ging sofort in +die Alte Pinakothek. + +Grünwiesler in Kniehosen stand auf der Leiter vor der Susanna von van +Dyck und äugte angestrengt auf seine Kopie und zurück aufs Original, sah +auf und stierte erschrocken Oldshatterhand an. Mischte aber noch einmal +Farbe auf der Palette und verzog dabei die Lippen wie sein Freund +Immermann, was Oldshatterhand erstaunt beobachtete. Dann erst stieg +Grünwiesler von der Leiter herunter und hieb, in sich hineinkichernd, +Oldshatterhand die Hand auf die Schulter: »Da bist du ja. Das war lieb +von dir.« + +Oldshatterhand konnte sich nicht freuen. Er hing dem Lippenverziehen +Grünwieslers nach und fühlte einen Knoten in seiner Brust. »Die Stirn +ist zu hoch«, sagte er und deutete auf die Kopie. + +»Meinst du?« Er verglich. »Du hast recht.« Und stieg wieder auf die +Leiter. + +Oldshatterhand wurde es leichter, weil er den Fehler entdeckt hatte. +»Wollen wir nicht fortgehen? Hier können wir ja nicht sprechen.« + +»Ja, gleich. Ich will nur erst Bratmund holen. Er kopiert hinten im +Murillosaal.« + +»Den können wir doch jetzt nicht brauchen.« + +Grünwiesler neigte den Kopf schulterwärts und sah Oldshatterhand mit +seinem Kanarienvogelblick an. »Ich hab's ihm versprochen. Er ist ein +guter Kerl. Ich hole ihn gleich. Warte ein bißchen.« + +Oldshatterhand setzte sich auf die Polsterbank und sah auf die Susanna +von van Dyck, ohne etwas zu sehen. Der Druck war wieder da. + +Die beiden kamen zurück. Der Maler Bratmund hatte aufgeworfene Lippen, +eine Stülpnase, und seine hohe Stirne war trotz der vielen Falten +ausdruckslos, wie die eines unheilbar Verblödeten. + +»Jetzt gehen wir essen«, sagte Grünwiesler und lachte fröhlich. Und auf +der Straße sagte er: »Jetzt, was meinst du eigentlich zu der ganzen +Sache? . . . Wo soll das Häuschen stehen? Im Spessart?« + +Oldshatterhand stieß heimlich Grünwiesler an, der in der Mitte ging, die +Augenbrauen in die Höhe zog und beiden die Hand auf die Schulter legte. +So gingen sie weiter. + +Oldshatterhand wurde lustig. »Wir lassen das alte Häuschen ganz umbauen, +machen eine Lambrie aus braungebeiztem Eichenholz ums ganze Zimmer +herum, und darauf stellen wir gemalte Teller, alte Krüge und +Zinngeschirr . . . Es muß natürlich auch ein Obstgarten dabei sein.« + +»Waaas Häuschen? Dazu gehört Geld. Habt ihr denn Geld zu einem Haus?« + +»Wir haben Geld. Es kommt eben darauf an, wer sich ein Häuschen kaufen +will . . . Es kommt nur darauf an, ob man das Recht dazu hat.« +Oldshatterhand lachte siegesbewußt. Grünwiesler lachte in sich hinein +und drückte Oldshatterhand die Schulter. + +»Das Recht hätte ich auch. Aber kein Geld.« + +»Wir haben aber Geld, weil wir das Recht dazu haben. Das können Sie +nicht verstehen.« Oldshatterhand reckte sich auf und stemmte die Hände +in die Hüften. »Jetzt essen wir, und dann wollen wir weiter sehen +. . . Ich habe aber gar nicht mehr so viel Geld, um ein Mittagessen +kaufen zu können.« + +Grünwiesler sah Oldshatterhand liebevoll an. »Du bist eingeladen.« + +Sie traten in den Schelling-Salon ein, wo viele essende Studenten saßen, +und setzten sich an einen runden Tisch mitten ins Lokal. + +Die beiden aßen schon an ihrem Menü zu achtzig Pfennig; Oldshatterhand +hatte keinen Appetit, suchte immer noch auf der Speisekarte und +bestellte eine Hummermayonnaise. Die kostete eine Mark dreißig Pfennig. +Grünwiesler sah den Maler Bratmund an. Der lächelte verstohlen. + +»Wir werden immer im Häuschen leben und kolossal arbeiten.« + +»Du und ich, wir halten zusammen«, erwiderte Grünwiesler und hieb +Oldshatterhand die Hand auf die Schulter. + +»Wir werden viele Bilder malen und sie auf alle Ausstellungen schicken. +Kopieren darfst du nicht mehr so viel. Das ist doch nicht das Richtige. +Kopieren kann jeder.« + +Er schob die Hummermayonnaise zurück. »Ich hab keinen Appetit.« + +Grünwiesler wurde blaurot im Gesicht und schrie plötzlich: »Jetzt halt +ich's nicht mehr aus! . . . Meinst du denn wirklich, ich hätte meiner +Tante ihre sechstausend Mark gestohlen!« Er starrte Oldshatterhand an. + +Der atmete nicht und hatte die Empfindung, mit kühler Luft ausgefüllt zu +sein bis zum Gaumen. »Du hast die sechstausend Mark nicht? . . . Warum +hast du mir denn dann geschrieben, als ich von allem noch gar nichts +wußte, du hättest die sechstausend Mark genommen?« + +Grünwiesler balancierte immer noch das Stück Goulaschfleisch auf der +Gabel und starrte Oldshatterhand immer noch an. »Ich wollte eben +erfahren, was du mir darauf antwortest. Verstehst du?« Er lachte und sah +Bratmund an. + +»Aber warum hast du mich denn aus Italien zurückkommen lassen, damit ich +dir helfe? Das hättest du doch dann nicht zu tun brauchen . . . Ich +wohnte in einem Palast.« + +»Warum? . . . das wirst du schon sehen. Ich will dir einmal sagen, was +_du_ nicht hättest tun dürfen . . . Du hattest neunzig Mark, und hast +mir den ganzen Sommer über im Spessart nichts davon gesagt und dich von +mir erhalten lassen. Du bist ein ganz gemeiner Kerl. Und ich Esel +glaubte, du wärst mein Freund.« + +»Ich bin kein ganz gemeiner Kerl«, flüsterte Oldshatterhand. »Ich wollte +doch mit den neunzig Mark Maler werden. Wer hat's dir denn gesagt, daß +ich neunzig Mark besaß? Die waren doch daher, weil ich einmal ein Bild +verkauft habe, auf der alten Brücke in Würzburg.« + +»Ich will dir einmal etwas sagen.« Grünwiesler schob den Goulaschbrocken +in den Mund. »Wenn nicht einmal deine eigene Mutter mehr an dich glaubt, +dann . . . na weißt du. Sie hat den Brustbeutel mit den neunzig Mark +eines Tages in deinem Strohsack gefunden und kam ganz verheult zu +Immermann gelaufen und erzählte ihm, was du für ein gemeines Bürschchen +bist, weil du einen Haufen Geld hast, während sie und dein Vater sich +vor Sorgen nicht retten können . . . Immermann hat mich daraufhin +endlich aufgeklärt, was du eigentlich bist. Da hast du's. Und jetzt +verschwinde.« + +»Maler wollte ich werden. Ich wollte doch Maler werden mit den neunzig +Mark . . . Ich verdiene doch später viel Geld und gebe dir alles zurück. +Warum hast du mir denn diese Briefe geschrieben, geschrieben, daß du das +Geld nehmen willst, und daß du das Geld genommen hast, und daß ich dir +raten und helfen soll. Und warum hast du mich von Italien zurückgerufen. +Sag mir doch. Bist du denn nicht mehr mein Freund . . . Was soll denn +jetzt sein.« + +»Das wirst du schon sehen.« + +»-- -- -- Du hast mich angezeigt«, flüsterten Oldshatterhands weiße +Lippen. Hilfesuchend sah er Bratmund an, der lächelnd auf seinen Teller +blickte. + +»Was denn anders! . . . Kannst du vielleicht in Italien verhaftet +werden? Nein. Aber hier in München. Deinen feinen Brief und deine +Photographie hat der Staatsanwalt.« + +»Deshalb hast du mich von Italien zurückgerufen, damit ich verhaftet +werden kann? . . . Das alles hat Immermann sich ausgedacht. So gemein +ist außer ihm kein Mensch«, sagte Oldshatterhand langsam. + +»Immermann ist mein bester Freund. Mein einziger Freund. Aber du hast +geglaubt, ich sei ein Tölpel!« + +Oldshatterhand sah auf die essenden Studenten und ging langsam durch das +Lokal und hinaus. Der Dienstmann davor hob die Hand zur Mütze. + +Oldshatterhand ging durch den Schnee; er konnte weder Grünwiesler noch +Immermann hassen, denn es fehlte ihm dazu die Kraft. Die Sehne der Kraft +war ihm entzweigeschnitten worden. Er atmete mühsam durch den weit +offenen Mund. »He?« fragten seine schlaffen Lippen bei seinem +vergangenen Leben an, und er schüttelte langsam den Kopf -- er wisse +nichts. + +Oldshatterhand begriff nichts, fühlte keinen Druck in der Brust, litt +nicht. Seine Empfindungsfähigkeit war niedergeschlagen. Mit den +Fingernägeln versuchte er, sich in die Wange zu zwicken, und hatte nicht +so viel Kraft, Schmerz zu erzeugen. »Frieren wäre wunderbar«, dachte er +und lächelte zart. Er setzte sich auf eine Bank in den Anlagen. Es war +sehr kalt. Er öffnete Mantel, Rock und Weste, schloß die Augen und blieb +reglos hocken. + +Allmählich kehrte die Empfindung zurück, denn er empfand, daß er seine +Fußzehen und später die Beine bis über die Knie herauf vor Kälte nicht +mehr fühlte. Er genoß, wie die Kälte ihm durchs Hemd drang, rührte sich +nicht und sah auf seine reglos liegenden, rot gefrorenen Hände hinunter. +Irgendeine Stelle in seinem Innern war heiß. Und er glaubte, da jetzt +sein ganzer Körper vor Kälte leblos war, daß die heiße Stelle in ihm +seine Seele sei. Während sein Körper vor Kälte mehr und mehr abstarb, +beobachtete er seine immer heißer werdende Seele -- beobachtete er das +Fieber, das er für seine Seele hielt, bis das Fieber einen Hitzeschauer +abstieß, der ihm durch den ganzen Körper flog. + +Automatisch, ohne daß er es wollte und wußte, stand er auf und stampfte +rhythmisch den Boden, stieß die Fäuste in die Luft. Immer wilder +werdend, tanzte er stampfend im Kreise herum. + +Der vermummte Droschkenkutscher auf dem Bock lachte lautlos in sich +hinein. Oldshatterhand sah ihn an, knöpfte seine Kleider zu und ging in +der Richtung nach seiner Kammer. Unvermittelt saß der Druck wieder unter +seinem Brustbein über der Magengrube, wo das Gewissen seinen Sitz hat. +Er sah die Gassen und Kirchtürme von Würzburg. >Es wird in den +Würzburger Zeitungen stehen<. Sein Vater kam verschwitzt von der Arbeit +zurück. »Ruhig!« brüllte der Vater und stieß die Zeitung vom Tisch. Die +Räuber lächelten verlegen und drückten sich an ihm vorbei. -- Der kann +jetzt mit der Kriechenden Schlange am Vierröhrenbrunnen stehen, hörte er +den Schreiber sagen. »Ich? Vierröhrenbrunnensteher?« schrie +Oldshatterhand. Da sah er sich als Knabe, eingehängt bei seinem Vater, +durch den abendlichen Wald marschieren, mit dem Würzburger Gesangverein. +Der ganze Verein pfiff: »Wenn die Schwalben wiederkommen.« + +Das Bild aus seiner Jugend versank; rasch ging Oldshatterhand weiter und +pfiff gedankenlos »Wenn die Schwalben wiederkommen«. + +»Die wer'n schau'n!« schrie ein Bäckerjunge mit einem Henkelkorb. +Oldshatterhand schrak zusammen, zog die Schultern in die Höhe und eilte, +mit seinen Gedanken in Würzburg, schnell bis vor seine Kammertür, kroch +unter dem Tisch durch und saß auf dem Bett. + +Tagelang saß Oldshatterhand fast nur auf dem Bett und dachte. Wollte an +seine plötzliche Einsamkeit nicht glauben und führte Gespräche mit +Grünwiesler. + +Bis die Wirtin die Klagezustellung auf den Tisch legte und er den Satz +las: In Sachen Franziskus Grünwiesler erhebt die Staatsanwaltschaft von +München Klage gegen den Maler Michael Vierkant wegen versuchter +Aufforderung zu räuberischer Erpressung. + +Da rannte er die Treppe hinunter. Und prallte zurück vor dem Tageslicht. +Ganz langsam ging er weiter, sah an den Häusern hinauf. Eine Frau schrie +aus dem vierten Stock herunter: »Hansl! Ha -- -- nsl!« Er beobachtete +den Jungen, der Kuchen aus Schneeschmutz machte, zu seiner Mutter in die +Höhe blickte und ins Haus trippelte. + +Ein Schutzmann schritt langsam vorüber. + +»Marroni! Heiße Marroni!« lud ein italienischer Straßenverkäufer ein und +hob den Zeigefinger. »Feine Marroni! Fünf Pfennig!« + +Oldshatterhand trat zum Italiener und beobachtete den Schutzmann. »Si +si, Signore.« Der Schutzmann ging vorüber. Da ging auch Oldshatterhand +weiter, versuchte die Kastanien; Ekel schüttelte ihn; er sah sich +vorsichtig um und ließ sie in den Schnee fallen. + +Am Ende der Straße blieb er stehen, sah auf einen schnurrbärtigen Mann +in schwarzem Überzieher, der auf seinen Spazierstock mit Stahlspitze +hüftlings gestützt stand, auf die Trambahn wartete und zu Oldshatterhand +hinüberblickte. + +»Das ist ein Detektiv. Ein Verdeckter«, flüsterte Oldshatterhand, und +sein Herz stand still. »Gerade weil er so unauffällig aussieht.« + +Rückwärts gehend schob er sich bis zu einem Schaufenster, in dessen +Spiegelglas er den Mann sehen konnte, der schräg über die Straße +schritt, in der Richtung auf Oldshatterhand zu. + +Alle Muskeln angespannt, ging Oldshatterhand unauffällig weiter, nicht +zu schnell, bis an die Ecke, und begann zu rennen. + +Der Mann stieg in die Elektrische. + +Während des Rennens fiel Oldshatterhand der Schnelläufer vom Würzburger +Sanderrasen ein; da zwang er sich, gleichmäßig zu laufen, mit zur Brust +hochgenommenen Armen. + +Außer Atem langte er in seiner Kammer an. Da lag ein zweiter Brief. Eine +Vorladung ins Justizgebäude, Zimmer Nr. 86. + + * * * * * + +Doktor Karl Robert, Gerichtspsychiater, stand auf dem Türschild. + +»Ich heiße Michael Vierkant.« + +Der Herr mit schwarzem Spitzbart und Brille stand auf, wies auf einen +Stuhl am Schreibtisch, setzte sich dazu, legte einen Maßstab auf die +Aktenmappe, nahm ihn wieder weg, blätterte. »Sie haben da einen Brief +geschrieben. Einen recht leichtsinnigen Brief.« + +Unversehens war es Oldshatterhand gut zumute geworden, und nur die +Überlegung -- er würde vielleicht sein gutes Gefühl aus sich +herauslächeln und wieder den Druck empfinden, hielt ihn ab, zu lächeln. + +»Erzählen Sie einmal: wie war die Sache?« Der Arzt beobachtete +Oldshatterhand unmerklich und scharf, und es schien, wie wenn er etwas +ganz anderes in Erfahrung bringen wolle, als das, wonach er fragte. + +»Der Maler Immermann steckt dahinter«, begann Oldshatterhand und machte +eine Handbewegung um den Arzt herum in die Zimmerecke. »Sehen Sie, Herr +Doktor, Grünwiesler hatte ein Bild gemalt, ein sonnenbeschienenes +Dörfchen, das inmitten von Grün lag. Er zeigte es dem Bürgermeister, +einem alten Bauern. Der nahm das Bild in die Hände, besah es genau, ganz +genau, ging damit in die schattige Zimmerecke -- aber die Sonne auf dem +Bild wollte nicht verschwinden. Er hielt es so, und so, bis ihm +Grünwiesler sagte: die Sonne auf dem Dörfchen ist gemalt. Das konnte der +Bürgermeister gar nicht begreifen . . . Und da dachte ich mir, Herr +Doktor, nicht das Kloster, sondern Grünwiesler, der so ein Bild malen +konnte, solle die sechstausend Mark bekommen.« Oldshatterhand schloß die +Hand, wie wenn er etwas gefangen hätte. + +Der Arzt beobachtete ihn scharf. Oldshatterhand sah, daß des Arztes +linke Augenbraue in gewissen Zeiträumen zuckte. Er hätte nicht sagen +können, weshalb ihm dieses Zucken Vertrauen eingab. Er wartete sogar auf +das Zucken. »Grünwiesler trägt einen Klemmer und hat gütige Augen +. . . Immer wenn er verlegen ist, neigt er den Kopf zur Seite . . . So, +dachte ich mir, stellt er sich vor seine Tante hin und sagt: Wenn du +mich anzeigst, erschieße ich mich vor deinen Augen . . . Wenn der Maler +Immermann diesen gemeinen Plan nicht ausgeheckt hätte, nur um mich +unglücklich zu machen, ich meine, wenn die Geschichte von Anfang an wahr +gewesen wäre, hätte Grünwiesler sich erschossen . . . Und darauf kommt +es doch ganz allein an . . . Grünwiesler ist ein guter Mensch; da kommt +Immermann und sagt: so und so -- und Grünwiesler ist auf einmal ein +schlechter Mensch . . . Ich begreife es ja selbst nicht. Aber +Grünwiesler wäre vielleicht immer ein gutmütiger Mensch geblieben, sein +ganzes Leben lang, wenn Immermann nicht so und so gesagt hätte . . . Das +denke ich.« + +Ein Beichtdrang überkam Oldshatterhand. Zurückdenkend sagte er: »Ich +glaubte, ich würde etwas von dem Geld bekommen. Vielleicht tausend +Mark.« Und er hatte dabei das Gefühl, auf einem dünnen Silberdraht über +einen Abgrund zu laufen. + +Der Arzt holte die Photographie Oldshatterhands aus der Aktenmappe +hervor. »Warum haben Sie denn dem Herrn Grünwiesler Ihre Photographie +geschickt?« + +Oldshatterhand starrte auf seine Photographie. ». . . Hat er also +wirklich Ihnen mein Bild gegeben! . . . Grünwiesler bat mich in dem +Brief, ich solle ihm mein Bild senden; er wolle wieder einmal das +Gesicht eines Freundes sehen . . . Und hat dann meine Photographie der +Polizei übergeben. Jetzt sagen Sie einmal selbst«, schloß er langsam. + +»_Sie_ haben dem Herrn Grünwiesler doch dazu geraten, er solle seiner +Tante die sechstausend Mark wegnehmen?« + +Oldshatterhand sprang auf. »Ich? . . . Ah!« rief er langgezogen und +wühlte in seinen Taschen nach dem Brief Grünwieslers. »Hier! Sehen Sie! +Hier können Sie's lesen! Ich wußte von gar nichts. Er schreibt selbst: +Ich habe die sechstausend Mark an mich genommen und lebe in +schrecklicher Angst. Meine Tante zeigt mich gewiß an. Gib mir einen Rat, +was soll ich tun. Dein lebenslänglicher Freund . . . Und dann hat _er +mich_ angezeigt. Ich weiß jetzt alles! Das hat er absichtlich mit +Bleistift geschrieben . . . Und wissen Sie warum? Er schrieb, ich solle +ihm seinen Brief umgehend zurücksenden . . . Dann hätte er das +ausradiert. Ich hab aber vergessen, den Brief zurückzusenden . . . +Wissen Sie, ich hab sehr gern, wenn Ordnung ist . . . in meinem Zimmer +zum Beispiel. Aber ich selbst . . . ich bin unordentlich . . . furchtbar +unordentlich. Hier ist der Brief. Lesen Sie ihn.« Oldshatterhand glühte. +»Und den zweiten Brief, hat er geschrieben, soll ich verbrennen. Jetzt +weiß ich, warum er das gewollt hat . . . Ich hab ihn auch tatsächlich +verbrannt.« + +»Der Brief, den Sie an Herrn Grünwiesler gesandt haben, ist sehr +unleserlich geschrieben. Man könnte Ihren Brief auch so lesen: Wenn Du +mich anzeigst, erschieße ich _Dich_.« + +»Mich! Mich! heißt es natürlich«, rief Oldshatterhand und lachte sein +irrsinniges Lachen ». . . Erschieße ich _dich_? . . . _Vor deinen +Augen_? . . . Das geht ja gar nicht. Hi! hihiha! . . . Vor deinen +Augen.« + +»Auch so, auch so ist's schlimm«, meinte der Arzt, und es klang, wie +wenn er gesagt hätte -- Grünwiesler ist ein Lump, aber Sie werden +bestraft. Der Arzt spielte mit dem zusammenklappbaren Meterstab, stellte +Drei- und Vierecke -- einen Galgen. Da stand Oldshatterhand unvermittelt +auf und bewegte sich, rückwärts gehend, zur Tür. Ganz plötzlich saß die +Last wieder über seinem Herzen. »Und dann -- es war ja auch so +furchtbar, daß ich die Hummermayonnaise nicht bezahlen konnte. Adieu«, +sagte er, noch bevor ihn der Arzt entlassen hatte, und ging, den Blick +suchend ins Zimmer gerichtet, hinaus. + +Durch die Gänge eilten Männer in schwarzen Talaren. Eine Tür wurde +aufgerissen, ein Diener trat heraus, schnell, riß die Tür zu und schloß +sie ganz leise. Oldshatterhand schlug Goulaschgeruch in die Nase. +»Letzter Hieb«, sagte er. + +»Wie?« fragte der Diener. + +»So heißt ein steiler Berg bei Würzburg.« + +»Granat!« rief eine Männerstimme. Der Diener schnellte herum und ging +wieder ins Zimmer. + +»Das war nur Sportfexerei, daß der damals auf dem Fahrrad mit neunziger +Übersetzung den Letzten Hieb hinaufgefahren ist.« + +Er hörte feste, hallende Schritte, blieb stehen und horchte. + +Die Schritte verhallten wieder. Eine Tür schlug zu. + +»Einen Meterstab kann man verstellen, zu einem Viereck, zu einem Galgen +. . . Man müßte einen Zirkel konstruieren, mit dem man Ovale ziehen +kann. Einen Ovalzirkel. Das wäre eine Erfindung«, dachte Oldshatterhand; +er stand noch immer an der selben Stelle. + +Der Diener trat mit Vehemenz wieder aus dem Zimmer und schloß die Tür +leise. + +»Da wurden früher die Verbrecher gehängt -- an den Galgen. Auf dem +Letzten Hieb . . . Erschieße ich _dich_? Was! Nein! Erschieße ich +_mich_! Mich! hab ich geschrieben«, schrie er und stürzte mit ein paar +Sprüngen zurück zum Arzt, riß die Tür auf und stand im Ausfall ins +Zimmer hinein, ohne die Türklinke loszulassen. »Erschieße ich _mich_! +Mich! hab ich geschrieben. Ich erschieße _mich_!« rief er drohend und +schloß, sich dabei aufrichtend, die Tür. + +Als er das Justizgebäude verlassen wollte, holte ihn ein Gerichtsdiener +ein und führte ihn zum Arzt zurück. + +Der saß aufgestützt am Tisch und betrachtete die Photographie +Oldshatterhands, wie ein Vater das Bild seines Kindes ansieht. »Würden +Sie noch einmal so einen Brief schreiben? . . . Setzen Sie sich noch ein +bißchen.« + +Oldshatterhand legte die Hand in die Hüfte, sah sinnend zur Zimmerdecke +in die Höhe und dann auf den Arzt. »Das weiß ich nicht«, sagte er +gedehnt. »Man tut mir unrecht. Aber daß man mir unrecht tut«, schloß er +mit zuckenden Lippen und lächelnd, »das halte ich aus.« + +Der Arzt antwortete nicht, sah Oldshatterhand nur still und aufmerksam +an und spielte mit der Photographie, stellte sie auf, betrachtete sie, +ließ sie umfallen. Während dieser Stille dachte Oldshatterhand daran +zurück, daß er als Lehrjunge, anstatt einfach seinen Hut aufzusetzen und +davonzulaufen, erst zum Meister Tritt gegangen war und sich den Schlag +ins Gesicht geholt hatte. Und er sagte zum Arzt: »Die Polizei weiß, wo +ich wohne. Sie muß kommen. Ich warte . . . Ich brenne nicht durch. Ich +halte lieber alles aus.« Er sah den Arzt an. »Jetzt gehe ich. Adieu.« + +»Ist das die einzige Photographie, die Sie von sich haben?« + +»Ich hab nur diese noch. Kann ich sie vielleicht bekommen? . . . Sie +gehört doch eigentlich mir.« + +»Nein, Herr Vierkant, die Photographie muß bei den Akten bleiben.« + +»Bei den Akten?« fragte Oldshatterhand, und seine Mundhöhle wurde +trocken. Die Angst sprang ihn an. Der Arzt beobachtete die Veränderung. + +»Ich hab nur geschrieben -- erschieße ich mich vor deinen Augen. Vor +deinen Augen! . . . Wirklich.« Der Arzt nickte einige Male leise und sah +dabei Oldshatterhand an. + +»Wirklich«, formten Oldshatterhands schlaffe Lippen noch einmal. Da +breitete er die Arme aus und stand wie ein Gekreuzigter. »Manchmal weiß +ich, daß ich der Unfähigste und auch der Gemeinste bin und der +Niedrigste. Und manchmal weiß ich, daß ich der Größte bin. Der Größte +von der Welt!« + +Der Arzt machte sich Notizen. Oldshatterhand ließ die Arme schnell +sinken und ging flammend aus dem Zimmer. + +Zu Hause angekommen, begann er sofort an seinem Märchenbilde zu malen, +das für die Preisaufgabe der Akademie bestimmt war. + +In den Nächten malte er mit Hilfe einer Kerze. Am dritten Tage war das +Bild fertig. Eine feuchte, dunkle Gasse; auf den Stufen vor den Häusern +saßen Mädchen, die Arme um die Knie geschlagen, in rosa, blauen, +violetten Hängekleidern. Traurige Wesen, die auf den Erlöser warteten. +Es war die Hurengasse von Frankfurt am Main. An den Eingang der Gasse +hatte Oldshatterhand sich selbst gemalt, auf den Zehen stehend, und die +langen, gespreizten Finger ekstatisch in die Gasse gestreckt, halb +abwehrend, halb zugreifend. + +Grauen und Süßigkeit war in dem Bilde. + +Oldshatterhand hatte nie ein Bild von Daumier gesehen. In den Zeitungen +wurde das Bild später mit einem Werke Daumiers verglichen. + +Er versah es mit einem Motto und sandte es an die Akademie. + +Die Angst war ihm im Nacken gesessen, und er hatte während des Malens +mit ihr gekämpft. So hatte er die Angst ertragen. So war das Grauen und +die Süßigkeit in sein Bild gekommen. Aber jetzt, da das Bild fertig war, +legte die Angst sich unvertreibbar auf sein erschöpftes Herz. Er sah +keinen Ausweg, und auch die Entscheidung konnte er nicht beschleunigen. + +Einige Maler, die er, gemeinsam mit Grünwiesler, kannte und grüßte, +erwiderten seinen Gruß nicht, weil sie von Grünwiesler unter +Verschweigen der Lockbriefe den Fall erzählt bekommen hatten. Die +Verleumdung griff um sich. Da wagte sich Oldshatterhand nicht mehr auf +die Straße, saß auf seinem Bett, ließ die ineinander verschränkten Hände +zwischen seine Knie hängen und sah stundenlang vor sich hin. Von seinem +Charakter gefangen, unrettbarer als im Gefängnis. + +Nach einer so verbrachten Nacht fuhr er mit dem Frühzuge nach Würzburg, +aus dem vagen Gefühl heraus -- die zwanzig dort verlebten Jahre, seine +Kindheit, seine Mutter, irgend etwas in der Stadt, seine Zugehörigkeit +zur Stadt, die Stadt selbst müsse ihm helfen, könne ihn retten. + +Im Zuge bekam er einen kurzen Ohnmachtsanfall. Seit Tagen hatte er +nichts genossen. Eine hagere Dame gab ihm ein Glas Wein. Er war sofort +betrunken. Aber es wurde ihm sehr gut. »Sie!« rief er plötzlich, »wenn +der Arzt bewußt mit dem Maßstab den Galgen gestellt hätte -- nur um mich +zu erschrecken!« Und beugte sich zu der Dame. »Deshalb habe ich ja auch +an den Letzten Hieb gedacht, weil da früher die Verbrecher gehängt +worden sind, an den Galgen. An den Galgen!« flüsterte er. + +Die Dame stand entsetzt auf und floh aus dem Coupé. Reisende drängten +sich vor der Coupétür und sahen vorsichtig zu Oldshatterhand hinein, der +auf der anderen Seite zum Fenster hinausblickte: zwischen weißblühenden +Obstbäumen brannte ein Bauernhaus. Die reinen Flammen waren kaum zu +unterscheiden von der hellen Luft. Oldshatterhand hörte ein Glöckchen +dünn Sturm bimmeln und sah auf der Landstraße zwei Männer mit +Feuerwehrhelmen aus Messing, die in der Sonne blitzten, auf den Brand +zutraben. Interessiert beobachtete er den Radfahrer, der auch einen +Feuerwehrhelm aufhatte und die Männer überholte, die ihm etwas +zuschrien. »Das wird wohl niederbrennen«, sagte Oldshatterhand bedauernd +und blickte auf den Bauer, der in weiter Ferne quer über einen schwarzen +Acker auf den Brand zustolperte. + +In Würzburg irrte Oldshatterhand scheu durch die Straßen, sah den +Schreiber, der sein Stöckchen im Kreise herumwirbelte, des Weges kommen, +floh vor ihm im letzten Augenblick in eine dunkle Nebengasse, strich +stundenlang um das Haus seiner Eltern herum, sah seinen Vater gehetzt +von der Arbeit nach Hause kommen und wieder zur Arbeit gehen, und +fürchtete die alten Augen seiner Mutter. + +Kirchenglocken läuteten und verklangen. Es wurde Nacht. + +Oldshatterhand beobachtete, wie das Licht im Zimmer seiner Eltern +verlöscht wurde, horchte auf das Weinen eines kleinen Kindes. Ein Pferd +stampfte im Stall neben ihm, und er dachte flüchtig, wenn er sich zum +Kopf des Pferdes aufs Stroh zur Ruhe setzen könnte, das Pferd würde ihn +mit seinen großen, dunklen Augen gut und bekannt anschauen. Er zog den +Kopf ein, da er die Güte des Pferdes fühlte im Gegensatz zur +verächtlichen Stille seiner Familie, wenn er gewagt hätte, die Treppen +hinaufzusteigen. + +Die Schultern hochgezogen, flüchtete er auf den nächtlichen Schloßberg. + +Der halbe Mond hing zwischen den Lindenkronen. Oldshatterhand sah den +Militärposten vor dem Schilderhaus stehen, beide Arme übers Gewehr und +den Bauch zusammengeschlagen. Der Posten sah in den Himmel, auf seine +Stiefel und begann auf und ab zu gehen. + +Oldshatterhand stand hinter einem Baumstamm. Die Linden rochen. Er hörte +ein Lachen und unterdrücktes Mädchengekicher; vielfüßige Schritte +näherten sich. »Ja, mein Lieber, das mußt du uns erst einmal zeigen. +Hohaho!« hörte er den Schreiber sagen, und sein Herz wurde zu einem +Eisklumpen. + +»Also wenn ich gestern in der Turnstunde fünf Meter und sechzig weit +gesprungen bin, dann wer ich doch auch noch über diesen dreckigen Graben +springen können«, antwortete der bleiche Kapitän. + +Die Räuber blieben beim Wachtposten unter der Laterne stehen. Eine +Kirchenuhr schlug. Oldshatterhand konnte alle Räuber erkennen und hörte +den Wachtposten dunkel sprechen. + +Fräulein Schlauch, des Schreibers Liebste, und ein blondes, schmales +Mädchen trennten sich von der Gruppe, sprangen plötzlich, Hand in Hand, +auf Oldshatterhands Baumstamm zu und setzten sich in der Nähe auf den +Rasen. + +Die Räuber folgten langsam. Falkenauge hatte eine komische Tabakspfeife +zwischen den Zähnen. Sie ging erst lang wagerecht vor, dann rechtwinklig +nach unten. Die glühende Asche schien in der Luft zu hängen. Der bleiche +Kapitän stand drei Schritte von Oldshatterhand entfernt. Die andern +hatten sich zu den Mädchen gesetzt. + +»Also, was gilt jetzt die Wett, daß ich über den Graben spring? Gleich +beim erstenmal.« + +»Hohaho! Eine Maß.« + +»Auf Ehr?« + +»Allemal!« + +»Also, ihr seid Zeugen.« + +Oldshatterhand blickte auf Falkenauges rechtwinklige Pfeife, dachte an +den Meterstab des Gerichtspsychiaters und schluchzte nach innen. Den +Mund gehetzt offen, glaubte er zu fühlen, wie die heißen Tränentropfen +sein Herz trafen. + +Falkenauge spuckte aus, putzte mit seinem Taschentuch den +Messingbeschlag und strengte sich an, die schwere Pfeife wieder richtig +zwischen die Zähne zu bekommen, damit er sie halten konnte. + +Um einen Anlauf zu nehmen, trat der bleiche Kapitän zurück. Und +Oldshatterhand mußte schnell niederknien, um von ihm nicht gesehen zu +werden, denn der Lindenstamm verjüngte sich nach oben. Vor Angst, +gesehen zu werden, hatte er die Augen geschlossen und fühlte nur das +kühle Sausen und hörte den Aufsprung des bleichen Kapitäns. Fräulein +Schlauch schrie. »Angstorschel!« sagte der bleiche Kapitän, stülpte die +Lippen nach außen und setzte sich neben seine Braut. »Na, Schreiberlein? +Deine Maß ist futsch.« + +»Hohaho! Gehn wir gleich in den Bauchskeller und trinken sie . . . +Liesl, gehst du mit?« + +»Aber nein«, sagte seine Liebste gedehnt, ließ sich auf den Rücken +nieder und sah, die Hände unterm Kopf, zum Mond. Der Schreiber schob +seine Hand unter ihre Hände. + +Falkenauge hatte seinen Arm in die Hüfte des blonden schmalen Mädchens +gelegt, das sich leise wehrte und ihn dann anlächelte. Da nahm er seine +Pfeife aus dem Munde. Die Rote Wolke griff nach der Pfeife. + +»Aber paß auf darauf«, sagte Falkenauge, ohne hinzusehen, und näherte +sein Auge dem blonden Mädchen, die erst mit dem Kopf zurückwich und ihn +dann doch an Falkenauges Wange lehnte. + +Oldshatterhand kniete zitternd hinterm Baumstamm, sah auf den Hauptmann +und dessen Braut, die beide bleich und friedlich nebeneinander saßen, +und hatte den stürmischen Wunsch, sich auch hinzusetzen und wie ein +Knabe zu lächeln. »Aber ich kann ja nicht wieder so werden wie sie«, +flüsterte er und empfand die durch nichts zu vermittelnde Trennung so +stark, wie wenn er die Räuber nie gekannt hätte. »Ich bin nicht so wie +die Kriechende Schlange . . . ihr tut mir unrecht«, flüsterte er. »O +Gott nein, ich nicht . . . Vielleicht die Kriechende Schlange auch nicht +. . ., wenn sich sein Vater nicht ins Hundefell gestürzt hätte . . . +oder ins Wasser.« + +Der bleiche Kapitän drückte einen Druckknopf an der Bluse seiner Braut +zu. »Ich hab mir einen Photographenapparat kommen lassen. Auf +Abschlagszahlung! Herrgott, daß es so was gibt . . . Abschlagszahlung. +Er ist zwar ein bißchen teuer, aber direkt aus der Fabrik.« + +»Meine Pfeife -- brennt sie noch? -- ist aus derselben Fabrik. Ich hab +mir auch gleich einen Vogelstutzen bestellt. Mit Silberbeschlag.« + +»Mit Futteral?« + +»Ach, was glaubst du denn! Ich hab mir ein Stück Kalbleder geb laß in +mein G'schäft, und der Sattler Grumbe näht mir's zusammen. Kost zwanzig +Pfennig, das ganze Futteral.« + +»Und der Vogelstutzen?« + +»Siebenundsiebzig Mark fünfzig.« + +»Au, mein Lieber. Ein schönes Stück Geld.« + +»Er hat doch Silberbeschlag.« + +»Vielleicht erschießt du mich dann damit«, sagte das schmale Mädchen +gedehnt. + +»Ja, was glaubst du denn.« Falkenauge lachte. »Hast du Angst? . . . Ich +schieße nur auf Ratten.« + +»Spiele nicht mit Schießgewehr. Nicht wahr, Liesl«, sagte der Schreiber, +legte sich auch auf den Rücken, neben seine Liebste, und blies ihr ins +Haar. Sie drehte ihm das Gesicht zu und schüttelte leise den Kopf, als +er die Lippen ihrem Munde näherte. Beide sahen auf zum Mond. + +Der gleichmäßige Schritt des Wachtpostens klang in die Stille. Der +kniende Oldshatterhand klammerte sich am Baumstamm an. Seine Schläfen +zuckten. »Ich kann mit keinem von ihnen darüber reden«, flüsterte er +unzählige Male, immer wieder, so oft er aufstehen und hinzutreten +wollte. Mit all seiner Kraft wünschte er sich weg vom Baum. + +»Schläfst du?« fragte der bleiche Kapitän seine Braut. + +Oldshatterhand ließ seinen Baumstamm los. Die Augen angstvoll auf den +ruhigen Räuberkreis gerichtet, kroch er, sich rückwärts bewegend, auf +Händen und Füßen wie ein Indianer unhörbar bis zum nächsten Baumstamm. + +»Ich glaub, ich hab geschlafen.« + +»Nun, dann schlaf halt noch ein bißchen weiter«, hörte Oldshatterhand +den bleichen Kapitän sprechen und horchte. + +»Wo mag eigentlich der Duckmäuser hingekommen sein? Man hat nie mehr was +gehört von ihm.« + +»Der Duckmäuser?« rief der Schreiber lachend, »wo wird der sein -- ich +sag, der ist irgendwo Kirchendiener.« + +Oldshatterhand schlich weiter, begann zu laufen, blieb sofort wieder +stehen, weil ihm plötzlich Winnetou eingefallen war. Da hörte er einen +der Räuber leise die Mundharmonika spielen und lauschte eine Weile in +seltsamer Verzückung. Dann ging er in der Richtung nach dem »Käppele«. + +Bei der alten Brücke hörte er eine Stimme und hatte augenblicklich die +Empfindung, den Geruch vom Zimmer seiner Eltern zu riechen, noch bevor +er seinen Vater erkannt hatte, der, auf dem Wege in die Singprobe, in +Armeslänge vor ihm beim säbelbeinigen Polizeiwachtmeister stand. Die +beiden hatten vor dreißig Jahren zusammen in Augsburg gedient. + +Die Angst bewahrte Oldshatterhand vor einer Ohnmacht. Er bog ab von +seinem Wege, in eine Nebengasse, rannte weiter und blieb, außer Atem, +endlich auf dem Leidenswege Christi stehen, der zum »Käppele« in die +Höhe führt. Um Luft zu bekommen, heulte er und drückte mit den +Augenlidern, um Tränen zu bekommen. + +Hier und da, vor den vergitterten Leidensstationen, döste ein rotes, +ewiges Licht. + +Was er Winnetou sagen wollte, wußte er nicht. Er hatte nur das bestimmte +Gefühl, Winnetou könne ihn retten. + +Klein stand er vor dem gewaltigen Kreuz auf der Höhe, an dem Jesus +hängt. + +Seine Schritte hallten in der Totenstille, als er zur Pförtnerzelle +ging. Er sah den Klingelzug an und zog die Hand wieder zurück. Dann +klingelte die Glocke als einziges Geräusch auf der Welt. + +Das Pförtnerfenster wurde geöffnet, und er hörte Winnetou sagen: »So +spät in der Nacht darf ich kein Brot geben«, und sah zugleich das helle +Stück Brot, das Winnetou reichte. + +»Winnetou, kannst du zu mir herauskommen?« fragte Oldshatterhand und +nahm das Brot. + +»Michael, du bist's? -- -- -- Ich habe gedacht, ein Armer sei noch so +spät gekommen. Ich bin gleich bei dir. Setze dich auf die Bank bei der +Mauer.« + +Oldshatterhand biß ins Brot; es schmeckte nach Anis: sofort war er +sechsjährig; die Nacht wurde ihm zum sonnigen Tage, und er sah sich, +zusammen mit Winnetou, an einem heißen Sommertage zum »Käppele« +hinaufsteigen und am Pförtnerfenster um Brot beten. Unwillkürlich mußte +er lächeln, da er sich erinnerte, daß Winnetou raffinierte Methoden +angewandt hatte, um dem Pförtnermönch am selben Tage ein paarmal +hintereinander ein Stück Klosteranisbrot abzulocken. Er sah sich als +barfüßigen Jungen um die Leidensstationen Christi herumrennen, von +Winnetou verfolgt, und mußte, bei der Erinnerung an Winnetous +unwillkürlichen Bocksprung über einen knienden Bußbeter, hell auflachen. +Vor seinem Lachen fuhr er zusammen und rief erschrocken: »Nein, nein!« + +Die Erinnerungen waren von der Nacht der Gegenwart verdrängt worden. + +Er legte das Brot auf die Steinbank und stand auf. Als Knoten in seiner +Brust empfand er die Unmöglichkeit, Winnetou zu beichten, und machte ein +paar hastige Fluchtsprünge. Da hörte er rufen: »Michael! . . . Wo bist +du?« und sah Winnetou auf sich zukommen und eng bei ihm den einäugigen +großen Bernhardinerhund, der an Oldshatterhands Beinen hin und her +strich, zu ihm aufsah, nickte und sich zu seinen Füßen hinstreckte. + +»Der Hund lebt noch immer?« fragte Oldshatterhand mit veränderter Stimme +und hatte sagen wollen -- Winnetou, höre doch, was man mir angetan hat. +Hilf mir. + +»Ich mußte erst um die Erlaubnis bitten. Wolltest du weggehen?« + +»Nein . . . nein, ich hab nur so ein bißchen gesprungen. Nur so.« + +Sie setzten sich auf die Bank nieder. Der Hund erhob sich sofort und +tappte nach. + +Winnetou legte seine Hand auf Oldshatterhands Schulter und lächelte zum +roten, ewigen Licht hin unter der Mutter Gottes. »Michael, jetzt sind +wir auf einmal keine Kinder mehr. Es ist, wie wenn man aus einem Traum +erwacht, zu einem neuen, ruhigen Traum, der gar nie mehr enden wird.« + +»Bleibst du auf immer bei den Weichpfotenmönchen?« + +»Warum sagst du Weichpfotenmönchen?« + +»Nein, ich meinte, die Pfoten von dem Hund sind vielleicht weich . . . +und dann Italien.« + +»Ja, ich glaube, ich will immer da bleiben. Der Prior liebt mich. Alle +lieben mich und sagen, ich solle nur noch ein paar Jahre so bei ihnen +bleiben und erst dann Mönch werden, wenn ich ganz glücklich geworden sei +. . . Erinnerst du dich noch daran, daß wir Würzburg niederbrennen +wollten . . . Ich denke oft daran zurück«, sagte Winnetou und lächelte +heiter. + +»Und ich . . . der Neger starrt nach Afrika . . . willst du auch eine +Zigarette haben? . . . ach nein . . . so eine rechtwinklige Pfeife. So +stelle doch die Mutter Gottes dort weg . . . und den verstellbaren +Maßstab.« + +»O Gott!« Winnetou war aufgestanden. »Du bist krank!« + +»Es handelt sich nur um eins . . . hab mich lieb . . .« Er schüttelte +heftig den Kopf. »Nein, nein! Ich meinte, ich würde an Stelle der Mutter +Gottes dort ein Muttergottesbild hinmalen . . . Hilfe! O Gott! Was ist +das!« schrie Oldshatterhand und horchte entsetzt. + +»Die Brüder beten im Garten ihr Nachtbrevier. Komm, komm«, bat Winnetou +ängstlich und zärtlich, »ich will dich zum guten Prior führen. Der gibt +dir etwas und hilft dir.« + +»Ich war draußen in der Welt! In der Welt!« schrie Oldshatterhand +lachend. »In Italien! In Genua zum Beispiel. Mein Lieber, dieser Hafen. +Ich wohnte da in einem Palast. Der gehörte eigentlich mir. Ich wohnte +ganz allein darinnen . . . Gott, du hättest nur allein das goldene Bett +sehen sollen«, schloß er mit einer verächtlichen Handbewegung, und seine +Lippen zuckten vor Scham . . . »Tun dir die Mönche denn gar nichts? +. . . Irgend etwas Grauenhaftes.« + +»Nein, aber o Gott, was hast du denn? Ich habe solche Angst um dich.« + +»Ich? Ich fürchte mich im Grunde vor gar nichts! Glaubst du's nicht? Ich +bin ganz einfach einmal nach Würzburg gefahren. Sonst nichts.« + +Eine tiefe Stimme rief nach Winnetou. + +Der Halbmond warf seinen trüben, traurigen Schein über die Stadt. Die +Kirchtürme standen wie gespenstige Auswüchse von Riesendrachen in den +schmutzigen Wolkenhimmel hinein. Die Stimme rief wieder. Der Hund stand +auf. + +»Jetzt muß ich hinein. Komme morgen zu mir, bitte, komme. Um dieselbe +Zeit. Komme wieder, bitte.« + +»Morgen um diese Zeit«, sagte Oldshatterhand und raste den Leidensweg +Christi hinunter. + +Er fuhr mit dem Nachtzuge nach München zurück. + +Schnell wie ein Wild zuckte er unterm Tisch durch aufs Bett in seiner +Kammer, sah gequält und mit kraftlosem Haß auf die bekannten +Studienköpfe an den Wänden und fiel sofort in Halbschlaf. -- Das +Schwere, jüngst Erlebte und Würzburg, die spitzen Kirchtürme, bedrängten +ihn noch einmal in verwirrendem Durcheinander, gaben ihm einen letzten +Schlag und zogen dann singend in eine ungeheure Ferne, entfernten sich +in Sekunden zeitlich um Jahre von ihm, so daß er plötzlich allein war +und frei und kühl atmen konnte. + +So wie der Fremde damals auf der Höhe bei Würzburg aus der Zukunft +zurück in die Gegenwart zu Oldshatterhand geeilt war, um ihn zu leiten, +durcheilte der zwanzigjährige Oldshatterhand jetzt in Sekunden seine +zukünftigen zehn Jahre, wurde er dreißig Jahre alt, schritt er im +Halbschlaf über eine luftige Filigranbrücke, an einer streichelnden +Frauenhand vorbei, auf ein hochgelegenes Land, bis zu einem Lächeln der +Verheißung am Horizont -- bis zum Fremden, der traumhaft verschwand, und +an dessen Stelle Oldshatterhand -- zum Fremden wurde, und sichtend +zurückblickte auf die Fesseln und Hemmnisse des schwachen +Oldshatterhand, der jammervoll zusammengesunken in der Kammer auf dem +Bett saß. + +Und er sagte zu diesem alten, schwachen Oldshatterhand: »Warum bist du +denn verzweifelt und gebrochen, da du doch weißt, daß du recht gehandelt +hast?« + +»Ich hab recht gehandelt. Ich bin kein ganz gemeiner Mensch!« schrie der +Oldshatterhand auf dem Bett und deutete flüsternd: »Aber sieh doch die +kalten, verachtenden Augen der Maler, die meinen Gruß nicht erwidern. +Sie haben hohe Hüte auf; das sind auch Köpfe, und sie sehen verächtlich +zur Seite. Ich ertrage ihre zwei Gesichter nicht.« + +Aber der zum Fremden gewordene Oldshatterhand sagte: »Du bist feige. Du +weißt zwar, daß du recht gehandelt hast; aber da die Menschen dich dafür +verachten -- weil sie Lügner sind --, wimmerst du, denn ohne die Achtung +der Lügner kannst du nicht leben.« + +»Ohne die Achtung der Menschen kann ich nicht leben. Die Gassen, in +denen ich aufgewachsen bin, alle Fenster schämen sich meiner, flüstern +mir ihre Verachtung zu. Die Gesichter in den Fenstern ziehen sich ins +Dunkel zurück vor mir . . . Ein Kind deutet mit dem Finger auf mich. Wo +soll ich mich verstecken . . . Ich weiß einen Mann, bei dem ich mir +wieder Achtung kaufen kann: einen kräftigen Zwerg, der die Ziehharmonika +spielt. Ich muß nur Lieder dazu singen, damit alle, die mich kennen, +lustig werden. Und muß lachen, wenn sie lachen, und fluchen, wenn sie +fluchen. Dann decken sie alles mit Achtung zu . . . Aber ich werde +traurig, wenn sie lachen. Und wenn sie jemanden verachten, verstehe ich +es nicht. Denn sie dürfen mich nicht verachten . . . Die Achtung ist ein +schrecklicher Kirchturm. In Würzburg gibt's so grauenhaft viele +Kirchtürme, die alle die Achtung sind.« + +»Die ganze dumpfe Stadt ist eine Lügnerin, und alle, die darin wohnen, +sind Lügner. Lüge mit ihnen, und sie werden dir alles verzeihen, wenn du +geworden bist wie sie. Schäme dich! Sieh, ich stehe auf einem hohen Land +und sehe auf alle Kirchtürme hinunter. Die Stadt dunstet und stinkt da +unten. Ich wende mich um, da ist die Luft dünn und blau. Und ich bin +allein.« + +»Du vergißt, daß auch unser Vater uns verachtet. Er hat zehn Augen und +redet kein Wort, so sehr verachtet er uns.« + +»Wie kannst du _uns_ sagen. Ich habe mit dir nichts mehr gemein. Denn +ich verachte die Verachtung der Menschen und bin einsam. Ich sage dir: +solange ein Mensch den Weg der Einsamkeit geht, um sich zu finden, +stehen die Menschen zu beiden Seiten seines Weges und höhnen und +verachten ihn. Und der Vater schämt sich seines Sohnes, den alle +verachten. Erst wenn du dich den Weg, der zu dir führt, zu Ende +geschleppt hast und aufgerichtet stehst, schreien sie dir alle ihr +lügenhaftes Hosianna zu und sagen zueinander -- den haben wir niemals +verachtet. Und der Vater ruft -- das ist mein Sohn. Jesus Christus trug +sein Kreuz der Einsamkeit beschimpft und verhöhnt bis zum hohen Gipfel. +Heute schreien die Lügner ihm ihr Hosianna zu und ihre Verachtung dir, +der du dein Kreuz der Einsamkeit noch nicht zu Ende geschleppt hast.« + +»Grausam bist du! Sieh doch das gewaltig hohe Kreuz, an dem ich hänge, +und das schwarze Menschengewimmel zu meinen Füßen; ihre Verachtung tötet +mich. Meine Mutter unter ihnen weint. Laß mich herunter vom Kreuz +. . . Nein, nein, nein! Ich will nicht herunter. Ich will kein Lügner +werden wie sie, sondern _Etwas_ werden.« + +»Es gibt nur zweierlei -- lügen wie die anderen: sein wie sie; oder ihre +Verachtung verachten: einsam sein. Blicke auf das Lächeln der Verheißung +auf meinem Gesicht und töte das Schwache und Feige an dir.« + +»Ja!« stieß Oldshatterhand hervor. Er stand jetzt, schwankend, und seine +Hand hielt den Fenstergriff gepackt. Seine verglasten Augen stierten +nach dem alten Revolver aus dem »Zimmer«, der auf dem Tische lag. »Meine +Mutter, meine arme Mutter, meine arme Mutter, meine arme Mutter«, +flüsterte er und dachte in einem Winkel seiner Seele -- er wird versagen +--, brüllte langgezogen und mit vollster Kraft »I . . . . . i!« und +hatte sich mitten in den Kraftausbruch, in den Mund hineingeschossen. +Der I-Laut zersprang wie Glas. Der Revolver hatte diesmal nicht versagt. +Der Kopf schwenkte zur Seite. Die Hand, die den Fenstergriff +umklammerte, krampfte sich nach innen und drehte den Griff mit; im +Fallen riß er das Fenster mit auf, so daß Oldshatterhand, schon tot, +noch ein Fenster öffnete. + +Der alte Revolver hatte wie eine Kanone geknallt in der kleinen Kammer. +Aus den Fenstern der Hofwohnungen fuhren erschrockene und empörte +Gesichter. + +Die Wirtin kam gesprungen -- -- -- sah einen Fremden klar und ruhig die +Treppe hinuntersteigen, öffnete die Tür, so weit es der Tisch zuließ, +sah niemanden in der Kammer, und erst als sie wieder gehen wollte, +erblickte sie ein Blutbächlein, das langsam vordrang und plötzlich um +ein Hindernis herum auf sie zuschoß. + +Oldshatterhand lehnte sitzlings am Boden in der Ecke beim Fenster, +schief und haltlos wie ein ausgestopfter Hampelmann, der umzufallen +droht. + +Die Wirtin legte den Brief, den sie in der Hand hielt, auf +Oldshatterhands Tisch und rannte zur Polizei. + +In dem Brief, einer Zustellung der Münchener Staatsanwaltschaft, stand, +daß das Strafverfahren gegen den Maler Michael Vierkant eingestellt +worden sei. + + * * * * * + +Der Fremde ging zum Vortrag für künstlerische Anatomie, den der berühmte +Anatom Molière allwöchentlich den Malern und Bildhauern Münchens hielt. +Der Fremde sah alt aus und sah jung aus; er sah aus, als könne er nie +mehr älter werden, so stark und klar war sein Gesicht. + +Die in Form eines halbierten Trichters steil in die Höhe steigenden +Bankreihen waren voll besetzt von jungen Künstlern, unter denen auch die +Maler Immermann und Franziskus Grünwiesler saßen. Die Leinwandrouleaus +an den Fenstern oben im großen Halbkreis waren heruntergelassen, um die +Frühlingssonne abzuhalten. + +Der belackschuhte, schlanke, blonde Anatom in offenem Gehrock mit +Seidenaufschlägen trat unter Händeklatschen der Hörer in den kleinen +Halbkreis unten. Der Fremde saß neben ihm. + +Der schwitzende, dicke Diener im Klinikmantel schob die Leiche herein. +Der Anatom zog das weiße Tuch weg. + +Auf dem Wagentisch lag der muskulöse Oberkörper eines bartlosen jungen +Mannes mit Gladiatorenprofil und dünnen, stahlblauen Lippen. Beine und +Bauch, bis zum Nabel, fehlten. Die Schnittfläche war mit einem weißen +Tuch zugebunden, über das hinaus die starken Hände der halben Leiche +reichten. + +Der Anatom wischte flüchtig den Spiritus ab vom bläulichen Rumpf, tippte +mit der Fingerspitze auf beide Augenlider. »Wir nehmen heute Arm- und +Gesichtsmuskeln durch.« + +Geschickt legte er mit dem Messer die Muskeln am Unterarm frei, erklärte +mit ein paar Worten ihre Lage, hob den Arm der Leiche und zog an einer +Sehne, worauf die Leiche den Zeigefinger streckte. Mit verschiedenen +Farbkreiden zeichnete er den betreffenden Muskel auf die Wandtafel. Ein +paar schnelle Striche. + +Manche Maler zeichneten mit, in ihre Skizzenbücher; andere sahen +aufmerksam zu. + +Der Anatom legte eine Sehne im Gesicht frei, zog daran, da öffnete die +Leiche den Mund. Es war sehr still. -- Warum ist dieser junge Athlet +gestorben, dachte der Fremde. + +Der Anatom zog an einer anderen Sehne -- und die Leiche streckte die +Zunge heraus. »Kemmerich!« wandte sich der Anatom an das lebende Modell, +einen fünfundsiebzigjährigen Mann mit spärlichem, weißem Bart, der nackt +neben ihm hoch auf einem Podium stand. Alle Sehnen und Muskeln des +Modells waren sichtbar und vor Alter bläulich. Der Anatom zeigte auf die +Veränderung des Wangenmuskels, als der Alte den Mund öffnete, ließ ihn +lächeln, verschiedene Bewegungen machen mit den Armen, und demonstrierte +an der Leiche die Lage der Muskeln. + +Der Klinikdiener stellte eine Schüssel, in der das Herz und die Füße der +Leiche in Spiritus lagen, auf das Podium, zu den Füßen des Alten. + +»Es ist eine Freude zu leben«, sagte ein Maler zu laut in die Stille +hinein, und staunte mit den anderen erschrocken über die Tatsache, daß +er den Satz gesprochen hatte. + +Der Anatom hielt seinen Vortrag. Dann wurde die halbe Leiche hinaus- und +eine verdeckte hereingefahren. »Hier haben wir einen jugendlichen Akt +von schönen Proportionen. Den wollte ich den Herren noch zeigen«, sagte +der Anatom und zog das Tuch weg. + +Der Fremde stand langsam auf. »Das ist meine Leiche«, flüsterte er. +»Geben Sie mir meine Leiche.« + +Oldshatterhand wurde wieder hinausgefahren. + +»Lenbach hat bis an sein Lebensende täglich Akt gezeichnet«, schloß der +Anatom seinen Vortrag und hob die weiße, gepflegte Hand. »Und es ist +erfreulich, daß bei der jüngsten Künstlergeneration wieder mehr als +bisher der Wille zum anatomischen Sehen vorhanden ist.« + +Immermann, von Grünwiesler gestützt, hatte den Hörsaal verlassen beim +Erblicken Oldshatterhands. + +»Deine Mutter hätte dich nicht erkannt, so weiß bist du geworden«, sagte +Grünwiesler auf der Straße und stützte Immermann. »Mnja, da kann man +jetzt nichts mehr machen.« + +»Weißt du«, sagte Immermann, mit schiefgezerrten Lippen, »erschießen +hätte er sich nicht brauchen; aber das, was wir getan haben -- war nur +gerecht . . . Gerecht!« + +In der Zeitung stand einen Tag später, daß der junge, talentvolle Maler +Michael Vierkant um zehn Uhr früh zum ersten Preisträger der Akademie +bestimmt worden sei. + +An Stelle Oldshatterhands übernahm der Fremde das preisgekrönte Bild. +Und seitdem hing es in seinem Studierzimmer. + + + + +Zehntes Kapitel + + +»Zum schwarzen Walfisch von Askalon« hatte der bleiche Kapitän die +Weinwirtschaft im Wolkenkratzerchen benannt, sofort nach der Übernahme, +als Herr Schlauch beerdigt und Fräulein Schlauch Benommens Frau geworden +war. + +Auch sein Bruder, Benommen der Bierwirt, hatte trotz der sich bis zum +letzten Tage zäh wehrenden Mutter nach einem letzten großen Krach seine +schöne Kellnerin geheiratet. Und selbst die Witwe Benommen konnte die +vier Kinder ihrer beiden Söhne oft nicht auf den ersten Blick +voneinander unterscheiden, denn alle hatten sie die verwegen nach außen +gestülpten Benommenschen Lippen. Sie zeichnete ihre Enkel in der ersten +Zeit am Knöchel mit rosa und blauen Bändchen und schleppte sie den +ganzen Tag glückselig herum. + +Der rote Fischer hatte unter bedauerndem Achselzucken und unheilvollen +Prophezeiungen der ganzen Einwohnerschaft eine nach der Bürger Meinung +in gewissen Dingen allzu erfahrene, nach seiner Meinung aber sehr +hübsche Kellnerin geehelicht. Denn die dicke, geschminkte Wirtin von der +»Schönen Mainaussicht« war eines Tages mit dem zarten Sachsen aus +Würzburg verschwunden gewesen, nachdem dessen drei hygienische +Anstältchen auf Befehl der Würzburger Stadtväter geschlossen worden +waren. + +Es erregte allgemeines Kopfschütteln und Begriffsverwirrung, als die +frühere Kellnerin und jetzige junge Frau des roten Fischers halbe Tage +lang in Winterkälte im Wertschelch stand und Fische, die ihr Mann +gefangen hatte, zentnerweise schuppte und ausnahm. War ihr Mann +allzusehr gegen die Morgenseite der Nacht hin immer noch nicht nach +Hause gekommen, dann ging sie ihn in allen Kneipen suchen, bis sie ihn +fand, trank stillschweigend und vergnügt auch einen Schoppen, faßte den +Fischer unter und trottete mit ihm heimwärts, wobei er mit dem Daumen +über die Schulter zurückwies und seiner Frau deutlich erklärte, was das +für Hammel und Rindviecher seien. + +Der Schreiber war Bureauvorsteher beim Rechtsanwalt Karfunkelstein +geworden, unterstützte seine Eltern und war mit seiner Liebsten verlobt. +Er hatte eine schwere Krankheit durchgemacht und die heiligen +Sterbesakramente empfangen. Der Arzt hatte ihn aufgegeben und gemeint, +es sei auch besser für ihn, wenn er sterbe, er würde im Kopfe nicht mehr +richtig sein. Der allzu viele Wein habe sich ihm aufs Gehirn und in die +Knochen geschlagen. Aber der aufgegeben gewesene Schreiber war wieder +gesund geworden, auch im Kopf; nur ein etwas steifes Bein hatte er +zurückbehalten. Jetzt war er wieder täglicher, treuer Gast beim bleichen +Kapitän, dem jungen Bäckereibesitzer und Weinwirt. + +Die anderen Räuber hatten nicht jeden Abend Zeit, bei ihrem Hauptmann zu +Gast zu sein, denn da waren der Kegelklub »Kanonenrohr«, der +Radfahrerklub »Um die Welt«, die Rauchgesellschaft »Vesuv«, die streng +auf das regelmäßige Erscheinen ihrer Mitglieder hielten. + +Der König der Luft hatte dem »Turnerbund Jahn« eine Akrobatenabteilung +angegliedert, von welchem Zeitpunkte an die Varietévorstellungen des +»Turnerbundes« einen bedeutenden Ruf genossen. + +Falkenauge gehörte aus Sympathie von früher her noch dem Angelklub +»Walfisch« an, war Mitglied des Gesangvereins »Zwischen grünen Bäumen« +geworden, dessen Gründer und erster Vorstand der Vater Oldshatterhands +war. Aber vor allem galt Falkenauge als das bevorzugte Mitglied des +Vogelstutzenklubs »Löwenjagd« und genoß eine ziemliche Berühmtheit, denn +er errang alle ersten Preise, obwohl er einäugig war und mit dem linken +Auge zielte, jedoch rechtshändig schoß, eine Tatsache, die von keinem +Löwenjagdmitglied jemals begriffen wurde. + +Der König der Luft hatte nach Kampf das blonde, schmale Mädchen seinem +Freund Falkenauge weggeheiratet. Den eine um zehn Jahre ältere Witwe +geheiratet hatte, die einen kleinen Lederhandel führte, eine tüchtige +Geschäftsfrau war und sehr resolut. + +Die Rote Wolke, dessen Tante gestorben war und ihm ihr Häuschen und die +Gärtnerei vermacht hatte, gehörte allen Vereinen zusammen an. Nicht nur, +weil er für alle Festveranstaltungen die Blumendekorationen ausführte, +sondern hauptsächlich deshalb, weil er, als alle anderen weit +überragender Charakterschauspieler und jugendlicher Held, für die +Vereinstheatervorstellungen gesucht, außerordentlich geschätzt und +anerkannt war. Er hatte das schöne Lehrerstöchterchen geheiratet. Sie +war eine junge, frische Frau mit wohlgewachsenem Körper und verträumten +Augen, und las der Roten Wolke, wenn er Leichenkränze band, die +schönsten Stellen aus den klassischen Dramen vor. Und manchmal, wenn ein +Freund bei ihnen saß, sagte sie zärtlich: »Mein Mann spricht genau so +wie der Bürgermeister von Bamberg.« + +An einem Abend jeder Woche aber kamen alle Räuber in der Weinwirtschaft +ihres Hauptmanns zusammen. Denn dieser hatte, als guter Geschäftsmann +schnell entschlossen, für seine Leute einen ganz neuen Verein gegründet: +den Skatklub »Bargeld lacht«, der fünfundzwanzig Jahre später, als der +Fremde zum letzten Male Würzburg besuchte und die Räuber schon fünfzig +Jahre alte, graubärtige Männer waren, immer noch bestand. + + * * * * * + +Auch jetzt war der Fremde in Würzburg. + +Er ging langsam über die alte Mainbrücke. Die Menschen sahen sich um +nach ihm. »Ah, Herr Baron«, neckte ihn ein barfüßiger Junge, blieb +stehen und blickte ihm mit großen Augen nach. + +Es war schon fast dunkel, Schwalben zuckten schreiend in der Luft umher, +und über der Festung hing eine große Wolke mit glühendem Saum. Am +Brückenheiligen Kilian lehnte ein Bursche und spielte für sich leise die +Ziehharmonika. + +Der Fremde ging vollends über die Brücke ins Mainviertel. Bürger saßen +vor den Haustüren, blickten prüfend in den Himmel, ob es regnen würde, +rauchten und unterhielten sich. Ein Mädchen sang zum offenen Fenster +hinaus und ließ dabei den Rolladen herunter. + +Der Fremde blieb stehen und sah Herrn Mager an, welcher aus der +»Altrenommierten Weinstube zu den drei Kronen« trat. + +Herr Mager strich sich mit dem Zeigefinger über das erhabene, blaue +Aderngeflecht seines gichtigen Handrückens. Seine Apfelbäckchen glühten. +Denn er trank jetzt manchmal ein paar Schoppen über seinen Durst. Sonst +hatte er sich in all den Jahren gar nicht verändert; seine Haare waren +noch dunkel, sein Körper zäh und dürr und aufgereckt wie immer. + +Bei jedem Schritt die rechte Schulter vorschiebend, seinen Spazierstock +aus Weichselholz, an dem ein Riemchen hing, aufs Pflaster stoßend, +schritt er aufrecht weiter. + +Vor dem »Spitäle« blieb er stehen, zog seine Taschenuhr und verglich sie +befriedigt mit dem beleuchteten Ziffernblatt. + +»Grüß Gott, Herr Lehrer«, sagte der säbelbeinige Polizeiwachtmeister und +legte die Hand an die Mütze. Sein Bart war blauweiß geworden. Er redete +heftig gestikulierend weiter. Hüftlings auf seinen Stock gestützt, +horchte Herr Mager mit strenger Miene. Sie steckten die Köpfe zusammen +-- es hatten da letzthin einige Schulbuben etwas angestellt. Man wußte +nur noch nicht recht, wer die Gauner waren. + +Der Fremde stieg die drei Stufen hinauf »Zum schwarzen Walfisch von +Askalon«. + +»Mit 'n Grünober hättst stech müß, dann hättst dei Herzaß heimgebracht«, +sagte still der Schreiber und mischte die Karten flink. Die Räuber waren +versammelt. + +»Er is halt ein Rindvieh«, sagte wütend Falkenauge, der durch das +verkehrte Spielen des Königs der Luft sieben Pfennig verloren hatte. +»Das sag ich ihm schon seit Jahr und Tag, aber er will's nit glaub.« + +Der Fremde setzte sich beim Eingang an die Stirnseite des langen +Tisches. Hinter ihm war die Bäckereiauslage, mit Brotlaiben, +übriggebliebenen Semmeln und vertrocknetem Zwetschgenkuchen, von Fliegen +belagert. Außer ihm saß niemand am Tisch. + +Die Räuber hatten den Fremden nicht erkannt. Auch die junge Wirtin +erkannte ihn nicht, als sie ihm Wein brachte. Sie war mit dem dritten +Kinde in der Hoffnung. + +»Herrgott! Else! _wieder_ ein Glas!« rief der bleiche Kapitän der +blonden Kellnerin zu, der ein Weinglas aus der Hand gefallen war. Sie +lächelte immer und hatte verklebte Augen. »No, jetzt bin ich aber doch +g'spannt . . . Solo!« schloß er, stülpte die Lippen nach außen und +fingerte den Kartenfächer in seiner Hand zurecht. + +Eine graue Katze schritt ziehend durchs Lokal, streckte sich und sprang +auf den Stuhl neben dem Fremden. + +»Das wird mir aber auch noch ein Solo sein«, sagte der Schreiber, zog +die Brauen in die Höhe, holte den ersten Stich. »Und Trumpf!« rief er +und lächelte sicher. + +Die Räuber drückten unter großer Spannung leise die Karten auf den +Tisch. Der bleiche Kapitän gewann, ließ seine Stiche in der Mitte +liegen; die Karten flogen immer schneller. »Das hamm wir jetzt g'sehn, +was das für ein Solo war«, sagte er zufrieden und sammelte das gewonnene +Geld in sein Tellerchen. + +»No, Else, wo hast denn dei Auge!« rief er und wies auf den Fremden. Die +Kellnerin füllte das Glas. + +»Else, wir trinken auch noch eins«, sagte der Schreiber und legte den +Arm um die Taille der Kellnerin. »Ein saubers Mädle bist.« + +Die Witwe Benommen trat ein, mit ihrem Enkel auf dem Arm. + +»Pssss, wssss«, machte der Fremde leise zur Katze. + +»Schläft der ganz Kleine denn?« fragte der bleiche Kapitän und gab die +Karten. + +»Was wird er denn sonst tun«, erwiderte die Witwe Benommen und gab dem +Kind auf ihrem Arm ein Stück Zwetschgenkuchen in die Hand. + +»Daß er mir wieder die Abweiche kriegt.« + +»Paß nur auf, daß du die Abweiche nicht kriegst.« + +»Also amend kriegt a kleins Kind von Zwetschgekuche nit die Abweiche.« +Er stülpte die Lippen nach außen. + +»Sei still. Da, hast dein Sohn.« + +»Äh bää! schmeiß weg . . . So. Ja, du bist halt meiner.« + +Die Witwe Benommen strahlte. + +»Is Brot scho eingelegt? Geh nur raus mit dein Schelloberlein.« + +»Da! hast'n!« rief wütend der König der Luft. + +Da flog die Tür auf und knallte gegen die Wand. Ein blonder, +großmächtiger Matrose, Gesicht und Brust tief gebräunt, stürzte +stolpernd, mit Kopf und Händen voran, bis zum Kartentisch, auf dem er +mit dem Oberkörper und ausgestreckten Armen liegen blieb. Seine +gewaltigen roten Fäuste lagen auf dem Kartenberg. »Ooooskar!« brüllte +der Matrose. »Seid ihr alle da!« + +»Jessas, der Duckmäuser! Wo kommst denn du her!« + +»Haargott!« riefen die Räuber, und ihre Münder blieben offen. + +»Aus Cha . . . Cha . . . Cha China!« stotterte der Duckmäuser und blieb +auf dem Tische liegen. Er war total betrunken. »Pf . . . Pf . . . Pf +. . . Pfeilgrad aus Ch . . . China!« + +»Also, also aber und! Du bist am Geben«, sagte grimmig der König der +Luft. Er war im Verlust. + +»Jetzt hören wir auf. Wo doch der Duckmäuser da is. Schluß!« riefen alle +durcheinander. + +»Setzt euch da rüber an lange Tisch«, sagte der bleiche Kapitän, und zum +Fremden gewandt: »Sie erlauben doch.« + +Sie saßen um den langen Tisch herum, der Matrose saß in der Mitte auf +der Bank. Der Fremde, als habe er das Präsidium, saß an der Stirnseite. +Die Witwe Benommen stand, die dürren Hände überm Bauch gefaltet, und +schüttelte lächelnd den Kopf. + +»Bring a paar Maß Wein!« rief der Schreiber. + +»Ich zs zs zs zs zahl alles!« brüllte der Matrose. »Sssssauft!« Und +schüttete ein Glas Wein in sich hinein. »Sch . . . Sch . . . Schreiber, +alter Ga . . . Ga . . . Ga . . . Gauner!« + +»Herrgott, wer hätt das gedacht«, sagten die Räuber und sahen still und +betroffen auf den Matrosen, wie auf ein fernes Land. Ihre Münder standen +offen, die Mundwinkel waren in wehmütigem Staunen in die Wangen +zurückgezogen. + +»Warst du weit?« fragte einer. + +»Auf der ga . . . ga . . . ganzen Welt!« Er breitete weit die Arme aus. + +»So einer, immer war er so still«, sagte die Witwe Benommen. »Man hat +gemeint, er könnt ke Wässerle trüb.« + +»Lebt der Lehrer Ma . . . Ma . . . Mager noch?« Er leerte sein Glas und +konnte dann fließender sprechen. »Wie ich in Japan war, hab ich vom Ma +. . . Mager geträumt. Ich sollte eine Diffi . . . Diffi . . . Diffi +. . . Diffidationsrechnung mach, an die Wandtafel. Aaaaber es www +. . . ar nix. Da hat der Ma . . . Mager gerufen -- www . . . er me +. . . meldet sich? -- und ich hab um mich . . . um mich g'haut, und bin +tropf . . . tropfnaß aufgewacht . . . Is der Lu . . . Lu . . . Lump tot? +. . . Ssssauft doch! . . . Ssssauf du auch!« brüllte er und reckte, mit +dem Oberkörper an drei Räubern vorbei auf der Tischplatte liegend, sein +Glas dem Fremden hin, der ihm zuprostete. + +»Kommt ihm nur nit mit'n Zündhölzle zu nah, er explodiert sonst«, sagte +die Witwe Benommen. »Er trinkt e bißle zu viel.« + +Die Rote Wolke stand auf, hob die Hand und stellte die Fußspitzen nach +rückwärts. »Ein deutscher Seemann ist trinkfest.« Der bleiche Kapitän +stimmte die Gitarre. + + »Auf, Matrosen, ohe! + Auf die wogende See. + Schwarze Gedanken, + Sie wanken und fliehn + Geschwind, wie der Sturm und Wind«, + +sangen die Räuber. Der Matrose sang nicht mit. Er trank. »Wa . . . Wa +. . . Wa . . . Wein her!« + +»Ich hätt e feins Tröpfle. Erinnert ihr euch noch, wie wir damals Traube +g'stohle ham, im königliche Weinberg? Das war Anno . . . 1899. Ich hab +no a paar Fläschli vom selbige Jahrgang aus die königliche Weinberg in +mein Keller.« + +»Den mußt aber spendier«, sagte der Schreiber. »No, allemal!« riefen +alle Räuber. + +»Ja, paßt auf«, wehrte sich der bleiche Kapitän lachend, »der is teuer. +Wo käm ich denn da hin.« + +»Pr . . . Pr . . . Pr . . . Prost, Oldshatterhand!« brüllte der Matrose +dem Fremden zu. »Haargott, is der besoffen!« riefen die lachenden +Räuber. + +»Bringen Sie von dem 1899er herauf, was Sie davon im Keller haben«, +sagte plötzlich der Fremde und lächelte. + +Die Lippen nach außen gestülpt, schenkte der bleiche Kapitän vorsichtig +den Wein aus den verstaubten Bocksbeuteln in die Kelche. Alle standen +auf. Auch der Matrose lehnte schief an der Wand. + +»Aber also und, Donnerschlag!« Die tiefe Falte verschwand. Der König der +Luft hatte gelächelt. »Das is e Weinle!« + +»Das will ich meinen«, erwiderte stolz der bleiche Kapitän. + +»Vier Woche ha . . . ham sie mich amal in Kee . . . Kee . . . Kee +. . . Kette gelegt.« Er trank und sprach fließender. »Da war unser +Schiff an einer unbewohnten Insel vorbeig'fahre, in der Näh von Indien +. . . Ich hab ha . . . heimlich ein Boot losgemacht und bin du . . . du +. . . durchgange! . . . Vier Tag hab ich nix zu . . . nix zu fr . . . +fresse g'funde. Da hab ich a Sch . . . a Schlange gebrate. Die war dir +aber bi . . . bi . . . bi . . . bitter. Dann ha . . . ham sie mich +wieder erwischt und in Ke . . . Kette gelegt. Haaar . . . gott war dir +die Schlange bi . . . bi . . . bi . . . bitter.« + + * * * * * + +Die Räuber und der Matrose standen an der Brüstung des Festungsgrabens +und sahen hinunter auf die Stadt. Es war ein klarer Sonntagnachmittag. + +»U . . . u!« klang es langgezogen und klagend von unten herauf. »Die +Meekuh brüllt«, sagte der Schreiber und deutete hinunter zum Main, wo +der Schleppdampfer eine lange Reihe Frachtschiffe flußaufwärts zog. Ein +Floß schoß durch das Wehr der alten Mainbrücke. Die Räuber sahen, wie +über den Flößer am Steuer der weiße Gischt stürzte. + +»Aber also und, wie aus dem Boden gewachse«, sagte der König der Luft +und deutete neben sich auf die Aussichtsbank aus krummen, weißschaligen +Birkenästen, die der Würzburger Verschönerungsverein bei der Mauer +aufgestellt hatte. + +Die Räuber stiegen hinunter in den Festungsgraben. Eine Geiß weidete im +Graben. Das hohe, dürre Gras zirpte, vom Winde bewegt. + +»Jetz da schaut her, da is seit der Zeit e wilds Apfelbäumle gewachse«, +sagte der bleiche Kapitän. + +»Is des nit e Birnbäumle?« fragte der König der Luft, und ein anderer +griff in die Zweige. Ein paar Hummeln flogen auf und umsummten den Baum. + +Der Matrose sah sich um: »A a also, jetzt sagt mir aber amal, wo . . . o +is denn eigentlich euer >Zs . . . Zs . . . Zs . . . Zimmer<?« Und +blickte gespannt und pfiffig die Räuber an. + +»Ach, des is ja scho lang zugemauert.« Sie suchten. »Da muß gewese sei.« +Und zogen einen üppigen Brombeerbusch zur Seite. + +»Das war der u . . . unterirdische Ga . . . Ga . . . Gang zs . . . zum +>Zs . . . Zs . . . Zimmer<?« fragte der Matrose staunend und deutete auf +eine Stelle, die noch etwas heller war als die übrige Mauer. »Haaar +. . . gott.« + +Vorne im Graben saß eine Schar Knaben im Kreis. Ein rothaariger Junge +schnellte in die Höhe, hob die Hand und rief: »Heimatscha!« Seine Bande +stürmte zur Mauer und krabbelte daran hinauf. + +»Nein, also ihr Ga . . . Ga . . . Gauner, da drin war das >Zs . . . Zs +. . . Zs . . . Zimmer<?« + +Die Räuber standen still; ihre Augen glänzten. Ihre Gedanken eilten die +Jahre zurück. + +»Wir warn halt Kinder damals«, sagte der Schreiber. + +Ein Eichhörnchen huschte quer durch den Graben und hing am Baumstamm. +»Dort! Schaut hin!« zeigte die Rote Wolke, und sein Mund stand offen, +rund und schwarz wie ein Mauseloch. + + * * * * * + +Der Fremde wanderte hinaus aus Würzburg. + +Über die Höhe kam schnell und gleichmäßig ein bartloser, hoher Mönch +geschritten, in brauner Kutte. Er beugte das Knie vor dem Marienbild am +Wege und schlug das Kreuz. Ein kleines, blondes Mädchen, das Hagebutten +sammelte, sprang weg vom Busch zu Winnetou. Der Wind wehte dem Kinde das +Haar ins Gesicht; es sah zu Winnetou empor und mußte die Augen schließen +vor der Sonne. »Gelobt sei Jesus Christus.« »In Ewigkeit, Amen, mein +Kind.« + +»Wie weit ist's bis zum nächsten Gutshof?« fragte der Fremde. + +»Eine Stunde über den Berg«, sagte Winnetou. Er hatte ein stilles, +klares Gesicht und einen Pickel am Nasenflügel. + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die Räuberbande, by Leonhard Frank + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 30281 *** |
