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@@ -0,0 +1,9792 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 30281 ***
+
+ 16. bis 20. Tausend
+
+
+
+
+ Leonhard Frank
+ Die Räuberbande
+ Roman
+
+
+ 1922
+ Im Insel-Verlag zu Leipzig
+
+ Copyright 1914 by Insel-Verlag in Leipzig
+
+ Lisa Ertel gewidmet
+
+
+
+
+Erstes Kapitel
+
+
+Plötzlich rollten die Fuhrwerke unhörbar auf dem holprigen Pflaster, die
+Bürger gestikulierten, ihre Lippen bewegten sich -- man hörte keinen
+Laut; Luft und Häuser zitterten, denn die dreißig Kirchturmglocken von
+Würzburg läuteten dröhnend zusammen zum Samstagabendgottesdienst. Und
+aus allen heraus tönte gewaltig und weittragend die große Glocke des
+Domes, behauptete sich bis zuletzt und verklang.
+
+Die Unterhaltungen der Bürger und die Tritte einer Abteilung verstaubter
+Infanteristen, die über die alte Brücke marschierten, wurden wieder
+hörbar.
+
+Über der Stadt lag Abendsonnenschein.
+
+Ein roter Wolkenballen hing über der grauen Festung auf dem Gipfel, und
+im steil abfallenden königlichen Weinberg blitzten die Kopftücher der
+Winzerinnen -- die Weinernte hatte begonnen.
+
+Es roch nach Wasser, Teer und Weihrauch.
+
+Ein paar Knaben, die lachend und schreiend »Nachlauferles« spielten, um
+die zwölf mächtigen Brückenheiligen aus Sandstein herum, vom heiligen
+Kilian zu Totnan, und von da zu Pipinus, standen erschrocken still und
+versteckten sich hinter Sankt Colonatus, denn Herr Mager, der
+Volksschullehrer und Tyrann vieler Generationen Knaben, schritt über die
+Brücke.
+
+Bei jedem Schritt schob er die rechte Schulter vor und stieß mit
+Vehemenz seinen Spazierstock aus Weichselholz, an dem ein Riemchen hing,
+aufs Pflaster. Erzürnt sah er sich um, seine kleinen Apfelbäckchen
+spannten sich. Er hatte einen der Knaben erkannt. Die schlichen betreten
+davon. Ihr morgiger Sonntag war verhängt von der Schulstunde des
+Montags.
+
+Der Lehrer war gefürchtet.
+
+Seine Technik im Strafen war aufs feinste ausgebildet. Keiner traf so
+sicher wie er mit dem Rohrstock die Fingerspitzen, immer genau dieselbe
+Stelle, daß die Fingerspitzen schwollen und blau anliefen. Unverhofft
+mit dem Rohrstock auf den Handrücken zu schlagen, liebte er. Und zöbelte
+er einen Jungen, so faßte er die feinsten Härchen an der Schläfe.
+Benötigte er einen neuen Rohrstock, dann mußte der Junge, welcher Prügel
+zu bekommen hatte, selbst eine Anzahl Stöcke zur Auswahl beim Kaufmann
+holen. Herr Mager untersuchte lange und sorgfältig, beroch die Stöcke,
+hieb sie durch die Luft und horchte auf das Pfeifen, wählte den dünnsten
+und zähesten, präparierte ihn erst, indem er das Ende spaltete, und der
+gewollte Erfolg war, daß der Stock beim Schlagen Blutblasen in die
+Fingerspitzen zwickte.
+
+Die Furcht der Knaben umgab Herrn Mager wie eine Wolke, sein Leben lang.
+Und es kam vor, daß vierzigjährige Männer, frühere Schüler von ihm,
+erschrocken zur Seite wichen, wenn sie ihn des Weges kommen sahen.
+
+Am letzten Tage, wenn er seine Schüler aus der Volksschule entlassen
+mußte, gab er ihnen die Angst mit auf den Lebensweg: »Wir sind noch
+nicht fertig miteinander«, sprach er und lächelte. »In der
+Fortbildungsschule habe ich euch wieder, und wer von euch zu den
+>Neunern< einrückt, den bekomme ich noch einmal als Rekrut. Denn auch da
+unterrichte ich.« Und dann erst war die Klasse entlassen.
+
+Herr Mager blieb auf der Brücke stehen und sah auf die beleuchtete Uhr
+vom »Spitäle«, einer kleinen Kirche im Mainviertel, deren Vorderfront
+gegen den Brückenberg steht.
+
+Nach zwei Jahre langen Verhandlungen und vielem Streit war von den
+Würzburger Stadtvätern der Jahresetat von zwanzig Mark für die
+Nachtbeleuchtung der Uhr bewilligt worden.
+
+Heute zum ersten Male leuchtete das Ziffernblatt. Sogar schon am Tage,
+denn die Sonne war noch nicht unter.
+
+Herr Mager freute sich. Er hatte für Beleuchtung gestimmt. Er war für
+den Fortschritt.
+
+Ein Fischer mit violett angelaufener Stülpnase und rotem
+Schnurrbart, der erst bei den Mundwinkeln begann und zwei buschigen
+Eichhornschwänzchen glich, stand vor dem »Spitäle« und ein alter
+Polizeiwachtmeister mit kurzen Säbelbeinen.
+
+»A richtje Uhr muß beleucht sei! Das sag i!« rief der Fischer und
+schnitt mit einer Handbewegung jede Erwiderung ab. »Was nützt uns denn a
+ubeleuchte Uhr! Bei der Nacht sin alle Menschen schwarz . . . Jau, so a
+Gaudi, zwä Jahre brauche sie dazu.« Er steckte die Hände in seine
+gestrickte, blaue Wolljacke, wandte sich weg und sah, die Unterlippe
+grimmig vorgeschoben, den Brückenberg hinauf.
+
+Auf die Kirche zu kam mühsam atmend ein großmächtiger Pfarrer, dessen
+ausgeprägte Rückenverlängerung sich stark hin und her bewegte, denn er
+hatte Plattfüße. Ein kleines Mädchen sprang zu ihm hin: »Gelobt sei
+Jesus Christus«, knickste und gab ihm die Hand.
+
+»In Ewigkeit. Amen.« Der Pfarrer schlug das Kreuz und hielt Herrn Mager
+seine Horndose hin. Herr Mager nahm eine Prise, tat, als schnupfe er,
+und ließ den Tabak in seine Tasche fallen.
+
+»Gestern nacht ham mir die Sakramentslumpe an dreipfündige Hecht aus
+mein neue Sandschiff g'stohle, mitsamt'n Blechkaste«, rief der rote
+Fischer. »Wenn i so 'n Malefizhamml erwisch, dem dreh i . . . rrracks!
+die Gurgl um.« Er hielt dem Wachtmeister die Faust unter die Nase. Die
+Adern an seinem Halse schwollen.
+
+Das silberne Klingeln der Ministranten tönte aus der Kirche. Herr Mager
+beugte das Knie und hob erbleichend die Arme, taumelte gegen die
+Kirchenmauer: ein durchgegangenes Pferd war auf ihn zu galoppiert, stieg
+vor ihm in die Höhe und raste den Brückenberg hinauf.
+
+Der Wachtmeister riß die Waffe heraus und rannte, den Säbel hocherhoben,
+dem Pferde in großem Abstand über die Brücke nach.
+
+Eine graue Dogge mit heraushängender Zunge überholte ihn und sprang
+freudig bellend am Pferde empor, das hinter einem hochbeladenen Heuwagen
+stehen geblieben war und Heu herauszupfte. Dogge und Pferd gehörten
+einem Besitzer.
+
+Bürger umringten den erhitzten Polizeiwachtmeister. Der Heuwagenkutscher
+trat auch hinzu, tätschelte dem durchgegangenen Pferde den Hals. Es hob
+den Schwanz -- die Bürger traten zurück. Und wieder zusammen.
+
+Die Dogge umraste den Heuwagen und die Bürger, die das heufressende
+Pferd umstanden und ihre Pfeifen stopften. Man unterhielt sich weiter.
+
+Drei Brückenheilige entfernt stand ein Knabe, das Gesicht zum Himmel
+gerichtet, ließ eine Leberwurst in den Mund gleiten und zog die leere
+Haut langsam wieder heraus in die Höhe.
+
+Ein kleiner Student, die grüne Mütze im Nacken, schritt mit winzigen
+Schrittchen sehr schnell an ihm vorbei und blickte streng aufwärts zur
+Festung, deren viele Fenster glühten, vom letzten Sonnenschein
+getroffen, als müßten unvermittelt die Flammen heraus in den abendlichen
+Himmel schlagen.
+
+Erschrocken, als habe er unverhofft Sägemehl anstatt Wurstfülle in den
+Mund bekommen, standen die Kinnbacken des Knaben still. Voller Grauen
+starrte er auf seine zweite Leberwurst, trat hinter den heiligen Kilian
+und steckte den Finger in den Mund. Befriedigt blickte er auf den
+Mageninhalt.
+
+Die über seinem Zeigefinger hängende zweite Leberwurst wie eine
+gefährliche Giftschlange vor sich hertragend, ging er langsam weiter,
+den Knaben entgegen, die vor Herrn Mager geflüchtet waren.
+
+»Winnetou, da kommt der Duckmäuser mit einer Leberwurst«, sagte einer
+der Knaben, und sein Mund blieb offen, rund und schwarz wie ein
+Mauseloch.
+
+»Wo denn, Rote Wolke? Wo denn?«
+
+»Dort, beim heiligen Kilian.«
+
+»Laßt ihn, der bildet sich sonst noch ein, wir verkehrten mit ihm.«
+
+»Wenn er doch eine Wurst hat.«
+
+»Wer gibt mir was für die Wurst?« fragte der Duckmäuser zaghaft.
+
+Nachdenklich blickten die Knaben auf die Leberwurst über dem
+Zeigefinger. Winnetou bot nach langem Besinnen einen Pfennig, zog aber
+die Hand, mißtrauisch geworden, sofort wieder zurück, als er die Wurst
+wirklich so billig bekommen sollte. »Gelt, es ist etwas nit richtig mit
+der Wurst?«
+
+»Sie ist ganz frisch, vom Metzger Fritz. Die andere hab ich schon
+gegessen.«
+
+»Sag erst: Auf Ehr und Seligkeit; sonst glaub ich's nit.«
+
+»Auf Ehr und Seligkeit, die Wurst ist frisch.«
+
+»Winnetou, jetzt kannst sie kaufen«, riet man ihm.
+
+Winnetou kaufte die Leberwurst, richtete das Gesicht zum Himmel und
+wollte sie in den Mund gleiten lassen.
+
+»Halt! Fasttag!« schrie der Duckmäuser und lachte. »Fasttag ist heute.
+Sonst hätte ich meine Wurst selber gegessen.«
+
+Bestürzt streckte Winnetou die Wurst zurück.
+
+Aber der Duckmäuser nahm sie nicht.
+
+»Eine Wurst hast du doch schon gegessen? Dann hast du eine Todsünde
+begangen«, sagte Winnetou langsam, in tiefem Entsetzen.
+
+Winnetous Familie war streng katholisch. In seinem uralten Vaterhause
+brannten die ewigen Lichtchen Tag und Nacht vor den Betpulten.
+
+»Gegessen hab ich sie, aber wenn du willst, kann ich dir zeigen, wo sie
+jetzt ist. Beim heiligen Kilian liegt sie.«
+
+Betroffen blickte Winnetou den Duckmäuser an, hing die Leberwurst
+resolut über die große Zehe des heiligen Kilian. Und stürzte sich auf
+seinen Gegner.
+
+Der Bürgerkreis öffnete sich. Der Polizeiwachtmeister führte das Pferd
+heraus und sprang energisch von ihm weg zum Knabenknäuel.
+
+Die Dogge holte die Wurst vom heiligen Kilian herunter. Das Pferd sah
+sich um, stieg mit dem Hinterteil in die Höhe und galoppierte, von der
+Dogge umrast, in mutwilligen Sprüngen über die Brücke heim.
+
+Die Knaben waren geflüchtet. Der Polizeiwachtmeister stand plötzlich in
+einer schwarzen Rauchwolke und schimpfte hustend zum Dampfschlepper
+hinunter, es sei verboten, bei der Brücke Rauch abzulassen.
+
+Der Schlepper glitt mit gekapptem Schlot langsam durch den Brückenbogen.
+Der Wachtmeister stieß seinen Säbel in die Scheide und sah sich barsch
+um. Die Brücke war leer.
+
+ * * * * *
+
+In der Werkstatt des Mechanikers Tritt drückten sich die Lehrjungen
+ängstlich herum und sahen auf die Uhr. Der Geselle war schon lange
+fortgegangen, die Werkstatt war peinlich sauber aufgeräumt, die drei
+kleinen Drehbänke blinkten, auf dem Fußboden hätte man essen können.
+
+Aber der Meister war noch immer nicht gekommen, um die Erlaubnis zum
+Fortgehen zu geben.
+
+»Oldshatterhand«, der jüngste der Lehrlinge, stand Wache, um die anderen
+benachrichtigen zu können, wenn der Meister ankam. Interessiert holte er
+aus der Tasche seines Mechanikerkittels eine kleine Feile und feilte an
+seinen schwarzen Fingernägeln herum. Dann suchte er weiter in der
+Tasche, zog einen Klumpen ölige Putzwolle heraus, aus der sich eine
+Pflaume und ein rundes Handspiegelchen schälten. Die Pflaume steckte er
+in den Mund; das Spiegelchen rieb er heftig am Schenkel sauber und
+reflektierte damit die Sonne einer Köchin ins Gesicht, die im vierten
+Stock aus dem Fenster sah.
+
+Erschrocken stürzte er von der Schmiede in die Werkstatt. Der Meister,
+ein Mann mit gepflegtem rotem Spitzbart und kalten, grünlichen Augen,
+schritt durch den Hof, mit seiner dreizehnjährigen Tochter am Arm.
+
+Der älteste Lehrling rieb heftiger an einem Stück Werkzeug, das er schon
+seit einer Stunde rieb, immer wieder mit Öl einstrich und rieb, und sah
+manchmal von unten herauf nach dem Meister, der jetzt an einer der
+Drehbänke lehnte und in der Zeitung las. Es war sehr still, man hörte
+nur das Reiben.
+
+Der Meister sah langsam auf und starr auf den Reibenden, der den Kopf
+senkte. Die anderen Lehrbuben standen atemlos in den Ecken.
+
+Oldshatterhand verrückte die schon geradeliegenden funkelnden Zangen,
+Hämmer und Pinzetten auf der Werkbank um Millimeter.
+
+Der Meister schritt auf ihn zu und sah, den Mund schiefgezogen, auf ihn
+hinunter.
+
+Gebannt ließen Oldshatterhands Hände ab vom Werkzeug.
+
+»Was soll denn das!«
+
+»Ich le . . . leg das We . . . Werkzeug gr . . . gr . . . grad.«
+
+»Ist das eine Arbeit? . . . Stotterndes Kamel!« Der Meister hatte seinen
+Blick in Oldshatterhands vergrößerte Augen eingehackt. »Was bist du?«
+
+Oldshatterhand wurde blutrot.
+
+»Was bist du!«
+
+»Ein st . . . stotterndes Ka . . . Ka . . . Kamel.«
+
+»Was reibst du denn! Schafskopf!« schrie unvermittelt der Meister den
+ältesten Lehrjungen an und biß auf seine Unterlippe. »Geht doch zum
+Teufel! . . . Eselsbande!«
+
+Das Mädchen schmiegte sich an ihren Vater an und lächelte höhnisch. Die
+Jungen entfernten sich lautlos.
+
+Oldshatterhand ging durch die Kaiserstraße. Vor einer Feinbäckerei blieb
+er stehen, sah die Kuchen an und schloß manchmal die Augen, um besser
+riechen zu können; denn von unten aus dem Keller, wo der Backofen war,
+stieg durch das eiserne Gitter der warme, süße Kuchenduft.
+
+Oldshatterhand hatte es schlecht getroffen im Leben. Sein Vater war ein
+armer Mann. Und vom Schultyrannen Mager war Oldshatterhand zum Tyrannen
+Tritt geraten.
+
+Nach einem letzten lüsternen Blick auf die Kuchen machte er sich auf den
+Heimweg.
+
+Vor ihm ging langsam ein Fremder und betrachtete die alten Häuschen. Er
+hatte einen Gummimantel an. Oldshatterhand blickte auf ihn, ging
+unauffällig um ihn herum, und immer wenn der Fremde stehen blieb, blieb
+auch Oldshatterhand stehen, sah auf das Häuschen, auf den Fremden
+zurück. Seine Wünsche glitten aus der verhaßten Gegenwart in die
+Zukunft. Seine Sehnsucht ließ ihn zum Fremden werden.
+
+»Bitte schön, wo ist die Domstraße?« fragte der Fremde einen Bürger und
+ging in der angezeigten Richtung fort.
+
+Auf den Zehenspitzen balancierend, bewegte Oldshatterhand den Oberkörper
+hin und her, um den Fremden so lange wie möglich sehen zu können.
+
+Ein Mann mit einem Fensterflügel auf der Schulter kam auf ihn zu.
+
+»Sie . . . Sie!«
+
+Der Mann blieb stehen.
+
+»Kö . . . können Sie mir nicht sagen, wo die Domstraße ist? . . . Ich
+bin fre . . . fre . . . fremd in Würzburg.«
+
+Verblüfft sah der Mann Oldshatterhand an. »Du bist doch der Sohn vom
+Schreiner Vierkant . . . Du Lausbub! Dir geb ich . . .« Er hob die Hand.
+Oldshatterhand wich zurück und sah zwischen Lachen und Weinen dem Manne
+nach.
+
+Beim Julius-Echter-Denkmal holte er seine Mutter ein, eine kleine, dicke
+Frau mit nachdenklichem Gesicht, worin die klugen, guten Augen über Last
+und Sorgen und Auswegen nachsannen. Unvermittelt konnten die Furchen der
+Sorge in ihrem Gesicht sich in Linien der Güte verwandeln.
+
+Sie schleppte einen großen Henkelkorb, dessen Deckel klaffte, so daß die
+Kleider, die der Korb barg, zu sehen waren. »Sechs Mark waren diesmal
+drauf. Und siebenundzwanzig Pfennig Zinsen hat er mir abgenommen . . .
+Fünf Mark muß ich dem Vater geben, für Vesper- und Ausgehgeld, bleiben
+mir von seinem Lohn drei Mark für die ganze Woche. Und damit soll ich
+Essen für vier Kinder und einen Mann auf den Tisch stellen . . . Die
+Hausmiete ist auch schon fällig. Wenn ich nur einmal nimmer leben tät.«
+
+Oldshatterhand schwieg eine Weile und fragte dann, was es heute abend
+gäbe.
+
+»Für'n Vater hab ich a Täuble«, sagte die Mutter und stellte ihren Korb
+ab. »Er ißt's doch so gern . . . Ja no, er muß ja die ganze Woche hart
+arbeiten . . . Und wir, wir trinken halt unsern Kaffee. Trägst mir e
+bißle helf? . . . Siehst, das ist für dich.« Sie holte aus dem Korb ein
+Stückchen Kuchen und legte Oldshatterhand die Hand auf die Schulter. Ihr
+Gesicht wurde tiefrot, sie lachte, daß ihre Schultern schütterten, und
+konnte sich gar nicht beruhigen, weil sie ihren Sohn mit Kuchen
+überrascht hatte.
+
+Mutter und Sohn faßten den Henkel: der Korb schwebte zwischen den beiden
+nahe dem Boden die Domstraße hinunter und über die alte Brücke.
+
+»Mutter, schau mal die Wolke an über der Festung. Sie sieht aus wie
+Rom.«
+
+Die Mutter lachte in sich hinein. »Was bist du für einer . . . Wie
+Rooom!«
+
+ * * * * *
+
+Es war elf Uhr nachts.
+
+Der vierzehnjährige Buchbinderlehrling und Hauptmann der Räuberbande,
+Sohn der vermögenden Gastwirtswitwe Benommen, stand nackt in seiner
+Dachkammer am offenen Fenster und hielt in jeder Faust ein Bügeleisen.
+An einem Strick, der um seine Lenden gebunden war, hing vorne ein
+handgroßes, zinnoberrotes Tüchlein. Sein weißer Körper war vom Mondlicht
+getroffen. Hinten in der Kammer war tiefschwarze Nacht.
+
+Von der Bierkneipe unten im Hause, die der ältere Bruder des Hauptmanns
+betrieb, klang der Gesang der Soldaten herauf:
+
+ »Ich wollte sie verführen,
+ Dazu hat sie kein Mut.«
+
+Der Hauptmann, genannt der bleiche Kapitän, fing an zu üben: er reckte
+den Brustkasten heraus, sog ihn voll mit Luft und zog die ausgebreiteten
+Arme mit den Bügeleisen kraftvoll zum Körper, schnellte sie auseinander,
+zog sie an, und so fort. Dabei blickte er, den Kopf zurückgezogen, daß
+sich ein spärliches Doppelkinn bildete, die Unterlippe vorgeschoben,
+hinunter auf das Spiel seiner Armmuskeln.
+
+Unten wurde, von Mädchenlachen begleitet, die Wirtschaftstür zugeknallt,
+und eine Wolke Bierdunst schlug in des Hauptmanns Kammer.
+
+Ein Schakalruf ertönte in die Nachtstille. »U . . . u!« klang es düster,
+»U . . . u!«
+
+Der bleiche Kapitän horchte, fuhr in Hose und Rock und schlich, die
+Schnürstiefel in der Hand, strümpfig die Treppe hinunter.
+
+Vor dem Hause, unter der Gaslaterne, stand ein Junge, elegant auf sein
+dünnes Spazierstöckchen gestützt, das sich fast zum Halbkreis bog: der
+Schreiberlehrling des Rechtsanwalts Karfunkelstein.
+
+Die zwei Knaben schlichen dicht an den altersschiefen Häuschen eine enge
+Gasse aufwärts, die bis an den Fuß des dunklen Schloßberges führte. Auf
+dem steilen Bergrasen standen mächtige, alte Linden, durch die sich ein
+Sandweg hinauf zur Festung zog. Achtzehnhundertsechsundsechzig war die
+Festung von den Preußen genommen und geschleift worden. Seitdem lag eine
+Kompagnie Trainsoldaten im Schloß, und am äußersten Rand des Berges, bei
+einem Auslughäuschen, stand eine alte Kanone, die abgefeuert wurde, um
+Bürger und Feuerwehr zu alarmieren, wenn unten in der Stadt Würzburg ein
+Brand ausbrach.
+
+Die Knaben standen im schwarzen Schatten, den die Linden warfen. Es war
+vollkommen still. Der Schreiber sah sich ängstlich um. »Horch . . .
+hörst du nichts?«
+
+»Da herauf kommt kein Mensch um diese Zeit«, sagte der bleiche Kapitän,
+sah sich auch um und zog die Schuhe an.
+
+»Es ist eigentlich gar nicht unheimlich . . . Wenn man nur keine Angst
+hat.«
+
+»Das ist schon wahr . . . Schau, in der Elefantengaß gibt's Gummiabsätz.
+Das Paar nur zehn Pfennig. Da hab ich mir fünfzehn Paar kauft.«
+Sitzlings streckte der bleiche Kapitän das Bein zum Schreiber in die
+Höhe. »Die andern vierzehn Paar hat mei Mutter glei' wieder
+zurückgetragen und hat g'sagt, die brauchet ich nit . . . Ich trau mich
+gar nimmer an dem G'schäft vorbei. Als ob man in seinem Leben nit
+fünfzehn Paar Gummiabsätzli aufbrauchen könnt. Es ist wirklich ganz
+unglaublich.«
+
+»Das hätt ich mir nit g'fall laß.«
+
+»Gott, was willst denn mach.« Er stülpte die dicken Negerlippen mürrisch
+nach außen. »No, lang dauert's ja nimmer. Die wenn wüßt, was wir vorham
+. . . Heiliger Gott!«
+
+»Mei Vater hat heut zu mir g'sagt, wenn ich noch einmal mit
+Oldshatterhand und mit dir und den andern verkehre, könnte ich was
+erleben . . . Grün und blau wollt er mir ihn schlagen. Er weiß aber ganz
+genau, daß ich mir das nit g'fall laß.«
+
+»Ja no.«
+
+»Das eine weiß ich«, sprach der Schreiber hochdeutsch, »so saudumm würde
+ich nicht sein, wenn ich Vater wäre.«
+
+»Gott, die ham ja keine Ahnung. Aber Augen werden die noch machen.« Der
+bleiche Kapitän erhob sich und trat prüfend von einem Fuße auf den
+andern. »Es ist wahrhaftig so, wie wenn man überhaupt keine Schuh
+anhätt. Ich versteh absolut nit, warum mei Mutter mir die andern
+vierzehn Paar wieder zurückgetragen hat.«
+
+»So sind sie halt. Da kannst wirklich nix mach. Gehn wir jetzt.«
+
+»Ja, aber leis.«
+
+Sie stiegen den Schloßberg hinauf, bis vor das eisenbeschlagene,
+wuchtige Bohlentor, durch das man in die Festung gelangt. Um diese Zeit
+war das Tor geschlossen.
+
+Gebückt schlichen sie auf dem Bergrücken nach links, bis an den Rand
+vor, von wo aus man tief unten die Stadt liegen sieht, hoben wie auf
+Kommando die Arme, schüttelten die Fäuste, riefen: »Weh dir!« zur Stadt
+hinunter und sprangen in den Festungsgraben.
+
+Von allen Seiten kamen jetzt kleine, dunkle Gestalten den Schloßberg
+heraufgeschlichen, bis an den Rand vor, riefen: »Weh dir!« und sprangen,
+den bequemen Weg verachtend, die hohe Mauer hinunter in den
+Festungsgraben.
+
+Die Räuberbande, eine Schar vierzehnjähriger Lehrjungen, war versammelt.
+
+Es war eine wunderbar klare Mondnacht im Herbst.
+
+Oben stand dunkel das Schloß. Tief unten lagen die alte Brücke, die
+Häuser und krummen Gassen von Würzburg. Die dreißig Kirchtürme bebten im
+Mondlicht. Der Main, der die Stadt in zwei Teile trennt, glänzte. Jeder
+Stern stand klar und scharf am grünlichen Himmel. Die ganze alte Stadt
+war aus purem Silber.
+
+Die Räuber saßen im Kreis im Festungsgraben und rauchten ernst die
+Friedenspfeife: ein langes Stück Schilf, derart viel im Graben wuchs.
+
+Knapp vorbei am Räuberkreis, der noch im Mondlicht saß, fiel der
+tiefschwarze Schlagschatten, den die Schloßmauer warf.
+
+Ein Vogel erwachte und flatterte im Brombeerbusch. Die Räuber saßen
+reglos und starrten auf das Lagerfeuer, das in ihrer Mitte flackerte.
+
+Oben auf dem Feuer brannte und rauchte ein gerahmter Straminhaussegen,
+auf dem »Bet' und arbeit', so hilft Gott allzeit« gestickt war. Die
+Worte rollten sich zusammen, und Gott und Arbeit gingen in Flammen auf.
+Winnetou hatte den Haussegen daheim gestohlen.
+
+Er verschluckte den ätzenden Speichel, den auszuspucken als Schande
+galt, und sprach: »In Südamerika sind die Indianer klein, falsch und
+furchtsam.«
+
+»Südamerika!« sagte verächtlich der bleiche Kapitän.
+
+»Und arbeiten sogar für die Weißen. Ich habe nachgesehen.«
+
+»Das neue große Sandschiff vom roten Fischer ist nur mit einem Tau
+festgemacht, unterm Brückenbogen. Im Frühjahr, wenn das Hochwasser
+kommt, müßten wir halt mit seinem Schiff hier abfahren. Nur ein paar
+Tage den Main hinunter, in den Rhein, dann ein Stück den Rhein hinunter
+und dann zu Fuß nach Hamburg. Da können wir ganz gut in vierzehn Tagen
+sein!« rief die Rote Wolke, ein Waisenjunge, der bei seiner alten Tante
+die Gärtnerei erlernte. Er vertrug sich schlecht mit der Tante; denn er
+deklamierte, nachdem er einmal bei einer Vereinstheatervorstellung
+mitgewirkt hatte, den ganzen Tag, während er Kartoffeln hackte oder
+Leichenkränze band. »Am ewigen Meer . . . da können wir in vierzehn
+Tagen sein.« Sein Mund stand offen, rund und schwarz wie ein Mauseloch.
+
+»Und dann?« fragte der Schreiber und zog lächelnd die Augenbrauen in die
+Höhe.
+
+»Dann! Was heißt das -- dann?« rief der bleiche Kapitän. »Dann machen
+wir eben ein Segelschiff los und segeln ganz ruhig über den großen
+Teich.«
+
+»Segelschiff los? Und die Matrosen, die darauf schlafen, und die Wachen?
+He? Vielleicht steht sogar der Kapitän selbst die ganze Nacht am Steuer
+und blickt hinaus aufs Meer, damit sein Schiff nicht gekapert wird.
+Diese Sachen hab ich schon oft genug gelesen.«
+
+Winnetou hielt seine Hand in die Flammen und blickte, die Zähne
+zusammengebissen, über die Räuber weg. Langsam zog er die geschwärzte
+Hand zurück.
+
+»Das werden wir schon sehen. Wir sind zwölf Männer«, rief verächtlich
+der Hauptmann. »Oder weißt du nicht, Schreiber, was ein Enterhaken ist?
+Das -- mein Lieber, das geht im Handumdrehen.«
+
+Winnetou hielt die schmerzende Hand senkrecht. »Die Hauptsache ist, daß
+sich in einer einzigen Nacht in allen Urwäldern und Prärien des wilden
+Westens bei absolut allen Indianerstämmen die Schreckensbotschaft
+verbreitet, aber wie ein Lauffeuer, daß wir angekommen sind . . . Auf
+unsere ersten Taten kommt's an. Die müssen gewaltig sein und furchtbar.«
+
+»Die Weiber werden natürlich verschont«, schloß der bleiche Kapitän und
+stülpte die Negerlippen nach außen.
+
+»Immer werden die Weiber verschont. Unsere Kontoristin darf auch immer
+eine halbe Stunde früher fortgehn«, sagte der Schreiber. »Gestern hab
+ich zum erstenmal Diktat schreiben dürfen. Das macht gewöhnlich nur
+unser Bureauvorsteher.«
+
+»Gott, Diktaaat . . . Beim Lumpenhändler Ei gibt's kolossale alte
+Revolver. Die können wir drüben gut brauchen.«
+
+»Meinst, daß man davon ein paar aushängen kann?«
+
+»Ich glaub, das wird schwer gehn. Aber wen man damit trifft, der is
+total tot.«
+
+Winnetou nahm ein glühendes Holzstückchen in die Hand, preßte sie zur
+Faust -- und zählte leise für sich bis neun, schleuderte das
+schwarzgewordene Holz ins Feuer zurück und erzählte gequält: »Ins
+Zuchthaus käme ich noch, hat der Kaplan vorige Woche zu meiner Mutter
+gesagt . . . Weil ich in der Religionsstund ein bißchen von der
+Schultinte für mein Füllfederhalter mitgenommen hab. Jetzt sperren sie
+mich daheim jeden Tag drei Stunden in die Holzlage . . . Ich! . . .
+Ich!« Er sprang auf, drückte die Fäuste an die Wangen, Zorn und Scham
+wechselten auf seinem Gesicht. »Ich halt's nimmer aus!«
+
+»Ins Zuchthaus? . . . Das wär doch ganz fein, wenn wir ins Zuchthaus
+kämen«, sagte der Schreiber erstaunt.
+
+Verwirrt sah Winnetou den Schreiber an, ließ sich langsam nieder und
+blieb reglos hocken.
+
+»Nun ja . . . warum denn nicht.« Der Schreiber sah fragend im Kreise
+herum.
+
+Niemand antwortete. Die Räuber sahen ins flackernde Feuer.
+Oldshatterhand sah auf die fernen Berge, die im Mondlicht schwammen.
+Eine Sternschnuppe fiel in den Weltenraum. Oldshatterhand wanderte einem
+Gedanken nach, über alle Länder, drückte den Oberkörper einige Male
+angestrengt vor und zurück und begann stark stotternd: »Die Erde ka
+. . . ka . . . kann ja gar keine Ku . . . Kugel sein, denn wenn man
+immer weiter geht, müßte man herunterfallen, oder mit dem Ko . . . Kopf
+nach unten stehen und in die Lu . . . Lu . . . Luft hinunterstürzen
+. . . Da habt ihr's, unten ist doch keine Lu . . . Luft, nur oben.« Und
+er deutete hinauf, wo Stern an Stern am tiefblauen Himmel stand. »Der
+Lehrer Ma . . . Mager versteht nichts. Oder wenigstens nicht viel. Die
+Erde ist keine Ku . . . Kugel. Sie ist flach. Nur viele Bu . . . Buckel
+hat sie.«
+
+»Natürlich, und wenn man noch so weit geht, nach Rußland, nach China,
+immer ist der Himmel oben«, sagte der Schreiber und zuckte mit den
+Schultern.
+
+»Da!« rief Oldshatterhand und stand schnell auf. Die Räuber blickten
+empor zu ihm. »Denkt euch halt eine Ke . . . eine Ke . . . eine Ke
+. . . Kegelkugel -- wenn darauf ein ga . . . ganz kleiner Mensch, nur so
+groß wie der Däumling, nach einer Richtung immer, immer weiterläuft, muß
+er doch zu . . . muß er doch zu . . . zuletzt herunterfallen. Aaalso
+kann die Erde auch keine Ku . . . Kugel sein. Das ist doch ganz klar. Ma
+. . . ma . . . meint ihr nit?«
+
+»Das weiß man halt nit recht.«
+
+Wieder lösten sich Sternschnuppen an mehreren Himmelsstellen und
+schwebten langsam und lautlos zu den im Mondlicht bebenden Bergen
+nieder. Vom funkelnden Nachthimmel gehalten, hing der Erdball, und als
+einzige Bewohner schien der Räuberkreis auf seiner stillsten und letzten
+Höhe zu sitzen.
+
+Ungeduldig hob Winnetou den feinen Knabenkopf, in dem die großen Augen
+schwarz wie heißer Asphalt glänzten. »Ach, Unsinn ist alles, was der
+Mager da von einer Kugel faselt . . . Wenn wir aber Würzburg
+einäschern«, fuhr er heftig fort, »ehe wir von hier abfahren, und du
+meinst, dann müßten wir das Herz der Stadt anzünden, so wäre das der
+Vierröhrenbrunnen, denn der ist in der Mitte. Aber der brennt doch nit.«
+
+»Und das Petroooleum? Ha! Wenn nur drüben auch alles so glatt ginge. Da
+werden einfach hundert Fässer Petroleum ins Brunnenbassin gefüllt -- ich
+sitze nebenan im Hirschen, tue, wie wenn ich Kaffee tränke, und brenne
+die Zündschnur an. Es ist eine dunkle Nacht, und ehe du dich versiehst,
+schlägt eine kirchturmhohe Flamme in den Himmel hinauf . . . Die erfaßt
+gleich das Rathaus und den Platz, und, o Gott, bis die da droben ihre
+Kanönle abfeuern, brennt die ganze Stadt . . . derweil wir schon längst
+in unserm Schiff den Main hinunterfahren. Ha!« schloß der bleiche
+Kapitän und spreizte die knochigen Finger, seine hellen Perlmutteraugen
+glänzten, »da müßte halt mein Bruder in Amerika dabei sein. Dann ginge
+sicher alles glatt.«
+
+»Das erste, was wir drüben tun, ist, daß wir deinen Bruder aufsuchen.«
+
+»No, allemal.«
+
+Der bleiche Kapitän hatte einen Bruder, der vor ein paar Jahren als
+Ingenieur nach Amerika gegangen war. Der einzige Mensch, dem sich der
+bleiche Kapitän nicht ganz ebenbürtig fühlte, und auf den er bei jeder
+Gelegenheit hinwies, als auf ein nicht erreichbares Ziel.
+
+Ehe der Amerikaner abgereist war, hatte er am Bahnhof zum bleichen
+Kapitän gesagt: »Ich komme wieder, dann reiße ich die alte Brücke ab und
+baue dafür eine hundert Meter hohe Hängebrücke hin, aus
+Eisenkonstruktion. Da werden die Würzburgerli Maul und Augen aufreißen.«
+
+Alle Räuber hatten die gleiche Vorstellung von dem Amerikaner -- sie
+sahen ihn, weit, weit von hier, kühn und wortkarg gewaltige Taten
+vollbringen; sie sahen ihn am reißenden Mississippi stehen, nur mit
+einer Zeichenrolle in der Hand: er blickt auf die Zeichnung und streckt
+den Finger aus -- da stürzen seine siebentausend Leute sich auf
+Eisenschienen und Träger, und alsbald steht ein gigantischer
+Brückenbogen im Mississippi.
+
+Wortkarg besteigt der Amerikaner den Mustang und reitet durch die
+Wildnis zurück zu seinem Blockhaus.
+
+»Die Schule geht in Flammen auf«, sagte der Schreiber und hob die Arme.
+»Und Lehrer Mager verbrennt zu nichts. Hi!«
+
+»Nein, Schreiber, über den wird endlich einmal Gericht gehalten. Der
+wird ganz einfach gefesselt und in den Festungsgraben geschleppt. Da
+wird er ausgezogen und an einen Baumstamm gebunden . . . An den wilden
+Birnbaum dort. Dann wird er gemartert, sieben Stunden lang. Überhaupt
+die ganze Brandnacht durch. Aber . . . wir lassen ihn am Leben. Wir
+hetzen ihn lieber nackt durch die brennende Stadt.«
+
+»Letzthin bin ich mit Sa . . . Seidel zum Lehrer gegangen, um die korri
+. . . um die korri . . . korrigierten Schulhefte abzuholen. Seidel hat
+einen A . . . A . . . Apfel kriegt, ich eine Ohrfeige, waaa . . . weil
+so viel Fehler in mein Aufsatz waren. Und die Hefte hab ich auch nit
+helf tr . . . tr . . . trag dürf.«
+
+»Warum gehst du auch mit dem Seidel zum Mager. Der ist doch sein
+Liebling. G'schieht dir ganz recht.«
+
+»Ich wollt halt auch einmal die He . . . die He . . . Hefte trag . . .
+Dann weiß ich aber noch einen, de . . . de . . . der gemartert werden
+muß. Meee . . . Meee . . . Mechaniker Tr . . . Tr . . . Tr . . . Tritt!«
+schrie Oldshatterhand wütend.
+
+»Und die anständigen Leute, es gibt ja sowieso nur ein paar in
+Würzburg«, sagte sinnend der bleiche Kapitän, »die werden vorher durch
+Briefe aufgefordert, ihre Kostbarkeiten zusammenzuraffen und mit Weib
+und Kind aus der Stadt zu fliehen . . . Alles was recht ist.«
+
+»Zum Beispiel dem Rat Häberlein schreiben wir vorher einen Brief. Der
+hat mich gestern abend sein Garten gießen lassen.«
+
+»Am Silbersee müssen wir unser Blockhaus bauen. Der liegt inmitten von
+Prärien und Urwäldern«, sagte die Rote Wolke und deutete weit hinaus.
+
+»Einmal kann ich ja meiner Schwester z . . . zwei Pa . . . Pa . . .
+Papageienflügel schicken? Für ihren H . . . Hut«, sagte Oldshatterhand.
+»Grü . . . grüne vielleicht.«
+
+»Wenn sie nicht umgekommen ist in der Brandnacht.«
+
+»Die, die . . . muß einen Brief bekommen!« rief Oldshatterhand
+erschrocken und gab die Friedenspfeife weiter.
+
+»Wer von uns seine Familie schonen will, kann ja einen Brief schreiben,
+ich tu's nit«, sagte der bleiche Kapitän, tat die drei vorgeschriebenen
+Züge aus der Friedenspfeife und sagte monoton in tiefem Baß:
+»Falkenauge«, reichte das qualmende Schilfrohr seinem Nachbarn, stand
+auf und übte mit einem Sandowmuskelspanner.
+
+Falkenauge blickte mit dem einen Auge aufs glimmende Schilfrohr, während
+das andere gespenstisch und interesselos nach rechts blickte. Es war ein
+Glasauge.
+
+Eine Kirchturmuhr begann zu schlagen, eine entfernte geiferte dünn und
+schnell dazwischen, andere mit tiefen Tönen setzten ein; der
+Zusammenklang währte eine Weile. Da hub die Domuhr voll und dunkel an zu
+schlagen: töm . . . töm . . . töm . . . zwölf Schläge in die tiefe
+Nachtstille.
+
+»Nach den Sta . . . tatata . . . tuten mü . . . ssen wir jetzt den
+heutigen Ra . . . Raubzug beginnen. Oldshatterhand haaa . . . t ge
+. . . sp . . . sprochen.«
+
+Der Schreiber unterdrückte das Lachen. Winnetou gab ihm einen
+Rippenstoß. Oldshatterhand errötete und heftete seine wutfunkelnden
+Augen auf den Schreiber.
+
+Da erschien auf dem Bergrücken plötzlich eine große, dunkle Gestalt, die
+sich lautlos reckte und schnell wieder zusammenduckte, als ein Räuber
+den Kopf hob.
+
+»Mit Gott denn!« rief der bleiche Kapitän.
+
+Die Räuber sprangen auf und tanzten, schwerfällig von einem Fuße auf den
+anderen hüpfend, im Kreis um das Lagerfeuer herum und sangen gedämpft
+und monoton dazu:
+
+ »Tsching tschang, tsching tschang, bumbetewitschki,
+ Nang kang killewi, nang kang killewi,
+ Tsching tschang, tsching tschang, bumbetewitschki,
+ Nang kang killewi wau.«
+
+Der bleiche Kapitän reckte die Hand in den Nachthimmel -- die Räuber
+standen in ihrer momentanen Stellung still. Die Hand des bleichen
+Kapitäns sank, und die Räuber stürzten, den bequemen Weg, der aus dem
+Graben führte, verachtend, zur Mauer, krabbelten hinauf, schlichen vor
+bis zum Bergrand und riefen: »Weh dir!« zur Stadt hinunter.
+
+Die Gestalt war hinter einem Baumstamm verschwunden.
+
+Die Knaben standen jetzt auf einem Felsenvorsprung, der,
+gebüschbewachsen und zerklüftet, dreißig Meter senkrecht in die Tiefe
+fiel, bis in den Hof einer Malzfabrik, in deren haushohen Schlot die
+Räuber oben hineinsehen konnten.
+
+Ein Diebabhalter, fächerartig auseinanderstehende, altersmorsche Latten,
+die aus dem Felsenabhang hinaus in die Luft ragten, versperrte den Weg
+in die königlichen Weinberge.
+
+Der bleiche Kapitän rutschte auf dem Bauche ein Stück den Felsenabhang
+hinunter, erfaßte die Latten, schwang ein paarmal wie ein
+Kirchenglockenschwengel über der Tiefe hin und her -- und stand in den
+königlichen Weinbergen.
+
+Die anderen folgten und waren nach einer Weile alle glücklich drüben,
+außer Oldshatterhand, der zitternd am Felsenabhang klebte, denn seine
+freie Hand reichte nicht bis zum Diebabhalter. Er wagte nicht, sich zu
+rühren.
+
+Der bleiche Kapitän beugte sich, auf dem Bauche liegend und von den
+anderen gehalten, über den Felsenabhang hinaus, streckte Oldshatterhand
+die Hand hinüber und riß ihn frei durch die Luft zu sich.
+
+Der Diebabhalter brach und stürzte in die Tiefe.
+
+Der Schreiber grinste: »Hohaho! Oldshatterhand.«
+
+»Still!« rief der bleiche Kapitän und sah zürnend im Kreise herum.
+
+Falkenauges gläserner Ersatz funkelte im Mondlicht.
+
+Oben lag die mondbeschienene Festung. Vom Fuße der Festung weg, bis zu
+den ersten Häuschen der Stadt, fiel der königliche Weinberg steil ab,
+aus dessen Trauben der berühmte Leistenwein gekeltert und in Bocksbeutel
+abgezogen wird.
+
+»Jeder hat sich unter seinen Weinstock zu setzen und so viel zu fressen,
+wie er kann«, befahl der bleiche Kapitän. »Und dann erst steckt jeder so
+viel Trauben ein, wie möglich, für unsere Vorratskammer.«
+
+Die Räuber schwärmten aus und wählten jeder seinen Weinstock.
+
+Der Mond stand jetzt voll am Himmel über der schlafenden Stadt. Die
+Domuhr schlug eins.
+
+Es raschelte im Weinberg. Kleine, dunkle Gestalten krochen herum.
+Oldshatterhand hockte in Kniebeuge und horchte, atemlos vor Angst. Ohne
+hinzusehen, griff er seitwärts in den Weinstock und steckte eine Beere
+in den Mund. Da glaubte er, die anderen seien schon fort, rutschte
+erschrocken den steilen Weinberg hinab und prallte gegen Winnetou. »Wenn
+jetzt jemand kommt!«
+
+Winnetou richtete sich hoch auf und sah zur alten Brücke hinunter, auf
+der einzelne, verkürzte, zusammengedrückte Menschen traumhaft taumelten,
+und sagte laut: »Wenn jetzt einer kommt, dann bleibe ich so stehen, daß
+er mich sieht.«
+
+»Duck dich doch«, flüsterte Oldshatterhand entsetzt.
+
+»Daß ihr mir fei tüchtig Trauben einsteckt«, erklang die Stimme des
+bleichen Kapitäns laut von seitwärts.
+
+Oldshatterhand war zusammengefahren und riß empfindungslos, ohne noch an
+etwas zu denken, hastig Trauben vom Stock und stopfte sie in die
+Taschen.
+
+Winnetou stieg den Weinberg hinauf und verschwand im Schatten der
+Festungsmauer.
+
+»Mit dem Messer mußt du abschneiden«, schimpfte der bleiche Kapitän
+Oldshatterhand, »sonst werden sie ja ganz verdrückt.«
+
+Mit zitternden Händen suchte Oldshatterhand nach seinem Messer.
+
+Plötzlich stieß er einen gellenden Schrei aus -- über ihm stieg eine
+klare hohe Stichflamme aus dem Weinberg in den Nachthimmel. Entsetzt
+blickten die Räuber zur Flamme hin. Der bleiche Kapitän kroch auf sie
+zu, und die Räuber hörten ihn sagen: »Herrgott, was ist denn das für
+eine Dummheit! Sollen wir vielleicht alle miteinander erwischt werden.
+Das sieht man doch von der Stadt drunten.«
+
+Die Räuber waren hinzugelaufen. Die Flamme beleuchtete Winnetous
+Gesicht. »Und wenn sie's sehen! Sie sollen's ja sehen!« schrie er und
+trat in Raserei den brennenden Weinstock nieder.
+
+Die Wildheit Winnetous hatte die Räuber stumm gemacht. Seine Lippen
+zuckten. Die Tränen schaukelten an seinen Wimpern.
+
+»Also, machen wir lieber, daß wir fortkommen . . . Wenn ihr alle genug
+habt«, sagte der bleiche Kapitän. Die Domuhr schlug dunkel zwei. »Wie
+ein Mensch so was tun kann, nur damit er erwischt wird, das versteh ich
+wahrhaftig nit.«
+
+Vollbepackt schlichen die Räuber aus dem Weinberg und gelangten, jetzt
+auf einem ganz ungefährlichen Weg, den sie herwärts verachtet hatten,
+zurück in den Festungsgraben. Voran der bleiche Kapitän mit einem
+Waschkorb voll Trauben, den er schon am Tage vorher leer in den Weinberg
+geschmuggelt hatte.
+
+»Pst! Da war gerad jemand gestanden«, flüsterte Falkenauge.
+
+»Wo? . . . Wo denn!«
+
+»Jetzt is er weg.«
+
+»Ach, der sieht die ganze Zeit mit sein eine Aug Sachen, die gar nit da
+sind«, sagte der Schreiber.
+
+Da drückte Falkenauge sein Glasauge heraus, hielt es dem Schreiber hin
+und rief frohlockend: »Mach das einmal nach!«
+
+Ärgerlich sah der Schreiber zur Seite.
+
+Falkenauge setzte seinen Ersatz wieder ein und blickte im Kreise herum.
+
+Die Räuber hoben einen Steinquader aus der Mauer des Festungsgrabens --
+ein großes, schwarzes Loch wurde sichtbar. Der Anfang eines
+unterirdischen Ganges.
+
+Der bleiche Kapitän zündete eine Pechfackel an, die im Gange lag, und
+ging voran. Fledermäuse klebten an der Decke, flatterten auf, prallten
+gegen die Räuber, und huschten ins Freie.
+
+Viele Seitengänge führten vom Hauptgang weg. Über jeden Seitengang hatte
+der bleiche Kapitän ein Täfelchen unter Glas angebracht und mit
+Druckschrift darauf geschrieben, wohin der Gang führte. Auf einem
+Täfelchen war zu lesen:
+
+Mördergang! Führt unter die ganze Stadt durch, in den Hinrichtungshof
+des Justizgebäudes. Vorsicht!
+
+Auf einem anderen Täfelchen stand:
+
+Gang der lebendig eingemauerten Nonnen. Führt eine Stunde weit ins
+Nonnenkloster Himmelspforten.
+
+Auf dem dritten Täfelchen:
+
+Gang des Mittelalters. Führt hinunter bis in die Mitte des Flusses, zur
+Wasserfalle, die von Ratten wimmelt. In diesen Gang hat im vierzehnten
+Jahrhundert der Bischof von Würzburg falsche Priester gestoßen, die in
+die Wasserfalle gerieten, bis zum Nabel im Wasser standen und lebendigen
+Leibes von den Ratten aufgefressen wurden. Es wird gebeten, diesen Gang
+nur bei Lebensgefahr zu betreten.
+
+Der Hauptmann.
+
+Die Räuber tasteten sich den Hauptgang vor, bis zu einem weißen
+Mullvorhang, den Oldshatterhand seiner Mutter vom Waschseil gestohlen
+hatte. Das einzige, was er hatte beisteuern können. Der bleiche Kapitän
+zog den Vorhang zur Seite und ließ seine Leute eintreten, in einen
+quadratischen Raum, in dem, von den Räubern aus den Felsen
+herausgehauen, Steinbänke waren.
+
+Das war »das Zimmer«.
+
+Die Rote Wolke zündete die Petroleumlampe an, welche von der niederen
+Decke herunterhing, und schimpfte: »Die ist wieder nicht geputzt
+worden.«
+
+Die großen und reifgelben Trauben wurden sorgsam auf die Holzregale
+gelegt, die an den Mauern angebracht waren, und auf denen schon
+vielerlei Vorrat aufgestapelt lag: Zigarren in jeder Form und Qualität,
+von den Räubern den verschiedenen Vätern gestohlen, lagen, mit
+Zigaretten untermischt, in einer Handschuhschachtel beisammen. Daneben
+lagen: ein großer, geräucherter Schwartenmagen, Äpfel, Birnen und Eier,
+in Reihen geordnet, ein Stoß Stearinkerzen, zwölf Paar von den Räubern
+eigenhändig genähte Sandalen aus dickem Rindleder, welches Falkenauge in
+dem Ledergeschäft, wo er zum Kaufmann ausgebildet werden sollte,
+mitgenommen hatte. Er trug sich mit dem Gedanken, von den ersten zwölf
+Büffeln, die er im wilden Westen erlegen würde, die Häute an seinen Chef
+zu senden, zum Ersatz.
+
+Die Sandalen waren neu und wurden niemals getragen, aber täglich mit
+Schweinefett eingerieben, auf daß sie nicht knarrten, wenn man in der
+Prärie die Rothaut beschliche.
+
+Ein leeres Bierfaß stand in der Ecke und ein volles darauf, vom bleichen
+Kapitän aus dem Keller seines Bruders mitgenommen. Die Biergläser,
+sorgfältig gespült, mit blitzenden Zinndeckeln, hingen darüber auf einem
+Zapfenbrett. Der schwarze Erdboden war festgestampft und mit zertrennten
+Kartoffelsäcken belegt. Besen und Schaufel und zwölf Vogelstutzen hingen
+an der Mauer.
+
+Es herrschte musterhafte Ordnung im »Zimmer«.
+
+Auf einem großen Büchergestell standen, Rücken an Rücken, alle Räuber-,
+Indianer- und Seegeschichten, die es überhaupt gibt: Der Bayrische
+Hiesl oder Der Herr der böhmischen Wälder, Gesamtausgabe in
+zweihundertunddreizehn gelben Heftchen à zehn Pfennige, mit einem
+Pechdraht verschnürt. Räuberhauptmann Rinaldini, in ebenfalls
+zweihundertunddreizehn Heftchen à zehn Pfennige. Um sieben Millionen
+oder Der Schurke von Zanzibar. Das Gespensterschiff von Hauff. Und alle
+Indianergeschichten, die der Herr Buchbinder Männlein, der Meister des
+bleichen Kapitäns, in seinem Laden führte, standen wohlgeordnet im
+gepreßt vollen Bücherregal.
+
+Auf einem kleinen Eckbrett lag für sich allein ein dünnes
+Reclambändchen: »Die Räuber. Drama in fünf Aufzügen von Friedrich von
+Schiller.« Das Hausbuch der Bande.
+
+Ein alter, großer Revolver lag unter einer Glasvitrine, die früher das
+Kruzifix im Schlafzimmer der Witwe Benommen vor Staub geschützt hatte.
+
+Ein mit Totenköpfen verziertes Plakat hing an der Wand. »Heimlicher
+Versammlungsort der Räuberbande von Würzburg« stand darauf.
+
+Die Räuber saßen und lagen auf den Bänken.
+
+»Rechnungsführer, bitte die neuen Einkünfte zu registrieren«, sagte der
+bleiche Kapitän und stülpte die Lippen nach außen.
+
+Der Schreiber schloß ein Schränkchen auf und nahm Tinte und Feder und
+ein Büchlein heraus.
+
+Oldshatterhand kicherte. Er freute sich immer, wenn der Rechnungsführer
+an seine Schande erinnert wurde, ein Schreiber zu sein. Was dieser
+jedoch mit grimmigem, etwas leidvollem Humor ertrug. »Was bin ich? Ein
+Schreiber bin ich, ein Schrieb«, sagte er, »ein Federfuchser, hohaho!«
+Und dabei errötete er stets tief.
+
+»Wieviel soll ich registrieren, Hauptmann?« fragte er und sah auf die
+Trauben.
+
+»Nun . . . sagen wir viereinhalb Zentner.«
+
+»Viereinhalb Zentner Weintrauben aus den königlichen Weinbergen.
+Jahrgang achtzehnhundertneunundneunzig«, notierte der Schreiber. Und
+deutete auf eine farbige Eidechse aus der Nymphenburger
+Porzellanmanufaktur. »Und diese Eidechse? . . . Gekauft?«
+
+»Mitgenommen«, gab der bleiche Kapitän an. »Schreib auf: ein Kunstwerk,
+in Form einer Eidechse.«
+
+»Und das da, Hauptmann?«
+
+». . . Wer hat da gelacht!« brüllte erzürnt der bleiche Kapitän. ». . .
+Wenn noch einmal einer lacht, so wird er ausgeschlossen . . . Da wird
+ganz einfach ballotiert, mit schwarzen und weißen Kugeln. Und dann ist
+er draußen. Dann kann er sehen, wo er hinkommt. Glaubt ihr vielleicht,
+wir sind zum Spaß da! . . . Schreib auf: Ein weißer Stallhase, lebend,
+gekauft beim Jud Meyerheim, um fünfunddreißig Pfennige.«
+
+Der Stallhase saß auf dem Bücherregal und schnupperte mit der Oberlippe.
+
+Gelacht hatte die Kriechende Schlange. »Der macht uns ja alles voll«,
+sagte er, fuhr aber schnell fort: »Morgen ist ein Schnelläufer auf dem
+Sanderrasen. Er läuft im Trikot.«
+
+»Da wird hingegangen«, erwiderte der Hauptmann, »wenn ihr wollt«, setzte
+er, noch erbost, hinzu. »Morgen mache ich einen Käfig für >Das heilige
+Tier<. So heißt von heute an der Stallhase.«
+
+Oldshatterhand schritt zum Tisch, der in der Mitte stand, stellte eine
+Rattenfalle darauf und ging, ohne gesprochen zu haben, zurück an seinen
+Platz.
+
+Der bleiche Kapitän wandte den Kopf nach ihm hin: ». . . Gekauft?«
+
+». . . Eigentlich geschenkt bekommen, vom Schmied Gottlieb.«
+
+Der Schreiber notierte die Rattenfalle und den dreipfündigen Hecht, den
+die Rote Wolke mitsamt dem Blechkasten aus dem neuen Sandschiff des
+roten Fischers geholt hatte, und schloß das Büchlein wieder in den
+Schrank.
+
+Der große Fisch schnalzte heftig im Kasten.
+
+Der bleiche Kapitän schlug mit einem Holzklöpfel den Hahn ins Bierfaß.
+Das donnerte im unterirdischen Gang, wie wenn Felsen gesprengt würden.
+Er schenkte die zwölf Gläser voll, zündete zwölf Kerzen an, stellte sie
+auf die Regale und verlöschte die Petroleumlampe.
+
+Die Räuber saßen um den Tisch herum, tranken und rauchten.
+
+»O Felli«, sagte Winnetou. Das hieß: Ich bitte ums Wort.
+
+»Sprich«, erwiderte der bleiche Kapitän.
+
+»Würzburg steht in Flammen . . . brennt nieder und ist dem Erdboden
+gleichgemacht. Alle Einwohner sind umgekommen. Alle! Auf uns, die einzig
+Überlebenden, fällt natürlich der Verdacht. Darum sage ich: wir müssen
+ungeheure Vorräte aufstapeln im Zimmer, um uns vier Wochen lang hier
+verbergen zu können. Bis die Regierung glaubt, wir seien mitverbrannt.
+Nicht der geringste Verdacht fällt auf uns, denn es weiß ja niemand, daß
+wir noch leben . . . Dann schicken wir unsere Kundschafter aus und
+erfahren alles, was in der zerstörten Stadt vorgeht . . . Und wenn wir
+uns dann, als Bauernweiber verkleidet, aus dem Staub gemacht haben, sind
+wir verschollen auf ewig.«
+
+Die Räuber saßen vor Begeisterung erstarrt. Winnetou schwieg und lehnte
+sich zurück. Die Kerzenflammen standen unbeweglich. Die bleichen
+Gesichter hingen wie kleine, dunstige Monde im Zigarrendampf.
+
+»Wir müssen nur immer fest zusammenhalten!« rief Oldshatterhand erregt.
+»Oh, im wilden Westen . . . Ihr werdet's schon sehen . . . Wenn einer
+von uns in Würzburg bleiben will . . ., um vielleicht eine Frau zu
+heiraten, dann soll er's lieber gleich sagen.«
+
+Der bleiche Kapitän drückte Oldshatterhand mit einem Blick in die Ecke:
+»Wie du glauben kannst, daß einer von uns so ein dreckiger Feigling ist,
+das versteh ich ganz einfach nit.«
+
+Plötzlich sprang wie aus dem Hinterhalt der König der Luft in die Mitte
+und rief: »Ich, der König der Luft, lese jetzt vor: das
+hundertundsiebenundneunzigste Kapitel aus >Die bleiche Gräfin oder Der
+Mord im Walde<. Da sind wir's letztemal stehen geblieben.« Der König der
+Luft war Lehrling in einer Drahtgitterfabrik, sehr ehrgeizig und ein
+scharfer Rivale des bleichen Kapitäns; er sprang von immer höheren
+Mauern herunter, um seinen Ruhm zu steigern und eines Tages die
+Hauptmannschaft an sich zu reißen. Er war dünnlippig, braunhäutig und
+hatte ein Indianerprofil.
+
+»Wollen wir nicht lieber das Räuberlied singen?« fragte Oldshatterhand.
+
+Da knöpfte der König der Luft energisch den untersten Knopf seines
+Röckchens zu, reckte das gelbe Heftchen zur Decke und rief: »Die bleiche
+Gräfin!«
+
+»Räuberlied!« brüllten die anderen.
+
+»Also, also Räuber --, also Räuber -- Räuberlied!« rief schnell und sich
+überstürzend der König der Luft und stand im Ausfall, die Faust geballt.
+Der Rockknopf sprang ab, sein Hals schoß wagerecht vor, und das Gesicht
+stand senkrecht. Er mahlte mit den Zähnen und preßte die Lippen schief
+zusammen. Seine tiefe Stirnfalte entstand. So hub er an zu singen, und
+die Räuber hörten zu.
+
+ »Stehlen, morden, huren, balgen,
+ Heißt bei uns nur die Zeit zerstreun.
+ Morgen hangen wir am Galgen,
+ Drum laßt uns heute lustig sein.
+ Stehlen, morden, huren, balgen. Ha!«
+
+Falkenauge sang, das natürliche Auge weit aufgerissen, während das
+gläserne tot und interesselos in die Ecke blickte. Der bleiche Kapitän
+sang gewaltsam in tiefem Baß und sehr falsch. Und die Lippen der
+Kriechenden Schlange waren beim Singen mit Speichelbläschen dicht
+besetzt. Die Rote Wolke stellte die Fußspitze nach rückwärts und agierte
+pathetisch. Jeder der Räuber sang eine Strophe. Zuletzt kam
+Oldshatterhand, der sich sehr frei fühlte, denn beim Singen stotterte er
+nicht. Um über seine Kleinheit wegzutäuschen, balancierte er auf den
+Zehenspitzen. Er sang mit feiner Mädchenstimme.
+
+Das Bierfaß war leer. Die Kriechende Schlange lag müde zusammengerollt
+in der Ecke, und der Kopf des schlafenden Oldshatterhand lehnte gegen
+die Schulter der Roten Wolke.
+
+»O Felli«, sagte müde Winnetou.
+
+»Sprich.«
+
+»Es ist Zeit, Hauptmann.«
+
+»Auf morgen denn«, sagte leise der bleiche Kapitän, und sein Kopf sank
+auf die Brust.
+
+Die Räuber erhoben sich mühsam, verlöschten die Kerzen, zündeten die
+Pechfackel an und stellten gähnend ihre Rockkragen auf.
+
+Das Wasser im Fischkasten gluckste.
+
+Da schlug der betrunkene Schreiber auf den Tisch, daß der weiße Hase,
+aus dem Schlafe geschreckt, vom Regal sprang und ängstlich im »Zimmer«
+herumhüpfte. Mit einem Ruck riß er sich den Halskragen auf, den rosa
+Schlips herunter und brüllte noch einmal seine Strophe:
+
+ »Das Wehgeheul geschlagener Väter,
+ Der bangen Mütter Klaggezeter,
+ Das Winseln der verlaßnen Braut
+ Ist Schmaus für meine Trommelhaut.«
+
+Die Räuber hatten das »Zimmer« verlassen, den Verschlußstein wieder
+sorgfältig eingefügt und standen auf dem Bergrücken beisammen.
+
+Der erste Morgenschein lag über der Landschaft. Das Gras war taunaß. Auf
+einem Busch saß eine Amsel und pfiff, und ein Eichhörnchen hing still an
+einem Lindenstamm, mit einer Haselnuß im Maul, blickte auf die Knaben
+und huschte in einer Spirale um den Stamm herum und hinauf ins
+raschelnde Laub.
+
+Die Stadt im Tale war in dicken Nebel eingepackt; nur die dreißig
+Kirchtürme stachen durch den Nebel und schwarz in den morgenklaren
+Himmel hinein. Im Osten hinter der Stadt stand eine zartrosa Wolkenwand.
+
+»Da liegt ein Hobel«, sagte Falkenauge erschrocken, hob ihn auf, beäugte
+ihn ganz nahe, roch daran und zeigte ihn still und vielsagend der
+Räuberrunde.
+
+»An der Stelle sind wir heut abend die Mauer hinuntergesprungen; da war
+der Hobel noch nit dort gelegen.«
+
+»Wie kommt er überhaupt daher.«
+
+»Ein schöner Hobel ist es ja.«
+
+»Was ham wir davon!« riefen ein paar gleichzeitig.
+
+»Wenn uns jemand ausspioniert hat -- no, dann geht's uns krumm.«
+
+Der Schreck war den frierenden Räubern in die Glieder gefahren. Die
+übernächtigen Augen waren fragend und gespannt aufeinander gerichtet.
+
+»Dann sind wir verloren!« rief die Rote Wolke pathetisch.
+
+Der bleiche Kapitän schob den Hobel kaltblütig zwischen Rock und Weste.
+»Was heißt denn das . . . verloooren!«
+
+Die Rote Wolke stellte die Fußspitze rückwärts und hob die Hand. »Es
+wird heißen: Im Herbst des Jahres achtzehnhundertneunundneunzig stattete
+die gefürchtete Räuberbande von Würzburg den königlichen Weinbergen
+ihren Besuch ab . . . In dunkler Nacht.«
+
+»Blödsinn! Uns erwischen sie nit so schnell. Jetzt gehn wir einmal
+heim«, riet der bleiche Kapitän. »Den Hobel nehm ich mit, für unsre
+Vorratskammer.«
+
+Auseinanderstrahlend schlichen die Räuber auf allen Wegen den Schloßberg
+hinunter.
+
+Oldshatterhand konnte ungesehen in die Küche schlüpfen, wo er auf einem
+alten Kanapee seine Schlafstätte hatte. Gespannt beobachtete er seine um
+zwei Jahre ältere Schwester, ein skrofulöses Nähmädchen, die auch in der
+Küche schlief. Unruhig träumend warf sie sich im Bett hin und her; ihre
+bläulichen Lippen bewegten sich, und die schmale Hand hing bis zum Boden
+hinunter.
+
+Oldshatterhand legte eine etwas verdrückte Traube für die Schwester auf
+den Stuhl, schlich zum Küchenschrank, trank Milch aus dem irdenen Topf
+und goß Wasser nach, genau so viel, wie er Milch getrunken hatte. Die
+Augen auf die Schlafende gerichtet, entkleidete er sich ganz leise und
+ließ sich mit größter Vorsicht langsam aufs knarrende Kanapee nieder.
+
+Der König der Luft traf seinen Vater, einen alten Handlungsreisenden mit
+faserigem, grauem Bart, dabei an, wie er seine Sachen ordnete. Der Alte
+sah sich um nach seinem Sohn und fuhr still fort, seine Warenproben ins
+Köfferchen zu packen. Er war ein verhärmter Mann.
+
+Der Schreiber hatte, bevor er daheim fortgegangen war, die
+Wohnungsglocke festgebunden, um nicht gehört zu werden. Wohlgemut
+tänzelte er durch seine Gasse, fuchtelte mit dem Stöckchen in der Luft
+umher und sang leise: »Das Wehgeheul geschlagner Väter, hohaho! Der
+bangen Mütter Klaggezeter«, öffnete die Wohnungstür -- da läutete die
+Glocke durchs Haus. Herr Widerschein, ein Schuster, hatte sie
+losgebunden und wartete auf seinen Sohn, mit dem Knieriemen in der Hand.
+Wortlos nahm er den Schreiber in Empfang und legte ihn über.
+
+Das dünne Stöckchen lag daneben, und der Schreiber ruderte mit Armen und
+Beinen.
+
+Winnetou ging, ohne sich in acht zu nehmen, zu Hause durch den
+hallenden, dunklen Gang. Vor dem roten ewigen Lichtchen unter der in der
+Mauer eingelassenen Mutter Gottes blieb er stehen, den Arm an die Mauer
+gelegt, den Kopf auf die Hand. So stand er lange und dachte an gar
+nichts. Plötzlich empfand er den Zwang, das ewige Licht zu verlöschen,
+so daß tiefstes Dunkel um ihn her wurde. Langsam trat er in sein Zimmer.
+
+Der bleiche Kapitän hatte die Treppe verschmäht und war am Blitzableiter
+hinaufgekrabbelt und durchs Fenster in seine Kammer gestiegen.
+
+Die Sonne war aufgegangen und traf die Krone des Kastanienbaums im
+Wirtschaftsgarten.
+
+Nackt stand der bleiche Kapitän am Fenster, band erst das rote Tüchlein
+vor und übte noch eine Weile ernst und sachlich mit den zwei Bügeleisen.
+
+ * * * * *
+
+Am Sonntagnachmittag schritt der rote Fischer in seiner schulheftblauen
+Wolljacke, Kopf und Unterlippe grimmig vorgeschoben, energisch auf die
+»Altrenommierte Weinstube zu den drei Kronen« los. Gleich darauf klang
+sein Schimpfen bis auf die Straße heraus.
+
+Geputzte Weiblein mit großen Gesangbüchern und Rosenkränzen, einzeln,
+paarweise und in Reihen, gingen in der Richtung nach der Burkarter
+Kirche. Die Sonne schien. Glocken läuteten.
+
+Oldshatterhand saß in der Schloßgasse vor dem einstöckigen Häuschen des
+Schusters Widerschein auf einem Handwagen, ließ die Beine baumeln und
+blickte hinauf zu den ganz mit Geranienstöcken verstellten kleinen
+Fenstern. Manchmal pfiff er vorsichtig, kaum hörbar, den Bandenpfiff:
+»Nieder mit der Tyrannei«, und machte leise: »Pst«, worauf die rot- und
+weißgefleckte Katze, die zwischen den Blumenstöcken in der Sonne hockte,
+den Kopf drehte und die Augen auf Oldshatterhand heftete.
+
+Sonst blieb alles unverändert.
+
+Die Familie Widerschein saß beim Kaffee. »Di di di di quiridi«,
+trillerte der Kanarienvogel.
+
+»Pst«, machte Oldshatterhand.
+
+Die Hand des Schreibers erschien, senkrecht gestellt, zwischen den
+Blumenstöcken, drehte sich verneinend einige Male im Handgelenk und
+winkte dann heftig weg, die Gasse hinunter. Der Schreiber hatte keinen
+Ausgang heute.
+
+Auf den Zehenspitzen verließ Oldshatterhand die Schloßgasse, begab sich
+zur Bande, die vor dem Friseurlädchen des Herrn Adam Rein versammelt
+war, und erstattete Bericht.
+
+Der bleiche Kapitän besprach sich eben mit seinen Leuten, ob er es wagen
+solle, sich rasieren zu lassen. Wenn er gegen die Sonne stand, flimmerte
+ein zarter Flaum goldig auf seiner Oberlippe.
+
+Entschlossen trat er ein.
+
+»Haarschneiden -- Herr Benommen?«
+
+»Nein . . . Heute nur rasieren.«
+
+»Wie die Zeit vergeht! Ihren Vater rasierte ich dreißig Jahre lang, und
+noch Ihren Großvater. Und jetzt sind Sie auch schon so weit. Ja, man
+wird alt«, sagte Herr Rein und ließ lächelnd das Messer über die sanfte
+Haut des Hauptmanns gleiten.
+
+Strahlend kam der bleiche Kapitän zurück und fragte seine Leute
+unwirsch, ob er gut rasiert sei und ob ihn denn der Rein nicht
+geschnitten habe.
+
+Der Vater Oldshatterhands schritt vorüber, im peinlich sauber
+gebürsteten Sonntagsanzug und mit glänzend gewichsten Stiefeln. Die
+Räuber grüßten verlegen. Herr Vierkant legte seinen Zeigefinger an den
+Hutrand und lächelte. Sonntags war Herr Vierkant immer in bester Laune.
+Ein feines Stäubchen von seinem Ärmel schnellend, schritt er weiter.
+
+Die Bande eilte hinaus zum Sanderrasen.
+
+Ein schneidender Pfiff ertönte: »Nieder mit der Tyrannei«, und heftiges
+Keuchen. Sein dünnes Stöckchen über dem Haupte schwingend, kam der
+Schreiber nachgerast.
+
+Beim Pferdemetzger Rücken blieben sie stehen. Auf das Ladenschild war
+der dampfsprühende Kopf eines Rennpferdes gemalt.
+
+Der Duckmäuser stand vor dem Laden, biß in sein Stück Pferdewurst und
+betrachtete dabei die Würste im Schaufenster.
+
+Der König der Luft wieherte wie ein Pferd und schlug aus. Der Duckmäuser
+hörte auf zu kauen.
+
+»Herrgott, wie man Pferdemetzger werden kann«, sagte der Schreiber.
+»Begreift ihr das? Sein ganzes Leben lang von allen Menschen so
+verachtet sein. Ich sag euch, das ist fast so, wie mit den Juden, die
+kleine Christenkinder schlachten und das Blut in die Mazze verbacken.«
+
+»Der Jud Meierheim soll's getan haben.«
+
+»Schwindel! Das weiß ich ganz genau, daß das überhaupt niemals ein Jud
+getan hat . . . du Rindvieh!«
+
+»I . . . i hahaha!« wieherte der König der Luft.
+
+Der Duckmäuser legte seine Wurst auf den Mauervorsprung.
+
+»Ein Pfeeerdemetzger . . . was soll man jetzt dazu sagen«, rief der
+Schreiber und erschrak, denn er hatte Herrn Metzgermeister Rücken
+bemerkt, dessen mächtiger Oberkörper in den kleinen Fensterausschnitt
+über dem Laden gepreßt war. Auf die kolossalen Unterarme gestützt,
+blinzelte Herr Rücken über die Bande weg in den Himmel und ließ das
+Grauen der Räuber auf sich wirken.
+
+»Ohaho! Pferdewurst? Ich fresse so viel ihr wollt. Jawohl!« sagte
+überzeugend der Schreiber.
+
+Zögernd griff der Duckmäuser wieder nach seiner Wurst.
+
+Der Sanderrasenplatz war von alten Bäumen umstanden. Wenn nicht Soldaten
+darauf exerzierten, legten die Bürgersfrauen die Wäsche zum Bleichen
+auf. Diesen Sonntag produzierte sich ein Schnelläufer auf dem Rasen.
+
+Um den Platz herum zog sich ein schwarzer Saum erwartungsvoller Menschen
+-- ein weißes Kleid hier und da, der Farbfleck einer Bluse.
+
+In der Mitte auf einem Stuhle stand ein Mann in rotem Trikot, einen Fuß
+rückwärts gestellt. Mit großer Geste rief er: »Drei Mark demjenigen aus
+dem hochverehrlichen Publikum, der eine Stunde mit mir läuft, ohne daß
+ich ihn überhole.« Er hatte kurze Beine mit gewaltig hervortretenden
+Schenkelmuskeln und einen aufwärts gebürsteten, schwarzen Schnurrbart.
+
+Eine kleine, dürre Frau, mit verhärmtem Gesicht, stand neben dem Stuhl.
+Sie war des Schnelläufers Mutter und hielt einen zerknüllten Zinnteller
+in der Hand.
+
+Der bleiche Kapitän sah seine Leute an.
+
+»Hohaho! Das machst du, Hauptmann.«
+
+Dem bleichen Kapitän bebten die Lippen, und ein verlorenes Lächeln
+zuckte über sein Gesicht.
+
+Da trat er in den Raum.
+
+Und schoß gleich hundert Meter vor, während der Schnelläufer hinter ihm
+hertrabte mit zur Brust hochgenommenen Armen, daß sich die Ellbogen vor-
+und zurückbewegten, gleichmäßig, wie die Kolben einer Dampfmaschine.
+
+Nach einer Weile war der Hauptmann, mit mächtigen Sprüngen
+vornüberstürzend, schon fast eine Runde voraus, angetrieben durch die
+begeisterten Draufrufe seiner Bande.
+
+»Der Malefizhundsknoche verdient sich wahrhafti die drei Mark!« rief der
+rote Fischer.
+
+Eine Welle der Erregung lief am Menschensaum entlang.
+
+Die Mutter des Schnelläufers hielt unterdessen den Zuschauern ihren
+Zinnteller gleichgültig hin und ging gleichgültig weiter, mit stumpfen
+Augen, wenn man nicht gab.
+
+Der Hauptmann keuchte, etwas langsamer geworden, an seinen Leuten
+vorüber, winkte ihren Draufrufen ab, sah sich nach seinem Rivalen um.
+Und war weg.
+
+Der Abstand verringerte sich merklich, der Hauptmann wurde immer
+langsamer; der Schnelläufer, stets im gleichen Tempo, holte auf und
+überholte, unter knallendem Gelächter des Publikums und besessenem
+Draufgebrüll der Bande, den bleichen Kapitän, der nach einer weiteren
+Runde vollkommen erschöpft aufgab.
+
+Geräuschlos verließen die Räuber den Kampfplatz.
+
+Der Mann im roten Trikot lief weiter in der Sonne am schwarzen
+Menschensaum entlang.
+
+Dem bleichen Kapitän rollten die Schweißtropfen am Gesicht hinunter.
+Ohne Atem stieß er hervor: »Der Schnelläufer hat beschummelt! Einen
+kleineren Kreis hat er gemacht! Wie wär denn sonst das möglich.«
+
+»Da gehn wir ganz einfach zurück und machen Krach.«
+
+»Ach, laß ihn. Ich pfeif ja auf seine drei Mark.«
+
+»Aber eine halbe Stunde hast du's doch ausgehalten«, sagte der
+Schreiber, mit der Uhr in der Hand.
+
+»No wart nur, bis er wieder einmal läuft.«
+
+»Ich schlag vor, daß wir jetzt zum Bäcker Schlauch gehen. Da gibt's
+warmen Käsekuchen. Es ist genau vier Uhr, seht. Da kommt er grad aus dem
+Backofen raus.«
+
+»Ich hab kein Geld«, sagte Oldshatterhand.
+
+»Aber ich!« rief der Schreiber. »Siebzig Pfennig. Weil ich heut früh für
+mein Vater Schuh fortgetrage hab, und da hab ich siebzig Pfennig mehr
+für die Reparatur verlangt.«
+
+»Wenn das dein Vater erfährt . . . mei Lieber.«
+
+»Er erfährt's aber nit. O Gott, das mach ich schon seit Jahr und Tag so.
+Die Kundschaft frägt mein Vater nit, weil sie's jetzt schon gewöhnt ist,
+daß bei mein Vater die Reparaturen so teuer sind.«
+
+Der Bäckermeister und Weinwirt Schlauch war ein frommer Mann, fett und
+bleich.
+
+Die Räuber blieben auf der Straße vor der Bäckereiauslage stehen. Der
+Schreiber kaufte für sich und die andern sieben Stück Käsekuchen, welche
+Herr Schlauch durch das Verkaufsfensterchen den Räubern hinausreichte.
+Oldshatterhand ließ sich auf sein Stück noch Zucker nachstreuen.
+
+Da spuckte der Schreiber einen Bissen wieder aus, sah die Räuber an und
+sagte: »Der Kuchen schmeckt nach Petroleum . . . Herr Schlauch, der
+Kuchen schmeckt ja nach Petroleum.«
+
+Alle reichten unter Protest die halbgegessenen Stücke durchs Fenster
+Herrn Schlauch wieder hinein, der sich ängstlich nach seinen
+weintrinkenden Gästen umsah und entsetzt den Kuchen beroch. »Petroleum?
+. . . Ja, was wär denn das.«
+
+»Versuchen Sie ihn nur selber.«
+
+»Wo schmeckt denn der Käsekuchen nach Petroleum«, sagte Herr Schlauch
+erstaunt, weiter mit der Zunge prüfend.
+
+»Tatsächlich, er schmeckt danach, das merkt man doch gleich!« sagte der
+bleiche Kapitän überzeugend und verzog das Gesicht. »Wahrscheinlich ist
+die Petroleumkanne daneben gestanden.«
+
+»Wa wa wa wa wa!« schrie der Bäcker aufgeregt. »Das gibt's nit!« Und
+schob die angebissenen Stücke auf dem Tische herum.
+
+»Also wenn ich Ihnen sag, er schmeckt nach Petroleum . . . Sie müssen
+uns neuen Kuchen geben. Wir ham doch bezahlt . . . Schneiden Sie halt
+einmal den andern Platz an.«
+
+Zitternd reichte der Bäcker noch einmal sieben Stücke zum Fensterchen
+hinaus.
+
+Oldshatterhand ließ sich wieder Zucker nachstreuen. Die Räuber bissen in
+den Kuchen . . . »Wahrhaftig! der schmeckt auch nach Petroleum«, sagte
+der Schreiber nach einer Weile.
+
+Der Bäcker wurde dunkelrot.
+
+»Ich schmeck nix«, sagte der König der Luft mit vollem Munde und
+schluckte hastig.
+
+»Du bist halt ein Rindvieh«, flüsterte der Schreiber . . . »Also, Herr
+Schlauch, das gibt's doch nit, daß Käsekuchen nach Petroleum schmecken
+darf . . . da müssen Sie uns doch recht geben.«
+
+Sie reichten auch diese halbgegessenen Stücke zum Fenster hinein. Der
+Bäcker beroch sie, legte sie hier- und dorthin, türmte sie aufeinander
+und sagte endlich zu seiner Frau: »Da, versuch du einmal den Kuchen.«
+
+»Jag die Lausbube weg . . . Der Kuchen schmeckt doch nit nach
+Petroleum.«
+
+Der Bäcker knallte das Verkaufsfensterchen zu.
+
+»Machen Sie auf!« Der Schreiber schlug an die Scheibe . . . »Da gehn wir
+ganz einfach in den Laden.«
+
+»Ich nit. Mein Vater sitzt drin«, sagte Oldshatterhand bedauernd und
+verschwand.
+
+Die Räuber schoben sich drängend durch die Tür, in den Laden hinein.
+
+»Wir wollen ja auch nicht so sein, aber wenn man doch bezahlt«, begann
+der Schreiber. »Jesus, wenn sowas bekannt wird!«
+
+Die Wirtin hatte den Atem verloren, blickte, unnatürlich reglos, das
+dichte Räubergrüppchen an, während ihr Mann sich zum Regal umwandte, die
+Ränder der unangeschnittenen, großen Kuchen ratlos beroch und dabei
+heimlich seine still genießenden Gäste beobachtete.
+
+»Heiliger Gott, wenn das die Leut erfahre täten«, sagte der Schreiber
+sehr laut in die Richtung, wo die Gäste saßen.
+
+Der bleiche Kapitän drängte sich vor. »Genau betrachtet, müssen Sie uns
+unser Geld zurückgeben, natürlich.«
+
+Und während Wirtin und Wirt erlöst und eilig nach der Kasse griffen,
+verglich der Kapitän: »Wenn mei Mutter in ihrer Wirtschaft stinkenden
+Schwartenmagen verkauft, muß sie'n a zurücknehm. So was ist doch ganz
+klar. Ich versteh Sie wirklich nit.«
+
+»Also und, also da hinten hockt er«, flüsterte plötzlich der König der
+Luft, der Herrn Lehrer Mager entdeckt hatte. »Also und, ich geh.«
+
+Winnetou war mit Oldshatterhand gegangen.
+
+Vor einigen Wochen hatte Oldshatterhand einen Zwetschgenkern in die Erde
+gelegt, auf daß ein Bäumchen daraus werde. Er und Winnetou mußten lange
+suchen, bis sie die Stelle wiederfanden. Endlich sah Oldshatterhand ein
+streichholzgroßes, zartes Stengelchen, an dem drei herzförmige Blättchen
+waren, und rief: »Das ist mein junger Zwetschgenbaum!«
+
+Sie knieten nieder. Um sie herum lagen zerbrochene Töpfe, zerknüllte,
+nicht mehr brauchbare Blecheimer, Flaschen, Gipsbrocken, stinkende
+Gemüseabfälle. Es war der Schuttablagerungsplatz vor der Stadt.
+Oldshatterhands Lieblingsaufenthalt. Ein mit grünem Schlamm überzogenes
+Altwasser, in dem es Feuersalamander gab, war auch da, von
+Haselnußsträuchern umstanden.
+
+Oldshatterhand drückte das Stengelchen mit dem Zeigefinger vorsichtig
+zur Seite und ließ es zurückschnellen. »Es hat schon ziemlich viel
+Kraft.«
+
+Sie setzten sich, die Beine auseinandergespreizt und die Fußsohlen
+gegeneinander gestemmt, so daß das Stengelchen in der Mitte war.
+
+»Wie lange braucht's, bis was dranhängt«, sagte Winnetou bedauernd und
+drückte das Stengelchen auch zur Seite.
+
+Oldshatterhand sah es schon als Baum: »Alles, was er trägt, gehört mir
+und dir. Er wächst schnell, hier ist der Boden gut.«
+
+»Es braucht auch viel Sonne und Regen.«
+
+Oldshatterhand sah zum bewölkten Himmel empor und wieder auf das
+Stengelchen; er empfand einen Druck über dem Herzen, weil er so klein
+bei dem kleinen Pflänzchen saß und die Zeit ihm unüberwindbar schien;
+seine Sehnsucht machte einen Sprung, und er sagte: »Wenn ich dann einmal
+zurückkehre, als . . . wenn ich dann einmal als ein Fremder zurückkehre
+. . . in einem Gummimantel, dann ist es schon ein großer Baum geworden,
+der gestützt werden muß.«
+
+»Wir könnten's eigentlich jetzt schon stützen, meinst nit?« fragte
+Winnetou und nahm ein Streichholz aus der Schachtel. Sie steckten das
+Streichholz zum Stengelchen in die Erde und banden es daran fest. Aber
+der Druck wich nicht aus Oldshatterhands Brust. Auch Winnetou sah
+nachdenklich drein. Beide dachten jetzt nicht an das Pflänzchen, sondern
+in die Zukunft. Das Pflänzchen blieb klein zurück.
+
+Winnetou riß sich zuerst los und sah wieder auf das Pflänzchen. »Wollen
+wir? . . . Was meinst du? . . . Das düngt«, sagte er und war auf einmal
+fröhlich. Oldshatterhand sah Winnetou erst entsetzt an.
+
+»Wirklich, das düngt«, beschwichtigte Winnetou.
+
+»Du glaubst, man kann das tun? . . . Schaden kann's ihm eigentlich nit«,
+sagte Oldshatterhand gedankenvoll, und ein Lächeln entstand in seinem
+Gesicht.
+
+Sie standen auf. Die zwei Strahlen kreuzten sich; sie traten zurück, und
+die Strahlen trafen das erzitternde Pflänzchen.
+
+Dann gingen sie zur Salamanderpfütze. Darauf schwamm ein breites,
+verfaulendes Brett. Andere Holzstücke benützten sie zum Abstoßen und
+fuhren mit dem Brett auf dem Wasser herum, bis die Nacht hereinbrach,
+worauf sie erhitzt nach Hause eilten.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+
+Das war plötzlich gekommen. Gleichalterige vierzehnjährige Lehrjungen
+hatten aus der Kneipe der Witwe Benommen heraus über die Räuberbande
+gelacht, die geschlossen vorbeigegangen war. Der Schreiber machte den
+Vorschlag, auch in die Kneipe zu gehen, was bis jetzt für verächtlich
+und der Räuber unwürdig gegolten hatte, jedoch einem schon lange
+zurückgedrängten Wunsche entgegengekommen war. Seitdem hatten die Räuber
+viele Stunden in den Kneipen verbracht, und es galt für eine Ehre,
+betrunken zu sein. Des Schreibers Ansehen wuchs, denn er war mit ganzer
+Seele dabei und immer betrunken. Die Zusammenkünfte im »Zimmer« wurden
+zum Entsetzen Oldshatterhands nicht mehr ganz regelmäßig eingehalten.
+
+Die Räuber lagen auf dem Schloßbergrasen in der Sonne und warteten auf
+den bleichen Kapitän. Winnetou kaute nachdenklich Gras.
+
+Der bleiche Kapitän stieg langsam den Schloßberg hinauf; er hatte ein
+schmutziges Karl May-Buch ohne Einbanddecke in der Hand. Eine Weile
+blickte er schweigend und gespannt auf die Räuber hinunter. »Was glaubt
+ihr, daß passiert ist? Das hätt ich niemals gedacht . . . Winnetou ist
+erschossen worden.«
+
+»Oh, halt doch's Maul!«
+
+»Da hockt er ja«, sagte der Schreiber lachend und deutete auf Winnetou.
+
+»Ich meine doch den wirklichen Winnetou in den Karl May-Büchern«, rief
+der bleiche Kapitän wütend.
+
+»Winnetou ist tot?« fragte Winnetou leise. »Das ist nicht möglich. Wie
+soll denn das passiert sein.«
+
+»No, ein paar hundert . . . ich glaub so an fünfhundert Siouxindianer
+gegen Winnetou allein! Er ist halt überrascht worden, in einer Höhle,
+die nur einen Ausgang hatte . . . Von sechzig bis siebzig Pfeilen ist er
+tödlich getroffen worden, weil die Feigling nur immerzu in die Höhle
+geschossen ham. Hinein hat sich ja keiner getraut.«
+
+»Ja, aber wo war denn Oldshatterhand derweil? . . . Wie konnt er denn in
+so einem Augenblick nit da sein?« fragte Winnetou erregt.
+
+Oldshatterhands Augen und die aller anderen Räuber waren auf den
+bleichen Kapitän geheftet.
+
+»Das ist's ja! Der war grad gefangen. Er hat aber schon sowas geahnt und
+hat sich befreit vom Marterpfahl . . . Und dann hat er eine ganz
+unglaubliche Leistung vollbracht, sag ich euch . . . Tag und Nacht ist
+er in einem fort geritten . . . Er ist überhaupt schon nimmer geritten,
+sondern geflogen auf seinem >Rih<. Und ist halt doch grad um ein paar
+Augenblick zu spät kommen. In Oldshatterhands eigenen Armen ist Winnetou
+ein paar Minuten danach gestorben . . . Die letzten Worte Winnetous müßt
+ihr les' . . . Ich mag ja gar nix sag . . . Und dann heißt's: Hundertmal
+hast du mir das Leben gerettet, mein roter Bruder Winnetou, und jetzt
+muß ich zu spät kommen . . . Oldshatterhand hat sogar geweint.«
+
+Die Räuber saßen stumm, mit glänzenden Augen, die den wilden Westen
+sahen, die Höhle, in der Winnetou verschieden war.
+
+Oldshatterhand sah eine endlose Reihe wildbemalter Siouxindianer durch
+die sonnenfunkelnde Prärie galoppieren -- aber am äußersten Ende, da, wo
+Prärie und Himmel sich berührten, stand die Räuberbande, ein kleiner,
+schwarzer Punkt -- schußbereit.
+
+»Da kann man jetzt nix mehr mach«, sagte der bleiche Kapitän und reckte
+sich auf. »Aber fürchterliche Rache hat er geschworen.«
+
+»Leih mir das Buch bis morgen«, bat Winnetou.
+
+»Das geht auf kein Fall. Ich hab's selber noch nit ausgelesen«, wehrte
+der bleiche Kapitän ab.
+
+»Morgen früh geb ich dir's wieder zurück.«
+
+»Morgen früh muß ich's ja schon abliefern, sonst muß ich vier Pfennig
+mehr Leihgebühr bezahl . . . Höchstens müßt du's gleich les . . . Wir
+gehn jetzt in die Weinwirtschaft >Zum Lochfischer<. Kommst halt nach,
+wennst's ausgelesen hast.«
+
+Winnetou griff nach dem Buch.
+
+Die Räuber stiegen den Schloßberg hinunter. Die Sonne war untergegangen.
+
+Der Schreiber trug unter jedem Arm einen hohen Röhrenstiefel, die Herr
+Widerschein vorgeschuht hatte. Bei dem Hause des säbelbeinigen
+Polizeiwachtmeisters blieb er stehen. »Ich muß erst die Stiefel vom
+Wachtmeister nauf trag. Wartet halt auf mich. Ich bin gleich wieder da
+. . . Geh mit«, sagte er zum König der Luft.
+
+»Hn!«
+
+»Der frißt dich doch nit.«
+
+»Also hopp! Also wenn du meinst.«
+
+»Glaubst du, daß von den Siouxfeiglingen noch ein paar übrig sind, bis
+wir nüberkommen?« fragte der König der Luft auf der Treppe.
+
+Der Schreiber schubste die Röhrenstiefel höher zur Achselhöhle. »Das ist
+fraglich . . . Mein Lieber, wenn Oldshatterhand einmal blutige Rache
+geschworen hat, dann wird sicher höchstens einer von den Sioux
+übrigbleiben . . . Du weißt ja, wie das bei Karl May immer war.«
+
+». . . Verlangst du mehr für die Stiefel?«
+
+»Sei doch still.«
+
+Der Wachtmeister öffnete selbst die Tür. Er hatte sich's bequem gemacht.
+Sein Uniformrock hing über dem Stuhle, die meterlange Pfeife lehnte in
+der Kanapee-Ecke. Der blaue Tabakrauch stieg vom Mundstück weich in die
+Höhe zum säbelschwingenden Türken zu Pferd, der goldgerahmt über dem
+Kanapee hing.
+
+»Grüß Gott, Herr Wachtmeister. Mein Vater hat gesagt, drei Mark neunzig
+kosten die Stiefel.«
+
+Der König der Luft war bei der Tür stehen geblieben und schnalzte nervös
+mit den Daumen.
+
+»Schon fertig?« Der Wachtmeister trat aus dem Pantoffel, stieg in die
+lange Röhre hinein und zog und zerrte an den Stulpen. Sein Gesicht lief
+blaurot an. Dabei preßte er hervor: »Drei . . . Mark . . . neunzig?«
+
+»Ja, soviel kosten sie, hat mein Vater gesagt.« Der König der Luft
+blickte starr vor sich hin.
+
+Der Wachtmeister ging, am einen Fuß den Pantoffel, am andern den
+Röhrenstiefel, im Zimmer auf und ab und blickte prüfend zur Decke,
+schlenkerte das bestiefelte Bein, beugte sich hinab, drückte mit dem
+Daumen auf das Oberleder. »Die sind wieder fest beisammen . . . Richt
+einen schönen Gruß aus an deinen Vater«, sagte er und zog den
+Geldbeutel.
+
+»Jetzt muß ich erst die drei Mark vierzig heimtrag«, sagte der Schreiber
+auf der Treppe. »Die fünfzig Pfennig mehr schaden dem nix . . . Er is ja
+Junggesell. Der hat sogar Geld auf der Sparkasse.«
+
+»Warum hast denn nit noch zwanzig Pfennig mehr verlangt.«
+
+»Was glaubst denn, da wär er drauf komme.«
+
+»Hättst halt sag soll, dei Vater hätt dir aufgetragen, die Füß vom
+Wachtmeister seien zu groß . . . da brauchet man mehr Leder.«
+
+»Ich hab doch heut schon vier Paar Stiefel fortgetragen . . . Im ganzen
+hab ich eine Mark siebzig dran verdient.«
+
+»Hn!«
+
+»Eine Mark siebzig.«
+
+»Eigentlich ein ganz schöner Verdienst.«
+
+»Geb halt das Geld erst später dein Vater«, drängte der bleiche Kapitän
+vor dem Hause. ». . . Du mußt von vorne anfangen, dann siehst du selber,
+daß eine Rettung absolut nit möglich war«, sagte er zu Winnetou, der
+stehend las. »Also, jetzt gehen wir zum >Lochfischer< . . . Komm aber,
+wennst's ausgelesen hast!« rief er Winnetou nach, der »Ja, ja, sicher!«
+rief und weiterlesend langsam in der Richtung seiner Wohnung ging.
+
+Vor seiner Haustür schob Winnetou das Buch zwischen Hemd und Brust und
+wollte in sein Zimmer schleichen.
+
+Die Mutter öffnete die Tür der guten Stube und rief streng: »Da komm mal
+her!« Sie war eine hagere Frau mit dunklen Augen. Ein silberner Christus
+baumelte an ihrer Brust.
+
+Der junge Kaplan, mit gesundroten Flecken unter den hervorstehenden
+Backenknochen, saß, wie immer in seiner freien Zeit, auf dem Kanapee
+neben der blassen, schönen Schwester Winnetous. Kaffee, Kuchen, Likör
+standen auf dem Tisch.
+
+»Wo hast du das Buch!« rief die Mutter. Winnetou blickte verwirrt auf
+die Heiligenbilder, die an allen Wänden hingen.
+
+»Weißt du nicht, was man zu tun hat, wenn man eintritt!«
+
+Winnetou ging zum Weihwasserkessel bei der Tür, tauchte die Finger ein
+und schlug das Kreuz.
+
+»Nun?«
+
+Zögernd ging er zum Kaplan und gab ihm die Hand. »Gelobt sei Jesus
+Christus.«
+
+»In Ewigkeit, Amen . . . Was ist es denn für ein Buch?« fragte der
+Kaplan und nippte vom Likör.
+
+». . . Wirst du dem Herrn Kaplan Antwort geben! . . . Hochwürden
+verzeihen.« Sie tastete Winnetou ab und zog das Buch hervor.
+
+Der Kaplan blätterte im Buch und las vor: »Oldshatterhands Eisenfaust
+hatte die Rothaut getroffen. Ohne einen Laut von sich zu geben, sank der
+rote Mann tot zu Boden.«
+
+Winnetous blasse Schwester sah still vor sich hin.
+
+»Solche Lektüre darf man Kindern nicht in die Hände geben, Frau
+Steinbrecher . . . Denken Sie an die entwendete Schultinte.«
+
+Frau Steinbrecher wurde blutrot. »Von wem hast du das Buch!«
+
+»Vom bleichen . . . von Oskar Benommen.«
+
+Die Mutter legte das Buch neben die Mutter Gottes auf die gehäkelte
+Decke, welche über die polierte Kommode gebreitet war. »Morgen gehe ich
+mit dem Buch zu Frau Benommen . . . Vorwärts!«
+
+Winnetou sah seine Mutter entsetzt an.
+
+»Wird's bald!«
+
+Langsam ging er zur Kommode, nahm aus der Schublade ein Lineal aus
+Eichenholz und reichte es der Mutter. Scham verdunkelte Winnetou den
+Blick; das Blut war ihm hinter die Augen getreten, als er die Hand
+vorstreckte.
+
+»Jetzt komm!« rief die Mutter nach der Züchtigung und führte ihn am Arm
+hinaus, hinauf in sein Zimmer. Ihr Gesicht war weiß, die Augen schwarz
+geworden. Plötzlich schlug sie Winnetou ins Gesicht und verließ wortlos
+das Zimmer. Die Tür verschloß sie.
+
+Der Kaplan spielte mit den weißen Fingern von Winnetous Schwester, die
+zart errötend ihm die Hand überließ.
+
+Als die Mutter eintrat, nippte er vom Likör.
+
+Winnetou saß auf dem Bett, seine Scham hatte sich zu Entsetzen
+gesteigert. Zugleich empfand er so heftigen Abscheu gegen die Mutter,
+daß er abwehrend die Hände ausstreckte. Die nicht abgewischten Tränen
+trockneten. Die Gesichtshaut spannte.
+
+Winnetou schlief ein und träumte sofort, daß der Kaplan in fliegender
+Soutane hinter ihm her durch den Klostergarten stürze, die langen Hände
+nach ihm ausgestreckt. Die Mutter stand erhöht und deutete: »Dort
+. . . dort.«
+
+Mit einem entsetzensvollen Schrei erwachte er. Die Mutter war
+eingetreten. Sie stellte den Teller mit Wurstbrot auf den Tisch und
+verließ, ohne gesprochen zu haben, das Zimmer wieder.
+
+Winnetou hörte, wie sie zuschloß, und richtete sich automatisch auf. Er
+hatte die Empfindungsfähigkeit vollkommen eingebüßt, die erst allmählich
+sich wieder einstellte, in Form von Schwindelgefühl und Verlorenheit.
+Ohne etwas zu sehen, waren seine Augen auf den alten Stahlstich
+gerichtet, der Christus am Kreuz vorstellte. Der Christus hatte
+altersgelbe Flecken und Streifen; er war beim letzten Umzug oben auf dem
+Wagen gelegen und eingeregnet worden.
+
+Flüchtig dachte Winnetou daran, daß die beim »Lochfischer« versammelten
+Räuber auf ihn warteten, und blieb reglos hocken.
+
+Es war Nacht geworden. Winnetou stand auf vom Bett, trat ans Fenster und
+sah, daß der Kaplan Arm in Arm mit der Schwester im Garten spazieren
+ging.
+
+Er wartete, bis das Paar zwischen den Büschen verschwunden war, stieg
+aufs Fenstersims und kletterte am Weinstock hinunter, der die ganze
+Südwand des Hauses bedeckte.
+
+Die Räuber hatten sich beim »Lochfischer« um einen langen Tisch
+herumgesetzt.
+
+Die Stube war drei Tische und einen Kachelofen groß und so niedrig, daß
+der rote Fischer, der eben eintrat, mit seinem Haupthaar das
+pfeildurchstoßene rote Stuckherz der Mutter Gottes an der Decke
+streifte.
+
+Er setzte sich an den Tisch zum Wirt und zur Wirtin, die auf dem Schoße
+ihren alten Schnauz und über ihm die gefalteten Hände liegen hatte.
+
+Am dritten Tische saß Herr Spenglermeister Hieronymus Griebe und aß
+bedächtig eine Portion gebackene kleine Fische, deren Köpfchen er immer
+seinem Sohne, dem Duckmäuser, auf den Teller legte.
+
+Die Räuber sahen mit unverhohlener Verachtung auf den gleichaltrigen
+Duckmäuser, einen großen, kräftigen, immer hungrigen Burschen, blond,
+mit Pickeln im Gesicht, der täglich in die Kirche lief, fleißig ins
+Geschäft, mit anderen Jungen nicht verkehren durfte und stark stotterte.
+Er wagte nicht, die Räuber anzusehen, die er fürchtete und haßte, weil
+sie ihm den Namen »Duckmäuser« gegeben hatten.
+
+Herr Hieronymus Griebe gab seinem Sohne jetzt gleich drei Fischköpfchen
+auf einmal, die sofort in des Duckmäusers Mund verschwanden.
+
+Die von allen Mitgliedern der Räuberbande aus gehöriger Entfernung
+verehrte blonde Kellnerin mit den sanften Augen stellte freundlich die
+frischgefüllten Weingläser auf den Tisch und sagte singend: »Nooo, seid
+ihr auch wieder einmal da.«
+
+Die Räuber lächelten befangen.
+
+»Heiland der Welt! Das Fischsterbe! Der ganze Mee schwimmt voll
+verreckte Fisch. Heiliger Kilian! I wenn wüßt, wer mir's Wasser so
+versaut.«
+
+Der Wirt zwinkerte mit dem einen Auge dem Fischer zu und zuckte
+verächtlich mit dem Kopf einmal zur Seite: »No, wo wird's herkumme, d'r
+Michl läßt halt 'n ganze Drääk vo seiner Färberei ins Wasser läff.« Er
+drückte mit den Händen seinen schweren Körper in die Höhe und trat zu
+den Räubern. »Was wird's sei, d'r Drääk vo d'r Färberei is.«
+
+»No, da soll aber doch weeß d'r Teufl was alles neischlag! Läßt der
+Hammel sei Farbsoß wied'r ins Wasser läff? Wied'r?«
+
+»Jau«, winkte der Wirt ab, »die alte G'schicht . . . Grüß Gott, meine
+Herrn.« Die Hände auf die Stuhllehne gestützt, sah er lächelnd auf die
+Räuber hinunter. Verächtlich zuckte er noch einmal mit dem Kopf
+seitwärts zum Fischer hin: »Die alte G'schicht! . . . No, Herr Vierkant,
+wo is denn der Vater. Der hat sich a scho lang nimmer bei mir seh lass.«
+
+Oldshatterhand schüttelte verlegen den Kopf. »Ich weiß nit, wo er is.«
+
+»Ein guter Tropfen«, sagte der bleiche Kapitän, zwang sich, gleichgültig
+zu trinken, und stülpte die nassen Lippen nach außen.
+
+Der Wirt lächelte. »No, Herr Widerschein.« Er legte dem Schreiber die
+Hand auf die Schulter.
+
+»Mei Vater is daheim und arbeit, weil er so viel zu tun hat«, sagte der
+Schreiber sehr schnell.
+
+»So, so . . . No, lasse Sie sich's nur schmeck, mitnander . . . Gretl!
+'n Herrn Widerschein sei Glas is leer«, sagte der Wirt und ging nach
+hinten zu seinem Schanktisch.
+
+Die verlegenen Räuber wagten nicht, einander anzusehen. »Beim
+>Lochfischer< müssen wir Stammgäst werden«, sagte der bleiche Kapitän.
+Alle stimmen freudig zu. Plötzlich verstummt, blickten sie zur Tür. Ein
+eleganter Handlungsreisender aus Berlin war eingetreten; er schlug die
+Hacken zusammen gegen die Wirtin, gegen den Fischer, gegen Herrn
+Hieronymus Griebe, gegen den Räubertisch und fragte: »Hören Sie mal,
+kann man hier Fische bekommen? Gibt es hier Fische? Frische Fische?«
+
+Der rote Fischer wandte sich schwerfällig um, sah den Berliner an,
+deutete auf einen Stuhl: »No, da setze Sie sich nur erst amal, Fisch
+kriege Sie dann scho, soviel Sie brauche«, und wandte sich zurück zum
+Tisch.
+
+Der Schreiber deutete auf die Schuhe des Berliners. »Die hab ich ihm
+erst heut früh gebracht. Sohle und Absätz aufrichten«, flüsterte er.
+»Der Herr kommt jedes Jahr einmal nach Würzburg, und da läßt er sei
+Schuh bei mein Vater mach.«
+
+Der Berliner stand noch, auf gespreizten Beinen, die Hände in den
+Hüften, und betrachtete das rote Herz der Mutter Gottes an der Decke,
+sah sich erstaunt um, rief dem Wirt erfreut zu: »Enormjemütlich!« und
+las laut den gerahmten Spruch an der Wand:
+
+ »Ob ich morgen leben werde,
+ Weiß ich freilich nicht,
+ Daß ich aber, wenn ich lebe,
+ Trinken werde, das ist ganz gewiß.«
+
+Der Wirt lächelte. Die Wirtin setzte ihre Brille auf die Nasenspitze und
+begann an einem roten Strumpf zu stricken.
+
+Der Wirt stellte Wein auf den Tisch für den Berliner, der sich zwischen
+den Fischer und die dicke Wirtin setzte und einen Karpfen bestellte.
+»Isterfrisch?«
+
+»He?«
+
+»Ist der Fisch frisch?«
+
+»No, wenn Sie 'n so frisch in Bauch nei kriege, wie er is, bekommt er
+Ihne schlecht«, sagte der Wirt und hielt dem Berliner einen zappelnden
+Karpfen unter die Nase.
+
+»Was glaubt denn deer«, sagte der Schreiber laut.
+
+»Bei euch in Berlin scheine die Fisch für gewöhnli zu stinke«, meinte
+der Fischer.
+
+»Kolossaler Irrtum! Berlin steht in hygienischer Hinsicht tadellos da.
+Größter Seifenverbrauch usw.«
+
+»No, was wolle Sie denn dann. Glaube Sie, wir wisse nit, was Säfe is?
+Säfe könne Sie bei uns in jedn Kolonialwarelädele käff.«
+
+Der Glasermeister Johann Jakob Streberle kam, ein noch sehr junger Mann,
+der erst kürzlich von seinem verstorbenen Vater die Glaserei geerbt
+hatte, und setzte sich an den Tisch dazu. Der Schnauz kläffte ihn wütend
+an. »Was hat denn der Verrecker«, rief Johann Jakob Streberle und
+lachte, wobei »zs-zs«-Laute ertönten und Speichel zwischen seinen
+glänzenden Zahnreihen durchspritzte, denn er hielt sie beim Lachen
+geschlossen. »Da, schau sie an, die Lausbube. Wie wir so klein warn, sin
+wir schö derhem gebliebe. Nit amal 's Geld hätte mir g'habt. Besuffe sin
+sie a no.«
+
+Der Wirt trommelte nervös auf der Tischplatte.
+
+»No, was mi angeht«, antwortete der Fischer, »i hab's grad so gemacht
+. . . Laßt sie doch sauf. Ihr Alter wird ne scho 'n Arsch aushaue,
+wenn's nöti is. -- I glaub als, dir hockt er halt wieder, Streberle,
+weil's mit der Brautschau Wasser war.«
+
+»No, allemal!« rief der Schreiber.
+
+»O Gott, Brautschau! Mädli, Mädli mit Geld krieg i, so viel i will«,
+sagte der Glasermeister speichelspritzend.
+
+Die Räuber verhielten sich ganz still. Ihre Wangen waren gerötet: der
+Schreiber hatte einen Liter Most bezahlt. Oldshatterhand klimperte leise
+auf der Gitarre. »Doch! Jetzt singen wir«, flüsterte er. »Hopp!«
+
+»Gretl, _noch_ ein Maß«, sagte der Schreiber. Sein Gesicht glühte.
+
+»Ooo, Herr Widerschein, Sie sind einer«, sang das blonde Mädchen.
+
+»Diese Jungens! Diese Jungens! Trinken wie die alten Deutschen, immer
+noch eins. Bringen Sie den Jungens einen Liter Wein auf meine Rechnung«,
+sagte der Berliner.
+
+»O Gott, Mädli, Mädli mit Geld, so viel i will!«
+
+»Einfach weil's Wasser war mit der Brautschau«, sagte plötzlich der
+Schreiber, stand schaukelnd auf und sang, die Melodie von »In einem
+kühlen Grunde« unterlegend, immer nur den Namen des unbeliebten
+Glasermeisters:
+
+ »Johann Ja--a--kob Streeeberle,
+ Johann Stre--e--berlee -- -- --«
+
+die ganze Melodie durch. Der Schreiber war vollkommen betrunken. Der
+Fischer verschluckte sich vor Lachen. Johann Jakob Streberle spritzte,
+gezwungen lachend, Speichel zwischen seinen geschlossenen Zahnreihen
+durch und blickte wütend zu den Räubern hin.
+
+»No, jetz is aber genug«, sagte der Wirt und lächelte vergnügt.
+
+Das Mädchen brachte den Räubern den Wein des Berliners. Oldshatterhand
+beugte sich auf die Tischplatte, zischte verhalten: »Also hopp! . . .
+Los!« Und fing mit verzweifeltem Mute allein an zu singen mit hoher
+Mädchenstimme: »Nieder mit der Tyrannei!« Worauf die anderen sofort
+einsetzten, daß der Berliner seine Gabel fallen ließ:
+
+ »Hoch leb die Anarchie!
+ Es lebe der Achtstundentag,
+ Die Ruh, die Republik!«
+
+Johann Jakob Streberle schüttelte mißbilligend den Kopf. »Bezahle Sie
+doch dene Lausbube nit a no Wein, sonst mache sie nur Dummheite . . .
+Die ham sowieso scho genug auf'n Kerbholz . . . Ja, ja, wartet nur,
+Bürschli«, schloß er geheimnisvoll.
+
+»Was wolle denn Sie von uns«, rief der Schreiber.
+
+»Was ich von euch will? . . . Oh, das werdet ihr schon no sehn.«
+
+»Was der will . . . Sie können uns gar nix anhab.«
+
+Da umklammerte der bleiche Kapitän den Arm des Schreibers. »Pst! Sei
+still!« flüsterte er und duckte das Gesicht auf die Tischplatte. »Wißt
+ihr, was auf dem Hobel steht?«
+
+»Auf was für'n Hobel?«
+
+»Aha! Hat's euch scho?« rief Johann Jakob Streberle, weil alle Räuber
+das Gesicht horchend auf die Tischplatte duckten.
+
+»No, auf dem Hobel, den wir letzthin auf'n Schloßberg g'funde ham. J. J.
+St. steht darauf«, flüsterte der bleiche Kapitän. »Der Hobel gehört dem
+Streberle; der Kerl hat uns sicher nachg'schnüffelt.«
+
+Die Oberkörper der Räuber richteten sich auf. Alle blickten zum
+Glasermeister hin.
+
+»Gelt, ihr wißt scho, daß nit alles sauber is. I will aber gar nix
+g'sagt hab.«
+
+»Sie wisse nix . . . gar nix«, sagte der Schreiber.
+
+»Wenn wir ihm sein Hobel wiedergebe, hält er vielleicht sei Maul«,
+flüsterte der bleiche Kapitän.
+
+Der Glasermeister schnellte in die Höhe. »Sooo . . . _ihr_ habt mein
+Hobel! Mein Hobel habt ihr a no!« Er sprang an den Räubertisch.
+
+»Wolle Sie was von uns!« Der Schreiber war in die Höhe gefahren. Der
+Schnauz kläffte. Alle Räuber standen.
+
+Da trat Winnetou ein.
+
+Der bleiche Kapitän klärte Winnetou hastig auf.
+
+»Sie ham uns also ausspioniert . . . Alle sind gemein . . . Wissen Sie,
+was Sie sind? . . . Ein gemeiner Spion sind Sie«, sagte Winnetou laut
+und setzte sich.
+
+Der Glasermeister hob die Faust. Der Wirt sprang dazwischen. »Ruh jetzt!
+. . . Macht euer Sach wo anders aus. Und Sie, Sie lasse die junge Leute
+in Ruh.«
+
+»Ihr Gauner!« Er versuchte den Wirt zur Seite zu drängen. Hoheitsvoll
+sah der Wirt den Glasermeister an. »Setzen Sie sich auf Ihren Platz
+. . . Dort ist Ihr Platz!« sprach er hochdeutsch.
+
+»No ja, aber hat's denn scho so was gebe. Jetzt sagen Sie selber . . .
+Wir Männer -- -- --«
+
+Aber der Wirt ließ sich auf nichts ein.
+
+Auch die Räuber setzten sich.
+
+Herr Hieronymus Griebe trank schnell sein Glas aus, hielt es gegen das
+Licht und reichte es seinem Sohn, der das leere Glas eine Weile
+senkrecht zwischen die zur Decke gerichteten Lippen hielt und energisch
+sog. Herr Griebe zupfte seinem Sohn den Anzug zurecht und verließ mit
+ihm eilig die Weinstube.
+
+»I wer mir mei Gäst vertreib lasse.«
+
+»No, jetzt sage Sie selber.«
+
+»Streberle, i will gar nix wiss.«
+
+»Großartig! Ist das nicht der Junge vom Schuhmachermeister Widerschein«,
+fragte der Berliner den Fischer.
+
+»Das is 'n Widerschein seiner.«
+
+»Ich lasse mir nämlich immer meine Schuhe von Herrn Widerschein
+reparieren . . . Bedeutend billiger als in Berlin.«
+
+»Ja, Berliiiiiiin!«
+
+»Ist aber hier in Würzburg auch nicht mehr so billig wie früher . . .
+Vier Mark für Sohlen und Absätze erhöhen.« Der Berliner nahm sein Glas
+in die Hand.
+
+»Was? . . . Erhööööhen?«
+
+»Flecke auf die Absätze.«
+
+»Ah so! No, i zahl beim Widerschein alleweil no zwä Mark und dreißig
+Pfennig für Sohle und Absätz. Seit zwanzig Jahr.«
+
+Der Schreiber horchte gespannt.
+
+»Aber hörn Sie mal!« Der Berliner stellte das Glas zurück, ohne
+getrunken zu haben. »Da muß ich doch morgen gleich einmal zum Meister
+gehen . . . Gleiche Preise für alle! Das ist mein leitendes Prinzip
+. . . Ich bin Reisender.«
+
+»Mei Fisch kriegt a jeder ums selbe Geld . . . Wer bezahlt, kann Fisch
+hab.«
+
+»Hörn Sie mal, junger Mann, sagen Sie Ihrem Vater, ich käme morgen zu
+ihm . . . Es ist ja nur eine prinzipielle Sache bei mir.«
+
+Die Räuber blickten vom Berliner zum Schreiber, der nervös auf dem
+Stuhle herumrutschte. »Es kann sei, daß mei Vater morgen gar nit daheim
+is. Weil er Schuh nach Höchberg trägt.«
+
+»Wissen Sie, in Berlin herrscht das Prinzip: Reelle Arbeit -- reelle
+Preise. Daher der Aufschwung. Das ist auch meine Weltanschauung.«
+
+»Ja no, das Solide is no alleweil das beste.«
+
+»I geh jetzt a bißle ins Eckertsgärtle zum Kegeln«, sagte Johann Jakob
+Streberle und erhob sich.
+
+»'n Streberle dürfen wir heut nimmer aus die Auge lass. Wir müsse doch
+rauskrieg, was er vor hat«, sagte der bleiche Kapitän, als der
+Glasermeister gegangen war.
+
+»Solide -- reell . . . das hatte Deutschlands Aufschwung zur Folge, seit
+dem Kriege siebzig/einundsiebzig.«
+
+»Wie heut erinner i mi no. Damals, wir Bayern vor Paris . . . Wir sind
+in einem Dorf gelege -- --«
+
+»Hör'n Sie mal!« unterbrach der Berliner: »Die Preußen -- -- -- -- --«
+
+ * * * * *
+
+Auf der Straße sahen die Räuber in einer Schmiede Feuer auf der Esse
+lodern. Der geschwärzte Schmiedegesell, der unverhofft eine dringende
+Reparatur hatte ausführen müssen, trat eben aus der Werkstatt und sah in
+den Himmel hinauf nach dem Wetter. Der betrunkene Schreiber lallte: »Mir
+ist jetzt alles gleich«, trat auf den Schmied zu, starrte ihm in die
+Augen und rief streng: »Wissen Sie nicht, daß es verboten ist, am
+heiligen Sonntag zu arbeiten!«
+
+»Gehst weg! Knirps! Sonst fängst eine«, rief erbost der Schmied.
+
+»Hau mal her!«
+
+Der Schmied hieb ihm eine kräftige Ohrfeige herunter.
+
+»Hau no mal her!!«
+
+Er hieb ihm wieder eine herunter.
+
+»Hau no mal her, wennst Kurasch hast!!!«
+
+Der Schmied gab dem Schreiber noch eine fürchterliche Maulschelle und
+ging in seine Werkstatt zurück.
+
+Die Räuber gingen die Straße vor bis zum »Spitäle«. Alle waren etwas
+angetrunken, bis auf Winnetou, der einige Schritte seitwärts
+nachdenklich nebenher ging.
+
+Die Räuber sahen auf das beleuchtete Ziffernblatt, zogen ihre
+Taschenuhren und verglichen die Zeit. Es war gegen zehn Uhr.
+
+»Ich hab's euch ja g'sagt, es war ein Mann dagestanden. Ich hab'n genau
+g'sehn.« Falkenauge drehte sich aufgeregt im Kreis der Räuber herum und
+deutete zur Festung.
+
+»Hast halt auch amal was g'sehn«, sagte der ernüchterte Schreiber.
+
+»Ja, also los! Wir müssen jetzt ins Eckertsgärtle!« rief der bleiche
+Kapitän. »Ich werde dem Streberle sagen: wenn Sie's Maul halte, kriege
+Sie Ihren Hobel wieder. Denn das wär ja . . . wenn der uns anzeiget
+. . . ich weiß ja gar nit, was da wär.«
+
+Mit jedem Schritt, den die Räuber den Brückenberg hinaufgingen, wuchsen
+die Sandsteinheiligen der Brücke und die Kirchtürme höher in den
+Sternenhimmel, bis zuletzt die ganze Stadt vor ihnen lag.
+
+»Wollen wir nicht lieber ins >Zimmer<«, fragte Oldshatterhand. »Wir
+zünden die zwölf Kerzen an, das ist doch schöner.«
+
+»Hohaho!« rief der Schreiber. »Oldshatterhand hat Angst, in die
+Wirtschaft zu gehen.«
+
+»Angst? Was hat denn eine Wirtschaft mit den Indianern zu tun?«
+
+»Haben denn Kerzen was mit den Indianern zu tun?«
+
+»Kerzen? -- Kerzen haben was mit Indianern zu tun.«
+
+»Also der spinnt!« Der König der Luft, der beim Fortgehen in der Küche
+den Knochen einer Kalbshaxe mitgenommen hatte, kletterte am heiligen
+Kilian hinauf und gab ihm den Knochen in die Faust, in der früher einmal
+ein Kreuz gesteckt war. Wochenlang hielt, das Gesicht ekstatisch
+himmelwärts gerichtet, der heilige Kilian die Kalbshaxe in der Faust,
+und neben ihm streckte der heilige Totnan, den Versucher abwehrend,
+erhaben die Hände gegen den Knochen aus.
+
+Der König der Luft kletterte wieder herunter, bis auf das
+Brückengeländer, und fing an, mit großer Vorsicht darauf zu laufen; die
+Räuber folgten seinem Beispiel: mit den Armen balancierend, liefen sie,
+eine lange, dunkle Reihe, langsam auf dem schmalen Steingeländer über
+die ganze Brücke, warfen die Arme wildschreiend in die Höhe und sprangen
+wieder auf das Pflaster.
+
+Oldshatterhand war stehen geblieben und wandte sich um zur Festung.
+Plötzlich schwang auch er sich auf das Geländer, schloß die Augen -- und
+rannte los, im Galopp. Die Bürger standen entsetzt, atemlos; die Räuber
+geduckt, sprungbereit, und wagten, vor Angst, Oldshatterhand würde in
+die Tiefe fallen, keinen Warnlaut von sich zu geben, bis Oldshatterhand
+bei ihnen angelangt war und herunter in Sicherheit sprang.
+
+Die Räuber waren bleich, wie wenn Oldshatterhand vom Tode zurück zu
+ihnen gekommen wäre; und in Oldshatterhands Innern drohte auch jetzt
+noch, da die Gefahr schon überstanden war, das Unbekannte, das ihn schon
+öfter gezwungen hatte, Lebensgefahr aufzusuchen.
+
+Die Wirkung dieser Tat auf die Räuber war eine von Schauern begleitete
+Ergriffenheit.
+
+Klein und flammend schritt Oldshatterhand in ihrer Mitte.
+
+Die Räuber waren von den anderen Knaben gefürchtet und verkehrten seit
+Jahren nicht mit ihnen. Sie waren eine kompakte Masse, mit der Streit
+anzufangen ein Knabe sich hüten mußte. Die Furcht spielte sogar ein
+wenig, zu einer Art ärgerlichem Respekt geworden, zu den Erwachsenen
+hinüber, die manchen gefährlichen Streich der Bande erfahren oder
+mitangesehen hatten. Ihr Ansehen machte die Räuber frech und ließ sie
+gefährlicher erscheinen, als sie waren. Das galt nur für die
+Einheimischen. Deshalb hatten die Räuber auch aus reinem
+Nichtbegreifenkönnen untätig zugesehen, wie der neuzugereiste Schmied
+den Schreiber verprügelt hatte, als wäre dieser nur ein halbwüchsiger,
+frecher Bursche, und nicht Mitglied einer gefürchteten Vereinigung.
+
+Erst jetzt bemerkten die Räuber, daß Winnetou zurückgeblieben war, und
+warteten beim Vierröhrenbrunnen auf ihn.
+
+Winnetou stand reglos auf der Brücke hinter einem Heiligen und starrte
+zum Fluß hinunter; im fließenden Wasser sah er die gute Stube, die
+Mutter, wie sie ihn vor dem Kaplan prügelte, und empfand haßerfüllt den
+Drang, sich hinunter in die gute Stube im Wasser und auf den Kaplan zu
+stürzen. Er preßte die Fäuste an die Schläfen, sein Oberkörper beugte
+sich übers Geländer, die Füße verloren den Boden. Schon schwebend,
+drückte er sich mit den Knien im letzten Augenblick wieder zurück und
+schaukelte mit einem gellenden Schrei gegen den Heiligen. Langsam ging
+er den Räubern nach.
+
+Der bleiche Kapitän erinnerte daran, daß man erst zum Stadttheater gehen
+und die Rote Wolke abholen müsse, der als Statist mitwirkte in »Wilhelm
+Tell«, und schloß ärgerlich: »Wenn man amal sei Leut braucht, dann muß
+man sie erst in der ganzen Stadt zammtromml.«
+
+Die Räuber standen vor dem Bühnenausgang, blickten auf die erregt
+Gestikulierenden und auf die vor Erregung stillen jungen Leute, die aus
+dem Hauptausgang strömten, und, stumm geworden, auf das elegante Paar,
+das in die einzige Droschke stieg.
+
+Im dunklen Bühnenausgang erschien die Rote Wolke und blieb
+zurückweichend stehen. »Und frei erklär ich alle meine Knechte!« rief er
+und breitete die Arme aus. ». . . Vorhang.« Sein Mund blieb offen, rund
+und schwarz.
+
+»Du, der Streberle hat uns ausspioniert und will uns verrat.« Alle
+redeten auf ihn ein.
+
+»Ja, es ist ohne Beispiel, wie sie's treiben!«
+
+»Was ist ohne Beispiel?«
+
+»Wie sie's treiben!«
+
+»Jetzt halt doch's Maul!«
+
+»Theater! Theater! . . . Diese Pracht!«
+
+»Also Wolke, ich sag dir, der Hobel is noch das Einzige, was uns retten
+kann.«
+
+»Im Volk mitgemacht . . . Fünfundzwanzig Pfennig hab ich kriegt . . .
+Aufruhr! Mut! Freiheit!«
+
+»Ach, laßt ihn . . . Wir wern scho fertig mit dem Streberle. Wir müssen
+nur zusammenhalten.«
+
+»Wir halten zusammen!« rief die Rote Wolke begeistert.
+
+Die Knaben waren sehr erregt und zu allem möglichen bereit, als sie in
+dem vor der Stadt liegenden Wirtschaftsgarten, dem »Eckertsgärtle«,
+anlangten, was gleich dadurch zum Ausdruck kam, daß der bleiche Kapitän
+für alle zusammen eine »Liesl« Bier bestellte, einen hohen Krug, der
+zwei Liter faßt, und aus dem nur mit Hilfe _einer_ Hand zu trinken die
+Ehre verlangte.
+
+Johann Jakob Streberle beobachtete die Räuber verärgert und lächelte
+manchmal schadenfroh, während er mit einem Trainsoldaten sprach, zu dem
+er sagte, er solle die Lausbuben auffordern, mitzukegeln, weil sonst
+kein Spiel zustande käme.
+
+Mit aller Energie die Erregung zurückdrängend, die bei Beginn des
+Preiskegelns die Räuber erfaßt hatte, griffen sie gleichgültig immer
+nach der schwersten und größten Kugel. Vor allem Oldshatterhand, der vor
+jedem Schub dem bleichen Kapitän, der Roten Wolke, der Kriechenden
+Schlange zuflüsterte: »Ich muß einen Preis holen. Einen muß ich holen.
+Vielleicht den ersten!« Er hatte seine letzten zwanzig Pfennige
+eingesetzt.
+
+»Der andere kommt!« rief der Glasermeister der Kriechenden Schlange zu.
+
+»Das brauche Sie doch bloß zu sagen.«
+
+»Ich hab's ja g'sagt.«
+
+Der König der Luft ließ sich beim Schieben in tiefe Kniebeuge nieder,
+rief: »Weg da! Weg da! Weg da!« auch wenn ihm niemand im Wege stand,
+mahlte mit den Zähnen, schockte die Kugel nervös in den Händen herum,
+schleuderte sie hinaus -- und schoß in die Höhe auf die Zehenspitzen.
+Die tiefe Stirnfalte war da. Mit schiefgezogenem Mund rief er jedesmal:
+»Die Dreckbahn fällt nach links ab«, wenn er nichts getroffen hatte.
+
+Der bleiche Kapitän holte die große Kugel mit _einer_ Hand aus dem
+Kasten, hüstelte gegen den Glasermeister hin in tiefem Baß und jagte die
+Kugel hinaus. Johann Jakob Streberle dagegen nahm sehr kleine Kugeln,
+zielte genau und traf immer. Speichel spritzte zwischen seinen
+glänzenden, geschlossenen Zahnreihen durch.
+
+Die andern Mitspieler, der Trainsoldat, ein paar Infanteristen und der
+Schmied Gottlieb, der Oldshatterhand die Rattenfalle geschenkt hatte,
+waren von der innigen, begeisterten und am Ende auch noch zu den Preisen
+führenden Hingabe der Räuber an das Spiel schon nervös geworden. Sie
+schimpften, wenn Falkenauge immer wieder das Anschubbrett absuchte, ein
+Sandkörnchen davon aufpickte und, wenn die Kugel abgelaufen war, auf den
+Zehenspitzen stehend, die Arme ausgebreitet, die Finger gespreizt, in
+höchster Spannung jede Drehung der Kugel mitzumachen schien, wobei sein
+weitaufgerissenes Auge der Kugel nachstarrte, während sein Glasauge
+interesselos und tot irgendeinen Mitspieler ansah.
+
+Die Räuber pürschten sich immer näher an die ersten Preise heran; die
+Begeisterung wuchs, und die geröteten Gesichter zuckten in dem von
+Hitze, Bierdunst und Zigarrenrauch erfüllten Raum umher. Die
+Angelegenheit mit Johann Jakob Streberle hatten sie halb und halb
+vergessen. Nur der besorgte bleiche Kapitän nicht, der auf den
+Glasermeister zutrat und schon den Mund öffnete, um zu sagen, daß er den
+Hobel auszuliefern gedenke.
+
+Da tat Oldshatterhand einen Schub, der von Johann Jakob Streberle, den
+Soldaten und vom Schmied Gottlieb für ungültig, dagegen von den Räubern
+unter empörten Ausrufen einstimmig für gültig erklärt wurde.
+
+Oldshatterhand, bange um seine eingesetzten zwanzig Pfennige, rief dem
+Schmied erregt zu: »Sie lügen ganz einfach. Das wissen Sie ganz genau.
+Sie Lügenbeutel!«
+
+Und während Johann Jakob Streberle durch einen wohlgezielten Schub mit
+einer nur faustgroßen Kugel sich den ersten Preis sicherte und damit das
+Spiel beendete, griff Schmied Gottlieb, ein zwei Meter hoher Mann,
+vollblütig und herzkrank, sehr gutmütig, immer betrunken und ein
+ausgezeichneter, gesuchter Hufschmied, nach Oldshatterhand -- die
+Räuberbande stürzte auf den Schmied, und die Soldaten auf die Räuber.
+Der Wirt und sein Hausknecht kamen gesprungen und verschwanden im
+Menschenknäuel.
+
+Keuchen, erhobene Maßkrüge, Schreie -- Scherben. Der Schreiber wankte.
+Falkenauge griff sich ins Gesicht -- und griff ins Loch; durch einen
+Faustschlag, zum Glück nicht auf sein natürliches Auge, war sein
+gläsernes Auge herausgesprungen und kollerte ein Stück die Kegelbahn
+hinaus.
+
+Ein Schutzmann kam. Der Glasermeister redete anklagend auf ihn ein. Die
+Bande flüchtete. Oldshatterhand, mit schneebleichem Gesicht, rannte, vom
+Schmied Gottlieb verfolgt, immerzu im Kreise um die Kastanienbäume des
+Wirtschaftsgartens herum und konnte endlich durch die Tür huschen,
+hinaus zu seinen wartenden Kameraden.
+
+Winnetou war während der ganzen Prügelei teilnahmslos auf dem Stuhle
+sitzen geblieben. Und als er die verblüfften Blicke der
+Zurückgebliebenen auf sich gerichtet sah, erhob er sich langsam und ging
+hinaus zu den Räubern.
+
+Sie gingen ein Stück die Straße hinunter. Der Schutzmann trat aus dem
+Garten und ging in der entgegengesetzten Richtung fort, worauf sich die
+Räuber wieder vor der Gartentür einfanden.
+
+Da stellte es sich heraus, daß das erst kürzlich um sieben Mark
+gekaufte, kleine, grüne Plüschhütchen des bleichen Kapitäns auf dem
+Kampfplatze geblieben war. Das allgemeine stumme Bedauern um das
+Plüschhütchen verwandelte sich in stummes Staunen, als der Schreiber
+sich erbot, hineinzugehen und das Hütchen zu holen.
+
+»Bring auch mein Auge mit«, bat Falkenauge.
+
+Still und gütig, mit unbeweglich hängenden Armen, ging der Schreiber
+langsam durch den Garten, hinein in die Kegelbahn -- und wurde
+schrecklich zugerichtet. Nur auf das Plüschhütchen erpicht, hatte er
+danach gegriffen, ohne sich zu wehren die furchtbaren Prügel
+entgegengenommen, und war ergeben und zerschlagen zurückgegangen,
+traurig an der Bande vorbei und die Straße hinauf zur neuen Brücke,
+während die andern noch in den Garten hineinschimpften und ihre
+gewonnenen Preise verlangten.
+
+Nach einer Weile kam der Schutzmann wieder in Sicht, und die Räuber
+verschwanden.
+
+Auf der Brücke saß der Schreiber auf dem Pflaster, mit dem Rücken gegen
+das Geländer gelehnt und den Kopf auf die Brust gesenkt. Speichel lief
+aus dem Munde heraus, Blut am Kopfe herunter und tropfte auf das
+zerknüllte Vorhemd. Das kleine, grüne Plüschhütchen lag neben ihm; des
+Schreibers Hand ruhte darauf.
+
+»Und unser Preis ham wir auch nit«, sagte der bleiche Kapitän.
+
+Der Schreiber fuhr aus seinen Gedanken auf. »Nur fünfzig Pfennig übern
+Preis . . . Deshalb braucht doch des Klatschmaul nit zu mein Vater
+laufe. Ich kann's ihm ja zurückgeb, wenn er's will.«
+
+»Hättst dei Maul nit so gewetzt«, rief der König der Luft Oldshatterhand
+zu, »dann hätten wir jetzt unser Preis.«
+
+»Wenn doch der Schub gültig war, du Damian!«
+
+»Darauf kommt's ganz allein an«, sagte der Schreiber mit dunkler Stimme,
+stand mühsam auf und spuckte blutigen Speichel hinunter in den Main.
+»Der Schub war gültig.«
+
+»Und das ist die Hauptsache!« rief der bleiche Kapitän. »Das wär noch
+schöner, wenn wir uns von diesen Kommißbrotfressern was g'fall ließeten.
+Wenn doch der Schub gültig war.«
+
+Der Schreiber deutete auf sein blutiges Vorhemd und sagte unheilvoll:
+»Der Trainsoldat war's.«
+
+Nachdem der bleiche Kapitän vergebens versucht hatte, seinen Leuten das
+Passieren des Kasernenhofes zu ermöglichen, indem er den Wachtposten
+kalt und gemessen fragte: »Heute hat doch Leutnant von Platen
+Kasernendienst?« und der zufällig nicht dumme Soldat die schon in den
+Kasernenhof eingedrungenen Räuber wieder zurückgetrieben hatte,
+erreichten sie, nun zu einem großen Umweg gezwungen, mit dem
+Glockenschlage zwei, die Kneipe der Witwe Benommen.
+
+ »Horch, wer zieht so still und leise
+ Den Tugelafluß hinauf, den Tugelafluß hinauf.
+ Ach, es sind die armen Briten,
+ Die so manchen Stoß erlitten.
+ Bald vermindert sich ihr Lauf, bald vermindert sich ihr Lauf.
+ Plötzlich bleibt die Truppe stehen,
+ Denn der Feind ist anmarschiert, ja der Feind, er ist schon da.
+ Seht sie kämpfen, seht sie streiten,
+ Durch des Feindes Mitte reiten
+ Jetzt die Buren mit Hurra, jetzt die Buren mit Hurra!«
+
+klang das Burenlied, von Sandschöpfern und Fischern gesungen, aus der
+Kneipe.
+
+»Leih mir zwölf Pfennig«, bat Oldshatterhand den bleichen Kapitän.
+
+»Ich hab ja selber nimmer genug.« Er lieh ihm aber sogar vierzehn
+Pfennige und sagte: »Die zwei gibst Trinkgeld.«
+
+In der Mitte der niedrigen Stube, die tiefer als die Straße lag, denn
+fünf Stufen führten hinunter, stand ein langer Tisch, um den herum die
+Gäste saßen. Unter kreuzweise übereinander genagelten großen Fahnen in
+den Farben der Buren standen auf zwei Postamenten die Gipsbüsten des
+Präsidenten Tom Krüger und des Generals Botha; die ganze Stube war mit
+Fähnchen in den Burenfarben geschmückt, und jeder Gast hatte ein
+Exemplar des Burenliedes vor sich liegen, das Benommen, der Wirt, hatte
+drucken lassen, mit der Aufschrift: Schlachtenlied. Gesungen im
+Burenlager der Restauration Benommen. Auf diese Weise hielt er die
+Begeisterung der Mainviertler für die Buren wach und machte während des
+ganzen Krieges ein gutes Geschäft.
+
+Die Räuber, von den Gästen dieser Wirtschaft wie immer mit Respekt
+empfangen, setzten sich um den runden Tisch herum, neben der Schenke.
+
+In stummer Hochachtung blickten die Gäste auf das blutige Vorhemd des
+Schreibers, der beide Ellbogen auf den Tisch stützte und, seine Freude
+über das verdiente Aufsehen zurückdrängend, düster vor sich hin sah.
+Falkenauge saß neben ihm. Die leere Augenhöhle war vom Faustschlag blau
+unterlaufen. Das abgenutzte alte Spielwerkschränkchen über ihm an der
+Wand spielte, viele Töne auslassend:
+
+ Sah' ein Knab ein Röslein stehn -- -- --
+
+Des bleichen Kapitäns Bruder, Benommen der Wirt, ein untersetzter Mann,
+mit fast ganz geschlossenen, eitrigen, roten Augenlidern und
+Goldblättchen in den Ohren, stand, Bauch und Unterlippe verächtlich
+vorgeschoben, neben seiner Mutter hinter dem Schanktisch und verfolgte
+jede Bewegung der auffallend schönen Kellnerin, eines jungen Mädchens
+mit gesundbleichem Gesicht und braunen Augen, während die Witwe
+Benommen, klein und zäh, unzählbare Falten und Fältchen im ledergelben
+Gesicht, die dürren Hände vor dem Leib gefaltet hielt und verbissen die
+Leidenschaft ihres Sohnes für seine Kellnerin beobachtete. Noch hatte
+sie das Regiment nicht aus den Händen gegeben. Der Sohn hatte die
+altbewährte Wirtschaft einstweilen nur in Pacht bekommen. Daß er sie in
+eigene Führung bekam, hing davon ab, ob er die Kellnerin aufgab, deren
+Kündigung die Alte schon durchgesetzt hatte.
+
+Mit schmiegsamen Bewegungen, den Leib etwas vorgeschoben, bediente die
+schöne Kellnerin einen Gast, der seinen Arm um ihre Taille legte. Sie
+entwand sich ihm weich, lachte lautlos und schlug ihre milden Augen
+gegen den Wirt auf, der aus der Schenke zum Gast trat und mit dem Finger
+zur Türe wies: »In meiner Wirtschaft wird nicht mit der Kellnerin
+poussiert! Merk dir das!«
+
+Der bleiche Kapitän saß zurückgelehnt und beobachtete diesen Vorgang mit
+übertrieben gleichgültiger Miene.
+
+Mit schriller Stimme schrie die Witwe Benommen der Kellnerin zu: »Gehen
+Sie doch gleich in die Fischergaß, wo Sie hingehören.«
+
+Aus dem weißen Gesicht der Kellnerin verschwand das Lachen. Sie gab dem
+Gast auf dessen Mark heraus und nahm die zwei Pfennige Trinkgeld
+entgegen, wobei ein unwillkürliches Danklächeln wieder ihr Gesicht
+verschönte.
+
+Im Mainviertel, gegenüber einer sehr hohen alten Gartenmauer, klebten
+drei niedere Häuschen aneinander, über deren Haustüren metergroße,
+schwarze Nummern gemalt waren: Nr. 7, 11 und 13. Es waren ganz kleine,
+altersschiefe, graue Häuschen mit bemoosten Dächern. Trat man aber ein
+-- da war alles rosa. Und starkes Parfüm und Frauenlachen schlug einem
+entgegen. Das war die Fischergasse. Und die neueste Errungenschaft der
+Stadt Würzburg, was den Fortschritt anlangt. Ganz plötzlich waren die
+ahnungslosen Bürger mit dieser hygienischen Neueinrichtung beschenkt
+worden, worauf ein hitziger Kampf der Pfarrerschaft von den Kanzeln
+herunter entbrannt war und die Bewohner der vorderen Fischergasse sich
+empört gegen die Schande gewehrt und von den Stadtvätern einen anderen
+Namen für ihre Gasse verlangt hatten. Nach jahrelangem Kampf und starker
+Frequentierung verschwanden die hygienischen Anstältchen ebenso
+plötzlich wieder, wie sie gekommen waren. Und danach standen die
+Häuschen leer, denn es fand sich kein Mensch, der sie hätte bewohnen
+mögen. Nach jedem Vierteljahr wurde der Kaufpreis heruntergesetzt, bis
+zuletzt alle drei Häuschen zusammen für sechshundert Mark angeboten
+wurden. Aber nicht einmal geschenkt wollte sie jemand haben.
+
+Doch das kam erst später. Zurzeit waren sie noch von rosa Ampeln
+beleuchtet, und der Inhaber der drei Häuschen saß bei den für die Buren
+begeisterten Sandschöpfern und Fischern in der Kneipe der Witwe
+Benommen.
+
+Der bleiche Kapitän blies den Schaum vom Bier, trank und sog den Schaum
+von der Oberlippe wie ein schnurrbärtiger Alter. »Gott, daran kann ja
+gar kein Zweifel sein, daß die Buren den Krieg gewinnen.«
+
+»Wo das Recht ist, ist der Sieg«, sagte die Rote Wolke und hob die Hand.
+
+Der Schreiber sagte ernst: »Ex!« trank sein Glas leer und reichte es
+gleichgültig der Kellnerin, die ein Lächeln über das sachliche Gebaren
+der Räuber nicht unterdrücken konnte.
+
+Der Gast, dem verboten worden war, sein Gefallen an der Kellnerin zu
+äußern, stand beim Wirt und legte ihm die Hand auf die Schulter.
+
+»In meiner Wirtschaft gibt's das einfach nit«, sagte unwirsch der Wirt
+und schnitt ein Stück Schwartenmagen ab.
+
+»Ja, in _deiner_ Wirtschaft«, sagte die Witwe Benommen hämisch. »Was
+willst du denn, wenn sich das schlampige Menschle doch von jed'n
+rumschmier läßt.«
+
+»Also Mutter! Jetzt bist still! Ich brauch dei Wirtschaft nit. Aber kurz
+und klein schlag ich dir alles, wennst jetzt nit Ruh gibst.«
+
+Wütend blickte die Alte auf die Kellnerin und rührte sich nicht.
+
+»Geh doch nauf und leg dich schlafen. Die Nachtruh tut dir besser. Ich
+kann mich ja nit rühr in der Schenk.«
+
+Die Witwe Benommen zog sich, die Tür zuknallend, in die dunkle Küche
+zurück, von wo aus sie durch das Fensterchen die weiteren Vorgänge in
+ihrer Wirtschaft beobachtete.
+
+Ein Trainsoldat trat ein. Der Schreiber riß die Augen auf. »Das ist er!«
+Alle Räuber wandten sich nach dem Soldaten um, welcher der Kellnerin die
+Hand reichte. »Der war's«, flüsterte der Schreiber und deutete auf sein
+blutiges Vorhemd.
+
+Der Inhaber der fortschrittlichen Neueinrichtung, ein schlanker,
+überelegant gekleideter Sachse, sagte zum Wirt: »Stellen Sie mal ein
+kleines Fäßchen Bier für meine Freunde auf den Tisch. Ja.« Er hielt sich
+zu den vorurteilslosen Fischern und Sandschöpfern und kam ihnen, auch
+aus wirklicher Begeisterung für ihre rauhen bayerischen Sitten,
+entgegen, indem er zu Lackschuhen und tadellos elegantem Anzug keinen
+Hemdkragen trug.
+
+Der Wirt brachte das Bierfaß und zapfte es an. Der zarte Sachse bürstete
+unausgesetzt mit einem goldenen Bürstchen intensiv an seinem gepflegten,
+weichen, langen, aschblonden, sehr schmalen Ziegenbart entlang, der das
+Stärkhemd in zwei Teile schnitt. Heftig bürstend, zog er den Bart
+wagrecht vor, wobei sein Mund sich in Eiform öffnete und die blitzenden
+Brillanthemdknöpfe sichtbar wurden, schlug mit der kleinen Faust auf den
+Tisch und rief: »Das wäre ja noch schöner. Nur immer feste ran. Gsuffa!
+Ja.« Strahlend stand er auf, mit ihm alle anderen, reckte den Maßkrug
+zur Decke, trank. Und bürstete sofort wieder intensiv am aschblonden,
+schmalen Bart entlang.
+
+Die Freundschaft der Räuber hatte er bis jetzt vergebens gesucht. Er war
+ihnen zu zart, zu elegant, und seiner Begeisterung für bayerische Sitten
+trauten sie nicht. Selbst das viele Freibier konnte keine Wirkung auf
+sie ausüben.
+
+Die abgearbeiteten Sandschöpfer und Fischer jedoch konnten ihre
+Sympathie dem Freibier spendenden Sachsen nicht versagen, da er auch
+sonst sich liebenswürdig zu ihnen benahm. Aber oft sah der eine oder der
+andere verlegen zu den verächtlich blickenden Räubern hin, deren
+Wohlwollen die Gäste dieser Kneipe sich auch nicht zu verscherzen
+wünschten.
+
+»Lone! bring uns auch drei Liesl Bier!« rief der Schreiber plötzlich der
+Kellnerin zu.
+
+»Kannst sie denn bezahl?« fragte erstaunt der bleiche Kapitän.
+
+»Das Geld für die Schuh vom Wachtmeister hab ich jetzt sowieso scho
+angerissen.«
+
+»Mein Lieber, was machst denn da jetzt?«
+
+»Ich geh halt heim . . . und halt's aus. Da kann man jetzt nix mehr mach
+. . . Wenn nur wenigstens den Berliner der Teufel holet.«
+
+Die Alte stand schon wieder reglos in der Schenke neben ihrem Sohn.
+
+Die Blicke der Räuber waren auf den Trainsoldaten geheftet, und als er
+die Hand der schönen Kellnerin streichelte, stülpte der bleiche Kapitän
+drohend die Lippen nach außen, während sein Bruder, mit einem stummen
+Wutblick auf das Mädchen, eine Biermarke auf den Schanktisch schmiß, und
+die Witwe Benommen hämisch das Gesicht verzog.
+
+Der zarte Sachse stand auf und brachte das Spielwerk in Gang. Es
+rasselte im Schränkchen, knackte ein paarmal und begann, aus
+Altersschwäche manche Worte unterschlagend, zu spielen:
+
+ Ein Knabe hatte ein Mädchen lieb.
+ Sie flohen heimlich von Hause fort,
+ Es wußt's weder Vater noch Mutter.
+
+Es war still geworden in der Stube. Alle horchten, als säßen sie in
+einem Symphoniekonzert. Die Kellnerin stand wider die Mauer gelehnt und
+blickte in unbegreiflicher Rührung zum Spielwerk hin, das nach heiserem
+Rasseln fortfuhr:
+
+ Sie sind gewandert hin und her,
+ Sie haben gehabt weder Glück noch Stern,
+ Sie sind verdorben, gestorben.
+
+»In der Küche is no e bißle Brate von Mittag. Magst du's nit? Und trink
+e Gläsle Wein dazu. Das tut dir doch gut«, sagte der Wirt zu seiner
+Mutter.
+
+Der zarte Sachse deutete auf das Spielwerk und sagte: »Das war von
+Heinrich Heine, ja. Diese Töne greifen mir ans Herze . . . Meine Mutter
+hat's auch immer gesungen, als ich noch 'n kleener Junge war.«
+
+»Der kann leicht sei Maul vollnehm«, sagte der Schreiber und beugte sich
+zu den Räubern. »Wenn man eine Million verdient im Jahr.«
+
+»So viel wird's aber vielleicht nit sein. Überhaupt, wie ist denn das
+eigentlich, dahinten in der Fischergaß?«
+
+»So genau weiß man das nit . . . Das ist halt die Fischergaß.«
+
+Am Fenster saß allein ein Kohlenführer und weinte. Manchmal wischte er
+sich mit dem Handrücken übers Gesicht, das ganz von Ruß und Tränen
+verschmiert war.
+
+Da trat sein Bruder, ein Sandschöpfer mit nur fingerbreiter Stirne und
+böse blickenden Augen, in die Wirtsstube und hob die Hände: »Daa bist
+du? Dei Frau heult sich daheim die Augen aus.«
+
+Der Kohlenführer schluchzte auf und rief heulend immerzu: »Mei eigener
+Bruder! Mei eigener Bruder!«
+
+»Es is nit wahr«, sagte der Eingetretene. »Also, wenn i dir sag. I bin
+doch dei Bruder.«
+
+»Ein trauriger Lump bist! Mei Frau hat's mir ja selber ei'g'stande.
+Gestern die ganze Nacht warst du bei ihr!« brüllte der Kohlenführer
+plötzlich laut.
+
+Der Sandschöpfer blickte, die Augen fast ganz geschlossen, erschrocken
+auf seinen Bruder: »Also, wenn i dir sag! Frag sie selber. I wer doch
+nit mit mein eigene Bruder seiner Frau . . . Sie is doch mei Schwägerin.
+Also . . . also sowas tät i doch nit. Das glaubst du doch nit von mir
+. . . Mit der eigene Schwägerin.«
+
+Der Kohlenführer hob den Kopf. »Du sagst, es is nit wahr?«
+
+»Also schau. Es is kein Wort davon wahr. Wenn i dir sag! . . . Mir
+trinke a Maß Bier mitnander«, schloß beruhigend der Sandschöpfer. »Lone!
+a Maß Bier für mich und mein Bruder.«
+
+Vom Sachsen wurde das Burenlied angestimmt, und die erleichterten Brüder
+sangen kräftig mit:
+
+ »Ihrem todeskühnen Ringen kann man nicht das Lob entziehen,
+ Denn sie fechten toll und kühn -- -- --«
+
+Die Alte war schlafen gegangen.
+
+»Setze Sie sich und esse Sie was«, sagte der Wirt zu seiner Kellnerin
+und lächelte.
+
+Der Trainsoldat schnallte seinen Säbel um und ging fort.
+
+»Jetzt!« rief der bleiche Kapitän.
+
+Die Räuber legten eilig das Geld auf den Tisch und stürmten zur
+Wirtsstube hinaus. Der Schreiber, müde und bleich, als Letzter.
+
+Vor dem »Spitäle« stand der Soldat, summte: »Als die Römer frech
+geworden«, und stieß dazu mit seinem langen Säbel den Takt aufs
+Pflaster.
+
+Es war schon fast hell. Die Sandsteinheiligen der Brücke standen dunkel
+gegen den Himmel.
+
+Der bleiche Kapitän wünschte, daß seine Leute zurückblieben, ging allein
+auf den Soldaten zu und sagte: »Sie sind doch der . . . von der
+Kegelbahn! He? . . . Zu fünft über einen einzelnen herfallen, das könnt
+ihr . . . He?«
+
+Der Soldat legte die Hand an den Griff seines Säbels.
+
+»Laß nur dei Brotmesserle stecke. Das rat ich dir im Guten.« Und
+plötzlich zuckte die Hand des bleichen Kapitäns nach dem Griff; er riß
+den Säbel aus der Scheide und raste, von der ganzen Bande gefolgt, mit
+hocherhobenem Säbel davon, die Felsengasse hinauf, auf den dunklen
+Schloßberg. So schnell war das gegangen, daß die Bande, ehe der Soldat
+das Geschehene begriffen hatte, schon weg war.
+
+Ohne seinen Säbel mußte er heim in die Kaserne.
+
+Noch in derselben Nacht gingen die Räuber durch den unterirdischen Gang
+ins »Zimmer« und brachten den Säbel zu ihren anderen Waffen, wo er
+seitdem verblieben ist.
+
+»Dieser Streich hätte von meinem Bruder in Amerika sein können«, sagte
+der bleiche Kapitän.
+
+Sie stiegen den Schloßberg hinunter und blieben bei der letzten Linde
+stehen, wo ihre Wege sich trennten.
+
+Neben dem geistesabwesend vor sich hinstarrenden Winnetou stand frierend
+und grünbleich Oldshatterhand. »Was hat das alles, was wir heut gemacht
+ham, eigentlich für einen Wert«, sagte er, und rief, plötzlich zornig,
+weil er den Widerstand der Räuber fühlte: »Für uns hat das gar keinen
+Wert! sag ich . . . Für uns nit!«
+
+»No und der Säbel?«
+
+»Ich geh jetzt heim«, sagte der Schreiber. »Es is einfacher, wenn ich
+gleich heim geh.«
+
+Der Trupp setzte sich zögernd in Bewegung und verschwand in der
+Schloßgasse.
+
+Winnetou war am Lindenstamm lehnen geblieben. Langsam stieg er den
+Schloßberg wieder hinauf, ging unter Grauenschauern durch den
+sammetschwarzen unterirdischen Gang ins »Zimmer« und zündete eine Kerze
+an.
+
+Die Kerze in der Hand, starrte er die Mauer an, sah den Kaplan und die
+Schwester auf dem Kanapee, die Mutter, wie sie ihn schlug, und verzog
+die Lippen zu einem schadenfrohen Lächeln bei der Vorstellung, wie
+ungeheuer die Mutter erschrecken würde, wenn sie ihn erschossen ins Haus
+gebracht bekäme. Er sah, wie die Mutter jammernd über seine Leiche fiel,
+und sagte plötzlich haßerfüllt: »So, da hast du's jetzt. Geschieht dir
+ganz recht. Ganz recht.« Schleichend näherte er sich der Glasvitrine und
+blickte auf den alten Revolver, der durch die Brechungen des runden
+Glases verdreifacht unter der Vitrine lag.
+
+Als er die Vitrine abhob, lag nur ein Revolver, alt und rostig, vor ihm.
+
+Mit zitternden Fingern prüfte er, ob der Revolver geladen war, setzte
+die Mündung auf die Mitte seiner Brust, wo der Druck saß, und hatte,
+kurz bevor er abdrückte, das bestimmte Empfinden, die Mutter sitze in
+seiner Brust und verursache ihm diesen Druck, so daß er mitten durch die
+Mutter schießen würde. »Hopp!« schrie er gellend und drückte ab. Es
+knackte. Winnetou stürzte zu Boden und riß die verlöschende Kerze mit.
+Der alte Revolver hatte versagt. Schweiß brach rapid aus. Unter
+strömenden Tränen und ungeheurem Wohlgefühl am ganzen Körper wich die
+Spannung; der Körper bäumte und wand sich; der Mund biß in den Boden.
+
+Schwindlig vor Erschöpfung stand Winnetou im dunklen »Zimmer« und atmete
+keuchend mit offenem Munde den Schrecken aus, tappte zur Felsenbank und
+schlief augenblicklich ein.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel
+
+
+Spätherbstwinde rissen die letzten Blätter von den Schloßberglinden und
+Dachziegel von den Häusern, wovon einer dem Spenglermeister Herrn
+Hieronymus Griebe auf die Schulter fiel, so daß er ein paar Wochen lang
+seinen Arm nicht heben konnte.
+
+Die königlichen Weinberge lagen zerzaust und bereift. Wagen, mit
+dickbauchigen Fässern beladen, schwankten durch die Gassen, standen vor
+den Weinstuben; schwarze Schläuche liefen davon weg in die Keller, und
+die geschmückten Pferde stampften und pusteten die Streu aus den
+vorgehängten Futterkästen, von Spatzen frech umhüpft. Die ganze
+Stadt roch scharf nach Most. Der seitdem berühmt gewordene
+Achtzehnhundertneunundneunziger war heimgebracht worden. Angetrunkene
+torkelten durch die Gassen; des Fischers violette Stülpnase war
+schwärzlich angelaufen.
+
+Alles war heiter und zufrieden; aber die Räuber, vollzählig versammelt,
+saßen auf der Anklagebank.
+
+Der Glasermeister Johann Jakob Streberle hatte wegen des Raubzuges in
+die königlichen Weinberge Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet.
+
+Fragte ihn jemand, weshalb er das getan habe, dann sträubte sich sein
+inzwischen gewachsenes blondes Schnurrbärtchen, und speichelspritzend
+lachte er: »Dene Früchtli ham mir's amal besorgt.«
+
+Erschwerter Raub an königlichem Gut, lautete des Staatsanwalts
+Klagestellung. Er hatte sich persönlich davon überzeugt, daß es sehr
+erschwert, ja lebensgefährlich war, um den Diebabhalter herum in die
+königlichen Weinberge zu gelangen.
+
+Die Gerichtsstube war niedrig. Die Richter saßen breit hinter der
+Barriere, daneben saß der Staatsanwalt, ihm gegenüber der Verteidiger,
+Rechtsanwalt Karfunkelstein -- des Schreibers Chef --, alle in schwarzen
+Talaren. Neben Herrn Karfunkelstein, auf der langen Bank, saßen die
+Räuber, in ihren Sonntagsanzügen. Hinter ihnen, dicht gedrängt, die
+Zuschauer; darunter die erregten Väter ihrer Söhne. Ganz im
+Vordergrunde, die dürren Hände vor dem Bauch gefaltet, mit müden
+Augenlidern, den Kopf leidend schulterwärts geneigt, saß die Witwe
+Benommen und blickte trübe auf den bleichen Kapitän. Und neben ihr, die
+Mundwinkel verbittert zurückgezogen, daß sich kleine Apfelbäckchen
+bildeten, saß kerzengerade Herr Lehrer Mager.
+
+Der Richter, ein großer Mann mit braunem Reiterschnurrbart und geröteter
+starker Nase, blickte schon eine Weile unverwandt mit seinen guten Augen
+streng von einem Räuber zum andern. »Oskar Benommen, du sollst ja der
+Anführer von dem netten Geschichtchen gewesen sein. Erzähle uns jetzt,
+wie war die Sache.«
+
+Die Witwe Benommen schoß in die Höhe. »Der da, der kleine Vierkant, Herr
+Richter, der ist der Verführer von meinem Sohn. So klein er ist, so
+frech und verdorben ist er . . . der Teufel.«
+
+Der Schnurrbart des großmächtigen Richters zuckte. Und während
+Oldshatterhand, bleich geworden, auf der Bank herumrutschte, brüllte der
+Richter: »Das Maul gehalten! Und du, infamer Halunke, stehe jetzt auf
+und rede.«
+
+Der bleiche Kapitän stülpte die Lippen nach außen. Das war alles. Es war
+still.
+
+»Den Kopf reißen wir dir nicht herunter«, lenkte der Richter ein.
+
+Da spreizte der bleiche Kapitän die langen, knochigen Finger an den
+senkrecht hängenden Armen und sagte, nicht im Baß, sondern mit seiner
+natürlichen, sehr hohen Stimme und sehr schnell: »Ja also, wir war'n
+halt droben in unserm Festungsgraben um unser Lagerfeuer herumgesessen
+und da hat's zwölf Uhr geschlagen und da sind wir in den Weinberg und
+ham unsere Trauben gegessen . . . und ham uns auch ein paar mitgenommen,
+und später sind wir heimgegangen.«
+
+»Unser Lagerfeuer! Unser Festungsgraben! Unser Weinberg! Unser! Unser!
+Unser! . . . Nun, und wo sind denn die paar Trauben hingekommen? die ihr
+noch mitgenommen habt.«
+
+»Ja die . . . also die . . . die ham wir auch gegessen.«
+
+Im Zuschauerraum war es ganz still.
+
+»Michael Vierkant! Wo sind die Trauben hingekommen?«
+
+Oldshatterhand ließ sich von der für ihn zu hohen Bank heruntergleiten
+und ging ganz langsam bis knapp vor das Richterpult.
+
+Der bleiche Kapitän warf einen flehenden Blick auf ihn, den
+Oldshatterhand aber nicht bemerkte. Er sah, die Hand dargereicht, zum
+Richter in die Höhe, sagte fein und leise: »Zuletzt waren keine Trauben
+mehr da«, und schrak furchtbar zusammen, als der Richter brüllte:
+»Kleiner Schuft! weißt du nicht, daß die Trauben unserem Prinzregenten
+gehören! Und daß der Prinzregent in Würzburg geboren ist! Und ihr Gauner
+stehlt ihm seine Trauben! . . . So ein winziger Frosch, stiehlst dem
+König seine Trauben.«
+
+Der Richter hatte Oldshatterhand am wehesten Punkt getroffen. Die Lippen
+zitterten ihm. Erregt stieß er hervor: »Ich wachse noch!«
+
+Es gelang dem Richter, ernst zu bleiben. »Setze dich. Und merke dir das,
+wenn du den Prinzregenten kennen würdest, dann würdest du seinen
+Weinberg in Ruhe lassen.«
+
+»Ich kenn unseren Prinzregenten. Weil ich ihm einmal einen Blumenstrauß
+gegeben hab. Damals, wie die neue Brücke eingeweiht worden ist. Ich hab
+ja sogar meinen Hut dabei verloren, so ein Gedräng war.«
+
+»Und meinst deshalb, du kannst ihm seine Trauben stehlen? . . . Jetzt
+hört mich einmal an. Wenn ihr nicht gesteht, wo ihr die Trauben
+versteckt habt, sperre ich euch ein, bis ihr alt und grau seid . . .
+Hans Lux! Wo sind die Trauben hingekommen.«
+
+Die tiefe Falte war da. Der Hals schoß wagerecht vor; der König der Luft
+mahlte mit den Zähnen und schnalzte nervös mit den Daumen, wobei seine
+Fäuste fest an die Schenkel angepreßt blieben.
+
+»Was habt ihr dann gemacht? Ihr seid aus dem Weinberg zurückgestiegen,
+und . . .?«
+
+»Und ham sie gegessen«, flüchtete der König der Luft eilig über die
+Traubenaffäre weg und fuhr fort: »Also, aber also und, dann wollte ich
+das hundertsiebenundneunzigste Kapitel aus >Die bleiche Gräfin oder Der
+Mord im Walde< vorlesen. Aber also . . . also und . . . also aber,
+Oldshatterhand wollte, daß wir das Räuberlied singen.«
+
+»Was ist das? Oldshatterhand?«
+
+»No, Michl, also Michl Vierkant.«
+
+»Und was für ein Räuberlied wolltet ihr denn singen?«
+
+»Also no! also natürlich, >Stehlen, morden, huren, balgen, heißt für uns
+nur die Zeit zerstreun, morgen hängen wir am Galgen< -- -- --«
+
+»Aha. Darum laßt uns heute lustig sein. Wie?«
+
+»Ja. Von Friedrich von Schiller.«
+
+»Nun, und dann?«
+
+»Hn?«
+
+»Was habt ihr dann gemacht?«
+
+»Dann haben wir registriert.«
+
+»Wie?«
+
+»Also registriert! Halt! Also nein. Schon vorher ham wir registriert.«
+
+»Was habt ihr registriert?«
+
+». . . Also halt so. Also und alles.«
+
+»Zum Teufel, also was denn!«
+
+»Also halt einen Stallhasen.«
+
+»Einen Stallhasen? Ein Kaninchen?«
+
+». . . Gekauft! lebendig.«
+
+»Und was war weiter?«
+
+»Hell war's!«
+
+»Malefizhalunk! Was hast du dann weiter gemacht?«
+
+»Sonst nichts. Heim zu meiner Großmutter bin ich gange.«
+
+»Und hast du wenigstens eine Tracht Prügel bekommen?«
+
+Die tiefe Falte verschwand. Der Kopf richtete sich auf. Der König der
+Luft hatte gelächelt. »Nein, also und, sie hat mich ja nit g'hört. Also
+weil sie taub is.«
+
+»Was?«
+
+»Taub.«
+
+»Georg Bang!«
+
+Der König der Luft setzte sich und flüsterte erregt der Roten Wolke zu:
+»Also das glaubt er nit, daß sie taub is.« Der Roten Wolke Mund stand
+empört offen.
+
+»Georg Bang!«
+
+Falkenauge schnellte in die Höhe, wie er es von der Schule her gewöhnt
+war. Sein neues Glasauge glänzte in reinstem Weiß und Kobaltblau,
+während sein natürliches graubraun war.
+
+»Nein. Hans Widerschein, komm einmal du erst her.«
+
+Der Schreiber, der schon bei vielen Gerichtsverhandlungen für Herrn
+Karfunkelstein tätig gewesen war, schritt frei zum Richterpult.
+
+»Herr Mager, bei Ihnen waren ja alle diese Knaben in der Volksschule.
+Vielleicht können Sie uns eine Handhabe geben, wie etwas aus ihnen
+herauszubringen ist.«
+
+Herr Mager stand wie ein Spazierstock. »Vorerst muß ich bemerken, Herr
+Amtsrichter, daß ich diese Buben auch jetzt noch abends in der
+Fortbildungsschule habe, und sie auch als Rekruten wiederbekomme. Und
+dann: es war mir nie möglich, mit ihnen fertig zu werden, ohne sie
+empfindlich zu strafen. Mit der ganzen Härte, die mir zustand! Drittens
+habe ich manchem von diesen schon in der Volksschule prophezeit, daß er
+einmal im Zuchthaus enden werde. Viertens, diese zwölf Schüler steckten
+immer zusammen. Ein Beweis dafür ist, daß sich von diesen Zwölfen
+niemals einer gemeldet hat, niemals! wenn ich rief: Wer meldet sich?«
+
+»Wie meinen Sie das, Herr Mager?«
+
+»Herr Amtsrichter, wenn ein Knabe eine exemplarische Züchtigung verdient
+hat, rufe ich: Wer meldet sich? Es melden sich dann immer welche
+freiwillig, die ihren Mitschüler während der Züchtigung auf dem Stuhle
+festhalten.«
+
+»Nun . . . ich danke, Herr Mager«, sagte der Richter und erholte sich
+langsam von seinem Staunen.
+
+Der Richter frug weiter, einmal den, unverhofft einen anderen, brüllte
+und war jovial. Es half ihm alles nichts. Die Räuber hatten dem bleichen
+Kapitän vor der Verhandlung einen langen Eid schwören müssen, das
+»Zimmer« nicht zu verraten, von dessen Existenz kein anderer Knabe, kein
+Mensch in Würzburg wußte.
+
+Oldshatterhand hatte vor Jahren einmal in »Der tote Mann im Keller oder
+Verfolgt über alle Länder und Meere« von verborgenen Falltüren gelesen,
+daraufhin die Festungsmauern abgeklopft und war furchtbar erschrocken,
+als eine Stelle hohl geklungen hatte. Er und der bleiche Kapitän hatten
+so lange gebohrt, gekratzt, gelockert, bis ihnen der Verschlußstein des
+unterirdischen Ganges zu Füßen gefallen war.
+
+»Andreas Steinbrecher, komme du einmal her zu mir und denke an deine
+Mutter. Sie ist eine ehrenwerte Frau.«
+
+Jede Verantwortung ablehnend, blickte Frau Steinbrecher kalt auf
+Winnetou, ihren Sohn.
+
+»Bekenne aufrichtig, wo sind die Trauben hingekommen?«
+
+»Ich nehme keine Trauben mehr«, sagte Winnetou. Und es klang wie ein
+Schwur.
+
+Resigniert sagte der Richter zu seinen Beisitzern: »Ich denke, wir
+können dem Herrn Staatsanwalt das Schlußwort geben . . . Theobald
+Kletterer!« Er sah noch einmal in seine Aktenmappe und fragte mild und
+freundlich:
+
+»Du bist eine Doppelwaise?«
+
+»Ja!«
+
+»Du wirst mich doch nicht belügen.«
+
+»Nein!«
+
+»Nun, so erzähle du mir, erzähle, wie war die Sache?«
+
+Der Mund der Roten Wolke stand offen, rund und schwarz wie ein
+Mauseloch, worin die Zahnstummeln standen, dunkelbraun wie
+Schokoladepyramidchen. Er stellte eine Fußspitze rückwärts, reckte sich
+auf und hob die Hand. »Das Lagerfeuer flackerte. Der Mooond beleuchtete
+die alte Stadt.«
+
+»Wo sind die Trauben hingekommen?«
+
+»Der Hunger war groß zu jener Zeit. Und keine Beere blieb übrig.«
+
+Der Richter klappte sein Lineal aufs Pult und machte eine abschließende
+Handbewegung zum Staatsanwalt hin. »Setzt euch. Auch du, Hans
+Widerschein.«
+
+»Jawohl, Herr Amtsrichter«, sagte der enttäuschte Schreiber, der stehen
+geblieben war, weil er auch gerne etwas gesprochen hätte. Zögernd ging
+er zurück auf seinen Platz.
+
+Der Staatsanwalt beantragte nach ein paar formell einleitenden Worten,
+die Räuber freizusprechen und sie der Schule zur Bestrafung zu
+überweisen.
+
+Die Witwe Benommen hatte, als der Staatsanwalt angefangen hatte zu
+sprechen, ihren faltigen Totenkopf aufgestellt, als er fertig war, ihn
+wieder sanft schulterwärts geneigt und sah jetzt trübe auf den bleichen
+Kapitän, wie wenn er zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt worden wäre.
+
+Da erhob sich der Verteidiger, Rechtsanwalt Karfunkelstein, ein kleiner
+Mann. Bei dem Anfangswort jeden Satzes heftig mit dem Zeigefinger vor
+sich auf den Boden stechend, als ob dort alles abzulesen wäre, und ohne
+jemals den Blick von dieser Stelle zu erheben, hub er an zu reden, eine
+lange Rede: »Hoher Gerichtshof! Gehen Sie mit mir die ganze Strafsache
+durch. Von Anfang bis zu Ende. Darum bitte ich Sie. Dann kann es
+nimmermehr geschehen, ja es darf und es wird nicht eintreten, daß Sie zu
+einer harten Verurteilung der Angeklagten kommen.«
+
+Der Richter sah verblüfft auf Herrn Karfunkelstein, welcher fortfuhr:
+»Sehen Sie die Angeklagten an. Jung sind sie. Sehr jung. Knaben sind
+sie. Kinder sind sie. Ganz von vorne wollen wir anfangen. Jeden
+Angeklagten für sich ansehen. Nehmen wir den ersten.«
+
+Der Richter warf hilflos grimmige Blicke im Gerichtszimmer umher, sah
+zur Decke, schnupfte wütend und klopfte mit dem senkrecht gestellten
+Bleistift den Radetzkymarsch auf das Pult.
+
+»Sehen wir uns unparteiisch das Alter des Hans Lux an.«
+
+Und während der König der Luft den Oberkörper senkrecht hielt, den
+langen Hals wagrecht, mit den Zähnen mahlte und mit dunkelglühenden
+Augen auf seinen Verteidiger starrte, rief dieser, mit sich
+überschlagender Stimme: »Bände! spricht das schon allein. Bände! . . .
+Sehen wir seine Großmutter an. Taub ist die arme alte Frau. Ziehen wir
+nun eine Parallele zwischen dem Hans Lux und dem Oskar Benommen, und
+erwägen, daß des ersteren Großmutter taub, Witwe hingegen des letzteren
+Mutter ist . . .«
+
+Der Verteidiger sprach weiter, über jeden Angeklagten für sich, wog sie
+gegeneinander ab, sprach über Hunger, Not und Elend, berührte, wie er
+eindringlich bemerkte, den Richtern zuliebe die Nachwirkungen der
+Kinderkrankheiten auf die Angeklagten nur flüchtig, um bei der
+Vererbungstheorie eingehend zu verweilen, fuhr fort mit dem
+außerordentlichen Einfluß der Blutarmut auf die Angeklagten, und langte
+nach einer Stunde bei der Hauptstütze seiner Verteidigung an, der
+Schundliteratur.
+
+Während Richter und Staatsanwalt in ratloser Verzweiflung ihre
+Taschenuhren zogen und ängstliche Naturen unter den Zuschauern
+befürchteten, die Richter würden ihren Zorn über den seiner
+verantwortungsvollen Mission bewußten Verteidiger an den Jungen
+auslassen und sie zu einer fürchterlichen Strafe verurteilen, war Herr
+Karfunkelstein endlich bei der ungeheueren Gefahr des Justizirrtums an
+sich angekommen. Und erst nachdem er mit einer dringenden Mahnung zu
+väterlicher Güte und Einsicht geschlossen und die Richter gebeten hatte,
+durch ein möglichst mildes Urteil mächtige Felsblöcke aus dem weiteren
+Lebensweg der Angeklagten zu wälzen, konnten die Richter ins
+Beratungszimmer gehen, nach fünf Sekunden zurückkehren und die Räuber
+freisprechen, um sie Herrn Mager zur Bestrafung anzuempfehlen. Worauf
+tiefe Seufzer der Erleichterung durch das Gerichtszimmer schwirrten,
+während Herr Karfunkelstein strahlend die Hände seiner Klienten
+schüttelte, die mit Freude und Stolz acht Tage abgesessen hätten, nun
+aber in stummer Verzweiflung saßen, denn am nächsten Tage war
+Schulstunde.
+
+ * * * * *
+
+Oldshatterhand hatte von seinem Vater nach der Verhandlung Prügel
+bekommen und saß gegen neun Uhr abends in der Wirtschaft »Zur schönen
+Mainaussicht« auf dem schwarzen, versessenen Lederkanapee. Hin und
+wieder blickte er auf die blonde Wirtstochter, die etwas verächtlich
+lächelnd auf ihn zurücksah.
+
+»Trag dem Vater ein Hörnchen hin, zu sein Kaffee«, sagte sie zu ihrem
+Bruder, der Kriechenden Schlange.
+
+»Der soll sich's selber hol«, erwiderte die Kriechende Schlange und
+lachte zu Oldshatterhand hinüber.
+
+Der bleiche Kapitän, die Rote Wolke und der Schreiber gingen auf der
+Kaimauer entlang, schwenkten, ohne sich erst zu verständigen, plötzlich
+nach links ab und kletterten an der sieben Meter hohen Mauer hinauf, die
+den Garten der »Schönen Mainaussicht« umschloß, traten in die Wirtsstube
+und setzten sich wortlos zu Oldshatterhand aufs Kanapee.
+
+Aus dem Nebensaal erklangen die Töne der Ziehharmonika. »Auf zur
+Quadrille!« rief eine nasale Männerstimme, und zu gleicher Zeit
+verschwand die zimmerbreite, auf Rollen laufende Schiebetüre in der
+Wand. Man sah durch eine lange Gasse Tanzpärchen durch, an deren Anfang
+ein großer Mann im Gehrock stand, dessen hakennasiges Gesicht einem
+gelben Papagei glich. Mit eleganten Verbeugungen nahm er von den Herren
+die zehn Pfennige Tanzgeld entgegen, während die Wirtstochter, ein
+blutarmes, bleiches Mädchen mit eingefallener Brust, im Saal herumging
+und eine Stearinkerze zerschnitt, zur Glättung des Bodens.
+
+Der Mann mit dem Papageiengesicht, er war Buchbinder und Tanzlehrer,
+schwindsüchtig und hieß Gipfelmann, hob die Hand. Die Ziehharmonika
+wurde auseinandergezogen und unter rhythmischem Händeklatschen des Herrn
+Gipfelmann stellten die Tanzenden die letzten Figuren der Quadrille, von
+drei im großen Saale glücklich verteilten Gasflammen spärlich
+beleuchtet. Junge Sandschöpfer, Handwerker, Soldaten und die Mädchen
+verbeugten sich ernst und tief und legten beim Rundtanz die Wangen
+aneinander.
+
+Neben dem Ziehharmonikaspieler, einem immer lächelnden Zwerg, breiter
+als hoch, saß fröstelnd zusammengekauert die Frau des Tanzlehrers, die
+sehr der Witwe Benommen glich. Sie löste immer wieder ihre in die Ärmel
+geschobenen Hände und griff lächelnd zum Schnapsgläschen, wobei sie
+jedesmal schrill rief: »Ja, des muß i hab! Mei Schnäpsle muß i hab. Nur
+e Gläsle«, um dann ihre Hände sofort wieder fröstelnd in die Ärmel zu
+schieben. Sie war auch schwindsüchtig und immer etwas angetrunken. »Tanz
+doch e bißle«, sagte sie lustig zu ihrem hohlwangigen Sohn, der mit
+offenem Munde mühsam atmend bei ihr saß, manchmal tief aus der Brust
+heraus in sein zinnoberrotes Taschentuch hustete, auf dem man das Blut
+nicht sah, und sich dann zurücklehnte, weiß wie Mehl, mit blauen Lippen.
+
+Ein paar Tage später, an einem Mittwoch, starb er.
+
+»Im Grunewald, im Grunewald ist Holzauktion, ist Holzauktion«, spielte
+der Zwerg in schnellem Mazurkatakt.
+
+Die brustkranke Wirtstochter trat auf den Sohn des Tanzlehrers zu und
+lächelte. »Spiel e bißle langsamer«, sagte sie bittend zum Zwerg, der
+sich verbindlich verneigte, »wir wolle a tanz«, und zog lachend den
+Kranken vom Stuhl empor. Langsam, ganz vorsichtig, tanzten sie Walzer,
+angestoßen und überholt von einem kräftigen, kurzbeinigen Fischer, der
+mit seinem Mädchen mazurkastampfend im Saal herumraste und dem Zwerg
+fortwährend zuschrie: »Spiel schneller! Spiel schneller!«
+
+Die Mutter der Kriechenden Schlange, die mächtige, geschminkte Wirtin
+mit zarter, heftpflasterrosa Haut und vom Korsett in die Höhe gehaltenem
+überquellendem Busen, fragte freundlich lächelnd die vier Räuber:
+»Tanzen Sie nicht, meine Herren?« und warf, ohne Antwort abzuwarten,
+einen bösen Blick auf ihren kleinen Mann, der einen fettigen Fes auf dem
+Kopfe hatte, über seine Kaffeetasse gebeugt saß, ein Hörnchen eintauchte
+und es so lange weichen ließ, daß ihm dann der Kaffee zu den Mundwinkeln
+heraus, am Schnurrbart herunter und zurück in die Tasse lief.
+
+»Schämst dich nit, alte Sau!« rief die Wirtin ihrem Manne zu, und der
+Kriechenden Schlange: »Nehm ihm die Tasse weg und trag sie in die Küch.«
+
+Die Kriechende Schlange sah seine Mutter frech und unbekümmert an, blieb
+am Schanktisch lehnen und sagte höhnisch: »Was geht's mich an. Laß 'n
+rumpantsch.«
+
+»Tanzen Sie doch auch, meine Herren«, animierte die Wirtin. Ihr Mund
+wurde klein vor Freundlichkeit.
+
+Der bleiche Kapitän stülpte verächtlich die Lippen nach außen. »Wir wern
+da im Kreis rumhüpfe.«
+
+Die Kriechende Schlange platzte mit dem Lachen heraus.
+
+»Gehst weg! Bankert!« schrie die Mutter ihm zu.
+
+»Da bleib ich«, sagte die Kriechende Schlange ruhig und lümmelte sich
+auf den Schanktisch.
+
+Die Wirtstochter, jetzt mit rosig überhauchten Wangen, kam
+hereingelaufen zu ihrem Vater und stand, die Ellbogen auf den Tisch
+gestützt und die Hände um das eirunde Gesicht gelegt. »Schau, er kommt
+ja wieder. Der Frau Benommen ihr Caro war auch einmal vierzehn Tage
+verschwunden. Sie hat's in die Zeitung setz laß, und da hat ihn ein
+Bauer aus Versbach zurückgebracht. An einem Kälberstrick. Nur sei Hals
+war e bißle vom Strick geränft.«
+
+»I hab scho e Tinktürle kauft, daß wenn er vielleicht die Krätze hat,
+oder sowas. Und schau . . . den neue Kamm.« Der Wirt zog einen großen
+Hundekamm aus seiner Brusttasche, wobei er vorsichtig zu seiner Frau
+hinsah.
+
+»Steck 'n ein. Sie braucht 'n ja nit zu sehn.«
+
+»Zsssssss«, ertönte es von draußen. Johann Jakob Streberle trat ein und
+der zarte Sachse, der ein junges Mädchen, das sich verschämt am
+Türpfosten wand, hereinzog. Sie trug noch kurze Röcke, eine blaue
+Seidenschleife im offenen, rötlichen Haar, und ihr geschwungener Mund
+war tiefrot. Ihr Vater war Viehhändler gewesen, hatte sein Vermögen
+verloren, sich auf dem Schloßberg an eine alte Linde gehängt und sein
+Kind als mittellose Waise zurückgelassen, worauf der Inhaber der
+hygienischen Anstältchen sich ihrer angenommen hatte.
+
+Die Räuber blickten verhalten auf Johann Jakob Streberle, dessen
+lachender Mund sich schloß, als er die vier still und eng beieinander
+auf dem Kanapee sitzen sah.
+
+»Dreihundertsiebenundsechzig Fenster mitsamt die Rahmen, die ganze
+Glaserarbeit vom neue Krankenhaus is mir zug'schlage worn, weil i's
+Fenster um zwä Mark billiger mach als alle andern«, rief er, steckte die
+Hände in die Hosentaschen und streckte den Bauch vor. »Das muß mer halt
+versteh.«
+
+Wütendes Schimpfen näherte sich; der rote Fischer erschien unter der
+Tür, in das Fell eines Bernhardinerhundes gehüllt, dessen präparierten
+Kopf mit grünen Glasaugen und aufgerissenem Maul er sich übers Haupt
+gestülpt hatte.
+
+Die mächtige Wirtin, die eben ein Zuckerplätzchen in den Mund steckte,
+sah hämisch lächelnd auf ihren kleinen Mann, der interessiert zum
+Fischer trat, das Fell streichelte und plötzlich unter der Bräune seines
+Gesichtes erbleichte, denn er hatte seinen eigenen Hund an der Zeichnung
+erkannt. Die Wirtin hatte den Hund schlachten lassen, um zu der
+gewünschten Bettvorlage zu kommen. Der Fischer lachte breit.
+
+»Hast mein Hund umgebracht?« stotterte der Wirt, »mein Sultan.«
+
+Die Wirtin sah den Fischer an. Die beiden hatten ein offen
+eingestandenes Verhältnis miteinander; auch der rasch alt gewordene Wirt
+wußte es, konnte aber nichts dagegen ausrichten.
+
+Plötzlich riß der kleine Mann das Hundefell an sich und rannte
+aufheulend hinaus. Der Fischer sah ihm verblüfft nach, wandte sich um
+und rief erstaunt: »Was denn?« Die Wirtin klappte befriedigt ein Messer
+auf den Schanktisch.
+
+Johann Jakob Streberle sah in den Tanzsaal, wo die erhitzten Paare
+umherwandelten und sich mit Taschentüchern Wind machten. Er trat ein
+paar Schritte auf die Wirtstochter zu, die lächelnd an ihm vorbei im
+Saal herumging und wieder eine Stearinkerze zerschnitt. Der Boden
+glänzte schon.
+
+Das schöne, kleine Waisenmädchen saß neben dem Sachsen und nippte von
+einem grünen Likör, worauf jedesmal ihre Zungenspitze erschien und die
+Lippen entlang leckte. Fragend sah sie zu ihrem Beschützer auf, der
+seinen aschblonden Bart wagerecht nach vorne zog und dabei lächelnd auf
+das Mädchen hinunterblickte.
+
+An einem Tisch saß allein ein Gymnasiast mit vielen Pickeln im Gesicht,
+aus dem die starke Nase fast wagerecht vorschoß, und sah verlangend in
+den Tanzsaal hinein. Immer, wenn er wieder seine goldene Uhr hervorzog,
+wurden die Räuber still und blickten lüstern auf die Uhr.
+
+Die zweite Schwester der Kriechenden Schlange, ein vierzehnjähriges
+Mädchen, schon mit dem Ansatz zu einem weichen Busen, Sommersprossen auf
+der zarten Haut, ging quer durch die Wirtsstube und zur Tür hinaus.
+
+Die Kriechende Schlange trat zu den Räubern und flüsterte: »Geht mit
+naus . . . Wir machen was mit meiner Schwester.«
+
+»Ich geh nit mit«, sagte Oldshatterhand sofort. Der bleiche Kapitän und
+die Rote Wolke sahen verständnislos drein.
+
+»Also, ich geh mit«, sagte der Schreiber, zwängte sich zwischen Tisch
+und Kanapee durch und ging mit der Kriechenden Schlange hinaus in den
+Garten.
+
+»Was machen denn die mit seiner Schwester?« fragte der bleiche Kapitän
+Oldshatterhand.
+
+»Die . . . die machen was.«
+
+»Was denn! . . . Das ist ganz einfach eine Geheimniskrämerei!«
+
+»Ich weiß ja selber nit . . . aber machen tun sie was.«
+
+»Der freie Mensch steh Red und Antwort.«
+
+»Das wird wieder ein schöner Blödsinn sei«, schloß der bleiche Kapitän
+das Gespräch ab.
+
+Das Mädchen stand im nächtlichen Wirtschaftsgarten klein unterm
+Kastanienbaum, der bis in den Sternenhimmel reichte.
+
+Als die zwei Knaben auf sie zutraten, kicherte sie und senkte den Kopf.
+
+»Erst ich«, sagte die Kriechende Schlange zum Schreiber. »Paß du auf
+derweil, ob niemand kommt.«
+
+Das Mädchen lief voraus in den dunklen Holzschuppen, in dem Hacken,
+Schaufeln und anderes Handwerkszeug herumstand.
+
+Der Schreiber ging zwischen Kastanienbaum und Schuppen spähend auf und
+ab.
+
+Als nach einer Weile die Kriechende Schlange allein zurückkam, flüsterte
+er: »Geh du jetzt nei zu ihr . . . Geh doch nei!« Er schob ihn vom Stamm
+weg. »Ich paß ja auf derweil . . . Oh, du hast Angst«, flüsterte er und
+deutete, den Oberkörper abgebeugt, höhnisch auf den Schreiber, der
+langsam auf den Schuppen zuging und in ihm verschwand.
+
+Die Kriechende Schlange schlich zum Schuppen, spähte horchend hinein.
+Und preßte sich die Schenkel vor lautlosem Lachen.
+
+Speichel lief dem Schreiber von den Mundwinkeln hinunter, als er aus dem
+Schuppen trat; sein Haar war verwühlt.
+
+»Der kann ja nix«, sagte das Mädchen und lief davon.
+
+Den Oberkörper abgebeugt, deutete die Kriechende Schlange auf den
+Schreiber: »Oooooo!«
+
+»Was willst denn!« rief der Schreiber erzürnt.
+
+»Weil ich's g'sehn hab . . . Weißt was, wenn ihr amal alle im >Zimmer<
+seid, bring ich mei Schwester mit.«
+
+»Bring halt die andere auch mit.«
+
+». . . Die eine langt . . . Die langt für uns alle.«
+
+Als die Knaben die Schritte eines Gastes hörten, gingen sie in die
+Wirtsstube zurück, wo der Schreiber sich wieder aufs Kanapee setzte.
+
+Oldshatterhand, dessen Mund gerade über die Tischplatte reichte, zog
+einen langen Dolch, den zu tragen verboten war, aus der Hintertasche und
+schnitt die Spitze einer großen Zigarre ab. »Leih mir zwölf Pfennig«,
+bat er den bleichen Kapitän. »Ich hab nix mehr und möcht noch a Glas
+Bier trink.«
+
+»Du bist mir noch vierzehn Pfennig vons letztemal schuldig. Ich hab
+selber nix.«
+
+Leise ging der Gymnasiast zur Tür hinaus und kam, vom säbelbeinigen
+Wachtmeister begleitet, gleich wieder zurück. »Dieser ist's.«
+
+»Komm mal da her zu mir.«
+
+Der bleich gewordene Oldshatterhand -- er hatte beim Eintritt des
+Wachtmeisters sein Dolchmesser schnell zwischen Kanapeesitz und Lehne
+gesteckt -- ließ geringschätzig die Lippen hängen und fragte angstbleich
+und frech: »Was wollen Sie denn von mir?«
+
+»Gehst raus! Malefizlausbub!«
+
+Der Wachtmeister befühlte Oldshatterhands Taschen von außen. »Wo hast's
+denn?«
+
+»Ich weiß ja gar nit, was Sie wollen.«
+
+»Einen ganz langen Dolch hat er«, rief der Gymnasiast.
+
+»Jetzt leerst glei dei Tasche aus.«
+
+»Da, greifen Sie nur selber nei.«
+
+Von Zuschauern umringt -- alle Tanzschüler waren ins Wirtszimmer
+gekommen -- zog der Wachtmeister, während der bleiche Kapitän, vom
+Schreiber gedeckt, den Dolch immer tiefer ins Kanapee stieß, unter
+größter Stille aus der Hosentasche Oldshatterhands eine lange, geknickte
+Hahnenfeder, drei Zigarrenstummel, ein aufspringendes Blechkästchen, in
+dem Angelwürmer sich ringelten, einen Himbeerapfel, eine Handvoll alte
+Briefmarken, ein Flötchen und eine Meerschaumspitze, mit einem
+Segelschiff darauf, in welcher der Wachtmeister, als er durchsah, eine
+farbige Alpenlandschaft mit weidenden Kühen erblickte. Ein zartrosa
+Würmchen schlängelte sich aus dem schwarzen Loch der Meerschaumspitze
+heraus und um den Zeigefinger des Wachtmeisters herum, der die Spitze
+erschrocken von sich schleuderte, so daß sie zerbrach.
+
+»Habt ihr's Messer g'sehe?«
+
+»Ach, er hat ja kein Messer«, sagte die Wirtin begütigend.
+
+»Und wenn er scho ens hat«, rief der Fischer. »Jau, so a Gaudi.«
+
+Aber Johann Jakob Streberle deutete auf Oldshatterhand: »I hab's g'sehe!
+Also muß a da sei.«
+
+Ratlos griff der Wachtmeister Oldshatterhand auch noch in die
+Westentasche und zog siebzehn Pfennige heraus. »Das hab ich zammg'spart,
+weil ich meiner Mutter eine Küchenlampe kauf will, zu ihrn Geburtstag!«
+rief Oldshatterhand und blickte in furchtbarster Verlegenheit den
+bleichen Kapitän an.
+
+»Was verlangst denn dann von mir Geld, wenn du selber hast!«
+
+»Du glaubst's nit . . . Kannst ja selber mei Mutter frag, ob sie die
+Küchenlampe nit braucht.«
+
+Nachdem der Wachtmeister noch unter Tisch und Kanapee gekrochen war,
+ging er, der zerbrochenen Meerschaumspitze wegen, schnell weg.
+
+». . . Es ist wirklich so, wie ich g'sagt hab.«
+
+»Das häst gleich sag müss . . . Heimlichs Geld! . . . Ich tät mich
+schäm.«
+
+»Aber du mach dich dünn jetzt«, zischte Oldshatterhand wütend.
+
+Der Gymnasiast hatte sein schwarzes Schildmützchen schon gepackt und
+schlich zur Tür hinaus.
+
+Die Räuber machten sich sofort an die Verfolgung.
+
+Jedoch der Gymnasiast hatte einen Vorsprung, Angst und lange Beine.
+
+Am Wachtmeister vorbei jagten die Räuber der fliehenden, dunklen Gestalt
+nach, über die alte Brücke, durch krumme Gassen, aber stets im selben
+Abstand. Der Gymnasiast schien zu fliegen. In der Büttnersgasse prallte
+er wider seine Haustür, daß er in die Knie sank, sprang die Treppe
+hinauf und streckte den Räubern aus dem erleuchteten Fenster des ersten
+Stockes schon die Zunge lang heraus, als sie unten vor dem Hause erst
+ankamen.
+
+Der Himbeerapfel schwirrte durch die Luft und schien dem Gymnasiasten
+direkt in den Mund geflogen zu sein; denn noch einen Augenblick war der
+Apfel auf dem Gesicht zu sehen und die in maßlosem Schrecken
+aufgerissenen Augen. Der Kopf verschwand, die Räuber hörten einen
+dumpfen Fall und das Klirren von zerbrechendem Glas. Dann war es still.
+
+Ein paar Stunden später kletterten die Räuber, da das Haustor schon
+versperrt, aber im Wirtschaftszimmer der »Schönen Mainaussicht« noch
+Licht war, an der Mauer hinauf, schlichen durch den dunklen Garten und
+sahen, als sie durchs Fenster spähten, den Fischer mit der Wirtin
+zusammen auf dem Kanapee. Oldshatterhand schrak entsetzt zurück und
+flüsterte voller Grauen: »Fort! Fort! Ich geh fort.«
+
+Plötzlich schlüpfte die Kriechende Schlange unterm Kanapee vor und
+deutete boshaft auf die beiden.
+
+Seine Mutter und ihr Liebhaber fuhren wüst schimpfend in die Höhe. Die
+Kriechende Schlange stürzte in die Küche, die Räuber durch den Garten
+davon.
+
+Am Morgen zogen ein paar Sandschöpfer den kleinen Wirt tot aus dem Main.
+Das nasse Hundefell hielten die Hände des Toten fest umklammert.
+
+ * * * * *
+
+Aus dem Schulsaale nebenan klang schon das singende, monotone Lesen der
+ganzen Klasse, aber über den siebzig regungslos sitzenden Schülern des
+Herrn Mager hing noch drückende Stille.
+
+Herr Mager saß hinter dem Katheder und schälte sich einen Borsdorfer
+Apfel, teilte ihn in Schnitzchen, kernte sie sorgfältig aus und aß sie
+zusammen mit einer mürben Kaisersemmel langsam auf, was er vor Beginn
+jeder Schulstunde tat.
+
+Der bleiche Kapitän, Falkenauge, Oldshatterhand und der Duckmäuser saßen
+in der ersten Bank; in der letzten Bank saßen der König der Luft, die
+Rote Wolke und der Schreiber. Die andern Mitglieder der Räuberbande
+waren unter den übrigen Schülern verstreut.
+
+Winnetou lag fiebernd zu Hause im Bett.
+
+Vom hellen Gaslicht beleuchtet, glänzten die von der Seife
+aufgeriebenen, roten Gesichter der Lehrjungen, und die noch nassen Haare
+standen spitz und steif in die Höhe, so daß die Köpfe einer in Reihen
+geordneten Igelschar glichen.
+
+Herr Mager hielt streng auf Reinlichkeit.
+
+Eine tiefe Männerstimme erklang nebenan, dann eine Knabenstimme, und es
+schien, als würden die Worte im Keller gesprochen.
+
+Herr Mager rieb sein Taschenmesser trocken, hielt die Klinge gegen das
+Licht, rieb noch eine Weile, und erhob sich plötzlich, strich wie in
+Gedanken mit der Hand im Kreis über seinen rundgestutzten, rötlichen
+Vollbart zur polierten Glatze und zurück zum Bart, wo die Hand haften
+blieb, und lächelte. Herr Mager lächelte die Schüler der ersten Bank an.
+
+Herr Mager hatte eine sonderbare Art, die Hände zu reiben. Er rieb
+jetzt, wie immer, wenn er vergnügt war, mit dem Zeigefinger das
+erhabene, blaue Aderngeflecht seines gichtigen Handrückens, sah auf die
+Uhr und schritt zur Schultafel. »Der berühmte Maler Albrecht Dürer hatte
+einen Widersacher, welcher behauptete, der größere Künstler zu sein«,
+sagte Herr Mager, legte die Hand in die Hüfte und sah, immer noch
+lächelnd, die Räuberbank an. »Die zwei Maler einigten sich dahin, daß
+jeder eine Zeichnung machen solle, und wessen Arbeit die bessere sei,
+der solle in Zukunft als der Größte gelten . . . Der eine zeichnete Tag
+und Nacht, ein halbes Jahr lang, und brachte seine auf das sorgfältigste
+ausgeführte Arbeit vor das Preisgericht. Als Albrecht Dürer eintrat,
+ohne eine Zeichenrolle zu haben, fragten die Preisrichter ärgerlich, wo
+denn seine Arbeit sei. Da schlug Albrecht Dürer seinen weiten Mantel
+zurück, zeichnete mit einem feingespitzten Bleistift in einem Zug einen
+großen Kreis auf einen Karton und machte einen Punkt in die Mitte. Alles
+aus freier Hand. Als die Preisrichter aber nachmaßen, stimmte der Kreis
+wie mit dem Zirkel gezogen . . . Von da an galt Albrecht Dürer als der
+größte Künstler«, schloß Herr Mager, versuchte, mit der Kreide einen
+Kreis auf die Schultafel zu ziehen und stieß energisch einen Punkt
+hinein. »Wie ich noch so jung war wie ihr, da konnte ich das noch viel
+besser«, sagte er, weil der Kreis etwas bucklig ausgefallen war. »Das
+sollt ihr bis zur nächsten Schulstunde üben . . . Katekeßmoß!!!«
+
+Siebzig Katechismusse klappten auf die Bankpulte.
+
+Da stand Falkenauge auf. »Herr Lehrer, ich muß einmal hinaus.«
+
+Er kam nicht wieder. Auf ganz sichere Prügel _warten_, das ließen seine
+Nerven nicht zu.
+
+Falkenauge war nicht feige. Vergangenen Winter war er augenblicklich von
+der Kaimauer hinunter in den mit Treibeis gehenden Main gesprungen, um
+einen Säugling zu retten, den das Kindermädchen mitsamt dem Wickelkissen
+ins Wasser hatte fallen lassen. Ausdauernd war er dem mit den
+Eisschollen flußabwärts schaukelnden Wickelkissen nachgeschwommen, hatte
+es erfaßt und es glücklich an Land gebracht. Sein Auge war ihm bei einer
+Schlacht mit fünf Gymnasiasten ausgeschlagen worden, die er allein
+herausgefordert hatte. Jedoch das von Herrn Mager ersonnene Raffinement
+-- die sicheren Prügel hinauszuschieben, war für Falkenauges Mut zu
+viel.
+
+Herr Mager schickte Seidel hinaus, seinen besten Schüler, der aber nach
+einer Weile allein zurückkam und staunend sagte: »Herr Lehrer, er ist
+nicht mehr da.«
+
+Herr Mager zog die Mundwinkel in die Bäckchen zurück. »Michael Vierkant!
+Raus!«
+
+Oldshatterhand legte sich über den Stuhl. Seidel preßte ihm den Kopf
+nach unten, und Oldshatterhand schnalzte unter dem pfeifenden Rohrstock
+des Herrn Mager.
+
+Für die andern Räuber existierte unterdessen nur die eine bange Frage:
+wer kommt nach Oldshatterhand daran?
+
+Einer nach dem anderen wurde übergelegt. Und bei jedem sagte Herr Mager
+atemlos: »So! Heute diese sechs, das nächste Mal wieder sechs, bis die
+vierundzwanzig voll sind. Tut mir leid, daß ich nicht zwölf auf einmal
+geben darf.«
+
+Die Augen der Mitschüler standen weit offen und glänzten. Das kleine
+Gesicht des Herrn Mager war jetzt schon weinrot.
+
+Seidel konnte den sich wütend wehrenden Schreiber nicht allein bändigen.
+»Wer meldet sich?« rief Herr Mager.
+
+Vier sprangen zum Stuhl. Der Duckmäuser war zusammengezuckt, jedoch
+sitzen geblieben.
+
+Speichel lief dem Schreiber zum Munde heraus. Wie in höchstem Entzücken
+brüllte er in allen Tonlagen: »Ah! Ah! Ah! Ah!« und schleuderte die
+Beine derart umher, daß Herr Mager sich mit dem Rohrstock auf den
+Handrücken traf. Voller Wut schrie er: »Michael Vierkant! Raus! Halte
+ihn!«
+
+Oldshatterhand rührte sich nicht.
+
+Herr Mager stürzte sich auf ihn und stieß ihn bis zum Stuhl. »Halte
+ihn!«
+
+Er rührte sich nicht. Plötzlich sagte er leise: »Herr Lehrer . . . ich
+halte ihn nicht.« Und selbst seine Lippen waren weiß geworden.
+
+Verblüfft stierte Herr Mager Oldshatterhand an und hieb ihm plötzlich
+mit dem Rohrstock quer über das Gesicht, immerzu. Nicht die Hand hob
+Oldshatterhand zur Abwehr. Nebel vor den Augen, brach er zusammen, stand
+gleich wieder auf und ging ganz langsam zurück zur Bank. Auf seinem
+Gesicht schwollen die blutunterlaufenen Striemen.
+
+»Hans Lux! Raus!«
+
+Die tiefe Falte war da. Sein Hals schoß wagerecht vor. Die vier Helfer
+standen bereit. Der König der Luft faßte den Stuhl bei der Lehne, rückte
+ihn umständlich zurecht, visierte, legte sich darüber, rutschte eine
+Weile hin und her, bis er in die richtige Lage gekommen war, und nahm
+die Prügel entgegen.
+
+Die nach ihm ausgestreckten Arme der vier Helfer waren herabgesunken.
+
+Man schleicht von hinten an einen Kameraden heran, stellt ihm die
+gespreizten Finger auf den Kopf, daß sich die Nägel schmerzhaft in die
+Kopfhaut eindrücken, ruft: »Pä, Krähenfuß!« und streckte die Zunge lang
+heraus, wenn er zusammenzuckt. Ein ähnliches Gefühl hatte Oldshatterhand
+auf dem Heimweg von der Schule. Wie wenn eine dunkle, gespreizte Hand
+sein Herz umkrallte. »Pä, Krähenfuß«, flüsterte er, schauerte zusammen
+und hatte einen säuerlichen Geschmack auf der Zunge, als ob er Blut
+speie. »Jetzt müssen wir fort. In den wilden Westen. Anzünden! Die ganze
+Stadt! Hoo! Fort, fort!« Und plötzlich lachte er ein irrsinniges Lachen.
+»Hi! hihiha!«
+
+Die Räuber hatten ihm nicht geantwortet. Der Duckmäuser ging ein paar
+Schritte seitwärts nebenher und sah staunend ununterbrochen auf
+Oldshatterhand.
+
+Sie waren bis zur alten Brücke gekommen. Oldshatterhand ging ein Stück
+hinter den anderen und sann darüber nach, weshalb seine Freunde ihm
+nicht geantwortet hatten. Vielleicht, weil gerade ein Liebespaar
+vorbeigegangen war? Umschlungen -- dachte er. Hatte das Gefühl, als
+tropfe in seinem Innern immerzu Blut, unaufhaltsam, und bekam Angst.
+
+Dicker Nebel hatte die Stadt genommen, so daß kein Brückenheiliger, kein
+Licht zu sehen war. Plötzlich bekam Oldshatterhand einen knallenden
+Schlag ins Gesicht, daß er Feuerflächen aufblitzen sah, und hörte eine
+Stimme rufen: »Rechts gehen!« Er sah, nur einen Augenblick, eine Uniform
+und eine goldene Unteroffizierslitze; und sofort wieder nur noch Nebel.
+
+Falkenauge saß auf einem Eckstein vor dem »Spitäle«, die Ellbogen auf
+die Knie, den Kopf in die Hände gestützt, und blickte in wehmütigem Neid
+trübe auf die ankommenden Räuber, welche die erste Portion Prügel hinter
+sich hatten.
+
+Falkenauge wagte nicht, nach Hause, nicht ins Geschäft zu gehen; einige
+Nächte schlief er in einem Kehrichtwagen, der unbenutzt unterm
+Brückenbogen stand, bis der säbelbeinige Wachtmeister ihn fand und Herrn
+Mager zuführte.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel
+
+
+Die Bierkeller waren mit Maineis gefüllt worden; jetzt blühte der
+Holunder und der Flieder im Festungsgraben, und die Hügel rund um
+Würzburg herum waren weiß von der Obstbaumblüte, so daß nur wenig
+saftiggrüne Stellen sichtbar blieben.
+
+Die Räuber waren von Herrn Mager mit dem Hinweis auf die Rekrutenzeit
+aus der Fortbildungsschule entlassen worden. Alle konnten jetzt mit
+einiger Berechtigung bei Herrn Rein eintreten und sich rasieren lassen,
+außer Oldshatterhand, der seit seinem zwölften Jahre keinen Finger breit
+gewachsen war, wie ein Schulknabe aussah und seinen Kameraden nur bis
+zur Brust reichte.
+
+Das war ein großer Schmerz für ihn, der ihn reizbar und streitsüchtig
+machte; unvermittelt konnte er, allen voran, die Räuber zu gefährlichen
+Unternehmungen mitreißen, um dann plötzlich, von einer Minute zur
+anderen, ohne erkennbaren Grund bedrückt zu werden, was immer viele Tage
+lang anhielt, an denen er sich durch unwesentliche Kleinigkeiten
+schmerzlich verletzt fühlte und maßlose Zornausbrüche bekam.
+
+Und noch ein großes Leid drückte Oldshatterhand. Brachte er den wilden
+Westen zur Sprache, dann sagten die Räuber: »Ja. Bald. Wart doch.«
+
+Keiner glaubte mehr ganz daran. Aber noch gestand es keiner dem anderen
+offen ein. Wie mit einer Kugel spielten sie mit ihrer Jugendsehnsucht,
+parodierten sie schon leise, und waren bereit, beim ersten Anlaß den
+ganzen wilden Westen unter Gelächter abrollen zu lassen.
+
+Und da Oldshatterhand immer wieder drängte: »Jetzt müssen wir fort, die
+Prärie steht hoch, vielleicht sind blutige Kämpfe ausgebrochen, das
+Kriegsbeil ist ausgegraben, man braucht uns drüben, was sollen wir noch
+hier«, bekam er von den verärgerten Räubern zu hören: er solle doch
+einstweilen vorausgehen, wenn's ihm so pressiere, sie kämen schon nach.
+So daß Oldshatterhand mit Sehnsucht im Herzen gequält stillschwieg und
+teilnahmslos und verbittert den Zirkusvorstellungen beiwohnte, welche
+die Räuberbande jetzt jeden Abend auf dem Schloßberg gab. Kurz vorher
+war ein Zirkus in Würzburg gewesen.
+
+Alle leisteten ihr Bestes; denn unter den Zuschauern saßen auch einige
+Mädchen auf dem Rasen. Und das war der Anfang vom Verfall der
+Räuberbande: sie liebten es neuerdings, Publikum um sich zu haben.
+
+Und der Erfolg war groß. Hoch an einem Lindenast war ein Trapez
+angebracht. Der König der Luft, in enganliegenden Unterhosen und
+giftgrünem Trikotleibchen, ganz einem Zirkuskünstler ähnlich, saß auf
+dem Trapez und mahlte mit den Zähnen.
+
+Hinter den Linden, im Geäst, hing die untersinkende Sonnenscheibe, und
+die Gestalten der Räuber warfen lange Schatten auf den abendgrünen
+Schloßbergrasen.
+
+Der bleiche Kapitän stand abseits, die Lippen verächtlich nach außen
+gestülpt, und sah zu, wie der König der Luft in gewaltigem Bogen in den
+Himmel sauste, das Trapez losließ und, einen wilden Schrei ausstoßend,
+sich hoch in der Luft überschlug -- und auf den Beinen stand.
+
+»Das ist nix. Davon kriegt man keine Kraft«, sagte der bleiche Kapitän
+zum Schreiber, der als Clown ein hellrosa Kleid seiner Schwester
+anhatte. Aber ein Mädchen mit zwei braunen Zöpfen sagte: »Der kann
+direkt zum Zirkus gehen.« Worauf der Schreiber sofort die gefährlichsten
+Sprünge machte und Purzelbäume schlug: vor dem Mädchen mit den braunen
+Zöpfen.
+
+Um seinen schwindenden Ruhm wieder zu festigen, stemmte der bleiche
+Kapitän einen schweren Steinquader hoch, was ihm keiner nachmachen
+konnte. Als jedoch der König der Luft aus gewaltiger Höhe frei
+hinaussprang, das schwingende Trapez haschte, kühn wieder fahren ließ,
+um den Lindenast wieder zu haschen, ihn aber verfehlte, und unter einem
+einzigen Schrei aller Zuschauer herunterstürzte auf den Rasen und
+stöhnend seine Fußfesseln hielt -- da schien die künftige
+Hauptmannschaft ihm sicher zu sein, denn der König der Luft hatte das
+Bein gebrochen.
+
+In Grausen und Bewunderung standen alle um ihn herum.
+
+Der Duckmäuser schlich vorüber; er wagte nicht aufzusehen.
+
+Die Sonne war unter. Die Leuchtkäferchen glühten aus der Dämmerung. Der
+Rasen roch.
+
+Neben dem Vorstellungsplatz war die Soldatenreitbahn, von einem breiten,
+tiefen Graben umgeben und einer Balkenbarriere. Im lockeren Sand der
+Reitbahn stand ein dürres Soldatenpferd und wieherte.
+
+Der bleiche Kapitän faßte einen verzweifelten Entschluß: ohne vorher
+etwas davon zu sagen, sprang er mit einem fünf Meter langen Satz über
+den Graben und die Barriere, in den Sand der Reitbahn, kletterte auf das
+wütend ausschlagende Pferd und raste, sich mit Armen und Beinen
+anklammernd, in der Bahn herum.
+
+Die Bewunderung der Zuschauer hatte sich ihm zugekehrt.
+
+Der bleiche Kapitän hing, unfreiwillig auf den Hals gebeugt, wie ein
+Indianer auf dem Gaul.
+
+Da brüllten die Räuber wie besessen: »Halt! Halt! Ein Feldwebel!«
+
+Der Feldwebel, zornrot, stürzte mit erhobener Reitpeitsche dem
+scheuenden Pferde nach; der Hauptmann flog in großem Bogen herunter in
+den Sand, stürmte, vom Feldwebel verfolgt, heraus aus der Reitbahn, und
+mit Zuschauern und Mädchen den Schloßberg und die Felsengasse hinunter.
+
+Des bleichen Kapitäns Ruhm und Hauptmannschaft war wieder gesichert.
+Keuchend rief er: »Wenn das mein Bruder in Amerika miterlebt hätte.«
+
+Der König der Luft saß allein, stöhnend unter der Linde.
+
+Oldshatterhand stieg den Schloßberg wieder hinauf und setzte sich auf
+den Sockel des Bildwerks: Christus hing am Kreuz in kaum noch
+erkennbaren Körperformen, so oft war er im Laufe der Jahrhunderte mit
+Ölfarbe angestrichen und mit Blutstropfen geschmückt worden. Auf dem
+Bildwerk stand:
+
+ An diesem Ort is Alois Würz
+ Mit sein Heuwage umg'stürzt.
+ War glei tot, mitsamt die Roß.
+ War ein frummer Mann,
+ Drum is er auf der Stell
+ In sein Heuwage in Himmel nei g'fahrn,
+ Was mer vo seine Roß nit sag kann.
+
+Über der Stadt hing Rauch und Dunst. Es war schon fast dunkel. Eine
+Kirchenglocke läutete. Oldshatterhand war bedrückt; er spannte alle
+Muskeln an und hielt den Atem zurück, bis die Luft »pfa!« aus seinem
+Munde fuhr. Es wurde ihm aber nicht leichter davon.
+
+Aus dem Dunkel zwischen den Linden schimmerte Wäsche hervor, die zum
+Trocknen aufgehängt war, blähte sich auf zu großen, weißen
+Menschenbäuchen. Oldshatterhand spähte angestrengt hin und fürchtete
+sich, blieb aber sitzen auf dem Sockel und horchte auf den unerklärbaren
+Ton, der jetzt aus der Luft über der Stadt kam. Ein schauriges Stöhnen,
+wie wenn das Leiden aller Tiere und Menschen in ihm klänge.
+
+Hinter einer Bodenerhebung erschien der Kopf des Duckmäusers, der zu
+Oldshatterhand hinblickte und vorsichtig, unhörbar auf ihn zukroch.
+
+Langsam näherte sich der Duckmäuser, hatte erst Minuten später die nur
+zehn Schritt weite Entfernung hinter sich gebracht, und setzte sich
+unbemerkt auf den Sockel neben Oldshatterhand.
+
+Es war jetzt ganz dunkel geworden.
+
+Eine Weile saß der Duckmäuser reglos und hielt den Atem an, um sich
+nicht zu verraten. Plötzlich sagte er: »Wa . . . weil . . .«
+
+»Oh . . . O Gott!« schrie Oldshatterhand auf und fiel vom Sockel
+herunter, zwang sich aber sofort zur Gleichgültigkeit, als er den
+Duckmäuser erkannte, und drängte seine Verwunderung darüber zurück, daß
+dieser es gewagt hatte, sich neben ihn zu setzen; der verachtete
+Duckmäuser, mit dem die Räuber seit Jahren kein Wort gesprochen hatten.
+
+»Mi . . . mich hat was ge . . . gestochen, dr . . . drum bin ich
+erschrocken«, stotterte Oldshatterhand geringschätzig.
+
+»Wa . . . weil ich auch zs . . . zs . . . zu den Indi . . . Indianern
+will, hab ich das A . . . das Anschleichen geübt an den Fa . . . Fa
+. . . Feind«, beendete der Duckmäuser seinen Satz.
+
+»-- -- -- -- Duuuu? zs . . . zu den Indianern?« Oldshatterhand war
+furchtbar verwundert und empört. Und als er sah, wie der Duckmäuser den
+Kopf vorstreckte, blutrot wurde und drückte, um reden zu können, dachte
+Oldshatterhand voller Scham: ich darf nicht stottern, ich darf nicht
+stottern, jetzt darf ich nicht stottern, und setzte leicht
+auszusprechende Worte vor: »O also nein, da mußt du aushalten können, da
+. . . daß man dir vergiftete Hölzchen in den Ba . . . Bauch steckt, und
+die werden angezündet. O ja also nein, ich halt das aus. Fü . . .
+fünfzig brennende Hölzchen im Bauch. Und wenn ich ge . . . geblendet
+wer, da . . . das macht mir gar nichts aus.«
+
+»Züüü . . . Züüü . . . Züüü . . . Zündhölzchen meinst du?«
+
+»O ja, und ich fresse Giftschlangen wie Ku . . . Kuchen.«
+
+»We . . . wenn man den Fa . . . Feind so beschleichen ka . . . kann,
+. . . da . . . daaaas ist die Hauptsache; dann br . . . dann br . . .
+brauche ich ihm nur noch ein Messer ins Herz zs . . . zs . . . zu
+stoßen.«
+
+»Pä! Ist das ritterlich?«
+
+»Ich bin Mi . . . Mi . . . Mi . . . Ministrant. Und fürs A . . .
+Abendläuten kr . . . krieg ich mooonatlich f . . . fünfundsiebzig Pf
+. . . Pfennig.«
+
+Oldshatterhand wurde wütend. Er hatte sich, ebenso wie die Kriechende
+Schlange und die Rote Wolke, auch ums Läuten beworben, der
+fünfundsiebzig Pfennige wegen. Man hatte ihn aber nicht brauchen können,
+weil er zu klein war. »Ha! Ich wer doch dene Pf . . . Pfaffe nit läuten.
+Ist das vielleicht männlich? Aber wenn du zu den Indianern willst, mußt
+du mi . . . mindestens eine halbe Stunde lang unter Wasser schwimmen
+können, aber mit o . . . offenen Augen, wenn oben ein Ka . . . Kanoe mit
+Indianern vorbeifährt.«
+
+»F . . . ffff . . . . . . . . fünfundsiebzig Pfennig mooonatlich krieg
+ich.«
+
+Da trat der Spenglermeister, Herr Hieronymus Griebe, aus dem Dunkel, und
+seine Hand, die eben das Kreuz schlagen wollte vor dem frommen Bildwerk,
+blieb erschrocken abwehrend ausgestreckt, als er die zwei Gestalten auf
+dem Sockel sitzen sah.
+
+Der Duckmäuser schnellte in die Höhe.
+
+Wortlos nahm Herr Hieronymus Griebe seinen ihn fast um einen Kopf
+überragenden Sohn bei der Hand und führte ihn weg von Oldshatterhand,
+der sitzen blieb und den beiden verächtlich nachsah, bis das Dunkel sie
+genommen hatte.
+
+ * * * * *
+
+Die schöne Schwester Winnetous hatte ein Kind bekommen. Die ganze Stadt
+wußte, daß der Kaplan der Vater war.
+
+Einige Wochen darauf bekam der Kaplan die beste Pfarre in der Umgebung
+Würzburgs, und das Mädchen wurde seine Haushälterin. Vor dieser Tatsache
+verstummte das Gerede.
+
+Aber die Mutter war vor Schrecken und Scham erkrankt; eine
+Lungenentzündung war dazugekommen. Sie lag im Sterben.
+
+Wortlos und streng deutete sie auf den Sessel neben ihrem Bett. Winnetou
+setzte sich und sah steif geradeaus.
+
+Schritte näherten sich. Der großmächtige Geistliche im Ornat, der
+Kirchendiener und die Ministranten traten ins Zimmer. Winnetou stand
+auf.
+
+Der Duckmäuser reichte das Weihrauchfaß und sah sich wichtig nach
+Winnetou um.
+
+Die Kranke bekam die heiligen Sterbesakramente. Der Geistliche und die
+Ministranten knieten nieder am Bett und beteten. Da kniete auch Winnetou
+nieder.
+
+Der Kirchendiener erhob sich zuerst, griff dem Geistlichen von hinten
+unter die Arme und half ihm wieder auf die Beine.
+
+Als Winnetou allein war mit der Mutter, setzte er sich in den Sessel,
+wie vorher.
+
+Automatisch wandte er nach einer Weile den Kopf zur Sterbenden hin, sah
+das weiße Gesicht an, das von einer plissierten, gestärkten Krause
+umrahmt war, und beugte sich plötzlich mit einem Ruck staunend vor: es
+schien ihm, als sei die Mutter um viele Jahre jünger geworden. Die
+Falten der Strenge waren vollkommen weg. Anstatt ihrer sah Winnetou
+stilles, gläubiges Glück im Gesicht der Mutter, das schmal und sanft
+geworden war. Eine nie empfundene Weichheit ergriff ihn und die
+Sehnsucht, daß es immer so bleiben möge. Da sprang ihm die Angst in die
+Brust -- die Mutter werde, wenn sie die Augen aufschlage, wieder streng
+auf den Sessel deuten. Er ließ den Blick nicht von ihr, klagte ohne
+Worte unglücklich in sich hinein, weil er diese sicher nie mehr
+wiederkehrenden sanften Minuten der Mutter auch in Angst vor ihr
+verbringe, und ließ sich plötzlich aufschluchzend über sie fallen, denn
+die Sterbende hatte die Augen geöffnet und ihm in ungeheurer Güte
+langsam übers Haar gestrichen.
+
+Mit rauhen Tönen tief aus der Brust heraus weinte Winnetou, sein Körper
+zuckte, ein kaum erträgliches Glück entstand in ihm; da begann er zum
+Weinen leise zu singen, und hatte das bestimmte Gefühl, daß wenn er
+aufhöre, leise zu singen, er nicht mehr weinen könne, und dann nicht
+mehr glücklich sein würde.
+
+Während Winnetou den durch die lebenslange Lieblosigkeit seiner Mutter
+verursachten Druck aus sich herausweinte, fühlte er, wie die Sterbende
+ihm half, durch ununterbrochenes sanftes Streicheln, das allmählich
+schwächer wurde, bis die Hand kraftlos aufs Bett fiel. Der Bauch der
+Sterbenden bäumte sich hoch auf und schleuderte Winnetou ans Fußende des
+Bettes.
+
+Tränenüberströmt blickte Winnetou auf die Mutter, ging hinaus und
+meldete der Köchin unter schluckendem Lachen und Weinen, daß die Mutter
+tot sei.
+
+Entsetzt starrte die Köchin Winnetou an, weil er glücklich lächelte, und
+rannte ins Sterbezimmer.
+
+Winnetou trat aus dem Hause und ging schnell und ohne Ziel stadtwärts.
+
+Neben ihm humpelte mühsam eine kleine, dicke Alte mit Krückstöcken auf
+die Haltestelle der Trambahn zu, wandte sich um nach dem schnell sich
+nähernden Wagen, den Krückstock verzweifelt schüttelnd, und schrie
+immerzu:
+
+»Ich komm nimmer hin! Heilige Maria! ich komm nimmer zurecht.«
+
+Winnetou sah die Alte an -- zur Elektrischen zurück, und stellte sich
+zwischen die Schienen.
+
+Der Führer läutete.
+
+Winnetou tat als hörte er nicht, und ging, um den Führer zum
+Langsamfahren zu zwingen, ganz gemächlich im Geleise, auf die
+Haltestelle zu. Die Alte humpelte, sich beeilend, weiter.
+
+Der wütende Führer läutete ununterbrochen. Die entsetzten Fahrgäste
+stießen Warnrufe aus. In voller Fahrt kam der Wagen angerast. Winnetou
+wandte den Kopf, erbleichte und ging langsam im Geleise weiter. Im
+letzten Augenblicke zog der Führer die Bremsen, daß die Schienen
+rauchten, und Winnetou sprang seitwärts.
+
+Zitternd vor Schreck und Empörung, stieg der Führer aus dem Wagen, um
+nachzusehen, ob Winnetou verletzt war.
+
+Die Alte hatte den Wagen erreicht und stieg ein.
+
+Führer und Fahrgäste schimpften Winnetou nach, der, den Mund verzogen,
+als sei ihm schweres Unrecht geschehen, zurücksah.
+
+Ein weißhaariger Alter, der im Stocke des Eckhauses mit der Tabakspfeife
+am Fenster saß, stand mühsam auf und schüttelte wütend die Faust
+hinunter zu Winnetou, der in die Seitengasse einbog.
+
+Der Schreiber und der bleiche Kapitän kamen ihm entgegen. »Geh mit, wir
+schießen«, sagte der Hauptmann, zog seinen Rockflügel zur Seite und
+zeigte Winnetou einen neuen Zimmerstutzen. »Wir gehn zu Falkenauge und
+schießen in seiner Kammer . . . Geh mit.«
+
+». . . Ich geh nimmer mit . . . Ich geh wo anders hin«, sagte Winnetou
+und ging auch gleich weg, in der Richtung zur Kirche.
+
+Verdutzt blickten sie ihm nach.
+
+Das Hochamt hatte schon begonnen. Winnetou schlug das Kreuz und setzte
+sich. Und als er die lateinischen Worte des Priesters und das ferne
+Klingeln der Ministranten im mächtigen Kirchenschiff hörte, stellten
+sich die Glücksschauer des Aufgelöstseins, die er im Sterbezimmer der
+Mutter empfunden hatte, wieder ein.
+
+Müdigkeit befiel ihn; er schlief ein.
+
+Der brausende Orgelklang weckte ihn auf. Da fühlte Winnetou
+unvermittelt, daß Frömmigkeit und Gottesglaube sich mit seinen
+Räuberidealen nicht deckten.
+
+Still trat er aus dem Portal und blieb an der Grundmauer der Kirche
+lehnen, als er den Schreiber und den Hauptmann, die ihm nachspioniert
+hatten, langsam die Straße hinunter sich entfernen sah.
+
+Winnetou blickte den kleiner und kleiner werdenden Räubern nach, bis sie
+zu Punkten wurden und endlich nicht mehr zu sehen waren, und trat wieder
+in die Kirche ein.
+
+Die zwei Räuber klopften an die Zimmertür von Falkenauges Mutter, und
+als niemand antwortete, stiegen sie hinauf in die dürftig möblierte
+Dachkammer Falkenauges, der noch im Geschäft war.
+
+Auf dem Nachtkästchen neben dem Bett stand ein Glas voll klaren Wassers,
+worin ein Glasauge lag. An der Wand hing eine Tabakspfeife unter dem
+heiligen Joseph. In einem engen Käfig sprang ein Eichhörnchen aufs
+Stäbchen und herunter, ruhelos und unaufhörlich. Falkenauge hatte es auf
+den Schloßberglinden gefangen.
+
+Dem Fenster gegenüber war eine blinde Hausmauer, auf der ein Spatz saß.
+
+Der bleiche Kapitän zielte lange und drückte endlich ab. Der Spatz blieb
+sitzen und pickte sich wie vorher ins aufgepluderte Gefieder.
+
+Und als sie beratschlagten, ob der Spatz getroffen sei, stieg er in die
+blaue Luft.
+
+»Die Kugel macht einen Bogen, weil die Entfernung zu groß ist . . . Wie
+wär denn das sonst möglich«, sagte der bleiche Kapitän und sah sich nach
+einem näheren Ziel um. »Halt einmal die Karte«, sagte er und nahm das
+Herzaß von Falkenauges Kartenspiel.
+
+»Und wenn du mir den Finger wegschießt?«
+
+»Ich wer doch no das Kärtle treffe.«
+
+Der Schreiber stellte sich seitwärts vom Fenster, streckte den Arm aus,
+hielt die Karte an der äußersten Spitze. »Ziel lieber ein bißchen mehr
+rechts . . . Es is mir lieber, du triffst nix, als daß du mei Hand
+triffst.«
+
+Der bleiche Kapitän zielte lange und genau in die Mitte der Karte und
+durchlöcherte sie.
+
+Der Schreiber atmete wieder. »Jetzt halt du die Karte.«
+
+Der bleiche Kapitän hielt die Karte nicht spitzig, sondern umrahmte sie
+mit seiner Hand und stülpte die Lippen nach außen. »Schieß.«
+
+Der Schreiber erschrak, spannte alle Muskeln an, zielte kurz und
+durchlöcherte die Karte. Verächtlich ließ der bleiche Kapitän sie
+fallen. »Ich laß mir das Glas runterschieß, vom Kopf . . . Das wär mir
+auch noch was«, sagte der Hauptmann und stellte das Glas, worin das Auge
+lag, sich auf den Scheitel. Das Blut verließ sichtbar sein Gesicht.
+
+-- -- -- Das Glas zersprang; das Auge kollerte unters Bett. Der
+Schreiber kroch ihm nach und holte es hervor.
+
+». . . Ich halt das Aug mit zwei Fingern«, rief er in heller
+Begeisterung.
+
+»Das kannst du ruhig riskier.«
+
+». . . Haaargott . . . Getroffen!« Das Auge war durchs Fenster
+hinausgeflogen.
+
+»Das is doch ganz klar.« Der bleiche Kapitän zuckte die Schultern.
+
+Jetzt erst bemerkte der Schreiber, daß sein Fingernagel fort war, und
+das Blut ihm einen schmalen Reif ums Handgelenk gezogen hatte.
+
+»Zeig amal . . . Der wird scho wieder nachwachse . . . vielleicht. A
+schöns Armreifle.«
+
+»Ein guter Schuß war's doch«, sagte der Schreiber und hielt, das Gesicht
+schmerzverzerrt, die Hand hoch. »Aber das Aug ist futsch.«
+
+Da kam der Vernichtungstrieb über die Räuber. Sie schossen durch den
+Fußboden, zerschossen den gemalten Engel an der Decke, die
+Tapetenblumen, durchlöcherten den heiligen Joseph. Der Schreiber zielte
+auf den Wasserkrug; das Wasser platschte auf den Boden und rann unter
+der Tür hinaus. Sie schossen blindlings, wohin immer sie trafen; das
+Fenster zerschellte; das Federbett hatte unzählige kleine Brandlöcher.
+Das Eichhörnchen raste im engen Käfig herum, hockte manchmal
+mäuschenstill, die klugen Augen ängstlich auf die Räuber gerichtet, und
+raste weiter. Die Kammer stand voll Pulverdampf. Die Räuber glühten. Sie
+zerrten die Bettstücke heraus und schmissen sie in die Wasserlache am
+Boden, lehnten die Matratze ans Fenster, rissen den Tisch um, das
+Bettgestell auseinander und schlichen die Treppe hinunter, aus dem
+Hause.
+
+Gegen acht Uhr abends standen sie vor dem »Spitäle«.
+
+Falkenauge kam von zuhause, und als er sie erblickte, steckte er die
+Hände in die Rocktaschen und schlenderte vorüber.
+
+Sie lachten ihm nach. Falkenauge wandte sich um, lächelte geringschätzig
+und verlegen und ging weiter. Von dem Tage an verkehrte er nicht mehr
+mit den Räubern.
+
+»Herrgott, das schönste Ziel ham wir ganz vergessen.«
+
+»Welches denn?« fragte der bleiche Kapitän.
+
+»Das Eichhörnchen.«
+
+Sie schlugen den Weg nach Dürrbach ein, wohin sie seit einiger Zeit
+jeden Tag nach Feierabend im Gewaltmarsch von einer Stunde eilten, und
+mehr federweißen Most tranken, als sie vertragen konnten, weil sie von
+den zwei Wirtstöchtern bedient und von den erzürnten, eifersüchtigen
+Bauernburschen belauert wurden. Das endigte oft mit einer Prügelei,
+wodurch die zwei Räuber sich veranlaßt fühlten, in der nächsten Nacht
+wieder im Dorfwirtshaus zu sitzen.
+
+Falkenauge ergab sich mit Leidenschaft dem Angelsport; er angelte Tag
+und Nacht. Der König der Luft lag im Juliusspital, wegen seines
+gebrochenen Beines. Die Rote Wolke las klassische Dramen und liebte ein
+junges, schönes Lehrerstöchterchen. Einige gründeten einen Rauchklub,
+mit hektographierten Statuten, und hielten jeden Sonnabend großes
+Wettrauchen ab, in der Kneipe der Witwe Benommen. Der Schreiber legte
+Wert auf elegante Kleidung und pflegte sein Schnurrbärtchen. Er war der
+einzige, der schon eines hatte. Als Herr Rein den Schreiber das erstemal
+rasierte, mit Respekt und voller Hochachtung, denn des Schreibers Vater
+war ein Mann mit starkem Bartwuchs, und es war zu hoffen, daß auch der
+Sohn eine gute Kundschaft werden würde, sagte er: »Herr Widerschein,
+blicken Sie in den Spiegel, da sehen Sie sich widerscheinen.« Vor
+vierzig Jahren hatte Herr Rein dasselbe zu des Schreibers Vater gesagt,
+als der noch ein Jüngling gewesen war. Und er hatte den Witz nicht
+vergessen.
+
+Der vereinsamte Oldshatterhand grub nach Blei in den alten Schießgräben
+der Festung, schmolz es im »Zimmer« zusammen, um, ehe er fortginge,
+Bleikugeln daraus zu gießen, für den wilden Westen. Jeden Abend saß er
+im »Zimmer« und las Indianergeschichten. Eine Landkarte von Amerika hing
+jetzt darinnen, auf der die Gegenden, Seen, Prärien und Urwälder, die er
+als Westmann aufsuchen wollte, mit Blaustift unterstrichen waren.
+
+Selten hörte er die nahenden Schritte eines Räubers im unterirdischen
+Gange. An vielen Abenden zeichnete er stundenlang das »Heilige Tier« ab.
+Mit der Zeit bekam er überhaupt keinen Besuch mehr im »Zimmer«.
+
+Durch die allmählich schärfer hervorgetretenen Charakterzüge und
+Interessen der einzelnen Mitglieder hatte die Räuberbande sich
+aufgelöst.
+
+Ein Ereignis vereinigte am Sonntag nach Pfingsten einen Teil der Bande
+zum letzten Male zu einem gemeinsamen Unternehmen.
+
+Die Pflastersteine im Mainviertel waren mit Schilf zugedeckt und die
+Häuschen bis zum ersten Stock hinauf mit Buchenlaub beschlagen. Die
+Bürger waren festlich gekleidet. Die Sonne schien. Alle Glocken
+läuteten. Weißgekleidete kleine Mädchen, die an rosa, grünen, blauen
+Nackenbändern Blumenkörbchen trugen, geputzte Frauen, Männer in langen
+Gehröcken und mit sehr hohen Zylindern strömten in der Richtung zur
+Kirche, um sich dem Zug der Walleute anzureihen.
+
+Beim Weinwirt und Bäckermeister Schlauch war die erste Station. Die
+Bäckereiauslage war in einen Altar mit Betpult, Kruzifix und brennenden
+Kerzen umgewandelt und mit Laub geschmückt worden, mit Blumen in
+himmelblauen Glasvasen aus der guten Stube.
+
+Vor vielen Häuschen, an denen die Walleute vorbeiziehen sollten, waren
+solche Altäre hergerichtet.
+
+Oldshatterhand, der Schreiber, die Rote Wolke und die, welche den
+Rauchklub gegründet hatten, standen vor dem »Spitäle« beisammen, in
+ihren Sonntagsanzügen.
+
+»Das werdet ihr gleich spannen, daß er mitwallt. Ich selber hab Winnetou
+mit einer Kerze in die Kirche gehen sehen«, sagte der bleiche Kapitän.
+
+Auf der Festung puffte ein weißes Wölkchen in die blaue Luft -- ein
+Kanonenschuß donnerte rollend zur geschmückten Stadt hinunter: der Zug
+der Walleute näherte sich, von der Burkarter Kirche kommend.
+
+Der rote Fischer, Herr Mager, Glasermeister Johann Jakob Streberle,
+Schuster Widerschein, Benommen der Wirt, Herr Hieronymus Griebe, alle in
+Gehröcken und mit Zylindern, brennende Kerzen in den Händen, schritten
+im langsamen Wallfahrtsgang durch die Menschen zu beiden Seiten der
+Straße und sangen aus dicken Gesangbüchern heraus; zusammen mit den
+Kindern, die dünn, mit den Mönchen, die tief sangen, und mit den alten
+Weibern, deren Stimmen sich überschlugen, begleitet von der heftig und
+getragen blasenden Blechmusikkapelle.
+
+Voran schritt ein alter Mann, der ein hohes Kreuz trug, an dem der
+silberne Christus hing. Hinter ihm kam der kleine, dicke Bischof im
+Ornat, vor dem Gesicht die Monstranz, vor der alle Menschen das Kreuz
+schlugen und niederknieten, nachdem die meisten erst ihr Sacktuch auf
+die Erde gebreitet hatten.
+
+Der Vorbeter, ein hinkender Flickschneider, dessen linkes Bein zu kurz
+war, schwenkte sich auf seinem normalen Beine herum zu den Walleuten und
+rief langgezogen: »Lob und Dank sei ohne End!« Und während das Gemurmel
+der Nachbetenden erklang, schwang er sich wieder herum und hinkte weiter
+voran, sprang plötzlich mit einem Satz auf Oldshatterhand los,
+»Sakramentslausbub!« schlug ihm das Strohhütchen vom Kopfe, hinkte
+wieder in die Reihe und fuhr fort, vorzubeten: »Dem allerheiligsten
+Sakrament.«
+
+Oldshatterhand hatte den Hut nicht abgenommen vor dem Bischof unter dem
+Himmel. Der Himmel wurde an vier Stangen vom Duckmäuser, von Winnetou
+und noch zwei Jünglingen getragen.
+
+Oldshatterhands Wange glühte von dem Schlag; die Räuber waren verblüfft.
+Aber da war nichts zu machen.
+
+»Da is er!« rief der bleiche Kapitän und deutete auf Winnetou, der den
+Kopf senkte, als er bei den Räubern vorüberging.
+
+Der Schreiber schüttelte den Kopf: »Herrgott, wer hätt das vom Winnetou
+gedacht.«
+
+Verstummt sahen die Räuber ihm nach.
+
+Die Walleute zogen vorüber, und aus Glockenläuten, Blechmusik und
+Böllerschüssen stachen die Altweiberstimmen heraus und hinauf in den
+sonnigen Himmel: »O Maria hilf!«
+
+Der Vorbeter war ein reicher Mann und besaß ein großes Haus mit vielen
+Fensterscheiben, denn der fromme Schneider war hauptsächlich Pfarrdiener
+und eifriger Kirchgänger und hatte sich für das Kleiderflicken Gesellen
+angestellt; sein Geschäft blühte.
+
+Am Abend schimpfte der rote Fischer in den »Drei Kronen«: »Ke enzigs
+Pfund Fisch verkäff ich's ganze Jahr, wenn i nit mitwall!« Seine
+Halsadern schwollen.
+
+>Und welcher gute Bürger würde mir seine Schuhe zum Besohlen geben, wenn
+ich nicht ein frommer, gottgefälliger Schuster wäre<, dachte sich Herr
+Widerschein und reichte sein leeres Glas der Kellnerin. Er war ein
+stiller, arbeitsamer Mann und hatte sechs Kinder zu ernähren.
+
+Bevor es dunkelte, kehrten die Frauen, genau die Breite ihrer Häuser
+einhaltend, das zertretene Schilf weg, gossen Kringel mit der Gießkanne
+und kehrten sauber nach. Hier war gekehrt -- dort lag noch ein genaues
+Quadrat Schilf. Aber um neun Uhr waren die Gassen blitzblank. So wollten
+es die Würzburger Stadtväter.
+
+Die Räuber, jeder mit einem faustgroßen Stein in der Tasche,
+schlenderten gleichgültig am Wachtmeister vor dem »Spitäle« vorbei und
+bogen in die Felsengasse ein, welche von der vielfenstrigen Vorderfront
+des Hauses vom frommen Flickschneider abgeschlossen war.
+
+Der bleiche Kapitän verteilte die Fenster sorgfältig an seine Leute,
+beschwor sie, genau zu zielen, kommandierte leise und hob die Hand --
+die Fensterscheiben klirrten.
+
+Die Räuber flüchteten durch die dunklen Gassen.
+
+Der Oberkörper des Schneiders schoß, wie der Teufel im Hans
+Kasperl-Theater, aus dem Fenster.
+
+Da unten war alles still.
+
+Diese eingeschlagenen Fensterscheiben waren für die Räuber der Abschluß
+ihrer ersten Jugend.
+
+In der folgenden Woche sprachen alle Einwohner des Mainviertels von ein
+und derselben Sache: Herrn Glasermeister Johann Jakob Streberle war ein
+Unglück passiert. Alle dreihundertsiebenundsechzig Fenster für das neue
+Krankenhaus hatte er um einen Zentimeter zu schmal gemacht; die Fenster
+waren unbrauchbar; er mußte eine hohe Konventionalstrafe bezahlen und
+machte Bankerott.
+
+Ein paar Wochen lief er traurig in Würzburg herum, lachte nicht mehr;
+als Gehilfe Arbeit zu nehmen, ließ sein Meisterstolz nicht zu, und eines
+Tages war er verschwunden.
+
+ * * * * *
+
+Der bleiche Kapitän, der Schreiber und Oldshatterhand standen am Fluß
+beisammen. Falkenauge kam geschritten, energisch.
+
+Quer über seinen Rücken hatte er etwas hängen in einem braunen
+Segeltuchfutteral. Es sah aus wie ein Gewehr.
+
+»Wo warst du?«
+
+»Auf der Jagd!« rief Falkenauge, schwang sein Fischnetz und schritt
+weiter.
+
+»Also, wenn ich dir sag, man kann's jeden Tag fünf-, sechsmal tun, so
+oft's überhaupt geht. Es schadet einem gar nichts; man bleibt genau so
+stark und gesund wie man war«, sagte der Schreiber zum bleichen Kapitän
+und schloß: »Ich hätt ja selber nit geglaubt, daß es sowas gibt auf der
+Welt. Das is ja ganz kolossal.«
+
+Der Schreiber hatte rotumränderte Augen und eingefallene, graue Wangen.
+
+»Wie is denn das? . . . Wie tut man's denn?« fragte Oldshatterhand.
+
+»Für dich is das nichts«, sagte der Schreiber und lächelte dem bleichen
+Kapitän zu. »Da bist du vielleicht noch zu klein dazu. Morgen kann ich
+dir's ja amal zeig.«
+
+Die drei gingen weiter, am Flußufer hin, hinunter zur Sandinsel, und
+saßen dann beisammen an einem kleinen See, der von überhängenden
+Weidenbüschen umsäumt war.
+
+Es war ein warmer Abend; Bachstelzen hüpften lautlos und graziös am
+Seeufer hin und Raben flatterten immer wieder auf und flogen »aa aa«
+schreiend über das Weidenland.
+
+Die rosa Abendwolken wurden von der Dämmerung genommen und am tiefblauen
+Himmel traten die Sterne hervor.
+
+»Jetzt sagt halt amal, wann gehn wir denn eigentlich fort?« fragte
+Oldshatterhand leise und wand sich einen Weidenzweig schmerzhaft ums
+Handgelenk.
+
+»Auf, nach Amerika!« rief lachend der Schreiber. »Hohaho!
+Oldshatterhand!«
+
+Der bleiche Kapitän grinste.
+
+»Nun sagen wir nächste Woche«, sprach der Schreiber ernst.
+
+»Jawohl. Nächste Woche. Jawohl.«
+
+»Also! Also ja!« rief Oldshatterhand freudig. »Oder gehen wir doch
+lieber jetzt gleich fort! Immerzu da nunter, den Sandweg, bis nach
+Frankfurt. Dann kommen wir an den Rhein und nach Hamburg . . . da sind
+Schiffe.« Er drehte den Weidenzweig an seinem Handgelenk fester zu.
+»Meerschiffe -- -- --«
+
+Der bleiche Kapitän blätterte im Katalog einer Schirmfabrik. »Weißt du
+was . . . es gibt überhaupt keine Indianer mehr.«
+
+»Nein, nicht eine einzige Rothaut gibt's mehr.«
+
+»He? Millionen gibt's! He! was wären denn sonst die, von denen in unsern
+Büchern steht? He?«
+
+»No ja, ein paar gibt's ja noch«, gab der bleiche Kapitän zu. »Aber ich
+hab neulich in der Zeitung gelese, daß die andern alle schon ausgerottet
+sind.«
+
+»Oldshatterhand, Oldshatterhand, ein wenig klein bist du für Amerika.«
+
+»Aber ich hab Mut! . . . Und darauf kommt's ganz allein an.«
+
+»Nun, dann hopp! Auf, in den wilden Westen!«
+
+Da schnellte Oldshatterhand in die Höhe. »Ihr geht also nit mit! Ihr
+Feigling . . . habt die ganze Jahr her nur geloge?«
+
+»Ich will dir einmal was sagen, jetzt hab ich drei Jahr Lehrzeit
+ausgehalten, gestern hab ich mein erste Lohn kriegt, fünfzehn Mark, und
+das krieg ich jetzt jede Woche . . . Wär ich da nicht ein Rindvieh, wenn
+ich jetzt fortlaufen tät?«
+
+»No allemal«, sagte der Schreiber. »Ich krieg jetzt auch vierzig Mark im
+Monat. Dreißig muß ich meiner Mutter geb; aber zehn Mark darf ich
+behalt. Das is doch jetzt alles ganz anders«, schloß er nachdenklich.
+
+»Von mein nächste Wochenlohn kauf ich mir den Nadelschirm.« Der bleiche
+Kapitän zeigte den Schirm im Katalog. »Acht Mark kost er. Hast scho amal
+sowas g'hört? . . . Acht Mark für'n Schirm!« Er lachte krachend und
+konnte sich lange nicht beruhigen. »Er is aber auch so dünn wie ein
+Federhalter, und der Stoff is fast von Seide.«
+
+Es war jetzt tiefe Nacht geworden.
+
+Oldshatterhand wandte sich um und ging, ohne Adieu zu sagen, langsam
+fort. Und nach einer Weile rollten ihm die Tränen an den Wangen
+hinunter.
+
+Ein Floß glitt lautlos an ihm vorbei, den Main abwärts. Vorne saß der
+Flößer und spielte leise die Ziehharmonika. Irgendwo in der Ferne sang
+ein Mädchen.
+
+ * * * * *
+
+»Schloßfallenfeuer!!« rief Meister Tritt Oldshatterhand zu, der bis ins
+Herz hinein erbebte.
+
+Schleudere einen Bindfaden in die Höhe und klettere daran hinauf in den
+Himmel -- hätte das Herr Tritt gerufen, Oldshatterhand wäre mit weniger
+Bangen an die Arbeit gegangen.
+
+Noch niemals war eine Schloßfalle von Herrn Tritt geschmiedet worden
+ohne Angst und Beben des Lehrjungen, der dazu helfen mußte, und ohne die
+starren Blicke der grünlichen Augen des Meisters, denen kurze, heftige
+Schläge ins Gesicht folgten. Jedoch nicht die Ohrfeigen waren das Arge,
+sondern der Zeitraum zwischen Blick und Schlag, von dem man nicht wußte,
+wann er kam, und dem auszuweichen unmöglich war, denn der grüne Blick
+hielt fest.
+
+Die elektrischen Türschlösser des Herrn Tritt waren berühmt in Würzburg.
+Und das kam von den Schloßfallen, die Herr Tritt stets selbst aus dem
+allerbesten Stahl im klarsten Feuer herausschmiedete, eigenhändig mit
+nur neuen Feilen zuarbeitete, schmirgelte, wog, schliff, um sie in das
+neue elektrische Türschloß des Herrn Metzgermeister Rücken oder des
+Herrn Trompeter Wohlleben einzupassen.
+
+Wegen seiner elektrischen Türschlösser hatte Herr Tritt schon einige
+Male bankerott gemacht, weil er an einem ein Vierteljahr arbeitete, und
+der Preis ein solcher war, daß er es in einer Woche hätte anfertigen
+müssen. Jedoch, als hätte der liebe Gott selbst seine Freude an den
+mimosenhaften Schloßfallen, fiel der Tod der jeweiligen Ehefrau des
+Herrn Tritt immer mit einem Bankerott zusammen, so daß Herr Tritt seine
+Kunstwerke weiterhin schaffen konnte, indem er immer wieder eine Frau
+mit Vermögen erkor, was ihm nicht schwer fiel, denn er war ein schöner
+Mann und zweiter Dampfspritzenführer bei der freiwilligen Feuerwehr.
+
+Oldshatterhand kehrte die alte Asche von der Esse, blies die Stäubchen
+aus den Ecken, holte die frischen Kohlen einzeln aus dem Kasten, wählte
+sorgfältig harzfreies Tannenholz aus und schürte ein klares Feuer an.
+Erschrocken griff er in die Flammen und holte einen Strohhalm heraus,
+der das Feuer schmutzig hätte machen können, rückte den Handhammer für
+den Meister zurecht, die Feuerzangen, den Vorschlaghammer für sich,
+fummelte mit seinem Ärmel den Ambos, bis er glänzte, und wartete.
+
+Unversehens aber blickte er auf die andere Seite des Lebens hinüber,
+lange; sein Mund stand offen. Da riß er sich zusammen, flog in die
+Werkstatt -- und stellte sich dem Meister: »Ich will fort von Ihnen!
+. . . Ich halt's nimmer aus.«
+
+Zuerst kam der erstarrte Blick. Dann der kurze, knallende Schlag ins
+Gesicht. Dann stieß Herr Tritt seinen Lehrjungen hinaus auf das
+Pflaster. Die andern Lehrjungen standen atemlos, und der Gehilfe bog
+sich vor Lachen, daß sein Kopf auf die Werkbank schlug und ihm die
+Brille von der Nase fiel.
+
+Der Meister arbeitete weiter; er war eben dabei, an einer der blitzenden
+Drehbänke eine kleine Eisenschraube für das elektrische Türschloß zu
+drehen, wobei der älteste Lehrjunge helfen mußte, indem er mit dem Fuße
+die Drehbank trat, unter verhaltenem Atem, denn er mußte sein ganzes
+Gefühl, seine ganze Seele ins Treten legen, als spiele er Piano.
+
+Der Meister nahm den Handstichel weg vom Bolzen und starrte in die Augen
+des Lehrjungen, der, vom Blick des Meisters festgehalten, mit zitterndem
+Fuße weitertrat, bis der Schlag kam. Der Meister wandte sich wieder
+seiner Arbeit zu. Der Eisenspan schlängelte sich am Stichel in die Höhe.
+
+Und nachdem das Eisenschräubchen fertig war, wich die Spannung vom
+schweißnassen Lehrjungen, als habe er vor einem Prüfungskollegium ein
+Klavierstück glücklich zu Ende gespielt, während der Meister, als habe
+er es komponiert, ausgefüllt und aufrecht zum Feuer schritt, um die
+Schloßfalle zu schmieden.
+
+Oldshatterhand eilte sofort hinauf auf den Schloßberg und durch den
+unterirdischen Gang ins »Zimmer«. Hastig, als habe er keine Zeit zu
+verlieren, nahm er den alten Revolver unter der Glasvitrine zu sich,
+zündete knieend ein Heftchenbündel an: »Die bleiche Gräfin oder Der Mord
+im Walde« und damit die ganze Bibliothek.
+
+Er sah noch, wie die Flammen an den Büchern emporleckten und hinauf zur
+Decke schlugen. Der Qualm trieb ihn ins Freie.
+
+Lautlos pufften blaue Rauchwolken aus dem Gang.
+
+Da hörte er ein aufrührerisches Krachen -- eine mächtige Rauch- und
+Staubwolke schoß aus dem Gang heraus und zum Himmel hinauf.
+
+Der unterirdische Gang war eingestürzt und das »Zimmer« verschüttet auf
+immer. Atemlos stand Oldshatterhand im Festungsgraben.
+
+Von dieser Stunde an war er aus Würzburg verschwunden.
+
+In der Stadt ging das Gerücht, in dem eine Stunde weit vom »Zimmer«
+entfernten Nonnenkloster »Himmelspforten« sei in der Zelle der Oberin
+hinter dem Schrank Rauch aufgestiegen.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+
+Oldshatterhand, auf dem Wege nach Amerika, schritt auf der Landstraße
+hin.
+
+Im Tale lag Würzburg. Er sah zurück. Nicht um die verhaßte Stadt noch
+einmal zu sehen, die im grauen Dunst lag, denn ein feiner, gerader Regen
+ging nieder; er wandte sich nur so um, wie er sich auch einmal nach
+links wandte, nach rechts, in den Himmel sah, auf einen Baumstamm, einem
+Vogel nach, mit leerem Blick, ohne etwas dabei zu denken und zu wollen.
+
+Manchmal blieb er auch stehen und sah lange in den Straßengraben, ging
+weiter, leer im Herzen, empfindungslos, bis auf den Druck in der Mitte
+unter dem Brustbein.
+
+-- -- -- Da sah er einen Mann auf einem Kilometerstein sitzen -- und
+blieb erbebend stehen: vorher war der Stein leer gewesen, und jetzt saß
+ein Mensch darauf.
+
+War er nebenan aus dem dunklen Tannenwald getreten? Aus dem Erdboden
+gekommen? In der Luft heran oder -- -- -- aus der Zukunft zurück in die
+Gegenwart zu Oldshatterhand geeilt?
+
+Nie hatte er so einen Menschen gesehen.
+
+Aber es war nichts Besonderes an dem Mann, welcher jetzt, schlank
+werdend, aufstand und zu Oldshatterhand trat, der sich kühl berührt
+fühlte, wie von einem Gespenst.
+
+Der Fremde trug einen Gummimantel. Er war dreißig Jahre alt, hatte einen
+dünnlippigen Mund im scharfen Gesicht und an den Schläfen unter den
+braunen Haaren schon graue.
+
+»Wollen wir ein Stück zusammen gehen?«
+
+»Ja . . . Aber wohin gehen Sie denn? In welcher Richtung?«
+
+»Jetzt gehe ich eine Weile mit Ihnen -- dann gehe ich wieder vorwärts
+. . . Sie wollen in die nächste große Stadt wandern, Arbeit suchen und
+Geld verdienen«, schloß der Fremde mehr sagend als fragend. Und
+Oldshatterhand schwebte plötzlich in einer roten Schamwolke. Er hatte
+geglaubt, daß er jedem Menschen mitteilen könne, was er vorhabe, und nun
+konnte er es gleich dem Ersten nicht sagen.
+
+Wirr vor Verlegenheit, rief er: »Ich heiße Michael Vierkant!« Und sein
+zerlesenes Indianerbuch fiel ihm auf die Landstraße.
+
+Lächelnd hob der Fremde das Heftchen auf und fragte, ob er es ein wenig
+ansehen dürfe, las den ersten Satz auf der Decke: »Tom machte sich auf
+in den wilden Westen und war fest entschlossen, so vielen Weißen wie
+möglich das Lebenslicht auszublasen«, und gab es Oldshatterhand zurück.
+
+»Hi! hihiha!« lachte Oldshatterhand wieder das kurze, irrsinnige Lachen
+wie damals auf dem Heimwege von der Schule. »Das ist vielleicht alles
+dumm und nicht wahr, was da drin steht.«
+
+Da sagte der Fremde nachdenklich: »Ja, Sehnsucht ist -- weil Qual ist
+. . . Vor vielen Jahren ging ich wie du, diese selbe Straße, bis zu dem
+Berg, der meiner Jugend den Blick verstellte, und mich hinter ihm ein
+ersehntes, wunderbares Land erträumen ließ. Da sah ich hinunter in ein
+blaues Tal, aus dem der Lärm der Arbeit klang -- und stieg hinunter.«
+
+Oldshatterhand blickte zum Fremden in die Höhe und der Fremde zärtlich
+und gerührt auf Oldshatterhand hinunter.
+
+Daß er nun plötzlich nicht mehr nach dem wilden Westen wollte, erfüllte
+Oldshatterhand mit fassungslosem Staunen, dem ein Ausruhen folgte.
+Entlastet schritt er neben dem Fremden her, in sonderbarem, tiefem
+Vertrauen zu ihm. »Ich will auch arbeiten«, sagte er ganz still. »Ich
+bin nicht so schwach, wie ich aussehe.«
+
+»Nein . . . Sie sind nicht schwach«, sagte der Fremde, mit einem
+unbegreiflichen Lächeln.
+
+Wie lautlos vom Himmel gefallen, lag plötzlich die Sonne auf der
+Landstraße, die jetzt aus Mattgold war, und die Apfelbaumreihen legten
+ein bewegtes Schattenmuster darauf.
+
+Zwei Hasen setzten vor den beiden über den tiefen Graben und flohen, die
+Ohren zurückgelegt, hintereinander her, gestreckt die schnurgerade,
+endlose Straße hinaus.
+
+»Was arbeiten denn Sie jetzt?« fragte Oldshatterhand ruhig und vertraut,
+denn er hatte die Empfindung, mit seinem älteren Ich zu reden.
+
+»Ich . . . denke darüber nach, warum eine junge Blüte vom Baume fallen
+muß, bevor sie zur Frucht wird, während neben ihr eine andere
+ungehindert zur Frucht reifen darf . . . Darüber denke ich nach,
+unaufhörlich. Das ist meine Arbeit. -- Jetzt muß ich wieder
+vorwärtsgehen -- -- --«
+
+Mit einem kurzen Pfiff durchschnitt ein Vogel die Luft, auf die beiden
+zu, und stieg vor ihnen hinauf in den Himmel.
+
+Da hatte der Fremde seine Arme um den Hals Oldshatterhands geschlagen
+und ihn geküßt.
+
+Dann eilte er unhörbar quer über Feld, wurde immer kleiner und kleiner,
+und Oldshatterhand blickte ihm nach bis der Fremde unversehens
+verschwunden war, als wäre er zu Luft geworden.
+
+Nach einer Weile sah Oldshatterhand seitwärts inmitten von Kornfeldern
+ein großes Gehöft liegen, und einen Herrn in Röhrenstiefeln auf sich
+zukommen. Der hatte eine goldene Brille mit funkelnden Gläsern auf der
+spitzen Nase und ein doppelläufiges Jagdgewehr am Riemen an der Schulter
+hängen.
+
+»Hast du Zeit? Wohin willst du denn?«
+
+»Ich gehe nach Frankfurt am Main und suche Arbeit.«
+
+»Wenn du Lust hast, kannst du sechs Mark verdienen und dein Essen. Du
+mußt dafür in meinem Keller eine Woche lang Kartoffeln sortieren.«
+
+»Ja!« sagte Oldshatterhand, und ging mit dem Mann.
+
+ * * * * *
+
+Die Transmissionen im großen Arbeitssaal der Dresdener Fahrradfabrik
+schnurrten und sangen, die breiten Treibriemen klatschten -- klipp klapp
+klipp --, Hämmer klopften, Drehbänke und Bohrmaschinen rasselten und
+surrten, die Feilen rauschten; und alles klang Oldshatterhand zusammen
+in »Auf, in den Kampf! To . . . re . . . ro«, denn er hatte, ehe er von
+Frankfurt nach Dresden gefahren war, Carmen gehört, und seitdem, wo er
+ging und stand, Stellen daraus gesummt und gesungen. Nie vorher war er
+in der Oper gewesen.
+
+Er versuchte, »Nun danket alle Gott« unterzulegen, oder »Wem Gott will
+rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt«, aber beugte er
+sich auch nur einen Augenblick aufmerksamer über seine Arbeit, so
+spielte der Fabriksaal wieder »Auf, in den Kampf! To . . . re . . . ro!«
+Den ganzen Tag »Auf, in den Kampf!«
+
+Ein klagend beginnender, durch Not und Qual durch -- und in die Höhe
+jagender und, als reichte der Atem nicht mehr, in maßlosem, wildem
+Schmerz jäh abbrechender Pfiff heulte durch den Fabriksaal.
+
+Hämmer und Feilen polterten auf die Werkbänke. Schweißgeschwärzte Männer
+richteten sich auf. Die Treibriemen sangen leiser, klatschten langsamer,
+verklangen und hingen reglos. Es war still, wie in der Nacht, wenn man
+plötzlich aus einem wilden, geräuschvollen Traum erwacht: die
+Vesperpause war gekommen.
+
+Oldshatterhand hatte seinen Schraubstock beim Fenster neben einem
+schlottrigen Mann mit tief eingefallenen Wangen und grünen Schatten
+unter den Augen, der jetzt an der Werkbank saß, seine Butterbrote
+säuberlich in Streifen schnitt und sie bedächtig in den Mund schob,
+wobei er ihn weit aufriß, um die langen Butterbrotstreifen ohne
+anzustoßen auf einmal unterzubringen.
+
+Bei jedem Brotstreifen zwinkerte er Oldshatterhand zu und dann vergnügt
+zu einem Honigglas vor sich auf dem Fenstersims, in dem sich ein langer,
+in vielen Falten gelegter weißer Bandwurm befand, und sagte: »Jetzt esse
+ich meine Bemmchen alleine.«
+
+Verzweifelt wandte Oldshatterhand sich weg. Er brachte keinen Bissen
+hinunter.
+
+Da heulte wieder der in Wut und Qual jäh endende Pfiff den Arbeitern
+durch die Gehirne. Wie Lebewesen begannen die Maschinen zu laufen; die
+noch kauenden Arbeiter reckten sich gähnend und griffen langsam zu
+Hämmern und Feilen. Oldshatterhand klang wieder »Auf, in den Kampf!« ins
+Ohr.
+
+Der Pfiff, der um sechs Uhr Feierabend verkündete und von einer anderen
+Dampfpfeife abgegeben wurde, klang ganz anders, klang wie der
+langgezogene Flötenton eines Singvogels und endete abgebrochen
+schluchzend.
+
+Die zwölfhundert Arbeiter quollen durch das Fabriktor ins Freie, mit
+Mienen der Erleichterung und Freude, denn es war Sonnabend und Zahltag.
+
+Oldshatterhand ging nachdenklich am Bretterzaun entlang. Daumen und
+Zeigefinger spielten mit dem verdienten Geld in der Westentasche. Er
+umkreiste wieder seine Sehnsucht, die ihn das ganze Jahr, seitdem er aus
+Würzburg hinausgewandert war, nicht mehr verlassen hatte. Die Sehnsucht
+-- _Etwas_ zu werden. Er wollte _Etwas_ werden. Nicht gerade Minister
+oder Bürgermeister; aber doch etwas, das ihm die Achtung der Menschen
+einbringen mußte. Doktor, sagte er sich, könne er kaum werden, denn er
+brauche nur an seine Schuljahre zurückzudenken; an Herrn Mager, um zu
+wissen, daß er dazu viel zu dumm sei. Immer wenn er dem Gedanken
+nachhing, daß er etwas werden müsse, flackerten die Demütigungen seiner
+Jugend ihm aus den Augen, dann war er oft stundenlang niedergedrückt,
+aber manches Mal fühlte er sich auch angespornt. Es müsse etwas sein,
+was eine demütigende, untergeordnete Stellung ausschloß.
+
+Einige Tage vorher war er auf der Straße bei einem Geometer stehen
+geblieben und hatte zugesehen, wie der Mann ohne viel Worte seine
+Arbeiter mit Stangen und Bandmaß hantieren ließ. Da hatte Oldshatterhand
+in einem Blitz der Erinnerung Benommen, den Amerikaner, am Mississippi
+stehen sehen, mit ihm den Geometer verglichen, und hatte einige Tage
+lang überlegt, ob er nicht Geometer werden könne. In einen Taumel der
+Begeisterung hatte ihn der José im Frankfurter Opernhaus versetzt, und
+der Gedanke, ein Künstler zu werden, hatte ihn seitdem nicht mehr
+verlassen. Nicht gerade Schauspieler oder Sänger; irgendein Künstler --
+hier müsse für ihn die Möglichkeit sein, _Etwas_ zu werden.
+
+Wann immer Oldshatterhand einem gutgekleideten Menschen begegnete, der
+ruhig seines Weges ging und dessen Gesicht von Demütigungen nicht
+gezeichnet war, folgte er ihm, dachte sich glühend in ihn hinein, bis er
+selbst zu dem vor ihm Gehenden wurde, worauf er seine Wunschphantasie
+klettern ließ. In Frankfurt am Main, wo er auch eine Zeitlang Liftjunge
+gewesen war, in einem Hotel in der Fahrgasse, hatte keiner der Gäste aus
+den sehnsüchtigen Augen des Liftjungen herausgelesen, daß dieser im
+Geiste -- als Fremder mit dem Fremden im Lift in die Höhe stieg.
+
+Oldshatterhand war langsam weitergegangen. Er sah zurück in den
+unerreichbar weit entfernten, verwilderten Garten, in dem seine
+Jugendträume und seine Sehnsucht weiterlebten, umschlossen von einer
+grauen, türlosen Mauer, die sich ihm nur öffnen konnte, wenn er _Etwas_
+geworden war.
+
+Da blieb er betroffen stehen, vor einem Jüngling, dessen Gesicht
+unbeweglich, wachsbleich und unter den trüben Augen schwarzviolett war.
+Das Hemd stand vorne offen und bot den grausig abgemagerten Körper dar,
+die schweißfeuchten Schulterknochen und Rippen. Ganz vorsichtig, als
+fürchte er auseinanderzufallen, ging der Jüngling langsam am Bretterzaun
+der Glasfabrik hin, in der er beschäftigt war.
+
+Ein paar Arbeiter sahen sich um nach dem bestürzten Oldshatterhand.
+
+Der lief schnell weg. Und stand: starrte beklommen auf die grauenhaften
+Gestalten, die teilnahmslos und stier am Zaun entlangschlichen. Kinder,
+Alte, Mädchen, steif, aus Wachs, blutleer, in Lumpen: eine anklagende
+Reihe, auf ein paar Stunden von den glühenden Kesseln der Glasfabrik
+entlassen.
+
+»Ja, was denn! Ja, was denn! Darf denn das sein?« flüsterte er, ging
+fassungslos weiter, begann plötzlich zu rennen.
+
+Da tat sich eine weiße Wunderstraße auf, asphaltiert, von größter
+Sauberkeit. Lauter gleichhohe Häuser, weiß, mit flachen Dächern. Breit
+wie ein Traum war die Straße.
+
+Immer wenn Hufschlag ertönte, wandte Oldshatterhand sich um, weil er
+Reiter vermutete, aber immer hing an den ausgreifenden Pferden auch eine
+Equipage daran, die lautlos auf dem glasglatten Asphalt rollte, die
+linealgerade, endlose Straße hinaus. Querstraßen, wunderschön, breit und
+lang, durchschnitten seine Straße.
+
+Er bog in eine Seitengasse ein, und noch einmal in eine zweite. Die war
+eng, feucht; Obst- und Gemüseabfälle, Zeitungsfetzen und Lumpen lagen,
+und halbnackte, schmutzige Kinder hockten auf dem Pflaster umher, und es
+roch nach Abort.
+
+In dieser Gasse wohnte Oldshatterhand.
+
+Er stieg hinauf, bis unters Dach. Die Tochter seiner Hausfrau öffnete
+ihm und lief schnell ins Wohnzimmer zurück. Sie hatte ein
+orientalisch-weiches, gelbes Gesicht und fast nichts an. »Kommen Sie
+doch näher, Herr Vierkant.«
+
+Links neben ihr, auf der gewesenen Nähmaschine, lag ein Haufen duftender
+Tabak, rechts -- ein Berg Zigarettenhülsen. »Siebenhundert Stück muß ich
+heute noch fertigkriegen«, sagte sie, flink mit Stopfholz und Schere
+hantierend. »Hier, diese ist nicht ganz gelungen . . . diese und diese
+auch nicht.«
+
+Er nahm die Zigaretten entgegen und versah sich dabei in des
+Mädchens sehr volle Schultern und Brüste, denn das Hemd war ihr
+heruntergeglitten. Ihr großer Mund blieb geöffnet.
+
+Der Bräutigam des Mädchens, ein elegant gekleideter Maurer ohne
+Hemdkragen, mit roten Bartstoppeln, trat ein, sah auf seine halbnackte
+Braut, auf Oldshatterhand und stand, mit dem Blick fensterwärts. Er war
+ärgerlich.
+
+Das Mädchen arbeitete emsig weiter. »Wie viel?«
+
+»Fünfzig Mark. Nächste Woche sechzig«, sagte er mürrisch.
+
+Ein Freudenschimmer lief über ihr Gesicht. »Davon kannst du dreißig
+zurücklegen . . . Wenn der Verdienst so weitergeht, können wir
+Weihnachten heiraten.«
+
+Oldshatterhand ging in seine Kammer. Die war schmal wie ein Gang. Vier
+Betten, hintereinander, standen darin und sonst nichts. In einem schlief
+ein Viehtreiber -- sein fettiger Ziegenhainer lehnte in der Ecke --, im
+andern der Bräutigam, im dritten der vierzigjährige verblödete Sohn des
+Hauses, der nur lallen konnte und manchmal Wutanfälle bekam, wobei er
+sich nackt auszog und mit einem Küchenmesser auf seine Mutter losging.
+Er saß auf dem Bett und verzehrte sein Abendbrot, eine armlange rohe
+Gurke mit Salz.
+
+Beim Fenster schlief Oldshatterhand, heute zum ersten Male, denn früh
+hatte er sich erst eingemietet.
+
+Gegen Morgen träumte er: eine Schar Mäuse husche unaufhörlich an seinem
+Körper entlang, um ihn herum. Er wachte auf, fühlte vielfüßiges
+Gekrabbel, griff unter die Bettdecke und griff ein flaches Tierchen, das
+ihm jedoch, über seinen Handrücken rennend, gleich wieder entwischte.
+
+Das Bettlaken war mit vielen kleinen Blutflecken punktiert: zerdrückte
+Wanzen.
+
+Er rief die Wirtin und kündigte. »Im Bett sind Wanzen.«
+
+»Ach nee.«
+
+»Unheimlich viel.«
+
+»Die beißen Ihnen doch nich.«
+
+»Sie haben mich gebissen.«
+
+»Aber die fressen Ihnen doch nich.«
+
+»Fressen?«
+
+»Tun se nich. Da ist der Kaffee.«
+
+»Erst komm ich!« rief der Viehtreiber.
+
+»Und dann ich!« der Bräutigam. »So war's ausgemacht.«
+
+Oldshatterhand wartete, bis die beiden die einzige Kaffeeschale benutzt
+hatten und er daran kam. »Also, ich ziehe aus, wegen der Wanzen.«
+
+»Wanzen!« schrie die Wirtin. Und Viehtreiber und Bräutigam erhoben sich
+drohend.
+
+»Und . . . die Kaffeetasse hat keinen Henkel mehr«, stotterte der
+ratlose Oldshatterhand.
+
+Da zog der Idiot das Hemd aus; sein Augenweiß wurde blutrot. Das Messer
+unter den Nabel an den haarigen Bauch gehalten, mit der Spitze nach
+vorne, berannte er seine Mutter, die, mit einem rätselhaften Blick auf
+ihren Sohn, aus der Kammer sich in Sicherheit brachte.
+
+Viehtreiber und Bräutigam lachten und schmissen den nackten Idioten auf
+des Viehtreibers Bett, wo er hocken blieb und den Brocken Brot, den er
+im Bett fand, in den Mund steckte.
+
+Oldshatterhand stand schon bei der Flurtür, mit seinem
+Segeltuchköfferchen in der Hand, und ärgerte sich, weil er für die ganze
+Woche vorausbezahlt hatte, eine Mark fünfzig Pfennige, und nichts
+zurückbekam. Da trat die Braut im Hemd aus dem Dunkel und drückte den
+mageren Oldshatterhand in ihren weichen Körper hinein. »Schreibe mir, wo
+du wohnst.«
+
+Die Kammertür wurde vom Bräutigam geöffnet. Das Mädchen huschte ins
+Wohnzimmer.
+
+ * * * * *
+
+Schon um sechs Uhr war der große Tanzsaal taghell erleuchtet und dicht
+besetzt: von Köchinnen und Ladenmädchen in hellen Sommerkleidern, von
+Handwerkern, eleganten Kommis; und die Unteroffiziere, groß, schlank, in
+knapp sitzenden Uniformen mit goldglitzernden Litzen und an die Wangen
+angepreßten Schnurrbärten waren von Leutnants kaum zu unterscheiden,
+wenn sie mit vornehmer Verbeugung die Hacken zusammennahmen und, den Arm
+ausgestreckt, den Kopf im Nacken, mit ihren Damen im Schleifwalzer
+dahinglitten.
+
+Vergoldete Stuckamoretten und posaunenblasende Schleiernymphen schwebten
+plastisch an der Decke, aus den Wänden heraus und aus allen Winkeln und
+Nischen hervor.
+
+Die Blasmusik schmetterte zum Tanze an und brach ab.
+
+Die Herren engagierten und stellten sich in die Reihe.
+
+Oldshatterhand riß sich zusammen und schritt auf eine sehr kleine, runde
+Köchin in rosa Mullkleid los, die übrig geblieben war, stand wie ein
+Stock, nur den Kopf geneigt, und sagte: »Wenn ich bitten darf.«
+
+Sie seufzte vor Freude tief auf. Ihr dickes, sommersprossiges Gesicht
+war lackrot. Staketenzaunsteif stand ihr Korsett; darin lag weich der
+kolossale Busen, weit hinten saß der Kopf, und mitten auf dem Scheitel
+klebte, in Form eines spitzen Kinderkreisels zusammengedreht das
+Haarzöpfchen.
+
+Die Blasmusik setzte ein, und ein großer, prächtiger Unteroffizier mit
+glänzenden Lackstiefeln schwebte goldglitzernd mit seiner schönen Dame
+als Erster quer durch den Saal.
+
+Seit einem halben Jahr, solange er in Dresden war, tanzte Oldshatterhand
+mit aller Leidenschaft jeden Sonntag, wenn das Geld reichte, bis in den
+frühen Morgen hinein. Seine Wangen waren fahl und seine blauen Augen
+ungewöhnlich groß geworden. Oft schmerzte ihn die Brust; er wuchs rapid,
+was eine günstige Veränderung seiner Sprechorgane zur Folge zu haben
+schien, denn er stotterte nicht mehr.
+
+Am Arm geleitete er seine Dame zum Tisch zurück und stand steif.
+»Gestatten Sie vielleicht, daß ich mich zu Ihnen setze? . . . Ich würde
+mich sehr freuen.«
+
+Sie wischte sich mit dem Handrücken die trüben Schweißperlen von der
+Stirne. »Bitte, wenn's Ihnen so gräßlich freuen tut.«
+
+»Darf ich Ihnen mein Taschentuch anbieten, mein Fräulein?«
+
+Von ihr zusammengeknäuelt, verschwand Oldshatterhands Taschentuch
+vollkommen in der Riesenhand; sie wischte sich übers Gesicht, über den
+Mund weg, daß die Unterlippe weit mit hinuntergezogen wurde und die
+breite, feuchte, zartrosa Fläche des Lippeninnern sichtbar wurde, und
+fragte zwinkernd, ob er immer so galant sei.
+
+Er verbeugte sich stumm. Oldshatterhand hatte ein hellgelbes Röckchen
+an, dessen Ärmel ihm viel zu kurz waren und dem er auch sonst stark
+entwachsen war. Seine braunen Haare über der hohen Stirne standen zu
+Berge. Die langen, feingliedrigen Finger unter dem Tisch ineinander
+verkrampft, fragte er: »Würden Sie mir erlauben, daß ich Sie nach Hause
+begleite, mein Fräulein?« Und tief erschrocken setzte er hinzu: »Sie
+dürfen nicht denken . . . ich wollte Sie nicht beleidigen.«
+
+Sie hielt Oldshatterhands Taschentuch vor den Mund und lugte darüber
+hinaus auf ihn. »Heute geht's nicht. Ich schlafe ja heute nacht im
+Zimmer meiner Gnädigen. Sie ist eben nicht ganz gesund . . . Heute
+nicht. So ist es eben.«
+
+Er starrte die Köchin an und lachte »Hi! hihiha!« plötzlich sein
+irrsinniges Lachen.
+
+»Auf zur Damenwahl!« rief der Tanzordner. Und die Köchin verneigte sich
+vor Oldshatterhand.
+
+Tags darauf, es war noch ein Feiertag, blieb Oldshatterhand auf dem Wege
+zum Tanzsaal vor dem Museum stehen. Ein Diener in Livree stand da. Wagen
+hielten vor dem Hause, Fremde stiegen aus und gingen hinein.
+
+Oldshatterhand ging auch hinein. Und auf den Zehenspitzen staunend durch
+die kühlen Säle.
+
+Nach kurzer Zeit mußte er sich erschöpft auf eine Polsterbank setzen.
+Erregt dachte er an seine Zeichnung, die er im »Zimmer« nach dem
+»Heiligen Tier« gemacht hatte, und verglich sie mit den Kunstwerken an
+den Wänden. Wirre Gedanken und Vorstellungen zogen durch sein heißes
+Gehirn, bis er, aus Angst, jemand habe ihm seine Gedanken vom Gesicht
+abgelesen, zusammenschrak. Mit gleichgültiger Miene sah er sich
+vorsichtig um.
+
+Von nun an eilte er täglich nach Feierabend ins Museum und konnte gerade
+noch zwanzig Minuten lang die Bilder ansehen.
+
+Er sparte jeden Pfennig und sammelte sein Geld in einem Zugbeutel, den
+er Tag und Nacht auf der Brust bei sich trug. Als er genug zu haben
+glaubte, ging er nicht mehr auf die Arbeit, nur noch ins Museum und sah
+stundenlang den Malern zu, wie sie kopierten. Sie kannten ihn schon und
+lächelten, wenn er kam.
+
+Immer, wenn er eintrat, betrachtete er zuerst eine kleine Landschaft,
+und wieder, ehe er das Museum verließ. Es war eine hügelige Landschaft
+mit Felderstreifen, grün und braun; ein paar blühende Apfelbäume
+dazwischen und darüber ein Gewitterhimmel, durch den die Sonne brach. Er
+liebte diese Landschaft; sie erinnerte ihn an die unterfränkischen
+Hügel.
+
+Um fünfzig Pfennige kaufte er sich einen Farbkasten mit Pinsel, und
+malte von seinem Dachfenster aus die Ansicht von Dresden.
+
+Darüber verging ihm der Winter.
+
+ * * * * *
+
+Es war ein so heißer Sommer, daß selbst ganz alte Würzburger
+Bürgersleute, die das Wasser jahrelang gerne entbehrt hatten, sich
+entschlossen, ein Bad im Main zu nehmen. Und die Kinder plätscherten den
+ganzen Tag über im Wasser herum.
+
+Der bleiche Kapitän ging von seiner Buchbinderwerkstatt nach Hause zum
+Mittagessen. Das kleine, grüne Plüschhütchen verwegen auf einem Ohr, daß
+die andere blonde Kopfhälfte freiblieb, eilte er, die Lippen mürrisch
+nach außen gestülpt, mit langen Schritten dicht an den Häusern entlang,
+daß sein Ärmel die Mauern streifte, und schien mit den Fingerspitzen,
+mit denen er bei jedem Schritt die Hausmauern berührte, den Weg hinter
+sich zu schieben.
+
+Hastig aß er sein Mittagbrot, sprang hinauf in seine Dachkammer und übte
+alle seine neu angeschafften Hanteln durch.
+
+Von drei Pfund an aufwärts, bis zu einer zweihundertachtzigpfündigen
+Scheibenhantel, lagen in der Kammer des bleichen Kapitäns in Reihen
+geordnet die Gewichte, daß sich die Balken bogen und die Decke unter der
+Kammer einzustürzen drohte.
+
+Der bleiche Kapitän hatte ein Buch gelesen: »Wie werde ich Athlet«.
+
+Und von dem Tage an war er von Grund auf verändert, rauchte nicht mehr,
+trank nicht mehr, redete nur noch das Nötigste -- er stemmte. Die Folge
+davon war ein schwerer Konflikt mit seinem Bruder, Benommen dem Wirt,
+der dunkel ahnte, daß er die Räuber als Kundschaft verlieren würde, wenn
+es ihnen einfiele, auch Athleten zu werden.
+
+Der bleiche Kapitän hob die Hanteln wieder auf das Gestell, denn die
+Mittagstunde war vorüber. Tief aufatmend, spannte er einen Zentimeter um
+seinen Brustkasten herum, notierte das Maß, kontrollierte den Muskel des
+Oberarms und konnte mit Freude feststellen, daß der Muskel seit einer
+Woche um eineinhalb Millimeter stärker geworden war. Nachdem er noch
+Unterarm- und Schenkelmuskel gemessen hatte, eilte er, ohne den Blick zu
+erheben, dicht an den Häusern entlang, seiner Arbeitsstätte zu.
+
+Auf der Domstraße traf er den Schreiber dabei an, wie er tief das
+Mädchen mit den braunen Zöpfen grüßte.
+
+Der Schreiber ging gebeugt und hatte kreisrunde Flecken auf den
+eingefallenen Wangen.
+
+»Das, was du damals gesagt hast, was man jeden Tag tun dürfe, so oft man
+nur wolle . . ., das ist das Gefährlichste, was es überhaupt gibt auf
+der Welt«, sagte der bleiche Kapitän. »Und was gar die Mädli anbelangt,
+mein Lieber, da sag ich dir: wenn du e Mädle nur ansiehst, dann kannst
+schon nimmer stemm -- so schwächt dich das. Grüß Gott.« Das war des
+bleichen Kapitäns letzter längerer Satz auf Jahre hinaus.
+
+Die Räuber kamen gar nicht mehr zusammen.
+
+Die Rote Wolke sang den ganzen Tag »Nach der Heimat möcht ich wieder,
+nach dem teuren Heimatort«, denn er war Mitglied des Jünglingvereins
+»Frischer Bursch« geworden, der auch Theatervorstellungen gab. Das
+Stiftungsfest des Vereins stand nahe bevor, das Einweihungslied war
+wochenlang geprobt worden, und die Rote Wolke sang den ersten Tenor. Der
+König der Luft war eifriger Turner und trug sich mit der Idee, zusammen
+mit einigen jungen Anhängern, die Hanteln jonglieren und auf den Händen
+laufen konnten, eine Varietévorstellung zu geben, in einem Dorfe bei
+Würzburg. Falkenauge war aktives Mitglied der Angelgesellschaft
+»Walfisch« geworden.
+
+Jeder ging seine eigenen Wege. Groß jedoch war die Bewunderung der
+Räuber, als sie vernahmen, daß der bleiche Kapitän einen Preis errungen
+hatte beim Vereinsstemmen des Athletenklubs »Muskel«, dessen Mitglied er
+war.
+
+ * * * * *
+
+Die kleine, dicke Frau Vierkant stand seit einer Stunde in der
+Würzburger Bahnhofshalle und sah hinunter in den Perrondurchgang. Hin
+und wieder wischte sie sich über die Augen, und ein Lächeln des Glückes
+entstand in ihrem verhärmten Gesicht.
+
+Als der Zug einlief, verschwand das Lächeln; in höchster Spannung der
+Erwartung und des Zweifels blickte sie hinunter in den Durchgang, durch
+den jetzt die angekommenen Reisenden eilten. Darunter ein schlanker
+junger Mann in hochmodernem, blauen Anzug und mit einer schwarz-weiß
+gestreiften Krawatte, die sich weit heraus wölbte; sein dünnes
+Spazierstöckchen mit blitzender Zinnkrücke hielt er unterm Arm, denn er
+zog eben braune Glacéhandschuhe über.
+
+Mit einer Verbeugung nahm er seinen steifen Hut ab vor Frau Vierkant,
+streckte ihr die Hand hin und lächelte.
+
+Sie reichte ihm zögernd die ihre. Und warf plötzlich die Arme über den
+Kopf.
+
+Jetzt erst hatte sie ihren Sohn Oldshatterhand erkannt; er war um mehr
+als einen Kopf größer geworden.
+
+»Einen Gummimantel hast du dir gekauft?« fragte die Mutter erstaunt.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+
+Alle Räuber waren zu Ehren des heimgekehrten Oldshatterhand in der
+Dachkammer des bleichen Kapitäns versammelt.
+
+Winnetou fehlte.
+
+Die, welche den Rauchklub gegründet hatten, mußten ihre Pfeifen vor das
+Fenster legen, denn der bleiche Kapitän sagte: »Rauch ist Gift . . . für
+einen Athleten.«
+
+Die Räuber saßen auf dem Bett. In der Ecke lehnte elegant
+Oldshatterhand. »Wie werde ich Athlet« lag aufgeschlagen auf dem Tisch.
+
+»Hast feine Mädli kenne gelernt, überall wo du warst«, fragte der fahle
+Schreiber.
+
+Oldshatterhand wippte sich los von der Wand. »In Frankfurt . . . Da
+gibt's eine Gasse. Die Rosengasse. Die ist so eng, daß man nebeneinander
+gar nicht durchgehen kann. Die Häuser sind ganz grau . . . und dunkel
+und unheimlich . . . Aber vor den Haustüren, so auf den Stufen, sitzen
+Mädchen, die Arme um die Knie geschlagen . . . seht, so sitzen sie, in
+rosaseidenen, in violetten Hängekleidern und manche in ganz roter Seide
+. . . Und wenn du durch die Gasse gehst, sehen sie dich an, lächeln sie
+dich an, rufen sie dich . . . und so halt.«
+
+»Bist neigange mit so'n Mädle?«
+
+»Hi! hihiha!«
+
+»Dann is aus mit der Kraft«, sagte still der bleiche Kapitän. »Das kann
+man an dir merk.«
+
+»Ich mach ja gar nix mit Mädli.«
+
+»Wie . . . du's machst, is ganz gleich. Wenn du überhaupt nur an sowas
+denkst, is dei Kraft scho beim Teufl.« Der bleiche Kapitän griff dem
+Schreiber an den Oberarm. »Zieh mal dei Röckle aus.« Schob dem Schreiber
+noch den Hemdärmel zur Schulter, befühlte das dünne Ärmchen und ließ es
+verächtlich sinken. »Oh, macht nur so weiter.«
+
+»Gestern hab ich 'n Hecht gefange«, sagte Falkenauge. »Von anderthalb
+Pfund.«
+
+»Kriegst vielleicht davo Kraft?«
+
+»He?«
+
+»Kraft! sag ich. Kraft is die Hauptsach auf der Welt! Jetzt will ich
+euch amal was zeig. Schaut amal alle zum Fenster naus.«
+
+»So, jetzt.«
+
+Einem weißen Riesenfrosch gleich, hockte der bleiche Kapitän nackt über
+seine Scheibenhantel zusammengekauert. Die Räuber hörten, wie er den
+Brustkasten voll Luft sog. Da schnellte der Körper in die Strecke: die
+zentnerschwere Hantel berührte die Kammerdecke. Der Kopf lag tief im
+Nacken. Eine Jünglingsstatue aus Silber, stand reglos der bleiche
+Kapitän, vom kalten Mondlicht getroffen. Das handgroße, zinnoberrote
+Tüchlein war vorgebunden.
+
+Die Hantel knallte auf den Fußboden zurück. Ein dumpfes Krachen tönte
+von unten herauf: die Decke der Wirtsstube war auf die Köpfe der Gäste
+gefallen.
+
+Die Räuber umringten ihren Hauptmann und befühlten staunend seinen
+Körper. Der war hart wie Elfenbein.
+
+Das Kreischen der Witwe Benommen näherte sich; sie riß die Tür auf und
+prallte zurück vor ihrem nackten Sohn. Mürrisch stülpte er seine
+Unterlippe hin. Die Tür knallte ins Schloß.
+
+Der bleiche Kapitän rückte das zinnoberrote Tüchlein, das sich
+verschoben hatte, wieder in die Mitte und sagte hochdeutsch: »Jetzt
+mache ich euch einen Vorschlag. Wir gründen einen Athletenklub . . . auf
+intelligenter Basis.«
+
+»Was ist das? Basis?«
+
+». . . Basis ist schon richtig«, sagte der bleiche Kapitän und legte die
+Faust auf »Wie werde ich Athlet«. »Den Namen hab ich schon. Wir nennen
+uns >Klub für intelligente Leibeszucht<. Jeden Abend kommen wir in
+meiner Kammer zusammen und stemmen . . . natürlich nackt. Das ist von
+wegen der Transpiration . . . Und das eine möcht ich euch noch sag:
+hütet euch vor den Weibern und . . . vor dem andern, nun ja, ihr wißt
+schon, was ich mein'.«
+
+»Aber ich hab ja Singprobe abends«, rief die Rote Wolke.
+
+»Kriegst amend davo Kraft?«
+
+»Kraft . . . Nein. Überhaupt, was soll das heißen: >Nach der Heimat
+möcht ich wieder<. Wenn ich mir's genau überleg . . . ich war ja noch
+gar nie aus Würzburg draußen.«
+
+»Gott, die mache sich ja lächerlich mit ihrem blödsinnigen Geplärr. Aber
+wenn ich Muskel hab, da weiß ich doch, was ich hab«, sagte der bleiche
+Kapitän und griff zum Zentimeter, nahm die Maße von den Brustkästen und
+den Arm- und Schenkelmuskeln der begeisterten Räuber, die sich hastig
+entkleideten, und registrierte alles genau in sein Büchlein.
+
+Der »Klub für intelligente Leibeszucht« war gegründet.
+
+»Jetzt trinken wir ein paar Glas Bier unten bei dein Bruder.«
+
+Verächtlich lächelnd blickte der bleiche Kapitän den Schreiber an. »Wenn
+du ein Athlet werden willst, darfst du keinen Alkohol trinken. Höchstens
+manchmal, aber nur einen Schluck. Rohes Hackfleisch mit Ei, oder
+Beefsteak mußt freß, soviel du kannst.«
+
+Die Räuber gingen hinunter in die Wirtsstube und saßen wieder auf dem
+alten Lederkanapee am runden Tisch neben der Schenke. Jeder hatte einen
+Teller rohes Fleisch, mit Ei vermengt, vor sich.
+
+Verstimmt blickte Benommen der Wirt nach den Milchgläsern auf dem
+Athletentisch.
+
+Die schöne Kellnerin war immer noch da. Ihr Leib trat stark vor. Voller
+Freude sah sie auf die wiedervereinigten Räuber.
+
+Das Gepolter in der Kegelbahn endete plötzlich. Ein schwarzhaariger
+Bursche schlich mit nach innen gerichteten Fußspitzen lautlos durch die
+Wirtsstube. Sein abgemagertes Gesicht war fleckig und ockergelb, und
+seine dunklen Augen glühten fiebrig. Erst kürzlich war er aus Hamburg,
+dem Ziel aller Würzburger Knaben, krank zurückgekehrt. Er setzte sich
+ans Fenster zu einem helläugigen, blonden Jüngling.
+
+Der Kranke begleitete mit der Gitarre und sang die zweite Stimme, kaum
+hörbar und hohl aus dem Halse heraus, der andere die erste Stimme, rein
+und voller Hingabe. Es wurde ganz still in der Stube.
+
+»Auf, Matrosen ohe!« sangen die beiden.
+
+»Auf die wogende See.«
+
+»Oo . . . heee!« sang der Zurückgekehrte dunkel und düster . . .
+
+ »Schwarze Gedanken sie wanken und fliehn,
+ Geschwind, wie der Sturm und Wind.«
+
+ * * * * *
+
+An einem schönen Sommernachmittag stieg Oldshatterhand mit seiner
+Schwester und deren Freundin, Lenchen Leisegang, die vielen hundert
+Staffeln hinauf zum Würzburger »Käppele«, an der Leidensgeschichte
+Christi vorbei, welche, von der Gefangennahme bis zur Kreuzigung, in
+vierzehn Stationen plastisch dargestellt, Sinnbild und Ausklang der
+frommen, gotischen Stadt Würzburg im Tale ist.
+
+Bürger, Bauern aus der Umgegend, alte Weiber, Rosenkränze in die dürren
+Hände verschlungen, knieten auf den Stufen und bewegten die Lippen im
+Gebet. Viele Kranke waren darunter, Katarrhalische, Schwindsüchtige,
+welche Gesundheit erbeteten. Und kleine Kinder, die den Herrgott um
+Vergebung ihrer Sünden baten.
+
+Früh um drei Uhr hatten sie das erste Vaterunser auf der untersten Stufe
+gebetet, waren knieend auf die zweite Stufe geklettert, auch diese
+abbetend, und weiter, Stufe für Stufe, bis zur ersten Station, wo drei
+Vaterunser gebetet werden mußten. Immer auf den Knien rutschend, beteten
+sie Stufe um Stufe, Station nach Station hinter sich, bis gegen Abend
+das ersehnte Ziel, der Gipfel, wo Christus am hohen Kreuze hängt,
+endlich erreicht war und sie ohnmachtnahe am Kreuzesfuß zusammensanken.
+
+Jedoch die frommen Mönche waren barmherzige Samariter, hatten eine
+Hausapotheke und halfen den Büßern wieder auf die Beine, damit sie dem
+Hochamt in der kleinen Kuppelkirche doch noch beiwohnen konnten. Und man
+sah nur verklärte Gesichter, denn die Büßer wußten, daß für den langen,
+bitterschweren Betgang auf den Knien durch Staub und Hitze der liebe
+Gott im Himmel ihre Bitte um Hilfe erfüllen werde.
+
+Die beiden Geschwister und das Mädchen stiegen an den betenden Gläubigen
+vorbei, bis zum Marienfuß. Das Mädchen probierte ihren Fuß in die
+Höhlung, von der es hieß, daß die heilige Maria hier einen Augenblick
+gerastet habe, worauf ihr Fuß in den harten Stein wie in Butter
+eingesunken sei.
+
+Die Schwester wies auf ein knieendes, uraltes Bauernweiblein, das sich
+vorsichtig umsah und, eine Stufe unterschlagend, gleich auf die nächste
+Stufe rutschte.
+
+Die drei verhielten sich reglos und beobachteten, daß die Bäuerin den
+Vaterunserdiebstahl vor der siebenten Station -- ein nackter, muskulöser
+Landsknecht mit Speer und Schamtuch preßt dem verschimpfierten Jesus die
+Dornenkrone aufs Haupt -- unter größter Vorsicht wieder beging.
+
+Lenchen Leisegang lächelte Oldshatterhand zu. Sie war vögelchenzart,
+aschblond und hatte ihr schönes, hellgelbes Sonntagskleid an.
+
+>Ich möchte einmal ganz allein mit ihr auf einer Bank im Abendgarten
+sitzen<, dachte Oldshatterhand.
+
+Unter Glockenläuten kamen sie auf dem »Käppele« an. Rund um die Kirche
+herum klebten die Verkaufsbuden, wo Kerzen zu haben waren, nicht dicker
+und länger als ein Kinderfinger, bis zu Kerzen, so dick wie ein
+Männerschenkel und zwei Meter hoch. Diese waren mit blutenden
+Muttergottesherzen aus Papier geschmückt. Wer Geld genug hatte, konnte
+eine solche Prächtige erhandeln und sie der Kirche opfern.
+
+Es gab alle Sorten Rosenkränze, Limonade, Spieldosen,
+Weihrauchpyramidchen, Wachsstöcke, Nürnberger Lebkuchen, Christusse,
+Amulette, heilige Josephsringe aus Zinn für zehn Pfennige. Auch ein
+Schnäpschen war zu haben.
+
+Ein Knabe deutete hinunter ins blaue Tal, durch das der sonnengoldene
+Main zog. Langbärtige Mönche mit klappenden Sandalen schritten durch die
+verstaubte Menge.
+
+Aus der gedrängt vollen Kirche tönte das silberne Klingeln der
+Ministranten. Alle Menschen fielen auf die Knie; das Gebetsgemurmel
+erklang.
+
+Die Kerzenweiber schlugen das Kreuz mit der einen Hand, mit der linken
+nahmen sie den Kaufpreis entgegen und stritten sich verzweifelt mit den
+Bauern herum, welche die billigen Kerzen nicht kaufen wollten, für die
+teueren, dafür aber wahrscheinlich auch mehr Gottessegen eintragenden
+prächtigen Riesenkerzen nur den halben Preis boten, stundenlang
+feilschten, um sie dann befriedigt der heiligen Mutter darzubringen.
+
+Die zwei Mädchen und Oldshatterhand standen vor einer Bude, wo an
+Schnüren kleine Arme hingen, Beine, Herzen, Ohren, Hände -- aus Wachs,
+die man kaufen und seinem Schutzheiligen opfern mußte, damit das kranke
+Bein, das Ohr, das Herz gesund werde.
+
+»Soll ich mir ein Wachsärmchen kaufen?« fragte die Schwester. Sie hatte
+einen vom Knochenfraß steif gebliebenen Arm. »Es könnte ja nix schad.
+Vielleicht hilft's.«
+
+»Ich glaub nit, daß es was hilft«, meinte Oldshatterhand.
+
+Da trat die Menge, »Gelobt sei Jesus Christus« murmelnd, zur Seite:
+neben einem hohen Mönch kam Winnetou geschritten in der weißen
+Ministrantenstola, das qualmende Weihrauchfaß schwingend.
+
+Erfreut wollte Oldshatterhand ihn anrufen, und schwieg betroffen, denn
+Winnetou senkte den Kopf und ging vorüber.
+
+Die Mönche auf dem Käppele hatten einen Bernhardinerhund. Der lief jeden
+Tag ohne Begleiter die vielen hundert Stufen hinunter und noch eine
+halbe Stunde weit durchs Maintal zum Weinwirt und Bäckermeister
+Schlauch, der erst kürzlich eine Mutter Gottes aus Gips gestiftet hatte,
+und holte einen Sack voll Morgensemmeln für die Mönche. Man erzählte
+sich, der Hund habe schon sieben Menschen das Leben gerettet. Es war ein
+großes, schönes Tier, dem ein Auge fehlte.
+
+Der Wunsch, Wärter und Pfleger dieses von den Mönchen geliebten und
+verehrten Tieres zu werden, war nur der äußerliche Anlaß für Winnetou
+gewesen, sich den Mönchen zu nähern, nachdem die unverhoffte Güte der
+Mutter in ihrer Sterbestunde ihn gottesfürchtig gemacht hatte. Von der
+Mystik des Klosters angezogen und gefesselt, hatte er späterhin auch
+manche Nacht bei den stillen Mönchen verbracht. Oft durfte er jetzt
+schon den kränkelnden Bruder Anastasius vertreten, in der kühlen Zelle
+hinter dem Barmherzigkeitsfenster sitzen und den armen Kindern aus der
+Stadt das durch ein Vaterunser erbetete Stück Klosteranisbrot reichen.
+Die Kinder kannten ihn schon, denn Winnetou schnitt tief in den Brotlaib
+hinein. Auch machte er sich nichts wissen, wenn sie am selben Tage zwei-
+oder gar dreimal kamen. Und war ein Lutherischer unter den Bittenden,
+der das katholische Vaterunser nur so ein bißchen mitbrummen konnte,
+dann ließ er auch das gelten.
+
+Winnetous dunkle Augen im edlen Jünglingsgesicht waren von tiefer Bräune
+umschattet. Auf der Oberlippe hatte er vereinzeltstehende, lange,
+schwarze Haare. Seit einiger Zeit lebte er ganz bei den Mönchen. Einen
+Beruf hatte er nicht.
+
+Die drei verließen den Kirchplatz und schritten durch einen Hohlweg, an
+Weinbergen vorbei.
+
+Die Schwester hatte sich doch ein Wachsärmchen gekauft und es am
+Opferaltar aufgehängt. Vielleicht würde sich die Wunde an ihrem steifen
+Arm wenigstens schließen, meinte sie.
+
+Die Wunde war wieder aufgebrochen vor einigen Jahren, als Herr Mager,
+der damals Lehrer der Mädchenklasse gewesen war, der Schwester mit dem
+Rohrstock sechs heftige Schläge auf die Hand gegeben hatte, obwohl er
+von dem kranken Arm unterrichtet gewesen war.
+
+Man hatte ihm daraufhin die Mädchenklasse genommen und seinem nie
+ruhenden Rohrstock die Knabenklasse ausgeliefert. Aber die Wunde am Arm
+der Schwester war seither offen geblieben, obgleich die Frau Vierkant
+auf den Rat einer weisen Alten hin, ein Knochenstückchen, das bei der
+nötig gewordenen Operation aus dem Ellbogengelenk herausgeschnitten
+werden mußte, einem Straßenhund zu fressen gegeben hatte.
+
+»Wird der Hund nur krank von dem Knochen, dann schließt sich wenigstens
+die Wunde«, hatte die weise Frau gesagt; »stirbt er aber an dem Knochen,
+dann wird der steife Arm wieder beweglich, wie jeder andere.«
+
+Der Hund hatte das schlechte Knöchlein gefressen, war aber ganz gesund
+geblieben.
+
+Versonnen schritt die Schwester weiter.
+
+Neben Lenchen Leisegang, die sich an einem Stacheldrahtzaun ein Loch in
+ihr Sonntagskleid gerissen hatte und bekümmert dreinsah.
+
+»Das können Sie wieder schön zustopfen«, tröstete Oldshatterhand. Und
+nach einer Weile: »Man muß eine Fußreise machen . . . um die ganze Welt,
+und alle Stacheldrahtzäune, die es überhaupt gibt, zerstören. Eine Zange
+mitnehmen, die Drähte durchzwicken und die Zäune auf die Seite schaffen
+. . ., daß sich kein Mensch mehr einen Triangel ins Kleid reißen kann.
+Stacheldrahtzäune sind doch hundsgemein und hinterlistig!«
+
+Ein Bauer ging vorbei mit einem quiekenden Ferkel im Arm. Seine Bäuerin
+stolperte betend hinter ihm drein. Ein paar barfüßige Jungen, auf der
+Flucht vor dem Feldhüter, rannten die Bäuerin fast um. Ein ganz Kleiner
+warf die gestohlenen Äpfel weg, zog einen Dorn aus der Fußsohle und
+hinkte heulend weiter.
+
+Auf der Berghöhe erschien der Feldhüter und sein kleiner, weißer
+Spitzhund. »Haben Sie gesehen, wo die verdammten Lausbuben naus sind?«
+
+»Da hinaus!« zeigte Oldshatterhand in die falsche Richtung.
+
+Sie stiegen wieder stadtwärts, durch die Annaschlucht hinunter, einer
+noch vor wenigen Jahren verwildert gewesenen Felsenbergschlucht, durch
+die eine starke Quelle ins Tal hinabgestürzt war. Der Würzburger
+Verschönerungsverein hatte nach langem Ringen mit der störrischen Natur
+aus dem Ganzen ein Idyll geschaffen: kleine trübe Seechen mit zwei
+Dutzend Goldfischchen bevölkert; Brückchen aus krummen Birkenästen, noch
+mit der weißen Rinde, überspannten die gezähmte Quelle;
+Birkenholz-Aussichtshäuschen, Birkenholz-Aussichtsbänke, Wegweiser,
+Gedenk-, Erinnerungs- und viele Warnungstafeln aus Birkenholz
+verschönten die Landschaft.
+
+Sie saßen auf einer Birkenholzbank, auf der zu lesen war: »Gestiftet von
+Herrn Kilian Nikodemus Anastasius Pimpf, Stadtpfarrer in Würzburg.«
+
+»Ihr paßt gut zueinander«, sagte die Schwester zur Freundin, die
+verwirrt aufstand und vorausging.
+
+»Es is halt e dummes Mädle. Sieht sie einer nur an auf der Straß, dann
+möcht sie glei durchs Pflaster in Erdbode neifahr . . . Und du . . . du
+bist auch ein dummer Kerl. Die ganze Zeit, solang du fort warst von
+Würzburg, ham wir jed'n Tag von dir gesprochen. Und noch ehe sie dich
+gesehen hat, war sie schon so verliebt in dich . . . Aber so verliebt!
+Wenn du jetzt nit so dumm wärst . . .«
+
+»Ich bin ja gar nit so dumm . . . Hi! hihiha!«
+
+Da sah Oldshatterhand eine mächtige, blutrote Wolke, auf der ein
+silberner Engel stand, und sagte es der Schwester. Auch daß die Wolke
+mit dem stillstehenden Engel jetzt fortschwebe.
+
+Im Tannenwald im Tale stand Lenchen Leisegang hell vor einem
+Haselnußstrauch. Der Wald roch stark, und die Stämme, von der Abendsonne
+beschienen, leuchteten rot.
+
+»Henkeln Sie ein bei mir«, sagte Oldshatterhand und verbeugte sich.
+
+Sie tat es, mit einem prüfenden Blick auf die Schwester. ». . . Da!« Und
+stieß ihm ihren Feldblumenstrauß in die Hand.
+
+So gingen sie nach Hause.
+
+ * * * * *
+
+»Greif amal her!« brachte der König der Luft vor Kraftanstrengung gerade
+noch heraus und ließ Falkenauge seinen Oberarmmuskel befühlen. »Wie is
+er?«
+
+». . . Kolossal hart! Und meiner?« Falkenauge stand im Ausfall. Der
+König der Luft griff ihm an den Oberarmmuskel und sah dabei prüfend in
+den Himmel. »Also, wie Felsen! Also und wahrhaftig! Also aber gehen
+wir.«
+
+Sie schlenderten durch die vordere Fischergasse. Im Garten »Zur schönen
+Mainaussicht« standen flüsternde Weiber und stillgewordene Kinder um
+einen aufgebahrten Sarg herum.
+
+Die zwei drängten sich durch und wurden auch still.
+
+Blütenweiß lag die blonde Wirtstochter im Sarg. Nur ihr Mund war rot und
+lächelte hold, wie wenn sie im Traum eine Kerze zerschnitte, um für die
+Tanzenden den Boden zu glätten.
+
+Die Abendsonne warf rosigen Schein über sie, und die Vögel pfiffen im
+Kastanienbaum, unter dem das Fell des Bernhardinerhundes ausgebreitet
+war. Es hatte große enthaarte Stellen.
+
+Die Kriechende Schlange saß auf dem Baume, im Laub versteckt, und zielte
+mit einer stacheligen Kastanie einer Alten auf den Scheitel, traf aber
+seiner toten Schwester ins Gesicht, so daß drei Blutströpfchen auf der
+Wange der Toten hervortraten. Speichelbläschen zwischen den Lippen,
+beobachtete er, wie es um den Sarg herum ganz still wurde.
+
+Der rote Fischer ging grimmig an den Weibern vorbei in die Wirtsstube.
+Der blonde Sachse und das kleine, schöne Waisenmädchen saßen schon
+drinnen und tranken grünen Likör.
+
+Diese drei waren seit langer Zeit die einzigen Gäste, denn die »Schöne
+Mainaussicht« war in Verruf geraten: der Pfarrer hatte von der Kanzel
+herunter seine Pfarrkinder gewarnt vor dieser Wirtschaft.
+
+Der Fischer vernachlässigte den Fischfang; Tag und Nacht saß er bei der
+Wirtin. Niemand kaufte Fische von ihm -- er hatte vergessen, am
+Gründonnerstag mitzuwallen.
+
+Die Wirtin stand hinter dem Schanktisch und drückte ein Zuckerplätzchen
+in ihr verquollenes Gesicht, in dem der Mund gar nicht mehr zu sehen
+war.
+
+»Da stehn sie um Sarg rum wie die Maulaffe! Jag sie doch zum Teufl!«
+schimpfte der Fischer und hob die Arme. »Heilige Maria und Joseph! so a
+Gaudi. Wer tot is, den beißt ke Floh mehr. Grad komm i vom Pfarrer; er
+hat g'sagt: ich will mir das Ganze noch einmal vom kirchlichen
+Standpunkt aus überlegen . . . Will der damische Hundsknoche dem tote
+Mädle ke christlichs Begräbnis geb. No, i hab 'n mei Meinung
+mitgeteilt.«
+
+»Aber wunderschön liegt sie im Sarge. Das greift mir direkt an das
+Herze«, sagte der Sachse.
+
+»Jau, Herze!«
+
+Die Wirtin lief hinaus zum Sarg und versuchte noch einmal, die Hände der
+Toten zu falten. Die Hände waren aber schon steif.
+
+Die Kriechende Schlange kletterte schnell und ungesehen vom Baum
+herunter, schlich in die Wirtsstube, hinter den Schanktisch, und stahl
+aus der Geldschublade eine Handvoll Nickelstücke.
+
+Die Wirtin verjagte den Spatz, der immer wieder vom Kastanienbaum
+herunter auf das Hundefell plumpste und, mit ein paar Haaren im
+Schnabel, auf den Baum zurückflog, wo er sich sein Nest baute. Sie griff
+ins Fell, hatte die Hand voll Haare, schüttelte den Kopf und ging zurück
+in die Wirtsstube, während die tuschelnden Weiber die Köpfe
+zusammensteckten und auf die Tote deuteten, die jetzt zerfallen aussah
+im kalten Licht, denn die Sonne war untergesunken.
+
+»Sie war heut scho dreimal bei unserm Herrn Pfarrer,« sagte eine Alte,
+»aber er kommt nit.« Die Alte flüsterte der anderen noch etwas ins Ohr.
+
+Da näherten sich scharrende Schritte und rasselnder Atem. Der
+großmächtige Pfarrer im Ornat kam die Treppe herauf, mit den
+Ministranten und dem hinkenden Flickschneider.
+
+Der Duckmäuser reichte das wolkende Weihrauchfaß. Der Pfarrer schwang es
+über die Tote. »Vor der Pforte der Hölle bewahre ihre Seele. Dominus
+vobiscum. Et cum spiritu tuo.«
+
+Die Weiber waren auf die Knie gesunken.
+
+Unter der Wirtschaftstür stand der rote Fischer, die Mütze vor der
+Brust.
+
+ * * * * *
+
+Mit seinem Malgerät und einem angefangenen Bild eilte Oldshatterhand am
+Mainufer entlang, bis zu dem Weidenbusch am kleinen See, wo er damals
+zum Schreiber und zum bleichen Kapitän gesagt hatte: >Ihr geht also nit
+mit! Ihr Feigling, habt die ganze Jahr her nur geloge?<
+
+Die Sonne stand hoch überm Wald, der die Weinberge umsäumt. Der Fluß
+glitt breit dahin. Es roch nach Wiese, Wasser und Weide, im ganzen Tal
+war kein Mensch, und der kleine See lag klar und blau, wie ein Auge der
+Erde.
+
+Oldshatterhands Blick flog vom Weidenbusch zum Bild; er hatte kein
+Blättchen vergessen. Malte mit Sorgfalt und Begeisterung den goldigen
+Rücken einer Hummel fertig, die gekrümmt an einem Zweige hing.
+
+Aber nur mit großer Angst wagte er an der sitzenden Gestalt etwas zu
+verändern, die er unter den Busch gemalt hatte -- ein Mädchen, zum Baden
+bereit, dem das blonde Haar aufgelöst in den Schoß fiel.
+
+Hoch am Himmel über dem Fluß zog ein Fischreiher gemessen seine Kreise,
+sauste unvermittelt mit ein paar Flügelschlägen davon; schnell hat ihn
+die blaue Ferne genommen.
+
+Als Oldshatterhand nach einer kurzen Weile aufs neue den Blick erhob,
+hing der Reiher schon wieder still, aus Gold, am blauen Himmel über dem
+Flusse.
+
+»Hi! hihiha!« lachte Oldshatterhand sein kurzes, irrsinniges Lachen und
+malte in gotischer Druckschrift den Namen des blonden Mädchens unter das
+fertige Bild: »Helene, in ewiger Verehrung«, übermalte das Wort
+Verehrung wieder und schrieb anstatt dessen, »In ewiger Liebe«.
+
+»Oo . . . ha hööö . . . ö!« klang es langgezogen vom Fluß her. »Höö
+. . . ö!« warf das Echo zurück: drei barfüßige Schiffszieher mit nackten
+Oberkörpern, hintereinander gespannt und schräg gegen den Boden
+gestemmt, kamen am Ufer herauf. Auf dem äußersten Ende des Lastschiffes,
+das sich wie von selbst den Fluß langsam aufwärts bewegte, stand ein
+kleiner, weißer Spitz und bellte. Das klang aus der Ferne wie das Quaken
+eines Frosches.
+
+Abends um acht Uhr stand Oldshatterhand in der Eichhornstraße und
+wartete auf Lenchen Leisegang. Wie jeden Tag seit zwei Monaten.
+
+Ein warmer Regen ging nieder und schlug Männchen in den Lachen, in denen
+sich das Licht der Laternen brach.
+
+Gegenüber, unter einem beleuchteten Muttergottesbildwerk, stand ein
+dicker Infanterieoffizier, der auf die sehr schöne, vollbusige Schwester
+des Glasermeisters Johann Jakob Streberle wartete. Sie war auch Näherin
+und im selben Geschäft wie Lenchen Leisegang.
+
+Oldshatterhand hatte seinen Gummimantel an.
+
+Er ging auf und ab und freute sich. Das Bild hielt er unter dem Mantel
+versteckt.
+
+Plötzlich, wie wenn jemand »da!« sagt und die Gesellschaft aufhorcht,
+wurde es still -- der Regen hatte geendet.
+
+Lenchen Leisegang erschien unter der Haustür, blickte mürrisch in den
+Himmel, lächelnd auf Oldshatterhand und stieg auf den Zehenspitzen durch
+die Regenlachen über die Straße.
+
+Eine Abteilung Soldaten kam marschiert. »Augen rechts!« brüllte der
+Sergeant. Die Gemeinen hieben in die Regenlachen ein, daß der Dreck hoch
+aufspritzte und der eifrig abwinkende Offizier ängstlich seinen Mantel
+zusammennahm, während das schöne Fräulein Streberle mit wiegender
+Hüftbewegung auf ihn zuschritt.
+
+Wo die Anlagen beginnen und die Laternen enden, verbeugte sich
+Oldshatterhand und sagte: »Bitte, henkeln Sie ein bei mir.«
+
+»Jetzt sowas«, erwiderte sie und tat es.
+
+Da gab er ihr das Bild. Sein Herz klopfte rasend. »Es ist nichts
+Besonderes. Nichts. Ich hab's halt so gemalt«, sagte er gleichgültig.
+
+»In eeewiger Liebe!« rief sie, laut lachend vor Verlegenheit. »In
+eeewiger Liebe.«
+
+Vor der Haustür hielten sie sich bei den Händen und blickten zu Boden.
+
+»Wäre es möglich, daß Sie mir einen Kuß geben?«
+
+»Jetzt sowas«, sagte sie und trat ins Haus.
+
+Er ging ganz langsam weg.
+
+»Auf Wiedersehn!« rief sie und warf ihm eine Kußhand nach.
+
+Er lief die dunkle Straße hinunter. Da zwang ihn ein unbekanntes Gefühl,
+stehen zu bleiben: er sah den weißen Körper des Mädchens, und der
+Wunsch, der bis jetzt nur in Träumen ihn bedrängt hatte, diesen kleinen
+Körper mit der Hand zu liebkosen, stieg zum ersten Male bewußt in ihm
+auf. Plötzlich verlor er die Empfindungsfähigkeit so vollkommen, wie
+wenn sein Körper blutleer geworden wäre, sah gleichzeitig die Hurengasse
+von Frankfurt. Und brüllte: »Gemein! Ich bin gemein!«
+
+Im Zimmer bei der Frau Vierkant saß die kolossale Braut des
+Schlossergesellen Faulbank steif auf dem Kanapee, als Oldshatterhand
+eintrat.
+
+Draußen sangen Wind und Regen. Die Frau Vierkant mahlte Kaffee.
+Oldshatterhand begann an dem Bildnis zu arbeiten, welches er, als sein
+Hochzeitsgeschenk, von der Braut anfertigte.
+
+»Frau Vierkant, ich sag Ihne, ich hab eine solche Angst davor. Ich hab's
+ihm schon g'sagt . . . ich tu's nit. Nie! Lieber heirat ich nit.«
+
+»No, jetzt so dumm.« Die Frau Vierkant lachte. »Jetzt geht ihr acht Jahr
+mitnander. Dumms Mädle.«
+
+»Ich tu's nit. Nie! Nie!« Die Braut riß die Augen auf. »Muß denn das
+sein?«
+
+»Sie müssen stillsitzen«, sagte Oldshatterhand und punktierte mit der
+nadelscharfen Bleistiftspitze die unzähligen schwarzen Poren auf sein
+Blatt, mit peinlichster Genauigkeit. Bis die Braut, neugierig, was
+Oldshatterhand da steche, sich über die Zeichnung beugte und ärgerlich
+rief: »Jetzt so ein frecher Kerl! Das laß ich mir fei nit g'fall.«
+
+»Ich muß doch alles zeichnen, was da is«, verteidigte sich
+Oldshatterhand, und schattierte aufs sorgfältigste den großen Pickel am
+linken Augenlid der Braut fertig, trank schnell seine Kaffeetasse leer
+und eilte zur Übungsstunde in den »Klub für intelligente Leibeszucht«.
+
+Sein Gehirn hatte gar nicht aufgenommen, vor was die Schlosserbraut sich
+so sehr fürchtete. Nur die Worte hatte er gehört, aber vor Grauen,
+diesen Gefühlen gegenüber, den Worten ihren Sinn nicht gegeben. Viele
+Monate lang litt er unter dem Glauben, gemein zu sein.
+
+Die Räuber waren schon in der Kammer des bleichen Kapitäns versammelt.
+Alle waren nackt, und jeder hatte ein handgroßes, zinnoberrotes Tüchlein
+vorgebunden.
+
+Eine Nachtigall schlug im Kastanienbaum. Der Schreiber warf einen
+Dachziegel nach ihr. Sie störte bei der Arbeit.
+
+Einer lag auf dem Bauche und drückte so den Körper auf und ab; der
+andere tat dasselbe rücklings. Der König der Luft kreiste zwei kleine
+Hanteln und mahlte mit den Zähnen. Die Rote Wolke stand auf den Händen,
+die Fußspitzen bei der Kammerdecke; das Blut lief ihm in den Kopf, er
+atmete schwer. Der bleiche Kapitän, mit der Uhr in der Hand,
+kontrollierte die Zeit.
+
+Der Schreiber stöhnte.
+
+»Still!« rief der bleiche Kapitän wütend.
+
+Die Nachtigall schlug wieder im Kastanienbaum.
+
+Schweigend übten die Räuber weiter. Alle waren mager und begeistert, und
+alle stellten sich möglichst immer so, daß die Hinterteile nicht zu
+sehen waren, denn die waren nicht mit roten Tüchlein verhängt.
+
+Der bleiche Kapitän sprach nur das Allernotwendigste. Ja, nein, und grüß
+Gott. Seine Wangen waren schmal und seine Brust war kolossal breit
+geworden. Er sah gefährlich aus, wenn er, die Arme athletenhaft im Bogen
+haltend, die Unterlippe vorgeschoben, ganz nahe an den Häusern
+hinstrich, das grüne Plüschhütchen verwegen auf dem Ohr.
+
+»Hanna! Hanna!« rief eine Männerstimme im Wirtschaftsgarten, »Bier!
+Bier!« und sogleich ertönte das keifende Schimpfen der Witwe Benommen
+mit der schönen Kellnerin.
+
+Der bleiche Kapitän kontrollierte die Maße der Räuber und notierte alles
+ins Büchlein.
+
+Es stellte sich heraus, daß des Schreibers Oberarm um drei Millimeter an
+Umfang zugenommen hatte.
+
+Am andern Morgen ging der Schreiber, voller Verachtung gegen Eleganz und
+Mädchen, die Arme athletenhaft vom Körper weghaltend, den Hut auf einem
+Ohr, ohne Halskragen ins Bureau.
+
+»Herr Widerschein . . . das geht nicht«, sagte Herr Karfunkelstein, »Sie
+sind doch kein Stromer. So laufen die Tagediebe herum, die Strizzi, die
+Vierröhrenbrunnensteher . . . Herr Widerschein, einmal habe ich Sie
+herausgerissen durch meine Verteidigung. Wenn Sie wieder in eine Patsche
+kommen, gelingt es mir vielleicht nicht noch einmal . . . Einen Kragen
+müssen Sie anhaben im Bureau.«
+
+Da erschien der Schreiber wieder mit einem Halskragen, den er jedoch,
+wenn er das Bureau verließ, in die Tasche steckte, um, den Hut verwegen
+auf dem Ohr, die Arme athletenhaft vom Körper weghaltend, den Heimweg
+anzutreten.
+
+ * * * * *
+
+Oldshatterhand stand im Schatten des heiligen Totnan auf der alten
+Brücke und malte das sonnige Bild vor sich -- das alte Rathaus und die
+Domstraße mit dem Dom, der sie abschließt.
+
+Schon eine Weile sah ihm ein feingekleideter Herr mit am Kinn
+ausrasiertem, langem, weißem Bart bei der Arbeit zu. Er hatte ein
+Monokel vor dem Auge.
+
+»Wollen Sie mir das Bildchen abgeben?« fragte der Fremde freundlich.
+
+Oldshatterhand zitterten die Knie. Schwindlig vor Scham, beugte er sich
+über seine Arbeit und brachte kein Wort hervor.
+
+»Ich möchte das Bildchen gerne haben, zum Andenken an Würzburg.«
+
+»Ich geb's Ihnen!«
+
+»Und wieviel soll das Bildchen kosten?«
+
+»Kosten?« -- -- --
+
+Ein Bierwagen polterte während der langen Pause vorüber; der Kutscher
+beugte sich vor, um das Bild sehen zu können.
+
+»Vielleicht . . . eine Mark?«
+
+Der alte Herr lächelte, nahm aus seiner Brieftasche eine Visitenkarte
+und ein Scheckformular und füllte es aus. »Nehmen Sie das. Und malen Sie
+fest weiter. Das schöne Bildchen senden Sie mir ins Hotel Kronprinz,
+bitte.«
+
+Vorsichtig sah Oldshatterhand sich um, ob niemand den Bilderhandel
+beobachtet hatte, und blickte dann dem Fremden nach, solange er ihn
+sehen konnte.
+
+Als man ihm in der Bankfiliale drei Zwanzigmarkstücke gab, sah er wie
+ein Irrsinniger den Beamten an und konnte kein Glied rühren.
+
+Sofort ging er in ein Papiergeschäft. »Packen Sie dieses Kunstwerk
+vorsichtig ein und bringen Sie es ins Hotel Kronprinz. Sie wissen doch
+-- das vornehme Hotel am Residenzplatz. Dort geben Sie es ab, für
+Freiherrn von Habenberg. Mit einer Empfehlung von Michael Vierkant
+. . . Das bin ich. Sie müssen sehr vorsichtig sein, das Kunstwerk hat
+einen Wert von sechzig Mark.«
+
+Geblendet von seinem Glück stand er auf der Straße. Die Vorstellungen
+seines künftigen Künstlerruhmes jagten, übergipfelten einander, bis ins
+Ungemessene.
+
+Mit einer Zigarrenschachtel unterm Arm stieg er den Schloßberg hinauf
+und begann in den alten Schießgräben der Festung nach Blei zu graben, um
+gleich noch etwas dazu zu verdienen: die Idee, Geld zusammenzuraffen, um
+Künstler werden zu können, hatte in Oldshatterhand feste Form gewonnen.
+
+Das Bleigraben war verboten, obgleich nur sehr wenig da zu finden war,
+denn vor vielleicht fünfzig Jahren war das letztemal hier geschossen
+worden, und viele Generationen Knaben hatten sich seither am Blei
+bereichert.
+
+Er hatte aber doch schon ein paar Pfund plattgedrückte Flintenkugeln
+gefunden, als plötzlich ein Infanterieoffizier hinter einem
+Brombeerbusch hervortrat. »Was machen Sie da!«
+
+»Ich . . . grabe Angelwürmer.« Er hielt dem Offizier einen langen Wurm
+zur Ansicht hin. Der Offizier legte grüßend die Hand an die Mütze und
+ging weiter.
+
+Er selbst hatte vor zwanzig Jahren als Gymnasiast in den Schießgräben
+Blei gesucht und es verkauft beim Lumpenhändler Ei, der auch
+Oldshatterhands Abnehmer war und elf Pfennige für das Pfund gab, einen
+Pfennig mehr als alle anderen Händler, und nie fragte, woher das Blei
+kam.
+
+Herr Lumpenhändler Ei war ein vorurteilsloser Mann und reich. Und sein
+Sohn war Korpsstudent bei der feudalsten Würzburger Verbindung.
+
+Am selben Abend sagte Lenchen Leisegang, als sie in den dunklen Anlagen
+Oldshatterhands Arm genommen hatte: »Mein Vater soll einen Hilfsdiener
+bekommen, weil er schon alt ist und nicht mehr alles allein tun kann
+. . . Wenn Sie wollen, bitte ich ihn, er möge Sie nehmen.« Herr
+Leisegang war seit fünfundzwanzig Jahren Klinikdiener im Würzburger
+Juliusspital.
+
+Oldshatterhand war sehr verlegen, sagte aber zu.
+
+». . . Sechzig Mark monatlich bekommen Sie und viele Trinkgelder.«
+
+Entrüstet zog er seinen Arm aus dem ihren. »Ich nehme keine
+Trinkgelder!«
+
+Da fühlte er ihre Lippen auf den seinen und sah ihr betroffen nach, wie
+sie durch die dunkle Anlage davonsprang.
+
+ * * * * *
+
+Oldshatterhand stand im Laboratorium der Klinik neben einem
+quittengelben Japaner. »Die Japanerinnen sind aber nicht schön. Gefallen
+Ihnen die deutschen Mädchen nicht auch unheimlich viel besser?«
+
+Die Lippen des Japaners öffneten sich zu einem lautlosen Lächeln, so
+weit, daß seine festen Zahnreihen, zwischen denen stets eine Zigarette
+hing, und noch die zartrosa Zahnfleischbogen sichtbar wurden. »Mir
+gefallen die japanischen Mädchen viel besser«, sagte er und goß aus
+einem Meßzylinder Urin durch die Filter.
+
+Seit einem Jahre untersuchte der Japaner geräuschlos und mit größter
+Geduld die Urine des ganzen Spitals, rauchte unzählige Zigaretten dabei
+und wurde von dem berühmten Kliniker, Geheimrat von Leube, sehr
+geschätzt. Oldshatterhand schleppte für ihn bereitwilligst die
+Untersuchungsstoffe zusammen. »Es gibt aber doch kein einziges blondes
+Mädchen in Japan. Und deshalb verstehe ich nicht -- -- --. Warum sind
+die Japaner eigentlich alle so kohlschwarz?«
+
+»Weil schon die Säuglinge jede Woche rasiert werden. Der ganze Kopf. Das
+macht schwarze Haare. Der ist am schönsten, der ganz schwarz ist.«
+
+Neben dem Japaner arbeitete ein Türke mit aufgeschwemmtem Gesicht.
+Oldshatterhand sah ihm eine Weile zu. »In der Türkei kann einer hundert
+Frauen haben?«
+
+Der Türke lächelte.
+
+»Und Treue gibt's in der Türkei überhaupt nicht?«
+
+»Treue?« fragte der Türke und stieß einen Ballon voll Alkohol um. Er
+brachte nie etwas zustande, begann viel und beendete nichts. Aber
+Geheimrat von Leube liebte es, daß Ausländer in seinem Laboratorium
+arbeiteten.
+
+Oldshatterhand wischte den verschütteten Alkohol auf. »Wenn aber jede
+Frau zehn Kinder bekommt, dann ist so ein Türke Vater von tausend
+Kindern? . . . Tausend Kinder in einer Familie?«
+
+Der Türke lachte, daß seine Hängewangen zuckten. »Deshalb haben auch
+fast alle Türken nur eine Frau. Nur wer ganz viel Geld hat, kann auch
+mehr Frauen haben . . . Die Frauen sind kostbar und haben es gut bei uns
+. . . Nicht so wie die deutschen Frauen.«
+
+Herr Leisegang schritt durch das Laboratorium und blickte streng umher.
+Herr Leisegang war klein und hatte ein Holzbein, so daß man ihn schon
+von weitem kommen hörte.
+
+Die Doktoren schielten ängstlich nach ihm hin und beugten sich
+interessiert über ihre Arbeiten. Oldshatterhand spülte eifrig
+Reagenzgläser.
+
+Herr Leisegang war der Tyrann des ganzen Spitals. Der Herr Geheimrat
+hätte lieber seine Assistenzärzte weggeschickt, als seinen treuen und
+geschickten Diener entlassen.
+
+Oldshatterhand wurde es ungemütlich zumute bei dem Gedanken, Herr
+Leisegang könne erfahren, wer seine Tochter täglich nach Hause
+begleitete, denn es war im ganzen Spital bekannt, daß Herr Leisegang
+sich entschlossen hatte, sein Lenchen mit einem Assistenzarzt zu
+verheiraten. Daß dieser dann Geheimrat werden würde, dafür wollte Herr
+Leisegang schon sorgen.
+
+Oldshatterhand mußte eine Kiste, die aus Rußland angekommen war, für
+Herrn Leisegang öffnen. Eine große Kiste, vielfach verschnürt und
+versiegelt. Obenauf lag Holzwolle, dann kam Heu, dann ein
+Leinwandbündel, in dem, dick von Watte umpolstert, ein kleines
+Fläschchen lag. -- Eine russische Fürstin hatte ihren Urin an den
+berühmten Kliniker zur Untersuchung gesandt.
+
+»Weg mit dem Mist! Her mit dem Stoff!« rief Herr Leisegang. »Da will ich
+doch aber gleich einmal sehen! . . . Von einer Fürstin?« Er roch in das
+Fläschchen, hielt es gegen das Licht und goß eine Probe vom Inhalt ins
+Reagenzglas. »-- -- -- Eiweiß hat die Fürstin nicht.« Er nahm noch eine
+Probe in ein zweites Reagenzglas. »-- -- -- Jetzt sowas! . . . Belästigt
+das Weibsbild unsern Herrn Geheimrat . . . Zucker hat sie auch nicht.
+Glaubt, weil sie eine Fürstin ist. Da muß ich aber doch gleich dem Herrn
+Geheimrat das Resultat mitteilen.« Erbost stelzte Herr Leisegang aus dem
+Laboratorium.
+
+Der Herr Geheimrat schien anderer Meinung gewesen zu sein: eine Woche
+später traf die Fürstin in Würzburg ein, mit großem Gefolge. Sie war
+siebenundachtzig Jahre alt und mußte getragen werden.
+
+Oldshatterhand bemühte sich um den weißen Foxterrier, der in einen engen
+Käfig eingesperrt war. Man hatte ihn mit Veitstanzgift geimpft. Seit
+Wochen drehte er sich im Kreis, schnell und unaufhörlich. Ein
+irrsinniger, weißer Kreis.
+
+Der Türke wollte eine Blutarbeit beginnen. Oldshatterhand ging ins
+Schlachthaus, um frisches Schweine- und Ochsenblut zu holen.
+
+Die Schweineschlachthalle war nicht groß. Oldshatterhand stand neben dem
+Kessel, in dem das siedende Wasser dampfte.
+
+Eine Partie Schweine wurde über die Schwelle hereingetrieben; sie
+tappten ängstlich grunzend, die Schnauze suchend am Boden. Die bei den
+Türpfosten stehenden Metzgerburschen ließen die schon erhobenen
+Holzklöpfel auf die Schweinestirnen niedersausen; es krachte, wie wenn
+ein Hund Knochen zerbeißt. Erstaunt anklagendes, aus voller Kraft
+kommendes Schreien durchschnitt Oldshatterhands Gehör, und ebbte
+kläglich ab. Die Tiere taumelten, fielen, und noch lebenzuckend, von
+zwei Metzgerburschen geschwungen, platschten sie in den Kessel, hinein
+in das siedende Wasser. Nur so, noch auf der Schwelle vom Leben zum
+Tode, lassen sich die harten Schweineborsten leicht abschaben.
+
+Die Leichen heraus aus dem Kessel, ein leise zischender Schnitt durch
+die ganze Gurgel, und das dampfende Blut sprudelte in den Meßzylinder,
+den der bebende Oldshatterhand bereit hielt. So wollte es der Türke.
+Frisches Blut.
+
+Als Oldshatterhand sich bewegte, schien es ihm, als habe er Schuhe aus
+Blei an den Füßen. Ziehend ging er hinaus und hinüber: in die
+Ochsenschlachthalle. Groß, hoch, aus Eisenkonstruktion.
+
+Schlachtstand an Schlachtstand. Blutdampf erfüllte die Halle. Schreien,
+Fluchen, Rindergebrüll, hastende Metzger, welche Häute, Gedärme, tote
+Kälber schleppten.
+
+»Ich möchte frisches Ochsenblut«, sagte Oldshatterhand zu einem jungen
+Metzgerburschen, und sah ihm noch fragend und fremd ins blutverschmierte
+Gesicht, als er die Kriechende Schlange schon erkannt hatte. ». . . Bist
+du jetzt Metzger?«
+
+»Nein, Büffeljäger!« brüllte die kraftstrotzende Kriechende Schlange und
+hieb sein Messer in einen Ochsenschenkel.
+
+Verwirrt sah sich Oldshatterhand in der dampfenden Schlachthalle um,
+blöde auf die Kriechende Schlange zurück.
+
+»Was schaust denn wie die Kuh wenn's donnert!«
+
+». . . Blut soll ich holen.«
+
+»Kannst 'n Faß voll hab!«
+
+Die Kriechende Schlange und drei Metzgerburschen, Blutkörperchen in den
+verschwitzten Gesichtern, die Hemdärmel bis zu den Schultern
+aufgekrempelt, fesselten flink wie Teufel den Ochsen.
+
+Die Schußvorrichtung über die Stirn geschnallt, ein leichter Schlag
+darauf mit dem Hammer, ein schwacher Laut, wie wenn ein Stein ins Wasser
+klatscht -- der Ochse stand -- schneller als ein Gedanke brach er
+zusammen. Die Kugel war ihm durchs Hirn gejagt, hinein in den Körper,
+durch das Herz.
+
+Die Knie auf den Kopf, das Messer bis zum Heft in den Hals, ein
+Rißschnitt, und das Blut brach dick wie ein junger Baumstamm aus,
+überschwemmte den Schlachtstand, floß durch die Rinnen ab in den Kanal,
+durch den Kanal in den Main, wo Angler neben Angler steht und die Fische
+aus dem blutgefärbten Wasser schnellen.
+
+Einer schnitt die Gelenke durch, ein anderer zog die Haut ab, die
+Kriechende Schlange schlitzte den Bauch auf, riß die dampfenden Gedärme
+heraus und stieß sie mit dem Fuß zur Seite.
+
+Eisenhaken in die Vorderstumpfe, zu viert hoben sie fluchend den Ochsen.
+Da hing er, violette Adern über dem blutrünstigen Fleisch, die Augen
+verglast, den blauen Schlachtstempel auf dem Schenkel, in der Reihe
+neben den anderen. Drei Minuten hatte das Ganze gedauert.
+
+Oldshatterhand sah erbittert die Kriechende Schlange an, der einem Kalb
+einen Tritt in die Weichen gab, daß es im Blut ausglitschte und in die
+Knie sank. Er wollte etwas rufen, schwieg aber betroffen und blickte auf
+den zierlich-kleinen Herrn mit kühlbleichem Gesicht und glänzend
+schwarzem Spitzbart. Der Herr hatte einen schwarzen Anzug an, tadellos
+weiße Wäsche und trug eine goldene Brille auf der leicht gebogenen Nase.
+Der Schächter. In der Hand das meterlange, blitzende Messer, flach,
+breit, ohne Spitze, blickte er still auf die Metzgerburschen, die einen
+wild aufbrüllenden Ochsen fesselten, der am Boden lag.
+
+»Fertig?«
+
+Ruhig kniete er zum Kopf, den die Kriechende Schlange messergerecht
+gedreht hielt, das Maul und die angespannte Gurgel nach oben, legte das
+Messer an -- ohne noch zu schneiden --, da klaffte der Hals; das Messer
+war bis zum Nacken durchgedrungen, das Blut überschwemmte den
+Schlachtstand.
+
+Der Ochse stampfte, schleuderte die drei auf ihm knienden Metzger hin
+und her, stieß unbeschreibliche Stöhntöne aus, wobei immer neues Blut
+ausbrach, zuckte, zitterte, wohl fünf Minuten lang, und verröchelte.
+
+Die Kriechende Schlange stach ihm die Augen aus; ein Zittern lief durch
+den ganzen Körper; der Ochse hob noch einmal schief den Kopf, und ließ
+ihn verendend sinken. Die Metzger brüllten vor Lachen, weil die
+Kriechende Schlange die Ochsenaugen an die Wand schmetterte, daß sie
+kleben blieben und von der Wand herunter auf die Metzger stierten.
+
+»Wa . . . wa . . . warum quä . . . quält ihr denn den Ochsen so?« fragte
+Oldshatterhand, vor Grauen wieder stotternd.
+
+»'n Ochsen? . . . quääälen? Du spinnst ja«, sagte die Kriechende
+Schlange lachend. »Und dann, das ist doch das jüdische Gesetz.«
+
+»Aber warum hast du denn die A . . . Augen rausgestochen . . . die A
+. . . Augen dort an der Wand . . . an der Wand . . . Er hat . . . hat ja
+noch gelebt.«
+
+»A . . . A . . . A . . . Augen!« rief die Kriechende Schlange lachend,
+warf sich die blutrünstige Ochsenhaut über die Schulter und ließ
+Oldshatterhand stehen. Die Metzger schlugen sich auf die Schenkel vor
+Vergnügen.
+
+Der zierliche Schächter war schon zum nächsten Ochsen gegangen, der für
+ihn bereit lag.
+
+Ein kleines, weiß gekleidetes Mädchen, mit einem Lämmchen aus Holz im
+Arm, trippelte zwischen den hastenden Metzgerburschen durch zu seinem
+Vater, dem Schächter. Der strich ihm übers Haar, küßte sein Kind, drehte
+es um und schob es weg.
+
+Oldshatterhand drückte sich zur Seite; schwankende Ochsen mit
+angststierenden, wissenden Augen wurden hereingeführt, hereingezogen,
+brüllten dumpfklagend -- nicht laut --, die schäumenden Mäuler in die
+Höhe gereckt.
+
+Hinein in den Schlachtstand, gefesselt -- drei Minuten später hingen sie
+ausgenommen, abgehäutet, die Stümpfe von sich streckend, die blauen
+Zungen bläkend, in der Reihe neben den anderen.
+
+Oldshatterhand floh durch den Blutdampf hinaus -- da schien die Sonne.
+Die Spatzen flatterten und schrien.
+
+Er blieb stehen. Und dachte zurück -- wie oft er am Schlachthaus
+vorbeigegangen war, Tiergebrüll gehört hatte, Metzgerwagen voll blutiger
+Schweine herausfahren und Ochsen hineinbringen gesehen hatte. Große
+Schafherden, zusammengedrängt. »Man geht vorüber.«
+
+Er begann zu rennen, durch die verschneiten Anlagen, blieb stehen, den
+unbeschreiblichen Ton des Verröchelns im Ohr, und schmetterte plötzlich
+die Blutgläser in den Schnee. Gierig fraß der Schnee das Blut. Es sah
+aus, als wäre hier ein Mensch ermordet worden.
+
+Die Hände in den Rocktaschen, die Schultern hochgezogen, ging er zurück
+ins Laboratorium. »Ich bringe kein Blut.«
+
+»Ich muß aber Blut haben.«
+
+»Häää! Ich bringe kein Blut,« wiederholte er hämisch, und brüllte noch
+einmal, voller Wut Gesicht an Gesicht zum Türken tretend: »Kein Blut!«
+wandte sich stracks um und ging weg. Durch den trichterförmigen Hörsaal;
+da stand Herr Leisegang und drehte die Kurbel des Sauerstoffapparates,
+während ein Kranker, in der blau-weiß gestreiften Spitalskleidung, den
+Schlauch in den Mund hielt und mächtig ein- und ausatmete.
+
+»Jessas! Jessas! Jessas!« rief Herr Leisegang und nahm den Schlauch
+selbst in den Mund. »Wie kann man sich so viechdumm anstellen. Jetzt
+drehen Sie einmal.«
+
+In der Ecke standen die Frauen von der Hautkrankenabteilung für das
+Kolleg des Herrn Doktor Edelmut bereit und lachten.
+
+»Ihr lacht? Ihr habt's nötig! Jetzt sowas!« rief Herr Leisegang, und der
+glatzköpfige Herr Doktor Edelmut blickte empört zu den Mädchen hin.
+
+Oldshatterhand war erschrocken stehen geblieben. Unter den an Schminke
+gewöhnten, jetzt entschminkten, fleckigen und mit Geschwüren besetzten
+Gesichtern sah er das des kleinen, schönen Waisenmädchens, dessen sich
+der Inhaber der drei Häuschen angenommen hatte. Ihr feingeschwungener
+Mund war auch jetzt tiefrot. Die Lippen bildeten eine lasterhafte,
+wissende Mundlinie.
+
+Seit sechs Wochen war das Kind Tag und Nacht mit den hautkranken Frauen
+zusammen auf der Abteilung. Sie blickte Oldshatterhand ungeniert
+lächelnd in die Augen. Er drückte sich an den Frauen vorbei, hinaus auf
+den Gang.
+
+Da standen drei Prüfungskandidaten in Gehröcken, mit weißen Binden, und
+flüsterten miteinander, wie in einem Sterbezimmer.
+
+»Herr Vierkant, ist der Geheimrat guter Laune?« stotterte ein Großer,
+Dicker. »Hat er heute schon gelacht?«
+
+Die drei Studenten umringten Oldshatterhand, der plötzlich mit seltsamem
+Pathos rief: »Er hat gelacht! . . . Aber wir sind gemein! Ich sage, wir
+alle sind gemein! Alle! Er hat gelacht.«
+
+Die Studenten sahen entsetzt auf ihn. Selbst seine Lippen waren erblaßt.
+
+»Er hat gelacht?« flüsterte betroffen der Dicke.
+
+Da riß Herr Leisegang die Tür auf: »Meine Herren! der Herr Geheimrat
+erwartet Sie«, und hinkte energisch voran.
+
+Unaufgefordert ging Oldshatterhand am nächsten Tage ins Schlachthaus,
+hielt den Meßzylinder unter das noch zuckende Tier und brachte das Blut
+dem Türken. Der reichte ihm eine Mark.
+
+»Ich nehme kein Geld dafür!«
+
+Als Oldshatterhand am Abend das Haus des bleichen Kapitäns betrat, stand
+die Wirtschaftstür offen; er sah die hochschwangere, schöne Kellnerin,
+weiß wie ihre Schürze an der Wand lehnen und sah, wie der Wirt, die
+kranken Augen wütend aufgerissen, das Bierfaß vom Schenktisch weg auf
+den Tisch in der Mitte der Wirtsstube schleuderte, daß die Platte
+zersplitterte und das Bier im Bogen zur Decke schoß. Die Witwe Benommen
+stand reglos, die Lippen eingekniffen, die dürren Hände vor dem Bauch
+gefaltet, in der Schenke. Der bleiche Kapitän stand in der Ecke, beide
+Hände in den Hüften. Gäste waren keine in der Stube.
+
+ * * * * *
+
+An einem Abend im Mai gingen die Räuber am Mainufer entlang, auf die
+Sandinsel zu, wo die Weiden um die kleinen Seen stehen.
+
+Plötzlich stockte die erregte Unterhaltung. Zwischen den Weiden hervor
+kamen Mädchen, paarweise hintereinander wandelnd. Sie waren mit Rosen
+und Nelken geschmückt. Still geworden, zog der Zug der Mädchen am Zuge
+der Jünglinge vorüber und verschwand in den Weiden. Und gleich darauf
+ertönte aus dem Dunkel das helle Mädchengelächter. Die Räuber standen
+und horchten. Und ohne daß einer dazu aufforderte, kehrten sie
+geschlossen um und standen einige Minuten später am Eingang der
+Fischergasse, wo die Ampeln rosigen Schein auf das Pflaster
+herauswarfen.
+
+»Wollen wir einmal durchgehen, durch die Fischergasse?« fragte
+Falkenauge endlich zögernd, weil die Räuber immer noch schweigend
+standen, eng zusammengedrängt, und in die Gasse hineinsahen.
+
+»Ich geh nit mit durch«, sagte die Rote Wolke sofort und trat ein paar
+Schritte zurück.
+
+Verlegen lächelnd sahen sie auf den Schreiber, der die Brust vorstreckte
+und sagte: »Ich geh allein durch, wenn ihr keine Schneid habt.«
+
+Die Linke in die Hüfte gestemmt, mit der Rechten sein dünnes Stöckchen
+im Kreise herumwirbelnd, ging der Schreiber mit gleichgültigem Gesicht
+sehr schnell durch die Gasse.
+
+Die Räuber sahen ihm entgegen, als er stöckchenwirbelnd wieder durch die
+Gasse zu ihnen zurückkehrte. »Das wär mir aber auch noch was«, sagte er
+heiser, und redete so lange, bis sich alle, zu einem dunklen Grüppchen
+zusammengedrängt, durch die Gasse schoben, an den rosabeleuchteten
+Häuschen vorbei, aus denen kein Laut kam.
+
+Sie gingen zur Übungsstunde zum bleichen Kapitän, der nicht dabei
+gewesen war.
+
+In der Nacht lehnte Oldshatterhand allein an der Mauer, gegenüber den
+drei Häuschen, und starrte intensiv horchend auf die rosa
+Fensterausschnitte, preßte die Hand aufs Herz. Und trat ein.
+
+Eine dunkle Alte öffnete ihm die Zimmertür. Zuerst sah er nur den
+Nickelglanz des Büfetts, und dann, durch den Zigarettendampf hindurch,
+drei Frauen in hellen Hängekleidern vom Kanapee aufstehen. Sie redeten
+noch weiter miteinander. Oldshatterhand hörte nichts; er sah Farben vor
+seinen Augen kreisen, abwechselnd giftgrün und dunkelrot. Die Frauen
+präsentierten sich und sahen verlegen einander an, weil Oldshatterhand
+sich nicht rührte und nicht sprach.
+
+Die Älteste, deren mächtiger Busen in einen vielfarbig glitzernden
+Schuppenpanzer eingezwängt war, bewegte sich wie eine Mannequin vor
+Oldshatterhand und schnalzte dazu mit den Fingern.
+
+Eine Rötlichblonde mit aufgeworfenem Schmollmund, die auf dem Kanapee
+sitzen geblieben war, fing Oldshatterhands rettungsuchenden Blick auf,
+erhob sich und fragte lächelnd: »Willst du mich? Kleiner«, zog ihn, als
+er nicht antwortete, zur Tür hinaus und führte ihn in den ersten Stock
+hinauf.
+
+In ein ganz kleines Zimmerchen, in dem sich nichts als ein geöffnetes
+weißes Bett und eine Ottomane mit einer türkischen Decke befand. Die
+rosa Ampel an der niederen Decke erleuchtete das Zimmerchen schwach.
+
+Das Mädchen ließ das Hängekleid fallen, und stand nackt vor
+Oldshatterhand. Gleichgültig ordnete sie mit beiden Händen etwas an
+ihren Haaren. Oldshatterhand sah auf die Haare in ihren Armhöhlen. Sein
+ganzer Körper zitterte vor Schwäche und übergroßer Angsterregung.
+
+»Komm, gib das Geld. Wieviel gibst du mir? . . . Fünf Mark?«
+
+Er gab ihr das Geldstück.
+
+Sie legte sich auf die Ottomane, stellte ein Bein auf und winkte ihn zu
+sich.
+
+Langsam ging er zu ihr hin, sah auf sie hinunter.
+
+Und als sie ihn angriff, mußte sie lachen. »Greife halt her . . . Komm,
+greif her.« Sie nahm seine Hand und zog sie zu ihrem Körper . . . mußte
+noch öfter lachen, tätschelte ihm die Wange und sagte endlich: »Da mußt
+du halt wieder fortgehen. Hast halt zu viel getrunken.«
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+
+Benommen, der Amerikaner, war zurückgekommen. Ohne seine Familie vorher
+benachrichtigt zu haben.
+
+Vorgebeugt saß er auf dem Stuhl vor der Witwe Benommen und ließ die
+langen, dürren Arme und Hände zwischen seinen Beinen baumeln.
+
+Als seine Mutter ihn fragte, warum er nicht vorher geschrieben habe,
+sagte er apathisch: »Ich hatte keine Briefmarke.« Und rief plötzlich in
+unbegreiflicher Begeisterung: »Was denkst du! Das ist anders, da draußen
+in der Welt!«
+
+Ganz abgerissen saß er vor der Mutter. Der Kohlenstaub lag noch auf
+seinem armseligen Anzug. Er hatte die Heimreise im Hochsommer als
+Hilfsheizer im Schiffsbauch mitgemacht. Und das schien ihn vollends
+zerstört zu haben. Blickte er einen an, wobei er die Kaumuskeln bewegte
+und die dünnen Lippen zusammenpreßte, dann konnte man die Entbehrungen
+seines langjährigen Aufenthaltes in Amerika von seinem völlig
+zerfallenen Gesicht deutlich ablesen.
+
+Nie hatte er in seinem Fach als Ingenieur Stellung finden können. Als
+Schiffsauslader, Gelegenheitsarbeiter, Zeitungsverkäufer und zuletzt als
+Bäckergehilfe hatte er sich durchgeschlagen.
+
+Die Blicke des ganzen Mainviertels waren auf die Familie Benommen
+gerichtet zu dieser Zeit.
+
+Und die Familie Benommen war ehrgeizig.
+
+Benommen der Wirt, dessen vom Vater ererbter Ehrgeiz es war, großspurig
+hinter dem Schanktisch zu stehen, Unterlippe und Bauch verächtlich
+vorgeschoben, und so und nicht anders sein Bier auszuschenken, fühlte
+sich schwer getroffen, da in seiner Familie etwas passiert war, das
+diese selbstbewußte Art, Bier zu schenken, nicht mehr ganz berechtigt
+erscheinen lassen konnte.
+
+Und die Witwe Benommen, eine vermögende, gefürchtete und ob ihrer
+strengen Prinzipien hochgeachtete Bürgersfrau, empfand dadurch, daß ihr
+Sohn, der Stolz der Familie Benommen, zerrüttet und abgerissen wie ein
+Landstreicher in die Heimat zurückgekehrt war, ihr altes Geschäft, ihren
+toten Mann und ihre grauen Haare besudelt.
+
+Aber wie einen Schuß mitten in seinen Charakter hinein empfand der
+bleiche Kapitän die beschämende Rückkehr des Amerikaners. Eine Woche vor
+dem Erscheinen des Amerikaners war er abends unbemerkt hinter einem
+Weidenbusch gestanden. Die Räuber saßen am kleinen See. Der Zug der
+Mädchen zog vorüber. Die Schöne mit den braunen Zöpfen warf einen
+Rosenstrauß mitten in den Räuberkreis hinein, die Räuber sprangen auf
+und den fliehenden Mädchen nach. Allen voran der Schreiber. Und nach
+einer Weile sah der bleiche Kapitän Mädchen und Jünglinge vereinigt im
+Dunkel der Weiden verschwinden. Ein paar Stunden später saßen die Räuber
+in der Kneipe der Witwe Benommen und waren schon betrunken, als der
+bleiche Kapitän eintrat und wie ein Pfosten stand. »Ihr habt keinen
+Charakter!« stieß er hervor.
+
+»Nun, und du?« lachte der total betrunkene Schreiber mutig.
+
+». . . Ich? Ich hab Charakter! . . . Ich allein von euch allen hab
+Charakter!« Und damit ging er, schloß die Tür leise und mit Kraft, und
+lehnte von dem Tage an alle Annäherungsversuche der Räuber schroff ab.
+Eilte, wie in den letzten zwei Jahren, nahe an den Häusern entlang,
+sprach mit keinem Menschen und stemmte wie ein Besessener.
+
+Der bleiche Kapitän hatte bedingungslos an den Amerikaner geglaubt und
+war deshalb noch schroffer gegen ihn, als Mutter und Bruder.
+
+So etwas kann vorkommen, urteilen die wenigen Loyalen, nicht jeder hat
+Glück in Amerika.
+
+»Jau, so a Gaudi! Die Alte soll ihm a Paar neue Schuh käff und 'n Anzug
+ameß laß, dann is die G'schicht erledigt!« schrie der rote Fischer.
+
+In jeder Familie könne so etwas vorkommen, aber nicht in der Familie
+Benommen, urteilten die Mutter und die zwei Brüder.
+
+So war der Amerikaner seitens seiner Familie von Härte, Kälte und
+schweigender Verachtung umgeben.
+
+Die Räuber jedoch fühlten sich unbewußt durch das Unglück des
+Amerikaners rehabilitiert. -- Ihr Jugendsehnsuchtland hatte sich
+schlecht benommen, war entlarvt, da nicht einmal der große Amerikaner zu
+seinem Rechte gekommen war. Ein guter, breiter, fester Boden wuchs den
+Räubern unter die Füße.
+
+Bald war der Amerikaner neu gekleidet und fiel in der ersten Zeit
+niemand besonders auf. Doch späterhin wurde sein Benehmen immer
+seltsamer, was aber anfangs nur die Familie Benommen bemerkte, denn der
+Amerikaner durfte wenig ausgehen.
+
+Gegenüber dem Hause der Witwe Benommen stand das Jahrhunderte alte,
+einstöckige Häuschen des Spenglermeisters Hieronymus Griebe. Der
+Amerikaner stand am Fenster und sah darauf hinunter, vom Frühkaffee bis
+Mittagläuten, ohne sich zu rühren, und sagte, als seine Mutter die
+Suppenschüssel auf den Tisch stellte, er wolle das alte Häuschen
+wegreißen und einen sechzig Stock hohen Wolkenkratzer dafür hinbauen.
+Daran werde er etwas über fünf Millionen verdienen; das habe er heute
+morgen ausgerechnet. Worauf die Witwe Benommen in verächtlicher Wut
+stillschweigend die Suppenteller füllte. Der Ingenieur aber begann
+sofort, die Pläne zu zeichnen.
+
+Erst als er gegen Abend mit Pickel und Schaufel an der Mauer des
+Spenglerhäuschens den Erdboden aufriß, um, wie er sagte, zu untersuchen,
+ob der Grund felsig genug sei für einen Wolkenkratzer, wogegen sich Herr
+Hieronymus Griebe zwar betroffen, aber auch energisch wehrte, erfuhren
+die Mainviertler von des Amerikaners sonderbarem Wesen.
+
+Er war bartlos und mager. Saß er mit dem bleichen Kapitän zusammen in
+einer Wirtschaft, dann verhielt er sich meistens ganz still, aber seine
+Augen schienen etwas Grauenvolles zu sehen, und manchmal rief er ganz
+unerwartet, und verächtlich lächelnd: »Ha! Hinaus in die Welt!« mitten
+in die Unterhaltung hinein, worauf der bleiche Kapitän augenblicklich
+aufstand und mit dem Ingenieur die Wirtschaft verließ. Und es schien den
+Zurückbleibenden, daß er den Amerikaner überhaupt nur deshalb mitbringe,
+um zu demonstrieren, daß gar nichts Auffälliges an ihm sei.
+
+Der bleiche Kapitän litt an seinem Stolze. Streng befahl er seinem
+Bruder, nichts zu reden, wenn er ihn mitnehme, und überhaupt keine
+verrückten Sachen zu machen, sonst könne er ihn einmal kennen lernen.
+Was aber ohne jeden Erfolg blieb -- der Amerikaner benahm sich immer
+auffälliger. Die Wut des ehrgeizigen Kapitäns steigerte sich, und nur
+seine grenzenlose Verachtung hielt ihn noch ab, den Amerikaner zu
+schlagen.
+
+Betroffen stand Oldshatterhand still, als er in der Nacht den Amerikaner
+am dunklen Flußufer sah. Der Ingenieur hielt eine lange Papierrolle im
+Arm, saß in tiefer Kniebeuge und machte so, beidfüßig abspringend, genau
+abgemessene Sprünge nach links, nach rechts und vorwärts, am Ufer
+entlang.
+
+Oldshatterhand quälte der Gedanke: gegen das, was den Amerikaner zwingt,
+diese grausigen Sprünge zu machen, ist man so machtlos wie gegen das
+Erdbeben. Und plötzlich hatte er die Vision eines Bebens -- die Erde
+spaltete sich, riß dunkle Riesenmäuler auf, die kleinen Menschen mußten
+Sprünge machen, aber die Mäuler mehrten sich, wurden breiter und zwangen
+die Fliehenden, immer tollere Rettungssprünge zu machen. Und weil das so
+komisch aussah, lachte Oldshatterhand sein kurzes, irrsinniges Lachen.
+In sich hineinkichernd, trat er zum Amerikaner.
+
+Der blieb in Kniebeuge hocken. »Sie müssen erst einmal hinaus in die
+Welt . . . La Plata! Brasilien! Ha! . . . Wohin ich jetzt bald gehe.
+Überall hin. Brasilien! . . . Ihnen will ich's zeigen, kommen Sie.«
+
+»Hi! hihiha!«
+
+Der Amerikaner packte Oldshatterhand am Arm, zog ihn unter eine Laterne
+und rollte das große Papier auf.
+
+Darauf war eine gigantische Brücke gezeichnet. Eisenkonstruktion: Eine
+riesenhafte nackte Frau lag rücklings darunter und ihre
+auseinandergespreizten aufgestellten mächtigen Beine bildeten die
+Pfeiler. Nackte, dicke Weiber, in lasterhaften Stellungen, stürzten von
+oben herab; andere wurden von einem über die Brücke jagenden
+Eisenbahnzug zermalmt.
+
+»Dort!« schrie wild der Amerikaner und deutete auf die alte Mainbrücke
+mit den zwölf schwarzragenden Sandsteinheiligen, »die reiße ich weg!
+. . . Herunter mit den Heiligen! _Meine_ Brücke baue ich hin! Morgen
+fange ich an. Der größte Brückenbauer der Welt bin _ich_! Weißt du das?«
+
+»Ja! Ja!« heulte Oldshatterhand auf und die Tränen brachen ihm aus den
+Augen. »Hi! hihiha!« lachte Oldshatterhand, und der Amerikaner brüllte
+vor Begeisterung. Da wehrte Oldshatterhand wimmernd ab, griff ins Leere
+und stürzte bewußtlos zusammen.
+
+Der Amerikaner setzte sich neben ihn auf den Erdboden, das Kinn auf die
+Knie gestützt. »Du paßt nicht hinaus in die Welt. Du nicht . . . Du paßt
+nicht hinaus in die Welt«, sagte er und lächelte immerzu.
+
+Noch am selbigen Abend traf der säbelbeinige Polizeiwachtmeister den
+Amerikaner dabei an, wie er keuchend am Fuße des Brückenbogens mit den
+Händen die Erde herauswühlte. Schimpfend packte er den Amerikaner am
+Rockkragen, und mit gezogenem Säbel führte er den sich wütend Wehrenden
+zur Wache.
+
+Am andern Tage brachte Benommen der Wirt den Amerikaner in die
+Kreisirrenanstalt, und zwar in die erste Klasse, wo jeder Tag zwanzig
+Mark kostete. So hatte es die Witwe Benommen gewollt und auch
+durchgesetzt, obgleich der Wirt sich energisch gegen die erste Klasse
+gewehrt und seiner Mutter schlagend vorgerechnet hatte, daß, wenn der
+Kranke nur noch neun Jahre lebe, das gesamte Vermögen der Familie
+Benommen beim Teufel sei. »Mein Heiner soll's gut haben«, hatte die
+Mutter geantwortet.
+
+Der Amerikaner starb vier Wochen nach seiner Einlieferung in die
+Irrenanstalt.
+
+Von dem Tage an, da der Amerikaner in die Irrenanstalt gebracht worden
+war, hatte sich der bleiche Kapitän in einer für die Räuber ganz
+unbegreiflichen Weise verändert. Unvermittelt war er leichtlebig und
+liebenswürdig geworden. Und die Räuber fühlten sich befreit, wie nach
+Schluß der Schulstunde.
+
+Oldshatterhand, der Schreiber und die Rote Wolke begegneten dem bleichen
+Kapitän auf dem Schloßberg, und wunderten sich und wurden verlegen, denn
+diesmal ging der Hauptmann nicht vorüber, sondern trat auf sie zu,
+streckte ihnen freundlich die Hand hin und lächelte heiter. »Nun, was
+macht ihr? . . . Prachtvolles Wetter heute. Herrgott dividomini, aber
+eine Hitz! Ich mein', ich müßt ein Faß Bier allein aussaufen.« Er lachte
+schallend.
+
+Der Schreiber errötete vor Staunen, aber die Freude, daß der bleiche
+Kapitän überhaupt wieder mit ihm sprach, ergriff ihn so sehr, daß er im
+reinsten Hochdeutsch sprach: »Eine ungeheure Hitze. Da hast du recht,
+Oskar.«
+
+»Herrgott, wie ich mich fühl, einen Baum könnt ich ausreiß.« Er haschte
+einen Lindenast, schwang sich hinauf, und schüttelte voller Freude die
+alte Linde.
+
+Sie gingen gleich Bier trinken. Der bleiche Kapitän bezahlte einen Liter
+nach dem andern und setzte seinen Stolz darein, den Krug mit einem Zug
+immer bis zur Hälfte zu leeren. »Weiß der Teufel, so eine Hitz!« rief er
+und sog den Schaum von der Oberlippe, wie ein schnurrbärtiger Alter.
+
+»Trinkst du jetzt wieder?« fragte der Schreiber.
+
+»Gott, natürlich. Warum denn nit?«
+
+Die Rote Wolke stellte die Fußspitze zurück, hob die Hand -- aber das
+Shakespearesche Trinkzitat fiel ihm nicht ein. Sein Mund blieb
+begeistert offen stehen.
+
+Der bleiche Kapitän war ganz verändert. Nie mehr eilte er barsch an den
+Häusern entlang, sondern schritt in der Mitte der Straße, schwenkte sein
+Plüschhütchen, wenn er einem Bekannten begegnete, unterhielt sich gerne,
+lachte krachend und benahm sich ganz wie jeder andere junge, fröhliche
+Mensch, der keine Sorgen hat und einen gesunden Körper. Deshalb stemmte
+er jedoch nicht weniger eifrig als vorher. Er ließ auch späterhin die
+Krüge auf seine Rechnung füllen und tat, wie wenn er lange und viel
+trinke, trank aber nur einen kleinen Schluck, hieb den Krug auf den
+Tisch zurück und brüllte: »Sauft!«
+
+Doch nur anfangs war seine Lustigkeit so übertrieben. Späterhin fand er
+feine Übergänge und war plötzlich kein Mensch mehr, dessen barsche
+Verschlossenheit und sonderbares Wesen jemand auf den Gedanken hätte
+bringen können -- der bleiche Kapitän sei ebenso nicht ganz richtig im
+Kopf wie Benommen der Amerikaner.
+
+Bald verschwand seine Angst, daß man auch ihn für irrsinnig halten
+könne, vollkommen; die Anfälle von krampfhafter Lustigkeit blieben ganz
+aus. Verschlossen und sonderbar gab sich der bleiche Kapitän auch nicht
+mehr. Er war ein nicht zu stiller und nicht zu ausgelassener junger Mann
+geworden, mit kleinen Sorgen, wie sie jeder andere Mensch in seinem
+Alter und seinen Verhältnissen hat, und fühlte sich wohl, wie nie vorher
+in seinem Leben.
+
+Der bleiche Kapitän verschwand in der Masse, unterschied sich durch
+nichts mehr von ihr.
+
+In dieser Zeit -- er war zwanzig Jahre alt geworden -- begann er die
+kleine, dicke Tochter des Weinwirts und Bäckermeisters Schlauch zu
+umkreisen. Sie hatte ein rundes Vollmondgesicht, mehlweiß, und
+Negerlippen, wie der bleiche Kapitän.
+
+Fräulein Schlauch saß hinter dem Auslagefenster und verkaufte Brotlaibe,
+lächelte, wenn er vorbeiging, und er lächelte zurück. Das war der
+Anfang.
+
+Und die Witwe Benommen sah ruhig zu. Sie hatte die Vermögensverhältnisse
+der Familie Schlauch studiert und war befriedigt. Vor ein paar Jahren
+hatte Herr Schlauch sein altes Häuschen wegreißen lassen und an dessen
+Stelle ein neues Backsteinhaus gebaut, das leider nur drei Meter breit,
+dafür aber vier Stock hoch war, so daß es, zwischen den zwei niederen,
+aber wuchtigen Patrizierhäusern in die Höhe schießend, ganz gut für ein
+zierliches Wolkenkratzerchen gelten konnte. Erst kürzlich hatte Herr
+Schlauch der Kirche drei männerschenkeldicke Prachtkerzen gestiftet.
+Sein Geschäft ging ausgezeichnet. Alles das und noch mehr wußte die
+Witwe Benommen und war befriedigt.
+
+Ganz unverwundet war Benommen der Wirt an der Schande vorbeigeglitten,
+die der Amerikaner über die Familie gebracht hatte, und das kam von der
+ersten Klasse. Nach wie vor durfte er ruhig, Bauch und Unterlippe
+verächtlich vorgeschoben, sein Bier ausschenken, denn wenn es ihm
+passend erschien, konnte er von der ersten Klasse sprechen, wo jeder Tag
+zwanzig Mark kostet.
+
+Die Witwe Benommen schien infolge des Unglücks weicher und menschlicher
+geworden zu sein; sie lächelte der schönen Kellnerin hin und wieder
+freundlich zu, was zwar noch recht selten vorkam, jedoch mit Freude und
+Dankbarkeit entgegengenommen wurde, um so mehr, als die Kellnerin einen
+Sohn geboren hatte. Der Enkel hatte die verächtlich nach außen
+gestülpten Benommenschen Lippen.
+
+Die Sache stand jetzt so, daß der Wirt seiner schönen Kellnerin manchmal
+die Hand auf die Schulter legte, in Gegenwart der Mutter, und
+aufmunternd sagte: »No, Hanna, wie geht's Ihne denn? Esse Sie doch was.«
+So daß der schandebringende Amerikaner alles in allem eigentlich günstig
+und entladend auf die ganze Familie gewirkt hatte.
+
+Durch ein neues Ereignis geriet die traurige Begebenheit schnell in den
+Hintergrund. Zum fassungslosen Schrecken des Vorstandes vom Verein
+Christlicher Junger Männer und zum Staunen der Räuber war eines Tages
+der Duckmäuser aus Würzburg verschwunden.
+
+Jahrelang wußte niemand, wo er war.
+
+ * * * * *
+
+Herr Leisegang hatte sein Holzbein abgeschnallt und es neben sich auf
+den Stuhl gelegt. Seine Frau stellte eine große Schüssel voll Sauerkraut
+vor ihn hin, das mit schon zurechtgeschnittenen Schweinefleischbissen
+garniert war.
+
+»Das Fleisch ist natürlich wieder zu fett«, sagte Herr Leisegang, nahm
+sein Holzbein in beide Hände und klopfte damit wütend auf den Tisch. Bis
+seine Frau hereinkam. »Wo ist meine Desinfektionsvase!«
+
+Frau Leisegang drehte die Augen verzweifelt zur Zimmerdecke und brachte
+eine Blumenvase aus grünem Kristallglas. Herr Leisegang schnellte das
+Asbestdeckelchen herunter und tauchte Messer und Gabel in die
+desinfizierende Flüssigkeit. Dann erst begann er zu essen.
+
+Im Haushalt des Herrn Leisegang wurde alles desinfiziert. Auch die
+Geldstücke.
+
+Frau Leisegang setzte sich wieder in die Küche und arbeitete an einer
+Lumpendecke. Sie arbeitete schon ein paar Jahre daran, denn die Decke
+mußte sehr groß werden, um das zweischläfrige Ehebett im Schlafzimmer
+schmücken zu können, und es fehlte immer an Fleckchen, weil man warten
+mußte, bis neue Abfälle gesammelt waren. Herr Leisegang hatte sich so
+eine vielfarbige Decke gewünscht.
+
+Seine Frau nähte schon eine halbe Stunde, ohne gestört zu werden, worauf
+sie endlich verwundert hinein zu ihrem Mann ging. Der saß in seinem
+Lehnsessel wie vorher und sah geradeaus, sonderbar friedlich, so daß
+auch Frau Leisegang froh lächelte, weil es so schön still in der Stube
+war. Aber plötzlich stieß sie einen sich überschlagenden Kehlton aus.
+Herr Leisegang war tot. Die Sauerkrautschüssel war noch warm, jedoch
+leer.
+
+Frau Leisegang stand vor ihrem Mann und sann darüber nach, weshalb er
+so friedlich aussehe. So zufrieden, wie sie ihn in ihrer
+siebenunddreißigjährigen Ehe niemals gesehen hatte. Sein Holzbein hatte
+Herr Leisegang quer vor sich auf den Tisch gelegt.
+
+Ein neuer Diener kam in die Klinik und der brauchte keine Hilfe.
+
+ * * * * *
+
+Oldshatterhand war jetzt viel mit der Roten Wolke zusammen, nachdem er
+vergebens versucht hatte, die Freundschaft mit Winnetou zu erneuern, der
+täglich zu den Mönchen aufs »Käppele« ging.
+
+Er half der Roten Wolke Rüben stecken, Salat pflanzen und zeichnete in
+der Vesperpause Blumen ab, während die Rote Wolke Rollen studierte.
+»Schauspielkunst ist eine göttliche Kunst. Was täten die großen Dichter
+Schiller und Goethe mit ihren Tragödien, wenn's keine Schauspieler
+gäbe.« Das wiederholte die Rote Wolke täglich.
+
+An einem Abend hatte er wieder in »Wilhelm Tell« im Stadttheater
+statiert, die ganze Nacht den Wilhelm Tell studiert. Früh um fünf Uhr
+stand er auf dem Kartoffelacker, von der eben aufgehenden Sonne
+beschienen. »Durch diese hohle Gasse muß er kommen«, rief er und wies
+mit der Hacke die tiefe Ackerfurche entlang, an deren anderem Ende seine
+alte Tante kniete, schwitzend mit den Händen grub und den Kopf
+schüttelte über ihren Neffen, der begeistert die Furche entlang rief:
+»Es führt kein anderer Weg nach Küßnacht. Hier vollend' ich's, die
+Gelegenheit ist günstig.«
+
+Und nach einem Spaziergang mit der schönen Lehrerstochter, seiner
+Liebsten, schrieb die Rote Wolke an den berühmten Schauspieler Konrad
+Drauer in München und fragte an, ob er ihn besuchen und ihm etwas
+vorspielen dürfe.
+
+Am Abend des selbigen Tages saß der rote Fischer auf der Kaimauer, mit
+den Beinen wasserwärts, den Kopf in beide Hände gestützt, und sah
+traurig hinunter in den Fluß.
+
+Als Oldshatterhand ihn fragte, ob er das Schiff ein bißchen nehmen
+dürfe, nickte der Fischer nur, ohne aufzusehen. Und als Oldshatterhand
+auf der Ruderbank saß, rief der Fischer plötzlich: »Brauch' i denn no'n
+Schelch! . . . I brauch ken'n Schelch mehr . . . Häng'n nachher drübe am
+Stadtufer a.«
+
+». . . Warum denn am Stadtufer?«
+
+»Weil i 'n dann rüberfahr muß . . . Auf die Weis' komm i wenigstens
+wieder amal in mein Schelch.«
+
+Die Rote Wolke und seine Liebste gingen auf der Kaimauer -- flußabwärts.
+Die Lehrerstochter hatte ein sanftgerundetes, pfirsichfarbenes Gesicht.
+Sie trug einen schwankenden Florentinerhut und sah lieblich und naiv
+aus.
+
+Der Schreiber und seine Liebste gingen auf der Kaimauer -- flußaufwärts.
+Das Mädchen mit den braunen Zöpfen sah ängstlich und verwirrt drein. Der
+Schreiber hatte ein erhitztes Gesicht. Sie kamen von der dunklen
+Sandinsel, wo die Weiden stehen.
+
+Beim roten Fischer trafen die zwei Paare zusammen.
+
+»Ich rudere euch ein wenig herum«, sagte Oldshatterhand, der im
+schaukelnden Schelch saß.
+
+Sie stiegen ein. Und Oldshatterhand ruderte in die Mitte des Flusses.
+Der rote Fischer hatte den Kopf nicht erhoben.
+
+Der Schelch war schmal und sehr lang. Der Schreiber und seine Liebste
+befanden sich halbliegend an dem einen äußersten geschnäbelten Ende, das
+zweite Liebespaar lag eng beieinander am entgegengesetzten.
+Oldshatterhand saß genau in der Mitte und ruderte langsam.
+
+Es war dunkel geworden. Hier und dort leuchteten kleine Laternchen an
+den ruhenden Schiffen; das Singen der Kinder, die am Ufer spielten,
+klang herüber; ein Fischer ließ langsam und lautlos sein Netz ins Wasser
+sinken.
+
+»Kunst ist heilig«, sagte die Rote Wolke gedämpft.
+
+Oldshatterhand horchte auf die melodische Stimme des Mädchens. »Wir
+werden Romeo und Julia zusammen spielen«, sagte sie und sah der Roten
+Wolke sanft in die Augen.
+
+»Julia!« erwiderte die Rote Wolke verhaltend.
+
+»Und du bist Romeo.«
+
+»Da ist doch nix dabei«, flüsterte der Schreiber heftig. »Ich weiß nit,
+warum du so eine Furcht davor hast.«
+
+Das Mädchen rückte ängstlich weg vom Schreiber. Oldshatterhand sah ihr
+erschrockenes, weißes Gesicht aus der Dunkelheit schimmern und dachte an
+Lenchen Leisegang.
+
+»Ach, wie schön wäre es, immer so weiter zu fahren . . . immerzu«, hörte
+Oldshatterhand hinter sich das Mädchen flüstern.
+
+»Mit der Geliebten dahinzugleiten. Ooooooo!«
+
+Und sah vor sich den Schreiber heftiger die Liebste bedrängen, die
+hastig sich ihm entzog, daß das Schiff gefährlich zu schaukeln begann.
+
+»Daß wir heiraten, will sie . . . Ich soll heiraten«, sagte
+Oldshatterhand leise vor sich hin und ließ in Gedanken an Lenchen
+Leisegang die Ruder los. »Ich will doch . . . ich muß doch erst etwas
+werden. Vielleicht berühmt.«
+
+Der Schelch trieb langsam flußabwärts. Ein Fisch schnellte aus dem
+Wasser und fiel zurück.
+
+Hinter sich hörte er die Rote Wolke sagen: »Die Kunst. Die Kunst . . .
+Tempel.«
+
+»Das dürfen alle wissen, sieh, ich liebe dich«, sagte das
+Lehrerstöchterchen.
+
+»Rudre ans Ufer!« schrie der Schreiber wütend. Das Mädchen saß von ihm
+abgerückt steif auf dem Querbrettchen.
+
+Oldshatterhand ruderte zum Stadtufer hinüber und machte den Schelch
+fest.
+
+Sie stiegen aus. Der Schreiber wirbelte sein dünnes Stöckchen im Kreise
+herum; das Mädchen ging mit gesenktem Kopfe einige Schritte seitwärts
+neben ihm her.
+
+»Auf der grünen Wiese hab ich sie gefragt, ob sie sich auch ließe!«
+schrie ein Bursche den zwei Liebespaaren zu. Er saß auf der Wasserschale
+des Vierröhrenbrunnens, zusammen mit noch einem halben Dutzend Burschen,
+die der Arbeit aus dem Wege gingen und der Schrecken und Auswuchs der
+Stadt waren. Die Würzburger »Strizzi«, von denen jeder sein im Griffe
+festes, langes Messer in der Hintertasche trug. Sie lebten
+beschäftigungslos in den Tag und in die Jahre hinein, stahlen, wo sie
+ohne Anstrengung konnten, und ließen keinen Menschen am Brunnen
+vorübergehen, ohne eine Bemerkung zu machen. Verlorene Existenzen, die
+alle schon gesessen hatten.
+
+»Laß sie doch«, sagte Oldshatterhand schnell und zog den Schreiber weg,
+der wütend stehen geblieben war, weil ihm einer der Burschen nachrief:
+»Hast dei Menschle zünfti zammg'haut!« Die weiteren Bemerkungen gingen
+unter im Gelächter. Alle pfiffen durch die Finger. Der Schutzmann trat
+von einem Bein auf das andere und ab in eine Seitengasse.
+
+»Ich muß jetzt jemand abhol«, sagte Oldshatterhand auf der Brücke und
+sah bedrückt auf die Liebespaare, die nun beide einträchtig vor ihm
+gingen.
+
+Und als Oldshatterhand sich auf dem Wege zu Lenchen Leisegang befand,
+blieb er plötzlich stehen, wandte sich um und ging langsam nach Hause.
+
+Beim Vierröhrenbrunnen trat die Kriechende Schlange auf ihn zu. »Weil
+ich im Schlachthaus A . . . A . . . A . . . Auge g'sagt hab, brauchst no
+lang nit zornig zu sein.«
+
+»Du darfst mir nachmachen, soviel du willst«, sagte Oldshatterhand und
+lächelte ruhig die Kriechende Schlange an. Nach einer Pause fuhr er
+nachdenklich fort: »Ich glaube, es geht halt nicht anders, als daß es
+auch solche Menschen gibt, wie du einer bist . . . Verstehst du das?«
+
+». . . Nein, das versteh ich nit.«
+
+». . . Ich glaub, du bist ganz unschuldig dran . . . kannst nix dafür.
+Verstehst du?«
+
+»Ich weiß nit, was du da redst.«
+
+»Ja, es ist sicher so«, sagte Oldshatterhand nachdenklich und ging.
+
+Die Kriechende Schlange zog eine Dose hervor.
+
+»Laß mi amal schnupf!« rief einer der »Vierröhrenbrunnensteher«.
+
+»Wer ist denn das?« fragte ein anderer.
+
+»Metzger ist er . . . Da geh doch her.«
+
+Die Kriechende Schlange setzte sich zu den Burschen auf die
+Brunnenschale und hielt die Tabaksdose herum.
+
+Und Oldshatterhand dachte darüber nach, weshalb er während des kurzen
+Gespräches mit der Kriechenden Schlange das Gefühl gehabt hatte, nicht
+er spreche, sondern der rätselhafte Fremde, der ihn auf der Höhe bei
+Würzburg geküßt hatte.
+
+ * * * * *
+
+Wenn man von Aschaffenburg, Mathias Grünewalds, des größten deutschen
+Malers Geburtsstadt, den Main aufwärts wandert, zweigt die Straße scharf
+vom Fluß ab und führt in den dunklen Spessart hinein. Stundenlang
+wandert man durch den Eichenwald, hat auf einer Höhe das unabsehbare
+gewellte Waldmeer vor sich liegen, sieht stille Waldtäler, von
+Forellenbächen durchzogen, und es begegnet einem stundenlang kein
+Mensch. Ein Hirsch tritt auf die Waldlichtung heraus, hebt das Geweih
+und bricht weg, sobald er den Wanderer erblickt. Rehe äsen auf den
+Abhängen. Amseln singen. Spechte hämmern. Große dunkle Klöße bewegen
+sich am Waldboden, vom aufgewühlten, dunklen Waldboden kaum zu
+unterscheiden -- plötzlich bricht das Wildsaurudel krachend durch das
+Gebüsch davon, daß die Erde zittert; und einen Atemzug lang schweigen
+alle Vögel. Eine Amsel beginnt wieder zu pfeifen, und sie scheint das
+einzige Lebewesen zu sein, so groß kann unvermittelt die Stille dieses
+Hochwaldes sein.
+
+In dieser Einsamkeit, abseits der Straße, steht ein zerfallendes, graues
+Haus. Türen und Fensterscheiben fehlen, lange Gräser spielen auf dem
+Dache.
+
+Die wenigen Bewohner des Spessarts erzählen noch heute von einem Wirt,
+dem vor langen Jahren das Haus gehört hatte -- er habe die Reisenden,
+die bei ihm einkehrten, ermordet und beraubt und sei dafür in Würzburg
+am »Letzten Hieb« gehängt worden.
+
+In diesem Hause wohnten einen ganzen Sommer lang der Kunstmaler
+Franziskus Grünwiesler und sein Freund Oldshatterhand.
+
+»Dieses Haus gehört niemand«, hatte Franziskus Grünwieslers weißbärtiger
+Onkel gesagt, welcher Bürgermeister des nächsten, drei Wegestunden vom
+grauen Haus entfernt liegenden Spessartdorfes war. »Und es wagt sich
+auch keiner in die Nähe.«
+
+Franziskus Grünwiesler malte den ganzen Tag. Er war ein zufriedener,
+bedürfnisloser Mensch. Er half Oldshatterhand über Stimmungsstürze weg,
+von denen dieser oft und plötzlich heimgesucht wurde, gab ihm
+unaufdringlich maltechnische Ratschläge und teilte mit Oldshatterhand
+das Wenige, das er selbst besaß.
+
+Oldshatterhand arbeitete den ganzen Sommer lang sehr wenig; die
+technischen Schwierigkeiten hinderten ihn immer wieder, das zu schaffen,
+was er ersehnte. Das Resultat waren Tage der Verzweiflung nach Minuten
+übergroßer Begeisterung.
+
+Er las viel in der Romantikerbibliothek, die Grünwiesler gehörte, und
+oft ging er in aller Frühe zum Gänsehirten, der die Gänse von allen
+Ortschaften des Spessarts hütete, schon sechzig Jahre lang. Eine Herde
+von tausend Gänsen und mehr. Einmal im Jahre trieb der Hirt die Gänse
+heim, wenn sie fett waren. Dann bekam er junge, magere mit in den Wald.
+Der Hirt war ein achtzigjähriger, bartloser Zwerg mit einem gewaltigen
+Buckel. Mittags teilte er sein Essen mit Oldshatterhand, Schwarzbrot und
+geräucherten Speck; die tausend Gänse steckten die Köpfe nach rückwärts
+ins Gefieder und schliefen, und der Zwerg begann, selbsterfundene
+Geschichten zu erzählen, über die Oldshatterhand oft lachen mußte, daß
+es von Stamm zu Stamm krachte und die Gänse hier und dort blitzschnell
+die Köpfe hoben, ein wenig schnatterten und weiterschliefen.
+
+Ein Mädchen war eines Tages ins graue Haus gekommen und hatte um
+Unterkunft gebeten für die Nacht. Sie sagte nicht, woher sie kam und
+wohin sie wolle. Es fragte sie auch niemand. Sie blieb.
+
+Franziskus Grünwiesler grundierte seine Malleinwand selbst. Er hatte
+einen großen Vorrat Rohleinwand liegen. Das Mädchen hatte nichts
+anzuziehen. »Das ist die weichste«, sagte Grünwiesler und schleuderte
+eine Rolle Leinwand auf, die wie Seide glänzte.
+
+Abends hatte sie das schnell geschneiderte Kleid aus Rohleinwand schon
+an.
+
+Grünwiesler trug sich mit der Idee, Blumen auf das Kleid zu malen.
+»Blaue Herbstzeitlosen würden sich vielleicht ganz gut machen«, sagte er
+zu Oldshatterhand und zeigte auf die blauen Glockenblumen, die schon
+hier und dort zwischen den abgefallenen Blättern hervorsahen. »Und eine
+einzige große Lilie, vorne herauf.«
+
+Oldshatterhand sah das Mädchen am Waldsee liegen, im Moos. Und schlich
+nach einer Weile wieder fort, denn ihr Rohleinwandkleid hing über einem
+Eichenast.
+
+Den ganzen Tag lag das Mädchen nackt am Waldsee. Sie arbeitete gar
+nichts. Sie ruhte nur. Es schien, als müßte sie viele Jahre lang
+ausruhen, von den vergangenen Jahren. Nur ihr eigenes Zimmer hielt sie
+sauber. Für die beiden im Haus tat sie nichts.
+
+»Ihr schenkt ja auch niemand etwas«, sagte Oldshatterhand zu
+Grünwiesler. »Das Haus gehört ja niemand . . . Nicht einmal Türen
+hat's.«
+
+Vom Wald trat man ins Haus und auf der anderen Seite wieder hinaus in
+den Wald. Und saß man auf dem flachen, dickbemoosten Dache, auf dem die
+langen Gräser spielten und sogar drei Maulwurfshügel schwollen, dann
+schien es, als säße man auf dem Waldboden, so war das Haus mit dem Wald
+verwachsen.
+
+»Wie wär's, wenn ich ihr Zimmer mit kleinen Engeln ausmalen würde, sie
+bleibt ja doch auf immer da«, sagte Grünwiesler vor dem Schlafengehen.
+
+»Wenn sie's erlaubt«, erwiderte Oldshatterhand; er hatte einen eleganten
+Schaukelstuhl gezimmert und ihn ihr ins Zimmer gestellt, während sie am
+Waldsee gelegen war. Und der Zwerg brachte ihr ein Säckchen voll
+Bucheckern. Die schmeckten nach Nuß und Olive.
+
+Das Mädchen hatte feste, schmale Hüften. Ihr Kleid hatte sie noch einmal
+umgeändert, den Halsausschnitt rund und den Rock sehr eng gemacht. So
+sah Oldshatterhand sie zum Waldsee gehen und wäre gerne mit ihr
+gegangen, blieb aber zögernd stehen und ging zum Hirten.
+
+Grünwiesler saß schon seit dem frühen Morgen malend im Waldtal. An ihm
+vorbei plätscherte ein Bach in vielen Windungen durch die Wiese.
+
+Der Landbriefträger trat aus dem Walde heraus und zu Grünwiesler,
+verglich, auf seinen Knotenstock gestützt, eine Weile Bild und Motiv und
+reichte Grünwiesler einen Brief. »Von wem mag jetzt der sein«, fragte
+der Briefträger. »Da ist ja gleich was drauf gemalt.«
+
+Grünwiesler errötete -- er selbst war aufs Kuvert gezeichnet, vor
+Oldshatterhand auf den Knien liegend, mit anbetender Gebärde.
+
+»No, von wem is jetzt der Brief?«
+
+»Von meinem Freund Immermann.«
+
+»Der is gewiß auch so ein Maler?«
+
+Da Grünwiesler nicht antwortete, sagte der Briefträger: »No, dann grüß
+Ihne Gott«, und ging.
+
+Versteht sich doch von selbst -- angenehm sei es ihm gerade nicht, daß
+Grünwiesler mit Oldshatterhand verkehre, der ein ungebildeter, ja, für
+Grünwiesler, direkt gefährlicher Mensch sei -- schrieb Immermann. Ob
+Grünwiesler denn wirklich so naiv sei und glaube, daß dieser
+Emporkömmling ihn nicht ganz einfach nur ausnütze. Das Bürschchen könne
+man nicht nur so mir nichts dir nichts nehmen, wie es sich gebe.
+Nebenbei wisse man ja auch, aus was für einer Familie Oldshatterhand
+komme. Auf keinen Fall natürlich dulde er, daß in seinem Kreise
+Oldshatterhand verkehre. Und als Freund könne er von Grünwiesler so viel
+Einsicht verlangen. »Nicht, daß mir besonders viel daran liegt,« schloß
+der Brief, »im Gegenteil, aber immerhin wundert es mich, daß du mit
+diesem Vierkant den Sommer im Spessart verbracht hast, anstatt mit mir.
+Wenn dir an meinem Kreise noch etwas gelegen ist, dann komme. Ich male
+Studien auf dem Schleehof bei Würzburg.«
+
+Grünwiesler schob die Lippen nachdenklich vor, steckte den Brief in die
+Brusttasche, packte sein Malgerät zusammen und trat sofort den Heimweg
+an.
+
+Im Hause gingen sie einige Stunden lang aneinander vorbei.
+
+»Wie ist das?« fragte Oldshatterhand endlich und stellte sein
+angefangenes Bild auf die Staffelei.
+
+»Die Perspektive stimmt nicht, wie gewöhnlich bei dir.«
+
+»Dann erklär mir's doch, woran's liegt.«
+
+»Ja, stimmt eben nicht . . . Wenn du von oben siehst, verkürzen sich die
+Linien. Das bringst du halt noch nicht heraus.«
+
+»Du kannst nichts erklären!« schrie Oldshatterhand erregt. »Erklär doch!
+Erklär doch!«
+
+Schnell eingeschüchtert, trat Grünwiesler wieder vor das Bild.
+
+Oldshatterhand schüttelte zornig die Hände gegen sein Bild hin. »Zeig
+mir doch! Herrgott, kannst du mir denn nicht zeigen, wieso das falsch
+ist!«
+
+Grünwiesler wollte mit der Zeichenkohle das Bild korrigieren.
+
+»Laß! Hineinarbeiten sollst du doch nicht! Zeigen! Zeigen!«
+
+»Ich hab dir's doch schon so oft gezeigt, das mit der Perspektive«,
+sagte Grünwiesler ängstlich und stotterte verwirrt: »Es gibt auch noch
+eine Luftperspektive und eine Farbenperspektive . . . Ich zeig dir's
+schon.«
+
+»Ach was! Aber wie . . . Aber wie du mir's zeigst! . . . Daß es kein
+Mensch verstehen kann. Du bist . . . du bist wirklich saudumm!«
+
+Ganz unvermittelt schlug Grünwieslers Gutmütigkeit in rachsüchtige Wut
+über, die an Irresein grenzte; er verlor den Atem, ein dünner,
+pfeifender Ton entfloh seinem Munde; aber wie schon oft in diesem
+Sommer, wenn Oldshatterhand machtlos den technischen Schwierigkeiten
+gegenübergestanden und über alles Maß hinaus ungerecht geworden war,
+drehte die Wut Grünwieslers sich nach innen, und in Angst vor seinem
+aufbrausenden Schüler sagte er stockend: »Quäl mich nicht . . . Warum
+quälst du mich. Es braucht halt alles seine Zeit.« Nur ein gefährliches
+Flimmern war in seinen Augen zurückgeblieben, wie Irre es haben, die
+jahrelang sich kujonieren lassen und eines Tages in einem
+Rachsuchtsanfall den Wärter erdrosseln.
+
+Das Mädchen ging vorüber und in ihr Zimmer.
+
+Oldshatterhand wurde sofort ruhig. »Ich packe es schon noch«, sagte er
+und lächelte Grünwiesler an. »Für mich ist nichts zu schwer . . . Soll
+ich Tee eingießen?«
+
+»Oh, das wär lieb von dir«, sagte Grünwiesler erleichtert, sah vor sich
+hin, in die Ecke, auf Oldshatterhand. ». . . Du, ich hab einen Brief
+bekommen von Immermann.«
+
+»Was schreibt denn der?« fragte Oldshatterhand mit gemachter
+Gleichgültigkeit und setzte die Teekanne wieder ab, ohne eingegossen zu
+haben.
+
+». . . Nichts Besonderes . . . Den Tee hast du fein gemacht . . . Ich
+geh übrigens diese Woche noch zu ihm.«
+
+»Dein Bild ist doch nicht fertig . . . Und überhaupt.«
+
+»Nein«, sagte Grünwiesler und schob die Lippen schief lächelnd vor,
+wodurch beim rechten Mundwinkel ein kleines, schwarzes Löchlein
+entstand, als ob die Oberlippe zu breit wäre. »Aber ich muß ihn wieder
+einmal sehen . . . Er ist ein sehr bedeutender Mensch.«
+
+»Pf!« machte Oldshatterhand verächtlich. ». . . Zeig mir einmal den
+Brief.«
+
+»Den Brief? . . . Ich hab ihn zerrissen . . . Weißt, in den Bach hab ich
+ihn geworfen.«
+
+»Du hast den Brief noch!« fuhr Oldshatterhand auf. ». . . Immermann hat
+wieder schlecht über mich geschrieben.«
+
+»Nei . . . n«, sagte Grünwiesler langgezogen, wie wenn er das Mißtrauen
+Oldshatterhands bedauerte.
+
+»Sei nur still! . . . Ich weiß schon.«
+
+». . . Ich will dir einmal was sagen: Immermann spricht über niemand
+etwas Schlechtes . . . Nur was wahr ist, sagt er . . . oder was er denkt
+. . . So ist Immermann nicht.«
+
+»Du lügst! Ich seh dir's an.«
+
+»Wiesooooo?« erwiderte er traurig singend.
+
+»Du lügst einfach!«
+
+Da blickte Grünwiesler Oldshatterhand fest in die Augen. »Wenn du's
+wissen willst . . . Immermann hat sogar nur Gutes über dich geschrieben
+. . . Schenk mir noch einen Tee ein!« rief er kameradschaftlich. »Den
+hast du fein gemacht.«
+
+Oldshatterhand schob die Teekanne Grünwiesler hin. »Ich kenn den
+Immermann schon . . . Der will unter uns der Erste sein . . . Der
+Hauptmann . . . Eifersüchtig ist er auf mich, weil du nicht mit ihm bist
+und ich nicht nach seiner Pfeife tanze . . . Aber dem werd ich's noch
+zeigen, wer mehr ist. Ich werde der Größte von allen!«
+
+»Also, jetzt sind wir wieder gut miteinander«, sagte Grünwiesler
+fröhlich und streckte Oldshatterhand die Rechte hin. »Singen wir jetzt
+ein Lied?«
+
+Sie sangen zweistimmig. Und am Schluß sagte Grünwiesler: »Zu dem Lied
+malt Immermann eine Bilderserie. Zu jeder Strophe ein Bild. Die werden
+sicher wunderbar . . . So ein Tee ist halt doch was Feines.« Er sah
+Oldshatterhand in die Augen.
+
+Als sie schon am Boden auf den Matratzen lagen, dachte Oldshatterhand in
+steigender Begeisterung seinen zukünftigen Ruhm herbei. »Was Immermann
+malt, das ist nichts. Man muß groß werden. Wie . . . Grünewald! Sonst
+hat's keinen Sinn.«
+
+»Mnja«, sagte Grünwiesler im Halbschlaf.
+
+»Du glaubst's nicht? Ich werde alles haben«, rief er frohlockend. »Alle
+werden zu mir kommen.« Und als er die tiefen Atemzüge des Schlafenden
+hörte, dachte er allein weiter.
+
+ * * * * *
+
+Franziskus Grünwiesler und Oldshatterhand waren von früh bis nacht durch
+den Spessart gewandert und noch einen ganzen Tag lang, in der Richtung
+nach Würzburg.
+
+Sie standen auf einer Höhe und sahen zurück. Grünwiesler kniff die Augen
+zusammen und deckte mit der Hand den Vordergrund weg. Seine Nase rollte
+sich aufwärts und bekam Runzeln, vor saugendem Sehen.
+
+Der Main zog seinen weiten Bogen um den Spessart herum und teilte ihm
+Dörfer und Burgruinen zu; die untersinkende, schwungradgroße Sonne
+berührte die Baumkronen und verwandelte den herbstlichen Laubwald in ein
+schweres Goldgebilde, worin die Tannenschläge gleich fernen
+Frühlingshoffnungen ruhten.
+
+Wie ein tiefdurchlebtes Jahr lag der Wald vor den beiden, und darüber
+die Atmosphäre spielte wunderbar in zarten Farben.
+
+»Komm, gehn wir«, sagte Grünwiesler, streckte fröhlich die Brust heraus
+und wandte sich zur entgegengesetzten Richtung, wo die sonnenlose
+Landschaft in tiefer, blauer Abendstille lag.
+
+Als sei ihm, durch die Augen hinein, in seinem Leben schon viel zu viel
+in die Seele gekommen, sah Oldshatterhand gequält zur Seite und hatte
+den Wunsch, niederzusitzen und zu warten bis alle schwere, unerklärliche
+Traurigkeit in ihm sich löse. Eine steile Falte, von der Nasenwurzel bis
+zum Haaransatz, bildete sich auf seiner Stirne. »Wenn ich jetzt rasend
+zornig sein könnte.« Grünwiesler sah erschrocken auf. »Ich könnte ja
+hinterher abbitten . . . Ich möchte wissen, woher überhaupt die Tränen
+kommen. Sie sind plötzlich da, rollen herunter, und immer neue rollen
+nach . . . Fünf Jahre lang hab ich nicht geweint.« Er sah Grünwiesler
+an, der seinen Kopf schulterwärts geneigt hielt und auf Oldshatterhand
+blickte, wie ein Kanarienvogel auf das Salatblatt.
+
+»Wo sind die Tränen, die ich nicht geweint hab? Das ist doch
+unbegreiflich. Irgendwo müssen doch die vielen nicht geweinten Tränen
+sein . . . Vielleicht verdunkeln sie alles in einem . . . Ach!« atmete
+er tief aus und lachte plötzlich, lang und laut, in großer Befreiung.
+
+Froh geworden, schritt er neben Grünwiesler auf der weißen Landstraße
+hin, an deren ferner Biegung das zinnoberrote Dach eines neuen
+Bauernhäuschens in der Sonne glühte.
+
+Als sie bei dem kleinen Neubau angekommen waren, der ganz anders aussah,
+als beide ihn sich aus der Ferne vorgestellt hatten, sagte
+Oldshatterhand: »Jetzt ist das Mädchen ganz allein im Haus.« Und was
+wird sie im Winter machen, dachte er, wenn Schnee liegt und wenn's kalt
+ist. »Es ist ja kein Ofen im Haus.«
+
+»Nein«, sagte Grünwiesler nachdenklich, »Türen hat das Haus nicht.«
+
+ * * * * *
+
+Auf der Höhe von Würzburg liegt ein großer Gutshof. Der rothaarige
+Kunstmaler Christinus Immermann, Sohn des verstorbenen Häusermaklers
+Fürchtegott Immermann, saß neben dem Misthaufen, streute Brotkrumen
+unter die Hühner und zeichnete sie in den verschiedensten Stellungen ab.
+Die meisten Brocken schnappte der Hahn weg, der herrisch zwischen seine
+Hühner fuhr und, wenn ein Huhn ihm zuvorgekommen war, sich hoheitsvoll
+aufrichtete, als ob er diesen Brocken gar nicht gewollt hätte. Ein
+junges, rabenschwarzes Fohlen, nicht höher als ein großer Hund, wälzte
+sich in der Sonne am Boden, streckte die dünnen Beine in den Himmel,
+stand plötzlich und rannte mit komischen Sprüngen zum Hoftor hinaus,
+durch das der junge, jockeiähnliche Gutsherr hereinkam, begleitet von
+einem kleinen Herrn in Röhrenstiefeln und Jagdjoppe.
+
+»Herr Tierarzt Amrhein«, stellte der Gutsbesitzer vor. »Und das ist mein
+lieber Freund Immermann.«
+
+Immermann legte dem Gutsbesitzer die Hand auf die Schulter. Das Fohlen
+kam hereingerast, stoppte, stieg in die Höhe, drehte sich auf den
+Hinterbeinen und tollte wieder hinaus. Die große, üppige Hausmagd mit
+verklebten Augen schüttete aus einem Eimer Wasser in großem Bogen auf
+den Düngerhaufen, sah schüchtern den Maler an, der die Lippen verzog und
+tat, wie wenn er die Magd nicht sähe. Zögernd ging sie zurück ins Haus.
+Sie war schwanger.
+
+»Lassen Sie den Eber heraus!« rief der Gutsbesitzer ihr nach. »Bringen
+Sie reines, warmes Wasser. Und der Knecht soll kommen.«
+
+Oldshatterhand und Grünwiesler kamen in den Hof zu Immermann.
+Grünwiesler sah den Maler mit dem bittenden Kanarienvogelblick an und
+errötete unaufhörlich. Oldshatterhand ärgerte sich über den
+geringschätzigen Gesichtsausdruck von Immermann.
+
+»Wie geht's mit deiner Gesundheit?« fragte Grünwiesler ängstlich.
+
+»Wie es einem Herzkranken gehen kann.«
+
+Immermann hatte bläuliche Lippen. Grünwiesler sah betrübt drein.
+Oldshatterhand war wütend, weil er glaubte, Immermann prahle nur mit
+seiner Herzkrankheit.
+
+Der Maler schüttelte Grünwiesler die Hand.
+
+Oldshatterhand hielt die seine auch hin. Immermann sah ihn an, zuckte
+die Schultern und reichte ihm nur den Zeigefinger, den Oldshatterhand,
+überrumpelt und verwirrt, schüttelte, worauf Immermann die Lippen
+verzog.
+
+Mit dem Gefühl des Ausgeschlossenseins sah Oldshatterhand den Maler
+hilflos an, und als der Maler sich gleichgültig von ihm weg Grünwiesler
+zudrehte, dachte Oldshatterhand, ich hätte kaltlächelnd sagen sollen --
+einer ist mir zu wenig, geben Sie mir die anderen vier Finger auch dazu.
+Oldshatterhand legte die Hand in die Hüfte und lächelte ironisch: Einen
+Finger? Wer wird so geizig sein! -- Viele schlagfertige Erwiderungen
+fielen ihm ein; er hatte ganz vergessen, daß es jetzt zu spät war, und
+als er sich dessen bewußt wurde, saß der Haß in seinen Augen. Immermann
+hatte Oldshatterhand die Gedanken vom Gesicht abgelesen und quittierte
+mit ironischem Lippenverziehen.
+
+»Meinen Brief hast du bekommen? . . . Wirklich, es freut mich, daß du da
+bist«, sagte er und drehte Oldshatterhand ostentativ den Rücken zu.
+Grünwiesler sah beglückt auf. Sie sprachen über eine Hühnerstudie, ohne
+sich um Oldshatterhand zu kümmern, der grußlos fortgehen wollte und sich
+haßte, weil er stehen blieb.
+
+Die blonde Gutsherrin erschien am Parterrefenster und sah interessiert
+auf die Gruppe, die um den Eber herumstand. Knecht und Magd hielten ihn
+fest; der kleine Arzt besah ein blitzendes Messerchen.
+
+Der Eber stieß einen langanhaltenden, schneidenden Ton aus. Der Arzt
+stand auf, lachte und warf etwas Blutiges auf den Misthaufen, das der
+Jagdhund beroch, aber nicht fraß. Alle Hühner stürzten darauf los,
+bildeten, auf- und übereinandersteigend, einen flatternden Kreis und
+verließen interesselos den Düngerhaufen wieder.
+
+Die Gutsherrin sah, langsam errötend, Immermann an, der die Lippen
+verzog, wie vorher bei der Dienstmagd. Der jetzt beruhigt grunzende Eber
+wurde in den Stall geschoben.
+
+Der Gutsbesitzer trat zu Immermann, der ihm die Hand auf die Schulter
+legte. Die blonde Frau trat vorsichtig leise vom Fenster zurück und sah
+dabei auf Immermann. Sie hatte schwarze Augenbrauen über den blauen
+Augen.
+
+»In einem Monat können wir ihn schlachten, das heißt, ein _Er_ ist das
+ja jetzt eigentlich nicht mehr. Bis dahin ist sein Fleisch eßbar. Sie
+sind eingeladen«, sagte der Gutsbesitzer zu Immermann.
+
+Die Magd eilte vorbei und sah verlegen auf Immermann. Die Gutsherrin
+trat wieder vor ans Fenster und fragte ihren Mann: »Nun? ist der
+Tierarzt denn noch nicht da?«
+
+»Ach, das ist ja schon lange vorüber.«
+
+Immermann verzog die Lippen.
+
+Der Gutshof lag nah am Tannenwald. Die zwei Maler und Oldshatterhand
+gingen am Saum entlang. Oldshatterhand war bedrückt. Warum bin ich
+ungerecht, da er doch wirklich herzkrank ist, sagte er zu sich. Ich bin
+gemein.
+
+Grünwiesler erzählte begeistert von dem Mädchen, das ins Spessarthaus
+gekommen war.
+
+»Eine Tippelschickse!« sagte Immermann kurz. Grünwiesler schwieg
+betroffen.
+
+Und Oldshatterhand hatte das Empfinden, als hätte man ihm ins Herz
+gezwickt. Gleich darauf aber fühlte er sich sehr erleichtert. Er prahlt
+vielleicht doch nur mit seiner Herzkrankheit, dachte er, und wunderte
+sich, daß er nicht mehr bedrückt war, obwohl Immermann weiter schlecht
+von dem Mädchen sprach.
+
+»Diese Weiber haben keine Ausweispapiere.«
+
+»Ausweispapiere! Man braucht keine!« sagte Oldshatterhand laut.
+
+»Und wenn du dir etwas geholt hättest bei der Schickse? Was dann?« sagte
+Immermann zu Grünwiesler, als ob Oldshatterhand gar nicht da wäre.
+
+Oldshatterhand wurde wütend, wollte das Mädchen verteidigen und brachte
+kein Wort hervor.
+
+Immermann verzog die Lippen. »Da habe ich es schon etwas ungefährlicher.
+Die eine ist schwanger, und die Gutsherrin -- -- -- gefällt sie dir?« Er
+lächelte Grünwiesler breit an. »Ich habe übrigens wieder ein
+Märchengedicht geschrieben . . . Weißt du, ich glaube, ich bin
+Romantiker.«
+
+»Sie sind ein gemeiner Dreckkerl!« schrie Oldshatterhand plötzlich. ». .
+. Und mit Ihrer Herzkrankheit scheinen Sie doch nur zu prahlen.«
+Flammend wandte er sich um und schlug allein den Weg nach Würzburg ein.
+Grünwiesler neigte den Kopf schulterwärts und sah ihm erstaunt mit
+seinem Kanarienvogelblick nach.
+
+»Du siehst, mit so einem plebejischen Lausejungen kann man nicht
+verkehren«, sagte Immermann gleichgültig, seinen Zorn verbergend.
+
+»Das seh ich jetzt selbst ein . . . Aber es kann einem leid tun. Wir
+haben schöne Stunden miteinander verlebt.«
+
+»Meinethalben . . . Du kannst ja tun, was du willst.«
+
+»Nein, nein!« rief Grünwiesler ängstlich. ». . . Ich meinte ja nur so
+. . . Ich hätt nur gern erst noch seinen Akt gezeichnet. Er hat einen
+wunderschönen Akt . . . Aber gequält hat er mich ja auch.«
+
+»Weil du ein gutmütiger . . . fast hätte ich gesagt -- Tölpel bist. Bei
+sich lacht er natürlich über dich, nachdem er dich ausgenützt hat.«
+
+». . . Du meinst, er hält mich für einen Tölpel?«
+
+»Was denn?«
+
+»Schluß! Dann aber Schluß!« schrie Grünwiesler in plötzlicher höchster
+Wut.
+
+»Talent hat er ja . . . Gott, Talent haben viele. Aber daß ein Subjekt
+mit dieser Gesinnung nicht in unsern Kreis gehört, das wirst doch auch
+du einsehen.«
+
+»Christinus . . . mir ist jetzt alles klar. Den ganzen Sommer hat er von
+mir gelebt, hat mich ausgenützt. Aber ich kenn ihn jetzt.«
+
+»Verstehst du, wenn ich mir einen Kreis lieber Menschen gebildet habe,
+dann lasse ich so jemand eben nicht herein . . . Gott, wir wollen ganz
+einfach nicht. Und damit fertig . . . Aber, lassen wir uns doch die
+Stimmung nicht länger verderben.«
+
+»Du hast recht.«
+
+»Gehen wir ein bißchen tiefer in den Wald hinein, dann rezitiere ich dir
+mein neues lyrisches Gedicht.«
+
+»Oh, das wäre wunderbar«, sagte Grünwiesler und legte Immermann die Hand
+auf die Schulter. So verschwanden sie zwischen den Tannenstämmen.
+
+»Ich werde das Gedicht auch malen . . . Ein zartes Mägdlein kommt drin
+vor, einsames Waldesrauschen und ein romantischer Ritter . . . Siehst du
+das Bild?«
+
+»Oh, das ist wunderbar.«
+
+Sie setzten sich ins Moos. Ein Specht hämmerte neben ihnen am
+Tannenstamm. »Pst . . . dort«, flüsterte Grünwiesler.
+
+Immermann begann sein Gedicht herzusagen, zuerst flüsternd, dann lauter.
+Entzückt horchte er auf seine Stimme und mußte aufstehen. Die Arme
+ausgebreitet, sprach er stark und hingegeben die letzte Strophe.
+
+Grünwiesler lauschte; die Worte wurden ihm zu Bildern. Gepackt sah er zu
+Immermann empor.
+
+»Siehst du die Kompositionen?«
+
+»Oh, sie sind wunderbar . . . Zu so etwas fehlt's mir an Phantasie«,
+sagte er traurig.
+
+»Tom der Reimer saß am Bach!« rief Immermann begeistert.
+
+Viele Wege und Pfade, die zu den Weinbergen oder daran vorbei führten,
+waren schon gesperrt, denn die Trauben begannen gelb zu werden.
+Oldshatterhand sah auf das kleine, graue Männlein, das reglos am
+Waldsaum stand. Es hatte ein Messinghorn an der Seite hängen.
+
+»Ist das wahr«, fragte er den Weinbergshüter, »daß Sie den Buben, die
+sich ein paar Trauben holen, Pfeffer und Salz in die Waden schießen?«
+
+Der Alte zwinkerte ihm pfiffig zu und klopfte auf sein Messinghorn.
+»Früher han i's ton. Jetzet blas i. Dann bricht glei's ganze Dorf auf
+und umstellt 'n Wenger.[1] Jetzet erwisch'n wir die Bub'n immer.«
+
+[Fußnote 1: Weinberg.]
+
+»Ach nein!« rief Oldshatterhand erschrocken und ging weiter, bis zum
+Gemüsegarten der Roten Wolke, der etwas abseits vom Gärtnerhäuschen lag
+und von einer gerade beschnittenen, dichten Buchsbaumhecke eingezäunt
+war.
+
+Hinter der Hecke blieb er stehen, blickte in den Garten und horchte.
+
+Das junge, schöne Lehrerstöchterchen stand bei der Roten Wolke und einem
+rotbäckigen Jüngling. Der sagte: »Bis übermorgen könnt ihr die zwei
+Hauptrollen studiert haben von meinem Stück«, und reichte der Roten
+Wolke sein Manuskript.
+
+»Des Stadttürmers Klärchen und der Zigeunerhauptmann. Tragödie in fünf
+Akten«, las die Rote Wolke vor.
+
+Der Wald warf seinen langen, abendlichen Schatten bis zum Ziehbrunnen
+des Gemüsegartens. Die Rote Wolke schlug das Manuskript auf, begann die
+Brunnenkurbel zu drehen, stellte die Fußspitze zurück und rezitierte:
+
+ »Entflieh mit mir, Klärchen!
+ Durch Sturm und Nacht, ha! reiten wir.«
+
+Die Brunnenkette knarrte, der Kübel erschien.
+
+Die Lehrerstochter schüttete das Wasser in die Gießkanne und goß das
+Blaukrautbeet, sah den Dichter an, die Rote Wolke und sagte verschämt:
+»Es lebe die Kunst und die Liebe.«
+
+
+
+
+Achtes Kapitel
+
+
+Im Oberlichtsaal der Königlichen Akademie der bildenden Künste in
+München waren an den Wänden die Arbeiten der jungen Maler aufgehängt,
+die sich der Aufnahmeprüfung unterzogen hatten. Kein Mensch war im Saal;
+nur die Prüfungsarbeit, ein flachgequetschter Negerkopf mit grellem
+Augenweiß, grinste in ein paar hundert Exemplaren in die Leere.
+
+Der alte Pedell mit grauem Petrusbart öffnete die Flügeltüren und ließ
+die Prüfungskandidaten eintreten, eine Schar Jünglinge, meist in kurzen
+Sammethosen und mit langen Haaren. Sie sollten selbst sehen, ob sie
+aufgenommen waren. Ein Kreis auf der Arbeit bedeutete -- Prüfung
+bestanden, ein Kreuz -- durchgefallen.
+
+Ein junger Maler mit scharfem Kardinalgesicht lief allen voran bis in
+die Saalmitte. Sein Blick irrte suchend herum, wobei sein Körper hin und
+her zuckte, wie wenn er einen scharfen Kampf mit einem gefährlichen
+Gegner zu bestehen hätte. Plötzlich stürzte er zu seinem Negerkopf.
+
+Die andern quollen, zusammengedrängt, ängstlich durch die Tür und
+strahlten auseinander. Keiner konnte seine Arbeit gleich finden, weil
+auf den ersten Anblick hin die still grinsenden Negerköpfe voneinander
+nicht zu unterscheiden waren.
+
+Verklärte Gesichter. Freudige Ausrufe. Augen, die fassungslos, empört
+oder traurig auf die Kreuze blickten.
+
+Oldshatterhand, der am Türpfosten stehen geblieben war, ging jetzt, mit
+gleichgültigem Gesicht, an den Arbeiten entlang, sagte zu jemand: »Diese
+Arbeit ist sehr gut, sehr gut«, blickte sich gelangweilt um, ob ihn
+niemand beobachte. Plötzlich schnellte er vorwärts und stand verzaubert
+vor seinem Negerkopf, lachte einem Engländer mit eckigem Schädel ins
+Gesicht und deutete auf den Kreis, der seinen Neger zierte.
+
+Oldshatterhand war in die Königliche Akademie der bildenden Künste
+aufgenommen worden.
+
+Glücklich eilte er nach Hause, stieß seine Kammertür auf und prallte
+zurück, denn er hatte vergessen, wie kompliziert der Eintritt in die
+Kammer war. Die durch die Möbel verstellte Kammertür war nur zu einem
+schmalen Spalt zu öffnen. Vorsichtig versuchte er es noch einmal,
+zwängte sich durch, wobei er aufs Bett steigen mußte, schlängelte sich,
+wieder vom Bett heruntersteigend, um die Türkante herum und konnte die
+Tür jetzt schließen, sich aufs Bett setzen und saß damit zugleich auch
+vor dem Tisch. Darauf lag ein Brief von der Mutter. Die Mutter schrieb
+-- Lenchen Leisegang habe ein Verhältnis angefangen mit einem
+Artillerie-Sergeanten. »So?« sagte Oldshatterhand, »so?« und sein
+Gaumen wurde trocken. »Artillerie-Sergeant? . . . Für einen
+Artillerie-Sergeanten ist sie doch viel zu zierlich!« Seine Augen lasen
+weiter. Der berühmte Maler Franz Lenbach sei ja jetzt gestorben, schrieb
+die Mutter. Sie glaube fest, daß er, Oldshatterhand, an des Verstorbenen
+Stelle treten werde. Der Herr Lenbach sei auch nur als Maurerlehrling zu
+Fuß in München eingewandert und sei doch der größte Maler geworden.
+
+Im Hofe heulte der Herbstwind, knallte einen Fensterflügel auf und warf
+ein Mädchenlachen in Oldshatterhands Kammer, welcher mit Kraft und Trotz
+Lenchen Leisegang hinter sich schob und der glänzenden Zukunft nachsann,
+die seine Mutter ihm prophezeit hatte. Dazu verzehrte er ein Stückchen
+Limburger Käse.
+
+Der Wind heulte in die Höhe, zerriß das Mädchenlachen und die
+Phonographentöne, die sich jedoch hartnäckig gegen den Wind behaupteten,
+der jäh abbrach, aus dem Hofloch entfloh und, sich selber nachjagend,
+pfeifend in der Ferne verklang.
+
+Oldshatterhand stieg aufs Bett, klinkte die Tür auf, zwängte sich durch
+und hinaus. Und ging in die Schackgalerie.
+
+Die Bilder von Schwind, Feuerbach, Böcklin gefielen ihm zwar sehr gut,
+aber er hatte doch noch ganz anderes erwartet. Vor der Venus von
+Giorgione, einer Kopie von Lenbach, blieb er lange stehen und freute
+sich, daß er hier als Erwachsener sein und eine nackte Frau ansehen
+durfte, ohne daß dies ihm jemand verwehren konnte. Er sah nur die
+schöne, nackte Frau, den Busen, den runden Leib. Und mußte den Blick
+senken, weil er an Stelle der Venus unversehens die Rötlichblonde sah,
+die in der Fischergasse nackt vor ihm auf der Ottomane gelegen war.
+Traumhaft wechselte diese Erscheinung mit dem Mädchen aus dem Spessart.
+Und unter flutendem Wohlgefühl am ganzen Körper flossen ihm die drei
+Frauen in eine zusammen.
+
+Geflüster war um ihn her. Ein Maler mit doppelsohligen Schuhen machte
+manchmal ein paar Schritte. Das knallte wie in einem Kellergewölbe.
+»Lenbätsch«, sagte im Vorbeigehen ein Engländer zu seiner Begleiterin.
+
+Eine Malerin mit Sandalen ging sehr schnell von Bild zu Bild; ihre
+Brüste schwankten im korsettlosen Kleid. Vor jedem Bild hob sie die Hand
+zu den Augen, nickte oder schüttelte den Kopf und ging weiter.
+
+Ihre heißen Augen mit Wimpern, die bis über die schwarzen,
+zusammengewachsenen Brauen in die Höhe schlugen, bildeten einen
+sinnlichen Kontrast zu ihrem sanften Madonnengesicht und dem sehr
+kleinen Mund, rund und rot wie eine Kirsche.
+
+Vor Oldshatterhand blieb sie stehen. Er blickte sie geistesabwesend an,
+weil er den Zwiespalt noch nicht gelöst hatte, den sein Kunstgewissen
+ihm verursachte: ob seine sinnlichen Gefühle vor der Venus von Giorgione
+berechtigt seien oder gemein.
+
+»Ja, das ist schön«, sagte die Malerin und sah ihm tief in die Augen. Er
+nickte eifrig. Ohne Übergang begann sie zu erzählen: von ihrem freien
+Leben, von Christus und Nietzsche, als den einzigen Menschen. Denen
+fühle sie sich verwandt, sie müsse auch leiden für die Menschheit.
+Sprach weiter von ihrer Familie und schloß damit, daß ihre Mutter ein
+kleines, dummes, bürgerliches Mädchen sei und ihr Vater ein
+charakterloser Schwächling. »Kommen Sie mit in mein Atelier. _Sie_
+verstehen mich. Das fühle ich. In Ihnen habe ich einen Menschen
+gefunden! Einen Menschen!« Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn
+hinaus.
+
+Das Atelier war groß. Kastanien lagen am Boden umher. Kastanienketten
+hingen an den Wänden, die mit Rupfen bespannt waren. Eine mit Rupfen
+überzogene Seifenkiste gab eine Kommode ab. Auch die Ottomane, das
+einzige Möbelstück, war mit Rupfen überzogen. Oldshatterhand setzte sich
+darauf. Ohne erkennbaren Grund lachte die Malerin, voll und tief aus der
+Brust heraus.
+
+Sie bog und wand sich vor Lachen, zog dabei ihr Rupfenkleid über den
+Kopf und stand vor Oldshatterhand in einem semmelgelben, blaugeblumten
+Überwurf aus dünner Seide, der ihr nicht bis zu den Knien reichte.
+
+Oldshatterhand sah zu ihr hin, wußte nicht, warum sie lachte, und fragte
+ratlos: »Tragen Sie kein Hemd?«
+
+Unvermittelt wurde sie tiefernst, trat dicht vor den sitzenden
+Oldshatterhand, schlug den Überwurf vorne auseinander und drückte
+Oldshatterhands Kopf an ihren bloßen Leib.
+
+Automatisch legte er die Arme um ihren nackten Rücken herum, atmete, und
+sein Mund küßte. Plötzlich sah er die alte Brücke von Würzburg mit den
+zwölf Heiligen, drückte den Mädchenleib weg von sich, starrte auf
+Würzburg und glaubte den Geruch der Felsengasse zu riechen, empfand
+Ekelgefühl und stand auf.
+
+In rätselhafter, tiefer Traurigkeit blickte das Mädchen ihn an und hielt
+den Überwurf vorne zusammen.
+
+Oldshatterhand war zur Tür geflüchtet. »Ich muß nach Hause. Meine Wirtin
+und ich wollen zusammen die Möbel umstellen in meiner Kammer, weil's ein
+wenig eng da ist.«
+
+Da ging eine sonderbare Veränderung mit dem Mädchen vor; es war, als ob
+ein nackter Mensch vom heißen Sommer plötzlich in den Winter träte und
+angespannt und aufgereckt den Temperaturwechsel ertrüge. Sie trat zur
+Wand, hing sich eine Kastanienkette um den Hals und sagte, scharf
+pausierend: »Ich! . . . Christus! . . . Hölderlin! . . . und Nietzsche
+. . . Uns trifft die unsichtbare Faust der Welt . . . immerdar.«
+
+Grauen erfüllte Oldshatterhand; erschüttert sah er das Mädchen an.
+
+Da lachte sie wieder das gesund klingende Lachen, daß ihr kräftiger
+Körper unter der Seide zuckte; und Oldshatterhand lächelte, lachte,
+lachte laut, in großer Befreiung, wie damals auf der Spessarthöhe. Und
+plötzlich erinnerte er sich einer Szene aus seiner Jugend -- sah sich
+und andere Kinder im Kreise auf dem Schloßbergrasen sitzen und um die
+Wette krachende Äpfel essen.
+
+Während der folgenden Tage dachte Oldshatterhand immer wieder an das
+Mädchen im Spessart, sah sie zum Waldsee gehen; aber sie hatte nicht das
+Kleid aus Rohleinwand an, das Franziskus Grünwiesler mit blauen
+Herbstzeitlosen hatte bemalen wollen, sondern einen blaugeblumten
+Überwurf aus semmelgelber Seide, der ihr nicht bis zu den Knien reichte.
+
+In der Nacht träumte er: das Spessartmädchen stand mitten auf dem
+Waldsee; der Mond sank vom Himmel herunter und lag auf ihrem Scheitel.
+Sie hielt den Überwurf vorne auseinander und sank langsam und senkrecht
+ins Wasser, immer tiefer, bis nur noch der Überwurf auf dem See lag. Die
+Mondscheibe schwebte wieder in die Höhe.
+
+Am Morgen ging er sofort zur Malerin, klopfte vergebens an ihre Tür und
+fragte beim Weggehen die Portiersfrau, die den Hausflur kehrte, nach dem
+Mädchen. Die Frau sah auf: Die sei doch gestern ins Irrenhaus gebracht
+worden. Und kehrte weiter. Oldshatterhand blieb stehen, sah ihr zu und
+dachte angestrengt die Szene im Atelier zurück. »Daran bin ich nicht
+schuld . . . Das kann doch nicht sein«, sagte er für sich. Und die Frau
+meinte, die Schuhe könne Oldshatterhand schon abputzen, bevor er ein
+Haus beträte.
+
+Langsam ging er fort. »Ich muß die Möbel ja wirklich umstellen. Das Bett
+wird sonst schmutzig . . . Ich hab sie nicht angelogen.« Er blieb
+stehen. »Sonst wär ich doch nicht wiedergekommen.«
+
+Als er nach Hause kam, stellte er mit Hilfe seiner Wirtin die Möbel um,
+so daß er beim Eintritt in die Kammer nur unterm Tisch durchkriechen
+mußte. Das Bett stand jetzt am Fenster, was wieder den Nachteil hatte,
+daß Oldshatterhand nachts fror, denn der Winter war plötzlich gekommen,
+und das Fenster schloß schlecht. Die Kammer mit Frühstück kostete
+wöchentlich eine Mark fünfzig Pfennig.
+
+Bald waren die Wände der Kammer mit Studienköpfen Oldshatterhands
+tapeziert. Sonst stand nur das Bett und der Tisch darin, auf dem, neben
+der alten, großen Pistole aus dem »Zimmer«, ein Totenschädel stand, der
+ungeheuer zu lachen schien, weil ihm die vorderen Zähne fehlten. Auch
+von allen Wänden herunter lachte der oft abgezeichnete Schädel, so daß,
+wenn Oldshatterhand in hellen Nächten erwachte, die Kammer von lautlosem
+Gelächter erfüllt war.
+
+Kartoffelklöße, zwanzig Stück auf einmal, sandte die Frau Vierkant
+regelmäßig ihrem Sohn. Die brauchte er nur in kochendes Wasser zu legen
+und konnte sich noch einen Mitesser einladen, denn ein Kloß war so groß
+wie ein Säuglingskopf. Die Schwester legte manchmal einen Taler bei.
+Aber von den neunzig Mark, die Oldshatterhand sich als Klinikdiener und
+von jenem Bildverkauf in Würzburg erspart hatte, waren ihm doch nur noch
+vierzig Mark geblieben. Und seine Wangen waren in den fünf Münchener
+Monaten schmal geworden. Er war jedoch überzeugt, daß er bei großer
+Sparsamkeit fertig studieren könne mit dem Gelde, und hatte, aus Angst,
+etwas hergeben zu müssen, auch seiner Mutter nichts davon gesagt.
+
+Da eine junge Studentin, die zum Kloßessen gekommen war, sich beim
+Unterm-Tisch-Durchkrabbeln eine Beule an die Stirn gestoßen hatte, und
+er den Besuch dieser Dame noch öfter erwarten konnte, nahm er das zum
+Anlaß, die zu teure Wohnung zu kündigen, um sich eine billigere und
+vielleicht etwas komfortablere zu mieten.
+
+Die zwei Goldstücke in seinem Zugbeutel wollte er nicht wechseln lassen.
+Da ihm aber die Schwester wieder einen Taler in Aussicht gestellt hatte,
+rief er die Wirtin und sagte: »Ich ziehe aus. Bezahlen kann ich Sie erst
+am Montag. Aber ich lasse Ihnen alle meine Studien zum Pfand.« Er zeigte
+im Kreise herum und blickte die Frau voller Staunen an, weil sie
+wegwerfend sagte: »Entweder Sie bezahlen, oder Ihr Köfferchen bleibt
+hier. Auf die Bilder pfeif ich. Die sind keine fünf Pfennig wert.«
+
+Da blieb er wohnen, söhnte sich auch wieder aus mit der Wirtin, die ja
+doch nichts verstand. Und auch die junge Studentin ließ sich durch den
+komplizierten Eintritt in die Kammer nicht abschrecken, wiederzukommen.
+
+ * * * * *
+
+Oldshatterhand stand wieder vor dem kleinen Künstlercafé und sah gierig
+hinein. Alles darinnen schien ihm wunderschön zu sein. Die Polsterbänke
+waren mit rotem Sammet überzogen, die Messinglüster funkelten.
+
+Am Fenster saßen zwei alte Künstler leblos einander gegenüber und
+starrten auf das Schachbrett. Neben den beiden stand der kleine
+Zeichenlehrer, auf dem Kopfe die hohe Pelzmütze, die dem Kellner, der
+mit der Kognakflasche steif gebeugt vor ihm stand, nur bis zur Uhrkette
+reichte. Der Zeichenlehrer trank Kognak aus einem Wasserglas. Sein
+Pelzmantel ließ nur die Schuhspitzen sehen. Oldshatterhand hörte das
+hohle Lachen des Zeichenlehrers: »Ho! ho! ho!«, der das leere Wasserglas
+aufs neue zum Kellner emporhielt.
+
+Oldshatterhand staunte die jungen Künstler an, die kühn in das Café
+eintraten, und erschrak, weil er einen Augenblick lang daran gedacht
+hatte, es auch zu wagen, in das Café zu gehen, wo die berühmten Leute
+sitzen. Er befürchtete, daß vielleicht der Besitzer auf ihn zutreten und
+sagen würde: bitte, was wollen denn Sie hier; oder den Kellnern winken
+würde, um ihn unauffällig wieder hinausführen zu lassen.
+
+Traurig ging er langsam weiter. Große Schneeflocken fielen und wurden
+sofort vom Straßenschmutz gefressen.
+
+Vor dem Fenster des zweiten Raumes blieb er wieder stehen. Mitten aus
+dem Gästegewühl heraus fühlte er die Augen eines Mannes mit scharfem
+Gesicht auf sich gerichtet und empfand Erinnerungsqual, wie wenn ihm ein
+Wort entfallen wäre. Da nickte ihm der Mann zu, und Oldshatterhand hatte
+wieder das Gefühl, als berühre ihn ein Gespenst: er erkannte den
+rätselhaften Fremden, der auf der Höhe von Würzburg zu ihm gesagt hatte
+-- ich denke darüber nach, warum eine junge Blüte vom Baume fallen muß,
+noch bevor sie zur Frucht wird, während neben ihr eine andere zur Frucht
+reifen darf. Den Fremden, auf dessen unbegreiflichen Einfluß hin er
+plötzlich nicht mehr nach dem wilden Westen gewollt hatte.
+
+Willenlos, wie wenn sein Wille in dem Fremden, der im Café saß,
+verkörpert wäre, trat Oldshatterhand ein. Und die Wirkung auf ihn war so
+beängstigend und grausig, daß er in der Mitte, neben dem stellenweise
+glühenden Ofen, stehen blieb. Als wäre, von einem verborgenen
+elektrischen Kraftzentrum aus, ein Leitungsdraht an jeden einzelnen Gast
+angeschlossen, zuckten die phantastisch gekleideten Menschen abgehackt
+und heftig, fuhren von den Polsterbänken aus den halb liegenden
+Stellungen empor, warfen die Arme in die Höhe, die Köpfe in den Nacken
+und wieder vor, spreizten die Finger und stießen dazu, wie hundert
+verschiedenartige Tiere durcheinanderschreiend, krächzende, zischende,
+fremdsprachige Laute aus, die Oldshatterhand nicht verstand, fanden
+dazwischen Zeit, blitzschnell die Zigarette in den Mund zu stecken, um
+sofort wieder weiter zu schreien, die Arme seitwärts, zu Boden, zur
+Decke zu stoßen. Andere neben ihnen saßen, die Köpfe aufgestützt, reglos
+und blickten düster vor sich hin.
+
+Der dürftig gekleidete Oldshatterhand trat auf den Fremden zu, der einer
+blonden Dame zum Abschied die Hand küßte.
+
+»Michael Vierkant«, stellte der Fremde vor. Oldshatterhand schlug die
+Augen fragend auf zu der schönen Dame, weil sie auch ihm die Hand zum
+Kusse reichte.
+
+»Und Sie wissen ja selbst«, beendete die Dame das Gespräch, »daß es
+gefährlich ist, sein Leben lang konsequent in einer Linie zu gehen. Denn
+nebenher und kreuz und quer laufen Millionen Wege des Lebens, und an
+manchen Überschneidungen lauern für den Immerkonsequenten der Irrsinn
+und der Untergang. Aber leben Sie wohl, bis dahin«, schloß sie scherzend
+und ging.
+
+Oldshatterhand setzte sich und sah umher.
+
+Am Nebentische schüttete ein Maler ein Tellerchen voll
+Preiselbeerkompott in sein Glas Milch, rührte das Ganze um und hielt es
+gegen das Licht. Es glich in der Farbe genau seiner mit unzähligen
+violetten Äderchen besetzten, käsigen Gesichtshaut. Er goß die
+Preiselbeermilch in den Magen.
+
+»Was meinte die Dame mit den Millionen Wegen des Lebens?« fragte
+Oldshatterhand den Fremden, der ihn gerührt ansah, wie man eine
+Jugendphotographie von sich betrachtet.
+
+»Die Dame meint, man müsse Kompromisse machen im Leben, sonst komme man
+unter die Räder.«
+
+Oldshatterhand errötete heftig und schnell und fühlte sich gedemütigt,
+weil er nicht wußte, was das Wort Kompromiß bedeutet. Danach zu fragen,
+brachte er nicht über sich.
+
+»Ein Schuster hat im vornehmsten Viertel sein Geschäft«, erklärte der
+Fremde; »die Herrschaften, die feinen Damen, die da wohnen, wollen nur
+elegante, ganz leichte Schuhe. Aber der Schuster sagt ihnen immer
+wieder: ich mache nur feste Stiefel mit Doppelsohlen, nur die halten
+etwas aus, -- bleibt konsequent und macht lieber bankerott, als leichte
+Schuhe.«
+
+»Ah da!« rief Oldshatterhand und sprach mit den Händen mit. »Mechaniker
+Tritt arbeitet ein Vierteljahr lang an einem seiner elektrischen
+Türschlösser, auf die er stolz ist. Der Bezahlung nach müßte er so ein
+Schloß aber in einer Woche fertig haben.«
+
+»Und macht natürlich bankerott. Ja, daß man das nicht solle, meinte die
+Dame.«
+
+»Ja . . . aber der Herr Tritt heiratet ja dann immer wieder eine Frau
+mit Geld.«
+
+»Und macht seine elektrischen Türschlösser weiter!«
+
+»Ja.«
+
+»Das ist ein Lebenskünstler.«
+
+»Der Herr Tritt ist aber gar kein . . . Lebenskünstler, sondern ein
+hundsgemeiner Lump.«
+
+»So ein ganz klein bißchen gemein ist jeder Lebenskünstler. Und wer
+keiner ist, wird an sein Kreuz genagelt. . . . Es gibt unendlich viele,
+verschiedenartige Kreuze, und an allen hängen Menschen daran.«
+
+Da erbleichte Oldshatterhand bis in die Lippen; zurückweichend sah er
+den Fremden an, denn er glaubte, sich selbst lachen zu hören. Der Fremde
+hatte das irrsinnige Lachen Oldshatterhands gelacht. Und ganz nahe
+hergebeugt, mit dem langen Zeigefinger deutend, flüsterte er jetzt:
+»Aber es gibt ein Kreuz in grauer, teuflischer Einsamkeit. An diesem
+furchtbaren Kreuz hängt _der_ krummgenagelte Mensch, der nicht mehr
+rachsüchtig sein, sich nicht mehr wehren kann und will, weil er weiß,
+daß alle, die ihm Böses antun, daß auch der brutalste Mörder nur ein
+armer Mensch und ohne Schuld ist. Weil man ja auch ihn so lange
+gepeinigt, gedemütigt, geschlagen hat, bis er ein bösartiges,
+gefährliches Tier wurde . . . Der Mensch, der das weiß und danach
+handelt, der hängt an dem schaurigsten Kreuz, auf dem schaurigsten,
+einsamsten Gipfel. Denn ihn quälen alle, weil sie fühlen, daß er nicht
+zurückschlägt.«
+
+»Das ist Jesus Christus«, sagte Oldshatterhand ganz langsam.
+
+»Höre einmal, du.« Der Fremde faßte Oldshatterhand an die Schulter;
+seine Stirne wurde tiefrot und sprang vor. »Es gibt viele Christusse.«
+
+». . . Nur einen hat's gegeben.«
+
+»Nein, nein! Immer leben Christusse, aber man kennt sie nicht. Will sie
+nicht kennen!« Die Stirne des Fremden wurde sichtbar weiß; er richtete
+sich auf. »Ober, sehen Sie nach, ob der Brief jetzt gekommen ist.« Der
+Kellner eckte von Tisch zu Tisch.
+
+»Laaaa«, sang ein Gast laut und langgezogen und breitete dabei langsam
+die Arme aus. »G-Dur, verstehen Sie«, schloß er brüllend.
+
+Der zuckerkranke Wirt saß reglos an seinem Platz neben dem Büfett. Nur
+manchmal gab er dem Ober mit dem Augenlid ein Zeichen. So saß er seit
+dreißig Jahren. Sein Gesicht war aus Wachs, und die schwarze Haut unter
+seinen Augen sank faltenbildend übereinander.
+
+Gäste wechselten die Plätze und besuchten sich. Ein Trupp neuer Gäste
+schob sich durchs Lokal.
+
+Hälse reckten sich, alle nach einer Ecke hin, Adamsäpfel stachen hervor;
+fächerartig schob sich eine Anzahl Gäste auf einen langen Italiener zu,
+der eine Zeichnung hochhielt.
+
+Auch der Wirt wandte langsam wie eine Jahresuhr den Kopf und sah wieder
+vor sich hin.
+
+»Ich kannte zwei Maler.« Der Fremde saß bequem zurückgelehnt. »Beide
+waren ganz arm, sehr begabt und ungeheuer kunstbegeistert . . . Der eine
+hat sich in Paris erschossen . . . Der andere malt jetzt Postkarten in
+Berlin -- Schweinchen, die ein Auto lenken, und Feldhasen mit
+Stulpenstiefeln, Säbel und Helm, die vor einem Postenhäuschen stehen und
+das Gewehr präsentieren vor einem loyal dankenden Feldhasen in
+Generalsuniform . . . Dieser Maler lebt zufrieden, es geht ihm gut, denn
+er verdient mit seinen Postkarten genug Geld . . . Ganz selten wird ein
+Mensch geboren, der sein Leben lang nie einen Kompromiß schließt.«
+
+»Ich werde niemals Schweinchen malen, die ein Auto lenken.«
+
+»Nein, Sie nicht«, sagte der Fremde im selben Tonfall, in dem er damals
+auf der Höhe von Würzburg gesagt hatte: nein, Sie sind nicht schwach.
+
+»Da erschieße ich mich lieber auch.« Oldshatterhand warf den Kopf in den
+Nacken. »Das glauben Sie nicht? . . . Da kennen Sie mich nicht«, schloß
+er geringschätzig.
+
+»Doch, ich kenne . . . mich.«
+
+». . . Und dann, überhaupt, ich räche mich.« Oldshatterhands
+zusammengepreßte Lippen wurden ein Strich. »Der Lehrer Mager hat mich
+einmal ins Gesicht geschlagen mit dem Rohrstock, immerzu, bis ich am
+Boden lag. Weil ich meinen Schulfreund nicht auf dem Stuhl festgehalten
+habe. Bis ich am Boden lag. Wenn er jetzt da wäre, der Lehrer . . . hier
+an dem Tisch wenn er säße.«
+
+». . . Vielleicht ist der Lehrer so, lebt so, geht so in dieser Stadt
+herum, weil es die Atmosphäre der Stadt anders nicht zuläßt . . . Der
+Katholizismus, die Klöster, Mönche und Priester, die engen Kurven der
+Gassen mit den feuchten Schatten, die gotischen Kirchen, die hohen,
+grauen Mauern, aus denen unvermittelt gotische Fratzenbildwerke
+springen, all dies zusammen wirkt auf den Menschen von Jugend an . . .
+So eine Stadt bringt Böse hervor, die schon als siebenjährige Kinder
+Sünden beichten mußten, Verblödete, religiös Irrsinnige, Ehrgeizige,
+bucklig Geborene, heimliche Mörder, Krüppel, Asketen, Kinderschänder
+. . . auch Künstler. Und Menschen wie den Lehrer Mager . . . Daß der
+Herr Mager von Ihnen verlangt, Sie sollen Ihren Freund zur Züchtigung
+auf dem Stuhl festhalten, ist, wie Sie sagen, gemein.«
+
+»>Gemein< habe ich nicht gesagt.«
+
+»Nun gut, aber es ist so . . . Und doch haben vielleicht nur die Stadt,
+die Mitmenschen, die Bestimmungen der Schulbehörde den Herrn Mager zu so
+einem harten Lumpen gemacht, zu einer Strafmaschine. Er rächt sich
+dafür, daß ihm das Leben die Seele verkrampft und verdunkelt hat, an
+seinen Schülern . . . Er selbst ist ausgeliefert, hilflos und ganz
+unschuldig.«
+
+»Glauben Sie?« fragte Oldshatterhand tief betroffen.
+
+»Halt!« brüllte da der Fremde entsetzt. »Nein nein nein! Rächen Sie
+sich! Wehren Sie sich! Prügeln Sie! Mit dem Rohrstock ins Gesicht! Bis
+er am Boden liegt!« Der Fremde beobachtete Oldshatterhand angstvoll und
+scharf, und als er sah, daß dessen Mund wieder hart wurde, schloß er, er
+lachte sogar, und es klang überzeugend: »Das braucht Sie gar nicht zu
+kümmern, was ich da vom Leben und von der Stadt gesagt habe . . . Das
+habe ich nur so gesagt. Ein Gespräch. Man muß sich natürlich wehren, den
+Herrn Mager beim Rockknopf nehmen und sagen: Herr Mager, Sie sind ein
+Lump! Ein Lump sind Sie!« Der Fremde sah Oldshatterhand fest an und
+lange, und als Oldshatterhand endlich nickte, nickte der Fremde auch.
+
+»Die furchtbare Tragik des modernen Menschen . . . ist das möblierte
+Zimmer!« rief ein junger Herr, der allein Billard spielte, hartstimmig
+einem anderen zu. Er trug eine Lodenpelerine, nur mit dem obersten Knopf
+gehalten und über die Schultern zurückgeschlagen, so daß sie ihm lang
+und schmal am Rücken hinunterhing, wie ein Prinzenmantel. Oldshatterhand
+sah ihm schon eine Weile interessiert zu und fragte endlich, warum der
+Herr seine Pelerine nicht abnehme beim Spiel.
+
+»So spielt er schon vier Monate lang, täglich, den ganzen Winter. Er hat
+ein Loch in der Hose.«
+
+»Ein Loch? . . . Wissen Sie, ich werde dem Herrn Mager doch lieber
+. . . nur aus dem Wege gehen, wenn ich ihn wieder einmal sehe auf der
+alten Brücke.«
+
+»Sooo?« fragte der Fremde und sah erbleichend und starr auf
+Oldshatterhand, wie auf sein Schicksal.
+
+»Ja, da steht er immer und sieht auf das beleuchtete Ziffernblatt.«
+
+ * * * * *
+
+Im Café hatte Oldshatterhand mit einem neuartigen Genuß und
+unterdrücktem Staunen den Gedanken des Fremden ganz leicht folgen
+können; jetzt, da er durch das Schneewasser nach Hause watete, verstand
+er nichts mehr von dem, was der Fremde gesagt hatte. So sehr er sich
+anstrengte, ohne Partner konnte er nicht denken. Das kam ihm sonderbar
+und unbegreiflich vor. Die ganze Atmosphäre des Cafés lastete
+unerträglich schwer auf ihm, wie früher eine Hausaufgabe komplizierter
+Rechnungen, von denen er von vornherein gewußt hatte, daß er sie nicht
+lösen könne, und die er nach einer Angstnacht am andern Morgen ungelöst
+dem Herrn Mager in der Schule vorlegen mußte, um dafür Hohn und Hiebe zu
+bekommen. Aber trotz der unausbleiblichen Demütigungen, denen er seiner
+Unbildung wegen sich ausgesetzt fühlte, wußte er, daß er das Café wieder
+aufsuchen müsse, so gewiß wie die Nacht dem Tage folgt. Mit seinen
+Nerven hatte er das Unbekannte gefühlt, das ihn, den Unwissenden,
+trennte von den Menschen, die in diesem Café verkehrten. Als könne er
+das Unbekannte mit einer körperlichen Kraftanstrengung überwältigen,
+wollte er sofort zurückgehen und sich mit Brust und Fäusten dagegen
+stemmen. Da nistete sich ihm unversehens der Zweifel an seiner Fähigkeit
+ins Gehirn. -- Ich bin dumm. Ich bin nichts. Der Lehrer Mager hat mich
+in der Schule monatelang gar nicht aufgerufen, hat zu der ganzen Klasse
+gesagt: von mir komme doch nichts. Der Mechaniker Tritt hat mich
+geprügelt. Der Vater hat mich täglich geprügelt. Der Schreiber hat über
+mich gelacht. Der bleiche Kapitän hat zehnmal mehr Charakter als ich.
+Immer waren alle kräftiger und geachteter als ich. Immer und überall war
+ich hintendran. Wie habe ich nur denken können, daß aus so einem
+schwächlichen, verachteten, verprügelten, durch und durch lächerlichen
+Kerl ein Künstler werden könne.
+
+Ein Schlucken zerrte in seiner Kehle. Aber seine Augen blieben trocken.
+
+Vor einem Schaufenster, hinter dem Ölgemälde hingen, blieb er stehen,
+sah gedankenlos auf das große Bild in der Mitte, das eine Kreuzabnahme
+darstellte, wurde interessierter, beugte sich vor und packte plötzlich
+den Herrn neben sich am Ärmel. »Das linke Bein ist viel zu lang. Sehen
+Sie? Sehr verzeichnet.« Auf das betaute Fenster zeichnete er mit dem
+Finger -- Schenkel, Knie und Wade. »So muß das sein! So!«
+
+»Sie sind Maler. Sie müssen das wissen. Jetzt sehe ich den Fehler auch.«
+
+»Nicht wahr!« Vorsichtig reckte Oldshatterhand sich auf, um zu
+kontrollieren, ob er größer sei als der Herr.
+
+Der Herr war kleiner.
+
+Erleichtert schritt Oldshatterhand weiter, sah einer vornehmen Dame ins
+Gesicht und zog tief den Hut. Seine Augen glänzten. Er kannte die Dame
+gar nicht.
+
+Sofort wollte er das Bild für die Preisaufgabe der Akademie beginnen.
+»Märchen« war als Thema gegeben. Die mannshohe Leinwand stand schon in
+der Kammer.
+
+Er trat ein und prallte zurück: auf dem Bett saß ein Soldat, in
+Luftschifferuniform, und sah auf die Frauenakte an den Wänden.
+
+»Aber also und, also, das hast alles du gemalt?«
+
+»Alles ich . . . Und du? du bist Soldat?«
+
+»Ja also und, ich hab mich freiwillig zum Luftschifferbataillon
+gemeldet«, sagte der König der Luft. »Hab aber immer noch keinen Ballon
+zu sehen bekommen. Also was sagst du dazu? Und in diesen vier Wochen ham
+sie mich überhaupt noch gar nit aus der Kasern herausgelassen . . . Also
+weißt du, die vom zweiten Jahrgang sagen, mit hinauffliegen, das gibt's
+überhaupt nit. Höchstens einen Strick dürfe man halten, von einem
+lumpigen Fesselballon, so groß wie ein Waschkessel. Also so eine
+Saubande. Wegen so einem Blödsinn hab ich mich nit freiwillig dazu
+gemeldet . . . Aber also und, jetzt muß ich gleich gehen, zurück in die
+Kasern. Sonst krieg ich Arrest.« Er kroch unterm Tisch durch. »Am
+Sonntag über acht Tag hab ich Ausgang. Falkenauge, der bleiche Kapitän,
+der Schreiber und alle anderen lassen dich grüßen. Und übernächsten
+Sonntag kommen sie alle nach München, weil der bleiche Kapitän ein
+Preisstemmen mitmacht in Nürnberg. Und also dann kommen sie auch nach
+München und besuchen dich. Und also auch mich.« Der König der Luft
+deutete auf einen Mädchenakt. »Lassen die sich so ohne Kleider anguck?«
+
+»Ja.«
+
+»Also da verreckst! . . . So ein Bild möcht ich auch hab.«
+
+Oldshatterhand gab ihm die Zeichnung.
+
+». . . Also ganz nackt. Ja aber also und, jetzt muß ich schleunigst
+gehn. Also grüß Gott. Am Sonntag. Sie kommen alle zu dir her. Und also
+ich komm auch daher.«
+
+»Nun, und wenn der Mann vor dem Kunstladen größer gewesen wäre als ich?
+Es ist doch ganz gleich, ob ein Mensch einen Meter und siebzig oder
+einen Meter und sechzig groß ist. Auf diese Größe kommts doch gar nicht
+an . . . Wie einem doch alles Schwere aus der Kindheit nachläuft!
+Vielleicht das ganze Leben lang. Und man bekommts nicht los. Mancher
+bekommts nie los.«
+
+Auf dem Tisch lag ein Brief von Franziskus Grünwiesler. Grünwiesler
+klagte, daß er in dem kleinen Pfaffennest, in Lohr am Main, hocken
+müsse, bei seiner Tante, weil die ihm zwar Essen und Wohnung gebe, aber
+kein Geld mehr. Obwohl er doch so dringend wie irgendeiner nach München
+gehöre, um Akt zu zeichnen und die alten Meister in den Galerien zu
+studieren. Gerade jetzt, da er eine große Komposition begonnen habe, die
+er ohne Modell, das in dem Nest ohne Revolution nicht zu haben sei,
+nicht beendigen könne. So komme er nicht vorwärts. Er sei ganz
+verzweifelt. Die Tante befinde sich mit Haut und Haaren in den Klauen
+der Pfaffen. Den ganzen Tag über hocke einer bei ihr, wenn sie nicht
+ihrerseits bei den Pfaffen oder in der Kirche sei. Er träume von
+Tonsuren und von Kutten, die durch der Tante Garten schlichen. Sie habe
+ihr Vermögen dem Kloster vermacht. Er, Grünwiesler, solle nur
+sechstausend Mark in Obligationen bekommen, nach dem Tode der Tante.
+Aber dann nütze ihm das Geld auch nichts mehr.
+
+Grünwiesler schien den Brief nicht gleich abgesandt zu haben, denn der
+Brief hatte einen mit Bleistift geschriebenen Nachsatz. »-- Ich habe die
+für mich bestimmten sechstausend Mark in Obligationen, die in der Truhe
+der Tante lagen, an mich genommen. Lebe in schrecklicher Angst, denn ich
+bin überzeugt, meine Tante zeigt mich an, wenn sie entdeckt was ich
+getan habe. Ich bitte dich, bitte dich dringend, gib mir einen Rat. Was
+soll ich tun? Sende mir deine Photographie, ich will das Gesicht eines
+Freundes sehen. Dein lebenslänglicher Freund, Franziskus Grünwiesler.
+
+Sende mir diesen Brief umgehend zurück.« Dieser Satz war auch mit
+Bleistift geschrieben und dreimal unterstrichen.
+
+Grünwiesler hatte mit Oldshatterhand sein Geld geteilt, hatte ihm
+gezeigt, daß blau und gelb grün gibt, ihm mit unendlicher Geduld die
+technischen Schwierigkeiten überwinden helfen und es Oldshatterhand
+ermöglicht, aus den alten Verhältnissen herauszukommen, so daß er
+vorwärts kommen konnte, wenn ihm die Ausdauer nicht fehlte.
+
+Durch die Erlebnisse dieses Tages und durch Grünwieslers Brief sehr
+erregt, schrieb Oldshatterhand einen langen, wirren Brief voller Hingabe
+und Begeisterung und schloß: »Stelle dich vor deine Tante hin, mit dem
+Revolver in der Hand. Gestehe ihr alles und sage: Wenn du mich anzeigst,
+erschieße ich mich vor deinen Augen.«
+
+Er trug den Brief sofort zur Post.
+
+Mit dem Gefühl, sein Körper strebe, wachse, eilte er in seine Kammer
+zurück und begann das Bild für die Preisaufgabe. Der Entwurf wurde eine
+düstere, dunkle Gasse, mit unwirklicher Helligkeit darin.
+
+Der Brief Grünwieslers lag noch auf dem Tisch. Oldshatterhand hatte
+vergessen, ihn zurückzusenden.
+
+ * * * * *
+
+Oldshatterhand stand auf dem Perron des Münchener Hauptbahnhofs und
+blickte hinaus in die blaue Helle, wo wie ein schwarzer Wurm der
+Nürnberger Zug gekrochen kam, in dem die Räuber saßen.
+
+Die Freundin Oldshatterhands, in einem unter der Brust gefaßten weißen
+Pikeekleid, lachte verwundert, weil die Erregung Oldshatterhands sich
+auch ihr mitteilte. Sie hatte japanische Augen, einen kopfgroßen
+Rosenstrauß vor der Brust und hieß Sofie Meinhalt.
+
+Die schwitzende Lokomotive stand. Der Dampf zischte aus. »Tyrannei! Acht
+. . . Stunden . . . Tag . . . Die Ruh, die Republik!« endete der Gesang
+der Räuber.
+
+»Hohaho!« rief der Schreiber aus dem Coupéfenster, und der bleiche
+Kapitän streckte seinen silbernen Preisbecher heraus. »Den
+siebenunddreißigsten Preis hab ich!« Die Fremden lächelten.
+
+Mit Ränzchen bepackt, sprangen sie auf den Perron, und wurden ganz
+still, als ihnen die schöne Freundin Oldshatterhands die Hand reichte.
+
+Auch die Räuber hatten zwei Mädchen mitgebracht: die Liebste des
+Schreibers, und Käthchen Schlauch, die Braut des bleichen Kapitäns. Ihr
+Hut war flach wie ein Korbdeckel und mit künstlichen Tannenzapfen
+geschmückt. Die Liebste des Schreibers trug ihre braunen Zöpfe dreimal
+um den Kopf herumgelegt. Ihre Augen standen etwas vor.
+
+»Donnerwetter! Das ist ein Bahnhof.« Falkenauge sah empor zur
+Eisenkonstruktion. Alle standen und staunten empor.
+
+Auf dem Bahnhofsplatz nickten die beiden Mädchen einander zu, und jede
+zog einen zerknüllten Schleier hervor.
+
+»Und wenn's jemand in Würzburg erfährt, daß ihr diese Fetzen getragen
+habt, dann ist der Teufel los, und die ganze Stadt sieht euch über die
+Nase an«, schimpfte der bleiche Kapitän und stülpte die Lippen nach
+außen.
+
+»Da geh mal her, Käthl«, rief der Schreiber und band dem
+grimassenschneidenden Fräulein Schlauch den Schleier fest am
+Tannenzapfenhut. »So, Käthl, jetzt bist du eine feine Dame.«
+
+»Die wollen ins Hofbräuhaus«, schmollte des Schreibers Liebste, »ich
+will aber erst ins Kaufhaus. Und Hutgeschäfte will ich sehen, alle
+Hutgeschäfte.« Und mit einem Blick von unten herauf zu Sofie Meinhalt
+schloß sie: »Ich bin doch Modistin.«
+
+Sie standen noch immer auf dem Platz. »Wo ist denn die große
+Hofbäckerei? Mein Vater hat gesagt, die müßte ich ansehen.«
+
+»Das is jetzt Nebensache«, sagte der bleiche Kapitän zu seiner Braut.
+»Aber daß hier die Leute genau so herumlaufen wie in Würzburg, das
+wundert mich. Ich hab gemeint, hier in München hätten sie alle
+Volkstrachten an . . . so Gebirglerstrachten. Seht einmal die, die hat
+einen alten Kartoffelsack an.« Die Malerin in Sandalen und
+Rupfenreformkleid ging, Brust voran, mit Männerschritten weiter. Ihr
+langer, giftgrüner Schleier flatterte hinterher. Die Mädchen kicherten.
+Alle sahen ihr nach.
+
+»Hoppla!« Im letzten Augenblick hatte der strahlende Oldshatterhand die
+Rote Wolke vor dem Auto zurückgerissen.
+
+Die Mädchen durften vorankriechen, hinein in die Kammer Oldshatterhands.
+
+An der Wand hingen zwei lebensgroße Akte, ein Männer- und ein Frauenakt.
+Die Mädchen sahen zum Fenster hinaus, in die Ecken, zu Boden, von unten
+herauf auf die Räuber, die verlegen nach der nackten Frau schielten.
+
+»Liesl, bist du auch so schön wie die«, sagte der Schreiber in die
+Stille. Die Modistin wandte sich zornig um und kroch aufheulend zur Tür
+hinaus. Sofie Meinhalt ging ihr sofort nach, und gleich darauf drückte
+sich auch Fräulein Schlauch zur Tür hinaus.
+
+»Warum hältst du aber auch dei Maul nit. Du weißt doch, wie Mädli sind.«
+
+»Hohaho!« Der Schreiber war verlegen.
+
+Des bleichen Kapitäns Lippen rollten wieder freundlich nach innen. »Aber
+das hätt ich in meinem ganzen Leben nit geglaubt, daß du solche Sachen
+malen kannst.«
+
+Falkenauge besah sich ganz nahe das Bein der Frau.
+
+»Mit Kohle gezeichnet, was?« fragte die Rote Wolke. »Hast du's fixiert?«
+
+»Ja.«
+
+»Das hab ich mir gedacht.«
+
+Die Räuber standen still um den Frauenakt herum. Sofie Meinhalt trat
+ein. »Ihr müßt jetzt hinausgehen. Die Mädchen wollen sich waschen.« Die
+Modistin wischte sich lächelnd die Tränen von den Augen.
+
+Die Räuber gingen den Gang vor bis zum Fenster und saßen auf den
+Treppenstufen beisammen wie im Festungsgraben.
+
+»Warum ist denn die Kriechende Schlange nicht mitgekommen?« fragte
+Oldshatterhand.
+
+»Die Kriechende Schlange? . . . Mein Lieber, mit dem kannst nimmer
+verkehr. Was glaubst denn! Der steht am Vierröhrenbrunnen. Weißt . . .
+ein Vierröhrenbrunnensteher.«
+
+»Ooooh!« sagte Oldshatterhand betroffen. Er redete den ganzen Tag fast
+nichts mehr.
+
+Von unten stürmte jemand herauf, stieß die Kammertür auf und prallte
+zurück vor den durchdringenden Mädchenschreien. »Also und hoppla!
+. . . Also so eine Dummheit!« Der König der Luft ging nach vorne und
+begrüßte die Räuber. Sein Kopf schoß vor. Die tiefe Falte war da. »Also
+wie lang brauchen denn die Schneegäns noch. Bis zwölf Uhr hab ich nur
+Ausgang. Also da verreckst . . . waschen! am hellen Tag. Was sagt ihr
+dazu?«
+
+Auf der Straße ging Sofie Meinhalt voraus, Arm in Arm mit den Mädchen.
+Nach dem Essen wollten die Räuber Kaffee trinken.
+
+Oldshatterhand führte sie in das kleine Künstlercafé. Fräulein Schlauch
+hatte ihren Schleier wieder vorgebunden.
+
+Beim Eintritt zuckte der König der Luft vor einem eiligst abwinkenden
+Infanterieleutnant zusammen und marschierte stramm an ihm vorbei, die
+genagelten Kanonenstiefel auf das Linoleum knallend. Die Gäste fuhren
+erschrocken auf.
+
+Wie in eine Schaubude schoben sich die Räuber im Trupp in das Café,
+saßen still zusammengedrängt beim Fenster und blickten eine Weile
+betroffen auf die sonderbaren Gestalten. Da mußte Sofie Meinhalt
+lächeln, worauf alle Räuber in ein brüllendes Gelächter ausbrachen, daß
+die Gäste fragend und entsetzt in die Höhe schnellten, während der König
+der Luft die Räuber drohend anfunkelte und, das Kinn zur Tischplatte
+geduckt, zum Offizier hinwies, der jedoch ruhig in seiner Zeitung
+weiterlas.
+
+Der einsame Billardspieler, mit der Lodenpelerine lang und schmal am
+Rücken, sandte kalte Blicke zum Räubertisch.
+
+Die Modistin sah mit runden Augen auf eine junge Malerin, die nebenan
+auf der Polsterbank halb lag und durch die Nase rauchte.
+
+Wortlos reichte Fräulein Schlauch eine zierliche Münchener Semmel dem
+bleichen Kapitän, der staunend den Kopf schüttelte und sie verächtlich
+wieder zurücklegte ins Körbchen. »Davon verzehr ich dreißig Stück und
+weiß dann noch nit amal, ob ich nur geträumt hab.«
+
+Der Fremde trat ein, begrüßte Oldshatterhand, der seine Freunde
+vorstellte; zuerst die Mädchen, die aufstanden. Der Fremde setzte sich
+an den Tisch dazu.
+
+Sprachlos geworden blickten die Räuber auf ein weißblondes Mädchen in
+einem Kamelhaarsweater, barfüßig in Sandalen, das auf die Malerin zukam,
+gefolgt von einem zwei Meter langen, ungeheuer dünnen Jüngling in einem
+Mantel aus braunem Kanapeestoff. Der Mantel fiel ihm bis zu den Füßen
+und war vorne mit einer Sicherheitsnadel zugesteckt. Der Lange hielt die
+schmalen Schultern so hoch gezogen, daß sie im langen Lockenhaar
+verschwanden, und trug eine große Rundgläserbrille mit Kautschuk gefaßt.
+Neben dem König der Luft fiel er apathisch auf die Polsterbank.
+
+»Liebe beschmutzt nie! Ich kann meinen Körper geben, wem ich will«, rief
+erregt das weißblonde Mädchen. »Mein Vater ist ein Trottel!«
+
+Die Räuber stupsten einander. Des Schreibers Gesicht lief blaurot an.
+Seine Augen glotzten vor Anstrengung. Er hielt die Faust auf den Mund
+gepreßt, pfutzte. Und lachte endlich krachend los.
+
+Der Pelerinenherr warf einen kurzen Blick auf den Schreiber, sah erst
+interessiert dem Totlaufen der Billardkugel zu, und richtete sich streng
+auf. »Bitte sehr! Sie sind hier nicht in einer Menagerie!«
+
+Der bleiche Kapitän stülpte die Lippen nach außen.
+
+»Also und, wart bis der Leutnant fort is.«
+
+»Ich weiß ja nit, wie Sie darüber denken«, wandte sich der bleiche
+Kapitän an den Fremden, »aber wenn das Knochengerüst dort schreit:
+Menagerie! -- da sagen Sie einmal selbst, ob ich diesem Gespenst nit das
+Kreuz einschlagen soll. Überhaupt, wenn bei uns a Mädle sagt: >mein
+Vater ist ein Trottel<, kriegt sie eine Maulschelle.«
+
+Der Pelerinenherr nahm den Billardstock quer vor den Leib und wandte
+sich seinen Freunden zu: »Wissen Sie, daß es in Süddeutschland gärt? Im
+Westen. Der Osten rührt sich. Das Rheinland . . . Eine geheime
+Verbindung. Keiner weiß von der Existenz des anderen. Aber fluidisch
+kennen sie sich alle. Ich habe die imponderablen Fäden in der Hand!
+Ich!«
+
+Die Blonde machte mit den Händen hastige Klaviergriffe; ihre Augen
+öffneten sich starr. »Ich denke in Oktaven -- ganz schnell! ganz
+schnell! bis zurück, da ich ein Kind war . . . Jetzt sehe ich meine
+Mutter durch den Sommergarten gehen«, flüsterte sie, »und mein weißes
+Kleidchen von der Wäscheleine nehmen . . . Da war ich drei Jahre alt.«
+Sie wachte auf. Der Lange strich ihr beruhigend-zärtlich über die Hände.
+
+Der Leutnant verließ das Café.
+
+»Also und, aber jetzt geben wir dem ein wenig Menagerie.«
+
+Da bot der Fremde dem König der Luft eine Zigarre an. »Sind Sie schon
+oft mit hinaufgeflogen?«
+
+»Hn? . . . Also und, das hab ich auch geglaubt.« Er stand auf, streckte
+das Bein wagerecht aus und begann den Kanonenstiefel zu kreisen. »Also
+seit fünf Wochen Fußdrehen . . . Oder Ausschwärmen. Man rennt, was man
+kann, bis der Unteroffizier schreit . . . Halt! Dann steht man und gafft
+die Kasernenhofmauern an . . . Oder Kopfrollen.« Der König der Luft
+rollte den Kopf. Die Zähne mahlten. Die tiefe Falte war da.
+
+»Also und, aber das Essen ist ausgezeichnet. Sooo ein Trumm Fleisch. Und
+Kartoffeln, soviel man will . . . Alles was recht ist . . . Aber also
+und, was machen wir denn jetzt mit dem da, von wegen der Menagerie?«
+Alle blickten auf den Billardspieler.
+
+»Wenn wir noch rechtzeitig in den Zirkus kommen wollen, müssen wir aber
+sofort gehen«, sagte der Fremde und stand auf.
+
+Nach der Zirkusvorstellung wurden Fräulein Schlauch und die Liebste des
+Schreibers in ein Hotel gebracht. Die Räuber verabschiedeten sich vor
+der Tür: sie schliefen in einem anderen Hotel.
+
+Am folgenden Morgen kam der bleiche Kapitän, kurz bevor der Zug nach
+Würzburg abging, allein zu Oldshatterhand. Er war verlegen. »Weißt du
+denn eigentlich, daß ich der siebzehnte Meisterschaftsathlet von
+Unterfranken bin?«
+
+»Wie meinst du das? Siebzehnter?«
+
+»Nun, ich bin eben der siebzehnstärkste Mann von Unterfranken und
+Aschaffenburg.« Er entkleidete sich.
+
+Oldshatterhand betrachtete als Maler den bleichen Kapitän. Die Beine
+waren ein wenig zu lang, ein wenig zu dünn, und ein wenig O-geformt, und
+schienen den kolossalen Oberkörper, weiß und hart wie Elfenbein, kaum
+tragen zu können.
+
+Mit dem Gefühl, er sei in diesem Augenblick nicht mehr Oldshatterhand --
+sondern der Fremde, sagte Oldshatterhand bestimmt und mit einem
+neuartigen Lächeln im Gesicht: »Du mußt der erststärkste Mann von
+Unterfranken werden«, und empfand erschauernd die Distanz zwischen dem
+nackten Jüngling und sich.
+
+Nach einigen Wochen kam ein begeisterter Brief aus Würzburg. Der bleiche
+Kapitän war der fünfzehnte Meisterschaftsathlet von Unterfranken und
+Aschaffenburg geworden.
+
+Die Rote Wolke war nicht mit den Räubern in die Heimatstadt
+zurückgereist. Aufgeregt stand er bei Oldshatterhand in der Kammer und
+rezitierte den Faustmonolog. Denn noch am selbigen Tage wollte er zu
+Konrad Drauer gehen und ihm vorsprechen.
+
+Die Rote Wolke stapfte durch den verschneiten Englischen Garten. Seine
+Lippen bewegten sich. Er blieb stehen, rezitierte laut und agierte mit
+den Armen. Freude und Entschlossenheit erfüllte ihn, da er seine
+Jugendjahre so gut zum Lernen der klassischen Dramen benutzt hatte.
+
+»Der Herr Hofschauspieler ist jetzt nicht zu sprechen.«
+
+»Ich habe schon an ihn geschrieben! Sagen Sie nur, Theobald Kletterer
+ist da.«
+
+»Aber Sie haben doch die Equipage vom Herrn Hofschauspieler vor dem
+Hause stehen sehen. Er kann jetzt keinen Besuch empfangen. Hat keine
+Zeit.«
+
+»Soooo . . . Hofschauspieler ist der große Künstler . . . Ich bin extra
+von Würzburg mit hierhergefahren. Es ist eine Entscheidung fürs ganze
+Leben.« Er hob die Arme.
+
+Der Diener lächelte, kam gleich wieder zurück und ließ die Rote Wolke
+eintreten.
+
+»Herr Hofschauspieler, mein Name ist Theobald Kletterer. Theobald
+Kletterer aus Würzburg.«
+
+»Ja, und?« Konrad Drauer stand in den Frack eingezwängt, hob die
+Augenbrauen und sah auf die Uhr.
+
+»Die Schauspielkunst ist eine göttliche Kunst. Sie gottbegnadeter
+Künstler dürfen ihr dienen. Der göttlichsten Muse . . .«
+
+»Sie sind Gärtner? Nicht wahr?«
+
+»Ja . . . Ich will Ihnen den Faustmonolog vorsprechen, Herr
+Hofschauspieler. Sie sollen mir sagen, ob man es besser machen kann als
+ich.« Hingegeben stieß er die Arme nach rückwärts und begann.
+
+»Halt! Sind Sie aus Bamberg? Dort war ich auch einmal . . . vor
+fünfunddreißig Jahren. Sie sprechen genau so wie der Bürgermeister von
+Bamberg.«
+
+Die Rote Wolke ließ die Arme sinken. »Ich bin aus Würzburg.« Und begann
+von neuem.
+
+Konrad Drauer schnitt die Spitze einer schwarzen Zigarre ab und faßte
+die Rote Wolke am Rockknopf. »Sie sind zu klein für die Bühne. Viel zu
+klein.«
+
+Der Mund stand offen, rund und schwarz.
+
+»Aber Sie sind Gärtner. Wieviel verdienen Sie denn als Gärtner?«
+
+»Meine Tante hat eine Gärtnerei und ein kleines Häuschen, das ich einmal
+erben soll.«
+
+»Erben Sie! Erben Sie, mein Lieber! Glauben Sie mir, das ist
+ausgezeichnet . . . Sie sind Gärtner. Bleiben Sie Gärtner. Sie haben Ihr
+Auskommen. Hunderte Schauspieler, Tausende! hungern, verkommen. Es ist
+ein Elend . . . Aber jetzt muß ich gehen. Ich bin zum Dejeuner
+eingeladen. Grüß Sie Gott, Herr Kletterer. Keine Zeit mehr. Grüß Gott.«
+
+Die Rote Wolke wanderte zurück durch den Schnee, zog die Uhr. Und begann
+zu rennen. In zwanzig Minuten ging ein Zug ab nach Würzburg. Es regnete
+stärker, mit Frühjahrshagel vermischt.
+
+Er rannte durch die Regenseen der Kauffingerstraße, daß der
+Schneeschmutz spritzte, und konnte gerade noch ins Coupé steigen, worauf
+der Zug sich in Bewegung setzte. Und die Rote Wolke wußte nicht, ob der
+salzige Geschmack auf der Zunge vom Regen, vom Schweiß oder von Tränen
+kam.
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel
+
+
+Oldshatterhand und der Fremde standen in der Höhe auf dem Kirchplatz von
+Basel und sahen hinunter auf die Stadt und den Rhein.
+
+Ein langer, schmaler Schelch mit dem Schiffer schoß sehr schnell, vom
+schmutzig-gelben Hochwasser stark abgetrieben, über den reißenden Strom.
+
+»Der Rhein ist gar nicht so kitschig, wie ihn Dichter und Maler den
+Deutschen dargestellt haben«, sagte der Fremde in Gedanken.
+
+»Hier steht man genau so und sieht hinunter, wie auf dem Würzburger
+>Käppele<. Nur ist dort alles kleiner. Der Rhein sieht gefährlich aus.«
+
+»Der Main ist lieblich,« sagte der Fremde. Er hatte Oldshatterhand zu
+einer Italienreise eingeladen.
+
+Sie wandten sich um. Die alten Kastanien auf dem Kirchplatz hatten schon
+braune, harzglänzende Knospen. Zusammengesunkener Altschnee lag noch in
+den Ecken. Das Gebirge lag weißglühend unter der Sonne.
+
+Sie traten in die Kirche und kamen mitten in die Predigt hinein.
+
+»Gott ist überall!« rief der Pastor und schlug auf die Kanzel. »Gehet
+hinaus in die Natur, und ihr werdet Gott schauen. Im Wald, in den
+Wiesen, im Bach, in den Blümlein, im Gestein.« Seine Stimme war leiser
+und weich geworden und schwoll jetzt wieder an: »Aber auch zu mir müßt
+ihr kommen! Denn ich kann euch mit Gottes Hilfe den Bach und Wiesen
+zeigen und Blumen, auch wenn draußen alles schläft unterm Schnee . . .
+Kommet! In der Natur ist Gott!« Der Pastor schlug die Bibel auf.
+
+»In Würzburg reden die Priester anders in den Kirchen,« sagte
+Oldshatterhand staunend, als sie wieder auf dem Kirchplatz standen.
+»Ganz, ganz anders . . . Der Pastor hat schöne Dinge gesagt.«
+
+In den verschneiten sonnigen Tälern hing noch der Morgendunst. Den
+beiden im D-Zug sprangen die Telegraphenstangen und schwarzen
+Häuserflächen entgegen. Die Gebirgsketten der Alpen standen still.
+
+»Das Meer!« rief Oldshatterhand und schnellte mit einem Satz zum
+Fenster.
+
+»Nein, das ist nur ein See.«
+
+»Nicht das Meer?« So ein großes Wasser hatte Oldshatterhand noch nicht
+gesehen.
+
+Ganz langsam rückten die Berge näher. Die Täler wurden enger. Vom
+Wagenfenster weg stieg die nasse Felswand senkrecht empor.
+
+Der Zug fuhr vom Schneetal ins Dunkel, hinein in die Nacht. Die Luft im
+Tunnel war muffig vom alten Rauch. Dieser Tunnel kam Oldshatterhand
+unwahrscheinlich lang vor, viel länger als die vorherigen. Da wurde es
+heller -- und hell, und der Zug sauste mitten in den Frühling hinein.
+Kein Schnee mehr. Blumen standen im Geleisegraben, und an den
+dunkelfelsigen Abhängen blühten die Pfirsichbäumchen rosa. Rückwärts
+stieg das weiße Gebirgsmassiv in die Höhe, und höher, und verschwand im
+weißen Himmel.
+
+Oldshatterhand errötete immer wieder, weil er des unverhofften Frühlings
+wegen froh war und seine Freude nicht verbergen konnte, und sah auf die
+fremden, italienischen Häuschen, mit flachen Dächern, bemoost und
+zerfallend.
+
+Plötzlich stand ein Mann mit einem Stelzfuß unter der Durchgangstür und
+sang den Gästen der zweiten und dritten Klasse zur Gitarre. Er geriet in
+Schweiß und sammelte dann.
+
+»Auf der Messe in Würzburg war jedes Jahr ein verunglückter
+Bergwerksknappe und ließ ein kleines Kohlenbergwerkchen sehen. Der sah
+genau so aus wie dieser Mann . . . Er hatte auch einen Stelzfuß und
+sammelte. Sprach aber selten ein Wort.«
+
+Der Zug hatte gehalten und begann wieder zu fahren. Kleine Italiener,
+Knaben und Mädchen, rannten barfuß auf dem mit Schuttsteinen bedeckten
+Bahndamm neben dem Zug her und warfen Blumensträußchen durch die
+Coupéfenster, in der Erwartung, ein Geldstück dafür zu erhaschen.
+
+Der Zug fuhr schneller, die Kinder rannten schneller, achteten die von
+den spitzen Steinen verursachten Schmerzen nicht, und schleuderten ihre
+Blumensträußchen, schon ohne Hoffnung, dem schwarzen Zug an die Seite.
+Da flog ein Geldstück hinaus; alle stürzten sich darauf und bildeten
+einen bewegten Haufen Hosen, brauner Fäuste und Füße, als der Zug schon
+verschwunden war.
+
+Vereinzelte Vorstadthäuser von Genua flogen vorbei.
+
+»Was ist das?«
+
+»Das Meer.«
+
+»Das Meer?« Betroffen blickte Oldshatterhand auf den drohenden, grünen
+Wasserstreifen, der so schmal war, daß er manchmal von den flatternden
+Hemden und Windeln, die aus den Fenstern hingen, verdeckt wurde. Die
+schmale und doch unabsehbare Weite des Wasserstreifens machte
+Oldshatterhand stumm. Der Zug fuhr langsamer weiter.
+
+Da standen im Hafen unzählige Schiffsmasten gereckt und gespreizt in die
+Luft, und das Meer wurde Oldshatterhand zum Meer.
+
+Hoch oben trotzte das Fort, und von ihm weg den Berg hinunter, bis zum
+schiffgefüllten Hafen, lag in der Sonne die mächtige, weiße Stadt Genua.
+
+Ein barfüßiger Italienerjunge mit einem Pack Zeitungen unterm Arm
+schritt auf dem Perron am staubigen Zug entlang und sang: »Co . . . rri
+. . . ere Della Sera. Corriere Della Sera. Corriere Della Sera.«
+
+»Das klingt wie ein schönes Lied«, sagte Oldshatterhand und lächelte,
+weil ein Dutzend Gepäckträger kindlich vorgebeugt standen und mit dem
+Zeigefinger auf ihre Brust deuteten: »Si Signore? Si Signore? . . .«
+
+Sie fuhren in einer offenen Droschke, überdacht von einem rot und weiß
+gestreiften Riesensonnenschirm, durch die vom Korso belebte Hauptstraße,
+bis zu einem der alten Paläste.
+
+Als sie das hohe Bogenportal betraten, wo die von der Decke hängende
+große Ampel schon brannte, obwohl es noch hell war, reichte der Portier
+dem Fremden ein Telegramm.
+
+»Ich muß noch heute weiterreisen. Tief hinunter nach Spanien. Zu meinem
+Freund.«
+
+Außer der alten Frau mit dem Schlüsselbund, dem Koch und dem Portier war
+Oldshatterhand allein im stillen Palast. Er bewohnte einen gewaltigen
+Salon, und an dem vergoldeten, zwei Meter breiten Himmelbett im
+Schlafzimmer hingen schwere Portieren. Manchmal hörte er den
+Schlüsselbund klingen und verklingen.
+
+Im Garten auf das Meer hinaus blühten die Magnolienbäume. Und die
+Sirenen erklangen unaufhörlich im nahen Hafen.
+
+Oldshatterhand dürfe im Palast wohnen, solange er Lust habe. Den ganzen
+Sommer über, auch wenn der Fremde nicht mehr zurückkehren könne.
+
+Am dritten Tage saß Oldshatterhand wieder auf der Taurolle im sonnigen
+Hafen. Neben ihm saß wieder reglos der alte Neger mit den weißen
+Wollhaaren an der Brust und sah mit seinen Sammetaugen aufs Meer hinaus,
+in der Richtung nach Afrika. Oldshatterhand gab ihm eine Zigarette.
+
+Die kleinen Schleppdampfer tuteten und schossen zwischen den
+Schiffskolossen durch, kreuz und quer und unaufhörlich und schnell wie
+Wasserinsekten.
+
+Eine Schar Auswanderer hockte auf Bündeln und Bettstücken. Die Männer
+warteten und rauchten. Einer zielte immer wieder mit Tabaksaft auf eine
+Orangenschale, die im schmutzigen Hafenwasser schaukelte. Seine junge
+Frau ließ ihr Kind trinken, und der weißhaarige Großvater döste vor sich
+hin. Elegante Fremde, von Gepäckträgern mit schönen gelben Koffern
+gefolgt, hasteten zum Schiff. Drei chinesische Matrosen in weißen
+Leinenanzügen und mit schwarzen Zöpfen kamen Arm in Arm aus der
+Hafenkneipe und schaukelten auf der Holzbrücke, welche die Kaimauer mit
+dem Schiffskoloß verband.
+
+Oldshatterhand blieb sitzen, bis die Brücke eingezogen wurde. Die
+Auswanderer, in einen bunten Saum von Not und Hoffnung zusammengedrängt,
+blickten vom untersten Stock des Schiffes hinunter in den Hafen auf die
+Zurückbleibenden.
+
+Ein kleiner Wasserschießer war verbunden worden mit dem Schiffskoloß,
+der schwerfällig zu schaukeln begann und von der Kaimauer wegbrach, als
+das Tau sich straffte. Der kleine Wasserschießer ereiferte sich,
+geiferte, zischte und schrie und schleppte den Koloß, der sich kaum
+sichtbar vorwärts bewegte, zwischen den verankerten Meerriesen durch,
+während die Auswanderer reglos standen und auf das allmählich
+entgleitende Hafenbild zurückblickten, bis sie nichts mehr unterscheiden
+konnten.
+
+Der Hafen sah ihm ganz verändert entgegen, als Oldshatterhand seine
+Augen endlich von den fernen Rauchfladen des ausgefahrenen Dampfers
+losriß und neben sich auf die Stelle blickte, wo das Schiff gelegen
+hatte. Da war jetzt eine weite Wasserfläche, ein großes dunkles Loch
+zwischen den verankerten Kolossen, und Zeitungsfetzen, Obstabfälle, ein
+Weidenkorb schaukelten auf der schmutzigen, zerrissenen Schaumhaut. Der
+alte Neger saß noch immer reglos und starrte nach Afrika.
+
+Oldshatterhand saß zusammengesunken neben ihm. Wie in seiner Kinderzeit
+hatte ihn unvermittelt schwere Traurigkeit befallen, deren Ursache er
+nicht kannte. Etwas Unbekanntes zog ihn zur Kaimauer hin, schloß ihm die
+Augen, wie damals, als er im Galopp auf dem Geländer über die alte
+Brücke in Würzburg gesprungen war. Seine Knie wurden schwach vor
+Todesangst, denn er empfand den unerklärlichen Zwang, sich wehrlos ins
+schwarze Hafenwasser sinken zu lassen. Stöhnend bog er den Oberkörper
+vom Wasser weg und schwankte zurück.
+
+Die Alte mit dem Schlüsselbund kam lautlos in den Salon, lächelte und
+gab Oldshatterhand einen Brief. »Una lettera, Signore.« Sie zündete die
+drei Kerzen im Standleuchter an, lächelte und ging.
+
+Franziskus Grünwiesler schrieb -- er habe sich nach Oldshatterhands Rat
+vor seine Tante hingestellt, mit dem Revolver in der Hand, und gesagt:
+Wenn du mich anzeigst, erschieße ich mich. Da habe sie ihn abreisen
+lassen, ihn aber so hinterhältig böse angeblickt, daß er mehr denn je in
+Angst sei und ständig in der fürchterlichen Erwartung lebe, plötzlich
+verhaftet zu werden. Oldshatterhand solle um der treuen Freundschaft
+willen, die sie miteinander verbinde, gleich nach München zurückkommen,
+damit er sich endlich mit einem Menschen aussprechen und beraten könne,
+was zu tun sei. Er möchte am liebsten von den sechstausend Mark ein
+altes Häuschen kaufen, irgendwo in der Welt, und dort auf immer mit
+Oldshatterhand zusammen leben und arbeiten. Eine feste Adresse habe er
+nicht, aus Angst, von der Polizei gesucht und gefunden zu werden.
+Oldshatterhand solle in die Alte Pinakothek kommen, dort kopiere er den
+ganzen Tag. »Ich bitte Dich, verbrenne diesen Brief sofort.« Dieser Satz
+war unterstrichen.
+
+»Erschieße ich mich . . . _vor deinen Augen_, habe ich geschrieben«,
+sagte Oldshatterhand langsam. Und zu dem Druck, der während des Lesens
+immer beklemmender sich ihm aufs Herz gelegt hatte, kam die Reue. Die
+aber den Druck löste, weil sie ihn die vergangenen Ereignisse noch
+einmal überblicken ließ. Er horchte in sich hinein, wurde ruhiger und
+sagte im stillen zu sich und Grünwiesler: »Schließlich darf eben doch
+kein Mensch, wer er auch sei, einem andern etwas wegnehmen.«
+
+Aber schon während er packte, entschwand ihm das klare Bewußtsein wieder
+-- weshalb ein Mensch dem anderen nichts wegnehmen dürfe, unversehens
+wie ein Traum, von dem einem beim Erwachen nur ein paar Fetzen ohne
+jeden Sinn und Zusammenhang geblieben sind.
+
+Noch am selbigen Tage fuhr er ab von Genua, wo er den ganzen Sommer lang
+hatte bleiben wollen.
+
+Und als er den Rhythmus des Zuges zusammen mit dem Klopfen seines
+Herzens empfand, wanderte sein Ehrgeiz auf die andere Seite des Lebens
+hinüber, und er schloß seinen Wachtraum mit dem Gedanken: es kommt eben
+auf den Menschen an. Qualität und Kraft entscheidet. Napoleon schritt
+über hunderttausend Leichen weg auf sein Ziel los. »Und ich bin
+vielleicht noch größer als Napoleon!« rief er in steigender Begeisterung
+und legte beide Hände in die Hüften.
+
+»Niente Napoleone«, erwiderte ein alter Italiener und deutete auf ein
+graues Schloß, »una castello Genova.«
+
+Oldshatterhand dachte daran, daß der bleiche Kapitän gesagt hatte: Kraft
+ist die Hauptsache auf der Welt! und lächelte bei dem Gedanken -- daß
+des bleichen Kapitäns Kraft und seine Kraft zweierlei seien.
+
+Der Rest von den neunzig Mark, die Oldshatterhand sich als Klinikdiener
+erspart hatte, um, wie er glaubte, damit ein berühmter Maler werden zu
+können, hatte gerade noch für die Rückfahrkarte gereicht.
+
+Er fuhr die ganze Nacht durch und kam gegen Mittag in München an. Da lag
+Neuschnee. Und auf der Fahrstraße spritzte das schmutzige Schneewasser
+hoch, als Oldshatterhand sie überquerte. Aber er hatte Italien in seinen
+Augen, und wenn er sie schloß, konnte er auf der Taurolle neben dem
+alten Neger sitzen, roch er die Sonne, den Teer und den Wassergeruch des
+Hafens von Genua.
+
+Seine Kammer war noch nicht vermietet; er packte aus und ging sofort in
+die Alte Pinakothek.
+
+Grünwiesler in Kniehosen stand auf der Leiter vor der Susanna von van
+Dyck und äugte angestrengt auf seine Kopie und zurück aufs Original, sah
+auf und stierte erschrocken Oldshatterhand an. Mischte aber noch einmal
+Farbe auf der Palette und verzog dabei die Lippen wie sein Freund
+Immermann, was Oldshatterhand erstaunt beobachtete. Dann erst stieg
+Grünwiesler von der Leiter herunter und hieb, in sich hineinkichernd,
+Oldshatterhand die Hand auf die Schulter: »Da bist du ja. Das war lieb
+von dir.«
+
+Oldshatterhand konnte sich nicht freuen. Er hing dem Lippenverziehen
+Grünwieslers nach und fühlte einen Knoten in seiner Brust. »Die Stirn
+ist zu hoch«, sagte er und deutete auf die Kopie.
+
+»Meinst du?« Er verglich. »Du hast recht.« Und stieg wieder auf die
+Leiter.
+
+Oldshatterhand wurde es leichter, weil er den Fehler entdeckt hatte.
+»Wollen wir nicht fortgehen? Hier können wir ja nicht sprechen.«
+
+»Ja, gleich. Ich will nur erst Bratmund holen. Er kopiert hinten im
+Murillosaal.«
+
+»Den können wir doch jetzt nicht brauchen.«
+
+Grünwiesler neigte den Kopf schulterwärts und sah Oldshatterhand mit
+seinem Kanarienvogelblick an. »Ich hab's ihm versprochen. Er ist ein
+guter Kerl. Ich hole ihn gleich. Warte ein bißchen.«
+
+Oldshatterhand setzte sich auf die Polsterbank und sah auf die Susanna
+von van Dyck, ohne etwas zu sehen. Der Druck war wieder da.
+
+Die beiden kamen zurück. Der Maler Bratmund hatte aufgeworfene Lippen,
+eine Stülpnase, und seine hohe Stirne war trotz der vielen Falten
+ausdruckslos, wie die eines unheilbar Verblödeten.
+
+»Jetzt gehen wir essen«, sagte Grünwiesler und lachte fröhlich. Und auf
+der Straße sagte er: »Jetzt, was meinst du eigentlich zu der ganzen
+Sache? . . . Wo soll das Häuschen stehen? Im Spessart?«
+
+Oldshatterhand stieß heimlich Grünwiesler an, der in der Mitte ging, die
+Augenbrauen in die Höhe zog und beiden die Hand auf die Schulter legte.
+So gingen sie weiter.
+
+Oldshatterhand wurde lustig. »Wir lassen das alte Häuschen ganz umbauen,
+machen eine Lambrie aus braungebeiztem Eichenholz ums ganze Zimmer
+herum, und darauf stellen wir gemalte Teller, alte Krüge und
+Zinngeschirr . . . Es muß natürlich auch ein Obstgarten dabei sein.«
+
+»Waaas Häuschen? Dazu gehört Geld. Habt ihr denn Geld zu einem Haus?«
+
+»Wir haben Geld. Es kommt eben darauf an, wer sich ein Häuschen kaufen
+will . . . Es kommt nur darauf an, ob man das Recht dazu hat.«
+Oldshatterhand lachte siegesbewußt. Grünwiesler lachte in sich hinein
+und drückte Oldshatterhand die Schulter.
+
+»Das Recht hätte ich auch. Aber kein Geld.«
+
+»Wir haben aber Geld, weil wir das Recht dazu haben. Das können Sie
+nicht verstehen.« Oldshatterhand reckte sich auf und stemmte die Hände
+in die Hüften. »Jetzt essen wir, und dann wollen wir weiter sehen
+. . . Ich habe aber gar nicht mehr so viel Geld, um ein Mittagessen
+kaufen zu können.«
+
+Grünwiesler sah Oldshatterhand liebevoll an. »Du bist eingeladen.«
+
+Sie traten in den Schelling-Salon ein, wo viele essende Studenten saßen,
+und setzten sich an einen runden Tisch mitten ins Lokal.
+
+Die beiden aßen schon an ihrem Menü zu achtzig Pfennig; Oldshatterhand
+hatte keinen Appetit, suchte immer noch auf der Speisekarte und
+bestellte eine Hummermayonnaise. Die kostete eine Mark dreißig Pfennig.
+Grünwiesler sah den Maler Bratmund an. Der lächelte verstohlen.
+
+»Wir werden immer im Häuschen leben und kolossal arbeiten.«
+
+»Du und ich, wir halten zusammen«, erwiderte Grünwiesler und hieb
+Oldshatterhand die Hand auf die Schulter.
+
+»Wir werden viele Bilder malen und sie auf alle Ausstellungen schicken.
+Kopieren darfst du nicht mehr so viel. Das ist doch nicht das Richtige.
+Kopieren kann jeder.«
+
+Er schob die Hummermayonnaise zurück. »Ich hab keinen Appetit.«
+
+Grünwiesler wurde blaurot im Gesicht und schrie plötzlich: »Jetzt halt
+ich's nicht mehr aus! . . . Meinst du denn wirklich, ich hätte meiner
+Tante ihre sechstausend Mark gestohlen!« Er starrte Oldshatterhand an.
+
+Der atmete nicht und hatte die Empfindung, mit kühler Luft ausgefüllt zu
+sein bis zum Gaumen. »Du hast die sechstausend Mark nicht? . . . Warum
+hast du mir denn dann geschrieben, als ich von allem noch gar nichts
+wußte, du hättest die sechstausend Mark genommen?«
+
+Grünwiesler balancierte immer noch das Stück Goulaschfleisch auf der
+Gabel und starrte Oldshatterhand immer noch an. »Ich wollte eben
+erfahren, was du mir darauf antwortest. Verstehst du?« Er lachte und sah
+Bratmund an.
+
+»Aber warum hast du mich denn aus Italien zurückkommen lassen, damit ich
+dir helfe? Das hättest du doch dann nicht zu tun brauchen . . . Ich
+wohnte in einem Palast.«
+
+»Warum? . . . das wirst du schon sehen. Ich will dir einmal sagen, was
+_du_ nicht hättest tun dürfen . . . Du hattest neunzig Mark, und hast
+mir den ganzen Sommer über im Spessart nichts davon gesagt und dich von
+mir erhalten lassen. Du bist ein ganz gemeiner Kerl. Und ich Esel
+glaubte, du wärst mein Freund.«
+
+»Ich bin kein ganz gemeiner Kerl«, flüsterte Oldshatterhand. »Ich wollte
+doch mit den neunzig Mark Maler werden. Wer hat's dir denn gesagt, daß
+ich neunzig Mark besaß? Die waren doch daher, weil ich einmal ein Bild
+verkauft habe, auf der alten Brücke in Würzburg.«
+
+»Ich will dir einmal etwas sagen.« Grünwiesler schob den Goulaschbrocken
+in den Mund. »Wenn nicht einmal deine eigene Mutter mehr an dich glaubt,
+dann . . . na weißt du. Sie hat den Brustbeutel mit den neunzig Mark
+eines Tages in deinem Strohsack gefunden und kam ganz verheult zu
+Immermann gelaufen und erzählte ihm, was du für ein gemeines Bürschchen
+bist, weil du einen Haufen Geld hast, während sie und dein Vater sich
+vor Sorgen nicht retten können . . . Immermann hat mich daraufhin
+endlich aufgeklärt, was du eigentlich bist. Da hast du's. Und jetzt
+verschwinde.«
+
+»Maler wollte ich werden. Ich wollte doch Maler werden mit den neunzig
+Mark . . . Ich verdiene doch später viel Geld und gebe dir alles zurück.
+Warum hast du mir denn diese Briefe geschrieben, geschrieben, daß du das
+Geld nehmen willst, und daß du das Geld genommen hast, und daß ich dir
+raten und helfen soll. Und warum hast du mich von Italien zurückgerufen.
+Sag mir doch. Bist du denn nicht mehr mein Freund . . . Was soll denn
+jetzt sein.«
+
+»Das wirst du schon sehen.«
+
+»-- -- -- Du hast mich angezeigt«, flüsterten Oldshatterhands weiße
+Lippen. Hilfesuchend sah er Bratmund an, der lächelnd auf seinen Teller
+blickte.
+
+»Was denn anders! . . . Kannst du vielleicht in Italien verhaftet
+werden? Nein. Aber hier in München. Deinen feinen Brief und deine
+Photographie hat der Staatsanwalt.«
+
+»Deshalb hast du mich von Italien zurückgerufen, damit ich verhaftet
+werden kann? . . . Das alles hat Immermann sich ausgedacht. So gemein
+ist außer ihm kein Mensch«, sagte Oldshatterhand langsam.
+
+»Immermann ist mein bester Freund. Mein einziger Freund. Aber du hast
+geglaubt, ich sei ein Tölpel!«
+
+Oldshatterhand sah auf die essenden Studenten und ging langsam durch das
+Lokal und hinaus. Der Dienstmann davor hob die Hand zur Mütze.
+
+Oldshatterhand ging durch den Schnee; er konnte weder Grünwiesler noch
+Immermann hassen, denn es fehlte ihm dazu die Kraft. Die Sehne der Kraft
+war ihm entzweigeschnitten worden. Er atmete mühsam durch den weit
+offenen Mund. »He?« fragten seine schlaffen Lippen bei seinem
+vergangenen Leben an, und er schüttelte langsam den Kopf -- er wisse
+nichts.
+
+Oldshatterhand begriff nichts, fühlte keinen Druck in der Brust, litt
+nicht. Seine Empfindungsfähigkeit war niedergeschlagen. Mit den
+Fingernägeln versuchte er, sich in die Wange zu zwicken, und hatte nicht
+so viel Kraft, Schmerz zu erzeugen. »Frieren wäre wunderbar«, dachte er
+und lächelte zart. Er setzte sich auf eine Bank in den Anlagen. Es war
+sehr kalt. Er öffnete Mantel, Rock und Weste, schloß die Augen und blieb
+reglos hocken.
+
+Allmählich kehrte die Empfindung zurück, denn er empfand, daß er seine
+Fußzehen und später die Beine bis über die Knie herauf vor Kälte nicht
+mehr fühlte. Er genoß, wie die Kälte ihm durchs Hemd drang, rührte sich
+nicht und sah auf seine reglos liegenden, rot gefrorenen Hände hinunter.
+Irgendeine Stelle in seinem Innern war heiß. Und er glaubte, da jetzt
+sein ganzer Körper vor Kälte leblos war, daß die heiße Stelle in ihm
+seine Seele sei. Während sein Körper vor Kälte mehr und mehr abstarb,
+beobachtete er seine immer heißer werdende Seele -- beobachtete er das
+Fieber, das er für seine Seele hielt, bis das Fieber einen Hitzeschauer
+abstieß, der ihm durch den ganzen Körper flog.
+
+Automatisch, ohne daß er es wollte und wußte, stand er auf und stampfte
+rhythmisch den Boden, stieß die Fäuste in die Luft. Immer wilder
+werdend, tanzte er stampfend im Kreise herum.
+
+Der vermummte Droschkenkutscher auf dem Bock lachte lautlos in sich
+hinein. Oldshatterhand sah ihn an, knöpfte seine Kleider zu und ging in
+der Richtung nach seiner Kammer. Unvermittelt saß der Druck wieder unter
+seinem Brustbein über der Magengrube, wo das Gewissen seinen Sitz hat.
+Er sah die Gassen und Kirchtürme von Würzburg. >Es wird in den
+Würzburger Zeitungen stehen<. Sein Vater kam verschwitzt von der Arbeit
+zurück. »Ruhig!« brüllte der Vater und stieß die Zeitung vom Tisch. Die
+Räuber lächelten verlegen und drückten sich an ihm vorbei. -- Der kann
+jetzt mit der Kriechenden Schlange am Vierröhrenbrunnen stehen, hörte er
+den Schreiber sagen. »Ich? Vierröhrenbrunnensteher?« schrie
+Oldshatterhand. Da sah er sich als Knabe, eingehängt bei seinem Vater,
+durch den abendlichen Wald marschieren, mit dem Würzburger Gesangverein.
+Der ganze Verein pfiff: »Wenn die Schwalben wiederkommen.«
+
+Das Bild aus seiner Jugend versank; rasch ging Oldshatterhand weiter und
+pfiff gedankenlos »Wenn die Schwalben wiederkommen«.
+
+»Die wer'n schau'n!« schrie ein Bäckerjunge mit einem Henkelkorb.
+Oldshatterhand schrak zusammen, zog die Schultern in die Höhe und eilte,
+mit seinen Gedanken in Würzburg, schnell bis vor seine Kammertür, kroch
+unter dem Tisch durch und saß auf dem Bett.
+
+Tagelang saß Oldshatterhand fast nur auf dem Bett und dachte. Wollte an
+seine plötzliche Einsamkeit nicht glauben und führte Gespräche mit
+Grünwiesler.
+
+Bis die Wirtin die Klagezustellung auf den Tisch legte und er den Satz
+las: In Sachen Franziskus Grünwiesler erhebt die Staatsanwaltschaft von
+München Klage gegen den Maler Michael Vierkant wegen versuchter
+Aufforderung zu räuberischer Erpressung.
+
+Da rannte er die Treppe hinunter. Und prallte zurück vor dem Tageslicht.
+Ganz langsam ging er weiter, sah an den Häusern hinauf. Eine Frau schrie
+aus dem vierten Stock herunter: »Hansl! Ha -- -- nsl!« Er beobachtete
+den Jungen, der Kuchen aus Schneeschmutz machte, zu seiner Mutter in die
+Höhe blickte und ins Haus trippelte.
+
+Ein Schutzmann schritt langsam vorüber.
+
+»Marroni! Heiße Marroni!« lud ein italienischer Straßenverkäufer ein und
+hob den Zeigefinger. »Feine Marroni! Fünf Pfennig!«
+
+Oldshatterhand trat zum Italiener und beobachtete den Schutzmann. »Si
+si, Signore.« Der Schutzmann ging vorüber. Da ging auch Oldshatterhand
+weiter, versuchte die Kastanien; Ekel schüttelte ihn; er sah sich
+vorsichtig um und ließ sie in den Schnee fallen.
+
+Am Ende der Straße blieb er stehen, sah auf einen schnurrbärtigen Mann
+in schwarzem Überzieher, der auf seinen Spazierstock mit Stahlspitze
+hüftlings gestützt stand, auf die Trambahn wartete und zu Oldshatterhand
+hinüberblickte.
+
+»Das ist ein Detektiv. Ein Verdeckter«, flüsterte Oldshatterhand, und
+sein Herz stand still. »Gerade weil er so unauffällig aussieht.«
+
+Rückwärts gehend schob er sich bis zu einem Schaufenster, in dessen
+Spiegelglas er den Mann sehen konnte, der schräg über die Straße
+schritt, in der Richtung auf Oldshatterhand zu.
+
+Alle Muskeln angespannt, ging Oldshatterhand unauffällig weiter, nicht
+zu schnell, bis an die Ecke, und begann zu rennen.
+
+Der Mann stieg in die Elektrische.
+
+Während des Rennens fiel Oldshatterhand der Schnelläufer vom Würzburger
+Sanderrasen ein; da zwang er sich, gleichmäßig zu laufen, mit zur Brust
+hochgenommenen Armen.
+
+Außer Atem langte er in seiner Kammer an. Da lag ein zweiter Brief. Eine
+Vorladung ins Justizgebäude, Zimmer Nr. 86.
+
+ * * * * *
+
+Doktor Karl Robert, Gerichtspsychiater, stand auf dem Türschild.
+
+»Ich heiße Michael Vierkant.«
+
+Der Herr mit schwarzem Spitzbart und Brille stand auf, wies auf einen
+Stuhl am Schreibtisch, setzte sich dazu, legte einen Maßstab auf die
+Aktenmappe, nahm ihn wieder weg, blätterte. »Sie haben da einen Brief
+geschrieben. Einen recht leichtsinnigen Brief.«
+
+Unversehens war es Oldshatterhand gut zumute geworden, und nur die
+Überlegung -- er würde vielleicht sein gutes Gefühl aus sich
+herauslächeln und wieder den Druck empfinden, hielt ihn ab, zu lächeln.
+
+»Erzählen Sie einmal: wie war die Sache?« Der Arzt beobachtete
+Oldshatterhand unmerklich und scharf, und es schien, wie wenn er etwas
+ganz anderes in Erfahrung bringen wolle, als das, wonach er fragte.
+
+»Der Maler Immermann steckt dahinter«, begann Oldshatterhand und machte
+eine Handbewegung um den Arzt herum in die Zimmerecke. »Sehen Sie, Herr
+Doktor, Grünwiesler hatte ein Bild gemalt, ein sonnenbeschienenes
+Dörfchen, das inmitten von Grün lag. Er zeigte es dem Bürgermeister,
+einem alten Bauern. Der nahm das Bild in die Hände, besah es genau, ganz
+genau, ging damit in die schattige Zimmerecke -- aber die Sonne auf dem
+Bild wollte nicht verschwinden. Er hielt es so, und so, bis ihm
+Grünwiesler sagte: die Sonne auf dem Dörfchen ist gemalt. Das konnte der
+Bürgermeister gar nicht begreifen . . . Und da dachte ich mir, Herr
+Doktor, nicht das Kloster, sondern Grünwiesler, der so ein Bild malen
+konnte, solle die sechstausend Mark bekommen.« Oldshatterhand schloß die
+Hand, wie wenn er etwas gefangen hätte.
+
+Der Arzt beobachtete ihn scharf. Oldshatterhand sah, daß des Arztes
+linke Augenbraue in gewissen Zeiträumen zuckte. Er hätte nicht sagen
+können, weshalb ihm dieses Zucken Vertrauen eingab. Er wartete sogar auf
+das Zucken. »Grünwiesler trägt einen Klemmer und hat gütige Augen
+. . . Immer wenn er verlegen ist, neigt er den Kopf zur Seite . . . So,
+dachte ich mir, stellt er sich vor seine Tante hin und sagt: Wenn du
+mich anzeigst, erschieße ich mich vor deinen Augen . . . Wenn der Maler
+Immermann diesen gemeinen Plan nicht ausgeheckt hätte, nur um mich
+unglücklich zu machen, ich meine, wenn die Geschichte von Anfang an wahr
+gewesen wäre, hätte Grünwiesler sich erschossen . . . Und darauf kommt
+es doch ganz allein an . . . Grünwiesler ist ein guter Mensch; da kommt
+Immermann und sagt: so und so -- und Grünwiesler ist auf einmal ein
+schlechter Mensch . . . Ich begreife es ja selbst nicht. Aber
+Grünwiesler wäre vielleicht immer ein gutmütiger Mensch geblieben, sein
+ganzes Leben lang, wenn Immermann nicht so und so gesagt hätte . . . Das
+denke ich.«
+
+Ein Beichtdrang überkam Oldshatterhand. Zurückdenkend sagte er: »Ich
+glaubte, ich würde etwas von dem Geld bekommen. Vielleicht tausend
+Mark.« Und er hatte dabei das Gefühl, auf einem dünnen Silberdraht über
+einen Abgrund zu laufen.
+
+Der Arzt holte die Photographie Oldshatterhands aus der Aktenmappe
+hervor. »Warum haben Sie denn dem Herrn Grünwiesler Ihre Photographie
+geschickt?«
+
+Oldshatterhand starrte auf seine Photographie. ». . . Hat er also
+wirklich Ihnen mein Bild gegeben! . . . Grünwiesler bat mich in dem
+Brief, ich solle ihm mein Bild senden; er wolle wieder einmal das
+Gesicht eines Freundes sehen . . . Und hat dann meine Photographie der
+Polizei übergeben. Jetzt sagen Sie einmal selbst«, schloß er langsam.
+
+»_Sie_ haben dem Herrn Grünwiesler doch dazu geraten, er solle seiner
+Tante die sechstausend Mark wegnehmen?«
+
+Oldshatterhand sprang auf. »Ich? . . . Ah!« rief er langgezogen und
+wühlte in seinen Taschen nach dem Brief Grünwieslers. »Hier! Sehen Sie!
+Hier können Sie's lesen! Ich wußte von gar nichts. Er schreibt selbst:
+Ich habe die sechstausend Mark an mich genommen und lebe in
+schrecklicher Angst. Meine Tante zeigt mich gewiß an. Gib mir einen Rat,
+was soll ich tun. Dein lebenslänglicher Freund . . . Und dann hat _er
+mich_ angezeigt. Ich weiß jetzt alles! Das hat er absichtlich mit
+Bleistift geschrieben . . . Und wissen Sie warum? Er schrieb, ich solle
+ihm seinen Brief umgehend zurücksenden . . . Dann hätte er das
+ausradiert. Ich hab aber vergessen, den Brief zurückzusenden . . .
+Wissen Sie, ich hab sehr gern, wenn Ordnung ist . . . in meinem Zimmer
+zum Beispiel. Aber ich selbst . . . ich bin unordentlich . . . furchtbar
+unordentlich. Hier ist der Brief. Lesen Sie ihn.« Oldshatterhand glühte.
+»Und den zweiten Brief, hat er geschrieben, soll ich verbrennen. Jetzt
+weiß ich, warum er das gewollt hat . . . Ich hab ihn auch tatsächlich
+verbrannt.«
+
+»Der Brief, den Sie an Herrn Grünwiesler gesandt haben, ist sehr
+unleserlich geschrieben. Man könnte Ihren Brief auch so lesen: Wenn Du
+mich anzeigst, erschieße ich _Dich_.«
+
+»Mich! Mich! heißt es natürlich«, rief Oldshatterhand und lachte sein
+irrsinniges Lachen ». . . Erschieße ich _dich_? . . . _Vor deinen
+Augen_? . . . Das geht ja gar nicht. Hi! hihiha! . . . Vor deinen
+Augen.«
+
+»Auch so, auch so ist's schlimm«, meinte der Arzt, und es klang, wie
+wenn er gesagt hätte -- Grünwiesler ist ein Lump, aber Sie werden
+bestraft. Der Arzt spielte mit dem zusammenklappbaren Meterstab, stellte
+Drei- und Vierecke -- einen Galgen. Da stand Oldshatterhand unvermittelt
+auf und bewegte sich, rückwärts gehend, zur Tür. Ganz plötzlich saß die
+Last wieder über seinem Herzen. »Und dann -- es war ja auch so
+furchtbar, daß ich die Hummermayonnaise nicht bezahlen konnte. Adieu«,
+sagte er, noch bevor ihn der Arzt entlassen hatte, und ging, den Blick
+suchend ins Zimmer gerichtet, hinaus.
+
+Durch die Gänge eilten Männer in schwarzen Talaren. Eine Tür wurde
+aufgerissen, ein Diener trat heraus, schnell, riß die Tür zu und schloß
+sie ganz leise. Oldshatterhand schlug Goulaschgeruch in die Nase.
+»Letzter Hieb«, sagte er.
+
+»Wie?« fragte der Diener.
+
+»So heißt ein steiler Berg bei Würzburg.«
+
+»Granat!« rief eine Männerstimme. Der Diener schnellte herum und ging
+wieder ins Zimmer.
+
+»Das war nur Sportfexerei, daß der damals auf dem Fahrrad mit neunziger
+Übersetzung den Letzten Hieb hinaufgefahren ist.«
+
+Er hörte feste, hallende Schritte, blieb stehen und horchte.
+
+Die Schritte verhallten wieder. Eine Tür schlug zu.
+
+»Einen Meterstab kann man verstellen, zu einem Viereck, zu einem Galgen
+. . . Man müßte einen Zirkel konstruieren, mit dem man Ovale ziehen
+kann. Einen Ovalzirkel. Das wäre eine Erfindung«, dachte Oldshatterhand;
+er stand noch immer an der selben Stelle.
+
+Der Diener trat mit Vehemenz wieder aus dem Zimmer und schloß die Tür
+leise.
+
+»Da wurden früher die Verbrecher gehängt -- an den Galgen. Auf dem
+Letzten Hieb . . . Erschieße ich _dich_? Was! Nein! Erschieße ich
+_mich_! Mich! hab ich geschrieben«, schrie er und stürzte mit ein paar
+Sprüngen zurück zum Arzt, riß die Tür auf und stand im Ausfall ins
+Zimmer hinein, ohne die Türklinke loszulassen. »Erschieße ich _mich_!
+Mich! hab ich geschrieben. Ich erschieße _mich_!« rief er drohend und
+schloß, sich dabei aufrichtend, die Tür.
+
+Als er das Justizgebäude verlassen wollte, holte ihn ein Gerichtsdiener
+ein und führte ihn zum Arzt zurück.
+
+Der saß aufgestützt am Tisch und betrachtete die Photographie
+Oldshatterhands, wie ein Vater das Bild seines Kindes ansieht. »Würden
+Sie noch einmal so einen Brief schreiben? . . . Setzen Sie sich noch ein
+bißchen.«
+
+Oldshatterhand legte die Hand in die Hüfte, sah sinnend zur Zimmerdecke
+in die Höhe und dann auf den Arzt. »Das weiß ich nicht«, sagte er
+gedehnt. »Man tut mir unrecht. Aber daß man mir unrecht tut«, schloß er
+mit zuckenden Lippen und lächelnd, »das halte ich aus.«
+
+Der Arzt antwortete nicht, sah Oldshatterhand nur still und aufmerksam
+an und spielte mit der Photographie, stellte sie auf, betrachtete sie,
+ließ sie umfallen. Während dieser Stille dachte Oldshatterhand daran
+zurück, daß er als Lehrjunge, anstatt einfach seinen Hut aufzusetzen und
+davonzulaufen, erst zum Meister Tritt gegangen war und sich den Schlag
+ins Gesicht geholt hatte. Und er sagte zum Arzt: »Die Polizei weiß, wo
+ich wohne. Sie muß kommen. Ich warte . . . Ich brenne nicht durch. Ich
+halte lieber alles aus.« Er sah den Arzt an. »Jetzt gehe ich. Adieu.«
+
+»Ist das die einzige Photographie, die Sie von sich haben?«
+
+»Ich hab nur diese noch. Kann ich sie vielleicht bekommen? . . . Sie
+gehört doch eigentlich mir.«
+
+»Nein, Herr Vierkant, die Photographie muß bei den Akten bleiben.«
+
+»Bei den Akten?« fragte Oldshatterhand, und seine Mundhöhle wurde
+trocken. Die Angst sprang ihn an. Der Arzt beobachtete die Veränderung.
+
+»Ich hab nur geschrieben -- erschieße ich mich vor deinen Augen. Vor
+deinen Augen! . . . Wirklich.« Der Arzt nickte einige Male leise und sah
+dabei Oldshatterhand an.
+
+»Wirklich«, formten Oldshatterhands schlaffe Lippen noch einmal. Da
+breitete er die Arme aus und stand wie ein Gekreuzigter. »Manchmal weiß
+ich, daß ich der Unfähigste und auch der Gemeinste bin und der
+Niedrigste. Und manchmal weiß ich, daß ich der Größte bin. Der Größte
+von der Welt!«
+
+Der Arzt machte sich Notizen. Oldshatterhand ließ die Arme schnell
+sinken und ging flammend aus dem Zimmer.
+
+Zu Hause angekommen, begann er sofort an seinem Märchenbilde zu malen,
+das für die Preisaufgabe der Akademie bestimmt war.
+
+In den Nächten malte er mit Hilfe einer Kerze. Am dritten Tage war das
+Bild fertig. Eine feuchte, dunkle Gasse; auf den Stufen vor den Häusern
+saßen Mädchen, die Arme um die Knie geschlagen, in rosa, blauen,
+violetten Hängekleidern. Traurige Wesen, die auf den Erlöser warteten.
+Es war die Hurengasse von Frankfurt am Main. An den Eingang der Gasse
+hatte Oldshatterhand sich selbst gemalt, auf den Zehen stehend, und die
+langen, gespreizten Finger ekstatisch in die Gasse gestreckt, halb
+abwehrend, halb zugreifend.
+
+Grauen und Süßigkeit war in dem Bilde.
+
+Oldshatterhand hatte nie ein Bild von Daumier gesehen. In den Zeitungen
+wurde das Bild später mit einem Werke Daumiers verglichen.
+
+Er versah es mit einem Motto und sandte es an die Akademie.
+
+Die Angst war ihm im Nacken gesessen, und er hatte während des Malens
+mit ihr gekämpft. So hatte er die Angst ertragen. So war das Grauen und
+die Süßigkeit in sein Bild gekommen. Aber jetzt, da das Bild fertig war,
+legte die Angst sich unvertreibbar auf sein erschöpftes Herz. Er sah
+keinen Ausweg, und auch die Entscheidung konnte er nicht beschleunigen.
+
+Einige Maler, die er, gemeinsam mit Grünwiesler, kannte und grüßte,
+erwiderten seinen Gruß nicht, weil sie von Grünwiesler unter
+Verschweigen der Lockbriefe den Fall erzählt bekommen hatten. Die
+Verleumdung griff um sich. Da wagte sich Oldshatterhand nicht mehr auf
+die Straße, saß auf seinem Bett, ließ die ineinander verschränkten Hände
+zwischen seine Knie hängen und sah stundenlang vor sich hin. Von seinem
+Charakter gefangen, unrettbarer als im Gefängnis.
+
+Nach einer so verbrachten Nacht fuhr er mit dem Frühzuge nach Würzburg,
+aus dem vagen Gefühl heraus -- die zwanzig dort verlebten Jahre, seine
+Kindheit, seine Mutter, irgend etwas in der Stadt, seine Zugehörigkeit
+zur Stadt, die Stadt selbst müsse ihm helfen, könne ihn retten.
+
+Im Zuge bekam er einen kurzen Ohnmachtsanfall. Seit Tagen hatte er
+nichts genossen. Eine hagere Dame gab ihm ein Glas Wein. Er war sofort
+betrunken. Aber es wurde ihm sehr gut. »Sie!« rief er plötzlich, »wenn
+der Arzt bewußt mit dem Maßstab den Galgen gestellt hätte -- nur um mich
+zu erschrecken!« Und beugte sich zu der Dame. »Deshalb habe ich ja auch
+an den Letzten Hieb gedacht, weil da früher die Verbrecher gehängt
+worden sind, an den Galgen. An den Galgen!« flüsterte er.
+
+Die Dame stand entsetzt auf und floh aus dem Coupé. Reisende drängten
+sich vor der Coupétür und sahen vorsichtig zu Oldshatterhand hinein, der
+auf der anderen Seite zum Fenster hinausblickte: zwischen weißblühenden
+Obstbäumen brannte ein Bauernhaus. Die reinen Flammen waren kaum zu
+unterscheiden von der hellen Luft. Oldshatterhand hörte ein Glöckchen
+dünn Sturm bimmeln und sah auf der Landstraße zwei Männer mit
+Feuerwehrhelmen aus Messing, die in der Sonne blitzten, auf den Brand
+zutraben. Interessiert beobachtete er den Radfahrer, der auch einen
+Feuerwehrhelm aufhatte und die Männer überholte, die ihm etwas
+zuschrien. »Das wird wohl niederbrennen«, sagte Oldshatterhand bedauernd
+und blickte auf den Bauer, der in weiter Ferne quer über einen schwarzen
+Acker auf den Brand zustolperte.
+
+In Würzburg irrte Oldshatterhand scheu durch die Straßen, sah den
+Schreiber, der sein Stöckchen im Kreise herumwirbelte, des Weges kommen,
+floh vor ihm im letzten Augenblick in eine dunkle Nebengasse, strich
+stundenlang um das Haus seiner Eltern herum, sah seinen Vater gehetzt
+von der Arbeit nach Hause kommen und wieder zur Arbeit gehen, und
+fürchtete die alten Augen seiner Mutter.
+
+Kirchenglocken läuteten und verklangen. Es wurde Nacht.
+
+Oldshatterhand beobachtete, wie das Licht im Zimmer seiner Eltern
+verlöscht wurde, horchte auf das Weinen eines kleinen Kindes. Ein Pferd
+stampfte im Stall neben ihm, und er dachte flüchtig, wenn er sich zum
+Kopf des Pferdes aufs Stroh zur Ruhe setzen könnte, das Pferd würde ihn
+mit seinen großen, dunklen Augen gut und bekannt anschauen. Er zog den
+Kopf ein, da er die Güte des Pferdes fühlte im Gegensatz zur
+verächtlichen Stille seiner Familie, wenn er gewagt hätte, die Treppen
+hinaufzusteigen.
+
+Die Schultern hochgezogen, flüchtete er auf den nächtlichen Schloßberg.
+
+Der halbe Mond hing zwischen den Lindenkronen. Oldshatterhand sah den
+Militärposten vor dem Schilderhaus stehen, beide Arme übers Gewehr und
+den Bauch zusammengeschlagen. Der Posten sah in den Himmel, auf seine
+Stiefel und begann auf und ab zu gehen.
+
+Oldshatterhand stand hinter einem Baumstamm. Die Linden rochen. Er hörte
+ein Lachen und unterdrücktes Mädchengekicher; vielfüßige Schritte
+näherten sich. »Ja, mein Lieber, das mußt du uns erst einmal zeigen.
+Hohaho!« hörte er den Schreiber sagen, und sein Herz wurde zu einem
+Eisklumpen.
+
+»Also wenn ich gestern in der Turnstunde fünf Meter und sechzig weit
+gesprungen bin, dann wer ich doch auch noch über diesen dreckigen Graben
+springen können«, antwortete der bleiche Kapitän.
+
+Die Räuber blieben beim Wachtposten unter der Laterne stehen. Eine
+Kirchenuhr schlug. Oldshatterhand konnte alle Räuber erkennen und hörte
+den Wachtposten dunkel sprechen.
+
+Fräulein Schlauch, des Schreibers Liebste, und ein blondes, schmales
+Mädchen trennten sich von der Gruppe, sprangen plötzlich, Hand in Hand,
+auf Oldshatterhands Baumstamm zu und setzten sich in der Nähe auf den
+Rasen.
+
+Die Räuber folgten langsam. Falkenauge hatte eine komische Tabakspfeife
+zwischen den Zähnen. Sie ging erst lang wagerecht vor, dann rechtwinklig
+nach unten. Die glühende Asche schien in der Luft zu hängen. Der bleiche
+Kapitän stand drei Schritte von Oldshatterhand entfernt. Die andern
+hatten sich zu den Mädchen gesetzt.
+
+»Also, was gilt jetzt die Wett, daß ich über den Graben spring? Gleich
+beim erstenmal.«
+
+»Hohaho! Eine Maß.«
+
+»Auf Ehr?«
+
+»Allemal!«
+
+»Also, ihr seid Zeugen.«
+
+Oldshatterhand blickte auf Falkenauges rechtwinklige Pfeife, dachte an
+den Meterstab des Gerichtspsychiaters und schluchzte nach innen. Den
+Mund gehetzt offen, glaubte er zu fühlen, wie die heißen Tränentropfen
+sein Herz trafen.
+
+Falkenauge spuckte aus, putzte mit seinem Taschentuch den
+Messingbeschlag und strengte sich an, die schwere Pfeife wieder richtig
+zwischen die Zähne zu bekommen, damit er sie halten konnte.
+
+Um einen Anlauf zu nehmen, trat der bleiche Kapitän zurück. Und
+Oldshatterhand mußte schnell niederknien, um von ihm nicht gesehen zu
+werden, denn der Lindenstamm verjüngte sich nach oben. Vor Angst,
+gesehen zu werden, hatte er die Augen geschlossen und fühlte nur das
+kühle Sausen und hörte den Aufsprung des bleichen Kapitäns. Fräulein
+Schlauch schrie. »Angstorschel!« sagte der bleiche Kapitän, stülpte die
+Lippen nach außen und setzte sich neben seine Braut. »Na, Schreiberlein?
+Deine Maß ist futsch.«
+
+»Hohaho! Gehn wir gleich in den Bauchskeller und trinken sie . . .
+Liesl, gehst du mit?«
+
+»Aber nein«, sagte seine Liebste gedehnt, ließ sich auf den Rücken
+nieder und sah, die Hände unterm Kopf, zum Mond. Der Schreiber schob
+seine Hand unter ihre Hände.
+
+Falkenauge hatte seinen Arm in die Hüfte des blonden schmalen Mädchens
+gelegt, das sich leise wehrte und ihn dann anlächelte. Da nahm er seine
+Pfeife aus dem Munde. Die Rote Wolke griff nach der Pfeife.
+
+»Aber paß auf darauf«, sagte Falkenauge, ohne hinzusehen, und näherte
+sein Auge dem blonden Mädchen, die erst mit dem Kopf zurückwich und ihn
+dann doch an Falkenauges Wange lehnte.
+
+Oldshatterhand kniete zitternd hinterm Baumstamm, sah auf den Hauptmann
+und dessen Braut, die beide bleich und friedlich nebeneinander saßen,
+und hatte den stürmischen Wunsch, sich auch hinzusetzen und wie ein
+Knabe zu lächeln. »Aber ich kann ja nicht wieder so werden wie sie«,
+flüsterte er und empfand die durch nichts zu vermittelnde Trennung so
+stark, wie wenn er die Räuber nie gekannt hätte. »Ich bin nicht so wie
+die Kriechende Schlange . . . ihr tut mir unrecht«, flüsterte er. »O
+Gott nein, ich nicht . . . Vielleicht die Kriechende Schlange auch nicht
+. . ., wenn sich sein Vater nicht ins Hundefell gestürzt hätte . . .
+oder ins Wasser.«
+
+Der bleiche Kapitän drückte einen Druckknopf an der Bluse seiner Braut
+zu. »Ich hab mir einen Photographenapparat kommen lassen. Auf
+Abschlagszahlung! Herrgott, daß es so was gibt . . . Abschlagszahlung.
+Er ist zwar ein bißchen teuer, aber direkt aus der Fabrik.«
+
+»Meine Pfeife -- brennt sie noch? -- ist aus derselben Fabrik. Ich hab
+mir auch gleich einen Vogelstutzen bestellt. Mit Silberbeschlag.«
+
+»Mit Futteral?«
+
+»Ach, was glaubst du denn! Ich hab mir ein Stück Kalbleder geb laß in
+mein G'schäft, und der Sattler Grumbe näht mir's zusammen. Kost zwanzig
+Pfennig, das ganze Futteral.«
+
+»Und der Vogelstutzen?«
+
+»Siebenundsiebzig Mark fünfzig.«
+
+»Au, mein Lieber. Ein schönes Stück Geld.«
+
+»Er hat doch Silberbeschlag.«
+
+»Vielleicht erschießt du mich dann damit«, sagte das schmale Mädchen
+gedehnt.
+
+»Ja, was glaubst du denn.« Falkenauge lachte. »Hast du Angst? . . . Ich
+schieße nur auf Ratten.«
+
+»Spiele nicht mit Schießgewehr. Nicht wahr, Liesl«, sagte der Schreiber,
+legte sich auch auf den Rücken, neben seine Liebste, und blies ihr ins
+Haar. Sie drehte ihm das Gesicht zu und schüttelte leise den Kopf, als
+er die Lippen ihrem Munde näherte. Beide sahen auf zum Mond.
+
+Der gleichmäßige Schritt des Wachtpostens klang in die Stille. Der
+kniende Oldshatterhand klammerte sich am Baumstamm an. Seine Schläfen
+zuckten. »Ich kann mit keinem von ihnen darüber reden«, flüsterte er
+unzählige Male, immer wieder, so oft er aufstehen und hinzutreten
+wollte. Mit all seiner Kraft wünschte er sich weg vom Baum.
+
+»Schläfst du?« fragte der bleiche Kapitän seine Braut.
+
+Oldshatterhand ließ seinen Baumstamm los. Die Augen angstvoll auf den
+ruhigen Räuberkreis gerichtet, kroch er, sich rückwärts bewegend, auf
+Händen und Füßen wie ein Indianer unhörbar bis zum nächsten Baumstamm.
+
+»Ich glaub, ich hab geschlafen.«
+
+»Nun, dann schlaf halt noch ein bißchen weiter«, hörte Oldshatterhand
+den bleichen Kapitän sprechen und horchte.
+
+»Wo mag eigentlich der Duckmäuser hingekommen sein? Man hat nie mehr was
+gehört von ihm.«
+
+»Der Duckmäuser?« rief der Schreiber lachend, »wo wird der sein -- ich
+sag, der ist irgendwo Kirchendiener.«
+
+Oldshatterhand schlich weiter, begann zu laufen, blieb sofort wieder
+stehen, weil ihm plötzlich Winnetou eingefallen war. Da hörte er einen
+der Räuber leise die Mundharmonika spielen und lauschte eine Weile in
+seltsamer Verzückung. Dann ging er in der Richtung nach dem »Käppele«.
+
+Bei der alten Brücke hörte er eine Stimme und hatte augenblicklich die
+Empfindung, den Geruch vom Zimmer seiner Eltern zu riechen, noch bevor
+er seinen Vater erkannt hatte, der, auf dem Wege in die Singprobe, in
+Armeslänge vor ihm beim säbelbeinigen Polizeiwachtmeister stand. Die
+beiden hatten vor dreißig Jahren zusammen in Augsburg gedient.
+
+Die Angst bewahrte Oldshatterhand vor einer Ohnmacht. Er bog ab von
+seinem Wege, in eine Nebengasse, rannte weiter und blieb, außer Atem,
+endlich auf dem Leidenswege Christi stehen, der zum »Käppele« in die
+Höhe führt. Um Luft zu bekommen, heulte er und drückte mit den
+Augenlidern, um Tränen zu bekommen.
+
+Hier und da, vor den vergitterten Leidensstationen, döste ein rotes,
+ewiges Licht.
+
+Was er Winnetou sagen wollte, wußte er nicht. Er hatte nur das bestimmte
+Gefühl, Winnetou könne ihn retten.
+
+Klein stand er vor dem gewaltigen Kreuz auf der Höhe, an dem Jesus
+hängt.
+
+Seine Schritte hallten in der Totenstille, als er zur Pförtnerzelle
+ging. Er sah den Klingelzug an und zog die Hand wieder zurück. Dann
+klingelte die Glocke als einziges Geräusch auf der Welt.
+
+Das Pförtnerfenster wurde geöffnet, und er hörte Winnetou sagen: »So
+spät in der Nacht darf ich kein Brot geben«, und sah zugleich das helle
+Stück Brot, das Winnetou reichte.
+
+»Winnetou, kannst du zu mir herauskommen?« fragte Oldshatterhand und
+nahm das Brot.
+
+»Michael, du bist's? -- -- -- Ich habe gedacht, ein Armer sei noch so
+spät gekommen. Ich bin gleich bei dir. Setze dich auf die Bank bei der
+Mauer.«
+
+Oldshatterhand biß ins Brot; es schmeckte nach Anis: sofort war er
+sechsjährig; die Nacht wurde ihm zum sonnigen Tage, und er sah sich,
+zusammen mit Winnetou, an einem heißen Sommertage zum »Käppele«
+hinaufsteigen und am Pförtnerfenster um Brot beten. Unwillkürlich mußte
+er lächeln, da er sich erinnerte, daß Winnetou raffinierte Methoden
+angewandt hatte, um dem Pförtnermönch am selben Tage ein paarmal
+hintereinander ein Stück Klosteranisbrot abzulocken. Er sah sich als
+barfüßigen Jungen um die Leidensstationen Christi herumrennen, von
+Winnetou verfolgt, und mußte, bei der Erinnerung an Winnetous
+unwillkürlichen Bocksprung über einen knienden Bußbeter, hell auflachen.
+Vor seinem Lachen fuhr er zusammen und rief erschrocken: »Nein, nein!«
+
+Die Erinnerungen waren von der Nacht der Gegenwart verdrängt worden.
+
+Er legte das Brot auf die Steinbank und stand auf. Als Knoten in seiner
+Brust empfand er die Unmöglichkeit, Winnetou zu beichten, und machte ein
+paar hastige Fluchtsprünge. Da hörte er rufen: »Michael! . . . Wo bist
+du?« und sah Winnetou auf sich zukommen und eng bei ihm den einäugigen
+großen Bernhardinerhund, der an Oldshatterhands Beinen hin und her
+strich, zu ihm aufsah, nickte und sich zu seinen Füßen hinstreckte.
+
+»Der Hund lebt noch immer?« fragte Oldshatterhand mit veränderter Stimme
+und hatte sagen wollen -- Winnetou, höre doch, was man mir angetan hat.
+Hilf mir.
+
+»Ich mußte erst um die Erlaubnis bitten. Wolltest du weggehen?«
+
+»Nein . . . nein, ich hab nur so ein bißchen gesprungen. Nur so.«
+
+Sie setzten sich auf die Bank nieder. Der Hund erhob sich sofort und
+tappte nach.
+
+Winnetou legte seine Hand auf Oldshatterhands Schulter und lächelte zum
+roten, ewigen Licht hin unter der Mutter Gottes. »Michael, jetzt sind
+wir auf einmal keine Kinder mehr. Es ist, wie wenn man aus einem Traum
+erwacht, zu einem neuen, ruhigen Traum, der gar nie mehr enden wird.«
+
+»Bleibst du auf immer bei den Weichpfotenmönchen?«
+
+»Warum sagst du Weichpfotenmönchen?«
+
+»Nein, ich meinte, die Pfoten von dem Hund sind vielleicht weich . . .
+und dann Italien.«
+
+»Ja, ich glaube, ich will immer da bleiben. Der Prior liebt mich. Alle
+lieben mich und sagen, ich solle nur noch ein paar Jahre so bei ihnen
+bleiben und erst dann Mönch werden, wenn ich ganz glücklich geworden sei
+. . . Erinnerst du dich noch daran, daß wir Würzburg niederbrennen
+wollten . . . Ich denke oft daran zurück«, sagte Winnetou und lächelte
+heiter.
+
+»Und ich . . . der Neger starrt nach Afrika . . . willst du auch eine
+Zigarette haben? . . . ach nein . . . so eine rechtwinklige Pfeife. So
+stelle doch die Mutter Gottes dort weg . . . und den verstellbaren
+Maßstab.«
+
+»O Gott!« Winnetou war aufgestanden. »Du bist krank!«
+
+»Es handelt sich nur um eins . . . hab mich lieb . . .« Er schüttelte
+heftig den Kopf. »Nein, nein! Ich meinte, ich würde an Stelle der Mutter
+Gottes dort ein Muttergottesbild hinmalen . . . Hilfe! O Gott! Was ist
+das!« schrie Oldshatterhand und horchte entsetzt.
+
+»Die Brüder beten im Garten ihr Nachtbrevier. Komm, komm«, bat Winnetou
+ängstlich und zärtlich, »ich will dich zum guten Prior führen. Der gibt
+dir etwas und hilft dir.«
+
+»Ich war draußen in der Welt! In der Welt!« schrie Oldshatterhand
+lachend. »In Italien! In Genua zum Beispiel. Mein Lieber, dieser Hafen.
+Ich wohnte da in einem Palast. Der gehörte eigentlich mir. Ich wohnte
+ganz allein darinnen . . . Gott, du hättest nur allein das goldene Bett
+sehen sollen«, schloß er mit einer verächtlichen Handbewegung, und seine
+Lippen zuckten vor Scham . . . »Tun dir die Mönche denn gar nichts?
+. . . Irgend etwas Grauenhaftes.«
+
+»Nein, aber o Gott, was hast du denn? Ich habe solche Angst um dich.«
+
+»Ich? Ich fürchte mich im Grunde vor gar nichts! Glaubst du's nicht? Ich
+bin ganz einfach einmal nach Würzburg gefahren. Sonst nichts.«
+
+Eine tiefe Stimme rief nach Winnetou.
+
+Der Halbmond warf seinen trüben, traurigen Schein über die Stadt. Die
+Kirchtürme standen wie gespenstige Auswüchse von Riesendrachen in den
+schmutzigen Wolkenhimmel hinein. Die Stimme rief wieder. Der Hund stand
+auf.
+
+»Jetzt muß ich hinein. Komme morgen zu mir, bitte, komme. Um dieselbe
+Zeit. Komme wieder, bitte.«
+
+»Morgen um diese Zeit«, sagte Oldshatterhand und raste den Leidensweg
+Christi hinunter.
+
+Er fuhr mit dem Nachtzuge nach München zurück.
+
+Schnell wie ein Wild zuckte er unterm Tisch durch aufs Bett in seiner
+Kammer, sah gequält und mit kraftlosem Haß auf die bekannten
+Studienköpfe an den Wänden und fiel sofort in Halbschlaf. -- Das
+Schwere, jüngst Erlebte und Würzburg, die spitzen Kirchtürme, bedrängten
+ihn noch einmal in verwirrendem Durcheinander, gaben ihm einen letzten
+Schlag und zogen dann singend in eine ungeheure Ferne, entfernten sich
+in Sekunden zeitlich um Jahre von ihm, so daß er plötzlich allein war
+und frei und kühl atmen konnte.
+
+So wie der Fremde damals auf der Höhe bei Würzburg aus der Zukunft
+zurück in die Gegenwart zu Oldshatterhand geeilt war, um ihn zu leiten,
+durcheilte der zwanzigjährige Oldshatterhand jetzt in Sekunden seine
+zukünftigen zehn Jahre, wurde er dreißig Jahre alt, schritt er im
+Halbschlaf über eine luftige Filigranbrücke, an einer streichelnden
+Frauenhand vorbei, auf ein hochgelegenes Land, bis zu einem Lächeln der
+Verheißung am Horizont -- bis zum Fremden, der traumhaft verschwand, und
+an dessen Stelle Oldshatterhand -- zum Fremden wurde, und sichtend
+zurückblickte auf die Fesseln und Hemmnisse des schwachen
+Oldshatterhand, der jammervoll zusammengesunken in der Kammer auf dem
+Bett saß.
+
+Und er sagte zu diesem alten, schwachen Oldshatterhand: »Warum bist du
+denn verzweifelt und gebrochen, da du doch weißt, daß du recht gehandelt
+hast?«
+
+»Ich hab recht gehandelt. Ich bin kein ganz gemeiner Mensch!« schrie der
+Oldshatterhand auf dem Bett und deutete flüsternd: »Aber sieh doch die
+kalten, verachtenden Augen der Maler, die meinen Gruß nicht erwidern.
+Sie haben hohe Hüte auf; das sind auch Köpfe, und sie sehen verächtlich
+zur Seite. Ich ertrage ihre zwei Gesichter nicht.«
+
+Aber der zum Fremden gewordene Oldshatterhand sagte: »Du bist feige. Du
+weißt zwar, daß du recht gehandelt hast; aber da die Menschen dich dafür
+verachten -- weil sie Lügner sind --, wimmerst du, denn ohne die Achtung
+der Lügner kannst du nicht leben.«
+
+»Ohne die Achtung der Menschen kann ich nicht leben. Die Gassen, in
+denen ich aufgewachsen bin, alle Fenster schämen sich meiner, flüstern
+mir ihre Verachtung zu. Die Gesichter in den Fenstern ziehen sich ins
+Dunkel zurück vor mir . . . Ein Kind deutet mit dem Finger auf mich. Wo
+soll ich mich verstecken . . . Ich weiß einen Mann, bei dem ich mir
+wieder Achtung kaufen kann: einen kräftigen Zwerg, der die Ziehharmonika
+spielt. Ich muß nur Lieder dazu singen, damit alle, die mich kennen,
+lustig werden. Und muß lachen, wenn sie lachen, und fluchen, wenn sie
+fluchen. Dann decken sie alles mit Achtung zu . . . Aber ich werde
+traurig, wenn sie lachen. Und wenn sie jemanden verachten, verstehe ich
+es nicht. Denn sie dürfen mich nicht verachten . . . Die Achtung ist ein
+schrecklicher Kirchturm. In Würzburg gibt's so grauenhaft viele
+Kirchtürme, die alle die Achtung sind.«
+
+»Die ganze dumpfe Stadt ist eine Lügnerin, und alle, die darin wohnen,
+sind Lügner. Lüge mit ihnen, und sie werden dir alles verzeihen, wenn du
+geworden bist wie sie. Schäme dich! Sieh, ich stehe auf einem hohen Land
+und sehe auf alle Kirchtürme hinunter. Die Stadt dunstet und stinkt da
+unten. Ich wende mich um, da ist die Luft dünn und blau. Und ich bin
+allein.«
+
+»Du vergißt, daß auch unser Vater uns verachtet. Er hat zehn Augen und
+redet kein Wort, so sehr verachtet er uns.«
+
+»Wie kannst du _uns_ sagen. Ich habe mit dir nichts mehr gemein. Denn
+ich verachte die Verachtung der Menschen und bin einsam. Ich sage dir:
+solange ein Mensch den Weg der Einsamkeit geht, um sich zu finden,
+stehen die Menschen zu beiden Seiten seines Weges und höhnen und
+verachten ihn. Und der Vater schämt sich seines Sohnes, den alle
+verachten. Erst wenn du dich den Weg, der zu dir führt, zu Ende
+geschleppt hast und aufgerichtet stehst, schreien sie dir alle ihr
+lügenhaftes Hosianna zu und sagen zueinander -- den haben wir niemals
+verachtet. Und der Vater ruft -- das ist mein Sohn. Jesus Christus trug
+sein Kreuz der Einsamkeit beschimpft und verhöhnt bis zum hohen Gipfel.
+Heute schreien die Lügner ihm ihr Hosianna zu und ihre Verachtung dir,
+der du dein Kreuz der Einsamkeit noch nicht zu Ende geschleppt hast.«
+
+»Grausam bist du! Sieh doch das gewaltig hohe Kreuz, an dem ich hänge,
+und das schwarze Menschengewimmel zu meinen Füßen; ihre Verachtung tötet
+mich. Meine Mutter unter ihnen weint. Laß mich herunter vom Kreuz
+. . . Nein, nein, nein! Ich will nicht herunter. Ich will kein Lügner
+werden wie sie, sondern _Etwas_ werden.«
+
+»Es gibt nur zweierlei -- lügen wie die anderen: sein wie sie; oder ihre
+Verachtung verachten: einsam sein. Blicke auf das Lächeln der Verheißung
+auf meinem Gesicht und töte das Schwache und Feige an dir.«
+
+»Ja!« stieß Oldshatterhand hervor. Er stand jetzt, schwankend, und seine
+Hand hielt den Fenstergriff gepackt. Seine verglasten Augen stierten
+nach dem alten Revolver aus dem »Zimmer«, der auf dem Tische lag. »Meine
+Mutter, meine arme Mutter, meine arme Mutter, meine arme Mutter«,
+flüsterte er und dachte in einem Winkel seiner Seele -- er wird versagen
+--, brüllte langgezogen und mit vollster Kraft »I . . . . . i!« und
+hatte sich mitten in den Kraftausbruch, in den Mund hineingeschossen.
+Der I-Laut zersprang wie Glas. Der Revolver hatte diesmal nicht versagt.
+Der Kopf schwenkte zur Seite. Die Hand, die den Fenstergriff
+umklammerte, krampfte sich nach innen und drehte den Griff mit; im
+Fallen riß er das Fenster mit auf, so daß Oldshatterhand, schon tot,
+noch ein Fenster öffnete.
+
+Der alte Revolver hatte wie eine Kanone geknallt in der kleinen Kammer.
+Aus den Fenstern der Hofwohnungen fuhren erschrockene und empörte
+Gesichter.
+
+Die Wirtin kam gesprungen -- -- -- sah einen Fremden klar und ruhig die
+Treppe hinuntersteigen, öffnete die Tür, so weit es der Tisch zuließ,
+sah niemanden in der Kammer, und erst als sie wieder gehen wollte,
+erblickte sie ein Blutbächlein, das langsam vordrang und plötzlich um
+ein Hindernis herum auf sie zuschoß.
+
+Oldshatterhand lehnte sitzlings am Boden in der Ecke beim Fenster,
+schief und haltlos wie ein ausgestopfter Hampelmann, der umzufallen
+droht.
+
+Die Wirtin legte den Brief, den sie in der Hand hielt, auf
+Oldshatterhands Tisch und rannte zur Polizei.
+
+In dem Brief, einer Zustellung der Münchener Staatsanwaltschaft, stand,
+daß das Strafverfahren gegen den Maler Michael Vierkant eingestellt
+worden sei.
+
+ * * * * *
+
+Der Fremde ging zum Vortrag für künstlerische Anatomie, den der berühmte
+Anatom Molière allwöchentlich den Malern und Bildhauern Münchens hielt.
+Der Fremde sah alt aus und sah jung aus; er sah aus, als könne er nie
+mehr älter werden, so stark und klar war sein Gesicht.
+
+Die in Form eines halbierten Trichters steil in die Höhe steigenden
+Bankreihen waren voll besetzt von jungen Künstlern, unter denen auch die
+Maler Immermann und Franziskus Grünwiesler saßen. Die Leinwandrouleaus
+an den Fenstern oben im großen Halbkreis waren heruntergelassen, um die
+Frühlingssonne abzuhalten.
+
+Der belackschuhte, schlanke, blonde Anatom in offenem Gehrock mit
+Seidenaufschlägen trat unter Händeklatschen der Hörer in den kleinen
+Halbkreis unten. Der Fremde saß neben ihm.
+
+Der schwitzende, dicke Diener im Klinikmantel schob die Leiche herein.
+Der Anatom zog das weiße Tuch weg.
+
+Auf dem Wagentisch lag der muskulöse Oberkörper eines bartlosen jungen
+Mannes mit Gladiatorenprofil und dünnen, stahlblauen Lippen. Beine und
+Bauch, bis zum Nabel, fehlten. Die Schnittfläche war mit einem weißen
+Tuch zugebunden, über das hinaus die starken Hände der halben Leiche
+reichten.
+
+Der Anatom wischte flüchtig den Spiritus ab vom bläulichen Rumpf, tippte
+mit der Fingerspitze auf beide Augenlider. »Wir nehmen heute Arm- und
+Gesichtsmuskeln durch.«
+
+Geschickt legte er mit dem Messer die Muskeln am Unterarm frei, erklärte
+mit ein paar Worten ihre Lage, hob den Arm der Leiche und zog an einer
+Sehne, worauf die Leiche den Zeigefinger streckte. Mit verschiedenen
+Farbkreiden zeichnete er den betreffenden Muskel auf die Wandtafel. Ein
+paar schnelle Striche.
+
+Manche Maler zeichneten mit, in ihre Skizzenbücher; andere sahen
+aufmerksam zu.
+
+Der Anatom legte eine Sehne im Gesicht frei, zog daran, da öffnete die
+Leiche den Mund. Es war sehr still. -- Warum ist dieser junge Athlet
+gestorben, dachte der Fremde.
+
+Der Anatom zog an einer anderen Sehne -- und die Leiche streckte die
+Zunge heraus. »Kemmerich!« wandte sich der Anatom an das lebende Modell,
+einen fünfundsiebzigjährigen Mann mit spärlichem, weißem Bart, der nackt
+neben ihm hoch auf einem Podium stand. Alle Sehnen und Muskeln des
+Modells waren sichtbar und vor Alter bläulich. Der Anatom zeigte auf die
+Veränderung des Wangenmuskels, als der Alte den Mund öffnete, ließ ihn
+lächeln, verschiedene Bewegungen machen mit den Armen, und demonstrierte
+an der Leiche die Lage der Muskeln.
+
+Der Klinikdiener stellte eine Schüssel, in der das Herz und die Füße der
+Leiche in Spiritus lagen, auf das Podium, zu den Füßen des Alten.
+
+»Es ist eine Freude zu leben«, sagte ein Maler zu laut in die Stille
+hinein, und staunte mit den anderen erschrocken über die Tatsache, daß
+er den Satz gesprochen hatte.
+
+Der Anatom hielt seinen Vortrag. Dann wurde die halbe Leiche hinaus- und
+eine verdeckte hereingefahren. »Hier haben wir einen jugendlichen Akt
+von schönen Proportionen. Den wollte ich den Herren noch zeigen«, sagte
+der Anatom und zog das Tuch weg.
+
+Der Fremde stand langsam auf. »Das ist meine Leiche«, flüsterte er.
+»Geben Sie mir meine Leiche.«
+
+Oldshatterhand wurde wieder hinausgefahren.
+
+»Lenbach hat bis an sein Lebensende täglich Akt gezeichnet«, schloß der
+Anatom seinen Vortrag und hob die weiße, gepflegte Hand. »Und es ist
+erfreulich, daß bei der jüngsten Künstlergeneration wieder mehr als
+bisher der Wille zum anatomischen Sehen vorhanden ist.«
+
+Immermann, von Grünwiesler gestützt, hatte den Hörsaal verlassen beim
+Erblicken Oldshatterhands.
+
+»Deine Mutter hätte dich nicht erkannt, so weiß bist du geworden«, sagte
+Grünwiesler auf der Straße und stützte Immermann. »Mnja, da kann man
+jetzt nichts mehr machen.«
+
+»Weißt du«, sagte Immermann, mit schiefgezerrten Lippen, »erschießen
+hätte er sich nicht brauchen; aber das, was wir getan haben -- war nur
+gerecht . . . Gerecht!«
+
+In der Zeitung stand einen Tag später, daß der junge, talentvolle Maler
+Michael Vierkant um zehn Uhr früh zum ersten Preisträger der Akademie
+bestimmt worden sei.
+
+An Stelle Oldshatterhands übernahm der Fremde das preisgekrönte Bild.
+Und seitdem hing es in seinem Studierzimmer.
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel
+
+
+»Zum schwarzen Walfisch von Askalon« hatte der bleiche Kapitän die
+Weinwirtschaft im Wolkenkratzerchen benannt, sofort nach der Übernahme,
+als Herr Schlauch beerdigt und Fräulein Schlauch Benommens Frau geworden
+war.
+
+Auch sein Bruder, Benommen der Bierwirt, hatte trotz der sich bis zum
+letzten Tage zäh wehrenden Mutter nach einem letzten großen Krach seine
+schöne Kellnerin geheiratet. Und selbst die Witwe Benommen konnte die
+vier Kinder ihrer beiden Söhne oft nicht auf den ersten Blick
+voneinander unterscheiden, denn alle hatten sie die verwegen nach außen
+gestülpten Benommenschen Lippen. Sie zeichnete ihre Enkel in der ersten
+Zeit am Knöchel mit rosa und blauen Bändchen und schleppte sie den
+ganzen Tag glückselig herum.
+
+Der rote Fischer hatte unter bedauerndem Achselzucken und unheilvollen
+Prophezeiungen der ganzen Einwohnerschaft eine nach der Bürger Meinung
+in gewissen Dingen allzu erfahrene, nach seiner Meinung aber sehr
+hübsche Kellnerin geehelicht. Denn die dicke, geschminkte Wirtin von der
+»Schönen Mainaussicht« war eines Tages mit dem zarten Sachsen aus
+Würzburg verschwunden gewesen, nachdem dessen drei hygienische
+Anstältchen auf Befehl der Würzburger Stadtväter geschlossen worden
+waren.
+
+Es erregte allgemeines Kopfschütteln und Begriffsverwirrung, als die
+frühere Kellnerin und jetzige junge Frau des roten Fischers halbe Tage
+lang in Winterkälte im Wertschelch stand und Fische, die ihr Mann
+gefangen hatte, zentnerweise schuppte und ausnahm. War ihr Mann
+allzusehr gegen die Morgenseite der Nacht hin immer noch nicht nach
+Hause gekommen, dann ging sie ihn in allen Kneipen suchen, bis sie ihn
+fand, trank stillschweigend und vergnügt auch einen Schoppen, faßte den
+Fischer unter und trottete mit ihm heimwärts, wobei er mit dem Daumen
+über die Schulter zurückwies und seiner Frau deutlich erklärte, was das
+für Hammel und Rindviecher seien.
+
+Der Schreiber war Bureauvorsteher beim Rechtsanwalt Karfunkelstein
+geworden, unterstützte seine Eltern und war mit seiner Liebsten verlobt.
+Er hatte eine schwere Krankheit durchgemacht und die heiligen
+Sterbesakramente empfangen. Der Arzt hatte ihn aufgegeben und gemeint,
+es sei auch besser für ihn, wenn er sterbe, er würde im Kopfe nicht mehr
+richtig sein. Der allzu viele Wein habe sich ihm aufs Gehirn und in die
+Knochen geschlagen. Aber der aufgegeben gewesene Schreiber war wieder
+gesund geworden, auch im Kopf; nur ein etwas steifes Bein hatte er
+zurückbehalten. Jetzt war er wieder täglicher, treuer Gast beim bleichen
+Kapitän, dem jungen Bäckereibesitzer und Weinwirt.
+
+Die anderen Räuber hatten nicht jeden Abend Zeit, bei ihrem Hauptmann zu
+Gast zu sein, denn da waren der Kegelklub »Kanonenrohr«, der
+Radfahrerklub »Um die Welt«, die Rauchgesellschaft »Vesuv«, die streng
+auf das regelmäßige Erscheinen ihrer Mitglieder hielten.
+
+Der König der Luft hatte dem »Turnerbund Jahn« eine Akrobatenabteilung
+angegliedert, von welchem Zeitpunkte an die Varietévorstellungen des
+»Turnerbundes« einen bedeutenden Ruf genossen.
+
+Falkenauge gehörte aus Sympathie von früher her noch dem Angelklub
+»Walfisch« an, war Mitglied des Gesangvereins »Zwischen grünen Bäumen«
+geworden, dessen Gründer und erster Vorstand der Vater Oldshatterhands
+war. Aber vor allem galt Falkenauge als das bevorzugte Mitglied des
+Vogelstutzenklubs »Löwenjagd« und genoß eine ziemliche Berühmtheit, denn
+er errang alle ersten Preise, obwohl er einäugig war und mit dem linken
+Auge zielte, jedoch rechtshändig schoß, eine Tatsache, die von keinem
+Löwenjagdmitglied jemals begriffen wurde.
+
+Der König der Luft hatte nach Kampf das blonde, schmale Mädchen seinem
+Freund Falkenauge weggeheiratet. Den eine um zehn Jahre ältere Witwe
+geheiratet hatte, die einen kleinen Lederhandel führte, eine tüchtige
+Geschäftsfrau war und sehr resolut.
+
+Die Rote Wolke, dessen Tante gestorben war und ihm ihr Häuschen und die
+Gärtnerei vermacht hatte, gehörte allen Vereinen zusammen an. Nicht nur,
+weil er für alle Festveranstaltungen die Blumendekorationen ausführte,
+sondern hauptsächlich deshalb, weil er, als alle anderen weit
+überragender Charakterschauspieler und jugendlicher Held, für die
+Vereinstheatervorstellungen gesucht, außerordentlich geschätzt und
+anerkannt war. Er hatte das schöne Lehrerstöchterchen geheiratet. Sie
+war eine junge, frische Frau mit wohlgewachsenem Körper und verträumten
+Augen, und las der Roten Wolke, wenn er Leichenkränze band, die
+schönsten Stellen aus den klassischen Dramen vor. Und manchmal, wenn ein
+Freund bei ihnen saß, sagte sie zärtlich: »Mein Mann spricht genau so
+wie der Bürgermeister von Bamberg.«
+
+An einem Abend jeder Woche aber kamen alle Räuber in der Weinwirtschaft
+ihres Hauptmanns zusammen. Denn dieser hatte, als guter Geschäftsmann
+schnell entschlossen, für seine Leute einen ganz neuen Verein gegründet:
+den Skatklub »Bargeld lacht«, der fünfundzwanzig Jahre später, als der
+Fremde zum letzten Male Würzburg besuchte und die Räuber schon fünfzig
+Jahre alte, graubärtige Männer waren, immer noch bestand.
+
+ * * * * *
+
+Auch jetzt war der Fremde in Würzburg.
+
+Er ging langsam über die alte Mainbrücke. Die Menschen sahen sich um
+nach ihm. »Ah, Herr Baron«, neckte ihn ein barfüßiger Junge, blieb
+stehen und blickte ihm mit großen Augen nach.
+
+Es war schon fast dunkel, Schwalben zuckten schreiend in der Luft umher,
+und über der Festung hing eine große Wolke mit glühendem Saum. Am
+Brückenheiligen Kilian lehnte ein Bursche und spielte für sich leise die
+Ziehharmonika.
+
+Der Fremde ging vollends über die Brücke ins Mainviertel. Bürger saßen
+vor den Haustüren, blickten prüfend in den Himmel, ob es regnen würde,
+rauchten und unterhielten sich. Ein Mädchen sang zum offenen Fenster
+hinaus und ließ dabei den Rolladen herunter.
+
+Der Fremde blieb stehen und sah Herrn Mager an, welcher aus der
+»Altrenommierten Weinstube zu den drei Kronen« trat.
+
+Herr Mager strich sich mit dem Zeigefinger über das erhabene, blaue
+Aderngeflecht seines gichtigen Handrückens. Seine Apfelbäckchen glühten.
+Denn er trank jetzt manchmal ein paar Schoppen über seinen Durst. Sonst
+hatte er sich in all den Jahren gar nicht verändert; seine Haare waren
+noch dunkel, sein Körper zäh und dürr und aufgereckt wie immer.
+
+Bei jedem Schritt die rechte Schulter vorschiebend, seinen Spazierstock
+aus Weichselholz, an dem ein Riemchen hing, aufs Pflaster stoßend,
+schritt er aufrecht weiter.
+
+Vor dem »Spitäle« blieb er stehen, zog seine Taschenuhr und verglich sie
+befriedigt mit dem beleuchteten Ziffernblatt.
+
+»Grüß Gott, Herr Lehrer«, sagte der säbelbeinige Polizeiwachtmeister und
+legte die Hand an die Mütze. Sein Bart war blauweiß geworden. Er redete
+heftig gestikulierend weiter. Hüftlings auf seinen Stock gestützt,
+horchte Herr Mager mit strenger Miene. Sie steckten die Köpfe zusammen
+-- es hatten da letzthin einige Schulbuben etwas angestellt. Man wußte
+nur noch nicht recht, wer die Gauner waren.
+
+Der Fremde stieg die drei Stufen hinauf »Zum schwarzen Walfisch von
+Askalon«.
+
+»Mit 'n Grünober hättst stech müß, dann hättst dei Herzaß heimgebracht«,
+sagte still der Schreiber und mischte die Karten flink. Die Räuber waren
+versammelt.
+
+»Er is halt ein Rindvieh«, sagte wütend Falkenauge, der durch das
+verkehrte Spielen des Königs der Luft sieben Pfennig verloren hatte.
+»Das sag ich ihm schon seit Jahr und Tag, aber er will's nit glaub.«
+
+Der Fremde setzte sich beim Eingang an die Stirnseite des langen
+Tisches. Hinter ihm war die Bäckereiauslage, mit Brotlaiben,
+übriggebliebenen Semmeln und vertrocknetem Zwetschgenkuchen, von Fliegen
+belagert. Außer ihm saß niemand am Tisch.
+
+Die Räuber hatten den Fremden nicht erkannt. Auch die junge Wirtin
+erkannte ihn nicht, als sie ihm Wein brachte. Sie war mit dem dritten
+Kinde in der Hoffnung.
+
+»Herrgott! Else! _wieder_ ein Glas!« rief der bleiche Kapitän der
+blonden Kellnerin zu, der ein Weinglas aus der Hand gefallen war. Sie
+lächelte immer und hatte verklebte Augen. »No, jetzt bin ich aber doch
+g'spannt . . . Solo!« schloß er, stülpte die Lippen nach außen und
+fingerte den Kartenfächer in seiner Hand zurecht.
+
+Eine graue Katze schritt ziehend durchs Lokal, streckte sich und sprang
+auf den Stuhl neben dem Fremden.
+
+»Das wird mir aber auch noch ein Solo sein«, sagte der Schreiber, zog
+die Brauen in die Höhe, holte den ersten Stich. »Und Trumpf!« rief er
+und lächelte sicher.
+
+Die Räuber drückten unter großer Spannung leise die Karten auf den
+Tisch. Der bleiche Kapitän gewann, ließ seine Stiche in der Mitte
+liegen; die Karten flogen immer schneller. »Das hamm wir jetzt g'sehn,
+was das für ein Solo war«, sagte er zufrieden und sammelte das gewonnene
+Geld in sein Tellerchen.
+
+»No, Else, wo hast denn dei Auge!« rief er und wies auf den Fremden. Die
+Kellnerin füllte das Glas.
+
+»Else, wir trinken auch noch eins«, sagte der Schreiber und legte den
+Arm um die Taille der Kellnerin. »Ein saubers Mädle bist.«
+
+Die Witwe Benommen trat ein, mit ihrem Enkel auf dem Arm.
+
+»Pssss, wssss«, machte der Fremde leise zur Katze.
+
+»Schläft der ganz Kleine denn?« fragte der bleiche Kapitän und gab die
+Karten.
+
+»Was wird er denn sonst tun«, erwiderte die Witwe Benommen und gab dem
+Kind auf ihrem Arm ein Stück Zwetschgenkuchen in die Hand.
+
+»Daß er mir wieder die Abweiche kriegt.«
+
+»Paß nur auf, daß du die Abweiche nicht kriegst.«
+
+»Also amend kriegt a kleins Kind von Zwetschgekuche nit die Abweiche.«
+Er stülpte die Lippen nach außen.
+
+»Sei still. Da, hast dein Sohn.«
+
+»Äh bää! schmeiß weg . . . So. Ja, du bist halt meiner.«
+
+Die Witwe Benommen strahlte.
+
+»Is Brot scho eingelegt? Geh nur raus mit dein Schelloberlein.«
+
+»Da! hast'n!« rief wütend der König der Luft.
+
+Da flog die Tür auf und knallte gegen die Wand. Ein blonder,
+großmächtiger Matrose, Gesicht und Brust tief gebräunt, stürzte
+stolpernd, mit Kopf und Händen voran, bis zum Kartentisch, auf dem er
+mit dem Oberkörper und ausgestreckten Armen liegen blieb. Seine
+gewaltigen roten Fäuste lagen auf dem Kartenberg. »Ooooskar!« brüllte
+der Matrose. »Seid ihr alle da!«
+
+»Jessas, der Duckmäuser! Wo kommst denn du her!«
+
+»Haargott!« riefen die Räuber, und ihre Münder blieben offen.
+
+»Aus Cha . . . Cha . . . Cha China!« stotterte der Duckmäuser und blieb
+auf dem Tische liegen. Er war total betrunken. »Pf . . . Pf . . . Pf
+. . . Pfeilgrad aus Ch . . . China!«
+
+»Also, also aber und! Du bist am Geben«, sagte grimmig der König der
+Luft. Er war im Verlust.
+
+»Jetzt hören wir auf. Wo doch der Duckmäuser da is. Schluß!« riefen alle
+durcheinander.
+
+»Setzt euch da rüber an lange Tisch«, sagte der bleiche Kapitän, und zum
+Fremden gewandt: »Sie erlauben doch.«
+
+Sie saßen um den langen Tisch herum, der Matrose saß in der Mitte auf
+der Bank. Der Fremde, als habe er das Präsidium, saß an der Stirnseite.
+Die Witwe Benommen stand, die dürren Hände überm Bauch gefaltet, und
+schüttelte lächelnd den Kopf.
+
+»Bring a paar Maß Wein!« rief der Schreiber.
+
+»Ich zs zs zs zs zahl alles!« brüllte der Matrose. »Sssssauft!« Und
+schüttete ein Glas Wein in sich hinein. »Sch . . . Sch . . . Schreiber,
+alter Ga . . . Ga . . . Ga . . . Gauner!«
+
+»Herrgott, wer hätt das gedacht«, sagten die Räuber und sahen still und
+betroffen auf den Matrosen, wie auf ein fernes Land. Ihre Münder standen
+offen, die Mundwinkel waren in wehmütigem Staunen in die Wangen
+zurückgezogen.
+
+»Warst du weit?« fragte einer.
+
+»Auf der ga . . . ga . . . ganzen Welt!« Er breitete weit die Arme aus.
+
+»So einer, immer war er so still«, sagte die Witwe Benommen. »Man hat
+gemeint, er könnt ke Wässerle trüb.«
+
+»Lebt der Lehrer Ma . . . Ma . . . Mager noch?« Er leerte sein Glas und
+konnte dann fließender sprechen. »Wie ich in Japan war, hab ich vom Ma
+. . . Mager geträumt. Ich sollte eine Diffi . . . Diffi . . . Diffi
+. . . Diffidationsrechnung mach, an die Wandtafel. Aaaaber es www
+. . . ar nix. Da hat der Ma . . . Mager gerufen -- www . . . er me
+. . . meldet sich? -- und ich hab um mich . . . um mich g'haut, und bin
+tropf . . . tropfnaß aufgewacht . . . Is der Lu . . . Lu . . . Lump tot?
+. . . Ssssauft doch! . . . Ssssauf du auch!« brüllte er und reckte, mit
+dem Oberkörper an drei Räubern vorbei auf der Tischplatte liegend, sein
+Glas dem Fremden hin, der ihm zuprostete.
+
+»Kommt ihm nur nit mit'n Zündhölzle zu nah, er explodiert sonst«, sagte
+die Witwe Benommen. »Er trinkt e bißle zu viel.«
+
+Die Rote Wolke stand auf, hob die Hand und stellte die Fußspitzen nach
+rückwärts. »Ein deutscher Seemann ist trinkfest.« Der bleiche Kapitän
+stimmte die Gitarre.
+
+ »Auf, Matrosen, ohe!
+ Auf die wogende See.
+ Schwarze Gedanken,
+ Sie wanken und fliehn
+ Geschwind, wie der Sturm und Wind«,
+
+sangen die Räuber. Der Matrose sang nicht mit. Er trank. »Wa . . . Wa
+. . . Wa . . . Wein her!«
+
+»Ich hätt e feins Tröpfle. Erinnert ihr euch noch, wie wir damals Traube
+g'stohle ham, im königliche Weinberg? Das war Anno . . . 1899. Ich hab
+no a paar Fläschli vom selbige Jahrgang aus die königliche Weinberg in
+mein Keller.«
+
+»Den mußt aber spendier«, sagte der Schreiber. »No, allemal!« riefen
+alle Räuber.
+
+»Ja, paßt auf«, wehrte sich der bleiche Kapitän lachend, »der is teuer.
+Wo käm ich denn da hin.«
+
+»Pr . . . Pr . . . Pr . . . Prost, Oldshatterhand!« brüllte der Matrose
+dem Fremden zu. »Haargott, is der besoffen!« riefen die lachenden
+Räuber.
+
+»Bringen Sie von dem 1899er herauf, was Sie davon im Keller haben«,
+sagte plötzlich der Fremde und lächelte.
+
+Die Lippen nach außen gestülpt, schenkte der bleiche Kapitän vorsichtig
+den Wein aus den verstaubten Bocksbeuteln in die Kelche. Alle standen
+auf. Auch der Matrose lehnte schief an der Wand.
+
+»Aber also und, Donnerschlag!« Die tiefe Falte verschwand. Der König der
+Luft hatte gelächelt. »Das is e Weinle!«
+
+»Das will ich meinen«, erwiderte stolz der bleiche Kapitän.
+
+»Vier Woche ha . . . ham sie mich amal in Kee . . . Kee . . . Kee
+. . . Kette gelegt.« Er trank und sprach fließender. »Da war unser
+Schiff an einer unbewohnten Insel vorbeig'fahre, in der Näh von Indien
+. . . Ich hab ha . . . heimlich ein Boot losgemacht und bin du . . . du
+. . . durchgange! . . . Vier Tag hab ich nix zu . . . nix zu fr . . .
+fresse g'funde. Da hab ich a Sch . . . a Schlange gebrate. Die war dir
+aber bi . . . bi . . . bi . . . bitter. Dann ha . . . ham sie mich
+wieder erwischt und in Ke . . . Kette gelegt. Haaar . . . gott war dir
+die Schlange bi . . . bi . . . bi . . . bitter.«
+
+ * * * * *
+
+Die Räuber und der Matrose standen an der Brüstung des Festungsgrabens
+und sahen hinunter auf die Stadt. Es war ein klarer Sonntagnachmittag.
+
+»U . . . u!« klang es langgezogen und klagend von unten herauf. »Die
+Meekuh brüllt«, sagte der Schreiber und deutete hinunter zum Main, wo
+der Schleppdampfer eine lange Reihe Frachtschiffe flußaufwärts zog. Ein
+Floß schoß durch das Wehr der alten Mainbrücke. Die Räuber sahen, wie
+über den Flößer am Steuer der weiße Gischt stürzte.
+
+»Aber also und, wie aus dem Boden gewachse«, sagte der König der Luft
+und deutete neben sich auf die Aussichtsbank aus krummen, weißschaligen
+Birkenästen, die der Würzburger Verschönerungsverein bei der Mauer
+aufgestellt hatte.
+
+Die Räuber stiegen hinunter in den Festungsgraben. Eine Geiß weidete im
+Graben. Das hohe, dürre Gras zirpte, vom Winde bewegt.
+
+»Jetz da schaut her, da is seit der Zeit e wilds Apfelbäumle gewachse«,
+sagte der bleiche Kapitän.
+
+»Is des nit e Birnbäumle?« fragte der König der Luft, und ein anderer
+griff in die Zweige. Ein paar Hummeln flogen auf und umsummten den Baum.
+
+Der Matrose sah sich um: »A a also, jetzt sagt mir aber amal, wo . . . o
+is denn eigentlich euer >Zs . . . Zs . . . Zs . . . Zimmer<?« Und
+blickte gespannt und pfiffig die Räuber an.
+
+»Ach, des is ja scho lang zugemauert.« Sie suchten. »Da muß gewese sei.«
+Und zogen einen üppigen Brombeerbusch zur Seite.
+
+»Das war der u . . . unterirdische Ga . . . Ga . . . Gang zs . . . zum
+>Zs . . . Zs . . . Zimmer<?« fragte der Matrose staunend und deutete auf
+eine Stelle, die noch etwas heller war als die übrige Mauer. »Haaar
+. . . gott.«
+
+Vorne im Graben saß eine Schar Knaben im Kreis. Ein rothaariger Junge
+schnellte in die Höhe, hob die Hand und rief: »Heimatscha!« Seine Bande
+stürmte zur Mauer und krabbelte daran hinauf.
+
+»Nein, also ihr Ga . . . Ga . . . Gauner, da drin war das >Zs . . . Zs
+. . . Zs . . . Zimmer<?«
+
+Die Räuber standen still; ihre Augen glänzten. Ihre Gedanken eilten die
+Jahre zurück.
+
+»Wir warn halt Kinder damals«, sagte der Schreiber.
+
+Ein Eichhörnchen huschte quer durch den Graben und hing am Baumstamm.
+»Dort! Schaut hin!« zeigte die Rote Wolke, und sein Mund stand offen,
+rund und schwarz wie ein Mauseloch.
+
+ * * * * *
+
+Der Fremde wanderte hinaus aus Würzburg.
+
+Über die Höhe kam schnell und gleichmäßig ein bartloser, hoher Mönch
+geschritten, in brauner Kutte. Er beugte das Knie vor dem Marienbild am
+Wege und schlug das Kreuz. Ein kleines, blondes Mädchen, das Hagebutten
+sammelte, sprang weg vom Busch zu Winnetou. Der Wind wehte dem Kinde das
+Haar ins Gesicht; es sah zu Winnetou empor und mußte die Augen schließen
+vor der Sonne. »Gelobt sei Jesus Christus.« »In Ewigkeit, Amen, mein
+Kind.«
+
+»Wie weit ist's bis zum nächsten Gutshof?« fragte der Fremde.
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+»Eine Stunde über den Berg«, sagte Winnetou. Er hatte ein stilles,
+klares Gesicht und einen Pickel am Nasenflügel.
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+End of the Project Gutenberg EBook of Die Räuberbande, by Leonhard Frank
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+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 30281 ***